Czytaj książkę: «Pralinen unter Palmen»
Sandra Kudernatsch
Pralinen unter Palmen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
27. Februar
28. Februar
1. März
2. März
3. März
4. März
5. März
6. März
7. März
8. März
9. März
10. März
11. März
12. März
13. März
14. März
15. März
16. März
17. März
18. März
Epilog
Impressum neobooks
27. Februar
„Hände hoch oder ich schieße.“
Das war eine ernst gemeinte Aufforderung, denn ein Revolver war direkt auf meine blasse Stirn gerichtet.
Ich war umzingelt von furchterregend angemalten Indianern, Cowboys in fransigem Leder und diversen maskierten Superhelden, die ein irres Geschrei verursachten. Es war ein kalter Tag und die trockene Heizungsluft stand unangenehm im Zimmer. Staubkörnchen tanzten im schwachen Sonnenlicht, das durch das Fenster zu uns hereindrang.
Meine Situation war ausweglos. Die kleinen Gestalten liefen wild durcheinander und die Geräuschkulisse erinnerte stark an den bevorstehenden Weltuntergang.
„Bitte nicht“, sagte ich mit furchterfüllter, zittriger Stimme und hob wie befohlen brav meine Arme über den Kopf. Dabei blieb ich an meinen drahtverstärkten roten Pippi-Langstrumpf-Zöpfen hängen und fluchte leise. Wieder ein Kratzer mehr.
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich mindestens fünf anmutige Prinzessinnen in langen rosafarbenen, salbeigrünen und azurblauen Gewändern. Dazwischen befand sich ein Frosch. Die Edeldamen flüsterten verschwörerisch hinter vorgehaltenen Händen und zeigten immer wieder auf den Frosch. Irgendwann nahm eine von ihnen all ihren Mut zusammen und trat aus dem Kreis ihrer Freundinnen hervor. Sie spitzte ihre feuerrot angemalten Lippen und kniff ihre heftig geschminkten Augenlider zusammen. Ich hörte den lauten Schmatzer des Kusses, den sie dem Frosch aufdrückte, deutlich – sogar über die Siegesfreude hinsichtlich meiner Gefangennahme hinweg.
„Warum ist er denn immer noch ein Frosch“, fragte die Prinzessin in die Runde und rieb nachdenklich ihr Gesicht. Dabei verschmierte sie erfolgreich ihre Schminke, bis sie aussah wie der Frontmann von Kiss.
Die Beistehenden schwiegen.
„Im Märchen funktioniert das doch jedes Mal.“ Sie drehte sich ratlos mehrmals um ihre eigene Achse. „Du! Küss ihn“, forderte sie dann mit erhobenem Zeigefinger eine andere aus ihren Reihen auf.
Nils blieb jedoch Nils, auch nachdem jede der fünf Prinzessinnen ihm ein Küsschen auf die Wange gehaucht hatte.
Ich lächelte in mich hinein, während mich die Indianer lautstark umtanzten. Ein Wunder, dass ich noch nicht an einen Totempfahl gefesselt war. Ach nein, wir hatten ja gar keinen. Zum Glück.
Aber nun von vorn.
Nein, ich nahm keine Halluzinogene. Ich war auch keine Prinzessin, die in einer Traumwelt voller Märchengestalten, dem Guten und Bösen, dem Schönen und Biestigen lebte. Das war mein Alltag – obwohl heute, genau genommen, ein besonderer Tag war. Wir feierten Fasching bei uns im Kindergarten und alle waren noch ausgelassener und fröhlicher als sonst. Meine liebe Kollegin Eva und ich hatten unsere Mühe, die Kinder zum Schlafen hinzulegen und danach ruhig zu halten.
„Selbst wenn ihr nicht schlaft, macht wenigstens die Augen zu und ruht“, rief Eva nach einer Weile und schmiss verzweifelt die Arme in die Luft. „Manchmal frage ich mich, warum ich nicht einfach Briefträgerin geworden bin.“ Sie ließ sich theatralisch in den nächstbesten Stuhl sinken.
„Du möchtest also bei Wind und Wetter in die Pedale treten“, erkundigte ich mich schmunzelnd, während ich einem murrenden Mädchen den Pyjama überstreifte. „Den ganzen Tag ohne Toilette auskommen und dich mit großen Hunden anlegen, die dich nicht auf ihren Hof lassen wollen?“
Eva rollte mit den Augen, weil ich einen Nerv getroffen hatte.
Dann kam der kleine Frosch Nils zu ihr herüber gehüpft.
„Ich will mich nicht umziehen“, jammerte Nils. „Ich will im Kostüm schlafen.“ Er stapfte mit seinem Plüschschuh auf den Boden vor Eva, stemmte die Hände in die Hüften und sah dabei unglaublich niedlich aus. Bis er leider von den anderen Kindern begeistert in seinem Wunsch unterstützt wurde.
Eva erhob sich mühsam aus dem Stuhl und hockte sich vor Nils auf den Boden, sodass die beiden auf Augenhöhe waren.
„Willst du wirklich auf deinen Spiderman-Schlafanzug verzichten“, fragte sie ihn mit nach oben gezogenen Brauen.
Der kleine Junge überlegte fieberhaft.
„Nein“, sagte er schließlich und begann, sich flink und noch an Ort und Stelle zu entkleiden.
„Das ging ja einfach“, formte Eva lautlos mit den Lippen in meine Richtung.
Glücklicherweise orientierten sich die anderen Kinder erneut an Nils‘ Wunsch und ließen sich bereitwillig in ihre Schlafanzüge stecken.
Keine zehn Minuten später lagen die Kleinen endlich in ihren Betten – jedoch putzmunter, flüsternd und zappelnd. In dreißig Jahren würden sie anders denken und den täglichen Mittagschlaf als puren Luxus schätzen lernen.
Eva schlief, wie jeden Tag um diese Zeit, noch vor den Knirpsen ein. Ihr Kopf rollte auf meine Schulter und blieb dort liegen, bis sie anfing zu sabbern. Sie war wirklich eine tolle Kollegin, ließ sie mich doch mit meinen Gedanken und den vereinzelt munteren Kindern allein.
Ich war hellwach und hatte gute Laune. Weil ich nichts Besseres zu tun hatte, rief ich mir die Szene mit dem Frosch und den Prinzessinnen von vorhin wieder in Erinnerung und sinnierte.
Auf meinem Gesicht richtete sich plötzlich ein meterbreites Grinsen häuslich ein, denn ich musste seit langer Zeit keine Frösche mehr küssen. Meinen ganz persönlichen Prinzen hatte ich nämlich schon vor vier Jahren gefunden! Oder besser gesagt, ich hatte mich finden lassen.
Die Geschichte unserer Begegnung könnte aus dem Drehbuch eines romantischen Hollywoodfilms stammen.
Ich bin freitags nach der Arbeit völlig gestresst und mit dumpfen Kopfschmerzen noch im Supermarkt gewesen. Wie immer ärgerte ich mich darüber, dass meine Lieblings-Joghurtsorte ganz oben im Kühlregal stand. Ganz oben hieß übersetzt außerhalb der Reichweite eines Zwerges wie mir. Also suchte ich, auch wie jedes Mal, in der Masse der Einkaufswütigen jemanden, den ich um Hilfe bitten konnte. Die Kunst bestand darin, einen großen Mann zu finden, der möglichst ohne weibliche Begleitung unterwegs war, denn ich wollte keinesfalls der Auslöser für eine Eifersuchtsszene sein.
Ich ließ den Blick über die Menschen gleiten und dachte mir hypothetische Lebensgeschichten und Beziehungen zu jedem Einzelnen aus, bis meine Augen schließlich interessiert an einem sehr langen und dünnen Mann hängenblieben. Erstaunlicherweise schaffte er es, sein Handy zu prüfen, obwohl sich in seinen Armen alle möglichen Lebensmittel türmten.
„Entschuldigung“, räusperte ich mich zaghaft und machte einige Schritte auf ihn zu. „Können Sie mir bitte kurz helfen?“
Es folgte unbändiges Wimpernklimpern meinerseits, um möglichst hilfsbedürftig und gleichzeitig liebenswürdig zu wirken. Der Mann blickte verwirrt von seinem Handydisplay auf und seine stahlgrauen Augen trafen mich.
Ich stellte das Wimpernklimpern sofort ein, denn er war deutlich jünger, als er von Weitem gewirkt hatte. Sprich: er war heiß. Warum musste ich ausgerechnet heute ungeschminkt herumrennen?
„Mein Lieblingsjoghurt steht immer so weit oben, dass ich nicht heranreiche“, brachte ich hervor, hob entschuldigend die Schultern und lächelte verlegen. Multitasking war wirklich nicht mein Ding.
Die Miene des Typs erhellte sich, wobei sich auf seiner linken Wange ein kleines Grübchen bildete. Wie niedlich. Und wirklich heiß.
„Dann komme ich ja wie gerufen“, sagte er lässig. „Du weist den Weg, ich folge.“
Flirtete der etwa mit mir oder bildete ich mir das nur ein?
Ruckizucki drehte ich mich um und stolzierte befangen zu den Joghurtbechern. Dass er mir mit langen Schritten auf den Fersen war, spürte ich nur allzu deutlich. Nur nicht stolpern, dachte ich, bleib cool.
Abrupt blieb ich stehen.
„Da wären wir. Diesen nehme ich immer.“ Ich zeigte mit dem Finger in die vage Richtung, während meine Augen weiter den Typen anstarrten.
Als er nach oben langte und den Becher umgriff, rutschte sein olivgrünes T-Shirt etwas nach oben und entblößte die nackte, glatte Haut darunter.
„Hmm, Vanille“. Mit dem Joghurt in der Hand drehte er sich zu mir um und ertappte mich dabei, wie ich die blonden Härchen an seinem flachen Bauch zählte. Hoffentlich bemerkte er nicht, dass ich mich fragte, wie es wohl einige Zentimeter tiefer aussah.
„Wie ich sehe, stehst du auf Süßes“, grinste er und deutete auf seine perfekte Körpermitte.
Ja, er flirtete definitiv mit mir. Himmelherrgott, wie peinlich! Vermutlich sah man mir genau an, was ich dachte. Aber frau durfte ja wohl auch ab und an Kopfkino haben?
Mein Gesicht wurde heiß vor Scham. Ein sicheres Indiz dafür, dass es knallrot leuchtete. Ich blickte schnell zu Boden und drehte mich von ihm weg.
„Danke“, presste ich zwischen rauen Lippen hervor und knüllte den Einkaufszettel in meiner Faust zu einem klammen Ball zusammen, während ich auf dem Absatz kehrt machte und den Mann einfach stehen ließ. Er nahm es mit einem leisen Kichern auf die leichte Schulter.
Wenige Augenblicke später, meine Gesichtsfarbe hatte sich inzwischen normalisiert, konzentrierte ich mich an der Gefriertruhe auf die Eissorten, als Mister Zweimeter zielgerichtet auf mich zukam.
„Du hast mich vorhin einfach mit deinem Joghurt stehen lassen. Hast wohl das Interesse verloren“, sagte er mit diesem ganz bestimmten Unterton, der dazu führte, dass eine stinknormale Aussage zweideutig klang.
Wieder schoss mir die Röte mit voller Wucht ins Gesicht.
Er drückte mir den Joghurtbecher in die Hand, während ich meine Augen umherschweifen ließ, um ihn bloß nicht anzustarren.
„Super. Ähm, danke“, bedankte ich mich zum zweiten Mal bei ihm und entfaltete und faltete weiter meinen lädierten Einkaufszettel. Ich durfte bloß nicht vergessen, Toilettenpapier zu kaufen, dachte ich.
„Kein Ding, hübschen Mädels hilft man doch gerne.“ Er lachte aus vollstem Herzen und deutete eine minimalistische Verbeugung an. „Die Wahrheit ist, ich hätt‘ ihn dir auch gekauft, aber mein Kontostand lässt das nicht zu“.
Mit einem Kopfnicken verabschiedete er sich und ging entspannten Schrittes, die Arme voller Lebensmittel, in Richtung Kasse davon.
Auch Tage später dachte ich noch immer permanent an die außergewöhnliche Begegnung.
Der Mann gefiel mir. Und das, obwohl er viel zu kleine T-Shirts trug. Oder gerade deshalb?
Hoffnung machte sich breit. Würde ich ihn vielleicht in der kommenden Woche wieder im Supermarkt sehen? Das sollte eigentlich ein Klacks sein. Ich müsste nur zur selben Zeit wieder dort sein. Und super aussehen und lustig und toll sein.
Doch wie es das Hollywood-Drehbuch wollte, musste ich gar nicht so lange warten.
Als ich nämlich eines darauffolgenden Abends meinen leckeren Vanillejoghurt löffelte, wunderte ich mich, dass ich plötzlich Tinte an den Fingern hatte. Ich wusch alles ab und widmete mich anschließend wieder dem Joghurt.
Nur, um ein weiteres Mal überall Farbe zu entdecken.
Mit gerunzelter Stirn inspizierte ich den Joghurtbecher genauer und wurde tatsächlich fündig. In hohen, eng stehenden Buchstaben stand dort gekritzelt „Willst du teilen? M.“. Darunter war eine Handynummer angegeben.
„Oh Manno man“, kreischte ich.
Aufgeregt hüpfte ich durch die Wohnung. Der Joghurt war längst vergessen. An Essen war sowieso nicht mehr zu denken, als mir einfiel, dass meine Antwort noch ausstand.
Ich tüftelte und zerbrach mir den Kopf, bis ich sage und schreibe neunzig Minuten später endlich die perfekte Nachricht zusammengestellt und abgeschickt hatte.
Seither waren Mike und ich unzertrennlich. Arsch auf Eimer, Topf mit Deckel, Kinderschokolade und Milch. Zwischen uns passte kein Blatt Papier. Hinter unserem Rücken hießen wir im Freundeskreis nur „Mika“ (MIke und KAti). Das gefiel mir, weil die Zeitungen Hollywoodpaare auf die gleiche Weise tauften. Und wer mochte sich nicht einmal in seinem Leben wie ein Star fühlen?
Exakt zwei Jahre später war es dann unverhoffterweise soweit – ich fand an einem verregneten Faulenzsonntag auf dem Sofa in einem identischen Joghurtbecher einen Ring. Einen weißgoldenen Ring mit einem überaus großen und überaus funkelnden Stein.
Als ich den Sinn dieser verrückten Aktion erfasste, legte sich meine rechte Hand geschockt auf meiner Brust ab.
„Ist es das, was ich denke“, hauchte ich, beinah sprachlos. Meine Augen füllten sich mit den ersten Tränchen.
Mike rutschte von der Couch nach unten auf den Fußboden, nahm meine linke Hand in seine Pranke und fragte: „Möchtest du meine Frau werden“.
Mein Körper bebte vor Anspannung. Mike hielt die Luft an, bis sich sein Gesicht ganz blau verfärbte, und wartete darauf, dass ich ihn erlöste. Das tat ich irgendwann auch.
„Ja, natürlich“, kreischte ich. Nun heulte ich richtig vor lauter Glück. Ich stand so unter Strom, dass ich Mike beinah umgestoßen hätte, als er mich zu sich auf den Boden zog und in seine Arme schloss.
„Das wollte ich hören.“ Er strich mir liebevoll eine zentimetergroße Freudenträne von der Wange. „Ich habe schwer geschuftet für diesen Ring. Nur das Beste für meine Kati“, grinste Mike.
Ich küsste sein niedliches Grübchen und bedeckte danach sein ganzes Gesicht mit leichten Schmetterlingsbussis.
Wer hätte das gedacht? Aus mir, Katharina Bauer, würde Kati König werden. Wie gut das klang!
Noch am selben Tag begann ich mit der Planung der Hochzeit.
Danach vergingen zwei weitere Jahre, bis jedes noch so kleine Detail festgelegt und jedes unvorhersehbare Ereignis vorhergesehen war. Es war nicht einfach, Kompromisse zu finden, mit denen alle Beteiligten leben konnten. Hinzu kam, dass wir vor der eigentlichen Trauung verreisen mussten, weil ich zu keinem anderen Zeitpunkt Urlaub bekommen hatte.
Viele Tage und Nächte hauten wir uns um die Ohren, weil wir uns ganz und gar nicht über das Ziel unserer Hochzeitsreise einigen konnten. Mich zog es nach Schottland. Ich stellte es mir romantisch vor, die Flitterwochen in alten Schlössern und umgeben von satten grünen Bergen zu verbringen. Mike wollte gerne in die USA, um auf der Route 66 das Gefühl von Freiheit zu genießen, das er bei der Trauung (vermutlich) verlieren würde.
Der perfekte Kompromiss wurde erst gefunden, als meine beste Freundin Anna uns das Traumziel Seychellen vorschlug. Da es inmitten des Indischen Ozeans lag, konnte Mike sich nach Lust und Laune im Wasser tummeln und einen Sonnenbrand holen, während ich die Tage einfach nur verschlief oder bunte Vögel zählte.
Doch auch als das Hotel ausgesucht und die Reise schließlich gebucht war, war der Hochzeitsstress lange nicht vorbei. Mike überließ mir nur allzu gern die Ehre, sich über alle möglichen ausstehenden Themen den Kopf zu zerbrechen. Die Sitzordnung, Beantragungen diverser Art, Blumen, Saalmiete, Musikwünsche sowie Speisenangebot und Brautkleid waren einfach nicht sein Ding.
Ich kam oft an meine Grenzen und war froh darüber, dass mir Anna mit Rat und Tat zur Seite stand. Bloß einer Sache war ich mir hundertprozentig sicher: komme, was wolle, ich würde Mikes Nachnamen annehmen und voller Stolz für den Rest meines Lebens tragen.
Die Auswahl des Brautkleids fiel mir am allerschwersten. Sowohl Anna als auch meine Mutter gaben ungefragt ihren (sicherlich) gut gemeinten Senf dazu, was mich nur noch mehr verwirrte. Aber auch ein blindes Huhn fand mal ein Korn und so entschied ich mich für ein schlichtes cremefarbenes Kleid mit Spaghettiträgern, das durch einen royalblauen Gürtel aus Samt zum Blickfang wurde. Flatterhaft und wadenlang war es perfekt für das gebuchte Fotoshooting am weißen Sandstrand. Und vor allem betonte es meine Figur. Seit ich mit Mike zusammen war, machte ich permanent Sport. Mein Aussehen hatte sich in den vergangenen Jahren zusehends zum Positiven verändert und das wollte ich natürlich zeigen…
„Erde an Kati.“ Evas Hand wedelte vor meinem Gesicht herum und holte mich unsanft aus meiner Tagträumerei auf den Boden der Tatsachen zurück. „Sag mal, wovon träumst du denn so angestrengt?“
Dann wischte sie verlegen am Kragen ihrer Bluse herum, den sie in der vergangenen halben Stunde vollgesabbert hatte.
Das ignorierte ich lieber, nett wie ich war, und klatschte mir energisch auf die Oberschenkel. „Ach, ich habe an die bevorstehende Hochzeitsreise gedacht. Mittlerweile bin ich wahnsinnig aufgeregt. In drei Tagen geht es schon los.“
Sobald ich das aussprach, bekam ich eine Ganzkörpergänsehaut und musste mich kurz schütteln.
„So ein Quatsch, es wird superschön werden. Du wirst sehen“, beruhigte Eva mich und drückte sanft meine Hand, bevor sie aufstand, um die Kinder zu wecken. „Was soll schon schief gehen“, rief sie mir im Gehen über ihre Schulter hinweg zu.
Och, da fielen mir genügend Dinge ein. Darüber sollte ich mir lieber nicht den Kopf zermartern.
Nachdem endlich auch das letzte hinterbliebene Kind, der kleine Nils, von seiner Mutter abgeholt worden war, machte ich mich mit dem Rad auf den Heimweg zu Mike. Ich trug noch immer die ungleichen Ringelsocken und das sonnengelbe Kleid unter meinem dicken Wintermantel. Mikes große Lederschuhe hatte ich aber gegen meine eigenen Turnschuhe getauscht. Das Pippi-Langstrumpf-Kostüm hatte in unserer vorhochzeitlichen Geldknappheit nahe gelegen, denn die roten Haare und unzähligen Sommersprossen waren mir in die Wiege gelegt worden.
