Czytaj książkę: «Stark wie die Mark»
Rudolf Stratz
Stark wie die Mark
Roman
Saga
Stark wie die Mark
© 1913 Rudolf Stratz
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711507179
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1
Der, den wir in diesem Buch ein gutes Stück seines Lebens durch Kampf und Fehle, durch Schuld und Reue und Irrtum und Erkenntnis begleiten wollen, der war an diesem Potsdamer Frühlingstag eigentlich noch ein grüner Junge. Erst nahe an neunzehn. Ein Portepeefähnrich, wie die hundert anderen Kriegsschüler um ihn. Silberglanz der Berliner Gardeinfanterie an Kragen und Aufschlägen. Die Reihen neben ihm entlang auf Pickelhauben und Pelzmützen und Stahlhelmen, auf Czakos und Czapkas, über den jungen Gesichtern die Wappen aller Fürsten zwischen Maas und Memel: der fliegende Adler und der steigende Löwe, der Greif und die Sonne, das Hirschhorn und das springende Ross. Mit Ausnahme der Bayern die ganze deutsche Armee.
Noch nicht anderthalb Jahrzehnte nach dem grossen Krieg von 1870 ... in der ersten Hälfte der achtziger Jahre ... Und der erste Mai ... Ein tiefblauer Himmel über dem alten Potsdam und seinem Stadtschloss, vor dessen Front die Fähnriche aufmarschiert standen. Frühlingsgrün drüben über den weissen Marmorgruppen des Lustgartens ... davor die sandige Exerzierfläche ... Auf die brannte die Sonne ... Fern klimperte vom Turm der Garnisonkirche, hoch über den Grabstätten Friedrichs des Grossen und seines Vaters, des Soldatenkönigs, das Glockenspiel sein uraltes „Üb immer Treu und Redlichkeit ...“ Dann Stille. Erwartungsvolles Schweigen.
Der Fähnrich Achim von Bornim sah aus, wie ein Fähnrich aussehen soll. Lang, mager, stramm, den ersten Flaum auf den Lippen, mit einem verwegen-dienstlichen Gesichtsausdruck. Seine spöttischen und klugen grauen Augen musterten lebhaft den Paradeplatz. Mochten die Kameraden dösen, im Stehen, die Köpfe hängen lassen wie die Schwadronsgäule, oder gar fortwährend gähnen, wie diese Oberschlafmütze, der Kürassierfähnrich Lauckardt, zwei Mann von ihm ... Er war ein anderer Kerl ... Und überhaupt ... Von Kindesbeinen an hier zu Hause, in Potsdam, seinen Kasernen und Kasinos.
Drüben, am Rand des Lustgartens, harrte das erste Garderegiment zu Fuss seines Kriegsherrn. Kaiser Wilhelm der Siegreiche wollte heute das erste Bataillon besichtigen, das sein Enkel, der Major Prinz Wilhelm, befehligte. Achim von Bornim blinzelte sachkundig zu dem Regiment hinüber. Tadellose Kerle! Wie ’ne lange Mauer! Eine Mauer aus drei bunten Längsstreifen, dem Gelb der spitzen Blechhelme, dem Blau der Röcke, dem Weiss der Hosen. Das war wie ineinandergebacken. Das rührte sich so wenig, wie wenn man daheim auf Sommerwerk die grosse Dampfdreschmaschine abgestellt hatte.
Nur etwas flackerte leise im Maiwind. Zerschossene und vergilbte Seidenfetzen an den drei Fahnenstangen. An den Stangen blinkte etwas. Silberne Ringe. Die trugen die Namen derer, die bei Königgrätz und Gravelotte mit der Fahne in der Hand gefallen.
Und allerhand Gedanken im Kopf des Fähnrichs von Bornim: die Fahne hatte mein Vetter Stobberow damals gerade zu fassen gekriegt, da blieb er schon tot. Und sein Bruder. Und die Vettern Hellmich und Henning Bornim, die armen Kerle, und ... na ja ... im Krieg ... Es sollte mal wieder Krieg geben. Besser als Kriegsschule ... Herrgott ja ... Die Franzosen! Bismarck musste doch vernünftig sein und mal wieder anfangen ... Und Moltke! ... Na, Moltke war doch natürlich gleich dabei ...
Der Offizier du jour der Kriegsschule, der Premierleutnant der Jäger von Herrenknecht, hinkte vorbei. Er hatte noch zwei Chassepotkugeln im Bein und auf der Brust das Eiserne Kreuz. Das Eiserne Kreuz war überall. Auch Feldwebel trugen es drüben in der Front. Nur bei den Leutnants war es schon sehr rar geworden.
Sobald es wieder losging, holte man es sich auch! ... Hoffentlich bald! ... 1870 platzte die Bombe ja auch so aus heiler Haut, mitten in den Hundstagen! Achim von Bornim träumte sich das vor, wie es gegen den Feind ging. Hinten lagen die abgelegten Tornister und war der Boden weiss von weggeschmissenen Spielkarten ... vorn, weit drüben die Rothosen ... Hui — das pfiff ... krach: die erste Granate ... da stürzten schon Mannschaften — da fielen die ersten Herren ... kalt Blut ... ruhig zielen ... vorwärts auf die verfluchte Bande! ... Er sah das vor sich. Er hatte es hundertmal im Kasino gehört. Immer noch sprachen ja die Mitkämpfer von den drei Kriegen. Noch lebte die grosse Zeit.
Verdammter Friede! Dummes Zeug, was die andern Junker halblaut um ihn schwatzten. Der brünette Husarenfähnrich von Solkowski, der Sohn des einflussreichen Hofpolen, musste sich natürlich dicke tun und aus hohen Kreisen erzählen. Die Kaiserin Augusta war immer noch krank. Es werde für sie in den Kirchen gebetet. Und auch die Fürstin Bismarck sei leidend. Bei der grossen Soiree zu fünfhundert Gedecken, die der Reichskanzler am Sonnabend in seinem Palais in der Wilhelmstrasse gebe, werde die Gräfin Rantzau die Honneurs machen ...
„Ach ... Du Polack!“ dachte sich Achim von Bornim. Immerhin: Leute von Rang und Namen, in der Gnadensonne des Thrones, imponierten ihm doch, auch wenn es Sarmaten waren. Hinter ihm stritten der Fähnrich von Rakenitz, ein Sachse, und der Württemberger Freiherr Thürmer von Neudeck über das neue, versuchsweise bei ein paar Bataillonen eingeführte Repetiergewehr! Eine tolle Knarre! ... Schoss immer nach rechts ... Klemmte sich im Löffel fest ... „Also mir isch’s recht!“ sprach der biedere Schwabe gottergeben. „Ich wollt’ lieber, ich wär’ schon zu End’ mit der saudummen Kriegsschul’!“
Zugleich gähnte im ersten Glied der Kürassierfähnrich Lauckardt ungeduldig: „Herrgott, Kinders ... nun könnt’ es aber mal losgehen!“
Er war ein grosser, hellblonder, rosiger Bursche, in weissem Koller, nicht so windhundmager wie die andern, sondern eher zu breitschultriger Fülle neigend, mit einem weichlichen, verwöhnten Lächeln. Achim von Bornim wandte sofort kampflustig seinen hageren gebräunten Kopf zu ihm herum. Mochte in Gottes Namen ein Kerl von Kreuzzugadel wie der Thürmer von Neudeck auf die Kriegsschule schimpfen. Aber diesem Lauckardt liess er nichts durch. Den musste man immer ducken, mit seiner Selbstgefälligkeit. Er sprach so scharf, als wäre er ein Vorgesetzter: „Sagen Sie mal, Lauckardt ... Sie sind wohl verrückt?“
„Wieso?“
„Sie geniessen hier das ganz unmassgebliche Glück, Seine Majestät zu sehen! Der Kronprinz kommt. Prinz Wilhelm. Dort drüben steht das erste Regiment der Christenheit ... Ja — was wollen Sie denn eigentlich noch auf der Welt?“
Die Fähnriche ringsum lachten über seinen hochmütigen Verweis. Achim von Bornim hatte einen gewaltigen Einfluss auf sie. Er gab sich kaum Mühe, es darauf anzulegen. Es kam ganz von selbst. Sie hatten ihn gleich in den ersten Tagen zu einem ihrer Inspektionsältesten gewählt. Sie hieben förmlich, mit halblauten Worten, auf den Kürassier ein.
„Still, Lauckardt!“
„Sie haben’s nötig!“
„Kss! Kss!“ hetzte aus dem dritten Glied der Fähnrich von Chambaut de Chauvet. Jeder wusste: Lauckardt und der von Bornim standen sich wie Katz’ und Hund. Es gab noch einmal einen Krach. Aber Achim von Bornim sagte nur gelassen und anscheinend harmlos: „Von mir aus können Sie nach Hause gehen, Lauckardt, wenn es Ihnen hier zu langstielig wird! Ich wasche meine Hände in Unschuld!“
Dabei machte er eine Bewegung der weiss behandschuhten Finger, als hielte er zwischen ihnen ein Stück Seife, und dem Kürassier stieg in hilflosem Zorn eine Blutwelle bis unter das hellblonde, leicht gelockte Haar. Sein Vater hatte im Westen eine Weltfabrik ätherischer Öle und Essenzen. Das war durch einen unglücklichen Zufall Achim von Bornim zu Ohren gekommen. Und durfte man dessen Schilderungen seitdem glauben, so stand der Geheime Kommerzienrat und Vorsitzende des Aufsichtsrats der Aktiengesellschaft vormals Theodor Lauckardt irgendwo da unten zwischen Ruhr und Wupper persönlich Tag um Tag am Seifenkessel und rührte eigenhändig die brodelnde Masse.
Der Fähnrich von Bornim schaute, als sei nichts geschehen, an den andern vorbei nach dem rechten Flügel der Paradeaufstellung. Dort wehten Dutzende von Generalsfederbüschen im Wind. Neben ihnen, am rechten Flügel des ersten Bataillons, stand dessen Kommandeur, ein auffallend junger Major mit blondem Schnurrbart, die Schuppenkette unter dem Kinn — Prinz Wilhelm von Preussen, der künftige Kaiser. Weiter nach hinten, in buntem Durcheinander der Uniformen, die fremdländischen Militärattachés und ein auserlesenes, nur spärlich durch die Schutzmannskette bis zu dem Rand des Exerzierplatzes zugelassenes Zivil, Herren und Damen der Gesellschaft aus Potsdam und der Umgegend.
Richtig: dort stand jetzt auch Papa! ... War also doch von Sommerwerk herübergekommen! ... Na ja ... was hiess das für den alten Herrn — um fünf Uhr aus den Federn und fünf Meilen Chaussee, wenn er dafür wieder einmal den Kaiser sehen konnte. Seinen König ... Achim von Bornim unterschied deutlich die hagere, kaum mittelgrosse Gestalt des Vaters drüben, obwohl sie sich in dem schlichten schwarzen Rock, dem ehrwürdigen Zylinderhut unscheinbar in dem Gewimmel der Generalspracht und Gardegala, der Grosskreuze und Haussterne, der Kriegs- und Frühstücksorden verlor. Daneben Achims Schwestern. Alle drei ... die in Ostpreussen natürlich nicht ... Aber die Daniela ... die Berta und die Eva-Marie ... Drei semmelblonde Mariellen, wie er sich in brüderlicher Liebe dachte, viel blonder als er. Weisse Waschkleider, weisse Schirme, rote Backen ... eigentlich ganz stramme Mädels ... konnten so bleiben. An ihrem linken Flügel, neben der Eva-Marie, unter einem knallroten Sonnendach noch ein bräunliches, dunkelhaariges, dunkeläugiges Kleinmädchengesicht ... kaum vierzehn ... Wo hatten sie denn wieder den Balg, die kleine Zültz, aufgegabelt? Dann merkte Achim, wie der Vater ihn erkannte und ihm zunickte, und stand unwillkürlich im Glied stramm und lächelte, und drüben frug einer der mit Eichenlaub und Lorbeern goldüberstickten Potsdamer Riesen den kleinen Herrn im schwarzen Röckchen: „Wohl ein Filius, Exzellenz?“
„Ja, mein Jüngster!“ sagte Herr von Bornim bedächtig. Seine Stimme klang immer etwas heiser. Sie knarrte. Kam knapp und befehlsgewohnt heraus.
„Alles Offiziere?“
„Nee ... den Ältesten hab’ ich im Auswärtigen Amt ... unter Herbert ... Den mittleren in Berlin bei der Gardekavallerie ... mit Gottes Hilfe schon Premier ... aber der drüben ist der fixeste von der Gesellschaft. Der muss mal das Rennen machen ...“
Der alte Herr war so gewohnt, ausserhalb seiner selbst, im Rahmen des Staates, in den Grenzen von Preussen zu denken, dass er den Faden der Familie gleich wieder verlor und auf das Gespräch des Granden zu seiner Linken einging.
„An der Heuernte werden wir Freude erleben, lieber Graf! Kartoffeln ... wollen sehen. Aber Roggen notiert jetzt 145. Gegen 150 für russischen. Wenn einmal die Zeit kommt, wo wir die Spannung nicht beibehalten ...“
„Na ... das lassen Sie mal Bismarcks Sorge sein!“
„Der lebt auch nicht ewig!“ sprach der alte Bornim. Es klang streng. Voll widerwilliger Anerkennung für das menschenübersteigende Mass des Mannes aus der Altmark. Er, Wilke von Bornim auf Sommerwerk, fühlte sich nirgends wohl als zweiter. Er hatte hellblaue flammende Blücheraugen in dem vom Alter gefurchten Gesicht, gesträubtes weisses Haar, kriegerischen weissen Schnurrbart. Sein Kopf war scharf und trocken wie der eines kleinen wilden alten Raubvogels. Er schüttelte ihn missbilligend: „Ja, kann denn der Mann nicht reiten?“
Vor ihm hatte das kleine dunkelhaarige Mädchen mit dem roten Sonnenschirm diesen grüssend zu dem Fähnrich von Bornim hinübergeschwenkt. Durch die rasche Bewegung war der Gaul eines berittenen Gendarmen unruhig geworden. Er stieg ... Der Reiter lag unten am Boden, hielt noch die Zügel, hatte den Fuss im Bügel, war schon wieder oben ... Alles in Ordnung ... Nichts geschehen ... Der alte von Bornim räusperte sich und tadelte die Kleine, deren gebräuntes Gesichtchen mit den grossen dunklen Augen verdutzt und halboffenen Mundes dreinschaute: „Ilse ... Kind ... hab’ die Güte und schmeiss uns nicht mit deinem Parapluie die Parade um! Da kann ja ’ne Kuh scheu werden!“
Er schwankte in letzter Zeit gegenüber der Tochter seines Gutsnachbarn von der Zültz zwischen Du und Sie! Das Kleinzeug wuchs um einen heran, ehe man sich’s versah. Die Ilse war jetzt gerade so im Übergang, mit ihren dreizehn oder vierzehn. In kurzem Röckchen. Dicht vor der Konfirmation. Der richtige Backfisch. Er wandte sich wieder gedämpft an den Grafen.
„Das ist nun wieder so echt der Zültz! Fährt unterwegs mit seinen ungarischen Katzen an mir vorbei, als ob es brennte, schreit: ‚Exzellenz ... tun Sie mir den einzigen Gefallen und heben Sie mir heute das Kind auf! ... Ich kann sie heute nicht brauchen ... Ich hab’ Geschäfte!‘ ... Stoppt mir das Mädel herüber in den Break und heidi!“
„Was hat er denn wieder für Geschäfte?“
„Gott ... Sie wissen ja ...“
Freilich: es war im ganzen Kreis bekannt, dass Kaspar von der Zültz auf Wendisch-Wiesche das Wasser an der Kehle stand. Schon seit Jahr und Tag. Es war ein Wunder, wie er sich immer wieder herauszog. Ein aufregendes Schauspiel für die Landeingesessenen. Der alte Bornim schloss: „Helfen kann man ihm nicht! Der Mann spielt! ... Und neuerdings macht er Geschichten ... Ich habe da von einem Holzhandel gehört ... Nee ... danke ...“
Der General an seiner rechten Seite musste lächeln. Gerade vor ihm hatte die jüngste der drei blonden Schwestern, die Eva-Marie, einen raschen Gruss, mehr ein verstohlenes Kopfnicken mit einem jungen Husarenleutnant ausgetauscht, der in Paradeuniform, aber als Zuschauer, in einiger Entfernung mit einer anderen Familie stand. Dabei war sie plötzlich feuerrot geworden. Er frug: „Wer ist denn der blaue Belling-Husar da drüben, Exzellenz?“
„Bei den Zotzens? ... Ja, wenn ich Namen behielte! ... Er ist schon seit Wochen auf Urlaub in Rhinow!“
Der alte Herr war so harmlos, wie nur Väter sein können. Er hing anderen Gedanken nach.
„Ja ... nun geht Wendisch-Wiesche nächstens auch vor die Hunde!“ sagte er halblaut, damit ihn die kleine Ilse von der Zültz nicht hörte, die ahnungslos dicht vor den Herren stand. „Es ist ein Jammer mit den Gütern ...“
Und dann, in einem seltsamen, jähen Gedankensprung: „Na ... hoffentlich heiraten mir meine Sprösslinge mal wieder ein bisschen Geld ins Haus! Wenigstens die älteren. Um den Achim ist mir nicht bange. Der beisst sich schon sel ...“
Eine jähe Bewegung lief über den ganzen Platz. Ein Strammstehen. Ein Lüften von Hüten. Hundert weiss behandschuhte Hände hoben sich an den Helmrand. Damen sanken knicksend in sich zusammen. Ein hochgewachsener, vollbärtiger Generalfeldmarschall stand da, das Grosskreuz des Eisernen Kreuzes auf der Brust, ein Bild siegender männlicher Schönheit. Er schüttelte dem Kommandeur des ersten Bataillons die Hand. Der Kronprinz des Deutschen Reiches begrüsste seinen Sohn. Dann zog er viele Generale und Grosse des Landes ins Gespräch. Auch den alten Bornim. Die Kriegsschüler drüben beobachteten es aufgeregt. Es war ein Geflüster: der Kronprinz ... der Kronprinz ... Der Fähnrich Kausert, ein respektloser Berliner, erkundigte sich:„Was ist denn das für ein alter Knabe, den er jetzt am Rockknopf fasst?“
„Der alte Knabe ist mein Vater, wenn Sie nichts dagegen haben, Kausert!“ sagte Achim von Bornim kühl und mit unendlichem Hochmut.
Der Linieninfanterist schwieg betreten. Sein Nachbar, der Pionierfähnrich Rossnagel, frug: „Was ist denn Ihr Herr Vater?“
„Oberpräsident z. D. und früherer Staatsminister!“
Dann setzte der junge Bornim noch nachlässig hinzu: „Er konnt’ sich mit Bismarck nicht mehr vertragen. Da ging er. Nun sitzt er auf unsern Gütern ...“
Und weil er sich immer noch über den ‚alten Knaben‘ ärgerte, obwohl der Berliner Kausert für ihn kein Entrüstungsobjekt war: „Zeitung lesen Sie wohl nie — was? Sonst müssten Sie doch was von meinem Vater wissen! Er ist doch Mitglied des Reichstags und des Herrenhauses!“
Die Fähnriche lauschten achtungsvoll. Das war etwas für sie. Der Pionier hatte eine tollkühne unbestimmte Hoffnung, dass Achim von Bornim ihn einmal am Sonntag nach Sommerwerk mitnehmen würde.
„Sind Ihre Güter weit von hier?“
„Ein paar Meilen! Aber dann können Sie ’nen halb en Tag laufen, bis Sie rundherum sind!“
Und weil er schon im Zug war, setzte Achim von Bornim hinzu: „Früher waren es natürlich mehr. Aber in letzter Zeit, seit die Hohenzollern ins Land gekommen sind, haben wir viel hergeben müssen!“
In letzter Zeit! Das war dem Fähnrich Lauckardt, dem grossen rosig-blonden Kürassier, doch zu bunt. Er wandte den Kopf und meinte verweisend, in seiner verwöhnten Art: „Unsinn! Das ist doch mehr als vierhundert Jahre her!“
„Und meine Familie ist achthundert alt! Das heisst: in ununterbrochener Ahnenfolge! Eigentlich stammen wir, der Überlieferung nach, von dem Wendengott Zornebog ab!“
„Nu wird’s Tag!“ sagte der Berliner trocken. Die andern lachten und Achim mit. Aber eigentlich imponierte es den jungen Burschen doch! Und am meisten, obwohl er einen roten Kopf bekam und verächtlich überlegen die Achseln zuckte, dem Fähnrich Lauckardt selbst. Das war eben das Schlimme: Er war gegen diesen Bornim wehrlos. Dessen tollste Aufschneidereien machten hier noch Eindruck. Was man dagegen an Lauckardtscher Wirklichkeit ins Feld führen konnte, der industrielle Name des Vaters, die grossen Fabriken — das stiess auf Verständnislosigkeit. Achim von Bornim lächelte kaltblütig und, um den Kürassier noch weiter zu ärgern, lud er die Fähnriche Kausert und Rossnagel und was an Bürgerlichen in der Nähe war, ein, nächstens mit ihm nach Sommerwerk hinauszukommen. Dort wollte er ihnen alles zeigen. Er war ganz einfach und liebenswürdig mit den Kameraden. So. Nun konnte der gute Lauckardt als einziger Übergangener sehen, dass es nur an ihm selbst, nicht an seinem Namen, lag, wenn ihn ein Bornim schlecht behandelte ... Und das von Rechts wegen!
Jetzt war es nur noch zwei Minuten bis halb zwölf. Ein eigentümliches stilles Fieber, eine letzte, fast lautlose Geschäftigkeit auf dem Paradeplatz: Noch einmal ein Nachsehen der Richtung — die Front stand so haarscharf, als sei dieser lange bunte Strich von Menschen mit dem Lineal in den gelben Sand des Lustgartens gezogen, ein sich Ordnen der Generale am rechten Flügel. Und in dies atemlose Schweigen das Flattern des Federbuschs eines Leibjägers auf dem Bock einer offenen Viktoria, die in raschem Trab von der Langen Brücke heranrollte, gedämpftes Hurrarufen in der Ferne ... Es kam näher und näher ...
„Gewehr ... auf!“
„Achtung: Präsentiert das — Gewehr!“
Im Aufklirren von sechshundert Gewehrschlössern an breite Handflächen neigte sich langsam, grüssend die zerschossene Fahne zur Erde. Die Musik setzte rauschend ein: ‚Heil dir im Siegerkranz!‘ Quer über den Platz ging Kaiser Wilhelm der Siegreiche, dem Wagen entstiegen, bedächtig, gebeugt von der Wucht der Jahre, auf sein Regiment zu. Er begrüsste seinen Sohn, den Feldmarschall, er nahm aus den Händen seines Enkels, des Majors, der mit gesenktem Degen vor ihm stand, den Frontrapport entgegen und schritt die erstarrte Mauer der Grenadiere entlang. Hinter ihm weithin das Gefolge, Dutzende von Generalen, Ordensmassen, wehende Federbüsche, strenge, altersgefurchte Züge — die meisten mit dem Backenbartschnitt ihres Königs und Herrn, die Helden der drei Feldzüge, nun Greise wie er. Es lag wie feierliches Abendrot der versinkenden grossen Zeit über den alten Kriegern.
Achim von Bornim konnte sich gar nicht erinnern, wann er zum erstenmal Kaiser Wilhelm gesehen. Schon als winziger Dreikäsehoch, nach dem Friedensschluss von einundsiebzig, beim Einzug der Truppen in Potsdam. Seitdem immer wieder. Jahr um Jahr. Dutzende von Malen. Der Kaiser war immer da. Und Bismarck und Moltke. So wie Sonne und Mond am Himmel. Man vermochte es sich nicht anders vorzustellen. Aber den Kameraden, den Kriegsschülern aus der Provinz, war der Anblick des Kaisers neu. Die mochten sich wundern, dass das nicht nur der gütige Greis war, der drüben in Berlin, wenn der Paukenwirbel der Wache erscholl, am historischen Eckfenster seines Schlosses sich der jubelnden Menge unter den Linden zeigte, sondern hier, in seinem eigentlichen Element unter seinen Garden, der ernste, dienstlich prüfende, jede Kleinigkeit an Anzug und Richtung musternde preussische General. Nun trat er rückwärts, gegen das Marstallgebäude, um den Vorbeimarsch des Bataillons abzunehmen. Er stand immer noch ziemlich fern von den Fähnrichen der Kriegsschule. Um sie herum war ein Gewimmel von Fürsten und Generalen und Adjutanten und fremdländischen Offizieren. Der Kronprinz selber ging vorbei und liess sich von einem der Junker die gelockerte Schärpe fester schnallen und machte dazu, absichtlich die Berliner Mundart gebrauchend, einen Scherz. Von drüben hallte in durchdringendem preussischen Kommandoton die Stimme seines Sohnes, des Prinzen Wilhelm, der mit gezogenem Degen zu Fuss sein Bataillon dem Kriegsherrn vorexerzierte, es kunstvoll in dem engen Raum zwischen den Bäumen und Sandsteinstatuen tummelte, es schwenken und aufmarschieren liess, Linien und Sektionskolonnen, Zugfronten und Vierecke aus der gehorsam-beweglichen Masse schuf. Die jungen Seelen der Fähnriche waren voll von dem Bild. Beinahe bedrückt und doch gehoben. Nur der Kürassier Lauckardt meinte, als das Gefechtsexerzieren begann: „Also, dass man die Schützenlinie von hinten ausschwärmen lässt und dann die Soutiens zum Eindoublieren von vorn nimmt ... ich würde es gerade umgekehrt machen!“
„Schade ... Wenn Moltke hier wäre, könnten Sie’s ihm gleich sagen!“ riet Achim von Bornim. Aber Moltke war allerdings nicht zur Stelle. Der hatte anderes zu tun. Der sass jetzt drüben in Berlin, im Generalstabsgebäude am Königsplatz. Der Offizier du jour blieb vor der Front der Kriegsschüler stehen und versetzte freundlicher, als es sonst seine Art war: „Da schauen Sie mal hinauf!“
An einem der grossen Fenster der Paradegemächer des Stadtschlosses standen auf der Brüstung, von Lakaien gehalten, zwei kleine Prinzen in weissen Kleidchen mit lichtblauen Schärpen. Dahinter eine Dame in einfachem Schwarz. Die Prinzess Wilhelm und ihre beiden ältesten Söhne, die Urenkel des Kaisers.
„Vier Generationen Hohenzollern!“ sagte unten der Premierleutnant von Herrenknecht zu den Fähnrichen.
