Czytaj książkę: «Schattenreiter»
Sarah Nikolai
Schattenreiter
Saga
SchattenreiterCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2010, 2020 Sarah Nikolai und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726643114
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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– a part of Egmont www.egmont.com
Sensationsfund in den Badlands Rapid City News Journal – 12. August 2009 Robert Fields
Archäologen finden 300 Jahre altes Kriegergrab
»Die Gebeine sind gut erhalten«, erklärt Professor Thomas Brown von der University of South Dakota. Auf einer beigefügten Bisonrobe entdeckte der Wissenschaftler mystische Motive, die an die Kentauren aus der griechischen Mythologie erinnern.
»Bilder von Pferdemischwesen zieren auch andere Grabbeigaben wie Tontöpfe und Schmuckstücke. Ein Zeichen von Verehrung.«
Für Brown ein außergewöhnlicher Fall. Die Ureinwohner kennen viele Götter, doch keinen mit einem Pferdekörper.
»Es scheint, als hätten wir eine neue Gottheit gefunden«, ist Brown überzeugt.
Der Fund wird ab September im Journey Museum ausgestellt.
1. KAPITEL
Vor zwei Tagen hatte ich meinen 20. Geburtstag gefeiert, jetzt saß ich in einem Flieger nach South Dakota, ohne zu ahnen, dass dies die aufregendsten Wochen meines Lebens werden sollten und ich schon bald ein uraltes Geheimnis ergründen würde, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.
Die USA kannte ich bisher nur aus Dads Geschichten von seiner Kindheit und Jugend. Nun würde ich das Desert Spring mit eigenen Augen sehen. Endlich. Aber die Neugierde auf Dads Heimat war nicht das Einzige, was mich nach South Dakota zog. Seit ich in das Flugzeug gestiegen war, spürte ich eine große Freude, eine Euphorie, die über das normale Maß hinausging und die ich mir nicht erklären konnte. Vielleicht wusste ich schon damals, tief in meinem Inneren, dass ich eine Malhamota war.
Die Maschine machte Zwischenstopps in Amsterdam und Minneapolis. Von dort aus ging es direkt nach Rapid City, wo mich Tante Abigail erwartete, die ich zuletzt gesehen hatte, als sie meine Familie vor mehr als zehn Jahren in Berlin besucht hatte. Alles in allem würde ich über 17 Stunden unterwegs sein.
Ich schaute aus dem Fenster und beobachtete eine Weile die schnell an uns vorüberziehenden Wolken, ehe ich den Reiseführer aus meiner Tasche kramte. Ich hatte genügend Zeit, ihn genauestens zu studieren. Und bevor wir über den Atlantik flogen, hatte ich ihn bereits ausgelesen. Pennington County lautete mein Ziel. Um genauer zu sein, Calmwood, ein kleines Städtchen in der Nähe von Rapid City, irgendwo in den Black Hills.
Um 17 Uhr Ortszeit landeten wir auf dem Rapid City Regional-Airport, und ich fühlte mich wie gerädert, denn die Uhrzeit stimmte nicht mit meiner inneren Uhr überein. Ich hatte mehrere Zeitzonen hinter mir gelassen, und das Schlafen im Flugzeug hatte sich als deutlich schwieriger erwiesen, als ich angenommen hatte.
Nachdem ich mein Gepäck vom Rollband genommen hatte, betrat ich die Ankunftshalle und hoffte, ich würde Tante Abigail wiedererkennen. Sie musste groß, korpulent und außerdem Dad wie aus dem Gesicht geschnitten sein. Zu meinem Erstaunen war im Eingangsbereich nicht sonderlich viel Betrieb. Kein Vergleich zu dem Gedrängel am Flughafen Tegel. Auf der Anzeigentafel las ich, dass die nächste Maschine erst in einer Stunde erwartet wurde. Das sprach nicht gerade für ein reges Flugaufkommen.
Ich drehte mich einmal um mich selbst, ohne jemanden erspäht zu haben, der mir bekannt vorkam. Da fiel mir plötzlich eine Frau mit einem Pappschild in den Händen auf. Sie stand neben drei anderen Wartenden. Ihre ziemlich kräftigen Arme verrieten, dass sie hart zupacken konnte. Ein volles und sehr freundliches Gesicht milderte diesen Eindruck jedoch ab. Sie trug eine Jeanslatzhose und ein kariertes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Der Clou aber war der weiße Cowboyhut, unter dem eine dichte dunkelbraune Haarmähne hervorquoll.
Welcome Jorani!, stand auf dem Schild.
Tante Abigail sah anders aus, als ich es erwartet hatte. Die Erinnerung an eine dicke, hünenhafte Frau war offenbar nur ein Trugschluss, weil ich damals noch klein gewesen war.
Ich winkte ihr, um ihr ein Zeichen zu geben. Sofort kam sie auf mich zu, breitete die Arme aus und drückte mich an ihre Brust. Dann gab sie mir noch dicke Schmatzer auf beide Wangen.
»Willkommen in Amerika!«, begrüßte sie mich. »Wie schön, dich endlich mal wiederzusehen, meine Süße. Und wie groß du geworden bist. Lass dich mal anschauen.« Sie hielt mich an den Schultern fest und musterte mich von oben bis unten, während ich versuchte, mein Sprechen und Denken ganz auf Englisch umzuschalten.
Das fiel mir nicht allzu schwer. Dad war wegen Mom nach der Wende in Berlin geblieben und hatte dafür gesorgt, dass meine Geschwister und ich zweisprachig aufwuchsen. Wir nannten unsere Eltern auch nicht Mutti oder Vati, sondern Mom und Dad. Das klang in meinen Ohren viel vertrauter.
»Du siehst gut aus, echt gut. Und wenn du lächelst, dann sehe ich John vor mir«, sagte sie voller Anerkennung und strahlte über das ganze Gesicht. Sie schien sich ehrlich zu freuen, mich zu sehen. Ich war erleichtert, dass die Chemie zwischen uns auf Anhieb stimmte. »Danke. Du siehst aber auch toll aus.«
Tante Abigail strich sich mit einer Hand über den Bauch. »Das verdanke ich alles meinem Fitnesstrainer.«
Sie lachte leise, legte mir einen Arm um die Schultern und führte mich zum Parkplatz. »Komm. Mein Wagen steht gleich dort drüben. Du siehst müde aus.«
»Das bin ich auch. Ich konnte im Flieger einfach nicht schlafen. Und mein Kreislauf fängt schon an zu spinnen.«
»Dann beeilen wir uns besser. Ich habe dir das Gästezimmer eingerichtet. Das Bett ist bereits bezogen.«
Ich dankte dem lieben Gott für diese umsichtige Tante!
Wir gingen an einigen Wagen vorbei, und ich hoffte, dass wir jeden Moment stehen bleiben würden und ich mein Gepäck im Kofferraum verstauen konnte. Als wir dann aber endlich vor Tante Abigails Auto hielten, traute ich meinen Augen nicht.
Abigail schien mir meine Bedenken anzumerken und klopfte voller Zuversicht auf die gelbe Karosse ihres kleinen VW 1303 LS Cabriolets, dessen Baujahr irgendwann in den Siebzigern liegen musste. Das schwarze Verdeck war zurückgeklappt.
»Das Baby hier war mir viele Jahre treu und hält einiges aus. Wirf deine Sachen in den Kofferraum.«
Ich zog es vor, mein Handgepäck und die Tragetasche vorsichtig abzulegen. Nicht, weil ich etwas Zerbrechliches dabeihatte, sondern weil ich nicht dasselbe Vertrauen in den kleinen Wagen hatte wie sie.
Schließlich sagte ich mir, dass der Käfer es zum Airport geschafft hatte, also würde er es auch zurück nach Calmwood schaffen. Ich erwartete, dass der Motor mehrere Anläufe brauchen würde, ehe er startete, der Wagen stottern, knattern und dampfen würde, aber nichts dergleichen geschah. Er lief geschmeidig und brachte es auf eine ordentliche Geschwindigkeit. Ich blickte in den Rückspiegel. Das sandfarbene Flughafengebäude war nur noch ein verschwommener Fleck.
»Dort drüben ist der Dinosaurierpark«, erklärte Tante Abigail und deutete mit dem Finger nach rechts. Ich konnte tatsächlich eine Brontosaurusskulptur auf einer leichten Anhöhe erkennen, die von Bäumchen umringt war. »In die Richtung geht’s zum Mount Rushmore, und das hier ist das beste China-Restaurant weit und breit ...«
Ich war so müde, dass ich kaum etwas mitbekam und während der Fahrt einschlief. Als ich die Augen wieder aufschlug, hielten wir gerade vor einem Café mit roter Markise, auf der »Desert Spring – Café & Catering« stand. Das war es also. Das Haus, in dem Dad aufgewachsen war. Ein kleines, zweistöckiges Gebäude, das den Charme des Wilden Westens versprühte.
»Da wären wir«, verkündete Abigail und stieg aus. »Was hab ich dir gesagt, auf meine alte Rostlaube ist Verlass.« Dann holte sie mein Gepäck. An einem runden Tisch im Vorgarten saßen zwei junge Frauen und ein ebenso junger Mann, der einen schmutzigen Overall anhatte. Seine raspelkurzen Haare standen zu allen Seiten ab. Schwarze Flecken zierten seine Wangen. Und er roch nach Öl.
Die drei begrüßten Abigail freundlich. Mich hingegen musterten sie neugierig von oben bis unten. Das war mir unangenehm. Ich versuchte, es nicht zu beachten.
»Sieht genauso aus wie in Dads Fotoalbum«, stellte ich fest und nahm Abigail meine Tragetasche ab, hängte sie mir über die Schulter und folgte ihr ins Haus. Hinter mir begannen die drei zu tuscheln und zu lachen.
»Ja, es hat sich nicht viel verändert.«
Hinter der Theke, die an eine Bar aus einem Western erinnerte, stand eine ältere Dame mit kurzen grauen Haaren. Sie war sehr klein, drahtig und schien für ihre Größe viel zu lange Arme zu haben. Der Eindruck wurde durch ihren gebeugten Rücken noch verstärkt.
»Ich bin wieder da, Gladice«, rief Abigail ihr zu.
»Das sehe ich, meine Liebe.« Gladice kam hinter der Theke hervor und reichte mir die Hand. »Willkommen in unserer Wüstenquelle, dem schönsten Fleck in ganz Calmwood«, begrüßte sie mich mit einer rauen Stimme, die unerwartet männlich klang.
Ich war überrascht, wie kräftig ihr Händedruck war. Über ihrem Hemd und den Jeans trug sie eine hellblaue Schürze. In einer Hand hielt sie einen feuchten Lappen, von dem Spülwasser über ihren nackten Arm lief und auf den Boden tropfte.
»Du hast doch bestimmt Hunger. Such dir was aus«, meinte Gladice und deutete zu der großen Tafel, die über der Theke hing. Es gab Sandwiches, Hotdogs und Kartoffelsalat.Aber mein Magen fühlte sich wie zugeschnürt an. Ich würde garantiert keinen Bissen herunterkriegen. »Ich bin nicht hungrig, tut mir leid.«
Abigail ging hinter die Theke und holte eine Tasse dampfenden Tees hervor. »Jorani ist sehr müde. Ihr könnt euch morgen gegenseitig beschnuppern.«
»Ach so. Na dann, gute Nacht.« Gladice lächelte schief und offenbarte eine große Zahnlücke, die ihr hexenartiges Kinn noch betonte. Just in dem Moment, in dem ich mich umdrehen wollte, betrat die Blondine vom Tisch im Vorgarten das Café und winkte mit ihrer Geldbörse. »Zahlen bitte.«
»Ich kümmere mich um Ira«, sagte Gladice und ging zur Kasse. »Macht sechs Dollar.«
Während sie in ihrer Börse nach Kleingeld suchte, musterte sie mich erneut und, wie sie wahrscheinlich glaubte, unauffällig. Dieses Mal starrte ich jedoch zurück, was sie sehr erschreckte und rasch das Weite suchen ließ.
»Nimm es den Leuten hier nicht übel. Wir sind einfach ein neugieriges Völkchen. Deine Ankunft hat sich schnell rumgesprochen«, flüsterte Abigail mir zu und führte mich eine hölzerne Treppe ins obere Stockwerk hinauf.
»In Calmwood passiert nicht viel. Wir haben nicht mal so viele Einwohner wie Hot Springs. Jeder kennt jeden. Und Neuigkeiten sprechen sich schneller rum, als einem manchmal lieb ist.«
Wir gingen einen langen Flur entlang. Die Dielen knarrten leise unter meinen Turnschuhen. Tante Abigail blieb vor der vorletzten Tür stehen und drückte die Klinke mit ihrem Ellbogen herunter. »Wegen Ira musst du dir keine Gedanken machen. Ist ein ganz nettes Mädchen.«
Ich war von dieser Aussage nicht sonderlich überzeugt, was man mir wohl ansah.