Ich freute ich mich über den Feierabend und ein kleines bisschen auf den bevorstehenden Urlaub und trällerte während der Radfahrt ein Lied für mich und den Plüschaffen Herrn Nielson, der vorne im Körbchen am Lenker saß.
An unserem kleinen Reihenhäuschen wurde ich im Vorgarten schon freudig von meinem schwarz-weißen Kater Moses begrüßt.
„Hallo mein Stromer, hattest du einen schönen Tag hier draußen trotz der Kälte?“
Moses strich um meine Beine, als ich mein Rad abstellte und miaute kläglich. Da war wohl jemand beinah erfroren und hatte einen Bärenhunger.
„Nanu, der Katzenpapa ist wohl auch schon zuhause? Wie kommt das denn“, fragte ich mehr an mich selbst als an den Kater gewandt. Trotzdem miaute er und kniff die Augen zusammen, während er neben mir herlief. Mike war eine richtige Nachteule und kam morgens nur schwer aus den Federn. Als IT-Nerd hatte er Gleitarbeitszeit und konnte so länger schlafen. Der Nachteil war, dass er dafür auch immer erst spät Feierabend machte.
Ich schloss die Haustür auf und stolperte fast über Moses, der es eilig hatte, ins Warme und an seinen Fressnapf zu kommen.
„Hey, immer mit der Ruhe. Es ist genug Futter da“, klärte ich ihn lächelnd auf.
Ich liebte meinen Kater einfach über alles.
Doch bei dem Anblick, der sich mir als nächstes bot, blieb mir das Lachen im Halse stecken. Ich erstarrte vor Schock.
„Mike? Anna? Was ist denn hier los“, flüsterte ich.
Das war ganz klar eine rhetorische Frage, denn die Sachlage war ziemlich eindeutig.
Den Schlüssel noch in der Hand und die Eingangstür hinter mir sperrangelweit geöffnet, hatte ich vom Flur aus eine freie Sicht in unser Wohn- und Esszimmer. Wie sehr man es auch drehte und wendete, es gab nur zwei Erklärungen für das, was vor sich ging. Entweder sie praktizierten Nacktyoga oder… mein Verlobter besorgte es meiner besten Freundin auf unserem runden Esstisch aus Massivholz. Was zur verfluchten Hölle?
Ich war in einer Sekunde von null auf hundert.
„Du ekelhaftes Schwein!“
Nach einer weiteren Sekunde warf ich den mitgebrachten Plüschaffen mit voller Wucht gegen Mikes entblößten Allerwertesten. Anna lag nackt unter ihm auf dem blanken Tisch.
Sie hätten wenigstens eine Decke unterlegen können. Das gab doch Abdrücke und Kratzer auf dem Holz.
Ich hielt mir den Kopf. Oh Gott, ich war verrückt geworden.
Dort, wo die Plastikaugen des Affen meinen Verlobten am haarigen Hintern getroffen hatten, bildeten sich zwei rote Flecken. Ich hoffte, es tat richtig schön weh!
„Kati!“ Mike erwachte aus seiner Schockstarre und sprang von Anna weg, sodass ich genau zwischen ihre weit gespreizten Beine sehen konnte. In seinem Sprung stolperte er über Moses, der aufschrie wie am Spieß und fluchtartig das Weite suchte.
Wie gern hätte ich es ihm gleichgetan.
Um seinen Fall abzufangen, griff Mike nach Annas Bein und zog sie mit sich auf den Fußboden. Es gab einen lauten Knall, der mir durch Mark und Bein ging. Hoffentlich hatte meine Freundin sich etwas getan. Hoffentlich hatte sie sich richtig dolle wehgetan – so wie sie mir hiermit weh tat.
Karma konnte ruhig einmal mir zuliebe arbeiten.
Mikes Penis war in Windeseile in sich zusammengeschrumpft und hing traurig zwischen seinen langen Beinen. Nichts konnte Lust schneller killen, als von der Verlobten erwischt zu werden.
Mir ging alles und nichts durch den Kopf. Mein Leben hatte sich um einhundertachtzig Grad gedreht. Dieser eine Augenblick hatte alle meine Träume zerstört. Einfach so.
Ich stand ungläubig und wie angewurzelt noch immer in der geöffneten Haustür und sah dabei zu, wie Mike und Anna sich aufrappelten. Sie machte sich sogar die Mühe, ihre Scham und die riesigen Brüste mit den Händen zu verdecken. Das war so unnütz! Wir kannten uns schließlich seit der Grundschule!
Beide starrten mich mit weit aufgerissenen Augen an. Wahrscheinlich starrte ich mit dem gleichen Ausdruck zurück. Ich wusste es nicht. Ich wusste gar nichts mehr.
Mike rieb sich den Nacken und machte zaghaft einige Schritte auf mich zu. „Oh man, Kati.“
Danach fehlten selbst ihm die Worte, um den Mist zu beschreiben, den er verzapft hatte. Aufgrund der offenen Haustür konnte sogar unser seniler Nachbar Hubert sehen, wie sich Mikes schmale Lippen öffneten und schlossen, jedoch keinen Laut produzierten. In diesem Moment sah mein Verlobter aus wie ein hilfloser Fisch mit wirrem Haar und schlaffem Glied.
Den hatte ich attraktiv gefunden?
Schau bloß nicht in sein armseliges Gesicht, dachte ich angestrengt, sonst kommen die Tränen.
„Spar es dir, Mike. Ehrlich.“ Ich streckte den Arm aus, um ihn in seiner Bewegung zu stoppen. Es funktionierte, er blieb einige Zentimeter von mir entfernt stehen.
„Keine Worte dieser Welt können das hier erträglicher machen“, zischte ich voller Wut und deutete auf die absurde Szene. Ich wollte bestimmt nicht vor ihm heulen.
„Lass uns…“, stammelte Mike, aber ich beschloss, ihn zu ignorieren.
Die Gedanken in meinem kleinen Kopf fuhren Achterbahn. Aus die Maus. Das war’s mit MiKa. Ich würde nie wieder genug weiße Klamotten zusammenbekommen, um die Waschmaschine zu füllen. Und wie meldete man sich eigentlich bei Tinder an?
Hilfe, ich war wirklich verrückt geworden.
„Ich...“, begann Mike noch einmal, aber da zog ich bereits die Haustür hinter mir ins Schloss.
Als ich energielos mein Fahrrad den Gartenweg hinunterschob, platzte mein Kopf beinah. Wer war ich? Wer war ich ohne Mike? Ich musste das Gesehene und dessen Folgen erst verarbeiten, um es zu verstehen. Aber wie sollte man so eine Situation jemals verstehen?
Moses saß im Küchenfenster und blickte mir miauend nach. Zum ersten Mal, seitdem er bei uns eingezogen war, ignorierte ich ihn und setzte meinen einsamen Weg planlos fort.
Ich wusste nicht, wie lange ich abwechselnd mit dem Rad und zu Fuß unterwegs war.
Ich hatte einige Kilometer zurückgelegt, das merkte ich an meinen schmerzenden Füßen und daran, dass es mittlerweile stockfinstere Nacht und saukalt geworden war. Mein Körper war müde, aber meine Gedanken kreisten unaufhörlich. Ich sah den Atem aus meinem Mund in kleinen Wolken vor mir aufsteigen und fragte mich, warum er noch da war, obwohl ich mich doch leblos fühlte.
Nachdem mir trotz der Pippi-Langstrumpf-Socken aus einem vorbeifahrenden Auto zwei Mal hinterher gepfiffen worden war und sich langsam Frostbeulen an den bloßen Fingern bildeten, musste ich mir tunlichst den nächsten Schritt überlegen. Ich wollte auf keinen Fall ins Haus zurückkehren, wo mich Mike vermutlich erwarten würde.
Die Option, zu Anna zu gehen, fiel ebenfalls aus. Diese hinterlistige Schlange hatte sich an meinen Verlobten herangemacht. Und sowas nannte sich beste Freundin. Darauf konnte man getrost verzichten.
Im Kindergarten konnte und wollte ich auch nicht übernachten, weil meine Kolleginnen am Morgen mit Sicherheit wissen wollten, was vorgefallen war. Man schlief immerhin nicht alle Tage an seinem Arbeitsplatz.
Das Einchecken in ein Hotel fiel ebenfalls flach, weil dafür schlicht und einfach das Geld fehlte. Und es, abgesehen davon, in unserem Dorf sowieso keines gab.
Plötzlich bremste erneut ein Auto neben mir ab und aus dem geöffneten Fenster rief mir eine tiefe Männerstimme zu: „Sexy Strümpfe, Puppe“.
Ein Sockenfetischist hatte mir jetzt gerade noch gefehlt.
Angewidert senkte ich den Blick und legte einen Zahn zu, bis der Wagen beschleunigte und hinter der nächsten Ecke verschwand.
Es war höchste Zeit, irgendwo einzukehren.
Ich war mittlerweile fast wieder an unserem Dorfplatz angekommen und mein Blick fiel auf das abgeblätterte Schild von Kurtis Kneipe. Ich hatte in meiner ganzen Zeit hier noch nie einen Fuß in dieses alte Ding gesetzt, aber es war geöffnet und eine bessere Möglichkeit fiel mir im Augenblick nicht ein.
Die Straßenlaterne erhellte meine bunten Kniestrümpfe, als ich mein Fahrrad am Zigarettenautomaten anschloss. Ich wollte nicht riskieren, neben meinem Verlobten auch noch meinen Drahtesel an einen Dieb zu verlieren.
Normalerweise würde ich in diesem Aufzug nicht einmal den Müll herausbringen, geschweige denn eine Kneipe betreten, aber nach der traumatischen Entdeckung heute war mir alles herzlich egal.
„N‘Abend“, murmelte ich schüchtern beim Eintreten.
Der kleine Raum war neblig vor lauter Zigarettenqualm und ich hustete wie verrückt.
Die drei Gestalten, die an der Bar saßen, hoben fast gleichzeitig die Köpfe, um zu sehen, wer da in ihren aus Rauch gewebten Kokon eindrang. Als sie mein vor Tränen verschmiertes Gesicht sahen, verdunkelten sich auch ihre Mienen wieder, denn heute würden sie nicht in den Genuss eines Flirts kommen.
„Hallo“, tönte es mir entgegen, bevor sich jeder wieder seinem Getränk widmete.
Meine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit hier drinnen gewöhnt und ich ließ sie durch den Raum schweifen. Rechts von mir befand sich die Bar, an der die drei Männer saßen. Hinter der Theke stand ein Typ mit dickem Bauch, roten Wangen und Glatze. Ich tippe auf Kurti, den Besitzer. Links von mir waren zwei schwarze Tische mit jeweils vier Stühlen an die Wand gequetscht. Wer hier Tischdecken oder kleine Blumenvasen erwartete, wurde bitter enttäuscht. Immerhin waren die Wände mit Blechschildern und Plakaten diverser alkoholischer Getränke geschmückt.
„Mädchen, willst du da an der Tür Wurzeln schlagen? Wir beißen schon nicht“, schmunzelte Kurti und machte eine, wie er fand, einladende Geste mit seiner Speckhand.
„Oh, Entschuldigung“, hörte ich mich sagen.
Ein Hoch auf meine Mutter, Höflichkeit war mir anerzogen worden. Aber warum entschuldigte ich mich eigentlich? Ich war diejenige, die heute eine Entschuldigung verdient hatte.
Es war doch gestattet, verwirrt zu sein, wenn man eben erst betrogen worden ist?
Ich schüttelte kaum merklich den Kopf und entschied mich für den freien Barhocker, der neben dem am nüchternsten wirkenden Mann stand. Die Theke klebte, als ich mich darauf abstützte, um auf den Stuhl zu klettern. Ich zog meinen Mantel aus und legte ihn mir über die Beine.
„Was darf‘s denn sein, Pippi Langstrumpf“, erkundigte Kurti sich freundlich.
„Wir hatten Fasching im Kindergarten“, rechtfertigte ich sofort mein unkonventionelles Outfit, bevor jemand wissen wollte, ob ich auf Rollenspiele stand. „Für mich was Starkes bitte.“
Ich zupfte an einem losen Faden an meinem gelben Kleid und musste mich zusammenreißen, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
„Verstehe, dein Kostüm kam nicht an und nun bist du traurig“, scherzte Kurti, aber sein besorgter Blick verriet, dass er verstand, dass ich nicht wegen solch einer Lappalie litt. Er stellte ein Schnapsglas und eine angefangene Flasche Wodka auf den Tresen.
„So ähnlich.“
„Klingt nach einer spannenden Geschichte“, forderte er mich indirekt zum Erzählen auf.
Die anderen Anwesenden nickten zustimmend. In der Ecke dudelte leise ein Radio, ansonsten herrschte Stille. Entweder war jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt oder es war bereits alles Wichtige gesagt worden.
„Ich möchte nicht darüber sprechen“, flüsterte ich, bevor ich mein erstes Glas an die Lippen hob.
Nach dem zweiten Glas wurde mir warm und ich merkte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg.
Nach dem dritten Glas fühlte sich die Theke bereits weniger klebrig an und ich fuhr mit dem Finger die Umrisse eines Bierglases nach, das vor Ewigkeiten mal hier gestanden haben musste. Kurti war zwar freundlich und sah aus wie der Weihnachtsmann, aber schien wohl nicht der putzfreudigste Mensch zu sein.
Nach dem vierten Glas fand ich die Kneipe äußerst gemütlich und auch der Zigarettenrauch in meinen Lungen störte mich nicht mehr im Geringsten.
Nach dem fünften Glas hörte ich mich plötzlich in die Stille verkünden: „Mein Verlobter hat mich betrogen“.
Der Mann neben mir drehte sich vorsichtig auf seinem wackligen Hocker um und sah mich mitleidig mit vom Alkohol glasigen Augen an. Die anderen beiden Männer waren vor einiger Zeit mit den Köpfen auf der Theke eingeschlafen und schnarchten lautstark vor sich hin. Das Radio hörte man nicht mehr. Mein zittriges Stimmchen schien ihren Schönheitsschlaf nicht zu stören.
„Kurz vor der Hochzeit“, jammerte ich. „Mit meiner besten Freundin. Auf meinem Esstisch. Wir wollten doch in ein paar Tagen in den Urlaub fliegen.“
Die Worte strömten jetzt unaufhörlich aus meinem Mund. Ich merkte, wie die Tränen, die ich so tapfer zurückgehalten hatte, warm über meine Wangen und hinunter zu meinen hängenden Mundwinkeln liefen. Sie schmeckten salzig.
Ich hätte Mike schlagen sollen, ging es mir durch den Kopf. Ich hätte Anna schubsen sollen. Schreien, eine Szene machen und mit Geschirr um mich werfen. Die guten Möbel zertrümmern, mir Luft machen. Ich hätte zumindest irgendetwas tun sollen außer Verschwinden. Aber vermutlich würde es mir dann auch nicht besser gehen.
Jedenfalls löste der Alkohol offenbar meine mittlerweile schwere Zunge und ich schüttete im Laufe der Nacht bei Kurti und Frank mein in tausend scharfe Teile zerbrochenes Herz aus. Kurti war der beste Zuhörer, nickte verständnisvoll an den richtigen Stellen, drückte meine Hand zur Aufmunterung, füllte mein Glas regelmäßig auf, seufzte hin und wieder und warf Schimpfwörter in den Raum, die mir vorher noch nie zu Ohren gekommen waren. Wäre ich nicht schon über den angetrunkenen Zustand hinaus, wäre ich bei einigen Ausdrücken mit Sicherheit dunkelrot bis in die Haarspitzen geworden.
Frank dagegen hörte still und regungslos zu.
Als ich erschöpft war vom vielen Erzählen, sackte ich auf dem Barhocker zusammen wie ein Häufchen Elend. So emotional ausgelaugt wie ich zu diesem Zeitpunkt war, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als ins warme Bett zu kriechen, die Decke über mein rotes Haupt zu ziehen und nie wieder hervorzukommen.
Ich wollte keine Gesellschaft, bloß niemanden sehen, um dann erklären zu müssen, was geschehen war. Ich wollte meinen Kopf ausschalten, am liebsten alle Erinnerungen an Mike, unsere gemeinsame Zeit und das Gesehene löschen. Wo war ein Vampir, wenn man ihn brauchte? Sie konnten einen doch angeblich so verzaubern, dass man vergaß und ein herzschmerzfreies Leben führen konnte.
Oh verdammt, ich war verrückter als verrückt geworden.
Ich würde mein weiteres Leben allein mit sieben Katzen, wirrem Haar und Tena Lady im Schlüpfer verbringen, weil ich vor lauter Trauer inkontinent geworden war.
Mein Kopf war ein Trümmerhaufen, doch plötzlich unterbrach Frank mein Gedankenkarussell.
Mit ruhiger Stimme ließ er verlauten: „Weißt du, Mädchen, ich bin nicht besser als dein Freund. Ich habe meine Frau vor vielen Jahren mit einer Arbeitskollegin betrogen und nicht mal ein Fünkchen schlechtes Gewissen gehabt. Ich war mir sicher, dass sie es sowieso nie herausbekommen würde.“
Er lächelte.
Mich regte seine Erzählung bis jetzt nicht zum Lächeln an.
„Natürlich hat sie es herausgefunden, schlau wie sie ist.“ Er griff in seine Jackentasche und zog ein zerknittertes Schwarz-Weiß-Foto hervor, das er mir reichte. Es zeigte eine junge Brünette mit Dauerwelle und dickem Lidstrich. Seine Frau? Oder seine Geliebte?
„Sie war zutiefst verletzt und erst als sie die Scheidung einreichte, habe ich kapiert, was ich ihr angetan habe.“
Ich gab ihm die Fotografie zurück.
Er strich mit dem Zeigefinger liebevoll über das abgebildete Gesicht, bevor er das Bild vorsichtig wieder wegsteckte. Es handelte sich also um seine Frau.
„Ich habe ihr Zeit gelassen, sauer auf mich zu sein und danach mit allen Mitteln gekämpft. Blumen, Parfüm, Schmuck… das ganze Programm eben.“
Er machte eine wegwerfende Handbewegung und ich nickte als Zeichen, dass ich ihm folgen konnte. Was ich nicht tat.
„Und was soll ich sagen? Wir haben ein zweites Mal geheiratet. Und es hält. Bis heute.“
Er hob sein Glas und forderte mich zum Anstoßen auf.
Doch ich hob nur mühsam meinen schweren Kopf und schaute ihn verwirrt an. Er trank allein und lächelte, aber seine Augen wirkten abwesend. Ganz so, als ob er seine Geschichte, seinen Fehler, seinen Kampf und seinen Triumpf, erneut durchleben würde.
Sollte mir das Hoffnung geben? Mich aufbauen? Meine Gedanken beruhigen? Was wollte er mir damit erklären? Sollte ich mich nach der Story besser fühlen? Wenn das Franks Absicht war, war der Schuss ordentlich nach hinten los gegangen.
Doch als er sah, dass ich keinen Schimmer hatte, was er mir zu sagen versuchte, fuhr er mit fester Stimme fort: „Ich will nur sagen, dass es auch so ausgehen kann. Was du daraus machst, liegt allein bei dir. Entscheide aus dem Bauch heraus. Der Kopf ist oftmals zu stolz, um zu vergeben“.
Mit dieser Weisheit auf den Lippen zwinkerte Frank mir zu und stand auf. Mit Schal und Lederjacke in der Hand verabschiedete er sich mit einem kurzen Nicken von Kurti und ging.
Durch die geöffnete Kneipentür zog die kalte Nachtluft herein, aber ich nahm sie nicht wahr.
Frank hatte mir mehr als genug Gedankenfutter hinterlassen. Die Möglichkeit, Mike und Anna irgendwann zu vergeben, war mir nämlich noch gar nicht in den Sinn gekommen. Wollte ich das? Konnte ich das überhaupt?
„So Mädchen, ich werde jetzt dicht machen, was auch für dich heißt, dass es Zeit ist, zu gehen.“
Was? Nein, das konnte Kurti doch nicht machen? Wo sollte ich denn hingehen?
Ich rutschte langsam vom Barhocker, zuppelte mein Kleid gerade und streifte schwerfällig meinen Mantel über. Kurti weckte währenddessen die beiden Schlafenden, schaltete das Radio aus und kam zu mir zu Tür.