Vier Generationen Hohenzollern ... Drüben der Kaiser. Dort oben der dereinstige vierte Träger der neuen Reichskrone. Das war ein Stück Weltgeschichte: die jungen Leute fühlten es und schwiegen. Der Leutnant du jour frug nach einer Weile: „Wissen Sie, was morgen für ein Tag ist? Der 2. Mai?“
Allgemeine Stille.
„Morgen ist der Jahrestag von Grossgörschen, wo Seine Majestät zum erstenmal in den Freiheitskriegen gegen Napoleon im Feuer stand und sich das Eiserne Kreuz erwarb ...“
Nun wussten es die Fähnriche, und es war doch wie ein Märchen: der greise Kriegsherr dort drüben hatte schon gegen den grossen Korsen gefochten und zwei Menschenalter später, als ganze Geschlechter schon ins Grab gesunken, sich dessen kleinen Neffen als Gefangenen aus Frankreich geholt. Der greise Kriegsherr hatte Preussen erlebt von Jena bis Sedan. Er hatte Blücher und hatte Moltke an seiner Seite gesehen. Dreimal war er siegreich in Paris eingezogen. Er war der einzige Mensch auf Erden, der das Eiserne Kreuz der Freiheitskriege und das von 1870 zugleich trug. Die Zeit schien um ihn stillzustehen, der noch Theodor Körners Waffengefährte gewesen, und jetzt eben dort drüben, unbeirrt von allem Wandel der Dinge, ruhig und nüchtern durch das Knallen der Platzpatronen hindurch sagte: „Mir scheint, mir scheint, der Abstand zwischen der vierten und fünften Schützengruppe von rechts ist um zwanzig Zentimeter zu gross!“
Nun kam der Schluss: der Parademarsch. Diesmal des ganzen Regiments. Parademarsch in Kompagniefront. Die Musik schmetterte. Die Vorgesetzten kotoyierten, die Hand am Helm. Vor der Front ihrer Kompagnien marschierten zu Fuss die Capitäne in elegantestem Potsdamer Stechschritt. Dahinter flogen die weissen Beinreihen in einem: Eins, zwei! ... Eins, zwei!, als donnerte eine einzige Maschine, und sprangen im Rücken der Züge in Laufsätzen die vielen, als Leutnants eingetretenen, kleinen, noch minderjährigen Prinzen in ihren hohen Blechmützen, die mit den langen Beinen der Potsdamer Riesen nicht gleichen Schritt zu halten vermochten. Achim von Bornim sah sich den Vorbeimarsch sachkundig und gespannt an. Er war ja auch von der Garde. Und lange, ehe die jetzige preussische Garde bestanden, hatten seine Vorfahren schon auf eben demselben geschichtlichen Boden des Lustgartens die Söldner des Grossen Kurfürsten gedrillt und Friedrich dem Grossen mit gesenktem Sponton, den Ringkragen auf der Brust, ihre Kompagnien vorgeführt. Dann hörte er, wie neben ihm ein Fähnrich tieftraurig sagte: „Ach Gott ... jetzt fährt er weg!“ ... In der Tat: Kaiser Wilhelm hatte schon seine Viktoria bestiegen. Aber nun sah er aus der Ferne die sehnsuchtsvollen Augen der jungen Leute, die ihn die ganze Zeit noch nicht recht zu Gesicht bekommen, und fast zugleich gab er, sich lebhaft an einem Handgriff im Wagen aufrichtend, dem Kutscher einen Wink, zu wenden, und fuhr langsam, im Schritt, die Front der Kriegsschule entlang. Seine Stimme war kräftig, als er freundlich sagte: „Guten Morgen, meine Herren!“
„Guten Morgen, Eure Majestät!“
Dann standen die Fähnriche atemlos still. Sie fühlten die blauen Augen ihres Kriegsherrn auf sich ruhen. Viele waren blass geworden. Alle waren glücklich. Der Kaiser war eigens wegen ihnen umgedreht, hatte zu ihnen gesprochen ... Das war das grösste Erlebnis in ihrer bisherigen, kurzen Soldatenlaufbahn. Es zitterte noch in ihnen nach, während sie nach beendeter Parade den Kanal entlang durch die stillen Strassen Potsdams nach der Kriegsschule zurückmarschierten.
Sie waren schon beinahe daheim, an der Ecke des „Langen Stalls“, des grossen Exerzierhauses des ersten Garderegiments zu Fuss, als ein steckengebliebener Lastwagen die Kolonne zum Haltmachen zwang. In diesem Augenblick trat vom Bürgersteig her ein schlanker, hochgewachsener Herr in den Vierzigern, viel eleganter gekleidet, als sonst gemeiniglich das Zivil in Potsdam ging, lebhaften Schritts an die Fähnriche heran und überflog sie mit seinen nervösen, unsteten Augen. Dann winkte er lässig mit der Hand.
„Ah ...! ’Morgen! ’Morgen! ... Herr von Bornim!“ Und mit einer flüchtigen Verbeugung gegen den Offizier du jour, immer in einem schnellen, hochfahrenden Ton: „... von der Zültz! ... Pardon! ... dürfte ich eine Sekunde den Junker sprechen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich wieder an Achim von Bornim. Er wippte dabei unruhig mit seinem Spazierstöckchen, das er wie eine Reitpeitsche hielt.
„Ich muss nämlich rasch ’rüber nach Berlin! ... Sehen Sie Ihren Herrn Vater nicht jetzt?“
„Nee ... der fährt gleich nach Sommerwerk zurück!“
„Ach so ... ich wollte Sie sonst bitten ... Er hat doch meine Ilse bei sich ... dass er mir die nach Wendisch-Wiesche hinüberspediert! Ich kann sie beim besten Willen nicht abholen!“
„Das wird Papa gewiss von selber tun!“
„Na ... um so besser!“
Kaspar von der Zültz nickte zerstreut. Er war ein schöner, etwas abenteuerlicher Mann, mit dunklem Haar und dunklem Spitzbart. Immer in Unruhe. Immer in Aufregung. Dabei überstürzten sich seine Worte: „Sagen Sie mal, was war denn das? Eben trabt der Wehlen an mir vorbei und schreit mir zu: ‚Na, Ihre Kleine hat ja um ein Haar Malheur bei der Parade angerichtet!‘ ...“
„Ach, es war nicht so schlimm! Ein Gendarm ...“
„Stillgestanden! ... Bataillon — marsch!“
Das Kommando des Offiziers schnitt das Gespräch ab. Herr von der Zültz sprang zurück, grüsste herablassend: „’Morjen, lieber Junker ... ’Morjen!“ und eilte die Strasse hinunter. Er hielt, was hier in der Militärstadt besonders auffiel, seine aristokratisch hagere Gestalt etwas vornübergebeugt und trug den Hut im Genick. Er ging noch einmal so rasch wie andere Leute. Er hatte schon halbwegs den Bahnhof erreicht, als die Fähnriche endlich in dem Hof der alten Kriegsschule wegtraten und der Kürassier Lauckardt dabei sagte: „Der Gendarm hätte sich das Genick brechen können! ... So ’ne kleine Krabbe wie die mit dem roten Sonnenschirm gehört doch überhaupt nicht auf den Exerzierplatz!“
„Was fällt Ihnen denn ein, von einem jungen Mädchen aus solchen Kreisen per ‚kleine Krabbe‘ zu reden?“
„Sind Sie mit ihr verwandt oder verschwägert, Bornim?“
„Das nicht, aber ...“
„Na schön! Dann lassen Sie mich gefälligst in Ruhe — ja?“
„Kss! Kss!“ machten hinten wieder die Fähnriche. Aber Achim erwiderte nichts. Er fühlte, dass er diesmal zu hitzig gewesen war. Da wurde man lächerlich, wenn man sich zum Ritter eines unmündigen Backfisches aufwarf. So begnügte er sich damit, während sie die Treppen hinaufstiegen, die Melodie des Parademarschs im Laufschritt vor sich hinzupfeifen. Dessen gewöhnlich unterlegter Text lautete: ‚Lampenputzer ist mein Vater!‘, aber Achim von Bornim hatte eine Variante ersonnen: ‚Seifensieder ist mein Vater!‘ und wenn der Fähnrich Lauckardt seitdem die Laufschrittweise hörte, reizte es ihn so, wie der rote Sonnenschirm der kleinen Ilse von der Zültz auf einen Stier gewirkt hätte, und trieb ihm das Blut zu Kopf. Auch jetzt zitterte er vor Zorn am ganzen Körper. Dann wurde er plötzlich bleich. Er fühlte: So ging das nicht weiter.
Eine Hauptnahrung der bitteren Feindschaft zwischen ihm und Achim von Bornim war es, dass sie gemeinsam mit zwei anderen Fähnrichen das gleiche Quartier innehatten: ein Arbeitszimmer und daran anstossend zwei Schlafkammern mit je zwei Betten. So war man Tag und Nacht beisammen. Auch jetzt wieder. Kurz vor dem Mittagsappell. Es war ein Wassergepladder, ein Kämmen und Bürsten, der Musketier Valentin, die Ordonnanz der vier Kriegsschüler, lief mit Hosen über dem Arm und Stiefeln in der Hand auf und ab, und Achim von Bornim rief, während er sich wusch: „Valentin ... bringen Sie mir ein Handtuch! Ich habe die ganzen Hände voll Seife!“
Diesmal sagte er es wirklich harmlos. Er hatte gar nicht an Lauckardt gedacht. Aber im nächsten Augenblick stand der neben ihm. Atemlos vor Wut. Und keuchte: „Tun Sie die Seife weg, oder ...“
„Die Seife ...? ... Ach so ...“
Achim von Bornim hatte durch Zufall noch die Seife in der Hand. Jetzt behielt er sie mit Absicht darin und sagte scharf: „Lauckardt ... Sie finden nie den rechten Ton! ... Vorhin erlaubten Sie sich deplacierte Redensarten über unsere Nachbarfamilie von der Zültz ... Da musste ich Ihnen schon über den Mund fahren ... Jetzt schreien Sie mich gar selber an ...“
„Jawohl! Die Seife weg ... oder es setzt etwas!“
Der andere lachte. Jetzt ging er dem Streit nicht aus dem Weg.
„Dies Stück Seife ist mein unbestrittenes Eigentum. Verehrtester! Kostenpunkt ein Meter zwanzig! Teuer, aber gut! ... Donnerwetter ... Wollen Sie wohl gleich ...“
Der Kürassier hatte ihn am Arm gepackt und entriss ihm die Seife. Sie fiel zur Erde. Zugleich stiess ihn Bornim vor die Brust. Dann traten sie beide zurück. Eine Sekunde war dumpfes Schweigen. Endlich sagte Achim von Bornim kühl zu einem der beiden anderen Kriegsschüler, die im Zimmer waren: „Bitte, Morlock, überbringen Sie Herrn Fähnrich Lauckardt meine Forderung!“
„Nein, bitte, Chambaut: meine an Herrn Fähnrich von Bornim!“
Unten im Hof läutete die Glocke zum Mittagsappell. Die Tischordonnanzen standen schon in Reih’ und Glied aufmarschiert und streckten dem Fähnrich du jour ihre frisch gewaschenen, roten Pfoten entgegen, der sie kritisch auf ihre Sauberkeit hin musterte. Daneben ordnete sich die Kriegsschule selbst. Gleich nach dem Appell stülpten sich die beiden Fähnriche Stahlhelm und Pickelhaube auf und liefen nacheinander zu ihrem Inspektionsoffizier, einem breitschulterigen, pommerschen Infanterieleutnant. Der hörte erst den einen, dann den anderen bedächtig an. Ja ... dat war ja nu wohl slimm! ... Also nach Tisch bekämen sie weiter Bescheid! ...
Heute beteiligte sich Achim von Bornim nicht an den Scherzen, mit denen sich die hundert Fähnriche in dem grossen Speisesaal die Zeit beim Essen vertrieben. Er mischte keinen jener trügerischen Schnäpse aus Essig, Wasser, Senf oder Rotenrübensaft, die man durch eine Ordonnanz einem Kameraden schickte, um sich an den Grimassen des Beschenkten zu erfreuen, er erfand keine neuen fürchterlichen Namen für die Tischgerichte, deren es heute die „Leichensauce“, Hammelragout mit Zwiebeln, gab, er liess sich auch nicht, wie sonst, durch die Namen der Fähnriche an den Wänden, die seit der Gründung der Kriegsschule ihr Offiziersexamen mit Kaisers Belobigung bestanden hatten, zu guten Vorsätzen auf Eifer im Hörsaal anspornen. Er dürstete nur danach, vor den Feind zu kommen. Sein Herz klopfte, als ihn nach der Mahlzeit ein Offizier beiseite rief. Dann kehrte er verklärt zu den gespannt harrenden Kameraden im Hof zurück.
„Morgen nachmittag um drei Uhr in der Turnhalle! Rappier glacé! ... Kinder! Das wird ein Mordszauber!“
„Aber pass nur höllisch auf!“ sagte sein Freund, der junge Graf von Luyn. „Mit so ’nem Kürassier ist nicht zu spassen. Die Brüder sind an schweren Pallasch gewöhnt! Wenn der dir mit seinen Schwadronssauhieben durch die Parade fährt ...“
Der Fähnrich von Bornim lachte sorglos. Er war so glücklich wie ein Kind vor Weihnachten.
„Er soll nur kommen! ... Er soll sich wundern! ... Ich bin auch nicht von Pappe! ... Ach, wenn es doch nur schon morgen wär’! ...“
2
Kaspar von der Zültz auf Wendisch-Wiesche war am Tag nach der Parade zeitig am Morgen von Berlin auf sein Gut heimgekehrt. Er brachte einen Herrn mit. Einen respektablen älteren Herrn mit goldener Uhrkette und leicht sächsischem Tonfall, der sich Krüger nannte. Mehr wusste er selbst nicht von ihm. Aber Przywow und Libochowitz und Rehfisch und wie all seine Berliner Agenten und Geldleute hiessen, hatten ihm geschworen, es sei ein seriöser Mann, ein entschlossener Käufer. Der Richtige für Wendisch-Wiesche. Wenn es gelang, ihm in letzter Stunde noch die Sandbüchse anzuhängen ... Mit dem Angeld liess sich wenigstens die verwünschte Geschichte wegen des Waldverkaufs aus der Welt schaffen — es war die letzte Rettung ... eigentlich nur noch ein Rettungsschimmer, aber Kaspar von der Zültz sprach unaufhörlich, nervös lachend, in seiner liebenswürdig-erregten Art, während er seinen Gast durch Höfe und Ställe des verwahrlosten Gutes führte: „Ich züchte hier ein Schwein!“ sagte er, als sie in den süsslich-scharfen Brodem der Saubucht traten, und machte rasch die Türe hinter sich zu, um die durch Ammoniakdünste zerfressene Decke möglich zu verdunkeln, „... ein Schwein ... ich möcht’ am liebsten immer den Hut abnehmen, wenn ich hier hereinkomm’ ... veredeltes Landschwein natürlich ... was tu’ ich mit Yorkshire — nicht wahr? ... Na ... hier haben wir nun den Kuhstall!“ Er wandte in der Zerstreutheit die erste Jungkuh rechts am Horn zur Seite, damit man nicht merkte, dass sie erst gestern verkalbt hatte „... Grossartige Absatzverhältnisse für die Milch ... Elf Pfennig zahlt die Dampfmolkerei! ... Magermilch kriegt man fast geschenkt zurück ... Hier ist’s eine Lust, Schweine zu mästen, bei den Kartoffeln ...“
Der Inspektor Wiegand, die rechte Hand seines Herrn, hatte schon dafür gesorgt, dass im Kartoffelkeller alles, was faul war, zu unterst lag. Oben sah man nur eine tadellose Sorte Magnum Bonum. Der stätige Hengst im Stall hatte seit dem Mittag vorher kein Wasser mehr bekommen. Er stand da wie ein Lamm. Kaspar von der Zültz pries die struppigen Ackergäule wie vorher seinen Breitenburger Schlag Kühe. Er donnerte bei den landwirtschaftlichen Maschinen, als der Besitzer eines Musterguts, der unerbittlich nach dem Rechten sieht: „Den Heuwender gerade rücken! ... Den Düngerstreuer mehr nach links! Der Exstirpator sieht wie ein Ferkel aus! ... Warum hat ihn niemand geputzt? So geht’s, wenn man einen Tag von zu Hause weg ist! ... Da sind die Sackschen Pflüge, Herr ... Herr ... Krüger ... Da die Walzen ... Da haben wir das Göpelwerk für das Wasser! Jedes Pony zieht es! ... Famos — was?“
Der Herr mit der goldenen Uhrkette nickte. Er war glatt rasiert und sah wie ein Landgeistlicher aus. Er sprach fast nichts. Offenbar, um sich nicht zu blamieren. Er verstand anscheinend blutwenig von alledem. Einmal öffnete er seine Brieftasche, um stumm etwas nachzusehen. In dicken Bündeln staken darin die Tausendmarkscheine. Kaspar von der Zültz tanzte es vor den Augen ... Ein Stossgebet: ‚Lieber Gott, steh mir bei!‘ Er hüstelte, lachte und begann wieder — zu verräterisch schimmerten die frischen Schnittflächen der Baumriesen des Parks, die er, um ein bisschen Geld ins Haus zu bekommen, hatte abholzen lassen: „Ja ... hier hat der Sturm bös gehaust! ... Es tut einem im Herzen weh ... Aber was soll man machen? ... Nu möcht’ ich Ihnen vorschlagen, Herr ... Herr Krüger, wir fahren mal draussen die Gutsgrenzen ab! ... Ein Boden ... rotkleefähig ist noch zu wenig! Und eine Jagd! ... Ich glaube, da draussen am Waldrand steht schon ein Rudel Wild ...“
„Ich sehe nichts!“ sagte der fremde Herr.
„Drei- und vierschnittige Wiesen ... jawohl: vierschnittig!“
„Nach der Karte steht das ja eigentlich alles meist unter Wasser!“ Der fremde Herr hatte auf einmal eine Generalstabskarte herausgezogen. Dem andern wurde es etwas schwül zumut. Er lachte jovial.
„Na ... jetzt im Frühjahr ... nach den Wolkenbrüchen ... Man muss auch nicht zu ängstlich sein, Herr ... Herr Krüger ...! Bitte ... betrachten Sie mal hier den Dampfdreschsatz!“
„Bezahlt?“
Wieder lachte Herr von der Zültz etwas gezwungen.
„Auf Abzahlung! Es steht ja noch ein Pöstchen ... Aber da ist der Wagen! Bitte steigen Sie ein! ... Prüfen Sie alles und dann entschliessen Sie sich am besten rasch! ... Sonst kommen Sie zu spät! ... Es sind eine Menge Bewerber da!“
Und hinter dem Rücken des Gastes raunte der Inspektor, würdigen Ernst auf dem roten Biedermeiergesicht: „Ich bin ein alter Praktikus ... Ich kann Ihnen nur raten: Steigen Sie in die Goldgrube ’rein, Herr ... Herr ...“
„Krüger ist mein Name!“ sagte der fremde Herr. „Ich bin königlich preussischer Amtsrat. Auch ein Praktikus. Ich suche auch nicht für mich, sondern für meinen künftigen Schwiegersohn! ... Na ... Ich will jetzt nach Berlin zurück! Hat mich sehr gefreut, Herr von der Zültz!“
„Wollen Sie nicht den Wagen ...?“
„Nee, danke! Ich geh’ das Stück bis zur Station.“ Der Domänenpächter blieb, auf seinen Stock gestützt, noch einmal stehen und nickte: „Ich bin nun bald vierzig Jahre Landwirt! Wollen Sie einen guten Rat von mir, Herr von der Zültz? ... So werden Sie das Ding nicht mehr los! Es gibt ja genug Dumme auf der Welt ... aber so dumm ...? Ich glaub’ nicht! ... Wünsch guten Morgen!“
Er stapfte bedächtig davon. Kaspar von der Zültz schaute ihm finster nach. Dann tauschten er und der Inspektor einen Blick. Beide sagten kein Wort, und der Herr auf Wendisch-Wiesche trat in sein Haus zurück.
Vom Flur aus sah er in dem grossen Eckzimmer seine Tochter Ilse mit ihrer Französin. Die Kleine sass zurückgelehnt, die Hände im Schoss, mit verdriesslichem Gesicht. Ein paar unordentliche dunkle Haarsträhnchen hingen ihr in die weisse Kinderstirne. Sie sagte halblaut und gottergeben einen Abschnitt aus der voyage de Télémaque auf. Weder sie, noch Mademoiselle Roger bemerkten den Hausherrn, der auf den Fussspitzen vorüberging. Er setzte sich in dem letzten Raum nach dem Garten zu auf ein Kanapee. Den nannte er sein Arbeitszimmer. Er hatte die Auswahl unter den vielen Gemächern. Im ganzen Hause waren ja nur er und das Ilschen und die törichte Französin. Er dachte sich: ‚Seit zehn Jahren ist meine Frau nun krank. Das ist’s ... das ist’s ...‘
Er zündete sich eine Zigarre an. Er sass ganz still — er, der sonst das Quecksilber selber war. Vor ihm stiegen blaue Wolken, kleine Ringe ... lösten sich ... sonderbar ... sonderbar war doch das Leben ...
In einem jähen Ruck schnellte er empor, öffnete das Geheimfach seines Schreibtisches, las wieder diesen verwünschten Brief, den Schluss: „... und kann es keinem Zweifel unterliegen, dass der Verkauf und die Bevorschussung des bereits anderweitig hypothekarisch verpfändeten Forsts gegen das Strafgesetzbuch verstösst. Wir ersuchen Euer Hochwohlgeboren, die Angelegenheit spätestens bis zum ersten Mai abends durch Rückzahlung des Vorschusses an unsere Firma zu regeln, und werden wir dann den Vertrag als annulliert betrachten. Andernfalls müssten wir zu unserm Bedauern der Staatsanwaltschaft ...“
Verflucht und zugenäht! ... Kaspar von der Zültz verschloss tiefsinnig den Brief. Er wunderte sich eigentlich immer noch! So viele Jahre war das nun gegangen! ... So viel Ruhe wie ein Seiltänzer! ... Schulden ... Schulden ... Ein Loch zu ... das andere auf ... mal auch ein gesegneter Abend im Klub in Berlin ... ein bisschen Luft ... man hielt sich doch über Wasser ... man gewöhnte sich daran ... Und nun auf einmal ... Man war doch immerhin ein anständiger Mensch! So hatte er das gar nicht gemeint, mit Rehfisch und Kompanie, Holzhandel und Güteragentur ... Die Bande war auch zu rigoros ...
Wenn man nun hier mäuschenstill sass ... ei was ... leg nur die Löffel an und duck dich! ... Sie schiessen dich doch wie ’nen Hasen im Lager! ... Sie kommen ... sie kommen ... heute noch ...
Kaspar von der Zültz stand wieder auf, goss sich Kognak ein und stürzte ihn herunter. Der Wandspiegel drüben warf ihm sein Bild zurück: Ein schmächtig-schlanker, schöner Mann in der ersten Hälfte der vierzig. Haar und Bart tief dunkel wie drüben bei dem Ilschen. In den Augen ... komisch: seinen Augen traute man nie! ... Nun noch, mit der infam-elenden Gesichtsfarbe. Wie ein ausgenommener Hering ...
Er war sonst ein Kind des Tages und der Welt. Und jetzt diese ungewohnte Stimmung. Über sein Leben hinaus. In das Leben rückwärts mit den Gedanken: Die Jugendzeit ... Lieber Gott, was hatte so ein Leutnant viel Sorgen? Gar, wenn einen nun noch der Erbprinz Freund nannte ... Flügeladjutant an dem kleinen Hof ... Kammerherr ... schöne Tage ...
Musste denn nun ausgerechnet der Erbprinz sterben? ... Wieder in die Front zurück? Kaspar von der Zültz zupfte sich an seiner Krawatte. Er redete sich selbst gut zu: Meine Frau hatte doch ein bisschen was, wie wir uns heirateten! Es war ganz vernünftig, dass ich mich angekauft hab’! ... Vielleicht zu gross ... aber wer kann das wissen? ... Man will doch mal sein eigner Herr sein ... Wenn meine Frau gesund geblieben wäre ...
Er fing beinahe an zu weinen. Er schlug die Knöchel der Finger aneinander. Sein schönes Abenteurergesicht war schmerzlich verzerrt: Die Frau für immer im Sanatorium. Selten mehr bei sich. Und ich nicht Witwer und nicht Ehemann, das Wurm, die Ilse, auf dem Hals — mit meiner Gabe, zu bummeln ... Kein Wunder ... Und was die Krankheit kostete ... Zwei Jahre war er nun bei der Anstalt im Rückstand gewesen ... Der leitende Arzt war ja ein anständiger Kerl, mit einer Engelsgeduld ... aber schliesslich hatte er doch gedroht, er müsse die Kranke nun zurückschicken ... ja ... wohin denn dann mit ihr ... um Gottes willen ... wohin? So war damals das Geschäft mit Rehfisch zustande gekommen ... Er war so überzeugt gewesen, noch irgendwie Deckung zu finden. Ein Vierteljahr war lang. Aber gestern war der erste Mai ...
Komisch, dass es einen gerade an den paar guten Eigenschaften packte, die man noch an sich hatte ... sonderbar ... das Leben: Wenn man’s jetzt überschaute, war’s, als hätt’ es so sein müssen. Man lief blindlings drauf zu ... ratsch in die Falle ... Wer das alles so leitete ... Herrgott, andere Menschen waren doch auch leichtsinnig ... Freilich sollte der Mensch nicht spielen ... Aber er tut’s doch nu mal ... er tut’s ...
Kaspar von der Zültz stand nachdenklich, die Hände in den Hosentaschen. Jetzt nur kalt Blut, sagte der Fuchs beim Kesseltreiben. Noch war nichts geschehen. Vor allem musste man hier ’raus, aus dem Haus. Den ganzen Tag über. Sonst kamen sie einem über den Hals. Und dann noch einmal zu den Nachbarn. Es war der letzte Versuch. Vielleicht half doch einer im Lande. Dumm nur: die Geschichte hatte sich schon ’rumgesprochen! ... Einerlei ... Nur jetzt keine falsche Scheu ...
„Anspannen, Johann!“ schrie er in den Hof. Dann ging er hinüber in das Eckzimmer. Da sass Ilse immer noch mit der Mademoiselle. Er fuhr der Kleinen mit der Hand über den seidendunklen Backfischscheitel.
„Na, min Döchting — willste mit? Ich fahr’ aus!“
„Ja, Papa!“
Ilse schnellte stürmisch empor. Der Télémaque bekam einen Schubs, dass er bis zum Tischrand glitt. Sie hatte das Temperament ihres Vaters. Die Französin sagte vorwurfsvoll: „Monsieur nimmt Ilse in letzter Zeit fortwährend mit!“
„Na ja ... wenn’s uns doch Spass macht! ... Was, Mausi?“
Der Hausherr lachte, immer das Unstete im Blick. Er sprach das fliessende Französisch des ehemaligen Hofmanns.
