Czytaj książkę: «Das dunkle Flüstern der Schneeflocken»

Czcionka:


Inhalt

Kapitel 1 – HANNAH – Im Moment der Landung …

Kapitel 2 – IMOGEN – Imogen Collins betrachtet sich …

Kapitel 3 – HANNAH – Wie Speichelgeschosse klatschen …

Kapitel 4 – IMOGEN – Imogen hat schon so oft …

Kapitel 5 – HANNAH – Ein Facebook-Freund …

Kapitel 6 – IMOGEN – Mit jedem tiefen Schluck …

Kapitel 7 – HANNAH – Auf der Autofahrt …

Kapitel 8 – IMOGEN – Imogen steht vor …

Kapitel 9 – HANNAH – Einen Tag nach …

Kapitel 10 – IMOGEN – Imogen hat sich …

Kapitel 11 – HANNAH – Um kurz nach sieben …

Kapitel 12 – IMOGEN – In der Kneipe …

Kapitel 13 – HANNAH – Es ist kurz vor fünf …

Kapitel 14 – IMOGEN – Mit dem Telefon …

Kapitel 15 – HANNAH – Bei der morgendlichen …

Kapitel 16 – IMOGEN – Imogen sitzt allein …

Kapitel 17 – HANNAH – Kaum vom Mittagessen …

Kapitel 18 – IMOGEN – An die Wand gedrängt …

Kapitel 19 – HANNAH – Es ist drei Uhr nachts …

Kapitel 20 – IMOGEN – Aus Imogens Sicht …

Kapitel 21 – HANNAH – Ich bin noch am Leben.

Kapitel 22 – IMOGEN – In diesem Zustand …

Kapitel 23 – HANNAH – Ich will jetzt …

Kapitel 24 – IMOGEN – Es ist sechs Uhr morgens …

Kapitel 25 – HANNAH – In Sigurlínas Küche …

Kapitel 26 – IMOGEN – Seit 40 Minuten …

Kapitel 27 – HANNAH – Ich bekomme mit, …

Kapitel 28 – IMOGEN – Das letzte Mal …

Kapitel 29 – HANNAH – Heute ist mein erster Schultag.

snow·flake n

1. Schneeflocke f; federleichter Eiskristall, meist von einer zarten sechsfachen Symmetrie

2. abwertend, informell; übermäßig empfindliche, leicht zu beleidigende Person; Person, die von sich glaubt, aufgrund vermeintlich einzigartiger Eigenschaften einen Anspruch auf besondere Behandlung zu haben


Foto: In einem engen Flur steht zwischen lauter Schuhen ein pinkfarbener Koffer.

Filter: Clarendon

Mögliche Bildunterschriften …

Option 1: Auf ins exotische Abenteuer #myglamorouslife

Option 2: Dieses Gepäckstück hat mir mein Dad gerade gekauft. Kennt der mich überhaupt?

Option 3: Mein ganzes Leben passt in einen einzigen Koffer. Mums Asche passt perfekt auf den Kaminsims.

Option 4: Ich habe ein Verbrechen begangen und werde nun dorthin geschickt, wo die Verdammten ewig für ihre Taten büßen.

Tatsächliche Bildunterschrift …

Macht’s gut, und danke für den Fisch.

38


HANNAH

Im Moment der Landung ziehe ich mein Handy aus der Tasche. Eine neue Nachricht von Daisy.

Vermisse dich jetzt schon!

Und eine von Dad.

Musste länger arbeiten, komme ca. 20 Minuten später.

Typisch für ihn.

Dad wollte mich unbedingt vom Flughafen abholen. Ich habe ihm gesagt, ich könne auch gerne den Bus nehmen, kein Problem. Ich fahre immer mit dem Bus. Aber diesmal ist es anders.

Langsam rollt das Flugzeug über die vereiste Piste zum Terminal. Es schliddert ein bisschen, was aber anscheinend niemanden stört. Verglichen mit den Turbulenzen während des Sinkflugs, als die Windböen auf den Flieger eingeprügelt haben wie die unsichtbaren Fäuste eines gigantischen Boxers, ist das ein Klacks.

Meine Sitznachbarin sieht mich immer wieder an und lächelt. Sie will mich in ein Gespräch verwickeln, das merke ich genau. Ich starre auf mein Handy. Ich will nicht reden. In den letzten drei Wochen, zwei Tagen und sechs Stunden habe ich das so häufig gesagt, ich sollte es mir als Motto auf ein T-Shirt drucken lassen.

Auf dem Handy-Display ploppen von oben nach unten Benachrichtigungen verschiedener Apps auf, Zahlen in Blasen, die mir mit der Autorität eines Stoppschilds befehlen: Egal, was du machst, du klickst mich jetzt sofort an. Die üblichen Gefühle steigen in mir auf, eine Mischung aus Vorfreude und Aufregung, Grauen und Bestätigung, die süchtig macht. Natürlich sollte ich das alles nicht empfinden. Natürlich lasse ich mich dadurch von gierigen Konzernen ausnutzen, denen es allein um Klickrate und Kontostand geht. Doch in meiner Situation ist das einfach mal eine schöne Abwechslung, denn sonst will ich mich immer nur auf den Boden legen und darauf warten, dass es vorbeigeht.

Ich überfliege die Zahlen in den Blasen, die ewigen Gezeiten der Wertungen und Urteile, denen wir in Wirklichkeit so gleichgültig sind wie die Küste dem Meer: Wie sehr wirst du heute geschätzt? Wie stark geliebt, wie viele Menschen suchen deine Nähe? Mag dich denn überhaupt irgendwer? Hast du neue Freunde? Wie sieht’s mit Followern aus?

Zuerst tippe ich auf Gmail. Abgesehen von Newslettern und Benachrichtigungen verschiedener sozialer Netzwerke habe ich genau zwei neue E-Mails. Eine stammt von einer gewissen Stacey Callaghan, und obwohl mir der Name rein gar nichts sagt, habe ich so eine Ahnung, worum es gehen könnte. Der Betreff lautet: »Mein Beileid«. Ich schiebe die Mail zu den ganzen anderen in den Später-Lesen-Ordner. Die andere Mail ist von Granny Jo. Sie will einfach nicht kapieren, wie man Textnachrichten schreibt, und schickt mir stattdessen immer kurze Botschaften in der Betreffzeile: »Bring auf dem Heimweg Milch mit« oder »Muss bis spät arbeiten, bestell dir eine Pizza«. Diesmal steht dort: »Ruf an, wenn du bei deinem Dad bist.« Ich öffne die E-Mail, auch wenn das Textfeld sowieso jedes Mal leer ist. Ist es in diesem Fall aber nicht.

Mein liebes Mädchen, ich hoffe, du bist sicher gelandet. Ich wollte dich nur darum bitten, nein, ich flehe dich an, nicht einfach zu vergessen, was ich dir heute Morgen gesagt habe. Du bist jetzt nur noch für dich selbst verantwortlich und für niemanden sonst. Gestatte dir, frei zu sein. Bitte, Hannah. Noch ein vergeudetes Leben halte ich nicht aus.

In Liebe

Granny

Ich tue mein Bestes, nicht in Tränen auszubrechen.

Vor nicht einmal fünf Stunden habe ich mich von Granny Jo verabschiedet. Irgendwie kommt es mir schon jetzt vor wie eine Ewigkeit.

Dass sie mir vor meinem Abschied noch eine Ansage machen würde, hatte ich mir denken können. Aber mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Das war zu viel verlangt. Ich könne nicht einfach so neu anfangen, erklärte ich ihr, mein Leben sei keine Geschichte in einem Word-Dokument, das ich mal eben löschen und durch ein neues ersetzen könne. Wenn das jemand wissen sollte, dann sie.

Ein Druck auf den Home-Button meines Handys und Grannys Nachricht verschwindet. Ich stecke den Kopf in den virtuellen Sand. Ich kann mich damit jetzt nicht beschäftigen.

Zur Ablenkung gehe ich auf Facebook. Nichts Neues bei mir außer einer einzigen Freundschaftsanfrage von jemandem, der mit ziemlicher Sicherheit nicht real, sondern ein Bot ist. Doch ich brauche jetzt dringend eine Dosis digitale Liebe, also schnell Instagram öffnen.

Schon besser. Mein Koffer-Foto hat bereits 38 Likes und einen Kommentar. Der stammt von Daisy: »Was für ein traumhaft schönes Gepäckstück!«

Ich spüre ein leichtes Kribbeln. 38 ist nicht schlecht. Über dem Durchschnitt.

Die Frau neben mir lehnt sich immer weiter herüber. Sie strahlt ein verzweifeltes Mitteilungsbedürfnis aus. Sie ist wie ein prall gefüllter Ballon kurz vor dem Platzen. Ich tue so, als hätte ich es nicht mitbekommen, doch es gibt Leute, die merken einfach gar nichts.

»Ich besuche hier meine Enkel«, flötet sie und rückt mir dabei so dicht auf die Pelle, dass ihr Atem über meine Wange streicht. Er riecht nach Knoblauch und Minze.

Meine Antwort sollte einerseits gerade so höflich ausfallen, dass die Frau mich nicht für eine psychopathische Menschenfeindin hält, andererseits aber so knapp, dass mein verschwindend geringes Interesse an einer Unterhaltung mit ihr deutlich wird. Ergebnis: »Wie schön.«

Die Frau hat entweder null Gespür für Zwischentöne oder sie ignoriert meine Signale mit Absicht. Sie bietet mir eine Lutschtablette an. »Auch eine?«

Ich schüttele den Kopf.

Sie steckt die Hustenbonbons wieder in ihren abgewetzten Rucksack zu ihrer Brille und ihrer Reiselektüre, einem typischen düsteren Skandinavien-Thriller, neuerdings ein Muss im Gepäck eines jeden trendbewussten Menschen. Auf dem Cover prangt die unvermeidliche Schneelandschaft, gesprenkelt von geschmackvoll arrangierten Blutstropfen. Minimalistischer Mörder-Chic. Wieso verbringen so viele Leute ihre Freizeit mit ausgedachten Horrorgeschichten? Ist die echte Welt nicht schon schlimm genug?

Die Frau deponiert ihren Rucksack auf dem Boden, richtet sich dann wieder in ihrem Sitz auf und lässt ihre gelblichen Zähne aufblitzen, wie um mich vorzuwarnen: Gleich geht es weiter mit dem Small Talk.

»Sind Sie zum ersten Mal hier?«

Ich stecke mein Handy ein. Es sollte mich von der Außenwelt abschotten. Es hat mich enttäuscht. »Nein.«

»Machen Sie hier Urlaub?«

Unwillkürlich stöhne ich leise auf. Wieso sollte man hier Urlaub machen? Wer kommt auf die Idee, freiwillig ans bitterkalte Ende der Welt zu reisen? Was ich sagen sollte: Nein, ich mache hier keinen Urlaub. Was ich sagen sollte: Ich bin zur Strafe hier. Ich bin Gefangene meines beschissenen Schicksals. Doch ich sage bloß: »Ja, klar.« Niemand will die Wahrheit hören, auch wenn das immer alle behaupten. Die Wahrheit ist selbst sogenannten Profis unangenehm – das ist mir schnell klar geworden.

Einen Tag nach Mums Tod klopfte der Pfarrer der örtlichen Kirche bei uns an. Wie er darauf kam, weiß ich nicht, vermutlich hatte ihm jemand aus der Nachbarschaft von uns erzählt. Wir gingen nie in die Kirche. Weder Granny Jo noch ich hatten den Mann, der jetzt auf dem bröckelnden Bürgersteig vor unserer Tür stand, je gesehen.

»Sind Sie vom Lieferdienst?«, fragte Granny und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Trotz seiner hohen Stirn wirkte er einigermaßen jung und noch dazu trug er Jeans und eine dicke Daunenjacke gegen die Septemberkälte, die gerade über uns hereingebrochen war. Man konnte ihn wirklich leicht für einen Fahrer von Ocado halten, der uns wie immer unseren Wocheneinkauf vorbeibringen sollte.

»Ich bin Dominic Johnson«, sagte der Mann mit einem fein austarierten Gesichtsausdruck – ohne Lächeln, aber doch mit der klaren Botschaft, dass er in Frieden komme. »Ich bin von der Christ Church. Darf ich eintreten? Ich würde mich gerne ein bisschen mit Ihnen und Ihrer Enkeltochter unterhalten.«

Granny seufzte demonstrativ. Alles, was mit Gott zu tun hatte, ging ihr gehörig auf die Nerven. Und das war noch untertrieben.

Mit einer Mischung aus Neugier und dunkler Vorahnung folgte ich ihr und dem bedauernswerten Kerl ins Wohnzimmer. Granny bat ihn bestimmt nicht ohne Hintergedanken, in ihrem Lesesessel am Erkerfenster Platz zu nehmen. Im Regal gleich über seinem Kopf stand nämlich eines ihrer Lieblingsbücher, quasi ihre Bibel, was man aber nur sagen sollte, wenn man sie ärgern will. Vom Cover der prächtigen Hardcover-Ausgabe strahlte der kompromisslose Titel: Der Gotteswahn.

Grannys Blick senkte sich auf ihre graue Jogginghose, die sie ausschließlich zu Hause trug. Sie fuhr sich durch ihr schulterlanges Haar, strich es glatt. Es war grau mit kastanienbraunen Strähnen, genau anders herum als noch vor Kurzem.

Sie ärgerte sich nicht nur wegen der Sache mit Gott. Sie mochte außerdem keine Überraschungsbesuche. Eine Ausnahme machte sie nur bei Daisy, ansonsten wollte sie immer im Voraus wissen, wann wir Gesellschaft zu erwarten hatten. Wenn Besuch kam, gab sie sich stets Mühe, tauschte die Jogginghose gegen eine elegante Stoffhose mit Bluse, wenn nicht sogar gegen ein Kleid, und sorgte dafür, dass wir schmackhafte Kekse im Haus hatten. Früher hatte das aber auch an Mum gelegen. Granny wollte das Bild einer ganz normalen Familie vermitteln, von Mutter, Tochter und Großmutter, die glücklich vereint unter einem Dach wohnen. In ein normales Leben passte meine Mutter jedoch so gut wie eine gemütliche Teestunde auf die Startbahn eines Flughafens. Wenn spontan jemand an der Tür klingelte, dann konnte man nie wissen, in welchem Zustand sich Mum gerade befand.

Granny setzte sich gegenüber vom Pfarrer auf das Sofa. »Hannah«, bellte sie mich an. »Mach dem Mann einen Tee.«

»Nicht nötig«, sagt er. Seine Daunenjacke hatte er nicht ausgezogen. »Ich will nicht stören …«

»Haben Sie doch schon.«

Es war mir dermaßen unangenehm, dass ich froh war, in die Küche fliehen zu können. Als ich wieder zurückkehrte, staunte ich allerdings. Die beiden unterhielten sich über die geplante Umgestaltung des nordöstlichen Teils von Highbury Fields, dem Park in unserer Nähe, und waren sich absolut einig: Mit ihrem Vorhaben richtete sich die Stadtverwaltung wie üblich allein nach den Interessen von Bauunternehmern, die nur in Beton und Geld dachten, und der Park sollte lieber so bleiben, wie er war.

Ich setzte mich neben Granny.

»Und wie geht es dir, Hannah?«, fragte der Pfarrer, nachdem er einen Schluck Tee getrunken hatte.

Granny richtete sich kerzengerade auf und reckte die Nase in die Höhe – die wachsame Alarmbereitschaft einer Hyäne, die den ersten Hauch eines Tierkadavers wittert.

Ich zuckte mit den Schultern. Ich wollte nicht reden.

Als der Pfarrer sich nach vorne lehnte, sah man die kahle Stelle oben auf seinem Kopf. »Auch wenn sie nicht mehr da ist, wird sie trotzdem immer bei dir –«

»Tut mir leid«, unterbrach Granny Jo ihn. »Ich will ja nicht unhöflich sein …« (Das war eine glatte Lüge. Sie nahm aus Prinzip kein Blatt vor den Mund und hatte großen Spaß daran, andere Leute durch ihr forsches Auftreten aus dem Konzept zu bringen.) »… aber in meinem Haus kann ich solches Gerede leider nicht dulden.«

Der Blick des Pfarrers wanderte von mir zu Granny und er hob die Augenbrauen. Eingeschüchtert wirkte er nicht, kein bisschen. »Was für Gerede meinen Sie?«

»Gerede über Dinge, über Orte, die es nicht gibt.« Granny Jos Miene verhärtete sich. »Hören Sie, Reverend –«

»Nennen Sie mich Dom.«

»Okay, Dom. Hier bei uns wird der Tod nicht kleingeredet, als wäre er kein Abschied für immer. Der Tod hat eine Funktion. ›Er ist der dunkle Hintergrund, ohne den man in einem Spiegel nicht das Geringste sehen würde‹, hat ein kluger Mann einmal gesagt.«

Ich wusste nicht, wie oft ich das schon gehört hatte, irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen. Und ich konnte mir denken, wie es weiterging.

»Die Endlichkeit des Lebens verleiht ihm erst seinen Wert. Sie schärft den Blick und treibt uns dazu, alles aus unserem Dasein herauszuholen. Wieso sollte man ausgerechnet heute in ein Abenteuer aufbrechen, wieso sollte man in den Urlaub fahren, eine neue Sprache lernen, ein Buch lesen, sich gerade jetzt verlieben, wenn es sowieso immer weitergeht? In der Ewigkeit kann man alles erreichen. Ergo kann alles warten.« Granny Jo sog ihre Wangen ein, um ein triumphierendes Grinsen zu unterdrücken. Sie war offensichtlich hochzufrieden mit sich. »Deswegen lasse ich nicht zu, dass Sie in diesem Haus den Tod schlechtmachen.«

Der Pfarrer lächelte. »Ein schöner Vortrag war das. Ich wette, das haben Sie irgendwo gelesen.«

Grannys Mund öffnete sich leicht. Ein empörtes Zischen, ein Blick, als hätte er ihr eine Ohrfeige verpasst. 32 Jahre lang hatte sie als Bibliothekarin in der Islington Central Library gearbeitet. Grob geschätzt würde ich vermuten, dass wir uns zu siebzig Prozent über Zeug unterhielten, das sie irgendwo gelesen hatte.

Mühsam zog sich der Pfarrer aus den Polstern des Lesesessels nach oben, trank noch einen Schluck Tee und stellte Tasse und Untertasse auf den Sofatisch. »Lassen Sie mich Ihnen eines sagen – und ich spreche aus Erfahrung: In der Praxis ist der Tod so viel komplizierter als in der Theorie.«

Granny spitzte die Lippen. Sie war berüchtigt dafür, eine schlechte Verliererin zu sein. »Mag sein. Dann werden wir schon auch noch dahinterkommen. Schließlich bleibt uns nichts anderes übrig.«

Der Pfarrer neigte das Haupt, gab sich geschlagen.

