Czytaj książkę: «bernsteinhell»

Czcionka:

Roma Hansen

bernsteinhell

Usedom-Ostseeinsel-Roman im Milieu von 1889

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

An der Ahlbecker Chaussee trotten schrittgleich zwei Pferde in edlem, und trotz andauernder Pflege abgenutzten Ledergeschirr vor einer schwarzen Kutsche. Sie bemerken nicht, wie aufmerksam aus einem Seitenfenster ein greisenschwaches Augenpaar auf die See späht, nach den Fischern des wie erwartet einlaufenden Kahns, in den eisigen letzten Tagen des Januar 1889 vor der Ostseeküste.

Auf den Kahn keine Neugier richten zu sollen, das spürt der Kutscher. Hinter ihm vibriert unter mehrmaligem hölzern harten Klopfen die Wagenrückwand, vor der er draußen sitzt. Er schnalzt, das Gespann trabt voran am Schnee. Den Nüstern entdampfen nun weiße Nebel, nur kaum solche, die ebenso abrupt und blitzgeschwind die Kutsche umwallen. Knapp nur noch, sieht der Kutscher des Steuermanns Arm im Kahn aufwedeln, wenig mehr.

In die Schwaden fliegt ein von der See feuchtes Knäuel. Es wickelt sich ab, und es vertraut den fünf schwieligen Fingern. Etwas von derer Wurfgewalt lässt das Tau schlingern im Kampf der Nebel im Vormittagslicht. Voraus in donnernde Dünung klatscht sein Ende, mitsamt dem Ruf „Helge, zieh an!“

Zur Strandgischt blinzeln drei nahe beieinander Schulter an Schulter Wartende. Darunter Helge, der, mit der Furchtlosigkeit eines Heranwachsenden, an seinen Helferpfennig denkt. Das Tau fischt er auf, nass bis zur Brust seiner derben Jacke wird er.

Die beiden in Ölzeug gekleideten Fischer springen über und stapfen seitwärts. Nur der Bootsmann schaut zurück zu Helge. Ihn ermahnt seine kehlig krächzende Stimme, hinweg über das Tosen: „Der Kahn kippt! Mach hinne, sieh die Heckwelle! Sichern!“

Teils unter Netzgewirr hervor quillt schon eine glitschige Menge in den Sand, bevor Helge die Reling könnte stützen. Des Bootsmanns Arm gestikuliert zu den Strandhütten. Er aber dreht ab, um, wie der andere Fischer, Helges Vater, sich wenige Schritte ferner nach abgenutzten Rollhölzern zu bücken.

Helge spurtet zur Gekrösetonne, rollt sie hinab, schaufelt mit beiden Armen die Heringe des großen Schwarms hinein, für den in der Sturmnacht wie üblich drei Strandfischer ausfuhren. Dies beunruhigt ihn bodenlos, als er den Bottich hoch wuchtet, den Sand der Hände flüchtig an die Jacke reibt, und bei den Hölzern hilft, über die seit ewig der Fischer den Kahn bei holt, den Fang für die Salzhütten.

Dort steht, neben der vermummten Frau mit Strickmütze, eine junge Frau, zierlich im Wuchs. Zum Wintermantel trägt sie ein Kopftuch, in das sie die Schultern hoch zieht, weder Blicke für den Fang hat noch das Boot. Zur See starrt sie. Seit den Minuten der Ankunft verrinnt ihre Zeit in taumelndem Suchen auf jeder Woge, jedem weißlich-braun gekrönten Gischtschwall.

„Joos blieb draußen in der See, Helena“, knurrt die Stimme des alten Bootsmanns im Annähern. Auf ihre Schulter sackt seine Hand schwer, indes sein stoppeliges Kinn trotzig zuckt. Selbst ihm klingt die Mitteilung zurechtgelegt. „Keiner konnte Joos retten. Über Bord ging er - tauchte nicht mehr auf.“

Seine letzten vier Worte befördern Helena in eine Welt aus Trümmern. In ihre Nase bohrt sich Ekel erregend der Geruch von des Bootsmanns Hand. In jähem Dreh schüttelt sie seine Hand ab.

Der Alte rückt direkt vor sie. Helenas Gesicht ist weiß wie Muschelkalk, als ob darin alles Blut gefror. Ihr dumpfer Blick verführt ihn, so eisenhart wie die Krallen an seinem Kahn die Reling umspannen, so auch Helena von den Salzhütten fortzustoßen.

Könnte der Fischer - wäre er in der Verfassung seine Tat zu deuten, versinke er vor Scham im Sand. Nein, ihm liegt mehr an Erleichterung. In seinen Gedanken brodelt es giftiger als aus seiner Meldung herausklang, von seinem Verlust. Und daher wendet er sich ab von der zierlichen Gestalt, deren Tuch am Kopf eine Sturmböe hinten hochschlägt. Ihren Haarzopf im Nacken tränkt der Nebel grau, an anderen Tagen schimmert daran blonder Glanz. Helena bewegen mechanische kleine Schritte, sie wankt in den kniehohen Dünengräsern oberhalb - und versinkt.

„Vater, sieh!“, ruft Helge im Klang seiner Herztöne, die in ihm stolpern, seit der Steuermann Helena grob stieß. Vom Dünengras absehend, wedelt er seine Arme hinüber zum Vater. Weder rührt der sich, noch blickt er ihn an. Seine Sturheit kennt Helge und eilt aufwärts, scheucht zwei Möwen aus dem Nestlager. Sie stieben kreischend fort, kehren gemeinsam heim. Vor nur einem Flügelschlag von Zeit aber brach Einsamkeit über Helena herein, ermisst Helge in seiner Unschuld. Er springt der Gestürzten zur Seite, um am Weg zu ihrer Kate bei der Feuchtwiesen ihre Last mitzutragen. Mit aller Kraft rappelt er Helena hoch, umfasst ihren Rücken.

Der Bootsmann leckt mit der Zunge in die Lücke seiner unten verbliebenen Zähne. Helge entkam ihm, wie er dem Elend und der Ahnungslosigkeit in Helena. Ihm selbst dröhnt in seinen Ohren die Brandung, sein ureigener Herzschlag und doch voll Bitternis. Einen Blick von seiner Frau möchte er erhaschen. Doch sie wendet sich mit der Hand am Mund um zu Helges Vater, der seitlich abgedreht mit hängenden Armen zur See vorausblickt.

Ihm verdirbt die Sache unangemessen stark den Blick hinaus, kaum beachtenswert, denkt sie diffus. Ihre Arbeit wartet. Sie beugt sich, schlägt unter ihrem Mantel den Rock auf, zieht ihr Fischmesser aus einem Stiefel. Im Aufrecken entrinnt ihrer Lebenserfahrung ein abgeklärter Gedanke, ein saurer Gruß aus verbittertem Gemüt: Die Häscher brauchen keinen wie Joos, keinen unbeugsamen Querulanten. Sein Untergang zertrümmert zwar Helges Vater den Sand unter den Füßen, aber mehr darf nicht sein. Punktum.

Ihre Schultern drückt sie zurück, und blickt zu ihrem Mann. Inmitten der Nebelwogen schüttelt er seine drängenden Gedanken ab, wohl zu Recht. Um ihr Heringseinsalzen nicht zu vergiften, beachtet sie ihn keine Minute länger. Sie wäscht den von Helge in die Tonne gefüllten Heringen den Sand ab, schlitzt sie auf. Blut und Gekröse spritzen heraus. Aber sie ahnt weit mehr ihrem ergrauten Mann bevorstehen. Das gewohnte Unvorhergesehene, den Dunst des Agenten, sein ungnädiges Blut. Seine anmaßende Macht wünscht sie sich weit weg, so wispert auch ihr Messer.

Solche unerwarteten Vorgänge, und die plötzlich zerfledderte Haltekraft unter Dörflern, die Saat von Unverständnis und mangelhaftem Beistand und mehr fürs Schüren von Furcht, obliegen dem seiner Arglist verpflichteten Agenten. Früh am Nachmittag erreicht seine schwarze Kutsche den nächsten Treffpunkt am Feldweg der Peenefurt an der sieben Kilometer langen Bahnbrücke von Karnin.

Nicht des Agenten habgierige Geister oder nur die im Nebel, bewegen deren sechsundzwanzig Meter breites mittleres Hubstück. Die Zuggewichte der Brücke lassen die Schienen auf Platten wie einen Fahrstuhl herabgleiten und scheppernd einrasten. Von den Streben des alles überspannenden, geschwungenen Gestänges platschen Eisbrocken in die schwarz wie Blei kabbelnden Wellen.

Herüber vom anderen Ufer quert ein Zug mit Lastwaggons die Brücke, daran quietschen Stämme, gesichert mit Ketten, für das Ahlbecker Sägewerk, und allerlei Gerüste des Bauhandwerks. Der Qualm vom Schlot der Lok steigt in den Nebel, den der frostige Ostwind anhob, doch braune Schwaden über den Feldweg deckt, wo ein hochrädriger Einspänner wartet.

Unter dessen Dach kauert, haltend den Zügel vom feurigen Traber, ein Helfer des Agenten, Krischan. Er hat einen Leinenbeutel mit rohen Bernsteinen, an deren Leuchten in Gold er nicht denkt. Er kaut an rissigen Lippen, ebenso wie am Drangsalieren, das ihn immerzu verfemt und ächtet. Prompt verätzt ein Tropfen dreister Bosheit sein Überlegen, schmerzt in der Nase und dem blau geäderten Wulst daran. Wie seit der Hetzfahrt herbei von Ahlbeck. Als Lehrer Johann ihn aufhielt, tadelte bei einem Heilsgequatsche, nur bestimmt für die Bernsteinsammler.

Der allseits beliebte Lehrer dreht bei meinem Heil den Hahn nicht zu!, wütet Krischan vor Rage, in der ihm Kaiser Wilhelm II. Bernsteinmonopol blinkt. Das verhagelte seinem Dienstherrn, Mittelsmann Danziger Kaufleute, einst das Grünzeug. Aber dessen Heimtücke brachialer Überwachung presst alles Denkbare aus den Küstensammlern heraus. Denn reiche Adern, wie in alter Sage die Bernsteinhexe im Streckelsberg fand, findet ein schlauer, zäher Greifvogel in anderen Bergen, randaliert im Inneren Krischan hinein in den Hall des Dröhnens auf den Schienen über dem Wasser.

Der Hall lässt nach. Nun wirft sein Traber den Kopf hoch. Leises Klirren unterlegt das Gerappel der Kutsche, die wenig fern anhält. Aus der Tür heraus fährt ein Gehstock, am Knauf krümmt sich ein winkender Finger. Und dorthin schlendert Krischan hinüber, als ständen Banalitäten an.

„Dag, Krischan.“

Der bieder in feines Wolltuch gekleidete Alte, seine Beine umhüllt eine Webdecke, fixiert ihn wie ein seniler Geier aus eng stehenden Augen minutenlang. Schließlich wischt er über seine schiefe Nase, zieht eine Börse aus einer Manteltasche.

„Danziger Kaufmannsgesetze bleiben Gottes Gesetz,“ ertönt dröge seine Stimme, in ein Krächzen gedämpft. „Strandsammler rühren sich. Bist du mit Swinemünde durch, klappere die Usedomer ab.“

Krischan taxiert die Börse. Wieselflink dämmert ihm etwas, das heraus muss. „Die verschieben ihren Bernstein selber. Für eine Reichsmark wird keiner denunziert, deine fetten Zeiten sind längst rum.“

Widerspruch hat der Agent keinen erwartet. Sein Kinn klappt faltig herab an den Mantelkragen.

„Läuft die Tour miserabel, pack Riemen ein, leg Feuer unter deren Mors! Ich mache den Rest, du bist bloß mein Knecht! Pah! Und dafür nimm hin deinen Lohn, Schmarotzer!“

Wie jedes Mal nach Austausch von Börse und Leinenbeutel, trommelt der Gehstock auf die Tür. Der Kutscher schnalzt den Pferden, und die Kutsche biegt bald darauf in einen Seitenweg ab.

Auf die Brücke blickt Krischan, dort heben sich gurgelnd die Bodenplatten der Schienen. Tief im Wasser der freien Durchfahrt nähert sich ein mit Fässern voller Kahn unter braunen Segeln.

Krischans Nase prickelt. Heraus gärt niederträchtig, was ihn den Agenten gänzlich vergessen, an nur eines denken lässt: Am Swinemünder Markt entlädt der Kahn Schwarzes, längs des abblätternden Namens Helena. Die bringt Glanz in schnöden Alltag! Und Eggebrecht! Der greift zur Ladung wie nach einem Strohhalm, damit sein Kopf oben bleibe, ihm sein Swinemünde nicht vollends absäuft. Ich bin also gar nicht mit Observieren durch. Kiek eens det an, der Nebel wäre geklärt!

Krischan springt mit entkrampften Knien hinter die Zügel, bringt den Einspänner in Position.

1

An einem Nachmittag im Februar quert des Lehrers Einspänner von Ahlbeck herbei den Wiesenweg. Kurz darauf fährt er in den von Schnee überkrusteten Hof der Kate hinein, deren Fachwerk höher reicht als bei anderen in der Gegend. Über den Stufen öffnet sich die massive Eingangstür. Helena tritt heraus. Ihr Kopftuch umrahmt die Stirn wie ein Riegel vor inneren Welten, den Rinden gleichend im nahen lichten Wald. Der Lehrer geht zu ihr, ihn begrüßen reglose graue Augen in blassem Gesicht.

Er folgt ihr hinein in die Kök mit den soliden Schemeln aus Grünebergs Ahlbecker Zimmerei, an den Wänden verteilt sind eine Truhe und robuste Regale, am Milchtisch das Durcheinander der Kannen. Düster wirkt der Raum trotz des Glühen im Kaminfeuer und dem am Tisch hell schimmernden Kuvert.

In den Lehrer huscht eine Ahnung. Er setzt sich, wie er es vorgehabt hatte, an den Schemel am Tisch, und stemmt die Stiefel darunter, der Fahrtwind versteifte ihm die Beine und jetzt auch den Abstand zum Brief. Er zieht den Filzhut vom Kopf, dreht ihn in der Hand, streicht behutsam seinen korrekten Seitenscheitel nach.

„Nur kurz sehe ich heute herein zu dir.“

Er mustert ihren Seemannspullover. Lang wie ein Sack hängt der über den dunkelblauen Wollrock, der zu den Stiefeln reicht, die sie im Haus trägt. Blitzartig geht ihm auf, dieser Pullover wärmte Joos, ihm nahe will Helena sein! Doch an ihr ist mehr. Nachlässig gebunden hängt ihr Zopf unter dem Kopftuch, ihrem Äußeren widmet sie vor Gram keine Pflege. Ihre Augen wirken wie das Wasser in einem Gebirgssee. Lehrer Johann erinnert seine Wanderung, einst über die Lande. Er fand an einem solchen See für sein Herz den möglichen Anker in jeder Lage, und im Glauben an seine Berufung. Deshalb sitze er nun auch hier bei Helena. Mit väterlicher Güte mag er ihr helfen, und fragt sich doch unbehaglich, ob es gelingt? Sie macht nicht den Eindruck.

In Helenas Geist ringen noch zäh seine Worte der Begrüßung. Sie streckt langsam eine Hand, deren sonst zupackende Kraft wie erloschen nach dem Brief greift, der anfängt: Besinn dich, zieh her, nimm Anstellung bei einer Pension in Swinemünde. Und diese harsche Aufforderung brennt in ihr. Nur der Truhendeckel kann ihre Aufmerksamkeit davon abziehen.

Die in Jahren gedunkelte, lederbeschlagene Holztruhe öffnet Helena, legt den Brief hinein. Krachend fällt der Deckel herab, pufft den Staub seiner Rillen seitlich heraus. Helena zuckt mit weiten Augen zurück. Ihr wirkt der Deckel wie ein Spiegel der gefährlichen Gegenwart voller scharfer Kanten, und sprengt ihr den Mund auf, sie wendet sich um.

„Ach, Lehrer Johann! Der Brief der Verwandten ist wie jede andere Belästigung, seit Joos mich als Witwe sitzen ließ! Mich ändert das doch nicht! Ich will nicht inne Backsteinvilla, mit runzlig engen, hochnäsigen Mündern voll! Auf keinen Fall lasse ich mich als bemitleidenswertes Anhängsel betiteln, und fürs Schöntun begehrlichen Herren in Swinemünder Salons vorführen!“ Feucht blinzeln ihre Augen den Lehrer an, und fordern sein verständnisvolles Zuhören. „Verwandtschaft schwimmt auf eigene Weise. Mir sind Heringe und Aale in der Beek lieber. Alle Male treibt sie ihre Gleitfähigkeit an, die brauche ich jetzt.“

Helena spricht in der kernigen Schwermut, mit der sie sich selbst seit dem tödlichen Sturm von allem Winterleben ringsum trennt. Der emphatische Blick des Lehrers verlangt danach, ihre Wehmut zu erklären, aus ihrer Kehle sprudeln zu lassen. „Wachtmeister Karl zeigte mir den Polizeibericht, nur eine Bestätigung der Rückkehr ohne Joos. Seither meiden mich Fischerfrauen als hätte ich Krätze.“

„Wie konnte das nur passieren! Sonderbar“, wirft der Lehrer ein, und sucht ratlos nach dem Grund für die voreingenommenen Gemüter, und seinem sonst flüssigen Trost bei derlei Geschick.

„Die Wetterlage nur, die könnte den tödlich endenden Unfall erklären.“

Sein leiser Kommentar lässt Helena seufzen, von allem, was ihr vor Augen steht. Sie entlädt sich mit einem Wortschwall. „Ich will nichts von denen, die in wortkarger Einfalt mich übersehen als wäre ich nicht mehr! Lieber horche ich, ob Joos nicht doch übern Hof latscht, vor der Treppe grunzt, sich der Stiefel entledigt. Auf Socken steht er nie wieder im Türspalt, nie mehr umarme ich seinen nach Fisch stinkenden Pullover! Na, ich erledige, was jeder Tag fordert. Doch Sprotten und Dorsche vom Fang draußen, Flundern von der Küste, die Joos heimbrachte, die fehlen mir wie er. Aber niemals gebe ich mein Land auf! Diese Scholle bleibt mein, auch wenn ich allein mit allem dastehe.“

„Ach, Kind! Setz dich her! Allzu kurz halte ich heute meinen Kondolenzbesuch doch wirklich nicht.“

Bevor Helena gegenüber am gedrechselten Schemel hockt, legt er den Hut zur Tischkante, knöpft den Mantel auf, lockert den vom Alter gebeugten Rücken. Zeitgleich mit seiner Einkehr geht ihm auf, wie widerspenstig Helena den geltenden Leitrollen trotze.

Sie befolge eine Königsdisziplin, und rackert sich ab, würde bald in lichter Neugeburt aus der Asche steigen, schneller als Fischweiber zuwege brächten. Ja, da er sie trimmte, nicht nur der literarische Damenkreis seiner werten Gattin Emilie, die ihnen passable Traditionen vorlebt. Was wäre, sorgte sie nicht dafür? Und für mehr, weil in Ahlbeck auch einmal eine Kirche stehen soll. Mager wäre seine Sammelbüchse, hänge sie einzig an seinen Sohlen. Rasseln Damen, sind Herren spendabel bei den so viel versprechenden Festen, wo er sich allem Widrigen stelle, und danach die Büchse verberge im günstigen Moment daheim, wo Emilie die Magd Rosa nicht auf Schleifspuren im Staub aufmerksam machen könnte. Mit Staub lebt Emilie in Fehde. Sie würde sogar die zehn Trauerränder unter Helenas Fingernägeln kritisieren, und wohl auch die tröpfelnden Augen.

Kurz sieht er an ihre unaufhaltsam rinnenden Tränen und rasch weg. In Helena geht vieles vor, ihm reizvoller als seine Dramen zu Hause. Der Lehrer tastet mit auf- und niederfahrenden Fingern in seinen Spitzbart, und löst den Kiefer zum Sprechen. „Ja, weine tüchtig, das erlöst und erleichtert. Irgendwann betrachtest du den Kummer wie einen ausrangierten Hut, und begreifst das als von dir gemeistert. Oder muss ich Emilie um etwas Mütterlichkeit bitten, die dir Trost spenden könnte?“

„Kaum ihr Talent. Deswegen fehle ich vorerst im Kränzchen. Ach, Lehrer Johann, meine Not schabt mich ganz hohl. Wird mir dieser harte Tisch aufdecken, was mich wahrhaft erlöst? Niemals brach er unterm Essgeschirr zusammen, alle Viere ausgestreckt.“

Helena wischt mit einem Ärmel über ihre Wangen. Unter dem Nässeschleier der Wimpern schaut sie an des Tisches Maserung, kratzt mit allen Fingernägeln darüber. Sinnlich in ihren spürenden Fingern unterwegs, schaut Helena von unten herauf.

„Übriggebliebenes als gemeistert erkennen?“

„Bei deiner Nachlese. Du hast Joos’ Eigenarten oft beklagt! Dem entgegen riet ich dir, lege die nicht auf die Goldwaage.“

„Mit Unzen war der nicht aufzuwiegen! Unter seinem Betragen litt ich einst mehr als eine Goldwaage verkraftet.“

Der Lehrer neigt sich vor und dahin auch den Funken in seiner Absicht. Erregt springen ihm seine Augenbrauen hoch zu den faltigen Gebirgen an seiner Stirn, die jetzt weit mehr noch gefordert ist.

„Ja, eure zurückliegende Zeit füllte Waagschalen, so groß wie Badekübel. Verkläre die nicht wie eine Trauernde, die Leere mit Glorifizierung füllt. Immerhin warst du jahrelang geduldig mit Joos. Diese Kraft setze wiederum ein, gegen den Kummer.“

Nun scheint dem Lehrer, er müsste sich den Schaum vom Mund abwischen. Er faltet die Hände auf der Tischkante, sammelt sich und wagt ein feines Lächeln bei seinem nächsten Rat.

„Ein Zauber steckt im Detail, meint Meister Fontane. Doch meinen andere Weise, es stecke im Detail der Gottseibeiuns! Er trete ein, wenn wir einzig hadern mit unserem wenigen Guten!“

Helena reagiert weder auf sein zahmes Lächeln, noch all die Hintergründe seiner Erregung. An die Tür der Stube blickt sie, daran klebt breit eine Erinnerung.

„Joos schlich oft beunruhigt fort. Hinterher nörgelte er, ich käme ohne ihn zurecht. Ernüchternd war das, ohne Zauber. Ab und an bringt auch Emilie bei mir so etwas zustande.“

Sie wechselt schon einen wissenden Blick mit ihm. Still fragt der Lehrer sich, wie oft sie im Ehealltag an einem Unabwendbaren verzweifelte. Irritiert sieht er Helena an. Doch er kennt ihr Mienenspiel und sieht einige dunkle Gedanken aus den emotionalen Ereignissen im Damenkreis weit fort eilen.

„Sowieso erinnere ich kaum Mütterliches. Einzig mein Name gibt ab und an dazu Anlass. Weil viele Leute denken, sie hätten sich verhört und nennen mich Helene, nach der Äbtissin von Bülow. Wie können die annehmen, ich wäre so fromm wie sie?“

Dezent spielt Lächeln um ihre Mundwinkel. Sachte liebkosend berühren ihre Hände die Tischplatte. Offensichtlich verflog ihr Groll, sagt dem Lehrer ihr Blick grauer Augen, der ihn leichter atmen lässt. Und schon dreht er den Kopf zum Fenster, sieht zum Wandbord darüber, den Reihen der Köppen aus glasiertem Ton, zu den Schatten dahinter. Im Augenwinkel erfasst er, Helena folgt seinem Blick nicht, sitzt nur aufrecht, in sich gekehrt. Keine Chance auf die behagliche Wärme eines Tees, denn vom Kaminholz brennt nur noch die Glut. Rede er also von ferneren Welten, um Helena mehr anzuregen.

„Sei stolz auf den Namen der Halbinsel Hela, den dir einst deine Mutter gab. Ah, ich sehe das Eis im Februar vor mir, woran die Kegelrobben ihre Jungen säugen. Es war schon so, bevor dort das Toben der Fluten die Ausgleichsküste erschuf.“

Aus solcher Ferne krabbeln nach Helena gierende glitschige Tentakelquallen, die sie niederdrücken. Helena knickt ein. Nun eingefangen von ihrer frostigen Kindheit, klagt sie schroff:

„Die kalte Ostküste kennzeichnet den familiären Stall, dem ich angehöre. Der eisige, schneidende Ton im Brief meiner Verwandten erinnert daran. Zu dem wuchs Mutter in Urgroßvaters Heimweh und Sehnsucht auf. All dem entspringt mein Name, obschon sie riet, ich soll mehr daraus machen, eine Helena wäre nicht irgendein Weib. Ablegen will ich meinen Namen nicht, doch die frostige Tonlage in der Familie grub sich ins Gemüt. Ja, ja, die muss mich umso mehr fürs karge Leben stärken!“

Nicht in diese Richtung wollte der Lehrer schwenken. Heftig und laut atmet er. Helena will er seine Hand reichen. Schließlich kam er deshalb. Aber konnte er ahnen, in welch freudloser Tiefe sie heute fischen würde? Ihm steigt dennoch eine kleine forsche Idee für eine gelingende Ablenkung in den Geist. Vor nur wenigen Minuten tröpfelten Helenas Augen. Nur trockene erkennen Neues. Suchend sieht er zu den behauenen Deckenbalken, und startet in eine Wende.

„Ach, glückt mir nicht, dir dein sonniges Gemüt herüber auf die Goldwaage zu locken? Oder doch? Ich jedenfalls bestaune bei jedem Besuch die Höhe oben, die breiten Dielen, gut erwogen von Joos’ Eltern, da sie nah der Feuchtwiesen bauten. Es sollte für alle Ewigkeit halten.“

„Du springst von Hölzchen zu Stöckchen, um mich aufzuheitern.“

Nun wähnt Helena, den Verlauf seines Besuchs neu bestimmen zu sollen, derhalben prickeln die fünf Fingerkuppen an ihrer Rechten unmissverständlich. Sie deuten zu den Bodendielen. Dahin führt ihre unumstößliche Instanz das Ruder und weist sie an, mit den gefühlten Impulsen sorgsam umzugehen, und mit denen ihres guten Freundes. Sie faltet die Hände, stillt das Prickeln, und kann sich sortieren.