„Aber sie bleibt im Lernen zurück, Monsieur! ... Sie erkältet sich auch noch einmal bei dem Wind und Wetter. Ich übernehme keine Verantwortung!“
Kaspar von der Zültz wurde plötzlich wieder ernst. Bleich. Fünf Jahre älter.
„Nichts zu machen, Mademoiselle Roger! Es gibt Zeiten ... ich kann jetzt nicht allein sein ... Verstehen Sie ... ich muss immer jemanden um mich haben ... Hab’ aber niemanden ausser meiner Maus da ... Also man los! ... Pell dich gut ein, Ilse! ... So! ... ’s kann Abend werden, bis ich zurückkomm’! ... Wer unter Tags nach mir frägt, wird abgewimmelt! Nach Rhinow, Johann!“
Der Wagen rollte lautlos auf weichem Weg durch die weite, ebene Mark. Goldenes Sonnengeglitzer auf tiefblauen Seen, schwarzgrünes Luch und Bruch und lichtgrüne Saat und Föhrendunkel auf weissem Sand, Windmühlenflug auf niederem Hügel, braune Sturzäcker mit Reihen pflügender Gespanne, die Ziegelei da hinten, die Kirchtürme am Horizont ... es war alles wie sonst und schien, als könne es sich nie ändern, und als sei kein Berlin auf der Welt, und über Kaspar von der Zültz kam allmählich etwas von dem Frieden frischer Luft und würziger Scholle. Er sass gefasst, in seinen Mantel gewickelt, und rauchte, bis der Kutscher vor einem altmodischen, niederen, still in einen uralten Park gebetteten Gutshaus hielt. Ein junger Leutnant in blauem Attila trat zufällig auf die Freitreppe hinaus. Er erwiderte die Vorstellung des andern.
„Von Sillein! Jawohl! Mein Onkel ist daheim!“
Über der Türe zum Arbeitszimmer stand der Bibelspruch: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen!“ Der alte, schlichte Herr von Zotzen-Rhinow war gerade in eine Besprechung mit Förster und Inspektor vertieft. Drei ernste, sonnengebräunte Köpfe staken da beisammen. Nun schickte er die beiden Angestellten weg, setzte sich Kaspar von der Zültz gegenüber und sagte, nachdem der mit seinem nervösen Hüsteln und Lachen kurze Zeit geredet, in seiner einfachen Art: „Wie viel oder wie wenig Sie auch brauchen mögen — ich hab’ es nicht! Ich bin kein reicher Mann. Ich bewirtschafte mein Rhinow und bin froh, wenn ich es meinem Sohn so hinterlassen kann, wie ich es von meinem Vater ererbt hab’! Mehr schaut heutzutage da nicht heraus!“
„Ich dachte auch nur, wenigstens eine Unterschrift zum Gutsagen!“
„Da sei Gott vor! Ich werde mich hüten und dem Teufel den kleinen Finger geben!“
„Nun denn ... adieu!“
Der stille Christ begleitete seinen Besucher bis zum Tor. Unterwegs sagte er, und der andere merkte, dass jener schon etwas von der Holzgeschichte wusste: „Beten Sie, Herr von der Zültz. Es liegt Kraft im Gebet!“
Die kleine Ilse wartete im Wagen. Sie sass stillvergnügt und liess sich von der Sonne bescheinen, froh, die Lerchen zu hören, statt der Vokabeln der Mademoiselle Roger. Als sie wieder mit ihrem Vater durch den weiten Rhinower Forst fuhr, frug der plötzlich mit erstickter Stimme: „Kind, kannst du das Vaterunser?“
„Natürlich, Papa!“
„Bitte ... bet es einmal!“
Die Kleine war verwundert. Aber sie faltete die mageren Kinderfinger und fing an: „Unser Vater, der du bist im Himmel ...“ Und Kaspar von der Zültz krampfte die Hände ineinander und schaute vor sich nieder und bewegte kaum die Lippen, bis es in dem Frühlingswind verklang: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit! Amen!“ Eine wilde Angst zog ihm das Herz zusammen. Nein. Umsonst. Da rührte sich nichts Rechtes. Da war kein Glaube. Keine Hoffnung. So rasch holte man das in zwölfter Stunde nicht nach ...
„Zültz!“ schrie eine heisere Stimme vom Grabenrand. „Zültz! ... ’Morjen, oller Schwede! ... ’Morjen, Ilseken! ... Na — wo führt Sie denn der Deibel her?“
Ein kleiner runder Herr stand da, im Jagdanzug, die Flinte in der Hand, das Hütchen über dem krebsroten Kopf bis in den Stiernacken zurückgeschoben, einen Zwicker auf der scharfgebogenen Nase, unter der ein Schnurrbärtchen kriegerisch starrte. Die wasserblauen Äugelchen blickten schlau in die Welt. Der Gurt der Joppe wölbte sich über dem spitzen Bäuchlein. Trotzdem sprang der Fünfziger gelenkig über den Graben und trat an den Wagen heran.
„Guten Morgen, Leggien! Ich wollte eben zu Ihnen nach Bernöwel.“
„So? Schön! Hohe Ehre! Da fahr’ ich mit!“ Er stieg ein. „Bleib sitzen! ... bleib sitzen, Ilseken! Oder soll ich Sie zu dir sagen, mein Kind ...? Na ... wie du willst!“ Er nahm neben von der Zültz Platz. „Krähen hab’ ich geschossen! Die Biester gehen mir an meine Fasaneneier! Da versteh’ ich keinen Spass ... Na ... Wie steht’s bei Ihnen? Was macht das Futter? Gut? Ja ... aber wissen Sie: ich schimpf’ doch! Ich schimpfe immer! Auf alle Fälle! Schliesslich zahlt der Landwirt ja doch die Zeche!“
„Na ... Sie gewiss am wenigsten!“
Der kleine dicke Junker lachte. Man war jetzt schon auf seinem Grund und Boden. Dort hinten lag Bernöwel. Das war kein altfränkischer Herrensitz wie bei den Zotzens. Das erinnerte an eine Fabrik, mit dem hohen Turm der Brennerei, den Schornsteinen der Dampfmolkerei, den linienweise wie blaugestrichene Batterien aufgefahrenen landwirtschaftlichen Maschinen, den Wellblechschuppen für die Sachsengänger, den endlosen Reihen von Schweineställen, der kleinen Feldbahn in die Torfmoore hinaus — an eine Fabrik kaufmännischer Grossindustrie zur Erzeugung von Branntwein, Schinken, Butter und Mehl, mit dem Hauptbuch im Kontor.
„Ein toller Betrieb — was?“ sagte der von Leggien stolz. Um sie herum waren bunte Kopftücher, fremdartige Gesichter, slawische Laute. Ungarn. Galizier. Russen.
„Ja ... nu geht die Kampagne los! Anno Tobak war’s gemütlicher! Aber jetzt muss sich der Mensch wehren — gegen Berlin! ... Wissen Sie: Ich mag trotz alledem die Berliner gern! ... Sie haben so was Naives!“
„Da sind Sie auch der erste Mensch, der das ...“
„Doch! Doch! ... Sehen Sie mal: die Berliner halten jeden, der Kartoffeln baut, für dumm! ‚Jotte doch! So ’n Ajrarier!‘ Da zuckt schon der Jüngling an der Heringstonne mitleidig die Achseln. Ein Segen fürs Geschäft! ... Ich kann ein Gesicht machen, töricht wie ein Waisenknabe, wenn es sein muss! Ich reiss’ die Leutchen nicht aus ihren Illusionen!“
„Ja. Sie ...“
„Wollen Sie mit mir frühstücken, Zültz? Ich seh’s der kleinen Gnädigen an: sie hat Hunger! Ich hab’ einen Bordeaux — noch ehrenfeste Bremer Ware, nicht das moderne Gesöff! ... Tröstet einen bei den schlechten Zeiten! ... Das Geld ist knapp! Ich bin froh, dass ich bei meiner Bank Kredit habe! Aber wie so ’n brauner Lappen in Natura ausschaut, das weiss ich kaum mehr! Nee — Spass beiseite ... wahrhaftig, Verehrtester!“
Dabei zwinkerte er den andern treuherzig aus seinen kleinen wässerigen Augen an. Das war deutlich genug. Es hiess: ‚Gib dir keine Mühe! Ich weiss schon alles! Aber hier jibt’s nischt! ... Keinen polnischen Groschen!‘ Kaspar von der Zültz begriff das. Er stieg entschlossen wieder in den Wagen. Der Bernöweler heuchelte Erstaunen.
„Und ich dachte, Sie hätten mir was zu sagen?“
„Ach nee — lieber nich!“
„Na, denn: ’Morjen!“
„’Morjen!“
Als sie ausser Sicht der grossen Spiritus- und Schinkenfabrik waren, sagte Ilse kläglich: „Papa! Ich hab’ aber wirklich Hunger!“
Ihr Vater fuhr aus seinen Gedanken auf und strch sich über die Stirne, auf der trotz des lauen Maiwindes kalte Schweisstropfen perlten.
„Ja, ja!“ sagte er. „Die Gäule müssen ja auch verschnaufen!“
Sie frühstückten unter alten Linden vor einem Dorfkrug. Ilse fütterte die Hühner und streute Krümel für die Spatzen und ahmte als sachkundiges Landkind das gereizte: ‚Kauder! Kauder!‘ des grossen Truthahns nach, bis dem vor Zorn der ganze Hals blaurot schwoll. Ihr Vater sah sie, den Kopf auf die Hand gestützt, gramvoll von der Seite an, wie sie, seelenvergnügt kauend, in ihrem weissen Kleidchen dasass, auf dem durch das noch halbkahle Lindengeäst hindurch die goldenen Sonnenkringel tanzten, das zarte, schmale Kindergesicht mit den dunklen Augen von dem grossen Strohhut überschattet. Dann fuhren sie weiter. Auf Rosenrade zu. Das war kein schlichter Edelsitz wie die andern. Das war ein Schloss, neuerbaut, mit ragenden Türmen, inmitten eines englischen Parks. Hier kam es aufs Geld nicht an. Die Herrin des Hauses stammte aus Hamburg und hatte die drei wilden Schwäne im Wappen derer von Machwitz neu vergoldet. Ihr Gatte war reicher, als es seine Vorfahren hier in sechshundert Jahren je gewesen. Er war ein blonder, eleganter Mann mit einem langen Heidelberger Durchzieher über die linke Backe, Dr. juris, Kammerherr, mit seiner Frau mehr in seiner Stadtwohnung in Berlin, bei Hof und in der Hofgesellschaft zu Hause als hier draussen. Zu ihm kam man nicht so leicht wie zu den andern. Ein Haushofmeister meldete an, ein Lakai verschwand mit der Karte, ein zweiter führte den Besucher geräuschlos in das Arbeitskabinett.
„Bitte, nehmen Sie Platz! Womit kann ich dienen, Herr von der Zültz?“
Es klang äusserst kühl. Zurückhaltend bis zur Möglichkeit. In seiner gesellschaftlichen Stellung vermied der Kammerherr von Machwitz auf Rosenrade alles, was nicht ganz zweifelsohne war, so ängstlich wie mit Lackschuhen eine Pfütze am Wege. Der andere fühlte das. Er sagte sich: ‚Was fahr’ ich eigentlich bei all den Leuten herum? Es hilft ja nichts! Ich bin ja im Kreise bekannt wie ’n bunter Hund!‘ Aber er war nun einmal da. Er lachte und hüstelte und fing zu reden an. Nicht lange. Dann machte Herr von Machwitz eine Handbewegung.
„Ersparen wir uns das weitere, Herr von der Zültz! Ich bin leider ganz ausserstande ...“
„Ja, aber lassen Sie mich nur ...“
„... völlig ausserstande, mich mit Ihren Angelegenheiten zu befassen! Diese Berliner Geschäfte sind nicht nach meinem Geschmack ... bitte, verargen Sie mir meine Offenheit nicht!“
„O bitte sehr!“
Der Kammerherr begleitete mit der Höflichkeit, die ihn nie verliess, seinen Gast bis an die Schwelle des Schlosses. Er begrüsste auch Ilse, die im Wagen aufstand und knickste, mit einer Verbeugung, als sei sie schon eine Dame. Das schmeichelte der Kleinen. Sie war vor Verlegenheit rot geworden. Wieder trotteten die Gäule dahin. Sie liessen die Köpfe hängen. Es ging im Schritt. Die Räder mahlten in weichem Sand. Kaspar von der Zültz schrak empor: „Wo sind wir denn zum Kuckuck?“
„Bei Görtzke, gnädiger Herr!“
Der Kutscher deutete mit der Peitsche nach dem kaum hundert Schritt entfernten Gutshof hinüber. An den grenzte ein See. Ein grauköpfiger, grossgewachsener, hagerer Herr ging da still spazieren, der verwitwete Generalleutnant von Stobberow, dessen beide Söhne 1870 an einem Tag gefallen waren. Es hatte keinen Zweck, den einsamen, weltabgeschiedenen Mann erst aufzusuchen. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit der Rettung. Kaspar von der Zültz rang mit sich, fuhr sich mit der Hand zwischen Hals und Kragen, als würgte ihn da etwas, und stiess endlich heiser hervor: „Nach Sommerwerk! Zu Exzellenz von Bornim!“
Die Sonne stand tief am Horizont. Die Schatten der Bäume wurden lang. Wilde Enten strichen schweren Flügelschlags über den See zur Linken. Wanderstare schwatzten schlaftrunken zu Tausenden im Schilf. Fledermäuse huschten. Kaspar von der Zültz sagte plötzlich: „Ja, damals, wie die gute Mama noch gesund war, Ilse — das war ein Leben ...“
Und dann, weich: „Da hab’ ich nicht so auf den Landstrassen herumgelegen. Da war ich daheim. Ich hab’ sie sehr lieb gehabt, Kind!“
Und endlich: „Ich hab’ sie auch jetzt noch lieb! ... Dich auch, Ilse!“
Seine Augen waren feucht. Die Kleine bemerkte es im Dämmern nicht. Sie war müde. Drüben blitzten Lichter. Das war das mächtige Herrenhaus von Sommerwerk, dem grössten Dominium rings im Lande. Man unterschied nur noch undeutlich die hohen Giebel und die weiten Dächer der Stallungen und Speicher dahinter. Kaspar von der Zültzs Herz pochte. Er dünkte sich sonst in seiner selbstbewussten, lässigen Art jedem überlegen. Aber vor dem alten Bornim hatte er einen Heidenrespekt, wie alle Welt. Er war förmlich froh, als er gebeten wurde, einen Augenblick im Salon zu verziehen. Exzellenz seien noch über Land, würden aber bald kommen.
In der Tat fuhr gleich darauf ein hochräderiger Break vor, in dem Wilke von Bornim und zwei andere alte Herren sassen. Sie nahmen vor dem Hause voneinander Abschied. Von der Zültz hörte durch die offenen Fenster, wie der eine raunte: „Überhaupt — was macht Minnigerode jetzt in Berlin? Die Wahlen sind doch erst im Herbst!“
Darauf ein gedämpftes: „Kommen Sie diesen Sommer mal nach Varzin, Bornim?“
Ein Nicken.
„Also dann sagen Sie ihm, dass wir ...“
Das weitere erstarb in einem Gemurmel. Der Schatten Bismarcks lag einen Augenblick über den drei Junkern. Dann zogen die Pferde an. Die beiden andern fuhren weiter. Wie zwei alte Geier sassen sie mit ihren scharfen, verwitterten Köpfen, in ihre Mäntel gewickelt, oben auf dem Wagen, und Wilke von Bornim trat in sein Haus.
Diese unheimlichen, leuchtenden blauen Augen! In denen lag so etwas von selbstlosem Fanatismus ... rücksichtslosem Einsetzen der eigenen Persönlichkeit ... ein: ‚Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen!‘ ... Es war Kaspar von der Zültz gar nicht wohl zumut unter dem Blick des alten Herrn. Sie sassen einander gegenüber. Er konnte keine Umschweife mehr machen. Er war ganz matt und kaputt. Er brach nach wenigen Sätzen los: „... und kurz und gut: Wenn ich nicht heute noch Zwanzigtausend Mark auftreib’, so werde ich einfach verhaftet ... vielleicht schon diese Nacht ...“
In dem hundertfach gefurchten Antlitz des alten Bornim regte sich nichts. Die Lampe beschien hell sein aufrechtstehendes, weisses Haar, den kampflustig gesträubten, schlohweissen Schnurrbart. Er rauchte. Er sprach kein Wort. Der andere sprang auf. Er lachte heiser.
„Herrgott — das ist ja grässlich, Exzellenz! ... Reden Sie doch wenigstens irgend einen Ton!“
„Ich weiss nichts, Herr von der Zültz!“
„Aber, was soll ich denn machen?“
Wieder keine Antwort.
„Ich soll mich totschiessen — meinen Sie? ... He?“
Schweigen.
Der Wendisch-Wiescher rang die Hände. Er flehte beinahe. Die Stimme überschlug sich ihm.
„Exzellenz ... Sie sind doch hier im Kreis sozusagen unser mahnendes Gewissen ... unser Vorkämpfer ... unser Vorbild ... Alles schaut mit Verehrung zu Ihnen auf ... Sie haben die höchsten Würden erreicht ... Sie kennen das Leben wie keiner ... Herrgott ... Sie sind doch ein Christ ...“
Das wirkte. Exzellenz von Bornim hob das Haupt.
„Ich bin ein alter Mann!“ sagte er. „Und das Leben hat mich gelehrt, dass man alle Leute retten kann, nur die Spieler nicht! ... Sie sind ein Spieler. Waren’s immer. Mein zweiter, der Lüdecke, der Kavallerist, jeut auch und wird einmal daran um die Ecke gehen. Das weiss ich jetzt schon ... Und was Sie betrifft: Sie wären in einem Jahr wieder gerade so weit wie jetzt, Herr von der Zültz, und das Geld wäre ins Wasser geworfen.“
„Und da soll ich nun so einfach, mir nichts, dir nichts, verloren sein — was? Keiner streckt die Hand aus, um mir zu helfen?“
„Seien Sie nicht ungerecht!“ sprach der alte Herr ernst. „Sie wissen genau: Es hat Ihnen jeder hier schon einmal geholfen. Ich selbst schon dreimal. Und es war immer umsonst. Und diesmal ist die Geschichte einfach schmuddelig ...“
Das Feuer in seinen blauen Augen verstärkte sich. Er stand auf und stampfte mit dem Fuss.
„Eine verfluchte Schmuddelei ist es, Herr von der Zültz! Das mit dem Holzverkauf. Das wollen wir doch einmal offen aussprechen. Da geh’ ich nicht mit. Das können Sie nicht verlangen. Es tut mir weh genug, dass so was möglich ist! Was soll ich denn im Reichstag sagen, wenn man mir solche faulen Sachen meiner Standesgenossen unter die Nase hält? ... Das Maul muss ich halten, wie ein dummer Junge! Ich schufte für uns alle, und Sie machen mir hier meine Arbeit zunichte! ... Wenn wir die Ersten im Lande Preussen sein wollen, Herr von der Zültz, dann müssen wir ’ne weisse Weste anhaben, so weiss, wie sie gerade von der Plättfrau kommt! Auch nicht ein Stäubchen drauf! ... Nee ... Nee ... da hab’ ich kein Mitleid mehr ... nee ... nee ... tut mir leid ...“
Der alte Herr ging ein paarmal stürmisch durch das Zimmer. Dann blieb er stehen.
„Wenn Ihnen mit dem Geld nach Amerika gedient ist, das können Sie haben! Auf der Stelle!“
„Herr von Bornim ...“
„Sie brauchen gar nicht aufzubrausen! Was faul ist, fällt vom Stamm. Mehr kann ich nicht tun. Soll ich das Geld holen?“
Kaspar von der Zültz fing an, nervös zu schluchzen. Er überragte die kleine Exzellenz vor ihm um zwei Haupteslängen. Aber er stand vor ihm wie vor einem Richter. Der alte Bornim sah ihn mit unverhohlenem Widerwillen an. Ein weinender Mann ... Pfui ... Plötzlich stiess der andere einen unartikulierten Ton aus, stürzte ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer, lief durch den Flur, sprang in den Wagen ... Wilke von Bornim sah im Dunkel des Hofs die beiden Laternen sich bewegen, die Pferde anziehen ... Wer lehnte denn da noch neben dem Unglücksmenschen auf dem Rücksitz? ... Ein halbwüchsiges Mädchen, den Kopf schlaftrunken vornübergesunken, friedlich schlummernd ... Ach so ... die kleine Ilse ... seine Tochter ...
Das Antlitz des alten von Bornim wurde noch ernster. Er ging hinüber in seinen grossen Arbeitsraum. Dort sah es nicht so aus wie sonst bei den Landjunkern. Wohl fehlten auch hier die Schriftstücke der Gutsverwaltung nicht, Holz- und Korn- und Lohntabellen, Abrechnungen mit der Dampfmolkerei, Spiritus- und Steuerkorrespondenzen, Briefe an das Kirchenpatronat und den selbständigen Gutsbezirk Sommerwerk, aber sie verschwanden neben den Aktenstössen, die den mächtigen Schreibtisch, die Stühle, den Fussboden bedeckten, die Regale an den Wänden füllten: die Drucksachen des Reichstags und des Herrenhauses, die Verhandlungen des Provinziallandtags und des Kreisausschusses, der General- und der Provinzialsynode, des Kriegervereins und des Johanniterordens, des patriotischen Wahlvereins und der Brandschätzungskommission, Schreiben von Parteifreunden aus nah und fern, Zeitungsnummern mit blau angestrichenen politischen Artikeln, Zuschriften aus den Ministerien ... Aus diesem niederen, von Tabakrauch durchzogenen, mit Rehgehörnen geschmückten Raum, von diesem unscheinbaren kleinen Herrn, der in ihm sass, strömte ein zäher, unbändiger Wille zur Macht hinaus über das Land, über Preussen und das Reich.
Über dem Schreibtisch hing ein Kruzifix. Auf das richtete der alte Bornim die Augen. Er sann. War das nicht eine Unterlassungssünde? Der, den er eben in die Nacht und in sein Schicksal hinausgesandt, der besass eine kranke Frau, ein unmündiges Kind. Die durften nicht für ihn leiden. Denen musste man beispringen. Das war Christenpflicht.
Diese Sorge begleitete ihn zum Abendessen, das er allein mit seiner Frau einnahm. Die drei Töchter waren für den Abend zu den Zotzens nach Rhinow geladen, wo sich durch einen merkwürdigen Zufall auch der Neffe dieses Hauses, der Husarenleutnant von Sillein, seit Wochen aufhielt. Die beiden alten Leute, die in einer lächerlich glücklichen Ehe lebten, sassen bei Tee und kalter Küche und taten, was sie zum Zeitvertreib immer bei der Lampe taten — sie stritten sich über Gott und die Welt, diesmal über das Datum ihrer Ankunft in Innsbruck auf ihrer Hochzeitsreise vor dreissig Jahren, bis Herr von Bornim scheinbar böse wurde und mit der flachen Hand auf den Tisch schlug: „Hoho ... Malwinchen! Da muss ich aber doch sehr bitten ...“
Und ebenso entrüstet sie, die rundliche Exzellenz: „Wilkchen ... du bist manchmal wirklich komisch ...“
Gleich darauf taten sie, als sei gar nichts geschehen, und Philipp, der greise Diener hinten am Büfett, verzog keine Miene. Er kannte das seit einem Vierteljahrhundert. Als er hinausgegangen, schob Wilke von Bornim seinen Teller zurück und sagte plötzlich: „Weisst du, Malwinchen: ich hab’ wirklich allen Grund, unserm Herrgott dankbar zu sein. Er hat mich gnädig geführt!“
„Du verdienst es auch, Wilkchen!“
„Die Eitelkeit der Welt mein’ ich nicht! Ob ich abends meine Orden wegschliess’, oder meine Hosenträger abknöpf’, das ist mir egal. Aber, dass ich dich bekommen und behalten hab’ und die Meinen und mein Haus und Dach ... Ich weiss einen, Mallichen, der muss morgen von Haus und Hof, und seine Frau ist unheilbar krank, und was aus seinem Kind wird, weiss keiner ...“
„Hilf ihm, Wilkchen!“
„Nicht wahr, Mutter?“ sagte der alte Herr. „Ich muss doch!“
Er fand diese Nacht keinen Schlaf. In ihm klang das Wort der Schrift: ‚Was du tust, das tue bald!‘ ... Was konnte jetzt, zwischen Eulenruf und Hahnenschrei, alles drüben in Wendisch-Wiesche passieren? Ein Mensch wie der Zültz, der gleich toll aufflackerte wie ’ne Strohmiete im Blitzschlag! ... der unsinnige Abenteurer! ... Exzellenz von Bornim stand auf. Ging unruhig auf und nieder. Um halb vier Uhr morgens weckte er selbst den Kutscher und liess anspannen.
Es war noch dunkel draussen, als er nach Wendisch-Wiesche fuhr. Morgenkühle. Totenstille. Kaum hörbar das Janken der Bauernköter in der Ferne. Sanftes Unkenklagen und breites Fröscheknarren aus dem Bruch. Dann erhellte sich allmählich die Welt. Weisse Schwaden wallten über der Erde, hingen im Parkgeäst von Wendisch-Wiesche. In tiefem Schlaf, mit geschlossenen Fensterläden lag unter ihnen, undeutlich in dem zähen fliessenden Grau, das Herrenhaus.
Wilke von Bornim stieg aus und klingelte. Klingelte wieder. Lange und durchdringend. Ein schlaftrunkener Diener schlürfte endlich auf Pantoffeln durch den Flur, machte das Haustor auf, erkannte die Exzellenz, liess ihn erstaunt, mit tiefem Bückling, eintreten. Im selben Augenblick öffnete sich im Oberstock ein Fenster und wurde sofort wieder klirrend zugeworfen ... kurze Stille ... dann, deutlich vernehmbar, ein Schlag ... oder Fall ... oder Schuss ...
Und zugleich fuhr es dem alten Bornim durch den Kopf: ‚Um Himmels willen ... er hat den Wagen gesehen ... das Läuten gehört ... er hat geglaubt, das Gericht kommt, ihn zu holen‘ ... Er stürzte hinter dem Diener die Treppe hinauf. Oben roch er in der Luft, ganz leise, ganz fein, einen Pulverdampf, wie bei der Jagd ... Die Türe zum Schlafzimmer war unverriegelt ... sie flog auf ...