»Glaub es mir.«
»Na schön, wenn du es sagst.« Ein bisschen weniger Neugier hätte dieser Ira auch gut zu Gesicht gestanden.
»Hier ist es. Ich hoffe, du bist damit zufrieden?« Sie stellte die Teetasse auf einem kleinen Tisch in der Ecke ab.
Ich betrat den gemütlichen Raum, der fast genauso groß wie mein Zimmer zu Hause war, stellte mein Gepäck ab und spürte, wie mich wieder die Müdigkeit überfiel. Dieses Mal stärker als zuvor.
Es ist toll«, sagte ich und unterdrückte ein Gähnen.
»Freut mich. Hier kannst du deine Sachen unterbringen.« Tante Abigail zeigte auf den großen Eichenholzkleiderschrank, der fast bis zur Decke reichte.
»Ich glaube, das schaffe ich heute nicht mehr. Ich packe morgen aus.«
»In Ordnung. Falls etwas sein sollte oder du etwas brauchst, ich schlafe gleich nebenan. Bis zum Abend bin ich aber im Café. Das Bad ist gleich links neben deinem Zimmer. Wir haben Warmwasser.« Das war beruhigend.
»Ich freue mich, dass du da bist. Das wird eine ganz tolle Zeit«, fügte sie hinzu. »Aber jetzt lasse ich dich erst mal in Ruhe ankommen.« Ich nickte dankbar. Leise zog sie die Tür hinter sich zu.
Für mich war das alles sehr unwirklich. Ich hatte noch nicht realisiert, wie weit ich von zu Hause weg war. Dafür war ich viel zu müde. Ich wollte nur eins, nämlich schlafen. Erschöpft trank ich einen Schluck Zitronentee, ehe ich mich auf mein Bett fallen ließ. Die Matratze gab sacht unter mir nach, und ich schlief auf der Stelle ein. Gegen fünf Uhr morgens wachte ich auf.
Die Sonne war bereits aufgegangen und schien mir ins Gesicht, da kein Rollo vor dem Fenster war. Vergeblich suchte ich nach einer besseren Schlafposition, zog mir die Decke über den Kopf und vergrub mein Gesicht im Kissen. Eine Stunde später gab ich es auf und schleppte mich ins Bad. Die heiße Dusche weckte meine Lebensgeister, und ich fühlte mich wie neugeboren.
Da meine Tante noch schlief und das Desert Spring erst um 8.30 Uhr öffnete, beschloss ich, mich ein bisschen in Calmwood umzusehen.
Schnell hatte ich den Stadtrand erreicht. Eine weite Graslandschaft tat sich vor mir auf, die sich bis zum Horizont erstreckte. Einzelne Wolken standen am sommerblauen Himmel. In der Ferne sah ich einige Bäume und Felsen. Die Ausläufer der Black Hills.
Einige Schritte von mir entfernt lag etwas im Gras. Doch ich konnte nicht ausmachen, was es war. Vielleicht eine Jacke oder eine zusammengerollte Decke, die jemand vergessen hatte. Ich ging näher heran und merkte schnell, dass ich mich irrte. Das Etwas war pelzig und merkwürdig eingedrückt. Dann erkannte ich Pfoten und wich instinktiv zurück.
Das war ein Tier.
Es sah übel zugerichtet aus. Ich konnte nicht erkennen, was für ein Tier es war. Dafür war es viel zu entstellt. Der Wind strich sanft über sein stumpfes Fell und bewegte es leicht.
»He, was machst du da?«
Erschrocken sah ich hoch und blickte in das schmale Gesicht eines jungen Mannes, der plötzlich vor mir stand.
Lange braune Haare umschmeichelten sein Gesicht, dunkle Augen funkelten wütend. Unverkennbar floss das Blut amerikanischer Ureinwohner in seinen Adern.
»Jemand muss es angefahren haben«, platzte ich heraus.
Er betrachtete mich abschätzend, was mir nicht sonderlich behagte. Seine Augen wirkten merkwürdig fern, so als besäßen sie eine unendliche Tiefe.
»Fass es besser nicht an«, sagte er. Er kniete sich hin, nahm seinen Rucksack ab und holte eine Decke heraus, in die er das Tier einwickeln wollte. Ich schloss daraus, dass es noch lebte.
»Soll ich ... einen Tierarzt holen?«, fragte ich aufgelöst. »Gibt es überhaupt einen in der Nähe?« Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich einer in Calmwood niedergelassen hatte. Wahrscheinlich müssten wir nach Rapid City fahren. In Gedanken plante ich bereits, mir Abigails Käfer auszuleihen.
»Der Hund ist tot.«
Vorsichtig schlug er die Decke um das Tier und hob es hoch. Ganz behutsam, als hielte er einen kostbaren Schatz in den Händen.
»Trotzdem danke für das Angebot«, sagte er nun freundlicher, und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen.
»Tot?«
Er nickte und musterte mich wieder. Jetzt erst schien er mich richtig wahrzunehmen.
»Du bist nicht von hier, oder?«
Ich schüttelte den Kopf. Fasziniert blickte ich in seine Augen, die so dunkel waren, dass ich zwischen Iris und Pupille kaum unterscheiden konnte. »Ich bin seit gestern bei meiner Tante Abigail Stanford zu Besuch.« Ich ging davon aus, dass ihm zumindest ihr Name bekannt war. Schließlich kannte hier jeder jeden.
»Dein Englisch ist nicht schlecht, aber ich höre einen leichten Akzent.«
Ich war überrascht, hatte ich doch geglaubt, man könne mich aufgrund meines guten Sprachtrainings für eine Einheimische halten. Der junge Mann musste eine gute Beobachtungsgabe oder sehr feine Ohren haben.
»Ich bin Berlinerin«, klärte ich ihn auf.
»Willkommen in Calmwood. Tut mir leid, dass wir dir kein schöneres Begrüßungsgeschenk machen konnten.« Nun klang er sarkastisch.
»Rücksichtslose Autofahrer scheint es selbst in einem idyllischen Örtchen wie diesem zu geben«, meinte ich resignierend. Wie oft kam es vor, dass jemand ein Tier anfuhr und es schwer verletzt liegen ließ. Das konnte mich wirklich aufregen.
»Er ist nicht unter die Räder gekommen. Er wurde von Menschenhand getötet«, erwiderte der Fremde mit einer eigenartig monotonen Stimme und wandte sich um.
Getötet? Ich musste schlucken.
Er ging weiter, und ich folgte ihm unwillkürlich. Gab es in Calmwood tatsächlich Menschen, die zu so einer Grausamkeit fähig waren?
Der Fremde blieb an einer kleinen Mulde stehen, die er offenbar zuvor ausgehoben hatte, und legte das tote Tier hinein. Mit bloßen Händen schaufelte er die aufgeschüttete Erde auf die Decke.
»Unser Freund hat kein gnädiges Ende gefunden.« In seiner Stimme schwang grenzenlose Verachtung. Ich hingegen war viel zu geschockt, um etwas zu sagen. Zugleich war ich beeindruckt, dass der junge Mann sich des armen Tieres annahm. Ich hockte mich zu ihm und grub meine Finger in die warme Erde, um ihm zu helfen.
»Warum machst du das?«, wollte ich wissen.
»Warum machst du das?«
»Ich hab zuerst gefragt.«
Er nickte. »Es ist besser, ihn zu vergraben. Sonst lockt er Aasfresser an.« Nicht weit von uns entfernt saßen zwei Krähen auf einem großen Stein. Sie plusterten ihr dunkles Gefieder und guckten interessiert zu uns herüber. »Du kennst dich gut aus. Bist du Tierarzt?«
Ich hörte ihn lachen und sah aus dem Augenwinkel, dass er den Kopf schüttelte. Dann war er sicher Farmer. Jedenfalls jemand, der Ahnung hatte. »Also, und warum hilfst du mir?« Er sah mich neugierig an.
Ich zuckte mit den Schultern. »Der Hund tut mir leid.«
Er sammelte faustgroße Steine und legte sie auf einen Haufen. Einen davon zeigte er mir. Er war rund und staubig. Als ich ihn kurz in die Hand nahm, merkte ich, wie schwer er war.
»Die kommen auf das Grab. Weißt du auch, wieso, Stadtmädchen?«
Ich hatte nicht die geringste Ahnung und hob hilflos die Schultern. Dann gab ich ihm den Stein zurück.
Er lächelte nachgiebig. »Dadurch verhindern wir, dass sich Raubtiere am Kadaver vergehen.«
Gewissenhaft verteilte er die Steine auf der lockeren Erde.
»Sieh hin, Stadtmädchen, ich lasse keinen Platz zwischen den Steinen. Ein hungriges Tier ist sehr erfinderisch und würde bei zu großen Lücken zu graben beginnen. Doch das Leichengift würde ihm nicht guttun.«
»Ich verstehe«, sagte ich. »Aber warum nennst du mich ständig Stadtmädchen?«
Er hielt inne und grinste mich unverfroren an. »Weil man dir anmerkt, dass du aus einer Großstadt kommst.« »Ach ja?«
»Du warst dir nicht mal sicher, ob der Hund noch lebt.« Er lachte leise.
»Hey, mach dich nicht lustig. Ich habe es nur gut gemeint. Außerdem wusste ich, dass er tot ist. Erst als du ihn wie ein Baby eingewickelt hast, bekam ich Zweifel.«
»Ich weiß. Aber deine Unsicherheit hat dich trotzdem verraten.« Sein Lachen wurde lauter.
»Das nenne ich Dankbarkeit«, sagte ich gereizt, denn ich fühlte mich von dem Kerl veralbert. »Das nächste Mal überlege ich es mir zweimal, ob ich helfe.«
Sacht hielt er mich am Arm zurück. »Sei nicht böse, Stadtmädchen. War nicht meine Absicht, dich zu kränken. Im Gegenteil. Ich bin dir wirklich dankbar.«
Er drückte mir den letzten Stein in die Hand und nickte mir aufmunternd zu. Ich legte ihn an die vorgesehene Stelle.
»Sehr gut«, lobte er mich und presste die Handflächen aneinander, als wollte er beten.
»Was soll das werden?«, fragte ich irritiert.
»Ich muss seinen Geist befreien.«
»Was?«
»Er steckt in seinem Körper fest, weil er einen grausamen Tod erfuhr. Wenn wir ihn nicht befreien, bleibt er für immer gefangen und findet niemals Frieden.«
Der Kerl meinte ernst, was er da sagte. Ich hingegen glaubte nicht an Übersinnliches. Unter normalen Umständen hätte ich ihn einfach machen lassen und wäre gegangen. Aber etwas an ihm faszinierte mich und hinderte mich daran zu gehen. Stattdessen beobachtete ich ihn sehr genau. Er holte ein Gebilde aus mehreren Federn, das an einen Traumfänger erinnerte, aus seinem Rucksack und legte es auf das Grab.
Dann senkte er den Kopf, so dass ihm die Haare ins Gesicht fielen, und konzentrierte sich. Reglos verharrte er vor dem Steinhaufen. Ich wagte nicht, mich zu bewegen oder zu sprechen.
Eine fast unheimliche Stille breitete sich über dem Feld aus. Der Wind bewegte die Federn, trieb sie plötzlich hinauf, bis sich das runde Gebilde um sich selbst drehte.
Es flog immer weiter, bevor es langsam wieder zu Boden segelte. Ungläubig verfolgte ich das Spiel. Neugierig und eingeschüchtert zugleich. War es der Geist des Hundes gewesen, der die Federn bewegt hatte? Ich traute mich nicht, den Fremden zu fragen.
Gerade als ich glaubte, er hätte sein Gebet beendet, ertönte eine kehlige Stimme, die so ganz anders klang als seine Sprechstimme. Andächtig lauschte ich dem angenehmen Klang.
»E’neya ... Mahitoka di Ti’tibrin, ta’ke di Mal. E’neya, Mahitoka di Ti’tibrin, ta’ke di Mal.«
Ein kräftiger Windstoß fegte das Federgebilde über das Feld, so weit, dass ich es nicht mehr sehen konnte. Die Stimme des Fremden vibrierte. Dann wurde er leiser, bis er nur noch flüsterte und schließlich ganz verstummte.
Ohne ein weiteres Wort erhob er sich, klopfte sich den Sand von den Jeans und zupfte einen Grashalm ab, den er sich in den Mund steckte.
»Ist der Geist befreit?«, fragte ich verunsichert. Er nickte lediglich und ordnete zwei der aufgestapelten Steine neu an.
»Du gehörst zu den Sioux, oder?« Ich hatte in meinem Reiseführer gelesen, dass South Dakota einst ihr Territorium gewesen war. Doch zu meiner Überraschung schüttelte er den Kopf, allerdings ohne mir zu verraten, welchem Stamm er stattdessen angehörte.