»Dann lasse ich die Damen mal in Frieden.« Er stand auf, zückte eine Visitenkarte und legte sie neben seine noch fast volle Teetasse, den Blick auf mich gerichtet. »Ein paar Leute aus der Nachbarschaft haben darüber nachgedacht, ob Sie vielleicht drüben in der Christ Church einen kleinen Gedenkgottesdienst für Ellen abhalten wollen. Wenn das etwas für Sie wäre, melden Sie sich bei mir. Sie finden mich gleich um die Ecke.«

Granny erhob sich vom Sofa, um den Pfarrer hinauszubegleiten. Noch war sie ihn aber nicht los. Als er in der Wohnzimmertür stehen blieb, ließ sie vor Enttäuschung den Kopf hängen.

»Hannah«, sagte er und wandte sich an mich. »Deine Mum ist ab und zu auf einen kurzen Schwatz in der Kirche vorbeigekommen. Ich weiß, sie hatte mit ihren Dämonen zu ringen, aber an guten Tagen war sie ein echter Sonnenschein.«

Ein Gefühl, das ich nur zu gut kannte, füllte mich vollständig aus: abgrundtiefe Scham. Ich wünschte von ganzem Herzen, ich könnte einfach in den Sofakissen versinken und verschwinden. Auf die Außenwelt hatte Mum während ihrer Hochs immer ganz reizend gewirkt, nur für Granny und mich waren sie ein grelles Warnsignal in der Dunkelheit ihrer verworrenen Realität. Höhenflüge und Höllenqualen, das waren bei Mum zwei Seiten einer Medaille.

»Es tut mir sehr leid für dich, mein Kind. Gott sei mit dir.«

Dieser letzte Satz brachte für Granny das Fass zum Überlaufen. Hätte er sich den doch nur gespart, wäre der Pfarrer noch mal glimpflich davongekommen.

»Ich sage Ihnen jetzt, was Gott ist. Gott ist ein Meme – Sie wissen schon, diese albernen Bildchen im Internet – und zwar ein hoch ansteckendes. Gott ist ein kultureller Virus, der kaum auszurotten ist. Schönen Dank auch, aber Darwin ist mir persönlich viel lieber als Ihr Virus-Meme.« Und damit schob sie ihn buchstäblich aus der Tür.

Das Flugzeug hält am Terminal. Neben mir schwafelt die Frau darüber, mit ihren Enkelkindern am Teich Enten füttern zu wollen. Ich ertrage es nicht mehr. Nicht dass sie das persönlich nehmen müsste, von den glorreichen Belanglosigkeiten anderer Leute bekomme ich nun mal Atemprobleme. Wahrscheinlich liegt das an der Trauer. An der Trauer um das, was ich verloren habe, aber mehr noch um das, was nie war. Mein größtes Ziel im Leben ist Normalität. Für mich wäre etwas hirnabstumpfend Belangloses reinster Luxus. Langeweile ist meine Perfektion.

Wieder hole ich mein Handy raus, um mich vom Gequatsche der Frau abzuschirmen. Soll sie mich doch für ein unverschämtes Gör halten.

Wenn man sich meinen Instagram-Feed so anschaut, könnte man Folgendes über mich denken:

Ich habe glattes, glänzendes rotes Haar und makellose Haut.

Ich koche gern.

Ich mag die Natur.

Ich bin total gern mit meinen lustigen Freundinnen unterwegs.

Ich bin normal.

Nichts davon wäre wahr.


Foto: In einer grauen Londoner Straße steht ein Mädchen mit langem dunklem Haar und pinkfarbenem Blumenkleid, auf den Lippen ein strahlendes Lächeln, wie der einzige Sonnenstrahl an einem verregneten Tag.

Filter: Rise

Bildunterschrift: Sommer ist eine Einstellungssache.

1253

Wie die Bildunterschrift hätte lauten sollen …

Option 1: Was siehst du auf diesem Foto? #glück #glamour #liebedasleben #instamega

Option 2: Lass dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen #fake

Option 3: Für das Posten dieses Bildes auf Instagram habe ich 2.000 Pfund erhalten #werbung

Option 4: Dieses Foto hat keinen Bezug zur Realität #instalüge


FÜNF WOCHEN ZUVOR IN LONDON
IMOGEN

Imogen Collins betrachtet sich im Spiegel. Ihre Haut sieht heute wirklich gut aus, kein Vergleich zu noch vor einem Jahr. Da hat sie jeden Morgen damit verbracht, Pickel und Unreinheiten mit einer Foundation zuzukleistern, die dick wie Wandfarbe war. Ob die Nachtcreme für unreine Haut, die sie von den L’Oréal-Leuten zugeschickt bekommen hat, tatsächlich die Lösung war? Oder liegt es an weniger Stresshormonen und größerem Abstand zwischen ihr und dem Monster?

Shit. Da ist es wieder. Das Monster. Andauernd schleicht es sich an und drängt sich ungefragt, gegen ihren Willen in ihre Gedanken. Ein Jahr ist seitdem vergangen und trotzdem will sein Schatten nicht verschwinden, nicht einmal an einem sonnigen Tag wie heute. Vielleicht sollte sie sich doch Hilfe suchen. Sich ein paar Tabletten besorgen oder so.

Draußen knarren Bodendielen. Auf der anderen Seite ihrer geschlossenen Zimmertür hört Imogen Schritte – leise, behutsame Tapser. Das kann nur Anna sein. Wenn Steph und Josh früh aufstehen, denken sie nie daran, dass andere eventuell noch schlafen. In fünf Minuten ist also der Kaffee fertig. Anna macht immer auch eine Tasse für Imogen. Imogen liebt Anna. Wäre Anna ein Mann, würde Imogen sie daten. Ach was, sie würde sie heiraten. Mit keinem anderen Menschen lebt es sich so angenehm wie mit Anna. Sie ist ruhig, sie kocht gerne, sie kann einen heftigen Mojito mixen. Der perfekte Partner. Was will man mehr?

Ein bisschen was würde Imogen schon einfallen: Augen, die irre braun und durchdringend sind; ein freches Lächeln, dessen Strahlen Stoff für ganze Nächte aus leicht peinlichen erotischen Träumen bietet; und steinharte Bauchmuskeln (die sie versehentlich gestreift hat, als sie beide gleichzeitig an die Latzugmaschine im Fitnessstudio wollten).

Heute Abend ist ihr Date mit Callum. Imogen hat ihn gefragt, nicht andersherum. Sie kennt ihn nicht wirklich. Im Gym haben sie sich ein paarmal kurz unterhalten, und seitdem ist Imogen sich ziemlich sicher, dass sie nicht das Geringste gemeinsam haben. Er arbeitet abends als Barkeeper und tagsüber als freiberuflicher Tätowierer. Doch sie will nach vorne blicken, endlich aus dem Schatten treten. Hör auf damit, Imogen. Wieso muss sich immer alles um ihn drehen? Wieso muss er immer alles besudeln? Kann ein Date nicht einfach ein Date sein und kein Versuch, nach vorne zu blicken, zu vergessen, neu anzufangen, einen neuen Weg zu finden oder sonst irgendein Scheiß? Eigentlich geht es ihr doch gut. Sie sollte glücklich sein. Ständig erklärt ihr irgendwer, was für ein fantastisches Leben sie doch habe. »Ich wünschte, ich könnte es dir nachmachen«, sagen sie, legen den Kopf schief und lächeln dabei, als würden sie sich unendlich für sie freuen, während sich in ihren eiskalten Augen unbewusst der Neid spiegelt.

Erst gestern ist sie in Covent Garden auf der Straße von einem staunenden Fan angesprochen worden.

»Bist du Imogen Collins?«, fragte das Mädchen. Es war höchstens zehn Jahre alt und in Begleitung einer erwachsenen Frau unterwegs, vermutlich seiner Mutter.

»Ja, ich bin Imogen«, antwortete Imogen und schenkte dem Mädchen ein professionelles Lächeln, das sie sich extra antrainiert hatte, um a) Offenheit auszustrahlen (weil es ebenso wichtig ist, bestehende Follower zu binden wie neue zu gewinnen), b) Überraschung auszudrücken (um das Mädchen glauben zu machen, sie wäre etwas ganz Besonderes, nämlich der erste Mensch überhaupt, der Imogen auf der Straße erkannt hat) und c) nett zu wirken (denn wer folgt schon gerne dem perfekten Leben einer arroganten Bitch?).

»Können wir ein Selfie machen?«, fragte das Mädchen.

Imogen war auf dem Rückweg von einer längeren Mittagspause und hatte es eilig, ins Büro zu kommen. »Aber natürlich, Süße.«

Als sie danach weiter die King Street hinunterlief, hörte Imogen die Mutter noch fragen: »Wer war das denn?«

Imogen legt die Hände flach auf den Schminktisch und atmet tief ein, eine Methode der Angstbewältigung, von YouTube. Manchmal funktioniert sie, manchmal nicht. Doch Imogen mag das Gefühl der kühlen Holzplatte unter ihrer feuchten Haut. Sie liebt ihren Schminktisch. Er ist aus Walnussholz gefertigt, passt aber trotzdem gut in die heutige Zeit: ein Spiegel ohne Rahmen, Schubladen ohne Griffe. Anna, Josh und Steph hat Imogen erzählt, sie habe ihn in einem Trödelladen entdeckt. Tatsächlich hat sie ihn von Heal’s und 3.299 Pfund dafür bezahlt. So viel verdienen die anderen nicht mal in zwei Monaten. Imogen kann es sich leisten. Sie könnte es sich beinahe leisten, allein in dem Vier-Zimmer-Haus in Bloomsbury zu wohnen statt mit drei anderen. Doch sie hat gerne Gesellschaft. Sie braucht Gesellschaft. Alleinsein bekommt ihr nicht mehr so gut. Sobald sie allein ist, wächst der Schatten, wird dunkler –

Hör auf damit. Hör einfach auf.

Imogen öffnet eine der Schubladen und entnimmt ihr eine Dose mit Puder, einen Pinsel und Wimperntusche. Alle glauben, sie würde sich jeden Morgen stundenlang zurechtmachen, sich schminken, Kleidungsstücke auswählen. Tut sie nicht. Tatsächlich interessiert sie sich gar nicht so sehr für Make-up und Klamotten, oder jedenfalls nicht mehr als alle anderen auch. Ihre Social-Media-Karriere hat sie nur aus einer Laune heraus gestartet, dann drehte sich die Spirale immer schneller und Imogen verlor die Kontrolle, wie so oft in ihrem Leben. Was sie auch tut, irgendwie gerät sie jedes Mal in eine solche Spirale.

Aus der Küche ist ein schrilles Piepen zu hören. Eins, zwei, drei, Kaffee ist fertig. Eilig schmiert Imogen sich die Wimperntusche drauf. Das Zeug klumpt. Egal. Die Instagram-Fotos für diese Woche sind alle schon gemacht.

Imogen greift zu ihrem Flakon Coco Mademoiselle und sprüht sich eine großzügige Ladung auf die Haut – das Einzige, was in ihrer Morgenroutine nicht fehlen darf, ohne geht sie nicht aus dem Haus. Dann klappt sie ihren Laptop auf und stellt ihn vorsichtig auf den Schminktisch.

Sie will jeden Tag möglichst zwei Posts platzieren, einen vor der Arbeit und einen am Nachmittag. Gestern Abend hat sie vor dem Schlafengehen das Bild für heute Morgen ausgesucht und die Bildunterschrift verfasst. Es ist ein bezahlter Beitrag. Auf dem Foto steht Imogen an einem grauen Regentag auf einer belebten Londoner Straße, in ein schönes pinkfarbenes Sommerkleid von Topshop gehüllt. Die Bildunterschrift lautet: »Sommer ist eine Einstellungssache.«

Das Bild stammt vom letzten Wochenende. Auf dem Foto lächelt Imogen. Es sieht aus, als würde sie einen tollen Tag erleben, aber sie weiß noch, wie elend ihr zumute war. Ihr war kalt und sie hatte einen üblen Kater, weil sie am Vorabend zu viele von Annas Mojitos erwischt hatte. Auf dem Foto schirmt Imogen sich mit einer Ausgabe des Guardian von den dicken Regentropfen ab – als sie wieder zu Hause war, war von der Zeitung nur noch ein unlesbarer Klumpen Papierpampe übrig gewesen. Imogen kauft sich jeden Samstag den Guardian, er erinnert sie an zu Hause. Daran, wie Mum und Dad sich immer um den Kulturteil gestritten haben. Mit ihren Eltern hat sie … wie lange nicht mehr gesprochen? Jetzt ist August. Ihr epischer Skype-Streit war im März. Also: März, April, Mai, Juni, Juli … Mit ihren Eltern hat Imogen seit fünf Monaten nicht mehr gesprochen. Wow. Dass es schon so lange her ist, hätte sie nicht gedacht.

Auch das hat das Monster ihr genommen. Ihre Eltern hatten kein Verständnis für ihre Entscheidung. Imogen wollte es ihnen nicht erklären. Ergebnis: Stillstand.

Und wenn schon. Sie hat ein fantastisches Leben. Jede junge Frau würde liebend gern mit ihr tauschen. Alle wollen es ihr nachmachen. Sie hat Glück. Sie ist stark. Sie ist nicht kaputt.

Doch wenn sie sich nicht beeilt, wird sie trotzdem gefeuert. Verlässt sie nicht in spätestens acht Minuten das Haus, kommt sie zu spät zur Arbeit. Zu Fuß braucht sie 17 Minuten. Zur Hauptverkehrszeit, wenn auf den Straßen besonders viel los ist, sogar 20.

Imogen steht von ihrem Stuhl auf, einem zum Schminktisch passenden Walnussholzmöbel von Heal’s. Sie müsste nicht arbeiten gehen. Instagram allein bringt ihr doppelt so viel ein, wie sie bei London Analytica verdient. Doch der Influencer-Job kann keine echte Karriere ersetzen, zumindest nicht auf Lebenszeit. Es ist wie beim Fußball: Nach ein paar guten Jahren ist man fertig und raus. Heute ist man ein Star, morgen weiß niemand mehr, wie man eigentlich heißt. Aber darauf bereitet Imogen sich vor und deshalb hat sie alles unter Kontrolle. Es fühlt sich jedenfalls so an.

Die Türen ihres Kleiderschranks stehen offen. Er ist so voll, dass sie nicht mehr richtig zugehen. Seit Imogen in Sachen Follower die Millionen-Marke geknackt hat, schicken ihr die ganzen Firmen bergeweise Klamotten. Wahrscheinlich wird sie nie wieder waschen müssen.

Imogen wählt nach dem Zufallsprinzip ein Oberteil aus: eine weiße Schluppenbluse mit roten Blumen drauf. Sie reißt das Etikett ab, schlüpft hinein und sammelt schnell ihre Jeans vom Boden auf.

Wie sie sich auf den Kaffee freut, auch wenn sie ihn wahrscheinlich to-go trinken muss. Vor einem Monat hat sie auf Instagram ein Foto von ihrem alten Thermobecher gepostet, einem chromfarbenen Bodum-Teil, das sie vor den A-Levels von ihrer Mum geschenkt bekommen und mit Aufklebern verziert hatte, die offenbarten, was ihr damals, vor gefühlt ewig langer Zeit, noch nicht peinlich gewesen war: etwa ihre unsterbliche Liebe zu One Direction, Hello Kitty und Taylor Swift. Seit diesem Post schicken ihr Hersteller aus aller Welt neue Thermobecher.

Gerade als Imogen ihre Jeans zuknöpft, durchbricht ein kaum hörbares Summen die morgendliche Stille. Über Nacht stellt sie ihr Handy immer auf schwache Vibration. Sie hat Fans auf der ganzen Welt, auch etliche in Australien und den Vereinigten Staaten. In manchen Nächten bekommt sie mehr als eintausend Benachrichtigungen.

Imogen scrollt durch die Meldungen. In der Zeitung hat sie mal gelesen, dass die Anzahl der Likes, die man auf Social Media erhält, Einfluss auf das Selbstwertgefühl habe. Das hat ihr sofort eingeleuchtet. Ihr Post von gestern Abend, ein Foto ihrer Bettlektüre, war ein Erfolg. Sie spürt, wie sich ihre Stimmung aufhellt, wie sich der Schatten abschwächt.

Das Beste an ihrer Zufallskarriere auf Instagram sind nicht die Geschenke. Auch auf das Geld kommt es ihr nicht so sehr an. Das Beste ist das Kribbeln beim Aufwachen, das Gefühl, gesehen zu werden, gehört und geliebt. Es wirkt belebender als jeder Kaffee und es macht genauso abhängig.

Wann immer sie inmitten all der Botschaften von Instagram, TikTok und WhatsApp, diesem endlosen Strom aus Liebe und Anerkennung, eine vereinzelte Benachrichtigung von Gmail entdeckt, denkt Imogen zuerst: Wie putzig. Abgesehen von der Arbeit kontaktiert sie eigentlich niemand mehr per Mail und diese Mail ging nicht an ihre Arbeitsadresse, sondern an ihre private. Also ist der Absender alt. Nur alte Leute schreiben noch E-Mails. Die Generation 35 plus.

Sie liest den Namen – und ihre Freude über diese aus der Zeit gefallene Flaschenpost im digitalen Ozean wird von einem finsteren Tsunami verschlungen. Für einen Moment hält sie es für möglich, dass sie allein durch die Gedanken an ihn seinen Geist heraufbeschworen hat. Mit Vernunft hat das natürlich nichts zu tun. Aber das hat er aus ihr gemacht.

Was will er? Und wieso jetzt, nach über einem Jahr? Was will er ihr denn noch nehmen?

Sie kann die E-Mail nicht öffnen. Sie wird sie nicht öffnen.

Doch in der Benachrichtigung ist der Betreff zu lesen.

Jugend + Verunsicherung = scheiße viel Geld

Was soll das bedeuten? Es ergibt überhaupt keinen Sinn. Will er sie verhöhnen?

Hör auf damit, Imogen. Hör auf. Sie weigert sich, seinetwegen zusammenzubrechen. Er hat ihr alles genommen. Dass sie trotzdem nicht umgekippt ist, ist alles, was sie noch hat. Das Einzige, worauf sie wirklich stolz ist. Alles andere, die Massen von Gratisklamotten, die schicken Möbel, das dicke Bankkonto, die vielen fremden Bewunderer, die unzähligen hübschen Fotos, all das würde sie opfern, wenn dafür nur alles wieder so wäre wie früher, als sie von ihren Eltern jede Woche ein mageres Taschengeld zugeteilt bekam. Wenn dafür nur alles wieder so wäre wie vor zwei Jahren, bevor sie auf die Uni gegangen und ihm begegnet ist – ihm, dem Monster.


Foto: Am Rand einer zugeschneiten Straße stehen drei Streifenwagen mit blinkendem Blaulicht. Dahinter erstreckt sich ein weites Lavafeld.