„Mein sonniges Gemüt liegt brach, dazu mag ich nichts mehr erklären. Aber zum Bau von Joos’ Eltern vermag ich zu sagen, er war wegen dem Käsekeller gut erwogen, denn die Großmutter ließ sich ihre Milchkühe nicht ausreden, als sie in diese Kate einzog.“ Helena bemerkt im hellen Blick des Lehrers sein Begehr. Aber vor hat sie nicht, in den Keller zu gehen. „Eigensinnig war Großmutter, behielt ihre Käserei bei, wie Joos meinte, der ihr unendlich nachtrauerte. Mir drängte er die Schinderei mit den Laiben auf, zusätzlich zum Backen, das ich zum Glück schon konnte. Aus der Seitenklappe meines im Rauchfang eingemauerten Brotofens steigt kein Dunst von frisch gebackenem Krustenbrot. Zu lange her, Lehrer Johann! Nur Seufzen kann ich!“

Sie schrappt mit den Nägeln abermals über den Tisch. Das Gekratze ist dem Lehrer geläufig von den Tischen in der Schule, er verbirgt es hinter einem nachsichtigen Blick.

„Deinen Wert vergiss trotzdem nicht. Fühle dein Besonderes! Du lebst auf, wenn du auf dem Acker stehst, halte ihn wach als dein Wertvollstes. Mach es wie dein Ahnherr, der Osthändler, er schipperte an unsere Küste, ihm gefiel unser Inselchen.“

Verdutzt von seiner Kehrtwende, auch herausgerissen aus ihrer Schwermut, streichelt Helena ihre hohen Wangenknochen.

„Ich erbte eine mit einer Bernsteinrosette verzierte Truhe, worin er Urgroßmutter Eli ihre Brautkette aus Bernstein übergab, und dann sein Geschäft gründete. Die Familienchronik besagt, er erlitt unter Heimweh nach dem abgekehrt von offener See liegenden Ort Hel. Ihn erlöste der nach Swinemünde rollende Aufschwung nicht davon. Noch herber zogen ihn die Bankrotte der Kaufleute hinab, jeder Stein der Villa raubte seinen Frohsinn, aber seine innere Instanz couragierte ihn, seine Familie über Wasser zu halten. Ich halte ihn dafür in Ehren, werde gleichlautend den Swinemündern antworten, denn ihm verdanken sie ihren Wohlstand.“

„Stimmt, Helena. Niemals hätten deine Verwandten auf der Halbinsel Hela den Luxus einer Stadt wie Swinemünde. Doch höre, so sensitiv austrocknen wie dein Ahnherr könntest auch du. Ich will dich darauf hinweisen, und ...“ verklingt seine Stimme.

Denn Funken sprühen Helenas Augen. Rosiger Glanz steigt in ihre Wangen, während sie kräftig noch einmal darüber reibt.

„Sag, was du willst, aber Warnungen schlage ich in den Wind! Vor Swinemünde graust es mich. Ich behalte mein Land, das kein bauwütiger Herr kaufen würde, so nah den feuchten Wiesen. Deren Duft der Erde trägt mich wohl oder übel durch die Widrigkeiten! Und ich wünsche mir auch gar nicht, dich zu verlassen!“

„So ist es mir Recht!“

Lehrer Johann erfasst - kurz in sein Anliegen spürend - es wurde zu Nichts aufgelöst. Helena trieft nun vor Lebendigkeit. Ausgenommen bei dem Einen.

„Deinen Verwandten sende einen respektvollen Brief! Du bist nicht wie sie, sonst hättest du keinen Ärger. Das bedenke einmal. Aber danach auch, dann vermeide harte Worte, denn die festigen auch in dir die Tristesse.“ Zufrieden nickt er ihr zu und zieht die Stiefelabsätze unter sich, jetzt im Sprung bereit, aufzustehen. „Helena, ich eile, käme ich noch später, knurrt Emilie sonst beim Essen. Dem ist vorzubeugen. Bringe mich zur Tür.“

„Ja, sollst kein Nachsehen haben. Ich beherzige auch deinen Rat für den Krempel der Lüüt. Und weil ich meinen einzigartigen Urahn verehre, gelingt es meinem Wesen sicherlich, allen, die mich aus der Dorfgemeinschaft abdrängen, die Stirn zu bieten.“

Helena begleitet ihn. Vor der Katentür winkt sie zum Abschied. Des Lehrers Magenknurren hört sie nicht, aber sieht ihn verschmitzt lächeln und den Hut in die Stirn rücken. Ihm erleichtert ihre so lebhafte Geste seinen Heimweg.

2

Unterdessen bückt sich Vedders schlanke Gestalt im nahen Wald beim Acker unter einer blattlosen Buche. Vor einem verschneiten Beerengestrüpp zerrt er einem Kaninchen eine Schlinge vom Hals. Er richtet sich auf, drückt die Fellkappe aus seiner Stirn. Wie eines seiner Schafe, von dem er felsenfest glaubt, es sieht arg schlecht in die Ferne, späht er aus seinen kurzsichtigen und so hellblauen Augen wie die Ostsee im Sommer schimmert, zu Helenas Kate. Soeben rollt des Lehrers Kutsche vom Hof, und Helena geht schon an der Hintertreppe nach draußen.

Vedders Herzschlag hüpft ob ihrer zauberhaft eiligen kurzen Schritte! Sie treffen ihn mitten ins Herz. Dies täte auch die quietschende Tür, würde sie endgültig zufallen, allerdings mit einem wehen Stich, tief bohrend in seiner Brust.

Er luschert gebannt. Helena fingert eine blonde Strähne unter ihr dunkles Kopftuch, und schaut zur Schneekruste am reetgedeckten Dach, mustert den Qualm am Schlot. Sodann stapelt sie Scheite auf einen Arm, steigt damit hoch. Vedders Atem stockt. Sofort weiß er, sie kommt noch einmal. - Da! Schon geht sie wie ein Schemen herab, vom grauen Pulloverärmel unter der Fellweste wohl kleine Hackspäne zupfend. Diesmal umrundet sie die Holzlege bis zum Anmachholz, stampft davor laut auf.

„Rattenviecher, fort mit euch!“, fleht Helena, und trampelt auf den gefrorenen Schnee. In Angst vor den Nagern, rafft sie schleunigst Anmachholz an sich, eilt in die Küche, wirft es in den Kasten am Kamin. Das Feuer an den Scheiten prasselt inzwischen. Sie geht zum Fenster zum Hof, schaut hinaus auf den sich übergangslos aus der vom Winter grauen See sich kaum hebenden Horizont.

In ihre Erinnerung steigt, angespitzt vom Gespräch mit Lehrer Johann, was Urgroßmutter Eli gescheit und erbaulich in der Familienchronik schrieb: Wo es ging, gebrauchte ich meinen Willen, sah hinter den Horizont. Dort tummelte sich allerhand, weniges nur konnte ich erreichen mit reichlich Geschick.

Kaum ein Moment der Besinnung verstreicht, schon rumort in Helena ein winziges Bruchstück voller Tiefgang: Eli, was nützt deine Weisheit! All mein Wille ertrank mit Joos! Einsamkeit alarmiert mich, wie meine Kuh, fällt sie in Hitze.

Von der Fellweste löst sie ihre verschränkten Arme, umgreift das Fensterbrett, betrachtet nun doch das eigenartige Licht am Horizont. Eine schneeschwere Wolke teilt ein Strahl Abendsonne. Helenas Lider dämmen nichts des blendend hellen Lichtflirren, der golden phosphoreszierenden Farben, die ihr Augenlicht umkehrt in einen hellblauen Abdruck, und Frieden und Geborgenheit vor den Klumpen im Gemüt senden. Der stirbt, das Friedliche hat Bestand, verkrümelt sich nicht. Helena sieht herab an den Hof mit seinem Sinn, mit dem gepflastert - auch wenn darauf Schnee liegt - was sie wäre, könnte sie warten. Helena lugt aus schmalen Augen ins Abendlicht, darin flirrt ein Regenbogen. Der bunte Fingerzeig überträgt ihr eine Ahnung, die, wonach sie am Waldrand hätte forschen können.

Oft lockt der Kaminrauch um diese Stunde Vedder an, in ihre Fenster zu spähen. Riskiert er es heute erst im Dustern? Dann erwische sie ihn keinesfalls. Eher ein andermal, vielleicht. Mit dieser Ahnung daneben gelegen zu haben, spürt sie, und zeitgleich, wie wirkungslos sein Luschern wäre, ihr leeres Heim zu ertragen, sähe sie ihn in echt. Ein lästiger Gedanke. Dennoch prickelt ihre Stirn den Hauch unumstößlichen Vertrauens wach, eine Seelenantwort, die eine ganz und gar andere Wende meint.

Der Strahl des Abendlichts taucht ein in die Wolken. Helena wendet sich vom Fenster ab, legt mehr Brennholzscheite auf das Kaminfeuer, das ihre Kök und Schlafstube in dieser Nacht wärmt.

Vedder steht inzwischen an der Bretterwand der Scheune, wo ihn der Wind nicht gar so trifft. Er hört ein Muhen, riecht Heu und Gülle. Doch blinzelt er magisch angezogen in das Licht der Tischlampe im Katenfenster.

Helena verstrickt Wolle aus seiner Schur, im Herbst überaus förmlich vor seiner Kate erbeten. Sie sah seine steife Schulter an, die, im Sturz vor einen Holmen, seinem Tagwerk als Fischer das Ende gab. Helenas Blick war tiefgründig. Und, so glimmt in Vedder auf, über ihr wölbte sich im Mittagslicht ein violetter Bogen, eine gnadenreiche Faser. Kodderig wurde ihm, er rannte später um seine Kate am Schloonsee. Joos lebte damals noch. Er selber würde sie niemals verlassen, und immerzu beachten! Denn seither wurde sein Gemüt wieder froh.

Soeben trägt Helena Strickzeug und Öllampe fort. Die Stube dunkelt. Die Nachtkälte rückt näher um Vedder als ihm lieb ist. Durch das Tor schlüpft er, lässt den Jagdsack zu Boden fallen. Dunkel umfängt ihn, und das Schnauben der Milchkuh. Auf den Pfosten davor geht er zu, gräbt sich in sein Heulager. Inzwischen kennt ihn die Schwarzgefleckte, sie fällt auf die Streu nieder, keucht ins raschelnde Stroh, bevor sie einschläft. Ihre Rempler an den Holzstäben der Futterlege wecken Vedder. Es tagt. Die Kuh reagiert, bevor die Dämmerung das Helle auf die Scheune schickt. Vedder regt seine kühlen Glieder, stakst mit einem Arm voll Heu hinüber, wischt hernach Halme von der Hose. Das Tor öffnet er knapp zum Hinausschlüpfen. Vor Eile stößt er Atemwolken in den eisigen Morgen. Er muss die Schafe seines Stalls versorgen.

Den Holzriegel an der Hintertür öffnend, trifft ihn der vertraute herbe Geruch. Rasch legt Vedder den Jagdsack ans Gatter, greift über zu blökenden Köpfen mit hellem Fell zwischen hängenden Ohren, und geht vorbei.

Am Spiegel bei der Stubentür nimmt er die Fellmütze ab. Speckig klebt sein Haar am Kopf. Au weh! Er geht drei Schritte weiter in die Knie, legt Zunder in den Kamin, macht Feuer mit Zweigwerk. Nach und nach entweicht den Fingern der Frost, aber nicht im Geringsten ihm der Schock über sein Spiegelbild.

Erwägend hockt er am von Asche bedeckten Sims. Ja, Ella hätte ihm einen kalten Guss verpasst, mit festen Griffen den Kopf eingeseift! Sie schleuderte eher selber hin und her, statt ein hartes Wort zur Schluderei zu sagen. Umwerfend witzig war sie, ihr Geifern hörte er trotzdem heraus. Sie war mit sich unaufrichtig; starb daran. Ihm verblieb ihre Art als grüner Lichtblick. Und nun weiß er auch, mit Ella gab es keine so enorme Anziehung wie zu Helena. Mächtig, ja, und näher als die Wassergeister vom See, denen bloß am Schabernack und weniger daran liegt, einem armen Schäfer beizuspringen. Sind die einmal böse geworden und stur, dann schlägt man am besten Haken, die sie abschütteln.

Sein Schlenker zu Seegeistern setzt einen Widerhall in seine Beine, so, als steckten sie im Schloonsee, vom Rand hinein gewatet, von Sommerlicht umflort. Und schon werden seine vom Schnee bedeckten Stiefel schwer wie Blei, und das erreicht seine Knie, saugend wie der See. Vedder glaubt beinahe, es steige noch höher, rüttle und trete er sich nicht los aus dem dunklen Morast. Unbeweglich kauert er am Sims, ihn treibt etwas, größer und stärker als er selber, unaufhaltsam in den Sog. Er weiß weder, wie er hinein geriet, noch, wie er herauskommt. An den Beinen lecken Sommerwellen. Er schüttelt benommen den Kopf - was es noch schlimmer macht. Ihm schwappt eine plötzliche Welle vor, eine Vision reißt ihn mit.

Helena sieht er in ihre Scheune kommen, in deren dämmrigem Licht er hockt. Vedder sucht den Sog abzuwehren. Aber drückend fesseln Netze ihn in knotigen Maschen, durch die er einen Blick zwingt. Das Tor steht weit offen. Im selben Moment spürt er ein Gemisch aus frohem Frieden und banger Zurückweisung. Handelte er falsch? Verließen ihn alle guten Geister? Ein winziges Wissen erreicht ihn, weich wie eine in die Netzmaschen gewundene Alge: Helena lief ein Kind in den Buchenhain, um sich zu verkriechen als mutter- und vaterloses Tier. Helenas Schemen im Sommerlicht eilt dem Kind nach. Aber Vedder fesselt das Netz an seinen Platz. Doch jetzt und sofort kann er den Umstand, ein Kind würde Helena bestürzen, abschütteln.

Ah! Die Seegeister schicken wie eh und je an diesem Ort irritierende Gedanken, dem leichten Opfer ihrer Ränke! Oder, war es gut so? Mischt sich sogar Ella ein, sein grüner Lichtblick? Schon lacht ihr Witz in Vedders Gehör, erleichtert von Zauberhand seine Beine. Einher damit reißt ein unsagbarer Druck in den Augen ihm die Fäuste hoch. Der Schmerz vergeht halbwegs. Er weiß, Helena lebt ohne ein Kind. Die unsinnige Flut entspringe nur dem Wunsch nach Kinderhänden, denen er lehre wie die Funken im Leben fliegen. Voll Wärme brennen die, hinausgekehrt gehört nachher nur ein wenig von der Asche.

Höchst betroffen von dem, was ihn durch treibt, schichtet Vedder kreuzweise Scheite über die Glut. Bald knistert das Feuer. Er tunkt die Kelle in den Milchkübel, wärmt damit den Rest Grütze im Topf, kratzt mit dem Holzlöffel, fährt mit der Zunge nach.

Schließlich entlässt er am Gatter das Böckchen und öffnet den Verschlag der Herde. Die schubst vorbei, erregt mit den Schwänzen wackelnd, erreicht sie das schneebedeckte Gehege. Die Keckeren springen den Bock seitwärts an, hüpfen munter. Ein paar ihrer Bäuche sind trächtig. Vedder karrt den Dung zur Miste, sein Blick streift auf die hüfthohe Räucherstelle aus seegeschliffenen Kieseln. Sein Mund muss warten. Vorerst, einige Schritte ferner, schlägt Vedder in das Eis im Regenfass, schöpft mit den Händen Wasser und benetzt sein Haar. Kernseife reibt er an seine Kopfhaut, und hält beim nächsten Guss die Luft an.

Es tropft vom Kinn, als sein Haar am Kamin trocknet, in der inzwischen wärmeren Stube. Aus den Ecken steigt Modergeruch und muffelt krass. Zu nah am See liegt seine Kate, versinkt mit den Jahren im Grund. Vedder öffnet ein Fenster dem rauen Sturm, der die See aufschäumt, doch keineswegs seinen Entschluss mindert, die verwirrend klugen Ahnungen aus dem Gemüt zu treten, im Ziel eine Kiepe voller Fische vom Ostseefang.

Schon vor den Salzhütten blickt er voraus, und erkennt Helena mit einem Henkelkorb zu den Frauen gehen, die sich dort über Tröge bücken. Ein Blitz voll Magie zuckt durch Vedder, schlägt entzückend ein unter seiner Fellkappe, weit über die Ohren herab gezogen, und dann auch ein im Bauch. Lautlos japst er, tritt steifbeinig zum nächsten Fischer, vor dem er den Korb vom Rücken streift, und spröde den altgedienten Mann begrüßt: „Dag och. Allens en Maaten?“

„Sturmgebrus blev, dat kannst me glööven. Sust de Wind in Februar, reken up een godes Jahr.“ Bei seinen kundigen Worten füllt der alte Fischer den Korb mit silbrigen Heringen, patscht ein Dorsch obenauf, und seine Freude am reichhaltigen Fang.

„De Well’ hät allens geven. Hölpt för de Appetit. Helge is nu wech. De denkt, quasselt de Ohren up.“

Vedder hievt den randvollen Korb über seine Schulter, nickt ihm zu, und stiefelt schwer tragend im böigen Wind fort. Helena blinzelt er nach. Unter dem Sturm, der anrückt, würde er heute nicht mehr nach ihr sehen. Doch des Fischers Blick folgt Vedders, bläht seine Wangen. Bitter schluckt er an dem, was er spürt und denkt über das Unglück der jungen Frau. Er krümmt den Rücken, wendet sich ab.

3

Über Helena saust der steife Sturm hinweg, treibt sie voran am Pfad zu den Sanddornbüschen. Davor stellt sie den Fischkorb in den Schnee und bläst in ihre Hände, macht sie geschmeidig, denn die verhärtete nicht nur der Wind. Die sie musternden, sie mit Stolz verwünschenden Fischweiber.

„Ach, was soll es!“, ruft sie ins Sanddorngebüsch, „diese in dreister Unwissenheit Befangenen gehen mich nichts an!“

Achtsam für sich selbst, zupft sie schrumpelige Früchte von dornigen Zweigen. Danach hetzt sie mit sicheren Schritten ihren eigenen Fußstapfen folgend am Wiesenweg heim.

Später rieselt grober Zucker auf die Beeren. Goldener Sirup soll es werden, das Morgenmus süßen. Den Pott stellt Helena zum Köcheln neben die Glut. Sie rührt Graupen in ihre Fischsuppe im Topf am Haken, legt einen Kiefernzweig ins Feuer, setzt sich auf den Schemel davor und erschnuppert den aufsteigenden Duft. Untätig schiebt sie die Hände ins vorne überkreuz gebundene Schultertuch, nun fertig geworden aus der im Herbst fein gesponnenen Schafwolle. Sie betrachtet die Strickmaschen, das Licht und die winzigen Schatten darin. Unter dem Stricken saß am Tisch bei ihr ihre Einsamkeit. Die Hände regten sich, die Finger erschufen mit jeder Masche des wärmenden Stücks die Vollendung einer neuen Form. Und dabei prickelte ihre Stirn ihr zu, all die Maschen beseele ein Geheimnis, noch genau zu erfassen, es belichten im Traum. Nur soeben jetzt erhebt der harzige Duft des Kieferastes ihre Sinne zu Joos’ Vorvätern, die, waren keine Netze zu knoten, an Feuern saßen und strickten, vom Wetter gegerbte Kerle. Schließlich erfasst Helena nur noch, nie mehr Socken stopfen zu müssen, ihr hinterließ Joos löchrige Lumpen in ihrer Leere.

Mehr verdrängt die brodelnde Suppe. Helena deckt den Tisch am Fenster, entzündet den Docht im Petroleum. Im gelben Licht sitzend, zerdrückt sie Graupenkörnchen und Fisch auf der Zunge. Warm wird ihr. Noch eine Weile später, kocht sie einen Teil der gemolkenen Milch auf, setzt damit einen nächsten Käse an, rührt Sauermilch in den anderen Teil, lässt ihn über Nacht stehen.

Weit in der Nacht fliegt sie träumend in eine Dünenlandschaft, streift darüber und gleitet in eine Bucht mit wiegendem Schilf, das seinen modrigen Duft der Seeluft beimengt. An der sandigen Bucht jagt ein Fuchs einem Hasen nach. Ein Windstoß wendet wie von Flügeln aufgestellt den Kopf des Jägers. Der Träumenden wie eine stille Antwort, senden die Fuchsaugen einen intensiv von Bernstein beseelten Blick. Ins tiefste Innere hinein verankert sich dies, als die hetzenden Tiere zu winzigen Punkten im gelben Sand werden. Der Flug führt ostwärts. Auf einer goldenen Wolke erscheint ein von Gletschern geglätteter Findling. Darauf steht eine Frauengestalt, knochig und von einem Mantel umhüllt, deren in der Kapuze verborgener Kopf gen Strand weist. Das sphärische Gewahrsein der träumenden Helena lauscht nun magischen Worten.

Mein Kind, wachsam gehe, anstoßen wird dein Fuß. Wohin der zu heben ist, wie es mir misslang, das weißt du dann, bist du dir der Schatz, den du begehrst, mit dem du dich erlöst. Pendele dahin, wo du noch nicht stehst. Sei dir einen Schritt voraus.

Wie jedem Traum möglich, wandelt sich umgehend die Sphäre. Ein rosa Strahl des Lichtes bricht sich an der Frau, an Helenas Urgroßmutter Eli. An ihrem langen Mantel weht der Saum hoch von den Knöcheln, und befreit die Melancholie einer wunden Seele. Schon verblasst der Findling, liegt leer, milde salzige Seeluft streicht darüber in Böen, mehr und mehr daran rüttelnd.

In dunkler Kammer erwacht Helena erschreckt, das Dach ächzt im Sturm. Absolut mehr irritiert der Traum, und der Duft von Schilf in der Nase, klebrig wie für eine Anleitung, um den Lebensfaden frei von Fesseln zu erneuern. Und ihren Willen, der ihrem Erkennen folgt, wie weit es Elis Generation brachte. Helena zieht die Bettdecke über den Kopf, seufzt sich in den Schlaf.

4

Eine Stunde vor dem ersten Morgenlicht dieses Tages pocht vor die Hintertür der Swinemünder Hafenschänke mit beiden Fäusten Krischan. Es dröhnt in der Leere dahinter. Widerwärtiger noch, wähnt er den Dunst vom Abtritt im Hof hinter ihm zu wabern, doch der schiebt das Türöffnen auch nicht an. Oben fliegt ein Fenster auf. Der Knecht reckt sein Gesicht.

„Was willste? Hämmere nicht das ganze Viertel zusammen!“

Ruckartig gibt unter Krischans Fäusten die Tür nach. Einen Schürhaken schwingt die Magd heraus, und dahinter eine Laterne.

„Du also? Meinetwegen warte auf den Wirt. Komm herein.“

Wie ein lichtscheues Wesen flieht Krischan vorbei am Kamin zum hintersten Winkel, an die hölzerne Stiege zum Lager. Daran lehnt er, und riecht etwas feucht abgestandenes herabsickern.

Allzu vertrauter Brandweingeruch. Noch derselbe im Mix mit schalem Bier, dem Gammel gestockter Salzheringsfässer, und dem sauren Schweiß vom Wirt. Dessen schiere Gier roch er oft, bevor der Wirt ihn nur ansah, erfasst Krischan. Heute will er kein Dünnbier, koste nur ein Vermögen an Zeit. Blanke Münzen sollen tüchtig klimpern, am besten die von Eggebrecht!

Scharf sticht ihn der Dunst in seine Nase, in den Wulst am Ende. Krischan tastet hinauf. Noch kühl, keinerlei Regung. Lässt ihn sein Kompass im Stich? Den braucht er doch für die Swinemünder Vetternwirtschaft.

Wie zur Antwort - fast eigenständig, würden Krischans Knie nicht doch bange beben - klicken die drei Groschen in seiner Hosentasche leise aneinander. Umgehend endet das Klimpern, sie kriechen vor das Loch in der Naht, entgehen jedoch nicht Krischans rauen Krallen, die sie umkrampfen. Denn draußen vor den winzigen Fenstern beginnt es zu tagen. Wirt und Knecht kommen in die Schänke. Längst scheuert die Magd Holztische ab. Darüber streicht ein Stoßseufzer aus der Jacke des Wirts, und aus der Gegenwart heran, der Krischan sich zu stellen hierher kam.

„Wieder du?“, höhnt der Wirt, als wäre er ein Morgenmuffel nach einer langen Nacht vor nur dem Besäufnis anderer. Aber dann winkt er, recht aufgeweckt und herrisch wie stets, zuerst den Knecht zur Feuerung. „Fülle auf!“ Ohne jedes weitere Wort eilt er selber zur Stiege zum Lager, steigt hinan und voraus Krischan.

Der Knecht hechtet hinaus. Zurückgekehrt poltert er laut herum mit dem Holz, und spitzt die Ohren woandershin. Listig zur Stiege, heiß vor Neugier. Später, an der Straßenseite der Logierstuben, wo er oben wohnt, passt er Krischan ab.

„Ha! Das Schlitzohr treibt dich aufs Glatteis! Rede du mit Eggebrecht. Gegen zehn Uhr flaniert der am Hafen, wegen seinem Widersacher, dem Frachtmeister. Die Helena ist doch bloß eines von Eggebrechts Treiberkähnen.“ Er hält eine Hand offen vor Krischans Jacke. Krischan sieht auf die am Wasser steigenden Nebel. Also setzt der Knecht nach: „Was Eggebrecht entgeht, lagert die Schmiede am Stadtpark. Ich baue bald mit an der Marienkirche in Usedom, werbe fürs neue Dampfsägewerk schon Kameraden an, die sichere Münzen nicht vertrödeln.“ Mit schiefem Mund taxiert er die Groschen, die er einsteckt. Seine Tonlage verliert an Redefreude. „Wirst grade eben Bernsteine stemmen, warst inne Schule nur zum Kreideholen da. Schaff dem Schmied an, ich komm vorbei.“

Die Daumen hängt er in die Hosentaschen ein, schlenzt ab. Weder dem noch dem dreisten Tonfall des Knechts schenkt Krischan Beachtung. Er eilt um die Ecke, vorbei am Kurpark gen Schmiede. Bis zehn Uhr ist es noch lange hin, auch wenn noch Nebel vor dem Hafen lagern.

5

Solche Nebelschwaden lagern auch nahe Helenas Kate auf den Feuchtwiesen. Schummrig nur dringt Licht in die Küche, deren Wände ein Film dumpfer Feuchte bedeckt, während Helena standhaft den Tag beginnt und Kaminasche in einen Kübel kehrt. Sie erinnert das irre Gemenge in ihrem Traum, dessen Morgenröte, zart wie Malven am Obstgarten in strahlender Sommersonne. Doch saust ihr Blick vom Besen fort, und die Schultern rücken hart aufwärts. Denn da sind sie wieder, klar in der Asche sichtbar! Fuchs und Hase hängen im Lauf fixiert in der Luft des Traums, und vor dem Geruch vom Schilf, der deutlichen Melancholie vom Mantelsaum.

