Czytaj książkę: «Liebestrank»

Czcionka:

Rudolf Stratz

Liebestrunk

Saga

LiebestrunkCopyright © 1910, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507162

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmontwww.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

1

Gabriele Lünhardt hatte eine eigene Empfindung, als sie an diesem Berliner Herbsttag zum erstenmal wieder ein farbiges Kleid anzog. Der dichte Flor vor den Augen, der lange Schleier, dann das Grau und Weiss der Halbtrauer um ihren verstorbenen Mann, die schwarzen Schleifen waren ihr durch die Gewohnheit dreier Jahre etwas Selbstverständliches geworden, was sie von ihrer Persönlichkeit kaum mehr trennen konnte. Nur zu dem dunklen Lila der Witwen hatte sie sich nie entschliessen können. Ihr schien: es machte sie zu alt — sie, die heute ihren siebenundzwanzigsten Geburtstag feierte.

Sie war schlank gewachsen. Überreiches, aschblondes Haar wuchtete in einem schweren Knoten in ihrem Nacken und überkräuselte das schmalwangige Gesicht mit den klaren, grauen Augen. Sie sah ernst, fast schuldbewusst aus, während sie mit Hilfe ihrer Kammerjungfer sich in das enganliegende Prinzesskleid hüllte — ein Unterkleid von kupferfarbener Seide, darüber in etwas hellerem, zartem Kupferton ein Spitzenstoff, mit Kupfer und Gold in eigenartigem Schlangenmuster überstickt — ein Anblick, der die Jungfer entzückte. Sie war schon im Elternhaus Gabrieles in Westdeutschland bei dem verstorbenen Kommerzienrat Weiferling in Stellung gewesen und hatte die Tochter bei ihrer Heirat vor sechs Jahren nach Berlin begleitet. „Gnädige Frau sehen wunderschön aus!“ sagte sie, neben ihr am Boden kniend.

Die junge Witwe erwiderte nichts. Sie stand in ihrem grossen, hellen, ganz Weiss in Weiss gehaltenen Ankleidezimmer, vor dessen Scheiben das bunte Herbstlaub des Berliner Tiergartens schimmerte. Hier, mitten in der Hauptstadt und doch fast im Walde, nahe der Lichtensteinbrücke, hatten sie und ihr Mann sich ihre reiche Villa gebaut. Nur drei Jahre hatte er sie bewohnt. Dann hatten sie ihn hinausgetragen.

„Gnädige Frau sind in der Toilette noch jünger!“ erklärte die Zofe. Sie kauerte noch da unten und zupfte geschäftig die Falten zurecht. „So waren gnädige Frau als Mädchen!“

Und ihre Herrin dachte sich, ohne hinzuhören: ,Ja — da haben sie ihn hinausgetragen. Nicht an einem trüben Oktobermorgen wie heute, sondern an einem klaren, frostigen Wintertag. Er hat sich nur ein paar Tage unwohl gefühlt. Und dann plötzlich . . . Blinddarmentzündung . . . Warum nur, du grosser Gott? Und wir hier unten falten die Hände und weinen . . . weinen . . .‘

„Was nehmen gnädige Frau für einen Schmuck?“

„Noch keinen!“

Sie dachte wieder, was sie tausendmal gedacht: ,Warum musste es sein? Ich habe ihn doch so geliebt . . .‘

Das Mädchen war aufgestanden. Es bat: „Gnädige Frau sollten sich doch einmal vor dem Spiegel betrachten! . . . Gnädige Frau sind so entzückend! . . . Es wird alles paff sein!“

Sie tat ihr den Gefallen und erstaunte selbst vor der schönen fremden jungen Frau, die ihr im Glase gegenüberstand und ernst, forschend ihren Blick erwiderte. Diese farbenfrohe Eleganz verwirrte sie. War sie das? Durfte sie das sein? Ein Mensch wie andere? Draussen das Leben? . . . Dabei gefiel sie sich. Sie war schön. Schöner noch als bisher in der trüben Verpuppung des Witwenstandes. Zu ihrer gleichmütigen, blonden, klaren Art passte Trauer nicht so gut wie diese zarten, kühlen Farben, die in leisen Seidenwellen an ihr herniederrieselten. Aber sie schaute gleich wieder weg; seufzte, strich sich ihrer Gewohnheit gemäss mit der schmalen, weissen Hand über den Scheitel und frug: ,,Sind meine Mutter und meine Schwester drüben?“

„Jawohl, gnädige Frau! . . .“

Gabriele Lünhardt nickte und ging von ihrem Ankleidezimmer in das anstossende Boudoir und durch die Flucht der Empfangsräume weiter. Sie hatte einen leichten, wiegenden Schritt — ein Gleiten in Hüften und Schultern. Den Kopf trug sie etwas vorgeneigt. Eine sanfte Halslinie wölbte dabei den weissen Nacken, in dem das goldene Flaumhaar schimmerte. Um sie war der schwere, gediegene Reichtum, den der verstorbene Kommerzienrat Weiferling, der Inhaber der grossen Pianofortefabrik Weiferling u. Co., seiner Witwe und seinen beiden Töchtern hinterlassen hatte. Und überall in diesen Prunkgemächern traf Gabrieles Auge auf Andenken von ihrem Mann. Er hatte als Afrikaforscher viel die Öffentlichkeit beschäftigt. Dort das grosse Ölbild von ihm, das seinem Maler seinerzeit auf der Kunstausstellung im Glaspalast den zweiten Preis eingetragen, war oft reproduziert worden. Da wieder hing ein Pastell Dr. Paul Lünhardts noch aus seinen Junggesellenjahren, in der Uniform eines Stabsarztes in der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Und hier die Bronzestatuette eines auf einem Sockel ruhenden Löwen war die Nachbildung seines Grabmals draussen vor den Toren Berlins. Nur der kleine runde, mit Oberlicht in Weiss und Gold gehaltene Musiksaal wies keine Erinnerung an ihn auf. Er enthielt nichts als den auserlesenen, fast immer zu Gabrieles Gebrauch aufgeschlagenen kostbaren Flügel aus der Werkstatt ihres Vaters. Er war der Mittelpunkt des Hauses. In seiner strengen Schmucklosigkeit feierlich gleich einer kleinen Kirche.

Am Eingang zu diesem Allerheiligsten hielt eine alabasterne Herme Gabriele Lünhardts auf hohem Sockel Wacht, von der von oben strömenden Tageshelle durchsonnt und belebt, mit offenen Augen und sprechenden Lippen, gesammelte Ruhe auf den klaren Zügen. Es war ein schöner, jugendlicher Kopf, im Profil herbe und fest, von vorne mehr frauenhaft weich und lächelnd. Er glich ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Gabriele blieb vor ihm stehen und fuhr ihm zerstreut, wie sie es bei sich selber tat, glättend mit der Hand über das Haupt. Es war eine Bewegung, mit der man eine Schwester liebkost. Es lag Wohlwollen darin. Stille Liebe trotz allen Summers. Freude an sich selber . . .

Zwei Zimmer weiter warteten die verwitwete Kommerzienrätin Weiferling, eine rundliche, etwas zu jugendlich hell gekleidete Matrone, und ihre jüngere, zu Anfang der Zwanzig stehende Tochter auf Gabriele, die Mutter und Schwester nach dem Tode ihres Mannes zu sich nach Berlin in ihr Haus genommen hatte. Der Geburtstagstisch stand leuchtendweiss gedeckt, mit Blumen und Geschenken überladen. Es war das erste Mal seit drei Jahren, dass die junge Witwe die Feier des Festes duldete. Das heute sollte ein Sinnbild sein, das Wiederhinaustreten in das Leben, unter die anderen Menschen statt der Trauer um den Einen . . .

Sie hatte die Ihren, die ihr glückwünschend bis zur Schwelle entgegenkamen, geküsst und betrachtete nun stumm, mit gefalteten Händen den Gabenbau. Es blühte und duftete ihr von da unten entgegen, Orchideen und Rosen, Kallas und Lilien rankten sich schmeichelnd zu ihr empor, Briefe, Glückwunschtelegramme, Visitenkarten schimmerten weiss in der farbigen Wildnis. Mama hatte sich gewaltig angestrengt mit ihrem Smaragdarmband, auch die Schwester Gisela hatte das Ihre getan . . . Gabriele gab ihnen die Hand und dankte ihnen, aber sie blieb dabei ernst und still. Auf einmal drangen ihr die Tränen unaufhaltsam in die Augen. Sie ging in das Nebengemach, um allein zu sein. Die weichen Perserteppiche dämpften ihren Schritt, die schweren Portieren schlugen hinter ihr zusammen, um sie standen steif, unbenutzt in diesen reichen Räumen, die seit Jahr und Tag keine grössere Gesellschaft mehr gesehen hatten, die geschnörkelten Tische und Stühle, Prachtwerke lagen umher — Musikmappen — Kupferstiche — überall waltete ein kühler, freisinniger und verwöhnter Geschmack, Vergeistigung in den Dingen. Alles Grelle, Schroffe, allzu Wirkliche war vermieden.

Und dort am Fenster stand ein Rokokorahmen mit Photographien ihres Mannes. Die hatte sie sich, noch als Braut, der Reihe nach gesammelt. Da war er als ganz kleines Kind im Röckchen — als kurzhosiger Sextaner und schon mit dem Zwicker bewaffneter, flaumhaariger Abiturient, als Studio, Stirne und linke Wange zerhauen, als Einjähriger, als Assistenzarzt — erst daheim, dann im Tropenhelm und Kaki der Schutztruppe, endlich, nachdem er drüben den Abschied aus dem Dienst genommen, als der weitbekannte Afrikaforscher — von einem Franziskanermissionar in der Buschsteppe photographiert — die Elefantenbüchse in der Hand, sonnenverbrannt, verwildert, lachend, dass die Zähne unter dem regellos gewachsenen Vollbart blitzten.

Die letzten Aufnahmen aber waren nach seiner Heirat in einem Berliner Modeatelier entstanden, der Urwaldbart war geschwunden. Ein eleganter, korrekter, schnurrbärtiger Herr schaute scharf aus dem Rahmen und sass, ein Buch in der Hand, in sinnender Haltung am Schreibtisch und trug auf dem Frack eine prunkende Ordensreihe zur Schau. Das war er, so wie sie ihn gekannt und geliebt hatte. So hing auch oben an der Wand in dunkler Eichenfassung seine lebensgrosse Sepiaphotographie — ein getreuer Spiegel der Wirklichkeit — ein schweigsames, mageres Gesicht, in den durchdringend durch die Zwickergläser forschenden Augen noch der Ernst des einstigen Arztes, um die schmalen Lippen ein sonderbarer Zug von stillem Humor . . .

Kaum siebenunddreissig Jahre war er alt geworden. Er hatte es als Arzt gewusst, dass er sterben musste — schon zwei Tage zuvor. Sie wunderte sich manchmal, dass in jenen Wochen ihr aschblondes Haar nicht aschgrau geworden war. Sie stand und schaute zu dem Bild hinauf wie zu einem Heiligtum. Sie hatte darunter eine Art Tempel zurechtgemacht — einen Tisch mit Palmen und exotischen Blattgewächsen, die wie ein Gruss der fernen afrikanischen Sonne schirmend mit ihrem tiefen Grün den Rahmen umrankten. Vorn war zwischen ihnen ein Raum frei. Da legte Gabriele still eine Handvoll roter und weisser Rosen nieder, die sie von ihrem Gabentisch mitgebracht. Das hier — das war ihre eigentliche Geburtstagsfeier — eine Totenfeier. Sie lehnte sich an die Wand, das Tuch vor den Augen, und schluchzte in sich hinein.

Sie hörte Schritte. Ihre Mutter war ihr gefolgt. Die junge Witwe drehte sich um und schaute an ihrem Kleid hernieder.

„Es war ein Unsinn, Mama!“ sagte sie kurz. „Diese Idee . . . Was soll ich in den bunten Lappen? In mir schreit es dagegen! Von morgen ab trag’ ich wieder Trauer!“

„Man kann nicht sein ganzes Leben lang trauern, Kind! Man bereut es zu spät!“

„Ich nie!“

Die Matrone hatte sich gesetzt und gleichmütig ihre kurzen, fleischigen, mit schweren Ringen geschmückten Hände verschränkt. Auf ihrem verschwommenen Gesicht war ausdrucklose Gutmütigkeit. Sie sprach infolge ihrer Körperfülle kurzatmig.

„Man muss nichts übertreiben, Goldkind! . . . Alles ändert sich im Leben . . . Jeder Schmerz hat seine Zeit . . .“

„Mama . . . ich kenn’ die Fibersprüche auswendig . . .“

„Du bist doch nicht die einzige Witwe auf der Welt. Ich hab’ deinen guten Papa doch auch hergeben müssen . . .“

Die alte Dame seufzte und schnupfte dabei wie ein Mensch, der eine innere Rührung zurückdrängt. Ihre Tochter schüttelte ungeduldig den Kopf.

,,Mama . . . ich hab’ dich schon oft gebeten, das beides nicht zu vergleichen . . .“

,,Kind . . . spricht man so zu seiner Mutter?“

„Du hast seinerzeit Papa geheiratet, weil alles gut passte — hier eine Pianofortefabrik, da eine Seidenweberei — ihr habt euch auch schliesslich vertragen — das war ja soweit alles schön . . .“

Und während sie sprach, dachte sie sich: ,Nein — das nicht einmal! . . .‘ Er war eigentlich gar nicht zum Philisterium veranlagt gewesen, der lustige, kleine dicke Papa — dies grauköpfige joviale Kind — trotz seiner Geschäftschlauheit — von dem sie ihre musikalische Leidenschaft geerbt hatte. Sie fuhr fort: ,,Dagegen ich . . . Nach dem, was Paul und ich uns waren, begehe ich einen Verrat an ihm, wenn ich so tue, als wäre ich wieder wie andere Leute, sei es auch nur durch ein Lachen oder durch eine bunte Schleife am Kleid . . . Ich war so glücklich . . . er hat mich so geliebt . . .“

,,Angebetet hat er dich . . .“

„Und das muss man heilig halten! Das kommt nie wieder . . . nie im Leben . . .“

Die Kommerzienrätin Weiferling legte ihrer schönen Tochter die Hand auf den Arm. Die zuckte bei der Berührung zusammen. Mama lächelte so vielsagend und mütterlich. Sie hatte dann etwas so Listiges und Molliges an sich — förmlich etwas Kupplerisches. Im Hintergrund ihrer Rede lauerten dann die Männer. Der neue Mann. Der Unbekannte . . .

„Da dich Paul so geliebt hat,“ begann die Matrone behutsam, „so würde er, wenn er noch reden könnte, nur das eine wünschen, dass du glücklich bist! Das kann man aber doch nicht, wenn man ewig in Sack und Asche geht. Auf einmal ist Jugend und Schönheit weg und dann sitzt man da und die Bewerber sind über alle Berge!“

„Und jetzt hab’ ich noch an jedem Finger zehn!“ sagte die junge Witwe melancholisch. „Siehst du, Mama: das ist ja das Grässliche, was du nicht verstehst . . . weswegen ich wie eine Nonne in meinen vier Wänden lebe! Saum tret’ ich hinaus, um nur ein bisschen Mensch unter Menschen zu sein, so sind sie schon hinter mir her! Sie lassen einem keine Ruhe! . . . Aber du hast mich jetzt in die rechte Stimmung gebracht, um reinen Tisch zu machen!“

Sie ging in das Geburtstagszimmer zurück. Ihre Schwester Gisela stand da, hatte ihren zartblonden Kopf, der an sich feingeschnitten war und nur neben der Schönheit der Älteren verblasste, über die Blumen gebeugt und besprengte sie hausmütterlich mit Wasser. Sie fühlte sich am Arm zurückgezogen. „Lass das nur gut sein!“ sagte Gabriele Lünhardt. „Der Aufbau hat ja nun seine Schuldigkeit getan!“

Damit griff sie in das Blühen und Duften hinein, zog die Sträusse aus ihren Gläsern, trennte die Karten und Briefe von ihnen ab, riss sie durch und warf sie zur Seite. Nur eine Visitenkarte und einen Busch roter und weisser Rosen — dieselben, von denen sie vorhin eine Handvoll unter das Bild ihres Mannes gelegt, liess sie auf ihrem Platz. Sie leuchteten einsam über den fast leeren Tisch, auf dem nur noch die Geschenke ihrer Angehörigen prangten. Dann klingelte sie dem Diener.

„Johann . . . nehmen Sie die Blumen und tragen Sie sie hinüber in das Elisabethkrankenhaus. Man möchte sie den Kranken auf die Betten legen! Dann find sie doch zu etwas gut!“ . . .

Der Diener ging. Sie atmete auf.

„So! Nun ist die Luft rein! Sie sollen nicht so plump nach mir greifen! Ich bin keine Ware auf dem Markt . . . Was hast du denn, Gise?“

Sie schaute ihrer Schwester über die Schultern, die tränenschluckend die beiden Hälften einer eben durchsgerissenen Visitenkarte zusammenpasste, und las:

„Bankholtz

Hauptmann in der Kaiserlichen Schutztruppe

in Südwestafrika.“

„Verzeih!“ sagte sie. „Deinem Bräutigam wollt’ ich nicht zu nahe treten! . . .“

„Die Orchideen waren von Koschel, Gabriele! Die haben ihm so eine Masse Geld gekostet . . .“

„Sei mir nicht böse . . .“

Die beiden Schwestern küssten sich. „Ich wünsche dir doch weiss Gott alles Gute, Gise!“ versetzte Gabriele Lünhardt, sich freimachend. „Werde du glücklich mit deinem Bankholtz! Liebe ihn nur nicht zu sehr!“

„Meinst du denn, dass man zu sehr lieben kann?“

„Das weiss ich eben nicht! Man gewinnt so viel und verliert so viel! Hinterher ist man so arm! . . . Man findet sich gar nicht mehr in das gewöhnliche Leben zurecht! Aber es muss ja nicht jedem so gehen . . .“

Ihre Stimme war immer auffallend hell und stark, durch die Gewohnheit des Singens gestählt. Sie nickte den beiden Damen zu: „Ich gehe jetzt wieder zu mir hinüber, Mama! Ich tauge nicht zum Geburtstagskind! Für mich ist’s immer Allerseelen! . . . Da müssen wir uns schon darein finden und mit mir Geduld haben — nicht wahr?“

Langsam schritt sie durch die Zimmerflucht zurück. In der wurde jeden Morgen abgestaubt und aufgefegt. Aber trotzdem war ihr, als hingen Spinnweben in den Ecken der hohen Räume — ein Hauch der Vergangenheit und der Vergänglichkeit überall . . .

Sie blieb stehen und dachte sich: ,Sonst warnt man alte Männer, sich noch Häuser zu bauen, damit das Schicksal nicht gereizt wird und sie belehrt, dass wir nur Gäste auf der Erde sind. Aber er war doch noch jung! Wir hatten doch noch ein Recht auf Glück . . .‘

Es schien ihr so lang, diese drei Witwenjahre. Und doch: es war nichts in dieser Zeit verblasst. Sie hatte seine Gestalt festgehalten. Sie sah ihn vor sich, an ihrem letzten Geburtstag, den sie zusammen feierten. Da waren nicht so viele Blumen auf dem Tisch wie heute. Keine Fremden drängten sich heran. Aber seine Gaben lagen auf dem weissen Tuch. Er war da und seine Liebe . . .

Dies Schweigen umher . . . Draussen die tiefe, vornehme Stille dieses letzten Ausläufers des Tiergartenviertels. Sie wollte ja nichts von der Welt da draussen. Sie verschloss sich vor ihr. Aber sie fröstelte doch. Ein Gefühl unendlicher Einsamkeit durchkältete sie. Der Anblick dieser vielen toten, meist von Licht und Lachen erfüllt gewesenen Räume lastete auf ihr. Sie musste sich zu sich flüchten. Dort, am Eingang zu dem kleinen weissen Musiksaal, stand ihr alabasternes Ebenbild und lud sie ein, und sie ging und betrat ihr Reich.

Ihre Stimme, dieser glockenhelle, machtvolle Sopran, hätte ihr mit Leichtigkeit den Weg in den Konzertsaal geebnet, wenn sie, die Tochter aus reichem Hause, darauf angewiesen gewesen wäre. Das ganze Elternhaus lebte ja von Musik, sie selber auch. Sie setzte sich an das Klavier, träumerisch verschlungen klangen die Weisen. Sie sang halblaut mit, die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelegt. Ihr Antlitz sah auch jetzt, bei geöffnetem Munde, schön aus. Die Züge hatten nun etwas Leidendes, Sehnsüchtiges, Weltentrücktes. Sie glichen denen einer jugendlichen Mater dolorosa. Aus ihrer Stimme sprach ein anderer Mensch als sonst im Leben. Leidenschaft statt der Kühle.

„Was weckst du der Wala Schlaf . . .?“

Es klang wie eine Klage. Geheimnisvoll. Bang abwehrend . . . Was drang da alles von aussen herein, rüttelte an den Pforten der Seele, begehrte Einlass? Und innen stand doch nur ein Sarg. Begrabene Liebe . . .

Sie trieb im Meer der Töne wie ein Schwimmer draussen auf den weiten Wellen. Das war dies wunderbare Gefühl der Uferlosigkeit, der Abgrundtiefe unter sich — ein Selbstvergessen. Sie wunderte sich nicht, als sie endlich die Hände von den Tasten sinken liess, dass der halbe Vormittag vergangen war. Sie stand auf. Sie war jetzt ganz gefasst. Aus ihrem Musiksaal kam sie beruhigt, wie aus der Kirche.