„Es wird schon werden, andere haben das auch überlebt. Du wirst sehen“, sagte er ernst. Und für die Dauer einer Sekunde glaubte ich ihm sogar. Mit seinen rot unterlaufenen Wangen und dem dicken Bauch wirkte er wahnsinnig vertrauensvoll. Ich war froh, in die Kneipe gekommen zu sein.
Nachdem Kurti die Verbliebenen abkassiert hatte und alle draußen waren, schaltete er das Licht aus und schloss die nun leere Kneipe ab, bevor er seines Weges ging.
Vermutlich hatte er keine Partnerin. Mir schien, als wäre Kurti mit seiner Kneipe verheiratet. Aber ich konnte mich auch irren. Vielleicht würde ich irgendwann wiederkommen und ihn genau das fragen.
28. Februar
Da stand ich nun planlos und unentschlossen mit hängenden Armen neben meinem Fahrrad.
Die Luft war klirrend kalt und klar. Der Himmel funkelte voller Sterne, keine Wolke trübte die Sicht.
Ich blickte erwartungsvoll nach oben, als ob dort irgendwo die Antworten auf alle Probleme zu finden wären. Aber es war vergebens. Ich bekam kein Zeichen. Ich wurde nicht erhellt. Mir wurde kein außerirdischer Helfer zugesandt.
Ich wünschte mir Herrn Nielsson herbei, aber den Affen hatte ich bei dem anderen Affen namens Mike zurückgelassen. Also ergab ich mich mit einem Schulterzucken meinem Schicksal und löste mein Fahrradschloss.
Ich schob einfach darauf los. Leicht betrunken, wie ich war, konnte ich nicht mehr fahren, dafür spürte ich aber auch die Kälte nicht auf meiner Haut und das Gedankenkarrussell hatte aufgehört, sich zu drehen. Mein Kopf war endlich angenehm leer.
Meine Füße trugen mich, ohne dass ich mir darüber im Klaren war, automatisch zum Haus meiner Eltern. Ich fummelte mit vor Kälte starren Fingern den Schlüssel für das Hoftor aus meiner Manteltasche. Erst beim dritten Versuch gelang es mir aufzuschließen. Ich ging einige Meter, bis ich schließlich vor der Haustür stehenblieb. Die Kraft hatte mich plötzlich verlassen und ich konnte es nicht über das Herz bringen, mich einzulassen. Meine Eltern schliefen und ich wollte ihnen doch keinen Kummer bereiten. Meine Geschichte nicht stotternd wiederholen und die grässlichen Bilder erneut vor Augen haben.
Im Schein des Bewegungsmelders betrachtete ich meine geringelten Kniestrümpfe und blieb ruhig stehen. Genauso stand ich auch noch dort, als das Licht bereits lange erloschen war.
Es mussten Stunden vergangen sein, denn im Flur ging irgendwann das Licht an.
Ich schrak aus dem Zustand innerer Ruhe auf. Plötzlich kam alles wieder hoch und Mikes nackter Hintern flimmerte in Zeitlupe vor meinem inneren Auge.
Ich musste die Geschichte dieses Mal meiner Familie erzählen. Hilfe in Form von alkoholischen Getränken konnte ich hier nicht erwarten.
Mit jeder weiteren Erwähnung würde das Geschehene greifbarer werden und ich damit verzweifelter, oder? Mein Traum von einer heilen Welt, meine Pläne für die Zukunft, alles war geplatzt. Einfach so. Innerhalb einer langen Schrecksekunde. Alles, wofür ich die vergangenen Jahre gearbeitet hatte und alles, worauf ich mich gefreut hatte, war für nichts und wieder nichts.
Meine Eltern würden sich um mich sorgen, dabei hatten sie sich für mein Glück wirklich gefreut. Nichts würde mich jetzt tiefer deprimieren als die Schonbehandlung, die sie mir fortan zuteilwerden werden lassen würden.
Gerade als ich im Begriff war, mich umzudrehen und lieber wieder zu gehen, öffnete sich die Haustür und meine Mutter trat heraus. Unter ihrer dicken Winterjacke trug sie den dunkelblauen Hosenanzug, in den sie, seit ich denken konnte, tagtäglich für den Job bei der Bank schlüpfte.
Durch ihre Bewegung sprang das Außenlicht an und tauchte mich und mein Pippi-Langstrumpf-Outfit in gleißendes Licht.
Es war zu spät, um wegzulaufen.
„Morgen, Mutti.“ Ich hob schwach die Hand zur Begrüßung und versuchte, ein Lächeln aufzusetzen.
Das verfehlte allerdings seine Wirkung, denn meine Mutter ließ panisch ihren Autoschlüssel fallen, hielt sich die Brust und machte drei Schritte zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Garderobe krachte.
„Um Himmels Willen, Kati“, rief sie aus, als sie mich trotz des unkonventionellen Aufzugs erkannte. Da ich kein böser Einbrecher war, kam sie wieder aus dem Haus und las ihren Schlüssel vom Boden auf. „Hast du mich vielleicht erschreckt. Was treibst du denn hier im Dunkeln?“
Ich ließ mich zu keiner Antwort hinreißen.
Nachdem sie mich eingehend betrachtet hatte, fragte sie besorgt: „Wie siehst du überhaupt aus? Was ist das für ein Aufzug?“ Dann fiel langsam der Groschen und sie machte einen weiteren Schritt auf mich zu.
Ich sagte noch immer nichts.
„Ist was passiert?“ Ich sah, wie sich ihre Nase kräuselte, als sie dicht vor mir stand. „Hast du getrunken? Warum antwortest du nicht?“
Sie griff meinen Arm und ich ließ mich von ihr zur Haustür ziehen.
„Führ dich ruhig auf wie ein bizarrer Teenager, aber komm dazu bitte rein. Es ist viel zu kalt, um draußen herumzustehen.“ Typisch für meine Mutter war sie sofort von Null auf Hundert im Problemlösungsmodus. Sie scheuchte mich vor sich her und rein in die gute Stube.
„Leg dich ins Bett, schlaf deinen Rausch aus oder mach, was du willst. Ich muss erstmal zur Arbeit.“ Erneut begutachtete sie mich von Kopf bis Fuß.
Ich war das Ebenbild meiner Mutter. Von ihr hatte ich meine wilden roten Haare und die kleine Statur.
„Wenn ich wiederkomme und du nüchtern bist, reden wir“.
Es fehlte nur noch das Fräulein am Satzende, dachte ich im Stillen. Noch immer hatte ich keinen Laut von mir gegeben.
„Hast du überhaupt Klamotten dabei“, fragte sie mich in diesem Ton, der nichts Gutes bedeutete.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte ich schließlich und schluchzte, als ich verstand, was das hieß.
Darüber musste ich mir noch den Kopf zerbrechen! Ich musste meine Sachen holen. Als ob das alles nicht schon genug war für mich Sensibelchen! Irgendwie tat ich mir selbst unheimlich leid in diesem Moment.
Mutters strenge Miene entspannte sich. Ohne eine Antwort abzuwarten, entwarf sie bereits den ultimativen Raus-aus-der-Misere-Plan. Ihr Tonfall erinnerte mich jedenfalls sofort an einen Oberfeldwebel.
„Ich lege dir was von mir raus. Eine Zahnbürste müsste auch noch da sein.“ Forsch verschwand sie im Badezimmer und klapperte mit diversen Schranktüren. „Den Weg in dein altes Zimmer findest du hoffentlich auch sturzbetrunken.“ Sie warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu und ließ mich dann im Flur stehen.
Als ihr kleines Auto vom Hof brummte, trottete ich leise ins Bad.
Der Blick in den Spiegel ließ mich zusammenzucken. Meine drahtverstärkten Zöpfe zeigten traurig nach unten und das Make-up war bis zur Unkenntlichkeit verschmiert. Meine Augen waren rot und geschwollen und auf meinem gelben Kleid entdeckte ich einen großen Fleck. Ich sah aus wie der Joker aus dem DC-Universum. So bekam ich nie wieder einen Mann! Ich würde als alte Jungfer sterben. An Mutters Stelle hätte ich nach meinem Auftauchen umgehend Polizei und Drogenfahndung gerufen.
Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, zog ich mich aus und putzte mir die Zähne. Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, das Licht anzuschalten, als ich in Richtung meines Kinderzimmers wanderte, und kuschelte mich in völliger Dunkelheit in mein Jugendbett. Ich nahm noch wahr, dass die Bettwäsche herrlich nach Weichspüler roch, bevor ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.
Einige Stunden später erwachte ich durch Motorengeräusche.
Mein Schädel brummte wie nach einem schlechten Scooter-Konzert, meine Kehle war trocken wie die Wüste Afrikas und meine Füße schmerzten, als hätte ich einen Marathon absolviert. Ich blieb still liegen und zögerte es noch einen Moment hinaus, die Augen zu öffnen. Vielleicht konnte ich mich einfach in Luft auflösen.
Ich wollte meinen Problemen nicht gegenübertreten.
Ich streckte mich ein paar Mal, zappelte herum wie eine Wahnsinnige, bis mir schlecht wurde, und öffnete dann doch die Lider, die sich noch immer schwer und dick anfühlten. Durch das Fenster gegenüber schienen mir Sonnenstrahlen ins Gesicht und ich sah Staubflocken im Zimmer auf- und abtanzen. Ich drehte mich um, damit die Sonne nicht länger meine Nase kitzelte und blickte genau in die Augen von Britney Spears. Mit einem Ruck setzte ich mich auf und wurde sogleich mit einem dumpfen Hammerschlag auf die Schädeldecke bestraft. Dann war das wohl kein schlechter Traum?
Irgendwo in der Nähe fiel eine Tür ins Schloss und ich hörte die Stimme meiner Mutter. Mit einem Mal kamen alle Erinnerungen an gestern zurück. Alle Emotionen waren da – die Wut auf Mike und Anna, die Trauer um Verlorenes, Verzweiflung, wenn ich an die Zukunft dachte, und was ich alles würde bewältigen müssen sowie das betäubende Gefühl, zutiefst verletzt worden zu sein.
Und alles um hunderte Male schlimmer als zuvor.
Ich hörte meine Mutter im Erdgeschoss herumwirbeln, konnte aber weder die Kraft noch den Mut aufbringen, aufzustehen. Das Gedankenkarrussell kreiste schneller denn je.
Meine Klamotten waren alle zuhause, die musste ich irgendwie abholen. Was wurde aus dem Reihenhäuschen, das ich zusammen mit Mike bewohnte? Was wurde aus Moses? Ich wollte meinen Schmusekater auf jeden Fall bei mir behalten. Und, am allerschlimmsten, was wurde aus unserer gebuchten Reise? Die Hochzeit musste abgesagt werden! Wer übernahm die Kosten dafür?
Das überlebte ich nicht! Das wurde mir alles zu viel.
Ich zitterte mittlerweile am ganzen Körper, die Tränen flossen wieder unaufhörlich und meine Kopfschmerzen wurden davon auch nicht besser. In meiner Verzweiflung bemerkte ich das Klopfen an der Tür erst beim zweiten Versuch.
Meine Mutter musste schon umkommen vor Neugier.
„Kati, bist du wach“, fragte sie nicht so leise, wie ich es mir gewünscht hätte, und steckte den Kopf durch den Türspalt.
„Nein.“
Als sie sah, dass ich heulend auf dem Bett saß, kam sie mit zwei Tassen voll dampfendem, göttlichem Kakao herein.
„Es gibt doch nichts, was eine heiße Schokolade nicht richten kann, oder“, erkundigte sie sich, bevor sie mir eine Tasse reichte und sich zu mir auf das Bett setzte.
Ich fummelte an meiner alten Pferdebettwäsche herum und blickte hilfesuchend die unzähligen Britney-Poster an. Als wenn das Popsternchen mir die richtigen Worte für das Auszusprechende in den Mund legen würde. Mental gab ich mir einen Klaps auf den Hinterkopf und ermutigte mich, mich mal wieder zusammenzureißen. Mach es wie mit einem Pflaster. Rück raus mit der Sprache und gut ist.
„Als ich gestern nach Hause kam, waren Anna und Mike schon da“, brachte ich mühsam hervor.
„Aber das ist doch nicht weiter schlimm“, runzelte Mutti die Stirn. Sie konnte leider nicht zwischen den Zeilen lesen.
Nun fing ich erneut an, hemmungslos zu schluchzen. Zwischen dem Hicksen eines heftigen Schluckaufs und ohne Luft zu holen, presste ich hervor: „Ichhabesieinflagrantierwischt“.
Meine Mutter schlug erschrocken die Hand vor den Mund, besann sich dann eines Besseren und nahm mich steif in den Arm. Das war eine Prämiere.
„Bist du dir da sicher? Siehst du aus Angst vor der Hochzeit etwa Gespenster?“ Sie schaute mich lächelnd an. „Oder warst du gestern zu dem Zeitpunkt vielleicht schon betrunken?“
Ich starrte entgeistert zurück. Was war denn jetzt kaputt? Dachte sie etwa, ich würde fantasieren? Mir einbilden, dass mein Verlobter mich hinterging? Hatte sie jetzt einen mentalen Platten? Sollte sie jetzt nicht auf ihn schimpfen und behaupten, dass er mich sowieso nie verdient hatte?
„Ist das dein Ernst“, presste ich hervor und sah sie fassungslos an.
Ich glaubte es ja wohl nicht. Womit hatte ich das verdient? Ich wollte jetzt keinen Streit heraufbeschwören. Ich brauchte jetzt jemanden an meiner Seite, ermahnte ich mich im Stillen.
Als sie meine weit aufgerissenen Augen sah, kombiniert mit ungläubiger Miene und hoch erhobenen Händen, wurde ihr wohl doch irgendwie klar, dass ich es todernst meinte. Es war weder der erste April, noch war ich für meine überaus ausgeprägten Scherze bekannt. Ich konnte genau nachverfolgen, wie es in ihrem Kopf Klick machte und sie schließlich bereit war, mir zu glauben und sich auf das kommende Gespräch ernsthaft einzulassen.
„Fang von vorn an. Was hast du denn gesehen, Schatz“, hakte sie weiter nach.
Ich nahm einen großen Schluck Kakao, verbrannte mir die Zunge, hustete, kleckerte etwas von dem Getränk auf die Bettdecke, fluchte kurz und jammerte dann. Als ich mich wieder gefangen hatte, holte ich tief Luft, um fortzufahren. Währenddessen blickte meine Mutter mich erwartungsvoll an.
„Als ich reinkam, hing er über ihr auf unserem Esstisch“, begann ich und beendete meine Erzählung mit dem Augenblick, an dem sie mich heute Morgen vor der Haustür gefunden hatte. Ich musste alles loswerden, bevor mich der Mut verließ und die Trauer erneut überwältigte. Meine Augen waren mittlerweile sowieso furztrocken und die Tränenkanäle verstopft. Es war kein Wasser mehr da zum Vergießen. Darüber war ich heilfroh. Die Heulerei war wirklich sauanstrengend.
Mit versteinerter Miene und mucksmäuschenstill saß mir die Frau gegenüber, die mich zur Welt gebracht hatte.
„Das gibt’s doch nicht. So eine Sauerei“, schimpfte sie dann und rubbelte den Kakaofleck energisch mit einem Taschentuch aus der Decke. „Das hätte ich ja niemals von ihm gedacht. Mike war doch so ein Netter!“
Da mir ihr Gefühlsausbruch in keinster Weise weiterhalf, bemühte sich meine Mutter, ihre Fassung eilig wieder zurückzuerlangen. Plötzlich war die pragmatische Helferin zurück.
„Das ist alles gar kein Problem. Für jeden Mist gibt es eine Lösung.“ Zack, schon hatte sie die Hand erhoben und jeder nun folgende Punkt wurde einzeln an den Fingern abgezählt.
„Ich nehme mir morgen frei.“ Das war Finger Nummer eins.
„Du bleibst erstmal hier, wenn du Mike nicht sehen willst.“ Finger zwei.
„Wenn er morgen arbeiten ist, fahren wir rüber und holen deine Sachen ab.“ Handlungsschritt Nummer drei.
Der Plan stand also. Diese Frau war hochgradig faszinierend. Sie konnte Emotionen komplett ausblenden und sich nur auf die Problemlösung konzentrieren.
„Um die Hochzeit kümmerst du dich nicht sofort, es sind ja noch einige Monate Zeit. Wenn du dich beruhigt hast, kannst du das immer noch alles klären.“ Nun war der vierte Finger erhoben und dann ging es auch schon an der zweiten Hand weiter.
„Eure Traumreise trittst du selbstverständlich an. Und zwar allein.“
Wenn das mal so einfach wäre, dachte ich skeptisch.
Sie ließ die Hände sinken und lächelte zufrieden. In diesem einen Moment, ganz im Gegensatz zu früher, war ich froh, dass sie mir das Denken abnahm. Der Kater der vergangenen Nacht und mein Gefühlschaos ließen mir einfach keinen Spielraum, um lebenswichtige Entscheidungen zu treffen.
Erst, als es draußen schon dämmerte, hatte ich die Kraft, mich von meinem Bett zu trennen und aufzustehen. Ich fühlte mich krank. Trotzdem schwang ich mich in die Klamotten meiner Mutter, sammelte all meinen Mut zusammen und setzte ein gezwungenes Lächern auf, um meinem Vater gegenüber zu treten.
Die beiden saßen bei Schummerlicht am Küchentisch und waren in ihr Abendessen vertieft. Ich schaute ihnen eine Weile von meiner Beobachtungsposition am Türrahmen aus zu. Sie waren ganz ruhig, aber die Stille war nicht unangenehm. Niemand redete und hing stattdessen seinen eigenen Gedanken nach. Die beiden waren so vertraut miteinander.
Als mein Vater mich dann doch entdeckte, erkannte ich an seinem mitleidigen Blick, dass meine Mutter ihn bereits in das akute Drama um seine Tochter eingeweiht hatte.
„Hallo, mein Spatz. Mutti hat mir schon das Wichtigste erzählt.“ Er klopfte neben sich auf den Stuhl. „Ich dachte mir immer schon, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmt. Wenn ich ihn verhauen soll, musst du mir nur ein Zeichen geben.“ Seine Augen funkelten verschmitzt.
Papa sah ein bisschen aus wie George Clooney, wenn auch ein wenig stämmiger um die Körpermitte, und war mindestens genauso charmant. Seine dunklen Haare waren mittlerweile ziemlich grau und hingen ihm bis in die Stirn. Seine hellgrauen Augen ließen ihn immer hart wirken, was er aber nicht im Geringsten war.
Wortlos setzte ich mich zu meinen Eltern an den Tisch.
Mein Vater griff eine Schnitte vom Stapel neben sich, beschmierte sie mit einer mindestens fünf Zentimeter dicken Schicht Nutella und schob mir das Brot dann sanft lächelnd herüber. Er kannte mich und meinen süßen Zahn ganz genau.
Ich rechnete ihm diese Geste hoch an, weil es einfach seine leise Art war, mir sein Mitgefühl zu zeigen. Er war für mich da. Trotzdem konnte ich mich nicht dazu bringen, das Essen anzurühren. Mein Magen fühlte sich an wie abgeschnürt. Würde ich einen Bissen essen, würde er vermutlich platzen oder alles oben wieder herauskommen.
„Ich habe keinen Hunger“, winkte ich ab und schob das Brot wieder von mir weg bis in die Tischmitte. Dabei hinterließ ich eine verschmierte Nutellaspur auf der hellen Holzoberfläche. Mein Vater schaute besorgt drein und zuckte mit den Schultern, sagte aber nichts. Meine Mutter jedoch warf ihm einen warnenden Blick zu. Die beiden kommunizierten wortlos. Es war, als würden die beiden in meiner Anwesenheit über mich sprechen und das mochte ich gar nicht. Ich war doch anwesend. Man konnte auch mit mir reden.
„Spatz, du musst aber etwas essen“, versuchte er es noch einmal.
„Mir ist übel.“ Leider knurrte in diesem Augenblick mein verräterischer Magen. Da es so still war, bekamen es natürlich beide Elternteile mit.
„Du hast den ganzen Tag nichts gegessen. Los, wenigstens das eine Brot.“ Als er das sagte, schob Vater die Schnitte wieder zu mir zurück. Nun zierte den Tisch ein zweiter brauner Streifen. Es sah aus wie eine Autospur.
Ich zögerte.
„Soll ich dich füttern wie damals, als du ein Winzling warst“, erkundigte Vater sich mit einem Augenzwinkern.
