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Sarah Glicker
Passion between us
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
1
Sarah Glicker
Passion between us
Sarah Glicker
Alter Postweg 31a
48477 Hörstel
Copyright by Sarah Glicker
Alle Rechte vorbehalten!
Bilderrechte: www.shutterstock.com
Cover: Bookcover for everyone
Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!
„Ich kann dir versprechen, dass ich meine Tasche zu Hause in die Ecke schmeißen und die nächsten Wochen nicht mehr anrühren werde. Und nach den Semesterferien muss ich mir ganz genau überlegen, ob ich sie erneut in die Hand nehme“, verkündet Lana, nachdem sie in meinen Wagen gestiegen ist. Dabei sieht sie mich verschwörerisch an. Aber ich kann es nur allzu gut nachvollziehen.
„Das glaube ich dir sofort“, erwidere ich und starte den Motor.
In den letzten Wochen ist nicht ein einziger Tag vergangen, an dem sie nicht gesagt hat, wie sehr sie sich auf die Ferien freut. Allerdings tue ich das auch.
In der letzten Zeit war viel zu tun. Tagsüber sind wir von einem Kurs zum nächsten gerannt und abends saß ich ewig über den Büchern, um zu lernen.
„Und jetzt kannst du mich ja auch endlich einweihen, was du so schönes geplant hast“, spricht sie weiter.
Meine Freundin betrachtet mich aufmerksam, als würde sie Angst haben, dass ihr etwas entgeht. Ich hingegen schlucke und muss wieder an das denken, was ich ihr bis jetzt verheimlicht habe. Etwas, von dem ich nicht sagen kann, wie ich es ihr beichten soll, da sie wahrscheinlich nicht sehr froh darüber sein wird.
„Nichts Besonderes. Shoppen und so“, antworte ich und zucke mit den Schultern. Gleichzeitig streiche ich mir eine Strähne, die sich aus dem Zopf gelöst hat, meiner dunkelbraunen Haare hinter das Ohr. „Das übliche halt.“
Vor uns liegen die Semesterferien. Wenn ich ehrlich bin, muss zugeben, dass ich mir bis jetzt noch keine Gedanken darüber gemacht habe, wie ich sie verbringen kann. Das heißt bis auf einen Punkt.
Bevor ich den riesigen Ford Edge rückwärts aus der Parklücke fahre, werfe ich ihr noch einen kurzen Blick zu. Ich kenne sie gut genug um zu wissen, dass sich bereits ein paar Ideen hinter ihrer Stirn bilden, was wir die nächsten Wochen anstellen können. Das braucht sie mir nicht extra mitzuteilen. Schließlich sind wir zusammen aufgewachsen. Deswegen kennen wir uns gegenseitig besser, als jemand anderen.
„Wieso kommt es mir so vor, als würdest du mir etwas verheimlichen?“
Lana betrachtet mich eindringlich. Es gefällt mir nicht, doch ich kann es ihr auch nicht vorhalten.
„Ich bin einfach müde.“ Ich kann nur hoffen, dass sie diese Ausrede gelten lässt.
„Wie wäre es, wenn wir heute Abend ins Fire gehen?“, schlägt sie vor. Ich bin froh darüber, dass sie sich anscheinend nicht weiter damit befassen will und sich lieber über etwas anderes unterhält. „Den Beginn der Sommerferien feiern. Ich kann nachher Liana und Savannah anrufen. Die beiden kommen bestimmt gerne mit. Sie haben sicherlich noch nichts geplant.“
Nicht nur Lana ist meine beste Freundin, mit der ich über alles sprechen kann, sondern auch Liana und Savannah. In den letzten Jahren haben wir schon so viel miteinander erlebt, dass ich es nicht mehr zählen kann. Und nicht alles war gut. Wir haben gesehen, wie jede wegen eines Mannes weint und ihn verflucht,
„Haben die zwei sich in der Vergangenheit eine Party entgehen lassen?“, stelle ich die Gegenfrage.
„Genauso wenig wie wir. Ich werde aber wohl nichts trinken.“ Entschuldigend verzieht sie das Gesicht und sieht mich an.
„Und dann willst du ins Fire?“ Der Laden ist für seine ausgelassenen Partys bekannt. Und vor allem Lana ist dafür bekannt, dass sie es zwischendurch auch gerne übertreibt.
„Meine Tante und mein Onkel kommen morgen. Bei ihrem letzten Besuch war ich noch viel zu sehr damit beschäftigt, meinen Kater auszukurieren, sodass ich gar nicht mitbekommen habe, wie ich eingewilligt habe, ihr Auto nach Miami zu bringen. Du kannst dir vorstellen, wie überrascht ich war, als sie mir die Schlüssel in die Hand gedrückt haben. Und ich will lieber gar nicht davon anfangen, wie lange ich unterwegs war, bis ich endlich wieder zu Hause war. Ich verfluche mich selber noch immer dafür, dass ich mich tatsächlich darauf eingelassen habe.“
Ich kann nicht verhindern, leise zu lachen, als ihre Worte bei mir ankommen. Noch zu gut habe ich ihr Gesichtsausdruck in Erinnerung, nachdem sie realisiert hatte, was sie getan hatte. Außerdem kann ich mich noch an ihre einfallsreichen Flüche erinnern, die sie zu der Zeit herausgehauen hat. Und die kann man wirklich nur als einfallsreich bezeichnen.
Um der Gefahr aus dem Weg zu gehen, dass mir nicht doch noch etwas dazu über die Lippen dringt, suche ich mir schnell einen Weg über den Parkplatz. Doch so einfach ist das nicht. Schließlich sind wir nicht die Einzigen, die sich darüber freuen, dass sie das Gelände in den nächsten Wochen nicht mehr betreten müssen. Deswegen dauert es ein wenig, bis ich es endlich geschafft habe die Straße zu erreichen.
„Was ist los?“, fragt sie mich nach endlosen Sekunden.
Ich habe mich vor dieser Frage gefürchtet, dennoch lasse ich es mir nicht anmerken. Ich tue so, als müsse ich mich konzentrieren.
„Was soll denn los sein?“, kontere ich.
„Keine Ahnung, aber du bist doch sonst nicht so ruhig.“
Obwohl ich mich auf die Straße konzentriere, kann ich ihren aufmerksamen Blick auf mir spüren. Mir ist klar, dass ich ihr nicht ausweichen kann. Wenn sie etwas gefunden hat, ist sie wie ein Bluthund, der sich nicht mehr von seiner Fährte abbringen lässt. Deswegen hoffe ich, dass ich wenigstens noch ein wenig Zeit habe, bevor ich es ihr sagen muss.
„Cady“, fordert sie mich mit ungeduldiger Stimme auf.
„Na gut“, murmle ich schließlich.
Ich weiß, dass ich keine Chance habe ihr zu entkommen. Ganz davon abgesehen würde sie es früher oder später erfahren. Da kann ich es auch direkt hinter mich bringen.
„Ich wette, dass ich dir den perfekten Grund dafür liefern kann, dass du es dir anders überlegst und heute Abend vielleicht doch etwas trinkst.“
Vorhin fiel es mir nicht leicht. Nun kann ich aber das leichte Grinsen nicht für mich behalten, was sich auf meinen Lippen bildet.
„Wieso? Weißt du etwas, was ich nicht weiß?“ Überrascht zieht sie ihre Augenbrauen nach oben.
„So kann man es auch nennen.“
„Ich hasse es, wenn du das machst. Aber ich gehe davon aus, dass dir das bewusst ist. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass es dann nicht leicht für dich ist, wenn du dich so verhältst. Deswegen gebe ich dir den Rat, einfach mit der Sprache herauszurücken.“
„Okay“, stimme ich zu. „Ich sage es dir. Aber nur, wenn du mir versprichst, dass du nicht ausrasten wirst. Ich fahre Auto“, erinnere ich sie. Eindringlich schaue ich kurz in ihre Richtung. „Das Letzte, was ich gerade gebrauchen kann ist, dass du total ausrastest und ich deswegen einen Unfall baue.“
„Hätte ich denn einen Grund, genau das zu machen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Du machst mir Angst.“ Ihre Stimme klingt argwöhnisch. Doch an ihrer Stelle würde es mir nicht anders gehen.
„Mason ist die nächsten Wochen in der Stadt“, rücke ich also mit der Sprache heraus. Die Worte platzen nur so aus mir heraus, als ich sie nicht mehr für mich behalten kann.
„Mason?“, hakt Lana mit viel zu hoher Stimme nach. „Du meinst deinen Bruder Mason?“
Ich weiß, dass ihr das überhaupt nicht passt. An ihrer Stelle würde es mir aber nichts anders gehen. Bei allem, was zwischen ihnen vorgefallen ist, ist es für mich nachvollziehbar, dass sie nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen ist.
„Ich kenne nur ihn.“ Ich tue so, als würde mich ihre Reaktion kaltlassen. Die Wahrheit sieht aber anders aus.
Es ist schon ein paar Jahre her, drei um genau zu sein, aber die beiden sind damals mehrmals im Bett gelandet. Zu ihrer Verteidigung muss ich aber vorbringen, dass sie jedes Mal nicht gerade nüchtern waren. Aber wie es bei meinem Bruder üblich ist, ist die Sache nicht gut ausgegangen, als er die Stadt für sein Studium verlassen hat. Die beiden haben sich gestritten, da sie wohl verschiedene Vorstellungen von ihrer gemeinsamen Zukunft hatten. Das soll in etwa heißen, dass mein Bruder gar keine hatte und zugegeben hat, dass er Lana nur ausgenutzt hat.
In gewisser Weise war ich schon froh, dass er es überhaupt zugegeben hatte, und nicht einfach verschwunden war, wie er es sonst gemacht hat.
Sobald ich davon erfahren habe, habe ich den beiden ins Gewissen geredet und ihnen gesagt, dass sie es lassen sollen. Außerdem habe ich Mason daran erinnert, dass sie meine beste Freundin ist und sie, dass das nicht gut ausgehen kann. Beide haben nicht auf mich gehört.
Da ich seine Schwester und ihre Freundin bin, stand ich in der Mitte und habe es so geschafft, es wenigstens zu verhindern, dass sie ihm an den Hals gesprungen ist. Trotzdem war ich wütend auf beide und habe auch eine zeit lang nicht mehr mit ihnen gesprochen.
Ich fahre schweigend über die Straße. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Ich weiß nicht mehr, ob es nicht schon Minuten sind. Eigentlich gehört meine Freundin nicht unbedingt zu den Menschen, die den Mund halten können. Umso mehr mache ich mir jetzt Sorgen um sie.
„Ist alles in Ordnung?“, erkundige ich mich, als ich hinter einem anderen Fahrzeug warten muss.
„Mir geht es bestens.“ Kaum hat sie ausgesprochen dringt ihr noch ein leises Seufzen über die Lippen, was mir zeigt, dass nicht alles in Ordnung ist. Zumindest nicht so, wie sie es gerne hätte.
„Du konntest schon besser lügen. Jetzt sag es mir“, fordere ich sie auf. Ich lasse nicht den geringsten Zweifel daran, dass ich es auch wirklich so meine.
Ich will wissen, was in ihrem Kopf vor sich geht. Denn wenn es etwas mit meinem Bruder zu tun hat, will ich lieber darauf vorbereitet sein.
„Ich muss zugeben, dass ich selber Schuld daran bin, was passiert ist. Ich wusste, worauf ich mich bei Mason einlasse, beziehungsweise ich hätte es wissen müssen. Schließlich habe ich es davor oft genug miterlebt. Und wenn ich nach seinen letzten Besuchen gehe, weiß ich, dass er sich noch immer nicht geändert hat.“
Als ich an einer Kreuzung stehen bleiben muss, drehe ich mich überrascht zu ihr. Für einen Moment kommt es mir so vor, als würde ich träumen. Ich habe damit gerechnet, dass sie laut schimpft und mich fragt, wieso ich es ihr nicht schon eher mitgeteilt habe. Doch das habe ich nicht erwartet.
„Also gehe ich richtig in der Annahme, dass ihr euch nicht streiten werdet, wenn ihr euch über den Weg läuft?“ Skeptisch ziehe ich die Stirn kraus.
Mit dieser Frage lehne ich mich vielleicht zu weit aus dem Fenster. Doch ich muss sie stellen. Alleine schon um zu wissen, auf was ich mich einstellen muss.
„Ich werde zumindest nicht damit anfangen. Sollte er einen blöden Kommentar von sich geben, kann ich für nichts garantieren. Du weißt, dass ich nicht still sein kann.“
„Das weiß ich“, sage ich noch, ehe ich mich wieder nach vorne schaue.
Ich nehme mir vor, dass ich die beiden nicht alleine lassen werde. Denn obwohl sie gesagt hat, dass sie sich nicht mehr mit ihm streiten will ich verhindern, dass sie es vielleicht doch machen. So schön die Vorstellung auch ist, dass es die nächsten Wochen ruhig zwischen den beiden ist, muss ich mich dennoch darauf vorbereiten, dass es eventuell nicht so ist.
„Aber du hattest recht. Mehr musstest du nicht erwähnen, damit ich doch den einen oder anderen Sekt trinke.“
„Es wird ein lustiger Abend werden.“
Noch bevor ich die Straßenecke erreicht habe, an der ich Lana herauslasse, hat sie den anderen bereits eine Nachricht geschrieben, die sofort begeistert sind.
„Wir treffen uns heute Abend bei dir“, verabschiedet sie sich ein paar Minuten später von mir und grinst von einem Ohr bis zum anderen. Ihre gute Laune ist zurückgekehrt, worüber ich froh bin.
Ein letztes Mal lache ich noch, ehe ich mich auf den Heimweg mache. Ein merkwürdiges Gefühl macht sich in mir breit. Es hat nichts mit meinem Bruder zu tun. Ich freue mich darauf, ihn zu treffen, nachdem wir in den letzten Monaten nur miteinander geschrieben haben. Es ist auch nicht der plötzliche Sinneswandel von Lana. Sondern eher ein Punkt, den ich ihr verheimlicht habe. Und das, obwohl ich nicht weiß, wieso ich es nicht erwähnt habe. Doch ich weiß selber nicht, wie ich mich deswegen verhalten soll.