An dem grossen Empfangszimmer vorbeigehend, hörte sie innen die Stimme ihres künftigen Schwagers. Sie kannte dies heitere Lachen. Sie hörte, wie der Hauptmann Bankholtz zu ihrer Schwester sagte: „Ja natürlich, Maus . . . in den nächsten Wochen werde ich ja mit Gottes Hilfe in die preussische Armee zurückversesst . . . ich hab’ die Sandbüchse da unten in Südwest nach vier Jahren nu auch allmählich dicke . . .“

„Dann wollen wir jedenfalls noch vor Weihnachten heiraten!“

„Hoffentlich, ich kann mir nur die neue Garnison nicht herzaubern!“

„. . . wir heiraten doch vor Weihnachten!“

„Sobald wir ein Heim haben! Du hast hier eines! Ich hab’ es vorläufig noch nicht!“

„Ich noch weniger! Ich will hier heraus!“

Das klang heftig und entschlossen, ganz anders, als die heitere blonde Gisela sonst sprach. Ihre Schwester wollte eben aus dem Nebengemach zu ihr hinein, da hörte sie ihren eigenen Namen: „Du weisst nicht, was das heisst, mit Gabriele zusammenleben!“

„Na — sie beisst doch nicht!“

„Das nicht! Sie ist in ihrer Art immer gut und nett. Sie meint es nicht so. Aber sie erdrückt einen förmlich. . . .“

„Wieso denn?“

„Ja, nicht mit Gewalt! Ganz unmerklich! . . . Du siehst es ihr so nicht an, aber sie ist ein ganz unbeugsamer Mensch — war’s immer. Sie gibt anderen nicht ein Haarbreit nach! Also müssen wir fortwährend Opfer bringen . . .“

„Zu mir ist sie immer liebenswürdig!“

„Freilich! Wen sie gern hat . . . Sie hat auch mich gern — Mama — jedermann! Sie ist gar kein böser Charakter. Sie biegt sich die Leute nur eben in aller Sanftmut zurecht, wie sie sie haben will . . .“

„Komisch!“

„Sie weiss es immer durchzusetzen, dass sich alles um sie dreht! . . . Ganz lächelnd, ganz selbstverständlich! Ich glaub’, es kommt ihr gar nicht voll zum Bewusstsein. Aber ich hab’ das satt! . . . Ich will jetzt einmal etwas für mich sein . . .“

Gabriele Lünhardt wandte sich ab, um nicht mehr zu hören. Auf ihrer niederen weissen Stirne standen drei unmutige Querfalten zwischen den dichten, dunkelblonden Augenbrauen. Sie war eigentlich mehr erstaunt als erzürnt. Was war das für ein dummes Gerede? Sie, die keiner Fliege etwas zuleide tat — die jeden Menschen nach seiner Fasson selig werden liess — und nun dies alberne Mädel . . .

,Die war eben verliebt! Wer da nicht ewig mit ihr mithimmelte, erschien ihr teilnahmlos.‘ Die junge Witwe war schon wieder versöhnlich gestimmt. Sie war von Natur weitherzig. Sie trug nicht leicht etwas nach, am wenigsten dem blonden Schaf da drüben. Durch die Türe vernahm sie, wie der Hauptmann vergnügt sagte: „Warum seid ihr denn dann zu ihr ins Haus gezogen, du unkluger Schatz?“

„Weil sie’s so gewollt hat!“

„Aber du und die Mama hättet es doch gar nicht nötig gehabt!“

„Wenn Gabriele was will, dann geschieht’s! Sie möchte als Witwe nicht allein sein. Also mussten wir kommen! Das verstehst du eben nicht . . .“

„Nun — weiss Knöppchen nicht!“ lachte der Schustztruppler und sprang bei Gabrieles Eintritt eilig auf. Sein krebsrot gebranntes, lustiges Gesicht mit dem weissblonden Schnurrbärtchen und dem stoppelkurzgeschnittenen Haar war rundlich, die breitschultrige Gestalt beinahe zu voll für die kleidsame graue Felduniform. Er strotzte von Gesundheit und Lebenslust.

„Guten Tag! Und herzlichen Glückwunsch, liebe Schwägerin!“

„Guten Tag!“ sagte die junge Frau kühl. „Schönen Dank für die Blumen!“ Sie hatte sich noch nicht entschliessen können, den demnächstigen Verwandten ,Du‘ zu nennen. Sie war abwehrend gegen ihn wie gegen alle Männer, obwohl doch gerade dieser am allerwenigsten Absichten auf sie hatte. Immerhin gab sie ihm freundlich die Hand. Das Konventionelle in ihrem Dasein trat jetzt deutlich hervor. Man fühlte, dass sie dieses etwas leere und zerstreute Lächeln für jeden übrig hatte. „Sie wollen schon gehen?“ frug sie im Ton oberflächlichen Bedauerns.

Der Hauptmann Bankholtz hatte seiner breitrandigen Schlapphut ergriffen.

„. . . Höchste Zeit, dass ich mich beurlaube! Wir zanken uns schon seit einer Stunde, mein künftiges Hauskreuz und ich . . . aber alles in Liebe und Güte, wie der Pastor sagt . . . ich habe nur noch eine dringende Bestellung auszurichten: Herr von Ostönne ist zurzeit im Lande, hier in Berlin . . . Sie kennen ihn . . .“

„Persönlich nicht!“

„Freilich: er war ja nun sieben Jahre ununterbrochen drüben in Ostafrika . . . gesegnete Konstitution . . . na . . . seine Plantagen liegen ja auch oberhalb der Fieberzone . . .“

„Mein seliger Mann hat mir natürlich viel von ihm erzählt!“

„Ja! Man wird selten zwei so dicke Freunde finden, wie die beiden waren! Na . . . Ostönne ist nun also mit Gottes Hilfe hier . . . hat mich auch aufgesucht . . . als alten Zeltkameraden von Anno Tobak. Und wie er hörte, dass ich Ihr Schwager in spe sei, hat er mich gebeten, bei Ihnen anzufragen, ob er Ihnen seine Aufwartung machen darf . . .?“

„Wenn er will — gewiss!“

Es klang zurückhaltend. Sie setzte hinzu: „Es ist übrigens komisch: Ich erinnere mich genau . . . ich habe ihm vor drei Jahren ausführlich alles über den Tod meines Mannes nach Ostafrika geschrieben — ich hielt es für meine Pflicht, da ich wusste, wie befreundet die beiden zusammen waren — aber ich habe nie eine Zeile Antwort bekommen . . .“

„Wahrscheinlich ist der Brief verloren gegangen. Denn wenn ich ihn recht verstanden habe, wollte er jetzt gerade über Pauls letzte Zeit näheres von Ihnen hören . . . Wann darf er denn antreten?“

„Irgend einmal des Nachmittags zur Teezeit!“

„Schön! Ich esse jetzt mit ihm! Da werde ich es ihm gleich bestellen! . . . Empfehle mich gehorsamst! . . . Adieu, Maus!“

Der Schutztruppler zog sich sporenklirrend zurück, von seiner Braut in die Vorhalle begleitet. Ihre Schwester sah den beiden gedankenvoll nach. Was waren das für sonderbare Reden hinter ihrem Rücken gewesen? Sie, Gabriele Lünhardt, die immer nachgab, die nie heftig wurde, eine Tyrannin? Sie sollte den anderen das Zusammenleben mit ihr so schwer machen, ihnen ihre Persönlichkeit verkümmern? Sie schüttelte den Kopf. Nicht im Traum war ihr je so etwas eingefallen. Sie war sich wirklich keiner Schuld bewusst. Sie sorgte sich doch kaum um andere, und wenn ja, dann doch nur, um ihnen zu helfen. Sie hatte, als sie bald nachher alle drei bei Tisch sassen, eigentlich Lust, die glückliche Braut zur Rede zu stellen, Aber dann liess sie es.

Es war ihr schliesslich gleichgültig, dies Geschwätz. Es lag zu weit von ihr ab. Am besten, man vergass es.

Sie hörte mit halbem Ohr auf die eifrigen Ausstattungs- und Hochzeitsreisepläne der blonden Kleinen an ihrer Seite. Schwermut lastete auf ihr, die für ihr Teil das alles längst hinter sich und begraben wusste. Sie dachte sich: ,Nun geht Gisela weg. Ich bin mit Mama allein. Einmal wird auch die abgerufen. Dann habe ich niemanden mehr auf der Welt . . .‘

Die Vorstellung dieser kommenden Einsamkeit zog ihr das Herz zusammen. Wenn das doch zuviel für sie würde — wenn sie sich in schwachen Stunden nach einer Menschenseele sehnte und es zu spät war? — Dann lieber gleich den Entschluss . . . heute noch . . . und zugleich wusste sie auch wieder: Nein! Es war unmöglich . . .

Das Frühstück ging zu Ende. Sie erhob sich und sagte zu dem Diener: „Johann . . . ich bin nicht zu Hause! Nur wenn Herr von Wingerow kommen sollte . . .“

„Herr Major sind eben in den Vorgarten getreten!“

Draussen brummte der tiefe Klang eines kupfernen Gongs im Flur. Ein Hausmädchen kam und brachte die Karte des Besuchs. Die Züge der jungen Witwe wurden sehr ernst. Sie kümmerte sich nicht darum, dass Mutter und Schwester sie von der Seite gespannt ansahen. Sie sagte kurz: „In den blauen Salon! Ich komme gleich!“

Die Mitte dieses Raumes nahm eine Staffelei mit einer lebensgrossen Ölskizze Gabrieles ein. Das Werk war von Lenbachs Hand. Darum hatte es diesen Ehrenplatz gefunden. Aber eigentlich liebte sie das Bild nicht. Das war nicht sie, ein seltsamer, fremder Zug um den Mund, ein ihr unbekannter Ausdruck in den Augen. Vor diesem flüchtig und genialisch mit raschen Farbenstrichen hingewischten Profil stand, als sie eintrat, der Major von Wingerow, auf seinen Säbel gestützt, und musterte es mit tiefem Interesse.

Er war ein schöner Mann, in altpreussischer Art, den dunkelbraunen Vollbart zu beiden Seiten des Kinns ausrasiert, wie es einst Kaiser Wilhelm der Erste getragen und es jetzt in der Armee wenig mehr üblich war. Das war ein Anklang an Potsdam — an die Garde, in der er einst seine Dienstzeit begonnen. Der Johanniterstern funkelte an seinem Hals. Er war jung für seine Charge, erst zu Ende der Dreissig. In Blick und Sprache hatte er etwas Bestimmtes, in sich Zusammengefasstes, dessen Härte durch die Ritterlichkeit seiner Formen gemildert wurde. Er zog Gabrieles Hand, sich tief verbeugend, an die Lippen. „Nochmals herzlichsten Glückwunsch, meine verehrte gnädige Frau!“ sagte er lebhaft und überreichte ihr ein paar Blumen. Es war ein kleines Veilchensträusschen, wie man es an den Strassenecken in Berlin kaufte, ein alltägliches Ding. Er wollte bloss nicht ganz mit leeren Händen kommen. Er lachte selbst dazu. Das war bei ihm selten. Er war verwitwet wie Gabriele. Vor fünf Jahren hatte er seine Frau begraben. Sie schüttelte ihm stumm die Rechte und tat den Strauss in das Glas mit den roten und weissen Rosen, die drüben in der Fensterecke dufteten.

Sein Auge folgte ihr. „Ist denn das Ihr ganzer Geburtstagstisch, gnädige Frau?“ frug er. „So wenig Blumen?“

„Es waren eine Masse da. Ich hab’ sie weggetan!“

„Und meine armseligen paar Rosen von vorhin?“

„Die hab’ ich gelassen! Um die wäre es mịr schade gewesen!“

Eine jähe Röte überflog das männliche, nervöser als bei Frontoffizieren durchgearbeitete Antlitz ihres Besuchers. Er trat auf Gabriele zu. Es schwebte ihm etwas auf den Lippen, es war, als wollte er den Augenblick benutzen. Aber sie liess ihn nicht dazu kommen. Sie setzte sich, bat ihn mit einer flüchtigen Handbewegung, ihr gegenüber Platz zu nehmen, und meinte, so freundlich-höflich, wie sie es gegen jeden anderen auch gewesen wäre: ,,Bitte — machen Sie es sich doch bequem, Herr von Wingerow!“

Er stellte seinen Helm auf ein Taburett, warf die weissen Handschuhe daneben, presste unwillkürlich die Hände auf den Knien ineinander, um seine Aufregung niederzukämpfen, und begann: „Gnädige Frau . . . ist die Frage zu unbescheiden . . . aber ich habe jetzt den Mut dazu . . . darf ich hoffen, dass wir in der nächsten Viertelstunde nicht gestört werden . . .?“

„Es wird niemand kommen! Ich habe ausdrücklich Befehl gegeben!“

Er nickte hastig, beistimmend. Er wurde abwechselnd rot und blass. Es machte sich seltsam bei dem grossen, stattlichen Mann, dem Energie und Selbstbewusstsein aus dem Gesicht sprachen. Die junge Witwe vor ihm blieb ruhig. Ihre schönen grauen Augen musterten ihn gelassen. Sie hatte noch Zeit, sich dabei zu denken: ,Wie er es nur fertig bringt, immer noch tadelloser angezogen zu sein, als andere Offiziere, vom Scheitel bis zu den Lacktiefelspitzen . . .‘

,,Gnädige Frau . . .“ sagte der Major von Wingerow entschlossen. „Heute ist kein Tag wie andere . . . ich meine, für Sie . . . Sie feiern Ihr Wiegenfest . . . Sie haben sich, wie ich mit Freuden sehe, dazu überwunden, endlich die Trauer abzulegen . . .“

„Ich weiss nicht, auf wie lange!“ sagte sie düster.

„Immerhin . . . ich darf in dieser Äusserlichkeit doch wohl nicht nur einen Zufall sehen — sondern ein Zeichen — ein Sinnbild gewissermassen, dass nun manches hinter Ihnen liegt . . .“

Sie hob kühl den Kopf. Ihre Haltung verwirrte ihn. Er sammelte sich.

„Verstehen Sie mich nicht falsch, meine liebe, verehrte gnädige Frau! . . . Es gibt unvergessliche Dinge . . . heilige Schmerzen . . . Das weiss niemand besser als ich . . . ich hab’ es ja selber durchgemacht! Ihnen brauch’ ich nichts zu sagen . . . Uns beiden hat Gott seinen Finger gezeigt . . .“

Es war still zwischen ihnen. Draussen hielt ein Coupé vor der Villa. Die Kommerzienrätin und Gisela stiegen ein und fuhren nach der Stadt zu davon. Der Major von Wingerow beugte sich in seinem Stuhl vor, den Säbel zwischen den Beinen, die Hände auf den Knauf gestützt, einen gespannten Ausdruck in den glänzenden, klugen hellbraunen Augen.

„Nun seh’ ich meine Blumen da auf dem Tisch . . . meine allein . . . das scheint mir ein Geheiss, endlich einmal das Unausgesprochene in Worte zu fassen . . .“

„. . . Sie sind mein Freund, Herr von Wingerow!“ sagte die junge Witwe. „. . . Das wollte ich damit zeigen . . .“

„Ihr Freund?“

Es klang unschlüssig. Er wusste nicht recht, was er daraus machen sollte. Er wollte wieder anfangen, aber sie unterbrach ihn.

„Nein . . . bitte . . . lassen Sie mich reden . . . ich weiss, was Sie sagen wollen . . . aber ich habe Ihnen vorher manches zu erklären . . . ich glaube, ich bin es Ihnen schuldig. Denn Sie sind anders wie die anderen . . . auch für mich. Mit den anderen habe ich gleich reinen Tisch gemacht. Das kommt für mich nicht in Betracht. Ich bin mir selber genug!“

„Und doch steht geschrieben: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei!‘ . . .“

„Es steht auch geschrieben: „Heiraten ist gut, aber Nichtheiraten ist besser!‘ . . . Hören Sie einmal zu, Herr von Wingerow . . . Ich muss Ihnen einiges über meine erste Ehe sagen . . . dann werden Sie begreifen, warum ich so bin, wie ich bin . . .“

Der Major von Wingerow sass straff aufrecht da, mit einem gespannten und gesammelten Gesicht wie beim Empfang eines wichtigen Befehls im Dienst. Seine Rechte spielte nervös mit dem silbernen Portepee am Säbelgriff.

Die junge Witwe fuhr fort: „Ich führte schon als Mädchen mein Eigenleben, sehr beeinflusst von meinem Vater, der nicht nur ausserordentlich musikalisch veranlagt, sondern überhaupt ein ungewöhnlicher Mensch war . . . Ich führe mein Eigenleben auch jetzt. Es war stets meine Sorge, dass es mir in der Ehe genommen werden könne, dass mein Mann mich nicht verstehen würde. Deswegen hatte ich immer den Traum, irgendeinen grossen Künstler oder Komponisten zu heiraten. Nun lernte ich zufällig in einer Gesellschaft meinen künftigen Mann kennen . . . Ein Afrikareisender . . . das dünkte mir anfangs unmöglich!“

Oben von der Wand sah das schnurrbärtige, hagere und energische Antlitz des Dr. Paul Lünhardt auf die beiden hernieder. Es erschien auf den ersten Blick streng und scharf, aber um die Mundwinkel lag ein seltsamer, halb versteckter wilder Humor.

Seine Witwe fuhr fort: ,,Aber es kam der Tag, wo seine ausdauernde, grosse Liebe mich besiegt hatte. Liebe ist eigentlich viel zu wenig. Es war eine Leidenschaft, wie ich nie geglaubt hätte, dass ein Mensch sie dem anderen einflössen könne. Und Gott sei Dank, so ist sie geblieben, bis in seine letzten Stunden! . . . Er, der so viel in der Welt herumgetrieben worden war und so viel durchgemacht hat, hat in mir sein volles Glück gefunden und ich ebenso in ihm. Sicher ist eine Ehe wie die unsere selten, ohne einen Vorbehalt . . . Einer ganz im anderen . . .“

,,Das heisst, Ihr Gatte ist in Ihnen aufgegangen, gnädige Frau!“

Sie zögerte ein wenig mit der Antwort.

„Ich weiss nicht, ob das das rechte Wort dafür ist, Herr von Wingerow! Ich sagte Ihnen ja: As er mir nähertrat, hatte ich anfangs eher Angst vor ihm . . . Angst vor Afrika. Ich kann mich nicht ändern. Man kann nicht von mir verlangen, dass ich mich für Kriegszüge unter den Wilden und Expeditionsgeschichten und Kolonialsorgen interessiere. Aber auf seiner Seite ist das Wunder geschehen, dass er angefangen hat, meine Interessen zu teilen, ganz der Mensch zu werden, den ich mir immer als Lebensgefährten ersehnt hab’, voll Verständnis für mich — für die Kunst — für die Art, wie ich die Dinge anseh’! Ich habe nichts dazu getan! . . . Das geschah alles durch seine Liebe. Mir zuliebe hat er Afrika ganz aufgegeben! Und wie glücklich hat ihn das gemacht, diese Ruhe und dieser Frieden! Und wie glücklich war ich, dass er es war . . . durch mich! . . .. Es war zu viel! Und es ist einem nur einmal im Leben beschieden, solch ein Hand-in-Hand-gehen, in einer Liebe, die alles in einem, von der Freundschaft bis zur Leidenschaft, einfasst! Das kann sich nicht in einem armen kurzen Menschendasein wiederholen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals imstande sein sollte, wirklich noch zu lieben . . .“

„Anderseits — warum soll ich mich vor den Menschen verschliessen?“ fuhr sie fort. „Die Menschen haben mir ja nichts getan! Ich habe mich darum entschlossen, aus meiner Zurückgezogenheit herauszutreten. Und wie das nun einmal das Schicksal für uns Frauen ist, dass wir alles äusserlich dokumentieren müssen, was wir innerlich erleben — unsere Kleider sind nun einmal unsere Aushängeschilder . . . so bin ich heute in einem farbigen Gewand!“

,,Und Sie entsinnen sich vielleicht, gnädige Frau, was ich bei Gelegenheit sagte: ich würde den Tag, wo ich Sie einmal nicht mehr in Trauer sähe, als die Ermutigung zu einer Frage betrachten . . .“

„Bitte — lassen Sie mich ausreden, Herr von Wingerow! Es ist besser! Ich habe mir alles genau überlegt, was ich Ihnen sagen muss! Sie haben Ihre erste Frau geliebt!“

„Sehr!“

„Und doch glauben Sie wieder lieben zu können . . .?“

„Ich tu’ es! . . . Und tu’ damit kein Unrecht!“

„Sehen Sie . . . das begreife ich eben nicht! Mir erscheint ein solcher Gedanke wie eine Entweihung meines Mannes — meiner selbst — und schliesslich — und das ist ja der Grund, weswegen ich mit Ihnen darüber rede — als ein Unrecht an einem Dritten . . . ich habe das Gefühl, dass ich Ihnen allein Rechenschaft schuldig bin — nach der Art, wie wir seit einem Jahr miteinander stehen. Wenn überhaupt, dann wären nur Sie der Mann, zu dem ich Zutrauen und Achtung empfinden könnte . . .“

„Gnädige Frau . . .“

„. . . Wenn es mir eben möglich wäre, mit der Liebe zu einem Toten im Herzen einem Lebenden die Hand zu reichen! Andere mögen ja so etwas können! Mir scheint es Verrat an allem!“

„Es würde schon gehen, gnädige Frau!“

Sie schüttelte den Kopf.

„Vergessen Sie nicht, wie ich vom Schicksal verwöhnt worden bin! Wie sollte ich wieder auf der weiten Welt einen Menschen finden, der so ganz auf mich und mein innerstes Wesen eingeht, wie es mein Mann tat? Sie haben Ihren Beruf und können und werden ihn nicht missen! Ein jeder hat ihn. Er hat seinen Beruf an den Nagel gehängt, wenn man das Umherwandern in Afrika überhaupt Beruf nennen will — und hat nur mir gelebt. Das Opfer hat sich ihm und mir überreich gelohnt. Er hat es nie eine Sekunde lang bereut, sondern den Tag gepriesen, an dem er es brachte. Aber das kann nur einmal geschehen! Es müsste so viel Hohes und Heiliges in mir zerstört werden — gerade das, was mir die Kraft zum Weiterleben und eine gewisse Ruhe gegeben hat — ehe da etwas Neues entstünde — und Gott weiss was! . . . Auch die vernünftigste Vernunftehe ist immer ein grosses Wagnis . . . und eine Sünde wider den heiligen Geist . . .“

Ein Lächeln überflog ihr schönes blasses Gesicht. Sie streckte die Hand aus.

„Und darum, lieber Herr von Wingerow — lassen Sie uns Freunde sein — ein für allemal — wenn Sie es können! . . . nicht mehr . . .“

Er legte zögernd und widerstrebend seine Rechte in die ihre. Sie merkte, dass seine Fingerspitzen ganz kalt waren. Doch im Gesicht bewahrte er die Selbstbeherrschung.

