Czytaj książkę: «Die Rose im Staub»
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Teil 2
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Epilog
Über die Sprache der Wüste
Eine kurze Zuordnung der Stämme
Über die Schrift
Daegons Lied
Nachwort der Autorin
An das tapfere Leservolk!
Über die Autorin
Bisher von Sarah Skitschak bei der Edition Roter Drache erschienen
Sarah Skitschak
DIE ROSE IM STAUB
Über Götter, Wüstensand und Zerbrochenes
Edition Roter Drache
Copyright © 2021 by Edition Roter Drache
Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Am Hügel 7, 59872 Meschede
edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Illustration: L. S. Reinwarth
Umschlaggestaltung: Sarah Skitschak
Lektorat: Sarah Bräunlich
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des jeweiligen Autors reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-96426-060-4
Fyr mín rosa.
Khree fra khrest de mín fyr.
Hen saghul de daegon na kharar naar standa.
En saghul briste. En saghul speargh.
Ach en saghul de gariadh.
Für Dich, mein Herz.
Dies ist keine reinbuntgezeichnete Chronik von Liebe und keine Erzählung von Männern, die weise Entscheidungen treffen.
Diese Seiten wollen Dir nicht immer gefallen. Sie werden sich mit beladenen Worten in Deinen Händen bäumen und Dir eine Welt zeigen, deren Gedanken, deren Ansichten und Handlungen Dir womöglich fremd erscheinen.
Ihre Schilderungen werden Dir von schicksalhafter Bindung berichten – von Liebenden, die an Schicksal glauben – von Göttern und den Menschen, die sich den Hohen bei ihrem Leben verschreiben.
Diese Legende wird den Pfad durch die Seiten nicht ohne Blut pflastern.
Auch novellieren ihre Worte keinen Text, in dem stets das Gute obsiegt.
Kehre mit mir nach Gwerdhyll, doch sei Dir beim Lesen bitte gewiss:
Dieses Buch kennt keine Helden.
Es kennt Menschen und ihre Geschichten.

Prolog
Einige Wochen zuvor …
Nakhara
Land der Namenlosen
»Verschissene West-Bastarde! Höchstwahrscheinlich genießen unsere Nachbarn den seltenen Regenschauer, während wir uns im hohen Gras den Schädel von der Sonne verbrennen lassen!«
Die Flüche des jungen Reiterkriegers drangen dumpf durch die Grashalme, die sich mit ihren vertrockneten Pflanzenskeletten vor meinem Sichtfeld auftaten. Ich sah eine Wand aus wankenden Wüstengrasstielen und verfolgte die raschelnden Wedelbewegungen, während sich drei Männer hinter den Halmen im Staub verfluchten, stritten, beleidigten, boxten. Als Relikte einer Bewässerungsaktion der Städter schlangen sich die dürren Grasranken dann über meine Begleiter, bedeckten die Leiber zu großen Teilen mit Rispen und schienen insbesondere einen der Kumpane zu reizen: Den einen Krieger, den man zum Schutz der Wasserdiebe im hohen Gras zurückgelassen hatte.
Beinahe wäre mir wohl ein Lachen entwischt. Die Gräser schwankten vor meinen Augen unter Zittern und Rascheln zur Seite, als der fluchende Mann einen der Rispenköpfe mit den Fingern von seiner Wange schnippte und derweil mit den Füßen einen regelrechten Tanz in den Wedeln vollführte. Seine Ledersohlen rollten über den staubenden Boden, entwurzelten einen wehrlosen Strauch und kamen schließlich zum Stillstand, als sich weitere Halme in Richtung seines Kopfes zu neigen begannen.
Ein frustriertes Knurren beendete den Aufstand.
Letztlich erhob sich eine dünne Sandwolke zum Himmel und erzählte ihre ganz eigene Geschichte. Die Geschichte, wie eine Kriegerfaust auf den Steppenboden traf, um in Resignation ebenso viel zu bewirken, wie es vorangegangene Fluchtiraden vermochten.
»Deine sogenannten West-Bastarde haben uns eine bisher ungeahnte Gelegenheit beschert, indem sie ein Loch in die Stadtmauer sprengten. Wäre jemand so freundlich, Krusadh das Sabbelmaul mit Sand zu stopfen? Seine Beschwerden treiben mich heute zur Weißglut.«
Ich konnte mir ein Schmunzeln kaum mehr verkneifen, wie ich da so die Diskussion der Männer verfolgte. Als hätte man einen unmündigen Jungen zwischen erfahrenen Wasserdieben platziert und jegliche Erklärung der Verhaltensregeln vergessen. Vermutlich hatte sein Grasgerangel die anderen Soldaten mit Ellenbogen oder Knien bedacht, einen ungünstigen Hieb in deren Seiten platziert und die gute Laune auf ein Existenzminimum schrumpfen lassen.
»Noch eine Bewegung und ich stopfe sein Maul mit Stahl!«
Da wollte man sich beinahe glücklich schätzen, die letzte Position im Gras ergattert zu haben und Krusadhs Zornesaktionen nicht direkt am eigenen Leibe zu spüren. Ein wenig Verständnis war mir ja möglich: Während die anderen Krieger auf ihren Pferden in Richtung der Stadt geritten waren, sollte er seine Pflicht als Wächter erfüllen und mit uns, den Wasserdieben, im Staub der Steppe verharren. Ein ausgebildeter Kämpfer sollte sich im Trockengras vor den Feinden verstecken, als erfüllte er seine Berufung nicht mehr und taugte bloß noch als letzte Reserve.
Der junge Krieger fühlte sich gedemütigt.
Doch letzten Endes …
Er erfüllte auch in dieser Funktion die Pflicht seines Stammes. Überhaupt Teil eines Wasserdiebstahls sein zu dürfen und den heiligen Ritualen der Wässerung beizuwohnen, kam einer schmeichelnden Ehrung gleich. Krusadh schien in seiner heißblütigen Intelligenzallergie kein Verständnis für das große Ganze seines Volkes zu hegen, sodass ich die Äußerungen der Wasserdiebe durchaus mit Zustimmung bedachte … und wegen der mangelnden Selbstkontrolle Krusadhs nur mehr den Kopf schütteln wollte.
Welch grenzenlose Arroganz man im Herzen hegen musste, sich selbst über eine Ehre dieser Art zu beschweren? Welch bitterböses Gedankengut wohl in seinem schmalen Schädel ruhte?
Denn … obwohl sich sein Hass dem Wortlaut nach auf die sogenannten Westvölker bezog, schien seine Wut eindeutig dem verletzten Ego geschuldet.
Ich ließ meinen Blick von den wispernden Gräsern zum Himmel gleiten und suchte nach Anzeichen für einen Regenschauer, den Krusadh in seinen Flüchen den verfeindeten Stämmen zugesprochen hatte. Doch lag das Himmelsgewölbe als wolkenloses Band über dem Land der Namenlosen, entsandte seine sengende Hitze über die Steppe und ließ den Stern der Dürre allein in der Zenithöhe stehen.
Da war bloß die Sonne.
Kein Zeichen des Regens.
Keine einzige Wolke.
Wie eine weißglühende Gottheit thronte der Feuerball im klaren Blau und brannte sich ins Antlitz eines regenlosen Landes, das seit Wochen keinen Tropfen des Lebens gesehen hatte. Als hätte jene Gottheit die Welt mit beiden Händen ergriffen, die Finger fest um den Kern geschlungen und sämtliche Feuchtigkeit aus dem Planeten gepresst. Fürwahr, die Trockenheit beherrschte die Steppe bereits vor Anbeginn unserer Zeitrechnungen, sodass jegliches Versprechen auf Wasser – und sei es auch aus dem Lästermaul eines Kriegers – die Hoffnung im Herzen aufkeimen ließ.
Es blieb eine sterbende Hoffnung, die in den letzten Zügen eines ebenso sterbenden Landes öfter enttäuscht denn entflammt worden war. Im Land der Namenlosen existierte kaum Wasser. Unsere Welt war die Wüste. Unsere Pflicht galt den Göttern, die uns gerade eben am Leben erhielten.
Ich war im Staub jener Welt aufgewachsen und kannte kaum mehr als die trostlosen Weiten der Ebenen, die sich vegetationslos in alle Himmelsrichtungen erstreckten – ganz gleich, an welchem Ort man sich aufhalten mochte. Oft hatten meine Augen grünende Oasen in der hitzeflimmernden Luft entdeckt, um kurze Zeit später deren Nicht-Existenz festzustellen und in Träumen an derlei Plätze zu schwelgen. Meine Füße waren nie über Grün gegangen, hatten niemals zuvor glatten Erdboden betreten oder waren am Ufer eines Sees entlanggewatet.
All diese Dinge kannte ich aus Geschichten.
Aus Geschichten, die zu Legenden geworden waren.
In meiner Realität blieben Böden von Rissen durchzogen, als bröckelte die Haut des Landes von seinem Kern. Erde platzte unter den erbarmungslosen Strahlen der Sonne und ließ keinen Raum für das Wachsen von Wurzeln.
Während mein Volk jedoch im Staub der Lande siechte, da hatte sich eine gottlose Gesellschaft der Wüste enthoben und Städte auf der Asche der anderen errichtet. Sie vergaßen die Namen unserer Götter, benannten das Land meiner Väter nach den verschwundenen Geistern und erbauten ihren eigenen Glauben auf den Trümmern des alten.
Die Städter. Die Städter mit ihren neuen Namen und Bauten.
Sie hatten sich selbst die Macht über das Leben verliehen.
Ich ließ meinen Blick über das blaue Himmelsband wandern und richtete meine Augen auf den kuppelförmigen Bauwerkkomplex, der sich am Horizont aus dem Wüstenboden erhob. Die Stadt Gwerdhyll schien den sandwirbelnden Bodenwinden zu entsteigen und über das Leid der Dürre hinauszuwachsen, als wäre sie von den Göttern selbst zu Großem erkoren. Doch hatten nicht die alten Götter die Stadt der Legenden erschaffen. Sie blieb das Zeugnis menschlichen Hochmuts und schmückte sich mit künstlich bewässerten Bäumen.
Die Stadt der Legenden schien kaum selbst mehr als die Illusion einer heilen Welt, als Fata Morgana, die für eine Weile über die Realität hinwegzutäuschen vermochte und doch die Wahrheit nicht vom Land nehmen konnte. Menschengeformte Steinkonstruktionen schmiegten sich zu einem Stadtberg aneinander, formten das Heim eines ganzen Volkes und verkörperten die Distanz zwischen jenen Gottlosen und uns. Ihre künstlichen Anlagen bohrten sich in das Herz unserer Welt und förderten das Wasser in ihre Kanäle, während wir – während mein Reiterstamm, meine Familie, mein Volk – auf trockenem Sandboden hausen musste.
Aus ebendiesem Grunde waren wir verpflichtet, ihr Wasser zu stehlen: Die Städter nahmen sich das Blut unseres Landes, ohne einen Anspruch darauf zu besitzen. Sie nahmen sich, worüber sie nicht verfügten …
Und seither hatte es keinen Regen gegeben.
So blieb es unsere heilige Pflicht, durch die Festungsanlagen jener Städte zu dringen und Wasser aus ihren Brunnen zu nehmen. Mit gefüllten Beuteln beförderten wir das Wasser zu denjenigen, die unsere Götter noch beim Namen zu nennen vermochten, die das Wasser an die Wüste zurückgeben konnten und über ihre Gebete die Erde unseres Landes kurzfristig mit Regen speisten. Die Stammesältesten sämtlicher Reiterstämme entsandten Wasserdiebe in die befestigten Häuser der Städter, um mit dem erbeuteten Gut ihre Rituale zu Ehren der alten Götter zu führen.
Ganz recht. Wir waren nicht allein.
Selbst die Völker feindlichster Gesinnungen sahen ihre Pflicht in der Verteilung des Wassers. Ja, selbst die Westvölker hatten vor wenigen Tagen Tribut geleistet, ein Loch in die Mauer der Legendenstadt gesprengt und auf diese Weise Wasser aus den Brunnen entwendet. Wo wir über Wochen aufgrund veränderter Wachstrukturen ohne Erfolg geblieben waren, hatten sie einen neuen Weg in die Stadt geschaffen und uns Anreiz genug für den nächsten Wasserdiebstahl geliefert.
Und nun? Nun lagen wir in sicherer Entfernung zur Stadt.
Lagen im Gras, warteten auf das Ergebnis des Ablenkungsmanövers unserer Krieger und zerflossen beinahe in der Hitze des immerwährenden Sommers.
Doch wir hatten neuen Mut in der gebrochenen Stadtmauer gefunden. In Trümmern und Teilen schöpften wir neue Hoffnung. Die Hoffnung, nun endlich wieder zu den Stadtbrunnen vordringen und das Wasser für die Rituale stehlen zu können.
»Meine Herren! So sehr ich die Stämme des Westens verabscheuen mag und so sehr mich das weibische Gezanke erheitert … Ich stimme Wassermeister Jharrn in seiner Argumentation vollkommen zu. Womöglich sollten wir das Loch in der Stadtmauer als Geschenk des Schicksals ansehen«, warf ich nun selbst in die Diskussion der Männer ein, um den sinnlosen Tiraden ein Ende zu setzen. »Sollten die Krieger ihre Aufgabe erfüllen, können wir unbemerkt durch die Bruchstelle schlüpfen und uns unter die anderen mischen. Das erscheint mir wesentlich leichter, als falsche Papiere zu besorgen oder über Mauern zu steigen.«
Jedoch sollte ich meine Worte umgehend bereuen, als ich die folgende Handlung bereits im Entstehen erahnte. Anstatt wegen meines Einschreitens erleichtert zu sein, schnellte nun der geballte Zorn jener Männer in meine Richtung und entlud sich auf dem noch weniger beliebten Mitglied der Gruppe.
Auf mir. Ausgerechnet auf mir. Auf der Frau, die nie hätte Wasserdiebin werden dürfen, da die heilige Pflicht doch für gewöhnlich den Männern des Stammes vorbehalten blieb.
»Deine Meinung war nicht gefragt, Nakhara«, grunzte Jharrn, während er seinen Kopf drohend in meine Richtung wandte.
Ein Blick aus dem Augenwinkel. Eine stille Drohung, die in diesem Falle genügte.
So gern ich meinen Dolch in seiner Kehle platzieren und das selbstgefällige Lächeln aus seinem Gesicht schneiden wollte, so gern ich ihm aus Gewohnheit eine bissige Bemerkung gegen die Brust donnern wollte, ich hatte ja doch keine andere Wahl. Wollte ich weiterhin Wasserdiebin unter den gesegneten Mitgliedern des Stammes bleiben, so hatte ich den Worten des Wassermeisters während des Diebstahls Folge zu leisten … und der bevorzugte es zumeist, eine schweigende Frau in den Reihen zu wissen.
Das stechende Blassgrün seiner Augen bohrte sich förmlich durch meine Lederrüstung, schien den improvisierten Panzer von meinem Körper zu schälen und die Haut unter den schützenden Lagen zu versengen. Obwohl ich mit der Hitze unseres Hauptsterns seit Jahren gut Freund war, so konnte ich doch das Gefühl der unerträglichen Temperaturen unter den Blicken des Meisters nicht leugnen.
Jharrn fuhr sich mit seinen erdverkrusteten Fingern unter der Nase entlang, sodass sich die braunen Schnörkel seiner Körperbemalung in skurrile Formen dehnten und den Titel des Meisters beinahe bis zur Unleserlichkeit verformten. Mit gespitzten Lippen spuckte er auf den Boden.
Eine deutliche Geste, mich nicht an weitere Worte zu wagen.
Wider Willen senkte ich das Haupt zu einer Geste der Demut und konzentrierte mich auf die glitzernden Spuckefäden am Boden, die rasch mit der Wüstenerde zu verwachsen begannen. Der Sand schluckte das Nass in gierigen Zügen, sodass sich der benetzte Flächenabschnitt innerhalb kürzester Zeit in einen klebrigen Klumpen verwandelte und dunkel vom Rest des Bodens abgrenzte.
Jharrn hatte gesprochen.
Noch hatte ich mir unter den Wasserdieben keinen Respekt erworben, sodass ich mir in ebendiesen Momenten Widerworte hätte erlauben oder mich gar dem Meister widersetzen dürfen, ohne den kostbaren Posten an den nächstbesten Mann in der Reihe der Jungen zu geben. Mit den Fäusten krallte ich mich in die nahegelegenen Wüstengrasbüschel, zwang mich zu kontrollierten Atemzügen und hielt den aufsteigenden Zorn in Schach. Nein, Jharrns Respektlosigkeit sollte mich nicht meiner Stellung entheben, hatte ich doch jenen Platz unter den Herren mit all meinem Herzblut und Schweiß erstritten!
Einige Jahre mochten wohl über die Lande ziehen; Jahre, in denen ich unter Jharrn das Haupt senken musste. Dann würde eine neue Ära der Diebe anbrechen, eine Zeit, in der ich mir die Anerkennung der männlichen Wasserdiebe erwarb und das festgefahrene Gedankengut des Stammes durchbrach. Eine Zeit, in der Frauen nicht bloß dem Pfad der Jäger und Krieger folgen würden, sondern den Respekt der Götter beim Ritual des Wasserdiebstahls zu verdienen und sich darin allen engstirnigen Regularien zu widersetzen vermochten.
Immerzu hieß es: Das Weibliche wäre zu wertvoll, die Aufgabe viel zu gefährlich, der Diebstahl Sache der Männer.
Doch im Herzen wusste ich:
Ganz egal, was Jharrn sagt …
Ich bin gut genug. Und mein Glaube trägt mich durch jede Gefahr.
Mit halbgeschlossenen Lidern beobachtete ich das Aufklaren des Wüstensandes, als sich Jharrns Spucke unter der Sommerhitze mit der flimmernden Luft vereinte und jegliche Erinnerung an seine Gesten verwischte. In jenen Momenten glitt ein Windhauch wie ein tröstendes Versprechen über meinen Körper, spielte mit den widerspenstigen Strähnen, die sich aus meinem Zopf gelöst hatten, und flüsterte mir eine verheißungsvolle Zukunft ans Ohr.
Eine, in der Wind über grüne Grasebenen tanzte. Eine, die allein mir gehören sollte.
Mit der Fingerkuppe löste ich den Sand von einem der Steppengrassprösslinge und strich über die schwachen Blätter der Pflanze. Noch ahnte ich nicht, dass die kleinen Wedel nicht aufgrund meiner bloßen Berührung zu vibrieren begannen.
***
Ein ohrenbetäubendes Donnern erfüllte die Luft und versetzte den Boden unter unseren Körpern in Schwingung, als wir den Warnton aus dem Rufhorn der Reiterkrieger vernahmen. Zunächst blieben wir ohne Regung auf unseren Posten im Gras, spürten den Bewegungen des Erdbodens nach und verharrten in vollkommener Verwunderung, als hätte man uns an Ort und Stelle mit Blei festgekettet.
Mit den Augen verfolgte ich den Weg zweier Erdklumpen, die verdächtig von ihren windgeformten Miniaturdünen zu rollen begannen. Dann erkannte ich eine gewisse Vertrautheit in den Vibrationen des Bodens. Dumpfe Klänge in rhythmischen Takten. Roh. Wild. Mal sanfter. Mal härter.
Unverkennbar der Melodie einer Hetzjagd folgend und …
»PFERDE!«
Jharrn fasste die unheilverkündende Erkenntnis in Worte.
Ein Warnton aus dem Horn unserer Reiter wäre wohl kaum über die Steppe gefegt, hätte es sich bei den Pferden um unsere eigenen Reittiere gehalten, oder?
Im Schock des eigenen Gedankenguts erfroren, starrte ich auf die wankenden Grasbüschel vor meinen Augen und lauschte dem Geräusch der donnernden Hufe, die in halsbrecherischer Geschwindigkeit auf unser Versteck zuhielten. Wie ein tosender Sturm erschütterte die Hatz der Reiter das Land, fegte gewittergleich über das Steppengras und versetzte selbst die Sandschicht über den verhärteten Erddeckeln in Schwingung. Einen Moment war mir, als vermochte der fliehende Sand eine Melodie anzustimmen.
Die Dünen sangen das Lied der Wüste.
Mein Herz schien einige Schläge lang auszusetzen, bloß, um in den folgenden Sekunden Kapriolen zu schlagen und mich endlich aus meiner Schockstarre erwachen zu lassen.
»Grundgütige Epona, was …?!«, wollte ich fluchen.
Dann ließ mich die Vernunft meine Worte vergessen und Taten anstatt sinnloser Flüche folgen. Ich zog mich an einem der Wüstengrasbüschel auf alle viere, reckte meinen Kopf über den Rand der Rispen und sah, was sich am Rande der Stadtgebiete ereignet hatte. Wo unsere Reiter die Mauerwachen hätten ablenken und fort von der Bruchstelle locken sollen, da harrten noch immer die Städter mit eisern erscheinenden Körpern. Jedoch standen die Tore der Legendenstadt Gwerdhyll weit offen und entließen berittene Soldaten auf das Land der Namenlosen, sodass unsere Krieger – in der Unterzahl und mit den jungen Kriegersprösslingen im Schlepptau – nur mehr die Flucht zu ergreifen vermochten.
Sie flohen kopflos. Haltlos. Unbedacht.
In unsere Richtung hielten die Reiter … und nahmen ein gesamtes Verfolgerpack mit sich.
»Verdammte Scheiße!«, bellte nun auch der Wassermeister, der direkt vor mir aus den Grasbüscheln schoss und fassungslos die staubwirbelnde Reitergruppe mit Blicken der Ungläubigkeit verfolgte. »Mit welch einer Torheit sind diese Männer gestraft?! Mit welch einer Strafe bin ich heute gesegnet?«
In einer fließenden Bewegung beugte sich Jharrn zur Seite, reckte seine Hand zwischen die Rispen und griff nach dem Kragen des Reiterkriegers. Krusadh wurde einfach vom Boden gerissen und konnte in den Händen des kräftigeren Mannes kaum das Gleichgewicht finden, als dieser die Hand um seine Kehle zu schließen begann. Wohl wussten beide Männer, in welch einem Tempo die Reiter auf unsere Position zusteuerten … und wie wenig Zeit vor der unmittelbaren Katastrophe verblieb … Doch schien der Wassermeister bloß einen Gedanken zu hegen: Krusadh für den nahenden Tod büßen zu lassen.
Jharrn schüttelte sein nahezu wehrloses Opfer mit beiden Händen, sodass sich die schwarzen Strähnen seiner Haare mit dem Schweiß in seinen Zügen verklebten und das Gesicht des Wassermeisters in eine teuflische Fratze verwandelten.
»Welche Anweisung haben die Männer?!«, brüllte Jharrn dem jungen Krieger entgegen.
Seine zierliche Nase kam dem kantigen Kriegergesicht viel zu nahe, als Krusadh mit den Händen nach den Armen des Meisters griff und seinen Kopf mit aller Wucht nach vorn schleuderte. Die breite Stirn traf die wesentlich schwächere Nasenpartie, als wäre ein Meteorit auf den trockenen Boden geschlagen.
Schon taumelte der Meister ein paar Schritte zurück.
Mit einem erschreckenden Male schien sein Blick in weite Ferne gerückt und richtete sich unter Irritation auf einen horizontnahen Punkt, als er das Blut unter seinen Nasenflügeln mit den nackten Unterarmen verwischte. Die Pupillen weiteten sich in ihren steppengrasgrünen Betten auf unnatürliche Größe, zuckten noch im Trauma des Schädelstoßes umher und versuchten vergeblich, sich auf die Distanz der nahenden Reitersilhouetten einzustellen. Es musste wohl in ebendiesen Momenten, in ebendiesen wenigen Herzschlagmomenten geschehen, da sich gerade noch der dritte Wasserdieb aus seiner Schockstarre in den Gräsern erhob – bloß, um von der Brust eines galoppierenden Pferdes erfasst und unter die Hufe geschleudert zu werden.
Wieder fand ich mich in einem Moment der Reglosigkeit.
Ich hörte den Schädel des Wasserdiebs knacken, als der Eisenbeschlag des Tieres durch den Knochen drang und das Gesicht in eine verzerrte Schreckensversion des einst bekannten Mannes verwandelte. Ich hörte den Schrei des stürzenden Stadtpferdes, das über den offenen Körper des Wasserdiebs rutschte und sich samt Reiter auf dem harten Erdboden überschlug. Das Knacken von Knochen, das Bersten von Rüstungsteilen, das Klirren von eisernen Waffen auf trockenem Grund. Erstickende Schreie eines Städters unter dem toten Leib seines Tieres. Das Gurgeln eines sterbenden Mannes mit durchstoßenem Brustkorb.
Blutregen spritzte aus seiner Kehle über den Sand, als handelte es sich dabei um sanfte Sommerergüsse am Rande einer Schlechtwetterfront. Dunkelrote Sprenkel benetzten den verdrehten Leib des gestürzten Pferdes, rannen über das schwarze Fell jenes Rappen und sammelten sich zu einer versickernden Lache.
Wie in Trance drehte ich mich um die eigene Achse und verfolgte die erste Welle der berittenen Städter, die bei unserem Anblick in Überraschung die Schwerter zückten, die mit ihren Schilden und Lanzen weiter auf uns zudonnerten und einem anderen Teil der Gruppe die Verfolgung unserer Reiter überließen. Aus den Mündern der Männer stieg ein bedrohlicher Chor gebrüllter Befehle, der die Pferde in Panik voranstürmen ließ, der mit den Galoppsprüngen lauter und lauter wurde, der sich sekündlich steigerte und zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen anschwoll. Weißer Schaum stob aus den Mäulern der Tiere, bedeckte die schwitzenden Muskeln mit Speichel und flog durch die flirrende Wüstenluft.