Filter: Nicht nötig

Mögliche Bildunterschriften …

Option 1: Und so trete ich meine Haftstrafe an … Nur ein Scherz, die suchen jemand anderen. Also, soweit ich weiß.

Option 2: Irgendwie wäre es mir fast lieber, sie würden nach mir suchen – im Gefängnis ist es bestimmt angenehmer als da, wohin die Reise für mich geht.

Option 3: Wieso denke ich wie eine Besessene darüber nach, was für ein Verbrechen hier geschehen sein mag?

Tatsächliche Bildunterschrift …

Düsterer Skandinavien-Thriller in echt.

12


HANNAH

Wie Speichelgeschosse klatschen die nassen Schneeregenflocken auf die Windschutzscheibe. Willkommen in Island, Hannah, hauche ich lautlos und kneife mir in den Oberschenkel, damit ich nicht schreie oder, was noch schlimmer wäre, in Tränen ausbreche.

Draußen herrscht eisige Kälte. Im Auto ist es trotzdem warm wie in einer Sauna. Mir hat noch nie eingeleuchtet, wieso man freiwillig in die Sauna geht, aber hier tun das eine Menge Leute (zum Glück rollen sie hinterher nicht nackt im Schnee herum wie so manch andere Skandinavier). In der heißen, stickigen Saunaluft fühle ich mich immer, als würde mir irgendwer ein unsichtbares Kissen aufs Gesicht pressen, und genauso fühle ich mich in diesem Auto.

Mein Blick zuckt zu dem Mann, der sich neben mir an das lederbezogene Lenkrad klammert.

Dad, nenne ich ihn.

Direkt ansehen kann ich ihn irgendwie nicht, da käme ich mir unhöflich vor, als würde ich einen Fremden anglotzen. Was jetzt im Prinzip gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist. In manchen seiner Gesichtszüge erkenne ich mich zwar jedes Mal wieder, etwa in den schmalen grauen Augen und in ihrer Art, einen so durchdringend anzustarren, dass einem ganz anders wird, weil man nie weiß, ob er einem nun tief in die Seele blickt und die intimsten Gedanken entziffert oder einfach geradewegs durch einen hindurchschaut; auch in seinen Grübchen, die frech gegen seine stets bitterernste Miene rebellieren, und in seinen wilden dunkelblonden Augenbrauen. Im Ganzen ist er mir aber ziemlich fremd.

Seit zehn Minuten sind wir unterwegs und wir haben noch immer kein Wort miteinander gesprochen. Für die Fahrt vom Flughafen Keflavík zu Dads Haus in Fossvogur, einem Stadtviertel von Reykjavík mit Vorort-Flair und Einfamilienhäusern, die genauso gleichförmig sind wie ihre Bewohner, sollten wir ungefähr eine Stunde brauchen. Unter diesen Umständen ist eine Stunde eine Ewigkeit.

»Wie geht’s Rósa?« Ich versuche, durch ein bisschen Small Talk die Stimmung aufzulockern. Kein guter Plan.

»Sei nicht so, Hannah«, keift Dad und feuert einen durchdringenden Blick ab, den aber hauptsächlich der Schneematsch auf der Straße abbekommt.

»Wie bin ich denn?« Zugegeben, Rósa ist ein heikles Thema. Aber ich wollte wirklich nur wissen, wie es ihr geht. Glaube ich jedenfalls.

»Es ist dein Ton.«

Na gut, dann wird eben geschwiegen.

Gott, wie mir London fehlt. Wie mir Granny Jo fehlt. Wie mir …

Ich darf nicht einmal an sie denken. Trotz allem fehlt sie mir so sehr.

Am Ende ist Mum dann doch nicht vom Fluch dahingerafft worden (auch wenn wir alle fest damit gerechnet hatten). Am Ende hat sie etwas viel Banaleres kleingekriegt. Krebs. Und auch noch die häufigste Variante davon, nämlich Brustkrebs. Nichts Besonderes.

Wenn man bedenkt, wie oft sie diese Welt hinter sich lassen wollte, hat sie sich dann doch überraschend verbissen dagegen gewehrt. Zu ihren Bedingungen wäre sie freiwillig gegangen, aber so stemmte sie sich mit aller Macht dagegen. Für sie musste immer alles exakt nach ihren Vorstellungen ablaufen.

Mein Handy summt. Ich ziehe es aus der Tasche. Eine WhatsApp von Daisy.

DAISY Schon da?

HANNAH Leider ja.

DAISY Ach komm. Lass die negativen Gedanken nicht gewinnen. Du solltest das Ganze als Abenteuer betrachten.

Daisy ist ein Mensch, der Vorträge über positives Denken hält, ohne je davon gehört zu haben, dass es so etwas offiziell gibt. Meiner Theorie nach hat sich ihre Mum in der Schwangerschaft zu viele Selbsthilfebücher reingezogen. Daisy und ich sind seit der Vorschule befreundet und meistens finde ich ihre lebensbejahende Haltung toll. Manchmal will ich sie dafür aber erdrosseln.

HANNAH Keinen Bock auf Abenteuer. Denk nur an Alice.

DAISY Alice? Die Pickelige mit der Zahnspange, die früher bei KFC bedient hat?

HANNAH Nein, die hieß Alison. Ich meine die Alice … im Wunderland.

DAISY Ach die. Aber die hatte doch Spaß, oder?

HANNAH Sie wäre um ein Haar von einer verrückten Königin ermordet worden und fast in ihren eigenen Tränen ertrunken.

DAISY Ah okay. Hmm. Aber dein Kaninchenbau führt bestimmt nicht ins Wunderland.

HANNAH Da hast du auch wieder recht. Mein Kaninchenbau führt direkt in die Hölle.

Das ist gar nicht mal übertrieben. Oder nicht sehr. In alten Zeiten glaubte man tatsächlich, das Tor zur Hölle befände sich in Island.

DAISY Konzentrieren wir uns auf das Positive. Zum Beispiel: Es sind nur noch genau zwei Monate bis Weihnachten!

Das ist mal kein leerer Motivationstrainer-Spruch. Das ist ein echter Lichtblick. Nicht wegen des Weihnachtsmanns oder Jesus oder weil es dann bei Boots drei Parfüm-Geschenkboxen zum Preis von zweien gibt oder was man an Weihnachten sonst so großartig finden soll. Nein, an Weihnachten kommt Daisy mich in Island besuchen.

Am selben Tag, an dem ich über meinen baldigen Umzug nach Island informiert wurde, hat Daisys Mum ihr das Flugticket gekauft. Ich fürchte, für das nun folgende Geständnis sollte ich auf ewig in der Hölle schmoren (danke, ich finde alleine hin, weit kann es ja nicht sein), aber auch eine unaussprechlich schreckliche Wahrheit ist immer noch wahr: Mein ganzes Leben lang habe ich mir insgeheim ausgemalt, wie es wäre, wenn Daisys Mum meine Mum gewesen wäre. Daisys Mum, mit ihren sanft geschwungenen Hüften, den selbst gemachten Pfannkuchen, dem warmen Lächeln und dieser Aura nichtssagender Normalität, fast als wäre sie einer Zeitschrift für »die gute Hausfrau« aus den 1950er Jahren entsprungen. Seit Mums Tod fühle ich mich deswegen erst recht wie eine Verräterin.

Das Handy in meiner Hand summt und ich zucke zusammen. Fast rechne ich mit einer Nachricht von meiner Mum, mit einem Anpfiff aus dem Grabe heraus, weil ich so schlecht über sie rede.

DAISY Bald ist Dezember und ich freue mich schon so darauf, dich zu sehen … dich und diese Polarlichter natürlich. Okay, muss weiterlernen. Jetzt willst du nicht mehr mit mir tauschen, was?

Doch, will ich trotzdem. Daisy lernt für ihre A-Levels am Highbury College. So wie ich bis vor einer Woche.

Daisy fehlt mir.

Ich stecke das Handy wieder ein. Ich wünschte, ich würde auch in London für meine A-Levels lernen. Aber dass ich das eben nicht tue, ist ausnahmsweise nicht Mums Schuld. Das habe ich ganz allein hingekriegt.

Eigentlich hatte ich die Schülerzeitung, die Highbury Gazette, nur als Ausrede gegründet, um nach dem Unterricht nicht immer gleich nach Hause gehen zu müssen. Doch dann habe ich mich ein bisschen hineingesteigert.

Zwanzig Leute schrieben regelmäßig für die Zeitung, wir trafen uns zweimal pro Woche in der Redaktion (sprich: in der Schulbibliothek) und diskutierten über den Inhalt der wöchentlichen Ausgabe. Daisy umgarnte als Chefin der Marketingabteilung per Telefon Geschäfte aus der Gegend, bis sie bei uns Anzeigen schalteten. Mit der Zeit sprachen mich immer öfter Leute auf dem Gang an, um über ihre Lieblingsartikel zu plaudern. Und bald wollten sogar immer mehr von ihnen mitmachen.

Ich fand es toll. Ich fand es toll, herumzuschnüffeln und nach lohnenswerten Themen zu suchen: der mäßige Nährstoffgehalt mancher Mahlzeiten in der Schulmensa, die Highlights der neuesten PISA-Studie oder das Zerwürfnis in der Theatergruppe – die eine Hälfte wollte eine modernisierte Version von Hamlet auf die Bühne bringen, die andere wollte die Aufführung traditionell halten. Ich fand es toll, Schüler zu interviewen, die an irgendeinem interessanten Ort gewesen waren oder irgendetwas Bemerkenswertes geleistet hatten, und den größten Kick gaben mir meine langen Enthüllungsstorys, etwa über die feuchten Wände in einigen Klassenzimmern, die sich tatsächlich als übler Schimmelbefall und damit als Gefahr für die Gesundheit von Schülern und Lehrern entpuppten.

So wurde die Highbury Gazette, anfangs ein bloßer Zeitvertreib, zu meinem ganzen Stolz. Ich war nicht mehr nur Hannah, das ziemlich unscheinbare Mädchen, das sich im Nebenjob um seine komische Mutter kümmerte, eine Frau, die hin und wieder im Nachthemd und mit einer halb geplatzten Tesco-Plastiktüte voller Bierdosen in der Hand am Schultor auftauchte. Plötzlich war ich Hannah, Herausgeberin der Schülerzeitung und Verkünderin der Wahrheit, ich war knallhart drauf und kein Niemand mehr.

Knapp eine Woche nach Mums Tod brauchte ich dann dringend eine Ablenkung. Ein Artikel aus dem Guardian, den Granny Jo jeden Morgen kaufte, brachte mich auf die Idee: Eine Radiomoderatorin der BBC hatte herausgefunden, dass ihre (männlichen) Kollegen für die gleiche Arbeit fünfzig Prozent mehr Gehalt bekamen.

Für ihre Marketing-Telefonate durfte Daisy ab und zu das Büro des Rektors benutzen, ich durfte dort Interviews führen. Bei einer dieser Gelegenheiten hackte ich mich in seinen Computer – so hat er es hinterher zumindest genannt. Ich finde, man kann nicht von »hacken« sprechen. »Hacken« ist nicht das Gleiche wie simples Einloggen und man muss gar nichts »hacken«, wenn der Benutzer den Vornamen seiner Gattin als Passwort eingestellt hat (worauf ich übrigens beim dritten Versuch kam). Innerhalb von zwei Minuten hatte ich die Gehaltslisten aufgespürt. Dann öffnete ich den Browser, ging auf Gmail, meldete mich an und schickte die Excel-Tabelle als Anhang an mich selbst.

Zu Hause rechnete ich das Ganze durch. Das Gehalt der männlichen Lehrkräfte an unserer Schule lag 23 Prozent über dem der weiblichen.

In dem Korrekturbogen, den ich meiner Englischlehrerin Ms Thackeray vorlegen musste, bevor die neue Ausgabe an die Druckerei ging, war meine große Enthüllungsstory noch nicht enthalten. Erst nachdem sie alles abgenickt hatte, tauschte ich die Titelseite aus.

Die Hölle brach los. Die Eltern rasteten aus. Die Schulaufsicht auch. Der Rektor musste sich öffentlich für das Gehaltsgefälle entschuldigen und geloben, es in Ordnung zu bringen. Die Schüler jubelten über das Chaos.

Ich wurde der Schule verwiesen.

Dads Blick zuckt für einen Moment zu mir. »Ich habe eine Überraschung für dich.«

Ein Flugticket nach London?, hätte ich fast erwidert, aber ich kann mir gerade noch auf die Zunge beißen. Das wird ein Friedensangebot sein. Ich sollte es annehmen.

»Ich habe dir schon einen ersten Auftrag organisiert.«

Ach, das.

Wenn man bedenkt, wieso ich der Schule verwiesen wurde, hat meine Strafe eine gewisse Ironie, die meinen ehemaligen Rektor vermutlich ziemlich auf die Palme bringen würde: Ich wurde zu einem Praktikum bei der Zeitung meines Dads verdonnert.

Mein Blick zuckt zu ihm. Er schaut starr auf die Straße. Es ist kaum jemand unterwegs und unsere Geschwindigkeit liegt deutlich über dem Tempolimit.

»Was für ein Auftrag?«

Jetzt blickt er etwas milder drein. »Ein Interview.«

Okay. Okay, das könnte ganz gut werden. Interviews machen mir Spaß.

»Mit einer sehr bekannten Influencerin.«

Irrtum. Es wird eine Qual.

»Ich hasse Influencer.« Mit Wucht lasse ich mich gegen meine Lehne fallen. Mir doch egal, wenn ich mich aufführe wie eine schmollende Vierjährige, die keinen Lolli bekommen hat. »Influencer sind so dumm. Wegen denen steht meine Generation als lauter Hohlköpfe da. Als würden wir alle glauben, Duckface-Machen wäre ein echter Job, Belfies auf Instagram wären ein wichtiger Aspekt der Selbstfindung und Erfahrungen im Photoshoppen von Thigh Gaps wären ein großes Plus im Lebenslauf.«

Dad überhört meine Schimpftirade. »Sie heißt Imogen So-und-So. Schon mal von ihr gehört?«

»Millionen Menschen bilden sich ein, sie wären Social-Media-Stars. Wieso soll ich ausgerechnet von der gehört haben?«

»Na ja, sie ist genau wie du …«

Ist sie sicher nicht.

»Sie kommt aus Großbritannien, ist aber gerade nach Island gezogen.«

Mein Blick zuckt zu Dad. Da ist doch was faul. Das stinkt zum Himmel.

»Diese Imogen macht bei Cool Britannia 2.0 mit, einer Konferenz an der britischen Botschaft zur Stärkung der kulturellen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Rest der Welt. Sie spricht da über Mode oder Make-up oder Selbstverwirklichung … irgendwas in der Richtung.«

Irgendwas in der Richtung?

»Und dafür, dass wir ein Interview mit ihr bringen, hat sie sich bereit erklärt, dir unter die Arme zu greifen.«

Da ist sie schon, die Ursache des fauligen Geruchs: Mein Dad hat Hintergedanken und die stinken schlimmer als Harðfiskur, diese isländische Delikatesse aus getrocknetem Fisch, die den Duft eines alten Müllsacks verströmt.

»Sie soll mir wobei unter die Arme greifen?«

»Beim Einleben. Beim Ankommen in einem neuen Land.«

»Ich brauche keinen Babysitter. Ich habe jeden Sommer meines Lebens in Island verbracht.«

Das will Dad mit einem lässigen Schulterzucken abtun, es wirkt aber wahnsinnig steif und bemüht. Ihm ist durchaus bewusst, wie dumm sein Plan ist. »Es ist alles vorbereitet. Das Interview soll morgen über die Bühne gehen. Dann kannst du mal mit jemandem über alles reden. Nutz die Chance.«

»Nicht zu fassen. Du hast irgendeine blöde Social-Media-Tussi bestochen, sich mit mir zu unterhalten? Es ist kaum zu glauben.«

»Mein Gott, ich wollte dir einen Gefallen tun.«

»Dann lass mich ein richtiges Interview führen. Das wäre was gewesen.«

»Das ist ein richtiges Interview.«

»Ist es nicht. Es ist Werbung. Genau genommen bezahlt diese Imogen dafür, dass du ihren Auftritt in deiner Zeitung promotest, zwar nicht mit echtem Geld, aber mit einem Beratungsgespräch – und deshalb ist dieses Interview kein echter Journalismus, sondern eine Werbeanzeige.«

»Warum musst du immer alles so verdrehen?«

»Ist es nicht verboten, Werbung als echten journalistischen Inhalt auszugeben? Also zu Hause in Großbritannien darf man das nicht.«

Jetzt ist es Dad, der sich krachend gegen die Lehne fallen lässt. »Wie du das immer wieder hinkriegst, Hannah.«

Der Schneeregen ist zu richtigem Schnee geworden. Die Scheibenwischer schrubben wie wild über das Glas und kommen trotzdem kaum hinterher.

»Was? Was kriege ich immer wieder hin?«

Dads Gesicht färbt sich rot. »Du kriegst es immer wieder hin, dass sich alle schlecht fühlen.«

Uff. Das ist – selbst für seine Verhältnisse – hart. »Willst du jetzt wirklich darüber reden? Ich würd’s mir überlegen.« Irgendwo in meinem Hinterkopf droht der gesammelte Giftmüll aus 16 Jahren Bitterkeit zu explodieren.

»Worüber reden?«

Ich weiß genau, was ich ihm zu sagen habe. Ich habe meinen Vortrag ewig geübt. »Dass du nicht mit dir selbst klarkommst, ist nicht meine Schuld.«

Ich zögere. Will ich wirklich so in mein sogenanntes neues Leben aufbrechen? Ganz klar: Nein, will ich nicht. Doch meine Worte sind wie ein Felsbrocken, der einen Abhang hinunterrollt: Sie haben sich zu ihrem Ziel aufgemacht und ganz egal, was sie unterwegs zerquetschen, es steht nicht mehr in meiner Macht, sie aufzuhalten.

»Auch wenn dich die bloße Tatsache, dass es mich gibt, an deine Unzulänglichkeiten, deine moralischen Defizite und deine Selbstsucht erinnert, hast du kein Recht, mir die Schuld daran zu geben. Mum zu verlassen, war deine Entscheidung. Mich mit ihrer Scheiße allein zu lassen, war deine Entscheidung. Dafür bist nur du verantwortlich. Du fühlst dich schuldig? Dann mach das gefälligst mit deinem Gewissen aus und lass mich in Ruhe.«

Es ist raus. Endlich. Eine Mischung aus Wut, Angst und Erleichterung lässt mein Herz pochen.

Jeden Moment wird Dad mich anschnauzen.

Oder auch nicht.

Sekunden verstreichen. Werden zu Minuten. Scheiße. Die Stille im Wagen dröhnt mir in den Ohren. Ich sehne mich beinahe danach, angeschnauzt zu werden.