„Nein, halt, nicht weiter, ich will da nicht rein!“

Ihr Ruf rumpelt durch die Feuerstelle, hallt in den Schlot, zittert am Besen. Die Jagd der Tiere war in der Natur. Nun sind sie starr fixiert. Ein Rätsel, das sie löse, wärme sie ein Feuer.

Bald knistert es unter dem Wasserkessel, zum Wärmen daneben steht das Frühstücksmus mit Sauermilch. Jetzt hält Helena nichts mehr auf. Sie greift in die Truhe, zieht die Sagen von Karl Eduard Haase heraus, schlägt abgegriffene Seiten um, die mit den Mähren über Bäume, deren Wispern sie lauschen müsste, um zu verstehen. Sie legt es zurück auf die mystischen Sagen, die Joos ein Verdruss waren, aber ihr, in der Achtung ihrer Bestimmungen und Impulse durch lebendige Natur, immerzu Freude bereiten. Dafür ist nicht die Zeit, kühle Morgenfrische streift heran. Die Kaminglut glimmt schwach nur. Helena stapelt Scheite zu einem Stern, der lange abbrennt. Dann sortiert sie aus der Truhe rasch die löchrigen Socken in einen Weidenkorb hinein, bevor sie sich an ihr Frühstück setzt.

Dabei in einem Buch über Tiere in Wald und Wiese blätternd, stutzt sie bei einem mageren Tier mit struppigem Fell gezeichnet, ein Rotfuchs mit weißer Brust und buschigem Schwanz. Weiter hinten hockt in einer Mulde harter Dünengräser ein Hase, mit den Hinterläufen im Sand schaufelnd.

Helena stockt unvermittelt bei hübsch gezeichneten Rindern. Solche Flecken bedecken die Flanken ihrer Kuh, die auf ihr Melken wartet. Nur winzige Decken wären zu stricken aus dunklen Fäden, für Kälbchen, deren Ohren am Kopf abstehen. Könnte aus den Traumtieren Spielzeug für Kinder werden? Stricken könnte sie einen tapsigen Fuchs, und ihm Knopfaugen sticken. Ja, dafür taugen Joos’ Socken, und die Bilder in den Schulbüchern.

Sie steht auf, behaftet von ihrer planenden Fantasie. In der Scheune klaubt sie zum Ausstopfen der Stofftiere Heu vom Boden auf in einen Sack. Dabei den Aalreusen näher kommend, fixiert sie die, als stören sie ihre neu errungene Aussicht. Je nun, damals stieg Joos damit in die Mündung der Beek. Sollte sie auch das übernehmen?, fragt sie sich, und denkt weiter. Steige sie in die Beek, wird der Rock nass, auch wenn sie ihn schürze. Stört nur. Eine Hose von Joos ziehe sie an und im Stall. Seines wurde ihres. Ja! Sie grabe den Kopf nicht ins Heu hinein - bessert die Aussicht nicht.

Helena wedelt mit der Hand durch die Luft, die leidige Befangenheit verscheuchend. Nun schwappt ihr eine zurückliegende Zeit vor Augen, als Joos wegen ungeklärter Ursachen kompliziert wurde. Ein Gang an die alte Eibe half. Deren bernsteinhelle Sonnensprenkel im Grün flirrten ein Willkommen. Im Dämmerlicht tief darunter, raschelte magisch der Schemen des Wuschelhaares, rotgrau, schulterlang gewachsen dem hüfthohen Wesen vom anderen Volk. Völlig außer Atem sprang es, plötzlich wie wild vor ihre Beine. Zu Boden gestürzt, schlief sie ein im Eibenduft, träumte vom Werktisch der Kammer. Eine Kinderstimme plapperte nebenan. Nachschauen wollte sie, nur verging ihr der Impuls. Erwacht, wusste sie, weshalb der Zwerg atemlos war. Zu kurze Beine. Er bündelte all sein Feuer in dem einen Tritt, damit sie der gütigen Eibe lausche. Sie weist nicht nur den Weg ins Jenseits, auch den ins Recht im Diesseits, für ein Anerkennen des Mannes Joos, und sie sich, in der Erwartung seines Kindes.

Umsonst war es gewesen, wie die leere Kammer. Nun liegt die einst gesehene Vision neu in ihrem Atem und sagt, Joos' Tod ändere am Recht im Leben kein Fitzelchen, auch nicht die Erde unter der Eibe. Auch ihr Alleinsein verebbe, während sie sich dem widme, was mit der Hände Arbeit gedeiht.

Erfüllt von ihrer Erkenntnis, die ihre Hoffnungslosigkeit verdrängt, folgt sie diesem Vorsatz und greift aus dem Heu einen Ballen, trägt den zur Box, streichelt anschließend die warme Flanke der Kuh.

Beim Melken zupft die Kuh gemächlich Halme aus der Schütte, muht ab und an zufrieden. Helenas Gedanken fliegen derweil zum Schiet unter ihr, zur Miste draußen, zu dem Wetterpfeil auf eisernen Willen, schichte sie den Haufen um auf Kartoffel- und Gemüseacker. Einzig ihr Stolz, so erkennt sie bald, darf nicht auf die Miste! Er bewirke den Mut mit den Ahlbeeker Viechern im Stricken. Die Eibe blinke ihr doch wie das Leuchtfeuer am Turm seewärts zu, beseele sie. Indes fehlt irgendetwas doch noch, während die Milch in den Eimer rinnt, der Hals der Schwarzgefleckten einmal schaukelt.

„Fühlst du mit? Dir liegt die Käserei näher“, raunt Helena ihr zu, drückt ihre Stirn ins Fell der Flanke.

Unruhig stampft ein Hinterbein auf, das Helena tätschelt, dann aufsteht, den Melkschemel nahebei zwischen zwei der Streben im Ständerwerk der Pfosten klemmt. Weite Kuhaugen drehen sich ihr zu, und kehliges Muhen, dem sie sich nähert. Die Zunge der Kuh leckt durch ihr Gesicht. Kichernd wischt Helena den Seim am Ärmel ab, ergreift den Milcheimer und den Jutesack mit Heu.

So schnell wie möglich quert sie im Hof das böige Wehen; es trug die Nebelschwaden fort. Ihr Herz klopft deutlich rascher, als sie bald darauf vor den Socken am Tisch sitzt. Sie ribbelt und sortiert Wolle nach den natürlich grauen Farbtönen der Schafe und weiß nichts Wichtigeres zu tun, bis das abendliche Zwielicht sie zum Melken ruft. Helena versorgt flink die Schwarzbunte, prägt sich deren Formen ein, schon dabei überdenkend wie es weitergeht.

Der Bogen aller Körper wäre in gleicher Art wie im goldenen Schnitt zu entwerfen, auch die kräftigen Hälse, kurze Beine, Pfoten und Hufe. Das Verhältnis bestimmt, wie eines wirkt, ein Tier an den Beinen steht. Eine Passe aus Stoff würde es hübsch betonen. Kapuzenjacken mit Ärmeln sollten es werden, mit deutlichen Nähten an Kopf und Maul, in die Kinder später hinein beißen dürfen. Dafür würden Joos’ Küstenklamotten dran glauben müssen.

Bis weit in die Nachtstunden hinein heftet Helena. Sie gibt verstimmt ihre Entwürfe für tadellose Schnittmuster auf, als an die Fenster immer öfter Hagel knattert. Eindringlich pfeift der Luftzug über die Dielen, flirrt und kreiselt im Kamin in Glut und Asche. Die kehrt Helena zusammen, und geht schlafen. Traumlos verläuft die Nacht, in der sich ein Sturm absoluter Art ungebremst entlädt.

In den nächsten drei Wetter verhagelten Tagen hört Helena ihre Schwarzbunte in gereizten Tönen muhen und überdrüssig quengeln. Fast erwartet Helena, den massigen Kuhkörper im Dreieck in der Streu springen zu sehen. Sie selber täte es, würde es das Drama abstellen. Allein ihre Gewissheit lenkt sie ab, irgendwann ende es, nur einander im Anlehnen zu halten. Doch ihre triste Unruhe bleibt. Die kurzen Wege in der Scheune und zwischen den Wänden der Kate reichen nicht aus. Am nächsten Morgen stiefelt Helena, den Kopf umhüllt und in den Mantelkragen gezogen, in eiskalter Februarluft ans Ufer. Am Wasser driftet ein Boot mit erdbraunem Segel gen Horizont. Den Vorgang überträgt sie auf sich.

Fischer geben nie auf, schippern immer. Auch wenn sie auf Wellen der Armut um Seelenruhe ringen. Joos sprach genau das für sein Drücken vor der Feldarbeit. Auf ewig nun. So ewig muss ich bewahren, was mich erhält. Viel Feines schon entdeckte ich, strickte nach Eingebung. Die führe weiter, folgert auch Lehrer Johann aus den Wolken, an denen er sich besinnt. Und die Seeluft hilft mit, das Grobe von einst durch Feines im Jetzt zu ersetzen, alte Flausen zu vertreiben.

In solch gnadenvollen Gedanken, atmet Helena tief erlöst in die Brust unter ihre verschränkten Arme, geht am Ufer ostwärts. Sie gelangt an die Verwüstung des Sturms. Zur Flutgrenze hängen Kiefern mit verkeilten Kronen, teils entrindet von der sandigen Brandung. Helena hangelt sich hindurch und zum Pfad des flachen Findling, der Landmarke nach Swinemünde.

Sie springt auf den Stein. Zutiefst vom Toben der Elemente betroffen, ignoriert sie den wüsten Windbruch, blickt seitwärts hinab. Am Strand gehen ein paar Heranwachsende in Winterjacken. Ab und an beugen sie die bemützten Köpfe tiefer, wühlen mit den Händen im Sand, sammeln eindeutig Bernsteine. Kaum angedacht, stockt Helenas Atem, flirrt ihre Sicht als träfe sie Hagel, wiederum zur Erledigung restlicher Geschäfte umgeschwenkt. Im Gesprenkel gewahrt sie eine Bewegung aus dem borstigen Dünengras oberhalb hervorkommen.

Zwei torkelnde Männer mit Schirmkappen wanken heraus, heben die Füße nicht. Ihre Stiefel stieben Sandregen auf, als hätten sie Spaß. Sie schlingern zum Wasser, und laufen davor ungestüm seitwärts, entreißen die Beutel den Sammlern, zerren sie grob an den Armen mit sich.

Helena atmet stoßweise, es klärt ihre Sicht auf den Strand, aber schickt ihr erregende Stiche in ihr Gemüt. Ihr Blick wandert wie gefesselt unten umher. Das dort sieht sie nicht zum ersten Mal und spürt, im Grunde oft entkommen zu sein. Sicherlich, vor allem, denke sie an Joos’ Verbot, der mit den rangelnden Kerlen erstklassig umgegangen wäre. War es so gewesen?

Eine kleine Scham spürt sie Gestalt annehmen, er hätte mehr Kraft. Dieser Regung folgend, wird sie ihrer Kraft sicher. Nicht weniger vehement verfolgt sie das Geschehen, unter ihr erzittert der Stein, auf dem sie steht. Doch mehr irritiert sie ihr Nichtverstehen des unten nur sichtbaren Geschreis, vor dem der Wind an- und abebbt, und in den hinein sie murmelt: „Kinder, brutal erwischt ...“

Ein lausiger Moment vergeht. Dann sieht sie nahebei am Rand der Böschung zwei weitere hinunter spurten, sie rufen und fuchteln. Die Männer blicken rückwärts. Ungestüm reißt ein Kind sich von ihnen los, tritt eine Spur in den Sand und stolpert in ein von Gras bestandenes Areal, verliert seine Mütze vom roten Haar. Das andere Kind zerren die Männer fort. Helena seufzt, ob des Schauers, was dem Kind in den Fängen der Männer blühe. Sie springt vom Stein, um zu der Chaussee zu gelangen, die Richtung Swinemünde führt, und daran einfacher umzukehren.

In den Hagelwehen darauf fährt eine schwarze Kutsche an. Unter den Rädern spritzen knirschende Eisklumpen, als sie an Fahrt gewinnen. Der Kutscher peitscht die beiden Gäule, mehr als nötig wäre. Voraus auf Helenas Seite zwängt sich der Rotschopf durchs Randgestrüpp und setzt an, hinüber zu sprinten. Zu ihm lenkt scharf der Kutscher sein Gespann. Der Junge kippt beim Ausweichen und stürzt rücklings ab, hält jäh sein Knie, schreit scharf und laut heraus. Dann bricht seine Stimme.

Im Moment des Vorbeifahrens schaut ein alter Mann durch das Rückfenster. Sein kalter Blick trifft Helena, stoppt abrupt ihre Schritte. Ein befehlendes Klopfen im Wageninneren hört sie. Der Kutscher lenkt zur Mitte der Chaussee. Kleiner und kleiner wird der schwarze Punkt zwischen den winterlich kahlen Bäumen. So lautlos wie die Böen an den Ästen rütteln, so verhallt das Trappeln der Hufe .

Helena wirft die Arme hoch. Sie eilt zu dem ins Gebüsch Gestürzten. Eines seiner Hosenbeine tönt rot sein eigen Blut, tränkt einen größer werdenden Fleck. Angst und Entsetzen verzerren sein Gesicht. Hilflos zwinkert er. Seine Pupillen gleiten umher, nehmen Helena gar nicht wahr.

Keuchende Stimmen nahen. Die Halbwüchsigen, zuvor lenkten sie die Häscher ab, steigen über die schneebedeckte Böschung. Im Lauf noch streifen sie ihre Beutel von den Jacken. Der Größere hockt sich nieder und rüttelt an den Schultern des Gestürzten.

„Du bist nicht zu uns gerannt“, raunt er vor den wirren Augen, aber ändert damit nichts.

Der Rotschopf stöhnt nur kurz noch. Bewusstlos sackt er ab, gibt alle Spannung frei, sein Kopf sinkt zur Seite. Eine Beule wächst im Haar hoch auf, knapp vor der Schläfe, dem Ohr.

Erschüttert sinkt der Kleinere, herangekommen, auf die Knie, kauert mit hängenden Armen daneben. Er schlüpft aus seiner Jacke, bedeckt die blutige Hose, lagert den Kopf in seinen Schoß und stülpt ihm seine Mütze über.

„Lieber Bruder“, murmelt er leise. „Vater kommt und holt uns auf der Postrunde hier ab.“

Sein Wispern hallt ringsum in die frostkalten Böen, und erzeugt in Helena ein grausiges Erkennen.

„Marthas Söhne seid ihr? War der andere auch ein Bruder?“

„Nee, der ist von Bansin. Wir wechseln ab, wer aufpasst.“

Auf und ab blickt er mit weiten Augen, vom Kopf im Schoß zu Helena, die eigentlich auf mehr wartet.

„Wohin habt ihr denn aufgepasst? Eure Warnung kam zu spät, Betrunkene waren das keine! Ich kann kaum glauben, wie naiv ihr seid! Nun wisst ihr, wie das Leben spielt! Euer Bruder wird sich obendrein unterkühlen.“

„Soll ich ihn wach machen?“ Er klatscht ihm sogleich seine kleine Hand auf die Wange.

„Lass! So merkt er nicht, wenn wir ihn verfrachten müssen“, erwidert der größere Bruder, der schon aufspringt, sich umschaut in beiden Richtungen. Er scharrt mit dem Fuß im Schotter und reckt das Kinn, gerade so als mache ihm der Vorfall nichts aus, doch zucken seine Lider.

„Wir wurden nie ausgeraubt. Der Bansiner bezieht Prügel zum ersten Mal. Pech, die zahlen keinem von uns ein paar Pfennige.“

„So kaltschnäuzig? Du warst doch auf ihn angewiesen! Hätte dich treffen können.“ Helena knotet ihr Kopftuch ab, reicht es ihm und lächelt aufmunternd. „Bevor das Warten kein Ende nimmt, und er noch mehr Blut verliert, lege ihm einen Pressverband an. Das lerne aus eurer Misere. Roll deinen Beutel als Kompresse fest zusammen.“

Er scharrt abwägend im Schotter. So oder so haben ihm die Freundinnen der Mutter nichts zu sagen. Doch ein Glück im Pech fühlt er, als seine gesammelten Bernsteine wie Hagel prasseln, hinein in den Beutel des Bruders. Er kniet sich gehorsam neben das blutige Hosenbein, und vermeidet es, genauer hinzusehen.

Nach einer halben Stunde des Bangens galoppieren die Pferde der Postkutsche endlich heran. Die zügelt der Fahrer im Nähern. Helena sieht er an, seine Söhne. Steifbeinig steigt er ab und nimmt den Verletzten in die Arme, hebt ihn in die Kutsche.

„Wärmt ihn mal“, keucht er, rau vor Zorn, durch die Zähne.

Helena mag sich nicht vorstellen, wie er auf der Fahrt heim wüte, der Morgen des Sammelns von aus der Ostsee ausgewaschenen Bernsteinen hätte seinem Sohn das Leben kosten können. Sie eilt heim, bei jedem Schritt bemüht, die Begegnung zu vergessen.

Während sie die Hintertür öffnet, drängt schon eine Gewissheit ihrer selbst in Helena auf. Und Mut für die Stiege in der Vorratskammer, um hinaufzusteigen unters Dach, selten benutzt im Winter.

Dumpf im Schulterschlag, stemmt Helena die Bohlentür auf in den Dämmer der Sparren, und hockt sich am Giebelfenster vor die Seemannstruhen, öffnet die ihre. Darin lagern in der Schatulle Urahnin Elis Segeltuchbeutel, von ihr an der Landverbindung der Halbinsel Hela mit Bernsteinen gefüllt.

Gedankenvoll schaut Helena auf den geheimen Schatz, zu dem ihre Mutter riet, er halte die Sorge um das nächste Stück Brot fern. Verbrauchen dürfe sie etliche Bernsteine, sollte neue sammeln, sobald sie könne. Den Schatullendeckel mit der Rosette streichelt Helena wissend, nach dem Sturm sei eine gute Zeit zu sammeln. Ein Finger zentriert sich am Mittelstein der Rosette, am Ritzmuster der Rune, und spürt, mehr als erkennbar im wenigen Licht vom Fenster, die Kerben des seltsamen Zeichens. Ungleich lange drei Linien, spitz über Eck stehen sie über Kopf, als würden sie den Urquell des Bernsteins anheben, und zum Sieg über die Not verhelfen.

So winzig fein ihre Macht, dankt nun Helena still dem Urgroßvater, auf seinen Handelsreisen nutzten ihm die Runen. Ihr eröffnet der Moment, was ihr Herz für nötig zu erkennen erachtet.

Helenas schmale kalte Hand streichelt vorne den Deckelrand. Ritzmuster an drei Steinen verlaufen in ungleichen Formen, und vermitteln der sinnlichen Weite ihres Herzens den Anblick unermesslicher Tragkraft. Rechts am Eckstein sind Kerben dem Mittelstrich jeweils unten und oben angefügt, weisen spitz nach außen wie bei einem Haken, der etwas aufhängen und erfolgreich tragen kann, etwas sehr leicht auswechselbares. Helena sieht spontan die immergrünen Zweige der Eibe, spitze Nadeln. Tief drückt das Bild in ihre Seele, und vor die Hindernisse vor dem Erfolg mit ihren Stofftieren. Doch wie das Immergrüne und deren Duft, atmet sie den Anblick der Rune ein. Sie schöpft Mut zum Erfolg aus ihrer Zukunft und aus fernen Orten, an denen Wunder geschehen.

In der Ecke unten links liegt ein Stein, dessen Linien ihr unheimlich sind. Mystisch kreuzen dort zwei Mittelbalken die lange Kerbe. Wie schon oft, kreiseln sie Helena vor Augen. Not steigt ihr auf, sperrt als Kloß den Hals. Zuerst. Den Kloß zerschlägt kraftvoll ihre Atemwärme. Notstand muss ausgeräumt werden, Schutz und Geborgenheit sollen innen leben. Wie das Licht eines klaren Eiskristalls kann ihr Unbeschwertheit dazu verhelfen. Bald betrachtet sie genauestens die Mitte der Deckelkante, darin den Bernstein mit kreuzenden Linien zwischen aufrechten Kerben, ähnlich einer Fahne, seitlich weist ein Dorn nach links. Helena richtet sich aus, wächst ein Stück in diese Bindung hinein, die sie vorhat. Und sie räumt aus, was in ihr noch von dem Unnötigen im Gemüt sie bremst und zwickt, als gäbe ihr gerade diese Rune die Resonanz auf kommenden Geldsegen.

Helena versteht es, klappt den Deckel zu und drückt daneben Joos’ Truhe auf, ertastet Dokumente und eine sperrige Socke. An der abgewetzten Ferse lugt Papier hervor. Sie legt den Strumpf auf ihren Schoß. Tiefer im Truheninneren tupft sie auf einen zweiten, nachgiebig voll. Sie löst den Knoten, und steckt die Hand hinein. Leichte Bernsteine rieseln, deren Leuchten sie ahnt.

Plötzlich sieht sie Joos an der Tür auf Socken, und hört ihn verdreht reden von seinem Notgroschen. Die Not haue ihn aus den Socken, und, wer ohne Schuhe gehe, stehe unter einem schlechten Omen, würde sich bald keine mehr leisten können. Doch das war oft gehört, und jetzt sowieso nur lästig und hinderlich. Sie verscheucht ihn mit abwehrender Hand, knallt den Deckel auf seine Truhe. Die beiden Wollsocken in ihren vor Kälte steifen Fingern, steigt sie die Stiege herunter.

Joos’ Gold der Armen kippt sie am Tisch aus, bedeckt die halbe Platte mit seinen Notgroschen, und entschließt sich vor diesem Reichtum, noch vor Beginn ihrer Arbeit im Lebensmittelladen fahre sie nach Stralsund. Die Stofftiere müssten doch in einem Kaufhaus unterzubringen sein, und nachfragen um Geschäfte mit Bernstein könnte sie auch gleich dort.

Ihren Mantel wirft Helena auf den Haken an der Küchentür. Er baumelt, indes sie im Kamin ein Feuer anzündet, den Wasserkessel füllt, die Teekanne vorwärmt. In die Kök hinein zieht allmählich Wärme, die ihre Unruhe kaum lindert. Vieles bringt sie aus dem Lot. So, wie in der anderen Socke die Zeitung, und das ausgewickelte Intarsienkästchen. Unter dem Datum des Ostseebeobachters prangt eine in Fett gedruckte Zeile: Dampfer sank nach Kesselexplosion. Ja, ja, Joos fischte nach Treibgut, geht ihr auf. Und sein Bangen, die alte Flause, empört sie obenauf wie seine lange ertragene Lebenslüge.

Kurzum öffnet Helena den Schließhaken. Der Kasten zeigt ein Pfeifenbesteck in Laschen, wellig vom Seewasser. Sie klappt den Einlegeboden herauf. Wo sonst Tabak aufbewahrt wird, da liegen trübe Reichsmarkmünzen. Gestockt sind sie, doch blinken blank wie ein Berg von reinem Gold für Helenas vollkommenes Dasein, feuern an gegen den Glauben an Mangel, und für einen nächsten Schritt.

Schauer rieseln warm über Helenas Kopf und Ohren, die sich ausrichten zum Kamin. Na gut, dessen rissiger Schlot bietet ein Versteck an. Sie reckt sich hinein in den rußigen Rauchfang.

In der Nacht wärmt eine Kanne Tee Helena. Dabei strickt sie so nachgiebig wie sie an Martha denkt, die um das Leben ihres verletzten Kindes bangt. Wie sie, vor der Gefahr. Aber könnten die Häscher überall gleichzeitig sein? Eine Witwe, von Fischweibern gemieden, geht hinaus vor die Tür und an den Strand.

Am nächsten Morgen folgt Helena der Chaussee ostwärts durch den Wald, wandert am Rückerweg zur Bucht vor Swinemünde hinab. Der Kiefern horizontal gewachsene Wipfeln stimmen sie durch den nachgiebigen Zauber daran auf ein Quäntchen mehr von Zuversicht ein. Und den wolkenlos hellblauen Himmel darüber bittet sie, er möge ein Einsehen haben, auch für ihren Mut.

6

Ein eisiger Ostwind bläst ihr entgegen am Ufer. Vor der Wasserlinie liegen Muscheln und alljährlich angeschwemmte kleine Bruchstücke von Bernsteinen. Helena beugt den Rücken, geht zur Linken voran. Die auslaufenden Wellen plätschern, säuseln den Kopf frei. Anderes blenden ihre Augen aus, hellwach im Acht geben auf den Sand.

An einer besonders ergiebigen Stelle klaubt Helena aus den Muscheln winzige Stücke in gleichstark gelber Farbe. Und einige Schritte weiter, als die Bucht heller in der Morgensonne daliegt, dreht sie tatsächlich einen handtellergroßen Brocken um.

„Groß, wundervoll! Nur wer sehen kann, entdeckt Schönes!“

Helena wischt die Sandkrümel mit kalten Fingern ab und hält den Fund ins Licht. Der winzige lichte Moment reicht ihr. Über alle Maßen begeistert hüpft sie wie ein Kalb auf der Weide, vor lauter Spaß am Finden satt, am Dasein, von Sorgen erleichtert. Hoch auf reckt sie die Arme, zerrt am Mantel vor Erregung. Ihre freudige Überraschung entlädt sie zwischen Händen und Füßen im Herumhampeln mit herzig sich anfühlenden Luftsprüngen, die ihre Existenz ehren, reich an Esprit im Kern.

Einen hüpfenden Sprung aber setzt Helena aus und es schlägt eine auslaufende Welle am Mantel hoch; sie springt nicht rasch genug fort. Eiskalt überflutet es schon ein weiteres Mal die Stiefel. Sie überhört den Reiter, hebt den Kopf erst, als der nasse Sand platscht, und ihr entgegen der weiße Fleck am vertrauten rehbraunen Gaul galoppiert. Oben auf sitzt Ansgar, für Joos ein recht vertrauter Freund aus Schuljahren, und er zügelt sein Pferd.

„Helena auf Beutezug!“, spottet sein Bariton.

Ihr Glück verschwindet in Ernsthaftigkeit, und ihr Fund jäh im Beutel am Arm, und sie höher auf den Strand. Wachsam erwartet Helena fast, was am Vortag geschah, wähnt ihn aber doch zu kennen.