Schneller und schneller wurde die Hatz.
Ich wandte mich um. Plötzlich in Panik. Mein Blick traf auf den des Wassermeisters, der endlich wieder zu klaren Gedanken kam und indessen sein Krummschwert aus der Halterung löste. Seine Füße stellten sich in Kampfposition, während seine Hände die gebogene Klinge vor den Körper führten und dem Sturm der Städter zu trotzen gedachten.
»Nakhara …«, schienen seine Lippen in sanftem Tonfall zu formen, doch Jharrns Blick blieb in eiserner Härte versteinert. »Lauf! Lauf, so schnell dich die Füße nur tragen! Lauf nach Hause!«
In diesen Sekunden blieben Demütigungsgefühle gleichgültig.
Ich zog meinen Dolch und stürzte davon.
Mit zitternden Gliedern rannte ich über die sandüberwehten Flächen der stadtnahen Steppe, schlug mich durch die hüfthohen Steppengräser in die Flucht vor den Soldaten Gwerdhylls und wagte keinen Blick mehr über die Schulter zurück. In meinen Ohren verhallten die klirrenden Laute der aufeinanderprallenden Klingen und mischten sich mit dem Geräusch meines eigenen Herzschlags, der in den rasenden Rhythmen meines Laufs bis in die Halsschlagader spürbar blieb. Der rudernde Kreislauf jagte Schwindelgefühle durch meinen Körper, als bewegte ich mich nicht mehr aus eigenen Kräften voran, als flöge ich durch die Steppengräser und würde von unsichtbaren Mächten getragen.
Das Gefühl für meine Extremitäten ertaubte.
Lediglich die harten Schläge der aufkommenden Sohlen auf heißem Sand … lediglich jene Erschütterungen schien mein Verstand noch eben erfassen zu können.
Vor meinen Augen vibrierte das Sichtfeld und verformte die Weiten der Wüste zu einem schwankenden Gebilde ohne Himmel und Erde. Farben zerflossen in ihren ureigenen Formen, wirbelten wie Sturmaugen durch die fliehenden Sandpartikel und täuschten meine Sinne, bis keine Orientierung mehr für mich blieb. Mein innerer Kompass zerschellte an den Felsen der Panik.
Schon verloren meine Füße den Halt auf den versandeten Flächen, schlidderten unkontrolliert über einen Dünenhang und verkanteten sich mit ledernen Fesseln ineinander, sodass mein Körper auf den Boden geworfen wurde. Ich reckte meine Hände vor das Gesicht, um meine Augen vor den Sandpartikeln zu schützen und den Städtern nicht gänzlich ohne Wehr ausgeliefert zu werden.
Dann fühlte ich, wie sich mein Leib überschlug … wie sich die dicken Lederfetzen meines Schutzpanzers zwischen die Rippen bohrten und die Luft aus meinen Lungen pressten, wie die Arme aus ihrer Position gerissen wurden und ohne Funktion im Fall ruderten, wie ich auf harte Steinbrocken geworfen wurde, wie sich meine Welt im Nichts der Ohnmacht auflösen wollte.
Ich landete hart auf dem Bauch, ohne mich weiter rühren zu können.
Das Donnern der Pferdehufe rückte näher und ich wollte schreien, wollte brüllen, wollte kämpfen, aufstehen, mich wehren … Mein eigener Körper versagte den Dienst, sodass ich reglos auf dem heißen Sand liegenblieb.
»Steh auf, Wasserdiebin! Steh auf!«, brüllte Krusadhs Stimme von Nahem.
Meine Lungen blähten sich bei den Atemversuchen und füllten sich brennend mit Wüstensand. Mit einem Male spürte ich starke Hände im Nacken, als der junge Reiterkrieger meinen Körper zu fassen bekam und panisch mit sich zu schleifen begann.
»Lauf! Lauf, lauf, lauf!«
Ich verlor mich im Farbengewirr der Wüste, die sich allmählich zu Sanddünen ohne Untergrund formte und tiefe Furchen unter meinen nahezu leblosen Beinen bildete. Meine Füße paddelten kraftlos über die Fläche, während Krusadh seinen Zug an meinem Nacken verstärkte und mich in den Stand zu ziehen versuchte. Schmerz durchzuckte mein Nervensystem.
Unter den pulsierenden Empfindungen meines Körpers fühlte ich mich wie gelähmt.
Noch niemals zuvor hatte ich solch einen starken Schmerz empfunden, niemals zuvor so wehrlos in den Armen eines Stammesmitgliedes gelegen und mich selbst nicht der Situation zu erwehren vermocht. Meine Lungen schienen sich mit purem Feuer zu füllen, als hätte man die Wüstenluft in Brand gesetzt, als hätte die Sonne nun sämtliche Energie in das blaue Band über unseren Köpfen geleitet und eine vernichtende Flammenwand entfacht.
Ich versuchte, die Hand an meinen Brustkorb zu legen.
Die Knochen darunter schienen der Berührung zu weichen … einfach nachzugeben … als wären sie nicht existent.
»Ich glaube, meine Rippen sind gebrochen, Krusadh!«, artikulierte ich mit pfeifender Lunge und geriet im Schock der Erkenntnis in vollkommene Apathie. »Ich kann die Knochen …«
»Halt dein Maul, verfluchtes Weibsbild, und lauf!«
Die Hand des Kriegers versetzte mir einen letzten Stoß, sodass ich einige Meter über den Sand stolperte und erneut über eine der Dünen rutschte. Ich stürzte hart auf die betroffene Seite, schlidderte kurz und krümmte mich dann zusammen. Ein unerträgliches Gefühl explodierte in meiner Brust, als wollte es die Bedeutung des Wortes Schmerz für alle Zeit von den Landen tilgen. Als der Atemreflex meine Lungen von innen gegen die Knochen blähte, da reagierte mein Körper gänzlich ohne mein Zutun.
Ich übergab mich.
Mein Magen schien sich mehrfach um die eigene Achse zu drehen, um einen Schwall säurehaltiger Flüssigkeit durch meine Kehle zu zwängen und schließlich auf den Wüstenboden zu entlassen. Zwar spürte ich die körpereigenen Prozesse, doch war mir, als sähe ich von außen auf die würgende Wasserdiebin hernieder … als beobachtete ich ihre letzten Momente.
Ich ahnte: Krusadh hatte mich nicht absichtlich in den Sand gestoßen … Trotz seines Verhaltens – ein solches Unrecht hätte er nicht begangen.
Als ich meinen Kopf zu den Verfolgern wandte, da sah ich seinen lanzendurchschlagenen Körper im Staub und verfolgte mit Schrecken …
… wie sich nun eine Walze der Stadtreiter ihren Weg über die Leiche des Kriegers bahnte.
***
»Nakhara! Nakhara, hörst du mich?«
Jharrns Stimme durchbrach die Schwärze der Bewusstlosigkeit, doch hallte ihr Echo in weiter Ferne. Ein Kribbeln durchlief meine Extremitäten, schwappte in Wellen durch meinen Organismus und drohte, mich in das süße Vergessen des Schlafs zu wiegen. Hitze brannte auf meiner Haut und jagte Schweißperlen über meine Stirn, wo sich die salzige Flüssigkeit mit geronnenen Blutkrusten vereinte. Der Gestank des Todes umwaberte mein Bewusstsein.
Es roch nach vergehenden Leibern unter der Sonne, nach Schweiß, nach Angst, nach Verzweiflung … nach Blut, noch mehr Blut und blanken Gedärmen.
Ob ich am Leben war? Ob ich tot war?
Ich vermochte nicht, es zu sagen.
»Nakhara …«
»Wo bin ich?«
»Nakhara …?«
Das Gesicht des Wassermeisters schwebte über meinen flatternden Lidern. Auf seiner Stirn spiegelten sich Besorgnis und Schmerz, als er meine Wange mit blutbesudelten Händen berührte, als er mich tätschelte, als wollte er mich aus einem tiefen Schlaf erwecken. Jede Berührung brannte wie glühendes Eisen auf meiner Haut, während meine Lungen unter kläglichen Pfeifgeräuschen nach Atemluft bettelten.
»Ich kann nicht …«
… atmen. Ich kann nicht mehr atmen!
Ich suchte den Blick in den Augen der vertrauten Person, wollte einen Halt in meinen Qualen finden … und entdeckte bloß eine entstellte Fratze, die dem Wassermeister so gar nicht mehr ähnlich sah. Linksseitig blätterte die Wange wie eingerolltes Pergament von baren Knochen, legte das Jochbein den Wüstenwinden offen und baumelte blutend an wenigen Gewebestrukturen. Anstatt eines Augapfels blieb eine fleischige Höhle, in der einmal der blassgrüne Blick der Weiten gewohnt hatte.
Jharrn beugte sich zu mir.
Ich sah ihn, sah sein entstelltes Antlitz.
Dann erlag ich den übermächtigen Fängen der Ohnmacht.
Teil 1
Rosen und Wüstensand


Kapitel 1
Einige Wochen später …
Daegon
Stadt der Legenden
Wie Nebel entstieg der Rauch der schwelenden Kräuter dem Räuchergefäß, das in den Händen der Hohepriesterin zum Altar getragen wurde. Das Kupferrot ihrer krausen Lockenfrisur leuchtete als letzter Orientierungspunkt durch die Dämpfe, während die Tempelhallen in wabernden Wolken versanken und mit ihren Säulenschatten die Silhouetten der Beipriesterinnen verschluckten. Nur selten linste eine weiße Leinengewandung durch die Luftverwirbelungen. Größtenteils hatte sich eine dichte Wand der Stille in den heiligen Räumen niedergeschlagen.
Ich blinzelte die Tränenflüssigkeit aus meinen Augenwinkeln, als könne ich auf diese Weise die Entstehung einer verquollenen Maske verhindern und dem Spott durch die anderen Soldaten entgehen. Dennoch erfüllte die Räucherzeremonie wie eh ihren Zweck und trieb Salzperlen über die Gesichter der Betenden, die sich der Reaktion ihrer Körper ja doch nicht zu erwehren vermochten. Obgleich ich im Stillen nicht beten wollte oder Götter auf Altären und Tempelkonstruktionen zu finden glaubte, so zeigte mein eigener Körper die Geste der Demut.
Meine Wangen schwollen an. Meine Brust füllte sich mit brennender Luft. Und die Tränen … sie rannen unaufhaltsam über meine geröteten Züge.
Ich unterdrückte den aufkeimenden Hustenreiz in meinem Rachen, verlagerte den Schwerpunkt auf das andere Bein und bemühte mich um einen ruhigeren Atemrhythmus. Neben mir, vor mir, um mich herum kämpften gut tausend weitere Seelen mit ein und denselben Symptomen, schienen jedoch weniger unfreiwillig auf ihren Plätzen zu stehen und starrten gebannt in die Nebelwände hinein. Wie Besessene hielten sie die Stille ihrer Gebete, schunkelten sanft im Takt eines nicht vorhandenen Liedes und öffneten ihre Herzen für die Zeremonie. Die Handflächen zeigten zur Tempeldecke, als erwarteten die Betenden den einen, den ersehnten Regenschauer, der ihnen von gütigen Gottheiten geschenkt werden sollte.
Ich hatte in meinem noch jungen Leben schon vielen Regenbitten beigewohnt. Jede Zeremonie machte mich mehr und mehr glauben, ich würde in einer Menge aus Schlafwandlern stehen.
Ihre Gesichter, die Gesichter belebter Menschen, verwandelten sich in versteinerte Ausdrücke mit toten Augen, wie man sie sonst auf den Häuptern von Kunstskulpturen auf unseren Stadtplätzen erwarten würde. Womöglich hätte ich wohl als Ungläubiger auf den Besuch derartiger Zeremonien verzichten sollen, doch handelte es sich um die einzige Fluchtmöglichkeit vor den Verpflichtungen eines ungeliebten Alltags …
… und die einzige Möglichkeit, ein paar Worte mit meiner Mutter zu wechseln; sie einfach zu sehen – wenngleich so manches Mal aus der Ferne.
Die flammenfarbene Hochsteckfrisur der Hohepriesterin tauchte als erstes, sichtbares Element aus dem Dunst und verriet das Ende der Räucherwanderungen, welche die unguten Gedanken aus den Tempelanlagen treiben sollten. Schon löste sich die Form einer enganliegenden Leinenkutte aus Nebeln, enthüllte die sanduhrförmige Gestalt jener Frau und ließ erstmalig ihre Standposition erkennbar werden. Auf der höchsten Stufe der flachen Tempeltreppen thronte die Hohepriesterin über dem Volk und hielt die Räucherschale über ihrem Haupt erhoben, sodass dünnere Schwaden im Luftzug der Hallen über den Goldrand zu schwappen begannen.
Sie nahm einen tiefen Atemzug in den Rauch.
Noch waren ihre Augen geschlossen ... Doch als sich schließlich die Lider hoben und ihre stahlblauen Augen enthüllten, da war mir, als sähe sie jeden Vorgang im Tempel. Als könnte ihr Blick selbst die Säulen durchdringen und jeden der Anwesenden für unzüchtiges Gedankengut strafen, als hätte sie selbst mit geschlossenen Augen jede Bewegung in der Masse verfolgt. Ihre schmale Gestalt ruhte statuengleich auf der heiligen Höhe, schien selbst zu einer Säule des Tempels zu werden und mit dem Reich der Göttlichkeit zu verwachsen. Während sie ihr Kinn auf die gewohnte Position zu senken begann, da senkten sich auch die Rauchschwaden in Richtung des Bodens und verwirbelten um die Säulenkapitelle.
Die Füße der Betenden standen noch eine Weile im Nebel. Letztlich lösten sich auch diese Wolkenfetzen und verwehten im Nichts.
Gebannt richteten sich nun sämtliche Blicke auf drei Götterfiguren, die mit ihren gewaltigen Marmorkörpern hinter der Hohepriesterin aus den Wolken tauchten und die Frau in ein unwichtiges Teil eines viel größeren Ganzen verwandelten. Wie Urgiganten stemmten sich die Schöpfer aus den steinernen Böden, trotzten der Schwerkraft mit ihren anmutigen Gesten und hielten ihre schützenden Hände über die winzige Frau mit der Schale. Eine männliche Figur in der Mitte. Zwei Frauen mit gigantischen Steinschalen zu seinen Seiten.
Ihre Blicke waren auf höhere Sphären gerichtet und schenkten der Priesterin keine Beachtung, sodass lediglich ihre Handgesten ein gewisses Interesse an der Menschheit bekundeten. Ja, neben den Bildnissen ihrer Götter schrumpfte die scheinbare Relevanz der Zeremonienführerin und ließ das Gewicht, die Kraft ihrer Schöpfer, mit einem Male umso größer erscheinen.
Ich blinzelte.
In ebendiesem Augenblick der Menschlichkeit erkannte ich noch einmal die Vertrautheit in ihren Zügen und sah mich meiner Mutter gegenüber – nicht der Hohepriesterin, zu der sie dereinst gewählt worden war.
Sie hat schon immer einen Hang zur Theatralik besessen, dachte ich noch … und rügte mich gleich darauf für einen solch respektlosen Gedanken.
Mochte ich so manche Entscheidung der Frau nicht gutheißen können, so war sie doch der Mensch, der mich geboren und aufgezogen hatte, der mich – ganz im Gegensatz zu den Behandlungen meines Vaters – aus tiefstem Herzen geliebt und immerzu mit inniger Liebe bedacht hatte. Meine Mutter wusste als Hohepriesterin, das Volk mit gut geplanten Effekten und weise gewählten Worten zu begeistern, doch tat sie es, weil sie bei ihrem Leben an die Existenz dieser drei Gottheiten glaubte und die Liebe zu ihnen im Herzen des Volkes entflammen wollte.
Ganz gleich, ob ich ihren Glauben teilte, ihn nicht teilte, respektierte oder im Geheimen verfluchte … Sie war stets dem Pfad des Lebens nach bestem Wissen und Gewissen gefolgt, weshalb ich mir ein Urteil über derlei Entscheidungen oder Spott über den Ablauf einer Zeremonie schlichtweg nicht gestattete.
Nein, ich selbst glaubte nicht an Götter.
Ich glaubte nicht, dass es weit über unseren Köpfen oder an einem verborgenen Ort im Herzen der Welt eine Macht geben sollte, die über unser aller Leben verfügte oder gar Schicksalsgarne aus Schafswolle knüpfte. Denn dann hätte ich wider mein eigenes Wissen in deren Augen ein Sünder und Schänder sein müssen, dann hätte ich ein Vergehen an den Göttern begangen, dann wäre ich ein schlechter Mensch gewesen, wenn ich den Verlauf meines bisherigen Lebens bedachte.
Ich hatte nicht eine Regel in meinem Leben verletzt. Noch nicht einmal getötet hatte ich im Auftrag der Stadt.
Dennoch strafte mich das vermeintliche Schicksal mit einem gewalttätigen Vater, der mich gegen jedes meiner Moralgefühle zu einer Soldatenausbildung zwang und mir seinen eigenen Titel als Senator zum Vorwand hielt. Denn der Sohn eines Senators hatte ein strammer Mann zu werden, sich nicht ausschließlich den Geisteswissenschaften zu verpflichten … und er hatte im Namen der Stadt zu kämpfen, so es seine Ehre verlangte! Der Sohn eines Senators hatte sein Leben dem Soldatendasein zu verpflichten, der Bevölkerung mit seiner Stärke zu imponieren und dem Namen seines Vaters alle Ehre zu machen.
Ich verabscheute Gewalt.
Und doch hatte mich das Leben bereits mit meinem ersten Atemzug in eine Welt der Gewalt gesandt. In eine Welt voller Grausamkeiten und Unrecht, in eine Welt, in der ein Senator seine ungehorsame Frau schlagen durfte, in der ein Senator seine Sklaven wie Dreck behandeln und seinen kleinen Sohn noch öfter mit Schlägen bedenken durfte … noch öfter als die Frau, die der Junge zu verteidigen versuchte.
Ich glaubte nicht mehr an Götter.
Mir blieb bloß die Dankbarkeit über das Glück, welches meiner Mutter mit der Aufgabe als Hohepriesterin zuteilgeworden war. Hätte man sie vor drei Jahren nicht mit jener Stellung betraut, so wäre sie vermutlich auf ewig an meiner Seite geblieben und hätte sich selbst den Händen ihres eigenen Ehegatten ausgeliefert. Nein, ich schätzte mich zum glücklichsten Menschen, sie mit einem Lächeln auf den Lippen Zeremonien leiten zu sehen und von ihr durch die Tempelanlagen geführt zu werden, die ihr ein neues Heim ohne Gewalttaten boten. Dort konnte ich ihr guten Gewissens versichern, dass ihre Entscheidung die goldrichtige Wahl gewesen war.
Ihre Sicherheit blieb meine Priorität. Ihr neues Heim ein besonderes Privileg.
Nun muss ich lediglich mein eigen Leib und Leben schützen.
Nun kann ich allein mich schützen, ohne mich in Sorge um ihre Sicherheit zu verlieren.
Mit einer kopfschüttelnden Geste schob ich die Gedanken aus meinem Geist, während die Zeremonie ihren Höhepunkt erreichte, als nun die Beipriesterinnen aus den Schatten der schmalen Tempelsäulen traten und mit anmutigen Schritten einen Weg auf das Hohepriesterplateau suchten. Ihre Gewandungen schwebten über die blankpolierten Böden, schienen kaum mehr als Nebelschleier zu sein und verhüllten doch jegliche Details ihrer Körper. In den Händen trugen sie Krüge aus verzierten Tonscherben unterschiedlichster Farben, in deren Bäuchen sich unser kostbarstes Gut befand: Wasser.
Wasser, das den Göttern geopfert werden sollte.
Wasser in zerbrochenen Tonkrügen, die dereinst wieder zusammengefügt worden waren – so wie auch die Götter eine zerbrochene Welt fügen würden.
Aus den höheren Lagen der Tempelanlage erhob sich ein düsterer Chor aus männlichen Stimmen, deren Urheber in den versteckten Emporen verborgen standen und die Atmosphäre in demutfordernde Vibrationen versetzten. Die tiefen Klänge schienen die Luft zu durchdringen, wellengleich auf die Körper der Gläubigen zu sinken und als Schwingungen in ihren Muskelfasern widerzuhallen. So schunkelten die Schlafwandler mit einem Male im gleichen Rhythmus und gaben sich der Liedbeschwörung des Chores hin.
Auch meine Nervenbahnen reagierten mit Spannung. Mir war, als durchzuckten mich winzige Blitze, als würde ich von einem aufkommenden Gewitter durchflutet werden und müsste indessen sämtliche Muskeln zu steinernen Klumpen ohne Funktion anspannen. Lediglich die Beipriesterinnen schienen sich dem Zauber der Zeremonie erwehren zu können und setzten ihren Weg zur Mitte des Priesterplateaus fort, während sich ihre weiblichen Stimmen über die männlichen Gesänge legten.
Mit belegter Brust verfolgte ich die feenhafte Anmut der Frauen. Sie drehten sich um die eigene Achse, schwebten über die Marmorböden und ließen ihre Gewänder in den Bewegungen fliegen, bis der Raum gänzlich von den weißen Schleiern erfüllt schien, bis sämtliche Luftpartikel um die Kleider tanzten und den Stoff wie gefallene Blätter im Winde trugen. Dann knieten sich die Frauen zu den Füßen der Hohen und reckten die Krüge über das Haupt, sodass die Gefäße auf Höhe ihrer Hüfte schwebten.
Welch eine Kraft es wohl erfordern mochte, diese Position über den Zeitraum der Zeremonie zu halten? Wie viele Jahre der Übung es wohl erfordern mochte, die Wasserkrüge leicht wie eine Feder vor den Augen der Bevölkerung wirken zu lassen?
Schon immer hatte ich die Leichtigkeit jener gefrorenen Momente bewundert. Ein scheinbares Standbild – und doch ein Kraftakt, der nicht wie ein Kraftakt anmuten wollte.
Der Augenblick, der den wahren Zenit jener Gebete markierte.
»Ich rufe die Dreigottheiten bei ihren Namen«, erhob die Hohepriesterin erstmalig das Wort … und ihre Stimme echote in die tiefsten Winkel der Halle, sodass sich ein Mantel der Wärme über den Tempel legte. »Ich rufe Zeit – Göttin unserer Gegenwart, Schöpferin der Vergangenheit und Hüterin unserer Zukunft, die Göttin der Geschehnisse, die Göttin, die den Lauf der Zeiten schenkt, die ihn schenkt, ohne ihn jemals zu lenken. Ich rufe Geist – Gott unseres Glaubens, Erschaffer des Wissens und Weber der Handlung, den Gott der Taten, den Gott der Götter, der unser Schwert lenkt wie unseren eigenen Geist. Ich rufe Zufall – Göttin unserer Leben, Pfadbereiterin der Lebenswege und Element der Unberechenbarkeit, die Göttin des Chaos, der Würfel und Waagenspiele, die Göttin, die über jede Vorherbestimmtheit und Schicksalsgabe erhaben ist. Ich rufe die Dreigottheiten bei ihren Namen, um sie in unsere Mitte treten zu lassen! Zeit, Geist, Zufall – weilt unter uns Menschen, seid unsere Gäste und nehmt unser Opfer.«
Als ihre Worte zwischen den Säulen und Steinen verhallten, neigten die Beipriesterinnen ihre Krüge ein wenig nach vorn und entließen ein stetig fließendes Rinnsal auf die Marmormuster des Tempelbodens. Während sich die Gefäße langsam leerten und immer weiter, immer mehr dem Wasser nach neigten, sammelte sich das goldgleiche Gut des Lebens in einer Lache vor den Knien der Frauen und rann über die Treppenstufen zu den Menschen hinab. Dort schien es zwischen den Spalten der Steinplatten zu versickern, als würde es tatsächlich von höheren Mächten genommen.
»Wir bitten euch, schenkt uns Regen«, intonierte das Volk.
»Wir bitten euch, schenkt uns Zukunft«, intonierte auch ich.
»Wir bitten euch, gewährt uns Gnade«, intonierten wir alle.
Da mochte ich den Göttern noch so wenig das auf dem Tempelboden versiegende Wasser vergönnen, meinen Respekt vor den Menschen in diesen Räumen … den hatte ich mir seit jeher bewahrt. Also stimmte ich in die sinnlosen Floskeln mit ein und folgte dem Rhythmus der betenden Priester, die allesamt in einem Land fremder Sphären der Realität entglitten schienen.
Unaufhörlich plätscherte Wasser über die Stufen, formte wasserfallgleiche Vorhänge vor den Marmorsteinen und musste letztlich seinen lebensspendenden Zweck an die Opferschlitze zu unseren Füßen verlieren.
»Gütige Götter«, rief die Hohepriesterin über die Gebetswellen der Zeremonienteilnehmer hinweg, »nehmt unser Opfer und schenkt uns den Regen, denn unsere Vorräte in den Katakomben gehen zur Neige. Segnet auch die kommenden Säuberungen, die unsere Soldaten euch zu Ehren führen werden. Wir tilgen die namenlosen Götter vom Lande, die eure Namen in den Schmutz ziehen wollen, die euren Glanz mit dem Staub der Wüste zu verhüllen und eure Schöpferkraft infrage zu stellen gedenken. Schenkt unseren Soldaten die nötige Stärke, diesen Einsatz zu euren Gunsten zu zeigen und die Welt in einen reineren Ort zu verwandeln!«
»Wir bitten euch, schenkt uns Regen«, intonierte das Volk.
