Czytaj książkę: «Karriere oder Jakobsweg?»

Czcionka:

Sabine Dankbar

Karriere

oder Jakobsweg?

Wegezeit – Wendezeit

Mein Weg nach

Santiago de Compostela

Laumann-Verlag Dülmen

Sabine Dankbar: Titelfoto

2. Auflage 2012

© 2009 by Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG,

D-48249 Dülmen/Westfalen

Gesamtherstellung:

Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Postfach 14 61,

D-48235 Dülmen/Westfalen

ISBN 978-3-89960-320-0 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-89960-414-6 (EPUB)

ISBN 978-3-89960-415-3 (Mobipocket)

E-Mail: info@laumann-verlag.de

Internet-shop: www.laumann-verlag.de

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

seit ich denken kann, wollte ich unbedingt ein Buch schreiben! Zwischendurch hielt ich es zwar für einen verklärten Kindheitstraum, obwohl Bücher seit jeher von mir regelrecht verschlungen werden und ich sehr, sehr gerne schreibe – Briefe, Texte, Memoranden, usw. Doch nach meinem letzten Arbeitstag im April 2006 setzte sich dieser altbekannte Gedanke wieder neu bei mir fest: »Sabine, schreibe endlich das Buch, dass du immer schon schreiben wolltest!« Ich beschloss, daraus einen meiner Vorsätze für die vor mir liegende freie Zeit zu machen. Immer dann, wenn ich über das Thema nachdachte, kam ich mir prompt selber in den Sinn: Warum nicht über den Menschen schreiben, den ich am besten kannte? Zudem konnte ich feststellen, dass ich mit meinen Themen nicht allein da stand. Es interessierten sich plötzlich viele Menschen in meiner näheren und weiteren Umgebung für die Beweggründe meines Ausstiegs und die Pilgerreise, die ich plante. Warum nicht die Antworten auf diese Fragen in einem Buch verarbeiten? Letztendlich gab dann der eine wesentliche Gedanke den Anstoß, zum Thema dieses Buches wirklich mich selbst zu machen: Ich hatte Abschied genommen, um neu aufzubrechen und um mir einen neuen Weg zu suchen – genau dem wollte ich für mich ganz allein durch das Schreiben meiner Geschichte nachspüren.

Ich wollte bewusst Abschied nehmen. Von der Sabine, die mir selbst immer fremder geworden war. Ich wollte Abschied nehmen von der materiellen Sicherheit durch den festen Job als Geschäftsleiterin, Abschied von einem Leben, das aus überwiegend Arbeit bestand. Abschied von einem Leben, das mir viel Kraft und Motivation genommen hatte. Abschied von einem Leben, das für mich als Frau kein Familienleben zugelassen hatte. Von der Verantwortung, die mir immer mehr zur Last geworden war. Und ich wollte Abschied nehmen von der eigenen Unzufriedenheit, die nicht im Äußeren begründet war, sondern im tiefsten

Inneren brodelte. Ich wollte nicht mehr länger über die Frage nach dem Sinn in meinem eigenen Leben nachdenken, ohne überhaupt die Zeit dazu zu haben.

Ich wollte aufbrechen in ein neues unbekanntes Leben und noch mal von vorn beginnen. Ich wollte mich erinnern, was an vergangenen Träumen und Sehnsüchten noch in mir übrig war. Ich wollte einen Aufbruch, um auf dem Jakobsweg zu pilgern. Einen Aufbruch, um Antworten auf meine Fragen zu finden. Aufbruch, um mich neu orientieren zu können, ohne dabei alten Ballast mit mir herumschleppen zu müssen. Aufbruch, um einen neuen Sinn zu finden. Aufbruch in eine Verantwortung nur für mich selbst. Ich wollte aufbrechen, in eine Zeit, in der ich endlich lernte, mich so zu lieben, wie ich bin und nicht wie ich meinte, sein zu müssen, damit ich geliebt werde.

Ich wollte einen neuen Weg hin zu einem Beruf, der meinen Leidenschaften entsprechen sollte: Menschen und Schreiben. Einen neuen Weg hin zu einer Frau mit eigener Familie. Einen neuen Weg, der mir Zeit lassen sollte und der mich zur Ruhe kommen lassen sollte. Einen neuen Weg, der mich stark und weich zugleich sein lässt. Einen neuen Weg, der von innen heraus aus mir begangen wird. Einen Weg, der meiner ist.

Ich habe nun einen Weg gefunden, der wirklich meiner zu sein scheint, und weil man einen Weg nie allein gehen kann, teile ich gerne meine Geschichte mit Ihnen – wenn Sie mögen. Vielleicht finden Sie sich in einigen Passagen wieder, in anderen sind sie eventuell ganz anderer Meinung als ich – am Ende stimmen Sie mir hoffentlich zu, dass wir nur durch die Begegnung mit uns selbst und mit anderen Menschen wachsen können.

Sabine Dankbar

1. Advent 2008

I. Mut zu Lebensbrüchen

Zum ersten Mal hörte ich vom Jakobsweg in einer Unterhaltung mit meiner Freundin Susanne, die wir während eines gemeinsamen Spazierganges führten. Auch heute noch ist mir die Situation sehr gegenwärtig. Es war ein schöner, später Frühlingstag im Jahr 2003. Wir befanden uns in einem zauberhaften, lichten Wäldchen bei Telgte, der Krippen- und Wallfahrtsstadt nahe Münster. Bei unserem Spaziergang passierten wir ein großes Christuskreuz, das inmitten des Waldes stand. Wir verharrten dort einige Minuten und genossen die Stille, die nur vom Vogelgezwitscher und dem Rascheln der Bäume unterbrochen wurde. In uns breitete sich eine wohltuend leise Stimmung aus, die Natur nahm uns auf eine besondere Weise gefangen. Wir spazierten weiter, unsere Gespräche drehten sich um Glaube und Spiritualität. Der Wald endete plötzlich, und vor uns schlängelte sich ein Feldweg durch neu eingesäte Felder. Susanne erzählte von ihrem Wunsch, irgendwann einmal den Camino zu gehen. Da ich überhaupt nicht wusste, was es damit auf sich hatte, beschrieb Susanne mit der so für sie eigenen Lebendigkeit diesen uralten Pilgerweg, dessen letzte Hauptroute quer durch Nordspanien von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela führt, der sogenannte Camino Francés. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus; welche Bedeutung der Weg für sie habe, warum sie ihn unbedingt gehen möchte und dass sie es bisher aufgrund der fehlenden Zeit, aber auch aus Respekt vor der Hitze noch nicht in die Tat umgesetzt hat. Ihre Begeisterung riss mich mit. Vor allem die Vorstellung, so intensiv mit sich allein sein zu können, lockte mich sehr. Der Abstand vom Alltag, um sich selbst neu zu erfahren – welch eine Herausforderung. Ich war berührt, beeindruckt und tief in mir klang etwas an …

Noch in der gleichen Woche kaufte ich ein Buch, um mehr zu erfahren. Es war das Pilgertagebuch von Andrea Schwarz »Die Sehnsucht ist größer«. Dass ich ausgerechnet dieses auswählte, war alles andere als ein Zufall, nichts im Leben ist Zufall. Dieser sehr persönliche Reisebericht von Andrea Schwarz ist voller Schönheit und Klugheit. Er begeisterte mich und wühlte mich auch auf. Nach der Lektüre stand für mich fest, dass ich diesen Weg gehen würde. Nur wann!? Fünf oder sechs Wochen Urlaub konnte ich mir in meinem Job einfach nicht erlauben. Ich war in der Geschäftsleitung unseres Familienunternehmens in meiner Heimatstadt Ochtrup, nicht weit von Münster entfernt, tätig. Wir entwickeln und produzieren Damenoberbekleidung im mittleren Preissegment und gehören in der deutschen Bekleidungsindustrie zu den größeren Herstellern. Ich hatte Vorbildfunktion. Für die Mitarbeiter in meinem Verantwortungsbereich, der Produktentwicklung, wäre es auch nicht möglich, sich für vier oder mehr Wochen in die Ferien zu verabschieden. Trotzdem, den Camino in Etappen zu gehen, kam für mich auf keinen Fall in Frage. Ich wollte die Magie und Einzigartigkeit des Pilgerns, dieses Loslassen von allem und jedem über einen längeren Zeitraum, genauso erleben.

Das Buch löste aber noch etwas anderes in mir aus. Andrea Schwarz und ihre Motivation zu pilgern, das was der Weg in ihr auslöste und wie sie es beschrieb, brachten in mir Empfindungen zum Klingen, die mich zum einen sehr verunsicherten, zum anderen aber etwas in mir freisetzten. Mich hatte die Sehnsucht gepackt.

Etwa einen Monat nach dem Spaziergang trennte sich mein Freund nach über fünf gemeinsamen Jahren von mir. Besser gesagt: Ich trennte mich, nachdem er zu mir gesagt hatte: »Ich habe dich lieb, aber ich kann nicht richtig Ja sagen, etwas hält mich ab.«

Für mich brach eine Welt zusammen, in der folgenden Zeit litt ich sehr. Wieder war meine Sehnsucht nach einer vertrauensvollen Partnerschaft und der Wunsch nach Kindern in weite Ferne gerückt. Stundenlang zermarterte ich mir meinen Kopf darüber, was ich falsch gemacht hatte, warum er mich nicht so lieben konnte, dass er bei mir blieb. Was störte ihn an mir? Was hätte ich tun können? War ich zu fordernd gewesen, mit meinem Wunsch nach Klarheit? Dann wieder verfluchte ich ihn, weil er mir nicht früher etwas gesagt hatte. Ich fühlte mich um diese fünf gemeinsamen Jahre betrogen, ich fühlte mich mit meinen achtunddreißig Jahren unendlich alt! Nach außen zeigte ich meinen Schmerz kaum, aber in meinen eigenen vier Wänden verbrachte ich viele Stunden mit dem Gefühl grenzenloser Einsamkeit. Gerade die alltäglichen Dinge überforderten mich. Das sonntägliche Frühstücken mit Brötchen und Zeitung noch im Schlafanzug, das ich bisher als so gemütlich empfunden hatte, löste in mir Heulkrämpfe aus. Abends weinte ich mich in den Schlaf und hatte wirre Träume. Ich stellte mir so viele Fragen: Welchen Sinn hat mein Leben? Was will ich wirklich? Bin ich zufrieden? Wo sind meine Träume geblieben? Bin ich eine von den Frauen, die an ihrem Beruf kleben bleiben und irgendwann alt und verbittert sein würden? Davon gibt es gerade in der Modebranche genug. Frauen, die perfekt gestylt sind und immer den neuesten Trend tragen. Die Frauen, die die »Vogue«, die »Elle« und die »Textilwirtschaft« wie die Bibel lesen und außer ihrem Mikrokosmos Mode nichts mehr sehen. Die Frauen, deren gesamter Tagesablauf sich nur noch um den Job und ihr Äußeres dreht. Die Frauen, die nach außen tough und cool wirken und sich im Grunde ihres Herzens nach Menschlichkeit und Wärme sehnen, deren harte und kantige Gesichtszüge genau diese inneren Kämpfe widerspiegeln. Mir sah man anscheinend Letzteres auch schon an.

Aber es heißt ja: Zeit heilt alle Wunden. Dies traf auch für mich zu. Meine Eltern, meine vier Geschwister und deren Familien, auch meine Freunde halfen mir über diese schwere Zeit hinweg. Sie luden mich ein, versuchten mich abzulenken, zeigten mir ihre Zuneigung und Liebe auf vielfältige Weise. Der Beruf tat sein Übriges. Meine Arbeit wurde in noch höherem Maße zu meinem Lebensmittelpunkt. Meine Tage begannen morgens sehr früh und endeten spät. Meine Fahrtzeit von Münster nach Ochtrup zu meinem Arbeitsplatz bei bianca, knappe 40 Minuten, nicht eingerechnet. Meine Tage waren reich an Begegnungen, sowohl privat wie geschäftlich. War ich dann einmal allein, versuchte ich die Zeit in vollen Zügen zu genießen. Ich las viel und verschlang ein Buch nach dem anderen.

Aber es fehlte etwas in meinem Leben und so machte sich immer häufiger Unzufriedenheit in mir breit. Ich hatte oft Phasen, in denen ich mich schwer motivieren konnte und nach außen negative Signale sendete. Was fehlte mir? War es die Sehnsucht nach einem Mann, nach einem Kind? Endlich jemanden zu finden, der sich ohne Wenn und Aber für mich entschied, für mich mit allen meinen Stärken, Schwächen, Träumen und Sehnsüchten. Jemand, der vom Zusammenleben ähnliche Vorstellungen wie ich hatte, der keine Angst vor Nähe und Verantwortung empfand, der eine Beziehung als Bereicherung und nicht als Einengung für das gemeinsame Leben wertete. Nach Hause zu kommen, die Anwesenheit eines Menschen zu spüren, willkommen geheißen zu werden, gemeinsam zu Abend zu essen, ohne sich erst wieder einen Sozialkontakt organisieren zu müssen. Die Tür aufmachen zu können, ohne dass mich eine dunkle Wohnung empfing und ich erst Licht und Radio anschalten musste, um mich nicht so allein zu fühlen. Meine Erlebnisse vom Tag ganz einfach erzählen zu können und dem anderen zuzuhören. Sich vielleicht die gemeinsame Lieblingsserie im Fernsehen anzuschauen, dabei gemütlich auf dem Sofa Rotwein zu trinken und sich aneinander zu kuscheln. Sex zu haben und nicht allein ins Bett gehen zu müssen. Sich das alles vorzustellen und es nicht zu haben, das war einfach quälend. Diese Gedanken einfach beiseite zu schieben, war ein Akt der Unmöglichkeit. Ich kann zwar gut allein sein, möchte aber nicht einsam sein.

Mich selbst zu lieben war zu dem Zeitpunkt so verdammt schwer. Wie auch, fragte ich mich selbst, wenn man niemanden findet, der vorbehaltlos ja zu einem sagt. Mein Selbstvertrauen war oft im Keller, schneller als gewöhnlich ließ ich mich verunsichern. Dies verspürte ich ebenso in meinem Beruf, oft fehlten mir Ruhe und Gelassenheit. Das Sich-selbst-in-Frage-Stellen war ein häufiger Begleiter in dieser Zeit. Wie weit hatte mein Beruf, mein über die Maßen voller Einsatz für unser Unternehmen, mit meiner privaten Situation zu tun? In mir gärte es.

Ich kaufte zwei weitere Reisetagebücher und las sie sofort. Die Suche nach dem Sinn in meinem eigenen Leben beschäftigte mich zunehmend, ich reflektierte mich selbst und mein Dasein. An diesen Gedankenprozessen ließ ich nur ganz wenige teilhaben. Mein Alltag lief wie gewohnt, die Arbeit beanspruchte mich sehr. Ungeachtet dieser Tatsachen war mein Aktivitätsindex, sowohl privat wie beruflich, weiterhin sehr hoch. Ich war oft unterwegs, besuchte meine alten Freundinnen in Süddeutschland, schaute mir die Kunstausstellung »MOMA« in Berlin an, probierte ständig Neues aus, wie zum Beispiel einen Tauchkurs, flog mal eben für eine Woche mit einer guten Bekannten auf die Malediven. Ich verspürte eine fieberhafte Lebenslust. Andererseits löste dies alles zwischendurch auch Phasen der Melancholie und Traurigkeit aus. Es waren einfach Lückenfüller, natürlich nicht die Begegnungen mit meinen Freunden, aber alles andere diente der Ablenkung und Zerstreuung. Vielleicht fand ich gerade deshalb wieder häufig den Weg zur Kirche, entweder ging ich in den Dom in die kleine rechte Turmkapelle, um eine Kerze anzuzünden, oder ich besuchte die Kirche des Kapuzinerklosters bei mir in der Nähe. Ich bin und war immer sehr mit meinem katholischen Glauben verbunden, aber in dieser Zeit empfand ich den kirchlichen Raum der Stille noch stärker als zuvor als Trost und Rückzug. Nicht selten überkamen mich die Tränen, wenn ich allein in einer Bank saß. Es waren Tränen der Erleichterung, ich fühlte mich in diesen Momenten so überhaupt nicht mehr allein. Gott war bei mir, das spürte ich.

Der Weg rief mich. Oft musste ich an das Gelesene denken, sah die in den Büchern gezeigten Bilder plastisch vor mir: Die roten Klatschmohnfelder, die Weinberge, durch die sich der Weg hindurchschlängelte, die Pilgerrucksäcke mit den Jakobsmuscheln, aber für mich kam es wegen der äußeren Umstände einfach nicht in Frage. Der Satz »wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg«, er traf damals nicht auf mich zu. Mein Wille war hier nicht entscheidend, obwohl ich ein sehr willensstarker Mensch bin. Hürden, die sich in meinen Weg stellen, werden ausgeräumt. Woran fehlte es mir nun? War es mangelnder Mut gegenüber dem völlig Unbekannten, der mich zögern ließ? War mir mein Verstand im Weg? Wie so oft jagte ein Gedanke den anderen.