Sollte ich jetzt erwähnen, dass ich noch immer ein Winzling war? Nää, beschloss ich. Und auf das Gefüttert werden hatte ich natürlich auch keine Lust. Also griff ich mir die Schnitte, die sich unter der dicken Schokoschicht regelrecht verbog.
„Nein, bloß nicht“, schaffte ich noch zu sagen, bevor ich zubiss. „Das war doch immer eine Sauerei.“ Wie jetzt, als das dunkelbraune Zeug an meinen Zähnen hing. Aber als die Süße meine Zunge traf, kam der Appetit rasch zurück.
Papa begann bereits, ein weiteres Brot zu bestreichen. „Hier, noch eine“. Glücklich betrachtete er mein Schmatzen. „Ich wusste doch, dass Süßes dir hilft. Mama hat bestimmt auch noch Schokoeis“, verriet mein Vater.
„Super“, freute ich mich auf eine große Portion Eis und fünf Kilo mehr auf den Hüften.
Nach dem Abendessen schauten wir im Wohnzimmer zusammen fern.
Ich blieb noch sitzen, als meine Eltern schon längst ins Bett verschwunden waren.
Im TV war viel wirres und irres Zeug los. Das glich beinah meinem Leben. Ich nahm die Bilder jedoch nur verschwommen wahr. Meine mittlerweile müden Augen blickten ins Leere. Die stundenlange Heulerei gestern tat definitiv nicht gut. Jetzt, da ich mit mir und meinen Gedanken erneut allein war, startete das Gedankenkarussell um das Warum und Wozu zum wiederholten Male und traf mich doch mit voller Wucht.
Darauf konnte man sich nicht vorbereiten. Gewöhnte man sich irgendwann daran? Die Verzweiflung über Mikes Tat, der Schmerz in allen Gliedern meines Körpers und das unerträgliche Gefühl des Verletztwordenseins gingen jedoch allmählich in rote, gleißende Wut über.
Warum suchte ich die Schuld ausschließlich bei mir? Ich hatte mir nichts vorzuwerfen! Ich hatte nichts falsch gemacht. Ich war nicht diejenige, die die erste sich bietende Gelegenheit nutzte, um über jemand anderen zu rutschen. Vor allem war ich nicht diejenige, die unseren Traum vom gemeinsamen Leben zerstört hatte, von unserer lang ersehnten Traumhochzeit. Ich war nicht diejenige, die auf den schweinteuren Urlaub im Indischen Ozean schiss!
Je länger ich darüber nachdachte, desto aggressiver wurde ich. Ich steigerte mich richtig rein in diese Emotion. Alles war besser als das gestrige Jammern. Mike war doch an allem schuld, er ganz allein. An der ganzen beschissenen Misere! Wegen ihm hatte ich flaschenweise Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 gekauft und nun keine Verwendung dafür!
Es brodelte in mir und ich spürte das starke Verlangen, etwas zu schlagen, meine Wut herauszulassen und sie nicht zu unterdrücken, sodass ich auf den ersten Gegenstand in Reichweite einboxte und mir einbildete, es wäre Mikes Gesicht.
Muttis cremeweißes Spitzenkissen auf dem dunkelgrünen Sofa musste ziemlich viel einstecken.
„Nimm das, du Arschloch. Du hast es nicht anders verdient.“ Schlag Nummer eins.
„Du hast mich zutiefst verletzt. Was fällt dir ein?“ Schlag Nummer zwei.
„Anna, du bist die größte Schlampe überhaupt.“ Schlag Nummer drei, vier, fünf.
Danach prasselten die Schläge nur so auf das stille Kissen nieder. Es war ein prima Workout und machte sogar verhältnismäßig Spaß, was mich natürlich noch mehr anspornte.
Nach einer halben Ewigkeit entspannte ich mich etwas und die Schläge kamen in größeren Abständen, während mir wieder Tränen in die Augen stiegen. Ich fuhr fort, bis sich der Edelstein meines Verlobungsrings in die zarte Spitze des Kissens bohrte und hängenblieb.
„Scheiße, so eine Scheiße“, jammerte ich, als ich meinen Ring befreite.
Im Kissen blieb ein langer Zieher zurück. Meine Mutter würde nicht amüsiert sein.
Erneut wutentbrannt riss ich mir den elenden Ring vom Finger und machte mich stampfend auf den Weg in die Küche. Mein angepeiltes Ziel war der Abfalleimer.
Ich blickte für die nächsten zehn Minuten abwechselnd den Ring und den Mülleimer an. Dann fasste ich mir ein Herz und holte aus, um ihn wegzuschmeißen, aber mir kam eine zündende Idee.
Plötzlich die Ruhe selbst und lächelnd legte ich den Ring auf dem Küchentisch ab und kramte das Notebook meiner Mutter hervor. Ich wartete ungeduldig, bis sich die eBay-Website geöffnet hatte und trommelte mit den Fingern leise einen Rhythmus auf die Tischplatte.
Dann fiel mir ein, dass ich für mein Vorhaben ein Foto des Rings benötigte. Ich zückte mein Handy, erledigte sogleich diese Aufgabe und schickte mir das zugegebenermaßen gelungene Foto selbst per E-Mail. Dieser Ring konnte vermutlich auch nicht schlecht aussehen.
Dann starrte ich einen Augenblick auf die nun geöffnete Website und kramte fieberhaft nach der richtigen Formulierung. Als ich mir zurechtgelegt hatte, was ich schreiben wollte, tippte ich wie wild drauf los und begutachtete nach gut einer Stunde mein Werk.
Nach einigen Änderungen hier und da stellte mich der Entwurf tatsächlich zufrieden:
Ich biete:
Titel: Klassischer Damen-Brillantring aus 585er Weißgold
Kategorie: Mode & Beauty
Preis: 3499,00 € Verhandlungsbasis
Beschreibung:
Ich biete meinen weißgoldenen Verlobungsring mit vielen Brillanten aufgrund der geplatzten und seit Jahren sehnsüchtig erwarteten Strandhochzeit mit meinem untreuen Verlobten zum Verkauf an! 52er Ringgröße, weil ich für das Arschloch unentwegt Sport gemacht habe, um kein Gramm Fett zu viel am Körper zu haben und mein Traumkleid tragen zu können! Nur um ihn dann mit meiner dicken Freundin (Achtung: zweideutig) in flagranti zu erwischen!
Der Neupreis betrug 3.999,00 € – mein Freund hat sich den Arsch aufgerissen und unzählige Überstunden gemacht, um den fetten Klunker bezahlen zu können. Vielleicht wollte er so sein schlechtes Gewissen beruhigen, weil er schon seit einer Ewigkeit nach meiner besten Freundin lechzte? Dem Käufer wünsche ich jedenfalls mehr Glück in der Liebe, als ich es erfahren durfte!
Nicht optimal, aber auf jeden Fall aussagekräftig.
Genugtuung machte sich breit und ich grinste sogar zum ersten Mal seit der Sache herzlich über das ganze Gesicht. Es mochte eine Kurzschlussreaktion sein, aber es fühlte sich gut an und nur das zählte im Augenblick für mich. Ich wollte Mike mit der Aktion genauso verletzen, wie er mich getroffen hatte, als er auf Anna hing und ich das sehen musste.
Zufrieden und etwas leichter ums Herz machte ich mich bettfertig.
Als ich dann jedoch wie ein Rollmops in meine alte Pferdebettwäsche eingewickelt war, wollte der Schlaf nicht kommen. Die Schreiberei hatte einen Adrenalinstoß in mir ausgelöst und ich war viel zu aufgedreht, um einzunicken. Lange lag ich wach und prüfte im Laufe der Nacht immer mal wieder mein Handy.
Scheinbar ging es in dieser sternenklaren Nacht einer anderen Person nicht anders als mir in Punkto Schlaflosigkeit, denn ich erhielt gegen drei Uhr eine Nachricht über eBay bezüglich meiner gerade eingestellten Anzeige:
Hallo, ich bin stark an dem Ring interessiert. Können Sie mir ein Foto vom Echtheitszertifikat zusenden? Bitte teilen Sie mir auch schnellstmöglich Ihre Bankverbindung mit. Ich würde sofort bezahlen, es eilt. Gruß N.
Da wollte wohl jemand Hals über Kopf auf die Knie fallen und um eine Hand anhalten?
Ich lachte laut auf, denn ich hatte nicht wirklich mit einer Antwort auf die alberne Anzeige gerechnet. Das gab’s doch nicht. Zum Glück war ich ein bizarrer Mensch und trug das besagte Zertifikat seit der Verlobung stolz in meinem Portemonnaie mit mir herum, um es allen zu zeigen, die meinen Ring bewunderten.
Schnell stand ich auf und lief barfuß im Dunkeln zu meiner Tasche. Der Fußboden war eiskalt und ich schauderte. Ich beeilte mich, um mich vor dem Tod durch Erfrieren zu schützen und lief mit dem Zertifikat in der Hand schnurstracks wieder zurück in mein altes Kinderzimmer.
Dort angekommen, schaltete ich die Nachttischlampe ein und krabbelte eilig unter die noch warme Bettdecke. Konzentriert fotografierte ich ein paar Mal das Zertifikat ab, bis alles deutlich zu erkennen war. Ich sendete dem Interessenten das Foto und die gewünschten Daten zu. Zum Preis hatte er sich nicht geäußert. Er würde doch nicht wirklich so viel zahlen wollen? Oder etwa doch?
Nun konnte ich erst recht nicht schlafen und wartete gespannt auf eine weitere Nachricht, die prompt kam:
Danke für die zügige Antwort. Alles in Ordnung. Ich überweise Ihnen den gewünschten Betrag genau in diesem Moment und verlange dafür, dass sie mir den Ring samt Zertifikat gleich morgen als Eilsendung zukommen lassen. N.
Hatte die Person das tatsächlich geschrieben, oder träumte ich?
Manche Menschen hatten vielleicht Nerven und einen Umgangston, dachte ich mir. Aber bei dem großen Geldbetrag war mir das herzlich egal. Wenn es tatsächlich ernst gemeint war und ich morgen den beachtlichen Geldbetrag auf meinem Konto vorfand, war ich reich!
Mit diesem Gedanken schlief ich endlich ein, als sich mein Vater bereits auf den Weg zur Arbeit machte.
1. März
Nach der größtenteils durchwachten Nacht war ich unheimlich froh, dass meine Mutter mich am nächsten Morgen solange in den Federn liegen ließ, wie es mir beliebte.
Auch an diesem Tag wurde ich sanft durch warme Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht geweckt. Aber heute wusste ich sofort, wo ich mich befand. Und noch ein Lichtblick erhellte den Start in den Tag – ganz im Gegensatz zu gestern begrüßten mich keine dumpfen Kopfschmerzen. Das war doch schon mal ein Anfang, sagte ich mir, setzte mich auf und drückte die blanken Füße in den lilafarbenen Plüschteppich, der seit Jahren vor dem Bett lag.
Dann fielen mir die Szenen der vergangenen Nacht mit einem Schlag wieder ein und ich sprang putzmunter und äußerst beherzt auf. In Sekundenschnelle hatte ich mein Handy in der Hand und erschrak beim Blick auf die Uhrzeit. Es war schon beinah Mittag. Kein Wunder also, dass die Mittagssonne mich aus dem Winterschlaf geholt hatte.
„Dann ist das wohl die Stunde der Wahrheit“, flüsterte ich, als ich das Online-Banking gespannt öffnete. Es lud und lud, bis … „Ich glaub es nicht.“
Ich hatte doch tatsächlich das Geld erhalten, stellte ich an meinem Kontostand fest. Glaubte man sowas? Ich war reich. Wie hieß es doch so schön? Pech in der Liebe, Glück im Spiel? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt?
Vor lauter Freude hüpfte ich ungestüm in meinem ehemaligen Kinderzimmer auf und ab, warf Britney an den Wänden Kussmünder zu (die hing ja eh nur ab) und kreischte wie ein verliebter Teenie während eines Justin-Bieber-Konzerts. Offenbar veranstaltete ich solch einen Lärm, dass es keine zwei Sekunden dauerte, bis die Tür aufgerissen wurde und meine Mutter atemlos auf der Schwelle stand.
„Katharina, was ich denn los, um Himmels Willen“, rief sie verärgert.
Ertappt hielt ich inne.
„Ich hoffe, du hast nicht deine alten CDs entdeckt und führst einen Tanzwettbewerb auf. Unten bebt ja die Lampe an der Decke. Du weißt, wie ich das finde.“
Peng, fühlte ich mich sofort in meine Jugendzeit zurückversetzt. Es bedeutete nie etwas Gutes, wenn Eltern dich bei deinem vollen Namen nannten. Jedoch erhellte sich Mutters eben noch vorwurfsvoller Gesichtsausdruck, als sie meine freudige Miene sah. Das konnte aber auch daran liegen, dass ich aufgehört hatte zu zappeln.
„Hat Mike sich etwa gemeldet? War alles ein Missverständnis“, forschte sie neugierig nach und streckte das Kinn vor.
Naja, nee. Was dachte sie denn? Was konnte an dem Gesehenen ein Missverständnis sein? Die Lage war eindeutig. Eindeutig nicht zu Gunsten meines Verlobten. Und warum musste sie davon eigentlich wieder anfangen.
Meine Mundwinkel sanken um sage und schreibe dreißig Zentimeter nach unten. „Nein und nein. Natürlich nicht“. Fest nahm ich mir vor, meine Laune nicht beeinträchtigen zu lassen und ab heute auf der Glückswelle zu schwimmen. Ich setzte ein gekünsteltes Lächeln auf und zog die Schultern zu den Ohren. „Mike Wer?“
Dafür erntete ich einen todernsten Blick.
Ich strich mir die vom Hopsen wild gewordenen Haare hinter das Ohr, obwohl sie sofort in ihre Ausgangsposition zurücksprangen.
„Mutti, Planänderung für heute. Hast du nochmal Klamotten für mich?“ Ich klatschte in die Hände, voller Tatendrang und Euphorie. Ich war reich!
Eine Hand noch auf der Türklinke, betrat meine Mutter nun doch den Raum und blieb unmittelbar vor mir stehen. „Katharina, hast du etwa wieder getrunken? Hauch mich mal an.“
Manchmal musste man sich doch echt fragen! Beschwichtigend streckte ich beide Hände vor mir aus und versicherte ihr: „Stocknüchtern. Hör mal, ich mache mich jetzt fertig und dann müssen wir eiligst zur Post, frühstücken und shoppen gehen“. Damit scheuchte ich meine verwunderte Mutter aus dem Zimmer.
„Ich verstehe nicht…“, startete sie einen zweiten Versuch, mich zu durchschauen.
„Wir treffen uns gleich unten. Ich erzähle dir alles, wenn wir unterwegs sind, OK? Wir sind etwas spät dran.“
Dann düste ich in Windeseile in Richtung Badezimmer an ihr vorbei.
Meine Mutter wartete mit säuerlicher Miene bei einer Tasse Kaffee in der Küche auf mich, als ich frischgeduscht und in ihrer Jeans und ihrem Sweatshirt wiederauftauchte. In diesem Augenblick war ich froh, dass wir die gleiche Kleidergröße besaßen und ich nicht nackt oder in den stinkenden Klamotten von vorgestern vor die Tür musste.
Da ich nur mit dem Fahrrad hier war, stellte sich gar nicht erst die Frage, wer heute Chauffeur sein würde. Meine Mutti war an der Reihe, diese Aufgabe zu übernehmen.
Keine vierzehn Minuten später düsten wir los.
Zuerst sprang ich vor der Postfiliale aus dem Auto, während meine Mutter geduldig bei laufendem Motor auf mich wartete. Ich gab das Päckchen mit dem Ring für Herrn oder Frau Schroff als Eilsendung auf und flitzte zurück zum Auto. Es konnte weitergehen!
Jetzt begann der spaßige Teil des Tages. Meine Mutter hatte, wie immer, gut mitgedacht und fuhr extra in ein abgelegenes Lokal, wo ich sie zu einem späten Frühstück oder vielmehr Mittagessen einladen wollte. Sie wusste, dass Mike oder Anna uns an diesem Ort niemals über den Weg laufen würden.
Wir nahmen an einem winzigen Tisch am Fenster Platz.
„Such dir was Schönes aus. Ich lade dich ein“, weihte ich Mutter in meinen Plan ein.
Das kleine Café war nicht sonderlich gut besucht, sodass wir unsere Bestellung sofort aufgeben konnten und in Windeseile bedient wurden. Als die freundliche Kellnerin einen grünen Salat für meine Mutter und eine Tomatensuppe für mich serviert hatte, unterbrach mein Gegenüber sogleich die gefräßige Stille am Tisch.
„Na dann schieß mal los. Was ist der Anlass?“ Sie nahm einen Schluck aus ihrem Wasserglas. „Sonst lädst du mich nie ein. Gibt es weitere Nachrichten? Bist du zu allem Übel etwa ausgerechnet jetzt schwanger?“ Sie verschluckte sich beinah vor Schreck.
Reg dich nicht auf, dachte ich, du wolltest dir einen netten Tag mit deiner Mutter machen und sie nicht erwürgen. Angespannt entfaltete ich meine Serviette und legte sie mir auf den Schoß. Dabei ließ ich mir Zeit, um meine Antwort möglichst schonend zu formulieren. Dann blickte ich auf und sah in das Gesicht, das meinem so sehr ähnelte.
„Nein, du kannst dich abregen. Natürlich bin ich nicht schwanger.“ Sie hatte mir schließlich oft genug eingetrichtert, dass eine Verhütungsmethode nicht ausreichte. Doppelt hielt bekanntlich besser.
Ich stützte die Hände auf den Tisch.
„Ich möchte mich nur dafür revanchieren, dass ich vorerst bei euch untergekommen bin. Und ...“ Ich machte eine Kunstpause, um mir ihre volle Aufmerksamkeit zu sichern. „... ich habe gestern Abend meinen Verlobungsring verkauft. Für sage und schreibe 3.500 Euro.“
Zur Untermauerung des Gesagten klopfte ich auf die Tischplatte. Mein Gesicht glühte vor Freude und ich wurde bei dem Gedanken an so viel Geld wieder ganz aufgeregt.
Mutter jedoch sah mich an, als hätte ich von ihr verlangt, dass mich dieses Jahr der Weihnachtsmann wieder beschenken sollte.
„Den Ring“, fragte sie mit einer extra großen Portion an ungläubigem Unterton, als sie die Sprache wiedergefunden hatte.
Sie liebte den Klunker noch mehr als ich und hatte allen Nachbarn, Verwandten, flüchtigen Bekannten und völlig Fremden lang und breit davon erzählt. Sie gehörte eindeutig zu den Menschen, die Bling-Bling mit Liebe gleichsetzten. Wenn dein Mann dich wirklich liebte, verwöhnte er dich mit materiellen Dingen. In ihren Augen war das ein Garant für seine Hingabe und eine langanhaltende Beziehung. Aber auch meine Mutter konnte sich mit Sicherheit mal irren.
„Katharina, das hast du nicht wirklich getan.“
Das war eine rhetorische Frage. Als ich nicht antwortete, setzte Gewissheit ein. Ihre Augen wurden immer runder, als sie an meinem Gesichtsausdruck keinerlei Anzeichen für einen Scherz entdeckte und realisierte, dass ich es ernst meinte.
„Nun…“, forderte sie mich zu weiteren Ausführungen auf. Dabei zog sie ihre rechte Augenbraue in die Höhe, sodass diese sich beinah in Stirnmitte befand. Ob ich ihr zum nächsten Geburtstag einen Botox-Gutschein schenken sollte? Immerhin hatte sie die Hälfte der Falten wegen mir.
Ich mochte auf keinen Fall in Erklärungsnot kommen, also fuhr ich fort: „Naja, mir fiel gestern Nacht auf, dass ich den verfluchten Verlobungsring noch trug. Also wollte ich ihn kurzerhand entsorgen, aber dann kam mir eine bessere Idee.“
Bei dem Gedanken daran, grinste ich hämisch. „Ich habe ihn bei eBay angeboten und dazu einen schnittigen Text über Mike verfasst, weil ich so wütend war – streng genommen immer noch bin.“ Nicht abschweifen, ermahnte ich mich. „Ich habe doch nicht wirklich geglaubt, dass sich jemand auf die Anzeige meldet. Und schon gar nicht für den hohen Preis“, endete ich und wedelte aufgeregt mit den Händen durch die Luft.