Langsam gingen wir zur Straße zurück. In dem Moment fiel mir ein, dass ich ihn unbedingt etwas fragen wollte.
»Woher wusstest du, dass er gezielt getötet und nicht einfach nur überfahren wurde?«
»Ihr Stadtmenschen habt Augen und könnt doch nicht sehen.« Dieses Mal hörte ich sein Bedauern, vielleicht sogar Mitleid.
»Ich kann sehen«, beharrte ich.
»Das glaubst du. Hast du die Wunde an seinem Hals bemerkt? Sie wurde ihm mit großer Wahrscheinlichkeit durch ein Messer zugefügt.«
Ich schüttelte entsetzt den Kopf. Nein, das war mir tatsächlich entgangen. Und darüber war ich sogar froh, denn ich konnte kein Blut sehen. Selbst wenn es getrocknet war.
»Wer macht nur so was?«
Mit zügigen Schritten ging er vor mir her. Ich versuchte, zu ihm aufzuschließen. An der Straße angekommen, drehte er sich um. »Ich weiß es nicht.« Doch seine zusammengezogenen Brauen sagten etwas anderes.
Er richtete den Rucksack, der an einem Träger über seiner Schulter hing, und deutete die Straße hinunter zur Stadt. »Ich muss dort entlang.«
»Wir sollten es der Polizei melden«, sagte ich entschlossen.
»Ohne einen Beweis können die nichts machen. Leider.«
»Wir müssen zumindest den Besitzer verständigen. Weißt du, wem der Hund gehört hat?«
»Roy. Zu dem gehe ich jetzt.« Er klopfte auf seinen Rucksack, aus dem ein merkwürdiges Gesicht aus Holz lugte, das nicht viel größer als der Deckel eines Senfglases und ebenso rund war.
Er holte das Holzstück aus dem Rucksack und zeigte es mir. »Gefällt dir der Shi-ru’u?«, wollte er wissen und grinste.
»Shi ... Shi ... was?«
»Shi-ru’u. Ein Glücksbringer.«
Ich nickte unentschlossen. Zumindest wollte ich es mir gern näher ansehen.
»Ich schenke ihn dir, weil du mir geholfen hast.« Zum ersten Mal hörte ich auch in seiner Stimme einen leisen Akzent, der sehr warm und angenehm klang.
Ich nahm das Holzstück entgegen, betrachtete es von allen Seiten und stellte fest, dass es sich um ein Amulett handelte. Es hing an einem Lederband und war mit grünen Federn versehen. »Danke.« Ich hängte es mir um.
»Bitte. Mach’s gut, und genieß deinen Urlaub«, sagte er und hob die Hand, bevor er sich umdrehte und davonging.
»Ciao«, rief ich ihm nach und schaute mich weiter in der Gegend um. Viel gab es jedoch nicht mehr zu entdecken. Calmwood lag inmitten einer weitläufigen Gras- und Waldlandschaft, die sich bis zum Horizont erstreckte.
Als ich zum Desert Spring zurückkehrte, war es bereits 9 Uhr. Der Duft von Ei und Speck lag in der Luft.
»Guten Morgen«, rief Abigail mir zu. Ich setzte mich an die Theke. »Hast du dir die Stadt angesehen?« Sie stellte eine Tasse dampfenden Kaffees vor mich hin.
»Ja. Ich bin früh wach geworden und wusste nichts mit mir anzufangen«, gab ich zu.
»Und wie gefällt dir Calmwood? Möchtest du was essen? Ich wette, du hast einen Bärenhunger.«
Ich überlegte kurz und entschied mich für Rührei mit Speck und Lauchzwiebeln. Bärenhunger war allerdings übertrieben. Nach dem morgendlichen Schockerlebnis war mir ein bisschen der Appetit vergangen. Ich war nach wie vor wegen des Hundes aufgelöst und wollte mit meiner Tante darüber sprechen, die allerdings im Moment keine Zeit dafür hatte.
»Eine gute Wahl«, meinte ein älterer Herr neben mir, der seine Stirnglatze mit einer langen grauen Haarsträhne zu kaschieren versuchte. Ich schätzte ihn auf Ende sechzig. »Abigails Rühreier sind die besten, die ich je gegessen habe.«
Meine Tante kehrte mit zwei leeren Tellern hinter die Theke zurück und lachte herzlich. »Du übertreibst wie immer, Roger.« Sie begann, die Teller abzuspülen.
»Ich sage nur, was ich denke. Und das sind, so wahr ich hier sitze, die besten Rühreier von Pennington County, wenn nicht sogar von ganz South Dakota!«
Tante Abigail schüttelte amüsiert den Kopf.
In dem Moment betrat die Blondine vom Tag zuvor das Café. »Morgen, Abigail«, grüßte sie meine Tante und kam zielstrebig auf mich zu. »Morgen, Jorani.«
Ich wunderte mich, dass sie meinen Namen wusste. Aber dann fiel mir ein, dass hier jeder jeden kannte.
»Hast du Lust mitzukommen? Ich fahre nach Rapid City.«
Ihre Einladung kam überraschend. Wir hatten ja bisher keine Gelegenheit gehabt, uns kennenzulernen. Und wenn ich ehrlich war, hatte ich sie gestern nicht mal sonderlich sympathisch gefunden. Das sollte sich im nächsten Augenblick aber ändern.
»Und was willst du da machen?«
»Dir was zeigen, das du aus deiner Heimat kennst. Die Berliner Mauer.« Sie zwinkerte mir zu.
»Oh, die ist wirklich eine Sehenswürdigkeit«, sagte Roger. Auch Tante Abigail fand die Idee großartig. »Ich habe die Mauer damals mit eigenen Augen gesehen, als ich John besuchte. Wir sahen uns das Brandenburger Tor aus der Ferne an, konnten aber nicht hinüber. Unglaublich, wie lange das alles inzwischen her ist.«
»Haben wir dich jetzt neugierig gemacht?«, fragte Ira.
»Ja, ziemlich. Ich bin gespannt, was es damit auf sich hat.«
»Okay, dann komm mal mit.«
Sie führte mich zu ihrem blauen Camaro, den sie vor dem Gartentor des Desert Spring geparkt hatte.
Ich stieg kurz entschlossen ein. Ira setzte sich ans Steuer. Kraftvoll trat sie aufs Gas und ließ den Motor schnurren.
Die Dixie Chicks dröhnten aus den Boxen. Iras Kopf wippte im Takt mit. »Ich bin übrigens Ira McLaine«, erklärte sie und reichte mir die Hand.
»Jorani Wittlach.«
»Wittlach? Ich dachte, du wärst eine Stanford.« »Meine Eltern haben nie geheiratet.« »Ach so?« »Ja.«
Ira zuckte mit den Schultern. Das Thema schien sie nicht weiter zu interessieren.
»Hat dein Name irgendeine Bedeutung?«
»Jorani meinst du? Mein Dad hat ihn ausgesucht. Er steht auf außergewöhnliche Namen. Meine Ururgroßmutter soll eine Lakota gewesen sein. Nach ihr wurde ich benannt. Zu meiner Mom, die den Namen anfangs nicht so toll fand, hat er gesagt, dass die Geburt eines Kindes etwas Besonderes ist, daher sollte es auch einen besonderen Namen tragen.« Das war so typisch Dad.
»Ich meinte Wittlach. Das klingt sehr deutsch.«
»Oh ... ähm ... nicht, dass ich wüsste.« Es war Moms Nachname.
Ira drehte das Radio leiser.
»Ich hoffe, es ist okay, dass ich dich so überfallen habe? Meine Mom hat mich auf die Idee gebracht, dir ein bisschen die Gegend zu zeigen.«
»Danke, sehr nett.« Ich musterte Iras Profil. Sie war hübsch. Die blonden Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten, und ihre Haut war so makellos wie bei einem Make-up-Model aus der Werbung.
»Wie lange bleibst du denn in Calmwood?«
»Zweieinhalb Wochen sind geplant. Die Reise war ein Geburtstagsgeschenk meiner Eltern.«
»Cool. Aber ich sage dir, die Zeit vergeht schnell, wenn du erst meine Freunde kennengelernt hast.« Das klang vielversprechend.
»Du meinst sicher die beiden, die gestern mit dir im Café saßen.«
»Ja, genau. Linda und Pway. Wir nennen ihn Pway, aber eigentlich heißt er Ben Pwayton. In Rapid City eröffnet am Freitag ein neuer Club. Vielleicht hast du Lust, mit uns hinzufahren?«
»Klingt gut.«
»Find ich auch.« Ira bemerkte das Amulett um meinen Hals. Sie nahm es in die Hand und zog es zu sich heran. »Das hast du von Rin, oder?« »Rin?«
»Braune Haare, markante Wangenknochen, dunkler Blick ... schüchtern.«
»So heißt er also«, sagte ich leise. »Die Bescheibung passt jedenfalls auf ihn.« Bis auf das »schüchtern« vielleicht.
»Stehst du auf solche Sachen?« Ira ließ den Anhänger los, und er schlug sacht gegen meine Brust.
»Keine Ahnung. Gekauft hätte ich ihn mir vermutlich nicht.«
»Das wird Roy nicht gern hören.«
Einen Roy hatte Rin vorhin auch erwähnt. Ihm gehörte der tote Hund. »Und wer ist dieser Roy?«
»Der Besitzer eines Souvenirshops. Für den stellt Rin auch diese Glücksbringer her. Alles feinste Handarbeit.«
Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Roy damit einen großen Gewinn erzielte. Gewiss kamen nur wenige Touristen nach Calmwood. Aber Ira klärte mich schnell auf, dass Roys Shop in Rapid City war, und schlug vor, ihn bei Gelegenheit aufzusuchen. Aber im Moment interessierte mich etwas anderes viel brennender.
»Du kennst doch die Leute in Calmwood ganz gut, oder?«
»Ich denke schon. Warum?«
»Ich habe vorhin mit Rin einen toten Hund gefunden. Sah aus, als hätte man den getötet.«
»Getötet? Bist du sicher?« Ich nickte.
»Und du denkst, das war einer aus Calmwood?« »Das weiß ich ja eben nicht.«
»Ganz ehrlich, ich traue das keinem zu.« Sie überlegte einen Moment und knabberte dabei an einem Fingernagel, ehe sie energisch den Kopf schüttelte, so dass ihr Zopf dabei hin- und herflog. »Keinem«, wiederholte sie.
Ich glaubte ihr. Vielleicht war es jemand von außerhalb gewesen. »Sind solche Dinge schon öfter passiert?«
»Ich erinnere mich an keinen Vorfall. Die Leute von Calmwood sind gute Leute, für die ich meine Hand jederzeit ins Feuer legen würde. Anständige Bürger, keine Tierquäler. Oder hat Rin etwas anderes behauptet?«
»Nein! Ganz und gar nicht.«
»Na bitte.«
Sie drehte das Radio wieder lauter. Das Thema war für sie offenbar beendet, und ich wollte nicht weiter nachbohren. Vor allem, weil ich etwas anderes noch viel dringlicher erfahren wollte.
»Was macht dieser Rin eigentlich so?« Ich war mir sicher, dass er entweder auf einer Farm arbeitete oder woanders mit Tieren zu tun hatte.
Ira biss sich auf die Unterlippe. »Warum willst du das wissen?«
»Einfach nur so.«
Sie lachte und sah mich an, als wäre ich für sie ein offenes Buch. »Er sieht gut aus, stimmt’s? Das finden viele. Aber mach dir keine Hoffnung, Mädel, nur weil er dir einen hübschen Anhänger geschenkt hat.«
Das hörte sich an, als würde Ira aus Erfahrung sprechen. Unterschwellig meinte ich, verletzten Stolz herauszuhören.
»Rin lässt niemanden an sich ran. Weder dich, mich noch den Bürgermeister. Keiner von uns weiß etwas Genaues über ihn.«
»Ich mache mir doch gar keine Hoffnungen«, erwiderte ich empört. Wohl wissend, dass ich nicht sonderlich glaubwürdig klang. »Wie dem auch sei, ich dachte, hier sind alle bestens übereinander informiert?«
»Rin ist eine Ausnahme. Er ist ein netter Kerl, doch er leidet am ›Einsamer-Wolf-Syndrom‹. Man sieht ihn nicht, man hört ihn nicht. Er ist wie ein Gespenst, ein Phantom. Schwer zu greifen. Ganz einfach anders als du und ich, wenn du verstehst, was ich meine?«
Ich nickte und erinnerte mich an die außergewöhnliche Bestattung.