Ordneten sich mein Herz und mein Bauchgefühl meinem Pflichtbewusstsein unter? Heute weiß ich, dass es genau das war, was mich abhielt. Ich hatte das Gefühl, wenn ich mir diesen Traum erfülle, verhalte ich mich egoistisch, lasse die anderen im Stich. Die anderen, das waren in erster Linie mein ältester Bruder, der als Geschäftsführer die Firma leitet und meine unmittelbaren Mitarbeiter. Auch meinen Vater, der in der Firma nicht mehr aktiv war, wollte ich nicht enttäuschen. Der Verantwortung, die mir übertragen worden war, wollte ich in jedem Fall gerecht werden. Deshalb las ich einfach weitere Bücher über den Jakobsweg, das war schließlich fast dasselbe. Oder nicht?

Im August des nachfolgenden Jahres passierte etwas, was meine damalige Gefühlswelt in andere Bahnen lenkte und mir ganz neue Energien schenkte. Ich verliebte mich wieder. Während eines kurzen Urlaubes lernte ich einen wunderbaren Mann mit seiner Tochter kennen. Ich schwebte über den Wolken, da ich endlich das Gefühl hatte, angekommen zu sein. In einer E-Mail an ihn zitierte ich daher auch eine entsprechende Textzeile: »Alles wirkliche Leben ist Begegnung.« Unsere Beziehung empfand ich als Begegnung, die sich auf vielfältige Weise ausdrückte, durch unterschiedliche Spielarten und viele Facetten. Ich empfand unser Zusammensein als etwas ganz Besonderes, da ich sehr viel Zärtlichkeit, Fürsorge und auch Vertrauen verspürte. Wir diskutierten über alles und jedes, besprachen unseren Alltag miteinander, erzählten uns von unseren Sorgen und Ängsten. Wir waren uns sehr nahe, sowohl geistig wie körperlich. Mit seiner Tochter verstand ich mich ebenfalls sehr gut und wurde von ihr sehr schnell akzeptiert. Die ersten Wochen waren sehr harmonisch, problematisch war nur, dass wir eine Fernbeziehung führten. Unsere Heimatstädte waren nicht wirklich weit voneinander entfernt, aber wiederum auch nicht so nah, dass man mal kurz zueinander fahren konnte. Genau hier begann unser Problem, das heißt aus meiner Sicht war es ein Problem. Ich verspürte den immer stärker werdenden Wunsch mehr Zeit miteinander zu verbringen und wollte unsere Wochenenden langfristiger planen. Durch unsere sehr zeitintensiven Berufe war es nicht selbstverständlich jedes Wochenende gemeinsam zu verbringen. Walter berät und coacht als Diplomsoziologe Unternehmen und Einzelpersonen, er war ständig unterwegs. Auch seine Tochter mussten und wollten wir mit einbeziehen. Dadurch entstanden Stresssituationen, wer sollte fahren, wer konnte fahren, alleine darüber nachzudenken und zu sprechen war für ihn schon mit Anspannung verbunden. Ich interpretierte dies als Zurückweisung und mangelnde Zuneigung, mein altes Gedankenmuster, geprägt durch die früheren Erfahrungen, kam wieder zum Vorschein. Ich begann mir unserer Beziehung nicht mehr sicher zu sein und er bestätigte mir dies auch indirekt in einem unserer Gespräche: »Ich kann so schnell nicht von Liebe reden, ich empfinde das Hier und Jetzt als wunderschön, aber über die Zukunft bereits zu sprechen, das ist mir nicht möglich. Ich habe mich auch am Anfang nicht Hals über Kopf in dich verliebt.« Dies nagte sehr an mir, vor allem weil ich sein Verhalten mir gegenüber als komplettes Gegenteil empfand, wertschätzend und liebevoll. Gerade deshalb hielt ich an uns fest. Ich vermisste zwar einiges, aber ich bekam auch sehr, sehr viel und mir machte es so viel Freude mich und meine Gefühle zu verschenken.

Mit meinem Berufsleben haderte ich immer mehr. Es gab Felder in meinem vielfältigen Job, die mir unendlich Spaß machten. Der Umgang mit Mode, sich gedanklich damit auseinanderzusetzen, Frauen durch Kleidung schöner zu machen, ihre persönlichen Stärken zu unterstreichen und ihre körperlichen Problemzonen zu kaschieren, brachte mir sehr viel Freude. Ein weiterer positiver Faktor war der Kontakt mit den Mitarbeitern und die Nähe zu ihnen, Teamentwicklung und -arbeit bewertete ich als entscheidend. Distanziertes Verhalten fand ich meinen Mitarbeitern gegenüber als unangebracht und der Sache nicht förderlich. Transparenz in allem strebte ich an, denn nur gut informiertes Personal konnte entsprechende Leistungen bringen, das war mein Credo. Jederzeit war ich für jeden erreichbar. Meine Belastbarkeit war immens, zwar war ich dabei nicht immer ausgeglichen und nicht die Ruhe in Person, bisweilen war ich auch gereizt und reagierte sehr emotional, aber ansprechbar war ich auf jeden Fall und kümmerte mich sofort, wenn man auf mich zukam.

Häufig war ich beruflich auf Reisen, zusammengerechnet mindestens acht bis zehn Wochen im Jahr. Die Messen und die Lieferantenbesuche in den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen waren spannend, nährten meinen Wissensdurst und stillten meine Neugierde. Allerdings waren es auf der anderen Seite immer nur Momentaufnahmen. Natürlich bekam ich einen Eindruck von Shanghai, Hongkong oder Seoul, schnupperte in diese fremde, asiatische Welt hinein und machte auch Unterschiede in den jeweiligen Mentalitäten fest, aber es blieb immer beim kurzfristigen Eintauchen. Zu mehr war nie Zeit. Abflug, Ankunft, Koffer im Hotel abladen, direkt zum Lieferanten oder zur Messe, weiter zum nächsten Termin, dazwischen ein schneller Imbiss, abends Essen gehen, später todmüde ins Bett fallen, am nächsten Tag wieder der gleiche Ablauf. Nur ein einziges Mal habe ich in Asien einen Tempel besuchen können, allenfalls hier und da einen Besuch auf einem der zahlreichen Märkte, wo unzählige Markenplagiate angeboten werden, ließ der eng bemessene Zeitplan zu. Mindestens zwei Mal im Jahr war ich in Paris, nie habe ich in all den Jahren den Louvre oder den Eiffelturm besucht, dafür kannte ich jedes Modegeschäft zwischen der Champs-Élysées, der Rue Saint Honoré und dem Boulevard Saint Germain. Die Uffizien in Florenz habe ich besichtigen können, weil unser Flugzeug wegen Nebel erst am Nachmittag starten konnte. Wie oft hatte ich mir vorgenommen, einen oder zwei Tage Urlaub anzuhängen, um von diesen Städten mehr zu sehen als die Geschäfte, Restaurants und Hotels. Aber die Kollektionsfertigstellung ließ keinen Platz dafür, mehr von dem Flair zu genießen und die Momentaufnahmen zu tieferen Eindrücken reifen zu lassen. Trotzdem, die Reisen möchte ich nicht missen. Jedes Eintauchen in fremde Welten erweitert den Horizont und die eigenen Sichtweisen, auch wenn es sich nur um kurze Einblicke handelt.

Die Modebranche ist eine wunderschöne, bunte Welt, in der es aber auch schnelllebig und hektisch hergeht. Man ist immer mit mehreren Kollektionen, die auch noch verschiedene Jahreszeiten abdecken, gleichzeitig beschäftigt. Das Karussell dreht sich permanent, Verschnaufpausen gibt es nicht. Man ist laufend in Entwicklungsprozessen. Jeder Einzelne muss in diesem Zirkus Höchstleistungen bringen, Schwächen sind nicht erlaubt. Die Kollektionen müssen fertig werden, damit der Vertrieb vermarkten und die Betriebe produzieren können. Ein Rad muss in das andere greifen. Irgendwann war ich all dem gegenüber müde, nichts ging mehr locker von der Hand. Ich fühlte mich, obwohl erst Ende dreißig, häufig uralt. Mein Beweggrund jeden Tag zur Arbeit zu gehen, war nicht mehr Freude an meinem Beruf, sondern es war in erster Linie Pflichtgefühl unserem Familienunternehmen gegenüber. Ich fühlte Abhängigkeit, eine Abhängigkeit, die ungesund war, die mir wehtat. Meine emotionale Unabhängigkeit war mir abhanden gekommen, ich erlebte mich als unfrei und befangen. Freude, die sich aus meinem Selbst entwickelte, nahm ich nur noch wenig wahr. Das fand ich, war eine schlechte Grundlage für die tägliche Arbeit. Es war nicht fair mir selbst gegenüber und schon gar nicht gegenüber unserem Unternehmen. Meiner Meinung nach hatten alle Mitarbeiter Anrecht auf eine voll motivierte, ohne Selbstzweifel geplagte Führungskraft.

Immer wieder kam mir der Jakobsweg in den Sinn. Würde eine Auszeit mich wieder nach vorne bringen, mich wieder klarer sehen lassen? Wie das Zeitproblem lösen?

Die Zeit mit Walter war auch von Höhen und Tiefen geprägt.

Was war das für eine Bindung, die keine Perspektiven kannte?

Je näher mein 40. Geburtstag rückte, desto intensiver dachte ich über mein Leben nach. Immer wieder die gleichen Gedanken. Natürlich war ich dankbar für vieles: Ich war gesund; ganz attraktiv; finanziell unabhängig, konnte mir vieles leisten, ohne großartig dafür zu sparen; konnte Rücklagen für später bilden; hatte eine schöne Wohnung, liebevolle Eltern und Geschwister, süße Neffen und Nichten, wunderbare Patenkinder, tolle und zuverlässige Freunde. Dankbar zu sein, ist eine wunderbare Eigenschaft und ein großartiges Gefühl. Aber darauf wollte und konnte ich nicht mein ganzes Leben aufbauen. Mehr und mehr wuchs die Unsicherheit darüber, ob mich das alles auf Dauer wirklich glücklich machen konnte. Dieses Glück war ein äußeres Glück, nicht in mir verwurzelt. Welche Kraft konnte ich aus mir selbst schöpfen? Was würde passieren, wenn sich um mich herum alles radikal ändern würde? Irgendetwas fehlte. Irgendetwas lief schief. Gleichzeitig verbot ich mir aber solche Überlegungen: »Reiß dich zusammen!«, predigte ich mir, »andere haben wirkliche Probleme, dir geht es doch gut! Sei nicht so undankbar!« Da war sie wieder, meine Selbstdisziplin, mich in bestimmten Momenten zusammenzureißen, um den an mich gestellten Erwartungen gerecht zu werden. Letztendlich war es so auch bequemer. Trotz meiner immer wiederkehrenden Gedanken und Fragen verhielt ich mich wahrscheinlich wie die meisten Menschen in der Situation. Warum verändern, was bestens funktioniert? Das Gewohnte erscheint uns perfekt, da kennen wir uns aus.

Im Frühjahr 2005 geschah dann einiges. In der Firma ging es mehr als turbulent zu, neben der normalen Hektik tauchten zusätzliche Probleme auf. Entlassungen aufgrund von Produktionsverlagerungen wurden ausgesprochen. Es fanden deshalb Umstrukturierungen und organisatorische Neuausrichtungen statt. Emotional empfand ich diese Zeit als sehr belastend. Ein Päckchen kam zum anderen, so erschien es mir. Walter und ich trennten uns und kamen kurze Zeit später doch wieder zusammen. Ausgerechnet zu einer wichtigen Stoffmesse wurde ich so krank, dass ich zu Hause bleiben musste. Ich hatte mir einfach zu viel zugemutet und mein Körper rächte sich mit einer schweren Grippe. Christa, eine meiner besten und langjährigen Freundinnen, schickte mir daraufhin einen Brief. Dieser enthielt ein Schreiben des Mönchs Bernhard von Clairvaux an seinen Freund Papst Eugen aus dem 12. Jahrhundert »Gönne Dich Dir selbst.« Ich las Zeilen, die mich tief berührten: »Wenn Du Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben? (…) Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. (…) Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? (…) Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal.« Diese Worte ließen mein schlechtes Gewissen, nicht auf der Messe zu sein, schlagartig zur Ruhe kommen. Im Laufe des Jahres nahm ich diesen Text immer wieder zur Hand, er befand sich jederzeit griffbereit in meinem Timer. Ich versuchte die Worte zu beherzigen und sorgte dafür, dass ich mir immer wieder kleine Inseln der Ruhe, Entspannung und Besinnlichkeit schaffte.

Die Beziehung zu Walter war wieder entspannter, auch weil ich beschlossen hatte, mehr Zeit im Hier und Jetzt zu verbringen, mehr den Augenblick zu genießen und nicht ständig den Blick nach vorne zu werfen. Dies gelang mir ganz gut und dadurch wich der Druck. Wir beschlossen, zum ersten Mal allein, nur zu zweit, ein paar Tage Urlaub zu machen. Unser Reiseziel war eine einsam gelegene Finca im Nordosten von Mallorca. Wir verbrachten traumhafte Tage und kehrten beschwingt einen Tag vor meinem 40. Geburtstag im Mai wieder zurück. Meinen runden Geburtstag feierte ich dann mit meiner Familie, allen meinen Freunden und auch vielen Kollegen aus der Firma mit einer stimmungsvollen Party im Hafen von Münster. Selbst schenkte ich mir eine zehntägige Ayurveda-Kur, die zwei Tage später in Bad Wildstein begann. Die Ruhe dort, das Entgiften des Körpers durch die ayurvedische Kost und die wohltuenden Behandlungen, der Verzicht auf Alkohol, das tägliche Yoga, das Faulenzen im grandiosen Park unter uraltem Baumbestand, die Radtouren an der nah gelegenen Mosel, dies alles tat unendlich gut. Ich fühlte mich zufrieden, obwohl es auch in der Kur Momente gab, in denen ich tieftraurig war. Diese traten immer dann auf, wenn ich mich draußen im Park aufhielt. In meinem Liegestuhl sitzend, schaute ich in die Baumkronen, hörte das Laub rascheln, sah die Eichhörnchen von Ast zu Ast klettern, spürte den Wind in meinen Haaren und versuchte mich der Zeit hinzugeben, die langsam und träge verging. Schmerzlich wurde mir dann bewusst, wie wenig ich gedanklich im Heute war. Ständig waren meine Überlegungen mit dem Morgen, mit der Zukunft beschäftigt. Nicht nur, weil dies mein Job so erforderte, es lag ganz einfach an mir, an meiner Persönlichkeit. Ich brauche Ordnung und Struktur um mich herum, möchte alles planen und vorausschauend bedenken, Chaos ist mir zuwider. Deshalb bin ich immer erst dann zufrieden, wenn alles erledigt ist und mein Dasein klar und übersichtlich vor mir liegt. Mit dieser Haltung ist es sehr schwierig, im Hier und Jetzt zu sein. Ich realisierte, dass ich mir dadurch auch vieles nahm. Wenn ich gedanklich ständig woanders war, konnte ich mich auch auf die Gegenwart nicht voll einlassen. War ich deshalb von den Zielen meines Lebens so weit weg?

In diesem Urlaub dachte ich zum ersten Mal über Kündigung nach und darüber, wie ich mich beruflich verändern könnte. Meine alte Leidenschaft für das Schreiben von Texten und Briefen kam mir in den Sinn. Hatte ich vielleicht sogar das Talent ein Buch zu schreiben? War es nicht leichtsinnig meinen sicheren Job aufzugeben, um etwas mir völlig Neues und Unbekanntes zu wagen?

Nach meiner Rückkehr war meine Erholung schnell dahin, meine Überlegungen waren flink beiseitegeschoben, der alte Rhythmus schlich sich wieder ein. Das Gefühl, niemandem wirklich gerecht zu werden, kehrte zurück. Schwierigkeiten, die auftraten, machte ich häufig an mir und meinem Verhalten fest. »Ich bin schuld, ich habe mich nicht richtig verhalten« waren Sätze, die ich oft und gerne innerlich benutzte. Wieder bemerkte ich nicht oder wollte es nicht bemerken, dass ich mich nur von außen bestimmen ließ. Jegliche Zweifel, die mahnend in mir hochkamen, unterdrückte ich. Zwischendurch schützte ich mich, indem ich verbal austeilte, oft war ich ungenießbar. Meine Unzufriedenheit ließ ich an anderen aus. Keine leichte Zeit, weder für mich, noch für die Menschen um mich herum. Durch Meditation und Auseinandersetzung mit meinem Glauben versuchte ich etwas Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden. Der Jakobsweg spukte immer noch in meinem Kopf herum, verbunden mit der Sehnsucht einfach alles stehen und liegen zu lassen.