Da lag der Zültzer auf dem Bett. Im Nachthemd. Ein blosses Bein am Boden. Daneben ein schwach dünstender Revolver. Er hatte die Augen geschlossen. Blut träufelte aus Mund und Nase auf das weisse Kissen. Wohin er sich in den Kopf geschossen, war nicht zu erkennen. Er röchelte. Er lebte noch ...
Der alte Bornim war 1870 als Johanniter mitgewesen. Hatte Lazarette unter sich gehabt. Wusste Bescheid: Hier war keine Zeit zu verlieren. Zum Arzt! So rasch wie möglich! Jetzt war er noch daheim. Die Kreisstadt nur eine Viertelstunde raschen Trabs entfernt. Zum Glück hatte der Diener die Ackerknechtskräfte seines früheren Berufs. Er trug fast allein den Bewusstlosen, in eine Decke gewickelt, hinab in den Wagen. Exzellenz von Bornim half ihm, so gut er konnte, und setzte sich auf den Vordersitz. Gegenüber der Diener, im Schoss den wunden Mann. Vorwärts! ... Niemand sonst im Hause hatte etwas gemerkt. Es schien einem selber wie ein böser Traum vor Tag und Thau ...
Als Wilke von Bornim nach einer guten Stunde allein wieder vor dem Herrenhaus von Wendisch-Wiesche hielt, lachte goldener Sonnenschein und zwitscherten die Vögel. Innen hantierten ahnungslose Mägde. Schwatzten. Trällerten vor sich hin. Machten grosse Augen beim Anblick des alten Herrn. Der hatte seine Pflicht getan: den Verwundeten, der immer noch atmete, dem Arzt und Krankenhaus übergeben. Nun befahl er: „Wecken Sie mal gleich das Fräulein Ilse. Sie möchte so gut sein und sofort aufstehen und herkommen! Und ihre Mademoiselle auch!“ Und als die Französin hinter ihrer verschlossenen Türe etwas von: „Mon Dieu!“ piepste, wurde er ärgerlich auf das unnütze Frauenzimmer.
„Keine Sperenzchen, zum Kuckuck! Sonst fahr’ ich ohne die dumme Trine ab ... Oh ... da sind Sie ja, Ilschen!“ Seine Stimme war sofort freundlich, väterlich, gütig. Er nahm die Hand des Kindes, das verwundert, aber ganz vergnügt und mit klaren Augen vor ihm stand, in seine runzlige Rechte. „Papa lässt Sie grüssen! Er hat plötzlich nach Berlin müssen und mich gebeten, Sie wieder für ein paar Tage zu uns nach Sommerwerk zu nehmen. Möchten Sie?“
„O fein!“ sagte die Kleine erfreut. Das war ihr nichts Neues. Sie war ja erst vorgestern mit den Bornims zusammen gewesen. Sie kletterte flink in den Wagen. Dass die Französin auch mitkam, war ihr einziger Kummer. „Nach Hause!“ befahl Herr von Bornim und gab dem Kutscher durch ein Stirnrunzeln ein Zeichen, zu schweigen. Der nickte stumm im Einverständnis. Die Pferde liefen. Die kleine Ilse sagte plötzlich: „O pfui!“
„Was denn, Kind?“
„Sie haben ja Blut am Ärmel, Exzellenz!“
Der alte Herr biss sich auf die Lippen. Er ersann rasch etwas. Er hatte sich beim Rasieren geschnitten ... natürlich ... heute im Dunkeln ... Aber Ilse von der Zültz dachte schon nicht mehr daran. Sie sass still da, ein Lächeln um den Mund. Die Morgensonne stand schon ziemlich hoch. Sie übergoss ihr zartes, feingeschnittenes Gesicht mit einem geheimnisvollen rötlichen Schein. Und die grossen dunklen Augen. Das seidenweiche Haar. Die schlankknospende Gestalt. Wilke von Bornim sah sie von gegenüber an, und es ging ihm, zum erstenmal, unwillkürlich durch den Kopf: ‚Herrgott ... wird das Mädel mal schön ...‘
... Und das Temperament des Vaters in den Adern ... Und keine Mutter ... kein Elternhaus ... kein Geld ...
Aus der jungen Wintersaat am Wege stiegen die Lerchen mit hellem Schlag empor ins weite, unendliche Blau. Ilse folgte ihnen mit dem Blick und lächelte träumerisch. So fuhr sie in das Leben hinaus.
3
Die Schwestern schliefen noch. Die Eltern erst recht. Alles, was herrschaftlich war in Sommerwerk, stak noch in den Federn. Nur sie, Eva-Marie von Bornim, die Jüngste des Hauses, war schon auf den Beinen. Treppauf, treppab. Durch Küche und Keller. Haus und Hof. Einer musste sich doch darum kümmern ... Es juckte einem ja in den Fingern ...
Der blonde Kopf des Landfräuleins zwängte sich durch die Luke einer Falltüre ans Tageslicht. Sie war unten, in der winterlichen Russenstube, gewesen, um zu sehen, wie der dortigen Rattengemeinde die Phosphatpillen bekommen waren. Sie betrat jetzt, frisch, drall, mit blühenden Backen, den mächtig gewölbten, dämmerigen Kuhstall, in dem es leise von Milch plätscherte und die Schweizer, auf ihren Schemeln kauernd, mit nervigen Fingern die weissen Strahlen aus den Eutern fliessen liessen. Draussen harrte schon der Wagen, um die Blechkannen auf die Bahn nach Berlin zu bringen. Natürlich wurde Milch gestohlen ... die Abrechnungen stimmten nie. Aber wo? Wie? ... Es war ein Rätsel ...
Da stand der dänische Zuchtstier in seinen Ketten, stumpfsinnig, mit blutunterlaufenen Augen. Das junge Mädchen fürchtete sich nicht. Sie ging dicht an dem Bullen vorbei, tätschelte flüchtig die Schädel der im Verschlag zusammengedrängten Saugkälber, öffnete dann kräftig mit ihrer weissen, nicht eben kleinen Hand die Türe und schlich lauernd auf den Fussspitzen, wie ein Indianer auf dem Kriegspfad, um die Ecke, dem säuerlichen Geruch des Hühnerhauses zu. Einmal musste sie doch die Eierdiebe fassen! ... Nein — wieder nichts ... nur geschäftiges, vielstimmiges Gegacker der Orpingtons und Wyandotten um die alte Mamsell. Mit der pflog das Fräulein von Bornim eine lange und ernste Unterredung über die elenden Freitagsfische, die vorgestern als Deputat vom See gekommen waren — winzige Hechte, lächerliche Schleien, Aale wie Regenwürmer ... Wer die grossen Fische fing? Lieber Gott ... man sah ja des Nachts deutlich die Lichter auf dem Wasser ... Die Diebe arbeiteten womöglich mit Dynamit ...
Und wo man hinsah in Sommerwerk, dieselbe Wirtschaft. Im Gemüsegarten die Glasscheiben der Mistkästen vom Hagel zerschlagen, weil niemand rechtzeitig die schützenden Läden darübergedeckt hatte, die Spargelbeete versandet, in den Blumenrabatten vor dem Hause kratzten die Italienerhühner den Samen aus der Erde, während ihr Hahn abseits einen heldenmütigen und aussichtslosen Zweikampf mit dem grossen Puter ausfocht, dass die Federn stoben und das Blut rann. An den Apfelbäumen fehlten die Kalkringe ... gute Zeiten für die Blutlaus! Dicke Raupen schmarotzten im jungen Lindengrün. Nirgends Ordnung. Nirgends das Auge des Herrn. Eva-Marie von Bornim seufzte, sah auf die Turmuhr, die nun schon die achte Morgenstunde wies, und ging den Weg vom Gutshof zur Chaussee und auf dieser weiter mit blossem blonden Scheitel, so wie sie war, zuweilen nach vorn spähend, die Hand vor den Augen. Nun hemmte sie den Schritt. Ein Jagdwagen bog in raschem Trab um die Ecke. Drei junge Leute sassen darauf. Ihre Brüder, die aus Berlin und Potsdam für den Sonntag herauskamen. „He, Christian! Halt!“ Geschrei und Gelächter. Die Schwester wurde ohne viel Umstände von sechs Armen gepackt und auf das hohe Gefährt gehisst. Lüdecke, der Gardekavallerist in grauem Urlaubszivil, deklamierte dabei:
„Ziehet, ziehet — hebt
Sie bewegt sich ... schwebt!“
Er hatte ein rötliches, süffisantes Gesicht, das durch die Bartkoteletten zu beiden Seiten älter erschien als seine achtundzwanzig Jahre. Wenn für irgend jemanden, so passte für ihn das Monokel ohne Rand und Band im rechten Auge, dessen Lid er noch gemeinhin humoristisch zwinkernd zusammenkniff. Sein älterer Bruder, Hans Christoph, der Assessor im Auswärtigen Amt, war sein gerades Gegenteil — länglich in Antlitz und Gestalt, peinlich korrekt in der Haltung, ängstlich genau nach Londoner Schnitt gekleidet, fast immer stumm. ‚Weil ihm nischt einfällt!‘ meinte Lüdecke, vor dessen Kasino-Ulk nichts in- und ausserhalb der Armee, mit Ausnahme Seiner Majestät, sicher war. Eva-Marie aber wandte sich, als sie Platz genommen, händeringend an den dritten: „Junge ... Junge ... wie siehst denn du aus?“
Quer über das flaumbärtige, verwegene Gesicht des Fähnrichs von Bornim zogen sich zwei dicke, halbverblasste blaue Streifen. Er machte eine verächtlich abwehrende Handbewegung. Vor Frauenzimmern renommierte man mit derlei nicht! Nachher bei Papa ... das war etwas anderes. Neben ihm erkundigte sich Lüdecke: „Evchen ... dass mir die Damenwelt nachläuft, bin ich ja gewohnt! Aber dass einem sogar die schwesterliche Liebe entgegenkommt ...“
„... Wegen der grässlichen Geschichte in Wendisch-Wiesche! Sonst liefe ich mir wegen euch weiss Gott nicht die Beine ab ... Herr von der Zültz hat sich doch vor vierzehn Tagen eine Kugel in den Kopf geschossen ...“
„Lebt!“ sagte Lüdecke. „Liegt in Berlin und lebt. Bleibt der Mitwelt erhalten!“
„Das weiss ich. Seine Tochter, die Ilse, ist immer noch bei uns in Sommerwerk. Papa und die andern im Kreis haben gesammelt, um sie für vier Jahre in ein Pensionat in der Schweiz zu schicken, bis sie gross ist. Denn das Gut kommt natürlich unter den Hammer!“
„Und für den Ollen interessiert sich der Staatsanwalt!“ ergänzte Lüdecke.
„Lass doch diese Fatzkenart! Die Sache ist wahrhaftig traurig genug. Also hört mal: die Kleine weiss von nichts! Soll auch vorläufig von nichts wissen. Sie bildet sich ein, ihr Vater sei verreist. Ihre Französin denkt es auch. Die war ja dumm wie Bohnenstroh. Wir haben sie vorgestern nach Paris heimgeschickt. Also seid so gut und nehmt euch, wenn die Ilse gerade da ist, in acht!“
Achim von Bornim neben ihr nickte. Da lag Schloss Sommerwerk. So wie immer. Seit Anbeginn der Dinge. Als man zur Wenden- und Sorbenzeit hier noch auf allen vieren lief und Albrecht der Bär das Kreuz hob über Luch und Bruch der Mark. Die Bornim waren immer dagewesen. Ihr Herrenhaus freilich stammte aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Das alte hatten die Russen im Siebenjährigen Krieg verbrannt, das noch frühere die Schweden im Dreissigjährigen Krieg, eine sagenhafte Wasserburg vorher hatte die ‚Faule Grete‘ des Burggrafen von Nürnberg niedergestreckt. In den Freiheitskriegen hatten noch die Franzosen böse gehaust. Einerlei: hier und rings im Lande wuchs ein zähes Volk. Das liess sich nicht kleinkriegen. Trotzig prangte unter dem steinernen Torbogen der Einfahrt der Wappenspruch:
„Glück herein! Unglück hinaus!
Das ist der Bornim ritterlich’ Haus
Seit sechshundert Jahren.
Gott wolle bewahren
Geschlecht und Haus!“
Um das niedere, langgestreckte, von zwei Türmen flankierte Barockgebäude mit der grossen Freitreppe grünte der uralte Park, dehnten sich hinten, gegen die bemoosten Schilfdächer des Dorfes hin, die weiten Scheunen und Ställe des Gutshofs. Exzellenz von Bornim, der Schlossherr, stand vor seinem Haus. Er hatte die Stimmen seiner Söhne gehört und lachte jetzt über sein verwittertes altes Gesicht beim Anblick des Jüngsten und schwenkte den Stock.
„Haste ihn vertobackt, Junge!“ schrie er vergnügt. „Haste ihn vermöbelt? Haste ihm heimgeleuchtet ... dem Lauckardt oder wie der Kerl heisst? Recht so! Sich nur nichts gefallen lassen! Immer ’raus mit der Plempe!“
Seine blauen Augen flammten über dem weissen Schnurrbart. Er straffte die hagere, kleine Gestalt. Auch in ihm, der wegen seines schwächlichen Körpers nie gedient hatte, kochte das Blut des wilden alten Junkergeschlechts vor den Toren Berlins. Sein Sprössling meldete aufgeregt: „Also ... es war in der Turnhalle, Papa ... Erst wurden wir bandagiert ... Und dann wurde gefragt: ‚Sind die Herren fertig?‘ ... Und nu los ... Sauhiebe hatte der Lauckardt gleich an sich ... Aber das Rappier ist doch viel leichter als ein Pallasch. Da ging alles bei ihm flach ... verfluchte Backpfeifen ... ich dacht’, ich müsst’ Zähne spucken! ... Nu wurd’ ich wild ... und passt’ auf wie ein Schiesshund und fuhr ihm in die Blösse ... und da sah ich auch schon gleich drüben Rot ...“
„Famos! Famos!“ sagte der alte Herr.
„Da rief der Unparteiische Halt, und der Lauckardt schweisste mächtig an der Stirn. Aber er war so wütend. Er wollte weiter. Gut. Nu war er aber schon unsicher, und ich langte ihm mit ’ner Prim übern Deetz, dass es nur so krachte ... denk nur ... da flog ihm gut ein Talerstück Kopfhaut mit dem Haar glatt weg. Sein Sekundant hat’s aufgehoben und zwischen zwei Fingern hochgehalten. Es war aber schon ganz dreckig vom Staub ... man konnt’ es nicht mehr brauchen ...“
„Pfui!“ versetzte Eva-Marie schaudernd. Die männlichen Bornims lachten alle herzlich. Achim schloss: „Noch nicht genug! Geschnauft hat er vor Zorn! Er hat sich anständig gehalten. Das muss ihm der Neid lassen. Aber nu kriegt er eins in die Backe ... klatsch ... die Backe klappte auf wie ’ne Butterstulle ... die Zähne dahinter! Da hat ihn der Stabsarzt endgültig eingeheimst! ... Zehn Märker hat jeder von uns dem Stabsarzt geben müssen, Papa ...“
„Da hast du sie!“ sagte der Alte, die zarte Anspielung verstehend, und steckte ihm ein Zwanzigmarkstück in die Hand. „Na — und was macht er denn nun?“
„Er liegt noch im Lazarett. Über seinem Bett hängt von der Decke eine lange Strippe und daran eine Eisblase. Die hat er auf dem Kopf. Sonst geht’s ihm gut!“
„Na ... und du ...“
„Gott ... ich ...,“ meinte der Fähnrich etwas verlegen.
„Kleine Reise in die Schweiz ... was?“
Nun lachte Achim von Bornim und gestand: „Ja, Papa! Acht Tage gelinden Arrest wegen unkameradschaftlichen Benehmens. Ich war ja auch dumm: Sie haben mir tüchtig den Kopf gewaschen. Was mir eigentlich einfiele? Der alte Lauckardt sei ein tadelloser, hochangesehener Herr, bei dem der Kommandierende und der Oberpräsident verkehrten ... klotzig reich ... hat als Landwehrhauptmann das Jahr siebzig mitgemacht und das Eiserne Kreuz ...“
Er zögerte und setzte freimütig hinzu: „Weisst du, Papa ... da hab’ ich mich doch eigentlich hinterher recht geschämt! Und wie ich aus dem Arrest war, hab’ ich am Sonntagnachmittag meinen Helm aufgesetzt und bin zu dem Lauckardt in das Lazarett gegangen und hab’ ihn aus freien Stücken um Verzeihung gebeten, dass ich ihn immer mit der Seife so gepiesackt hätte ... Wir haben uns die Hand gegeben! Nun ist Friede! Ausstehen kann ich ihn freilich immer noch nicht ...“
Der alte Bornim legte seinem Jüngsten die Hand auf die Achselklappe des Gardeinfanterierocks.
„Gut so! ... Man muss sein Unrecht eingestehen. Weisst du noch, was ich euch als kleine Jungens hab’ lernen lassen:
‚Der ist nicht flugs ein Edelmann,
Der geboren ist aus grossem Stamm‘ ...?“
„Ja, Papa ... ich kann das Ganze noch auswendig!“
„Nun, siehst du — das hast du wohl verstanden. Ich bin zufrieden mit dir, Junge! Aber nun kommt mal endlich ins Haus!“
Er trat mit seinen Söhnen durch das Tor von Sommerwerk. Lüdecke als der letzte. Wie immer ausserstande, ernst zu sein. Er blinzelte gerissen: „Evchen — was macht denn der bläuliche Husar?“
Das Fräulein von Bornim wurde feuerrot und schwieg. Ihr Bruder schnitt ein tieftrauriges Gesicht: „Das weisste doch, Maus: Mit dem Geld ist’s bei den Silleins man mau! Aber äusserst! Nischt haben sie ausser ihrer schlesischen Klitsche! ... Auch der blaueste Husar braucht Kommissvermögen, so gut wie andere Sterbliche ... Gott ... da kommt das Ilschen! Wo hast du denn deine Puppen, Kind? ... Was? Du spielst nicht mehr mit Puppen? Du wirst vierzehn? Respekt! ... Ihren Arm, meine Gnädigste! ... Siehst du ... so macht man das bei Hofe ... Voraus der Mann mit dem grossen Stock ...“
Das Kind lachte. Er führte es gravitätisch, sein Spazierstöckchen wie einen Hofmarschallstab aufstossend und auf den Fussspitzen wippend, in das Dunkel der Halle. Er musste schauspielern und Witze reissen. Er konnte nicht anders. Kaum dass er in der Kirche nachher, beim Gottesdienst, dem alle Bornims beiwohnten, eine dienstliche Ergebung zur Schau trug und nur durch die Nase gähnte. Als man wieder in die Sonnenhelle hinaustrat, frug Achim von Bornim seine jüngste Schwester, neben der er gesessen: „Sag mal: Warum bist du denn eigentlich so tiefsinnig, Evi? Der olle Schörlin geht einem doch nicht so an die Nieren! ... Der predigt doch seinen gewohnten Stiefel herunter ...“
Das blonde Landfräulein gab nicht gleich eine Antwort. Als sie eine Strecke hinter den übrigen zurückgeblieben waren, sagte sie merkwürdig aufgeregt, gar nicht die sorglose Arbeitsbiene wie sonst: „Du bist noch der Vernünftigste von euch dreien! Der Lüdecke ist überhaupt nichts und Hans Christoph ist nicht sehr gescheit. Merkst du denn gar nicht, Achim, dass hier bei uns nicht alles so ist, wie es sein sollte?“
„Wieso denn?“
„Ja, ich weiss selber nicht ... Es ist so ein drückendes Gefühl: Alles geht zurück ... langsam ... unaufhaltsam ... Niemand sieht’s! Niemand sorgt sich drum! ... Es ist, als müsst’ es so sein! ... Ich schufte weiss Gott strenger als ’ne Mamsell! Mir kann keiner Faulheit vorwerfen! Aber was ich unter mir hab’: Milch und Eier und das bisschen Geflügel und Gemüse, das macht den Kohl nicht fett. Es handelt sich eben um das ganze grosse Gut ... Ich werd’ den Verdacht nicht los, dass da schlecht gewirtschaftet wird ... rein in den Tag hinein!“
„Das lasse doch Papas Sorge sein!“
„Papa! Das ist ja eben das Elend! Papa merkt doch nichts!“
Ihr Bruder lächelte mitleidig. Dumm waren doch manchmal die Frauenzimmer! Nicht zu sagen!
„Du Schaf!“ sprach er. „Wenn du freilich unsern Vater zu den Minderbegabten rechnest ...“
„Was Papa ist, weiss ich so gut wie du! Aber hast du nicht beobachtet, wie er die Zeitung liest? Er hält sie ganz weit von sich. Er ist weitsichtig geworden. Er schaut nur noch in die Ferne: Zum Beispiel ... nein ... jetzt sei mal still und lass mich reden ... da ist Papa in der Budgetkommission vom Reichstag! Unter zweihundert Millionen Mark fangen die da gar nicht erst an. Und im Herrenhaus hat Papa vorigen Monat den preussischen Etat bewilligt. Das war, glaub’ ich, gleich ’ne Milliarde. So Zahlen freuen Papa! In denen lebt er. Was unterdessen hier aus Sommerwerk wird ...“
„Quatsch!“ sagte der Fähnrich.
„Und wenn er sich auch darum kümmern wollte, er hat ja nie Zeit! Und hat ja auch nie Landwirtschaft getrieben. Er war doch immer im Staatsdienst, sein Leben lang. Von euch wird ja auch keiner Landwirt. Manchmal kommt es mir vor, als wärt ihr alle hier blind und ich allein hätte die Augen auf ...“
Das Fräulein von Bornim brach ab. Ihr Bruder zog ein unmutiges Gesicht: das fehlte einem noch gerade, wenn man mal aus der Potsdamer Tretmühle heim zu Muttern kam, dann dies Ge-Unke und Geklöne.
„Ach, lass mich mit dem Zeug in Ruhe!“ sagte er. „Wo willst du hin? In die Räucherkammer, nach den Schinken sehen? Ja, tu das nur! Adieu!“
Er war aber doch recht nachdenklich, als er allein in die Vorderräume von Sommerwerk trat. Er tat, was er sonst nie tat: Er setzte sich auf einen Stuhl und schaute müssig vor sich hin. Es war niemand im Zimmer. Von nebenan hörte er die Stimme des Pfarrers Schörlin, der nach alter Gewohnheit, als früherer Hauslehrer der Söhne, am Sonntagvormittag im Herrenhaus vorsprach und der tauben Tante Brigitte seine Neuigkeiten in ihr Hörrohr trompetete.
„Die Cholera in Marseille wächst!“ schrie er, und die alte Dame, starkstimmig wie die meisten Schwerhörigen, schrie noch lauter: „Gottes Strafe! Gottes Strafe!“
„Das kommt davon, wenn man Bussgebet durch Petroleum und Karbolsäure ersetzt!“
„Hei und der Affenkultus! ... Menschen, die den neuen Schimpansen im Zoologischen Garten anbeten! ...“
„Bismarck hat sich dieser Tage dort auch die Raubtiere angesehen und ist dann weitergeritten!“
„Er ist selber ein Raubtier!“ schrie die alte Dame. Sie stand für ihre Person mit dem Reichskanzler auf gespanntem Fuss. Schon seit der Deklarantenzeit. Dann wurde es stiller. Die beiden, der Landpfarrer und das alte Fräulein, vertieften sich in einen Bericht über die lutherische Pastoralkonferenz in Köslin und das evangelische Diakonissenhaus in Kairo. Die kleine Ilse kam zu Achim herein. Sie prustete vor Lachen.
