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Ruth Broucq
Sizilianische Gesetze
Die Braut des Mafioso
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Sizilianische Gesetze
Einleitung:
Ein Irrtum und Widerstände
Listiger Anfang
Nach Sizilienfahrt Hüh oder Hott
Sein wahres Gesicht
Zornige Vorwürfe und Undank
Ablenkung vor Schwangerschaftsende
Hoffnung auf Weihnachtskind
Überraschung wird zum Überlebenskampf
Wechselbad der Gefühle
Ein Lichtblick
Klägliche Versuche mit verbotenem Glücksspiel
Überrumpelung dann Wirtinnen
Planwechsel wegen Betrug
Geizhals, Lügner und Betrüger
Die Anmache
Drohungen
Vielseitigkeit
Explosive Stimmung
Apeldoorn
Lieber Besuch
Keine Haremsdame
Auf Erfolgskurs
Heiße Nacht mit wichtiger Neuigkeit
Ein Traummann- Engelbert
Jobwechsel
Heißes Blut und schwerer Abschied
Fliegender Wechsel und Verkauf
Kurze neue Arbeitsstelle
Zurück im Heimatland
Vito und der Juwelier
Die Rettung
Rüpelhaft und Unbelehrbar
Rückendeckung
Gewinn und Verlust
Die Kaution
Dio Bastardo
Klettenhaft und penetrand
Einsicht oder Absicht
Wortbrüchig
Hinterhältig
Ultimatum
Teures Angebot
Brutalität oder Wahnsinn
Perfider Plan
Wer zuletzt lacht
Index:
Wer zuletzt lacht
Ein Irrtum
Widerstände
Listiger Anfang
Nach Sizilienfahrt Hüh oder Hott
Sein wahres Gesicht
Zorniger Vorwürfe und Undank
Ablenkung vor Schwangerschaftsende
Hoffnung auf Weihnachtskind
Überraschung wird zum Überlebenskampf
Wechselbad der Gefühle
Ein Lichtblick
Klägliche Versuche mit Verbotenem Glücksspiel
Nach Überrumpelung Wirtinnen
Planwechsel wegen Betrug
Geizhals, Lügner und Betrüger
Die Anmache
Drohungen
Vielseitigkeit
Explosive Stimmung
Apeldoorn
Lieber Besuch
Keine Haremsdame
Auf Erfolgskurs
Heiße Nacht und Wichtige Neuigkeit
Ein Traummann- Engelbert
Jobwechsel
Heißes Blut aber schwerer Abschied
Fliegender Wechsel und Verkauf
Kurze neue Arbeitsstelle
Geliebtes Heimatland
Vito und der Juwelier
Die Rettung
Rüpelhaft und Unbelehrbar
Rückendeckung
Gewinn und Verlust
Die Kaution
Dio Bastardo
Klettenhaft und penetrand
Einsicht oder Absicht
Wortbrüchig
Hinterhältig
Ultimatum
Teures Angebot
Brutalität oder Wahnsinn
Perfider Plan
Impressum neobooks
Sizilianische Gesetze
Die Braut des Mafioso
Impressum
Copyright by: Ruth Broucq
42699 Solingen
Autorin3@gmail.com
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Einleitung:
Kampferprobt war sie schon seit Kindertagen, durch die schwierige Nachkriegszeit und den ärmlichen Verhältnissen, in denen sie aufwuchs. Während ihrer Jugend hatte sie gelernt ihren Platz im Leben erkämpfen und behaupten zu müssen.
Mit der Partnerwahl ihrer ersten beiden Beziehungen wurde der Existenzkampf noch härter, weil sie an brutale Schläger geraten war, gegen die sie sich mit ebenso gemeinen Methoden hatte zur Wehr setzen müssen. Nur mit Gewalt oder Raffinesse hatte sie sich von den Beiden trennen können.
Aber mit der dritten Beziehung geriet sie in eine Falle, wie sie sich in ihren schlimmsten Vorstellungen nicht hätte voraus ahnen können, und bei der es für sie um Leben und Tod ging. Dabei geriet sie in eine lange panische Lethargie, aus der sie letztlich nur mit Hilfe und dem schlimmsten Mittel rauskommen konnte.
Ein Irrtum und Widerstände
Eigentlich hatte sie ihn nie gemocht- nein, sie hatte sogar eine starke Abneigung gegen ihn gehabt weil er eine so selbstsichere, dominante Art hatte, die er in seinem Job vermutlich brauchte. Auch weil seine bullige Erscheinung, mit dem finsteren Blick, Furcht einflößend auf sie wirkte, was ihm als Rausschmeißer in der größten Disco der Stadt bestimmt hilfreich war.
Und nun? Nun saß sie auf seinem Schoß, und sie fühlte sich beschützt und sicher. Zudem ließ sie es zu, dass er sie küsste. Wie konnte es nur dazu kommen?
Noch bis vor einigen Minuten hätte sie jede Wette angenommen, dass er sie niemals erobern könnte. Denn in den letzten zwei Wochen hatte sie sich täglich mehrmals über ihn geärgert, sich von ihm immer beobachtet und zeitweilig gemaßregelt gefühlt, ohne jeglichen Grund und schon gar nicht zu Recht. Ihr war sofort klar gewesen, dass er sie anbaggerte, zugegeben auf eine seltsame Art, die allerdings zu seinem groben Wesen passte.
Er hatte seine Aufgabe als Portier des illegalen Zockladens, in dem sie auch tätig war, sehr ernst genommen, vielleicht sogar überbewertet, und das nervte. Sie konnte seine bestimmende, ja befehlende Art, über jede Bewegung im Laden, nicht anerkennen. Deshalb war sie auch die Einzige unter den Mitwirkenden in diesem Geschäft, die gegen seine Befehle opponierte. Kollegen nannten ihn nur „Wichtigtuer“, allerdings hinter seinem Rücken. Niemand wagte sich, Vito entgegen zu treten. Nur sie.
Zwar fand sie es lästig, dass er sie immer in ihrer Nähe aufhielt, speziell nach Feierabend, wenn sie noch einen „Betriebsausflug“ machten. In den beliebten Nachtlokalen war meist der Bär los, sodass sie jede Gelegenheit benutzte, Abstand zwischen sie zu bringen, indem sie andere anwesende Bekannte begrüßte, zu denen er keinen Draht hatte. Bis auf diesen unangenehmen Vorfall, als ihr dicker Anwalt sie in seiner ekligen Art betatschen wollte. Natürlich wies sie das dicke Ekel in deutlicher Ausdrucksweise zurück, zumal sie sowieso sauer auf ihn war, da seine teure und nutzlose Vertretung ihr keinerlei Hilfe gewesen war. Aber er reagierte nicht.
Weil der Dicke so besoffen war, dass er ihren Widerstand gar nicht mehr wahrnahm, als er sie in seine Arme nahm und nicht mehr loslassen wollte, schritt Vito energisch ein. Er riss des Anwalts Arme von ihr weg, gab dem Anwalt einen Stoß, dass dieser rückwärts gegen das Trenn- Geländer zum tieferen Teil des Raumes flog und sagte scharf: „Lass sie in Ruhe. Sie hat dir deutlich gesagt, dass sie das nicht will. Also nimm deine dreckigen Pfoten weg, oder ich muss dir Manieren beibringen, Capito?“
Der Dicke wich erschrocken zurück, stammelte etwas vor sich hin, und torkelte in den unteren Teil des Lokals. Wie bei den meisten Menschen hatte Vitos böser Blick die gleiche furchtsame Wirkung.
Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte wohl das ganze Lokal gelacht. Denn es sah schon komisch aus, wie der sehr große, schwere Anwalt von dem viel kleineren, breiten Italiener ausgebremst wurde.
Danach setzte Vito sich zufrieden auf einen Stuhl an den Tisch der Runde und bot ihr an, auf seinem Schoß Platz zu nehmen. Es war nicht nur Dankbarkeit oder weil sonst kein Platz mehr in der Runde frei war, in dem Moment nahm sie sein Schutzangebot gerne an. Endlich ein Mann der spontan für sie eintrat, um ihr Unannehmlichkeiten vom Hals zu halten. Vito war seinem Ziel näher gekommen.
Zwar stellte sie eine Beziehung zu dem Italiener noch immer vehement in Frage, aber er ließ sie gedanklich nicht mehr los. Dann begann sie mit ihm zu spielen. Sie machte es sich zur Gewohnheit, nach Feierabend in die Disco zu gehen und sonnte sich in seiner offenen Anmache. Was wohl den letzten Ausschlag gab war, dass er ein hervorragender Tänzer war. Sie liebte Tanzen, und das bemerkte er sofort und nutzte es.
Und obwohl sie wusste, dass er verheiratet war, ließ sie sich auf ihn ein. Hals über Kopf verließ Vito seine Ehefrau, zog bei ihr ein, und nach einjähriger Single-Zeit genoss sie das liebevolle Zusammensein,.
Ihre Kinder schienen nichts gegen ihre neue Beziehung zu haben, obwohl Vito nicht gerade eine Intelligenz-Bestie war, was sich durch sein schlechtes gebrochenes Deutsch offenbarte. Aber er mochte Kinder, und das merkte man ihm an. Zu Kindern war er immer sanft, verständnisvoll, einfach sehr lieb.
Vitos Ruf als Schläger eilte ihm voraus, deshalb kam er bei dem Rest ihrer Familie nicht so gut an. Ihr Schwager, ebenfalls Italiener, ging deutlich auf Distanz, und ihre Mutter zeigte sogar ganz offen ihre Abneigung.
Schon optisch war er als gefürchteter Rausschmeißer in der größten Disco der Stadt, sehr imposant. Man sah ihm sein Durchsetzungsvermögen an. Er wirkte durch seine massige Gestalt und seinem intensiven bösen Blick, wenn ihn Jemand nervte. (Vor dem sie anfangs auch ängstlich zurückgeschreckt war)
Jedoch konnte sie nichts von der Reaktion ihrer Familie beeindrucken oder gar beeinflussen.
Sie glaubte alle schlechten Berichte und die Warnungen nicht.
Selbst die Erzählungen ihrer beiden Freundinnen (die seine Arbeitskolleginnen waren), dass er Frauen gegenüber auch keine Rücksicht kannte. Dass nämlich seine Frau öfter mit blauen, statt ihrer braunen Augen, hinter der Theke des Fischlokals stand, wo sie arbeitete, weil er sie verprügelt habe, konnte sie genauso wenig glauben, wie die Behauptung, er sei ein Mafioso. Er sei der Anführer der italienischen Räuberbande, die in den letzten Jahren, für die vielen Überfälle auf die illegalen Casinos verantwortlich war.
Ute war fest davon überzeugt, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben, und tat die ganzen bösen Gerüchte als Neid auf ihr Glück ab. Denn die ersten Wochen verbrachten sie in seligem Glück.
Vito war ein zärtlicher und leidenschaftlicher Liebhaber, ein Kuschelbär, von dem sie sich gar nicht vorstellen konnte, dass die Gerüchte über ihn auch nur ein Körnchen Wahrheit enthielten.
Zudem nahm sie seine kindliche Freude darüber, dass sie ihn animierte seine Garderobe aufzufrischen und dabei beriet, als Zeichen für die Liebe die er für sie empfand. Und seine Reaktion zeigte, dass seine Ehefrau sich nie um sein Outfit gekümmert hatte, obwohl sie selbst immer chic gestylt war. Für Ute war die freudige Dankbarkeit der Beweis dafür, dass sich alle Kritiker irrten.
Als bekannt wurde, dass sie mit Vito zusammen war, ging unser Chef Horst anfangs bei ihr auf Distanz, und als nächste Maßnahme wurde Vitos Tätigkeit als Portier nicht mehr gebraucht. Er wurde entlassen.
Eigentlich hatte sie sich mit Horst Paashaus, genannt „Franzmann“ vormals immer gut verstanden. Er, Utes ehemaliger Lebensgefährte Ulf, (durch den sie in dieses Metier gerutscht war) und sie hatten dieses Casino vor zwei Jahren eröffnet. Damals war Horst ihr immer eine große Stütze gewesen, wenn ihr Lebensgefährte wieder mal alle Knete verzockt hatte.
Ulf bezeichnete den Partner Horst als geizig, weil der kein Spieler war und lieber seinen Gewinn hortete. Ulf meinte, Horst habe unverdientes Glück, weil er in einer Hosentasche „den lieben Gott“ und in der anderen einen Igel habe. Die Hand in der Gottes-Tasche brächte ihm Massel und in die andere Tasche fasse er nicht, weil er sich da stechen könnte.
Sie dagegen war immer froh wenn Horst wie „ein Fels in der Brandung“ hinter dem „Kessel“ stand und ihr dadurch Sicherheit vermittelte, während Ulf lieber unterwegs war, um ihre Kohle bei der Konkurrenz zu verzocken.
Aber das freundschaftliche Verhältnis hatte sich mit der geschäftlichen Trennung geändert, denn als seine untergebene Mitarbeiterin behandelte er sie plötzlich von oben herab. Woran das lag war ihr klar.
Weil sie Horst abgewiesen hatte, als er bei ihr gebaggert hatte, wurde er plötzlich gehässig zu ihr und schikanierte sie wo immer es ging. Über ihre ehrliche Aussage, dass ihr seine Einstellung zur Treue nicht gefiele, hatte er sich nur belustigt. Dann hatte er provozierend gegrinst und seinen ewigen dummen Spruch wiederholt: sein Pimmel sei kein Stück Seife, der nutze nicht ab. Sie fand ihn abartig und widerlich, das hatte sie ihm deutlich gesagt.
Nachdem Vito nicht mehr zum Personal gehörte, ging Horst sogar so weit, dass er sie verächtlich: Itakker-Liebchen, oder Mafia-Braut schimpfte. Dabei nahm er weder Rücksicht auf das andere Personal, noch auf die Gäste. Es war beschämend. Dadurch wurde ihre Arbeitszeit zum Spießruten laufen, aber da sie den Job brauchte, hielt sie eisern durch. Jedoch forderte das Verhalten von Horst ihre Rachegefühle und ihre Offensive heraus, sodass sie die nächste Gelegenheit nutzte, indem sie sich mit Vito zusammen selbständig machte.
Dass manche Leute behaupteten, Vito sei nur an ihr interessiert, weil er ohne sie niemals im Zockgeschäft akzeptiert worden wäre, ließ sie kalt. Denn dass er geschäftlich unbedingt ins Glücksspiel-Geschäft einsteigen wollte, was ihm ohne Protektion nicht gelungen wäre, war ihr bekannt. Dieses halbseidene Geschäft war eine in sich geschlossene Gesellschaft, in der ein Fremder nicht zugelassen wurde.
Dass Ute nun die Kette durchbrach, indem sie Vito in ihre Aktivitäten integrierte, wurde in der Branche mit Misstrauen und teilweise offener Missbilligung betrachtet. Denn man sah in ihm einen mafiösen Proleten, der maximal als Türsteher oder Rausschmeisser zu gebrauchen sei, aber als „Veranstalter“ fehl am Platze sei. Laut sagte es allerdings Keiner. Ute verstieß also gegen eine unausgesprochene Regel.
Sie ahnte die unterschwellige Kritik der Branche, allerdings sah Ute auch, dass Vito ihr eine Sicherheit gegen Anfeindungen gab, die sie bei Ulf nie gehabt hatte.
Auch dass es wieder Bergauf ging, sodass sie sogar ihren ganzen Schmuck wieder aus dem Pfand holen konnte. Obwohl sie die ganzen „Weißgold-Klunker“ im Grunde gar nicht mochte, und deshalb auch nie trug, wusste man doch nicht für was man die Klamotten irgendwann mal wieder gebrauchen konnte. Auch wenn Vitos Erfolg nur mit ihrer Hilfe, und durch seinen Eintritt ins Casino-Geschäft möglich war, war sie trotzdem froh darüber, da es für sie nur zum Vorteil war. Sie war glücklich.
Listiger Anfang
Aber sie erlebte mit Vito auch eine hektische Zeit, in jeder Beziehung, privat sowie geschäftlich.
Weil Vito sich eine Zeitlang nicht entscheiden konnte, was er wollte. Mal ging er zu seiner Frau zurück, dann kam er wieder zu ihr zurück und schwor, er liebe nur sie. Was sie ihm gerne glaubte, denn sie wollte Verständnis dafür haben, dass er sich auch seiner kleinen Tochter gegenüber verpflichtet fühlte, sodass er sich hin- und hergerissen fühlen musste. Die Zeit würde das ändern, und seine Familie einsehen, dass er sich gegen die Liebe nicht wehren konnte, auch wenn es Anderen weh tat. Denn Ute war sich sicher, Vito liebte nur sie.
Allerdings gab es auch schlimme Tage, die nicht einfach zu ertragen waren. Durch den Stress, den seine Ehefrau erzeugte, weil sie unbedingt ihren Ehemann zurück zu holen wollte. Mit ihrem italienischen Temperament nahm sie auf nichts und niemand Rücksicht, damit machte sie ihnen das Leben zur Hölle.
Oft stand sie vor ihrem Wohnhaus und schrie, Ute solle ihren Mann rausgeben, sodass die ganze Nachbarschaft das mitbekam, was ihr schrecklich peinlich war. Weil der Protest nicht half verfolgte sie die Beiden nachts, wenn sie nach Feierabend nach Hause fuhren.
Ute hatte zwar das schnellere Auto, und auch die besseren Ortskenntnisse, war aber dennoch genervt von diesen Verfolgungs-Jagden. Aber Vito wollte auf gar keinen Fall eine Konfrontation. Er sagte, seine Frau sei unbelehrbar, mit ihr könne man nicht reden. Es helfe nur sie zu ignorieren.