Im Sommer urlaubten wir dann nochmals auf Mallorca, diesmal zu dritt. Einen Tag, bevor wir abflogen, ließ ich von meinem Bruder, der mir als Geschäftsführer vorstand, den Urlaubsschein abzeichnen und nutzte dabei die Gelegenheit, ihm zwei weitere Scheine mit der Bitte um Bewilligung zu geben. Bei dem einen war mir klar, dass er diesen abzeichnen würde, auch wenn die Zeit, in der ich frei haben wollte, nicht selbstverständlich war. Zwischen Weihnachten und Neujahr wollte ich ein spirituelles Seminar besuchen und gerade dieser Zeitraum ist eine ganz heiße Phase in der Kollektionserstellung, aber nach fünf Jahren Präsenz konnte ich das guten Gewissens vertreten. Nachdem er seine Unterschrift unter den ersten Schein gesetzt hatte, schaute er mich bei dem zweiten mit mehr als fragendem Blick an: »Das ist nicht dein Ernst, oder? Sechs Wochen am Stück im nächsten Jahr, im Mai und Juni? Wofür?« Daraufhin erzählte ich ihm von meinem Wunsch den Jakobsweg zu gehen, ebenso erzählte ich ihm von meinen Zweifeln und meinen inneren Konflikten. Es war ein gutes Gespräch, wir tauschten uns über unsere größten Wünsche aus, aber auch über unsere Gedanken und Vorstellungen vom Leben. Ich fühlte mich von meinem Bruder verstanden, empfand eine besondere Nähe zu meinem »großen« Bruder. Dennoch, das war mir vorher bereits klar gewesen, die Unterschrift bekam ich nicht. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz in unserem Unternehmen: Das, was wir unseren Mitarbeitern nicht zugestehen, ist auch für uns tabu. Wieso hatte ich es dann überhaupt versucht? Wollte ich ein Signal setzen? Sollte ich mich entscheiden? Hieß es am Ende sogar Karriere oder Jakobsweg?

Der Urlaub zu dritt war schön und schrecklich zugleich. Obwohl ich mich mit Marie, Walters Tochter, sehr gut verstand, kam ich mir oft als drittes Rad am Wagen vor. Es gab eine Symbiose zwischen Vater und Tochter, die so stark war, dass ich unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Es gab auch keinen Zweifel daran, wer die oberste Priorität bei Walter hatte. Auf der einen Seite absolut in Ordnung, auf der anderen Seite schmerzhaft. Wäre ich mir seiner Gefühle sicherer gewesen, hätte ich mich selbst nicht ständig in Frage gestellt, vielleicht wäre der Urlaub dann so richtig entspannt gewesen. So war er neuer Nährboden für meine Zweifel. Der Druck war wieder da. Mein Beschluss, mehr in der Gegenwart zu leben, war eben nicht so einfach in die Tat umzusetzen.

Kurz nach Ende des Urlaubs begann erneut die Periode der Messen und der Konzeptfindung für die neue Saison. Es reihte sich Reise an Reise, Termin an Termin. Der September und der Oktober sind immer eine der reiseintensivsten Monate in der Modebranche, jedenfalls im Bereich der Produktionsentwicklung. Gerade in dieser Zeit ist es so, als wenn man wie im Hamsterrad läuft, immer nach vorne – schnell, schneller, am schnellsten.

Anfang Oktober war ich dann über das Wochenende bei Walter in Bonn. Wir waren diesmal allein. Wir hatten wunderbares herbstliches Wetter, wir flanierten am Samstag durch die Geschäfte der Stadt, verbrachten einen harmonischen Abend miteinander, frühstückten am anderen Morgen lange und ausgiebig und begaben uns dann an den Rhein, um einen langen Spaziergang in der Sonne zu unternehmen. Es war herbstlich warm, der Rhein floss träge dahin. Wir genossen die letzten intensiven Sonnenstrahlen des Herbstes, wie die Menschen um uns herum. Wir aßen Eis, lagen sogar im Gras, es war einfach schön. Vielleicht war es diese entspannte Atmosphäre, dass die Unterhaltung wieder einmal auf das Thema unserer Beziehung zusteuerte. Das Gespräch wurde zunehmend hitziger und emotionsgeladener, unsere unterschiedlichen Erwartungen an unsere Partnerschaft standen im Mittelpunkt der Diskussion. Dann fielen der folgenschwere Satz und die Entgegnung, von wem zuerst, weiß ich heute nicht mehr: »Dann lassen wir es.« »Ja, gut, dann lassen wir es.« Und wir ließen es dann auch, wir trennten uns. Wir weinten beide. Ich, weil ich wieder alleine war und dachte, dass meine Liebe wieder nicht ausgereicht hat: »Ich bin wieder gescheitert.« Er, weil er begriff, wie ernst es mir diesmal war.

In einer späteren Mail schrieb ich ihm, dass es besser sei, sich zu trennen, wenn der eine den anderen ständig davon überzeugen müsse, dass er es wert sei, von ihm geliebt zu werden. Das ist auf Dauer anstrengend und man verliert darüber seine eigenen Wünsche und Vorstellungen aus dem Blick.

Auf dem Weg nach Hause hatte ich an diesem Sonntagabend im Auto sehr viel Zeit meinen Tränen freien Lauf zu lassen und nachzudenken. Es war sehr viel Schmerz in mir, trotzdem konnte ich fahren, es war, als ob das Fahren auf der dunklen Autobahn meinen Kummer aus mir herausspülte und Platz machte, damit meine Gedanken frei fließen konnten. Ich ließ mein ganzes Erwachsenenleben Revue passieren, erinnerte mich an Schönes, an Trauriges, an meine ersten Berufspläne nach dem Abitur, meine beruflichen Stationen, meine erste große Liebe, meine erste Ehe, meine Partnerschaft danach. Ich fragte mich: Was macht dir so richtig Freude in deinem Leben? Wo sind deine Talente, was hast du aus ihnen gemacht? Was wünschst du dir am meisten? Bist du wirklich glücklich oder fehlt dir etwas? Warum waren meine Beziehungen gescheitert, warum hatte meine Ehe nicht gehalten? War ich bei der Liebe immer dem gleichen Muster gefolgt, hatte mir einfach den falschen Mann ausgesucht? Wurde ich deshalb nicht geliebt, weil ich die Liebe, die mir im Laufe der Jahre für mich selbst abhandengekommen war, bei anderen suchte und damit jeden Mann überforderte? Ich ging mit mir selber schonungslos ins Gericht, gab mir auf alle Fragen ehrliche Antworten, es hörte ja keiner zu. Aber es gab auch Fragen, auf die ich keine Antworten hatte, da blieb es in mir einfach stumm. Auf dieser Fahrt begriff ich, dass nur ich selbst die noch fehlenden Antworten finden konnte, ich allein war dafür verantwortlich, niemand sonst. Auch wurde mir klar, dass ich dafür Zeit brauchte. Was hatte Bernhard von Clairvaux noch geschrieben: »Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst.« Ich wollte mir nicht länger den Kopf darüber zerbrechen, ob ich so viel arbeitete, weil ich keine eigene Familie hatte oder ob ich keine Familie hatte, weil ich so viel arbeitete. Ich hatte es satt, als Karrierefrau abgestempelt zu werden. Ich wollte einfach nicht länger zwischen zwölf und vierzehn Stunden am Tag mit meinem Beruf verbringen, um am Ende meiner Berufslaufbahn alleine und eine dieser unzufriedenen Modetanten zu sein.

Als ich in Münster ankam, hatte ich Entscheidungen gefällt, die mein Leben verändern sollten. Ich war mir ganz sicher. Ich wollte noch in der gleichen Woche kündigen, ich wollte die Modebranche verlassen und noch mal etwas ganz Neues beginnen. Was das sein könnte, darüber würde ich in aller Ruhe nachdenken und die Zeit würde mir dabei helfen. Kurz nach meinem letzten Arbeitstag wollte ich mich auf den Weg nach Santiago de Compostela machen und mich endgültig zu dem spirituellen Seminar zwischen den Jahren anmelden. Dem nächsten Mann, in den ich mich verlieben sollte, wollte ich von vornherein klaren Wein einschenken: »Eine eigene Familie ist für mich wichtig. An einer Beziehung nach dem Motto, wir schauen mal, was draus wird, und lassen alles ganz langsam auf uns zukommen, habe ich keinerlei Interesse.«

An dem Abend war mir innerlich zum Weinen und Lachen zumute. Ich fühlte mich befreit, gleichzeitig hatte ich Angst vor meiner eigenen Courage. Trotzdem oder gerade deswegen setzte ich alles, natürlich nur das, was ich selbst beeinflussen konnte, in die Tat um. In der gleichen Woche kündigte ich. Das spirituelle Seminar besuchte ich wie geplant zwischen Weihnachten und Neujahr. Mein letzter Arbeitstag war gegen Ende April 2006, sodass ich am 21. Mai 2006, meinem 41. Geburtstag, nach St. Jean-Pied-de-Port aufbrechen konnte, um endlich zum Grab des heiligen Jakobus zu pilgern.

Noch heute freue ich mich darüber, wie liebevoll und souverän mein Bruder und mein Vater auf meine Kündigung reagierten. Nachdem sie durch unser Gespräch klar verstanden hatten, wie ernst es mir war, versuchten sie auch nicht, mich von meinem Entschluss abzubringen. Mein Bruder sagte mir: »Ich arbeite gern mit dir zusammen, du machst deine Arbeit gut und gerne würde ich auch weiterhin mit dir zusammenarbeiten wollen. Ich werde dich aber trotzdem nicht überreden, bei uns zu bleiben, weil ich dann immer mit dem Gefühl leben müsste, dass du doch irgendwann gehst, und mit dieser Unsicherheit ist kein gutes Zusammenarbeiten möglich.« Für diese Worte war ich ihm sehr dankbar, weil sie mir in der folgenden Zeit bei aufkommenden Zweifeln immer wieder eine Hilfe waren. Die Wertschätzung meines Bruders tat gut, aber auch seine klare Aussage, dass die Firma für ihn Priorität habe, bestärkte mich. Letztendlich fühlte ich mich dadurch noch mehr bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Denn ich wollte dem, was mir wichtig war, mehr Priorität geben.

Bei meinem Vater hatte ich trotz seiner für mich positiven Reaktion das Gefühl, dass er auch ein wenig enttäuscht war, dass ich seine bisher gut funktionierende Nachfolgeregelung nun durcheinanderbrachte. Doch sein gesunder Pragmatismus und auch seine väterlichen Instinkte rückten schnell anderes in den Vordergrund. Er sorgte sich, wie auch später meine Mutter, sehr stark um die Folgen für mich. »Was willst du denn machen, welche Pläne hast du, wovon willst du auf Dauer leben?«, waren seine Fragen. Fragen, die ich mir natürlich auch stellte. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich viele Ideen hätte, aber noch nichts Konkretes ins Auge gefasst hätte. Vielleicht studieren: Journalismus, Bibliothekswissenschaften, Literatur- oder Kommunikationswissenschaften. Meinen alten Traum ein Buch zu schreiben, in die Tat umsetzen. Mich sozial engagieren. Alles das, was mich als Abiturientin auch interessiert hatte. Vieles schwirrte in meinem Kopf herum, sortiert war noch nichts, wie denn auch, ich musste erst einmal diesen gravierenden Einschnitt überhaupt verarbeiten.

Wir hatten vereinbart, meine volle Kündigungszeit von einem halben Jahr auszuschöpfen, und ich hatte versprochen, erst dann zu gehen, wenn die Nachfolge feststand und ich sie eingearbeitet hatte. Bis dahin wollten wir den Mitarbeitern auch nichts sagen, um keine unnötige Unruhe aufkommen zu lassen. Ich hatte für mich beschlossen, mich mit meinem neuen Weg erst dann weiter auseinanderzusetzen, wenn der Kopf dafür so richtig frei war – frei zu sein vom Arbeitsalltag mit seinen festgelegten Tagesabläufen. Mit meinen Ersparnissen, so hatte ich mir ausgerechnet, konnte ich mir dies auch einige Zeit leisten. Sicher war nur, dass ich den Jakobsweg gehen würde, sobald ich aufhören würde zu arbeiten.

Seltsamerweise machte mir meine Arbeit in den folgenden Monaten wieder sehr viel Spaß, vieles klappte leichter als vorher. Woran lag das? Sicherlich, weil ich damit aufgehört hatte, mich ständig in Frage zu stellen, alles in Zweifel zu ziehen. Ebenso war ich mir trotz der Unruhe bezüglich meiner beruflichen Zukunft immer sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich bereute nichts, im Gegenteil, ich empfand pure Lebensfreude.

Die Weisheit von Andre Gidé »Man entdeckt keine neuen Weltteile ohne den Mut zu haben, alle Küsten aus den Augen zu verliere« drückte meinen Seelenzustand aus. Ich hatte den Mut gehabt, meinen sicheren Boden unter den Füßen zu verlassen, ohne zu wissen, was kommt. Aber wie jeder Entdecker, so dachte ich, würde ich auf etwas stoßen, etwas Neues, Unbekanntes, aber bestimmt auch etwas Spannendes und Lohnendes. Später haben mir viele, nicht nur jene aus meiner engsten Umgebung, Bewunderung für diesen Mut entgegengebracht. Mehr noch, ich spürte sehr viel Respekt, das wiederum verlieh mir noch mehr Mut und Entschlossenheit. Etwas Anderes, etwas sehr Wesentliches, gab mir ebenso die tiefe Zuversicht, dass ich das Richtige tat. Es war mein Glaube. Ich wusste, ich bin nicht allein, Gott ist da, bei mir, in mir und gibt mir die Kraft, alle Antworten auf meine Fragen zu finden.

Ein Geschenk für meinen Mut zu neuen Ufern aufzubrechen, bekam ich übrigens sehr schnell. Bis heute verstehe ich rein rational nicht, warum ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, in der Situation. In der gleichen Woche, in der ich kündigte, begegnete ich dem Mann, der heute mein Mann ist. Verrückt, total verrückt. Die Umstände unseres Kennenlernens, das Wie, alles war schon ungewöhnlich.

Wie es unter Frauen üblich ist, müssen die besten Freundinnen von allen wichtigen Entscheidungen sofort in Kenntnis gesetzt werden. Ich bin da nicht anders gestrickt. Allerdings habe ich mich doch in einem Punkt zurückgehalten, meine »alten« Freundinnen aus meiner Heimatstadt band ich nicht ein, nicht weil ich sie nicht für vertrauenswürdig hielt, sondern weil alle auch eine Nähe zu meiner Familie dort haben und ich sie nicht in eine Zwickmühle bringen wollte. Denn mir war klar, dass mein Bruder zunächst Stillschweigen bewahren wollte. Meinen Freundinnen aus Münster, Susanne, Larina und Anne, erzählte ich natürlich die Neuigkeiten. Freunde sind wichtig, vor allem wenn man keine eigene Familie hat. Sie haben meist einen anderen Blickwinkel als die Herkunftsfamilie, vieles wird dadurch anders eingeordnet. Deswegen bedeutete mir das Feedback, die Reaktion auf meine Entschlüsse, seitens meiner engsten Vertrauten sehr viel.

Larina erreichte ich erst nach zwei Tagen telefonisch, eigentlich hatte sie auch an diesem Dienstagabend keine Zeit. Sie hatte vor kurzem eine spirituelle Ausbildung begonnen und gerade an diesem Abend traf sie sich mit einem ihrer Kollegen in unserer damaligen kleinen Stammkneipe, dem »Rabenschwarz« um die Ecke. Sie lud mich ein, dazu zu kommen, wenn mich die Anwesenheit von Gu, so sein Name, nicht stören würde. Es störte mich überhaupt nicht, besser gesagt, es war mir sogar egal, ob dieser Wildfremde dabei sitzen würde. Er kannte mich nicht, ich ihn nicht, sollte er doch zuhören, wenn er denn wollte, es interessierte mich in dieser Situation sowieso nicht. Als ich dann in das »Rabenschwarz« eintrat, saßen die beiden schon dort. Larina stellte uns kurz vor. Ohne ihn danach großartig zu beachten, sprudelten die Ereignisse der vergangenen Tage nur so aus mir heraus. Ich ließ keinen meiner gefassten Vorsätze aus, nicht einen einzigen. Larina, aber auch Gu, hörten interessiert zu. Larina, wie später auch meine anderen Freunde, unterstützte mich vorbehaltlos in meinen Plänen und freute sich mit mir, ja, sie bestärkte mich sogar. Irgendwann meldete sich auch Gu zu Wort und meinte, er würde meinen Mut sehr bewundern und er freue sich, dass er an meiner Geschichte hätte teilhaben dürfen.