»Man weiß nicht, woher er kommt oder wer seine Eltern sind. Vielleicht stammt er aus einem der Reservate? Von einem Tag auf den anderen war er plötzlich da. Doch er nimmt nie an gesellschaftlichen Ereignissen teil, bleibt immer für sich, spricht kaum mit jemandem. Wir wissen nicht mal, wo genau er wohnt. Aber hin und wieder kommt er in die Stadt, erledigt Einkäufe oder kümmert sich um die Tiere.«
In einer Großstadt wie Berlin würde sich niemand Gedanken über jemanden wie Rin machen, aber in einem Ort wie Calmwood musste es schon etwas Besonderes sein, wenn ein Mann unter den Leuten lebte, über den man nichts wusste. Ira, auch wenn sie es sicher nicht zugeben würde, interessierte Rins Hintergrund. Zumindest schien sie sich ausführlich damit beschäftigt zu haben.
»Er treibt sich viel in den Wäldern herum. Wenn ein verletztes Tier gefunden wird, bringt man es zu Rin. Der pflegt es gesund. Und die Tiere vertrauen ihm. Er ist sehr naturverbunden.«
Wir fuhren durch ein Schlagloch und wurden durchgeschüttelt. Ich stieß vor Schreck einen leisen Schrei aus. Ira sah mich überrascht an, und wir mussten beide lachen.
Ich sank in meinen Sitz zurück, schloss die Augen und lauschte den Rest der Fahrt den Dixie Chicks.
2. KAPITEL
Den musst du unbedingt probieren.« Ira reichte mir einen Erdbeer-Bananen-Shake und setzte sich auf die Wiese vor dem Denkmal. Ihren eigenen Pappbecher hatte sie zwischen ihre Beine gestellt. Ich nahm einen Schluck und gesellte mich zu ihr.
»Mmh. Sehr gut.« Cremig und dickflüssig, wie ich es liebte. »Ich hätte nicht gedacht, dass mitten in Amerika tatsächlich ein Originalteil der Berliner Mauer ausgestellt werden würde.«
»Hast du den Fall der Mauer eigentlich miterlebt?«
»Nicht wirklich. Ich bin in dem Jahr geboren, in dem die Mauer fiel.«
»Wann war das?«
Ich deutete zu der kleinen Tafel, auf der das Datum stand.
»Oh. 1989. Ist auch mein Geburtsjahr. Was ist dein Sternzeichen?«
»Löwe.«
»Löwe? Das hätte ich mir denken können.« Sie lachte und steckte sich den Strohhalm in den Mund. »Ach ja? Und wieso?«
Sie ließ sich mit dem Trinken Zeit. Ich konnte sehen, wie sich die zähe Creme durch den Strohhalm nach oben schob.
»Weil du die passende Frisur hast.« Sie grinste und schnappte sich eine meiner dicken Locken, an der sie verspielt zupfte. Ich liebte meine Haare, die ich von Moms Seite der Familie geerbt hatte, war stolz auf sie und nahm Ira den Vergleich nicht übel. Immerhin hatten sie mir schon oft Bewunderung eingebracht.
»Ist das alles Natur?«, wollte sie wissen und ließ die Strähne los.
»Ja. Meistens ist es super, aber das Haarewaschen ist wirklich schwierig.«
»Das glaub ich gern.«
Wir genossen die wohltuende Wärme der Sonne und die kühlen Shakes und plauderten über Belangloses. Kurze Zeit später machten wir uns auf den Weg zu Roys »Souvenirs & More«.
Der Laden war sehr klein. Das Schaufenster kam mir aber im Vergleich dazu überdimensional vor. Hinter der Scheibe entdeckte ich neben zahlreichen Tassen in verschiedenen Größen und Formen auch eine Vielzahl an Kappen, Stickern und Anstecknadeln mit dem Wappen South Dakotas. Friedenspfeifen und verschiedener Federschmuck lagen ebenfalls aus.
Vor der Tür saß ein Mann in einem Liegestuhl, neben ihm befand sich ein Verkaufstisch mit Souvenirs. Er hatte seinen Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, und eine Zigarette ragte unter der Hutkrempe hervor. Seine Hose war aus hellem Wildleder und hatte überall Fransen. Die Cowboystiefel hatten auffällig hohe Absätze.
»Hey, Pete«, sagte Ira und ging auf ihn zu.
Der Mann nahm den Hut ab. Ein äußerst verschlafen wirkendes Gesicht kam zum Vorschein. So, wie er aussah, hätte ich ihn über sechzig geschätzt. Da der Rest seines Körpers athletischer wirkte, vermutete ich, dass er in Wahrheit um einiges jünger war. Die Haut war sonnengebräunt und tief gegerbt, die Augen dunkel und freundlich.
»Ira, schön, dich zu sehen. Was treibt dich denn in die Stadt?«
Pete richtete sich mühevoll auf und drückte die Zigarette im Aschenbecher auf seinem Schoß aus. Er musterte mich nur kurz, ehe er wieder Ira ansah.
»Ich wollte Jorani den Laden zeigen. Ist Roy nicht da?«
»Roy trifft sich heute mit diesem Holzschnitzer und kommt erst am Nachmittag nach Rapid City. Isaac und ich vertreten ihn so lange. Schaut euch ruhig drinnen um, wir haben wieder ein paar tolle Schmuckstücke aus dem Reservat«, forderte uns Pete auf.
Als wir eintraten, erklang ein leises Glöckchen, das uns willkommen hieß. Ira hatte nicht zu viel versprochen. Roys Shop war ein Paradies für jeden Souvenirjäger. Neben den Artikeln, die auch schon im Schaufenster auslagen, entdeckte ich eine Postkartensammlung, noch mehr Kappen, Cowboyhosen, Stiefel, Hüte und eine Reihe von Süßigkeiten, Zigaretten und Zeitschriften.
»Das ist neu«, meinte Ira plötzlich und deutete zu einer Überwachungskamera, die sie an der Decke ausgemacht hatte. In dem Moment kam ein junger Mann aus dem Hinterraum und stellte sich hinter den Ladentisch. Er hatte kurzes dunkles Haar und eine leicht gebräunte Haut. »Die hat sich mein Dad einiges kosten lassen.«
Als er mich entdeckte, streckte er mir die Hand entgegen. »Ich bin Isaac Wright, Roys Sohn.«
»Jorani Wittlach.«
»Seit wann ist Roy so ein Sicherheitsfanatiker?«, wollte Ira wissen. »Seit ihn ein paar Jungs aus der Gegend ausgeraubt haben.« »Was?« Ihr klappte die Kinnlade herunter.
»Einer von denen hat ihn abgelenkt, die anderen haben die Tabakkisten leer geräumt. Dad hat’s viel zu spät gemerkt.« »Mist. Tut mir leid für euch.«
Isaac zuckte mit den Schultern. »Kann man nichts machen. Aber das nächste Mal haben wir dann Beweise.« Er zeigte mit den Daumen auf die Kamera.
»Kann ich euch helfen? Sucht ihr was Bestimmtes?«
Ich entdeckte auf der linken Seite der Kasse einen Glaskasten mit Rins Schnitzereien. »Ach, hier sind diese Sh ... ir ... Shr ...«
»Shi-ru’u«, half mir Isaac und trat neben mich. Er drehte den Kasten, um mir die verschiedenen Medaillons zu zeigen.
»Das ist ein alter Glaube aus der Zeit unserer Vorfahren. Man dachte, dass die Geister über das Schicksal der Menschen entscheiden. Entsprechend machte jeder kenntlich, was er sich am meisten wünschte.«
Zum ersten Mal bemerkte ich, dass der Federschmuck jedes Medaillons eine andere Farbe besaß.
»Rote Federn sollen Ruhm bringen. Gelbe Reichtum.«
»Ich hab grüne.«
»Lass mal sehen.« Er nahm die Legende aus dem Kasten und suchte nach der entsprechenden Farbe.
»Schutz. Es handelt sich um den Shi-ru’u des Schutzes. Der Träger soll vor Gefahren gewarnt werden. Böse Geister dürfen ihm nicht zu nahe kommen.«
»Kling doch gut«, sagte ich und strich die grünen Federn meines Anhängers glatt. Zwar glaubte ich nicht an solche Dinge, aber irgendwie war es doch beruhigend, einen kleinen Aufpasser bei sich zu haben.
»Derjenige, der dir den Shi-ru’u geschenkt hat, ist offenbar um deine Sicherheit besorgt.«
»Ihr glaubt doch nicht wirklich an diesen Quatsch«, mischte sich Ira ein.
»Man weiß nie, welche Kräfte zwischen Himmel und Erde wirken«, erwiderte Isaac und legte die Legende in den Schaukasten zurück.
Nachdem sich Ira ausführlich den neuen Schmuck aus dem Reservat angesehen hatte, verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Heimweg.
»Roy scheint nicht sehr beliebt zu sein«, stellte ich sachlich fest, nachdem ich mich angeschnallt hatte. »Wie kommst du denn darauf?«
»Na ja, erst wird sein Geschäft überfallen und dann sein Hund getötet.«
»Er hat zwar eine raue Schale, aber einen weichen Kern. Jeder hat ihn gern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Feinde hat.«
»Irgendwer hat es aber offenbar auf ihn abgesehen. Oder glaubst du an Zufall?«
Sie seufzte. »Ich kann mir schon denken, wer dahintersteckt.« »Ach ja?« Nun war ich wirklich neugierig. Zuvor hatte sie doch nicht den geringsten Verdacht äußern wollen. »Sid.« »Und wer ist das?«
»Ein Typ, der Ärger magisch anzieht und immer Dreck am Stecken hat. Ich glaube nicht, dass er sich auf Roy eingeschossen hat. Er macht jedem Ärger, der ihm über den Weg läuft.«
»Scheint ein echter Psychopath zu sein.«
»Na ja, vor allem ist er mein Ex.«
Nun war ich tatsächlich entsetzt. Wenn dieser Sid so ein Mistkerl war, warum hatte Ira sich dann auf ihn eingelassen? Aber war es nicht immer so? Die schönsten Mädchen suchten sich immer die miesesten Kerle aus.
»Das ist lange her«, erklärte sie hastig. »Damals war er anders.«
»Und was hat ihn verändert?«
»Keine Ahnung. Als ich noch mit ihm zusammen war, sagte er immer, dass das Leben in South Dakota todlangweilig wäre und man endlich mal für Action sorgen müsste.«
»Das hat er dann wahr gemacht.«
»Scheint so.«
Ich blickte aus dem Seitenfenster und entdeckte einen Mann, der durch das hohe Gras ritt. Schweif und Mähne seines Pferdes wehten im Wind. Kraftvoll stieß sich das Tier vom Boden ab, als wollte es mit uns mithalten. Doch der Camaro war schneller. Es dauerte nicht lange, bis der Reiter hinter uns zurückblieb. Im Rückspiegel erkannte ich sein Gesicht. Es war Rin.
»Du kannst mich hier schon rauslassen«, sagte ich spontan.
»Hier? Hier ist doch nichts, außer der alten McDonald-Farm.« Sie hielt dennoch an.
»Macht nichts. Danke fürs Mitnehmen.«
»Aber wie willst du denn nach Hause kommen?«
»Fährt hier kein Bus?«
»Ja, schon. Aber nur alle vier Stunden.«
»Dann nehme ich den Bus.« Ich winkte.
»Okay, wenn du meinst.« Sie warf einen Blick in den Rückspiegel und entdeckte Rin. »Verstehe. Du gibst nicht so schnell auf, was?«
»Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte ich und zwinkerte ihr zu.
»Viel Glück. Ich melde mich bei dir wegen der Eröffnungsfeier im Cobra Club.«
»Mach das.«
Ich schlug die Wagentür zu, und Ira brauste davon. Erst als sie außer Sichtweite war, drehte ich mich um und lief gemütlich den Weg zurück, die Hände in den Taschen meiner Jeans vergraben. Auf halber Strecke blieb ich stehen und wartete, bis Rin mich eingeholt hatte.
Der hob überrascht eine Augenbraue, als er mich erkannte.
»So sieht man sich wieder«, sagte ich und wich aus Respekt vor dem anmutigen Tier einen Schritt zurück.
Rin saß ab, nahm die Zügel in die Hand und sah mich erstaunt an. »In der Tat, eine Überraschung.« Er klopfte dem Pferd auf den Hals, das zufrieden schnaubte. »Was führt dich hierher, Stadtmädchen?«
»Ich heiße Jorani.«
»Rin.« Er gab mir die Hand und schüttelte sie. Was für ein kräftiger Händedruck. Das Holzfällerhemd hatte er sich um die Hüften gebunden. Jetzt trug er nur noch ein weißes Unterhemd, unter dem sich seine Brustmuskeln verführerisch abzeichneten.
»Ich war neugierig, was du hier machst«, klärte ich ihn auf.
»Ich verschaffe Roys Pferd Auslauf.«
»Alles dreht sich um Roy«, merkte ich amüsiert an. »Wie kommst du darauf?«
»Ach, nicht so wichtig.« Ich winkte ab. Er konnte ja nicht ahnen, dass ich gerade in Roys Souvenirshop gewesen war.