Leider gab es noch schlimmere Vorfälle, ihre Zerstörungswut, bei denen sie immer vor dem Rätsel stand, wie diese Frau an die Schlüssel dafür kam? Vito schwor auf das Leben seiner Tochter, dass ihm das auch ein Rätsel sei.
Denn dann sie ging sogar soweit, dass sie Vito die Schlüssel von Utes Wohnung sowie vom Casino klaute, und mit den nachgemachten Schlüsseln einbrach. Zweimal zerstörte sie die Spielanlage, was sehr viel Geld für die Neueinrichtung sowie Arbeitsausfall kostete.
Und einmal inspizierte sie sogar einfach nachts Utes Wohnung, und erschreckte damit Utes schlafenden kleinen Sohn zu Tode. Als sie später nach Hause kamen, empfing der Junge die Beiden mit einem Fleischmesser in der Hand, weil er glaubte sich gegen Einbrecher verteidigen zu müssen. Deshalb ging Rene immer öfter zu seinem Vater, um den italienischen Attacken auszuweichen.
Vielleicht wendete sich Utes Sohn auch deswegen mehr und mehr von ihr ab, denn er sprach ständig von seinem Vorhaben, dass er zu seinem Vater ziehen wolle, sobald der wieder seine eigene Wohnung habe. Anfangs sah sie das als verständlichen Wunsch an, da Rene seinen Vater vier Jahre entbehrt hatte, weil dieser im Gefängnis gewesen war.
Seit Robert aus der Haft entlassen war, verbrachte ihr Sohn die Wochenenden immer mit seinem Vater, wofür Ute natürlich Verständnis hatte. Zumal sie mit ihrer Nachtarbeit und ihrer neue Liebe ziemlich in Anspruch genommen war. Allerdings hieß das nicht, dass sie mit Renes Plänen einverstanden war, denn sie hatte das alleinige Sorgerecht. Außerdem war Rene im Internat und nur jedes zweite Wochenende zu Hause.
Dass Rene die Heimat-Wochenenden mit seinem Vater verbrachte, war demnach für beide vorteilhaft, denn bei ihr wäre er viel alleine gewesen. Nichts desto trotz war sie die alleinige Versorgerin ihres Sohnes, da sie alle Kosten alleine bestritt, wobei alleine die Internatskosten das Monatsgehalt eines Angestellten ausmachte. Also war es schon gerecht, dass sie auch das alleinige Sorge-Recht hatte.
So bekam ihr Sohn auch ihre Schwierigkeiten nicht mit, nämlich dass die Konkurrenz ihr das Leben sehr schwer machte. Horst und sein Partner hatten den Vorteil, dass sie den größeren Zulauf, also das bessere Spiel hatten, und der Laden neben ihnen leer war. Der schlaue Horst hatte diesen leeren Laden unter Kontrolle, weil er dem Vermieter eine kleine Miete zahlte.
Als Ute und Vito in ihrem kleinen Lädchen, in einer Nebenstraße, monatelang kaum die Kosten erwirtschafteten, weil Horst den Zockern erklärte, bei denen sei „nichts zu holen“, ersann Ute eine List.
Dummerweise hatte Horst ihr mal erzählt, dass er den Vermieter des leeren Ladens nebenan, zwar mit einer kleinen Summe bezahle, aber keinen schriftlichen Vertrag habe. Das war ihre Möglichkeit sich für die erlitte Schmach zu rächen.
Also ging Ute zu diesem Vermieter und bot ihm die doppelte Miete und ein zusätzliches Handgeld, für den Mietvertrag an. Den Geldgierigen Kerl brauchte sie nicht lange zu bequatschen, er gab ihr den Vertrag samt Schlüssel. Dummerweise hatte Konkurrent Horst nicht einmal einen Schlüssel für das Objekt.
Quasi über Nacht bauten Ute und Vito ihre Spielanlage um, und öffneten schon am nächsten Tag die Tür. Die Neugierde trieb alle Zocker mal als Erstes in das neue Casino, denn die Spieler hatten nicht vergessen, welch großzügige Veranstalter ehemals in diesem Laden das Roulette betrieben hatten.
Horst sah sich hintergangen und kochte vor Wut, aber sie lachte nur, und sagte: „Wie du mir- so sie dir!“
Jedoch nach ein paar Tagen flaute der Zocker-Strom wieder ab, denn die Spieler hatten wohl noch die üble Verleumdung, von Horst, im Sinn, dass bei Ute und Vito „nichts zu holen“ sei, also wenig Geld vorhanden.
Natürlich gab Ute nicht klein bei, sondern wandte sich an die bekannten „Kölner Veranstalter“, die Jahre zuvor schon einmal erfolgreich waren, und bot ihnen eine fünfzigprozentige Beteiligung an. Die Beiden nahmen das Angebot gerne an.
Ab dem Tag, an dem die bekannten Kölner Gesichter hinter der Spielanlage standen, hatte Horst den Wettbewerb verloren. Er schloss sein Casino ab, ohne Irgendjemand zu sagen warum. Ute hatte ihre Revanche, sie hatte gesiegt!
Natürlich hob das auch Vitos Laune, sodass Ute einen Urlaub vorschlug, um sich von dem Stress der letzten Monate zu erholen. Sie buchte eine Woche in Playa del Ingles auf Gran Canaria.
Vito strahlte vor Freude, denn außer Italien, hauptsächlich seiner Heimat Sizilien, hatte er noch nichts von der Welt gesehen.
Ein Italiener in Spanien, war ein Erlebnis für sich, speziell für ihn. Auch der Flug, der Aufenthalt in einem Hotel, das ganze Drum und Dran des Urlaubs insgesamt war neu für Vito, was er jedoch nicht zeigen wollte. Deshalb mimte er den starken, weltgewandten Mann, der alles im Griff hatte, was für Ute albern aussah.
Sein Geltungsdrang führte dazu, dass ihm der Ausflug nach „Sioux City“ nicht spannend genug war, sodass er auf „Haifisch-Fang“ fahren wollte. Also buchte Ute den Ausflug per Schiff.
In aller Frühe ging es los, die Fahrt zum Jachthafen „Puerto –Rico“, per Bus. Voller Vorfreude verzehrte Vito das „Frühstücks-Paket“, das sie vom Hotel mitbekommen hatten.
„Warum isst du nichts? Schatz, du musst etwas essen, mit leerem Magen auf ein Schiff gehen, ist bestimmt nicht gut! Iss etwas!“ drängte Vito besorgt.
„Nein danke. Sie kann so früh nichts essen. Das mache sie doch nie. Ich kann mir doch nichts rein zwingen, wenn ich einfach noch keinen Hunger habe.“ Lehnte sie ab. Wenn in dem Paket Kaffee gewesen wäre, hätte sie zumindest ihren „Muntermacher“ zu sich nehmen können, aber der kalte Tee war nicht nach ihrem Geschmack. Ergo nahm sie nichts zu sich.
Das „Schiff“ war ein Fischerboot, ob groß oder klein liegt im Auge des Betrachters. Ute erschien es sehr klein, was sie gleich kritisierte.
Aber Vito meinte überheblich lachend: „Du hast doch nicht etwa Angst? Das musst du nicht, ich bin auf Sizilien schon auf viel kleineren Fischerbooten mitgefahren, das ist kein Problem, da passiert nix. Glaube mir!“
Zumindest hatten die acht Ausflugsgäste genügend Platz um sich auf oder unter Deck aufzuhalten. Aber es war wohl auf Passagiere ausgerichtet, denn unter Deck gab es sogar zwei Toiletten und eine Kombüse mit Kochtheke und Bänken um zwei Tische herum. Die angebotene Mineralwasser – Flasche nahm Ute gerne an.
Herrliche Morgenröte begrüßte die Passagiere als der Kahn aufs Meer hinaus glitt. Ute hatte sich an Deck auf die Reling-Bank gesetzt und genoss den Fahrtwind, der bei der frühen Hitze gut tat. Das Wasser trinken tat ihrem Magen gut.
Je weiter das Boot raus fuhr umso größer wurde das Schaukeln, denn der Wellengang war gewaltig. Es war irgendwann so schlimm, dass die Gischt ihnen nasse Kleidung bescherte. Während Ute zur Mitte der Bank rutschte, um nicht so viel Meerwasser abzukriegen, meinte Vito plötzlich: „Sie gehe lieber nach unten, kommst du mit?“
Bevor sie antworten konnte, erweckte ein unangenehmes Geräusch ihre Aufmerksamkeit. Vito hing mit dem Kopf über der Reeling und kotzte das leckere Frühstück aus.
Der stärkste Mann an Bord war der Erste, der umfiel. Er war Käseweiß, und würgte noch, obwohl sein Magen den Inhalt längst ausgeworfen hatte.
„Ich gehe nach unten“, stammelte er, mit Leidensmiene und torkelte Richtung Unterdeck.
Tief Luft holend rief sie ihm nach: „Lieber nicht Vito, da wird es nicht besser sein. Sie bleibe an der frischen Luft!“
Tatsächlich hatte sie zwar ein flaues Gefühl in der Magengegend, aber durch tiefes Luftholen und mehr Wasser trinken konnte sie sich gegen den Brechreiz wehren.
Ein paar Männer der anderen Passagiere taten es ihr gleich, sie blieben auch an der frischen Luft.
Nach einer Weile bekam sie ein schlechtes Gewissen weil sie sich nicht um Vito gekümmert hatte. Um zu sehen wie es ihrem Lebensgefährten ging, folgte sie ihm dann doch zögernd unter Deck.
Schon am Eingang zu der Kombüse kam ihr der Essensduft entgegen, dort wurde das Mittagessen vorbereitet. Es roch nach gebratenem Fisch.
Kaum hatte sie den Geruch inhaliert, als ihr Magen eine rasante Umdrehung machte. Sofort drehte sie sich am Eingang um, und spurtete im Schnellverfahren wieder auf Deck. Sie erreichte gerade noch rechtzeitig die Reling.
Ihr flüssiger Mageninhalt suchte die Freiheit.
Nach Sizilienfahrt Hüh oder Hott
Das Casino lief sehr gut, sodass sie bereits zwei Monate später wieder eine kurze Reise machen konnten. Weil Vitos Haus auf Sizilien im Roh-Bau war, und mit der Baufirma Unstimmigkeiten aufgetreten waren, musste er dort nach dem Rechten sehen, sodass sie eine Fahrt zu Vitos Heimatstadt antraten. Da auch zwei seiner Brüder mitfahren wollten, war auf der langen Fahrt ein Fahrerwechsel möglich.
Sie hatten beschlossen einen Leihwagen zu nehmen, den Ute mieten musste, weil Vito, mangels Führerschein, das Fahrzeug nicht mieten konnte.
Die Fahrt war ein Desaster, weil ein Bruder immer meckerte, wenn sie um Pinkelpause ersuchte. Er fand ihre „Pisserei“ lästig und unnormal. Sie wehrte sich erfolgreich gegen eine derartige Einschränkung.
Nach Zweiunddreißig Stunden erreichten sie endlich das Ziel. Und am Ziel schimpfte der Mecker-Bruder, dass man mindestens sechs Stunden früher hätte da sein können, wenn ihre Pinkelpausen nicht gewesen wären. Endlich griff Vito ein und maßregelte den jüngeren Bruder deswegen, damit brachte Vito ihn endlich zum Schweigen. Im Stillen dachte Ute daran, dass Vito seine Beschützerrolle innerhalb seiner Familie erst sehr spät wahr nahm. Das war mal anders gewesen.
Während des Viertägigen Aufenthaltes wollte Vito die Zeit nutzen um bei Ute Fahrunterricht zu nehmen, denn in seiner Heimat war das ungefährlich. Ihre Einwilligung bereute Ute sehr schnell, denn Vito war ein sehr nervöser, und völlig unbegabter Fahr-Schüler. Es erforderte wirklich starke Nerven, einem Schüler Autofahren beizubringen, der schon zwei Fahrprüfungen vermasselt hatte.
Auf der Heimfahrt durfte Vito aber nicht ans Steuer, darüber waren die drei Führerschein-Inhaber sich einig. Nach einer heftigen Diskussion auf Italienisch musste Vito einsehen, dass er noch nicht genügend Fahrpraxis hatte. Vito maulte zwar, fügte sich aber.
Die Männer hatten einen Zwischenstopp in Rom geplant, weil Vitos Lieblings- Fußball-Verein „Inter Mailand“ dort am nächsten Tag gegen „AC-Rom“ spielte. Da die Vier erst um Mitternacht dort ankamen, und die Brüder sich in Rom auch nicht auskannten, fuhren sie kreuz und quer durch die Stadt, auf der Suche nach einem günstigen Hotel.
Einer zivilen Polizeistreife war die Rumfahrerei aufgefallen, weil sie mehrmals im Kreis gefahren waren. Plötzlich überholte sie ein dunkler Wagen und die Kelle mit dem roten Stopp-Signal befahl ihnen zu halten.
Ute verstand zwar das Wort „Policia“ aber sonst nichts, von der hektischen Diskussion. Der jüngste Bruder, der am Steuer saß, versuchte den Zivil-Polizisten das Verhalten zu erklären. Dennoch mussten alle aussteigen.
Als die Beamten Vito, sahen, richteten beide Polizisten ihre Pistolen auf Vito und befahlen ihm sich breitbeinig an eine Hauswand zu stellen. Die beiden Brüder und Ute blieben unbeachtet. Nachdem die Beamten Vito abgetastet, und gründlich durchsucht hatten, durften alle wieder einsteigen. Dann loste die Polizei die Vier zu einem einfachen Hotel.
Der Schreck saß ihr noch lange in den Gliedern darüber, dass die Polizei ihren Lebensgefährten wie einen Verbrecher behandelt hatte, aber die beiden Brüder unbeachtet gelassen hatten. Warum war ihr zu der Zeit noch nicht klar.
Das Fußball-Spiel am nächsten Nachmittag war ein besonderes Erlebnis für Ute, obwohl sie sich nie für diesen Sport interessiert hatte. Aber für die Italiener war dieser Sport heilig. Es wunderte Ute sehr, dass an einem normalen Sonntag-Nachmittag das Stadion, mit einem Fassungsvermögen von Achtzigtausend, bis zum letzten Platz ausverkauft war. Deshalb musste Vito viel Überredungs-Kunst aufbringen, um noch vier Karten zu bekommen, und in letzter Minute rein gelassen zu werden.
Als einzige „Inter-Mailand-Fans“ saßen die Vier dann zwischen den ganzen Römern, die drohend aufsahen, als die Vier bei einem Tor von Inter jubelnd aufsprangen. Zum Glück gewannen die Römer dieses Spiel.
Als sie das Stadion verließen begann es zu regnen. Voller Staunen sah Ute mehrere Regenschirm-Verkäufer am Ausgang stehen, die verschiedene Schirme anboten. Die Schnelligkeit, mit der diese Verkäufer, wie aus dem Boden gewachsen, ihr Geschäft wahr nahmen, fand Ute sehr bewundernswert.
Das Gesamterlebnis: Fußballspiel in Rom blieb ihr unauslöschlich im Gedächtnis.
In dieser Nacht in Rom wurde sie schwanger.
Die Nachricht ihrer Schwangerschaft nahm Vito mit seltsamer Reaktion auf, er fragte, ob sie denn nach so langer Pause ein Kind wolle, schließlich sei ihr jüngstes Kind schon Vierzehn. Sie war so enttäuscht über diese Frage, dass sie sich unschlüssig gab, sodass beide sich nicht gleich darüber im Klaren werden konnten, ob sie das Kind haben wollten.
Weil Vito während der Schwangerschaft sein Hin-und Her beibehielt, überlegte sie bald abzutreiben, denn sie zweifelte inzwischen an einer gemeinsamen Zukunft, weil ihre Vernunft wieder erwachte. Weil es Niemand gab, mit dem sie hätte reden können, der sie hätte beraten können, fühlte sie sich hilflos und verlassen.
Zu allem Überfluss wandte sich sogar ihre Mutter von ihr ab, weil sie das „Kind von so einem Verbrecher“ austragen wollte. Beistand und Trost erhielt sie nur von ihrer damals einzigen Freundin Annette.
Deshalb war die Schwangerschaft eine nervige Zeit für sie, geprägt von Angst vor der Zukunft und Hass auf alles was ihr das Leben schwer machte. Sie hatte keinerlei Halt wurde von Hoffen und Bangen hin und hergerissen. Sie war allein gelassen, nur auf sich gestellt und hatte nur eine Zuhörerin und tröstliche Ratgeberin, ihre Freundin Annette.
Vito wohnte zu der Zeit mal wieder bei seiner Ehefrau, hielt aber heimlich den Kontakt zu Ute aufrecht. Als diese davon Wind bekam klingelte die eines Morgens bei Ute Sturm. Und damit hörte sie nicht auf, bis Ute endlich ans Fenster kam.
„Schick meinen Mann raus, ich weiß dass er bei dir ist. Ihr könnt mich doch nicht verarschen. Wie dumm bist du eigentlich? Glaubst du wirklich, dass es Liebe bei ihm ist? Ha, da lache ich mich ja tot. Der ist doch nur wegen dem Casino bei dir, weil du die Beziehungen hast. Wenn er dich mal nicht mehr braucht ist der sowieso weg. Also schick ihn raus, oder lass mich rein, dann hol ich ihn aus dem Bett. Ich weiß, dass er sich vor mir versteckt, der Feigling.“ Schrie sie so laut, dass es die ganze Nachbarschaft nicht überhören konnte.