Noch ungefähr eine halbe Stunde plauderten wir über alles Mögliche, der Abend war kurzweilig und lustig. Gu fand ich sympathisch. »Netter Typ«, dachte ich mir. Als Mann nahm ich ihn an diesem Abend eigentlich nicht so richtig wahr. Wie auch, das, was hinter mir lag, war noch viel zu frisch. Dennoch muss ich zugeben, dass ich seine braunen Augen und den intensiven Blick daraus schon attraktiv fand, und seinen Po stufte ich auch als ganz knackig ein, als er sich zwischendurch auf den Weg zum stillen Örtchen machte. Dann wollte ich mich verabschieden, Gu hielt mich aber auf, ich solle bitte kurz warten. Er verließ das »Rabenschwarz« mit den Worten: »Ich hole nur schnell etwas aus dem Auto. Da gibt es etwas, was ich dir geben möchte.« Larina und ich schauten uns erstaunt an, sie hatte auch keine Ahnung, wovon er sprach. Bei seiner Rückkehr überreichte er mir ein Päckchen mit den Worten: »Ich weiß nun, warum ich vor einigen Wochen aus einem Impuls heraus etwas gekauft habe, ohne zu wissen, warum oder für wen. Heute nun ist es mir klar geworden. Das darin enthaltene Geschenk ist für dich bestimmt.« Ich reagierte mit Ungläubigkeit: »Das sagst du jetzt nur so, eine schön ausgedachte kleine Anekdote.« Er blieb ganz ruhig, sah mich eindringlich an und meinte nur: »Pack es einfach aus, du wirst schon sehen.« Eine wunderschöne Kette mit leuchtenden kristallblauen Steinen kam zum Vorschein, ich schaute ihn verwundert an. »Die Steine der Kette haben die gleiche Farbe wie deine Augen, sie passt zu dir. Ich möchte dir etwas schenken, weil ich deinen Mut und deine Lebensfreude als etwas Besonderes erachte.« Das erste Kennenlernen zwischen uns hört sich kitschig an. Für mich war dieser Abend einfach nur heiter und schön. Ich ging positiv gestimmt nach Hause, freute mich über das unerwartete Präsent und vor allem über dessen Begründung. Gu sagte mir später, dass er sich bereits an diesem Abend in mich verliebt hat. In der Folgezeit ließ er über Larina immer wieder Grüße an mich übermitteln. Ehrlich gesagt, das tat mir sehr gut, es beruhigte mein verwundetes Herz und schmeichelte natürlich auch meinem Ego. Es sorgte zusätzlich dafür, dass ich nicht wieder in ständige Grübeleien verfiel, warum ich wieder einmal allein war. Nach und nach eroberte Gu mein Herz und überzeugte mich davon, wie ernst es ihm mit mir war. Das, was ich mir immer gewünscht hatte, einen Menschen zu finden, der ohne Wenn und Aber ja sagt, ich habe ihn in Gu gefunden. Oft denke ich, dass Gu in mein Leben getreten ist, damit ich täglich daran erinnert werde, bewusst und auf meine innere Stimme hörend, meinen neuen Weg zu gehen. Er ist eine Antwort auf eine meiner vielen Fragen, aber ich habe ihn nur gefunden, weil ich mich auf den Weg zu mir selbst gemacht habe. Auf den Weg, der mein eigener und nur für mich bestimmte Weg ist.

Im Dezember, zwischen den Jahren, nahm ich am Seminar »Der Weg ins Licht« teil. Bei diesem spirituellen Seminar geht es im Wesentlichen darum zu erkennen, welche Qualitäten man in seinem Leben bereits lebt und welche sich noch verbergen. Sich bewusst zu machen, was man in sich trägt, und das Vertrauen und das Selbstbewusstsein zu entwickeln, dieses auch nach außen zum Ausdruck zu bringen und es zu leben. Sita, die spirituelle Leiterin, arbeitete dabei unter anderem mit den verschiedenen Chakren. Die Tage am Bodensee, das Seminarzentrum lag nur unweit davon entfernt, waren entspannend, sehr intensiv und in vielerlei Hinsicht klärend. Mir wurde einmal mehr deutlich, wie eng meine Beziehung zu meinem Glauben ist, aber auch was Stille und Meditation bewirken und auslösen können. Durch das Miteinander mit den anderen Teilnehmern spürte ich, wie gerne ich mich auf andere Menschen einlasse. Ich genoss die entstehende Gruppendynamik und den Wunsch, gemeinsam für jeden Einzelnen ein gutes Fortkommen und Ergebnis zu erreichen.

Untergebracht war ich auf einem Ferienbauernhof. Die Atmosphäre dort war heimelig, gemütlich und sehr fürsorglich. Die Nähe zum Alltag des Bauernhofes war ein wohltuender Kontrast zu den Tagen vorher, die sich um die neuesten Modetrends für den darauf folgenden Winter gedreht hatten. Der Geruch des nahen Kuhstalls, der Duft der überall herumliegenden Apfelprodukte und die liebevolle Gastfreundschaft der jungen Bauernfamilie ließen mich so richtig zur Ruhe kommen. Es hatte zudem geschneit und anders als beim münsterschen Schmuddelwetter konnte man hier in eine weihnachtlich-besinnliche Stimmung eintauchen. Die Spaziergänge zwischendurch und ab und zu auch am Abend, manchmal unter wunderbar klarem Sternenhimmel, öffneten mich zusätzlich für die Seminararbeit. Ich fühlte mich als Teil von Gott und empfand eine Energie, die mich durchflutete und die ganze Woche über begleitete.

Am Ende des Seminars bekam jeder Teilnehmer von Sita einen Satz geschenkt, der die jeweilige Lebensaufgabe beschreiben sollte. Dieser Satz bewegte mich sehr: Wahrheit und Frieden so in mir in Einklang zu bringen, dass ich damit die Herzen anderer Menschen berühre. »Was bedeutet er eigentlich?«, fragte ich mich. Für mich sagte er aus, dass ich meine eigene Wahrheit finde, Erkenntnisse in mir suchen und reifen lasse, sie in Übereinstimmung mit mir selbst bringe. Darüber hinaus Harmonie und Ausgleich im persönlichen Inneren zu erlangen, um inneren Frieden zu verspüren. Wahrheit und Frieden, zwei wunderbare und sehr erstrebenswerte Ziele, so in sich selbst in Einklang zu bringen, also mit sich selbst im Reinen, im Konsens zu sein, um damit als wahrhaftiger, authentischer, in sich ruhender Mensch andere Menschen zu berühren.

Die Aufgabe drückte für mich auch noch eine weitere wichtige Erkenntnis aus: Der innere Wachstumsprozess muss mit dem äußeren Sein und Tun konform gehen. Ich kann nicht im Inneren in Harmonie bleiben, wenn meine Wünsche, Ziele und Visionen im Außen keine Entsprechung finden. Auch heute denke ich, dass in diesem Satz genau die Wahrheit für mein Leben liegt, die ich gesucht habe. Ich habe sie zwar immer noch nicht vollständig gefunden, aber ich bin ihr ein sehr, sehr großes Stück näher gekommen.

Im Februar, nach den großen Stoffmessen, wurde die Entscheidung meiner Kündigung den Mitarbeitern und Kollegen mitgeteilt. Es gab keine einheitliche Reaktion, wie auch, die Menschen und ihre Empfindungen sind verschieden. Eines wurde mir aber deutlich entgegengebracht: Verständnis und Respekt. An meinem letzten Tag, während einer kleinen Abschiedsfeier, kam dies ganz besonders zum Ausdruck. Ich bekam ein Bildobjekt von der Künstlerin Susanne Hegmann sowie ein liebevoll gestaltetes Erinnerungsalbum geschenkt. Alle Abteilungen hatten sich an dem Album beteiligt. Auf vielen Seiten waren darin Wünsche für meine Zukunft in Weisheiten, Gedichten und Texten zum Ausdruck gebracht worden. Was mich am meisten berührte, sie hatten sich mit mir als Menschen auseinandergesetzt, sich mit meinen Motiven beschäftigt und auch meinen Abschied für mich als Start in einen neuen Lebensabschnitt begriffen. Sie verstanden, wie schwer mir dieser Schritt trotz allem fiel, dass ich nicht nur in eine neue, ungewisse Zukunft ging, sondern auch, dass ich quasi meine Familie verließ, und sie machten mir deshalb Mut. Eine der vielen Weisheiten lautete: »Viele Wege führen zum Ziel, aber nur dein eigener Weg führt dich ins Glück.« Ich sehe noch heute die Gesichter vor mir. Neugierde, Anerkennung, Zuneigung, Wohlwollen, aber auch Skepsis und Verwunderung spiegelten sich auf den Gesichtern wider. Viele kannten mich schon eine Ewigkeit. Schon als Teenager hatten meine Geschwister und ich in den Ferien in der Firma gejobbt, andere waren mit mir zur Schule gegangen. Es war ein sehr persönlicher Abschied und deshalb ging ich nicht nur traurig, sondern auch glücklich und zufrieden nach Hause. Etwas ganz Entscheidendes verstand ich an diesem Tag aber auch. Es war nicht wichtig, was Menschen, die mich nur von außen wahrnahmen und oberflächlich kannten, über mein Ausscheiden aus dem Familienunternehmen spekuliert und vermutet hatten und welche falschen Schlussfolgerungen sie daraus gezogen hatten. Es war nur entscheidend, was die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung dachten. Sie hatten meine Kündigung als das wahrgenommen, was sie war. Es war überflüssig, an die in der Fachpresse im März veröffentlichte negative Berichterstattung über mein Ausscheiden überhaupt einen Gedanken zu verschwenden. Sie war es nicht wert, negative Gefühle in mir hochkommen zu lassen. Die, die meine Familie und mich kannten, wussten, dass nichts Negatives zwischen uns vorgefallen war.

Einen Monat später wollten wir aufbrechen und uns auf unsere Pilgerreise begeben. Wir, das waren Gu und ich. Irgendwann im Laufe des Frühjahres hatte er gefragt, ob er mitkommen könne. Zunächst war ich skeptisch, was sollte ich antworten, eigentlich wollte ich den Weg doch alleine gehen. Fairerweise muss ich aber zugeben, dass mein Respekt vor dieser Unternehmung mit den zunehmenden Reisevorbereitungen und dem sich nahenden Reisedatum immer mehr wuchs. Die Tragweite des Pilgerns wurde mir immer mehr bewusst. Deshalb wies ich das Ansinnen Gu’s auch nicht sofort zurück. Er machte den Vorschlag zwei Wochen vor Ende der Reise dazu zu stoßen und den Rest des Pilgerweges bis nach Santiago mit mir zu gehen, da er nur zwei Wochen Urlaub nehmen konnte. Wir überlegten und diskutierten. Irgendwann fasste ich mir ein Herz und sagte ihm, dass ich es besser finden würde, wenn er mich am Anfang begleiten würde. Meine nicht uneigennützigen Gründe verschwieg ich ihm nicht: »Gerade der Beginn der Reise wird für mich nicht einfach sein. Noch nie bin ich mit Rucksack gewandert, seit Jahren bin ich Komfort auf meinen Reisen gewohnt. Und dann bin ich doch in bestimmten Situationen auch ein Angsthase, allein im Dunklen zum Beispiel. Mich macht auch dieser ganz andere Tagesablauf nervös, was, wenn ich es nicht schaffe. Ich finde es schön, wenn du mich die ersten Tage begleitest und ich dann alleine weitergehe. Ich glaube, das ist für mich besser.« Ein Stück weit noch Begleitung, eine Brücke zwischen dem alten Weg und dem neuen Weg, so dachte ich mir, das könnte Gu als Reisebegleitung für mich sein. Er reagierte mit Verständnis, nahm mich liebevoll in den Arm und versprach mir: »Ich bin die ersten Tage gerne dein Beschützer. Ich glaube zwar, dass du mich dazu nicht brauchst. Du schaffst das auch allein.«

Wir beschlossen, eine Probewanderung im Sauerland durchzuführen. Diese war in erster Linie für mich gedacht. Gu war ein erfahrener Wanderer und Kletterer. Ich wollte ein Gefühl für das bekommen, was vor mir lag. Außerdem hatte Gu einen zweiten Rucksack, den ich zwecks Tragekomforts ausprobieren wollte. Ostersonntag machten wir uns auf den Weg. Der Rothaarsteig, man nennt ihn auch den Weg der Sinne, war unser Ziel. In Olsberg stellten wir unser Auto ab. Unser Tagesziel war Willingen, wir wollten ca. 15 Kilometer zurücklegen. Wie sich herausstellte, hatten wir uns ein Osterwochenende ausgesucht, das von Nieselregen, kaltem Ostwind bis hin zu Schneeregen alles für uns bereithielt. In den höheren Lagen waren sogar noch Schneefelder vorhanden. Da ich keine Wanderausrüstung besaß, hatte ich mir kurz vorher eine warme Goretex-Hose sowie eine wasserabweisende Regenjacke zugelegt, ansonsten versuchte ich mit Skiunterwäsche, Sportklamotten und meinen Winterthermostiefeln klarzukommen. Diese kleinen Unzulänglichkeiten und der für mich völlig ungewohnte Rucksack, der zudem in keiner Gurteinstellung zu meinem Rücken passen wollte, beeinträchtigten meine gute Laune nicht. Die Wanderung war wunderschön. Wegen des schlechten Wetters begegneten wir so gut wie keiner Menschenseele, wir hatten die Wälder für uns allein. Der Wind rauschte mächtig durch die Tannen und das leere Geäst der Laubbäume. Der aufgeweichte, schlammige Boden gab unsere Schritte leise schmatzend wieder, ab und zu fiel ein Tannenzapfen zu Boden und durchbrach damit die Stille. Ja, wir waren still. Gu und ich genossen das selbstverständliche Nebeneinander, schauten uns nur hin und wieder beim Gehen an. Es war eine besondere Atmosphäre, Reden hätte nur gestört. Ganz zu Beginn unserer Wanderung führte unser Weg zur Borbergskapelle. Bis dorthin verläuft ein Kreuzweg, dessen waren wir uns vorher nicht bewusst, um so mehr freuten wir uns darüber. Es war eine meditative und besinnliche Wegstrecke, die uns beide an den vor uns liegenden Jakobsweg erinnerte. Oben angekommen machten wir eine kleine Frühstücksrast und erfreuten uns des schönen Kirchplatzes, die kleine Kapelle war leider geschlossen. Eine Familie, die dort oben ihren Osterspaziergang mit einer Eiersuche verband, schenkte uns zwei Schokoladeneier als Wegzehrung. Es war, als wenn das Pilgern schon jetzt an diesem Osterwochenende unsere Herzen auf besondere Weise erfasste. Wir passierten später die Feuereiche, übten uns an der Ginsterkopf-Klettervariante, kamen an den Bruchhauser Steinen vorbei und bogen am Richtplatz Richtung Willingen ab. Wir waren um 11 Uhr in Olsberg gestartet und erreichten mit einigen Pausen gegen 16 Uhr Willingen. Meinen Körper fühlte ich mit jeder Muskelfaser, alles tat mir weh, der Rucksack lag wie Blei auf meinem Rücken. Ich sehnte mich nach einer heißen Dusche für meine müden, kalten und muskelverzerrten Glieder. Ich wähnte das von uns vorbestellte Pensionszimmer schon in unmittelbarer Nähe und sah mich von meinen körperlichen Leiden schon erlöst, als wir feststellen mussten, dass Gu in einem Vorort von Willingen das besagte Zimmer reserviert hatte. Der Vorort lag von uns aus gesehen hinter Willingen. Nur unter Anfeuerungsrufen und mit gutem Zureden schaffte ich das letzte Stück. Wir belohnten uns an diesem Abend mit einem ausgezeichneten Essen in einem sehr schönen Restaurant. Unser Fußweg dorthin war für Gu ein einziger Angriff auf seinen Lachmuskel, was ich gar nicht witzig fand. Neben Gu lief eine breitbeinige, an John Wayne erinnernde, sich schwer vorwärts bewegende, wandergeplagte Frau. Ich fragte mich, wie ich es nur jemals nach Santiago schaffen wollte. Mein Ehrgeiz aber war geweckt.

»Der morgige Tag soll nur kommen«, dachte ich bei mir. Der zweite Tag begann nach ausgiebigem Schlaf und köstlichem Frühstück mit einem Geschenk. Unser Pensionswirt, der anscheinend schnell verstanden hatte, welcher Wanderkategorie er mich zuordnen musste, brachte uns mit dem Auto zu unserem Ausgangspunkt für diesen Tag. Ich hätte ihn umarmen können! Danach machte ich meine erste wichtige Wandererfahrung. Die ersten Schritte lassen einen noch alles spüren, mit jedem Schritt weiter vergeht der Schmerz. So erklommen wir den Langenberg, durchquerten das Naturschutzgebiet Neuer Hagen, sahen die fünfhundertjährige alte Linde in Küstelberg und kosteten aus der Quelle der Ruhr. Über die Heidenstraße gelangten wir schließlich nach Winterberg. Auf diesem letzten Abschnitt kamen wir an einem Bildstock vorbei, es war ein Bildstock zu Ehren des Apostels Jakobus des Älteren. Wir befanden uns auf einem Teilstück des Jakobsweges! Auch das hatten wir vorher nicht gelesen. Der Pilgerpfad, das war offensichtlich, rief uns und wartete auf uns! Unsere Vorfreude war mit unserer wunderbaren Osterwanderung nur noch größer geworden. Meine konditionellen Schwächen konnten mich davon auch nicht abhalten.

Bis zu unserer Abreise mussten weitere Reisevorbereitungen getroffen werden, hauptsächlich für mich, denn wie bereits angedeutet gehörte bis dahin eine Wanderausrüstung nicht in meinen Kleiderschrank. Es fehlte wirklich alles: Rucksack, Schlafsack, Isomatte, Trinkflasche, weitere Wanderbekleidung, Regenzeug und, und, und. Wanderschuhe zu kaufen, stellte sich als die größte Schwierigkeit heraus. Es dauerte fast einen Monat passende Exemplare für mich zu finden, meine Ferse war zu schmal und hatte in den normal geschnittenen Modellen keinen festen Halt.

