Czytaj książkę: «My Best Friends Guy»

Czcionka:

Sabrina Meyer

My Best Friends Guy

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Ende

Schweinsgalopptage: Das Leben ist doch ein Ponyhof! Roman

Impressum neobooks

Kapitel 1

Ein fahrender Zug ist etwas, von dem man nicht überrollt werden wollte. Doch genau das passiert gerade. Natürlich nur in meinem Kopf, der sich nebenbei gesagt wie flauschige Watte anfühlt. Na ja, zumindest bis der Zug oder eher die Dampflok den Teil mit dem Überrollen hinter sich gebracht hat und pfeifend von dannen rollt. Mein Magen verkrampft sich, als die Watte als riesengroßer Stein nach unten plumpst. Ich höre immer noch das Pfeifen in meinen Ohren und kann meiner Exfreundin daher nur bedingt folgen.

„Sean, ist alles in Ordnung?“, fragt Sarah schließlich, als sie bemerkt, dass ich wie ein Fisch auf dem Trockenen japse und meine aufgerissenen Augen verraten, dass ich nicht die Ruhe in Person bin, die ich eigentlich vorgebe zu sein. Panisch nicke ich, ehe ich mich räuspere und auf das Bier auf dem Tisch vor mir zeige.

„Entschuldige, ich habe mich verschluckt.“ Na ja, zumindest erklärt das meine leicht tränenden Augen. Sarah lächelt mich sanft an. Sie denkt wohl, dass ich mich vor Eifersucht so benehme. Doch da liegt sie leider daneben. Oder auch nicht. Denn meine körperliche Reaktion ist eher darauf zurückzuführen, dass mein bester Freund seit meiner Kindheit keine zehn Meter von mir entfernt neben meiner Mutter steht und sich unterhält. Breite Schultern, schmale Hüften und ordentlich frisierte Haare. Genauso sah er vor etwa vier Monaten aus, als ich ihn das letzte Mal besucht habe. Ich glaube, er hat sogar das gleiche Hemd an. Nur die schwarze Brille ist neu.

„Gut. Also ist es okay, dass ich meinen neuen Freund mitgebracht habe? Ich meine, ich möchte nicht, dass es komisch wird zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir wichtig und wenn du Kane erst einmal kennen lernst, dann wirst du merken, dass er ein netter Typ ist.“

Ich nicke, noch immer nicht ganz ich selbst. Meine Mutter lacht über etwas, das Kane sagt und als ob er meinen Blick in seinem Rücken spürt, dreht er sich wie es scheint in Zeitlupentempo um. Seine Augen suchen und finden meine und ich hätte schwören können, dass da ein elektrischer Blitz zwischen uns hin und her wechselt. Doch Kane setzt lediglich ein Lächeln auf, prostet mir mit seinem Wein zu und richtet dann seine Aufmerksamkeit wieder auf meine Mutter. Was zum…? Oh nein, auf keinen Fall. Ich finde endlich wieder Kraft in meinen Beinen und stehe von dem Stuhl auf, an dem ich geklebt habe, seit Sarah und Kane den Garten meiner Mutter betreten haben. Und zwar Hand in Hand. Als ich endlich stehe und gerade zu einer Frage ansetzen will, die Sarah das Lächeln aus dem Gesicht wischen würde, kommt Kane angelaufen. Lässig stellt er sich neben seine Freundin, legt ihr einen Arm um die Schulter und schenkt mir ein freundliches Lächeln, das mich stark an unser erstes Treffen im Kindergarten erinnert.

„Hi, ich bin Kane“, sagt er. Sarah beobachtet mich genau. Sie will wohl sehen, ob ich ihn auf Grund meiner Eifersucht mit meinen Blicken erdolche oder anders eifersüchtig reagiere. Warum zum Teufel stellt er sich mir vor, als ob ich ihn nicht kennen würde? Ich nicke und bringe tatsächlich kein Wort heraus. Sarah, die ein bisschen enttäuscht scheint, schmiegt sich an Kanes größere Gestalt und setzt ein glückliches Gesicht auf.

„Wollen wir uns etwas zu essen holen, Baby? Oder möchtest du nach unserem ausgiebigen Frühstück noch warten? Bei so vielen Krümeln, die ich im Bett gefunden habe, solltest du noch keinen großen Hunger haben. Das war wohl etwas zu viel, was ich da zubereitet habe. “ Okay, von diesen Worten waren bei mir definitiv die Worte Baby, Bett und Krümel hängen geblieben. Und das wollte Sarah auch. Sie wollte, dass ich plötzlich einsehe, wie sehr ich sie liebe und zu ihr zurückkehre. Was aber definitiv nicht passieren wird. Ohne, dass ich auch nur ein Wort zu Kane gesagt habe, verschwindet er in Richtung des Buffets, das neben dem Gartenhaus auf einem langen Tisch und weißen Tischdecken aufgebaut ist. Ich lasse mein angefangenes Bier stehen und laufe ins Haus. Nicht jedoch, bevor meine Mutter mich am Arm aufhält und mich besorgt mustert.

„Geht es dir gut? Ich habe mich gerade mit Sarahs neuem Freund unterhalten und er scheint wirklich nett zu sein. Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass Sarah mit einem neuen Freund kommen würde. Ihre Eltern haben nichts gesagt.“ Ich pflastere ein Lächeln auf meine Lippen, gebe ihr einen Kuss auf die Wange und sage leise: „Es ist alles gut Mum. Ich gehe mal nachschauen, welche Getränke ich noch draußen in den Kühlschrank stellen kann.“ Nope, das würde ich nicht. Sobald ich die Tür der Terrasse hinter mir zufallen lasse und die Treppe mit großen Schritten erklimme, ziehe ich mein Handy aus der Tasche und rufe eine Nummer an, die in meinem Kurzzeitspeicher an erster Stelle steht. Es klingelt genau fünfmal und beschert mir Herzrasen. Okay, eigentlich ist Kane dafür verantwortlich.

„Hallo? Sean, ist alles okay? Warum rufst du mich mitten am Tag an?“

„Weil ich dich brauche.“

Ich räuspere mich und sehe über das Kichern hinweg, das auf meine Worte folgt.

„Any, ich meine das Ernst.“

„Du meinst, du willst mir jetzt deine unsterbliche Liebe gestehen?“ Und wieder fängt das Kichern an.

„Hast du zu viel getrunken? Oder schläfst du noch und brauchst einen Kaffee, um mir richtig zuzuhören?“ Na also, das Gekicher stoppt. Stattdessen knurrt Any.

„Hör mir mal zu, mein Freund. Bei mir ist es mitten in der Nacht. Ich bin müde. Aber auf keinen Fall werde ich jetzt einen Kaffee trinken.“

„Und wenn ich dir sage, dass meine Exfreundin Sarah mit ihrem neuen Freund auf der Grillparty meiner Mutter aufgetaucht ist?“

„Das wäre einen Schluck Cola wert, mehr aber auch nicht. Und das bringt mich irgendwie auf den Gedanken, dass ich durstig bin.“

Ich kann hören, wie es raschelt und dann eine Kühlschranktür geöffnet wird. In Gedanken sehe ich meine beste Freundin, wie sie im Hotelzimmer zur Minibar geht und den Inhalt studiert.

„Und wenn ich dir sage, dass ihr neuer Freund Kane ist?“

„Kane? Dein Kane? Unser Kane?“

„Ja, Kane. Nicht mein Kane...aber ja, unser Kane.“ Das ergibt keinen Sinn, aber gottseidank waren gute Freunde dazu da, einen auch in umnachtetem Zustand zu verstehen.

„Das ist einen Kaffee mit einem ordentlichen Schuss wert.“ Ich kichere und halte meinen Mund mit der Hand zu.

„Okay, spuck es schon aus. Wie kann das sein? Er steht auf Männer. Das wissen wir sicher.“ Ich nicke, obwohl Any mich ja nicht sehen kann. Meine Beine sind nervös und brauchen Bewegung, also laufe ich in meinem ehemaligen Zimmer auf und ab. Der Teppich zeigt mir dafür den Weg, den ich schon unzählige Male in meiner Jugend gelaufen bin.

„Ja, er steht auf Männer.“

Any schnaubt frustriert, ehe der Groschen bei ihr fällt.

„Willst du damit sagen, sie bringt einen falschen Freund mit nach Hause, um dich eifersüchtig zu machen?“

„Jupp. Zumindest denke ich das.“

„Und sie scheint nicht zu wissen, dass Kane Probleme haben wird, ein verliebtes Pärchen mit Küssen und Handanlegen zu mimen?“

Ich zucke bei diesen Worten zusammen und atme hörbar tief durch.

„Ich weiß es nicht.“ Ich kann richtig sehen, wie Any auf ihrer Unterlippe kaut und sich alle Fakten durch den Kopf gehen lässt.

„Also, ich fasse mal zusammen. Du hast mit Sarah Schluss gemacht, bevor es ernst wurde, weil du dir endlich eingestanden hast, dass du Gefühle für Kane hast. Deinen besten Freund aus der Kindheit. Doch bei deinem letzten Besuch habt ihr euch gestritten, weil du seinen Freund nicht ausstehen konntest. Dann bist du nach Hause geflüchtet, hast mit Sarah betrunken geknutscht und bist immer noch mit ihr befreundet. Aber dass du nicht bei einer Frau landen möchtest, sondern lieber bei den Herren der Schöpfung, hast du beiden bisher noch nicht gesagt.“ Ich beiße die Zähne zusammen. Any scheint das telepathisch zu spüren, denn sie fährt fort: „Und deine Mutter kennt Kane, kann sich durch ihre Demenz aber nicht mehr an ihn erinnern.“

Wieder nicke ich.

„Das ist ja besser als meine Seifenopern im Fernsehen.“

„Any!“

Sie lacht und fragt: „Was ist? Stimmt doch.“

„Und was soll ich jetzt machen?“

„Spiel mit.“

Ich runzele die Stirn und nehme mein Handy vom Ohr, um es anzustarren. Warum um Himmels Willen sollte ich so etwas machen? Diesmal kam die Telepathie nicht durch, also drücke ich mein Handy ans Ohr und wiederhole laut: „Warum sollte ich das machen?“ Any schnaubt.

„Weil es Spaß machen würde?“

Mir liegen etwa fünfzig Erwiderungen auf der Zunge, die von Sarkasmus bis Wut reichen. Also beiße ich mir auf die Zunge und werfe mich aufs Bett. An die Decke starrend warte ich auf eine Erklärung.

„Sean, hör zu. Es gibt einen Grund, warum er das macht. Keine Ahnung welchen, aber er ist bestimmt nicht heut Morgen aufgestanden und hat sich gesagt: Hey, heute spiele ich mal den Freund von der Exfreundin meines guten alten Freundes Sean. Und das hört sich nicht nur blöd an, weil in diesem Satz dreimal das Wort Freund vorkommt. Du hattest doch sowieso vor, nächsten Monat zu Kane zu fliegen, oder? Und du möchtest Sarah als Freundin behalten. Wenn du sie bloßstellst, dann hat sich das erledigt. Glaub mir, Frauen sind nachtragend. Versuch ihn irgendwo abzufangen und mit ihm zu reden. Oder versuch ihn in eine Ecke zu drängen und zu küssen. Dann weißt du endlich Bescheid. Und ich kann sagen: Ich habe es dir doch gleich gesagt.“

„Any!“ Bei dem erneuten Kichern in der Leitung muss ich unwillkürlich grinsen. Der Knoten in meinem Magen hat sich endlich gelöst und Anys Worte setzen sich in meinem Kopf fest.

„Sarah ist nur eine Woche hier, bevor sie wieder in die Stadt fährt.“

„Na siehst du, ein paar Tage hältst du doch durch, oder? Lass sie ihr Gesicht wahren, mach gute Miene zum bösen Spiel und alles wird gut.“

Nachdem Any aufgelegt hat, nagen weiterhin Zweifel an mir. Ich finde es eigentlich immer gut, einfach meine Meinung zu sagen. Das spart einem viel Drama.

„Sean?“, erklingt die Stimme meiner Mutter aus dem Erdgeschoss. Pflichtbewusst rappele ich mich auf und laufe die Treppen wieder runter. Meine Mutter steht in der Küche und sieht sich ratlos um.

„Schatz, hast du schon die Snacks rausgebracht? Und ist genug Wein im Kühlschrank?“ Ich gehe zu ihr und drücke ihre Schultern, die viel zu zerbrechlich wirken.

„Das habe ich schon vor zwei Stunden gemacht, Mum. Mach dir keine Sorgen.“ Fahrig fährt sie sich mit zitternden Händen durchs Haar.