Es ist nämlich so, dass er einen seiner Freunde im Schlepptau hat, der auch die nächsten Wochen bei uns verbringen wird. Ich kenne ihn nicht, weiß nicht seinen Namen. Allerdings bin ich den meisten Freunden meines Bruders schon über den Weg gelaufen. Aus diesem Grund kann ich mit Gewissheit behaupten, dass es nicht einen einzigen gibt, mit dem ich mich verstehe. Sie alle sind aufdringlich, laut und ich bezweifle sogar, dass sie überhaupt erzogen wurden. Alles in einem kann man feststellen, dass sie gerne die Regeln so auslegen, wie es ihnen gerne passt. Ich mache einen riesigen Bogen um sie, um meine Ruhe zu haben. Doch dieses Mal wird das nicht gehen.
Es sei denn, ich ziehe in der Zeit zu einer meiner Freundinnen.
Wobei sie bestimmt kein Problem damit hätte. Dennoch ist es eine bescheuerte Idee. Schließlich bin ich kein kleines Kind mehr und sehr wohl in der Lage, mich vernünftig mit ihm zu unterhalten. Ich klammere mich auch ein wenig daran, dass er nicht so ist, wie die anderen Jungs, mit denen Mason für gewöhnlich abhängt. Auch, wenn diese Chance doch eher sehr gering ist.
Als ich in unsere Einfahrt biege, entdecke ich als Erstes den großen schwarzen Geländewagen, der sich direkt vor mir befindet. Es ist nicht der meines Bruders und auch sonst kenne ich niemanden, der so einen fährt. Deswegen gehe ich davon aus, dass dieser hier seinem Kumpel gehört.
Nicht nur der Lack ist schwarz. Auch die Fenster sind so dunkel, dass man kaum einen Unterschied zwischen ihnen und der Karosserie erkennt. Da er rückwärts in der Einfahrt steht, erkenne ich, wie aggressiv er von vorne wirkt. Und ich habe das Gefühl, als würde das auch auf seinen Besitzer zutreffen. Es sorgt nicht unbedingt dafür, dass ich Lust habe, auszusteigen.
Diese Erkenntnis sorgt dafür, dass sich ein Kloß in meinem Hals bildet. Beinahe verzweifelt versuche ich ihn wieder loszuwerden, als ich merke, dass ich kaum noch atmen kann. Doch es bringt nichts. Es kommt mir sogar eher so vor, als würde es noch schlimmer werden. Ich versuche mir vor Augen zu halten, dass mein Bruder bestimmt niemanden anschleppen würde, der sich überhaupt nicht benehmen kann. So genau kann ich das aber nicht sagen.
Um mich abzulenken, steige ich aus und schließe den Wagen hinter mir ab. Ich bin aber darauf bedacht, dass ich den anderen nicht mehr beachte und am besten auch nicht in seine Nähe komme.
Mit langsamen Schritten gehe ich auf die Haustür zu und hoffe inständig, dass ich mich irre. Seitdem ich erfahren habe, dass Mason nicht alleine kommt, habe ich es geschafft, mich nicht damit auseinanderzusetzen. Nun kann ich dem aber nicht mehr aus dem Weg gehen. Hinzu kommt, dass ich mich immer auf mein Bauchgefühl verlassen kann. Deswegen halte ich es für unwahrscheinlich, dass ich mich irre.
Leise, um möglichst unauffällig in meinem Zimmer verschwinden zu können, öffne ich sie. Ich hätte mir aber auch denken können, dass ich nicht weit komme. Ich habe noch keinen Fuß ins Innere gesetzt, als mein Bruder bereits mit energischen Schritten auf mich zu kommt.
„Cady, Schwesterherz“, ruft er und schließt mich als Nächstes in seine Arme. Fest drückt er mich an sich und sorgt so dafür, dass ich für einen kurzen Moment keine Luft mehr bekomme.
„Mason“, keuche ich, als ich endlich wieder in der Lage bin, wenigstens einen Ton von mir zu geben.
„Oh, entschuldige bitte. Ich wollte dich nicht umbringen. Ich freue mich nur so, endlich meine kleine Schwester wieder in die Arme schließen zu können.“
Glücklich strahlt er mich an. Er macht ein wenig den Eindruck auf mich, als würde er etwas im Schilde führen. Es gibt immer etwas, was in ihm vor sich geht. Deswegen kann ich mich auch täuschen.
Ungefähr so, wie bei Lana. Ich ziehe es vor, diese Worte für mich zu behalten.
„Ich freue mich auch.“ Während ich spreche huschen meine Augen immer wieder hin und her. Auch wenn ich es nicht will, so halte ich dennoch Ausschau nach seinem Freund.
Innerlich versuche ich mich vorzubereiten, auch wenn ich aus Erfahrung weiß, dass man das bei seinen Freunden nicht kann. Sie haben alle eine große Klappe und vor allem prügeln sie sich genauso gerne, wie sie sich besaufen.
Ich muss mich korrigieren, man kann sich darauf vorbereiten. Das heißt aber nicht, dass ich das gerne mache.
Doch nachdem ich meinen Blick durchs Wohnzimmer habe gleiten lassen, stelle ich fest, dass von ihm weit und breit bis jetzt nichts zu sehen ist.
Ich kann nicht sagen, ob ich erleichtert darüber bin, oder nicht. Es ist nämlich so, je eher ich weiß, worauf ich mich einstellen muss bei ihm, umso besser ist das für mich und meinen Seelenfrieden. Doch nun kann ich eh nichts daran ändern, sodass ich mich wieder auf Mason konzentriere, der noch immer vor mir steht.
„Ich habe nicht gedacht, dass du schon da bist. Ich bin davon ausgegangen, dass du erst heute Abend hier sein wirst“, erkläre ich also. Schnell stelle ich meine Tasche auf dem großen Tisch ab, der ein paar Schritte von der Tür entfernt steht.
„Wir sind schon früher losgefahren. Wir haben gedacht, dass wir immerzu im Stau landen werden und wollten nicht erst heute Nacht ankommen. Man könnte auch sagen, dass wir selber überrascht darüber sind, dass wir schon hier sind.“ Mason zuckt mit den Schultern und vergräbt die Hände in den Hosentaschen.
„Ganz so war es nicht. Er ist davon ausgegangen. Ich habe gewusst, dass wir schnell hier sein werden“, ertönt in der nächsten Sekunde eine weitere männliche Stimme, die ich nicht zuordnen kann. Was ich aber sofort weiß ist, dass sie mir eine Gänsehaut über den Körper jagt. Außerdem sorgt sie dafür, dass mein Herz beginnt schneller zu schlagen und mein Mund trocken wird. Alles Reaktionen, die ich überhaupt nicht gebrauchen kann.
Im ersten Moment weiß ich nicht, wie ich darauf reagieren soll. Deswegen versuche ich mich wieder in den Griff zu bekommen. Erst als ich mir sicher bin, dass man es mir nicht sofort ansieht, hebe ich langsam meinen Kopf. Es dauert nicht lange, bis ich mir wünsche, dass ich genau das nicht getan hätte. Um genau zu sein wünsche ich mir sogar, dass ich einfach hochgegangen wäre, als ich die Chance dazu hatte.
Dafür ist es nun aber zu spät.
Mit geschmeidigen Bewegungen, die mich an ein Raubtier erinnern, kommt er auf mich zu und bleibt nur wenige Meter von mir entfernt stehen. Frech grinst er mich an. Doch das ist nicht das Einzige, was mir an ihm sofort auffällt. Um genau zu sein, ist es sein gesamtes Auftreten.
Er ist groß und muskulös. Sein schwarzes Shirt ist so eng, dass die Muskeln, die sich darunter befinden, einem sofort ins Auge fallen. Seine ebenfalls dunkle Jeans sitzt tief auf seinen Hüften, sodass man ein Stück seiner Boxershorts erkennen kann. Und seine Füße stecken in schweren Stiefeln.
Alleine dieser Anblick reicht schon aus, dass ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Mein Mund öffnet sich sogar ein Stück, da es mir so vorkommt, als würde ich nicht genug Sauerstoff bekommen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass mein Bruder direkt neben mir steht und ich es mir alleine deswegen schon verkneifen sollte, mich wie ein kleines Kind zu verhalten.
Doch ich kann es nicht. Auch dann nicht, als ich mir vor Augen halte, dass es sich bei ihm um einen Freund von Mason handelt.
Keiner von uns gibt einen Ton von sich. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie Mason seinen Blick zwischen uns hin und her wandern lässt.
„Du musst Cady sein“, unterbricht sein Freund nun die Ruhe und kommt noch ein wenig näher. „Ich bin Jax.“ Kaum hat er ausgesprochen, streckt er seine Hand nach mir aus. „Aber meine Freunde nennen mich Dragon.“
Der Name passt zu ihm, denke ich.
Einen Moment betrachte ich sie, als würde ich abwägen wollen, ob ich das wirklich machen kann, oder nicht. Dann rufe ich mir aber in Erinnerung, dass wir die nächsten Wochen unter einem Dach verbringen werden. Da sollte ich mir wenigstens Mühe geben.
Also ergreife ich sie und versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie es mir gerade geht. Vor allem aber deswegen, weil ich es selber nicht weiß. Doch Mason hat mich schon in den unterschiedlichsten Situationen erlebt, sodass er wahrscheinlich genau weiß, was in mir vor sich geht. Und leider weiß er wahrscheinlich auch, dass Jax genau weiß, welche Wirkung er auf Frauen hat.
„Ja, das ist sie. Meine kleine Schwester. Also sei schön lieb zu ihr“, erklärt Mason, bevor ich ihn begrüßen kann. Ich war noch nie ein Fan davon, wenn jemand anderes für mich spricht. Jetzt mache ich gerne eine Ausnahme. Ich nutze die Zeit und will wieder zu mir zu kommen. Gelingen tut es mir nicht.
In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken, während ich versuche herauszufinden, wie ich aus dieser Situation wieder heraus kommen kann. Doch bevor ich einen Versuch unternehmen kann, um zu verschwinden, dringt das Klingeln eines Handys an mein Ohr.
„Das ist meins. Ich bin gleich wieder da“, verkündet Mason. Er hat noch nicht ausgesprochen, als er bereits mit einem Fuß das Wohnzimmer verlassen hat.
Ein wenig hilflos schaue ich ihm nach, bevor ich mich wieder auf Jax konzentriere, der sich nicht von mir abwendet.
„Mason hat mir schon einiges über dich erzählt“, beginnt Jax nun.
Unauffällig atme ich tief durch, ehe ich meinen Kopf hebe und in seine Augen schaue. Dunkel und gefährlich blitzen sie mich an. Doch da ist noch etwas anderes. Etwas, was wie Herausforderung aussieht.
„Wenn das so ist, kann ich wahrscheinlich nur hoffen, dass er die peinlichen Geschichten weggelassen hat.“ Ich bin froh, dass ich meine Stimme wieder gefunden habe. Gerade würde es nämlich nichts Peinlicheres geben, als stumm vor ihm zu stehen.
„Das ist mein Geheimnis“, antwortet er nur, nachdem er sich mir noch etwas genähert hat. Er lehnt sich noch ein Stück nach vorne, sodass nur ich ihn verstehen kann.
Seine Worte bewegen mich dazu, dass ich überlege, was Mason ihm von mir erzählt hat. Ich brauche nur einen Blick in sein Gesicht zu werfen um zu wissen, dass ich wirklich keine Chance habe, ihn dazu zu überreden, es mir zu sagen. Auf jeden Fall jetzt nicht.
„Dann hoffe ich, dass du eine Menge Spaß haben wirst“, erkläre ich.
Einen Moment sieht er mich ausdruckslos an. Ich habe keine Ahnung, was in seinem Kopf vor sich geht. Und das liegt nicht nur daran, weil ich ihn nicht kenne. Es ist viel eher die so, dass ich ihn nicht einschätzen kann.
Er will gerade den Mund aufmachen, als Mason wieder ins Wohnzimmer kommt. Erleichtert darüber atme ich tief durch.
„Wir werden eine Menge Spaß haben. Bis später.“ Ein letztes Mal zwinkert er mir zu. Erneut lehnt er sich so weit nach vorne, dass sich beinahe unsere Nasenspitzen berühren. Doch dann dreht er sich um und verschwindet so schnell, wie er gekommen ist.
Völlig perplex bleibe ich an Ort und Stelle stehen. Bei jedem anderen würde ich einen spitzen Kommentar von mir geben. Und auch jetzt liegen mir ein paar auf der Zunge. Dennoch schaffe ich es nicht, sie auszusprechen.
Von der ersten Sekunde an hat er es geschafft mich aus der Bahn zu ziehen. Und sein Verhalten mir gegenüber in den letzten Minuten hat es nicht besser gemacht. Obwohl ich nicht weiß, wie ich es bezeichnen soll. Deswegen brauche ich auch noch ein wenig, bis ich merke, dass er tatsächlich mit mir geflirtet hat.
Für das, was ihm wahrscheinlich durch den Kopf gegangen ist, muss er sich aber eine andere suchen, denke ich.
2
„Cady?“, höre ich Savannah laut von unten nach mir rufen.
Schnell werfe ich einen prüfenden Blick auf die große Uhr, die über dem Türrahmen hängt. Ich war so sehr in meine Gedanken versunken, dass ich gar nicht gehört habe, wie es geklingelt hat. Aber auch so hätte es mich nicht gewundert. Schließlich befindet sich mein Schlafzimmer am anderen Ende des Hauses und ich habe außerdem den Fernseher an. Da höre ich eigentlich nur etwas, wenn ich die Tür geöffnet habe.
„Ich bin oben“, erwidere ich laut.
Es dauert nicht lange, bis die Tür so schwungvoll geöffnet wird, sodass ich erschrocken zusammenzucke, und meine Freundin auf der Bildfläche erscheint. Bevor sie hineinkommt und die Tür wieder hinter sich schließt, oder etwas sagt, dreht sie sich noch einmal zum Flur um. Bei dieser Bewegung kann ich den Gesichtsausdruck erkennen, den sie aufgesetzt hat. Sie sieht aus, als würde sie sich davon überzeugen wollen, dass uns niemand hört. Erst, als sie sich anscheinend davon überzeugt hat, dass wir alleine sind, kommt sie hinein und schließt sie hinter sich.