Also bekam ich extra schlanke Schuhe, natürlich aus Italien, sie waren sogar ganz schick. Meine alte Profession kam mal wieder zum Vorschein. Den Rucksack tauschte ich einmal um: Zunächst hatte ich mir zu einem 55-Liter-Exemplar raten lassen, doch beim Probepacken passte nicht alles hinein. Dabei hatte ich doch schon mehrmals aussortiert und mich für meine Verhältnisse drastisch beschränkt. Dazu muss man wissen, dass ich grundsätzlich auf Reisen für alle Eventualitäten zwei bis drei Outfits mehr einpackte. Gu meinte nur: »Du musst den Rucksack fünf Wochen tragen, es ist deine Entscheidung, ob du dir einen größeren zulegst.« Ich kaufte einen 65-Liter-Rucksack, in ihn konnte ich alles verstauen und ich war mir sehr sicher, die 15 Kilo meines geplanten Gepäcks tragen zu können. Davon, dass man als Rucksackgewicht mit zehn Prozent seines Körpergewichtes rechnen sollte, erfuhr ich erst während des Pilgerns. Auch den Ratschlag meines Vaters, auf keinen Fall mehr als zehn Kilo mitzunehmen, ignorierte ich. Es musste also unbedingt das größere Exemplar sein. Später auf der Reise sah ich, dass fast nur die Männer ähnlich große Modelle wie ich trugen.

Je näher die Abreise rückte, umso mehr freute ich mich. Ich fieberte innerlich dem Weg entgegen, auch wenn ich äußerlich verhältnismäßig ruhig war. Ich denke, es hatte aber auch damit zu tun, die Gewissheit zu haben, zunächst zu zweit zu reisen und mich nicht allein in das mir Unbekannte vorzuwagen. Außerdem war es sehr schön, die Reisevorkehrungen nicht allein, sondern zu zweit treffen zu können. Mit Gu zusammen zu planen, den Reiseführer und die Karten zu wälzen, sich den Weg auszumalen, Gedanken darüber auszutauschen, machte großen Spaß. Wir planten mit dem Auto zu unserer ersten Wanderstation zu fahren, das Auto dort zu parken, damit Gu später, nach den zwei Wochen, wieder damit zurückfahren konnte. Ich wollte dann später von Santiago aus nach Hause fliegen. Am 21. Mai, meinem 41. Geburtstag, sollte es losgehen. Wir wollten eine Nacht irgendwo in Frankreich verbringen, um dann am 22. Mai in St. Jean-Pied-de-Port anzukommen. Von dort sollte es dann am Morgen des 23. Mai zu Fuß weitergehen.

Die Zeit bis zu unserer Abreise genoss ich sehr. Ich fühlte mich frei, unabhängig und ohne jegliche Verantwortung, außer der, die ich für mich hatte. Am Anfang fiel mir das Loslassen noch schwer. Mich plagte mein schlechtes Gewissen, wenn ich ausschlief, wenn ich mitten am Tag mit Larina oder Susanne im Café saß oder einfach nur faul die ersten Frühlingsstrahlen auf meinem Balkon auskostete, Aber dann bekam ich zunehmend mehr emotionalen Abstand zu meinem alten beruflichen Alltag. Ich brauchte keine dringenden Telefonate mehr zu führen, musste keine Entscheidungen von jetzt auf gleich treffen. Da waren keine zwei, drei oder mehr Menschen, die alle gleichzeitig etwas von mir wollten. Ich musste nicht mehr verantworten, ob wir noch mal kurzfristig Kleider produzieren sollten, weil das Wetter sich so toll entwickelte. Store-Checking war ab sofort ein Fremdwort für mich: Ich konnte in der Stadt bummeln gehen, ohne dass ich mit Argusaugen beobachtete, was unsere Mitbewerber denn gerade neu an den Handel ausgeliefert hatten. Ich fühlte mich befreit. Ich wollte aufbrechen und nicht zurückschauen. Ich hatte losgelassen, wollte mich neu einlassen und mich dem Fluss des Lebens überlassen. Die Gegenwart zu genießen, die Zukunft nicht wie sonst zu planen, das wollte ich von ganzem Herzen versuchen. Etwas Neues, Schönes, Wunderbares würde vor mir liegen, nicht nur auf dem alten Pilgerpfad, sondern auch in meinem zukünftigen Leben, dessen war ich mir ganz sicher!

Den letzten Abend feierten wir mit Freunden – Susanne und ihrem Mann Chester sowie Larina mit ihrem Mann Nico – in meinen Geburtstag hinein und nahmen Abschied. Es ist schon ein wenig komisch, dass alle ganz sentimental werden, wenn man längere Zeit unterwegs ist und nicht den üblichen zwei- oder dreiwöchigen Urlaub antritt. Es war eine lustige, witzige, aber doch leise Atmosphäre an diesem Abend. Um Mitternacht wurde nicht nur ich beschenkt. Gu hatte für uns alle Engelkarten ausgewählt. Sie enthielten einen kleinen geschnitzten und glatt polierten Engel mit einem zum Holz passenden Text. Jeder hatte einen anderen Engel. Man spürte förmlich, wie Gu sich vorher mit jedem Einzelnen von uns auseinandergesetzt hatte, um genau den richtigen Engel auszuwählen. Ich bekam den Engel der Klarheit, geschnitzt aus Lindenholz. Er soll mich daran erinnern, in meinem Leben für klare Linien zu sorgen. Er soll mich begleiten, um Zeiten der Stille für mich zu finden, denn sie wiederum sorgen für Klarheit. Auch der weitere Text sprach mich an und es war klar, der Engel würde mich auf der Reise begleiten, ebenso wie das kleine Holzkreuz und das Miniatur-Marienbild aus Kupfer, das ich darüber hinaus als Schutzbegleiter geschenkt bekam. So viel Weiteres wanderte in dieser Nacht noch in meinen Rucksack: Wunderschöne Karten mit liebvollen Worten meiner Freunde, ein Glückskäfer von meiner Schwester Sigrid, ein Tagebuch von meinem Bruder Bernd und seiner Frau Claudia mit vielen fürsorglichen und innigen Wünsche für mich. Mit all diesen guten Wünschen und Gedanken konnte die Reise nur unter einem besonderen Stern stehen.

Ich selbst hatte mir auf einer Postkarte meinen ganz persönlichen Reisewunsch niedergeschrieben. Meister Eckhart, einer der bedeutendsten Theologen und Mystiker der katholischen Kirche, hatte mich dazu mit einem seiner Gedanken inspiriert:

»Die Welt von innen zu betrachten, sich von innen bewegen zu lassen, führt zum eigenen Lebensweg!« »Was ist mein Leben?« »Was von innen her, aus sich selbst bewegt wird. Das aber lebt nicht, was von außen bewegt wird.« Ich selbst hatte noch hinzugefügt: »Geh deinen Weg! Sabine!«

Die Postkarte zeigt als Motiv das Kreuz von San Damiano in Assisi, dort hatte Gott zum heiligen Franziskus gesprochen. Ich hatte sie aus der kleinen Kapuziner-Klosterkirche in meiner Nachbarschaft mitgebracht. Mein Wunsch, ja fast schon Appell, an mich und das wunderschöne Kreuz sowie der Gedanke an Franziskus und sein Leben passten für mich einfach wunderbar zusammen. Während der Reise hatte ich die Karte oft in der Hand. Auch wenn ich die Worte im Herzen trug, an den Farben, der Gestaltung des Kreuzes, am Gesicht Jesu konnte ich mich nie genug satt sehen.

II. Auf dem Jakobsweg
Sonntag, 21. Mai 2006
Münster – Clermont-Ferrand

Nach einem kurzen Frühstück fuhren wir endlich los! Wir hatten uns kein festes Etappenziel für den Abend vorgenommen, wir wollten nur möglichst nah an unser eigentliches Ziel kommen, um am zweiten Tag nicht allzu spät dort anzukommen. Die Autobahnen in Frankreich wollten wir nur bedingt nutzen, zum einen, um die teure Maut nicht immer bezahlen zu müssen, zum anderen, weil wir davon ausgingen, abseits der Hauptverkehrsströme sehr viel einfacher ein Nachtquartier für uns zu finden. Das sollte sich später als Irrtum herausstellen.

Die Fahrt war schön. Unsere unbändige Freude über die vor uns liegende gemeinsame Zeit, das Abenteuer, das uns erwartete, sowie das Glück so nah beieinander zu sein, machte die Reise zu einem Vergnügen. Die Anrufe und SMS-Nachrichten, die zwischendurch zu meinem Geburtstag eintrafen, motivierten, denn immer war der Glückwunsch auch mit einem Reisewunsch verbunden. Die Landschaften zogen an uns vorbei, wir genossen die Aussicht. Zunächst war das Wetter etwas trüb und regnerisch, später in Frankreich klarte es auf. Die Sonne brach sich immer wieder ihren Weg durch schnell dahinziehende Wolken, die unterschiedlich schattiert waren, ein grandioses Schauspiel. Wir durchquerten Gegenden, die ich bisher nur von der Landkarte oder durch französisches Essen kannte: Languedoc, Perigord, Gascogne, …, einfach umwerfend schön.

Gu und ich hatten, wie vorher festgelegt, irgendwann die Autobahn verlassen, um über Land weiterzufahren. Wir hatten nur nicht bedacht, dass am Sonntag augenscheinlich sehr viele Ausflügler unterwegs waren. Nur langsam kamen wir voran. Unser Plan möglichst nah an die französisch-spanische Grenze zu kommen, schien in weite Ferne zu rücken. Damit haderte ich, malte mir bereits aus, wie spät wir am nächsten Morgen in St. Jean-Pied-de-Port ankommen würden. Es würde wenig Zeit bleiben, um sich in Ruhe auf den ersten Wandertag vorzubereiten und die restlichen Formalitäten erledigen zu können. Immer wieder nervte ich Gu mit Fragen: »Was meinst du, bis wohin werden wir es heute noch schaffen? Sollen wir morgen noch früher losfahren, um den Zeitverlust auszugleichen? Können wir nicht einen kürzeren Weg fahren?« Gu entgegnete mir immer mit gleicher stoischer Ruhe: »Wir kommen dort und dann an, wie es eben der Verkehr zulässt, ich kann es nicht ändern. Es ist so, wie es ist.« Irgendwann begriff ich, ich war wieder in mein altes Muster verfallen. Plötzlich war ich nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern bereits wieder in der Zukunft. Statt weiter die Nähe von Gu und das Panorama zu genießen, war ich schon in Gedanken beim Abend und sogar beim nächsten Tag. Nicht nur kurz für einen Moment, sondern immer und immer wieder driftete ich ab. Vergangenes hinter mich zu lassen, war etwas ganz Einfaches für mich, aber in der Gegenwart zu sein, ohne dabei die Zukunft in den Mittelpunkt meines Denkens zu stellen, das war sehr, sehr schwer für mich. »Adsum«, einfach da sein, würde ich das auf dem Jakobsweg ein wenig mehr verinnerlichen? Würde ich meine Ungeduld, die innere Anspannung und meine Erwartungen in den Griff bekommen?

Gegen 19 Uhr begannen wir, nach einer Pension Ausschau zu halten. Wir passierten so viele kleine Dörfer und Städte, dass wir dachten, ohne Probleme Unterkunft für die Nacht zu finden. Dem war aber nicht so, entweder gefielen uns die Häuser von außen nicht, sie waren geschlossen oder es gab am Weg gar keine Möglichkeit unterzukommen. Irgendwann war es bis Clermont-Ferrand nicht mehr weit, deshalb entschieden wir, dort eine Bleibe zu suchen. Um 21 Uhr hatten wir endlich ein Zimmer, eigentlich für unser Budget zu teuer, aber verkehrsgünstig gelegen und dennoch nah zur wunderschönen Altstadt. An einem mittelalterlich anmutenden Platz, umsäumt von Platanen, aßen wir in einem typisch französischen Lokal zu Abend. Dank Heizstrahler und der lauen Luft konnten wir unser Essen auf der Terrasse einnehmen und meinen Geburtstag sowie unseren ersten Reisetag in Ruhe ausklingen lassen.

Montag, 22. Mai 2006
Clermont-Ferrand – St. Jean-Pied-de-Port

Ein atemberaubender Ausblick erwartete uns an diesem Morgen im Frühstücksraum des Hotels. Dort, im obersten Stockwerk, konnten wir über die gesamte Altstadt blicken, in deren Mitte die Kathedrale mit ihren aufstrebenden Türmen stand. Sie sah wie eine kleinere Ausgabe des Kölner Doms aus. Dieser Ausblick versöhnte uns mit unserer späten Ankunft, die es nicht mehr zugelassen hatte, die Stadt näher zu erforschen. Gegen 9 Uhr starteten wir. Der letzte Tag mit dem Auto, ab dem nächsten Morgen würden wir zu Fuß weiterreisen. Je näher wir den Pyrenäen kamen, desto mehr leuchtete der Ginster rechts und links der Straßen. Das kräftige Gelb kontrastierte wunderbar mit dem satten Grün der Wiesen. Die Bäume standen teilweise noch in Blüte. Der Frühling verschwendete seine ganze Pracht. Wir strahlten uns beide an, die Natur würde von nun an unser ständiger Begleiter sein. Wir hofften beide auf gutes Wetter, auch wenn wir in unserer Ausrüstung Regen und Kälte berücksichtigt hatten.

Am späten Nachmittag trafen wir endlich in St. Jean-Pied-de-Port ein. Zunächst suchten wir einen Parkplatz, der möglichst sicher, öffentlich, ohne Gebühren sowie ohne zeitliche Begrenzung war. Kein leichtes Unterfangen, aber schließlich hatten wir Glück. Er lag sogar ziemlich nah an der Altstadt, sodass wir unsere Rucksäcke bis zum Pilgerbüro nicht sehr weit tragen mussten. Welche Ironie, über diese wirklich kurze Strecke war ich heilfroh. Was sollte nur werden, wenn ich mehr als diese tausend Meter wandern würde? Es war ein ganz neues Gefühl für mich, für die nächsten Wochen mein gesamtes Hab und Gut für die Reise auf meinem Rücken zu tragen. Mein Rucksack, neben Gu, mein wichtigster Gefährte. Fluch und Segen zugleich sollte er für mich in vielen Situationen und für die gesamte Reise sein.

Im Pilgerbüro angekommen ließen wir uns den ersten Stempel unserer Wanderung geben. Die Credencial del Peregrino, den Pilgerausweis, hatte ich uns schon in Deutschland bei der St. Jakobsbruderschaft in Trier besorgt. Die Credencial ist sehr schön gestaltet. Die Vorderseite zeigt eine Tür, an der ein Pilgerstab mit Jakobsmuschel und Kalebasse gelehnt steht. Die Rückseite wird von der Kathedrale in Santiago, dem Grab des heiligen Jakobus sowie von Grußworten, unter anderem von Papst Johannes Paul II., geziert. Entfaltet man den Ausweis, sind auf der einen Seite insgesamt vierzig freie Stempelfelder zu finden, die allesamt darauf warten, mit schlichten oder kunstvollen, großen oder kleinen, eindrucksvollen und unterschiedlich farbigen Stempeln geschmückt zu werden. Daneben befindet sich ein Feld mit den offiziellen Daten zur Person. Auf der anderen Seite der Faltkarte sind alle Jakobswege Europas aufgeführt. Den Camino Frances, den Weg, den wir gehen würden, der Camino del Norte, der Camino Portugues sowie die Via de la Plata, alle in Spanien beziehungsweise in Portugal gelegen, sind noch mal gesondert dargestellt. Wenn man diese Karten betrachtet, wird man ganz ehrfürchtig und begreift, wie alt die Pilgerbewegung ist. Neben meinen Erinnerungen ist die Credencial eines meiner schönsten Andenken. Wir waren auch in das Pilgerbüro gegangen, um uns einen Tipp für die Unterkunft geben zu lassen und uns eine Muschel für die Reise auszusuchen. Gegen eine Spende wählten Gu und ich zwei gleich große Exemplare aus, die sonst sehr unterschiedlich waren. Seine Jakobsmuschel war in der charakteristischen in sich gewölbten Form und war eher von hellerer Farbe mit wenigen leicht bräunlichen Färbungen, sie wirkte robust und beständig. Sie passte zu Gu. Ich wählte eine zwar von der Art her typische Muschel, die Wölbung fehlte aber, sie war ganz flach. Darüber hinaus war sie sehr stark rot geädert und stach mir dadurch sofort ins Auge. Ich liebe die Farbe rot. Meine Muschel unterschied sich außerdem, weil sie filigran und dennoch zäh wirkte, das gefiel mir.