„Du ...“ — sie und der Nachbarssohn nannten sich seit Kinderbeinen ‚Du‘ — „der Lüdecke hat jetzt ein Rennpferd — das heisst Mäuschen, vom Flohtanz aus der Maus! Zu affig — nicht?“
„Tu mir den einzigen Gefallen und lass mich jetzt in Ruh’!“
Der Fähnrich ärgerte sich über den kichernden Backfisch. Er hatte jetzt Ernsteres im Kopf. Ilse von der Zültz meinte schnippisch: „Gott ... hab’ dich doch nicht so ... Du hast’s überhaupt nötig. Wo sie dich eben auf acht Tage eingesperrt haben! ... Ich hab’s schon gehört ...“
„Wie wär’ es denn, Ilse, wenn du jetzt wieder an deine Rechenaufgaben gingst?“
Der künftige Leutnant sagte das in dem freundlichen Ton eines Erwachsenen gegenüber einem Kind. Die dunkelhaarige, schwarzäugige Kleine stand eine Sekunde da, überlegte eine patzige Antwort, sagte dann, nur verächtlich die Achseln zuckend: „Pah!“ und lief, von einem neuen Gedanken erfasst, aus dem Zimmer und in langen Sprüngen, dass ihr die Zöpfe flatterten und die weissen Röckchen um die dünnen Beine flogen, über den Rasen hinüber zu Eva-Marie, die sie vom Fenster aus beim Verfüttern von gehackten Brennesseln und Eigelb an die jungen Puten gesehen. Ganz erhitzt und zerzaust kam sie später zu Tisch und hob da bittend ihren Suppenlöffel: „Lüdecke ... Erzähl doch wieder was Komisches!“
„Bin ich der urkomische Bendix?“ frug der Kavallerist entrüstet. Aber er fing sofort an, seinen Regimentskommandeur bei der Kirchenparade nachzumachen — wie die alte knackstiebelige Durchlaucht da widerwillig zu Fuss vorbeiwankte, geistesabwesende Fischaugen unter dem Monokel, unergründliche Verachtung um den halb offenen Mund — Ilse von der Zültz schrie vor Entzücken und trommelte mit ihren roten, mageren Kinderfäusten auf den Tisch, am Büfett hinten kicherte der alte, zahnlose Philipp still in sich hinein, auch die andern lachten. Exzellenz von Bornim aber sagte, als der Diener draussen war, verdriesslich: „Du bist und bleibst ein Kasinofatzke — weiter nichts!“
Lüdecke schwieg mit süffisantem Lächeln. Das machte den alten Herrn noch zorniger: „Wann schneidest du dir denn endlich die verdammten Bartkoteletten ab? Du siehst aus wie ein Hotelier!“
„Nur im schlichten Gewand des Bürgers!“ widersprach Lüdecke und lächelte, die Hände gleich einem Gastwirt ineinanderreibend, die kleine Ilse über den Tisch hinüber verbindlich an, dass sie von neuem losplatzte. Die anderen mit. Auch Achim. Und doch, sonderbar: Eine gewisse Nachdenklichkeit wollte nicht von ihm weichen. Diese dumme Eva-Marie! ... Nach Tisch bummelte er mit blossem Kopf, die Hände in den Hosentaschen, eine Zigarette im Mund, allein hinüber in den Hof. Vor der mächtigen Düngerstätte, auf der heute, im Sonntagsfrieden, nur die Hühner scharrten und die Spatzen die Haferkörner aus den Rossäpfeln pickten, stand breitbeinig, im guten Rock, die feiertägliche Festrübe rauchend, froh, sich einmal nicht mit den Vögten ärgern zu müssen, der Inspektor Dönges. Der Fähnrich ging auf ihn zu und gab ihm die Hand. Sie sprachen vom Wetter, von der Ernte. Der lederbraune Landwirt meinte: „Ja — wenn der Roggen man gut körnt ... Wir könnten ’ne anständige Ernte brauchen!“
„Na ... ihr habt doch in Kunstdünger gewütet, sagt meine Schwester!“
„Dat haben wir! Aber wer kommt heute nachmittag? Der Herr Aust!“
„Der Getreidefritze?“
„Ja. Sehen Sie, Herr Achim ... dat is ja die Zwickmühle: Dünger brauchen wir für die Ernte. Aber um den Dünger zu zahlen, müssen wir Vorschuss auf die Ernte nehmen. So geht dat nun Jahr um Jahr ... Schliesslich schuftet man nischt mehr ’raus als die Hypothekenzinsen.“
Auf Achim von Bornims sorglosem Fähnrichsgesicht lag wieder ein Schatten: „Sagen Sie mal, Dönges: woher kommt denn das nun?“
„Ja Gott, Herr Achim ... die Zeiten werden anders! Es geht nicht mehr so wie früher! ... Wie ich ein junger Scholar war, da war’s noch einfach: Dreifelderwirtschaft und Brache und Punktum. Streusand drauf! ... Heutzutage, wo sie aus Russland und Argentinien und Amerika einem mit dem Getreide über den Hals kommen ...“
„Und dann, Herr Achim“ — der Inspektor warf seine Zigarre weg und zertrat vorsichtig den glimmenden Stummel — „wo wollten früher die Leute im Dorf hin? Die waren froh, wenn sie’s Leben hatten. Da hat zu meiner Elevenzeit noch der Grossvater mit dem Enkel zusammen bei der Herrschaft Kartoffeln gebuddelt. Aber jetzt: Wozu hat der Mensch die Eisenbahn? Immer man ’rin nach Berlin! Berlin ist gross! Da bleiben sie! Und wir können uns hier mit den Sachsengängern herumhauen. Ein Geld kosten die Brüder! Um das ’rauszuschlagen, muss man höllisch auf dem Posten sein ... Ich bin man bloss ein Angestellter! Exzellenz haben nie die Zeit. Und die jungen Herren haben ja alle einen anderen Beruf. Leben wo anders ...“
Immer derselbe Kehrreim! Wie bei der Eva-Marie. Das Gut war ein geduldiger Packesel, dem man immer mehr und mehr aufhalste, ohne sich sonst um ihn zu kümmern. Der Himmel blieb den ganzen Nachmittag wolkenlos blau. Trotzdem wurde der Fähnrich von Bornim das Gefühl nicht los, als hinge ein Schatten über Sommerwerk. Schliesslich: Was ging es ihn an? Er war der Jüngste. Er wollte einmal nichts von diesem Boden. Weder Rechte, noch Lasten. Blieb sein Leben lang Offizier, auf den Zuschuss des ältesten Bruders angewiesen, der sehen mochte, wie er hier zustande kam. Ihn, Achim, den Letzten, bissen ja doch die Hunde ... Jetzt auch wieder: Am Abend traten, während der Vater mit dem vorgefahrenen Landrat endlos und ernst über die Reichstagswahlen im Herbst konferierte, die beiden älteren Brüder in Jagdausrüstung vor das Haus. Zwei gute Böcke waren für sie ausgemacht. Für den Fähnrich von Bornim war wieder einmal keiner da. Oder vielmehr, der Förster Jahn, der verfluchte Knasterkasten, geizte mit seiner Wildkammer. Drei Böcke an einem Abend — das ging ihm über den Spass! ... Lügen konnte das scheinheilige Gestell bei solchen Gelegenheiten ... Hol ihn der Teufel! ... Ging man eben ohne ihn ... wenigstens auf Enten ... Es war ja noch nicht Juni. Aber hier sah es ja keiner ...
Achim von Bornim langte sich in der Jagdstube des Schlosses, wo das Waidgerät von Generationen wie Kraut und Rüben durcheinander lag und hing, ein Paar Wasserstiefel hervor, fuhr in ein Paar gebräunte Lederbuxen, die vielleicht schon vor hundert Jahren irgendeinem Bornim gedient hatten, und in eine Joppe mit Hirschhornknöpfen und schaute, den Schlapphut in das junge Gesicht gedrückt, die lange Entenflinte in der Hand, ungefähr so aus, als diente er in einer Räuberbande und nicht in der Berliner Garde auf Beförderung. Er bummelte durch den Park. Heute waren seine Augen geschärft für den Verfall dieses uralten Herrensitzes in der Mark. Wie sahen doch die verwilderten Wege aus? Die Sandsteinfiguren rings um den verschilften Weiher standen schief. Zweien hatten die Berliner Ausflügler die Nasen abgeschlagen und Stullenpapier dafür hinterlassen. Wo waren die Fasanen geblieben, die sonst in ihrem sonderbar wippenden Lauf über den Pfad huschten? In dem grossen Karpfenteich am Ende des Parks war mehr Schlamm als Wasser. Der hingeworfene tote Reiher und das Schweinegeschlinge und anderes Luder faulte auf dem Trockenen. Die Mooskarpfen, die mit schmatzenden Mäulern drüben in der flachen Bucht standen, konnten doch nicht auf allen vieren über Land ... Himmel ja ... hier gehörte freilich überall ein Herrgottdonnerwetter hinein ... Er trat ins Freie ... Vor ihm dehnten sich im Abendschein die weiten Saatflächen. Heute am Sonntag feierlich still und leer. Aus dem Buschwerk in der Ferne kamen fremdartig-schwermütige, slawische Laute. Volkslieder der Sachsengänger. Das Klimpern einer Balalaika. Dann wieder Stille. Nur ein Wehen im Rot des Sonnenuntergangs über die Felder, ein Aufschauern und sich Beugen der Sträucher, so als atmete ein unsichtbarer, riesenhafter Mensch ...
Der Fähnrich pfiff sich eins und drang in die Sumpfwildnis am Rand des Bornimer Sees ein. Das war eine Welt für sich. Das war das Märchen seiner Kindheit gewesen. Indien war nichts gegen diese geheimnisvollen Dschungeln, diese plötzlichen und verlorenen kleinen Wasserspiegel zwischen mannshohem Schilf, auf denen wie weisse Sterne über tückischem Schlinggewächs die Seerosen schwammen, diese klagenden, lachenden, scheltenden Laute im unergründlichen, undurchdringlichen Röhricht. Das gespenstige Brüllen der Rohrdommel, der sanfte Ruf des Regenpfeifers, das leise, geschwätzige Quacken der wilden Enten. Das stumme Rudern und blitzschnelle Untertauchen des Blesshuhns ... sogar talergrosse, langgeschwänzte Schildkröten gab’s ... die freilich selten ...
Eigentlich war es gar kein See. Die Baake floss da in einen der vielen Havelarme. Man merkte kaum, dass das träge Gewässer sich bewegte. Es bildete Schlamminseln, Rohrbänke, versumpfte Brüche. Jetzt, im Frühjahr, war das alles noch von der Schneeschmelze her überschwemmt. Man konnte nirgends recht heran. Nur an einer Stelle, da, wo die Chaussee nach Potsdam auf einer Brücke über freies Wasser führte, erhob sich auf zwei-, dreihundert Schritt festes Gelände aus klarem Kieselgrund. Es war der einzige Hügel weit und breit. Aber gerade diese paar Morgen gehörten nicht zu Sommerwerk, sondern dem alten Tübecke, dem Krugwirt von drüben. Und natürlich stand er auch in Hemdärmeln vor dem Entenkaten, einem halbverfallenen, schon lange nicht mehr von Fischern bewohnten Fachwerkschuppen inmitten der Weidenstrünke und Erlenbüsche, und schrie schon von weitem: „Immer man sachte, Herr Fähnrich! Dat ’s mein Land!“
Der Junker blieb ärgerlich stehen.
„Gott ... Herr Tübecke ... Spannen Sie doch lieber gleich Draht um das bisschen Dreck hier! ... Jagen dürfen Sie deswegen doch nicht!“
„Aber Sie ooch nich!“
„Also bloss, um uns zu ärgern!“
„Na, wenn schon!“ sprach Herr Tübecke gemütlich und verriet den Zweck seiner Massregel: „Kaufen Sie mir’s doch ab ... Jetzt kost’s noch dreihundert Taler ...“
„So? Voriges Jahr sollten es nur zweihundert sein!“
„Ja ... ick werd’ eben teurer, je älter ick werd’, Herr Fähnrich! Wat mein Sohn is, der verkauft mal überhaupt nich mehr!“
Der reine Hohn in der heiseren Stimme dieses alten Schweinehunds! Und da drüben die Enten! Da konnte man nun endlich bei — schiessen — nee — man durfte nicht! ... Der Fähnrich von Bornim drehte sich stumm um und trug wütend seine lange Entenflinte wieder nach Hause. Auf dem dämmerigen Hof grüsste ihn jemand ehrerbietig. Ein schlauer, dicker Mann. Richtig: der Getreidehändler Aust. Achim hatte einen plötzlichen Einfall — die richtige Fähnrichsidee.
„Sie, Herr Aust — leihen Sie mir doch mal dreihundert Taler. Ich geb’s Ihnen so sachte wieder, wenn ich Offizier bin!“
Herr Aust überlegte. Er sass hier in Sommerwerk so recht im Fett ... duldete keinen andern ... hatte eben wieder ein gutes Geschäft gemacht. Wenn das auch nur der dritte Sohn war — man konnte nie wissen, wer schliesslich hier ... Es war für ihn ja auch nur eine Lappalie.
„Na, in Gottes Namen, Herr Fähnrich! ...“
„Nee! Geben Sie’s nicht mir, sondern Herrn Dönges! ... Dönges: seien Sie doch so gut und kaufen Sie mir morgen dafür von dem Tübecke seinen verfluchten Entenkaten. Ich will auch was zu schiessen haben, wenn ich hier ’rauskomm’. Nicht immer nur die Brüder ... Ich hab’ das jetzt mit dem Förster Jahn dick! ... Haben Sie ’nen Bleistift, Herr Aust, dass ich Ihnen was Schriftliches ...“
Der Kornhändler hob gutmütig abwehrend die Rechte: „Nich in die Hand! So ’ne Zicken mach’ ich nich mit so junge Herrn! Dat ’s bei mir ’ne Gefälligkeit! Dat geht auf Treu und Glauben, Herr Fähnrich!“
„Mir auch recht!“ sagte Achim von Bornim hochmütig, legte zwei Finger an seinen Schlapphut und ging ins Schloss, um sich umzuziehen. Spät abends fuhr er mit dem Premierleutnant und dem Regierungsassessor vom Elternhaus fort, in Wochentag und Dienst. In Potsdam stieg er aus. Die beiden anderen ... die Glücklichen ... die durften weiter nach Berlin. Er schritt, seinen Urlaubspass in der Tasche, durch die stillen Strassen der Havelresidenz. Er gähnte. Er war müde. Eigentlich ein blöder Tag. So was Dummes ... So ’ne Stimmung! ... Und dann noch die dreihundert Taler Pump ... bloss um das Biest, den Tübecke, aus seiner Sumpfbrühe hinauszuekeln ... die Eva-Marie hatte schon recht: Eigentlich tat in Sommerwerk jeder, was ihm durch den Kopf schoss! Wo das Geld herkam, das ... pah ... Man war doch nun mal kein Käsekrämer ...
Ach ... wenn man nur erst schon aus Potsdam weg wäre ... aus der langstieligen Kriegsschule! Da lag sie im Mondschein vor einem, gegenüber dem Langen Stall, dem Exerzierhaus des Ersten Garderegiments zu Fuss, angelehnt an das Militärwaisenhaus. Der Fähnrich von Bornim ging auf das graue Gebäude zu. Noch dreiviertel Jahre ... seine Augen belebten sich: im kommenden Februar, wenn man bis dahin keine Dummheiten gemacht hatte — oder sie kamen wenigstens nicht heraus! — dann war man erst Mensch. Dann war man Offizier. Leutnant in Berlin. Das Leben lag vor einem ...
4
Im milden Westen Deutschlands, gegen den Rhein zu, hatte in diesem Februar der Winter schon seine Kraft verloren. Kein Schnee war hier, an der Scheidelinie von Rheinland und Westfalen, zu sehen. Nur ein unergründlicher Schmutz auf dem Platz zwischen dem Bahnhof und dem Städtchen. Der Leutnant Otto Lauckardt von den Königskürassieren stieg vorsichtig auf den Fussspitzen hindurch, um nicht seine Sporen und Lackstiefel zu beflecken. Immer noch lieber zu Fuss, als in einem dieser vorsintflutlichen Flohkasten von Droschken! Ausserdem sah ihn bei dieser Gelegenheit die ganze Stadt, die ihn von Kindesbeinen an kannte. Die Mütze etwas schief, den zierlichen Galanteriedegen durch den Überrock gesteckt, mit langen Beinkleidern und umgehängtem Mantel schritt er dahin, ein grosser, rosiger, blondgelockter Bursche, und lächelte leutselig in seinem Glanz. Ein älterer, freundlicher Major kam um die Ecke ihm entgegen. Der Bezirkskommandeur. Winkte schon von ferne: „Gratulor, Herr Leutnant! Gratulor! Also glücklich so weit?“
„Vorige Woche bin ich Offizier geworden, Herr Major!“
„Na — da werden die Herren Eltern eine Freude haben! Sind wohl auf dem Wege ...?“
„Ja. Ich will sie überraschen!“
Sonderbar: der Leutnant Lauckardt kannte diesen guten, alten Bezirksonkel doch nur von früher her flüchtig. Ausserdem war der doch schon z. D. Halb schon abgehalftert. Und doch so ’ne Art Heimatgefühl bei der Begegnung ... Klasse ... Rosse ... Armee. Von der merkte man sonst nichts in dem Fabriknest! Die Kinder glotzten einen neugierig an, die Frauen warfen stumme Seitenblicke auf einen, im Vorübergehen ... Es war wie in der Fremde. Man kam sich wie verkleidet vor in der nagelneuen Offiziersuniform und war doch daheim, kannte jeden Stein und jedes Haus, hatte in jeder Gasse als Junge gespielt ... Aber es stand etwas Trennendes vor der Erinnerung. Etwas Neues. Leise wippte der Kürassierdegen im Gehen. Silbern klingelten die Sporen ...
Das eigentliche Städtchen hatte hier ein Ende. Die Häuser aber nicht. Die standen jetzt einstöckig und einförmig, eines wie das andere, aber schmuck, mit sauberem Vorgärtchen, in Reih und Glied in breiten, ungepflasterten, sich rechtwinklig schneidenden Strassen. Hundert und mehr. Eine Welt für sich. Und das westfälische Ackerstädtchen drüben eigentlich nicht viel mehr als ein zurückgebliebenes Anhängsel an dem Riesengebilde der Aktiengesellschaft, vormals Theodor Lauckardt und Kompanie, diesen Arbeiterwohnungen, diesen Anschlussgeleisen voll Güterwagen, diesen fünfstöckigen, hundertfenstrigen Fabrikgebäuden, diesem Wald von Schornsteinen. Über denen brüteten schwere Schwaden von Kohlenqualm ... ein dumpfes Brummen und Summen war in der Luft ... gehorsam arbeiteten da drinnen in den Sälen die Maschinen, arbeiteten die Menschen, sassen im Verwaltungsgebäude reihenweise die Kontoristen, hantierten in dem Laboratorium Herren mit Zwickern in weissen Leinwandkitteln ... Papa brauchte nur in seinem Privatbureau morgens auf den Knopf des ungeheuren Instruments zu drücken: Los! ...
Freilich ... Papa hatte sich dies Instrument selbst geschaffen, diese Fabrikanlagen, in zähem Kampf, Zoll um Zoll, Jahr um Jahr aus dem Boden wachsen lassen, bis zu dem letzten, seiner prunkvollen Villa — Schloss durfte es bei Todesstrafe niemand nennen — drüben hinter Park und Mauer. Dort begrüsste er den Sohn, vom Schreibtisch aufstehend, mit einem schallenden: „Herr Jeses, unser Vaterlandsverteidiger“, selbst noch ein Mann im besten Alter, noch nicht fünfzig, mit braunem Haar und braunem langgezwirbelten Schnurrbart und einem Widerspiel im Gesicht zwischen den lustigen Rheinländeraugen und der eisenharten Geschäftsenergie um den Mund.
„Nu lass dich mal ansehen!“ sagte er und rückte den Sprössling an den Schultern zurecht. „Junge ... du bist zu dick! ... Nee ... wahrhaftig ... nimm mir’s nicht übel! ... Ich möchte dein Gaul nicht sein ... Sei nur nicht gleich empfindlich! Ich dacht’, das hätten sie dir glücklich abgewöhnt, beim Kommiss! ... Du kennst mich doch! Bist ja ein stattlicher Kerl! ... Mutter ... Mutter ... komm fix ... der verlorene Sohn ist da ...“
Frau Kommerzienrat Lauckardt war klein und zart. Sie stammte aus einer Pastorsfamilie. Sie weinte beim Anblick des Sohnes und schloss ihn in die Arme. Plötzlich erschrak sie.
„Ottochen ... Ottochen ... wie siehst du denn um das Gesicht herum aus?“
„Er war zu gewissenhaft, Mutter!“ sagte ihr Mann vergnügt. „Er hält’s mit der Bibel: So dich einer auf die linke Wange haut, so halt ihm auch den Kopf hin!“
Wieder blickte der junge Leutnant den Vater empfindlich an.
„Ich hab’s euch doch geschrieben von meiner Mensur mit Herrn von Bornim! ... Nein? ... Ich hätte sicher angefangen, Mama? ... Ach was ... weisst du, was der Kerl ausgesprengt hatte: Papa wäre ein Seifensieder!“
„Schade, dass ich das nicht wusste! Ich hätt’ ihm gern eine Probe meiner Produkte geschickt!“ Der Geheime Kommerzienrat Lauckardt lachte unbändig. „Junge ... hast du denn gar keinen Humor? ... Nee ... Mutter ... hat er nicht! ... Tieftraurig steht er da! Immer noch das gekränkte Bratwürstchen! ... Gerade wie als Hosenmatz ...“
Aber Frau Lauckardt war entrüstet. Sie forschte: „Und was ist denn aus dem bösen Buben geworden?“
Im selben Augenblick ging eine Wandlung mit ihrem Sohn vor. Er versetzte beinahe verweisend: „So musst du nicht von Herrn von Bornim sprechen, Mama! Er ist doch seit voriger Woche auch Offizier, so gut wie ich — in seinem Gardeinfanterieregiment ...“
Das ganze Jahr auf Kriegsschule hatte er mit Achim von Bornim das Zimmer geteilt, war ständig mit ihm zusammen gewesen. Jetzt, wo er sich bemühte, scharf zu sprechen, klang deutlich dessen nachlässiger Ton durch seine eigenen Worte. Es hatte auf ihn abgefärbt. Er fügte hinzu: „Du musst doch denken: ein Bornim! ... Die Bornim sind so alt wie die Mark! ... Mit die erste Familie im Land ...“
„Das ist was anderes, als wenn einem Müller und Schulze die Zähne einschlägt!“ sagte der Vater lachend. „Das ist Ehre und Vergnügen! Na ... Gott segne deine Studia! Nu wollen wir essen! ... Die Jörissens sind heute auch da! ... Lass Sekt kalt stellen, Mutter! Wir wollen unsern Kürassier begiessen!“
Der Superintendent Jörissen aus dem Wuppertal war der Bruder der Hausfrau. Ein strenger Christ, dem Tanzen ein Scheuel war und Theater ein Greuel. Dann Oskar, der Chemiker, der jüngere Sohn und Erbe der Firma, der Generaldirektor Fahrenholtz, in Geschäften aus dem Ruhrgebiet gekommen, der alte Bankherr Jungblüth, ein Grossaktionär der Lauckardtschen Werke, aus Elberfeld, ihre Frauen, andere Gäste. Aber der Mittelpunkt war heute der frischgebackene Leutnant. Er fand es ganz natürlich. Er sprach fast allein. Meist von sich. Und vom Regiment. Das Regiment war nach seinen Berichten einfach feudal. Tadellos. Grossartig.
„Vorige Woche haben sie mich natürlich mächtig im Kasino begossen! Aber der Oberst war riesig nett zu mir! ... Er hat auch auf deine Gesundheit mit mir angestossen, Papa!“
„Gegenseitig!“ sagte der Geheimrat und leerte mit einer feierlich-tiefen Verbeugung gegen einen Unsichtbaren vor ihm seinen Sektkelch. Sein Sohn lächelte etwas befangen vor sich nieder: „Denkt mal: Kruseneck ist ’rausversetzt! Wir sind jetzt nur noch zwei Bürgerliche im Regiment! ... Ein Prinz ... drei Grafen ... und so ...“
Den Rest des Offizierskorps verwies er mit einer lässigen Handbewegung in die niederen Gothaer Almanache. Frau Lauckardt erkundigte sich.
„Und sie sind alle freundlich zu dir?“
„Sehr, Mama! ... Mit vier jüngeren Herren bin ich auf Du! Auch mit Graf Issern!“
„Wie er selig vor sich hinkuckt!“ sagte der Vater. „Verschämt wie ein Mädchen! Wie ’n Mädchen, das von seiner ersten Liebe spricht!“
Der Leutnant wurde ein bisschen rot. Er lenkte ab: „Weisst du: das hat mir natürlich sehr geholfen, Papa: der wundervolle Viererzug, den du mir zum Degenfähnrich gestiftet hast. So was hat sonst keiner. Und die prachtvolle Wohnungseinrichtung! ... Und die brillante Jagdpacht ... Ich muss mich ja natürlich anstrengen! Das erwartet man! ... Aber ich tu’s ja gern!“
„Ein goldenes Herz hat der Junge!“ Der Geheimrat goss eigenhändig seinem Sohn Sekt ein. „Was, Mutter? Wenn man ihm Geld schickt, opfert er sich und nimmt’s!“
Oskar, der Chemiker, ein kleiner, unscheinbarer Herr, feixte niederträchtig über sein von Schmissen zerfetztes Gesicht, in dem die Augen schlau unter dem Zwicker funkelten.
„Ich rutsche nächstens mal zu dir nach Ostelbien ’rüber, Otto! In einem tollen Zivil! ... Und erzähl’ bei euch im Kasino, Eugen Richter wäre gar kein so unebener Mensch!“
„Ist er auch nicht!“ ergänzte halblaut der Bankdirektor Jungblüth. Der junge Kürassier sah sich nervös im Kreise um. Er hatte solch ein Frösteln. Er fühlte sich nicht so daheim wie früher. Es war alles so anders ...
„Ihr müsst nicht spotten!“ sprach er empfindlich, obwohl er wusste, dass diese harmlosen Neckereien von jeher zum Ton des Elternhauses gehörten. „Ich bin doch dort neu. Die anderen Herren im Regiment sind doch die Träger uralter Namen. Auf diesen Namen beruht doch die Armee und der Staat.“
„Ich glaube, bei dir ist schon blaues Blut herausgelaufen, als sie dich in Potsdam auf deiner Mensur zur Ader gelassen haben!“ sagte der Vater. „Junge ... geh mal an den Rhein ... und die Mosel ’rauf und an die Vogesen. Da stehen überall Schlösser. Aber sie sind leer. Kaputt. Trümmerzeug. Die Leute, die drin gehaust haben, sind fort. Ausgestorben. Verschollen. Und die Welt steht immer noch. Sogar ganz feste. Auch ohne siebenzackige Kronen. Es wird sogar hier zehnmal mehr Geld verdient als drüben in euren Gefilden ...“
„Sehr richtig!“ rief der Generaldirektor Fahrenholtz, ein grosser, starker Mann.
„Ich weiss von meinem Grossvater Lauckardt nur noch, dass er Bergmann war. Weiter hinauf nichts! ... Aber ich blech’ dem Fiskus Steuern, mein Sohn — ich glaub’, davon kann er dein ganzes Kürassierregiment bezahlen! ... Nee, Jungchen ... ich bin ein guter Deutscher ... ich hab’ Anno siebzig und sechsundsechzig meinen Mann gestellt ... Aber hinter den Bergen wohnen auch Leute! Das hat schon der selige Schiller gewusst: Das Alte stürzt — es ändert sich die Zeit ...“
„Jetzt kommen wir!“ sagte der Bankdirektor Jungblüth, der die Zeit über geschwiegen, auf einmal ganz ruhig.
„Seit sechs Jahren haben wir den Schutzzoll! Können endlich atmen. Uns regen! Dank Bismarck!“
„Mit Bismarck durch dick und dünn!“
Der Geheime Kommerzienrat Lauckardt hob sein Glas, ehrliche Begeisterung auf dem lebhaften, heiter-klugen Gesicht. Die Kelche klangen zusammen. Er leerte den seinen bis zum Grund. Dann sagte er im gewöhnlichen Ton: „So, Kinder! Nun reden wir von was anderem!“
Das andere — das waren die Geschäfte. Die Geschäfte, die jetzt wuchsen und wuchsen. Nicht bloss im Inland. Man schmorte nicht nur im eigenen Fett, wie der Herr aus Elberfeld es nannte. Nein — das reckte und streckte sich über die deutschen Grenzen hinaus, griff über die Meere, ging um die Welt. Die Engländer ...
Oskar Lauckardt, der jüngere Sohn des Hauses, lachte unbändig, lachte so unfein, dass der junge Kürassier schmerzlich zusammenzuckte: Nein, waren die Engländer dumm gewesen, mit ihrem ‚made in Germany‘, hatten gehofft, durch diese Zwangsbezeichnung die deutsche Einfuhr auszuschalten, und gerade das Gegenteil erreicht. Alle Welt kaufte jetzt erst recht drüben deutsche Waren. Er, Lauckardt der Jüngere, hatte es erst vor vier Wochen in London beobachtet.
„Im Frühjahr rutsche ich ’rüber nach New York!“ sagte er, und der Generaldirektor Fahrenholtz fügte hinzu: „Vielleicht treffen wir uns! Ich muss auch im Mai nach den States. Ich gehe dann ’runter nach Argentinien!“
„Na ... ich will über China nach Hause!“
„Überhaupt der ostasiatische Markt! ... Vierhundert Millionen kaufkräftige Köpfe ... Was ist da noch alles zu holen!“
Kaufkraft ... Geld ... Geld ... Einfuhr ... Ausfuhr ... Zölle ... Wieder Geld ... Es drehte sich wie ein Rad. Es kam immer dasselbe wieder: Das grobe Geldverdienen. Der blonde, wohlgenährte junge Offizier sass unbehaglich da. Er war doch hier im Hause aufgewachsen. Aber jetzt war ihm das wie Klänge einer anderen Welt. Der Vater nickte ihm frohlaunig zu:
„Was ist mich das mit Dir, mein Sohn?