„Achso, gut. Dann habe ich das wohl vergessen.“

Mein Herz krampft sich schmerzhaft zusammen. Meine Mutter ist noch keine sechzig. Das würde sie erst in wenigen Tagen sein. Und mittlerweile vergaß sie selbst kleine Dinge und nicht nur Menschen oder vergangene Ereignisse. Und das mindestens dreimal. Das Leben spielt einem manchmal Streiche, die nicht zum Lachen sind. Aber heute möchte ich auf keinen Fall in Selbstmitleid verfallen. Stattdessen schiebe ich meine Mum zur Tür.

„Geh ruhig raus und unterhalte dich. Schau mal, es sind noch mehr Nachbarn gekommen. Sag doch Hallo und ich kümmere mich um alles.“ Meine Mutter schenkt mir ein dankbares Lächeln und folgt meinem Rat. Die Planung der Feierwoche hatte sie schon nach ihrer Diagnose aufgenommen, sodass eigentlich alles glatt laufen sollte. Seit einigen Monaten hat sie ihren Job als Innenarchitektin aufgegeben und findet sich mittlerweile gut in das Leben ohne festen Arbeitsplan ein. In einer Ecke der Küche befindet sich ein großer roter Fleck, den einer unserer Gäste hinterlassen hat. Ich weiß, dass meine Mutter keine Unordnung oder Flecken auf ihren kostbaren Fliesen duldet, also laufe ich in den Flur, um Putzzeug aus der Kammer zu holen. Doch als ich mich gerade hinunter beuge, um den Eimer samt Wischmopp aufzuheben, werde ich ins Innere gedrängt. Nachdem die Tür zugefallen ist, wird es stockdunkel.

„Sean…“ Kane beendet seinen Satz nicht und ich höre ihn tief einatmen.

„Ist das dein Ernst? Du sperrst uns hier im Dunkeln in einer Kammer ein und kannst dann nicht mal mit mir reden?“ Oha, da war es wieder, mein freches Mundwerk. Hallo Freund, wo hast du nur gesteckt? Kane stößt ein zittriges Lachen aus. Weil wir so nahe beieinanderstehen, spüre ich, wie er seinen Arm hebt. So wie ich ihn kenne, fährt er sich mit den Fingern durch seine ordentliche Frisur. Als er merkt, was er da tut, nimmt er seinen Arm schnell wieder runter. Schmetterlinge in meinem Bauch führen einen Tango auf und ich nenne mich in Gedanken einen Narren.

„Du hast recht. Aber ich habe einfach reagiert. Sarah lässt mich keine Minute aus den Augen. Unter dem Vorwand, mal ins Bad zu müssen, habe ich mich davonstehlen können.“

„Und, musst du mal ins Bad? Denn ganz ehrlich, dann haben wir ein Problem.“

„Warum?“ Kanes Stimme ist seltsam tief. Ohne es zu wollen, spannt meine Hose und nun bin ich froh, dass es in der Kammer kein Licht gibt.

„Weil der Türknauf kaputt ist. Es gibt nur einen draußen und naja, wir sind hier drin.“ Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Unter der Tür kommt ein schmaler Lichtschein durch, sodass ich sehen kann, dass Kane sich gegen die Tür lehnt.

„Wie kommt es, dass ich mit dir immer in solchen Situationen lande?“ Zum Glück hörte man seiner Stimme das Lächeln an.

„Hey, es ist nicht meine Schuld, dass du mich hier reingeschubst hast.“ Kane schweigt und meine Gedanken wandern in die Vergangenheit.

„Und die Sache mit dem verschlossenen Schuppen kannst du mir auch nicht vorwerfen. Ich meine, woher sollte ich denn wissen, dass der Parkwächter abends kommt und alle Türen verriegelt.“

Kane lacht leise, aber angespannt.

„Und was war mit dem Klassenzimmer in der Grundschule? Oder dem Kajak Laden am See?“, fragt er herausfordernd.

Mir wird warm ums Herz und mit einem Mal ist es mir egal, dass wir hier eingeschlossen sind.

„Die Übernachtung in der Schule hast du auch für eine gute Idee gehalten. Wir hätten vielleicht unseren Eltern Bescheid geben sollen, aber die Sache mit dem Kajak Laden war doch gar nicht so schlimm. Wir hatten genug zu knabbern und für unsere Rettung brauchten sie nur eine Stunde.“ Zum Glück stand damals ein Telefon auf dem Tresen und Kane hatte die Nummer seiner Eltern im Kopf. Von uns beiden war er immer der verantwortungsvollere, sich Nummern merkende Sohn gewesen, der dafür aber auch immer die härteren Strafen bekam.

„Warum bist du hier?“, stelle ich schließlich die Frage aller Fragen. Es gäbe noch mehr Fragen, aber ich habe keine Ahnung, wann uns jemand hören und in die Freiheit entlassen würde.

„Ich arbeite für zwei Wochen im Laden meines Onkels in der Stadt. Und Sarah bestand darauf, dass ich heute mitkomme.“

„Heißt das, also ich meine, seid ihr…?“ Als Kane sich abrupt von der Tür abstößt und direkt vor mir steht, bemerke ich erst, dass ich ihm nähergekommen bin. Auch wenn die Kammer nicht sehr groß ist, anscheinend habe ich ein zwei Schritte ganz unbemerkt in seine Richtung getan. Mein Herz setzt einige Schläge aus und spätestens jetzt stelle ich meine sexuelle Orientierung in Frage. Er riecht nach Seife und Waschmittel.

„Du riechst nach Sarah“, flüstere ich in die Stille. Kane richtet sich noch gerader auf und ich hätte mir in den Hintern treten können für diese unbedachte Äußerung.

„Ich meine, das Waschmittel. Das gleiche benutzt Sarah.“

„Sie hat meine Sachen gewaschen.“ In der Stille des Raums sind unsere Atemgeräusche unnatürlich laut. Kane hat meine Frage hinter der Frage noch nicht beantwortet. Doch ehe ich zu einem erneuten Versuch komme, ihn auszuhorchen, rüttelt jemand von außen an dem Knauf und die Tür springt auf. Das Licht blendet mich, aber ich kann auf Kanes Gesicht für eine Sekunde einen unzufriedenen Ausdruck ausmachen. Dann ist es wie zuvor im Garten, obwohl seine Augen mich sehr intensiv mustern. Warum zum Teufel bin ich erregt? Nur von seinem Blick? Und naja, von seiner Nähe?

„Hier seid ihr.“ Sarahs Stimme durchbricht den Augenblick und Kane tritt als erster aus der Kammer. Ich lächele Sarah an und spiele vor, dass es mir nicht das Geringste ausmacht, dass sie uns befreit hat. Während ich also nach dem Eimer und dem Wischmopp greife, sage ich laut und unbeschwert: „Danke für die Rettung. Wir wollten eigentlich nur Reinigungssachen holen, als die Tür zufiel. Ich muss dringend dafür sorgen, dass sie repariert wird.“ Als ich an Sarah vorbei in Richtung Küche gehe, sieht sie mir argwöhnisch hinterher. Ich spüre ihren Blick noch in meinem Rücken, was schneller hilft, meine Erregung zu senken, als eine kalte Dusche. Aus der Küche und während des Wischens höre ich ihre Stimmen, kann aber kein Wort verstehen. Schließlich kommen sie Hand in Hand angelaufen und ich hätte mir am liebsten den Finger in den Mund gesteckt und Würgelaute von mir gegeben. Ich weiß, ich weiß, sehr erwachsen.

„Also, wie geht es deiner Mum wirklich? Wie sieht der Plan aus?“

Sarah war eine Zeitlang mein Fels in der Brandung gewesen. Sie hat mich umarmt, als wir vom Arzt das Ergebnis bekamen und war da als meine Mutter das erste Mal vergessen hatte, wer ich bin. Das war einer der vielen Gründe, warum ich den Kontakt nicht ganz abgebrochen habe. Ich liebe sie, aber nicht auf die Art, die sie sich wünscht.

„Nach dem heutigen Zusammentreffen wollen wir morgen einen Ausflug zum See machen. Vorausgesetzt, der heutige Tag erschöpft sie nicht zu sehr. Übermorgen hat sie etwas geplant, in das sie mich nicht einweihen möchte. Es wird wohl die letzte Geburtstagswoche sein, die sie mitbekommt, also spiele ich mit. An ihrem Geburtstag werden wir in ihrem Lieblingsrestaurant feiern und Mr. Parker hat danach eine Band angeheuert, die im Club nebenan spielt. Und davor werden wir in den Kletterwald gehen.“

„In den Kletterwald?“, fragt Kane mich ungläubig.

Leicht lachend hebe ich die Schultern, ehe ich den Wischmopp im Eimer ausdrücke.

„Was soll ich sagen, sie hat es sich gewünscht.“ Kane scheint nicht anders zu können, als mein Grinsen zu erwidern und mein Körper scheint wieder einmal sehr glücklich darüber zu sein, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen.

„Was genau hat es denn mit dieser Geburtstagswoche auf sich?“

Ha, als ob er das nicht wüsste. Aber anscheinend will er sich ahnungslos stellen und Sarah scheint ihm nichts erzählt zu haben.

„Das machen wir jedes Jahr so. Seit mein Vater an Krebs gestorben ist, feiert meine Mutter eine Woche lang ihren Geburtstag. Wir unternehmen all das, was ihr Spaß macht und was sie durch die Arbeit oder wegen meiner Fußballspiele, des Gitarrenunterrichts oder anderen Sachen nicht geschafft hat.“ Ein unangenehmer Schmerz zieht durch meine Brust und ich kann gar nicht anders, als mit der Hand drüber zu streichen. Kane und Sarah schenken mir beide einen verständnisvollen Blick. Kane weiß, dass mein Vater zwei Tage vor dem Geburtstag meiner Mutter gestorben war. Kurze Zeit später sind wir umgezogen und als eine Art Ehrung meines Vaters und um die Traurigkeit zu verscheuchen veranstalten wir jedes Jahr diese besondere Woche für meine Mutter. An meinem Geburtstag weigere ich mich allerdings, so etwas zu machen. Eine verrückte Woche im Jahr reicht.

„Weißt du noch letztes Jahr, das Bungee Jumpen von der Brücke? Du hast mir davon erzählt und ich hatte solche Angst, dass sie sich dieses Jahr wieder so etwas überlegt“, sagt Sarah leise lachend.

Ich schüttele mich übertrieben, um zu überspielen, wie meine Beine anfangen zu zittern.

„Das werden wir nie wieder machen. Nie nie wieder.“ Ich klinge so vehement, dass Kane eine Augenbraue nach oben zieht. Ich hatte ihm davon erzählt, weil er nicht hatte kommen können. Der Arme lag mit einer Grippe im Bett und ich hatte ihm noch wochenlang in den Ohren gelegen, dass ich noch nie in meinem Leben solche Angst gehabt hatte. Natürlich erzählte ich die Story auch Sarah, als wir unser zweites Date hatten. Im Nachhinein fällt mir auf, dass ich Kane nicht viel über Sarah erzählt habe. Im Grunde genommen habe ich ihm nicht einmal ihren Namen verraten und er hatte nicht danach gefragt. Genauso wenig wie er mir von Pete erzählt hatte vor meinem Besuch.

„Okay, Baby, lass uns wieder nach draußen gehen. Sean, sollen wir etwas mitnehmen?“ Dieses „Baby“ hinterlässt einen pelzigen Geschmack auf meiner Zunge, aber ich gebe mich unbeeindruckt.

„Ihr könnt mehr Eiswürfel mitnehmen, die sind glaube ich fast alle.“

Nachdem ich in der Küche allein bin, schlage ich meinen Kopf nur einmal gegen den Küchenschrank. Das nenne ich Selbstbeherrschung.

Das Piepen meines Weckers reißt mich aus einem mehr als merkwürdigen Traum. Ich schlurfe ins Badezimmer und stütze mich auf dem Waschbecken ab. Aus irgendeinem Grund gibt es da aber dieses seltsame Etwas in meinem Gesicht.

„Warum lächelst du?“, frage ich mein Spiegelbild. Die Antwort braucht nur drei Sekunden, um durch mein müdes Hirn zu rauschen. Und diese lautet: weil ich Kane heute wiedersehen werde. Also mache ich mich mit neuem Elan fertig und hüpfe die Treppen nach unten. Es ist noch nicht einmal acht Uhr, aber aus der Küche höre ich das Geräusch der Kaffeemaschine und im Wohnzimmer den Fernseher, auf dem die Nachrichten laufen. Das ist eine Angewohnheit meines Vaters gewesen, die meine Mutter übernommen hat, während er in der Küche das Frühstück zubereitete. Nur stand er damals währenddessen nicht mitten im Wohnzimmer und starrte auf den Boden.