„Sie sagen, Sie wollen in das Leben zurück, gnädige Frau!“ versetzte er trocken. „Wie denken Sie sich das? Glauben Sie, dass eine beliebige Anzahl anderer Menschen Ihnen wirklich da auf die Dauer viel sein können?“

„Ich verlange von den einzelnen nicht viel — nur eine Seite ihres Wesens — das, was sich mit meinen künstlerischen Neigungen deckt, die ich nicht gut allein pflegen kann. Ich bin an sich eine gesellige Natur. Ich finde schon meinen Kreis nach aussen hin, so dass ich mich nicht allein fühle. Und nach innen — das habe ich Ihnen ja erklärt. Da will ich ja allein sein — mit meinem lieben Mann . . .“

Der Major von Wingerow hatte sich rasch und brüsk erhoben, dass Säbel und Sporen klirrten. In seiner stattlichen Länge stand er vor der jungen Witwe.

„Dies Gefühl ehrt Sie, gnädige Frau!“ sagte er gedämpft. „Möchte es sich nur nicht eines Tages an Ihnen rächen! . . . Man kann seiner Trauer auch zu viel zumuten!“

„Ich nicht!“

„Jetzt vielleicht nicht! Aber kein Mensch bleibt, wie er ist!“

„Das weiss ich nicht! . . . Davon kann ich jetzt meine Entschlüsse nicht abhängig machen! . . . Ich kann nur so Handeln, wie ich in dieser Stunde bin und mich fühle! Und da kann ich nur immer wieder sagen: Ich habe zu Tiefes erlebt! . . . Ich kann es nicht eintauschen gegen das, was viele andere auch erleben! . . . Damit gebe ich mich selbst preis! Und ich halte etwas von mir, Herr von Wingerow!“

Ihr Besucher hatte Helm und Handschuhe in die Rechte genommen. Mit der Linken hielt er den Säbel, so dass er Gabriele nicht die Hand zu geben vermochte.

„Ich bin mit anderen Hoffnungen gekommen, gnädige Frau!“ sagte er. „Aber das alles steht ja freilich bei Ihnen! Ich danke Ihnen ehrerbietig für Ihr Vertrauen! Und nun gestatten Sie mir, mich aus Ihrem Hause zu beurlauben!“

„Sie wollen wirklich nicht wiederkommen?“

„Dann, gnädige Frau, wenn ich ein Zeichen von Ihnen erhalte, das mich Besseres hoffen lässt als heute! . . . Dann bin ich sofort zur Stelle! . . . Ich werde warten!“

Sie schüttelte stumm den Kopf.

„Doch, gnädige Frau — ich werde warten! . . . Und trotz Ihrer Worte sagt mir meine Ahnung: ,nicht umsonst!‘“

,,Lassen Sie nur inzwischen das Glück nicht an sich vorübergehen, lieber Herr von Wingerow!“

„Ich kenne nur eines . . .“

Der Major von Wingerow verbeugte sich auf der Schwelle und wandte sich um. Die Türe schloss sich hinter ihm.

2

Einige Zeit nach dem Major von Wingerow verliess auch Gabriele Lünhardt ihr Haus. Sie machte regelmässig in den ersten Nachmittagsstunden einen einsamen Spaziergang in den letzten, zwischen Spreekanal und Neuen See gelegenen Teilen des Tiergartens. Dies Bedürfnis des zeitweiligen Alleinseins mit sich hatte sie immer gehabt, auch während ihrer Ehe. Sie war eigentlich nicht gern in Berlin. Aus dem Gesellschaftstreiben und Nerbengehetze der Weltstadt machte sie sich, in ihrer ruhigen, gleichmütigen Art, nichts. Sie schätzte daran nur die Opern, die Konzerte, die Musikabende daheim, diese künstlerischen Genüsse, die man anderswo nicht haben konnte. Sonst hätte sie lieber auf dem Lande gelebt, in der freien Natur, in die man sich hineindenken, aus der man sich herausnehmen konnte, was gerade der augenblicklichen Seelenstimmung entsprach. Dann war zwischen ihr und der Welt ein Zusammenhang, wie zwischen Bild und Rahmen, so auch jetzt, hier an der Grenze von Häusermeer und Waldstille, im kühlen Hauch des Herbstes.

Sie war gar nicht gedrückt oder erregt. Sie schritt frei und leicht, schlank aufgerichtet ihres Wegs, auf dem sie schon längst jedes Brückchen und jede Bank kannte. Sie liebte dies Gewohnheitsmässige in ihrem Tun. Es war das etwas Philiströses in ihr, über das sie selbst lächelte. Ihr Gesicht war gleichmütig, trotz der ernsten

Aussprache von vorhin. Sie atmete ruhig im raschen Gehen die frische, herbe Luft ein. Sie lebte eigentlich sehr gern, auch nach dem bitteren Verlust, der ihr Dasein geknickt hatte. In diesem war nun wenigstens die Ruhe. Man hatte das Schwerste überstanden. Die Sorgen, Nöte, Kümmernisse, die andere Menschen quälten, lagen endgültig hinter einem, die konnten nicht wiederkehren. Der Tod hatte einen Riegel davor geschoben.

Freilich dachte sie sich auch jetzt wieder ein paarmal: ,Heute bin ich siebenundzwanzig geworden. Für viele fängt da das Leben erst an!‘ Dann schien es ihr selber unwahrscheinlich und unbegreiflich, dass das immer so weitergehen könne. Es musste einmal etwas dazwischen treten. Die Zeit, die noch vor ihr lag, war noch viel zu lang. Aber sie vermochte sich nicht vorzustellen, wie das kommen könnte. Es war nichtig, über Möglichkeiten des Schicksals zu grübeln. Sie gestand sich schliesslich auch ehrlich: ,Ich bin feige geworden! Das Schicksal hat mir zu weh getan! Ich will keine weiteren Berührungen. Ich zittere davor. Ich möchte bleiben, wie ich bin. Schmerzlosigkeit ist auch mir gut.‘

Sie dehnte heute ihren Spaziergang weiter als sonst aus. Es war schon nach vier Uhr, als sie jugendlich frisch, mit geröteten Wangen, von der Luft belebt, in den Vorgarten ihrer Villa trat. Im Hause war zur Rechten der Halle ein Garderobenraum. Da hing zu ihrem Erstaunen ein dickwattierter, dunkler Herrenpaletot, wie man ihn wohl im strengen Winter, aber nicht jetzt im Frühherbst trug. Darüber ein starkes, weissseidenes Cachenez. Ein Paar schwere Gummigaloschen standen am Boden. Welchem Nordpolfahrer gehörte denn das? Es waren doch nur Damen im Hause. Sie frug den Diener, und der erwiderte, verwirrt durch ihren strengen Blick: „Jawohl, gnädige Frau! . . . Der Herr sitzt im blauen Salon!“

„Welcher Herr?“

Der Diener wusste nicht Bescheid. Das Mädchen hatte die Karte angenommen. Sie erschien aus dem Souterrain herauf.

„Der Herr hat bestimmt erklärt, er wäre zur Teezeit bestellt!“ sagte sie verlegen. „Da glaubte ich . . .“

„Durch wen denn bestellt, um Gottes willen?“

„Durch den Herrn Hauptmann Bankholtz. Der habe es ihm heute mittag im Auftrag der gnädigen Frau ausgerichtet . . .“

Die junge Witwe nahm die Karte, die auf dem silbernen Tablett lag. Sie las:

„Werner Freiherr von Ostönne

Plantagendirektor

Deutsch-Ostafrika.“

„Mein Gott . . . hat der Eile!“ sagte sie unwillkürlich vor sich hin. Er musste sich gleich nach dem Frühstück mit ihrem künftigen Schwager umgezogen haben und hierhergefahren sein.

„Richtig! Ich hatte ganz vergessen!“ sagte sie zu dem Diener. „Es stimmt schon! Bitten Sie den Herrn, noch einen Augenblick zu warten!“

Als sie fünf Minuten später mit leichten, auf dem dicken Teppich kaum hörbaren Schritten in den Salon trat, entdeckten ihre schönen, grauen, etwas kurzsichtigen Augen erst nach ein paar Sekunden den Besucher. Er sass, auf ein Taburett geduckt, fröstelnd vor dem Kaminfeuer und rieb sich über der schwachen, eigentlich nur für das Auge bestimmten Kohlenglut die Hände. Wie sie dicht hinter ihm war und er sie im Spiegel sah, sprang er rasch empor und verbeugte sich. Er trug schwarzen Besuchsrock und scharf in die Falte gebügelte taubengraue Beinkleider. Es war alles, wie es sich gehörte. Und doch machte er einen exotischen Eindruck. Sein Gesicht war sonnenbraun, finster, mit einem dunklen Schnurrbart. Von ebensolcher Farbe sein Haar. Gabriele wusste, dass er ungefähr dasselbe Geburtsjahr wie ihr verstorbener Mann haben musste. Aber er sah älter aus. Er war hager gewachsen, mittelgross, mit sehr breiten Schultern und starkem Brustkasten.

„Verzeihung, gnädige Frau!“ sagte er. „Ich fror hier ein wenig. Ich friere immer, seitdem ich in Deutschland bin! . . . Wenn man so lange unter dem Äquator war . . .“

Daher die Wintersachen im Flur! . . . Der Fremde machte nicht viel Umstände. Es schien ihr, als habe er einen beinahe brutalen Zug der Rücksichtslosigkeit um die Lippen. Er gefiel ihr nicht. Aber sie lächelte höflich-kühl und sagte: „Kommen Sie, Herr von Ostönne . . . wir wollen uns recht nahe an das Feuer setzen, damit Sie die Sonne Afrikas nicht zu sehr entbehren! . . . So . . . Sie bekommen auch gleich Tee . . .“

Gabriele Lünhardt hatte, liebenswürdig wie sie von Natur war, leicht etwas in Sprache und Gesichtsausdruck, was wie vertraulich aussah — auch weniger nahen Bekannten gegenüber. Es klang dann, als redete sie mit einem guten Freund, und wurde so aufgefasst, auch wenn sie es gar nicht so meinte. Aber Herr von Ostönne zeigte keine Spur von Verbindlichkeit. Er räusperte sich nur — er war offenbar stark erkältet und vielleicht klang seine Stimme deswegen so rauh, als er kurz sagte: „Danke sehr!“

Dann schwieg er und sah sie unverwandt, sonderbar prüfend an. Sie dachte sich: „Komischer Kauz! . . . Wenn er auch ein früherer Offizier und Freiherr ist — man merkt doch, dass er lange draussen im Urwald war!‘ Sie begann, konventionell, wie eine Dame die Unterhaltung mit einem Besucher einleitet: „Sie sind schon länger zurück, Herr von Ostönne?“

„Seit vorgestern abend!“

„Und da sind Sie gleich zu mir?“

„Ja. Das ist mir sehr wichtig!“

Wieder eine Pause. Sie ärgerte sich über die starre Art, mit der sein Blick an ihr hing.

„Und gedenken Sie lange in Deutschland zu bleiben?“

„Die Frage legt mir jeder hier vor! Die scheint unvermeidlich! . . . Ich kann nur antworten: Ein Vierteljahr wird man mich wohl ertragen müssen! Dann gehe ich wieder hinüber . . .“

Sie war unter seiner Unhöflichkeit zusammengeschreckt. Sie dachte sich: ‚Da hat mein Mann ja einen netten Busenfreund gehabt! Da könnte er nun sehen, wie die Leute drüben verwildern! Er war selber auch schon auf dem Weg dazu, wenn ich ihn nicht zurückgehalten hätte . . .‘ Merklich frostiger frug sie: „Da sind Sie wohl in Geschäften in Berlin?“

„Ja. Ich will mein Plantagenunternehmen vergrössern. Endlich fängt die Geschichte an, zu gehen. Namentlich der Hanfbau schlägt ein!“

„Das ist ja sehr schön!“

Gabriele Lünhardt hatte keine Ahnung, dass in Ostafrika Hanf gedieh. Es interessierte sie nicht im geringsten, was man da drüben trieb. Darum fand sie auch so schwer eine Anknüpfung für ein Gespräch.

„Sie waren von Hause aus Artillerist, sagte mir mein Mann einmal . . .“

„Jawohl!“

„Und dann in der Schutztruppe?“

„Jawohl!“

„Da haben Sie sich dann dem Zivilberuf als Plantagenleiter zugewandt?“

„Jawohl! Vor sieben Jahren . . .“

„Und diese ganze Zeit haben Sie sich keinen Urlaub gegönnt?“

„Nicht eine Stunde, sonst wäre der Karren stecken geblieben! Man muss bei der Stange bleiben, wenn man sich einmal etwas vorgenommen hat!“

Er sagte das sonderbar hart und feindselig und schwieg mit einem kurzen, verächtlichen Achselzucken. Gabriele wusste nicht recht, wem das galt. Der Ärger stieg immer mehr in ihr empor. Wozu war dieser Afrikaner eigentlich gekommen, wenn er nur dasass und sich die Antworten silbenweise herausquetschen liess? Sie wurde nicht klug aus ihm, aber immerhin, diesem einstigen Intimus ihres verstorbenen Mannes war sie jede Rücksicht schuldig. Sie nahm sich zusammen und forschte weiter: „Sie haben wohl eine Menge Bekannte hier?“

„Gott . . . ja . . .“

„Und Angehörige?“

„Meine alte Mutter!“

Es war keine Unterhaltung in Gang zu bringen. Sie versuchte noch einen Anlauf.

„Da sind Sie also immer noch nicht verheiratet, Herr von Ostönne?“

„Nein!“

Nun wusste sie nicht mehr, was mit dem steinernen Gast anfangen. Den schien das Schweigen zwischen ihnen nicht zu stören. Er hing seinen Gedanken nach und sagte endlich: „Ich hab’ jetzt nach Europa zurück müssen! . . .“

„Ihrer Gesundheit wegen?“

„Die ist in Ordnung! . . . Aber es ist hier so dummes Gerede über mich im Umlauf . . . Sie haben jedenfalls auch davon gehört . . .“

Es schwebte Gabriele Lünhardt dunkel vor, dass sie unlängst in einer Zeitung etwas überflogen hatte, was sich auf ihren Besucher bezog. Was, war ihr entfallen. Es hatte sie nicht interessiert.

Er fuhr fort: „Aber ich werde der Bande das Vergnügen versalzen! Alles Schwindel! Dabei acht Jahre her. Damals war Paul noch mit mir in Afrika!“

Paul . . .! Sie sah befremdet auf. Dann begriff sie, dass er ihren Mann meinte. Über den hätten sie überhaupt von vornherein sprechen sollen — sie dachte es sich im stillen — dann wäre ihr Zusammensein nicht so sonderbar feindselig wortkarg ausgefallen. Er war ja das einzige Bindeglied zwischen ihnen beiden. Aber Gabriele Lünhardt hatte nicht von ihm angefangen — aus einer Scheu und Abwehr, die sie jedesmal gegen seine früheren Gefährten überkam. Diese Leute aus Afrika hatten vor ihr sein Leben mit ihm geteilt. Diese Eifersucht war ja grundlos — sie hatte ihn ja schliesslich gehabt — aber trotzdem: es kostete sie immer eine Überwindung . . .

Gerade diesem braungebrannten, ein paarmal rätselhaft und düster vor sich hin lächelnden Mann gegenüber. Sie wusste nicht, was er im Schilde führte. Sie blickte ihn misstrauisch an. Er hatte noch etwas vor. Warum harrte er sonst so stumm und steif auf seinem Sessel aus? Da kam endlich der Tee. Es war eine Erlösung. Sie machte die Tassen zurecht und reichte ihm eine, während der Diener wieder ging. Er führte sie an die Lippen, setzte sie aber sofort wieder ab und frug unvermittelt: „Paul ist hier im Hause gestorben?“

Wieder fühlte sie einen Stich bei dem Wort: Paul. Aber sie zwang sich, freundlich zu antworten.

„Nicht hier, Herr von Ostönne! . . . Er hatte den schrecklichen Fehler begangen, dass er gar nicht auf die ersten bedrohlichen Symptome achtete — er als früherer Arzt! . . . aber er war doch immer so sorglos mit sich, ritt noch aus, obwohl er schon starke Schmerzen hatte. Mittags wurde es ganz schlimm . . . abends brachten wir ihn in die Klinik . . . aber es war zu spät . . .“

Die junge Witwe atmete schwer auf und legte die Hände im Schoss zusammen. „Ich habe Ihnen das übrigens ja alles seinerzeit nach Afrika geschrieben!“ sagte sie.

„Wenigstens das meiste!“

„. . . Also haben Sie den Brief bekommen?“

„Ja. Aber nicht beantwortet! Es gibt Sachen — die kann man nur sagen . . . geschrieben machen sie sich schlecht . . . ich habe lieber damit gewartet, bis mich mein Weg wieder einmal nach Europa herüberführte! Nun war ich ohnedies dabei, um dieser Ehrabschneiderbande, die sich hier gegen mich etabliert hat, das Handwerk zu legen . . .“

Er stellte die Teetasse, die er immer noch unberührt in der Hand hielt, vor sich auf den Tisch. Sie sah etwas Versonnenes, in sich Gekehrtes in seinen schwarzen Augen. Die Wildnis draussen hatte ihn, allein unter seinen Negern, das Schweigen gelehrt. Er hob den Kopf zu dem Bild seines Freundes hinauf. Dann schaute er wieder dessen Witwe an. Und diesmal so kalt und schonungslos, dass es ihr graute. Sie sagte, mit der Selbstbeherrschung einer Frau von Welt: „Man macht sich hinterher natürlich die verzweifeltsten Vorwürfe! Hätte man am Ende doch operieren sollen? . . . Wäre das besser gewesen? . . . Es haben mich ja freilich alle Autoritäten beruhigt. Es wäre doch so gekommen, so oder so . . .“

„Nein — die Ärzte haben ihn nicht umgebracht!“ versetzte Werner von Ostönne.

„Nicht wahr? . . . das sage ich mir auch immer!“ „Sondern Sie selber, gnädige Frau . . .“

Das Teezeug klirrte. Gabriele Lünhardt war jählings aufgesprungen. Sie traute ihren Ohren nicht. Sie starrte ihren Besucher an. War er am Ende wahnsinnig? Hatte er den Tropenkoller von drüben mitgebracht? Ihre erste Regung war, auf den Klingelknopf zu drücken. Aber sie hielt an sich.

„Was sagen Sie?“ frug sie, immer noch atemlos vor Schrecken.

Er war gleichgültig sitzen geblieben.

„Ich sage, dass Paul nicht an irgend solch einer zufälligen, dummen Geschichte gestorben ist, sondern an Ihnen!“

Das kam klar und langsam zwischen seinen wessen Zähnen unter dem dunklen Schnurrbart hervor. Sie trat vor ihm zurück. Sie konnte nur wiederholen: „. . . an mir . . . gestorben . . .? Ich glaube, Sie sind verrückt . . .“

Nun hatte auch er sich erhoben.

„Gott . . . Ich bin’s nicht mehr als andere . . .“ sagte er. „Jedenfalls nicht ärger, als es Paul in seiner letzten Zeit war . . .“

Die junge Witwe fuhr sich mit der Hand über die Augen.

„Ich weiss immer noch nicht, ob ich wache oder träume . . .“ versetzte sie. „Da steht jemand und behauptet mir ins Gesicht, ich hätte . . . bitte . . . Herr von Ostönne . . . dort drüben liegt Ihr Hut . . . wollen Sie ihn sofort nehmen und Ihrem Besuch ein Ende machen . . .“

Er achtete nicht auf ihre Worte, sondern kam auf sie zu.

„Herr von Ostönne . . . Sie haben gehört . . . zwingen Sie mich nicht zu einem Auftritt vor der Dienerschaft . . .“

„Ach . . . lassen Sie doch Ihre Leute unterwegs!“ Er zuckte die Achseln und blieb stehen. „Wenn ich sage ‚umgebracht‘, so meine ich damit natürlich nicht, dass Sie ihm Rattengift in die Suppe getan haben! An die Blinddarmentzündung glaube ich! Aber der Mensch hat auch eine unsterbliche Seele . . . sozusagen sein besseres Teil . . . was hat denn Paul in diesem Hause damit angefangen? Wo ist denn die hier schliesslich geblieben? . . . he?“

Er frug es herausfordernd. Sie bebte am ganzen Leibe vor Empörung.

„Ich begreife nicht, woher Sie den Mut nehmen, so zu mir zu reden! . . . Ich kann nur glauben, dass Sie in den Tropen zuviel an Gesundheit und Erziehung zugesetzt haben. Aber nun ist’s genug!“

Er überhörte das wieder. Er meinte: „Sie bedauerten doch eben, dass ich Ihnen auf Ihren Brief nicht geantwortet habe. Nun bringe ich Ihnen die Antwort persönlich. Die müssen Sie hören. Sie würden ja doch keine Ruhe haben, wenn ich jetzt ginge, ohne weitere Erklärung . . . Sie würden sich hinterher den Kopf darüber zerbrechen! Denn ich glaube wirklich, wie ich Sie jetzt so vor mir sehe: Sie sind ganz ahnungslos! . . . Sie begreifen noch gar nicht, was Sie für eine Schuld auf sich geladen haben . . .“

Vor Gabriele Lünhardt drehte sich das Zimmer im Kreise. Sie konnte kaum herausbringen: „Was haben Sie für ein Recht, so mit mir zu sprechen . . .?“

„Als Pauls Freund! Das war keine Freundschaft, wie wenn sie hier auf der Bierbank Schmollis machen . . . wir haben uns als Männer getroffen . . . draussen . . . wo man bald weiss, was ein Mann wert ist, das war wie eine Blutsbrüderschaft!“

„Und daraus leiten Sie die Mission her, mich nach Jahren hier zu beleidigen?“

Er liess sich nicht beirren.