»Er hat mich vorhin darum gebeten, weil er in letzter Zeit viel zu tun hat und es nicht schafft, sich um Larki zu kümmern. Aber Larki braucht Bewegung und den Wind der Freiheit, der ihm um die Nüstern weht.«
»Wie kommt es, dass Roy ein eigenes Pferd hat?«
»Das ist hier nichts Ungewöhnliches. Es ist im Stall der McDonalds untergebracht.«
Liebevoll strich er über die Blesse des Hengstes, der daraufhin den Kopf leicht hob, als wollte er Rins Worten zustimmen. Ich hatte nie zuvor einen Menschen so sanft mit einem Tier umgehen sehen. Rin behandelte es so behutsam wie einen engen Freund.
»Ich nehme an, ihr habt in der Großstadt keine Pferde.« Er betrachtete mich eingehend. Doch nicht nur er. Das Pferd wandte den Kopf zur Seite und blickte mich aus einem dunklen, unergründlich schwarzen Auge an. Es war unendlich sanft und zugleich wild.
»Doch. In Berlin gibt’s auch Ställe. Aber ich muss gestehen, dass ich keines dieser Mädchen war, die für Pferde und Reiten schwärmen.«
»Und warum nicht?«
Ich zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich hatte Angst.« Er lachte. »Wovor?«
»Keine Ahnung. Vielleicht davor, abgeworfen oder getreten zu werden?« »Larki würde so etwas nie tun. Vorausgesetzt, du genießt sein Vertrauen.«
»Das habe ich bestimmt nicht.«
»Was macht dich da so sicher?« Er kraulte Larki hinter dem Ohr, strich ihm die Mähne nach hinten. Das Pferd schnaubte leise.
»Ich habe keinen besonders guten Draht zu Tieren. Ich mag sie, sie mögen mich, und dennoch gehen wir uns aus dem Weg.«
»Weil ihr nicht dieselbe Sprache sprecht.«
»Ja, vielleicht. Meine Vorfahrin war eine Lakota, und Dad sagte oft, sie hätte es verstanden, mit Tieren zu sprechen. Nicht mit der Stimme, sondern durch Gesten, durch ihre Zuneigung. Aber ich habe ihre Fähigkeit nicht geerbt.« Es war eine Gabe, die nun einmal nicht jeder besitzen konnte. Rin hatte sie, da war ich mir sicher.
»Sie muss eine weise Frau gewesen sein. Aber etwas von ihr ist auch in dir. Du solltest es versuchen.«
Er ließ plötzlich die Zügel los, und Larki kam auf mich zu. Instinktiv wich ich zurück. Rin lachte erneut. »Stadtmädchen, hab Vertrauen. Keine Angst. Das Pferd ist ein Freund, ein Gefährte, kein wildes Raubtier.«
Das war leichter gesagt als getan. Larki war im Vergleich zu mir riesig. Wenn er nach mir trat, würde ich bestimmt mehrere Meter durch die Luft fliegen. Hinzu kam, dass ich nichts von der Körpersprache der Pferde verstand, also auch nicht gewarnt wäre, falls es auf einmal brenzlig werden würde.
Plötzlich trat Rin hinter mich und hielt mich an den Schultern fest, so dass ich nicht weiter zurückweichen konnte. Sein warmer Atem kitzelte meinen Nacken. Ich kicherte leise. Verdammt, das fühlte sich gut an.
»Hab Vertrauen, Stadtmädchen. In dich und in Larki. Öffne deine Hand.«
Er griff nach meinem Handgelenk und führte mich. Obwohl ich normalerweise sehr stur sein konnte, wenn ich etkonnte. Sein warmer Atemwas nicht wollte, ließ ich es geschehen und tat, was er verlangte. Das war ganz und gar nicht typisch für mich. Vor allem, da ich immer noch schreckliche Angst vor dem Pferd hatte.
»So ist es gut«, flüsterte Rin. Ich genoss es, seine Lippen so dicht an meinem Ohr zu spüren, und vergaß beinahe, warum ich die Hand öffnen sollte. Das leise Vibrieren, das sein Atem an meiner Haut verursachte, glich einem Streicheln, einer Liebkosung. Ich hätte mich in dem Gefühl verlieren können.
Plötzlich legte er mir eine Karotte, die er aus der Tasche seiner Jeanslatzhose geholt hatte, auf die Handfläche.
Larki verstand das als Einladung. Sein weiches Maul strich mir über die Finger. Geschickt nahm er mir die Karotte ab und zermalmte sie zwischen den Zähnen.
Rin führte meine Hand näher an das Tier heran.
»Schließ die Augen, und vertraue«, sagte er leise.
Ich atmete tief durch, befolgte seine Anweisung und versuchte, mich zu entspannen. Was alles andere als einfach war. Meine Hand glitt durch die Luft, bis ich Larkis Blesse unter ihr spürte. Sein Fell fühlte sich warm an.
»Siehst du, du kannst es.«
Allmählich verstand ich, worauf es ankam. Ruhe und Selbstvertrauen. Meine Sicherheit übertrug sich auf Larki. Rin ließ mein Handgelenk los, und ich hatte wieder die volle Kontrolle. Vorsichtig fuhr meine Hand über Larkis Maul. Zu meinem Erstaunen blieb der Hengst ruhig. Ich hatte sogar das Gefühl, er würde die Streicheleinheit genießen.
»Unglaublich, du bist ein Zauberer. Niemand hat mich je dazu gebracht, so dicht an ein Pferd heranzugehen.«
Rin lächelte und beobachtete meine Bewegungen sowie Larkis Reaktionen darauf.
»Gut, das machst du sehr gut«, lobte er mich.
»Hast du vielleicht noch eine Karotte?«
Er griff in seine Tasche und gab mir eine Rübe. Auch die nahm Larki dankbar an. »Der ist wirklich brav«, freute ich mich.
»Er spürt, dass du es gut mit ihm meinst. Nun prägt er sich deinen Geruch ein und bringt Positives damit in Verbindung.«
»Das fühlt sich gut an«, sagte ich leise, doch ich meinte nicht die warmen Nüstern, die meine inzwischen leere Handfläche nach etwas Fressbarem abtasteten, sondern Rins Nähe. Sein Körper berührte meinen, schmiegte sich an ihn. Er strahlte Wärme aus.
Nachdem Larki festgestellt hatte, dass ich ihm nichts weiter anbieten konnte, wandte er sich ab und fing an zu grasen.
»Eines Tages wirst du ihn reiten können«, prophezeite Rin und setzte sich ins Gras. Wie er es schon am Morgen getan hatte, zupfte er einen Halm ab und steckte ihn sich in den Mund.
»Das glaube ich nicht«, erwiderte ich und ließ mich neben ihm nieder. Die Sonne brannte heiß auf uns nieder, und ich wünschte, ich hätte einen Cowboyhut dabeigehabt.
»In dir steckt mehr, als du glaubst.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Mag sein.« Trotzdem hatte ich Schwierigkeiten, mir vorzustellen, jemals auf einem Pferd zu sitzen. Dad hatte mich früher zu einer Tierfarm mitgenommen. Damals hatte ich noch reiten wollen, doch nachdem eines der Pferde nach mir geschnappt hatte, war das sofort vorbei gewesen.
Rin löste ein Taschenmesser von seinem Gürtel und bearbeitete ein Holzstück, das er gefunden hatte.
»Schnitzt du neue Shi ... Sih ...« »Shi-ru’u.« Er lächelte.
»Genau, die meine ich.« Ich nahm sein Amulett in die Hand und strich über die grünen Federn, die mich beschützen sollten. »Ich weiß noch nicht, was es wird.«
Ich beobachtete ihn eine Weile, bis ich die ersten Konturen eines Gesichts zu erkennen meinte. »Glaubst du daran?« »Woran?«
»Dass die Shi-ru’u Glück bringen?«
Er schien einen Moment zu überlegen, nickte dann aber vorsichtig. »Ja, ich denke, das tun sie.«
Larki wieherte leise und schlug mit seinem Schweif eine lästige Krähe in die Flucht. Die setzte sich auf einen Felsen und blickte neugierig zu uns herüber. Rin schnalzte mit der Zunge, woraufhin das Tier aufflog und aus unserer Reichweite verschwand.
»Mansagt«, begann er schließlich, während er konzentriert weiterschnitzte, »dass die Zorwaya einen Körper suchen, in den sie einkehren können. Doch es muss ein Körper sein, der ihnen freiwillig zur Verfügung gestellt wird und den sie jederzeit wieder verlassen können.«
»Warte. Ich komme nicht ganz mit. Was bedeutet Zorwaya?«
»Zorwaya sind«, er suchte nach den richtigen Worten und unterbrach das Schnitzen für einen Augenblick, »kleine Geister. Schutzgeister sozusagen.«
»Das klingt ja gruselig.«
»Ist es aber nicht. Es sind gute Geister.«
»Mmh.«
Er lachte über meinen skeptischen Gesichtsausdruck. »Nicht schlimm, wenn du nicht daran glaubst.«
»Ich schließe nichts aus«, lenkte ich ein. Wenn ich ehrlich war, faszinierte mich seine Welt immer mehr. Ich war erstaunt, wie viel er über Geister und Tiere wusste. Und das machte mich noch neugieriger auf ihn.
»Es ist spät«, sagte er plötzlich und deutete zum Stand der Sonne. »Ich bringe Larki besser zurück.«
»Schade.«
Das Holzstück verstaute er in seinem Rucksack. Mit einem Handgriff befestigte er das Taschenmesser an seinem Gürtel. Daran hingen außerdem silberne Ketten mit hölzernen Kugeln, die genau wie mein Shi-ru’u mit Federn geschmückt waren.
Rin erhob sich, steckte Daumen und Zeigefinger in den Mund und erzeugte einen schrillen Pfeifton, der Larki anlocken sollte.
Artig kam Larki angetrabt und blieb vor Rin stehen, der ihm sanft auf den Hals klopfte. »So, Akpatok, so.« Er ordnete das Zaumzeug, doch bevor er sich auf den sattellosen Rücken des Pferdes schwang, drehte er sich zu mir um.
»Und wie kommst du nach Calmwood zurück?« »Ich fürchte, ich muss auf den Bus warten.« »Aber der kommt nur ...«
»Alle vier Stunden, ich weiß.« Ich zuckte hilflos mit den Schultern. »Am besten gehe ich einfach immer gerade aus die Straße runter. Irgendwann komme ich schon an.«
»Daran hättest du vorher denken sollen, Stadtmädchen. Komm, steig auf, Larki und ich bringen dich nach Hause.«
Ich hob abwehrend die Hände. »Auf diesen Rücken bekommen mich keine zehn Pferde.«
»Ich halte dich fest, versprochen.«
Er reichte mir die Hand. Sein Blick verriet, dass er keine Widerrede duldete. Obwohl sich alles in mir dagegen sträubte, gab ich doch nach und nahm sie an. Er führte mich zu Larki und ließ den Hengst an mir schnuppern, damit er meinen Geruch wiedererkannte.
»Jaknura, Larki«, flüsterte er beruhigend, während die Lippen des Pferdes an meinem T-Shirt zupften.
»He, lass das«, sagte ich und lachte.
»Larki wird dir vertrauen, nun musst auch du ihm vertrauen.«
Rin saß auf und reichte mir die Hand. Ich ergriff sie zögerlich. Im Nu zog er mich hoch und ließ mich vor sich sitzen. Sanft hielt er mich fest und schnappte sich die Zügel.
»Hast du noch Angst?«
»Ja«, gab ich zu.
»Die brauchst du nicht haben. Ich bin hier.«
Ich atmete tief durch und hielt mich vorsichtig an Larkis Mähne fest. Als sich das Pferd in Bewegung setzte, stieß ich vor Schreck einen leisen Schrei aus, der Rin zum Lachen brachte. »Vertrauen, Stadtmädchen.«
Ich ärgerte mich über mich selbst. Rin hatte durch unsere erste Begegnung wahrscheinlich sowieso schon ein verzerrtes Bild von Großstadtmenschen bekommen, und jetzt lieferte ich ihm neuen Stoff, indem ich mich wie eine dumme Gans anstellte. Noch mal würde mir das nicht passieren.
»Wir gehen nun in leichten Trab über«, erklärte er.
Ich krallte mich in seinen Arm, der fest um meine Taille lag. »Trab« klang nach Geschwindigkeit. Und davor hatte ich panische Angst.
»Bleib ganz locker«, redete Rin mir gut zu.
Tatsächlich merkte ich schnell, dass alles nur halb so schlimm war. Er hielt mich, und wenn ich doch zur Seite zu rutschten drohte, brachte er mich schnell in meine Ausgangsposition zurück. Allmählich gewöhnte ich mich an das Ruckeln.
»Das ist wahre Freiheit.« Er zeigte auf einen Adler, der mit ausgebreiteten Schwingen über uns durch die Luft segelte. »Den holen wir ein«, versprach er. »Heyyaaah!« Er drückte seine Fersen sanft in Larkis Flanken und trieb das Pferd damit zu seiner Höchstgeschwindigkeit an. Das Wettrennen mit dem Adler hatte offenbar seinen Kampfgeist geweckt.