„Mum?“, frage ich vorsichtig. Sie hebt den Kopf und streicht sich die Locken hinters Ohr, die ihr in die Augen gefallen sind.

„Ich weiß nicht mehr, was ich holen wollte.“ Ich gehe zu ihr und gebe ihr einen sanften Kuss auf die Wange.

„Das ist nicht schlimm. Wenn es wichtig war, dann fällt es dir wieder ein.“ Sie nickt, aber ich bin mir sicher, dass sie immer noch versucht, sich zu erinnern. Es wurmt sie, dass sie so schnell Sachen vergisst. Ich spüre eine Last auf meinen Schultern, die mich nach unten drückt. Doch spätestens, als ich die Sachen für unseren Ausflug zusammensuche, wird mir leichter ums Herz. Ich muss mich dringend mit Kane aussprechen und aufpassen, Sarah nicht bloßzustellen. Als wir im Park ankommen, haben sich bereits alle eingefunden. Meine Mutter trägt eines ihrer Lieblingssommerkleider und strahlt über das ganze Gesicht.

„Bist du bereit?“, frage ich sie.

„So bereit wie immer.“

Als wir die Autotüren öffnen, schlägt uns die Hitze des Sommers und der Geruch nach See entgegen. Für unsere Partygäste ist der heutige Tag eine Überraschung. Ich muss unwillkürlich lächeln, als ich sehe, wie aufgeregt Sarah die beiden Männer am Seeufer bei ihrer Arbeit beobachtet. Nur Kane richtet sofort seine Aufmerksamkeit auf mich. Seine Augen schauen so intensiv, dass ich mich räuspern muss, ehe ich das Wort an unsere Freunde richten kann.

„Wir freuen uns, dass ihr alle heute die Zeit gefunden habt, ein weiteres Abenteuer mit meiner Mutter zu erleben. Die zwei Herren dort drüben haben genug Tauchausrüstungen für alle dabei. Wer möchte, kann sich einweisen lassen und einen ersten Tauchgang im See ausprobieren. Ich habe mir sagen lassen, dass es genug Fische und allerlei von Menschenhand verlorene Sachen auf dem Grund des Sees zu sehen gibt. Für diejenigen wie mich, die kalte Füße haben, gibt es Ruder- und Tretboote und der Grill versorgt uns Mittags mit Nahrung. Miss Pearce hat außerdem ihren weltberühmten Salat gemacht.“ Die Gäste geben zustimmende Geräusche von sich, was Miss Pearce unwillkürlich erröten lässt.

„Na dann, auf los geht es los“, sagt meine Mutter, während sie freudig in die Hände klatscht. Es dauert nicht lang, da taucht Sarah neben mir auf.

„Was heißt das, du hast kalte Füße? Du wirst doch wohl mitmachen, oder nicht?“

Lächelnd schüttele ich den Kopf.

„Dieses Mal setze ich aus. Aber ich weiß, dass du es gern ausprobieren möchtest. Nur zu, Mum wird sich freuen, wenn ihr das gemeinsam macht.“ Ups, vielleicht sind das nicht gerade die richtigen Worte gewesen. Sarah strahlt, als ob ich ihr ein Geschenk gemacht hätte. Und zwar eines mit einer großen roten Schleife zum Geburtstag. Meine Mum kann sie wirklich gut leiden und hat wohl auch gehofft, dass wir heiraten und ihr Enkelkinder schenken würden. Was Sarah jedoch nicht weiß, ist, dass ich ein ernsthaftes Gespräch mit meiner Mutter geführt habe, als die Diagnose im Krankenhaus gestellt wurde. Ich weiß nicht, warum ich es nicht früher gemacht habe. Immerhin bin ich mir langsam sicher, zu welchem Geschlecht ich mich mehr hingezogen fühle. Und es war nicht leicht, mit ihr darüber zu sprechen. Aber zu der Zeit konnte sie sich noch an Kane erinnern und nach einigen Tränen – und ich sage nicht, ob nur einer von uns beiden geweint hat oder nicht – hat sie mich umarmt und gesagt, dass sie mich immer lieben würde und ich schon einen Weg fände, ihr Enkelkinder zu schenken. Diese Erinnerung verbinde ich mit einem glücklichen, traurigen und befreienden Gefühl. Das ist typisch meine Mutter. Worte des Komforts und gleich ein großes Abenteuer mit dran. Ich meine Kinder! Wie soll ich mit Anfang zwanzig daran denken, eine Familie zu gründen, wenn ich mein Liebesleben noch nicht in Ordnung gebracht habe? Außerdem lebe ich derzeit mit meiner Mutter zusammen. Das ist irgendwie ein großer Deal Braker für mich. Nichts desto trotz mag Mum Sarah wirklich sehr gern und daher entsprechen meine Worte der Wahrheit. Nur will ich Sarah keine falschen Hoffnungen machen. Ich beobachte, wie sie zu Kane geht und dieser den Kopf schüttelt. Sie redete kurz auf ihn ein und er schüttelt wieder den Kopf. Als sie die Lippen aufeinanderpresst und in Richtung der Tauchlehrer davonstürmt, schließe ich daraus, dass Kane diese Auseinandersetzung gewonnen hat. Ich warte ab, was passiert, bin mir aber ziemlich sicher, dass er ebenfalls keine große Lust aufs Tauchen hat. Ein Großteil unserer Gäste beteiligt sich am Abenteuer, nur die älteren Frauen, Kane und ich bleiben übrig. Während ich einige große Picknickdecken und Körbe mit gekühlten Getränken aus dem Kofferraum hole, greift Kane mir ohne zu fragen unter die Arme. Wir arbeiten schweigend zusammen. Die Stille ist zum Glück nicht unangenehm und ich kann nicht anders, als immer wieder zu ihm rüber zu schielen, während wir die Decken auf einer großen Wiese direkt neben dem Wasser ausbreiten und die Kühlboxen verteilen.

„Hast du…möchtest du eine Runde Ruderboot fahren?“, frage ich. Fast könnte man meinen, Kane wäre erleichtert. Vielleicht wollte er das gleiche fragen? Wollte er auch mit mir allein sein, um reden zu können?

„Ja, klar.“

Also suchen wir uns ein Boot aus. Aufgrund der Erfahrung jahrelanger Freundschaft setze ich mich an die Spitze, während Kane in der Mitte Platz nimmt, mit dem Rücken zu mir, um die Ruder zu übernehmen. Er ist eindeutig stärker als ich und ich muss gestehen, dass der Anblick seiner muskulösen Arme in dem T-Shirt es wert ist, in der prallen Sonne in einem Boot auf den See zu fahren. Ich kann Sarahs erstaunten Blick sehen, als wir davonfahren, doch damit würde ich mich später auseinandersetzen. Eine halbe Stunde später sind außer Sichtweite um eine Biegung des Sees gelangt . Keiner von uns spricht. Ob aus Angst, Angespanntheit oder einfach um den Frieden noch etwas länger zu wahren, kann ich gar nicht genau sagen. Schließlich lässt er das Boot an einer flachen Stelle auflaufen und dreht sich zu mir um. Zwei Libellen fliegen um uns herum und Kane beobachtet sie staunend. Er scheint so im Reinen mit sich zu sein, dass ich die letzten Monate schmerzhaft als tiefe Leere in meinem Innersten wahrnehme. Ich weiß nicht mehr, was in seinem Leben vorgeht. Ist er noch mit diesem Pete zusammen? Warum diese ganze Scharade? Und obwohl ich diese Themen ansprechen sollte, spreche ich das Erste aus, was mir wie ein ungefährliches Thema vorkommt: „Ich hätte mein Notizbuch mitnehmen sollen. Es ist lange her, dass ich dich zeichnen konnte. Du siehst so in dir ruhend aus, wie die Yogalehrerin meiner Mutter sagen würde.“

„Du machst neuerdings Yoga?“, fragt Kane mit einem eher schiefen Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreicht.

„Nein. Meine Mutter hat damit vor zwei Monaten angefangen und seitdem muss ich zweimal die Woche aus dem Haus flüchten, um meine Augen zu schonen und die schrill laute Stimme der Lehrerin nicht bis oben zu hören.“

„Ich habe mich schon gewundert, dich weder gestern noch heute mit deinem Buch zu sehen. Noch vor Kurzem hast du alles gezeichnet, was deine Aufmerksamkeit eingefangen hat.“

Das stimmt nicht ganz. Achtzig Prozent meiner Zeichnungen hatten Kane als Motiv und einige Wenige seinen Freund Pete mit Teufelshörnern und na ja eben einigen anderen nicht sehr schmeichelhaften Körperteilen. Der Fantasie sei hier keine Grenze gesetzt.

„Um ehrlich zu sein bin ich kaum noch zum Zeichnen gekommen. Ich habe im Frühjahr einen großen Auftrag für eine Kinderbuchreihe abgeschlossen und der nächste Auftrag ist für den Herbst geplant. Bis dahin genieße ich die Zeit mit meiner Mum. Obwohl ich im nächsten Monat zwei Wochen Urlaub eingeplant habe. Ich wollte dich besuchen kommen, mich bei dir entschuldigen für mein Verhalten auf der Party und dir von meiner Mum erzählen.“ Als Kane mich mit seinem Blick auf meinem Platz festnagelt, krampft sich mein Magen zu einem nervösen Ball zusammen. Ich schlucke und sein Blick huscht zu meinem Adamsapfel. Und so schnell seine Anspannung aufgetaucht war, verschwindet sie auch schon wieder. Sein Körper wird weicher und als er sich zur Seite beugt und eine Hand ins flache Wasser hält, versuche ich mich innerlich zusammenzureißen.

„Dann kann ich ja einen Punkt auf meiner Liste abhaken. Ich dachte schon, du würdest länger brauchen, um dich für dein Verhalten zu entschuldigen.“

Mein erleichtertes Aufseufzen bringt das Lächeln zurück in sein Gesicht.

„Da wir das geklärt haben, willst du mir nicht verraten, was diese ganze Sache mit Sarah soll?“ Kane lehnt sich zurück und als ich den Schalk in seinen Augen sehe, weiß ich, dass ich meinen besten Freund zurückhabe. So war es früher immer zwischen uns. Wir waren auf einer Wellenlänge, konnten den anderen lesen und es gab keine verkrampften Momente. Bis zum Tag X zumindest. Oder, wenn ich ehrlich war, auch schon einige Male davor.

„Ich beantworte ein paar Fragen, wenn du mir meine beantwortest. Aber die Auflösung muss ich Sarah überlassen.“

Ich nicke zustimmend. So oder so, ich würde rausfinden, warum er Sarahs Freund spielte. Und, was noch wichtiger ist, ich würde meine Gefühle näher ergründen. Also frage ich: „Na dann, schieß los. Wie lautet deine erste Frage?“

Kane überspielt sein Lachen mit einem Brummen und antwortet: „Warum hast du mich nicht angerufen, als du die Diagnose deiner Mum bekommen hast?“

Für diese Antwort musste ich nicht lang überlegen.

„Weil ich sauer auf dich war. Schon vor meinem Besuch bei dir zeigte sie Anzeichen. Ich hatte Angst, es beim Namen zu nennen. Eigentlich wollte ich dir gleich am Anfang von meinen Befürchtungen erzählen. Aber als du deine Tür geöffnet hast und mir gleich nach unserer Begrüßung Pete vorgestellt hast, war mein Plan wie weggewischt. Wir sind beste Freunde seit dem Kindergarten. Selbst unser Umzug hat daran nichts geändert. Wir waren auf dem gleichen College und haben uns ein Zimmer geteilt. Als Pete laut und deutlich sagte, dass er mich nicht leiden kann und du ihn auch noch verteidigt hast, da konnte ich einfach meinen Mund nicht halten. Und trotzdem tut es mir leid, dass er in den Pool gefallen ist. Und dass ich ihn beschimpft habe und dass ich ihm Salz in seinen Joghurt getan habe.“ Meine Stimme wurde immer defensiver, doch Kane lachte jetzt so laut, dass es wohl jeder am anderen Ufer hören konnte.

„Du meinst, es tut dir leid, dass du ihn in den Pool gestoßen hast.“ Als Kane aufsteht und sein Shirt und anschließend seine Hose auszieht, schnappe ich unbewusst nach Luft. Er wirft mir einen nachdenklichen Blick zu, dann hüpft er nur in Boxershorts bekleidet aus dem Boot, direkt hinter mich.