„Schrei doch nicht so du dumme Kuh! Ist es dir egal wie du dich damit blamierst? Die ganze Nachbarschaft kann hören, dass du irre bist! Geh nach Hause, oder zur Arbeit, in deine Fischbude.“ Knurrte Ute zornig. Als diese jedoch nicht aufgab, ging Ute raus um die Randerliererin zur Ruhe zu bekehren. Aber als die Utes kleines Bäuchlein sah, das den Zustand schon deutlich zeigte, schrie sie um so lauter: „Was? Du bist schwanger? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Willst du allen Ernstes von meinem Mann ein Kind kriegen? Damit er sich auch um das Kind genauso wenig kümmert wie um unsere Tochter? Wie kann eine Frau in deinem Alter noch so blöd sein?“
Sie machte Ute damit klar, dass mit ihr kein vernünftiges Gespräch möglich war, also schlug Ute ihr die Haustür vor der Nase zu, und ging rein. Noch lange schrie die verlassene Ehefrau, denn sie war noch zorniger, seit sie um Utes Zustand wusste.
Noch am gleichen Tag entschloss Vito sich, das Versteckspiel zu beenden, holte seine Sachen, und zog ganz selbstverständlich wieder bei Ute ein. Sie war glücklich darüber, denn endlich hatte er sich für das Kind und ihre gemeinsame Zukunft entschieden.
Sein wahres Gesicht
Als die Schwangerschaft deutlich sichtbar wurde, zeigte Vito seine negativen Seiten. Anstatt liebevolle Anerkennung und Behandlung untersagte Vito ihr plötzlich den Zutritt zu ihrem Geschäft. Obwohl sie beide Inhaber waren, hatte sie somit keinerlei Einblick mehr in das Geschehen. Sie musste hinnehmen, was er ihr über Gewinn oder Verlust erzählte. Noch dazu hielt er sie finanziell sehr knapp, sie hatte gerade das Nötigste zum Leben.
Wenn sie rebellierte ohrfeigte und beschimpfte er sie vor allen Leuten. Er behandelte sie wie seine Sklavin. Und sie war völlig hilflos. Zum ersten Mal im Leben hatte sie nicht den Mut sich zur Wehr zu setzen, denn seine Brutalität kannte sie schon. Sie war einmal zugegen gewesen, als er einen Randalierer zusammen geschlagen hatte, und als der schon kampfunfähig am Boden lag, noch zusammen getreten hatte. Zwar hatte dieser Mann es verdient, aber diese rücksichtslose Härte, einen Gegner, der schon außer Gefecht war, brutal zusammen zu treten, fand sie sehr erschreckend.
Nun traf sie die gleiche Härte, und versetzte sie in Angst.
In dieser Zeit entstand so ein abgrundtiefer Hass in ihr, dass sie ihm heimlich den Tod wünschte. Zudem wuchs in ihr die Angst, dass sie das Kind ebenfalls hassen könne, weil es dem Erzeuger ähnelte und sie dann auch in Hass- Gefühle versetzen werde.
Zwischenzeitlich versank sie in Depressionen, weil Vito ihr klipp und klar erklärte, dass es ein ungeschriebenes sizilianisches Gesetz sei, dass der Mann allein bestimme, was seine Frau dürfe und was nicht. Das werde er ihr jetzt beibringen. Das bedeutete für sie, dass sie ihn nicht wieder los werden könne, was eine düstere Zukunfts-Aussicht war.
In dieser depressiven Zeit reifte in ihr jedenfalls der Entschluss, das Kind zur Adoption freizugeben, denn sie wollte das Kind nicht alleine groß ziehen, weil sie hoffte, wenn sie keine Kind von ihm hätte, dann nicht mehr diesen brutalen Mann im Nacken zu haben. Nur die Adoption erschien ihr als Garantie geeignet, endlich wieder ein freies, selbstbestimmtes Leben führen zu können.
Das resultierte auch aus den Meinungen einiger bekannter Leute, die sagten, Vito habe sich mit der Schwangerschaft die Aussicht geschaffen, sie durch ein Kind unter totaler Kontrolle zu halten, sodass er sie geschäftlich nützen könne, um endlich finanziell weiter zu kommen.
Sie gab sich die größte Mühe, diese Probleme von ihren Kindern fern zu halten. Da Ramona nicht bei ihr wohnte, bekam sie von den Dramen sowieso nichts mit. Aber ihren Sohn betrafen die Ereignisse dann doch.
Zu ihrer finanziellen Knappheit kam auch noch eine hohe Nachzahlung meiner Heizkosten- Abrechnung, die brachte sie in echte Schwierigkeiten, sodass sie überlegte, wie sie die Kosten reduzieren könne. Als dann ihr Sohn auch noch neue Kleidung und Geld für die anstehende Klassenfahrt brauchte war sie überfordert.
Vito um mehr Geld zu bitten, sparte sie sich, denn er hatte schon vorher gemeckert, dass die Internatskosten unnötig seien, schließlich gäbe es hier auch Schulen. Wenn sie ihn fragte, würde er sie auslachen, das war ihr klar. Aber sie benötigte Hilfe.
Denn es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Ausgaben zu kürzen wo immer es möglich war. Der Leittragende würde leider ihr Sohn sein, weil das der größte Posten in ihren monatlichen Ausgaben war. Also war sie gezwungen, Rene kurzentschlossen von dem Internat nehmen, weil sie die Fünfzehnhundert Mark monatlich dafür nicht mehr aufbringen konnte. In letzter Not rief sie Renes Vater an, erklärte ihm die Misere, und bat ihn um seine finanzielle Beteiligung.
Knallhart erwiderte dieser, das ginge ihn alles nichts an, er richte gerade seine Wohnung ein, und das sei wichtiger. Denn schließlich hätte sie die alleinige Sorgepflicht, außerdem sei das ja in dem Scheidungs-Urteil so geregelt, dass sie gegenseitig auf Unterhalt verzichtet hatten.
Die Bedürfnisse seines Sohnes waren also unwichtig? Nach diesem Telefonat war sie endgültig mit ihrer Geduld am Ende. Sie holte sich Rat bei dem zuständigen Jugendamt.
Nachdem der Beamte sich ihr Anliegen angehört und das Scheidungsurteil gelesen hatte, sagte er: „Nein, so geht es ja wohl nicht. Der gegenseitige Unterhaltsverzicht, der nach dem damaligen Scheidungsrecht von Ihnen vereinbart wurde, gilt nur für Sie und Ihren Ehemann. Für Kinder können Eltern nicht auf Unterhalt oder zum Beispiel auf ein Erbe verzichten. Das geht nach unserem deutschen Gesetz nicht. Natürlich muss Ihr geschiedener Mann Unterhalt für seinen Sohn zahlen. Nicht für Ihre gemeinsame Tochter, weil die in der Ausbildung ist und auch nicht bei Ihnen wohnt. Wenn Sie wollen nehmen wir die Sache mal in die Hände. Denn mir scheint, das geht nur mit einer Klage beim Familiengericht, und das ist für Sie kostenlos. Das Jugendamt vertritt in dem Falle Ihren Sohn.“
Erleichtert stimmte sie zu. Also nahmen die Dinge ihren Lauf.
Zornige Vorwürfe und Undank
Eines Tages stürzte ihr Sohn wie ein Wilder zur Tür hinein und beschimpfte sie wütend: „Was fällt dir ein, in meinem Namen meinen Vater zu verklagen? Dazu hast du kein Recht! Mach das sofort rückgängig! Sie will das nicht!“
Wie ein Racheengel stand er vor ihr, mit vor Wut verzerrtem Gesicht, sodass sie den Eindruck hatte, er könne jeden Moment auf sie losgehen.
„Also erst einmal ein anderer Ton bitte, mein Junge. Du sprichst mit deiner Mutter, nicht mit deinesgleichen. Und danach können wir uns in Ruhe unterhalten.“ Versuchte sie Ruhe zu bewahren.
„Nein“, schrie er sie aufgebracht an: „Ich verlange, dass du die Klage sofort zurückziehst. Mein Vater hat kein Geld, der richtet gerade seine Wohnung ein, der kann dir kein Geld geben. Und außerdem braucht der auch keinen Unterhalt für mich zu bezahlen. Das hat er schriftlich. Also lass das sein!“
Immer noch in ruhigem Ton erwiderte sie: „Ich glaube davon verstehst du nichts, Rene. Aber ich will es dir trotzdem erklären. Nicht ich habe diese Klage verfasst, sondern das Jugendamt. Und da das Jugendamt die Kinder bei Unterhaltsklagen nur vertritt, wird die Klageschrift im Namen des Kindes verfasst. Das ist normales deutsches Recht. Ich könnte das also gar nicht zurückziehen. Und jetzt reg dich mal ab!“
„Ich glaube dir kein Wort. Du willst nur einen Keil zwischen uns treiben, weil es dir nicht passt, dass ich zum Papa ziehe, sobald er seine Wohnung fertig hat. Aber das schaffst du nicht!“ sagte er zornig, er war nicht zu beruhigen.
Utes Geduldsfaden riss, energisch erklärte sie ihrem Kind: „Wohin du ziehst oder nicht, das bestimme allein ich, mein Sohn! Jetzt ist aber Schluss mit lustig. Was fällt dir denn ein, dich in Sachen einzumischen, die du noch nicht verstehst? Dein Vater ist für dich Unterhaltspflichtig. Punkt. Dass er keine Wohnung hat, und jetzt alles neu kaufen muss, ist allein seine eigene Schuld, deshalb müssen doch nicht alle anderen Leute für den Scheiß bezahlen, den er selbst verschuldet hat! So, und jetzt ist Schluss, ich hab die Nase voll von sinnlosen Diskussionen. Geh in dein Zimmer.“
Widerspenstig blieb er stehen und sagte nachdrücklich: „Ich werde dem Richter sagen, dass ich zu meinem Vater ziehen will, und dann musst du nämlich Unterhalt bezahlen. Darauf kannst du dich verlassen!“
Sie schüttelte den Kopf, wollte dem Jungen den Wind aus den Segeln nehmen, und versuchen doch noch eine Basis zu finden: „Rene, das geht doch gar nicht. Vergiss es. Ich kann doch gar keinen Unterhalt bezahlen, dazu müsste ich doch ein geregeltes Einkommen haben. Und das hab sie ja nicht.“
Voller Hass zischte der Kleine: „Ha ha, dann werde sie verraten, dass du an dem Casino beteiligt bist. Du wirst sehen, dann musst du zahlen.“
Fassungslos über die abgrundtiefe Gehässigkeit die ihr der eigene Sohn entgegen schleuderte, starrte sie ihn an, holte tief Luft und entschied: „Pack deine Sachen, und ruf deinen Vater an, er soll dich jetzt sofort abholen. Sie werde dich nicht aufhalten! Aber geh noch heute!“
Ute setzte sich vor den Fernseher, und obwohl sie vor lauter Tränen nichts sah, und auch gar nicht verstand was dort lief, hörte sie nur nach kurzer Zeit, die Etagentür ins Schloss fallen.
Als sie sich endlich aufraffen konnte, ins Kinderzimmer kam, konnte sie in den offenen leeren Schrank ihres Sohnes sehen.
Auch Ramona konnte ihren Bruder nicht verstehen, aber sie war sich sicher, dass Rene den Wechsel bald bereuen werde.
„Beim Papa hat er es bestimmt nicht so gut wie bei dir. Der erste Krach wird nicht lange auf sich warten lassen.“ Meinte sie.
„Das ist seine Sache, zu mir kann er nicht wieder zurück kommen. Mit fast vierzehn Jahren ist man alt genug um mit mehr Verstand zu handeln und seiner Mutter Respekt entgegen zu bringen. Wie er mit mir gesprochen hat, das habe sie nicht verdient. Damit hat er sich alles verscherzt.“ Sagte sie hart, und sie versuchte zu verstecken, wie weh ihr die Sache tat.
Mit ihrem Exmann einigte sie sich letztendlich, dass er anstatt seiner Unterhalts- Zahlung für die vergangen vier Jahre, nun den alleinigen Unterhalt für den Sohn für die nächsten vier Jahre übernehmen würde.
Aber Utes Tochter hatte eigene Interessen, deshalb ließ sie das Thema auch schnell fallen. Sie kam umgehend auf ihre eigenen Probleme zu sprechen, denn nun war das Zimmer ihres Bruders frei geworden, was ihr gerade recht kam.
Sie berichtete, dass sie, gleich nach Beendigung der Ausbildung gekündigt wurde. Offenbar hatte ihr Arbeitgeber keine Verwendung mehr für sie. Nun sei das Geld noch knapper, da ihr Arbeitslosen-Geld nach dem Lehrgeld berechnet würde. Weil es nur noch Krach mit den Großeltern gab, wolle sie gerne zu ihrer Mutter kommen. Renes Zimmer sei ja nun frei.
Natürlich stimmte sie sofort zu, denn da Vito mal wieder bei seiner Ehefrau war, kam ihr der Wunsch gelegen. In den letzten Monaten der Schwangerschaft würde sie froh sein, nicht alleine zu sein. Eine erwachsene Tochter kam ihr als Unterstützung ganz recht. Sicher hatte Ramona ihre frühere Gemütlichkeit durch das Berufsleben längst abgelegt. So sah Ute einem Zusammenleben erfreut entgegen.
Wie man sich im eigenen Kind irren kann, durfte sie dann erleben. Ramonas Gemütlichkeit war reine Faulheit, was wohl charakterlich bedingt war. Sie hatte sich nicht nur kein bisschen verändert, sondern war auch noch anspruchsvoll und total egoistisch geworden. Die Großeltern hatten die Erziehung ihrer minderjährigen Enkelin völlig vernachlässigt. Man hatte diese zwangsläufig übernommene Pflicht in den Keller abgeschoben, im wahrsten Sinne des Wortes.
Leider musste sie Ute nun unter der mangelnden Erziehung leiden. Die schlimme Schlampigkeit ihrer Zwanzigjährigen Tochter ging ihr total gegen die Natur. Obwohl Ramona nicht arbeitete, hielt sie aufräumen und saubermachen für überflüssig. In ihrem Zimmer sah es aus wie Kraut und Rüben. Das Bett nicht gemacht, ihre benutzen schmutzigen Kleider flogen alle auf Sessel und Erde rum, sogar ihre schmutzigen Slips lagen mitten im Zimmer. Aber was Ute als besonders abartig empfand war, dass ein großer offener Aschenbecher mit Kippen tagelang stehen blieb.
Wenn „Madam“ denn mal zu Hause war, protestierte sie. Denn sie war ständig „auf der Rolle“. Die Nächte schlug sie sich immer um die Ohren, und wenn sie nach Hause kam, schlief sie. Sie schloss sich in ihrem Zimmer ein, damit Ute sie nicht weckte. Alles Reden half nicht. Das sah Ute sich nur ein paar Wochen an, dann war ihre Geduld zu Ende.
Eines Tages kassierte Ute den Zimmerschlüssel ein, sodass Ramona sich nicht mehr einschließen konnte, und marschierte am Vormittag in das Zimmer.
„Was soll das, Mutti? Geh raus, lass mich schlafen!“ verlangte Ramona unwirsch.
Gelassen zog Ute die Rollos hoch, sodass Tageslicht in das Zimmer fiel, und befahl energisch: „Nein, du stehst jetzt auf und machst deinen Saustall hier sauber. Deine Schlamperei mach ich nicht länger mit. Und danach machst du dich auf den Weg zum Tageblatt, und suchst dir eine eigene Wohnung. Hier ist Schluss! Los, beweg dich!“
Anfangs maulte Ramona, sie habe nicht genug Geld, worauf Ute ihr empfahl sich Arbeit zu suchen. Dass sie dazu keine Lust hatte, war schon deshalb nicht zu übersehen, weil sie ein Angebot von Vitos Freund ablehnte, in dessen Eiscafe zu kellnern. Aber der Nebenverdienst interessierte sie nicht. Zu so einer Arbeit habe sie keine Lust, war ihre klare Antwort, sie sei keine Kellnerin, sie habe einen Beruf erlernt. Irgendwie erinnerte Ute die Einstellung ihrer Tochter an deren Vater. Impertinent ohne eine Mark in der Tasche.
„Hochmut kommt vor dem Fall!“ erwiderte Ute nur. „Dann sieh zu wie du mit der wenigen Kohle auskommst.“
Dennoch half Ute ihr bei der Wohnungs-Suche, sowie anschließend bei der Einrichtung des Apartments und ebenso bei den Anträgen für eine höhere Arbeitslosen-Unterstützung.
Letztlich war Ramona dann doch glücklich eine eigene kleine Wohnung zu haben, und diesen Vorteil genoss sie auf jegliche Art und Weise.
Auch Ute konnte feststellen, dass es besser für sie war, alleine zu leben, denn so belastete sie niemand mehr. Der Nachteil, dass sie Vito ständig um Geld anbetteln musste, obwohl das Casino, das er alleine betrieb, ihr zur Hälfte gehörte, blieb ihr allerdings erhalten. Es gab nur eine Person, die ihr mit Rat und Tat zur Seite stand, ihre Freundin Annette. Ihre Familie hatte sie abgeschrieben.
Ihre eigene Mutter hatte Ute schon ihre Tür verschlossen, als sie erfuhr, dass sie das Kind, „von diesem Verbrecher“ bekommen würde. Utes Schwester und ihr Mann hatten sich, gleich zu Anfang, wegen Vito zurückgezogen, Utes Sohn und Tochter gingen ihre Wege ohne sie, beziehungsweise gegen sie. Die ehemals beste Freundin war mit ihrem neuen Partner nach Spanien gegangen, und mit Jugendfreundin Beate war der Kontakt schon lange eingefroren.