„Was ist los?“, frage ich sie sichtlich irritiert.
Ich habe so ein Verhalten noch nie bei ihr beobachtet und dementsprechend auch keine Ahnung, was es zu bedeuten hat. Normalerweise ist es ihr nämlich egal, wer sich in unserer Nähe befindet. Wenn sie etwas zu sagen hat, macht sie es auch. Es ist ihr egal, ob es jemand hört oder nicht.
Um ihr zu verdeutlichen, dass ich keine Idee habe, was gerade in ihr vor sich geht, ziehe ich noch meine Augenbrauen ein Stück nach oben.
„Zum einen hättest du ruhig einen Ton darüber verlieren können, dass dein Bruder heute da ist. Das würde vor allem Lana interessieren. Oh Mann, sie wird ausrasten und ihm bei der nächsten Gelegenheit an den Hals springen, was ich aber nachvollziehen kann.“
„Ich habe es ihr heute verraten. Und er ist nicht nur heute hier, sondern wird die nächsten Wochen in Los Angeles verbringen“, unterbreche ich meine Freundin, bevor sie sich in Rage reden kann.
Überrascht sieht sie mich an.
„Etwa auch dieser heiße Typ, der sich ebenfalls unten befindet? Und das bringt mich direkt zum zweiten Punkt. Wer ist das?“
Ihr überraschter Gesichtsausdruck ist verschwunden. Dafür lehnt sie sich mit weit aufgerissenen Augen ein Stück nach vorne und zeigt in die Richtung der Tür.
Doch das ist nicht mein eigentliches Problem. Ihre Worte sorgen nämlich dafür, dass ich wieder sein Gesicht vor Augen habe. In den letzten Stunden habe ich es wunderbar geschafft, ihm aus dem Weg zu gehen. Das hat sich nun aber in Luft aufgelöst. Und das nur, weil meine Freundin ihn als heiß bezeichnet hat. Bis jetzt hatte ich keinen Grund, wieso ich an ihn denken sollte. Nun kommt mir auch unsere kurze Unterhaltung wieder in den Sinn und die Art, wie er mit mir geflirtet hat. Und ich habe nichts unternommen, um dem entgegenzuwirken.
„Cady? Bist du noch da?“, fragt Savannah und zieht mich so wieder auf die Unterhaltung. „Wer ist der Typ?“
„Jax, ein Kumpel von meinem Bruder. Er wird ebenfalls die nächsten Wochen in der Stadt verbringen und solange hier wohnen“, erkläre ich ihr. Ich versuche so unbeeindruckt wie möglich zu klingen.
Kaum habe ich ausgesprochen höre ich, wie sie leise pfeift. Ich brauche nicht großartig darüber nachzudenken um zu wissen, was das zu bedeuten hat. Sie spielt darauf an, dass ich mit ihm unter einem Dach leben werde. Das verraten mir unter anderem auch die großen Augen, die sie nun bekommt.
„Ich will mich nur vergewissern, dass ich dich auch wirklich richtig verstanden habe“, murmelt sie. „Aber du wirst die nächsten Wochen, während wir Semesterferien haben, mit ihm unter einem Dach wohnen? Zu jeder Tageszeit?“
„Ich kann dir versichern, dass er nicht sehr oft hier sein wird. Schließlich ist er ein Freund meines Bruders. Und ich glaube wir beide wissen sehr genau, was das bedeutet. Sie werden ständig unterwegs sein, Partys unsicher machen und Frauen aufreißen.“
„Dein Bruder ist ein guter Mann“, verkündet sie überraschend. „Auf jeden Fall, wenn es um dich geht. Leider hat er aber auch so seine Momente, die nicht zu seinen Sternstunden gehören. Du wirst dir aber keine Sorgen machen müssen, dass Jax dir zu nahe kommt. Vor allem dann, wenn du das nicht willst. Mason wird schon auf dich aufpassen.“
Dem ersten Teil ihrer Aussage kann ich nicht widersprechen.
„Mason braucht nicht auf mich aufzupassen. Das schaffe ich auch alleine“, gehe ich auf den letzten Teil ein.
„Das kannst du und das weiß ich. Aber das ändert nichts daran, dass Jax hier sein wird“, fährt sie fort, bevor ich die Chance habe, das Thema auf etwas anderes zu lenken.
„Jap“, seufze ich also.
Ich weiß, dass sie mich so lange nicht in Ruhe lassen wird, bis ich ihr zugestimmt habe. Auf der anderen Seite würde ich das aber auch machen. Dennoch hoffe ich, dass das Thema damit vom Tisch ist. Ich habe keine Lust mich weiterhin über Jax zu unterhalten, auch wenn es da nichts gibt, über das man sich unterhalten könnte. Ich weiß nichts über ihn, da kann Savannah noch so sehr versuchen mich auszuquetschen, um mehr zu erfahren.
Ihr dringt ein erneutes Pfeifen über die Lippen was mir zeigt, dass das Thema noch lange nicht vorbei ist für sie.
„Das kannst du dir sparen“, weise ich sie an.
Gleichzeitig greife ich nach meinen Schuhen. Ich werfe ihr noch einen mahnenden Blick zu, während ich sie mir anziehe. Dann hänge ich mir meine Tasche über die Schulter. Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, verlasse ich mein Schlafzimmer. Es gibt da noch ein paar Sachen, die mir bereits auf der Zunge liegen. Doch ich weiß, dass es die Sache nicht unbedingt besser machen würde. Deswegen behalte ich sie für mich.
„Was kann ich mir sparen?“ Savannah tut so, als hätte sie keine Ahnung, wovon ich spreche.
Zu Schweigen macht es aber auch nicht besser, denke ich.
„Was dir gerade durch den Kopf geht“, erkläre ich ihr.
Ich betrachte sie eindringlich. Ich sehe ihr an, dass es ihr schwerfällt den Mund zu halten. Doch ich bin froh darüber, dass sie nichts weiter dazu sagt. Dennoch verrät mir eine leise Stimme, dass sie früher oder später wieder damit anfangen wird.
Bevor ich das Risiko eingehe, dass sie doch noch einen Kommentar von sich gibt, drehe ich mich um und gehe nach unten. Kaum habe ich den Wohnbereich betreten, geht die Haustür erneut auf. Lana und Liana erscheinen auf der Bildfläche und grinsen mich gut gelaunt an. Ein schlechtes Gefühl macht sich wieder in mir breit. Ich kann es nicht genau beschreiben, doch ich habe auch keine Zeit mehr, genauer darüber nachzudenken.
In der nächsten Sekunde bleibt Lana schlagartig stehen und sieht mich mit großen Augen an.
„Wow“, raunt sie in einem Ton, den ich nur zu gut kenne.
„Oh ja, die Männer werden ihre Augen überhaupt nicht von dir lassen können. Dreh dich“, fordert Liana mich auf. Sie bewegt ihren Finger im Kreis, um ihre Worte zu unterstreichen.
Brav gehorche ich, wobei ich meine Hüften von rechts nach links schwinge. Der dünne schwarze Stoff des Kleides liegt leicht auf meinem Körper, sodass es meine Kurven umspielt. Es ist nicht super kurz, aber dennoch nicht zu lang. Ein tiefer Ausschnitt lenkt die Aufmerksamkeit auf den Ansatz meiner Brüste, sodass sie etwas größer wirken, als sie es sind.
Eigentlich bin ich überhaupt kein Fan von solchen Kleidern. Das hier konnte ich aber nicht hängen lassen. Ich habe es gesehen, und musste es haben.
Gerade, als ich stehen bleiben will, um sie zu fragen, ob sie es wirklich so gut finden, fällt mein Blick auf Jax. Er sitzt auf dem Sofa und hat sich nach vorne gelehnt, sodass er sich mit den Ellbogen auf den Knien abstützen kann und seine Muskeln noch mehr angespannt sind. Sein Blick durchdringt mich und lässt mein Herz schneller schlagen. Er wendet sich von mir ab. Sofort bleibe ich stehen, als hätte man plötzlich meine Füße am Boden festgeklebt.
Erschrocken und auch ein wenig irritiert schaue ich ihn an. Ich habe nicht gemerkt, dass mein Bruder und sein Freund sich ebenfalls mit im Zimmer befinden. Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass ich mehr auf meine Freundinnen, als auf meine Umgebung konzentriert war.
Am Rande höre ich, wie meine Freundinnen sich noch immer unterhalten. Mehrmals sagen sie mir, wie schön sie mein Kleid finden. Doch ich kann nicht mehr darauf reagieren. Ich weiche Jax nicht aus, auch wenn mein Verstand mich anschreit, dass ich das durchaus machen sollte.
Es ist, als würde ich mit offenen Augen ins Chaos rennen.
Es dauert einen Moment, doch schließlich merken sie, dass ich sie nicht mehr beachte und verstummen. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass alle drei sich neugierig in die Richtung drehen, in die ich schaue.
„Was?“, frage ich ihn, als er auch nach einer gefühlten Ewigkeit noch keinen Ton von sich gegeben hat. Auf diese Weise will ich die Stille durchbrechen, die sich über das Zimmer gelegt hat. Sie lässt mich wahnsinnig werden, sodass mir alle möglichen Szenarien durch den Kopf gehen, wie das hier ausgehen kann.
Obwohl er ein paar Meter von mir entfernt ist, erkenne ich das amüsierte Funkeln in seinen Augen. Langsam steht er auf und kommt mit geschmeidigen Schritten etwas näher. Sein Blick gleitet über meinen Körper, sodass mir heißer wird. Dann dreht er sich plötzlich zu meinem Bruder um.
„Du lässt zu, dass deine kleine Schwester so das Haus verlässt?“ Während er spricht macht er eine Handbewegung, die mein komplettes Outfit mit einbezieht.
Es dauert ein wenig, bis seine Frage bei mir angekommen ist. Dann stemme ich meine Hände in die Hüften und ziehe die Augenbrauen etwas nach oben. Mein Mund öffnet sich. Ich will ihm erklären, dass ich sehr wohl in der Lage bin alleine zu bestimmen, was ich anziehe und was nicht. Doch so weit komme ich nicht, da in diesem Moment bereits mein Bruder spricht.
„Wieso nicht?“, gibt er zurück und zuckt mit den Schultern. Mason scheint nicht zu wissen, worauf sein Freund hinaus will. Und ehrlich gesagt weiß ich das auch nicht so genau.
Jax sagt nichts. Sein Blick, als er sich mir wieder zuwendet, reicht aus, dass sich eine Gänsehaut auf meinem Körper bildet. Es ist beinahe so, als würde er durch mich hindurch sehen können.
Als würde er meine Gedanken lesen können. Ehrlich gesagt ist das etwas, was mir überhaupt nicht gefällt.
„Lana“, höre ich die Stimme meines Bruders, als er an uns vorbeigeht.
„Mason“, erwidert meine Freundin nur kühl.
Ohne noch einen weiteren Kommentar von sich zu geben, verschwindet er in der Küche. Unter anderen Umständen würde ich sein Verhalten seltsam finden. Bevor er und Lana sich in die Haare bekommen, ist es aber besser, wenn sie sich in zwei verschiedenen Räumen befinden und so wenig miteinander sprechen, wie es nur geht.
Aus Erfahrung kann ich sagen, dass es dennoch früher oder später zwischen den beiden krachen wird. Ich bin jedoch nur froh, dass es anscheinend nicht an diesem Abend passieren wird. Ich habe gerade keine Lust auf Streitereien.
Schon gar nicht, wenn Jax sich nur wenige Meter von mir entfernt befindet.
Leider muss ich mir nämlich eingestehen, dass ich gerade kaum noch klar denken kann. So wäre es mir auch unmöglich, dazwischenzugehen.
„Lasst uns verschwinden, bevor Lana noch ihren guten Vorsatz über den Haufen wirft, von dem sie mir vorhin ausführlich berichtet hat“, fordert Liana uns auf. Sie greift nach Lanas Hand und wendet mir den Rücken zu, um das Haus wieder zu verlassen.
Für die meisten würde das beinahe schon fluchtartige Verschwinden meiner Freundin wahrscheinlich merkwürdig aussehen. Wir alle wissen nur zu genau, dass es laut wird, wenn man ihnen die Chance dazu gibt. Außerdem habe auch ich nach den letzten Minuten nur noch den Wunsch, von hier zu verschwinden, wieder atmen zu können und mich mit etwas anderem befassen zu können.
Während ich den beiden hinaus folge muss ich mich zwingen, Jax nicht zu offensichtlich zu betrachten. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er mir nachsieht.
Ich komme nicht drumherum zuzugeben, dass er mich ein wenig aus der Bahn zieht. Obwohl, nein. Ein wenig ist noch untertrieben. Wie er mich vorhin betrachtet hat, hat mich mehr als nur ein wenig aus der Bahn gezogen. Es hat dafür gesorgt, dass ich selber keine Kontrolle mehr über meinen Körper hatte, sonst hätte ich es geschafft, mich eher von ihm abzuwenden.
Ein letztes Mal atme ich tief durch, bevor ich nach draußen trete, damit ich mir sicher sein kann, dass meine Freundinnen nichts davon bemerken. Gemeinsam gehen wir zu dem Taxi, was am Straßenrand bereits auf uns wartet.
„Mason ist noch genauso heiß wie vor einem Jahr“, erklärt Liana, nachdem wir uns gesetzt haben.
„Hast du etwas anderes erwartet?“, mault Lana.
Ich sehe ihr an, dass sie nicht glücklich ist. Aber kann ich nicht genau sagen, woran das liegt.
Einen Moment überlege ich, ob es etwas gibt, was ich sagen könnte, um die Situation zu entschärfen. Aber ich glaube nicht, dass es etwas gibt, was es besser macht.
„Aber sein Freund sieht noch besser aus“, spricht Liana weiter und wendet sich mir zu.
„Fang du nicht auch noch damit an“, stöhne ich und verdrehe die Augen.
„Wieso? Es ist doch die Wahrheit.“
„Ich habe Cady vorhin schon darauf hingewiesen, dass es schwer werden wird, ihm zu widerstehen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die beiden in einem Haus übernachten werden“, erklärt Savannah und zwinkert mir zu.