Ich hingegen warf meine guten Vorsätze über Bord und schrie laut auf. Gleich würde ich die Balance verlieren und runterstürzen. Ich klammerte mich an ihm fest.
»Lass mich bitte vorher absteigen!«
Rin zog behutsam an Larkis Zügeln. Er wechselte von Galopp in Trab und von Trab in Schritt. Eine Hand tätschelte liebevoll meinen Kopf. »Ach, Stadtmädchen. Du hast es bald überstanden.«
Ich war heilfroh, als das Ortsschild von Calmwood in Sicht kam. Rin brachte das Pferd zum Stehen.
»Weiter können wir dich nicht begleiten, Jorani. Aber von hier findest du den Weg selber.«
Als ein Auto vorbeifuhr, erschreckte sich Larki so heftig, dass er nervös auf der Stelle tippelte und laut schnaubte. »Sssht, ruhig, Jaknuri.« Rins Zuspruch half.
»Hab ich mich gerade verhört, oder nennst du mich endlich Jorani?« Ich freute mich, denn »Stadtmädchen« hatte immer ein bisschen abfällig geklungen. Die Art, wie er meinen Namen aussprach, gefiel mir. Es klang sanft und melodisch.
»Du heißt doch Jorani, oder nicht?«, scherzte er. »Ja, schon, aber ...«
Rin saß ab und half mir herunter, indem er mich auffing und auf die Füße stellte. Meine Beine gaben unter mir nach. Sie zitterten vor Anstrengung. Rin stützte mich. »Vorsicht, deine Muskeln müssen sich erst ans Reiten gewöhnen.«
»Besser nicht.« Ich hatte nicht vor, in absehbarer Zeit nochmals auf ein Pferd zu steigen.
»Geht schon«, sagte ich und schüttelte meine Beine aus. Sie fühlten sich wie eingeschlafen an. Tausend kleine Ameisen schienen an meinen Waden hochzukrabbeln.
Rin saß wieder auf und wendete.
»Sehen wir uns wieder?«, fragte ich eilig, noch bevor er verschwinden konnte.
»Calmwood ist klein«, erwiderte er.
»Ich meine das ernst. Mir hat es heute viel Spaß gemacht. Auch wenn du mir das nicht glaubst.« Er hob skeptisch eine Augenbraue.
»Du kannst ja einfach mal ins Desert Spring kommen. Ich würde mich freuen.«
Er nickte. »Ja, vielleicht mache ich das.«
Im Desert Spring erfuhr ich, dass Gladice von der Leiter gestürzt war, als sie die Preise über der Theke korrigieren wollte, und sich den Arm gebrochen hatte. Roger war so nett gewesen, sie nach Rapid City ins Krankenhaus zu fahren. Meine Tante hatte nun alle Hände voll zu tun.
»Kann ich dir helfen?«, fragte ich, nachdem ich mit meiner Mutter telefoniert und ihr ausführlich von meiner Ankunft berichtet hatte. Abigail schüttelte lachend den Kopf. »Du machst doch hier Urlaub. Genieß ihn.«
Sie trug gleich mehrere Teller zur Spüle, es klapperte bedenklich, so, als würde ihr das Geschirr jeden Moment aus den Händen rutschen. Ich konnte das nicht mit ansehen.
»Ist doch egal. Ich habe schon mal gekellnert, und das hat Spaß gemacht. Außerdem würde ich sonst nur den ganzen Nachmittag rumsitzen.«
Abigail krempelte die Ärmel hoch und ließ Wasser ins Spülbecken ein. »Na schön. Heute ist hier wirklich die Hölle los. Wenn du die Tische im Garten übernehmen könntest, wäre ich dir sehr dankbar.«
Ich salutierte und lachte. »Wird gemacht, Ma’am.«
« Ich band mir Gladice’ Schürze um und ging in den Garten. An einem Tisch saßen drei junge Männer, die ausgiebig die Karte studierten. »Haben Sie schon gewählt?«
Sie waren ein bisschen jünger als ich. Das erkannte ich an den teilweise noch kindlichen Gesichtszügen. Einer hatte eine Igelfrisur, der andere versteckte sein Gesicht unter einem tief heruntergezogenen Basecap mit dem Logo eines lokalen Baseballteams, und der Dritte hatte seine Haare zu einem schmierigen blonden Zopf gebunden. Auf seiner Stirn hatte sich Akne breitgemacht.
Die Körperhaltung der Jungen verriet Anspannung, vielleicht sogar Aggression.
»Ich nehme den Apfelkuchen«, sagte der Stachelkopf.
»Ja, der soll ja ausgezeichnet schmecken. Ich hätte auch gern ein Stück.«
»Tut mir leid, Apfelkuchen ist leider aus. Darf ’s etwas anderes sein?«
»Kein Apfelkuchen? Sehr schade. In dem Fall muss ich mich wohl mit diesen beiden hübschen Äpfeln begnügen.«
Im ersten Moment wusste ich nicht, worauf er anspielte. Als er auf meine Brüste deutete, fingen die Jungen an zu lachen. Offenbar steckten sie mitten in der Pubertät.
»Möchten Sie nun etwas bestellen oder nicht?«, fragte ich deutlich gereizter als gewollt.
»Hab ich nicht grade was bestellt?« Der Stachelkopf rückte mit seinem Stuhl zurück und klopfte mit beiden Händen auf seinen Schoß, als wollte er mich auffordern, dort Platz zu nehmen.
»Was soll das hier? Hatte ich euch nicht Hausverbot erteilt, weil ihr meine Gäste belästigt habt?«, fuhr Tante Abigail dazwischen, die in den Vorgarten gekommen war.
»Das müssen andere Jungs gewesen sein, wir sind zum ersten Mal hier.«
»Lügt mich nicht an. Ich habe mir eure Gesichter gemerkt. Und jetzt macht, dass ihr hier wegkommt.« Sie war ziemlich wütend. Ihre Stimme klang laut und kräftig. Selbst Dad wäre nicht gegen sie angekommen, und der hatte ein Organ wie ein Opernsänger. Abigail hätte sicher einen iA- Feldwebel bei der US Army abgegeben. Jedenfalls erzielte ihre Stimme den gewünschten Effekt. Die Jungs schienen so beeindruckt, dass sie tatsächlich den Rückzug antraten.
»Schon gut, jetzt regen Sie sich mal nicht so auf«, stammelte der Stachelkopf im Gehen. Und so schnell, wie diese Bande gekommen war, so schnell war sie auch wieder verschwunden.
»Gut gemacht«, meinte ein älterer Herr vom Nachbartisch, und Abigail wischte sich die Hände an der Schürze ab, so, als wären sie schmutzig. Sie nickte nur zustimmend und ging wieder hinein.
Nach Ladenschluss half ich Abigail, die Stühle hochzustellen, das Geschirr abzuwaschen und den Boden zu wischen.
»Ohne dich würde ich hier noch bis nach Mitternacht sitzen«, sagte sie dankbar.
»Kein Problem. Ich helfe dir auch in den nächsten Tagen.« »Das ist lieb von dir. Roger will mir auch helfen. Gemeinsam kriegen wir das schon hin.«
»Dieser Roger ist ein Netter, stimmt’s?« Ich musterte sie sehr genau. Neugierig, ob sie ihn gern hatte. Dass Roger ein Auge auf meine Tante geworfen hatte, war mir schon heute Morgen nicht entgangen. Doch zu meiner Überraschung blieb Abigail ganz ungerührt.
»Ja. Sicher. Wieso?«
»Ach, ich hatte den Eindruck, dass er dich mag.« Abigail, die gerade den Lappen auswrang, hielt in ihrer Bewegung inne. Abrupt fing sie zu lachen an. »Du hast eine Fantasie, Mädel.« »Ich meinte das ernst.«
»Roger ist Witwer. Seine Frau ist vor anderthalb Jahren gestorben. Es war sehr schwer für ihn. Ich glaube kaum, dass er über den Verlust hinweg ist.«
Kopfschüttelnd schloss sie die Kasse ab.
Die Uhr zeigte halb zwölf, als wir endlich mit allem fertig waren.
Abigail verschwand im Bad und ich in meinem Zimmer, wo ein Teller mit Kuchen für mich bereitstand. Nach der kleinen Stärkung ging auch ich unter die Dusche, machte mich dann bettfertig und schlüpfte unter die Decke. Ich ließ meinen Tag Revue passieren, an dem sich so viel ereignet hatte, dass ich meinte, seit mindestens einer Woche hier zu sein. Unglaublich, wie schnell man sich einlebte.
Schläfrig rollte ich mich zur Seite und fiel fast augenblicklich in eine Art Dämmerschlaf, halb wach, halb schlafend. Ein Zustand, in dem man glaubte, fast zu schweben. Ich fühlte mich rundum wohl und kuschelte mich in meine Decke, als ich direkt über mir ein Pochen vernahm, das immer lauter und energischer wurde.
Als ich den Kopf hob, entdeckte ich eine Krähe an meinem Fenster, die mit ihrem Schnabel gegen die Scheibe klopfte. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Vorsichtig öffnete ich das Fenster, aber sie flog weg.
Und in dem Moment hörte ich das Klirren von Glas. Jemand hatte unsere Scheibe eingeschlagen!
Ich stürzte in den Flur und stieß fast mit meiner Tante zusammen. Die trug ein Blumennachthemd, eine Art Schlafmütze auf dem Kopf und hatte zu meinem Entsetzen eine Schrotflinte in der Hand.
»Um Gottes willen, was hast du damit vor?«, fuhr ich sie an.
Tante Abigail legte den Zeigefinger auf die Lippen. Wir lauschten ins Dunkel, aber ich konnte nichts hören.
Abigail winkte mich mit sich und schlich durch den Flur, der mir unendlich lang vorkam. Ich bemühte mich, keinen Ton von mir zu geben und nach Möglichkeit auch keine Diele zum Knarren zu bringen, was bei dem alten Holz nicht gerade leicht war. Irgendwie schafften wir es, geräuscharm zur Treppe zu gelangen.
»Warte kurz«, flüsterte sie und spähte nach unten.
Mein Herz klopfte so laut, dass ich fürchtete, ein möglicher Einbrecher würde es hören. Ganz vorsichtig stieg Abigail zwei Stufen hinunter und richtete die Waffe in den unter ihr liegenden Raum.
»Wer ist da?«, brüllte sie mit ihrer tiefen Stimme, die fast wie die eines Mannes klang. Ich erschrak derart, dass ich ungewollt einen leisen Schrei ausstieß.
Abigail lief schnell nach unten. Mir blieb vor Angst um sie fast das Herz stehen. Aber dann sagte sie plötzlich ganz gelassen: »Du kannst runterkommen«, und knipste das Licht an.
Misstrauisch blickte ich mich um, sah in jeder Ecke und Nische nach, um erleichtert festzustellen, dass Gott sei Dank tatsächlich keine Menschenseele hier war. Von meiner Tante und mir mal abgesehen.
Das Fenster war zertrümmert. Vereinzelte Glaszacken hingen noch im Rahmen. Die restlichen Splitter lagen auf dem Boden und den Tischen verstreut. Ich entdeckte einen etwa faustgroßen Stein, der neben einem Stuhlbein lag.
»Das wird teuer«, stellte Abigail nüchtern fest.
Plötzlich bemerkte ich eine Bewegung im Garten. Meine Augen gewöhnten sich schnell an die Dunkelheit, und ich erkannte einen Schatten, der sich zum Tor hin bewegte.
Ich weiß nicht, was in diesem Moment in mich fuhr, aber ohne großartig nachzudenken, lief ich nach draußen, in der wahnwitzigen Absicht, den Steinewerfer zu schnappen. Ich bewegte mich so schnell und gewandt wie eine Raubkatze auf den Schatten zu, der menschliche Formen annahm. Es war ein Mann. Ich streckte die Hand nach ihm aus und packte ihn am Arm.
»Hier geblieben!«
Der Fremde drehte sich erschrocken zu mir um. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf sein Gesicht, und ich erkannte Rin. »Du?« Ich konnte es nicht glauben. Ausgerechnet Rin! »Es ist nicht so, wie du denkst.« Ich schüttelte fassungslos den Kopf.
»Das mit dem Fenster, das war ich nicht«, redete er auf mich ein und nickte zum Desert Spring.
»Rin ... wieso?« Ich war völlig durcheinander.
»Glaub mir, Jorani.« Seine Hände krallten sich in meine Schultern. Ich spürte seine Finger durch meinen Schlafanzug hindurch.
Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Sein Atem ging rasch. »Ich war das nicht«, wiederholte er eindringlich.