»Wir bitten euch, schenkt uns Zukunft«, intonierten sie weiter.
»Wir bitten euch, gewährt uns Gnade …«
Doch mir war bei den Worten meiner eigenen Mutter mit einem Male der Respekt vor den Inkantationen vergangen. Die Gebetswellen verwandelten sich in ein unklares Rauschen, das in der unklaren Artikulation an Bedeutung verlor und schließlich in meinen Ohren verlosch; verlosch wie das Feuer des Glaubens zuvor. Lediglich die letzten Worte der Hohepriesterin brannten sich mit aller Macht in meine Gedanken, ließen mich vor Schreck fast zusammenfahren und jagten meinen Puls in ungeahnte Höhen. Die Tempelanlagen schienen sich vor meinem Sichtfeld zu drehen, als ich die Worte im Geist erneut wiederholte und deren Bedeutung zu erfassen versuchte.
Ob ich die Bitten an die Götter wohl recht verstanden hatte? Ob sie tatsächlich …?
Mein Gefühl ertaubte und die Welt rückte fern.
Säuberungen?
Sie planen Säuberungen?!
***
Die bunten Blütenköpfe des Priestergartens nickten sanft im Keim eines Luftzuges, der sich säuselnd seinen Weg durch die Säulengänge suchte und die fleischigen Blätter der Feigengewächse umspielte. Wie eine Fata Morgana flimmerten die Eindrücke des kleinen Paradieses durch die Sommerluft und trugen allerlei Düfte von Zitrusfrüchten oder Kräutern an mich heran, sodass ich einen tiefen Atemzug in meine Lungen strömen ließ und meine Gedanken für eine Weile zur Ruhe zwang.
Nach den Zeremonienbitten war die Furcht einem rastlosen Folterknecht gleichgekommen.
Säuberungen.
Ein einziges Wort, das mir eiskalte Schauer über den Rücken zu jagen vermochte – selbst, da die Hitze unser Land mit Dürre und Wüstensand überzog. Ein einziges Wort, das so viele Assoziationen in mir erweckte und mich vor der zukünftigen Aufgabe furchtschlotternd in die Flucht zu schlagen vermochte.
Ich wusste sehr wohl, welch Unglück die Formulierung verkünden wollte. Welch eine gewichtige Bedeutung dem Wort innewohnte.
So hatte ich das Spektakel der Gläubigen ohne weitere Worte verlassen, war in die Gartenanlage des Priesterpalastes geflüchtet, bloß, um dort auf einer der Marmorbänke zu sitzen und meinen finstersten Ängsten zu erliegen.
Säuberungen.
Entgegen all meiner Mühen ballten sich meine Hände zu Fäusten und bearbeiteten mit nervösen Bewegungen die Leinentunika, die unter dem Brustpanzer meiner Soldatenrüstung lugte. Ich bohrte die Fingernägel in die Gewebestrukturen, presste den roten Stoff so fest als möglich zusammen und hielt mich daran fest, als könnte ich tatsächlich Halt an einem bedeutungslosen Kleidungsstück finden. Als wäre die Gewandung mein letzter Anker vor dem Wahn, ja, als könnte sie mich vor den Bildern des Schreckens bewahren, die im Rahmen der Säuberungen auf mich einprasseln würden. Als würde es etwas verändern.
Die Wahrheit: Nichts und niemand würde mich vor diesen Bildern bewahren.
Nicht einmal ich selbst. Ich war Soldat.
Ich würde meine Hände im Blut der Namenlosen tränken, da die Zeit der Gräueltaten gekommen war und mich zur Pflicht meiner Berufsgruppe rief. Meine eigenen Hände würden das Leben der Stammesangehörigen aus deren Körpern reißen und ein Schwert durch ihre vermeintlichen Ketzerherzen stoßen, während sie den Dienst an ihren Göttern verrichteten. Allein, weil deren Götter nicht die unseren waren.
Man hatte mir viele Geschichten über die Säuberungen erzählt. Als die Zeit der vergangenen Maßnahmen näher rückte und man von Säuberungszügen berichtete, da war es mir noch immer möglich gewesen, mich hinter dem Argument der Volljährigkeit zu verstecken und nicht mit den Soldaten durch die Tore der Stadt auf das Land der Namenlosen zu gehen. Doch nun lag der fünfundzwanzigste Lebenssommer bereits über ein Jahr hinter mir, ließ mir keinerlei Argumente, die mir gestatteten, mein größtes Geheimnis noch länger zu hüten.
Die Säuberungen sollten es offenbaren: Es war mir nicht möglich, einen Menschen zu töten.
Ich konnte nicht. Ich war schlichtweg nicht dazu in der Lage.
Nicht, dass ich keinen Versuch gewagt hätte, mich mit dem Gedankengut meines eigenen Volkes anzufreunden oder die Heiligkeit hinter ihren Handlungen zu erfassen. Nicht, dass ich mich nicht unter ehrlichen Mühen zum Verständnis meiner Welt gezwungen hätte – nein, ganz im Gegenteil!
Des Nachts erdachte ich mir zu Übungszwecken die verschiedensten Tötungsszenarien, erprobte mich an der unüberwindbaren Hürde meines Geistes und scheiterte selbst in meiner Vorstellungskraft an dem einen Moment, da mein Gegner das Leben aushauchen sollte. Ich konnte und wollte das dehnbare Moralgefüge meiner Welt nicht mehr verstehen, konnte und wollte niemanden aufgrund seiner Gesinnung töten oder ihm auf andere Weise Schaden zufügen.
In einer Welt aus Privilegien, Privilegienwahrung und Mordlust … da schien mein Gedankengut einem gefährlichen Tanz auf Messers Schneide gleichzukommen.
Säuberungen blieben die religiöse Tradition der Soldaten. Eine Tradition, die unsere Männer zu den Toren der Stadt hinausführte und in ihrer Vernarrtheit des Glaubens zwang, einen ganzen Reiterstamm zu Gefallen der neuen Götter zu meucheln.
Ich wollte nicht an den Säuberungen teilnehmen … und doch wusste ich: Eine Wahl war mir nicht mehr vergönnt.
Mit hämmerndem Schädel ließ ich meinen Blick über den Priestergarten schweifen, konzentrierte mich auf die wippenden Blütenköpfe und versuchte, die Sorge im friedlichen Anblick der künstlichen Oase zu ertränken. Wie ein Traumgebilde legte sich die Natur zwischen Marmormauern und täuschte über die Realität der Wüste außerhalb der Bereiche hinweg, als verleugnete sie vehement die Existenz von Sand, Tod und Staub. Da waren ganze Meere von Jasminbüschen mit weißen Sternen, deren Kelche aus der Entfernung bloß kleine Punkte auf den dunklen Hintergrund zauberten; zahlreiche Sukkulenten, die sich an die Füße steinerner Statuetten schmiegten und an den Bewuchs vor den Stadttoren erinnerten. In Leinen gehüllte Marmorfrauen, die sich mit Schalen über einen Zierbrunnen beugten. Unverhüllte Marmorfrauen, die in ebenjenem Brunnen zu baden schienen.
Es erinnerte an ein menschengemachtes Paradies auf Erden.
So ganz ohne Sorgen. So ganz ohne Not.
Doch in diesen Minuten verwandelten sich die Eindrücke in ein schales Abbild des sonst so bunten Gemäldes, das sich zwischen den Säulenwüsten der Stadt erhob und mit süßen Versprechungen eines besseren Lebens lockte. Selbst die Düfte, die für gewöhnlich meine Sinne glückselig stimmten, verwehten zu einem traurigen wie farblosen Abdruck des Kleinods.
So sehr ich mich zwang … vergessen konnte ich nicht.
Mit gerunzelter Stirn beobachtete ich eine der Priesterinnen beim Wässern der Feigen; beobachtete ihren Weg von den Säulengängen bis hin zum Zierbrunnen im Zentrum des Gartens und vermochte nicht, ihr honigsüßliches Lächeln auf den Lippen nachzuvollziehen. In kindlicher Sorglosigkeit setzte sie ihre nackten Füße auf das Gras, tanzte förmlich durch den Hof und führte den mit Wasser gefüllten Scherbenkrug an jeden Feigenstamm. Das kühle Nass glitzerte in der Mittagssonne, wie es da an den Pflanzen hinunter zu rinnen begann. Wie von Tau beperlt schienen plötzlich die Blätter.
Tau …
Wohl ein fast vergessener Mythos.
Die Priesterin selbst störte sich nicht an meinen Blicken, blinzelte ganz verzückt auf ihr Werk und wandte sich dann um die eigene Achse, um den Krug am Zierbrunnen erneut aufzufüllen. Ihre Hand tauchte in die schillernde Oberfläche und trieb eine Weile in der Schwerelosigkeit des Elements vor sich hin. Sie genoss den Moment, während ich die Welt im Stillen verfluchte.
Ob ich mich wohl ähnlicher Unbeschwertheit hätte hingeben können, hätte ich nur meinen Glauben an die neuen Götter gefunden? Ob aus mir ein anderer Mensch geworden wäre, würde sich die Frage nach dem Sinn hinter den Dingen … ja, würde sich diese Frage nicht unablässig in meinen Geist bohren, mich quälen, mich foltern?
Ein kurzer Augenblick, ein Wimpernschlag, ein Blinzeln des Kosmos, da ich Neid auf diese Person verspürte. Auf die Priesterin, deren Namen ich nicht einmal kannte. Auf all diejenigen, die nicht sahen, was längst meine Realität geworden war.
»Daegon!«
Sämtliche Muskeln meines Körpers zogen sich in einer Schockreaktion zusammen, als mich die Stimme der Hohepriesterin aus den Gedanken riss. In einer raschen Bewegung wandte ich mich zur Seite, linste in die Dunkelheit des Säulenganges hinein und entdeckte die Silhouette meiner Mutter, die sich allmählich dem Kunstgarten näherte. Ihre Schritte folgten einem energischen Takt, während sie die letzten Meter zu mir überbrückte. Dann traten ihre Füße aus dem Schatten des Vordachs und enthüllten ihre Gestalt dem Licht der Sonne, sodass ihre blauen Augen förmlich zu leuchten begannen.
Leider nicht im Guten. Vielmehr in Sorge.
Mutter raffte ihr Hohepriestergewand in die Höhe, suchte sich einen ebenen Weg über die Grünfläche und stellte sich neben der Marmorbank auf. Einige Augenblicke blieb sie wie versteinert und hielt den Zeigefinger im Ansatz einer Geste, als wollte sie mich abermals an eine der Steinstatuetten erinnern; letztlich überwog die Emotion den Keim der Zurechtweisung. Mutter ließ ihren Finger sinken und schlug die Zeremoniengewandung zur Seite, um sich neben mir niederlassen zu können.
Ich selbst fühlte mich mit einem Male bewegungsunfähig. Die Erinnerung an mein Verschwinden während eines Götteropfers blieb bildhaft bestehen, sodass ich den ersten Impuls der Priesterin sehr wohl für mich zu deuten wusste. Ebenfalls erahnte ich die zurechtgelegten Rügenreden und die geplante Zurechtweisung des eigenen Kindes, das gegen die Norm der Gesellschaft verstoßen hatte.
Nichts dergleichen geschah.
Stattdessen war ein helles Seufzen der Sorge aus ihrem Mund zu vernehmen, als sie die Hand an meine Wange legte und mit verwässerten Blicken in mir zu lesen gedachte.
»Weshalb hast du die Zeremonie vorzeitig verlassen, Daegon?«
Mutters Pupillen zucken unkontrolliert über mein Gesicht, als versuchte sie, sämtliche Ausdrücke in Sekundenbruchteilen zu erfassen. Dann legte sich ihre Stirn in Falten, zog die Augenbrauen gleich mit in die Höhe und verriet mir sämtliche Szenarien, die sie im Geist bereits durchgespielt hatte. Sie kannte mein Geheimnis. Ihr Schmerz überwältigte mich.
»Hätte jemand dein Verschwinden bemerkt und deinem Vater Bericht erstattet – gute Götter, nicht einmal auszudenken!«
Ich entzog mich der unangenehmen Berührung und nahm ihre Hand in die meine, sodass es meiner Mutter unmöglich war, die sichere Distanz, die errichtete Mauer, ohne weitere Mühen zu überbrücken. Obwohl ich in ihr meine letzte Vertraute im Chaos der Welt sah und den Schmerz jener Frau als eigenes Leiden empfand, so war uns diese Mauer immer geblieben. Diese eine Grenze, die wir uns nicht zu übertreten gestatten wollten.
»Du weißt, weshalb ich gegangen bin«, murmelte ich in die Stille. »Du hast im Verlauf der Zeremonie neue Säuberungen angekündigt und nicht ein Sterbenswort im Voraus verraten, mich nicht zuvor darüber in Kenntnis gesetzt oder zumindest eine Andeutung fallengelassen. Ich war unvorbereitet. Dementsprechend war es ein Schock. Ich bin nicht bereit, auch nur einen der Stammeskrieger im Namen der Götter zu ermorden oder einen der Wilden als Sklaven zu halten. Ich bin nicht bereit, im Namen einer vermeintlich höheren Macht zu töten, an deren Existenz ich nicht einmal glaube. Ich kann das nicht.«
»Daegon …«
Mutters Hand schloss sich fest um meine Fingerspitzen und versprach mir den Halt, den ich bei mir selbst nicht gefunden hatte … den ich noch immer vergeblich zu finden versuchte. Dennoch blieb der anklingende Vorwurf unüberhörbar, wie sie mich da auf eine unmissverständliche Weise bei meinem Namen nannte. Sämtliche Fragen schienen in die Artikulation eines einzigen Wortes gepresst zu werden, sodass ich die Anklage tausendfach in meinem Geist flüstern hörte und mich einer Antwort nicht mehr entziehen konnte. Eine Antwort auf die Frage, ob ich denn nicht einmal über meinen Schatten springen und meine Furcht vor dem Töten hinter mir würde zurücklassen können. Eine Antwort darauf, ob ich denn tatsächlich mein eigenes Leben riskieren wollte, indem ich mich meinen vermeintlich falschen Moralprinzipien ergab.
Denn nichts anderes würde geschehen, sollte ich die Säuberung ausschlagen.
Man würde mich zweifelsohne hinrichten lassen – als Fahnenflüchtigen, als Sympathisanten, als denjenigen, der nicht nach den Regeln spielte.
Allein die Liebe meiner Mutter hatte mich bisher vor solch einem Schicksal bewahrt, mich durch die dunkelsten Täler getragen und vor den kritischen Blicken der anderen Soldaten verborgen. Nun sollte ich dieses eine Mal die Schrecken der Säuberung überwinden und als rechte Hand der Ungerechten agieren, als hätte ich niemals Zweifel an deren Taten gehegt? Für sie – so lauteten sie doch, die Gedanken!
»Du weißt, was es bedeutet«, flüsterte Mutter erkennend und senkte ihren Blick auf unsere Hände.
Ihr Daumen fuhr in kreisenden Bewegungen über meine Handrückenfläche, jagte prickelnde Impulse durch mein Nervensystem und machte mich glauben, ich hätte soeben das schlimmste Verbrechen an ihr begangen.
Ach, verflucht seist du, mein Herz!
Ich richtete meinen Blick in die Ferne des Priestergartens und suchte den einen Punkt in meinen Gedanken, an dem sich das Chaosgebilde des eigenen Herzens lösen sollte, an dem all meine Sorgen auf einen allumfassenden Sinn streben würden … Doch dieser Punkt existierte nicht.
»Ich liebe dich, Mutter«, konstatierte ich leise. »Ich würde für dich die Feuer deiner Götter durchqueren und die finstersten Schächte unserer Katakomben durchdringen, würde selbst meinen übermächtigsten Dämonen entgegentreten und meine eigene Seele im Zuge der Säuberungen verpachten, doch bitte ich dich inständig: Verlange es nicht von mir. Ich habe zu deinem Schutz viele Dinge getan und bereue bis heute nicht, dass ich die Ausbildung für dich abgeschlossen habe. Ich bin ein guter Kämpfer geworden, damit Vater seinen Ruf als Senator nicht zu Grabe tragen muss und dir die Schuld hierfür anlasten kann. Aber ich bin kein Mörder. Missbrauche nicht meine Gefühle.«
Als meine Worte in der Weite des Gartens verklangen, spürte ich die unmissverständlichen Zuckungen der Frau neben mir. Ihr Körper krümmte sich in gramgebeugter Haltung nach vorn, während sie die Hand aus der Umklammerung löste und ihre Miene dahinter zu verbergen versuchte. Ihr Brustkorb blähte sich in den unterdrückten Schluchzern, zitterte wie von ihren eigenen Dämonen durchdrungen und entließ schließlich einen Klagelaut in die Stille.
»Und ich kann dich nicht verlieren«, wimmerte sie. »Ich kann dich nicht gehenlassen, Daegon.«
»Mutter!«
Mit einem erschreckenden Male verwandelte sich das Antlitz der sonst stolzen Hohepriesterin in die Miene eines jungen Mädchens, das von all ihren Lieben verlassen auf einer Marmorbank im Priestergarten harrte. So schmolzen die Jahre der Macht binnen Sekunden dahin, vergingen wie Butter in der Hitze auf dem Land der Namenlosen und verflossen in den Tränen der trauernden Frau, die einen Todgeweihten vor seinem Tode beweinte.
»Mutter …«
Als ich mich von meinem Platz erhob und mit schmerzverzogenen Brauen die Gestalt musterte, die sich ohne inneren Kampf den Eindrücken ihrer Trauer ergab … da schien der Moment meiner Entscheidung gekommen.
Mutter hatte den Kampf vor seinem Beginn aufgegeben.
Obgleich ich mich vor den eigenen Wunden fürchtete und selbst dem Spiel dieser Welt ein Schnippchen schlagen wollte, war mir die Wahl des Kampfes durch die Tatsachenlage genommen worden.
Sie ist nicht stark genug.
Sollte ich mich weigern, wird auch sie meinen Tod nicht überleben.
Erneut ballten sich meine Hände zu Fäusten und verwandelten sich in erdrückendes Steingewicht, wie ich mich da so vor den Scherben zweier zerstörter Existenzen wiederfand. In den Trümmern toter Hoffnung lagen zwei Seelen, deren Leben sie abermals zu Boden ringen wollte … deren Leben sie vor einen Scheideweg stellte und auf unbarmherzige Weise zwang, sich zu stellen; sich zu stellen … oder den Tod zu erleiden. Ein Mann hatte uns in den Staub getreten … und so blieb es an uns.
»Ich komme wieder«, flüsterte ich. »Mutter, ich komme wieder.«
Mit diesen Worten kehrte ich der weinenden Frau den Rücken und rang den aufsteigenden Zorn in mir nieder. Ich sollte aus Liebe meine Seele verkaufen, meine Furcht vor den eigenen Taten überwinden, meine Prinzipien von den Klippen ihrer Hoffnungslosigkeit stoßen … und ja, obgleich mich all diese Dinge schreckten …
»Ich muss zur Wasserwache … aber ich komme wieder.«

Kapitel 2
Nakhara
Land der Namenlosen
Eine erdrückende Hitze hatte sich um meinen Körper geschlagen und schien meine Extremitäten mit Blei zu befüllen, als ich unter flatternden Lidern gegen das erste Tageslicht blinzelte. Zwischen den einzelnen Sichtsequenzen sah ich eine runde Zeltöffnung über mir schweben, sah wolkenloses Blau hinter den Leinenplanen und nahm auch den erbarmungslosen Hauptstern wahr, der mit aller Macht seine Wärme auf das Land der Namenlosen entsandte. Noch schwebte ich zwischen Traumwelt und Realität. Der Morgen lastete in meinen Gliedern.
Doch fühlte ich bereits die nassdurchtränkten Stoffe unter meinen Händen, fühlte mich selbst, als würde ich in einem Ozean meines eigenen Albtraumschweißes davontreiben müssen. Die Leinen verwandelten sich in windgetragenes Wüstengras … und schon fand ich mich in einem altbekannten Lähmungsgefühl, das mich seit einigen Wochen nach dem Erwachen zu quälen pflegte.
In diesen Momenten siegte noch einmal die Furcht der Nacht über mich.
Die Erinnerung an das furchtbare Unglück, das sich vor den Toren der Legendenstadt Gwerdhyll ereignet hatte.
Mit geschlossenen Augen verwandelten sich die Erinnerungen in realitätsnahe Bilder, die vor einer schwarzen Leinwand tanzten und all die zerrütteten Gefühle an die Oberfläche meines Bewusstseins schwemmten. Da waren Wellen von Städtern auf galoppierenden Pferden, die über die Körper meiner Familie fegten, die Krusadh mit einer Lanze durchbohrten und mich über Steppenfelder hetzten. Unzählige Hufe von aufgewiegelten Tieren, die in ihrer Panik über das Land trampelten, die über die Leichen der getöteten Männer stolperten und ihr Blut im Sand der Wüste verteilten.
Noch einmal. Mein Sturz. Der Moment, als meine Rüstung ins Körperinnere gedrückt worden war.
Noch einmal. Krusadh. Der junge Reiterkrieger, der von einer Lanze durchschlagen wurde.
Der Schmerz. Unerträgliche Folterqualen des geschundenen Leibes, auf den nur mehr der Tod lauerte.
Jharrns entstelltes Gesicht über dem meinen.
Der Geruch von Blut …
… und …
… Ohnmacht.
Eine solche Machtlosigkeit!
Eine ähnliche Ohnmacht verspürte ich gegenüber jenen Erinnerungsfetzen, die sich ohne mein Zutun in meine Nachtträume schlichen und den Schlaf in eine Zeit der Qualen verwandelten, die sich des Morgens noch immer an meine Bettkante hockten und mir leise ans Ohr flüsterten; die mir flüsterten, wie machtlos ich doch im Grunde blieb. Tausende Stimmen mit albtraumfarbenen Klängen umkreisten meinen letzten Ankerpunkt in der Welt, als wollten sie sich im nächsten Moment darauf stürzen und den kläglichen Rest meiner Menschlichkeit wie Wildhunde in der Weite zerreißen. So schwebte ich minutenlang zwischen Albtraum, Folter und Realität, ehe sich die traumatische Starre aus meinen Gliedern löste und meinen Körper endlich den geregelten Gedankengängen unterwarf.
»Verflucht«, murmelte ich schließlich bei mir selbst.
Ja, mein Körper galt als geheilt. Meine Seele, die bedurfte einer längeren Heilung.
»Ich muss einfach nur aufstehen«, intonierte ich weiter mein Mantra und hoffte auf tatsächliche Linderung darin. »Dann kann der Schlaf mich nicht holen. Dann verschwinden die Bilder.«
Mit zitternden Atemzügen kehrte ich der Zeltöffnung über mir den Rücken, als könnte ich auf diese Weise auch den Erinnerungen an den Vorfall vor Gwerdhylls Toren den Rücken kehren. Ich zog mich an einem Stoffballen zur Seite, drehte meinen Körper in penibelster Vorsicht auf dem Lager und versuchte, einen ungünstigen Kontakt mit meinem Brustkorb zu vermeiden. So stützte ich meinen Ellenbogen unter die unfallversehrte Stelle, raffte mich möglichst schnell in eine Sitzposition und verharrte noch eine Weile auf den äußeren Begrenzungen des Deckenlagers.
Obwohl der Rippenbruch von der Stammesältesten versorgt worden war, bildete ich mir so manches Mal ein, in der Berührung wieder Schmerzen zu spüren. Als würden erneut die verhärteten Lederränder zwischen den einzelnen Knochen hindurchgeschoben, als drückte erneut ein Felsbrocken die Knochenkanten auseinander und zertrümmerte daraufhin die rechte Körperseite. Zu bildhaft blieb der Gedanke an die Wochen der Heilung, die ich auf einem Lager im Zelt hatte verbringen müssen.
Bettlägerig. Schwach. Verletzlich. Gescheitert.
Höchstwahrscheinlich die schlimmsten Wochen meines jungen Lebens, zumal ich mit den stechenden Gefühlen der Schuld mehr als nur einmal konfrontiert werden sollte. Jharrn und ich waren schwerverletzt zum Lagerplatz des Stammes zurückgekehrt, hatten auf ein Lebenszeichen der Reiterkrieger geharrt und doch nur zwischen Delirium und Todeskampf dem fernen Singen der Dünen gelauscht. Letztlich war uns eine medizinische Behandlung durch die Stammesälteste zuteil geworden, während die Stimmen der anderen im Wüstenwind verhallten und auf ewig als Erinnerung im Sand verblassten.
Man fühlte sich schuldig, am Leben zu sein. Am Leben, während andere niemals zum Stamm zurückkehren konnten. Als hätte man die Familie im Stich gelassen … obwohl man wusste, dass ihre Leben längst zu Stimmen der Vergangenheit geworden waren.
»Ach, verflucht, vergiss es endlich, Nakhara!«, presste ich noch einmal hervor und donnerte mit der flachen Hand auf das Kissen zu meiner Rechten.