Ich ziehe es vor den Mund zu halten. Auch wenn ich das Bedürfnis habe ihr zu sagen, dass es nicht so schwer für mich werden wird, wie sie vielleicht denkt. Das kann ich mir jedoch sparen, und zwar bei allen. Sie haben sich anscheinend in den Kopf gesetzt, dass ich Jax nicht widerstehen kann.
„Sie hat doch recht“, fügt nun auch Liana hinzu.
Ich bin mir sehr wohl darüber bewusst, dass ich keine Chance gegen meine Freundinnen habe. Ich kenne sie gut genug um zu wissen, dass sie so lange nicht locker lassen werden, bis ich es zugebe. Unter anderen Umständen würde ich es auch machen. Bei ihm kann ich es aber nicht. Den Grund dafür kenne ich aber nicht.
„Sag es“, fordert Lana mich auf. Nun scheint es ihr schon wieder wesentlich besser zu gehen.
„Ja, ich gebe es zu. Er ist heiß und sieht gut aus“, murmle ich also. Ich spreche aber so leise, dass ich nicht weiß, ob sie mich überhaupt verstanden haben.
In der nächsten Sekunde geben sie ein leises Seufzen von sich. Auch wenn ich diesen Ton schon lange nicht mehr gehört habe, beziehungsweise er schon lange nicht mehr auf mich bezogen war, so kenne ich ihn doch genau.
„Und jetzt, wo ich es zugegeben habe, können wir uns über etwas anderes unterhalten, als über den Kumpel meines Bruders?“, frage ich in die Runde. Ich kann nicht verhindern, dass sich ein leicht bittender Ausdruck in meine Augen schleicht.
„Wir können auch über Mason sprechen“, schlägt Savannah vor und schaut zu Lana.
„Ich weiß, dass ihr es mir nicht glaubt, wenn ich euch sage, dass es mir total egal ist, dass er wieder in der Stadt ist. Ja, vorhin hat es sich nicht so angehört und auch heute Mittag war ich nicht begeistert davon, aber es ist so. Mason wird nur ein paar Wochen hier sein und in dieser Zeit werde ich ihm wohl nicht sehr oft über den Weg laufen. Die letzten Stunden habe ich darüber nachgedacht und beschlossen, dass ich immer etwas überreagiert habe, wenn es um ihn ging, egal in welche Richtung es ging. Außerdem zwingt mich ja keiner mit ihm zu sprechen“, verkündet sie.
Kurz werfe ich einen skeptischen Blick in ihre Richtung. Ich weiß nicht, wie viel ich ihr glauben soll. Doch abgesehen von ihrer kurzweiligen schlechten Laune vorhin, scheint es ihr wirklich egal zu sein. Und das ist das erste Mal, dass ich davon ausgehe, dass die beiden sich wirklich nicht in die Haare bekommen werden.
Beziehungsweise ich hoffe es.
Es dauert eine halbe Stunde, bis wir beim Club angekommen sind. Wie ich es erwartet habe, stehen die Besucher vor dem Eingang bereits in einer riesigen Schlange, die beinahe bis zur nächsten Ecke geht. Wundern tut es mich nicht. Das Fire ist der beliebteste Club in der ganzen Stadt. Deswegen können wir schon froh sein, wenn wir es überhaupt reinschaffen, geschweige denn in die Nähe des Eingangs kommen, bevor er wieder schließt.
Dennoch freue ich mich auf einen gemeinsamen Abend mit meinen Freundinnen. Auch wenn der darin besteht, auf der Straße zu stehen und zu hoffen, dass wir hineinkommen.
„Was meint ihr? Sollen wir wetten, wie lange wir hier warten müssen?“, erkundigt sich Liana. Mit einem abschätzendem Gesichtsausdruck sieht sie sich die Menschen an, die sich vor uns befinden.
„Also, wenn ihr bereit seid, eure Vorteile ins richtige Licht zu rücken, sind wir in den nächsten Minuten schon drin“, überlege ich und deute in die Richtung des Gebäudes.
Meine Freundinnen folgen der Kopfbewegung. Kurz verfolgen wir schweigend das Schauspiel, was sich direkt vor uns abspielt. Die Türsteher lassen ihren Blick über die wartende Menge wandern und picken sich immer wieder ein paar Frauen hinaus, die durch ihre knappe Kleidung einem sofort ins Auge springen.
Dann sehe ich, wie Lana, Liana und Savannah ihre Kleidung ebenfalls ein Stück nach unten ziehen. Als sie merken, dass ich keine Anstalten mache, werfen sie mir einen irritierten Blick zu.
„Ich glaube, dieser Ausschnitt ist bereits tief genug. Ich kann es weder nach unten noch nach oben ziehen, ohne Stellen zu entblößen, die ich eindeutig nicht entblößen will.“
„Stimmt“, gibt Liana zu und dreht sich dann wieder nach vorne.
Es dauert nur wenige Minuten, bis die Männer sich erneut umdrehen. Als ich schon die Befürchtung habe, dass sie uns nicht entdecken, bleibt ihr Blick an uns kleben. Einen Moment scheint es, als würden sie darüber nachdenken. Doch schließlich winkt uns einer von ihnen zu sich.
Bevor er es sich anders überlegen kann, gehen wir in seine Richtung und huschen an der Absperrung vorbei. Gemeinsam betreten wir den Club.
Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit herzukommen. Doch das ändert nichts daran, dass ich in den letzten Wochen bereits einiges über ihn gehört habe. Und vor allem die Fotos, die ich bis jetzt vom Inneren gesehen habe, haben dafür gesorgt, dass ich eine ziemlich genaue Vorstellung hatte. Allerdings muss ich nun zugeben, dass nichts an das herankommt, was sich direkt vor mir befindet.
„Wow“, entfährt es mir, nachdem ich mich im Kreis gedreht habe. Ich sehe mir den Eingangsbereich genauer an und versuche so viel wie möglich in mir aufzunehmen.
Wir befinden uns in einem hell erleuchteten Vorraum. Das bedeutet aber nicht, dass es hier ruhig ist. Oder besser gesagt ruhiger, als im Hauptraum. Die laute Musik dringt aus den großen Boxen, die in den Ecken stehen und von der Decke hängen. Überall befinden sich Gäste, die sich angeregt unterhalten und bunte Cocktails schlürfen.
Ich bin neugierig auf den Rest des Ladens. Deswegen greife ich mir zwei meiner Freundinnen an den Händen und ziehe sie hinter mir her in den nächsten Raum.
Hier ist es dunkler und buntes Licht flackert herum, sodass man nicht mehr so gut alles erkennen kann. Die kleinen Lampen, die im Boden eingelassen sind, sorgen dafür, dass man dennoch weiß, wo man hingeht.
Auch wenn die Dunkelheit nur von wenigen Lichtern erhellt wird, kann ich doch sehen, dass es edel und vor allem teuer eingerichtet ist. Wer auch immer für die Inneneinrichtung zuständig war, derjenige hat einen super Job geleistet.
Kein Wunder, dass er der neue In-Laden der Stadt ist, denke ich.
An diesem Abend habe ich soviel Spaß mit meinen Freundinnen, dass ich kaum merke, wie es immer später wird. Erst, als ich die Haustür hinter mir schließe, merke ich die Müdigkeit in meinem Körper und gähne.
Damit ich die anderen nicht wecke, streife ich mir meine High Heels von den Füßen und husche leise über die Fliesen. So schnell wie möglich gehe ich nach oben. Auf diese Weise will ich verhindern, dass mir Mason oder Jax über den Weg laufen. Ihre Autos stehen zwar vor der Tür, doch ich habe keine Ahnung, ob die beiden zu Hause sind. Aber ich will es gerade auch nicht herausfinden.
Weit komme ich nicht. Kaum habe ich die letzte Treppenstufe hinter mich gebracht, habe ich einen riesigen Körper vor mir stehen.
Erschrocken, da ich ihn nicht gesehen habe, zucke ich zusammen. Aus einem Reflex heraus mache ich wieder einen Schritt nach hinten. Diese Bewegung sorgt dafür, dass ich beinahe die Treppe herunterfalle. Bevor ich jedoch mein Gleichgewicht verlieren kann, greift eine starke Hand nach meinem Arm und hindert mich so daran, mir wahrscheinlich mehrere Knochen zu brechen.
„Habe ich dich erschreckt?“, fragt er mich.
Es dauert einen Moment, bis ich registriere, wer vor mir steht.
Jax.
Ihm so nah zu sein und noch immer seine Hand auf meiner Haut zu spüren, lässt mein Herz schneller schlagen. Und zwar so schnell, als würde es sich aus meiner Brust befreien wollen.
„Jein“, antworte ich, als ich merke, dass ich noch nichts gesagt habe.
„Jein?“ Ich erkenne den belustigten Unterton, mit dem er spricht.
„Ich war in Gedanken und habe dich nicht gesehen. Deswegen habe ich mich erschrocken“, erwidere ich. Ich versuche so selbstbewusst wie möglich zu klingen.
„Sorry, das wollte ich nicht. Ich habe dich nicht gehört.“
Langsam, beinahe in Zeitlupe, hebe ich meinen Kopf und sehe ihn an. Das Erste, was ich registriere, ist die Nähe, die zu ihm besteht. Es trennen uns nur wenige Zentimeter. Bei jedem Atemzug streift seine Brust meine, sodass ich eine Gänsehaut bekomme. Sein Geruch steigt mir in die Nase und benebelt mich.
„Kein Problem. Wir waren ja beide daran Schuld.“
Ich setze mich in Bewegung, um an ihm vorbeizugehen. Gerade will ich nur noch Abstand zwischen uns bringen. Doch Jax macht keine Anstalten einen Schritt zur Seite zu machen.
„Wie war´s denn?“ Aufmerksam betrachtet er mich.
„Wie es halt so ist, wenn vier Frauen unterwegs sind“, gebe ich zurück und zucke mit den Schultern.
Je länger wir hier so stehen, umso weniger bin ich in der Lage zu wissen, was ich machen soll oder will. Die Dunkelheit, die um uns herum herrscht, wird nur von dem Mondlicht erhellt, was durch das Fenster einfällt. Ich muss ihn aber auch nicht direkt vor mir sehen, um mich von ihm aus der Bahn werfen zu lassen. Der Lichtschein, der sein Gesicht ein wenig erhellt, zeigt mir das Funkeln seiner Augen. Ich habe keine Ahnung, was es zu bedeuten hat. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das wirklich wissen will.
Innerlich warte ich darauf, dass er noch etwas sagt. Doch das macht Jax nicht. Frech grinst er mich an und geht an mir vorbei. Seine Hand berührt meine. Ich erschaudere. Mein Herz setzt für ein paar Schläge aus, bevor es in doppelter Geschwindigkeit weiter schlägt.
Ich kann es nicht für mich behalten. Jax geht aber nicht darauf ein.
3
In der letzten Nacht habe ich nicht sehr viel getrunken. Ich hatte nur zwei Cocktails und habe mich den Rest des Abends von Wasser ernährt. Das ist auch der Grund dafür, dass ich fit bin, als ich am nächsten Morgen wach werde. Dennoch genieße ich nach dem Lärm der lauten Musik die Ruhe, die in meinem Schlafzimmer herrscht und nehme mir noch ein wenig Zeit, bevor ich mich fertig mache.
Dann stehe ich auf, ziehe mir meinen Bikini an. Da ich aber nicht sagen kann, ob Mason und Jax da sind und ich mir nicht schon wieder Kommentare von Jax anhören will, ziehe ich mir noch ein Kleid über. Von hier aus kann ich leider keinen Blick auf den Hof werfen um zu überprüfen, ob eines der Autos verschwunden ist. Und selbst das würde nicht bedeuten, dass beide weg sind.
Mit einem Handtuch, Buch und Sonnencreme bewaffnet, gehe ich nach unten und hoffe, dass ich den Jungs nicht über den Weg laufe. Vor allem Jax möchte ich gerne aus dem Weg gehen. Auch, wenn mein Vorhaben dann wahrscheinlich nicht der beste Weg ist.
Ich habe noch nicht die Küche betreten, als ich schon die Stimme meiner Mutter hören kann. Seufzend bleibe ich in der Tür stehen. In mir macht sich die Befürchtung breit, dass sie mich auf Jax ansprechen wird. Und nachdem meine Freundinnen mir gestern schon mit ihm auf die Nerven gegangen sind, habe ich keine Lust, mich erneut über ihn zu unterhalten.
„Cady“, ruft sie mich, ehe ich schnell wieder verschwinden kann.
Einen Moment überlege ich, ob ich einfach wieder rückwärts durch die Tür gehen soll.
Ich könnte so tun, als hätte ich sie nicht gehört.
Mir ist bewusst, dass das lächerlich wäre. Und wenn sie sich wirklich über den Freund von Mason unterhalten will, habe ich es so wenigstens hinter mir. Auch wenn ich nicht so ganz einordnen kann, ob das gut ist oder nicht.
„Hi“, sage ich und drehe mich in ihre Richtung.
„Ich weiß, dass ich in den letzten Tagen nur selten zu Hause war und wir uns deswegen nicht so oft gesehen haben. Genauso wie dein Dad, der schon wieder unterwegs ist und ich muss auch gleich los. Zurzeit ist einfach die Hölle los.“
Ich kenne den Ausdruck in ihren Augen und weiß daher, dass sie ein schlechtes Gewissen hat. Allerdings habe ich keine Ahnung warum. Schließlich ist es ja nicht so, als hätten wir in den letzten Monaten uns jeden Tag gesehen. Außerdem bin ich kein kleines Kind mehr. Ich komme auch alleine zurecht und bin froh darüber, dass sie nicht immer um mich herum tänzelt.
Normalerweise ist sie aber auch nicht so. Deswegen muss ich zugeben, dass mich ihr Verhalten ein wenig verwundert.
„Ist etwas passiert?“, frage ich sie.
„Die Jungs sind unterwegs. Ich habe keine Ahnung, wann sie wieder kommen und sie sind ja auch alt genug, dass ich da nicht mehr hinterherrennen muss“, redet sie weiter.
