Czytaj książkę: «Schnee am Strand»

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Rohan de Rijk

Schnee am Strand

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Impressum neobooks

Kapitel 1

Schnee am Strand

Rohan de Rijk

Die Sonne brach durch die Vorhänge wie ein goldenes Lichtschwert. Wie oft sie dies in den vergangenen Jahren getan hatte, konnte man am verblichenen Stoff erkennen. Das Licht hatte die Moleküle gesprengt, bis von der eigentlichen Farbe nur noch ein bleiches skelettiertes Fragment übrig geblieben war.

Ashley Rutherford wälzte sich unruhig hin und her. Die Helligkeit ließ den Melatoninspiegel in ihrem Blut sinken und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie erwachen würde.

Ein harter, stakkatoartiger Rhythmus fraß sich durch ihre Gehörgänge und riss sie endgültig aus dem Schlaf. Das Licht der Sonne blendete Ashley und multiplizierte den hämmernden Kopfschmerz. Sie schützte ihre Augen mit einem Teil der Handfläche und langsam konnte sie die Konturen des Zimmers erkennen.

Fallbeilartig wurde eine Kreditkarte auf einen kleinen Haufen weißen Pulvers geschlagen.

Das Geräusch, dachte Ashley.

Die körnige Substanz zerbrach zu Staub und regnete im Schein der Sonne herunter.

Das Zimmer war ihr fremd und ihrem Hirn fehlten Stunden, die ihr erklären konnten, wie sie hierher gelangt war. Das Geräusch war verstummt und von einem Saugen und Schniefen abgelöst worden. Ein Haarschopf beugte sich über den Tisch und zog sich die weiße Substanz in die Nase.

Die Person, die sich eben noch über den Tisch gebeugt hatte, ließ sich rückwärts in den Sessel fallen. Spuren der weißen Substanz klebten noch an der Nase und an einer unrasierten Stelle über den vollen, geschwungenen Lippen.

»Damian«, Ashleys Stimme war lauter, als es ihr lieb war, und sofort schoss ein heftiger Schmerz durch ihren Kopf.

Damian McLoy wische sich das weiße Pulver von der Nase und sah Ashley erstaunt an.

»Ashley, endlich von den Toten auferstanden«, sagte er.

»Wo sind wir?«

»In irgendeiner miesen Absteige außerhalb der Stadt«, antwortete Damian. Seine Stimme klang schon ein wenig verwaschen. Die Drogen fingen an zu wirken.

»Wie sind wir hierher gekommen, ich habe das Gefühl, dass mir verdammt viele Stunden fehlen.«

Ashley ließ sich wieder in die Horizontale sinken. Mit ihr wanderte die Hoffnungslosigkeit dieser billigen Absteige in eine um 90 Grad gedrehte Position, ohne die Trostlosigkeit des Zimmers aufzuweichen. Ashley schloss die Augen und der hämmernde Schmerz hinter ihrer Schädeldecke ließ ein wenig nach.

»Filmriss«, antwortete Damian.

Die Minuten vergingen, ohne dass einer der beiden ein Wort sprach. Nur in der Ferne waren die Geräusche einer viel befahrenen Landstraße zu hören.

Trotz der Schmerzen zermarterte sich Ashley den Kopf, um den letzten Stunden wieder Leben einzuhauchen. Die geschmückte Aula, Damian in einem übertrieben komischen Anzug und Musik von einer grottenschlechten Band:

Abschlussball.

Danach versank ihr Leben in einer grauen Masse.

Ashley setzte sich auf und ignorierte den sofort einsetzenden Schmerz. Sie suchte den Boden nach ihrem Rucksack ab. Sie brauchte Aspirin. Viel Aspirin. Ashley fand den Rucksack unter dem mit Dosen und schalen Pfützen Bier übersäten Tisch.

Sie schüttete den Rucksack aus und kramte unter Make-up, Mobiltelefon und einigen Tampons nach dem Aspirin. Als sie die Tabletten fand, drückte sie sich vier Stück aus der Blister-Verpackung in ihre Hand, warf sie in den Mund und spülte das Medikament mit einem Schluck Bier aus einer Dose Budweiser, die auf dem Tisch stand, herunter.

Mit einem unterdrückten Rülpser versuchten die Tabletten und der übersäuerte Mageninhalt wieder nach oben zu kommen. Ashley atmete zweimal tief durch und schluckte das Konglomerat aus Pharmazie und Magensäure wieder herunter.

Damian saß im Sessel und schaute Ashley mit großen Pupillen an, sagte aber nichts.

Ashley hatte sich wieder auf das verschlissene Sofa gelegt und wartete darauf, dass das Aspirin ihr die Kopfschmerzen nahm.

Die Bilder kamen in Bruchstücken zurück. Ein Kleid, ihr Kleid. Feuer. Drogen und Alkohol. Aber Ashley schaffte es nicht, sie in eine vernünftige Reihenfolge zu bringen. Ashley öffnete die Augen und schaute zu Damian hinüber.

Die Kopfschmerzen klangen langsam ab und Ashley konnte es wagen, sich wieder in die Vertikale zu begeben.

In diesem Moment beugte sich Damian nach vorne, schüttete ein wenig weißes Pulver aus einem Papierbriefchen auf einen kleinen Spiegel und zerhackte dieses mit der Kreditkarte. Als er fertig war, zog er zwei gleichmäßige Linien, rollte einen Fünf-Dollarschein zu einem Röhrchen und reichte Ashley den Spiegel über den Tisch.

Kapitel 2

Der Stoff rieb wie grober Sand über die Schleimhaut, brannte ein wenig, um dann zu betäuben. Ashley Rutherford legte den zusammengerollten Dollarschein beiseite und ließ sich, genau wie Damian es getan hatte, tief in das Sofa sinken.

Der Kick kam. Er kam auf den sanften Pfoten eines Rausches heran, so dass man ihn nur langsam bemerkte. Er schlich sich in den Geist und zog ihn in seinen Bann. Die Welt um Ashley herum schien sich zu verlangsamen. Alles hatte eine Bedeutung, neue Perspektiven eröffneten sich und flossen mit altbekannten zusammen, vermischten sich und waren im selben Moment wieder uninteressant, weil der Geist eine neue Fährte entdeckte, an der er sich entlanghangeln konnte.

»Verdammt guter Stoff«, murmelte sie.

»Speed.«

Ashley hob den Kopf. Damian McLoy saß entrückt in dem alten, zerschlissenen Sessel. Das gefärbte Sonnenlicht umspielte seine braunen Haare und ließ es wie flüssige Schokolade glänzen.

»Speed?«

Das Wort fühlte sich komisch in Ashleys Mund an. Sie wiederholte es noch ein paar Mal. Leise, so dass Damian sie nicht hören konnte. Jedes Mal hatte es einen anderen Geschmack und einen anderen Klang.

»Woher hast du das Speed?«, jetzt musste Ashley anfangen zu lachen. Laut klang das Wort wie Kaugummi, das sich als Blase zäh über das billige Motelzimmer spannte.

»Von meinem Vater. Geklaut.« Damian saß noch immer mit geschlossenen Augen im Sessel. Hätte Ashley nicht gerade die Worte aus seinem Mund vernommen, wäre sie fest davon überzeugt gewesen, dass er schlief.

»Wow, dein Vater nimmt Speed?«, Bilder von Traver McLoy, Damians Vater, zogen vor ihrem geistigen Auge vorbei. Sie hatte ihn nicht allzu oft gesehen. Eigentlich immer nur schemenhaft. Aristokratische scharfgeschnittene Gesichtszüge, mit einem gewissen Hang zum Sarkasmus und graue mittellange Haare. Genau so stellte sie sich Damian in dreißig Jahren vor. Der Gedanke ließ einen leichten Schauer über ihren Rücken jagen, der sich kurzfristig zwischen ihren Beinen einzunisten versuchte, bevor er sich langsam auflöste, ließ Ashley jedoch mit einem Bedürfnis zurück, das im Moment nicht erfüllt werden konnte.

Damian hatte mittlerweile die Augen geöffnet, als ob durch den seidigen Schleier des Kicks Ashleys Gefühle zu ihm herübergeschwappt waren. Langsam kam er zu Ashley herüber. Staubpartikel tanzten im Licht der Sonne, die nun hoch am Horizont stand, als Damian sich erhob und sich neben Ashley auf das Sofa setzte. Sanft strichen seine Finger über Ashleys sanft gelocktes rotes Haar. Seine Lippen berührten ihr Ohr, die drei kleinen silbernen Ohrringe schmeckten kühl und metallisch, als Damian mit seiner Zunge darüberstrich. Ashley stöhnte. Leise, aber auf eine Art und Weise, dass Damian wusste, dass er hier nicht mehr stoppen durfte. Nicht so lange Ashley es zuließ. Ihre alabasterfarbene Haut schimmerte seidig weich. Knopf für Knopf öffnete Damian Ashleys Bluse und als der Stoff wie von Geisterhand auseinanderklaffte, sprangen Ashleys Brüste mit den zart rosa Vorhöfen ins Freie. Kein BH.

Damians Hose wurde unter Spannung gesetzt. Ashleys Finger klammerten sich um den morschen Stoff des Sessels und rissen ihn entzwei, so dass der bröcklige, alte Schaumstoff aus ihm herausquoll, wie aus einem zertretenen Insekt.

Damian riss sich die Hose runter. Das Speed hatte seine Durchblutung ins Unermessliche gesteigert, so dass er meinte zu platzen.

Ashley bog den Rücken durch, als er in sie eindrang. Er schmeckte ihre verschwitzte Haut und ihren Schweiß. Jede Pore schrie nimm mich und er nahm sie.