Der entgeisterte Gesichtsausdruck meiner Mutter veränderte sich während der ganzen Geschichte nicht. Wenn überhaupt, versteinerte sich ihre Miene zusehends, passend zu ihrer Körperhaltung. In ihren Augen war ich komplett durchgedreht.
Darum holte ich erneut aus: „Versteh doch mal, ich kann das Ding nicht tragen und immer an Mike erinnert werden. Ich sehe jedes Mal seinen nackten Hintern über Anna hängen.“
Bilder im Kopf hervorzurufen konnte nicht schaden, um meine Tat zu rechtfertigen und meiner Mutter die Motivation begreiflich zu machen.
„Weißt du, ich wollte ihn auch verletzen. So schlimm, wie er mich getroffen hat. Ich ahne doch genau, wie hart er gearbeitet und wie viele Überstunden er gemacht hat, um sich den Brilli überhaupt leisten zu können.“
Ich hoffte, endlich zu ihr durchgedrungen zu sein.
Das Gesicht meiner Mutter entspannte sich merklich und ihr Ausdruck wurde milder. Aber sie wäre nicht sie, wenn sie jetzt aufgeben würde. Sie versuchte es wieder: „Dann hättest du den Ring doch erstmal in irgendeine Schublade tun können. Da siehst du ihn nicht.“
Das konnte doch nicht wahr sein? Konnte sie mich nicht einfach in den Arm nehmen, pusten und mir sagen, dass gleich wieder alles gut sein würde? Warum war sie denn bitte schön auf Mikes Seite? Er war doch der Schuldige in dem filmreifen Szenario?
Langsam wurde es mir echt zu bunt und ich sprang auf.
„Du willst mich nicht verstehen oder“, fauchte ich sie leise über den Tisch hinweg an. Ich schob meinen Suppenteller abrupt von mir weg und der rote Inhalt schwappte über den Tellerrand hinaus, bis er in einem großen Klecks auf der Tischdecke landete. Meine gute Laune ging langsam, aber sicher, den Bach herunter.
„Warum sollte ich den Klunker aufheben? Ich werde ihn nie wieder tragen können. Und warum auch? Mike hat unseren Traum zerstört und auf unsere gemeinsame Zukunft geschissen.“ Dabei erhob sich meine Stimme mit jedem Wort, sodass sich die Leute an den umliegenden Tischen nach uns umdrehten.
Als ich die neugierigen Blicke und meine aus Frust aufsteigenden Tränen (hello again!) bemerkte, setzte ich mich lieber wieder an meinen Platz. Um mich abzulenken, wischte ich wie verrückt mit meiner Serviette an dem Suppenfleck herum. Ich rubbelte die Stelle noch, als die Tischdecke längst die Farbe der Serviette abgenommen hatte.
Währenddessen holte meine Mutter ein paar Mal tief Luft. Sie wollte etwas sagen, aber ich merkte an ihrer Schnappatmung, dass sie sich auf die Zunge biss. Stattdessen winkte sie schließlich die Bedienung heran und bestellte für mich ein Schokoladeneis mit extra viel Schokosoße. Das war ihr erster Schritt in Richtung Versöhnung, indem sie Papas Taktik aufnahm. Kein schlechter Schachzug, denn Zuckerhaltiges beruhigte mich nun mal am besten.
Eine Szene im Restaurant war Mutters schlimmster Albtraum, da fütterte sie lieber das Kind kugelrund.
Die Überbleibsel meiner mittlerweile kalten Suppe blieben unberührt auf dem Tisch stehen. Dafür löffelte ich das himmlische Eis in Rekordschnelle restlos auf und kriegte mich wieder ein. Meine Mutter sprach weiterhin nicht mit mir, aber ihr brannte etwas auf der Zunge.
Erst als wir wieder angeschnallt im Auto saßen und sie keine weitere Szene meinerseits zu befürchten hatte, traute sie sich, mir ihre Überlegungen mitzuteilen. „Ist die Reise auf deinen Namen gebucht? Dann spricht absolut nichts dagegen, dass du fliegst. Ihr habt so eisern gespart und euch gefreut. Lass dir deine Träume und dein Leben nicht von einem Dummkopf kaputt machen“.
Wow, hatte sie das wirklich gesagt oder saß ein Alien neben mir? Es war, als kam plötzlich die über Jahre zurückgehaltene Nettigkeit mit einem Male zum Vorschein.
„Du verdienst es, glücklich zu sein“, setzte sie nach und drückte sanft, aber kurz meine Hand. So einen Gefühlsausbruch hatte ich bei meiner Mutter noch nie erlebt.
Für eine Sekunde dachte ich fieberhaft nach. „Klar, den Urlaub habe ich gebucht. Du glaubst doch nicht, dass Mike mit im Reisebüro war. Sowas überlässt er doch mir. Bezahlt ist auch alles bis auf den letzten Cent.“
Ich dachte laut nach und begann, in meiner riesigen Handtasche zu wühlen. Ja, Frauen und ihre Überlebensbeutel.
„Und in weiser Voraussicht habe ich die Reiseunterlagen schon eingesteckt, als die mit der Post kamen, damit ich auch bloß nichts vergesse. Und meinen Reisepass.“ Triumphierend zog ich die zerknitterten Dokumente hervor, blätterte kurz darin herum, stellte fest, dass alles da war und ließ alles wieder in meiner Tasche verschwinden.
Neurosen waren manchmal unheimlich praktisch.
Es wäre so verdammt einfach, morgen in den Flieger zu steigen und alles hinter mir zu lassen. Sollte ich oder sollte ich nicht? Sollte ich oder sollte ich nicht? Ich sollte es tun. Mike würde schon sehen, was er davon hatte, mich zu betrügen. Doch, ich sollte nicht alles kaputt denken und es einfach tun. Sonnencreme hatte ich ja genug, daran sollte es nicht scheitern.
Derweil musterte meine Mutter mich eingehend, konnte aber keinen Grund zur Besorgnis feststellen. „Also, was sagst du“, wollte sie wissen.
„Du hast Recht. Ich lasse mir die Reise nicht entgehen.“ Das war das erste und einzige Mal, dass ich ihr Recht gab, schwor ich und stopfte meine widerwillige Handtasche zwischen meine Füße. „Lass uns shoppen gehen. Ich brauche Bikinis, Koffer und Strandklamotten“, kreischte ich.
Sofort war mir leichter ums Herz. Ich schob es gerne vor mir her, Entscheidungen zu treffen und machte mir dann permanent Gedanken darüber.
„Du willst alles kaufen? Was ist denn mit deinen Sachen? Wollen wir nicht lieber bei dir zuhause anhalten und abholen, was du brauchst“, schlug Mutter vor.
„Nein, da kriegen mich keine zehn Pferde hin.“ Wenn das ein Neuanfang werden sollte, musste ich konsequent sein. „Neustart heißt auch neue Klamotten“, verkündete ich laut und freute mich zugegebenermaßen fast ein wenig auf mein neues Leben.
Ohne mich oder meine Verfassung weiter zu hinterfragen, startete meine Mutter den Motor und reihte ihren kleinen Flitzer in den Verkehr ein.
Am Einkaufstempel angekommen, stellte meine Mutter das Auto im Parkhaus akkurat in einer engen Lücke ab. Eines musste man der Frau lassen, einparken konnte sie.
Ich war unheimlich froh, sie bei meinem heutigen Vorhaben dabei zu haben, denn sie wurde – ganz im Gegensatz zu Anna und mir – nie müde beim Shoppen und war allzeit bereit für das nächste Schnäppchen. Ihr liebstes Hobby war es, stundenlang durch die Läden zu ziehen, vollbepackt mit Bügeln in der Garderobe zu verschwinden und alles anzuprobieren, was ihr zwischen die Finger kam.
Papa hatte es vor langer Zeit aufgegeben, sie vom Geld ausgeben abhalten zu wollen oder sie zu begleiten, verfügte er doch nicht über dieselbe Ausdauer. So lebte er ruhiger.
Zusammengefasst hatte es also einen Grund, dass die Frau einen Kombi fuhr. Den Platz brauchte sie.
Und auch ich hatte heute vor, viel Geld auf den Kopf zu hauen und mehr zu kaufen als jemals zuvor. Die Voraussetzungen dafür waren jedenfalls erfüllt. Ich war guter Dinge, hatte einen Profi an meiner Seite und ein volles Bankkonto. Was konnte schon schief gehen?
Kaum sah meine Mutter die ersten Geschäfte, war sie nicht mehr zu bremsen. Früher hatte mich ihr Elan total genervt, heute jedoch steckte mich ihr Shoppingwahn regelrecht an. Zum ersten Mal musste ich dabei nicht auf das Geld achten und konnte kaufen, was ich begehrte. Auch der Gedanke, Mike eins auszuwischen, ihn zu bestrafen und ohne ihn zu verreisen, machte mich beinah glücklich und füllte mich mit neuer Energie und Zuversicht.
„Kati, nun schleich doch nicht so“, rief Mutter mir zu und winkte aus fünf Metern Entfernung. Es war faszinierend, dass sie ausgerechnet beim Shopping ihre chronischen Knieschmerzen vergaß und rennen konnte, wie ein junges Reh.
„Wo willst du zuerst rein? Schuhladen?“ Ich hatte die Distanz zwischen uns fast aufgeholt, da sprintete sie, ohne eine Antwort abzuwarten, schon wieder los und murmelte: „Ja, Schuhladen. Da gibt es doch auch Koffer.“ In einem Affenzahn bog sie in den Laden ab. „Und Schuhe natürlich.“
Natürlich, darum hieß es Schuhladen, dachte ich und beeilte mich, hinterherzukommen.
Als ich sie schließlich eingeholt hatte, hielt sie mir schon ein paar Stiefel unter die Nase.
„Mutti, ich fahre an den Strand. Brauche ich dort Stiefel?“ Ich rollte mit den Augen. Das konnte heiter werden.
„Die sind für mich“, antwortete sie, während sie den Karton aus dem Regal zuppelte und nach einem Stuhl zum Anprobieren Ausschau hielt. „Dass du keine Stiefel brauchst, weiß ich.“ Sie setzte sich und streifte ihre Schuhe von den Füßen. „Obwohl ich mich an deiner Stelle für den Flug nach etwas bequemen umschauen würde.“
Ich gab auf, schüttelte den Kopf und lief ziellos durch die Gänge. Schnell stellte ich fest, dass es ungünstig war, im Winter nach Sommerschuhen zu suchen.
Während Mutter also nach Herzenslust für sich einkaufte, machte ich mich auf die Suche nach einer Verkäuferin und wurde in der letzten Ecke des Schuhladens fündig. Dort standen nämlich gleich drei von ihnen zusammen, hatten die Köpfe zusammengesteckt und erzählten leise miteinander.
Ich näherte mich ihnen und räusperte mich laut, um sie auf mich aufmerksam zu machen… und erhielt nicht den Hauch einer Reaktion.
„Entschuldigung“, versuchte ich es weiter. „Wenn es keine Umstände macht, benötige ich kurz Ihre Hilfe.“
Die drei jungen Frauen sahen zu mir. Ihre Blicke verrieten eindeutig, dass es sehr wohl Umstände machte, wenn ich sie beim Lästern unterbrach.
Ohne mich davon beirren zu lassen, nutzte ich die entstandene Stille aus und fuhr fort: „Ich fahre morgen in den Sommerurlaub und brauche unbedingt Sommerschuhe und einen großen Koffer.“ Selbstbewusst und unnachgiebig. Das war mein neues Ich.
Eine der drei Damen wandte sich sofort ab und begann, Schuhkartons in die Regale zu schieben. Die beiden anderen tauschten einen genervten Blick und drehten sich zu mir.
„Es tut mir leid, aber die Sommerkollektion kommt erst in ein paar Monaten rein“, stellte dann die eine fest.
Es tat ihr definitiv nicht leid. Sie warf mir einen jener Blicke zu, der deutlich machte, dass sie an meiner Intelligenz zweifelte.
Ich reckte mein Kinn in die Höhe und sagte freundlich: „Dessen bin ich mir durchaus bewusst, aber mein Verlobter hat mich vor zwei Tagen, quasi genau vor unserer Hochzeitsreise, betrogen. Nun stehe ich ohne alles da, weil ich ihm in der Verfassung nicht gegenübertreten kann, um meine Sachen zu holen.“ Ich holte tief Luft. „Wenn das kein guter Grund für neue Schuhe ist, weiß ich auch nicht.“
Man konnte doch ruhig mal die Mitleidskarte ausspielen, oder?
Ich zog eine Schnute und hoffte, dass mir nicht wieder die Tränen kommen würden.
Plötzlich kam Leben in die beiden Verkäuferinnen. Sie warfen sich verschwörerische Blicke zu. Verstanden die sich ohne Worte, rätselte ich, bis die eine meine Gedanken unterbrach. „Folgen Sie mir bitte nach vorne, dann zeige ich Ihnen die Koffer, die wir hier haben. Meine Kollegin wird im Lager nachsehen, ob vom letzten Jahr noch Reste an Sommerschuhen da sind. Welche Größe benötigen Sie?“ Im Laufen begutachtete sie meine Hobbitfüße. „36, nehme ich an.“
Wow, sie war gut!
Ich nickte nur und beeilte mich heute schon zum zweiten Male, jemandem nachzulaufen. Wie nett Menschen doch sein konnten, wenn sie mitfühlten.
Als wir vorne neben der Kasse ankamen, zeigte mir die junge Verkäuferin mit einem strahlenden Lächeln die Reisetaschen und Koffer.
„Ist für Sie etwas dabei“, fragte sie mich nach einigen Minuten der Stille.
Nach eingehender Betrachtung der Auswahl zeigte ich auf den einzigen auffälligen Koffer. Den würde ich am Flughafen auf dem Kofferband sofort erkennen, denn er hatte ein Giraffenmuster. Die anderen Reisetaschen in Blau und Schwarz würden mir bei meinem Glück fünf Mal vor der Nase entlangfahren, bevor ich sie erkannte.
„Der Giraffenkoffer soll es sein“, verkündete ich und zeigte notfalls noch mit dem Finger darauf.
„Gute Wahl“, gratulierte mir die Verkäuferin zu meiner Wahl und brachte den Koffer sofort für mich zur Kasse.
In diesem Augenblick kam schon die andere Frau mit zwei Kartons unter dem Arm aus dem Lager zurück.
„Schauen Sie mal, ich habe noch was gefunden“, strahlte sie mich an.Sie überreichte mir die beiden Kartons. In dem oberen befanden sich dunkelgrüne Keilsandaletten, die schon mal nicht schlecht waren. Der Inhalt des unteren Kartons gefiel mir nicht so besonders. Es handelte sich um schwarze Ballerinas mit pinkfarbenen Strasssteinen. Trotzdem probierte ich beide Paare an.
„Flipflops oder ähnliches haben Sie nicht zufällig auch noch da“, fragte ich vorsichtshalber nochmal nach.
Das Strahlen der Verkäuferin erlosch und sie schüttelte bedauernd den Kopf.
„Gut, dann nehme ich die beiden und den Koffer“, beschloss ich und übergab ihr die beiden Schuhkartons. Ich bezahlte und gerade als ich meine Mutter suchen wollte, kam auch sie mit ihrer Ausbeute um die Ecke.
Mein Vater würde vor Freude Luftsprünge vollführen. Noch mehr Treter.
Während sie zahlte, verstaute ich meine Schuhe in meinem schicken neuen Koffer.
Die nächste Station führte uns in ein Unterwäschegeschäft.
Hier bekam ich die volle Aufmerksamkeit der elegant gekleideten älteren Verkäuferin – auch ohne meine Geschichte erzählen zu müssen. Das lief doch wie am Schnürchen. Okay, der Laden war zugebenermaßen auch gähnend leer. Aber ich ließ mir meine positive Einstellung bestimmt nicht verderben.
Wir fanden einen hübschen Bikini mit Perlen, den ich gleich in Türkis und bunt gemustert kaufte, weil er optimal saß. Außerdem landeten diverse BHs, Slips und Dessous in meiner Einkaufstasche. Es kostete mich ein Vermögen, aber daran verschwendete ich keinen Gedanken und ließ meiner Einkaufswut freien Lauf.
„So eine Figur hätte ich auch gern nochmal“, zwinkerte mir die nette Verkäuferin zu, als wir das Geschäft verließen. Was hörte man lieber? Das war Balsam für die Seele.
Als wir pünktlich zur Schließzeit aus dem Parkhaus düsten, waren unsere Bäuche voller Eis und unsere Taschen platzten fast vor lauter Klamotten. Ich war eingedeckt mit langen und kurzen Hosen, Kleidern, Röcken, einer Lederjacke, diversen Tops und Shirts in verschiedenen Formen und Farben (bloß kein rot, dass biss sich mit meinen Haaren). Sogar neonfarbene Flipflops hatte ich in einem Billigladen bekommen.
Abgesehen davon, dass ich nach diesem Tag schlagalle war, stand der Reise morgen nun wirklich nichts mehr im Wege! Zum Glück hatte ich heute so viel geshoppt, dass ich für den Rest des Jahres keinen Fuß mehr in ein Einkaufscenter setzen musste.
Bei meinen Eltern angekommen, mussten Mutter und ich jeweils drei Mal vom Auto zum Haus laufen, um unsere Ausbeute auszuräumen.
„Uff“, machte sie, als sie sich mit ihren letzten prall gefüllten Einkaufstüten durch die Tür zwängte. „Bernd, hilfst du mir mal?“
Vater sah von seinem Kreuzworträtsel auf, die Lesebrille auf der Nasenspitze. Er schmunzelte und ergab sich seinem Schicksal. „Habt ihr den anderen Leuten denn wenigstens etwas übriggelassen?“
Er besah sich die Tüten, die sich im Flur stapelten und schob sie nacheinander mit dem Fuß vor sich her in die Küche. Sein Schmunzeln erstarb.
„Angelika, was habt ihr denn bloß alles eingekauft?“ Hilflos blieb er in der Küche neben all dem angeschleppten Krempel stehen.
Ich zog mich lieber zurück und beobachtete die Szene amüsiert aus einiger Entfernung. Ich wusste genau, was nun folgen würde.
Mutter legte ihre Handtasche auf das aufgeschlagene Kreuzworträtselheft und begann, in den Tüten zu wühlen.
„Krieg dich wieder ein, Bernd“, sagte sie, als sie eine dunkelblaue Bluse (wer hätte es geahnt) hervorzog und begutachtete. „Das war alles reduziert. Ich habe wahnsinnig viel gespart, ein Schnäppchen geschlagen sozusagen.“
Papa griff seine Nasenwurzel und drückte. „So kann man es sich auch schönreden.“ Er nahm die Hand aus dem Gesicht, aber es blieben rote Punkte links und rechts der Nase zurück. „Richtig gespart hättest du, wenn du gar nichts gekauft hättest.“
And here we go.
Mutter ließ die Bluse fallen und ihr Kopf schnappte herum. „Es ist mein Geld und damit kann ich ja wohl machen, was ich möchte.“
In diesem Moment hatten Papa und ich die gleiche Idee. Nämlich die Flucht zu ergreifen. Wir schlichen aus der Küche und ließen eine schnaubende Angelika zurück.
„Wir sagen ihr besser nicht, dass die Bluse aussieht, wie die zwanzig anderen, die in ihrem Schrank hängen“, flüsterte er verschwörerisch hinter vorgehaltener Hand in meine Richtung.
Nach einem gemeinsamen Abendessen in absoluter Stille zog ich mich zurück in mein altes Kinderzimmer und packte vor Britneys Augen meine neuen Schätze aus – nur um sie anschließend im Giraffenkoffer zu verstauen. Normalerweise würde ich alle Klamotten vor dem Tragen waschen, aber dies war eine Ausnahmesituation. Da nahm man zusätzlich zu dem erwarteten Sonnenbrand auch ein wenig Ausschlag in Kauf.
Als die Nähte meines überquellenden Koffers beinahe platzten, war ich vollkommen zufrieden und überprüfte erneut, dass meine Reiseunterlagen, Zugtickets und der Reisepass vorhanden waren.
Meine Nerven meldeten sich langsam zurück, wenn ich an die morgige lange Reise dachte. Und das ganz ohne moralische Unterstützung und Beruhigung durch eine Begleitperson. Ich hoffte, dass alles wie geplant funktionieren würde. Trotzdem überwog letztendlich die Freude darüber, dem Winter zu entfliehen und der Sonne entgegenzufliegen.