Du isst mich nicht! Du trinkst mich nicht ...“
Und die Mutter meinte sanft: „Ach ... eure ewigen Kurse und Kuxe! Lasst doch Ottochen erzählen! Hast du denn auch netten Familienanschluss in der Garnison, Kind?“
„Na ... in der Stadt selbst ... da sind ja nur Spiesser, Mama ... ausser uns und natürlich dem Landrat ... Aber famoser Landverkehr auf den Gütern! ... Grossartige Leute! ... Der alte Graf Issern — wenn der sich auf seinem Schloss mopst, kommt er in die Stadt kutschiert und knallt mit der Peitsche durchs Fenster ins Kasino und schreit: ‚Zum Kuckuck! Wo stecken denn die Herren?‘ Herren ... damit meint er alle vom Oberst bis zum Junker! ... Er lädt immer nur im Ramsch ein! Herrgott, wird da getrunken ...“
„Das kann ich mir denken, mein Sohn!“
„Ja und er ist über sechzig und reitet noch alle unsere Jagden mit! ... Überhaupt ... unsere Jagden sind famos! Wir haben zwölf Koppeln Hunde. Neulich ritten wir doch fast zwei Stunden flotten Galopp hinter dem Keiler!“
Das war den andern nun wieder spanische Dörfer. Wie aus dem achtzehnten Jahrhundert. Feudalzeit. Als der Geheimrat Lauckardt zwei Tage darauf gegen Abend mit seiner Frau allein war, sagte er ernster als sonst, wo er gerne mit seinem frischen rheinischen Wesen manches zudeckte, was in ihm vorging: „Du — Mamachen ... ob wir da nicht doch einen Schwabenstreich gemacht haben ... dass der Otto zum Militär ist?“
„Er hat sich’s doch so sehnlich gewünscht ...“
„Ja, das schon ...“
„Und er sieht doch wunderhübsch aus!“
„Zu dick, Mamachen! ... Zu dick!“
„Ach, das gibt sich! Er ist ja nicht Husar! Die müssen mager sein!“
„Gott sei Dank nicht Husar!“ lachte der Vater. „Wenn ich denke, was der Junge in den prallen Hosen für ’ne Kehrseite hätte — da käme ja die Polizei ...“
„Aber Mann ...“
Der Grossindustrielle brannte sich eine Zigarre an.
„Geschehen ist geschehen!“ sagte er. „Man muss eben dem Vaterland ein Opfer bringen und seinen einen Sohn hergeben!“
„Es ist doch nicht Krieg!“
„Nee ... im tiefsten Frieden! Siehst du, Mamachen ... drei Dinge gibt’s bei uns: die sind stark! Die stempeln jeden ab. Das ist Rom und das ist unsere Armee und das sind da unten meine Herren Arbeiter!“ Er wies hinüber nach den mächtigen, dämmernden Umrissen der Fabrikgebäude und Schlote und fügte lebhaft, mit seiner alten Heiterkeit hinzu: „Hilft nischt, Mamachen: den Otto haben sie uns nach Noten eingebuttet, drüben über der Elbe! Der Bengel hat ja schon förmlich was Wehmütiges im Blick, wenn er uns ansieht. Mitleid. Unerfüllte Sehnsucht nach Schlössern und Grafenkronen! ’s ist nämlich gar nicht das bunte Tuch, was ihm so in die Augen sticht, sondern die feinen Leute, die’s tragen ... Das ist das Tolle!“
„Ach ... hoffentlich findet er sich wieder zurück!“
„Ich möcht’ es ihm gar nicht wünschen!“ sagte der welterfahrene Mann. „Im Gegenteil: hoffentlich hat er wenigstens das Zeug dazu und wird ganz wie seine neuen Freunde! ... Nichts ist schrecklicher, als wenn ’nem Menschen unterwegs die Puste ausgeht und er bleibt stehen und kann nicht vorwärts und nicht rückwärts! ... Na ... da bist du ja, mein Sohn Otto! Schon gestiefelt und gespornt?“
„Ja ... In ’ner halben Stunde geht der Zug, Papa!“
Der Geheime Kommerzienrat umarmte seinen Sohn.
„Also lass dir’s gut gehn! ... Wenn du Geld brauchst, schreib! Wenn du keins brauchst, lass trotzdem mal was von dir hören! ... Mama ist darin komisch. Die wundert sich, wenn ein Vierteljahr kein Brief kommt! Ich würde dich gerne auf die Bahn begleiten! Aber da drinnen wartet schon eine Abordnung von Arbeitnehmern! Es geht wieder los mit dem Streik. Ich fürchte, im Frühjahr kriegen wir eine Riesenschweinerei am ganzen Rhein.“
Er trat in das Nebenzimmer. Von drinnen klang seine Sprache plötzlich verändert, hart und herrisch: „’n Abend, meine Herren!“
„Guten Abend, Herr Geheimrat!“
Der dreifache Gruss der Arbeitervertreter war höflich und ruhig wie der seine. Aber es sprühte doch wie Feuerfunken aus diesen kurzen Lauten. Stahl und Stein, Besitz und Arbeit, krachten wieder einmal aneinander.
Der Leutnant Lauckardt hatte sich von seiner Mutter verabschiedet und fuhr in der väterlichen Equipage an der Fabrik vorbei. Die Strasse war im Abendgrauen noch voll von stehenden, sprechenden, gestikulierenden Gruppen. Unruhe und Streiklust in der Luft. Ein Summen. Ein Hin und Her, wie vor dem Bienenstock, wenn die Völker schwärmen. „Hoho!“ rief warnend der Kutscher und zügelte die Pferde zum Schritt, um durchzukommen. Die Arbeiter schauten finster auf. Aber sie wichen zur Seite. Der junge Leutnant im Wagen blickte über ihre Köpfe hinweg, mit jenem gleichmütigen und selbstbewussten Gesichtsausdruck, den er bei seinen Freunden und Kameraden, den Söhnen der Grossgrundbesitzer im Osten, gesehen, wenn sie weithin über die Felder und Fluren des väterlichen Dominiums fuhren. Nur dass dort, nach altem Brauch und Gewohnheit der Jahrhunderte, jeder am Wege grüsste. Hier hob sich keine Hand an die Mütze.
Das war es eben: Papa war gewiss klug und stark und reich. Aber er musste doch mit diesen dunklen Männern hier verhandeln, von Macht zu Macht. Sonst standen seine Schwungräder still oder die Treibriemen liefen leer. Drüben im Osten befahl man. Auf den Gütern. In der Kaserne. War Herr.
Die Gäule zogen an. Es ging im Trab vorwärts. Otto Lauckardt drückte sich verwöhnt lächelnd in die Wagenecke. Die Räder rollten. Der Zug stand bereit und brachte ihn zurück in die Garnison. Dort nahm die Zeit ihn auf und trug ihn, und ebenso in Berlin Achim von Bornim und all die anderen jungen Seelen, durch die Jahre dahin.
5
Dicker, bläulicher Zigarrenrauch in der schmalen Wandelhalle des alten Reichstags, dumpf von aussen das Menschenbrausen und Pferdebahngeklingel der Leipziger Strasse. Lautloses Hin und Her der Diener mit ihren Briefen und Aktenstücken, Auf- und Niedergewandel bebrillter ironischer alter Reichsboten in murmelndem Kuhhandel und Sammeln von Unterschriften für einen Antrag, Geflüster wie von zwei Verschwörern in der Ecke, eine gelassene Gruppe in den breiten Lederstühlen am Eingang ...
Die Türe zum Saal öffnete sich. Man hörte einen Augenblick eine Stimme, die gleich wieder erstarb.
„Wer spricht denn?“
„Immer noch Virchow, Exzellenz!“
„Pah!“ sagte der alte Herr von Bornim und rauchte. Er war gealtert in diesen letzten drei, vier Jahren. Immer noch leuchteten seine blauen Blücheraugen kriegerisch in die Welt. Aber das Gesicht war kleiner geworden und, in all seiner gefurchten Strenge, verfallen. Diese schwere Erkältung bei der siegreichen Septennatswahl, gerade jetzt vor einem Jahr ... wozu waren eigentlich die Esel von Ärzten auf der Welt, wenn sie einen alten Mann wie ihn seitdem nicht mehr wieder recht auf die Beine brachten?
Um ihn herum Parteigenossen. Herren von altem Schrot und Korn. Stützen des Throns. Der Abgeordnete Dr. von Pfeiffendorf-Pfiffel, der erst diesen Morgen von seinen schlesischen Gütern in die Stadt gekommen war, beugte den wettergebräunten Kahlschädel vor und erkundigte sich besorgt und halblaut: „Wie ist das mit dem Befinden von Majestät?“
Ein allgemeines, vielsagendes Kopfschütteln. Hier wusste man mehr und wusste es früher als bei den anderen Parteien ...
„Der plötzliche Tod seines Enkels in Baden ... Majestät kommt nicht darüber hinweg ...“
Ein nachdenkliches Schweigen. Vielleicht würde es ja auch wieder besser ...
Der Fürst Hunold von Elch-Altelch, ein riesenhafter, blonder Mann, blieb im Vorbeikommen stehen.
„Wissen Sie vielleicht: Ist Moltke im Haus?“
Jawohl. Der Feldmarschall war da. Innen im Saal. Hörte gewissenhaft den Rednern zu, als die Verkörperung preussischen Pflichtgefühls. Immerhin erschien er nur bei grossen Anlässen. Dazu war heute kein Grund. Allerdings: Bismarck war in Berlin. Man konnte nie wissen, wann sich um die Ecke herum, von der ganz nahen Wilhelmstrasse her, Blitz und Donner entlud.
Durch die Glastüre der Wandelhalle erschien ein junger, schlanker, hochaufgeschossener Leutnant im Überrock der Gardeinfanterie, zu Mitte der zwanzig, einen dunkelblonden Schnurrbart in dem dienstlich-straffen, lebhaften und hochmütigen Gesicht. Er hatte eine zwingende Selbstverständlichkeit an sich, mit der er die Einwendungen des Türhüters durch eine lässige Handbewegung abschnitt, und der alte Herr von Bornim sprach erfreut zu den anderen: „Da kommt mein Jüngster!“
Achim von Bornim trat heran. Er verbeugte sich mit der lächelnden Wohlerzogenheit eines korrekten jungen Offiziers vor den Herren. Der Alte stellte ihn vor und sagte dann: „Ich hab’ dich kommen lassen ... ich muss etwas mit dir besprechen ... setz dich einstweilen ... ich bin gleich so weit ...“
Dabei eilte er auf einen kleinen, im Saal auftauchenden Herrn mit viel zu grossem Kopf und dem Gesicht eines geistvollen Froschkönigs zu, dem viele Blicke folgten. Er winkte: „Einen Augenblick, Kollege!“ Windthorst blieb stehen, und die beiden kleinen Exzellenzen, die sich trotz ihrer getrennten Lager in bibelfestem Glauben trafen, vertieften sich in ein eindringliches Wispern ...
Achim von Bornim war inzwischen, straff aufgerichtet, den Säbel zwischen den Knieen, bei den anderen Abgeordneten sitzen geblieben. Der Fürst von Elch, dem der junge Leutnant gefiel, zog ihn wohlwollend ins Gespräch.
„Wie lange sind Sie schon Offizier?“
„Drei Jahre, Durchlaucht!“
„Und es gefällt Ihnen?“
„Famos, Durchlaucht!“
„Gehen Sie denn auch viel aus?“
„Jawohl, Durchlaucht! Diesen Winter war ich auch zu Hof befohlen!“
„Nun — da haben Sie wohl Einladungen genug?“
„Zu Befehl, Durchlaucht! Beinahe in allen Ministerien und Botschaften!“
„Und das macht Ihnen Spass — wie?“
„Sehr, Durchlaucht!“
„Er ist nicht fürs Kasinohocken!“ sagte Exzellenz von Bornim, von seiner Unterredung mit der Perle von Meppen zurückkehrend, und klopfte seinem Sohn auf die Schulter. „Er weiss, dass man von Skat und Bier nur dick und dumm wird ... Und dumm ist er nicht! Ja, schau nur so scheinheilig drein, mein Sohn! Dich kennt man! ... Du bist ’n geölter Aal! Um dich ist mir nicht bange ...“
„Hans Christoph lässt grüssen, Papa!“ sagte Achim, sofort mit einem instinktiven Takt das Gespräch von sich abwendend. „Ich war gestern mit ihm zusammen und mit ’nem Haufen anderer Diplomaten. Ich glaub’, ein paar von denen wissen mehr von ihm als er selber. Sie machten so Anspielungen, als würde er nächstens nach Südamerika verschickt. Er hat aber nichts davon gemerkt!“
„Ach, er merkt ja nie etwas!“ meinte Exzellenz von Bornim trocken. Der Fürst von Elch-Altelch erkundigte sich leutselig: „Sie sind viel mit Diplomaten zusammen, Herr von Bornim?“
„Ja, Durchlaucht! ... Man hört doch mal was anderes als den Kommiss. Es rostet einem ja auch sonst das Englisch und Französisch ein ... Ich hatte vorige Woche den Vorzug, einem Neffen Eurer Durchlaucht während seines Berliner Aufenthalts als Begleiter dienen zu dürfen.“
„Ach ... der kleine Belgier! ... Der Christoph Bergham!“
„Jawohl, Durchlaucht! ... Seine Hoheit war sehr gnädig!“
Der Leutnant von Bornim sass straff und ehrerbietig da. Seine ganze Haltung drückte unauffällig das volle Gefühl der Ehre aus, sich im Gespräch mit einem Manne wie dem Fürsten Elch, dem allmächtigen schlesischen Magnaten und dreissigfachen Millionär, zu befinden. Herr von Pfeiffendorf, der derbe Landjunker, sagte unverblümt zu dem alten Bornim: „Hätten Sie lieber den da Diplomat werden lassen, Exzellenz, statt Ihres Ältesten!“
„Der Hans Christoph übernimmt doch einmal das Gut. Wieviel Seide er inzwischen im Auswärtigen Amt spinnt, ist schliesslich egal. Und der Bengel da — der beisst sich schon durch! Der verschimmelt nicht in der Kaserne. Den seh’ ich schon als prinzlichen Adjutanten oder zu einer auswärtigen Botschaft kommandiert. Vor dem liegt die Welt offen!“
Neben ihm lachte der sonst so würdevolle, riesige Fürst laut auf und meinte: „Woher wissen Sie denn nur um Gottes willen, in welchem Wahlkreis ich gewählt bin, Herr Leutnant von Bornim?“
„Oh, Durchlaucht — das interessiert mich doch — Ich hab’ die Wahlen voriges Jahr genau verfolgt, wo sie doch so kolossal anständig ausgefallen sind! Ich bin auch oft auf der Tribüne und hör’ zu!“
Der Magnat stand auf und drückte dem jungen Offizier die Hand: „Hat mich sehr gefreut, Herr von Bornim! ... Lassen Sie sich mal bei mir sehen, hier in Berlin!“
„Ich danke gehorsamst, Durchlaucht!“
Achim von Bornim verbeugte sich tief vor dem sich entfernenden Grossen des Landes. Sein Vater warf den anderen einen Blick zu: ‚So macht er’s! Wickelt sich die Leute um den Finger!‘ Dann rückte der junge Gardeoffizier seinen Ledersessel zu ihm heran und lachte vergnügt: „Zwei Fliegen mit einer Klappe, Papa! ... Von neulich her krieg’ ich todsicher einen belgischen Piepmatz versetzt — na, wenig, aber mit Liebe — und heute die Einladung zu den Elchs ... Bei denen in der Vossstrasse verkehrt, was gut und teuer ist ... Nächste Woche bin ich zum letzten Hofball befohlen. Nee: der Winter war wirklich tip-top ... hat mich kolossal vorwärtsgebracht ...“
„Nächsten Mittwoch ist unsere grosse Volksversammlung!“ sagte hinter ihm ein Herr zu den Abgeordneten. Er trug einen dunklen Kaisermantel und hielt seinen Schlapphut in der Hand, ein Zeichen, dass er nicht zu den Reichsboten selbst gehörte. „Kommen Sie nur hin, meine Herren! Entdecken Sie Berlin! Was wissen Sie hier von der Not des Nordens?“
Er sah in seiner straffen Haltung, mit seinem schnurrbärtigen energischen Kopf wie ein Hauptmann in Zivil aus. Der junge von Bornim sprang auf und begrüsste den Pfarrer Freiherrn Sittig von Slawatz, einen Mann von uraltem pommerschem Geschlecht, dessen Bruder als Rittmeister in Ostpreussen seit vielen Jahren mit Achims ältester Schwester in wenig glücklicher Ehe verheiratet war. Dann ging der Diener am Johannistisch, einer der Führer der inneren Mission und der Berliner Bewegung, weiter, und Exzellenz von Bornim sagte zu seinem Sohne: „Na, komm! Wir wollen einmal der Fraktion Schulze beitreten!“
Schulze war der Ökonom des Reichstags. Er verschenkte Sekt in Gläsern. Die beiden Bornim stärkten sich und liessen sich dann nieder, und der Vater hub an: „Ich hab’ dich wegen dem Lüdecke herzitiert, Achim! Du weisst, ich kenn’ ihn nicht mehr seit einem Jahr — seit er wegen seiner dummen Streiche hat die Uniform ausziehen müssen und nun unserem lieben Herrgott in Berlin die Tage stiehlt. Ich will ihn nicht mehr sehen und nicht mehr sprechen. Er kommt mir nicht mehr vors Gesicht! Aber leider zu Gehör! ... Was ist denn das für eine Geschichte, wo er dich gebeten hat, dass du bei mir vermitteln sollst ...?“
„Ja — diesmal ist die Chose ganz brenzlig, Papa! ... Mulmig bis in die Puppen! Er und Libochowitz und Rehfisch ...“
Der alte Herr machte ein Gesicht, als hätte er auf eine Spinne gebissen.
„Was hat er denn da für Kerle aus der Gosse gefischt?“
„Dieselben, die seinerzeit Kaspar Zültz stranguliert haben! Krawattenmacher erster Güte! Lüdecke und der Zültz stecken doch ewig zusammen!“
„Zültz hätt’ auch besser zielen können, vor vier Jahren!“ sagte Wilke von Bornim.
„Ja, der liebe Gott wollt’ ihn doch noch nicht haben! Und seit er sich nun hier in Berlin als höherer Pferdeschmeisser aufgetan hat ... der hat Lüdecke mit der ganzen Schwefelbande bekannt gemacht! ... Es ist grässlich, Papa: Manchmal verwechseln mich die Leute mit dem Lüdecke und schicken mir ihre Drohungen mit dem Gericht ins Haus ... jawoll! Mit dem Gericht! ... Lüdecke hat doch längst den Offenbarungseid geleistet. Aber er pumpt friedlich weiter. Hat auf seinen Namen hin die ganzen Linden und Friedrichstrasse abgegrast. Pelze, Uhren, alles ... Und dann gleich damit ins Leihhaus. Nun ist den Leuten allmählich doch ein Talglicht aufgegangen. Nu heisst’s zahlen oder Staatsanwalt!“
„Wieviel?“
„Zwanzigtausend Emmchen mindestens ... vorläufig ... sagt Lüdecke ...“
„Und du sag Lüdecke: Nichts! Auch wenn ich’s hätte! Aber ich hab’s nicht! Sommerwerk gibt nichts mehr her! Nur noch das Leben. Die Eva-Marie sitzt jetzt noch da und kann ihren Husar nicht heiraten! Von ihren Schwestern ganz zu schweigen! Lüdecke soll selber sehen, wie er zu Gelde kommt! Oder nach Amerika kommt! Ich kann’s nicht ändern! Triffst du ihn irgendwo?“
„Gott ... ein Genuss ist es ja gerade nicht, aber ich gehe eben in Gottes Namen mal bei der Zültzschen Pferdebude ’ran! Da ist er mittags immer! ... Da wird nach Noten quergeschrieben und so Zeugs!“
„Hör mal, Achim: du hast doch keine Schulden?“
„Nicht einen Groschen, Papa! Da wär’ ich doch schön dumm, wenn ich mir so unnütz meine Karriere ruinieren wollte!“
„Gut! Und wenn dir der Zültz über ’n Weg läuft, bestell ihm, ich liess’ ihn dringend ersuchen, mir nächstens einmal hier im Reichstag das zweifelhafte Vergnügen seines Besuchs zu schenken. Ich hätte mit ihm zu reden! Verstanden?“
„Ja, Papa!“
„Wegen seiner Tochter! Was er sich dabei wohl eigentlich dächte, dass wir, seine ehemaligen Nachbarn von Wendisch-Wiesche, seit Jahren für das Mädel zahlen, damit sie anständig in einer Schweizer Pension erzogen wird ... und er holt sie sich jetzt auf einmal mit kaum achtzehn mir nichts, dir nichts heim, hierher, unter seine Rossäppel am Oranienburger Tor! Das ist ein Unfug! Das muss auch ein Liederjan wie Kaspar Zültz einsehen, dass das auf die Dauer unmöglich ...“
Von der östlichen Seitenwand der Halle ertönte durch die Mauern ein dumpfer Donner. Das rasche Rollen eines Wagens durch die Torwölbung in den Hof des Reichstags. Es schütterte wie ein Stoss aus Riesenfaust durch das ganze Gebäude weiter. Die Abgeordneten in der Wandelhalle fuhren schlaftrunken aus ihren Stühlen, liefen, angefangene Briefe im Stich lassend, aus dem Schreibzimmer, stürmten kauend vom Büfett her, stürzten aus der Bibliothek, rannten, ihre Zigarren wegwerfend, nach der Ledertüre zum Sitzungssaal. Die riss ein Abgeordneter von innen auf und streckte seinen Kopf heraus, der kahl wie eine Billardkugel und mit unzähligen, weissgewordenen Schmissen übersät war.
„S. D.!“
Seine Durchlaucht! ... Fürst Bismarck war im Hause! Drinnen hörte keiner mehr auf den Redner. Ein plötzliches durchdringendes Klingeln überall, ein Sturmläuten durch alle Stockwerke und Zimmer, ein Strömen von atemlosen Nachzüglern ... Wilke von Bornim drückte seinem Sohn die Hand, schloss sich den letzten an und kam gerade noch, auf den Fussspitzen, zurecht in ein plötzliches Todesschweigen innen in dem halbrunden Sitzungssaal. Und durch die Stille ein paar geschäftsmässige, nüchterne Sätze. Die Stimme des Präsidenten: „Der Herr Reichskanzler hat das Wort.“ ...
Achim von Bornim stand auf einmal fast allein in der verödeten Wandelhalle. Schiefgerückte Stühle, noch glimmende Zigarren, Zeitungen am Boden zeugten von dem jähen Aufbruch. Er ging, unwillkürlich selbst behutsam in Bismarcks unsichtbarer Nähe, hinüber in den Warteraum für das Publikum. Da standen Hunderte am Eingang. Die Glasscheiben waren schwarz von Menschen, die wie Fliegen daran klebten. Er selbst war wenigstens schon innen. Eben stürmten ein paar Glückliche, die noch Eintrittskarten erwischt hatten, die Treppe hinauf, Offiziere, zwei Stufen aus einmal nehmend, Damen mit wildgerafften Röcken. Er eilte hinterher. Die Türe zur Tribüne war noch offen. Er drängte sich mit den andern hinein ... blieb stehen, suchte mit den Augen ...
Unten im Sitzungssaal die vielen, vielen Glatzen ... die Grauschädel, wenige lockige Häupter, Kopf an Kopf nach vorn zusammengedrängt — die erhöhten hinteren Reihen gespenstig leer — alles stehend vor der Tribüne. In der Hofloge die Federhüte der Prinzessinnen, die Uniformen der Fürsten, die Diplomatentribüne plötzlich knüppelvoll ... Die Journalisten daneben gepfercht wie eine Hammelherde ...
Pscht! ... Pscht ... um Gottes willen Ruhe! ... Kein Wort verlieren ...
Und durch diese Totenstille von tausend Menschen die wohlbekannte, seltsam helle, seltsam stockende, die Worte suchende Stimme ... Gehört sie wirklich dem mächtigen Halberstädter Kürassier da hinter dem Rednerpult? Sein schwefelgelber Kragen leuchtet über dem dunkelblauen Überrock, die buschigen weissen Augenbrauen blitzen ... im trüben Mittagslicht von oben dieser feine, kleine, wie von Künstlerhand aus Elfenbein geformte Kopf — nichts Säbelrasselndes — nichts Wuchtiges — der vornehme Diplomat in Uniform ... ritterliche Leichtigkeit in jeder Bewegung des riesenhaften Körpers ... wie er scheinbar suchend mit der Hand nach der Rocktasche fasst, das Glas mit gelblicher Flüssigkeit ergreift, das vor ihm steht — wieder ein Stocken — ein schweres Räuspern durch den schweigenden Raum ...
„Verzeihung, Herr Leutnant ... die Karte ...“
Der Saaldiener flüsterte es.
„Ich hab’ keine ...“
„Dann müssen Herr Leutnant hinaus!“
Achim von Bornim seufzte. Da hinten in der ersten Reihe der Rechten sass ein General, ein Bein über das andere geschlagen ... die Arme gekreuzt ... das Auge unverwandt lauschend auf Bismarck dicht über ihm gewendet — einsam ... schweigsam ... feierlich ... wie ein alter Adler im Horst ... Noch ein Blick auf Moltke ...
„Herr Leutnant ... bitte ...“
Nun war er draussen. Auf einmal wieder in der Wirklichkeit. Im Alltag. Unter dem trüben Winterhimmel, auf der Leipziger Strasse. Da standen die Leute in Massen und warteten auf Bismarck. Die Pferdebahnwagen kamen kaum durch. Der Leutnant von Bornim bahnte sich seinen Weg quer über den Fahrdamm und schlenderte dann langsam, den Kopf noch voll von dem Gesehenen, durch die leere, würdevolle Leipziger Strasse, und über die Linden gen Norden.
Diese Gegend hinter der Kaserne des zweiten Garderegiments und der Pepinière, dies Quartier Latin, dieses Oranienburger Tor mit seinen vielen verdächtigen roten Laternen — pfui Deubel ja ...! Menschen auf der Strasse ... man glaubte kaum, dass man noch in Berlin war, dem festlich schmucken, winterlichen, von der Hohenzollernsonne und dem Glanz der Armee verklärten Berlin drüben zwischen Schloss und Brandenburger Tor, in dem man sich so wohl fühlte. Man fand sich hier gar nicht zurecht ... na, Gott sei Dank ... endlich ein Schutzmann ...