Ein blödes Gefühl macht sich in mir breit. Ich kann es nicht genau benennen. Doch ich werde es auch nicht los. Ganz im Gegenteil. Je länger sie schweigt, umso größer wird es. Aus Erfahrung weiß ich nämlich, dass sie etwas auf dem Herzen hat. Genauso weiß ich, dass es meistens nichts Gutes ist.
„Spuck es schon aus“, fordere ich sie deswegen auf.
„Na gut. Ich wollte dich nur darum bitten, dass ihr euch nicht in die Haare bekommt.“
„Ihr? Ich wüsste nicht, wann ich mich richtig mit meinem Bruder gestritten habe.“
„Mit ihr meine ich Jax und dich. Ich weiß ja, dass du dich nicht so gut mit den Freunden deines Bruders verstehst. Aber Jax wird ein wenig hier bleiben und zur Abwechslung scheint er nicht so zu sein, wie die anderen. Ich glaube, dass ich dir nicht erst sagen muss, wie froh ich darüber bin.“
Beinahe eindringlich sieht sie mich an. In diesem Moment bin ich nur froh, dass ich mich im Griff habe. Wie ich nämlich bereits in der letzten Nacht wieder gemerkt habe, ist das nicht selbstverständlich, wenn es um Jax geht. So kann ich es mir nämlich gerade noch verkneifen, leise zu seufzen.
Ich weiß nichts über diesen Mann und er nichts über mich. Und dennoch kommt es mir so vor, als würde es etwas zwischen uns sein. Etwas, was ich nicht genau einordnen kann. Etwas, was ich nicht beschreiben kann. Um genau zu sein kenne ich ihn erst seit gestern und habe nur ein paar Worte mit ihm gewechselt.
Ob ich deswegen wohl meinen Bruder zu verfluchen darf?, überlege ich. Schließlich war er es, der Jax hier angeschleppt hat. Und mich gewissermaßen in diese Zwickmühle gebracht hat.
„Keine Sorge, wir werden uns schon nicht streiten. Ich werde mir einfach Mühe geben, ihm aus dem Weg zu gehen. Dann laufen wir alle nicht Gefahr, dass wir uns in die Haare bekommen und die Wochen sind schnell wieder vorbei.“
Um ehrlich zu sein ist es nämlich genau das, was ich will. Dass die beiden schnell wieder verschwinden, auch wenn ich mich darüber freue, Mason hier zu haben.
Ein wenig skeptisch betrachtet meine Mom mich. Und als würde das nicht reichen, zieht sie auch noch die Augenbrauen ein wenig nach oben. Diesen Blick habe ich als kleines Kind schon gehasst und ich hasse ihn noch immer. Früher hat sie mich immer so angesehen, wenn sie genau wusste, dass ich nicht die Wahrheit sage. Doch ich weiß nicht, wieso sie mich jetzt so betrachtet. Schließlich habe ich nicht gelogen.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktionieren wird“, wirft sie ein und gibt somit den Grund für ihr merkwürdiges Verhalten preis.
„Dann werde ich halt abhauen, sobald er mir über den Weg läuft. Es ist ja nur für ein paar Wochen. Da werde ich mir jetzt bestimmt keine Sorgen machen. Wir sehen uns später.“ Mehr sage ich nicht. Ich warte auch nicht darauf, ob sie dem noch etwas hinzufügen will.
Schnell drehe ich mich um und verlasse das Haus, bevor ich Gefahr laufe, dass diese Unterhaltung über Jax weiter geht. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, mich weiter über ihn zu unterhalten.
Ich höre ihr leises Lachen, noch bevor die Tür hinter mir ins Schloss gefallen ist. Auf diese Weise zeigt sie mir, dass sie dieses Thema wieder aufnehmen wird. Auch wenn ich nicht genau sagen kann, wann das sein wird. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass es Morgen sein kann oder auch erst in ein paar Wochen.
Langsam öffne ich meine Augen ein Stück, sodass die Sonne mich nicht so sehr blendet. Erst dann schaue ich nach oben. Es dauert einen Moment bis ich merke, dass jemand einen langen Schatten auf mich wirft. Und dann brauche ich noch etwas um festzustellen, dass es Jax ist, der neben meinem Liegestuhl steht und mich beobachtet. Aufgrund der Sonne kann ich seinen Gesichtsausdruck nicht richtig deuten. Dennoch weiß ich, dass ihn etwas beschäftigt.
Ich richte mich ein Stück auf, wobei ich aber auch Ausschau nach meinem Bruder halte. Es kommt mir vor, als könnte ich ihn wie eine Art Schutzschild vor mich stellen und Jax so ausweichen. Doch von ihm ist weit und breit leider nichts zu entdecken.
Die nächsten Sekunden kommen mir wie eine Ewigkeit vor. Ich werde immer nervöser. Vor allem deswegen, weil ich nicht weiß, was er von mir will.
„Wo ist Mason?“, frage ich ihn also.
Mich über ihn zu unterhalten scheint mir einfacher zu sein, als mich mit dem eigentlichen Grund dafür zu unterhalten, dass er hier steht. Und wenn er schon nicht hier ist, will ich ihn auf diese Weise zwischen uns stellen.
„Ich gehe davon aus, dass er noch immer beim Tätowierer ist. Ich hatte keine Lust mehr danebenzusitzen und ihm das Händchen zu halten. Er ist ja schließlich erwachsen und wird es deshalb auch alleine schaffen.“ Jax zuckt mit den Schultern. Dann lässt er sich auf den Stuhl sinken, der sich hinter ihm befindet.
Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Genauso, wie es auch gestern schon der Fall war, sind seine Bewegungen geschmeidig und seine Stimme sanft. Es passt so überhaupt nicht zu seinem Auftreten geschweige denn zu seinem äußerlichen Erscheinungsbild. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich das nicht irritiert.
Gelassen sitzt er dort und beobachtet mich. Ich weiß es nicht genau, doch es scheint so, als würde es ihm nichts ausmachen, dass wir hier alleine sind. Und es gibt keinen Grund, wieso es nicht so sein sollte. Denn genauso wie Mason erwachsen ist, so bin ich das auch und ich kann sehr wohl auf mich alleine aufpassen.
Dennoch kann ich das von mir nicht gerade behaupten. Die Ruhe, die er anscheinend hat, fehlt mir. Ich bin mir mehr als nur etwas darüber bewusst, dass wir alleine sind. Und das reicht aus, um mein Herz wieder schneller schlagen zu lassen. Ich werde nervös und sehe keinen Ausweg.
Das einzige, was ich machen kann, ist zu hoffen, dass er es nicht merkt. Da Jax mich nicht aus den Augen lässt, stehen meine Chancen nicht so gut. Vor allem deswegen, weil ich nicht gerade die beste Schauspielerin bin. Deswegen versuche ich mich auf etwas anderes zu konzentrieren, doch auch das scheint nicht zu funktionieren.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in der Vergangenheit die Anwesenheit einer anderen Person so wahrgenommen habe, wie es bei Jax der Fall ist.
Ich kann nicht sagen, wieso er mich so einnimmt. Und ich will mir darüber auch nicht den Kopf zerbrechen. Ich gebe zu, dass ich Angst davor habe, dass es Licht auf etwas bringt, mit dem ich mich besser nicht so genau beschäftige.
„Und du willst dir kein neues machen lassen?“, erkundige ich mich. Ich deute auf seine Arme, die von Tattoos übersät sind. Mein Gefühl sagt mir, dass der Rest seines Oberkörpers genauso aussieht.
Doch es ist nicht nur die Neugierde, die mich dazu bewegt, dass ich diese Frage stelle. Nein, es ist auch so, dass ich hoffe, auf diese Weise die Unterhaltung auf ein neutrales Gebiet lenken zu können.
„Ich wüsste nicht was“, antwortet er und verzieht ein wenig das Gesicht. „Oder hast du vielleicht eine Idee?“ Jax lehnt sich ein Stück nach vorne. So verhindert er es, dass ich ihm ausweichen kann.
„Ich habe keine Ahnung, was zu deinen noch passen würde. Bis jetzt habe ich mich aber auch noch nie damit auseinandergesetzt.“
„Meinst du, dass es darum geht?“
„Worum?“ Ich verheimliche nicht, dass ich keine Ahnung habe, wovon er spricht. Was aber vor allem daran liegt, dass es mir vorkommt, als wäre meine Entscheidung für dieses Thema nicht die beste gewesen.
„Das eines zum anderen passt oder passen muss.“ Neugierde hat sich in seine Augen geschlichen.
„Du hältst mich wahrscheinlich für doof. Ich finde, dass sie schon zueinander passen sollten“, erwidere ich und zucke mit den Schultern.
Jax lacht leise. Sein Blick ist durchdringend, beinahe beschwörend. Auch wenn die Gläser meiner Sonnenbrille stark getönt sind und er meine Augen deswegen nicht sehen kann, kommt es mir so vor, als wäre genau das der Fall. Er kann in mein Inneres sehen und ich habe keine Möglichkeit, mich davor zu schützen.
Ich muss mir in Erinnerung rufen, dass er ein Freund meines Bruders ist. Alleine deswegen darf ich mich von ihm schon nicht aus der Ruhe bringen lassen. Da ist aber auch noch der Punkt, dass er nicht unbedingt zu den Männern gehört, mit denen ich sonst etwas anfangen würde. Ich würde um ihn einen riesigen Bogen machen. Doch ich kann es nicht. Da ist etwas, was mich daran hindert.
„Nein, ich würde dich nicht als doof bezeichnen. Es ist jedem selber überlassen, was er sich stechen lässt.“ Jax zuckt mit den Schultern. „Aber ich komme noch auf deine Feststellung zurück. Ich bin sogar der Meinung, dass du ziemlich schlau bist.“
„Du meinst, ich wäre schlau? Wenn ich mich richtig erinnere, kennst du mich überhaupt nicht“, werfe ich schnell ein.
„Dein Bruder hat genug erzählt, damit ich das sagen kann. Ich muss aber zugeben, dass es da noch ein paar andere Begriffe gibt, mit denen ich dich beschreiben würde.“
Ein schiefes Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. Ich bin mir sicher, dass es den meisten Frauen alleine deswegen schon schwerfällt, sich von ihm fernzuhalten. Er braucht es nicht zu sagen, ich weiß auch so, dass er mit seiner Art schon der einen und anderen das Herz gebrochen hat. Mich würde es wundern, wenn es nicht so wäre.
„Und welche wären das?“ Ich kann nicht einschätzen, ob ich wirklich eine Antwort auf diese Frage haben will. Doch er hat mich neugierig gemacht. Auch wenn ich das Risiko damit eingehe, dass ich ihn zu nah an mich heranlasse.
„Du bist frech, hast eine gute Bindung zu Mason und müsste ich raten, würde ich sagen, mit deinen Eltern verstehst du dich auch blendend.“
„Woher willst du das wissen? Ich meine, du hast mich mit meinen Eltern noch nicht erlebt.“
„Und wieder kann ich dir nur sagen, dass Mason es mir erzählt hat. Aber es gibt auch Eigenschaften an dir, für die ich deinen Bruder nicht brauche, um es festzustellen“, spricht er weiter. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Eigenschaften, die du nicht verheimlichst. Wobei ich glaube, dass du sie selber nicht wirklich wahrnimmst.“
„Und die wären?“, fordere ich ihn heraus. Sogar ich merke, dass meine Stimme viel zu leise ist.
Ich will es wissen. Egal, welches Risiko ich damit eingehe.
„Du bist süß, vorlaut, gutaussehend und sexy. Aber vor allem hast du das schönste Lächeln, das ich gesehen habe.“
Mein Mund öffnet sich, da ich das Gefühl habe, ich würde nicht genug Luft bekommen. Mein Herz setzt für einen Augenblick aus, nur um dann in doppelter Geschwindigkeit weiterzuschlagen. Seine Worte sorgen dafür, dass ich rot werde. Auch wenn ich mir darüber bewusst bin, dass ich nicht die erste bin, die das aus seinem Mund zu hören bekommen hat.
Er hat mich damit eiskalt erwischt. Dieses Wissen ändert nichts daran, dass ich gar nicht weiß, wann ich so viele Komplimente auf einmal bekommen habe.
Falls ich dies überhaupt bis jetzt der Fall war.
Und es ändert auch nichts daran, dass ich zugeben muss, dass er mich anscheinend genauer beobachtet habe, als ich es erwartet habe.
Verzweifelt suche ich nach etwas, was ich zurückgeben kann. Doch es ist egal, was mir in den Kopf kommt, alles scheint total idiotisch zu sein. Dabei bin ich sonst nicht auf den Mund gefallen.
Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Während dieser Zeit merke ich, dass er seine Worte ernst meint. Ich kann nicht sagen, woher ich das genau weiß, doch ich weiß es.
Als ich auch nach einer kurzen Zeit nichts gesagt habe, lacht Jax leise.
„Das ist nicht lustig“, murmle ich, obwohl ich nicht weiß, was ich damit meine.
„Ich habe nicht gedacht, dass man dich mit der Wahrheit so leicht aus dem Konzept bringen kann.“
„Aus dem Konzept bringen?“ Gerade war ich noch sprachlos. Nun weiß ich sehr wohl, was ich sagen soll.
„Mein Gefühl sagt mir, dass man es dir noch nie so offen ins Gesicht gesagt hat. Und das bringt mich zu dem Entschluss, dass die letzten Männer, mit denen du zusammen warst, Idioten sind. Aber vielleicht haben sie es auch nie versucht es dir so offen zu sagen. Was sie aber auch zu Idioten macht. Ich bin nämlich der Meinung, dass man das einer Frau wie dir ständig sagen sollte.“
Ich schlucke. Etwas anderes kann ich gerade nicht machen. Er hat mir die Worte, die ich gerade noch sagen wollte, aus dem Mund genommen.
„Welches Tattoo hast du denn?“, erkundigt er sich als Nächstes und wechselt damit das Thema. Zumindest gehe ich davon aus, dass er das macht.
„Ehrlich gesagt habe ich nicht ein einziges“, erwidere ich.
Überrascht über meine Antwort sieht Jax mich an. Er braucht es nicht zu sagen, ich weiß auch so, dass er es mir nicht glaubt. Aber das tun die wenigsten, denn mein Bruder ist übersät mit Tattoos.