„Weswegen bist du hier? Reitest du zum Vergnügen aus?“

„Flucht vor Friederikes Scheuerlumpen. Es kommen noch keine Sommerfrischler, deren Kutschen ich repariere und die mich von Rike fernhalten. Der Haussegen hängt schief!“

Er stöhnt kehlig. Erschreckt tänzelt das Pferd seitwärts, reagiert dann auf Ansgars Klopfen an seinen Hals, wirft aber schnaubend den Kopf mit der herzförmigen Stirnraute hoch. Als er dann ruhig steht, blinzelt Ansgar zu Helena.

„Steige ich auf Rikes Tiraden ein, schläft keiner nachts ruhig. Sie lamentiert vor Ungeduld, sitzt auf glühenden Kohlen, will endlich den Schankraum eröffnen. Bis dahin, bearbeite ich Bernsteine.“

„Ansgar, zu ähnlich seid ihr zwei euch! Aber flüchtest du nochmals, dann vor die marode Luke an meinem Käsekeller. Mein essbares Gold sollte bis zum Verkauf gesichert sein.“

Zwischen den Mützenklappen, die seine Wangen vor dem Frost schützen, blitzen tiefblaue Augen auf. Helena versteht, er würde es sofort. Doch sie blinzelt ins silbrige Licht über der Bucht, und weist mit einem Kinnruck gen Osten.

„Dahin reite, ich kehre um und sammle am Rückweg. Meine von Seewasser nassen Stiefel werden eisig kalt. Komm später, ja?“

Ihn hört Helena schnalzen, dann ostwärts fort galoppieren, um wohl an der Strecke zurück dann vom Pferd zu steigen. Eine Handvoll wie Perlen kleiner Bernsteine sammelt sie noch, bis im Blick voraus Ahlbecker Dächer liegen. Auch vermittelt ihr der Strand, nichts Außergewöhnliches wäre übrig, es klaubten schon Andere ihre Ausbeute nach den Sturmnächten heraus. Und inzwischen schmerzt ihr der Rücken vom Beugen, die Füße in den patschnassen Stiefeln sind gefühllos. Quer durch den Acker stelzt Helena, und strauchelt oft, nur noch in der Lage ihre Schritte langsam und maßvoll zu setzen. Aber es blinken im Gemüt die Hopser vom Morgen. Helena staunt über sich. Sie hatte schon leichte Beine! Vermehren sich ihre Glücksmomente doch noch?

Nachmittags prescht Ansgar heran. Sie winkt ihn zur Westseite. Nach genauem Betrachten sagt er zu, er hole die Kellerklappe im Pritschenwagen ab und zu sich. Er reibt seine verfrorenen Hände.

„Haste Tee zum Aufwärmen?“

Helena nickt. Ihr nach stiefelt er auf sandigen Sohlen, plumpst auf einen Schemel am Tisch, knöpft seine Jacke auf und räkelt sich. Metallischer Dunst entweicht seinem Wollpullover, registriert Helena fraglos, und füllt Tee in seinen Köppen.

Ansgar dreht den hölzernen schmalen Kugelstab im Honigtopf, ein bernsteinheller Faden rinnt dann in den dampfenden Köppen. Bei einem bedächtigen Schluck daraus, entschließt er sich, nicht auf Helenas desolate Situation einzugehen, nur auf diese Begegnung. Er reckt eine schwielige Pranke.

„Sieh, ich erlitt ein bedauerliches Missgeschick.“

Er denkt an seine Bottichwaschmaschine. Sie gleicht einem voluminösen Butterfass, an dem er seit Tagen Teile einpasst, schon Walzen daran sieht, die das Wasser aus der Wäsche pressen. Ja, nicht nur Amerikaner erfinden derlei und mehr andere Maschinen. Schon verklärt ein Lächeln seine Züge.

„Schiet passiert eben vorm Ende.“

„So? Haste etwas Geniales erfunden?“

Er krumpelt seinen Rollkragen, streift über seine Kehle.

„Ich schnack nicht vom Braten, bis die Sau hin ist. Gedulde dich, ich bearbeite Bernsteine. Dafür gibt es Bares - fahre ich im Sommer für Lohn zur Fähre - oder manches Eisen auf diese Art.“

Helena kennt seine Art von Geschäfte-machen aus dem Geplauder mit Friederike und kichert auf, auch, weil ihr Herz auf einmal laut und unruhig klopft. Rasch hebt sie ihre linke Hand mit den zwei während dem Nähen zerstochenen Fingerkuppen.

„Auch ich probiere Neues, mehr Kleinigkeiten schaden meinen Fingern kaum weniger! Es dauert ja noch lange bis zur Tag- und Nachtgleiche. Ich übernehme, bevor mich mein Land im Frühling zum Beackern hinausruft, auch von Joos das Bernsteinpolieren.“

Ansgar verschweigt, was er zu beidem meint. Eilends trinkt er vom Tee, räkelt sich dann in das schräg einfallende Licht.

„Wird lausig da draußen, ich will heim. Bleibe du nur in der Wärme hier sitzen.“

Helena hört ihn, und seine Zurückhaltung, fortreiten. Eine ganze Weile näht sie, bis in die windstille Nacht hinein, viele kleine Ohren den gestrickten Kälbchen an. Auch an ihrer Unruhe denkt sie herum, sinnt und rätselt, doch nichts vertreibt ihr das dröhnende Herzklopfen. Und so arbeitet sie hellwach bis weit nach Mitternacht. Es dringt kein Laut von außen ein und nichts ins Gewirr des Unbekannten, in dem goldene Bernsteine leuchten wie ein ewiger Sommer, und einen Reigen tanzen durch ihre wandernden Gedanken. Auch hinein in die Frage, ob sich etwa ein Wetterwechsel ankündige, der mehr Februarkälte bringt? Oder sollte sie das Feuer schüren und bis zum Morgen weiterarbeiten? Ach, das ewige Wasserschleppen. Was gäbe sie für einen Ofen, der das Waschwasser anwärmt. Ob Ansgar so etwas installieren könnte? Er dient seinem Genius, ihm würde sie gut zureden ... Je früher sie loskomme, um so eher treffe sie ihn.

So geht es zu in ihrem Gemüt, bis die Morgensonne durch die Konturen im Wäldchen aufsteigt. Ein blauer Schimmer liegt auf der Schneedecke, als Helena an knirschenden Sohlen westwärts eilt. Bald an der Ahlbecker Chaussee dringt Kälte unter ihre Röcke. Durchfroren biegt sie ins Dorf Bansin ein, dessen wenige Katen liegen in den Wiesen seeabgewandt hinter dem Anwesen des Wagners Ansgar.

Mit der Faust schlägt Helena mehrmals an die Pforte. Kurz darauf und hinter dem Stalltor ertönt eine Antwort. Sogleich scheppern die Torangeln. Ansgar öffnet spaltweit und zieht Helena herein, sichert das Tor mit dem Schieberiegel.

„Wunderte mich, kein Hufklappern gehört zu haben. Notfälle versauen bloß den Tag. Pressiert es dir mit der Luke?“

Helena haucht an die Kälte in den Händen. Sie mustert seine graue, schlampige Wolljacke, und riecht den von der klaren Luft getragenen metallischen Geruch, der ihr entgegenschlägt.

„Die nicht, Ansgar.“

Er reibt an seiner Kehle, geht aber voraus der leeren Boxen im Stall. In der letzten scheuert sich der Kaltblüter an einem starken Ast, bevor seine Hufe durch die Streu schleifen, er am Gatter schnauft. Flache Klopfer gönnt Ansgar ihm, streift sachte auch über die Nüstern, das weiße Herz an der Stirn.

„Mein Freund vermisst Kumpel, hört er uns Lüüt. Rike liest schon lange im Ostseebeobachter. Komm weiter zur Werkstatt.“

Er geht über die Lagertenne. Dort verstauben allerlei Blechstapel, auf die das Dämmerlicht genauso fällt wie auf geformte Gussfüße, die Tatzen ähneln, von Helena entdeckt. Ansgar folgt sie durch eine Tür. Rauchtrüb flirrt es vom Kamin darin und längs der Wände, angefüllt mit einer kreativen Ordnung von Speichenrädern und schmiedeeisernen Radbändern.

„Schau dich nur weiter um, Helena.“

Ansgar faltet, angelehnt an den alten Schleifstein, ergeben die Hände. Helena tritt hinzu der mit Zeug behäuften Werkbank, knöpft den Mantel auf, legt ihn ab. Während die wohlige Wärme allmählich die Kälte aus ihren Gliedern treibt, und ihr Blick mehr erfasst, entfährt ihr:

„Was ist denn das?“

Abwägend äugt Ansgar zu dem Monstrum, um das herum gebogene Bottichplanken am Boden liegen. Seit der Frühe prickeln fertige Ideen im Nacken. Helena stört seine Schaffensphase.

„Das wird eine Waschmaschine, aber deswegen kamst du nicht zu mir, sagt mir mein Genius.“

Ansgar wischt über die Kante, an der Helena lehnt, staubt gelbe, ölige Krümel an ein Hosenbein. Er tippt auf die winzige Kurbel eines Handbohrers, und winkt Helena. Er stellt sich vor ein aufgebocktes Fass mit Kurbel.

„Bernsteine vom gestrigen Fund liegen darin. Schau zu. Eine Handvoll Sand gebe ich hinein, kurbele sachte. Die Poliertrommel läuft rund wie ein Rad, arbeitet feiner als mein Schleifstein.“

Oder wie Joos von Hand hinbekam, ergänzt Helena still bei sich, und beobachtet Ansgar einen Hebel kippen, das Fass in ein Sieb auf einem Eimer entleeren, die Bernsteine auffangen.

„Ich wiederhole es manches Mal , bevor sie mir glatt genug sind. Einzelne Akkurate klemme ich in den Schraubstock und bohre an günstigen Stellen ein Loch für Ketten, um sie aufzufädeln. Es braucht auch eine Menge an Druck, soll die Welle schwingen und damit die Bohrspitze dann wie eine Nadel hindurch gleiten für ein sehr feines Durchzugsloch.“

Ansgar mustert das Schüttgut, füllt alles zurück. Er nimmt eine Zange vom Werktisch, spielt mit deren Hebeln, wiegt sie und will etwas nachdrücklich betonen. Flugs sieht er in den kalten Morgen hinter dem Hoffenster, schürzt sodann die Lippen.

„Unsre Bansiner haben ständig Ärger mit den Strandwächtern. Die sind eine Plage wie die Krätze, bedienen sich der Angst der Sammler, nehmen sie in die Zange und bereichern sich, verdienen sonst ja nix. Wer in deren Fänge und Bösartigkeit gerät, muss ein Leben lang Anholen.“

Helena sieht es bildhaft vor sich. Ansgars rauer Ton sticht ihr ins Herz, dennoch weicht sie nicht aus.

„Du begibst dich doch auch in Gefahr!“

Plötzlich schwillt Ansgars Hals. Sein Innerstes erkennt den Weg, ein Ventil. Ansgar schleudert die Zange auf die Werkbank. Es scheppert, Staub flirrt von den präzisen Bauteilen auf.

„Mir zuckt die Hand, denke ich an diese Kerle! Versteh doch, wie sie sein können! Trifft mich deren allgewaltige gegenwärtige Kontrolle, käme damit das Aus für meine Ideen.“

Zur Waschmaschine federt sein Blick, an der er weiter mache nach einer Zugabe im Ausreden, um Helena umzustimmen. Er reckt sich, krempelt die Jackenärmel hoch. Doch sacken ihm die Schultern schon ab. Sie wird seine Warnung nicht schätzen.

„Die Schieber bei der Fähre verraten nicht mich, brauchen mich anderweitig. Verkaufst du dort ein Mal nur, dann wirste ausspioniert, bevor sie dich berauben und verpflichten. Bernstein macht Arme noch ärmer.“ Er reckt eine Hand, wedelt ablehnend. „Solltest den glücklosen Jahren entkommen - die gehen unter die Haut!“

Helena dreht die Kurbel der sandigen Tonne, hört Bernsteine darin und in ihren Gedanken klackern, und hebt flehend die Hände.

„Ich schuftete für Zwei und werde das auch für Bernsteine genauso tun! Seit mir Joos fehlt, zerrt der große Lenker oben vorwärts. Gibt es etwas anderes, was mir etwas Besseres schenken könnte?“

Ansgars Stirn zuckt. Er zieht seine Schlüsse.

„Joos würde sagen, bist närrisch!“

„Den lass außen vor!“ Unbeirrt tippt Helena auf die Kurbel. „Magie liegt darin. Und mir eine große Arbeitserleichterung.“

„Für dich allenfalls, aber zu mir kommt gefährliches Volk.“

Ein Blitz gnadenvoller Zuversicht steigt in Helenas Sinne.

„Bau es in meiner Kate auf. Wirst du es erledigen?“

Seinen Nacken krault Ansgar und erfasst, welche Last von ihm abfällt, trotz des aus gut gemeintem Grund nicht Gesagten. Dann betrachtet er angelegentlich seine Fingerkuppen.

„Bist gewarnt! Beiß nicht nachher in meine Hand!“

„Aber nein, keinesfalls! Ich eile jetzt aber noch zu Rike.“

Mit dem Mantel auf dem Arm geht Helena zur Küche, wo am Tisch Friederike die Ellbogen auf die Zeitung stützt. Knisternde Wärme und der Duft nach frisch Gebackenem umfangen Helena. Ihre Augen richten sich auf den schmalen Kochherd, auf kompakte Eisenfüße.

„Solche Ofenklappen sah ich bisher nur in Lines Kök, in der Villa Achterkerke. Kannst stolz sein auf deinen taffen Bruder.“

Friederike nickt bedächtig. Sie zieht ihre Brauen hoch und Helenas Aufmerksamkeit auf den Stuhl neben sich, klopft daran.

„So früh kommst du? Euer Gemurmel hörte ich schon.“

Tief geht die Freundschaft, die sie seit Jahren verbindet, macht Helena sich klar, und setzt sich, krumpelt den Mantel im Schoß in ein handliches Bündel. Ihre Stimme gerät ins Flehen.

„Rike, sei so gut, steh mir bei. Ansgar stellt sich quer! Ich brauche Bernsteinwerkzeuge. Obwohl ich unsicher bin, ob ich Joos’ Geld in den Wind werfe, soll Ansgar meine Geräte bauen.“

Für einen Moment weitet Friederike ihren Mund, und drückt den Hals hinunter in den Stehkragen ihrer Wolljacke. Bald flackert fein ein Grinsen über ihre Wangen.

„Wirf das Geld ruhig zum Fenster heraus, ich sehe es schon zur Tür hereinkommen. Du willst also Bernsteine schleifen. Joos kann es dir nicht mehr verbieten. Dir ist das Sammelrisiko klar?“

Helena winkt ab, und legt in ihre Stimme tiefere Töne.

„Schlimmer wäre es, sonst nichts tun zu können, womit Groschen ins Haus kommen. Bald, und zukünftig.“ Sie dreht die Augen zur Decke der Kök. „Passiert etwas, ist Aufregen dann früh genug.“

„Stimmt ja. Ansgars Talent mit den Geräten ist auch genial, und schluckt doch viel Zeit. Er bleibt in Takt, ich passe auf.“

Friederike neigt sich neben den Tisch zu einer Flasche und blinzelt mit ihren Ansgar ähnelnden, tiefblauen Augen zu Helena hoch. Den Sanddornschnaps legt sie zum Mantel auf deren Schoß, als wäre damit schon alles erledigt.

Helena blickt zum Herd, und fasst noch einmal Mut.

„Ansgar kann mir so einen bauen und einen Badeofen dazu! Wo Joos nun fehlt, muss nichts in der Kate altbacken bleiben!“

„Auch das!“, prustet Friederike, „kriegt er hin. Herrlich ist es, bei Pladderwetter wegen Wasser nicht hinaus zu müssen! Komfortbäder sah er längst woanders. Er weiß, wie mich sein Dreck plagt.“

Unvermittelt reißt Ansgar die Küchentür auf.

„Mach die Luke dicht, wir haben zu schnacken!“, schleudert Friederike ihm entgegen.

Ansgar tritt dennoch ein, und würgt unterdessen an dem, was ihm in die Kehle steigt. Er saugt an seinem soeben gequetschten Daumen, reckt ihn dann demonstrativ, um mit schmerzverzerrtem Gesicht zu brummen: „Rike, hole den Lütten für Kleinkram.“

„Prokelst du herum, bis am Schluss was schief geht, liebster Bruder?“

„Will fertig werden“, zischt er, trottet wie ein Bär vor den Spülstein, speit in den Ausguss. Unter dem Hahn spült er seinen Daumen, senkt prompt sein Kinn vor seinen muskulösen Hals.

„Schiet up!“, röhrt er, kehlig tief vor Kälteschmerz.

Bis ins Mark hinein schießt das Friederike. Sie starrt auf Ansgars Hausjacke und seinen Hals, der im Nacken untergeht. Ändere er sein grobes Gebaren, wenn sie in seine Wunde steche? Gehässiges aus dem Schlund geschwisterlicher Verehrung mag sie abfeuern vor sein Würgen wie ein rückwärts frühstückender Kater. Säuerlich blickt sie Helena an, deren Wangen in verhaltenem Lachen flattern. Das genügt Friederike für einen Rückhalt. Sie greift neben sich ein Küchlein mit gebräuntem Zucker von der Platte, und schnuppert am Butterduft. Der erhellt ihr Gemüt. Schon kauend meint sie:

„Bediene dich, Helena!“ Sie schiebt ihr das leckere Gebäck vor, jedoch Ansgar nur eine Frage.

„Wozu brauchst du den Lütten?“

Ihr Verschnupftsein schwingt mit, Ansgar erwartete Mäkeln. Hellhörig, wickelt er ein feuchtes Tuch um seine malträtierte Hand, geht dann bedächtig in zwei Schritten zum Tisch.

„War massig Kraft inne Zange von vorher. Der Lütte soll eine zerbrochene Schaubenmutter unterm Rührflügel rausfummeln.“ Sturheit quillt in seine Kehle, schlägt durch zur Schwester. „Nu gah rut!“

Friederike steht am Stuhl auf. Ein meliertes Tuch legt sie sich über ihren grauen Haarzopf. Fusseln stieben in ihren Ruf:

„Deine Verbitterung schlucke selber! Quäle vor allem den Nachbarsohn nicht mit deinen Allüren!“

Sie trottet zur Hintertür, öffnet sie spaltweit der Kaltluft von draußen. Bevor Friederike hinaus geht, dreht sie sich zu Helena.

„Es wird ein halber Orkan! Im warmen Süden spazierte ich in der Nacht, unter sonnenbeglänzten Orangen und gelbfleischigen Aprikosen inmitten grüner Blätter. Irgendwann bin ich im Winter dort. Passt schon. Ja, mein geniales Träumen regen unsere Ahnen an. Un wat allens in’n Kopp spökt ...“

Die Tür fällt zu, zugleich mit dem Drücken der Klinke. Nach einer Weile des Wartens, kehrt Friederike zurück. Auf ihrem Gesicht zeigt ein erstauntes Flimmern, weshalb sie allein kommt.

„Vergiss den Lütten! Kranke Kinder betüddeln die sonst nie. Wegen der betretenen Mienen drüben meine ich, da geht eine arge Kinderkrankheit um!“

Helena schwant etwas, das Ansgars Wogen nicht steigen lassen sollte! Ihre Hand fährt hoch.

„Ansgar! Meine Finger sind nicht so drall wie deine.“

„Dann komm!“, tonlos klingt es. Seine umwickelte Hand ballt er, heraus fliegt keine Zange.

In die Werkstatt folgt ihm Helena. Friederike trottet nach, baut sich bei Helena auf, die schon halb im Bottich hängt, und vergisst dabei ihre Vermutung. Ihre Gedanken wandern zu dem am Morgen in der Zeitung Gelesenen, es muss laut heraus. Und damit um vieles mehr meinend, grinst sie Ansgar an.

„Im Süddeutschen laden sie zum unterhaltsamen Schauwaschen ein, und beschnacken dabei, wie viel Feuerholz es einspart, wenn in der zubereiteten Flotte mehr Füllungen gewaschen werden. Bald sind Glocke und Bleuel fort! Nie mehr Wäsche durch die kochende Lauge ziehen! Eine Revolution im Waschküchennebel. Aber, wie es aussieht, sollte der Winter noch dauern, oder?“

„Der Sommer kommt, damit ich ungestört bin, wenn du im Turm die Wirtin spielst! Mein Tüftlerhirn döst nicht, du vor allem hast etwas davon. Ich erfinde noch einen Kipphebel für ein Rohr, um alles Waschwasser zur Grube zu lenken!“

Helena hebt ihren rosig getönten Kopf aus der Maschine. Sie hält vor Ansgar die Bruchstücke der Schraube hin, und damit zugleich ein Schmunzeln.

„Tragt ihr einen Wettstreit im Sticheln aus? Verstehe ich es recht, hat dein Genius dunkle Seiten?“

„Weil es nicht vorangeht. Quakt Rike, stirbt meine Gutmütigkeit. Schätzt sie, was in mir steckt?“

Seine umwickelte Hand droht Friederike, die nur grunzt. Sie fühlt sich längst ebenso unverstanden.

„Doch, ich halte zu dir! Aber seit dich die Maschine quält, führst du dich wie ein Wetzstein auf, an dem ich mir die Zunge zu schärfen habe! Sogar Helenas Besuch vergällst du mir.“

Sie nimmt Helena beim Arm, dreht sie zur Tür.

„Komm zur Kök, erzähle mehr. Danach fährt dich Ansgar heim, damit er mir aus den Augen ist, bevor die Fetzen fliegen.“

Nach einer Stunde und ihrem Gespräch zuversichtlich, steigt Helena auf den Pritschenwagen und reckt ihre Beine zu Ansgars unter die Fellplane. Ihr Ende zupft sie um sich und setzt sich vorsorglich darauf. Der Wind frischt auf, peitscht bitterkalt. Helena lauscht den ebenso klapperkalten Huftritten des Pferdes. Der Kaltblüter genießt es, vom Stall heraus zu sein.

Unterwegs erzählt sie Ansgar ihre zusätzlichen Wünsche nach einem Herd und Badeofen, und atmet mühsam gegen seine Anspannung an, wegen ihrem Entschluss für eine so umfangreiche Anlage. Als sie ankommen, löst er mit gezielten Hammerschlägen seiner heilen Hand den von Rost zerfressenen Scharnierzapfen aus der Halterung, klemmt dann die Kellertür am Wagen fest. Voller Ahnung und Grübeln ob Friederikes zu erwartende Litanei fährt er nach Bansin. Für ihn folge fürderhin keine optische Täuschung, bedecke die halb fertige mechanische Bottichwaschmaschine bald der Staub.

Später, in deutlich kälterer Nacht sitzt Helena, in Fellweste und Schultertuch gehüllt, am lodernden Kaminfeuer. Es wärmt ihr die Freude im Herzen, erregt ihr Träumen mit offenen Augen. Nicht mehr lange, dann mache sie Schmuckstücke! Bildreich treten aus Bernstein gefertigte Kostbarkeiten vor sie, mit Schnitzereien wie an den Grabbeigaben für Römer, oder von Anbetern des Sonnengottes der Griechen. Doch dem allen gleitet nach die Rosette an Elis Schatulle vor ihr inneres Auge, und würdigt wegweisend winzige Bruchstücke. Dann kommen Besatzstücke an den bäuerlichen Trachtenjacken. Die Hochzeits- und doppelreihigen Gliederketten daran leuchten um die Wette. Halsnah liegen sie auf Festtagskleidung, über der blondes Haar sich kraust, gehalten von verzierten Haarspangen. Auch ziehen vorbei an Helenas wanderndem Blick feine Broschen an Samthalsbändern, und ein wenig fragil wippender Schmuck an ungezählten Ohren. Strahlend glückliche Augen heben sie hervor, und hauchen Gold an Gesichter, die in sinnlich reiner Schönheit Anklang finden. Danach lechzen die, um von dem Quell der Jugend zu trinken, um bereichert und genügend optimistisch im Leben wirken.

Ja, das Leben wäre voll Glück, folgte dem Brautschmuck ein eigenes Kind, denkt Helena als ihren Herzenswunsch. Im Eis ruht der, der Traum ist aus. Helena schließt die Lider, nicht nur von der Nacht ohne Schlaf zuvor bleiern. Die wenigen Schritte in ihre Schafkammer bewältige sie in Bettschwere. Doch ihre schon voraus eilende Versenkung in die Federn durchkreuzt ein alarmierendes Rumpeln. Nicht Ratten machen solchen Lärm! Die Luke steht offen, der Käse im Keller allem Getier erreichbar!

Helena eilt mit der Lampe über die Hintertreppe, greift am Stapel unten ein Scheit und zischt „Sch, Sch“. Ihr antwortet ein Seufzen in der Kälte. Helena holt tief Luft, legt das Holz ab, hält ihr Licht hoch, geht wacker dem Seufzer entgegen. Und gluckst vor lauter Erleichterung, um Bisse am Käse nicht bangen zu müssen. Keine Ratte liegt lädiert dort!

7

„Wo sonst die Luke dicht ist, trat ich ins Leere“, mault Vedder fiepend und schlägt mit einer Hand auf eine Kellerstufe.

Sein Fiepen bestätigt, wie fehl am Platz er ist unter ihrem Lampenlicht, das wandert. Er scheint heile geblieben. Nach ihrer Nacht ohne Schlaf würde sie dieser Wende ihres Daseins wenig darbringen können, ausgenommen ...

„So kommt ans Licht, wie nahe du mir auf die Pelle rückst!“

Nach einer winzigen Pause, in der Helena nur noch ins Warme der Kök will, ergänzt sie, ein Kichern nur knapp unterdrückend:

„Siehste, genauso bleibt dem Fang in den Schlingen die Luft weg, tappen sie in eine deiner Fallen.“

Ihre Abfuhr zeigt ihm seine widrige Lage als höchst ertappt und doppelt durchkreuzt am Ende. So ergeht es einem Schäfer, der wie ein liebestoller Kater nachts luschert. Er rappelt sich hoch, und dreht einen Fuß.

„Verdammt!“, flucht er wenig leise.

„Verdammst du dich etwa selber? Willst du unten im Kalten bleiben?“

In Helena flammt ein weiteres Glucksen jetzt, denn er hopst unmäßig, und nicht mit dem Ruhm eines Wilderers bekleckert, die Stufen hoch in die Dunkelheit durch die er fiel. Vor das Kaminfeuer dirigiert, an den Boden gekauert, zieht er die Joppe aus. Und der entweicht ein herb tierischer Geruch, den Helena mit dem Schultertuch verwedelt und jählings kopfschüttelnd schnalzt.