„Ein Mann ist dazu da, dass er auf der Welt nach aussen hin etwas vor sich bringt! Das wollten wir beide, Schulter an Schulter. Ich hatte mein Leben darauf aufgebaut, nach schweren Enttäuschungen, die mir widerfahren waren. Wir hatten gemeinsam das Stück Urwald in Angriff genommen, aus dem inzwischen meine Plantage entstanden ist. Die Arbeit war viel zu viel für einen einzigen Mann. Es musste sich einer auf den anderen verlassen. Kaum aber hatten wir angefangen, so ging Paul vor sieben Jahren, um mehr Geld aufzutreiben, auf ein Vierteljahr nach Europa, und kam nicht wieder, sondern blieb bei Ihnen. Und ich konnte schauen, wie ich allein mit allem fertig wurde.“

Es war nicht Gabriele Lünhardts Absicht gewesen, überhaupt noch mit ihrem Gast zu sprechen. Sie stand da, zitternd vor Zorn, und wartete nur, bis er zu Ende sein und freiwillig gehen würde. Aber angesichts seiner letzten Ungerechtigkeit konnte sie sich nicht enthalten, zu erwidern: „Hat er sich Ihnen denn etwa verschrieben, mit Leib und Seele? . . . Er hat hier eben Besseres gefunden! . . . Er hat sein Glück gefunden! . . . Es war ein Zufall, dass er und ich uns trafen — aber dann war er auch entschieden! . . . Von da ab gehörte sein Leben mir und nicht mehr Ihnen! Und im übrigen . . . Sie sagten, er habe hier Geld aufbringen sollen! Hat er Ihnen denn nicht reichlich Geldmittel zur Verfügung gestellt, auf meinen eigenen Wunsch?“

„Ich hab’ sie aber nicht genommen! . . .“

„Warum nicht?“

„Weil sie von Ihnen kamen! . . .“

Seine gelassene Todfeindschaft erfüllte sie mit Grauen. Das war ihr noch nie widerfahren im Leben, dass jemand sie so hasste! . . . Sie dachte sich: ,Er wird mir doch nicht plötzlich an die Gurgel springen oder ein Messer hervorziehen? Fähig scheint er zu allem! Und warum ist er denn eigentlich überhaupt hier, wenn er mich so verabscheut? Er muss doch einen Grund haben! . . .ʻ Dann versetzte sie kühl, unwiderruflich dem Gespräch ein Ende zu machen: „Das sind geschehene Dinge. Der Tod ist dazwischen. Wir haben keine Macht mehr, etwas zu ändern! Also beruhigen Sie sich! Sie müssen sich doch selber sagen, dass einem Mann die Frau mehr ist als der Freund. Sie hätten im gleichen Fall genau so gehandelt . . .“

„Ich beklage auch nicht, dass ich meinen Freund verloren habe, sondern dass er sich verloren hat!“

„. . . sich verloren hat!“

„Mit Haut und Haar! Und das darf ein Mann nicht! Er soll schaffen . . . schaffen . . .“

Auf einmal verstärkte er seine bis dahin gedämpfte Stimme: “Aber da lebt ein Herr in Berlin — reitet spazieren — läuft in Gesellschaften — sitzt in der Oper — kurzum, stiehlt unserem Herrgott nach Noten den lieben langen Tag — und das ist Paul Lünhardt — mein Paul Lünhardt, der wirklich einmal etwas Gutes und Nützliches war und tausendmal zu schade dafür, Ihren Schleppträger zu machen . . .“

„Herr von Ostönne! Jetzt ist aber meine Geduld zu Ende! . . .“

„Ein ganzer Kerl war er da drüben! Ein Deutscher von dem Schlag, der uns so bitter nottut . . . und der hält Ihnen nun das Strickgarn!“

„Herr von Ostönne: Sie waren doch früher Offizier! Ich weiss wirklich nicht, wo Sie Ihre Erziehung gelassen haben!“

„Meinetwegen draussen im Vorzimmer. Auf schöne Worte kommt’s jetzt nicht an! . . . Mein armer Paul! . . . Dies verfluchte Drohnenleben! Und nichts dagegen zu machen! Er blieb nun mal hier im warmen Nest. Ich verachte die Leute, die zu was Besserem geboren sind und sich dann von ihrer Frau durchfüttern lassen!“

Sie richtete sich empört auf. „Das . . . das sagen Sie von meinem Mann?“ stammelte sie.

„Ist’s denn nicht wahr? Er hatte nichts . . . seine paar Kröten waren auf den Forschungsreisen draufgegangen und Sie . . .,“ er streifte mit einem spöttischen Rundblick die kostbare Wohnungseinrichtung, “Sie sind doch reich! . . . Sehr sogar! Man sieht’s! Ich hab’s ihm seinerzeit geschrieben: Eine reiche Heirat — das ist der Traum von Barbiergesellen! . . . Ein Mann erwirbt! Der lässt sich nichts schenken!“

„Wenn Sie ihn deswegen verachten, dann haben Sie ihn nie gekannt! Als ob es Berechnung gewesen wäre, dass er mich geheiratet hat, und nicht reinste Liebe . . .“

„Das weiss niemand besser als ich!“

„Nun also! Und Liebe macht glücklich! Und zum Glück sind wir auf der Welt! Und nicht bloss, wie Sie sich einbilden, um unter den Wilden im Urwald zu sitzen!“

„Für einen Mann ist Arbeit Glück, Frau Lünhardt. Und Liebe ist doppeltes Glück für ihn . . .“

„Ja eben!“

„. . . wenn sie ihn in dem fördert, was er ist und soll! Sie aber haben Paul den Boden unter den Füssen weggezogen! Er hat seitdem nicht mehr gewusst, wozu er auf der Welt war. Ob man dann noch zufällig an einer Krankheit stirbt . . . tot ist man schon vorher . . .“ „Herr von Ostönne . . .,“ versetzte die junge Witwe mühsam, „ich glaube, nun haben wir uns wohl alles gesagt — nicht wahr? . . . Sie haben Ihr Herz ausgeschüttet! Das war Ihnen wohl schon lange ein Bedürfnis. Sie haben auch, scheint es, etwas Fieber — ich betrachte Sie als einen Kranken und habe mir von Ihnen Dinge ins Gesicht sagen lassen, die mir noch nie ein Mensch gesagt hat. Aber nun ist’s heraus und ich hoffe, wir sehen uns nicht wieder! Nur um das eine möchte ich Sie bitten, ehe Sie gehen: bemitleiden Sie meinen Mann nicht noch im Grabe! Er hat es nicht nötig! Er hat in der kurzen Spanne Zeit, die uns zusammenzuleben vergönnt war, alles besessen, was er vom Schicksal wollte. Er war sehr glücklich, das dürfen Sie mir glauben.“

Der Plantagendirektor sah sie prüfend an. Dann sagte er kurz: „Frau Lünhardt . . . ich bitte, mich noch einen Moment setzen zu dürfen! Ich bin, wie Sie eben selbst andeuten, von dem Klimawechsel ein wenig mitgenommen. Das lange Stehen strengt mich an!“

Er nahm, ohne eine weitere Erlaubnis von ihr abzuwarten, Platz, dicht neben dem Kamin, und schlug ein Bein über das andere. Die spielenden Flämmchen wetterleuchteten von unten über sein sonnenverbranntes, düsteres Antlitz. Er schaute ihnen eine Weile zerstreut, in sich fröstelnd, zu, dann hob er entschlossen den Kopf.

„Und nun heraus mit der Wahrheit! Und wenn uns das Dach hier über dem Kopf zusammenfällt! Gesagt muss es werden! Sonst hätte ich mir den Weg hierher überhaupt sparen können . . .“

„Was haben Sie denn noch?“ frug Gabriele nervös. Eine neue, unbestimmte Angst vor dem unheimlichen Besucher kam über sie. Es ging ihr durch den Sinn: „Hätte ich nur Bankholtz gesagt, ich wollte ihn gar nicht erst sehen! Aber das konnt’ ich doch nicht . . . ich wusste doch nicht . . . nun ist’s zu spät . . .ʻ

Sie hatte sich nicht gesetzt. Sie war weit von Ostönne am Fenster stehen geblieben. Seine schwarzen Augen verfolgten sie bis dorthin. Es fing allmählich an zu dämmern. Er sagte langsam, jedes Wort betonend: “Sie sind in einem schweren Irrtum befangen, Frau Lünhardt. Sie meinen, Ihr Mann sei mit seinem Schicksal sehr zufrieden gewesen . . .“

„Dazu hatte er allen Grund!“

„Ich aber sage Ihnen: er war in seinen letzten Lebensjahren der unglücklichste Mensch unter Gottes Sonne!“

„Was?“

„Und zu helfen war ihm nicht. Er wollte es ja selbst so! . . . Er war ja weiches Wachs in Ihrer Hand . . . Das war sein Verhängnis, dass er schwächer war als Sie!“

„Ich verstehe Sie nicht!“

“Und das war Ihr schweres, nie wieder gutzumachendes Unrecht, dass Sie Ihre Stärke benutzt haben, um ihn so völlig zu unterdrücken und in eine Welt hinüberzuziehen, in die er so gut gepasst hat, wie ich zum Vortänzer bei Hofe. Wären Sie an seine Seite getreten als Kamerad in seinem Beruf und in seiner Arbeit, weiss Gott: ich hätte Ihnen die Hand geschüttelt und gedankt, und wenn ich zehnmal meinen Freund darüber verloren hätte! Er wäre doch er geblieben! . . . Aber Sie waren blind egoistisch. Sie haben ihn seiner Liebe zu Ihnen geopfert. Und dass er starb, als Sie ihn glücklich so weit hatten, das war die richtige Strafe Gottes . . .“

Es war ein schweres Schweigen. Dann fuhr er fort: „Sie sind eine starke Natur. Eine zu starke! Sie haben den Bogen überspannt! Ihr Mann war unglücklich . . . das wiederhole ich Ihnen! Sie hat er geliebt — o gewiss! . . . viel mehr, als gut war! . . . Aber an sich selber hat er zugleich verzweifelt! . . . Das verträgt auf die Dauer keiner. Daran ist er gestorben! . . .“

Gabriele Lünhardt war sehr bleich geworden.

„Sie kommen da in mein Haus . . . Herr von Ostönne. Sie sagen mir da auf einmal Dinge, die . . . Es ist gerade, als ob Sie nicht zurechnungsfähig wären . . . Nie bin ich oder sonst jemand auf diese Gedanken gekommen . . .“

„Antworten Sie mir einmal die reine Wahrheit, Frau Lünhardt: Hätten Sie Ihren Mann nach Afrika begleitet, wie es jetzt so manche Frauen tun?“

“Dazu taug’ ich nicht! Das wusst’ er auch!“

„Haben Sie je viel mit ihm über seine Pläne, seine Erlebnisse gesprochen?“

„Ich verstehe doch davon nichts!“

„Haben Sie sich je bemüht, seine Freunde in Ihrem Haus um ihn zu versammeln?“

„Ich kann nichts dafür, dass sie weggeblieben sind!“

„Haben Sie ihn also nicht schliesslich äusserlich und innerlich ganz vereinsamt? Denn das war das Ende. Ich weiss es sehr genau, Frau Lünhardt!“

„Von wem?“

„Von Paul selber!“

“Den haben Sie, seit er mich geheiratet hat, bis zu seinem Tode nicht mehr gesehen und gesprochen! . . . Und nun kommen Sie auf einmal und rütteln an den Fundamenten meines Lebens. Denn das ist darauf aufgebaut — auf dieser heiligen Überzeugung — auf diesem Glauben an ein Glück — wenn auch ein verlorenes! In dem Glauben liegt mein Frieden. Sie werden ihn mir nicht nehmen . . .“

„Ich muss!“ sagte der Afrikaner, aufstehend und nach seinem Zylinderhut greifend. „Es ist meine Pflicht. Die Vergeltung dafür, dass Sie sein Leben entzweigeknickt haben wie ein Streichholz!“

Sie warf den Kopf zurück. Jetzt reizte dieser Junggeselle, der sich da nachträglich in ihre Ehe drängte, allmählich ihren Hohn.

„Sie sind zu lange in Afrika geblieben, Herr von Ostönne . . . Sonst würden Sie wissen, dass man solche Dinge nicht ausspricht, ohne sie beweisen zu können!“

„Ich habe Beweise!“

„Was denn?“

„Briefe!“

„Von ihm?“

„Ich werde sie Ihnen schicken!“

Er stand an der Türe. Er wiederholte: “Briefe von ihm, bis zu seinem Todestag!“

Es war, als ob sie ihm etwas erwidern wollte — aber sie schwieg mit einem erschrockenen und hasserfüllten Blick auf ihn. Er gab ihn ihr hart zurück. Auch er blieb stumm. Er verbeugte sich plötzlich und ging.

Es verstrich wohl eine Viertelstunde, ehe Gabriele Lünhardt wieder ganz zu sich kam. Am liebsten hätte sie sich vorgestellt, sie hätte diesen plötzlichen Besuch aus Afrika nur geträumt. Aber er war dagewesen. Sie merkte es an ihrem wilden Herzklopfen. Eine unbestimmte Angst trieb sie durch die Zimmer hin. Die waren alle leer. Nirgends ein Laut. Vor den Fenstern der Herbst. Himmel und Zukunft still. Leise durchfröstelte sie die Angst des Alleinseins, die sie sonst von sich hielt. Sie hatte ja sich! Aber nun wurde sie für einen Augenblick beinahe an sich selber irre.

Ratlos sass und ging sie umher. Sie wollte in das Musikzimmer und drehte wieder um — sie stand vor ihrem Geburtstagstisch und sah leer darüber hin, sie fuhr zusammen, als sie in dem grossen Wandspiegel nebenan eine schöne junge Frau in kupferfarbigem Kleid sah und sich klarmachte, dass sie es sei, die auf einmal nicht mehr Trauer trug . . . Das fehlende Schwarz wurde ihr zum Vorwurf. Sie wehrte sich dagegen. Sie hatte ein gutes Gewissen! Es sollte keiner kommen und ihr das bisschen Harmonie ihres Lebens mutwillig stören. Es konnte es auch keiner! Diesem Herrn von Ostönne hatte die Tropensonne zu heiss auf dem Scheitel geschienen.

Aber die Briefe . . . die Briefe . . .

Sie wollte nicht weiter daran denken. In denen stand wahrscheinlich gar nichts darin — wenn sie überhaupt existierten. Am Ende war das auch nur ein rachsüchtiges Geschwätz dieses Mannes, wie alles andere. Sie setzte sich an den Schreibtisch, um ein paar Geburtstagsglückwünsche zu beantworten — sie nahm ein Buch zur Hand und sprang wieder auf, als habe sie jemand gerufen. Es war wie eine Stimme: . . . die Briefe . . . die Briefe. Es war wie die Stimme ihres Mannes . . .

Schliesslich suchte sie bei ihm selber vor sich Schutz. Am Ende der prunkenden Wohnräume, etwas zurückgelegen, war die Türe zu einem Gartenzimmer. Die öffnete sie selten. Oft monatelang nicht. Jetzt drückte sie die Klinke auf und war mit einem Schritt mitten in Afrika — im Arbeitsstübchen Paul Lünhardts — des einzigen Orts im ganzen Hause, der ihm ganz gehört hatte. Eine schwere, sonderbare Luft brütete darin, die durch alles Fensteröffnen in den letzten Jahren noch nicht vertrieben worden war — von Schiffsknaster, von Kampfer, von mottigen Tierfellen, von Gehörnen an den Wänden, der weissen Knochenmasse eines Elefantenschädels in der Ecke, von zermürbten Lederköchern mit Giftpfeilen, Massaispeeren, Federputz, Zauberkram, von Büchern, Büchern in Menge — ärztlichen Kompendien, Reiseberichten, Atlanten, Globuskugeln, Wandkarten. Alles von einer dichten Staubschicht überzogen. Der Raum war genau so geblieben wie er bei Paul Lünhardts Tode gewesen. Die alten, wurmstichigen paar Möbel aus seiner Junggesellenzeit standen unverrückt. Auf dem Schreibtisch lag noch ein angefangener Brief — die verräucherte Lampe, die dazu geleuchtet hatte, war halbgefüllt wie damals, in den Winkeln am Fenster, hinter den verschabten Plüschvorhängen, woben die Spinnen ihr Netz.

Die junge Witwe atmete in schweren Zügen die seltsame Atmosphäre des totenstillen Raumes ein, dieses Mitteldings von Mausoleum, Studierstube, Schiffskabine und Naturalienkabinett. Sie fühlte sich als Fremde hier. Sie war hier eigentlich immer ein Eindringling gewesen. Sie war fast nur hereingekommen, um ihren Mann zu holen, wenn drüben in den Salons Gäste sassen. Dann hatte er geschimpft und gelacht und sich schliesslich doch aus seiner Höhle, wie sie es nannte, hinüber unter den Lichterkreis des Kronleuchters, unter die schwatzende Gesellschaft ziehen lassen. Jetzt dünkte es ihr auf einmal fraglich, ob sie daran immer recht getan? Er war hier so gern gewesen, hatte sich hier eingeschmökert und eingequalmt, den bescheidenen Kachelofen in der Ecke oft eigenhändig nachgeheizt, um sich nicht erst durch einen der vielen Dienstboten des Hauses in seiner Behaglichkeit stören zu lassen. Das hier war sein Reich — sie hielt sich nie länger als ein paar Minuten darin auf. Man nahm immer den Geruch von kaltem Rauch in Haar und Kleid mit hinaus! Aber sie bereute jetzt doch, dass sie als Witwe nicht öfter hier gewesen war. Sie hätte pietätvoller sein sollen! Sein Bild besass sie drüben überall. Die Spuren seines Eigenlebens hier hatten sie nie gelockt. Diese Schwelle hier war die Grenze gewesen. Von da ab hatte er nicht mehr ihr gehört, sondern Afrika . . . der Vergangenheit . . .

Sie dachte sich: ,Man heiratet doch nicht einen Mann, damit er dort hinübergeht und am Fieber stirbt!ʻ Das war billige Weisheit. Aber es war wahr. Alles war damit entkräftet, was ihr der dunkle Gast an Verwirrung und leiser Reue in Haus und Herz getragen hatte. Und trotzdem blieb das Unbehagen in ihr — die Unruhe. Er hatte noch nicht seine letzten Karten ausgespielt . . . die Briefe . . . die Briefe . . .

Während ihr Auge über den fremdartigen Tand an den Wänden glitt, während sich ihr die muffige Laboratoriumsluft, zum Husten reizend, auf die Lunge legte, frug sie sich wieder: Was mag in den Briefen stehen, die aus dieser Klause übers Meer unter die Palmen gewandert sind?ʻ Bei Lebzeiten Paul Lünhardts hatte sie nie viel gesorgt, was und an wen er schrieb. Jetzt quälte sie auch diese Unterlassungssünde. Etwas wie schlechtes Gewissen. Sie war so nervös, dass selbst das leise, vorsichtige Öffnen der Türe sie erschreckte. Und doch steckte nur ihre Mutter, die Kommerzienrätin, ihr rotes, breites, gutmütig lächelndes Matronengesicht mit dem grossen darüber schaukelnden Federhut durch den Spalt und wunderte sich: „Da bist du, Kind! . . . Ist’s die Möglichkeit . . . Ja — da kann ich dich freilich lange suchen . . .“

Das gab ihr wieder einen Stich ins Herz, dass man sie überall im Hause eher vermutete, als hier in den vier Wänden ihres Mannes, in denen alles noch voll von seinem Wesen, seinem Leben war. „Was hast du denn, Mama?“ frug sie ungeduldig.

„. . . Bankholtz ist schon wieder mit uns zurückgekommen und sitzt drüben mit Gischen! . . . Ist das nicht ein bisschen zu viel für einen Bräutigam?“

„Ach — lass sie doch, Mama!“

„Nun — wenn du meinst . . .“

Frau Weiferling wandte sich zum Gehen. Ihre Tochter folgte ihr in den nächsten Raum und blieb da neben ihr stehen.

„Sage, Mama: du warst ja oft bei uns zu Besuch, solangʻ mein Mann noch lebte . . . was hast du denn eigentlich für einen Eindruck von ihm gehabt? In welcher Geistesverfassung war er . . .“

„Zu mir frech!“ meinte die alte Dame gemütlich. “Die ewigen Schwiegermutterwitze — ich hab’s ihm oft verwiesen! Ich hab’ ihm gesagt: Wenn Sie nichts anderes drüben in Afrika gelernt haben, Paul, als ,Schwiegermutterʻ auf ,Tigerfutterʻ zu reimen . . ., ja . . . dann lachte er gottlos! . . . Na ja . . . ein Schwiegersohn . . . wie sie eben so sind . . . aber der Schlimmste noch nicht!“ schloss sie mütterlich-behaglich, während sie mit Gabriele durch den grossen Saal ging.

Dort kam ihnen eilig die jüngere Schwester entgegen. „Walter muss doppelkohlensaures Natron haben!“ meldete sie aufgeregt von ihrem Bräutigam. „Denkt mal . . . er hat mit einem Freund gefrühstückt — einem Herrn von Ostönne . . . und der hat ihn in eine wahre Räuberhöhle verschleppt! Ein Frass . . . sagt er . . . er liegt ihm jetzt noch wie Blei im Magen . . .“

Die Kommerzienrätin murmelte nur etwas Missbilligendes und rauschte weiter, in ihre Gemächer. Gabriele hielt die andere fest.

„Du, Gise . . .“ sagte sie ernst.

„Lass mich jetzt doch . . .“

„Ach . . . dein Walter wird nicht gleich sterben . . . hör mal . . . erinnere dich doch an den Winter vor drei Jahren, wo du bei uns hier in Berlin warst und zum erstenmal ausgegangen bist . . .“

„Na ja . . . und?“

„Was hältst du davon: in welcher Stimmung war damals mein Mann?“

„Na . . . ulkig . . . jedenfalls zu mir . . .“

„Nicht wahr, ulkig? . . .“ sagte die junge Witwe mit einem seltsamen, schwachen Lächeln.

„Ich war manchmal wütend, wenn er einen am Ohr zu fassen kriegte und meinte: ,Schaut mal . . . das Püppchen will schon tanzen gehen! . . .ʻ“

„Siehst du . . . wenn man so dumme Spässe macht, dann ist man doch nicht traurig!“

„Traurig . . .? Der Onkel Paul . . .?“ Die Kleine lachte. „Der war doch immer so furchtbar komisch! . . . Na . . . aber nun muss ich nach dem Natron sehen . . .“

Sie lief davon. Gabriele Lünhardt trat in das Besuchszimmer, wo der Hauptmann Bankholtz bei ihrem Nahen aufsprang.