„Warum?“
„Ich habe mir bis jetzt noch nie Gedanken darüber gemacht, ob es etwas gibt, was ich gerne auf der Haut tragen würde.“ Während ich spreche, zucke ich mit den Schultern.
„Ich wette, dass ich ein passendes für dich finden würde“, fordert er mich heraus.
„Oh nein“, rufe ich und schüttle entschieden den Kopf. „Ich habe nicht vor, mir in nächster Zukunft eines stechen zu lassen.“
Ich lasse nicht den geringsten Zweifel daran, dass ich es so meine, wie ich es gesagt habe. Er braucht gar nicht erst denken, dass er mich dazu überreden kann.
„Das werden wir noch sehen“, raunt er verschwörerisch.
Der dunkle Ton bereitet mir eine Gänsehaut. Und wieder bin ich mir sicher, dass er es genau bemerkt hat. Schließlich ist es heiß und ich sitze mitten in der Sonne. Da ist es schon nicht zu übersehen.
„Was werden wir sehen?“, ertönt in der nächsten Sekunde die Stimme meines Bruders, noch bevor ich Jax sagen kann, dass er es erst gar nicht versuchen muss.
Erschrocken zucke ich zusammen. Ich war so sehr auf seinen Freund konzentriert, dass ich überhaupt nicht gemerkt habe, wie Mason ebenfalls dazu gekommen ist. Langsam, um mich nicht zu verraten, drehe ich meinen Kopf in seine Richtung und stelle fest, dass er nur wenige Meter von uns entfernt steht.
Ich kenne meinen Bruder gut genug um zu wissen, dass er wissen will, worüber Jax und ich uns unterhalten haben. Unter jeder anderen Voraussetzung würde ich ihm das auch sagen. In diesem Fall mache ich aber gerne eine Ausnahme. Ich weiß nicht, ob Jax es ihm sagen wird, doch ich werde es nicht machen. Vor allem, weil ich die Befürchtung habe, dass die Unterhaltung dann auch auf die Komplimente fallen wird, die Jax mir vorhin gemacht hat. Und das ist etwas, was Mason nun wirklich nicht wissen muss.
„Wann du wieder nach Hause kommst“, erwidere ich schnell, noch bevor Jax überhaupt Luft holen kann. Ich habe die Befürchtung, dass Jax meine Lüge auffliegen lässt. Auf sein Gesicht hat sich nämlich ein freches Grinsen gelegt. Zu meiner Überraschung gibt er aber keinen Ton von sich.
Mason will gerade den Mund aufmachen, als ich sehe, wie noch jemand hinter ihm auftaucht, mit dem ich so früh nicht gerechnet habe.
„Hi“, begrüßt Lana uns und strahlt mich von einem Ohr bis zum anderen an. Ihr scheint überhaupt nicht bewusst zu sein, dass Mason direkt neben ihr steht.
Aber vielleicht verdrängt sie das auch einfach nur, denke ich.
So genau kann ich das nicht beurteilen.
Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis sie mich vom Gegenteil überzeugt. Ihr Blick wandert nach rechts. Ich kann ihr förmlich zusehen, wie die gute Laune ein wenig verschwindet. Ich bin sogar der Meinung, dass sie genervt aussieht. Schnell macht sie sogar einen Schritt zur Seite, um etwas mehr Abstand zwischen sich und Mason zu bringen.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Jax fragend die Augenbrauen nach oben zieht. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, meinem Bruder einen mahnenden Blick zuzuwerfen, sodass ich nicht darauf eingehen kann. Außerdem soll Mason ihm das schön selber erklären. Ich bin ja schließlich nicht seine Privatsekretärin.
Das ist eine Geschichte zwischen Lana und ihm. In die wollte ich schon damals nicht hineingezogen werden und das will ich noch immer nicht. Ich kann auch nicht sagen, dass man es wirklich so nennen kann.
Um zu verhindern, dass die beiden sich vielleicht doch noch in die Haare bekommen, stehe ich auf und streife mir mein Kleid über. Ohne ein weiteres Wort von mir zu geben oder die Jungs zu beachten, gehe ich an ihnen vorbei. Ich greife nach Lanas Handgelenk und ziehe sie hinter mir her, während ich das Haus betrete.
„Seitdem er hier ist, war ich zweimal hier. Und immer bin ich Mason über den Weg gelaufen“, erklärt Lana. Sie sieht mich so an, als würde sie von mir eine Antwort darauf verlangen.
Ich kann verstehen, dass es nicht leicht für sie ist, nachdem beide sich ziemlich unschöne Dinge an den Kopf geworfen und nie darüber gesprochen haben. Gerade deswegen bin ich froh darüber, dass sie sich zurückhält und sich nicht weiter mit ihm streitet. Zumindest war das bis jetzt der Fall und ich kann nur hoffen, dass es auch so bleibt.
„Ich kann also davon ausgehen, dass du nicht gekommen bist, um meinen Bruder zu sehen“, stelle ich nüchtern fest. Ich hoffe, dass sie es mit dem Humor sieht, mit dem ich es meine.
„Nein“, antwortet sie nur, ohne auf meinen kleinen Scherz einzugehen. „Ich bin wegen einem Mann hier.“
Eigentlich wollte ich gerade nach oben gehen. Nun halte ich mitten in der Bewegung inne. Langsam, und vielleicht auch ein wenig vorsichtig, drehe ich mich zu ihr um.
„Was?“ Ich kann nicht für mich behalten, dass ich ein wenig Angst vor dem habe, was als Nächstes aus ihrem Mund kommen wird. Gleichzeitig macht sich aber auch ein Bild von Jax vor meinem inneren Auge breit.
„Ich war heute Morgen unterwegs und habe ein paar Besorgungen für meine Mom gemacht. Du weißt ja, dass sie seit ihrem Unfall nur noch ungern Auto fährt.“
„Und?“, hake ich nach.
„Mir ist da dieser Typ über den Weg gelaufen“, fügt sie schließlich hinzu. „Wir haben uns ein wenig unterhalten. Beinahe hätte ich sogar vergessen, wieso ich unterwegs war. Auf jeden Fall haben wir uns von Anfang an super verstanden und da hat er mich für heute Abend eingeladen.“
„Du hast einen Typen kennengelernt?“, frage ich nach, um mich davon zu überzeugen, dass ich sie richtig verstanden habe. An ihrer Aussage gibt es nichts, was man falsch verstehen könnte. Dennoch macht sich ein merkwürdiges Gefühl in mir breit.
„Und deswegen bin ich hier. Ich wollte dich fragen, ob du mir vielleicht dein Kleid leihst, was du gestern getragen hast.“ Bittend sieht sie mich an. „Nicht jeder von uns hat das Glück und wohnt die nächste Zeit mit einem heißen Typen wie Jax zusammen“, fügt sie noch hinzu, nachdem ich nach einer Ewigkeit nichts gesagt habe. Wahrscheinlich geht sie davon aus, dass ich es für eine schwachsinnige Idee halte, dass sie sich mit ihm trifft.
„Oh Mann“, seufze ich, nachdem sie ihn ins Spiel gebracht hat.
Ich gehe weiter nach oben, bevor ich Gefahr laufe und noch etwas dazu sage. Oder noch schlimmer, dass die Jungs etwas von unserer Unterhaltung mitbekommen.
„Hier ist es.“ Mit diesen Worten reiche ich es ihr, nachdem wir mein Schlafzimmer betreten haben.
„Danke, ich verspreche dir, dass du es morgen wieder bekommen wirst. Und dann werde ich dir auch berichten, wie es gelaufen ist.“
Lana scheint sich auf das Date zu freuen. Deswegen beschließe ich, dass ich ihr nichts von meinen Zweifeln sagen werde. Vor allem, weil ich nicht einordnen kann, woher sie kommen.
„Falls etwas sein sollte, kannst du mich jederzeit anrufen“, erkläre ich ihr dennoch.
„Ich weiß.“ Sie zwinkert mir zu, bevor sie genauso schnell verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Ich habe nicht mehr die Zeit, mich vernünftig von ihr zu verabschieden, oder mich nach näheren Infos über diesen Typen zu erkundigen.
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Wach liege ich in meinem Bett. Das Zimmer wird nur von dem Licht erhellt, was von den umliegenden Gärten hineinscheint. Doch es reicht aus, dass ich an die Decke starren kann. Zum einen mache ich mir Sorgen um Lana. Obwohl das vielleicht etwas übertrieben ist, schließlich weiß ich, dass sie sich ganz gut selbst verteidigen kann. Mein Gefühl sagt mir nur, dass ich noch ein wenig warten sollte, bevor ich die Augen schließe. Ich hoffe es passiert nichts, aber ich kann auch nicht von der Hand weisen, dass ich mich auf mein Gefühl verlassen kann. Und das sagt mir, dass ich lieber noch etwas abwarten soll.
Doch da ist auch noch Jax. Er will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Man könnte auch sagen, dass er meine Gedanken beherrscht. Der zweite Tag, an dem er hier war, geht zu Ende. Es sind nur zwei Tage, nicht die Ewigkeit. Und dennoch hat er es in dieser kurzen Zeit geschafft, sich in meine Gedanken zu schleichen und es gibt anscheinend nichts, was ich dagegen unternehmen kann.
Das hat er von Anfang an.
Dabei weiß ich, dass er es nicht darauf angelegt hat. Beziehungsweise, ich wüsste nicht einen einzigen Grund, wieso das so sein sollte. Ich kenne nämlich Männer wie ihn. Und die sind nicht hinter Frauen her, die so sind wie ich.
Seufzend will ich mir gerade die Decke über den Kopf ziehen, als das leise Klingeln meines Handys an mein Ohr dringt. Einen Moment ziehe ich in Erwägung, es einfach klingeln zu lassen. Dann schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass es Lana sein könnte und sofort bin ich wieder hellwach.
Schnell greife ich nach dem Telefon und werfe einen prüfenden Blick auf das Display. Ihr Name springt mich beinahe an, sodass ich mich ruckartig aufrichte.
„Was ist passiert?“, erkundige ich mich alarmiert, bevor ich das Handy überhaupt richtig an mein Ohr halte.
„Kannst du mich abholen?“ Nur vier kleine Worte. Aber sie verraten mir mehr, als ihr wahrscheinlich bewusst ist. Auch der Ton ihrer Stimme trägt dazu bei, dass ich hellhörig werde.
„Wo bist du denn?“ Schon alleine, weil sie meine beste Freundin ist, ist es für mich keine Frage, ob ich sie einsammle.
Lana würde es für mich genauso machen.
Aufmerksam höre ich ihr zu, als sie mir den Namen des Clubs nennt, in dem sie sich gerade befindet. Als Nächstes gibt sie mir noch eine kurze Wegbeschreibung, da ich den Namen noch nie gehört habe. Es ist wahrscheinlich doch besser, wenn ich mir die Adresse heraussuche und sie im Navi eingebe. Ich habe ehrlich gesagt nämlich keine Ahnung, wo sie sich gerade befindet.
Knapp verabschiede ich mich von ihr, nachdem sie geendet hat. Während ich in meine Schuhe schlüpfe, versuche ich ihren Tonfall zu analysieren. Ich finde, dass sie sich nicht traurig oder so angehört hat. Sie klang eher verdammt wütend. Doch ich bin froh darüber. Ich brauche mir also keine Sorgen zu machen, dass sie ihm nachlaufen wird.
Mit großen Schritten gehe ich über den dicken Teppich, der im Flur verlegt ist und die Geräusche meiner Schritte schluckt. Doch nach wenigen Schritten höre ich den Fernseher aus dem Wohnzimmer. Sofort weiß ich, dass es nur Mason und Jax sein können, die noch wach sind. Schließlich ist es mitten in der Nacht und unsere Eltern schlafen um diese Uhrzeit schon lange, wenn sie nicht mit Freunden unterwegs sind.
Die Aussicht darauf, Jax nach unserer letzten Unterhaltung über den Weg zu laufen, ist nicht gerade das, was sich verlockend anhört. Um ehrlich zu sein wünsche ich mir sogar, dass wir sie nicht geführt hätten. Dann würde ich ihm jetzt nicht mit diesem mulmigen Gefühl gegenüber treten müssen. Wobei das aber noch reichlich untertrieben ist. Müsste ich erklären, ob es gut oder schlecht ist, könnte ich es nicht. Und das nur aus dem Grund, weil ich es nicht weiß. Leider kann ich das Gespräch aber nicht mehr rückgängig machen.
Obwohl ich es eilig habe, gehe ich langsam nach unten. Ich achte darauf, dass ich nicht so viele Geräusche von mir gebe. Ich weiß aber, dass es egal ist. Schließlich muss ich an den beiden vorbei, um das Haus zu verlassen.
„Hi Schwesterherz. Was hast du denn jetzt noch vor?“ Neugierig sieht Mason mich an, als ich mit großen Schritten an den Jungs vorbeigehe.
„Ich habe noch etwas zu erledigen“, erwidere ich und gehe weiter, ohne sie zu beachten. Als ich nach dem Türknauf greifen will, spricht Jax bereits weiter.
„Ist es wirklich so eine gute Idee ist, um zwei Uhr morgens noch alleine das Haus zu verlassen?“
Langsam, beinahe in Zeitlupe, wende ich mich an ihn. Ich kann nicht verhindern, meine Augenbrauen ein Stück nach oben zu ziehen. Ich weiß nicht, ob er es sehen kann, da nur der Fernseher das ansonsten dunkle Zimmer erhellt. Aber das ist mir auch egal.
„Ich war schon um diese Uhrzeit unterwegs. Deswegen werde ich den Weg von der Haustür zum Auto schon schaffen“, gebe ich zurück.
Ich klinge schnippischer, als ich es will. Ich kann es aber auch nicht verhindern. Schließlich bin ich kein kleines Kind mehr. Ganz davon abgesehen habe ich es auch in den letzten Jahren alleine geschafft, das Haus zu verlassen. Da brauche ich jetzt bestimmt niemanden, der sich Sorgen um mich macht.