Die Luft war alt und abgestanden, als die beiden sie mit aller Kraft in ihre Lungen pumpten. Das Speed hatte ein wenig von seiner Kraft verloren, war aber immer noch stark genug, dass Damian und Ashley auf den Wolken ihrer Gefühle ritten. Bewusst, nicht allein in dieser Absteige zu sein, aber noch auf der Welle der Hormone surfend, die wie kleine geile Aliens im Blut zirkulierten. Ein Gefühl, als ob die Zellen einen frenetischen Tanz aufführten.

»Das war gut«, unterbrach Damian die Stille.

»Ja, das war es«, Ashleys Hände streichelten unter der dünnen Decke Damians Penis, der schlaff und noch ein wenig feucht von Ashleys Vagina war.

»Wie sind wir nach dem Abschiedsball hierhergekommen?« Ashleys Erinnerung hatte den vergangenen Tag wie ein Puzzle zusammengesetzt. Einige Teile schienen sich magnetisch anzuziehen, einige Stellen blieben leer. Ihre Party-Amnesie hatte weiße Flecken hinterlassen.

»Du erinnerst dich wirklich nicht mehr? Wir hatten diese Spießer satt. Dieser ganze verlogene Haufen, der uns schon die ganzen Jahre so gehörig angenervt hat. Und dann hast du dein Kleid auf dem Parkplatz von der Schule verbrannt.«

»Scheiße Mann, das habe ich getan, ich habe diesen hässlichen roten Fetzen verbrannt?«

Ashley bekam eine Gänsehaut, als sie an das Kleid dachte. Das Kleid zum Abschlussball. Ein Ereignis, das das Ende der Schulzeit symbolisierte und den Geschmack auf die Welt der Erwachsenen in sich trug. Es sollte etwas Besonderes für sie werden. Etwas, das ihre Persönlichkeit unterstrich und ihr das Gefühl gab, in der Welt der Schleimer, Spießer und Modepüppchen ihr eigenes Ich zu bewahren.

Mit diesem Gefühl war sie mit ihrer Mutter losgezogen.

Dass es anders kommen würde, hatte Ashley schon geahnt. Dass es schlimm werden würde, schon fast vorausgesehen.

Aber die Ablehnung, die ihre Mutter ihr und ihrem Geschmack entgegenbrachte, ließen die jahrelangen Streits zwischen Mutter und Tochter verblassen wie der Nebel, dem die Sonne den Gar ausmacht.

Ashley hatte das Kleid ihrer Träume in einem Laden für Gothic- und Punk-Mode gesehen. Es war schwarz, lang und mit jeder Menge feinster Rüschen besetzt. Bänder in einem dunklen Bordeaux-Ton bildeten die Schnürung der Korsage, deren Stäbe ihre Brüste hoben und ihnen eine fast ordinäre Fülle verleihen würden. Ihre blasse Haut, die roten Haare, alles wirkte wie eine Komposition aus einer anderen Zeit. Dunkel und mysteriös, genauso wie sich Ashley sah und wie sie sich in ihrem Innersten fühlte.

Das schrille Glöckchen der Ladentür war noch nicht ganz verstummt, da schlugen die negativen Schwingungen ihrer Mutter alle Hoffnungen in den Wind, dieses Kleid zu besitzen. Die Bemerkungen, für einen Außenstehenden wohlgemeint, trafen Ashleys Seele wie vergiftete kleine Nadelstiche. In einer penetrierenden Art, wie es nur manche Mütter schaffen, die scheinbar mit der Welt ihrer Töchter nicht klarkommen, spitzte sich die Situation immer weiter zu, bis Ashley tränenaufgelöst den Laden verließ. Das kleine Glöckchen bimmelte den Totengesang ihres Traumkleides hinter ihr her, bis auch dieses verklang.

Das Kleid hatte begierig die Flamme des Feuerzeugs in sich aufgesogen. Ein petrochemischer Gestank wehte über dem Parkplatz und brannte sich mit seinen fettigen Molekülen in die Nasenschleimhaut von Damian und Ashley ein. Den Geruch würden sie noch stundenlang mit sich herumgetragen. Immer wenn sich eine dieser olfaktorischen Minibomben löste, kamen die Gedanken an das Kleid hoch. Eine ekelhaft schmerzliche Erinnerung an ihre Mutter, die Ashley nicht mit einem Feuer aus ihrem Hirn brennen konnte.

Sie tanzte nackt um das brennende Kleid. Ihre helle Haut schimmerte im fahlen Lichte des Mondes, der in dieser Nacht einen weichgezeichneten Schleier trug. Damian saß auf der Motorhaube seines Camaro und schaute Ashley zu.

Je mehr sich Ashley in Ekstase tanzte, umso härter wurde die Erektion in Damians Hose. Der animalisch okkulte Tanz, die alabasterfarbene Haut mit dem roten Haar verliehen Ashley eine mittelalterliche Vorstellung einer Banshee und erregte ihn in einem Maße, das er vorher nur sehr selten erlebt hatte. Aber Damian vermutete mehr hinter der surrealistischen Situation, dabei schaffte er es für einen kurzen Moment, seinen gut durchbluteten Penis zu vergessen. Ashley war entrückt, tanzte durch eine Parallelwelt, die das Vergessen in sich trug, wenn man sich ihr nur lange genug anvertrauen würde. Der Schmerz, den Ashley in den nächtlichen Asphalt tanzte, hatte eine so große Strahlkraft, dass Damian dies am eigenen Leib spürte.

Harte, dumpfe Schläge ließen die Tür erzittern und rissen Ashley und Damian aus ihrem Gedanken.

Damian schwang sich aus dem Bett und schlang sich das Laken provisorisch um die Hüften.

Lärm brandete in den Raum wie eine akustische Welle, als er die Tür öffnete. Ashley sah ein altes verlebtes Gesicht, das sich an Damian vorbei in den Raum drängen wollte.

»Moment«, Damians scharfe Stimme ließ den Unbekannten stoppen, aber der Ärger, der das aufgedunsene Gesicht verzerrte, blieb.

»Ihr habt das Zimmer nur für eine Nacht gebucht und die ist lange vorbei«, die vom billigen Schnaps gefärbte Stimme bellte Damian die Worte entgegen.

»Kein Problem Mister, dann nehmen wir noch eine.«

In diesem Moment verrutschte das Laken ein wenig und Ashley konnte den, wie sie zugeben musste, knackigen Arsch von Damian sehen.

»Na gut«, raunzte der Unbekannte, der mit großer Wahrscheinlichkeit der Besitzer dieser verabscheuungswürdigen Absteige war.

Noch ehe die Worte des Mannes verklungen waren, schlug Damian die Tür zu und jetzt hatte das Laken jeglichen Halt verloren.

Zum zweiten Mal an diesem Tag war nur das Pumpen der Lungen zu hören. Die Luft hing klebrig zäh im Raum, den die nachmittägliche Sonne zusätzlich aufheizte.

Gehüllt in verschwitzte Laken lagen Damian und Ashley auf den durchgelegenen Matratzen und starrten die blättrige Farbe an der Decke an.

»Ich habe einen Traum«, stieß Damian hervor. Ohne eine Antwort von Ashley abzuwarten, sprach er weiter.

»Ich würde gerne mit dem Auto durch Amerika fahren. Kreuz und quer. Nur halten, wo es einem gefällt. Weißt du, was ich meine? Freiheit. Richtige Freiheit. Keine Tage mit Terminen, keine Wochenenden, wo sich Kumpels nur hirnlos besaufen wollen. Klingt scheiße kitschig, ich weiß das. Aber, das Leben scheint verplant. Die Schule ist jetzt zu Ende. Die Uni wartet (vielleicht, setzte er in Gedanken hinzu), um danach in den Sog von Job und Karriere hineingezogen zu werden.«

»Damian, du siehst das aber ganz schön schwarz, ich dachte, dir sind solche gesellschaftlichen Konventionen scheißegal?«

Damian richtete sich auf und beugt sich über Ashley, bis er die braunen Sprenkel in ihren tief grünen Augen sehen konnte.

»Und du? Willst du nicht auch manchmal abhauen? Weg von dem ganzen Mist? Verlogene Geschäftsfreunde, die es nur auf den Arsch von deiner Mutter abgesehen haben.«

»Ich bin fein raus, meine Mutter hat einen alten, faltigen Arsch, da will keiner ran.«

»Verstehst du, was ich damit sagen will Ashley? Wenn wir es jetzt nicht machen, haben wir vielleicht nie wieder die Gelegenheit dazu. Das macht mir Angst.«

»Moment«, Ashley stieß Damian zur Seite und wälzte sich aus dem Bett. Sie schaute zum Fenster hinaus, sah die Wagen, die auf der endlosen Landstraße nach irgendwo fuhren. Dass sie nackt war, störte sie nicht.

»Dir ist es Ernst Damian und jetzt versuchst du mich zu überreden, dass ich deinen Traum von der temporären Freiheit mitträume?«

»Kommst du mit? Was haben wir zu verlieren. Der Wagen steht draußen und wir können sofort starten.«

Ashley schaute immer noch zum Fenster hinaus. Tat so, als würde sie die ganze Sache überdenken, das Für und Wider auf imaginäre Waagschalen werfen, dabei stand ihr Entschluss fest. Sie würde mit Damian McLoy auf diese Reise gehen. Nicht, dass ihr etwas daran lag, wie Vagabunden durch die Gegend zu ziehen und jede Toilette und Dusche mühsam zu suchen. Sie wollte ihren Eltern, wenn sie ehrlich zu sich war, ihrer Mutter eins auswischen. Sie wollte sich an der Angst laben, die ihre Mutter ausstehen würde. Die Verzweiflung dieser Frau trieb ihr ein Kribbeln der Freude in die Magengegend.