Umgehend wurde eine lose Feder in die Luft katapultiert, schlug einige Kapriolen in der Schwüle und schwebte dann in seichten Bewegungen zu Boden, um letztlich als bewegungsloses Objekt auf dem Teppich des Zelts zu enden. Die feinen Ausläufer zitterten im säuselnden Zugwind, der sich wie ein heimlicher Besucher unter den Zeltleinen hindurchstahl und den graugefleckten Flaum mit seinem Atem umspielte. Ich blickte eine ganze Weile auf die reglose Feder, als hätte ich darin meinen Fokus verloren.
Doch im Grunde …
Seit dem Unglück hatte ich kaum einen Fokus besessen.
Es schien meinem einzigen Glück gleichkommen zu wollen, dass man mich erneut zum Wasserdiebstahl zugelassen hatte und am heutigen Tage mit den anderen Dieben gen Gwerdhyll zu senden gedachte. Die Stammesälteste war noch am Vorabend in mein Zelt getreten. Man betraute mich mit einem neuen Versuch unter den erfahrenen Männern, so hatte sie in wissenden Worten zu mir gesprochen und mir mit ihrer Ansprache endlich Hoffnung in die Hände gelegt. Denn auf diese Weise war mir eine Aufgabe zuteil geworden, die mich für einen Tag aus den Sümpfen meiner Grübeleien entführte, die mir die kostbare Möglichkeit verlieh, mich meinen Angstbildern Auge in Auge zu stellen.
Heute geht es los. Und danach … danach ist alles besser.
Seit dem Vorabend wiederholten sich die beruhigenden Floskeln wieder und wieder in meinem Schädel, sagten mir, dass mit einer neuen Gelegenheit alles besser werden würde und ich mich lediglich meinen Ängsten stellen müsste, dass ich an den Ort der Schrecken zurückkehren und mit einem Erfolg im Rücken heimkommen sollte, dass die Erinnerungen unter den Bildern des Erfolges verblassten und mit den toten Körpern unter dem Wüstensand begraben sein würden. Ob ich mich in diesen Floskeln schlichtweg in trügerischer Sicherheit wog oder tatsächlich an die Wahrheit meiner eigenen Worte glaubte?
So manches Mal war ich mir bei mir selbst gar nicht sicher. Ich hegte nur eine Gewissheit: Ich wollte wieder nach Gwerdhyll.
Denn andernfalls wäre ich längst Kind des Wahns.
Mit entschlossenen Bewegungen stemmte ich mich in die Höhe, suchte mit der Hand Halt an der Hauptstange meines Zeltes und genoss das Gefühl der schwindenden Müdigkeit. Mochte der Schlaf auch Macht über meine Gedanken ausüben können, so blieben die Tage noch immer mein Eigen, blieben meine Zeit – ungeachtet der Schrecken. War einmal der Schritt in die Realität getan und verblassten die furchtbaren Bilder der Nacht, verwandelte sich auch meine Umgebung in eine farbenfrohere Welt und führte mich mit Düften der Vertrautheit zurück ins Leben.
Es ist alles wie immer. Es ist alles in Ordnung.
Ich schloss meine Finger fest um die Rundung der Zeltstange, blickte mich in den Räumlichkeiten um und versuchte, wieder bei mir selbst anzukommen. Seit mein Stamm das Nomadenleben aufgegeben und sich in der Nähe von Gwerdhyll niedergelassen hatte, waren in meinem Zelt kaum Änderungen vorgenommen worden. Hellbraune Leinenverkleidungen flatterten in ihren Verankerungen, als stemmten sie sich der Macht des Wüstenwindes entgegen und trotzten der Natur mit steinernem Willen. Da waren weitere Stangenkonstruktionen, die meinen Lederschutz wenige Zentimeter über dem Teppichboden schweben und die zusammengeschusterte Tracht der Wasserdiebe vor einem Zeltschnitt an der Wüstenluft trocknen ließen. Dunkelbraune Stiefel an einem Haken, der die Schnürsenkel wie einen skurrilen Schnurrbart zu tragen schien. Der schale Geruch von Schweiß in der Luft. Die verblassende Note von Salben unter Verbänden.
Meine Hose baumelte über einer Spannleine in der Mitte des Zelts und schlackerte gegen meine Tongefäße an selbstgedrehten Schnurkonstruktionen, die in den Erschütterungen der Außenwelt leise klapperten. Trockene Kräuter raschelten in ihren Krügen, verhedderten sich mit ihren dornenförmigen Blättern ineinander und ließen ein verheißungsvolles Knistern erklingen. An diesem Tage schien der Wind außergewöhnlich laut mit den Stämmen des Ostens zu sprechen, ja, schien eine wichtige Botschaft verkünden zu wollen, die ja doch kein menschliches Ohr zu verstehen vermochte.
Und obwohl ebendieser Tag auf seine ganz eigene Weise besonders erscheinen wollte, so strahlte mein Heim doch eine befriedende Vertrautheit aus, ein wohliges Gefühl für zu Hause, das mir kein Städter und kein Blut jemals zu entreißen vermochte.
»Nakhara?«
Ich unterdrückte einen erschrockenen Ausruf, als eine tiefe Stimme unmittelbar hinter der verschlossenen Zeltfront erklang. Trotz der dünnen Leinen verlor sich die Lautstärke in den Stoffen und drang lediglich dumpf an mein Ohr, sodass ich den Urheber nicht sofort zu identifizieren vermochte. Die raue Sprachmelodie erinnerte an windgetriebenen Sand auf Gestein.
Mein Herz stolperte unglücklich über den eigenen Rhythmus.
»Jharrn?«, mutmaßte ich vorsichtig in die Stille hinein, während ich die Silhouette des Mannes an der Zeltwand betrachtete und umgehend mit der Erinnerung an ein wundenzerfressenes Antlitz zu kämpfen hatte.
An ein zerstörtes Gesicht, das sich über mich beugte.
»Geht es … geht es los?«
Der Wassermeister ließ seinerseits ein gedämpftes Brummeln erklingen, als hätte er die Unsicherheit in meiner Frage bei sich interpretiert und meine Gedankengänge auch ohne weitere Artikulationen erraten. Der verwaschene Schatten entfernte sich einige Schritte von den Leinen und sank wie eine verdurstende Pflanze in sich zusammen, während Jharrn mit der Erkenntnis zu hadern schien. Die Erkenntnis, zu einem Abbild des Schreckens für sämtliche Stammesmitglieder und indessen zu einer wandelnden Erinnerung an den Vorfall geworden zu sein.
Jharrns Gestalt, seine Stimme … All diese Eindrücke jagten meinen Puls in einen gehetzten Galopp. Er selbst sollte nicht minder unter den Verletzungen leiden. Denn obgleich seine Wunden verheilten und die Schmerzen aus seinem Körper getilgt werden konnten, so blieb ihm doch nur mehr eine Hälfte des einst so begehrten Gesichts … und nur ein Auge, um die Schönheit seiner geliebten Steppe zu sehen.
»Nein, noch bleibt etwas Zeit bis zum Aufbruch. Ich könnte … mich umdrehen, während wir miteinander sprechen«, schlug die Stimme hinter den Leinen in gebrochenem Tonfall vor. »Vielleicht ist es noch zu früh, um …«
Seine Worte versiegten.
Mit einem Male fühlte ich einen Stich in meiner eigenen Brust, wie ich da die Qualen in der Aussprache des Wassermeisters vernahm. Obwohl Jharrn mich seit meiner Ernennung zur Wasserdiebin stets mit einer gewissen Respektlosigkeit bedacht und mich wie seine Gefolgsreiter als die Frau unter den Männern mit bösen Zungen gestraft hatte, so konnte ich mich dem Mitleidsgefühl nicht mehr erwehren. Sein Abbild vor den Stammesmitgliedern wandelte sich mit jeder Minute zu dem einer neuen Person, die zwar mutig den Städtern als Held gegenüberzutreten wagte … jedoch menschlich eher gemieden wurde. Die Frauen – allesamt, wie sie zu den Füßen des Meisters gelegen hatten – suchten sich andere Wege durch das Lager des Stammes, so Jharrn nur in der Nähe ihrer üblichen Pfade gesichtet wurde.
Sein Leben veränderte sich. Als müsste der Wassermeister nun am eigenen Leibe erfahren, wie ich unter den Männern des Stammes empfunden hatte ... Als ließen die Götter ihn dasselbe Schicksal erleiden. Als wäre er ein Aussätziger.
Aus ebendiesem Grunde konnte ich seinen Schmerz durchaus bei mir nachempfinden, wusste um die zahlreichen seelischen Wunden und wusste auch um die Demütigungen, die gern hinter dem Rücken des Betroffenen geflüstert wurden. Zudem wäre mein Körper ohne Jharrns Einsatz wohl längst unter dem Wüstenstaub vertrocknet.
Ich muss …
Ich kann nicht so sein …
Mit einem tiefen Atemzug löste ich meinen Klammergriff um die Zentralstange und eilte in Richtung des Zelteingangs, hinter dem Jharrns Silhouette noch immer verharrte.
»Eine Sekunde«, bat ich den Meister, während ich die zahlreichen Knoten der Zeltkordeln löste und die Knochenknöpfe aus deren Halterungen führte.
Dann legte ich die Eingangsplane beiseite. Mit routinierten Bewegungen fixierte ich den Sichtschutz an einer der Seitenstangen, legte die losen Kordeln darüber und schob meinen Oberkörper aus der Dunkelheit des Zelts. Gerade weit genug, um Wassermeister Jharrn respektvoll entgegentreten zu können und ihm mit meinem Erscheinen zu zeigen, dass ich mich nicht um derlei Äußerlichkeiten scherte – jedoch nicht weit genug, um vor sämtlichen Stammesmitgliedern zu offenbaren, dass mein Leib noch immer in meiner Schlafkleidung steckte und die Beine unter dem Leinenhemd vollkommen entblößt im Wüstensand standen.
Lediglich Jharrn selbst entdeckte die nackten Füße. Er zog in offensichtlicher Überraschung seine unversehrte Augenbraue in die Höhe, wich noch einen Schritt nach hinten und entschwand somit dem Schatten des Zelts. Nun enthüllte die Sonne den wahren Schrecken seiner Züge.
Ich konnte das Stocken meiner eigenen Atemluft kaum mehr verhindern, hatte ich doch die Ausmaße seiner Verletzung niemals zuvor aktiv begutachten müssen … und seine Person nach dem Gemetzel bei Gwerdhyll so gut als eben nur möglich gemieden. Wider besseren Wissens entglitt der Pfad meiner Blicke jeglicher Kontrolle, sodass meine Pupillen über die rosavernarbte Gesichtsseite mit ihren verkrusteten Nähten wanderten, alle Details der übereinandergeschobenen Hautlappen erfassten … und sich letztlich an einem dunkel verfärbten Aderdelta fingen, das unter einer ledernen Augenklappe hervorlugte.
Jharrn und ich starrten uns an. Beide perplex. Zunächst ohne Worte.
»Ich habe nicht damit gerechnet, dass du noch ruhst, Nakhara«, räusperte sich mein Gegenüber und fand somit lange vor mir zur artikulierten Sprache zurück.
»Hmpf«, machte ich, um Jharrn die Deutung jenes Wortlauts ganz unverfänglich zu überlassen.
Wie sonst sollte man auch seinen Schrecken vor einem Mann verbergen, der vor seiner Verwundung immerzu in den Gesichtern seines Gefolges ganze Geschichten hatte lesen können? Wie sonst sollte man auch Worte finden, die seiner verletzten Seele nicht letztlich den Todesstoß versetzten?
Der Anblick des Wassermeisters war grauenvoll. Gar keine Frage.
Mit jedem seiner Worte verformte sich das verletzte Muskelgewebe und verwandelte seine einst ansehnliche Miene in eine furchterregende Fratze, die von Wellen aus Pergament überzogen schien.
»Soll ich später wiederkommen?«, grummelte die Fratze mit verschobenem Kiefer.
Ich öffnete den Mund zu einer Antwort – schloss ihn jedoch ohne ein weiteres Wort und deutete mit einer Hand ins Innere des Zelts, um Jharrn so wenig als eben nur möglich in seiner Ehre zu kränken. Der Wassermeister neigte seinerseits respektvoll den Kopf, schob sich entschlossenen Schrittes an meinem Körper vorbei und positionierte sich mit dem Rücken zu mir. Seine Hände stemmten sich in die Hüften und ließen den sehnigen Brustkorb unter den Lederlagen noch imposanter erscheinen – doch innerlich schien der schwarzhaarige Hüne auf die Größe einer Wüstenrennmaus geschrumpft, wie er da mit seinen Fingerkuppen nervös auf dem Griffstück seines Krummschwertes herumtippelte.
»Ich weiß nicht, wie viel die Älteste dir über das kommende Wasserritual erzählt hat …«, begann Jharrn seine Ansprache, als wollte er mit den Zeltleinen sprechen.
Dann folgte eine ganze Weile wieder Stille … und so blieb es nun doch an mir, meine Sprache wiederzufinden.
»Im Grunde hat sie mir nur gesagt, dass ich ab heute wieder bei den Wasserdiebstählen mitwirken darf. Also …«
Ich löste die Eingangsplane aus der Halterung und ließ sie über die offene Zeltfront sinken, um dem Gespräch eine offenere Note verleihen zu können. Zwar war mir bei dem Gedanken nicht wohl, allein mit Jharrn – zudem nur halb bekleidet – in einem Zelt tiefgründige Gespräche zu führen, doch blieben mir aufgrund seiner Machtposition ohnehin kaum Wahlmöglichkeiten oder Entscheidungen über die Gesprächssituation offen. Der düstere Tonfall jagte einen zusätzlichen Schauer über meinen Rücken. Ein ungutes Gefühl, schon bald einem größeren Unheil gegenübertreten zu müssen.
»Weshalb bist du hier? Ich meine … Ist etwas vorgefallen? Etwas, das unsere Wasserrituale betrifft?«
Jharrns Kopf wandte sich kaum merklich zur Seite und offenbarte einen Teil der unversehrten Gesichtshälfte, als spielte er mit dem Gedanken, einen Blick in meine Züge zu wagen.
»Als Vorfall würde ich es nicht direkt betiteln, doch handelt es sich um unleugbare Tatsachen«, konstatierte er leise. »Höchstwahrscheinlich wird man dich nach dem Wasserdiebstahl darüber aufklären und dir die Einzelheiten berichten – was ich in Anbetracht der emotionalen Anspannung durchaus nachvollziehen kann. Der heutige Diebstahl wird uns mit den vergangenen Erlebnissen konfrontieren und mit großer Wahrscheinlichkeit die ureigenen Ängste in uns erwecken, denen es sich zunächst mit Mut im Herzen zu stellen gilt. Dennoch hatte ich gehofft, du wärst bereits im Bilde.«
»Im Bilde worüber?«
Grundgütige Epona! Welch ein verschwiegener Bastard!
Der schwach flackernde Funke der Panik in meiner Brust verwandelte sich blitzartig in einen ausgewachsenen Flächenbrand, den ich nicht einmal unter Mühen aus meinen Gedanken zu tilgen vermochte, der sich immer weiter auszubreiten und mich innerlich zu zerfressen drohte. Die Stammesälteste hatte am Vorabend nicht ein Sterbenswort über etwaige Katastrophen angedeutet, sondern über den Mut der Wasserdiebe gesprochen, über die Stärke einer Löwin und die Hingabe zur Berufung, die sie seit jeher in meinem Herzen zu sehen glaubte. Die Frau war weder der Unruhe verfallen, noch waren sonst düstere Zukunftsprognosen in die Luft gepinselt worden. Und nun?
Jharrns Worte ließen mich mehr und mehr an eine Fassade glauben.
»Was ist geschehen?«
Meine Stimme schraubte sich in ungeahnte Tonhöhen, als die eigene Panik mir Steuer wie Ruder aus den Händen entreißen wollte. Doch blieb der Wassermeister höchstselbst in eigenartiger Ruhe verhaftet und wandte sich schließlich in meine Richtung, um unter schwebenden Schritten an mich heranzutreten und derweil seinen stechenden Meisterblick durch meinen Körper zu jagen. Sein Ausdruck nagelte mich in der Bewegung fest, ja, ließ mich wie versteinert vor ihm stehen, obwohl ich meinen eigenen Blick nur allzu gern von seinen Zügen abgewandt hätte.
Dann war Jharrns vernarbtes Gesicht dem meinen sehr nahe.
Derart nah, dass sich unsere Nasen wohl berührt hätten, wenn sich der Wassermeister nur weiter zu mir herabgebeugt hätte.
»Jharrn …«
Ich schluckte.
Der unverkennbare Geruch von Eiter umwaberte den Körper des Mannes, der sich breitbeinig vor mir positionierte und nun seine Hände um meine Arme zu schließen begann. Wie ein Schraubstock legten sich seine Finger um meine zitternden Glieder, sodass ich die Nähe des Hünen nur mehr als bedrohlich zu empfinden vermochte. Mein Atem beschleunigte sich auf einen hektischen Rhythmus und rasselte hörbar aus den pumpenden Lungen, während ich den Schweiß förmlich über meinen Rücken rinnen fühlte und in den Händen des Meisters zu einer Miniaturversion meines Selbst zusammenschmolz.
»Es ist noch nicht geschehen«, flüsterte er und bedachte mich weiterhin mit eindringlichen Blicken. »Aber es wird definitiv geschehen, Nakhara. Aus diesem Grunde musste ich das Gespräch mit dir suchen, mich mit all meinen körperlichen Lasten vor dir zeigen und dich fragen, ob du mich überhaupt ansehen kannst.«
»Ich … ich kann, aaaa-aber …«
Meine Zunge stolperte mehrfach.
Doch Jharrn verstärkte den Druck auf meine Arme, schloss in scheinbaren Qualen das verbliebene Auge und sog mit tiefen Atemzügen Luft in seinen bebenden Brustkorb. Im Wimpernschlag eines Augenblicks schien der Mann meinen Duft in sich aufzunehmen, als hätte er eine seltene Wüstenrose gefunden und müsste sie nun in allen Facetten genießen. In seinem augenscheinlichen Rauschzustand blähte der Wassermeister seine Nasenflügel zu Pferdenüstern, rückte mit dem Oberkörper noch ein Stück näher und presste sich förmlich an meine Schlafgewandung.
Schockschwerenot!
In ebendiesen Momenten pulsierte eine mir bisher vollkommen unbekannte Art der Furcht durch meinen Körper, die mich hilflos in den Händen des Wassermeisters lehnen, die mich sogar vollkommen in meinen Bewegungen lähmte und mein Sichtfeld schwarz vor den Augen flackern ließ.
Oft schon war ich mit Jharrns Autorität konfrontiert worden. Zumeist ohne Furcht – lediglich mit Respekt.
Ein derartiges Verhalten wusste ich jedoch so gar nicht bei mir zu deuten und erlag erstmalig einem Gefühl der vollkommenen Panik.
»Ich will, dass du eines weißt, Nakhara«, raunte Jharrn mit düsterer Stimme. »Mögen wir uns so manches Mal wie Feuer und Wasser behandelt haben, einen Schaden würde ich dir niemals zufügen und dir keinerlei körperliche Schmerzen bereiten. Ich mag deine bissige Art nicht gut leiden, ertrage weder deine aufmüpfigen Kommentare noch Widerworte auf meinen Befehl – aber ein Leid würde ich dir nicht wünschen, Frau. Ich habe dein Leben bewahrt. Mein Gesicht war der Preis. Also hege ich noch eine gewisse Hoffnung bei mir, dass du dieses Opfer zu schätzen weißt und es uns beiden erträglich gestaltest.«
»Dass ich was erträglich gestalte?!«
Endlich setzte mein Verstand seine Dienste fort und sandte einen Impuls an meine Arme, die Jharrn in einer ruckartigen Bewegung von mir stießen. Der Wassermeister taumelte trotz der enormen Krafteinwirkung kaum ein paar Schritte nach hinten, wankte aufgrund einer Teppichfalte am Boden in einen Ausgleichschritt und fing sich Sekundenbruchteile später an der Zentralstange des Nomadenzelts. Auf seinen zerstörten Zügen erschien eine Form der Empörung, so man die Muskelbewegung noch in irgendeiner Weise zu interpretieren wusste. Er sammelte sich in einer aufrechten Haltung und musterte mich wie ein Stück Vieh zum Verkauf.
Ich kam nicht umhin, meine Hände zu Fäusten zu ballen.
Zu gern hätte ich ihm die Zentralstange über den Schädel gezogen.
Niemals zuvor hatte ich mich von einem der Männer derart in körperliche und psychische Bedrängnis bringen lassen, mich stets den Situationen vor dem Entstehen entzogen und deutlich gemacht, in welcher Position ich mich vor den Herrschaften sah. Fürwahr, und obwohl die Männer sich vor bösen Zungen nicht scheuten, so hatten sie doch nie meine Grenze zu übertreten gewagt, niemals zuvor einen Finger gegen mich erhoben … oder mich gar berührt, mich bedrängt und bedroht – wie Jharrn es soeben zu versuchen riskierte. In meinen Zügen schien sich der gesamte Bluthaushalt meines Körpers zu sammeln, um selbst den dunklen Teint meiner Haut in ein erhitztes Rot zu tauchen.
Solch eine Wut! Auf Jharrn. Auf mich selbst.
So viele Fragen, die allesamt innerhalb weniger Herzschläge auf meinen Geist einzuprasseln schienen.
Weshalb ich ohne eine Regung vor ihm gestanden hatte? Weshalb es mich solche Mühen, ja, solch eine lange Zeitspanne gekostet hatte, mich aus Jharrns Bedrängnis zu befreien? Welche Umstände ich in Zukunft erträglich gestalten sollte, sodass der Wassermeister mich privat in meinen Schlafräumen aufsuchen musste?
»Du wirst es wohl noch früh genug erfahren«, grunzte Jharrn auf seine ganz eigene beunruhigende Weise, als hätte ich meine Gedanken in Worte gefasst. »Ich denke, vorerst ist alles gesagt.«
Ohne eine Erklärung seines Verhaltens zu liefern, wandte sich der Wassermeister um die eigene Achse, schloss die Hand um den Griff seines Krummschwerts und stürmte durch den Zelteingang in die Wüstenweite hinaus.
***
Als ich mich für den anstehenden Wasserdiebstahl vorbereitet und vollständig in meine Schutzkleidung gehüllt hatte, da haftete der schale Geschmack der unangenehmen Begegnung noch immer auf meiner Zungenspitze. Wie eine lästige Klette machten sich seine Worte wieder und wieder in meinem Schädel bemerkbar, quälten mich mit unzähligen Wiederholungen des Szenarios und erinnerten mich, dass ich früher oder später mit der Auflösung jener Drohung konfrontiert werden würde.
Eine leise Stimme flüsterte mir: Ebendiese Auflösung würde mir wohl noch weniger gefallen als die Begegnung zuvor. Womöglich würde sie bahnbrechende Veränderungen verheißen.
Und so fand ich mich mit einem äußerst flauen Gefühl im Magen, als ich die letzten Vorbereitungen vor meinem Aufbruch traf und die Schnürsenkel meiner Stiefel fest um die Fußfesseln schloss. Mit zitternden Händen formte ich eine Sicherungsschlaufe, scheiterte mehrfach an meinen eigenen Emotionen und konnte die Nervosität nur unter Mühen bezwingen.
»Vielleicht war es auch einfach ein schlechter Scherz«, murmelte ich meinen rasenden Gedanken entgegen. »Das wird es sein. Die Männer wollen mich demütigen.«
Jedoch wollte sich das Unwohlsein meines Körpers nicht legen.
Die Dämonen hatten sich längst in meinen Schädel gefressen und würden mich bis zur Auflösung der prophetischen Ankündigung begleiten, sodass mir nur mehr eine Möglichkeit blieb: weiterzumachen, weiterzugehen und meinen Pflichten zu folgen, bis der Moment der Erkenntnis endlich gekommen war.
Wie in Trance erhob ich mich aus meiner Hockposition und schleppte mich in Richtung der Aufbewahrungsstangen, um mein Kletterseil von einem der Haken zu lösen und als Knotenkonstruktion über meine rechte Schulter zu legen. Die einstudierten Bewegungen beim Anlegen des Sicherungsgurts schienen einem mechanischen Rhythmus zu folgen und bedurften keiner echten Gedankenkontrolle, keiner aktiven oder bewussten Denkprozesse, die mir wohl ohnehin nicht mehr möglich gewesen wären. Mein Blick blieb auf die Gedankenbilder gerichtet, während ich meine Dolche in die dafür vorgesehenen Scheiden führte, ja, selbst während ich in Richtung des Zeltausgangs tigerte und die Plane hinter mir wieder mit den Schließen fixierte.
So sollte mich die Lautstärke des Lagertreibens beinahe erschlagen.
Als ich meinem Zelt den Rücken kehrte und mich zu den anderen Zelten wandte, da war mir, als prallte ich regelrecht gegen eine steinerne Mauer. Nur, dass jene Mauer aus dem Leben höchstselbst bestand und mich mit ihren Eindrücken aus dem Gedankentempel riss, den ich mir da über die letzten Minuten meiner Grübeleien und Grauensvorstellungen errichtet hatte. Nun machte sie sich mit einem Male wieder bemerkbar – diese Realität – und ließ mich in der Bewegung erstarren, als hätte man mir sämtliches Leben aus dem Körper gesogen.
Ich blinzelte ein paarmal.
Das Zeltlager des Stammes verquoll regelrecht in Belebtheit.