Blieb nur Annette. Sie hielt treu zu Ute, lieh ihr immer das Ohr, und gab ihr das Gefühl, nicht ganz verlassen zu sein. Aber vor allen Dingen hatte Annette vollstes Verständnis für Ute, nämlich dafür, dass sie das Kind nicht behalten, sondern gleich nach der Geburt zur Adoption freigeben wollte. Ihre verständnisvolle Zustimmung erleichterte Utes Gewissen.
Ablenkung vor Schwangerschaftsende
Weil Ute sich von ihrer frustrierenden Situation ablenken wollte, überlegte sie sich, ihre Wohnung zu renovieren, denn nach Ramonas Auszug wollte sie in Renes ehemaligem Zimmer ihr Schlafzimmer machen.
Natürlich lehnte Vito ihre Frage nach Geld für die Renovierung rundweg ab. Er schimpfte, er habe genug geschäftliche Probleme, wisse nach der Casino-Schließung nicht wie es weitergehen solle, deshalb könne sie sich die Beteiligung sowie weitere Unterhalts-Zahlungen abschminken. Sie wagte nicht zu widersprechen. Denn sie war froh, dass er ihr das nur telefonische erklärte, weil er sonst sicher wieder zuschlagen würde.
Aber aufgeben war für Ute keine Option, sie wollte sich von den trüben Gedanken ablenken und sich wenigstens ihre Wohnung gemütlich und frisch machen.
Also fuhr sie ins nächste Pfandhaus und belieh ein paar Stücke ihres Weißgold-Schmuckes, der eh nur im Schrank lag.
Sie war kaum zurück als ihr Sohn plötzlich vor der Tür stand und verlegen fragte, ob er reinkommen dürfe.
Ihr Erstaunen, dass Rene es nicht lange ohne sie zu sehen, ausgehalten hatte, ließ sie sich nicht anmerken, sondern knurrte ärgerlich: „Welch eine dumme Frage, natürlich darfst du reinkommen. Du bist doch mein Sohn, und das wirst du auch immer bleiben!“
Sie waren beide erleichtert, ohne sich das anmerken zu lassen.
Mit Rene besprach sie dann ihr Renovierungs-Vorhaben, was er sehr gut fand. Also nahm sie ihn mit die Tapeten und Teppichböden zu kaufen, und tat so, als ließe sie sich von ihm beraten. Allerdings durchschaute ihr Sohn sie, und meinte: „Mutsch, halt mich doch bitte nicht für so naiv, dass sie nicht weiß, dass du das eh alleine entscheidest. Aber ich gebe zu, dass du einen guten Geschmack hast.“
Da sie bereits im siebten Monat war, benötigte Ute natürlich nicht nur Hilfe beim Tapezieren, sondern auch beim ein- und ausräumen. Eine Freundin empfahl ihr ihren Bekannten, der zu der Zeit arbeitslos war. Sie sagte, er sei sehr geschickt und habe auch schon viel Erfahrung mit tapezieren, außerdem sei er sehr hilfsbereit und fleißig. Und beim Umräumen würde sie gerne mithelfen.
So hatte Ute die nächsten drei Wochen alle Hände voll zu tun und war abends so müde, dass sie keine Energie mehr hatte, über meine Misere nachzudenken. Von Vito hörte und sah sie nichts, was ihr recht angenehm war, da sie noch kein Geld benötigte, rief sie ihn auch nicht an.
Als alles fertig war, war aus Renes Kinderzimmer ein geräumiges Schlafzimmer geworden. Der ehemalige Schlafraum wurde zum zweiten Wohnzimmer, weil der große Durchbruch zwischen den beiden Räumen vorher immer nur durch einen schweren Vorhang zu verschließen gewesen war. Den Vorhang entfernte sie einfach. Ihre große 4 Zimmer-Wohnung war perfekt eingerichtet und gehörte nun ihr allein.
Leider fühlte sie sich auch sehr allein, denn die seltenen Besuche ihrer beiden Kinder konnten ihre Einsamkeit immer nur kurz verscheuchen.
Da Annette eine nächtliche Arbeit in dem neuen Kartencasino hatte, hatte sie seltener Zeit für Ute, jedoch konnte Ute ihre Freundin jederzeit auf der Arbeit besuchen, was natürlich nicht das Gleiche war. Aber das hielt Ute wenigstens so lange nachts wach, bis sie müde genug war, um sofort einzuschlafen und nicht wieder grübelnd im Bett zu liegen.
Jedoch blieb Utes Leben war leer und einsam, und sie verfluchte den Tag an dem sie sich mit diesem Brutalo eingelassen hatte. Langsam aber sicher glaubte sie die ganzen üblen Gerüchte, dass er ein Mafioso sei, oder zumindest nach deren Vorbild handelte. Die Erkenntnis machte Ute noch ängstlicher und erzeugte noch tieferen Hass in ihr.
Dann erfuhr sie, dass Vito ihren alten Laden wieder aufgemacht hatte, und weil das Geschäft Konkurrenzlos war, dort sehr guten Zulauf verzeichnen konnte. Also war er verpflichtet ihr wieder Unterhalt zu zahlen, denn immerhin gehörte ihr dieser Laden noch zur Hälfte. Weil ihre Finanzen bis auf ein paar Mark zusammen geschmolzen waren, rief sie ihn an und verlangte ihren Teil.
Nach ein paar Tagen, in denen sie nichts von ihm gehört oder gesehen hatte, wurden ihre Anrufe nicht mehr angenommen. Also rief sie so oft im Casino an, bis sein Bruder ans Telefon kam, der ihr sagte: „Lass bitte das ständige Anrufen sein, du weißt doch genau, dass es das Spiel stört, und dass es Vito nur wütend macht!“
Natürlich konnte sie nicht aufgeben, denn ihre Mittel waren am Ende und von irgendetwas musste sie ja schließlich leben.
Am nächsten Mittag klingelte es Sturm und Minuten später flog Vito fast durch die geschlossene Wohnungstür, schlug ihr, noch in der Diele, ins Gesicht und schrie sie an: „Du dämliche Fotze, sei froh dass du einen dicken Bauch hast, sonst würde ich dich am Boden fest treten, aber wage es nicht noch einmal das Spiel zu stören. Mein Bruder wird dir in Zukunft die nötigste Kohle bringen, solange du das Kind in dir hast.“
Dabei warf er ihr ein paar Hunderter vor die Füße, drehte sich auf dem Absatz rum und ging.
Tränen des Schams und Zornes flossen über ihre brennende Wange und als sie vor den Spiegel trat, sah sie, dass sich seine fünf Finger in ihrem Gesicht abgemalt hatten. Während sie die Wange kühlte dachte sie voller Rachegefühle >irgendwann wirst du das Echo für alles kriegen, was du mir angetan hast- da bin sie ganz sicher<!
In der 36. Schwangerschaftswoche besuchte sie ihre Tochter, und ausgerechnet dort platzte meine Fruchtblase. Genau in dem Moment erschien zufällig Utes Mutter. Ob sie erstaunt oder erfreut war, die Tochter nach so langer Zeit zu sehen, konnte man ihr nicht anmerken. Sie riet Ute nur, kurz und knapp, am besten in der Klinik anzurufen.
Es war der 24. November. Für die Geburt war es eigentlich vier Wochen zu früh, denn der Termin war auf den 26. Dezember errechnet worden. Also kein Weihnachtskind? Ute war so überrascht, dass sie nicht wusste ob sie sich freuen oder ängstigen sollte. Fest stand jedoch, dass es mit der Geburt nicht mehr lange dauern konnte.
Bei dem Anruf in der Klinik sagte man ihr, sie möge sich schnellstens auf der Wöchnerinnen -Station melden. Ramona fuhr ihre Mutter mit ihrem Auto, erst nach Hause, die fertig gepackte Reisetasche holen, dann zur Klinik. Man wies Ute ein Bett zu, und Ramona verabschiedete sich freudig, denn nun konnte sie eine Woche mit Mutters Auto unterwegs sein.
Weil die Lungen des Säuglings noch nicht ausgereift waren, musste Ute Tabletten nehmen, wodurch die Geburt verzögert werden sollte.
Da lag sie nun, viel zu früh als erwartet in der Klinik und konnte doch froh sein, dass diese schlimme, unbewegliche Zeit endlich vorbei war. Obwohl sie sich eigentlich schon auf die Zeit danach vorbereiten konnte, denn nach der Geburt wäre sie doch endlich frei, war sie trotzdem seelisch am Ende.
Statt Pläne zu schmieden was sie alles wieder machen wollte, hatte sie das heulende Elend. Ihre Energie und Unternehmungslust waren blockiert, dabei musste sie sich doch gar nicht dem Säugling widmen? Den wollte sie doch sowieso abgeben. Warum heulte sie also?
Ihre Freundin Annette war ihre telefonische Dauer-Gesprächspartnerin, Annette versuchte sie aufzurichten und ihr Mut zu machen. Sie wurde nicht müde mir immer wieder die gleichen positiven Antworten auf Utes immer gleichen bangen Fragen zu geben. Was soll sie machen? Was wird ihre Zukunft bringen?
In einer Gesprächspause rief Vito an, und beschimpfte sie, weil er von ihren Adoptions-Plänen erfahren hatte. Weiß der Teufel von wem. Schnell legte sie den Hörer auf.
Das war der Moment in dem die Oberschwester ins Zimmer kam, die mit sicherem Blick sofort Utes nervlichen Zustand erkannte, deshalb fragte sie, ob sie ihr helfen könne. Ute vertraute sich ihr an, dass sie keinen anderen Ausweg sähe, als das Kind abzugeben. Die Schwester war sofort hilfsbereit, und ließ Ute in ein Einzelzimmer verlegen.
Ute war der Oberschwester der Ordens-Klinik sehr dankbar für die liebevolle und verständnisvolle Behandlung, die die Schwester ihr zukommen ließ. Auch weil sie anordnete, dass der Portier niemand, ohne Utes Zustimmung, zu ihr lassen dürfe, sodass bereits am Eingang unerwünschte Besucher abgewiesen wurden.
Mit der Unterstützung der Oberschwester, konnte Ute dann die Adoptions-Maßnahme einleiten. Schwester Barbara half, indem sie das städtische Jugendamt verständigte.
Bei der Unterhaltung mit dem Beamten des Jugendamtes musste Ute alle bisherigen Vorurteile gegen diese Behörde korrigieren, denn der Mann behandelte sie mit Feingefühl und Respekt. Am Ende des Gespräches unterschrieb Ute eine vorläufige Erklärung, dass sie gewillt war, das Neugeborene zur Adoption freizugeben.
Er klärte Ute darüber auf, dass sie nach der Geburt noch sechs Wochen Zeit zum Überlegen hatte, und dass er sich darum kümmern werde, dass sie den Säugling gar nicht zu sehen bekäme. Diese Versprechen sollten Ute wohl beruhigen. Sie bedankte sich zwar, aber beruhigt war sie keineswegs.
Drei Tage lang konnte sie nichts anderes tun, als weinen. Sie war nervlich, seelisch und moralisch am Ende. Fast den ganzen Tag telefonierte sie mit ihrer Freundin Annette, was aber immer von Weinkrämpfen unterbrochen wurde. Nichts vermochte sie zu beruhigen oder gar zu trösten.
Als man ihr am dritten Vormittag die Medikamente brachte, nahm Ute die Tabletten einfach nicht mehr. Sie warf sie in die Toilette. Sie wollte nicht länger warten und sich quälen, sondern die Geburt beschleunigen. Schon drei Stunden später setzten die Wehen ein und Ute wurde in den Kreißsaal gebracht. Sofort nach der kurzen Untersuchung setzte der Arzt ihr die Narkose-Maske aufs Gesicht. Danach wurde es dunkel.
Als Ute erwachte war sie in ihrem Zimmer und lag sie in ihrem Bett. Der Raum war abgedunkelt und das Telefon hatte man ausgestöpselt. Dass alles vorbei war, konnte sie fühlen. Aber genau das, die fühlbare Leere in ihrem Bauch löste einen Weinkrampf bei ihr aus.
Als sie sich gefangen hatte, stöpselte sie den Telefonkabel wieder ein, und rief direkt bei Annette an. „Es ist vorbei, Annette, und ich habe keine Ahnung ob es gesund ist, ich habe es nicht gesehen.“ Berichtete sie unter Tränen.
Annette versuchte die Freundin zu trösten, redete ihr gut zu, als Ute auf lauten Tumult vor ihrer Zimmertür aufmerksam wurde. Ute glaubte Vitos Stimme zu hören, aber dann war es auch schon vorbei. Es wurde ein langes Gespräch mit der Freundin, dem noch eins mit ihrer Tochter folgte, sodass sie ein paar Stunden beschäftigt war.
Kaum hatte sie nach Ende ihrer Telefonate den Hörer aufgelegt, als das Gerät wieder läutete. Es war Vito, er schrie laut, beschimpfte sie, sie sei eine Rabenmutter, dann werde er seine Tochter zu sich nehmen, das habe er schon mit seiner Frau geklärt. Sie wären eben in der Kinderklinik gewesen und hätten die Kleine besucht. Ute war darüber sehr empört, kappte die Leitung und hatte einen Nerven-Zusammenbruch.
Die wachsame Oberschwester Barbara war schnell zur Stelle und gab Ute ein Beruhigungsmittel. Dann besorgte sie für Ute eine andere Telefonnummer bei der Zentrale des Krankenhauses und sorgte auch dafür, dass keine Gespräche zu ihr vermittelt wurden. So hatte sie für Utes Ruhe gesorgt und Ute konnte nur noch selbst raus telefonieren. Die Stations-Schwester war wie ein Schutzengel ganz besonderer Art für Ute.
Aber ihren Seelenfrieden fand sie trotzdem nicht. Immer wieder überfiel sie das heulende Elend, konnte sie den Gedanken nicht verscheuchen, dass sie ihr eigen Fleisch und Blut verschenken wollte. Sie hatte Schwierigkeiten das mit ihrem Gewissen zu vereinbaren.
Dabei überlegte sie, dass sie dem Säugling damit sicher etwas Gutes tun würde, weil es bei ihr in eine unsichere Zukunft gekommen wäre. Als uneheliches Kind einer alleinerziehenden Mutter sähen die Zukunftschancen des Kindes nicht gerade rosig aus. Vielleicht fände es bei gutsituierten Leuten eine bessere Zukunft und ein behütetes liebevolles Zuhause?
Gleich darauf fiel ihr ein, wer oder was gäbe ihr denn die Garantie, dass dieses Zuhause immer so sicher und gut behütet bliebe? Was wäre, wenn diese Adoptiveltern sich irgendwann scheiden lassen würden? Was passierte dann mit dem adoptierten Kind? Wäre es dann ebenfalls bei einem alleinerziehenden Elternteil? Und was, wenn keiner von beiden Eheleuten das Kind haben wollte?
Ute zermarterte sich das Gehirn mit dem Abwägen der Möglichkeiten. Es machte sie fertig. Auch Annette wusste darauf keine Antwort.
Am Montagvormittag rief sie als erstes den Sachbearbeiter des Jugendamtes an und berichtete von Vitos Besuch bei dem Säugling. Der Beamte war empört, versprach sofort in der Kinderklinik angerufen, und sich bei der Stationsschwester zu beschweren. Er werde dafür sorgen, dass so ein Fehler nicht noch einmal passieren werde.
Damit hatte sie zwar dem Erzeuger einen Riegel vorgeschoben, aber Utes Gewissen beruhigte auch das nicht. Sie quälte sich noch den ganzen Tag mit trüben Gedanken, bis sie endlich einschlief.
Am nächsten Morgen fühlte sie sich wie gerädert, wüste Träume hatten ihren Schlaf unruhig gemacht. Dann kam ihr ein Gedanke, den sie sofort in die Tat umsetzte. Sie rief ihre Mutter an, und bat um deren Besuch.
Obwohl Ute ihrer Mutter ansehen konnte, dass sie sich sehr unwohl fühlte, saß ihre Mutter dann, zwei Stunden später, an Utes Bett. Zwar erkundigte sie sich höflich nach Utes Befinden, aber es war ihr anzusehen, dass sie etwas Unangenehmes befürchtete.
Ihre Direktheit verdankte Ute dem Gen ihrer Mutter, deshalb fragte sie ohne Umschweife: „Sag mir bitte, Mutti, wie verkraftet es eine Mutter ihr Kind zu verschenken?“
Statt einer Antwort, weinte ihre Mutter. Sie brachte kein Wort heraus, nur ihr gequälter Blick sprach Bände.
Es war das erste Mal in Utes Leben, dass sie ihre Mutter, diese harte, starke Frau, weinen sah. Selbst als ihre eigene Mutter gestorben war, hatte sie keine Träne vergossen. Aber nun, nach mehr als vierzig Jahren, weinte ihre Mutter, bei dem Gedanken an ihren verlorenen Sohn, den sie zur Adoption freigegeben hatte.
„Entschuldige bitte, Mutti, sie wollte dir nicht weh tun. Schon gut, du musst mir nichts erklären, das war mir Antwort genug!“ sagte Ute während ihr die dicken Tränen übers Gesicht liefen.
Schnell erhob sich Utes Mutter, und stürzte wortlos hinaus.