„Ostönne wollte gleich nach dem Frühstück zu Ihnen kommen, Schwägerin!“ sagte er. „War er schon da?“

„Ja.“

„Ich hab’ gute Lust, dem Kerl noch nachträglich meine Sekundanten zu schicken! . . . Dieser Mittagstisch . . . ja . . . ihm ist’s gleich! Er frisst Kieselsteine und merkt’s nicht! Ein furchtbar abgehärteter Mensch.“

„Ein furchtbar harter Mensch!“

„Dafür gilt er. Es ist nicht gut mit ihm Kirschen essen!“

„Und doch hat er Sie und meinen verstorbenen Mann und viele andere zu Freunden!“

„Ja . . . Er ist aber doch ein ganzer Kerl! . . . Donnerwetter ja . . . Respekt! . . . Was hat er sich da drüben aus dem Nichts geschaffen, in den letzten fünf, sechs Jahren. Da muss man selber alter Afrikaner sein, um die kolossale Arbeit zu würdigen! Und ganz allein! Keiner hat ihm geholfen . . .“

Sie zuckte zusammen.

„Soll das etwa eine Anspielung darauf sein, Schwager, dass mein Mann nicht wieder zu ihm hinüber ist?“

„Herrgott . . . warum denn auf einmal so heftig? . . . Das geht doch mich nichts an!“

„Aber Sie haben doch beide gut gekannt — meinen Mann und jenen. Sie waren mit Paul noch wenige Stunden vor seinem Tod zusammen!“

„Ja gewiss . . .“

„Haben Sie . . . Hand aufs Herz . . . die Frage ist mir furchtbar wichtig — haben Sie je an ihm bemerkt, dass ihm etwas gefehlt hat — dadurch, dass er Afrika aufgegeben hat?“

Der Hauptmann der Schutztruppe lachte etwas gezwungen.

„Da müssen Sie nicht gerade mich fragen! . . . Ich gehöre doch auch sozusagen zum Bau — wenn auch nur als ein Africanus minor!“

„Aber ich will es wissen . . .“

„Wie kommen Sie denn überhaupt darauf . . .?“

„Herr von Ostönne war eben hier und hat in seiner brüsken Art so rätselhafte Andeutungen gemacht . . .“

Das frische, rotwangige Gesicht ihres künftigen Schwagers wurde plötzlich sehr ernst. Ein Schatten von Misstrauen und Zurückhaltung erschien darauf.

„Ich weiss nicht, wie viel Ostönne erzählt hat!“ sagte er. „Da will ich lieber schweigen. Ich will mein Wort nicht verletzen!“

„Ein Wort?“

„Ja!“

„Wem haben Sie das gegeben?“

„Ihrem Mann!“

„Wann?“

„Ganz kurz, bevor er starb!“

Gabriele Lünhardt sah ihn ungläubig an. Das alte Bangen überrieselte sie. Da war wieder das Gespenst von vorhin. Zweifel krochen aus den Winkeln — geheimste Dinge, die sie nicht kannte und nur die andern wussten! Grosser Gott — sie konnte doch nicht blind die ganze Zeit einhergegangen sein! Sie stand stumm vor Schrecken. Ihre Schwester kehrte, ein Schächtelchen schwingend, zurück. „Walter . . . schwör mir!“ schrie sie schon von weitem, „dass du nie wieder ausser dem Hause Fischmayonnaise isst!“

Die junge Witwe drehte sich rasch um und ging und liess die beiden allein. Sie wusste: sie erfuhr von Bankholtz vorläufig doch nichts mehr. An einem Offizierswort war nicht zu rütteln. Der Schwager schwieg. Ihr Herz schlug heftig, in unbestimmter Angst, als sei ihr heute etwas in ihrem Leben zerstört worden . . . oder würde noch zerstört . . . etwas Dunkles stieg herauf . . . die Briefe . . . die Briefe . . .

3

Werner von Ostönne ging langsam von der Villa an der Lichtensteinbrücke nach dem Brandenburger Tor zu. Ein paarmal blieb er stehen, sah auf die Uhr, zauderte — dann schritt er wieder mit seiner gewohnten, gleichgültigen Entschlossenheit weiter. In der Königgrätzer Strasse angelangt, fing er an, die Hausnummern zu zählen. Er musste eine lange Strecke zurücklegen, bis über den Anhalter Bahnhof hinaus, ehe er fand, was er suchte: eine jener kleinen altmodischen Berliner Konditoreien aus Grossväterzeiten, wie sie sich da und dort in der Weltstadt bis in die Gegenwart erhielten. Er klinkte missmutig die schmale Glastür auf und blieb in dem niederen heissen Raum stehen.

Es waren ausser ihm nur Damen da, die ihn neugierig musterten. Natürlich! . . . Es war auch eine sonderbare Idee, ihn gerade hierher zu bestellen! Er überflog mit einem raschen Blick die Gruppen. Was er suchte, war noch nicht gekommen. So setzte er sich an einem Platz, wo man ihn von der Strasse aus nicht sah — es erschien ihm lächerlich — er in dieser Umgebung! — und liess sich einen Kognak geben. Er wollte sich auch eine Zigarre anzünden, um sich die Zeit zu vertreiben. Aber es fiel ihm ein, dass das Rauchen hier wohl verboten sei. Dabei war die Luft säuerlich vom Butterteig, von altbackenen Süssigkeiten — von Staub — von Menschen — ein grässliches Lokal . . . Er nahm gottergeben die „Fliegenden Blätter“ zur Hand und legte sie wieder hin. Dabei sah er von drüben aus der Ecke ein Paar Augen auf sich gerichtet — bang — unsicher . . . den Tränen nah — und zugleich fiel es von ihm wie ein Schleier vieler Jahre . . .

Das war sie ja . . . schon die ganze Zeit sass sie da . . . er hatte sie anders in der Erinnerung gehabt . . . Sein Bild von einst deckte sich so gar nicht mit der verblühten Wirklichkeit drüben an dem Tischchen . . . er war erschrocken . . . er sprang hastig auf und trat auf sie zu. Sie gaben sich stumm die Hände. „Darf ich?“ frug er dann kurz und nahm zugleich schon neben ihr Platz. Das Konditorfräulein brachte ihm sein Kognakgläschen hinüber. Eine Dame nebenan lächelte vor sich hin. Andere auch. Die haben ja ganz recht, wenn sie sich denken: ,Solch ein alter Esel und noch ein Rendezvous . . . mit einem späten Mädchen . . .ʻ Er räusperte sich. „Verzeih . . . bist du schon lange hier?“

„Ach . . . das macht ja nichts!“ Sie antwortete es mit einem schwachen Lächeln. Er sah sie an. Wie waren die Jahre dahingeflohen — die zehn langen Jahre . . . wo war das junge Mädchen von damals geblieben? Die schlanke Gestalt zu hager geworden — das Gesicht so schmal — müde Linien um den Mund — die Augen trübe . . . oder hatte er sie seinerzeit nur anders gesehen . . . in jenen verliebten Tagen? . . . vielleicht . . . vielleicht auch nicht . . . aber jetzt war sie verblüht, wie sie plötzlich aus dieser altjüngferlichen Konditorei herausgewachsen vor ihm sass.

„Ich danke dir, dass du gekommen bist . . .,“ sagte sie. „Das löscht doch nachträglich so vieles aus!“

Es klang wehmütig. Das ärgerte ihn. Er schlürfte seinen Kognak und stellte das Glas wieder hin.

„Bei mir ist nichts mehr auszulöschen!“ erwiderte er. „Ich hab’ keine Zeit gehabt, in Afrika noch lange Trübsal zu blasen!“

Nach kurzem Schweigen fügte er brüsk hinzu: „Jetzt hätten wir von dort zusammen herüberkommen können! . . . Du hättest dort dein Reich gehabt, grösser als zwanzig Rittergüter in Preussen! . . . Wir wären gemachte Leute . . . wenn du dich damals hättest entschliessen können, mich zu nehmen . . .“

Sie senkte den Kopf, dass er den schlichten Gouvernantenscheitel sah.

„Ich wusste, dass du damit anfangen würdest, mir das zu sagen . . .“

„Ja . . . sollen wir vom Wetter reden?“

„. . . Und ich hab’s ja auch verdient! . . . Ich war feige. Ich allein hab’ unser beider Glück verscherzt. Das kommt davon, wenn man auf andere Menschen hört . . .“

„Ja . . . dein guter Papa . . .“ Er lächelte spöttisch. Er schaute den Oberlandesgerichtsrat wieder vor sich, den würdigen Philister. Er hörte die Warnung einer ganzen Familie: ,Kind . . . geh nicht nach Afrika . . . mit diesem abenteuerlichen Menschen . . . diesem Habenichts . . . diesem Schlagetot . . . du wirst das Fieber kriegen . . . die Heuschrecken werden eure Pflanzungen fressen . . . die Wilden euch selber . . . bleib im Lande und nähre dich redlich . . .ʻ Nun ja . . . sie war ja auch geblieben . . . Sie hatte ihn allein hinüberziehen lassen . . .

„Dein Vater ist nun auch tot . . .,“ sagte er endlich.

„Schon seit sechs Jahren!“

Sie wurde plötzlich gesprächig.

„Und hinterher ergab sich’s: Es war rein gar nichts vorhanden . . . Wir standen einfach da. Es reichte eben, dass Paul durch die Assessorzeit bis zum Amtsrichter kam . . . und Else hat ja noch geheiratet . . . einen Rechtsanwalt in Breslau, mit ganz netter Praxis . . . Und Mama hat ja schliesslich für sich und Martha ihre Pension . . .“

Ihn interessierten diese Familiengeschichten blutwenig. „Und du selber?“ frug er unvermittelt

Sie seufzte leicht.

„Gott . . . In meiner jetzigen Stellung bin ich schon drei Jahre!“

„Immer als Gesellschafterin?“

„Wenn man sonst nichts gelernt hat . . .“

Sie rührte mechanisch mit dem Löffel in ihrem leeren Schokoladetässchen. Er schüttelte den Kopf.

„Was machst du bei solch einer alten Schraube den ganzen Tag?“

„Man lebt eben so!“

„Und wie wird das mit deiner Zukunft?“

„An die denk’ ich nicht erst!“

Er schwieg. Draussen fielen langsam grosse gelbe Herbstblätter von den kahlen Ästen der Platanen im Vorgarten. Ihn durchfröstelte ein Erstaunen: haben wir uns wirklich einmal geliebt?

„Und wie ist es dir gegangen, in der Zeit?“ frug sie schüchtern.

„Ich hab’ eben geschuftet, auf Mord und kaput! Kein Vergnügen, sich so allein abzurackern . . .“

„Dein Freund war doch bei dir!“

„Du hast mich nicht geheiratet, weil du nicht nach Afrika wolltest! Er wollte nicht nach Afrika, weil er geheiratet hat! . . . Es hängt alles in der Welt an den Schürzenbändern! Das hab’ ich nun allmählich auch schon bemerkt . . . Na . . . Gott besser’s!“

Er war gereizt. Er fügte, als sie die Lippen öffnete, hinzu: „Willst du mich auch wie alle Leute hier fragen, wann ich nach Afrika zurückgeh’? Ich hoffe — bald — sowie ich hier meine Hanfgeschichten gemanaget, und ein Hühnchen mit ein paar Kolonialstänkern gepflückt hab’! Dann komme ich lange nicht wieder!“

Es erfolgte keine Antwort. Sie schaute leer vor sich hin. In diesem Augenblick wusste er genau: ,Nun würde sie mit beiden Händen zugreifen, wenn ich sie jetzt noch zur Frau haben wollte! Sie hofft heimlich darauf! Aber es ist zu spät! Da draussen herbstelt es. Hier drinnen auch . . .‘

Sie schwieg noch immer. Er hatte auch nichts mehr zu sagen. Er wollte nicht hart gegen sie sein. Sie tat ihm leid. Und er fürchtete doch, sie würde jede Freundlichkeit von ihm unrichtig auffassen. Es war eine unbehagliche Pause. Dann stand sie auf und langte sich, ehe er ihr helfen konnte, ihr schottisches Mäntelchen vom Gestell. „Ich muss jetzt heim!“ sagte sie gepresst.

Die Haltestelle der Strassenbahn, die sie benutzen wollte, lag gerade vor der Konditorei. Sie standen da in dem feinen, kalten Sprühregen und warteten. Von ferne näherte sich die farbige Laterne durch die Nacht. Ostönne zündete sich eine Zigarre an, froh, aus diesem Konditoreistilleben für Primaner und Backfische herausgekommen zu sein. Seine Begleiterin rasste ihr Kleid. Ihre Augen waren feucht.

„Versichere mir nur eines . . .,“ murmelte sie.

„Ja?“

„. . . Dass du mir nicht mehr bös bist!“ . . .

„Ich hab’ längst ein Kreuz über alles gemacht!“

Der Wagen hielt. Sie reichte ihm mit abgewandtem Gesicht die Hand. Sie hatten keine weitere Zusammenkunft verabredet . . . sie wartete darauf . . . sie stand oben auf der Plattform zwischen allerlei Volk . . . ihre Augen waren gross und dunkel unter dem Schleier . . . aber da setzte sich die Strassenbahn in Bewegung . . . er sagte nichts . . . er lüftete nur noch einmal den Hut . . . es war vorbei . . . der Wagen schon weit weg, in der Richtung nach dem Belle-Allianceplatz. Da fuhr wieder ein Stück seines Lebens in die Nacht hinein. Werner von Ostönne klappte den Kragen seines Überziehers hoch, drehte sich auf dem Absatz um und stieg finster in die nächste Droschke.

Er wohnte, solange er in Berlin war, bei seiner Mutter am Königsplatz. Die alte Frau von Ostönne war eine feine, kleine Dame, silberhaarig, mit einem klugen, rotwangigen Gesicht. Sie liess den Sohn, als der bei ihr eintrat, neben sich sitzen, strich ihm zärtlich über den Scheitel und frug: „Nun, Wernerchen . . . wo kommst du denn her . . .?“

„Ich hab’ ein Rendezvous gehabt, Mama!“

Sie lachte. Das sah ihm gerade ähnlich!

„Wer war denn die Glückliche, Kind . . .?“

„Fräulein von Wieser . . .“

Der scherzende Ausdruck verschwand von den Zügen seiner Mutter.

„Ach . . . lebt die noch?“

„Na . . . wenigstens so ungefähr . . .“

„Wie hast du sie denn aufgefunden?“

„Sie hat an mich geschrieben und mich gebeten, wir wollten uns noch einmal aussprechen!“

„Wie ist sie denn jetzt?“

„Alt geworden, Mama . . .“

„Ja . . . Ja . . .“

„Oder bin ich alt geworden? Ich weiss nicht — na, jedenfalls Schluss!“

„Wirklich?“

„Ich bin nun einmal unversöhnlich gegen Menschen, die mich verraten haben. Dagegen kann ich nichts machen. Ich bin zu hart darin!“

„Nein! Ein zu weiches Herz hast du, Wernerchen!“

Er musste lachen über die gute, alte Mama.

Sie beharrte: „Spotte nicht! Ich kenne dich besser als du selbst! . . . Weil du so weich bist, schliesst du dich so schwer an und bist so karg mit deinem Vertrauen und empfindest es zehnmal bitterer als andere, wenn es missbraucht wird . . .“

„Das ist es worden. Und gründlich. Und mehr als einmal!“

„Aber so sind die Menschen, Kind! Sie meinen es nicht so böse! Man muss sich nicht abschrecken lassen. Sonst ist man schliesslich ganz allein!“

„Das bin ich ja auch so ziemlich, Mama! . . .“ Er nahm liebevoll ihre welken Hände zwischen die seinen. „Wenn ich nicht gerade alle Jubeljahre mal bei Muttern sitze und mich ’rausfuttern lasse . . .“

Die Greisin sass still da. Nach einer Weile hub sie an: „Weisst du, Kind, wozu du geschaffen bist? . . . Erschrick nicht. Aber du bist der geborene Ehemann! . . . Vorausgesetzt, dass du an die Rechte kommst!“

„. . . die Rechte . . . das ist rasch gesagt . . .“

„Du bist eine Natur, die sich nicht zersplittern kann, sondern alles auf eine Karte setzt! Darin liegt unter Umständen die Gewähr für ein grosses, grosses Glück. . . . War’s nicht die Wieser — gut, dann eine andere . . . Du solltest nicht wieder nach Afrika ohne eine Frau!“

„Ja, wenn das so leicht ginge, Mama!“

„Jetzt, Kind . . . wo du schon halbwegs ein gemachter Mann bist . . .“

„Trotzdem! Ich hab’ gar keine Lust mehr!“

Sie wurden beide stumm. Der Teekessel summte sein altes Lied, wie einst, in fernen Kindertagen. Die altmodische Hängelampe warf ihren Schein über das schwere Familiensilber, das verschnörkelte Meissener Porzellan — das verwitterte, feine Gesicht der greisen Dame. Und ihrem Sohn war es, als sässen noch viel mehr Menschen still hier mit um den Tisch, der Vater. . . der Grossvater, der lange weisshaarige Mann mit der Hornbrille, dessen er sich nur noch dunkel entsann . . . Tante Minchen . . . der kleine Bruder Kurt, der so früh gestorben . . . es waren nur Schatten . . . Der Afrikaner stützte den Kopf auf die Hand.

„Bei dir hier könnt’ man denken, man wäre wieder ein kleiner Junge, Mama!“ sagte er. „An dem Tisch da steht die Zeit still . . . komische Idee . . . nicht? . . . wenn man noch ein Bub’ wäre und erst anfinge zu leben . . . ich glaube, man würde dieselben Dummheiten wieder machen, höchstens in anderer Form. Meinst du nicht auch?“

„Was hast du denn je für Dummheiten gemacht, Wernerchen?“

„Gerade, was du sagst: ich habe mich zu sehr auf andere Menschen verlassen!“ Sein Gesicht war wieder hart und gleichgültig geworden. Er stand auf. „Und nun entschuldige mich! . . . Ich hab’ zu tun!“ sagte er, drückte die Lippen auf ihre Hand und beugte sich nieder, um sich von ihr auf die gebräunte Wange küssen zu lassen. Dann ging er in sein Zimmer hinüber. Auch da brannte schon hell die Lampe. Er setzte sich nieder, sperrte ein Schubfach auf und nahm einen Stoss Briefe heraus.

Das Papier war vergilbt. Das oberste der Schreiben trug das Datum von vor sieben Jahren. Er las es wieder, wie er schon oft getan:

„Mein lieber Werner!

„Seit ein paar Tagen habe ich mir überlegt, ob ich eigentlich je in meinem Leben wirklich, was man so sagt, Angst gehabt hab’! Ich habe gefunden: ohne Ruhm zu melden — nein! . . . Der liebe Gott hat mich offenbar, wenn’s schief ging, mit einem stumpfsinnigen Humor gesegnet, so dass die Geschichte dann gar nicht so gefährlich aussah. Aber jetzt hab’ ich Angst, wie ein Hungerkandidat vor der Prüfung vor dem, was ich Dir schreiben muss: Ich bin also doch seit gestern verlobt! . . . Sie hat ,ja‘ gesagt. Sie nimmt den wilden Mann aus Afrika, der von einem Klavier nicht mehr weiss, als dass es schwarze und weisse Zähne bleckt und quietscht, wenn man darauf haut. Sie hofft, er bessert sich und wird ein Kulturmensch.

„Und er, der alte Weiferling, und sie, die alte Weiferlingen, haben ihren Segen gegeben. Sie tun alles, was ihre Tochter will. Jeder tut, was sie will. Im Frühjahr heiraten Gabriele und ich. Und dann — ja — das weisst Du ja schon — sie will nicht mit hinüber! . . . Passte ja auch nicht dahin! Sie ist so schön . . . so wunderschön! . . . ein Schmelz . . . ein Zauber . . . man kann ihn nicht beschreiben . . . Sie ist wie ein kostbares Ding, das man im Treibhaus halten muss, damit es blühen kann!

„Ich bitte Dich, Werner . . . tobe nun nicht und schmeisse diesen Brief nicht von Dir, dass die Affen nachher mit den Fetzen Unfug treiben. Ich schwöre Dir: ich komme! Gib mir nur Zeit! Ein Jahr, wollen wir sagen! . . . Dann kann ich schon von ihr Urlaub nehmen! Dann bin ich Manns genug dazu! Aber vorläufig bin ich verliebt . . . Herrgott . . . Du warst’s ja auch mal vor ein paar Jährchen . . .

„Du wirst freilich sagen: ,Ganz egal! Ich bin trotzdem allein wieder hierher!‘ Ja, aber ich, Paul Lünhardt, ich bin eben kein Cato von Eisen, wie Du, sondern ein armer sterblicher Mensch! Wir wollen doch einander nichts vormachen, zwei alte Landsknechte und Zeltbrüder! Du warst immer der Stärkere! Ich war unter Deiner Fuchtel. Und nun bin ich statt dessen verliebt . . . ich bin wie im Rausch . . . wie wahnsinnig . . . ich bitte Dich: gönne mir eine Zeitlang mein Glück . . .

„Ich will gar nichts davon sagen, dass sie Geld wie Heu hat — dass sie so klug und gebildet ist, dass sie so schön ist — aber mir lieben uns so sehr! . . . Sie mich auch! . . . Wir sind im siebten Himmel . . . wir schwimmen im Glück . . . die Welt ist rosenrot und höchst lächerlich und nett — ein drolliger Einfall unseres Herrgotts . . . Und kurz und gut: ,ich muss!‘ . . . Und das ist meine Entschuldigung . . .“

Der Brief Paul Lünhardts ging noch lange weiter. Werner von Ostönne liess ihn sinken. Der nächste, den er herausnahm, war ein Jahr später geschrieben. Er las mitten daraus:

„. . . Unser Haus im Grünen, ganz am Ende des Tiergartens, wo sich Fuchs und Wolf adieu sagen, ist nun fertig. Ein Traum! Nächste Woche ziehen wir ein. Dass ich jetzt noch nicht von hier fort kann, das begreifst Du . . . Es ist so ein unmenschlicher Gedanke, dass man unter stinkenden Negern bei fünfzig Grad im Schatten am Kilimandscharo scharwerken soll, während hier die schönste Frau im trauten Heim mit Liebe auf einen wartet. Ich liebe sie so abgöttisch. Es ist nicht recht, dass Du auf alle meine Erklärungen schweigst und mir nur schreibst: ,Tu, was Du willst!‘ . . . Natürlich: der kategorische Imperativ heisst: Tu Deine Pflicht! . . . Weiss ich. Aber mein liebes Kerlchen . . . im Vertrauen gesagt: Der alte Kant, der den erfunden hat, war Junggeselle! Und ich will ja meine Pflicht tun . . . ich werde . . . ich will meinem Lebenswerk nicht untreu werden . . . ich komm’ schon hinüber . . . ich reisse mich hier los . . . auf Tod und Teufel . . . hab’ nur Geduld . . .“

Und wieder dreiviertel Jahre später war Paul Lünhardts nächster Brief datiert. Er war kürzer als die anderen.