Ihre Eltern hatten nichts Besseres zu tun, als abzusehen war, dass Ashley ihren Abschluss schaffen würde, sich einen amerikanischen Traum zu verwirklichen. Eine Reise nach Europa. Einen Tag nach der Abschlussfeier, also heute, ging ihr Flieger über den Atlantischen Ozean und hinterließ in Ashley das Gefühl, dass ihre Eltern die Schuldigkeit getan hatten und nun wieder das Leben genießen wollten. Ohne den Hemmschuh Ashley.

Langsam drehte sie sich um. Die Sonne spielte mit dem zarten Flaum, der ihre Brüste bedeckte, und ließ sie wie Miniatur-Diamanten aufblitzen.

»Damian, wir haben kein Ziel, wir haben kein Geld, also lass es uns machen. Ich will dieses Abenteuer. Aber ich will es nur, wenn wir hart und schnell leben.«

Kapitel 3

Schwüle Sommerluft schlug Damian ins Gesicht, als er die Tür des Motel-Zimmers öffnete. Die Nacht war sternenklar und still. Nur ab und zu zerriss der Motorenlärm eines durchfahrenden Trucks die Nacht, bevor er wieder in der fernen Dunkelheit verschwand. Damian trat auf die morsche Veranda und achtete darauf, so leise wie möglich zu sein. Er schaute hinüber zur Rezeption. Ein schwaches bläulich zuckendes Licht erhellte den Raum, aber von dem schmierigen Besitzer des Motels war keine Spur zu entdecken. Auf dem riesigen U, das die Motelanlage bildete, waren nur wenige Autos abgestellt. Fast ausnahmslos Pick-ups, denen man das Alter ansah. Die meisten Zimmer waren dunkel und hinter denen, wo Damian Licht vermutete, hatte es den Anschein, dass es sich um eine optische Täuschung handelte, Widerspiegelungen von den wenigen Lichtern der Nacht. Damian winkte Ashley herbei, die die ganze Zeit in der Dunkelheit des Zimmers gewartet hatte.

»Die Luft ist rein«, flüsterte Damian in den Raum hinter sich. Ashley löste sich aus den Schatten und trat ins Freie.

Die Wärme der Sommernacht schlug ihr unvermittelt ins Gesicht, die alte Klimaanlage im Zimmer hatte die Temperaturen auf einem annehmbaren Level gehalten. Der Temperaturunterschied jagte ihr eine Gänsehaut über den ganzen Körper und ließ sie kurzzeitig erschauern.

Damian winkte Ashley heran und über seinem ausgestreckten Zeigefinger erkannte sie den Wagen, von dem er gesprochen hatte. Er stand unweit der Motelreklame und das fahle Licht, das auf ihn fiel, verwandelte die eigentliche Farbe in ein undefinierbares Grau. In der Dunkelheit wirkte der Wagen geduckt, bösartig, irgendwie abstoßend.

»Das ist mein Auto, du rennst zuerst und ich halte dir den Rücken frei, falls der Alte auftaucht«, mit diesen Worten drückte Damian Ashley einen Schlüssel in die Hand und drängte sie von der Veranda auf den staubigen Parkplatz.

Ashley bewegte sich vorsichtig und leise. Katzenhaft setzte sie einen Schritt nach dem anderen, immer darauf bedacht, so wenig Lärm wie möglich zu machen. Als sie bei dem Auto angekommen war, steckte Sie den Schlüssel in das Schlüsselloch und drehte ihn herum. Nichts tat sich. Der Sicherungsstift verharrte an Ort und Stelle und schien ihre Bemühungen zu verhöhnen. Ashley versuchte, den Schlüssel mit Gewalt zu drehen. Erst als sie merkte, dass sich das Metall leicht verbog, gab sie auf. Die Tür war immer noch verschlossen wie ein Bollwerk. Damian bemerkte Ashleys verzweifelten Blick gefolgt von einer pantomimischen Geste, die er nicht so recht zu deuten wusste. Er schaute zur Rezeption herüber. Immer noch schien nur das bläuliche Licht des Fernsehers durch die schmutzigen Scheiben.

Von dem fetten Mann war weit und breit nichts zu sehen. Damian schlich durch die Nacht zu dem Auto. Er zog den Schlüssel aus dem Schloss und wählte einen anderen. Dieser passte, der Sicherungsstift sprang mit einem metallischen Klicken nach oben und gab die Tür frei. Gerade als Ashley sich auf den Beifahrersitz sinken lassen wollte, hörte sie ein Geräusch. Ehe sie Damian warnen konnte, hatte dieser sich umgedreht und stand nun Auge in Auge mit dem Besitzer des Motels.

»Morgen bezahlt ihr den Rest und jetzt seid ihr zufällig auf dem Weg in die Stadt, noch ein Bier für die Nacht kaufen, habe ich recht?«

Kaum hatte er den Satz beendet, ließ er wie zur Demonstration seiner Macht, den Baseballschläger durch die fahle Dunkelheit sausen. Er zerschnitt die Luft mit einem sirrenden Geräusch und landete mit einem lauten Aufklatschen in der anderen Hand des Moteliers. Der nächste Schlag folgte unmittelbar. Damian konnte gerade noch den Kopf zur Seite drehen. Im nächsten Moment streifte der Baseballschläger seine Haare und landete mit einem hässlichen Krachen auf dem Vinyldach des Autos. Das Blech knirschte, als es sich unter der Wucht des Schlages verbog.

Damian nutze den Moment, in dem der Motelier durch den Schlag aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Er trat ihm mit voller Wucht zwischen die Beine. Die schlabberige Hose des Mannes fing einen kleinen Teil der Wucht auf, konnte aber nicht verhindern, dass Damian sein Ziel fand.

Der Motelier brauchte eine Sekunde, bis er den Schmerz bemerkte, danach zerriss ihn dieser den gesamten Unterleib. Seine Augen weiteten sich und die Knie gaben nach. Als er nach vorne kippte, hob Damian das Knie. Die Wucht des Aufpralls brach dem Motelier das Nasenbein und dunkles Blut strömte schwallweise über sein Gesicht. Ashley hatte sie Situation mit Schreck geweiteten Augen angesehen und sich dabei mit den Zähnen in ihrer Faust verbissen. Der Motelier versuchte, sich an der Motorhaube von Damians Wagen hochzuziehen. Blut lief immer noch aus seiner gebrochenen Nase und färbte das gerippte Unterhemd rot. Damian wartete, bis der Motelier stand. Er nahm sich Zeit. Weidete sich an dem Anblick des Schmerzes. Dann ging er, ohne ein Anzeichen von Eile auf den Mann zu. Für ein paar Sekunden standen sie sich gegenüber. Dann holte Damian aus. Der Schlag kam unsichtbar aus der Hüfte und traf den Motelier seitlich in die Leber. Pfeifend presste er die Luft aus den Lungen, unfähig, den Schmerz herauszubrüllen. Langsam glitt er an der Motorhaube des Wagens entlang und landete endgültig im Staub. Damian würdigte ihm keines Blickes. Er umrundete den Wagen und stieg ein. Ashley saß mit bleichem Gesicht auf dem Beifahrersitz und schaute Damian fragend an.

»Alles in Ordnung? Lass uns in das größte Abenteuer unseres Lebens starten.«, sagte Damian.

Er ließ den Wagen an und der V8 erwachte zum Leben.

Der Motor brüllte guttural durch die Nacht und als Damian Gas gab, erfüllte der Lärm alles um sie herum.

Der Staub senkte sich langsam über dem Motelier. Er konnte in der Dunkelheit der Nacht nur noch die Lichter von Damians Auto sehen, das sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit entfernte. Dann war er allein. Schmutzig vom Staub und drangsaliert von einem Schmerz, der nicht abklingen wollte.

Kapitel 4

Damian ließ den Wagen sanft ausrollen und als er stand, schaltete er den Motor ab. Die thermischen Spannungen malträtierten das Metall des Auspuffs, was ein unstetes Knacken zur Folge hatte, bevor Stille eintrat.

Sie waren den ganzen Tag unterwegs gewesen. Waren durch eine unwirtliche Ödnis gefahren, hatten das Motel weit hinter sich gelassen. Die Anonymität einer kleinen Stadt bot ihnen Schutz. Weder Damian noch Ashley konnten den alten Motelier einschätzen. Zu verwoben waren die Bande, die sich auf dem Land zwischen den Menschen erstreckten. Freundschaften hielten ewig und vielleicht bewegte sich im Dunstkreis des Alten ein Cop. Schulfreunde oder der Motelier zahlten Gefallen mit Zimmern, die keine Augen und Ohren hatten, so dass der Cop Strafzettel auf seine Art und Weise vergessen würde.

Sie hatten gegessen und sich auf einem verlassenen Hinterhofparkplatz eine Nase Speed gegönnt. Der Stoff wirkte und das Leben fühlte sich wieder leicht an, die Realität wurde in einen Schwebezustand versetzt, in dem die Wirklichkeit ein klein wenig verrückt wurde.

In den letzten Stunden kreisten Ashleys Gedanken immer um eine Szene: Damian, der brutale Schläger.

Sie kannte Damian mehr als drei Jahre und hatte ihn pazifistisch eingeschätzt. Umso erstaunter, erschrockener war sie, als Damian den Motelier mit einer Selbstverständlichkeit zusammenschlug ohne selbst Anzeichen von Unglauben in seinen Zügen widerzuspiegeln. Aber etwas reizte Ashley auch daran. Die Gewalt hatte neben ihrer Schattenseite auch etwas Anziehendes. Das Animalische eines Kampfes, vielleicht auch Pheromone, die sich unsichtbar den Weg zu ihr gebahnt hatten, oder es war das, was sich Frauen trotz aller männlichen Verweichlichung wünschten: Einen harten Kerl, der ihnen Schutz bot.

Ashley ließ sich tief in die Ledersitze des Wagens sinken. Das Speed hatte seine volle Wirkung entfacht. Sie fing an, mit den Gefühlen zu spielen. Auf der einen Seite konnte sie sich dem Kick voll und ganz hingeben. Auf der anderen Seite und das war das Faszinierende für Ashley, konnte sie klar denken und sich ohne Mühe in der Menschenmenge bewegen, ohne dass jemand ahnte, dass sie unter Einfluss von Speed stand.

»Hier wohne ich«, sagte Damian. Die Lichter seines Wagens erloschen und sie saßen, nur durch das matte gelb-orangene Licht einer Straßenlaterne erhellt, in der Dunkelheit. Damians Zuhause ragte wie eine mittelalterliche Festung in den finsteren Himmel hinauf. Getragen von massiven Säulen, wirkte der Eingang wie das weit aufklaffende Maul eines Ungeheuers, hinter dem sich ein massiver Körper aus Stein erhob. Damian schaute zu Ashley hinüber, die den Blick nicht von dem Haus abwenden konnte.

»So geht es den meisten.«

»Was?«, fragte Ashley und drehte den Kopf zu Damian herum.

»Das Haus. Es fasziniert und erschreckt die Leute zugleich. Es soll von einem rumänischen Architekten entworfen worden sein. Seine Referenzen bestanden darin, dass er angeblich Häuser für die Nachfahren von Vlad III. entworfen haben soll. Mein Vater fährt auf solches Zeug ab.«

»Vlad wer?«, fragte Ashley.

»Vlad III. war ein rumänischer Adliger, der es liebte, seine Feinde zu foltern und bestialisch aufzuspießen. Er soll die Vorlage für Dracula gewesen sein, habe ich jedenfalls gelesen.«

Ashley lief eine Gänsehaut über den Rücken.

»Du meinst, der Typ hat das da entworfen?«, Ashley zeigte über ihre Schulter auf das Haus.

»Ich meine gar nichts«, erwiderte Damian, »der Typ war verrückt und mit der Geschichte hat er wahrscheinlich versucht, Kunden zu gewinnen.«

Ashley ließ wieder ihren Blick über das monomentale Bauwerk schweifen. Die Dunkelheit weichte die Konturen auf und ließ das Haus größer erscheinen, als es in Wirklichkeit war. Mit der Geschichte im Hinterkopf schien es noch düsterer auf dem Grundstück zu hocken.

»Ich geh dann mal«, sagte Damian.

»Wohin?«

»Na rein. Ein paar Klamotten holen und«, Damian tippte sich an die Nase, zog die Tür auf und verschwand in der Dunkelheit.

Die Zeit dehnte sich aus. Immer und immer wieder schaute Ashley zu dem Haus hinüber, aber Damian erschien nicht. Fantasiegedanken stoben durch ihr Hirn, in denen das Haus ein Eigenleben entwickelte, mit einem maßlosen Hunger auf Menschenfleisch. Damians Fleisch. Unersättlich. Blutgeil wie Dracula.

Ashley schüttelte den Kopf und versuchte die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Die Straße war menschenleer und nur spärlich von ein paar Laternen erhellt, die sich nach fünfzig Metern in einer leichten Linkskurve verloren. Damian wohnte in einem der nobelsten Stadtviertel. Die Grundstücke waren so groß, dass man seinen Nachbarn nur erahnen konnte. Dekadenz und Snobismus waren hier zu Hause. Aber irgendwie konnte sie nicht glauben, dass Damian hier wohnte. Er war so anders. So … Ashley fand keine Worte für dieses Gefühl. Er wirkte mit seiner Art in dieser Gegend wie ein Fremdkörper. Ein Freigeist, der sich verirrt hatte und, warum auch immer, geblieben war.

Endlich öffnete sich die Eingangstür dieses merkwürdigen Gebäudes und ein fahles Rechteck aus Licht fiel in die Dunkelheit der Nacht. Eine Gestalt, die eigentlich nur ein Schatten war, trat in den Lichtschein und schloss die Tür.

Es dauerte eine Zeit, bis aus dem Schemen Damian wurde, der mit einer Sporttasche den gekiesten Weg herunter ging. Er öffnete den Kofferraum und warf die Tasche hinein.

Ein leises Klicken verriet, dass er den Deckel ins Schloss gedrückt hatte. Wenige Sekunden später saß Damian wieder neben Ashley. Eine Last fiel von ihr ab. In dieser surrealen Gegend fühlte sie sich nicht wohl und die Dunkelheit hatte das Gefühl noch verstärkt.

»Wo warst du so lange?«, Ashley versuchte so wenig Vorwurf wie möglich in die Stimme zu legen, aber Damian wissen zu lassen, dass sie sich hier alleine fürchtete.

Aber Damian schien nicht die nötigen Antennen für so feine Nuancen zu besitzen. Er ignorierte Ashleys Frage.

»Wir können«, Damian wollte gerade den Wagen starten, als Ashley seine Hand nahm.

»Wo warst du? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.«

»Ich wohne hier. Wer in drei Teufelsnamen sollte mir hier etwas antun. Ich habe uns nur ein wenig Futter für die Nase besorgt, das hat halt ein wenig gedauert. Es ist alles in Ordnung.«

»Du hast das Speed von deinem Vater geklaut?«

»Naja, geklaut ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck.

Mein Vater hat da so ein spezielles Hobby.«

»Was für ein Hobby?«, fragte Ashley und schaute zu dem steinernen Monster empor, von dem sie erwartete, dass jeden Moment die Tür aufgerissen wurde und Damians Vater oder Vlad III. herausgestürmt kamen.

»Mein Vater ist Apotheker, er hat sich im Keller unseres Hauses ein kleines Labor eingerichtet und dort stellt er das Speed her. Du musst zugeben, dass man sich mit Aspirin und Anti-Dünnschiß-Tabletten ein solches Haus nicht leisten kann. Mein Alter stellt das Zeug in Massen her, und nebenbei unterhält er eine kleine Armee von Dealern, die den Stoff verkaufen.«

»Oh mein Gott«, sagte Ashley, »das ist cool.«

Ashleys spürte wie sich ein zartes Pflänzchen mit Namen »Neid« an die Oberfläche ihrer Gedanken drängte. Es war nie wirklich ein Problem gewesen, dass ihre Eltern zu der breiten Masse der Mittelschicht gehörten. Aber je älter Ashley wurde, umso mehr erkannte sie, dass auch die geistige Leistung ihrer Eltern derer ihrer gesellschaftlichen Schicht entsprach: Mittelschicht. Zu oft waren Intoleranz und vorgekaute Meinungen Streitpunkte. Auseinandersetzungen, die keinen Sieger kannten, nur verhärtete Fronten, hinter denen immer wieder ein neuer, kleiner Krieg angezettelt wurde.

Mit der Zeit wurden Ashleys verbale Waffen immer feiner, trafen immer mehr den Nerv ihrer Eltern, deren standardisierten Abwehrfloskeln an Ashley nur noch abprallten. Die Frage, wann es zu einem Supergau kommen würde, wurde nur durch den Faktor Zeit bestimmt.

»Aber anstrengend.«

»Was?«, Damian hatte Ashley aus den Gedanken gerissen.

»Es ist anstrengend. Immer wieder tauchen halbseidene Gestalten mit verbeulten Achselhöhlen auf. Immer wieder warte ich darauf, Schüsse aus dem Keller zu hören. Immer wieder denke ich, der Typ von UPS ist kein Lieferant, sondern ein Zivilcop. Aber was soll´s. Ohne dies alles hätten wir jetzt nicht die Taschen voller Stoff und wenn ich ehrlich bin, man gewöhnt sich an alles. Wirklich an alles.«

Damian reichte Ashley einen dunkeln, kühlen Gegenstand herüber. Als sie erkannte, dass es eine Pistole war, erschrak sie leicht. Aber dieser Moment war kurz, sehr kurz. Das Stück tödliche Metall, das sich in ihren Händen langsam erwärmte, fühlte sich auf eine morbide Art und Weise erotisch an. Ashley spürte die Macht, die von dieser Pistole ausging. Sie strich über den phalusartig nach vorne gereckten Lauf. Spürte die Finsternis in den Tiefen der brünierten Röhre, dessen zart gerundetes Ende ihren Fingerkuppen schmeichelte. Das Gefühl, das in ihr wuchs, war subtil, aber sie spürte, dass sie mit dieser Waffe Herrin über Leben und Tod war. Sie konnte die Welt verändern. Sie konnte die Weichen, auf denen der Zug des Lebens rollte, neu stellen. Schnell und ohne große Kraftanstrengung.

»Peng« und man war erledigt.

»Steck die Waffe ins Handschuhfach, bevor uns noch jemand sieht«, sagte Damian.

Ashley gehorchte, aber sie merkte, wie dieser prickelnde Reiz anhielt. Sie wusste, dass sie die Waffe wieder berühren musste, vielleicht, sie war sich nicht ganz sicher, auch benutzen würde.

»Wie sieht es aus? Bereit.«

»Bereit für das große Abenteuer, gib Gas.«

Kapitel 5

»Ich habe eine Frage?«, Damian lenkte den Wagen mit einer Hand und ließ die andere zärtlich über Ashleys Knie wandern. Die Straße führte schnurgerade auf dem Horizont zu, am Ende dieser kleinen Unendlichkeit bog sich die Erde zu einer sanften Krümmung und verschwand in einem milchigen Dunst aus Sonne und Staub.

»Warum sind wir nicht zu dir gefahren? Du hast nichts zum Anziehen, naja fast nichts.«

Ashley streifte Damians Hand von ihrem Knie herunter und ihr Körper versteifte sich in dem Sitz. Sie hatte damit gerechnet, dass Damian die Frage stellen würde, aber jetzt wo es geschehen war, fiel ihr die sorgsam zurechtgelegte Antwort nicht ein.