Bin ich zu weit gegangen? In Gedanken lasse ich meinen Vortrag noch einmal ablaufen. Und noch mal und noch mal. Mit jeder Wiederholung wirken meine Worte lauter und schärfer, gehässiger. Die ersten Schuldgefühle regen sich, aber warum eigentlich? Wieso sollte ich mich schuldig fühlen?

Ich ertrage Dads ausdruckslosen Blick nicht mehr. Das ist typisch mein Vater. Nie stellt er sich den Problemen. Immer wartet er ab, während sich das Unausgesprochene aufstaut, während es gammelt und fault und zu einem Höllengestank wird, der sich nie wieder aus der Welt schaffen lässt.

Will er das? Kann er haben. Ich wende mich ab, drehe mich zum Seitenfenster.

Ein Panorama, das kaum weniger hart und kalt ist als Dads Schweigen, nimmt mich in Empfang. Es heißt manchmal, die Fahrt vom Flughafen Keflavík nach Reykjavík führe durch eine magische Landschaft, man fühle sich wie auf den Mond versetzt (dieser Spruch kann eigentlich nur aufs Konto des Fremdenverkehrsamts gehen). Ich sehe bloß eine Einöde aus rauen, kahlen Lavafeldern, die Hinterlassenschaft von Vulkanausbrüchen vor Hunderten von Jahren.

Dass hier überhaupt jemand lebt, muss man als Wunder bezeichnen. Seit vor über eintausend Jahren die ersten Menschen nach Island gekommen sind, hat sich die Insel redlich bemüht, sie wieder umzubringen. Im Lauf der Zeit ist sie immer und immer wieder nur knapp daran gescheitert, den Homo sapiens durch eisiges Wetter, brodelnde Lava, Erdbeben, Überschwemmungen, Lawinen oder Seuchen von diesem Brocken aus Vulkangestein knapp unter dem nördlichen Polarkreis zu vertreiben. Im 18. Jahrhundert, nachdem eine Reihe von Naturkatastrophen einen erheblichen Teil der Bevölkerung ausgelöscht hatte, hat man sogar darüber nachgedacht, das ganze Land nach Dänemark zu verlegen.

Hätte man das doch nur getan.

Dad schweigt stur. Was soll ich hier eigentlich? Hier ist für mich nichts zu holen. Niemand will mich hier haben. Dad nicht. Rósa bestimmt nicht. Die Zwillinge nehmen kaum Notiz von mir und Grandma Erla und Grandpa Bjarni werden bei meinen Besuchen jedes Mal etwas blass um die Nase. Ich glaube, in mir sehen sie meine Mum. Und für sie wird Mum immer die Frau sein, die um ein Haar das Leben ihres Sohns zerstört hätte.

Inzwischen fällt der Schnee dichter und dichter. In Island ist Schnee eine echte Gefahr. Selbst auf den Straßen der Hauptstadt erfrieren immer noch Menschen.

Der Verkehr verlangsamt sich. Höchstens einen Meter vor uns, durch die wirbelnden Flocken nur schemenhaft zu erkennen, taucht ein Auto auf.

»Diese verdammten Touristen«, knurrt Dad und steigt auf die Bremse. Aus 130 Stundenkilometern werden binnen Sekunden 30. »Wenn sie keine Ahnung haben, wie man bei Schnee fährt, wieso nehmen sie nicht das Shuttle?«

Die Wange ans Fenster geschmiegt, lasse ich den Blick über die träge vorwärtskriechende Autoschlange schweifen. Na super. Jetzt dauert die Fahrt des Grauens noch länger.

Ein paar Wagen weiter vorne entdecke ich etwas am Straßenrand. Ein blaues Blinken. Ich würde sagen, in diesem Fall stockt der Verkehr nicht wegen der mangelnden Fahrkünste irgendwelcher Touristen.

Wir rollen weiter. Jetzt sind die Streifenwagen klar zu erkennen, gleich drei davon parken am Straßenrand. Die Luft ist erfüllt vom Heulen einer Sirene. Aus der Gegenrichtung nähert sich ein Rettungswagen dem Ort des Geschehens.

In Island gibt es kaum Verbrechen, aber jetzt ist mal was los. Ich zücke mein Handy und schieße ein Foto.

Urplötzlich macht unser Auto einen Schlenker nach rechts. Dad muss auf dem Eis die Kontrolle verloren haben. In Todesangst klammere ich mich ans Armaturenbrett.

Genauso abrupt hält Dad an, stellt den Schalthebel auf Parken und öffnet die Tür. Den Motor lässt er laufen.

Ich wundere mich. »Wohin willst du?«

»Bin gleich wieder da.« Er knallt die Tür zu.

Ich beobachte, wie er zu den Streifenwagen eilt. Er muss sich gegen heftigen Wind stemmen. Es sieht aus, als wollte er mit dem Kopf durch eine Backsteinwand.

Mein Blick fällt auf vier Polizisten und zwei Sanitäter, die gemeinsam eine Trage über das Lavafeld zur Straße schleppen. Ohne weiter darüber nachzudenken, ziehe ich am Türöffner und springe aus dem Wagen. Eine Windbö presst mir die Luft ins Gesicht, keuchend renne ich Dad hinterher. Seine Haare, normalerweise oberhalb der sauber rasierten Schläfen akkurat zur Seite gekämmt, wehen trotz der großen Portion Gel, die er sich bestimmt immer noch jeden Morgen genehmigt, wild durcheinander.

Ich habe ihn fast eingeholt, da steigt vor ihm eine Frau aus einem der blau blinkenden Wagen. Sie trägt eine schwarze Daunenjacke mit dem Wappen der isländischen Polizei am Oberarm, einem gelben Stern.

»Zurück.« Sie fuchtelt mit den Händen. Ihr rundes Gesicht hat sich in der Kälte gerötet, ihr blonder Pferdeschwanz flattert im Wind.

Dad hört nicht auf sie, er hört auf niemanden. »Was ist hier vorgefallen?«

»Bitte einen Schritt zurücktreten, Sir. Das gilt auch für dich, Miss.«

Dad fährt herum. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst im Auto bleiben.«

Wieso soll ich auf dich hören, wenn du nicht mal auf die Polizei hörst? Aus meiner Sicht wäre das eine absolut schlüssige Argumentation.

Vielleicht kann ich Dad ablenken, indem ich ihn auf die Truppe mit der Trage aufmerksam mache. »Schau mal.«

Es klappt, er wendet sich wieder an die Polizistin. »Hat es hier einen Unfall gegeben?«

»Bitte zurücktreten, Sir«, wiederholt sie bloß.

Die Polizisten und Sanitäter klettern die geschotterte Straßenböschung hinauf, über den frischen, lockeren Schnee. Auf der Trage liegt jemand, abgedeckt mit einem burgunderroten Tuch. Die Polizistin hat alle Hände voll zu tun, Dad aufzuhalten. Ich nutze die Gelegenheit und husche an ihm und ihr vorbei zu ihren Kollegen, die sich immer noch die Steigung hinaufquälen.

»Hey!«, ruft die Polizistin.

So unauffällig wie möglich schiebe ich die Hand in die Tasche, ziehe mein Handy hervor und knipse ein paar Fotos von den Leuten mit der Trage.

Die Frau reißt mich an der Schulter herum. »Entweder ihr zwei verschwindet sofort von hier oder ich lasse euch hier und jetzt festnehmen.«

Ich ernte einen bösen Blick von Dad, als dürften wir nur meinetwegen nicht bleiben, und wir trollen uns.

Zurück im Auto, fischt Dad sein Handy aus der Innentasche seines dunkelblauen Slim-Fit-Sakkos. Man kann nicht behaupten, dass er dem Wetter entsprechend gekleidet wäre, aber darauf achtet hier kein Mensch. Sonst müssten die Isländer das ganze Jahr über in Daunenjacken und Skihosen herumlaufen, und so modebewusst, wie sie sind, siegt im Zweifel immer die Eitelkeit über den Komfort. Wer in Wanderschuhen durch Reykjavík stiefelt, kann nur ein Tourist sein. Ich habe Rósa auf 15 Zentimeter hohen Absätzen über spiegelglattes Eis spazieren sehen.

»Eiríkur hier«, meldet sich Dad am Handy. »Ich bin auf der Reykjanesbraut unterwegs. Hier ist Polizei. Sind bei euch irgendwelche entsprechenden Meldungen reingekommen?«

Am anderen Ende sagt irgendjemand irgendetwas. Ich spitze die Ohren, der Ton ist aber zu leise. Wäre er lauter, würde ich die Antwort verstehen, denn ich spreche fließend Isländisch, Dad und ich unterhalten uns immer in der Landessprache. Manchmal ärgere ich mich fast darüber, dass ich das kann. Wie viel kostbaren Platz diese Sprache, die nur rund 300.000 Menschen sprechen, in meinem Gehirn einnimmt! Es wäre so viel nützlicher, Deutsch oder Spanisch zu können, oder meinetwegen Chinesisch. Andererseits wurde ich nun für meine Verbrechen zu einem Leben in der Verbannung verurteilt und hierhergeschickt wie ein ungezogener Russe nach Sibirien und da ist es vielleicht doch ganz praktisch, mit den Einheimischen kommunizieren zu können.

»Okay«, erwidert Dad. »Ruf unseren Kontakt bei der Hauptstadtpolizei an. Ich bin in einer Stunde wieder im Büro, hoffentlich.«

Er wird also nicht den Tag mit mir verbringen, mir dabei helfen, mich einzurichten, mich in den Arm nehmen und mir versprechen, dass alles gut wird und dass er immer für mich da sein wird. Wer hätte das gedacht.

»Halt mich auf dem Laufenden.« Damit legt er auf.

Dad legt den Gang ein und steuert in einer scharfen Kurve zur Straße.

Wir reihen uns wieder in den zähen Verkehr ein. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und öffne die Fotos von den Leuten mit der Trage.

»Und, wissen die was?« Jetzt kommen wir direkt an dem abgesperrten Bereich am Straßenrand vorbei, also blicke ich noch einmal von meinem Handy auf. Drüben schieben Polizisten und Sanitäter die Trage in den Rettungswagen.

»Nein.«

»Was glaubst du, was da passiert ist?«

»Wahrscheinlich hat sich nur irgendein Tourist wehgetan. Hat angehalten, um Fotos zu machen, hat sich zu weit rausgewagt und ist auf dem Eis ausgerutscht.«

»Aber da war kein Auto.«

»Was?«

»An der Straße stand kein Auto. Da waren nur die Polizei und der Rettungswagen. Und ein Tourist wäre doch mit einem Mietwagen unterwegs gewesen, oder?«

Dad wirft einen Blick über die Schulter.

Seine Theorie hat sogar noch andere Schwachstellen. Ich begutachte noch einmal meine Handyfotos. Zoome die Trage heran. Das burgunderrote Tuch wurde über ihre ganze Länge gebreitet. Von dem Menschen darunter ist nicht das Geringste zu sehen. So deckt man keinen Verletzten zu. So deckt man eine Leiche ab.

Ich wische zum nächsten Foto. Auf den ersten Blick unterscheidet es sich nicht vom ersten. Dann fällt mir ganz am Rand des roten Tuchs etwas Weißes auf. Irgendetwas guckt darunter hervor. Ich vergrößere es. Der gemusterten Webkante nach zu urteilen ist es ein Handtuchzipfel. Und da sehe ich sie. Mir kommt die Galle hoch. Unter dem Handtuch sehe ich dunkelblaue Finger hervorragen. So ergeht es einem also, wenn man erfriert?

Der Verkehr fließt allmählich wieder im üblichen Tempo. Durch die Fahrbewegung wird mir immer schlechter, je länger ich auf das Foto starre. Ich stecke das Handy ein, doch die blauen Finger kriege ich nicht aus dem Kopf. Mein Gehirn ist längst dabei, immer neue Erklärungen für diesen Vorfall zu konstruieren. Und wie ein Suchhund, der sich hechelnd, sabbernd, atemlos auf die Jagd macht, wird es nicht aufgeben, bis es am Ziel ist.

Statistisch betrachtet hat es fast immer denselben Grund, wenn sich hierzulande so viel Polizei an einem Ort versammelt: den tragischen Kältetod eines verirrten Touristen. Doch irgendetwas stört mich an der Sache. Vielleicht, dass kein Suchtrupp zu sehen war, kein Einziger der Freiwilligen, die normalerweise zuerst verständigt werden, wenn Gäste auf Abwege geraten. Oder dass die Polizistin so ein großes Interesse daran hatte, uns schleunigst vom Ort des Geschehens zu entfernen.

Das Verlangen zu wissen, wie es wirklich war, ergreift Besitz von mir. Es ist ein Gefühl, das ich kenne und liebe. Ich spüre einen Energieschub, als käme ich direkt aus dem Fitnessstudio (nicht dass ich jemals eines betreten hätte). Für einen Moment, und wenn er nur von kurzer Dauer ist, bin ich wieder ich selbst, mein wahres Ich, bin ich genau da, wo ich hingehöre, und tue ich genau das, was ich kann.

Woher kommt dieser Drang, immer alles wissen zu wollen? Warum gibt es mir so viel, die Wahrheit aufzudecken?

Ob es wirklich Mord gewesen sein kann? Wohl kaum. Praktisch nirgendwo auf der Welt ist die Mordrate so niedrig wie hier. In Island wird so gut wie nie ein Mensch umgebracht. Doch was so gut wie nie vorkommt, passiert hin und wieder – sehr selten – eben doch. Das ist reine Statistik.

Ich muss an meine Sitznachbarin im Flugzeug denken, an ihre Reiselektüre. Ein düsterer Skandinavien-Thriller mit blutbesudelter Schneelandschaft auf dem Cover. Wieso lesen die Leute so gerne Geschichten über Mord und Totschlag? Gibt es ihnen vielleicht auch einen Kick, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen? So wie es mir in meiner Zeit bei der Schülerzeitung ging?

Bei meinem Rauswurf habe ich dem Rektor erklärt, ich hätte aus Überzeugung gehandelt. Wenn ich tief in mich hineinschaue, glaube ich allerdings, ich hatte eher andere Gründe. Welche das sein könnten? Da bin ich mir selbst nicht so sicher.


Foto: Auf einem Konferenztisch steht ein Silbertablett mit einer Flasche Voss Artesian Water und einigen auf Hochglanz polierten Gläsern.

Filter: Juno

Bildunterschrift: Auf der Arbeit. Vorbereitungen für eine Präsentation. Aufregend! #liebemeinleben

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Wie die Bildunterschrift hätte lauten sollen …

Option 1: Die Welt ist voller Trigger. Heute war es ein Glas Wasser. Morgen wird es etwas anderes sein.

Option 2: Ich dachte, ich kann selbst über mein Leben bestimmen, kann selbst darüber entscheiden, welchen Weg ich gehen will. War das ein Irrtum?

Option 3: Heute sieht mein Gefängnis aus wie ein Aquarium, aus dem irgendwer das Wasser gelassen hat, und ich bin der Fisch.


IMOGEN

Imogen hat schon so oft zugehört, wie ihre Chefin die Vorzüge der Agentur anpreist, dass sie den Vortrag auswendig kennt. Zum Glück, muss man sagen. Seit Wochen wurde dieses Meeting vorbereitet, es ist ein wichtiger Bestandteil von Ms Kendricks Masterplan, das Geschäftsfeld auf die Lebensmittelbranche auszuweiten. Doch Imogen kann sich beim besten Willen nicht auf das Geschehen im offiziellen Konferenzraum konzentrieren, einem stickigen Glaskäfig.

»Wir von London Analytica nehmen eine echte Vorreiterrolle ein.« Ms Kendrick steht vor einem großen Flachbildfernseher mit einer sorgfältig gestalteten PowerPoint-Folie. Weiße, futuristische Schrift auf stahlgrauem Grund, insgesamt fünf Stichpunkte:

Offenheit für Erfahrungen

Gewissenhaftigkeit

Extraversion

Verträglichkeit

Neurotizismus

Ms Kendrick trägt eine eng anliegende, maßgeschneiderte schwarze Hose und einen Tweed-Blazer von Chanel – ihr Markenzeichen. Sie besitzt einige davon, alle im klassischen Cardigan-Schnitt. Dieses Exemplar, eine Kombination aus grauer, schwarzer und pinkfarbener Wolle und goldenen Knöpfen, stammt aus der neuesten Kollektion. Offenbar läuft die Agentur gut. Imogen hat im Netz nach dem Blazer gesucht, er kostet fünf Riesen.

»Mit ein und derselben Botschaft auf alle Kunden abzuzielen, das ist Marketing von gestern«, fährt Ms Kendrick fort, um dann mit effektvoll aufgerissenen Augen hinzuzufügen: »Aus dem letzten Jahrhundert. Hier bei London Analytica finden Sie die Zukunft des Marketing.«

Am anderen Ende des langen Konferenztisches, gegenüber von Imogen und Ms Kendricks Stellvertreter Mark, sitzen die Kunden. Zwei Männer, CEO und COO eines Anbieters von Tiefkühlfisch. Beide sind kahl, haben fahle Haut und kratzen bestimmt schon an der 60. Zwei schlecht sitzende Anzüge, zweimal mürrisches Stirnrunzeln. Den Typ Mann kennt Imogen. Geschäftsleute, deren Firmen schon lange ihren Zenit überschritten haben, die jetzt aber noch einen letzten verzweifelten Versuch unternehmen, den alten Glanz wiederherzustellen. Angeblich sind sie bereit, sich auf die Zukunft einzulassen, einen großen Schritt ins 21. Jahrhundert zu wagen, ihr Gesichtsausdruck sagt aber etwas anderes. Am liebsten würden sie es sich tief in den 1950er Jahren gemütlich machen und ihre Werbeanzeigen weiter in einer anständigen Papierzeitung drucken lassen, um sie dann bei einer schönen Tasse Tee zu bewundern, während die Gattin eine Portion Fischstäbchen in den Ofen schiebt.

»Wir bieten Ihnen psychografisches Targeting – ein revolutionäres Verfahren, das es ermöglicht, jeden einzelnen potenziellen Kunden direkt durch maßgeschneiderte Botschaften anzusprechen.« Ms Kendrick tritt von einem Fuß auf den anderen. Die offensichtliche Skepsis der beiden Männer lässt sie nicht kalt.

Es läuft nicht optimal. Imogen ist aber zu abgelenkt, um mit ihrer Chefin mitzufühlen. Sie denkt pausenlos an die E-Mail. Kurz vor Beginn des Meetings hat sie sie geöffnet. Ihr war bewusst, dass ihre Konzentration darunter leiden würde. Doch zuvor, als sie sie noch nicht geöffnet und noch keine Ahnung gehabt hatte, was sie enthielt, hatte sie an diesem Arbeitstag rein gar nichts auf die Reihe gebracht.