„Mein lieber Werner!

„Wir haben uns in letzter Zeit viele dumme Dinge geschrieben! Du urteilst schroff und dabei wie der Blinde von der Farbe, weil Du Gabriele nicht kennst und nicht begreifst, wie ich sie liebe — in Deiner einsamen Bärenhäuterei im Urwald. Und von mir aus waren’s Halbheiten — ein Gedruckse — ein klägliches Hin und Her! Angst, alter Kerl . . . Angst . . . Angst vor Dir und vor mir selber! . . . Weiss der Kuckuck, wo meine Courage geblieben ist . . . sie ist weg . . . es ist vieles von mir weg . . . ich hab’s hergeborgt . . . an sie . . . ich bin verliebt . . . verliebter als am ersten Tag . . .

„Aber nun: Zähne zusammen. Es muss heraus: Ich kann nicht mehr zu Dir kommen! Ich mache keine Ausflüchte mehr . . . ich schiebe es nicht länger hins aus . . . ich muss hier bleiben . . . für immer . . . bei meiner Frau! . . . Ich kann keine Minute ohne sie sein, keine Stunde! . . . Wer liebt, wird mich verstehen! Wird begreifen, dass ich als Mensch gar keine Verzeihung brauche! . . .

„Und als Mann des Berufs . . . als einer, der sich etwas vorgesetzt hat in der Welt? Ach, Werner — mein alter guter sackgrober Werner . . . da hast Du freilich recht! Damit ist’s gefehlt! . . . Da könnte ich allerdings hinausgehen und bitterlich weinen, weil ich den Herrgott in mir verraten hab’! Das ist kein Zweifel: Von dem, was ich bin, was mich beschäftigt, will sie nichts wissen! Niemand hier im Haus! Und ich armer Narr: ich lieb’ sie . . . ich lieb’ sie . . . Liebe ist gar kein Wort dafür . . .

„Auf der Universität haben wir beim Komitat gesungen:

„ Zur alten Heimat muss ich heim,

Muss selber nun Philister sein . . .‘

jawohl . . . alter Blutsbruder . . . ich bin im Lande der Philister . . . auf Nimmerwiederkehr . . . aber dabei glücklich . . . glücklich bis über die Massen . . . und hoffe, ich bleib’s, trotzdem mein Leben seinen Knacks nun weg hat! . . . Drum verzeih mir, Werner, und mach’ es gnädig mit Deinem

Paul Lünhardt.“

Werner von Ostönne legte den Brief beiseite zu den vorhergegangenen. Nun war nur noch ein dünnes Päckchen übrig, aus dem letzten Lebensjahr seines Freundes. Das steckte er in einen Umschlag, schrieb die Adresse darauf:

„Ihrer Hochwohlgeboren

Frau Gabriele Lünhardt

geb. Weiferling“

und setzte Strasse und Hausnummer darunter. Dann nahm er sich im Flur Hut und Mantel, ging selbst hinab und warf das Schreiben in den nächsten Postkasten an der Ecke.

4

„Mein lieber alter Werner!

„Ich hab’ hier in Berlin im Tiergarten ein schönes Haus. Aber davon gehört mir nur ein kleines, räucheriges Zimmer. In dem bin ich mit meinen Junggesellenmöbeln und Raritäten eingesargt — ich selber, glaub’ ich, die Hauptrarität — ein Afrikareisender an der Strippe, ein Kerl, der längst nichts mehr durchquert als den Potsdamer Platz — und sitze des Abends und schreibe bei der stillen Lampe an Dich.

„Das heisst: still ist es bei uns nie. Meine Frau hat drüben Gäste. Sie musizieren. In ganz schweren Fällen — Parsifal und so — haben sie sogar eine Harfe. Gewöhnlich begraben sie aber den Siegfried. Sie begraben den Siegfried jetzt beinahe täglich. Es ist eine Vorübung für Bayreuth. Dort verzapfen sie dies Jahr den ,Ring‘. Wenn Du Nibelungenring sagst, bist Du ein Banause. Dann sehen mich unsere Gäste mit einem Blick voll Mitleid und Verachtung an. Sie tun das freilich immer. Sie wissen nicht recht, wozu ich auf der Welt bin. Ich, im Vertrauen gesagt, auch nicht.

„Jedenfalls bin ich an solchen verschärften Musikabenden drüben überflüssig. Ich weiss nie: ist das nun der Sang an Ägir oder der Trauermarsch aus der Götterdämmerung? Bei mir ist die Gebrauchsanweisung verloren gegangen. Was fängt man nun an?

Totschlagen kann man mich nicht! Also Stallfütterung bis an das selige Ende. Jawohl, mein Lieber: ,Hier ruht Paul Lünhardt. Möge ihm Berlin leicht sein!ʻ Aber in Frieden schlafen kann er nicht. Dazu machen sie zu viel Spektakel da drüben. Dreimal in der Woche. Die anderen Abende ist meine Frau im Konzert oder übernachtet im Opernhaus. Ich soupiere dann mit meiner Schwiegermutter. Ja, da lachen bei Dir die Affen auf den Bäumen. Aber es ist so!

„Und ich liebe meine Frau . . . ich liebe sie . . . liebe sie . . . Sie hat mich auch sehr gern! — Sie ist schöner, als ich Dir sagen kann . . . sie ist ein Traum . . . sie ist ein Rausch . . . ein Licht . . . in das flattert die Motte . . . verbrennt sich, das unkluge Biest. Warum? Sie muss. Ich muss auch . . . Es ist komisch: Eine Zeitlang lenkt man sein Leben. Alles geht gut. Plötzlich kommt ’ne Faust von oben und stopft einen gerade in den Winkel der Welt, in den man im hitzigsten Fieber nicht gehört. Da bleibt man nun bis Sankt Nimmermehr! . . .

„Und das Drolligste ist das Problem: Wie kann derselbe Mensch in derselben Stunde glücklich und unglücklich zugleich sein? Ich bringe das Kunststück jeden Tag fertig. Ich möchte jauchzen und mir dabei eine Kugel vor den Kopf schiessen. Ich vergöttere meine Frau und bin mir selber ein Greuel. Das hält sich die Wage. Aber das Zünglein daran senkt sich doch in letzter Zeit bedenklich auf die Minusseite. Man muss das Leben humoristisch auffassen. Sonst kommt man über all den Unsinn nicht hinweg.

„Eben singt meine Frau! Sie hat eine wundervolle, starke Stimme. Die klingt aus der Entfernung wie ein gewaltiges, seelenloses Instrument. Es ist ein Naturlaut ohne Trauer und Gnade. Ein Triumph! Dann stütz’ ich hier den Kopf in die Hand und denke an die Zeit, als es noch keine Liebe und dafür einen Paul Lünhardt auf der Welt gab . . . sonderbarer Tausch . . . wenn man sich hergibt, kann man doch eigentlich nichts dafür einhandeln . . . das sind nun so Mitternachtsgedanken . . .

„Und meine Frau singt! Sie hat dabei etwas Fanatisches, Freudiges, Grausames im Gesicht. Ihre Augen glänzen. Sie lebt erst, wenn der Siegfried stirbt . . .

„Die anderen machen dazu einen Höllenlärm im Orchester. Der Cellist, ein kleines, langhaariges Scheusal, für den ich Luft bin, kratzt wie besessen auf seinen Schafsdärmen. Ich stelle mir das hier so vor. Selber bin ich drüben überflüssiger als der bescheidenste Notenständer oder das Kerzenlicht auf dem Klimperkasten — — und bin einsam und bin in einer niederträchtigen Stimmung zwischen Lachen und Heulen, mein alter Schwede! Weisst du, warum?

„Vorhin hab’ ich mein Fenster aufgemacht. Das geht nach dem Garten. Die frische Luft kam in meine Knasterbude. Weit dahinten liegt der Zoologische Garten. In dem brüllten die Löwen durch die Nacht. Auch aus Langerweile und Ärger über das faule Leben in Berlin W, genau wie ich. Brüllten, was sie konnten. Brüllten mir in die Ohren, wie das Jüngste Gericht. Ich wollte, sie brüllten bis in das Musikzimmer Gabrieles, mitten in das Bayreuther Treiben hinein. Die haben dort freilich die Fenster zu. Die sind taub. Aber mir war es, als frugen mich die langmähnigen Burschen: ,Paul Lünhardt . . . was hast du aus dir gemacht? . . . Wie soll das werden?ʻ

„Und jetzt spielen sie wieder drüben den Siegfried-Totenmarsch. Da begraben sie mich, mit allem Pomp. Sie tuten mich zu Tod. Dabei spaziert man immer noch herum, als wäre nichts geschehen! . . . Kerl . . . mir kommen wahrhaftig die Tränen . . . ich liebe meine Frau mehr als mich selber . . . verstehst Du mich? . . . leb wohl! . . .“

Gabriele Lünhardts schönes Antlitz war wie versteinert. Sie fuhr sich mit der Hand über Augen und Scheitel, als ob sie zu träumen fürchtete. Dann legte sie den Brief langsam zu dem Päckchen anderer, das ihr heute früh die Post gebracht, in einem Umschlag, der sonst kein Begleitschreiben Werner von Ostönnes, keine Erklärung enthielt. Sie sass in ihrem Boudoir. Sie hatte es noch nicht verlassen, noch mit keinem Menschen gesprochen, obwohl es schon später Vormittag war. Sie konnte nicht. Draussen war der Herbsttag wie vor vier Jahren, als die inzwischen verwelkte Hand ihres Mannes diese Zeilen da vor ihr geschrieben. Und andere mehr. Sie hatte schon die meisten Briefe gelesen, mit ungläubigem Herzen, mit einem Schwindel, als öffnete sich der Boden unter ihren Füssen, dieser Boden, auf dem sie bisher so ruhig und selbstsicher gewandelt. War denn das möglich? . . . War ihr Mann so als Fremder neben ihr hergegangen? Es entsetzte sie viel weniger, dass er in Spott und Ernst mit seinem Schicksal haderte, als dass er sie so sah — dass er für all dies Höhere und Eigene in ihrem Leben nur die Resignation eines gezähmten Wilden übrig hatte. Das hatte er ihr nie zu zeigen gewagt. Er hatte sich gehütet. Er wusste: dann wäre Entfremdung zwischen ihnen die Folge gewesen. Wenn er auch nicht musikalisch war, so hatte sie ihm doch das ahnende, nachfühlende Verständnis der Liebe für das zugetraut, was für sie den Inbegriff ihrer Persönlichkeit bedeutete. Wenn sie sich darin getäuscht hatte — grosser Gott — was war sie ihm denn dann eigentlich gewesen? . . .

Sie stand auf und schichtete mit bebenden Fingern die vergilbten Blätter zu einem losen Stoss aufeinander. Im Kamin drüben flackerte das Feuer. Hinein damit, mit diesen Zeichen der Vergangenheit. Sie sollten nicht aufstehen, nachträglich, und wider das Glück zeugen, das sie doch besessen, das sie doch gegeben hatte, dessen Abglanz jetzt noch über ihrem Haupte leuchtete. Aber auf halbem Wege blieb sie stehen. Sie fühlte: Wenn sie auch diese Briefe — die schon gelesenen und die paar letzten, noch nicht gelesenen — den Flammen preisgab — sie wirkten doch fort! Sie liessen sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Der Zweifel an allem blieb, wuchs gerade, wenn seine Unterlage zerstört war.

So kehrte sie um und setzte sich wieder. Ja — das waren die kleinen, kritzeligen Schriftzüge ihres Mannes. Er hatte eine Gelehrtenhand. Er war solch eine echte deutsche Mischung von Denker, Abenteurer und altem Korpsburschen gewesen — ein Mann, der beim Abhäuten eines Löwen über den Buddhismus plaudern konnte und dabei tiefe Züge aus der Flasche mit Tropenbier tat . . . sie hatte das alles an ihm gekannt — ihn ganz zu verstehen geglaubt, auch da, wohin sie ihm nicht folgen konnte. Und er? . . . Wieder frug sie sich in ihrer Verstörung: ,Wenn er das nicht auch tat, wie ich — das an mir ehrte, was er nicht begriff — was hat er dann an mir geliebt? . . .ʻ

Es waren nur noch zwei Briefe da, die sie nicht kannte. Sie nahm in einem jähen Entschluss den oberen zur Hand. Sie las:

„Werner!

„Ich sollte Dir nicht schreiben! . . . Ich bin ein Gram vor Deinen Augen. Beruhige Dich: vor meinen noch viel mehr! . . . Dies Gefühl allgemeiner Elendigkeit wächst unaufhaltsam in mir. Seit meinem letzten Brief ist es riesengross geworden — steigt mir nächstens über den Kopf. So sende ich diese Zeilen ins Leere. Drüben überm Meer finden sie den einzigen Menschen, der mich versteht . . .

„Werner . . . nun weiss ich, was heue ist, in all meiner Liebe. Wehe den heillosen Leuten, die sich selber einsperren und dann den Schlüssel zum Fenster hinauswerfen. So einer bin ich! Hinterher rüttelt er an den Stäben . . . geschehen ist geschehen . . .

„Und die Freiheit so nahe . . . so verflucht nahe . . . man setzt sich aufs Schiff . . . man fährt durch unsern guten Suezkanal, den wir schon so oft sachte entlanggegondelt sind — im Roten Meer beginnt schon die andere Welt — die Fische fliegen — das Wasser über den Korallenklippen ist smaragdgrün . . . ist milchweiss und purpurrot — ich hab’ mich immer gewundert, wo unser Herrgott all die Farben für seine Palette in diesem Erdenwinkel hernimmt — und drüben leuchtet der Schnee des Sinai . . . und dann die langen Wellen des Indischen Ozeans . . . die ersten Kokospalmen über der Brandung . . . Es ist ja wirklich nur ein Katzensprung zu Euch hinüber . . .

„Ich will Dir verraten: Ich war letzte Woche entschlossen, diesen Sprung zu machen. Mein Koffer war gepackt. Passage belegt. Alles zur Flucht bereit. Ich wollte heimlich fort. Weg wie ein Dieb aus meinem Glück, von meiner geliebten Frau. Sie durfte natürlich nichts ahnen. Ich hab’ mich mit blutendem Herzen verstellt, die ganze Zeit. Sie merkte auch nichts. Ich glaube, sie merkt nie etwas, was in mir vorgeht. Ihr gibt unsere Ehe keine Probleme auf! Für sie bin ich ein humoristischer Mensch der besseren Stände, der sie liebt — der immer guter Laune ist, wenn er sie sieht, und rasend stolz darauf, sich an ihrer Seite zeigen zu dürfen. Voilà tout! Alles in schönster Ordnung! . . . Die grosse Sehnsucht . . . die kennt sie nicht . . . wenn sie auch mit Vorliebe sehnsüchtige Lieder singt . . .

„Ich aber hatte mir gesagt: Jetzt oder nie! Man muss sich losreissen! Es liegt im Menschen auch ein Wille zum Leiden, — eine Naturnotwendigkeit, ohne die man sich nicht ganz zu sich selbst entwickelt . . . ach . . . lieber Werner . . . dies letzte Beisammensein des Abends, vor Tisch! Ich hatte sie schon lange nicht so vergnügt gesehen . . . sie ging auf und ab, in ihrer langen Schleppe, mit blossen Schultern, Diamanten im Haar . . . sie war schön . . . schön . . . Und kramte geschäftig mit ihren Noten. Wir erwarteten Gäste — irgendein ganz besonderes Tier aus Bayreuth oder Buxtehude . . . ausser ihm nur noch drei, vier Auserwählte . . . aus dem ganz engsten Sang- und Klimperkreis. Und plötzlich kommt die Nachricht: ,Der grosse Mann hat Schnupfen! Kommt heute nicht! Vielleicht — übermorgen!ʻ . . . Telephon, Rohrpost, Diener nach allen Richtungen, um auch die anderen abzubestellen! Meine Frau und ich waren den Abend allein. Um zehn sah ich auf die Uhr. Da ging mein Zug. Da wusst’ ich: Das war die entscheidende Stunde meines Lebens. Die letzte. Sie kommt nicht wieder. Ich habe nicht mehr die Kraft dazu. Das Schicksal ist stärker. Es drückt mich hier platt auf den Boden. Hier bleib’ ich! Und habe meine letzte Selbstachtung verloren! Und verzehre mich an ihr. Sie trinkt mir das Blut aus dem Herzen und ahnt es nicht . . . weiss der Himmel, was schliesslich aus mir wird . . .“

Es klopfte. Der Diener meldete, dass das zweite Frühstück angerichtet sei. Die junge Witwe erhob sich und ging hinüber zu ihrer Mutter und Schwester, die schon am Tisch sassen. Es war ihr äusserlich nichts anzumerken. Sie war nur sehr still. Die beiden anderen Damen achteten nicht darauf. Sie redeten eifrig miteinander über den grossen Kolonialbasar, der in nächster Zeit in Berlin stattfinden sollte. Es war da unter anderen eine Bude geplant, in der Gisela und ihre Freundinnen allerhand Kuriositäten aus dem dunklen Erdteil, Waffen, Schmuck, Fetische verkaufen würden. Auch ihre Schwester hatte versprochen, sich zu beteiligen. Sie wollte ja jetzt wieder unter Menschen. Dies Fest war für sie, die Witwe eines Afrikareisenden, die beste Gelegenheit. Da wirkte sie in seinem Sinn, obwohl es ihr an sich völlig gleich war, ob drüben im Innern der Kolonie irgendwo ein Erholungsheim für Europäer gegründet wurde oder nicht. Sie fuhr zusammen, als Fräulein Weiferling zu ihr sagte: „Du . . . Gabriele . . . in nächster Zeit müssen wir mal anfangen, das Zeug drüben aus Pauls Zimmer, was du zum Basar stiften willst, von der Wand zu nehmen und zu putzen. Es ist alles grässlich verstaubt und vermottet!“

Das waren die afrikanischen Trophäen des verstorbenen Hausherrn. Die junge Witwe schwieg. Ihre Mutter versetzte: „Ich würde an deiner Stelle das Zimmer intakt lassen! Ich finde es ein wenig pietätlos, so mit den Erinnerungen an deinen Mann aufzuräumen. Das sind doch schliesslich die Sinnzeichen seines Lebens!“ . . .

Gabriele hob nervös den Kopf.

„Seines Lebens vor mir! An diesen Dingen habe ich nie teil gehabt!“ . . .

So sprach sie. Aber in ihr zitterte — zum erstenmal — ein Schrecken: ,ich hab’ daran so wenig teil gehabt, wie er an meinem Dasein! Aber was war denn dann eigentlich für ein Bund zwischen uns?ʻ

Die Kommerzienrätin meinte, gutmütig einlenkend — sie war dick und behaglich und liebte keinen Streit: „Nun ja . . . dann mach in Gottes Namen mit dem Krimskrams, was du willst!“

Zugleich sprang Gabriele Lünhardt plötzlich, von einer inneren Angst getrieben, auf, noch ehe der Nachtisch aufgetragen war. Sie nahm sich kaum die Zeit, den anderen flüchtig zuzunicken, und eilte wieder hinüber in ihr Zimmer. Dort griff sie hastig nach dem letzten der Briefe. Sie überflog ihn. Sie las bebend, mitten aus dem Zusammenhang heraus:

„Weisst Du denn überhaupt, Werner, was Weltschmerz ist? Grimmiger, bis auf die Knochen gehender Weltschmerz? Und so des Lebens letzte Weisheit? Sein Schluss? Sein Trugschluss? Nein — keinen blassen Schimmer hast Du davon, mein Gutester! Du bist in solchen Sachen ein ungebildeter Bursche! Mehr fürs Teeblätter zupfen und faule Nigger fuchteln. Ich aber bin eigentlich ein reich angelegter Kerl — zu weit auslaufend — zu tausenderlei zu gebrauchen — und soll immer nur ihr Mann sein . . . immer nur ihr Mann . . .

„Ich bin ein philosophischer Kopf — besonders wenn es mir schief geht! Ich grüble die ganze Zeit darüber nach: darf der Mensch seinem Dasein ein Ende machen, weil er zu glücklich ist? . . . glücklich wider sich selbst und darum vor Reue der unglücklichste Mensch unter der Sonne? Eine Doktorfrage . . . nicht? Ich wollte sie neulich praktisch lösen. Ich habe noch allerhand Giftpfeile und ähnliches Zeug von meinen Expeditionen hier an der Wand. Sie sind vermuffelt wie alles um mich. Aber trotzdem: ein Ritz an meiner Pulsader . . . Bester! wo sind alle Zweifel . . .?

„Lieber Freund . . . ich schreibe Dir . . . also lebe ich noch . . . werde leben . . . werde so alt werden wie der selige Methusalem . . . mit meiner zähen Konstitution . . . ich kann nicht hinüber in das fremde Land — ich kann ebensowenig zu Dir hinüber in Dein Land. Ich liebe sie zu sehr . . .