„Was…?“ Zu mehr komme ich nicht, denn er hebt mich aus dem Boot und wirft mich ins Wasser. Meine Finger krallen sich in den weichen Sand und ich muss so sehr prusten, dass ich Wasser schlucke und husten muss.

„Du hinterhältiger Bastard.“ Als ich aufstehe und meine nassen Haare nach hinten streiche, grinst Kane mich breit an. Und da ist sie wieder, diese Leichtigkeit zwischen uns.

„Das war Petes Rache. Ich musste ihm versprechen, dich mindestens einmal nass zu machen.“

„Auftrag ausgeführt. Heißt das, ihr seid immer noch zusammen?“ Mein Magen krampft sich zusammen und ich warte atemlos auf seine Antwort.

„Ist das wirklich deine erste Frage an mich?“

„Die erste von sehr vielen. Ja.“

„Nein, wir sind nicht zusammen.“

„Warum?“ Mist, die Frage war mir einfach so rausgerutscht. Eigentlich müsste ich jetzt mitfühlend seine Schulter tätscheln und nicht wie ein eifersüchtiger Idiot klingen. Doch Kane sieht ziemlich zufrieden aus, als er an mir vorbei ins Wasser watet.

„Das wäre deine zweite Frage. Vorher bin ich dran.“ Da er einfach so davonschwimmt, bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm hinterher zu schwimmen. Kane ist ein ganzes Stück besser als ich darin und hat schon nach kurzer Zeit einen ordentlichen Abstand zwischen uns gebracht. Das gefällt mir gar nicht, also versuche ich nicht wie ein beleidigtes Kind zu schauen, als ich ihn endlich in der Mitte des Sees einhole, während er dort feixend auf mich wartet.

„Also? Frage?“, japse ich.

„Pete denkt, dass du eifersüchtig auf ihn warst. Stimmt das?“ Kane schaut mich ernst an und seine Augen hinter der Brille bitten mich stumm um die Wahrheit. Vorhin hatte ich mir vorgenommen, meine Gefühle zu ergründen. Ich will es langsam angehen lassen. Aber Kane hat anscheinend andere Vorstellungen. Mein Mund fühlt sich trocken an und ich versuche mit den Schultern zu zucken, was schwimmend mitten im See schwieriger ist als gedacht.

„Wahrscheinlich hat er recht. Mir war das zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz klar. Aber mittlerweile hatte ich genug Zeit, diese Woche Revue passieren zu lassen und ein paar Gespräche mit Any unter dem Einfluss von zwei drei Gläsern Whiskey haben geholfen.“ Ich sehe ein Schimmern in seinen Augen aufleuchten. Das kann natürlich nur eine Spiegelung der Sonne durch das Wasser sein, aber ich hätte schwören können, dass sich da etwas raubtierhaftes in seine Gesichtszüge stahl. Nervosität rauscht durch meinen Körper und ich bin mir dessen bewusst, dass ich zwar vollständig angezogen bin, Kane aber nur in seiner Unterhose eine Armlänge von mir entfernt schwimmt. Und es ist das erste Mal, dass ich ihn halbnackt sehe, nachdem ich mir eingestanden habe, dass ich mehr für ihn fühle als beste Freunde fühlen sollten.

„Und war diese Eifersucht auf deine Gefühle in Bezug auf mich als deinen besten Freund bezogen?“ Oder ist da mehr?

Diese Worte braucht Kane nicht auszusprechen. Ich höre sie überdeutlich in meinem Kopf.

„Jetzt bin ich wieder mit meiner Frage dran.“ Ich schlucke und denke an mein Warum von vorhin. Sollte ich lieber etwas anderes fragen? Zum Beispiel, warum er mit einem Mal eine Brille trägt? Ich schüttele den Kopf, was Kane wieder zum Lächeln bringt. Er weiß von den Diskussionen in meinem Kopf.

„Warum?“, stelle ich schließlich die Frage erneut. Und ich muss nicht ausführen, was genau ich damit meine. Ohne zu zögern antwortet Kane mir: „Um ehrlich zu sein, hat Pete mir einen Gefallen getan. Der Gastgeber der Party, auf der Pete ins Wasser gefallen ist, war mein Ex. Wir hatten uns einvernehmlich getrennt, aber ich war ziemlich deprimiert und dann kam dein Besuch dazu. Ich kenne Pete von einem Gelegenheitsjob nach dem College. Er bot an, meinen Freund zu spielen und ich erzählte ihm von dir und irgendwie bekam er den Eindruck, dass du mir nicht guttust. Also hat er versucht dir zu verstehen zu geben, dass du undeutliche Signale aussendest. Außerdem wollte er dich testen.“

Automatisch schüttele ich den Kopf, doch dann denke ich an diese Woche zurück. Ich hatte mich von Sarah getrennt, noch ehe es ernst wurde zwischen uns. Ich war verwirrt und ziemlich gereizt. Schließlich nicke ich.

„Ja, kann sein. Das war nicht meine Absicht, aber zu der Zeit ging mir vieles durch den Kopf und ich habe dich vermisst und mich auf die Zeit zu zweit gefreut.“

Kane schaut mich unentschlossen an, ehe sich der Ausdruck in seinem Gesicht in Zielstrebigkeit ändert und er sagt: „Ich meine damit nicht nur deinen Besuch. Auch davor einige Male. Viele Male, wenn ich die Gelegenheiten mitzähle, die ich ignoriert habe, weil ich dachte, ich bilde sie mir ein.“ Kane kommt langsam näher, so als wolle er mir Zeit lassen, vor ihm wegzuschwimmen. Anspannung macht sich in mir breit. Aber wenn ich mir einmal etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich es auch durch. Auf gar keinen Fall würde ich vor ihm fliehen. Also, ich meine nicht noch einmal.

„Also, was hatte deine Eifersucht zu bedeuten?“

„Sie bezog sich nicht nur auf dich als meinen besten Freund.“

Ich flüstere die Worte, da Kane mittlerweile so nahe ist, dass sich unsere Lippen fast berühren. Unsere Beine streifen sich immer wieder und eine gespannte Vorfreude überfällt mich. Wie würde es sein, männliche Lippen auf meinen zu spüren? Wie würde es sein, Kanes Lippen auf meinen zu spüren? Als ob er meine Gedanken liest, überwindet er den verbleibenden Abstand zwischen uns. Er schaut mich fragend an, gibt mir Zeit, einen Rückzieher zu machen. Doch das würde ich auf keinen Fall machen. Die Anspannung in mir ist so hoch, dass ich fast vergesse, zu atmen. Ganz langsam kommt sein Gesicht näher und als er mich schließlich küsst, hält die Welt um mich herum an. Lodernde Gefühle rasen durch mich hindurch und mit einem Stöhnen vertiefe ich den Kuss. Kane zieht mich an sich und seine Hand an meinem Hinterkopf verhindert, dass ich vielleicht doch noch flüchten kann. Der Kuss entfacht ein Feuerwerk an Gefühlen in mir, die mir völlig unbekannt sind. Unsere Zungen tanzen und sein Geschmack vernebelt mir die Sinne. Seine Erektion streift immer wieder meine Eigene, die in der engen Unterhose schmerzlich gegen den Stoff drückt. Erst als wir drohen, im Wasser unterzugehen, trennen wir uns wieder. Ich schnappe nach Luft und schaue Kane mit großen Augen an.

„Das war…“

„Ja.“ Seine Erwiderung ist kurz und knapp und drückt doch so vieles aus. Seine Hand wandert von meinem Hinterkopf zu meinem Arm und dann zu meiner Hand. Er verflechtet seine Finger mit meinen, während ich immer noch bemüht bin, mich über Wasser zu halten und nicht einfach unterzugehen. Obwohl eine Mund zu Mund Beatmung von Kane in diesem Moment sehr reizvoll wirkt.

„Warum genau sind wir in die Mitte des Sees geschwommen? Am Ufer könnten wir wenigstens stehen und liefen nicht Gefahr, wie Steine zu Boden zu sinken.“

Kanes Lachen beschert mir ein Kitzeln im Bauch und ohne, dass ich es will, stiehlt sich ein breites Grinsen in mein Gesicht.

„Glaub mir, es ist besser so. Ich bin mir nicht sicher, ob ich genug Selbstbeherrschung habe, nicht einfach über dich herzufallen. Außerdem hätte ich schneller vor dir wegschwimmen können, hätten mir deine Antworten nicht gefallen. Genauer gesagt, du hättest einfach wieder zur Party schwimmen müssen, denn ich wäre mit dem Boot auf und davon gewesen, noch ehe du das Ufer erreicht hättest.“

„Nein, du hättest mich nicht zurückgelassen. Dafür bist du viel zu anständig. Und außerdem, wer sagt, dass ich etwas dagegen hätte, wenn du über mich herfällst?“ Ich versuche verführerisch zu klingen, was mir aber kläglich misslingt. Kane kommt wieder näher und drückt mir einen sanften Kuss auf. Diesmal fehlt die wilde Leidenschaft, und trotzdem spüre ich die Berührung seiner Lippen bis in die Zehenspitzen.

„Es gibt noch etliche Fragen zu klären und ich kenne dich. Wir werden langsam machen. Immer, wenn Sarah uns aus den Augen lässt, werde ich dich küssen. Ich werde mich an dir reiben und dir einen Vorgeschmack geben, wie es zwischen uns sein wird. Und wenn du soweit bist, werden wir einen Schritt weitergehen. Aber wir werden nichts überstürzen und wir werden nichts bereuen.“ Ich kann nicht mehr tun, als zu nicken. Kane löst seine Finger von meinen und schwimmt zurück in Richtung Boot. Und während ich ihm hinterherschwimme, wird mir klar, dass er recht hat. Vielleicht wären wir etwas zu weit gegangen und ich hätte mich später damit unwohl gefühlt. Vielleicht auch nicht, aber dass er daran gedacht hat, zeigt mir wieder, was für ein außergewöhnlicher Mann Kane ist. Die letzten Monate waren schmerzlich gewesen. Die Zeit der Grübeleien ist für mich endgültig vorbei. Und wenn ich ehrlich bin, dann kann ich jetzt endlich wieder richtig atmen. Der Druck, den ich vorher nicht einmal wahrgenommen hatte, war verschwunden. Zurück blieben Vorfreude und Leichtigkeit, die mir ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern. Sehr männlich, ich weiß.

Kapitel 2

Für den Rückweg übernehme ich die Ruder und die gesamte Zeit über kribbelt mein Rücken. In Gedanken stelle ich mir vor, wie Kane mich mit seinem intensiven Blick beobachtet und ich muss mehrfach hin und her rutschen, um eine bequeme Sitzposition zu finden. Was mit einer Erektion in der nassen Hose gar nicht so einfach ist. Sarah erwartet uns bereits. Sie steht neben meiner Mutter, die lacht und sich die nassen Haare mit einem Handtuch trocken rubbelt. Und schon habe ich mich wieder im Griff.

„Ich habe deiner Mum gerade von dem Wasserschaden im Haus meiner Eltern erzählt und wie Kane in meinem Zimmer alles mit Handtüchern ausgelegt hat. Darunter auch das, welches meine Mutter von ihrer Großmutter geerbt hat und sowas wie ein Familienschatz ist.“

Mein Blick schnellt zu Kane, der kurz zu einer Erwiderung ansetzen will, dann aber den Kopf senkt und das Boot mit dem dazugehörigen Seil am Steg festmacht.

„Sean, was hältst du davon, wenn die beiden das Gästezimmer beziehen? Es wäre nur für eine Woche und es steht sowieso frei.“ Meine Mum sieht mich erwartungsvoll an. Sie hat mich gut erzogen und da gehört es dazu, den Nachbarn und Freunden in brenzligen Situationen zu helfen. Der Gedanke, mit Sarah und Kane unter einem Dach zu wohnen macht mich nervös. Und zwar auf eine gute und eine schlechte Weise. Innerlich hadere ich mit mir, doch äußerlich schenke ich meiner Exfreundin ein freundliches Lächeln.

„Ja, na klar. Wobei ich denke, dass das Bett dort drin ziemlich klein für die beiden sein wird.“ Meine Mum tippt sich überlegend mit dem Finger gegen die Lippen.

„Da könntest du recht haben. Es ist wirklich sehr schmal. Kane könnte ja im Büro im Keller auf der Ausklappcouch schlafen und Sarah im Gästezimmer. Was meinst du, Schätzchen?“, fragt sie an meine Exfreundin gewandt. Sarah strahlt übers ganze Gesicht. Wären mir nicht vorher schon Bedenken gekommen, ob ihre Geschichte so stimmt, dann hätte ich spätestens jetzt welche.