»Immie«, sagt Ms Kendrick vorne. »Immie?«

Erst nach einer Weile begreift Imogen, wer gemeint ist. Im Büro heißt sie Immie. Sie hasst den Spitznamen, der ihr an ihrem ersten Arbeitstag verliehen wurde. Sich dagegen zu wehren, kam trotzdem nicht infrage. Auch Ms Kendrick heißt Imogen und irgendwie müssen die Kollegen zwischen ihr und der Frau an der Spitze unterscheiden. Mit dem Vornamen der Chefin treibt man keine Spielchen.

Ms Kendrick sieht Imogen über den Rand ihrer Cateye-Brille hinweg an. Wie oft hat sie schon nach ihr gerufen?

»Schön, dass du bei uns bist. Wenn du bitte nach vorne kommen und den Herren einen Überblick über die technischen Aspekte unseres Angebots geben könntest?«

Imogens Aufgabe ist es, das Fünf-Faktoren-Modell vorzustellen. Das FFM ist der wichtigste Eckpfeiler ihres Geschäftsmodells. Dabei ist es eigentlich nichts Neues. In der Psychologie kennt man es seit Jahrzehnten, ein Klassiker. Auch Imogen hatte schon vor ihrem Job bei London Analytica davon gehört, es tauchte in der Vorlesung »Einführung in die Psychologie« an der Uni Cambridge auf. Sie fand das Fünf-Faktoren-Modell großartig. Dann fand sie es schrecklich. Er hat es ihr kaputtgemacht.

Sie zwingt sich, nicht daran zu denken, an die E-Mail, die Vergangenheit, das Monster. Das muss warten. Solange das Meeting läuft, muss sie sich zusammenreißen.

Imogen steht auf. Neben ihr sitzt Mark, sein Stuhl ein bisschen zu dicht an ihrem. Als sie sich daran vorbeischiebt, bleibt sie mit dem Fuß an einem Stuhlbein hängen und gerät ins Stolpern.

»Alles okay, Immie?« Mark fasst sie an der Hand und verhindert so, dass sie auf die Nase knallt.

Mark ist Mitgründer von London Analytica. Anders als Ms Kendrick ist er durch den Erfolg der Firma aber nicht unglaublich steif und humorlos geworden. Anders als sie erinnert er nicht an eine frisch ausgestopfte Katze.

»Ja, alles prima. Danke, Mark.« Alles prima. Wie kommt sie darauf, so etwas zu sagen?

Am Konferenztisch entlang geht Imogen nach vorne zum Flachbildfernseher. Sie schwitzt. Im Sommer ist es in diesem Raum, den alle nur »das Aquarium« nennen, furchtbar heiß und stickig. Ob sie wohl einen Schweißfleck vorne an der Bluse hat? Imogen will nicht nachsehen. Im Zweifel würde sie so bloß die Aufmerksamkeit darauf lenken.

Jetzt steht sie neben Ms Kendrick, die ihr die Fernbedienung für die PowerPoint-Präsentation in die Hand drückt. Dabei zieht Ms Kendrick ihre schmalen, mit scharfem Strich aufgemalten Augenbrauen hoch. Es ist eine unmissverständliche Botschaft: Verkack es nicht.

»Vielen Dank, Ms Kendrick«, sagt Imogen in überraschend fröhlichem Ton – also in Anbetracht dessen, dass sie in Wirklichkeit am liebsten nach Hause rennen und in ihren Pyjama schlüpfen würde, um sich Pizza und Netflix reinzuziehen und nie wieder aus dem Haus zu gehen. Statt diesem Drang nachzugeben, dreht sie sich mit einem strahlenden Lächeln zu den Kunden.

Sie hat den Eindruck, ihr würden zwei Mumien entgegenstarren. Oh Mann. Das wird ein langer Tag.

»Ich bin Imogen Collins, Social-Media-Kampagnenmanagerin bei London Analytica. Ich erzähle Ihnen jetzt etwas über die Technik hinter unserer täglichen Arbeit – die Zaubertricks hinter der Magie, wenn man so will.«

Immer noch kein Lächeln, nicht mal eine Andeutung.

»In der Psychologie hat man erkannt, dass die Persönlichkeit des Menschen durch fünf voneinander unabhängige Dimensionen ausgeleuchtet werden kann: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Das sind die sogenannten Big Five – beziehungsweise die fünf Aspekte des Fünf-Faktoren-Modells, kurz FFM.«

Imogen kennt ihren Text Wort für Wort auswendig. Sie führt ihren Teil der Präsentation auf wie eine Schauspielerin, die eine selbstbewusste, aufstrebende junge Frau verkörpert, ausgestattet mit einer fast altmodischen Klugheit, aber dennoch mit dem Finger am Puls der Zeit. Manchmal hat sie das Gefühl, von früh bis spät als Figur auf einer Bühne durch ihr Leben zu laufen, in der Rolle der jungen Frau, die alles hat und der keiner etwas vormachen kann. Dabei hat sie keine Ahnung, was sie hier eigentlich tut, wohin sie will oder was sie an diesem Ort soll.

»Bis vor Kurzem hat sich zielgerichtete Werbung ausschließlich an demografischen Daten orientiert. Diese Praxis, ganze Marketingkampagnen an demografischen Kriterien auszurichten und etwa alle Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts mit ein und derselben Botschaft anzusprechen, ist jedoch schlicht lächerlich.

Im Gegensatz zu den meisten Werbeagenturen, die sich zur Vermittlung der Botschaften ihrer Kunden immer noch der Demografie bedienen, setzen wir auf Psychometrie.

Wir von London Analytica haben anhand des FFM ein einzigartiges Modell zur Berechnung der Persönlichkeit fast jedes einzelnen Verbrauchers im Vereinigten Königreich entwickelt. Wir kennen die Träume und Hoffnungen, die Ängste und Bedürfnisse der Menschen und können ihr mutmaßliches Verhalten voraussagen. Also …«

Imogen legt eine Atempause ein. Nur eine kurze, sie will den Vortrag schnell hinter sich bringen. »Jetzt stellen Sie sich wahrscheinlich zwei Fragen: Wie? Und wieso?

Beginnen wir mit dem Wie. Unser Modell basiert auf handfester wissenschaftlicher Forschung. Mithilfe von Big Data vermessen wir den digitalen Fußabdruck einer Person und schließen daraus auf deren Persönlichkeit. Aus simpelsten Handlungen im Internet kann man erstaunlich präzise Schlüsse ziehen: Bei männlichen Facebook-Nutzern ist ein Like für die Musikgruppe Wu-Tang Clan etwa ein sehr deutlicher Hinweis auf eine heterosexuelle Orientierung. Wer der Sängerin Lady Gaga folgt, besitzt höchstwahrscheinlich ein extrovertiertes Wesen, während Freunde der Philosophie eher introvertiert sind.«

So perplex, wie die beiden Kunden dreinschauen, haben sie noch nie vom Wu-Tang Clan oder von Lady Gaga gehört.

»Einzelne Informationen reichen nicht aus, um eine zuverlässige Aussage zu treffen. Durch die Kombination von zehn, Hunderten oder Tausenden von Informationen erhält man jedoch Ergebnisse von bemerkenswerter Qualität.

Wie sich herausgestellt hat, kann man eine Person allein auf der Grundlage von zehn Facebook-Likes besser einschätzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege. Bei 70 Likes schlägt man sich besser als die Freunde der betreffenden Person. Bei 150: besser als die Eltern. Bei 300: besser als der Partner oder die Partnerin. Bei noch mehr Likes kann man sogar das übertreffen, was die Person über sich selbst zu wissen glaubt.«

Einer der Anzugträger fängt an zu husten. Imogen muss um die Aufmerksamkeit ihres Publikums kämpfen. Aber sie hat ohnehin nur ein einziges Ass im Ärmel: noch mehr aufgesetzte Begeisterung.

»Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was das Vermessen der Persönlichkeit einzelner Personen mit Ihrem Geschäft zu tun haben soll – dem Verkauf von tiefgefrorenem Fisch. Ich sage es Ihnen: Alles!« Imogen merkt, dass sie in die schrille Stimmlage einer überdrehten Zeichentrickfigur verfallen ist. Aber was bleibt ihr anderes übrig?

»Und wieso? Weil sich das Verfahren umkehren lässt. Man kann nicht nur anhand von Datensätzen Persönlichkeitsprofile erstellen. Man kann auch in Datensätzen nach bestimmten Profilen suchen. Mithilfe des Modells, das wir hier bei London Analytica erarbeitet haben, können wir uns gezielt nach überlasteten Müttern mit Schlafmangel umschauen und diese mit einer Botschaft ansprechen: ›Das Abendessen von morgen ist kein Grund, heute schlecht zu schlafen.‹ Oder mit einer anderen Message auf introvertierte, fettleibige Männer abzielen: ›Schmeckt wie im Imbiss um die Ecke, nur bei dir zu Hause.‹«.

Der eine Kunde hustet wieder. Lauter diesmal. Sein dickes Gesicht färbt sich rötlich.

Imogen ist sich unsicher, wie sie reagieren soll. Sie entscheidet sich fürs Weitermachen. »Im Kern haben wir mit unserem Modell also eine Suchmaschine für Menschen entwickelt und die ermöglicht es –«

Der hustende Kunde hebt die Hand. »Entschuldigen Sie.« Noch ein Huster.

Imogen ist verstummt. Sie glaubt, er hat eine Frage. Hat er aber nicht. Beziehungsweise doch – aber es ist eine andere Frage, als sie erwartet hat.

»Wären Sie so lieb, mir ein Glas Wasser einzuschenken?«

Es ist, als würde sich die Welt um Imogen herum verlangsamen, als hätte sich das sogenannte Aquarium in ein echtes verwandelt. Sie will den Arm heben, kann ihn aber kaum bewegen. Ihr Gehirn befiehlt ihr, einen Schritt nach vorne zu machen, ihr Körper gehorcht aber nicht. Sie öffnet den Mund, hört aber keinen Ton. Sie ertrinkt.

Sie gibt sich Mühe, versucht, sich zu beruhigen. Die offensichtlich sündhaft teuren Mineralwasserflaschen – Voss Artesian Water – stehen direkt vor dem Kunden. Die Gläser ebenfalls. Er könnte ohne Weiteres zugreifen und sich selbst einschenken. Imogen ist keine Bedienung. Sie ist nicht zum Kaffeekochen bei London Analytica. Sie ist Social-Media-Kampagnenmanagerin, verdammt noch mal. Sie wurde nicht angestellt, um arroganten alten Säcken, die selbst zu faul dafür sind, ein Getränk zu kredenzen.

Der Konferenzraum rotiert vor ihren Augen. Oder ist es sie selbst, die sich dreht, gerät sie wieder in die Abwärtsspirale? Beruhig dich, Imogen. Es ist doch halb so wild. Er will doch nur ein Glas Wasser.

Alle starren sie an. Innerlich schäumt Ms Kendrick bestimmt schon.

Durch die Aquariumswände sieht Imogen, wie einige Kollegen das Großraumbüro verlassen. Mittagspause. Am Rand ihres Blickfelds entdeckt sie jemanden, der unmittelbar vor dem verglasten Konferenzraum stehen bleibt. Nur, um sie anzuglotzen, um nicht zu verpassen, wie sie sich zum Affen macht? Gucken die da draußen etwa alle zu und lachen sich kaputt? Weil sie sowieso der Meinung sind, dass Imogen nur wegen ihres Aussehens eingestellt wurde, wegen ihres langen dunklen Haars, ihrer schmalen Arme und ihres Dekolletés? Dass sie nie die nötigen Qualifikationen hatte und deshalb nur auf ganzer Linie versagen kann?

Hör auf damit, Imogen. Wie sie weiß, geht es hier längst nicht nur um den Kunden und seine Bitte um Wasser. Wie immer geht es um die E-Mail, um früher, um das Monster.

Kurz nach dem Öffnen der E-Mail ist ihr klar geworden, dass diese gar nicht für sie gedacht war.

Als sie die Stelle bei London Analytica bekommen hat, der heißesten Agentur für datengetriebenes Marketing weit und breit, hielt Imogen es für einen Wink des Schicksals, dass die Gründerin den gleichen Vornamen hat wie sie. Kein Zweifel, dieser Job war ihre Bestimmung, Teil eines großen göttlichen Plans. Es war die richtige Entscheidung, ihr Studium der Psychologie und Verhaltensforschung nach nur einem Jahr wieder abzubrechen. Es war die richtige Entscheidung, ihr Zuhause in Cambridge hinter sich zu lassen und mit drei Fremden in ein baufälliges Haus in London zu ziehen. Es war die richtige Entscheidung, den Plan aufzugeben, den sie ihr Leben lang verfolgt hatte, und, statt Kinderpsychologin zu werden, eine Karriere im Marketing anzustreben. Und als Influencerin zu arbeiten, um ihr Einkommen aufzubessern und ihren Namen bekannter zu machen, war auch die richtige Entscheidung.

Wie hätte sie ahnen können, dass sie 19 Jahre, nachdem ihre Eltern ihre neugeborene Tochter aus einer Laune heraus Imogen genannt hatten, nur wegen einer eigentlich bedeutungslosen Namensgleichheit plötzlich den Boden unter den Füßen verlieren sollte?

Die E-Mail war nicht für sie gedacht, sondern für ihre Chefin Imogen Kendrick.

Deren Stimme reißt Imogen jetzt aus ihrer Erstarrung. »Immie? Hast du den Herren nicht verstanden? Schenk ihm ein Glas Wasser ein.«

Mark springt auf. »Ich mache das schon«, sagt er und begibt sich auf den Weg zu dem Tablett mit den Gläsern und Wasserflaschen, obwohl er von allen Anwesenden am weitesten entfernt sitzt.

Imogen sieht zu, wie er den gesamten Tisch umrundet, bis er schließlich bei dem Kunden ankommt.

»Still oder mit Sprudel, Sir?«, fragt er.

»Mit Sprudel«, antwortet der Kunde. Inzwischen hustet er nicht mehr.

Mark greift an ihm vorbei, schraubt eine der zylinderförmigen Flaschen auf, füllt ein Glas und stellt es vor ihm auf den Tisch.

Der Kunde nimmt es in die Hand. »Danke.« Er drückt den Rand gegen seine dünnen Lippen. In seinen Mundwinkeln kleben weiße Speichelbläschen. Er schüttet das halbe Glas in sich hinein. Von der zischenden Kohlensäure tränen seine gelblichen Augen.

»Gern geschehen«, erwidert Mark und neigt den Kopf, eine fast schon übertrieben untertänige Geste.

Imogen fragt sich, ob das eine kleine Boshaftigkeit sein sollte – gegen den Mann, der zu wichtig ist, sich selbst ein Glas Wasser einzuschenken, oder gegen sie, weil sie ihm die Bitte verweigert hat? Auf dem weiten Rückweg zu seinem Platz gibt Mark ihr die Antwort: Am Tischende angekommen, sieht er Imogen an, verdreht die Augen und deutet mit einem leichten Nicken auf den Kunden, der gerade den letzten Schluck trinkt. Dann lächelt Mark sie an.

Sie hat einen Kloß im Hals.

Mark ist immer so nett zu ihr. Ganz im Gegensatz zu Ms Kendrick und den beiden anderen Mitgründern, die sie kaum wahrzunehmen scheinen. Wer so weit oben in der Befehlskette steht, hat offenbar Schwierigkeiten, Imogen auch nur zu sehen. Für die drei ist sie bloß ein Punkt in der Ferne. Aber Mark ist anders, er gesellt sich auch mal dazu, wenn die Angestellten in der kleinen Küche Kaffee trinken und den neuesten Büroklatsch austauschen. Er lacht mit ihnen, erzählt Witze, erträgt sogar den grausigen Instantkaffee, auf den man hier als Koffeinjunkie angewiesen ist. Ms Kendrick lässt sich zweimal am Tag einen Kaffee von Pret a Manger kommen.

An Imogens erstem Tag bei London Analytica sagte Mark ihr, dass sie ihn ruhig fragen könne, wenn sie etwas brauche. Ein paar Tage später konnte sie dann den Drucker nicht zum Laufen bringen. Sie war als junger Mensch mit Technikkenntnissen angeheuert worden, weil es davon in jeder Firma mindestens einen braucht, und jetzt war sie nicht in der Lage, ein einseitiges Dokument auszudrucken – peinlich. Doch Mark kam einfach vorbei und scherzte, der Drucker sei fast so alt, dass er noch mit Dampf betrieben werde, und die ordnungsgemäße Bedienung einer Dampfmaschine falle nun wirklich nicht in Imogens Aufgabenbereich.

Obwohl Mark immer so nett zu ihr ist, achtet Imogen genau darauf, seine Freundlichkeiten nicht zu erwidern. Sie ist nicht unhöflich, sie verhält sich nur professionell. Kein Lächeln, nie lachen oder scherzen. Diese Lektion hat das Monster sie gelehrt, unter anderem. Diese Narbe hat sie ihm zu verdanken, unter anderem. Sie kann das Gefühl nicht hinter sich lassen, dass sie irgendwie selbst schuld war. Dass sie neue männliche Bekannte nicht ermutigen sollte.

Ms Kendrick räuspert sich, ein geräuschvolles Abhusten von Schleim, das Imogen nur auf sich selbst beziehen kann. »Könntest du bitte fortfahren, Immie? Damit Mark noch dazu kommt, über die finanzielle Seite zu sprechen.«

Mark setzt sich. Nickt ihr aufmunternd zu.

Imogen öffnet den Mund, um ihren Vortrag fortzusetzen. Es kommt kein Laut heraus. Sie probiert es noch mal. Nichts.

Fische, hat sie mal gehört, atmen unter Wasser, indem sie es ins Maul ein- und durch die Kiemen wieder ausströmen lassen. So geht der Sauerstoff ins Blut über und gelangt in die Körperzellen. Wie sie so dasteht und ihren Mund öffnet und schließt, sich am Rande der Verzweiflung abquält, um die Worte irgendwie über die Lippen zu bekommen, sieht sie wahrscheinlich aus wie ein Fisch auf dem Trockenen, der noch für ein paar letzte Minuten nach Luft schnappt.

Imogen kann so nicht mehr leben.

Sie lässt die Fernbedienung für die PowerPoint-Präsentation fallen. Mit einem hohlen Aufprall landet sie auf dem Boden, das typische Klappern von Billigplastik auf edlem Massivholz.

»Imogen«, hört sie Ms Kendrick sagen, während sie den Menschen am Konferenztisch den Rücken zukehrt. Seit ihrem Vorstellungsgespräch hat Ms Kendrick sie nicht mehr so genannt. »Imogen, wir haben einen Zeitplan einzuhalten.«

Imogen stolpert dorthin, wo die Tür ungefähr sein müsste. Wo sie sich genau befindet, ist bei einer Wand aus Glas, Glas und noch mehr Glas nicht so leicht auszumachen.

»Tut mir leid«, murmelt sie und tastet ungeschickt nach dem Türknauf. Erwischt ihn, packt zu, spürt den kalten Stahl in ihrer Hand.