Hoffnung auf Weihnachtskind
Entschlossen wusch Ute sich das Gesicht, zog sich an, und ging zum Schwesternzimmer. Sie bat Schwester Barbara die Klinik verlassen zu dürfen, bat um einen Urlaubsschein. Auf ihre Frage was sie vorhabe, erwiderte Ute: „Sie möchte zur Kinderklinik meine Tochter besuchen.“
Die Schwester umarmte sie spontan und sagte mit bewegter Stimme: „Gott sei Dank. Sich habe es gewusst. Ich hätte niemals glauben können, dass Sie ihr Kind abgeben. Ja, gehen Sie nur, Gott sei mit Ihnen!“
Auch Ramona war überrascht, als sie sie anrief. Aber als sie erfuhr was sie vorhatte, sagte sie: „Ich komme sofort.“
Es wunderte Ute nicht, dass auch Rene im Auto saß, als Ramona vorfuhr. Schweigend fuhren sie zu der entfernten städtischen Klinik, in der sich die Kinderklinik befand. Die Neugeborenen- Station der Klinik hatte eine Isolier-Abteilung in der nur die Frühgeburten lagen. Einige in Brutkästen, andere in Wärmebettchen, je nach Bedarf.
Vermutlich hatte Schwester Barbara ihre Kollegin telefonisch verständigt, denn die Besucher wurden gleich am Eingang dieses separaten Raums empfangen und darüber informiert, dass der Zutritt nur Ute gestattet sei. Ihre beiden Kinder konnten lediglich durch ein großes Fenster sehen, wie die Schwester Ute zeigte, wo ihr Baby lag.
„Julia“ stand auf dem kleinen Namensschild des Brutkastens, in dem ein mageres kleines Geschöpf halbnackt lag. Es war das Kind mit der dunkelsten Hautfarbe in dieser Abteilung, hatte einen fast schwarzen Cäsarkranz und lag ganz ruhig mit geschlossenen Augen in dem beleuchteten Kasten. An beiden Seiten dieses monströsen Gerätes waren runde Öffnungen, die mit Gummilaschen abgedichtet waren, durch die man hineingreifen konnte.
Ute stand wie erstarrt vor dem Gerät, schaute auf das winzige Geschöpf und schämte sich innerlich, dass sie so wenig Rücksicht auf das Geschöpf in ihrem Bauch genommen hatte. Ihr wurde klar, dass es ihre alleinige Schuld war, dass dieses Wesen so untergewichtig und klein war. Dicke Tränen der Reue rollten über Utes Wangen und sie nahm sich vor, ein Leben lang gut auf dieses Kind aufzupassen, und zu versuchen, ihre Versäumnisse wieder gut zu machen.
Es sah so zart und verletzlich aus, dass sie sich nicht traute ihre Hände in diese Öffnungen zu stecken, um es zu berühren.
Die Schwester kam näher, ermutigte sie: „Sie können sie ruhig anfassen, schauen Sie, sie mag es wenn sie gestreichelt wird.“ sagte die Schwester lächelnd, schob eine Hand in die Öffnung und streichelte dem Baby über den Bauch. Ein kleines Lächeln glitt über das Gesichtchen des Säuglings.
Die Schwester nickte mir zu und zog sich zurück.
Ganz vorsichtig schob Ute ihre Hand durch die Öffnung und streichelte, mit einem Finger, sanft über das kleine magere Händchen. Sofort griff die kleine Hand zu und umklammerte Utes Finger. Sie griff fest zu, öffnete die dunkelbraunen Augen, und drehte den Kopf in Utes Richtung, als suche sie es ihre Mutter.
Ute war zwar klar, dass die Kleine noch nicht klar sehen konnte, aber sie glaubte, dass sie es gefühlt hatte, dass es die Hand ihrer Mutter war, die sie festhalten wollte.
Wie lange sie weinend da gestanden hatte, mit fest umklammertem Finger, war ihr nicht bewusst, aber erst als die Kleine ihren Finger los ließ, kam ihr zum Bewusstsein, dass ihre beiden Großen auf sie warteten.
Nachdem die Schwester Ute erklärt hatte, dass sie öfters zum Windeln wechseln kommen solle, wenn sie wieder zu Hause sei, fragte Ute noch nach dem Gewicht der Kleinen. Ute erfuhr, dass sie viereinhalb Pfund wog, mit einundreißig Zentimeter Kopfumfang und achtundvierzig Zentimeter Körpergröße, also noch mindestens bis zum Entlassungsgewicht, von fünf Pfund, in der Klinik bleiben müsse.
Das kannte Ute ja schon von Ramona, die war genauso leicht gewesen, aber kein Frühchen. Das war ein gewaltiger Unterschied, denn dieses winzige Wesen, war vier Wochen zu früh, während Ramona sich noch zwei Tage nach dem Termin Zeit gelassen hatte.
Total aufgewühlt, aber auch erleichtert, verließ Ute die Station.
Da Ute auf der gleichen Straße, gegenüber dem städtischen Klinikum wohnte, wollte sie sich frische Kleidung für den Heimweg mitnehmen, deshalb gingen die Drei zusammen in Utes Wohnung.
Im Schlafzimmer bat Ute ihren Sohn: „Rene, hol doch mal bitte den Zollstock aus dem Werkzeugkasten und miss mal eben die freie Wand aus.“
Auf seine erstaunte Frage, wozu sie die Maße bräuchte, erklärte Ute: „Ich muss wissen ob da ein Babybettchen und eine Wickelkommode hinpassen.“
Ihr sonst so kühler Sohn, der sich Gefühlsregungen lieber verkniff, fiel seiner Mutter um den Hals und sagte weinend: „Gott sei Dank, Mutsch. Ich konnte auch nicht glauben, dass du unsere Schwester verschenken würdest.“
Wie sensibel ihr vierzehnjähriger Sohn war überraschte Ute dann doch, aber genauso erstaunt war sie über die gleichgültige Haltung ihrer zwanzigjährigen Tochter. Welch ein charakterlicher Unterschied.
Es war der abrupte Abbruch dieser monatelangen Mutter-Kind-Bindung, die keine Mutter einfach abschneiden kann. Denn diese Bindung ist nicht mit der Geburt plötzlich zu Ende, das musste Ute erkennen.
Dann das Gespräch mit ihrer Mutter hatte das Übrige dazu getan, dass Ute den Adoptions-Auftrag zurückzog. Sie nahm ihre Tochter an, und gab ihr den Namen, Romina -Francesca.
Nun war sie auf Vitos finanzielle Hilfe angewiesen, denn sie hatte keinerlei Baby-Ausstattung und auch nicht die nötigen finanziellen Mittel. Also musste sie sich zwangsläufig wieder mit Vito vertragen, obwohl er derzeit mal wieder bei seiner Frau wohnte.
Zwar war ihr nicht klar woher er von ihrer Entscheidung wusste, aber diese Entscheidung veränderte seine Einstellung. Er ließ Ramon anfragen, ob er sie besuchen dürfe. Das kam für ihre veränderte Lage gerade passend.
Nachdem er sich bei der Stations-Schwester entschuldigt hatte, ließ Schwester Barbara ihn zu ihr vor.
Vito war liebevoll und sanft, ganz stolzer Vater. Er brachte ihr Blumen und Pralinen mit, fragte wie sie seine Tochter nennen wolle, und freute sich wie ein Kind als sie ihre Entscheidung verkündete: „Romina Viktoria!“ Denn ihre Macke, dass die Namen ihrer Kinder mit R beginnen mussten hatte sie auf die Art, den zweiten Namen mit Vitos verbunden.
Dann machte er sich Gedanken über die Anschaffung, die er für seine Tochter natürlich bezahlen werde. Er versprach Ute, mit ihr einkaufen zu gehen, sobald sie aus dem Krankenhaus entlassen, und zu Hause sei.
Tatsächlich hielt dieser Mann einmal sein Versprechen, und ging mit ihr Babysachen einkaufen. Sogar Bettchen, Kinderwagen und Wickelkommode schleppte er heran, innerhalb weniger Tage war die Babyausstattung komplett. Nichts fehlte. Er war so glücklich, dass er alles kaufte, von A bis Z, was ein Säugling braucht.
Er ging sogar mit mir so viel Lebensmittel einkaufen, dass sie für Wochen Vorrat hatte.
Als sie an dem Tag vor Heilig Abend die Kleine aus der Kinderklinik holten, versprach Vito zum Abschied, dass er die Weihnachtstage bei ihnen verbringen werde.
Ute sah ihn an keinem der Tage, erst Wochen später, als sie um Geld fragen musste. Und seine Reaktion war genauso brutal ablehnend wie vorher. Der gleiche Kampf ging wieder weiter. So hatte sie sich das nicht gedacht, denn seine Versprechungen hielt er mal schon wieder nicht ein.
Weil Ute wegen dem Kleinkind nicht arbeiten konnte, war die nächste Zeit wieder von ewigem Geldmangel geprägt. Was ihrem Peiniger natürlich nur Recht war. So verwaltete und verzockte er weiterhin ihr gemeinsames Geld, ohne dass Ute sich dagegen wehren konnte.
Aber aufgeben wäre gegen ihre Natur gewesen, also grübelte Ute ständig, wie sie die Lage verändern könne.
Überraschung wird zum Überlebenskampf
Bei allem Glück, das sie empfand, die süße Kleine zu Hause zu haben, wurde ihr schon sehr schnell bewusst, welch anstrengende Zeit vor ihr lag.
Weil Romina als Frühchen noch so zart und pflegebedürftig war, musste sie die ersten vier bis sechs Wochen alle vier Stunden, rund um die Uhr, gefüttert werden. Da Ute durch das „Abstillen“ keine Milch hatte, hieß das, immer ein frisches Fläschchen zubereiten. Dadurch erfuhr sie hautnah, was Schlafentzug bedeutet.
Am ersten Weihnachtstag kam niemand, selbst ihre Kinder riefen nur kurz an um ihr ein frohes Fest zu wünschen, den restlichen Tag verbrachte sie alleine mit dem Säugling.
Annette rief ebenfalls nur an, erkundigte sich nach ihrem Befinden und stöhnte, dass sie bei dem „gierigen Griechen“ alle Feiertage, sogar Heiligabend, arbeiten musste, versprach danach reinzuschauen.
Am zweiten Weihnachtstag hatte Ute mittags die Kleine gerade wieder in ihr Bettchen gelegt als es klingelte. Verwundert drückte Ute den Türöffner und glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als ihr Stiefvater herein kam.
Schüchtern murmelt er, dass er die Kleine sehen wolle, worüber Ute sich sehr freute, aber die Frage nach ihrer Mutter verkniff sie sich. Eigentlich hatte sie gehofft, dass ihrer Mutter Besuch an ihrem Krankenbett an der ablehnenden Haltung etwas geändert hätte. Das war offenbar nicht der Fall.
Ihrer Mutter offensichtliches Desinteresse an ihrem jüngsten Enkelkind tat Ute zwar sehr weh, aber umso mehr freute sie sich über die Haltung ihres Stiefvaters, mit dem sie eigentlich nie besonders engen Kontakt hatte.
Geduldig saß er dann drei Stunden lang in Utes Wohnzimmer, trank einen Kaffee nach dem Anderen und wartete darauf, dass die kleine Prinzessin endlich erwachte. Gut dass es Fernsehen gab, denn der Gesprächsstoff war sehr schnell zu Ende. Weil Ute fand, dass er etwas unruhig wirkte, bot sie an, die Kleine zu wecken. Das lehnte er ab, lieber wollte er ein anderes Mal wiederkommen.
Bevor er ging, öffnete sie die Schlafzimmertür, sodass er das schlafende Baby im Lichtschein der Türöffnung sehen konnte. Ganz zaghaft trat er an ihr Bettchen und betrachtete die schlafende Kleine lächelnd. Dann ging er zufrieden hinaus.
Noch lange dachte Ute über ihren so ungeliebten Stiefvater nach, und in ihrem Kopf entstand plötzlich ein ganz anderes Bild von diesem unbeholfenen Menschen. Er hatte ihr sein Einverständnis und seine Zuneigung durch das Interesse an ihrem dritten Kind gezeigt. Auch Ramona, ihre Große, hatte ihm immer genauso am Herzen gelegen wie jetzt Romina, nur mit ihrem Sohn war er nie richtig warm geworden. Das Verhältnis war immer desinteressiert und kühl geblieben.
Weil Ute mit der Versorgung des Säuglings angebunden war, sowieso nicht aus dem Haus gehen konnte, hatte sie ihrer Tochter ihr Auto überlassen. Ramona war sehr erfreut gewesen, da sie schon länger kein eigenes Autos hatte. Deshalb rief sie entweder an, oder kam kurz vorbei, um nachzusehen ob sie Besorgungen für Ute machen solle.
Auch Utes Freundin kam des Öfteren mal kurz rein, bevor sie zur Arbeit fuhr, und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei.
Nur einer ließ sich nicht sehen, Vito.
Wie gehabt musste Ute sich und ihre finanziellen Bedürfnisse in Erinnerung bringen. Schon nach den ersten Anrufen ging er einfach nicht mehr ans Telefon, sondern sein Bruder nahm das Gespräch an.
Da sie für die Kleine Babyartikel und auch normale Lebensmittel brauchte und schließlich immer noch zur Hälfte an dem Casino beteiligt war, ließ sie nicht locker.
Manchmal schickte Vito seinen Bruder, der ihr widerwillig einen Hunderter reichte und gleich wieder schnell verschwand. Und als sie mehr Geld verlangte, weil sie die Miete bezahlen musste, erschien Vito selbst.
Voller Wut flog stampfte er in ihre Wohnung, und noch in der Tür schlug er ihr erst ins Gesicht, bevor er ihr die Scheine vor die Füße warf. Es war der Horror.
Das Kind hatte nichts an seinem Verhalten ihr gegenüber verändert. Er beachtete die Kleine nicht einmal, sondern ging sofort wieder hinaus.
Nichts mehr war von seinen Vaterfreuden und von seinen Versprechungen übrig geblieben. Und Ute wagte gar nicht daran zu denken, wovon sie mit dem Kind leben sollte, wenn das Casino mal wieder geschlossen würde und Vito dann auch telefonisch nicht mehr zu erreichen wäre. Wie und wo sollte sie ihn dann suchen?
Sie war total deprimiert, aber sie nahm sich zusammen, denn sie hatte die Verantwortung für ihr Neugeborenes übernommen, welches sie von Tag zu Tag mehr liebt. Aber wegen ihres Kindes musste sie sehen wie sie zurechtkam. Irgendwann kroch Ute fast auf allen Vieren, so zehrte der Schlafentzug an ihr.
Nach vier Wochen konnte Annette sich die Müdigkeit ihrer Freundin nicht mehr ansehen. Durch den vierstündigen Rhythmus zu füttern hatte Ute akuten Schlafmangel, aber sie versuchte sich noch auf den Beinen zu halten.
„So, das guck sie mir nicht mehr länger an“, sagte Annette eines Tages, „ich nehme die Kleine jetzt mit zu mir, damit du dich mal richtig ausschlafen und erholen kannst. Bei uns geht die Versorgung besser als hier, wir sind mehr Personen, die sich alle gerne um die Süße kümmern. Pack mal genügend Sachen zusammen, dann kannst du bei uns erscheinen, sobald du wieder bei Kräften bist. In Ordnung?“
Obwohl Ute ihrer Freundin sehr dankbar war, und endlich mal in Ruhe alleine sein konnte, hatte sie die ersten zwei Tage Probleme einzuschlafen, bis sie sich an die himmlische Ruhe gewöhnt hatte. Sie genoss es fünf Tage lang.
Körperlich fit holte Ute ihre Kleine ab und suchte zum ersten Mal den Kinderarzt auf. Zum Glück hatte Ramona ihr das Auto wieder zurückgegeben, sodass Ute endlich wieder Autofahren konnte, denn mittlerweile war es eisig kalt.
Der Arzt war sehr freundlich und sanft im Umgang mit Kindern. Nach der gründlichen Erstuntersuchung meinte er: „Sie ist zwar ein sehr zartes Kind, aber um die müssen Sie sich keine Sorgen machen, die ist zäh. Sie wird alle Kinderkrankheiten spielend schnell hinter sich bringen, falls die bei ihr überhaupt richtig ausbrechen. Das kleine Mädchen hat gute Abwehrkräfte.“
Die nächste Zeit war ein ständiges Auf- und Ab in jeder Richtung.
Natürlich passierte genau das, was Ute schon befürchtet hatte, ihre einzige Überlebungschance wurde durch eine Razzia geschlossen. Das hieß, der Ernährer war mit samt ihrem Geld in der Versenkung verschwunden. Zwar erfuhr sie schon bald, dass Vito sich in einem Räuberzock, einer Würfelbude in der Nachbarstadt eingekauft hatte, aber für Ute hieß das, dass sie keinerlei Einblick mehr kriegen konnte.
Schnell hatte sie durch Annette auch die Rufnummer dieser Bude, und obwohl dort eine weibliche Bedienung arbeitete, kam Ute weder telefonisch noch persönlich an Vito heran. Er blockierte jede Möglichkeit ihn zu sprechen, und ließ Ute auch finanziell einfach hängen.
Ihr blieb keine Wahl, sie musste arbeiten. Welch ein Glück dass sie in der Glücksspiel-Branche gute Kontakte hatte, aber die waren leider alle in Holland.
Ihre Telefonate brachten ihr die erfreuliche Einladung nach Amsterdam zu Heribert, einem großen Veranstalter. Zügig war Rominas Unterbringung mit Annette geklärt, Fahrkarte gekauft, und bereits am nächsten Tag saß Ute im Zug nach Amsterdam.
Obwohl Ute wusste, dass Ulf, ihr Verflossener, und Heribert dicke Freunde waren, ihr auch klar war, dass Ulf sich in Holland aufhielt, war sie dennoch unangenehm überrascht als Ulf sie am Bahnsteig erwartete.