„Die Socke runter! Mäßige dich, wenn es wehtut.“

Er legt die Fellmütze ab, fährt linkisch durch sein Haar. Selbst verdutzt über Schreck und Schmerz, zerrt er an dem Stiefel, flucht leise und unverständlich durch die Zähne.

Helena stochert die Kaminglut auf, legt Scheite nach, tunkt rasch ein Tuch ins kalte Wasser im Eimer am Milchtisch. Nieder kniet sie, umwickelt Vedders Knöchel, hockt sich dann auf ihren Schemel in der Nähe und mutmaßt über sein Streunen, das sie wähnt aus kindlich geprägter Selbstüberschätzung.

Errang er so seinen Platz an der Küste? Heimste er im Hauen und Stechen ein paar Schrammen ein? Sitzt mehr in der Stube als der Mann, der wenig älter ist als sie? Eine Spur kauzige Sturheit zeigt sein Kinn mit den blonden Stoppeln, das Helle der Augen, der schmale Streifen, wo etwas Feuer flackert.

Glückhaft legt sich das Erkennen an ihr Herz, vor ihr sitze ein freier Mann, der abstürzte wie gelenkt, zu ihr wollte. Dort sitzt kein Widerhaken wie Joos mit harten Augen. Vedder streut Pfeffer aus, doch liegt Trauer um seine Blicke, er ringt damit wie sie. Will er verschlossen bleiben, warf er sogar den Schlüssel absichtlich fort? Aufgeflogen zu sein, ist genug. Angedeutete, oder förmliche Worte wären unangebracht. Dem Wrack von Fischer käme sie nicht bei mit höflicher Liebenswürdigkeit.

Vedder blinzelt zu der Frau, die er innig begehrt, doch augenblicklich fürchtet wie einen Donnerknall im Winternebel, von dem er sich wünscht, der verziehe sich. Er selber kann es nicht. Kurz sieht er zu ihrem flackernden Schatten an der Wand, voluminös vom Gewusel am Küchentisch.

Ach! Oh ach, gibt Vedder vor sich klein bei, jetzt lässt sich nichts gerade biegen! Er hätte Helena beim ersten Mal Hilfe anbieten, nicht nur luschern sollen. Dann wäre er kein Fremder in ihrer Stube. Ihr müdes Gesicht wirkt auch sehr tapfer besonnen. Sie lockert ihre herzigen Lippen. Ach, sie tut nur schockiert. Gut kennt er das Vertuschen, sich ins Hemd machen, nicht wie Ansgar, der sich mit hart gemeinten Zuweisungen allem stellt, was ihm nicht passt.

„Bin dir ein ungebetener Eindringling“, presst Vedder durch die Zähne. „Kann nicht weg mit dem Fuß. Kodderig ist mir, und schwindelig wie benebelt. Schnaps würde den Schreck lindern.“

„Von Rike habe ich eine Flasche für derlei Fälle bekommen!“

Helena springt auf. Bald nippt Vedder einen Schluck direkt vom Flaschenhals. Der Sanddornschnaps schmeckt ihm, er schmatzt und seufzt, haut aber mit gezieltem Schlag den Korken hinein. Jungenhaft unverdorben wirkt er und unberührt von allem. Aber wohin mit ihm? In der Kammer nebenan in das Bett klamm von Winterkälte. Sie geht in den kühlen Schwall, trägt Bettzeug heran, wirft das und eine Fellunterlage neben Vedder zu Boden. In der Truhe kramt sie und reicht ihm den Tiegel ihrer selbst gerührten Gänseblümchensalbe.

„Reibe dich ein. Joos half meine Vaselinemixtur immerzu, ihm schwoll öfter einmal ein Gelenk an.“

„Altes Hausmittel? Wird dauern, bis das wirkt.“ Skeptisch schnuppert Vedder am Steingutnapf, trägt aber die Salbe dick auf, und müht dabei heraus: „Großzügig von dir.“

Helena lehnt sich an den Tisch, legt die Hände an ihre Ellbogen, hält den Moment für gekommen.

„Einfältig stolperst du herum, lässt dich von dem blamablen Sturz auch noch retten! Konntest nicht auf gesunden Füßen hereinkommen?“ Entschieden schüttelt sie den Kopf. „Wolltest du dir etwas holen? Glaubst du, es stehlen zu müssen?“

Sie fixiert ihn mit Glut in den Augen wie eines keifenden Fischweibs flimmert. Vedder senkt seinen Kopf, und vermisst ihre Förmlichkeit guten Betragens.

„So ist das doch nicht“, knurrt er, drückt den Stopfen in den Tiegel, schiebt ihn auf den Bodendielen weit vor. „Soll ich mich etwa wie für eine Trotteligkeit entschuldigen?“

Vedder betrachtet seine Hände, die flattern. Rasch klemmt er sie zwischen die Beine. Seine Absicht wartet. Ihm steigt schief ein Grinsen an die Wangen, doch es stirbt vor Helenas zornigen Augen.

„Tut mir Leid!“, setzt er scheu an. „Eine Last zu sein, war nicht mein Anliegen. Luschern ist unwürdig. Verzeih mir. So möglich, helfe ich dir.“

„Leicht gesagt, reglos wie du dasitzen musst. Und“, Helena breitet empört die Arme aus, die Weste klappt auf, „sollen die Lüüt erfahren, was du für Einer bist? Einer der nur ausspäht?“

Herabgezogene Brauen sieht Helena, dazwischen eine steile Falte. Dennoch wirft sie die Arme weit seitlich hoch, verharrt in der Bewegung mit indigniert fragendem Gesichtsausdruck.

„Hm. Ja, verstehe. Dir wahrlich zu helfen, wäre an mir, und somit Joos’ liegen gebliebene Aufgaben erledigen. Wie ich den kannte, war er ein echter Fischkopf, lebte nach dem Spruch: Nimm dir nix vor, dann schlägt dir nix fehl.“

Helena hüllt sich in ihre Weste. Dahinein murmelt sie nach einer Weile über den Streuner, der nur Umstände bereite, und als Helfer sicherlich fraglich wäre - wer solch einen Spruch parat hat, handle danach. Schon feixt sie still und dies weit hinaus in den Raum außerhalb der Kate: Der Horizont, ja, der meine es leidlich dicke mit dem Mann in ihrer Kök, und das wohl für ein vollständigeres Daseins! Glücklich fliegt auch ein von Dank erfüllter Seelenfunke hinüber zu Eli an den Findling. Von ihr ab fällt damit auch etwas von ihrer intensiven Anspannung aus dem mehr als langen Tag.

Am Morgen ist Helena schon früh vom Melken zurück. Eben schürt sie die Glut für den Wasserkessel, da regen sich Vedders Decken am Boden. Schlaftrunken sieht er ins Morgenlicht, auf die Wolle und Nähutensilien, und den Salbentiegel am Tisch. Er setzt sich davor an einen Schemel, salbt seinen Knöchel. Wohlig strahlt er erstmalig, als Helena gelben Sirup in eine Schale mit Grützebrei träufelt, und ihm einen Holzlöffel reicht.

Stille gleitet durch die Stube, bevor das Schaben am Boden der Schalen zu hören ist. Helena räumt schweigend ab, klemmt die Kaffeemühle dann Vedder zwischen die Knie. Er mahlt und schaut ihrem Hantieren für den Käse zu. In sich gekehrt denkt er nach, bis Helena die angelaufene Blechkanne mit Kaffee hinstellt und das Aroma belebend in seine Nase zieht.

Helena rückt Zuckerdose und Milchkännchen in seine Nähe und setzt sich, füllt beide Becher. Dann nickt sie ohne ein Lächeln an ihren Wangen, ernst gestimmt, bevor sie ihn hart im Ton fragt:

„Zu den Fischern gehst du nicht mehr, wegen deinem Arm?“

„Dass es mal so kommt ... Netze Anderer flicken, hinterher sehen, fahren sie raus? Nee!“ Er rührt im heißen Kaffee, reckt das Kinn. „Manche ruinieren ihre Rücken vom Netze hieven, gehören dann auch zu den nicht mehr Bewunderten.“ Er versinkt in sich; erschrickt dann jedoch von Helenas Wink zum Fenster,und ihrer scharfen Stimme.

„Heute Morgen fand ich keine Kuhle im Heu, in der du dich wie ein irregegangener Hofnarr, den ich kaum bewundern könnte, oft verkrochen hast! Konntest nicht um ein Nachtlager bitten, war es bei den Touren zu bald dunkel, zu spät für den Weg?“

Seine Wangen laufen so rot an wie die Finger brennen, um den Becher gelegt. Dahinein löffelt er Zucker und rührt, als ob sein Seelenheil davon abhänge, mit seiner Absicht vor Augen, auch wenn sie geifert wäre es ein gutes Leben, wenn sie es ihm gewähre.

Nach einer Weile Schweigen greift Helena in die Tischlade und entnimmt, unter dem bei Emilies Damenkreis ausgeliehenen Buch, eine Ausgabe der Gartenlaube, schiebt sie ihm hin.

„Zum Kamin geh, lies mir vor wie einst Joos. Dazu nutzt der Sturz durch die Luke, die dich Fallenjäger so seltsam einfing. Waren höhere Mächte in dem Spiel, zeige mir, du taugst mehr als ein Sprung im Topf.“ Sie deutet gen Wandtisch mit den Schüsseln der Morgenmilch für den Käse, und meint den Eimer mit Rüben und Kartoffeln daneben. „Später schnipple alles Gemüse in den Eisentopf für die Abendsuppe. Ich nähe für ein Kaufhaus Stofftiere, und die sollen meine Saisonarbeit im Laden von Putzenius ergänzen.“

„Mache ich nur, wenn du hernach nicht mehr aufgebracht bist.“

Er sieht sie einsichtig an, und zugleich starrsinnig. Am warmen Sims sitzend, liest er bald andachtsvoll eine Ballade vor, und fühlt, was sie, so nahe bei Helena, in seinen Sinnen berührt. Ein heimatliches Empfinden, ein anderes als mit Ella, dennoch ein sehr gutes.

Am Nachmittag bringt Ansgar den reparierten Lukendeckel wieder an, und kommt zum Aufwärmen herein. Er tauscht mit Vedder fragende Blicke. Danach schlägt er, laut Friederike, Helena vor, einen Anbau für ein Badezimmer zu mauern, damit das Graben in Richtung Brunnen und alles Abwasser in den Obstgarten leichter zu erledigen wäre. Für ein Spülklosett und die moderne und komfortable Badeausstattung würde er auch sorgen.

„So bleibt deine Kammer anderweitigem Gebrauch frei. Unsere Logierräume soll ich auch mit Bädern richten. Den Herd bringe ich im Dustern, der muss nicht an die große Glocke.“

Vedder traut seinen Ohren kaum, runzelt nur seine Stirn.

„Ich werde dein Handlanger, sobald du hier loslegst.“

Ansgar nickt gutmütig. Auch Helena stimmt zu, und begleitet ihn bald hinaus, kehrt nach einer guten Weile erst zurück. Aus der Vorratskammer holt sie Butter, Gelee und Brot, und erzählt beim Essen vom Notgroschen für die dringlichen Wünsche. Vedder schmaust und lauscht aufmerksam. Helena legt ihm das seltsame, unverständliche Gebaren der Fischerfrauen offen. Seither holte sie nichts vom Fang, verzehrt selten einmal ihre in einem alten Steinguttopf eingelegten Heringe. Bei sich aber sucht Helena nach der Antwort, wohin führe, was die Weiber ihr einbrocken.

Sie sinnt darüber. Dann schaut sie geradewegs in Vedders so helle Augen - wie die ersten Sterne am Nachthimmel draußen. Wie ein Licht intensiver Tag am Strand, wenn in ihr der Spaß und die Freude am Fund von Bernstein pulsieren. Im Moment des Erkennens hüpft Helena auf, holt den Suppentopf, Teller und Löffel an den Tisch. Denn, Herrjemine, Begehren glimmt in dem herein geschneiten Kerl. Müsste sie dem einen Riegel vorschieben? Demnächst? Bald? Die Entdeckung seiner Motive kribbeln in ihrem Bauch. Und rasch überlegt sie, er sollte noch nichts davon hören, nur von einem, dem neuen Lebensunterhalt und dafür von seinem Arbeitseinsatz.

„Bernsteinschleifen werde ich auch. Sammle mir bald am Strand ein paar Steine zum Ausprobieren.“

„Na, du traust dich was!“

Vedder streicht durch seine knisternden Bartstoppeln, wobei ihm mondhelle Nächte einfallen. Mit Helge, dem Sohn der Köchin Line, da der einen Köcher durch die Ostsee ziehe. Helge bezahlt keiner mit Salz. Etwas anderes wäre nicht zu teuer. Voll Glimmen, sieht Vedder auf Helena. Sie schlürft ihre Suppe vom Löffel, der vibriert, dann inne hält.

„Ja!“, erwidert Helena, schluckte einen Anflug von Glucksen inzwischen mit der Suppe. „Das Schicksal schickte mir Not, die ich abwende. Niemand kauft mein Land am Feuchtgebiet! Vielen Reichen aber gefällt hübsches Spielzeug für die Kinder und der Schmuck mit Bernsteinen an sich selber.“

Ihre Worte gemahnen Vedder an die Not in den Katen. Auch an jene vor den prachtvollen Kulissen Flanierenden, die sich daran ergötzen, weniger am Hinterland. Gedankenvoll löffelt er seine Suppe. Nach kurzer Zeit hört er seine Töne tieferen Schlürfens als Helena, die längst nicht mehr den Kopf hebt. Damit sie seine Begeisterung nicht erschrecke, haucht er bedächtig leise:

„Von der Wolgaster Fähre kenne ich einen Weber, ihm könnte ich die fertigen Bernsteine bringen. Er treibt allerlei Handel, sein Weben ernährt keine Familie. Er wirft an Land viele Netze aus.“

Vedder legt den Löffel ab, reckt seine Hand, reibt zärtlich wie selbstvergessen über ihr Handgelenk. Helenas Inneres seufzt wohlig, doch darin vibriert ein wenig die vorherige Erkenntnis.

„Du fällst mit der Tür ins Haus, wirfst mir ein Netz zu?“

Ihr wonniges Lächeln bezaubert Vedder. Zaghaft liebkost er ihre rosigen Finger, hebt seine Hand ab, spricht verträumt. „Hin und wieder fische ich mit ganzer Seele. Und gebrauche mitunter wie die Fische die Flossen, wenn der Wind dreht. Um mich freizuschwimmen und abzutreiben, ruft es der See so laut, dass ich einfach hinein waten muss.“

Ein sturer Zug verhärtet sein Kinn. Helena aber sieht schon in ihrem Inneren den gerne besuchten Findling sonnen-überflutet liegen. Wie sehr sie sich danach sehnt! Von Vedders verträumten Ton bewirkt? Sie lauscht dem nach - und dem, steht sie auf dem Stein und gibt Lasten dem Wind für den Wunsch, er möge die annehmen. Plötzlich versteht sie Vedder besser.

„Das kenne ich. Wächst mir etwas über den Kopf, seh ich den Horizont an. Davon abgesehen auf uns, mir genügt deine Antwort noch immer nicht!“

Er wiegt den Kopf ob ihres Naturell, nicht zu klagen, bis ihr die Luft ausgeht. Das übertrifft seine Angst vor Abfuhr.

„Ja, mein Netz werfe ich dir zu, unter der Bedingung, auch dich freizulassen, wenn dich die Winde fortwehen. Es ergänzt unseren Handel und wäre abgemacht! Oder magst du mehr an Freundschaft?“

Zärtlichkeit glimmt in Vedders Augen, in die Helena frech hell heraus lacht. Sie kraust die Nase, denn ihr Gedanke an den Seewind gab ihr doch etwas völlig anderes ein.

„In der Kammer steht der Badezuber. Juckt es nicht überall? Das fleckige Hemd und dein Schweiß scheinen älter zu sein als dir der Wachtmeister Karl erlauben könnte! Wie wär es? Nimm ein gutes Hemd von Joos an, sein Rasierbesteck. Wasser erwärme ich dir am Feuer, und gehe dann schlafen.“

Vedder erwacht anderen Tags vom Klappern des eisernen Dreibein im Kamin, in einer Pann rührt Helena in Bratkartoffeln. Er nimmt die Kaffeemühle, schlägt die Kurbel. Als das Aroma der zu Mehl verfeinerten Kaffeebohnen in seine Nase steigt, hat er genug von seinem Nachtalb und von Helenas Schweigen.

„Bist nicht gesprächig. Hast auch du schlecht geträumt?“

Helena zieht ihren Mund schmal. Alsbald stellt sie auf den halb abgeräumten Tisch zum gebrühten Kaffee ein Achtel Käselaib und die Bratkartoffeln. In Gedanken versunken essend, betastet sie ihre gestrickten Wollteile.

Binnen weniger Minuten schickt Vedder ungezählte Blicke an ihr vertieftes Nähen, fraglos geht sie darin auf. Sie umsäumt fein ein Bernsteinauge des halb fertigen Hasen, stickt dann die Nase in schwarzem Garn, deutet Nagezähnchen in Weiß an. Schließlich hält sie das Tier weit vor sich, prüft die Wirkung ihrer Eingebung im Traum, die noch fehlte und ihr Werk komplett macht. Schwierig erscheint es ihr, mit dem Gesicht bis in den Sinn der Bilder der Nacht hinein zufrieden zu sein. Denn darin glommen eigentümliche Augen über denen des Hasen wie ein Doppelpaar, und wurden von zwei dunklen Zöpfen eines kindlichen Gesichtes gerahmt. Im heutigen Morgenlicht, erfasst sie an dem Hasen nur noch, wie hoch sie ihre Ansprüche schraubt und es doch unnötig scheint. Dennoch ermutigt Helena sich.

Ein Kind erwählt mein Tier, belädt es mit Phantasie, spielt die Geheimnisse von sich aus, aus seinem Nahrungstor der Seele. Zumindest war es so, als ich in Swinemünde noch Kind war. Mir gefallen die Augen aus Bernstein. Sie bestätigen mich, bedeuten mir viel, weil sie im Traum offenbart wurden! Genauer hinsehen werde ich, liegt das zweite Auge an. Es kann mir gelingen.

Sie bringt einen halb runden Stein an, und strahlt nach einer Weile danach völlig integer Vedder an.

„Der Hase hat wie erwartet unverwechselbare, ausdrucksvolle Augen. Die Bernsteine zaubern Leben hinein, und ermuntern mich, ihn liebkosen zu wollen! Ich träumte von den bernsteinfarbenen Augen, und probiere aus, sie mit aller Raffinesse anzupassen.“

„Geträumt? In honiggelb und golden in lichtem Braun?“

Merklich durchzuckt Vedder der Nachtalb seines Traumes. Von nagenden Maden, die immerzu näher dem Stein im Herzen krochen. Seinen wehen Fuß sah er aufbrechen - weißlich gelb wie Ella am Ende war. Und sie kam, von Maden zerfressen, drehte sich vor ihm im Grabe. Ihm grummelte vor Schmerz, nicht bei ihr zu sein. Aber davon rede er, wenn Helena von ihrem Dunkelstes gesprochen habe. Am Schemel rückt Vedder ihr etwas näher.

„Die einsam stehende Linde im Wäldchen gen Swinemünde, die erinnert mich an Träume und gefällt mir besonders, wilde Bienen umschwärmen sie. Manchmal träume ich von dem süßen Honig. Auch im Winter ruft sie Geträumtes wach, gerate ich ihr nahe.“

„Dann schätze dich glücklich, Muße dafür zu haben. Ohne die Traumweisungen für die Augen, wäre ich noch nicht so weit! Sie sollen die Freude, die sie mir geben, vielen Kindern schenken.“

Vedder denkt scharf nach, indes Helena am Hasen den Knoten setzt, und ebensolche Zugeknöpftheit übermittelt. Die zerbreche er eventuell, spräche er sie an auf den Ladenbesitzer.

„Macht Putzenius krummere Touren als andere Händler? Ihn sah ich unterwegs mit einem Gespann.“

„Wieso? Er hat Leute fürs Grobe, und Lehrlinge! Fährt er was, geht's mich zum Glück noch nichts an.“

„Zu sehen waren am Karren Fässer. Ungewöhnlich nicht, fährt einer vom Timmermann ab. Aber ich rieche, das war nicht sauber. In Grünebergs Betrieb laufen im Winter die Sägen heiß. Und wer weiß schon, wozu ein Händler so viel von dem Sägemehl braucht.“

Helena lächelt wundersam, es lockert Vedder den Rest seines Alb. Darunter hervor aber quillt sein zurückgehaltenes Begehren und schwemmt ein nie dagewesenes Gefühl in seine lädierte Schulter. Eine Hand legt er an deren Knoten, an den Schmerz darin.

8

„Zieh das Hemd aus, ich reibe dich mit Kräuterschmalz ein.“

Helena legt ihr Nähzeug ab, verteilt eine Handvoll auf den nun blitzartig bloßen Muskeln auf seinen verwachsenen Knochen. Je nachdem, wo ihre Hände ansetzen, hält Vedder vor unerträglichem Schmerz die Luft an. Nach einer Weile atmet er stoßweise, Helena rieseln Schauer hinab in ihre Knie. Sie fällt in eine Anziehung von magisch tiefer Zartheit.

Ihre kleinen, kräftigen Hände spürt Vedder am Wehen ziehen. Sein Herz hüpft und springt wild. Er lässt den Kopf vorfallen, empfindet in Kürze Helenas Atemhauch kühl seinen Hals streifen. Ihrer Hände Wärme weckt ihm in jeder Berührung die schüchterne Regung: Andachtsvoll salbt sie mich, ihre Zärtlichkeit dringt bis zu dem kalten Grabstein im Innersten.

Helena spürt ein Prickeln in ihren Fingern, dem Brand einer Nessel ähnelnd entlädt es die Schulter. Grob kneift sie hinein, bedeckt dann die Rötung mit dem Stoff vom Hemd. Sie küsst spontan das nahe Ohr, und will sich abwenden. Sie zerren Vedders eiserne Arme auf seinen Schoß. Er senkt den Kopf an ihr Kleid, er atmet den Duft ihrer Haut ein.

Sein aufsteigender Kräutergeruch kribbelt in Helenas Nase. Jäh niest sie. In ihr braust die Dreistigkeit. Sie schlägt seine Arme herab, springt mit einem winzigen Schritt zur Seite. In der Drehung von einer Sekunde saust ihre Linke vor und klatscht an dem aus erwachter Zuneigung geküssten Ohr schallend auf. Helena brennt die Hand mehr als das Prickeln zuvor.

„Wage es nicht! Das war ... du Flegel du ...! Oh, jetzt bin ich diejenige für Schnaps bei derlei Fällen!“

Sie hastet zur Vorratskammer. Die Flasche an sich gedrückt, kehrt sie zurück zum Tisch, vor dem Vedder sein Hemd zuknöpft, wie ein getretener Hund bald durch die Stubenkök hinkt.

Kurz danach fällt Schnee in das eisige Band um die Kate, doch nimmt zu Boden nichts des Frosts von Vedder und Helena. In der Küche sitzen sie in erregter Wallung, die ihnen Unfug anrichtet, sie kein bisschen abkühlt. Ebenfalls nicht Ansgars Ankunft, der den Schnee abtritt, und nach einem Vedder streifenden Blick Helena zuzwinkert. Im Ton wenig unterkühlt, verkündet er:

„Ich bringe deinen Herd und meinen Nachbarn, er schlägt der Wand das Rauchloch aus.“

Er legt seine Felljacke nicht ab, die er bei Nachtfahrten mit unabsehbarem Wetter trägt. Sein Helfer, ebenso gekleidet, fasst kräftig mit an, als Helena den Milchtisch beiseite räumt, damit der Herd dorthin gestellt wird.

Danach setzt Ansgar sich zu Vedder an den Tisch am Fenster, kippt ein Pinnchen Sanddornschnaps, unterhält sich mit ihm in entspanntem Gebaren. Er weiß den Nachbarn beschäftigt.

Der nimmt auf langen Beinen Maß für das Wandloch, bröselt Lehm ab, rückt das Rohr zurecht, stopft feuchte Brocken ringsum ein, dichtet den Spalt. Schließlich kippt er Kaminglut ins Fach der Ofentür, schiebt Anmachholz nach. Es knistert und flackert.

Der Mann lächelt Helena an, und mustert sie so gewissenhaft wie ihre Hände über der Kochfläche. Er macht es ihr nach.

„Ansgar baute unserer Kök auch einen. Du wirst sehen, wenig Holz reicht, sogar wenn der Riegel am Rauchabzug maximal offen ist.“ Dann raunt er dröge: „Ich helfe ihm, mein Sohn kuriert Blessuren, wurde maßlos verdroschen! Pass auf, damit dir nichts zustößt! Die Weisungen der Halunken befolge nun ich. Schurkerei ist denen auf den Leib geschrieben, mich erschüttert deren Wut! Karl sollte dem ein Ende setzen, denke ich für meine Kinder.“

Erschreckt legt Helena ihre Hände ans Gesicht, vor Augen den Strand, den abgeführten Bansiner Knirps. Und in alle diese Gemeinheiten hinein hört sie, schnodderig gesprochen, Vedder fordern: „Ich fahre mit, Ansgar!“ Das betäubt ihre Freude am neuen Herd. Sie wendet sich im Ruck vom Nachbarn ab, verbirgt die feuchten Augen, blinzelt zum Milchtisch, der wie sie keinen Platz zum Anlehnen hat.

Hinter den Dreien knallt die Haustür binnen kurzem laut und hölzern zu. Ihr Schlag wirft Helena in herbe Enttäuschung. Teils darüber, allein gelassen kann sie nichts über Anziehung herausfinden. Gibt es eine Anbindung ohne eine Bindung? Sie linst auf den Türriegel, hatte vorgehabt, einen Riegel vor Vedders Begehren zu legen. Er gebrauchte seinen nach ihrer Ohrfeige. Doch zuvor hatte sie von der Ablehnung durch die Fischerfrauen erzählt. Vedder vergaß sein Versprechen von Freundschaft, wie ein Knirps mit Schrammen. Also doch, knistert es leise zur Verstärkung im Herd. Helena ergreift einen Eisentopf, mustert den aus und schnauzt den an für Vedders Fehlen.

„Du Topf hast weder Löcher noch Sprünge, aber wackelst. Du Ungeschliffener passt nicht mehr auf meine neue Herdplatte!“

Vedder fährt mit am rumpelnden Pritschenwagen. Weiß bedeckt der Schnee alles, nur nicht die tags zuvor getroffene Abmachung, er luschere nicht mehr. Doch fehlen ihm in Helenas Nähe die Worte, verrinnen wie durch ein Loch, bevor sie die Zunge irgend ein Eingeständnis formulieren könnte.