Sie dachte, sie hätte sich richtig entschieden. Dachte, es wäre ein Zeichen innerer Stärke, den Mund zu halten. Doch wann immer sie in der U-Bahn von irgendeinem Typen schweigend angegafft wird, wann immer sie einem alten Sack wie dem, der gegenüber am langen Tisch sitzt, einen Kaffee holen soll – oder ein Glas Wasser einschenken, egal – immer dann stürzt alles wieder auf sie ein.

Sie hat einen Fehler gemacht. Einen Riesenfehler.

Imogen reißt die Tür des Konferenzraums auf und flieht aus dem Aquarium.


Foto: Ein Foto eines Fotos, eines alten Schnappschusses von einer Frau, der flammend rotes Haar über die Schultern fällt und auf deren Gesicht ein Lächeln strahlt wie die Sonne. Im Arm hält sie ein Neugeborenes.

Filter: Time

Wünschenswerte Bildunterschriften …

Option 1: #liebe

Option 2: Du fehlst mir.

Option 3: Mutter und Tochter – die stärkste Verbindung.

Mögliche Bildunterschriften …

Option 1: Wenn ich mich doch nur daran erinnern könnte.

Option 2: Wenn ich doch nur behaupten könnte, du wärst mein Fels in der Brandung gewesen.

Option 3: Wenn ich doch nur niemals werde wie du. #sorrymum

Tatsächliche Bildunterschrift …

Es war einmal.

9


HANNAH

Ein Facebook-Freund von mir, ein Typ, den ich kaum kenne, der aber auf meine Schule geht – auf meine ehemalige Schule, muss man wohl sagen – hat gerade seinen Großvater verloren. In einem herzerwärmenden Post schildert er, was ihm sein Opa bedeutet hat, wie viel er von ihm gelernt hat und wie schlimm er ihn vermissen wird. Wenn ich so etwas lese, fühle ich mich wie eine Verräterin. Ich habe meiner Mum nie auf Social Media gedacht.

Wollte ich das nachholen, könnte ich in etwa schreiben: Ich habe gerade meine Mum verloren. Sie hinterlässt eine unvorstellbar große Lücke in meinem Leben. Seit sie nicht mehr da ist, fühle ich mich so leer.

Soweit würde alles der Wahrheit entsprechen. Wie es danach weitergehen soll, das wäre allerdings ein bisschen knifflig. Ich könnte schreiben: Meine Mutter war mein Fels in der Brandung, mein Vorbild, mein größter Fan. Das wäre gelogen.

Um bei der Wahrheit zu bleiben, müsste es ungefähr so weitergehen: Mit meiner Mum ist der Mittelpunkt meines Daseins verloren gegangen. Klingt doch schön, oder? Ja, das entspricht den Erwartungen. Das danach nicht unbedingt: Seit meinem zwölften Geburtstag habe ich mich um meine Mum gekümmert. Die meisten von euch haben keine Ahnung davon. Ich habe diesen Teil meines Lebens, so gut es ging, vor der Außenwelt versteckt. Und jetzt, wo Mum weg ist, weiß ich buchstäblich nichts mehr mit mir anzufangen. Was soll ich mit meiner Zeit anfangen, wenn ich nicht mehr für sie kochen, einmal am Tag mit ihr spazieren gehen oder ihr mitten in der Nacht ein Glas Wasser bringen muss, weil sie wieder brüllt, dass die Stimmen in ihrem Kopf aufhören sollen? Wenn ich nicht mehr ihre Klamotten waschen muss, damit sie, wenn sie aus dem Haus geht, nicht nach dem Alkohol stinkt, den sie sich im Suff über ihr Top gekippt hat? Wenn ich sie nicht mehr überreden muss, ihre Tabletten zu nehmen oder vom Dach runterzusteigen, statt zu springen?

Die Social Media wurden nicht erfunden, um andere Menschen am wahren Leben teilhaben zu lassen. Kein Mensch verfasst Twitter-Posts über seine Seelenqualen, kein Mensch berichtet auf Facebook von seinen tiefsten Leiden, kein Mensch lädt auf Instagram ein Foto von neulich hoch, als er zwei Stunden lang den Badezimmerboden schrubben musste, den seine Mum vollgeschissen hat, weil sie vor lauter Benebelung nicht mehr zur Toilette gefunden hatte.

Deshalb mache ich es so: Ich knipse ein Foto von dem gerahmten Foto von Mum und mir, das ich aus London mitgenommen habe, und stelle es auf Instagram. Das ist meine schönste Erinnerung an Mum. Streng genommen kann es keine richtige Erinnerung sein – auf dem Foto bin ich nur ein paar Tage alt und wer erinnert sich schon an seine ersten paar Tage. Aber ich gönne es mir, trotzdem so zu tun, denn manchmal macht sich im Leben einfach so viel Realität breit, dass man nur noch mit ein bisschen Selbsttäuschung durchkommt.

Es ist sieben Uhr früh. Ich sollte mich fertig machen, liege aber noch im Bett. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten habe ich geschlafen wie ein Stein. In meinem ganzen Leben habe ich nie in einem gemütlicheren Bett gelegen als hier in Dads Gästezimmer, auf der Matratze mit Visco-Schaum und unter der mollig warmen, aber federleichten Decke aus isländischen Eiderdaunen.

Bei meinen Besuchen übernachte ich immer im Gästezimmer. Es ist ein kleiner Raum mit Bett, schmaler Kommode und winzigem Flachbildfernseher. Diesmal hat Dad, oder wahrscheinlich war es Rósa, aber versucht, ein bisschen Leben reinzubringen. Auf der Kommode stehen neuerdings zwei Teelichthalter aus moosgrünem Glas. Auf dem Bett lag eine Tagesdecke. Über dem Fernseher hängt jetzt ein gerahmter Kunstdruck von den Mumins.

Es ist schön geworden, das muss ich zugeben. Es sieht nicht mehr unbedingt nach Gästezimmer aus, sondern mehr nach einem Zimmer, in dem jemand auf Dauer wohnt.

Auf Dauer. Der Gedanke trifft mich wie ein Faustschlag, der die Panik wellenartig durch meinen Körper schwappen lässt und mich so aus meinem friedlichen Halbschlaf reißt. Zum ersten Mal wird mir wirklich klar: Hier bin ich jetzt zu Hause.

Ich kann hören, wie Dad, Rósa und die Zwillinge ein Stockwerk höher Frühstück machen. Es wird in einer Pfanne gekratzt, es wird mit Besteck geklappert und gelacht. Es riecht nach Speck. Ein heimeliges Bombardement der Sinne, von dem ich mich irgendwie in die Defensive gedrängt fühle. In meinem alten Leben habe ich normalerweise bloß eine Schüssel Frühstücksflocken heruntergeschlungen, bevor ich zur Schule aufgebrochen bin, während Granny Jo ihren Kaffee meistens erst unterwegs getrunken hat. Meine Mum ist nur selten vor zwölf aus dem Bett gekommen.

Andererseits glaube ich kaum, dass in diesem Haus immer so ausgiebig gefrühstückt wird. Da oben laufen die Vorbereitungen für meine Willkommensparty. Die soll um 7.30 Uhr steigen. Im Wochenablauf der Familie, der mit Arbeit, Schule und den überaus zahlreichen außerschulischen Aktivitäten der Zwillinge vollgestopft ist, hat sich kein anderes Zeitfenster finden lassen.

Ich stehe auf, ziehe mich an und gehe um Punkt 7.30 Uhr hoch zur Küche. Zunächst bemerken mich die anderen nicht und von der Tür aus verschaffe ich mir einen Überblick. Rósa steht vor der lärmenden KitchenAid-Küchenmaschine, die kaum in Betrieb ist, aber als Ausdruck von Rósas Gespür für modernes Design stets auf der Arbeitsplatte thront. Dad platziert Erdbeeren in einer Glasschale mit breitem Stiel, einer Art Pokal. Ich erkenne, dass es sich um ein Produkt von Iittala handelt. Von dieser Designer-Glasschmiede ist Rósa derart begeistert, dass man das Haus fast mit deren Fertigungshalle verwechseln könnte. Jede Wette, dass die Teelichthalter in meinem Zimmer ebenfalls von Iittala sind.

Die Zwillinge sitzen jeweils mit einem iPad in der Hand am Küchentisch. Und Alda ist auch da. Mein Herz macht einen Hüpfer. Endlich ein freundliches Gesicht. Alda ist Dads große Schwester und soweit ich es beurteilen kann, können sich die beiden nicht ausstehen. Vielleicht sind Mum und Alda deswegen trotz allem immer so gut miteinander ausgekommen.

Alda, die bisher Zeitung gelesen hat, sieht hoch und bei meinem Anblick breitet sich auf ihrem komplett ungeschminkten Gesicht ein Strahlen aus.

»Hey!«, ruft sie und springt auf. »Schaut mal, wer aufgewacht ist!«

Sie stürmt auf mich zu und drückt mich so fest, dass ich definitiv eine Rippe krachen höre. Dabei haben wir uns erst vor ein paar Wochen gesehen. Aus Dads Familie ist nur Alda bei Mums Einäscherung aufgetaucht.

»Wie geht es dir?«

Ich zucke bloß mit den Schultern. Das ist leichter, als zu antworten: Meine Mum ist gerade gestorben und jetzt soll ich ausgerechnet hier am Abgrund der Hölle leben, aber ansonsten ist alles supi.

»Morgen, Hannah«, sagt Rósa, stellt die Küchenmaschine ab und dreht sich zu mir, ein gequältes Lächeln auf den Lippen. So lächelt man einen Wildfremden an, den man dabei ertappt, wie er einen auf der Straße anstarrt, damit er einen bloß nicht auch noch anspricht, sondern schön abhaut.

Alda wendet sich an die Zwillinge. »Und, wie findet ihr es, dass eure große Schwester jetzt endlich bei euch wohnt?«

Die Zwillinge machen sich nicht mal die Mühe, von ihren iPads aufzublicken, aber das sollte ich wohl nicht auf mich beziehen. Sie sind zwölf. Ísabella und Gabríel. Heimlich nenne ich sie Wednesday und Pugsley, denn sie sehen aus wie die Kinder aus der Addams Family, nur in blond. Schon als die beiden richtig klein waren, habe ich mich von ihnen immer ein bisschen eingeschüchtert gefühlt.

»Ihr könnt froh sein, dass ihr jetzt eine große Schwester habt, die auf euch aufpasst«, fügt Alda hinzu, obwohl die Zwillinge ihr allem Anschein nach nicht zuhören. »So wie ich auf euren Dad aufpasse. Jeder braucht eine große Schwester.«

Dad schnaubt. »Behauptest du.«

Alda ignoriert ihn.

Er stellt die Schale mit den Erdbeeren auf den Küchentisch. Dessen Oberfläche glänzt so weiß, dass es fast in den Augen wehtut. Das Zuhause von Dad und Rósa besteht praktisch nur aus weiß glänzenden Flächen, klaren Linien und Chrom. Der pure Minimalismus. Man fühlt sich eher wie in einem Ausstellungsraum als wie in einem Haus, in dem echte Menschen wohnen.

Dad sieht mich an. »Willst du so ins Büro gehen?«

Ich trage ein weißes T-Shirt, eine Lederjacke und eine Skinny-Jeans. In der Talkshow auf BBC habe ich neulich eine Journalistin in einem ähnlichen Outfit gesehen. Cooler Look, fand ich.

»Und diese violette Strähne in deinen Haaren …«, setzt Dad erneut an. »Rósa hat gesagt, sie nimmt dich gerne zu ihrem Friseur mit, um das in Ordnung bringen zu lassen.«

Jedes Mal, wenn ich Mut fasse und mir sage Hey, so schlimm wird es schon nicht werden, haut Dad so einen Spruch raus. Am liebsten würde ich ihn anschreien, aber nicht vor den Zwillingen.

»Dir ist schon klar, dass die Strähne Absicht ist?« Ich zwinge mich zu lächeln. »Ich war ja nicht eines Tages spazieren und plötzlich hat mir eine Taube eine Ladung Intensivtönung auf den Kopf gekackt, die zufällig zu einem Streifen verlaufen ist.«

Das tut Dad ständig. Dauernd mäkelt er an meinem Aussehen herum. Er spricht es nicht direkt aus, macht aber abfällige Bemerkungen oder mustert mich mit einem Ausdruck stillen Grauens.

»Ganz wie du willst.« Damit wendet er sich ab, um die übrigen Speisen aufzutragen, als wäre das alles keine große Sache, als hätte ich auf einen harmlosen Vorschlag vollkommen überreagiert.

Die violette Strähne hat mit meiner Suche nach mir selbst zu tun, genauer gesagt mit der Suche nach meinem eigenen Stil. In den letzten paar Jahren habe ich bewusst verschiedene Richtungen ausprobiert. Die erste war ein harter Beinahe-Gothic-Look. Ich färbte mir die Haare schwarz und malte mir immer, also wirklich immer, die Lippen rot. Dann kam der Nerd-Look. Ich holte mir eine runde Fensterglasbrille von Topshop und zog einen karierten Rock und Kniestrümpfe an. Danach probierte ich etwas aus, das ich inzwischen »Clown-Look« nenne. Die Idee hatte ich von ein paar Leuten auf Instagram. Sie trugen einen Mischmasch aus Klamotten, der streng genommen überhaupt nicht zusammenpasste, aber insgesamt trotzdem ein fantastisches Outfit für Augenblicke ergab, in denen man lässig an Straßenecken posierte, egal ob auf Fotos in den Social Media oder im Now Magazine. Wenn man aber auf dem Bahnsteig stand und auf die nächste U-Bahn wartete, machte man sich mit diesem Look einfach nur lächerlich.

Dad kehrt mit einem riesigen, mit Rührei und Räucherlachs beladenen Servierteller zum Tisch zurück.

»Setzt euch doch.« Er stellt den Teller ab. »Ich habe bei der Arbeit angerufen und Bescheid gesagt, dass Hannah und ich eine Stunde später kommen.«

Wow. Er gibt sich wirklich Mühe und das ist nicht ironisch gemeint. Dads Job ist sein Ein und Alles. Für ihn ist es ein großes Opfer, eine Stunde Arbeitszeit aufzugeben, höchstens vergleichbar mit einer Organspende. Dads und Rósas Streits drehen sich immer um seine Arbeit. Er ist nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause gekommen. Sie hat extra einen Babysitter besorgt, aber sie haben trotzdem die Aufführung von Mahlers Zweiter im Harpa-Konzerthaus verpasst (Dad hasst klassische Musik und ich habe den Verdacht, dass Rósa auch nicht viel davon hat, doch sie besteht darauf, jeden zweiten Monat dem Isländischen Sinfonieorchester zu lauschen, denn wer kultiviert und wichtig erscheinen will, trifft dort auf andere Leute, die kultiviert und wichtig erscheinen wollen).

Ich setze mich neben Ísabella, die immer noch gebannt in ihr iPad glotzt. Alda nimmt gegenüber von mir Platz. Dad trägt immer mehr Essbares auf: Schweineleberpastete, Brotaufstrich aus Lammfleisch, Speck, Skyr mit Blaubeeren, Müsli. Auf isländischen Partys muss es immer zehnmal so viel geben, wie es braucht, um alle Gäste satt zu bekommen.

»Und, Alda, findest du, ich sollte Rósas Angebot annehmen und sie zu ihrem Friseur begleiten?« Um Dads große Geste zu würdigen, schlage ich einen versöhnlichen, fröhlichen Ton an.

Alda zuckt nur mit den Schultern. »Mach ruhig. Oder auch nicht. Ist egal.« Wenn man sich den struppigen grauen Haarwust, der ihr vom Kopf bis zur Hüfte hängt, ihre senffarbene Strickweste und ihre knittrige Bluse so ansieht, war sie wahrscheinlich in ihrem ganzen Leben noch nie beim Friseur oder in einem Geschäft, in dem kein Second-Hand-Kram für den guten Zweck verkauft wird.

»Ich meine, ich will ja hier reinpassen.« Was ich zur Hälfte ehrlich meine, was zur anderen Hälfte aber Dads unbedingten Willen zur Konformität befriedigen soll. »Vielleicht sollte ich das Ganze als Chance sehen, mich neu zu erfinden. Hier kennt mich niemand. Ich kann sein, wer ich will.«

Alda stöhnt auf. »Warum sind die jungen Leute von heute alle so besessen davon, wer sie sind? Statt immer irgendwer sein zu wollen, könntest du doch einfach mal nur sein. Lass deine verschiedenen Ichs durch dich fließen. Lass sie nacheinander zum Vorschein kommen, von alleine, ganz natürlich, wenn ihnen danach ist. Du darfst nicht ständig versuchen, irgendwer zu sein. Du musst lernen, niemand zu sein, das ist die Kunst.«

Alda greift nach der braunen Lederaktentasche auf dem Boden. Die hat sie, seit ich denken kann, und wüsste ich es nicht besser, würde ich ihr unterstellen, damit ihren Status signalisieren zu wollen: Professorin der Geschichte an der Universität Island. Aber natürlich hat sie sich die Tasche ohne Hintergedanken ausgesucht. Für Alda haben Äußerlichkeiten, wie Kleidung und Accessoires, keine Bedeutung.

Aus einem silbernen Etui nimmt sie eine Zigarette und steckt sie zwischen die Lippen. Sie kommt aber nicht dazu, sie anzuzünden – Dad schreitet ein.

»Wie oft denn noch? Bei uns wird nicht geraucht.«

»Ist ja gut.«

Dad trägt die Schlagsahne, die Rósa vorhin gemacht hat, zum Tisch. »Dass du überhaupt noch rauchst! Hast du nicht mitbekommen, welches Jahrhundert wir haben? Hat dir niemand gesagt, dass man daran sterben kann?«

Alda zieht eine Grimasse. »Du redest wie Dad.«

»Woher willst du wissen, wie Dad heutzutage redet? Wann hast du unsere Eltern das letzte Mal besucht?«

»Halt’s Maul, Eiríkur.«

Mein Körper verkrampft sich. Völlig grundlos, wie ich weiß. Das ist noch gar nichts. Das ist ein ganz normales Gespräch zwischen Dad und Alda. Und trotzdem ist da dieses Gefühl, weil ich bin, wo ich bin, und wegen der Erinnerung an das ewige Geschrei zwischen meinen Eltern, als ihre Liebe zu Ende ging und Mum und ich von hier wegzogen, von Island zurück nach London, ich mit meinen vier Jahren.

Ich muss der angespannten Atmosphäre entkommen. Als Vorwand schnappe ich mir ein leeres Glas vom gedeckten Tisch und stehe auf.

»Ich brauche was zu trinken.«

Ich gehe zum Wasserhahn und hole mir etwas. Doch auf dem Rückweg rutscht mir das elegant geformte Glas irgendwie durch die Finger und landet auf dem Boden, wo es mit einem Knall in eine Million Stückchen zerschellt.