Ich würde dieses einzigartige Erlebnis mitnehmen, auch ohne Mike! So konnte ich ihm – und vor allem mir – beweisen, was ich alles allein schaffte.
Um mich abzulenken, ließ ich den restlichen Abend gemütlich mit meinen Eltern im Wohnzimmer bei einer Runde Mensch-ärgere-dich-nicht ausklingen. Wir mussten meinen Vater dazu überreden, weil er generell immer verlor, doch mir zuliebe gab er rasch nach und fügte sich seinem Schicksal. Das Spiel machte Spaß, obwohl Mutter noch sauer auf ihn war und möglichst wenig sagte.
Ich verlor haushoch, das war neu. Nicht nur Pech in der Liebe, sondern jetzt auch im Spiel, dachte ich, als ich mich auf den Weg ins Bett machte. Hatte mich das Glück komplett verlassen?
Im Bett ließ ich den heutigen Tag noch einmal Revue passieren.
Ich hatte es genossen, unvernünftig zu sein und Geld auszugeben für Klamotten, die ich nach dem Urlaub vermutlich nie wieder aus dem Schrank holen würde. Sonst war ich die pflichtbewussteste Person weit und breit, denn a) ich konnte nicht ins Bett gehen, ohne mir vorher die Zähne zu putzen, b) ich holte beim Nachbarn abgegebene Pakete noch am selben Tag ab und überreichte als Dankeschön Pralinen, c) ich überwies meine Miete vorsichtshalber generell einen halben Monat zu früh, d) ich trank keinen Alkohol und e) ich entschuldigte mich bei jedem Käfer, den ich versehentlich mit dem Rad überrollte.
Die Liste ließ sich endlos fortsetzen.
Vielleicht sollte ich den Fokus in Zukunft mehr darauflegen, Spaß zu haben und mal auszubrechen? Ich hatte Mike bei seinen Männerabenden nie ausgebremst, aber ich hatte mich auch nicht wirklich beteiligt, wenn wir Besuch hatten. War ich ihm womöglich zu langweilig geworden? Tatsächlich war ich oft alleine zuhause geblieben, wenn er ausgegangen war. Ich musste ja schließlich fit sein am nächsten Morgen, um mein Sportprogramm durchzuziehen und für Mike gut und schlank auszusehen. Konnte es sein, dass es wichtiger gewesen wäre, gemeinsam etwas zu unternehmen, als dem Schönheitsideal hinterher zu laufen?
Mit diesen tiefsinnigen Gedanken im Hinterkopf schlief ich irgendwann ein. Ich träumte von Heidi Klum, die im Gang eines Flugzeugs modelte. Immer wieder lief sie in einem anderen Outfit durch die Reihen…
Shopping tat mir einfach nicht gut.
2. März
Ich erwachte um zehn Uhr ziemlich gerädert durch das schrille Klingeln meines Handyweckers.
Sofort war die Nervosität wegen der bevorstehenden Reise wieder da. Mein Magen fühlte sich verquer und flau an – so als ob ich seit Tagen nichts gegessen hätte.
Ich rieb mir die schläfrigen Augen und stand mit zerzaustem Haar auf. Barfuß tänzelte ich ins Badezimmer, wo ich mich mit Schlabberpulli und Leggings einigermaßen reisetauglich herrichtete, denn möglichst bequem musste es sein für den langen Flug.
Als ich im Bad fertig war und zum ersten – aber sicher nicht zum letzten – Mal an diesem Tage meine Reisedokumente checkte, kam meine Mutter zur Tür herein. Sie unterbrach heute extra wieder ihre Arbeit, um mich zum Bahnhof zu fahren und war etwas früher dran, als wir verabredet hatten.
„Guten Morgen, du hast wohl bis eben geschlafen“, stellte sie strahlend fest und hängte ihre Jacke an die Garderobe. Wie toll, sie freute sich für mich und mein bevorstehendes Abenteuer. „Ich weiß, dass ich viel zu früh bin. Willst du noch frühstücken?“
Schnell ließ ich die Dokumente in meiner Tasche verschwinden. „Nein, ich bekomme jetzt nichts runter.“
Sie bemerkte meine zitternden Hände. „Sei nicht so nervös. Was soll schon passieren? Du fliegst schließlich nicht zum ersten Mal“.
Aber zum ersten Mal mutterseelenallein, fügte ich in Gedanken hinzu. Und schon hatte sie die soeben gesammelten Pluspunkte wieder vernichtet.
„Du solltest wirklich etwas essen. Frühstücken ist wichtig.“
Ich folgte ihr schlurfend in die Küche. „Ehrlich, ich möchte nichts. Mir bleibt nachher auf dem Flughafen massig Zeit, um mir etwas zu essen zu holen“, versicherte ich ihr leicht unterkühlt. Ihrem skeptischen Blick zufolge glaubte sie mir das nicht. „Wirklich“, versprach ich ihr, bevor sie mir die Laune vollends verderben konnte.
„Na dann lass uns los.“ Sie streifte sich ihre Jacke über und war schon beinah zur Tür hinaus. „Ich muss ja gleich wieder in die Bank zurück. Hab denen gesagt, ich bin nur ein Stündchen weg.“
Ich sammelte flink meine Handtasche und den Giraffenkoffer ein und verstaute beides im Auto.
Mutter fuhr rasant und setzte mich kurze Zeit später bereits am grauen, zugigen Hauptbahnhof in der nahegelegenen Stadt ab.
Natürlich begleitete sie mich nicht zum Bahnsteig, sondern umarmte mich in Windeseile am Auto, ohne dabei auch nur den Hauch von Körperkontakt zuzulassen. Das sah von außen betrachtet sicherlich komisch aus.
„Ich wünsche dir viel Spaß, Kind.“ Sie öffnete die Fahrertür. „Und lass das ständige Grübeln sein. Das macht nur Falten.“
Ich beobachtete sie beim Einsteigen.
„Es wird schon alles glattgehen. Genieße die Auszeit und schalte ab. Du kannst alles in Ruhe klären, wenn du zurückkommst. Nichts läuft weg“, gab sie mir noch mit auf den Weg.
Das klang zugegebenermaßen wieder recht freundlich. Ich wartete auf weitere Ausführungen.
„Obwohl es sich immer lohnt, sich Gedanken über die Zukunft zu machen“, konnte sie sich dann doch nicht verkneifen und musste selbst ein bisschen lachen. „Wir holen dich dann in zwei Wochen vom Flughafen ab, vergiss das nicht.“
Kopfschüttelnd sah ich ihr nach, als sie davonbrauste und zog dann meinen Koffer durch den Bahnhof, auf der Suche nach dem richtigen Gleis. Die Plastikräder klapperten laut auf dem gefliesten Fußboden und das Geräusch hallte in der leeren Halle nach.
Gerade als ich die Treppe zum Bahnsteig mit meinem ungeheuer schweren Koffer hinaufschlich, klingelte mein Handy. Warum hatte ich so viel eingepackt? Und warum gab es hier keinen Fahrstuhl?
Es war Papa. Der musste jetzt kurz warten.
Schwitzend und laut schnaufend, kämpfte ich mich bis zum Ende der Treppe empor, setzte mich auf den Koffer und rief ihn umgehend zurück.
„Hallo Paps, was gibt‘s denn?“ Dafür, dass ich regelmäßig joggen ging, klang ich aufgrund des rasselnden Atems gerade nicht sonderlich fit.
„Hallo Spatz, ich wollte dir nur eine gute Reise wünschen.“
„Das ist aber lieb von dir.“
„Hast du alles? Hat Mutti dich schon am Bahnhof rausgeschmissen?“ Ich hörte an seiner Stimme, dass er lächelte.
„Ja, ich habe eben den verfluchten Koffer auf den Bahnsteig hochgetragen.“
„Deswegen klingst du, als hättest du Sport gemacht. Das nächste Mal bringe ich dich und nehme dir das Tragen ab.“ Er lachte.
Ich lachte ebenfalls. „Ach, Quark. Mach dir keine Sorgen, ich bin doch schon groß. Mehr oder weniger.“ Ich erhob mich vom Koffer und streckte mich. „Der Zug kommt gleich und ich habe meines Wissens auch nichts vergessen.“
„Alles klärchen. Dann viel Spaß und komm gut hin und zurück“, ermahnte er mich.
„Na sicher doch. Bis in zwei Wochen.“
Als der ICE einige Minuten später in den Bahnhof einfuhr, war ich ein Eiszapfen.
Mein Sitzplatz, pardon unsere Sitzplätze, waren reserviert. Ein netter Mann half mir glücklicherweise mit dem Koffer die drei Stufen hinauf bis in den Zug, wo ich mein Abteil auf Anhieb fand. Hatte ich die sechs Plätze vielleicht für mich allein? Wenn schon nicht in der Liebe und beim Spielen, dann lauerte das Glück möglicherweise hier?
Die mehrstündige Zugfahrt nach Düsseldorf zum Flughafen, die mir bevorstand, war kein Zuckerschlecken. Vor allem, wenn man wusste, dass man danach auch noch eine Ewigkeit im Flieger hocken würde.
Ich wühlte in meiner großen Handtasche herum, fand meinen MP3-Player und stöpselte mir die Kopfhörer in die Ohren, noch bevor der Zug anfuhr. Meine alte Playlist mit Liedern von Britney und den Spice Girls kam mir gerade recht und ich drehte die Lautstärke voll auf.
Aus diesem Grund hörte ich auch den älteren Mann, der in der Abteiltür stand, nicht sofort. Erst als er mit der Hand in meinem Gesichtsfeld herumfuchtelte, bemerkte ich ihn und nahm die Kopfhörer ab.
„Ist hier noch etwas frei, junge Dame“, erkundigte er sich und schaute neugierig in mein Abteil. So viel zum Thema Glück, dachte ich mir, lächelte ihn aber höflich an. Gute Erziehung und so.
„Sie haben freie Platzwahl“, antwortete ich und ließ meine rechte Hand einladend über die Plätze schweifen.
Der Mann setzte sich mir gegenüber ans Fenster und legte seinen grauen Filzhut auf dem Sitzplatz neben sich ab. Dann faltete er seinen hellbraunen Mantel ordentlich zusammen und platzierte ihn neben dem Hut. Als er es sich hinter einer großen Zeitung gemütlich gemacht hatte, stellte ich meine Musik wieder an und sang gedanklich jede Textzeile mit. Die Lautstärke hatte ich natürlich um einiges gedrosselt, um meinen Sitzpartner nicht zu belästigen.
Irgendwann fand ich in meiner Handtasche auch noch eine alte, zerknitterte Klatsch-und-Tratsch-Zeitschrift, die ich eigentlich für die Mittagsruhe im Kindergarten gekauft hatte. Wenn die Kinder tatsächlich mal schliefen, konnte die Ruhezeit im Kindergarten ziemlich langweilig werden. Das Heftchen war mittlerweile ziemlich lädiert, aber ich führte es mir trotzdem zu Gemüte. Die Titelgeschichte befasste sich mit der Scheidungsschlacht eines sehr berühmten Paares, das drei Kinder zusammen hatte. Die Kleinen konnten einem wirklich leidtun.
Plötzlich musste ich an meinen kleinen Moses denken, den ich schrecklich vermisste, und betete, dass Mike ihn gut versorgte während meiner Abwesenheit. Er würde den Kater doch hoffentlich nicht vernachlässigen, um mir noch ein weiteres Mal eins auszuwischen?
Wenn ich so darüber nachdachte, ähnelte unsere Situation der des Hollywood-Paares stark – abgesehen davon, dass wir nicht millionenschwer waren, drei Kinder adoptiert hatten und ein Haus auf jedem Kontinent besaßen. Woher nahmen die Menschen nur die Kraft, so eine Schlammschlacht durchzuziehen und die Scheidung einzureichen?
Aber hey, immerhin würde ich keine Scheidung verlangen müssen. Eigentlich konnte ich von Glück reden, dass die ganze Geschichte mit Mike und Anna vor unserer Hochzeit aufgeflogen war! Das ersparte mir zumindest einen Teil der Schmach und Behördengänge.
Das klappte doch schon ganz gut mit dem positiven Denken, oder?
Aber was hielt die Zukunft nun für mich bereit? Blühte mir der totale Oberstress wegen der Trennung, wenn ich in zwei Wochen aus dem Paradies zurückkam? Was sollte aus unserem gemeinsamen Reihenhäuschen werden? Wer von uns hatte eigentlich den Mietvertrag unterschrieben? Wie so oft war ich damals allein zum Besichtigungstermin erschienen, weil Mike bis spät in den Abend hineingearbeitet hatte.
Über eine Sache war ich mir zumindest zu einhundert Prozent sicher. Mein pelziges Katzenkind Moses wollte ich unbedingt bei mir haben. Unter keinen Umständen würde ich ihn Mike überlassen. Vorsichtshalber sollte ich mein Katerchen direkt nach dem Urlaub zu mir holen. Aber bei meinen Eltern ging das nicht.
Hmm…
À propos Mike. Müsste er sich nicht langsam voller Reue bei mir melden? Auf Knien angekrochen kommen, seinen Fehler zutiefst bedauern, um Vergebung betteln und mir seine tiefe Liebe gestehen? So war das doch immer in romantischen Filmen und Bestseller-Büchern? Dort bemerkten die Männer immer wahnsinnig schnell, welchen Bockmist sie verbrochen hatten. Sie wussten zwar immer erst, was sie verloren hatten, wenn es zu spät war, aber am Ende war trotzdem wieder alles gut.
Aber mal weitergesponnen im Text. Wollte ich ein Happy End? Konnte ich verzeihen, was mir von dem Mann, den ich über alles auf der Welt liebte, angetan worden war? Konnte ein solcher Vertrauensbruch einer fortgesetzten Beziehung nicht schaden?
Ich konnte und mochte mir zumindest in diesem Augenblick nicht vorstellen, dass ich einen Seitensprung vergessen konnte. Würde der nicht bei jedem zukünftigen gemeinsamen Abendessen mit am Tisch sitzen? Würde nicht bei jeder Intimität plötzlich Anna in meine Gedanken schleichen? Würde ich überlegen, wo Mike sie berührt hatte? Würde ich mir womöglich sogar die Frage stellen, ob sie besser im Bett (oder auf dem Esstisch) gewesen war, als ich es je sein würde? So konnte doch keine Beziehung funktionieren?
Gedankenversunken saß ich also im Zug und sinnierte vor mich hin.
Nach einer halben Stunde ermahnte ich mich gedanklich dazu, auf die Pausetaste zu drücken. Das Hin und Her in meinem Kopf führte zu keinem Ergebnis. Es verdunkelte nur meine Laune, aber ich war doch jetzt die neue, positive Kati.
Den guten Vorsatz hielt ich geschlagene fünf Minuten durch, bis ich mein Handy hervorkramte. Der Neugier wegen mal auf das Display zu schauen, konnte nicht schaden, ermutigte ich mich.
Natürlich hatte ich keine einzige Nachricht, keinen Anruf, kein Lebenszeichen. Weder Mike noch Anna hatten sich also seit dem Vorfall auf dem Esstisch gemeldet. Ich musste zugeben, dass es mich traf. Es tat weh. Darauf zu hoffen, dass etwas eintrat, ohne dass es tatsächlich passierte, war doch wirklich hoffnungslos.
Und wenn ich kurz bei Facebook nachsah, ob sie etwas gepostet hatten?
Mein Kopf sagte mir laut und deutlich, dass ich es lassen sollte. Es würde nichts Gutes dabei herumkommen. Mein Bauch war jedoch anderer Meinung. Wider besseres Wissen schwebte mein Finger für lange Sekunden über dem Facebook-Button, bis er ihn schließlich drückte. Rasch tippte ich Mikes Namen in das Suchfeld ein und … nichts passierte. Hatte er mich etwa entfreundet?
Betrogen und entfreundet?
Dann fiel ich beinah vor Schreck in Ohnmacht. Ich dumme Nuss hatte doch wohl tatsächlich den Namen nicht ins Suchfeld sondern in meinen Status eingetippt und gepostet. Mein Puls raste und das Blut rauschte laut in meinen Ohren. Mein Herz hämmerte wild und mein Gesicht lief dunkelrot an vor Scham. Wie peinlich. Hektisch suchte ich nach dem Löschen-Knopf, den ich ausgerechnet jetzt nicht auf Anhieb fand.
„Mist, Mist, Mist“, jammerte ich. Dann erspähte ich endlich das Gesuchte und setzte dem Spuk ein Ende. Hoffentlich hatte es niemand auf Facebook gelesen.
Erde, bitte tu dich auf!
Mein Abteilnachbar sah kurz von seiner Lektüre auf. Über den Zeitungsrand lugte die dunkle Hornbrille hervor, bevor der grauhaarige Kopf wieder aus meinem Blickfeld verschwand. Ich sank tiefer in meinen Sitz und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Schrieb mir jemand, warum ich seinen Namen gepostet hatte? Doch wieder passierte nichts.
Als ich den Schrecken langsam verdaut hatte, entspannte ich mich merklich. Deshalb startete ich einen zweiten Versuch auf Annas Profil. Dieses Mal achtete ich penibel darauf, dass ich keinen weiteren Fehler beging.
Anna hatte keine neuen Fotos hochgeladen, aber ich entdeckte eine Statusmeldung, die da lautete: Schaut Fifty Shades Darker – mit Mike König.
Wie bitte? Was? Anstatt sich bei mir zu entschuldigen, verbrachten die zusammen versexte Filmabende? Mit mir wollte Mike die Filme nie anschauen, hatte er sie doch immer als Quatsch und langweiligen Frauenkram abgetan. Dabei war er selbst nicht der Dominanteste, weder im normalen Leben noch unter der Bettdecke. Blümchensex war eine gute Bezeichnung für unsere Aktionen in der Waagerechten.
„Dieser Scheißkerl“, konnte ich mir nicht verkneifen und schloss die App.
Mein Kopf hatte Recht gehabt. Es war eine beschissene Idee gewesen, die beiden zu stalken. Warum machte man sowas, wenn man wusste, was dabei herumkam? War ich Masochistin? Wollte ich noch mehr leiden, als ich es bereits tat?
Heule jetzt bloß nicht, Kati. Das war deine alleinige Schuld. Du hättest einfach nicht nachsehen sollen. Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß... oder in dem Falle traurig.
Verzweifelt versuchte ich, die Emotionen weg zu atmen wie eine Schwangere den Wehenschmerz.
Der alte Mann gegenüber faltete seelenruhig seine Zeitung zusammen und legte sie säuberlich nebst Hut und Mantel. Amüsiert beobachtete er mich und bemerkte dabei nicht, dass ich mir dessen auf unangenehme Weise bewusst war.
Meine Augen brannten und ich schaltete das traurige Lied, das gerade anlief, rasch weiter.
Wie lange ging die Heimlichkeit zwischen Anna und Mike schon? Ich dachte angestrengt nach, ob Mike in letzter Zeit anders gewesen war. Hatte er sich mir gegenüber anders verhalten? Hatte ich Anzeichen übersehen? Wie oft hatten sich Anna und Mike schon hinter meinem Rücken getroffen? Inwieweit hatte ich zu dem Ganzen beigetragen? War ich nicht mehr gut genug, nicht hübsch genug, nicht fleißig genug, nicht liebevoll genug gewesen? Hatte ich mich verändert in den Jahren unserer Beziehung?
Meine Gedankengänge mussten in meinem Gesicht genau zu verfolgen gewesen sein, denn der ältere Herr ließ mich nicht aus den Augen. Irgendwann deutete er mit seiner von Altersflecken übersäten Hand auf meinen Koffer und fragte: „Sie verreisen? Wo soll‘s denn hingehen?“
Ich rang mir ein gezwungenes Lächeln ab. Merkte er denn nicht, dass ich jetzt keine Lust auf Smalltalk hatte? Scheinbar nicht, denn er wartete neugierig auf meine Antwort.
Meine Musik war leider so leise gestellt, dass ich ihn nicht ignorieren konnte. Es schien ihn nicht zu stören, dass er einige Augenblicke warten musste, bis ich meinen MP3-Player ausgestellt hatte. Rentner hatten bekanntlich viel Zeit.
„Seychellen“, rang ich mir heiser ab.