Zum Schloonsee hetzt Ansgar den Kaltblüter schonungslos. In die Flocken dichten Treibens springt er ab und schüttelt seine Schultern frei, reibt heftig die Hände und ruft nach rückwärts:

„Näher fahre ich dich nicht, Vedder, steige ab hier am Abzweig!“

Vedder humpelt los, zielstrebig wie sein Gespür voraus fliegt gen Schafstall, und in eine Erklärung.

„Son Schietwetter!“, äußert Ansgar bald, Vedder am Weg ein Stück begleitend. Vor die steile Schneefläche am Dach der Kate angekommen, wischt er sich die Stirn ab.

„Rücke raus, mein Freund. Hat dich die Liebe erwischt?“

„Na ja, seit Herbst geistert die in mir. Wollte nur Helena nach dem Unglück meine Hilfe antragen.“

„Spät genug für Beides“, kommentiert Ansgar. „Helena sagt, wie sie es haben will. Du wirst staunen, wenn ich ihr die anderen Sachen bringe, denn dann kommst du mit. Rike scheucht mich, alles rasch zu erledigen. Tschüss.“

Es schneit in den folgenden Tagen ununterbrochen, deckt weiche Hauben über alles und dämpft jedes Geräusch, sogar das trockene Rascheln bei Helenas Heuausstopfen der Stricktiere. Die Stille schenkt Helena schöpferische Ideen. Die Herdwärme belebt wohltuend ihre mit Nadeln hantierenden Finger. Fast vergisst sie den Bruch von Vedders Versprechen. In ihrem Alleinsein beachtet sie mehr ihre zarten Züge, freundlich mit sich. Weil sie auch immerzu bedenkt, viele Lüüt draußen erstarren an harter Not. Sie selbst durchlebt, durchnäht ihre Nagelprobe mit den Fingern, würde weiterhin mit den Nägeln daran, und hervor aus ihrem Wesen, für sich ihre gefestigte Substanz ausbilden.

Ihre innere Einstellung erprobt Helena, als ein frostklarer Mittagshimmel sich über dem Land wölbt, und Ansgar und Vedder an der Kate vorfahren. Vedder nimmt eine Kiste vom Wagen, geht die Stufen aufwärts zu Helena.

„Ihr bringt mir die Geräte meiner Werkstube? Prächtig!“

Ansgar lacht laut über ihr Staunen, schubst Vedder an Helena vorbei. In der Kök zerrt Vedder seine Kappe vom Kopf, hält unschlüssig die Kiste. Helena winkt ihn zur Kammer, öffnet die Tür hinein.

„Auf den klotzigen Tisch am Fenster damit! Der stammt noch aus Joos’ Zeiten, hat durch mich einen neuen Zweck!“

Im Hineingehen zieht Ansgar seine Winterjacke aus, legt sie ab am Tisch, und kraust die Brauen. Ein Brummeln steigt aus seiner Kehle, die er räuspert und sich zu Vedder umwendet.

„Stell die Kiste endlich her, aber behutsam!“

Als Vedder es wie geheißen erledigt, entnimmt er ein Fass und ein eigenartiges Gerät, an dem er hantiert und Helena anspricht.

„Dir fabrizierte ich das, was mir lange im Kopf lag. Sieh, mit einer Kurbel bedienst du den Schleifer und zugleich den Bohrer. Je nachdem woran du arbeitest, drehst du am Hebel. Die Klemme der Zwinge hält Steine aller Größen fest.“

„Ach, ich verdanke dir viel! Du bist ein wahrer Freund!“

„Ja, dem Erfinden Spaß macht. Probiere das Polierfass aus, dann leuchten deine Augen noch mehr.“

„Strandsand habe ich keinen. Das funktioniert schon! Kommt jetzt beide auf einen Tee ins Warme, dann schnacken wir!“

Im Vorbeigehen schenkt sie Vedders scheuen Augen einen auffordernden Blick. Den erwartete er in der ganzen Zeit, in der sie nur das Werkzeug sah. Seine Kehle wird trocken und rau, reden würde so schwierig werden wie einem ihr Fremden, der solche Blicke nur aufsaugt. Also greift er drei Köppen vom Wandbord. Still steht er dann vor der mit wolligen Stofftieren übersäten Tischplatte.

„Siehst du!“, meint Helena, heiter im Ton, „gut ging es mir von der Hand. Warte einen Moment, ich räume es fort, setze den Wasserkessel nur eben auf den Herd. Neue Töpfe habe ich keine, die Alten wackeln eine Weile noch!“

Sie stellt den Kessel auf, zum Wärmen eine Kanne, misst Tee hinein, geht dann rasch zum Milchtisch, füllt ein Kännchen, rückt es neben den Wasserkessel. Helena räumt den Tisch frei, hält aber inne.

„Die Kök sollte stets gemütlich sein für lieben Besuch. In die Kammer setze ich mich zum Nähen und lasse die Tür offen zur Wärme. Mehr Holz müsste ich hereinholen.“

„Das erledige ich für dich, Helena!“

Aufatmend stellt Vedder die Becher an den Tischrand rundum, stapelt flink wie der Wind die Scheite aus der Nische in den Kamin, eilt danach zur Hintertür hinaus.

Der Klang der so hastig geworfenen Hölzer schwingt im Raum, sickert verheißungsvoll in Helenas Ohren. Sie lächelt dem nach, der da ist und wieder herein kommt. Das schlingernde Sinnliche könnte mit ihm eintreten ...

Zu Dritt sitzen sie um die dampfenden Teebecher, ihre Hände wärmend. In Erwartung, Vedder oft wiederzusehen, und um ihn in aller Bescheidenheit aufzufordern, meint Helena:

„Bestes Wetter für einen Brennholzschlitten, Vedder.“

„Mein Fuß heilte vollends. Bevor es dunkel wird, könnte ein wuchtiger Teil vom Windbruch aus dem Schnee geholt sein.“

Vedder schaut Ansgar an, nickt auffordernd.

„Du bist beschäftigt!“, tönt Ansgar, rau aus Gewohnheit, wo es nur gehe Arbeit anzuweisen. Ansgar sieht hinüber zu Helena, ihre Augen funkeln. Weniger rau, sogar besorgt und zärtlich spricht er.

„Im Wege steht deinem Probelauf nichts. Schleifen zeige ich dir noch, bevor wir zurückfahren.“

„Muss überlegen, an welchem Stück es schief gehen dürfte!“

Helena reibt ihre Wangen, bedenkt flüchtig die Schatulle am Speicher. Oben ist es viel zu kalt, um Brocken zu suchen, an denen es egal wäre, stelle sie sich ungeschickt an. Oh, die Fundstücke habe sie doch auch aufbewahrt und sogar in der Nähe!

Zur Truhe geht sie, kehrt zurück an den Tisch und kippt den Sammelbeutel aus, „in Gottes Namen“ murmelnd. Unerwartet tritt in der selben Sekunde in sie der Traum von den bernsteinhellen Augen im bezopften Kindergesicht. Magisch berührt davon zittern Helenas Finger, fühlen es ganz und gar. Rasch streift sie durch das Häuflein, zeigt dann an jenen handtellergroßen Brocken, den sie vor ihrer von Glück besonnten Hüpferei am Strand fand.

„Könnte ich einen Schmuckanhänger daraus machen, Ansgar?“

„Sehr groß ist er. Stört es dich nicht? Wäre schade, etwas so Kostbares kleiner als nötig zu machen.“

„Vedder? Sag du!“ Helena dreht den Stein des damals sie berauschenden Glücksmomentes im Licht.

„Der ist selten zu finden, kommt aus tiefer See. Mach, wie du denkst. Tee ist getrunken. Bis später.“

Seine Fellkappe aufs Haar drückend, schnellt Vedder zur Tür hinaus. Helena blickt ihm nach. Ansgar räkelt sich, winkt ihr.

„Da bist du platt, was? So kurzangebunden ist der Sturkopf, seit er weiß wir fahren zu dir. Lass dir davon nichts verderben! Komm, ich brenne darauf, zu sehen, wie du klarkommst.“

Helena seufzt leise, rückt dann ihren Schemel in der Kammer neben Ansgar vor das sonderbare Werkzeug. Schon erfasst sie des Steines fertige Form, fühlt auch die Euphorie darin, voll Begeisterung gehüpft zu sein. Ein Omen, all dem die Stirn zu bieten, das daherkomme, oder hinfort renne.

„Aha, simpel, damit beginne ich“, murmelnd, legt Helena den Hebel um, führt ihre Hand zur Kurbel.

Staubigen Puder scheuert das Schleifband vom Rand. Kanten entstehen, nach und nach ein mäßiges Oval, während Helena ihre anfängliche Scheu vor dem Gerät verliert.

Ansgar betrachtet die regen Finger, hört ihr Stoßatmen über ihrem konzentriert eingezogenen Mund. Dahinter spielt die Zunge an der Haut zum Kinn. Sähe er bald die rosige Spitze die Lippen lecken? Ansgar greift sich an den Nacken, nimmt dann das Oval, reibt mit dem Daumen an den Schleifstellen.

„Feile die Unterseite etwas großflächiger. Danach wirkt die Vorderseite mehr, als wölbe sie sich.“

Helena schafft es leidlich, und steht in Kürze abrupt auf.

„Das war die erste der langen Reihe von Stunden. Es macht Spaß, aber die Anspannung verkrampft!“

„Lohnt allemal. Du bist handwerklich begabt. Doch fehlt noch das Bohrloch, lege den Hebel um, die Schraubzwinge an.“ Helena arbeitet behutsam weiter, bis er zufrieden brummt: „Nach dem Schleifen machen Wachs oder Fett unebene Spuren unsichtbar. Und reibst du den Schmuckstein auf dem Leder deiner Fellweste, entsteht eine hohe Temperatur, davon glänzt er.“

Mit dem Ergebnis zufrieden und sogar freudig erregt von den künftig sich ergebenden Möglichkeiten, nimmt Helena aus ihren Utensilien am Spiegel der Schlafkammer ein Samtband. Sie fädelt eine Schlaufe durch den Anhänger, bindet die Enden hinter ihrem Hals zusammen. Der kostbare Schmuck wirkt vor Joos’ altem Arbeitshemd wie ein verirrtes Kleinod. Helena lacht schallend, gurrt ein wenig, ruft dann durch die offen stehende Tür:

„Ich brauche passendes Darunter, wäre sonst für die Katz!“

Sie geht grinsend zu Ansgar hinaus, der am Küchenfenster nach Vedder ausschaut. Er dreht sich zu ihr, kichert wie sie.

„Warte, was erst Vedder sagt. Bist sowieso bedeutend für ihn. Trägst du ein feines Kleid, ergreift er die Flucht!“

„Darin täuschst du dich!“, tönt es an der Hintertür.

Vedders Augenhelles glüht, während er seine frostigen Hände reibt. Er rückt die Fellkappe aus der Stirn, schaut von unten hoch über Ansgar, dem er das selbstgefällig gereckte Kinn mit einem Haken polieren mag. Dies zutiefst zu tun, stellt er sich vor. Er unterlässt es, spürt sein Vertrauen im Argen, und, ihm schmecke vor lauter Unvermögen sowieso sein Mund sauer. Schwer zu ertragen, würden hernach alle seine Felle davonschwimmen, er wohlmöglich Helena an Ansgar verliere.

„Wärme dich am Kamin, Vedder.“

Ansgar drängt mit einer Hand und grinsend, Vedder hinüber. Im selben Dreh schlägt dessen Arm an gegen seine Direktive, mit in etwa einem Fünftel der zornigen Hilflosigkeit.

„Kaminfeuer kühlt dich wohl nicht“, erfasst Ansgar, und was aus Vedders Augen fliegt. Zu ihm kehrt der vorherige mentale Schlag um, sein Vedder alleine hinaus in den Wald schicken. „Mach halblang, Freund. Du führst dich auf, als müsstest du durch eine Wand, wo gar keine ist!“, knurrt er, ohne an irgend ein helfendes Wort zu denken.

Gegenüber stehen sie sich, stumm ihre Zwietracht billigend. Vermeintlich verteidigt der Eine, indes der andere abwehrt, was augenscheinlich über bordet. Vedders Blick ähnelt Ansgars, allerdings fühlt er bei sich mehr Brodeln zu Kopfe steigen.

„Nun sage ich, was wir machen! Dreh bei, Ansgar! Ausbooten lasse ich mich von dir nicht!“

„Ich jage sie dir nicht ab! Freundlichkeit verbindet uns. Schon mal gehört? Auf Freundschaft jage zu, um deinetwillen.“

„Reicht erstmal!“, knurrt Vedder. „Zwei Fuhren an Brennholz brachte ich. Passt das Wetter, hole ich mehr.“ Helena sieht er nicken und zustimmen. Er weist zur Tür. „Dem Gaul erfrieren die Hufe, ich will vorm Dustern heim!“

Ansgar holt Kiste und Jacke aus der Werkstatt, und flüstert im Hinausgehen Helena wehmütig zu: „Kein Übermut vorhanden.“

Er kraust die Brauen, zuckt mit seinen Schultern. Helena ahnt, er wird Vedder Kontra geben. Daran wäre freundlich, es nicht ihre Ohren hören zu lassen, hätte er es sofort in klaren Worten getan. Innerlich schlägt sie drei Kreuze vor Vedders Schweigemauer, und seufzt über sich:

„Er übersah meine schmucke Brust und fand kein lobend Wort! Rike, du gute Freundin, du spurtest nur Ansgar in Takt hinein.“

Im Wintermantel geht Helena kurz noch über den von vielen Schlittenspuren durchkreuzten Hof auf den Asthaufen neben der Scheune zu, und bricht in Freudenjauchzer aus. Einen knorrigen Ast hebt sie an und merkt unmittelbar, mit welch großer Hingabe Vedder den Vorrat herschaffte, und seine Zuneigung versteckte. Für einen Moment spürt sie eine zerknirschte Anwandlung, und legt den Ast zurück. Im Aufrichten schweift ihr Blick auf den Horizont über der Ostsee.

Doch, ja. Der Gedanke an versteckte Zuneigung bewirkt auch ein Bejahen von mehr Begegnungen. Neben Vedders zu erwartenden Neuantritt, endet ihre Abkehr von anderen. Wie gewaschen sieht Helena ihren Willen für etwas Gutes aus den Fluten steigen und als Wetterpfeil voraus deuten an den Sonntag. Sie kehrt in erneuerter und schon heiterer Voraussicht um. In der Küche hängt sie den Mantel an den Haken hinter der Tür, und schnellt zur Kleidertruhe in der Schlafkammer, wühlt darin nach etwas Passendem zu ihrem neuen ovalen Schmuck.

9

Am nächsten Sonntagnachmittag eilt Helena, knapp an Zeit, durch die Schleier frostiger Luft vor den Ahlbecker Hausfassaden. Der lange Atem des Winters gibt noch nicht auf.

Ihr in Sorgfalt gewählter knöchellanger Rock mit bauschigem Volant wippt im Mantel um die Beine. Helena fühlt sich herausgeputzt mit den schmalen Schnürstiefeln, in denen sie durch den krustigen festen Schnee balanciert. Unter dem Arm stecken, an der Laterne für den Heimweg, ein Buch und ein Beutel mit den Tieren, den Freundinnen zu zeigen. Sie treffen sich bei Emilie, derweil der Lehrer die Chorprobe vom Männergesangsverein im Kurhaus leitet.

Zum Haus von Martha biegt Helena ein, die mit ihr geht. An der Straßenecke dröhnt das Hufklappern einer geschlossenen Kutsche auf und wird zunehmend lauter. Aus entgegengesetzter Richtung jagt in rasender Fahrt ein leicht gebauter Einspänner auf hohen Rädern heran. Helena prallt zurück vor dem auf sie zu galoppierenden Pferd in ledernem Geschirr. Einige Passanten, sonntäglich aufgetakelt mit Hüten und Kappen, queren noch die Straße und trippeln jäh los, sodass der Kutscher gar nicht anders kann und ablenkt, das Zweigespann herumreißt.

Geistesgegenwärtig presst Helena sich an ein Haus. Der Pulk der erschreckten Leute bedrängt sie, raubt etwas die Sicht auf den Beinahezusammenprall beider Wagen. Die Kutsche entwischt kaum dem Einspänner, schliddert über das Kopfsteinpflaster, ein linksseitiges Rad streift knatternd einen Laternenpfahl. Um einem nächsten auszuweichen, greift der Kutscher in die Zügel. Zu hastig, die Kalesche ruckt aus der Spur. Die trabenden Pferde werfen ihre Köpfe hoch, auch vom Aufschrei der Menschen wie aus einer Kehle erschreckt. Sie straucheln im verharschten Schnee, doch fangen sich, reißen im Vorwärtsschießen das Gefährt mit sich. Es schlittert nach gegenüber, zu den Pfosten der Einfahrt bei Marthas Haus.

Dort stiert der schwarzen Breitseite des kollernden Kastens und dem alten Gesicht am Fenster ein schmächtiger Bub entgegen, panisch erstarrt. Das hintere Speichenrad rollt rasant auf den Kleinen zu, quetscht ihn in Sekunden an den Pfosten. Ohne das zu bemerken, zieht die Kutsche vorbei.

Rasch ist sie fort. Zurück bleibt von der tückischen Bedrängnis ein geräuschloser Moment. Dumpf lärmend bricht er. Neugierige Anwohner gesellen sich den Passanten zu. Helena schaut einzig auf den Jungen, den Riss in seiner Jacke. Ihr Signal. Sie stolpert über die vereiste Straße hinüber zu dem, der sie erblickt, und wiederholt dann auch hinüber zu der Straße.

„Is er wes?“, lispelt er.

„Ja, wie dreist! War es ein arg schlimmer Schlag?“

Schmerzvoll stöhnt er, neigt sich dann und spuckt einen von blutigen Fäden durchzogenen Schwall in den Schnee. Er fischt mit der Hand den ausgeschlagenen Eckzahn heraus.

Martha eilt im wehenden Mantel herbei, schmiegt ihren Sohn an sich, tastet hektisch aúf Arme und Beine, über sein blondes Haar, sieht dann Helena an, dämpft ihre Stimme.

„Gemeine, widerliche Kinderschänder! Mein lieber Gatte glaubt und sagte vor wenigen Minuten erst: Nach dem Unglück von neulich käme nichts mehr, den Alten wären wir los. Künftig müssen meine Jungs noch besser aufpassen, das meine ich.“

Helena erinnert sofort den verletzten Rotschopf. Sie nickt kurz nur, schüttelt dann jedoch vehement den Kopf und flüstert: „Dies Pech heute kuriert ihm hoffentlich seine Annahme.“

„Mir glaubte er seither nicht, sie hätten es auch auf mich abgesehen, beobachten mich, als täte ich das Verwerfliche, obwohl wir bloß aus der Misere heraus wollen“, ergänzt Martha, indes sie Helena beschwörend anblickt, schon vorausdenkend. „Schade, das Teekränzchen ist kalter Kaffee, ich wäre gerne dabei, wo wir dich so lange nicht sahen. Erzähl ihnen nichts, versprich es!“

„Wie dir zumute ist, verschweige ich sicher. Auch den Schreck des Kleinen, der dich jetzt braucht.“

Martha zieht ihr Kind mit sich. Vor der Haustür verscheucht sie schimpfend die stehen gebliebenen Passanten, die das Unglück ihres Jungen zu begierig verfolgen. Deren wartende Menge durchquert Helena achtlos. Eben schlägt in der Ferne die Heringsdorfer Kirchenuhr drei Mal und rüttelt Helena aus ihrem Schreck auf. Sie trippelt, so schnell es geht in engen Stiefeln, zum Garten am Lehrerhaus. Dort steht bereits Emilie in der Haustür und mustert durch ihre Brille die Eintretenden. Wie eine Gastgeberin, die auch im letzten Winkel im Hinterkopf nur ans Gelingen denkt, alles im Griff hat.

Trappelnde Absätze dröhnen in dem geräumigen Flur, warm von dem Kachelofen, der von hier alle Räume wohlig beheizt. Davor steht Magd Rosa, die Helena mit lauer Gebärde Laterne und Mantel abnimmt. Am Garderobenspiegel zieht Helena die Hutnadel heraus, legt ihren grauen Filzhut ab, zupft ihre schwarze Bluse glatt, tastet zum Bernsteinanhänger. Sie nickt sich aufmunternd zu, um den Vorfall an Marthas Haus zu vergessen, und das Omen im ovalen Schmuck wahrzunehmen. Sie eilt den Anderen in die Mitte der längsseits zum Fenster mit Blick zur Straße ausgerichteten Stube nach.

Helena tritt hinter der Hausherrin herein, grüßt die Freundinnen vor dem Tischchen am Bücherregal, nimmt sodann ein ausgelegtes Werk zur Hand. Neben ihr befragen, übertönen sich gegenseitig die Frauen, erwägend, was sie daheim lesen, und mustern nebenbei Helena mit raschen Seitenblicken, in denen der Anstand spricht, den ihre schwarze Bluse einfordert.

Das Buch, und ihr mitgebrachtes, legt Helena ab. Sie spürt, ihre Haltung wackelt. Sie hätte sich anders kleiden müssen! Ihr schwanen lästige Bemerkungen, und die erstickten nur willensstarke Antworten.

Bald äußert Emilie am Kopf der Tafel laut vor ihren Gästen:

„Rosa, schenke den vollmundigen Assam der Westindien Company aus. Von einem Sangesbruder ergatterte mein Johann ein ganzes Pfund. Welch einen Duft er hat, und golden anzusehen ist, mischt ihr Milch hinein! Der Tee gewinnt an Leichtigkeit, nehmt ihr hinein nur von den weißen Kluntjes.“

Als serviert ist und sich Löffelchen leise klirrend in den Tassen drehen, stellt Emilie fest, Rosa vergaß die Likörkaraffe zwar nicht, in allen Gedecken aber die Gläser. Sie rückt ihre Nickelbrille empört an der Nase hoch, und winkt Rosa herbei.

„Zum Brombeerlikör reiche uns Langstielige aus der Vitrine, danach sei fürs Erste entlassen.“

Rosa erfüllt es auf der Stelle. Dann stellt sie Bücher im Regal exakt in die Reihen zurück. Beauftragt nachzuzählen, lugt sie in die darunter gestellten Taschen, aus denen kantige Einbände vor schauen. Bevor sie hinausgeht, stellt sie die Spendendose zum Bau der Kirche auf das Tischchen.

Emilie kredenzt allen Likör, hebt danach impulsiv ihr Glas und ihre Stimme für eine Begrüßung.

„Mein strebender Geist liebt es, sich sonntags vor trister Routine zu drücken! Nehmen wir Anteil aneinander, doch nicht zu viel, wir wollen ja zurückfinden können aus allem, was vorgeht. Genießen wir die Stunde Teekultur, während unsere Ehemänner die im Gesang erprobten Kehlen strapazieren. Das sichert den häuslichen Frieden.“

Sie kichert dezent, genehmigt sich ein Schlückchen, deutet einladend dann an die Platte mit Gebäck und Streuselkuchen. Ihr dankt zustimmendes Gemurmel.

Links von ihr sitzt Eugenia, eine dürre Frau Mitte Vierzig, die sich als Hausdame in Haus Berthold bessergestellt weiß als manch andere Angestellte. Hier in der feinen Umgebung erstrebt sie nur das Gebührliche, führt die Kuchengabel langsam zum Mund.

Eben mustert Eugenia der Wandhalter hübsche Schmiedearbeit, in deren Petroleumflammen hell brennen, neben einem Gemälde von Gesteinen auf grüner Alm. Still krittelt sie: Das Brennöl tritt an gegen das Nebeltrübe am Fenster, aber zeichnet Emilies Kinn in harter Kontur in ihrem perfekten Puder gegen das Alter, und blass macht sie ihr hellblaues Kleid. Ihr Streuselkuchen mundet auch nicht, weil Emilie unsere existentiellen Unterschiede ob der Ehemänner überging. Das hörte Tine, Witwe seit Jahren, die ihr Kurzwarengeschäft mit Trikotwäscheabteilung führt. Überaus modisch wirkt die blusige Jacke ihres Kostüms. Solch samtiges Grün hat etwas.

Eugenia reibt über den Stehkragen ihres grauen Kleides, der unter dem Kinn einen blassen Hautstreifen zeigt. Sie neigt sich zu Helena neben sich, hüstelt kurz, zischt dann laut heraus:

„Hübsch gekleidet bist du heute, mit extra Schmuck für uns. Es geht dir wohl? Und weshalb so bald?“

„Herrjemine!“, protestiert Helena. „Nun, mir geht es wegen der Handarbeiten gut, die ich so bald wie möglich verkaufe.“

Rasch zeigt sie Eugenia ein Stofftier, reicht andere weiter an Hanna. Deren Drallheit erbebt. Die bekundet ihr Talent, im Haus von Gemeindevorsteher Kurth auf den Tisch zu bringen, was seiner Wirtschafterin bekömmlich ist. Auch Anderes entgeht ihr nicht. Und wissbegierig schlägt manchmal ihre Zunge zu, die nur spontan ruht, ängstigt Hanna sich, aber kaum vor den Geschöpfen aus Wolle. Ihr Blick huscht an Helenas zerstochene Finger.

„So kommt eines zum anderen. Und du, Helena, stirbst nicht vor Einsamkeit. Auch isst du gesittet wie vornehme Herrschaft mit der Gabel, bist nicht nur in derber Arbeit, sogar auch mit Nadel und Faden geschickt! Was brachte dich so weit?“

„Hanna, deinen Augen entgeht wohl nichts, du hast dein Gespür im Nähkästchen dabei. Nun ja, bei meinem winzigen Sticheln öffnen sich mir mächtige geistige Kräfte, und machen fast alles gut.“

Emilie beugt sich bei diesen Details interessiert zu ihr.

„Du hast dein unproduktives Trauern bereits hinter dir?“

Statt einer Antwort erhält Emilie einen Hasen, der ihr den Mund schmal legt und ihre Anteilnahme so verstummen lässt wie die die gestrickten Ohren des Hasen schweigen. Ein nagendes Gefühl flößt ihr der Hase ein. Nach einer Weile ihn betastend, redet und nickt Emilie in die Runde.

„Er entspringt einer allzu bunten Phantasie! Mir wird kaum gelingen, mich daran oder geschweige zu der simplen Handarbeit aufzuschwingen. Die Talente in Nadelarbeit fehlen mir gänzlich. Ich widme ich mich lieber der Förderung von literarischen Höhen!“

„Dir und mir mag es unmöglich sein, geistige Gedanken einzufangen, indem wir etwas in ihrer Art zu nähen vorhaben“, stimmt ihr Eugenia zu, und trocken sich räuspernd. „Ich spiele auch sonst niemals mit irgendwelchen Kräften außerhalb meines Geistes, aber gebe zu, in die Herstellung von Spielzeug könnten mehr Impulse eingehen, als unserem ersten Blick erkennbar wäre. Täte aber ich das, würde ich Spott ernten.“

„Was du nicht sagst!“, ruft Hanna, verschluckt sich am Tee und japst ungeniert, sodass Tine, schräg gegenüber sitzend, ihr den Rücken klopft, damit sie die Kehle frei hüstele.

Nachdem Hanna sich gefasst hat, erneut ihrem Teller widmet, reicht Helena aus der Tiefe ihres Beutels den zurückgehaltenen Fuchs an Tine. Den in damit spielenden Händen betrachtend, hebt Tine spontan den Kopf, wobei ihr rotblonder Haarzopf vibriert wie die Rute des Fuchswelpen.

„Nichts taucht nur so auf, Eugenia“, rügt Tine verhalten. Nach einem Atemzug eröffnet sie Helena: „Meine liebende Seele federt hoch, werden mir geklöppelte Deckchen aus der Domäne der Frauen angeboten. Keine kam auf deine gewiefte Lösung solcher Materialien! Davon abgesehen“, Tine legt einen Daumen auf einen Bernstein, dann den Fuchs vor den Teller. Schon quillt Tiefe in ihre Stimme. „Stürzt du mitunter nicht ab? Lehren dich die Tiere etwa den festen Boden? Sag ehrlich, Helena.“

„Na! Der Sand rutscht unter allen manchmal weg. Ich genieße diese Arbeit, wie einen ersehnten ... mir erfüllten Traum.“

Eugenia duckt sich, zieht ihr Kinn herab, korrigiert sich jäh, und dreht sich zu Helena.

„Hoffentlich folgt kein böses Erwachen. Dein Traum ist auf Sand gebaut. Glaubst du etwa, du erhältst, wonach du greifst?“

Tine zerhackt heftigst ihr Plundergebäck am Teller. Die Krümel hemmen kaum ihren Redeschwall.

„Wage zu träumen, Eugenia! Du stampftest dereinst ob deines Wertes auf, deshalb wurdest du Witwe! Ich siege, indem ich mein sanftes Inneres nach außen gebe, meine Klärung, die, den Spieß umzudrehen.“ Innig zum Füchslein lächelnd, winkt Tine ab. „Nun, an anderen Einsamen leiste ich einen willkommenen Beitrag durch meinem Laden.“

Tine kaut ihr Gebäck selbstzufrieden. Aber Eugenia blinzelt sie voll Widerspruch an. Sie reckt sich, presst ihre Hände auf die Tischkante. Sichtbar wird ihre reservierte starre Haltung.

„Vernachlässigt Helena uns wegen der Zeitverschwendung für die Näherei, dann verpasst sie den Anschluss an die angenehmen Stunden mit uns. Sie sollte sich ohne das plumpe Gestricke als eine würdevolle Gläubige des Allmächtigen sehen, so, wie wir alle.“

Schon spreizt sie den kleinen Finger, hebt einen Bissen Streuselkuchen in ihren Mund.

„Mir wär es auch lästig, mich derart anzustrengen, wenn ich mir eine Idee zurechtnähe“, zischelt Hanna quer über den Tisch. „Deshalb werde du nicht ausfallend, Eugenia. Ja, Helena braucht gigantische Kräfte, will sie das leere Bett übersehen.“

Helena stöhnt auf, legt ihre Kuchengabel nieder. Trocken liegt ihr Mund. Von der Abweisung steigt ihr ein Schwindel in den Kopf. Die Welle geht aus von Emilie und Eugenia. Deutlich wie nie fühlt sie die Distanz zu ihnen, derer Gezeter um den eigenen Seelenfrieden, der sie nichts angeht. Klar im Gespür und sicher, vertreibt ein warmes Flattern in der Stirn den Schwindel. Saubere Begeisterung dringt machtvoll in ihr Herz. Derjenigen beim Ausstopfen gleichend, wenn sie das Heu fest einpresst, dann den Bauch des hübschen Zwergen zunäht. Gelassen lächelnd, wendet sie sich an Emilie.

„Meinen Optimismus stören eure Kommentare aber gründlich! Nun ja. Gerne agiere ich auch nach meinen Fähigkeiten bei anderem Tun. All das verbraucht viel Zeit, womit Eugenia schon Recht hat. Ich beehre dein nächstes Kränzchen nun wohl eher nicht.“

„Fehle bitte nicht sehr oft. Martha ist schließlich schon abwesend.“

Insgeheim stimmt Emilie erleichtert zu. Das Gespräch bislang trug kaum geistigem Austausch in sich. Plötzlich hakt sie nach, und dies keineswegs mit leichteren Gemütsbewegungen.

„Andere Aufgaben? Nähst du noch etwas?“

„Bernsteine bearbeite ich!“ Helena tippt an den Stein an ihrer Bluse, der unter dem Finger sein goldenes Licht erstrahlen lässt. „Der ist mein Kraftspender in Hingabe an Handarbeitskünste! Überlieferungen sagen, er reinige und lenke eine schöpferische Anlage, passe sie in die große Welt ein, schenke Eingebungen.“

Was sie offenbart, verpufft zu einem Nichts. Jedoch Emilie schnauft und öffnet empört den Mund.

„Humbug! Glaubst du, du bist eine besonders Mutige? Ständig gibt es Übergriffe auf Sammler!“

„Ja, ja, ja!“ Um innerlich nicht gar so zu brodeln wie ein überkochender Milchtopf, hält Helena ihren Bernsteinanhänger hoch und sich daran fest, nur nicht ihre Zunge. „Weise Dichter sagen, der größte Kampf ist, Talente freizusetzen. Ich bin offen für allen Lichtzauber an der Ostsee! Sie macht neugierig auf Schätze im Sand. Mein Schmuck sagt mir wahrhaftig, ich werde sehen, was er anregt!“

„Deine Wahrheit!“, erschrillt, stechend wie bei einem Ferkel, Eugenias Stimme. „Neugierde macht unglücklich. Du stürzt in Illusionen, und erfüllst nicht demütig die wertvollen Anforderungen eines normalen Frauenlebens!“

Schon reckt Hanna die Tasse, fuchtelt hoch und kreischt: „Normales hänge an das Kreuz! Spucke es nicht in unsere Tassen! Kritisiere ich dich, wie du an den Platz, an den du dich stelltest, Aufgaben bewältigst? Die antiquierte Sicht auf die Frauenrechte erschüttert mich zutiefst! Außerdem, der Bernsteinhandel gehört längst nicht nur Danziger Kaufleuten. Bedenke die Unsrigen, Eugenia!“

Ermattet vom Tumult ihrer Gedanken, lehnt Hanna im Stuhl, ihre Teetasse klirrt am Untersatz. Helena beißt die Zähne fest zusammen, legt kurzum und gewollt in ihre Stimme Irrelevanz.

„Hinter Klagemauern verkriechen sich Frauen ohne Courage und ohne Format, wenn ein Schnitt das Normale zerreißt. Genüge es mir, nur einem Haus vorzustehen, würde ich es erfüllen.“

Tine sieht mitfühlend zu Helena, faucht sodann Eugenia an.

„Helena erträgt ihre Lage, heiße ihr Tun gut! Tätige Hände schmücken das Leben couragierter, sehr talentierter Frauen. Was ist nur los! Hast du vor lauter Etepetete bei Bertholds den Glauben an dich verloren? Versuchst du, nüchtern den Schein zu wahren?“

„Na, na!“, wirft Emilie ein, und murmelt nach einer Sekunde gen Eugenia: „Auch mir erscheinst du ein wenig missgünstig. Gib dein Bestes, liebe Freundin! Ist es an dir, Streit auszulösen?“

Am Hals reibend, fixiert Eugenia das Wandgemälde. Angefacht von deren analytischem Betrachten, durchblickt sie, was sie bedrückt. Noch beleidigt klingt ihre Antwort.

„Generell nahm ich an, unter uns aussprechen zu dürfen, was ich zu allem an Wichtigem meine.“

Tine lächelt ironisch, von den Wangen bis zu den Ohren. Uns so spricht sie auch. „Brennen dir etwa respektvolle Worte auf der Zunge?“

„Oh nein! Keine soll Anerkennung in Frage stellen! So oder so ticken unsere Herzen gutwillig.“

Für diesen Hinweis Emilies verschließt sich Eugenia. Sie fühlt geradeso, wie sie es ihr auszureden versuchte, aber lenkt ein.

„Nun, sollte ich übers akzeptable Maß hinaus getreten sein, dann bitte ich sehr, vergesst ihr alle es!“

Hanna rückt am Stuhl, knirscht über die Dielen. Sie hüstelt ins Schweigen, tastet dezent an die Rolle ihrer braunen Haare, befingert dann am Ohr den in Silber gefassten Bernsteintropfen.

„Emilie, kann Bernstein denn mehr als nur schmücken?“

„Ein Thema, bei dem ich nichts zur Unterhaltung beitrage.“ Emilie drückt einen Zeigefinger vor die Brille an der Nase. „Johann plädiert dafür in lächerlicher Weise. Er findet bei mir keine verwandte Seele, erwartet er auch nicht mehr.“ Erröten steigt ihr ins Gesicht. Sie sinkt in nachdenkliches zum Fenster hinausschauen, lässt sich eine Minute, um Eugenias Blick einzufangen. „Bei Bertholds wirken sich Rangunterschiede aus. Selten nur ist sinnvoll, was die einreden: An dieser Klippe zu straucheln, zu stürzen, das wahre Sehnen zu verlieren. Jede Frau sollte dem Allerbesten folgen. Nichts wissen wir davon, was künftig Helena bestimmt ist. Sieh doch, die eigentliche Reiberei läuft im eigenen Inneren, wir sollten es miteinander unterlassen.“

Zufrieden, dem Gespräch ihren Stempel aufgedrückt zu haben, blickt Emilie in die Runde. Für sie ist das Spektakel am Ende. Leider bemerkt sie, wie interessiert Helena Eugenia bei einem Schluck Likör trinken beobachtet. Und schon lauscht sie Helenas Kommentar.

„Trinkst du andachtsvoll, dann kann dein Mund nicht beißen, Eugenia. Also ist auch dir nichts unmöglich. Nur deine Vernunft verhindert, dir etwas Abwegiges ans Herz zu legen.“

Tine entfährt helles Lachen und sie neigt den Kopf anerkennend.

„Über belanglose Kleckse zu schmunzeln, gäbe Fröhlichkeit!“

Vor ihrem breiten Grinsen duckt Hanna sich ein wenig im Rücken. Um so lockerer wird ihr Mund.

„Manchmal in diesem Winter wurde mir eigenartig zumute, von Ereignissen, die im Grunde mir den Humor gründlich verdarben.“

„Der Zahn der Wintermelancholie nagt an allen“, meldet Eugenia. „Eingesperrt in die vier Wände, ist mir Haus Berthold auch oft sehr eng von deren Ansichten. Hin und wieder verbleibt eine Minute für meinen Abstand. Die aber schmeckt bitter. Kein Gedicht gäbe die angemessene Ablenkung für mein Gemüt. Was mag ich groß anderes finden. Ach, ach.“

Eugenia seufzt schwer zu den Bergfelsen im grünen Almbild hinauf. Emilie lässt sich nicht täuschen, spricht eindringlich.

„Anhand der Güter der Freigeister tauschen wir übermächtige Gedanken aus gegen bereichernde. Entgegen aller Verbote, stelle die, die dich aufhalten wollen, Eugenia, in eine andere Ecke.“

Sich selber hört Emilie reden, so, als lege sie ein Gebot an den Teetisch, an dem die Teetassen ohne ein Klirren nacheinander gehoben und wieder abgesetzt werden. Rasch murmelt sie, damit sich die von ihr gepäppelte Harmonie nicht verflüchtigt:

„Martha nützen bereichernde Gedichte auch nichts. Weißt du, Eugenia, was Martha so alles schon zugestoßen ist?“

Hanna schnellt mit ihrer ganzen drallen Fülle vor, als ob sie den Braten schon rieche und eile für ein retten was zu retten übrig bleiben würde. Und sie reckt sich unbedacht, rempelt dabei Tine an, ruft gellend und wie besessen: „Passierte unserer geschätzten Martha etwas gar Grässliches?“

Von ihrem ungelenkten Rempler ausgelöst, prallt das Likörglas in Tines Hand hell klingend gegen die nahe ihrem Platz hingestellte zierliche Karaffe. Das Glas sirrt, zerbricht. Splitter regnen ans Tischtuch. Dunkelroter Brombeerlikör schwappt aus, färbt das Muster der Spitzen, läuft an die Tischkante, und zielt auf Tines grünen Samtrock. Tine wirft hektisch den gebrochenen Stiel auf die rote Verheerung und steht kerzengerade auf, wedelt mit der Hand über den Scherben, sucht schon am Rock nach Bruchstücken, schüttelt ihn dann aus.

„Von dir, Hanna, habe ich genug! Nichts als Scherben.“

Hanna verdreht die Augen, als ob der Himmel nun dran wäre. Doch Emilie ruft überlaut: „He, Rosa, schnell einen nassen Lappen!“

Mit Eimer und Besen in Händen stürmt Rosa herein, sie lauschte im Flur. Rosas Schwung verheddert den Besen vor Tine in die Bordüre, und beschert dem Schreck der Frauen mehr. Vor ihren Augen zwängt der Lappen unter die Spitzendecke, Teetassen wackeln. Unaufhaltsam in dem Desaster des Klirrens filigraner Gläser, der rutschenden Kuchenplatte, überfallen von Stofftieren, da zeigt Rosa Talent, und verscheut die Gäste. Irritiert wie alle, fasst sich Emilie kaum. Sie nimmt nach und nach die Stofftiere auf, drückt sie in Helenas Arme, drängt die Freundinnen hinüber zum Bücherregal.

„Gackert nicht wie alte Hühner, aufgescheucht im Picken! Derweil Rosa mit den Scherben klappert, erzähle ich euch von Martha.“ Im gleichen Atemzug deutet sie auffordernd auf die am Lesetisch stehende Spendenbüchse, ihr ein Rettungsanker für entgangenes Gleichmaß. „Kennt ihr ihre rothaarigen Kinder? Oh, unglaublich! Ängste erschüttern unsere Martha ...“

Die Freundinnen wühlen nach den Börsen und lauschen Emilie. Einzig Helena steht wie versteinert von der Gewissheit, Schweigen forderte Martha zu Recht, denn bei Emilies Version kann sie nur denken: Schürt sie Furcht vor Unglück? Unglaublich. Erzählt sie davon mit Gier? Na, dann stürmen Tratschtanten bald in Marthas Haus!

„Ist zum Davonrennen!“, murmelt am Ende des Berichtes Tine. „Kontrolleure geben wohl niemals auf. Mir verging der Spaß für heute, verabschieden wir uns.“

Hanna bewegt sich daraufhin bald in die Diele, jedoch tippt sie Eugenia auf den Arm, und fragt, laut hörbar allen, die sich in Mäntel kleiden: „War es ein Berliner Investor, den du gestern einließest? Wirst Grund gehabt haben, mich zu übersehen. Als ich durchs Mosaik der Butzenscheiben am Portal spähte, sah ich ihn ungeduldig den Schnäuzer zwirbeln. Grobschlächtig aber wirkte er trotzdem, wie ein Rübenbauer in elegantem Maßanzug.“

„Du meinst jenen Zuckerbaron vom Festland. Bemerkenswert an dem war nur, wie gutgelaunt Herr Berthold sich die Hände rieb, und sofort zu Villa Delbrück eilte, nachdem der gegangen war.“

„Also doch!“ Hannas Augen glühen. „Die brauen was zusammen! Wenn’s Licht angeht, wissen das alle. Immer mehr gewisse Herren drücken im Haus Kurth die Klinke. Manchmal stehen sie wegen des geplanten Casinos und anderer Geschäfte gar schon an, weil die Gemeinde mehr Geld hat, seit das Bernsteinhandelsmonopol fiel. Deren kostbare Präsente reißen mich zu Vermutungen hin.“

Eugenia wendet sich ab, rückt am Spiegel ihren Hut zurecht.

„Hanna, was nutzt es dir? Geh weniger naiv durch den Ort.“

Tine horcht auf, in ihrem Geist bildet sich ein Mosaik.

„Hanna, welche gewisse Herren?“

„Einer mit schiefer Nase und Gehstock trägt ständig eilends Pakete herein. Die Pein des Alterns im Gesicht scheint mir sein Grund zu sein, wozu er sich das aufhalst.“

„Wer könnte dagegen anbeten, meint die Pastorsgattin wegen ihrer Knie“, kräht Eugenia zynisch und schlüpft in die Handschuhe.

„Auch dieser Herr könnte das Gewissen durch eine Spende zum Kirchenbau erleichtern!“, wirft Emilie ein, mit glühenden Augen hinter der Brille. „Kommenden Sonntag beehren mich die Frauen von Zimmermann, Apotheker und Müller zur nötigen Zerstreuung ob ihrer Schicksale. Also bis nächstes Mal.“ Ihr Augenglühen endet im Abwägen von Helena, die den Mantel zuknöpft. „Längst wollte zu dir Johann. Meinem alternden Mann enteilt jegliche Zeit.“

Für Helena schwebt bei dem Blick, getragen von den Worten, etwas Endgültiges durch die Diele. Auch Emilies Eifersucht auf des Lehrers Zuneigung, wiederum eine unüberbrückbare Welle. Helena drängt es ins Freie, sie reicht Emilie die Hand.

„Oh ja, die Zeit. Wir sehen uns kaum, grüße ihn herzlich.“

Emilie wendet sich hastig und unmissverständlich um, sorgt mit dem Finger am Mund für gemäßigtes Geplauder am Ausgang, wo Rosa, agil hantierend, die Heimweglaternen anzündet. Als Hanna die ihre annimmt, legt sie Emilie eine Hand an den Arm.

„Zürne nicht meiner Neugier, von der deine Teetafel ein rohes Ende nahm. Dafür gebührt mir kein Abendfriede. Mich wühlt mein Verplappern auf, aber du sagtest ja, nehmt Anteil aneinander.“

„Von derlei Randerscheinungen lass dich nur kurz tangieren, und trotze unerschütterlich allen Machenschaften, von denen du etwas hörst“, meint daraufhin Emilie, mit lehrerhaftem Ton. Sie tätschelt begütigend Hanna, aber drängt sie zur Haustür hinaus.

Im Frost der Nebel, teils sind sie wie Wolken, lässt Tine alle anderen an sich vorbei. Sie wartet auf Helena, und zieht sie mit sich.

„Ich muss etwas lästern, nach dem Gewitter in Emilies Haus. Die Stofftiere lösten Kontroversen aus. Im Laden ignoriere ich derlei, im Privaten ärgert mich das!, vermiest mir fast Emilies Buch für den Abend, gemütlich im Sessel. Ich könnte verzweifeln an Emilies so manipulierender Intoleranz.“

Ihr Buch stimmt kräftig zu, wippt in Tines Tasche, im Gehen vor und zurück. Dem Schlackern an ihre Hüfte entrückt Helena um eine Handbreite.

„Ich fühle mich nach dem müßigen Geschwätz hilflos, Tine.“

„Du erkennst Emilies Absicht? Eugenia war deine Erneuerung, so bald schon, zu viel und zu brillant, um sie anzuerkennen.“

„Ist es an dem, sei auch du nicht mehr streng mit ihr.“

Helena nimmt Tines Arm, einer Eispfütze am Weg ausweichend. Einmütig passt Tine ihre Schritte an.

„Weißt du mehr von Marthas Söhnen? So sage es mir ganz unter uns, Helena.“

„Martha erbat Schweigen. Erzähle du eines deiner Gerüchte.“

„Aha. Verkürzen wir den Weg mit Abscheulichkeiten anderer.“ Tine schaut Helena von der Seite an, dann unters Laternenlicht, um sicher zu gehen. „Im Geschäft höre ich von Betrügereien, bei denen mir meine Ohren zufallen. Aber, in Gemunkel keimt Wahres, falsche Blüten, auch taube Nüsse! Nun, das Ungeheuerlichste der Leute ist Folgendes. Ein alter Agent erpresst Bernsteinsammler damit, ihn für allzeit los zu sein, wenn sie ihr Küstenland übereignen. Wer keines hat, ist für ihn uninteressant.“

„Entsetzte Lüüt vertrauen dir Geheimnisse an.“

„Wo käme ich hin, wenn ich mir die alle zu Herzen nähme!“

„Eben! Die Suppe nicht versalzen lassen.“

„Dein Fischblut ist nicht ohne, wir kommen ins Geschäft, so dein Optimismus sprudelt, aus meinem flutet eine Idee. Gibst du mir die hübschen Stofftiere in Kommission, stelle ich sie aus. Ich seh schon Sommergäste sich für die Spiele der Kinder eindecken, in Ruhe und Langmut bei mir Trikotagen und Kurzwaren erwerben. Kommst du mit Bernstein voran, gilt es auch dafür.“

„Großartig! Urahnin Eli höre ich applaudieren, auf rechter Spur komme das Gute. Dein Angebot ehrt mich, aber wieso gilt es auch für die Bernsteine? Du kennst das Risiko.“

Tine lacht in den Nebel über ihr auf, und quietscht heraus: „Im Laden liegt Intimwäsche für Damen. Schämen sollten sich Spione. Nichts passiert mir. Eher entgehen mir gute Verkäufe, achte ich nur eine Sekunde lang auf Denunzianten!“

„Komisch. Fischköpfe sehe ich vor mir. Pranken schieben die in feine Wäschespitze!“, kichert Helena.

Helena biegt, im schwachen Licht ihrer Laterne, bald in den Wiesenweg ein. Dort hört sie von jenseits der Nacht einen Ruf, das zarte Band von Vedders Lächeln sieht sie nach ihr luschern. Ihr ein Gewinn, während der mit Handarbeit randvollen Stunden, die ihr vor liegen für die nächste Nacht.

10

Anfang März deckt Helena ein Leinen auf die Kiepe mit den von Helge zuvor bestellten Käselaiben für seine Mutter Line, Köchin in Villa Achterkerke. Helena rückt die Riemen am Rücken zurecht, und geht hinaus in den windarmen Frühlingsmorgen. Froh bemerkt sie an der Ahlbecker Chaussee die an saftigen Zweigen sprießenden roten Knospen, nicht aufzuhalten im Sonnenlicht. So wie sie selber, die ihre Schultern voran stemmt. Fern hört sie Hufe traben, indes sie an den Hügel zur Villa einbiegt.

Nach ihrem Klopfen an die rückwärtige Küchentür, öffnet ihr Line, die zugreift, die Kiepe am Grill ausleert. Helena mustert wie jedes Mal ihre Freundin. Ein weißes Tuch bedeckt ihr Haar, ihre Brust die Rüschen der Schürze, von ihr betastet. Der Mund, der pausenlos witzeln und jede Schinderei würzen kann, liegt in scharfen Zügen. Dennoch umarmt Helena herzlich Line, nimm ihre Münzen an. Line stellt sich vor die großen Kochtöpfe, die noch keine Speisen in den Raum duften oder hinaus der drei schmalen Fenster. Das Morgenlicht malt an die schwarzweißen Bodenfliesen vor den blank polierten Herd Karrees, hübsch gespiegelt an den emaillierten Klappen, doch nicht an Lines Gesicht.

„Ach, Helena, der Tag heute wäre nach deinem Geschmack. Du liebt es, bleibt nichts gleich. Deinem Naturell entfällt solch eine Ärgerlichkeit wie der ausgefranste Saum an deinem braunen Rock. Ja, Helena, Graf Bülow ist auf Gothen, er hat Ärger mit dem Verwalter, der nach Amerika will. Setz dich zu mir, Tee ist stets bereit, fährt der Graf früh aus.“

Im selben Atemzug noch, füllt Line für Helena eine Tasse, rückt weniger geschwind die Zuckerdose vor sie, und plumpst auf einen Stuhl. Hektisch tippt sie an die Zeitung am Tisch, fährt mit dem Finger entlang an einem Bericht.

„Oklahoma Land Run. Besiedelung des Indianerterritoriums am 22. April 1889. Freigabe von zwei Millionen Morgen fruchtbares Land an Siedler. Auswandererschiffe gehen von Hamburg ab.“

Line reckt die Stirn in die Luft. Ihr Blick streift Helena, dann durch die Küche. Im Ton ihrer Stimme schwingt Unbehagen.

„Der Verwalter hörte von den im Hamburger Hafen Lungernden. Ungelernte heuern auf Dampfern an, schuften während dem Warten auf ihre Abfahrt siebzig Stunden am Stück, erschütternd sowas. Aber davon klingeln Helge die Ohren, und jetzt auch von meinen Prügeln. Mag ihn nicht hergeben, brauche ihn für Steffi. Denn mein Oller ist seit Joos’ Unglück wie ausgewechselt, wälzt sich nachts, pufft ins Bettzeug, gemartert von der Endlichkeit eines Fischerlebens. Wegen dem von Joos. Helge bekniet er, nicht aufs Erbe des Fangrechts zu warten, kein Helfer zu bleiben. Aber der taugt auch nicht fürn Ackerbau. Was soll nur werden ...“

Line krümmt sich vor häuslichen Sorgen und wischt über ihre Stirn, deutet dann auf die Zeitung.

„Letzthin stritten Graf und Verwalter ausführlich über neue Dünger. Hätte er sein lassen können, haut er sowieso ab. Dieser Zeitungsbericht preist die Düngetafel Grünebergs als unentbehrlich für die Wirtschaft. Der Forscher konnte den Westdeutschen Verein für Erfindungsschutz gründen und den Chemieverband. Aus Stettin stammt er und durfte als zweites von sechs Kindern eine Lehre in der Pelikan-Apotheke absolvieren.“ Line tippt nachhaltig auf. „So sollte es sein. Allerdings gehen hier die potentiellen Gönner in Ferien, achten kaum auf meinen barfüßigen Ableger, der im Sand pickt wie ein Hahn auf Suche nach einem goldenen Korn.“

Ein angedeutetes Kopfschütteln bringt Helena zustande. Sie bedient sich mit der grazilen Zange vom Würfelzucker aus einer Porzellandose im Silbergestell, und rührt ihren Tee.

„Male Helge keine schwarze Zukunft, Line, auch wenn er auf Steffi achten muss. Mit der Zeit findet er etwas besseres.“

„Wenn das doch bald wäre, sonst rutscht er ab.“

Lines Wangen blähen sich gewichtig. Gedankenverloren nimmt sie einen Zuckerwürfel und wirft ihn zwischen den Händen hoch.