„Das ist so lieb von euch. Kane, das ist doch in Ordnung, oder?“

„Ja, das ist in Ordnung. Vielen Dank, Miss Roberts.“

„Ich sagte doch, du sollst mich Pauline nennen.“

Und damit war das Thema vom Tisch. Ich verbringe die nächsten Stunden damit, neben meiner Mum zu sitzen und Gespräche zu führen. Hin und wieder springe ich als Gedankenstütze ein, wenn ihr mal etwas nicht mehr einfällt. Immer wieder wandert mein Blick zu Kane und Sarah. Oftmals begegnen unsere Blicke sich, Kanes Blick ist etwas unsicher und Sarahs Blick in meine Richtung voller Zuneigung. Oha, ich glaube, ich muss schnell etwas unternehmen. Nichts liegt mir ferner, als Sarah zu verletzen. Deshalb spiele ich ja diese ganze Scharade mit. Nachdem die Reste eingepackt sind und alle Gäste den Park verlassen haben, fahren Mum und ich nach Hause, Sarah folgt mit ihrem alten Chevy. Ich kann im Rückspiegel sehen, dass die beiden ein ernstes Gespräch führen und Sarah immer wieder wild mit ihren Händen hin und her fuchtelt. Meine Mutter bekommt davon zum Glück nichts mit.

„Und, was hältst du von Kane?“ Sie klingt müde, aber glücklich, während sie den Kopf am Sitz anlehnt und die Augen geschlossen hält. Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Dass sie Kane schon seit etlichen Jahren kennt? Aber was wäre, wenn sie etwas sagen würde und Sarah anschließend wirklich so wütend ist, dass sie den Kontakt abbricht? Es könnte so oder so sein, dass die Erinnerung daran zurückkehrt. So genau können die Ärzte nicht sagen, an was sich Mum erinnern wird oder nicht.

„Ich finde ihn sehr nett.“ Gut, das war kurz, prägnant und sagt nicht viel aus. Und das weiß meine Mutter auch.

„Er scheint ein höflicher junger Mann zu sein. Sehr gut erzogen und er scheint Sarah sehr zugetan zu sein. Ich habe aber das Gefühl, dass es zwischen den beiden nicht sehr harmonisch läuft.“

Ich schlucke und umklammere das Lenkrad fester.

„Was genau meinst du?“ Meine Mutter dreht den Kopf zur Seite und öffnet die Augen. Ich traute mich nicht, zu ihr zu schauen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ihre Stirn in Falten liegt.

„Na ja, irgendwie stimmt die Chemie nicht ganz. Und ich habe das Gefühl, dass Sarah ziemlich oft sehnsüchtige Blicke in deine Richtung schickt. Ich vergesse zwar so einiges, aber ich bekomme noch vieles mit.“

Danach schweigen wir eine Weile, doch so wie ich meine Mutter kenne, kommt da noch irgendetwas. Und ich habe recht.

„Sei bitte vorsichtig mit Sarah. Du solltest ihr keine Hoffnungen machen. Ich möchte nicht, dass ihr drei verletzt werdet.“

„Ich bin vorsichtig Mum“, versichere ich. „Ich werde mal mit Sarah unter vier Augen reden.“ Und auf jeden Fall noch mal mit Kane. Ob er seine Worte wahr machen würde? Ich bekomme eine Gänsehaut bei dem Gedanken an unseren Kuss im See. Das ist es, was mir bei Sarah gefehlt hat. Und was mir letztendlich die Augen für meine Gefühle für Kane öffnete. Nachdem wir endlich zu Hause angekommen sind und alle ihre Zimmer und frische Bettwäsche zugeteilt bekommen haben, entschuldigt sich meine Mutter für den Abend und verschwinde in ihrem Zimmer. Die ständige Sorge um sie ist mittlerweile ein solcher Teil meiner Selbst geworden, dass ich nicht einmal mitbekomme, wie ich noch eine Weile auf ihre geschlossene Tür schaue. Erst Sarahs sanfte Berührung an meinem Arm reißt mich aus meiner Starre.

„Wollen wir uns vielleicht etwas nach draußen setzen, während Kane seinen Schlafplatz bezieht?“

Nickend gehe ich die Stufen voran nach unten, um erst Kane zu helfen und dann das Gespräch mit Sarah zu suchen. Wir haben vor einigen Jahren den Keller in ein Arbeitszimmer umgebaut, mit einem großen Tisch, auf dem sich etliche Ordner stapeln. Kisten vom Dachboden stehen gestapelt in den Ecken, in denen sich Sachen befinden, die wir beim nächsten Nachbarschaftsflohmarkt verkaufen oder verschenken wollen. Ich ziehe die Couch für Kane aus und beeilt mich, wieder nach oben zu kommen. Ich sehne mich nach einem kalten Bier, aber zuerst würde ich das Gespräch mit Sarah hinter mich bringen. Ich zucke bei diesem Gedanken innerlich zusammen. Wann hatte ich aufgehört, unsere Gespräche zu genießen und angefangen, es als Ärgernis zu sehen, ihr meine Gedanken mitzuteilen? Mit einem mulmigen Gefühl trete ich auf die Terrasse.

„Hör mal…“ Wir beide sprechen die Worte gleichzeitig aus und fangen anschließend an zu lachen. Ich lasse mich auf einen gepolsterten Stuhl sinken und schaue breit grinsend in den Himmel hinauf. Sarah macht es mir nach, wobei sie eher mich anschaut als den Himmel. Die Wolken türmen sich zu dunklen Gewitterwolken zusammen und in der Ferne kann man schon den Donner hören. Die Insekten um uns herum veranstalten ein abendliches Konzert und die Rosen meiner Mutter senden ihren lieblichen Duft zu uns.

„Wir haben hier oft abends gesessen und einfach nur über Gott und die Welt geredet. Ich vermisse diese Zeit, in der wir unbeschwert miteinander umgehen konnten,“ sagt sie leise.

„Ich auch.“ Ich drehe mich so herum, dass ich Sarah direkt anschauen kann.

„Meine Mum hat vorhin im Auto etwas zu mir gesagt. Ich soll vorsichtig mit dir sein und dir keine falschen Hoffnungen machen.“ Sarah hebt an, etwas zu erwidern, doch ich wedele mit meiner Hand und bitte sie still, mich ausreden zu lassen.

„Ich habe es schon vorher gesagt, aber vielleicht nicht richtig. Ich liebe dich, wie man eine gute Freundin nur lieben kann. Vielleicht auch eine Schwester. Du bist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben geworden. Und deshalb war es falsch von mir, dich nach meiner Rückkehr zu küssen.“

Das Lächeln verschwindet aus Sarahs Gesicht und ich sehe, wie sie sich innerlich zusammenreißt. Ihre Gestalt wirkt im Licht des Blitzes, der über uns den Himmel erhellt, noch zarter als sonst. Doch dann strafft sie die Schultern und sieht mir direkt in die Augen. Da ist sie wieder, die Sarah, die ich vom Anfang unserer Beziehung her kenne.

„Als ich damals mit meinen Eltern hierherzog, um im Blumenladen meiner Mutter zu helfen, wollte ich eigentlich nur eine Woche im Haus meiner Eltern wohnen. Wusstest du das?“

Ich schüttele den Kopf. Das hat sie mir nie erzählt.

„Ich ging gleich am ersten Tag los und wollte mir eine Wohnung suchen. Etwas in der Nähe des Geschäftes, aber nicht allzu weit weg, falls sie Hilfe brauchen. Und am zweiten Tag kamst du deine Mutter besuchen und ich sah dich durchs Wohnzimmerfenster. Du warst so nett und charmant, so ganz anders als die Kerle, die ich sonst so kannte. Ich weiß noch, wie ich meine Pläne für eine eigene Wohnung immer weiter hinausschob, nur um da zu sein, falls du deine Mum wieder besuchst. Und als du dann bei ihr eingezogen bist, weil sie die ersten Anzeichen ihrer Krankheit zeigte, verliebte ich mich noch ein bisschen mehr in dich.“

„Sarah…“ Diesmal ist sie es, die die Hand hebt.

„Ich sage das nicht, um dich traurig zu machen. Ich möchte damit sagen, dass wir zuerst Freunde waren. Ich habe mich an deine Fersen geheftet und mich mit dir angefreundet. Ich habe auch unser erstes Date eingefädelt. Du bist mir wichtig. Du hast mir damals nicht viel von deinem Freund K erzählt, aber als du mich nach deinem Besuch bei ihm geküsst hast, gebe ich zu, dass da ein kleiner Funke Hoffnung wiedererwacht ist und ich wollte nicht nachfragen, was in dieser Woche passiert ist. Ich gebe meine Ziele nie schnell auf und es tut weh, dass das ein betrunkener Ausrutscher war und ich es zugelassen habe. Obwohl ich gespürt habe, dass du neben dir stehst. Also mach dir keine Sorgen. Ich bin erwachsen und passe auf mich auf. Und nun werde ich nach Kane schauen gehen.“ Sarah erhebt sich, gibt mir einen Kuss auf die Wange und verschwindet dann im Haus. Mittlerweile ist das Gewitter nähergekommen und ich beobachte die Blitze, die alle paar Minuten am Himmel zu sehen sind. Der Wind bringt den Geruch nach Regen und die ersten Tropfen fallen, als sich die Schiebetür erneut öffnet. Ein Bier wird vor mein Gesicht gehalten und ich bringe ein dankbares, wenn auch schiefes Lächeln zustande.

„Lass mich raten, das Fenster im Keller ist auf und du hast alles gehört.“

Kane nickt und setzt sich statt auf den Platz, auf dem Sarah gesessen hat, auf die breite Bank. Er lehnt sich an und überkreuzt die Beine. Äußerlich sieht er entspannt aus, aber seine Finger, die die Bierflasche festhalten, sind weiß.

„Seit wann trinkst du Bier? Und noch wichtiger, seit wann trägst du eine Brille?“

Kane lacht und nimmt einen kleinen Schluck.

„Ich dachte, das wirkt etwas kumpelhafter, als wenn ich mit einem Glas Wein rauskomme. Deine Mutter hat noch immer meinen Lieblingswein in der Kammer stehen. Den sparen wir uns für einen anderen Abend auf. Solange du mich nicht zwingst, zwei davon zu trinken, ist ein Bier ok.“ Er schiebt mit dem Mittelfinger seine Brille nach oben und ich muss meinen Blick wieder in den Himmel richten, um nicht wie ein Trottel auf seinen Mund zu starren.

„Und die Brille habe ich erst seit zwei Monaten. Ich habe mich eigentlich schon dran gewöhnt.“ Und wieder schiebt er die Brille mit dem Finger nach oben, während er am Etikett seiner Bierflasche herumspielt.

„Ich finde sie steht dir.“ Kane schnaubt und ich grinse.

„Weißt du, was mir gerade klar geworden ist?“, frage ich.

Kane schüttelt den Kopf. Das stetige Geräusch des Regens lullt mich ein und ich kuschele mich etwas tiefer in meinen Sitz.

„Ich habe schon lange nicht mehr an dich als K gedacht. Dieser Buchstabe war dein Name für mich als mein bester Freund. Du kennst all meine Geheimnisse, kennst mich, seit ich im Kindergarten von der Toilette gefallen bin, um den Käfer an der Wand einzufangen.“ Ich liebe es, wenn Kane lacht. Dieses Mal kommt es tief aus dem Bauch heraus. Diese Erinnerung ist der Grundstein unserer Freundschaft.

„Du wolltest ihn einfangen, um ihn zu malen. Ich glaube, Miss Prescott hatte danach ein bisschen Angst vor dir, weil du dich geweigert hast, den Käfer loszulassen, um deine Hose hochzuziehen.“

„Hey, das war die erste Zeichnung, die meine Mum an den Kühlschrank gehangen hat. Und Miss Prescott hatte vor allen Insekten Angst. Vor Hunden glaube ich auch. Und es würde mich nicht wundern, wenn sie auch vor Katzenbabys Angst hat.“

Warme braune Augen schauen mich an, doch Kane lässt mich reden.

„Ich habe dich so lang nicht gesehen und dich vermisst. Any war immer eifersüchtig darauf, wie nahe wir uns stehen.“ Die Präsenz Form ist in diesem Fall mit Absicht gewählt. Jetzt bin ich an der Reihe, am Papier an meiner Flasche herumzufummeln.

