Czytaj książkę: «Ressentiment»
Das Ressentiment ist ein hoch komplexer psychologischer Mechanismus mit weitreichenden individual- und sozialpsychologischen Implikationen. Es eignet demjenigen, dem die eigene Identität sowie der Wert derselben zutiefst fragwürdig geworden ist – der aufgrund fortwährend scheiternder Selbstbehauptung an einem beschädigten Selbstverhältnis leidet. Es äußert sich im verzweifelten wie fehlgeleiteten Versuch, Ohnmacht in Macht und Selbstzweifel in Selbstgewissheit zu verkehren – auf Kosten des ›Anderen‹, der aufgrund der eigenen Schwäche gar nicht mehr anders denn als Bedrohung wahrgenommen werden kann. Die Feindbildkonstruktion ist die zentrale Funktion des Ressentiments, die Freund/Feind-Logik das zentrale Prinzip einer vom Ressentiment versehrten Gesellschaft.
Das Ressentiment ist eine Denk- und Gefühlsstruktur, die prädestiniert dafür scheint, von Populisten als Machttechnik instrumentalisiert zu werden. Darum ist die Auseinandersetzung mit ihm – gerade in Anbetracht der teils dramatischen Erfolge des politischen Populismus – für die in die Defensive geratende Demokratie so eminent wichtig.
Dr. ROBERT MÜLLER lebt und arbeitet als freier Autor in Erfurt. Er hat über den Nihilismusbegriff bei Nietzsche und dessen radikalen Gegensatz – Bedeutung im emphatischen Sinn – promoviert. „Vom Verlust der Bedeutungsschwere: Eine Zeitdiagnose des Nihilismus“ (2015) ist ebenfalls bei Text & Dialog erschienen.
Robert Müller
RESSENTIMENT
Wiege des Populismus
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E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
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ISBN 978-3-943897-48-7 (E-Book)
ISBN 978-3-943897-47-0 (Print)
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
1. Ressentimentbildung, primär Ohnmacht, Affekthemmung, Selbstvergiftung
2. Ressentimentbildung, sekundär Entrealisierung Selbstbildstabilisierende Maßnahmen Selbstinduziertes Leiden, selbstinduzierte Ressentimentbildung Das Ressentiment als ›Zweite Natur‹
3. Ressentiment, individualpsychologisch Primat der Emotionen Leidphänomen Primat der Retrospektive Ressentiment als ›besinnungsloser‹ Zustand Primat der Negativität
4. Ressentiment, sozialpsychologisch Intrasubjektiv, intersubjektiv Mikrosoziologisch Makrosoziologisch Die überindividuellen Qualitäten des Ressentiments
5. Ressentiment als Machttechnik Mobilisierung und Modellierung von Ressentiments durch den Populismus Ressentimentale Gesellschafts(de)formationen
6. Philosophische Implikationen des Ressentiments Oder Die Geburt der europäischen Kultur aus dem Geist des Ressentiments Herrenmoral, Sklavenmoral Das asketische Ideal, der asketische Priester Die Bewahrung (und Verkleinerung) des Lebens Der Fluch der ressentimentalen Umwertung Der Segen der ressentimentalen Umwertung Ressentiment & Nihilismus
7. Kritik des Ressentiments Religion Sozietät Moral
8. Wider das Ressentiment Das Ressentiment im Anderen Das Ressentiment in mir
Siglenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Endnoten
VORWORT
Eine Philosophie, die nicht bei den Menschen ihrer Zeit beginnt, die nicht ihre drängenden Fragen, ihre Nöte und Ängste bedenkt, ist obsolet. Sie muss mit dem Leben der Menschen, über die und für die sie nachdenkt, intim sein. Nur dann werden spezialisierte Philosophensorgen zu Menschheitsangelegenheiten. Aktualität und Praktikabilität sollten aber nicht der alleinige Fokus der Philosophie sein – ihr Ursprung gleichwie ihr Ziel sind grundsätzlicher, vollumfänglicher. Sie darf sich nicht in den Fragwürdigkeiten ihrer je spezifischen Zeit erschöpfen – gerade in ihrem weit darüber hinaus reichenden Horizont scheinen Perspektiven, ja Antworten auf, für die das ›Tagesgeschäft‹ oft blind ist.
Emblematisch zeigt sich dies am Phänomen des Ressentiments. Das maßgeblich von Nietzsche in den philosophischen und schließlich allgemeinen Sprachgebrauch eingebrachte Theorem gilt nicht nur aus moralphilosophischer, sondern auch aus sozialpsychologischer, religionssoziologischer und politologischer Perspektive als einer der wichtigsten Beiträge zur modernen Kultur- und Geistesgeschichte. Zugleich schillert in diesem Begriff eine Tagesaktualität, die greifbarer kaum sein könnte. Heute erleben wir den politischen Aufstieg des Populismus bis ins Herz der vormals stabilen westlichen Demokratien. Das Ressentiment ist zweifelsfrei ein Aspekt in einer immer komplexer werdenden gesellschaftlichen Gemengelage, der diesen Aufstieg begünstigt. Gerade darum ist es heute eminent wichtig, sich mit ihm auseinanderzusetzen – aber eben nicht verkürzt auf die Spezifika der aktuellen Inkarnationen der Populisten, sondern grundsätzlich und grundphilosophisch. Denn das Ressentiment ist keine Neuerung und der Populismus nicht seine einzige Folge. Es ist ein unheimlicher Gast, um mit Nietzsche zu reden, der wohl schon, so hartnäckig wie ungebeten, unter Menschen weilt, seit Menschen Gemeinschaften bilden. Erst von hier aus – vom umfassenden Verständnis des Ressentiments – ergibt sich ein umso klarerer Blick auf die gegenwärtige Situation.
Ressentiment und Populismus stehen in einer tiefgreifenden, wechselseitigen Beziehung. Augenscheinlich ist, wie gesellschaftlich bestehendes Ressentiment so hemmungs- wie verantwortungslos von den Populisten als Machttechnik instrumentalisiert und somit potenziert und radikalisiert wird. Bei näherer Betrachtung erweist sich umgekehrt das Ressentiment als eine Denk- und Gefühlsstruktur, die Voraussetzung und Grundbedingung für den Populismus ist und ihn wesentlich hervorbringt. Ressentiment fungiert solcherart als Wiege des Populismus. Es eignet demjenigen, dem die eigene Identität sowie der Wert derselben zutiefst fragwürdig geworden ist – angesichts tatsächlicher oder vermeintlicher Unrechtserfahrungen, Verwundungen, Erniedrigungen, und scheinbar unüberwindbarer Ohnmacht. Es äußert sich in dem verzweifelten wie fehlgeleiteten Versuch, Ohnmacht in Macht und Selbstzweifel in Selbstgewissheit zu verkehren – auf Kosten des Anderen, des Fremden, des noch Schwächeren und erst recht Machtlosen. Die Feindbildkonstruktion ist die zentrale Funktion des Ressentiments, die Freund/Feind-Logik das zentrale Prinzip der ressentimentversehrten Gesellschaft.
Die vorliegende Studie untersucht das Ressentimentphänomen sowie die schrittweise Ausweitung der Kreise, die es zieht: es ist ein primär individualpsychologisches Phänomen. Daher sind zunächst die intrasubjektiven Mechanismen, die Ressentiment hervorrufen, und die Art und Weise, wie sie die Persönlichkeit überformen, Gegenstand der Betrachtung. Es hat darüber hinaus wesentlich ein sozialpsychologisches Potenzial. Folgt man ihm auf die intersubjektive Ebene, kommen seine sich zuerst im mikro- und schließlich im makrosoziologischen Raum entfaltenden Wirkmechanismen in den Blick. Dabei zeigt sich, wie das Ressentiment von politischen Akteuren als Machttechnik instrumentalisiert wird und welche Folgen dies für die Gesellschaft hat. In der eingehenden Auseinandersetzung mit dem Ressentimentbegriff im Kontext von Nietzsches Thesen zur Entstehung von Moral zeigt sich ein noch weiter gefasster Wirkungskreis: auf einer sozusagen ›völkerpsychologischen‹ Ebene deutet Nietzsche das Ressentiment als einen der zentralen Faktoren in der Entstehung der europäischen Kultur insgesamt. Darauf folgt eine umfassende Kritik der bisherigen Befunde sowie der Wirkungsgeschichte des Ressentimentbegriffs. Das Schlusskapitel deutet schließlich in groben Linien Widerstandskräfte gegen die Mechanismen des Ressentiments, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene, an.
Dieser Essay will ein philosophisches (das heißt aus Leidenschaft zur Erkenntnis), ein eminent aufklärerisches Angebot zur Orientierung und reflexiven Vergegenwärtigung sein: er dient nicht zuletzt der Bewusstmachung der eigenen unvermeidlichen Versuchung durch und Verstrickung in das Ressentiment – der permanenten Gefahr, sich für die scheinbar leichtere, nämlich ressentimentale Lösung zu entscheiden, die gerade in dem Bemühen lauert, sich von Ressentiment und Ressentimentmensch zu distanzieren. In dem Streben, sich über die Ursachen des Ressentiments, seine im Unbewussten wirkenden Mechanismen und seine zutiefst verfängliche innere Logik Rechenschaft abzulegen, gründet die Hoffnung, die in uns allen abrufbaren dunklen Kräfte – wie Hass und Verachtung, Neid und Racheverlangen, Furcht und Verbitterung – zu lichten und einzuhegen, ihnen Widerstandskräfte entgegenzusetzen und sie konstruktiv zu wenden. Denn das Ressentiment birgt immer das Risiko, sich ihm anzuverwandeln, wenn man es zu bekämpfen sucht, seinerseits der unseligen Freund/Feind-Logik zu verfallen und so seine realitätsverzerrende und autosuggestive, seine feindselige, ausgrenzende und zersetzende Wirkung noch zu verstärken. Diesem Risiko trotzt, wer dem fehlgeleiteten Selbstbehauptungszwang auf Kosten des Anderen die Gelassenheit innerer Souveränität entgegen setzt.
