Czytaj książkę: «Gefangen im Gezeitenstrom»

Robert Stephan Bolli, 1959 in Schaffhausen (Ostschweiz) geboren und aufgewachsen.
Schulen und Ausbildung zum Landschaftsgärtner in Schaffhausen. 1991 Wechsel zu den Schweizerischen Bundesbahnen in den Bereichen Fahrbahn und Sicherheitsdienst.
Seit 2000 ist der Autor bei der Eidgenössischen Zollverwaltung in den Bereichen Handelswarenverkehr und Schwerverkehrsabgabe (LSVA) tätig.
Der Autor lebt mit seiner Familie in Schaffhausen.
Robert S. Bolli
GEFANGEN IM
GEZEITENSTROM
Roman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Nachwort
Buchempfehlung
1
Ein bitterkalter Wind fegt durch die nackten Baumgerippe des Waldfriedhofs und treibt ein paar wenige einsame Schneeflocken vor sich her. Die grauen Steine wirken noch düsterer, die kahlen Gräber noch trostloser als während der Vegetationszeit. Da gibt es keine weiße und schützende Schneedecke. Eher ein fadenscheiniges Leichentuch bedeckt die sonst schmucklosen Grabreihen und der braune Boden wirkt wie im Permafrost erstarrt.
Ein bescheidener Trauerzug bewegt sich langsam durch den Wald, begleitet vom tristen Klang der Glocke über der Friedhofskapelle. Beinahe verliert das Geläut den Kampf gegen das Heulen des Windes. Der Pfarrer, der dem Zug vorausgeht, steuert zielstrebig ein frisch ausgehobenes Grab an, dessen seitlich deponierte dunkelbraune Erdhügel im sonst geometrisch genau ausgerichteten Gräberfeld wie Fremdkörper scheinen. Der Geistliche begibt sich an das Fußende der Grube und lässt die Trauergesellschaft herantreten. Die Grube ist mit Holzbohlen abgesichert. Darüber befindet sich ein Metallgestell mit einem schlichten Sarg aus lackiertem Kiefernholz darauf. Einen zu Sarkasmus neigenden Betrachter hätte dessen Erscheinung wohl an ein Möbelstück jenes schwedischen Einrichtungshauses für nordisches Wohnen erinnert. Ein einziger Kranz, vorwiegend aus Blautannenreisig gebunden, und ein paar einfache Blumengestecke lassen erahnen, dass hier keine Prominenz beigesetzt wird. Noch erinnert kein Grabstein, kein Holzkreuz an den Verstorbenen.
Der Pfarrer wartet, bis sich alle Trauernden im Halbkreis um das Grab geschart haben. Mit versteinerten Mienen blicken die Anwesenden auf den hellbraunen, mit einem aus roten Rosen bestehenden Arrangement geschmückten Sarg oder lassen, vielleicht als Folge ihrer Betroffenheit, ihre Köpfe hängen und starren auf die Spitzen ihrer Schuhe, mit denen sie gelegentlich im Rundkies des Gehwegs herumscharren. Die Trauergemeinde besteht ausschließlich aus Personen mit älterem Jahrgang. Alle tragen Schwarz. Die Herren vergraben ihre Hände tief in ihren Manteltaschen, diejenigen der Damen stecken in edlen Lederhandschuhen. Der Pfarrer beginnt mit einem Gebet. Anschließend drückt er einen am Metallgestänge angebrachten Knopf, der den Mechanismus zum Absenken des Sarges auslöst. Während dieser lautlos in der Grube verschwindet, spricht der Geistliche ein paar einfühlsame Worte des Trostes. Eine Frau, deren Gesicht hinter einem schwarzen Schleier verborgen ist, schluchzt auf. Ihr Begleiter legt seinen Arm um ihre Taille, zieht die Frau enger an sich heran, sodass sie ihren Kopf an seine Brust schmiegen kann. Der Pfarrer spricht einen Segen und die Anwesenden treten heran und streuen mit einer kleinen Handschaufel bereitliegendes Erdreich auf den makellosen Sargdeckel. Dazu singt der Wind, der durch die kahlen Äste weht, sein Klagelied.
Unweit, ganz im Hintergrund, kaum wahrnehmbar zwischen den Bäumen stehend, beobachte ich die Zeremonie. Ich stecke in meiner dicken, fellgefütterten Pilotenjacke aus braunem Büffelleder und mit den Füßen in einem Paar jener braunen, halbhohen Lederstiefel, wie sie oftmals von Bauarbeitern getragen werden. Die gelbe Banderole um den Stiefelschaft herum mit der schwarzen Aufschrift CATERPILLAR ist jedenfalls deutlich zu sehen. Die Klamotten habe ich mir mit meinem ersten Lehrlingsgehalt an der Baumaschinenmesse in Basel beziehungsweise im Armyshop erworben und ich war mächtig stolz darauf.
Ich friere erbärmlich, trotz der dicken Jacke, und ziehe den Pelzkragen etwas höher. Anschließend vergrabe ich die Hände wieder in den Armstulpen. Eine Kopfbedeckung trage ich nicht. Ich habe sie einfach vergessen oder vielmehr – zu Hause habe ich nicht mit solch kalten Böen gerechnet. Nun aber lässt die kräftige Bise meine dunklen Haare in wirren Strähnen herumflattern.
Als ich zusehen muss, wie die Kiste im Erdloch verschwindet, verkrampft sich augenblicklich mein Herz und meine in der Jacke verborgenen Hände ballen sich zu Fäusten. Ich lehne mich mit dem Rücken an den dicken Stamm einer Buche. Sonst wäre ich in meinem Schmerz vielleicht zusammengebrochen. Ich schließe die Augen und ziehe die kalte Luft tief in die Lunge. Wie Rasierklingen schneidet die Kälte in mein Fleisch. Mein warmer Atem bildet vor dem Mund dicke weiße Wolken, die vom Wind sogleich wieder fortgetragen werden, genauso wie die Hoffnungen zerstreut werden, dass alles wieder gut wird.
Vielleicht ist es auch die scharfe Bise, die meine gereizten Augen zum Tränen bringt. Aber wenn ich – im Nachhinein – ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass sich in den Winkeln meiner geschlossenen Augen schwere, bittere Tränen der Trauer sammeln, die nun auf meinen Wangen silberne Rinnsale bilden. Ich wische sie mit den Händen weg, die ich wiederum an den Hosenbeinen trockne. Ich schlage die Augen auf und blicke zum Grab, das nun von der Trauerfamilie verlassen daliegt. Dann verlasse auch ich die Deckung hinter den Bäumen. Ich trete vorsichtig heran und werfe einen Blick auf die Kiste. Die roten Rosen sind nach wie vor unversehrt, aber schon bald werden die Gärtner kommen, das Gestell demontieren, die Grube mit dem lehmigen Erdreich füllen, das für diese Gegend typisch ist, und darüber mit feinerem, humosem Material einen kleinen Hügel formen. Danach ist für sie die Aufgabe vorerst einmal erledigt. Ein Menschenleben ist zu Ende. Die letzten Überreste beseitigt. Game over!
Mit zögernden Schritten verlasse ich die Grabstätte. Kies knirscht unter meinen Füßen, während ich darüber nachdenke, was es braucht, um einen Menschen auszulöschen. Ich meine, nicht einfach einen Mund zum Schweigen, ein Herz zum Stillstand zu bringen, etwas Lebendiges zu töten – nein, ich meine, alles zu vernichten, was irgendwie an die Existenz eines Menschen, an ein Dasein auf Erden erinnert. Ein kalter Schauer läuft über meinen Rücken. Es muss trostlos sein, wenn man so gehen muss. Wenn man nicht die geringste Spur hinterlässt. Und doch, ist es nicht die Mehrheit aller Menschen, die dieses Schicksal miteinander teilt? Stirbt nicht gerade in diesem Moment irgendwo ein Obdachloser, der nichts anderes hinterlässt als eine versiffte Wolldecke und eine leere Schnapsflasche? Was bleibt mehr übrig, wenn ein Kind einen sinnlosen Hungertod stirbt, als bedrückende Erinnerungen an ein Schicksal, das niemals Glück erfahren durfte? Gibt es denn einen sinnvollen Tod? Oder sollte ich vielleicht die Frage anders stellen: Gibt es auch sinnloses Leben? Worin liegt der Sinn, wenn letztendlich alles Lebendige wieder zu Staub zerfällt? Existiert in uns wirklich etwas, das für die Ewigkeit bestimmt ist, etwas, das wir Seele nennen? Wenn ja, kann diese Seele wachsen und sich weiterentwickeln, indem sie einen sterbenden Körper verlässt und sich in einem neugeborenen einnistet? Wenn ja, wozu dieser Aufwand? Kann es sein, dass eine Seele Macht auf ihren Träger ausübt und ihn so beeinflusst, dass daraus ein sogenannter Gutmensch oder eben ein Kotzbrocken wird? Ich denke – und ein Blick in die TV-Nachrichten genügt mir als Bestätigung –, wenn es wirklich so wäre, dann hat die Menschheit einen gigantischen Nachholbedarf. Nach wie vor fällt es mir schwer, an einen Siegeszug des Guten über das Böse zu glauben. Auch glaube ich weder an Götter noch an Reinkarnation, Seelenwanderungen und dergleichen. Das sind doch alles utopische Fantasien, Wunschvorstellungen von einem immerwährenden Paradies, von Philosophen und anderen weltfremden und lebensuntauglichen Spinnern erdacht, ihr eigenes Weltbild einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Gerade in Glaubensfragen klaffen zwischen Wunsch und Wirklichkeit riesige Lücken. Ich finde sowieso, dass die Leute weniger beten, dafür mehr Eigenverantwortung übernehmen sollten. Aber Menschen sind eben Menschen, weil sie neugierig sind und Fragen stellen. Auch solche, die man nie gänzlich beantworten können wird. Zum Beispiel Fragen zu unserer Herkunft oder zu unserem Schicksal in ferner Zukunft. Im Extremfall gründen sie Religionen, erklären alles Unerklärbare mit Gott und schon sind sie zufriedengestellt. Dann haben sie jemanden, dem sie danken können, wenn es ihnen gut geht, oder es ist einer da, den sie für alles Negative zur Verantwortung ziehen können. Wie dem auch sei, für mich macht es keinen Unterschied. Der finale Showdown fällt für alle gleich aus. Mit nur einer kleinen Nuance: Die Asche des krepierten Obdachlosen wird dem anonymen Gemeinschaftsgrab beigegeben, der Soldat, der in einem schwarzen Plastiksack aus Afghanistan zurückkehrt, bekommt ein Einzelgrab mit Stein und Inschrift.
Gewiss, Opferbereitschaft und Heldentum ebnen den Weg für einen Eintrag in die Geschichtsbücher. Was aber geschieht mit der großen Masse derer, die zeitlebens nie eine Auszeichnung, eine Medaille erhalten haben? Zum Beispiel jene Menschen also, die mehr oder weniger zufällig da sind, weil zwei sich gepaart und dabei, unter Ausschluss der üblichen Ambitionen für Karriere und Familienplanung, ein Kind gezeugt haben. Zugegeben, auch ich gehöre der Sparte Zufallsprodukte an. Kollateralschaden im Blitzkrieg zweier Zufallsbekanntschaften. Mit sieben Jahren habe ich meine Mutter gefragt, warum sie nie Geschwister für mich haben wollte. Sie antwortete: „Weil ich nicht mehr konnte.“ Ich ahnte schon damals, dass sie gelogen hat. Denn sie hätte sehr wohl noch gekonnt. Aber sie wollte nicht mehr. Die Last einer weiteren Mutterschaft wollte sie sich nicht noch einmal aufbürden. Niemals wieder die Strapazen einer Geburt, und schon gar nicht, wenn diesem Ereignis ein Akt vorausginge, der, ohne die eigene Fantasie übermäßig beanspruchen zu müssen, irgendwo zwischen Pflichterfüllung und Vergewaltigung einzuordnen wäre. Aber auch nie mehr die Erfahrung dieses geheimnisvollen Glücksgefühls, das mit jedem vollbrachten Schöpfungsakt einhergeht.
Ich versuche mir einzureden, dass alles Werden und Vergehen seine Richtigkeit hat. Dass alles irgendwie vorbestimmt ist und sich alles letztlich zum Guten wenden wird. Dann wieder überlege ich mir, ob ich gelegentlich meinen so sehr gehassten Erzeuger aufsuchen und ihm eine Bleispritze ins Hirn verpassen soll. Für all das, was er meiner Mutter und letztlich auch mir angetan hat in der kurzen Zeitspanne, in der sie zusammen waren, jenem Lebensabschnitt also, dem ein lauer Windhauch dessen voranging, das sie einst Liebe nannten, und in dem er ihre Hoffnungen auf ein bisschen Glück im Leben wie Kakerlaken auf der Straße zertreten hat.
Im Geäst einer riesigen Steineiche zankt sich eine Schar Krähen um Beute. Vielleicht hat einer der Vögel eine Maus erwischt, die sich zu leichtsinnig aus ihrem Erdloch hervorgewagt hat. Intuitiv beschleunige ich meinen Schritt und strebe dem Ausgang zu …
2
Draußen regnet es in Strömen – schon seit Tagen. Es ist Mitte Dezember. Ein kalter Wind fegt durch die verwaisten Straßen. Durch das Fenster sehe ich die kahlen Baumkronen sich in den Böen wiegen. Nasses dunkelbraunes Laub klebt auf den Gehsteigen. Die wenigen Menschen, die über die Straße eilen, ziehen die Kragen hoch und die Kapuzen noch weiter ins Gesicht. Sie schimpfen lauthals über dieses miserable Sauwetter. Warum auch nicht. Dazu ist das Wetter schließlich da. Sie tun es auch dann, wenn sie sich gar nicht kennen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Schicksalsschläge formen aus Gegnern Verbündete. Keinerlei Floskeln suggerieren derart Mitgefühl, Anteilnahme, ja, in gewisser Weise sogar Geborgenheit und Wärme wie das gemeinsame Beschimpfen einer misslichen Situation.
Der Wind pfeift um die Ohren und bläst den Regen direkt ins Gesicht. Es ist kalt. Aber immer noch zu wenig kalt, um den Niederschlag in Schnee zu verwandeln. Das wäre schön: Ein makelloses Weiß, das den Schmutz, den grauen und den braunen Dreck, die Trostlosigkeit und die Tristesse des Alltags einfach zugedeckt hätte. Wenigstens für eine kurze Zeit wäre der ganze unansehnliche Müll, der Morast verschluckt worden. Verschwunden. Aus den Augen, aus dem Sinn. Einfach endloses Weiß, das unter einem stahlblauen Himmel glitzert, lediglich durchbrochen von den in bunten Winterklamotten spielenden und vor praller Lebensfreude jauchzenden Kindern.
Nun hat sich das Leben zurückgezogen. Ist in Deckung gegangen. In die Behausungen, in die Höhlen, in die Nischen. Früher scharten sich die Menschen bei Kälte um ein Feuer, versammelten sich in einem beheizten Raum. Vielleicht in der Küche, vielleicht in der Stube. Eigentlich recht gemütlich, wenn ich mir das so vorstelle.
Heute versammeln sie sich in den riesigen Einkaufszentren. In den Läden und Restaurants rund um die Mall wuselt es nur so von Leben. Besonders in der Vorweihnachtszeit. Da trifft man sie alle wieder, in Eintracht, beim Befriedigen ihrer Süchte. Und alle geben sich die größte Mühe, sich im Stress nichts anmerken zu lassen. Ihre eigene Unzufriedenheit, ihre eigentliche Abscheu, ja, ihre angestaute Frustration über ihr Versagen, dem wirtschaftlichen Diktat wieder nichts entgegengesetzt zu haben. Alle mimen gute Laune, grinsen sich affig an und geben heuchlerische Phrasen von sich, obwohl jeder seinem Gegenüber am liebsten die Faust in die blöde Fresse schlagen möchte. Und jeder denkt, es im nächsten Jahr ganz sicher besser zu machen. Aber was heißt das schon. Was soll denn noch besser werden? Noch mehr Umsatz, noch mehr Gewinn, noch mehr Konsumrausch?
Ich denke es immer wieder: Die Menschen sind schon seltsam. Geht es ihnen schlecht, geben sie sich alle solidarisch und stehen einander bei. Geht es ihnen nur schon ein bisschen besser, vergessen sie alle ihre guten Vorsätze, kippen ihr soziales Gewissen über Bord und mutieren zu egoistischen Wesen. Manchmal denke ich, dass eine Katastrophe in dieser Hinsicht auch eine positive Seite hätte. Ich meine natürlich nicht diese 08/15-Katastrophen, wie sie jährlich wiederkehren. Die, die man spätestens nach einem Jahr wieder vergessen hat. Erdbeben im Iran: 50.000 Tote. Tsunami in Japan: 30.000 Tote oder so ähnlich. Mal ehrlich: Wen juckt das hierzulande schon? Ich meine, es müsste schon etwas Handfestes sein. Etwas, das nicht nur ein Land erschüttert, sondern den ganzen Globus zum Taumeln bringt. Also etwas in der Art von „Deep Impact“ oder „Armageddon“. Ein Kometeneinschlag zum Beispiel, das wäre der Hammer. Dann könnten die Überlebenden, mit dem Wissen von heute, nochmals von vorne beginnen. Ohne den ganzen Zivilisationsmüll, der im Grunde niemandem etwas bringt. Ein Alltag, der sich gänzlich auf das Dasein beschränkt. Ein Alltag ohne Reizüberflutung, ohne den gigantischen Informationsmüll, ohne Konsumterror und ohne Vergnügungssucht. Ausgerüstet nur mit etwas Saatgut und Gartenwerkzeug. Einfach eine Erdscholle fruchtbar machen, Feldfrüchte anbauen und neue, einfache Siedlungen gründen, in denen zufriedene Menschen leben würden. Menschen, die mit sich zufrieden sind und mit ihrer Umwelt in Einklang leben.
Und wenn alles Leben ausgelöscht würde? Das wäre auch okay. So lange die Erde sich dreht und die Sonne scheint, kann sich immer wieder neues Leben entwickeln. Auch solches ohne Menschen. Wenn ich Schöpfer wäre, würde ich mir das sowieso nochmals gründlich überlegen – das mit den Menschen. Eine solche Radikalkur wäre schon megakrass. Aber sie hätte drei unbestreitbare Vorzüge: Erstens gäbe es über ein solches Ereignis nicht die geringste Zeitungsmeldung. Zweitens: Man bräuchte nirgends ein Careteam einzusetzen. Und drittens (das Wichtigste): Es gäbe niemanden, der Profit daraus schlagen könnte. Wir alle wären Verlierer. Das ist doch sehr tröstlich. Oder sollte ich vielleicht sagen, dass wir alle Gewinner wären? Jeder wäre der Erste beim großen Showdown, und wie es danach weitergeht, weiß sowieso niemand mit Bestimmtheit. Ich meine, wenn der Mensch so etwas wie eine Seele besäße, was würde mit dieser nach seinem Ableben geschehen, wenn es nirgends mehr eine Heimat gäbe, wo sie Zuflucht und Ruhe finden könnte? Und was wäre, wenn sich am Ende alles nur als ein gigantischer Irrtum herausstellen würde? Letztlich sind wir doch alle aus Sternenstaub entstanden und werden einst in ferner Zukunft in diesen Zustand zurückkehren, ganz unabhängig davon, wie wir unser Dasein auf Erden verbracht haben. Ist damit etwa der göttliche Plan des Ewigen Lebens gemeint?
Also, mal ganz ehrlich: Ich wäre sofort für Plan B – die radikale Variante. Jedoch wie so oft wird auch das von ganz anderer Stelle entschieden. Aber wie gesagt: Es wäre hammermäßig stark und ich wäre erfüllt von tiefster Genugtuung!
Nun jedoch sitze ich am Schreibtisch in meinem Zimmer, starre durch das Fenster, an das unablässig schwere Regentropfen klatschen, und ich lasse in meinen Gedanken die Geschichte nochmals Revue passieren, die ich zu Papier bringen möchte, und betrachte dabei die nackten Baumwipfel, die mal mehr, mal weniger heftig im Wind schaukeln. Ich möchte die Geschichte so detailgetreu wie möglich niederschreiben, sofern dies meine Erinnerungen zulassen. Denn ich weiß, dass ich der Einzige bin, der die ganze Wahrheit kennt, die sich dahinter verbirgt. Nur ich weiß, wie sich damals die Ereignisse wirklich abgespielt haben.
Ich heiße Oliver. Oliver Ambühl. Ich bin siebzehn Jahre alt. Im kommenden Sommer werde ich das dritte und letzte Jahr meiner Ausbildung zum Maurer in Angriff nehmen. Der Job ist ganz in Ordnung. Okay, manchmal ist es schon Knochenarbeit, aber ich hatte Glück und bin in einer guten Bude untergekommen. Ein richtiger Familienbetrieb, in dem noch der Patron das Sagen hat. Das Domizil befindet sich in der Gewerbezone am östlichen Stadtrand. Im Großen und Ganzen befriedigt mich die Arbeit, denn ich kann abends sehen, was ich tagsüber geleistet habe. Ich arbeite gerne draußen. In einem Büro würde ich auf die Dauer verkümmern. Die Mannschaft ist auch ganz okay, und auf dem Bau bin ich sowieso selten der einzige Azubi. Da ist zum Beispiel mein Unterstift. Er heißt Noah Stemmler. Wieso Noah? Das weiß nicht einmal er selbst. Vielleicht wollen seine Alten, dass er einmal eine Arche baut. Aber dann hätte er besser den Zimmermannsberuf erlernen sollen. Egal, er ist ein prima Kerl, auch wenn er das Arbeiten nicht gerade erfunden hat. Aber er kann zupacken, wenn man ihn darauf aufmerksam macht. Tja, ich kenne das. Man hat es nicht leicht, so nach neun Schuljahren zum ersten Mal „im Stollen“. Ich meine, so richtig, mit schwerem Gerät, und das bei Wind und Wetter.