Jetzt habe ich meinen Willen: Es wird still. Alle sehen mich an. Dad, Alda, Rósa, die vor der Kaffeemaschine steht, einen Löffel frisch gemahlenen Kaffee in der knapp über dem Filterhalter erstarrten Hand. Sogar die Zwillinge blicken von ihren iPads auf.

»Tut mir leid, es tut mir so leid.« Überall auf dem grob gemaserten Parkettboden aus hübscher Weißeiche haben sich Wasser und Scherben verteilt. Gebückt klaube ich die ersten Teile mit spitzen Fingern auf und lege sie in meine Handfläche.

»Nicht!« Rósa eilt zu mir. »Du schneidest dich noch.« Sie dreht meine Hand herum, das aufgesammelte Glas fällt wieder herunter. »Ich hole den Staubsauger.«

Ich weiß, was sie alle denken: Das ist der Fluch.

Ich kenne die Symptome: Halluzinationen, Selbsttäuschung, Verwirrtheit, Rückzug aus dem sozialen Umfeld, Antriebslosigkeit, irrationales Denken, Wahnvorstellungen, Stimmen im Kopf. Ich kenne die Fakten und Statistiken: Im späten Jugend- und frühen Erwachsenenalter liegt die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs des Fluchs am höchsten. Bei 40 Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen, die vom Fluch betroffen sind, tritt er noch vor dem 19. Geburtstag in Erscheinung. Und über die Ursachen weiß ich ebenfalls Bescheid: Der Fluch kann sowohl vererbt als auch durch Umweltbedingungen begünstigt werden.

Doch ich kann noch so lange recherchieren – ob ich verflucht bin oder nicht, werde ich so nicht herausfinden.

Als ich vom Highbury College geflogen bin, hat Dad es zwar nicht laut gesagt, aber er hat es ohne Zweifel gedacht: Es ist so weit. Es geht los. Der Schule verwiesen zu werden, genau so ein Desaster wäre auch Mum zuzutrauen gewesen.

Dass Mum so spontan und sprunghaft war, dass man bei ihr immer mit allem rechnen musste, das hatte Dad so gut gefallen, als sie sich kennengelernt hatten. Später jagte sie ihm deswegen Angst ein. Noch später hasste er sie deswegen. So hat Granny Jo es mir zumindest geschildert.

Rósa kehrt mit dem Staubsauger zurück.

Ich starre auf die Glasscherben in der Wasserpfütze. Sie sehen aus wie Eisschollen auf einem weiten Meer. Auch Tollpatschigkeit ist ein erstes Anzeichen des Fluchs.

Mit einem riesigen Knäuel Küchenpapier wischt Rósa das Wasser auf.

Dad streckt die Hand nach dem Radio am Tischende aus, schaltet es ein.

»Dad«, sagt Ísabella mit nöliger Stimme, »kannst du mir das neue iPhone kaufen? Sandra hat das neue iPhone schon und Guðrún auch.«

Gabriel fischt eine Erdbeere aus der Glasschale mit Stiel. »Wenn Ísabella ein neues Handy kriegt, will ich ein neues Fahrrad.«

»Schhhh!« Zischend zeigt Dad auf das Radio. Es ist acht Uhr, die Nachrichten fangen an. Wenn Dad Nachrichten hört, wird nicht gesprochen.

Mein Hals schnürt sich zu. Von der merkwürdigen Geruchsmixtur aus süßen Erdbeeren und rauchigem, ein bisschen angebranntem Speck wird mir übel. Ein leichtes Brennen in meiner rechten Handfläche. Ich öffne die Hand. Sie blutet. Ich habe mich an einer Scherbe geschnitten.

Dad dreht das Radio auf. Es dröhnt, als hätte er mir eine Bohrmaschine an den Kopf gesetzt. »Premierminister Sigmundur Benediktsson hat auf Vorwürfe reagiert, seine Familie habe versucht, ein Millionenvermögen auf Offshore-Konten zu verschieben.« Wieso muss Dad die Nachrichten immer in maximaler Lautstärke hören?

»Weiter zu den Meldungen aus aller Welt«, brüllt der Nachrichtensprecher oder so kommt es jedenfalls bei mir an. »Vom militärischen Nachrichtendienst Großbritanniens konnte ein russischer Cyberangriff auf das britische Ministerium für Gesundheit und Soziales verhindert werden.«

Ich muss definitiv möglichst schnell hier raus. Ich gehe auf mein Zimmer. Doch als ich mich gerade auf dem Absatz umgedreht habe, verstummt der Sprecher. Erst nach einer kurzen Pause geht es weiter.

»Es gibt neue Erkenntnisse zu dem Toten, der gestern in einer Felsspalte in Hvassahraun aufgefunden wurde.«

In der Küchentür bleibe ich stehen. Ein Toter in Hvassahraun? Da sind wir auf der Fahrt vom Flughafen vorbeigekommen, an dem Lavafeld.

»Die Leiche wurde inzwischen identifiziert. Es handelt sich um den 42-jährigen Mörður Pórðarson.«

»Nicht zu glauben!«, platzt Alda heraus. »Den kenne ich. Er arbeitet auch an der Universität. Hat ein eigenes Forschungslabor, das heißt DataPsych oder irgend so was Albernes.«

»Schhhh«, macht Dad.

Der Nachrichtensprecher fährt fort. »Pórðarson lebte in Reykjavík. Er hinterlässt seine Ehefrau und zwei kleine Kinder. Die Polizei zieht die Möglichkeit in Betracht, dass es sich nicht um einen natürlichen Tod gehandelt haben könnte.« Noch eine Pause. »Und nun zum Wetter.«

Ich gehe zum Küchentisch und setze mich wieder hin. Das heißt doch, es war Mord, oder? Wieso sollte man sonst diese »Möglichkeit in Betracht ziehen«?

Der Gestank des angekokelten Specks und das Dröhnen des Radios stören mich nicht mehr. Ich achte nicht mehr darauf, wie verbissen Alda ihr Nikotinkaugummi bearbeitet, ich blende das Gezänk der Zwillinge aus. Es ist, als hätte ich einen Krimi aufgeschlagen: Um mich von meinen eigenen Sorgen abzulenken, versuche ich, Zusammenhänge herzustellen und der Wahrheit näherzukommen, bis der Mörder entlarvt ist, und begrabe so mein Leid unter dem Leid anderer.


Foto: Auf einer abgenutzten Tischplatte steht ein leeres Whiskyglas.

Filter: Gingham

Bildunterschrift: Wenn dir das Leben Zitronen gibt … dann bestell dir besser einen Whisky Sour.

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Wie die Bildunterschrift hätte lauten sollen …

Option 1: Auf meinem ersten Instagram-Foto überhaupt war ein Pint Bier zu sehen, das ich in der Union Bar in Cambridge getrunken habe. Das Bier war lauwarm und der Tisch, an dem ich mit lauter anderen Erstsemestern saß, war alt und wackelig. Aber es war ein Gefühl, so frisch wie die ersten Blätter im Frühling. Obwohl ich nur zwanzig Follower hatte, ploppte schon Sekunden nach dem Posten des Fotos mein erstes Instagram-Like auf. Als die Benachrichtigung mit dem kleinen roten Herz aufleuchtete, spürte ich ein angenehmes Kribbeln in meinem eigenen Herzen. Ich wurde gesehen. Ich wurde gehört. Durch diese Anerkennung von außen wirkte der Moment irgendwie größer. Er hatte Bedeutung. Er war fast realer. Schon diese allererste Dosis Insta-Liebe machte mich abhängig.

Option 2: Bin ich süchtig nach Bestätigung durch Menschen, die ich nicht kenne?

Option 3: Oder geht es mir nur ums Geld?


IMOGEN

Mit jedem tiefen Schluck Whisky Sour wächst Imogens Überzeugung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sie wird die E-Mail einfach löschen und so tun, als hätte sie sie nie bekommen. Das Ganze ist nicht ihr Problem. Als sie zur Zielscheibe wurde, ist ihr auch niemand zur Hilfe geeilt. Wieso sollte sie für Menschen, die sie überhaupt nicht kennt, alles aufs Spiel setzen?

Imogen sitzt an einem wackeligen Tisch im Freud, einer Cocktailbar in einem bunkerartigen Keller in der Shaftesbury Avenue, ein Stück unterhalb des Bürgersteigs. Sie ignoriert die Sonne, die draußen scheint, und wartet auf Callum. Fast hätte sie das Date abgesagt, dann ist sie doch lieber schon früher gekommen, um sich vorab ein paar Drinks zu genehmigen. Sie muss Mut fassen und ihren schrecklichen Arbeitstag vergessen.

Nach dem Meeting hatte Ms Kendrick sie aufgesucht. »In mein Büro. Jetzt.«

Kaum hatte Imogen die Tür hinter sich geschlossen, brüllte ihre Chefin los. »Was zur Hölle sollte das?«

Imogen murmelte irgendetwas von wegen plötzlichem Unwohlsein. »Ich muss was Falsches gegessen haben«, fügte sie hinzu.

»Du bist doch bitte nicht schwanger?«, keifte Ms Kendrick.

Das war ein Schock für Imogen. Für wen hielt die sich? Für ihre Mutter? Durfte sie als Vorgesetzte überhaupt eine solche Frage stellen?

Imogen schwieg. Dass sie schwanger war, konnte sie ausschließen. Doch es ging ihre Chefin nichts an, wie es in ihrer Gebärmutter aussah.

Es war Ms Kendrick, die das unangenehme Schweigen schließlich brach.

»Ich will stark hoffen, dass sich das nicht wiederholt«, sagte sie und schickte Imogen zurück an ihren Schreibtisch.

Am späteren Nachmittag kam Mark vorbei.

»Mach dir keine Gedanken wegen des Meetings«, sagte er mit einem wegwerfenden Schulterzucken. »Jeder verkrampft mal. Und die beiden waren solche Arschlöcher.«

Imogen machte sich aber Gedanken. Sie durfte ihren Job nicht verlieren. Ihr Job bedeutete ihr alles. Nur wegen ihres Jobs stand sie jeden Morgen auf. Ihr Job war echt, viel realer als ihre Influencer-Karriere, die ihr irgendwie immer vorkam, als würde sie nur so tun als ob. Ihr Job war das Fundament ihres Selbstwertgefühls, die Grundlage ihrer Selbstachtung. Wenn sie ihre Arbeitskleidung anlegte, eine Bluse, vielleicht einen Blazer und zum Büro lief, spürte sie so etwas wie innere Würde. Und wenn sie in einem Meeting eine gute Präsentation vor den anderen gab, also nicht wie heute, dachte sie sich manchmal sogar: Vielleicht lag er falsch. Vielleicht bin ich doch keine dumme, wertlose Schlampe, die zu nichts zu gebrauchen ist.

Imogen schießt ein Foto von ihrem – inzwischen so gut wie leeren – Glas auf der abgenutzten Tischplatte. Darunter blättert die schwarze Farbe vom Holz ab. Eine gelungene Aufnahme. Irgendwie künstlerisch. Sie geht auf Instagram und postet sie mit der Unterschrift: »Wenn dir das Leben Zitronen gibt … dann bestell dir einen Whisky Sour.«

Dann scrollt sie durch ihre eigenen Beiträge. Fotos von ihr selbst, wie sie in diversen Outfits posiert, wie sie Accessoires zur Schau trägt, weil sie dafür bezahlt wurde, Bücher in der Hand hält, die sie nie gelesen hat, in Restaurants auf attraktive Speisen deutet, die sie nie bestellt hat, und etliche Fotos von Imogen mit ihrer Mitbewohnerin Anna und den Jungs. Die älteren Schnappschüsse wirken verspielter: Bäume, Blumen, ein Bild von ihren schlammverschmierten Gummistiefeln. Die hatte sie noch zum Spaß gepostet und nicht für Geld.

Während sie diese gefilterte Version ihrer letzten paar Jahre überfliegt, stolpert Imogen über ein Foto von sich selbst, wie sie sich vor dem Büro von London Analytica in Pose wirft. Anna hat es geschossen, an Imogens erstem Arbeitstag. Sie erinnert sich noch an ihre Aufregung, so glücklich war sie seit ihrem Abschied von der Uni nicht mehr gewesen. Diese Freude, das weiß sie, war echt. Sie spiegelt sich auf dem Foto wider. Von den anderen erkennt es niemand, aber Imogen kann ihr echtes Lächeln von ihrem Fake-Lächeln unterscheiden.

Imogen wirft einen Blick auf die Uhr. Es ist sieben. Als sie wieder hochschaut, schiebt Callum sich gerade durch die Eingangstür der Bar.

Bis jetzt ist er Imogen immer nur im Sportoutfit, völlig verschwitzt und ausgepowert begegnet. Sie wusste nicht, was sie zu erwarten hatte, aber er sieht gut aus. Sein kastanienbraunes Haar hat er nach hinten gekämmt, das Gesicht ist glatt rasiert. Er trägt hellgrüne Chinos, Slipper aus braunem Wildleder und ein weißes Polohemd von Ralph Lauren. Ob er vielleicht doch Imogens Typ ist?

Da fällt ihr Blick auf das Tribal-Tattoo, das unter seinem Hemdärmel hervorlugt, und sie erinnert sich an die monumentale Drachentätowierung auf seinem ganzen rechten Bein. Sie erinnert sich, dass er als Barkeeper jobbt, dass er nie studiert und vermutlich kein einziges A-Level zustande gebracht hat, dass er … Hör auf damit, Imogen. Wenn sie so ist, kann sie sich selbst nicht leiden – wenn sie zu ihrer Mutter wird, zu einem überheblichen Snob.

Callum hat sie entdeckt. Er lächelt. Er hat ein schönes Lächeln. Und sehr weiße Zähne. Vielleicht ein wenig zu weiß, Bachelor-weiß. Hör auf damit, Imogen.

Imogen steht auf. Das nervt sie bei jedem Date: die Begrüßung. Wie soll man es anstellen, mit einer Umarmung oder einem flüchtigen Wangenkuss? Und wenn man sich für Letzteres entscheidet, küsst man einmal oder zweimal?

Je näher Callum dem Tisch kommt, desto verzweifelter wird sie. Jeden Moment ist er da. Was tun? Umarmen? Küsschen geben? Umarmen? Küsschen geben?

Imogen kann sich nicht rühren. Ihre Unfähigkeit, sich zu entscheiden, lässt sie versteinern.

»Wie geht’s?«, fragt Callum und legt ihr eine Hand auf die Schulter.

Alle Zeichen stehen auf Küsschen. Wollte er sie umarmen, hätte er sie bestimmt mit beiden Händen an den Schultern gefasst. Oder? Sie lehnt sich nach vorne, macht einen Kussmund und visiert seine rechte Wange an.

Aus irgendwelchen Gründen blickt sie ihm auf einmal frontal ins Gesicht. Was macht er da? Zielt er etwa auf ihre linke Wange? Wer fängt denn mit der linken Wange an? Genauso gut könnte man jemandem die linke Hand schütteln. Das tut man einfach nicht.

Am Ende prallen ihre Gesichter irgendwie aufeinander, während sie sich jeweils ein unbeholfenes Küsschen auf den Mundwinkel drücken.

Ach du Scheiße. Wenn das nicht die schlimmste Begrüßung der Menschheitsgeschichte war. Imogen spürt, wie ihr das Blut in die Wangen schießt. Auch Callum wird ein bisschen rot.

»Also«, sagt er und klatscht in die Hände, als wollte er den peinlichen Moment schnell abhaken. »Was kann ich dir bringen? Ich habe gehört, der Daiquiri hier haut richtig rein.«

Imogen schaut auf ihr Glas. Es ist praktisch leer. Das heißt, sie hat schon zwei Cocktails getrunken. Noch einer wäre keine gute Idee. Doch dann denkt sie wieder daran, was für ein Tag hinter ihr liegt.

»Daiquiri hört sich super an.«

Als Callum an der Theke auf die Bedienung wartet, mustert Imogen ihn von hinten. Kann sein, dass die beiden Whisky Sours dabei eine Rolle spielen, aber sie findet ihn absolut umwerfend. Er ist groß, selbstbewusst und hat breite Schultern. Sollte er auch, so oft wie sie ihn im Fitnessstudio an der Schulterpresse gesehen hat.

Callum dreht sich um. In den Händen hält er jeweils ein Cocktailglas, zwischen den Zähnen eine Chipstüte.

Whisky hin oder her, er ist umwerfend. Und Imogen hat dummerweise immer noch die verschwitzte Bluse von der Arbeit an. Zu blöd, dass sie nicht mehr dazu gekommen ist, sich umzuziehen.

Irgendwie transportiert Callum die Gläser zum Tisch, ohne etwas zu verschütten, und stellt eines vor Imogen. Ein gelblicher, nach Zitrone duftender Drink. Imogen hat keine Ahnung, woraus sich ein Daiquiri zusammensetzt, und es ist ihr egal. Alkohol ist Alkohol. Mit jedem kleinen Schluck versinkt der schreckliche Tag tiefer im Nebel der Gleichgültigkeit.

»Schön, dich mal woanders als im Studio zu sehen«, sagt Callum und nimmt gegenüber von ihr Platz.

»Geht mir genauso«, antwortet Imogen. »Cheers.« Sie hebt das Glas und nippt am Cocktail. Er ist zugleich süß und sauer und der Alkohol – wahrscheinlich Rum – brennt in der Kehle. Ein Gefühl der Wärme macht sich in ihr breit, vom Gaumen bis in ihre Seele.

»Okay, Callum.« Imogen nimmt eine entspanntere Haltung an. Hoffentlich merkt er es nicht, aber für sie ist das hier ein großer Schritt: ihr erstes Date seit der Sache mit dem Monster. Sie trinkt noch einen Schluck Daiquiri. Gut, dass sie die Verabredung nicht abgesagt hat. »Erzähl ein bisschen was von dir. Ich weiß so gut wie nichts über dich, außer dass du gerne Fitness machst.«

Callums wundervolles Lächeln lässt den ganzen Raum aufleuchten – oder liegt es nur an den Zähnen? Hör auf damit.

»Ich bin in Reading aufgewachsen. Einzelkind. Meine Mum ist Musiklehrerin, mein Dad Softwareentwickler. Vor zwei Jahren bin ich dann nach London gezogen.«

»Nach dem GCSE?«

»Nein.«

»Nach den A-Levels?«

»Nein. Nach der Uni.«

Hat er also doch studiert.