»Das ist eine lange Geschichte und ich möchte dich nicht langweilen.« Ashleys Stimme klang so, dass sie keinen Widerspruch akzeptierte. Aber Damian ließ nicht locker, zumal er es als sein gutes Recht ansah, alles über Ashley zu erfahren, da er ihr die Drogengeschichte über seinen Vater anvertraut hatte.

»Die Straße ist lang und der Sender spielt nur Müll. Und,« dabei sah er Ashley in die Augen, »ich bin ein verdammt guter Zuhörer.«

»Das mag sein. Ein guter Autofahrer bist du jedenfalls nicht.«

Damian riss das Steuer herum, der Wagen geriet ins Schleudern, die Reifen brannten einen Teil ihres Gummis in den Asphalt und hellblauer Rauch stieg auf. Damian brauchte mehrere Sekunden, bis er ihn wieder unter Kontrolle gebracht hatte.

»Schöne Frauen lenken mich nun mal ab«, sagte er.

Aber die Schweißperlen auf seiner Stirn sprachen eine andere Wahrheit.

Sie schwiegen. Die mittägliche Sonne und die Klimaanlage führten einen ungleichen Kampf, dem die Sonne unterlegen war. Röhrend pustete das Klimagerät eiskalte Luft in den Wagen. Damians Frage hing immer noch über dem Schweigen, wie ein Gewitter, dem die Möglichkeit entzogen worden war, sich zu entladen.

»Ich finde meine Eltern scheiße«, unterbrach Ashley die Stille.

»Wer tut das nicht«, sagte Damian.

»Das meine ich nicht. Wenn ich scheiße sage, dann meine ich richtig scheiße mit allem Drum und Dran.«

»Das habe ich dir nie angemerkt, dass dich deine Alten so nerven.«

»Frauen können gut verdrängen, vielleicht will ich es aber auch nicht wahrhaben. Das Leben hat auch etwas mit einer Erwartungshaltung zu tun. Vielleicht habe ich zu viel davon. Wenn man älter wird, verändert sich das Denken. Du willst nicht mehr gefallen, das liebe kleine Mädchen sein.

Weißes Kleid, Löckchen und unendlich große Kulleraugen, das war einmal. Fast habe ich das Gefühl, dass der Alltagstrott die Gehirne meiner Eltern gelähmt hat. Die kamen nicht mehr mit. Irgendein seltsamer Mechanismus scheint sie verlangsamt zu haben. Ich habe mit ihnen gespielt, es ausprobiert. Je krasser sie reagiert haben, umso krasser habe ich weitergemacht und irgendwann ist die Bombe geplatzt und jetzt habe ich das Gefühl, dass keiner mehr zurück will.«, erschöpft ließ sich Ashley in die Lederpolster sinken.

»Heilige Scheiße, da hätte ich auch keinen Bock drauf, aber was hat das mit der Lähmung zu tun«, sagte Damian.

»Die haben stur auf die Situation reagiert, die ich ihnen diktiert habe. Sie haben es nicht geschafft, auszubrechen und ihre Gefühle auf das richtige Gleis zu bringen.«

»Hast du ihnen nicht Bescheid gesagt, dass das rebellische Töchterchen mit dem Sohn des Drogenbarons McLoy auf eine sündige Tour gegangen ist?«

»Nein, du?«, Ashley schaute Damian herausfordernd von der Seite an.

»Nein.«

Damian trat das Gaspedal durch und der Wagen beschleunigte auf der staubigen Straße.

Aus der orangenen Nachmittagssonne schälte sich eine Tankstelle. Ein halbes Dutzend heruntergekommener Häuser umringten sie wie eine Gruppe skelettierter Monster. Das Dorf sah aus, als ob es schon vor langer Zeit verlassen worden war. Damian bezweifelte, dass die Tankstelle geöffnet hatte. Seit einer Stunde war ihnen kein Auto mehr begegnet. Trotzdem, nur um sicher zu gehen, ließ er den Wagen zwischen den Zapfsäulen ausrollen. Im Inneren des Gebäudes läutete leise eine Glocke, als der Wagen über ein Kabel rollte, das über den Asphalt gespannt war.

Damian beugte sich zu Ashley herüber, küsste sie zärtlich auf den Mund, versuchte mit der Zunge zwischen ihre geschlossenen Lippen zu dringen und nahm sich die Pistole aus dem Handschuhfach.

»Was hast du vor?«

»Ich werde schauen, ob der Typ Lust hat, sich an unserer Urlaubskasse zu beteiligen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, stieg Damian aus. Die Luft war heiß und staubig. Der V8 grollte durch die Stille wie ein wütendes Tier. Damian hatte den Motor nicht abgestellt. Das grelle »Open« Schild pulsierte wild in einem der dreckigen Fenster der Tankstelle und wirkte wie ein Alien in einer verfallenen Kulisse.

Die Tür war offen, weil sie windschief in den Angeln hing, wie Damian bemerkte. Er betrat den kleinen Raum, der nach Benzin und Motoröl stank. Er ließ seinen Blick zur Decke und in die Ecken wandern, konnte aber keine Kameras entdecken. Der Druck, den die Pistole in seinem Hosenbund ausübte, fühlte sich gut an, er beruhigte Damian und gab ihm die Sicherheit die Situation zu beherrschen.

Im hinteren Bereich des Raumes raschelte ein billiger Plastikvorhang und ein Mann unbestimmten Alters trat durch die Abtrennung.

»Ja?«, die Stimme des Mannes war von einem starken Slang geprägt, so dass dieses einsilbige Wort für Damian nur schwer zu verstehen war.

»Wir wollten nur …«, Damian zog die Pistole aus dem Hosenbund und rannte auf den Mann zu. Dieser bewegte sich einen Schritt rückwärts, bis ihm ein Regal den weiteren Weg versperrte. Leise klirrten die Flaschen, als das Gewicht des Mannes das Regal einige Zentimeter aus seiner ausbalancierten Mitte drückte. Mittlerweile hatte Damian den Mann erreicht und hielt ihm den Lauf der Pistole an die Schläfe. Ein feiner Schmauchgeruch aus den Tiefen des Pistolenlaufs schlug dem Tankwart wie ein Vorbote des Todes entgegen.

»Der hat die Pistole schon einmal benutzt. Scheiße, vielleicht hat der sogar einen Typen den Schädel weggeblasen«, dachte der Tankwart.

So wie der Geruch des Todes die Luft durchsetzte, so kroch auch die Panik wie ein unheilvoller Gedanke in dem Mann empor, während das Metall des Pistolenlaufs sich langsam an seiner Schläfe erwärmte. Fauliger, saurer Alkoholatem schlug Damian ins Gesicht und für den Bruchteil einer Sekunde reagierte sein Magen. Damian atmete durch den Mund und schaffte es, den Würgereiz unter Kontrolle zu bekommen. Wut stieg in ihm hoch, kochte über und fand sein Ventil in Damians Zeigefinger. Er zog den Abzug der Pistole durch.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Jedes Mal hämmerte ein metallischer Ton durch den Kassenraum der Tankstelle, wie ein Abgesang, der das Leben in Tod umwandelt. Während der letzte Ton dieser unwirklichen Szene verhalte, hatte sich Damian in die Hosentasche gegriffen und ein volles Magazin daraus hervorgeholt.

»Jetzt weißt du, wozu ich fähig bin«, raunzte er dem Mann ins Ohr und drückte das Magazin in den Schacht der Pistole.

»Aber ich gebe Dir eine Möglichkeit, mich zu besänftigen«, dabei schaute Damian den Mann mit einem sanften Blick an, um den Sarkasmus zu unterstreichen.

»Was willst du, du Arsch«, der Mann hatte ein Stück seiner Fassung wiedererlangt.

»Na na na, wir werden doch unsere Kinderstube nicht vergessen haben. Oder kennt ein Hurensohn wie du so etwas nicht.« Mit diesem Worten entsicherte Damian die Waffe, lud sie durch und zielte auf den Kopf des Tankwarts.

»Peng«, schrie er und der Mann zuckte zusammen.

»Also, meine Geduld ist hier und jetzt zu Ende. Geld her oder wir werden sehen, wie brav du in deinem Leben warst. Du verstehst, was ich meine: Himmel oder Hölle.«

Der Tankwart öffnete die Kasse und schmiss ein paar Scheine in eine mit Kaffeeflecken übersäte Papiertüte. Diese drückte er Damian in die Hand.

Feiner Staub wirbelte auf, bis die breiten Reifen von Damians Wagen auf dem losen Untergrund Halt fanden.

Damian riss das Steuer herum, bis der Wagen wieder in der Spur war. Als er in den Rückspiegel blickte, kam der Tankwart mit einer abgesägten Schrotflinte aus dem heruntergekommenen Haus gerannt.

»Duck dich«, schrie Damian und drückte Ashleys Kopf tief in den Fußraum des Beifahrersitzes. Keine Sekunde zu spät. Die Schrotladung traf den Wagen und riss den Außenspiegel von der Fahrertür ab.

Ashley schrie.

Eine zweite Ladung verfehlte den Wagen, der immer noch mit dem losen Untergrund der entlegenen Landstraße zu kämpfen hatte.

»Das war knapp«, sagte Damian und sah die Tankstelle im Rückspiegel immer kleiner werden.

»Knapp? Der Scheißkerl hätte um ein Haar unsere Gehirne in diese gottverlassene Gegend gepustet.«

»Hat er aber nicht, dafür habe ich das«, sagte Damian und schmiss Ashley eine Papiertüte in den Schoß.

»Ganz schön viel Geld für eine scheißverlassene Gegend?«, sagte Ashley, als sie einen Blick in die Tüte geworfen hatte.

»Keine Ahnung. Vielleicht hat er Schnaps gebrannt und an die Hill Billys verkauft. Wen interessiert es, jetzt ist es unser.«

Ashley hatte sich mittlerweile von dem Schrecken erholt und starrte in die trostlose Einöde hinaus.

»Sehen so unsere Ferien aus, Damian?«

»Du wolltest doch was erleben und das eben war ein echtes Abenteuer. Aber wenn es dich beruhigt, wir werden mit dem Geld unseren Spaß haben. Versprochen.«

»Du hast ja Recht, Damian. Und eigentlich war es auch ein riesiger Spaß.«

»Sag ich doch«, mit diesem Worten griff Damian unter den Fahrersitz und holte eine von den Tütchen mit Speed heraus.

»Ich glaube, wir haben uns eine Nase verdient«, mit diesem Worten warf er das Tütchen zu Ashley herüber.

Ashley klappte das Handschuhfach auf und fand einen kleinen silbernen Spiegel. Vorsichtig ließ sie das weiße Pulver auf die ebene Fläche rieseln. Damian versuchte, den Wagen so ruhig wie möglich zu steuern, damit von dem kostbaren Pulver kein Krümelchen daneben fiel.

Als Ashley das Speed zerkleinert und zwei Linien gezogen hatte, reichte sie den Spiegel Damian hinüber. Der lenkte den Wagen mit den Knien und zog gierig die Linie ein.

Als das Speed zu wirken begann, ging die Sonne glutrot hinter der flachen Landschaft unter. Die Hitze ließ langsam nach und man konnte ahnen, dass die Nacht die ersehnte Abkühlung bringen würde.

Ashley und Damian hingen ihren Gedanken nach, niemand sagte ein Wort.

Erst als die Dunkelheit die Straße und das Auto einhüllte und die Welt nur noch durch die zwei Lanzen der Scheinwerfer zu erkennen war, drehte sich Ashley zu Damian um und gab ihn einen Kuss auf die Wange.

»Lass uns weitermachen Damian, ich fühle mich gut dabei.«

»Ich werde dich beschützen. Lass uns die Zeit zu einem riesigen Abenteuer machen.«

Ashleys Hand wanderte langsam von Damian Brust nach Süden, bis sie die Beule in der Hose spürte.

Damian gab Gas und der Staub der Landstraße wurde von den breiten Reifen aufgewirbelt.

Kapitel 6

»Sei mal ruhig«, sagte Ashley und versuchte mit dem alten, abgenutzten Volume-Regler dem Radio mehr Lautstärke abzuringen.

»… hatte das Pärchen eine Tankstelle in Carlington überfallen. Die beiden Jugendlichen sind dabei mit äußerster Brutalität vorgegangen«, krächzte der Nachrichtensprecher mit atmosphärischen Störungen aus den Lautsprechern.

»Sie wurden zuletzt in einem roten Chevrolet Camaro Baujahr 1992 gesehen. Der Wagen besitzt ein kalifornisches Nummernschild mit der Aufschrift XF1313Z, die vermutlich gestohlen worden sind.«

»Sind sie«, schrie Damian und fuhr an den Straßenrand. Er versuchte, den Sender schärfer einzustellen, aber die Nachrichten waren vorbei, nach einem kurzen Wetterbericht dröhnte Country-Musik aus der Anlage.

»Scheiße, wir sind am Arsch. Jetzt weiß jeder Cop, welches Auto wir fahren. Wir müssen die Karre loswerden«, sagte Damian.

Ashley wischte sich einige Schweißperlen von der Stirn, massierte die Schläfen und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Nebelhafte Versatzstücke der letzten Stunden trieben wie Treibholz durch ihre Synapsen. Eckten hier und dort an, ohne ein klares Bild zu ergeben. Das erotische Gefühl bei den Überfällen, das entsetzte Gesicht des alten Mannes pulsten wie dominante Hormone durch ihre Venen und malträtierten ihren Unterleib mit winzigen elektrischen Impulsen. Ashley war nicht bereit, hier und jetzt ihr Abenteuer aufzugeben. Das Auto musste weg, es war der einzige Hinweis auf ihre Identität, die die Cops hatten.

»Damian, du hast gesagt, dass das Nummernschild nicht gestohlen ist? Also wissen die Cops, dass das Auto dir gehört.«

»Die wissen gar nichts«, Damians breites Grinsen malte eine gewisse überlegene Fröhlichkeit auf sein Gesicht.

»Meinst du, ich würde so einen alten Schrotthaufen fahren? Wir haben nicht die Nummernschilder geklaut, wir haben direkt die ganze Karre mitgenommen.«

Damian zog, wie zum Beweis, ein paar blanke Kupferkabel unter dem Armaturenbrett des Camaro hervor.

»Und die Schlüssel?«

»Das ist ein wenig blöd gelaufen, als ich den Wagen kurzgeschlossen hatte, fiel mir ein, hinter der Sonnenblende nachzusehen und genau dort waren sie. Mann, du musst einen ganz schönen Filmriss gehabt haben, wenn du dich daran nicht mehr erinnern kannst.«

Damian lächelte süffisant.

Ashley versetzte Damian mit der Faust einen Hieb auf dem Oberarm.

»Ja, so mag ich es, meine wilde, rote Hexe.«

Ashley strich mit ihrer Hand über den Schritt von Damian und merkte, wie sich unter den Zähnen des Reißverschlusses Druck aufbaute. Damian versuchte, die Hose zu öffnen, aber Ashley hielt ihn davon ab.

»Erst kommt der Camaro weg, dann spielt die rote Hexe mit dem kleinen Damian«, Ashley strich noch einmal über die Wulst in Damians Schritt und drehte dann den Zündschlüssel. Der V8 erwachte fauchend zum Leben.

Kapitel 7

Für den Bruchteil eines Momentes schoss ein greller Blitz durch die Büsche, gerade lang genug, um Ashleys Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Zwischen dem verdorrten Gestrüpp konnte sie die raue Oberfläche eines Sees ausmachen. Die Herkunft der Lichtreflexion.

»Rechts in den Weg«, Ashley zog Damian am Ärmel.

Dieser reagierte. Bremste den Wagen scharf ab und riss das Steuer herum. Der Camaro rollte einen kleinen Pfad entlang. Steine flogen mit einem unangenehm metallischen Geräusch gegen den Unterboden und ein paar Mal setzte der Wagen auf, ohne aber stecken zu bleiben.

Damian ließ den Camaro am Kiesstrand des Sees ausrollen. Der Motor erstarb und eine unnatürliche Stille breitete sich im Inneren aus.

»Versenken wir den Wagen«, sagte Damian und stieg aus.

Ashley holte das Speed und die Pistole aus dem Handschuhfach und verstaute es in ihrem kleinen Rucksack, ehe sie Damian folgte.

Damian schmiss die Taschen aus dem Kofferraum auf den Kies und knallte den Deckel zu.

»Lass uns die Fenster runterkurbeln, dann sinkt der Wagen schneller«, sagte Ashley.

Damian versenkte die Fenster, während Ashley den Trampelpfad zurückging, um zu kontrollieren, ob ihnen jemand gefolgt war. Sie versuchte, dem unguten Gefühl in der Magengegend nachzuspüren. Aber dort war nichts, außer einem leichten Anflug einer Paranoia. Nur der Wind strich durch die dürren Büsche und erfüllte die Luft mit tinitusartigen Geräuschen.

Ashley beschloss, zu Damian zurückzukehren, wollte aber kein Wort über die seltsamen Gefühle verlieren.

Damian stellte den Wählhebel auf »N« und dann schoben sie den Camaro in den See. Widerwillig glitt der Wagen ins Wasser. Die Steine, die sich unter der Wasseroberfläche befanden, wurden durch das Gewicht des Wagens nach vorne geschoben und bildeten einen Keil, der das Auto schließlich zum Stehen brachte. Bis zur Stoßstange stand der Wagen im Wasser, dann ging nichts mehr.

Damian und Ashley mobilisierten ihre gesamten Kräfte, aber der Camaro bewegte sich kein Stück.

»Scheiße, verdammte Scheiße«, schrie Damian und hieb mit der Faust auf den Kofferraumdeckel.

»Nimm Schwung und fahr ihn ins Wasser.«

»Was?«, Damian schien für einen Moment die Wut vergessen zu haben.

»Fahr ihn bis an Ende des Strandes, gib Gas und spring dann raus.«, sagte Ashley.

»Du bist genial«, Damian nahm Ashleys Gesicht in beide Hände und drückte seine Lippen auf die ihrigen und schob ihr die Zunge in den Mund. Ashley spielte mit ihr. Ließ ihre Zunge um seine kreisen, lutschte daran, um sie mit einem Mal fest einzusaugen. Damians Augen weiteten sich und ein leichter Schmerz durchfuhr ihn.

»Mehr gibt es, wenn der Wagen abgetaucht ist«, lachend stieß Ashley ihn in Richtung des Camaros.

Kies spritze auf und trommelte gegen die Radkästen, als Damian mit immer steigender Geschwindigkeit auf den See zuraste. Er war mittlerweile so schnell, dass es unmöglich für ihn schien, aus dem fahrenden Wagen zu springen.

In diesem Moment tauchte der Camaro mit einer riesigen Fontäne ins Wasser ein. Als der Motor das brackige Wasser einsog und es sich mit dem Benzin vermischte, bockte der Camaro für einen kurzen Moment auf, das Geräusch brechenden Metalls übertönte das sterbende Blubbern des V8. Für einen Moment schwamm der Wagen an der Oberfläche des Sees, um dann mit dem Bug zuerst zu versinken.

Damian robbte zum Fenster raus und ließ sich ins Wasser gleiten. Keinen Augenblick zu spät, denn der Camaro sank immer schneller und hätte Damian mit in die nassen Fluten gezogen.

Damian hängte seine nassen Sachen an die niedrigen Zweige eines Baumes. Die Sonne hatte noch genug Kraft, um das Wasser aus der Kleidung zu saugen.

Das feuchte Grab des Camaros hatten sie verlassen und sich durch den kleinen Wald geschlagen. Als sie das Gefühl hatten, weit genug vom See entfernt zu sein, hatten sie eine Rast eingelegt.

Ashley lehnte an einem Baum und hatte die Augen geschlossen.

Die grobgenarbte Rinde drückte gegen ihr Rückgrat und verursachte einen permanenten, wenn auch leichten Schmerz. Diesen Schmerz benutzte Ashley, um ihre Gedanken zu ordnen. Viel zu viel war in den zwei Tagen und unzähligen Stunden in Unordnung geraten. Das spießige Leben ihrer Eltern war ihr zwar zutiefst zuwider, aber Schießereien waren doch auch für sie eine ganz andere Liga. Eine gewöhnungsbedürftige Liga.

Die Stimme ihres Bauches gab ihr nur diffuse Antworten auf ihre Fragen. Einerseits genoss sie die Unabhängigkeit, auf der anderen Seite wusste sie nicht, wo sie der Weg hinführen würde. Obwohl sie hart und schnell leben wollte, hatte sie Damians Gewalt schockiert. Ihre Worte hallten immer noch in Ashleys Kopf nach, hart und schnell, sie hatte die Befürchtung, dass Damian dies für ein Versprechen gehalten hatte. Ein falsches Versprechen, wenn hart und schnell auch brutal bedeuten sollte. Vielleicht hatte sie sich auch in Damian getäuscht. Unter der weichen Schale aus Empathie und immerwährender Gutmütigkeit schien ein anderer Damian zu lauern. Ein Monster, das jede Situation ausnutzte, um sein wahres Gesicht zu zeigen.

Ein Schatten legte sich auf ihr Gesicht und riss sie aus ihren Gedanken. Damian hatte sich umgezogen.

Seine Augen hatte er leicht zusammengekniffen, so dass eine steile Falte über seine Stirn lief. Ashley hatte das Gefühl, das Damian sich in ihre Gedanken schleichen wollte, um zu ergründen, wie es in ihr aussah.

Damian kniete sich nieder und der Schatten, den er geworfen hatte, verschwand. Ashley schützte ihre Augen gegen die plötzlich einfallende Helligkeit.

Als sie die Umwelt wieder in einem normalen Licht wahrnehmen konnte, bemerkte sie, dass Damian zwei Telefone in der Hand hielt. Eins davon gehörte ihr.

Sekunden verstrichen, in denen Ashley das Gefühl hatte, Damian wartete darauf, dass sie etwas sagte.

Aber Ashley blieb stumm.

»Wir müssen unsichtbar werden«, sagte Damian, als noch ein paar lange Sekunden des Schweigens verstrichen waren.

»Ohne Mobilfunk werden wir unsichtbar?«

»Ohne die Telefone kann uns die Polizei nicht orten«, sagte Damian.

»Aber die wissen doch gar nicht, wer wir sind«, antwortete Ashley.

»Noch nicht«, sagte Damian, stand auf und zerstörte die Telefone mit einem Stein, den er vor Ashley verborgen hatte.

Ein trockenes Knacken durchbrach die warme Stille des Nachmittags und das erste Telefon zerstreute seine elektronischen Eingeweide auf der staubigen trockenen Erde.

Die zerschmetterten Leiber der Telefone begrub Damian unter einem Baum und bedeckte die Erde wieder mit den herabgefallenen Nadeln einer Kiefer.

Kapitel 8

Waterburgh wirkte provinzial. Eingebettet in einer Mulde, umringt von lichten Kiefernwäldern. Der feuchte Nebel hüllte die Stadt regelmäßig in eine watte-graue Schicht und der Sommer trieb die schwüle Luft durch die Straßen. Ein Gürtel aus vornehmen kleinen Häusern umringte das Stadtzentrum.

Genau genommen war Stadtzentrum eine Übertreibung. Eine Straße, die sich über vier Blocks erstreckte, bildete das Herz von Waterburgh. Ihre größte Attraktion war, dass sie aus der Stadt hinaus führte. Gegründet durch einen niederländischen Emigranten wuchs die kleine Stadt nur mäßig, bis die Population sich irgendwann auf 1200 Einwohner einpendelte. Die großen Supermarkt-Ketten machten einen Bogen um Waterburgh und so gab es hier noch die Spezies von Einzelhandelsläden zu bestaunen.

Verließ man Waterburgh auf der Hauptstraße nach Osten, bildeten zwei heruntergekommene Trailer-Parks das Ende des Stadtgebiets. Verwahrloste Hütten und alte Trailer boten ein Bild des ständigen Verfalls. Waterburgh rekrutierte hier seine Hilfskräfte: Regaleinräumer und Burgerbrater.

Mrs. Lewingston wirkte wie geschaffen für ihr kleines viktorianisches Reihenhaus. Sie lebte in einem der wohlhabenden Viertel von Waterburgh. Ihr kleiner drahtiger Körper steckte in einem spitzenbesetzten Stoffkleid, das mit englischen Rosen bedruckt war. Mit ihrem dezenten Goldschmuck und ihrer altertümlichen Hochsteckfrisur wirkte sie, als ob sie in ein falsches Jahrhundert hinein geboren worden war. Es war das Haus ihrer Eltern, das sie jetzt schon fast vier Jahrzehnte ihr Eigen nannte.

Sie hatte das Haus seit dieser Zeit alleine bewohnt. Die große Liebe hatte sie nie gefunden, Mühe hatte Mrs. Lewingston sich auch nicht gegeben diese zu finden. Sie war mit ihrem Leben zufrieden und war der Meinung, je mehr Menschen um sie herum waren, um so mehr erhöhte sich der Faktor Streit und Streit war eines der Dinge, die das Leben so unangenehm rau machten.

Der Westminster-Klang ihrer Türglocke ließ die alte Dame aufschrecken, es dauerte eine Weile, bis sie die arthritischen Gelenke bewegen konnte, mit kleinen bedachten Schritten trippelte sie zur Tür.

»Wir suchen ein Zimmer«, sagte Damian, als die Tür aufging und zeigte auf das blankpolierte Messsingschild, das das Haus als Pension auswies.

»Sicherlich«, Mrs. Lewingston faltete ihre Gicht verknoteten Finger ineinander.

Es entstand eine Pause, auch wenn diese nur wenige Sekunden dauerte, empfand Ashley sie als äußerst unangenehm.

»Haben Sie noch ein Zimmer für uns?«, unterbrach sie schließlich das Schweigen.

»Sicherlich«, antwortet Mrs. Lewingston.

Mit einem Mal bemerkte Ashley die seltsamen Spiegelungen in den Augen der alten Dame. Ihr wurde klar, dass sie versuchte, Damian und Ashley anhand der Stimmen zu analysieren, da sie wohl schlecht oder fast gar nichts mehr sah.

»Sind Sie verheiratet? Wissen Sie, ich vermiete eigentlich nur an junge alleinstehende Damen. Die machen am wenigsten Ärger. Sind Sie verheiratet?«

Damian nickte zögerlich. Er hatte noch nicht bemerkt, dass Mrs. Lewingston ihn nicht richtig erkennen konnte.

»Ja, seit zwei Jahren«, antwortete Ashley in einem heiteren Tonfall und ihre Wangen wurden bei der Lüge von einem leichten Rot überzogen.

»Wie wunderbar. Wenn ich noch einmal so jung wäre wie Sie, würde ich auch heiraten. Aber der Richtige muss einen über den Weg laufen. Bei mir war das ...«, Mrs. Lewingston verstummte. Die wenige Gesellschaft, die sie in ihrem Alter noch pflegte, ließen sie ein wenig übereifert plappern.

»Kommen Sie rein. Ich zeige Ihnen das Zimmer, das ich noch zu vermieten habe.«

Das Zimmer passte zum Haus. Es war altmodisch, aber gemütlich eingerichtet und an Sauberkeit nicht zu übertreffen. Das Bett war breit genug für zwei und die Bettwäsche ähnelte auf frappierende Art und Weise dem Kleid der alten Dame. Die Fensterscheiben waren durch Leisten unterbrochen und führten zu einer wenig befahrenen Straße. Das kleine Badezimmer war mit nostalgische Porzellan und Armaturen ausgestattet und schien wie Mrs. Lewingston aus einer anderen Zeit zu stammen.

Damian und Ashley gefiel das Zimmer. Es ähnelt so wenig den schmierigen Absteigen, in denen sie die letzten Tage mehr gehaust als gelebt hatten.

Sie bezahlten das Zimmer eine Woche im Voraus.

Danach waren sie pleite.

Damians Kreditkarte blieb unbenutzt in seiner Geldbörse. Zu groß die Gefahr, dass sie mit dem Autodiebstahl und der Prügelei mit dem Motelbesitzer in Zusammenhang gebracht werden konnte. Dass dies auf einem großen Zufall beruhen musste, war Damian klar, aber er wollte die Chance, dass dies passiert, kleinhalten.

So mussten Damian und Ashley sich in Waterburgh nach einem Job umsehen. Die meisten Geschäfte wiesen sie ab, sie verließen sich lieber auf die Einheimischen, auch wenn diese aus den Trailerparks am Rande der Stadt kamen.

Neben dem »Cunt Temple - Bar & Burlesque«, einer Striptease-Bar mit riesigen Parkplatz, stand das einzige Diner von Waterburgh mit dem wenig einfallsreichen Namen »Waterburgh Diner«. Er war im klassischen Stil gehalten, der schon in die Jahre gekommen war. Nachts feierte die Neon-Reklame ihren eigenen Abgesang. Die Röhren der Buchstaben »n« und »r« waren seit Ewigkeiten kaputt und orakelten unbeabsichtigt das nahende Ende der Stadt.

Die Einrichtung des Diners war verschlissen, aber da die meisten Gäste aus der Gegend kamen, waren sie mit dem Diner gealtert und hatten weder die eigene noch die Veränderung des »Waterburgh Diner« wahrgenommen.