Einige Jägerinnen schienen einen recht ansehnlichen Bullen mit ihren Pfeiltechniken aus den Gattern der Städter getrennt und als seltene Ausbeute durch die halbe Wüste zum Lager zurückgeschleift zu haben, sah man sie doch bereits vor den Trockenfleischleinen knien. Nun trennten die Frauen das sandgeschundene Fell vom Körper, gaben kleinere Fellfetzen an die Kinder weiter und ermunterten sie, die Hautstreifen immer weiter zu dünnen Kordeln zu verdrehen. Das vergnügte Lachen der Jüngsten wurde vom Wind durch die Gassen zwischen den Zelten getragen und vermischte sich mit den Lauten klirrender Schüsseln, der Übungskämpfe abseits des Lagers und den Unterhaltungen der ältesten Stammesmitglieder. Da waren die alltäglichen Konversationen der Handwerker untereinander und das metallene Klappern von Werkzeugen in Kisten; die unverkennbaren Geräusche von Raspeln auf Pferdehufen und die Gerüche von schwelendem Hornmaterial, loses Horn, welches die Hunde nicht schnell genug für sich hatten beanspruchen können.
Alsbald formte sich eine vertraute Melodie des Lagerlebens in meinen Ohren. Mit der Stimme des Windes erklang das Lied unseres Volkes. Die Legende der Wüste, die allerlei Geschichten zu einer einzigen Erzählung vereinte.
Unwillkürlich formte sich ein Lächeln auf meinen Lippen und befriedete mich für einen Moment mit der Situation. Ich ließ meinen Blick über die weiten Flächen des Horizonts schweifen, bedachte die Dünen mit einem seligen Schmunzeln und verfolgte, wie sich die Sandkörner in spielerischen Wirbeln über das Himmelsband jagten. Unter dem Blau lag das Lager mit all seinen Zelten auf dem verhärteten Steppenboden und trotzte den Mächten der Wüste, die gelben Staub durch jene Gassen zu treiben pflegten. Am anderen Ende der Nomadensiedlung standen die Pferde in großzügigen Gattern, ließen ihre Köpfe knapp über dem Boden schweben, trotzten den Temperaturen und knabberten an den spärlichen Rispen, die ihnen dank des letzten Wasserrituals geblieben waren.
War es nicht genau dieses Heimatgefühl, dem nun all meine Aufmerksamkeit gelten sollte?
War es nicht genau dieser Ort, dieses wertvolle Fleckchen, das es vor allen anderen Dingen zu schützen galt?
Ich schloss für einen kurzen Moment die Lider.
Ja, der Wasserdiebstahl … nichts wichtiger als dieses hehre Ziel vor Augen.
Als ich meine Lider wieder hob und entschlossen gegen das warme Tageslicht blinzelte, da existierte plötzlich nur mehr die heilige Pflicht und der Hass auf die Stadt, welche mein schützendes Heim zerstörte.
»Auf nach Gwerdhyll«, flüsterte ich.

Kapitel 3
Daegon
Stadt der Legenden
Ein Meer aus Menschen ergoss sich über die zentralen Straßen in Richtung des Marktes, der vor wenigen Minuten seine Pforten im Zentrum der Stadt geöffnet hatte und die Bevölkerung mit Waren aus aller Herren Länder lockte. An den heiligen Tagen des Dreigötterfestes schienen die Kaufmeilen besonderes Interesse zu wecken, zumal die Gelegenheit auch von Luxushändlern genutzt und in ein wahres Spektakel der Sinne verwandelt wurde. Allerlei Gerüche von Gewürzen, von erlesenen Speisen und Köstlichkeiten, legten sich als Dunstglocke über das Zentrum, als wollten sie die Städter wie Blüten den Bienenschwarm locken.
Ich konnte mich schwerlich auf meinem Wachposten halten.
Kaum war das Priesterritual zu einem Ende gelangt, da strömten die Massen über den Platz und zwängten sich selbst durch die engen Gassen, die wir Soldaten aus Sicherheitsgründen gesperrt halten sollten. Menschen um Menschen stürmten zwischen den Häusern hindurch, rempelten sich gegenseitig gegen die Wände und hielten geradewegs auf die Platzöffnung zu. Zwar hatten sich die Diensthabenden in regelmäßigen Abständen vor den Nebenstraßen platziert, doch wurden wörtliche Mahnungen geflissentlich von der Bevölkerung ignoriert. Auch mein Posten wankte in den Wogen, die da kamen.
Hunderte Männer und Frauen in weißen Zeremoniengewandungen stürmten den heiligen Hügel hinunter und drängten sich gegen die rebellierenden Städter, die mit erhobenen Fäusten vor mir Einlass zum Platz forderten. Während mein Blick durch die Menschenmassen ging und sich allmählich selbst in Verzweiflung ertränkte, sah ich so manch empörte Miene nebst aufgerissenen und brüllenden Mündern, fordernden Fratzen und speichelschleudernden Flüchen.
»Diese Straße ist gesperrt, verflucht noch eins!«, brüllte ich mit hitze- wie zornesgeröteter Miene in die Menge. »Die Waren sind auf große Verkaufsmengen ausgelegt, werden für jeden einzelnen ausreichen und zusätzlich streng in ihrer Menge kontrolliert. Die Hauptstraßen sind allesamt offen und der Senator ha-«
Ich verstummte, als mein Brustpanzer von einer braunen Masse getroffen wurde.
Unwillkürlich blickte ich auf die unerwartete Zierde, die langsam von den anatomischen Metallformungen abglitt und letztlich auf dem Boden als breiter Fladen endete. In der Schwüle jenes Hochsommertages blieben mir die Bestandteile des Geschosses auch nicht lange verborgen, wusste ich den prägnanten Geruch recht eindeutig den südlich gelegenen Stallungen zuzuordnen.
Pferdemist. Na prost Mahlzeit.
All diese Heuchler, wie sie mit weißen Roben in Tempeln für ihre Seele beten … und dann die arbeitenden Soldaten mit Scheiße bewerfen, weil sie ihren Berufsstand erfüllen.
Ich ließ meiner Kehle ein frustriertes Knurren entsteigen und ballte die Hände in meiner Empörung zu Fäusten, obwohl ich um die Intentionen der Massen wusste … obwohl ich ahnte, dass sie all diese Demütigungen lediglich aus der Angst vor dem Hungertod begingen. Sicher blieb Gwerdhyll die reiche Stadt der Legenden und warb regelmäßig mit den größten Wasserreserven in den Katakomben, doch hatte auch die Bevölkerung die Klänge in den Reden ihrer Hohepriesterin gewittert.
Säuberungen. Morde. All jene Ereignisse, die für gewöhnlich Wasserknappheit und ausgefallenen Ernten in den Landgärten folgten.
Die Meute hatte den Braten längst während der Zeremonien gerochen, rechnete fest mit Ressourcenkürzungen und ahnte, dass eben nicht die Soldaten als Oberschicht zuerst am Hungertuch nagen sollten. So warf ich meinem Wachdienstbegleiter verzweifelte Blicke über die tobende Meute zu, bloß, um im nächsten Moment den Ellenbogen einer rüstigen Dame in meiner Seite zu spüren und schließlich von einer hereinbrechenden Menschenwelle gegen die Hauswand in meinem Rücken gedrückt zu werden.
»Ach, verflucht!«, presste ich den Ausdruck der Resignation noch hervor – dann blieb mir nur noch, mich mit aller Gewalt an einen Mauervorsprung zu krallen, als die tobende Masse durch die Blockade brach und mit Erfolgsjubel auf den Marktplatz strömte.
Schon zog ein Farbenwirbel unterschiedlicher Weißtöne vor meinem Sichtfeld vorbei, nahm mir die Orientierung im Raum und verwischte die Konturen der kalkverputzten Hauswände. Verwaschene Gestalten huschten wie Gewandungsgespenster an mir vorbei, doch balgten sich die Individuen weit weniger geisterhaft übereinander und stolperten, stürzten unter die Füße der anderen. Vereinzelte Hände reckten sich zu den Menschen am Boden, rissen sie gerade noch rechtzeitig auf die Füße und bewahrten die Unglücklichen vor dem sicheren Tode, zogen sie in die dichten Gruppen und pressten ihre Körper zwischen die anderen Leiber, während die Füße der Städtermasse am Engpunkt der Gasse über den Pflasterboden trampelten.
Grundgütiger!
Die andere Seite der schmalen Gasse war trotz der kurzen Distanz kaum mehr zu erkennen.
Ebendies Chaos hatte man ursprünglich durch die Sperrung auch zu vermeiden versucht. Lieber wollte ich mir nicht in Gedanken errechnen, wie viele der Gestürzten wohl nicht mehr rechtzeitig ergriffen und in die Menge gezogen worden waren, wie viele womöglich unter den Füßen ihrer Mitbürger zu Tode kamen oder durch deren Tritte schwer verletzt wurden. Auch wollte ich mir die Zerstörungen nach einer möglichen Massenpanik nicht einmal erdenken, hatte ich doch – bei Geist! – schon genug der Schreckensbilder in den Straßen gesehen. Statt nun selbst in Furcht um Leib und Leben zu versinken oder vor dem wütenden Chaos der Städter zu fliehen – wie ich da nun einmal mit Mühe an einem Mauervorsprung den Wellen trotzte – wurde ich von Wutgefühlen ergriffen, die mich innerlich beinahe toben ließen.
Oh ja, ich hegte einen gewaltigen Zorn auf Gwerdhyll.
Nicht allein, weil mein Vater den Posten des höchsten Senators innehatte und augenscheinlich in seiner Funktion versagte, sondern weil die Mentalität der Massen mich schreckte und mir die Grausamkeit meiner Mitmenschen vor Augen führte, ja, mir die Haare sprichwörtlich zu Berge stehen ließ; mich zutiefst in meinen Werten und Grundfesten erschütterte, sodass ich nicht mehr umhin kam, mich diesem Ort schnellstmöglich entziehen zu wollen. Die helfenden Hände blieben Ausnahmen unter Tausenden, wenngleich auch sie aus Eigennutz in Richtung der Fallenden gereckt und als Selbstschutz vor dem Stolpern über liegende Körper gereicht wurden.
Es war kein bloßes Gefühl, nein, es kam der Gewissheit gleich: In Gwerdhyll handelte niemand ohne eigene Interessen.
Scheiße.
Ich fluchte in stiller Mutlosigkeit. Die Menschen? Noch immer in unablässigen Strömen.
Verdammte Scheiße!
Selten verwandten meine Gedanken dieses eine Fluchwort, das mir durch meine Erziehung in unzähligen Rügenreden durch meine Mutter verboten worden war – und so musste ich gleich darauf die Ironie meiner eigenen Gedanken erkennen, hatte man mich doch vor wenigen Minuten mit einer ordentlichen Ladung Fäkalien bedacht. Ich richtete meine Augen zum Himmel und fixierte mich auf das satte Blauband über den goldenen Kuppeldächern, als könnte ich dort am heutigen Tage tatsächlich einen der Götter finden. Doch blieb das Wüstenfirmament ebenso gottlos wie wolkenlos über der Stadt, brannte seine Hitze auf meinen ungeschützten Schädel und schien mir auf seine ganz eigene Weise eine lange Nase drehen zu wollen.
Ich krallte meine Finger noch fester in den Mauerabsatz.
Dann trafen mich die ersten Fäuste, die in der Menge um sich zu schlagen begonnen hatten. Man bespuckte sich, beschimpfte sich, prügelte Männer wie Frauen, trat mit den Füßen nach anderen Städtern, warf Sand in die Augen der vermeintlichen Gegner.
»Iuron!«, rief ich nun doch den Namen meines Partners über die Köpfe hinweg. »Iuron, Verstärkung!«
Doch die Uniform war längst in den Wogen untergegangen und befand sich vermutlich mitsamt ihrem Träger unter den Füßen der Stadtprügelei. Auch meine Position blieb nicht länger zu halten, als ein schlacksiger Mann seine Geldbörse in mein Gesicht schleuderte und mich auf diese Weise zur Aufgabe meines Vorsprungs zwang.
Der Einschlag der Münzen war wie ein Zusammenstoß mit Beton.
Ein stechender Schmerz bahnte sich seinen Weg von der Nase durch mein Nervensystem, sodass ich kurzzeitig ins Taumeln geriet und weiter in die Gasse hineinstolperte. Meine Ohren wurden von dumpfen Klingelgeräuschen erfüllt und ertaubten indessen für die Lautkulisse des Tumults, während sich schwarze Flecken vor meine Augen zu schieben begannen. Dann sah ich meinen Peiniger mit einem Stein in der Hand.
Nein, nein, nein!
Ein letzter Impuls zwang mich umgehend zur Handlung. Ich torkelte in Richtung des Geldbörsenwerfers, schüttelte den Schwindel aus meinem Schädel und umschlang den Hals des Angreifers mit beiden Armen, um die Intentionen bereits im Entstehen ersticken zu können. Ich fühlte die Spannung sämtlicher Körpermuskeln unter dem Griff, fühlte, wie er sich gegen die Behandlung sträubte und in völliger Empörung nach Atemluft schnappte. Warme Flüssigkeit sickerte aus meinen Nasenflügeln und rann mir mit ihrem metallenen Geschmack über die Lippen, als ich den brüllenden Städter aus dem Zentrum des Chaos befreite.
Schockschwerenot!
Wie ein wildes Tier bäumte er sich in meinem Griff. Der Mann schien sich mit aller Macht der unerwarteten Umklammerung entgegenzustemmen, kratzte, biss, trat und schlug – während er lediglich eine härtere Handhabung meinerseits provozierte und seine weiße Gewandung mit meinem Blut befleckte. Sein Hinterkopf raste ungebremst nach hinten und schlug erneut auf die betroffenen Gesichtspartien, doch blieb der Soldatengriff wie ein Schraubstock um seine Kehle geschlossen; nicht fest genug, um ihm tatsächliches Leid zuzufügen, nur fest genug, um ihn vor weiteren Torheiten halten zu können. Und so traf mich seine Bewegung mehrfach – mehrfach gegen die Nase, mehrfach fast in die Ohnmacht, inmitten der Wut auf die Stadt und die Leute darin.
»Tribune!«
Das Brüllen panischer Städter donnerte durch die Gassen und drängte sämtliche Kämpfer in Richtung des heiligen Hügels zurück, als sich die gerufenen Warnungen mehr und mehr zu einem Wort zu formen begannen. Aus allerlei Kehlen drangen mit einem Male die Schreie, vereinten sich zu einem unüberhörbaren Chor ihrer Panik und überbrückten darin selbst den Lärm der Gefechte.
»Tribune! Tribune!«, riefen die Stimmen.
»Sie kommen!«, riefen sie mit Angst in den Augen.
Mein Herz vollführte einen ungeahnten Sprung der Erleichterung, als ich die Bedeutung der Warnschreie endlich bei mir verstand. Unwillkürlich lockerte ich den Griff um die Kehle meines Angreifers und ließ ihn letztlich sogar meinen Händen entwischen, hatte ich doch niemals zuvor eine derartige Erleichterung über das Auftreten der Militärtribune verspürt. Tatsächlich sorgte der Anblick der höhergestellten Soldaten zumeist eher für Unwohlsein in meiner Magengegend, wie die Männer da mit ihren Peitschen auf Sklaven einprügelten oder die niederen Soldaten herumkommandierten, wie sie Arenakämpfer mit ihren Lederriemen bestraften oder die Wilden aus dem Land der Namenlosen ohne Zögern erwürgten.
Allerdings hegte ich in ebendiesen Momenten wohl einen Keim der Hoffnung im Herzen. Eine Hoffnung, das Auftreten der Peitschenträger würde die Masse vor schlimmeren Katastrophen bewahren und den Tumult ohne größere Gewalteinwirkung beruhigen. Eine Hoffnung, die Anwesenheit der Tribune wäre Mahnung genug.
Ich hörte das Echo der knallenden Peitschen durch die Atmosphäre der Gassen schlagen, wusste, man ließ die Foltergeräte durch das Nichts hoch über den Köpfen rasen, und sah, dass selbst die angedeuteten Luftschläge die gewünschte Wirkung auf die Bürger verübten. Mein Angreifer stürzte sich in die Menge und gab sich plötzlich lammfromm vor den anderen.
Der … elende Dreckskerl!
Der Mann gliederte sich mit gesenktem Blick in die Masse, um ja nicht das Aufsehen der Tribune zu erregen oder womöglich doch eine Bestrafung durch mich zu erhalten. Erhobene Fäuste senkten sich auf Höhe der Hüften und schreiende Münder wurden geschlossen, während die Wogen der Köpfe allmählich zur Ruhe kamen und sich in eine Fläche der Anspannung verwandelten.
Wieder tat mein Herz einen Satz.
Obgleich ich die Tribune am Rande der Gasse nicht zu sehen vermochte, obgleich hunderte Menschen mein Sichtfeld blockierten und zwischen den hohen Soldaten und mir eine Mauer errichteten, so fraßen sich die Peitschenlaute durch Mark und Bein. Wie Donnerhall erschütterte das Knallen die Herzen, wand sich als Echo um die goldenen Dächer der Stadt … und verhallte letztlich als Stimme der Macht.
Dann kam die Stille.
Und die Menschen erstarrten.
***
»Du hättest mir auf der anderen Seite zur Hilfe eilen müssen, Daegon«, brummelte mein Wachpartner in seinen nicht vorhandenen Bart, während er sich gegen die Wand des Wasserbrunnens lehnte und seinen Blick über den Markplatz schweifen ließ.
Unsere Schicht bei der Wasserwache hatte trotz der vorangegangenen Tumulte beim Einlass ohne große Verzögerungen begonnen, sodass wir mit schweißnassen Rüstuniformen und fäkalienbehafteten Stiefeln in der Hitze inmitten der Massen harrten. Glücklicherweise lief das Marktgeschehen mit Voranschreiten der Zeit immer mehr in den gewohnten Bahnen ab und ersparte uns weitere Prügeleien, denen wir selbst unter Einsatz der Tribune in solch einer Masse wohl sicher nicht Herr hätten werden können.
Ich lehnte mich ebenfalls gegen die Brunnenmauer.
Mein Blick ging über die schlendernden Bewegungen der Stadtbewohner, die sich mittlerweile nur mehr an Ständen drängten, die mit den fremdländischen Händlern feilschten und ihre Ausbeute in Körben über den Köpfen trugen. Frauen führten Kinder an den Händen und lotsten sie durch die lockeren Marktbereiche, während sich die Männer bei den Schmieden um die besten Plätze bei der Waffenpräsentation der Soldaten stritten. Der Duft von gebratenem Fleisch zog über den Platz. Köchinnen warfen Gemüse in zischende Pfannen.
Zu gern wäre ich selbst an einen der Stände getreten und hätte mich mit Nahrung – gleich welcher Art auch immer – versorgt, denn mein Magen jauchzte allein in der Vorstellung, endlich etwas Essbares verarbeiten zu können. An meine letzte Mahlzeit konnte ich mich kaum mehr erinnern, zumal diese aus einem weniger schmackhaften Getreidebrei und ein paar mickrigen Bohnen bestanden hatte. Leider hielt mich die Pflicht am Brunnen verankert.
Wasserwache.
Ein Wort für Stunden der reinsten Torturen.
Die Wasserwachen kontrollierten die Pässe der Stadtbewohner, die aus dem Zentralbrunnen Wasser zu schöpfen gedachten. Das Stadtgesetz entschied über die abzuschöpfende Menge und sprach die Kellenzahl nach Größe der Familien zu, sodass den Soldaten, wie sie am Brunnen standen und schwitzten, die ungeliebte Aufgabe zuteil geworden war, die Abgaben in Stichproben peinlichst genau zu vermerken und mit den eingetragenen Werten aus den Pässen abzugleichen.
Bonus ab vier Kopf pro Familie.
Die ironische Stimme in meinem Schädel imitierte den Wortlaut meines Vaters.
Erscheint ein Passloser am zentralen Brunnen und wird er beim Wasserdiebstahl erwischt, so ist er mit dem Tod zu bestrafen.
Ohne Gericht. Und ohne Urteil.
»Ich hätte unter die Füße geraten und dabei umkommen können! Ich hätte von den Bürgern zu Tode getrampelt werden, mit deren dreckigen Schuhen getreten oder – noch schlimmer – verunstaltet werden können! Ich hätte … Hörst du überhaupt, was ich sage?«
Oh, der plappert ja wieder.
»Daegon!«
»Hmmh.«
Ich blickte in die Züge des jungen Soldaten, der erst vor wenigen Wochen seinen Wasserwachdienst angetreten hatte und mit seinem neunzehnten Lebensjahr in den Soldatenstand erhoben worden war. Das Gesicht des Blondschopfs nahm eine rote Färbung, verzog sich zu einer Maske seiner Empörung und wollte mit seinen bubenhaften Proportionen beinahe wie das eines Kleinkindes anmuten. Die Wut über mein vermeintlich fehlerhaftes Verhalten schien sich förmlich auf seine Miene zu brennen, als er mich mit seinen ungerechtfertigten Vorwürfen bedachte; als er auf mich einplapperte, meckerte und derweil nicht einmal bemerkte, wie viele Jahre Erfahrung unsere Leben äonengleich trennten.
Ich ersparte dem Jungen ein Zitat der Verhaltensregeln.
Aufgrund seines Soldatenstands galt sein Leben im Einsatz laut Stadtgesetz als entbehrliches Gut, sollte durch den Tod das Einwirken höherer Gewalten vermieden und weitere Schäden abgewehrt werden können. Doch handelte es sich bei Iuron – wie bei so vielen Rekruten – um einen Sohn reicher Städter, der sich nicht um Regelungen oder Verhalten scherte, ja, der sich nicht einmal um den Einfluss meiner eigenen Familie scherte und meinen Status als Sohn des höchsten Senators gänzlich ignorierte.
Nicht, dass ich einem derartigen Stand selbst je eine Bedeutung beigemessen hätte.
Jedoch folgte ich lediglich meinen Prinzipien, während Iuron stets dem Duft des Geldes oder eben der Wahrung des persönlichen Nutzens folgte.
»Verunstaltet. Getötet. Das wäre nun wahrlich ein Jammer gewesen«, verwandelte ich meinen Sarkasmus in gesprochene Worte … und kassierte umgehend einen strafenden Blick, der mir ein schiefes Grinsen auf die Lippen zauberte.
»Bitte?!«
Ich lachte.
Obgleich mir die Erinnerung an den Vorfall noch wie ein Stein im Magen lag, so konnte ich mir doch den Galgenhumor nicht verkneifen und suhlte mich regelrecht in der Frustration meines Gegenübers. Schließlich war mir der Humor als letzte Waffe gegen den fehlenden Respekt der Standangehörigen geblieben, verschaffte mir zumindest ein wenig Erleichterung und nahm die Last für kurze Zeit von meinen sonst so moralbeladenen Schultern.
»Na schön. Du kontrollierst die Pässe allein«, kommandierte Iuron mit seiner schnippischen Bubenstimme. »Wenn dich das Leben deines Wachpartners so wenig schert, solltest du meine Arbeitskraft nicht verdienen. Ich gehe zu den Händlern. Ohnehin benötige ich eine neue Ansteckfibel.«
Mit diesen Worten fuhr sich das Bübchen über die schweißnassen Locken und klebte sie förmlich an die Schädeldecke, ohne sich der lächerlichen Außenwirkung bewusst zu werden. Iuron drehte sich mit einem letzten Schnauben um die eigene Achse, marschierte im Stechschritt über das Brunnenplateau und tauchte in die Menschenmasse zwischen den Ständen.
Zunächst war es mir nicht unrecht.
Allein zu wissen, dass Iuron für sein Verschwinden mit Tempeldienst bestraft werden würde … ein inneres Blumenpflücken für mich.
Dann allerdings warf ich einen Blick auf die endlose Schlange, die vor dem Brunnen auf Einlass hoffte … und meine Gesichtszüge entgleisten wie schmelzendes Bienenwachs in der Sonne.
Weit über hundert Städter hatten sich vor der eingelassenen Bodenlinie aus blauen Glasscherben gesammelt und achteten penibel auf ihre Standposition, als wagten sie ohne mein Eingeständnis nicht einmal, das Grenzmosaik mit den Füßen zu berühren. Ihre Körper drängten sich dicht aneinander, sparten allerdings die äußeren Glaskreise großzügig aus und wippten in sicherer Entfernung von einem Bein auf das andere. In den Augen lag ein fiebriger Glanz – Durst, Ungeduld, Furcht vor möglichen Fehlern.
Sie ahnten nicht, wie wenig ich zu Strafen in der Lage gewesen wäre.
Oder wie gern ich in ebenjenen Momenten die Latrinen am Rande des Platzes aufgesucht hätte …
Da sich aufgrund einer unnötigen Diskussion die Eröffnung des Brunnens um einige Minuten verzögert hatte und ich um die rasenden Herzen in den Brustkörben hinter den Gewandungsschleiern wusste, eilte ich mit schnellen Schritten zur Einlassmarkierung. Der gerade Olivenholzstamm ragte wie ein Mahnmal aus dem gepflasterten Boden, wartete mit allerlei eingeritzten Wassergesetzen auf und erinnerte einen jeden Besucher, dass Gier am Brunnen nicht als Tugend galt. An ebendiesem Punkt hatte eine Wasserwache zu stehen. An ebendiesem – und keinem anderen.