„Rache, Du alter Esel . . . Rache der Natur: Ich habe mein besseres Teil verkauft! Nicht um ein Linsengericht, nein, um die Liebe . . . Ich bin zwiespältig geworden von Kopf bis zu Fuss. Ein Doppelwesen. Der Mensch von heute frisst in mir den von gestern auf. Und dieser letztere war doch ich! Sein Widersacher aber geht herum und ist guter Dinge und tut, als wäre er ich selber. Was soll nun mit mir geschehen? Soll ich als meine eigene Verleugnung hier vor den Philistern paradieren? Mit offenen Augen! Ich muss wohl so elendiglich versumpfen. Ich kann den Zerstörungsprozess an mir so gut sich langsam entwickeln sehen, wie ich als Arzt früher eine Krankheit erkannte. Eine entsetzliche Perspektive! . . . Ich habe ja freilich Den kleinen schwarzen Giftpfeil an der Wand . . . Sollte es einmal geschehen, dann weisst Du, warum es geschehen ist! . . . dann wäre das die erste Stunde gewesen, wo ich mich mehr geliebt hab’ als sie — und die Stunde wird nie kommen . . .“

Gabriele Lünhardt sass, die Hände im Schoss, mit halboffenem Mund. Lange konnte sie gar nichts denken. Es war ihr, als sei das Haus eingestürzt und der Himmel dazu. Irgend etwas war geschehen, was alles bisher Gewesene aufhob. Es war unmöglich, sich da zurechtzufinden. Nur der eine Gedanke hämmerte sich immer tiefer in ihr Hirn: ,Er war so unglücklich neben dir, dass er sein Leben an deiner Seite verflucht hat! . . . Er war so unglücklich neben dir, dass er verzweifelt weg wollte, in die weite Welt hinaus! . . . Er war so unglücklich neben dir, dass ihm das Nichtsein besser dünkte als das Sein! . . . Wie hast du ihn trotzdem glücklich machen können, blind wie ihr gegeneinander wart? Die ihn glücklich machte, warst nicht du!‘

Dann war ihre Ehe ja ein einziges, furchtbares Missverständnis gewesen. Draussen im Vorsaal klangen Schritte. Die junge Witwe fuhr auf. Sie hatte eine Todesangst, dass jetzt jemand kommen könne, um sie mit irgendeiner alltäglichen Frage zu stören. Hastig, wie in der Furcht, auf einem Verbrechen ertappt zu werden, verschloss sie die Briefe. Die durfte niemand sehen. Dann stand sie auf und überlegte: Was nun? . . . Nichts! Der diese Zeilen geschrieben, war ja lange tot. Alles war zu Ende. Nichts rief die Vergangenheit zurück . . .

Nur jetzt keine Menschen! Es war die Zeit ihres gewohnten einsamen Spaziergangs. Sie kleidete sich selber an. Sie eilte durch den Tiergarten dahin, als sei ihr ein Feind auf den Fersen. Dann machte sie halt, in einem jähen Schrecken: was war das nur? Es kam über Nacht. Es warf alles über den Haufen. Wieder frug sie sich: ,Wenn diese Briefe ihn widerspiegeln, was war ich ihm dann? . . .‘ Und dachte sich im Weitergehen: ,Er sagt in diesen Beichten doch immer nur, dass ich schön sei! Das weiss ich. Das haben mir schon viele gesagt. Wenn er nicht mehr in mir gesehen hat . . . nicht gewusst hat, wie viel mehr ich bin . . .‘

Bei dieser Vorstellung rückte das Bild ihres Mannes von ihr hinweg, in die Ferne. In die feine, durchsonnte, silbern-klare Herbstluft hinaus, die ihre weissen Fäden um Baum und Strauch spann. Es war, als ob seine Züge sich leise, langsam veränderten — verschwammen. Sie erschrak von neuem. Das durfte sie doch nicht verlieren! Das war ja ihr Halt im Leben. Aber so rasch sie auch ging — es wich von ihr zurück. Es liess sich nicht mehr fassen, mit aller ihrer Liebe und mit allem Zorn.

Schlechtes Gewissen? In ihrem Leben hatte sie es nicht gekannt. Sie war mit sich ausserordentlich zufrieden gewesen und hatte es von den anderen als etwas Selbstverständliches verlangt, dass sie es auch seien. Nun war da ein Stocken des Herzschlags: ,So rächt es sich, wenn man seinen Nächsten sich zum Gleichnis macht‘ . . . Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber sie musste es: ,Ich hab’ in ihm mich selbst geliebt! . . . Er sollte so sein, wie er mich ergänzte! . . . Mit dem Besten und Schwächsten in ihm, seiner Liebe zu mir, habe ich ihn dazu gezwungen. Und gerade dadurch blieb ich ihm fremd . . .‘

Während sie unit gesenktem Kopfe des Weges schritt, gestand sie sich: ,Und er mir fremd! Auch in ihm war mehr! Ich hab’ es nicht entdeckt. Ich war viel zu sehr mit mir selber beschäftigt. Ich hab’ es nicht gesehen, dass ein Mensch neben mir, an mir zugrunde ging — ein Mensch, den ich doch liebte wie keinen anderen auf der Welt . .

,. . . Und der mich noch viel mehr liebgehabt hat. Denn ich hätte das Opfer meiner ganzen Persönlichkeit nicht bringen können, wie er es tat . . . Und dies Opfer war umsonst! Für ihn und für mich.‘

Das wurde in ihr zu einer mitleidlosen Klarheit. Gabriele Lünhardt wusste auf einmal mit verzweifeltem Bangen: ,Vor drei Jahren habe ich meinen Mann begraben! — Verloren hab’ ich ihn heute! . . .‘

Erschüttert und erschöpft kam sie nach Hause. Da war alles wie sonst. Die beiden Damen ausgegangen. Niemand zu sehen. Die Stille war ihr unerträglich. Es bebte in ihr. Was sollte nun werden? Es konnte doch nicht so weitergehen. Sie konnte nicht schweigend diesen tödlichen Schlag tragen und lächeln und nach aussen tun, als sei nichts geschehen! Sie musste sich dagegen wehren! Es gab nur einen Menschen, an den sie sich zu klammern vermochte. In der Halle lag noch die Visitenkarte des Freiherrn von Ostönne — zuoberst in der silbernen Schale. Seine Berliner Adresse stand darauf. Die junge Witwe warf blindlings, mit zitternder Hand ein paar Zeilen auf einen Bogen.

„Ich habe die Briefe erhalten. Ich muss Sie durchaus noch einmal sprechen. Sofort. Ich werde zu Hause bleiben und Sie empfangen, wann Sie auch kommen!

Gabriele Lünhardt.“

Als sie den Diener mit dem Schreiben weggeschickt hatte, wurde es ihr in Erwartung eines kommenden Kampfes freier ums Herz. Es war ihr, als stritten sie beide um die Leiche ihres Mannes, seine Frau und sein Freund. Aber er sollte den Sieg nicht haben! Noch nie war sie einem Menschen unterlegen. Erregt schritt sie in ihrem Zimmer auf und nieder. Sie konnte nirgends ruhig bleiben. Sie suchte etwas und sagte sich mit zuckenden Lippen: ,Ich suche meinen Mann und finde ihn nicht. Nach seinem Tod war er hier überall. Jetzt, wo er noch einmal aus dem Leben zu mir sprach, ging er aus dem Hause.‘

Sie setzte sich unruhig an ihren Flügel, ihre Zuflucht in aller Not. Das war, wie wenn andere beteten. Sie hielt die Augen halb geschlossen. Sie wusste kaum, was das für Töne waren, die ihren schmalen, weissen Fingern entquollen. Es war dasselbe wie gestern — das Klagende, das Rätselhafte: Was weckst du der Wala Schlaf? . . .

Tief unter der Erde wohnen die Nornen — liegen die Toten — ist die Ruhe . . . Wehe, wenn die Abgründe sprechen — die letzten Geheimnisse sich enthüllen . . . es klang ihr düster in die Ohren, wie von einer fremden, fernen Stimme, voll Verzweiflung über das eigene Wissen und Weh. Gnade dem, dem zu viel Erkenntnis ward unter der Sonne . . .

Sie liess die Hände von den Tasten sinken. Die Saiten seufzten und verklangen. Ihr Blick fiel durch die offene Türe auf die Photographie ihres Mannes an der Wand gegenüber. Auf einmal verstand sie diesen Zug um die Lippen — dies sonderbare, stille, ironische Lächeln. Der machte sich nicht über die anderen lustig, der spottete seiner selbst: ,Schwachheit, dein Name ist Mann!‘ und schwieg . . . schwieg im Leben und im Tod . . . bis auf die heutige Stunde.

Ihre Augen waren trocken. Sie konnte nicht weinen. Sie war viel zu entsetzt. Ihr war, als ringe sie um ihr ganzes Sein gegen einen unsichtbaren Feind. Nein! Nicht unsichtbar. Er war da! . . . Man konnte ihn fassen. Sie atmete auf. Sie hörte, wie draussen in der Halle jemand mit dem Mädchen sprach. Das war der Freiherr von Ostönne. Sie wartete nicht erst, bis er sich anmelden liess. Sie öffnete selbst die Türe ihres Zimmers und sagte aus trockener Rehle in den Vorplatz hinaus: „Bitte, kommen Sie nur!“

Werner von Ostönne trat ein. Er hielt den Zylinder in der Hand und trug den langen schwarzen Gehrock wie gestern. Sein sonnengebräuntes Antlitz war ebenso gleichgültig und fest. Seine schwarzen Augen prüften sie mit einem raschen, kalten Blick. Er verbeugte sich.

„Sie wünschten mich noch einmal zu sprechen?“

Sie bot ihm keinen Stuhl an. Sie stand vor ihm im Zimmer.

„Ja. Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen!“

„Ich stehe zu Diensten!“

Plötzlich war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei. Es rang sich ihr leidenschaftlich über die Lippen. Es war ihr eine Erlösung, das aussprechen zu dürfen.

„Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie sich niedrig und verräterisch benommen haben, dass Sie dies . . . dies da an mich abgesandt haben!“

Auf seinem Gesicht zuckte Keine Muskel. Er erwiderte nur: „Hüten Sie Ihre Worte, Frau Lünhardt!“

„Nein! Das tu’ ich nicht! . . . Ich sag’ Ihnen die Wahrheit! So handelt kein Ehrenmann . . .“

„Frau Lünhardt . . .“

„Ich war so glücklich mit meinem Mann! Ich war noch so glücklich in der Erinnerung an ihn! Welches Mass von Bosheit gehört dazu, mir auch das noch zu rauben!“

„Bitte, hören Sie mich . . .“

„Ein anderer hätte sich an Ihrer Stelle gesagt: ,Und wenn es zehnmal eine Täuschung ist — diese Täuschung ist ihre ganze Seligkeit, tut keinem Menschen weh — gibt ihr und denen um sie Frieden und Ruhe . . . Wozu dies arme bisschen Schleier zerreissen? Für sie ist’s ja so viel . . .‘ Aber Ihrer Rachsucht war damit nicht gedient! Ach, schweigen Sie! Ich weiss, dass es nur Rachsucht war! Sie bilden sich ein, ich hätte Ihnen Ihren Freund genommen . . . Sie waren mein Todfeind von jeher. Nun haben Sie die Gelegenheit benutzt, mich hinterrücks zu treffen. Es ist Ihnen gelungen — aber Ihre Ehre ging dabei in die Brüche, Herr von Ostönne! Man gibt nicht Briefe preis, die einem im tiefsten Vertrauen geschrieben sind! Solche Geheimnisse sind heilig! Die mussten mit Ihnen ins Grab sinken, wenn Sie ein Ehrenmann waren . . .“

„Ich bitte, mich jetzt endlich sprechen zu lassen . . .“

„Sie waren doch Offizier! Trugen den Degen an der Seite! . . . Ich begreife es nicht, wie Sie noch vor mir stehen können und mir ins Gesicht sehen . . .“

„. . . Weil alle Ihre Anschuldigungen grundlos sind, Frau Lünhardt!“

„Grundlos! Da liegen doch die Briefe meines Mannes!“

„Sie liegen da auf seinen eigenen Wunsch!“

„Was?“

„In seinem letzten Brief an mich, am Tage vor seinem Tode, hat er mir ausdrücklich aufgetragen . . .“

Sie unterbrach ihn, wild auflachend.

„Da hab’ ich Sie schon! Es ist nicht wahr! Am Tage vor seinem Tode war er nicht mehr imstande zu schreiben! Das weiss ich besser als Sie!“

„Ich habe auch nicht gesagt, dass er selbst geschrieben hat. Er hat die paar Zeilen diktiert. Darum legte ich sie nicht bei — weil sie nicht von seiner Hand sind . . .“

„Wem hat er sie diktiert?“

„Dem Hauptmann Bankholtz, der hat sie mir auf seinen Wunsch damals geschickt, noch am gleichen Tage!“

„Wo sind sie?“

„Hier!“

Er zog einen zerknitterten Brief hervor und reichte ihn ihr. Sie erkannte die Handschrift ihres künftigen Schwagers. Das Schreiben war kurz, eine Stelle am Schluss mit Bleistift angestrichen. Sie las:

„Es ist zu Ende, alter Kerl! Der liebe Gott benötigt mich dringend da oben und meint es so, wahrscheinlich mit mir am besten! . . . Ich muss mich eilen . . . Ich kann kaum mehr. Meine Frau ist auf eine halbe Stunde fort — zum Arzt. Da hab’ ich schnell Bankholtz kommen lassen. Also höre: Wenn ich hinüber bin und all der faule Zauber mit Begräbnis und Beileid vorbei, dann schicke meiner Frau sofort alle meine Briefe an Dich. Aber so, dass sie sie sicher bekommt! Ich will es! Wenn man mit einem Bein schon hinüber ist, dann möchte man die Lügen des Lebens hinter sich ganz zerstören! Drum muss es sein! Wie ich sie geliebt hab’, das weiss sie! Was ich um sie gelitten hab’, das soll sie erst nach meinem Tode erfahren . . .“

Gabrieles Hand, die das Schreiben hielt, sank langsam nieder.

Werner von Ostönne versetzte: „Sie sehen, Frau Lünhardt: in dem Brief steht: ,sofort!‘ Trotzdem habe ich drei Jahre lang gezögert und mit mir gekämpft, ob ich es tun soll! Aber wie ich nun hier herüberkam, wurde das Verantwortlichkeitsgefühl in mir zu stark. Ich habe noch ein Letztes getan. Ich habe vorgestern mit Bankholtz darüber gesprochen. Er erklärte mir: ,Du hast kein Recht, diese Briefe zurückzuhalten, die dich nichts angehen, sondern sein Verhältnis zu seiner Frau betreffen. Du bist da lediglich der Vollstrecker eines Testaments!‘ . . . Sie sagen, Frau Lünhardt: ,Schweigen ist heilig!‘ Aber der letzte Wille eines Sterbenden ist noch heiliger! Den hab’ ich erfüllt, wenn auch mit schweren Herzen, und dabei gleich auch meine eigene Meinung mit herausgesagt. Das letztere war wohl unnötig! Das verzeihen Sie mir!“

„Warum haben Sie mir diesen Brief nicht gleich gezeigt?“

„Ich hab’ es gestern in der Erregung vergessen! Ich wusste kaum mehr, was ich sprach und tat.“

Es war eine tiefe Stille zwischen beiden. Dann versetzte Gabriele: „Sie waren doch froh, sich an mir rächen zu können . . .“

Er zuckte die Achseln und schwieg.

Sie wandte sich ab. Sie murmelte: „Aber er hat es selbst so gewollt! . . .“

„Er hat es gewollt . . .“

Draussen vor dem Fenster wiegte sich das bunte Herbstlaub im Sonnenschein, der blaue Himmel lugte hindurch. Gabriele Lünhardt stand in der Helle am Fenster, von ihrem Besucher abgewandt. Sie rang mit sich. Endlich sagte sie kaum hörbar zwischen den zusammengepressten Lippen: „Wenn dem so ist, dann kann ich Ihnen allerdings keine Vorwürfe machen! Betrachten Sie, bitte, meine verletzenden Worte von vorhin als ungesprochen!“

„Ich habe sie nie anders aufgenommen, Frau Lünhardt!“

Sie ging an ihren Schreibtisch, raffte die vergilbten Briefe zu einem Päckchen zusammen und hielt es ihm hin.

„Ich danke Ihnen!“ sagte sie kalt. „Ich habe nun gelesen, was ich lesen sollte. Ursprünglich waren Sie der Adressat! Also nehmen Sie Ihr Eigentum zurück!“

Er zögerte.

„Ich weiss nicht, ob es mein Eigentum ist, Frau Lünhardt! Ich hab’ seit Jahren das Gefühl gehabt, als ob ich etwas Fremdes unterschlüge — etwas, das Ihnen allein auf der Welt gehört!“

„Aber ich behalte diese Briefe nicht!“

Bittere Verzweiflung zuckte auf ihrem Gesicht. Sie hatte die Hand immer noch ausgestreckt. Da nahm er die Blätter.

„Was sie tun sollten, haben sie ja nun erfüllt . . . ,“ sagte er. „Nach seinem Vermächtnis! Ich war nur das Werkzeug! Das einzige, was ich von mir aus tun kann, ist das!“

Er warf den Stoss engbeschriebener Bogen in das Feuer des Kamins. Die spielenden Flämmchen haschten gierig nach dem seidendünnen Tropenpapier. Eine blaue Lohe schlug auf, flackerte und erlosch. Gabriele stand stumm daneben. Endlich, als das letzte Blatt verkohlt war, versetzte sie: „Das war vergebliche Mühe!“

Er drehte fragend den Kopf.

Sie fuhr fort: „Das verbrennt doch nicht! Das bleibt! . . .“

Er zuckte die Achseln. Er erwiderte nichts. Er wartete einige Sekunden, ob sie ihm noch etwas zu sagen habe. Es lag viel auf ihren Lippen, aber sie schwieg. Sie sah ihn wie hasserfüllt an. Da nahm er seinen Hut vom Stuhl, verbeugte sich stumm und verliess das Zimmer.

Sie hatte kaum merklich das schöne, aschblonde Haupt geneigt. Nun war sie allein. Da draussen ging ihr Besucher durch den Vorgarten, die Strasse entlang, mit gleichmässigen Schritten, ohne sich umzusehen, wie einer, der von der Blutrache kommt. Er hatte sein Opfer gestreckt. Im Herzen fühlte sie den Stoss . . .

Und dabei doch aufrecht umherwandeln zu können . . . es war unheimlich, wie viel ein Mensch ertrug . . . dieser Schrecken . . . dieser grenzenlose Schrecken . . . Alles so anders, als man gedacht . . . An den Wänden hingen die Bilder ihres Mannes. Sie vermied es, sie anzusehen, während sie halb geistesabwesend durch die Zimmer schritt, den Stimmen zu, die sie aus den Empfangsräumen vernahm. Der Hauptmann Bankholtz sass da — er benutzte sein Recht als Bräutigam, um mindestens zweimal täglich vorzusprechen — und stritt sich mit seiner Verlobten. Wenn man sah, wie sie sich leidenschaftlich das Wort abschnitten, fassunglos die Hände gegeneinander rangen, gottergeben beim Widerspruch des anderen zum Himmel aufsehend, so konnte man glauben, es handelte sich um Tod und Leben. Dabei waren es immer nur Dummheiten. Küsse das Ende. Sie massen spielend ihre Kräfte aneinander, in diesen flüchtigen Regen- und Hagelböen vor der Ehe, hinter denen gleich wieder die Sonne schien . . .

Und Gabriele Lünhardt dachte sich mit einem versteinerten Lächeln: ,Ja — ihr werdet glücklich! . . . Ihr richtet euch jetzt schon aufeinander ein! . . . Ihr verarmt nicht aneinander. Ihr treibt nicht Raubbau am Nächsten . . . ‘

Bei ihrem Eintritt fuhren die beiden Köpfe, die eben wieder einmal Versöhnung feierten, blitzschnell nach rechts und links. Der Südwestafrikaner bemühte sich, ein unbefangenes Gesicht zu machen. Er stand auf und lächelte harmlos. Dabei war er rot geworden und Gisela auch. Die junge Witwe sah es und sagte kurz: „Gott . . . Kinder . . . habt euch doch nicht! . . .“

Es war ihr selber merkwürdig, dass sie sich so ganz in ihrem äusseren Menschen verwandeln konnte. Der Hauptmann Bankholtz lachte über sein gesundes, gutmütiges Gesicht und beteuerte: „Schwägerin . . . Sie müssen mal dem Gischen gehörig den Kopf waschen! Sie ist grässlich eigensinnig!“

Und Fräulein Weiferling rief dagegen, schon an der Türe: „Er ist der Bock! . . . Aber wart nur!“

Damit lief sie davon. Zur Mutter. Mit der hatte sie jetzt immer endlose geheime Beratungen wegen der Aussteuer. Die ganzen Räume im oberen Stockwerk lagen voll Wäsche und Stoffproben. Die beiden anderen blieben allein zurück. Nun wurde der Hauptmann sofort ernst.

„Na . . . Ostönne war eben wieder da!“ sagte er.

Sie glaubte etwas aus seinen Worten herauszuhören. Natürlich . . . er war ja mit im Bunde gewesen . . . Furchtbar, wie alle diese Leute hatten schweigen können! Jahre wie Jahre . . .

Aber Bankholtz fuhr ahnungslos fort, auf das Morgenblatt deutend, das auf dem Tisch lag: „. . . War wohl grimmiger Laune . . . der alte, tüchtige Ostönne?“

„Wieso?“

„Na . . . haben Sie nicht heute früh in der Zeitung gelesen . . . diese Kolonialgeschichte!“

Sie verneinte. Sie interessierte sich nur für die Konzert- und Opernnachrichten.

„Sie rücken ihm höllisch auf die Bude! Sie wärmen den ältesten afrikanischen Kohl auf. An der Spitze der Konsul a. D. Fliesen. Ja, solche Feinde hat sich Ostönne massenhaft gemacht — ganz unnötig — nur durch seine schroffe Art . . .“

Der Hauptmann Bankholtz sah noch einmal in die Zeitung und schüttelte missbilligend den Kopf.

„. . . Na . . . wenn sie auf dieser Ostönneschen Expedition die Gefangenen umgebracht haben sollen . . . einschliesslich Weiber und Kinder . . . erstens: ich war nicht dabei — der Esel, der Fliesen, und sein Anhang von Küstenbummlern noch weniger . . . kein Mensch . . . zweitens: die Geschichte ist gut zehn Jahre her — also — wer weiss, ob daran ein Jota wahr ist? Und ist’s Verleumdung, so freut das nur die Engländer, die dann mal wieder ordentlich in Scheinheiligkeit machen können . . .“

Die junge Witwe hatte nicht zugehört. Diese Negergeschichten waren ihr völlig gleichgültig. „Ich muss einmal über etwas sehr Ernstes mit Ihnen reden, Schwager?“ sagte sie unvermittelt. „Am Tag vor seinem Tod hat, wie ich eben höre, mein Mann Sie zu sich holen lassen, während ich weg war, und Ihnen einen Brief an Herrn von Ostönne diktiert . . . nein . . . lassen Sie . . . das weiss ich schon alles . . . aber was ich wissen möchte . . . hat er auch mit Ihnen darüber gesprochen? . . . hat er etwa auch Ihnen etwas Besonderes an mich aufgetragen?“

Der Schutztruppenoffizier sah sie forschend an und überlegte. Dann verneinte er. Sie drängte weiter.

