Czytaj książkę: «Interstate»
Robert Lang
Interstate
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Impressum neobooks
Kapitel 1
Robert Lang
Interstate
Roman
1 Chugwater, Wyoming
Der große Mann stieg aus dem Wagen, schaute sich nach allen Seiten um und ging die wenigen Schritte zu dem kleinen Liquor Shop, dessen Türschild versprach, er sei geöffnet. Er hatte den steifen Gang eines Mannes, der lange Zeit in einer unbequemen Haltung verbracht hatte; sorgfältig setzte er einen Fuß vor den anderen, so als überquerte er einen Bach auf einem schmalen Balken, dem nicht im Mindesten zu trauen war.
Sein Gesicht war von einer freundlichen und offenen Art, aber selbst die von der Sonne eines langen Sommers gebräunte Haut konnte nicht über die völlige Erschöpfung ihres Besitzers hinwegtäuschen.
Drinnen im Laden war es fast dunkel, nur die neonweiße Beleuchtung der verglasten Kühlschränke spendete etwas Licht. Es roch nach Glasreiniger oder Desinfektionsmitteln, so als sei die Einrichtung gerade erst auf Hochglanz gebracht worden. Der Mann an der Kasse schaute kaum auf, im schwachen Licht einer Tischlampe war er in die Lektüre eines Buches vertieft.
Der Kunde entnahm dem Kühlschrank einen Karton Budweiser, in einem Regal auf der anderen Seite des Ladens fand sich eine Flasche Campari. Seine Begleiterin, die im Auto wartete, liebte dieses Zeug. Mit reichlich Orangensaft verdünnt konnte sie es den ganzen Abend über trinken, ohne dabei betrunken zu werden, sie war dann höchstens ein wenig beschwipst, und das auf eine hinreißende Art. Er selbst blieb abends lieber bei ein paar Dosen Bier. Er brauchte einen klaren Verstand, wenn er der Situation gewachsen sein wollte, in der sie sich befanden.
Er bezahlte in bar und erhaschte dabei einen Blick auf das Buch des Kassierers; es war ein halb zerfallenes Exemplar von Moby Dick, das ganz offensichtlich durch viele Hände gegangen war.
„Guter Roman“, sagte er, aber der Mann, ein großer Afroamerikaner Mitte zwanzig, mit breiten Schultern und Rasta-Locken, war nicht zum Plaudern mit einem Fremden aufgelegt. Er betätigte die Kasse, zählte dem Kunden das Wechselgeld vor und schien ihn eine Sekunde später wieder vergessen zu haben. Er half lieber Captain Ahab bei der Jagd.
Der Mann trat hinaus ins weiche Licht eines frühen Abends und blickte aufmerksam nach rechts und links, eine Angewohnheit, die er sich wie von selbst zugelegt hatte, seit er verfolgt wurde. Der Beruf, dem er noch vor zwei Wochen nachgegangen war, hatte einen passablen Beobachter aus ihm gemacht, und seine derzeitige Lage tat ein Übriges. Er musste wachsam agieren, denn kleine Fehler konnten große Probleme schaffen.
Er zählte vier Fahrzeuge, die jedoch an derselben Stelle gestanden hatten, als er vor wenigen Minuten ausgestiegen war. Fußgänger waren nirgends zu sehen - was wenig verwunderlich war, denn es gab hier kaum Geschäfte oder Büros. Wenn das die Hauptstraße war, wollte er nicht wissen, wie es anderswo in diesem Ort aussah.
In einem kleinen Städtchen des Westens wie diesem erwartete man Tumbleweed, das vom Wind träge über die Straße gerollt wurde, oder kleine Windhosen, die den Staub der Straße aufsammelten, um ihn nach einem kurzen Tanz an einer anderen Stelle wieder abzulegen.
Aber nichts dergleichen, die Straße lag still und reglos da, nur ein herrenloser Hund mit einem verkrüppelten Hinterlauf und schmutzig-braunem Fell näherte sich ihm. Aber als der Mann keine Anstalten machte, ihn zu füttern oder wenigstens zu streicheln, schleppte er sich ein paar Meter weiter und trollte sich hinter eine halboffene Mülltonne, aus der es säuerlich nach verdorbenem Essen roch.
Er merkte jetzt, dass sie auf der heutigen Fahrt von Kansas City, Missouri, auf eine Höhe von gut sechzehnhundert Meter über dem Meeresspiegel geklettert waren. Es wurde frisch, sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwand.
Sie hatten ein paar Straßen weiter – nahe der Auffahrt zur Interstate 25 - ein Zimmer in einem kleinen Motel gefunden, waren eingecheckt, hatten ihr Gepäck hineingetragen, und obwohl sie beide nach einer 12-stündigen Fahrt todmüde hier angekommen waren, hatten sie sich noch einmal ins Auto gesetzt, um im „Stampede Saloon“, den der Besitzer des Motels ihnen empfohlen hatte, etwas zu essen. Und obwohl sie zuerst kaum Appetit verspürt hatten, schmeckte ihnen das Essen hervorragend.
Sie aßen ein paar riesige Burger, die sie mit einer Karaffe Eistee hinunterspülten, und als die Rechnung kam, fragte die Kellnerin beiläufig, wo sie denn herkämen - er spreche mit einem Akzent, den sie noch nicht gehört habe. „Aus Norwegen“, sagte Cord, worauf sie wissen wollte, ob das in der Nähe von Italien liege.
„Ungefähr so nah, wie New York City von Miami entfernt ist.“
Sie hatten trotz ihrer Müdigkeit lachen müssen, aber die Frau freundlich aufgeklärt, bevor die Situation peinlich werden konnte.
„Tut mir leid, Leute“, sagte die Kellnerin. „Ich bin einundfünfzig Jahre alt und noch nie weiter hier rausgekommen als bis Laramie. Und auch das nur, weil meine Schwester dorthin geheiratet hat.“
„Dann steht es 1:0 für Sie – Sie kennen sicher jeden Stein in dieser Gegend, oder?“ Sie errötete aus irgendeinem Grund und räumte rasch die Teller ab. Cord hinterließ ein großzügiges Trinkgeld auf dem Tisch und bezahlte die Rechnung an der Kasse neben dem Eingang.
Norwegen - gestern war er Schwede gewesen, und an vorgestern konnte er sich kaum mehr erinnern. Er sollte sich bald für eine dauerhaftere Identität entscheiden, denn die ständig neuen Lügen wurden anstrengend, und irgendwann würde er einen Fehler machen, sich in Widersprüche verheddern und damit den unsichtbaren Feind hinter ihnen erneut auf ihre Fährte lenken. Obwohl sich in seinem Aktenkoffer drei ziemlich echte Reisepässe befanden, scheute er davor zurück, mit ihnen hausieren zu gehen. Was er nicht vorzeigte, konnte auch von niemandem als falsch entlarvt werden.
Ja, dieser Kerl kam mir sofort komisch vor, der konnte kaum sein Jackett anziehen, so, als hätte er ein Problem mit seiner Schulter; behauptete, er sei ein norwegischer Journalist. Schaute sich ständig um, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her. Das muss Ihr Mann gewesen sein. Das war kein Skandinavier. Ja, Sie sagen es, meine Herren, Deutscher, das würde ich auch meinen!
Er glaubte nicht, dass seine Verfolger hier auftauchen und den alten Tankstellenpächter von Chugwater ins Kreuzverhör nehmen würden, allerdings war er sich einer Vielzahl von Dingen, die er noch vor ein paar Wochen als selbstverständlich betrachtet hatte, heute nicht mehr sicher. Es war zu viel geschehen.
Cord Hennings ging zum Heck des Wagens, öffnete die Klappe und legte das Bier und den Campari in den Kofferraum, wobei ihn seine Schulterwunde (die zumindest war echt, echter, als ihm lieb sein konnte) schmerzhaft daran erinnerte, dass er alles andere als in guter Verfassung war, und dass er dringend eine längere Pause benötigte, um gesund zu werden und wieder zu Kräften zu kommen.
„Ich habe mal ein wenig zu diesem Nest recherchiert“, sagte Lisa, während sie ihr Handy ausschaltete und in ihre Umhängetasche steckte. „Es hat nach der letzten Zählung zweihundertzwölf Einwohner, davon sind nullkommafünf Prozent Schwarze. Was zum Teufel ist ein halbes Prozent Afroamerikaner von zweihundertzwölf?“ Sie kicherte.
„Das halbe Prozent hat mir gerade Getränke verkauft und liest Abenteuerromane“, sagte er und brachte sie damit zum Lachen. Sie lachten viel zu selten. Die ganze Fahrt über hatte sie ihn immer wieder sorgenvoll von der Seite angeblickt, so als zweifelte sie daran, dass er durchhalten würde. „Du hättest mich in den Laden gehen lassen sollen. Du kannst ja kaum mehr stehen.“
Auf dem Weg zurück zum Motel passierten sie einen Streifenwagen, der aufgebockt in der Ausfahrt einer Feuerwache stand. Ihm fehlte das rechte Vorderrad, ein Cop war nirgends zu sehen. „Eine gute Gelegenheit für Bankräuber“, frotzelte Lisa. „Und für Brandstifter“, sagte er.
Sie parkten rückwärts vor ihrem Zimmer ein und Lisa zog los, um die fertige Wäsche aus der Maschine zu nehmen und den Trockner anzuwerfen, während er das Zimmer aufschloss und die mitgebrachten Getränke in den Kühlschrank stellte.
Sie hatten beide – aus unterschiedlichen Gründen - kaum Zeit gehabt, vernünftig für eine längere Reise zu packen, und deshalb galt es, alle paar Tage für frische Wäsche zu sorgen.
Cord streifte seine Schuhe ab, ließ sich auf das große Doppelbett fallen, schaltete mit der billigen Fernbedienung den Fernseher ein und zündete sich eine Zigarette an. Da sie beide rauchten und nirgends ein Verbotsschild hing, war das wohl unproblematisch.
Er war schon einmal in diesem Städtchen gewesen, fast fünfzehn Jahre musste das her sein, und er war mit seiner damaligen Partnerin hier gestrandet, auf dem Weg vom Devils Tower hinunter in den Süden. Er konnte sich nur deshalb noch daran erinnern, weil es der Tag gewesen war, an dem Hurrikan Katrina in New Orleans angelandet war, ein paar Dämme gebrochen waren und gigantische Fluten einen großen Teil der Stadt unter Wasser gesetzt hatten. Er hatte damals den Fernseher laufen gehabt, und mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination die Nachrichten aus Louisiana und anderen betroffenen Gegenden der Golfküste verfolgt.
Später, als sie wieder auf der Straße waren, begegneten ihnen auf Schritt und Tritt Menschen, die dort unten ihr Haus verloren hatten, und die alles, was ihnen geblieben war, auf dem Dach ihres Autos festgezurrt hatten. Beinahe jeder von ihnen stand vor dem Nichts.
Er wusste nicht, ob es richtig war, dass er seine Begleiterin immer tiefer in seine Angelegenheiten hineinzog. In New Orleans hatte es sich richtig angefühlt, aber spätestens seit einer Schießerei auf einem Parkplatz in Texas, bei der sie beide hätten draufgehen können, war er nicht mehr sicher, was sie betraf.
Sie hatten vor einigen Tagen, noch unten in Louisiana, einen vagen Deal abgeschlossen: Er nahm sie mit, egal wohin, Hauptsache so weit weg wie möglich von einem sadistischen Ehemann, der eitel genug sein würde, sie im ganzen Land zu suchen wie einen entlaufenen Hund.
Dafür half sie ihm in Angelegenheiten, bei denen er nur ungern selbst auftrat. Er konnte sie zur Bank schicken, wenn sie Bargeld brauchten. Sie ging zur Apotheke, um Medikamente zu besorgen, und ab und zu erledigte sie Telefonate für ihn. Sie verband seine Schusswunde alle paar Stunden neu – und, sie schlief mit ihm, was aber nicht zu dem Deal gehörte. Jedenfalls hoffte er das.
Sie war hart im Nehmen, das hatte sich schnell gezeigt, als sie unter Druck gerieten, und es hatte ihm einiges über sie und ihre Vergangenheit erzählt. Vielleicht war sie härter als er selbst es war.
Und just in der Sekunde, in der er das dachte, kam sie heftig atmend und kreidebleich ins Zimmer und ließ sich auf einen Stuhl vor dem Fernseher fallen.
„Was ist los? Hast du ein Gespenst gesehen?“
„Etwas, das dem nahekommt“, antwortete sie, immer noch aus der Puste. „Ich habe einen Anfall von Platzangst bekommen. Die Waschmaschine und der Trockner stehen in einem winzigen Verschlag, in dem man sich kaum um sich selbst drehen kann. Ich hasse so etwas. Und dann kam auch noch die Besitzerin herein, und da wurde es mir zu viel. Albern, oder?“
„Nein, das ist überhaupt nicht albern. Wenn der Trockner fertig ist, bleibst du hier und ich hole stattdessen die Wäsche.“
„Danke! Er müsste in einer halben Stunde soweit sein. Und jetzt brauche ich erstmal einen kräftigen Drink.“
2 Manassas, Virginia
„Verdammt, ich brauche das Geld jetzt! Genauer gesagt, morgen Abend um einundzwanzig Uhr!“
Er stieß ein paar wilde Verwünschungen aus, während er seine sorgfältig manikürte Hand zu einer lächerlich kleinen Faust ballte.
Sein Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung wartete geduldig, bis er sich wieder in der Gewalt hatte.
„Hat er dich wieder an den Eiern? Klar, das hat er, warum frage ich überhaupt? Wieviel ist es diesmal?“
„Fünfzigtausend, Übergabe morgen Abend, diesmal in einem Parkhaus in der Nähe des Logan Circle. Das alte Spiel – er ruft mich an, bevor ich das Parkhaus betrete, er gibt mir ein Signal, dann lege ich die Tasche mit dem Geld unter das Auto, das mir am nächsten steht. Und dann verschwinde ich wieder, ohne ihm begegnet zu sein. Verdammt, ich kann nicht mehr zahlen, bei mir ist Schluss.“
„Kann deine Frau dir nichts geben?“
„Das geht nicht, ich habe schon ihre beiden Sparkonten geplündert. Wenn sie das eines Tages merkt, dann wird sie sofort zu ihrem Anwalt laufen. Und wenn das passiert, bin ich am Ende. Wen ich bumse, ist ihr egal, so lange ich dabei diskret bin. Aber wehe, sie oder ihr blaublütiger Inzuchtverein erfahren von diesem Schlamassel!“
„Ich habe dir von Beginn an gesagt, dass ein Geschäft wie dieses Zeit benötigen würde. Unser Schiff ist vor drei Tagen in Rumänien ausgelaufen, es wird zwei bis drei Wochen dauern, bis es sein Ziel erreicht. Zum Glück konnte ich aushandeln, dass wir unseren Anteil schon bekommen, wenn die Ware Gibraltar passiert und auf dem Atlantik richtig Fahrt aufgenommen hat. Das müsste in ein paar Tagen der Fall sein.“
„Aber ein paar Tage sind ein paar Tage zu viel für mich.“
„Du musst diesem Burschen Geduld beibringen. Sag ihm, er bekäme das Doppelte, wenn er für eine Weile die Füße stillhält. Herrgott, du weißt doch am besten, wie man so etwas macht!“
„Ich pfeife auf deinen Herrgott, Mann!“ Seine Stimme war schrill geworden. „Wenn ich nicht binnen dreißig Stunden Geld auftreiben kann, bin ich mausetot. Warum sollte dieser Kerl denn geduldig sein? Es ist sein Spiel. Er kann das Dreifache verlangen, oder das Hundertfache. Jetzt oder zu jeder Zeit!“
Der Anrufer schwieg einen Moment, und als er wieder sprach, konnte man den Widerwillen aus seiner Stimme hören.
„Er wird ein Interesse daran haben, dich am Leben zu halten, denn nur dann kann er dich weiterhin melken.“ Jetzt schwang Ekel in seiner Stimme mit. „Pass, auf! Ich leihe dir das Geld, ein allerletztes Mal, das muss dir klar sein. Wenn du auffliegst, dann bin vermutlich auch ich geliefert, und nur deshalb helfe ich dir.“ Er fluchte. „Komm mit diesem Hurenbock ins Reine, egal wie, es kann so nicht weitergehen.“
„Danke, Bill, tausend Dank! Ich kümmere mich darum, versprochen.“
Obwohl die Klimaanlage in seinem Arbeitszimmer auf Hochtouren lief, floss ihm der Schweiß in Sturzbächen aus dem schütteren Haar, und er atmete schwer. „Wo soll ich das Geld abholen? Bei dir zuhause?“
„Gott bewahre! Ich will öffentlich nichts mit dir zu tun haben, bis dieses Ding in trockenen Tüchern ist. Ach was, genau genommen will ich es danach genauso wenig. Seit du angefangen hast, Kinder zu ficken, bist für mich gestorben. Ich schicke dir einen Boten nach Hause, sagen wir, morgen früh, bevor du zur Arbeit fährst.“
„Ich habe morgen Vormittag erst um elf Uhr einen Termin im Oval Office. Der Trottel schläft zum Glück lange. Ich muss gegen neun hier weg.“
„Ich telefoniere wegen des Geldes morgen Abend mit Europa, danach weiß ich mehr. Bis dann.“ Der Anrufer legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten.
Michael K. Ashbourne ging zum Fenster. Fünf Prozent Anteil an sechzig Millionen Dollar waren eine Menge Geld. Damit würde er die über ihm aufgezogenen Schatten vertreiben können.
Man konnte sagen: Der Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hatte ein Problem. Oder besser, er hatte mehr als nur ein Problem.
Dass sein einziger Vorgesetzter, der derzeitige Präsident, ein irrlichtender Narr war - geschenkt. Präsidenten kamen und gingen, und er hatte schon drei von ihnen, bis auf ein paar Beulen und Kratzer, unbeschadet überstanden. Alle hatten sie ihre Eigenheiten gehabt. Der eine hatte zum Wohle des Volkes seine sämtlichen Sekretärinnen vernascht, ein anderer hatte ihn sieben Tage die Woche rund um die Uhr auf Trab gehalten, weil er sowjetische Verschwörungen sah wie ein Alkoholiker weiße Mäuse.
Er selbst sah sich als Kalten Krieger alten Schlages, aber ihm war auch ein gewisser Realismus eigen, mit dem er gegebenenfalls verhindern konnte, dass sein Präsident leichtfertige Dinge sagte oder tat, die man später wieder einfangen musste. Er war als hart, aber maßvoll bekannt, und man achtete ihn als das, was er war.
Man hatte ihn geachtet, denn damit würde es bald zu Ende sein, wenn er keine Lösung für seine Probleme fand.
Er ging zu seiner verspiegelten Hausbar, schnitt seinem Gegenüber eine humorlose Grimasse (die dieser erwiderte), und mixte sich einen für die frühe Nachmittagsstunde großzügig bemessenen Drink.
Egal, wie er es drehte, er würde keinem Richter erzählen können, dass er gegen gute Bezahlung minderjährige Mädchen sexuell missbrauchte, und dass er das nur deshalb tat, weil seine Gattin eine frigide alte Kuh war. So etwas zählte nicht in den Augen des Gesetzes.
Sein Gespür für Macht und ihr Gespür für hungrige Talente hatten ihn von ganz weit unten bis ins Weiße Haus getragen, und sie wurde nicht müde zu betonen, welche Rolle sie dabei gespielt hatte.
Ashbourne war jetzt selbst zu einem Problem für die Sicherheit des Landes geworden. Er hatte sich erpressbar gemacht, und seit einiger Zeit wurde er tatsächlich erpresst.
Vor etwa sechs Monaten hatte er in der morgendlichen Post einen braunen Umschlag gefunden, ohne Absender, aber mit ein paar gestochen scharfen Fotos, die ihn mit buchstäblich heruntergelassener Hose über einem nackten Mädchen zeigte, das ganz offensichtlich noch keine fünfzehn Jahre alt war, und das vor Angst oder Schmerzen oder vor beidem weinte.
Und als ob das nicht reichte:
Das Mädchen war dunkelhäutig!
Und das gab dem ganzen Fall noch eine weitere pikante Note, denn er war der breiten Öffentlichkeit als – wenn auch milder - Rassist bekannt.
Flucht ins Ausland, in ein Land ohne Auslieferungsabkommen mit den USA? Nein, er hatte sich im Laufe der letzten Jahrzehnte an einen Status und an einen Lebensstil gewöhnt, der teuer war und der ihm fehlen würde, weil er ihn nicht würde finanzieren können.
Die Presse würde jubeln, wenn sie Wind von dieser Sache bekam. Diese lausigen Lohnschreiber mit ihren vergifteten Griffeln würden sich ein Loch in den Bauch freuen, während sie ihn aus dem Amt heraus (und in den Knast hinein) schrieben.
Nach dieser Story würde man ihn teeren, federn und dann so tief unter Washingtoner Erde vergraben, dass er niemals wieder das Tageslicht erblicken würde.
Er war immer stolz auf seinen kühlen Kopf gewesen, auf seine brillante Fähigkeit zur Analyse komplexer politischer Sachverhalte, auf die sich bereits der vierte Präsident des Landes blind verließ.
Aber hier, in seiner privaten, verzweifelten Lage versagte sein messerscharfer Verstand, die Gedanken daran, wie er aus dieser persönlichen Hölle entkommen konnte, drehten sich immerzu im Kreis, und die Angst fiel in Wellen über ihn her, wann immer sie Lust dazu bekam.
Er würde warten müssen und hoffen, dass er mit einem einzigen schmutzigen Deal seiner selbstverschuldeten Krise entkam. Warten. Untätig warten.
Das war die schlimmste aller Strafen, glaubte er, weil er es noch nicht besser wusste.
3 Chugwater, Wyoming
Sie kam aus dem Bad und warf sich neben ihn auf das übergroße Doppelbett. In den ersten Nächten hatte sie es stets vermieden, sich komplett vor ihm zu entblößen, hatte – ob zum Schlafen oder beim Sex – ein Shirt oder ein Hemd anbehalten. Das war ihm seltsam erschienen, denn er war sicher, dass sie nichts zu verstecken hatte. Sie war im Gegenteil eine bildschöne Frau. Prüderie schied ebenfalls aus, davon hatte er sich schnell überzeugen können.
Anfangs hielt er es nur für eine Marotte und hatte es schon beinahe wieder vergessen. Aber vor drei Tagen hatte er sie umarmt und dabei hatte er durch den Stoff ihrer Bluse eine ganze Reihe von anscheinend verschorften oder vernarbten Stellen auf ihrem Rücken ertastet.
Als er sie erschrocken danach fragte, wich sie aus und murmelte nur halb verständlich etwas davon, dass er das besser ihren Gatten fragen solle, der habe ein ziemlich ungewöhnliches Verständnis von Zärtlichkeiten im Ehebett.
Weiter heran kam er nicht, sie wurde verschlossen und reizbar, als er nachzuhaken versuchte. Eines Tages, sagte sie, wenn sie dann noch zusammen wären, würde sie es ihm erzählen - wenn er es dann noch wissen wollte. Gewarnt von ihrer plötzlichen Schroffheit hatte er aufgegeben, aber die Frage blieb in dem bis heute noch weiten Raum zwischen ihnen stehen.
Immerhin zeigte sie sich ihm inzwischen ganz unbekleidet und er wertete es als gestiegenes Vertrauen. Ihr Rücken wies eine große Zahl an kleineren Brandverletzungen in unterschiedlichen Stadien der Abheilung auf, und man brauchte kein Mediziner zu sein um zu erraten, dass jemand ihren Rücken wiederholt als Aschenbecher benutzt hatte.
Was für ein krankes Stück Scheiße musste man sein, um so etwas erregend zu finden? Und wie verängstigt und mutlos, um es über einen längeren Zeitraum zu ertragen?
Er kannte die Antwort nicht, aber er würde ihr aufmerksam zuhören, wenn sie es ihm eines Tages erklären wollte.
Es war zu einem abendlichen Ritual geworden, zusammen auf dem Bett zu liegen und im Straßenatlas von Rand McNally zu blättern, das nächste Tagesziel festzulegen und dort ein Zimmer in einem Motel zu buchen.
In einem Nest wie Chugwater war das keine große Sache gewesen, dort gab es im Umkreis von zwanzig Meilen nur dieses eine Motel, in dem sie heute abgestiegen waren.
In der Umgebung größerer Städte war es anders. Dort gab es eine gewaltige Menge an Unterkünften in jeder Preislage, und weil Geld keine große Rolle spielte, mussten sie keine heruntergekommenen Herbergen nehmen, sondern konnten nach anderen Kriterien auswählen.
Lag das Motel günstig zur nächsten Autobahnauffahrt, sodass sie bei Bedarf schnell entkommen und unter mehreren Fluchtwegen die passende auswählen konnten?
Wohin sie am Ende überhaupt wollten, wussten sie noch nicht. Sie fuhren auf Sicht, beide mochten den einsamen Westen mehr als den dicht besiedelten Osten, aber das war auch schon alles.
Heute Abend ging es um mehr als nur eine Übernachtung. Die Schussverletzung an seiner Schulter hatte in Oklahoma zu eitern begonnen, er hatte in den ersten beiden Tagen hohes Fieber gehabt, und die Schmerzen, obschon tagsüber erträglich, hinderten ihn daran, nachts mehr als eine oder zwei Stunden durchzuschlafen, was sich zuletzt als wachsende Erschöpfung von Körper und Geist bemerkbar machte. Es wurde höchste Zeit für eine Pause, er war heute zweimal beinahe am Steuer eingeschlafen, und er hatte in mehreren Verkehrssituationen unangemessen reagiert. Aber immerhin hatten die Antibiotika, die Lisa ihm besorgt hatte, begonnen zu wirken, seit heute Morgen war seine Temperatur stetig gesunken.
Sie hatten auf der heutigen Fahrt besprochen, dass sie sich ein Versteck suchen würden, in dem sie für einige Zeit untertauchen und ihre Batterien aufladen konnten.
Genügend Schlaf und gutes Essen würden ein Übriges dazu beitragen, dass er wieder zu Kräften kam.
„Colorado oder Wyoming?“
„Egal, Hauptsache, weit abseits vom Schuss. Irgendetwas, womit sie nicht rechnen.“ Das war kaum mehr als ein frommer Wunsch, das hatten sie schon zweimal zu spüren bekommen, in Louisiana ebenso wie zwei Tage später in Texas.
Sie hatten sein Notebook in die Bettmitte gestellt und begannen mit Objekten von Maklern in Wyoming. Die Auswahl war enorm, von spartanisch bis luxuriös wurde buchstäblich alles angeboten. Aber wenn man die entsprechenden Filter eingab, wurde das Angebot überschaubar. Sie wollten weg von den geschäftigen Interstates, um auf kleineren Straßen möglichst weit in die Berge hinaufzukommen, am liebsten in eine bequeme Hütte oder Lodge, in der sie sich selbst versorgen konnten. Sie schwiegen für eine Weile und gaben abwechselnd ihre Ideen ein.
„Zwölfhundert Dollar für eine Woche am Eingang zur Absaroka Range? Zwei Schlafzimmer, drei Bäder, Whirlpool und voll ausgestattete Küche. Außerdem eine Doppelgarage, wir kriegen also den Wagen runter von der Straße.“
„Zwölfhundert? Zu billig“, spottete er, aber sie googelten den Ort und seine Umgebung, um dann schnell festzustellen, dass die Gegend im Ernstfall keine Fluchtmöglichkeiten bot. Die Lodge lag am Ende einer Sackgasse, und das kam für sie nicht infrage.
Sie probierten es mit Colorado, wo die Auswahl noch größer war, und bei einigen Orten war es auch der Preis, vor allem dort, wo man ins im Winter schneesichere Hochgebirge kam.
„Darf ich es mal versuchen?“ fragte sie. „Ich war in dieser Gegend einmal mit meinem, äh… baldigen Ex-Mann. Er hatte auf einem Betriebsfest bei einer Tombola eine Reise nach Aspen gewonnen, zum Ende des Jahres, in dem wir geheiratet hatten. Die Gegend ist verdammt teuer, aber dafür auch wunderschön.“
Cord gefiel die Idee. Lisa und ihr Mann hatten kurz nach Weihnachten dort in einem Luxushotel gewohnt, mitten in der Stadt. Das wollte Cord nicht, weil man dort leicht den Überblick verlieren konnte, wenn man nach möglichen Verfolgern ausschaute. Also suchten sie nach voll eingerichteten Lodges und Ferienhäusern außerhalb der Stadt.
„Oh, schau mal! Chalet nennt ihr Europäer das, oder?“ Sie zeigte ihm Fotos von einem massiven, zweistöckigen Palast aus Holz, Glas und Naturstein, mit einer gigantischen Frontscheibe („Die musste man mit einem Hubschrauber anliefern“, sollte der Immobilienmakler wenig später am Telefon so stolz verkünden, als hätte er den Helikopter selbst geflogen.).
Das Haus schmiegte sich an die steilen Wände eines kleinen Canyons, man hatte einen weiten Blick ins Tal bis hinunter auf die Stadt. Und – man konnte die Garage nach zwei Seiten verlassen, weil ein Wirtschaftsweg vom Haus aus den Wald hinauf führte, breit genug für eine Limousine wie die ihre. Anderthalb Meilen weiter oben kam man auf eine kleine Kreisstraße, auf der man nach Westen oder Osten entkommen konnte, wenn es nötig war.
Das ganze Anwesen war stark gesichert, was ein weiterer Pluspunkt war. Im Angebot wurde ein Verwalter unten in Aspen genannt, der neue Mieter im Haus erwartete, die Schlüssel übergab und ihnen die Elektrik des Hauses, den Ofen, die moderne Küche und das raffinierte Alarmsystem erklären würde. Der Kasten war sicherer als Fort Knox.
„Sieben Schlafzimmer, eines für jede Nacht“, scherzte Lisa, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ihre Augen leuchteten. Nun gut, dann war die Sache entschieden.
Schön, dass er sie ein wenig verwöhnen konnte, sie hatte es verdient, denn die letzten Tage waren alles andere als ein Vergnügen gewesen. Eine Woche dort oben würde nicht nur seine Verletzung auskurieren, sondern auch den Frust und den Stress auflösen, dem sie beide zuletzt ausgesetzt gewesen waren.
„Es ist schon halb zehn, ob wir den Makler noch anrufen können, ohne unhöflich zu sein?“ Sie taten es, und wie zu erwarten, erreichten sie nur den Anrufbeantworter, der ihnen mitteilte, dass sie sich am nächsten Morgen ab acht Uhr wieder melden konnten. Sie hinterließen ihr Anliegen und kündigten an, wieder anzurufen.
„Man fährt etwa sechs Stunden“, sagte Cord, „und wir müssten durch Außenbezirke von Denver fahren, eine gute Gelegenheit, um Vorräte und warme Kleidung zu kaufen. Falls wir dann noch Geld dafür haben.“ Er lächelte. Fast viertausend Dollar für eine Woche, das war schon beinahe unsittlich. Aber egal, es gab Wichtigeres, und wenn sie nicht gut auf sich achteten, würden sie ohnehin keine Gelegenheit mehr haben, sein nicht unbeträchtliches Vermögen auszugeben.
Sie liebten sich, auf die unbequeme und vorsichtige Art, auf die sie es tun mussten, seit die Kugel eines Killers seine rechte Schulter gestreift und die Wunde sich wenig später entzündet hatte.
Was hat er noch an dir kaputt gemacht außer deinem Rücken, Lisa?
Die Frage blieb offen. Und als sich ihre Körper voneinander gelöst und sie sich gegenseitig die letzte Zigarette des Abends angezündet hatten, war sie einmal mehr für einen Tag verdrängt worden.
Haben wir eine gemeinsame Zukunft?
Es gab eine Zeit, um Fragen zu stellen, und es gab eine Zeit, um Antworten zu geben. Aber beides rückte angesichts ihres Überlebenskampfes, dessen Ende völlig offen war, in den Hintergrund.
Es hatte alles in Frankfurt begonnen, an einem heißen Tag Ende August, und es schien nicht zwei Wochen, sondern sechs Monate her zu sein. Frankfurt, der Frankfurter Zoo, dachte er noch, bevor ihn der Schlaf endgültig mit sich nahm.
4 Frankfurt am Main
Mit einer privaten Detektei, die nur zwei Mitarbeiter beschäftigte, wurde man nicht reich, aber das hatte Cord Hennings von Beginn an gewusst und in Kauf genommen. Zuvor hatte er sieben Jahre lang als Disponent einer Zeitarbeitsfirma geschuftet, gutes Geld verdient, war aber am Ende so ausgelaugt und abgestumpft gewesen, dass er dort kündigte und diese unsichere Art des Broterwerbs einer weiteren Karriere in der Tretmühle vorgezogen hatte.
„Wenn es dazu ausreicht, uns und die Kinder zu ernähren, bin ich zufrieden.“ Seine Ex-Frau hatte seinen fehlenden Ehrgeiz mit einem verständnislosen Kopfschütteln honoriert. Ihr war das zu wenig.
Aber da er noch kaum einen Namen in der Branche besaß, musste er sich mit dem begnügen, was der umkämpfte Markt an Brotkrumen für ihn übrig ließ.
Und das waren Scheidungsfälle, mickrige Betrugsdelikte im Versicherungsbereich, mit geringen Schadenssummen und deshalb auch nur niedrigen Honoraren. Es war ein ruhigerer Job, nicht selten interessant, aber von Zeit zu Zeit auch deprimierend, besonders am Monatsende, wenn die Rechnungen hereinkamen und seine Honorare schneller pulverisierten als er neue Aufträge an Land ziehen konnte.
Seine Frau hatte eines Tages die Nase voll gehabt von sich türmenden Schulden und abgelehnten Kreditanträgen, und einem Arbeitszimmer, das die ohnehin durch zwei Kinder zu klein gewordene Wohnung unerträglich eng machte. Sie hatte sich das alles anders vorgestellt, und er konnte es ihr nicht verübeln. Sie hätte es vielleicht aushalten können, wenn sie noch an ihn geglaubt hätte. Aber das tat sie nicht, und an irgendeinem Abend im vergangenen Winter war ein hässlicher Streit ums Geld so laut geworden, dass die beiden Mädchen davon aufwachten und plötzlich mit ihren Teddys im Arm und mit verweinten Gesichtern im elterlichen Schlafzimmer standen.
An dieser Stelle war alles gekippt, hatte er eine Zeitlang geglaubt.
Aber ein paar Wochen später wurde ihm klar, dass dieser Streit nur ein Symptom einer schon anhaltenden Loslösung ihrerseits gewesen war. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt längst ihre Fühler nach einem Leben ohne ihn ausgestreckt.
Und als es im Februar soweit war, dass sie in einer quasi-militärischen Operation mit den Kindern das gemeinsame Zuhause verließ, ging ihm auf, dass sie es schon länger vorgehabt hatte. Urplötzlich hatte sie eine neue Wohnung gefunden, und wenn er den Kindern glaubte, war der neue Liebhaber ihrer Mutter auch schon am ersten Tag auf der Bildfläche erschienen.
Das alles war so schnell geschehen, wie man eins und eins addieren konnte, und sie durften ihn Jürgen nennen, nicht Onkel Jürgen, oder wie zum Kuckuck noch. Er war in der Werbebranche erfolgreich und brachte ihnen fast täglich irgendwelchen Nippes aus seiner Firma mit.
Und sie fanden ihre neue Umgebung aufregend, auch wenn der richtige Vater ihnen gelegentlich fehlte.
Er hat einen dickeren Bauch als du, Papa, und er hat ein riesiges silbernes Auto, bei dem man das Dach herunterklappen kann.
Es war zum Heulen.
Über die Trennung von seiner Frau war er rasch hinweggekommen. Nur die Kinder brachen ihm von Zeit zu Zeit das Herz, wenn er sie sonntagabends wieder bei ihrer Mutter absetzen musste, und sie ihn zum Abschied auf die Wange küssten. Es war viel zu still geworden dort, wo er jetzt lebte. Anstatt mit den Kids herumzualbern hörte er in letzter Zeit wieder viel Musik und trank dabei eindeutig zu viel Dosenbier.
Es war Mittagszeit, und Jessica, seine Teilzeitschreibkraft, hatte ihren Schreibtisch aufgeräumt und wollte gerade nach Hause gehen, als das Telefon klingelte und sie den Anrufer kurz darauf an ihn weiterreichte. „Da will einer etwas von dir. Nennt sich Jones und klingt wie ein Ami, Chef“, flötete sie. „Ich bin dann weg. Bis morgen und viel Glück mit dem Kerl! Das wird unser ganz großer Durchbruch.“
So oder ähnlich scherzten sie manchmal.
„Kann ich in einer Stunde bei Ihnen hereinschneien?“ Tatsächlich ein Ausländer, wenn auch einer mit perfekten Deutschkenntnissen; er dehnte nur seine Wörter auffällig und rollte das „r“ ein wenig mehr als ein Muttersprachler es täte.
„In welcher Angelegenheit denn, bitte?“
„Ich möchte, dass Sie einen Mann beschatten, alles Weitere bitte persönlich und nur unter vier Augen. Ist das für Sie okay?“
Weil nichts dagegen einzuwenden war und Cord zurzeit nur wenig zu tun hatte, lud er den Mann ein, vorbeizukommen. Dass er gerade auf ihn gestoßen war, war womöglich nur Zufall, denn der Internetauftritt von Cords Detektei war erbärmlich und nicht aktuell. Seine Mittel für eine professionelle Überwachung tendierten gegen Null.
Aber was sollte es, der Mann klang, als wüsste er, was er wollte, und man konnte sich die Geschichte wenigstens anhören.
Er ging in die Küche, setzte eine Kanne Kaffee auf und vertrieb sich die Zeit mit einer Partie Computerschach, wozu er in den letzten Monaten viel zu viel Zeit hatte.
Sein neuer Kunde stand schon nach einer Dreiviertelstunde in der Tür und was Cord zuerst auffiel war, dass er einen Anzug trug (trotz der Affenhitze draußen mit einer Krawatte, die er auch während ihres kurzen Gesprächs nicht lockerte).
Der Mann trat ein, ohne ihm die Hand zu reichen, und Cord bat ihn in das winzige Kämmerchen, das er sein Büro nannte.
„Nennen Sie mich Jones, bitte“ sagte er, noch bevor er auf dem billigen Stuhl vor Cords Schreibtisch Patz nahm. „Einfach Mr. Jones, das genügt.“
Das zweite Bemerkenswerte an der Erscheinung seines Gegenübers war die Blässe von Händen und Gesicht. Zusammen mit dem flachsblonden Haar und den rotgeränderten hellblauen Augen wirkte er wie ein Albino. Jetzt, da sie direkt miteinander sprachen, war er sicher, dass der Mann aus den USA oder Kanada stammte, er redete, als spiele er auf einer Theaterbühne die Rolle eines Yankees, der seine Verwandten in der alten Heimat besuchte und ihnen zeigen wollte, dass er nichts von seiner Muttersprache vergessen hatte. Er sprach langsam und deutlich.
Schnell stellte sich heraus, dass es durchaus kein Zufall war, der ihn zu Cords Firma führte. Er sei aufgrund der günstigen Lage seiner Detektei auf ihn verfallen. Das Objekt der gewünschten Beschattung sollte am späten Nachmittag vom Flughafen kommend im Marriott Hotel gegenüber des Messegeländes absteigen und sich dort für etwa zweieinhalb Tage aufhalten.
Das Hotel war tatsächlich günstig gelegen. Wenn Cord sein Haus verließ, konnte er zu Fuß binnen weniger Minuten dort sein. Ein Heimspiel, sozusagen.
Sein Gast nahm ein etwa postkartengroßes Farbfoto aus seiner - wie Cord sehen konnte, prallgefüllten – Brieftasche und reichte es über den Tisch. „Der Mann ist 52, Anwalt, unverheiratet, bulgarischer Staatsbürger, Nichtraucher, abstinent, keine Frauengeschichten, kein Spieler, seriöser als der Papst, weshalb wir ihn auch so nennen. Gehen Sie davon aus, dass der Mann keine Eigenschaften hat und völlig unscheinbar lebt. Er folgt einem Ziel und er macht dabei keine Fehler. Zumindest Sie werden keine feststellen.“
Der Mann auf dem Foto machte einen finsteren, verschlossenen Eindruck. Kein Wunder, wenn man sich vor Augen führte, ohne was er alles durchs Leben ging. Keine Weiber, kein Alkohol, keine Fußballwetten, nicht einmal hin und wieder ein Glimmstängel. Furchtbar!
„Wir kennen unseren Freund recht gut, und er wird sich im Laufe der nächsten zwei bis drei Tage mit einem anderen Mann treffen, den wir den Kardinal nennen wollen, und über den wir so gut wie nichts wissen. Das sollen Sie ändern. Folgen Sie dem Papst, er wird Sie zu dem Unbekannten führen, der höchstwahrscheinlich – aber nicht sicher - ein Schwarzafrikaner ist.“
„Klingt machbar“, sagte der Detektiv nachdenklich. „und das ist alles? Ihrem Mann hinterherhecheln, bis der sich mit jemandem trifft? Reichen Ihnen Fotos, oder soll ich von dem Treffen ein Video drehen? Oder etwa einen Lauschangriff starten? Und wo soll das Ganze überhaupt stattfinden?“
„Fotos mit Datum und Uhrzeit genügen uns, wo die beiden Männer sich treffen werden, wissen wir nicht.“
„Und wenn er auf seinem Hotelzimmer bleibt und sein Treffen dorthin verlegt? Dann sind mir die Hände gebunden, denn da komme ich nicht rein.“
„Das wird er nicht tun. Er lässt seine Geschäftspartner gerne bis zum letzten Moment darüber im Unklaren, wo er wann anzutreffen ist. Er ist nicht nur ein Ordnungs- sondern auch ein Sicherheitsfanatiker.“
„Sie sagten gerade wir. Sie sind nicht allein?“
„Das geht Sie nichts an. Wenn Sie interessiert sind, stellen Sie keine Fragen. Ich bin Ihr einziger Ansprechpartner und sage Ihnen, was Sie wissen müssen.“
Damit konnte man leben. „Was werde ich denn zu sehen bekommen? Ein Duell im Morgengrauen?“ Er lächelte, aber sein Gegenüber erwiderte das Lächeln nicht. Er hatte seit seiner Ankunft noch kein einziges Mal seinen Gesichtsausdruck geändert, als hätte ihm jemand seine kühle, kontrollierte Miene ins Gesicht geklebt. Ein unangenehmer Zeitgenosse, zusammen mit der totenbleichen Haut beinahe unheimlich, wobei er für seine Krankheit natürlich nichts konnte.
„Es wird eine Übergabe stattfinden, vermutlich wird ein Aktenkoffer oder ein anderer Behälter überreicht werden. Der Bulgare wird ihn entgegennehmen und mit ins Hotel nehmen. Was in dem Koffer ist, brauchen Sie nicht zu wissen, aber er ist wichtig. Wenn der Papst ohne den Koffer zurückkommt, ist etwas schief gelaufen, und das sollten wir sofort von Ihnen erfahren, klar?“
„Sonnenklar.“ Der Amerikaner reichte ihm eine Visitenkarte mit zwei Handynummern.
Es war Zeit, über das Honorar zu reden. „Ich werde einen Mitarbeiter brauchen, der die…“
„Es interessiert uns nicht, wie Sie Ihr Handwerk ausüben, und wir sind großzügig, was Ihre Entlohnung angeht. Dreitausend vorab, weitere dreitausend nach erfolgreicher Beendigung Ihrer Tätigkeit. Wir brauchen weder einen schriftlichen Vertrag, noch eine Rechnung, die über Ihre Bücher laufen würde. Im Gegenteil, wir empfehlen Ihnen ausdrücklich, diesen Auftrag nirgendwo schriftlich zu fixieren. Bin ich deutlich genug?“
Cord rutschte unruhig auf seinem Bürostuhl hin und her, es schien gerade noch ein paar Grad wärmer geworden zu sein, als es das in seiner Wohnung ohnehin war. Sechstausend Euro Honorar in zwei Tagen? Für zwei oder drei Fotos? So etwas kam in Detektivgeschichten vor (oder bei Scheidungsanwälten, dachte er säuerlich), aber nicht im richtigen Leben. Andererseits war er Detektiv, und dies war das richtige Leben, so what?
„Und das ist alles? Keine Haken, von denen ich wissen sollte? Keine versteckten Fouls?“
Sein Kunde zückte zum zweiten Mal seine Brieftasche und begann damit, Hundert-Euro-Scheine abzuzählen. „Das ist alles. Easy money, wie wir zuhause sagen.“
„Wie erhalte ich den Rest des Geldes? Nicht, dass ich Ihnen nicht trauen würde…“. Er traute grundsätzlich nicht vielen seiner Kunden, aber dem Albino, der ihm gegenüber saß, traute er nicht einmal bis zur Wohnungstür.
„Ich habe Ihnen einen vordatierten Barscheck ausgestellt, den sie in frühestens drei Tagen einlösen können. Erledigen Sie Ihren Job, dann war es das, und wir brauchen uns kein weiteres Mal zu sehen. Tun Sie es nicht, sperre ich den Scheck und komme in Begleitung wieder, um mir die Anzahlung zurückzuholen. Und das würde Ihnen nicht gefallen.“
Er sagte es beiläufig, aber die Temperatur fiel mit einem Mal wieder um ein paar Grad.
„Ich hoffe, ich war auch präzise genug in Bezug auf die Fotos. Wir brauchen auf diesen nicht die Schuhe, den Rücken oder das Seitenprofil dieses Mannes. Wir wollen wissen, wer dieser Mann ist, und das können wir nur mit einem Porträtfoto in digitalem Format herausfinden. Zoomen Sie ihn nah genug heran, ohne dass die Aufnahmen unscharf werden. Machen Sie mehrere Aufnahmen von seiner Visage und verschwinden Sie möglichst ungesehen wieder. Den Chip nehmen Sie aus der Kamera und bringen ihn zur Post. Hier ist die Postfachadresse. Ich erwarte die Aufnahmen spätestens am Freitagmorgen um neun Uhr, ja? Keine Spielverzögerungen oder lahme Ausreden bitte, sonst können Sie den Scheck zerreißen.“
Cord hatte im Stillen mitgezählt, als der Amerikaner (oder Kanadier) ihm die Anzahlung auf den Tisch blätterte. Er nahm den kleinen Stapel Geldscheine an sich und hielt einen der Hunderter gegen das Licht. „Nichts für ungut, das mache ich immer so, selbst bei meiner Mutter.“
Kein Lächeln, kein Kommentar, der Kunde stand auf und machte Anstalten zu gehen. Cord begleitete ihn zur Wohnungstür und verabschiedete sich von dem seltsamen Mann. Wieder kein Händedruck, der Albino hatte panische Angst vor Krankheitserregern, oder er war einfach nur ungehobelt. „Rufen Sie mich heute Abend gegen zehn Uhr zum ersten Mal an, danach alle zwölf Stunden. Bis dann!“
Cord lauschte dem Aufzug hinterher, bis der Mann unten war, hörte schwach die Haustür ins Schloss fallen und ging zurück in sein Arbeitszimmer.
Was für ein verwirrender Plot! Ein bulgarischer Papst, ein afrikanischer Kardinal, ein amerikanischer Albino, ein paar Fotos und sechstausend Euro Honorar!
Tage wie den heutigen gab es höchst selten in der noch jungen Geschichte seiner Detektei.
Er musste seinen Mitarbeiter erreichen und hoffte, dass dieser gerade nüchtern war. Die Chancen standen fünfzig zu fünfzig, später am Nachmittag wäre die Wahrscheinlichkeit erheblich geringer.
5 Wien, Österreich
Im Hotel Park Hyatt Vienna, im Zentrum von Wien, saß der in seiner Branche wohlbekannte Jan Simak auf seinem King-Size-Bett und telefonierte. Das Smartphone in seiner Hand war sein Arbeitsplatz, seine Waffe und sein Elixier.
Sein neuester Coup war selbst für seine Verhältnisse heikel, aber in einer Welt, in der Heckler & Koch tausende Maschinenpistolen in Krisenregionen Mexikos lieferte und auch Sig Sauer Handelsbeschränkungen unterlief und seine Pistolen nach Kolumbien verschob (wo keiner wusste, in wessen Händen sie letztendlich landeten), konnte man sich als Waffenhändler auf dem grauen Markt auch einmal ein bisschen weiter aus dem Fenster lehnen. Und das hatte er diesmal gründlich getan.
Waffen, größtenteils aus dem Arsenal ehemaliger Ostblockländer und jetzt unabhängiger Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die eigentlich verschrottet und entsorgt werden sollten, würden zu Spitzenpreisen in den Osten der Demokratischen Republik Kongo gehen, wo – im Grenzgebiet zu Ruanda und Burundi – ein neuer Warlord sich für den Angriff auf die mehr als zweitausend Kilometer entfernte Hauptstadt Kinshasa bereit machte. Jan Simak hatte schon einen seiner Vorgänger bedient und kannte sich mit den dortigen Verhältnissen bestens aus. Der Schiffstransport würde in der Nähe von Matadi, einer Hafenstadt in der Kongo-Mündung, enden, und die Ware sollte von dort aus mit Lastwagen in vorbereitete Depots gebracht werden, von denen aus die Rebellen die Hauptstadt angreifen wollten.
Das Schiff, mit dem ersten Teil der brisanten Fracht, war bereits gestern aus dem neuen Hafen von Konstanza in Rumänien ausgelaufen, mit fünftausend halbautomatischen Pistolen und dreißig alten Mörsern sowie einigen hundert Mörsergranaten, die noch aus alten Beständen Ceausescus stammten, und die lange Zeit eingemottet worden waren, weil niemand sie mehr haben wollte. Schließlich wurde die Armee seit dem Beitritt des Landes zur NATO 2004 nach und nach auf den neuesten Stand der Technik gebracht, und deshalb brauchte heute niemand mehr diesen besseren Ausschuss. Offiziell war derlei Material zur Vernichtung freigegeben, aber selbst das verursachte Kosten für Transport, Zwischenlagerung und Überwachung, die niemand tragen wollte.
Das eigentliche Geschäft machte er mit gut dreißigtausend Sturmgewehren der Marke Kalaschnikow samt anderthalb Millionen Schuss Munition, die der Frachter heute Nacht im bulgarischen Varna an Bord nehmen sollte.
Die Sowjets hatten während des kalten Krieges nur so um sich geworfen mit Lizenzen für den Nachbau dieser als AK 47 berühmt gewordenen Waffe; beinahe jedes der Partnerländer des Warschauer Paktes durfte seine eigene Version des Sturmgewehres bauen, und die meisten Länder taten dies auch, für den Eigenbedarf wie auch gelegentlich für den Export in befreundete Staaten.