So postierte ich mich mit gewohnt strenger Miene bei der Markierung und setzte auf diese Weise meine Soldatenmaske über den verletzlichen Kern meiner Seele. Die Perfektion dieser Haltung hatte ich mir über Jahre zu meinem Schutz angeeignet, sodass niemand je hinter die Fassaden, die Mauern, die Masken und Mienen zu blicken vermochte … oder gar meine Position als Soldat infrage stellte. An meiner Entschlossenheit zur Gewalt sollten keinerlei Zweifel bestehen. So ließ ich meinen Blick mit versteinerten Zügen über die Menschentraube schweifen, bedachte ausgewählte Bürger mit einer längeren Aufmerksamkeitsspanne und machte sie meine Absichten durch bloßes Starren glauben.
Eine Strategie, die sich seit jeher bewährte.
»Also gut«, sprach ich schließlich mit kalter Stimme und nickte. »Erste Ausgabe. Wer bekommt zuerst etwas? Irgendjemand?«
Wie so oft schien keiner der Städter den ersten Schritt zum Brunnen wagen zu wollen, sandte man doch zumeist die unbeliebteren Bürger als Versuchskaninchen nach vorn und testete die Umgangsform der Wachhabenden. Wie so oft blieb mir selbst die Wahl der ersten Person überlassen, wusste ich doch ebenfalls um die kostbare Zeit, die bei derlei Aktionen von ihrer Furcht gefressen wurde. Ich unterdrückte ein Seufzen.
Dann deutete ich auf einen älteren Mann, der sich neben zwei Frauen um die vordere Front zu drücken gedachte.
»Du. Nach vorn. Wie viele Kellen stehen dir zu?«
Mit sichtlicher Anspannung in den Gliedern mühte sich der Herr nun zwischen den Frauen hindurch, trat über die blaue Glasmarkierung am Boden und baute sich in gespielter Sicherheit vor mir auf. In seinen Händen baumelte eine Karaffe aus Ton, die unter den Zitterbewegungen seiner Hände verdächtige Schlenker vollführte und die Angst vor mir mehr als eindeutig verriet.
Ich zog meine Augenbrauen zusammen.
So sehr ich mich auch um eine ausdruckslose Mimik bemühte, so wenig konnte ich meine ersten Impulse verbergen. Mitleid – da jener Mann sich offensichtlich als Opfertier vor der Schlachtbank sah und jederzeit mit einem gewaltsamen Ableben rechnete, weil er trotz seiner Furcht nicht auf das kostbare Gut im Zentralbrunnen verzichten und der Prüfung durch einen der Wasserwächter entgehen konnte. Die eigene Anspannung – da ich nun einmal jederzeit mit einem Wasserdiebstahl zu rechnen hatte und nicht um die Intentionen des Mannes wusste.
Ob er gefälschte Papiere besaß? Ob er womöglich mehr benötigte, als ihm tatsächlich zustand?
Jedwedes Verbrechen – allein die Frage danach – hätte mich in eine moralische Zwickmühle getrieben, der ich ohne Iuron an meiner Seite nicht alleine zu entkommen vermochte.
»Wie viele Kellen, der Herr?«, wiederholte ich meine Frage.
Die Stirn des Alten runzelte sich wie eine vertrocknende Traube, während seine zitternden Hände die Karaffe in meine Richtung reckten und letztlich nach dem Pass in der Taschenfalte seiner Gewandung zu fischen begannen. Eine ganze Weile lang sah man ihn suchen, sah ihn in Panik die Tasche durchwühlen, allmählich der Nervosität verfallen und die Lippen bis zur Weißverfärbung aufeinanderpressen. Unterdrückte Schluchzer bahnten sich ihren Weg in die Kehle. Seine Finger friemelten die Stofffalten auseinander und tasteten hektisch über den Oberkörper, sodass ich bereits glaubte, der Mann habe den Pass im Gedränge verloren. Als er das Objekt seiner Suche dann zu fassen bekam, standen glitzernde Schweißperlen auf seinem Haupt.
Hätten meine kurzen Locken nicht die Stirn verborgen …
Es wäre mir wohl ähnlich ergangen.
Tief durchatmen.
»Drei Kellen«, entgegnete der Mann mit bebender Stimme und zeigte mir die entsprechende Stelle im Dokument.
»Drei Kellen. Signatur des Senators Mheron. Siegel. Stempel. Sieht in Ordnung aus.«
Beide hoben wir unsere Blicke von der Siegelfläche und kreuzten sie in der puren Essenz der Erleichterung, als würde der Anspannung ein kollektives Ausatmen folgen und sich die bedrückende Atmosphäre im Nichts auflösen. Ich überreichte dem Herrn seine Wasserkaraffe, blinzelte ihm eine stumme Genehmigung entgegen und wich einen kleinen Schritt zur Seite, um ihn an den Zentralbrunnen treten zu lassen. Der Mann raffte seinerseits die Gewandung zusammen und stieg auf den Übergang zum Brunnenplateau.
Ich wandte mich um.
»Dann kontrollieren wir doch gleich noch einmal«, schlug ich der wartenden Menge mehr rein rhetorisch vor.
Wohl wusste ich: Es war ein unbeliebter Schachzug unter den Bürgern – jedoch einer, der mir eine längere Pause zwischen den Stichprobenkontrollen gewährte und mir die Gelegenheit offenließ, die kurzzeitige Schockreaktion meines Körpers wieder zu dämmen. Wollte man den Kapriolen meines Herzschlags Glauben schenken, so erschien mir eine längere Pause um der eigenen Gesundheit willen auch mehr als nötig. Wie ein verschreckt flatternder Vogel im goldenen Käfig donnerte der Muskel gegen meine Rippen, während sich der kalte Schweiß bereits über meinen Rücken ergoss und die Gewandung unter der Soldatenrüstung förmlich durchtränkte.
All dies, weil ein Bürger seinen Pass länger als gewöhnlich hatte suchen müssen.
All dies, weil die Befehle auf sofortige Tötung von Dieben lauteten.
Ich hasse den Wasserwachdienst.
Abermals wanderten meine Augen durch die Massen, die nach meinen Worten ein gutes Stück hinter der Grenzlinie zurückgewichen waren. Da waren Sklaven von höhergestellten Bürgern mit Holzkonstruktionen über ihren Schultern, ärmliche Frauen in schmutzigen Leinen mit Tonkrügen auf ihren Hochsteckfrisuren, Männer in sandverfärbten Roben neben geflochtenen Wasserkörben … und eine verhüllte Gestalt mit einem Wasserschlauch in der Hand. Ja, eine verhüllte Gestalt, die im Gegensatz zu den anderen Städtern nur wenig Furcht im Herzen zu hegen schien.
Ich vermutete einen weiblichen Körper unter dem braunen Sonnenschutzmantel und glaubte, unter all den Lagen und der weiten Kapuze wohl eine Händlerin aus den südlichen Regionen der Lande finden zu müssen. Die Tracht galt in den Südstädten weit verbreitet.
Der dichtgewobene Stoff sollte die Trägerin vor übermäßiger Lichteinstrahlung schützen, die hellere Haut der Südländerin im Dunkeln und die Einwirkung des Zentralsterns so gering als möglich halten – wie es sich bei adeligen Händlerinnen aus den südlichen Häusern nun einmal schickte. In den Randgebieten des Marktplatzes waren einige der Braunkutten zu sehen, wie sie ihre Waren auf den langen Händlertischen feilboten … und eben auch die jüngeren Gildenmitglieder in Richtung des Brunnens sandten, um auf eine ausreichende Wasserversorgung zu achten. Zwar verbarg der Sonnenmantel die weiße Zeremonientracht unter den dunkleren Leinen, doch das sichere Auftreten jener Botin …
Ein geringes Risiko, oder?
Alle Händler besitzen gesonderte Pässe.
»Du, Braunkutte«, beschloss ich kurzerhand laut. »Wie viele Kellen stehen dir zu?«
Die Gewandungsgestalt zuckte unwillkürlich zusammen, als hätten meine Worte wie ein Blitz in ihren Körper geschlagen und sämtliche Glieder augenblicklich zu Stein werden lassen. Die Braunkutte schien zu einer Marmorversion ihres Selbst zu erstarren und ihre Füße als Wurzeln in den Boden zu stemmen, bis sie von einer der Frauen nach vorne gestoßen wurde. Ihre Füße stolperten über die Glasmarkierung, noch ehe sie das Gleichgewicht zu finden vermochte, noch ehe überhaupt eine Reaktion ihrerseits erfolgte und gegen die rüde Behandlung der anderen aufbegehrte. Was anfangs wie ein sicheres Kartenspiel anmuten wollte, verwandelte sich zu einem Tanz auf Messers Schneide.
Da stand sie. Allein. Vor der Markierung. Zögerte.
Durch die Menge in ihrem Rücken ging ein erleichtertes Raunen …
… doch durch mein Herz ging ein unerwarteter Dolchstoß, der mich meine Wahl aufs Tiefste bereuen ließ.
Noch während die verhüllte Gestalt wie eine Marmorstatuette auf der Stelle verharrte, vermutete ich bereits mit Furcht im Gemüt, dass ich dieses eine Mal die falsche Wahl getroffen haben sollte.
»Komm nach vorn«, presste ich meinen Befehl hervor.
Und obgleich ich beinahe auf ihre Weigerung hoffte und sie vor meinen inneren Augen auf der Flucht vor den anderen Soldaten sah, obgleich ich hoffte, sie würde sich umdrehen und durch die Menge in Richtung der Stadttore stürzen, obgleich ich im Stillen an ihre Vernunft appellierte … raffte die Gestalt ihren Sonnenmantel und überbrückte die Distanz bis zum Wachposten ganz ohne Zögern. Die vermeintliche Händlerin nahm den Wasserbeutel in ihre Linke, ließ die Rechte heimlich in Richtung des Gürtels verschwinden und hob den Blick, als sie meine Position erreichte.
Kaum ein halber Meter trennte uns mehr.
Durch die Bewegung ihres Kopfes schälte das Sonnenlicht ihre Miene aus dem Schatten der Kutte und enthüllte die atemberaubendsten Augen, die mir in meinem Leben jemals hätten begegnen sollen. Strahlendes Stahlblau reflektierte den Schein ihrer Blicke, verwandelte die Tiefen ihrer Iris in Teiche von Silber und raubte mir im bloßen Anblick den Atem. Die sonnengebräunte Haut schmiegte sich in satten Farbverläufen unter die Brauen und wartete auf den glänzenden Wangen mit weißer Stammesbemalung auf. Das Haar – dunkelbraun, etwas strohig, doch zu einem üppigen Zopf zusammengebunden und seitlich über die Schulter gelegt.
Ich wusste umgehend, dass es sich um eine Wilde aus dem Land der Namenlosen handelte.
Dennoch versagte mein Geist jegliche Reaktion.
Mir blieb nur, die katzenhaften Züge der Frau mit meinen Blicken Stück für Stück zu umschweifen und jede Sekunde des Anblicks mit meinen Erinnerungen aufzusaugen, um das gottgleiche Bildnis niemals mehr vergessen zu müssen. Hatte ich stets an die Nicht-Existenz von Göttern geglaubt, so sah ich mich nun der lebenden Lügenstrafe der Gedanken gegenüber. Eine solch anmutige Wildheit in ihrer Miene, die unübertreffliche Perfektion in den Proportionen, die Augen, die jegliche Seele durchdrangen … Jegliches Detail ihres Körpers schien von überirdischen Gegebenheiten gesegnet worden zu sein, als hätte sich tatsächlich ein Gott das Abbild dieser Frau ersonnen.
Ich mochte meinen eigenen Augen nicht glauben.
Es war, als erweckte ihr Anblick binnen Sekunden Altes in mir, als hätte ich sie schon einmal in Träumen oder Gedanken gesehen und wäre darin dem Schöpfungsfunken begegnet – ohne ein Verständnis dessen ergreifen zu können.
»Den … den Pass«, stammelte ich mit geweiteten Augen, obwohl ich um die Lächerlichkeit meiner eigenen Aufforderung wusste.
Mein Gegenüber schien nicht einmal zu blinzeln. Die Namenlose reckte mir den Wasserschlauch entgegen und enthüllte indessen weitere Stammesbemalungen an ihren Fingern, sodass ich in einer Impulsreaktion näher an sie herantrat und die weiße Farbe vor den Augen der umstehenden Städter verbarg. Ihre Hand wurde an meinen Brustpanzer gedrückt, zuckte in der Berührung rasch nach hinten und ließ den Wasserschlauch in den Spalt zwischen unseren Körpern fallen.
Es waren Sekunden, in denen mir das Denken unmöglich erschien.
Mit einem uneleganten Platschen kam der Fellbeutel auf dem Pflasterstein auf.
Dann wusste ich nichts mehr. Absolut nichts mehr.
In jeder anderen Situation wäre wahrscheinlich eine Gedankenwalze über mich gekommen und hätte mich mit Zweifeln niedergedrückt, hätte mich an meine Befehle erinnert und daran, dass man mir gebot, die Wilde zu töten. In jeder anderen Situation wäre meine Hand zum Griff des Schwertes geschnellt, bloß, um dort zögernd innezuhalten und meine größte Angst vor aller Welt offen preiszugeben.
Doch nun. Nichts.
Rein gar nichts.
Während mich die stahlblauen Blicke der Frau durchbohrten und kaum einen Gedanken hinter der Fassade erkennen ließen, beugte ich mich zu ihrem Wasserschlauch und las ihn von den Pflastersteinen. Über die Handlung kam ich der Wilden noch näher und gab mich, als hielte ich neben dem Schlauch auch einen Wasserpass in den Händen. Mit einem Male waren wir uns derart nahe, dass ich den Duft der Weiten an ihr wahrzunehmen vermochte, dass ich sogar die einzelnen Noten von Kräutern, von schwitzenden Pferden und getrockneten Wüstenrosen in mir aufnehmen konnte. Durch die fehlende Distanz waren Einblicke von außen kaum möglich.
»Zwei Kellen«, las ich den nicht vorhandenen Pass, als steuerte eine fremde Macht meine Lippen. »Signatur des Senators Rhodon. Siegel. Stempel. Alles in Ordnung.«
Die Augen der Frau weiteten sich auf die Größe von Wagenrädern, als sie die laut verlesenen Worte vernahm und die Intention des Theaters bei sich verstand. Sie schien den Mund zu einer Antwort zu öffnen, löste die Hand von ihrem Waffengürtel und schloss letztlich die Lippen, ohne je eine Erwiderung gegeben zu haben.
Ich blinzelte.
Sie nickte.
Dann nahm sie weiterhin wortlos den Wasserschlauch entgegen und stahl sich an mir vorbei in Richtung des Brunnens. Als mein Blick abermals durch die Massen auf dem Marktplatz ging … entdeckte ich drei weitere Männer in Kutten. Drei Männer, die das Spektakel sehr genau verfolgten.
Ein echter Hüne.
Zwei kleinere neben ihm.
Auch Wasserdiebe, dachte ich noch.
Und gleich darauf …
Schockschwerenot, was habe ich gerade getan?

Kapitel 4
Nakhara
Land der Namenlosen
Die Nachmittagssonne entsandte ihre flirrende Hitze über die Dünen und verwandelte die Hänge am Horizont in schunkelnde Sandgiganten, deren Abbilder sich im Takt der Wärmewellen bewegten. Wie Kinder der Weite jagten sich die Sandwirbel über das Blau des Firmaments, lösten den oberen Schopf der Steppenberge und trugen die Dünenkronen sanft mit dem Wind. Mit wilden Pinselbewegungen zeichnete die Luftströmung Silhouetten von Staubfiguren in die Höhe und verwarf sie mit einem einzigen Atemzug wieder. Die Böen verwehten die tanzenden Wirbel in Schweigen. Eine allumfassende Stille schien sich über den Ort zwischen den Wüstenwogen zu legen. Als wollten selbst die singenden Sandwesen über meinen Aufenthaltsort schweigen – als wollten sie das Geheimnis meiner Oase bewahren und sich keinerlei Lieder über den Platz ersinnen, den ich seit frühester Jugend zu meinem Eigen erkoren hatte.
Zum wievielten Male mich jene Dünen wohl sahen?
Ob sie mich so manches Mal ebenfalls schmerzlich vermissten?
In Kindertagen war mir die Steppensenke zwischen den Versandungen des Ostens immer ein Anlaufpunkt gewesen, hatte mich selbst über den Tod meiner Eltern in tröstender Sicherheit gewogen und mir stets eine Heimat jenseits des Nomadenlagers geboten. Obgleich die Dünen selbst als Nomadenvolk fortdauerten und wie mein Stamm über die Jahre weiterwanderten, so war mir bei der Rückkehr an ebendieses Fleckchen stets ein Platz unter dem großen Felsen zu meiner Rechten geblieben.
Da sollte man meinen, einem Kind der Wüste seien keine Lieblingsorte vergönnt, pah!
So saß ich nun.
Ich saß auf den Knien; die Hände in der höheren Sandschicht begraben.
Saß wortlos dort, lauschte den Winden und genoss es, den festeren Grund unter den losen Schichten zu fühlen.
Das rote Gestein zu meiner Seite trotzte wie jeher den Partikeln der Weite, warf seinen kühlenden Schatten auf meinen Körper und bewahrte mich vor den erbarmungslosen Fängen der Sonne. Wie ein schützendes Dach schwebte der größte Felsbrocken über mir und klammerte sich doch untrennbar an die Säule des Muttersteins, als könnte ihn kein Sandsturm der Jahrtausende jemals aus seiner Position lösen. Beinahe wollte ich an göttliche Fügung glauben, dass mir ein nahezu geheimer Hort wie ebendieser zuteil geworden war.
Für mich blieb es mehr als ein Versprechen auf echten Schatten.
Es war mein Reich. Mein Ort. Mein ganz eigenes Stück Steppe.
Allein die Präsenz dieses Ortes ließ mich zur Ruhe kommen, schlang sich wie eine behütende Decke um meinen Körper und beruhigte meinen Herzschlag auf ein erträgliches Maß. Nach den Ereignissen des Wasserdiebstahls in Gwerdhyll hatte ich nicht mehr daran geglaubt, der Muskel würde je wieder einen normalen Rhythmus einschlagen können … oder zumindest ein anderes Tempo als den Jagdgalopp kennen. Zwar verfolgte mich das Trauma des Unfalls nicht mehr, doch blieb die vermeintliche Erlösung von den Gedankenbildern bloß ein Teil der Verdrängung. Eine Verdrängung durch andere Erlebnisse, die meinen Geist erschüttert hatten.
Dieser Mann …
Der Soldat aus Gwerdhyll.
Das Bildnis eines Städtersoldaten bohrte sich förmlich in meinen Schädel, ließ jegliches Unfallgeschehen auf das Maß einer Nichtigkeit schrumpfen und nahm den Hauptteil meiner Gedankenwelt ein.
Er hat mich nicht getötet.
Er …
Das Antlitz des Kriegers eroberte wahrlich meine gesamte Aufmerksamkeitsspanne und war nur schwerlich aus meiner Vorstellung zu tilgen, als hätte sich der Mann mit seiner unerwarteten Handlung in meinen Fantasien festgefressen. Ja, als hätte seine gänzlich unangemeldete Gnade meine Welt in ihren ureigenen Grundfesten erschüttert und mein Bild von Städtern wie Soldaten infrage gestellt, sah ich doch für gewöhnlich die Völkermörder hinter den Mauern in ihnen. Noch immer fiel es mir schwer zu glauben, was auf dem Marktplatz von Gwerdhyll geschah.
Ich war als Wasserdiebin in die Stadt gekommen. Den Schlauch in der Hand. Die Kumpane im Nacken. Jharrn und die anderen am Rande des Platzes.
Der Wassermeister hatte mich auf meinen ausdrücklichen Wunsch den heiligen Akt des Diebstahls durchführen lassen, sodass ich mit Mut im Herzen an den Brunnen herantrat … bloß, um sogleich von besagtem Städtersoldaten nach meinem Wasserpass gefragt zu werden. Zunächst war ich den Impulsen der Panik erlegen und hatte die Hand an den Dolch gelegt, mich letztlich jedoch mit dem Tod gut Freund gestellt, um die anderen Wasserdiebe vor den Soldaten zu schützen und meine Familie nicht durch mein Verhalten in Gefahr zu bringen.
Es musste wohl ebendieser Moment gewesen sein. Der Herzschlag. Die Panik. Der Mut, der sie brach.
Es musste wohl ebendieser Moment gewesen sein, da das Trauma des Unfalls seine Krallen aus meiner Gedankenwelt riss und auf ewig in den Gassen der Wüstenstadt entschwand. Der Moment, da die Albtraumfänge verblassten.
Während ich dann aus freien Stücken dem Tod in die Arme gegangen war, ja, meine Furcht vor den Ereignissen ein für alle Male aus meinen Schreckensvorstellungen tilgte, hatten sich die Götter bereits einen anderen Spielplan für mich überlegt und um meinen weiteren Weg gewürfelt. Tatsächlich wollte es wie ein bloßes Würfelspiel mit dem Zufall anmuten, wie sich die Szenerie von diesem Augenblick an entwickelte und ohne mein Zutun ins Gegenteil kehrte, wie sich das Schicksal über meine Entscheidung erhaben zeigte. Statt umgehend durch das Schwert eines Wasserwächters zu sterben, sollte ich von den Göttern begnadigt werden und mein Wasser ohne weitere Konsequenzen aus dem Zentralbrunnen schöpfen dürfen.
Jharrn hatte gewitzelt, der Soldat habe sich seinem Geist gegenübergesehen. Die anderen hatten gewitzelt, mein Gesicht wäre wohl Abschreckung genug.
Und schon ritt man ins Lager des Stammes zurück, um der Ältesten die Ausbeute zu übergeben, das wasserspendende Ritual mit den anderen Stammesmitgliedern vorzubereiten, den Triumph dieses Wasserdiebstahls gebührend zu feiern. All diese Dinge schienen wie bloße Ereignisketten hintereinander abzulaufen, schienen sich förmlich in ihrer Geschwindigkeit zu überschlagen, und drohten, mich mit all ihren Eindrücken zu überwältigen.
Kein Wunder daher, dass ich vorübergehend aus dem Dorf geflüchtet war.
Noch immer blickte ich auf die blauen Kaskaden des Himmelsbands, als wäre irgendwo zwischen Blassblau und Cyan, den wehenden weißen Sanden und Dünenkronen, ein Sinn hinter all diesen Dingen verborgen. Als wären all jene Abfolgen aus einem Grunde geschehen und in tröstlicher Gewissheit einer Planung erfolgt, die dem guten Zweck unserer Götter dienten, die eben nicht dem Zufall geschuldet waren und mich in den Weiten des Kosmos verloren glauben ließen. Als wäre ich nie in echter Gefahr gewesen, weil die Götter einen anderen Weg für mich verfügten.
Meine Blicke strichen über die Sandwehen der Dünenspitzen und verfolgten die fliehenden Körner, als könnte ich mich für einen Moment aus den Fesseln des Körperlichen lösen und mit ihnen über das klare Himmelsband tanzen.
Nach Gwerdhyll. Der Stadt, in der mein Schicksal eine Kurve geschlagen hatte.
Vor der blauen Leinwand manifestierte es sich erneut: das Antlitz des Soldaten, der mein Leben in andere Bahnen lenkte.
Ich wollte ihn hassen; wollte ihn wahrlich hassen und bald schon vergessen wie die anderen Städter, doch …
Ich sah sein breitgeformtes Gesicht direkt vor Augen, sah selbst die Form seiner buschigen Brauen, die geschwungene Form seines Stirnansatzes und die kurzen Locken auf seinem Haupt, deren Farbe ich wohl kaum auf andere Weise als durch das Wort straßenköterblond zu bezeichnen glaubte. Ja, ich sah selbst das Grün seiner durchdringenden Iris, das im Gegensatz zu Jharrns stachelgrünem Blick wie die sanfte Färbung einer Graspflanze anmuten wollte, das mich bis in die Tiefen meiner Seele durchdrang und mich mit seinem Versprechen auf Leben beinahe in ein Gefühl des Geborgenseins hüllte. Alle Einzelheiten der Soldatenzüge zeichneten sich auf den blauen Grund, machten mich selbst seine kurzen Bartstoppeln und die hauchzarten Schnittnarben auf den Wangen erkennen.
Es war, als stünde der Mann unmittelbar vor mir.
Als projizierte sich sein Antlitz direkt in den Himmel.
Obwohl ich mir jegliche Erinnerung an das Gesicht des Mannes verbot und mir die Reaktion meines Körpers bei mir höchstselbst nicht zu erklären vermochte, so durchströmte doch ein unleugbares Gefühl für Fügung meinen Aderkreislauf. Wie warmer Honig sickerte das befremdliche Empfinden durch meine Nervenbahnen, ummantelte meinen Geist mit einer augenscheinlichen Bestimmtheit und jagte mir indessen kalte Schauer über den Rücken. Die Augen des Städters schienen sich in meine Seele zu brennen, mich an eine bekannte Person erinnern zu wollen, die ich in Erinnerungen jedoch nicht mehr greifen konnte.
Vergangenes. Verwaschenes. Verweht wie die Dünen.
Ein Gefühl für Hitze und Kälte zugleich, als wären in diesen Sekunden auf dem Marktplatz von Gwerdhyll … als wären zwei Welten kollidiert, die sich niemals hätten begegnen dürfen … die sich unweigerlich begegnet waren, auf dass sie sich nicht ohne Weiteres voneinander zu lösen vermochten.
Soll es wirklich derart schicksalsgebunden gewesen sein oder folge ich einer Sinnestäuschung?