Damian öffnete eine der Flügeltüren und ließ Ashley den Vortritt. Der Gestank von altem Fett, Kaffee und ungewaschenen Gästen schlug ihnen entgegen. Die Luft schien eine andere Atmosphäre zu besitzen. Dicht, so dass die Geräusche einen eigenartigen Klang bekamen.

Aus einem billigen Radio krächzte Countrymusik. Die Gespräche waren verstummt. Neue wurden in Waterburgh immer genau unter die Lupe genommen, besonders wenn sie so jung wie Damian und Ashley waren.

Normalerweise zogen die jungen Leute weg von Waterburgh, in die Großstadt, dort wo das Leben pulsierte. Hier in Waterburgh blieben nur die Alten zurück, um der Stadt beim Sterben zuzusehen.

»Was darf es sein Fremder?« Ein dicklicher Mann mit Fett bespritzter Kleidung trat durch die Schwingtür, beäugte sie mit einem gewissen Misstrauen und rieb sich seine schaufelgroßen Hände an einem dreckigen Handtuch trocken.

Kapitel 9

Jonathan Tailor.

Jonathan Tailor war als Junge nach Waterburgh gekommen. Seine Eltern hatten von ihrem Ersparten einen einigermaßen passablen Trailer erstanden, der auch der einzige Besitz im Leben der alten Tailors bleiben sollte.

Jonathan hatte sich mit Mühe und noch größerer Not durch die Schulzeit geschlagen und diese vorzeitig abgebrochen. Eigentlich keine willentliche Entscheidung, sondern eine spontane Handlung, deren Grund Jonathan Tailor nie überdacht hatte. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, während er dem alkoholgeschwängerten Untergang seiner Eltern zuschaute.

War Jonathan in der Schule eher schüchtern gewesen, so ließ er jetzt seinen Gefühlen freien Lauf. Wobei das Wort »Gefühl« eher mit brutalen Sex gleichzusetzen war. Frauen, die seine Vorliebe teilten, fand er nicht und gab es nach immerhin zwei Versuchen auf, eine zu finden. Seine Sexpartnerinnen wurden zu Opfern. Er überfiel sie in den Wäldern, wobei er es mit dem Alter auch nicht so genau nahm. Die Jungen waren ihm lieber, kam nur eine reife Frau in Frage, beugte er sich dem Schicksal. Die vergewaltigten Frauen erstatteten Anzeige, aber weder konnten sie den Täter genau beschreiben noch trieb er permanent sein Unwesen in den Wäldern von Waterburgh. Die Polizeiermittlungen verliefen nach einiger Zeit im Sand und danach in Vergessenheit.

Eines unglückseligen Tages machte sich Jonathan Tailor auf, seine Triebe abzukühlen. Sein letzter Auftritt in den Wäldern war schon mehr als drei Jahre her.

Sie war blond und allein. Jonathan zog seine schwarze Maske über das Gesicht und schlich sich an. Aber irgendein Sinn muss die Blondine gewarnt haben. Sie kreiselte herum, gerade als Jonathans kräftige Hände sie packen und zu Boden reißen wollten. Die Frau stolperte, fiel, zog aber noch geistesgegenwärtig einen Revolver aus dem Holster, den sie versteckt unter ihrer dünnen Sommerjacke getragen hatte, und schoss. Da Fallen und Zielen meistens nicht miteinander harmonierten, verfehlte die Frau den Schädel von Jonathan Tailor. Die Kugel suchte sich den Weg zwischen den Beinen und wurden von den beiden Hoden gestoppt. Der Schmerz war mörderisch und Jonathan Tailor sank mit blutigen Schritt zu Boden.

Die Frau entkam.

Jonathan schaffte es noch bis in seinen Trailer, bevor er bewusstlos zusammenbrach. Als er erwachte, sickerte das Blut immer noch aus der Wunde, aber nicht mehr so stark, dass er um sein Leben fürchten musste. Er entledigte sich seiner Hose. Die Schmerzen trieben ihm immer wieder schwarze Wolken vor die Augen und er hatte Mühe das Bewusstsein zu behalten. Zwischen seinen Beinen hing nur noch ein blutiger Fetzen Haut, dass nicht mehr im weitesten entfernt an einen Beutel erinnerte. Jonathan Tailor traf eine Entscheidung. Ein Arzt würde Fragen stellen und hier draußen in der Provinz hilft sich in der Not ein Mann selber. Er suchte eine Flasche Whisky und als er betrunken und einigermaßen schmerzunempfindlich war, entfernte er den zerfetzten Hautlappen. Die Hoden hingen als breiige Masse an der haarigen Haut und waren durch eine Kugel von ihrer Aufgabe zwangsentbunden worden. Jonathan Tailor vernähte die Wundränder und schluckte ein paar Antibiotika, die er in einem Wandschrank gefunden hatte.

Von diesem Moment an konnte Jonathan Tailor nur noch die Körper der Frauen bewundern, auf eine Reaktion hinter dem Reißverschluss seiner Hose wartete er vergebens.

Kapitel 10

»Was darf es sein Fremder?«

»Haben Sie den Spruch aus einem Film?«, antwortete Damian.

Ashley verdrehte die Augen und hoffte nur, dass der Dicke eine Funken Humor in seinem riesigen Leib hatte.

Dieser zeigte mit seinem wurstartigen Fingern auf Damian und zog die Mundwinkel nach oben.

»Genau«, mehr sagte er nicht und die Lage entspannte sich für Ashley.

»Wir auf der Durchreise und ...«

»Das ist jeder und wer bleibt, der stirbt hier auch«, unterbrach ihm der Koch.

»Bräuchten für ein paar Tage einen Job«, beendete Damian den Satz.

Der dicke Mann kratzte sich am Kopf und pulte die Schuppen, die sich unter seinen Fingernägeln angesammelt hatten, heraus.

»Warum nicht, die süße Maus könnte mir bestimmt den einen oder anderen extra Kunden bringen«, sagte der Besitzer des Diners und knipste ein Auge zu.

Ashley lächelte gequält und wünschte dem Dicken schon jetzt das Höllenfeuer.

»Und wenn du«, dabei zeigte er wieder mit seinem Wurstfinger auf Damian, »bei deinem alten Herrn schon mal einen Burger gewendet hast, könntest du mir in der Küche zu Hand gehen. Wenn ihr wollt, schlagt ein. Ich zahle aber nur den Mindestlohn und wenn ihr Hunger habt, müsst ihr zahlen, wie die anderen auch«, er streckte Damian seine riesige Hand hin und dieser schlug ein.

Das Bett knarrte, als sich Damian zu Ashley drehte. Eine kaum wahrnehmbare Wolke Lavendel entwich der Bettwäsche.

»Wohin gehst du nach dem hier?«, fragte er.

Ashley wischte Damians Hand mit gespielter Empörung weg. Seine Finger waren schon die ganze Zeit auf ihrem Körper gewandert und es war nur noch eine Frage der Zeit, bevor sie unter ihrer Kleidung auf Tauchstation gehen würden.

Statt einer Antwort zuckte sie mit den Schultern.

»Was bedeutet«, Damian wiederholte mehrfach das Schulterzucken.

»Ich dachte, du hättest dich an mehreren Universitäten beworben.«

»Habe ich auch«, antwortete Ashley kurz.

»Und? Hast du eine Zusage bekommen?«

Ashley schaute eine Weile zur Decke und schwieg.

Nach einer kleinen Ewigkeit setzte sie sich auf, lehnte sich an das hölzerne Kopfteil des Bettes und schlang die Arme um ihre Knie. Ashleys Augen waren gerötet und Tränen bildeten sich in den Augenwinkeln.

»Ich habe mich nur beworben, weil meine Eltern es wollten«

»Aber wenn du es nicht willst, warum hast du das gemacht«, Unverständnis schwang in Damians Stimme mit.

»Weil ich es satt habe, mich andauernd mit meinen Eltern zu streiten. Immer und immer wieder nörgeln die an mir rum. Ich kann ihnen gar nichts recht machen. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann bekomme ich meine karrieregeile Schwester vorgehalten. Schau mal Ashley, Allison hat ihr Jura-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. Weißt du, was danach passiert ist?«

Damian schüttelte den Kopf.

»Sie haben mit Allison eine Tour gemacht. Alle Verwandte und Freunde durften ein Loblied auf die fleißige kleine Allison singen. Zum Kotzen.«

»Verstehe, aber warum hast du dich trotzdem beworben?«

»Ich wollte für mich wissen, ob ich etwas tauge. Es ist nicht einfach, im Schatten solch einer Schwester zu stehen. Ja, ich habe Zusagen bekommen, in amerikanischer Literatur, also fern ab des Glammers, dann habe ich angefangen, auf mein Herz zu hören.«

Ashley lachte und eine Träne löste sich aus den Augenwinkeln und rollte die Wange hinunter.

»Ich habe den Briefkopf der Universität genommen, eine nette Absage geschrieben und sie meinen Eltern unter die Nase gehalten. Ab jetzt werde ich entscheiden, was ich mache und wann ich es mache. Vielleicht studiere ich nach dieser Reise, vielleicht führt uns der Weg auch woanders hin.«

Damian strich Ashley die Träne trocken und küsste sie auf den Mund.

Damian hatte von ihrem ersten Lohn in »Waterburgh Diner« eine Flasche Rotwein gekauft. Er entkorkte sie und reichte sie Ashley, damit sie den ersten Zug nehmen konnte.

»Auf die Freiheit und dass am Ende der Straße für uns ein großer Topf voll Gold wartet.«, mit diesem Worten nahm er die Flasche und trank einen langen Schluck Rotwein.

Als die Flasche leer war, hatte Ashley auch nichts mehr dagegen, dass Damians Finger wieder auf Wanderschaft gingen.

Darmowy fragment się skończył.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
200 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783742736802
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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