Er strahlte vor Wiedersehensfreude, sie machte gute Miene zu bösem Spiel. Denn das war es wirklich. Heribert hatte Ulf beauftragt, weil er hoffte, dass sich die beiden wieder versöhnen würden. Das lehnte Ute direkt klipp und klar ab.
Trotzdem verbrachte sie ein sehr schönes Wochenende in Amsterdam, denn Heribert war ein großzügiger Gastgeber. Ein Firstclass Hotelzimmer für Ute, und ein gemeinsames Dinner zu viert, in einem sehr edlen japanischen Restaurant waren Selbstverständlichkeiten, die der Gastgeber bot.
Am Ende des Wochenendes akzeptierte Heribert, dass es mit ihr und Ulf keine Gemeinsamkeit mehr geben werde. Bevor Ute abreiste verkaufte sie an Heribert noch einen Weißgold-Brillant-Armreif zu einem guten Preis. Außerdem sagte Heribert ihr einen Job an der Kasse seines Black-Jack-Casinos zu.
Mit dreißig Mark in der Tasche war Ute angekommen, mit Zweitausend reiste sie wieder ab. Sie hatte gute Laune, durch die euphorische Hoffnung, dass sie bald wieder auf die Füße kommen werde.
Aber ihre gute Stimmung schlug in panische Angst um, als Annette ihr berichtete, dass Vito sich Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft hatte. Er hatte Annette gezwungen Utes Schlüssel rauszugeben, mit der Drohung, sonst das Kind mitzunehmen und zu seiner Frau zu bringen.
Vorsichtshalber ging Ute daraufhin mal erst ohne die Kleine nach Hause. Das war ein Fehler. Vito prügelte sie auf dem Boden fest, als sie ihm gesagt hatte, wo sie gewesen war. Zum Schluss trat er auf sie ein. Dann nahm er ihr das Geld ab, steckte es in seine Tasche und stampfte gelassen ins Bad.
Nur durch einen Anruf ihrer Nachbarin bei der Polizei, wurde Ute von dem Gewalttäter befreit. Die Beamten kannten Vito wohl, denn sie sprachen ihn mit Namen an, als sie ihn aufforderten freiwillig mitzugehen. Ute rieten sie zur Strafanzeige.
Annette und Ramona kamen gleichzeitig und erschraken sich über Utes verbeultes Gesicht. Sie hatte zugeschwollene Augen, konnte nur noch durch Schlitze sehen und blutende aufgesprungene Lippen, aber am schlimmsten schmerzten ihre Rippen, denn Vito hatte wie ein Irrer zugetreten. Während Annette auf die Kleine aufpasste begleitete Ramona sie ins Krankenhaus.
Der Notarzt konnte ihr nur Salbe fürs Gesicht und Schmerzmittel geben und feststellen, dass 2 Rippen gebrochen waren.
„Viel machen kann sie nicht“, sagte der Arzt, „das Gesicht wird wieder in Ordnung sein, und wenn sich die Blutergüsse zurück gebildet haben. Auch an den Rippen-Brüchen kann sie nichts machen, die müssen ganz alleine wieder zusammen wachsen. Sie dürfen nur nicht schwer heben, möglichst ruhig liegen, sich nicht unruhig im Bett wälzen, dann heilt das von alleine. Aber ein paar Wochen wird das schon dauern. Nehmen Sie was gegen die Schmerzen und schonen Sie sich.“ Sagte der junge Arzt mitleidig.
Dann fragte er ob sie eine Krankmeldung benötige, als sie verneinte, gab er mir ein Attest, und sagte dabei: „Falls Sie Anzeige erstatten wollen.“
Ute verneinte, sie dachte nur: >Meine Krankmeldung ist bestimmt schwierig, weil ich meinen ersten Arbeitsantritt verschieben muss. Hoffentlich gibt es da kein Problem<.
Als sie mit Ramona zu Hause reinkamen erwartete Ute eine Überraschung. Ihre Mutter saß mit versteinerter Miene in der Küche und hielt die Kleine im Arm.
Sie sagte zu Annette: „Wenn du arbeiten musst, kannst du ruhig gehen, ich kümmere mich um die Kleine.“
Man vereinbarte, dass Annette die Kleine besser zu sich nehmen solle, während Utes Mutter vorerst blieb, besorgte Ramona Utes Einkäufe und andere Erledigungen. Natürlich brauchte sie dafür noch mal Utes Auto.
Als Ute alleine war rief sie in Amsterdam an. Sie meldete sich krank und bat später antreten zu dürfen, wenn es ihr besser ginge. Zum Glück hatte ihr zukünftiger Chef Verständnis.
Über das Erscheinen ihrer Mutter war Ute besonders erfreut, weil es zeigte, dass deren Abkehr endlich vorbei war.
Annette brachte ihr täglich Mittagessen vorbei, bevor sie zur Arbeit fuhr. Sie beruhigte Ute, dass die Kleine auch in ihrer Abwesenheit durch ihre großen Kinder gut versorgt werde.
Als Ute sich langsam wieder bewegen konnte, ging sie zur Polizei und erstattete Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen Vito. Die Polizei fügte den Zusatz „schwer“ der Anzeige hinzu, denn Vitos Vorstrafen wegen Körperverletzung waren dort bestens bekannt. Wegen seines Hobbys „Kickboxen“ stufte man seine Tritte als sehr gefährliche Waffe ein.
Wechselbad der Gefühle
Zwei Wochen später trat Ute ihren neuen Arbeitsplatz an. Mangels Wohnung konnte sie bei dem befreundeten Ehepaar, John und Marga unterkommen. Sie kannte John durch Ulf, da er auch einmal bei ihr in Wülfrath gewohnt hatte, nahm sie das Angebot gerne an.
Leider hatte sie nur drei Wochen Ruhe, dann stand Vito plötzlich vor ihr. Er bettelte und schwor dass sich so ein Ausraster nie wieder ereignen werde. Dummerweise bot John auch Vito die Unterkunft an. Er glaubte wohl dass er Ute damit einen Gefallen tat. Das Gegenteil war der Fall. Dadurch hatte sie diese Klette wieder am Hals.
Es wurde ihr unsäglich peinlich, weil Vito versuchte sich bei dem Chef einzuschmeicheln, was ihm allerdings nicht gelang. Heribert blieb auf Distanz.
Leider machte Vito mir durch seine penetrante Anwesenheit diesen Job kaputt, da er an meiner Schleppe kleben blieb, weil seine Geschäfte in Deutschland mal wieder der polizeilichen „Schließung“ zum Opfer gefallen waren.
Es dauerte nicht lange, bis die beiden Veranstalter „Heribert und der Tübinger“ diese „Wanze“ loswerden wollten, weil sie erkannten, dass Vito ein lästiges Hindernis war. Deshalb wurde Ute gekündigt und war erneut ohne Arbeit. Ute wusste, dass ihr Chef lieber auf sie verzichtete, als ihren herumlungernden arbeitslosen Anhang, Vito und John im Casino sitzen zu haben. Das konnte Ute ihm nicht einmal übel nehmen.
Da auch John arbeitslos war, kamen er und Vito auf den Gedanken ihr Glück in Breda zu versuchen. Angeblich kannte John einen dortigen Veranstalter sehr gut, sodass sie dort alle vier Arbeit fänden, versicherte er.
Ob Ute wollte oder nicht, sie musste mit, weil ja auch Johns Frau mitkam.
In Breda gab es keine Arbeit, nur Vito wurde überraschender Weise fündig. Ein paar Tage hockten auch John und Freundin mit Ute in einem Ferien-Bungalow, dann reisten die beiden ab. Nun saß sie alleine dort, weit außerhalb von dem Ortskern, und Vito arbeitete die ganze Nacht und schlief am Tage. Damit sie nicht heimlich abreiste, beauftragte Vito Annette, die Kleine zu uns zu bringen. Ute wurde einfach nicht gefragt. „Ich bin der Mann – ich bestimme, Basta!“ war sein einziger Kommentar.
Dann hockte Ute mit Kleinkind in einem dünnwandigen Sommer-Bungalow und fror. Zu ihrem Glück bekam Vito nach einer Woche plötzlich die Kündigung, weil er einen größeren Verlust verschuldet hatte. Einen Tag später hatte die Heimat sie wieder.
Leider hatte Ute ab dem Moment ihr Bett wieder belegt. Denn Vito zog ungefragt wieder bei ihr ein. Dass seine Ehefrau ihn rausgeworfen hatte, erfuhr sie durch Gerüchte, was ihr aber nichts nützte. Für Vito war es selbstverständlich, dass er sich seine Wohnung aussuchte.
So ging das Hin und Her zwei Jahre lang weiter. Vito wechselte die Seiten, wo es ihm gerade besser ging oder gefiel. Wenn Ute sich weigern wollte flog er auch durch die geschlossene Etagentür, schlug sie und warnte sie dabei, sollte sie noch einmal Anzeige erstatten, das werde er ihr nicht noch einmal verzeihen. Er drohte, wenn er noch einmal ihretwegen eine Geldstrafe bezahlen müsse, werde er sie töten. Sie hatte keinen Grund ihm nicht zu glauben.
Auch geschäftlich und dadurch finanziell ging es Bergauf und Bergab. Mal Würfelzock, mal Roulette-Casino, mal in Deutschland oder wenn das gerade nicht ging, in Holland. Überschnitt es sich, dass Vito gerade gut im Würfelgeschäft war, und sie wieder einen Job in Holland angefangen hatte, kam er hinterher sobald seine „Anschaffe“ zu Ende war. Sie stand immer unter dem Druck, egal wie, sie musste ihr Kind ernähren.
Vito klebte an ihr wie eine Klette, er saugte ihre gesamte Abwehrkraft und Energie aus. Und Ute hatte keine Möglichkeit sich zu befreien, dazu hätte sie ihn töten müssen. Sie war verzweifelt, aber wehrlos.
Sie schwankte zwischen Angst und Hass, zerbrach sich den Kopf nach einem Ausweg, vergebens.
Allerdings dauerten ihre wechselnden Gefühle nicht lange, denn als Vito sich wieder ausschließlich mit „seinen“ Geschäften befasste, und plötzlich wieder umzog, erwachte erneut ihre Energie.
Er ging zu seiner Ehefrau zurück, weil er sich dort wohl mehr finanzielle Unterstützung erhoffte. Dadurch hatte Ute ihre Freizeit und die Möglichkeit sich nach neuer Arbeit umzusehen. Sie erfuhr, dass in dem Amsterdamer Casino der Inhaber gewechselt hatte, der Tübinger hatte den Laden übernommen. Das war gut für Ute.
Endlich sah sie wieder eine Chance, dem ständigen Kampf ums Haushaltsgeld und Vitos aggressiven Launen zu entgehen, deshalb rief sie nach einiger Zeit wieder den Tübinger an. Nur bei ihm konnte sie wieder an Arbeit und Brot kommen.
Auf ihren Anruf reagierte Eddi kurz angebunden aber positiv. „Komm nach Amsterdam, ich kann dich brauchen, aber ohne deinen abgebrochenen Riesen.“ Sagte er nur. Schon am nächsten Tag war sie unterwegs.
Erleichtert die finanzielle Belastung los zu sein, ließ Vito sie diesmal widerspruchslos fahren.
Die nächsten vier Wochen, in Amsterdam, waren für Ute chaotisch, dennoch glücklich ohne Druck. Weil an der Kasse Überbesetzung vorhanden war, sodass man dort die Vier-Tage- Woche eingeführt hatte, war dieser Job für Ute nicht zu haben. Das wunderte sie, weil sie nicht verstand wieso er gesagt hatte, er könne sie brauchen? Was hatte der Tübinger mit ihr vor? Wollte er ihr nur helfen? Denn er kannte Utes Situation ja.
Ute wurde mit lächerlichen, überflüssigen Arbeiten beauftragt. Der Chef erfand extra für sie eine neue Tätigkeit. Er machte sie zur Aufsicht über das Service-Personal. Außer die Einkäufe und Tätigkeit dieser Leute zu überwachen hatte sie nichts zu tun. Von zehn Stunden stand sie mindestens sieben dumm rum. Seltsame Sache.
Beliebt war sie durch diese Aufgabe bei den Kollegen natürlich auch nicht gerade. Man sah in ihr einen Spitzel und hielt sie (wie sie selbst auch) für überflüssig, sogar störend.
Da sie auch keine Wohnung fand, musste sie im Hause auf der dritten Etage hausen. Dort gab es zwei Zimmer mit spärlicher Möblierung, welche eher Rumpels-Kammern glichen. Ständig hatte sie das Gefühl von niedlichen kleinen Kriechtieren (Wanzen oder Läusen) umgeben zu sein. Nachts hatte sie am ganzen Körper Juckreiz. Sie zwang sich zum Durchhalten!
Nach vier Wochen stellte man plötzlich ein zweites Bett in ihren Schlafraum. Man erklärte ihr, ein neuer Croupier aus England (männlich) müsse darin schlafen. Sofort beschwerte sie sich bei meinem Chef. Sie sagte ihm, dass dies unzumutbar sie und erhielt die unfreundliche Antwort: wenn mir etwas nicht passe, könne sie ja gehen.
Sie ging auf der Stelle, nachdem sie ihm ein paar boshafte Worte gesagt hatte.
Zu Hause angekommen, war sie ziemlich mutlos. Erst der Anblick meines Babys gab ihr ihre Energie zurück. Krampfhaft überlegten Annette (die auch mal wieder im finanziellen Engpass war) und Ute wie sie nun Geld verdienen könnten. Da Annette auch gerade arbeitslos geworden war und in Scheidung stand, lebte sie mit ihren Kindern von Sozial-Hilfe. Diesen Zustand wollte sie ändern.
Auch Ute wollte nicht wieder von Vitos Launen abhängig zu sein. Ihn ständig um Geld anbetteln zu müssen, obwohl er immer noch ihre gemeinsame Geschäftsgelder verwaltete. Sein Gestöhne über die schlechten Zeiten ging ihr gründlich auf die Nerven. Lieber wollte sie selbst sehen, wie sie zurechtkommen konnte.
Durch ein Telefonat mit einer Freundin, welche sie lange Zeit nicht gesprochen hatte, wurde sie auf die Idee gebracht. Agatha lebte seit Jahren vom Verkauf von allerlei alter Sachen und Antiquitäten auf Trödel-Märkten. Voller Begeisterung klärte Ute die erstaunte Annette nun über diese Möglichkeit auf. Gebrauchte Sachen hätten sie bestimmt auch genug zu verkaufen. Gedacht -getan!
Einige Wochen verdienten die Beiden sich mit dem Verkauf von Babysachen, Gardinen, Kleidern, Hausrat, und was ihr Haushalt, sowie der Haushalt und Keller ihrer Eltern alles an abgelegten Sachen hergab, ein nettes Taschengeld. Spaß machte ihnen der Verkauf auf den Trödel-Märkten auch noch. Als ihr Angebot erschöpft war, war auch diese lustige Trödel-Zeit beendet, was beide sehr bedauerten. Aber was nun? Und schon wieder hatten die Beiden eine neue Idee.
Sie hatten gesehen, dass die Fress- und Sauf-Buden auf allen Märkten am besten liefen. Also entschlossen sie sich, Bergische Waffeln und Reibekuchen zu verkaufen. Denn Würstchen-Buden gab es mehr als genug.
Der Gedanke ließ sich aber nicht so leicht in die Tat umsetzen, wie sie gedacht hatten. Die Markt-Veranstalter hatten mit den Wurstverkäufern Festverträge. Überall bekamen sie telefonische Absagen.
Nirgendwo war ein Standplatz für Speisen und Getränke frei. Annette hatte dann den Einfall bei Fußball-Vereinen anzufragen. Von vielen Anfragen bekamen sie tatsächlich von einem Verein eine Zusage: Bayer-Leverkusen. Die Geschäftsleitung des Leverkuseners Fußball-Verein war interessiert das Erfrischungs-Angebot für die Fans zu erweitern.
Auch die Platzmiete war im erträglichen Rahmen, sodass sich die Beiden begeistert ins nächste Abenteuer stürzten.
Für die Investition, wie Platzmiete, Stand, Pfannen, Kocher usw. musste wieder ein Schmuckstück von Ute dem Beleihen zum Opfer fallen. Bei der Gelegenheit sagte sie zu ihrer Freundin: „Eigentlich muss ich dem Ulf mal Dankeschön sagen, ohne seine Vorliebe für Schmuck hätte ich diese vielen kostbaren Stücke gar nicht. Damals fand ich seine Vorliebe für dieses ganze Zeug furchtbar, und die ganzen Brillies hässlich. Gut dass sie die noch habe.“
Dann machten sie sich voller Hoffnung und Elan an die Arbeit! Das Ergebnis war mehr als kläglich!
Als sie nach einigen Wochen Bilanz zogen, mussten sie feststellen, dass dies kein Geschäft sondern ein Hobby war. Die Verkaufs-Zeit in der Halbzeit-Pause war einfach zu kurz um genügen braten und verkaufen zu können. Investition, Standmiete und Arbeit waren im Gegensatz zu dem lächerlichen Umsatz gewaltig gewesen. Frustriert gaben sie unser Hobby auf.
Ein Lichtblick
Nach wenigen Tagen kam der Lichtblick per Telefon, der Tübinger rief sie an. Er benötigte dringend eine vertrauenswürdige Kassiererin im Casino „Milliardär“, ob sie kommen könne. Natürlich war sie sofort bereit, denn nach Vito musste sie sich nicht richten, der hatte mal wieder unseren alten Roulette-Laden aufgemacht. Sie sagte ihm nicht einmal Bescheid, bevor sie abfuhr.