Er blickte mich weiterhin aufmerksam durch seine Brille hinweg an. Seine Augen wirkten ganz verkümmert und unscheinbar hinter den dicken Gläsern. Er trug die Brille bestimmt schon jahrelang mit sich herum.
„Aber da müssten Sie sich doch freuen und voller Elan sein“, stellte er fest. „Mir scheint eher, dass das Gegenteil der Fall ist und Sie traurig sind“.
Der Mann hatte eine gute Auffassungsgabe und lag vollkommen richtig.
Mit ruhigen Bewegungen erhob er sich, legte sich den Mantel über den Arm, setzte seinen Hut auf und griff nach der Zeitung. „Wissen Sie, dort im Paradies haben sich schon so manche Probleme in Luft aufgelöst. Grüßen Sie die Flughunde von mir“, zwinkerte er mir zu.
Dann schob er die Tür unseres Abteils auf und ließ mich allein zurück.
Man sah mir meine Probleme also an der Nasenspitze an.
Aber was sollte seine Aussage bedeuten? War er selbst schon auf den Seychellen gewesen? War er auch dorthin geflohen, um Entscheidungen aufzuschieben? Oder war das nur der Rat eines weisen Mannes gewesen?
Ratlos ging ich also meinem neuen Hobby nach – ich grübelte angestrengt weiter und ehe ich mich versah, waren die Stunden im Zug auch schon vergangen.
An der Haltstelle für den Düsseldorfer Flughafen hievte ich meinen schweren Koffer allein aus dem Zug, da es hier jeder eilig hatte, sich um sein eigenes Gepäck zu kümmern. Mein Magen knurrte und erst jetzt nahm ich den Hunger wahr. Nachdenken verbrannte scheinbar viel Energie!
Ich folgte den Schildern, die den Weg zum Flughafen auswiesen und landete an einer Station für eine kleine Schwebebahn. Brav reihte ich mich in die Reihe der Wartenden ein und fand schließlich in der dritten Bahn einen Stehplatz.
Die Schwebebahn düste los und brachte ihre Passagiere rasch ans Ziel. Da ich zeitlich gut kalkuliert hatte, war ich anderthalb Stunden zu früh dran. Darüber war ich immens froh, denn in dem riesigen Flughafen brauchte ich eine halbe Stunde, um mich zurecht zu finden und den korrekten Check-In-Schalter ausfindig zu machen. Kein Wunder, dass die Flughafen-Polizisten bei den langen Wegen hier mit Segways unterwegs waren.
Der Check-In verlief völlig reibungslos. Kein Übergepäck, keine terroristischen Absichten – ergo kein Grund, die Reise nicht anzutreten.
Als ich meine Bordkarte in den Händen hielt und um einen Koffer leichter war, fiel mir der erste große Felsen von Herzen. Schritt eins hatte ich erfolgreich hinter mich gebracht. Nun konnte ich mich den wichtigen Dingen widmen.
Ohne fieses Gepäck begab ich mich zuallererst auf Nahrungssuche. Es gab unzählige Möglichkeiten, aber meine schwachen Nerven lotsten mich natürlich zum Bäcker.
„Ich bekomme einen Schokomuffin, ein Stück Käsekuchen und 2 Donuts“, verlangte ich und die Verkäuferin reichte mir die köstlichen Sachen über die Theke.
Ich verspeiste die süßen Leckereien auf einer Bank. Mein knurrender Magen gab augenblicklich Ruhe und ich fühlte mich besser. Gestärkt und beruhigt bahnte ich mir dann, durch die Menschenmassen hindurch, einen Weg in Richtung Sicherheitskontrolle. Es dauerte ewig, denn die Schlange war sehr lang und bis alle, die vor mir an der Reihe waren, ihre Klunker abgelegt und sämtliche Kosmetiktäschchen ausgeräumt hatten, verstrichen die Minuten. Warum behängte man sich für einen Flug so sehr? Man wusste doch, dass man den größten Teil bei der Kontrolle ablegen musste?
Ich trat ungeduldig von einem Bein auf das andere und versuchte, ruhig zu bleiben. Ich war früh genug am Flughafen gewesen und würde meinen Flug auf keinen Fall verpassen.
Irgendwann war ich endlich an der Reihe. Ich wurde in einen kurzen Schreckensmoment versetzt, als ich beim Durchqueren des Scanners piepte. Nach einer weiteren manuellen Kontrolle durch einen Sicherheitsbeamten sprach jedoch nichts für etwas Verdächtiges in meinen Taschen und demzufolge weiterhin nichts gegen den Antritt meiner Reise. Schritt zwei lag also auch hinter mir.
Danach kam ich in den Einkaufsbereich, in dem sich die Menschenmassen lichteten. Sofort ging ich in den Schlendermodus über. Die verbleibende Zeit bis zum Boarding verbrachte ich damit, durch die Duty-free-Abteilung zu bummeln und an sämtlichen Parfümflacons zu schnuppern. Als ich die Düfte nicht mehr voneinander unterscheiden konnte, kaufte ich noch etwas Schokolade für den langen Flug. „Sie naschen wohl gern“, wurde ich gefragt.
Ups, ich hatte wieder zu viel Süßkram erbeutet und antwortete beschämt mit einem kurzen Nicken.
Schließlich suchte ich mein Gate auf. Ich war die erste Person weit und breit, stellte mich aber vorsichtshalber schon an. Wieder wartete ich geduldig, bis wir endlich einsteigen durften. Die Zeit verging rasch und bald wurde die Schlange hinter mir immer länger und länger. Als die Stewardess begann, die Bordkarten zu kontrollieren, wurde ich in meine Schulzeit zurückversetzt. Die Menschen hinter mir drängelten wie verrückt. Jeder wollte der erste beim Einsteigen sein. Genauso war das früher beim Schulbus. Zum Glück stand ich ganz vorne und konnte das Gedränge bald hinter mir lassen.
Es war ein großes Flugzeug mit drei mal drei Sitzplätzen, die jeweils durch einen schmalen Gang voneinander getrennt waren.
Plötzlich war ich über Mikes Abwesenheit ganz froh, denn ich eroberte den Fensterplatz und ließ den Sitz neben mir absichtlich frei. So hatte ich die Armlehne für mich und musste keine Rücksicht nehmen, um meinen Sitznachbarn nicht zu stören.
Ich beobachtete gebannt, wie die kleinen Männchen in ihren neonfarbenen Warnwesten auf dem Rollfeld umherliefen und die unzähligen Koffer einluden. Das Flugzeug füllte sich zusehends, der Geräuschpegel stieg an und die Gepäckfächer wurden auf- und zugeklappt.
Als so gut wie kein Platz mehr unbesetzt war (außer natürlich der neben mir), startete der Motor. Langsam wurde es ernst!
Der Pilot meldete sich zu Wort. Er hieß Ben und klang viel zu jung, um schon Pilot zu sein, als er uns den Reiseverlauf zusammenfasste. Angst vor dem Fliegen hatte ich wahrlich keine, aber besonders vertrauenserweckend wirkte die jungenhafte Stimme nicht. Ich schickte ein kurzes Stoßgebet gen Himmel. Ich hoffte, dass wir heil am Ziel ankommen werden.
Wenn wir abstürzen sollten, dachte ich, dann bitte nicht über dem Meer. Ich hatte höllische Angst vor Haien. Und sollte ich einen Flugzeugabsturz über dem Ozean überleben, wollte ich mit Sicherheit nicht von einem Meeresräuber gefressen werden.
Die gefuchtelte Aufführung der Flugbegleiter zur Lage der Notausgänge und zum Verhalten im Notfall blendete ich irgendwann aus. So viel zum Thema Absturz.
Als der Flieger langsam losrollte, steckte ich mir vorsorglich ein Kaugummi in den Mund. Druck auf den Ohren mochte bestimmt niemand. Wir fuhren zur Startbahn und als wir die richtige Position erreicht hatten, wurde die Fahrt immer schneller und schneller, bis wir schließlich abhoben. Ich vernahm das bekannte Kribbeln in meinem Bauch, das immer mit dem Start des Fluges einherging. Jetzt wurde mir erst richtig bewusst, worauf ich mich eingelassen hatte.
Nämlich auf einen Traumurlaub am anderen Ende der Welt!
Immer höher stiegen wir, bis ich durch die dichten Wolken unter mir kein Land mehr sehen konnte. Wenn alles glatt lief, würden wir in sechseinhalb Stunden in Abu Dhabi ankommen. Von dort ging es dann für mich noch weiter bis nach Mahé, der größten Seychellen-Insel im Indischen Ozean.
Während der nächsten sechs Stunden bekam ich kein Auge zu, ganz im Gegensatz zu dem jungen Mann neben mir. Er war schon während des Starts eingenickt und schnarchte laut. Ich dagegen schaute drei Spielfilme am Stück, verputzte jeden Krümel meiner Schokoladenriegel und bestellte den obligatorischen Tomatensaft.
Als ich mir nach der Hälfte der Strecke meine brennenden Augen rieb und ungeduldig auf meinem Sitz hin und her zappelte, kam die freundliche Stewardess zu mir.
„Ist alles in Ordnung bei Ihnen“, erkundigte sie sich. „Kann ich Ihnen noch etwas anbieten?“
Ich blickte zu der hübschen Frau mit dem strengen blonden Dutt auf und versicherte ihr leise, um meinen Nachbarn nicht zu wecken: „Alles okay. Ich kann nur nicht mehr sitzen“.
Sie lachte kurz, weil sie das bestimmt nicht zum ersten Mal hörte und sagte dann verschwörerisch: „Dabei haben Sie Glück, dass Sie nicht allzu lang gewachsen sind.“ Sie nickte mir zu. „Wenn Sie etwas benötigen, lassen Sie es mich jederzeit wissen.“ Damit drehte sie sich um und kümmerte sich um den nächsten Reisegast.
Die Mahlzeit, die auf dem Flug serviert wurde, rührte ich kaum an, weil ich vor dem Wechsel in das zweite Flugzeug zu nervös war. Zum Glück landeten wir beinahe pünktlich auf die Minute in Abu Dhabi und niemand klatschte. Das war wohl doch nur auf den Reisen nach Mallorca so.
Als ich aus dem Flugzeug stieg, wehte mir sofort die kühle Wüstenluft um die Ohren. Trotzdem war es deutlich wärmer als zuhause. Wie herrlich es doch war, den Winter hinter sich zu lassen im kalten, weit entfernten Deutschland.
Der Flughafen in Abu Dhabi haute mich noch mehr um als der Düsseldorfsche. Dieser hier war in meinen Augen so groß und hektisch wie eine Kleinstadt. Überall liefen Menschen in langen, fließenden Gewändern umher und jeder zweite Duty-free-Laden war ein Gold- und Klunkergeschäft. Ich war froh, als ich ganz außer Atem mein Gate erreichte. Natürlich war ich auch hier wieder viel zu früh dran, aber sicher war sicher.
Das zweite Flugzeug, in das ich an diesem Tag stieg, war bedeutend kleiner als das, das mich hierhergebracht hatte. Das Szenario auf diesem Flug glich dem ersten. Ich verbrachte die nächsten vier bis fünf Stunden wieder damit, Filme zu schauen. Der einzige Unterschied war, dass der kleine Bildschirm, der in den Vordersitz eingelassen war, aufgrund mangelnder Auflösung völlig verpixelt war. Meine Augen brannten nach kurzer Zeit und waren rot unterlaufen. Als ich bei einem Toilettengang in den Spiegel sah, sehnte ich mich unglaublich danach, endlich anzukommen.
Ich war eindeutig zu alt für durchwachte Nächte.
Die ersten Blicke aus dem Fenster zeigten nur den rabenschwarzen Nachthimmel. Bald jedoch dämmerte es und ich erhaschte die Weite des endlosen Ozeans. Es sah traumhaft aus.
Die stecknadelkopfgroßen Inselkleckse schwollen an, je näher wir dem Boden kamen. Der strahlend blaue Himmel spiegelte sich auf der türkisfarbenen Wasseroberfläche. Es sah aus wie in einem TV-Werbespot. In meinem Bauch starteten tausend Schmetterlinge ihren Flug, so verdammt aufgeregt war ich. Oder das Gefühl stammte von der Kombination aus Schlafmangel und Hunger. Wer wusste das schon so genau? In diesem Augenblick jedenfalls vergaß ich alle Sorgen.
Das Flugzeug setzte mit einem Ruck auf und ich war froh, mich endlich wieder auf festem Boden zu befinden. Alle Passagiere stiegen wie Entenküken brav in Reih und Glied aus dem Flieger aus. Die Luft war angenehm warm und die Sonne war mittlerweile fast vollständig aufgegangen. Auf dem übersichtlichen Flughafen wurden wir keiner Sicherheitskontrolle unterzogen. Das Gebäude war aufgeheizt, weil keine Klimaanlage vorhanden war. Vor dem Eingang zur Toilette saß eine kleine runzelige Frau und gewährte Einlass. Zählte sie etwa für jeden das Toilettenpapier ab?
In dem überfüllten Wartebereich vor dem Kofferband angekommen, knotete ich mein Shirt am Bauch zusammen. Die dicken Wintersachen waren in Äquatornähe nicht angebracht und ich schwitzte um mein Leben.
Mein auffälliger Giraffenkoffer fuhr im Mittelfeld über das Kofferband. Gott sei Dank war er angekommen. So machte ich mich schwer bepackt auf den Weg zu dem Bus, der mich zum Hotel bringen sollte. Die kleinen Busse standen aufgereiht vor dem Flughafengebäude und sahen richtig hübsch aus. Sie waren übersät mit Aufklebern, die große gelbe und weiße Blüten zeigten.
Als meine Mitreisenden und ich gerade den Bus verlassen hatten, ging es sofort weiter auf die Fähre. Die Fähre war ein riesiges Teil, sehr imposant. Sie sollte mich von der Hauptinsel Mahé auf die kleinere Insel Praslin bringen, wo sich mein Hotel befand. Da das Wetter es zuließ, nahm ich die Treppe nach oben und setzte mich auf das Sonnendeck. Als wir ablegten, war ich froh, dass ich weder Sonnenbrille noch Kopfbedeckung trug, denn es war richtig stürmisch. Das Basecap eines Passagiers vor mir wurde vom Wind erfasst, hob ab und landete auf der Wasseroberfläche, wo es sacht hin und her baumelte.
Als ich zurückblickte, sah ich den kleinen Hafen, den wir bald hinter uns ließen. Danach umgab uns nur noch scheinbar endloses Wasser. Die Oberfläche des Ozeans erstrahlte in tiefem Blau, es sah unheimlich aus. Ich wollte mir nicht vorstellen, was gerade alles unter uns schwamm. An einigen Stellen wirkte die Wasseroberfläche deutlich heller, im Sonnenlicht glitzerte es türkis.
Ich genoss die Stille und Anonymität. Hier wusste niemand, warum ich hier war… warum ich allein hier war.
Es vergingen ungefähr fünfzig Minuten, bis ich endlich Land am Horizont entdeckte.
Nach gut einer Stunde waren wir da und stiegen abermals in einen winzigen Bus ein. Das war die letzte Etappe zum Hotel.
Mittlerweile war ich hundemüde. Es war anstrengend, die Augen offen zu halten. Aber ich wollte mir doch die hohen Palmen an den weißen Sandstränden, die früchtetragenden Bananenbäume am Straßenrand, die tiefhängenden Elektroleitungen und die spärlich bekleideten Menschen einprägen. Und den Ozean, immer wieder den Ozean.
Als der Busfahrer endlich den Namen meines Hotels verkündete, war ich die einzige Person, die ausstieg. Die Sonne brannte gleich unerbittlich auf meinen weißen Nacken herab. Ein Hoch auf die starke Sonnencreme, die in meinem Gepäck schlummerte!
Ich schleppte mich und meinen Koffer um die nächste Ecke und dann stockte mir einfach der Atem. Der Empfangsbereich des Hotels war auf der einen Seite komplett offen, der Fußboden marmoriert und noble Sessel luden vor der Rezeption zum Verweilen ein. Direkt neben dem Empfangsbereich bemerkte ich eine bunt dekorierte Bar. Unmittelbar daran schlossen sich im Kreis angeordnete Bungalows an. Inmitten der Unterkünfte glitzerte das klare Wasser eines kleinen Pools, neben dem die exotische Poolbar bunte Cocktails anpries.
Die Sonne und ich strahlten um die Wette.
Erst als ich den Blick der Rezeptionistin auf mir spürte, wurde mir bewusst, dass ich seit einer kleinen Ewigkeit mit offenem Mund meine Umgebung angestarrt hatte. Die junge Frau hinter dem hohen Tresen hatte sehr dunkle Haut, ihre Haare trug sie zu einem stylischen, hell gefärbten Bob geschnitten und unter ihrer Uniform blitzten unzählige Tattoos hervor. Mit ihren langen, rot lackierten Acrylnägeln nahm sie meine Unterlagen entgegen und checkte mich ein.
„Sind Sie allein“, prüfte sie die Buchung mit irritiertem Blick. „Ich sehe, dass zwei Personen angemeldet sind.“
Ich zuckte hilflos mit den Schultern. „Meine Begleitung konnte die Reise nicht antreten“, erklärte ich ihr. Die Umstände hatten sie nicht zu interessieren.
„Gut, dann vermerke ich das so.“ Sie tippte mit den langen Nägeln auf der Tastatur herum. „Bitte folgen Sie mir“, sprach sie, als sie hinter dem Tresen hervorkam und mir meinen Koffer abnahm. „Wir haben um diese Jahreszeit wenig Gäste, deshalb kann ich Ihnen ein besseres Zimmer anbieten, als Sie eigentlich gebucht haben“, erklärte mir die junge Frau auf dem Weg zu meinem Bungalow.
Wenn das mal keine guten Nachrichten waren. So konnte mein neues Leben beginnen.
Auf der Terrasse des weißen Bungalows verabschiedete sie sich von mir. „Genießen Sie den Aufenthalt und zögern Sie nicht, mich oder meine Kollegen anzusprechen. Wir helfen gern“.
Wenn sie lächelte, bestand ihr freundliches Gesicht zu einem großen Teil aus zwei Reihen makelloser, weißer Zähne.
Auf der gefliesten Terrasse standen zwei gemütliche Holzstühle. Hier konnte man die Abende gut ausklingen lassen, ging mir durch den Kopf, als ich die Tür aufschloss.
Der Raum war überraschend groß. Rechts von mir entdeckte ich einen Schrank und eine Kommode. Links von mir stand das Bett und davor ein großer Flachbildfernseher. Es roch frisch und auf dem Bett lagen verstreute Hibiskusblüten. Auch das geräumige Bad war sehr sauber. Alles war geschmackvoll in Beige gefliest und die Dusche durch eine Wand vom Raum abgetrennt.
Es sah ziemlich edel aus, deswegen erschrak ich umso mehr, als ich mein Gesicht in dem prunkvollen Spiegel erhaschte. Meine Augen waren rot unterlaufen und dick angeschwollen, die Wimperntusche klebte überall, nur nicht da, wo sie sein sollte. Zudem war bin noch blasser als sonst.
Was soll’s.
Ohne meinen Koffer zu geöffnet zu haben, riss ich mir die verschwitzten Klamotten vom Leib und legte mich nackt in die angenehm kühlen Laken.
Ich fiel augenblicklich in einem tiefen und traumlosen Schlaf.
3. März
Ich erwachte ruckartig in einem mir unbekannten Raum und benötigte ein oder zwei Sekunden, um mich zu orientieren. Natürlich – ich war in meinem Hotelzimmer am anderen Ende der Welt.
Den Grund für mein plötzliches Erwachen konnte ich jetzt auch sofort ausmachen. Eine laute, eigenartige Stimme drang zu mir durch. Ich sah mich um, aber glücklicherweise saß niemand auf meiner Bettkante in dem kleinen Bungalow.
Ich saß eingewickelt in die weißen Laken auf dem Bett und lauschte angestrengt mit geschlossenen Augen. Nach einiger Rätselei erkannte ich, dass es sich um eine Frauenstimme handeln musste, die in wildem Englisch mit breitem französischem Akzent aufgeregt und laut diskutierte.
Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte, aber ein Blick zum Fenster verriet mir, dass die Sonne schien, denn sie blinzelte zwischen den nachlässig geschlossenen Vorhängen hindurch.