Unser Quartier für die Nacht war bei einer netten, aber sehr geschäftstüchtigen Witwe, die in ihrem Haus allein lebte und ihren Dachboden an Pilger untervermietete. Für vergleichsweise teure fünfzehn Euro pro Person hatten wir von Madame eine kleine separate Kammer mit zwei Liegen, die schon bessere Tage gesehen hatten, zugewiesen bekommen. Die anderen Pilger, sechs an der Zahl, lagen im Vorraum an der Treppe. Im Vergleich dazu empfanden wir unser Separee als Luxus. Die Waschgelegenheit, die Dusche und die Toilette waren nachträglich draußen auf der Terrasse angebaut worden. Es war hellhörig, aber dafür geruchsneutral, ein Vorteil für die beiden anderen Pilger, die dort ihr Abendessen zu sich nahmen. Wir zogen es unter diesen Umständen vor, auf das Duschen zu verzichten und in einem Restaurant zu essen, auch weil die Kälte gegen Abend wieder zugenommen hatte. Wir fanden ein kleines, gemütliches Bistro, in dem wir unser erstes Pilgermenue bekamen. Es war eines der besseren. Um uns herum waren neben wenigen Einheimischen auch einige Pilger. Wir schauten uns alle neugierig an, keiner traute sich aber, den anderen anzusprechen. Gu und ich fragten uns, ob wir den einen oder anderen wiedersehen würden. Seltsamerweise haben wir niemanden aus diesem Restaurant während der Wanderung wieder getroffen. Nach dem Essen erkundeten wir noch ein wenig die Altstadt und versuchten auszuloten, wann die erste Bäckerei am Morgen öffnen würde. Den übrigen Proviant hatten wir schon am Nachmittag besorgt. Ebenso machten wir uns schlau, welchen Weg wir aus der Stadt nehmen mussten. In einer kleinen Kirche beteten wir und zündeten Kerzen mit unseren Wünschen an. Ich war zuversichtlich, dass wir in sicherer Obhut waren.

Später im Bett schrieb ich noch einmal meine Beweggründe für das Pilgern in mein Tagebuch:

-Ich will mich selbst entdecken!

-Ich will meine Mitte finden, auf mich konzentriert sein. Niemand von außen soll mich beschäftigen. Was ist in mir, was will ich, möchte ich? Welche Erwartungen habe ich an mich?

-Ich will Grenzen erfahren.

-Ich möchte weg von den Äußerlichkeiten in meinem Leben. Das Quartier hier war da schon mal eine gute Erfahrung.

-Seit fast drei Jahren lässt mich der Weg nicht mehr los! Ich muss ihn gehen!

Noch mehr Fragen schwirrten in meinem Kopf! Würde ich mich auf dem Weg neu entdecken oder mich wieder entdecken? Würde ich die Reise nutzen, um eine ganz neue Beziehung zwischen mir und der Welt um mich herum herzustellen? Würde ich Seiten an mir kennen lernen, die mir noch gar nicht bewusst oder lange verschüttet waren? Welche neuen Stärken würde ich freisetzen, welche Kräfte würde ich entwickeln? Welche inneren Abgründe würden sich vor mir auftun? Würde ich Antworten finden?

Die Nacht war relativ ruhig, nur ab und zu unterbrochen vom Schnarchen, das durch die Tür drang. Wie immer musste ich nachts einmal aufstehen, aber zum ersten Mal war dies mit Unbequemlichkeit verbunden. Es war kalt, ich musste ein Stockwerk tiefer, ich konnte wegen meiner Mitpilger kein Licht machen und draußen war es noch kälter. Ich verfluchte innerlich meine schwache Blase und mein eigentlich so gesundes Trinkverhalten. Nie konnte ich mich während meiner Wanderung daran gewöhnen.

1. Pilgertag, Dienstag, 23. Mai 2006
St. Jean-Pied-de-Port – Roncesvalles

Am Morgen durften wir in der sehr gemütlichen Küche von Madame frühstücken. Es duftete nach Croissants und Kaffee, auf uns wartete das typisch französische petit dejeuner. Erni und Toni, ein älteres Ehepaar aus Salzburg, saßen ebenfalls am Tisch und wir tauschten uns trotz des frühen Morgens über unsere erste Wegstrecke und weitere Reisedetails aus. Beide waren nett, aber doch höflich-distanziert. Wir begegneten ihnen noch oft auf unseren späteren Etappen.

Gu und ich hatten am vorherigen Abend doch noch einige Dinge aussortiert. Wir deponierten sie auf dem Weg hinaus aus der Stadt im Auto. Nach zähem Ringen mit mir selbst verzichtete ich auf zwei T-Shirts, ein Fleece, den zweiten Reiseführer und weitere Lektüre. Letzteres fiel mir am schwersten, Lesen ist eine meiner großen Leidenschaften. Wie sich herausstellte, war der Verzicht kein Beinbruch, zum Lesen hatte ich nachfolgend kaum Zeit. Der Rucksack war trotzdem schwer, aber mehr konnte ich nicht weglassen! Gu war rigoroser, fast zwei Kilo ließ er zurück.


Den Rucksack geschultert, in Erwartung der vor uns liegenden Pyrenäen (Foto Sabine Dankbar)

Vor uns lagen ungefähr 25 km Wegstrecke und die Höhenzüge der Pyrenäen, dabei hatten wir als höchsten Punkt den Col de Lepoeder mit 1430 Metern zu überqueren. Mir war mulmig zumute, würde ich diese schwierige Strecke gleich am Anfang meistern? Das Wetter ließ sich optimal an, die Sonne schien und wir hatten klare Sicht. Direkt hinter der Stadt ging die Straße steil bergauf, auf diesem ersten Stück stolperte ich zweimal, jedes Mal konnte ich mich rechtzeitig auffangen. Für mich war das ein Zeichen: Ich würde den Weg gehen, ich sollte ihn gehen. Ich fühlte mich angespornt!

Viele Pilger waren an diesem Morgen aufgebrochen, entweder wurden wir überholt oder wir gingen mit flottem Schritt vorbei. Immer nickte man sich freundlich zu oder grüßte sich mit einem französischen »bon chemin«. Je höher wir kamen, desto fantastischer wurde die Aussicht. Vor uns lagen wunderschöne Täler, mit satten Wiesen, auf denen Schafe, Kühe oder Pferde friedlich grasten. Manchmal waren uns die Tiere so nah, dass wir sie hätten streicheln können. Kein Zaun umgab die Herden, so wie bei uns zu Hause. Kleine Wälder unterbrachen das Grün, manchmal standen auch mächtige alte Bäume inmitten der Weiden. Große Gehöfte und kleinere Bauernhäuser setzten farbliche Akzente. Überall um uns herum war das Zwitschern und Tirilieren der Vögel zu vernehmen. Obwohl die Sonne immer mehr an Kraft gewann, lag der Morgentau auf allem noch wie ein leichtes Schleierband.

Nach einem besonders steilen Anstieg machten wir eine kurze Rast an einem Brunnen mit wunderbarem Weitblick. Dort kamen wir auch zum ersten Mal mit Bert und Theo, zwei sehr netten Holländern, in Kontakt. Beide waren uns schon vorher aufgefallen. Wir schätzten sie auf mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem waren sie sehr schnell unterwegs. Vor allem ich kam mir vor wie eine lahme Ente. Wir sahen sie dennoch immer wieder, weil die beiden häufiger Rast machten. Aus diesem Grund traf man immer wieder auf Pilger, deren Weg wir bereits gekreuzt hatten.

Kurz vor dem Col Bentarte veränderte sich das Wetter innerhalb kürzester Zeit. Wind kam auf, es wurde immer nebliger, leichter Nieselregen setzte ein, es wurde schneidend kalt. Wir zogen unsere Regenkleidung an, machten die Rucksäcke regensicher und versuchten die Kälte nicht zu sehr an uns heranzulassen. Die Sicht war mittlerweile auf keine zehn Meter reduziert, so konnte es plötzlich passieren, dass man unverhofft auf eine Kuh traf, die im Gras vor einem lag. Mein Rücken schmerzte zunehmend aufgrund der doch sehr fremden Last. Gu stöhnte über die Schmerzen in Oberschenkel und Füßen. Mindestens drei bis vier Stunden Fußmarsch lag noch vor uns und bereits jetzt jammerten wir über unsere wunden Körperteile.

Am Col de Bentarte liegt der Rolandsbrunnen. Kurz bevor wir ihn erreichten, kam uns ein Mann in heller Aufregung entgegengelaufen. Auf Englisch erklärte er uns in kurzen, hastigen Sätzen, dass am Brunnen ein schlimmer Unfall passiert sei, dort würde dringend Hilfe benötigt. Per Handy wäre dies aber nicht möglich, er hätte keinen Empfang. Auch wir stellten dies nach Einschalten unserer Handys fest. Der Mann, ein Holländer, lief weiter zurück, nachdem wir ihm erklärt hatten, dass ein Stück hinter uns gerade eine Pilgergruppe Rast machen würde, die von einem Auto begleitet würde. Wir beschlossen weiterzugehen, um zu schauen, ob wir am Unfallort Hilfe leisten könnten. Dort angekommen bot sich uns ein Bild des Jammers. Ein etwa 55- bis 60-jähriger Mann von schlanker, nicht allzu großer Statur war mit seinem Fuß und gesamten Unterschenkel, kurz oberhalb des Knies endend, in eine Art Eisenverstrebung hineingeraten, die im Boden als Abflussrinne eingelassen war. Diese Verstrebung erwies sich als sehr tückisch: Die einzelnen Streben waren durch den Regen sehr glatt, außerdem waren von Strebe zu Strebe breite Zwischenräume, durch die man sehr leicht durchrutschen konnte. Das war hier augenscheinlich passiert. Die äußere Verletzung schien gar nicht so schlimm zu sein, aber das Knie war so angeschwollen, dass das Bein nicht mehr herauszuziehen war. Der Schock und die nasse Kälte machten dem Mann sichtlich zu schaffen. Da wir aber nichts tun konnten und schon genug Helfer vor Ort waren, gingen wir weiter. Wir hatten dabei ein schlechtes Gefühl, aber wir fanden es für den Verletzten auch unangenehm, dass die Traube der Gaffer immer größer wurde, und wir wollten nicht auch noch dazugehören. Wir konnten nicht helfen. Später fuhr ein Geländewagen mit Rot-Kreuz-Zeichen an uns vorbei, kurze Zeit darauf rotierten die Blätter eines Hubschraubers über uns. Wir waren geschockt und empfanden tiefes Mitleid mit dem Pilger, dessen Reise bereits hier zu Ende war. Uns war es warnendes Beispiel dafür, immer und überall vorsichtig zu sein!

Bei all der Aufregung hatten wir nicht bemerkt, dass wir in der Nähe des Rolandbrunnens Frankreich schon verlassen hatten und nun in Spanien waren! Im Unterschied zu Frankreich wurden die Wegmarkierungen jetzt immer zahlreicher und vollständiger. Die gelben Pfeile waren gut sichtbar auf Straßen, Felsen, Baumstämmen oder Häusern gemalt. Wegtafeln aus Metall mit dem Muschelsymbol oder aber steinerne Pfeiler mit eingelassener Muschel wiesen uns zusätzlich den Weg. Es war ein sehr effektives System, das ich als Pilgerin immer wie meinen Leitstern empfunden habe. Mein Stern, der mich sicher und behütet in Richtung Westen, nach Santiago leitete.


Die Pyrenäen liegen hinter uns und wir sehen Roncesvalles in der Ferne liegen (Foto Sabine Dankbar)

Endlich erreichten wir den Col de Lepoeder. Mein ganzer Rücken war verspannt, ich versuchte es so gut es ging zu ignorieren, aber es gelang mir nicht. Zu unserem Trost klarte es auf, sodass wir bis weit in die Ebene von Roncesvalles blicken konnten. Das alte Kloster, unsere Herberge für die kommende Nacht, leuchtete uns in seinem Weiß schon entgegen, es war von dichtem Wald umgeben. Obwohl der Weg bis dorthin noch über eineinhalb Stunden dauern würde, war es wie ein Versprechen auf baldiges Ausruhen. Beim Abstieg begegneten wir zum ersten Mal Hans-Jakob. Wir verständigten uns kurz über den weiteren Weg. Hans-Jakob, ungefähr um die Mitte fünfzig, mit schlohweißem Haupt und Bart, sollte ein sehr wichtiger Weggefährte für uns, aber vor allem für mich, werden.

Die Natur, die wir jetzt wieder in ihrer vollen Pracht bewundern konnten, nahm uns mit ihrer Schönheit gefangen. Wir waren berührt und fühlten uns zutiefst glücklich. Die vielen Adrenalinstöße, die wir sicherlich bei der anstrengenden Pyrenäenüberquerung bekommen hatten, taten ihr Übriges. Bert und Theo überholten uns wieder einmal, diesmal blieb Theo aber stehen, deutete auf meinen Rucksack und meinte nur: »Mädel, der Rucksack sitzt nicht richtig. Wie du siehst, habe ich den gleichen, aber deiner schwankt in einer Tour hin und her. Du musst doch höllische Schmerzen haben. Darf ich dir eine bessere Einstellung zeigen?« Klar durfte er und danach ging es auch viel besser. Nun saß der Beckengurt viel höher und die Rückenlängsgurte waren entsprechend kürzer, das Gewicht deshalb auf meinem Rücken erträglicher verteilt. Ich war Theo dankbar.

Einige Minuten später konnten wir ein majestätisches Naturschauspiel betrachten. Zunächst sahen wir nur einen Adler, der sich mit den Windströmungen gleiten ließ. Kurz darauf sahen wir einen zweiten und dritten Adler, die den Wind nutzend, durch die Luft schwebten. Schließlich konnten wir im Tal acht dieser erhabenen Tiere beobachten. Bei unserem weiteren Abstieg schauten wir immer wieder zum Himmel hinauf. Welche grenzenlose Weite und Freiheit durch das Fliegen dieser Vögel zum Ausdruck kommt! Man bekommt solch eine Sehnsucht es ihnen gleichzutun. Der alte Menschheitstraum vom Fliegen …

Fast zeitgleich mit Theo und Bert kamen wir nach acht Stunden Wanderung ziemlich kaputt und müde in Roncesvalles an. Es gab dort zwei Möglichkeiten zu übernachten, im Kloster mit riesigem Schlafsaal oder in der ebenfalls im Gebäudekomplex befindlichen Jugendherberge. Wir entschieden uns für Letzteres, da wir dort bereits die Rucksäcke abgelegt hatten, bevor wir weitere Erkundungen machten. Wir waren einfach zu faul, noch ein paar Schritte weiterzugehen. Die Zimmer waren eisig, draußen pfiff der Wind um das alte Gemäuer. Die Zimmer bestanden aus jeweils zwei Stockbetten. Wir teilten unser Zimmer mit Fortina, einer Australierin, die zum zweiten Mal den Jakobsweg ging. Beim ersten Mal hatte ihr Weg von Roncesvalles nach Santiago geführt, nun war sie bereits seit 28 Tagen und über 700 km unterwegs. In Le Puy in Frankreich war sie gestartet. Es war beeindruckend, was diese kleine, zarte Frau uns von ihrer Reise berichtete. Sie strahlte eine Ruhe und große Herzlichkeit aus. Wir lernten noch viele Pilger kennen, die schon in ihrem Heimatland gestartet waren, Schweizer, Holländer, Franzosen, Deutsche, sogar einen Polen. Andere, wie auch Fortina, hatten als Startpunkt einen sehr geschichtsträchtigen Ort der Pilgerbewegung, wie Le Puy, Conques, Reims oder Lourdes, ausgewählt.


In der Jugendherberge von Roncesvalles – eine der komfortableren Herbergen (Foto Sabine Dankbar)

Theo, Bert, Hans-Jakob sowie Nele und Jörg, zwei junge Deutsche, mit denen wir auf der Etappe ebenfalls ins Gespräch gekommen waren, schliefen auch hier in der Jugendherberge. Wie fast in jeder anderen Herberge genauso üblich, waren Männer und Frauen nicht getrennt untergebracht, hier mussten wir uns allerdings auch die Toiletten und Duschen teilen. Im Vergleich zu vielen anderen Waschräumen, die ich später auf meinem Weg nutzen durfte, war dieser einer der komfortableren, obwohl ich es an diesem Spätnachmittag nicht so empfand. Trotzdem war die Dusche mit ihren heißen Wasserstrahlen eine einzige Wohltat für meinen geschundenen Körper. Ich genoss sie in vollen Zügen. Gu schmerzten nach wie vor Füße und Oberschenkel. Wir rieben uns gegenseitig die kritischen Stellen mit Tigerbalsam ein, dadurch konnten unsere Muskeln ein wenig entspannen.

Nachdem wir uns körperlich wieder einigermaßen in Form gebracht hatten, schauten wir uns Roncesvalles etwas näher an. Es ist kein Ort im üblichen Sinn: Die Abtei mit den einzelnen Gebäuden, eine gotische Kirche, eine kleine Kapelle sowie zwei Restaurants bestimmen das Bild. Achtundzwanzig Einwohner sollen dort leben, das Bild wird aber eindeutig von den Pilgern beherrscht. Gu und ich betraten nun eines dieser Restaurants, weil wir einen Bärenhunger hatten, bis zum Abendessen konnten wir nicht warten. Der »café con leche«, ein Milchkaffee, sowie ein »bocadillo con jamon«, ein Schinkenbaquette, schmeckten köstlich. Beides wurde in den nächsten Wochen zu unseren Grundnahrungsmittel. Die Wärme der Gaststube, das rege Treiben und das gute Gefühl, etwas Großes geschafft zu haben, versetzten mich in eine wohlige Stimmung. Gu erging es nicht anders.