»Okay, okay. Aber wer war es dann, und was machst du eigentlich hier?«
In dem Moment hörte ich, wie Tante Abigail herauskam. Rin wich instinktiv zurück. »Ich erkläre es dir morgen.«
»Warte doch.«
Mit einem leichtfüßigen Satz über den Zaun war er im Dunkeln verschwunden.
»Bleib stehen«, brüllte Abigail ihm nach. Gott sei Dank hatte sie ihre Schrotflinte drinnen gelassen. Entschlossen rannte sie auf die Straße, doch sie war nicht bei bester Kondition und musste bereits nach wenigen Schritten aufgeben. Atemlos kam sie zu mir zurück.
»Dieser Mistkerl. Wenn ich den in die Finger kriege!«, sagte sie und keuchte so heftig wie eine Asthmakranke. Sie beugte sich vor und stützte sich auf den Knien ab. Langsam kam sie wieder zu Atem.
»Die haben sich gerächt. Das war einer von den Jungs«, war sie überzeugt. »Der Sheriff wird von mir hören. Hast du den Täter erkannt?«
Mechanisch schüttelte ich den Kopf. Ich hasste es, meine Tante anzulügen, aber ich wollte Rin schützen.
3. KAPITEL
Der Sheriff nahm Abigails Aussage auf, mehr konnte oder wollte er nicht für uns tun. »Ich habe in der Dunkelheit niemanden erkannt«, log ich auch ihn an. Ich wollte Rin nicht in Schwierigkeiten bringen, zumal er behauptet hatte, es nicht gewesen zu sein. Und ich glaubte ihm.
Wahrscheinlich würde ohnehin die Versicherung greifen, so dass meine Tante zumindest nicht selbst für die Reparaturkosten aufkommen musste. Nachdem Sheriff Hunter den Tatort untersucht und unsere Aussagen aufgenommen hatte, genehmigte er sich einen Schinkenbagel und eine Tasse Milchkaffee.
»In letzter Zeit häufen sich solche Vorfälle«, erklärte er und biss herzhaft in den Bagel. Ein paar Krümel blieben in seinem Schnauzbart hängen.
»Warum tun die Leute nur so etwas?« Meine Tante konnte das beim besten Willen nicht verstehen.
Der Sheriff zuckte mit den Schultern. »Das ist ein Problem unserer Zeit. Die Jugend hat zu viel Freizeit, zu viel Langeweile. Da kommt man schnell auf dumme Gedanken. Ich habe selbst so einen Teenager zu Hause. Aber glauben Sie mir, mit der richtigen Erziehung bekommt man solche Jungs in den Griff. Alles eine Frage der Autorität«, war Hunter überzeugt und strich dabei über seinen Sheriffstern.
Als Roger wenige Minuten später vorbeikam und das zertrümmerte Fenster sah, regte er sich mächtig auf. Seine Wut galt vor allem dem Sheriff, weil der seiner Ansicht nach nicht genug unternahm, um die Täter zu fassen. Mehr als die Aussage meiner Tante aufzunehmen würde er nicht tun, behauptete Roger vehement.
»Keine Sorge, guter Mann, ich kümmere mich um den Fall«, versicherte Hunter.
»Wer’s glaubt ...«
Hunter nahm Rogers Einwände nicht weiter ernst und verabschiedete sich, stopfte den letzten Bissen seines Bagels in den Mund und verließ das Café. Er stieg in seinen Dienstwagen und brauste davon.
»Das ist ein Unding«, beschwerte sich Roger.
»Reg dich nicht auf, denk an dein Herz«, beruhigte Abigail ihn und schenkte ihm Zitronentee ein.
»Ist doch wahr. Was hat der je für unsere Gemeinde getan? Und so einer will Sheriff sein.«
»Er tut, was er kann.«
»Aber das ist offenbar nicht genug.«
»Was soll er denn machen, Roger? Wir haben nun mal niemanden erkennen können.«
Der Einzige, der Licht ins Dunkel bringen konnte, war Rin. Er musste den oder die Täter gesehen haben.
Ich suchte nach Müllschippe und Handfeger und machte mich daran, die Scherben zu beseitigen. Die Sache mit dem Fenster war schnell geregelt. Bereits am Nachmittag wurde eine neue Scheibe eingesetzt.
Ich half meiner Tante im Café, machte jedoch am späten Nachmittag Feierabend, weil Ira ihre Freunde und mich zu einem DVD-Abend zu sich nach Hause eingeladen hatte. Ich war sehr gespannt auf Pway und Linda, bekam aber auch ein schlechtes Gewissen, meine Tante mit der Arbeit allein zu lassen. Doch Abigail versicherte mir mehrmals, dass sie allein zurechtkäme und ich mir einen tollen Abend machen sollte.
Die McLaines wohnten in einem wunderschönen Häuschen, das aus einem amerikanischen Familienfilm hätte stammen können. Überall wuchsen herrlich bunte Blumen, im Vorgarten, in den Fensterkästen, auf den kleinen Beeten vor der Haustür. Rosafarbene Vorhänge zierten die weiß gerahmten blitzblanken Fenster. Es war ein Puppenhaus. Einzig der Schädel eines Büffels, der über der Haustür hing, passte zu dem Westernstil, der in dieser Gegend typisch war.
Ich klingelte, und Ira öffnete mir. »Schön, dass du es einrichten konntest! Komm rein. Ich möchte dir meine Familie vorstellen.«
Mrs McLaine sah genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Eine perfekte Hausfrau und Mutter, die zugleich Schürze und Make-up trug.
»Willkommen in Pennington County«, begrüßte sie mich und schüttelte mir überschwänglich die Hand.
Mr McLaine arbeitete für das Rapid City News Journal und hatte ein eigenes Büro im Haus. Er winkte mir nur kurz durch die Tür zu.
»Eigentlich wollte ich mir eine Studentenbude in Rapid City nehmen, aber das klappt finanziell nicht«, erklärte Ira und stieg die Treppe nach oben. Ich folgte ihr.
»Du studierst?«
»Ja, Geschichte und Literatur.«
Nach meinem sozialen Jahr hatte ich eigentlich auch vor zu studieren, ich hatte mich allerdings noch für kein Studienfach entschieden. »Wollt ihr ein paar Kekse?«, rief uns Mrs McLaine hinterher. »Nein danke, Mom. Wir haben noch genug in meinem Zimmer.« »Alles klar. Dann viel Spaß!«
»Danke, Mom.« Und an mich gewandt, meinte sie: »Die anderen sind übrigens schon da.«
Ira stellte mir Pway, der ohne die Ölflecken im Gesicht ganz nett aussah, und Linda, eine natürliche Schönheit mit irischen Vorfahren, vor. Außerdem war da noch Jack, ein Freund von Pway, der, wie ich erfuhr, ursprünglich aus Jamaika stammte und gleich mehrere Tüten Erdnussflips mitgebracht hatte. Wir guckten »American Beauty«, und anschließend erzählte ich ihnen von meinem Leben in Berlin.
»Wie haben sich deine Eltern eigentlich kennengelernt?«, wollte Jack wissen.
»Auf dem deutsch-amerikanischen Volksfest. Mom hat Zuckerwatte verkauft, und Dad war in Zivil unterwegs. Er hat sich auf den ersten Blick in ihr strahlendes Lächeln verliebt und sie dann jeden Tag an ihrem Stand besucht. So lange, bis er sie so weit hatte, dass sie mit ihm Achterbahn fuhr. Mom hatte schreckliche Angst vor den Karussells und ganz besonders vor der Achterbahn. Dass sie dann schließlich doch ja gesagt hat, sprach lediglich für Dads Charme. Dad wusste nicht nur, wie er jemanden überzeugen konnte, er war auch ein schlauer Fuchs. Die ganze Fahrt über hat sich Mom an ihm festgekrallt, bis sie ihn schließlich gar nicht mehr loslassen wollte.«
»Eine süße Geschichte. Und wie heißt es so schön, Gegensätze ziehen sich an.«
Als Ira das sagte, musste ich unwillkürlich an Rin denken. Gab es einen größeren Gegensatz als ihn und mich, das Stadtmädchen? Ich konnte das Sprichwort nur bestätigen. Nie zuvor hatte ich mich so stark zu jemandem hingezogen gefühlt. Und das, obwohl ich ihn kaum kannte. Vielleicht lag es an seiner geheimnisvollen Andersartigkeit? Ich wusste nicht genau, was es war, doch ich hatte es vom ersten Moment an gespürt.
»Das finde ich auch«, meinte Linda leise, die ein sehr ruhiges Mädchen war. Ihre Haare schimmerten rotblond. Ich erfuhr, dass es ihre Naturfarbe war, um die ich sie ehrlich beneidete.
Pway hätte ich älter geschätzt. Das lag an seiner Stimme. Sie klang sehr ruhig, ausgeglichen und deutlich tiefer als die von Jack. Er arbeitete in der Autowerkstatt seines Vaters und hatte sich erst kürzlich von seiner Freundin aus Rapid City getrennt. In der Gegend um Calmwood und in den Black Hills kannte er sich wie kein Zweiter aus.
»Wenn du magst, zeige ich dir ein paar schöne Flecken«, versprach er. »Oder wir gehen alle zusammen campen. Der Wald ist in dieser Jahreszeit unvergleichlich. Bevor du abreist, solltest du unbedingt in die Black Hills fahren. Das ist ein Muss.«
»Pway hat recht, Jorani. Die Natur hier ist einzigartig«, ermunterte mich Ira.
»Und wann wollt ihr das machen?«
Pway zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. An einem Wochenende vielleicht?«
Damit waren alle einverstanden. Ich auch. Denn ich wollte wirklich gern mehr von South Dakota sehen, und wegen Gladice’ Unfall würde meine Tante nicht viel Zeit für eine Sightseeing-Tour haben.
Gegen 23 Uhr machte ich mich auf den Heimweg. Linda und Jack begleiteten mich ein Stückchen, aber dann mussten sie in eine andere Richtung. Pway war schon etwas früher aufgebrochen, so dass ich nun allein war.
Friedlich, ja geradezu totenstill lag die von Bäumen gesäumte Straße vor mir. Calmwood hatte bei Nacht einen ganz besonderen, eigenen Charme. Es war in seiner ländlichen Atmosphäre beschaulich und anheimelnd. Ich ging an liebevoll gepflegten Vorgärten vorbei, in denen Briefkästen mit hoch-und runterklappbaren Fähnchen standen, wie man es aus Filmen kannte. In einigen Häusern brannte noch Licht, in anderen war es bereits dunkel, weil die Bewohner schon schliefen. In der Ferne hörte ich das einsame Bellen eines Hundes.
Es stimmte, was man sagte. In ländlichen Gegenden war man den Sternen näher als in der Großstadt. Ein Meer aus funkelnden und glitzernden Diamanten erstreckte sich über mir. Ich blieb stehen, um den Anblick zu genießen, als ich das Rascheln von Laub hinter mir hörte. Erschrocken drehte ich mich um, aber niemand war zu sehen. Die Straße war menschenleer. Wahrscheinlich war es nur ein Tier gewesen, das sich in die Stadt verirrt hatte. Dennoch beschloss ich, mich zu beeilen. Die Vorfälle der letzten Tage, die eingeworfene Fensterscheibe und der getötete Hund spukten mir noch immer im Kopf herum. Offenbar steckte diese Jugendbande hinter allem, und ich hatte keine Lust, ihnen allein auf offener Straße zu begegnen.
Ich bog in eine Seitenstraße, in der Hoffnung, eine Abkürzung gefunden zu haben, als plötzlich jemand hinter mir auftauchte und mich am Arm festhielt.
»Warte bitte.«
Ich blieb wie angewurzelt stehen, hielt vor Schreck den Atem an. Das Herz schlug mir bis zum Halse. Aber dann riss ich mich los, wollte wegrennen.
»Keine Angst, ich bin es«, flüsterte der Fremde. Diese Worte ließen mich innehalten. Langsam drehte ich mich um und blickte in ein schmales Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen und einem kantigen Kiefer. »Hab ich dich erschreckt?«
»Rin!« Ich war unendlich erleichtert, ihn zu sehen, und wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen.
»Entschuldige, ich wollte dir keine Angst machen.«
»Du kannst schleichen wie eine Katze, weißt du das? Aber was machst du denn hier?« Der Schrei einer Krähe hallte durch die Nacht und ließ mich zusammenzucken. In der Krone einer riesigen Eiche hockten sieben, acht, vielleicht sogar zehn Krähen. Ich erkannte im Dunklen nur ihre Umrisse. Ihre Köpfe waren nach vorn gereckt, so, als starrten sie auf uns herab. Sie erinnerten an Raubvögel, die auf Beute hofften. Oder auf Aas. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in meinem Magen aus.
»Ich habe dich gesucht.«
Rin folgte meinem Blick zu den schwarzen Vögeln, die auf den Ästen saßen.