Ich bin froh, dass mein Gehirn wenigstens nicht die Arbeit eingestellt hat. Ich weiß nicht, ob es an meinem Bruder liegt, gerade stört es mich aber auch nicht.
So kann ich Jax aber wenigstens zu verstehen geben, dass er nicht mein Freund, Bruder oder Vater ist. Nein, er ist nur ein Freund von meinem Bruder, von dem ich nichts weiß und der mich auch nicht sehr gut kennt.
„Das mag sein. Ich bin dennoch der Meinung, dass es besser ist, wenn ich dich begleite. Da draußen rennen merkwürdige Typen herum“, stellt er fest. Er richtet sich zu seiner vollen Größe auf.
Das ist der Moment, in dem ich nur noch Augen für ihn habe. Deswegen nehme ich auch nur am Rande wahr, dass Mason ihn irritiert ansieht. Darum kann ich mich jetzt aber nicht kümmern. Ich verarbeite noch immer, was er gerade gesagt, beziehungsweise beschlossen hat. Und das wiederum ist etwas, was mir überhaupt nicht gefällt.
Die Aussicht darauf, die nächste halbe Stunde mit ihm in einem Wagen zu sitzen ist nicht unbedingt das, was dafür sorgt, dass es mir besser geht. Mein Herz schlägt schneller und mein Kopf hört auf zu arbeiten. Deswegen fällt mir auch kein vernünftiger Grund ein, wieso er das nicht machen sollte.
„Das brauchst du nicht. Schließlich bin ich ja kein kleines Kind mehr. Ich werde nicht den Wagen verlassen“, starte ich dennoch einen Versuch. Ich hoffe, dass ich ihn so von dieser Idee abbringen kann. Ich brauche aber nur einen Blick in sein Gesicht zu werfen um zu wissen, dass er nach hinten losgegangen ist.
„Ich bin auch der Meinung, dass das eine gute Idee ist. Wenn Jax bei dir ist, brauche ich mir wenigstens keine Sorgen zu machen“, mischt sich nun auch noch Mason ein. „Sonst bist du ja mit deinen Freundinnen unterwegs, wenn du noch weg bist. Aber jetzt nicht. Es wird nicht schaden, wenn er ein Auge auf dich hat.“
„Und wieso machst du es dann nicht?“, erkundige ich mich.
„Er hat es zuerst vorgeschlagen.“ Unschuldig zuckt mein Bruder mit den Schultern. Allerdings kaufe ich ihm das nicht ab.
„Danke, Bruderherz“, zische ich.
Ich presse meine Lippen zu einer dünnen Linie aufeinander und will so verhindern, dass noch etwas herauskommt, was hier und jetzt nichts zu suchen hat. Das hindert mich aber nicht daran, ihn auf eine Art und Weise zu betrachten, die ihm genau klarmacht, dass ich es besser gefunden hätte, wenn er den Mund gehalten hätte.
Oder er wenigstens gesagt hätte, dass er mich begleitet. Auch, wenn das nicht die beste Idee gewesen wäre.
„Ich bin zwei- oder dreimal im Jahr hier. Das heißt, ich darf den großen Bruder raus hängenzulassen“, gibt er zurück und grinst frech.
Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Vor allem vor dem Hintergrund, dass er sich noch nie wie ein großer Bruder aufgeführt hat. Zu gerne würde ich wissen, wieso er das jetzt macht. Obwohl nein. Wenn ich genau darüber nachdenke, will ich es lieber gar nicht erst wissen.
„Komm Jax. Wir haben die Gelegenheit den neuen Freund meiner besten Freundin Lana kennenzulernen.“
Während ich ihren Namen nenne, lasse ich Mason nicht aus den Augen. Deswegen kann ich auch genau erkennen, wie er zusammenzuckt. Wieder frage ich mich, was da genau zwischen den beiden vorgefallen ist. Mich beschleicht das blöde Gefühl, als hätte ich nur die Hälfte mitbekommen. Und das war schon heftig genug. Deswegen bin ich schlau genug ihn nicht danach zu fragen. Wenn ich bei Lana schon kein Glück hatte, wird mein Bruder auch schweigen.
Zufrieden über seine Reaktion drehe ich mich um und gehe hinaus.
„Wir nehmen meinen Wagen“, verkünde ich und deute auf den Geländewagen.
„Soll mir recht sein. Aber ich fahre“, gibt Jax zurück. Blitzschnell greift er nach dem Schlüssel in meiner Hand, ehe ich die Chance habe, sie wegzuziehen.
Einen Moment nehme ich mir die Zeit und beobachte ihn, wie er mit Bewegungen, die trotz seiner Größe geschmeidig sind, zur Fahrerseite geht und einsteigt. Ich merke, wie nervös ich bin. Mein gesamter Körper zittert. Unter anderem habe ich davor Angst, dass wir die Unterhaltung weiterführen, die wir geführt haben, bevor Mason uns unterbrochen hat. Das ist etwas, was ich jetzt wirklich nicht gebrauchen kann.
Kurz schießt mir der Gedanken durch den Kopf, ihm einfach die Adresse zu geben. Schließlich kann er Lana auch alleine abholen und nach Hause bringen. Doch das wäre kindisch und total bescheuert. Obwohl ich mir heute Morgen vorgenommen habe, dass ich ihm aus dem Weg gehen will. Er hat sich wohl etwas anderes in den Kopf gesetzt. Ein wenig kommt es mir nämlich so vor, als würde er sich nicht von mir fernhalten wollen.
Um mir nicht anmerken zu lassen, dass ich nicht weiß, ob das wirklich eine so gute Idee ist, straffe ich die Schultern und gehe zu meinem Auto. Mit zitternden Fingern öffne ich die Tür auf der Beifahrerseite und steige ein. Ich ermahne mich, dass meine Reaktion auf ihn falsch ist.
Er ist mit meinem Bruder befreundet und ich nicht an ihm interessiert.
Doch auch das scheint nicht zu helfen. Es ist egal, wie oft ich es mir vorhalte, es ändert nichts.
„Dann sollten wir uns auf den Weg machen.“ Jax sieht mich kurz an, bevor er den Motor startet.
Die ersten Minuten sagt keiner von uns auch nur einen Ton. Es macht auch keiner von uns Anstalten die Stille zu unterbrechen. Ich weiß nicht, ob ich froh darüber sein soll, oder nicht. Tatsache ist, dass ich diese Ruhe hasse. Deswegen dauert es nicht lange, bis sie mich belastet. Doch ich weiß auch nicht, wie ich sie beenden kann.
„Ich muss zugeben, dass ich dich ein wenig bewundere“, beginnt Jax, nachdem wir die Innenstadt erreicht haben. Da ich keine Ahnung habe, wovon er spricht, drehe ich mich zu ihm.
Er hingegen scheint mich nicht zu beachten. Deswegen ziehe ich meine Stirn kraus, auch wenn ich mir darüber bewusst bin, dass es nichts bringt. Schließlich sieht er mich ja nicht an.
„Was meinst du?“, frage ich ihn schließlich.
„Ich kann mich irren. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du in einer Shorts und einem Top, die mehr etwas für den Sport sind, in einen Club gehst, um den neuen Freund deiner besten Freundin zu treffen.“ Er deutet auf meine Klamotten.
Kurz betrachte ich sie ebenfalls. Ich komme nicht drumherum ihm zuzustimmen. Ich trage noch immer die Sachen, die ich nach dem Duschen angezogen habe und die sind nicht wirklich für einen Club oder eine Bar geeignet.
„Du irrst dich nicht“, gebe ich zu.
Ich mache es nicht gerne, doch es macht auch keinen Sinn es zu leugnen. Außerdem würde er es nachher eh erfahren. Deswegen entscheide ich mich dafür, dass es bedeutend einfacher ist, mit der Wahrheit herauszurücken.
Aufmerksam hört Jax mir zu, während ich ihm die Kurzfassung berichte. Obwohl man das nicht als eine Kurzfassung bezeichnen kann. Schließlich weiß ich selber noch nicht soviel.
„Und was ist das zwischen Lana und Mason?“ Neugierig betrachtet er mich. Ich hingegen bin überrascht, dass es ihm aufgefallen ist. Obwohl es nicht zu übersehen ist, so wie die beiden sich in der Gegenwart des anderen verhalten.
„In dem Sommer bevor Mason umgezogen ist, sind die beiden im Bett gelandet. Wie sich herausgestellt hat, hatte Mason nicht nur mit ihr etwas am Laufen, sondern noch mit ungefähr zwei weiteren. Lana hat das heraus gefunden und ist ausgerastet. Sie hat ihm an den Kopf geworfen, dass sie ihn liebt und er sie so hinter gegangen hat.“
Es wundert mich, dass Mason diese Geschichte für sich behalten hat. Auf der anderen Seite bin ich mir aber sicher, dass er das nur getan hat, weil er mit mir verwandt ist und sie wiederum meine beste Freundin ist.
„Oh Mann“, seufzt Jax, nachdem ich geendet habe. Ein paar Meter fährt er noch weiter, ehe er am Straßenrand stehen bleibt und sich zu mir dreht. Auf diese unvergleichbare Weise, wie anscheinend nur er es kann, betrachtet er mich durchdringend.
„So kann man es auch bezeichnen“, murmle ich und zucke mit den Schultern.
„Jetzt weiß ich wenigstens, wieso er vorhin so einen verbissenen Gesichtsausdruck hatte“, scherzt er.
„Ich weiß nicht, ob sie wirklich in ihn verliebt war, oder es einfach nur so gesagt hat. Doch Lana ist niemand, der sich von einem Typen auf der Nase herumtanzen lässt. Und in diesem Fall ist mein Bruder irgendein Typ, auch wenn ich das nicht gerne sage. Da hat sie halt gekontert. Dank deren Geschichte habe ich mir geschworen, dass ich nie etwas mit dem Freund meines Bruders anfangen werde. Ich stand mehr oder weniger in der Mitte und kann gut darauf verzichten, Mason hineinzuziehen. Man merkt ja, dass es nach hinten losgeht.“
Erst nachdem ich die letzten beiden Sätze ausgesprochen habe, wird mir bewusst, was ich da gerade von mir gegeben habe. Sofort beiße ich mir auf die Unterlippe.
Ich wünsche mir, dass ich es zurück nehmen kann. Doch nun haben die Worte bereits meinen Mund verlassen.
Jax sieht mich an, als würde er etwas sagen wollen. Ich will es jedoch nicht hören. Deswegen verlasse ich das Auto und gehe auf den Eingang zu. Inständig hoffe ich, dass Lana hier vorne bereits auf mich wartet. Ich bin noch nicht in die Nähe des Eingangs gekommen, als sie mir mit einem wütenden Blick entgegenkommt.
Wie angewurzelt bleibe ich ruckartig stehen und schaue sie vorsichtig an. Ihre Schritte sind energisch und ihr Kiefer ist angespannt. Ihre Lippen ergeben eine dünne Linie, von der ich weiß, dass sie nichts Gutes zu bedeuten hat.
„Ich hasse Männer. Jeden einzelnen, der sich auf diesem Planeten befindet. Und ich will auch keinen mehr sehen. Vielleicht sollte ich lesbisch werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frauen genauso sind. Wieso gerate ich immer an die Arschlöcher? Das hat alles mit deinem Bruder angefangen“, faucht sie, als sie an mir vorbeigeht und dann in einiger Entfernung stehen bleibt.
Langsam drehe ich mich um und sehe sie an. Ich frage mich, ob ich ihr sagen soll, dass wir von einem Mann gefahren werden. Ich bin jedoch schnell der Meinung, dass es besser ist, wenn ich das nicht mache. Schließlich wird sie es eh gleich erfahren.
„Verrätst du mir auch, was passiert ist?“
„Es tut mir leid. Ich musste gerade nur verarbeiten, dass ich wirklich so viel Pech bei Männern habe. Nie hätte ich es für möglich gehalten. Irgendwann muss es doch vorbei sein.“ Entschuldigend schaut sie mich an.
„Jetzt sag mir doch endlich, was überhaupt geschehen ist“, fordere ich sie auf.
Ich halte es für besser, nicht auf ihren Kommentar einzugehen. Das würde wahrscheinlich noch viel längere Diskussionen nach sich ziehen. Und darauf habe ich gerade keine Lust.
„Der Abend fing super an“, erzählt meine beste Freundin mir schließlich. Sie hebt die Hände ein Stück und macht einen Schritt nach hinten, womit sie sich dem Wagen noch ein Stück nähert. Doch nicht nur diesem, sondern auch Jax. „Wir hatten eine Menge Spaß und haben uns sofort verstanden. Es hat aber nicht lange gedauert, bis es den Bach runterging. Ein Weib ist plötzlich aufgetaucht und hat sich ihm an den Hals geworfen. Was soll ich sagen? Es hat nicht lange gedauert, bis sich herausgestellt hat, dass die beiden vor einigen Monaten etwas miteinander hatten.“
Lana braucht nicht weiterzusprechen, ich kann mir auch so vorstellen, wie es weiter gegangen ist.
„Er hat doch keine Ahnung. Genauso wenig wie mein Bruder oder einer der anderen Typen, die dich nur ausnutzen wollten“, versuche ich ihre Laune wieder ein wenig zu heben. Ein Blick in ihr Gesicht sagt mir, dass das nicht der Fall ist. Es scheint eher das Gegenteil zu passieren.
„Du hast leicht reden“, murmelt sie vor sich hin und lässt den Kopf hängen. Es ist selten, dass man sie so sieht. Doch wenn es vorkommt, dann ist sie wirklich niedergeschlagen.
„Kannst du mir vielleicht auch verraten, wie du das meinst?“, gebe ich zurück und mache zwei Schritte auf sie zu.
„Seit zwei Tagen lebst du mit einem Typen unter einem Dach, der eindeutig scharf auf dich ist. Das ist doch überhaupt nicht zu übersehen, er macht ja auch nicht gerade ein Geheimnis draus.“ Ungläubig sieht sie mich an.
Ich schwanke. Außerdem kommt es mir so vor, als würde sich der Boden unter mit auftun. Doch nicht aus dem Grund, weil sie es offen gesagt hat. Zumindest nicht nur. Es ist viel eher so, dass sie noch nicht ausgesprochen hat, als Jax in meinem Sichtfeld auftaucht.