„Aber, was ist damals sonst geschehen? Erzählen Sie!“

„Anfangs, wie ich eintrat, nichts! Er warf sich hin und her. Ich beugte mich über ihn und frug ihn: ,Kann ich etwas für Sie tun?‘ da sagte er mühsam — und hatte die Augen weit offen: ,Soll ich? . . . soll ich nicht?‘ . . . Ich hab’ nicht geantwortet . . . ich wusste ja nicht, was er meinte . . . Auf einmal hat er sich aufgerichtet und angstvoll gerufen, so, als fürchtete er, er käme zu spät: ,Es muss sein . . . setzen Sie sich, Bankholtz . . . schreiben Sie!‘ Da hab’ ich geschrieben . . .“

„Er war also bei klarem Bewusstsein?“

„Ja. Den Eindruck hatte ich. Daraus habe ich auch Ostönne gegenüber kein Hehl gemacht, als ich jetzt mit ihm sprach . . .“

„Aber gegen mich haben Sie geschwiegen.“

„Ich werde mich hüten und mich in Dinge mischen, die mich nichts angehen!“ sagte der Hauptmann ehrlich. „Ostönne war der Empfänger des Briefes. Das war etwas anderes! Der tat jetzt nur seine Pflicht, wenn er . . .“

„Aus Hass tat er’s . . . aus Hass gegen mich! . . . Ich möchte nur eines . . . ich möchte ihn hier tot zu meinen Füssen sehen!“

„Um Gottes willen!“

„Sie sagen, er hat hier Feinde! Hoffentlich sind sie stärker als er! Hoffentlich erliegt er! Kann ich gar nichts dazu beitragen? . . . Gibt es kein Mittel, Schwager? . . . Dann verraten Sie es mir! . . . Ich wäre Ihnen so dankbar . . .“

„Kommen Sie doch zu sich! Das ist ja schrecklich. Man könnte sich vor Ihnen fürchten!“

„Ach . . . ihr steckt alle unter einer Decke!“ sagte Gabriele Lünhardt, plötzlich wieder verächtlich-ruhig geworden. „Also gut! Ich danke Ihnen für Ihre Auskunft!“

Sie ging hinüber in ihre eigenen Räume. Sie wiederholte sich dabei: ,Sein letzter Wunsch und Wille auf Erden war ein Giftpfeil gegen mich! Dabei hat er mich geliebt, wie nur eine Frau auf Erden geliebt werden kann. Wer löst dies Rätsel? Und wer hilft mir . . .?‘

In ihrem kleinen Zimmer, vor dem Diwan, blieb sie stehen. Sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten. Sie stürzte hin und brach in heisse Tränen aus . . .

5

In der nächsten Zeit quälte Gabriele Lünhardt die eine Frage: ,Wer war mein Mann? . . .‘

Der Gedanke verfolgte sie. Sie fand keine Antwort darauf. Sie konnte sich nur immer wieder sagen: ,So wie ich ihn sah, war er nicht . . .‘

Und war er anders, so kam sie zum Schluss: ,Es war ein fremder Mann, der mich liebte . . .‘

Aber wenn man sich liebt, ist man sich nicht fremd. Dann gibt es doch ein Hellsehen des Herzens. Sonst wäre das keine Liebe . . .

Der Widerspruch war ihr unlösbar. Deutlich empfand sie nur das eine: einen ungeheuren Verlust — eine Leere an der Stelle, wo bisher der Angelpunkt ihres Lebens gewesen war.

Oft stand sie vor einem der Ölgemälde an den Wänden, die ihren Mann vorstellten. Ein Gesicht sah auf sie herab . . . sie kannte es . . . aber es war ein Nebel dazwischen . . . eine Ferne . . . sie nahm den Rahmen mit den nach Alterstufen geordneten Photographieen Paul Lünhardts zur Hand . . . sie suchte sich seinen Werdegang zu verdeutlichen, von der Wiege bis zur Bahre, und erschrak: Wie wenig wusste sie doch eigentlich von ihm — wie furchtbar wenig . . .

Das Äusserliche nur in grossen Zügen: Ein Mensch der Freiheit mit allen Nöten der Freiheit — ein Mensch, dessen Leben Unrast gewesen, bis zur Ehe . . . Eine ironische Überschrift aus einem seiner nun verbrannten Briefe an Ostönne fiel ihr ein: Sie hatte gelautet: „Gegeben in meinem goldenen Käfig zu Berlin, am siebenundzipanzigsten November.“ Ja! Das war er. Wildling blieb Wildling. Sie traf da keine Schuld. Aber hatte sie sich je darum gekümmert, was die inneren Kräfte in ihm gewesen waren, die seinen Lebenslauf über Länder und Meere geführt hatten? Was hatte er dort gesucht — gefunden — erlebt — wie hatte sich das in ihm gespiegelt — wie weiterentwickelt — wie hing dies bewegte äussere Dasein seelisch zusammen? Es mutzte für ihn doch auch ein Gesetz der Dinge geben — sie hatte es nie zu ergründen sich bemüht. Nun war es zu spät. Der Mann an der Wand da oben lächelte sein sonderbares, stilles Lächeln und schwieg für immer . . .

Seine Witwe beschlich eine Reue: ,Ich habe unrecht an ihm getan! Ich habe ihm in meinem gedankenlosen Glück das versagt, was wir jedem, auch dem Geringsten unter unseren Nächsten schulden: die Ehrfurcht vor einer fremden Menschenseele. Aber stärker als dies Unbehagen einer versäumten Pflicht war in ihr die Bitterfeit: ,Er ist mir noch viel mehr schuldig geblieben! Er hat mich schön gefunden und sonst mich nicht gekannt!‘ Das erschien ihr nachträglich als eine Entwürdigung. Sie ertappte sich auf einer zornigen Feindseligkeit gegen den Verstorbenen, den Verständnislosen . . . Er war an ihr unglücklich geworden . . . an ihr . . . sie presste die Lippen zusammen . . . sie war im Innersten verletzt . . . sie hätte auflachen mögen vor Kränkung und Stolz und Gram . . .

Von drüben her tönten Stimmen durch die Wohnung. Die Türe zu der afrikanischen Junggesellenklause des toten Hausherrn stand offen. Die Geweihe und Waffen, die bunten Federkopfputze und Mäntel und Affenfelle und plumpgeschnitzten Fetische lagen auf dem Fussboden durcheinander, um für den Verkauf im Wohltätigkeitsbasar geordnet zu werden. Der Hauptmann Bankholtz hatte ein paar ihm verdächtig vergiftet erscheinende Pfeile und Dolche sorgsam beiseite getan und machte als Sachverständiger das Verzeichnis. Seine Braut half ihm dabei, stäubte mit spitzen Federn die einzelnen Stücke ab und schrie auf, wenn eine Motte aus einem zerschossenen Pantherkopf aufflog, oder ein weisser Wurm ihr aus einem Antilopenhorn entgegenkroch. Sie wollte auf dem Kolonialfest als Burenmädchen gekleidet verkaufen, einen grossen Schlapphut auf einem Ohr, ein Patronenbandelier quer über der Brust, als eine Art überseeische Jungfrau von Orleans. Der Hauptmann freute sich darauf, wie niedlich sie sich mit ihrem flachsblonden Haar, ihrem feinen Gesicht, ihrer Begeisterung für die gute Sache hinter dem Ladentisch ausmachen würde. Er riet: „Üb dich nur ordentlich im Ausschreien! . . . Sonst kommt keiner!“ Und sie rief, auf einen Stuhl kletternd und ein Büffelhorn schwingend, mit heller Stimme: „Immer hereinspaziert, meine Herrschaften! Grosser Ausverkauf zum billigen Mann!‘ . . . Du . . . ich fürchte, wir kriegen gar nichts für das Mottenzeug! . . . Ich muss jedesmal noch einen Kuss dreingeben!“

„Untersteh dich!“

Er fasste sie zürnend um die Taille und schwenkte sie durch die Luft zu Boden. Sie quietschte und stemmte die Hand gegen seine Brust, um sich zu wehren. Dabei fiel der Stuhl mit Gepolter um. Nun platzten sie erst recht heraus, und von nebenan mahnte die Kommerzienrätin: „Gischen . . . du Gackerlise . . . Nimm dich doch zusammen! Wenn man das Zimmer eines Verstorbenen aufräumt . . . Eben kommt Gabriele . . .“

Die junge Witwe trat über die Schwelle und blieb fröstelnd stehen. Wie hatte sich der muffige, wunderliche Raum verändert! Er war ein ganz gewöhnliches, helles Viereck geworden, mit verschossenen Tapeten, nüchtern und leer. Ein Vorwurf quälte sie: ,Das ist auch dein Werk! . . . Damit zerstörst du das letzte, was von deinem Mann noch übrig war. Sein Bild zerrinnt dir zwischen den Fingern. Wird wesenlos. Auch dies hier, woran sein Herz hing, lässt du gleichgültig fahren! So wenig ehrst du die Spuren seiner Tage — weil sie den deinen nicht glichen . . .‘

Sie hätte es jetzt gerne rückgängig gemacht. Aber es war zu spät. Ihre Schwester sagte am Boden kniend: „Uff! Nun ist das Grossreinemachen bald überstanden!“

Ohne darauf zu achten, dass die junge Frau unter ihren Worten zusammenzuckte, hob sie ein Schälchen empor.

„Du, Gabriele . . . schau mal die Würmer da! Grauslich, nicht? Ich hab’ schon eine ganze Untertasse voll gesammelt . . .“

Ein erstickter Ton von oben machte sie aufmerksam. Sie frug erschrocken: „Mein Gott . . . was hast du denn?“

Die andere gab ihr keine Antwort. Sie wandte sich hastig ab und ging davon. Es war mit einem Male ein Schauder über sie gekommen . . . ein Schuldbewusstsein . . . sie hatte nichts verbrochen und sah doch immer diesen Teller voll Würmer vor sich . . . ja . . . Würmer . . . das Sinnbild der Vergänglichkeit . . . die frassen, was nicht mehr sein sollte . . . die nagten an allem . . . die Angst stieg ihr bis in die Kehle. Sie floh in ihr Boudoir und schloss sich da ein, als könne ihr jemand folgen und von ihr Rechenschaft verlangen . . . wofür nur? . . . Dafür, dass das Gewesene in Staub und Asche zerfiel, wie Mumien zerblättern, die man aus ihren Gräbern nimmt? Die Hälfte alles Glückes hiess: ,die Dinge ruhen lassen!‘ Ihr Frieden war dahin . . .

Am Nachmittag brachte ihr die Post einen Brief. Der Major von Wingerow schrieb:

„Verehrte gnädige Frau!

„Ende dieser Woche ist wieder Ihr Musikabend, zu dessen regelmässigen Gästen ich bisher dank Ihrer Güte zählen durfte. Es waren mir immer Stunden hohen Genusses. Ich habe es stets als eine Unbilligkeit empfunden, dass man nur die Menschen musikalisch nennt, die eine Singstimme oder ein Instrument meistern, nicht auch die, die wie ich diese Darbietungen der Kunst mit offener Seele in sich aufzunehmen vermögen. Das ist mir von jetzt ab selbstverständlich versagt. Wenn ich dies noch besonders schreibe und bitte, mein Ausbleiben in Zukunft entschuldigen zu wollen, so leitet mich da die Pflicht der Höflichkeit, nach der der ein für allemal Eingeladene es seinem gütigen Gastgeber zu melden hat, wenn er verhindert ist, zu kommen. Empfangen Sie nochmals den Dank für alles, was ich in Ihrem Hause gefunden habe! In Verehrung

v. W.“

Sie betrachtete nachdenklich die Zeilen. Das schien ihr so lange her, durch die Ereignisse überholt. Sie setzte sich hin und antwortete ohne viel Besinnen:

„Verehrter Freund!

„Ich glaube, es ist besser, Sie überwinden sich doch und lassen sich ein- oder ein andermal in meinem Hause sehen! Wozu durch plötzliches Fernbleiben Aufsehen erregen? Weswegen brauchen die Leute zu glauben, dass irgend etwas vorgefallen ist? Ich möchte einen Mann wie Sie dem nicht unnötig aussetzen. Also kommen Sie ruhig! Wir sind doch schliesslich zwei vernünftige Menschen. Sie erweisen dadurch einen Gefallen

Ihrer

Gabriele Lünhardt.“

Als sie den Brief wegschickte, kam es ihr unwillkürlich in den Sinn: ,Ich hab’ ihm unrecht getan. Dieser da, Wingerow, der Musik liebt und geniesst — der förmlich andächtig in mein Wesen einzudringen sucht — der mit den verfeinerten Nerven des Kulturmenschen aufnimmt, was ich zu geben vermag, steht mir doch eigentlich viel näher, als mein Mann mir je gestanden ist . . .‘ Das war der Punkt, zu dem ihre Gedanken immer wieder zurückkehrten. Die Vorstellung, dass Paul Lünhardt ihre Liebe nie begriffen und gewürdigt hatte. Er beklagte sich bei einem Dritten über das, was anderen als höchstes Glück erschienen wäre. Das krampfte ihr das Herz zusammen — das demütigte sie — das löschte nachträglich ihre Liebe zu ihm aus.

Sie war in diesen Tagen von einer krankhaften Unruhe. Sie ging umher, suchend, beim Klang der Hausglocke zusammenschreckend, als erwartete sie etwas. Und es konnte doch nichts kommen. Die Vergangenheit stand still. Die schwieg. Die lastete schwer auf ihr mit so vielem, was immer noch unerhellt und unbegreiflich war. Sie nahm da und dort die Bilder ihres Gatten von der Wand und betrachtete sie lange, kopfschüttelnd, mit einem düsteren, forschenden Blick. Sie sagten ihr nichts mehr. Ein fremder Mann sah sie kaltblütig, ein wenig ironisch, ein wenig müde durch seine Zwickergläser an. Sie strich sich mit der Hand über die Augen, wandte sich ab und legte die Rahmen hin, wo sie gerade stand. Sie hing sie nicht mehr auf. Es blieben leere Stellen an der Tapete. Die Ihren sahen es wohl. Aber sie wagten nicht, danach zu fragen.

In ihr summte immer ein alter Bibelspruch: ,Gott schuf den Menschen sich zum Bilde. Zum Bilde Gottes schuf er ihn!’ So konnte sie auch von sich sagen: ,ich schuf den Mann mir zum Bilde! . . . ich machte es wirklich so wie die Wilden, deren armselige Fetische er aus Afrika mitgebracht hat. Ich knetete mir meinen Abgott aus dem ersten besten bisschen Ton . . . oder Doch aus mehr . . . aus einem edleren Stoff, den bloss ich nicht sah . . .‘

Andere wohl! Er hatte doch so viele Freunde . . . Menschen, die jetzt noch ernst von ihm sprachen . . . sein Leichenzug war endlos gewesen. Bis weit zur Tiergartenstrasse hinauf hatten die Wagen gehalten. Alle diese Leute hatten ihn gekannt, etwas von ihm gewusst, was ihr verschlossen geblieben war. Eine unheimliche Neugier drängte sie, ihn einmal mit den Augen dieser anderen zu betrachten. Aber wer waren die? Seine alten Gefährten mieden ja schon bei seinen Lebzeiten dies Haus. Sie brachte einmal bei Bankhortz das Gespräch darauf, und der meinte: „Wirklich nahe gestanden hat ihm nur einer — und das ist Ostönne . . .“

Immer wieder Ostönne! In ihren Augen leuchtete ein heisser Schein auf. Eifersucht . . . Hass . . . Rachedurst . . . Hilflosigkeit . . . alles durcheinander. Der Südwestafrikaner setzte hinzu: „Ich treff’ ihn nächstens! . . . Wollen Sie ihn noch einmal wegen Paul sprechen? . . . Soll ich ihm etwas bestellen?“

Sie presste die Lippen zusammen und kämpfte mit sich und schwieg, und ihr künftiger Schwager ging. Nach ein paar Tagen frug sie ihn des Abends bei Tisch mit einer plötzlichen Überwindung: „Haben Sie Herrn von Ostönne gesprochen?“

Er war erstaunt.

„Sie haben mir doch nichts aufgetragen gehabt!“

„Nein. Das ist wahr!“

„Soll ich es noch nachholen?“

Er bekam wieder keine Antwort.

„Ja — aber Schwägerin — ich möchte doch wissen, woran ich bin!“

Nun sagte sie mühsam: „Ja — ich muss ihn noch einmal sprechen! Es lässt mir keine Ruhe!“

„Schön!“

Tags darauf berichtete Bankholtz: „Befehl ausgeführt! Ostönne schien ein bisschen erstaunt. Aber als Pauls Freund steht er natürlich zur Verfügung, lässt er sagen!“

„Also wird er kommen?“

„Sowie er Zeit hat! . . .“

Doch die Woche neigte sich dem Ende zu, ohne dass er erschien. In Gabriele Lünhardt wuchs die Ungeduld. Er musste sich bei ihr zeigen. Sie wollte ihn hier haben! Er durfte sich ihr nicht entziehen! Es war ihr, als hätte sie ein Recht auf ihn! Wenigstens das Recht der Feindschaft. Sie hasste ihn. Heiss. Aus ganzem Herzen. So wie sonst keinen Menschen auf der Welt. Er besass etwas, was eigentlich ihr gehörte, und enthielt es ihr vor. Er trug den Schlüssel zum Inneren ihres Mannes mit sich herum. Er war ein Dieb.

Die Zeit verstrich. Am Freitag abend sagte sie rauh zu ihrem Schwager: „Werden Sie Herrn von Ostönne bald wieder einmal begegnen?“

„Ich denke!“

„Dann teilen Sie ihm, bitte, mit, ich verzichtete nun auf seinen Besuch! Ich sei nicht gewohnt, so lange auf die Erfüllung einer Bitte zu warten . . .“

Hinterher bereute sie ihre schroffe Absage. Damit hatte sie Ostönne vielleicht nur einen Gefallen getan! Das hatte er gerade so gewollt! Nun war er der Stärkere. Sie hatte, als sie sich am nächsten Spätnachmittag für ihren Musikabend umzog, das drückende Gefühl, eine Niederlage erlitten zu haben. Diese Demütigung — der Verlust ihres seelischen Gleichgewichts — die Zerstörung der Vergangenheit — alles Böse kam von ihm. Und was wollte sie eigentlich von ihm? Was würde sie ihm sagen, wenn er da war? Sie wusste es selbst nicht mehr. Sie war in einer zerrissenen Stimmung. Es dämmerte schon stark. In kurzem mussten die Gäste eintreffen. Sonst waren ihr diese Abende ein Lichtpunkt ihres Lebens. Sie wollte sich zwingen, sich darauf zu freuen, aber sie war zu matt und aufgeregt dazu. Ihr war zumute, als ob sie sich auf der nächsten Stuhl hinsetzen und hellauf weinen müsste. Mühsam raffte sie sich endlich aus diesem dumpfen Trübsinn empor, um in den Empfangsräumen nach dem Rechten zu sehen.

In ihrem weissen, geschlossenen Gesellschaftskleid rauschte sie die Treppe hinunter. Natürlich: in der Halle war noch kein Licht, obwohl man kaum mehr die Hand vor den Augen sah. Eine Gestalt stand da am Eingang. Sie hörte eine tiefe, gleichgültige Stimme, die zu dem Diener sagte: „Ja, verehrter Freund . . . ich kann mir die Zeit auch nicht aus dem Leib schneiden! Wenn Frau Lünhardt jetzt verhindert ist, meinen Besuch anzunehmen . . .“

Sie trat auf ihn zu.

„Durchaus nicht, Herr von Ostönne!“ versetzte sie hastig, in der Stimme ein feindseliges Beben der Genugtuung, dass er doch gekommen war. „Treten Sie, bitte, hier ein!“ Sie ging vor ihm in ihr kleines Boudoir. Sie hatte jetzt ganz ihre Fassung und fuhr fort: „Ich fürchtete schon, Sie würden es nicht über sich gewinnen können, mich noch einmal aufzusuchen!“

„Ich hab’ ein dickes Fell!“ sagte Werner von Ostönne sich setzend. „Sie haben mir ja auch abgebeten! Ausserdem kann mich eine Frau nicht beleidigen!“

Sie lachte verächtlich auf und zündete selbst die Lampe auf dem Tischchen an. Ihre Hände zitterten dabei. Der helle Schein fiel über ihr klassisch edelgeschnittenes von einer aschblonden Haarwelle gekröntes Antlitz. Sie nahm ihm gegenüber Platz. Sie atmete schwer und unregelmässig. Er hielt ohne ein Zeichen der Bewegung ihren Blick aus.

„Nun, Frau Lünhardt?“ frug er endlich.

Sie hatte es so heiss ersehnt, mit ihm zu sprechen. Aber nun wurde ihr der Anfang schwer.

„Ich möchte gerne noch etwas über meinen Mann von Ihnen hören!“ begann sie. „Mir scheint: Sie haben ihn in manchem besser gekannt als alle anderen — sogar als ich selbst . . .“

Er machte nur eine Bewegung mit dem Kopf — so als wolle er erwidern: ,Dazu gehört nicht viel!‘ Aber er schwieg. Das reizte sie. . .

„Oder Sie haben ihn wenigstens in einem anderen Licht gesehen — von einem anderen Standpunkt aus! Mag der nun richtig oder falsch gewesen sein . . . mich interessiert es jedenfalls, ihn kennen zu lernen . . .“

„Wenn Sie den Hergang wissen wollen, Frau Lünhardt!“ sagte ihr Besucher kaltblütig. „Die Sache ist sehr einfach: Ich hab’ ihn in Afrika am Weg gefunden und aufgelesen und gerettet. Das ist alles. Was er ist, verdankt er mir!“

Darmowy fragment się skończył.

30,74 zł
Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
360 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711507162
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki