Czytaj książkę: «Marienbrücke»
Rolf Schneider
Marienbrücke
Roman
Saga
1
Am 1. Februar 1988, einem Montag, bestieg Jacob Kersting gegen 7 Uhr 30 im Fernbahnhof Berlin-Lichtenberg einen Zug, der den Namen Vindobona trug. Die Fahrt würde fast einen halben Tag dauern. Sie würde unterbrochen werden durch ausführliche Pass- und Zollkontrollen an zwei Grenzstationen.
Als Jacob Kersting auf dem Wiener Franz-Josefs-Bahnhof sein Zugabteil verließ, war es früher Abend. In den Straßen vor dem Bahnhof hing milchige Dämmerung, gesprenkelt von Lichtern. Ein älterer Mann, mit dem er während der Reise ins Gespräch gekommen war, Geschäftsreisender einer DDR-Exportbehörde, lud ihn ein zu einer gemeinsamen Taxifahrt, da beider Ziele in Wien sich nahe beieinander befanden. Kersting führte nur eine geringe Summe österreichischen Geldes mit sich und wusste nicht, wann er sie würde ergänzen können.
Österreich war sein erstes Reiseziel in einem Land außerhalb der deutschen Grenzen. Auf die erforderliche Genehmigung der DDR-Behörden hatte er lange warten müssen, erst zwei Tage vor Fahrtantritt war ihm das Ausreisevisum ausgehändigt worden. Er wusste, dass er damit ein Privileg wahrnahm, und wusste nicht, wie er es nutzen würde: Es gab verschiedene Möglichkeiten, die ihm gleichermaßen verlockend und riskant erschienen. Er verbot es sich, jetzt, an diesem Tag, ausführlich darüber nachzudenken.
Er war sechsundfünfzig Jahre alt. Er hatte sich in mehreren Publikationen zu Themen und Personen der jüngeren österreichischen Kunstgeschichte geäußert: Koloman Moser, Aktivitäten der Wiener Werkstätte. In Österreich war man deswegen auf ihn aufmerksam geworden. In Berlin, Hauptstadt der DDR, wurde er zu Empfängen und Abendessen des Wiener Botschafters geladen. Der war ein freundlicher weltläufiger Mensch, Kersting erzählte ihm von seinem Vorhaben, über den Architekten und Designer Josef Hoffmann zu arbeiten, worauf der Botschafter sagte, er wolle versuchen, daheim in Wien für Kersting etwas zu bewirken.
Einem Leipziger Verlagshaus war an einer möglichen Buchveröffentlichung gelegen. Vielleicht auch fand Kersting, wie schon zuvor, Interesse bei einem Münchener Kunstverleger. Die nun folgenden Verhandlungen, Briefwechsel und Telefonate mit den DDR-Behörden betreffend einen Arbeitsaufenthalt in Wien erstreckten sich über einen Zeitraum von vierzehn Wochen. Finanziert durch ein Stipendium des österreichischen Unterrichtsministeriums sollte Jacob Kersting Zugang erhalten zu Arbeitsresultaten und Hinterlassenschaften Josef Hoffmanns am Ort ihrer Entstehung.
Das Taxi hielt vor einem Gebäude, das einem riesigen Hotel ähnelte und ein Wohnheim für Studenten war. Im Inneren roch es nach abgestandenem Fett und saurem Wein. Der junge Mensch am Empfang wirkte verschlafen und trug ein auffälliges Furunkel am Hals. Er händigte Jacob Kersting einen Schlüssel aus. Kersting fuhr mit dem Aufzug bis zur vierten Etage und öffnete die Tür zu einer Wohnung, in der er vier Monate lang leben sollte. Sie bestand aus zwei dürftig möblierten Zimmern und einer winzigen Küche.
Als er am Morgen erwachte, hatte er unruhig geschlafen und behielt davon einen dumpfen Kopfschmerz. Er sah seine geöffnete Reisetasche, achtlos auf den Fußboden gestellt und mit heraushängenden Textilien: als hätte sie ihre Eingeweide verloren. Vor den Fenstern war das Gegurr von Tauben. Der Kopfschmerz wollte nicht nachlassen.
Er verließ das Studentenheim und ging die Straße hinab, die den Namen Pfeilgasse trug. Er ging vorüber an schmutziggelben Fassaden und einem Theater, das, wie die Aushänge mitteilten, englische Stücke in der Originalsprache aufführte. In der Hand den aufgeklappten Stadtplan, den er am Vorabend auf dem Franz-Josef-Bahnhof gekauft hatte, ging er bis zur Ringstraße und fühlte dabei eine sonderbare, wie fiebrige Erregung, Gemisch aus überschäumendem Glücksempfinden und diffuser Angst. An die Staketen eines Metallzaunes, hinter dem eine ausführliche Parkanlage begann, hatte ein Händler Zeitungen geheftet. Ihre Schlagzeilen handelten von dem österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim und von Jugendlichen in Ost-Berlin, verhaftet wegen ihrer Teilnahme an einer unerlaubten Demonstration. Kersting las es. Er spürte, wie das Gefühl fiebriger Erregung zerrann.
2
Das Palais Starhemberg, ein barocker Bau, befand sich am Minoritenplatz. Es beherbergte Amtsräume des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht und Kunst. Jacob Kersting durfte den Eingang passieren, ohne auf eine kontrollierende Türwache zu treffen, das war eine für ihn ungewohnte Erfahrung. Dr. Alois Mühlbauer hatte sein Büro unter dem Dach. Der Raum zeigte abgeschrägte Mansardenwände. In zwei niedrigen, mit weinrotem Plüsch bezogenen Louis-Quatorze-Sesseln saßen Dr. Mühlbauer und Kersting einander gegenüber.
Dr. Mühlbauer hatte eine schräge Stirn und einen schwarzen Scheitel. Seine Schneidezähne standen auseinander. Wenn er die Lippen öffnete, erhielt sein Gesicht den Ausdruck von Lüsternheit. Aus einer Reklamepackung bot er Zigaretten an: Die Tabakindustrie, sagte er, sei in diesem Lande Staatsmonopol, die Bundesbediensteten würden deswegen degradiert zu kostenlosen Reklameträgern. Der Anteil der staatlichen Industrie in Österreich, sagte er, sei beim Vergleich mit anderen Staaten unverhältnismäßig hoch, Schlampereien der verstaatlichten Industrie hätten immer wieder zu förmlichen Regierungskrisen geführt, die jüngste, bei der Voest alpine, hätte Kersting bestimmt verfolgt. (Kersting hatte nicht.) Der Herr Bundeskanzler, sagte Dr. Mühlbauer, sei heimlich ein engagierter Anhänger der freien Wirtschaft, trotz seines sozialistischen Parteibuchs, leider müsse er Rücksicht nehmen auf die orthodoxe Basis in seiner Partei, die immer noch weitgehend im Austromarxismus verharre.
Bitte, er vertrete hier bloß seine private Meinung, sagte Dr. Mühlbauer und lächelte. Seine Sätze kamen flüssig. Sein Wiener Akzent war bloß schwach. Er wollte jetzt wissen, wie sich die DDR befinde. Er sagte Ostdeutschland. Er war nur einmal dort gewesen und da nur in Berlin, vor fast einem Vierteljahrhundert. Kersting begann mit einem ausweichenden Satz, um danach zu Einzelheiten zu gelangen, aber schon wieder redete Dr. Mühlbauer. Er schien an Ostdeutschland in Wahrheit nicht interessiert.
Er machte Kersting mit seiner Überzeugung bekannt, die Intellektuellen, er benutzte das slawische Wort Intelligenzija, seien die herrschende Klasse der Zukunft und die einzige gesellschaftliche Schicht mit realen Wachstumschancen. Das Aktiv-Kapital Geist mache noch Kleinstaaten wie selbstverständlich zu Weltmächten, Beispiel sei die gegenwärtige Republik Österreich, deren wesentliches Exportgut nicht Edelstahl heiße, sondern Kultur. Hier erfuhr Kersting, Wien weise eine autochthone geistige Entwicklung auf infolge der alles beherrschenden Einflüsse von Katholizismus und Barock. Spiel, sagte Dr. Mühlbauer, Verstellung und Charme. Die Welt als Theater. Das Leben als Mummenschanz und Improvisation. Bester Ausdruck dessen sei jene Liebenswürdigkeit, die weder Zuneigung noch sexuelle Akzeptanz bedeute, sondern die Veräußerlichung all dessen in die Unverbindlichkeit.
Ein wenig sprunghaft erfolgte Dr. Mühlbauers Gedankenführung. Kersting erfuhr, wie man unter der heutigen österreichischen Kleinstaatlichkeit offenbar leide, hinter der Zweiten Republik erhob sich in schattenhafter Monumentalität die einstige Doppelmonarchie, von deren Erbe man immer noch zehre. Dr. Mühlbauer entwarf einen Kulturkreis, dessen etwas undeutliche Grenzen sowohl Przemyśl wie Mailand wie Tetschen-Bodenbach umschlossen und dessen alles verbindende Gemeinsamkeit das Kaffeehaus war. Dr. Mühlbauer bot abwechselnd die Wendungen Mitteleuropa und josefinisch an, letzteres in Ableitung vom Sohn der Maria Theresia, dem Reformkaiser mit dem Toleranzpatent, und ein kaltes Entsetzen griff nach Kersting, als er erkennen musste, dass Dr. Mühlbauer meinte, Kersting sei nach Wien gekommen, um über den 1801 geborenen Sänger, Schauspieler und Komödiendichter Johann Nepomuk Nestroy zu forschen.
Hoffmann, sagte Kersting vorsichtig, in eine der raren Pausen von Dr. Mühlbauers Rede hinein, der österreichische Architekt und Formgestalter Josef Hoffmann. Er sagte das nicht korrigierend, schon gar nicht strafend, er wollte Dr. Mühlbauer nicht kränken. Dr. Mühlbauer blickte ihn an. Wieder lächelte er kurz und beinahe schmerzlich, als habe Kersting gewagt, ihm einen Irrtum zu unterstellen. Dr. Mühlbauer war gänzlich unbegabt, sich zu irren. Wie zum Beweise machte er sofort längere Ausführungen über österreichische Kultur in der Ersten Republik, die, lange vernachlässigt, nun endlich ins Blickfeld geraten sei, spätestens seit der von Hans Hollein besorgten Ausstellung anlässlich der Wiener Festwochen von 1985, Traum und Wirklichkeit, die Kersting bestimmt gesehen hätte, aber Kersting hatte nicht.
Dr. Mühlbauer, sah Kersting, war ein geübter und kenntnisreicher Plauderer, bevorzugt über Gegenstände der österreichischen Kulturgeschichte. Eben deswegen saß er als Beamter hier, im österreichischen Bundesministerium für Unterricht, und vertrat die Sache nach außen. Dr. Mühlbauer versicherte, dass er Rat und Hilfe für Kersting habe, wann immer Kersting dessen bedurfte. Er stellte Kersting einen gemeinsamen Besuch im nahe gelegenen Café Landtmann an der Ringstraße in Aussicht, zu dem es, wie Kersting vermutete, niemals kommen würde.
Kersting verabschiedete sich. Der Name Waldheim war nicht gefallen. Die Aktionen der DDR gegen jugendliche Demonstranten blieben unerwähnt. Die Modalitäten des Empfangs der vom Ministerium für Unterricht und Kunst ausgesetzten monatlichen Geldzahlungen an Kersting hatte Dr. Mühlbauer wie nebenher dargetan, mit zwei Sätzen.
3
In einer Telefonzelle am Schottentor durchblätterte Kersting das olivgrün eingebundene Fernsprechbuch der Stadt Wien. Er warf eine Schillingmünze ein und wählte einen Anschluss. Eine weibliche Stimme mit schrill sächsischem Akzent teilte mit, man sei die Botschaft der Deutschen Demokratischen Republik. Kersting sagte, er wolle seine Anwesenheit in Wien vermelden. Moment, sagte die Stimme. Die Leitung war für Sekunden unterbrochen. Dann meldet sich die Stimme zurück, wollte den Namen, die Dauer des Aufenthaltes und die Wiener Adresse erfahren. Streng fragte sie: Dienstlich oder privat? Kersting musste durchatmen, ehe er antwortete. Für ein paar Augenblicke fühlte er sich auf deprimierende Weise daheim.
Er stand auf der Marienbrücke über dem Donaukanal. Seine Kopfschmerzen waren vergangen. Er lehnte an einem Geländer, neben einer Statue der Madonna, die das Kind im Arm trug und umgeben war von metallenen Rosen. Eine Inschrift besagte, die Gottesmutter wolle sich herbeilassen, die Sünden zu vernichten. Was hieß für einen wie ihn Sünde? Ein amtmodisches Wort. Es gab Schuld, Versäumnis, Fehler, Vergehen, Verrat, das alles ließ sich ebenso als Sünde begreifen und ließ sich, als Sünde, abbitten und abbüßen, also verlieren. Katholizismus war eine gnädige Sache. Kersting war kein Katholik, er war kein Christ, er war es nie gewesen.
Tief unten floss in einem breiten Bett graues Wasser. Ein Platz für Selbstmörder, dachte Kersting, man hatte die Wahl, sich in den Donauarm zu stürzen oder auf die steinerne Uferbefestigung, um dort zu zerschellen. Ein Dampfschiff lag vor Anker unmittelbar neben der Brücke. Der Zugang war mit einem Baldachin versehen. Der Dampfer trug den Namen Johann Strauß, auf ihm erhob sich in Überlebensgröße eine aus Bronze gefertigte Plastik des berühmten Komponisten, Bogen in der Rechten und Geige am Kinn. Möwen hockten auf den Wellen. Auf dem anderen Ufer stand ein Geschäftshaus und zeigte an einer seiner Mauern mit digitalen Riesenzeichen die Uhrzeit. Kersting spie hinab in den Fluss, ehe er ging.
4
Das Bild der einander jagenden Strommasten hatten für Kersting, als er Kind war, zu den Vergnügungen des Eisenbahnfahrens gehört, aber mehr noch als dieser Anblick hatte ihn stets das Bild der zuckenden Pupillen beeindruckt, von jenen Fahrgästen, die dem Schauspiel der einander jagenden Strommasten zusahen.
Hinterher waren für ihn die Bilder und Eindrücke von Bahnfahrten aus diesen frühen Jahren ineinandergeflossen. Er erinnerte sich an das stundenlange Sitzen auf Bänken aus gelb lackierten Hölzern, die durch silbrige Schrauben zusammengehalten wurden. An der Unterkante des Türfensters hing ein breites hellgraues Gurtband herunter fast bis zum Abteilboden. Ein emailliertes Schild warnte in mehreren Sprachen davor, sich hinauszulehnen.
Bei ihrem Umzug nach Grotenweddingen war er schon acht. Vorher hatte er mit seinem Vater in Gera, Dresden, Lübeck und Chemnitz gewohnt. Er bewahrte von diesen Städten bloß Erinnerungen an Chemnitz, außer ein paar Bildern, die in das westliche Mecklenburg nahe der Ostsee passen müssten.
Die Straße dort war breit. Im Sommer wirbelte trockener Lehm auf. Die Fronten gehörten zu einstöckigen Backsteinhäusern mit fetten Dächern aus Reet oder Ziegeln, mit grünlackierten Fensterhölzern, mit gelb und rosa blühenden Dahlien neben der Haustür. Im Innern hing die Stubendecke niedrig, und auf den Gegenständen klebte fortwährend Feuchtigkeit, weil die Luft satt war von Nässe. Er meinte, die Häuser müssten vielleicht in einem am Rand von Lübeck gelegenen Arme-Leute-Dorf gestanden haben, wo die Landwirtschaft längst aufgelassen worden war, in den Häusern wohnten jetzt Arbeiter vom Trave-Hafen und aus den Fabriken für Nahrungsmittel und Metallteile.
In Chemnitz hatten sie die Erdgeschosswohnung eines vierstöckigen Mietshauses bezogen. Das Nachbargebäude beherbergte einen kleinen Lebensmittelladen, wo zu dem Zeitpunkt kurz nach ihrem Einzug die Butter, oder jedenfalls die sogenannte gute Butter, nicht mehr in beliebiger Menge eingekauft werden durfte. Die Begründung war im Radio zu hören, vielleicht wurde sie auch auf Plakaten und in der Zeitung gedruckt, aber er selbst konnte damals noch nicht lesen. Kanonen statt Butter. Der Geschäftsinhaber, Herr Goerner, war ein klein gewachsener Mensch, der ständig während seiner Arbeit einen gestärkten weißen Baumwollkittel trug, im Rücken mit einem schmalen Stoffriegel an zwei Knöpfen.
In der Tschechei waren die dort lebenden Deutschen zu Deutschland gekommen, mitsamt dem Gebiet, das sie bewohnten und das Sudetenland hieß. Dafür bringe man doch mal gern ein Opfer, sagte Herr Goerner. Die Butter entnahm er einem auf dem Fußboden seines Ladens stehenden Eichenfass, mit der Hilfe eines hölzernen Spachtels, den er hernach auf einem Blatt Pergamentpapiers abstrich. Genaue Mengen ergaben sich entsprechend der Anzeige auf Herrn Goerners Lebensmittelwaage. Sie wurden außerdem als Zahlen in ein Notizheft eingetragen. Bevor er zu schreiben anfing, benetzte Herr Goerner die Spitze seines Kopierstiftes mit der Zunge. Wenn ein Kunde sein Geschäft betrat oder es wieder verließ, grüßte Herr Goerner deutlich mit Heilhitler.
Die Lebensmittelwaage hatte auf ihrer der Kundschaft zugewandten Seite eine Aufschrift. Wenn Sie zufrieden sind, sagen Sie es anderen, wenn Sie es nicht sind, sagen Sie es mir.
Der Junge konnte diese Aufschrift erstmals buchstabieren, nachdem er zehn Monate lang die unterste Klasse der Volksschule in der Andréstraße besucht hatte. Danach grübelte er mühselig, wie jemand mit einer Lebensmittelwaage unzufrieden sein könnte, und wie es anstellen, dass ein aus Metall und Farben bestehender Gegenstand gesprochene Mitteilungen der Unzufriedenheit vernahm.
Zu diesem Zeitpunkt musste er immer noch, wenn er früh nachmittags zu Herrn Goerner ging, seinen Einkaufswunsch auf einem Zettel vorweisen, den sein Vater beschriftet hatte und in den außerdem die für den Einkauf benötigten Geldmünzen eingewickelt wurden. Herr Goerner wirkte auf ihn jetzt geschrumpft. Das mochte vielleicht bloß dadurch bedingt sein, dass der Junge seinerseits gewachsen war. Herr Goerner notierte auf dem Zettel die Einkaufssumme und subtrahierte von dem mitgebrachten Betrag. Das Wechselgeld wickelte er seinerseits in den Zettel. Herrn Goerners Laden führte auch Obst, Gemüse und Wurst. Backwaren führte Herrn Goerners Laden nicht. Am Ende der Straße befand sich der Schmidt-Bäcker, der außer Brot und Semmeln noch Kuchen anbot. Für ein Fünfpfennigstück ließen sich, in Tüten abgefüllt, die fortgeschnittenen Ränder von Blechkuchenstücken erwerben, Kuchenrindeln.
Es war schön, erinnerte sich der Junge, an der Kante des Gehsteigs zu sitzen und die süßen Streifen zu kauen. Überhaupt war die Straße, die nach einer Schlacht aus dem deutschfranzösischen Krieg von 1870 hieß, in seinen Augen manchmal so etwas wie ein schmutziges Idyll. Das passierte zum Beispiel an Nachmittagen im Frühsommer. Die Sonne stand schräg über den Schornsteinfirsten der Brauerei. Sie schüttete hellbraunes Licht auf den Basalt. Unter der Treppe, die zu Herrn Goerners Laden führte, wurden von Kindern Murmeln geschoben. Ein Glasbucker besaß den Wert von drei oder fünf Tonkugeln, je nach Art seiner Zeichnung. Der Boden hinter den Zementstufen von Herrn Goerners Laden hatte eine leichte Schräge zur Hauswand hin. Mit dem Sand, der sich aus dem morosen Rauputz herauskratzen ließ, wurde die Fläche geebnet, anschließend wurden Vertiefungen geformt. Auf den Gehwegplatten waren die Felder für Himmel und Hölle aufgemalt, mit weißer Schulkreide, die Mädchen sprangen darin, beidbeinig, einbeinig, je nach der Regel und hinter einem Bündel ineinandergehängter Sicherheitsnadeln her, das sie immer wieder aufhoben, um es sofort in ein anderes Feld zu werfen.
Die Sonne nahm Platz genau zwischen den Schornsteinen. Etwas Rauch stieg hoch. Er machte das Licht unruhig. Frauen in blumigen Kittelschürzen traten auf oder größere Jungen, mit Glaskrügen in der Hand. In geöffneten Fenstern zur Straße hin zeigten andere Frauen ihre Köpfe und hatten die nackten Unterarme auf ein Kissen oder eine wollene Häkeldecke gestemmt. Die Frauen und älteren Jungen kehrten zurück vom Keglerheim. Die Krüge waren angefüllt mit gelbem Bier, das eine Schaumhaube hatte und kalten sauren Geruch. In den Radios hinter den offenen Fenstern sang die chilenische Nachtigall Rosita Serrano, mit harten Konsonanten, Roter Mohn, warum welkst du denn schon. Sein Vater ging die Straße hinunter. Die Frauen in den Fenstern sahen zu ihm hin, und wie der Junge glaubte, taten sie es voll Bewunderung. Der Junge hatte seine Kuchenrindeln gegessen. Er zerknüllte das leere Papier, warf es in den Rinnstein und stand auf.
Auch Kuchenrindeln konnten schon bald höchstens ausnahmsweise gekauft werden, als nämlich Backwaren bloß gegen Lebensmittelkarten abgegeben wurden und Kuchenrindeln zu den wenigen weiterhin markenfreien Waren gehörten. Herr Goerner wurde eingezogen. Zu seinem Abschied zeigte er sich noch einmal stolz, ein kleiner Mensch mit blankem Schädel und großem hässlichem dunkelbraunem Muttermal hinter dem rechten Ohr, angetan mit einer Panzergrenadier-Uniform. In seinem Laden wurden allmählich die Waren weniger. Der Betrieb musste jetzt von Frau Goerner geführt werden, die es auch schon vorher gegeben hatte, aber bloß manchmal und wenn besonders viel Kundschaft gewesen war. Frau Goerner, im Wuchs größer als ihr Mann, hatte unförmig dicke Fußknöchel, die bandagiert wurden, und knickte beim Gehen in der Hüfte deutlich ein.
Der Junge besuchte jetzt in der André-Schule die Klasse 2 b. Jeder Schüler musste ein Kriegstagebuch führen. Dazu war erforderlich, dass ein großformatiges Schulheft Seite für Seite mit den Abbildungen vom Kriegsgeschehen sowie mit handschriftlichen Vermerken der Ereignisse an den Fronten angefüllt würde. Die Abbildungen waren mit der Schere aus Zeitschriften oder Tageblättern herauszutrennen, Berliner Illustrirte Zeitung, Chemnitzer Neueste Nachrichten. Die Kriegstagebücher wurden von Klassenlehrer Klostermann in unregelmäßigen Abständen eingesammelt und zensiert.
An der Litfaßsäule beim Eingang der Andréstraße hingen Plakate mit der Zeichnung eines deutschen Soldaten, der vor einem Eisenbahnzug stand. Der Soldat lachte und wirkte heldisch. Der Zug war klein, wie nebensächlich, und die in grobe Fraktur gebrachte Aufschrift hieß Räder müssen rollen für den Sieg. Manchmal wurden zur Probe die Sirenen für den Fliegeralarm eingeschaltet.
Lehrer Klostermann trug schütteres rotblondes Haar, hatte ein ausgehungertes Gesicht, mit Sommersprossen, und artikulierte seine Sprechlaute weit hinten in der Gurgel. Er hasste es, wenn Schüler mitten in der Unterrichtsstunde sich meldeten, bloß um austreten zu dürfen. Er hielt dies für disziplinlos, unmännlich, er zog auch Vergleiche mit den Entbehrungen unserer tapferen deutschen Frontsoldaten, und um seinen Forderungen auf unbedingten Gehorsam sinnlichen Ausdruck zu verleihen, bewahrte er im Wandschrank des Klassenzimmers eine kleine Sammlung von Rohrstöcken, die er gelegentlich hervorholte, einen nach dem anderen, um sie vor den Augen der Klasse auf ihren Zustand zu überprüfen. Er befühlte sie, hob sie dann hoch und ließ sie durch die Luft fauchen.
Manche der Stöcke waren an den Spitzen ausgefranst. Andere zeigten sich noch völlig intakt. Ihre Farben waren blasses Gelb, bei vereinzelt apfelsinenfarbener Tönung. Schläge mit einem ausgefransten Stock galten als vergleichsweise wenig schmerzhaft. Einem der Prügel war eine kurze hellblaue Metallkuppe übergestülpt, deren Berührung besondere Pein verhieß. Lehrer Klostermann wies ihn stets zuletzt vor, mit dem Ausdruck triumphierenden Genusses im Gesicht. In der Klasse gab es zwei Sitzenbleiber, grobe Burschen, die übereinstimmend bekundeten, jeder Rohrstock breche sofort auseinander, ähnlich einem Strohhalm, wenn man ihn mehrfach mit der Innenseite einer aufgeschnittenen Zwiebel bestreiche. Sie lieferten für ihre Behauptung keinen tätigen Beweis. Sie redeten das vielleicht bloß so, um im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu sein. Jacob fühlte eine heimliche Bewunderung für ihr aufsässiges Benehmen.
Er teilte zugleich jenen Abscheu, der die lärmend von Lehrer Klostermann eingenommene Haltung gegen die beiden war und der seinen Ausdruck fand im häufigen Abstrafen mit einem der Rohrstöcke. Der Geschlagene schrie jedes Mal übertrieben laut. Hinterher, in den Pausen, rühmte er sich seiner Verstellungskunst. Es sei alles, sagte er, bloß eine List gewesen, die zu erleidende Tortur zu verkürzen. Manche aus der Klasse hielten das für feig.
Ganz bestimmt empfand so Dietzel-Wolfgang. Er war der kleinste Junge aus der Klasse. Er trug sein hellblondes Haar kurz geschoren, dass überall auf seinem Schädel rosige Haut sichtbar war. Mit schwärmerischer Inbrunst verehrte er die militärischen Leistungen deutscher U-Bootfahrer aus zwei Weltkriegen, worüber er Beschreibungen gleich in mehreren Büchern besaß. Die waren eingebunden in marineblaues Leinen, mit silbernen Buchstaben auf dem Deckel, und sie waren angefüllt auch mit Fotos in Schwarz und Weiß. Immer wieder zog Dietzel-Wolfgang eines der Bücher aus seinem Schulranzen, um es aufzuschlagen und anderen zu zeigen und stolz zu sein.
Einmal, mitten im Unterricht, trat Dietzel-Wolfgang plötzlich aus der Bank heraus und ging sonderbar steifen Schritts zum Katheder. Er redete leise mit Lehrer Klostermann. Dann verließ er das Zimmer. Es brauchte, um den Inhalt seiner Worte zu vermuten, kein Rätselraten, da er bei seinem Gang eine dünne Urinspur hinter sich ließ. Als er vor dem Katheder stand, rann es ihm hörbar aus dem linken Hosenbein, eine kleine Strecke den blanken Unterschenkel mit dem weißen Wollsöckchen herab, von der Mitte der Wade an direkt und schräg bis auf das Linoleum, wo es als eine dunkle Lache stand. Lehrer Klostermann war zufrieden. Jemand hatte sich so vollkommen unter sein Verbot geduckt, bis erkennbar der menschliche Organismus versagte und sich entlud. Vielleicht war Dietzel-Wolfgang sogar beschämt, da die Prügelstrafe, mit der er gewiss gerechnet hatte, nicht verabfolgt worden war.
5
Das Bankgebäude befand sich eingangs der Herrengasse. Nicht weit davon, auf dem Kohlmarkt, gab es das Geschäft des Hofkonditors Demel, in dessen Schaufenster Ronald Reagan und Michail Gorbatschow als beinahe lebensgroße Zuckerpuppen posierten und dessen Inhaber, wusste Kersting aus einer Zeitung, die er sich gekauft hatte, in Ostasien flüchtig war.
Er stand am Michaelerplatz, gegenüber jenem Hause, das 1909, als es Adolf Loos umzubauen begann, der Firma Goldman und Salatsch gehörte. Die Säulen mit ihren grauen Marmorverkleidungen existierten noch. Die oberen Stockwerke hatten ihren glatten weißen Verputz. Die Fenster ohne alle Umrahmung hatte der Kaiser Franz Josef augenbrauenlos genannt, eine hübsche Metapher, doch Franz Josef hatte sie als vernichtenden Tadel gemeint. Die Empörung, die damals ganz Wien erfasst hatte wegen des Loos-Entwurfs und die zu einer Unterbrechung des Baugeschehens im Jahre 1910 führen würde, war inzwischen unbegreiflich geworden. Die Tragödie des Adolf Loos bestand unter anderem darin, dass er sich ausdrücklich als Traditionalist begriff und den Wienern damals als im höchsten Maße modern und umstürzlerisch erschien. Er entwarf mehr, als er baute. Noch seine Entwürfe blieben häufig bloß Sprache, statt wenigstens Bauskizze oder Modell zu sein. Verständlich die ohnmächtige Feindschaft dieses Mannes zu dem beängstigend produktiven Josef Hoffmann, den Loos verächtlich überquellend nannte.
Kersting war gekommen, ein Ausländerkonto zu eröffnen, damit ihm die dafür zuständige österreichische Behörde sein Arbeitsstipendium überweisen konnte. Er stand in der Schalterhalle. Er sagte sein Anliegen. Er musste seinen Reisepass vorweisen. Die Frau hinter dem Schalter durchblätterte die hellblauen Seiten, als sehe sie so was zum ersten Mal. Vielleicht sah sie es zum ersten Mal. Ihr Gesicht zeigte den Ausdruck beflissener Feindseligkeit. Sie bat Kersting um etwas Geduld. Sie ging davon, in Händen Kerstings Reisepass mit dem Abbild des DDR-Staatswappens auf dem Deckel. Kersting hatte Gelegenheit, die anderen Kunden und das übrige Personal zu betrachten.
Die in der langen Schalterhalle aufgestellten Computer-Monitore wuschen, so schien es, mit ihren Strahlungen aus den Angestellten alle Natürlichkeit fort. Die junge Beamtin, die schräg gegenüber von Kersting stand, hatte die Aura einer Untoten. Sämtliche Unterhaltungen erfolgten halblaut. Niemand, der nicht gemeint war, konnte von dem Mitgeteilten etwas verstehen. Die geraunten Laute standen für Konten, Beträge, Anlagen, Zinsen, Kredite, und alle verhielten sich, als sei dies etwas Obszönes.
Die Gesichter der Kunden waren den Mündern der Bankangestellten gierig lauschend zugeneigt. Eine Welle der Lüsternheit lief über ihre Mienen wie ein Lichtstrahl. Kersting stand neben einer mageren alten Dame. Ihr Hals war schlaff. Ihre Hände waren knotig und zeigten Altersflecken. Den Kupon, gegen den an der Kasse die gewünschte Auszahlung erfolgen sollte, erfasste sie, als handle es sich um ein zuckendes Tier oder ein männliches Genital. Der Wiener Seelenarzt Sigmund Freud, erinnerte sich Kersting, hatte das Geld dem Exkrement zugeordnet. Das Tabu ergab sich aus einem die Lust bloß mühsam zurückhaltenden Schamgefühl. Das Wiener Verhalten zum Geld war eine ins Unaufhörliche ausgedehnte anale Phase. Kersting wurde Zeuge eines analen Kapitalismus.
Die Beamtin, die Kersting bediente, kehrte zurück. Sie händigte Kersting eine Kunststoffkarte aus, dazu ein Bündel Scheckvordrucke in einer Kunststofftasche, alles in leuchtendem Gelb. Kersting setzte auf einen Vordruck seine Unterschrift. Der Gesichtsausdruck der Beamtin zeigte jetzt nur mehr Beflissenheit. Kersting war zum Teilhaber des analen Kapitalismus geworden.
6
Seine ersten Berührungen mit der Bildkunst verdankte er seinem Vater. Robert wollte, dass sein Sohn Jacob ihn immer bloß mit dem Vornamen anredete. Die Wörter Vater oder Papa, ihn betreffend, hasste er.
Robert war 1889 geboren, wie Adolf Hitler, und stammte aus dem gleichen Leipziger Proletarierviertel, in dem Walter Ulbricht groß geworden war. Roberts Vater war ein Mann mit rundem Gesicht und einer groben Nase gewesen: So blickte er von zwei bräunlichen Fotografien in Postkartengröße, in einem Album, das bei Robert im Bücherregal stand. Jacob blätterte manchmal darin. Die Bilder rochen stockfleckig. Robert und Roberts Vater, wusste der Junge, waren einander ähnlich gewesen in den Ausmaßen ihrer Hartnäckigkeit. Als Robert sich weigerte, in die väterliche Zigarrenmacherwerkstatt einzutreten, wurde er nach einer langen lautstarken Auseinandersetzung mit Worten, auch mit wiederholten Faustschlägen auf die Tischplatte, aus dem Haus getrieben.
Robert trat eine Lehre an in Leipzig-Stötteritz, bei einem 1873 gegründeten Unternehmen, das Textilmaschinen produzierte. Er lebte drei Jahre lang in einem Männerheim. Dann erhielt er seinen Gesellenbrief und ging sofort nach Süddeutschland, später nach Italien. Sechzehn Monate blieb er in der Toskana, Pistoia, wo er sich der anarchistischen Alianza della Rivoluzione Sociale von Errico Malatesta anschloss. Die Werkstätten und Fabriken, in denen er arbeitete, achteten ihn seiner Geschicklichkeit wegen. Als er nach Deutschland heimkehrte, weil er von Bremerhaven aus sich nach New York einschiffen wollte, begann der Erste Weltkrieg.
Statt auf dem norwegischen Dampfer Sör-Töndelag fand er sich wieder auf dem Mannschaftsdeck eines Schulschiffs der kaiserlichen deutschen Kriegsmarine, mit dem Heimathafen Kiel. Anschließend tat er als Obermatrose Dienst auf einem im Mittelmeer dümpelnden Schlachtschiff, das die Häfen des türkischen Verbündeten beschützen musste. Bei einer Schießerei mit britischen Kanonenbooten lief dieser Kreuzer, mit Namen Breslau, türkisch Midilli, auf eine Mine, dass er auseinanderbrach, Heck und Steven schräg in die Höhe gestellt. Die Besatzung sprang schreiend ins Wasser. Schwamm, wo des Schwimmens fähig, über eine Stunde, zwei englische Kriegsschiffe fischten die Überlebenden dann auf, unter ihnen Robert.
Reichliche zwei Jahre verbrachte er als Kriegsgefangener auf einer Festung der zu England gehörigen Mittelmeerinsel Malta. Damals begann er zu zeichnen, aus Langeweile, seine Hände zeigten sich auch darin geschickt. Im Frühjahr 1919 wurde er erst in einem Frachtschiff nach Apulien, danach, in einem mehrtägigen Güterbahntransport von Süden nach Norden, durch die gesamte italienische Halbinsel gefahren. In Wilhelmshaven das Feuer unter den Kesseln fortzureißen und die rote Fahne zu hissen, kam er zu spät, obwohl er das Bedürfnis dazu jedenfalls besessen hätte. Als er von Fürth, wo er vorübergehend in Arbeit stand, nach Leipzig fahren wollte, gelangte er bloß bis ins Vogtland. Der Zug wurde angehalten auf freier Strecke. Im Schotter des Bahndammes standen mehrere düstere Männer, Gewehr in der Hand und Signalbinde am rechten Arm. Einer schwenkte eine rote Fahne. Die Menschen sollten ihre Sache in die eigenen Hände nehmen, frei werden von jeglichem Zwang, voran dem ökonomischen, und eine Ordnung errichten, die das Ende war von aller bekannten Ordnung. Das klang sehr nach kollektivem Anarchismus. Augenblicklich beschloss Robert, sich den Männern anzuschließen und sich unter das Kommando ihres Anführers zu stellen, der Max Hoelz hieß.
Robert erlebte ihn als einen Menschen mit der unwiderstehlichen Anziehungskraft des edlen Räubers, wie schon der erfundene Karl Moor und der historische Schinderhannes einer gewesen waren. Einige Zeit behauptete sich ihr Aufstand. Dann befand sich die Reichswehr des sozialdemokratischen Ministers Noske gegen sie auf dem Vormarsch, Max Hoelz löste seine Armee auf und floh mit einigen seiner Freunde, darunter Robert, über die deutsch-tschechische Grenze.
Sie übernachteten in Heuschobern, wateten durch überschwemmte Wiesen und hatten ständig die böhmische Polizei hinter sich. Hoelz wurde aus einem Eisenbahnzug heraus verhaftet, in Marienbad. Robert gelangte bis Prag, wo er einem Mann, der offenbar unter materieller Not litt, auf einem Bahnhofsperron statt der angebotenen silbernen Taschenuhr dessen Identitätspapier und Namen abkaufte. Damit würde er die nächsten Jahre leben. Manchmal fertigte er auf Märkten Zeichnungen, Kohle auf bräunlichem Papier, die Abbilder von dafür zahlenden Passanten.
Als das Deutsche Reich eine politische Amnestie erließ, kehrte er zu seinem Geburtsnamen zurück. Bald darauf wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, wegen seiner anarchistischen Neigungen. Er wechselte die Arbeitsplätze quer durch Deutschland, ein begabter Techniker und gefürchteter Querkopf, der mit seinem rednerischen Enthusiasmus gesamte Fabrikbelegschaften auf seine Seite und in die Rebellion treiben konnte. Seine Abende verbrachte er mit Fernstudien in seinem technischen Fach, außerdem vor Leinwänden, eine Weile lebte er in Dresden, wo er eine Art Abendschule für begabte Dilettanten besuchte, sie hieß Anderer Weg.
Robert, erinnerte sich Jacob, trug das Haar immer zurückgekämmt. Robert hielt sich sehr aufrecht. Er hatte kräftige Schultern. Mit den Jahren ging ihm der Ruf eines technologischen Wundermannes voraus und war dann noch erheblicher als die demagogische Begabung, die, wer kannte sich schon aus in linken Bewegungen, meist für kommunistisch gehalten wurde. Robert leistete dem Vorschub, indem er nochmals seinen Versuch mit der KPD machte, anderthalb Jahre lang, aber wieder Schwierigkeiten mit dem Parteigehorsam bekam und wieder ausgeschlossen wurde.
Eine Bindung seines Lebens war die mit Jacobs Mutter gewesen. Er hatte sie mitgenommen an insgesamt vier Orte zwischen Niedersachsen und Schlesien. Eine schmale Person, sah Jacob auf den vorhandenen Fotografien, mit Seitenscheitel und mit kurzgeschnittenem schwarzem Haar. Sie war bei der Geburt des Jungen gestorben.
Robert wurde für Jacob mehr, als Väter für andere Kinder waren. Das Kommen und Gehen von Frauenspersonen in ihren Wohnungen war dem Jungen vertraut. Er rief sie, wie Robert, bei ihren Vornamen. In der Chemnitzer Zeit gab es zuletzt Gerda, die gerne Seidenblusen zu gestreiften Männerhosen trug und sehr mager war, eine Schauspielerin ohne Engagement, beschäftigt als Directrice in einem Zwischenmeisterbetrieb für Damenmoden. Sie lachte gern. Ihr Lachen schlug immer um in einen Anfall von Raucherhusten.
Da er sich seiner Unentbehrlichkeit in der beruflichen Arbeit sicher war, weigerte sich Robert, zu den entsprechenden Anlässen eine Hakenkreuzfahne vors Fenster zu setzen. Bei dem darauf erfolgenden Besuch des NS-Blockwarts sagte er, dass er seine Fahne nicht finden könne, auf eine mehr oder minder es nicht ankomme, angesichts des eindrucksvoll auf der Straße sichtbaren Fahnenwalds, die Beflaggung tauge deswegen eher zum Ausweis für die Gesinnungstreue, das wolle man aber auch so sagen, es müssten nicht vaterländische Gründe vorgeschützt und statt dessen eine gesetzliche Verordnung erlassen werden. Der Obmann hörte das an. Er wusste eine passende Antwort nicht. Robert blieb bei seiner Weigerung. Der NS-Blockwart unternahm keinen weiteren Besuch in der Sache.
Die dunkle Verachtung, die Robert seiner Existenz wegen auf sich zog, ließ seinen Sohn Jacob nicht aus. Der sehnte sich insgeheim, ein gewöhnliches Leben zu haben wie andere Jungen. Manchmal wurde er eingeladen, zu einer Geburtstagsfeier, dort gab es Mütter und Großmütter, auch Geschwister. Bei ihm daheim gab es immer bloß Gerda, die nach verbranntem Tabak roch und mit heiserer Stimme redete.
Nicht einmal Gerda gab es dann mehr. Sie wurde verehrt von einem Fliegerleutnant, der häufig mit einem Strauß Rosen vor der Tür von Roberts Wohnung wartete. Schließlich ging Gerda fort, um ihren Luftwaffenoffizier zu heiraten. Nicht lange danach zog Robert mit Jacob aus Chemnitz fort.
7
Kersting erwarb eine Benutzerkarte für die Österreichische Nationalbibliothek. Sie wurde ihm ausgestellt ohne viel Aufhebens. Die kleine braune Pappkarte würde ihm Eintritt in den Lesesaal und die Lektüre dort erhältlicher Bücher sowie die Herstellung von Fotokopien ermöglichen.
Zuvor würde er seinen Mantel in einem Schrank verschließen. Der Lesesaal war in der Ausdehnung groß, in der Stimmung feierlich und etwas verschlafen. Er roch nach trockenem Staub und vergilbten Folianten. Kersting liebte die Lesesäle in alten Bibliotheken.
Wenn er das Gebäude verließ und auf die Freitreppe trat, sah er direkt über sich den Balkon, auf dem 1938 Adolf Hitler gestanden hatte, um zu den Wienern zu reden. Statt wie jetzt mit wartenden Fahrzeugen war der riesige Platz damals angefüllt gewesen mit Zehntausenden von Menschen, die genaue Anzahl hatte niemand je ermitteln wollen. Die beiden pompösen Heroendenkmäler in der Platzmitte stellten den Prinzen Eugen dar und den Erzherzog Carl, Sieger gegen Napoleon in der Schlacht bei Aspern. Die Reiterstandbilder waren Arbeiten eines geisteskranken Bildhauers namens Anton Dominik Fernkorn, der zur Zeit ihrer Fertigstellung schon im Irrenhaus saß. Zuletzt wurde erforderlich, dass man ihn für einige Stunden am Tag in seine Werkstätten entließ. Fernkorns Atelier hatte später der Maler Hans Makart übernommen, dessen riesige Historien- und Festbilder das ästhetische Entsetzen von Leuten wie Josef Hoffmann und Adolf Loos waren.
Kersting ging weiter durch die Alte Hofburg. In den Höfen roch es nach süßlichem Pferdeurin, Folge der hier unentwegt paradierenden Fiaker. Kersting wusste, über eine der dämmerigen Stiegen war Mary Vetsera zu ihrem Geliebten Rudolf geschlichen, das gierige Nymphchen zu dem todessüchtigen Erben eines morbiden Riesenreichs. In der kleinen fensterlosen Trafik standen beieinander zwei Kutscher. Sie hatten ihre Bowler ins rote Genick geschoben. Sie hielten Henkelgläser mit Silvaner in den Händen. Aber’s hat ja so kommen müssen, Wein gaberts ja noch gnua, sagte der eine. Das Gelächter des anderen klang wie eine Entleerung. Die lächelnde Trafikantin schnitt Faschiertes in Scheiben, die sie, eine nach der anderen, auf eine Waage legte. Kersting probierte die Vorstellung, er würde ständig in Wien leben.
Die Gluckgasse lag in der Inneren Stadt. In der Nähe befand sich der Neue Markt mit der Kapuzinerkirche und der Kapuzinergruft, wo die Gebeine der Habsburger beigesetzt waren in steinernen oder erzenen Sarkophagen. Wo die Besucher, in täglichen Strömen eingelassen, teilhaben konnten an der Wiener Neigung zu schauriger Erhabenheit und pompösem Sterben.
Die einfachen Wiener Gaststätten machten ihre täglichen Angebote bekannt durch Holztafeln mit Kreideaufschriften, hingestellt neben die Eingänge. Das Beißl an der Gluckgasse befand sich im Souterrain. Man musste von der Straße her Stufen hinabgehen, um einzutreten. Die Speisekarte versprach eine fette bäuerliche Küche, die träge, widerstandslos, auch bösartig machte. Jetz sauf i mi ein, sagte an Kerstings Nebentisch ein dicker Mensch, als die Serviererin ein mit Veltliner gefülltes Viertelliterglas vor ihn hinstellte. Er trug einen grauen Vollbart über einem geöffneten Hemdkragen. Er war vielleicht ein Künstler und benahm sich gemäß den Vorstellungen, die in Wien von Künstlern existierten.
An Kerstings Tisch saß eine junge Frau. Sie stocherte in ihren gerösteten Nierndln. Unvermittelt ließ sie Kersting wissen, dass sie das Kesseltreiben gegen den österreichischen Bundespräsidenten unerträglich finde. Was immer der Waldheim getan habe, es sei jedenfalls unmöglich, dass ein ordentliches Staatsoberhaupt auf den Druck der Straße hin oder wegen Einflussnahme aus dem Ausland sich sein Amt aberkennen lassen müsse. Weil, da würde bloß die Selbstachtung von einem Staat angegriffen und natürlich von dessen Bevölkerung. Bei anderen Ländern gebe es das auch nicht, bitte, des könnens nur mit uns machen. Nein, erwiderte höflich Kersting und nannte den Fall des früheren US-amerikanischen Präsidenten Nixon. Die junge Frau wiegte zweiflerisch ihren Kopf. Sie hatte davon vielleicht gehört, aber sie erinnerte sich nicht mehr genau. Übergangslos bestellte sie sich einen ungespritzten Wein. Woher Kersting kam? Berlin. Na Servas. Die junge Frau war in Berlin gewesen. Sehr sonderbare Stadt und von wegen Berliner Luft. Die Kellnerin räumte hastig das Geschirr fortgegangener Touristen beiseite. Wieder ohne Übergang: Politik sei eine dreckige Sache, und wer sich damit einlasse, wolle sowieso bloß seinen persönlichen Vorteil. Kersting wusste keine Entgegnung, die Frau wollte auch keine hören. Sie verlangte nach ihrer Rechnung. Als sie aufgestanden war, sah Kersting, dass sie mit dem linken Bein lahmte.
In dem Studentenhotel begegnet ihm, als er den Lift verließ, auf dem Korridor ein junger Mensch, der in der rechten Hand einen kleinen gläsernen Kaffeekrug hielt und in der linken einen Teller mit gebutterten Weißbrotscheiben. Unter dem rechten Arm trug er eine Tageszeitung, blaue Balken im schwarzweißen Schriftbild, Kersting las die Wörter Bundespräsident Waldheim wird nicht. Der junge Mann war bleich und offenbar übernächtigt. Das Haar hing ihm schwarzsträhnig in die Stirn. Er trug eine Brille mit starken Gläsern. Er fiel Kersting auf wegen seiner etwas ungelenken Bewegungen.
8
In das Weichbild von Grotenweddingen ragten von Ferne sichtbar drei Berge. Aus einem von ihnen wuchs eine pompöse Schlossanlage. Die Obstbaumblüte geschah hier zwei Wochen später als beispielsweise in Chemnitz, und der andere Unterschied zu der Stadt, aus der Jacob und Robert kamen, waren die Dächer, die in Chemnitz aus Schiefer bestanden und hier aus rot gebrannten Ziegeln. Die darunter befindlichen Häusermauern waren in Grotenweddingen Fachwerk, manche mit Klinkern zwischen dunkelbraunen Stielen, manche mit weiß oder lindgrün gekalktem Lehm. Gebäude aus Klinkern standen zum Beispiel am Marktplatz oder in der Breiten Straße und hatten geschnitzte Balkenköpfe, deren Muster eine farbige Halbrosette war.
Es gab ein intaktes Stadttor. Ein ehemaliger Wehrturm verfiel unaufhörlich. Grotenweddingen hatte sich um ein paar dörfliche Gemeinden vergrößert und besaß eine Schmalspureisenbahn, deren Lokomotive außer einem besonders hohen Schornstein eine schrill tönende Glocke trug und die auf vielen zeitverschlingenden Serpentinen ins Gebirge fuhr.
Wegen seiner zehn Jahre war Jacob noch nicht alt genug, zu sagen, ob ihm die neue Stadt gefiel. Es brauchte eine Zeit, ehe er sich umgewöhnte und auch etwas den hier gesprochenen Akzent annahm, der von der plattdeutschen Mundart Ostfälisch kam. Die Bauern auf den Dörfern redeten bloß Dialekt. Am Stadtrand standen, zum flachen Land hin, also in Richtung Domäne Behncke, fünf gleichförmige Gebäudereihen aus Mietwohnungen, die der Fabrikant und NS-Wehrwirtschaftsführer Henseler hatte aufrichten lassen, für Arbeitsleute aus seiner Fabrik. Robert und Jacob wohnten dort, Erdgeschoss mit drei Zimmern. Manchmal, wenn er aus dem Fenster blickte, sah Jacob weidende Schafherden, hörte das Geblök der Tiere und atmete ihren scharfen Dunggeruch.
In etwas Entfernung von den Mietblöcken hatten sich Baracken aufgetan. Erst sechs und dann nochmals fünf und wieder fünf, einstöckige Dinger mit kleinen Fenstern und Bretterwänden, die nach Holzschutzmitteln stanken. Das Gelände umspannte ein Drahtzaun. Hier wohnten ausschließlich Männer, Fremdarbeiter, sie kamen aus Polen, Frankreich, Belgien, worüber ein entsprechender Buchstabe, den sie aufgenäht auf ihren Jacken trugen, eindeutige Auskunft gab. Sie sollten bei Walter Henseler mithelfen, Motoren zu bauen. Vereinzelt waren hinter geöffneten Fenstern ihrer Baracken spitze Harmonikatöne. Zwischen den Unterkünften wuchsen dickhalmiges Gras und verwilderter Liguster. Der Untergrund war lehmig.
Es gab eine in drei Windungen zum Stadtinneren laufende Straße. Rechts war die Kleingartenanlage Frohe Zukunft, mit Drahtzaun, Sonnenblumen und schwarzen Holzlauben, links fiel schäumend von einer Staustufe der Nöschenbach. Wo die Straße auf einer Brücke übers Wasser führte, befand sich rechts der Schlachthof, wo zweimal in der Woche die Schweine schrien, ehe ihnen der tödliche Bolzen ins Gehirn fuhr. Eine Bahnschranke senkte sich und schloss allen übrigen Verkehr aus, wenn ein Zug mit Personen nach Westerode fuhr oder von dorther kam.
Dies war Jacobs täglicher Weg. Ecke Grünstraße/Pfarrweg, wo er zweimal am Tag vorbeikam, stand das Haus Erika, jetzt Kriegslazarett, im offenen Fenster saßen junge Männer, um ihre bandagierten Köpfe, ihre Bein- und Armstümpfe ins Licht zu halten, wenn Sonne schien. Vom Sägewerk herüber kam Geruch von nassem Holz. In Findeisens Kohlenhandlung hob ein Fremdarbeiter Säcke voll Braunkohlenbriketts auf die Waage.
Der Große Markt war in der Form rechteckig, in seiner Mitte stand ein Metallbrunnen mit farbig lackierten Patrizierwappen und mehreren Wasserspeiern, denen das Wasser fortblieb. Kinder warfen Blechschachteln und Frühstückspapier in das tote Becken. Das Rathaus hatte kunsthistorische Berühmtheit, denn es besaß Freitreppe und Spitztürme, Fachwerk und Holzschnitzfiguren und war ein Werk der gotischen Baumeister Thomas Hagenow Vater und Sohn. Am Großen Markt begann der Suderweg, an dessen Ende, links neben dem Sudertor, hinter einer Straßenbiegung das Gymnasium stand. Hier wurde Jacob Schüler ab dem Sommer 1942.
Daneben gab es die Verpflichtung, dass Jacob ein Pimpf war bei Adolf Hitlers Jungvolk. Zweimal die Woche sollte er sich einfinden an dem vorgeschriebenen Treffpunkt, das war der dreckige Platz neben dem Schlachthofgebäude. Der Wimpel mit dem Hakenkreuz im Rhombus hing an seiner Stange schlaff herab. Lastwagen voll stinkender Kühe fuhren herbei und durchs Schlachthoftor. Drinnen brüllte schmerzlich vieles Vieh. Jacob vermied, so oft das möglich war, bei dieser Art Dienst zu erscheinen. Robert schrieb ihm die dazu nötigen Entschuldigungszettel. Manchmal schien in Grotenweddingen aller Krieg sehr weit fort.
Robert war unabkömmlich in Henselers Motorenfabrik. Es gab niemanden mehr wie zum Beispiel Gerda in Chemnitz. Jacob gewöhnte sich an die Abwesenheit von Frauen, wie an das Leben in Grotenweddingen, wie an die Leute und die Sprache von Grotenweddingen. Eine Hakenkreuzfahne besaß Robert immer noch nicht, konnte sie also nicht vors Fenster setzen und hatte, wenn ihn der Blockwart darüber ins Gespräch zog, immer noch flapsige Wörter im Mund. Häufig gab es jetzt Fliegeralarm. Walter Henseler hatte seine Wohnblöcke gleich mit Luftschutzkellern errichten lassen, die Decken aus Stahlbeton, eiserne Klappen vor Ausgangsschächten und Fenstern. Wenn Sirenen heulten und die Hausbewohner mit ihren vorsorglich gepackten Koffern in die Keller hasteten, stand Robert, sofern er überhaupt zu Hause war, lieber draußen im Freien und kümmerte sich überhaupt nicht darum, dass er damit gegen Verbote verstieß.
9
Kersting war an Josef Hoffmann über Umwege gelangt. Eigentlich hatte er über den belgischen Jugendstilarchitekten Henry van de Velde arbeiten wollen, er hatte einiges an Zeit und Mühe auf die Sache verwendet, zweihundertzehn von geplanten vierhundert Seiten waren bereits geschrieben, als ein DDR-Wissenschaftsverlag eine ausführliche van-de-Velde-Monografie druckte. Kersting kannte den Autor. Jörg M. Schliephake war Dozent an der Kunstakademie Berlin-Weißensee, ein langer Menschen mit breiten Schultern, dröhnender Stimme und einem auffällig großen Adamsapfel. Kersting mochte ihn nicht, und er mochte Schliephakes Texte nicht.
Das lag wohl auch daran, dass sich Schliephake als Widerpart von Creyenveldt sah, dem Vater von Kerstings Frau. Schliephake verdächtigte Creyenveldt des ideologischen Revisionismus, was er freilich so direkt nicht aussprach, vielmehr hinter Andeutungen, Mutmaßungen und rhetorischen Fragen vorsichtig verbarg. Creyenveldt galt als Autorität, immer noch, allein seiner Biografie wegen, doch bot er auch Angriffsflächen, da ihm die in der DDR erzeugte Bildkunst, wie er gelegentlich äußerte, überwiegend missfiel.
Dass Kersting über van de Velde arbeitete, war weithin bekannt. Kersting hatte Aufsätze, Radiobeiträge und einen Fernsehfilm zum Thema publiziert. Schliephakes Buch kam völlig überraschend, und Rezensionen rühmten es alsbald als Standardwerk. Das Leipziger Verlagshaus, mit dem Kersting in Verhandlungen stand, kündigte den Vertrag und überwies ein Abstandshonorar.
Dies alles geschah, als sich Kersting auch sonst in allerlei Schwierigkeiten befand. Er hatte ein Verhältnis mit Gwendolyn begonnen, einer aufstrebenden Künstlerin, sie malte Bilder in der naiven Manier des Zöllners Rousseau und der Grandma Moses. Aus Neugier hatte er eine ihrer Verkaufsausstellungen besucht, in einer privaten Galerie, die aus drei großen Zimmern einer etwas muffigen Berliner Altbauwohnung am Prenzlauer Berg bestand. Der Galeriebesitzer lebte von Käufern, die reiche Ärzte und ausländische Diplomaten waren. Der Klatsch unterstellte ihm ein intimes Verhältnis mit der Staatssicherheitsbehörde.
Gwendolyns Bilder gefielen Kersting. Sie erinnerten ihn an frühere Arbeiten seines Vaters. Gwendolyn selbst war eine fleischige Person mit großen blauen Augen, dichten rotbraunen Locken und einem Gesicht voller Sommersprossen. Vor unstillbarem Hunger nach Zärtlichkeit schien sie zu beben. Sie hatte eine angenehm heisere Stimme und einen reizenden S-Fehler. Ihre Bewegungen waren von somnambuler Trägheit.
Kersting besuchte sie regelmäßig in ihrem Atelier. Er verbrachte Wochenenden mit ihr in abgelegenen Dorfgasthöfen der Mark Brandenburg. Einmal fuhr er mit ihr, da sie es so wünschte, an die herbstliche Küste der Ostsee. Drei Tage lang wohnten sie in einem Haus, das Creyenveldt gehörte und für das Kersting einen Schlüssel besaß. In der Nachbarschaft lebte eine neurotische junge Frau, die Kersting seit Jahren kannte.
Hinterher sagte er sich, es sei mehr als leichtsinnig gewesen, sich ausgerechnet hier aufzuhalten. Kerstings Frau Sonja erfuhr von Kerstings Besuch, und sie erfuhr von Kerstings Begleitung. Es kam zu langen peinigenden Auseinandersetzungen zwischen den beiden Eheleuten, bis Kersting entnervt die gemeinsame Wohnung verließ. Er suchte sich zwei Zimmer in einem alten Mietshaus hinter dem Oranienburger Tor. Er zog dort ein, mit drei Koffern, ein paar hundert Büchern und einem unfertigen Manuskript über den belgischen Jugendstilarchitekten Henry Clemens van de Velde.
Die Arbeiten daran kamen gut voran. Gwendolyn besuchte ihn, und er besuchte Gwendolyn. Mit Sonja telefonierte er, wenn es Probleme mit David gab, ihrem Sohn, dem die elterliche Trennung offenbar nicht bekam.
Irgendwann hatte Kerstings Verhältnis mit Gwendolyn seinen Höhepunkt überschritten. Gwendolyn interessierte sich inständig für Kerstings Arbeit über Henry van der Velde, obschon sie von belgischem oder europäischem Jugendstil nur wenig wusste und gar nichts verstand. Manchmal warf er ihr Heuchelei vor. Daraufhin brach sie in ein heiseres Schluchzen aus. Ihr weiches, nach erhitztem Eau de Cologne duftendes Fleisch begann ihn zu langweilen. Er überlegte, ob er die Sache mit Gwendolyn beenden und zu Sonja zurückkehren solle.
Da erfuhr er, dass Sonja ihrerseits eine Affäre hatte: mit Gleb Grigorjewitsch Surkow, einem Angehörigen der sowjetischen Botschaft Unter den Linden. Sonja hatte Surkow bei einem der Empfänge zum Jahrestag der Oktoberrevolution kennengelernt. Zu dieser Veranstaltung wurde sie regelmäßig eingeladen, gemeinsam mit Creyenveldt, ihrem Vater, und Kersting, ihrem Mann.
Surkow war ein drahtiger junger Mensch mit rosigem Bubengesicht unter einem schlohweißen Haarschopf. Sonjas Affäre mit ihm lief länger als Kerstings Affäre mit Gwendolyn, was Kersting erst bekannt wurde, als er aus der gemeinsamen Wohnung schon ausgezogen war. Die Mitteilung darüber, sie kam übrigens von Sonja, am Telefon, erbitterte ihn.
Bald darauf zog Gwendolyn es vor, zu ihrem Ehemann zurückzukehren. Dass sie verheiratet war, hatte Kersting erst erfahren, als sein Verhältnis mit ihr schon eine Weile lief, und auch da hatte er es bloß durch einen Zufall erfahren. Gwendolyns Ehemann lehrte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Gwendolyn hieß mit bürgerlichem Familiennamen Schliephake.
Die Beziehung zwischen Sonja und Gleb Grigorjewitsch Surkow ging dann gleichfalls zu Ende, denn es verstieß gegen alle Regeln, dass ein verheirateter sowjetischer Botschaftsrat ein Liebesverhältnis mit einer verheirateten deutschen Frau unterhielt, selbst wenn diese Frau in Moskau geboren war und besser Russisch sprach als Deutsch. Auch die Bedingungen unter dem neuen KPdSU-Generalsekretär Michail Sergejewitsch Gorbatschow änderten an den entsprechenden Vorschriften nichts, oder sie änderten nichts für die sowjetische Botschaft Unter den Linden. Gleb G. Surkow wurde aus Berlin abberufen und nach einem kurzen Zwischenaufenthalt im Moskauer Außenministerium versetzt an die Mission der Sowjetunion in Ulan Bator, Hauptstadt der Mongolischen Volksrepublik.
Sonja reagierte darauf mit einer schweren psychischen Erschütterung. Sie trank viel. Sie verzehrte unentwegt Beruhigungstabletten. Immer öfter hielt sie sich im Haus ihres Vaters an der Ostseeküste auf. Ihr Sohn David schien sie wenig zu interessieren, dafür begann sie einen innigen Umgang mit jener neurotischen Nachbarin, über die sie von Kerstings Affäre mit der Malerin Gwendolyn erfahren hatte.
Kersting telefonierte manchmal mit Sonja. Wenn sie sich in Berlin aufhielt, besuchte er sie, wobei es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen kam. Gelegentlich erhielt Kersting Besuch von seinem Sohn. David, einst ein sanfter und liebenswürdige Junge, hatte sich völlig verändert. Er wirkte abweisend und redete nicht viel. Meist verlangte er bloß nach Geld. Kersting schrieb ihm dann einen Scheck aus.
Als Kersting die Möglichkeit zu einem viermonatigen Arbeitsaufenthalt in Wien erhielt, empfand er das als einen erlösenden Ausweg.
10
Grotenweddingen lag vor dem Gebirge nordöstlich. Nach allen Eingemeindungen während anderthalb Jahrzehnten hatte es eine Gesamteinwohnerzahl von dreißigtausend und wucherte mit seinen Gebäuden in drei Täler hinein. Das Gebirge besaß aufgelassene Bergwerksschächte und Stollen. In den Bergwerken waren schon seit dem zehnten Jahrhundert Eisenerze gefördert worden. Reichsunmittelbare Aristokraten namens Botho, Albrecht und Ferdinand Ernst hatten sie verhütten lassen, bis der Betrieb nicht mehr rentabel war.
Schon im zweiten Jahr des durch Adolf Hitler begonnenen Weltkriegs wurde in ein paar dieser Schächte nahe Grotenweddingen auch der Förderbetrieb wieder aufgenommen. Ächzende Seilbahnen trugen das unverhüttete Erz über Biesenberg und Horstschanze bis zum Güterbahnhof, wo es krachend herabfiel in bereitgestellte Waggons. Die Seilbahn wurde durch eiserne Masten gestützt, in deren Gestängen zu klettern verboten war. Unter der Fahrstrecke drohte nach Auskünften der aufgestellten Warnschilder Steinschlag. Ungeachtet aller Warnungen und Verbote kletterten gerne Kinder in diese Masten hinein oder krochen, was gleichfalls untersagt war, in die verschütteten Einstiege von aufgelassenen Stollen.
Auch Jacob ging gerne dorthin, für eine Weile. Einmal kletterte er in einen der Masten hinein. Mit blanken Knien hing er in den höchsten Verstrebungen und legte prüfend die rechte Hand auf die Metallrollen, über die das Stahlseil mit den Förderkörben lief. Er wartete, bis einer von den Körben heran war, sammelte Nasenschleim in seinem Rachen und spie aus gespitzten Lippen auf die rötlich-grauen Erzbrocken, die der deutschen Kriegswirtschaft entgegenschaukelten. Er hatte danach immer noch genügend Feuchtigkeit im Munde und spie abermals, jetzt bloß aufs Gezweig einer Lärche, wo das hängen blieb, ein glitzernder Klumpen, den sich die Eichelhäher pflücken würden. Anschließend kletterte er wieder herunter.
Er stand vor einem Stolleneingang, der versperrt war mit zwei über Kreuz genagelten Brettern sowie einem Schild, das von drohendem Einsturz wusste. Jacob schob sich, wozu es wenig Mühe brauchte, unter den gekreuzten Brettern hindurch. Er fand sich wieder in einer Höhlung, die niedrig war und weiter ins Dunkel führte. Abgestützt war das seitlich mit Balken, auf denen als Abdeckung Bretter lagen, manche geborsten, womit sie Platz ließen für dürr und leichenblass herabhängende Wurzeln. Jacob kroch weiter. Er versuchte sich vorzustellen, wie früher Bergleute hier eingefahren waren, um Erz zu holen. Sie hatten sich ständig gebückt halten müssen oder waren kleinwüchsig gewesen, Zwerge, es gab Geschichten von Zwergen, die in der Gegend um Grotenweddingen spielten, wie auch Geschichten von Förstern, Riesen, Köhlern, Jägern, Hexen und Mönchen, alles gesammelt in dünnen hochformatigen Büchern mit Frakturbuchstaben.
Jacob las gerne darin. Er las die Geschichten zwei- und dreimal. Die ihm liebste erzählte vom Bergmönch. Der war ein ungeschlachter Kerl, Angehöriger des Zisterzienserklosters Biesenstein, das es längst nicht mehr gab, nicht einmal als Ruine und nicht wenigstens als Flurname, bloß als historische Erinnerung und als Schauplatz von Heimatsagen in dünnen großformatigen Büchern.
Der Mönch, stand zu lesen, hatte Schwierigkeiten mit dem Keuschheitsgelübde. Er war dem jungen Weib eines Handelskaufmanns aus Lüttgenweddingen hinterdrein. Die Frau wies ihn ab, voll flammender Empörung, die aber schwand mit der Zeit, bis sie ihn erhörte und ihm aufseufzend erlag. Heimlich traf sie sich mit ihm, in ihrem Haus, nächtens, wenn ihr Mann, der Händler, in Geschäften unterwegs war. Als Zeichen hatten die beiden vereinbart, dass er das Blöken eines Kalbes nachahmte, wenn er nahte, und sie, wenn sie ihn empfangen konnte, weil das Haus also leer war, ihm darauf antwortete mit dem imitierten Bellen eines Hundes. Eines Tages kehrte der Händler unvermutet früh zurück. Er fand sein Weib und den Mönch in unkeuscher Umarmung. Voller Zorn griff er sich eine Axt und erschlug den sündigen Gottesmann, sein Weib jagte er in den Wald. Den toten Kadaver trug er zu einem Bergwerksschacht und warf ihn in die Tiefe. Dort spukte seither der Mönch. Er irrte umher in Stollen und Sohlen, er schlug mit der Faust gegen Wände, dass Gestein und Erde abfiel und Glänzendes hervortrat, Katzensilber, Eisenerz und wirkliches Gold. Manchmal ließ er, nicht bloß in Nächten, sein Kalbsgeblök hören. Des Händlers Weib aber war zur Hexe geworden und suchte nach ihrem verschollenen Liebhaber, klägliches Hundegebell im Mund.
Jacob war weitergekrochen. Seine Augen gewöhnten sich an die Dämmerung. Er lauschte, ob irgendwo Kalbsgeblök war. Er gelangte zu einem aufgeschütteten Steinhaufen, wo noch zwei Zigarettenstummel lagen, eine verbeulte Büchsenmilchdose und ein schwarzbraun vertrockneter Haufen Exkrement, vom Mensch oder vom Tier. Statt Kalbsblöken hörte er ein Knirschen. Vielleicht reckte der Bergmönch soeben aufseufzend seine Glieder, vielleicht gab das morsche Stollenholz nach und würde demnächst einstürzen, wie schon das Verbotsschild vorm Eingang warnend sagte. Jacob kroch aus dem Stollendunkel zurück ans Licht.
Innerhalb bloß weniger Wochen schwoll die Schülerzahl am Fürst-Albrecht-Gymnasium in Grotenweddingen um mehr als ein Drittel, denn aus Großstädten wurden Kinder und Halbwüchsige verschickt, um sie vor feindlichen Luftangriffen zu bewahren. Schleunigst musste das Gymnasium für jeden Schülerjahrgang neue Klassen einrichten, und es ließ sich nicht umgehen, dass der Unterricht in Schichten ablief, mal früh zwischen sieben und zwölf, mal ab Mittag. Auch die Lehrer wechselten. Ältere Herren, alle schon pensioniert, wurden in den Schuldienst zurückgerufen, während Studienräte in den besten Jahren die steingraue Uniform überzogen und an den Fronten unschulischen Dienst taten.
Von Suderweg und Fürst-Albrecht-Straße führte zum Schulgebäude je ein schmaler Durchgang. An jenem zur Fürst-Albrecht-Straße lagen, von außen und innen erreichbar, die Schülertoiletten, mit scharfem Geruch nach Teer und vergammeltem Urin. Der Durchgang endete auf dem Hof und an einer Linde, vor deren Stamm ein Findling stand, grau und moosbewachsen und nach vorn hin mit einer Metallplakette, die das fürstlich-grotenweddingische Wappen trug. Das war auch an der Fassade des Rathauses verschiedentlich angebracht und zeigte einen schwarzen Hirsch in gelbem Feld.
Der Findling auf dem Schulhof des Fürst-Albrecht-Gymnasiums gab den Hintergrund her für die Zusammenkunft, bei der die Oberprimaner nach bestandener Abitur-Prüfung ihren zeremoniellen Abschied erhielten. Sie trugen dann am Revers ihrer Jacken einen Lorbeerzweig, von dem ein Stoffbändchen mit den fürstlichen Farben schwarz und gelb herabhing. Schüler der unteren Klassen standen in ehrfurchtsvollem Halbkreis. Der Direktor hielt seine Rede auf Latein, bei der er pathetisch die ohnehin fistelige Stimme anhob. Er war ein großgewachsener Mensch, mit dünnen weißen Haaren, er war Vollhumanist, aber Griechisch und Hebräisch wurden im Fürst-Albrecht-Gymnasium schon lange nicht mehr unterrichtet, zu seinem Kummer. Er trug meistens speckig glänzende Anzüge. Bei seinen Schülern hatte er den Spitznamen Jupiter tonans. Unter seinem Dirigat sangen zum Abschluss der Feier alle Versammelten gemeinsam das alte Studentenlied Gaudeamus igitur.
Neben Linde und Wappenstein führten steinerne Stufen hinan zum höher gelegenen Platz vor der evangelischen Martinskirche. Auf der anderen Seite des Treppchens stand efeuumwachsen das Gebäude, das der Pedell bewohnte und das zudem ausgestattet war mit einem freilich seit Längerem nicht mehr benutzten Karzer. Der Pedell war ein kahlköpfiger Mann mit einem riesigen Buckel. Sein Spitzname lautete Marabu. Er ging langsam und gravitätisch, silberne Taschenuhr in der Hand, von seinem Hause aus quer über den Schulhof bis zum Hintereingang des Gymnasiums, um dort die Glocke zu läuten. Damit begann die neue Unterrichtsstunde. An der Mauer des Hauses, wo Marabu, der Pedell, wohnte, hing in rostigen Halterungen eine hölzerne Feuerleiter.
Als Sextaner des Fürst-Albrecht-Gymnasiums saß Jacob in der Mittelreihe, zweite Bank, und war damit Banknachbar von Hans Dietrich Lehmann. Der wurde Ytsche gerufen, und Ytsche war für Kröte das ostfälische Wort. Ytsche Lehmann hatte braunes Haar, das sich kräuselte, und neigte zur Fettleibigkeit. Feistes weißes Fleisch wuchs aus Ytsche Lehmanns ledernen Hosenbeinen, und in die geöffneten Krägen von Ytsche Lehmanns rotkarierten Hemden hing schwammig Ytsche Lehmanns Doppelkinn.
Seinen Eltern gehörte die Firma Witold & Söhne, in der Langen Gasse, die gleich hinter dem Rathaus anfing und durchs älteste Grotenweddingen lief. Hier waren sämtliche Straßen eng, gekrümmt und dämmerig. Witold & Söhne verkauften aus Holz gefertigte Gegenstände, nämlich Möbel für Wohn- und Schlafzimmer, und außerdem Särge. Witold & Söhne, Inh. Dietrich Lehmann, führten jede dieser zwei grundverschiedenen Warenarten in jeweils einem eigenen Laden. Beide Geschäfte lagen nebeneinander auf der Langen Gasse und waren vom Hausinneren her über einen gemeinsamen Korridor zu erreichen.
Jacob ging manchmal zu den Lehmanns ins Haus. Er büffelte mit Ytsche Latein und Mathematik, worin Ytsche schwach war. Jacob sah sich das Haus und den Wirtschaftshof von Witold & Söhne an.
Möbel bezogen Witold & Söhne, sagte Ytsche, von entsprechenden Fabriken aus dem Hannoverschen. Särge wurden in eigener Tischlerei hergestellt, sah Jacob, auf Vorrat oder auch auf Bestellung. Die Werkstatt befand sich hinter dem Laden-, Büro- und Wohntrakt der Lehmanns in einem Wirtschaftshof, wo es außer einer Remise für Fahrzeuge noch einen Hühnerstall gab. Die Federtiere wurden tagsüber auf den Hof geschickt, scharrten nach Kerfen und rannten immer wieder durch die geöffnete Tür in die Werkstatt. Sie waren dort raschelnd zugange, sprangen auf die Ränder halbfertiger Sarghälften und setzten ihren Kot zwischen Hobelspäne. Unter denen, wusste Ytsche und zeigte es Jacob, wenn gerade niemand in der Nähe war, versteckte Männe Festerling seine Schnapsflaschen. Marianne Lehmann, Ytsches Mutter, war argwöhnisch Männe Festerlings lästerlichen Trinkgewohnheiten hinterdrein, sie sah auf Ordnung und hatte wohl recht damit.
Dabei roch man es Männe Festerling nicht an, dass er trank. An Männe Festerling hing ausschließlich der Geruch von Knochenleim, der in der Tischlerei als Inhalt eines großen schwarzen Eisenkübels auf dem Feuer stand, süßlich vor sich hinbrodelte und zähe honigfarbene Fäden zog. Außerdem tat Männe Festerling den Mund kaum auf. Er war gänzlich sprachbehindert. Er war dies nicht, weil er etwa taub gewesen wäre, er konnte hören und hörte ganz gut. Männe Festerling war von einer Lähmung betroffen, und die hatte außer seiner Sprechfähigkeit noch ein Augenlid, das rechte, das infolgedessen ständig herunterhing, und seinen rechten Mundwinkel heimgesucht. Der Mund stand ihm immer offen nach rechts hin und hing wie das Lid herab. Krumme Zähne mit bräunlichen Flecken wurden sichtbar hinter hellgrauen Lippen. Weißer Sabber rann Männe Festerling aus dem rechten Mundwinkel bis in die silbrigen Bartstoppeln, denn Männe Festerling rasierte sich nicht oft.
Männe Festerling, erfuhr Jacob, war im Alter von fünf Jahren von einem Hengst getreten worden, auf der Domäne Behncke, und liegen geblieben mit einer Öffnung im Schädel, wo sich blutig weiß etwas Hirn erkennen ließ. Der Schädel heilte wieder zu, aber seither humpelte Männe Festerling, hielt sich schief, und dazu, wie seine Eltern in der Landwirtschaft zu arbeiten, taugte er nun nicht mehr. Von allen seinen rechten Gliedmaßen waren Arm und Hand noch am besten zu gebrauchen, also lernte er in Behncke bei Dietrich Lehmann das Schreinern. Dietrich Lehmann nahm Männe Festerling mit nach Grotenweddingen in die Lange Gasse, als er Marianne Witold heiratete, oder vielmehr heiratete Marianne Witold Dietrich Lehmann, denn ihr Vater war ganz plötzlich am Schlaganfall gestorben, und die Sargtischlerei brauchte einen neuen Meister.
Das Möbelgeschäft wurde erst viel später eröffnet, weil irgendwann Marianne Lehmann der dauernde Umgang bloß mit Toten und Hinterbliebenen zu genierlich war. Da passte es gut, dass Möbelhändler Isidor Goldmann sein Geschäft aufgeben wollte, um aus Grotenweddingen überzusiedeln nach England. Er war schon mit einer kleinen finanziellen Abfindung zufrieden.
Marianne Lehmann, sah Jacob, war bei Witold & Söhne die unumstrittene Herrscherin. Alle mussten sich vor ihr ducken, sogar Dietrich Lehmann, der Meister, und natürlich Ytsche, der bloß das Kind war, und Männe Festerling sowieso.
Männe, trink dich nich!, rief Marianne Lehmann oder: Hasse wieder jetrunken, Männe!
Marianne Lehmann hatte eine scharfe Stimme, die sie aber auch zurücknehmen und weinerlich machen konnte, wenn Hinterbliebene auftraten, traurig waren und einen Sarg bestellten. Marianne Lehmann hatte böse schwarze Augen und trug an kurzen Knochen viel strammes Fleisch. Auf lauten hohen Hacken ging sie durch die raschelnden Hobelspäne der Tischlerwerkstatt, dass die Hühner aufstoben, und redete herrisch mit Männe Festerling.
Ick wer dich noch ma rausschmaaßn, Mann!
So was brachte Männe Festerling, konnte man seinem halbgelähmten Gesicht trauen, einen tödlichen Schrecken bei. Er senkte demütig den Kopf, dass ihm der Sabber statt in die Bartstoppeln auf den Werkstattboden lief, zwischen die Hobelspäne.
Außer dem Meister, der medizinisch beurkundet ein schwaches Herz hatte und tatsächlich manchmal blaurot anlief, war Männe Festerling der Einzige, der seit Vorkriegszeiten in der Sargwerkstatt von Witold & Söhne Arbeit tat. Drei Gesellen hatten Soldat werden müssen und dienten an verschiedenen Fronten. Einer war schon vermisst. In der Tischlerei arbeiteten zwei Leute, die Marianne Lehmann Pollacken nannte, obschon einer von ihnen aus Dänemark kam. Wenn Dietrich Lehmann den Zylinder aufsetzte und anschließend den schwarzen Transportwagen mit silbrigem Girlandenmuster aus der Remise holte, um dabei zu sein, wenn seine zwei Pollacken eine frische Leiche einsargten, war Männe Festerling der Einzige auf dem Hof, dem man etwas sagen konnte. Das, wenn er darüber nachgedacht hätte, musste Männe Festerling das Selbstbewusstsein kräftigen, aber hatte er darüber nachgedacht?
Dem Wirtschaftshof von Witold & Söhne schloss sich das Untersuchungsgefängnis an. Dessen Wand zum Hof hin hatte im ersten Stock mehrere Fenster, die sich im Sommer öffnen ließen. Hinter den Gittern waren Frauengesichter, denn der Trakt neben dem Hof von Witold & Söhne war ein reiner Frauentrakt. Er erregte Jacobs Neugierde. Während zweier Wochen im Juni wurde hinter einem der geöffneten Fenster ein weiblicher Untersuchungshäftling sichtbar, der flirrende schwarze Haare hatte, sehr weiße Zähne und einen großen goldenen Ohrring.
Eines Dienstagnachmittags gegen zwei humpelte Männe Festerling über den Hof. Ytsche Lehmann und Jacob saßen an einem Tisch in Ytsche Lehmanns Zimmer. Das Fenster war geöffnet und ging auf den Wirtschaftshof. Jacob konnte sehen, wie Männe Festerling eben mal eine sperrige Kiste mit Sargbeschlägen absetzte und seufzend die Arme lockerte.
Da war ein Pfiff. Jacob beugte sich vor. Die schwarzhaarige Person hinter dem Fenster im Untersuchungsgefängnis hatte die Lippen gespitzt und pfiff eine Terz. Do, mi, do. Auch Männe Festerling hörte hin. Er blickte hoch und erkannte im Fenster Umriss, Zähne und Ohrring. Die Person blies Zigarettenrauch durchs Gitter. Anschließend rief sie was Obszönes, das Jacob nicht verstand, aber Männe Festerling verstand es offenbar genau. Männe Festerling lallte ungläubig. Sabber fiel ihm aus dem Mundwinkel als langer weißer Faden. Die Person lachte und rief nochmals was Obszönes. Jacob hielt den Atem an. Männe Festerling bückte sich und nahm die Kiste auf, um sie ächzend in die Werkstatt zu schleppen.
Dietrich Lehmann hatte sich eben den Zylinder aufgesetzt und war mit dem Wagen und einem Sarg, Eiche dunkel, zum städtischen Krankenhaus gefahren. Die beiden Pollacken hatte er wie üblich mitgenommen. Die Lehmanns beschäftigten eine Wirtschafterin, von allen bloß Fräulein gerufen, also ohne Namenszusatz, eine weißhaarige Frau, die das Essen kochte, die Böden säuberte und das Geflügel versorgte. Diesen Nachmittag, hörte Jacob von Ytsche, lag Fräulein wegen Fieber und schwerer Erkältung im Bett. Jacob zeichnete für Ytsche mit Zirkel und Lineal ein rechtwinkeliges Dreieck nach vorgegebenen Seitenlängen.
Als er den Kopf hob, erkannte er durchs offene Fenster, wie Ytsches Mutter Marianne Lehmann hochhackig aus dem Büro heraustrat auf den Wirtschaftshof. Sie hielt eine weiße Emailschüssel im Arm, nahm daraus und warf Gerstenkörner unter die Hühner. Dann tat sie, leere Schüssel in der Hand, noch einen prüfenden Blick in die Werkstatt, wo Männe Festerling allein war.
Sie fand, was sie vermutlich erwartet hatte, und auch Jacob sah es jetzt, von seinem Platz hinter Ytsches Tisch und Fenster. Männe Festerling hatte eine Schnapsflasche an seinem schiefen Mund. Jacob hörte Marianne Lehmann schreien, dass Männe Festerling ein Lüdrian sei und sie ihn endgültig hinausschmeißen werde. Das hatte sie schon oft gerufen. Es war angesichts der allgemeinen Beschäftigungslage nicht ernst zu nehmen. Männe Festerling hätte seine Schnapsflasche einfach absetzen und zwischen die Hobelspäne in die Werkstattecke stellen sollen, wie sonst auch.
Männe Festerling tat das aber nicht. Jacob sah, wie Männe Festerling immer bloß weiter trank. Jacob hörte Marianne Lehmann rufen, dass Männe Festerling nichts wie eine Krücke wäre. Hässlich und schief. Das Saufen würde ihn noch hässlicher machen. Aus purem Mitleid würde Männe Festerling geduldet bei Witold & Söhne. Das sollte aber jetzt ein Ende haben.
Mit greller, in der Tonlage höher sich schraubender Stimme schrie Marianne Lehmann, und Jacob sah, wie dazu hohe Hacken das Pflaster des Wirtschaftshofes traten. Die Schüssel hielt Marianne Lehmann weiter in der Hand. Unter den Achseln der hellgrün schillernden Kunstseidenbluse, sah Jacob, standen schwarze Schweißflecke.
Männe Festerling sah es vielleicht auch. Männe Festerling setzte die inzwischen leergetrunkene Schnapsflasche ab. Er öffnete die Finger, dass die Flasche freikam und zwischen die Hobelspäne fiel. Sein Gesicht senkte er auch jetzt noch kein bisschen. Aus schiefem Mund würgte er Laute heraus, die am ehesten als Marianne zu verstehen waren, Vorname von Frau Lehmann.
Da war nun immer noch die Person mit schwarzem Haar, weißen Zähnen und goldnem Ohrring hinterm offenen Fenster des Frauentrakts. Ihre Zigarette hatte sie ausgeraucht. Mit höchstem Interesse schien sie zu beobachten, was unten im Wirtschaftshof geschah. Die Person gab ihr Missfallen an Marianne Lehmanns Handlungsweise, sie gab ihr Mitgefühl mit Männe Festerlings allgemeinem Schicksal in rohen Worten kund.
Männe Festerling sprang plötzlich Marianne Lehmann an. Er tat dies in der Art, wie große Wachhunde tun, und hatte tatsächlich in seinem Munde ein hündisches Geräusch. Jacob legte den Zirkel beiseite. Auch Ytsche Lehmann beugte sich vor. Die Frauensperson hinterm geöffneten Fenster des Untersuchungsgefängnisses klatschte in die Hände und schrie Beifall.
Marianne Lehmann hatte mit alledem nicht gerechnet. Sie ließ die leere Futterschüssel fallen und bewegte sich sonst nicht. Männe Festerling umschlang mit seinem rechten Arm Marianne Lehmanns Nacken und riss mit der linken Hand, die seine kräftige war, die Kunstseidenbluse herunter, dass der Stoff schrie. Unter der Bluse trug Marianne Lehmann weiße Unterwäsche.
Noch immer stand sie bewegungslos. Vielleicht war sie tief beeindruckt von Männe Festerlings Aufsässigkeit. Vielleicht genoss sie sogar, wie er stark war, ihre Bluse zerriss und als nächstes ihre weiße Unterwäsche zerreißen würde. Was Männe Festerling wollte, war wohl offensichtlich, jedenfalls für Marianne Lehmann, und vielleicht hätte sie, verheiratet mit einem Mann, der bei Herzanfällen immer blaurot anlief, es sogar geduldet, wenn nicht heller Nachmittag gewesen wäre, wenn nicht Ytsche, ihr Sohn, und dessen Schulkamerad Jacob hinterm offenen Fenster gesessen hätten und zugesehen, wenn nicht die ordinäre Frauensperson aus dem Untersuchungsgefängnis die Geschehnisse verfolgt hätte, wobei sie auch immer noch Männe Festerling anfeuerte mit lauten Worten.
Marianne Lehmann stemmte sich gegen Männe Festerlings rechten Arm. Sie lief dunkelrot an im Gesicht vor vieler Anstrengung. Sie benutzte den schließlich entstehenden Abstand, dass sie Männe Festerling mit dem hochhackigen Schuh in die Leiste trat. Männe Festerling grunzte schmerzlich, ließ die Arme sinken und torkelte zurück in die Werkstatt. Marianne Lehmann, Fetzen ihrer Bluse in der Hand, rannte ins Haus. Die leere Futterschüssel blieb auf dem Hofpflaster. Die Weibsperson im Frauengefängnis schickte Marianne Lehmann außer Gelächter noch Schmähungen hinterdrein.
Als Nächstes verschloss Männe Festerling das Werkstatttor. Jacob konnte hören, wie Marianne Lehmann im Nebenzimmer das Telefon betätigte, um nach der Polizei zu rufen. Eher als ein Gendarm erschien Dietrich Lehmann mit Zylinder, schwarzem Lieferwagen und zwei Pollacken. Marianne Lehmann hatte sich eine andere Bluse übergezogen und ging wieder hinaus auf den Hof. Jacob konnte sehen, wie Marianne Lehmann offenbar Bericht gab, wozu sie weinerlich ihre Schultern zucken ließ. An eine Vollendung des rechtwinkeligen Dreiecks war nicht mehr zu denken. Auch Ytsche Lehmann zeigte sich an den Ereignissen auf dem Hof deutlich interessiert.
Jacob sah, wie Dietrich Lehmann erst mal den Zylinder absetzte und sich mit dem Handrücken über die Stirnglatze strich. Dietrich Lehmann schüttelte ungläubig den Kopf. Er ging zwischen den pickenden Hühnern schräg über den Hof bis zum Werkstatttor. Er versuchte es zu öffnen, was ihm aber nicht gelang. Das Tor war von innen verriegelt. Anzunehmen, dass Männe Festerling es zusätzlich blockiert hatte, mit Holzböcken oder Fichtenbrettern.
Männe, mach dich auf! rief Herr Lehmann, zweimal, und als nichts erfolgte, rief er: Nu mach dich man! Auch das bewirkte nichts. Herr Lehmann musste schließlich seine zwei Pollacken zu Hilfe rufen, und selbst die hatten um die zehn Minuten zu tun.
Längst hatte es auch Jacob und Ytsche Lehmann nicht mehr gehalten an ihrem Tisch in Ytsche Lehmanns Zimmer. Bloß erst zur Hälfte vollendet blieb das rechtwinkelige Dreieck auf rosigem Millimeterpapier. Spätestens als die zwei Pollacken eine Brechstange heranschafften, unter Dietrich Lehmanns sachkundiger Anleitung, liefen Jacob und Ytsche Lehmann quer über den Wirtschaftshof, dass die Hühner auseinanderstoben. Weder Dietrich Lehmann noch Marianne Lehmann noch die beiden Pollacken achteten auf die zwei Jungen. Die Pollacken waren vollauf damit beschäftigt, ihre Brechstange anzusetzen, um sich dann sofort mit ihrem Körpergewicht dagegen zu werfen, unter Dietrich Lehmanns Kommando.
Die Tür brach auf. Holz splitterte, Metall sprang auf Stein. Fichtenbretter, von innen gegen die Klinke geklemmt, fielen krachend heraus, auf das Pflaster und zwischen die Hühner. Dietrich Lehmann, Marianne Lehmann und die beiden Pollacken traten in die Werkstatt. Ytsche Lehmann und Jacob waren ihnen hinterdrein.
Jacob konnte nur einen Blick tun, dann wurde ihm gleich übel. Er musste sich umdrehen und die Werkstatt verlassen. Ytsche Lehmann hielt bedeutend länger aus. Was er sehen konnte, kaum verdeckt durch die Beine seiner Eltern und die der beiden Pollacken, war aber dies:
Männe Festerling lag im Unterteil eines Sargs aus ungebeizter Fichte. Neben seiner rechten Hüfte lag die leere Schnapsflasche. Mit einem Rasiermesser hatte er sich die Gurgel durchgeschnitten. Es musste als sonderbar gelten, dass Männe Festerling ein Rasiermesser bei sich führte, da er so selten seine Bartstoppeln abnahm.
Die Hand mit dem Messer lag ihm mitten auf der Brust. Der Kopf mit der halb durchgeschnittenen Gurgel war etwas zur Seite gerollt. Das Blut stand als dicke Pfütze auf dem Sargboden. Sie würde sich später entfernen und der verbliebene Fleck mit dunkelbrauner Beize zudecken lassen.
Nach einer Weile stellte sich eine weiße Leghornhenne auf den Rand des Sargunterteils und blickte aus schräggestelltem Hühnerkopf ungläubig herab auf Männe Festerlings Hand mit dem blutbeschmierten Rasiermesser. Da wurde es dann auch Ytsche Lehmann übel, so wie vorher Jacob, der inzwischen längst draußen in der Sonne stand und nach Atem japste.
Die Tischlerwerkstatt von Witold & Söhne würde in der Folgezeit bloß noch mit den zwei Pollacken auskommen müssen, und das war bei diesem gesamten Vorfall vielleicht das Allerärgste.
11
Josef Hoffmann also. Anfangs wusste Kersting von ihm kaum mehr als das, was in Nachschlagewerken über die Kunst der Jahrhundertwende zu lesen war: Josef Hoffmann, Wiener Baumeister und Designkünstler, hatte den Jugendstil seines bedeutenden Lehrers Otto Wagner gleichermaßen fortgesetzt wie modernisiert, wobei er eine Vorliebe für das regelmäßige Viereck entwickelte, was ihm den Spitznamen Quadratl-Hoffmann eintrug.
Bei näherer Beschäftigung erschien er immer eindrucksvoller. Seine Produktivität war überwältigend. Die von ihm ausgehenden Einflüsse erreichten noch den auffolgenden Konstruktivismus, Charles Édouard Jeanneret-Gris, bekannter als Le Corbusier, erklärte nachdrücklich, wie sehr er sich in der direkten Nachfolge Josef Hoffmans sah. Hoffmanns Arbeiten waren entschieden eigenwilliger als die van de Veldes. Kersting meinte, es sei vielleicht ein Glücksfall, dass er sich statt mit dem belgischen mit dem Wiener Stilkünstler zu beschäftigen habe. Die erste Anregung dazu war durch seinen Leipziger Verleger erfolgt.
Josef Hoffmann wurde 1870 im südwestmährischen Pirnitz oder Brtnice geboren, einer Kleinstadt nahe Iglau oder Jihlava, achtzig Kilometer von Brünn entfernt und zweihundert Kilometer entfernt von Wien. Aus der gleichen Landschaft kamen noch andere Vertreter der damaligen Architekturmoderne, so Hoffmanns späterer Intimfeind Adolf Loos. Hoffmann besuchte eine Privatschule und danach, übrigens zusammen mit Loos, das Gymnasium. Er litt an auffälliger Gedächtnisschwäche. Die fünfte Gymnasialklasse musste er wiederholen und wurde selbst danach nicht versetzt, was er lebenslang als eine gesellschaftliche Schande empfand. Gemeinsam mit einem Freund, dem Sohn des Ortsbaumeisters, suchte er Baustellen auf und half dort aus. Auf diesem Wege fand er zu seinem Beruf. Er durchlief eine höhere Gewerbeschule und lernte ab 1882 bei Otto Wagner in Wien, wo auch Adolf Loos studierte.
Die stille Zähigkeit, mit der Hoffmann seinen Aufstieg betrieb, aller sozialen und intellektuellen Behinderung zum Trotz, begann Kersting zu beeindrucken. Vielleicht war hier nicht bloß eine ästhetische Leistung zu beschreiben. Vielleicht gab es hier eine Übereinstimmung zwischen Geist und Charakter. Natürlich wusste Kersting, dass, wer ein gutes Kunstwerk erschaffe, nicht auch ein guter Mensch sein müsse. Creyenveldt, sein Lehrer und Vater seiner Frau Sonja, spottete darüber in seinen Vorlesungen, er nannte es einen ebenso populären wie fundamentalen Irrtum, der für die bildenden Künste noch weniger zutreffe als für Musik oder Dichtung. Möglicherweise gab es Ausnahmen. Möglicherweise war Josef Hoffman diese Ausnahme.
Schon in Berlin, also noch vor seinem Aufbruch nach Wien, hatte Kersting sich vorgenommen, eine wichtige und grundlegende, eine vielleicht Aufsehen machende Arbeit zu verfassen. Jetzt sah er dazu die Chance. Er wusste zugleich, dass es seine letzte war.
12
Im Frühherbst 1943 war es bei Henselers Motorenwerken am Stadtrand von Grotenweddingen zu Störungen gekommen. Manche Werkstücke erwiesen sich nach der Auslieferung als plötzlich unbrauchbar. Robert war laut Personalakte ein ehemals eingeschriebener Kommunist.
Eines sehr frühen Morgens, nämlich vier Stunden nach Mitternacht und zum Ende der Spätschicht, standen am Haupttor von Henselers Motorenwerken zwei Männer mit ölig glänzenden schwarzen Ledermänteln am Leibe und dunkelgrauen Filzhüten auf dem Kopf. In dem mehrere hundert Menschen starken Strome derer, die von der Spätschicht kamen und die jeder ihre Karten in die schnarrende Stechuhr steckten, wurde ihnen sofort und ohne alle Schwierigkeit Roberts Person auffällig. Der seinerseits, als sie auf ihn zutraten, kannte die Männer überhaupt nicht. Einer der beiden zeigte seine Ausweiskarte vor. Der andere umfasste Roberts rechten Oberarm und forderte zu unauffälligem Mitkommen auf. Am Straßenrand wartete ein schwarzer Personenkraftwagen der sächsischen Automobilmarke Wanderer. Die Scheinwerfer waren ihm wie vorgeschrieben mit einem Überzug aus schwarzem Kunstleder verdeckt, bloß ein schmaler Spalt gab etwas Licht frei, entsprechend den allgemeinen Verdunkelungsvorschriften für den Luftschutz.
Jacob, als er an diesem Morgen erwachte, fand Robert nicht vor. Das erschien ihm auffällig, beunruhigte ihn aber nicht, da sich so etwas auch schon früher ereignet hatte, in wenigen Einzelfällen, für die es hinterher aus Roberts Mund eine Erklärung gab, die mit der Arbeit befasst war, also mit Schwierigkeiten in den Produktionsanlagen von Henselers Motorenwerken.
Jacob ging zur Schule, wie er gewöhnlich tat. Er kehrte am Mittag zurück und fand nirgends ein Anzeichen, Robert habe sich zwischendurch in der Wohnung aufgehalten. Weiterhin fühlte Jacob keinerlei Unruhe. Er versah die aufgetragenen Schularbeiten in Mathematik, Latein und Geografie. Am Abend gab es immer noch kein Zeichen von Robert. Jetzt begann Jacob Unruhe zu fühlen. Er schlief trotzdem in der Nacht. Er wachte auf bei einem Fliegeralarm, kleidete sich an, trug einen Koffer in den Luftschutzraum und wartete, dass die Sirenen zur Entwarnung heulten. Der Fliegeralarm dauerte gerade bloß eine halbe Stunde.
Als er morgens nach dem Aufwachen immer noch nichts von Robert vorfand, überfiel ihn Unruhe. Er ging wieder zur Schule. Nach der ersten großen Pause ließ er die folgenden Unterrichtsstunden aus und ging stattdessen, hastig und atemlos, vom Fürst-Albrecht-Gymnasium fort über Sudergasse, Bahnhofstraße und Adolf-Hitler-Straße bis zu Henselers Motorenfabrik.
Das Eingangstor war ein zurückgenommenes hellgraues Stahlgitter. Die Aufschrift darüber bestand aus zusammengeschweißten Metallstangen. Die Spitze der herabgelassenen Holzschranke, lackiert in den Farben rot und weiß, zeigte genau auf die Tür eines aus Klinkern gemauerten Häuschens. Der Werkschutzmann trug eine schwarze Uniform. Er hatte bloß einen Arm, den linken, sein rechter Ärmel steckte lose in der Uniformjackentasche. Der Mann lehnte mit steifem Rücken an der Holzschranke und rauchte eine Zigarette. Er beugte sich lächelnd zu Jacob herab und vernahm Jacobs Frage. Er warf seine Zigarette auf den Boden, zertrat sie und begab sich in das Klinkerhaus. Jacob konnte durchs Fenster erkennen, wie der Werkschutzmann mit seiner verbliebenen linken Hand den Telefonhörer abhob und beiseite legte, eine Nummer wählte, den Hörer wieder aufnahm und jetzt ans Ohr hielt. Jacob sah den Mund des Werkschutzmannes reden. Zu verstehen war wegen der Glasscheibe kein Wort. Der Mann nickte zuerst, schüttelte dann zweimal den Kopf, dabei war es, als ob sein Gesicht gefriere. Er legte den Telefonhörer zurück in die Gabel. Jetzt öffnete er bloß das Fenster, beugte sich vor und sagte, Robert halte sich im Betrieb nicht auf, mehr könne hier nicht geäußert werden. Dem Mann war nicht anzumerken, ob er den verängstigten Jungen vor seinem Fenster bedauerte.
Jacob nickte. So viel begriff er: dass etwas Besonderes passiert war. Er konnte sich nicht vorstellen, was genau es war. Er ging langsam von dem Werktor wieder fort, in die Adolf-Hitler-Straße hinein, also direkt in Richtung auf das Fürst-Albrecht-Gymnasium, und erst als er das Sudertor schon sah, hinter den Bäumen der städtischen Badeanstalt, entschied er sich anders und ging lieber sofort in die Wohnung.
Er setzte sich in die Küche. Er drehte das Radio an, wo gerade ein bekanntes Lied gespielt wurde, Antje, hörst du nicht von ferne das Schifferklavier. Er schaltete das Radio wieder ab. Er wartete eine Stunde. Wenn draußen auf dem Hausflur hörbar eine Tür bewegt wurde, überfielen ihn Hoffnung und Erwartung glühheiß wie ein Fieberstoß. Er rannte zum Wohnungseingang und öffnete. Er wollte sehen, atemlos, wie Robert käme. Er wollte ihm entgegenrennen, er wollte sich an Roberts Leib klammern und alle Angst und Unruhe aus sich herausschreien. Er erblickte einmal eine dicke Frau, die japsend, das prall gepackte Einkaufsnetz in der Hand, die Treppe hinanstieg, wobei sie nach jedem zweiten Schritt innehielt. Er erblickte einmal die Briefträgerin, die gerade in ihrer Umhängetasche wühlte und etwas in den Postschlitz der Nachbarwohnung steckte. Die übrigen Male sah er niemanden. Da war es vielleicht überhaupt bloß eine Täuschung gewesen.
Zwischendurch zwang er sich vorzustellen, wie es wäre, wenn Robert niemals wiederkäme, weil Robert vielleicht tot war. Er dachte Wörter wie Internat und Waisenhaus. Er merkte nicht, wie ihm dabei die Tränen übers Gesicht liefen. Unterdessen war Mittag geworden, er holte sein Fahrrad aus dem Keller und fuhr zu seinem Schulfreund Ytsche Lehmann. Die Angst machte, zusammen mit der Anstrengung, dass ihm Kehle und Gaumen dröge wurden, auf der Zunge hatte er einen Geschmack, als lecke er Staub.
In der Langen Gasse stieg er von seinem Rad. Fräulein stand in der Küche, nickte ihm mürrisch zu und hantierte dann wieder an ihrem Küchenherd, auf dem mittäglicher Eintopf brodelte. Jacob fing plötzlich zu weinen an, Marianne Lehmann musste zahlreiche zerhackte Wörter aus ihm herausfragen und nahm ihn zum Trösten in die Arme, was er sich fast ohne Widerstreben gefallen ließ. Er fühlte sich bedrängt von sehr viel weichem Fleisch, das nach Schweiß und Lavendel roch.
Anschließend sorgte Marianne Lehmann dafür, dass er von den Birnen mit Räucherfleisch und Kartoffeln aß, die Fräulein in reichlicher Menge aufgetragen hatte. Nu iss dich man, sagte sie, und Jacob aß und wurde tatsächlich ruhiger. Danach stieg er wieder auf sein Fahrrad. Als er heimkam, traf er, womit er fast nicht mehr gerechnet hatte, Robert im Badezimmer. Robert rasierte sich einen zwei Tage alten Bart und hatte entzündete Augen. Er lachte etwas, als er Jacob sah. Er wischte sich Seifenschaum vom Gesicht und sagte, es sei alles in Ordnung.
13
Die meisten der in Ost-Berlin verhafteten jungen Leute seien wieder frei und ausgereist nach Westdeutschland. Ein paar von ihnen weigerten sich allerdings, den dazu erforderlichen Ausreiseantrag zu stellen. Mitteilungen solcher Art, als Schlagzeile von Zeitungen, die in Kiosken der Inneren Stadt auslagen, erreichten Kersting in einem überwiegend mit Empfindungen der Taubheit und der Euphorie besetzten Zustand.
Seine augenblickliche Erlebniswelt konnte er sich mit den Namen und Verläufen von Straßen im achten Wiener Gemeindebezirk umreißen, der den Namen Josefstadt trug und westlich der Ringstraße lag. Das Studentenhotel, in dem Kersting wohnte, stand an der Pfeilgasse. Sie durchquerte die Josefstadt in ihrer fast gesamten Ausdehnung. Als bauliche Sonderbarkeit gab es eine mehr als mannshohe Mauer, die zwischen Lerchen- und Tigergasse die Pfeilgasse gleichsam auseinanderschnitt und dadurch unpassierbar machte. Kersting musste an Berlin denken, wo es Straßen solcher Art seit dem Jahre 1961 in beträchtlicher Anzahl gab. In der Pfeilgasse war die Mauer eine weitgehend zweckfreie Einrichtung oder bloß gemacht, dass Kersting die Stadt seines Herkommens keinesfalls vergaß.
Er konnte eine Treppe benutzen, um aus seiner Wohnung ins Erdgeschoss zu gelangen, oder den Lift. Die Treppe begann unmittelbar neben seiner Wohnungstür. Die Stufen bestanden aus grauweißem Kunststein. Auf dem Wege zum Lift ging er an der stets offen stehenden Tür einer Teeküche vorbei. Hier begegnete er immer wieder dem jungen Mann mit den etwas ungelenken Bewegungen. Sie nickten einander zu. Beim dritten Treffen grüßte der andere Kersting hörbar mit dessen Namen. Kersting wollte stehen bleiben, sich umwenden und fragen, wieso sein Name bekannt sei. Dann erinnerte er sich, dass seit dem Datum seiner Anreise an seiner Wohnungstür seine Visitenkarte klebte. Er sah, wie der andere durch eine Tür ging, die sich nur zwei Türen entfernt von der seinen befand.
14
Eines der beiden Lichtspieltheater von Grotenweddingen trug den Namen Corso. Jacob war damals völlig versessen auf Kino und Filme. Er besuchte das Corso nach fast jedem Programmwechsel, das war ein- oder zweimal die Woche. Er setzte sich in die Nachmittagsvorstellungen. Der Zuschauerraum war selten voll besetzt. Auch die übrigen Zuschauer waren meistens Kinder, immer vorausgesetzt, die gezeigten Filme waren jugendfrei. Die Vorstellungen begannen mit Reklame-Dias und Musik von Schallplatten. Die Dias warben außer für Dörings Eisdiele und das Ausflugslokal Kranichhorst im Nöschental für die nächsten drei oder vier dem Programm zugedachten Spielfilme. Manchmal wurde, unter der Überschrift Pst! Feind hört mit!, vor unvorsichtigem Gerede gewarnt, wobei sich von links unten nach rechts oben ein bedrohlicher Männerschatten über die Leinwand legte. Die Schallplattenmusik wurde schließlich abgebrochen. Ein dreifacher Gong ertönte, das Licht erlosch vollends, und das eigentliche Filmprogramm fing an.
Jacob liebte diese Augenblicke und genoss sie sehr. Dabei waren die Kulturfilme immer langweilig. Die Deutsche Wochenschau fing damit an, dass hinter dem majestätisch gereckten Reichsadler zu dröhnender Musik ein Strahlenkranz in Bewegung geriet. Darauf folgten Aufnahmen von der Ostfront. Jacob in seinem Plüschsitz stemmte gelangweilt einen Fuß gegen eine Stuhllehne der Vorderreihe und kaute ein gelbes Karamellbonbon.
Er betrat das Corso nie durch den Vordereingang. Viele der gezeigten Filme waren nicht zugelassen für Jugendliche unter vierzehn. Frau Zinke, die Besitzerin und eine grämliche Person, achtete streng darauf, dass an niemanden, der unter vierzehn war oder doch so aussah, eine Eintrittskarte verkauft würde. Sie hatte Angst vor Kontrollen und davor, dass sie wegen minderjähriger Besucher in Erwachsenenfilmen irgend Ärger bekam.
Frau Zinkes Tochter Geesche war ein Jahr jünger als Jacob und Ytsche Lehmann. Meistens spielte sie mit ihren schmuddeligen Puppen im halbdunklen Hof des Hauses Lange Gasse neun und war damit vollauf zufrieden. Manchmal hatte sie Lust auf Filme mit Wolf Albach-Retty und Siegfried Breuer, der einen dämonischen Schnurrbart trug. Geesche wusste, wie sie über den Hof des Corso-Gebäudes durch einen Hintereingang ins Kino kommen konnte. Der Hintereingang blieb immer abgeschlossen, auf Anweisung von Frau Zinke. Geesche wusste, wo ihre Mutter den Schlüssel versteckte. Geesche nahm sich heimlich den Schlüssel und gab ihn an Jacob und Ytsche Lehmann heraus.
Noch lieber ging sie selber mit ins Corso. Sie öffnete behutsam die Hintertür. Dort fing eine Treppe an, die, an der Vorführkabine vorbei, zunächst auf den Rang führte, wo der dunkelrote Logensesselplüsch schwach nach Mottenpulver roch. Vom Rang lief eine andere Treppe hinunter ins Parkett. Die Hintertür wurde am besten geöffnet unmittelbar nach Beginn der Reklame-Dia-Schau. Frau Zinke war da vollauf mit dem Projektor beschäftigt.
Geesche ermöglichte Jacob und Ytsche den heimlichen Weg ins Filmtheater Corso und verlangte dafür entsprechend Tribut. Geesche wollte zum Beispiel, dass Jacob sich neben sie legte, unter einen mit Dachpappe gedeckten Schuppen im Hof des Hauses Lange Gasse neun, wo immer ein scharfer Geruch nach Holzschutzmitteln hing. In dem Schuppen stand neben einem alten Leiterwagen und verschiedenem Metallgerät ein aus Matratzen und alten Sofadecken hergerichtetes Bett, das sich Geesche gemacht hatte, für ihre schmuddeligen Puppen und für Jacob. Sie wollte, dass der neben ihr auf dem Bett liegende Jacob die Augen schloss und seinen Mund drückte auf ihren, der fast immer verschmiert war von Süßigkeiten, am liebsten Kunsthonig und Schokolade. Nicht bloß deswegen ekelte sich Jacob und weigerte sich, Geesches Forderungen zu erfüllen. Ytsche Lehmann, der Geesche schon lange kannte, war neidisch auf Jacob gerade deswegen. Jacob wusste das. Ytsche hatte es ihm gestanden, mit hochrotem Gesicht. Geesche machte sich lustig über Ytsche, sie nannte ihn fett und schwabbelig, was Ytsche zu schaffen machte und dazu führte, dass er immer noch hündischer wurde zu Geesche und immer noch neidischer auf Jacob.
Geesche ging mit Jacob ins Filmtheater Corso zu einer Nachmittagsvorstellung des Veit-Harlan-Films Jud Süß, der sogar für Jugendliche unter achtzehn Jahren verboten war. Über die Entschädigung, die sie verlangte, verlor Geesche kein Wort. Jacob hatte ihr vorher bloß versprechen müssen, dass er eine Belohnung geben müsse, was es auch sei. Jacob fürchtete, dass sie vielleicht beträchtlich ausfiele, aber er war enorm neugierig auf diesen Film, über den alle Welt redete, und wollte ihn unbedingt sehen.
Jud Süß erzählte von einem Menschen namens Oppenheimer im achtzehnten Jahrhundert. Ein fetter Herzog schickte nach dem jungen Mann, der in einer engen Gasse mit sonderbaren Leuten lebte. Er hatte eine fransigen Kinnbart und komische Löckchen direkt neben den Augen. Oppenheimer verwandelte sich dann in einen eleganten Menschen und fuhr in einer Kutsche nach Stuttgart. Unterwegs begegnete ihm Kristina Söderbaum. Am Stuttgarter Hof regelte Oppenheimer die Finanzen, worunter viele Leute leiden mussten. Oppenheimers Berater hieß Levy und war ziemlich mies. Oppenheimer ließ einen Schmied vertreiben, der nicht zahlen konnte. Aus irgendeinem Grund war er hinter Kristina Söderbaum her und feierte tolle Feste. Kristina Söderbaum ging ins Wasser, denn um ihren Verlobten aus dem Gefängnis zu holen, hatte sie sich vorher eingelassen mit Oppenheimer. Die Sache endete damit, dass der fette Herzog tot war und Oppenheimer in einem Eisenkäfig auf einen hohen Galgen gezogen wurde, wozu er laut jammerte. Viele Leute sahen ihm zu und johlten. Der Boden des Käfigs ging auf, heraus baumelten Oppenheimers nackte Füße, und Schneeflocken fielen, denn es war Winter. Jemand sagte dazu, die Juden wären ein Unglück und man sollte sie vertreiben.
Jacob fand, dass Kristina Söderbaum doof war und ihr Wassertod völlig in Ordnung. Es gab viele ekelhafte Leute, die überhaupt keine Juden waren, zum Beispiel Jungzugführer Rohwedder. Jacob konnte sich unter Juden nicht viel vorstellen. Er hatte noch nie jemanden getroffen, von dem er wusste, dass er Jude war.
Zwei Tage später wollte Geesche ihren Lohn für den Besuch von Jud Süß. Jacob musste sie in ihrem Schuppen besuchen. Geesche grinste. Schmatzend aß sie von einer Nougatstange, an ihren Mundwinkeln klebte hellbraune Süßigkeit. Sie stellte sich vor Jacob und legte ihm einen Arm um den Hals, zugleich griff sie mit der anderen Hand in die rechte Beinöffnung seiner kurzen Hose. Jacob verkrampfte sich. Geesche sagte: Hab dich man nich. Dazu versprühte sie süße Speicheltröpfchen, da sie immer noch Nougat kaute. Sie sagte dann, wenn sich Jacob jetzt weigere, also die versprochene Belohnung nicht liefere, sei es für alle Zeiten vorbei mit Besuchen im Corso durch die Hintertür. Dann zog sie ihre Hand aus Jacobs Hosenbein heraus und packte Jacobs Linke, die sie unter ihr Kleid schob und hinter den Gummizug ihres Schlüpfers bis zwischen ihre Beine. Jacob fühlte schlaffe Haut, eine Vertiefung und etwas Feuchtigkeit. Er wusste nicht, was mit seiner Hand tun. Mach dich schon, keuchte Geesche. Dazu presste sie ihre Schenkel zusammen und rutschte auf Jacobs Hand hin und her. Jacob wollte die Hand fortnehmen und unterließ es. Mach dich was, keuchte Geesche und schloss die Augen. Wortlos keuchte sie weiter, bis vor ihren halboffenen Lippen hellbrauner Nougatspeichel zu Schaum wurde. Jacob fürchtete, Geesche könne auch noch verlangen, dass er seinen Mund auf ihren legte, er drehte den Kopf beiseite und entdeckte, dass hinter dem Schuppenfenster ein Kopf war. Ytsche Lehmann sah Jacob und Geesche zu und war hochrot im Gesicht vor Neid.
15
In einem Ausstellungskatalog, über dem er im Lesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek saß, fand Kersting eine Fotoaufnahme von Josef Hoffmann. Das Profilbildnis eines älteren Menschen, mit Zwicker, über den kahlen Schädel graue Haarsträhnen gelegt, der Kopf schob sich herrisch nach vorn. Dass er einmal unter Gedächtnisschwäche und schulischem Versagen gelitten hatte, war dem offenkundigen Selbstbewusstsein dieses Mannes nicht anzumerken.
Kersting verglich die Aufnahme mit anderen Porträts. Auf einer En-face-Aufnahme von 1903 trug Hoffmann einen gezwirbelten Schnurrbart. Eine von der Zeitschrift Ver sacrum gedruckte Karikatur zeigte, dass er einen Kopf größer war als sein gleichfalls abgebildeter Gefährte Koloman Moser. Er sei, las Kersting in einem Begleittext, von krankhafter Berührungsscheu gewesen gegenüber Menschen, deren Hände ihm missfielen.
Man sieht, dass es unsere erste Pflicht wäre, mit ehernen Zungen gegen alles Halbe und Erlogene zu kämpfen, gegen die Affenbrut zu wettern und ein heiliges Feuer der Reinigung zu entzünden, hellauflodernd bis zum Himmel.
Ein Hoffmann-Satz. Kersting las ihn in einem Text von 1901, der Einfache Möbel hieß. Heilige Feuer waren eine schreckliche Metapher, und wie sich eine eherne Zunge zum Kampfinstrument eignen sollte, entzog sich aller Vorstellung. Josef Hoffmann war ein miserabler Autor. Muss jemand ein guter Autor sein, wenn er ein außergewöhnlicher Architekt ist? Dieser Satz stand in einem Essay von Moritz Ginsberg, einem laut Autorenvermerk an der Universität Chicago lehrenden Kunsthistoriker, der manchmal auch als Morris E. Ginsberg auftrat.
Eine Arbeit Josef Hoffmanns war das Grabencafé. Lange Zeit eine beliebte Adresse, existierte es nicht mehr, bloß die unmittelbar daneben gelegene Konfiserie, auch eine Hoffmann-Arbeit, gab es noch. Kersting stand vor dem Schaufenster. In den Auslagen sah er bunte Schokoladenwaren. Im Halbdunkel dahinter war die Verkaufstheke. Eine Frau im Nerzmantel redete mit einer devot lächelnden Verkäuferin. Zwei ständig nickende Frauenköpfe. Die Frau im Nerzmantel gestikulierte. An ihren Fingern blitzten Brillanten.
Das Österreichische Museum für angewandte Kunst befand sich an der Ringstraße, neben dem Stadtpark mit seinem pompösen Johann-Strauß-Denkmal, dessen Kopie Kersting, am ersten Tag seines Wien-Aufenthalts und mit Blick von der Marienbrücke, auf dem Deck eines Vergnügungsdampfers gesehen hatte. Das Gebäude des Museums war verbunden mit dem der Hochschule für angewandte Kunst. Josef Hoffmann hatte dort ab 1912 ein eigenes Atelier besessen. Das Museum zeigte eine ständige Ausstellung mit Produkten der Wiener Werkstätte: Vasen, Möbelstücke, Buchbinderisches, Schmuck, Geschirr, Silberbestecke, von Moser, Olbrich, Hoffmann, Löffler, Powolny, Prutscher. Aus der Nähe besehen wurden Unterschiede, auch Schwankungen auffällig. Bei Hoffmann gab es neben Arbeiten von äußerster Prägnanz ebenso Dinge mit Linienführungen von süßer Beliebigkeit.
War das erstaunlich? Damals lebten sie alle in einer von Marasmen völlig befallenen Welt. Wien war zu Tode ermattet. Leben geschah bloß noch irgendwie, durch Routine, Müdigkeit, Achselzucken, Schlamperei, durch patriotische Beschwörungen, durch den Dunst der Kaffeehäuser und gelegentlich durch polizeilichen Zugriff. Kersting fühlte sich an die Sowjetunion erinnert. Er verbot es sich, über diese Parallele weiter nachzudenken.
Die Hohe Warte, im frühen 19. Jahrhundert ein Ausflugslokal, lag auf einer Anhöhe über dem westlichen Donauufer, mit Blick auf den Wienerwald. Hoffmann hatte wiederholt hier gebaut. Er hatte drei Villen entworfen für die Steinfeldgasse, zehn Jahre später baute er gleich nebenan die große Villa für den Bauunternehmer Eduard Ast und entwarf acht Häuser für eine geplante Künstlerkolonie am Kaasgraben. Kersting fuhr mit der Bahn bis zur Station Heiligenstadt. Er sah, dass es bei den meisten Hoffmann-Bauten die ursprünglichen Fassungen nicht mehr gab. Schneeregen fiel. Er hatte keinen Schirm bei sich. Bald war er durchnässt und fröstelte. Er verfertigte Fotoaufnahmen von den Kaasgrabenhäusern und bemerkte, dass sie sich von anderen Architekturen der Jahrhundertwende kaum unterschieden. Noch am ehesten unverändert zeigte sich die Villa von Eduard Ast. Als sich Kersting mit seinem Fotoapparat dem Gebäude näherte, schlug ein Hund an.
Der Schneeregen fiel unentwegt. Das Wasser lief ihm aus den Haaren über die Stirn und den Nacken. Er ging hastig zurück zur Bahnstation und kam dabei an einem Straßenschild vorbei mit dem Namen des Kardinals Innitzer. Das war jener Kirchenfürst, der 1938 den deutschen Einmarsch in Wien willkommen geheißen hatte, mit zum Hitlergruß erhobenem Arm.
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Jacob war ein magerer Junge von elf Jahren, der sich nicht sehr gerade hielt. Er ließ sich sein Haar wachsen, über die als ideal vorgegebene Streichholzlänge hinaus. Die Strähnen rutschten ihm übers Ohr. Beim Schreiben, wenn er den Kopf senkte, fielen sie ihm in die Stirn und bis über die Augen. Er warf dann in einer Bewegung, die irgendwie aufsässig wirkte, den Kopf zurück und mit ihm die Strähnen.
Ytsche Lehmann trug seine Haare weiterhin kurz. Er hatte sich entschlossen, seine gesamte Zuneigung dem deutschen Führer Adolf Hitler zu schenken. Jacob hätte vielleicht gut daran getan, völlig unauffällig zu bleiben, wegen Robert, der zwar nach drei Tagen aus dem Gewahrsam der Geheimen Staatspolizei von Grotenweddingen wieder freigekommen war, deren allgemeiner Aufmerksamkeit aber auch weiterhin unterstellt blieb. Dies äußerte sich zum Beispiel darin, dass in unregelmäßigen Abständen, meistens an Sonntagvormittagen, ein älterer Beamter in Zivil an Roberts Wohnungstür klingelte und Robert zu sprechen wünschte.
Er hatte eine Glatze mit weißem Haarkranz. Die Haut über seinen Wangenknochen war durchzogen von sichtbaren roten Äderchen. Sein rechtes Bein war steif. Der unregelmäßige Rhythmus seines Ganges war schon von Ferne wahrzunehmen, als Bewegung einer Silhouette, dann auch als Geräusch. Der Mann trug meistens einen grauen Mantel und einen dunkelblauen Wollschal.
Wenn Jacob ihm die Tür öffnete, lächelte er, streckte dann seine Hand aus und tätschelte Jacobs Kopf. Die Hand war dicklich, trocken und weiß. Der Mann strich Jacob die langen Haare aus der Stirn und sagte dazu im Tone freundlicher Missbilligung: Na, na. Er roch nach dem Rauch schwerer Zigarren. Ohne den Mantel abzulegen, ging er in die Wohnung hinein, deren Anlage und Türen er von Anfang an genau zu kennen schien. Er schloss sich mit Robert in ein Zimmer ein, und Jacob hörte ihre Stimmen. Robert lachte manchmal. Der Mann lachte niemals. Seine Besuche dauerten mindestens eine halbe Stunde. Ehe er die Wohnung verließ, strich er nochmals Jacob die Haare aus der Stirn und sagte wieder: Na, na. Jacob, obwohl er nicht hätte sagen können wieso, ekelte sich vor dieser Berührung.
Jacob sah sich jetzt veranlasst, den sogenannten Dienst in Adolf Hitlers Jungvolk ernster zu nehmen als bisher. Robert, der auch jetzt noch keine Hakenkreuzfahne vors Fenster setzte, schien dies betreffend etwas anderer Auffassung, sagte aber nichts. Hinter dem Stadtrand von Grotenweddingen mit Schlachthof und Henselers Wohnbauten, in Richtung auf die Domäne Behncke, befand sich der Galgenberg, dessen Westhang in ein hügeliges Gelände auslief, mit Viehkoppeln, Getreidefeldern und einer Waldung. Hier probierte die Jungvolk-Einheit, der Jacob ebenso angehörte wie Ytsche Lehmann, jene vorgeschriebene kämpferische Übung, die den Namen Geländespiel trug.
Die Schar der hieran Beteiligten wurde zunächst geordnet. Auf dem Platz neben dem Grotenweddinger Schlachthof standen dreißig Jungen in braunen Hemden und schwarzen Hosen militärisch aufgestellt. Sie hörten auf die bellenden Kommandosprüche von Jungzugführer Rohwedder, während im Schlachthof die angelieferten Schweine schrien, aus begründeter Angst vor Bolzen, Tod und Weiterverarbeitung zu Wurst- und Schnitzelfleisch. Jungzugführer Rohwedder trug zum Zeichen seiner Würde vor der Brust eine geflochtene grüne Kordel. Er besuchte im Fürst-Albrecht-Gymnasium die Obertertia.
Die Masse der Angetretenen war zu teilen nach Heerhaufen. Armbinden verschiedener Färbung wurden ausgegeben. In getrennten Blöcken erfolgte Abmarsch der Heerhaufen in Richtung Galgenberg und Domäne Behncke, wobei im Gleichschritt Lieder zu singen waren, Es zittern die morschen Knochen und Unsre Fahne flattert uns voran. Angelangt am westlichen Abhang des Galgenbergs, wo Hain- und Rotbuchen wuchsen neben vereinzelten Lärchen, mussten die Angehörigen der beiden Heerhaufen alsbald einander feindlich sein. Sie sollten sich belauern. Sie sollten sich hassen. Sie mussten einander verfolgen und übereinander herfallen, sich gegenseitig zu Boden zerren und ihre nach Knabenschweiß stinkenden halbwüchsigen Leiber durchs raschelnde Vorjahrslaub wälzen. Nackte Knabenknie setzten sich auf des Gegenüber Schultern. Blut quoll dick und dunkelrot aus knäbischen Nasenlöchern. Hämatome blühten blaugrün auf Rippen und Schläfen.
Zum Zeichen des Sieges war dem Unterlegenen die Armbinde abzunehmen. Der Sieger hob die Hand mit dem erbeuteten Stoffstück über den Kopf. Der Gedemütigte führte für den Rest des Geschehens eine Geisterexistenz. Unbeachtet, auch sich selber verächtlich, lief er auf dem Gelände umher und fand sich zusammen mit seinesgleichen. Die genaue Menge der von einer einzelnen Partei eingeholten Armbinden wurde hernach durch Zählung ermittelt und der Heerhaufen mit der größeren Beute zum Sieger erklärt. Der versammelte Jungzug marschierte zurück zum Schlachthof und wurde von Zugführer Rohwedder mit mehrfachen Sieg-Heil-Rufen entlassen.
Jacob hasste solche Spiele. Es war ihm widerlich, schweißglitschige Nacken und Arme anzufassen und ihnen Gewalt anzutun. Er wusste nicht, wieso er jemandem eine farbige Binde vom rechten Ärmel reißen und hinterher Triumph empfinden sollte. Er hasste es, sich mit Ytsche Lehmann auf dem Boden zu wälzen, bloß um zu sehen, dass Ytsche Lehmann, fett wie er war, auch über die größeren Kräfte verfügte. Ytsche Lehmanns feistes Gesäß auf dem Brustkorb, den schweißglänzenden und triumphierend grinsenden Ytsche-Lehmann-Kopf unmittelbar über sich, wurde Jacob von einem Gefühl grenzenloser Ohnmacht erfasst, dessentwegen er nicht bloß Ytsche Lehmann hasste, sondern außerdem Jungzugführer Rohwedder und das gesamte Deutsche Jungvolk.
Er suchte nach Möglichkeiten, den sinnlosen Prügeleien von Jungzugführer Rohwedders Geländespielen zu entgehen. Man konnte nach dem Kommando Ausschwärmen den Ort des voraussichtlichen Kampfgeschehens verlassen. Man konnte sich hinhocken hinter dem schützenden Stamm einer ausgewachsenen Rotbuche und mit dem Taschenmesser aus daumendicken Weidenzweigen Pfeifchen schnitzen. Wenn der Lärm schließlich nachließ und das Kampfende damit vorgegeben war, wenn Jungzugführer Rohwedder zum Sammeln pfiff auf seiner schwarzen Trillerpfeife, deren Geräusch viel schriller und hässlicher klang als das der selbstgeschnitzten Weidenpfeifchen, konnte man wie zufällig wieder auftauchen zwischen den Lärchenstämmen. Man konnte ein Stück Stoff vorweisen, vorsorglich mitgebracht von daheim, in einer der zwei üblicherweise verwendeten Farben.
So was ging eine Weile ganz gut, bis ausgerechnet Ytsche Lehmann, der in Mathematik so schlecht war, dass er von Jacob darin Nachhilfe bekam, die Entdeckung machte und es auch laut vortrug, da seien mehr Armbinden im Umlauf, als das Geländespiel Teilnehmer habe. Zugführer Rohwedder ließ sofort zweimal nachzählen. Hinterher empörte er sich über das schmähliche Verhalten von mindestens einem, der es nicht wert sei, den Ehrentitel Pimpf zu tragen. Jacob hatte den Eindruck, Ytsche Lehmann blicke bei Zugführer Rohwedders Rede mit hämischem Grinsen hin zu ihm, Jacob.
Beim nächsten Geländespiel waren Ytsche Lehmann und Jacob in derselben Partei. Beim darauffolgenden Geländespiel wieder. Zwei weitere Spiele fielen aus, weil jedes Mal zum Zeitpunkt des Dienstbeginns rechtzeitig die Sirenen heulten und Fliegeralarm war. Das folgende Geländespiel fand an einem Mittwoch statt.
Kein Fliegeralarm war. Auch kein Regen fiel, der sie statt zum Galgenberg ins Lüttgenweddinger Schützenhaus geschickt hätte, damit sie dort Lieder übten und Geschichten hörten, von heldischen deutschen Panzerfahrern, Kampffliegern und U-Boot-Kapitänen. Beim Abmarsch vom Platz neben dem Schlachthof waren Ytsche Lehmann und Jacob diesmal jeder in einer anderen Partei. Nach dem Kommando Ausschwärmen rannte Jacob den Nordhang des Galgenbergs hinab, während der befohlene Kampf hauptsächlich auf der Bergkuppe ausgetragen wurde und auf dem Westhang.
Nach einer Weile hörte Jacob hinter sich Geräusch. Er blieb stehen. Er duckte sich ins Untergehölz, das ziemlich dicht war und aus verkrüppelten Lärchen, Eichenschösslingen und Farnwedeln bestand. Er entdeckte Ytsche Lehmann, der suchend herumlief zwischen den Stämmen und den Mund halb offen hielt vor Anstrengung oder Begierde. Ytsche Lehmann wollte unwürdiges Verhalten aufspüren. Ytsche Lehmann wollte nach Jacob suchen.
Jacob meinte Ytsche Lehmann keuchen zu hören. Er duckte sich tiefer und kroch bis zu einer Hainbuche. Er sah, dass der Stamm zur hangabweisenden Seite, zwischen zwei dicken Wurzelsträngen, eine Höhlung aufwies. Alle Wälder im Gebirge wurden die letzten Jahre mehr und mehr heimgesucht durch Schädlinge, vor allem den Raupen von Blastophagus piniperda und Ips typographus.
Die Höhlung war groß. Sie war groß genug, dass Jacob hineinkriechen und sich im Bauminneren aufrichten konnte. Hier herrschte Dämmerung. Es roch intensiv nach Nässe und fauligem Holz. Morsches rieselte herab, auf Jacobs Haare und hinein in den Kragen von Jacobs Hemd. Jacob hörte Ytsches Schritte kommen und sich wieder entfernen. Draußen war dann bloß noch schläfriges Grillengezirp.
Jacob fand, er habe ein feines Versteck gefunden, das sich vielleicht auch anderweitig nutzen ließ, unabhängig von Jungzugführer Rohwedders Geländespielen. Jacob hockte sich hin. Er saß auf weichen bröselnden Spänen, wo, ließ sich denken, Maden wimmelten und große rötliche Waldameisen ihre weißen Larven schleppten. Die Vorstellung von glatten oder haarigen Kerbtieren ekelte Jacob überhaupt nicht. Es mochte sein, dass die Insekten alkaloide Gifte verspritzten oder die Mikroben, die das Holz fraßen, Säfte abließen, die den Nerven von höherentwickelten Säugern Lähmung beibrachten. Jacob schien, als erstürben ihm allmählich die Glieder. Die Öffnung, durch die er gekrochen war, hatte sich geschlossen.
Dunkelheit herrschte jetzt, wie in irgendeinem der abgetäuften Stollen am Biesenberg. Jacob hatte kein Licht bei sich. Wo aber eines hernehmen? Da griff Angst nach seiner Gurgel, kalt und wie eine unsichtbare Hand, weil aus dieser Dunkelheit womöglich nie mehr ein Entkommen war. Zu seiner Erleichterung sah er in der Ferne ein Licht. Es kam rasch näher und war beim Näherkommen nichts anderes als eine Lampe, die jemand trug, nämlich ein riesiger Kerl, mit einer Bergmannskappe auf dem Schädel und am Leib eine stumpfschwarze härene Kutte. Er sah aus wie eine der Sagenfiguren, von denen Jacob gelesen hatte und die hier in der Gegend zu Hause waren, Hexen und Riesen und Teufel und Zwerge.
Der Kerl sah aus wie der Bergmönch und war es wohl auch. Der Kerl hob die linke Hand und redete: Lat dik man. Da fiel ihm offenbar ein, dass Jacob zwar gebürtig war aus dem niederdeutschen Lübeck, aber aufgewachsen in Chemnitz, wo die Leute mitteldeutsch, besser obersächsisch sprachen, weswegen sich Jacob immer noch schwertat mit ostfälischem Platt. Der Kerl sagte also: Lass dich man. Sagte: Des jeht sich schon in Ordnung. Ich will dich schon immer mal helfen. Musste dich nu nich Angst haben. Hierauf fiel er doch wieder in die angestammte Redeweise zurück, denn er schloss: Do buten is all öwer, min Kind. Daraufhin schlug er mit der linken Faust gegen die Wand, dass sie sich augenblicklich auftat und es blendend hell wurde, aber die Blendung geschah nicht durch Gold und Silber, sondern durch Tageslicht, da ja die Wand auch keine richtige Stollenwand war, sondern bloß die verbliebene Hülle einer durch Würmer und Mikroben gründlich zerfressenen Hainbuche. Jacob kroch also wieder hinaus. Er blinzelte, richtete sich auf zwischen den Wurzeln und schüttelte sich bräunliches Buchenholzmehl von den Schultern. Er hörte das Signal von Jungzugführer Rohwedders Trillerpfeife, mit der das Geländespiel beendet wurde.
Er begab sich zum ausgemachten Treffpunkt, auf der Kuppel des Galgenbergs. Dort trafen jetzt auch die anderen ein und taten ihre erbeuteten Armbinden auf den Boden. Die wollte jetzt aber niemand zählen, denn es war ein Unglück geschehen, Jungzugführer Rohwedder zeigte sich deswegen ziemlich nervös. Einer der Jungen hatte sich das Bein gebrochen. Im Augenblick lag er zwischen den abgelegten Armbinden, das rechte Bein oberhalb des Knies komisch abgespreizt und mit blauroter Verfärbung unter der Haut. Er wimmerte bei jedem Atemzug und wälzte wimmernd den Kopf hin und her.
Jungzugführer Rohwedder musste nach einem Krankenwagen schicken. Es brauchte fast eine halbe Stunde, ehe zwei weibliche Sanitäter kamen und eine Trage mitbrachten. Der Kranke wurde angehoben und verfiel vorübergehend vom Wimmern ins Schreien. Vier Pimpfe fassten die Trage, unter Jungzugführer Rohwedders schneidiger Anleitung. Der Transport verlief den Westhang des Galgenbergs hinab bis zu einem wartenden Krankenwagen. Die Trage wurde hineingeschoben. Die beiden weiblichen Sanitäter stiegen zu. Der Wagen fuhr an. Die Pimpfe standen hinterm Wegrand und sahen, wie die Räder beim Fortfahren trockenen Lehm aufwirbelten.
Jungzugführer Rohwedder wischte sich mit dem linken Handrücken Nässe von der Stirn. Er ließ dann antreten und beauftragte Jacob, über den Unfall bei der Familie des Kranken Meldung zu machen. Der wimmernde Pimpf mit dem gebrochenen rechten Bein war Ytsche Lehmann.
Eine Woche nach seinem Unfall wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Er ging dann wieder zur Schule. Sein rechtes Bein lag in Gips, er benutzte, um sich fortzubewegen, zwei hölzerne Krücken, die ihm vermutlich sein Vater getischlert hatte oder einer der beiden Pollacken bei Witold & Söhne. Ytsche Lehmann wurde durch die ihm auferlegte Bewegungsarmut mit den Wochen noch fetter. Jacob musste ihm vorübergehend in allen Fächern Nachhilfe geben, wegen der durch den Krankenhausaufenthalt entstandenen Lücken.
Als schließlich der Gips herunter kam, erwies sich, dass Ytsche Lehmanns Fraktur glatt verheilt war und das Röntgenbild beinahe ideale Kontur zeigte. Nur sein rechtes Bein war jetzt kürzer als das linke und sollte das bleiben. Nie mehr würde Ytsche Lehmann auf dem Galgenberg teilnehmen können an Geländespielen unter Jungzugführer Rohwedders Kommando. Er würde stattdessen Aufnahme finden in Adolf Hitlers Grotenweddinger Jungvolk-Fähnlein fünf, mit Stellort Otto-Ernst-Platz, im oberen Teil von Lüttgenweddingen.
Fähnlein fünf verfügte über einen Spielmannszug, Fanfaren und Trommeln. Ytsche Lehmann wurde einer von den Trommlern, obwohl er nicht besonders musikalisch war und vorher noch nie ein Instrument gespielt hatte. Verbissen brachte er sich jetzt das Trommeln bei. Zum Dienst hängte er sich eine der mit schwarzen und weißen Rauten bemalten Landsknechtstrommeln vor den Leib. Er wirbelte beidhändig kunstvoll die Schlägel durch die Luft, ehe er sie niederprasseln ließ aufs gespannte Kalbfell. Die Fanfarenbläser stemmten ihre linke Hand in die Hüfte, setzten mit der rechten Hand ihr Instrument an die Lippen und ließen grelle Terzen vernehmen. So was konnte im Stehen betrieben werden oder beim Marschieren. Dass sich Ytsche Lehmann neuerdings etwas unregelmäßig bewegte, war wegen der das Ausschreiten behindernden Landsknechtstrommel kaum zu erkennen. Jacob hasste die Fanfaren und Trommeln. Er hasste sie wie die Geländespiele am Galgenberg.
Schon ein paar Tage nach jenem Geländespiel, bei dem sich Ytsche Lehmann das rechte Bein gebrochen hatte, war Jacob nochmals und allein auf den Galgenberg gegangen. Er hatte die hohle Hainbuche nicht wiedergefunden. Er hatte an sämtlichen Hängen des Galgenbergs gesucht und sich jeden einzelnen Baum besehen, der eine entsprechende Größe besaß. Es war nirgendwo zwischen den Wurzeln eine Höhlung gewesen. Jacob hatte es vorher unterlassen, den hohlen Baum wenigstens zu kennzeichnen, damit er ihn wiederfinden könne.
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Der junge Mensch mit den etwas ungelenken Bewegungen hieß Josef Kerschbaumer. Eines Spätnachmittags klopfte er an Kerstings Tür. Es war das erste Mal, dass Kersting Besuch erhielt. Er dachte daran, dass er seit Tagen immer bloß mit Angehörigen des Dienstleistungsgewerbes geredet hatte, in wissenschaftlichen oder gastronomischen Einrichtungen, ein Zustand, der allmählich zu Erstarrung und Deformation führen musste.
Kerschbaumers eigenes Zimmer war eine mönchische Zelle, ungeeignet für fast alle Handlungen außer jenen des Schlafens, des Lernens und der katholischen Meditation. Sein Name, sagte Kerschbaumer, sei nicht jüdischen Ursprungs, auch wenn er deutschen Ohren so klingen mochte, vielmehr seien die Kerschbaumers in Tirol häufig anzutreffen unter christlichen Bergbauern und Dorfhandwerkern, obschon er selber, Josef, jüdische Vorfahren habe, aber nicht von Seiten der Kerschbaumers, seiner Mutter, sondern jenen seines leiblichen Vaters, der einfach bloß Mayer geheißen habe, mit Vornamen allerdings Isaac.
Dies erzählte er mit leiser Stimme und in einer zögernden Redeweise. Kersting konnte erkennen, dass der zweifelsfrei oberdeutsche Akzent Kerschbaumers jedenfalls nicht übereinstimmte mit dem, den er sonst in Wien vernahm. Josef Kerschbaumer war aus Innsbruck gebürtig. Er entstammte einer höchst bürgerlichen Familie, war aber ein uneheliches Kind, und das schien im Lande Tirol, wo auch heute noch, wie Kerschbaumer sagte, die heilige Madonna mit dem Schützengewehr regierte und man ebenso fromm wie unduldsam und drakonisch war, einen geradezu unverzeihlichen Makel zu bedeuten bis noch ins dritte Glied.
Die Umstände seiner Biografie gestand Kerschbaumer nicht bei der ersten Begegnung. Kersting erfuhr sie später. An manchen Abenden suchten sie einander auf, um zu reden. Zumeist fanden solche Begegnungen bei Kersting statt, der in seinen zwei Zimmern über genügend Platz verfügte und wo er reichlich gekaufte Zeitschriften, entliehene Bücher, fotokopierte Texte und beschriftete Karteikarten verstreute, was den Eindruck einer etwas fahrigen Gelehrsamkeit erzeugte. Immerhin wollte er eine Monografie verfassen über einen bedeutenden Architekten und Formgestalter der klassischen Moderne.
Kerschbaumer fand erstaunlich, dass jemand von so weit her anreiste, um sich ausgerechnet einem solchen Vorhaben zu widmen. Kersting erkannte, dass er unter den anderen Bewohnern des Studentenhotels zu einer allseits umrätselten Person geworden war. Die nackten Tatsachen seiner Herkunft waren seit dem Abend seiner Anmeldung im Hause bekannt.
Den ersten gemeinsamen Abend verbrachten Kersting und Kerschbaumer bei einem Essen in der Strozzigasse, in einem Gasthaus, das einen eindeutig tschechischen Namen trug und dessen hervorgehobene Spezialitäten solche der andalusischen Küche waren. Fischsuppen, Oktopus, Paella, der Wein kam aus Tarragona. Josef Kerschbaumer hatte Kersting hierher geführt. Er hatte eine Weile in Spanien und Portugal gelebt, um sich in den dortigen Sprachen zu üben.
Es war ein Tag unter der Woche. Das Gasthaus blieb wenig besucht, bis auf einen Tisch mit lauter lustig lärmenden Männern. Sie tranken viel Wein, Bier und Obstler. Zu vorgerückter Stunde begannen sie heimische Lieder zu singen, I bin halt a echts Weaner Kind und Versaufts mei Gwand i komm in Himmel. Ihre Fröhlichkeit war so beeindruckend, dass Kerschbaumer den Kellner fragte, wer diese Herren denn seien. Der Kellner vergewisserte sich durch Blicke rückwärts, dass niemand sonst ihm zuhörte, und teilte mit, dass dies der Stammtisch der Wiener Leichenbestatter sei.
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Der Dienst beim Deutschen Jungvolk von Grotenweddingen fiel immer öfter aus, was keinesfalls an Jungvolkführer Rohwedders nachlassender Begeisterung für Geländespiele lag. Der Schulunterricht am Fürst-Albrecht-Gymnasium musste jetzt in drei Schichten ablaufen. Jacob hatte es einfach, für seine Abwesenheit bei den verschiedenen Zusammenkünften am Schlachthof eine Begründung vorzutragen, die mochte zutreffen oder nicht.
In Italien tobte die Schlacht um Monte Cassino. Die Titelseite des Grotenweddinger Intelligenzblatts war von den entsprechenden Nachrichten voll. Das auf der anderen Seite des Martinsplatzes gelegene Fürstin-Wilhelmina-Lyzeum für die höheren Töchter von Grotenweddingen wurde in ein Kriegslazarett verwandelt. Die Mädchen sollten in den Räumen des Fürst-Albrecht-Gymnasiums noch zusätzlich unterrichtet werden, was auch geschah. Der Karzer im Haus des Pedells diente inzwischen als Raum für die Biologiestunden von Quarta und Tertia.
Jacob ging vom Unterricht fort. Quer über den Schulhof, das Treppchen hinan, also an der Linde vorüber und dem Felsbrocken mit Plakette und Wappen der Fürsten von Grotenweddingen. Im Garten des Pedells flogen die Immen. Die Rosskastanienbäume auf dem Martinskirchhof standen in Blüte. Jacob ging bis zum Gebäude des Fürstin-Wilhelmina-Lyzeums, dessen Mauern gelbe Backsteine waren. Vor dem Hintereingang stand ein junger Mensch in Leutnantsuniform, unter den Achseln zwei Krücken. Sein linkes Hosenbein war zusammengefaltet und mittels einer schwarzen Sicherheitsnadel unterhalb des Beinstumpfs fixiert. Der Leutnant lachte Jacob flüchtig zu, drehte sich dann zum Hof hin und humpelte Richtung Schultor davon.
Auf der Fürstin-Wilhelmina-Straße stand das Pferdefuhrwerk von Findeisen. Der Gaul fraß Futter aus einem umgehängten Leinenbeutel, dazu pisste er laut und ausführlich auf die Kopfsteine aus Blaubasalt. Die Pisse floss in schrägen Bahnen zum Rinnstein hin. Die Kohlensäcke wurden Dr. med. F. W. Lippe-Günther, Facharzt für Inneres, alle Kassen, ins Haus getragen durch zwei ukrainische Fremdarbeiter. Aus einem geöffneten Fenster im Haus von Dr. Lippe-Günther wehte der Geruch gerösteter Zwiebeln.
Jacob trödelte über die Nöschenbachbrücke und dann weiter auf die Thomas-Hagenow-Straße zu, die besonders steil verlief. Die Villen, die hier standen, wurden meistens von Walter Henselers Ingenieuren bewohnt.
Die Thomas-Hagenow-Straße hörte an zwei Metallpfählen auf. Dahinter begann mit Haselgesträuch und Brennnesselstauden der Forst. Zwischen dem Unterholz verlief ein krummer glitschiger Trampelpfad. Es roch nach Exkrement dort, was vielleicht verursacht wurde durch Stinkmorcheln. Jacob bewegte sich vorsichtig, damit er seine bloßen Beine nicht an den Nesseln versengte.
Der Trampelpfad mündete in Hochwald. Grotenweddingen lag von hier aus im Tale tief unten. Jacob ließ seinen Schulranzen vom Rücken rutschen, bis die Riemen in den Beugen seiner angewinkelten Arme hingen. Wo der Hochwald endete, gab es eine Bergwiese, auf der an anderen Tagen Rinderherden aus Lüttgenweddingen weideten und ihre Kuhschellen hören ließen. Heute gab es hier bloß uralte Kotfladen, die zu grünbrauner Kruste verdorrten und ausführlich Platz boten für Viehbremsen.
Jacob dachte an ein Gedicht, das er im Deutsch-Unterricht hatte lernen müssen bei Jupiter tonans. Frühling lässt sein blaues Band. Hier waren blau nur die Leberblümchen. Bänder gab es aus silbrigem Stanniol, das von feindlichen Flugzeugen abgeworfen wurde, um die deutsche Flugabwehr zu täuschen. Früher hatten die Kinder von Grotenweddingen solche Streifen aufgelesen und gesammelt. Inzwischen lag das bloß noch herum, denn es fiel immer wieder und in Massen. Jupiter tonans unterrichtete außer Latein auch Deutsch, weil am Fürst-Albrecht-Gymnasium Lehrermangel herrschte.
Jacob setzte sich auf einen kleinen Erdhügel direkt am Waldrand. Er warf seinen Schulranzen ins Gras und drückte die Verschlussfeder. Schatten fiel zitterig über Jacobs nackte Beine von den Fichten. Jacob nahm sein restliches Frühstücksbrot heraus, das schon angetrocknet war. Unten in Grotenweddingen läuteten die Mittagsglocken. Das Frühstücksbrot war mit Margarine und Landleberwurst bestrichen, die leicht ranzig schmeckte.
Jemand stand jetzt neben Jacob. Er legte Jacob die Hand auf die Schulter. Jacob bemerkte als Erstes, dass kein zusätzlicher Schatten fiel auf seine nackten Beine.
Er drehte den Kopf zur Seite. Er sah einen Stoffsaum, hären, und wusste sofort Bescheid, obwohl er den Stoff schwarz statt weiß in Erinnerung hatte.
Jacob schluckte Brocken von Frühstücksbrot aus seinem Mund. Er sagte dann: Na?
Min Kind, sagte der. Als würde er erst mal wieder ostfälisch reden wollen, was ihm gar nicht übelzunehmen war, da er schließlich aus dieser Gegend stammte.
Er redete dann doch lieber, wie schon beim ersten Mal, bloß mit ostfälischen Akzenten. Jacob hatte viel mehr als beim ersten Mal Gelegenheit, auf die Stimme zu achten. Es war eine helle Stimme. Eine Alt-Männer-Stimme. So wie die Stimme von Jupiter tonans, bloß dass Jupiter tonans nicht ostfälisch sprach, denn er kam aus Stuttgart in Württemberg, wo sie Jud Süß aufgehängt hatten, in einem Käfig. Jetzt zitierte jener aus der Offenbarung Johannis, wobei, dass er immer noch wie Jupiter tonans, der Lehrer, redete, diesmal völlig in Ordnung ging.
Et vidi, cum aperuisset sigillum sextum, et terraemotus factus est magnus, et sol factus est niger tamquam saccus cilicinus: et luna tota facta est sicut sanguis.
Weil nicht damit zu rechnen war, dass Jacob alles verstand, trotz sechs Stunden Latein die Schulwoche bei Jupiter tonans, dem Lehrer, aber der unterrichtete das silberne Latein Ciceros und Caesars, nicht das der Vulgata des Heiligen Hieronymus, wurde Jacob anschließend mit dem deutschen Texte versorgt.
Und ich sah: Als es das sechste Siegel auftat, da geschah ein großes Erdbeben, und die Sonne wurde finster wie ein schwarzer Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut.
Da war wieder, inmitten des feierlichen Wortlauts, der deutliche Klang von ostfälischen Vokalen.
Un’t entstünn Dunner un Larm und Blitzen un Irdbewen. Sagte jener und fügte hinzu, als müsse er aus dem Platt übersetzen ins Vulgata-Latein: Et accepit angelus thuribulum et implevit illud de igne altaris et misit in terram. Dies war dann vom vorigen die Übersetzung doch nicht gewesen. Jacob begriff es, als er die richtige Eindeutschung hörte: Und der Engel nahm das Räuchergefäß und füllte es mit Feuer vom Altar und schüttete es auf die Erde.
Was immer da Engel bedeutete. Der Bergmönch warf außerdem immer noch keinen Schatten. Der Bergmönch war überhaupt nicht mehr da und war vielleicht gar nicht da gewesen. Jacob grübelte, was denn Feuer und Räuchergefäß hier sein sollten. Drei Stunden später würden auf Grotenweddingen britische Sprengbomben fallen.
Es war: Diesmal heulten die Sirenen von Grotenweddingen für den Fliegeralarm ohne die sonst übliche Vorwarnung. Zwei Jahre zuletzt fast täglichen Fliegeralarms hatten die Leute von Grotenweddingen abgestumpft oder sorglos gemacht, da noch niemals eine Bombe auf Grotenweddingen gefallen und die Stadt offenbar gefeit war. Den Luftschutzraum aufzusuchen, hatten die Bewohner deswegen nicht mehr das Bedürfnis.
Die in den Wohnungen eingeschalteten Radioapparate, meistens vom Typus Volksempfänger, von manchen spöttisch Goebbels-Harfe genannt, brachten wie bei Fliegeralarm üblich überwiegend leeres Geräusch, manchmal unterbrochen durch vier Paukenschläge. Manchmal meldete sich eine Sprecherstimme und gab die Luftlagemeldung bekannt. Diesmal wusste sie von einem abdrehenden feindlichen Bomberverband über dem Steinhuder Meer und von einzelnen in östlicher Richtung fliegenden Maschinen. Die Detonationen in Grotenweddingen erfolgten dann so heftig, dass die Luftwelle die Fensterscheiben in vielen Häusern zerdrückte und Leute das Gefühl hatten, jemand reiße ihnen den Brustkorb auseinander.
Als die Sirenen das Signal für die endgültige Entwarnung gaben und die Leute vorsichtig auf die Straße traten, roch es dort nach warmem Staub. Durch die Luft wehten Sandschwaden. Insgesamt waren sieben Häuser im Zentrum von Grotenweddingen zerstört. Eine Sprengbombe hatte sich in den Stadtgarten gebohrt und einen Erdkrater aufgerissen. In Lüttgenweddingen war ein Blindgänger niedergegangen. Die Gesamtzahl der Toten betrug einhundertdreiundzwanzig, und wahrscheinlich wären es weniger gewesen, hätten die Bewohner der getroffenen Häuser, wie es eigentlich die Vorschrift war, ihre Luftschutzräume aufgesucht. Das Grotenweddinger Intelligenzblatt wies später in einem Artikel eigens darauf hin. Es äußerte außerdem seinen Abscheu gegenüber den angloamerikanischen Terrorangriffen und versicherte, dass der Kampfeswille des deutschen Volkes nach wie vor ungebrochen sei.
Die Beerdigungsfirma Witold & Söhne in der Langen Gasse sollte die folgenden Tage viel Arbeit bekommen. Herr Lehmann und seine Pollacken würden von früh bis spät unterwegs sein. Die zerstörten Grundstücke wurden während der nächsten Wochen so weit aufgeräumt, dass der Verkehr in wichtigen Straßen, besonders jenen Richtung Lüttgenweddingen, aber auch jenen Richtung Henselers Motorenwerke, wieder ungehindert fließen konnte.
Einmal musste sich Jürgen Rohwedders Jungzug an solchen Arbeiten beteiligen. Auf dem Platz neben dem Schlachthof ließ der Jungzugführer bei Dienstantritt Schaufeln, Spaten und insgesamt vier Spitzhacken verteilen. Während des anschließenden Abmarschs mit geschulterten Werkzeugen wurde wegen des tragischen Anlasses kein Lied gesungen. Bloß in den hinteren Reihen äffte jemand Drei, vier: bei-hei dir sein! Damit sollte der Befehl zum Liedersingen und überhaupt das Liedersingen beim Marschieren verulkt werden. Jungzugführer Rohwedder reagierte nicht darauf und hatte vielleicht gar nichts gehört.
Sie marschierten bis zur Krummen Gasse zwei, wo sich früher die Grotenweddinger Dienststelle des NS-Winterhilfswerks befunden hatte. Die Pimpfe mussten Schutt vom Gehsteig schaufeln und auf dem Grundstück Vertiefungen planieren. Eine stehen gebliebene Brandmauer wurde mit der Spitzhacke eingerissen. Jungzugführer Rohwedder, Stiel seiner Schippe im Arm, hielt dabei einen Vortrag über die verächtlichen Pläne des Weltjudentums, des russischen Bolschewismus und der angloamerikanischen Plutokraten.
Jacob hatte, während Jürgen Rohwedder redete, im hinteren Teil des Grundstücks, wo er mit dem Spaten zugange war, zwischen Dreck und Schutt etwas Buntes entdeckt. Er legte es vorsichtig frei. Er hatte vor sich den Balg einer Kinderpuppe, mit der sich aber, weil er kopflos war, nicht viel anfangen ließ. Jacob grub weiter und stieß auf eine Höhlung. Hier mochte sich früher ein Keller befunden haben. In der Höhlung unten lagen in einer schwarzen Pfütze zwei metallene Stäbe. Es handelte sich zweifelsfrei um zwei englische Phosphorstabbomben, die sich bloß nicht entzünden konnten, weil sie vollständig bedeckt waren mit Wasser. Neben den Bomben lag etwas Helleres, nämlich ein einzelner Menschenarm, abgerissen, ohne Stoff, die Finger etwas gekrümmt und alles insgesamt eher blaugrau als fleischrosa, weil vermutlich die Verwesung längst eingesetzt hatte. Immerhin ließ sich erkennen, dass die Fingernägel dunkelrot lackiert waren und der Arm demnach zu einer Frau gehört hatte.
Jacob spürte, wie sein Magen verkrampfte. Er musste viel Mühe daransetzen, dass er sich nicht übergab. Beim raschen Fortgehen geschah noch, dass er stolperte und stürzte, dabei schlug er sich außer beiden Handballen das linke Knie blutig. Das war wegen der allgemeinen Infektionsgefahr auf Trümmergrundstücken nun nicht leichtzunehmen. Daheim schrubbte er sich mit Seife und Wurzelbürste ausführlich seine Wunden, besonders die am Knie, und der Schmerz wurde dabei so stark, dass er trotz der zusammengebissenen Zähne wimmern musste, was aber niemand hörte, da Robert zur Arbeit gegangen war und Jacob sich in der Wohnung allein befand. Er tat sich Jod aufs Knie und verklebte es mit Leukoplast aus dem Sanitätskasten, der im Badezimmer stand. Das Bild des Frauenarms mit den blaugrün gekrümmten Fingern ging nicht fort. Fliegeralarm gab es diese Nacht übrigens keinen, trotz des inzwischen vollkommen aufgeklarten Himmels.
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Das beherrschende Thema in den Radionachrichten blieben die Soldatenjahre des amtierenden österreichischen Bundespräsidenten Dr. Kurt Waldheim. Soeben hatte eine internationale Historikerkommission, berufen, die Handlungsweise des Staatsoberhauptes zu untersuchen, einen abschließenden Bericht übergeben. Man wisse von keinem Fall, in welchem Waldheim gegen die Anordnung eines von ihm zweifellos erkannten Unrechts Einspruch erhoben oder etwelche Gegenmaßnahmen getroffen hätte. Er sei im Gegenteil wiederholt an rechtswidrigen Vorgängen beteiligt gewesen und habe deren Vollzug erleichtert.
Auf dem Stephansplatz, direkt vor dem romanischen Hauptportal der gotischen Kathedrale, begab sich an einem trüben Sonntagnachmittag eine Versammlung aus Anlass der Vergangenheit und Gegenwart von Dr. Kurt Waldheim.
Zwei bekannte österreichische Künstler, ein Bildhauer und ein Schriftsteller, hatten ein hölzernes Pferd aufgestellt, mit dem sie das österreichische Staatsoberhaupt verhöhnten. Die Tiernachbildung sollte nicht so sehr auf das odysseische Werk vor Troja anspielen als vielmehr auf den Umstand, dass Kurt Waldheim seine frühere Zugehörigkeit zur Reiter-SA erst verschwiegen und dann mit einer etwas sonderbaren Erklärung versehen hatte, was einen anderen Politiker zu der Bemerkung veranlasste: Also, ich begreif so viel, nicht der Herr Doktor Waldheim war in der SA, sondern bloß sein Pferd.
Der Politiker, der diesen Ausspruch tat, hieß Fred Sinowatz, bis vor kurzem österreichischer Bundeskanzler. Ihm wurde der Vorwurf gemacht, er habe dem Jüdischen Weltkongress in New York und dessen Vorsitzendem Bronfman das Material gegen Kurt Waldheim zukommen lassen, um dadurch den Sieg des Präsidentschaftskandidaten seiner eigenen Partei, der sozialistischen, zu ermöglichen. Durch die Äußerungen von Bronfman hatte die internationale Diskussion um Kurt Waldheim überhaupt erst eingesetzt.
Kersting erschien spät. Die Veranstaltung, angekündigt durch Handzettel, hatte um zwei Uhr nachmittags anfangen sollen. Als Kersting eintraf, war der Platz gänzlich überfüllt. Kersting hörte die Rede einer männlichen Stimme durchs Megafon. Er konnte den Sprecher nicht erkennen. Der Sprecher sagte, Kurt Waldheim möge um der Republik willen zurücktreten von seinem Amt, da es nicht angehe, einen höchsten Staatsrepräsentanten zu haben, der erweislich nicht die Wahrheit sage.
Die Worte erzeugten bei den Zuhörern Äußerungen von Unmut und Beifall. Anhänger wie Gegner des Bundespräsidenten schienen unter den Versammelten zu fast gleichen Teilen vertreten. Während durchs Megafon weiter die Stimme zu hören war, bildeten sich kleine Gruppen, von denen das Gehörte und ohnehin Gewusste wieder und wieder beredet wurde. Kersting sah gerötete Gesichter, erhobene Hände, geballte Hände, geöffnete Münder, man redete, ohne dem Megafon zuzuhören, ohne einander zuzuhören, ohne es zu können. Die Sprechenden wechselten die Gruppen, nicht die Haltungen. Es entstand eine Orgie der diskursiven Besessenheit. Dazwischen bewegten sich Leute mit Fotoapparaten und Fernsehkameras. Kersting fand es alles sehr aufregend, auch da er sich nicht erinnern konnte, jemals so was erlebt zu haben.
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Die Domäne Behncke befand sich im Besitz der freiherrlichen Familie Birstein, deren Angehörige immer ordentliche Agrarier gewesen waren und seltener Offiziere. Ein Carl Johann Freiherr von Birstein sollte eingangs des neunzehnten Jahrhunderts dem nach Russland durchreisenden Kaiser Napoleon seinerseits entgegengeritten sein, mit kleinem Gefolge, bis an die Grenze von Behncke, um dort den neureichen Herrscher der Franzosen zu begrüßen mit den selbstbewussten Worten: Alors, deux seigneurs se rencontrent. Diese Geschichte war berühmt und musste über lange Jahre hin sogar gelernt werden im Heimatkundeunterricht der Schulen von Grotenweddingen.
Das Gutshaus auf Behncke war ordentlich ausgestattet mit Biedermeiermöbeln aus lichtem Kirschholz, mit Teppichen aus Täbris und mit vielen handkolorierten Veduten von Behncke, Grotenweddingen, Halberstadt, Zilly, Wolfenbüttel, Suderwieck und Ströbeck. Der einzige lebende Erbe von Behncke im Jahr 1944 war das hagestolze Fräulein von Birstein, mit Vornamen Anna Katharina Amalie, die an einem Stock gehen musste und die für die Aufsicht über die landwirtschaftlichen Arbeiten auf Behncke seit vielen Jahren einen tüchtigen Verwalter beschäftigte.
Gutshaus Behncke war schon seit mehreren Jahren auch ein Treffpunkt, meistens an den Sonntagnachmittagen, für verschiedene Leute, die einander gut kannten und miteinander reden wollten. Es gehörte zu ihnen zum Beispiel Studiendirektor Dr. Frings, den seine Schüler Jupiter tonans nannten, nach der höchsten männlichen Gottheit in der römischen Antike. Studiendirektor Dr. Frings war Altphilologe, und er leitete noch immer das Fürst-Albrecht-Gymnasium in Grotenweddingen, obgleich er sich längst im Pensionsalter befand.
Manchmal erschien zu den Zusammenkünften auf Behncke Wehrschaftsführer Walter Henseler. Er vermisste in Grotenweddingen, wo er einer allgemeinen Logistik wegen 1938 seinen Betrieb hatte errichten müssen, die Kultur einer weinfrohen Geselligkeit, wie er sie aus seiner Heimat am Zusammenfluss von Rhein und Mosel seit seiner Kindheit kannte und deren er für seinen seelischen Ausgleich bedurfte. Walter Henseler kam nach Behncke allein oder in Begleitung seiner etwas groß geratenen Tochter Gudrun. Umgekehrt kam Gudrun Henseler nach Behncke ihrerseits manchmal allein. Schon weil sie sich für Pferde interessierte und also auch für die Pferde auf Behncke. Die waren allerdings durchweg Zug- und Ackergäule, jedenfalls Kaltblüter, und taugten deswegen zum Reiten überhaupt nichts.
Auf Behncke wohnte schon seit einigen Monaten Hartmuth-Dietlof von Oertzen, dessen Familie mit den Birsteins weitläufig verwandt war und der am Fürst-Albrecht-Gymnasium eben jene Klasse besuchte, der auch Jacob angehörte.
Hartmuth-Dietlof war ein blonder Junge mit großen und abstehenden Ohren. Wenn er sich unbehaglich fühlte, wurde sein Gesicht immer blasser, nur seine Ohren leuchteten dann besonders rot. Wenn er nach seinem Nachnamen befragt wurde, betonte er jedes Mal nachdrücklich die Adelssilbe von, als käme darauf alles an. Zu jedem Schultag fuhr er nach Grotenwedddingen mit dem Fahrrad und kehrte nach dem Ende des Unterrichts in der gleichen Weise zurück. Dass er von Jupiter tonans, der manchmal an den Sonntagnachmittagen zu Fräulein von Birstein nach Behncke fuhr, etwa bevorzugt worden wäre, ließ sich nicht gut behaupten. Der junge Hartmuth-Dietlof von Oertzen nahm an den Zusammenkünften auf Behncke außerdem gar nicht teil, da bei denen Jugendliche sowieso nicht zugelassen waren.
Was wurde denn nun gesagt und getan bei Amalie von Birstein im Gutshaus auf Behncke?
Es wurde erst einmal Tee getrunken. Dabei handelte es sich um echten Darjeeling, den Fräulein von Birstein immer zur Verfügung hatte, also immer noch erhielt, und wer wusste schon woher, aus den besetzten Niederlanden vielleicht oder von entfernten Verwandten aus Göteborg in Schweden. Auf einem Stutzflügel, der helles Holz hatte wie die übrigen Möbel und an dem angeblich schon Franz Liszt gesessen hatte, spielte Domorganist Wolff aus Halberstadt Verschiedenes von Franz Schubert. Jupiter tonans trug danach aus seiner Eindeutschung des Hesiod vor, an der er nun schon ein halbes Leben lang arbeitete. Fräulein von Birstein rezitierte vielleicht Detlef von Liliencron, Gustav Falke und Richard Dehmel, deren Verse sie mochte. Sie war als junges Mädchen Alumnin des Adelsinternats Heiligengrabe in der Prignitz gewesen, wohin auch andere preußische Familien ihre Töchter gerne schickten und das bekannt geworden war durch Bücher des preußischen Schriftstellers Fontane.
Amalie von Birstein fühlte preußisch, wiewohl Behncke fast schon Niedersachsen war und die familiären Beziehungen der Birsteins eher dorthin gingen als nach Brandenburg, Pommern oder Schlesien. Fräulein von Birstein fing bei ihren sonntäglichen Zusammenkünften irgendwann davon zu reden an, dass es jetzt dringende Zeit sei, endlich nachzudenken über ein zukünftiges Deutschland und dessen politische Gestaltung.
Ihre Bemerkungen stießen bei ihren Gästen durchweg auf Interesse. Fräulein von Birstein wünschte sich für ein künftiges Deutschland die Verfassung eines Ständestaats, also ohne die NSDAP, ohne politische Parteien überhaupt, und die Bevölkerung sollte sich vertreten wissen durch Entsandte ihrer jeweiligen sozialen Schichten, wie das nicht viel anders im alten Preußen gewesen war zur Zeit des Freiherrn vom Stein, mit denen die Birsteins ihrerseits entfernt verwandt gewesen waren. Oberstudiendirektor Dr. Frings machte dagegen Vorstellungen der Paulskirchenversammlung von 1848 geltend. Er war seit Studententagen vertraut mit den Ideen des Tübinger Stifts und des schwäbischen Liberalismus. Domorganist Wolff hielt lieber auf eine den moralischen Überzeugungen des Christentums verpflichtete Wahlmonarchie. Fräulein von Birstein wollte sich gegebenenfalls einlassen auf ein Dreiklassenwahlrecht für die zu kürenden Deputierten der Stände.
Es bestand jedenfalls Übereinstimmung, dass in der Reichsverfassung, die Fräulein von Birstein anregte und die Jupiter tonans in ersten Artikeln, über die allgemeine Einigkeit bestand, schon mal zu notieren begann, ein Führer Adolf Hitler nicht vorkommen durfte. Der war danach überflüssig und musste auf eine Art, über die noch höchst unklare Vorstellungen bestanden, vorher aus dem Wege geräumt werden, drastisch gesprochen und natürlich bloß bildlich gemeint oder vielleicht doch nicht nur bildlich?
Von alledem würde Hartmuth-Dietlof von Oertzen nichts wissen, wenn er allmorgendlich von Behncke aufbrach, um nach Grotenweddingen zu radeln. Er nahm dort während mancher Nachmittage auch teil am Dienst in Adolf Hitlers Deutschem Jungvolk, sofern der denn überhaupt noch stattfand. Hartmuth-Dietlof von Oertzen durfte dabei sogar den Wimpel tragen und führte ein aus weißem Winkel auf schwarzem Grund gebildetes Rangabzeichen am braunen Uniformärmel.
Sein Vater Hans-Ulrich von Oertzen wusste gleichfalls nichts vom Inhalt der Gespräche auf Behncke oder doch fast nichts. Er diente in Berlin als Major i. G. beim Wehrkreiskommando am Hohenzollerndamm und war persönlich bekannt mit Offizieren, die Yorck von Wartenburg, von der Schulenburg, Barnim von Ramin und Schwerin von Schwanenfeld hießen. Auch zwei Brüder Schenk von Stauffenberg, mit Vornamen Claus und Berthold, gehörten zu seinem Bekanntenkreis.
Der schwerbeschädigte Claus Schenk von Stauffenberg zündete im Führerhauptquartier zu Rastenburg, Ostpreußen, eine Höllenmaschine, um Adolf Hitler umzubringen. Die Sache misslang, ein geplanter Putsch schlug damit fehl. Die Anführer und Beteiligten wurden festgenommen, darunter der Major i. G. Hans-Ulrich von Oertzen. Am Abend des 20. Juli 1944 gegen 23 Uhr wurde er in seiner Dienststelle einem ersten Verhör unterzogen, in Schutzhaft genommen und zuvor um Auslieferung seiner Pistole ersucht. Am nächsten Morgen bei einem Gang zur Toilette gelang es ihm, einige belastende Schriftstücke beiseitezuschaffen, zu verbrennen und die Asche in der Toilettenschüssel fortzuspülen. Auf dem Rückweg hatte er Gelegenheit, zwei Gewehrsprenggranaten zu entwenden und zu verstecken, in den Löschsandtüten, die auf den Korridoren des Wehrkreiskommandos standen. Gegen zehn Uhr fragte er seinen Bewacher, ob er nochmals die Toilette aufsuchen dürfe. Die Erlaubnis wurde erteilt. Auf dem Rückweg griff er sich eine der Gewehrgranaten aus dem Löschsand und zog sie sofort ab. Blutend brach er zusammen. Man hielt ihn für tot, doch war er bloß schwer verletzt. Unbemerkt schleppte er sich zu der anderen Löschsandtüte, nahm dort die zweite Sprenggranate heraus, tat sie sich in den Mund und zog ab, dass ihm der Kopf völlig zerfetzt wurde. Die umstehenden Offiziere konnten gerade noch in Deckung gehen.
Dass der deutsche Führer Adolf Hitler das auf ihn verübte Attentat wie durch ein Wunder überlebt hätte, wusste in seiner Schlagzeile das Grotenweddinger Intelligenzblatt. Später fuhr ein Sonderkommando der Geheimen Staatspolizei auf der Domäne Behncke vor, durchsuchte das Gutshaus, beschlagnahmte etliche handschriftliche Papiere und erklärte das Fräulein von Birstein für verhaftet. In aufrechter Haltung, ihren Stock mit Elfenbeinkrücke wie zur Drohung erhoben, bestieg Amalie von Birstein das wartende Automobil und wurde in die Kellerräume des Gestapoquartiers nahe dem Grotenweddinger Güterbahnhof verbracht. Tags darauf verhaftete man Jupiter tonans und Domorganist Wolff aus Halberstadt.
Wehrwirtschaftsführer Henseler hatte mehrere Vernehmungen in seinem Privathaus und seinem Dienstbüro über sich ergehen zu lassen, wurde aber nicht festgenommen. Er war zu den Zusammenkünften auf Behncke nur selten gefahren, wegen seiner beruflichen Inanspruchnahme. Von Plänen zu einer Verschwörung und einem Attentat wusste er nichts.
Im Hof des Fürst-Albrecht-Gymnasiums von Grotenweddingen, dort, wo die Linde und der Stein mit der Wappen-Plakette standen, wo täglich die Schüler sich aufhielten in den Pausen, wo auch alljährlich die Abiturienten verabschiedet wurden nach bestandener Prüfung, hatten eines Vormittags im Juli sämtliche Schüler sich militärisch aufzustellen und dabei ihr braunes Hitlerjugendhemd zu tragen.
Das Kommando führte Sekundaner Jürgen Rohwedder, der unlängst zum Jungschaftsführer befördert worden war und jetzt eine dickere Flechtkordel vor der Brusttasche trug.
Auf seinen Befehl hin musste vor die Front treten der Schüler Hartmuth-Dietlof von Oertzen. Jungschaftsführer Rohwedder verlas von einem Papier und mit schneidender Stimme, das Verbrechen gegen Führer, Volk und Vaterland, an dem die Familie des Oertzen beteiligt gewesen sei, bedeute eine Schande für das Jungvolk und die Hitlerjugend von Grotenweddingen und für das Fürst-Albrecht-Gymnasium. Haftend für die Sippe, der er entstamme, sei der Oertzen entsprechend zu behandeln. Daraufhin steckte Jungschaftsführer Rohwedder erst das Papier fort, riss danach dem Schüler Oertzen Rangzeichen und Schulterklappen vom Braunhemd und erklärte ihn für in Unehren verstoßen.
Darmowy fragment się skończył.