»Ich habe an der Bath Spa Kunst studiert. Jetzt habe ich ein kleines Atelier in Hackney und verkaufe auf unabhängigen Kunstmessen meine Bilder. Die Rechnungen kann ich davon aber nicht bezahlen, daher der Barkeeper-Job und der im Tattooladen.«

Imogen lehnt sich zurück. »Wie alt bist du eigentlich?«

»23. Und du?«

»19.«

»Ich dachte, du bist älter.«

»Na, vielen Dank auch.«

»So war das nicht gemeint.« Wieder wird Callum rot. »Du wirkst so …« Er denkt länger über seine nächsten Worte nach. Anscheinend hat er begriffen, dass er sich in die Klemme manövriert hat. »Ich weiß nicht, so … so weise.«

»Weise!?«

»Okay, das war vielleicht das falsche Wort. So eigenständig. So souverän. Als wüsstest du genau, was du tust und wohin du willst. Ergibt das irgendeinen Sinn?«

Imogen lacht schallend auf. »Vielen Dank für das Kompliment, das hört man gerne. Aber ich will dir auch eins machen: Du wirkst keinen Tag älter als 21.«

»Autsch. Und ich hatte extra meinen weltgewandten Erwachsenenlook ausgepackt …«

»Dann sind wir jetzt wohl quitt.«

Callum stützt die Ellenbogen auf den Tisch. Das schelmische Blitzen in seinen Augen gefällt Imogen sehr – man hat den Eindruck, er nimmt das Leben nicht allzu ernst. Genau das braucht sie im Moment.

»Und bei dir?«, fragt er. »Du hast mal erwähnt, dass du gerade eine Pause von Cambridge einlegst?«

So soll sie es genannt haben? Imogen kann sich kaum an all die Geschichten erinnern, die sie irgendwann einmal erzählt hat. Ihrer Erfahrung nach sollte man vor allem deswegen nicht lügen, weil es so schwierig ist, den Überblick über die ganzen Unwahrheiten zu behalten.

»Ich habe ein Jahr lang Psychologie und Verhaltensforschung studiert. Ich fand es super. Aber dann hat mich einer meiner Profs einer wahnsinnig innovativen Firma hier in London empfohlen. Das war eine große Chance, die konnte ich mir nicht entgehen lassen.« Hoffentlich ist das überzeugend rübergekommen. Es ist zwar nicht wahr, aber einigermaßen nah dran.

»Wow. Das klingt ja spannend. Und was macht diese Firma?«

»Es ist eine Marketingagentur.«

Callum hebt die Augenbrauen. »Ach, ich dachte, es wäre was Innovatives.«

Der Ärger, der in ihr hochkocht, überrascht Imogen selbst. »Oberflächlich betrachtet macht London Analytica wirklich nur Marketing.« Eigentlich hat sie keinen Grund, ihre Arbeit in Schutz zu nehmen, doch es ist eine alte Gewohnheit. »In Wirklichkeit beschreiten wir aber ganz neue Wege im Bereich der Psychologie, der Datenanalyse, der angewandten Informatik …«

Imogen verstummt. Wen will sie damit überzeugen, Callum oder sich selbst? Oder ihre Mum.

Sie greift nach ihrem Glas und trinkt einen Schluck. Das beruhigt. Sie lächelt Callum an.

»Tatsächlich erstellen wir mittels Datenanreicherung und Zielgruppensegmentierung für verschiedene Unternehmen psychografische Analysen ihrer potenziellen Kunden.«

Callum schließt die Augen und massiert sich leidend die Schläfen, wie um Kopfschmerzen zu simulieren. »Ihr macht was mittels was?«

Er ist also süß und auch noch witzig.

Imogen stößt ein Lachen aus, das frech und charmant klingen soll, aber leider ziemlich viel vom Schnauben eines Schweins hat. »Es klingt komplizierter, als es ist. Sagen wir, dein Unternehmen verkauft … was weiß ich … Fischstäbchen.« Sie hätte sich ein anderes Beispiel einfallen lassen sollen. Seit dem heutigen Treffen fröstelt sie, sobald sie an Fischstäbchen denkt. »Und da natürlich nicht jeder Mensch zum Kauf von Fischstäbchen neigt, musst du deinen Kundenkreis eingrenzen.

Also wer kauft Fischstäbchen? Gestresste Mütter, alleinstehende Männer … da bleibt aber immer noch eine riesige Menge von Menschen übrig. Bei London Analytica identifizieren wir durch die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen deine potenziellen Kunden. Und das ist nicht alles: Wir helfen dir außerdem, diese Individuen durch maßgeschneiderte Botschaften zielgerichtet anzusprechen.«

»Maßgeschneiderte Botschaften? Was soll das heißen?«

»Personen, die sich oberflächlich betrachtet sehr ähnlich sind, haben oft ganz unterschiedliche Bedürfnisse und springen entsprechend auf unterschiedliche Reize an. Gleichzeitig haben Personen, die oberflächlich betrachtet nichts gemeinsam haben, manchmal genau die gleichen Wünsche und Sehnsüchte. Wir schauen unter die Oberfläche und decken auf, was ihnen wirklich wichtig ist. Man könnte sagen, wir kartografieren ihre Identität als Orientierung für das jeweilige Unternehmen.«

»Und wozu der ganze Aufwand? Nur um ihnen etwas zu verkaufen?«

»Ja!«, ruft Imogen begeistert. Erst eine Sekunde später dringt Callums sarkastischer Tonfall zu ihr durch.

»Ihr macht also die Schwachstellen der Leute ausfindig, ihre Hoffnungen und Träume und Ängste, nur um sie hereinzulegen und ihnen etwas anzudrehen.«

Macht es dir eigentlich Spaß, mich mit Scheiße zu bewerfen?

»Wir sprechen dabei von verhaltensbasiertem Targeting.« Indem sie ihrer Arbeit ein scheinbar hochwissenschaftliches Etikett aufklebt, hofft Imogen, ein bisschen Selbstachtung zurückzugewinnen.

Denn Callum hat einen Nerv getroffen. Wie ist sie überhaupt zu ihrem Job gekommen? Sie dachte, sie wüsste es:

• Er hat ihr das Vorstellungsgespräch besorgt.

• Die Agentur hat ihr ein Angebot gemacht.

• Sie konnte es nicht ablehnen.

Seit einiger Zeit fragt sie sich jedoch, ob sie diesen Schritt wirklich aus freien Stücken gemacht hat oder ob sie gestoßen wurde. So wie er es damals darstellte, tat er ihr einen Gefallen. Aber hatte sie überhaupt eine Wahl?

Gegenüber sitzt Callum und schweigt. Er schmollt. Imogen muss das Thema wechseln.

»Wusstest du das schon? Es gibt Studien, dass Erinnerungen nicht im Gedächtnis gelagert werden wie Bücher in einer Bibliothek, sondern dass sie jedes Mal, wenn man sie hervorholt, neu zusammengesetzt werden.« Das hat sie erst heute Morgen gelesen.

Callum lächelt gekünstelt. Er versucht, Interesse zu heucheln, langweilt sich aber offensichtlich. Das war’s wohl mit dem Date.

»Das heißt, Erinnerungen können sich jedes Mal verändern und das Erinnern selbst wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, durch Wissen, Glauben, Ziele, die geistige Verfassung, Gefühle, die Menschen um dich herum, die Umgebung, die Fantasie …« Was soll dieser Laberflash jetzt? Halt den Mund, Imogen.

Callum kippt seinen Drink herunter.

Imogen starrt auf den Tisch. Die rissige Farbe sieht aus wie eine Landschaft mit lauter verborgenen Schluchten. Hat sie diesen Schritt aus freien Stücken gemacht? Wurde sie gestoßen? Auf die Erinnerung ist kein Verlass. Inzwischen würde sie jedoch wetten, dass sie gestoßen wurde.

Callum stellt sein leeres Glas ab. »Faszinierend«, sagt er. An seinem verkniffenen Schmollmund kann sie ablesen, was er wirklich denkt.

Aber das ist ihr eigentlich egal. Ihr geht schon genug im Kopf herum. Was hat sie aus ihrem Leben gemacht? Sie hat mit der Psychologie angefangen, weil sie anderen Menschen helfen wollte. Jetzt fügt sie ihnen beruflich Schaden zu.

Wie kann man ernsthaft darüber nachdenken, so etwas zu tun? Kapieren die nicht, wie falsch das wäre?

Die E-Mail. Imogen hat doch schon beschlossen, sie zu löschen. Sie zu vergessen. Trotzdem kreisen ihre Gedanken ununterbrochen um das, was sie darin gelesen hat.

Dass sich das Monster per E-Mail an Ms Kendrick wendet, hätte sie nicht überraschen sollen. Schließlich hat ihr das Monster auch das Vorstellungsgespräch bei London Analytica beschafft. Ihr ist nicht neu, dass die beiden regelmäßig zusammenarbeiten.

Zu Beginn ihres Studiums hatte Imogen noch nicht einmal von der Psychometrie gehört, der Wissenschaft des psychologischen Messens. Doch sie war fasziniert von der Vorstellung, Menschen durch Big-Data-Analyse besser kennenlernen zu können, als diese sich selbst kennen. Schon nach den ersten paar Seminarsitzungen stand für sie fest, dass sie ihre Abschlussarbeit über ein Thema aus der Psychometrie schreiben würde.

Das Monster unterstützte sie, wo es nur konnte. Es bot an, ihr als Mentor zur Seite zu stehen. Es bezog sie in seine Forschung ein, in die Suche nach neuen, effizienteren Methoden zur Auswertung der gigantischen Datensätze, zu denen es kürzlich Zugang bekommen hatte.

Alles, was man tat, egal ob on- oder offline, hinterließ eine Spur im Digitalen. Jeder Kauf mit EC- oder Kreditkarte, jede Suchanfrage auf Google, jede Bewegung mit dem Handy in der Tasche, jedes Like auf Facebook wurde abgespeichert. Sie, Imogen und das Monster, hatten die Aufgabe, Zusammenhänge herzustellen und Schlüsse zu ziehen.

Eines Tages erzählte ihr das Monster nach dem Seminar von seiner Zusammenarbeit mit einem Start-up im Londoner In-Viertel Shoreditch. Ziel sei es, datengetriebenes Marketing auf der Grundlage seiner Modelle anzubieten. Ob sie dabei mithelfen wolle, das Ganze in Gang zu bringen?

Imogen fühlte sich unfassbar geschmeichelt. Da hatte sie gerade erst mit ihrem Studium angefangen und wusste trotzdem schon, wo ihr Platz in der Welt sein sollte. Sie hielt sich für unglaublich smart. Für unglaublich kompetent. Unglaublich erwachsen. Tatsächlich war sie bloß eingebildet. Wie arrogant es war, sich für etwas so Besonderes zu halten. Wie naiv, zu glauben, sie wäre mehr als ein albernes Mädchen ohne Berufserfahrung, ohne Qualifikationen und außergewöhnliche Kenntnisse.

Callum streckt die Hand aus, legt sie auf Imogens. »Es tut mir leid. Ich wollte deine Arbeit nicht irgendwie schlechtmachen. Ich finde so etwas bloß nicht so gut.«

Er sagt seine Entschuldigung in derart angewidertem Ton auf, dass es im Grunde gar keine Entschuldigung ist. »Wie, so etwas?«, fragt Imogen.

»Marketing, Markengeilheit, du weißt schon … die ganze Herrschaft des Konsums.«

Imogen muss sich ein Lachen verkneifen. So redet der Typ mit dem Polo-Hemd von Ralph Lauren, das nur wegen der Marke zehnmal so viel kostet wie ein anderes.

Und er ist noch nicht fertig. »Im Marketing geht es doch nur darum, die Leute fertigzumachen. Und dann eilt irgendein Unternehmen zur Rettung und macht einen Haufen Geld, indem es ihnen etwas verkauft, das alles wieder in Ordnung bringt. Dabei war immer alles in bester Ordnung.«

Imogen dreht sich der Magen um. Nicht auszuschließen, dass sie sich übergeben muss. Sie hat zu viel getrunken. Aber es steckt noch mehr dahinter.

Was das Monster in der E-Mail vorgeschlagen hat – das geht über reines Marketing hinaus. Das ist gefährlich. Das könnte Tote geben.

Imogen hat eine Antwort aus zwei Wörtern geschickt: »Falsche Imogen.« Darauf kam nichts mehr. Sie konnte sich denken, dass er seine Mail einfach noch einmal absenden würde, diesmal an die richtige Imogen, an Ms Kendrick. Kurz vor Feierabend hatte sie dann die Bestätigung. Zum zweiten Mal am heutigen Tag trat Ms Kendrick in ihr Büro.

»Du musst für mich ein Weilchen ins Ausland gehen. Für ein neues Projekt. Slimline.«

Um ein Haar hätte Imogen vor Begeisterung geschrien. Sie wollte schon immer beruflich unterwegs sein.

»Du musst für mich ein paar Monate nach Island und unseren Big-Data-Spezialisten unterstützen.« Ms Kendrick hielt inne. »Ach, den kennst du ja schon. Du hast doch in Cambridge bei Mörður studiert, oder?«

Im Bruchteil einer Sekunde schlug Imogens Euphorie in blanke Panik um. Das konnte nicht wahr sein. Das durfte nicht wahr sein. Die Angst jagte durch sie hindurch wie ein Gift, das von ihrem Herzen in ihren Körper gepumpt wurde und ihre Adern versengte, verätzte, in Fetzen sprengte.

»Das geht nicht.« Sie würde es nicht ertragen, ihn wiederzusehen. Sie hatte geglaubt, ihn nie wiedersehen zu müssen. Sie musste einen Ausweg finden.

Ms Kendrick kniff die Augen zusammen, offensichtlich wütend. Die massive, für ihr schmales Gesicht viel zu große Cateye-Brille ließ sie wie eine Raubkatze aussehen.

»Wegen meiner Mum«, log Imogen. »Sie ist krank. Ich muss mich um sie kümmern.«

Das nahm Ms Kendrick ihr anscheinend ab. Jedenfalls hakte sie nicht weiter nach.

In Gegenwart der Chefin behielt Imogen sich noch im Griff, doch kaum hatte Ms Kendrick das Büro verlassen, brach alles über sie herein. Die Welt um sie herum schien zu verdunsten und Imogen reiste in der Zeit zurück, in ihren Albtraum hinein. Sie spürte wieder, wie sie von der Hand an der Hüfte gepackt und gegen die harte Betonwand geschoben wurde. Es war keine echte Hand, es war nur die Erinnerung daran, aber die Wirkung, die war real. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, das Blut dröhnte ihr in den Ohren, sie fühlte, wie die Hand unter ihr Oberteil kroch und seitlich an ihrem Körper hinaufwanderte, über ihre Rippen, zu ihrer linken Brust. Das Kneifen. Imogen brüllte auf. Halt den Mund, sonst hört dich noch jemand. Sie konnte sich nicht rühren, konnte nicht atmen …

»Ich hole mir noch was zu trinken.« Callum ist aufgestanden. »Willst du auch noch einen?«

Einen Drink? Den braucht sie jetzt. »Ja, bitte.«

»Was darf es sein?«

»Egal.«

Imogen sieht zu, wie Callum sich durch den Pulk von Gästen vor der Theke quetscht.

Plötzlich brodelt es in ihr. Es ist Wut, Wut auf sich selbst. Sie sollte die Geschichte einfach vergessen. Was will sie denn mehr? Sie lebt in London, einer der großartigsten Städte der Welt, sie ist auf einem Date mit einem süßen Typen, sie hat einen Job, um den sie von allen beneidet wird, einen Schrank voller Edelklamotten, eine Schminktasche mit den neuesten Kosmetikprodukten, eine Million glühender Fans auf Instagram … sie hat alles.

Oder auch nicht. Der Druck, täglich zwei Fotos posten zu müssen, schnürt ihr die Luft ab wie eine Galgenschlinge. Sie zermartert sich das Hirn, welche Pose sie einnehmen, welche Kleidung sie tragen, welches Image sie anstreben soll. Obwohl sie mit drei anderen in einem Haus wohnt, fühlt sie sich so allein wie noch nie. Früher wusste sie, wohin sie in ihrem Leben wollte, sie hatte Ziele. Sie wollte ihr Studium durchziehen und danach in die klinische Psychologie gehen, als Therapeutin arbeiten, vielleicht sogar in der Forschung. Blickt sie jetzt nach vorne, sieht sie keinen Weg mehr. Sie lebt von einem Tag zum anderen und es ist kein Sinn in Sicht.

Eines mochte sie aber immer: ihren Job. Bis heute. Auch diesen Teil ihrer Realität hat ein anderer für sie konstruiert. Als sie heute Vormittag diese E-Mail gelesen hat, ist es ihr aufgegangen. Sie will das nicht tun. Was die von ihr verlangen … Imogen kann es nicht mal in Worte fassen. Es stößt sie zu sehr ab.

Das Monster hat sie vernichtet. Es hat sich ihre Jugend und ihre Unsicherheit zunutze gemacht, um sie in die Falle zu locken und zu zerstören. Jetzt plant es, mithilfe der gleichen Manipulationstechniken das Leben Tausender Mädchen in ganz Großbritannien, auf der ganzen Welt zu zerstören, mit tatkräftiger Unterstützung von London Analytica und Imogen.

Irgendwer muss das Monster aufhalten.

Imogen kommt eine Idee. Ihre Oberschenkelmuskulatur spannt sich an. Sie macht Anstalten, von ihrem Stuhl aufzustehen, und überlegt es sich wieder anders. Sie kann das nicht. Dem Monster gegenüberzutreten – das wäre ein Gefühl, als würde sie sich selbst die Pistole auf die Brust setzen.

Ihr Blick fällt auf einen Typen an der Theke. Er sieht sie an. Ganz automatisch lächelt sie höflich. Da steckt sich der Typ den Finger in den Mund und zieht ihn langsam wieder hinaus, zwinkert ihr zu.

Imogen wird speiübel.

Ja, irgendwer muss das Monster aufhalten. Aber mehr noch: Irgendwer muss es bestrafen. Was es getan hat, muss Folgen haben. Harte, dauerhafte Folgen.

Sie steht auf. Kurz entschlossen zieht sie ihre in der Lehne verhakte Jacke vom Stuhl.

Imogen sieht Callum an der Theke stehen und warten. Sie verabschiedet sich nicht.

Als sie die Stufen hinaufsteigt, aus der dunklen Kellerbar in die hellen und belebten Straßen von London, fühlt sie sich ganz leicht. An diesen Augenblick wird sie sich erinnern. Das ist ihr Wendepunkt. Es ist entweder der Anfang vom Rest ihres Lebens … oder der Anfang vom Ende.


Foto: Auf einem schneeweißen Tisch liegt ein nigelnagelneues Notizbuch, daneben ruht ein Kugelschreiber.

Filter: Moon

Mögliche Bildunterschriften …

Option 1: Mein erster Tag im Büro #myfabulouslife #traumjob #news #journalismus #ichhabsgeschafft

Option 2: Als ich heute Morgen aufgewacht bin, dachte ich noch, ich hätte wenigstens eine große Stärke. Jetzt weiß ich: Ich habe gar keine.

Option 3: Wie es weiterging? Das lesen Sie morgen in Ihrer Zeitung.

Tatsächliche Bildunterschrift …

Tabula rasa.

13

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
17 kwietnia 2022
Objętość:
363 str. 40 ilustracji
ISBN:
9783732014590
Wydawca:
Tłumacz:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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