„Ich bin anscheinend einer von der langsamen Sorte. Mir war nicht klar, wie speziell du für mich bist. Erst als ich mit Sarah ausging, machte es endgültig klick. Aus irgendeinem Grund habe ich ihr kaum etwas von dir erzählt. So, als wollte ich sie von dieser Seite in mir trennen wollen. Und seit dem Besuch bei dir bist du nicht mehr nur mein Kindheitsfreund K, sondern eben auch der erwachsene Mann Kane, dessen Freundschaft mir wichtig ist. Den ich aber auch mit ganz anderen Augen sehe.“

Ich räuspere mich laut und nehme einen kleinen Schluck von meinem mittlerweile warmen Bier.

„In was auch immer du mit ihr verwickelt bist, ich wollte ihr nie wehtun. Und als ich nach unserer Woche, in der ich dich mit Pete teilen musste und noch verwirrter war als je zuvor in meinem Leben nach Hause kam, war Anys Idee, mich etwas lockerer zu machen.“ Ich schlucke und traue mich nicht, Kane anzuschauen.

„Und dann hast du Sarah geküsst?“

Ich nicke, schaue aber nicht auf. War ja klar, dass er davon weiß. Ich schäme mich und gleichzeitig kann ich nicht leugnen, dass dieser Schritt wichtig für mich gewesen ist. Immerhin hatte ich erst danach den Mut gefunden, ehrlich zu mir zu sein. Im Grunde genommen hätte ich nie gedacht, dass ich nicht ehrlich zu mir selbst bin. Ich meine, wenn man sich nicht einmal selbst die Wahrheit eingestehen kann, wem dann? Am Ende des Tages ist man mit den Gedanken in seinem Kopf allein. Neben mir raschelt es und ich hätte nicht überraschter sein können, als Kane mir meine Flasche aus der Hand nimmt, seine und meine auf den Tisch stellt und sich rittlings auf mich setzt. Sofort sind alle meine Sinne geschärft. Er hat einen Duft an sich, der entweder von einem sehr teuren Rasierwasser oder Parfüm kommt. Ich kenne mich damit nicht aus, aber es riecht verdammt gut. Kane kommt mir so nahe, dass seine Nase gegen meine stößt. Ob er mich küssen wird? Ich bin nervöser, als ich es im See war. Vielleicht, weil ich weiß, was seine Lippen bei mir auslösen. Oder vielleicht weil wir erwischt werden könnten. Er streicht mit den Lippen meine Wange entlang und flüstert in mein Ohr: „Und hat sich Sarahs Kuss wie meiner angefühlt?“ Ich schüttele sacht den Kopf, aus Angst, dass er sich zurückziehen und sein heißer Atem meine Haut nicht mehr berühren würde.

„Soll ich dir sagen, wie sich unser erster Kuss für mich angefühlt hat?“ Diesmal wartet er nicht auf eine Reaktion von mir. Seine Zunge schnellt hervor und berührt die zarte Haut hinter meinem Ohr. Mein ganzer Körper erzittert. Ich kann spüren, wie er lächelt und mein Magen führt einen Tango auf. Von meinem besten Stück will ich erst gar nicht anfangen.

„Ich träume seit meinem zwölften Lebensjahr davon, dich zu küssen. In meiner Fantasie raube ich dir den Atem. Deine Welt fokussiert sich nur noch auf mich und du lässt einfach los. Und als ich dich endlich kosten konnte? Da ist all das mir passiert.“

Noch nie in meinem Leben habe ich etwas gehört, das sexyer war als das. Und ich bringe keinen einzigen Ton heraus.

„Du hast mir all die Jahre immer wieder verwirrende Signale gesandt. Mir ist unsere Freundschaft sehr wichtig. Deshalb habe ich so lang gezögert, mich mit dir auszusprechen. Also schlage ich etwas vor. Du nennst mich K, wenn wir allein sind. Eines Tages wirst du diesen Buchstaben sogar stöhnen. Und vor allen anderen nennst du mich Kane. Denn ich möchte beides für dich sein. Dein bester Freund, dein Liebhaber und der Partner an deiner Seite.“ Als er aufsteht dringen schlagartig die Geräusche um mich herum wieder zu mir durch. In der Ferne ist plötzlich die Alarmanlage eines Autos zu hören. Der Regen ist stärker geworden und trommelt unermüdlich gegen das Dach und ich kann meinen Puls in meinen Ohren rauschen hören. Kane schenkt mir ein Lächeln, das mir sagt, dass er mich jetzt so zurücklassen will. Ich räuspere mich und kneife die Augen zusammen, als er leise lacht.

„Du hast extra für mich Parfum aufgelegt, oder?“

„Vielleicht.“ Und mit diesem Wort verschwindet er im Haus. Ich könnte jetzt sauer sein, weil er mich mehr oder weniger verführt hat, nur um mich dann hängen zu lassen. Aber stattdessen fühlt sich mein Kopf so leicht an wie schon lange nicht mehr. Also bleibe ich noch sitzen, trinke beide Biere aus, ohne mich daran zu stören, dass sie warm sind und genieße das Schauspiel des Gewitters.

Am nächsten Morgen werfe ich dem Wecker auf meinem Nachttisch einen bösen Blick zu, ehe ich mich umdrehe und in mein Kissen schreie. Natürlich lautlos, damit ich niemanden wecke. Ich liege seit einer Stunde wach und kann einfach nicht mehr einschlafen. Schließlich stehe ich auf und ziehe meine Laufsachen an. In den letzten Stunden, in denen ich eigentlich schlafen sollte, wanderten meine Gedanken immer wieder zu Kane. Dann zu Kane und Sarah. Dann zu mir und Kane und anschließend zu Sarah und mir. Meine Gedanken drehen sich im Kreis, also beschließe ich, meine offenbar angestaute Energie loszuwerden. Ich ziehe meine Laufsachen an und versuche leise die Treppen nach unten zu gehen. Als eine Treppenstufe laut knarzt, beeile ich mich nach unten zu kommen. Hoffentlich hat Sarah keinen allzu leichten Schlaf. In der Küche mache ich meiner Mutter und mir im Mixer einen Smoothie, dessen pinke Farbe verrät, dass der Hauptbestandteil rote Beete ist. Ich habe mich mittlerweile an den Geschmack gewöhnt, aber gern trinke ich das Zeug noch immer nicht. Mums Glas stelle ich in den Kühlschrank. Mit etwas im Magen und nach einer halben Flasche Wasser stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und beginne meinen Lauf. Ich laufe eigentlich regelmäßig, seit meine Mutter die Diagnose bekommen hat. Ein Psychologe würde jetzt vielleicht sagen, dass das mein Ventil ist, um mit dem Stress und den Sorgen umzugehen. Und ich stimme diesem imaginären Psychologen hundertprozentig zu. Ich weiß nicht, ob ich die Anfangszeit ohne die körperliche Erschöpfung überstanden hätte. Ich griff tausende Male zum Hörer und war kurz davor, Kane anzurufen oder ihm zu schreiben. Und doch habe ich nie eine Nachricht abgeschickt oder den Anruf Button gedrückt.

„Sean!“

Aus meinen Gedanken gerissen, sehe ich mich völlig perplex um. Ich habe mittlerweile die Asphaltstraße verlassen und bin ein gutes Stück durch den Park gerannt.

„Sarah?“, stoße ich völlig erstaunt aus, als sie – ebenfalls in Sportsachen – zu mir aufschließt. Ich drossele mein Tempo und schaue sie fragend an. Ich kann sehen, dass sie außer Atem ist, doch sie lächelt tapfer.

„Klasse, dass ich dich doch noch treffe. Ich konnte nicht schlafen und da ich vor einer Weile mit dem Laufen angefangen habe, dachte ich, ich nutze die ruhige Morgenstimmung.“

Innerlich muss ich laut lachen. Irgendwie bin ich auch geschmeichelt.

„Du meinst, du hast mich die Treppen runter gehen hören und weißt, dass ich genau diese Strecke am liebsten laufe.“

Sarah kichert atemlos, zu mehr reicht ihre Luft nicht.

„Ja, so könnte man es auch sagen.“

Da sie nun schonmal da ist und ich gestern Abend klar gesagt habe, dass ich kein Interesse an ihr als potenzielle Partnerin habe, laufe ich für den Rest der Strecke in einem gemächlichen Tempo. Und eines muss man Sarah zu Gute halten. Sie hält mit mir Schritt, obwohl sie zu kämpfen hat und wahrscheinlich schon nach den ersten fünf Kilometern aufgeben wollte. Zum Schluss sprechen wir gar nicht mehr und ich genieße es, dass wir neben den Tieren im Park die einzigen Menschen hier sind. Als wir schließlich nach Hause kommen, kippt sie einfach auf der Wiese neben der Einfahrt um. Mit geschlossenen Augen und rotem Gesicht lasse ich sie liegen. Als ich ihr schließlich eine kalte Flasche Wasser gegen die Wange drücke, stöhnt sie dankbar auf. Als die erste Flasche leer ist, gebe ich ihr meine noch nicht angerührte Flasche und endlich öffnet sie die Augen.

„Ich glaube, du solltest es langsamer angehen lassen. Oder deinen Stolz runterschlucken und keine so große Strecke in einem Tempo laufen, das dir noch nicht liegt.“

„Und ich glaube“ japst Sarah „du hast recht.“

Ich grinse von einem zum anderen Ohr.

„Ich weiß. Ich habe meistens recht, weißt du?“

Sarah lacht und ich helfe ihr auf die Beine.

„Geh du zuerst unter die Dusche oben. Ich kann warten. Es sei denn, du möchtest runter zu Kane gehen und dort die Dusche nutzen.“ Mit noch immer hochrotem Gesicht schüttelt sie den Kopf und sagt: „Ist okay, ich beeile mich und nehme die Dusche oben. Kane braucht seinen Schlaf.“

Ich muss mir ein Grinsen verkneifen, denn schließlich weiß ich ja, dass die beiden nicht wirklich zusammen sind. Selbst wenn Kane das Ufer gewechselt hätte, dann hätte er mich niemals geküsst. Denn so war Kane schon immer, geradlinig und fair. Er würde nie betrügen. Das plötzliche Verlangen, etwas zu malen überkommt mich. Also nehme ich kurzerhand den Gartenschlauch, spritze mir den Schweiß zumindest oberflächlich vom Körper und hole aus dem Wohnzimmer mein Zeichenbuch und die Stifte. Meistens arbeite ich am Tablet, aber bestimmte Zeichnungen erfordern richtiges Papier. Ich setze mich auf einen Stuhl neben Mums Rosen in den Schatten. Am Rande nehme ich wahr, dass Sarah mir von der Terrasse aus zuwinkt, frisch geduscht mit nassen Haaren und einem knappen Minikleid, aber wenn ich einmal in meiner Zeichenblase bin, dann braucht es so einiges, mich da wieder herauszuholen.

„Das ist…“ Kane räuspert sich und ich falle vor Schreck fast von meinem Stuhl. Erschrocken presse ich mir die Hand aufs Herz. Dabei merke ich, dass meine Kleidung trocken ist und ich wohl eine ganze Weile beim Malen verbracht habe.

„Entschuldige, ich wollte dich eigentlich weitermalen lassen. Aber ich war neugierig und na ja…das ist ein Bild von mir.“

Kane sieht leicht zerzaust aus. So, als sei er gerade aus dem Bett aufgestanden. Seine Brille betont seine Augen, die nun etwas verlegen dreinschauen und doch habe ich das unbestimmte Gefühl, dass er gerade in diesem Augenblick nichts mehr will, als mich zu küssen. Als habe er meine Gedanken erraten, schweift sein Blick über mein enganliegendes Sportshirt und weiter nach unten. In der schwarzen Sporthose ist kaum zu verbergen, dass mich sein Blick nicht kaltlässt. Meine Erektion bettelt um Aufmerksamkeit und das ist gerade keine günstige Zeit dafür. Zum Glück gibt es Mütter, die einem bei solch einem Problem schnell helfen können. So wie meine, die genau in diesem Augenblick aus dem Haus tritt und anfängt zu strahlen, als sie Kane sieht.

„Kane, wie schön, dass du kommen konntest. Ich habe dich schon so lange nicht mehr gesehen. Komm her, lass dich drücken.“

Kane schluckt hörbar und erwidert die Umarmung meiner Mutter. In meinem Innersten tobt ein Sturm, der mich sentimental zurücklässt.