In Bulgarien war nahe der Stadt Plovdiv schon in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ein Werk aus dem Boden gestampft worden, das bis 1989 jährlich etwa hundertfünfzigtausend Gewehre dieses Typs herstellte.
Dann kam es beim Umbau einer Produktionsstraße im März 1984 zu einem fatalen Fehler bei der Kalibrierung des an sich einfach herzustellenden Laufes der Waffe, und fortan liefen etwa sechs Wochen lang zwölf Stunden am Tag Gewehre vom Band, die nie die Qualitätskontrolle hätten passieren dürfen, die es aber doch taten. Diese Waffen überschritten den Streubereich der abgefeuerten Munition um mehrere Prozent, was dazu führte, dass auf fünfzehn Metern Distanz eine Kugel um etwa eine Handbreit ihr Ziel verfehlte. Mit so etwas konnte man nicht in den Krieg ziehen, außer, man war arm, schwarz und hatte keine Möglichkeit, den legalen Rüstungsmarkt zu nutzen.
Peinlich war, dass die Hälfte der gesamten Charge bereits an die Armee ausgeliefert worden war und nun zurückgerufen werden musste. Man schaffte also das ganze Zeug in eine eilends freigeräumte Lagerhalle (die Munition, die ursprünglich von einem anderen Kombinat angeliefert worden war – vielleicht aus Aberglauben – gleich mit), machte das Licht aus, sperrte das Rolltor ab und vergaß das Ganze einfach. Und zwar so lange, bis ein hochrangiger amerikanischer Politiker, der privat in Geldnöten steckte, auf die glorreiche Idee kam, das Zeug an einen afrikanischen Revoluzzer zu verhökern. Diesen Deal abzuwickeln lag jetzt bei dem umtriebigen und in der schattenhaften Welt des illegalen Waffenhandels erfahrenen und bestens vernetzten Jan Simak.
Ein Mann, den sie beinahe ehrfürchtig den Papst nannten, hatte letztlich den Türöffner für ihn gespielt. Er hatte all die Beamten der mittleren Ebene in der rumänischen und bulgarischen Administration gründlich „bearbeitet“, hatte hier ein wenig bestochen, dort ein bisschen erpresst, oder gelegentlich auch ein paar Gefälligkeiten erwiesen, alles so, wie es ihm am schnellsten und besten weiterhalf. Ohne seine Dienste wäre das Frachtschiff mit der brisanten Ladung heute nicht unterwegs in Richtung Atlantik.
Ab Varna und bis mindestens zur Straße von Gibraltar war diese Fahrt eine brandgefährliche Angelegenheit. Der Frachter hatte zwar zweitausend Tonnen Stickstoffdünger für Namibia gebunkert, aber sollten nach dem Zuladen der Waffen und vor dem Erreichen des offenen Atlantiks entweder der Zoll oder andere mit Schmuggel befasste Behörden an Bord gehen und seine Ladung genauer inspizieren, dann käme der Kapitän in arge Erklärungsnot.
Simak erwartete noch heute Abend die Bestätigung des Papstes, dass die zehnprozentige Anzahlung für diesen Deal, wie verabredet, in Frankfurt am Main übergeben worden war. Danach konnte er in Annapolis unweit von Washington anrufen und die Zahlung vermelden. Neue, sicherere Frachtpapiere würden ab Syrakus auf Sizilien bereitliegen, voll mit bunten Stempeln des amerikanischen Außenhandelsministeriums, welches die Ladung für unbedenklich erklärte, weil die Waffen angeblich für das Militär von Südafrika, einem Verbündeten der NATO, bestimmt waren.
Seine amerikanischen Partner erhielten diese Provision, und Jan Simak, der übergewichtige, kleine, geniale Waffenschieber ohne Religionsbekenntnis, kinderlos und mit vier geschiedenen Ehen, würde dreißig Prozent der sechzig Millionen US-Dollar einstreichen, die das Geschäft abwarf. Und mit dieser Kleinigkeit in der Tasche konnte er künftig beruflich kürzer treten und als wohlhabender Mann seinen Hobbys nachgehen.
Der Amerikaner rief an und klagte wieder darüber, dass sein Partner ihm mit seinen Geldproblemen in den Ohren liege. Sie beide wollten wissen, wann mit ihrem Anteil zu rechnen sei; Simak wisse hoffentlich, dass ihr Beitrag zu diesem Geschäft essentiell sei.
„Nein, er hat keine Spielschulden, die Sache ist viel delikater. Er ist ohne Hose an einem Ort erwischt worden, wo man sich besser nicht sehen lässt. Jemand hat ihm das Messer an die Kehle gesetzt, und wenn er nicht zahlt, ist er so gut wie erledigt. Ich selbst habe ihm schon so viel Geld geliehen, dass es anfängt wehzutun, aber er braucht noch eine ganze Menge mehr, um seine Probleme zu lösen.“
„Shit, kann er uns irgendwie die Suppe versalzen, wenn er die Nerven verliert?“
„Das befürchte ich allerdings. Wie lange also noch?“
Der Dealer hielt sich bedeckt. Die Anzahlung von zehn Prozent sollte heute von einem Gesandten seines afrikanischen Kunden überreicht werden. Irgendwo in Frankfurt am Main. Der Geldkoffer würde weitergereicht werden, an einen hochrangigen Angestellten des dortigen US-Generalkonsulats, und von da aus ungeöffnet und mit Diplomatenpost nach Washington gebracht werden. Der Bote hatte offenbar noch eine Freundesschuld zu begleichen.
Soweit zur Planung; Simak war beunruhigt, denn er hätte schon längst den Anruf des Papstes erhalten sollen, in dem ihm dieser bestätigen sollte, dass die Übergabe geglückt war; und er konnte in Frankfurt niemanden erreichen. Das verschwieg er dem nervösen Amerikaner. Wozu auch die Pferde scheu machen?
„Vier Tage, wenn alles glatt geht. Beten Sie besser ein wenig mehr bis dahin. Ich melde mich, wenn es konkret ist. Ciao bello!“
6 Frankfurt am Main
Es fing holprig an, sah danach eine Zeitlang wie ein sommerlicher Spaziergang aus - und endete in einem Debakel erster Klasse.
Sein Mitarbeiter Twistie, ein in Deutschland gestrandeter irischer Kunstmaler, der wahrscheinlich nie von seiner Hände Arbeit würde leben können, sollte das Hotel, in dem der Bulgare abgestiegen war, nachts im Auge behalten. Sie wechselten sich gezwungenermaßen in Zwölf-Stunden-Schichten ab. Die Übergabe konnte am helllichten Tag stattfinden, irgendwo auf einem öffentlichen Platz, aber ebenso gut auch morgens um drei in einer finsteren Gasse oder im Hinterzimmer eines Nachtclubs. Sie mussten eine Menge Glück haben, denn für die lückenlose Überwachung eines erfahrenen Objektes brauchte man ein Dutzend Leute und eine gehörige logistische Unterstützung.
Sie waren zu zweit!
Der Papst hatte am ersten Tag das Hotel nicht verlassen, und der verrückte Ire und er hatten bereits begonnen darüber zu spekulieren, ob die ganze Sache abgeblasen worden sei, oder dass sie vielleicht doch im Hotel stattgefunden hatte. Für Cord wäre das in Ordnung gewesen, selbst wenn der Scheck dann platzen würde. Die Anzahlung entschädigte mehr als genug für die bisherige Arbeit, und der Albino konnte ihm keinen Vorwurf machen, wenn der Papst sich nicht blicken ließ.
*
Am nächsten Morgen gegen halb zehn – er war bei der zweiten Tasse Kaffee – summte Cords Handy; der Ire schrie aufgeregt: „Er steht an der Rezeption und kommt wahrscheinlich gleich raus! Dunkle Jeans, weißes Hemd, ein kleiner grauer Rucksack!“
„Geh‘ zu ihm hin, wenn er rauskommt; halte ihn auf, ich bin unterwegs und in drei Minuten da. Was? Egal wie, schnorre ihn um eine Kippe an, erzähle ihm von deinen Malkünsten. Bring deine Oma ins Spiel, die eine neue Hüfte braucht. Halt ihn fest, irgendwie!“
Er griff nach seiner teuren Spiegelreflexkamera, rannte – ohne auf den Lift zu warten - die Treppen hinunter, spurtete die ersten hundert Meter, konnte aber bald in einen leichten Trab verfallen, weil er Twistie mit dem Papst im Eingangsbereich des Hotels stehen und wild gestikulieren sah.
Geschafft, er konnte den Mann übernehmen!
Der riss sich gerade von seinem Peiniger los und stapfte sichtlich erbost in Richtung der nahegelegenen U-Bahnstation davon. Als Cord den Iren passierte, rief der ihm feixend zu: „Zehn Euro für das Gebiss meines Opas waren ihm zu viel, aber er hat mir drei gegeben. Er gehört jetzt dir, ich gehe nach Hause und lege mich schlafen.“
Die Station lag unweit des Messegeländes und die Bahnen fuhren von dort aus quer durchs Zentrum bis zum Zoologischen Garten.
Cord sah, wie der Bulgare auf den Eingang zuhielt, am Automaten eine Fahrkarte zog und sich die Treppe hinab zum Bahnsteig begab. Er schien sich nicht darum zu sorgen, ob er beschattet oder verfolgt wurde, denn er blickte sich in den paar Minuten bis zum Eintreffen des nächsten Zuges nicht ein einziges Mal um.
Die U-Bahn fuhr ein und Cord betrat das halbleere Abteil (der morgendliche Berufsverkehr war bereits durch) als letzter Fahrgast, setzte sich so weit abseits wie möglich und gab vor, sich mit seinem Smartphone zu beschäftigen. Dabei behielt er den Bulgaren im Auge; dieser saß mit geschlossenen Augen auf seinem Platz und hatte den grauen Rucksack neben sich gestellt. Der Zug hielt, Leute stiegen aus und ein, und Cord vermutete allmählich, dass sie bis zur Endhaltestelle fahren würden.
Und er irrte sich nicht, kurz vor Erreichen der Station „Zoo“ stand der Bulgare auf und strebte nach dem Anhalten des Zuges dem Ausgang in Richtung des beliebten Tierparks entgegen.
Cord folgte ihm mit einigem Abstand. Falls der Papst seinen Kontakt im Löwenhaus oder im Nachtterrarium treffen würde, wäre das fatal, denn dort würde Cord bemerkt werden, wenn er Fotos zu machen versuchte; ohne Blitzlicht war dort nichts auszurichten.
Sie traten ins Freie und der Bulgare lenkte seine Schritte zur Kasse und kaufte eine Eintrittskarte. Cord brauchte kein Ticket, er besaß eine Jahreskarte, ein zuletzt nutzlos gewordenes Relikt aus der Zeit, als er noch zwei Kinder hatte.
Der Mann verstaute das Ticket und nahm seinen Rucksack wieder auf. Cord ließ ein paar Sekunden verstreichen und passierte dann ebenfalls das Drehkreuz am Eingang. Er sah den Mann die Toiletten ansteuern, und geriet kurzeitig in Panik; dort drinnen zu fotografieren wäre ebenfalls unmöglich. Er wartete nervös darauf, dass der Bulgare wieder herauskam.
Auch um diese frühe Stunde war es schon heiß und stickig, für den Nachmittag wurden Temperaturen von über fünfunddreißig Grad erwartet, und es war kein Ende der Hitzewelle in Sicht. Seit Tagen wurden Gewitter vorhergesagt, die dann aber nicht stattfanden - zumindest nicht hier, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Cord klebte schon nach ein paar Schritten sein schweißnasses Hemd am Rücken.
Nach endlos scheinenden fünf Minuten erschien der Papst wieder und schien sich kurzzeitig orientieren zu müssen. Cord atmete auf und folgte im Abstand von weniger als dreißig Metern. Der Mann schien keine Eile zu haben, er schlenderte gemächlich umher und gab vor, sich die Tiere anzusehen, die sich hier und da in den Außengehegen zeigten.
Als sie zu den Giraffen kamen, die in der prallen Vormittagssonne standen, bemerkte der Detektiv einen Mann, einen Schwarzen, der eine dunkelblaue Hose, ein hellblaues Hemd und eine modische Sonnenbrille trug.
Der Mann hatte einen schwarzen Aktenkoffer, in dem eine ganze Menge Akten Platz haben musste, zwischen seine Füße gestellt und schien auf jemanden oder etwas zu warten. Cords Anspannung stieg.
Als der Bulgare sich ihm näherte, nahm der Mann die Sonnenbrille ab; der Papst hielt abrupt an und sprach ihn an, worauf der Schwarze etwas erwiderte; beides konnte Cord aufgrund der Entfernung nicht verstehen, aber das war auch nicht sein Job. Immerhin musste der Mann der angekündigte Kardinal sein.
Cord griff nach seiner Kamera, spielte am Zoom und gab vor, eine der Giraffen ins Visier zu nehmen. Es galt nun, den Augenblick abzupassen, der ihm die Gelegenheit zum Schießen der verlangten Fotos bot.
Aber dann war die Gelegenheit wieder vorbei, denn die beiden Männer bewegten sich jetzt in den hinteren Teil des Parks, wo es ein paar schattige Flecken und einige Holzbänke gab. Der Schwarze war nervöser als der Papst, er drehte sich alle paar Schritte um und schien das Gelände nach Verdächtigem abzusuchen.
Sie unterhielten sich gestenreich, und der Bulgare hatte ein Notebook aus seinem Rucksack genommen, startete es und zeigte dem anderen Mann offenbar etwas von dessen Interesse. Dieser schien Fragen zu stellen, deren Beantwortung ihn nicht zufriedenstellte. Immer wieder zeigte er auf den Bildschirm, zückte zuletzt entnervt sein Smartphone und begann, einzelne Seiten abzufotografieren, was eine volle Minute in Anspruch nahm.
Endlich schien er einverstanden zu sein mit dem, was er gesehen hatte, und er bückte sich, um dem Bulgaren den Koffer zu überreichen.
Zum Unmut des Detektives, der immer noch auf seinen Schnappschuss wartete, bewegte sich jetzt eine Schulklasse auf diese Ecke des Zoos zu, und binnen kurzer Zeit hatten sich die Kinder zwischen ihn und die beiden Männer gedrängt. Ihre Lehrerin holte aus zu einem Vortrag, während sie einen Halbkreis um sie bildeten.
Cord musste sich hinter die Gruppe manövrieren, um an seinen Objekten dranzubleiben. Als er wieder freie Sicht hatte, erhoben sich die beiden Männer gerade und wollten offenbar gehen. Cord war viel zu nahe dran, um unbemerkt fotografieren zu können.
Und plötzlich brach die Hölle los!
Schüsse fielen, drei, vier, vielleicht mehr, und aus höchstens fünfzig Metern Entfernung abgefeuert. Die Lehrerin schrie auf, und Cord konnte sehen, wie der Kardinal in die Knie ging, während ein Schwall Blut aus seiner Kehle schoss. Danach war Cord der Blick durch einige der in Panik geratenen Kinder versperrt. Instinktiv rannte er los und drängte sich zwischen den schreienden Schülern hindurch, um zu der Stelle zu gelangen, wo die beiden Männer eben noch gestanden hatten.
Den Bulgaren hatten zwei Schüsse in den Rücken niedergestreckt, der Afrikaner war im Genick getroffen worden, wobei die Kugel am Hals wieder ausgetreten war; ein zweiter Schuss war nicht nötig gewesen. Beide rührten sich nicht mehr, auch der Papst war höchstwahrscheinlich tot; Koffer und Notebook lagen zwischen den beiden Ermordeten, der Koffer war blutverschmiert.
Ohne zu wissen, was er tat, hob er die beiden Gegenstände auf und rannte in Richtung Ausgang. Dass diese impulsive Entscheidung den Schlusspunkt des Lebens bedeutete, welches er kannte, sollte ihm im Laufe der nächsten Stunden noch dämmern.
Er rannte tief gebückt los, denn irgendwo musste der Heckenschütze sein, und Cord wusste nicht, ob die Schüsse nicht auch ihm gegolten hatten. Er musste es annehmen.
Er erreichte das Drehkreuz am Ausgang, wo sich seine noch geöffnete Kameratasche verfing und seine teure Kamera auf den Beton aufschlug, wobei mehrere Splitter abbrachen. Weil sie ohnehin seine Bewegungsfreiheit einschränkte, ließ er sie zurück. Er konnte vielleicht später nach ihr sehen, wenn dieses Chaos vorbei war.
Cord zwängte sich mitsamt seines neuen Gepäcks nach draußen und rannte weiter in Richtung Zentrum, bis seine Lungenflügel sich anfühlten, als ob sie in Flammen stünden. Unterwegs drehte er sich ein paarmal um, und erst, als er mehr als hundert Meter zurückgelegt hatte, sah er, wie zwei Männer ebenfalls den Zoo verließen und es offenbar ebenso eilig hatten wie er. Vor ihm lag eine große Einkaufsstraße, und wenn er es bis dorthin schaffte, wäre er zunächst einmal sicher, denn er würde in eine große Menschenmenge eintauchen und sich unsichtbar machen können. Dort angelangt verlangsamte er sein Tempo und versuchte eine vernünftige Entscheidung darüber zu treffen, was er als Nächstes zu tun hatte.
Er passierte den Eingang eines Kinocenters, kehrte um und kaufte eine Eintrittskarte für einen Abenteuerfilm, der in den nächsten Minuten beginnen sollte.
Drinnen im Saal war es angenehm kühl und beinahe dunkel, der Vorfilm lief schon, als er sich vor eine Gruppe von Jugendlichen setzte, die ihn dem oberflächlichen Blick möglicher Verfolger entziehen würde. Sein Herz schlug bis hinauf in die Schläfen, er zitterte am ganzen Leib und beruhigte sich erst dann ein wenig, als der Hauptfilm begonnen hatte, ohne dass noch jemand den Saal betreten hatte.
Er hatte sie offenbar abgeschüttelt, auch wenn er nicht darauf wetten würde. Waren es Profis? Die tödliche Präzision der Schüsse legte es nahe, die stümperhafte Verfolgung sprach dagegen.
Nach einer halben Stunde schlich er sich aus der Vorstellung und verließ das Kino, wobei er zunächst ein paar Schritte in die eine Richtung ging, dann stehen blieb und so tat, als habe er etwas vergessen, während er über den breiten Strom der Fußgänger blickte, um zu sehen, ob ihm jemand auffiel. Das war nicht der Fall.
Würden sie zuhause auf ihn warten? Kannten sie seine Identität und seine Adresse? Er hatte keine Ahnung, konnte es aber nicht ausschließen. Schließlich wusste der Albino, wo er zu finden war. Es war also besser, nicht sofort nach Hause zu gehen, sondern vorher ein wenig Zeit verstreichen zu lassen. Er kannte eine Kneipe in einem Gässchen, das parallel zu dieser Straße verlief. Es waren kaum mehr als fünf Minuten Fußweg dorthin.
Das Lokal war im vorderen Teil gut belegt, ein paar Rentner nahmen ihr flüssiges Frühstück am Tresen ein und würfelten lautstark um die Rechnung. Aber im Hintergrund des Schankraumes, der in gnädiges Schummerlicht getaucht war, saß er beinahe für sich allein. Er stellte den Koffer und das Notebook ab, und als die Kellnerin kam, bestellte er ein großes Glas Bier und einen doppelten Wodka, denn er brauchte etwas zur Beruhigung seiner gemarterten Nerven.
Was um alles in der Welt hatte ihn geritten?
Er hatte einen klaren Auftrag gehabt: „Machen Sie ein paar brauchbare Fotos vom Kardinal, wenn dieser sich mit dem Papst trifft!“ Präziser konnte eine Jobausschreibung nicht formuliert werden.
Es waren keine Extraleistungen vereinbart worden. Er hatte völlig ohne Not Kopf und Kragen riskiert, um etwas an sich zu bringen, das ihm nicht gehörte und das ihn auch nichts anging.
Nach dem zweiten Bier war er soweit, sich des Aktenkoffers anzunehmen, der zwar ein Zahlenschloss besaß, aber unverschlossen war. Sein Besitzer hatte keine Zeit mehr gehabt, ihn abzuschließen.
Neugier ist der Katze Tod!
Er stellte ihn vor sich auf den Tisch, ignorierte das inzwischen geronnene Blut, klappte ihn auf und erstarrte. Seine Kopfhaut kribbelte mit einem Mal, die Härchen auf seinem Unterarm stellten sich steil auf. Er schluckte trocken.
Das Erste, was er sah, war Geld, viel Geld; Geld in mindestens drei Währungen, die großen Scheine jeweils gebündelt zu dicken Paketen. Er konnte kaum abschätzen, um wie viel es sich handelte, aber es mussten zigtausende Euro, Dollar und Schweizer Franken sein. Mehr, als er je auf einem Haufen gesehen hatte.
Er wandte sich den Papieren zu, die in zwei dicken Stapeln den Großteil des Kofferinhalts ausmachten. Auf den ersten Dokumenten sah er den Betrag von zehntausend US-Dollar aufgedruckt, das Papier war von einer bekannten amerikanischen Bank ausgegeben worden und durfte – wenn er den Sinn des Aufdrucks richtig deutete – in jeder Filiale des betreffenden Institutes eingelöst werden. Diese Dokumente trugen keinen Inhabernamen, wer sie vorlegte, galt als ihr Besitzer.
Er zählte die obersten fünfzig Papiere des ersten Stapels ab und schätzte, dass der ganze Stapel etwa dreihundert Blatt stark war. Er schwitzte jetzt wieder.
Nachdem er ein weiteres Bier bestellt und erhalten hatte, überprüfte er den zweiten Packen; die ausgebende Bank war eine andere, die Wertpapiere aber offenbar gleicher oder ähnlicher Natur.
Er nahm einen Schluck von seinem Glas und flüsterte heiser: „Sechshundert mal zehntausend Dollar. Es sind verdammte sechs Millionen Dollar.“
Was zum Teufel hatte er getan!?
7 Frankfurt am Main
Die Verfolger kamen keuchend zum Stehen und blickten sich um. Von ihrem Mann war nichts mehr zu sehen im Gedränge der vollen Fußgängerzone, und er konnte inzwischen überall sein. „Wer sagt es dem Meister? Ich habe eine Höllenangst.“
„Was soll er schon machen? Es war nicht unsere Schuld. Wir hätten einfach mehr Leute vor Ort haben müssen, das habe ich doch von Anfang an gesagt. Gib her.“
Er nahm seinem Begleiter das Handy ab und wählte eine Nummer aus dessen Wahlspeicher. Nach dem zweiten Klingelton wurde abgenommen. Ein barsches Ja ertönte am anderen Ende.
„Es gibt ein Problem, Chef.“
„Ich mag keine Probleme. Was ist passiert?“
„Jemand hat in die Operation eingegriffen, und der Kerl hat den Geldkoffer und das Notebook des Bulgaren mitgehen lassen. Wir kannten ja den Treffpunkt und hatten auch rechtzeitig Stellung bezogen, etwa fünfzig Meter entfernt von der Stelle. Und dann war da plötzlich dieser Kerl, der dem Bulgaren gefolgt sein musste.“
„Das kann nur der Detektiv gewesen sein, den dieser blöde Albino ohne jede Not eingeschaltet hat, wahrscheinlich, um einen Beweis der Übergabe in die Hände zu bekommen. Wir haben jemanden an seine Fersen geheftet, wissen aber nicht zuverlässig, was der Zweck des Auftrags war, den er diesem Schnüffler gegeben hat. Es wussten nur Wenige etwas von diesem Treffen. Warum habt ihr ihn nicht auch abserviert?“
„Wir haben die Beiden erledigt, wie Sie es befohlen hatten. Von einem dritten Mann war nicht die Rede. Als wir uns dann vergewissern wollten, dass sie auch wirklich tot waren, und uns den Koffer und den Laptop holen wollten, war plötzlich der Teufel los. Eine Horde von Kindern, die durch die Schüsse in Panik gerieten, versperrte uns für eine ganze Weile die Sicht. Wir waren einfach zu weit weg. Als Bert sein Gewehr endlich wieder auseinandergebaut und verstaut hatte, und wir schließlich zu der Stelle kamen, waren Koffer und Computer nicht mehr da, und man hörte schon die Bullen anrücken. Wir sahen den Kerl noch wegsprinten, rannten, was wir konnten, aber irgendwo im Gewühl einer Einkaufsstraße haben wir ihn verloren. Er war spurlos verschwunden.“
„Ihr seid Idioten! Unser ganze Plan funktioniert nur mit dem Geld und den Dokumenten auf dem Rechner des Bulgaren.“
„Chef“, jammerte der Kleinere der beiden Attentäter, „wir hatten keine dritte Person auf unserer Rechnung. Einen geeigneten Platz ausfindig machen, auf die Übergabe warten, beide Kerle umnieten, das war unser Auftrag.“
„Okay, wir müssen das Beste aus diesem Schlamassel machen. Ich rufe den Albino an. Geht aus der Leitung und ruft in fünf Minuten nochmal an!“
Und wenige Minuten später: „Der Mann heißt Hennings und wohnt in der Gräfstraße in Bockenheim, in direkter Nachbarschaft zur alten Universität; Hausnummer 47, vierter Stock. Fahrt hin, findet ihn. Holt euch das Zeug zurück, das er gestohlen hat. Macht ihn fertig, wenn ihr es habt. Wenn nicht, sucht euch besser ein schattiges Grab aus, denn wenn diese Geschichte schief geht, ist euer Leben nicht mehr viel wert. Dafür werden unsere amerikanischen Freunde sorgen.“
Mit stockendem Atem hörte der Killer zu, er versuchte zweimal, seinen Boss zu unterbrechen, aber ohne Erfolg.