Sag mir, Städter jenseits der Mauern, weshalb kann ich dein Gesicht nicht vergessen?
Erinnerst du dich an mich oder wird mein Bild dir entgleiten?
Bin ich bloß eine Wilde?
Weshalb hast du mich dann nicht getötet?
Ich nahm einen tiefen Atemzug in die beklemmende Stille, die jegliche Vertrautheit aus der Farbe meines Lieblingsortes gewaschen und die Atmosphäre meiner Sandoase gewandelt hatte. Dann schüttelte ich entschieden den Kopf, straffte meine Schultern nach hinten, nahm einen weiteren Atemzug und machte mich glauben, ich könnte auch dieses Erlebnis eines Tages vergessen.
Schließlich handelte es sich um einen wertlosen Städter. Der Feind hinter den Mauern. Das ureigene Übel.
Nein, dir stehen meine Gedanken nicht zu!
Mit der Hand angelte ich nach einer ledernen Tasche.
Der schlauchförmige Beutel aus Ziegenfellen und Rinderhaut lag mittlerweile von Sand überzogen im Staub, verwuchs allmählich mit den Farben der Wüste und wäre bald gänzlich mit der Steppe verschmolzen, hätte ich ihn nicht in meiner Kurzschlussreaktion aus seiner misslichen Lage befreit. So klopfte ich mit energischen Bewegungen die feinen Partikel aus dem Ziegenfell und platzierte das gute Stück erst danach auf dem Schoß, um meine Finger ins Innere der Tasche gleiten zu lassen.
Es dauerte nicht lange, ehe ich das Objekt der Begierde zu fassen bekam.
Meine Fingerkuppen ertasteten den rauen Stamm einer Pflanze. Die zierlichen Knospen. Die Wurzelknolle.
»Na also.«
Ich schloss meinen Griff um die sich verjüngende Stelle des Holzteils und befreite die Wüstenrose aus dem Schatten des Beutels. Kaum war die Pflanze aus dem Dunkel geglitten, da entwich mir auch schon ein behaglicher Seufzer, wie ich da so auf meinen Schützling blickte und das kostbare Gut in den Händen wog. Bald schon würden Blüten in Farben von zartrosa bis rot aus den Knospen brechen, den Stamm in eine Krone aus Blumen hüllen … und meinem Lieblingsplatz eine neue Maske verleihen.
An diesem Ort wollte ich meinen Schützling pflanzen. Ich wollte wieder eine Wüstenrose pflanzen, wie ich es mir seit jeher zur Aufgabe machte.
Denn – ungeachtet meiner Geschichte, ungeachtet der Kommentare meines Stammes, ungeachtet all der düster darbenden Dinge der Welt, ungeachtet des Schicksals, ungeachtet der Götter – da hegte ich einen utopischen Traum im Herzen.
Den Traum, meine Wüste würde eines Tages im Meer zahlreicher Wüstenrosen erblühen und sich über den Staub ihrer Vergangenheit erhaben erweisen.
In einer vorsichtigen Geste strich ich über die Blätter der Rose, führte sie unter meine Nase und kostete den Duft des puren Grüns jenes Wunders. Wohl wusste ich um die zahlreichen Strapazen, die hinter dem kleinen Sprössling lagen und ihn so manches Mal an den Rand des Todes getrieben hatten, die mich um die bloße Existenz des Grüns hatten bangen und mich mit allen Mitteln für das Pflänzchen hatten kämpfen lassen. Wohl wusste ich um die Mühen hinter dem Grün, die es nun einmal kostete, wollte man den Setzling mit wenigen Wasserresten von Ritualen und Pferdemist am Leben erhalten.
Doch die Rose hatte selbst den dürrsten Perioden getrotzt.
Sie hatte überlebt. Meine Rose war bereit, in die Steppe entlassen zu werden und auf den Regen des nächsten Rituals zu harren.
Ich bedachte die größte der Knospen mit einem Kuss und setzte die Rose auf den versandeten Boden. Dann befreite ich eine Harke aus meinem Gürtel, schob die oberen Sandschichten beiseite und machte mich daran, ein Loch in die härteren Erdschichten unter den Verwehungen zu graben. Der trockene Boden platzte, bröckelte, sprang wie die trockenen Lippen des Landes, doch grub sich das Werkzeug Schicht für Schicht in die Tiefe und schuf ein Bett für die Rose im Staub.
»Du wirst nicht lange auf den Regen warten müssen«, versicherte ich der Pflanze mit mutiger Brust. »Die Älteste hat das Ritual für den morgigen Abend angesetzt – und so die Götter es wollen, schenken sie uns einen Schauer, der das Land für eine Weile befriedigen kann. Dann bist du sicher.«
Obgleich ich mir sehr wohl der Tatsachenlage bewusst war und ebenfalls nicht daran glaubte, dass der Schössling mich auf irgendeine Art zu verstehen vermochte, so kam ich nicht umhin, mit Stolz über meinen Traum zu sprechen. Die blühende Wüste blieb der stetig währende Antrieb, der mein Leben wieder in geregelte Bahnen lenkte und mich einen Sinn aus meiner Existenz schöpfen ließ.
»Lass mich nicht umsonst hoffen, kleine Rose«, bat ich das Pflänzchen.
Aus dem Wasserschlauch entließ ich die kläglichen Tropfen, die nach der Übergabe an die Stammesälteste noch im Transportgefäß verblieben waren. Die aufgewühlte Erdschicht schluckte das Wasser mit gierigen Zügen und verfärbte sich derart rasch, dass man meinen mochte, sie wäre ein Verdurstender an der Schwelle des Todes.
Womöglich lag dieser Umstand der Wahrheit nicht fern.
Ich bettete die Wüstenrose in die feuchtgewordene Höhle und schlug die Erdklumpen wieder über die Wurzel, um sie danach mit weiteren Wassertropfen fest auf den Knollenstamm zu drücken. Die lehmartige Masse schien mit dem Stamm zu verwachsen, verankerte die Pflanze an ihrem Platz und ließ sie selbst den Wüstenwinden trotzen.
Da stand sie nun. Meine Wüstenrose.
Da stand sie und machte mich glauben, dass der Tag wohl doch noch ein guter werden würde.
Zu diesem Zeitpunkt konnte und wollte ich nicht erahnen, wie sehr ich mich in jenem Glauben nur täuschte.
***
»Ich wusste, dass ich dich hier finden würde.«
Die knarzende Frauenstimme hinter den Felsen ließ den Atem in meiner Kehle stocken, so sehr hatte ich mich in meine Gedankenwelten vergraben und in den Utopien einer blühenden Wüste verloren. Zunächst erschien mir der Klang jener Worte derart fremd, derart Stille zerstörend und fehl an diesem friedlichen Ort, dass ich die Person hinter den Sätzen über Minuten nicht einordnen konnte. Dann allerdings trat die Gestalt hinter den Steinen hervor …
… und ich landete unwillkürlich in der Realität.
»Sei gegrüßt, Nakhara«, krächzte die Stammesälteste.
Ein Schmunzeln legte sich auf das faltenzerfurchte Gesicht jener Frau, deren Körper unter einem roten Leinengewand verborgen war und indessen jegliche Körperlichkeit an die zahlreichen Stofflagen zu verlieren schien. Die Zeremonienkleidung bedeckte den buckligen Leib wie eine Wand des Unantastbaren, täuschte die Sinne mit zahlreichen Perlen und reflektierte die Sonne mit ihren bunten Scherben, sodass man glaubte, die Älteste würde über die Sanddünen schweben. Lediglich ihre knochigen Hände verliehen der Gestalt ein wenig Menschlichkeit, wie sie da so ohne jegliche Hautfarbe aus den Ärmeln ragten und sich an einen Gehstock aus Wurzeln klammerten.
Silbernes Haar schmiegte sich als Zopf an die Wange. Die Miene lag im Schatten eines dunklen Turbans, doch ihre Augen, die blitzten stahlblau aus der Nacht ihrer Kleidung.
»Sei willkommen, Älteste«, ließ ich mit einem ehrfürchtigen Nicken verlauten und erstarrte sogleich mit offenem Munde, als ich mir meiner wenig ehrfürchtigen Position vor ihr gewahr wurde. »Ach herrje, ich …«
Für gewöhnlich war die Stammesälteste mit einer angemessenen Verneigung zu begrüßen, wohingegen ich noch immer am Boden kauerte und meiner Rose augenscheinlich mehr Respekt in den Gesten zollte als der Lebensbringerin meines Stammes höchstselbst.
Ich saß auf dem Boden! Auf den Knien. Im Sand.
Schon fuhr ich in einer eiligen Bewegung in den Stand und stolperte über meine kribbelnden Beine, torkelte letztlich in Richtung der Felsen, stützte mich an die große Säule und raffte mich rasch zu einer besseren Haltung. Während auf den Lippen der Ältesten ein Lächeln der offensichtlichen Belustigung erschien, mühte ich mich gegen die Nebenwirkungen der lang gehaltenen Knieposition und versuchte, den Knicks nicht noch ungeschickter als meine Aufstehtorkeleien zu vollführen. Dann klopfte ich mir den imaginären Staub von der Kleidung. Man mochte meinen, ein Skorpion hätte mich in mein Sitzfleisch gestochen.
»Oh Götter! Entschuldigung. Ich war in Gedanken«, brabbelte ich mit hochroten Zügen in mich hinein, während die Bewegungen meiner Hände einer gewissen Hektik verfielen.
Mein Kommentar provozierte jedoch nur ein weiteres Lachen ihrerseits. Diesmal … gänzlich ungehalten. Und laut.
Die Älteste lachte mit ihrer knarzenden Reibestimme derart laut auf, dass der knochige Brustkorb unter den Stofflagen zu wippen begann und mit den aufgenähten Perlen und Scherben um die Wette zu schlackern schien. Der raue Klang erschütterte die Stille unter den Steinen, echote in den verborgen Steinschlünden fort und trieb mir mehr und mehr Röte auf die Wangen, bis ich glaubte, meine Haut könnte nicht röter werden.
»Mein Kind, mag ich auch deine Älteste sein, so bin ich doch noch immer deine Großmutter gewesen«, artikulierte die Frau zwischen den vergnügten Glucksern. »Dieser Ort kennt nur uns beide. Dich kennt er vermutlich besser als mich. Lass uns die Göttersalbung für ein paar Minuten vergessen.«
Ihr Faltengesicht veränderte den Ausdruck mit dem Gesagten und verwandelte sich in einen Blick voller Liebe.
»Du bist noch immer mein Kind. Du bist meine Tochter im Blut, Nakhara. Seit uns die Stämme des Westens deine Mutter genommen haben, bist du alles, was mir geblieben ist.«
Sie blinzelte.
»Ja, wir sind ein Stamm, aber wir sind auch Familie.«
Mein gepeinigter Herzschlag beruhigte sich unter den Worten, die der Stammesältesten äußerst selten über die Lippen kamen und zumeist im Geheimen geflüstert wurden. Obwohl diese Frau mich seit frühester Kindheit großgezogen hatte, ja, einer Mutter noch am nächsten gekommen war und mich durch die schwere Zeit ohne Eltern getragen hatte, sollte uns eine Nähe dieser Art seit ihrer Machtübernahme schlichtweg nicht mehr möglich sein. Mit ihrem Titel war sie auch für mich zur Ältesten des Stammes geworden.
Zur Führerin des Geistes. Zu einem Teil der Göttlichen.
Unantastbar und unnahbar sollte sie sein – und der Moment, da sie verdrängte Erinnerungen in mir erweckte, blieb umso kostbarer und reiner für mich. So verschwand letztlich auch die Röte aus meinen Zügen und nahm die Schamgefühle gleich mit sich fort, als ich mir gewahr wurde, dass meine Großmutter als Blutsfamilie – nicht als gottgleiche Gestalt – zu mir treten wollte.
Ich überbrückte die merkwürdige Distanz und fiel der buckligen Gewandungsgestalt um den Hals, presste den dürren Körper immer enger an mich und atmete ihren vertrauten Duft, als könnte ich den Moment auf diese Weise ewig bei mir behalten. Die Stammesälteste umschlang ihrerseits meinen Bauch, drückte ihr Gesicht an meinen Brustkorb und schloss die Umarmung mit dem Wanderstab hinter meinem Rücken.
Durch die nicht unerheblichen Größenunterschiede würde es stets bei einer skurrilen Form des Zuneigungsaustauschs bleiben. Dennoch schätzte ich die Sekunden der Nähe, die man für gewöhnlich an einer Hand abzuzählen vermochte.
»Ich bin stolz auf dich, Nakhara«, flüsterte die Frau. »Ich wollte es dir bereits bei deiner Ankunft im Lager sagen, dir erzählen, wie stolz ich auf deinen ersten Wasserdiebstahl bin, wie glücklich ich mich mit dir als mein eigen Fleisch doch schätzen darf. Du bist heute tapfer deinen Ängsten entgegengetreten und hast deine Dämonen in Gwerdhyll besiegt, indem du den Männern keinerlei Mühen mehr gelassen hast. Du hast deinen ersten Diebstahl erfolgreich gemeistert – und meine Brust wollte bersten vor Glück … Aber du bist so schnell zwischen den Zelten davongestürzt, dass mir gar keine Gelegenheit zu einem Gespräch mehr gegeben war.«
Wir lösten uns.
Ihre stahlblauen Augen bohrten sich in die meinen und schienen förmlich vor Sorge durchtränkt, als könnte sie jegliches Geschehen in meinen Gesichtszügen lesen, als könnte sie jeden meiner Gedanken erahnen und auch den jungen Soldaten aus meiner Erinnerung sehen. Ihre Hand reckte sich weit in die Höhe und schmiegte sich an meine Wange, als ich mich zu meiner Großmutter herunterbeugte und ihr mit gerunzelter Stirn entgegenblickte. So manches Mal zweifelte ich an ihren Worten, in denen sie versicherte, die Götter schenkten ihr keinerlei Fähigkeiten zur Gedankenübertragung.
Ich blieb ein offenes Buch für die Frau.
»Ich war unruhig. Der Angriff verfolgt mich noch immer«, wagte ich mich mit vorsichtigen Floskeln an eine Lüge. »Ich kann diesen Tag vor Gwerdhylls Toren nicht aus meinen Gedanken tilgen, als wäre er niemals wahrlich geschehen oder hätte keine Leben von uns genommen. Mögen die düsteren Dämonen, wie du sie bezeichnest, auch auf ewig aus meinem Geist geflohen sein … Ein Splitter der Gedanken wird mir immer bleiben.«
Wahrlich … Ich hatte gelogen!
Es handelte sich um einen gänzlich anderen Splitter, der mir aus Gwerdhyll geblieben war.
Aber …
Wie sonst sollte man auch von einer Begegnung mit einem Städter berichten, der einen nicht bloß mit dem Leben hatte davonkommen lassen, sondern bis in die tiefsten Winkel der Wüste verfolgte, dessen Antlitz vor blauem Himmel erschien und dessen Blick sich in die eigene Seele bohrte? Wie sonst erzählte man der Anführerin eines Stammes, dass man sich auf skurrile Weise mit dem Menschen verbunden fühlte, dass man eine gewisse Vertrautheit in seinen Zügen erkannte und ahnte, dass ein Geheimnis hinter den Dingen lag … all dies, obwohl man ihn aus blankem Herzen hasste?
Die Augen der Ältesten wanderten über meine Züge, lasen darin scheinbar eine verborgene Wahrheit und senkten sich dann zu unser beider Fußspitzen.
»Nun gut, ich wollte dir nicht zu nahe treten«, murmelte sie. »Manches Wissen steht mir nicht zu … und dennoch: Wir müssen uns unterhalten, Nakhara.«
Ich trat einen Schritt zur Seite, vollführte beinahe einen panischen Sprung – fühlte mich wie vom Blitz der Götter getroffen, hatte mich doch soeben die Erinnerung an das Gespräch mit Jharrn wieder in ihre Fänge geschlagen.
Über die Grübeleien war die unheimliche Begegnung im Zelt beinahe in Vergessenheit geraten, doch nun, da die Älteste offensichtliche Anspielungen einwarf …
Grundgütige Epona! Wie konnte ich nur vergessen, was Jharrn gesagt hat?
Nach dem Wasserdiebstahl. Ich soll es schon bald erfahren. Es wird definitiv geschehen. Ich soll es nicht unnötig schwer machen.
All diese Dinge hat der Wassermeister in seine Worte gebunden … und nun?
Als ich erneut die Züge der Stammesältesten las und ein gewisses Unbehagen darin erkannte, da war mir, als müsste mir das Herz hinauf in die Kehle steigen oder gänzlich seine Tätigkeit an den Schockzustand verlieren. Selten hatte ich solch eine Emotion in ihrer Miene gesehen … und noch seltener war mir ein solcher Blick zuteilgeworden, sodass ich umgehend nach Atemluft schnappte.
»Du wirst dir sicher denken, dass ich nicht nur aufgrund meines Stolzes den weiten Weg gekommen bin«, konstatierte die Stammesälteste, während sie unruhig mit den Füßen wippte.
Die Gewandungsgestalt schwankte in einem unregelmäßigen Takt.
Nach links. Nach rechts. Nach vorn. Nach hinten.
»Ich hoffe, du weißt, ich würde niemals eine Entscheidung deinerseits erzwingen und dich um nichts bitten, sollte es nicht absolut der Notwendigkeit des Stammes unterliegen …«
Ohne weitere Gedanken auf Respekt und Anstand zu verschwenden, war ich nun diejenige, die ihre Hände in einem Schraubstockgriff um die Arme ihres Gegenübers schlang und die Person somit in der Bewegung fixierte. Ich umklammerte die Arme der Stammesältesten und verankerte sie in der Position, als könnte ich mich selbst auf diese Weise vor den erschütternden Wehen der Auflösung verankern.
So lange verdrängt … und nun halte ich es gar nicht mehr aus.
»Älteste, bitte. Sprich nicht in Rätseln zu mir!«, flehte ich der erschrockenen Frau entgegen.
Sie schluckte ihrerseits sichtlich gegen einen Kloß in der Kehle und hielt den Blickkontakt nur unter Mühen.
»Du weißt, dass die Rituale lange nicht mehr genügend Regen bringen und wir den Göttern mehr opfern müssen als das Wasser der Städter. Wir müssen ihnen bereitwillig unser gesamtes Leben widmen, so steht es in den westländischen Nachrichten geschrieben. Die Jäger haben einen Boten abgefangen. Es heißt, man habe Erfolg mit einem viel älteren Ritual verzeichnet, welches das Leben zweier Menschen auf ewig mit den Göttern verbindet. Während des morgigen Wasserrituals in den ersten Strahlen der Sonne wollen wir ebendieses Ritual nachvollziehen und auf diese Weise für eine längere Regenzeit sorgen. Es ist ein Fruchtbarkeitszauber. Im Zuge dessen müssen sich das Urmännliche und das Urweibliche miteinander vereinen, sodass …«
»JHARRN?!«
Mein Verstand setzte aus. Die Gedanken versiegten.
Ich war in Panik. Im Schock. Kurzzeitig sprachlos geworden.
Gerade noch rechtzeitig konnte ich meine Hände von ihren Impulsen halten, die Älteste mit all meiner Empörung aus ihren Vorstellungen zu schütteln oder gar Schlimmeres mit der gebrechlichen Frau zu versuchen. Denn so gläubig ich mich selbst auch schätzte, so sehr ich mein Leben den Göttern der Weiten auch widmete …
»Versuchst du mir gerade zu erklären, dass ich mich mit Jharrn vereinen soll?!«, brüllte ich ihr in meiner Verzweiflung entgegen.
Die Älteste hingegen verfiel in einen merkwürdigen Kokon der Ruhe, reagierte nicht erst auf die Panik in meiner Stimme, verneinte mich nicht in der Erkenntnis und schien sich wieder allen menschlichen Sphären zu entheben. Ihr Blick driftete zu den entfernten Dünen und verlor sich zwischen der Realität und den Göttern, zwischen der Welt des Greifbaren und der Welt, die jenseits der blauen Schleier des Himmelsbandes war.
Die Züge wurden regelrecht kalt, als sie sprach.
»Ihr müsst euch nicht lieben – aber ja, ein Gottkind sollt ihr zeugen. Einen Regenbringer. Ich kann in meiner Verantwortung als Stimme der Götter niemanden bevorzugt behandeln und sollte es mein eigen weltlich Fleisch sein. Du hast vor zwei Wochen geblutet. Ich weiß es. Ich habe dich gepflegt. Und Jharrn wird aufgrund seiner Entstellung keine Gattin mehr unter den Frauen des Stammes finden, weshalb er sich aus freien Stücken zur Wahl stellen ließ. Er blieb der Einzige, der sich der Aufgabe opfern wollte.«

Kapitel 5
Daegon
Stadt der Legenden
Die Kühle des Wassers an meinen geschundenen Füßen glich an diesem Abend einer Offenbarung, so ich an die letzten Stunden des Wasserwachdienstes dachte und mich gedanklich bereits der freien Zeit zuwandte. Seit einer Weile saß ich vollkommen reglos im Badehof unseres Palasts, ließ die Sohlen im glitzernden Nass des Beckens dahintreiben und blickte gedankenverloren zu den Säulen, die ihre langen Schatten bereits ins Zentrum des Hofes reckten.
Beinahe mochte man meinen, ich wäre in meiner Reglosigkeit zu einer der ihren mutiert.
Zu einer Säule, die seit vielen Jahren jenen Palasthof säumte.
Der Zentralstern sandte in diesen Momenten die letzten Strahlen über das Weiß der Kalkziegeldächer und schien die schrägen Gangdecken noch einmal in Wehmut berühren zu wollen. Obwohl die Hitze in wenigen Stunden ihr Reich mit aller Macht zurückerobern würde, obwohl der Morgen jedweden Abschied des Abends täglich aufs Neue ungeschehen machte, so wirkte es doch wie ein zartes Lebewohl. Als wollte die Sonne noch einmal die Dächer Gwerdhylls mit goldenem Schimmer belegen und der Stadt einen sanften Kuss auf das Haupt hauchen, ehe sie auf immer in die Nacht jenseits des Wüstenhorizonts entschwand.
Selbstverständlich wusste ich um die Idiotie einer solch romantischen Vorstellung.
Es blieb nicht mehr als die Fantasie eines Narren – gar keine Frage.
Doch nachdem ich während meiner Wasserwache auf dem Marktplatz ins Antlitz einer gottgleichen Wilden geblickt hatte … Nachdem ich in jene stahlblauen Augen geblickt und meine Seele scheinbar darin verloren hatte, konnte ich mich einer hoffnungslos poetischen Interpretation nicht mehr erwehren.
Ein unerklärliches Sehnen zog sich als ziehender Schmerz durch meine Brust, ließ meine Gedanken weit in die Ferne schweifen und schien letztlich meinen gesamten Körper zu durchdringen. Als würde mein Geist von einem unsichtbaren Faden gezogen, trieben meine Fantasien hinter den letzten Sonnenstrahlen in die Wüste und suchten dort nach der einen Frau, die einen Funken des Ungreifbaren in mir entzündet hatte.
Ich sah sie mit ihrer Braunkutte auf einem schwarzen Pferd durch die Steppe jagen. Vor ihr bettete sich die Sonne hinter die Dünen und tränkte das Land der Namenlosen in bläulichen Schein. Der Wüstenwind streifte die Kopfbedeckung von ihrem Haupt, entblößte das strohige Haar dem schwindenden Licht des Himmelsbandes und jagte ihren Mantel in tanzenden Bewegungen um den Leib. Wie von Geisterhand lösten sich dann die Fibeln des Stoffes, sodass der Sonnenschutz von ihren Schultern gerissen wurde und die Wilde – frei von jeglichen Banden – als namenlose Silhouette mit dem Horizont verschmelzen ließ. Die wehenden Sandwirbel verschluckten den Schatten und wuschen ihr Bild aus den Wüstenweiten, als wäre sie nun Teil des Himmels geworden.
Schockschwerenot, welch eine Vorstellung!
Die Fantasien wirkten derart bildhaft auf mich, dass ich mich der Figur tatsächlich gegenüber glaubte. Als würde ich auf einem der Hausdächer stehen und über die Mauern der Legendenstand hinaus in die verwilderten Lande blicken, ja, als müsste ich bloß vor die Stadttore treten und wenige Meter über den Wüstensand gehen, um den Sonnenmantel aus dem Staub aufzulesen.
So greifbar. So real. So atemberaubend.
So nahbar, wie es die stahlblauen Augen der Namenlosen auf dem Marktplatz gewesen waren. Nahezu ohne Furcht hatte die Frau den Weg in den sicheren Tod beschritten und mir, dem Henker, noch entschlossen entgegengeblickt, während ich nicht einmal mit dem Gedanken spielte …
»Daegon? Konntest du meinen Worten folgen?«
Unwillkürlich zuckte mein Blick auf das ältliche Gesicht des Lehrmeisters zu meiner Rechten, der mich mit seinen Worten soeben aus den Erinnerungsbildern gerissen hatte. Magister Dharon verknotete seine knochigen Beine zu einer dürren Brezel, platzierte seine Spinnenfinger auf den Knien und durchbohrte mich förmlich mit strafenden Blicken, als wollte er mich mit einer Lanze durchstoßen. Die Faltenmiene verzog sich zu einer Fratze der Empörung, die das spärliche Haar auf der Fast-Glatze des Mannes in eine hügelige Waldlandschaft aus weißen Strähnen auf Hautrunzeln verwandelte.