Res|sen|ti|ment [rɛsãti'mã:, rǝ…], das; -s, -s [frz. Ressentiment = heimlicher Groll, zu: ressentir = lebhaft empfinden] (bildungsspr.): auf Vorurteilen, Unterlegenheitsgefühlen, Neid o.Ä. beruhende gefühlsmäßige, oft unbewusste Abneigung.1
Res|sen|ti|ment […] 2. (Psychol.) das Wiedererleben eines (durch das Wiederbeleben verstärkten) meist schmerzlichen Gefühls.2
Ressentiment (v. lat. resentire, nachfühlen), Bez. für ein unterschwelliges Haß- u. Rachebedürfnis, das aufgrund eines wiederholten Erlebens einer unbewältigten schmerzl. Situation entsteht. Im Ggs. z. Neid resultiert das R. aus einer existentialen Mißgunst, nicht aus dem Begehren eines erwerbbaren Gutes.3
Ressentiment (franz.), Nacherleben eines früheren Gefühls und deshalb Verstärkung dieses Gefühls; bes. […]: Gegengefühl, Vergeltungs-, Rachegefühl, Bedürfnis nach Abwertung der Qualitäten und Leistungen des Anderen, Gefühl des ohnmächtigen Hasses, den der sozial und geistig tiefer Stehende gegen den Vornehmen und Mächtigen empfindet.4
Ressentiment. 1. Französische Wortgeschichte. – Das Wort ‹R.› gehört wie ‹Milieu› zu jenen Begriffen aus der französischen Sprache, für die es in keiner anderen Sprache ein Ersatzwort gibt. Das Substantiv ist vom Verb ‹ressentir› abgeleitet und seit dem 16. Jh. in der französischen Literatur belegt. Entsprechend der inhaltlich zunächst neutralen Bedeutung des Verbs, das nicht den Inhalt, sondern nur die Art des Empfindens bezeichnet im Sinne eines ‚nachhaltigen und so auch nachwirkenden Empfindens‘, kann auch das Substantiv ‹R.› für längere Zeit eine inhaltlich neutrale, aber ‚nachhaltige Empfindung von besonderer Stärke‘ bezeichnen. […] Insgesamt bezeichnet ‹R.› eher ‚Empfindungen negativen Inhalts‘ als solche positiven Inhalts, weil sich negative Empfindungen nachhaltiger einprägen als positive. […] Den unvermeidlich überwiegenden Negativakzent des R. belegt schon M. de Montaigne, der den Begriff vermutlich in die Literatur eingeführt hat. Er verwendet ‹R.› sowohl im Sinne einer ‚nachhaltigen Empfindung‘ [vor allem des Schmerzes] als auch im Sinne des sich aus dieser ergebenden ‚Rachegedankens‘.5
1. RESSENTIMENTBILDUNG, PRIMÄR
Am Anfang steht der Konflikt. Und die Unfähigkeit, diesen Konflikt auszutragen. Am Anfang steht der Unterlegene – der von vornherein Unterlegene. Derjenige, der dem Konflikt ausweicht, der seinen Standpunkt nicht zu benennen, seine Interessen nicht zu vertreten wagt, der sich ohnmächtig wähnt gegen die Übermacht des Anderen. Die Genesis des Ressentiments beginnt in den allzu menschlichen Affekten, die dem Unterlegenen, dem vielfach Unterlegenen, von seinen Niederlagen her zuwachsen. Der Zorn, der Groll, der Hass, die Verbitterung, der Rachedrang – die Bosheit, die sich von ihnen nährt. Und all dem gegenüber: die Ohnmacht, diese negativen Affekte ins Konfliktgeschehen hineinzutragen, ihnen Ausdruck zu geben, sie den spüren zu lassen, dem sie gebühren. Nietzsche charakterisiert den Ressentimentmenschen als denjenigen, dem »die eigentliche Reaktion, die der That« versagt bleibt; und der sich darum nur mit dem Mittel der »imaginäre[n] Rache« schadlos halten kann.6 Er ist derjenige, der dem Konflikt machtlos gegenüber steht, stattdessen »das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demüthigen« wählt.7 Es ist diese Hemmung, dies Nicht-Ausagieren der angesichts der Niederlage, der Herabwürdigung und Kränkung nur natürlichen Affekte, durch die das Ressentiment Eingang in die menschliche Psyche findet. Sie befördert die ressentimentale Doppeldeutigkeit – bestehend aus dem wiederholten Erleben des Schmerzes und dem sich davon ableitenden Wunsch nach Rache – herauf.
OHNMACHT, AFFEKTHEMMUNG, SELBSTVERGIFTUNG
Scheler identifiziert im Racheimpuls die gewichtigste Keimzelle des Ressentiments – worauf dessen Wortbedeutung ja bereits hinweist. Er erweist sich als reaktive Gemütsbewegung, als »Antwortsreaktion«, die Scheler dezidiert von aktiven oder aggressiven Impulsen unterscheidet: »Jedem Racheimpuls muß ein Angriff oder eine Verletzung vorhergegangen sein«. Er ist nicht primär, nicht originär – und gleich dem Racheimpuls ist auch das Ressentiment, das einmal aus ihm erwachsen mag, wesentlich Reaktion, ein Antwortgeschehen, das erst von einem ursprünglicheren und äußeren Reiz evoziert wird. Der Racheimpuls muss wiederum von anderen reaktiven Impulsen unterschieden werden: dem Akt der Verteidigung, dem Gegenschlag etwa. Während diese eine unmittelbare Reaktion darstellen, kommt bei der Rache die genannte Impulshemmung zum Tragen: die Gegenreaktion wird hier zumindest zeitweilig suspendiert und auf eine günstigere Zeit und eine bessere Gelegenheit verschoben. Gleichwohl ist der Racheimpuls – gleich anderen reaktiven Affekten wie »Hass, Bosheit, Neid, Scheelsucht, Hämischkeit« – noch nicht Ressentiment. Sie gehören allesamt zum »Grundbestande der menschlichen Natur«, sind natürlicher und durchaus gesunder Bestandteil des menschlichen Gefühlshaushalts.8 Aber sie haben das Potential, zu Ausgangspunkten und Entwicklungsstadien der Ressentimentbildung zu werden. Dieses Potential eignet ihnen als Antwortreaktionen auf erlittene Verletzungen und Kränkungen – es entfaltet sich, wenn sie in der Abreaktion gehemmt werden. Um diesen Affekten die ihnen angemessene Abfuhr zu verschaffen, müssen sie situativ ausagiert werden – etwa durch den »adäquaten Ausdruck der Gemütsbewegung«, also durch tätliche Verteidigung, durch das Ausholen zum Gegenschlag, oder zumindest durch spontanen Protest gegen die gerade erlittenen Verletzungen, kurz: das Benennen und Austragen des Konflikts. Dies kann alternativ durch »sittliche Überwindung« geschehen: etwa durch eine aufrichtig empfundene Entschuldigung des Aggressors, die dem Verletzten zur Genugtuung gereicht und das beschädigte Ehrgefühl wieder herstellt, und/oder durch »echtes Verzeihen« des Verletzten. Es mag ferner dadurch geschehen, dass dieser mit der Zeit schlicht seinen Frieden mit der Ehrverletzung durch den Anderen macht, sie verarbeitet, verwindet. In jedem Fall: wer sein Racheverlangen, seinen Hass oder seinen Neid ungehemmt auslebt, verfällt – Schelers Logik zufolge – nicht dem Ressentiment.9 Die Bedingungen zu seiner Entstehung sei lediglich da gegeben, »wo eine besondere Heftigkeit dieser Affekte mit dem Gefühl der Ohnmacht, sie in Tätigkeit umzusetzen, Hand in Hand geht, und sie darum ›verbissen‹ werden«.10 Dieser Hemmung der reaktiven Affekte liegt ein »ausgeprägtes Gefühl des ›Nichtkönnens‹, der ›Ohnmacht‹« zugrunde. Es äußert sich in der Furcht, bei einem direkten Konflikt zu unterliegen, der durch die unmittelbare Gegenreaktion ja unausweichlich würde. Das Ohnmachtserlebnis ist ein unhintergehbarer Aspekt des Erlebniszusammenhangs und Grundvoraussetzung der Ressentimentbildung überhaupt.11
Das Nicht-Ausagieren dieser Affekte führt dazu, dass sie keine ihnen angemessene Abfuhr erfahren, sie darum in ihrem Träger verbleiben und in ihm sozusagen fortdauern. Sie werden re-sentimental. Deleuze schreibt: »Im Wort ›Ressentiment‹ steckt ein überdeutlicher Hinweis: Die Reaktion hört auf, ausagiert zu werden und wird statt dessen gefühlt (senti)«.12 Das Präfix »Re-« deutet zudem den repetitiven Charakter dieses Prozesses an: das Wiederfühlen, das Wiedererleben und -durchleben der Unterlegenheit, der aus ihr resultierenden Verletzungen, der Schmach. Gleiches gilt für die daraus erwachsenden, eigentlich gesunden Affekte und das durchdringende Gefühl der eigenen Ohnmacht. Das wiederholte Durchleben und Durchleiden hält die ressentimentalen Affekte im Gefühlshaushalt ihres Trägers und erzeugt in ihm eine hartnäckige, allmählich an Kraft gewinnende Unterströmung. Und auch die Ohnmacht verschwindet ja nicht einfach wieder – sie wird im Gegenteil mit jeder negativen Erfahrung dieser Art verstärkt und verfestigt. Die daraus resultierende Hemmung mag am Anfang eine nur hin und wieder situative Reaktion auf den Konfliktfall sein. Sie wird ressentimental, wenn sie sich bald als gängiges Konfliktmanagement etabliert. Scheler charakterisiert das Ressentiment als eine »dauernde psychische Einstellung«, die »durch systematisch geübte Zurückdrängung von Entladungen gewisser Gemütsbewegungen« entsteht.13 Die Hemmung der Affekte wird über einen langen Zeitraum habitualisiert, sie wird strukturell, wird zu einer ›bewährten‹ Strategie. Es gibt nicht nur die eine einmal erfahrene Niederlage, die im Re- des Sentiments wieder und wieder durchlebt wird; ihr folgen unweigerlich immer neue Niederlagen und Kränkungen, immer neue Präzedenzfälle der eigenen Ohnmacht, die dann wiederum immer wieder durchlebt werden. So entsteht allmählich ein undurchdringliches Gewebe aus immer neuen Erfahrungen realer Niederlagen sowie immer neu erfahrener imaginierter Niederlagen – und einem bald unüberwindlich werdenden Ohnmachtsgefühl. So führt das unbefriedigende Verbleiben dieser unbefriedigten Affekte allmählich zur Akkumulation derselben: sie lagern sich über einen langen Zeitraum ab, gleich Sedimenten, füllen den Gefühlshaushalt Schicht um Schicht auf mit einer ganzen Phalanx negativer Empfindungen, verfüllen dabei nicht zuletzt dessen Variationsvielfalt – ihr Träger ist immer häufiger immer wütender, bis sich Wut schließlich wie ein Normalzustand anfühlt und er zugleich für andere Gefühlslagen immer unzugänglicher wird. So sinkt das Ressentiment allmählich »in das Zentrum der Persönlichkeit« ein.14 Es wird zu einer bestimmenden Größe in dessen Gefühlshaushalt.