Was ich nach der Grundausbildung mache, weiß ich noch nicht so genau. Zuerst einmal einfach abhauen. Einfach weg von hier. Fort aus diesem Zirkus, der sich Familie nennt.
Mein Zimmer ist nicht besonders groß. Etwa vier auf drei Meter. Eine bessere Besenkammer. Aber es gehört mir. Ein Bett, ein Schrank, der Schreibtisch, an dem ich jetzt sitze, und ein Regal mit ein paar auserwählten Büchern, denn ich lese oft und sehr gerne, anstatt meine Zeit vor der Glotze zu verschwenden. Seit meiner Kindheit lese ich Bücher. Zuerst waren es Abenteuergeschichten – Indianer, Cowboys, Piraten und so. Dann kamen Archäologie und Astronomie dazu. Später auch Philosophisches und gelegentlich Romane. Beim Lesen konnte ich wenigstens temporär wegtauchen. Ich bereiste fremde Länder, entdeckte ferne Welten, die mir sonst für immer und ewig verborgen geblieben wären.
Dafür wurde ich in der Schule als Langweiler gehandelt. Oft schnappte ich mir etwas aus der Stadtbücherei und zog mich in eine ruhige Ecke zurück – meistens in mein Zimmer, während die Kids draußen spielten. Von niemandem wurde ich vermisst. Die Bücher offenbarten mir eine Welt voller Wunder und Magie. Damit war mein Dasein als Außenseiter genügend entschädigt.
Einen Computer gibt es bei uns keinen. Unsereiner kann sich so was nicht leisten und meine Alten, besonders Opa, halten die Anschaffung zivilisatorischer Errungenschaften, wie zum Beispiel Unterhaltungselektronik, die etwas mehr bietet als analoges TV, für so ziemlich das Sinnloseste, was der Mensch braucht. Alles, was über das Festnetztelefon (am besten noch mit Wählscheibe) hinausgeht, ist für ihn völlig überflüssig und hochgradig dekadent. Mir soll’s recht sein. Brauchten wir für die Schulaufgaben einen Rechner mit Internetzugang, half mir mein gleichaltriger Schulfreund Charly und wir benutzten gemeinsam die Kiste seines Vaters. Im Übrigen bin ich seit Neuestem stolzer Besitzer eines Smartphones – wow! Na ja, auch unsereiner, der der „Working Class“ angehört, will gelegentlich mit der Zeit gehen.
An den Wänden habe ich Poster einiger Rockbands, zum Beispiel Avenged Sevenfold, Wolfmother oder von den Foo Fighters, denn ich stehe auf alle Arten von Rock bis Metal. Mehr geht nicht rein in mein Zimmer.
Im Regal bewahre ich unter anderem zwei menschliche Totenschädel auf. Wunderschöne, vollständig erhaltene Objekte, die ich vor ein paar Jahren meinem ehemaligen Schulfreund Nik abgeschnorrt habe, dessen Vater bei der Friedhofsverwaltung angestellt ist. Nik hat mir den Tipp gegeben, dass sie ein altes Gräberfeld aufheben würden. Aber man wisse nie im Voraus, was dabei herauskommt. So war es eine kleine Sensation, als die Arbeiter einige sehr gut erhaltene Skelette freilegten. Niks Vater hat gesagt, die Leute seien mit etwa siebzig Jahren gestorben und beigesetzt worden. Darum sind Schädel mit allen Zähnen drin äußerst selten. Ich wusste sofort, dass ich mindestens einen dieser Köpfe haben musste. Das war so eine fixe Idee von mir. Ich war völlig überrumpelt, als Nik gleich zwei dieser Dinger, schon fein sauber gereinigt, in einer Kartonschachtel verpackt in die Schule brachte. Dafür gab ich ihm eine von Opas Eisenbahnermützen und eine grün-weiße Abfertigungskelle. Ich war hin und weg. Der Schultag war gelaufen. Ich konnte mich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Gleich nach der Glocke stürmte ich nach Hause und drapierte die Schädel zuerst auf einem Silbertablett aus Mamas Hausrat auf meinem Nachttischchen. Ihren gellenden Schrei, als sie zum ersten Mal in die beiden Augenhöhlenpaare blickte, werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Sie hat mir angedroht, nie wieder mein Bett zu machen, wenn ich dieses Horrorkabinett nicht sofort verschwinden lassen würde. Ich habe ihr dann in bestmöglicher Coolness gesagt: „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir bleiben – alle drei – oder wir gehen zusammen – alle drei!“
Wir einigten uns auf die Unterbringung der Schädel im Regal. Dann müsse sie sich beim Bettenmachen wenigstens nicht so anstarren lassen. Das Silbertablett wollte sie nie mehr zurückhaben. Okay, ich habe meiner Mama noch versprechen müssen, dass ich damit keinen Okkultismus betreibe, und sie sagte mir, dass Skelette oder Teile davon kein Spielzeug seien. Man müsse auch Toten gegenüber jenen Respekt zeigen, den sie zu Lebzeiten schon verdient hätten.
„Alles klar, Mama“, habe ich gesagt. „Ich hatte auch nie vor, mit den beiden zu spielen!“
Seit diesem Tag genießen die beiden Schädel – sie heißen nun Fred und Barney (wie die Hauptfiguren aus der „Familie Feuerstein“) – bei mir im Regal ihre vorletzte Ruhe. Nik hatte mir noch gesagt, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach, aufgrund der ebenfalls entfernten Grabinschriften, um männliche Exponate handeln würde, aber so genau wisse er es nicht mehr, da sie sich schlecht voneinander unterscheiden lassen. Gelegentlich nehme ich sie hervor, entferne den Staub, poliere ihre Schädeldecken auf Hochglanz und bestaune immer wieder ihre wunderbare naturgegebene Struktur. Ich nehme an, dass ich damit genügend Respekt zeige.
Es ist nicht so, dass ich persönlich Todessehnsüchte hege. Aber ich liebe das Morbide, das Vergängliche. Alles Leben entsteht aus Dreck und Schlamm. Aus steriler Reinheit kann nichts Schlaues entstehen. Es ist doch so, dass gerade menschliches Leben sich aus Schleim entwickelt, und wenn wir sterben, verbreiten wir einen so gotterbärmlichen Gestank, dass sogar die meisten Tiere einen großen Bogen um uns herum schlagen würden, wenn es nicht die Arbeit der Totengräber gäbe.
Aber wie gesagt: Alles, was mich an die Endlichkeit des Lebens und letztlich an meine eigene Vergänglichkeit, ja meine eigene Unvollkommenheit erinnert, übt auf mich eine geradezu magische Faszination aus, der ich mich kaum entziehen kann. Und ich liebe diese Dinge, weil sie einen wunderbaren Kontrast zu unserer allgegenwärtigen, zur Perfektion neigenden Glanz-und-Gloria-Gesellschaft setzen.
In unserer Stadt, gleich hinter dem Bahnhof, gibt es ein Tattoostudio. Als Schulkind war mir der Laden nie geheuer. Opa hat mir erklärt, dass dort nur Seefahrer, Kriminelle und Huren verkehren. Ich habe mich oft gefragt, warum Opa die Seefahrer und Kriminellen in den gleichen Topf wirft. Sind denn alle Seefahrer gemeingefährlich? Oder anders gefragt: Was haben sie gemeinsam? Ich brauchte einige Jahre der Reifung, bis ich zur Erkenntnis gelangt bin, dass es die unterschiedlichen Lebensphilosophien der Menschen sind, die im Bewusstsein ihrer eigenen Individualität einen Lebensweg einschlagen, der sich so sehr vom breit getrampelten Pfad der Masse abhebt und letztlich mit der Flucht aus dem ausgeleierten Tretrad der Banalitäten endet.
Nur mit Charly zusammen brachte ich den Mut auf, jeweils nach Schulschluss dieses sonderbare Lokal aufzusuchen. Wir drückten meist vergebens unsere Nasen an den abgedunkelten Schaufenstern platt. Wenn dann gelegentlich die Tür offen stand – und der Tattoomeister uns einmal nicht mit Schimpf und Schande eingedeckt in die Flucht trieb –, erhaschten wir einen kurzen Blick ins Innere des Studios und waren zunächst einmal erstaunt darüber, keinen Vorhof zur Hölle vorgefunden zu haben. Klar, als zartes Jüngelchen ohne jegliche Lebenserfahrung reagierte ich mit gemischten Gefühlen, zwischen kindlicher Neugierde, Ekel und Faszination hin- und hergerissen. Das Gruselkabinett umfasst auch heute noch alles, von Totenschädel (menschlichen und tierischen Ursprungs) über weiteres Anschauungsmaterial, Fachliteratur, Zeichnungen, Fotos sowie – besonders beeindruckend – diverse Airbrush-Darstellungen von HR Gigers Biomechanoiden, die die Wände des Studios zieren.
Das waren die ersten Kontakte mit den Schöpfungen dieses eigenwilligen Künstlers. Natürlich kannte ich „Alien“, obwohl mir meine Mutter untersagte, diesen Film anzuschauen. Ich sei noch zu jung, begründete sie. Okay, damals war ich zwölf. Aber wie bereits erwähnt, halfen mir Charly und sein Computer weiter. Damit war meine Neugierde kaum mehr zu bändigen. Schnell konnten mich die Bilder aus dem Internet nicht mehr befriedigen, weshalb ich mich entschloss, mein Glück in der Stadtbücherei zu suchen, und prompt auch fündig wurde. Von einem schweren Bildband mit großformatigen Fotos fühlte ich mich besonders angesprochen. Sehr zum Erstaunen der Büchereileiterin musste ich das Werk sicher ein halbes Dutzend Mal ausleihen, bis ich es durchgearbeitet hatte. Aber so konnte ich wenigstens die horrenden Kosten für die Neubeschaffung eines solchen Buches umgehen.
Gigers Bilder habe ich sprichwörtlich in mich hineingefressen. Seine gynäkologischen Landschaften versetzten mich in fremde extraterrestrische Welten, besser als es jeder Science-Fiction-Film geschafft hätte. Besonders angetan war ich von seinen albtraumhaften larvalen Kreaturen, die mich in meiner Kindheit tatsächlich gelegentlich in meinen Träumen – und ich hatte damals öfters höchst bizarre Träume – heimsuchten.
Erst viel später begann ich den Sinn und die Botschaft dieser Darstellungen zu verstehen. So entdeckte ich zum Beispiel in unserem Garten eine potthässliche Raupe, die sich über Opas Salatköpfe hermachte. Anstatt sie zu vernichten, bewahrte ich sie, zusammen mit etwas Grünzeug, in einem leeren Einmachglas auf und präsentierte sie Charly, wo wir uns ausgiebig über Sinn und Zweck von Metamorphosen unterhielten.
„Stell dir einmal vor“, begann ich zu philosophieren, „wenn sich dieses hässliche Ding einmal verpuppt und daraus ein wunderschöner Schmetterling entsteht – welch wundervolles Geschöpf müsste dann erst aus dem Menschen hervorgehen, wenn dereinst sein Körper, diese unvollkommene, nackte und anfällige Larve, stirbt und zu Staub zerfällt?“
„Hmm …“, machte Charly und zuckte die Schulter. „Ich weiß nicht. Aber der Gedanke, dass uns im Jenseits vielleicht doch so was wie Flügel wachsen, mit denen wir uns frei im Kosmos bewegen können, hat etwas Faszinierendes.“
„Ja, genau das meine ich! Wir sollen unsere Blicke nach oben richten, denn dort befindet sich das Erhabene, dort ist unsere Zukunft!“
„Meinst du wirklich? Ich sehe nur deine vergilbte Zimmerdecke mit einem verstaubten Lampenschirm darunter.“
Charly grinste mich an und für eine Sekunde reagierte ich verwirrt. Ich war mir nicht ganz im Klaren, ob er nun ein Dorftrottel war oder nur einen spielte und mich absichtlich provozieren wollte.
„Doch nicht so, du Döspaddel! Himmelwärts blicken sollen wir. Ins All hinaus!“
Symbolisch breitete ich meine Arme seitlich aus, wie Flügel. Aber Charly hatte mich auch so verstanden.
„Wir müssen die Erde einfach als Basecamp für unsere interstellaren Kreuzfahrten betrachten. Im Grunde ist der ganze Globus ein einziges Raumfahrtzentrum.“
„Ach, das dauert ja noch Jahrzehnte, bis der Mensch so weit ist“, gab Charly zu bedenken.
„Nein, nicht so! Ich meine ohne Space Shuttle und Raumanzüge. Ich denke, jeder Mensch ist sein eigener Pilot und wir alle werden irgendwann einmal auf der Startrampe stehen und unsere Flügel ausbreiten, wenn für uns der Zeitpunkt gekommen ist.“
„Okay, ich glaub, ich hab’s kapiert!“, sagte Charly, verzichtete jedoch auf eine weitere Stellungnahme.
Ich fühlte mich ihm gegenüber wenigstens intellektuell haushoch überlegen, dafür stellte er mich für die ersten Jahre unserer Freundschaft sportlich und kräftemäßig weit in den Schatten. Hätte ich damals schon geahnt, mit welchen Streichen mir das Leben seine Aufwartung machen würde, wäre ich in philosophischen Dingen wohl etwas zurückhaltender gewesen. Denn so oft ich mich auch mit Giger & Co. beschäftigte, für die nächsten paar Jahre war der Qualm meiner Zigaretten das Einzige von mir, das himmelwärts stieg.
Gelegentlich trafen wir auch auf die Leute, die im Tattoostudio ein- und ausgingen oder sich vor dem Laden eine Zigarettenpause gönnten. Für mich damals alles wilde Kerle, die nur den sprichwörtlichen Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll im Kopf hatten. Mittlerweile weiß ich, dass die Kundschaft mit den feuerspeienden Drachen auf der unbehaarten Brust, den blutigen Totenmasken und den krudesten Dämonenfratzen auf den Oberarmen nicht selten zu den sanftmütigsten und lebensbejahendsten Wesen gehören, die die Götter je zur Erde gesandt haben.
Ach ja, meine Schulzeit: Eine Tragödie in neun Akten. Ich hatte das unwahrscheinliche Glück, in all den Jahren stets solche Typen als Klassenlehrer zu haben, die man ausnahmslos den Sparten nett, unauffällig, belanglos, langweilig hätte zuordnen können. Damen und Herren also, die den Unterricht pflichtbewusst, brav gemäß Lehrplan herunterspulten und dabei jegliche Form von Leidenschaft oder Begeisterung für den uns dargebotenen Schulstoff im Besonderen und für das Lernen im Allgemeinen vermissen ließen. Wohlverstanden, davon ausgenommen sind die Sportlehrer – die bilden noch heute eine eigene Kategorie, und ich meine nicht nur die mit pädophilen Neigungen – nein, auch die Lehrerschaft für die Sonderfächer verdienen, wenigstens teilweise, etwas mehr Respekt für ihre Arbeit. Da war zum Beispiel für das Fach Bildnerisches Gestalten die damals zirka vierzigjährige und alleinstehende Dorothea Scheinfrucht, die wir aufgrund ihres Alters und ihrer Körperfülle salopp, aber keinesfalls geringschätzig unsere Zeichentante nannten. Sie ist eigentlich auch heute noch eine recht attraktive Frau – Nomen ist eben nicht immer Omen! –, von der wir mehr über das Leben erfahren durften als von allen anderen zusammen.
Wen wundert’s, dass ich das meiste Zeug beim Ordnen meiner Festplatte gleich wieder über Bord geworfen und ein für alle Mal im Meer des Vergessens versenkt habe. Ein kleines Detail aus meiner Frühzeit ist mir trotzdem in bester Erinnerung geblieben. Es war in der ersten Klasse. Fach: Deutsche Sprache. Lesen lernen bei Frau Adelheide Neubauer (liiert mit einem Rottweiler Zahntechniker und ebenfalls aus der deutschen Nachbarschaft übergesiedelt, zur Verstärkung des heimischen Lehrkörpers). Wir hatten irgendeine Geschichte gelesen, die mit dem Satz endete: „Mensch sein heißt Kämpfer sein!“ Ich weiß nicht mehr, wovon die Geschichte handelte. Offensichtlich hatte ich damals etwas falsch verstanden, denn ich stellte mir augenblicklich alle Menschen in Militäruniformen vor und ich fragte mich, ob es wirklich notwendig sei, dass alle eine Ausbildung zum Soldaten absolvieren müssen. Leider unterließ es Frau Neubauer, näher auf das Thema einzugehen, was gerade für schwächliche Jungens wie unsereiner sicher von Vorteil gewesen wäre. Doch da schellte bereits die Schulglocke und der Heimweg lockte zu neuen Abenteuern.
Die Lektion war aber noch nicht ganz ausgestanden. Da gab es in unserer Klasse noch diesen Vollpfosten namens Andreas Schöneich, genannt Andy. Ein Typ, der in mancher Hinsicht andersrum geschraubt war. So machte er ab einem gewissen Alter kein Geheimnis mehr daraus, dass er schwul sei. Natürlich war für jede Menge Spott gesorgt, wenn wir gelegentlich mitbekamen, dass er wieder auf der Suche nach hübschen Jungs mit denselben Vorlieben war.
In regelmäßigen Intervallen, das heißt in etwa täglich, wollte er außerdem seine Kräfte messen, und dafür quatschte er jeden erdenklichen Typen an, der ihm über den Weg lief. Er nannte es Friedenskampf und meinte damit Ringen in ungezwungener Atmosphäre. Eine Zeit lang, gehörte ich ebenfalls zu seinen Auserwählten. Er quasselte mich so lange an, bis ich mich blöderweise erweichen ließ und zusagte. Vielleicht wollte er mehr von mir. Vielleicht stand er sogar auf mich. So genau lässt sich das im Nachhinein nicht mehr beurteilen. Wir trafen uns nach Schulschluss auf der großen Spielwiese hinter dem Schulhaus. Ich hatte einerseits natürlich keine Ahnung vom Ringen, andererseits wollte ich ihn nicht einfach mit einem gezielten Kinnhaken k. o. schlagen, denn das wäre meine einzige Option gewesen. Also dauerte der Kampf kaum zwei Minuten, schon lag ich auf dem Rücken, der triumphierende Andy saß rittlings über mir.
Vielleicht hätte uns Frau Neubauer doch noch etwas über das Thema Kämpfen erzählen sollen …
3
Der Schreibtisch steht direkt unter dem Fenster. Mein Blick schweift über eine kleine Senke mit einem städtischen Schrebergartenareal. Auf der gegenüberliegenden Anhöhe macht sich eine Elite von Neureichen und Zugezogenen mit Luxusappartements und Einfamilienhäusern im Landhausstil breit, deren ökozertifizierte Schwimmteiche allein schon mindestens doppelt so groß sind wie die gesamte Grundfläche unseres Häuschens. Dort drüben wohnt auch ein weiterer Junge unserer Clique, Kai-Uwe Hagen, der vor etwa vier Jahren mit seinen Eltern aus Kassel hierhergezogen ist. Man hatte ihn derselben Schulklasse zugeteilt, die auch Charly und ich besuchten. Und als Neuling mit einem ausgeprägten nordhessischen Dialekt genoss er zunächst ebenso wie auch wir den Status eines Außenseiters.
Wenn ich Opas altes Fernglas nehme, kann ich ihn erkennen, wenn er zum Beispiel auf der Dachterrasse ihrer Attikawohnung steht. Gelegentlich winkt er dann zu mir herüber und ich winke zurück.
Mein Zimmer befindet sich im Obergeschoss eines dieser kleinen, aber eigentlich ganz hübschen Häuschen, die zur Eisenbahner-Genossenschaftssiedlung gehören, welche so etwa in den Vierziger- oder Fünfzigerjahren am Stadtrand errichtet wurden. Es sind einfache, vorwiegend aus Holz gebaute Häuser. Nur die Untergeschosse sind gemauert. Jedes Haus trägt dieselbe Fassadenverkleidung, die aus cremefarbenen Eternitschindeln besteht. Dafür variieren die Anstriche der Fensterläden von tannengrün bis dunkelbraun. Je nach Budget und Fantasie der Bewohner sind auch die kleinen Gärten gehalten: Meist dominieren Gemüsebeete und Beerensträucher, aber auch einfache Kiesflächen mit urtümlichen Wäscheleinen sowie üppig blühende Blumenrabatten lassen sich in unserem Quartier finden.