Obwohl Annette war der Meinung: „Fahr ruhig los, wir schaffen das schon mit der Süßen. Du hast genug Geld verloren durch die „Waffel-Pleite“, in Amsterdam hast du eine Chance wieder frisch zu werden. Wenn ich könnte würde ich auch in Amsterdam arbeiten. Aber ich habe vier Kinder, obwohl zwei schon groß sind, könnte ich die trotzdem nicht mit den Zwillingen alleine lassen. Sieh zu, dass du wieder auf die Füße kommst. Die Kleine ist bei uns in guten Händen.“
„Das weiß ich Annette, danke! Und ich muss die Zeit nutzen, solange Vito mich in Ruhe lässt.“ sagte sie erleichtert.
Diesmal war alles anders. Sogar ein kleines Apartment hatte Eddi für sie besorgt, gleich um die Ecke in einer schmalen Gasse, sodass die ganze Atmosphäre angenehmer war. Ute war happy.
Ein paar Wochen später saß Ute in dem schönen Casino an der Kasse, ahnte nichts böses, als die „Klette Vito“ langsam, mit breitem Grinsen, die Treppe hoch kam.
>Werde ich den denn nie los? Nur ein paar Wochen Ruhe, und schon ist diese Nervensäge wieder hinter mir her<! Dachte sie verzweifelt.
Selbst der Tübinger warf ihr nur einen verächtlichen Blick zu, und wendete sich schweigend ab.
Den abgebrühten Italiener konnte es absolut nicht beeindrucken, dass der Tübinger ihn sogar mit offenem Sarkasmus begrüßte: „Dich muss man wohl erschießen um dich loszuwerden, oder gibt es sonst noch Möglichkeiten, Vito?“
„Wieso? Hier ist doch ein öffentliches Casino. Bei den vielen Zockern störe ich doch nicht. Außerdem arbeitet meine Frau hier, da ist es doch ganz klar, dass ich auf die aufpassen muss.“ Erwiderte Vito grinsend.
„Wo ist deine Frau? Hast du die auch mitgebracht?“ fragte Ute ärgerlich, was ihr nur einen bösen Blick von Vito einbrachte. Keiner konnte darüber lachen.
Ein paar Tage stromerte Vito durch die umliegenden Casinos oder stand hinter dem Tübinger und sah ihm zu, wenn der spielte. Ganz offensichtlich langweilte Vito seine Untätigkeit überhaupt nicht, bis eine plötzliche Hektik entstand, die sich niemand erklären konnte.
Ute saß in ihrem Kassenhäuschen und wunderte sich nur, woher sie dieses unruhige Gefühl hatte.
Als ihr Chef auf sie zukam und ihr die Anweisung gab: „Ute, zahle bitte den Spielern alle Jetons aus, und allen Mitarbeitern ihre Gagen, dann pack das ganze restliche Geld hier in die Tasche. Und die restlichen Jetons in einen Stoffbeutel. Wir müssen machen, dass wir hier rauskommen, oder zumindest keinen Spielbetrieb mehr haben, die Politie ist im Anmarsch. Keine Angst, wenn kein Spiel läuft und die Croupiers raus sind, passiert uns nichts. Verstanden?“
Ute nickte nur, sah, dass die Croupiers alle Tische frei räumten, und die ganzen Tischlagen in Kartons verpackten. Die Zocker waren schnell ausgezahlt und die Gagen für das Personal auch.
Vito stand mit gierigem Blick neben der Kasse und verfolgte Utes Auszahlungen. Als alles erledigt war und sei einen Augenblick alleine waren, versuchte er sie zu überreden, unehrlich zu sein: „Das ist die Gelegenheit, greif rein, gib mir ein paar Scheine und steck dir auch ein paar große Scheine in die Tasche. Der Tübinger kann doch nicht mehr wissen wie viel du ausgezahlt hast, also auch nicht, wie viel noch da ist. Los gib!“
„Geh hier vor der Kasse weg, du störst!“ erwiderte Ute ablehnend, ohne auf seine Forderung einzugehen! Da griff Vito über den Tresen hinweg in die Kasse und erwischte ein Bündel Fünfzig Guldenscheine, die er sofort in seiner Innentasche verschwinden ließ. Es waren Fünftausend Gulden. Das die am Ende fehlten musste doch rauskommen.
Empört wollte Ute sich wehren, die gestohlenen Scheine zurück fordern, „Nein Vito, gib sofort…..“ doch das Wort blieb ihr im Hals stecken. Denn in dem Moment erschien ihr Chef.
Der Tübinger hatte die Worte noch mitbekommen, wusste aber offenbar nicht worauf die gemünzt waren. Er fragte: „Fertig? Dann gib mir die Tasche, und komm nach oben. Ich habe etwas mit dir zu besprechen.“
Mit zitternden Knien ging sie die halbe Treppe hinauf, in der Angst, dass ihm der Diebstahl doch noch auffallen werde. Aber der Tübinger schien ahnungslos. Als sie sich zu ihrem Chef setzte war das Casino leer, nur der Tübinger, Vito und sie waren noch da.
„Hast du auch deine eigene Gage genommen?“ fragte der Chef was sie mit einem Kopfschütteln verneinte, denn dazu war sie noch nicht gekommen. Dass es wegen Vitos Griff in die Kasse war, konnte sie ihrem Chef ja nicht sagen. Sie schwitzte vor Angst als Mittäterin entlarvt zu werden.
„Das dachte sie mir. Aber kein Problem. Hier das ist für dich, dafür dass du die Nerven behalten hast.“ Damit schob er ihr die doppelte Summe über den Tisch. Sie warf dem gierigen Vito einen bedeutsamen Blick zu, obwohl er den sicher nicht so verstand, wie sie es meinte.
„So, nun zu der Aufgabe, die ich für dich vorgesehen habe. Ich brauche eine zuverlässige Person, die sich die Zeit nimmt, und sich mal umsieht, ob irgendwo Karten-Casinos zu verkaufen sind? Ich kaufe auf, was ich kriegen kann. Wenn du einen geschlossenen Karten-Laden findest, frag den Besitzer nach dem Preis. Kannst ruhig sagen, dass du in meinem Auftrag handelst. Meinst du, du schaffst das?“
„Klar! Ich denke, dass ich genügend Leute kenne, die mir sagen können, wer seinen Laden verkaufen will.“ Bestätigte sie erfreut.
„Gut“, sagte er, „Du kannst am besten im Ruhrgebiet anfangen, dann hast du es nicht so weit von zu Hause. Wenn du Fragen hast oder Geld brauchst, ruf an, ich schicke dir schnellstens was du brauchst. Wir bleiben ständig in telefonischer Verbindung. Ich will über jeden Schritt informiert werden. Okay“? Er sah sie fragend an.
„Ja, es freut mich, dass du mir den Auftrag gibst. Mach sie gerne. Du kannst dich auf mich verlassen.“ Bestätigte Ute und dann gab er ihr drei Tausender, mit den Worten: „Für den Anfang. Sobald du Kaution oder ähnliches brauchst, schick sie es sofort. Spare nicht am falschen Fleck, nobel ist unser Motto. Aber ich denke das weißt du. Also, viel Erfolg!“
Vitos gierigen Blick auf die Tausendmark- Scheine übersah Ute mit ironischem Grinsen und steckte sie ein. Sich daran zu vergreifen würde er nicht wagen.
Klägliche Versuche mit verbotenem Glücksspiel
Darüber dass der Tübinger Ute mit einem besonderen Auftrag aus Amsterdam losschickte, war der Italiener kotzsauer. Für Vito hatte der Tübinger keine Verwendung, er hatte ihn einfach übersehen! Und das wurmte den geltungsbedürftigen Vito sehr.
Auf der Heimfahrt kam es zu einem heftigen Streit. Während Ute ihrem Begleiter Vorwürfe machte, weil er sie in eine fatale Situation gebracht hatte, er widerte der nur abfällig: „Ach halt doch dein Maul, dumme Kuh. Du bist zu dämlich eine günstige Situation zu nützen, stattdessen lässt du dich von so einem Arsch für kleines Geld ausnutzen. Der Kerl ist steinreich, dem fallen die paar Mille weniger doch nicht einmal auf. Aus Angst, der große Tübinger könnte denken, dass du geklaut hast, konntest du vor Schiss kaum ein Wort rausbringen. Bleib so nur so blöd, wirst schon sehen wohin du damit kommst. Aber ich bin nicht so doof, ich nehme mir was ich haben will. Egal auf welche Art und Weise.“
Während der ganzen Fahrt schimpfte Vito wütend über ihren Brötchengeber. Der wäre doch in seinen Augen nur blöd. Es sei doch ein Schwachsinn, ausgerechnet einer Frau diesen Auftrag zu geben. Nämlich durch das Land zu reisen, um Karten-Casinos aufzukaufen.
Das wäre doch ein Auftrag für einen Mann wie ihn gewesen. Schließlich habe eine Frau keine Ahnung, mit welchen Summen solche Läden gehandelt würden. Besonders sie nicht. Aber ihm wäre schon klar, warum der Tübinger ihn nicht damit beauftragt habe. Nur aus Angst, dass er, Vito, ihm Konkurrenz machen könne. Eines Tages würde er das sowieso tun.
Genervt über Vitos maßlose, übertriebene Selbstüberschätzung schwieg Ute lieber und dachte sich, dass es sinnlos sei ihm klar zu machen, dass er dazu weder die Mittel noch die Intelligenz hatte.
Zu Hause angekommen, war Vito ausgetobt. Zum Schluss hatte er sich damit getröstet, dass er den Tübinger gar nicht nötig habe. Er werde sich jetzt wieder um ‚seinen’ Würfel-Laden kümmern, dort wäre er schließlich sein eigener Herr. Listig riet er ihr, schön den Anweisungen ihres Chefs zu folgen. Dann hätte sie wenigstens eine sinnvolle Beschäftigung. Falls sie jedoch seinen Rat brauchen würde, stünde er ihr selbstverständlich zur Verfügung.
Sie dachte: >das könnte Dir so passen. Damit Du, mit Deinem grenzenlosen Geltungsdrang in meinem Job rumfummeln, und vielleicht wieder in die Kasse greifen kannst? Anschließend würdest Du dann großspurig verbreiten, dass Du es ja schon vorher gewusst hättest, dass eine schwache Frau einer solchen Aufgabe alleine nicht gewachsen wäre. In Deiner großzügigen Gutmütigkeit habest Du alles gemanagt. Den Teufel würde ich eher bitten, als dich. Ich komme auch alleine zurecht. Bleib Du mal in Deiner geliebten Würfel-Bude und pass schön auf, dass ich Dir nicht in die Karten gucken kann. Denn Du wirst mich sowieso belügen und betrügen. Nach den Erfahrungen der letzten Monate bin sie froh, wenn Du mir endlich nicht mehr auf den Füssen stehst, und mich nicht in deine kriminellen Taten reinziehst. Ich kann Deine impertinente Art einfach nicht mehr ertragen! Wenn du mir nur aus dem Weg gehst, soll mir der finanzielle Verlust aus Deiner Tätigkeit ganz egal sein. Auch wenn mir eigentlich die Hälfte davon zustehen würde<.
Da ihr ohne große Erklärungen der Sinn ihres Auftrages klar war, kam Ute eine scheinbar gute Idee, wie man enorme Kaufsummen sparen und trotzdem mehrere Läden eröffnen könnte. Also rief sie ihren Auftraggeber und klärte diesen über ihren Plan auf. Ute wollte einen Spiel-Club gründen und ins Vereins-Register als e. V. eintragen lassen. In den Statuten sollte verankert werden, dass dieser Verein berechtigt sei, überall in Deutschland Filialen zu errichten.
Eddi gab sofort grünes Licht für ihr Vorhaben, und schlug Bielefeld oder Osnabrück vor. Zwei äußerst schwierige Städte, behördlich gesehen. Er empfahl einen großen Konferenzraum in einem Hotel zu mieten. Da gäbe es keine langfristigen Verträge und spare zeitraubende Renovierungs-Arbeiten.
Die sieben Gründungs-Mitglieder waren schnell gefunden. Aus alten, vorhandenen Unterlagen hatte sie die Vereinsstatuten schnell geschrieben. Auch der Eintragungs-Antrag, durch einen Notar, ging problemlos von statten.
Schnell fand Ute in einer angesehenen, weltweiten Hotelkette in Bielefeld freundliches Entgegenkommen. Nach telefonischer Termin-Vereinbarung mit dem Direktor fuhr sie in Begleitung ihrer Freundin Annette hin. Lag es an ihrer eleganten Erscheinung oder an Utes selbstsicherem Auftreten? Woran auch immer, der Direktor küsste ihr die Hand und nannte sie „gnädige Frau“. Das ging runter wie Öl.
Ute trug dick auf! Betitelte sich als erste Vorsitzende des Deutschen Zweiges, eines europäischen Spiel-Vereins mit Niederlassungen in Holland, Belgien, England und Spanien. Sie log ohne Hemmungen das Blaue vom Himmel herunter. Er ging ihr auf den Leim! Fraß ihr fast aus der Hand und Ute mit den Augen auf!
Schnell wurden sie sich einig. Sie erreichte sogar, dass alle im Hause tätigen Club-Mitglieder einen Sonderpreis für Übernachtung bekommen konnten. Für Ute galt das natürlich auch. Den Beginn vereinbarten sie für in zehn Tagen. Beide erhofften sich ein gutes Geschäft. Jeder auf sein Geschäft bezogen.
De Erfolgsmeldung übermittelte sie schnellstens telefonisch nach Amsterdam. Eddi lobte sie und wies sie an, sich erst einmal mit dieser Sache zu befassen. Sie solle Bescheid geben, wann er ihr die Spiel-Anlage und Geld schicken müsse. Da Ute sie das behördliche Genehmigungsverfahren umgehen wollte, aber für die Eröffnung Reklame machen musste, versuchte sie einen Trick. Ute rief das zuständige Ordnungsamt an und erklärte der Sachbearbeiterin die Sache aus ihrer Sicht.
Für die eventuelle Niederlassung einer Filiale ihres Vereins hatte sie zu Reklame-Zwecken einen Hotel-Raum für kurze Zeit angemietet. Dort wollte der Verein eine Spiel-Anlage aufstellen, natürlich nur zu Vorführungs-Zwecken um Interessenten als Mitglieder anzuwerben. Sie hätte doch sicher nichts dagegen einzuwenden, dass man durch dementsprechende Anzeigen in der örtlichen Tageszeitung Mitglieds-Werbung betreiben wolle? Freundlich bestätigte ihr die Beamtin, dass dies keinerlei Genehmigung von behördlicher Stelle bedürfe und wünschte Ute noch viel Erfolg.
Die restlichen Vorbereitungen, Annoncen aufgeben, die Anlage aufbauen, sowie Personal zusammenzustellen, waren ebenfalls schnell erledigt. Der Chef und Ute waren sehr zufrieden.
Am Eröffnungstag, einem Samstag, reisten, außer den Croupiers, ihr mit Annette überraschenderweise noch drei, nicht gern gesehene, Gäste an. Der großspurige Österreicher Ringo mit Freundin und ein weiterer, zurzeit beschäftigungsloser, ehemaliger Teilhaber von Eddi, der Holländer Jan Willams.
Der Erfolg des ersten Tages war kläglich. Es kamen nur wenige Leute. Dass ausgerechnet an diesem Wochenende ein großes Stadtfest stattfand, hatte Ute nicht gewusst. Sie war sauer!
Enttäuscht rief Ute meinen Chef an. Der Tübinger vertröstete sie jedoch, sie müsse Geduld haben, der Erfolg komme schon noch. Bis jetzt hätte sie es als Erste geschafft, in dieser Stadt ein Casino zu eröffnen. Aus diesem Grunde wären auch die neugierigen, unerwarteten Gäste angereist.
Am nächsten Abend rief Ute nur in Bielefeld an. Sie erfuhr, dass der geschäftliche Erfolg auch nicht besser war als am Tage zuvor. Ute versprach am folgenden Abend zu kommen, da sie am Montagvormittag einiges zu erledigen hätte.
Um acht Uhr morgens riss die Türglocke Ute aus dem Schlaf. Im Bademantel, ziemlich verschlafen, staunte Ute, wer vor ihrer Wohnungstür stand. Der Sachbearbeiter für Gastronomie- und Spielhallen-Genehmigungen des Ordnungsamtes unserer Stadt. Als sie erstaunt fragte, was er von ihr wolle, sagte er streng, er habe einen Hinweis erhalten, dass Ute in meiner Wohnung einen Spiel-Club eröffnet hätte. Dort würde sie das genehmigungspflichtige Zwölfer-Roulette veranstalten.
Lachend erklärte sie ihm dann müsse sie entweder das Schlafzimmer ausräumen oder den Saal runterlassen. Ansonsten hätte sie dafür keinen Platz frei. Spontan bot sie ihm an, sich selbst davon zu überzeugen, dass dieser Hinweis Unfug sei. Also stiefelte Herr Pohlig durch ihre Wohnung, und fand natürlich keine Spielanlage.
Bei einem Kaffee klärte sie dann die Angelegenheit. Er war sehr freundlich. Ihm gefiel es offenbar so gut bei mir, dass er (weil es zu regnen begann) bis zum Mittag sitzen blieb und ihr, wie einer alten Bekannten, seinen Lebenslauf erzählte. Den aus Höflichkeit angebotenen Kaffee genoss er reichlich.