Der ewig Unterlegene, der an seiner Ohnmacht Leidende, bildet zwangsläufig ein prekäres Selbstbild und Selbstverhältnis aus. Er ist in einer Art kreisender Erfahrung gleichsam zuhause, in der ihm die eigene Person, die eigene Identität und der Wert derselben zutiefst fragwürdig werden muss. Aus dieser Perspektive wird denn auch verständlich, wenn Scheler neben der Rache auch dem Neid, als zweiter zentralen Quelle des Ressentiments, höchste Bedeutung beimisst. Der an der Fragwürdigkeit des eigenen Werts Leidende erfährt die bloße Existenz des Überlegenen als Affront gegen die als minderwertig empfundene Selbsterfahrung – ein Affront, weil ihm die eigene Minderwertigkeit daran schonungslos bewusst gemacht wird. Aber zugleich schielt er auch neidvoll auf den Überlegenen, den scheinbar Selbstgewissen und Selbstbewussten. Dieser verkörpert, was sich der Unterlegene für sich selbst wünscht und unter dessen Ermangelung er zutiefst leidet. Neid an sich ist ein wesentlicher Bestandteil des Ressentimentphänomens. Er führt aber gerade und vor allem dann zur Ressentimentbildung, wenn er sich nicht auf erwerbbare ›Güter‹ oder ›Werte‹ bezieht – bei denen immerhin die reale, mindestens theoretische Möglichkeit besteht, sie sich anzueignen –, sondern auf grundsätzlich Unerwerbbares. Je ohnmächtiger der Neid wird, je unerreichbarer das Geneidete, desto unerträglicher ist er. Der Neid, der am stärksten zur Ressentimentbildung neigt, ist der auf »das individuelle Wesen und Sein einer fremden Person« gerichtete – ein Phänomen, für das Scheler den Begriff »Existentialneid« prägt. »Dieser Neid flüstert gleichsam fortwährend: ›Alles kann ich dir verzeihen; nur nicht, daß du bist und das Wesen bist, das du bist; nur nicht, daß nicht ich bin, was du bist; ja daß ›ich‹ nicht ›du‹ bin.‹ Dieser ›Neid‹ entmächtigt die fremde Person von Hause aus schon ihrer bloßen Existenz, die als solche als ›Druck‹, ›Vorwurf‹, furchtbares Maß der eignen Person empfunden wird«.15
Die ressentimental überformte Selbsterfahrung erweist sich solcherart als Bürde, als Zumutung. Die Erosion des Selbstwertgefühls und die schleichende Verstetigung von Affekten wie Rache oder Neid, Wut oder Bitterkeit zum Ressentiment werden vor allem durch »dauernde, kontinuierlich als ›verletzend‹ empfundene und der Willensmacht des Verletzten entzogene Zustände« begünstigt, die dieser aus eigener Kraft nicht zu ändern oder zu überwinden vermag, und so von ihm schließlich wie »als Schicksal empfunden wird«.16
Mit der Akkumulation der durchweg negativen Ressentimentaffekte und ihrem Einsinken ins Zentrum der Persönlichkeit beginnen sie, allmählich toxisch zu werden. Das sich herausbildende Ressentiment ist eine schleichende Selbstvergiftung. Nietzsche bezeichnet den ressentimentalen Menschen als »Ohnmächtigen, Gedrückten, an giftigen und feindseligen Gefühlen Schwärenden«.17 An anderer Stelle schreibt er: »Einen Rachegedanken haben und ausführen heisst einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Muth, ihn auszuführen, heisst ein chronisches Leiden, eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen«.18 Derjenige, der dazu neigt, diese potenziell giftigen Gefühle situativ auszuagieren, neutralisiert den Vergiftungsherd, bevor er um sich greifen kann. »Ein solcher Mensch schüttelt eben viel Gewürm mit einem Ruck von sich, das sich bei Anderen eingräbt«.19 Doch bei den zum Ressentiment Neigenden bleibt der Giftherd unbehandelt und breitet sich mit der Zeit immer weiter aus. Und mit der Zeit, »wächst bei ihnen der Hass in’s Ungeheure und Unheimliche, in’s Geistigste und Giftigste«.20 Die Vergiftungserscheinungen, unter denen der Ressentimentmensch leidet, sind zunächst nicht akut. Ebenso wie das Ressentiment sich nur in einem langwierigen, schleichenden Prozess formt, baut sich auch nur langsam ein toxischer Spiegel auf. Je länger dieser Prozess andauert, desto tiefer senken sich die Giftstoffe sozusagen ins Gewebe – und desto schwerer lassen sie sich dann auch wieder aus dem System hinaus schwemmen.
Das Ressentiment befördert eine »peinvolle Spannung« zwischen den Ressentimentaffekten auf der einen Seite und der Ohnmacht auf der anderen Seite herauf. Einerseits sind die genannten Affekte derart stark, dass sie einen zu zerreißen drohen und darum nicht länger einfach unterdrückt bleiben können. Andererseits verhindert das durchdringende Gefühl der Ohnmacht die effektive Abfuhr der Affekte. Es gehört zu den zentralen Aspekten des Ressentiments, dass dieser Widerspruch nicht aufgelöst werden kann, dass der Ressentimentale unaufhebbar zwischen diesen beiden Polen gefangen ist.21 Die daraus resultierende Spannung, die ja zum Grund- und Lebensgefühl des Ressentimentmenschen, zum basso continuo seiner Selbsterfahrung geworden ist, wird mit der Zeit immer unerträglicher – bis es schließlich zu alternativen Formen des Spannungsabbaus kommt. Hier nun beginnt das Ressentiment, psychologische Abwehrmechanismen gegen die von ihm selbst verursachten psychischen Nöte auszubilden.
2. RESSENTIMENTBILDUNG, SEKUNDÄR
Die beschriebene Affekthemmung aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus, das daraus resultierende wiederholte Durchleben und Durchleiden der eigenen Niederlagen, der eigenen Unterlegenheit sowie der Demütigung durch den Überlegenen, die allmählich toxisch wirkende Akkumulation der nicht ausagierten und damit nicht befriedigten, nicht befriedeten Affekte, mithin die unweigerliche Beschädigung des eigenen Selbstverhältnisses – all das lässt sich als erste Ebene einer Morphologie des Ressentiments beschreiben. Die zweite Ebene seiner Morphologie ist gekennzeichnet von der Ausbildung psychologischer Abwehrmechanismen gegen die eigenen Folgen. Es gehört allerdings zur inneren Logik des Ressentiments, dass diese gerade nicht auf die ihm eigentlich zugrunde liegenden Ursachen, die tatsächlichen Urkonflikte im Inneren des Ressentimentalen selbst zielen, sondern auf die Konstruktion alternativer, außerhalb seiner selbst verorteter Problemursachen und Konfliktszenarien. Diese Abwehrmechanismen erfüllen damit zwar eine Funktion für den Ressentimentalen: sie stabilisieren das beschädigte Selbstverhältnis, lindern (zumindest zeitweilig) das Leiden an sich selbst und machen das Dasein und das eigene Sosein überhaupt erst wieder erträglich.22 Vor allem aber dienen sie zur Camouflage der eigentlichen im eigenen Selbst grundgelegten – und eben deswegen so hochproblematischen – Urkonflikte. Sie führen gerade deswegen aber auch zur Verstärkung und Verfestigung derselben, befeuern damit das Leiden an sich selbst und verstärken somit letztlich die ressentimentale Umklammerung der Persönlichkeit. Der Ressentimentmechanismus wird dadurch nicht bloß chronifiziert – er reproduziert zugleich unaufhörlich die Bedingungen, unter denen er sich weiter etabliert und als grundlegender Persönlichkeitszug stabilisiert. Erst durch die psychologischen Abwehrmechanismen gegen das Ressentiment gelangt das Ressentiment zu seiner vollen Entfaltung. Sie sind ein wesentlicher und notwendiger Aspekt desselben und können nicht von ihm getrennt werden.
ENTREALISIERUNG
Die Verbindung des Ohnmachtsgefühls als »ausgeprägte[s] Bewußtsein des ›Nichtkönnens‹« mit einem »starken unlustvollen Depressionsgefühl« sowie »Furcht, Angst, Eingeschüchtertheit« bildet Scheler zufolge mächtige »seelische Verdrängungsmächte« aus. Sie setzen einen mehrstufigen Verdrängungsprozess in Gang. (1) Wenn die Ressentimentaffekte zunächst auf ein konkretes Objekt – etwa eine bestimmte Person – und eine konkrete Situation – ein kränkender Akt dieser Person – gerichtet waren, gehen sie nun auf diese Person selbst über. Die ressentimentale Abneigung zielt dann plötzlich auf »alle möglichen Eigenschaften, Handlungen, Lebensäußerungen, die dieser Mensch hat«, ohne dass diese je in irgendeiner engeren Verbindung mit der erfahrenen Kränkung stehen, sondern nur, weil sie mit diesem Menschen assoziiert werden. (2) Die Abneigung weitet sich mit dem nächsten Verdrängungsschub von diesem konkreten Menschen auf alles aus, »was mit ihm zusammenhängt an Menschen, Beziehungen, ja Sachen und Situationen«. Das Ressentiment springt von einer bestimmten Person etwa auf ganze Personengruppen, denen diese zugeordnet wird, über. (3) Ferner löst es sich schließlich von diesem immer noch mehr oder weniger bestimmten Personenkreis »und wird zu einer negativen Einstellung auf bestimmte Erscheinungswerte – gleichgültig, wer sie hat, wo und wann sie auftreten«. Der ressentimentale Groll löst sich nun ganz von seinem konkreten Objekt und wird zu einer Unterstellung gegen alles, was in irgendeiner Form Assoziationsketten und damit Affektabfolgen in Gang setzt – gegen alles, was auch nur wie ein fernes Echo dieses einstigen Objekts anmutet. (4) Das Ressentiment wird mit der Zeit beinahe vollkommen unkonkret und objektlos, es »›irradiiert‹ in allen möglichen Strahlen« – verliert dabei allerdings nichts an seiner Potenz. Dieser Prozess schreitet unter Umständen soweit fort, dass »der betreffende Mensch selbst nicht angeben kann, ›wovor‹ er sich fürchtet und ängstigt, ›wozu‹ er ohnmächtig ist«. Aus dem sehr begrenzten Gefühl der Furcht – begrenzt in dem Sinn, dass Furcht stets konkrete Personen, Objekte, Szenarien aufweist – formt sich allmählich Angst, die sich durch eine diffuse Bedrohungslage, einem vagen, nicht genau abgrenzbaren Bedrohungsgefühl auszeichnet. Mit dem fortschreitenden Verdrängungsprozess verschwimmt das Ressentiment also einerseits, wird dadurch weniger akut und mildert sich ab. Es wird für den Ressentimentmenschen leichter zu ertragen. Zugleich aber weitet es sich auch aus, wird unübersichtlicher – es wird allumfassend, allgegenwärtig.23
(5) Schließlich wird das Ressentiment selbst verdrängt. Im Zuge dieser Entwicklung ins immer Unkonkretere und Objektlosere werden die ressentimentalen Affekte selbst zunehmend an den Rand des Bewusstseins und schließlich darüber hinaus gedrängt. Neben der Diffusion in unkonkrete Objektlosigkeit, führt die nun schon lange währende Gewöhnung an die schon so lange dominanten Affekte dazu, dass sie für den Ressentimentalen selbst immer weniger erfahrbar sind. Die Ressentimentaffekte rücken immer stärker von der Peripherie ins Zentrum des Gefühlshaushaltes – sie wandeln sich von einer eigenständigen, deutlich unterscheidbaren Facette innerhalb desselben zur Matrix des Gefühlshaushaltes, sie gerinnen zur Grundform des Fühlens, die nun wiederum all seine Facetten allmählich durchsättigt. Der Ressentimentmensch merkt irgendwann gar nicht mehr, dass er vor Ressentiment grollt, dass er ressentimentvoll ist. In den am weitesten fortgeschrittenen Stadien der Verdrängung schlägt das Ressentiment schließlich in einen »allgemeine[n] Wertnegativismus« um, »eine ganz unbegründet erscheinende und scheinbar regellos hervorbrechende, plötzliche haßerfüllte Ablehnung selbst gegen Dinge, Situationen, Natur-Objekte, deren losen Zusammenhang mit dem ursprünglichen Objekt des Hasses nur eine schwierige Analyse finden kann«.24
Dies ist ein eminent kritischer Punkt der Ressentimentbildung. Auf ihrem Drift ins immer Unkonkretere und Objektlosere werden die Ressentimentaffekte zunehmend »entrealisiert«. Wiehl meint mit diesem unrümpfigen aber sehr treffenden Wort: sie »verlieren […] den Sinn für die Realität, für die Wahrheit, und fixieren sich in negativer Einstellung auf Ersatzgegenstände«.25 Die Entrealisierung bewirkt eine erhebliche und dauerhafte Beeinträchtigung des Wahrnehmungsapparats. Aufgrund der Diffusion der Ressentimentaffekte lösen sie sich von ihrem eigentlichen Entstehungsgrund, von ihren ursächlichen Auslösern, werden fundamentlos. Sie verlieren ihren Bezug zur Realität. Die ›objektive‹ Realität verliert innerhalb des Wahrnehmungs- und Verarbeitungsaktes die Deutungshoheit über das Geschehen. An ihre Stelle als diejenige Größe, die den Geschehnissen und Erlebnissen ihre Färbung, ihre Tendenz und Ausdeutung verleiht, tritt der Erfahrungshorizont des Ressentimentmenschen – und dieser ist maßgeblich durch das Ressentiment überformt: durch die Erfahrung der eigenen Unterlegenheit und Wertlosigkeit, die Erfahrung des Anderen als Überlegenen und Kränkenden, durch den Verdacht, dass ›der Andere‹, jeder Andere eine Bedrohung ist und potenzielle Quelle seines Leidens, durch die seelische Vergiftung, die ihn bitter macht und hoffnungslos.26 »Das Ressentiment statuiert [somit] einen Kreislauf sich selber bestätigender Erwartungen«.27 Olschanski etwa charakterisiert den Ressentimentmenschen als »desituiert« – er reagiere »nicht auf die Eindrücke […], die er unmittelbar empfängt«, sondern auf längst erlittene Wunden und Kränkungen, die im aktuellen Geschehen lediglich neu aufbrechen, dieses zugleich überschatten und eine neue – alte – Deutung aufprägen.28 Schoeck spricht gar von einer »systematische[n] Destruktion […] der einzelnen konkreten Lebenserfahrung«, so dass der Ressentimentale »überhaupt nur mehr das, was seiner Gefühlslage entspricht« sieht und erlebt. Das Ressentiment habe eine »die Struktur und Prozesse des Wahrnehmungsaktes beeinflussende Natur«. – »Der ganze Wahrnehmungsapparat« sei darauf eingestellt, »aus der Wirklichkeit nur das herauszuschneiden«, was das Ressentiment bestätigt und bestärkt.29 Die sich so herausgebildete Struktur prägt den Erlebnishorizont des Ressentimentmenschen in einem weit größeren Umfang, als es seine tatsächlichen Interaktionen mit dem Anderen tun. Der kausale Nexus zwischen dem tatsächlichen Handeln des Anderen und der Empfindung, die dieses im Ressentimentmenschen auslöst, löst sich auf. Er beginnt in dem Geschehen, das ihm widerfährt, das zu sehen, was er braucht, um die psychologischen Abwehrmechanismen – die ihn (scheinbar) vor der Selbstentfremdung retten – plausibilisieren zu können: braucht er äußere Gründe und widrige Umstände für die eigene prekäre Lage und die Machtlosigkeit, daran etwas ändern zu können; braucht er Schuldige, die ihn erst in diese Lage gebracht haben; braucht er Feindbilder, von denen er bekämpft wird – und entscheidender: die er bekämpft, gegen die man sich abgrenzen kann, gegenüber denen man das eigene geschundene, fragwürdig gewordene Selbst profilieren kann; braucht er den Anderen, den man verachten und entwürdigen kann, auf den man herabblicken kann, um sich selbst an diesem Anblick aufzurichten? Hier nun beginnt der Ressentimentale, selbstbildstabilisierende Mechanismen im systematischen Stil hervorzubringen, um die unerträglich werdende Spannung zwischen seinen Affekten und der Unfähigkeit, sie gegen diejenigen Objekte angemessen auszuagieren, die sie ursprünglich in ihm ausgelöst haben, abzubauen, indem er sie auf und gegen Ersatzobjekte richtet. Die Diffusion der Ressentimentaffekte – ihre Entkoppelung von den sie ursprünglich auslösenden Objekten – ist dafür Grundlage und Ermöglichungsbedingung.
Sie gibt allerdings zugleich Raum für die Möglichkeit, dass sie sich nicht bloß relativ willkürlich gegen Ersatzobjekte zu richten beginnen, sondern auch gegen ihr Subjekt selbst. Dann kommt es zur Internalisierung der ressentimentalen Affekte: da ihnen die Entladung nach außen versagt bleibt, bleiben sie nicht nur in ihrem Träger, stauen sich in ihm auf, und prägen sein Fühlen und Empfinden – sie richten sich schließlich auch noch gegen ihn selbst. So verschärfen sie sogar die prekäre Situation des Ressentimentalen, erhöhen noch einmal den Druck auf sein problematisches Selbstbild und sein Selbstverhältnis: »es tritt der Zustand des ›Selbsthasses‹, der ›Selbstqual‹, des ›Rachedurstes gegen sich selbst‹ auf«.30 Insofern kann man die Internalisierung der Ressentimentaffekte als katalytisches Moment deuten, das die selbstbildstabilisierenden Maßnahmen nur umso dringlicher macht – das den Ressentimentalen schließlich über den Rand des Abgrunds treibt.
SELBSTBILDSTABILISIERENDE MASSNAHMEN
Den selbstbildstabilisierenden Maßnahmen, die auf der Diffusion der Ressentimentaffekte aufbauen und sich aus ihr heraus entfalten, eignet als zentrales Element die Instrumentalisierung ›des Anderen‹ – genauer: der Antagonismus zum Anderen. Es kommt zu einer mehrschichtigen Feindbildkonstruktion. »Der Mensch des Ressentiment […] bedarf des gehaßten Feindes«, er bedarf »jener Umwelt von Bösen«.31 Die Hervorbringung dieser Feindschaft, wird nun zur zentralen Funktion des Ressentiments für seinen Träger. Hierauf läuft seine innere Logik hinaus: auf die Entlastung des eigenen Selbstbildes auf Kosten des Anderen – der durch den vom ressentimental vorgeprägten Erlebnishorizont her verzerrten Wahrnehmungsapparat zum Feind umgesehen und umgedeutet wird.
Dann kommt es etwa zur Schuldfrage – und zur Schuldverlagerung. Aus der Schmach der eigenen Unterlegenheit, dem Minderwertigkeitsgefühl und der immer wieder als überwältigend empfundenen Ohnmacht entwächst eine Suchbewegung nach den ›wahren‹ Schuldigen für die eigene Misere. Der Ressentimentmensch benötigt sie, um sich seine prekäre Lage, sein Versagen zu erklären und sich gleichsam vor sich selbst zu rechtfertigen. So projiziert er die Schuld auf andere: nicht die eigenen Unzulänglichkeiten haben ihn in diese Lage gebracht – es waren die Anderen, die ihn niederhalten und unterdrücken; es waren die Anderen, die ihn verraten haben, ihn in seinem Wohlwollen hintergangen haben; immer die Anderen, die sich gegen ihn verschworen haben. Die Externalisierung der Schuld an der eigenen Lage ändert noch nichts an seiner Lage – doch der Ressentimentmensch erfährt zumindest dadurch, dass er nicht auch noch die Schuld an ihr trägt, eine Entlastung seines Selbstbildes. Er kann sich davon frei sprechen. Doch darüber hinaus erwächst ihm auf diese Art ein Schuldiger, dem er wenigstens wieder grollen kann, den er – anders als sich selbst – hassen und verachten, anklagen und verurteilen, gegen den er auf Rache sinnen kann. »[J]eder Leidende nämlich sucht instinktiv zu seinem Leid eine Ursache; genauer noch, einen Thäter, noch bestimmter, einen für Leid empfänglichen schuldigen Thäter, – kurz, irgend etwas Lebendiges, an dem er seine Affekte thätlich oder in effigie auf irgend einen Vorwand hin entladen kann«.32 Die damit in Gang kommende Abfuhr all seiner Ressentimentaffekte allein verschafft ihm in seiner Situation bereits Erleichterung.
In engem Zusammenhang mit der Schuldverlagerung steht ein psychologischer Mechanismus, den Scheler als »Kausaltäuschung« beschreibt. Danach neigt der Ressentimentale dazu, eine kausale Verknüpfung des eigenen Ergehens mit den Taten anderer herzustellen – stellt dabei aber häufig Zusammenhänge her, wo gar keine sind. Es kann ihm nicht einfach so schlecht ergehen, etwa durch Zufall, Schicksal, am wenigsten durch eigenes Unvermögen: jemand anderes muss dahinter stecken, muss es aktiv und absichtlich herbeigeführt haben. Dem eigenen Missgeschick wird das intentionale Handeln eines Anderen untergeschoben.33
Der Ressentimentmensch neigt aber nicht bloß zur Projektion der eigenen Schuld und der eigenen Verantwortlichkeit an seiner misslichen Lage auf andere. Er neigt auch zu der Projektion derjenigen eigenen als minderwertig empfundenen Eigenschaften und Wesenszüge, unter denen sein Selbstverhältnis so sehr leidet. So gelingt es ihm, die inneren Selbstzweifel, die maßlose Enttäuschung über sich selbst, die daraus resultierende Scham, den Selbsthass abzuspalten und zu manifestieren. Es gelingt ihm, die innere Stimme, die ihm unablässig zuflüstert: ›Du bist Dreck!‹, zum Schweigen zu bringen – und indem er sie auf ein äußeres Objekt überträgt, eröffnet sich ihm die Möglichkeit, diese Stimme und alles Widerwärtige, das sie repräsentiert, rückhaltlos zu bekämpfen. Der Andere wird so willkürlich zum Vehikel der eigenen verhassten Anteile und damit zur Zielscheibe der ressentimentalen Aggressionen. Doch diese Entlastung ist nie vollständig und nie von Dauer. Denn die innere Stimme, das eigene unbarmherzige Urteil über sich selbst, wird ja in dem beschriebenen Akt nicht wirklich ausgelöscht. Sie regt sich bald wieder und gewinnt wieder an Lautstärke. Die Konsequenz ist ein Kreislauf aus eskalierendem Selbsthass, dem Entlastungsversuch durch projektive Manifestation und sich erneut aufbauendem Selbsthass.34
Wohl am ehesten der im allgemeinen Sprachgebrauch geläufigen Bedeutung von Ressentiment entspricht die Selbststeigerung durch Herabsetzung des Anderen. Scheler beschreibt diesen Mechanismus als »Werttäuschung«, als die »illusionäre Herunterdrückung der wertvollen Eigenschaften des Vergleichsobjekts« beziehungsweise als eine »spezifische ›Blindheit‹ für sie«.35 Der Druck, der auf dem Selbst angesichts seiner ewigen Unterlegenheit lastet, vermindert sich, sobald der Andere seiner Überlegenheit beraubt ist. Je mehr das Vergleichsobjekt in seinem Wert herabgesetzt wird, desto mehr löst sich die Spannung zwischen der angestrebten Selbstbehauptung und der eigenen Unfähigkeit dazu. Auf diese Weise gelingt es, das eigene »Lebens- und Machtgefühl« wieder zu steigern – »wenn auch auf illusionärer Grundlage«.36 Dabei bilden die ressentimentalen Entwertungsmechanismen vielfältige Strategien aus. Bei der direkten Herabwürdigung wird schlichtweg der Wert des Anderen geleugnet, der Wert seiner Person, seiner Eigenschaften und Fähigkeiten, seiner Leistungen und Errungenschaften. Scheler verweist auf die Metapher vom Fuchs und den zu sauren Trauben. Der Fuchs, der sehnsüchtig nach den schon überreifen Trauben blickt, sie aber trotz mehrerer Versuche nicht erreichen kann, weil sie zu hoch hängen, wendet sich schließlich von ihnen ab mit dem Hinweis, dass sie ihm ja noch zu unreif und darum zu sauer wären.37 Bei der indirekten Herabwürdigung werden dem Anderen nicht rundheraus sein Wert, seine Vorzüge und Erfolge abgesprochen – stattdessen »wird etwas, ein A, bejaht, geschätzt, gelobt, nicht um seiner inneren Qualität willen, sondern in der – aber ohne sprachlichen Ausdruck bleibenden – Intention, ein anderes, B, zu verneinen, zu entwerten, zu tadeln. Das A wird gegen das B ›ausgespielt‹«.38 Um im Bild zu bleiben: der Fuchs würde etwa unter dem Hinweis, dass die tiefer hängenden Brombeeren doch viel besser schmecken und eigentlich niemand Trauben wirklich mag, betont lässig davon trotten. Alternativ beschreibt Scheler die Herabwürdigung des Anderen nicht durch die Leugnung seines Werts, sondern durch Modifikation des Wertungssystems selbst. Nicht der Wert der Person des Anderen und seiner Qualitäten wird dann geleugnet, sondern der Wertmaßstab, nach dem dieser bisher bemessen wurde, wird auf den Kopf gestellt, das bisher Gute als doch eigentlich schlecht umgedeutet. Während der Fuchs eben noch die Reife der Trauben leugnete, was ja nach wie vor den Wohlgeschmack süßer Trauben zur Grundlage hat, gesteht er jetzt zu, wie reif und süß die Trauben sind – besteht aber zugleich darauf, dass süße Trauben nicht schmackhaft und nur dann wirklich gut seien, solange sie sauer sind! Die Modifikation des Wertungssystems, an dem sich der Eigen- und Fremdwert ermisst, bezeichnet Scheler in Anlehnung an Nietzsche sogar als »Hauptleistung des Ressentiment«. An diesem Punkt setze die »Fälschung der Werttafeln« ein und das Ressentiment beginne, selbst schöpferisch zu werden und neue Werte und Ideale durch die Umwertung des bestehenden Wertekanons hervorzubringen.39 Hier deutet sich denn auch die epochale Wirkungsgeschichte an, die Nietzsche dem Ressentiment in der Genealogie der Moral herbei schreibt, wie weiter unten noch zu betrachten sein wird.
Der Ressentimentale greift zur Deutungshoheit über das, was gut und das, was schlecht beziehungsweise böse ist. Er besetzt die Positionen, die eben noch als wertvoll galten – denen er aber aufgrund der eigenen Unzulänglichkeiten nicht gerecht zu werden vermag – nun negativ, als unwert, als verwerflich. Aber eben nicht, weil diese intrinsisch schlecht oder verachtenswert wären – sondern allein aus der eigenen Ohnmacht, diese erfüllen zu können, heraus. Konsequenterweise wird das Gegenteil von dem, woran er aus seiner Ohnmacht heraus scheitert – also das, was er selbst verkörpert – nun positiv besetzt. So wird der Ressentimentale selbst derjenige, der das, was als gut, als wertvoll und erstrebenswert gilt, repräsentiert. Doch auch diese ›neuen‹ Werte und Ideale haben wiederum keinen Selbstzweck. Vielmehr dienen sie dem Ressentimentalen zur Erklärung der Überlegenheit des Anderen (der zu unredlichen, schmutzigen Mitteln greift und allein deswegen überlegen ist) und der eigenen Unterlegenheit (weil man selbst redlich ist und sich die schmutzigen Mittel verkneift); und zugleich zur Umkehrung des Kräfteverhältnisses zu den eigenen Gunsten: sie garantiert die eigene Überlegenheit auf dem moralischen Feld. Das Ressentiment ist die »Flucht der Schwäche in die moralisierende Verachtung der Stärke«.40 Gerechtigkeit wird in der Hand des Ressentimentalen zur Waffe – zunächst gegen den Überlegenen und schließlich gegen jeden, der nicht die gleiche Verbitterung zum Ausdruck bringt, die er selbst in sich fühlt: »Sie wandeln unter uns herum als leibhafte Vorwürfe, als Warnungen an uns […]! Unter ihnen giebt es in Fülle die zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche beständig das Wort ›Gerechtigkeit‹ wie einen giftigen Speichel im Munde tragen, immer gespitzten Mundes, immer bereit, Alles anzuspeien, was nicht unzufrieden blickt und guten Muths seine Strasse zieht«.41 Im Ressentiment verselbständigt sich eine Eigendynamik, die grundsätzlich und zu allererst das Negative sieht: »Es ist in ihm etwas, das schelten möchte, herabziehen, verkleinern«,42 lässt sich mit Scheler sagen und mit Deleuze ergänzen, dass »[d]ie Zurechnung von Fehlern, die Verteilung von Verantwortlichkeiten, die fortwährende Anklage« zu seinen zentralen Motiven zählt.43 Das eigentliche Movens dahinter ist und bleibt aber das neidvolle Herabziehen des Höheren und die Rache gegen sein Höherstehen – verborgen hinter einer Maske der Unschuld, die nicht nur den Anderen täuschen soll, sondern genauso sich selbst. Der Ressentimentale ist aber nicht bloß Ankläger, er wird auch Paranoiker: durch den stets verdächtigenden, stets nach Gründen für eine Verurteilung suchenden Blick, wird er zu jemandem, der immer in Habachtstellung ist, der immer Überfall und Hinterhalt, überall Gefahr und Verschwörung vermutet, und jedem als potenziellen Feind und Gefährder begegnet.
SELBSTINDUZIERTES LEIDEN, SELBSTINDUZIERTE RESSENTIMENTBILDUNG
Frappierend an der Konstellation, die durch die ressentimentgetriebenen psychologischen Abwehrmechanismen hervorgebracht wird, ist, dass der Ressentimentmensch in die Situation gerät, seine Identität und seinen Eigenwert nicht positiv aus sich selbst heraus zu stiften, sondern negativ über und gegen den Anderen. Seine Selbsterfahrung gründet nicht in einem überzeugten oder gar »triumphierenden Ja-Sagen zu sich selber«, sondern in einer Abwehrhaltung, im »Nein zu einem ›Ausserhalb‹, zu einem ›Anders‹, zu einem ›Nicht-selbst‹«.44 Während sich der Starke aktiv aus sich selbst, dem Eigenen heraus konstituiert, definiert sich der Ressentimentmensch reaktiv über die Umwertung der »Gegen- und Aussenwelt«. Er hat diese geradezu zur eigenen Voraussetzung – dermaßen stark prägt ihn die ressentimentale Ohnmachtserfahrung. »Diese Umkehrung des werthesetzenden Blicks – diese nothwendige Richtung nach Aussen statt zurück auf sich selber – gehört eben zum Ressentiment«.45 Er leidet so sehr an seiner Umwelt, dass er sie nur noch als antagonistisch zu erfahren imstande ist. Das wird, wie gesehen, durch die vom Ressentiment erzwungenen selbstbildstabilisierenden Maßnahmen noch einmal verstärkt, indem der Andere, der Feind als eigentlich Schuldiger, als eigentliche Quelle seiner Leiden identifiziert wird. Nur in der permanenten Anklage anderer erwächst ihm die Möglichkeit, das eigene Selbstbild zu entlasten.46 Der Ressentimentmensch konstituiert sich dann wiederum dem Anderen gegenüber als Antithese, als Gegenentwurf. Das bedeutet aber auch, er definiert sich zu allererst über das (angebliche) Unrecht, dass ihm angetan wurde.
Dies erweist sich als eine doppelt negative Identitätsstiftung: erstens wird erst von der Erfahrung des Anderen her das Eigene abgeleitet. Während die Selbstkonstitution des Selbstgewissen einen eigenständigen und souveränen Akt darstellt, lässt die des Ressentimentmenschen diese Souveränität wesentlich vermissen. Zweitens basiert diese Selbsterfahrung auf gegenseitiger Herabwürdigung: einerseits erfährt sich der Ressentimentmensch als der Schwächere und Unterlegene, und unterstellt dabei dem (vermeintlich) Überlegenen, mit Verachtung auf ihn herabzublicken. In seiner verqueren Wahrnehmung erfährt er von ihm nichts als Kränkung. Das führt andererseits dazu, dass er für den Anderen seinerseits nichts als Verachtung übrig hat. Dies ist seine Urerfahrung mit dem Anderen, mit allen Anderen, das Sentiment, das sich wiederum untrennbar an seine Selbsterfahrung geheftet hat. Sein »Verhältnis zur Umwelt ist auf das Böse gebaut und dadurch in seinen Wurzeln vergiftet«.47 Diese Feindbild konstruierende, Antagonismus schaffende, Unfrieden stiftende Dynamik entspringt zutiefst der inneren Logik des Ressentiments. Sie ist ein unhintergehbarer Aspekt desselben.
Das birgt wiederum zweierlei Konsequenzen: einerseits verschafft dies dem Ressentiment selbstperpetuierende Kräfte; andererseits manifestiert sich darin das paradoxale Verhältnis des Ressentimentmenschen zum Anderen – der ihm zugleich Quelle seiner Leiden und Instrument zu deren Linderung ist.
Es sei noch einmal erinnert: jedem Ressentiment liegt zunächst einmal eine reale Verletzung, ein realer Schmerz zugrunde. »Wer tief genug gräbt, um die Wurzel der Ressentimentbildung freizulegen, wird auf eine Kränkung stoßen«.48 Die daraus erwachsenden negativen Affekte werden durch das Nicht-Ausagieren (in der Imagination) immer wieder durchlebt und durchlitten. Sie werden ferner (in der Realität) immer wieder aktualisiert, da das Subjekt sich aufgrund seiner unüberwindlichen Ohnmacht in seine Unterlegenheit gleichsam einnistet und in immer neuen Konflikten fortwährend neue Verletzungen und neue Kränkungen erfährt. Mit der fortschreitenden Entrealisierung der Ressentimentaffekte mischen sich diesen Verletzungen nun zunehmend empfundene, unterstellte, herbei phantasierte Verletzungen bei. Das Ressentiment verdichtet sich »über die Zeit aus einem Gemisch von Erfahrungen und unbewußten Phantasien«.49 Der Ressentimentmensch bildet eine erhöhte Sensibilität für ungerechtes und verletzendes Verhalten anderer aus – und übersteuert diese bis an den Punkt, an dem er An- und Übergriffe empfindet, die gar nicht da sind. Jetzt werden potenziell verletzende Situationen oder Konstellationen »geradezu […] triebartig aufgesucht« oder Verletzendes unbewusst »in alle möglichen Handlungen und Äußerungen anderer, die gar nicht verletzend gemeint waren, […] fälschlich hineingetragen«.50 So bildet sich ein Schema zur Konstruktion von immer neuen Verletzungen heraus, das fortwährend abläuft. Doch der Ressentimentale erleidet nicht bloß Wunden, die ihm so gar nicht beigefügt werden – er schafft innerhalb dieser Dynamik zugleich immer neue Anlässe für immer neue Verwundungen: er kreiert Feinde und Feindschaften, wo de facto keine sind oder sein müssten, er provoziert fortwährend neue Konflikte und Auseinandersetzungen – dann, wenn er sich angegriffen fühlt und sich somit aus gutem und gerechtem Grund zu verteidigen glaubt. Doch er greift faktisch an, wo er sich nur zu verteidigen meint – und wird so zum Ziel dessen, der sich wiederum gegen seine Angriffe verteidigt.
Solcherart beginnt der Ressentimentale damit, sich die Wunden gewissermaßen selbst zuzufügen – was ihn nur noch mehr in die Arme des Ressentiments treibt. Wenn dessen Herausbildung bis zu einem gewissen Punkt fortschreitet, beginnt es, sich selbst zu bestätigen, zu plausibilisieren, zu untermauern. Dann bedarf es dazu gar nicht mehr der widrigen Umstände realer oder zumindest intendierter Verwundungen, um das ressentimentale Vorurteil zu bestätigen und sich dahinter noch weiter zu verschanzen – dann besorgt die ressentimental überformte Persönlichkeitsstruktur dies schon von sich aus. Das Ressentiment verstärkt sich somit selbst, es wächst an sich selbst.
Zugleich scheint hier das paradoxale Verhältnis des Ressentimentmenschen zu dem Anderen auf: einerseits kann er gar nicht mehr anders, denn den Anderen als Quelle seiner persönlichen Not wahrzunehmen. Andererseits ist er auf ihn zum Zwecke seiner selbstbildstabilisierenden Maßnahmen grundlegend angewiesen und auf ihn hin geordnet. Der Andere – in der Rolle des Feindes – fungiert also als Instrument zur Linderung der eigenen Leiden. Zugleich aber perpetuiert er sie: »die Unfähigkeit, andere anders denn als Produzenten des eigenen Leidens wahrzunehmen, läßt einen Ausweg aus dem Leiden von vorneherein nicht zu. Jede Begegnung des Menschen des Ressentiment mit anderen Menschen gerät ihm zur Bestätigung dieses Vorurteils«. Hier verdeutlicht sich der »fundamentale Selbstwiderspruch« des Ressentiments: Rettung gibt es nur in der »Befreiung vom Menschen«, der Befreiung vom Anderen. Dass er auf den Anderen zugleich unbedingt angewiesen ist, deutet die »autodestruktive Potenz des Ressentiment« an, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.51 Ebenso wie er unentrinnbar in dem Spannungsfeld zwischen der sklavischen Notwendigkeit, seine Ressentimentaffekte auszuleben, und der schier übermächtigen Ohnmacht, diese ausleben zu können, gefangen ist, so vermag er sich auch nicht aus dem Paradoxon zu befreien, auf den Anderen als Linderer seines Leidens hingeordnet zu sein und ihn zugleich als die Quelle seines Leidens zu erleben.
DAS RESSENTIMENT ALS ›ZWEITE NATUR‹
Die Feindbildkonstruktionen zum Zweck der Schuldverlagerung und Aggressionsverschiebung, die projektive Manifestation der eigenen unerwünschten Eigenschaften und des Selbsthasses, den sie evozieren, die eigene Aufwertung durch die Herabwürdigung anderer – all diese selbstbildstabilisierenden Funktionen basieren auf der Entrealisierung der Ressentimentaffekte, ihrer Entkoppelung von den sie ursächlich auslösenden Objekten und Diffusion ins Unkonkrete und Objektlose. Sie müssen als Etappen in der Entwicklung einer umfassenden Selbst- und Weltbildkonstruktion spezifisch ressentimentaler Prägung gedeutet werden. Der Ressentimentmensch hat es »nöthig, […] sein Objekt falsch und voreingenommen abzuschätzen«.52 Es entspringt einer tiefen inneren Notwendigkeit, dass er alles »nur umgefärbt, nur umgedeutet, nur umgesehn durch das Giftauge des Ressentiment«53 hindurch erblickt: »Seine Seele schielt«.54 Der Andere hat eine Funktion für ihn, eine existenziell wichtige Funktion: die Stabilisierung des Selbstbildes hat oberste Priorität. Zu diesem Zweck entsteht mehr unbewusst denn bewusst ein Narrativ – ein mehr oder minder willkürlich konstruierter Plot, in dem der Andere in die spezifische Rolle gedrängt wird, die der Ressentimentale für die Selbstbildstabilisierung gerade nötig hat, und in dem seine Erlebnisse die entsprechend spezifisch eingefärbte Deutung erhalten, der das Geschehen so an- und einordnet, dass es eine mehr oder weniger in sich kohärente Form annimmt. Dieses Narrativ ist dabei zu gleichen Teilen von Zufall und Notwendigkeit geprägt: zufällig sind die Protagonisten und die Ereignisse, die dem Ressentimentalen begegnen beziehungsweise widerfahren, und als bloße Projektionsflächen dienen; den Projektionen, mit denen sie überstrahlt werden, eignet wiederum aus der spezifischen Verfasstheit und Bedürfnislage des Ressentimentalen eine tiefe innere Notwendigkeit. Wenn die ›objektive‹ Wirklichkeit dieser widerspricht, wird sie ihr kompromisslos untergeordnet. Sie wird in dem Maße und in die Richtung gebogen, uminterpretiert, manipuliert, wie sie dem ausgerufenen Narrativ dienlich ist. Scheler betont, dass diese Konstruktion keinen bewussten oder gar willentlichen Akt darstellt, sondern vielmehr einer »organischen Verlogenheit« entspringt. Im Gegensatz zur gewöhnlichen Lüge, »erfolgt die Fälschung nicht im Bewußtsein […], sondern auf dem Wege der Erlebnisse zum Bewußtsein«, also bereits während »der Erinnerungs-, der Vorstellungs- und Gefühlsbildung«. In der organischen Verlogenheit wird instinktiv oder »triebhaft« antizipiert, was dem eigenen Interesse beziehungsweise den eigenen Vorstellungen dienlich ist und schon die Wahrnehmung und Aneignung des Geschehenden in diese Richtung modifiziert. »Wer ›verlogen‹ ist, braucht nicht mehr zu lügen«. Genauso wenig aber nimmt er den Grad seiner ›Verlogenheit‹ noch wahr.55
An einem bestimmten Punkt seiner Herausbildung beginnt das Ressentiment damit, systematisch das Bewusstsein zu rekonfigurieren, die Wahrnehmungsund Aneignungsprozesse zu manipulieren und somit die Zwänge des Faktischen zu konterkarieren. Dieser lange und langsame Prozess lässt sich als schrittweiser Exodus aus der ›objektiven‹ Realität und als allmählicher Aufbau eines geschlossenen Selbst- und Weltbildes definieren, das geprägt ist von einem wirren Durcheinander aus Versatzstücken der Realität und deren teils bewusster, teils unbewusster, aber stets intentionaler Umdeutung, Verkennung, Verzerrung. Die ressentimentale Überformung des Weltbildes bedient sich vieler unmerklich ineinander greifender Mechanismen, sei es die beschriebene vom Erlebnishorizont vorgeprägte selektive und tendenziöse Wahrnehmung, sei es interessegeleitete Erkenntnis, sei es Autosuggestion. Vor allem das imaginative Eigenleben, das die Widerfahrnisse während des wiederholten Durchlebens und Durchleidens entfalten, verleiht ihnen eine ganz andere Signifikanz als ihnen ursprünglich zukommt, verleiht Ereignissen, die tatsächlich vielleicht nur eine kurzlebige und nebensächliche Episode waren, in der ausschmückenden und weiterspinnenden Phantasie eine viel größere Relevanz. Dabei entstehen Szenarien, die mit den realen Ereignissen kaum noch etwas zu tun haben. Und sie setzen emotionale Wogen, Empörung, Wut und Verachtung frei, die mit den realen Ereignissen nur noch sozusagen ideengeschichtlich in Verbindung stehen – die irrlichternden Gefühlswogen jedoch sind umso realer für den Ressentimentalen. Es gehört zum Phänomen des Ressentiments, dass diese Abkopplung der eigenen Gedanken und Gefühle von ihrem realen Kern – den Ereignissen, an denen sie ihren Ursprung nehmen – ein immer größeres Ausmaß annimmt und der Ressentimentale immer mehr Schwierigkeiten hat, diese unfundierten Steigerungen korrekt einzuordnen und von den ursprünglich fundierten Gefühlslagen angemessen zu unterscheiden. Zugleich beeinflusst der Ressentimentale das Geschehen aber auch real in die Richtung der eigenen Erwartungen – weil er unbewusst so agiert, wie es dem eigenen Narrativ entspricht: selbst in die eigene Rolle schlüpft und den Anderen direkt oder indirekt in die ihm zugedachte Rolle drängt.56 Das gleicht einem unbewussten Heraufbeschwören von bestimmten Situationen mit bestimmtem Ausgang – gleich sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Der Grad der ressentimentalen Wahrnehmungsverzerrung liegt in mannigfaltigen Abstufungen und Mischformen vor – er kann von milden, alltäglichen Formen bis hin zur radikalen Umdeutung der Wirklichkeit reichen.57
Das Ressentiment wird zu einem den Fakt vor jedem Fakt bestimmenden Phänomen. Es verbiegt und verdreht ihn, bis er mit dem eigenen Narrativ hinreichend harmonisiert ist. Die Entwicklung drängt bis an einen Punkt, an dem die zur Selbstbildstabilisierung in Gang gesetzte Konstruktion total wird. Sie entwickelt längst Eigendynamiken, produziert längst selbst neue Zwänge und die notwendigen Plausibilisierungen zum Zwecke der Stringenz gleich mit. So schafft sich die ressentimental überformte Persönlichkeit ein aus ihrer verqueren Perspektive kohärentes Weltbild. Seine Kohärenz wird durch den übermächtigen psychischen Druck, den die ressentimentalen Mechanismen kontinuierlich und unauflöslich produzieren, regelrecht erzwungen. Das ressentimentale Ego kämpft regelrecht um das eigene Überleben, lebt im andauernden Krisenmodus, im immerwährenden Ausnahmezustand. Es ist ab einem gewissen Punkt nur noch bedingt zurechnungsfähig. Erst hier wird das Ressentiment in seiner voll ausgebildeten Form ersichtlich. Das Ressentiment ist, wenn es zu seiner vollen Entfaltung gelangt, ein in sich kohärentes und nach außen hin hermetisches Selbst- und Weltbild.