„Der Tattersall des Nordens? ... Jawoll ... Warten mal Herr Leutnant ... Also da drüben das zweite Haus von der Ecke und dann über ’n Hof ...“
Auch noch über den Hof! In Gottes Namen. Mit leisem Säbelklirren ging Achim von Bornim über das schmutzige Pflaster. Wäsche hing in den Fenstern zu ebener Erde ... Müllkasten standen darunter ... schmierige Strassengören glotzten einen an ... Da hörte er, wie einen Widerhall seines Säbels, ein Sporenklingen um die Ecke, von der Türe zur Reitbahn her ... Endlich einmal eine anständige Erscheinung in dieser Wildnis: ein junger Kürassierleutnant, gross, blond, rosig, ein bisschen zu dick, mit verwöhnt lächelndem Gesicht ...
Und in dem Gesicht ein roter Schmarren auf der Backe, ein zweiter auf der Stirne ... ‚Herrgott — die Schmisse kenn’ ich doch! ...,‘ sagte sich Achim von Bornim. ‚Das ist doch ein Stück Handarbeit von mir!‘ Fast zugleich grüssten sich die beiden Offiziere, wollten aneinander vorbeigehen, zögerten, blieben stehen und gaben sich die Hand.
„Na ... erkennen Sie Ihren alten Feind von der Kriegsschule wieder, Herr von Bornim?“
„Das wollen wir nun begraben sein lassen, Herr Kamerad Lauckardt! ... Ich hab’ mir ja nun auch in diesen Jahren gereiftere Ansichten über die menschlichen Dinge angewöhnt!“
„Wie geht’s Ihnen denn?“
„Famos! Und Ihnen?“
„Ja, Sie Glücklicher! ... Berlin ... Garde ... Sitzen Sie mal Jahr um Jahr auf den Dörfern im Osten ... Garnisonen kann man’s kaum nennen ... ein Stumpfsinn ... trotz Jagd und Landverkehr ... Wissen Sie, wenn ich so auf Urlaub Berliner Luft atme, dann hab’ ich immer den Verdacht: Ich werd’ nicht alt beim Kommiss! ... Tret’ eines schönen Morgens zur Reserve über ...“
„Was machen Sie denn hier in Berlin?“
„Gaul kaufen ... nicht leicht, wissen Sie, bei meinem Gewicht! Ich bring’ in Helm und Kürass rund zwei Zentner in den Sattel! Nun hat man mir hier diesen Herrn von der Zültz empfohlen ... aber ich weiss nicht ... Gerade vertrauenerweckend ... Was halten Sie von ihm?“
Achim von Bornim zuckte diplomatisch die Achseln.
„Pferdehandel kommt überall gleich nach dem Vatermord! Das weiss doch so ein alter Kavallerist wie Sie besser als ich!“
Der Kürassier lächelte geschmeichelt. Er zwinkerte vertraulich: „Sie kommen wohl auch nicht bloss wegen den ollen Mistviechern von Gäulen hierher ...?“
„Weswegen denn sonst?“
„Na ... sagen Sie mir’s doch ... ich bin doch hier fremd ... wer ist denn das reizende Mädel? ... Ich hab’ sie leider nur einen Augenblick hinter dem Fenster gesehen!“
„Wahrscheinlich seine Tochter!“
„Wahrscheinlich ist gut! — Sie ... Sie kundiger Thebaner! Na, Waidmanns Heil! ... Hat mich sehr gefreut!“
„Meinerseits! ’Morgen!“
Achim verabschiedete sich kühl. Er ärgerte sich wieder über den dicken Burschen und seine Art, von den Zültz’ zu sprechen. Na freilich: Staat war mit dem ehemaligen Wendisch-Wiescher nicht zu machen. Da stand er drinnen im Dämmerlicht des Stallgangs, lang und schlank, immer noch ein schöner Mann, gerade jetzt, wo die Not des Lebens die abenteuerliche Unruhe seiner Züge veredelt hatte und die ersten grauen Fäden in seinen dunklen Spitzbart wob. Er schien tadellos angezogen ... Hier im Zwielicht. Erst draussen im hellen Tag sah man die kleinen verräterischen Verfallszeichen, die Sprünge in den Lackschuhen, die abgegriffene Zylinderkrempe, den ausgefransten Kragen. Und wenn er grüsste, eine verräterische, kahle, tief eingewölbte Stelle über dem Schläfenhaar. Die Narbe des Pistolenschusses. Aber er kam nicht oft dazu, zu grüssen. Merkwürdig häufig geschah es, dass jemand gerade nach der anderen Seite schaute ...
Neben ihm lehnte Lüdecke von Bornim. Tip-top gekleidet. Bester englischer Stoff und Schnitt. Das Monokel in dem weinroten, etwas gedunsenen, von Bartkoteletten eingerahmten Gesicht. Den hechtgrauen Zylinder ins Genick gerückt. Er lächelte süffisant. Nahm die Mitteilung seines Bruders, dass vom Vater her keine Hilfe in Sicht, sehr grossartig auf.
„Tut auch nicht not!“ sprach er nachlässig, die Asche seiner Havanna abstreifend. „Wir haben ein Geschäft vor ... in acht Tagen sind wir gemachte Leute ...“
„Die Sache wird gedreht!“ bestätigte heiser Herr von Flissak, ein kleiner, blonder Gewaltmensch, der als dritter dabei stand. „Wir haben schon mehr Kisten zusammen uffjemacht — wat?“
Er berlinerte absichtlich. Er schien das als einen Beweis von Geschäftstüchtigkeit zu betrachten. Anno Olim war er auch einmal Leutnant gewesen. Die Rangliste von 1878 verzeichnete ihn mit „Ausserdem Abgang“. Nette Blase! Achim von Bornim sagte mit dem ganzen Hochmut seines Standes, als der kleine Herr ihm mit klebriger Vertraulichkeit zu nah auf den Leib rückte: „Pardon! Ich habe nicht das Vergnügen ... Komm doch mal beiseite, Lüdecke! ... So! ... Also ich kann Papa beruhigen, dass du ...“
„Der alte Gott lebt noch!“ sprach der Spieler bieder und biss die Spitze einer neuen Zigarre ab. „Vorläufig wenigstens bin ich ... Kennste die Ähnlichkeit zwischen mir und ’nem Börsenpapier? Stark gefragt! Von meinen Gläubigern nämlich! ... Scherz von Flissak! ... Ulkige Kruke! ... Ich bin darum tagsüber lieber nicht in meinen Gemächern, sondern stecke hier hinter Zültzens Haferkiste ... Merken diese minderbegabten Manichäer nie. Aber über ein Kurzes werdet ihr mich sehen, die Taschen voll Pinke-Pinke! Jawohl, alter Junge! ... Los, Flissak ... Wir pirschen uns so sachtemang ins Freie! Willem — hast du aufgepasst? ... Ist die Luft rein?“
„Jawoll, Herr Baron!“ meldete von hinten die Stimme des Stalljungen, der vorsichtig seinen Kopf auf die Strasse hinausgesteckt hatte. Die beiden marschierten ab. Herr von der Zültz sah auf.
„Ihr Herr Vater wünscht, dass ich ihn einmal aufsuche, Herr von Bornim? Hohe Ehre! Mit Vergnügen! Bitte inzwischen meine besten Empfehlungen an Exzellenz! Er hat mir ja damals quasi die Pistole in die Hand gedrückt ... Aber er hat wenigstens für mein Kind gesorgt! Das werde ich ihm nicht vergessen!“
„Ja, und jetzt ist er sehr böse, dass Sie sie plötzlich eingeheimst haben!“
„Ich?“ Der Pferdehändler machte einen offenen Mund, wie einer, der aus den Wolken fällt. Dann fuhr er sich kopfschüttelnd mit der Hand über die Stirne, als verstände er die Welt nicht.
„Ich ... eingeheimst? ... Die Ilse?“
„Ja, ist sie denn nicht hier?“
„Freilich!“
„Na also!“
„Aber ich hab’ sie nicht kommen lassen! ... Ausgekniffen ist sie aus ihrer Pension! ... Dagestanden hat sie eines schönen Morgens, ihr Köfferchen neben sich: Da bin ich! Ja — was nun?“
„Furchtbar einfach: sie einpacken und zurückschicken!“
„Lieber Herr von Bornim ...“ Kaspar von der Zültz legte dem jungen Gardeoffizier plötzlich beinahe väterlich die Hand auf die Schultern. Es zuckte schmerzliche Wehmut auf seinen schönen Zügen, Ergriffenheit ... Schauspielerei ... Echtheit ... Vieles durcheinander. „Setzen Sie sich in meine Lage: Mir hat unser Herrgott viel genommen! ... meine arme kranke Frau — es war ja eine Erlösung, wie wir sie vor zwei Jahren begraben haben — mein Gut ... mein Geld ... Er lässt mich nicht einmal hier in Berlin N auf ’nen grünen Zweig kommen ... Wollen Sie mir glauben, dass der letzte Juckertransport aus Ungarn wieder mit dem Husten angekommen ist ...? Ich hab’ doch nichts auf der Welt als mein Kind ...“ Er redete sich selbst in Rührung. Seine Augen wurden feucht. „Soll ich mein Kind von mir stossen, wenn es von selber zu mir kommt? ... Dazu hab’ ich nicht das Herz! ... Sie sind jung, Herr von Bornim! Ich werd’ alt ...“
Mit der sprunghaften Beweglichkeit seines Wesens glitt eine Helle über sein Gesicht. Er lief auf den Hof hinaus. „Nee — bleib mal!“ schrie er atemlos und kam zurück und sagte stolz: „Na?“
Neben ihm stand ein schlankes, hochaufgeschossenes junges Mädchen. Er wiederholte: „Na?“
Es kam nicht gleich eine Antwort. So spendete sich Kaspar von der Zültz selber Lob: „Kinder ... ich war mal ein schöner Kerl ... das merkt man nun an meiner Tochter!“
Ilse von der Zültz lachte. Sie sagte unbefangen und erfreut: „Oh ... der Achim!“
Dabei hielt sie ihm die Hand hin. Er nahm sie und meinte: „Herrgott — was du gross geworden bist ...“
Dabei fuhr es ihm durch den Kopf: ‚Geht denn das noch — das ‚Du‘ ...?‘ Es kam einem von selbst über die Lippen, und sie sagte ebenso harmlos: „Du hast dich gar nicht verändert ... Bloss der Schnurrbart ...“
Sie war gut einen Kopf gewachsen, seit er sie zuletzt als Backfisch gesehen. Ein Rest von dem schmalen bräunlichen Kindergesicht von damals war ihr noch geblieben. Die grossen dunklen Augen. Die halboffenen roten Lippen. Alles noch ein bisschen schafig — schien ihm. Sein Auge war an die Eleganz der Berliner Hofgesellschaft gewöhnt. Er überflog mit einem Blick ihr Äusseres. Na ja ... billige Konfektion ... so zwischen Spittelmarkt und Hausvogteiplatz ... Lieber Gott, wo sollt’ es denn der Alte auch hernehmen und nicht stehlen? ... Er stahl ja so schon beinah ... Hübsch war sie ja ... lang und schlank ... sehr hübsch ... Aber war sie nun eine Dame, ein Fräulein von der Zültz? ... War sie die Tochter eines Pferdehändlers, der im Gefängnis gesessen? ... Dem Leutnant von Bornim war es schwül zumut, in seiner Wohlerzogenheit ... Was ihm sonst nie passierte: er fühlte sich verlegen. Er und Ilse lächelten sich an und schwiegen ...
Gott sei Dank: sie hatten wenigstens in der Pension auf sie aufgepasst. Gepflegte Fingerchen ... Tadelloses Schuhwerk ... So was sah er gleich. Ein Stallknecht trat an Kaspar von der Zültz heran. Er raunte etwas: der Schlachtermeister da hinten, der wollte bei dem Traber von gestern die Mauke gefunden haben! Ilses Vater fuhr auf. Er explodierte wie eine Rakete. Er würgte an dem Wort: „Die Mau ... die Mau ... die Mauke in meinem Stall? Der Mann ist wohl verrückt! Den schmeiss’ ich ’raus!“
Und von drüben antwortete eine grobe Bassstimme: „Schicken Sie man lieber zum Schmied und lassen Sie ’s Eisen abreissen! Dann werden wir die Schweinerei schon besehen!“
Herr von der Zültz lief den Stallgang hinunter. Ungarische und galizische Rosskämme standen an dessen Ende. Funkelnde Augen, gebogene Nasen, vortretende Backenknochen ... wildes Geschrei. Der Traber musste umgetauscht werden ... ‚Überhaupt ... die olle Kracke ... Was ... alt? ... Fritze ... mach ihm ’s Maul auf ... zeig die Zähne ... da sehen Sie die Kunden ... nicht über sieben Jahre ... auf Ehrenwort! ... Gott, Ihr Ehrenwort! ... Und die Mauke? ... Mensch ... reden Sie doch keinen Stuss ... fühlen Sie doch mal gefälligst selbst den Strahl ... trocken wie Zunder ... ’n bisschen vernagelt ist das Fannychen ... das ist alles ... Jawoll: Sie haben den Gaul vernageln lassen, damit man nicht merkt, dass er ohnedies lahmt! ... Herr ... nu hat’s aber geschnappt! ’raus! ...‘
Und die ganze Gesellschaft lief wirklich hinaus, im plötzlichen Frieden, um im Hof einen anderen Gaul zu mustern. Achim und Ilse blieben allein in der Stallgasse zurück. Er stand unschlüssig da. Er wusste nicht, was er aus ihr machen sollte. Wenn man mit den breiten roten Streifen auf den Galahosen zum Hofball ging und mit einer Komtesse tanzte, so war das eben eine Komtesse. Und wenn man in Zivil mit den Kameraden in die ‚Academy of music‘ zog, wo der alte Moore vom Tisch herunter seine berühmte Rede hielt: ‚Meine Herren: Hier ist kein Tingeltangel!‘ oder in das Café New York, und die Kellnerin brachte das dünne Lichtenhainer im Holzkrug, so war das eben eine Kellnerin. Aber hier ... das war so ein sonderbares Mittelding. Dabei schien sie ihm jede Minute hübscher zu werden. Er sagte: „Du ... dein alter Herr sprengt die tollsten Gerüchte über dich aus! Er behauptet, du seiest heimlich aus deiner Pension ausgerückt?“
Sie nickte seelenruhig, riss einen Heuhalm aus der Raufe neben sich und zog ihn durch die Zähne. Er machte grosse Augen.
„Nicht möglich!“
„Doch. Am Sonntag ging’s. Da kamen immer zur Besuchsstunde viel Leute. Da passten sie nicht so auf.“
„Und so ’n Entschluss fiel dir gar nicht schwer?“
„Und ob’s schwer war! Ohne Geld! ... Kate Morton hat’s mir schliesslich geborgt — eine Engländerin. Wann ich’s ihr wiedergeben kann, weiss der Himmel ...“
Ilse von der Zültz zuckte die Achseln, immer noch den Halm zwischen den Zähnen. Er musste lachen.
„Warum bist du denn eigentlich fort?“
„Weil es so langweilig war!“ sagte sie einfach. Es war noch ein kindlicher Ton in ihrer Stimme. Auch ein kindlicher, offener Zug auf ihrem unschuldigen Gesicht.
„Na — das könnten die andern Mädels dort doch auch alle sagen!“
„Tun’s auch. Haben bloss nicht die Courage!“
Ein Stallknecht kam vorbei und führte einen Gaul aus dem Hof. „Hoho!“ beruhigte er den Klepper und kitzelte ihn dabei an der Flanke, damit man bei seinem plötzlichen Aufbäumen vor der Lichthelle des Hofes nicht merkte, dass er ein wenig bodenscheu war. Der Leutnant von Bornim wollte seine Würde wahren. Er kam sich sehr welterfahren und männlich gereift vor. Er meinte strafend: „Du hättest ruhig aushalten sollen! Du wärst schon weggekommen! Papa wollte für dich eine Stellung suchen!“
„Oh — das kann man ja immer noch!“ sagte Ilse bereitwillig. „Wenn es nur was hilft!“
„Ach — da findet sich schon etwas!“
„Ja. Aber ich bleib’ nicht lange!“
„Warum denn nicht?“
„Weil’s langweilig ist ...“
„Ja, glaubst du denn, dass der Mensch zum Vergnügen auf der Welt ist?“
„Ja.“
Er musste lachen.
„Auch ’n Standpunkt! ... Also, was hast du denn nun vor?“
„Nichts! ... Ach, ich möcht’ mal so ganz furchtbar reich sein — weisst du ...“
„Sie, Mann — stellen Sie den Gaul man nicht auf abschüssigen Boden!“ krächzte draussen eine heisere Stimme. „Sie haben’s doch hier nicht mit Waisenknaben zu tun! Verstehn Se?“
„Wir sind doch hier unter uns Pfarrerstöchtern!“
Und ein tiefer Bass: „Knallen Sie nicht so mit der Peitsche! Die Peitsche weg! ... Die Zicken kennt man ...“
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich ... Kaspar von der Zültz mitten darunter ... vornehm auch noch, wenn sich die andern schon beinahe mit Rossäpfeln schmissen ... Das alte Blut ... Na, mochte er ... Aber was fing so ’n Mensch nun mit so ’ner Tochter hier an ...? Der junge Gardeleutnant hatte ein Unbehagen vor der ganzen Geschichte ... Zum Beispiel: ... man ging da mit Kameraden Unter den Linden ... da kamen die beiden an ... der Zültz mit der Ilse ... auf dem Weg zum Mittagessen bei Oswald Nier, dem Ungegipsten, oder so was Schönes ... da musste man doch grüssen ...
„Ich hab’s mir hier ja auch anders vorgestellt!“ sagte Ilse. „Papa hat in seinen Briefen an mich immer so grässlich renommiert ... das wäre bei ihm keine kommune Pferdehandlung, sondern ein Stelldichein für alle Kavaliere ... ein längst gefühltes Bedürfnis ... Prinzen und Gentlemen und Garde ... aber weisst du, ich habe hier noch keinen anständigen Menschen gesehen ausser dir ...“
„Wirste auch nicht!“
„Und ich hatt’ es mir so schön gedacht ... so lustig! Und dann — das war gewiss unrecht von Papa — da hat er mir einmal geschrieben, jetzt gehörte ihm Wendisch-Wiesche wieder! Da hab’ ich so ’n Heimweh bekommen, nach Wald und Feld ... und nach dem alten Haus ... und nach euch allen draussen ... Nächtelang hab’ ich in die Kissen geheult und hab’ es schliesslich nicht mehr ausgehalten ... Ja, und nun? Nun ist Wendisch-Wiesche Eigentum eines Herrn Libochowitz. Papa sagt, das verstände ich nicht!“
„Ist dir auch zu hoch!“ sagte der weltkundige Leutnant. „Früher haben Libochowitz und Genossen die Klitsche fortwährend verkauft und nach dem Angeld Pleite gemacht, und der Käufer stand da ... Na ... das wurde dem Staatsanwalt auf die Dauer zu spasshaft ... Seit sie wieder in Freiheit sind, zedieren sie sich Wendisch-Wiesche nur noch gegenseitig, zuweilen auch an deinen Vater — das stimmt schon — bis Flissak einen neuen Heiratskandidaten heranbringt.“
„Das begreife ich nicht!“
„Na ... er ist doch Heiratsvermittler! ... Ehe er seinen Schutzbefohlenen irgendwo einführt, lässt er Wendisch-Wiesche gegen Wechsel auf dessen Namen schreiben, damit der grossartig als Rittergutsbesitzer auftritt und Vertrauen einflösst. So kommt die Partie zustande. Dabei ist doch der letzte Baum abgeholzt — kein Vieh im Stall ... das Haus eine Ruine. Ja, siehst du, das ist Wendisch-Wiesche! So jagt da ein Scherz den andern!“
Achim von Bornim hatte mit der nachlässigen Überlegenheit eines jungen Mannes gesprochen, vor dem Berlin keine Geheimnisse mehr barg. Er hatte sich gefragt: ‚Soll ich ihr das sagen? Doch! Zu ihrem Besten! Sie muss mal erfahren, woran sie ist! Der Alte lügt ihr ja die Hucke voll.‘ Dabei war eine Neugier in ihm: Ahnt sie eigentlich das Frühere? Kaspar von der Zültz’ Ende auf Wendisch-Wiesche? Das junge Mädchen nickte und meinte mit einem leichten Seufzer: „Ich bin dumm! Ich hätt’s mir denken können ... nach dem, was schon vorher alles passiert ist ... Ach ... glaubst du denn, ich wüsste das nicht, dass Papa sich eine Kugel in den Kopf geschossen hat und gesessen hat?“ Ilse von der Zültz nannte es in einem kindlich einfachen Ton beim Namen. Es kam ganz selbstverständlich heraus. Sogar das halbe, unbewusste Lächeln blieb auf ihren Zügen. „Ich war noch nicht zwei Jahre in der Pension, da hatt’ es eins von den Mädchen von zu Hause erfahren und es überall herumgeredet. Denk mal: ich war die letzte, die’s gehört hat. Von der Vorsteherin selber. Da war ich wie verfemt. Da musst’ ich aus der Stadt weg und in eine andere Pension. Dort wussten sie’s nicht. Aber ich.“
„Zwanzig Doppelkronen!“ schrie es entschlossen auf dem Hof. Ein Indianergeheul hinterher: „Ihnen pickt er wohl?“
„Aujust, haste Luft?“
„Ein Gaul wie Gold!“
„Ruhe, meine Herren, Ruhe ...“
Achim von Bornim schaute stumm, fast betreten, auf seine Lackstiefelspitzen. Es war so schwer, mit dem Mädel zu reden — nein ... eigentlich nicht schwer ... nur so komisch ... sie sah diese Dinge so sonderbar an ... so sachlich ... so, als gingen sie sie selber nicht recht was an ... sie hatte gar kein Gefühl, ob das nun schlecht oder recht war ... sie hatte es ja nicht begangen ...
„Ach ... ich möchte reich sein!“ sagte Ilse wieder. Dann nach einer Weile: „Du bist das erste bekannte Gesicht seit Papa, das ich in Berlin sehe! Ich war so froh, wie ich dich gesehen hab’!“
Vom Hof klangen leichte, elastische Schritte. Kaspar von der Zültz kam heran, ein Banknotenbündel in der Hand. Das Pferd war verkauft. Nun rasch die Geschichte im Zimmer drüben schriftlich, ehe die Rosskämme einander wieder in die Haare gerieten! Er hatte nur Zeit, im Vorbeigehen seine Tochter bei den Schultern zu packen und mit einem Zungenschnalzen der Anerkennung wieder sein altes ‚Na?‘ ... zu rufen. Sie machte sich frei und sagte lachend und sich das Haar ordnend: „Was denn: na?“
Und Achim von Bornim merkte an ihren glänzenden dunklen Augen wohl, dass sie wusste, wie hübsch sie war.
„Endlich kommt die Itta!“ sagte sie. Ein junges Mädchen in ihrem Alter und einfach gekleidet wie sie schritt über den Hof.
„Wer ist denn das?“
„Itta Flissak. Sie holt mich zum Bummeln ab!“
„Die Tochter von dem Herrn von Flissak ... dem Kerl von vorhin?“
„Ja. Mit irgend jemandem muss ich doch spazieren gehen! Ich kann’s mir nicht aussuchen!“
Nun ja ... Ilses Vater hatte gebrummt. Der Vater der leidlich hübschen Blondine, die da herankam, war aus der Armee gestossen. Warum sollten da die beiden Mädel nicht gemeinsam die Berliner Schaufenster bewundern? Aber dem Leutnant von Bornim schien es jetzt doch die höchste Zeit, zu gehen ... „Auf Wiedersehen!“ sagte er rasch und machte, dass er wegkam, ehe er womöglich auch noch dem Fräulein von Flissak vorgestellt wurde, und sprang draussen in eine Droschke und fuhr zurück nach dem Westen, in sein heimatliches Berlin.
Die beiden nächsten Tage ertappte er sich immer wieder bei dem Gedanken an Ilse. Seinem Vater konnte er noch keinen Bericht abstatten. Der alte Herr war nicht zu sprechen. Er war vom Morgen bis zum Abend im Reichstag. Ungünstige Gerüchte über das Befinden des greisen Kaisers liefen um. Es wurde auch im Kasino davon gesprochen. Auf der Strasse. Überall. Und der Thronerbe siech im Süden. Die Zeiten waren ernst. Wurden vielleicht noch ernster. Es lag eine Wolke über der Stadt Berlin. Achim von Bornim wusste nicht: kam die beklemmende Stimmung voll Unruhe, voll Erwartung, in der er sich in diesen Tagen befand, davon oder von was sonst? Einmal, an einem dieser einsamen Abende, an denen niemand mehr Lust zu Gesellschaften und Vergnügungen hatte und ihm das Herumsitzen auf der Wache oder im Kasino zu langweilig dünkte, zog er Zivil an und bummelte die Friedrichstrasse hinauf gen Norden, nach dem Oranienburger Tor. Was er dort im Dunkel eigentlich wollte, war ihm selbst nicht recht klar. Mit der schäbigen Pferdehandlung da hinten und der Ilse hatte es gewiss nichts zu tun. Oh nein. Das wäre ja lächerlich gewesen. Da wäre er gleich heimgekehrt. Aber er kam auch so nicht weit. Aus der Tonhalle, an deren engem Eingang Plakate die grosse Versammlung der ‚Berliner Bewegung‘ ankündeten, strömten dunkle Menschenmassen, füllten die Strasse. Die Versammlung war aufgelöst. Von den Arbeitern gesprengt. Im Laternengeflacker ein Gewimmel von Hüten — Schutzmannshelme ... Pferdeköpfe ... Pfiffe ... „Haut ihm!“ ... „Nieder mit die Blauen!“ ... Blitzende Säbel ... Vom Bürgersteig ein flüchtiger Einblick in den Saal ... Rauchwolken, umgestürzte Stühle ... Auf dem Podium der Pfarrer von Slawatz und zwei andere Geistliche. Sie hielten jeder mit beiden Händen die aufgeschlagene Bibel gegen die Menge. Wie Luther in Worms. Die Bierseidel flogen um ihre Köpfe. Unten sangen die Ihren:
„Ein’ feste Burg ist unser Gott ...“
Und ihnen antwortete es, brauste auf, pflanzte sich tausendstimmig ins Freie, bis an die nächsten Strassenecken fort:
„Es stand meine Wiege im niedrigen Haus,
Die Sorgen, die gingen drin ein und drin aus ...“
Achim von Bornim sah die fanatischen Gesichter der Arbeiter, hörte die hellen Stimmen der Fabrikmädchen. Zum erstenmal schienen ihm diese Massen, die er täglich grau, stumpf, still auf der Strasse an sich vorüberströmen sah, wie von einem unterirdischen Feuer belebt, es regte sich etwas, wovon er kaum je etwas gehört oder gelesen, in der Tiefe, unter der Oberfläche der Dinge. Es rollte weithin durch die Nacht:
„Und guckt die Sorge auch mal durch die Scheiben,
Ein Sohn des Volkes will ich sein und bleiben!“
Und von innen tönte dumpf der Choral:
„Das Reich muss uns doch bleiben!“
Als Achim von Bornim sich dem Getümmel entzogen hatte und auf dem Rückweg befand, begegnete ihm Unter den Linden ein Major des Regiments. Der achtete heute nicht auf das Zivil des Leutnants, der sich ungesehen an ihm vorbeidrücken wollte. Er sagte ohne weitere Anrede: „Ich komme eben vom Palais. Es steht nicht gut um Majestät!“
Drüben, gegenüber dem Denkmal Friedrichs des Grossen, waren Fenster hell. Schwarze Menschengruppen standen da, trotz der bitteren Kälte. Hohe Offiziere gingen aus und ein, wurden mit bangen Blicken verfolgt. Ein Ahnen umher. Und auch in dem jungen Leutnant: Das Alte, das Grosse neigt sich zu Grab. Die Heldenzeit geht zu Ende. Ein neuer Morgen steigt herauf. Neue Kräfte suchen den Tag ...