»Der Tag ist noch nicht zu Ende«, erinnerte Dharon. »Der Unterricht dauert noch eine Stunde.«
»Ich weiß.«
Beinahe wollte ich ihn für diesen Frevel seiner Mahnung verfluchten, wollte schreien, brüllen, toben, ihn darum bitten, er möge mich doch in dieser Welt zurücklassen, in der es ein solch tiefgründiges Geheimnis um eine Wüstenfrau zu lösen galt. Ja, ich wollte meine Gedanken nicht an sinnlose Lehrstunden vergeben – ich wollte um die Identität der Namenlosen unter dieser braunen Kutte wissen und mehr über dieses schmerzliche Gefühl in meiner Brust erfahren, das allein ihr Blick in mir ausgelöst hatte.
Wer sich wohl hinter den Gedankensplittern verbarg? Welch eine Bedeutung diesem Zauberwerk innewohnte?
Doch so sehr sich meine Gedankenwelt auch in ihrer freien Zeit angekommen glaubte, so wenig frei blieb dieser Teil meines Tagesablaufs tatsächlich. Während meine Fantasien sich bereits in Richtung der Wüstenweiten verabschiedet hatten, kämpfte Lehrmeister Dharon nun schon seit zwei Stunden vergeblich um meine Aufmerksamkeit, die ich wohl besser dem Philosophieunterricht hätte widmen sollen … keinem Wüstengeist, der auf immer zwischen den Dünen verschollen galt. Für gewöhnlich fieberte ich der dreistündigen Sitzung nach den Wasserwachdiensten auch entgegen und genoss den Austausch mit einem lebenserfahrenen Mann, doch an diesem Tage …
Bei Geist! Was?! Ja, was nur ist heute so anders?
Was ist an diesem Weibsbild so besonders, dass sie meinen Verstand wie den eines späterwachsenen Jungen verhext?!
»Daegon!«
»Hm? Oh, ja. Entschuldigung.«
Abermals wanderte mein Blick von seinen Irrwegen über das Himmelsband zu der Miene des Alten, der tapfer den Brezelknoten seiner dürren Beine hielt und sich die schmerzenden Glieder nicht anmerken ließ. Dharon verschränkte seine Finger vor der Brust und dehnte die Hände nach außen, sodass die Gelenke darin hörbar ihr Leid an die Umgebung klagten. Nacheinander schienen die Knorpel an ihre angestammten Plätze zu rattern, sich dort neu als Fingergelenke zu sortieren und letztlich wieder mit Bändern und Sehnen zu verankern.
Das Knackgeräusch jagte mir regelrechte Schauer über den Rücken.
Eine derart unangenehme Akustik-Kulisse, als würde man ein verrostetes Türscharnier aus seinen festverwachsenen Angeln drücken und im selben Moment mit den langen Fingernägeln des Lehrers über die Oberfläche eines Schöpfpapiers kratzen. Wohl wusste ich um die zahlreichen Verletzungen, die der Körper des Alten noch als Altlasten mit sich trug, die er seit unzähligen Jahren schon mit sich getragen hatte und vermutlich noch eine Weile weitertragen würde – mich an die Betriebsgeräusche zu gewöhnen, war mir dennoch in all den Jahren unserer Bekanntschaft nicht möglich gewesen.
Im Grunde blieb Dharon nicht ganz unschuldig an derlei Lasten.
Vor vielen Jahren hatte er eine Affäre mit der Frau eines Senators geführt, war noch im Bett der Gattin aufgefunden und daraufhin mit den erbeuteten Namenlosen in der Spielarena der Stadt zu Kämpfen gezwungen worden. Viele Schwerter hatten sich durch seine Muskeln gefressen, viele Dolche sich in seine Innereien gebohrt und etliche Schläge seine Knochen zertrümmert – doch wurde ihm unsägliches Glück durch seine Götter zuteil.
Dharon lebte; er lebte, wie es nur wenigen Arenakämpfern nach der Neunjahresfrist vergönnt war.
Als er dann abermals in das Bett einer Dame stieg, sich mit einer gebundenen Frau verlustierte und obendrein durch deren Gatten vor das Gericht zerren ließ …
Nun, letztlich ereilte ihn dann wohl die Strafe aufgrund des ungezwungenen Umgangs mit seiner neugewonnenen Freiheit, denn er hatte nur mehr als Sklave getaugt.
Und als solcher … blieb er als ehemaliger Philosoph des Tempels mein Lehrer.
»Daegon, ich mag dir durchaus den Respekt erweisen, deine Füße nach der anstrengenden Schicht noch während des Unterrichts im Bad zu kühlen und mich auf diese … unsagbar unkomfortablen Marmorfliesen zu setzen – aber einen gewissen Respekt deinerseits erwarte ich mir. Ich bin ein Sklave. Korrekt. Mit meinen neunzig Sommern erhoffe ich mir dennoch mehr als eine körperliche Hülle, wenn ich mich an dir mühe und dir das Affengleichnis erzähle. Du siehst keine Unterschiede zwischen Sklaven und Männern? Verhalte dich entsprechend. Dein Verstand ist die weit mächtigere Waffe als dein Schwert – das haben wir beide immer geahnt, doch nun auch deinen Verstand vollständig zu tilgen …«
Dharon ließ seinen Satz unausgeführt im Badehof verhallen.
Jeder andere Städter hätte ihn für eine derartige Frechheit mit einem Dolchstoß bedacht, doch wusste er nun einmal um meine Einstellung zur Sklaverei und die wohlwollende Einstellung ihm gegenüber. So saß der Lehrmeister vollkommen sorgenfrei im Schneidersitz neben mir, vollführte weiterhin seine Räkelkunststücke und beäugte mich mit seinen wässrigen Froschglubschern, die in Erwartung einer Antwort höchstwahrscheinlich bald aus ihren Höhlen ploppen würden.
»Ich bin heute nicht auf der Höhe«, gestand ich schließlich ehrlicherweise – wohl auch, um ein derartiges Unglück unter Beteiligung seiner Sehorgane zu verhindern. »Die Wasserwache war anstrengender als gewöhnlich. Ich wurde während der Unruhen mit Fäkalien beworfen, im Anschluss daran von Iuron mit Vorwürfen überschüttet und letzten Endes von der Sonne gebraten, bis mein Verstand vermutlich in sich zusammengeschmort ist. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich mit den Gedanken nicht bei dir war, Dharon. Der Tag kam einer Wanderung durch deine sieben Höllen gleich.«
Ich ließ ein theatralisches Stöhnen verlauten, stützte mich mit den Armen auf meine Oberschenkel und erhoffte mir, irgendwo zwischen Hautrunzelfalten, knackenden Fingergelenken und einer spitzen Zunge auf die Gnade des Sklaven-Magisters zu stoßen. Nicht zuletzt erhoffte ich mir über die Anspielung auf seine allzeit gern zitierte Geschichte der sieben Höllen, ein wenig Honig um das Schleckermäulchen des Geschichtenfressers zu streichen.
Dharon verschlang Bücher wie die hungernde Meute das Brot.
Während sein Körper mehr und mehr zu einem Skelett unter Pergamenthaut verkam, ja, im nächsten Hitzeschub zu Staub zu zerfallen drohte, blieb sein Geist stets auf der Suche nach Nahrung und gierte nach vergangenem Wissen.
»Es ist schön, dass du den Kreis wieder schließen möchtest«, säuselte Dharon nun mit blitzenden Augen, schmunzelte, als hätte er meine Intention trotz der Subtilität durchschaut. »Nur behandeln wir heute das Affengleichnis – nicht die Geschichte der sieben Höllen. Hast du überhaupt schon einmal einen Affen gesehen, Daegon?«
»Ich bin der festen Überzeugung, dass ich von einem gezeugt wurde«, murmelte ich.
Dharon und ich sahen uns an.
Es handelte sich um einen kurzen Moment der Unachtsamkeit, da ich die Kontrolle über meine eigene Zunge vollkommen vergaß. Fürwahr, die Wut auf all die quälenden Jahre meiner Kindheit im Haus eines Irren paarte sich in einem einzigen Ausspruch mit den Ankündigungen aus dem Priestertempel, die meine Zukunft als Soldat wie eine drohende Gewitterwolke am Horizont schweben ließen, die mich in moralische Engen trieben und mit unbeantworteten Fragen konfrontierten. Wie ein lockender Daimon aus den Geschichten verführte die Angst vor dem Ungewissen zur Torheit und ließ mich meinen Frust in Worte fassen, als könnte ich mich auf diese Weise aus dem Gefängnis meines Namens befreien. Tatsächlich stolperte ich nicht einmal über die Bemerkung, wie sie mir da ungehalten über die Lippen schlüpfte.
Ich bin der festen Überzeugung, dass ich von einem gezeugt wurde.
Doch hatte ich verdrängt, an welchem Ort wir uns derzeit befanden.
Und Dharons Züge erinnerten mich.
Kurz wanderten unsere Blicke durch die Säulengänge, die wie stumme Zeugen den Hof umsäumten und schon so manches Mal neugierige Ohren verborgen hatten. Jeder Schatten wurde einer akribischen Kontrolle unterzogen, jedes Geräusch im Hof auf seine Herkunft geprüft und analysiert, jede Pflanze mit einer längeren Aufmerksamkeitsspanne bedacht und jeder noch so entfernte Sklave auf veränderte Verhaltensmuster geprüft.
Dann fingen sich unsere Augen wieder aneinander.
Hast du überhaupt schon einmal einen Affen gesehen, Daegon?
Ich bin der festen Überzeugung, dass ich von einem gezeugt wurde.
Als sich das Faltengesicht des Lehrmeisters endlich zu einem Lachen formte, das sich immer schneller über seine eingefallenen Wangen zu ziehen begann, da schien es mit einem Mal kein Halten mehr für uns zu geben. Dharon rumpelte aus voller Kehle und schüttelte seine Knochenglieder dabei, als wäre das Lachen seit Jahren in seinem Brustkorb gefangen gewesen und müsste nun endlich an die Oberfläche brechen. Die weißen Haarsträhnen hoppelten auf ihren Runzeln, während sich ihr Träger schon unter den Wellen der Belustigung zusammenkrümmte und mit der Hand auf die Knochenschenkel patschte. Ich selbst ließ mich im Strudel der Euphorie derart von den Lachern des Sklaven mitreißen, dass ich jegliche Ohren der Umgebung vergaß und lauthals in das Johlen mit einstimmte.
Für einen kurzen Moment fiel eine unendliche Last von meinen Schultern.
Es war, als habe man mir über die Jahre meines Lebens ganze Steinberge auf den Rücken getürmt, die nun einfach mit den Lachern von mir herunterpurzelten und sich mit einem Plock zu dem gewichtigsten Stein gesellten, der mir soeben von meinem Herzen gefallen schien. Ein Glück, dass ich mit meinem ungezügelten Humor nun doch auf Dharons weichen Kern gestoßen war und nicht mit Disziplinarmaßnahmen durch den Senator höchstselbst zu rechnen hatte; ein Glück, dass niemand die Beleidigung vernommen und sie an die entsprechende Stelle weitergeleitet hatte!
Immerhin blieb es sein Palast, in dem wir saßen.
Und es blieb seine Entscheidung, ob Dharons Kopf statt dem des Senatorsohns rollte.
»Lass ihn das bloß niemals hören, Junge«, rumpelte der Lehrmeister zwischen den Glucksern, als versuchte er auf diese Weise vergebens, den Weg zu den ruhigeren Tonlagen wiederzufinden und sich der Gefahren in der Umgebung bewusst zu werden. »Er wird … Ich kann doch nicht … Ich werde …«
Der blasse Teint des Mannes hatte sich längst in den knallroten Panzer eines Hummers verwandelt, wie er da so um Worte rang und sich derweil bloß an seiner eigenen Atemluft verschluckte. Meine Lungen brannten unter den unregelmäßigen Atemzügen zwischen den Lachern, blähten sich dann unkontrolliert mit heißer Luft und schmerzten schließlich in Ermangelung des Atemguts.
Wir lachten, feixten, johlten und brüllten, denn: Letztlich wussten wir beide um den Wahrheitsgehalt meiner Äußerung und schwelgten in diesen unbeobachteten Momenten, in denen wir hemmungslos unseren Vorstellungen nachhängen und den Hass auf denselben Mann miteinander zu teilen vermochten. Vermutlich mutierten wir in ebendiesen Momenten zu unmündigen Kindern – zu Jungen, die bei waghalsigen Aktionen mehr Glück als Verstand genossen.
Doch wir genossen.
Und wie wir genossen!
So kam es einer schmerzlichen Störung gleich, als mir der kleine Finger eines Sklavenmädchens auf die Schulter tippte.
»Meister Daegon, der Senator wünscht, Euch zu sprechen.«
***
Wie in Trance folgte ich der jungen Sklavin durch die Flure des Senatorenpalastes und wollte mich in jenen Momenten selbst dafür hassen, dass mein Körper nach dem Ausspruch des Mädchens umgehend in den Fluchtmodus wechselte … dass er mich am liebsten aus diesen Räumlichkeiten forttragen und in eine andere Wüstenstadt – wenn nicht gar an den Rand der bekannten Welt oder darüber hinaus befördern wollte. Obwohl ich mir seit frühester Kindheit innere Stärke vor dem Senator geschworen hatte und mich regelmäßig meiner bisherigen Lebenserfahrung erinnerte, schmolz mein inneres Selbstgefühl einfach in sich zusammen, als hätte man es zu lange der Hitze der Stadt ausgesetzt. Mein Herzschlag beschleunigte sich auf ein unerträgliches Maß, schien mir bis in die Kehle hinaufzusteigen und meinen Brustkorb in der Aufregung zum Bersten zu bringen.
All dies, weil mein Vater meine Anwesenheit verlangte.
Ich verabscheute die Reaktion meines Körpers …
Es ist unlogisch. Es ist falsch!
Es sollte Hass sein, nicht Furcht!
… und vermochte ja doch nicht, sie wahrlich zu leugnen.
Während das Sklavenmädchen mit seinen kaum vierzehn Sommern zielsicher durch die Gänge manövrierte und sich keinerlei Anzeichen der Furcht vor dem Senator anmerken ließ, peitschte die Panik regelrecht durch meine Adern – als wäre ich noch immer Junge, nicht ausgebildeter Kämpfer der Stadt. Ja, obwohl der Stadtherr ebendiese Furcht verabscheute und die kleinste Gefühlsregung zu strafen wusste, wurde meine Lunge regelrecht unter der Last meines eigenen Brustkorbes zusammengepresst.
Der Atem beschleunigte sich. Merklich. Hörbar!
Und das Mädchen? Wusste vortrefflich, die eigene Bedrängnis zu verbergen.
Mein gehetzter Blick wanderte durch die zahlreichen Räume des Hauses und suchte unter Einfluss des Adrenalins die Schatten einer unbekannten Bedrohung, fand stattdessen nur Sklaven bei ihrer Arbeit und verlor sich letztlich in den Wirren einer viel zu laut gewordenen Welt.
Unter Bergen weißer Leinenstoffe hetzten die älteren Sklavenfrauen aus den Schlafgemächern, kreuzten sich auf den antiken Fluren und hielten auf die Waschräume hinter den Bädern zu. Die schmutzgrauen Gewandungen schillerten wie von Farben geküsst, als ihre nackten Füße über die Glasmosaike der Prunkböden tapsten und indessen dem Licht aus den Runddachfenstern eine Leinwand zur Verfügung stellten. Bunte Gemälde wurden auf Haut und Stoffe gepinselt.
Die namenlosen Silhouetten schienen förmlich durch die Hallen zu tanzen.
Ihre Schatten warfen sich auf die Säulen am Rande der Gänge, verdeckten die Spiegelungen der bunten Gläser und wanderten durch die Irrgärten zahlreicher Lichtspiele, die sich des Abends auf jene Flure legten. Vor vielen Jahren hatten die Architekten sich an die Perfektion dieser Hallen gemüht, die Abendsonne in den Bau des Palastes gebannt und ein wahres Kunstwerk in diese Räume gezaubert – gänzlich ungeachtet des mangelnden Schönheitssinns des Senators, der lediglich nach antiken Prunkdemonstrationen verlangte.
Es waren bunte Glasmosaike – Splitter im Boden – als hätte man pure Farbe zerbrochen.
Bunte Glasmosaike – Splitter im Boden – und der Senator sagte: als wäre man Zeuge eines Unfalls geworden.
Da waren die Bilder seiner Vorgänger in Marmor gemeißelt, die nur mehr als blicklose Statuen zwischen den Säulen standen und ihre ästhetischen Körper im Tanz der Buntlichter räkelten. Nackte Musen, die sich an deren Beine schmiegten und den Helden der vergangenen Ära Großes flüsterten, die ihnen göttliche Eingebungen in die Ohren sangen und sie zu göttergewollten Herrschern der Stadt erhoben. Skorpione, die sich um die Beine der Musen scharten und ihre Füße umschmeichelten, die sich vor den vergangenen Senatoren verneigten und ihnen kein Leid zuzufügen gedachten.
Durch den Segen der Dreigottheit galten die Senatoren den Naturgesetzen entbunden.
Oh, wie gern ich die Legenden getestet hätte!
Ein Skorpion im Bett des Senators – wie oft ich geliebäugelt hatte!
Ob er denn wahrlich so entbunden war? So unsterblich und göttergesegnet?
Trotz der Anspannung stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen, als ich den Test gegen alle Möglichkeiten in meinen Gedankenspielen durchführte und mir die Miene meines leiblichen Vaters ersann – eine Miene, die in Sekundenbruchteilen erstarrte und mit todesfürchtigen Blicken einem Skorpion auf den Seidenkissen entgegenblickte. Nur allzu gern spann ich das Bild in Gedanken weiter, wie sich die Augen des Mannes auf die Größe der Sonne selbst weiteten und dann im Siegeszug, im Einzug des süßen Todes, auf ewig in seinem Schädel erstarrten.
Welch ein symbolhaftes Ende ihn damit ereilte!
Schließlich galten die Skorpione als geheiligte Tiere der Dreigötter unserer Welt, während mein Vater wohl wusste, welch ungeheiligte Ziele er mit seiner Politik verfolgte.
Aber nein … Unmöglich … Es wäre der Tod meiner Mutter.
Man würde von meinen Taten erfahren, mich töten … und sie als Mutter des Mörders gleich mit mir senden.
So zwang ich mich zu einer ruhigeren Atmung und konzentrierte mich auf die Rückenfläche des Sklavenmädchens, das noch immer zielstrebig vor mir durch die Gänge manövrierte. Mochte es sich bei meinen Gedankenspielen auch um Konstrukte des Unmöglichen handeln, so blieb mir dennoch die Wahlmöglichkeit offen, dem so betitelten Affen mit Mut im Herzen entgegenzutreten. Das Glimmen der Furcht in meinen Augen wäre einem Triumph jenes verabscheuenswerten Mannes gleichgekommen, sodass ich jeglichen Fokus auf einen ruhigeren Herzschlag lenkte und mich in den schwarzen Haaren der Sklavin zu verlieren versuchte.
Konzentration und Selbstbeherrschung.
Womöglich auch der Trotz, der mich zwang.
Die Zugluft kräuselte die dunklen Strähnen, die wie schmale Wasserfälle aus dem Flechtwerk lugten und mit ihren sanften Bewegungen an das Wippen von Wüstengras erinnerten. Für einen Moment stahl sich der Anblick stahlblauer Augen auf das Dunkel des Haars, leuchtete durch die Schatten wie ein verheißungsvolles Versprechen und glomm wie ein Stern in sonst schwarzer Nacht. Die Erinnerung an den Duft von Wüstenrosen und Pferden, die Erinnerung an solch intensives Empfinden …
Im Bruchteil eines Herzschlages hatte sie sich durch mein Sichtfeld geschlichen.
Dunkles Haar. Diese Frau. Der namenlose Geist aus der Wüste.
Doch just als sich das Ziehen in meiner Brust wieder entfalten wollte, als ich ungeachtet der Umstände in der Erinnerung an jenen Geist versunken wäre … verlangsamte die Sklavin ihre Schritte und wich in einem geschickten Schlenker beiseite, sodass ich ein paar Meter orientierungslos über den Flur stolperte.
Ich stutzte.
Dann heftete sich mein Blick auf die breite Silhouette eines Mannes, der mit in die Hüfte gestützten Händen durch das Fenster des letzten Zimmers blickte …
»Daegon«, rumpelte die tiefe Stimme des Senators erkennend durch den Raum.
Nun war es mein Herz, das stolperte.
Während sich meine Fersen mit aller macht in den Ornamentboden bohrten und mich an Ort und Stelle fixierten, erstarrte mein Oberkörper in der Bewegung. Die Zehen krallten sich förmlich von oben in das Leder meiner Sandalensohlen, verwurzelten mich mit dem gewählten Platz mitten im Flur und ließen mich keinen Millimeter weichen – nicht nach hinten, jedoch auch nicht nach vorn; nicht in die Richtung, in der ich dem Mann hätte näher treten müssen. Sämtliche Fasern meines Gewebes versteinerten mit dem fliehenden Echo meines Namens, als sich die Stimme des Senators durch meine Adern fraß, sich durch Mark und Bein bohrte, mich erschütterte und gleichzeitig einfrieren ließ. Im Grunde blieb gar keine Bewegung meines Körpers mehr sichtbar, hatte sich doch mein eigener Atem irgendwo zwischen den angespannten Muskeln und dem Bleigefühl meines Brustkorbs verloren.
»Vater«, intonierte ich mit erstickter Stimme.
Ich räusperte mich, wiederholte dann lauter: »Senator Mheron, Ihr habt nach mir verlangt.«
Die Silhouette wandte sich langsam um die eigene Achse, musterte mich über die Dauer unerträglicher Minuten und trat dann einige Schritte nach vorn. Nun schwand die Wirkung des Lichts auf seine Gestalt und enthüllte das kantige Gesicht des Mannes, das dem meinem erschreckend ähnlich erschien … obwohl das Gedankengut hinter der Maske doch ein so verschiedenes war und wir uns innerlich glichen wie der Tag und die Nacht. Selbst die kurzgehaltenen Locken erinnerten mich an das eigene Abbild im Spiegel, wenngleich die Stirn darunter von weit mehr Jahren des Lebens erzählte … und von weit mehr Zorn, der einst jene Falten formte.
Von Jähzorn, der auch den Charakter geformt hatte.
Mein Vater streifte die weiße Gewandung über die Ellenbogen zurück, stützte sich dann auf die Platte des Arbeitstisches vor ihm und lehnte sich gefährlich in meine Richtung. Abermals wanderten seine Pupillen über meinen Körper, glitten von den verkrampften Fußspitzen bis zum Schopf und wanderten zurück über die ausdruckslosen Züge darunter.
Stille.
Schockschwerenot, es blieb tatsächlich so still, dass das Geräusch eines rollenden und herabfallenden Füllfederhalters ein Zucken durch meine Muskeln sandte! So still, dass der Senator das Zucken vernahm und ein geringschätziges Lächeln auf seine Lippen legte.
»Weißt du, weshalb ich nach dir rufen ließ, Daegon?«
Mein Gemüt schwankte wellengleich zwischen den Wogen der Wut ob dieser überheblichen Geste und den fürchterlichen Erinnerungen aus jungen Jahren, in denen ein solches Lächeln meist einer Bestrafung vorausgeeilt war. Auch meine Miene schien einer ganzen Palette verschiedener Emotionen zu folgen, denn ich spürte das Vibrieren meiner Brauen und die bebenden Nasenflügel, fühlte die verschiedenen Formen der Muskeln und Ausdrücke, die meine Muskeln innerhalb eines Herzschlages formten. Ohne den Impuls meiner Hände beeinflussen zu können, ballten sich schon die Fäuste zusammen. Ich wollte brüllen. Ich wollte fluchen.
Doch zwang ich mich zu einer gleichgültigen Stimme.
»Nein«, erwiderte ich die Frage des Mannes kühl. »Sollte ich denn wissen, weshalb man mich rufen ließ?«
Wieder huschte das Schmunzeln auf den Mund des Senators – nur, dass er sich nun mit der Zunge über das rosige Fleisch fuhr und die Machtsituation wie süßen Honig von den eigenen Lippen kostete. Der Speichel benetzte die schmale Form und hob seine Geste der Verachtung geradezu aus dem Gesicht, als hätte ein Bildhauer den Ausdruck seiner Büste mit ein wenig mehr Glanz betonen wollen.
»Iuron hat mir alles erzählt«, grunzte der Senator …
… und beinahe wollte ich über die Worte lachen; wollte darüber lachen, dass Iuron sich tatsächlich über meinen mangelnden Einsatz für ihn beschwerte, dass er sich selbst vor dem Senator ins Lächerliche gezogen und ihm von den Vorfällen in den Straßen berichtet hatte; dass er sich über mich ausgelassen hatte, obwohl mein Vater um die Regeln des Soldatenseins wusste.
Ja, ich wollte lachen.
Dann allerdings wurde ich mir eines Umstands gewahr: Da mein Vater doch eben um jene Regelung wusste und sich ebenfalls nicht um das Leben meines Wachkumpans scherte … Weshalb sollte ob dieses vermeintlichen Verbrechens eine Bestrafung erfolgen? Weshalb zitierte er mich aus banalen Gründen ins Herz des Palastes und konfrontierte mich mit der Lächerlichkeit eines jungen Soldaten?
Darmowy fragment się skończył.