„Line, Sorgen helfen Helge nicht. Lass dich nicht am Zucker aus, nimm einstweilen unseren Schnack. Neuen Dünger brauche ich nicht, von eigenem Mist wachsen prächtige Kartoffeln. Putzenius kennt übrigens Major Dreher gut, den Gründer unserer Ahlbecker Feuerwehr. Sein Einsatz komme nah dem des Bürgermeisters, meint er, und freut sich auf die Einweihung am ersten April.“

„Ich geh nicht zu dem Fest, und Helge soll das auch nicht!“

Lines Verdruss sitzt tief in ihren Mundwinkeln. Sie wirft den Zucker in die Tasse und rührt hektisch mit dem Löffel.

„So eine Veranstaltung wie die gibt nur unerfreuliche Ablenkungen, und artet stets in Bechern aus. Grobe Leute sichern uns die Häuser.“

„Reibe dich nicht daran!“ Helena zieht Leuchten in ihre Augen. „Besser am Baulärm an Swinemünder Villen. Das Wolliner Kreisblatt berichtet, Swinemünde wird der reichen Welt reizvoller werden, das Stadtbild soll glänzen wie einst. Zumal inzwischen etliche Berliner Familien für Wochen von teuren Ahlbecker Hotels nach Heringsdorf abweichen. So jedenfalls begründet das Kreisblatt die Umtriebe des Bürgermeisters Herrn Eggebrecht.“

„Helge taugt weder für Bauarbeiten, noch für eine Pension.“ Übergangslos legt Line ein Grinsen der Art in ihr Gesicht, von der sie weiß, Helena mag es, denn sie bedrückt noch etwas. „Erst im Mai kommen mehr Gäste in die Villa, doch plant der Graf schon seine eigene Molkerei. Deshalb, Helena, verkaufe den Käse alsbald woandershin. Frage die Köchin bei den Delbrücks.“

„Oh! Das erwischt mich kalt. Euer Käsegeld kam regelmäßig!“

Helenas Hände knallen auf die Tischplatte. Durch den Schlag hindurch, spürt sie einen leisen Hauch aus dem Winterruhe, der ihr einen Handelswagen zeigte, eine andere Möglichkeit.

Line, derweil noch bestürzt von dem, was sie ausgelöst hat, nestelt an einem Schürzenträger, wobei sie tief den Kopf neigt. Denn steif sitzt Helena, mit Blässe um die Nase.

„Ach, Helena, ich hab dich erschreckt, und schlecht siehst du aus, aber lass den Kopf nicht hängen. Besuch die Swinemünder und verkaufe deinen Verwandten etwas von deinem Käse.“

„Ach, die missgönnen mir das Schwarze an den Nägeln! Bauern sind denen unschickliches Pack ohne Hirn. Sie würden mich einer Pension vermitteln. Im Dankesbrief für die Anteilnahme an Joos’ Hinscheiden bekundete ich, mir gebe mein Land ein gutes Leben.“

„Ja, die eigene Scholle, sei sie noch so klein, erhält dich in unserer Zeit des Kopfstehens. Schlimm geht es den Städtern. Neid und größte Armut gehen überall um.“

Line nickt leicht, an ihre viel eher reichen Gäste denkend, und an das Befinden ihrer Freundin Helena. Line deutet hin auf Helenas Tee, und schaut zu wie sie trinkt. Dann aber plappert sie, ohne einen witzelnden Beiklang von Nöten zu sehen, nur um Helena etwas abzulenken.

„Vor Zeiten gründeten die Siedler von Gut Gothen die Dörfer auf Parzellen von Oberforstmeister von Bülow, mit Salzhütten am Strand, worin Aufseher die Fassheringe prüften, bevor die zum Verkauf frei waren. Unsere Fischer sind rechtschaffen wie einst geblieben, wenige schwarze Schafe lechzen nach mehr Vermögen.“ Helenas Lider flattern, also ergänzt Line in warmherzigem Ton: „Deiner Landidylle steht ein schwerer Weg ohne Joos bevor. Du willst mit deinen zwei Händen alles beackern? Mir würde es vor der Plackerei grausen! Dein Mut scheint dir nicht zu fehlen.“

„Ooch ... es kommt auf den Zweck an. Sind die Kartoffeln in die Erde gelegt, wachsen meine paar Reihen von allein.“

Helena mag über Vedders Beitrag nichts berichten, denn Line lächelt bewundernd und neugierig. Davon muss sie Line ablenken.

„Wendickes Hotel lädt zu Abendgesellschaften, zur Feier des fünfzehnten Jahres an der Dünenstrasse. Vermutlich wegen neuer respektabler Konkurrenz. Ecke Seestrasse eröffnet nächstes Jahr der Ahlbecker Hof.“

„Fünfzehn Jahre? Schnell vergangen. Das Amt teilt großzügig Baugenehmigungen aus. Ob der Spekulanten rauft Graf Bülow sein schütteres Haar, aber eigentlich reibt er seine Finger imaginär an Geldscheinen.“ Line lächelt vergnügt, ihre Absicht gelang. „Du hast wieder Farbe. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“

„Hm! Schick mir durch Helge einen halben Sack Mehl, und ein Dutzend leckere frische Eier. Oder geht das auch nicht mehr den üblichen Gang?“

„Sei unbesorgt. Ich verrechne es mit dem Käse. Wahres muss wahr bleiben, sonst gibt es einen eingezogenen Hals am krummen Buckel. Geradestehen ist wie Respekt vor mir selber haben.“

Erleichtert und aufrichtig, lächelt Helena Line an.

„Das stimmt. Eine meiner Wahrheiten ist, ich warte auf den Händler Friedel, ihm neue Stofftiere anzubieten, und dann hätte ich sofort Nadelgeld zur Hand. Ein Sortiment nimmt Tine für die Badegäste.“ Nach einer Minute Grübeln ergänzt sie: „Ich las in der Gartenlaube von den Nähmaschinen und hätte gern eine. Damit könnte ich viel mehr in meiner knappen Zeit anfertigen.“

Sprachlos von solchen Neuerungen verstummt Line. Sie schaut zur Wanduhr; die Zeit verflog. Geschäftig steht sie auf, umarmt Helena flüchtig.

„Einandermal erzähle mir ausführlicher, für heute endet die Audienz. Ein opulentes Mittagsgedeck wünscht sich ein Graf.“

Nachdem Helena mit dem nun leichten Korb gegangen ist, erwartet Line die Küchenhilfe Anna, um mit ihr das Essen zu kochen. Bis sie da ist, studiert sie die Zeitung, vor sich hin murmelnd.

„Die Moldauer Würfelzuckerfabrik feiert ihre fünfzehn Jahre Bestehen. Was in höheren Kreisen auf den Tisch kommt, fertigen Arbeiterinnen im Stundenlohn von dreizehn Pfennig. Die tägliche Fabrikarbeitszeit dauert elf bis siebzehn Stunden. Oh, in 1890 erst wird die Feiertags- und Nachtarbeit für Frauen verboten? - Ah, des Kaisers Streit mit Kanzler Bismarck wird durch Caprivis Sozialistengesetz und in Minderheitenfragen eine Wende bringen. Caprivi will die Kinderarbeit unter vierzehn Jahren in Fabriken abschaffen, auch Sonntagsarbeit. Seine Reformen zielen auf den Wandel vom Agrar- in einen Industriestaat. Oh, seine markante Aussage lautet, wir exportieren entweder Waren oder Menschen.“

Line nickt zustimmend. Ihr Heim erlebt sie nur im Dustern, früh im Gehen, nachts im Heimkehren. Und Helge ... Ja, er spürt den Sog der neuen Winde, die hauen ihn nicht von vorne fast um. Könnte er eine gehörige Portion Zähigkeit aufbringen, wenn ihm in der Fremde ein Hungerlohn gezahlt wird?

In der Schale voll Zuckerwürfel zerstört Line einen glatten Würfel. Körnchen berieseln ihre Finger, und der Gedanke, etwas anderes würde sie zerbröseln, könnte sie es. Denn alle in ihrer Familie sind an das Karge gewöhnt, kein Krümel von Zucker lenkt davon ab und keine Raserei des Nachts!

11

Inzwischen strebt Helena bereits zur Delbrücker Villa, um Lines Vorschlag mit der Köchin umzusetzen, eher nur halbherzig. Näher herbei rumpeln Wagenräder, in der Kakophonie der Hufe. Und die weiße Stirnblesse des Kaltblüters, hoch am Kutschbock Ansgars bekannte Gestalt, seine blauen Augen blitzen einen freundlichen Gruß.

„Magst du mitkommen? Gibt Freibier im Turm. Fiete hat sein mageres Strandland los. Er lässt nach glücklichem Verkauf die Sau raus.“

„Dünenland für neue Pensionen?“

„Juckt nicht, was die damit anstellen.“ Ansgars Hand wedelt in Eile. „Steig auf. Rike braucht mich für den Ausschank. Diesmal eine ihr höchst gelegen kommende Retourkutsche für mein ständiges in der Werkstatt umher tüfteln.“

„Ich wollte ... aber, nun gut ...“

Helena lehnt den Rücken gegen Ansgar, damit er sich nieder beugt, ihre Kiepe aufnimmt. Sie rafft den Rock und steigt auf, während er wohlgefällig ihre schmale Wade im kurzen Stiefel betrachtet.

Der Kaltblüter hat offenbar schonungslose Tage hinter sich. Er ignoriert den schlagenden Zügel, steht ruhig, und macht den Eindruck, er gehe, wann es ihm gefalle. Ansgar springt ab, wühlt aus der Tasche einen Zuckerwürfel.

„Er befleißigt sich, dich zu blamieren, Ansgar. Den haste verzogen“, spottet Helena, als er neben ihr sitzt, das Pferd in lahmen Trott fällt. Ansgars Lächeln färbt den Klang seiner Stimme heiter.

„Sein sturer Pferdeverstand versteht, drohe ich ihm mit dem Abdecker. Dann rollen seine Augen vor Zorn. Wird er den los, so läuft er gar ordentlich. Ihm liegt heute sicher etwas in der Luft.“

Als sie am Langen Berg von Bansin halten, dröhnt Gesang und Schifferklaviermusik aus dem Turm, Friederikes Wirtschaft. Auch offensichtlich zur Erheiterung der von Sonnenlicht überfluteten Fassade grauer Quader. Und für die Beiden, die aus dem Eingang torkeln. Am Arm von Ansgars Nachbar hängt ein Mann mit schiefer Kappe, der an des Nachbarn Kragen zieht und somit ihm die Luft abwürgt. Er rückt den nicht Trinkfesten zurecht und schlingert, durch den Schlamm der Radspuren jener, die zum Feiern kamen, zu seinem Karren, der neben einem hochrädrigen Einspänner steht.

„Steernhogeldicht en lichte Dag? Wat mut, dat schall mut!“, ruft Ansgar hinüber, nimmt Helena am Arm, steuert die Tür an.

Im Gedränge vor dem Eingang wendet ein Kerl, in zugeknöpfter Jacke aus abgetragener Wolle, seine blau geäderte Nase ab.

Ansgar erkennt Krischan im Vorbeigehen, und schaut ihm nach, der mit ernster Miene bei dem Nachbarn dessen Kragen aufklappt, als sei der für seine Musterung wichtig. Von Weitem hört Ansgar die harsche Stimme, und denkt fluchend: Halte dicht vor den Erfüllungsgehilfen, der will dein Leben nur schwer machen. Er hört noch den Nachbarn rufen: „Weg mit deinem Schietkrom!“, da grölt es im Schankraum. Erheitert aufatmend, zieht Ansgar Helena mit voran.

Im Hineingehen beobachtet sie über Ansgars Schulter hinweg den Nachbarn. Er brummt abgehackt, manövriert den Betrunkenen in den Karren, schiebt nach. Der Kerl bei ihm kehrt um. Im Pulk an der Tür reiht der sich ein, taxiert schon alle, rückt sich zu Einem durch, der sich bei seinem Nähern duckt.

Helena umarmt nach der frischen Luft nun Bierdunst. Und der Neid und die Freude feiernder Fischer, von all dem was ihnen die Stunde gedanklich schlug. Durch dies Dichte spielt das Akkordeon einen Walzer. Eben steigt ein Sänger auf den Tisch, tanzt vergnügt. Ringsum schunkeln die Krüge.

„Schnell ein neues Fass her!“, kräht Friederike, und winkt Ansgar.

Sie tänzelt in ihrer sauberen dunkelblauen Schürze hinter der Theke. Ihre Wangen zeigen den Humor schwesterlich burschikoser Art. Schon geht Ansgar schulterklopfend zu den rotwangig Feiernden, gibt der Schwingtür zum Lager dann einen Stoß. Friederike wischt ihre Finger am Latz ab, schiebt die Ärmel des erdbraunen Kleides auf die Unterarme hoch. Sie schaut über die gepflegten Haartrachten der betüddelt Grinsenden, so sind die See erfahrenen Fischer nicht wiederzuerkennen. Aber Helena, an die sie sich wendet, der sie, den Lärm überbietend, zuruft:

„Schau dir Fietes Tanz an! Alterskrumme Hüpfer des Gottes, der er einstmals war. Fiete vertreibt den Nachbarn den Trott, sehen sie ihm zu und seinem zur Feier des Tages weißes Hemd. Aber ich gehe richtig auf von etwas anderem. Ansgar weiß, macht der Turm einmal zu und ich kann dann noch, gibt es ein Ziel.“ Sie senkt die Stimme, ein Flüstern wird es nicht. „Orangenhaine will ich sehen, nicht nur im Traum. Dahin pflastern gesparte Münzen der verschrobenen Wirtin den Weg.“

Friederike muss mit dem Nachschub an Krügen zwischen die Stehenden. Nah am Tresen klönen zwei Bier trinkende Fischer mit faltigen Gesichtern. Helena horcht hinein in das Wortgeplänkel.

„Kennst du den da mit der wulstigen Nase, den Schlaumeier?“

„Der begreift nicht eine Schwierigkeit, belauert er Lüüt. An kann er nicht gegen uns. Solche wie den stapelt der Herrgott im Rübenkeller, lässt den auch verrecken.“

Der andere Alte trinkt einen Schluck, grinst dann ironisch.

„Nie nich für den morden, der Fischfutter nordwärts inne Schären treibt. Jau, dem wird's so ergehn.“

Intensiv gehen sie einig. Ihren Jacken entweicht der Geruch nach Fisch, mischt sich mit den Fahnen der Kehlen, die sie aushauchen. Eine Dunstglocke umweht Helena, sie kann in dem Gedränge nicht fort, viel zu nah dem Schlagabtausch, dem Groll darin.

„Die See spuckt nie Leichen aus“, raunt der erste Sprecher und beugt sich zur Theke. „Aber er sieht denen eines Tages ins Auge, versucht, nicht nur vorm ollen Agenten sich zu retten.“

„Ah! Der schadet uns Lüüt unbeugsamen Bluts bis zum Ruin!“

Helena mag dem Gerede nicht mehr zuhören. Es öffnet sich im Dunst eine Lücke auf den heiteren Akkordeonspieler. Er schwingt das Instrument am Knie, die Finger federn über Tasten, er zieht am Luftbalg die Lederfalten auf, Klänge darbietend. Dort vorbei tänzelt Friederike, die ihre Finger ausstreckt zu einem Krug an Fietes Tanztisch.

Plötzlich gleitet Fiete aus in einer Pfütze am Tisch, fällt über die Kante. Im Sturz brüllt er noch laut auf. Lahm in ihrer Reaktion suchen Umstehende ihn zu fassen, greifen ins Leere. Zu spät, am Boden gibt Fiete keinen Mucks mehr von sich. Doch eine letzte Sequenz quetscht das Akkordeon hinein in die Stille vor dem Tisch, wo das ausgelassene Vergnügen war. Blut sickert aus dem weißen Hemdkragen, färbt ihn ein in rotem Braun.

„Der is hin“, lallt neben Helena jemand. „Erst himmelhoch jauchzen, nun mausetot.“ Er kniet nieder und schließt, behutsam und völlig klar vor Schreck, an Fiete die Augen.

Inmitten der stummen Fischer entweicht Helena ein Wimmern. Sie sieht Joos, im Sturz fortgerissen, seinen Untergang auf der Todesfahrt. Eine Faust presst sie an den Mund, sucht nach Halt, reißt ihren Blick von Fiete los, spürt am Pochen in ihrem Hals, die Realität rufe sie weit fort, heraus aus der Turmschänke.

„Bekommen hat er, was sich jeder wünscht, nun bringt ihn das schöne Geld um“, höhnt ein Fischer von Fietes Tisch. „War unser Gott denn hier und heute nicht eingeladen?“

Er erntet Murren. Der Schock des soeben Erlebten spricht.

Die Schwingtür vom Lager kracht an den Türstock. Ansgars Brauen fliegen hoch. Das Fass stemmt er noch unter die Theke. Er reibt sein Nackenhaar, sieht zu dem Alten, dem keiner mehr helfen kann, und ruft nach einem Moment in die stumme Menge:

„Nu Lüüt is allens ut un vöröver, dat gifft nu nix mehr.“

Helena sieht den Kerl mit der wulstigen Nase, über den die beiden Fischer zuvor sprachen, nun bei Ansgars Rede die Mauer der Fischer grinsend aufstemmen, den Weg sich öffnen. Und sie bemerkt, wie ein ignorantes Lachen ihn schüttelt!

Bewegung kommt auf, und leert die Schankstube. Friederike verschränkt die Arme.

„Manche von denen wünschen sich, so schnell soll es gehen. Der Tod gab einem Glücklichen einen prachtvollen Abgang. Wird still hier. Von denen kommt so bald keiner mehr.“

Ansgar starrt so krumm auf den Toten, wie der daliegt. Und auch darüber seufzt Friederike.

„Aus ist es. Fahr los, bring Gendarm Karl her, um das Malheur anzusehen. Nimm Helena mit.“

Sie tätschelt Helenas Hand und rückt sie heftig zu Ansgar. An der Tür murmelt sie leise im Ton:

„Musste nicht mit ansehen, Helena, was nun aus Fiete wird.“

„So was kümmert mich längst nicht mehr“, antwortet Helena im eiligen Aufsteigen am Wagen. „Ich lebe, und meine Kraft strebt voran. Wird es dir zu still, komm mit Ansgars nächster Fuhre zu mir. Bist mir sehr willkommen, mitsamt deinem Weitblick.“

Unter der Tür tupft Friederike mit der Schürze ihre Augen trocken. Sie blickt dem Pferd nach, das die Beine müde bewegt und noch einmal auf die Chaussee geführt wird.

Bei Ankunft vor der Dienststelle steht das Portal offen. Karl sitzt Pfeifchen qualmend neben der Wache bei den Heringsdorfer Alten am Rondell um die uralte Linde.

„In trauter Runde, Wachtmeister? Dich hält das sonnige Wetter vom Dienst ab?“, ruft Ansgar hinab.

Karl klopft die Pfeife an die Bank, Krümel rieseln zu Boden herab. Dann meint er beiläufig, weil die Sitzenden zuhören und er sich in seiner ehre gezupft empfindet:

„Meine Beobachtung entlässt keinen Halunken. In deiner Akte stehen Verweise, aber Einerlei. Alle wissen, du fährst ständig irgend etwas umher. Spiel also nicht den Helden, schon gar nicht an der Wolgaster Fähre. Dort fluten Vagabunden die Insel, mehr als mir lieb sind. - Helena! Wie geht's dir?“

„Ich beklage mich nicht, Karl.“

„Mich wundert, warum du mit Ansgar umher ziehst.“

„Er repariert hin und wieder etwas für mich.“

„So? Schlawiner können lästig fallen.“

Ansgar reckt seine breite Brust, derweil er knurrt: „Karl, beschreie nichts, bringe mich nicht aus der Spur! Rike wartet im Turm. Fiete stürzte tödlich in die volle Schänke. Helena sah es auch. Ich fahre sie heim, komme nach.“

„Nichts überstürzen. Fiete läuft nicht mehr davon.“

Karl stemmt die Fäuste auf die Knie, und weiß doch sogleich, wie flink ihm die Worte, wieder vor den Gedanken, herauspurzelten.

„Bist keine gute Seele!“, tönt es neben ihm postwendend von einem verärgerten Alten, mit drohend erhobener Faust.

Karl übersieht es geflissentlich. Umständlich steckt er die Pfeife in die Rocktasche, und drückt seinen Pickelhelm aufs Haar, die Hand unwillig an der Brust abstreifend.

„Das Nötige wird veranlasst, die Kiste der letzten Ausfahrt bei Grüneberg beauftragt.“ Schon beehrt er Helena süffisant mit einem Zwinkern. „Mit mir kannst du jederzeit reden, hörst du?“

„Ob sie darauf Wert legt?“, urteilt Ansgar, und entbindet Helena von einem passenden Kommentar. Er bläht seine Wangen auf und entlädt ein angekratztes Grunzen. Das Pferd trottet an.

Daheim zurück, schaut Helena im frühen Abendlicht über ihr Land. Bis hinunter an die Beek wäre zu pflügen. Line hat ja so Recht, auf der Scholle steht Schinderei an. - Oh, oh, nicht für Schafe!

Vedders staunendes Gesicht, offeriere sie ihm das, übertönt das schmerzliches Erlebnis im Turm. Helena geht zum Käsekeller, stellt die Kiepe vor die auf Gittern im Winter gereiften Laibe. Ihr wird offensichtlich, Lines Hinweis umsetzen zu müssen, den Käse Heringsdorfer Köchinnen anzubieten. Trockene Büschel alter Brennnesseln sieht sie hängen. Bald sind frische zu schneiden, damit sich der Käse hält, und länger reifen kann.

Aus der Kartoffelschütte füllt Helena den Vorratskorb ihrer Kök und trägt ihn die Kellerstufen hoch. Ihr nähert sich Vedder, rasch im Gang, der Schwung eines stolzen Abenteurers behaftet ihn. Und über ihm, dem Helena entgegengeht und mit großen Augen mustert, wuchert und glüht ein Gold in einem Bogen nach rückwärts. Höchst überrascht von ihren wachen Sinnen, ruft sie Vedder zu:

„Ich erkenne inzwischen, du gehst entzückt dorthin, wo ich bin! Willst du auch etwas Land an der Scheune? Musst es einzäunen und die Schafe vom Gemüse stets fernhalten.“

Er schlendert zur Scheune, schaut ins Gelände, ruft von da: „Ein Unterstand würde längsseits hinpassen! Wenn Ansgar mit mir bauen würde, wäre das ganz einfach.“

Seine sich rötenden Wangen ob maßloser Freude, kommentiert Helena im gleichen Moment mit einem Zucken der Schultern, geht dann zur Vorratskammer, den Kartoffelkorb wegzuräumen. In der Küche sinkt sie am Herd mit einem glücklichen Glucksen in die Knie, legt Scheite hinein. Sie deckt den Tisch mit Geschirr. Bald stellt sie auch die im Topf dampfenden Pellkartoffeln darauf.

Vedder kommt ihr nach, sein Grinsen wird breiter.

„Bin mit Krischan hierher gefahren. Dem flattert das Hemd.“

Helena fährt herum. Das Erlebnis im Turm, ihre Doppelsicht des Sterbenden, schillert in ihren Sinnen, die aufhorchen und sie warnen, ihr Glücklichsein mit etwas kalter Härte dämpfen.

„Von wem sprichst du?“

Unbeirrt entnimmt er seiner Joppe einen Lederbeutel, wobei ein freudiges Leuchten seine Augen in ihrer Helle weitet.

„Ich bringe dir etwas. Nur ein Schaf für Helge und du wirst besser werden. Aufs Züchten verstehe ich mich so gut wie Helge sich aufs Finden. Verstand hat er, gehört kaum zur üblen Sorte wie Krischan. Hier nimm, es soll dir Freude machen.“

Helena nimmt den Beutel an. Sie öffnet daran den Knoten und schaut hinein auf den Inhalt, zieht überrascht die Brauen hoch.

„Schenkst du es mir? Mit diesem Vorrat entfällt vorerst ein Sammeln am Strand! Helge hatte viel Glück. Für ihn ist Finden von so vielen Bernsteinen wohl keine Kunst.“

Beseelt und doch ernsthaft glimmt das helle Blau in Vedders Augen. Er walkt seine Finger, Begehren sirrt an seine Wangen. Schon lässt Helena den Beutel auf den Tisch sinken. Vedders Gefummel löst sie und legt seine Hände mit tiefgründig schmalen Augen auf die Rockschichten in ihrem Rücken.

„Magst bleiben?“

„Ansgar kommt morgen nachsehen, ob der Grund frostfrei ist, um bald das Fundament am Anbau zu machen. Kann dauern, bis das Fachwerk der Badestube steht. Wirst uns übers Frühjahr oft hier haben. Für die Rohrleitungen, die Schlegelpumpe, den Badeofen und deine Wanne, dafür schachten wir aus.“

Helena sieht zu Boden. Sie ahnt, was vorgeht in ihm, der so selig plappert. Ein eigenes Kribbeln spürt sie, das seinem wohl ungleich. Sie könnte warten, um aus der Emaillewanne heraus in einem Fenster den Himmel über den Feuchtwiesen zu betrachten. Sie rückt von Vedder ab, deutet zum Tisch.

„Setz dich. Essen wir.“

Vedder sticht eine Gabel in eine große Kartoffel, pellt sie mit dem Messer, stippt sie in das Schälchen mit Salz, löffelt aus einer Schale etwas Frischkäse darauf, beißt einen Happen ab und kaut. Sein Blick fliegt zu Helena, hart würgt er. Nichts rutscht, als ob seine Kehle rein gefühlsmäßig Ella verenge, sie nähere sich in ihrem Sarg, dahinter zeigt sich Joos. Zum Glück verblasst es so schnell wie es kam. Ein leiser Schreck bleibt, und die Qual des harten Kartoffelbrockens. Scheu schaut er zu Helena. In die gelbe Butter drückt sie ihren Löffel. Ja, das schmiert. Wie Ella macht sie das, die im Reinen mit sich, nach einem einfachen Essen, nachts bei ihm lag. Jetzt aber, eine Armlänge nur, drei Handbreit fern isst Helenas Mund. Plötzlich wird sein Hals weich. Der Brocken rutscht. In den Händen Kartoffel und Löffel haltend, neigt Vedder sich hinüber und drückt im Kuss seine klebrigen Lippen an ihre Wange.

Darmowy fragment się skończył.

15,25 zł

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
480 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783738043129
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki