Czytaj książkę: «Bomba im Tal der Schädel»

Czcionka:

Roy Rockwood

Bomba im Tal der Schädel

Band 8


Inhaltsverzeichnis

Etwas aus Bombas Leben

1 Schwirrende Pfeile

2 Ein rettender Sprung

3 Das Geheimnis

4 Im Treibsand

5 Im letzten Augenblick

6 Unheimliche Drohungen

7 Eine seltsame Prophezeiung

8 Zurückgetrieben

9 Überraschende Nachrichten

10 Unterwegs

11 Der Puma springt

12 In der Klemme

13 Ein furchtbarer Feind

14 Das schwirrende Messer

15 Das furchtbare Tal

16 Der Griff nach der Freiheit

17 Mensch oder Dämon

18 Eine erstaunliche Erklärung

19 Verwirrung und Misstrauen

20 Martern

21 Das Murmeln des Sturmes

22 Ein gewagtes Unternehmen

23 Die Flucht

24 Verfolgung

25 Sieg

Etwas aus Bombas Leben

Wer Bomba bei seinen Abenteuern im Dschungel begleitet, wird sicher mehr von diesem interessanten Jungen erfahren wollen. Am besten stellen wir Bomba also vor, ehe seine neuen Erlebnisse beginnen.

Bomba ist vierzehn Jahre alt. Soweit er sich zurückerinnern kann, hat er im südamerikanischen Dschungel des Amazonasgebietes gelebt. Sein einziger Gefährte und Beschützer war ein alter Naturforscher, Cody Casson, der sich in ein weit abgelegenes Gebiet des Amazonas-Dschungels zurückgezogen hatte, um ganz seinen Forschungen zu leben.

Als Bomba das Alter erreicht hatte, in dem er mehr von seiner Vergangenheit und Herkunft zu erfahren wünschte, zog sich Cody Casson bei der Explosion eines Gewehres eine Kopfverletzung zu, durch die seine Gedächtniskraft geschwächt und später fast zerstört wurde. Von diesem Zeitpunkt an lastete die Verantwortung für den Lebensunterhalt auf Bomba.

In einem Alter, in dem andere Jungen ruhig und behütet bei ihren Eltern aufwachsen und die Schulbank drücken, musste sich Bomba mit den Gefahren und Härten des Dschungellebens vertraut machen. Seine strengen Lehrmeister waren die Erfahrung und die Not. Bald lernte Bomba die Weisheiten und Gesetze des Dschungels kennen, die es immer zu beherzigen galt. Er lernte die vielen Kampftricks, die Technik von Verteidigung und Angriff bei der Begegnung mit Raubtieren und Schlangen.

Seine schulmäßige und geistige Erziehung ließ natürlich zu wünschen übrig, da Cody Casson nicht mehr in der Lage war, den einmal begonnenen Unterricht fortzusetzen. Wie ein junger Indianer wuchs Bomba im Dschungel heran. Auch äußerlich unterschied er sich wenig von den Eingeborenen. Seine Haut war dunkel gebräunt. Er trug einen Eingeborenenschurz und das Fell eines erlegten Pumas. Seine Waffen waren Pfeil und Bogen, die Machete und — als kostbarster Besitz — ein fünfschüssiger Revolver. Die Schusswaffe hatte er von zwei Weißen geschenkt bekommen, denen er bei einem nächtlichen Angriff von Jaguaren das Leben gerettet hatte.

Äußerlich glich Bomba also in vielen Dingen einem Indianer, und doch unterschied er sich in wesentlichen Anzeichen von den Eingeborenen. Er hatte eine gerade Nase und kastanienbraunes, welliges Haar. Die hellbraunen Augen leuchteten freundlich und off mit einem Schimmer von Melancholie, denn die Einsamkeit machte Bomba zu schaffen. Je älter er wurde, desto mehr drängte sich ihm die Erkenntnis auf, dass er kein eingeborener Dschungelbewohner war. Sein Wunsch, etwas über seine Herkunft zu erfahren, wurde immer stärker.

Das einzige, was als Erinnerung an die Vergangenheit hin und wieder in Cassons Gedächtnis auftauchte, waren die Namen ‚Bartow‘ und ‚Laura‘. Aber der alte Naturforscher vermochte nie mit Bestimmtheit zu sagen, ob das die Namen von Bombas Eltern waren.

Im ersten Band — Bomba der Dschungelboy — wird erzählt, wie Bomba zwei weißen Gummisuchern das Leben rettete, wie er mit Raubtieren des Dschungels kämpfte, wie die Wohnhütte von Kopfjägern belagert wurde, und wie ihm schließlich seine Freunde unter den Urwaldtieren zu Hilfe eilten und ihn befreiten. In einem Augenblick der Klarsicht erfuhr Bomba von seinem alten Gefährten, dass er weitere Kunde über seine Herkunft von Jojasta, dem Medizinmann des ‚Laufenden Berges‘ erhalten könnte.

Im zweiten Band — Bomba im Berg der Feuerhöhlen — machte sich Bomba auf die weite und gefahrvolle Reise zum ‚Laufenden Berg‘. Unterwegs rettete er eine weiße Familie vor den Kopfjägern und schloss Freundschaft mit dem gleichaltrigen Frank Parkhurst. Als Bomba schließlich nach Überwindung schlimmer Gefahren den ‚Laufenden Berg‘ erreicht hatte, erfuhr er vom sterbenden Jojasta nur, dass Sobrinini, die Hexe von der Schlangeninsel, ihm nähere Auskunft über seine Eltern geben könnte.

Nur stückweise vermochte Bomba also das Geheimnis seiner Herkunft zu lüften. Im dritten Band — Bomba am Großen Katarakt — fanden wir dann Bomba auf dem Wege zur Schlangeninsel. Unterwegs geriet er in die Hände der barbarischen und grausamen Kopfjäger, deren Häuptling Nascanora seit jeher sein persönlicher Feind und Widersacher war. Auch Casson und seine alte Pflegerin Pipina waren entführt worden. Bomba gelang die Befreiung, und er suchte Sobrinini auf der Schlangeninsel auf — doch wieder erhielt er eine ungenügende Auskunft. In einem aufregenden Erlebnis erfuhr Bomba von Sobrinini, dass nur Japazy, der Herrscher auf der Jaguar-Insel, ihm mehr über seine Herkunft berichten könnte.

Im vierten Band — Bomba auf der Jaguar-Insel — erlebten wir mit Bomba den Wirbel der Ereignisse, der Gefahren und Abenteuer bei der beschwerlichen Suche nach Japazy. Eine grauenhafte Naturkatastrophe machte der Reise ein vorzeitiges Ende.

Noch einmal finden wir Bomba im fünften Band — Bomba in der versunkenen Stadt — auf der Fährte des geheimnisumwitterten Japazy. Wir begleiten ihn bei der Suche nach der Stadt mit den goldenen Türmen, deren sagenhafte Reichtümer auch Japazy angelockt haben. Bomba erreicht die Stadt, überwältigt seinen Widersacher und wird später selbst von ihm gefangen genommen. Glück und Mut befreien den Dschungelboy und seinen Gefährten aus einer ausweglos erscheinenden Lage. Auf der Flucht findet der entscheidende Kampf statt. Juwelen und Diamanten von unschätzbarem Wert geraten in Bombas Besitz. Aber wichtiger ist für ihn ein kleines ledernes Tagebuch, in das Japazy seine Eintragungen gemacht hat.

Im sechsten Band — Bomba auf düsterer Fährte — haben wir dem Dschungelboy auf dem Rückweg zu Cody Casson, zum Dorf der freundlichen Araos und Häuptling Hondura begleitet. Wir erlebten Bomba in einer Höhle, die sich düster, endlos und mit Abgründen und Schluchten unterirdisch hinzieht. Ein Schlangensumpf versperrte den Weg in die Freiheit. Wieder auf der Erdoberfläche, haben Bomba und Gibo aufregende Erlebnisse mit der Besatzung eines Flugzeuges. Die Gefährten müssen eine Wanderung unter dem Giftatem der Colopichi-Bäume durchmachen und geraten schließlich in die Hände von Kannibalen. Nach vielen Mühsalen erreichen Bomba und sein Gefährte endlich das heimische Dorf.

Der siebente Band — Bomba im Sumpf des Todes — bringt die Begegnung mit Forschern, denen Bomba nach einer Überschwemmungskatastrophe begegnet und Hilfe leistet. Dr. Yarrow, der Leiter der Expedition, untersucht Cody Casson nach der Rückkehr ins Dorf der Araos. Er stellt bei dem alten Forscher eine Gehirnerkrankung fest, die nur mit Hilfe eines Giftes geheilt werden kann. Dieses Gift jedoch ist in der ‚Blume des Todes‘ enthalten, und diese Blume wächst in einem Sumpfgebiet des Dschungels, das von gefährlichen Eingeborenen als heilig verehrt wird. Die Forscher und Bomba wagen es dennoch mit einer Gruppe tapferer Araos in das Gebiet einzudringen, aus dem sie nach Kämpfen und Verfolgungen mit einem Vorrat der kostbaren Pflanzen in das Dorf der Araos zurückkehren. Die Heilung des alten Cody Casson macht bald gute Fortschritte. Der vorliegende Band wird es offenbaren, ob Bombas sehnsüchtiger Wunsch in Erfüllung geht.

1 Schwirrende Pfeile

Ein peitschender Laut zerriss die Stille der Dschungeldämmerung. Ein kapitaler Tapir, der ruhig am Rande einer Lichtung geäst hatte, zuckte zusammen und sank langsam zu Boden. Auf seinem Fell erschien in der Herzgegend ein roter Fleck, der allmählich größer wurde. Einmal noch hob sich der Rüssel — einmal noch machten die Beine vergebliche Laufbewegungen, dann streckte sich der tote Leib.

Kaum war der rollende Klang des Schusses verhallt, als es im wuchernden Unterholz raschelte und knackte und ein schlanker, geschmeidiger Junge auf die Lichtung trat und an die Seite des toten Tapirs eilte. Er trug ein modernes Gewehr in der Hand, die Waffe, aus der er den tödlichen Schuss abgesandt hatte. Nur flüchtig beugte er sich über das erlegte Tier und richtete sich dann — nach allen Seiten sichernd — wieder auf.

Im Dschungel war es immer gefährlich, Lärm zu machen. Bomba kannte dieses wichtige Gesetz des Urwaldlebens und er war immer bestrebt, sich danach zu richten. Vorsichtig hielt er Umschau, ob sein Schuss etwa irgendwelche Feinde in die Nähe gelockt hätte. Selbst in dieser angespannten, lauernden Haltung jedoch bot die Gestalt des Jungen den Eindruck von Anmut, Kraft und Behendigkeit. Sein klarer, brauner Blick streifte über das Gewirr von großblütigen Schlingpflanzen und lianenumschnürten Urwaldbäumen.

Noch konnte er nichts Verdächtiges erblicken. Behutsam ließ er sich deshalb neben dem Tapir in die Knie sinken. Er zog seine Machete aus dem Gürtel und begann den Kadaver abzuhäuten. Ein Lächeln glitt dabei über sein Gesicht. Er wusste, wie sehr sich die Eingeborenen im Dorfe des Häuptlings Hondura über das Fleisch freuen würden. Insbesondere dachte er an seinen alten Freund und Beschützer, Cody Casson, für den die alte Pflegerin des kranken Forschers, Pipina, nun eine nahrhafte Fleischbrühe kochen konnte.

Bei den Hantierungen des Jungen erkannte man sofort, wie gewohnt ihm diese nicht ganz leichte Arbeit des Abhäutens war. Einige geschickte Schnitte an den Läufen und auf jeder Seite des Körpers — und schon zog er das Fell behutsam vom Leibe des toten Wildes.

Als sich Bomba gerade tief über seine Jagdbeute neigte, um die besten Stücke des Fleisches herauszutrennen, vernahm er plötzlich das seinen Ohren vertraute aber umso gefährlichere Schwirren von Pfeilen.

Blitzschnell ließ sich Bomba zur Seite fallen und rollte sich seitlich ins Dickicht. Schlangengleich wand er sich tiefer hinein in das Gewirr von üppigen Farnen und Büschen.

Monatelang war es in der Nähe des Araodorfes ruhig gewesen. Auch bei diesem Jagdausflug hatte Bomba keine verdächtigen Zeichen entdeckt. Zwar wusste er, dass feindliche Kannibalenstämme immer wieder in diesen Teil des Dschungels vordrangen, um die friedlichen Araos anzugreifen und ihre Squaws und Kinder zu entführen, aber dieser plötzliche Angriff verwirrte ihn doch stark.

Schattenhaft und geräuschlos huschte die kraftvolle Gestalt des Jungen durch das Unterholz. Erst als Bomba weit von der Lichtung entfernt war, blieb er stehen und klomm dann affengleich an einem herabhängenden Lianenstrang zu den Zweigen hinauf. Eine Weile lang setzte er seinen Weg durch die Luft fort, indem er sich geschickt von Ast zu Ast schwang, oder sich von einem pendelnden Lianenseil weitertragen ließ. Auf diese Weise hinterließ er keine Spuren am Boden und vor allen Dingen erschwerte er seinen Feinden die Verfolgung.

Als er davon überzeugt war, zwischen sich und seinen Gegnern genügend Abstand geschaffen zu haben, glitt er wieder zu Boden und legte sich seinen Abwehrplan zurecht.

Auf keinen Fall wollte er in kopfloser Flucht panikartig davonlaufen. Er musste ermitteln, wie groß die Zahl der Feinde war und ob er vielleicht allein gegen sie zum Angriff vorgehen konnte.

Für ihn selbst wäre es leicht gewesen, sich außer Gefahr zu begeben, aber sein Verantwortungsbewusstsein ließ diese feige Flucht nicht zu. Der mit ihm befreundete Stamm der Araos und sein alter Beschützer Cody Casson waren ebenso bedroht wie er selbst. Es galt in jedem Falle, die Freunde zu warnen und zuvor zu erkunden, ob wirklich eine ernste Gefahr drohte, oder ob es sich nur um einen kleinen, plündernden Trupp von Feinden handelte.

In einem weiten Halbkreis näherte sich Bomba von neuem der Lichtung. Sein untrüglicher Ortssinn führte ihn, ohne dass er einmal in seinem panthergleichen Anschleichen innehalten musste. Etwa eine Meile mochte er zurückgelegt haben, als er mit einem Ruch stehenblieb.

Noch hatte er nichts gesehen oder gehört, was seinen Verdacht erregen konnte. Doch sein Geruchssinn war so geschärft, dass er wie ein Tier die Witterung von Menschen aufnahm. Er sog prüfend die Luft durch die Nase und wandte den Hals nach allen Seiten, bis er die Richtung erkannt hatte, aus der die Witterung zu ihm drang. Dann schlich er vorsichtig, aber ohne sein Tempo zu vermindern, weiter, bis er nach kurzer Zeit vor sich zwei braune Gestalten entdeckte, die in einer Entfernung von etwa fünfzig Yards am Fuße eines Baumes hockten.

Im gleichen Augenblick ließ sich Bomba auf die Knie sinken und kroch vorsichtig näher heran. Als er bis auf Hörweite herangeschlichen war, legte er sich flach auf den Bauch und spähte durch eine kleine Lücke im Unterholz.

Er hatte zwei große, muskulöse Männer vor sich, mit breiten, groben Gesichtern und niederen Stirnen. Sie trugen einen Kopfschmuck aus Federn, und auf der Brust Zeichen in roter Farbe.

Als Bomba diese rohgemalten Symbole erkannte, zuckte ein Schreck durch sein Inneres. Er hatte das Stammeszeichen der gefürchteten Kopfjäger gesehen, jenes wilden, raub- und blutlüsternen Stammes, der jenseits des Großen Wasserfalles hauste.

Bomba hielt sich nicht lange mit der Betrachtung der dunklen Gesichter auf. Sein Blick glitt zu den Gürteln der Wilden, an denen die entsetzlichsten Jagdtrophäen hingen, die Bomba je gesehen hatte: kleine, verschrumpelte, sorgsam ausgedörrte Menschenköpfe!

Es waren scheußliche Trophäen, aber die Kopfjäger waren sehr stolz darauf. Je mehr solche Menschenköpfe das Dach eines Wigwams zierten, um so angesehener war der betreffende Krieger.

Beinahe wäre Bomba dem Impuls erlegen, die unglücklichen Opfer der Kopfjäger augenblicklich zu rächen. Wahrscheinlich hätten die beiden kaum gespürt, dass sie der schwirrende Tod ereilte, und sie hätten nie erfahren, wer der Rächer der beiden Ermordeten gewesen war, deren Köpfe an ihren Gürteln hingen. Aber was nützte es, die Welt von zwei dieser heidnischen Mörder zu befreien, wenn sofort andere an ihre Stelle traten? Hier galt es, sich auf seine List und nicht auf die Waffen zu verlassen.

Für Bomba gab es keine Täuschung darüber, dass er rücksichtslose und brutale Feinde vor sich hatte. Zweimal schon war er mit den Kopfjägern in Berührung gekommen und jedes Mal hatte er um Cody Cassons Leben und sein eigenes kämpfen müssen. Glück und Tapferkeit hatten ihn beide Male begünstigt — aber würde das auch diesmal der Fall sein?

Mit großer Vorsicht schob Bomba einen Zweig beiseite, um noch besser sehen zu können. Sein Körper bewegte sich leicht, aber kein Geräusch war zu hören. Er wandte den Kopf so herum, dass er jedes gesprochene Wort erlauschen konnte. Da er die meisten Eingeborenendialekte dieses Gebietes beherrschte, verstand er auch das Gespräch, das die beiden jetzt zu führen anfingen.

„Lange ist es her, dass wir unser Dorf verlassen haben“, sagte einer der Krieger und fuhr mit einer Bewegung durch das Haar seiner scheußlichen Jagdbeute, die fast liebkosend wirkte. „Lange sind wir schon fort, und Motulu möchte gern wieder das Brüllen des Großen Wasserfalles hören und die Sonne auf das Dach seiner Hütte scheinen sehen.“

„Gute Worte spricht Motulu“, erwiderte der andere. „Auch Mambu ist müde und möchte heimkehren. Die Jagd hat lange gedauert und reich war die Beute. Warum bleibt Nascanora noch hier? Kann er nicht zufrieden sein mit seinen Kriegern und mit der Zahl der Köpfe, die sie erbeutet haben? Viel Blut ist geflossen!“ Ein böses, dämonisches Lächeln glitt über sein Gesicht. „Viel Blut, Motulu.“

„Sehr viel Blut“, sagte der andere gewichtig und finster.

„Warum ist also Nascanora nicht zufrieden?“, wiederholte Mambu seine Frage.

Motulu schaute sich vorsichtig nach allen Seiten um, als fürchtete er, belauscht zu werden.

„Nascanora ist immer unzufrieden“, murmelte er düster. „Er wird auch nicht zur Ruhe kommen, ehe nicht der Kopf des weißen Jungen seinen Wigwam ziert. Er hat den Göttern geschworen, dass er mit diesem Kopf heimkehren wird. Eher wird Nascanora nicht ruhig schlafen können, bis nicht der Kopf des weißen Teufelsjungen an seinem Gürtel hängt.“

Nur zu gut wusste Bomba, von wem die Rede war. Er lächelte grimmig vor sich hin und sah im Geiste das hässliche, von Narben verunstaltete Gesicht seines Widersachers vor sich. Nascanora, der Häuptling der Kopfjäger vom Großen Katarakt, war sein Todfeind seit je. Nie würde es ihm der mächtige Krieger verzeihen, dass er von ihm, einem Jungen, zum Zweikampf herausgefordert worden war.

„Der weiße Junge ist schwer zu fangen“, sagte Mambu zweiflerisch. „Er kämpft listig und gewandt wie der Puma und stößt so schnell zu wie die Schlange. Ein großer Zauber ist an seiner Machete. Es wäre besser, wenn Nascanora nicht länger nach diesem weißen Teufel suchen würde.“

„Hüte deine Zunge“, warnte ihn Motulu. „Nascanora darf nicht erfahren, dass ...“ Er hielt inne und hob den Kopf. „Horch! Die Krieger kommen!“

Die Männer sprangen auf, und im gleichen Augenblick erklang auch im Busch der Laut von Stimmen, die in der gutturalen Eingeborenensprache miteinander redeten.

Bomba presste sich unwillkürlich noch dichter an den Boden, als er jetzt einen riesigen, hässlich bemalten Wilden auf die Lichtung treten sah.

2 Ein rettender Sprung

„Nascanora“, murmelte Bomba leise vor sich hin.

Alle Einzelheiten des Gesichtes und der prächtigen, athletischen Indianergestalt waren ihm vertraut. Er erkannte den scharfen, dunkelglühenden Blick wieder, das abweisende, hochmütige Benehmen und die raue, tiefe Stimme. Ja, das war jener Nascanora, der seine Krieger zum Angriff gegen die von Bomba verteidigte Hütte am Rande der Urwaldlichtung vorgetrieben hatte — jener Nascanora, der ihn auf der Schlangeninsel mit teuflischen Foltern bedroht und ihn schließlich gefangen und im Triumph in das Dorf am Großen Wasserfall geschleppt hatte.

Nur ein Zug im Gesicht des Häuptlings war neu für Bomba. Bei der geglückten Flucht hatte er Nascanora in der Nacht einen mächtigen Hieb mit dem Schaft der Machete mitten ins Gesicht versetzt. Jetzt erkannte er, dass dieser Schlag die obere Hälfte des Nasenbeins zertrümmert hatte. Nascanora war damals wie ein gefällter Ochse zu Boden gestürzt. Das allein würde Bomba den unauslöschlichen Hass des Wilden eingetragen haben. Doch diese immer sichtbare Verstümmelung im Gesicht war schlimmer noch als der Schlag selbst. Bomba wusste, welches Schicksal ihn erwartete, wenn er je in die Hände Nascanoras geraten würde.

Offenbar war der Häuptling schlechter Laune. Sein sonst schon nicht sehr heiteres Gesicht war jetzt nur noch eine düstere, starre Maske von Groll und Unmut. Hinter dem Häuptling trat ein Kriegertrupp ins Freie. Keiner drängte sich vor. Jeder wollte es anscheinend vermeiden, die Aufmerksamkeit des zornigen Häuptlings auf sich zu lenken.

„Was seid ihr weiter als kriechende, erbärmliche Hunde!“, schrie Nascanora plötzlich. Das starre Gesicht belebte sich mit einem Ausdruck unbeherrschter Wut. „Hunde seid ihr, die mit dem Bauch am Boden kriechen und stinkendes Fleisch fressen! Aber ihr seid keine Männer, die kämpfen und jagen können!“ Sein Blick glitt von einem Gesicht zum anderen, und trotz seines Zornes sah er mit Befriedigung, wie jeder Krieger sofort die Augen senkte, wenn ihn der funkelnde Bannstrahl des Häuptlingsblickes traf. „Ihr seid es nicht wert, meine Krieger zu sein! War nicht dieser weiße Teufelsjunge in eurer Nähe? Konntet ihr ihn nicht beinahe mit euren Händen ergreifen, ihr stinkenden Köter? Aber ihr habt keine Kraft in den Gliedern. Eure Arme sind weich und schlaff wie die unserer alten Squaws! Ihr habt auf Bomba geschossen, und eure Pfeile haben ihr Ziel nicht gefunden! Ihr habt ihn verfolgt, und ihr konntet ihn nicht einholen. Der weiße Junge wird über Nascanora und seine Krieger lachen wie er das schon oft getan hat. Er verspottet uns — ich weiß es!“

Ohne zu murren, ließen die Männer die Strafpredigt über sich ergehen. Keiner schaute auf. Der Medizinmann war es, der schließlich das lastende Schweigen brach. Seine Stellung gab ihm ein gewisses Machtbewusstsein und eine Unangreifbarkeit, die auch der Häuptling nicht zu verletzen wagte. Ruspak, der Medizinmann der Kopfjäger, auch ein alter Widersacher Bombas, hob jetzt den Kopf und sagte:

„Nascanora soll seinen Zorn nicht zu sehr über die Krieger ergießen. Der weiße Junge ist flink und listig wie ein Wiesel. Der weißhaarige Zauberer, der mit ihm lebt, braut ihm gewiss einen Trank, der stärker ist als unsere Medizinen. Sonst könnte er uns nicht immer wieder entkommen. Doch ich habe mit den Göttern Zwiesprache gehalten, und sie haben mir versprochen, mir einen noch stärkeren Zauber zu geben. In nicht allzu langer Zeit wird Nascanora den weißen Jungen unter seiner Folter kreischen und jammern hören.“

Die einzige Antwort des Häuptlings war ein zorniges Brummen. Offensichtlich war das Vertrauen Nascanoras in die Künste seines Medizinmannes durch die jüngsten Ereignisse nicht bestärkt worden.

„Bereitet das Essen vor!“, befahl er scharf und ließ sich am Fuße des Baumes zu Boden sinken.

In kauernder Stellung blieb er sitzen, während die Krieger geschäftig hin und her eilten und trockenes Holz für das Lagerfeuer sammelten.

Bomba vermochte ein missmutiges Stirnrunzeln nicht zu unterdrücken, als er jetzt sah, dass die Männer die saftigsten Stücke des von ihm erlegten Tapirs mitgebracht hatten. Nun würde es keinen Braten in den Hütten der Araos geben und keine kräftigende Fleischbrühe für den armen, alten Casson.

Bald genug wurden seine Gedanken in eine andere Richtung gelenkt. Da auf der Lichtung nicht genug Holz zu finden war, begannen die Krieger auszuschwärmen. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis einer über ihn stolperte. Aber für eine Flucht war jetzt keine Zeit mehr. So blieb er also still liegen und lauschte auf das patschende Geräusch der näherkommenden Schritte.

Quälend langsam verstrichen mehrere Minuten. Noch hatte ihn niemand entdeckt. Er lauschte auf das Geschnatter der Stimmen und das Knacken der Zweige. Jetzt waren mit einem Male Schritte ganz nahe. Und jetzt ...

Ein scharfer Stoß traf Bomba in die Rippen. Ein Krieger war über ihn gestolpert. Im nächsten Augenblick erkannte er auch das Hindernis vor seinen Füßen, das geschickt von Laub und Ästen verdeckt war. Ein Schrei drang aus seiner Kehle.

Doch im nächsten Augenblick war es nur noch ein unhörbares Stöhnen. Bomba hatte sich hochgeschnellt, und seine Faust traf das Kinn des Kriegers. Der braune Körper sank in sich zusammen und blieb reglos liegen.

Aber der Schrei und die Bewegung im Busch hatten die Aufmerksamkeit der anderen Männer erregt. In der nächsten Sekunde war das ganze Lager auf den Beinen. Es gab nur noch eine Rettung für Bomba: die Flucht.

Ein Pfeil ritzte seine Schulter, während er sich seinen Weg durch das Buschwerk bahnte. Der stechende Schmerz zog sich bis in die Fingerspitzen. Doch Bomba lief weiter. Er rannte um sein Leben, während die Wilden hinter ihm wie ein Rudel hungriger Wölfe heulten. Endlich glaubten sie ihn zu haben — endlich war es so weit!

Bomba jagte jetzt auf einem Pfad dahin und sah plötzlich vor sich zwei Felsen aufragen. Die Öffnung zwischen ihnen war kaum breit genug, um einen menschlichen Körper durchzulassen. Einen Augenblick lang zögerte Bomba, dann sprang er vorwärts. Sein brauner, schlanker Leib glitt zwischen das Grau der Felsen und schien auf eine magische Art und Weise von der Luft aufgesogen zu werden.

Vor einer Sekunde war er seinen Feinden noch deutlich sichtbar gewesen, und im nächsten Augenblick war er verschwunden, als hätte er sich tatsächlich in reine, unsichtbare Luft aufgelöst.

3 Das Geheimnis

Nach dem ersten erfolglosen Geschosshagel hatten die Kopfjäger ihre Pfeile gespart und sich ganz auf die Jagd konzentriert. Die ersten Verfolger waren kaum mehr als zwanzig Schritt hinter Bomba, als er vor ihren Augen vom Erdboden verschwand.

Jetzt standen sie verwirrt und aufgeregt vor den Felsen und schnatterten in ihrer Eingeborenensprache miteinander. Sie hatten gesehen, dass der Junge in den Spalt geglitten war, ohne auf der anderen Seite wieder zu erscheinen. Er musste also noch in der Nähe sein, denn der weitere Fluchtweg war deutlich zu überblicken.

Nascanora zwängte sich durch den Spalt und starrte zu Boden. Keine Spur lief weiter — nichts war zu sehen oder zu hören.

„Kann ihn denn der Felsen verschlungen haben?“, rief der Häuptling empört. „Da siehst du, wie mächtig der Zauber des weißen Jungen ist!“, schrie er dem Medizinman zu, der inzwischen auch keuchend herangetrabt kam. „Suche ihn doch! Finde ihn mir mit deinem Zauberspruch.“

Ruspak senkte beschämt den Blick und antwortete nicht. Die Krieger hatten inzwischen begonnen, die Felsen zu betasten und nach einer Öffnung zu suchen. Der Steinboden zwischen den Felsen war von Wind und Regen glattgewaschen und mit einer feinen Sandschicht bedeckt.

Die Krieger blickten einander verstört an und wagten es nicht, dem wutbebenden Häuptling in die Augen zu schauen. Dieser Vorgang überstieg ihr Begriffsvermögen. Sie wussten wirklich nicht, was sie davon halten sollten. Es konnten doch nur Zauberkräfte am Werke sein, wenn ein Mensch einfach verschwand, ohne irgendein Zeichen oder eine Spur zu hinterlassen!

Mit langen, stampfenden Schritten ging Nascanora auf und ab. Mitunter griff er fester um seinen Speerschaft und hob ihn ein wenig, als müsste er ihn gegen einen unsichtbaren Gegner richten. Seine ohnmächtige Wut äußerste sich in dem nervösen Beben seiner Lippen und in der düsteren Glut des Blickes. Wieder entlud sich sein Zorn über den Medizinmann.

„Wohin ist der weiße Junge geflohen?“, fragte er höhnisch. „Sage es mir, Ruspak! Verraten dir die Götter dieses Geheimnis nicht? Ist Bomba in die Erde gesunken? Oder ist er in die Luft geflogen wie ein Vogel? Wohin ist er?“

Inzwischen hatte der schlaue Ruspak schon Zeit gefunden, sich auf seine Verteidigung vorzubereiten. Als er jetzt zu sprechen anfing, klang seine Stimme nicht mehr unsicher.

„Die Götter wissen alles“, begann er mit geheimnisvoller Miene und machte eine beschwörende Geste. „Doch sie lieben es mitunter, die Augen ihrer Diener zu verwirren und mit den Schleiern der Unwissenheit zu bedecken. Daher ...“

„Schwatze nicht so viele große Worte!“, rief Nascanora unwillig dazwischen. „Sage mir, was du tun kannst.“

„Ich werde zuerst die Götter beschwichtigen“, fuhr Ruspak fort. „Vielleicht sind sie zornig“. Seine Stimme hob sich, und er ließ den Blick anklagend über die Krieger gleiten. „Vielleicht waren Nascanora und seine Krieger nachlässig und haben es versäumt, den Göttern genügend Opfergaben darzubieten? Oft genug achten die Krieger nicht auf mein Wort, auf die Mahnung des Götterdieners Ruspak. Doch Nascanora kann ruhig sein. Ich werde eine starke Medizin machen und die Götter beschwören. Wenn ihr Zorn verflogen ist, werden sie mir offenbaren, wohin der weiße Junge verschwunden ist.“

Der Häuptling hatte schon eine schroffe Antwort auf den Lippen, aber er beherrschte sich und schloss den Mund wieder. Er war ein mächtiger Häuptling und gefürchtet im ganzen Dschungelgebiet. Doch er wagte es nicht, den Diener der Götter zu sehr zu beleidigen. Seine eigenen Krieger hätten sich in diesem Falle möglicherweise gegen ihn wenden können.

Als Wache ließ er einige der Männer bei den Felsen zurück und ging dann mit den anderen zu der Lichtung zurück, um die unterbrochenen Vorbereitungen der Mahlzeit fortzusetzen.

Wer nicht wie die Kopfjäger an eine Zauberei glauben wollte, musste sich immerhin auch fragen, auf welche Weise Bomba so unerwartet den Blicken seiner Verfolger entschwunden war. Die Erklärung war einfach genug und doch ziemlich überraschend:

Einige Monate zuvor kam Bomba durch dieses Dschungelgebiet, und ihm fielen die beiden Felsen auf, die wie zwei Wächter inmitten einer Lichtung aufragten. Als er sich zwischen den Felsen zu Boden setzte, um sich auszuruhen, stieß er zufällig mit seinem Bogen scharf auf die Bodenplatte. Es gab einen hohlen Ton!

Jetzt erwachte Bombas Neugier. Er zog seine Machete aus dem Gürtel und ließ die Klinge in den winzigen Spalt gleiten, den er in der Felsplatte bemerkt hatte. Mit Erstaunen stellte er fest, dass die Platte beweglich war und sich ziemlich leicht anheben ließ. Darunter gähnte ein fast sechs Fuß tiefes Loch.

Bomba untersuchte die Höhle und stellte fest, dass sie sich weit in den Dschungel hinein erstreckte. Schließlich stieß er gegen eine Wand und schloss daraus, dass die Höhle keine weiteren Ausgänge besaß.

Als er seinerzeit zum Ausgang zurückkehrte und die Steinplatte prüfend betrachtete, kam er zu der Überzeugung, dass es sich um keine Laune der Natur, sondern um das Werk geschickter Menschenhände handeln musste. Vielleicht war hier in weit zurückliegender Zeit eine Kultstätte gewesen, an der die Priester den Göttern ihre Opfer dargebracht hatten. Die Höhle mochte vielleicht dazu gedient haben, die Gebeine der unglücklichen Menschenopfer aufzunehmen.

Dieser grauenhafte Gedanke hatte Bombas Freude über die Entdeckung nicht getrübt. Ihm genügte es, dass er einen Zufluchtsort gefunden hatte, der allen anderen Menschen im Dschungel unbekannt war. Da dieses Gebiet des Dschungels bei den Eingeborenen als verhext galt, pflegten sie auch im Allgemeinen einen Bogen darum zu machen. Bomba schob also ein kleines Stück Holz unter die eine Seite der Platte, so dass er sie im Notfall leicht anheben konnte. Jetzt war die Öffnung kaum zu bemerken und eine Entdeckung nicht zu befürchten.

Bomba war seinerzeit dann weitergezogen und hatte das Erlebnis bald vergessen. Jetzt trat die Entdeckung blitzschnell in seine Erinnerung, als er in der gleichen Gegend von den Kopfjägern verfolgt wurde. Das war des Rätsels Lösung. Und nun wieder in die Gegenwart zurück!

*

Die Gedanken jagten einander in Bombas Gehirn, als er dahinhastete und die drohenden Rufe seiner Verfolger hinter sich hörte.

Angenommen, das Loch war nicht mehr offen! Angenommen, die Pranken eines Raubtieres hatten die Platte wieder in die richtige Lage gerückt?

Auf keinen Fall würde ihm genug Zeit bleiben, um die Platte erst aus ihrem Rahmen zu heben, sagte er sich. Doch dann sah er im Näherkommen, dass die Platte griffbereit dalag. Er hob sie, schwang sich blitzschnell in die Höhle und ließ den Steindeckel über sich zufallen. Das alles war das Werk zweier Sekunden. Mit pochendem Herzen kauerte Bomba unter der Felsplatte, als die Schritte seiner Verfolger über ihm dahinstampften.

Würden die scharfen Augen der Kopfjäger die fast unsichtbaren Randlinien entdecken? Das wäre am hellen Tage durchaus möglich gewesen, doch jetzt begünstigte die hereinbrechende Abenddämmerung die Verhüllung seines Fluchtweges.

Bomba hörte über sich das aufgeregte Rufen und Schnattern der Wilden und dann Nascanoras zornige Unterhaltung mit dem Medizinmann. Es gab einen frohen Ruck in seinem Innern, als er hörte, dass die Kopfjäger für diesen Tag die Jagd nach ihm abbrechen wollten. Doch dann sank die rasch emporgeloderte Hoffnung wieder, als er hörte, dass der Häuptling Posten bei den Felsen zurücklassen wollte. Im anderen Falle wäre es leicht für ihn gewesen, im Schutze der Dunkelheit sein Versteck zu verlassen und sich davonzustehlen.

Er war also für den Augenblick gerettet. Doch war es wirklich eine Rettung? Hatte er vielleicht nicht nur eine Todesart gegen eine andere eingetauscht? In der Höhle war nicht genug Atemluft, um eine mehrstündige Belagerung auszuhalten. Von oben war das Loch hermetisch abgeschlossen, und der Erstickungstod war ihm sicher, wenn er keinen Ausweg finden konnte.

Ehe er sich in der Dunkelheit auf die Suche nach einem Fluchtweg machte, betastete er seine verwundete Schulter. Der Schmerz war ziemlich stark, aber seine tastenden Fingerspitzen überzeugten ihn davon, dass er nur eine Fleischwunde davongetragen hatte. Er legte kühle Erde vom Höhlenboden darauf und verspürte fast augenblicklich eine Linderung des Schmerzes.

Auf Händen und Knien tastete sich Bomba vorwärts und untersuchte jeden Zoll der Wände. Durch einen engen Spalt zwängte er sich in einen etwas größeren, sehr niedrigen Raum, der kreisrund war. Er tastete vorsichtig den Boden ab und atmete dann erleichtert auf.

Während der letzten Minuten hatte ihn die Besorgnis beunruhigt, dass inzwischen vielleicht eine Anakonda oder Pythonschlange diese Höhle als Nest auserkoren hätte. Jetzt war er jedoch sicher, das einzige Lebewesen in der Höhle zu sein. Er begann die Wände der kreisrunden Höhle zu betasten und klopfte sie mit den Fäusten ab, uni möglicherweise eine hohle Stelle zu finden.

Aber der erste Rundgang war hoffnungslos. Er hatte zwar nur Erdwände vor sich, doch er konnte sich nicht vorstellen, dass er sich wie ein Maulwurf ins Freie arbeiten könnte. Über ihm waren Felsen, und seine ganze Arbeit mochte sinnlos sein, wenn er sie an der falschen Stelle leistete. Und dann? Wenn die Atemluft in der niederen Enge der Höhle erschöpft war, musste er ersticken. Diese bittere Erkenntnis drängte sich ihm immer wieder auf.

Er steckte in einer Falle. Aber das Schlimmste daran war, dass er jetzt auch keine Möglichkeit hatte, seine Freunde zu warnen. Während er sinnend in der Dunkelheit kauerte, sah er in Gedanken die Kopfjäger an das Dorf der ahnungslosen Araos heranschleichen. Er glaubte ihr Triumphgeheul zu hören, als sie zum nächtlichen Angriff aufsprangen, und er presste unwillkürlich seine Hände zu Fäusten. Er wusste, dass die Kopfjäger kein Erbarmen kannten. Sie würden die Hütten niederbrennen, die Männer töten und die Frauen und Kinder als Sklaven in die Gefangenschaft schleppen.

Alle diese Bilder standen mit schrecklicher Deutlichkeit vor ihm. In der Dunkelheit der Höhle arbeitete seine Einbildungskraft noch stärker als sonst. Er war unfähig, die furchtbaren Bilder zu vertreiben, die immer und immer wieder in seiner Einbildung erschienen.

Endlich raffte er sich aus dem trägen Sinnieren auf. Er wollte den Kampf nicht aufgeben — er durfte es einfach nicht tun. Noch lebte er, noch konnte er für seine Befreiung arbeiten. Wenn auch die Chance sehr gering war, so wollte er doch versuchen, irgendwo die Wände seiner Todeszelle zu durchbrechen.

Es schien so, als wären für dieses Vorhaben alle Teile der Wand gleich gut oder gleich schlecht geeignet. Ohne lange zu überlegen, griff Bomba daher nach seiner Machete und begann mit verzweifelter Energie zu graben.

4 Im Treibsand

Da er nun einmal den Entschluss zur Tat gefasst hatte, arbeitete Bomba unermüdlich und eifrig. Er war sehr froh darüber, dass er nirgends auf den Widerstand von Steinen oder Felswänden stieß. Wenn er die Klinge seiner Machete abgebrochen hätte, wäre alle Hoffnung auf Befreiung dahin gewesen.

Es kam ihm vor, als hätte er schon Tonnen von Erde weggegraben, ohne dass ein sichtbarer Erfolg eingetreten wäre. Sein Körper war schweißbedeckt, und jeder Muskel schmerzte ihn. Aber er arbeitete weiter, obwohl ihm ein Schwindelgefühl zu schaffen machte und sein Atem schwerer und schwerer ging.

Die Luft in der Höhle presste sich allmählich wie eine riesige Hand gegen seinen Brustkorb. Es war keine Luft mehr, es war irgendeine unheimliche, feste Masse, die zwar jedem Zugriff entglitt aber zugleich seinen Körper wie eine tödliche Umklammerung einzuschnüren drohte.

Dann kam jener gefürchtete Augenblick, an dem seine Muskeln den Dienst versagen wollten. Sein Wille war noch ungebrochen, aber die Kraft hatte ihn verlassen. Er wollte den Arm heben und hatte das Gefühl, dass seine Machete viel zu schwer war, um sie auch nur einen Zoll zu heben. Die kraftvollen Stöße, mit denen er das große Buschmesser in die Erde getrieben hatte, waren zu einem kläglichen Tasten geworden. Kaum eine Erdscholle löste sich mehr von der Wand.

Das war also das Ende! Vor seinen Augen bildeten sich feurige Kreise und farbige Ringe. Er presste die Lider zusammen und öffnete sie wieder. Seine Schulter sank gegen die Wand, und der Kopf fiel schlaff herab.

Da — was war das für eine weiche, sanfte und kühle Berührung an der Stirn gewesen! Es war, als hätte eine liebkosende Hand über seine Haut gestrichen!

Noch einmal straffte sich Bombas Körper. Er hob den Kopf. Da war die Berührung wieder! Luft! Luft! Sie füllte mit belebender Kraft seine Lungen.

Er riss die Machete aus dem gegrabenen Loch und stieß die Klinge noch einige Male mit letzter Kraft in die weiche Erdmasse. Mit einem Male spürte er keinen Widerstand mehr: Er hatte die Wand durchbrochen!

Neue Hoffnung belebte ihn. Im Augenblick war er zwar zu schwach, die Arbeit fortzusetzen, aber er steckte den Kopf durch die Öffnung und trank die Luft mit gierigen Zügen. Das Schwindelgefühl in seinem Kopf wich, als würde ein Vorhang zur Seite geschoben. Er wartete, bis er neue Kräfte gesammelt hatte und begann dann wieder auf die Wand loszuhacken.

Als die Öffnung groß genug war, zwängte sich Bomba hindurch und befand sich jetzt in einem Raum, der ihm nach der Enge seines stickigen Gefängnisses fast grenzenlos erschien. Er fühlte das nur, denn seine Augen konnten ihm auch hier keine Hilfe leisten. Ein Ruf von seinen Lippen fand jedoch erst nach längerer Zeit sein dumpfes Echo. Das bestätigte Bombas Erkenntnis von der Weite des Raumes.

Nach dem Aufenthalt in der niederen Höhle erschien ihm die Luft hier wie ein süßes, balsamisches Getränk. Es würde auf alle Fälle lange dauern, bis er hier die Atemluft aufgebraucht hätte, auch wenn es keine unsichtbare Quelle gäbe, aus der sie sich erneuerte.

Schon im nächsten Augenblick wurde ihm klar, dass er in dieser Hinsicht keine Befürchtungen zu haben brauchte. Er stellte fest, dass eine schwach spürbare Bewegung in der Luft war. Sie strömte leicht und frei dahin. Irgendwo mussten also Öffnungen sein, die diese Luftströmung verursachten.

Wo jedoch Luft war, musste auch das Licht eindringen können. Doch Bomba rechnete sich rasch aus, dass jetzt noch kein Sonnenlicht die Finsternis seines unterirdischen Gefängnisses erhellen konnte. Als er von den Kopfjägern geflohen war, hatte sich bereits die Dämmerung auf den Dschungelwald gesenkt. Dann hatte er viele Stunden lang daran gearbeitet, sich einen Fluchtweg zu bahnen. Nach seiner Schätzung musste es jetzt gegen Mitternacht sein. Bis zum Tagesanbruch blieben ihm noch etwa vier Stunden. Am besten war es, wenn er jetzt ruhte und seinen erschöpften Körper neue Kräfte sammeln ließ.