Wenn das Ressentiment in seinen Anfängen eine volatile Stimmung gewesen sein mag, die dann und wann auftritt – etwa wenn der nächste Konflikt aufzieht – und ebenso schnell wieder verschwindet, so hat es sich im Laufe seiner primären, spätestens aber in seiner sekundären Ausbildung zu einer allgemeinen Lebenseinstellung verstetigt und verfestigt. Spätestens mit dem Aufbau eines geschlossenen Weltbilds ist es zu einem Wesens- und Charakterzug geronnen, der nicht mehr einzelne Aspekte des Lebens einfärbt, sondern den Lebensvollzug als Ganzes prägt und durchwaltet. Es hat während seines langen Entwicklungsprozesses die Persönlichkeit des zum Ressentiment Neigenden in eine Ressentimentpersönlichkeit umgeformt. Es ist ihm zur ›zweiten Natur‹ geworden. In seinem finalen Stadium hat es seine transformativen Prozesse abgeschlossen und sich selbst darin gleichsam aufgelöst. Das Ressentiment selbst, als erfahrbare Affektstruktur beziehungsweise Affektabfolge, als herausstehendes emotionales Ereignis, ist in den Hintergrund getreten – weil es nun das emotionale Erleben insgesamt durchwirkt. Das Ressentiment ist dann ›vollendet‹, wenn es zum Daseinsmodus des Ressentimentalen geworden ist: wenn es zur Matrix des Gefühlshaushaltes geworden ist und alles von ihm her gefühlt wird, was gefühlt wird; wenn es den Wahrnehmungsapparat übernommen hat und alles in seinem Lichte wahrgenommen wird, was wahrgenommen wird; wenn es das Selbst- und Weltbild nach seinem Bilde umgestaltet hat und alles dergestalt interpretiert, rezipiert und konstruiert wird, was Eingang findet in den Geist der Ressentimentpersönlichkeit; wenn es zur Wesensart, zur Existenzweise derselben geworden ist. Es ist dann vollendet, wenn es die Ressentimentpersönlichkeit derart durchdrungen hat, dass es sich quasi auflöst, wenn es mit dem Bewusstsein deckungsgleich geworden ist und somit aus dem Bewusstsein verschwindet.
3. RESSENTIMENT, INDIVIDUALPSYCHOLOGISCH
Das Ressentiment ist, wie sich gezeigt hat, ein prozessuales Phänomen – gekennzeichnet von verschiedenen Entwicklungsphasen. Daher kann ›Ressentiment‹ sowohl die Hemmung des Ausagierens der verschiedenen negativen Affekte und infolgedessen deren wiederholtes Durch- und Nachleben bezeichnen; oder die zunehmende Loslösung dieser Affekte von den sie ursprünglich auslösenden Objekten sowie deren Verschiebung auf relativ willkürlich gewählte Ersatzobjekte (Entrealisierung); oder die Ausbildung psychologischer Abwehrmechanismen zur Stabilisierung des beschädigten Selbstverhältnisses; oder die Konstruktion eines postfaktischen, in sich geschlossenen Weltbildes (ressentimentales Narrativ).
Darüber hinaus, so wird sich zeigen, ist das Ressentiment multidimensional. Es ist ein psychologisches, primär individualpsychologisches Phänomen; es hat aufgrund seiner sozialpsychologischen Potenziale zugleich eine soziologische Dimension; und darüber hinaus eine Reihe von philosophischen Implikationen.
Das Ressentimentphänomen verfügt also über eine gewisse Unschärfe. Sowohl seine verschiedenen Phasen also auch Dimensionen müssen sehr genau unterschieden werden. Auf der individualpsychologischen Ebene ergeben sich zunächst weitere Beobachtungen.
PRIMAT DER EMOTIONEN
Das Ressentiment ist gefühlsbasiert. Es sind die Affekte – Groll, Verbitterung, Neid, Hass, Verachtung, Rachsucht, Ranküne, Schadenfreude, Missgunst, Übelwollen –, die Ausgangspunkte und treibende Kräfte hinter der Ressentimentbildung sind. Und es sind die Affekte, die der bestimmende Faktor hinter dem Phänomen des Ressentiments bleiben. Sie erlangen ihre Intensität, ihre Wirkmacht dadurch, dass sie nicht ausagiert werden. So kommt es zur Akkumulation dieser sehr speziellen, in ihrem Spektrum sehr eingeschränkten Emotionen – und längerfristig zur Marginalisierung von anders geladenen, gegenläufigen, ausgleichenden Emotionen. Sie werden die dominante Größe im Gefühlshaushalt und verflachen allmählich aber unweigerlich dessen Variationsvielfalt. Die nicht ausagierten Affekte können durch ihr langes Unbefriedigt- und Unbefriedet-Bleiben schließlich obsessiven oder gar Fetischcharakter annehmen.
Dass das Ressentiment primär auf der emotiven Ebene fungiert, bedeutet zugleich, dass jede kognitive Erwägung ihm gegenüber sekundär ist. Die der Ressentimenterfahrung zugrunde liegenden Gefühlslagen und Gemütsbewegungen haben strukturell deutlich mehr Gewicht und Strahlkraft als rationale Überlegungen oder sachliche Argumente.58 Je weiter fortgeschritten die Ressentimentbildung – gerade, wenn es zur Selbstbildstabilisierung vermittels weitreichender Konstruktionen und Fabrikationen eines entsprechenden Narrativs kommt –, desto widerstandsloser lassen sich letztere aus- oder überblenden, sobald sie zu ersteren in Widerspruch geraten: das Ressentiment ist »gegenüber Argument und Erfahrung abgedichtet«.59 Das bedeutet mitnichten, dass die Ratio schlicht ausgeschaltet wird – Ressentiment ist kein Zustand der Idiotie. Sie übt vielmehr eine nicht geringe Funktion für die gefühlsbasierten ressentimentalen Konstruktionen aus: die Ratio tritt in ihren Dienst und versorgt sie mit Struktur und Argumenten. Entstehung und Etablierung eines selbstbildstabilisierenden Narrativs sind ohne sie schlechterdings gar nicht möglich. Wesentlich für die ressentimentale Logik ist dabei, dass sie sich unter dem unbedingten Zwang desselben beugt und genauso verkürzende und tendenziöse Formen annimmt, wie etwa der Wahrnehmungsapparat.
Auf der anderen Seite ist das Ressentiment aufgrund seiner primär emotiven Natur geeignet, große Kräfte freizusetzen und eine starke Wirkmacht zu entfalten. Es vermag nicht zuletzt deswegen seinen Träger zu mobilisieren, weil es in seinem Grundzug zutiefst viszeral ist, weil es so unmittelbar im Medium des Gefühls, der Gefühlsaufwallung wirkt. Das Ressentiment sei wesentlich eine »Gefühlstatsache«, schreibt Scherpe, und ziehe genau daraus seine Kraft: »In seinem dunklen Ursprung ist das Ressentiment dumm und dumpf«, eine rohe Energie, eine blinde Gewalt, die es auch in seinen scheinbar zivileren, von scheinbar überlegter Zurückhaltung geprägten Formen nicht einbüßt.60 Das Ressentiment ist seinem Wesen nach zutiefst endothym. Dass es genau diese tiefsten und damit mächtigsten Kraftzentren im Menschen anzapft und speist, macht es zu dem »gefährlichste[n] Spreng- und Explosivstoff«,61 den Nietzsche beschreibt.
Darmowy fragment się skończył.