Ich wickelte mich aus dem Laken, rutschte von der hohen Bettkante und trippelte barfuß ins Badezimmer. Es war so warm im Zimmer, dass sich nicht einmal die Fliesen des Fußbodens kalt anfühlten unter meinen bloßen Fußsohlen.
Mein Äußeres hatte sich im Vergleich zu gestern noch verschlechtert, sodass ich meinem Spiegelbild die Zunge herausstreckte. Meine Haare waren ein verfilztes rotes Vogelnest und die verschmierten Reste an Schminke unter meinen Augen konnten mit einem Panda konkurrieren. Ich benötigte einige Zeit, um mich von dem rothaarigen Bambusbären wieder in einen halbwegs ausgehtauglichen Menschen zu verwandeln.
Hoch lebe die Feuchtigkeitscreme!
Die Mütze voll Schlaf hatte mir jedenfalls gutgetan. So konnte ich ausgeruht und entspannt in den Tag starten und, man, war ich gespannt.
Als ich aus dem Badezimmer kam, war da immer noch die laute Stimme, die munter plapperte.
Ich warf mich in ein gelbes Strandkleid mit tiefem Rückenausschnitt und war bereit, der Verursacherin des Lärms gegenüberzutreten. Ich öffnete leise meine Zimmertür und trat hinaus auf die Terrasse. Gleißendes Sonnenlicht ließ mich sofort erblinden.
Draußen war es noch zehn Mal heißer als im Zimmer, aber immerhin wehte ein lauer Wind und spielte mit meinen Haaren. Als meine Augen sich wieder gefangen und an die Helligkeit gewöhnt hatten, sah ich endlich den Ursprung des Lärms, der mich geweckt hatte. Auf einem der beiden Stühle saß eine junge Frau, gehüllt in eine beigefarbene Uniform, und telefonierte.
Sie untermalte ihre Worte durch große Gesten mit den Händen, sodass ihr das Handy, das sie sich zwischen Schulter und Ohr geklemmt hatte, immer wieder wegrutschte. Sie hatte lange schwarze Rastazöpfe, die durch weiße eingeflochtene Strähnen zu einem echten Hingucker wurden. Ihre Haut war ebenmäßig und ihre Figur traumhaft, mit Beinen, die bis zum Himmel reichen mussten, wenn sie stand. Ich ordnete sie als eines der Zimmermädchen ein, denn angelehnt an das Geländer der Veranda stand ein Wischmopp und daneben ein Wagen mit strahlend weißen Handtüchern und diversen Putzutensilien.
Ich beobachtete meine Besucherin eine Weile amüsiert und fragte mich, wie sie es schaffen wollte, die Zimmer noch fertig herzurichten. Hatten hier alle solch eine Arbeitsmoral? Hatte sie für die paar Bungalows womöglich den ganzen Tag Zeit? Das wäre bei uns zuhause undenkbar.
Als hätte die hübsche Frau meinen Gedankengang gehört, drehte sie sich zu mir um. Hatte sie etwa bemerkt, dass ich hier schon eine Weile stand und lauschte? Ups.
Schüchtern winkte ich ihr zu.
Sie lächelte breit und ihre weißen Zähne leuchteten in dem dunklen Gesicht. Auch sie wäre eine perfekte Besetzung für eine Zahnpastawerbung. Frau Ich-telefoniere-so-laut-dass-ich-alle-Gäste-wecke beendete abrupt das Telefonat. Ihre Augen waren richtig hellgrün, was mir bei ihrem dunklen Hautton sehr außergewöhnlich erschien. Waren alle Menschen von dieser Insel so unglaublich schön? Heidi Klum sollte fortan hier casten.
Mit einer eleganten Handbewegung forderte mich die Frau auf, mich zu ihr zu setzen. War sie der Feriengast und nicht das Zimmermädchen, oder was? Die hatte vielleicht Nerven.
Völlig perplex folgte ich ihrer Einladung.
„Salut, je suis Elodie“, sagte sie freundlich. Leider verstand ich kein Wort und blickte sie fragend an. „Deutsch besser“, erkundigte sie sich mit breitem Akzent. „Mein Name sein Elodie.“
Dabei tippte sie sich an die Brust, damit es auch der letzte Esel checkte. Sie musste wirklich sehr groß sein, denn selbst im Sitzen überragte sie mich um mindestens fünfzehn Zentimeter.
„Selber hallo“, erwiderte ich und hob die Hand zum Gruß. „Was für ein schöner Name.“
Ich meinte das vollkommen ernst. Der Name klang wie Melodie und passte perfekt zu dieser wundervollen Frau, die ein enormes Selbstbewusstsein ausstrahlte. Selbst ich als heterosexuelle Frau würde sie nicht von der Bettkante stoßen. Das sollte was heißen.
„Ich heiße Kati. Also eigentlich Katharina, aber alle nennen mich Kati. Das darfst du natürlich auch.“
Elodie wiederholte flüsternd meinen Namen und ihre Augen strahlten mich an. „Willkommen in Seychelles. Ich hoffen, ich dich nicht geweckt. Ich reden gern.“ Sie hielt demonstrativ ihr Telefon in die Höhe. „Und laut.“
„Iwo“, winkte ich ab, obwohl genau das der Fall gewesen war. Die Frau war trotzdem sympathisch.
„Du neu hier?“ Sie steckte das Handy in die Tasche ihrer Uniform. Sah ziemlich kompliziert aus im Sitzen.
„Ja genau, ich bin heute Vormittag erst angekommen.“ Ich ließ den Blick über die Hotelanlage schweifen. Außer Elodie arbeitete in der brütenden Hitze nur noch ein älterer Mann und bewässerte den Rasen.
„Dann du schon den halben Tag geschlafen. Du musst gehen und sehen Strand. Nicht, wenn schon dunkel“, klärte sie mich dann auf. „Hopp.“
Sie scheuchte mich vom Stuhl hoch.
Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen.
„Ich noch putzen.“ Damit ich sie verstand, zog sie ein Staubtuch aus ihrer Tasche und wedelte damit vor meinem Gesicht herum. Gestik und Mimik wurden hier auf der Insel wohl sehr großgeschrieben. Aber jetzt, wo sie das Wort Strand erwähnt hatte, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als das Meer zu sehen.
„Du losgehen jetzt. Strand ganz leer“, freute sich Elodie und steckte mich sogleich mit ihrer Euphorie an. „Keine Zeit verlieren. Wir uns sehen später und reden“, trieb sie mich an.
„Du hast vollkommen recht“, stimmte ich ihr zu, verschwand kurz im Zimmer, um meine Strandtasche zu holen und winkte Elodie zum Abschied zu. „Ich bin schon weg.“
Sofort begann das hübscheste Zimmermädchen der Welt, die Terrasse zu fegen und dabei in ihrer Muttersprache zu singen.
Ihre gute Laune war eindeutig ansteckend.
Meine bunten Flipflops erzeugten klatschende Geräusche, als ich dem terracottafarbenen Weg um den Pool herum folgte. Mein Schritt war beschwingt und mein Kleid wehte bei jeder Bewegung im Wind.
Der Wendekreis vor dem Hotel, an dem mich der Bus abgesetzt hatte, war umgeben von pink- und lachsfarbenen Bougainvillea-Büschen. Ich brach einen kleinen Zweig ab und zwirbelte ihn zwischen meinen Fingern, als ich auf der anderen Straßenseite einen kleinen Laden entdeckte. Im Schaufenster lagen große Muscheln und bunte Haarspangen in Blütenform – eben typisches Zeug für die Touristen.
Ich setzte meinen Weg fort und erblickte endlich am Horizont den weiten Ozean. Links von mir befanden sich hinter einer großen Rasenfläche weitere Bungalows und weiß angepinselte Gebäude der Hotelanlage. Der Rasen wirkte traurig und war durchzogen von vielen verbrannten Stellen. Die Sonne strahlte einfach zu heiß, sodass der arme Mann von eben die Fläche nicht allein bewässern konnte. Rechts von mir lag die schmale Straße, auf der wir hergekommen waren. An der Ecke war ein minimalistischer Supermarkt und dahinter reihten sich viele kleine Läden ein.
Ich nahm mir vor, eines Abends dort bummeln zu gehen, bog nun aber schräg auf den Rasen ab. Das war der schnellste Weg zum Meer, denn plötzlich hatte ich es eilig. Ich knickte ein paar Mal um und schimpfte, als ich feststellte, dass der Boden mit kleinen Löchern durchsetzt war. Wo kamen die denn her? Das war ja gefährlich!
An der Pizzeria am Strand lungerten junge, halbnackte Männer herum und pfiffen, als ich vorbeikam. Das war auch gefährlich – tat aber meinem angeknacksten Ego gut.
Zwar war es erst später Nachmittag, aber die Sonne stand schon tief hinter den Bergen am Horizont. Ein streunender Hund klapperte auf der Suche nach Leckerbissen die vereinzelten anwesenden Personen ab. Auch auf mich kam er schwanzwedelnd zu und ließ sich ausgiebig knuddeln. Ein Leckerchen konnte ich ihm leider nicht anbieten. Trotzdem blieb er mir danach auf den Fersen, auch noch, als ich durch eine Lücke in der Palmenreihe den Strand betrat.
Es war einfach magisch.
Im Licht der untergehenden Sonne leuchtete alles in einem warmen Orangeton. Die Wasseroberfläche glitzerte verführerisch und war scheinbar endlos. Ein Stückchen weiter draußen schaukelte sachte eine Kokosnuss auf der Wasseroberfläche hin und her.
Ich ließ meinen Blick schweifen und mir stockte der Atem. Ich konnte nicht genug bekommen und wollte alles aufsaugen wie ein Schwamm. In diesem Augenblick strömte das Glück aus all meinen Poren. Der Sand zwischen meinen Füßen war reinweiß, ultrafein und ein bisschen feucht. Die weichen Körner klebten an meinen Füßen fest und ich malte eierförmige Kreise mit meinem Zeh in den Sand.
Das Wasser hatte im Abendlicht die Farbe von dunklem Türkis und direkt vor mir, am Horizont, sank der pinkfarbene Sonnenball tiefer. Eine kleine Insel und zwei weiße Boote waren noch einige Minuten zu sehen, bevor sie im Dämmerlicht für meine Augen unsichtbar wurden.
„Hey, ist das dein Freund?“ Zu meinem vierbeinigen Begleiter und mir gesellte sich ein zweiter Hund. „Ich habe leider weder Wasser noch ein Leckerchen für euch“, informierte ich sie.
Die beiden Tiere begannen, wie wild am Ufer herumzutollen. Der Strand war mittlerweile fast menschenleer, ich konnte die noch anwesenden Personen an einer Hand abzählen. Es war vollkommen ruhig, nur das Rauschen des Ozeans war zu hören sowie das vereinzelte Bellen der Hunde, die tobend in großen Sprüngen von dannen zogen.
Ich stapfte barfuß ins Meer. Das Wasser war so warm wie meine Badewanne zuhause. Ich konnte weit in Richtung des Horizonts laufen, ohne dass mein Kleid nass wurde, denn es gab kaum Wellengang und der Grund blieb für viele Meter flach. Während ich am Strand entlangwanderte und mich wie Robinson Crusoe fühlte, fiel mir ein, dass ich eigentlich auch mit meinem persönlichen Freitag hätte hier sein sollen. Nun aber hatte ich die Insel Praslin für mich allein. Es hätte der Traumurlaub zur Besiegelung unseres gemeinsamen Lebens werden sollen.
So gedankenversunken trottete ich immer tiefer ins Wasser, bis der untere Rand meines Kleides schließlich doch nass wurde und sich dunkel verfärbte. In dem schwummrigen Licht konnte ich jedoch nicht mehr erkennen, was sich unter mir im seichten Wasser befand, also machte ich lieber kehrt.
Das sanfte Abendlicht wich schnell absoluter Dunkelheit.
Ich zog meine Schuhe wieder an, um nicht in irgendetwas Gefährliches zu treten. Dass es hier bergig war, hatte ich mir, ehrlich gesagt, gar nicht so vorgestellt. Aber ich musste zugeben, dass ich es Mike überlassen hatte, sich über unser ausgesuchtes Urlaubsland zu belesen. Ich hatte auch wirklich genug damit zu tun gehabt, unsere Hochzeit zu planen. Dieses, wie ich glaubte, einmalige Erlebnis im Leben sollte etwas Besonderes werden, das man nie vergaß und ewig im Herzen trug.
Nun würde ich den Tag nie mehr vergessen, an dem ich meine beste Freundin und meinen Verlobten beim Vögeln erwischt hatte. So kann’s laufen.
Dieser Tag hatte mein Dasein in ein Davor und Danach geteilt. Das Davor war geprägt von Gewissheit. Gewissheit, dass alles gut werden würde. Gewissheit, dass ich den Mann heiraten würde, den ich wie bekloppt über alles liebte. Gewissheit, dass wir noch ein ganzes langes Leben vor uns hatten. Gewissheit, dass in unserem Reihenhäuschen in den nächsten Jahren Kinderlachen zu hören sein würde.
Im krassen Kontrast dazu stand nun die fiese Ungewissheit. Ungewissheit, ob ich jemals wieder glücklich sein konnte. Ungewissheit, ob ich jemals wieder imstande sein konnte, jemanden bedingungslos zu lieben… mit Haut und Haar. Ungewissheit, ob ich irgendwann verzeihen konnte. Und vor allem Ungewissheit, was aus unserem Häuschen werden sollte.
Das Gedankenkarrussell nahm nun wieder volle Fahrt auf und traf mich mit voller Wucht. Ich wurde melancholisch, obwohl ich mich im Paradies befand. Das gehörte eigentlich verboten.
Auf dem Rückweg zum Hotel kam ich wieder an dem kleinen Supermarkt vorbei. Dieses Mal ging ich entschlossen hinein und deckte mich mit jeder Menge Schokolade und Keksen ein.
Und wurde beobachtet.
„Hi na, du magst wohl Schokolade“, bemerkte sogleich der nette Typ hinter der Kasse. Er sagte es als neutrale Feststellung, nicht als Frage oder Wertung und damit hatte er vollkommen Recht. Ich fühlte mich durch ihn nicht angegriffen, wie es sonst der Fall war, wenn Leute mich auf meine Essgewohnheiten ansprachen.
„Oder hast du fünf Kinder im Hotel gelassen?“ Er lachte laut über seinen eigenen Witz.
„Ja, ich bin süchtig nach Süßkram“, erwiderte ich ertappt und fragte mich, ob ich die sechs Tafeln des Teufelszeugs wirklich brauchte, bevor ich innerlich bejahte. Es war eben doch wie eine Droge. „Keine Kinder.“ Ich zuckte die Schultern.
„Das freut mich, dann brummt der Laden.“ Er tippte die von Hand notierten Preise in einen Taschenrechner. „Bist du lange hier?“
„Zwei Wochen“, antwortete ich, als er kurz von seiner Arbeit aufsah. „Ich werde also noch ein paar Mal reinschauen.“ Ich griff nach der Plastiktüte, die er mir reichte und bezahlte.
„Dann bis bald“, wurde ich sehr freundlich verabschiedet.
Vollbepackt mit Süßigkeiten mit einem mindestens 10.000er Gesamtkaloriengehalt kam ich an meinem kleinen Bungalow an.
Elodie musste schon seit geraumer Zeit weg sein. Jedenfalls war es ganz still, niemand saß draußen. Wahrscheinlich waren wirklich wenig Gäste hier oder sie waren alle ausgegangen, um irgendwo gemütlich zu Abend zu essen.
Das war meine Chance!
Kurz rein in die gute Stube und dann wieder raus an die frische, warme Abendluft.
Der Pool war herrlich beleuchtet, als ich es mir auf einer Liege mit einem großen Handtuch und meinem Feel-Good-Food bequem machte. Die Luft hatte noch immer eine angenehme Temperatur, sodass selbst ich nicht fror.
Ich biss in den ersten Keks und sofort meldete sich mein Gewissen. Wenn du das jetzt alles in dich hineinschaufelst, musst du stundenlang Sport machen. Andererseits war ich im Urlaub, da konnte man sich auch mal etwas gönnen. Und außerdem war Anna dick und ausgerechnet mit ihr bin ich von Mike betrogen worden.
So wanderte flink der zweite Keks in meinen Mund. Während ich mir immer weiter den Kopf darüber zerbrach, war die erste Kekspackung auch schon leer. Ich würde höllische Bauchschmerzen bekommen, aber das war mir im Augenblick ziemlich egal; es schmeckte einfach himmlisch. Also immer her mit dem Süßkram, das Leben war zu kurz, um zu verzichten.
Nach einer weiteren vernichteten Schokoladentafel bemerkte ich, dass sich am mittlerweile pechschwarzen Nachthimmel etwas tat. Da flog doch was?
Ich strengte meine Augen an, so gut ich konnte, aber in der Dunkelheit konnte ich auf diese weite Entfernung nur Umrisse und Schatten erkennen. Es sah so aus, als ob sich hunderte Tiere um einen großen Baum scharten. Auch das eigenartige Geräusch, das zu mir herüberdrang, konnte ich nicht einordnen. So etwas hatte ich noch nie gehört. Ob das Vögel waren? Aber die würde ich ja zumindest am Zwitschern erkennen müssen, wenn schon nicht mit den bloßen Augen.
So angestrengt ich auch lauschte, ich hörte nur Lärm bestehend aus Fiepsen, Piepsen und so etwas wie Flügelschlagen.
Dann erinnerte ich mich vage. Was hatte denn der alte Herr während der Zugfahrt zu mir gesagt? Ich kramte in meinem Kopf nach seinen Worten. Hatte er von Fledermäusen gesprochen? Nein, dann wäre mir Batman in den Sinn gekommen. Daran hätte ich mich sofort erinnert.
Plötzlich flog eines dieser unbekannten Flugobjekte tief über die Hotelanlage. Für eine Fledermaus war es eindeutig zu groß, aber es kam dieser schon sehr nahe. Zumindest, was ich davon erahnen konnte.
Nach weiteren Minuten des Grübelns fiel es mir endlich wieder ein. Der Herr hatte gesagt „Grüßen Sie die Flughunde von mir“. Das war es also. Das ergab Sinn. Flughunde, die waren größer als Fledermäuse. Ich beobachtete das rege Treiben am Himmel noch eine ganze Weile, so gut ich es in der Dunkelheit verfolgen konnte.
Als ich meine Süßigkeitenvorräte bis auf den letzten Krümel vernichtet hatte (wo war nur all das Zeug geblieben?), packte ich meine Habseligkeiten und den Müll zusammen. Ich nahm mir fest vor, den Flughunde-Baum bei der nächstbesten Gelegenheit im Tageslicht zu inspizieren.
Jetzt allerdings war ich hundemüde und reif für das große Bett, in dem ich diagonal oder quer schlafen konnte, wie es mir beliebte.
Als ich die Tür aufgeschlossen und geöffnet hatte, kam mir ein Hauch kühler Luft entgegen. Elodie hatte mitgedacht und die Klimaanlage angeschaltet. Außerdem hatte sie mir frische Blüten auf das Bett gelegt und das Putzen offensichtlich noch geschafft.
Ich nahm mir ganz viel Zeit im Bad, duschte kalt und ausgiebig und trug danach allerlei Pflegeprodukte auf. Meine von den vergangenen Stunden sonnenbrandgefärbten Schultern freuten sich über die Erfrischung. Wahnsinn, wie schnell ich mich hier verbrannte! Ich war ja fast nur im Finstern draußen gewesen. Morgen musste ich unbedingt an die Extraportion Sonnenschutz denken.
Nachdem ich im Bad alles erledigt hatte und am ganzen Körper glänzte wie Speckschwarte, nahm ich das Zimmer genauer unter die Lupe. Es war sogar mit einem kleinen Wasserkocher, Mini-Kühlschrank und zwei Teesorten ausgestattet. Danach räumte ich meine Kleider fein säuberlich in den Schrank, damit sie nicht noch mehr zerknitterten, als sie es schon waren.
Das TV-Programm war umfänglich und nur auf Englisch verfügbar. Aber das hier war mein neues Ich. Ich würde nicht meckern, sondern es als Chance nutzen, meine vergessenen Sprachkenntnisse wieder etwas aufzufrischen. Bevor ich Mike kennen gelernt hatte, hatte ich einen Sprachkurs absolviert.
Mike, wer war eigentlich Mike?
Darmowy fragment się skończył.