Peter Ambühl, mein Großvater, war bis kurz vor seinem Abgang Fahrdienstleiter bei den Bundesbahnen. Besuchern zeigt er jeweils gerne und mit Stolz seine schwarze Uniform und besonders seine Mütze mit dem Emblem der Gesellschaft und den weißen Streifen, die ihn im Rang eines Bahnhofsvorstandes bestätigten. Er hatte in sämtlichen Stationen an der Hauptstrecke nach Zürich gedient, oftmals auch als Ablöser, und später, im Laufe der Umstrukturierungsmaßnahmen, als die SBB in eine Aktiengesellschaft überführt und immer weitere Strecken automatisiert beziehungsweise Stationen auf Fernsteuerung umgestellt und Fahrkartenschalter durch Ticketautomaten ersetzt wurden, rückte auch Peters Arbeitsbereich in greifbare Nähe. Ganz zuletzt wurde ihm noch ein Posten in der Einnehmerei im Bahnhof unserer Stadt angeboten. Aber diesen Job verrichtete er nur noch ein knappes Jahr lang, dann begab er sich, mit einem ärztlichen Attest in der Hand, in Frührente. Das geschah kurz nach einem leichten, aber doch deutliche Zeichen setzenden Herzanfall. Und diesem ging der schmerzvolle Verlust seiner geliebten Hannelore – meiner Oma – voraus, die von einem unheilbaren Krebsleiden befallen wurde. Damit begann der langsame und unerbittliche Zerfall von Peter Ambühl. Anstatt sich noch einmal aufzuraffen, sich eine vernünftige Freizeitbeschäftigung anzueignen, zum Beispiel Reisen oder Wandern, was für die körperliche und geistige Fitness von Vorteil gewesen wäre, vielleicht Tontaubenschießen oder doch wenigstens Briefmarkensammeln, liegt er nur noch auf dem Diwan herum, sitzt stundenlang vor der Glotze oder unterhält sich mit Hörfunksendungen auf SRF 1, was immerhin seine Fantasie ein wenig ankurbeln mag.
Doch einem bescheidenen Hobby ist Peter zeitlebens treu geblieben. Er ist leidenschaftlicher Pfeifenraucher – sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die Opa zum Rauchen erbarmungslos vors Haus schickt. Sie findet, so ein Buschfeuer, wie sie das Pfeifenrauchen abschätzig nennt, gehört nicht in den Wohnbereich. Für ihren Zigarettenkonsum erlässt sie großzügige Ausnahmen. In den warmen Sommermonaten ist das für ihn kein Problem. Dann geht er in den Garten und setzt sich auf die alte, ursprünglich rot lackierte, nun aber verwitterte Sitzbank. Sobald die Tage jedoch kälter werden, drängt es ihn, im Haus zu bleiben. Meine Mum quittiert es mit diskreditierenden Blicken und oft deckt sie Opa mit einem Wortschwall auserlesener Flüche und weiteren Obszönitäten ein. Opa wiederum grunzt und schnaubt, murmelt etwas wie „Dumme Kuh!“ und trollt sich mit seiner geliebten Pfeife ins Bad. In der Kommode, die in der kleinen Stube steht, hortet er eine bescheidene Sammlung dänischer und holländischer Tabakpfeifen, deren Formenvielfalt mich schon als Kind stets fasziniert hat. Damals hat er mir auch gezeigt, wie man die Pfeifen korrekt stopft. Er verwendet bis heute unter anderem diese fein geschnittenen, parfümierten holländischen Tabake, die ich wegen ihres süßlichen Aromas besonders mag.
Vor ein paar Jahren habe ich, zusammen mit Charly, unseren Einstand als frischgebackene Teenager gefeiert, indem ich eine von Opas Pfeifen und eine Dose Tabak aus der Schublade klaute und Charly seinen Beitrag in Form eines kleinen, weißen Leinenbeutels leistete, mit etwas Getrocknetem darin, das er Mariejohanna oder so ähnlich nannte. Dass es sich tatsächlich um Marihuana handelte, das er seinem Alten abgeluchst hatte, erfuhr ich erst später. Jedenfalls sind wir eines Abends bei Wind und Wetter losgezogen. In einem alten Bushäuschen einer aufgehobenen Linie haben wir es uns gemütlich gemacht, so gut es ging. Wir haben alles ausprobiert. Zuerst nur Tabak, dann nur Gras, dann gemischt. Dazu tranken wir geklautes Dosenbier. Anschließend mussten wir zwar kotzen, aber – und das war das Wichtigste – danach fühlten wir uns großartig. In dieser Nacht waren wir unsterblich! Trotzdem haben wir beide die Sache mit der Pfeife schon bald aufgegeben. Das Herumschleppen aller Raucherutensilien schien uns doch zu aufwändig. Außerdem stieß etwas später noch Kai-Uwe zu unserer Clique, der seinen Einstand in derselben mit einer Shishaparty in der Attikawohnung feierte, mit einer reich verzierten Wasserpfeife, die er Ali, dem der Dönerladen beim Bahnhof gehört, für etwas mehr als ein Taschengeld abgerungen hatte.
Opas dürftige Beschäftigungen können in keiner Weise verhindern, dass er langsam, aber stetig in ein schwarzes Loch tiefster Depressionen fällt, aus dem er nie mehr herausfinden wird. Mit zunehmendem Medikamentenkonsum muss sich offenbar auch sein Verstand allmählich verabschiedet haben. Seit etwa zwei Jahren spricht er des Öfteren mit Oma. Und wenn gelegentlich ein Hauch von Bewusstsein die Schleier durchdringt, die seinen Geist umnebeln, setzt er weiterhin unerbittlich seine Monologe mit sich selbst fort. Vielleicht ist das auch ganz okay. So kann er wenigstens den grauen Alltag und seine triste Einsamkeit mit etwas Farbe überpinseln. Das ist jedenfalls meine Meinung. Kosmetik ist allemal besser als gar nichts. Denn Peter hat keine Freunde mehr. Alle haben sich rar gemacht, wollen nichts mit einem psychisch Kranken zu tun haben. Eigentlich hat er nur noch Gertrud, so heißt meine Mutter, und mich und seine Erinnerungen. Gespeicherte Essenzen. Konzentrat eines gelebten Lebens, und doch nur verblassende Gedanken, verebbende Wellen, verflüchtigend wie Parfüm auf spröder Haut.
Klar bekommt er vom Unternehmen eine für seine Verhältnisse recht ansehnliche Rente, jedoch weder die Erinnerungen noch sein Stolz können verhindern, ja, können in keiner Weise die Tatsache überspielen, dass er ein Opfer der Sparmaßnahmen ist. Gesundschrumpfen nennt man das in Fachkreisen. Es gebe keine Entlassungen, hieß es damals aus der Direktionsetage. Man wolle die wirtschaftlichen Ziele durch natürliche Abgänge erreichen. In Wahrheit wurden die Arbeitsbedingungen derart unattraktiv gestaltet, dass so mancher freiwillig und vorzeitig das Handtuch schmiss. Ich nenne das aus dem Betrieb wegamputiert, als gelte es, angeblich gesundes Fleisch vor dem Verfaulen zu bewahren.
Das einzig Richtige, was mein Opa noch vor seinem Fall in die Dunkelheit getan hat – also noch zu Lebzeiten von Hannelore – war der günstige Erwerb der Liegenschaft, um sich und der Familie so die Existenz oder wenigstens die Grundlage dazu zu sichern.
Kurz nach dem Tod von Hannelore packte Gertrud, seine einzige Tochter, die Gelegenheit beim Schopf und zog ins Haus ein. In der linken Hand einen großen Koffer schleppend, mit der rechten einen Kinderwagen schiebend. Der Koffer enthielt ihre Klamotten und ein paar Habseligkeiten, der Typ in der Karre war ich. Für meine Mum – wie ich Mutter seit einem Jahr nun nenne – war der Umzug zu Opa damals sicher die einfachste Lösung, aber für sie auch die schlechteste.
Eigentlich wäre sie eine blitzgescheite Frau. Ja, sie wäre intelligent genug gewesen, die Matur zu schaffen. Sie hätte alle Möglichkeiten gehabt, zu studieren – Sprachen, Medizin, Reisen, die Welt zu entdecken und vielleicht im fernen Afrika in irgendeinem Buschkrankenhaus als Krankenschwester zu dienen. Vielleicht einmal eine eigene Praxis, eine eigene Pflegestation zu gründen, damit auch die verarmte Bevölkerung auf dem Lande eine medizinische Grundversorgung erhalten würde.
Gewiss hätte sie einen tollen Kerl heiraten können. Einen von der Uni. Einen Akademiker. Vielleicht einen Arzt oder einen Juristen. Eventuell einen Archäologen. Jedenfalls so einen gescheiten Typen, mit dem sie auch Abenteuer hätte bestreiten können. Einen, der ihre Interessen wahrgenommen hätte. Einen, der sie auf ihren Reisen um den Globus begleitet hätte; und ins Theater oder ein Konzert. Einen, mit dem sie auch einmal hätte zanken können. Einen, der auf den Tisch gepoltert und deutlich seine Meinung gesagt hätte. Aber auch einen, der hätte scherzen können; und der sie zärtlich in die Arme genommen, liebkost, geküsst und geliebt hätte.
Stattdessen beging sie den größten Fehler ihres Lebens und band sich an diesen widerlich schleimigen Typen, einen Versicherungsagenten, dessen Namen ich nie, trotz all der Jahre ohne ihn, vollständig aus meinem Gedächtnis werde tilgen können, mit dem sie kurz nach der Trauung, in einem Anfall von jugendlicher Naivität, mich gezeugt hatte. Manche mögen es Unfall nennen. Ich betrachte die ganze Beziehung, so kurz sie auch dauerte, nicht nur als unglücklich, in Tat und Wahrheit war sie die reine Katastrophe.
Ein paar Monate später – ich glaube, ich war damals etwa ein halbes Jahr alt – angelte sich Alex, so nennt jedenfalls meine Mum diesen ekligen Speichellecker noch heute, wenn sie von ihm spricht, eine Geliebte, mit der er auch öfters verkehrte, bis die Affäre ans Licht kam. Die junge Gumsel gab Alex den Übernamen Lexus. Ich weiß nicht, ob das ein Hinweis auf die viele Kohle war, die ihr Lover bei der Agentur gewiss machte, die noblen Geschenke, mit denen er sie regelmäßig beehrte, oder doch eher symbolisch gedacht war, für die edle Schale mit der harten Stoßstange. So oder so, als ich den Spitznamen zum ersten Mal bewusst wahrnahm, sank der Sympathiegrad für meinen Samenspender blitzartig unter den Gefrierpunkt.
Mum und Alex trennten sich erst probehalber, dann vorübergehend, letztlich definitiv. Mein Erzeuger festigte seinen üblen Charakter, indem er sich für das Vergnügen entschied und Mum und mich aus der Wohnung hinauswarf. Die amtliche Scheidung besiegelte dann nur noch das Ende eines miesen Schaustücks.
Das war der Augenblick, in dem sie zu rauchen und zu trinken begann. Nicht besonders viel, aber immer öfter.
Kurz darauf folgte die Einladung von Peter, zu ihm ins halb leer stehende Eisenbahnerhäuschen zu ziehen. Und sie beging den zweiten großen Fehler ihres Lebens.
Gertrud ließ sich dazu herab, den ganzen Haushalt und Peters Betreuung zu übernehmen. Für ein bis zwei, allerhöchstens für drei Jahre, stellte sie sich damals wahrscheinlich vor. Und bestimmt nicht unentgeltlich. Ein bisschen mehr als nur Taschengeld müsste schon drin sein. Aber mittlerweile ist aus dem einst rüstigen Frührentner ein alter gebrechlicher Mann geworden, der vorzeitig an Demenz erkrankt ist und dennoch überhaupt nicht ans Abtreten denkt. Und sie begann sich mit ihrem Dasein als Haushälterin und Hobbypflegerin abzufinden. Ja, sie fühlt sich wohl in ihrer Rolle. Sie wird gebraucht. Sie blüht regelrecht auf, in ihrer für sie eigenen Art. Nun ist sie es, die allen, erfüllt mit Stolz, ihren Alltag schildert. Sie erzählt jedem von ihren körperlichen Strapazen und dem bürokratischen Aufwand, die ihr neuer Job so mit sich bringt.
Gelegentlich half Peter beim Unterhalt des kleinen Gartens, der das Haus umgibt, noch mit. In früheren Jahren pflegte er zusammen mit Hannelore einen recht ansehnlichen Gemüse- und Blumengarten, der zu seinen besten Zeiten in der ganzen Nachbarschaft für helle Begeisterung sorgte. Peter erledigte die Grobarbeiten, wie den Boden umgraben, Kartoffeln anbauen, Sträucher schneiden und vieles mehr. Hannelore und die damals noch kindliche Gertrud hingegen waren für die Blumenrabatten und weitere Feinarbeiten zuständig. Das Jahr begann jeweils mit Blaukissen, Steinkraut und vielerlei Zwiebelgewächsen. Dann blühten gelbe Rudbeckien und lila Phlox um die Wette und schließlich endete das Gartenjahr mit dem Abblühen der blauen Herbstastern und der gelb-rot-bunten Herbstbelaubung eines stattlichen japanischen Fächerahorns.
Nach Hannelores Tod und nachdem sich auch Peter vom Gärtnern verabschiedet hatte, übernahm Mum ihre Parts ebenfalls. Aber es war innert Kürze absehbar, dass ihr die Belastung allmählich über den Kopf wuchs. So klafften in den Blumenrabatten immer größere hässliche Lücken und in den Gemüsebeeten begann das Unkraut zu sprießen.
Und ich? Ich hielt mich stets aus diesem Zirkus heraus, denn für mich war das Ganze eine einzige inszenierte Show, die nur dazu diente, unseren Nachbarn, unseren Gästen und den Passanten vorzutäuschen, dass in unserem schnuckeligen Häuschen mit der biederen Fassade nur bodenständige, konservative und selbstverständlich glückliche Menschen leben. Was für ein gigantischer Selbstbetrug. Eine Verlogenheit, die an Groteskem kaum zu übertreffen war. Für mich bestand das einzige Glück darin, dass alle beide darauf verzichteten, Gartenzwerge und sonstigen Zierramsch aufzustellen.
Schließlich war es meine Mum, die den Garten gänzlich verwildern ließ und dafür in einem dieser Fitnessstudios für gelangweilte Hausfrauen ein Jahresabo löste. Als sich die Nachbarn wegen der Wildnis und des sich aussamenden Unkrauts beschwerten, suchte sie per Zeitungsinserat einen möglichst billigen, in Rente stehenden Gärtner für den Gartenunterhalt. Es meldete sich ein junger Arbeitsloser, der willig genug war, mit der Wildnis aufzuräumen, jedoch etwas mehr verlangte als die Rentner. Mum ließ sich durch nichts beirren, drückte den verlangten Tarif auf Rentnerniveau und versprach dem verdutzten Mann, den Rest in Naturalien auszuzahlen, wobei sie ihre Bluse aufknöpfte und ihm ihre Reizwäsche zeigte. Das genügte für einen mündlichen Vertragsabschluss. Jeweils nach verrichteter Gartenarbeit bietet sie dem Gärtner unsere Dusche an, worauf sie gleich mit ihm hinter dem Vorhang verschwindet. Zugegeben: Irgendwie war es schon ätzend, als ich zum ersten Mal meine Mum – diesmal auf dem Küchentisch – beim Herumpoppen mit einem jungen Kerl ertappte, der kaum mehr Bartstoppeln als ich vorzuweisen hatte. Na ja, mir blieb sowieso nichts anderes übrig, als mich daran zu gewöhnen.
Manchmal fahren beide anschließend in seinem klapprigen VW-Pickup davon. Zu Hause sagt sie dann, sie gehe noch schnell was einkaufen. Tatsächlich dauern ihre Einkäufe nicht selten bis zwei Uhr morgens oder es wird noch später. Manchmal kommt sie auch erst im Laufe des Vormittags nach Hause. Dann wird Opa richtig grantig, weil niemand da ist, der ihm die Frühstückseier kocht und Kaffee macht. In solchen Momenten dreht er völlig durch, beschimpft Mum als geile Nutte, die sich gefälligst um den Haushalt zu kümmern habe, und nennt mich fauler Hurensohn, obwohl er eigentlich wissen müsste, dass ich mich längst auf dem Bau abrackere, wenn er sich endlich dazu bequemt, seinen eigenen Arsch von der Matratze zu hieven. Mal ganz davon abgesehen, dass ich mit einem guten Teil meines Stiftenlohns herhalten muss, das Haushaltsbudget zu optimieren.
Das sind diese Situationen, in denen ich mich beherrschen muss, Opa keine zu schmieren. Manchmal versuche ich, mit Mum darüber zu sprechen. Ich habe ihr schon öfters vorgeschlagen, dass es besser wäre, ihn für ein Altersheim anzumelden. Sie jedoch wimmelt jedes Mal ab. Entweder weil sie davon nichts wissen will oder weil es ihrer Ansicht nach noch zu früh ist. Dieses Verhalten wiederum macht mich wütend. Nicht wegen Opa – der ist im Grunde ein kranker und darum bedauernswerter Kerl –, nein, meine Mum, mit ihrem uneinsichtigen Verhalten, treibt mich zur Weißglut. Dann würde ich am liebsten abhauen. Aber irgendetwas hält mich zurück und ich weiß beim besten Willen nicht, ob es wirklich nur Vernunft ist. Stattdessen verlasse ich fluchtartig unser Haus, gehe zu Charly, meinem besten Kumpel, zum Krafttraining oder wir gehen, wenn sein Dienstplan es zulässt, in Miller’s Hafenkneipe etwas trinken.
Eigentlich war Peter ein frommer, gottesfürchtiger Mann, der sonntags regelmäßig die Gottesdienste in der Quartierkirche besuchte und großen Wert darauf legte, dass seine Familie ihn ohne Widerspruch dahin begleitet. Früher, als ich klein war, spielte ich dieses Spiel widerspruchslos mit. Dann kam die Sache mit dem Religionsunterricht und der Vorbereitung zur Konfirmation.
Es war einer dieser legendären Abende im Pfarrhaus. Unsere Klasse bestand damals aus etwa fünfzehn Jungen und Mädchen. Pfarrer Lautenschlager laberte uns eine satte Stunde lang mit so einer fünftausendjährigen Geschichte aus dem alten Testament die Gesichter zu. Irgendwas, das nun wirklich niemanden in der heutigen Zeit interessiert.
Nach einem langen und strengen Schultag kämpften wir Jungs mehr oder weniger erfolglos gegen den Schlaf. Ich hielt meine Augen einigermaßen wach, indem ich die Mädchen beobachtete, ihre Rundungen, ihre Oberweiten; und ich versuchte mir vorzustellen, wie ihre Brüste wohl aussahen, wenn sie keine Blusen oder Pullover getragen hätten. Von einem dieser Mädchen war ich ganz besonders angetan. Sie hieß Conny Ritter und war unglaublich schön. Hellbraune, schulterlange Haare, schlanke Beine, ein Teint, der stets Ferienbräune zeigte, und zwei pralle Dinger, die zum Zupacken animierten. Mit der Zeit starrte ich nur noch sie an und ich glaube, ich hätte mich beinahe in sie verliebt, wenn sie sich nicht so zickig benommen hätte. Eines Abends kam sie auf mich zu und sagte mir direkt und ohne Umschweife, ich solle gefälligst die Glotzerei unterlassen. Ich sähe zwar auch ganz nett aus, aber sie bevorzuge Jungs aus den oberen Gesellschaftskreisen. Später angelte sie sich dann tatsächlich einen dieser smarten Pinkel, den sie beim Reiten kennengelernt hatte. Einen gewissen Gustav Oderbolz, ein pikfeiner, aber schon in Jugendjahren recht arroganter Typ aus einer steinreichen Industriellenfamilie, der die strohblonden Haare stets gescheitelt und angegelt hatte, eine dieser unmöglichen Hornbrillen mit zentimeterdicken Gläsern trug und bei jeder Gelegenheit nach Balma Kleie roch, sogar dann, wenn er mit seiner Entourage unterwegs in den Ausgang war. Tja, so ist das Leben. Eigentlich liebe ich solche Frauen wie Conny, denn man weiß immer sofort, woran man ist und wie die Chancen stehen. Obwohl, wenn ich mir das so recht überlege, finde ich, dann hätte sie mir doch ruhig auch mal einen blasen dürfen. Ich meine, von wegen nett aussehen oder so.
Und dann kam eben dieser Abend, an dem uns Lautenschlager mit dieser Bibelgeschichte bekackeierte und uns aufforderte, diese Typen, die darin vorkamen, als Vorbilder zu nehmen. Da stand ich auf, nahm meine Bibel und warf sie dem verdutzten Pfarrer vor die Füße. Zur allgemeinen Belustigung der Klasse begann ich einen Monolog, in dem ich ihm den ganzen Bullshit dieser Veranstaltung unter die Nase rieb, ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, wie sich das anfühlt, wenn einem bewusst wird, dass der leibliche Vater schon kurz nach der Geburt mit einer jungen, aus Osteuropa stammenden Zwetschge abgehauen ist, und wenn man gezwungen wird, bei einem senilen und demenzkranken Opa und einer mit jungen Handwerkern herumhurenden Mutter aufzuwachsen. Denn damals bezeichnete ich eben meine Mum so: Am Herd eine Schlampe, im Bett eine Hure. Vielleicht hätte ich mich dafür schämen müssen. Aber diesen Abend genoss ich. Die Klasse war augenblicklich in hellem Aufruhr, johlte und spendete Beifall.
Okay, Lautenschlager sah mich extrem vorwurfsvoll und irgendwie konsterniert an und brabbelte etwas wie, sie sei bitte schön immer noch meine Mutter. Da habe ich die Schultern gezuckt und gesagt, wenn das sein letztes Wort gewesen sei, dann hätten wir uns nichts mehr zu sagen. Ich machte auf den Absätzen rechtsumkehrt und verließ diesen seltsamen Bibelclub für immer.
Jeden Mittwochabend, Woche für Woche der gleiche Bockmist: Da pendelt der Pfarrer zwischen Schreibtisch und Flipchart hin und her, erzählt biblische Geschichten von einflussreichen Kamelzüchtern, Kaufleuten oder angesehenen Hohepriestern und Schriftgelehrten. Erwähnt alttestamentarische Familien mit gebildeten frommen Söhnen und schicken, toll aussehenden Töchtern, und ködert uns damit, auch uns stünden alle diese Möglichkeiten offen, sofern wir bereit wären, uns dem richtigen Gottesglauben hinzugeben und den weltlichen Sünden zu entsagen.