„Es gibt eine Kneipe direkt neben seinem Haus; man kann dort draußen auf Bänken sitzen und hat den Eingang direkt vor der Nase. Wenn er in einer Stunde nicht da ist, verschafft euch Zugang zu seiner Wohnung. Stellt alles auf den Kopf und sucht nach Informationen über seinen Umgang. Er wohnt alleine, aber er hat eine Ex-Frau und zwei Kinder. Versucht herauszufinden, wo die sind. Schaut nach Freunden aus, nach einer Geliebten, der Sekretärin, was auch immer. Er muss irgendwo hingehen. Meldet euch sofort, wenn etwas passiert. Vermasselt es kein zweites Mal.“
Das Gespräch wurde beendet und die beiden Männer blickten sich konsterniert an. „Dann wollen wir mal.“ Es klang eindeutig ängstlich, obwohl sie dies sicherlich empört abgestritten hätten.
*
Wassermann: „Können wir diese Exekution noch stoppen?“
Schütze: „Zu spät. Sie hat vor mehr als zwei Stunden stattgefunden.“
Löwe: „Warum fragst du danach, Wassermann?“
Wassermann: „Wir hätten unseren Mann auch anders gekriegt. Unsere Leute haben endlich herausgefunden, was ihn umtreibt. Um ihn unter Druck zu setzen, hätten wir diese grenzdebilen Armleuchter, die sich unseren Deutschen Arm nennen, gar nicht gebraucht.“
Löwe: „Und, dann erzähl doch mal!“
Wassermann: „Dieser Bursche steht auf kleine braune Mädchen – und nicht nur das; er hat sich dabei fotografieren lassen, während er dieser höchst fragwürdigen Neigung nachging. Die Frau, die im Besitz dieser Fotos ist, ist eine unserer Hackerinnen, und sie hat ihn in aller Seelenruhe ausgeplündert, während wir uns den Kopf darüber zerbrachen, wozu er das viele Geld braucht.“
Steinbock: „Dann wäre unsere Operation in Deutschland gar nicht nötig gewesen, weil jemand aus unseren Reihen in die eigene Tasche gewirtschaftet hat, anstatt uns zu sagen, was Sache ist?“
Wassermann: „Richtig, und sie hat dadurch die ganze Sache erheblich verkompliziert. Es hat eine Einmischung von dritter Seite gegeben. Ein deutscher Detektiv war vor Ort, und dieser Kerl ist mit dem Geld und dem Notebook des bulgarischen Vermittlers abgehauen, nachdem die Schüsse gefallen waren.
Ihr könnt euch denken, dass das auch für uns und unseren Mann im Weißen Haus gefährlich werden kann, je nachdem, welche Informationen auf diesem Rechner gespeichert sind.“
Löwe: „Unsere Freunde in Deutschland suchen nach dem Mann; wenn sie ihn haben, wird er erledigt. Das sollte kein Problem darstellen, er ist nur ein gewöhnlicher Amateur.“
Skorpion: „Hoffentlich. Wenn sie ihn kriegen, bevor er Unheil anrichtet, sind wir unserem Ziel einen guten Schritt näher.“
Wassermann: „Wir wissen nicht nur Bescheid über diese Erpressung, wir werden auch bald im Besitz dieser Fotos sein. Wir können die junge Dame mit entsprechendem Druck sicherlich dafür begeistern, sie uns zu überlassen. Die Ärmste wird in ein paar Tagen mit dem Gesicht nach unten auf dem Potomac in Richtung Atlantik treiben und keine Gelegenheit mehr haben, ihren ergaunerten Wohlstand zu genießen. Schade um die Frau, sie hatte uns bisher gute Dienste geleistet. Aber wir müssen sie natürlich ausschalten.
Dasselbe wird dem Albino geschehen, wenn er sich noch einmal hier blicken lässt. Wir müssen durchgreifen, sonst tanzen uns die Fußtruppen bald nur noch auf der Nase herum. Seine eigenmächtige Einmischung hat dieses Frankfurter Desaster erst möglich gemacht.“
Bedächtiges Schweigen herrschte in der Runde der zwölf alten, weißen Männer, die sich und ihre fanatischen Anhänger die „Besorgten Patrioten“ nannten; und jeder machte sich seine eigenen Gedanken, nachdem die kleine Videokonferenz geendet hatte und die Bildschirme erloschen waren.
Kapitel 2
1 Aspen, Colorado
Das Handy klingelte ihn wach, er hatte den Wecker in der vergangenen Nacht gestellt, um den Makler frühzeitig anzurufen. Es wäre zu schade gewesen, wenn ihnen jemand zuvorkam.
Lisa drehte sich noch einmal um, und Cord schlüpfte aus dem Bett, setzte Kaffee auf, ging ins Bad und duschte mit der gebotenen Vorsicht.
Der Kaffee war fertig und Lisa schien der Duft munter gemacht zu haben. Sie stand bei der Kaffeemaschine und war dabei, zwei Tassen zu füllen.
Sie rauchten eine Zigarette, schlürften das heiße, dünne Gebräu und machten Pläne.
„Wir werden einige Sachen brauchen, bevor wir heute dort oben ankommen. Aspen liegt fast zweieinhalbtausend Meter über dem Meeresspiegel, unsere Lodge sogar ein paar hundert Meter höher. So hoch im Gebirge kann es auch Anfang September schon richtig kalt werden.“
„Du hast Recht. Am besten suchen wir uns ein größeres Einkaufszentrum, in dem wir Klamotten, Vorräte und alles andere kriegen, was wir für diese Woche brauchen. Ich werde mehr Verbandszeug brauchen, Schmerztabletten für die Nächte - und das Fläschchen mit dem Jod ist auch schon fast leer.“
Sie bekamen die Lodge, obwohl der Makler spürbar befremdet war über die Dringlichkeit, die diese Angelegenheit offenbar hatte.
„Ich habe völlig unverhofft eine Woche Urlaub nehmen können“, sagte Cord. „Und da meine Lebensgefährtin furchtbar gerne im Gebirge wandert, haben wir uns über Nacht dafür entschieden, dass wir nach Colorado wollen. Es ist eine spontane Sache.“
Der Mann war offenbar zufrieden mit dieser Erklärung, denn er kam schnell zum geschäftlichen Teil des Gespräches. Cord gab ihm die Nummer seiner Kreditkarte (der zweiten von drei, die er besaß), und der Vorgang wurde bestätigt, noch während sie am Telefon miteinander sprachen.
„Der Verwalter heißt Denver… Was? Ja, das ist kein Witz, er heißt Denver und wohnt in Aspen. Bill Denver. Rufen Sie mich in etwa fünfzehn Minuten an, ich kläre das mit ihm ab. Wann wollen Sie denn dort eintreffen?“
„Am späten Nachmittag, wäre siebzehn Uhr für Sie in Ordnung?“
„Das sage ich Ihnen, wenn ich den Mann erreicht habe. Bis gleich dann. Fünfzehn Minuten.“
Lisa blickte ihn fragend an und er hob den Daumen. „Wenn der Verwalter mitspielt, sind wir schon beinahe dort.“ Sie lächelte, wühlte in ihrem Koffer nach einem frischen Slip und marschierte ins Bad. Er hörte, wie sie die Dusche andrehte und eine ihm unbekannte Melodie summte. Cohen vielleicht, dachte er, aber einer von den späteren Songs.
Er war erleichtert darüber, dass seine Kreditkarte noch nicht gesperrt worden war. Lisa hatte bei ihrem letzten Gang zur Bank eine hohe Summe auf das Kartenkonto eingezahlt, und der Verlust des Geldes würde sie spürbar treffen, wenn auch bei weitem nicht ruinieren. Aber sie wären zunehmend auf Bargeld angewiesen, wenn seine Karten nach und nach aufflogen; bei hohen Beträgen konnte das zu einem Problem werden.
Vielleicht waren ihre Verfolger doch nicht so allmächtig, wie er aufgrund der Geschehnisse der letzten Tage unterstellt hatte. Es würde sich herausstellen, sobald sie einmal mehrere Tage am selben Ort blieben. Er hoffte, dass ihre Lodge wirklich so professionell gesichert war, wie es die Beschreibung versprach.
„Geht klar, Sir!“ brüllte ihm der Makler ins Ohr. „Dieser Mister Denver war ein wenig verschnupft, weil er heute etwas anderes vorhatte, aber er wird heute zwischen siebzehn und achtzehn Uhr in der Hütte auf Sie warten. Sollte es bei Ihnen länger dauern, dann rufen Sie ihn bitte rechtzeitig an. Er wirkt zwar meistens etwas schlecht gelaunt, ist aber kein schlechter Kerl. Ich arbeite seit langem mit ihm zusammen, er betreut auch ein paar andere Objekte, die ich im Auftrag ihrer Besitzer vermiete.“
„Danke, wir werden uns Mühe geben, ihn nicht warten zu lassen. Geben Sie mir bitte seine Nummer.“
Geschafft!
Sie hatten einen Rückzugsort für eine volle Woche. Es würde ihnen fremd vorkommen, morgens aufzustehen und nicht sofort packen und weiterfahren zu müssen; sie würden sich stattdessen ein ausführliches Frühstück leisten können. Gute Ernährung fiel unterwegs immer als Erstes unter den Tisch, und ständige Angst war ein Appetitkiller.
Sie packten ihre Sachen, trugen sie zum Auto, und Cord fuhr die wenigen Meter zur Rezeption, wo er der Frau des Besitzers die Zimmerschlüssel zurückgab. Sie dankte ihm und wünschte ihnen gute Fahrt.
„Nächster Halt: Ein Walmart in Denver“, sagte er lächelnd zu Lisa, als sie den Highway erreichten und er den Kickdown betätigte. Seine Beifahrerin fand einen Sender, der aus irgendeinem Grund die größten Hits von Creedence Clearwater Revival spielte, die richtige Musik für die Straße. Und diese war heute Vormittag praktisch leer; dennoch ermahnte er sich, nie den Blick in den Rückspiegel zu vergessen.
Was sie taten, hatte Lisa vor ein paar Tagen sehr nüchtern als Fahren, Saufen und Ficken bezeichnet. Er hätte es vielleicht nicht ganz so krass ausgedrückt, aber im Großen und Ganzen hatte sie Recht; was sonst blieb ihnen denn auch zu tun in den Nächten, wenn ein strapaziöser Tag sie aufgewühlt hatte und sie in ständigem Alarmzustand waren; sie mussten abends schnellstmöglich abschalten, um am Morgen wieder reisetauglich zu sein. Alkohol und Sex halfen dabei, so einfach war das.
Einmal hielt sich eine graue Limousine eine ganze Zeitlang keine hundert Meter hinter ihnen, fiel nicht zurück, holte aber auch nicht auf. Cord spielte ein wenig mit dem Gaspedal, zog das Tempo bis auf neunzig Meilen die Stunde an, aber es änderte sich nichts. Er reduzierte die Geschwindigkeit auf unter siebzig Meilen, der Abstand blieb der gleiche, der Fahrer des anderen Wagens hatte es vielleicht auf sie abgesehen.
Kurz entschlossen verließ Cord die Interstate an der nächsten Ausfahrt und fuhr zu einer Tankstelle in einer halben Meile Entfernung. Niemand war mehr hinter ihnen.
Paranoia? Nein, aber höchste Vorsicht. Der Fahrer des anderen Wagens war vielleicht nur müde gewesen und hatte jemanden gebraucht, an dessen Stoßstange er sich hängen konnte. Aber ein Vielleicht war in ihrer Situation nicht befriedigend.
Er hatte sich beim Verlassen des Highways Farbe und Modell des Wagens gemerkt, und er würde sich im weiteren Verlauf der Fahrt nach ihm umschauen. Träfen sie ein zweites Mal auf ihn, wäre es wahrscheinlich kein Zufall mehr.
Sie tranken im Stehen einen Kaffee, kauften ein paar Dosen eines dieser gefährlich aussehenden blauen Energydrinks und zwei Schokoriegel, plauderten, um die Straße noch eine Zeitlang beobachten zu können, ein wenig mit dem Tankstellenpächter und fuhren dann weiter.
Nach zwei Stunden erreichten sie die Umgebung von Denver, und schnell füllte sich die Autobahn. Sie wechselten von der I-25 auf die I-76 westwärts und hielten Ausschau nach einem größeren Einkaufszentrum. Schnell fanden sie eines, das ausreichend groß für ihre Zwecke war, und sie stellten den Wagen auf einen Parkplatz, der größer war als sechs Fußballfelder.
Sie neigen gelegentlich zum Übertreiben, diese Amis!
Cord, der Einkaufen hasste, bekam eine Lektion in Geduld und Toleranz, und als sie nach gut zwei Stunden wieder bei ihrem Wagen ankamen, hatten zweitausendfünfhundert Dollar den Besitzer gewechselt. Noch vor kurzem hätte er angesichts einer solchen Rechnung einen leichten Schlaganfall erlitten. Aber man gewöhnte sich schnell an solche Summen. Er war jetzt seit zwei Wochen unterwegs und hatte fünfundvierzigtausend Dollar ausgegeben, allerdings schloss das die beiden Autos mit ein, die er gekauft hatte. Dieses Geld war von Dieben gestohlen und es konnte ihr Leben retten. Sein anfangs schlechtes Gewissen wurde von Tag zu Tag leiser. Auch daran, Unrecht zu tun, gewöhnte man sich schnell, wenn die Umstände es mit sich brachten. Für ihn war es eine neue Erfahrung.
Sie kauften Thermo-Hemden, Pullover mit Norweger-Muster, zwei gefütterte Lederjacken, warme Stiefel, Medikamente, zwei Stangen Zigaretten und Essen und Getränke für einen halben Winter.
Ihr Kofferraum war randvoll gepackt, als sie wieder losfuhren. Es war fast ein Uhr mittags - noch etwa drei Stunden bis Aspen, weitere zwanzig Minuten hinauf zu ihrer Lodge. Ihre Vorfreude nahm zu, Lisa sang mit zur Musik, die von einem lokalen Oldie-Sender mit vier Buchstaben ausgestrahlt wurde. Sie besaß eine wundervolle Stimme, immer ein wenig heiser, aber äußerst bluesig und verdammt sexy.
Help me make it through the night!
Sie schien ihm oft abwesend zu sein, konnte stundenlang schweigen und aus dem Fenster sehen, und selten wusste er, an was sie gerade dachte. Aber das schien sie nicht zu stören, und ihm machte es auch nicht viel aus, weil auch er auf langen Fahrten gerne seinen Gedanken nachhing.
Er hatte vor einigen Tagen versucht, sie darauf anzusprechen, aber sie hatte nur gesagt, er solle sie nicht zum Sprechen drängen. Sie genieße es, einmal nicht ständig gehorchen zu müssen, oder zu etwas genötigt zu werden, was sie nicht wollte. „Ich werde mit dir reden, wenn ich soweit bin. Ich bin dir dankbar für die Chance, die du uns gibst, aber ich brauche Zeit.“
Dazu gab es nicht viel zu sagen. Und er musste zugeben, dass trotz ihres ausdauernden Schweigens ihre Beziehung an Nähe und Vertrautheit gewann. Es fehlten nur die Worte, aber die wurden oft genug überschätzt. Manche Menschen redeten nur, weil sie Angst vor Stille hatten; er kannte mehr als genug von ihnen.
Aber ab und zu lag er nachts für längere Zeit wach, lauschte ihren regelmäßigen Atemzügen und erinnerte sich dabei an ein Sprichwort, das er vor langer Zeit einmal gehört hat. Es ging ungefähr so: Auch wenn zwei Köpfe auf demselben Kissen ruhen, müssen sie noch lange nicht dieselben Träume haben. Das war wohl gut beobachtet.
2 Frankfurt am Main
Er wagte es lange nicht, das Lokal zu verlassen und nach Hause zu gehen. Fieberhaft suchte er nach einer Erklärung für das, was geschehen war.
Zur Polizei konnte er nicht gehen, die würde ihn zunächst einmal einlochen, wegen Verlassens eines Tatortes, wegen Diebstahls - und vielleicht sogar wegen des Verdachts auf Beihilfe zu einem zweifachen Mord.
Wenn das geschah (selbst, wenn er straffrei aus dieser Nummer herauskam), dann würde seine Ex-Frau dafür sorgen, dass er die Kinder höchstens noch zweimal im Jahr und das auch nur von weitem zu sehen bekam. Sie würde es mit seiner Verantwortungslosigkeit begründen, und er hätte angesichts seiner unpassenden Handlungsweise am heutigen Tag einen schweren Stand damit, sie zu widerlegen. Wer einem Kapitalverbrechen beiwohnte und wem danach nichts Besseres einfiel, als die noch warmen Leichen zu bestehlen, konnte keinen guten Einfluss auf ein sieben- und ein fünfjähriges Kind ausüben, und so weiter.
Wer war wer in diesem Schlamassel? Seinen Albino hatte er im Zoo nicht gesehen. Also wer war der Kardinal, wer waren die beiden Attentäter? Worum ging es hier?
Er dachte nach, aber schon nach kurzer Zeit musste er seine Anstrengungen aufgeben – es gab zu viele Unbekannte in dieser Gleichung. Diebe, Agenten, die Mafia; der Möglichkeiten gab es viele, zu viele für seinen müden Verstand.
Woher wussten die Attentäter die genauen Koordinaten dieser Übergabe? Sie mussten schließlich schon vor Ort gewesen sein, als der Bulgare ankam. Hatten sie ein Telefonat belauscht, in denen Papst und Kardinal sich verabredeten? Wenn ja, warum konnten sie das so einfach tun?
Der Gang zur Polizei schien ihm immer weniger erfolgversprechend. Er war in etwas hingeraten, das mindestens eine Gewichtsklasse zu hoch für ihn war. Er hätte die Finger von der Sache lassen sollen. Er hätte es wissen können. Er hätte nach den Schüssen abhauen sollen, wie jeder geistig gesunde Mensch es getan hätte. Wer bezahlte schon sechstausend Kröten für ein paar Fotos?
Konnte er gefahrlos nach Hause zurückgehen? Hatte sein Auftraggeber den Inhalt des Koffers gekannt? War er scharf darauf gewesen? Würde er jemanden schicken, damit er ihm das Geld wieder abjagte?
Damit war zu rechnen.
Und was war mit dem Notebook? Enthielt es brisantes Material? Gab es zwischen diesem Material und dem Inhalt des Koffers einen Zusammenhang? Wahrscheinlich war das so, die beiden Männer hatten wild gestikulierend auf den Bildschirm gezeigt und über etwas gestritten, kurz bevor sie aufstanden und die Schüsse fielen.
War das Geld vielleicht nicht das einzige Motiv für dieses Blutbad gewesen? Andererseits waren sechs Millionen durchaus ein Motiv, Laptop hin oder her.
Der Alkohol begann, sein Denken zu verlangsamen; er hatte heute Morgen nicht einmal gefrühstückt.
Er blickte auf die Uhr und staunte darüber, in welch kurzer Zeit er es geschafft hatte, sein unscheinbares, aber halbwegs geordnetes Leben gegen die Wand zu fahren; seit dem Anruf des verrückten Iren waren noch keine vier Stunden vergangen. So etwas nannte man wohl Effizienz.
Er packte den Laptop zuoberst auf das Geld und die Wertpapiere, und der Koffer ließ sich gerade noch schließen. Noch hatte er das Geld nicht angerührt, er hatte vielleicht sogar die Chance, es dem Albino (oder wer auch immer der Besitzer war) zurückzugeben. Aber würde man ihn verschonen, soweit, wie Cord sich in seiner grenzenlosen Weisheit in Angelegenheiten eingemischt hatte, die ihn nichts angingen?
Du bist fast dreiundvierzig, mein Freund, dein Konto ist chronisch schwindsüchtig, und es ist keine Änderung in Sicht. Was meinst du, wann du das nächste Mal sechs Millionen Dollar zu Gesicht bekommen wirst?
Mit einem Vermögen wie diesem konnte man weit kommen. Es musste umsichtig genutzt und vielleicht ein bisschen gewaschen werden, damit es nicht mehr so sehr nach Verbrechen roch, aber danach konnte man sich ohne weiteres zur Ruhe setzen und auf einer Insel im Südpazifik mit einem Cocktail in der Hand den Sonnenuntergang genießen. Es war verlockend.
Aber der Weg dahin war steinig und gefährlich, ein einziger Fehler, und er würde nirgends mehr die Sonne sehen, weder morgens noch abends. Und um ganz ehrlich mit sich zu sein, die Südsee oder die Karibik würden ihn schnell langweilen, und außerdem wäre es dann endgültig vorbei damit, seinen Kindern nahe und ihnen beim Heranwachsen ein Freund zu sein, auf den sie bauen und auf den sie stolz sein konnten.
Er rief die Kellnerin an seinen Tisch und bezahlte die Getränke - mit seinem eigenen Geld, worauf er trotzig Wert legte.
Draußen sprangen ihn die gleißende Helligkeit und die Mittagshitze an wie ein übellauniges Raubtier mit Mundgeruch. Er blickte sich um und sah am Straßenrand ein Taxi, aus dem gerade ein Fahrgast ausstieg. Er winkte den Fahrer heran, ließ sich samt des Koffers auf die Rückbank fallen, und nannte dem Fahrer sein Ziel; der schaltete den Taxameter ein, wendete und fuhr los. Es war wenig Verkehr auf den Straßen der Stadt, die Hitze fesselte die Menschen an ihre schattigen Wohnungen oder Büros, und wer konnte, war im Schwimmbad oder hatte die Stadt in Richtung Taunus verlassen, wo es nicht ganz so heiß und schwül war.
Er ließ den Taxifahrer fünfzig Meter entfernt von seinem Haus halten, bezahlte und stieg aus; vor Anspannung hätte er beinahe vergessen, den Koffer mitzunehmen.
Er konnte von weitem sehen, dass die Stühle und Bänke der Kneipe neben dem Haus leer waren; zumindest dort schien niemand auf ihn zu warten. Er kam zur Eingangstür und eine Nachbarin, die gerade ihre Post aus dem Briefkasten fischte, grüßte ihn unfreundlich. Sie wusste von seiner Scheidung und nahm sie ihm übel, ohne die Hintergründe zu kennen. Es sei denn, seine Ex-Frau hatte sie mit Tratsch aus ihrer Ehe auf ihre Seite gezogen, was er neuerdings nicht mehr ausschließen konnte.
Er ignorierte den ungnädigen Tonfall, grüßte übertrieben freundlich zurück und fuhr mit dem Aufzug nach oben. Immerhin schien niemand bei ihr geklingelt und nach ihm gefragt zu haben; in seiner Lage war man auch für Kleinigkeiten dankbar.
Aber dass hier etwas passiert war, merkte er, als er im vierten Stock den Aufzug verließ und an seine Wohnungstür trat.
Die Tür war nur angelehnt!
Er hatte sie mit Sicherheit nicht offen gelassen, als er heute Vormittag aufgebrochen war. Er war in Eile gewesen, aber so etwas passierte ihm nicht.
Ihm wurde heiß, er stand regungslos da und versuchte, seinen Atem zu kontrollieren. Es war nichts zu hören. Was, wenn sie den Lift gehört hatten und ihn drinnen erwarteten? Die Tür mussten sie professionell geöffnet haben, er sah keine Kratzer am Schloss und auch keine anderen Anzeichen gewaltsamen Eindringens.
Er wartete zwei volle Minuten und hielt immer wieder kurz den Atem an, um zu lauschen. Außer den gedämpften Lauten der Straße war nichts zu hören. Er tippte die Wohnungstür mit dem Zeigefinger an und öffnete sie einen Spaltbreit. Zu wenig, um etwas sehen zu können. Er nahm die ganze Hand und drückte die Tür ein großes Stück weit auf. Im Flur war nichts zu sehen… oder doch?
Er tat einen Schritt in die Wohnung und hielt erneut inne. Schon von hier aus konnte er sehen, dass seine Besucher nicht gekommen waren, um bei ihm aufzuräumen. Sie hatten seine Garderobe untersucht, seine beiden Jacken und sein Mantel lagen auf dem Boden.
Er machte sich auf Schlimmeres gefasst und betrat die Küche. Niemand da, nur die Schranktüren standen offen.
Das Wohnzimmer sah gut aus, denn sie hatten lediglich die Sofakissen verschoben, und die Türen der geschmacklosen Schrankwand (die seine Frau dort gegen seinen Willen hatte einbauen lassen) waren aufgerissen worden. Beschädigungen waren auf den ersten Blick nicht zu erkennen.
Er schlich weiter zu seinem Büro, dessen Tür offenstand; inzwischen konnte er davon ausgehen, allein in der Wohnung zu sein. Die Einbrecher hatten ihn verpasst.
Das Arbeitszimmer hatte am schlimmsten gelitten; vermutlich waren sie wütend geworden, weil sie weder den Geldkoffer noch das Notebook gefunden hatten. Herausgerissene und auf den Boden geworfene Schreibtischschubladen, die Tischplatte war leergefegt, ein Aktenschrank aufgebrochen, sein Inhalt auf dem Boden verstreut. Dann stockte ihm der Atem.