Um 19 Uhr war eine Pilgermesse in der Stiftskirche angesetzt, die wir auf keinen Fall verpassen wollten. Auf dem Weg dorthin sahen wir auf einmal den verunglückten Franzosen wieder. Er stand inmitten weiterer Franzosen, er stand! Wir blieben stehen und fragten ihn, wie es ihm gehe. Leider verstand er kein Englisch und mit meinem längst verschütteten Französisch konnte ich nichts ausrichten. Ein anderer Franzose übersetzte für uns ins Englische: Nachdem das Gitter auseinandergesägt worden war, war er schnellstmöglich transportiert worden. Gott sei Dank hatte er aber nur eine tiefere Fleischwunde am Unterschenkel und eine Zerrung und Prellung des Knies erlitten. Er wollte am nächsten Morgen auf jeden Fall weiterlaufen. Seiner eigenen Unachtsamkeit habe er diese missliche Lage zu verdanken gehabt. Beim Fotografieren des Rolandsbrunnens sei er rückwärtsgegangen und er habe nicht darauf geachtet, was hinter ihm gewesen sei. Jacques, so sein Name, sahen wir noch oft beim Fotografieren. Seine Kamera hatte er immer griffbereit, schnell noch ein Foto im Vorbeilaufen, so war er uns, ein vertrautes Bild auf dem Camino. Wir freuten uns mit ihm über diesen glimpflichen Ausgang.

Das Läuten der Glocken zeigte den Beginn der Messe an, wir fanden einen Platz mit guter Sicht auf den Altarraum. Um uns herum wurde es voller und voller, viele Pilger mussten stehen. Obwohl die Messe auf Spanisch gehalten wurde, waren mir die Abläufe sehr vertraut, es war eine katholische Messe. Wie so oft hatte ich das Gefühl nach Hause zu kommen, gepaart mit einer starken Sehnsucht nach etwas, was tief in mir verborgen war. Auch hier in dieser wunderschönen Stiftskirche spürte ich, wie so oft in Kirchen, ein Weinen in mir hochsteigen. Tränen schossen mir in die Augen und ich drückte Gu’s Hand ganz fest. Es hatte nichts mit Traurigkeit zu tun, sondern es war eher das Empfinden, Teil eines großen Ganzen zu sein. Gott war bei uns, in uns und um uns herum, dessen war ich mir sicher. Vor der Kommunion bat der Priester, auch in Englisch, sehr eindringlich darum, dass die heilige Kommunion nur von den katholischen Pilgern entgegengenommen werden sollte. Denn nur wir Katholiken würden daran glauben, beim Abendmahl mit der Hostie tatsächlich den Leib Christi zu uns zu nehmen, nicht sinnbildlich wie in den anderen Religionen. Gu als evangelischer Christ ging dennoch mit nach vorne. Seine Einstellung, dass jeder Christ dies für sich selbst entscheiden muss und nicht seine jeweilige Konfession mit ihren entsprechenden Glaubenssätzen entscheidend ist, kann ich gut nachvollziehen. Man entwickelt sich als Mensch auch in seiner Religion weiter. Es muss möglich sein, Einzelnes durchaus in Frage stellen zu können oder aber eine andere Haltung in bestimmten Punkten für sich einnehmen zu dürfen, ohne dass man gleich in eine Ecke gedrückt wird. Es ist nicht notwendig, sofort die Sinnhaftigkeit zu hinterfragen oder zu meinen, ein gesamtes Glaubenssystem würde dadurch in Frage gestellt. Am Ende der feierlichen Zeremonie bekamen wir alle den Pilgersegen, um wohlbehalten das Grab des heiligen Jakobus zu erreichen. Es war faszinierend zu hören, woher die Pilger kamen: Australien, Kanada, Brasilien, Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen, Italien, Schweiz, Österreich, Niederlande, Belgien, … Nicht in alle Sprachen, aber doch in einige, auch in Deutsch, wurde er übersetzt. Es war erhebend, ein großartiger Moment.

Danach war Essenszeit, obwohl wir das bocadillo schon verspeist hatten, knurrten unsere Mägen schon wieder. Das Essen in der Jugendherberge war reichlich und lecker. An diesem Abend war Hans-Jakob unser Tischnachbar. Er erzählte, dass er katholischer Theologe sei. Bereits zum zweiten Mal war er unterwegs, wollte aber diesmal eine größere Wanderstrecke zurücklegen. Wir hatten eine gute und sehr interessante Unterhaltung. Die Themen kreisten um die katholische Kirche, den alten und den neuen Papst sowie die Entwicklung des Glaubens in Deutschland. Irgendwann überfiel uns alle die Müdigkeit, und auch die Angestellten der Jugendherberge wurden langsam ungeduldig, sodass wir unseren ersten Abend nach dem ersten Wandertag beendeten. Der Schlaf in dieser Nacht war trotz des Schnarchens von Gu – Ohropax sei Dank – und der zeitweise einsetzenden Muskelkrämpfe, erholsam und sehr, sehr wohltuend.

2. Pilgertag, Mittwoch, 24. Mai 2006
Roncesvalles – Larrasoana

Um 7 Uhr waren wir losgelaufen, wir wollten in den Tag hineinlaufen und die Morgensonne in ihrem ersten Licht genießen. Außerdem hatten wir uns vorgenommen, im ersten Dorf, in Auritz-Burguete, zu frühstücken. Nach einer guten halben Stunde erreichten wir das Dorf, schon von Weitem konnte man den Duft von Croissants riechen. Im Café saßen, trotz der frühen Stunde, schon einige Pilger. Wir hatten also nicht allein diese Idee gehabt. Ein paar Gesichter erkannten wir wieder, auch unser verunglückter Franzose gehörte zu den Frühaufstehern. Wir schlürften den café con leche mit wohligem Behagen und bissen herzhaft in unser bocadillo. Obwohl einige der anderen Pilger nach einem kurzen Espresso schon wieder den Rucksack schulterten, bestellten wir in aller Ruhe einen zweiten cafe con leche. Gut gestärkt zogen wir nach einer halben Stunde weiter. Was dann auf uns wartete, war sensationell: Dichte Wälder, Wiesen mit grasenden Kühen und viele schöne kleine Pyrenäendörfer lagen an unserem Weg. Die Landschaft geizte nicht mit ihren Reizen. Buchen, Eichen, Rotdorn, Haselnusssträucher, Ginster, Heide, ein wahrer Farbenrausch breitete sich vor uns aus. Licht und Schatten wechselten sich ab. Wir liefen über Wege, die sich durch Weiden schlängelten, um dann wieder in einem dichten Wald abzutauchen, oder aber die Sonne brach sich durch die Baumwipfel ihren Weg und berührte uns mit ihren Strahlen. Schmetterlinge, vor allem Pfauenaugen und Zitronenfalter, flatterten ständig um uns herum. Die Vögel zwitscherten um die Wette; es war ein perfekter Wandermorgen. In mir war eine große Dankbarkeit. Auch meine Rückenschmerzen waren kaum noch zu spüren.

Irgendwann auf dem Weg, noch vor Zubiri, passierten wir eine Gedenktafel für einen japanischen Pilger, der 64 Jahre alt geworden war. Er war anscheinend an dieser Stelle gestorben. Um die Gedenktafel herum lagen viele kleine Steine aufgetürmt, Bänder wehten leicht im Wind. Andere Pilger hatten offensichtlich Zeichen der Anteilnahme hinterlassen. Wir waren geschockt und traurig. War er allein gestorben, starb er an Erschöpfung, wer hatte die Tafel aufgestellt? Keine unserer Fragen wurde beantwortet. Wir sprachen ein kurzes Gebet für den uns unbekannten Pilger und verließen dann die Lichtung. Wir versprachen uns gegenseitig, nie leichtsinnig zu sein und den eigenen erschöpften Körper immer ernst zu nehmen. Dies musste ich Gu vor allem für die Zeit versprechen, in der ich allein unterwegs sein würde.


Irgendwo in der ländlichen Idylle zwischen Zubiri und Larrasoana (Foto: Hans-Jakob Weinz)

Wir sahen unsere bekannten Weggefährten immer mal wieder, andere nahmen wir zum ersten Mal wahr. Die verschiedenen Menschen auf dem Weg zu betrachten, sich bei dem kurzen Aufeinandertreffen mit ihnen zu beschäftigen, war ein interessanter Aspekt, meine Wahrnehmungen zu lenken. Spekulation und Wirklichkeit, inwieweit waren sie deckungsgleich?


Picknick am Rio Arga in der Mittagssonne (Foto Sabine Dankbar)

In Zubiri überquerten wir den Rio Arga. Als wir über die Brücke Punte de la Rabia kamen, lag vor uns ein idyllisch gelegenes Plätzchen direkt am Fluss. Wir wollten es einigen anderen Pilgern gleichtun, die, bereits in der Mittagssonne sitzend, picknickten und sich vom Wandern ausruhten. Während Gu in das Dorf ging, um Brot, Käse, Schinken und Tomaten zu kaufen, suchte ich ein besonders schönes Plätzchen für uns aus. Ich rollte unsere Isomatten aus, platzierte die Rucksäcke als Rückenstütze und beobachtete das Treiben um mich herum. Ein Einheimischer stand mitten im Fluss und angelte, einige Kinder spielten in Ufernähe. Ein älterer Pilger machte im Schatten eines Baumes Entspannungsübungen und ich ließ mir wohlig die Sonne auf den Bauch scheinen. Die Sonne hatte so viel Kraft entwickelt, dass wir Hosenbeine und Shirtärmel aufrollten beziehungsweise abzippten. Unser einfaches Mittagsmahl schmeckte lecker. Gu grinste mich an und meinte nur: »Mit so wenig kann man so glücklich sein.« Ich konnte ihm nur beipflichten. Mittlerweile hatten sich auch Theo und Bert in unsere Nähe gesellt. Irgendwie war es schön, immer wieder auf bekannte Personen zu treffen. Wie fast alle Niederländer konnten die beiden hervorragend Deutsch, sodass wir ein wenig ins Plaudern kamen. Wie Gu wollten sie nur bis Burgos gehen, im August wollten sie den Rest des Weges bis Santiago fortsetzen. Sie standen beide nicht mehr im Berufsleben, mochten aber nicht so lange von ihren Frauen getrennt sein und gingen deshalb in Etappen. Ich denke, das ist auch eine Facette der Liebe.

Obwohl wir noch Stunden an diesem kleinen Flusslauf hätten zubringen können, machten wir uns doch nach einiger Zeit in Richtung Larrasoana auf. Das war auch gut so, denn zusammen mit Theo und Bert ergatterten wir die letzten Betten in der dortigen Herberge. Allerdings nicht in den Räumen des Rathauses, die waren alle schon längst vergeben, sondern in einem eigens aufgestellten doppelstöckigen Wohncontainer. Hier stand Stockbett an Stockbett, teilweise direkt aneinander, ohne Gang dazwischen. Mindestens achtzig Personen waren hier untergebracht. Gu und ich hatten Glück, zwei nebeneinandergelegene obere Betten waren noch frei, sodass wir auch in der Nacht in der Nähe des anderen sein konnten. Unter uns, welch ein Zufall, lagen Erni und Toni, das nette Salzburger Ehepaar. Hans-Jakob trafen wir ebenfalls wieder, viele andere kannten wir aber nicht. Italiener waren zahlreich vertreten. Es ging zu wie im Taubenschlag, ein ständiges Kommen und Gehen. Draußen vor der Dusche, in einem gesonderten Container, bildete sich eine lange Schlange und überall hing gewaschene Wäsche. Shirt neben Shirt, Unterhose neben Unterhose, dazwischen auch mal ein BH, ein wirklich buntes Bild bot sich uns. Wir fassten den Entschluss, bevor wir es den anderen gleichtun wollten, noch das Dorf in Augenschein zu nehmen und irgendwo in der Nachmittagssonne sitzend einen café con leche zu trinken. Nach mehr als acht Stunden wandern und fast 27 km Strecke hatten wir es uns verdient! In einer kleinen Kneipe mit Gartenbewirtschaftung ruhten wir uns aus, wenig später trudelten auch Bert, Theo und Hans-Jakob ein. Es war ein geselliger Nachmittag und wir waren uns schnell einig, gemeinsam auch hier zu Abend zu essen, ein preiswertes Pilgermenue wurde angeboten.

Bei unserer Rückkehr war die Schlange vor den Duschen verschwunden, es war also eine gute Idee gewesen, dem Andrang aus dem Weg zu gehen. Das dachte ich allerdings nur so lange, bis ich in den Wagen hineinkam: Drei Duschen, zwei Waschbecken und zwei Toiletten für alle Leute, entsprechend sah es dort aus. Keine Ablagen, nichts, jeder konnte in den Container hineinsehen, ich ließ die Unterwäsche an, ebenso meine Sandalen. Damit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe, ich wusch die Unterwäsche gleich mit und die vielen Haare im Duschbecken konnten mir auch nichts anhaben. Hinter dem Vorhang zog ich dann mühevoll die trockene Wäsche an. Die Wäsche klebte am feuchten Körper und trotzdem hatte ich meine übrigen Sachen in null Komma nichts an. Es war ganz schön kompliziert, überhaupt nicht komfortabel. Ja, ich Modetante wurde hier so richtig auf den Boden der Tatsachen gebracht. Im Schlafcontainer musste ich dann noch feststellen, dass mein Bettlaken übersät war mit Flecken, welcher Art sie waren, darüber wollte ich nicht nachdenken. Gu klärte mich auf, dass sicherlich nur einmal in der Woche die Laken gewechselt würden. Ich war natürlich davon ausgegangen, dass wie in jedem guten Hotel spätestens bei Abreise des Gastes die Bettwäsche gewechselt würde. Träumerin, romantisch verklärt. Jetzt wusste ich auch, warum in der Jugendherberge in Roncesvalles bunt-karierte Laken aufgezogen waren. Ich schwor mir, in dieser Nacht nicht einen Zentimeter meiner Körperfläche aus meinem Schlafsack zu bewegen. Wie war ich dankbar für ihn!

Seltsamerweise tat dieser Schock meiner guten Laune keinen Abbruch und gegen sieben marschierten wir mit Theo, Bert und Hans-Jakob Richtung Restaurant. Meine Sandalen quietschten bei jedem Schritt, sie waren noch patschnass vom Duschen. Ich ärgerte mich, dass ich nicht meine Wanderschuhe wieder angezogen hatte. Wieder war ich meiner Eitelkeit erlegen. Die Sandalen, obwohl so typische Trekking-Sandalen, passten besser zu meinem »Outfit« als meine Wanderschuhe. Wer nicht hören will, muss fühlen – schnell hatte ich sehr kalte Füße. Wir fünf wurden mit einem Spanier, namens Miguel, an einen Tisch gesetzt. Er parlierte munter in seiner Muttersprache, obwohl niemand spanisch sprach, außer Gu, der sich ein wenig mit ihm verständigen konnte. Interessanterweise war es dennoch nicht langweilig. Das Essen bestand aus reichlich Fleisch zum Hauptgang, anscheinend denken die Spanier, dass ein Pilger besonders viel Eiweiß braucht. Danach ließen wir fünf den Abend im Garten unter lauter bunten Glühbirnen mit rötlich-goldenem Himmel und bei Bier oder Wein ausklingen. Unsere Unterhaltung kreiste vor allem um gesellschaftspolitische Themen. Es ist schon spannend, dass uns alle die gleichen Dinge beschäftigten. Die zunehmende Globalisierung: Welchen Platz nehmen wir zukünftig in Europa ein und welchen Europa in der Welt? Wie entwickeln wir uns weiter, welche Werte bleiben und wie werden die Generationen miteinander umgehen? Es machte Spaß mit so lebenserfahrenen Männern diskutieren zu können.


Rosenpracht mitten im dörflichen Larrasoana (Foto Sabine Dankbar)

Die Nacht war grausam, im wahrsten Sinne des Wortes. Es herrschte eine stickige Luft durch die vielen Menschen auf so engem Raum. Trotz Ohropax vernahm ich lautes Schnarchen. Es hörte sich an, als ob ganze Wälder im Traum zum Fallen gebracht würden. Ich schwitzte in meinem dicken Schlafsack sehr und traute mich dennoch nicht aus ihm heraus, getreu meinem Schwur. Gegen vier Uhr meldete sich meine Blase. Gut eine halbe Stunde rang ich damit aufzustehen, um mich zu erleichtern oder liegen zu bleiben, um niemanden zu stören und nicht in die kalte Nacht heraus zu müssen. Mein Anstand, dem Bettlaken aus Versehen nicht noch einen weiteren Fleck hinzuzufügen, siegte. Leise schälte ich mich aus dem Schlafsack, sorgsam darauf bedacht, ja nicht mit dem Laken in Berührung zu kommen sowie Toni unter mir nicht zu nahe zu treten, dann tappte ich leise die Treppe hinunter. Spätestens beim Öffnen der Tür weckte ich durch ein lautes Knarren zumindest die Schlafenden im Erdgeschoss. Vor der Tür umfing mich Mondlicht und leuchtete mir den Weg zur Toilette. Wie immer empfand ich Angst so allein, draußen bei Nacht. Ich dachte an irgendwelche Fabelwesen, die erscheinen könnten, um mich zu erschrecken. Seit meiner Kindheit verfolgen mich diese Fantasien. Kurze Zeit später lag ich wieder in meinem Brutkasten und schlief trotz der Hitze wieder ein.