6
‚Nimm sie heraus aus dem Rosstäuscherkram am Oranienburger Tor, dann ist die Ilse Zültz ’ne Dame! Lass sie dort, dann ist sie’s nicht ... Es kommt nicht darauf an, wer sie ist, sondern wo sie ist! Verstehst du das, mein Sohn?‘
Achim von Bornim fuhr aus dem Schlaf auf. Er glaubte, noch die bedächtige, knarrende Stimme seines Vaters zu hören. Er hatte geträumt, er habe den um Rat gefragt — wieder im Reichstag — wie man es als korrekter junger Mann mit der Ilse Zültz halten müsse ... Andere alte Herren hatten herumgesessen ... die Ilse selber kam herangeschlendert, direkt aus dem Sitzungssaal ... ganz unbefangen ... sie hatte sogar die Frechheit und stand am Seiteneingang, da, wo Bismarck gewöhnlich hineinfuhr. Dessen Wagen bog schon um die Ecke. Man hörte das Donnern in der Torwölbung ...
Der Leutnant war jetzt ganz wach. Er fand sich in der Schlafkammer seiner Dienstwohnung in der Kaserne, drunten, vor den Fenstern, der Lärm der Stadt. Er streckte sich: Solcher Kohl war auch nur im Traum möglich ... bei Tageslicht war die Geschichte furchtbar einfach: Er hatte wahrhaftig in diesem Zültzschen Stallmist nichts zu suchen. Er ging nicht wieder hin. Da sah er auch die Ilse nicht mehr ...
Draussen donnerte es wieder. Ein Klopfen mit Faust und Stiefelspitze gegen die Türe.
„Zum Teufel ... wer ist denn da?“
„Ich! Lüdecke! Mach auf!“
Der hatte gerade noch gefehlt! Der Jüngere fluchte und öffnete im Hemd die Türe. Da stand der ehemalige Gardekavallerist. Hinter ihm der Musketier der Kasernenwache, der ihn hinaufgeführt und sich nun wieder auf dröhnenden, nägelgespickten Kommisssohlen trollte.
„Was hast du denn nun wieder ausgefressen?“
Lüdecke von Bornims Gesicht war rot und süffisant wie immer. Er liess sich, die Hände auf den Goldknopf seines Stocks gestützt, das Einglas im Auge, den Zylinder im Genick, rittlings auf einen Stuhl nieder, als sässe er in der Bar, und sagte mit einer gewissen Feierlichkeit:
„Kapores!“
„Was?“
„Alle! Fertig! Schluss! ... Ich bin unter schlechte Menschen gekommen. Man hat meine und Rehfischs Unerfahrenheit ausgebeutet. Es ist nichts mit dem grossen Coup. Ich muss fort! Höchste Eisenbahn ...“
„Da haben wir’s!“
„Meine Verdienste werden hier nicht anerkannt. Für mich ist Berlin zu eng! Ich soll hier auf einmal überall Wechsel decken, Rechnungen zahlen ... Ich glaube, die Leute sind verrückt ... Nee ... lieber nu schon Amerika ... Aber standesgemäss ... Erster Güte ... sonst bleib’ ich da! ... Sag das auch unserm alten Herrn ...“
„Herrgott, geh doch einmal zu Hans-Christoph, statt dass ich immer ... Oder schreibe Papa ...“
„Hans-Christoph ist ein Rindvieh! Und schreiben? ... time is money, wie wir Yankees sagen ... Die Weltfremdheit unsrer Richter ... die Kerle haben selber keine Pelze. Nun begreifen sie nicht, dass ’n Gentleman so ’n Zeugs auch mal versetzt ...“
„Unbezahlt?“
„Bezahlt soll er auch noch sein?“ sagte Lüdecke erstaunt. „Du bist nicht übel, mein Sohn! Na ... drüben in den States ...“ Er erhob sich und spähte durch das Fenster. „Die Unsicherheit in Berlin nimmt immer mehr überhand! ... Ich kann mich kaum mehr ruhig auf der Strasse zeigen, ohne dass verdächtige Elemente ... Also nun sause mal schleunigst zu unserm Erzeuger ... sag ihm, ich stände sonst für nichts ... Ich würde glattweg verhaftet ...“
„Himmelherrgottdonnerwetter ...“
„Pst! Ein Kavalier regt sich nie auf! Bring mir das Geld um zwei in die Kaiserklappe an der Ecke der Karlstrasse! Wenn ich nicht vorn bin, frag nur den Kellner nach dem Grafen Müller. Unter dem Namen bin ich da bekannt. Dann holt er mich! ... Aber mach deine Sache ordentlich. Verstanden?“
Er nickte gönnerhaft, als ein älterer Bruder, der dem Jüngeren gute Lehren gegeben, und verschwand. Achim schaute ihm zornig nach. Immer wieder diese verfluchte Lüdeckesche Müllgrube! Jetzt zum letztenmal! Erwartet hatte er es schon lange, dies Ende mit Schrecken bei Lüdecke, statt des bisherigen Schreckens ohne Ende. Sowie der Dienst vorbei war, suchte er Hans-Christoph, den Ältesten, im Auswärtigen Amt auf. Der Regierungsassessor schwieg zu seinem Bericht. Er schwieg eigentlich immer. Das war das Geheimnis seiner Stellung hier. Sein Vater hatte einmal gesagt: ‚Der Mensch schweigt sich noch zum Botschafter empor!‘ ...
„Also, was soll man denn nun machen?“
Hans-Christoph zuckte die Achseln. Er wollte mit der Sache nichts zu tun haben. Ein Geheimrat stürmte herein. Eine flüchtige Verbeugung gegen den jungen Gardeleutnant. Dann ein eiliges: „Ach, bitte, Herr von Bornim ... zum Dechiffrieren ...“
Der Assessor griff nach den Akten. Dabei sprach er endlich: „Ich habe jetzt keine Minute ausserdienstlich Zeit. Das Befinden von Majestät ... wir kommen wahrscheinlich die nächsten Nächte überhaupt nicht ins Bett ...“
Es war wirklich eine Erregung in dem niederen, langgestreckten, grauen Gebäude, dessen Rückfenster durch den winterlichen Park nach der Backsteinmauer an der Königgrätzer Strasse schauten. Ein Laufen von Tür zu Tür ... flüsternde Stimmen im Gang ... nebenan, im Hof des Reichskanzlerpalais, hielten ganze Reihen von Equipagen. Achim griff erbittert nach seiner Mütze.
„Wenn Bismarck wüsste, wie stumpfsinnig du bist,“ sagte er. „Na ... döse man weiter! Gute Nacht!“
In zwei Minuten war er um die Ecke am Reichstagsportal. Exzellenz von Bornim sei vorhin zu einer Besprechung in das Abgeordnetenhaus gegangen, meldete ihm der Pförtner. Also weiter ans andere Ende der Leipziger Strasse! In dem winkeligen Treppengewirr des alten Kastens am Dönhoffplatz war es nicht leicht, jemanden zu finden. In dem Foyer standen im Zigarrenqualm Hunderte von Herren. Landtagsabgeordnete und von aussen Gekommene. Ein Stimmengewirr. Hier war man Preussen. Hier war man ganz unter sich. Denen hier war nicht nur der neu gekürte Kaiser krank, nein, vielen von ihnen aus Väterszeiten und alten Ruhmestagen mehr: ihr König und Herr ...
Greise waren in Menge da, seine Altersgenossen. Und andere, mit seltsam ernsten Mienen, die Männer von fünfzig, die seit einem halben Menschenalter, seit dem Anfang der siebziger Jahre, auf den Thronwechsel warteten. Und nun zeichnete, schon über ein Jahr, der Tod den Sohn noch vor dem Vater, lenkte ihr Lebensziel ins Leere. Und ein paar junge Herren waren da, zerhauene, blonde Landwirte, Rittmeister a. D., Rittergutsbesitzer — im Alter des Prinzen Wilhelm — seine Bonner Korpsbrüder — seine einstigen Kameraden in der Potsdamer Attila ... vielleicht über Nacht die Erben einer ausgeschalteten Generation ...
In der Mitte des Raums stand der Minister von Puttkamer mit seinen mächtigen Favoris. Wo der war, war Alt-Preussen. Drängten sich die Granden. War auch Papa.
Exzellenz von Bornim hörte, mit seinem Sohn in eine Ecke getreten, dessen Bericht. Starren, feierlichen Ernst auf dem kleinen vertrockneten Antlitz. Der galt seinem scheidenden König. Es war, als ob für ihn alles andere daneben verginge. Er sagte: „Ich war darauf vorbereitet, dass Lüdecke einmal hinüber muss ... Ich hab’s mit mir abgemacht. Faules Holz muss fort vom Stamm! ...“
Es war der gleiche Gesichtsausdruck, es waren fast die gleichen Worte, mit denen er vor Jahren auf seinem Schloss Sommerwerk dem hilfesuchenden Wendisch-Wiescher den Weg zur Türe und Pistole gewiesen. Kein Mitleid. Unerbittliche Härte unter dem hängenden, weissen Schnurrbart um den eingefallenen Mund. Spreu, flieg vom Weizen! ... Er hatte ja noch zwei Söhne ...
Er zog sein Scheckbuch aus der Tasche, legte es fernsichtig weit von sich auf den Tisch und schrieb mit zitternder, umständlicher Greisenschrift eine Anweisung auf tausend Mark.
„Aber nicht bar in die Hand! — hörst du, Achim? Sonst verspielt er’s und bleibt hier. Du kaufst ihm seine Überfahrtskarte und was dazu gehört! Ich kann mich nicht damit befassen! ... Ich muss auch gleich wieder in den Reichstag ... Niemand weiss, was wird ... der Kaiser ist krank ...“
Wilke von Bornim sah vor sich hin ... Sein Kaiser ging ... in Glanz und Ehren. Sein Sohn schied in Unehren. War es doch der Sohn ...? Er zuckte. Er sprach mühsam ... vom Kaiser ...
„Vorigen Herbst habe ich ihn zuletzt gesehen, Achim! ... Er hat mich herangewinkt und mit mir gesprochen. Er hat mich auch nach dir gefragt! Vergiss das nie! ... Ich hab’ ihm noch einmal die Hand küssen dürfen ... ich und Leggien ... Geh jetzt ... geh!“
Er schob beinahe ungeduldig den Sohn von sich. Niemand merkte ihm etwas an. Der Leutnant blieb stehen.
„Papa ... möchtest du nicht Lüdecke noch einmal sehen?“
„Nein.“
Achim von Bornim überlegte auf dem Heimweg: Verwünscht: Gerade heute du jour. Jetzt Fleischempfang. Dann in die Küche, das Mannschaftsessen kosten. Dann zu Tisch ins Kasino. Nachmittags Turnen, Instruktion, Brotfassen ... wann sollte er denn um Himmels willen die Sache mit Lüdecke besorgen?
Einen anderen darum bitten? Nee — danke schön ... die schmutzige Wäsche ans Tageslicht ziehen — dagegen empörte sich sein Hochmut — selbst bei dem besten Kameraden. Mit dem letzten Bissen im Munde bekam er einen Zettel in das Kasino geschickt:
„Brüderliche Liebe! Die Unsicherheit in Berlin wächst. Ich will mich lieber nicht in der Kaiserklappe zeigen. Du findest mich bei Zültz! Erwarte dort baldigst Geld und Dich. Graf Müller.“
Ein Blick auf die Uhr. Gerade noch Zeit. Los! Hinaus zu dem Pferdeschmeisser! Warum packte man auch ihm alles auf? Achim von Bornim war so wütend, dass er kaum mehr an Ilse dachte. Er stürmte, der Droschke entstiegen, in den nachmittäglich leeren Stallgang und packte einen kleinen, durchdringend pfeifenden Reitburschen am Kragen.
„Sei mal still, Stift! Ist hier ...?“
Der Bengel in dem roten Affenjäckchen feixte und lief bis an das Ende der Stallgasse und stemmte sich aus Leibeskräften gegen den Deckel einer mächtigen Haferkiste. In dem leeren Innern sass, als er sie lüftete, Lüdecke, die Beine gemächlich hochgezogen, den hechtgrauen Zylinder darunter am Boden, ein abgegriffenes Buch vor sich auf den Knieen.
„Das Dumme ist, dass ich in meinem Salon nicht rauchen kann!“ sagte er. „Sonst merken sie’s! Vorhin war schon so ein verdächtiger Mensch da und hat nach mir gefragt. Immer aufgepasst, Fritze! ... Sowie wer kommt, die Klappe zu! Nu ab! ... ’raus mit dem Mammon, Achim? Was? ... Du hast ihn noch nicht? ... Ja, Kinder ... erlaubt mal: ich hab’ meine Zeit auch nicht gestohlen! Wenn ihr mich weghaben wollt, müsst ihr auch was dazutun! ... Die Geschichte hier wird höchst sengerich, kann ich dir sagen! Ich steh’ für nichts, wenn mich die Langeweile hier ’raustreibt. Ich kann doch nicht den ganzen Tag Casanovas Memoiren lesen ... Zültz hat sie mir geborgt ... Überhaupt ... ’ne nette Bibliothek hat der Kerl ... ‚Das Damenregiment im Vatikan‘ ... ‚Trudchens Kümmernisse‘ ... ‚Fiorentina, die rätselhafte Braut‘ .... ‚Die doppelte Ursulinernonne‘ ... ‚Die Geheimnisse des Konak‘ ... ‚Das Pariser Lachkabinett‘ ... ‚Die kuriöse Flohfalle‘ ...“ Überall herum lagen die abgegriffenen Bände. Der Leutnant von Bornim stiess sie mit der Lackstiefelspitze zur Seite. Sein Herz klopfte. Er hatte aus dem oberen Stockwerk Ilses helle Stimme gehört. Er dachte nicht weiter nach. Er stieg zu ihr hinauf. Da stand sie in dem leeren, sogenannten Kontor ihres Vaters in blossem Kopf und einfachem Hauskleid. Sie lachte und gab ihm kameradschaftlich die Hand, als ob sie ihn schon längst erwartet hätte: „Hast du den Lüdecke unten in seiner Kiste gesehen? Ist’s nicht zum Schreien?“
„Nee — zum Weinen ist es!“ sagte der junge Offizier trocken. „Vieles hier ...“
Fräulein von der Zültz setzte sich ihm gegenüber, bückte sich und zupfte sich den Rock nach den Knöcheln zu glatt. Diese kleine Pensionsmädchenbewegung hatte für ihn etwas Rührendes. Noch so viel Wohlerzogenheit hier, unter den Rosskämmen und Grundstückschiebern und Heiratsvermittlern! Sie hob wieder den dunklen, hübschen Kopf und frug: „Du — der Lüdecke muss wohl nach Amerika?“ und das klang schon unbekümmert ... zigeunerisch ... Da war schon der Genius loci ...
„Ja ... Er muss ’rüber! Ein brauner Lappen steht zur Verfügung ... Die Sache ist mir ... Ilse ... Ich hab’ absolut keine Zeit ... weisst du jemand halbwegs Vertrauenerweckenden, der für Geld und gute Worte sein Billett bis heute um sechs Uhr abends besorgt?“
Sie nickte, die Hände über den Knieen verschlungen.
„Wer denn?“
„Ich!“
„Ach so!“ Er sah sie erleichtert an. Dann kamen ihm wieder Bedenken. „Ich weiss nicht, ob ich dir das aufhalsen darf, Ilse! ... Wenn ich mich schon selbst nicht gern da hinstell’ und ein Billett nach Amerika verlang’ ... die Leute kommen da womöglich auf allerhand Gedanken ...“
„Ja ... wenn sie dich in deiner Uniform sehen! Aber ich ... ich binde mir ’nen dicken Schleier vor! Mich kennt überhaupt keine Katze in Berlin!“
„Und dann hör mal, was ich schon gedacht habe? Am Ende macht man sich sogar strafbar, wenn man dem Lüdecke zur Flucht verhilft?“
Ilse strahlte. Ihre Augen glänzten.
„Famos!“ sagte sie, voll Fieber und Entzücken, dass so etwas passierte und sie dabei sein durfte. Womöglich gar etwas Gefährliches! Ein Haschespiel mit dem Staatsanwalt! ... Da war nun wirklich das Zigeunerblut. Sie atmete auf und sah Achim förmlich dankbar an.
„Das ist zu schön, so ’n bisschen Herzklopfen ... Ich mopse mich hier doch so kläglich ... ich bin doch so froh, wenn was los ist ... Ich mache doch so rasend gern dumme Streiche! ... In der Pension, da hab’ ich mal ... Na egal ... also sag mir nur, was ich tun soll ... Stangen? ... Hinter der Passage? ... Querstrasse von der Friedrichstrasse? ... oh ... das find’ ich schon. Ein Billett für den Kaufmann Friedrich Wilhelm Müller aus Bunzlau ...? Du ... Müller ist gut ... Also ich zieh’ dann gleich los ... ich nehm’ die Itta mit ...“
„Ach nee — das lass lieber ... Mit der möchte ich nun nicht gerade gern auf der Strasse ...“
„Wo treff’ ich dich dann?“ Ihr Tatendrang war nicht zu zügeln. Er musste fast lachen. Ein Eifer wie bei einem jungen Jagdhund.
„Um sechs an Kranzlers Ecke!“
„Abgemacht! ...“
Die Linden wogten schwarz von Menschen in der Dämmerung des kalten, regnerischen Märzabends. Angstvolle Gesichter. Halblaute Gespräche. Ein paar Damen hatten Taschentücher in der Hand. Wilder grauer Wolkenflug am Himmel — Eine Stimmung ... feierlich ... ungewiss ... über alles hinaus, was man kannte ... was je dagewesen war ... der alte Herr war immer dagewesen — so lange diese Menschen hier atmeten ... und ihre Väter ... und ihre Grossväter ... seit nahezu hundert Jahren. Man konnte sich die Welt nicht mehr ohne ihn denken. Der Leutnant von Bornim stand in Mütze und die Hände in den Taschen des schwarzen Militärmantels an der Ecke der Friedrichstrasse. Er sagte sich, in einem plötzlichen Zorn: Da drüben geht der Kaiser, dein Kaiser, zur ewigen Ruhe, und du wartest hier auf ein Mädel! ... Nein ... du tust nur deine Pflicht als Sohn und Bruder ... Das ist was anderes ...
Ein Hofwagen fuhr vorbei. Hüte lüfteten sich. Irgend jemand meinte: „Die Fahne weht noch auf dem Schloss“ ... Ein Stimmengeschwirr: ... „Der Kronprinz ist immer noch in Pegli ...“ ...„Mackenzie“ ... „Ja, aber Virchow“ ... „Bei Bismarck sind alle Fenster hell“ ... „Platz, bitte, meine Herrschaften ...“ Hohe Generale drängten sich durch, immer nach Osten, immer nach dem Palais. Alles strebte dorthin ... schaute dorthin ... dachte dorthin ... Er, Achim von Bornim, musste hier bleiben. Gereizt. Voll Ärger. In einer Ungeduld ... Kam sie denn noch nicht? Eine Wärme. Eine Stimmung zwischen Tod und Leben ... der grosse greise Kaiser ... so ein armes kleines Mädchen ... sie und er, Achim von Bornim, so winzig klein in dem, was hier geschah ... Stürmende Dämmerung über den Dächern ... Fegende Regenschauer über die breite Siegesstrasse der Hohenzollern ... Ein angehaltener Atem ...
Da war Ilse. Im einfachen dunklen Mäntelchen. Atemlos. Die Fahrscheine in der Hand. Sie hatte alles besorgt. War etwas enttäuscht. Es war alles am Schnürchen gegangen. So, wie wenn man eine Elle Band kaufte. Gar keine Spur von Gefahr. Kein Grund zum Graulichwerden. Der Herr am Schalter hatte kaum aufgesehen. Aber das nächste Schiff ging erst in drei Tagen. So lange musste der Schächer in der Haferkiste noch ausharren. Sie war jetzt auch ernst, wo alles um sie ernst war. Die Angst der Tausende spiegelte sich auf ihrem schmalen, bräunlichen Gesicht. Es war, wie wenn der Wind über eine Wasserfläche glitt. Sie schwieg und wartete, was Achim jetzt mit ihr anfangen würde. Er hatte das Gefühl eines Unrechts, hier, in dieser Stunde, mit einem Frauenzimmer herumzulaufen ... Etwas vom Offizier kämpfte in ihm dagegen ... gerade weil sie ihm so gefiel ...
„Ich dank’ dir schön, Ilse!“ sagte er. „Am besten ist’s, du fährst jetzt heim und gibst Lüdecke Bescheid! Er muss also die paar Tage noch in der Verborgenheit blühen. Ich komme dann, wenn’s so weit ist, heran und bring’ ihn an die Bahn!“
Ilse Zültz nickte. In einem eifrigen Gehorsam. Ehe sie in die von ihm herangewinkte Droschke kletterte, nestelte sie sich ihren heissen Schleier weg. Sie sah hübsch aus, wie sie da im Laternenschein stand: „Auf Wiedersehen, Achim!“
Eine helle Stimme. Eine Hand streckte sich aus dem Klapperkasten zweiter Güte. Er drückte die kalten kleinen Finger.
„Aus Wiedersehen!“ sagte er und schaute gedankenlos der Droschke nach. Komisches Mädel! ... Schad’ um sie ... Was aus der wohl mal wurde ...? Er rappelte sich ärgerlich zusammen. Nun war er frei. Er schritt die Linden hinauf. Und seltsam: Vorhin war er ungeduldig gewesen, das Mädchen loszuwerden. Jetzt hätte er sie sich am liebsten wieder an seine Seite gewünscht ... nur damit man nicht so allein war. Diese Stimmung ... diese Stunde war zu gross für einen einzelnen Menschen ...
Ein Meer von nassglitzernden Schirmen vor den hellen und dunklen Fenstern des Palais. Regen von oben. Nacht am Himmel. Undeutlich, hoch im Dämmern, riesig Mann und Ross und Dreispitz auf ragendem Sockel. Da reitet erzgegossen der alte Fritz. Und drüben, auf naher Brücke, der Grosse Kurfürst. Heute kommt er zu ihnen, der ihr Werk vollendet, vom Rhein bis an den Rhyn und von der Maas bis an die Memel. Und immer mehr Menschen, bis hin zum Kastanienwäldchen, zur Valerie, deren Erzrachen vor Paris in das erste Hoch auf den deutschen Kaiser hineingebrüllt, bis zum Zeughaus, wo die zerschlissenen Fahnen hängen, zum alten Hohenzollernschloss drüben an der Spree. Hier reden die Steine, der Boden spricht, hier schlägt das Herz von Preussen ...
... Und schlägt bald nicht mehr ...
Eine Bewegung vorne, ein Rauschen durch die Menge, ein Flüstern, ein Weinen von Damen, ein alter General vor Achim drehte sich schluchzend um, das Tuch vor den Augen ... Auf einmal wusste es jeder ... ahnte es ... Wilhelm der Siegreiche war nicht mehr ... Niemand hatte es eigentlich gesagt ... es war wie ein Wehen in der Nachtluft ... das Gefühl von Hunderten und Tausenden zugleich: Es ist geschehen ... Die Zeit hat sich erfüllt ...
Der Leutnant von Bornim ging davon. Benommen. Nur mit einem Gefühl: Ich muss hin und es dem Vater melden. Der sass in der Weinstube des „Kaiserhof“ an seinem Stammtisch mit anderen Granden des Reichstags. Seine Augen waren diesen Morgen trocken geblieben, als er den Sohn verstiess. Jetzt faltete der alte Mann die Hände und weinte und schämte sich der Tränen nicht. Nie in seinem Leben hatte Achim seinen Vater weinen sehen. Er hätte nie geglaubt, dass das möglich war. Jetzt erst, bei diesem Anblick, kam ihm die ganze Grösse dessen zum Bewusstsein, was geschehen. Und ein leiser Schauer lief ihm den Rücken hinunter.
Dann hob Exzellenz von Bornim den kleinen, vertrockneten Kopf mit dem schlohweiss gesträubten Haar.
„Nun gehen wir Alten!“ sagte er sonderbar ruhig zu den anderen verwitterten Grauschädeln um ihn. „Unser alter Herr ist uns voraus und macht Quartier. Wir kommen bald nach.“
Dass der Kaiser doch noch diese Nacht durch bis in die neunte Morgenstunde hinein geatmet hatte, das erfuhr man erst am nächsten Mittag. Ein Trauerflor senkte sich über Berlin. Achim von Bornim sah vom Fenster seiner Kasernenwohnung die langen Schleier der schwarzgekleideten Damen in dem nasskalten Märzwind wehen, das stumpfe Schwarz über dem Zylinder der Herren, in schwarz ausgeschlagenen Schaufenstern die Büsten Wilhelms des Siegreichen, in vielen Knopflöchern die geknickte Kornblume. In der Kaserne war es still. Es war, als hielte die Armee den Atem an. Noch war der sieche neue Kriegsherr nicht über die Alpen. Und in dieser feierlichen Leere und Weite nach dem Tode, die jeden, selbst den jüngsten Dachs im Kasino, zum ernsthaften Menschen machte, musste er, Achim von Bornim, noch einmal des Abends hinüber in die Luft der Zültzschen Stallung, in der der Pferdegeruch noch weitaus das Reinlichste war. Ilse kam ihm schon auf der Treppe der Schieberhöhle entgegen.
Darmowy fragment się skończył.