„Schön dich zu sehen, Pauline.“

„Hast du schon von unserem gestrigen Tag gehört? Ich war im See tauchen. Hach, es ist perfekt, dass du genau heute kommst.“

„Warum? Was genau hast du denn heute geplant?“ Da, meine Stimme funktioniert. Auch wenn sie etwas dünn ist. Kane sieht mich mit seinen sanften Augen an und wie schon so oft zuvor vermittelt er mir ein Gefühl der Ruhe. Schon im College war er mein Fels gewesen. Wie dumm und blind ich damals war.

„Das wirst du nachher sehen. Lass mir die Freude der Überraschung. Ich habe das schon eine ganze Weile geplant.“

Meine Mutter, die heute einen sehr klaren Tag zu haben scheint, geht wie ein Schulmädchen kichernd davon.

„Das Grauen steht dir gerade ins Gesicht geschrieben.“

„Ha ha, lach nur. Aber du weißt, wie verrückt sie werden kann. Und hast du ihren Blick gesehen. Fast hätte sie mir zugezwinkert.“

„Von irgendwem musst du ja deine verrückten Ideen haben.“

Ich kann nicht anders als mitzulachen. Als ich mir die Tränen aus den Augen reibe, sage ich noch immer glucksend: „So viel gelacht, wie in den letzten zwei Tagen, habe ich schon lange nicht mehr.“ Kane sieht mich ernst an und die Intensität seines Blickes beschert mir glatt eine Gänsehaut.

„Es tut mir leid, dass wir so lang getrennt waren. Ich habe es zu meinem festen Ziel erklärt, dich so oft wie möglich wieder zum Lachen zu bringen.“

Mir wird so warm in meiner Brust, dass ich aufspringe und mein Buch zuschlage. Kane grinst wissend, als ich es auf meinen Stuhl schmeiße und ihn an der Hand hinter mir herziehe. Mein Ziel ist die Schuppenrückwand. Dort kann uns niemand sehen.

„Sarah hat uns aus den Augen gelassen“, flüstere ich, während ich mich an ihn drücke. Sein heißer Blick lässt keinen Zweifel daran, dass er ebenfalls an unser Gespräch denkt.

„Wenn ich einmal herausgefunden habe, was ich möchte, bin ich nicht schüchtern“, flüstere ich so dicht an seinem Ohr, sodass ich spüre, wie er erschauert. Und endlich greift er in meine Haare und bringt mich in Position, um über meinen Mund herzufallen.

Eine Welle der Leidenschaft erfasst mich. Keiner meiner Küsse mit Frauen kommt an das hier heran. Kane verschlingt mich mit Haut und Haaren. Ich lehne mich so nah an ihn, wie es nur geht. Als er uns umdreht und ich plötzlich mit dem Rücken am Schuppen lehne, keuche ich auf. Sein Bein schiebt sich zwischen meine Oberschenkel und er verschluckt mein Stöhnen, als der Druck auf meinen Schwanz einen Schauer der Ekstase durch mich hindurch jagt. Ich halte mich davon ab, mich wie eine läufige Katze an seinem Bein zu reiben. Aber verdammt ist das schwer. Wir lassen erst voneinander ab, als wir Luft holen müssen.

„Was? Wie?“ Ich schüttele fassungslos den Kopf. „Wie geht das? Hast du irgendein Aphrodisiakum erfunden?“ Ich spüre das Beben mehr in seiner Brust, als dass ich es höre. Kane lehnt seine Stirn an meine und schließt die Augen.

„Ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass das hier gerade passiert. Die Chemie zwischen uns stimmt einfach. Also nein, kein Aphrodisiakum. Nur du. Du und ich zusammen, um genau zu sein.“ Kane stiehlt sich einen weiteren Kuss, ehe er sich offensichtlich wiederstrebend von mir löst.

„Ich muss jetzt arbeiten fahren. Ich bin in sechs Stunden wieder da. Und irgendwann in den nächsten Tagen werden wir uns mehr Zeit nehmen. Versprochen.“ Während er weggeht, fluche ich laut vor sexueller Frustration. Doch als ich Kanes Lachen höre, als er schon um den Schuppen herum gegangen ist, grinse ich von einem Ohr zum anderen. Als ich schließlich ins Haus gehe, um endlich unter die Dusche zu springen, finde ich Sarah zusammen mit meiner Mutter in der Küche vor.

„Schatz, beeil dich. Das Frühstück ist gleich fertig.“

„Okay Mum.“ Ich gebe ihr einen Kuss auf die Wange. Einfach, weil ich ihr zeigen will, wie viel sie mir bedeutet. Und um einen genauen Blick auf sie zu bekommen, ob ihr klarer Moment noch anhält und sie Sarah von Kane erzählt hat. Damit wäre Ihre Farce aufgeflogen. Aber beide Frauen scheinen keine Sorgen zu haben, also will ich so schnell wie möglich unter die kalte Dusche.

„Du scheinst dich gut mit Kane zu verstehen. Obwohl ich nach eurer Rückkehr gestern von eurem Bootsausflug das Gefühl hatte, da ist etwas vorgefallen zwischen euch. Mir liegt viel daran, dass ihr euch versteht.“ Sarahs Worte bringen mich zum Stehen, noch ehe ich die Küche ganz verlassen konnte. Wobei sie mich mit einem kuriosen Blick bedenkt. Meine Hände fangen an zu schwitzen und ich suche fieberhaft nach einer Antwort, die nichts verrät und sie doch zufriedenstellt.

„Natürlich verstehen sich die Beiden. Sie sind seit dem Kindergarten die besten Freunde. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie an der Hüfte zusammengewachsen sind. Wenn einer in Schwierigkeiten steckte, dann war der andere nicht weit.“

Ups, da war die Katze aus dem Sack. Doch Sarah lächelt meine Mutter nur sanft an und sagt: „Das hört sich nach einer großartigen Freundschaft an.“

Innerlich danke ich Sarah dafür, dass sie einer der nettesten Menschen ist, die ich kenne. Wahrscheinlich denkt sie, dass meine Mum Kane mit meinem besten Freund K verwechselt, den sie selbst ja noch nie gesehen hatte.

„Ja, wir verstehen uns wirklich gut.“ Und noch ehe jemand etwas sagen kann, verlasse ich die Küche, um unter die Dusche zu springen. Nach dem Frühstück, das zum Glück ohne weitere Fragen auskam, verziehe ich mich zum Arbeiten in mein Zimmer. Ich müsste eigentlich erst im Herbst mit meinem nächsten Projekt anfangen, aber es kann nie schaden, sich vorher schon Gedanken zu machen. Ich zeichne nicht nur für Verlage und Kinderbücher, sondern auch für verschiedene Marketingfirmen, die Bilder für ihre Kampagnen brauchen. Und gerade hierfür werden meistens mehrere Versionen benötigt, von denen sich die Kunden dann für eine Variante entscheiden. Durch das College und meine Praktika in verschiedenen Firmen habe ich mir ein gutes Netzwerk aufgebaut. Und ich habe mir mit Absicht den Sommer Zeit genommen. Irgendwann grummelt mein Magen und ich beschließe, ein zweites Frühstück oder ein frühes Mittagessen zu mir zu nehmen. Das Haus ist ruhig, aber noch während ich die Kühlschranktür öffne, schweift mein Blick durch das Fenster in den Garten. Wodurch mir wortwörtlich die Kinnlade nach unten klappt. Im Garten auf dem Rasen sehe ich vier Frauen, die den herabschauenden Hund praktizieren. Ich würde es nie zugeben, aber ich habe tatsächlich an ein oder zwei Yogastunden teilgenommen. Meiner Mutter zuliebe, natürlich. Doch neben meiner Mutter und der Lehrerin haben Sarah und meine Freundin Any ihre Matten auf dem Rasen platziert. Ich taste in meiner Hosentasche nach meinem Handy und öffne meine Chat App.

Ich: Was genau machst du in meinem Garten?

Als ich aus dem Fenster schaue, kommt meine Nachricht gerade an. Any streckt sich und greift nach ihrem Handy, das neben ihrer Matte auf dem Boden liegt. Ohne sich umzudrehen, tippt sie eine Antwort. Mein Handy vibriert und ich lese ihre Antwort.

Any: Yoga

Ich beiße die Zähne zusammen und tippe.

Ich: Ha ha

Ich füge noch ein Smiley mit herausgestreckter Zunge hinzu. Ich mache mir ein Sandwich, während ich auf das Ende der Yogastunde warte. Aus Erfahrung weiß ich, dass Any mir nur antworten wird, wenn ich rausgehe und sie zur Rede stelle. Da ich aber keine Szene machen will, übe ich mich in Geduld. Und eigentlich freue ich mich, meine Freundin zu sehen. Any hat Kane und mich auf dem College getroffen. Sie war Schauspielerin und spielte am Theater einige Hauptrollen, die ihrer Künstlernatur entsprachen. Das waren ihre Worte, nicht meine. Meines Wissens nach müsste sie jetzt in London sein. Diese Woche gestaltet sich bis jetzt sehr kurios mit vielen offenen Fragen. Any beendet als erste den Kurs, packt ihre Sachen zusammen und kommt geradewegs zum Haus. Als ob sie hier zu Hause wäre, legt sie die Matte auf der Terrasse ab. Noch ehe ich den letzten Bissen meines Sandwiches runterschlucken kann, umarmt sie mich stürmisch. Ich bin nicht überrascht, als sie mich am Arm packt und die Treppen nach oben zieht. Ich schließe meine Zimmertür, um unerwünschte Zuhörer auszuschließen, während sie sich mitten auf mein Bett wirft.

„Du fühlst dich hier richtig zu Hause, oder?“, stichele ich.

„Ja, das war schon immer so. Deine Mutter hat mich übrigens erkannt.“ Anys Stimme war warm und voller Zuneigung. Ihre eigene Mutter hatte mit dem stürmischen und verrückten Wesen ihrer Tochter oftmals nichts anfangen können. Sie war gegenüber ihrer Tochter immer so reserviert gewesen, dass ich sehr wohl wahrnahm, wie viel Glück ich mit meiner Mutter habe. Im Laufe der letzten Jahre hat Any uns immer wieder besucht oder ich schleppte Any einfach mit, wenn ich meine Mutter besuchen ging. In der Zeit, ich der ich noch eine kleine Einzimmerwohnung bewohnte und der Gedanke noch weit in der Ferne lag, das meine Mutter einmal Hilfe benötigen würde.

„Okay, bring mich auf den neuesten Stand. Dann erzähle ich dir, was ich über die Planung des heutigen Tages herausgefunden habe.“

Gut, jetzt hatte sie meine Aufmerksamkeit. Ich runzelte die Stirn und versuchte Any so zu taxieren, wie Kane es immer bei mir tat. Immerhin wirkte der Blick bei mir, warum also nicht auch bei Any. Doch diese hob nur eine Augenbraue an und wartete spöttisch grinsend ab.

„Komm schon, sag mir, was du weißt.“

„Nope, erst bist du dran. Ich will Details und hoffentlich Geschichten vom Knutschen und rummachen und…“

„Anyta!“

Meine Freundin kicherte wie ein Schulmädchen und warf mein Kissen nach mir.

„Sean, komm schon. Mein Liebesleben ist derzeit ziemlich langweilig. Ich möchte hören, dass da was bei dir passiert. Ich warte schon so lange darauf, dass du und Kane euer Happy End bekommt.“

Ich ließ mich auf mein Bett fallen und lehnte mich mit dem Rücken an die Wand. Innerhalb von zwei Sekunden lagen Anys Beine in meinem Schoß und aus alter Gewohnheit heraus fing ich an, ihre Füße zu kneten.

„Als du mir meine erste Fußmassage gegeben hast wusste ich, dass du schwul bist.“ Sie räkelte sich genüsslich auf meinem Bett, was mich tatsächlich an unsere erste Fußmassage erinnerte.

„Ich fühlte mich in deiner Nähe so wohl, dass ich gar nicht weiter drüber nachgedacht habe. Du hattest damals nur deinen Sport BH an und diese engen Leggins. Noch während du dich auf meiner Luftmatratze geräkelt hast, wunderte ich mich, dass mich das nicht im Mindesten interessierte.“

Any grinste breit und sagte: „Lass mich raten, du hast es einfach darauf geschoben, dass ich eine gute Freundin war.“

Ich spürte, wie ich errötete und schwieg. Das war wohl Antwort genug.

„Hast du jemals Kane eine Fußmassage gegeben?“

„Nein. Ich meine, sowas tun Kerle nicht.“

„Na ja, beste Freunde mit gewissen Vorzügen schon.“ Sie stupste mich mit dem Fuß ins Bein, den ich gerade nicht durchknete und sah mich erwartungsvoll an.