Sein Computer war weg!
Das war zweifellos der größte Verlust. Da drinnen befand sich sein halbes Leben, beruflich wie privat. Online-Banking, Kreditkarten, Urlaubs-Blogs, Fotogalerien, Korrespondenz, vieles davon ungesichert, anderes mit so einfachen Passwörtern versehen, dass sie für Fachleute kaum ein ernsthaftes Hindernis darstellen würden. Wenn sie mit diesem Rechner fertig waren, wussten sie mehr über ihn als er selbst.
Er wühlte in den Papieren und fand wenigstens seine aktuelle Karte mit den Tans für Banküberweisungen, ging ins Wohnzimmer an den Bücherschrank und suchte in dem Roman Der Idiot von Dostojewski die Passwortliste, die er für eine solche Situation dort versteckt hatte. Seinerzeit hatte er es lustig gefunden, diese Liste ausgerechnet in diesem Titel zu verstecken. Sie war noch da, er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Vielleicht war noch etwas zu retten von seiner elektronischen Existenz.
Im Schlafzimmer hatten sie die Matratzen umgedreht, einen Teil seiner Kleidung auf dem Boden verstreut und dabei eine kleine Rolle mit Notgeld übersehen, die er unter seinen Boxer-Shorts versteckt hatte. Im angrenzenden Badezimmer schien alles unberührt zu sein.
Er ging zurück in die Küche, holte einen Hocker und kehrte zurück ins Schlafzimmer. Oben auf dem Schrank stand ein Schuhkarton, in dem sich seine 38er Automatik befand. Die Gangster hatten sie ebenfalls entdeckt, sie aber an Ort und Stelle gelassen; der Staub auf dem Karton war weggewischt worden.
Er überlegte, ob er sie mitnehmen sollte, legte sie aber zurück an ihren Platz. Er wollte niemanden erschießen, nicht einmal damit drohen. Die Waffe hatte drei oder vier Jahre dort oben geruht – so lange lagen seine letzten Schießübungen zurück. Cord war nicht einmal sicher, dass sein Waffenschein noch gültig war.
Ziellos und ohne nachzudenken warf er Rasierzeug, Duschgel und Zahnbürste in sein Necessaire, ging damit ins Schlafzimmer und begann, die ihm verbliebene Reisetasche zu packen (die beiden Koffer hatte seine Frau beim Auszug mitgenommen, ohne ihn zu fragen). Zwei paar Hosen, zwei T-Shirts, knitterfreie Hemden, Socken und Unterwäsche, eine leichte Windjacke, das war‘s. Er musste weg von hier, bevor ihn diese Leute ein weiteres Mal aufsuchen würden.
Aber wohin? Er konnte niemanden mit dieser Geschichte zur Last fallen, das wäre zu gefährlich. Wenn sie seinen Computer filzten, hätten sie seine Freunde und Bekannten schnell identifiziert.
Ein Hotel? Wer wusste, wonach er suchen musste und über ein paar Kontakte verfügte, würde ihn auch doch in kürzester Zeit aufspüren.
Also raus hier, auf die Straße, unter Menschen!
Und dann sollte er schleunigst aus der Stadt verschwinden; das war vermutlich sein einziger Schutz.
Er hatte es immer wieder verschoben, sich einen Laptop zuzulegen; zu teuer, unnötig, hatte er argumentiert. Jetzt hätte er einen gebrauchen können.
Aber ich habe doch einen!
Er lag zuoberst in dem geklauten Aktenkoffer. Wenn er aus diesem Ding schlau würde, wäre einiges gewonnen. Er konnte seine Passwörter ändern, vorausgesetzt, es war nicht zu spät.
Im Flur stopfte er noch ein paar Ersatzschuhe in seine nur zur Hälfte gefüllte Tasche und verließ die Wohnung. Er würde sie nicht mehr wiedersehen, sein Schicksal sollte ein anderes sein.
3 Constanta, Rumänien
Das geschäftige Treiben in dem neuen großen Frachthafen Agigea vor Constanta, im rumänischen Teil des Schwarzen Meeres gelegen, klang dumpf bis hoch in die Messe des Schiffes, wo Kapitän Jannis Metaxas saß und eine Schale Obst verzehrte, die der Schiffskoch ihm zubereitet hatte. Viel mehr als Obst und Brei konnte er zuletzt kaum noch zu sich nehmen. Er hatte Probleme mit einer chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse, und ein schwerer Leberschaden hatte seiner Haut und seinen Augen eine nicht mehr zu übersehende gelbliche Färbung verliehen.
Obwohl er tatsächlich einer war, stellte man sich einen alten Seebären anders vor. Er trug keinen weißen Vollbart, sondern war glattrasiert. Auch hatte er keinen gemütlichen Bierbauch vorzuweisen, im Gegenteil: Er war mager bis auf die Knochen, eine Folge seiner Erkrankung, die ihn früher oder später (eher früher) umbringen würde. Selbst das Obst, das er gerade zu sich nahm, enthielt viel zu viel an aggressiven Säuren und tat ihm nicht gut.
Die Zollbeamten hatten das Schiff verlassen, bevor er sie vollends betrunken machen konnte; in einer halben Stunde konnten sie ablegen und ihre Fahrt in Richtung Varna fortsetzen, dem nächsten Etappenziel einer langen Reise, die ihm und seiner Mannschaft bevorstand.
Er hatte große Mengen an Kunstdünger gebunkert, die er in Namibias Tiefseehafen von Walvis Bay löschen sollte (Anscheinend wollte sich dort jemand mit einem respektablen Sinn für Humor daran machen, die Wüste zum Blühen zu bringen.).
Hätte der Kapitän nicht die zwei Zollbeamten, die er seit vielen Jahren kannte, so großzügig für ihre vorübergehende Erblindung entlohnt, wäre ihnen sicher ein anderer Teil der Fracht aufgefallen, der sie hätte staunen lassen. Im Unterdeck des Frachters waren einhundertsechzig übergroße Holzkisten verstaut, die verplombt waren und das Siegel der rumänischen Armee trugen. Und wenn man genauer hinsah, entdeckte man auf längst vergilbten Aufklebern, die einst an die Kisten gepinnt worden waren, dass diese schon vor fünfzehn Jahren verschlossen und eingelagert worden waren, bis sie nun plötzlich wieder zu neuem Leben erwachten.
Jannis wusste nicht einmal genau, für wen all dieses Gerät letztlich gedacht war (irgendein kongolesischer Rebell, vermutete er, aber es interessierte ihn auch nicht sehr).
Er würde noch ein paarmal anlegen, und dann diese Ladung ein Stück die Kongomündung hinauf löschen. Der Empfänger zahlte Unsummen für diese Waffen, und der Kapitän würde seinen Anteil daran erhalten. Es waren nur Strolche, die sich gegenseitig massakrierten, und würde er ihnen diese Waffen nicht bringen, täte es ein Anderer.
Wäre sein Reeder nicht so ein knausriger Dieb, hätten seine Angestellten so etwas nicht nötig gehabt. Aber er war nun mal einer, und das hatte dazu geführt, dass sich seine Schiffsführer bereits seit vielen Jahren dazu genötigt fühlten, sich ein zweites Standbein zu schaffen. Das war kriminell, aber beinahe jeder tat es, und das beruhigte nach und nach das eigene Gewissen.
Er hatte drei Söhne, und wenn er ehrlich zu sich war, dann waren alle drei handfeste Taugenichtse, was er auch dem Umstand zusprach, dass ihr Vater elf Monate im Jahr auf See gewesen war, während sie aufwuchsen. Die beiden Ältesten waren inzwischen verheiratet und hatten ihm – bis jetzt - drei Enkel beschert, die sie sich nicht leisten konnten; der Jüngste wohnte noch zuhause und hatte nicht einmal eine Freundin. Seine Frau und er hatten schon den Verdacht geäußert, dass er vielleicht schwul sein könnt; aber sie hatten es nie gewagt, ihn darauf anzusprechen. Der Junge war cholerisch und ging viel zu oft und viel zu schnell an die Decke. Aber egal, er war ihr Junge, sie befürchteten nur, und zwar zu Recht, dass er es in einer griechischen Kleinstadt auf dem Peleponnes nicht leicht haben würde, wenn er sich eines möglichst fernen Tages zu seiner Homosexualität (zu seiner möglichen Homosexualität, sie hofften immer noch das Beste) bekennen sollte.
Drei Kinder, die zu schnell wuchsen und eine Mutter, die nicht arbeiten gehen konnte, weil er kaum zuhause war – das erklärte, warum er nach dreißig Jahren auf See nicht einen einzigen Cent für seinen Ruhestand zur Seite gelegt hatte. Und das würde sich jetzt auch nicht mehr ändern lassen.
Sein Arzt hatte ihn bei der letzten Untersuchung skeptisch angeblickt und gesagt, er solle Schluss machen mit dieser Arbeit, dann würde er vielleicht, mit der Hilfe von starken Medikamenten, noch zwei oder drei halbwegs angenehme Jahre haben. Wenn nicht… er musste diesen Satz nicht vollenden.
Es hatte aus diesem Grund auch nur geringer Überzeugungsarbeit bedurft, ihn dazu zu bewegen, sich auf ein solch krummes Geschäft einzulassen. Er schätzte aus Erfahrung, dass er eine siebzigprozentige Chance hatte, diesen Auftrag erfolgreich auszuführen, und das war Argument genug. Wenn sie ihn erwischten, konnte er zwar im Gefängnis landen; aber angesichts seiner schweren Erkrankung konnte ein guter Anwalt vielleicht Haftverschonung für ihn herausholen. Wo also gab es ein Risiko?
Er würde für diese Fahrt zweihunderttausend Euro erhalten, und er hatte die Hälfte dieser Summe als Vorauszahlung verlangt, für den Fall, dass etwas ohne sein Verschulden schief ging. Dieses Geld lag jetzt je zur Hälfte in einem Schuhkarton im Keller seines Häuschens und bei einem seiner Cousins in Athen. Letztere Summe war als letzte Heuer und als Abfindung für seine Crew gedacht, und es war wenig genug für die jahrelange schlecht bezahlte Plackerei auf hoher See.
Nach Varna in Bulgarien waren es etwa neunzig Seemeilen, und da die alte Vanessa nicht mehr als vierzehn Knoten machte, waren es etwa sechseinhalb Stunden Fahrt dorthin.
Dort, im Schutze der Dunkelheit, würde er das Herzstück seiner Fracht an Bord nehmen, zigtausende Maschinengewehre mit mindestens anderthalb Millionen Schuss Munition, alter Kram aus ausgemusterten Beständen der Armee, wie seine Auftraggeber ihm gesagt hatten. Ihn hatte es zuerst gegruselt bei dieser Vorstellung, aber sie sagten ihm Friss oder Stirb! …und er hatte sich fürs Fressen entschieden. Sterben würde er bald genug.
Seine Mannschaft bestand aus sechs Filipinos, zwei Griechen und einem senegalesischen Koch.
Wenn Jannis auf die eine oder andere Art ausschied, würden auch sie sich einen neuen Job suchen müssen. Sein Reeder jammerte seit Jahren darüber, dass dieser alte Kahn ihn nur Geld koste und dass er ihn bald stilllegen müsse. Das war in auffälliger Weise immer nur dann ein Thema, wenn Jannis wegen einer höheren Bezahlung für sich und die Crew vorstellig wurde.
Dieser blöde Hund hatte fünf Schiffe im Mittelmeer herumschippern, und die sahen allesamt nicht besser aus als seine Vanessa. Aber ihm gehörten eine halbe Ägäis-Insel, zwei Häuser, eine luxuriöse Wohnung mitten in Athen, und er und seine Frau fuhren Porsche und Mercedes. Wahrlich ein armer Teufel!
Um neun Uhr ablegen, um vier Uhr morgens mit dem Beladen in Varna beginnen; dies würde gut drei Stunden dauern. Er konnte also kurz nach Sonnenaufgang schon wieder auf hoher See sein. Das klang gut, allerdings stand dem noch der bulgarische Zoll im Wege. Er kannte die dortigen Jungs, sie waren noch ein wenig gieriger als die in Rumänien, sie mussten allerdings dieses Mal auch noch gründlicher wegsehen als sonst. Es würde teuer werden.
Er würde falsche Papiere für diese Ladung mitführen, aber die würden keiner echten Überprüfung standhalten. Sie waren auch nur als Provisorium gedacht, damit er es bis nach Italien schaffte. Dort, vor der Küste Siziliens, würde ein Schnellboot zu ihm hinauskommen und ihn mit den endgültigen Dokumenten ausstatten; mit echten amerikanischen Frachtbriefen, ausgestellt von der Behörde eines Außenhandelsbeauftragten und mit vielen schönen Stempeln versehen, die dem Inhaber der Papiere nahezu freie Fahrt auf allen Weltmeeren und mit welcher Ladung auch immer ermöglichten. Außerdem sollte er ein Sternenbanner erhalten, mit dem er nach Durchfahren der Straße von Gibraltar unter neuer Flagge fahren würde.
Der Kapitän wollte zunächst weiter hinaus auf den Atlantik fahren als es aus navigatorischen Gründen nötig war. Je weiter er von der Küste weg blieb, desto unwahrscheinlicher war es, dass er angehalten und kontrolliert wurde. Auch die amerikanische Beflaggung war sinnvoll. Sein Schiff war damit amerikanisches Hoheitsgebiet und jeder mögliche Kontrolleur tat besser daran, dies zur Kenntnis zu nehmen. Die Amis waren schnell verschnupft, wenn ihre Schiffe belästigt wurden. Jeder wusste das und deshalb geschah es auch selten. Er würde trotzdem zur Sicherheit seine Ortungssysteme ausschalten, sobald er auf dem Atlantik war.
Der Kapitän stellte sein Geschirr in den Abguss und kletterte die Treppe hinauf zur Brücke. Selbst das war schwer genug. Es war Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen und nach dieser Fahrt endgültig das Handtuch zu werfen. Er hatte genug von alledem, und sein hinfälliger Körper verzieh ihm buchstäblich nichts mehr.
Seine Instrumente zeigten ihm an, dass mit dem Schiff alles in Ordnung war, sie konnten ablegen. Zehn Stunden noch, dann würde er wissen, ob und wie der Hase lief. Varna konnte alles vermasseln, denn ohne die dortige Ladung würde er gar nicht ablegen müssen, es lohnte nicht die Mühe und den weiten Weg. Er dachte an Maria, seine Frau, betete kurz für sie und gab dann Befehl, die Leinen loszumachen.
3 Berlin
Am Frankfurter Hauptbahnhof war die Hölle los. Wegen der großen Hitze spielten die Klimaanlagen der Fernzüge reihenweise verrückt, etliche Züge fielen aus, und das verursachte auf den Bahnsteigen ein großes Gedränge und eine ebenso große Aggressivität unter den Reisenden. Lautsprecherdurchsagen baten (erfolglos) um Verständnis und leierten ununterbrochen Ersatzverbindungen herunter, sofern denn welche vorhanden waren. Es wurde geschimpft, geflucht und gerempelt. Dieses Wetter machte die Menschen fertig, die Gemütslage der Gestrandeten war explosiv.
Cord hastete die Gleise entlang, ohne zu wissen, was er eigentlich wollte. Es sollte ein Zug sein, der ihn weit weg von hier brachte; das war alles, die Richtung war unwichtig. Es war kurz vor vier Uhr nachmittags, ein ICE stand an Gleis 9 bereit, er sollte laut Anzeige in ein paar Minuten nach Berlin abfahren, aber es war unklar, ob er es auch tatsächlich tun würde.
Er war von zu Hause aus mit Aktenkoffer und Reisetasche zur nächstgelegenen Straßenbahnhaltestelle gehastet und zum Bahnhof gefahren. Er hatte sich immer wieder umgedreht, um zu sehen, ob man ihn verfolgte. Eine junge Frau, die nach ihm die Bahn betreten hatte (und die ihn im Verlauf der zehnminütigen Fahrt nicht aus den Augen ließ), fiel ihm nicht auf. Sie stieg gemeinsam mit ihm aus und folgte ihm im Abstand von einigen Metern.
Der Detektiv sah einen Schaffner, der offenbar zu diesem Zug gehörte. „Fahren Sie oder fahren Sie nicht?“ Der Mann zuckte die Achseln und blickte auf die Uhr. „Bisher sieht es noch gut aus, in drei Minuten werden wir’s wissen.“
„Ich habe noch keinen Fahrschein. Ist es okay, wenn ich trotzdem einsteige?“ Der Zugbegleiter hatte nichts dagegen. „Wenn’s nichts Schlimmeres ist. Bleiben Sie in der Nähe des Bordbistros, ich komme dann zu Ihnen.“
Cord ging zur Mitte des Zuges und stieg ein. Die Gänge waren voll mit Passagieren, denen es nicht mehr gelungen war, einen Sitzplatz zu bekommen. Er würde ein Ticket für die erste Klasse lösen, um sich ein solches Schicksal zu ersparen; er musste die vierstündige Fahrt nutzen, an seinem neuen Notebook zu arbeiten. Es gab eine Menge zu tun. Und, zum Teufel, er war im Besitz von umgerechnet etwa achtzigtausend Euro Bargeld, und er hatte Bankobligationen im Wert von mehreren Millionen Dollar. Er konnte den ganzen Waggon kaufen, wenn er es wollte.
Der Zug fuhr an, und natürlich sah Cord nicht die junge Frau aus der Straßenbahn, die auf seiner Höhe am Gleis stand, schon beim Schließen der Türen ihr Handy zückte und hastig eine Nummer wählte. Cord atmete durch und wartete auf den Zugbegleiter.
Der ICE 596 fuhr von Frankfurt nach Berlin und bot sechs Zwischenstopps, bei denen er hätte aussteigen können. Aber nachdem er sein Ticket bis zur Endstation nachgelöst hatte und in einem ansonsten leeren Erste-Klasse-Abteil saß, verlor er bald jedes Zeitgefühl. Zu seinem Glück ließ sich das Lenovo-Notebook des ermordeten Bulgaren starten, und es enthielt auch keine erkennbaren Sperren oder Passwörter; er benötigte nur dringend ein Akkukabel, sobald er irgendwo ankam.
Es dauerte allein anderthalb Stunden, bis er seine sämtlichen Passwörter zurückgesetzt und seine Accounts durch schwer zu erratende neue Kennwörter und Sicherheitsabfragen nahezu wasserdicht gemacht hatte. Danach gönnte er sich eine Dose Bier und schloss für eine Weile die Augen. Er würde gegen halb neun am Abend in Berlin eintreffen, er war müde, hatte aber noch kein Hotel gebucht und hatte auch keine Ahnung, wohin das Ganze eigentlich führen sollte.
Normalerweise hätte er heute Abend Taekwondo-Training gehabt, dachte er beiläufig. Er würde zum ersten Mal seit der Geburt seiner jüngsten Tochter fehlen, ohne vorher abgesagt zu haben.
Er hatte als Kind ein frühes Erweckungserlebnis gehabt, das ihn dazu antrieb, nach und nach verschiedene Kampfsportarten zu erlernen. Es hing mit seinem Vater zusammen, der ein ziemlich radikaler Linker gewesen war und der keine Demonstration, kein Sit-In, keine Blockade oder was auch immer ausgelassen hatte, solange er noch gesund genug dazu gewesen war.
Auf einer dieser Demos – Cord war zu dieser Zeit noch keine zehn Jahre alt – passierte es: Eine militante Nachfolgeorganisation der längst verbotenen faschistischen Wehrsportgruppe Hoffmann fiel an diesem Tag über ein kleines Grüppchen friedlicher Demonstranten her, die gerade gegen irgendetwas protestierten, was Cord inzwischen vergessen hatte.
Seinen Vater erwischte es besonders schlimm, denn sie knüppelten ihn vor den Augen seines kleinen Sohnes nicht nur zu Boden, sondern traten ihn mit ihren schweren Springerstiefeln noch zwei oder dreimal gegen den Kopf, wonach er ins Koma fiel und erst nach vier Tagen in der Universitätsklinik wieder zu sich kam.
Noch am Krankenbett schwor sich ein kleiner wütender Cord, dass ihm so etwas nie, nie, nie im Leben passieren würde, und als sein Vater wieder zuhause war, bekniete er beide Elternteile so lange, bis sie ihn zu seinem ersten Judo-Kurs anmeldeten.
Der Rest war Geschichte, in seinem anhaltenden Zorn und seiner immer weiter glühenden Wut verbrachte er Jahre damit, immer neue Kampfstile zu erlernen, bis er zu Beginn seines Studiums bereits vier verschiedene Gürtel besaß und auf Länderebene zu Wettkämpfen antrat.
Aber er sollte jetzt an andere Dinge denken. Gegen die Kugel eines Attentäters konnte er mit all seinen Kampfkünsten nichts ausrichten. Deshalb waren jetzt auch nicht Mut oder Verwegenheit gefragt, sondern höchste Achtsamkeit und strategisches Denken.
Während er erschöpft für einen Moment wegdämmerte, sich in der Halbwelt zwischen Wachen und Schlafen befand, zogen Bilder vor ihm auf, Bilder von seinen Kindern, wie sie irgendwo am Wasser spielten, wie sie lachten und sich gegenseitig ihre Eimerchen voll Wasser über dem Kopf ausschütteten; er sah seine Ex-Frau, die ihnen mit gerunzelter Stirn dabei zusah und ihm einen bösen Blick zuwarf, weil er nicht einschritt. Aber vom Wasser driftete sein Verstand unversehens zu Haien, die von oben gesehen nur Schatten unter der Wasseroberfläche waren, aber er wusste ganz bestimmt, dass es Haie waren. Die Szenerie wechselte erneut und er sah seine Frau mit ihrer jüngsten Tochter auf der Aussichtsplattform des Empire State Building stehen, sein Verstand protestierte dagegen, weil das Bild nicht real war. Sie hatten das einmal geplant, vor gar nicht langer Zeit, aber sie hatte es ihm mit dem Hinweis auf ihre angespannte finanzielle Lage ausgeredet. Zu Recht - oder auch nicht. Wer konnte das am Ende sagen?
Er setzte sich ruckartig auf und war wieder ganz im Hier und Jetzt seiner elenden Lage. Es waren kaum fünf Minuten gewesen, die er geschlafen hatte, aber er hatte das Gefühl von etwas sehr Wichtigem mitgenommen, wenigstens schien es ihm jetzt so. Aber was war es gewesen?
Die Kinder, die Haie und New York…
Amerika!
Er könnte sich für eine Weile in die USA absetzen, morgen schon, wenn er nach Berlin durchfuhr und einen Flug fand. Er kannte sich dort aus, war oft genug mit Mietwagen durchs ganze Land gereist und hatte mehr davon gesehen als der durchschnittliche Amerikaner je sehen würde.
Und – Amerika war groß, sogar sehr groß. Er würde sich dort eine Zeitlang verstecken können und hoffen, dass die Leute, die hinter ihm her waren, eines Tages das Interesse an ihm verloren.
Der Zug hielt für ein paar Minuten in Leipzig, und seine Sehnsucht nach einer Zigarette war so groß, dass er sein Abteil für kurze Zeit verließ und aus dem Zug stieg. Dabei konnte er durch das Fenster des Waggons sein Gepäck im Auge behalten.
Er besaß aus dem letzten Jahr noch eine ESTA-Erlaubnis zum visafreien Antritt einer Reise in die Vereinigten Staaten. Sie war zwei Jahre gültig und war Überbleibsel vom vergangenen Dezember, als er für sich und die Familie in der Vorweihnachtszeit einen Städte-Trip nach New York geplant hatte. Die Mädchen bekamen für diese Reise sogar ihre ersten richtigen Reisepässe, aber zuletzt scheiterte die ganze Sache eben am Geld.
Aber dieser damals vertanen Gelegenheit nachzutrauern war jetzt nicht die Zeit. Sein kurzer Traum hatte ihm vielleicht ein Stichwort geben wollen. Er stieg zurück in den Zug und begann nach Flügen zu suchen. Eigentlich eine Schnapsidee, aber angesichts des Unfugs, den er heute schon angestellt hatte, kam es darauf nicht mehr an.
Erst eine halbe Stunde vor der Ankunft in Berlin kam er dazu, sich um den eigentlichen Inhalt des Notebooks zu kümmern. Er klickte hier und da, er las Excel-Dateien und Mails, fand Gesprächsnotizen und einiges mehr. Er stocherte wahllos herum, und sein Mut sank von Minute zu Minute. Absurd, sogar surreal, in was er da hineingeraten war. Wenn er die Dinge nach oberflächlicher Lektüre richtig verstand, ging es bei dem blutigen Anschlag im Zoo um ein Waffengeschäft zwischen einem Warlord im Osten des Kongo und… ja, wer war eigentlich die andere Seite?
Der Detektiv fand eine ganze Reihe von Mails, in denen Dinge besprochen wurden, die er nur teilweise verstand. Orte wie Plovdiv in Bulgarien, Häfen wie Varna und Constanta am Schwarzen Meer wurden erwähnt, ebenso wie der kleine sizilianischer Hafen von Syrakus, wo etwas übergeben werden sollte. Und immer ging es um Waffen, die Art der Verschiffung dieser Waffen, um Geld und um Diamanten, teilweise von Natur aus blau und rosa eingefärbte Diamanten, die angeblich seltener und teurer waren als gewöhnliche Edelsteine.