Bomba hatte keine Angst davor, dass er die Zeit verschlafen könnte. In seinem einsamen Dschungelleben hatte er sich dazu erzogen, dass er zu jedem beliebigen Zeitpunkt aufwachen konnte. Jetzt stellte er diesen geheimnisvollen Wecker in seinem Gehirn auf eine Stunde vor Anbruch der Morgendämmerung, ließ sich zu Boden sinken und schlief fast augenblicklich ein.

*

Wie er es sich gewünscht hatte, erwachte er in tiefster Dunkelheit. In seinem Beutel hatte er noch einige Stücke geräuchertes Fleisch, und er nahm jetzt einen hastigen Imbiss ein.

Als er fertig war, blieb er am Boden sitzen und hielt Umschau. Noch war die Dunkelheit wie ein schwerer Samtvorhang vor seinen Augen, aber allmählich schien dieser Vorhang dünner und durchscheinender zu werden. Zuerst hielt Bomba das für eine Täuschung. Doch dann kam der Augenblick, an dem er die gespenstischen Umrisse der Gegenstände in seiner Nähe zu erkennen begann.

Plötzlich sprang Bomba auf die Füße. In der Ferne war deutlich ein heller Fleck in der Dunkelheit zu erkennen. Der Fleck wurde zu einem länglichen, leuchtenden Strich, und Bomba atmete unwillkürlich auf. Ein Sonnenstrahl!

So schnell er konnte, eilte Bomba auf die Stelle zu. Gestürzte Baumstämme und breite Äste versperrten ihm den Weg. Wahrscheinlich hatte vor längerer Zeit ein Erdbeben die Bäume entwurzelt und in eine Erdspalte geworfen, die sich hinterher wieder geschlossen hatte. Einige Risse in der Erdoberfläche waren jedoch offengeblieben, und das Licht, das durch eine der Spalten sickerte, wies Bomba den Weg.

Der Sonnenstrahl drang durch ein Netzwerk verfilzter Wurzeln in die Dunkelheit. Mit der Machete musste sich Bomba zuerst seinen Weg freihacken, bis er den Arm durch die Öffnung stecken konnte. Bald hatte er sich genug Raum geschaffen, dass er mit beiden Händen an die Ränder des Loches greifen konnte. Er schwang sich hoch.

Nach langen Stunden war er endlich dem Tod des lebendig Begrabenwerdens entgangen!

Ohne viel Zeit zu verschwenden, glitt Bomba zuerst auf ein Dickicht zu, das ihm Schutz vor Entdeckung bot. Erst jetzt holte er tief Atem und hielt Umschau. Er wusste nicht, wie weit er sich von der Stelle entfernt hatte, an der er den Kopfjägern entgangen war. Vielleicht hatte er unterirdisch eine weite Strecke zurückgelegt. Aber es war auch möglich, dass ihm bei der Mühseligkeit des Vormarsches der Weg nur länger erschienen war.

Keine Menschenseele war zu erblicken, doch in einiger Entfernung bemerkte Bomba eine Rauchsäule, die sich über die Bäume hinaufkräuselte. Die Bedeutung dieses Rauchzeichens war klar genug für ihn. Es hieß nichts anderes, als dass die Krieger Nascanoras damit beschäftigt waren, ihr Frühstück zuzubereiten.

Die Beobachtung erfüllte ihn mit Besorgnis und befriedigte ihn zugleich. Er war jetzt sicher, dass die Kopfjäger noch nicht zum Angriff auf das Dorf der Araos aufgebrochen waren. Er konnte also seine Freunde vielleicht noch rechtzeitig warnen.

Doch er durfte jetzt keine Zeit mit müßigen Überlegungen verschwenden. Wahrscheinlich würde er einen großen Bogen beschreiben müssen, um ungefährdet das Dorf zu erreichen — und dieser Umweg bedeutete Zeitverlust, der verhängnisvoll sein konnte.

Verstohlen bahnte sich Bomba seinen Weg durch das Unterholz. Er bewegte sich lautlos und mit ruhiger Umsicht, und als er plötzlich vor sich eine Männergestalt entdeckte, brachte ihn ein einziger, unhörbarer Schritt in Deckung. Der Kopfjäger hatte ihn nicht bemerkt. Er war dabei, Holz für das Lagerfeuer zu sammeln und entfernte sich nach einer Weile zu der Lichtung hin.

Bomba setzte sein mühsames Vorwärtsschleichen solange fort, bis er sich in Sicherheit glaubte und fester auftrat. Dann eilte er so schnell er konnte durch den Dschungel dahin.

Nach ziemlich kurzer Zeit schon fiel ihm eine Schar von kreisenden Geiern am klaren, blauen Tropenhimmel auf. Die schwarzen Silhouetten der Vögel beunruhigten ihn. Ihre Nähe deutete immer auf die Anwesenheit von Tierkadavern oder toten Menschen hin.

Führte der Instinkt die Aasvögel her? Ahnten sie schon ein bevorstehendes Gemetzel? Oder war etwa Nascanora mit der Hauptmacht seiner Krieger bereits aufgebrochen; hatte er nur eine schwache Nachhut auf der Lichtung zurückgelassen? Hatte er vielleicht schon die Araos angegriffen und im Dorf sein schreckliches Blutgericht abgehalten?

Bomba war so in der Beobachtung der Geier versunken, dass er für kurze Zeit nicht auf den Weg vor seinen Füßen achtete. Diese Nachlässigkeit kam ihm jäh zum Bewusstsein, als er plötzlich ins Leere glitt.

Es war kein tiefer Sturz. Klatschend schlug er in ein Schlammloch und versank augenblicklich bis über die Hüften in dem zähen, dunklen Brei. Vergeblich versuchte er, sich herauszuarbeiten. Wie mit weichen aber unheimlich fest zupackenden Händen hielt ihn das Sumpfloch fest.

Schmatzend und gurgelnd schloss sich der Schlamm um seinen Leib und zog ihn tiefer und tiefer hinab.

5 Im letzten Augenblick

Als Bomba sich nach den ersten vergeblichen Befreiungsversuchen den Schlamm aus den Augen wischte, sah er, dass er etwa fünfzehn Fuß vom Rande des Sumpfloches entfernt hilflos feststeckte.

Er versuchte wieder, ein Bein zu heben, aber der einzige Erfolg dieser Bemühung war, dass er mit dem anderen Bein noch tiefer einsank. Der Gedanke, dass außerdem seine Feinde in der Nähe waren, brachte ihn der Verzweiflung nahe. So konnte er es nicht einmal wagen, einen Hilferuf auszustoßen und damit vielleicht einen freundlichen Eingeborenen herbeizuholen.

Nur noch Minuten blieben ihm, um an seine Rettung zu denken — das wusste Bomba genau. Er fühlte, wie der Sumpf ihn unentrinnbar in seine grässliche Umarmung zog — unentrinnbar, Zoll um Zoll.

Während er noch fieberhaft an eine Rettungsmöglichkeit dachte, hörte er plötzlich ein Knacken und Rascheln im Busch. Bedeutete dieses Geräusch für ihn Hoffnung oder Verderben? Er stellte sich diese Frage und sah im nächsten Augenblick schon, dass er nicht hoffen durfte. Es war kein menschlicher Schritt, den er hörte, sondern das Vorwärtsschleichen weicher, gepolsterter Raubtierpfoten.

Gleich darauf schob sich ein breiter Kopf durch die Büsche, und Bomba starrte in die grüngelb funkelnden Augen eines mächtigen Pumas.

Der König aller Urwaldbestien trat ins Freie und entblößte sein schimmerndes Raubtiergebiss. Das Fauchen des Tieres klang gereizt und zugleich überlegen, als fühlte es, dass Bomba eine hilflose Beute seiner Pranken war.