„Also gut. Ja, es gab Küsse. Zwei, um genau zu sein.“

„Und das wars? Ihr hattet zweieinhalb Tage Zeit und habt es nicht weitergebracht?“

„Hey, wir lassen es eben langsam angehen. Außerdem ist er im Moment Sarahs offizieller Freund. Und ich musste sicher gehen, dass er nicht mehr mit Pete zusammen ist.“

„Natürlich ist er das nicht, sonst hätte er dich nicht geküsst.“

Ich erzählte Any von Kanes Geständnis in Bezug auf Pete und sie bekam sich kaum ein vor Lachen.

„Der Arme. Da wollte er einem Freund helfen und du spielst deine Spielchen mit ihm. Der Kerl gefällt mir, wenn er Kane dazu bringt, dich ins Wasser zu schmeißen.“

„Du solltest eigentlich auf meiner Seite sein, findest du nicht?“

„Ich bin eigentlich auf Kanes Seite. Denn immerhin bist du nicht gerade der Blitzmerker in eurer Beziehung.“

Ich stieß ihre Füße von meinem Schoß und schaute sie gespielt böse an.

„Du hättest mir ja schon vor Jahren sagen können, dass ich mehr auf Männer stehe als auf Frauen.“

„So einfach ist das nicht, Sean. Es gibt Leute, die sind bisexuell und es gibt Leute, die sexuelles Interesse nur dann entwickeln, wenn sie jemanden sehr gut kennen. Da gibt es einige Fachbegriffe. Und du hast dich immer nur mit Mädchen verabredet. Alle mögen dich, weil du lustig und schlau bist. Du bist der beste Freund einer Frau und in der Rolle hast du dich auch wohl gefühlt. Es ist dein Gefühlsleben, also musst du schon selbst draufkommen, in welche Richtung deine Interessen gehen.“

Ich kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe herum. Stimmte das? Das ich recht ahnungslos war, das gebe ich ja zu. In meiner damaligen Welt war ich damit zufrieden, Kanes Freund zu sein. Doch wenn ich ganz ehrlich mit mir bin, dann war da schon immer dieses Interesse. Und diese Eifersucht, wenn ein Mann ihn länger als drei Sekunden betrachtete. Und dann gab es die Erektionen in den ungünstigsten Momenten, die ich auf meine Hormone geschoben habe. Ja klar, ich weiß, Freud lässt grüßen. Es gibt viele Ausreden, wenn man nach welchen suchen möchte. Diese Überlegung, ob meine Gefühle für ihn wirklich nur freundschaftlich sind. Aus Angst, das Besondere zwischen uns zu verlieren, habe ich diese Gedanken gar nicht erst zugelassen. So ähnlich hatte Kane es auch formuliert. Er ist mir nicht gleich nach der desaströsen Party gefolgt, bei der Pete im Pool gelandet ist, weil er Angst um unsere Freundschaft hatte. Ich habe ein paar Frauen gedated. Doch sobald es in eine ernste Richtung ging, machte ich immer einen Rückzieher. Ich hatte Frauen geküsst und es auch genossen. Vielleicht hieß das, das es für mich tatsächlich nicht nur schwarz und weiß gab. Wenn ich ein Label brauchte, dann wohl Bi. Bi mit einer Neigung zu einem gewissen männlichen Freund.

„Vielleicht hast du recht. Ich habe mich immer wohl in der Gegenwart meiner Dates gefühlt. Für Sarah habe ich sogar so etwas wie Liebe gefühlt. Wobei ich mir jetzt ziemlich sicher bin, dass ich eher geschwisterliche Gefühle für sie habe. Aber das war es auch schon.“

„Weißt du noch, als du damals diesen Typen in meinem Theater gefragt hast, ob er schon mal eine Frau geküsst hat?“

Ich nicke. Oh man, der arme Kerl lief rot an und konnte seine Antwort nur stammeln.

„Seine Antwort war: Oh Gott, nein. Das könnte ich nicht ertragen.“

Any nickt zustimmend.

„Siehst du, bei ihm war es vielleicht schwarz und weiß, aber eben bei dir nicht. Du hast es zwar nie laut ausgesprochen, aber ich vermute, du hattest auch noch nicht oft Sex mit einer Frau.“

Ich spüre regelrecht, wie ich bis an die Ohrspitzen erröte. Sie hat recht. Anders als viele meiner Freunde auf dem College hatte ich nicht das Bedürfnis gehabt, so viele Partner zu haben, bis ich mir meine Hörner abgestoßen habe, bevor ich mich festlege. Was auch immer dieser Spruch mit den Hörnern wirklich bedeuten soll. So nahe ich Any auch stehe, unangenehm ist mir diese Unterhaltung trotzdem. Doch sie hat mir schon so viele ihrer tiefsten und dunkelsten Geheimnisse verraten, dass ich mir blöd vorkäme, wenn ich diese simple Frage nicht beantworten würde.

„Nein, hatte ich nicht.“ Um die Stimmung aufzulockern füge ich hinzu: „Und mit einem Mann noch nie, wenn du es genau wissen willst.“ Da war es wieder, das Any-Kichern. Sie hat so eine ganz eigene Art an sich.

„Na siehst du, dann ist es vielleicht gut, dass Kane es langsam angeht. Immerhin will er dich bestimmt nicht verschrecken. Ich meine, das erste Mal kann wehtun und…“ Sie lacht so laut, dass sie weder das Kissen stört, dass ich in ihr Gesicht werfe, noch die aufgehende Tür meines Zimmers. Zum Glück ist es nur meine Mutter.

„Sean, Any, macht euch langsam fertig. In einer Stunde verlassen wir das Haus.“

„Machen wir“, antworten Any und ich gleichzeitig. Meine Mutter wirft uns einen kuriosen Blick zu, schließt aber die Tür hinter sich. Any prustet erneut los und ich nehme das Kissen, um sie damit zur Ruhe zu bringen.

„So, jetzt verrate mir, was genau meine Mum geplant hat.“

Any schüttelt den Kopf und steht, noch immer lachend, auf.

„Ich habe es mir anders überlegt. Ich finde, du solltest dich überraschen lassen. Deine Mutter hat sich damit wirklich Mühe gegeben und jetzt da ich weiß, dass du und Kane euch langsam in die richtige Richtung bewegt, ist es bestimmt interessant, euch heute zu beobachten.“

Ich stöhne frustriert auf und kassiere dafür ein Tätscheln auf meinem Kopf.

„Mach dich chic, ja? Zieh eine gute Hose und ein Hemd mit Knöpfen an.“ Die nächste halbe Stunde verbringen wir damit, meinen Kleiderschrank zu durchsuchen. Letztendlich ziehe ich eine lange aber dünne schwarze Hose an, die bei der warmen Temperatur draußen gerade noch ertragbar ist und ein blaues Hemd, das – wie Any sagt – meine Augen betont. Pft, da kann ich froh sein, mit Kane männliche Unterstützung in diesem Haushalt zu haben. Nachdem sie aus dem Bad kommt, in ein elegantes türkises Kleid gekleidet und mit frisch frisierten Haaren, frage ich: „Warum genau bist du denn nun eigentlich hier? Ich dachte, dein Vertrag geht noch bis Ende des Monats.“

„Wir legen durch die Hitze eine Pause ein. Die Klimaanlage im Theater ist ausgefallen. Wir haben die Termine für diese Woche ans Ende der geplanten Vorstellungen gelegt. Ich habe davon erfahren und bin sofort zum Flughafen gefahren. Und tada, da bin ich.“

Ja, Any ist nicht wie andere Frauen. Sie ist spontan und manchmal genauso verrückt wie ich. Als wir beide mein Zimmer schließlich verlassen, hat Sarah eine neutrale Miene aufgesetzt. Sie mustert Anys Erscheinung und ich hätte schwören können, dass da eine Steifheit in ihrem Benehmen war, die ich so nicht kannte. Ich sehe zwischen ihr und Any hin und her, doch Letztere lässt sich nichts anmerken und macht fröhlich Konversation. Als Kane aus dem Keller kommt, ebenfalls in eine lange Hose und ein Hemd gekleidet, spielt Any die perfekte ahnungslose Freundin, die ihn heute zum ersten Mal sieht. Any hat ihren Job im Theater wirklich verdient.

„Mum, du siehst toll aus“, sage ich zu gleichen Teilen schmeichelnd und erstaunt. Sie trägt einen Jumpsuit und hat sich die Haare hochgesteckt. Sie genießt die Komplimente aller Anwesenden, ehe sie uns nach draußen scheucht. Any fährt mit Mum und mir, während Sarah und Kane in Sarahs Wagen hinter uns herfahren.

„Okay, wo soll ich hinfahren?“, frage ich schließlich, als sich alle angeschnallt haben.

„Die Hauptstraße hoch und dann in Richtung Park“, antwortet meine Mutter.

„Warum haben wir uns zurecht gemacht, wenn wir in den Park fahren?“ Ich bin verwirrt und werde zunehmend nervöser.

„Ich habe nicht gesagt, dass wir in den Park fahren.“

Ich schaue in den Rückspiegel und sehe, dass Any grinst. Ich grummele etwas vor mich hin, folge aber weiterhin den Anweisungen. Wir enden schließlich auf der anderen Seite des Sees. Ein großes Restaurantgebäude erhebt sich über einem Parkplatz, der bereits zu dreiviertel vollgeparkt ist.

„Wir gehen essen?“, frage ich hoffnungsvoll, als wir aus dem klimatisierten Auto in die Hitze aussteigen. Immerhin habe ich heute tatsächlich noch nicht viel zu Essen gehabt und mein Magen grummelt schon aufgeregt, als ich die Frage laut ausspreche. Kane hat es anscheinend gehört, denn er wirft mir einen wissenden Blick zu.

„Ja, aber das ist nicht alles.“

Meine Mutter stellt sich vor uns allen auf und erklärt: „Ich habe für das Restaurant La Viva vor einigen Jahren die Inneneinrichtung übernommen. Seitdem bin ich mit dem Besitzer in Kontakt geblieben. Vor einigen Monaten erzählte er mir, dass er ein neues Konzept ausprobieren möchte.“

Any neben mir kichert, aber so leise, dass nur ich es hören kann.

„Und zwar das Speeddating. Allerdings nicht wie im herkömmlichen Sinne. Das Konzept ist aber recht einfach. Es gibt acht Tische. Die Teilnahme geht nur mit Anmeldung. Die Hälfte der Teilnehmer bleibt sitzen, die andere Hälfte wechselt alle fünf Minuten hin und her. Hier sollen sich nicht nur Liebespaare kennenlernen, wobei es egal ist, welche Geschlechter sie haben, sondern es können sich auch Freundschaften bilden, da sich jeder mit jedem unterhält. Am Ende bekommen alle einen Fragebogen mit den Namen der Teilnehmer darauf. Die beiden mit der höchsten Punktzahl bekommen heute Abend ein Candle Light Dinner mit einem Partner ihrer Wahl.“ Any grinst so breit, dass ich Angst habe, dass sie es nie wieder aus ihrem Gesicht bekommen würde. Sarah hingegen bemüht sich, nicht allzu aufgeregt zu erscheinen. Und da formt sich ein Gedanke in meinem Hinterkopf. Ich habe meiner Mutter von den Gefühlen für Kane erzählt. Doch durch ihre Krankheit hat sie schlichtweg vergessen, dass es ihn gibt. Wenn sie das Ganze hier aber schon vor Monaten geplant hat, dann ist das bestimmt ihre Art, mir und Kane zu helfen. Denn für sie stand fest, dass er in ihrer Geburtstagswoche hier sein würde. Bis auf das letzte Mal hat er keine dieser besonderen Wochen ausgelassen. Sarah, die davon nichts weiß, nimmt vermutlich an, dass meine Mum das für sie und mich geplant hat. Was ihr Strahlen erklärt. Während alle sich zum Eingang des Restaurants bewegen, hält Any mich etwas zurück und flüstert: „Ich denke mal, du hast Sarah nicht verraten, warum genau du nie Interesse an ihr haben wirst, oder?“

„Ich habe ihr gesagt, dass sie eine gute Freundin und wie eine Schwester für mich ist.“ Any schüttelt den Kopf und beeilt sich, zur Gruppe aufzuschließen. Ich beschimpfe meine Dummheit innerlich, denn mit den Worten `Sarah, ich stehe auf Männer` hätte ich ein für alle Mal Klarheit geschaffen. Doch das kann ich schlecht jetzt machen. Nicht hier und vor Allen. Also ergebe ich mich meinem Schicksal und trotte den anderen hinterher.

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9783753198064
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