Auch deren Transportwege wurden diskutiert und verworfen, Mittelsmänner namentlich oder mit ihren Spitznamen (die offenbar jeder an dieser Sache Beteiligte kannte) erwähnt, eine Hafenstadt in der Kongo-Mündung war Ziel von etwas, das gelegentlich auch nur als Ware bezeichnet wurde. Dokumente waren erstellt, ausgedruckt, eingescannt und archiviert worden. Es ging um die ganze Wertschöpfungskette bei diesem Geschäft, vom afrikanischen Rebellen, der eine Diamantmine in der Nähe des Kivu-Sees kontrollierte, bis hin zu Diamantschleifern in Antwerpen, Amsterdam, London und New York, die nur halblaute Fragen nach der Herkunft der Steine stellten.
Und es ging immer wieder um Geld. Bestechungsgeld hier, Geld für den Transport dort, Geld überall. Als Cord kurz vor Berlin erschöpft aufgab und den Laptop ausschaltete, wusste er in allergröbsten Zusammenhängen Bescheid. Aber er hatte bisher nur an der Oberfläche gekratzt, das ließ sich schon jetzt sagen.
Er war bei einem kriminellen Waffendeal zwischen die Zahnräder einer längst laufenden Maschinerie geraten; was er an Bargeld und Wertpapieren bei sich trug, war wohl als Provision für die sogenannten D.C.-Leute gedacht; um wen es sich da genau handelte, konnte er noch nicht sagen, aber eines der Dokumente trug den digitalen Stempel eines ihm unbekannten Ministeriums oder Institutes der Vereinigten Staaten. Das alles war rätselhaft und beunruhigend. Die Leute, deren Geld er gestohlen hatte, drehten ein ziemlich großes Rad, und sie waren dabei nicht zimperlich.
Als der Zug mit einigen Minuten Verspätung in den Berliner Hauptbahnhof einfuhr, stieg ein von den Ereignissen des Tages mitgenommener Cord Hennings aus. Er sehnte sich nach einem Bett und einer Nacht erholsamen Schlafes, die er aber kaum bekommen würde.
Das Ladekabel nicht vergessen!
Er war auf das Notebook, das ihm nicht gehörte, angewiesen, und vor wenigen Minuten, kurz vor Ankunft des Zuges, war sein Ladestatus bei unter zehn Prozent gewesen. Er ging vom Gleis aus direkt zu einem Informationsschalter, wo ihm eine hilfsbereite Dame nach ein paar Anrufen zwei Elektro- bzw. Computerläden nannte und den kurzen Weg dorthin beschrieb.
Um halb zehn besaß er ein neues Kabel und hatte einen halben Döner gegessen, den er mit Dosenbier herunterzwang; Aufregung und die Hitze schlugen auf seinen Appetit, selbst um diese Stunde war es noch fast dreißig Grad warm, wie das Thermometer über dem Eingang einer Bank behauptete. Aber Cord würde schwerlich noch irgendwo hinkommen, wenn er nicht wenigstens ab und zu etwas aß. Essen war Energie, und Schlaf war wichtig, damit er klar denken konnte.
Er setzte sich auf die oberste Stufe der Steintreppe einer Kirche und überlegte. Es gab mehrere Möglichkeiten, in die USA zu reisen, den besten Flug schien Delta anzubieten. Von Berlin Tegel über Paris Charles de Gaulle nach Miami. Morgen Nachmittag gegen halb sechs Ortszeit konnte er sicheren Boden unter den Füßen haben - falls es so etwas für ihn noch gab.
Er war früher gelegentlich mit Air Berlin von Düsseldorf nonstop nach Fort Myers im Südwesten Floridas geflogen, aber diese Verbindung gab es nach der Pleite der Airline nicht mehr in dieser Form. Aber Miami klang auch gut. Wenn überhaupt noch Platz in der Maschine war, denn für eine Online-Buchung war es zu spät; er würde sein Glück am Flughafen versuchen müssen. Einen Mietwagen konnte er erst bestellen, wenn sein Reiseziel feststand; das musste also warten bis zum Morgen.
Er wollte gegen sechs Uhr am Delta-Schalter sein, der Flug startete um kurz vor zehn. Jetzt noch in ein Hotel zu gehen lohnte sich nicht mehr, deshalb nahm er ein Taxi und fuhr, vorbei an Moabit und dem Wedding, direkt zum Flughafen. Es war eine Fahrt von fünfzehn Minuten, und nachdem er eine gutgemeinte Frage des älteren Taxifahrers nur knapp beantwortet hatte, schwieg dieser. Der Fahrgast wollte seine Ruhe haben, und das war sein gutes Recht.
In Tegel angekommen betrat Cord die Abflughalle und hielt Ausschau nach einem Platz, an dem er für eine Zeitlang ausruhen konnte. Das kleine Abendessen hatte ihn nicht wieder munterer gemacht, im Gegenteil, jetzt fühlte er sich schwer und war todmüde. Er fand einen fast leeren Wartesaal, in dem nur eine Großfamilie aus Indien oder Bangladesch saß, setzte sich so weit wie möglich entfernt von den völlig überdrehten Kindern, stellte seinen Handywecker auf fünf Uhr dreißig und schlief fast augenblicklich ein. Er hatte vor dem erhofften Einchecken noch ein paar Dinge zu erledigen, vor allem, was das Bargeld in seinem Gepäck anging. Und es gab noch eine Transaktion, die er unbedingt vornehmen wollte.
Gegen drei Uhr morgens schrak er hoch und wusste zuerst nicht, wo er sich befand. Seine Glieder schmerzten vom unbequemen Sitzen.
Draußen im Abflugbereich fuhren Kehrmaschinen hin und her, er war ausgetrocknet und sehnte sich nach einem Kaffee; aber zunächst nahm er Aktenkoffer und Reisetasche und ging nach draußen, um vor dem Gebäude zu rauchen. Es wurden schließlich drei Zigaretten, denn er hatte noch eine Menge Zeit zu überbrücken. Er hielt Ausschau nach einer Bank oder Wechselstube und fand eine Sparkasse, die aber erst um sechs Uhr öffnen würde.
Kein Problem.
Und er bekam sein Ticket nach Miami, auch wenn die Dame am Delta-Schalter verstört darauf reagierte, dass er in bar bezahlen wollte. Sie sprach mit einer Kollegin darüber und kam nach einer Minute zurück. „Tut mir Leid, das haben wir hier nicht mehr oft.“ Er murmelte etwas, das wie eine Entschuldigung klingen sollte. „Check-In ist ab sechs Uhr vierzig. Delta Airlines wünscht Ihnen einen angenehmen Flug.“
Erleichtert und dankbar nahm er sein Business-Class-Ticket entgegen. Man musste auch einmal Glück haben. Diesem Glück hatte er allerdings mit seinem ersten Sündenfall nachgeholfen, denn er hatte Geld aus dem Aktenkoffer dafür verwendet. Es war kein besonders erhebendes Gefühl, aber die Gefahr und das einsetzende Reisefieber verdrängten die Scham in eine Abstellkammer seines Gewissens.
Um kurz nach halb sieben betrat er die Bank, zählte dem Kassierer zehntausend Euro vor und autorisierte eine Überweisung an seine Ex-Frau. Wer wusste schon, wann er wieder in der Lage sein würde, den Unterhalt für seine Mädchen zu bezahlen?
Er hatte in einem der Geldbündel aus dem Koffer gut zwanzigtausend US-Dollar gezählt, wusste aber, dass er Bargeldbeträge, die über zehntausend Dollar hinausgingen, bei der Einreise auf seiner Zollerklärung würde angeben müssen. Das wollte er nicht, er musste versuchen, die Anzahl an Fragen, die man ihm am Zoll in Florida stellen konnte, so gering wie möglich zu halten.
Wie es sich mit den anderen Währungen verhielt, wusste er nicht. Er würde sie in seiner Reisetasche zwischen der Wäsche verstecken und hoffen, dass diese nicht von den Zöllnern geöffnet wurde. Falls doch, würde er einiges zu erklären haben.
Er tauschte die überzähligen Dollar gegen Schweizer Franken in großen Scheinen ein und verließ die Bank. Noch fast drei Stunden bis zum Abflug. Sollte ihm immer noch jemand folgen, so wäre er hinter dem Security Check besser aufgehoben als davor. Man brauchte eine Bordkarte, um dorthin zu durchgelassen zu werden. Also verzichtete er zunächst auf ein Frühstück und ging ein zweites Mal zum Check-In-Schalter von Delta, um sein Gepäck aufzugeben und seine Bordkarte entgegenzunehmen.
*
Etwa um diese Zeit hatten Cord Hennings Verfolger in einem schäbigen Hotelzimmer in der Frankfurter Bahnhofsgegend den Computer, den sie aus seinem Arbeitszimmer entwendet hatten, sorgfältig untersucht. In den frühen Morgenstunden zählten sie aufgrund dessen, was sie fanden, eins und eins zusammen.
Er war erstens – das hatte ihnen ihre kleine Späherin gemeldet - in einen Zug nach Berlin gestiegen, und er war zweitens ein ausgesprochener USA-Fan, was seine zahlreichen Reiseblogs unterstrichen.
„Chef, er ist wahrscheinlich bis nach Berlin durchgefahren und will vielleicht von dort aus in die Staaten.“
„Wen haben wir in Berlin?“
„Niemanden zurzeit. Aber der fette Ollie ist in Potsdam, soweit ich weiß.“
„Mist, verdammter! Weckt ihn, macht ihm Beine! Er soll die Flughäfen abklappern und sich bei den Fluggesellschaften durchfragen. Er soll mit Geldscheinen wedeln, wenn sein Charme versagt. Wenn wir wissen, wohin der Kerl unterwegs ist, alarmiere ich unsere Partner drüben. Wir dürfen den Kerl kein zweites Mal verlieren.“
„Ach ja, Chef, wir sollten ihn aus sicherer Distanz erledigen. Seine Wohnung ist voll von Pokalen, Medaillen und Urkunden; er hat ein paar schwarze Gürtel in Kampfsportarten, die ich nicht einmal richtig aussprechen kann.“
„Auch das noch…!“
5 Manassas, Virginia
Der Secret Service hatte Tag und Nacht ein Auge auf ihn, denn als Sicherheitsberater des Präsidenten hatte er natürlich Anspruch auf lückenlosen Personenschutz, auch wenn der manchmal lästig, und seit einiger Zeit sogar gefährlich für ihn war. Er musste einiges an Chuzpe aufwenden, um da und dort einmal unter dem Radar seiner Leibwächter auszufliegen.
Er hatte sich seit Beginn seiner außerehelichen Aktivitäten einige Manöver angeeignet, um sich frei bewegen zu können. So hatte er sich beispielsweise eine glühende Begeisterung für alte Kinofilme zugelegt, die unter allen Beteiligten für erhebliches Stirnrunzeln gesorgt hatte (er konnte sich schließlich über jeden Streaming-Dienst tausende Filme beschaffen, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen). Aber er sagte ihnen, das sei nicht dasselbe wie das echte Kinoerlebnis, und man hatte das Ganze nach und nach als seine ganz persönliche Macke akzeptiert und sich daran gewöhnt. Und Gewohnheit war sein bester Schutz, weil sie stets mit nachlassender Wachsamkeit einherging.
Sein Trick bestand darin, sich lange Spielfilme auszusuchen und das Kino während der Vorführung durch den Notausgang zu verlassen, während sein Handy, das dem Secret Service bekannt war, an seinem Platz liegen blieb, damit es wie immer geortet werden konnte und nahelegte, sein Besitzer säße im Zuschauerraum. Das hatte bisher immer geklappt, auch, weil er seine Leute ausdrücklich anwies, sich im Foyer aufzuhalten und von dort aus mögliche Bedrohungen von ihm fernzuhalten. Sie lamentierten eine Zeitlang, gaben aber irgendwann auf, denn er konnte sehr überzeugend sein. Überzeugend und bösartig.
Sobald er draußen und hinter dem Gebäude war, rief er mit seinem zweiten Handy, das nirgends registriert war, ein Taxi herbei und fuhr, wohin auch immer er wollte. Er musste nur vor Ende des Filmes wieder auf seinem Platz sitzen. Und das war nicht schwierig, da Sex schnell und schmutzig sein musste, um ihn zu befriedigen; zumeist war er nach ein paar Minuten damit durch.
In den ersten Jahren besuchte er einige der teuren Etablissements, die keine Werbung für ihre exklusiven Dienste machten und deren Anschrift man nur durch Mundpropaganda bekam. Diese Häuser waren bekannt für bedingungslose Diskretion, die ihr größtes Kapital darstellten. Er musste keine Entlarvung befürchten, so lange er gut bezahlte (was er stets tat) und die Frauen gut behandelte (was er nicht ganz so oft tat).
Zu Beginn hatte er noch reifere Frauen bevorzugt, solche, die Erfahrung hatten und die ihn führen konnten. Er hatte nur wenig Übung in diesen Dingen, weil er viel zu früh geheiratet hatte und der Sex mit seiner Frau nur in den ersten Monaten ihrer Ehe stattfand und erschütternd fantasielos ablief (bevor er schnell ganz versiegte).
Aber nach einer Weile schlich sich das Gefühl ein, dass diese Frauen ihn nicht akzeptierten, oder dass sie sich sogar über ihn lustig machten. Das konnte er nicht belegen, und vielleicht lag es auch nicht an den Frauen, sondern an seinen überschaubaren körperlichen Vorzügen, vom wichtigsten Teil seiner Männlichkeit ausgehend über seinen sichtbaren Bauch und dem schütteren schwarzen Haar, das seinen Kopf nur noch halb bedeckte. Sie mussten einfach über ihn lachen.
Seine Froschperspektive gegenüber erwachsenen Frauen führte bald dazu, dass die Huren, die er auswählte, jünger und jünger wurden, bis irgendwann der Tag kam, an dem er Minderjährige haben wollte, am liebsten Negermädchen oder kleine Latinas im Alter von maximal fünfzehn Jahren, für die er der Onkel war, der ihrer Mama viel Geld dafür gab, dass er ihnen ein bisschen wehtun durfte. Und obwohl er ein ausgesprochener Rassist war, wurde die ihm Widersprüchlichkeit seiner Empfindungen kaum einmal bewusst.
Als er gegenüber der Chefin seines letzten Bordells derlei Wünsche äußerte, wurde diese ungewohnt deutlich.
Verpiss dich, du Schwein!
Sie hatte es nicht wörtlich gesagt, aber sinngemäß war es das. Er hatte sich also verpisst und war auch nicht mehr wiedergekommen. Und wenn er von Zeit zu Zeit an das kurze, unfreundliche Gespräch mit ihr dachte, bekam er rote Ohren und Bluthochdruck.
Er hatte sich einen zweiten Laptop besorgt und hatte auf diesem im Darknet zu stöbern begonnen, was ihm als Sicherheitsberater nicht fremd war. Viele der ganz bösen Jungs verkehrten dort, verabredeten sich zu Straftaten, dealten mit Waffen und Drogen, und selbstverständlich gab es dort Foren für Männer mit besonderen Vorlieben wie den seinen.
Er war immer sehr umsichtig gewesen, denn er wusste, dass das, was er tat, zutiefst unmoralisch und vor allem illegal war. Waren diese Mädchen nur einen Tag jünger als achtzehn Jahre alt, dann machte er sich der Vergewaltigung schuldig, wenn er auch nur an ihnen roch. Die Gesetzbücher des Staates Virginia, wie auch die des District of Columbia, gaben da mit Sicherheit keinen Interpretationsspielraum.
Und jetzt hatte ihn jemand erwischt und ließ ihn völlig ausbluten, denn auf den brillanten Schwarzweißfotos in A4-Größe war er zweifelsfrei zu erkennen, da würden sich die Geschworenen schnell einig sein. Heute war die letzte Rate fällig, das versprach er sich, auch wenn es Bullshit war. Was sollte er denn tun?
Um den Kerl, der ihn erpresste, in eine Falle zu locken und zu töten, war er bei weitem zu feige. Wenn er Blut auch nur sah, wurde ihm übel, weshalb er auch noch nie ein Steak gegessen hatte, das nicht mindestens medium gebraten war. Er konnte seinem Boss Kriegshandlungen empfehlen, die tausende Soldaten oder Zivilisten das Leben kosteten; denn dieses Blut sah er nicht, es war abstraktes Blut, weit weg von den USA, weit entfernt von Washington und weit weg auch von seinem Schreibtisch und seinem Gewissen.
Für das Geld, das dieser Bandit von ihm forderte, konnte man auch einen professionellen Killer haben; nur konnte er nicht gleichzeitig den Erpresser und einen Auftragsmörder bezahlen, denn solche Leute wollten Cash sehen, man konnte ihnen keinen Scheck andrehen.
Den Killer seine Arbeit machen zu lassen, und ihm als Lohn diese letzte Rate von fünfzigtausend Dollar anzubieten, klang besser, das schien ihm eine reale Möglichkeit zu sein.
Es war sicherlich nicht schwer, jemand Qualifizierten für solch eine „nasse“ Operation, wie die Russen es so treffend nannten, im Netz zu finden. Er musste dazu nicht einmal sein Arbeitszimmer verlassen. Eine Zeitlang gefiel ihm dieser Gedanke, aber bald dämmerte ihm, dass auch das kein Königsweg war.
Der Erpresser würde die Fotos nicht bei sich tragen, und er wusste nicht, wer sonst über sie Bescheid wusste. Oder was geschah, wenn der Mörder die Fotos doch bei ihm fand, sie behielt und ebenfalls an der Idee Gefallen fand, ihn damit zu erpressen? Dann kam er vom Regen in die Traufe.
Er verdrängte all diese unschönen Dinge, setzte sich an den Schreibtisch und begann zu suchen. Nach einer Stunde ungeduldigen Navigierens wurde er fündig. Er schränkte seine Auswahl auf zwei Kandidaten ein, einen mit einem serbischen oder kroatischen Namen, der andere war zweifelsohne italienischer Herkunft. Er schrieb beide an, machte die Sache dringend und wartete, mit einem Glas Bourbon in der einen und einer Zigarre in der anderen Hand. Zeit verstrich, zu viel für seinen Geschmack, morgen Abend sollte die letzte Rate beglichen werden, er würde das Geld ab morgen früh bereitliegen haben, wie immer in einer kleinen Geldtasche, die man am Gürtel einhaken konnte. Ein halbes Dutzend dieser Taschen hatte er bereits verbraucht, aber diese hier war die Letzte, so oder so.
Er wollte schon aufgeben, da meldete sich der User mit dem Nutzernamen Osijek120. Er musste bei Wikipedia nachsehen, um festzustellen, dass Osijek eine Stadt im Osten Kroatiens war, die Nachricht kam tatsächlich von dem Mann, den er mit Ex-Jugoslawien in Verbindung gebracht hatte.
Er schilderte in wenigen Sätzen sein Anliegen, froh, dass in diesem Netz alles, was er von sich preisgab, umgehend wieder gelöscht wurde. Er glaubte den Mann schon an der Angel zu haben. Es sei machbar, sagte er, beschwerte sich aber über die Kurzfristigkeit des Auftrages. Es gab nur vierundzwanzig Stunden zur Vorbereitung, so etwas mache er nur ungern. Aber okay, mit einem Bonus von fünfzig Prozent sollte der Anschlag über die Bühne gehen.
„Fünfzig Prozent wovon“, fragte der Sicherheitsberater nervös, und erhielt die Antwort „fünfzig Prozent meiner üblichen Gage von sechzigtausend. Nicht verhandelbar!“
Das war‘s, der Berater beendete frustriert den kurzen Dialog. Sechzigtausend plus fünfzig Prozent hatte er nicht und er konnte sie auch nicht auftreiben, so sehr er sich auch strecken mochte. Er hatte die fünfzig Riesen und keinen einzigen Dollar mehr.
Das Warten ging weiter, und sein Mut sank.
Und dann klingelte das Telefon und eine vertraute Stimme sagte: „Wir sind ein bisschen am Arsch, Mann! Die Geldübergabe in Frankfurt ist geplatzt. Es gab zwei Tote und irgendein Knilch ist mit dem ganzen Zaster abgehauen. Sie sind hinter ihm her, aber das kann dauern.“ Sein Partner legte auf.
Dem Nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Michael K. Ashbourne, wurde zuerst schwindlig, und dann wurde ihm schlecht. Er schaute sehnsüchtig auf die geladene 22er, die ihn aus der offenen Schublade seines Schreibtischs angrinste.
Und er überhörte fast das leise Piepsen seines Computers, der ihm den Kontakt zu einem gewissen Fratelli17 meldete. Noch war er nicht ganz verloren, er schöpfte neue Hoffnung, umso mehr, als dieser Itaker ihm schrieb, dass er nach diesem Job Fratelli18 heißen würde. Es klang nach einem Versprechen.
6 Miami, Florida
Sein Flug verlief ruhig, abgesehen von ein paar kaum nennenswerten Turbulenzen, als das Flugzeug vom Nordatlantik kommend auf die nordamerikanische Kontinentalmasse traf und die Flugbegleiter den Bordservice für eine Viertelstunde unterbrechen mussten. Als Vielflieger kannte er das und es machte ihm nichts aus. Wer es nicht vertrug, sollte zuhause bleiben oder mit dem Schiff fahren.
Er hatte bewusst auf die Beengtheit in der Economy Class verzichtet und viel Geld für einen Business Seat bezahlt, um sich ungestört um das immer noch mysteriöse Notebook kümmern zu können. Er musste herauskriegen, wen er bestohlen hatte, denn davon hing ab, wer ihm an den Fersen klebte. Waffenschieber, die Mafia, smarte Geschäftsleute mit willigen Killern in der Hinterhand, oder korrupte Politiker, die sich in ihrer Freizeit etwas dazu verdienten. Er wurde nicht richtig schlau aus der Sache, auch wenn einige der Dokumente, die er las, in letztere Richtung deuteten. Er hatte schließlich Stempel gesehen, unter anderem einen derzeitigen amerikanischen Außenhandelsbeauftragten im Rang eines Ministers; es hatte jemand für diesen in Vertretung unterschrieben.
Er vermutete, dass man angesichts der Höhe der gestohlenen Geldsumme und der klar erkennbaren Brisanz der Belege, die er bei sich trug, keine Anfänger auf seine Fährte setzte. Er konnte hoffen, dass er in Miami noch einen kleinen Vorsprung hatte – das würde sich in weniger als zwei Stunden zeigen.
Er hatte vor dem Check-In bei Hertz einen Wagen bestellt, einen Ford Taurus mit allen Meilen inklusive und mit ausreichendem Versicherungsschutz. Das war teuer, weil er im allerletzten Moment gebucht hatte, und weil in den Staaten erst in einer Woche Labour Day war und mit ihm der Schlusspunkt der diesjährigen Feriensaison.
Auf der Zollerklärung, die er während des Fluges ausfüllte, gab er an, dass er die meldepflichtige Höchstgrenze von zehntausend Dollar in bar unterschritt. Aber selbst, wenn sie ihn filzten und fragten, hatte er an sich wenig zu befürchten. Seine Airline hatte den amerikanischen Behörden bereits vorab mitgeteilt, dass dieser Reisende mehr als acht Wochen im Land bleiben wollte, was durch sein Rückflugticket zu belegen war. Er würde sagen, dass er Kreditkarten nicht mochte und nur dann einsetzte, wenn es gar nicht anders ging. Das war vielleicht ein bisschen schrullig, aber letztlich seine Sache und zumindest nicht ganz illegal. Er würde sich doof stellen und das Beste hoffen.
Er hatte keine feste Route im Sinn, wollte zunächst auf dem schnellsten Weg raus aus Miami, nach Norden, die erste Tankfüllung leerfahren und dann schauen, worauf es hinaus lief. Er kannte den größten Teil der USA, etliche Teile davon sehr gut. Den Südwesten mochte er am meisten, all diese leeren Straßen durch ebenso leere Wüstenlandschaften waren immer eine Art Wahlheimat für ihn gewesen. Das Radio eingeschaltet, oder eine CD mit Rockmusik in den Player geschoben, und er konnte endlos fahren, sich die Gegend ansehen, träumen, meditieren, ja, er hatte schon Tage gehabt, an denen er sieben- oder achthundert Meilen gefahren war, und es machte ihm nicht das Geringste aus; er merkte es erst, wenn er schließlich bei einem Motel, das er Stunden zuvor online gebucht hatte, ankam und sich mit steifen Knochen aus dem Fahrersitz schälen musste.
Der Westen war verlockend. Er konnte nicht ewig weglaufen, aber im Augenblick war es das Beste, in Bewegung zu bleiben, bis ihm etwas Vernünftigeres einfiel. In einem Kriminalfilm hatte er einmal den Satz gehört, nach dem die Mafia niemals etwas vergaß. Das klang deprimierend, und er hoffte mit wenig Überzeugung, dass seine spezielle Mafia eine Ausnahme für ihn machte und ihn irgendwann von ihrer Liste nahm.
Nun, sie kannten ihn schon jetzt sehr gut, nachdem sie – vermutlich - seinen Computer auseinandergeschraubt hatten. Er durfte sich keine Illusionen machen, denn er stand mit dem Rücken zur Wand.
Sie konnten schon auf ihn warten, wenn er gelandet war. In Frankfurt hatte er sich mit eigenen Augen davon überzeugen müssen, dass diese Leute brutal und völlig humorlos agierten, wenn sie etwas wollten oder ihnen etwas gegen den Strich ging. Besseres als eine Kugel in den Kopf konnte er von ihnen nicht erwarten, wer immer sie waren.
Die letzten Getränke und Erfrischungstücher auf diesem Flug wurden gereicht und er schaltete das Notebook aus. Unten am Boden tauchte die Küstenlinie Floridas auf, der Pilot hatte bereits den Sinkflug eingeleitet, in zwanzig Minuten würden sie landen.
Cord Hennings schloss die Augen und wiederholte lautlos und mehrmals den Satz: Ich werde zu meinen Kindern zurückkehren, denn ich werde diese Sache überleben…
*
Nach der Landung ging alles sehr schnell. An den Einwanderungsbehörden kam er beinahe als Erster vorbei und sie ließen ihn anstandslos passieren. Kein Wunder, er war weiß, nicht vorbestraft, er war schon etliche Male in den Staaten gewesen, und er hatte sich dabei nie etwas zuschulden kommen lassen. Der Officer fragte lediglich „Tourist oder Geschäfte?“, und er sagte, er sei im Urlaub. Es war ein Tanz auf der Rasierklinge. Denn wenn sie seinen Aktenkoffer mit den sechs Millionen öffneten, wäre er fällig.
Spannend wurde es nach der Gepäckausgabe, als er am Zoll vorbei musste. Einiges von seinem Bargeld trug er am Körper, aber einen größeren Betrag (zusammen etwa fünfunddreißigtausend Euro und Franken) hatte er in seiner Reisetasche verstaut und es würde Fragen aufwerfen, wenn man sie fand.
Er hatte sich eine ziemlich lahme Erklärung ausgedacht; er sei Immobilienmakler und von Schweizer Geschäftsleuten darum gebeten worden, sich in Florida einige Objekte anzuschauen, weil sie auf der Suche nach einem Alterswohnsitz waren. Diese Leute trauten den Banken seit dem Finanzcrash von 2008 nicht mehr, sie machten sich Sorgen um ihr Geld und hatten ihm Bargeld mitgegeben, damit er für sie eine Anzahlung an einen eventuellen Verkäufer tätigen konnte.
Lahm. Verdammt lahm!
Sie mussten ihn nur nach Namen und Adresse dieser Leute fragen und schon stünde er splitternackt im warmen Regen Floridas. Außerdem waren da noch die Wertpapiere; wollte er vielleicht ganz Disneyland kaufen?
Am Band gehörte seine Reisetasche zu den ersten Gepäckstücken, die ausgegeben wurden. Er wartete, bis ihm eine kleine Gruppe von sichtlich angeheiterten Franzosen auffiel, die offenbar in Paris zugestiegen waren und sich auf dem Zehnstundenflug von innen angefeuchtet hatten. Auf dem Weg zum Zoll lachten sie und redeten lautstark durcheinander.
Instinktiv reihte Cord sich direkt hinter ihnen ein, denn er wusste, dass die Zöllner hierzulande nur wenig Spaß vertrugen. Wer übermütig wurde, dem stutzten sie gerne einmal die Flügel. Und so kam es auch zu Cords großer Erleichterung. Die Gruppe wurde auf der Stelle an einen großen Tisch an der Seite der Halle beordert, wo sie ihre Koffer aufmachen mussten. Drei der vier Beamten machten sich über das Gepäck her, der einzig Verbliebene winkte Cord ungeduldig durch. Es war kurz vor sieben Uhr abends, als er mit Reisetasche und Aktenkoffer den Shuttlebus zum Rental Car Center des Flughafens bestieg, der für diese Strecke nur fünf Minuten brauchte.
Wenn alles gutging, würde er in einer halben Stunde am Steuer seines Mietwagens sitzen und Miami im Rückspiegel kleiner werden und bald darauf ganz verschwinden sehen.
Er hatte seit der Landung des Flugzeuges nicht mehr an seine Verfolger gedacht, war zu sehr auf die Einreise fokussiert gewesen. Jetzt, als er sich dem Schalterraum von Hertz näherte, kam die Angst zurück. Er musste machen, dass er von hier weg kam.
Wie üblich, wollte ihm die Frau am Counter alle möglichen Zusatzversicherungen verkaufen, und er ließ es geschehen, weil sie hartnäckig war und er endlich wegwollte. Versicherungen! Er wusste nicht einmal, ob er morgen früh noch leben würde. Endlich hatte er den Wagenschlüssel, und ein paar Minuten später stellte er die Rückspiegel seines neuen Wagens ein - er würde sie mehr als sonst benötigen.
Bei Google Maps suchte und fand er den schnellsten Weg aus der Stadt hinaus. Er wählte die I-95, die in einiger Entfernung zur Küste bis hinauf nach Maine und zur kanadischen Grenze führte.
Nach vier Stunden zügiger (aber nicht halsbrecherischer) Fahrt näherte er sich St. Augustine, einem Touristenstädtchen kurz vor Jacksonville im Nordosten von Florida; dort verließ er den Highway. Er hatte den Tank seines Wagens zu drei Vierteln leergefahren, und außerdem hatte er Hunger.
Er tankte nach, parkte und ging die paar Schritte hinüber zu einem Burger King; es war sein erstes Junkfood seit Wochen. Weil die Kinder dieses Zeug nicht essen sollten, hatten sie stets einen riesengroßen Bogen um jeden McDonalds gemacht, und damit waren sie gut gefahren; die Zwerge waren schlank und fit. Der Tag, an dem sie nach Big Macs süchtig wurden, würde unvermeidlich kommen; die Ansteckung würde über die Schule erfolgen. Aber man konnte diesen Tag so lange hinausschieben, wie es ging.
*
„Er ist uns durch die Lappen gegangen, aber wir haben den Wagen auf dem Schirm, der ist mit GPS zu orten. Das wird uns bei der Suche helfen. Äh…Boss…ich hab das Mäuschen bei Hertz mit hundert Mücken schmieren müssen; die würde ich gerne wiederhaben.“ – „Setz‘ sie auf die Spesenrechnung. Wohin ist dieser Scheißkerl unterwegs?“
„Er ist auf der I-95 in Richtung Norden unterwegs und inzwischen gut dreihundert Meilen gefahren.“
„Das hatte ich vermutet. Er wäre bescheuert, wenn er auf die Keys führe. Das ist eine Sackgasse, aus der er im Ernstfall nicht mehr rauskäme. Bleibt an ihm dran. Ich will ein stündliches Update.“
Bis etwa zehn Uhr an diesem Abend studierte ihr „Mäuschen“ bei Hertz den Kurs des Mietwagens, in dem der Deutsche zügig nach Norden fuhr. Die beiden unangenehmen Typen, die ihr einen Hunderter für ihre Mühe zugesteckt hatten, boten weitere fünfhundert Dollar, wenn sie die Nacht hindurch bleiben und sie auf dem Laufenden halten würde.
Aber ihr wurde das Ganze unheimlich und sie lehnte nicht nur ab, sondern warnte auch ihre Kollegin, die die Nachtschicht übernehmen würde.
„Nein, nichts zu machen. Wir dürfen das überhaupt nicht.“ Damit war der Kontakt zu dem Mann, zu seinem Auto und zu dem, was er bei sich trug, vorläufig abgerissen.
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Ein paar Stunden davor hatte der fette Ollie bei den infrage kommenden Airlines in Tegel Klinken geputzt und war zu dem Schluss gelangt, dass ihr Mann mit einiger Sicherheit den Morgenflug nach Florida genommen hatte. Er teilte seinen Befund einem Boss mit, den er noch nie gesehen hatte, und dem persönlich berichten zu dürfen schon ein besonderer Gunstbeweis war.
„Danke“, sagte dieser nur, legte auf und tippte kurz darauf eine lange Telefonnummer in sein Handy ein; wer die Ländervorwahl und die Städtecodes der USA kannte, wusste, dass sich der Anschluss für diese Nummer in Fort Lauderdale, Florida, befand. Und wer den Flugplan der eingehenden Flüge für den heutigen Tag am Airport von Miami kannte, wusste auch, dass der fette Ollie zwar richtig geraten, aber etwa anderthalb Stunden zu spät geliefert hatte.
*
Es war nicht einfach, einen Mann in einem Auto zu verfolgen, ohne dass dieser es bemerkte. Der Deutsche würde vorsichtig sein und es merken, wenn sich ein anderes Fahrzeug an seine Stoßstange heftete. Er war Detektiv und schon deshalb nicht zu unterschätzen.
Es war besser, mehrere Teams auf ihn anzusetzen, die sich abwechselten. Nur, woher sollte er die so schnell nehmen? Wenn er die Italiener mit ins Boot nahm, würden sie ihren Anteil an dem Geld fordern. Andererseits lieferten sie auch stets saubere Arbeit ab, wenn man sie um Hilfe bat.
Die „Besorgten Patrioten“ verfügten über eine große Schar an Freiwilligen für solche Jobs, aber unter diesen Kerlen gab es eine Menge an ungeschulten Blindgängern. Das paramilitärische Training für ihre fanatischsten Anhänger steckte noch in den Kinderschuhen und war für hier und jetzt nur sehr bedingt einsatzbereit.
Einzig eine Waffe dürfte der Deutsche nicht besitzen, sonst hätte er nicht so schnell den Zoll passieren (geschweige denn den Security Check in Deutschland) überstehen können.
Aber auch das war nur eine Frage der Zeit. Die beiden Killer in Frankfurt hatten beim Durchwühlen der Wohnung einen Revolver Kaliber .38 gefunden und daraus geschlossen, dass er zwar unbewaffnet unterwegs war, aber wahrscheinlich mit einer Waffe umgehen konnte.
Jeder Idiot konnte in den USA an eine Schusswaffe kommen; er musste nur laut genug danach rufen und genügend Bares anbieten. Deshalb mussten sie davon ausgehen, dass er, wenn sie ihn nicht bald schnappten, ihnen schnell genug bewaffnet gegenübertreten würde.
Der Mann, der den Kongo-Deal als Einziger kannte und vollständig überblickte, kämpfte mit einem logistischen Problem. Er brauchte mindestens vier Autos und acht Mann, um diesen verdammten Detektiv einzufangen. Sie wollten das Geld, und sie wussten, dass er wahrscheinlich alle Einzelheiten über das große Waffengeschäft kannte; dass er ihnen dadurch gefährlich werden konnte, lag auf der Hand. Schließlich waren Leute an diesem schmutzigen Deal beteiligt, die eine Menge zu verlieren hatten. Das reichte bis in hohe Regierungskreise, dorthin, wo die Luft dünn war und wo man sich keine Fehler erlauben durfte.
Ausgerechnet einer dieser schwachsinnigen Politiker war aber nun zu ihrer Achillessehne geworden. Wenn dieser Kerl nicht aufhörte zu jammern, würde man zu einer Lösung für ihn kommen müssen - und die würde niemandem Freude bereiten.
*
Beim Frankfurter Morddezernat, das in einem mysteriösen Doppelmord im Zoologischen Garten zu ermitteln hatte, herrschte Ratlosigkeit.
Die bislang einzige brauchbare Spur lieferte eine teure Spiegelreflexkamera, die ein potentieller Mittäter (oder auch nur Zeuge) beim Verlassen des Tatortes verloren hatte; die Kassiererin hatte diese Kamera in der Nähe des Ausgangs entdeckt, an sich genommen und wenig später den herbeigeeilten Polizeibeamten ausgehändigt.
Kommissar Schuchardt wartete bereits ungeduldig auf die Analyse der Kamera bzw. ihres Speicherchips.
„Chef…“
„…na, endlich! Gibt es etwas Brauchbares?“
„Ja, wir konnten den Besitzer ermitteln. Er hat die Kamera auf der Service-Seite des Herstellers registrieren lassen. Es handelt sich um einen Cord Hennings, Privatdetektiv aus Frankfurt, wohnhaft in Bockenheim, die Anschrift haben wir. Es ist direkt bei mir um die Ecke. Bis vor ein paar Jahren war in dem Haus eine Buchhandlung, die aber inzwischen geschlossen wurde. Daneben gibt’s eine Kneipe, deren Namen ich vergessen habe. Er wohnt dort im vierten Obergeschoss, allein, wie wir inzwischen herausgefunden haben.
Was er im Zoo verloren hatte, wissen wir nicht, der Chip in seiner Kamera war jedenfalls leer.“
„Habt ihr eine Telefonnummer?“
„Ja, aber unter der meldet sich niemand, wir haben es schon einige Male probiert.“
„Dann schnappen Sie sich Wegmann“, sagte der Kommissar, „und fahren Sie mal hin. Ich will wissen, ob er etwas zu der Sache zu sagen hat. Selbst wenn er dort in Panik abgehauen ist, nachdem die Schüsse fielen, müsste er sich längst auf die Suche nach seiner teuren Kamera gemacht haben. Die Geschichte ist jetzt fast achtundvierzig Stunden her. Irgendetwas stimmt da nicht.“
*
„Der Vogel ist ausgeflogen und hat eine Menge Unordnung hinterlassen; oder jemand hat ihm die Bude auf den Kopf gestellt. Offenbar ist auch ein Rechner weg, der dort vor kurzem noch gestanden hat; man sieht noch die Abdrücke auf dem staubigen Teppichboden.“
„Nachbarn?“
„Eine Mieterin zwei Stockwerke unter ihm hat zwei Männer am Aufzug gesehen, kurz danach auch nochmal Hennings, der gerade nach Hause kam, das muss etwa zweieinhalb oder drei Stunden nach der Tat im Zoo gewesen sein. Mehr wissen wir nicht.“
„Hat er Familie oder Verwandte?“
„Geschieden, die beiden Kinder wohnen bei der Mutter. Führt uns aber nicht weiter, die sind im Urlaub, irgendwo am Mittelmeer.“
„Macht Fotos in der Wohnung und kommt dann wieder her. Die Spurensicherung wird sich das nochmal gründlicher anschauen und die Wohnung anschließend versiegeln. Dann muss er zu uns kommen, wenn er wieder hinein will. Ich lasse ihn zu seinem eigenen Schutz auf die Fahndungsliste setzen. Ich kann fast riechen, dass er sich auf der Flucht befindet, vor wem auch immer.“
*
Cord fuhr noch bis kurz vor Savannah, Georgia, aber dann plötzlich traf ihn die Erschöpfung wie ein Holzhammer. Er war seit knapp dreißig Stunden auf den Beinen, und davor hatte er nur zwei Stunden auf einem Plastikstuhl im Wartesaal eines Flughafens geschlafen. Jetzt war er halb blind vor Müdigkeit und verließ notgedrungen den Highway. Er sparte sich den Weg in die Stadt und blieb in der Nähe der Ausfahrt, wo er nach kurzer Suche ein Super8 Motel fand, das noch ein Zimmer für ihn hatte. Es war halb vier Uhr morgens, und er war nach dem langen Flug noch beinahe fünfhundert Meilen gefahren.
Der Nachtmanager des Motels zog seine Kreditkarte durch das Kartenterminal und gab ihm seinen Schlüssel. Cord fuhr um den Block zu seinem Zimmer und trug das Gepäck hinein. Es war vielleicht eine gute Idee, den Wagen ein paar Meter entfernt von seinem Zimmer zu parken; echte Profis konnte man damit aber nicht hinters Licht führen - sie würden schnell in Erfahrung bringen, in welchem Bett er schlief.
Bei seinem Tankstopp hatte ein paar Dosen Bier gebunkert, die jetzt lauwarm waren, ihm aber dabei helfen würden, abzuschalten und bald einzuschlafen.
Er setzte sich auf den Stuhl, den er aus seinem Zimmer genommen und auf den offenen Gang des Motels gestellt hatte, und rauchte an der schwülen Nachtluft, während er in tiefen Zügen trank. Frösche quakten aus einem Teich, den er nicht sehen konnte, Grillen zirpten ganz in der Nähe.
Es tat gut, angekommen zu sein. Um elf Uhr am Morgen musste er das Zimmer räumen und diese Zeit würde er bis zum letzten Moment nutzen, um zu schlafen. Dann wollte er sich darüber klarwerden, wie es weiter ging. Für heute taugte sein Kopf nicht mehr dazu, strategisch zu denken.
Er ging wieder ins Zimmer, hängte das Bitte-Nicht-Stören-Schild von außen an die Tür, betrieb Katzenwäsche, legte sich auf das breite Bett und war Minuten später eingeschlafen.
In dieser Nacht träumte er von Tieren mit langen Tentakeln, die sich im Gegensatz zu Oktopussen auch an Land bewegen konnten. Aber die Biester waren nicht hinter ihm, sondern hinter seinen beiden Mädchen her, und er rannte und rannte, um sie zu retten, aber er rannte nur auf der Stelle und konnte sie nicht erreichen.
An diesen Traum sollte er sich erst im Laufe des Tages erinnern, denn er wurde abgelöst von einem anderen Szenario, einem Leuchtturm, dessen kreisende Scheinwerfer ihn alle paar Sekunden anstrahlten, um ihn gleich darauf wieder in die Dunkelheit zu entlassen. Dabei dachte er unablässig an Fort Stockton in Texas. Immer wieder, nach jeder Umdrehung, die das Licht vollführte, kam eine Stimme aus dem Off und sagte Fort Stockton, Texas.
Was zum Teufel…?!
Er setzte sich ruckartig auf und stellte fest, dass er seine Bettdecke mit den Füßen weggestrampelt hatte.
Fort Stockton in Texas gab es tatsächlich, er hatte dort auf einer seiner früheren Touren einmal eine Panne gehabt; sein rechter Hinterreifen war geplatzt und ein freundlicher Polizist hatte ihm dabei geholfen, das Reserverad zu montieren.
Aber was hatte das mit ihm und seiner derzeitigen Lage zu tun? Es fiel ihm nicht ein. Wahrscheinlich funkte sein überfordertes Gehirn auf allen verfügbaren Kanälen irgendwelches wirre Zeug, und dieser Traum war nur ein Ausdruck davon.
Zwei Stunden später duschte er, machte Kaffee, suchte seine wenigen Habseligkeiten zusammen und verließ sein Zimmer. Es war nichts von irgendwelchen Verfolgern zu sehen. Welche Gestalt würden sie haben, wenn sie ihn holen kamen? Wieviel Macht besaßen sie, wenn sie in Deutschland zwei Menschen ermordeten und danach cool genug blieben, ihn einfach weiter zu verfolgen und seine Wohnung zu verwüsten, anstatt schleunigst das Weite zu suchen?
Und dann, als er den Wagen anließ, um rückwärts aus seiner Parklücke zu stoßen, kam es wieder.
Fort Stockton!
Er war kein großer Traumdeuter, aber er wusste, dass Träume häufig einen Bezug zur Realität hatten; oft waren sie verschlüsselt und geheimnisvoll, gelegentlich aber auch klar und leicht zu verstehen.
Er hatte sich entschlossen, noch eine Zeitlang auf der I-95 in Richtung Norden zu bleiben, um vorläufig noch keine weiterreichenden Entscheidungen treffen zu müssen. Er war acht Stunden vor Washington, D.C., zwölfeinhalb vor New York City. Er hatte in beiden Städten nichts verloren, er hatte nur in Frankfurt am Main etwas zu erledigen, aber das sollte ihm vorläufig verwehrt bleiben. Vielleicht sogar für eine sehr lange Zeit, für drei Jahre, oder dreißig, oder so.
Fort Stockton!!??
Verdammt!
7 Bei Lubumbashi, Demokratische Republik Kongo
Adrian Livingstone Kalemba hatte genauso lange einen guten Tag, bis er erfuhr, dass in Deutschland etwas schiefgelaufen war, etwas, das seine Pläne durchkreuzen konnte, wenn nicht schnell Abhilfe gefunden wurde.
Die Bankanleihen (mühevoll und in Raten in Sambia und Südafrika gegen Edelsteine aus seiner eigenen Mine eingetauscht) und das Bargeld, seine gesamten flüssigen Mittel, hatte er aufgebraucht, um die erste Rate von zehn Prozent für eine große Waffenlieferung bezahlen zu können; Waffen, die eine immense Bedeutung hatten für seinen revolutionären Kampf gegen die korrupten Banditen in der Hauptstadt Kinshasa.
Und dieses Geld sollte jetzt einfach weg sein, gestohlen von einem Mann, der nichts mit dem ganzen Geschäft zu tun hatte? Er war beinahe überzeugt davon, dass ihn seine Geschäftspartner betrogen, auch wenn der Vermittler in Wien, der ihn vor einer Stunde angerufen hatte, beteuerte, dass alles seinen geplanten Gang gehe und man den Flüchtigen bald genug schnappen werde. Es sei nur eine Frage von Stunden oder Tagen.
Adrian würde es erst glauben, wenn er es sah. Diese Leute konnten einfach mit seinem schönen Geld verschwinden, und er konnte nichts dagegen tun, außer wieder von vorn zu beginnen.
Adrian war in der dünn besiedelten, ehemaligen Provinz Katanga, etwa einen Tagesmarsch entfernt von dessen Hauptstadt Lubumbashi, geboren und aufgewachsen - allerdings nur so lange, bis es in der Region wieder wie so oft zu exzessiver Gewalt gekommen war und seine Familie fliehen musste.
Bis dahin hatte er eine Missionsschule besucht, die von belgischen Dominikanermönchen unterhalten wurde, Männer des Glaubens und des Wortes, die das Weite suchten, als in der Region wieder Tag für Tag und Nacht für Nacht geschossen wurde. Ihr Leben war ihnen wichtiger als ihre Mission, und das konnte er heute verstehen, auch wenn er damals zutiefst enttäuscht gewesen war.
Die begonnene Ausbildung sollte ihn dazu befähigen, dass er in Kinshasa studieren und es dort zu etwas bringen konnte, und dass er damit auch der Familie (und dem ganzen Dorf) helfen würde, ihrer bitteren Armut zu entkommen. Mit der Abreise der Mönche und der anschließenden Flucht seines Clans war dieses Thema erledigt, und er hatte in der Anfangszeit oft des Nachts deshalb geweint.
Die Jahre vergingen, und er war ein mürrischer, gegen seine Geschwister oft aufbrausender Junge geworden, der sich in ihrer kleinen Gemeinde nicht zurecht fand und der von großen Taten träumte, die er eines Tages vollbringen wollte.
Mit Kleinigkeiten hielt er sich dabei nicht lange auf, und je älter er wurde, desto kühner waren auch seine Pläne.
Und da er anders als seine Geschwister nie am Fluss Wasser holte oder auf dem mühsam gerodeten Acker half, der sie ernährte, wurde es bald sehr einsam um ihn; denn wer wollte schon seine Prahlereien hören, mit denen er ankündigte, dass er einmal Präsident (oder sogar König) der Demokratischen Republik Kongo sein werde, und er jeden umbringen wollte, der sich ihm in den Weg stellte. Sie widersprachen ihm nicht sehr lange, weil er schnell jähzornig wurde, aber hinter seinem Rücken nannten sie ihn einen Spinner, von dem man sich am besten fernhielt. Er wiederum wusste, dass sie ihn so nannten, aber es war ihm egal.
Als er siebzehn war, hatte er schon bei dem ein oder anderen regionalen Scharmützel mitgekämpft; es wurde im Osten Kongos fast immer um Diamantminen und seltene Metalle gerungen; wer gewann, kontrollierte sie und konnte sie ausbeuten; er war meistens auf der Seite derer, denen er die besten Siegeschancen gab, auch wenn ihn sein Instinkt dabei gelegentlich im Stich ließ und er dem falschen Warlord hinterher lief.
Eine seiner falschen Entscheidungen hatte dazu geführt, dass er heute nur noch einen Arm besaß, weil ihm ein ruandischer Hutu den anderen mit einer Machete blitzsauber über dem Ellbogen abgetrennt hatte.
Dieses neue Handicap war eine schwere Prüfung für ihn gewesen. Er konnte - amputiert, wie er nunmehr war - in sein Dorf zurückkehren, um sich vor den Leuten zu blamieren, die ihn schon früher verspottet hatten. Dort wäre er als Mann wertlos, aber sie würden ihn zumindest leben lassen.
Eine Frau zu heiraten konnte er als Krüppel kaum erwarten, soweit reichte das Mitgefühl des Stammes nicht; wer nicht für eine Familie aufkommen konnte, der sollte auch keine gründen. Der Kodex des Stammes ließ dabei weder Spielraum noch Ausnahmen zu.
Weil er nicht kämpfen konnte, lernte er zu beschaffen und zu verhandeln. Mal auf dieser, mal auf der anderen Seite stehend erwarb er trotz seines finsteren (und oft genug bösartigen) Wesens binnen weniger Jahre das Wissen, das es brauchte, um Konflikte mit oder ohne Blutvergießen zu lösen. Es war diese Fähigkeit, die ihn dazu befähigen würde, die hunderte von Völkern des Kongo, mit hunderten von Sprachen und Idiomen, unter einer Fahne zu vereinen.
Verhandeln, drohen, erpressen, und nur wenn nötig kämpfen; was vor ein paar Jahren mit einem kleinen Trupp von vierzig Gefolgsleuten begonnen hatte, stand jetzt in voller Blüte: Auf sein Kommando hörten sechzigtausend Mann, und bald sollten sie allesamt bewaffnet sein (wenn diese weißen Bastarde ihr Wort hielten).
Die Dinge begannen jetzt, Gestalt anzunehmen. Kalemba hatte schon vor Monaten den größten Teil seiner Männer nach Westen geschickt, immer in überschaubaren Kontingenten von jeweils kaum mehr als hundertfünfzig Mann, was eine optimale Größe für einen Guerillatrupp war. Eine solche Anzahl an Männern würde nicht den Argwohn des Präsidenten oder dessen Militärs erregen, sie konnten unter dem Radar des Feindes agieren.
Aber hunderte solcher kleinen Einheiten, klug geführt, ergaben eine Militärmacht, die Kabila und seiner Familie den Garaus machen konnte. Hielten die weißen Verbrecher ihren Teil des Handels ein, dann wäre Kalemba das, was er vor vielen Jahren behauptet hatte einmal zu werden.
Davor aber waren gewaltige militärische, wirtschaftliche und logistische Hürden zu überwinden gewesen. Allein das Ausheben der Depots für seine neuen Waffen war eine enorme Leistung. Des Weiteren musste er zweitausend Mann seiner Streitmacht für den Schutz seiner Mine bereitstellen, zweitausend weitere waren nötig, um die Gardeeinheiten Kabilas zu beschäftigen, fünfzehntausend Mann, die im nahen Lubumbashi stationiert waren. Seine Männer sollten diese Truppen über Monate hinweg mit Scheinangriffen oder durch Beschuss aus großer Entfernung ablenken von dem, was er am anderen Ende des Landes zu tun plante. Es war nicht weniger als der Griff nach der alleinigen Herrschaft über dieses riesige Land.
Kapitel 3
1 Aspen, Colorado
Sie verließen den Raum Denver, tankten ein paar Meilen vor Aspen noch einmal voll und ließen sich vom Kassierer den Weg zur Lodge erklären, weil Google Maps das Anwesen offenbar nicht kannte.
„Fünf Meilen raus aus der Stadt, immer nach Westen, dann kommen Sie an eine kleine Kreuzung. Dort steht ein großer geschmackloser Grizzlybär aus Plastik am Straßenrand, den Sie nicht übersehen können. Biegen sie dort nach rechts auf eine schmale Straße ab, die nur im unteren Teil asphaltiert ist. Sie endet genau vor Ihrem Ziel. Vorbeifahren können Sie nicht, denn dahinter kommt nichts mehr.“
Der Mann kannte sich aus, aber sie wussten es noch ein wenig besser; es gab sehr wohl einen befahrbaren Weg hinter dem Haus, auf dem sie entkommen konnten, wenn es darauf ankam. Eine Sackgasse wäre auch ein absolutes No go für sie gewesen.
Sie bedankten sich für die Auskunft, bezahlten und fuhren los. Eine gute Stunde noch, hatte der Kassierer geschätzt, und sie hofften, dass er damit Recht behielt.
Sie fuhren durch Aspen und sahen nichts, was Häuserpreise von über anderthalb Millionen Dollar selbst für die kleinste Hütte rechtfertigte; allein das Wissen um verlässlichen Schnee und ein paar äußerst mondäne Unterkünfte ließen einen spüren, dass der Ort anders war als andere. Sie machten, dass sie schnell wieder hinauskamen. „Im Winter sah das ganz anders aus“, sagte Lisa, wie um sich zu entschuldigen.
Die Abzweigung zu ihrem vorübergehenden Domizil fand sich genau dort, wo der Mann sie beschrieben hatte; und auch der tatsächlich grässliche Bär stand dort, wo er stehen sollte.
Auf dem Weg nach oben hofften sie, dass ihnen niemand entgegen kam; es gab auf einer Strecke von einer Meile keine Möglichkeit, auszuweichen oder zu wenden. Eines der beiden Fahrzeuge würde die ganze Strecke rückwärtsfahren müssen, was sich für den verletzten Cord, der sich kaum umdrehen konnte, wie eine drohende Apokalypse anhörte. Er konnte überhaupt nur fahren, weil er selten schalten musste.
Aber der Kelch ging an ihnen vorbei, und als das Gelände offener und das Sträßchen etwas breiter wurde, atmeten sie auf. Sie konnten jetzt, durch das letzte Stück lichten Kiefernwaldes hindurch, das Kräuseln von weißem Rauch sehen. Der Hausverwalter hatte anscheinend den offenen Kamin für sie angefeuert. Sie fühlten sich schlagartig wieder munter, als sie auf der Einfahrt direkt vor der Haustür anhielten.
Der Hausverwalter, Mr. Denver aus Aspen, begrüßte sie mit kräftigem Handschlag und führte sie durchs Haus. Rechts fand sich eine Art Arbeitszimmer, die Wände waren voller Bücherregale. Der Besitzer des Anwesens war entweder eine Leseratte oder ein Angeber. Links vom Eingang betrat man das gewaltige (und überwältigende) Wohnzimmer. Es besaß Natursteinwände, die bis auf Kopfhöhe mit Holz ausgekleidet waren. Cord schätzte die Höhe des Raumes auf sechs bis sieben Meter, ihn im Winter zu beheizen musste ganze Wälder an Brennholz verschlingen. Er sprach es an und Denver erklärte ihm, dass niemand dies tue. Es gab eine hochmoderne Gasheizung für jedes Zimmer des Hauses, der Kamin war nur für das romantische Ambiente des Hauses gebaut worden, kaum jemand hatte ihn je länger als für einen Abend benutzt.
Es hatte bereits zu Dunkeln begonnen, als sie ihren Rundgang beendet hatten. Sie waren begeistert, allerdings hatte Cord auch deutlich gemacht, dass man für diesen Preis durchaus auch etwas erwarten durfte. Das ginge ihn nichts an, sagte Mr. Denver, und das stimmte wohl auch.
Weit unten im Tal wurden nach und nach die Lichter eingeschaltet, während Lisa und Cord Hand in Hand an der riesigen Panoramascheibe standen und zusahen, wie der Hausverwalter seinen weißen Pickup bestieg und mit einem defekten Rücklicht hinunter in die Stadt fuhr.
„Das mit dem Sheriff gefällt mir gar nicht“, sagte Lisa nach einer Weile. „Und wenn die uns schon im Computer haben und suchen?“
Cord wusste auch keine Antwort. Mr. Denver aus Aspen hatte ihnen ganz zum Schluss eine Giftpille verabreicht, ohne es zu wissen. „Seien Sie nicht überrascht, wenn in den nächsten ein-zwei Tagen der Sheriff hier oben erscheint. Das macht er immer so; er will wissen, wer in sein Revier eindringt. Machen Sie sich nichts daraus - wer nichts zu verbergen hat, muss sich auch nicht vor ihm fürchten. Er ist lästig, aber ein ziemlich fauler Sack. Der sagt Hallo und lässt sich einen Kaffee anbieten; und er schwafelt gern ein wenig über die Jagd in diesen Bergen, verschwindet dann aber schnell wieder.“
Das war ein Tiefschlag, den sie erst einmal verdauen mussten. „Wenn ich es richtig verstanden habe, werden wir bisher von irgendeiner Bande von Waffenschiebern verfolgt.“
„Oder von ein paar Leuten, die innerhalb eines Geheimdienstes auf eigene Faust operieren.“
„Und vielleicht von den Handlangern dieser beiden Politiker in Washington.“
„Wer auch immer sie sind, sie sollten allesamt kein Interesse daran haben, dass wir der Polizei in die Hände fallen – ganz im Gegenteil“, sagte Lisa, und traf damit ins Schwarze. Wenn ihre Verfolger daran interessiert waren, dass sie beide ihr Wissen nirgends verbreiten konnten, dann müsste man sie schleunigst vor der Polizei schützen, oder aber sie wirksam am Reden hindern.
So far, so bad.
„Hast du Hunger?“
„Ja, jetzt, wo du es sagst.“
„Ich mache uns Steaks mit Folienkartoffeln, okay?“
„Du bist ein Engel, ich werde mich in den nächsten Tagen revanchieren. Mehr als Fleisch und Kartoffeln kann ich allerdings auch nicht.“
Er lachte und blickte weiter durch das riesige Fenster des Wohnzimmers. Draußen verschwand gerade das letzte Tageslicht, Aspen war jetzt ein – wenn auch kleines - Lichtermeer, welches die über der Stadt hängende Wolkendecke in Orange färbte. Ein großer Vogel flog zweimal am Fenster vorbei, aber er konnte nicht erkennen, was für eine Art Vogel es war. Es war ihm auch egal, er spürte jetzt wieder die große Müdigkeit der letzten Tage zurückkehren, die nur vorhin einmal kurz vergessen war, als sie hier oben ankamen.
„Zwanzig Minuten noch, Honey!“ Sein Magen knurrte jetzt laut und vernehmbar. Sie hatten seit gestern Abend in Chugwater fast nichts mehr gegessen.
Eine Viertelstunde darauf trug Lisa zuerst einen kalifornischen Rotwein und kurz darauf das Abendessen auf, zwei gewaltige Porterhousesteaks mit Kartoffeln und einem ganzen Sortiment an Saucen und Gewürzen.
Nach dem Essen machten sie eine Runde ums Haus und beschäftigten sich mit dem Alarmsystem, an dem der Besitzer nicht gespart hatte. Da waren Infrarot-Fallen, die schon über einhundert Meter vom Haus entfernt die Straße bewachten und Alarm schlagen würden, wenn etwas Großes zwischen ihnen hindurch in Richtung Haus wollte, also ein Auto, ein Mensch, aber auch ein Bär oder ein Wapiti-Hirsch. Die Anlage fotografierte den Eindringling, sandte das Bild an einen Computer im Haus, der blitzartig entschied, ob die Störung einen Alarm rechtfertigte oder nicht.
Dasselbe geschah hinter dem Haus, wo der kleine, gerade noch befahrbare Weg direkt in einen dichten Kiefernwald führte und wo der Alarm in nur zwanzig Meter Entfernung ausgelöst wurde.
Aber wie auch immer, wenn ein solcher Alarm einmal ausgelöst wurde, verbarrikadierte sich das komplette Haus binnen Sekunden selbst, und Eindringlinge würden es nicht schaffen, durch eine Tür oder ein Fenster hineinzukommen, bis die Polizei von Aspen hier oben ankam. Alle Türen besaßen mit Holz kaschierte Metallrahmen, ebenso die Fenster, deren Spezialglas selbst einem großkalibrigen Gewehr für eine kurze Zeit widerstand.
Sie aßen mit Heißhunger, ließen nichts auf den Tellern zurück, und der Wein war ebenfalls bald geleert.
„Heute kein Geschirrspülen mehr“, sagte Lisa.
„Und kein Sex“, antwortete Cord. Sie lachten.
Das Holz im Kamin war heruntergebrannt, sie löschten das Licht im Wohnzimmer und gingen nach oben, wo die Schlafzimmer lagen. Cord nahm sein Antibiotikum und Lisa wechselte wieder seinen improvisierten Verband.
2 Washington, D.C.
Sie verfolgten den Wagen per GPS und unterrichteten ihren Arbeitgeber jede halbe Stunde über den Weg, den der Deutsche nahm.
Das klappte bis etwa zweiundzwanzig Uhr, weil sie das „Mäuschen“ geschmiert hatten. Ihre Pechsträhne begann jedoch, als die Frau, der die Nachtschicht oblag, sich rundweg weigerte, einen Kunden an irgendwelche Fremden zu verraten, und schon gar nicht, wenn man sie mit Geld zu ködern versuchte.
Nicht mit mir, ihr Gauner!
Sie würden also während der Nachtstunden blind sein, während das Objekt ihrer Nachstellungen in aller Ruhe hinfahren konnte, wohin es wollte (und sich dabei den Finger in den Po stecken durfte, wenn ihm danach war, wie einer von ihnen es ausdrückte).
Gegen zweiundzwanzig Uhr riefen sie zum letzten Mal ihren Boss an und klagten ihr Leid.
„Habt ihr es nicht mit den FBI-Ausweisen versucht?“
„Doch, Chef, haben wir. Aber als diese Furie damit drohte, tatsächlich beim FBI anzurufen und sich nach unserer Identität zu erkundigen, haben wir den Schwanz eingezogen und uns verdrückt. Dieses Weib schaute sich die Dinger eine Sekunde lang an und sagte, die könne sie auf ihrem Computer zuhause besser hinkriegen.“
Es blieb einen Moment lang still am anderen Ende der Leitung, bevor ihr Boss ihnen sagte, sie sollten nach Hause fahren und die ganze Sache vergessen; ab morgen früh würden andere Mitarbeiter den Job übernehmen.
Was er nicht sagte war, dass er zwei oder drei junge Leute kannte, typische Nerds, die sich einen Spaß daraus machen würden, den Server von Hertz zu entern und den Zugriff auf alle Fahrzeuge zu erlangen, die zurzeit vermietet waren und deren Standort der Flughafen von Miami war.
Er verhandelte eine Zeitlang mit dem einen und dem anderen dieser komischen Vögel und musste hinnehmen, dass das Eindringen wohl ein wenig schwerer und zeitaufwendiger war als früher, weil fast jede kleine Klitsche ihren mehr oder weniger banalen Krempel in der Cloud aufbewahrte. Vierzehn Stunden, bot der eine an, der andere auch nicht viel weniger. Das lief also auf den nächsten Tag gegen Mittag heraus, was ihm überhaupt nicht gefiel; wenn man jemanden verfolgte, waren vierzehn Stunden etwa dreizehn zu viel.
Als die Hacker ihr nächtliches Werk begannen, war Cord Hennings noch auf dem Weg nach Savannah, und wenn er am nächsten Morgen weiterfuhr, dann würde er noch gute zwei Stunden Vorsprung haben; allerdings konnten sie ihn dann wieder als Lichtpunkt auf einer elektronischen Landkarte sehen und darüber mutmaßen, was er als Nächstes tun würde.
Je weiter der Detektiv nach Nordosten fuhr, auf Washington, Philadelphia oder New York City zu, desto verminter würde das Gelände für ihn werden. In diesem Teil des Landes hatten sie buchstäblich hunderte von ergebenen Mitarbeitern, und alle taten ihren Job kritiklos und mit großer Begeisterung für die Ziele der „Besorgten Patrioten“.
*
Die Fahrt verlief ereignislos, sah man von einem Stau bei Richmond, Virginia, ab, in dessen Ende er beinahe mit hohem Tempo gefahren war, weil er neben dem Fahren mit dem Rand McNally Straßenatlas auf dem Schoß nach einer Idee suchte, wohin er sich in seiner Not wenden konnte. Aber er hatte gute Reflexe und konnte den drohenden Unfall mit einem harten Bremsmanöver verhindern. Den Atlas hatte er gestern Abend an einer Tankstelle in Florida gekauft, zuhause in Frankfurt hatte er ein halbes Dutzend davon, weil er Jahr für Jahr aktualisiert wurde.
Nach achtstündiger Fahrt war er nur noch eine gute Autostunde von Washington, D.C., entfernt und beschloss, dort für heute zu rasten. Er verließ den Highway, suchte und fand eine Tankstelle mit WLAN, tankte und versuchte, eine Unterkunft zu finden. Es wimmelte in diesem Bezirk nur so von Motels und Hotels, und als er schließlich eines ausgewählt hatte und mitten im Buchungsvorgang steckte, sah er aus dem Augenwinkel, wie eine graue Limousine langsam auf den Parkplatz vor der Tankstelle rollte. Niemand stieg aus, und man konnte nicht ins Innere des Wagens sehen, weil die Scheiben verspiegelt waren. Cord war aufs Höchste alarmiert.
Da waren sie, wer immer sie auch waren!
Nach einer unendlich langen (mindestens zwei Minuten währenden) Zeitspanne stieg der Beifahrer aus, schlenderte zum Kassenraum und ließ Cord dabei nicht aus den Augen. Er trug ein halb geöffnetes Jackett und nur ein Blinder hätte übersehen können, dass sich darunter eine Waffe befand.
Der Gejagte rannte die wenigen Schritte zu seinem Wagen, warf sich hinter das Lenkrad und ließ den Motor an. Er schätzte, dass er etwa dreißig Sekunden Vorsprung hatte, wenn die beiden Gangster hinter ihm die Autobahn erreichten. Das war ungefähr gar nichts, um es präziser zu formulieren.
Cord fädelte in den Strom von Fahrzeugen ein, die in Richtung der Hauptstadt unterwegs waren. Der Verkehr wurde jetzt von Minute zu Minute dichter, und er hoffte, in ihm unsichtbar zu bleiben, bis ihm eine Idee kam, wie er sich retten konnte. Wie hatten sie ihn so schnell finden können?
Fort Stockton!
Jetzt hatte er endlich verstanden. Sie konnten seinen Mietwagen per GPS orten.
Als er seinerzeit fünfzig Meilen westlich von Fort Stockton seinen zerfetzten Reifen austauschen musste, hatte er nur ein kleines Ersatzrad im Kofferraum gehabt, das keine langen Strecken aushalten würde. Deshalb bog er von der I-10 ab und fuhr in die Stadt, um einen neuen Reifen zu kaufen und ihn an Ort und Stelle montieren zu lassen.
Weil er nicht wusste, wie er sich im Fall einer Panne zu verhalten hatte, rief er bei Hertz an und meldete den Schaden. Er sagte, wo er war, aber die Frau im Call-Center antwortete lapidar: „Wir wissen, wo Sie sind. Einen Reifenhändler finden Sie dreihundert Meter hinter dem Walmart auf der rechten Straßenseite.“
Das war vor sieben oder acht Jahren gewesen. Er fand es merkwürdig, aber nach kurzer Zeit hatte er es wieder vergessen. Das war der Traum von letzter Nacht! Er konnte jederzeit geortet werden, und die Autovermietung konnte sogar die Elektronik seines Fahrzeuges lahmlegen, wenn sie das wollte. Das war für säumige Kunden gedacht, die ihre Wagen nicht zurückbrachten, und für Leute, die versuchten, nach Mexiko zu fahren, obwohl dies laut Mietvertrag strikt verboten war.
Er sah die Limousine jetzt etwa zweihundert Meter hinter sich, die beiden Männer - er glaubte völlig grundlos, dass es nur zwei Männer waren – machten keine Anstalten, zu ihm aufzuschließen.
Wollten sie ihm folgen, bis sein Tank leer war? Da konnten sie lange warten, denn er hatte gerade getankt und konnte deshalb noch mehr als vierhundert Meilen fahren, wenn es nötig war.
Wollten sie abwarten, um zu herauszufinden, wohin er wollte? Ebenso unnütz – er hatte selbst keine Ahnung; das hatte zumindest den Vorteil, dass sie ihm keinen Hinterhalt legen konnten. Sie mussten hinter ihm bleiben, um ihn nicht zu verlieren.
In anderthalb Stunden würde es dunkel werden. Dann konnten sie ihm vielleicht während der Fahrt ein paar Kugeln verpassen oder ihn von der Straße drängen, was aber beides höchst unsichere Methoden waren, wenn man jemanden töten wollte.
Es konnte auch sein, dass sie ihn lebend haben wollten. Er hatte schließlich immer noch ihr vermeintliches Hab und Gut in Gestalt eines Koffers, eines Laptops und einer Menge Wissen über ihre Machenschaften. Sie konnten sich nie ganz sicher sein, ob er sich in irgendeiner Art und Weise abgesichert hatte. Dazu wären nur ein paar verschickte E-Mails nötig gewesen, eine Sache von wenigen Augenblicken.
Er reduzierte sein Tempo, als er die Ausfahrt Arlington passierte und nahm sich vor, bei der nächsten Möglichkeit auszuscheren, ohne dass sie ihm würden folgen können.
Er bummelte ein wenig und sah, dass sie aufholten. Er wurde noch langsamer, denn er wollte sie direkt an seiner Stoßstange haben. Sie taten ihm den Gefallen, er hatte sie nun genau hinter sich.
Als die nächste Ausfahrt in Sicht kam, scherte er nach links aus und drückte das Gaspedal voll durch; er überholte einen Lastwagen, setzte sich direkt vor ihn und war für Sekunden dem Blick seiner Verfolger entzogen. Diese paar Sekunden nutzte er, um die Autobahn zu verlassen – sie sahen ihn zu spät und verpassten die Abfahrt.
Geschafft!
Aber nicht für lange Zeit, schließlich konnten sie - vermutlich in Echtzeit - verfolgen, wo er war und in welche Richtung er fuhr. Er gab sich zwanzig bis dreißig Minuten Vorsprung, dann hätten sie ihn wieder, und sie würden nicht zweimal auf denselben Trick hereinfallen.
Er musste den Wagen loswerden, so schnell es ging. Planlos fuhr er weiter, überquerte den Potomac und sah von weitem das Jefferson Memorial: Er war im inneren Kreis der amerikanischen Politik gelandet. Hier wurden die mitunter giftigen Cocktails für den Rest der Welt zusammengebraut.
*
Am Dupont-Circle hatte er seine Verfolger schon wieder hinter sich. Wie zum Henker hatten sie das so schnell geschafft?
Er durchfuhr den Kreisverkehr dreimal und verließ ihn dann (in welche Richtung, wusste er nicht, denn die Beschilderung der Straßen war spärlich und er kannte die Stadt nicht gut).
Dann ein Geistesblitz!
Er riss das Lenkrad herum und fuhr in eine Einbahnstraße, die nur eine Fahrspur besaß; sie konnten ihm folgen, würden ihn aber nicht überholen oder stoppen können. Kurz vor dem Ende des schmalen Sträßchens bremste er abrupt, zog den Zündschlüssel ab und stürzte zu seinem Kofferraum, um seine wenigen Habseligkeiten an sich zu nehmen. Seine Verfolger, die mit quietschenden Bremsen nur knapp hinter ihm zum Stehen kamen, waren machtlos. Schießen konnten sie nicht, dazu gab es auf dem Bürgersteig zu viele Zeugen. Weiterfahren konnten sie auch nicht, dazu stand ihnen Cords Wagen im Weg, und dieser rannte in Fahrtrichtung davon, auf einen auch um diese Zeit noch belebten Platz zu, wo er in der Menge unsichtbar werden würde, wie es ihm schon einmal vor zwei oder drei Tagen in Frankfurt gelungen war.
Sie konnten ihn nicht zu Fuß verfolgen, weil zumindest einer von ihnen beim Wagen bleiben musste, um ihn notfalls rückwärts aus dieser Straße hinaus zu manövrieren, bevor die Polizei erschien; noch war das möglich, aber bald würden ihnen weitere Fahrzeug folgen, die sie endgültig einschlossen.
Fluchend gaben sie auf, und es sollte für einige Tage so sein, dass sie ihn verloren hatten. Sie hatten sich komplett auf das Fahrzeug des Deutschen fokussiert, und nicht einmal daran gedacht, dass dieser sich von dem Mietwagen trennen konnte, wo und wann immer er wollte. Er wusste spätestens seit einer Stunde, dass er mit dieser Karre keine Chance auf Entkommen hatte, und er tat das einzig Richtige, als er sie einfach stehen ließ.
Cord Hennings lief so lange, bis ihm die Luft ausging. Da hinter ihm niemand zu sein schien, wartete er, bis sein Atem sich beruhigt hatte; den nutzlos gewordenen Wagenschlüssel warf er in eine offene Mülltonne, um für maximales Chaos zu sorgen. Man würde das Fahrzeug abschleppen müssen, wenn man die Durchfahrt wieder freimachen wollte; und das würde eine Zeitlang dauern.
Er sah sich um, es gab eine ganze Reihe von Cafés und Restaurants, vor denen ein reges Treiben herrschte. Die Rush Hour war bereits vorüber, als er sich an einen freien Tisch setzte und einen Kaffee und ein Glas Wasser bestellte.
Auf seinem Smartphone sah er, dass er die ganze Zeit in Richtung Stadtzentrum gerannt war, dorthin, wo man mit Sicherheit keinen Autohändler fand.
Also raus hier, so schnell es geht!
Er suchte nach einem Bahnhof und fand stattdessen die Greyhound Bus Station, keine Meile von der Stelle entfernt, an der er sich befand. Nachdem er seine Getränke bezahlt hatte, marschierte los und erreichte den Busbahnhof eine Viertelstunde später. Dort schaute er sich die Destinationen und Abfahrtszeiten an und wählte den Bus nach Atlanta, Georgia, der um zweiundzwanzig Uhr abfahren sollte. Eine Stunde musste er noch absitzen, und er tat es mit wachsender Unruhe.
Atlanta kannte er bis heute nicht, er wusste, dass die Stadt den größten Flughafen der Welt besaß und die Heimat von CNN und Coca-Cola war, aber das war’s auch schon. Egal, er wollte dort nur ein Auto kaufen, um danach sofort wieder zu verschwinden.
Mit dem Ziel Atlanta bewegte er sich zwar beinahe in seinen eigenen Fußstapfen zurück in den Süden; er durfte aber hoffen, dass er seine Gegner dadurch für eine Weile beschäftigen würde.
War ihr Netzwerk groß und engmaschig genug dafür, einem Mann durch das ganze riesige Land zu folgen und ihn aufzuspüren? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass sie bis hierher einen verdammt langen Arm besessen hatten; sie waren einfach in eine Autovermietung gestapft, hatten einen unechten Dienstausweis oder ein paar echte Geldscheine gezückt, und schon wussten sie auf den Meter genau, wo er sich zu jedem Zeitpunkt befand. Am Berliner Flughafen war es sicher ähnlich gewesen. Nur warum sie überhaupt auf Berlin gekommen waren, blieb ihm unerklärlich. Er hatte am Bahnhof niemanden gesehen, der ihm gefolgt war. Und doch musste jemand dort gewesen sein, der ihn observierte, bis er den ICE bestieg.
Darmowy fragment się skończył.