»Vor den G’takalag brauchst du dich nicht zu fürchten. Man sagt, sie seien im engen Kontakt mit den Zorwaya, und so wissen sie, was erst geschehen wird. Sehr kluge Tiere.«
»Ehrlich gesagt klingt das alles andere als beruhigend.« Diese Vögel waren mir unheimlich.
Rin lachte leise. »Hab keine Angst, Stadtmädchen, sie werden dir nichts tun.«
Er sagte das so überzeugend, dass ich ihm glauben musste. Immerhin kannte sich niemand so gut mit Tieren aus wie Rin.
»Was ist gestern Nacht geschehen?«, fragte ich, denn ich wollte endlich Klarheit haben.
»Du musst mir glauben, dass ich nichts damit zu tun habe. Ich habe eure Scheibe nicht eingeworfen.«
»Das weiß ich doch«, versicherte ich ihm eilig. Ich hatte von Anfang an gespürt, dass er unschuldig war. Warum hätte er meiner Tante und mir das auch antun sollen?
Rin wirkte erleichtert.
»Aber warum warst du ausgerechnet zu dem Zeitpunkt in Abigails Garten?«, wollte ich wissen.
Er atmete tief durch. »Ich war zufällig in der Nähe, als ich die Jungen sah, die über den Zaun ins Desert Spring kletterten. Ich wusste sofort, dass das nichts Gutes zu bedeuten hat. Leider kam ich zu spät, um es zu verhindern. Doch ich wollte sichergehen, dass keinem von euch etwas passiert war.«
Ich war gerührt. Also war er nur gekommen, weil er sich Sorgen um uns machte. »Hast du die Jungen erkannt?«
»Es waren die Jugendlichen aus der Gegend. Ich kenne ihre Namen nicht.«
»Dann hat meine Tante ja recht gehabt.«
Wahrscheinlich handelte es sich tatsächlich um die verspätete Rache für das Hausverbot im Desert Spring.Eine Sache wollte mir aber noch nicht in den Kopf.
»Warum bist du so schnell weggerannt? Du hättest meiner Tante doch alles erklären können.«
»Hätte sie mir auch nur ein Wort geglaubt?«
»Natürlich!« Daran gab es für mich keinen Zweifel, doch Rin sah das offenbar anders.
Eine Weile liefen wir schweigend nebeneinanderher. Ich blickte mich immer wieder nach den Krähen um, und jedes Mal waren sie direkt hinter uns, saßen in einer Baumkrone oder auf dem Dach eines Hauses.
»Ich weiß, was die Leute über mich denken. Sie halten mich für sonderbar. Und das bin ich vielleicht auch. Ich möchte keinen Ärger mit ihnen.«
Ich erinnerte mich an Iras Worte. Er galt als Sonderling, als menschenscheu. Ich fragte mich, warum er dann ausgerechnet meine Nähe duldete. »Meine Tante hat nichts gegen dich, das kannst du mir glauben«, versicherte ich ihm.
In diesem Moment setzte eine Krähe zum Sturzflug auf uns an. Ich erschrak dermaßen, dass ich sofort die Hände vors Gesicht schlug, um den heftigen Flügelschlag abzuwehren.
»Alles ist gut«, beruhigte mich Rin.
Vorsichtig nahm ich die Hände wieder herunter. Rin holte ein Stück Brot aus seiner Hosentasche, brach ein Stückchen ab und reichte es der Krähe, die auf seiner Schulter Platz genommen hatte.
»Das ist unglaublich.« Ich hatte noch nie eine zahme Krähe gesehen. »Wie machst du das nur, sie scheint dir völlig zu vertrauen.«
Er gab ihr einen weiteren Brocken, den sie mit der Klaue nahm und dann zum Schnabel führte, um daran zu knabbern. Eine zweite Krähe setzte sich, davon ermutigt, auf Rins andere Schulter. Auch sie bekam einen Leckerbissen.
»Als ich ein kleiner Junge war und meinem Bruder sein Totem, der Bär, erschien, wollte ich auch ein Totem besitzen. Eines, das größer und mächtiger war als der Bär. Aber Vater sagte, dass nicht ich es bestimmen könne, sondern dass es mich erwählen und sich mir zu erkennen geben würde, wenn die Zeit dafür reif sei.
Die Männer und Frauen meines Stammes haben eine alte Tradition. Sie gehen nach Hokatriri, dem Land der Steine, das ihr Badlands nennt. Dort fasten sie und bitten die Zorwaya um ein Zeichen. Wenn sie gnädig sind, senden sie ihnen ihr Totem in einem Traum.
Viele Krieger hoffen auf ein Totem wie den Bären, das Pferd oder den Adler. Wir glauben, dass ihre Fähigkeiten auf uns übergehen. Doch jeder bekommt nur das Totem, das seinem Selbst entspricht.«
Rins Stimme war tief und rau geworden, während er das erzählte. Ich bekam eine Gänsehaut, weil sie plötzlich fern, beinahe geisterhaft klang.
»Es sind die Krähen, nicht wahr? Sie sind dein Totem.«
Er nickte. »Als ich alt genug war, ging ich nach Hokatriri, wie es schon meine Vorfahren und mein Bruder getan hatten, setzte mich auf einen Felsvorsprung und wartete, bis mir das Zeichen geschickt würde. Die Sonne brannte heiß. Ich hielt es in meiner Kleidung nicht länger aus, streifte sie ab und streckte mich auf dem Stein aus. Normalerweise dauert es drei Tage und Nächte, manchmal sogar länger, ehe die Zorwaya die jungen Krieger erhörten. Doch zu mir waren sie gnädig. Eine Krähe erschien mir und setzte sich auf meine Brust. Sie sah so echt aus, dass ich glaubte, ihr Gefieder berühren zu können. Ich blieb liegen und spürte, wie ihre Kraft durch mich floss, wie sie und ich miteinander verschmolzen. Es war ein erhabenes Gefühl. Seit diesem Tag folgen sie mir.«
»Welche Fähigkeiten hat die Krähe?«
»Die Krähe ist das Totem des Cha-Bekum. Ihr würdet ihn Schamane nennen. Seine Fähigkeit ist die Spiritualität.« Er musterte mich sehr eindringlich und wartete auf eine Reaktion. Aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Für dich klingt das wie ein Märchen. Hab ich recht, Stadtmädchen?«
»Nein, eigentlich nicht.« Vielleicht hätte es so klingen müssen, das wäre zumindest vernünftig gewesen, aber ich war fasziniert von Rins Geschichte und seinem Wissen über die Geister. Ich wollte mehr über ihn und seine Welt erfahren.
»Du bist also ein Schamane?«
»Noch nicht. Ein langer Weg liegt vor mir. Manche sagen, es dauert ein Leben lang, um die Weisheit von zehn Kreisläufen zu erlangen. Ein Schamane aber braucht die Weisheit von hundert Kreisläufen.«
»Das klingt, als sei es unerfüllbar.«
»Es ist eine Lebensaufgabe. Aber nun weißt du, was es mit den Krähen auf sich hat. Sie tun mir nichts, und auch dir werden sie kein Haar krümmen.« Er warf das letzte Stückchen Brot in die Luft. Sofort breitete eine Krähe ihre Flügel aus und schoss hinterher, um es aufzufangen, bevor es zu Boden fiel.
»Welchem Stamm gehörst du an?«
»Wir nennen uns Ti’tibrin E’neya. In eurer Sprache heißt es Kinder der E’neya, der Gründerin und Urmutter unseres Stammes, welche die Männer und Frauen zu einer Sippe einte und uns den Weg der Natur lehrte.«
»Von diesem Stamm habe ich noch nie gehört.«
»Es gibt über fünfhundert anerkannte Stämme in den USA. Wie sollte ein Großstadtmädchen wie du sie alle kennen?«
»Haha. Ich wünschte, du würdest aufhören, mich so zu nennen.« Es kränkte mich ein bisschen. Er musste glauben, dass ich von nichts eine Ahnung hatte, was sich außerhalb von Berlin befand.
»Ich meine es nicht böse. Das weißt du hoffentlich?« Er legte sacht den Arm um meine Schultern und zog mich an sich. So dicht, dass mir der Duft von Wald und Wiese in die Nase stieg. Ich inhalierte dieses wilde Aroma, das meine Sinne vernebelte.
»Ja, ich weiß.«
Es war aufregend, ihm so nahe sein zu dürfen. Ich fing an zu schwitzen. Ausgerechnet jetzt. Rasch wischte ich meine klebrigen Hände an meiner Hose ab. In dem Moment ließ er mich los und ging vorneweg. Ich war enttäuscht, hatte ich doch gerade angefangen, seine Nähe zu genießen. Seine Bewegungen waren sehr anmutig und leichtfüßig, doch zugleich strotzten sie vor Stärke. Er besaß eine natürliche Eleganz, die ich nie zuvor bei einem anderen Menschen wahrgenommen hatte. Die schulterlangen Haare wippten im Rhythmus seiner Schritte, gleich der wilden Mähne eines Mustangs, der durch die Prärie galoppierte.
»Danke fürs Heimbringen«, sagte ich, als wir vor dem Desert Spring stehen blieben. »Hoffentlich hast du jetzt keinen allzu langen Heimweg vor dir?« Ich hoffte herauszufinden, wo er lebte. Dann könnte ich zufällige Begegnungen inszenieren.
Er nickte mit dem Kopf nach Norden. »Ein Stückchen von hier ist es schon. Aber das stört mich nicht. Ich lebe hinter der Stadtgrenze.«
»Auf einer Farm?« Ich hatte diese fixe Idee, Rin könne als Farmerjunge angestellt sein. Sein kariertes Hemd und die Jeanslatzhose erweckten diesen Eindruck. Er schüttelte amüsiert den Kopf.
»Aber was ist denn dort draußen? Noch eine Stadt?«
Von der hätte ich sicherlich inzwischen gehört. Andererseits gab es im Pennington County viele kleine Orte, die nur mit etwas Glück auf einer Landkarte zu finden waren.
»Ich lebe dort, wo die Wälder beginnen.« »Das muss sehr einsam sein.« »Ich mag es, wie es ist.«
Ich ließ das Gartentor hin- und herschwingen, doch als Rin mich plötzlich auf unsagbar sanfte Weise ansah, hielt ich abrupt inne. Seine Augen waren wie zwei große schwarze Löcher, in die man sehr schnell hineingesogen wurde, wenn man sich nicht in Acht nahm. Ich jedenfalls konnte nun, da ich zu lange hineingeschaut hatte, nicht mehr wegsehen.
Sein Blick wanderte tiefer und blieb an meinen Lippen hängen. Ein aufregendes Kribbeln breitete sich in meinem ganzen Körper aus.
»Das war ein schöner Abend«, sagte er.
»Ja, das war er.« Ich wünschte nur, er würde jetzt nicht zu Ende sein. »Kommst du auch zur Cluberöffnung?«, fragte ich in der Hoffnung, ihn dort wiederzusehen. »Cluberöffnung?«
»Der Cobra Club in Rapid City. Das soll schon jetzt ein angesagter Laden sein«, erklärte ich und berief mich dabei auf Iras Aussagen. »Der mit der großen Kobra über dem Eingang.«
Rin wiegte nachdenklich den Kopf. »Ich glaube nicht, dass das etwas für mich ist.«
»Schade.« Das hätte ich mir eigentlich denken können. »Gute Nacht, Jorani.« Er kam näher.
Ich spürte seinen Atem auf meinen Lippen und glaubte, nein, hoffte, er würde mich küssen. Mein Verlangen nach einem Kuss war so groß, dass ich mich sogar unbewusst auf die Zehenspitzen stellte, nur um seinen Lippen näher zu sein. Ich sog seinen Atem ein, spürte, wie mein Herz immer heftiger schlug, bis mir schwindelig wurde. Aber das konnte ich geschickt überspielen, indem ich mich leicht gegen den Zaun lehnte. Rins Duft vernebelte mir die Sinne. Erneut roch ich Gras, Weide, sogar Pferd, wahrscheinlich haftete etwas von Larkis Geruch an ihm.
»Bis bald«, sagte er leise. Fast berührten sich unsere Münder. Unmerklich spitzte ich die Lippen. Eine solche Sehnsucht hatte ich nie verspürt. Sie brannte unerträglich in meiner Brust.
Er machte einen Schritt nach hinten, und die Magie war fort. Plötzlich fühlte sich mein Kopf wieder klar an, als hätte ich zuvor unter einem Bann gestanden, der nun gebrochen war.
»Gute Nacht, Rin«, hauchte ich.
Er hob die Hand, dann wandte er sich ab.
Nur einen winzigen Moment schaute ich betreten, auch ein wenig enttäuscht, dass es mit dem Kuss nicht geklappt hatte, zu Boden, und als ich wieder aufsah, war er in der Dunkelheit verschwunden. Schwarze Vögel erhoben sich in die Luft und verschmolzen mit der Dunkelheit. Sie folgten ihm, da war ich mir sicher. Der Gedanke ließ mich frösteln.
Darmowy fragment się skończył.