3. Pilgertag, Donnerstag, 25. Mai 2006
Larrasoana – Pamplona

Um 5.30 Uhr beendete ein Wecker jäh die Nacht. Dieses Phänomen sollte uns noch das ein oder andere Mal begleiten. Selbst die einsetzenden Unmutsäußerungen der anderen Pilger hielten diese Wahnsinnigen nicht davon ab. Offensichtlich konnten viele selbst auf diesem Weg nicht ihrer eigenen inneren Uhr vertrauen, das fand ich schade. Ich bin auch ein Frühaufsteher. Auf dem Weg gehörte ich immer zu denen, die früh unterwegs waren. Meine innere Uhr weckte mich immer zuverlässig im Zeitraum von fünf bis sechs. Später war es sogar so, dass ich zu der Zeit wach wurde, die ich mir vor dem Zubettgehen vorgenommen hatte. Gu und ich blieben dennoch liegen und dösten vor uns hin. Gegen halb sieben brachen wir auf.

Natürlich durfte der Tag nicht beginnen, ohne dass wir unseren heiß geliebten café con leche und unseren bocadillo zu uns genommen hatten. Unsere Kneipe vom Vortag wusste, was Pilger brauchen, und die Wirtsleute hatten sehr geschäftstüchtig bereits wieder geöffnet. Es herrschte eine wärmende, laute und herzliche Atmosphäre in der kleinen Gaststube. Englisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch und Holländisch, ein buntes Gemisch an Sprachen war um uns herum, der Morgen begann heiter und schön. Dieses Ritual am Morgen genoss ich auf meiner Pilgerreise sehr und wurde fester Bestandteil des Tages. Es bildete einen kompletten Kontrast zu den Tagesanfängen von früher. Zu Hause, während der Arbeitswoche, hatte ich irgendwann das gemütliche Frühstücken verloren. Ich nahm mir nicht mehr die Zeit, bei einer dampfenden Tasse Kaffee, einem leckeren Brot und der Zeitung den Tag in Ruhe zu beginnen. Vielmehr hechtete ich in mein Auto, kaufte mir beim Bäcker um die Ecke ein belegtes Brötchen und einen Milchkaffee. Beides nahm ich unterwegs zu mir. Obwohl ich das als schlecht empfand, änderte ich es nicht. Während meiner Kindheit waren wir immer viele um den Frühstückstisch gewesen. Lag es daran? War es mir in meiner Küche zu still? Früher hatte ich aber doch auch allein gefrühstückt. Was war es dann? Ließ ich das Frühstück sausen, um morgens eher im Büro zu sein und die erste Stunde ungestört zu bleiben? Ich glaube, es war beides.

Bei unserer Wanderung liefen wir durch eine ähnlich malerische Landschaft wie am Tag zuvor, es wurde nur zunehmend flacher. Der Rio Arga floss mal leise und träge, dann laut murmelnd neben unseren Wegen her. Zwischendurch staute sich das Wasser an einem Wehr. Wieder umschwirrten uns zahlreiche Schmetterlinge. Es war wunderbar anzusehen, wie die Sonne wanderte und nach und nach immer mehr Berge in ihr Licht tauchte.

Das Wandern ermöglicht eine ganz andere Wahrnehmung, sie ist intensiver, bewusster und auf Kleinigkeiten bedacht. Man sieht nicht nur einfach einen Fluss, nein, man spürt und hört seine unterschiedlichen Geschwindigkeiten, erkennt, wann sich seine Farbe wechselt, registriert jeden seiner vielen schönen Plätze, hat ein Auge für Furten, überquert nicht nur eine Brücke, sondern bewundert auch ihre Schönheit. Man sieht entzückende Weiler, an denen Angler ihre Rute auswerfen. Ja, und manchmal hat man das Glück Tiere wie Otter, Reiher und Rehe zu Gesicht zu bekommen. Die Natur so zu erleben, erfüllte mich mit großer Dankbarkeit.

Das Baskenland gefiel uns ausgesprochen gut, überall sah es gepflegt und belebt aus. Je näher wir Pamplona kamen, der Hauptstadt der Region Navarra, desto urbaner und verkehrsstärker wurde es. An der Peripherie von Pamplona liefen wir durch eine Art Park, als vor uns plötzlich eine Pilgerin auftauchte, die ihren Rucksack wie einen Trolley hinter sich herzog. Die Trolley-Vorrichtung war mit dem Rucksack verbunden und das ganze Gefährt schaukelte beim Ziehen hin und her, es sah sehr komisch aus. Gu und ich schauten uns an und prusteten los. So etwas hatten wir nicht erwartet. Ich tippte gleich auf eine Kollegin aus der Modebranche. Als wir sie passierten, hatten wir wirklich Mühe, ernste Gesichter zu machen. Ihr schien es aber auch irgendwie unangenehm, als ob wir sie bei etwas Unerlaubtem ertappt hätten.

Gegen elf Uhr, nach ungefähr 16 km, durchquerten wir das mittelalterliche Tor der Befestigungsanlagen, das Portal de Francia, den Zugang zur Altstadt von Pamplona. Vor uns lag ein Gewirr von schmalen Straßen und Gassen. Wir hatten beschlossen nicht weiterzugehen, sondern die Hauptstadt von Navarra und gleichzeitig die größte Stadt am Jakobsweg zu erkunden. Wir wollten uns im Gewimmel dieser Stadt treiben lassen. Die Herberge, die wir ansteuerten, hatte aber noch zu. Erst zwei Stunden später sollte sie ihre Türen öffnen. Unsere Rucksäcke noch weiter mit uns rumzuschleppen oder bei einem anderen Refugio unser Glück zu versuchen, darauf hatten wir keine Lust. Wir entschieden, es als Wink des Schicksals zu nehmen und uns für die kommende Nacht ein Hostal, eine Art Pension, zu nehmen. Wir hielten Ausschau. In der Nähe des Plaza del Castillo klingelten wir an einer Tür, ein Türschild wies auf ein Hostal im ersten Stock hin. Doch die knarzende Stimme, die durch den Lautsprecher zu uns sprach, meinte nur: » Todo completo!« – »Alles ausgebucht!« Wir schauten uns enttäuscht an. Zwei junge Spanierinnen, die genau in dem Moment durch diese Tür heraustraten, schauten uns mitleidig an, gingen ein paar Schritte und kehrten dann wieder zu uns zurück. »Sucht ihr ein Zimmer? Wir kennen ein gutes Hotel, gar nicht teuer, ein paar Straßen weiter, noch ganz neu und zentral gelegen. Sollen wir es euch zeigen?« Wir konnten unser Glück nicht fassen, nicht nur dass die zwei uns den Tipp gaben, nein, sie gingen uns auch noch voraus! Das Hotel war klein, sehr modern, fast stylish – ein Zimmer war sogar noch frei. Wir konnten es zwar noch nicht belegen, da es gerade gesäubert wurde, aber unsere Rucksäcke konnten wir im Gepäckraum deponieren, sodass einer ersten kleinen Sightseeingtour nichts im Wege stand.

Wir bummelten durch die Straßen der Altstadt, schauten dem bunten Treiben der Geschäftsleute zu und nahmen das Durcheinander von Einheimischen, »normalen« Touristen und Pilgern wahr. Man konnte durchaus zwischen Letzteren einen Unterschied wahrnehmen. Leicht war es natürlich, wenn Pilger mit ihrem gesamten Gepäck unterwegs waren und somit unschwer zu erkennen waren. Aber auch ohne dieses typische Merkmal waren Unterschiede festzustellen: Oft schwerere Fotoausrüstungen, größere Stadtführer, gepflegtere Bekleidung, kein Verschwitztsein, bei den Frauen Handtaschen. Ein deutlicher Hauch von Urbanität umgab die Stadttouristen, wir strahlten dagegen ländlich-wilde Wanderschaft aus. Ganz deutlich wurde dies, als wir in einem Café am Plaza del Castillo Platz genommen hatten. Bei meinen früheren Reisen hätte ich mich in so einer Situation nur wohl gefühlt, wenn mein Äußeres der eleganten Stadtatmosphäre und den schönen Spanierinnen »Rechnung getragen« hätte, wenn ich konform gegangen wäre. Wie sehr genoss ich es jetzt trotzdem, in Ruhe den x-ten Kaffee zu trinken, Pinxtos, ähnlich den Tapas, zu essen und sich von den kräftigen Mittagsstrahlen der Sonne bescheinen zu lassen. Woran lag das auf einmal? Begann ich schon eine andere Art von Selbstsicherheit zu gewinnen, die sich mehr auf das Innere als auf das Äußere begründete?

Erni und Toni trafen wir auch wieder, keine zwei Tische von uns entfernt, frönten auch sie den fantasievollen kulinarischen Häppchen. Beide wollten aber nach der Pause weiter bis in den nächsten Ort, nach Cizur Menor. Sie strahlten eine große Energie aus, auch beim Wandern machten sie einen konditionell hervorragenden Eindruck, obwohl sie deutlich älter waren als wir. Toni war lang aufgeschossen und von drahtig-hagerer Statur, seine Frau war kleiner, rundlicher und hatte einen sehr großen Busen. Beide, vor allem aber Erni, hatten viele Lachfältchen und wettergegerbte Gesichter. Sie erzählten uns, das sie auch zu Hause so oft wie möglich wandern würden.

Das Zimmer im Hotel war toll, ruhig, da zu einem kleinen Innenhof gelegen, sauber und mit einer großen Dusche ausgestattet. Was sonst so selbstverständlich für mich war, empfand ich jetzt als puren Luxus: Saubere Handtücher statt meines eigenen leicht feuchten Handtuchs, gestärkte, blitzsaubere Bettwäsche, eine Toilette und Dusche nur für uns allein. Nach Duschen und Wäschewaschen sowie dem üblichen Pflegeprogramm mit Tigerbalsam hielten wir erst einmal Siesta. So ein Mittagsschläfchen war für uns beide etwas ganz Fremdes, umso schöner war es, den hiesigen Landessitten einfach mal für ein oder zwei Stunden zu folgen.

Gegen halb vier setzten wir zu unserem zweiten Erkundungsgang an. Die erste Station war die Post. Gu und ich hatten im Hotel noch mal aussortiert. Fast meinen gesamten Kulturbeutel mistete ich bis auf das Allernotwendigste aus, ein weiteres T-Shirt und meine warme Wanderhose wanderten in das Paket. Gu entledigte sich seiner langen Unterhosen und einiger Nahrungsvorräte, die er vorher für absolut notwendig gehalten hatte. Wegen der stets drohenden Unterzuckerung hatte er Unmengen an Studentenfutter und Müsliriegeln für uns mitgeschleppt. Über drei Kilo wog das Paket und machte uns um fast dreißig Euro ärmer. Wären wir nur vorher schlauer gewesen. Anscheinend waren wir aber nicht die einzigen Pilger, die mit diesem Anliegen in die Post gekommen waren. Wenigstens das war tröstlich und natürlich auch die Aussicht auf einen leichteren Rucksack!

Wir schlenderten zurück in die Altstadt und gelangten wieder in die Nähe der alten Stadtmauer. Von dort oben hatten wir einen fantastischen Blick auf die Pyrenäen. Es war trotz des Windes sonnig und warm. Wir konnten die letzte Strecke unserer Tagesetappe vor uns sehen, immer noch waren Pilger unterwegs. Jeder hat eben seinen eigenen Rhythmus. In einer schönen, sehr einladend wirkenden Taverne mit Terrasse saßen wir noch ein Weilchen inmitten einer bunten Gesellschaft von Spaniern und Fremden unterschiedlichster Nation. Gu und ich wunderten uns, wie schnell wir jegliche Gedanken an Zuhause und die Arbeit hinter uns gelassen hatten. Die Reise war ein wahres Geschenk.

Von der Taverne aus spazierten wir in Richtung Kathedrale, der Catedral de Santa Maria. Als wir eintraten, umfing uns Orgelspiel. Schnell setzten wir uns in eine Bank und hatten das Glück, noch zwei Lieder hören zu können. Der Organist probte anscheinend, denn es war keine Messe. Die Kirche hatte eine wunderbare Akustik und die Musik brauste durch unsere Ohren und schwang in uns mit. Die Stücke waren erhebend. Wieder musste ich weinen, obwohl ich glücklich war. »Hier bist du willkommen, alles ist gut«, flüsterte eine innere Stimme mir zu. Gu, der meine Stimmung spürte, nahm mich fest in den Arm und schaute mich liebevoll an.

Zurück im Tageslicht stellten wir fest, dass jetzt immer mehr Menschen die Gassen bevölkerten, vor allem junge Leute waren zu sehen. An einem kleinen Platz standen wir plötzlich vor einem Schokoladengeschäft, das uns mit seiner Schaufensterauslage in das Innere lockte. Selten habe ich zuvor ein Geschäft erlebt, das so liebevoll seine Waren, übrigens nicht nur Schokolade, sondern auch Kuchen, Marmeladen und Liköre in den Regalen präsentierte. Alle Köstlichkeiten waren auf grünem Stoff platziert, der wiederum zu den rot-karierten Stoffen, die unterhalb der Regalböden angebracht waren, in einem anheimelnden, an Omas Küche erinnernden Kontrast stand. Eine Spanierin mit weißer Schürze lächelte uns freundlich an. Gu und ich unterhielten uns gerade darüber, welche Schokolade wir kaufen wollten, als wir hinter uns ein verlegenes Kichern hörten. Zwei junge Frauen standen hinter uns und eine von ihnen fragte mit breitestem amerikanischen Akzent auf Deutsch: »Kommen Sie aus Deutschland?« Wir bejahten und die Amerikanerin war komplett aus dem Häuschen. Sie erzählte uns, wie glücklich sie sei, wieder ihre Deutschkenntnisse anbringen zu können, wie viel sie verstehen würde und welche Freude wir ihr machen würden, dass wir nun mit ihr sprechen würden. Die Verkäuferin staunte nur noch angesichts der Redesalven, die auf uns »abgefeuert« wurden. Wir hatten Spaß daran, mit so wenig einen anderen Menschen glücklich machen zu können. Die beiden hatten auch Gefallen an diesem kleinen Laden gefunden und zum Abschied machten wir für die Zwei ein Erinnerungsfoto vor dieser Kulisse. Diese kleine Episode ist mir noch heute im Gedächtnis. Die junge Frau hatte keinerlei Berührungsängste, keine Scheu, zwei wildfremde Menschen anzusprechen. Mir imponierte das, mit zwanzig hätte ich das auf keinen Fall gemacht, es sei denn, ich hätte einen sehr triftigen Grund gehabt. Auch wenn viele in meiner Umgebung das nicht von mir vermuten würden, niemals wäre ich so spontan gewesen.

Hungrig fassten wir den Entschluss der Landessitte entsprechend von Bar zu Bar zu ziehen und uns an Pinxtos satt zu essen. Es war ein Fest für den Gaumen und es machte ungeheuren Spaß das Treiben in den Bars dabei zu beobachten. Es war schön zu sehen, wie zwanglos sich Jung und Alt hier untereinander mischten. So ganz anders als es oft bei uns der Fall ist.

Gut gelaunt stürzten wir uns später wieder in das Gewühl. In der Nähe des Plaza del Castillo schlugen uns rhythmische Klänge entgegen, wir folgten ihnen. Auf dem Platz selbst war eine große Bühne aufgebaut, eine Gruppe bunt gekleideter Musiker und Tänzer spielte eine Art afrikanische Musik. Sie war mitreißend und wild. Eine schwarze Tänzerin bewegte sich dazu in einem unglaublichen Rhythmus. Ihr gesamter Körper schien unter Strom zu stehen. Ihre Hüften kreisten und ihr runder, wunderbar geformter Po strahlte Sinnlichkeit aus. Die ganze Gruppe strahlte eine solche Energie aus, dass der Funke schnell auf das Publikum übersprang. Wir klatschen mit und feuerten mit Zurufen an. Ein Highlight jagte das andere, ein wahrer Instrumenten- und Tanzregen wurde dargeboten. Von Afrika wanderten sie thematisch nach Australien. Didgeridoo-Klänge durchpulsten den Platz, das Instrument der australischen Ureinwohner entfaltete seine Mystik. Dieses unverhoffte Konzert riss uns mit. Am Ende mischten sich alle Tänzer unter das Publikum und forderten zum Mittanzen auf. Es war ein wildes Durcheinander, Lebensfreude pur schwang durch die Menge. Vom Rand des Platzes schauten viele lächelnd zu, andere schüttelten den Kopf. Wir empfanden es einfach nur als überraschendes Geschenk. Ein wenig später schauten wir auf einer Bank sitzend den Strahlen der Abendsonne zu, die sich noch ihren Weg über die Dächer der Häuser rund um den Platz suchten. Es war ein magischer Tag! Im Hotel sanken wir glücklich und zufrieden in unsere Kissen und schliefen sofort ein.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
398 str. 81 ilustracji
ISBN:
9783899604146
Właściciel praw:
Автор
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