Dann wieder schweift er ab und landet bei der wahren Christusliebe. Quasselt von armen, nackten, geschundenen Leuten und erklärt, dass auch sie Trost finden würden, sofern sie den richtigen Glauben annähmen und bereit seien, Christus zu folgen. Das ist doch sehr beruhigend.
Trotzdem bin ich der Meinung, dass Gott den Menschen erschaffen hat, weil er nicht einfach eine andere Rasse von Schafen haben wollte, sondern eben Menschen. Eigenständig denkende und handelnde Wesen. Vor Jahren habe ich am Gebälk einer alten Jagdhütte einen eingekerbten Sinnspruch entdeckt, der mich seither immer wieder zum Nachdenken anregt. Er lautet ganz einfach:
„Menschen sind, damit sie Freude am Leben haben.“
Wenn also Gott den Menschen erschaffen und mit der Gabe der Selbstbestimmung über sein Leben ausgestattet hat, dann hätte er auch voraussehen müssen, dass die Wege, die die Menschen einschlagen, ebenso zahlreich wie die Charaktere sind, die er kreiert hat. Ja, Gott hätte wissen müssen, dass es Menschen gibt, die Dinge kritisch hinterfragen und manchmal Wege beschreiten, die für andere nicht nachvollziehbar sind. Menschen sind darum Menschen, weil sie oftmals Dinge tun, für die das Prädikat Vernunft nie zutreffen wird, aber dennoch zum Erreichen eines persönlichen Zieles von Vorteil sind. So betrachtet erscheint es als völlig normal, alles für vernünftig zu erklären, was wir begehren. Die Sache mit der Entscheidungsfreiheit ist auch immer mit der Frage des persönlichen Standpunktes verbunden. Im Grunde ist es das Gleiche, ob ich meinen Ehepartner mit einem Seitensprung betrüge oder ob ich den roten Knopf drücke und so einen nuklearen Genozid auslöse. Grundmotiv kann in solchen Fällen nie Vernunft sein, sondern einzig und allein die Aussicht auf persönlichen Gewinn. Das allein erklärt die Frage, warum Milliarden für die Aufrüstung der Armeen ausgegeben, aber kaum Gelder zur Bekämpfung des Hungers in der Welt zur Verfügung gestellt werden. Wie wir mit solchen Missständen umgehen, liegt ebenfalls in der Natur des Menschen. Es ist jedem einzelnen gegeben, damit glücklich zu leben oder daran zu zerbrechen. Vielleicht liegt es auch in unseren Genen – oder es ist eine Eigenschaft unseres Charakters, für welche Wege wir uns entscheiden, unser Seelenheil zu erlangen. Auch daran hätte Gott denken müssen.
Dennoch habe ich dem Pfarrer die Bibel hingeschmissen und gesagt, dass ich mich in keiner Weise einer dieser Volksgruppen weder verpflichtet noch sonst wie angehörig fühle. Nur, dass ich mit dem Pech gesegnet bin, Teil einer sogenannten Familie zu sein, wo Begriffe wie Treue, Gemeinsamkeit, Fürsorge, Geborgenheit, aber auch Kreativität, Begeisterung, Zuneigung, Lust, Liebe, Ekstase nicht nur Fremdworte sind – nein, solche Dinge sind bei uns schlicht inexistent!
In diesem Milieu also, zwischen bürgerlich-religiösem Mief und anrüchigem nachpubertärem Rebellentum, bin ich aufgewachsen. Und diese Verhältnisse widern mich noch heute an. Es ist zum Kotzen. Eines Tages wird diese Atmosphäre in blanken Hass umschlagen, wenn sich nicht bald etwas ändert. Nicht meine Alten mit ihren eigenwilligen, oft bizarren Lebensstilen hasse ich – nein, vielmehr hasse ich dieses verkappte System Familie. Für mich ist sie lediglich ein Apparat, dafür vorgesehen, jegliche Gefühle im Keim zu ersticken.
Eigentlich hätte ich unter diesen Bedingungen alle Freiheiten der Welt haben können, jedoch habe ich sie wie Treibholz im Fluss ungenutzt davonziehen lassen. Vermutlich bin ich einfach ein wenig zu scheu und habe es eben nie richtig gelernt, in gewissen Situationen nicht nur selbstsicher, sondern richtig forsch aufzutreten. Eigentlich hätte ich längst abhauen müssen. Aber ich weiß nicht so richtig wie und wohin. Letztlich kenne ich niemanden außerhalb der Stadt.
Erschwerend kommt dazu, dass ich als Kind, aufgrund meiner dürren, schon fast kränklich wirkenden Gestalt, nahezu pausenlos gepiesackt wurde, entweder von den Mitschülern, weil ich in deren Augen einer war, der zu nichts taugt, schon gar nicht zu sportlichen Anlässen, oder dann von den Lehrern, die in mir nur einen schüchternen und dummen Jungen sahen, bei dem sowieso Hopfen und Malz verloren schien.
Mit anderen Worten: Ich war damals auf dem besten Weg, ein völliger Versager, ein Verlierer zu werden, der später einmal zu nichts zu gebrauchen wäre und der Leistungsgesellschaft nur im Weg herumstünde.
4
Ich schlenderte über den großen verkehrsfreien Platz und steuerte den Supermarkt auf der gegenüberliegenden Seite an. Ich hatte mir das zur Gewohnheit gemacht. Schon während meiner Schulzeit: Nach Feierabend mit Kameraden noch schnell beim Mac eine Cola oder einen Smoothie zu genießen oder später, so ab dem achten Schuljahr und erst recht mit Beginn der Berufsausbildung, mit Charly ein Dosenbier aus dem Tankstellenshop zu trinken oder sonst wie in der Stadt herumzubummeln und durch trendige Modeboutiquen zu stöbern. Auf jeden Fall: bloß nicht sofort nach Hause gehen!
Ich hatte zwar selten genügend Taschengeld. Mein Opa hielt es für wichtig, jeden Cent zweimal umzudrehen, und darum hielt er mich stets auf Sparflamme, und meine Mum zelebrierte sowieso die lebenslänglichen Hungerspiele. Sie war lange Zeit Stammkundin des Brockenhauses der Heilsarmee, kochte jeden Teebeutel zweimal aus und gelegentlich gab es schon mal etwas zwischen die Zähne mit Fristverfall. Dann konnte sie gnadenlos etwas auftischen, wo zuvor bereits ein paar graue Sporenfäden Fuß gefasst hatten. Das kam oft dann vor, wenn sie es versäumt hatte, Essensreste rechtzeitig in den Kühlschrank zu stellen. Sie schüttete einfach noch etwas Salz dazu und behauptete ganz cool, was uns nicht umbringt, das stärkt uns! Okay, offenbar hat es mich gestärkt, und Opa hat von all dem eh nichts mitgekriegt. Möglicherweise haben die verschiedenen Arten von Schimmelpilzen seiner Demenz Vorschub geleistet. Anyway.
Aber so ein Shoppingbummel durch die Boutiquen kann enorm vom Alltag ablenken und wirkt extrem inspirierend, auch wenn man gar nichts einkauft. Wenn ich trotzdem einmal etwas haben musste – zum Beispiel ein cooles Paar Freizeittreter – und ich wieder einmal nicht bei Kasse war, genügte ein kurzer Hinweis – meist reichte die Ausrede, dass ich das Geld für ein Geburtstagsgeschenk für einen Klassenkameraden brauche – und schon steckte mir Mum einen roten oder einen grünen Schein zu.
Ich hatte die Schnauze gestrichen voll von all den gut gemeinten Spartipps und Ratschlägen meiner Alten und den Billigklamotten aus dem Second-Hand-Laden beziehungsweise aus dem Textildiscounter unweit der Grenze, in der deutschen Nachbarschaft. Ich hatte es einfach satt, immer im Abseits zu stehen. Ich wollte dazugehören. Und ich versuchte dies, indem ich gelegentlich CDs und DVDs kaufte, die ich dann voller Stolz meinen Mitschülern auslieh, die sich solche Dinge nicht leisten konnten oder wollten, und ich ergänzte meine Garderobe mit poppig-trendigen Klamotten, nicht unbedingt mit siebzigfränkigen Tommy Hilfiger-T-Shirts, aber doch solchen Sachen, womit man sich durchaus in der Öffentlichkeit sehen lassen konnte. Jedoch hatten all meine Bemühungen nicht verhindern können, dass ich ein Außenseiter blieb. Wie gesagt, diese schmerzliche und zutiefst verletzende Erfahrung musste ich bereits als Schüler machen, aber das hing möglicherweise auch von anderen Faktoren ab, die ich damals noch nicht vollständig auf die Reihe kriegte.
Dann geschah etwas, das für mich für die folgenden Jahre von besonderer Bedeutung war. Ich war damals gerade vierzehn Jahre alt geworden, als ich unfreiwillig Zeuge einer Schlägerei auf dem Pausenhof meiner Schule wurde. Und das kam so:
Da war dieser kräftige, ungehobelte Bursche, der sich gelegentlich auf unserem Schulhof herumtrieb, obwohl er gar nicht aus unserem Quartier stammte und den darum niemand so richtig kannte. Ich wusste nur, dass er Häuptling genannt wurde. Die meisten von uns bezeichneten ihn jedoch nur als der Kanake. Aber niemand wusste, von wo er genau herkam. Niemand wusste Bescheid, weder über die Herkunft seiner Familie, noch über die Art und Weise, wie seine Eltern den Lebensunterhalt bestritten. Eines Tages waren sie einfach einmal da. Mit Sack und Pack, Kind und Kegel. Sie lebten anfänglich zurückgezogen in einer kleinen Sozialwohnung am Stadtrand. Den Jungen steckte man kurzerhand in eine altersgerechte Primarschulklasse. Sprachprobleme? Ach was, bei einem Ausländeranteil von achtzig Prozent genau die richtige explosive Mischung von Döner-Englisch und Pseudo-Schweizerdeutsch mit kanakischem Akzent.
Was soll’s? Er war eben einer dieser Typen, die längst nicht mehr auffallen, wenn sie dem Unterricht fernbleiben. Im Gegenteil: Die Klassenlehrer und ihre braven Minderheiten mit dem eingebrannten Schweizerkreuzchen auf der Stirn, die Angepassten, die jeden vorgekauten Schrott dankbar aufnehmen und nachplappern, ohne zuvor den eigenen Verstand eingeschaltet zu haben, die Wendehälse, die ich verächtlich als Windsäcke bezeichne, weil sie nach dem jeweiligen Wind flattern, der gerade weht, die Mit-dem-Strom-Schwimmer, weil es eben bequemer ist, als gegen etwas anzukämpfen, die Abwartenden, die gar nichts tun, und die Berechnenden, die wirklich nicht den kleinsten Finger krümmen, ohne zuvor gründlich ihre Risiken kalkuliert zu haben, die vielleicht gerade deswegen erfolgreich durchs Leben schreiten, weil sie niemals ihr Tun und Lassen auf etwaige Folgen für ihr Umfeld hinterfragen, von den übrigen Klassenkameraden geringschätzig als die Anderen bezeichnet, sind sogar froh darüber. Ein Störfaktor weniger.
Wenn es ums nackte Überleben geht, sind der Satz des Pythagoras und Schillers Gedicht von der Glocke schlechte Hilfen. Diese Erfahrung hat der Häuptling wohl schon in frühester Kindheit mit auf den Weg bekommen.
Einer aus der Parallelklasse soll angeblich mal bei ihm zu Hause gewesen sein und erzählte später: „Wisst ihr, mit Brockenhausramsch bis zur Decke hin zugemüllt, aber in der Stube einen Zwei-Meter-Flat-Screen-TV mit Dolby-Surround-Soundsystem. Bestimmt alles vom Sozialamt finanziert!“ Ich wusste nicht, ob das wirklich so war. Aber eigentlich interessierte es mich überhaupt nicht.
Vor wenigen Monaten erreichte offenbar eine Nachricht die Familie und der Vater musste dringend zurück in die Heimat. Angeblich geschäftlich bedingt, hieß es. Man sah ihn nie wieder. Man hat nie erfahren, was ihm zugestoßen ist. Um welche Art von Geschäften es sich handelte, ebenfalls nicht. War der Mann vielleicht in politische Aktivitäten verstrickt? Unterstützte er mit seinen Geschäften möglicherweise irgendeine Widerstandsbewegung? Lauter Fragen, die vielleicht ewig unbeantwortet bleiben werden, aber die Zeit arbeitete für den jungen Fiesling. Eines Tages nahm er die Gunst der Stunde wahr und im kindlichen Alter von knapp dreizehn Jahren riss er das familiäre Zepter endgültig an sich.
Mit seinen dunklen, kurz geschnittenen Haaren sah er verdammt cool aus und genau so benahm er sich. Er war, so erzählte man sich, irgendwo im Osten geboren und verbrachte seine Kindheit vorwiegend in ländlichen, dünn besiedelten Gebieten. Vermutlich wuchs er zwischen Ochsenkarren und Schafherden auf. Auf jeden Fall schon verdammt nah bei den Dattelklaubern. Nun aber tat er so, als gehörte er bereits zum schweizerischen Landesinventar. Stets hatte er eine unüberhörbar laute Klappe, benahm sich wie ein Macho, begann bereits im zarten Alter von sieben Jahren zu rauchen, betrachtete das Mädchenanbaggern als Fließbandarbeit und drangsalierte bei jeder erdenklichen Gelegenheit seine jüngeren Geschwister, hauptsächlich, um an deren Taschengeld zu gelangen. War damit sein Einstieg in eine Kriminellenlaufbahn vorgezeichnet? Jedenfalls hatte er noch vor dem Eintritt in die Oberstufe damit begonnen, von schwächlichen Mitschülern Schutzgelder zu erpressen.
Der schmächtige und um ein Jahr jüngere Dennis Brandenberger gehörte bald zu seinen Klienten. Dennis zählte nicht gerade zu meinen Busenkumpels und die Intelligenz schien er auch nicht mit der großen Schöpfkelle verabreicht bekommen zu haben. Trotzdem mochte ich ihn eigentlich schon. Mit seiner scheuen wortkargen Art und seiner zierlichen, schon eher zerbrechlich wirkenden Erscheinung war er mir nie unsympathisch. Er pflegte einen gewissen Stil, den ich an ihm besonders schätzte. Stets trug er schwarze Klamotten, vorzugshalber aus der Gothic-Szene, und setzte Akzente mit pinkfarbenen oder mintgrünen Armreifen, Stirnbändern und Schnürsenkeln. Ein Piercing zierte seine Unterlippe auf der linken Seite. Außerdem trug er eine pechschwarze Ponyfrisur mit einer Haarsträhne, die jeweils sein rechtes Auge vollständig zudeckte – mit dem anderen konnte er sehr einfühlsam ins Weltgeschehen schauen.
Dennis war eben ein richtiger Emo-Boy. Ich weiß nicht, ob er oft heulte oder sich die Arme ritzte, um sich mit dem selbst zugefügten Schmerz zu bestätigen, dass er noch am Leben war, und ich gehe davon aus, dass die Gerüchte über seine Vorliebe für gleichgesinnte Jungs eher zu den Vorurteilen gehören, die man sich über diese Typen damals so herumerzählte. Indessen weiß ich ganz bestimmt, dass er die Musik von Bullet for my Valentine und Ähnliches mochte, da er das Zeug auf sein Smartphone heruntergeladen hatte.
Er bewegte sich also in einer Szene – man könnte auch sagen, er lebte in einer eigenen, nach dem Vorbild japanischer Mangas erschaffenen künstlichen Welt, die jeder Erwachsene zwingend meidet, aber auch von jedem Jugendlichen, spätestens mit dem Erreichen des zwanzigsten Lebensjahres, wieder verlassen sein sollte.
Eigentlich bewunderte ich Dennis für seinen Mut, den er bewies, mit Leib und Seele zu seinem extravaganten Lebensstil zu stehen. Aber vielleicht wurde gerade dieser Stil zu seinem Verhängnis.
Eines Tages hatte Dennis die Schnauze voll und wollte aus dem „Geschäft“ aussteigen. Schon wegen des täglichen Psychoterrors und weil ihm die finanzielle Belastung über die Ohren wuchs. Dabei kam es zunächst zu einem heftigen Wortwechsel. Ich trat neugierig an den Kreis gaffender Kids heran. Darauf folgte ein Handgemenge und plötzlich eskalierte die Situation. Der Bedrängte stürzte und wurde sogleich vom Häuptling und seinen Kumpanen mit Fußtritten malträtiert.
Was danach geschah, weiß ich nicht mehr so genau. Rückblickend erscheinen mir die nachfolgenden Szenen irgendwie surreal, so als hätte ich anstatt meiner ein Double in den Kampf geschickt. Jedenfalls sah ich mich damals eher als Beobachter, nicht als Beteiligter. Auch geschah alles blitzartig. Ich hatte gar keine Zeit für irgendwelche Gedanken oder Überlegungen, welche Auswirkungen mein Eingreifen für mich haben würde.
Irgendwo in meinem Kopf machte es einfach „klick“. Für eine Sekunde ignorierte ich alles, was um mich herum so abging. Ich drängte mich durch die Gaffer und stürzte mich mit voller Wucht auf den Häuptling. Wir fielen beide auf den Asphalt. Ich bemühte mich gar nicht erst, wieder auf die Beine zu kommen, vielmehr kniete ich mit meinem ganzen Körpergewicht auf seiner Brust, meine Hände krallten sich in seinen Hemdkragen. Er blieb für einen Moment völlig überrumpelt auf dem Rücken liegen. Ich schrie ihn an, er und seine Kumpels sollen Dennis gefälligst in Ruhe lassen, und eigentlich wäre ich dermaßen aufgedreht gewesen, dass ich mit meinen bloßen Händen auf sein Gesicht hätte einschlagen können. Vielleicht wäre das auch ganz okay gewesen – oder auch nicht. Schwer zu sagen, im Nachhinein. Jedenfalls habe ich den Häuptling losgelassen und bin aufgestanden, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
Da erkannte ich aus den Augenwinkeln heraus, aber dennoch deutlich genug, wie einer der Burschen mit seinen schweren Trekkingschuhen dem Gepeinigten ins Gesicht trat, als hätte er einen Fußball vor sich liegen. Für eine Millisekunde schoss ein Blitz durch meine Birne: Den Typen kenne ich doch von irgendwoher! Jedoch konnte ich seine dreckige Visage noch nirgends zuordnen. Noch klaffte in meinem Hirn eine große Erinnerungslücke.
Ich hörte noch das widerliche Knirschen, als dem am Boden Liegenden das Jochbein zertrümmert wurde. Für einen Augenblick schloss ich die Augen; und als ich sie wieder aufschlug, sah ich überall nur noch Blut, und mittendrin lag regungslos Dennis. Wie durch einen Schleier nahm ich wahr, dass die Gaffer in alle Richtungen davonstieben. Nur ich blieb wie angewurzelt stehen. Vielleicht, weil ich intuitiv wusste, da geschieht etwas, das nicht richtig ist, weil etwas völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Vielleicht, weil ich ahnte, dass Dennis in diesem Moment jemanden brauchte, der ihm zur Seite steht. Jedenfalls war ich vor Entsetzen unfähig, mich zu rühren.
Da trat der Häuptling an mich heran und packte mich in Sekundenbruchteilen an der Kehle und drückte zu. Ich starrte mit in Todesangst weit aufgerissenen Augen in das Gesicht des brutalen Fieslings. Dessen Augen strahlten eine Eiseskälte aus, die aller Menschlichkeit entbehrte. Vor meinen Augen begann es bunt zu flimmern und ich roch den schlechten Atem meines Peinigers, als dieser mir mit ebensolch eiskalten Worten drohte: „Ich, an deiner Stelle, würde mir ganz genau überlegen, was ich den Pausenclowns erzählen möchte! Ein falsches Wort und wir werden dich finden, egal wo du dich verkriechst. Verlass dich drauf!“ Mit Pausenclowns meinte er die Lehrer, die zur Aufsicht während der großen Pausen abkommandiert wurden.
Wie ein Stück Dreck stieß mich der Schurke von sich und rannte weg. Während meine Knie nachgaben und ich zu Boden sank, vernahm ich die aufgeregten und doch irgendwie vertrauten Stimmen einiger Lehrer sowie das Heulen der rasch näher rückenden Ambulanz. Mir gelang es, mich aufzurappeln, dann rannte auch ich weg.
Ich fühlte mich miserabel. Magensäure drang bis zum Kehlkopf vor und ich zwang mich, sie hinunterzuschlucken, um mich nicht übergeben zu müssen, als ich endlich mein Elternhaus erreichte.
Wütend trat ich mit dem rechten Fuß gegen das hölzerne Gartentor, das hinten hart an die Hainbuchenhecke schlug, zurückfederte und dabei fast aus den Angeln gehoben wurde. Ich steckte den Schlüssel ins Türschloss und drehte ihn. Der Hauseingang war immer abgeschlossen, auch wenn der Opa zu Hause herumlag. Ich trat ein und rief mein unpersönlichstes „Hallo!“, das möglich war, in den Flur.