Endlich ging er! Endlich konnte sie duschen.
Noch bevor Ute aus dem Haus gehen konnte kam die Hiobs-Botschaft um fünfzehn Uhr per Telefon! Die Kripo samt Ordnungsamt waren in dem Bielefelder Club-Raum erschienen. Sie hatten wegen verbotenem Glückspiel die Anlage beschlagnahmt und wollten gerade den Raum versiegeln.
Sofort verlangte Ute den Einsatzleiter der Kripo zu sprechen. Den klärte Ute über die rechtlichen Folgen auf, dass sie gegen sein grundloses Eingreifen vorgehen würde. Da sie sich beide im Recht fühlten, stritten sie per Telefon. Er hatte nicht die Absicht seine Handlung rückgängig zu machen.
Auch durch den Hinweis, dass die zuständige Sachbearbeiterin des Ordnungsamtes über die Angelegenheit Bescheid wusste und es erlaubt hatte, ließ er sich nicht beeindrucken. Selbst Utes Drohung, dass er es verantworten müsse, dass sie Schadenersatz für entstehende Kosten sowie die Miete für den Raum einklagen würde, konnten ihn nicht von seinem Entschluss abbringen. Gelassen riet er ihr, sich an den zuständigen Staatsanwalt zu wenden. Ute ließ sich dessen Namen geben. Die Kripo versiegelte den Raum.
Nachdem Ute zwei Tage später den Staatsanwalt sowie den Leiter des Ordnungsamtes persönlich aufgesucht und auch mit Klage gedroht hatte, konnte sie nur einen Teil-Erfolg verbuchen. Der Staatsanwalt veranlasste sofort die Öffnung des Raumes sowie die Freigabe der Spiel-Anlage. Der Verdacht des verbotenen Glückspiels hatte sich nicht bestätigt.
Die Ordnungsbehörde machte ihr jedoch deutlich, sollte sie die erforderliche Genehmigung beantragen und erhalten, dass man uns so lange Schwierigkeiten machen würde, bis sie freiwillig aufgeben würden. Man machte keinen Hehl daraus, dass man diese Art Geschäft in dieser Stadt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern würde. Über diesen Misserfolg war Ute stocksauer.
Den Tübinger konnte das wenig beeindrucken. Dann müsse sie eben was Neues suchen, gab er den Auftrag. Doch das dafür erforderliche Bewegungs-Geld blieb aus
Vito war voller Schadenfreude und versteckte dies nicht einmal. Diese Freude hielt jedoch nur solange an, bis ihm klar wurde, dass Utes Misserfolg für ihn finanzielle Nachteile hatte. Er hatte nun die Unterhalts-Pflicht für das Kind und Ute wieder am Hals. Aus purem Protest gegen ihn, sowie mangelndem neuen Wirkungskreis blieb Ute einige Wochen zu Hause und genoss das Zusammenleben mit der Kleinen. Zähneknirschend gab Vito ihr Geld um das sie das Nötigste einzukaufen.
Vito hielt ihr ständig Vorträge über ihre Unfähigkeit sich selbst zu versorgen. Dabei war es nur einige Monate her, dass er sich über ihren Wunsch selbst zu verdienen, bis zur Ektase aufgeregt hatte, ja, Ute sogar verprügelt hatte. Wie sich die Zeiten geändert hatten. Von Liebe und dem ersehnten Kind war keine Rede mehr. Er beachtete die Kleine nicht einmal.
Sie war umso glücklicher, als sie erleben konnte, wie die kleine Romina die ersten Schritte machte und zu sprechen begann. Obwohl die Kleine ihrem Vater immer ähnlicher wurde, liebte Ute das süße Sorgenkind heiß und innig. Wenn sie Mama rief und ihr mit strahlendem Lachen die Ärmchen entgegenstreckte, vergaß Ute für Augenblicke ihre Sorgen und Probleme. In solch glücklichen Momenten nannte Ute die Kleine: meine letzte Liebe. Dann schwor sie sich in Gedanken, dafür zu kämpfen, dass dieses Baby eine sorglose, glückliche Kindheit erleben könne.
Nachdem Annette und Ute mit ihrem Fress-Stand die Pleite erlebt hatten, war der Frust bei den Beiden groß. Als Annette ihr Gewerbe abgemeldet hatte, war sie gezwungen gewesen, wieder zum Sozialamt zu gehen. Schließlich hatte sie vier Kinder zu ernähren. Diesen Weg wollte Ute nicht einschlagen, das war ihr Prinzip. Also waren die Beiden wieder auf der Suche.
Überrumpelung dann Wirtinnen
Per Zufall lasen die Beiden dann in einem Zeitungs- Inserat, dass eine Versicherung Außendienst-Mitarbeiterinnen bei bester Bezahlung suchte. Als Ute ihrer Freundin vorschlug, sich mit mir dort zu bewerben, zögerte Annette. Erst auf Utes Hinweis, es könne vielleicht ein zusätzliches Weihnachtsgeld bringen, stimmte Annette zu. Das bevorstehende Weihnachtsfest zu verbessern, beflügelte den Tatendrang.
Bei dem Informations-Meeting in einem noblen Düsseldorfer Hotel erfuhren die Beiden dann die Taktik dieser Versicherungs-Agentur. Man wandte sich an die Eltern Neugeborener und versuchte denen eine Ausbildungs- oder Heirats-Versicherungen für die Sprösslinge zu verkaufen. Das Entree verschaffte man sich auf trickreiche Art.
In einigen Kliniken lagen Informations-Karten auf den Wöchnerinnen-Stationen, auf denen man mit dem Schlagwort ‚Kinder-Vorsorge’ warb. Von Versicherung war nichts zu lesen. Die jungen, glücklichen Mütter, welche sich anhand dieser Karten kein rechtes Bild darüber machen konnten, um was es dabei genau ging, baten mit dem Ausfüllen einer solchen Karte um einen Informations-Besuch.
Auf diese Weise konnten die Versicherungs-Leute auf festes Adressmaterial und freundliches, argloses Entgegenkommen der Kunden arbeiten. Die Verträge abzuschließen war in den meisten Fällen ein Leichtes, da die monatliche Prämie klein war.
Natürlich wurden die Beiden angenommen. Spontan stürzten sie sich in hektischen Arbeitseifer. Obwohl sie gleich in der ersten Woche der Bezirksleiterin beim sogenannten Wochen-Meeting sechs Verträge abliefern konnten, war der Gewinn mäßig. Für einen Vertrag zahlte die Agentur achtzig Mark. Davon wurden Steuern und Stornogebühren abgezogen. Der klägliche Rest von fünfundfünfzig Mark pro Vertrag war die angepriesene ‚Beste Bezahlung’. Die Beiden hatten also eine Woche gearbeitet und Benzin verfahren, um jeder einen Hungerlohn zu verdienen.
Annette verging schon die Lust. Das war kein Job für sie, Annette fehlte die Redegewandtheit. Doch so schnell wollte Ute nicht aufgeben. Während Annette weiterhin schweigend Utes Verkaufs-Gesprächen zugehört hatte, konnten dir nur drei Verträge in fünf Tagen reinholen. Von Alleingang wollte Annette nichts wissen, aber Ute bestand darauf.
So wie gehabt war die Arbeit sinnlos. Also zogen sie getrennt los. Das Ergebnis war noch magerer. Die Unterschrift-Freudigkeit der Kunden ging, je näher Weihnachten rückte, drastisch zurück. Als dann noch keine neuen Adressen zu bekommen waren, weil die Kliniken hinter den Schwindel gekommen und die Karten vernichtet hatten, gaben sie die sinnlose Beschäftigung auch wieder auf.
Während Ute über unseren erneuten Misserfolg deprimiert war, sich mit meiner Kleinen tröstete, hatte Annette eine neue Tätigkeit gefunden. Ein griechischer Gastwirt, dem sie seit Langem bei der Buchführung half, bat Annette in seiner Gaststätte auszuhelfen. Voller Begeisterung erzählte Annette der Freundin von den großzügigen Trinkgeldern, die sie bekommen hatte. Staunend verfolgte Ute den neuen Fleiß ihrer Freundin.
Annette geriet immer mehr in euphorische Stimmung und berichtete von den guten Verdienstmöglichkeiten. Selbst müsste man eine Kneipe übernehmen. Der Gedanke ließ Annette nicht mehr los. Sie redete nur noch davon in die Gastronomie selbständig einzusteigen. Mit dieser Idee stieß sie bei Ute auf energische Ablehnung. Schon der Gedanke, durch Alkohol-Ausschank ihre Brötchen zu verdienen und sich dann mit den Betrunkenen rumärgern zu müssen, widerstrebte Ute gewaltig.
Da Annette aber aus finanziellen Gründen nicht die Möglichkeit zur Selbständigkeit hatte, ließ sie nicht locker. Immer wieder redete sie auf Ute ein, ihrem Gedanken zuzustimmen. Schließlich wolle Ute doch nicht immer von Vitos Launen abhängig sein? Eine gutgehende Kneipe wäre außerdem eine langfristige, solide Existenz, die man mit geringen finanziellen Mitteln aufbauen könne (mit welchen?).
Das wäre doch ein Versuch wert. Annette würde die Konzession übernehmen und wenn Ute mal keine Lust mehr haben würde, könne Ute jederzeit aussteigen. Annette würde dann alleine weitermachen. Utes Angst vor einer eventuell lästigen Langzeit-Bindung wäre unbegründet.
Nach einer erneuten deprimierenden Auseinandersetzung mit Vito, bei der es wie immer um Geld ging, stimmte Ute dem Vorschlag ihrer Freundin endlich zu. Annette in euphorischer Stimmung, Ute mit gemischten Gefühlen, knüpften sie mit verschiedenen Brauereien Kontakte. In reger Betriebsamkeit hielt Annette auch nach dem geeigneten Automaten-Aufsteller Ausschau. Denn sie brauchten noch Mittel für die Finanzierung.
Nach ein paar Wochen hatten die Beiden das passende Objekt in einer nahegelegenen Kleinstadt und einen Investitions-willigen Aufsteller gefunden. Da sie trotzdem noch ein paar Tausend für den ersten Einkauf und die Konzessions-Gebühr brauchten, musste Ute mal wieder einige Schmuckstücke ins Pfandhaus bringen. Die finanziellen Sorgen überließ Annette getrost wieder mal der Freundin, da sie selbst weder Wertgegenstände noch Geld besaß.
Das magere Weihnachtsfest konnte die Freundinnen, in der freudigen Erwartung auf das bevorstehende gute Geschäft, nicht mehr negativ beeinflussen. Auch Ute wurde, trotz anfänglicher Bedenken, von Annettes Freude mitgerissen.
Die Geschäfts-Eröffnung am 12. Januar hatten sie, dafür dass sie beide blutige Anfänger waren, ganz gut organisiert. Die gemeinsame Freundin Hilda, als Buffet-Frau in einer großen Diskothek tätig, half den Beiden die ersten technischen Hürden zu bewältigen.
Die völlig heruntergewirtschaftete, 32 qm große Kneipe, direkt am Marktplatz gelegen, wollten die Beiden von morgens neun bis nachts ein Uhr durchgehend geöffnet halten. Frühstück, belegte Brötchen und hausgemachte Frikadellen waren die vorgesehenen Speisen-Angebote. Den Gewinn erhofften sie sich durch den Verkauf von Getränken. Denn zwei Frauen allein als Betreiber einer Kneipe würden auf die Gäste anziehend wirken.
Die Beiden waren sich völlig einig, dass ihre Männer in ihrem Laden nichts zu suchen hatten, nicht einmal als Gäste. Das Privatleben wollten sie aus dem Geschäft raushalten.
Die dazugehörige Wirtswohnung auf der 1.Etage sollte Annette mit ihren Kindern beziehen. Das erschien ihnen als sehr praktisch. Sie mussten aber noch warten, bis der Vorgänger die Wohnung geräumt hatte. Damit begann schon die erste Schwierigkeit. Die lange Fahrt zur Arbeit und zurück, sowie der sechzehn Stunden Tag schlauchten die neuen Wirtinnen gehörig.
Zwar lief die Kneipe fantastisch an, doch dafür, dass sie auf dem Frühstück sitzen blieben, hatten sie immer Probleme, die trinkfreudigen Gäste bei Geschäftsschluss loszuwerden. So wurde es oft früh morgens, bis die Beiden endlich Feierabend hatten. Wochenlang bekamen sie kaum Schlaf, denn um neun Uhr mussten sie wieder öffnen.
Auch die Heimfahrt machte ihnen Kopfzerbrechen. Um den spendierfreudigen Gästen nicht ständig abzusagen, waren sie gezwungen, sich mit fahren und trinken abzuwechseln. Endlich nach Wochen konnte Annette in die Wirts-Wohnung beziehen. Sie glaubten nun einige Probleme los zu sein.
Dann kam die chaotische Karnevals-Woche. Vor lauter Arbeit kamen die Beiden nicht mehr aus den Kleidern, sogar ihre großen Töchter mussten mithelfen. In fünf Tagen verkauften die Beiden 24 hl Bier und jede Menge Spirituosen. Der Umsatz war bombastisch. Die Wirtinnen waren anschließend fix und fertig. Ausgelaugt.
Die Brauerei sowie der Automaten-Fritze waren begeistert. Da die Beiden wochenlang für ihre Kinder keine Zeit gehabt hatten und beide total erschöpft waren, beschlossen sie, den Arbeitstag in zwei Schichten einzuteilen.
Sie wollten im Wechsel Früh- und Spätschicht machen, damit sie auch noch Zeit für ihre Kinder hätten. An der Einteilung gefiel Ute am besten, dass sie abends ihre Kleine mit nach Hause nehmen konnte. Wenn Ute Spätschicht hatte, ging das leider nicht. Die Beiden waren der Meinung, nun die Lösung ihrer Probleme gefunden zu haben und das Geschäft würde auch auf die Art weiterhin so gut laufen. Dies erwies sich als Irrtum!
Eigenartigerweise gingen die Umsätze stark zurück, wenn Annette Dienst machte. Während Utes Arbeitszeit aber nicht. Ute stand vor einem Rätsel. Bis sie durch die Gäste auf die Fehler aufmerksam gemacht wurde. Man erzählte Ute, dass in Annettes Spätschicht deren griechischer Freund jeden Abend an der Theke saß, und Annette sich dann überwiegend mit ihm amüsierte.
Hatte Annette aber Frühschicht, machte sie nach Laune den Laden auf. Manchmal erst um zwölf Uhr mittags. Dann ging Annette oft nachmittags einkaufen und überließ den Laden ihren beiden großen Kindern. Da die meisten Gäste an einer Unterhaltung mit fünfzehnjährigen Teenies nicht interessiert waren, blieben sie weg.
Auch hatte Annette die Angewohnheit, mit Gästen zu tanzen oder knobeln, dabei vergaß sie dann die anderen Gäste zu bewirten. Oft saßen die Leute vor leeren Gläsern und schmutzigen Tischen mit überlaufenden Aschenbechern. Wenn sie sich also amüsierte, vergaß sie den Zweck ihrer Tätigkeit, das Verkaufen der Getränke.
Als Ute dann noch erfuhr, dass Annettes siebenjährigen Zwillinge den Gästen aus dem Wohnungsfenster auf den Kopf spuckten und die Leute beschimpften, wenn sie in die Kneipe wollten, war bei Ute das Maß voll.
Vorwurfsvoll sagte sie ihrer Freundin, dass Ute sich die Zusammenarbeit so nicht vorgestellt hatte. Annette stellte die Vorwürfe als erfunden hin. Den Umsatz-Rückgang könne sie sich nur damit erklären, dass die Gäste wegen Ute wegblieben. Wegen Utes Putzsucht würden sich die Gäste nicht wohlfühlen. Das widersprach total den unterschiedlichen Umsätzen, doch offensichtlich hatte Annette kein besseres Argument sich zu wehren. Mit ihr war nicht zu reden!
Die Rechnungen häuften sich, das Geld wurde knapp. Was Ute ein paar Wochen erspart geblieben war, musste sie nun leider machen. Sie musste Vito um Geld bitten. Da sie ihre Miete und Heizung bezahlen musste, dies von den geringen Geschäftseinnahmen nicht bewältigen konnte, blieb ihr dieser Weg nur übrig.
Es gab ein Höllen-Theater. Vito weigerte sich. Als er dann sagte, anstatt sich zu amüsieren, sollte sie in dem Lokal lieber arbeiten, reagierte Ute endgültig sauer. Sie drohte, sie werde die Kneipe meiner Freundin ganz überlassen und ihren Anteil an der Würfelbude selbst, übernehmen.
Höhnisch bot er ihr an, das könne sie ja mal versuchen. Dazu hätte sie schon deshalb nicht die Möglichkeit, da seine Geschäfts-Partner von ihrer Beteiligung gar nichts wüssten. Die würden sie auslachen. In diesem Geschäft habe sie nichts zu melden, sondern nur auf seinen guten Willen sei sie angewiesen. Dafür habe er schon vorgesorgt. Und er wolle ihr von den Einnahmen nichts abgeben. Keinen Pfennig mehr.
Wütend warnte sie ihn, dann sei sie gezwungen, andere Wege zu gehen. Wenn sie von dem Geschäft nicht leben könne, dann er und seine Kumpels auch nicht mehr. Dafür werde sie unter diesen Umständen sorgen. Das könne er sich überlegen, ob er das wolle. Aber wenn er bei seiner Haltung bliebe, werde sie fairerweise erst noch die Mitinhaber auf die Situation und die Folgen aufmerksam machen. Dann erst handeln.
Darmowy fragment się skończył.