„Redest du von mir?“, fragt er Lana, bevor diese noch etwas hinzufügen kann.
Mit weit aufgerissenen Augen dreht sie sich erschrocken zu ihm herum. Einen Moment ist es still. Es ist beinahe gruselig, wenn ich daran denke, wie wütend sie vorhin noch gewesen ist.
„Hi“, murmelt meine Freundin schließlich verlegen, bevor sie sich mir wieder zuwendet. Ich kenne diesen Gesichtsausdruck und weiß, dass ich mich nicht so sehr damit auseinandersetzen will.
„Mein Bruder und Jax haben sich einen Film angesehen, als ich mich auf den Weg machen wollte“, erkläre ich. „Jax hat darauf bestanden zu fahren, damit ich mich nicht alleine auf den Weg machen muss.“ Ich setze ich mich in Bewegung und gehe an ihr vorbei. „Es hat nichts damit zu tun, dass er scharf auf mich ist“, flüstere ich so leise, als wir auf einer Höhe sind, dass nur sie mich verstehen kann.
Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich selbst nicht so überzeugt von meinen Worten bin. Als ich an Jax vorbeigehe, halte ich mir sogar vor Augen, dass ich dringend etwas Abstand zwischen uns bringen muss. Wobei etwas noch leicht untertrieben ist. Doch wie er mir an diesem Tag bewiesen hat, wird das nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt habe.
5
Hätte ich gewusst, dass es so schwierig, beinahe unmöglich ist, mit Jax und meiner besten Freundin in einem Wagen zu sitzen, hätte ich mich nicht darauf eingelassen. Ich hätte mich geweigert, überhaupt in die Nähe des Wagens zu gehen.
Auch nicht in meinem Traum.
Jax hat anscheinend keine Ahnung, was hier gerade vor sich geht. Auf jeden Fall würde ich es so einschätzen, da er gelassen den Wagen durch die Straßen lenkt. Ich will mich aber nicht darauf festlegen.
Leider weiß ich nur zu genau, was ihr gerade durch den Kopf geht, dafür brauche ich sie nicht anzusehen. Und es ist ehrlich gesagt nichts, mit dem ich mich jetzt auseinandersetzen will. In diesem Moment fehlt mir einfach die Kraft dafür.
Mit einem halben Ohr bekomme ich mit, dass sie sich unterhalten. Ich bin gerade jedoch nicht in der Lage, mich auf das Gespräch zwischen den beiden zu konzentrieren. Ich muss aber zugeben, dass es mich überhaupt nicht interessiert. Mich damit zu beschäftigen würde wahrscheinlich nur die Reaktion verstärken, die Jax eh schon auf mich hat, denn damit würde ich mich auch mehr auf ihn konzentrieren.
„Danke, dass ihr mich abgeholt habt“, sagt sie, als Jax vor dem Haus ihrer Eltern stehen geblieben ist.
„Kein Problem. Und sollte er sich bei dir melden, sage mir Bescheid. Ich trete ihm gerne in den Arsch“, verkünde ich mit fester Stimme. Dabei drehe ich mich zu ihr um.
Lana erwidert nichts, verzieht aber ein wenig das Gesicht. So zeigt sie mir, dass sie nichts mehr von ihm wissen will, worüber ich froh bin.
„Wir sehen uns morgen“, verabschiede ich mich von ihr und zwinkere ihr zu.
„Was ist denn morgen?“ Jax sieht mich fragend an.
Ich hingegen gebe keinen Ton von mir. Um ehrlich zu sein warte ich darauf, dass Lana ihm antwortet. Doch auch sie macht keine Anstalten, es ihm zu sagen. Stattdessen betrachtet sie mich und hat noch die Augenbrauen nach oben gezogen. Ich sehe ihr an, dass sie sich nur schwer ein Grinsen verkneifen kann.
Unauffällig schüttle ich den Kopf.
„Das kannst du ihm auch alleine erzählen“, beschließt Lana, worüber ich froh bin. „Ich werde jetzt ins Bett gehen. Bis Morgen.“
Mit diesen Worten öffnet sie die Tür und steigt aus. Noch bevor ich die Chance habe, mich ebenfalls zu verabschieden, hat sie diese wieder hinter sich geschlossen und ist verschwunden.
„Jetzt erzähl schon. Ich will ich nichts verpassen“, fordert Jax mich auf. Er löst die Bremse und fährt an.
„Du brauchst keine Angst zu haben, dass du etwas verpasst. Es ist nur so eine Art Mädelstag. Nichts, was du interessant finden wirst“, erwidere ich und zucke mit den Schultern.
Ich drehe mich nach vorne, da es mir so vorkommt, als würde ich ihn mit meiner Aussage enttäuschen. Er gehört nämlich eindeutig zu den Männern, die es lieben, wenn eine Party steigt. Das braucht er mir nicht zu sagen. Mir reicht schon zu wissen, dass er mit meinem Bruder befreundet ist. Man könnte auch sagen, dass es eine Grundvoraussetzung ist.
Als ich aus dem Augenwinkel einen Blick auf ihn werfe, bemerke ich, dass er nicht so aussieht, als wäre er enttäuscht über meine Worte. Es legt sich ein freches Grinsen auf seine Lippen.
Gerne würde ich in Erfahrung bringen, was es zu bedeuten hat. Ich habe Angst, dass ich damit wieder auf ein Thema zu sprechen komme, über das ich mich nicht unterhalten will. Deswegen ziehe ich es vor, meinen Mund zu halten. Auch, wenn mir das schwerfällt.
Die letzte Nacht kommt mir noch immer wie ein Traum vor, als ich mich am nächsten Tag fertig mache. Allerdings weiß ich, dass es wirklich geschehen ist, obwohl ich mir wünsche, dass es nicht so ist. Es ist nichts Schlimmes passiert und dennoch lässt es mich einfach nicht mehr los.
Mir ist bewusst, dass dieses Verhalten total lächerlich ist. Trotzdem bleibe ich einen Moment in meiner geöffneten Schlafzimmertür stehen und horche ins Haus hinein. Erst, als ich mich davon überzeugt habe, das wirklich nichts zu hören ist, husche ich schnell nach unten und verlasse das Haus. Für die meisten klingt es wahrscheinlich total bescheuert und vielleicht ist es das auch. Doch bis jetzt ist mir immer Jax über den Weg gelaufen, wenn ich mein Schlafzimmer verlassen habe. Und heute will ich das umgehen.
Zügig steige ich in meinen Wagen und mache mich auf den Weg zu meinen Freundinnen an den Strand. Ich bin mir sicher, dass sie bereits auf mich warten. Vor allem Savannah gehört zu denjenigen, die grundsätzlich immer zu früh sind, während ich meistens zu spät komme.
Ich kann nicht verhindern, dass ich noch einen letzten Blick auf das Auto von Jax werfe, bevor ich fahre. Es steht noch immer an der gleichen Stelle, wie in der letzten Nacht. Der Wagen meines Bruders hingegen ist verschwunden, sodass ich davon ausgehe, dass die beiden mit einem gefahren sind.
Mir entweicht ein Seufzer, den ich am liebsten für mich behalten hätte. Deswegen bin ich gerade froh darüber, dass ich alleine bin. So muss ich wenigstens keine Fragen beantworten.
Um mich auf andere Gedanken zu bringen, fahre ich so schnell wie möglich zum Malibu Surfrider Beach. Während ich den Wagen parke, halte ich Ausschau nach Lina, Savannah und Liana. Ich habe ihn noch nicht verlassen, als ich Liana und Savannah bereits aufgeregt winken sehe. Sie stehen nur wenige Schritte von meinem Wagen entfernt.
„Wo hast du Lana gelassen?“, erkundigt sich Savannah. Sie wirft einen prüfenden Blick auf meinen Wagen, als würde sie erwarten, dass unsere Freundin aussteigt.
„Sie hat mir heute Morgen eine Nachricht geschrieben, dass wir uns hier treffen“, gebe ich zurück und zucke mit den Schultern. Auf diese Weise will ich ihnen verdeutlichen, dass ich auch nicht mehr weiß. Und schon gar nicht, wo sich unsere Freundin aufhält. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich neugierig bin.
„Hmm“, macht Liana.
Ich kenne den Tonfall. Er bedeutet, dass sie davon ausgeht, dass Lana ein Date hat. Nach dem gestrigen Abend kann ich mir das aber nicht vorstellen. Doch die beiden wissen noch nichts davon.
„Wir sollen uns schon einen Platz suchen und ihr eine Nachricht schreiben, wo sie uns finden kann“, füge ich deswegen noch hinzu.
„Hmm“, wiederholt Liana sich.
„Ist alles in Ordnung mit ihr? So kennt man sie ja überhaupt nicht.“ Besorgt verzieht Savannah das Gesicht.
Kurz überlege ich, ob ich ihnen von der letzten Nacht berichten soll. So könnte ich wenigstens den Verdacht von Liana aus dem Weg räumen, da ich mir nicht vorstellen kann, dass sie sich bereits mit dem nächsten Typen trifft. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass mir kein Argument dafür einfällt, dass ich es nicht machen sollte.
Gespannt hören die beiden mir zu. Als ich ihnen erzähle, wie der Typ einfach mit seiner Ex abgehauen ist, kneifen sie die Augen zusammen.
„Da wäre ich auch sauer“, murmelt Savannah, nachdem ich geendet habe. „Ich glaube, ich hätte den Typen noch an Ort und Stelle kastriert.“
„Als wir bei ihrem Haus ankamen hat sie nicht mehr den Eindruck auf mich gemacht, als wäre sie sauer, wütend, oder sonst etwas, was in diese Richtung geht.“ Das sie vor allem mich und Jax beobachtet hat, behalte ich lieber für mich. Ich glaube nämlich, dass sie das von dem beschissenen Abend ganz schön abgelenkt hat.
Außerdem wäre Lana nicht Lana, wenn sie sich wirklich von einem Typen aus der Bahn werfen lassen würde. Auf jeden Fall nicht so sehr, dass es sie tagelang beschäftigt. Bis jetzt war es immer so, dass es ihr nach ein paar Stunden wieder gut ging.
Wenn ich von meinem Bruder absehe. Er hatte es geschafft, dass sie ewig wütend auf ihn ist. Und es kommt mir so vor, als wäre sie das noch immer. Wenigstens ein wenig.
Aber nichts was mit meinem Bruder zu tun hat, ist normal. Das war es noch nie und wird es wahrscheinlich auch nie sein. Mason macht sich gerne seine eigenen Regeln.
Gemeinsam suchen wir uns eine passende Stelle, die nicht so weit vom Meer entfernt ist, und auch nicht so nah, dass die tobenden Kids uns nass machen. Es dauert noch eine Stunde, bis auch Lana bei uns ist.
„Wo warst du?“, frage ich sie, nachdem sie auch nach einer Ewigkeit keine Anstalten gemacht hat, etwas zu sagen. Um genau zu sein hat sie uns nur begrüßt und sich dann umgesehen.
Ich betrachte sie von oben bis unten. Aber auch so fällt mir nichts auf, was mir vielleicht eine Antwort auf die Frage geben würde. Sie sieht aus wie immer.
„Wo soll ich denn gewesen sein?“, kontert Lana und breitet ihre Decke neben meiner aus.
Da auch Liana und Savannah sofort verstummen, betrachtet Lana uns, als würde sie uns für bescheuert erklären wollen. Auch die beiden machen keine Anstalten, sich wieder auf etwas anderes zu konzentrieren. Sie betrachten unsere Freundin so, wie ich es auch mache.
Wir schweigen. So geben wir Lana eindeutig zu verstehen, dass sie vor uns nicht verheimlichen kann, dass etwas passiert sein muss. Ich kenne sie gut genug um zu wissen, dass sie niemals ohne einen triftigen Grund erst eine Stunde später kommen würde.
„Ich musste nur noch etwas erledigen“, erklärt Lana ausweichend. Dabei setzt sie eine verwunderte Stimme auf, als hätte sie keine Ahnung, wovon wir sprechen. Ich sehe ihr an, dass sie das genau weiß.
Dennoch ziehe ich es vor so zu tun, als würde ich nichts mitbekommen und gehe auf ihr Spiel ein. Früher oder später werde ich es ja doch erfahren, was los ist.
Langsam öffne ich meine Augen ein Stück, als ich merke, dass sich ein Schatten auf mein Gesicht gelegt hat. Allerdings schaue ich gegen die Sonne, sodass ich nur einen groben Umriss vor mir entdecken kann. Und der ist riesig und breit.
Ich richte mich ein Stück auf und kneife meine Augen noch etwas zusammen. Ich hoffe, dass ich die Person so besser erkennen kann. Doch es bringt nichts. Bevor ich aber auch nur den Hauch einer Ahnung haben kann, wer es ist, verschwindet der Schatten wieder. Dafür höre ich aber, wie sich jemand neben mich in den Sand sinken lässt. Ich kann nicht verhindern, dass mir ein leises Seufzen über die Lippen dringt, da ich davon ausgehe, dass sich wieder ein Idiot neben mir befindet, der mich nicht in Ruhe lassen wird.
Wahrscheinlich will er mir erzählen, wie toll er doch ist.
Ich brauche nur meinen Kopf in die entsprechende Richtung zu drehen um zu wissen, dass es nicht ein Fremder ist, der es auf mich abgesehen hat. Nein, diesen Mann kenne ich.
Jax sich nur wenige Zentimeter von mir entfernt und grinst von einem Ohr bis zum anderen.
Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Im ersten Moment bin ich zu überrascht, um etwas zu sagen oder ihn wenigstens zu begrüßen. Ich habe nicht gedacht, dass wir uns hier begegnen.
„Hi“, unterbricht er schließlich die Stille, die sich über uns gelegt hat. Seine Augen funkeln schelmisch, als würde er etwas aushecken.
Bei ihm könnte ich mir das sogar vorstellen.
„Hi“, murmle ich.
„Lass mich raten“, fährt er fort, als wäre es das normalste auf der Welt. „Du hast nicht damit gerechnet, dass wir uns ausgerechnet hier über den Weg laufen“, stellt er fest und spricht damit meinen Gedanken aus.
Darmowy fragment się skończył.