„Guten Abend, Oliver.“ Gertrud, meine Mum, kam aus der Küche. Seit dem Desaster mit Dennis spreche ich meine Mutter nicht mehr mit Mama an. Irgendwo in meinem Kopf machte es abermals „klick“ und ich wusste sofort: Meine Schonzeit war abgelaufen. Nun gehörte auch ich zu den Älteren. Zu den Eingeweihten. Ich wurde in einer gewissen Weise zu einem Teil von ihnen. Willkommen im Club! Auf einen Schlag schoss es mir ins Bewusstsein, dass mein ganzes bisheriges Leben nur aus Kinderkram bestand. Damit war nun definitiv Schluss. Und es würde ausschließlich an mir liegen, einen für mich akzeptablen Weg zu finden, um meine restlichen Jahre als Teenager nicht nur einigermaßen sinnvoll – egal, was immer man darunter verstehen mag –, sondern auch heil über die Runden zu bringen.
In der linken Hand hielt Mum ein gespültes Trinkglas, in der rechten das Küchentuch zum Trockenreiben.
„Na, wie war dein Tag?“, wollte sie noch anhängen, ließ es aber bleiben, als sie erkannte, dass ich eben nicht gerade gut drauf war. Sie legte Glas und Tuch beiseite und hätte mich wohl in die Arme genommen. Ich jedoch sperrte mich dagegen, da ich sowieso der Meinung war, ich sei zu alt für solche Kinkerlitzchen. Stattdessen fragte sie: „Hattest du Ärger in der Schule? Nun sag doch, war es wieder dieser Ausländerjunge aus dem anderen Schulhaus?“
„Nein! Es ist alles bestens“, versuchte ich mich herauszureden, obwohl es mir gleichzeitig heiß und kalt den Rücken hinunterlief und mein Gesicht vermutlich die Farbe von gewässertem Käse hatte. „Wir hatten einen Mathetest. Ich glaub, ich hab ihn total verbockt“, erklärte ich, was nicht einmal gelogen war.
Mum sah, dass ich ihr die volle Wahrheit verschwieg. Trotzdem verzichtete sie darauf, mich mit weiteren Fragen zu löchern, zuckte lediglich teilnahmslos die Schultern und nahm erneut die Beschäftigung mit den Trinkgläsern auf. Sie wusste, ich würde mich nur noch mehr zurückziehen.
„Wenn dich dieser Kanake bedroht, dann sag es uns. Dann gehen wir zur Polizei und erstatten Meldung. So was lassen wir uns nicht bieten – niemals! Schon gar nicht, so lange wir hier in unserem eigenen Land leben. Wir sind freie Bürger und lassen unsere Zukunft nicht von irgendwelchen dahergelaufenen Fremden vermiesen!“, meldete sich nun der Opa aus seinem Fernsehsessel. Er hatte eigens, um dieses Statement abzugeben, das Gerät leiser gestellt, was sonst selten genug vorkam.
„Nein, ist es nicht! Ich fühle mich großartig. Und überhaupt, was willst du denen sagen? Dass sie nach einem großen Jungen mit kurzen schwarzen Haaren und schwarzer Lederjacke, der eben nicht aus unserer Schule stammt, fahnden sollen? Dann könnten sie gleich die ganze Bahnhofstraße räumen“, warf ich voller Sarkasmus in die Runde.
„Nein, Oliver! So geht das nicht. Dein Opa hat ganz recht.“ Mum trat aus der Küche. Auf einmal hatte sie sich eine besorgte Mimik aufgesetzt. „Wenn dich jemand angegriffen hat, sollten wir Anzeige erstatten, allenfalls gegen Unbekannt – schon wegen der Versicherung.“
„Ach, ihr könnt mich mal! Ihr glaubt immer noch, jeden Bullshit mit einer Versicherung abdecken zu können. Wenn es eine Versicherung gegen Ungerechtigkeit gäbe, wäre die Prämie unbezahlbar!“
Ich war außer mir. Mein Puls raste. Einerseits schwang mein Tourenmesser über die Höchstmarke hinaus, andererseits war ich auch von meinen Alten enttäuscht. Ich ahnte, von ihnen konnte ich diesbezüglich keine nennenswerte Hilfe erwarten. Ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, begab ich mich die Treppe nach oben und verschwand in mein Zimmer. Ich warf meinen Schulsack in die eine Ecke und die Sweatshirtjacke in die andere, dann ließ ich mich, laut ausatmend, rücklings aufs Bett fallen. Ich schloss die Augen zum Relaxen, aber nun kam der ganze Bockmist wieder hoch. Der arme Dennis mit seiner zertrümmerten Nase, und überall das viele Blut. Ich würde schweigen müssen, wenn sie kamen, mich als Zeugen zu befragen. Der schlechte Atem des Schurken drang in mein Bewusstsein und Übelkeit stieg in mir hoch. Seine Drohung ließ mir keine andere Wahl: Entweder ich ließ die Sache auf sich beruhen oder ich sagte gegen den Häuptling aus. Aber dann hätte ich keine ruhige Minute mehr in meinem Leben gehabt. Die Gang hatte genügend Mitglieder, die sich sehr gerne um Verräter gekümmert hätten.
Mein Magen begann sich erneut zu verkrampfen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und schon gar nicht, wem ich mich anvertrauen konnte. Am liebsten hätte ich den ganzen Bullshit mit Dennis ignoriert. Einfach ausgeblendet und vergessen. Jedoch ahnte ich, dass das Erlebte sich bereits zu tief in meine Psyche hineingefressen hatte.
Es gibt solche Situationen im Leben von der Dauer eines Augenblickes. Aber wie lange dauert ein Augenblick? Eine Sekunde? Sekundenbruchteile? Vielleicht eine Hundertstel- oder nur eine Millisekunde? Jedenfalls genügend lang, um eine Synapse zwischen Neuronen herzustellen. Eine Datenleitung im Gehirn für den Austausch von Informationen. Und schlagartig wird einem klar, dass es kein Zurück gibt. Nicht die geringste Chance, um etwas Geschehenes ungeschehen zu machen. Um eine negative Sache zu einem positiven Abschluss zu bringen, gibt es nur einen Weg.
Ich fühlte mich wie ein riesengroßes Arschloch. Ich hätte Dennis helfen müssen. Irgendwie. Ihm wenigstens beistehen, ihn trösten müssen. Stattdessen hätte ich ebenso gut weggucken können. Ich fühlte mich elend und beschissen. Ich hatte versagt. Ich stand auf, steckte mir eine Chesterfield zwischen die Lippen und zündete sie an. Dann nahm ich den Kopfhörer meines bescheidenen Soundsystems, legte eine Slash-CD ins Fach, drückte auf „Play“ und ließ mich erneut aufs Bett sinken. Ich war einfach nur noch müde.
Spit in the face of the ugly clown
Who’ll hunt you down
But you can’t hide
Exterminate the future
Tief zog ich den Rauch in die Lunge und blies ihn langsam durch die Nase wieder aus, während satte Beats durch meine Gehörgänge dröhnten.
Kill the ghost
That hides in your soul
Ich nahm mir vor, Dennis wenigstens mal im Krankenhaus zu besuchen.
Die Polizei tauchte erwartungsgemäß am folgenden Morgen in der Schule auf, in Form zweier smarter, zivil gekleideter Herren. Jüngere Typen, die genauso aussahen, als wenn sie soeben eine Folge von „Alarm für Cobra 11“ fertig abgedreht hätten. Lederjacken und Spitzbärtchen. Die Mädchen in der Klasse kicherten hinter vorgehaltenen Händen, gaben sich jedoch wenigstens pro forma beeindruckt.
„Die sehen so aus, als wären sie selbst kaum der Schulbank entsprungen“, raunte Charly mir zu.
„Ja, du hast recht. Ich frage mich, ob sie überhaupt eine Ahnung davon haben, was so alles an unseren Schulen abgeht.“
„Wie ihr sicher bereits wisst, wurde gestern Nachmittag einer eurer Schulkameraden, Dennis Brandenberger, auf brutalste Weise misshandelt und verprügelt. Und zwar genau hier, auf eurem Schulhof. Seither liegt Dennis mit Rippen- und Schädelfrakturen auf der Intensivstation des Kantonsspitals“, begann der eine Beamte das Gespräch.
„Und wir wissen, dass es zu diesem äußerst bedauerlichen Vorfall Zeugen geben muss“, schaltete sich der andere ein. „Eigentlich hatten wir gehofft, dass sich diese freiwillig bei uns oder bei der Lehrerschaft melden würden. Nun, da dies bisher leider nicht der Fall war, sind wir hierhergekommen, um mit jedem Einzelnen von euch zu sprechen. Mit jedem, der sich zur fraglichen Zeit auf dem Schulhof aufgehalten hat.“
„Während der Befragung läuft der Unterricht weiter wie bisher. Die Herren von der Polizei werden sich einen Schüler oder eine Schülerin aus der Klasse herausbitten und die Befragung im Raum 3b durchführen. Danach wird der oder die Nächste aufgeboten!“, meldete sich nun auch Herr Gantenbein, unser Klassenlehrer, zu Wort.
Die Erste, die mitgehen musste, war Alice Schilling. Ich weiß nicht, ob sie damals im Kreis der Gaffer dabei war. Schon nach wenigen Minuten kam sie wieder zurück. Sie war bleich und ließ den Kopf hängen. Immerhin haben sie ihr denselben nicht gerade abgerissen.
Jedes Mal, wenn die Tür zur Klasse aufging und ein weiterer Schüler aufgerufen wurde, schnellte mein Puls in die Höhe. Es war kaum auszuhalten. An ein konzentriertes Arbeiten war ohnehin nicht zu denken. Unsere Klasse war bis auf ein paar wenige Schüler schon durch. Sie versuchen dich fertigzumachen!, redete ich mir ein. Sie wollen dich zuerst schmoren lassen und anschließend ausquetschen wie einen nassen Schwamm! Tatsächlich bildete ich mir ein, die ganze Klasse würde nur noch mich anstarren. „Alles Quatsch!“, sagte ich leise zu mir selbst. „Sie wissen gar nichts über dich! Bestenfalls wissen sie, dass du dabei warst. Mehr nicht – bestimmt.“
Erneut ging die Tür auf und Luis Oliveira, ein kleiner, sanftmütiger Portugiesenjunge mit großen, dunklen Augen, trat herein. Er gehörte ebenfalls zur Klientel der Gang. Er schaute scheu in die Klasse und wirkte verstört. Kaum hörbar nuschelte er dem Fußboden entgegen: „Oliver, du bist dran!“ Genauso gut hätte er sagen können: „Oliver, du wirst jetzt gerädert!“
Ich weiß nicht, ob mein Herz einen Aussetzer machte oder ob ich für einen Moment die Atmung vergaß. Jedenfalls fühlte ich mich miserabel. Ich versuchte irgendwie cool zu bleiben, gleichwohl mein T-Shirt tropfnass geschwitzt war und meine feuchtheißen Hände wie in Fieberschüben zitterten. Ich zog hinter mir die Klassentür zu und kurz wie ein Wimpernschlag überlegte ich mir, noch im Treppenhaus abzuhauen. Ich entschied mich, es bleiben zu lassen, da im Grunde gar keine Notwendigkeit für eine Flucht vorlag. Im Gegenteil, es lag an mir – und nur an mir –, Mut und Stärke zu zeigen.
Sie hatten das leerstehende Klassenzimmer der 3b im ersten Stock als, sagen wir mal, Verhörraum hergerichtet. Ich betrat es, nachdem ich mir mit meinem feuchten T-Shirt etwas von der kühleren Luft im Flur zugefächert und meine schweißigen Hände an der Hose abgewischt hatte.
„Hallo, Oliver, komm, setz dich!“ Der etwas ältere der beiden Polizisten machte auf Guter Kumpel. Meinetwegen, das war mir ganz recht so. Zunächst war ich einfach einmal froh, keinem die Hand schütteln zu müssen.
„Wie geht es dir?“, wollte der andere wissen.
Was für eine Frage! Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Was sollte ich den beiden erklären, wie ich mich augenblicklich fühlte? „Es geht!“, sagte ich knapp und mit einem Schulterzucken.
„Schön!“, sagte der Ältere.
„Wie würdest du dein Verhältnis zu Dennis Brandenberger beschreiben? Ich meine, warst du sehr eng mit ihm befreundet?“
Einen Moment lang war ich fassungslos. „Was heißt denn hier ‚Verhältnis‘? Ich hatte nie ein Verhältnis mit einem Jungen! Weder mit Dennis noch mit einem anderen. Dennis war für mich stets ein guter Klassenkamerad, mehr nicht. Und wenn Dennis auch schwul gewesen wäre, so hätte ich damit gar keine Probleme gehabt. Überhaupt, was heißt hier ich ‚war‘? Was ist mit Dennis, wie geht’s ihm?“ Nun war ich vollends aufgedreht.
Der jüngere Beamte beugte sich vor. „Dennis wird intensiv betreut. Man musste ihn in ein künstliches Koma versetzen. Seine Kopfverletzungen sind zu schwerwiegend.“
Ich schloss kurz die Augen und schluckte einmal leer. „Oh Gott! Wird er … wird er wieder gesund werden?“
„Momentan kann nicht einmal mit Sicherheit gesagt werden, ob er überhaupt durchkommen wird. Und auch wenn er überlebt, können bleibende Schäden nicht ausgeschlossen werden.“
Ich fühlte, wie Tränen in mir aufsteigen. Meine Hände begannen noch intensiver zu zittern. „Es ist alles so schrecklich, was vorgefallen ist, und wir können nichts für ihn tun?“
„Doch, Oliver. Du kannst jederzeit etwas für Dennis tun. Geh hin. Besuche ihn und zeig ihm, dass du da bist. Dass er nicht allein ist in seinem Schmerz.“
„Aber zuerst möchten wir, dass du etwas für uns tust: Anhand von Aussagen deiner Kameraden wissen wir, dass du bei der Schlägerei gestern Nachmittag als Zuschauer dabei warst. Ist das korrekt so?“
„Okay, ich war auf dem Hof. Aber ich bin nicht als Gaffer hingegangen, sondern zufällig hineingeraten. Da war die Keilerei bereits im Gange.“
„Oliver, hier geht es momentan nicht um die Schuldzuweisung für unterlassene Hilfeleistung. Damit muss jeder Einzelne von euch klarkommen. Jeder muss für sich selbst Rechenschaft darüber ablegen, ob er noch mit gutem Gewissen in Dennis’ Augen blicken kann.“
„Erzähl uns einmal, was sich auf dem Schulhof wirklich ereignet hat. Was waren das für Typen, die Dennis so zugerichtet haben?“
„Ich befürchte, dass ich Ihnen da nicht viel weiterhelfen kann“, holte ich aus. „Ich sagte doch schon, die Prügelei lief bereits. Fünf Kerle und ihr Anführer. In ihrer Mitte Dennis. Zuerst gingen sie mit den Fäusten auf ihn los, bis er hinfiel. Dann traten sie ihn mit den Füßen. In den Bauch, in den Rücken, in die Seiten … dann ins Gesicht! Immer wieder und wieder!“
„Okay, Oliver. Hast du die Typen erkannt?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Oliver, deine Mitschüler haben ausgesagt, du seiest am längsten da gewesen! Alle anderen seien vor Schiss schon früher weggerannt.“
„Ach so, daher weht also der Wind!“
„Na also, mein Junge. Dann erzähl uns doch mal, was geschah, als du mit den Kerlen allein da warst!“
„Es tut mir leid, da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich war wie elektrisiert. Ich konnte mich einfach nicht mehr bewegen, sonst wäre auch ich davongelaufen. Dann kam dieser Anführer auf mich zu und packte mich an der Kehle. Ich bekam keine Luft mehr. Es begann zu flimmern und ich bin für einen Moment weggetreten. Als ich wieder zu mir kam, da hatte ich diesen … Filmriss. Die Bande war weg, alle Kids waren weg. Nur noch Dennis … in einer großen Blutlache … und ich. Ich hatte auf einmal riesengroße Angst. Als ich gehört habe, dass Hilfe naht, bin auch ich weggerannt. Ich weiß, klingt nicht gerade edel. Aber wie gesagt, ich war in diesem Moment wirklich wie durch den Wind gedreht.“
„Na gut, Oliver, und du behauptest immer noch, niemanden von der Bande erkannt zu haben?“
„So ist es …“
„Okay, würdest du allenfalls die Kerle anhand von Fahndungsfotos wiedererkennen?“
„Eher nein! Wissen Sie, diese Typen sehen doch alle gleich aus: kurze schwarze Haare, Visage wie ein Pflasterstein – meist unter einer Kapuze versteckt –, kanakisch sprechend und was die Älteren betrifft: das Arbeitslosengeld für den Sixpack im Kraftraum abschwitzend!“
„Ja, du hast recht, das macht die Suche nicht gerade einfach“, sagte der Jüngere. „Übrigens, wusstest du, dass muslimische Extremisten gezielt Jagd auf diese schwarz gekleideten Jugendlichen machen, auf diese … diese Typen mit den Pony-Frisuren und den Piercings im Gesicht? Wie nennt man sie schon …?“
„Emo-Kids oder einfach Emos“, erklärte ich. „Nein, wusste ich nicht. Nie etwas davon gehört“, log ich.
„Ach ja“, der Ältere steckte mir eine Visitenkarte zu. „Falls dir doch noch etwas einfallen sollte …“
Er stand auf und reichte mir die Hand. Für sie war die Vernehmung beendet. Ich erhob mich ebenfalls.
„Ja, da ist noch etwas, das Sie wissen sollten: Die Typen, die Sie suchen, sind nicht von hier. Die sind überall und doch nirgendwo zu Hause. An unserer Schule haben über achtzig Prozent aller Schüler einen Migrationshintergrund. Die meisten dieser Kids leben vorwiegend auf der Straße, weil beide Elternteile jobben müssen. Erwarten Sie von uns also bitte nicht den gleichen IQ-Klassenschnitt wie zum Beispiel von solchen der International School!“
„Oh, ich denke, das kann man so nicht sagen …“
„Doch, doch. Für unsereiner sind das fast schon elitäre Verhältnisse!“
„Schon gut, mein Junge. Ich versteh dich. Aber das bringt uns nicht weiter. Für heute sind wir fertig. Du kannst gehen!“, sagte der Ältere.
Unter der Tür blieb ich stehen und drehte mich nochmals um. „Ich weiß nicht, ob es Ihnen weiterhilft: Sie nennen ihren Anführer Häuptling!“
Ich glaube, ich war nie so schnell wieder in der Klasse.
Als der Unterricht endlich vorbei war, standen viele Schüler gruppenweise zusammen und diskutierten eifrig, wer was der Polizei erzählt hatte – diese Blödmänner! Ich packte meine Sachen und machte, dass ich nach Hause kam.
5
Eine Woche später hatte ich das Geschehene so weit psychisch verarbeitet, dass ich mich stark genug fühlte, Dennis im Kantonsspital zu besuchen. Immerhin war er mein Klassenkamerad und er hätte vom Typ her eigentlich sehr gut in unsere Clique gepasst, die sich damals so allmählich herauszubilden begann.
Noch am Telefon hatte mir die Dame vom Empfang gesagt, dass Dennis so weit wieder okay sei, dass man ihn von der Intensivstation in die chirurgische Abteilung habe verlegen können. Das beruhigte mich zunächst enorm.
Der Fahrstuhl brachte mich auf die entsprechende Etage. Ich begab mich zum Stationsbüro und fragte nach Dennis’ Zimmernummer. Eine überaus freundliche Krankenschwester erklärte mir, dass er soeben zurechtgemacht werde, um erstmals wieder das Bett zu verlassen. Er sei aber noch sehr geschwächt und wegen der vielen Schmerzmittel befinde er sich oft in einem Dämmerzustand, weshalb größere Kommunikationen vorerst nicht zu erwarten seien. Über einen Besuch aber werde er sich bestimmt freuen.
Sie wies mich an, in einer Besucherecke Platz zu nehmen und zu warten, man werde Dennis im Rollstuhl dorthin bringen. Die bequemen Polstersessel entschädigten für die längere Wartezeit. Ich warf ein paar Münzen in einen Getränkeautomaten und ließ eine Flasche Cola heraus.
Dann endlich wurde weit hinten im Flur eine Tür geöffnet und ein junger Pfleger rollte einen Patienten heraus, der mit dem bekannten Dennis, dem Emo-Boy, kaum noch Ähnlichkeiten hatte. Okay, ich bin schon ziemlich erschrocken und schluckte zuerst einmal leer, versuchte jedoch mir weiter nichts anmerken zu lassen.
„So, da wären wir!“, sagte der Pfleger, stellte den Rollstuhl vor mich hin und fixierte das Bremspedal. „Ich lass euch jetzt allein. Wenn ihr was braucht … ich bin im Stationsbüro.“ Damit verschwand er mit federnden Schritten.
Um Dennis’ ohnehin schmächtigen Körper, der jetzt noch dünner und zerbrechlicher geworden schien, schlotterte ein nun viel zu groß wirkender Pyjama, der aber immerhin etwas Farbe ins Bild brachte. Da, wo früher eine wunderbare schwarze Mähne den Kopf zierte, war alles kahl geschoren. Stattdessen trug er einen dicken, einem Turban ähnlichen Verband, die Nase verschwand ebenfalls unter einer dicken Lage Mull und ein dunkelblau verfärbtes Auge war gänzlich zugeschwollen. Seine Unterarme ruhten kraftlos auf den seitlichen Armlehnen. Im rechten steckte die Nadel mit zwei Infusionsschläuchen dran, denn ich begriff, dass er mit seinem malträtierten Gesicht kaum in der Lage war, feste Nahrung zu sich zu nehmen.
„Hi, Dennis, wie geht’s?“, fragte ich ziemlich doof, aber es half wenigstens, die erdrückende Stille im Raum zu beenden.
Er sah mich eine Weile lang mit seinem heilen Auge an, dann bewegten sich zaghaft seine Lippen und er hauchte ein mattes „Beschissen!“ hervor.