Doch so rettungslos verloren war Bomba dem Puma gegenüber jedenfalls nicht. Noch besaß er sein Gewehr. Er hielt die kostbare Waffe fest in der Hand und wischte den Schlamm vom Schloss und Lauf ab. Dann versuchte er zu laden. Aber auch die Patronen waren mit Schlamm überzogen, und bei seinen verschiedenen Bewegungen sank Bomba immer tiefer ein.

Auch von der anderen Seite des Schlammloches näherte sich jetzt ein Puma. Es war wahrscheinlich der Gefährte des anderen Tieres. Während Bomba noch mit aufgeregten Händen mit dem Laden des Gewehres beschäftigt war, versuchte er sich schon in Gedanken klarzumachen, welche Folgen das Abfeuern eines Schusses haben würde. Auf alle Fälle lockte er damit seine Feinde herbei. Auch jetzt noch fand er es rühmlicher, unter den Klauen der Raubtiere zu sterben als von den Kopfjägern qualvoll zu Tode gemartert zu werden. Pumas waren Raubtiere, aber sie waren im Vergleich mit den menschlichen Bestien gnädig. Sie spielten nicht mit ihren Opfern, sondern töteten sie schnell.

Immer näher krochen jetzt die Raubkatzen an den Rand des Schlammloches. Sie fühlten, wie sie den Boden unter den Pfoten verloren, sobald sie sich zu weit vorwagten. Mit einem bösen Knurren der Wut und Enttäuschung zogen sie sich schnell wieder einige Zoll weit auf den festen Grund zurück. Ihre Erfahrung hatte sie gelehrt, wie tödlich der Schlamm sein konnte.

Beide Katzen waren jetzt so nahe, dass sie Bomba leicht mit einem Sprung hätten erreichen können. Ihre Flanken waren dicht am Boden, und die Muskeln hatten sich zum Sprung gespannt. Dann richteten sie sich wieder auf und umkreisten unruhig das Schlammloch. Überall suchten sie nach einer Möglichkeit, an ihr Opfer heranzukommen, ohne den festen Boden verlassen zu müssen. Immer wieder sanken sie ein und immer wieder versuchten sie es mit einem gereizten Fauchen an einer anderen Stelle von neuem.

Die Blutgier würde schließlich doch die Vorsicht überwinden. Bomba wusste das. Er war jetzt schon bis über die Hüften eingesunken und der Verzweiflung so nahe, wie das bei seinem zähen Lebensmut überhaupt möglich war.

Jetzt setzte der größere der Pumas endgültig zum Sprung an. Sein Schweif peitschte den Boden, und der schmale Raubtierblick war entschlossen auf das Opfer im Sumpf gerichtet.

Doch in diesem Augenblick zischten vier Speere zu gleicher Zeit durch die Luft. Jeder der beiden Pumas wurde von zwei Geschossen getroffen. Mit einem Brüllen des Schmerzes und der Wut schnellten sich die Raubtierleiber in die Luft, schlugen wieder zu Boden und wälzten sich mit wilden Prankenschlägen im Staube. Mit Krallen und Zähnen versuchten die Bestien, die Speere aus dem Fell zu ziehen, die so schmerzhaft tief in ihre Leiber eingedrungen waren.

Nur wenige Sekunden dauerte dieser Todeskampf. Dann streckten sich die Tierkörper, die Köpfe sanken zur Seite, und der Blick verglaste.

Bomba starrte in die Richtung, aus der die rettenden Speere gekommen waren. Er war noch zu betäubt, um sofort die schöne Wahrheit dieser Rettung in höchster Not zu begreifen. Er sah vier Männer durch die Büsche brechen und blickte sie zuerst fassungslos vor Freude an. Endlich fand er seine Stimme wieder.

„Gibo!“, rief er. „Lodo! Ashati — und Neram! Welches Glück hat euch hierhergeschickt? Haben euch die Götter selbst gesandt?“

Gibos Augen leuchteten vor Freude und Stolz.

„Ja, Bomba — vielleicht haben uns die Götter etwas ins Ohr geflüstert. Unsere Speere haben ihre Arbeit gut getan.“

Die drei anderen hatten sofort erkannt, in welcher Bedrängnis Bomba war. Im Nu hatten sie lange Äste von den Bäumen gehackt und schoben sie jetzt über den Rand des Sumpfloches auf Bomba zu. Allmählich hatten sie aus mehreren Ästen eine tragfähige Plattform geschaffen. Einer kroch auf diese primitive Brücke und streckte die Hand aus. Langsam aber sicher wurde Bomba aus dem Sumpf gezogen. Mit einem wütenden Schmatzen und Glucksen gab der Schlamm seine Beute frei.

Dann stand Bomba wieder auf festem Grund und schüttelte dankbar seinen Rettern die Hand. Die treuen Eingeborenen hatten sich schon an diese Art der Begrüßung gewöhnt, und ihre Gesichter strahlten. Das waren wirklich echte Freunde für Bomba. Vor langer Zeit hatte er Gibo aus dem reißenden Hochwasser gerettet, und der treue Indianer hatte diese Tat nie vergessen und schon mehrfach vergolten. Ashati und Neram hatte Bomba auch vor langer Zeit aus der grausamen Tyrannei Jojastas, des Medizinmannes vom Laufenden Berg, befreit. Lodo jedoch war der Unterhäuptling der Araos. Mehr als einmal hatte Bomba schon mit ihm Seite an Seite gekämpft.

„Ich werde nie vergessen, was ihr heute für mich getan habt“, sagte der Junge bewegt.

„Es war nur wenig“, erwiderte Ashati bescheiden. „Wir danken dir schon mehrfach das Leben.“

„Und ich euch auch“, sagte Bomba lächelnd und reinigte sich mit großen Blättern von dem Schlamm, der noch an seinen Beinen und seinen Hüften haftete.

„Wie kommt es, dass ihr schon so früh im Dschungel seid?“, fragte er. „Wir sind doch hier weit von Honduras Maloca entfernt?“

„Hondura hatte uns auf Erkundung ausgeschickt“, erklärte Lodo. „Wir haben schon genug schlimme Dinge gesehen und wollten zurückeilen, um Hondura die schlechten Nachrichten zu überbringen. Da sahen wir zufällig, wie die Pumas sich durch das Dickicht zwängten und folgten ihrer Fährte bis hierher.“ Lodo machte eine Gebärde des Dankes in Richtung des Himmels. „Die gnädigen Götter haben uns geleitet, sonst wären wir nicht hier.“

„Auch ich wollte Hondura vor den Kopfjägern warnen, die ich schon gestern sah“, erklärte Bomba.

„Kopfjäger?“, rief Lodo erschrocken. „Dann sind nicht nur die Abaragos in unser Gebiet eingedrungen, sondern auch Nascanora mit seinen Männern. Die Abaragos wollen Rache dafür nehmen, dass Bomba in das heilige Sumpfgebiet eingedrungen ist und die Blume des Todes von dort mitgenommen hat.“

Diese Nachrichten waren allerdings schlecht genug. So hatten sie es also mit zwei feindlichen Stämmen zu tun. Sie mussten jetzt so schnell wie möglich in das Dorf der Araos zurückkehren, und Bomba übernahm wie immer die Führung.

Sie waren vielleicht eine Stunde in schnellem Lauf unterwegs, als Bomba plötzlich stehenblieb, den Freunden warnend zuwinkte und sich dann flach auf den Boden fallen ließ.

Die Indianer folgten augenblicklich seinem Beispiel. Eher als die anderen hatte Bomba aus der Ferne das Geräusch vieler Füße vernommen.

Darmowy fragment się skończył.