In dem Moment hätte ich vor Freude aufspringen und ihn umarmen können. Denn er hatte mich verstanden und den Umständen entsprechend korrekt geantwortet.
„Hast du Schmerzen?“, fragte ich weiter.
Ein tiefer Atemzug ließ seine schmale Brust erbeben, dann versuchte er mit einer sachten Kopfbewegung ein „Nein“ anzudeuten.
„Du bist ein Schwindler!“, sagte ich, denn man sah ihm an, dass er sehr wohl noch starke Schmerzen hatte. Tatsächlich dauerte es noch sehr lange, bis sie gänzlich verschwunden waren und er seine Feinmotorik wieder einigermaßen in den Griff bekam.
Aus reiner Verlegenheit versuchte ich Dennis mit albernen Sprüchen aufzuheitern, wobei ich mir nicht ganz sicher war, ob sie bei ihm auf dem richtigen Ohr gelandet waren. Jedenfalls gelang es ihm kaum, so etwas wie ein Lächeln zustande zu bringen. Dennoch war ich froh, auf diese Weise wenigstens ein paar langatmige Minuten totgeschlagen zu haben, und ich setzte meinen Monolog fort, indem ich Dennis die aktuellsten News aus unserer Schule erzählte. Dann wagte ich einen neuen Versuch und fragte einfach so, um die Situation auszuloten: „Kennst du die Typen, die dich so zugerichtet haben?“
Dennis schien nachzudenken. Jedoch gelang es ihm nicht, sich auf Namen zu konzentrieren. Wieder versuchte er es vorsichtig mit Kopfschütteln. Plötzlich perlten aus seinem gesunden Auge dicke Tränen.
Ich weiß: Es ist verdammt uncool, aber in diesem Augenblick rollten auch mir einige Tränen die Wangen runter. Ich konnte einfach nicht anders. Ich beugte mich vor und umarmte Dennis so sanft wie nur möglich.
„Es tut mir so leid, dass ich dir nicht helfen konnte“, sagte ich mit tränenerstickter Stimme. „Weißt du, du fehlst mir. Ich vermisse dich. Du warst immer so ein cooler und dennoch aufgestellter Typ. Du fehlst uns in der Klasse. Irgendwie ist es einfach nicht mehr so wie früher – so ohne dich.“ Wir schwiegen uns eine Weile lang an, dann versuchte ich mit zittriger Stimme zu erklären: „Weißt du, damals auf dem Schulhof, irgendetwas ist auch in mir kaputtgegangen.“ Und nach einer längeren Pause ergänzte ich, baren Optimismus versprühend: „Ich verspreche dir: Ich werde dafür sorgen, dass die Kerle ihre gerechte Strafe bekommen!“ Obwohl ich natürlich keine Ahnung hatte, wie ich dieses Versprechen einlösen könnte.
Ich erhob mich und bereitete mich für den Abgang vor. Beim Hinausgehen drehte ich mich nochmals um und erklärte Dennis den Tarif: „Nächstes Mal, wenn ich wiederkomme, bist du diese verdammten Schläuche los! Dann bring ich dir einen schönen großen Cheeseburger mit viel Bratspeck und einen als Mineralwasser getarnten Wodka-Redbull. Hast du kapiert?“
Tatsächlich brachte er es fertig, seinen Mund zu einem schiefen Grinsen zu verziehen, und nickte einmal vorsichtig mit dem Kopf.
Noch auf dem Heimweg dämmerte es mir: Um aus diesem Schlamassel auszubrechen, musste ich etwas ändern, ohne genau zu wissen was. Aber eines war mir klar: Ich musste es sofort tun, und zwar allein. Ich beschloss, meinen Alten nichts zu sagen. Die sind sowieso mit ihren eigenen Dingen beschäftigt. Jedoch, da gibt es diesen Karl Bollinger, der im Allgemeinen Charly genannt wird, und dessen Vater, Ruedi, in der Altstadt in einem heruntergekommenen Gewerbehaus eine Muckibude betreibt.
Charly und ich sind seit dem ersten Schuljahr befreundet. Er zeigte bald einmal so etwas wie Erbarmen mit mir und nahm mich eines Abends nach Schulschluss mit in den Kraftraum und sein Vater willigte ein – nicht gerade mit Begeisterung –, mich in Begleitung seines Sohnes gratis trainieren zu lassen. Den Kosten für ein weiteres Fitnessabo hätten meine Alten sowieso nicht noch einmal zugesprochen.
Von nun an begab ich mich mehrmals wöchentlich ins Krafttraining und stellte bewusst auf eine kalorienreiche Ernährung um, mit vielen Pastagerichten, Käse, Milch und Eiern. Ich schuftete und rackerte mich bis zum Umfallen ab, stemmte Gewichte, trainierte Liegestütze und Sit-ups. Und tatsächlich, nach ein paar Monaten zeichnete sich die Umwandlung schon deutlich ab. Aus der spindeldürren Bohnenstange begann so etwas wie ein gestählter Jüngling heranzuwachsen, jedenfalls entsprach das der Ansicht meiner Alten – deshalb glaube ich nicht, dass ich mir das nur eingebildet habe, und ich schwöre: Ich habe nicht mit chemischen Aufbaupräparaten nachgeholfen!
Mit den zunehmenden Muskelmassen wuchs – wenn auch in geringerem Maße – mein lädiertes Selbstvertrauen. Trotzdem blieben die in der Kindheit erlittenen Demütigungen in meiner Seele eingeätzt. Auch wenn die Narben mit der Zeit etwas weichere Konturen erhielten, so blieben immer noch Kratzer zurück, vergleichbar mit jenen auf alten Vinyl-Platten. Vergeblich versuchte ich diese Dämonen der Vergangenheit zu verdrängen, es gelang mir nie vollständig. Immer wieder stießen sie aus dem Hinterhalt vor und piesackten mich und ich konnte nicht anders, als mit Zorn zu reagieren.
Und dann kam dieser beschissene Tag X. Der erste, der mit einem Albtraum begann: Ich stehe am Flussufer. Irgendwo, mit viel Wald herum. Keine Menschen. Ich bin allein; und halbnackt, nur mit meiner Badehose bekleidet. Die Luft ist warm und ich weiß, dass ich mich zum Schwimmen vorbereitet habe. Aber ich stehe nur zögernd da und beobachte das andere Ufer. Unter meinen Füßen fühle ich feuchten Kies. Ganz deutlich sticht mir der Geruch faulender Algen in die Nase. Ich zögere immer noch, schaue über die gemächlich dahintreibende Wasserfläche. Dann raffe ich mich auf und wage die nächsten Schritte. Ich fühle, wie kühles Wasser an meinen Beinen leckt.
Ich lasse mich hineingleiten und werde sogleich von der Strömung weggetragen. Das Schwimmen ist angenehm. An nichts denken müssen. Sich treiben lassen. Die Freiheit spüren. Ich betrachte weiterhin die von Wäldern gesäumten Ufer, denn etwas anderes gibt es nicht, das die Aufmerksamkeit auf sich hätte lenken können. Nur endloses Grün, das beinahe lautlos vorüberzieht. Und doch, da ist etwas Fremdes, etwas Außergewöhnliches. Ich brauche eine Weile, bis mir klar wird, was es ist. Ein herrlicher Tag, mitten im Hochsommer, und ich bin ganz allein! Wo sind all die Boote, die Schwimmer, die Ausflügler an den Grillplätzen?
Und nun nehme ich auch die Veränderungen wahr, die ich bis anhin verdrängt habe. Fast unmerklich hat sich die Strömung beschleunigt. Die Bäume am Ufer ziehen immer schneller vorbei, das Wasser jedoch bleibt zu meiner Überraschung ruhig, ja es wirkt fast träge. Kaum Wellen. Und noch eine Veränderung stellt sich allmählich ein: Das helle Sonnenlicht wird plötzlich weniger. Wie im Kino, wenn das Licht langsam heruntergedimmt wird. Aber ganz dunkel wird es nicht. Eher wie bei Vollmond, obwohl nirgends einer zu sehen ist. Die schwarzen Silhouetten der Bäume und die Konturen der Hügel ringsum sind sehr gut zu erkennen und für einen Augenblick glaube ich zu wissen, wo ich mich gerade befinde.
Für weitere Gedanken reicht meine Zeit jedoch nicht, denn plötzlich höre ich gurgelnde oder eher saugende Geräusche, vielleicht einhundert Meter vor mir; und die Strömung wird immer schneller. Dann sehe ich in diesem merkwürdigen Licht- und Schattenspiel das sich leicht kräuselnde Wasser und im nächsten Augenblick den riesigen Wirbel, der beinahe die ganze Flussbreite einzunehmen scheint.
Helle Panik ergreift mich, als mir schlagartig bewusst wird, dass ich nicht mehr ans rettende Ufer schwimmen kann. Mein Herz rast und ich versuche mit wilden Schwimmbewegungen meinem Schicksal zu entrinnen. Alles zu spät. Ich werde vom Wirbel erfasst. In schneller werdender Rotation zieht es mich hin zum Zentrum, wo die ganze Wassermasse in einem abgrundtiefen Trichter verschwindet. Grauenhaft widerliche Saug- und Schmatzgeräusche begleiten meinen Untergang, bevor ich gänzlich in den Sog gerissen werde …
Ich weiß nicht, ob ich geschrien habe. Ich erwachte tropfnass geschwitzt mit rasendem Puls und völlig außer Atem. Finsternis umhüllte mich. Ich richtete mich auf und tastete nach dem Lichtschalter. Ich knipste die Nachttischlampe an, zog mein feuchtes T-Shirt aus und rieb damit Brust und Gesicht trocken. Dabei ließ ich meinen Blick mit müden, zusammengekniffenen Augen im Zimmer umherschweifen und augenblicklich begann sich alles zu drehen. Dabei hatte ich am Vorabend gar keinen Alkohol getrunken. Ich sank ins Kissen zurück, ließ jedoch das Licht an. Ich hatte Angst. Angst davor, nochmals einzuschlafen. Ich fühlte mich matt. Trotzdem war ich nicht nur hellwach, nein, ich fühlte mich regelrecht aufgekratzt. Ich wollte nicht mehr einschlafen. Denn ich wusste, meine übelsten Albträume können eine brillante Fortsetzung entwickeln. Darin bin ich ein wahrer Profi.
Eine Weile lang zermarterte ich meinen Kopf mit dem Versuch, etwas über die Bedeutung des Traumes herauszufinden. Jedoch – da war nichts, das einen Sinn ergeben hätte. Lediglich ein riesengroßes Scheiße quälte sich durch meine Hirnwindungen, aber mein Mund fühlte sich an wie trockenes Leder und war viel zu faul, um irgendetwas, das für meine Psyche von Nutzen gewesen wäre, von sich zu geben.
Mürrisch stand ich auf, schlich lautlos die Treppe nach unten in die Küche und trank ein großes Glas Wasser.
Irgendwann war ich dann doch wieder eingeschlafen, denn mein Wecker schreckte mich frühmorgens unerbittlich und mit brutaler Allmacht aus süßestem Schlummer. Diesmal war mein Mund schneller und stieß ein deutlich hörbares „Scheiße!“ hervor. Ich begab mich ins Bad. Im Spiegel betrachtete ich mit müden Augen dieses zerknautschte Etwas, das abends zuvor einmal mein Gesicht gewesen sein musste, aber gegenwärtig eher an eine Symbiose zwischen einer Figur aus der Muppetshow und einer misslungenen Karikatur von Honoré Daumier erinnerte. Und ich hätte darauf wetten können: In meinem tiefsten Unterbewusstsein habe ich geahnt, dass der Tag genauso beschissen enden würde.
6
Ich habe mich mit ein paar Beuteln Snacks eingedeckt. Irgendetwas mit Käsearoma und Paprika. Ein weiterer Schultag am Zentrum für Berufsbildung neigt sich dem Ende zu. Mittwochabend. Zirka dreizehn Stunden später werde ich schon wieder auf dem Bau sein. Eigentumswohnungen – gehobener Standard. Plattenbau für diejenigen, die es geschafft haben. Schattenlage, aber Aussicht über die Stadt und Balkone so groß, dass man darauf zu viert Tischtennis spielen kann. Am Kiosk schreite ich zielstrebig zum Kühlregal und schnappe mir eine Dose Energydrink als Stärkung für unterwegs. Damit gehe ich langsam zur Kasse, wo weitere Kunden auf Bedienung warten. Ungeduldig trete ich von einem Bein auf das andere. Dann endlich bin ich an der Reihe. Ein unsicheres „Hi!“ kommt über meine Lippen, als ich das Mädchen sehe.
Ein gleichgültiges, abgehacktes „Hi!“ wirft sie mir entgegen, aber mit einer anmutigen Bewegung nimmt sie die Dose und zieht sie über den Scanner. „Ein Franken“, sagt sie im gleichen Tonfall.
Mir schießt das Blut heiß bis in die Ohren. Mein Kopf scheint zu glühen, als sie kurz zu mir hochschaut. Ich stehe wie versteinert da. Sie muss etwa in meinem Alter sein. Vermutlich ist sie eine Schulabgängerin und hat hier kürzlich eine Ausbildung angetreten. Vielleicht auch zehntes Schuljahr, Berufswahlklasse. Schnupperlehre. Jedenfalls etwas, das doch nicht so ganz ihren Erwartungen zu entsprechen scheint.
„Was ist? Hast du kein Geld dabei?“, fragt sie nun etwas ungeduldig.
„Äh, ja … doch … natürlich!“, stottere ich und klaube umständlich ein Frankenstück aus meinem Geldbeutel, das ich ihr mit zitternden Fingern über die Theke reiche.
„Danke“, sagt sie und wirft das Geldstück mit einer gleichgültigen Geste in die Kassenschublade.
Sie sieht wirklich verdammt gut aus. Ihre schulterlangen schwarzen Haare geben den Rahmen für ein wunderschönes, makelloses Gesicht. Auf ihren dunkelbraunen, vollen Lippen hat sie lediglich etwas metallisch glänzendes Lipgloss aufgetragen und an der rechten Augenbraue trägt sie ein Piercing. Dann entdecke ich das Tattoo, das die Innenseite ihres rechten Unterarmes ziert. In der Eile kann ich das Motiv nur flüchtig erkennen. Aber es durchzuckt mich wie ein Blitz. Etwas in der Art eines chinesischen Drachens. Ein anerkennendes „Wow!“ zischt durch meine Gedanken, aber für mehr reicht es nicht. Hinter mir wartet bereits wieder eine ungeduldige Menge Kundschaft. Ein flüchtiges „Tschüss“ gebe ich von mir und schlendere dem Ausgang zu.
Unschlüssig bummle ich über den Platz und biege in die Vorstadt ein. Der Abend ist noch jung und ich habe genügend Zeit, in meinem Plattenladen vorbeizuschauen. Meine linke Hand steckt in der Gesäßtasche, mit der rechten wühle ich mich durch die alphabetisch geordneten CDs. Ich suche keine besondere Scheibe. Ich will auch keine kaufen. Ich brauche nur etwas Zerstreuung. Mit meinen Gedanken schweife ich immer wieder woanders hin – zu dem Mädchen vom Kiosk. Diese Lippen. Das Tattoo. Die anmutige Bewegung mit diesen feinen Händen! Alles an ihr fasziniert mich. In meinem Bauch beginnt es zu kribbeln und ich kann an nichts anderes mehr denken. Nur eines weiß ich: Ich muss sie unbedingt wiedersehen. Ich verlasse den CD-Shop und peile die Bahnhofstraße an, wo ich den Trolleybus nehme, der mich nach Hause bringt.
„Hallo zusammen!“, rufe ich in den Hausflur hinein, als ich die Eingangstür aufstoße und eintrete. Anstelle eines Grußes dringt das Gequassel des viel zu laut aufgedrehten Fernsehers an meine Ohren. Irgendeine Doku-Soap mit Haustieren flimmert über den Bildschirm. Mein Opa hat sich auf dem Sofa hingelümmelt und starrt wie gebannt auf den TV, als irgendein Tierarzt in irgendeiner durchgestylten Klinik für die Viecher der Schicki-Micki-Elite einem potthässlichen Designerköter ohne Fell, dafür mit spitzen Ohren, aus denen graue Haarbüschel hervorsprießen, eine Spritze mit einem Antirheumatikum verpasst. In China hätte man einem solchen Ding längst eins über die Rübe gezogen und es in die Pfanne gehauen. Soll angeblich vorzüglich schmecken, so an einer braunen Soße, mit Bratkartoffeln, Karotten und Zwiebelringen. Aber das ist nur so eine Vermutung.
„Auf der A4 im Weinland hat es schon wieder gekracht“, lässt nun der Opa als Gruß vernehmen. „So ein Volltrottel hat es doch geschafft, die falsche Auffahrt zu nehmen. Dann gab’s einen Frontalen! – Hast du gehört?“
„Jaah“, sage ich ziemlich gleichgültig.
Offenbar sind das die einzigen Themen, die meinen Großvater interessieren. Menschen und Tiere im TV. Dann kann er sich wenigstens noch einbilden, irgendwie mit der Außenwelt in Verbindung zu stehen. Egal, es soll ja auch Leute geben, die sich wochenlang Big Brother reinziehen. Das ist doch echt krank.
„Mutter kommt später nach Hause. Sie ist noch für die Büroreinigung weg. In der Pfanne auf dem Herd liegt ein Stück Fleischkäse. Du sollst es dir warm machen, mit einem Spiegelei zusammen, hat sie gesagt.“
Ich bin echt begeistert.
Kürzlich hat sich Mum für einen Job als Putzfrau am Hauptsitz der Regionalbank beworben. Angeblich, um ihr Taschengeld aufzubessern. Sie hat ihn tatsächlich bekommen. Nun ist sie fast täglich, meist in den Abendstunden, mit Papierkörbeleeren, Bodenschrubben und Schreibtischeabwischen beschäftigt. In der Anzeige hieß es: Fachkraft für Büroreinigung gesucht. Neulich, nach der Berufsschule, ich war mit ein paar Kollegen noch kurz was trinken, da habe ich Mums Gärtner mit seinem Pickup vor der Bank vorfahren sehen. Er ist ausgestiegen und drückte einen Knopf in einer Nische neben dem Haupteingang. Nach einer Weile kam Mum zur Tür, hat ihm aufgemacht und ihn hereingelassen. Klar doch, war längst Feierabend und kein Banker mehr dort. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie die beiden eine tolle Zeit miteinander verbracht haben. Möglicherweise eine schnelle Nummer auf dem Schreibtisch im Direktionszimmer. Warum auch nicht? Dann soll Mum sich meinetwegen doch gleich als Vaginal-Fachverkaufskraft anbieten. Bestimmt hätte sie ein anständiges Einkommen, bei wesentlich geringerem Arbeitsaufwand versteht sich.
Ich hasse es, wenn mein Opa immer Mutter sagt, egal ob er seine Frau, seine Tochter oder seine wirkliche Mutter meint. Er sieht da keinen relevanten Unterschied. Er gehört eben zu jener Sorte Paschas, die sich bis ins hohe Alter bemuttern lassen wollen. Egal von wem.
„Ach ja, wenn es dir nichts ausmacht: Kannst du mir noch ein Bier aus dem Kühlschrank bringen?“
„Meinetwegen. Aber trink nicht zu viel. Denk an deine Medikamente!“
„Ja, ja! Alkohol wirkt auch blutverdünnend. Hast du gehört?“
„Hab ich. Du solltest aufpassen, dass deine restlichen Hirnzellen vom Alk nicht verdünnt werden!“
Opa knurrt wie eine in den Arsch getretene Bulldogge und sieht mich abgrundtief verachtend an. Wenn Blicke töten könnten, hätte ich wohl kaum die nächsten Minuten überlebt.
Ich stelle die Dose auf das hölzerne Salontischchen mit den eingelassenen beigefarbenen Fliesen, mit irgendwelchen japanischen Schriftzeichen im Zentrum der Tischplatte. Frühe Siebzigerjahre, wie fast alles in unserem Wohnzimmer. Dunkelbrauner Spannteppich mit mintgrünen Streifchen, unter der Tür abgewetzt und Wellen werfend. Unter dem Tischchen ein kleiner bunter Teppich, billiges Perserimitat aus Otto’s, an den Wänden eine kleine Kommode mit verstaubten Nippes, eine unförmige Vitrine, die vermutlich schon seit sieben Generationen weitervererbt wurde, weil sich bis anhin keiner getraut hat, das hässliche Ding endlich einmal dem Sperrmüll mitzugeben. Aber bestimmt war das Teil schon zugegen, als meine Vorfahren noch Bauern waren, und beinhaltet nun die Glotze – einen Philips-Röhrenbildschirm – und Mamas Hausbar, nichts Besonderes, nur billigen Fusel aus dem Aldi, aber von drüben, weil auf der anderen Seite der Sprit noch ne Runde billiger zu haben ist als in den gleichnamigen Läden hierzulande. Neben dem Fenster ist ein schmales Regal aus schwarzen Stahlrohren und höhenverstellbaren Holztablaren, darauf ein paar ausgeblichene Familienfotos und jede Menge verstaubte Bücher, so etwas wie Intellekt suggerierend, jedoch bei näherer Beschau nur Bildbände, über die Schweiz, über den Heimatkanton, über unsere Stadt, wie sie vor hundert Jahren aussah, ein Kochbuch für die gutbürgerliche Küche, die wir nie hatten, ein Riesenwälzer mit deutschen Volksmärchen und einige Jahrgänge mit Sammelbänden aus dem Hause Das Beste. Alles harmloses Zeug eben. Das Proletariat unterhält sich mit Musikantenstadel und Dschungelcamp. Werke von Ernest Hemingway, Leo Tolstoi oder Marcel Proust sind für sie unerreichbare Welten. Namen mit derselben Bedeutung wie etwa spanische Bahnhöfe.
„Hast du noch ein Bierglas für mich?“
„Wozu denn das?“
„Einfach so.“
„Machst du neuerdings auf Culture?“
„Blödsinn, ich habe einfach Lust auf ein Bier aus dem Glas.“
Ich zucke die Schultern, aber besorge ihm das Glas und stelle es neben die Dose. Wortlos dreh ich mich weg und begebe mich nach oben auf mein Zimmer. Ich werfe die Sweatshirt-Jacke über die Stuhllehne, streife die Pumas von den Füßen, ohne die Schnürsenkel zu öffnen, und lege mich aufs Bett, die Hände unter dem Kopf verschränkt. Ich denke nach.
Das Mädchen vom Kiosk. Wie mag es wohl heißen? Ich schließe die Augen. Eigentlich bin ich müde, aber ich kann keine Ruhe finden. Da ist es wieder. Das Kribbeln im Bauch. Nervös setze ich mich auf die Bettkante, nehme mein Handy und öffne die Seite Anrufe in Abwesenheit. Sie ist leer. Ich habe auch nichts anderes erwartet. Dennoch bin ich ein wenig enttäuscht. Ich öffne den Speicher und wähle Charlys Nummer. Ich muss es etliche Male summen lassen, bis mein Freund endlich rangeht.
„Hallo!“, krächzt es aus dem Handy.
„Hi, Kumpel! Ich bin’s, Oliver. Hast du Lust auf nen Drink?“
„Hi, Olli! Ja, schon, warum nicht? Aber ich habe noch in der Bude zu tun. Bei mir wird es später werden“, meldet sich Charly. Er ist der Einzige, der mich mit einem Kürzel ansprechen darf. Ansonsten hasse ich diese meist doofen Verkleinerungsformen.
„Kein Problem!“, sage ich. „Bei der Gelegenheit schaue ich noch schnell bei euch rein. Dann können wir noch wo hingehen, wenn du den Laden dichtmachst.“
„Okay, dann bis nachher!“, antwortet er. Ich drücke die rote Hörertaste und stecke das Handy weg.
Ich hole meine Sporttasche aus dem Schrank, schmeiße die Indoorschuhe und ein paar gebrauchte Sportklamotten sowie Duschzeug hinein, ziehe meine Sachen wieder an und hänge die Tasche mit dem Tragriemen über die Schulter. Dann verlasse ich das Haus und mache mich auf zur Bushaltestelle.
Das Studio RUEDIS POWER befindet sich am Rande der Altstadt in einer baufälligen Gewerbeliegenschaft, die den Anschein macht, als würden demnächst die Bagger auffahren, um Platz zu schaffen für eine zeitgemäße Überbauung mit Büros und Dienstleistungsunternehmen.
Als ich in die Gasse gelange, in der das Studio liegt, setzt leichter Nieselregen ein. Ich schlage angeekelt die Kapuze meiner Jacke über den Kopf. „Scheißwetter!“, gebe ich resigniert von mir. Ich eile an einer Zeile mit heruntergekommenen Fassaden und blinden Fenstern vorbei, wo irgend so ein Realo God was never on your side hingesprayt hat. Wenig später erreiche ich den Haupteingang zum Gewerbehaus.
Im Erdgeschoss befindet sich eine Reparaturwerkstätte für Mofas und Fahrräder, mit dem vielsagenden Firmennamen A – Z. Der Inhaber, Herr Albert Zipsin, ein kleiner kauziger Typ mit Vollglatze, der schon bald eine Sechzig auf dem Rücken tragen wird, betreibt hier ein Ein-Mann-Unternehmen. Hauptsächlich der Kohle wegen, da er sich einen vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand nicht leisten könne, gibt er unumwunden zu, wohl aber auch, um seiner Lebenspartnerin, einer gewissen Ingrid Wullimann, nicht allzu sehr auf den Keks zu gehen.
Die beiden haben sich auf irgend so einer Tanzveranstaltung des evangelischen Frauenbundes kennengelernt. Ingrid ist eine resolute Frau und alles andere als ein sensibles Hausmütterchen. Sie macht einen intelligenten und gebildeten Eindruck, und – so hat es mir Albert freudestrahlend einmal erklärt – sie nutzt ihren Tag für Besseres als nur Fernsehen und Kuchenbacken.
Obwohl sie gut einen Kopf größer als Albert und bestimmt zweimal so breit ist, scheinen sie wie füreinander geschaffen. Nach Möglichkeit bestreiten sie ihre Unternehmungen wie Urlaub, Kino, Theater und dergleichen zusammen. Ihre gemeinsame Wohnung liegt direkt über seinem Arbeitsplatz, allerdings im zweiten Stock. Da kann es durchaus von Vorteil sein, nicht nur ein eigenes Zimmer als Rückzugsmöglichkeit zu haben, sondern auch eine zwar veraltete, aber immer noch brauchbare Werkstatt, ein privates Refugium, einen heiligen Ort der Zuflucht und der Inspiration.
Denn eines weiß Albert Zipsin mit Sicherheit: Auf keinen Fall will er so enden wie die meisten seiner Kneipenkollegen, verstockt, mürrisch und stets unzufrieden mit sich und der Umwelt, und am Stammtisch nur ein Thema kennen, das vor allen anderen Themen punkto Wichtigkeit stets die Bestsellerliste anführt. Nämlich die eigenen kleineren und größeren Gebresten, die Unfähigkeit der Therapeuten und die der Ärzte sowieso.
Nein, er will sich, so lange es seine Gesundheit zulässt, nützlich in die Gesellschaft einbringen, und sein privates Biotop der Mechanik hilft ihm dabei, mit der schmuddelig-schummrigen Atmosphäre, dem chaotisch-kreativen Durcheinander von angerosteten Auspufftöpfen, Schutzblechen, fettstarren Fahrradketten, penetrant nach Kautschuk riechenden Luftschläuchen, verstaubten Pneus und mit dem allgegenwärtigen Geruch von Schmieröl und Zweitaktbenzin.
Ich kenne die urtümliche Werkstätte und ihren ebensolchen Besitzer von Kindsbeinen an. Ich liebe diesen Mikrokosmos am Rande der Altstadt. Dieses bisschen Leben, das in Form von metallischem Hämmern oder Motorengeknatter auf die Gasse dringt, wenn Albert Zipsin wieder einmal einen uralten Puch Velux zum Laufen bringen will, und das sich doch so sehr von dem Leben unterscheidet, das sich in den angesagten Lokalen, in den Clubs und Bars oder in den trendigen Modeboutiquen in der Fußgängerzone abspielt. Ich liebe diese Biosphäre, die ohne großen Aufwand so viel Abenteuer ausstrahlt und die Fantasie über alle Maßen anregt. Und ich liebe Albert Zipsin, diesen Mann, der auf mich schon damals alt, gütig und weise wirkte, der stets einen dunkelblauen, schmutzig-öligen Overall trägt und mir, dem fremden Jungen aus dem Außenquartier, schon früh das Du anbot, ohne nach dessen Name und Herkunft zu fragen.
Ich bin glücklich an diesem Ort. Albert strahlt etwas Spitzbubenhaftes, zugleich etwas Väterliches aus und ist auf eine besondere Art verschroben. Eigenschaften, die ich sowohl an meinem Erzeuger wie auch an Opa stets vermisst habe. Schon als Kind fühlte ich mich zu Albert hingezogen, besuchte ihn nach der Schule in seiner Werkstatt, wo ich mich auf einen abgewetzten Schemel setzte und dem Meister eine Stunde lang mehr oder weniger stumm bei der Arbeit zuschaute. Dann plötzlich schoss ich vom Stuhl hoch und verließ mit einem knappen Gruß die Bude, um eventuell schon am nächsten Tag wieder vor Alberts Tür zu stehen. Er ließ mich gewähren, bot mir Einlass und begann seinem sonst scheuen und wortkargen Gast Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. Und er begann mich, diesen kleinen und spindeldürren Sonderling, zu mögen.
Eines Tages, als ich wieder einmal in der Werkstatt saß und Albert stumm Gesellschaft leistete, durchfuhr es ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel und er erkannte die Geistesverwandtschaft, die ihn und mich auf eine eigenartige Weise wie eine unsichtbare Kordel verband. Erneut durchzuckte ihn die Erkenntnis, wie sehr ich ihn an seine eigene Kindheit erinnerte. Wurde er als Kleinwüchsiger nicht ebenso von seinen Klassenkameraden gepiesackt? Als Einzelkind eines alkoholkranken Zeughausangestellten und einer durchgeknallten Psychiatriepflegerin ist er in eher zweifelhaften Verhältnissen aufgewachsen. Bereits mit zwölf Jahren erstmals ausgebüxt, mit fünfzehn definitiv abgehauen, um drei Monate später ausgehungert und schlotternd vor Kälte zurückzukehren – aber nicht heim zu seinen Alten, sondern ohne Umschweife und ganz freiwillig meldete er sich in der kantonalen Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche und bat dort um Aufnahme. Diese wurde ihm letztlich auch gewährt und er blieb dort, bis er seine Volljährigkeit erreicht hatte. Wen wundert’s, hatte er denselben schweren Stand und musste sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchboxen beziehungsweise, unter Anwendung mancherlei Tricks, seinen Platz in der Gesellschaft erkämpfen. Jedoch erst seine späte Abnabelung, beziehungsweise sein Ausbrechen aus dem Milieu, brachte ihm die so sehr erhoffte Anerkennung und verhalf ihm zu mehr Selbstvertrauen. Das geschah, als er den endgültigen Beschluss fasste, nach dem Abschluss einer Grundausbildung zum Landmaschinenmechaniker als Tramper die Welt auf eigene Faust, ohne finanziellen Rückhalt zu erkunden. Seine beeindruckenden Reiseerlebnisse hat Albert in zahlreichen Tagebuchnotizen festgehalten. Die außergewöhnlichsten Abenteuer beabsichtige er in Buchform zu veröffentlichen, hatte er mir versichert. Noch arbeite er daran.
Diese Story und vieles mehr über sich und sein Leben hat Albert mir später nach und nach erzählt. So begann eine zarte Freundschaft heranzuwachsen.
„Ich geh an den Fluss, noch ne Runde schwimmen. Willst du mitkommen? Du kannst die Enten füttern, wenn du möchtest. Ich habe etwas altes Brot dabei“, sagte Albert, der mir einfach einmal etwas Neues zeigen wollte.
„Au ja! Das wäre schön“, entgegnete ich und sprang auf.
„Also los, du kannst auf dem Sozius meiner Maschine Platz nehmen. Ich kenne da ein Strandbad, dort gibt es die besten Bratwürste weit und breit.“
Schon seit geraumer Zeit betrachtete Albert meine magere Gestalt und offenbar bemitleidete er mich deswegen.
„Du kannst ja deiner Mutter immer noch sagen, du hättest in der Schule nachsitzen müssen.“ Er fügte diese Floskel, spitzbübisch grinsend, meistens noch an, obwohl meine Alten längst wussten, wo ich mich nach Schulschluss herumtrieb, waren sie doch gelegentlich Kunden bei Albert Zipsin, wenn sie hin und wieder für mich ein Kinderfahrrad brauchten oder dieses einer Reparatur unterzogen werden musste.
Albert, der selbst nie Nachwuchs gezeugt hatte – zumindest nie wissentlich –, setzte sich einen alten schwarzen Militärhelm auf den Kopf und bei mir improvisierte er, indem er mir einen Fahrradhelm verpasste. Dann traten wir vor die Werkstatt, wo Albert auf der Gasse mit dem Kopfsteinpflaster sein Motorrad, eine alte, aber wunderschön gepflegte Kreidler, die immer noch den originalen, dunkel-olivgrünen Militärlack trug, abgestellt hatte. Albert gab mir ein paar Anweisungen, dann fuhren wir die Straße entlang, in gemächlichem Tempo davon. Nach wenigen Minuten verließen wir „Downtown“ und gelangten an den Fluss. Damals war ich noch Nichtschwimmer. Ich hielt mich im Uferbereich auf und warf das auf den Steinen zertrampelte Brot ins Wasser. Albert zog seine Badeshorts an, stürzte sich ins erfrischende Nass und schwamm ein paar Züge. Anschließend gönnten wir uns die verheißene Wurst und ein großes Bier respektive für mich eine Limo.
„Weißt du, man muss die schönen Sommerabende genießen. Man weiß nie, wann das Wetter wieder umschlägt“, sinnierte Albert und ich nickte zustimmend, als gäbe es etwas, das dagegen spräche. Eine belanglose, ja eigentlich völlig überflüssige Bemerkung, denn ich wäre Albert sowieso durch den ärgsten Regenschauer gefolgt.
Diese spontanen Ausflüge in die nähere Umgebung begannen sich zu mehren und meine Alten forderten Albert Zipsin auf, endlich die Fahrten mit dem Motorrad sowie die Mahlzeiten und Getränke in Rechnung zu stellen, anstatt zu hinterfragen, warum ich mich immer mehr von ihnen abwandte und meine Freizeit bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit diesem altertümlichen Mechaniker verbrachte.
Etwa ab meinem zwölften Lebensjahr nahm mich Albert auch auf ausgedehnte Motorradtouren mit. Zum Beispiel an den Bodensee oder in den nahen Schwarzwald. Doch ein kleiner, eher unscheinbarer Ausflug bleibt für mich stets in bester Erinnerung. Er fand im Hochsommer statt, in jenem Jahr, als ich fünfzehn war.
Ein herrlicher Freitagnachmittag neigte sich dem Ende zu. Nach Schulschluss bummelte ich wie so oft durch die Stadt und blieb letztlich vor Alberts Geschäft hängen. Es dauerte nicht lange, da wurde ich hereingerufen. Albert hatte gerade nicht viel zu tun und schmiss aussortierten Schrott in eine Mulde, die im Hinterhof stand. Es war ihm anzusehen, dass er nicht sehr motiviert bei der Sache war.
„Hast du Lust auf einen Ausflug?“, fragte er mich kurz entschlossen.
„Warum nicht?“, meinte ich und zuckte die Schultern.
„Na, dann mal los. Ich packe nur noch schnell ein paar Sachen zusammen. Du kannst dir schon mal den Helm aufsetzen.“ Albert hatte eigens für mich einen weiteren Helm organisiert – ein olivgrünes Ding, ebenfalls aus alten Militärbeständen, das bereits deutliche Kampfspuren abbekommen hatte.
Er verschwand in seiner Wohnung und kam wenige Minuten später mit einem alten, aber nach wie vor soliden Militärrucksack wieder, in dem er Tourenproviant und ein paar weitere nützliche Dinge verstaut hatte. Tja, damals war Albert ein gern gesehener Stammkunde des Armyshops.
„Wir legen bei dir zu Hause noch kurz einen Zwischenhalt ein. Dann besorgst du dir einen Schlafsack, eine Taschenlampe und wenn du willst, etwas zum Knabbern und zu trinken. Ach … und sag deiner Mutter, dass du über Nacht wegbleibst. Sonst macht sie sich unnötige Sorgen.“
„Nö, ich glaub eher, dass meine Abwesenheit gar niemand bemerken würde“, sagte ich und zuckte ein weiteres Mal die Schulter. Trotzdem hielten wir zu Hause nochmals an. Ich packte eiligst ein paar Sachen zusammen und rief, bereits unter der Tür stehend: „Tschüss, bis morgen!“, in den Flur hinein.
Etwas später brausten wir zur Stadt hinaus, übers Land, wo der Weizen hoch und die Reben an den Südhängen satt und schwer standen. Es war ein wunderschöner Nachmittag Anfang August und eine ebensolche Nacht kündete sich an. Ich erinnere mich noch gut an den klaren Vollmond, der in gemächlichem Bogen über den schwarzen Himmel zog und dabei sein Licht wie geschmolzenes Silber über die Landschaft ergoss.
Kurz vor der Landesgrenze verließ Albert die Landstraße und bog auf einen mit Kalksteinschotter bedeckten Waldweg ein. Beim erstbesten Wanderparkplatz am Fuße eines Hügelzugs stoppte Albert sein Gefährt und wir machten uns zu Fuß auf den Weg, der zu einer Burgruine führt. Nach einer halben Stunde erreichten wir das zerfallene Gemäuer, wo wir sogleich unser bescheidenes Lager einrichteten und an der dafür vorgesehenen Stelle ein Feuer entfachten. Zu meinem Erstaunen hatte Albert ein kleines Igluzelt dabei, das er nun geschickt innerhalb der Mauerreste auf einem Stück ebenen Bodens errichtete, während ich mich um das Feuer kümmerte. Ich schwenkte den kreisrunden Grillrost über die Glut und Albert kramte aus seinem Rucksack zwei marinierte Schweinekoteletts heraus, die er auf den Rost legte. Albert griff nochmals in den Rucksack und entnahm ihm zwei Blechteller, einen Beutel mit Brötchen, Ketchup und zwei Dosenbiere, wovon er eines an mich reichte. „Harte Männer brauchen harte Drinks!“, sagte Albert grinsend und ich grinste zurück. Dann aßen wir schweigend, die Aussicht auf die umliegenden Täler genießend, begleitet vom Knistern des Feuers und den Geräuschen des Waldes. Anschließend, nach beendeter Mahlzeit, warfen wir beide, wie um das Ritual zu vollenden, die abgenagten Knochen über die Schultern in den von Gras überwachsenen Schutt.
Mittlerweile wich das Tageslicht der Abenddämmerung und Albert zauberte aus seinem Rucksack eine altertümliche Kaffeekanne heraus, die er mit Wasser aus einer PET-Flasche füllte, gemahlenen Bohnenkaffee hinzufügte und auf den Rost stellte. Die Szene erinnerte mich verblüffend an den Marlboro-Mann. Aber ich wusste, dies war genau Alberts Absicht. Er wollte mir eine Lektion erteilen, und das gelang ihm mit jedem Handgriff.
Albert wies mich an, nochmals tüchtig Holz aufzulegen, bevor wir vollständig von der Dunkelheit umfangen wurden, und ich machte mich erneut auf, in den umliegenden Wäldern Holz zu suchen. Dafür wollte Albert mich mit einem speziellen Geschenk überraschen. Er klaubte aus der Tasche seiner Lederjacke einen Beutel mit fein geschnittenem Pfeifentabak und ein Päckchen Zigarettenpapier hervor und begann sorgfältig einen Joint zu drehen. Erneut griff er zur Jacke und entnahm einer anderen Tasche einen kleinen Papierbeutel mit etwas Getrocknetem, Krautartigem und fügte es großzügig dem Tabak bei.
Unterdessen hatte ich genügend Holz für die Nacht herbeigeschafft und damit ein schönes großes Feuer entfacht. Es dauerte nicht lange, da kochte der Kaffee in der Kanne und verbreitete einen würzigen Duft. Albert nahm sie vom Feuer und schenkte die schwarze Flüssigkeit in zwei zuvor bereitgestellte Blechtassen ein. Dann griff er zu einer Plastikdose, die Zucker enthielt, schüttete in jede Tasse drei gehäufte Löffel hinein und rührte mit andächtigen Bewegungen. Er reichte mir die eine Tasse, dann tranken wir gemeinsam den bitter-süßen Sud. Es schien nicht nur wie eine – nein, es war eine Zeremonie. Ein Ritual unter Männern. Und ich genoss es, auch wenn ich anfänglich mit jedem kleinen Schluck das Gesicht zu einer Grimasse verzog. Denn bis anhin ernährte ich mich zu Hause überwiegend von Milchshakes in allen erdenklichen Variationen.
Dann erhob sich Albert und erklärte mir mit einer fast feierlichen Miene: „So, nun komm! Wir machen noch eine kleine Klettertour. Ich hab da noch was für den perfekten Abschluss des Tages.“
Albert ging voraus und ich folgte ihm. So erklommen wir die höchste Stelle der Mauerreste des ehemaligen Bergfrieds. Wir setzten uns nebeneinander auf die breite Mauerkrone und ließen unsere Beine ins Leere baumeln. Dann zündete Albert den Joint an, nahm einen tiefen Zug und gab ihn mir weiter. Auch das war eine Premiere für mich. Zuerst musste ich heftig husten, aber dann begann der Stoff zu wirken. Ich fühlte eine wohlige Wärme in mir aufsteigen. Ein unbeschreibliches Gefühl vollkommener Geborgenheit umfing mich. Ich schwebte auf samtweichen Wolken und mit einem Mal begann ich die Dinge klarer zu sehen. Die Farben der Natur und die meiner eigenen Gedanken gewannen an Intensität. Ich erkannte Zusammenhänge, die mir nie zuvor für möglich schienen. Ich blickte in Dimensionen, die für mich bisher völlig unbekannt waren. Mein Bewusstsein veränderte sich und ich nahm wahr, wie nichtig und unbedeutend das alles war, von dem ich bisher Kenntnis hatte. Ich fühlte, wie alles eigentlich sehr einfach war, das Leben, die Schöpfung, ja der ganze unendliche Kosmos.
Ich ließ mich auf den Rücken sinken und lauschte einfach den Geräuschen des Abends, dem allmählich verklingenden Gesang der Vögel, dem gelegentlichen Vorbeifahren eines Autos, tief unten im Tal. So saßen wir noch eine Weile beisammen und bewunderten das grandiose Farbenspiel der untergehenden Sonne. Dann verließen wir unseren Aussichtsposten, kletterten vorsichtig die Mauerreste hinab und begaben uns ins Zelt, wo wir in unsere Schlafsäcke gehüllt den Rest der Nacht verbrachten.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als wir unser Lager räumten und die Burgruine verließen. Im nahen Ausflugsrestaurant gönnten wir uns ein währschaftes Frühstück. Anschließend begaben wir uns zum Wanderparkplatz zurück, wo immer noch die gute alte Kreidler auf uns wartete.
7
Alle diese Gedanken schießen durch meinen Kopf, als ich an der Werkstätte vorbeigehe, kurz die Tür öffne und laut „Hallo, Albert, wie geht’s?“ hineinrufe.
„Prima, und dir?“, kommt die Antwort postwendend aus den hinteren Räumen.
„Danke, kann nicht klagen“, sage ich.
„Komm doch rein!“
„Nein … danke, jetzt nicht. Bin mit Charly verabredet.“
„Also dann, mach’s gut“, sagt er.
„Du auch, tschüss!“ Ich schließe die Tür zur Werkstatt und steige die Betontreppe zum Fitnesscenter hoch. Im Treppenhaus befindet sich ein geräumiger Warenlift. Um Unterhaltskosten zu sparen, brachte man jedoch an den Zugängen kurzerhand Hinweisschilder an mit der Warnung, dass die Benützung auf eigenes Risiko erfolge und die Immobilienfirma als Vermieterin der Liegenschaft jede Verantwortung ablehne. Völliger Blödsinn!
Bereits im Vorraum riecht es penetrant nach Sportgel. Ich öffne die massive Blechtür mit der Aufschrift Ruedis Power und trete ein.
Gedämpfter SRF3-Sound dringt aus kleinen Lautsprecherboxen und mischt sich mit dem sirrenden Laut der Fahrräder und Stepper und dem Ächzen der sich abschuftenden Sportfreaks. Das Center versprüht den Charme einer Fabrikhalle, und genau das war es früher auch, das heißt noch vor fünfzig Jahren. Auf dem rohen fleckigen Betonboden sind immer noch die Standorte der ursprünglich vorhandenen Spinnereimaschinen erkennbar und von den Decken baumeln dieselben uralten Leuchtstoffröhren, die ein kaltes Licht verbreiten. Lediglich die Wände sind weiß gestrichen und mit ein paar wenigen Postern in Schwarz-Weiß dekoriert, welche gut trainierte, halbnackte Männer in Bodybuilder-Posen zeigen.
Die installierten Trainings- und Fitnessgeräte weisen bereits deutliche Kampfspuren auf, wie abgewetzte oder rissige Polsterbezüge und abblätternde Verchromung. Nur der Empfangstresen deutet mit dem Computer und dem Lesegerät für die Kreditkarten auf das aktuelle Jahrzehnt. Alles in allem macht der Club keinen sehr fitten Eindruck. Eher wabert der marode Hauch von Schmuddel und Verwahrlosung die Gerätereihen entlang und dies, obwohl ein Schild neben der Eingangstür stolz auf die Zertifizierung durch irgendeinen Verband hinweist. (Vermutlich war mal ein Gremiumsmitglied des Landesverbandes Ostpakistanischer Fitnessstudios bei Ruedi zu Gast.) Allerdings muss man auch die positiven Seiten sehen: Ein Abo kostet bei Ruedi nur wenig mehr als die Hälfte der sonst landesweit verwendeten Tarife.
Mir schlägt eine Dunstwolke aus Perskindol und Schweiß entgegen. Obwohl nur wenige Kunden anwesend sind, scheint die Lüftungsanlage Mühe zu haben, die verbrauchte Luft abzusaugen und durch frische zu ersetzen. Der Tag war grau und eisig kalt und nur schon der Blick aus den geschlossenen, teils beschlagenen Fenstern auf den nahe gelegenen Fluss mit seinem schwarzen Wasser und den nackten Bäumen, die seine Ufer säumen, lässt jeden Menschen, der halbwegs vernünftige, mitteleuropäische Sommertemperaturen bevorzugt, unweigerlich im Kälteschock erstarren. Trotzdem drückt die abgestandene, stickige Luft mich schier in den Boden.
„Puuhh!“, mache ich und öffne eiligst den Reißverschluss meiner Jacke, als ich an den Empfangstresen herantrete.
„Hi, Olli!“, klingt es von hinten.
„Hallo, Charly, was liegt an?“
„Eben, nichts Besonderes“, sagt Charly, erhebt sich von seinem Secondhand-Bürostuhl und erklärt mir schulterzuckend, schon fast entschuldigend: „Wie du siehst, muss ich den Laden hüten. Es kam ein Anruf und mein Alter musste dringend weg. Weiß der Teufel wohin! Er meinte nur noch, dass es spät werden könnte.“
Charly seufzt resigniert. Einerseits hasst er diesen Job in dieser abgewrackten Muckibude. Andererseits hat er ein Problem: Er ist ein veritabler ADHS-Typ. Das heißt, er ist hyperaktiv, kribbelig, gelegentlich – dann aber extrem – nervig und oft unaufmerksam. Darum hat er manchmal Mühe, etwas rechtzeitig auf die Reihe zu kriegen, da er oftmals mit seinen Gedanken woanders ist. Dann kann er – auch wegen Kleinigkeiten – aggressiv werden und völlig ausrasten. Dabei verliert er die Kontrolle über sich selbst und brüskiert oder beleidigt zum Beispiel unbewusst die Leute um ihn herum.
Vor nicht allzu langer Zeit bin ich einmal zufällig Zeuge einer solchen Konfrontation geworden. Offenbar sind sich Charly und ein Kunde aus nichtigem Anlass in die Haare geraten. Das Problem hätte sich gewiss auch auf vernünftige Art lösen lassen. Aber Charly wurde immer lauter und zum Schluss hat der Kunde sein Abo hingeschmissen, obwohl es noch über einen Monat gültig gewesen wäre, und verließ ziemlich aufgebracht den Laden. Nicht ohne zuvor Charly an den Kopf geworfen zu haben, dass es in der Region zwar teurere, aber auch weit seriösere Fitnessclubs gebe, die den Mehrpreis auch völlig rechtfertigten.
Nein, Charly ist mit Sicherheit kein aggressiver Typ. Im Gegenteil, eigentlich ist er sehr sanftmütig und hat sein großes Herz am richtigen Fleck. Das wurde ihm während seiner Kindheit gelegentlich zum Verhängnis, da seine Mitschüler in ihm lediglich einen Schuhabstreifer sahen, der für ihre Späße herhalten musste und den man nach Belieben – wenn auch auf subtile Weise – in den Arsch treten konnte. Dennoch darf Charly froh sein über diesen Job, diese wenn auch nicht sehr attraktive Beschäftigung. Als Verhaltensauffälliger hätte er vermutlich sowieso eher Mühe gehabt, einen Ausbildungsplatz in einem ordentlichen Laden zu bekommen. Das ist jedoch nur meine subjektive Meinung.
Seit der Trennung seiner Eltern und nachdem sein Vater, zu dem er früher ein gutes Verhältnis hatte, doch tatsächlich das Sorgerecht für ihn durchsetzen konnte, waren sie auf jede Einkommensquelle angewiesen. Das heißt, sie mussten froh um jedes verkaufte Abo sein und sie mussten die Öffnungszeiten den Bedürfnissen der Kundschaft anpassen. Und die hätte am liebsten einen Laden mit Rund-um-die-Uhr-Diensten gehabt.
Nein, Charly gefällt das ganz und gar nicht. Ihm schwebt etwas viel Größeres vor: ein modernes Fitnesscenter mit hellen, freundlichen Räumen, sauberen Duschen und Toiletten und den neusten, einwandfreien Geräten. Eventuell sogar kombiniert mit Sauna und Solarium. Auf jeden Fall etwas, wovor auch die scharfen und sportgeilen Weiber nicht schon beim Öffnen der Tür auf den Fersen rechtsumkehrt machen und schreiend davonlaufen.
Aber eben, sein Vater hatte vor etwa vier Jahren, in einem Anflug geschäftlichen Größenwahns, spätpubertärem Zweckoptimismus und infantilem Vertrauen auf Gott, die Welt und alle guten Geister, die ihn noch nicht verlassen hatten, seine Anstellung als Maler und Gipser gekündigt, sämtliche Konten geplündert, sich das ohnehin magere Rentenkapital auszahlen lassen und mit dem Geld die Muckibude eingerichtet.
Das war der entscheidende Moment, als Ruedis Frau, Marianne Bollinger, einen dicken Schlussstrich unter ihre Beziehung zog. Noch am selben Tag, unmittelbar nach der gerichtlichen Auflösung ihrer Ehe, packte sie ihre Kleider und einige persönliche Sachen in zwei, drei Koffer, verstaute diese in ihrem Fiat Punto und brauste im Zorn, aber mit tränenden Augen davon. Der Zorn galt Ruedi, ihrem uneinsichtigen und in vielerlei Hinsicht kindlichen Mann mit seinen Schnapsideen, diesem naiven, nahezu weltfremden Typen, der mit den Jahren zwar sichtlich gealtert war, aber trotzdem nie erwachsen wurde, die Tränen vergoss sie für Charly, ihren wirklichen Jungen, den Heranwachsenden, der jedoch noch etwas zu jung war, zu begreifen, wie die Welt sich wirklich dreht, von dem sie konsterniert zur Kenntnis nehmen musste, dass er soeben in den falschen Kahn aufgesprungen war, der in eine ungewisse Zukunft steuerte, vielleicht sogar ins Verderben.
Charly liebte seinen Vater abgöttisch und bewunderte ihn wegen seiner Kraft und Ausdauer und manchmal auch wegen seiner verrückten Ideen. Gelegentlich träumte Ruedi von einer Ferienhaussiedlung an der Pazifikküste von Costa Rica, die er über einen Kollegen sehr günstig hätte erwerben können. Dann träumte er wieder von einer eigenen Hazienda in den Spanischen Pyrenäen. Aber alle, die Ruedi kannten, wussten, er war nicht zum Geschäftsmann geboren; und er würde nie einer werden. In tausend Jahren nicht!
Und so kam es, dass Ruedi, der in seiner kindlichen Naivität stets gedacht hatte, dass der Inhalt eines Fitnessclubs vorwiegend aus Hanteln bestehe, schon bald nach der Geschäftseröffnung mit der Spielregel Nr. 1 konfrontiert wurde. Und die lautete: Neue Kundschaft nur über neue Geräte. Aber neue Profigeräte waren sündhaft teuer. Da reichte es nicht, ein paar Stepper aus dem Sportdiscount in einer ehemaligen Fabrikhalle aufzustellen. In der Folge wurde nur ein kleiner Teil der ehemals angestrebten Zielkundschaft angesprochen, die nun vorwiegend aus jüngeren und älteren Möchtegern-Bodybuildern bestand. Die so verkauften Abos konnten gerade mal mehr schlecht als recht die Hallenmiete decken. Jedoch reichte es niemals aus, das Geschäft auf einen grünen Zweig und somit in die Gewinnzone zu bringen.
Ruedi Bollinger hatte diese Missstände zwar rechtzeitig erkannt, aber er war nicht in der Lage, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, schon darum, weil er von den Banken keinen Kredit mehr erhielt. Stattdessen ergriff er die letztmögliche Billigvariante und stellte immer öfters, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, seinen eigenen Sohn für die Aufsicht ein. Anfänglich machte Charly willig mit, er hätte seinem Vater doch so gerne geholfen, aber mit zunehmendem Alter dämmerte ihm, dass er nur ausgenutzt wurde. Als er erkannte, dass aus der Muckibude nichts Gescheites mehr herauszuholen war, begann er seinen Dienst zu vernachlässigen, hing lieber gelangweilt am Computer herum, anstatt sich um den Unterhalt der Geräte zu kümmern oder Reinigungsarbeiten zu verrichten.
Gelegentlich kam es vor, dass er den Fitnessclub eine halbe oder eine ganze Stunde vor den am Eingang publizierten Öffnungszeiten schloss, was wiederum zu Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vater führte. Eine weitere Spielregel besagte nämlich, dass die Bude bis zum offiziellen Ladenschluss geöffnet und in den Trainingsräumen die Vollbeleuchtung eingeschaltet bleiben musste, auch wenn gar keine Kundschaft mehr anwesend war.
Wie auch immer: Charly beabsichtigte niemals, seine besten Jahre in dieser versifften Bude zu verschwenden, und begann immer öfters seinem Vater mit Abneigung und größtem Widerwillen zu begegnen.
Und Ruedi wiederum verspielte Charlys Zuneigung, ja seine ganze Liebe endgültig an dem Tag, als Marianne ihre Koffer packte und auszog.
„So, ich glaube, die sind wir los!“, hatte Ruedi damals lapidar festgestellt und die Hände symbolisch an seiner beigefarbenen Multifunktionsweste abgewischt, als hätte er soeben etwas Ekelerregendes in den Mülleimer befördert. Dennoch schwangen in seiner Stimme etwas Nachdenkliches und eine unüberhörbar große Portion Unsicherheit mit. Aber es war diese kalte Formulierung, die den kleinen Charly aufhorchen und ihn zusammenzucken ließ. Er fühlte den Stich in seinem Herzen und dicke Tränen rollten über seine Wangen. Und Ruedi hatte keine weitere Gefühlsregung für seinen Sohn übrig, als ihm kumpelhaft auf die Schultern zu klopfen und zu sagen: „Nun sei mal keine Memme und hör auf zu flennen! Benimm dich wie ein Mann und kämpfe! Du wirst sehen: Wir beide werden es schon schaffen.“
Charly wagte nicht zu widersprechen und nickte nur noch wortlos. Aber er wusste, sie hatten bereits verloren und er war der Leidtragende. Mit hängendem Kopf und ebensolchen Schultern schlich er in sein Zimmer, sank auf das Bett und vergrub sein Gesicht tief im Kissen.
„Hey, Kumpel, du siehst aus wie …“ Ich suche nach einem passenden Vergleich.
„Ja, sag schon: wie Scheiße im Rinnstein!“
„Na ja, wenn du meinst: Du siehst aus wie Scheiße im Rinnstein!“, bestätige ich.
Und er: „Danke! Ich fühle mich auch so.“
„Hast du wieder eine schlechte Nacht gehabt?
„Kann man so sagen.“
„Was war es diesmal?“, frage ich.
Und er: „Ich hatte so einen voll krassen Traum. Einen richtig abgefuckten Albtraum eben. Weißt du, ich komme spätnachts nach Hause. Ich gehe das Treppenhaus hoch. Keine Ahnung wieso. Müsste doch der Lift da sein. Aber egal, schon vor der Wohnung ahne ich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Auf unserer Etage gibt es auf einmal nur noch eine Tür, eben unsere. Die Eingänge zu den beiden Nachbarwohnungen scheinen zugemauert zu sein. Die Tür steht einen Spalt breit offen. Ich trete leise heran und drücke sie langsam auf. Ich weiß, hier ist soeben etwas Schlimmes passiert. Die Unordnung im Flur nehme ich zuerst wahr. Wie nach einem Kampf. Dann sehe ich die roten Fußspuren auf dem Boden und das Blut an den Wänden. Ich bin natürlich völlig erschrocken. Trotzdem wage ich mich hinein. Leise, mich vorsichtig vortastend. Links sind die offen stehenden Türen zu den beiden Schlafzimmern, rechts geht’s ins Bad. Geradeaus befindet sich das Wohnzimmer. Irgendwie spüre ich, dass jeden Augenblick so ein Killer vor mir auftauchen müsste. Weißt du, so ein durchgeknallter Freddy Krueger oder so. Es gibt immer mehr Blut. So richtig eklig, vom Fußboden bis zur Decke, alles vollgespritzt. Vor dem Wohnzimmer bleibe ich stehen, weil ich nur noch helle Angst habe. Ich weiß, wenn ich weitergehe, entdecke ich einen auf dem Boden liegenden und ausgeweideten Toten, dessen Innereien wie Ostereier hinter den Heizungsradiatoren versteckt sind. Ich will gar nicht wissen, wer der Tote ist. Diesen Anblick will ich mir ersparen, und ich erwache – schweißnass zwar, aber nicht einmal sonderlich geschockt. Das ist doch voll krass, nicht?“
„Voll der Hitchcock, würde ich sagen!“
„Nein, schon eher John Carpenter, denke ich!“ Charly erhebt sich von seinem Bürostuhl. „Aber weißt du, das Krasseste daran ist: der Tote in unserem Wohnzimmer. Ich glaube – nein, ich bin mir fast sicher, auch wenn ich ihn nicht gesehen habe –, das war mein Vater. Und ich befürchte, dass ich irgendwie an seinem Tod Schuld trage. Weißt du, diese Organe. Wenn ich mir das so richtig überlege, ich glaub, die hab ich entnommen und versteckt. Ich hab so ein komisches Gefühl in den Händen gehabt. Was meinst du, völlig irre, was?“
„Ach Quatsch, hör bloß auf damit! Du hast wahrscheinlich im Schlaf deine Eier massiert und dabei ein wenig übertrieben. Gib schon zu, du hast einen feuchten Traum gehabt und diesen mit irgendwelchen Mordfantasien assoziiert.“
„Nein, bestimmt nicht, aber es gibt mir schon was zu grübeln!“
„Nun bild dir bloß nichts Falsches ein“, sage ich und klopfe Charly freundschaftlich auf die Schulter. Logisch, mir ist sofort klar, dass sein Unterbewusstsein von üblen Trennungsfantasien geplagt wird, aber ich will ihn mit meiner Vermutung nicht brühwarm konfrontieren. „Aber mal ganz unter uns: Du verkümmerst doch nur mit diesem einfältigen Job. Nein, du verfaulst ja richtig. Ich meine, zumindest psychisch. Ich denke, du solltest abhauen von hier.“
„Ja, du hast recht. Ich muss mal darüber nachdenken. Ich hab aber nicht die geringste Ahnung, was ich sonst noch machen könnte. Es ist so: Ich weiß immer nur, was ich nicht machen möchte, und es fällt mir schwer, mich auf ein Ziel zu konzentrieren, das mich begeistern würde.“
„Geh doch mal zu einer Fachstelle und lass dich beraten. Irgendein Talent kannst du sicher aus dir herauskratzen und daraus was machen.“
„Meinst du wirklich? Was ist, wenn ich gar nichts vorweisen kann, das sich gewinnbringend vermarkten lässt?“
„Sei nicht albern! Setz ein Inserat auf und biete dich als Homeboy für ältere, schwerreiche, aber gelangweilte Damen an.“
„Du hast sie ja nicht alle!“
„Doch, doch … so was zieht immer! Nein, mal ganz im Ernst: Nächstes Jahr machen wir beide den Führerschein, kaufen im Gebrauchtwagenzentrum ne geile Karre, dann hauen wir zusammen ab. Einfach mal weg. Zuerst Norditalien, dann irgendwo den Balkan runter, bis in die Türkei oder noch weiter … Denk mal darüber nach!“
„Hmm …“, macht er und stützt seinen Kopf mit beiden Händen ab. „Mein Alter hat doch keine Knete für so was wie Fahrschule; und bis ich das nötige Kleingeld zusammengespart habe, bin ich grau und senil oder schon scheintot!“
„Dann klauen wir halt eine Karre und üben damit in irgendeiner Kiesgrube. Ich zeig dir, wie’s geht.“ Ich versuche eine ernste Mimik aufzusetzen, aber ich glaube nicht, damit so richtig erfolgreich zu sein.
„Hast du denn eine Ahnung vom Fahren?“, will Charly wissen.
„Äh, nur ein wenig … vom Fahrradfahren!“, gebe ich kleinlaut zu.
„Und wie, bitte schön, soll die geklaute Karre in die Kiesgrube kommen?“ Er tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
„Tja, meine Idee finde ich an sich sehr gut. Aber ich sehe, an den Details müssen wir noch arbeiten.“
Charly stöhnt laut auf und lässt sich wieder auf den Stuhl fallen.
„Okay, ich bleibe noch auf ne Runde, damit du wenigstens eine Ahnung hast, wofür du hier bist“, sage ich salopp. Tatsächlich haben zwei der vier anwesenden Kunden ihr Training soeben abgeschlossen und begeben sich in die Umkleide. Ich mache es ebenso und schäle mich aus meinen dicken Winterklamotten. Rasch streife ich mein Trainingszeug über, schwarze Shorts mit weißen Längsstreifen und ein gelbes Trikot mit schwarzen Bordüren, schlüpfe in die weißen Indoors und gehe in den Kraftraum.
Ich bin fast allein auf weiter Flur. Lediglich im Raum mit den Ausdauergeräten rackern sich zwei Senioren vom Typ Hängebauchschwein an ihren Maschinen ab. Einer bummelt auf dem Laufband vor sich hin. Die Schwiegeroma aus unserer Nachbarschaft geht mit ihrem Rollator schneller. Trotzdem schwitzt er kübelweise aus allen Poren. Ich befürchte, dass er dieses Training nicht sehr lange so durchziehen kann. Nein, es ist eher davon auszugehen, dass er in Kürze einen Herzkasper bekommen wird. Und dann, tja, dann war alles Bemühen umsonst. Der andere malträtiert ein Sportrad, keucht sich beinahe die Lunge aus dem Leib, und ich bin mir nicht sicher, ob das Ächzen vom sich abstrampelnden Typen darauf oder doch eher vom Gerät stammt, das unter der Last des Hängebauchs schier zusammenbricht. Jedenfalls sehen beide Typen recht komisch aus mit ihren verhältnismäßig dünnen Armen und Beinen und den massigen Oberkörpern, die sie in lächerlich wirkende, hautenge und knallbunte Trikots gezwängt haben.
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