Czytaj książkę: «Jeder Mann liebt Ursula»

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Robert Heymann

Jeder Mann liebt Ursula

Roman

Saga

Jeder Mann liebt Ursula

German

© 1932 Robert Heymann

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711503805

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1.

Heute, an einem Herbstabend, der Wind sauste durch die Straßen, die Bäume standen schon beinahe kahl, saß Ursula im Theater. Ihr Atem setzte manchmal aus, ihre Augen füllten sich mit Tränen, ihre Finger zerknüllten erregt das Taschentuch. Sie war krampfhaft bemüht, in den Pausen ein gleichgültiges Gesicht zu zeigen. Was ging sie das schon an, was sich da oben abspielte! Schieber und Schleicher gingen über die Bühne, einsame Herzen wurden zertreten ... ja, nun, wo werden keine Herzen zertreten? Ist es nicht lächerlich, darüber zu vergessen, daß Tränen die Tusche von den Wimpern wuschen! Aber das Stück war doch sonderbar: Ein Mensch, der das Gute will, der allen Menschen das Glück bringen will, solch ein Mensch stieß sich den Schädel an den steinharten Kanten der lieben Seelen ein ...

Na schön! Wenn schon!

Ursula betrachtete kritisch ihr Gesicht in dem kleinen Spiegel auf der Innenseite der kunstledernen Handtasche. Sie tupfte rosafarbenen Puder auf die Nase, die immer ein wenig glänzte, und zog den runden Mund mit dem Lippenstift herzförmig nach. Dabei schielte sie mit einem halb zugekniffenen Auge auf den Herrn in der nächsten Reihe. Was der Fatzke mich immer anzustarren hat? Wenn ich dem bloß mal die Zunge zeigen dürfte ...

Ussi war ein Mädel wie tausend andere aus der Armee der Arbeit, und doch wieder war sie anders. Freilich, sie trug die Uniform der Fräulein ihrer Zeit, äußerlich und innerlich. Das billige seidene Fähnchen spannte sich fest um nur angedeutete Hüften, das blonde Haar war sorgsam onduliert, ihre Gedanken waren auf das Leben, auf Reichtum und Liebe mit den gleichen Schlagworten eingestellt wie das Leben ungezählter anderer kesser kleiner Angestellten, mit den gleichen Sorgen und den gleichen Träumen. Dabei schaute Ussi aus wie eine junge Dame von Welt. Nur wer ihr einen zweiten Blick zuwarf, der sah wohl die vielen kleinen Unterschiede zwischen ihr und jenen Damen, die keine oder nur sehr geringe Sorgen hatten, hinter deren glatten und weißen Stirnen sehr klare Vorstellungen von der Welt und dem Leben wohnten. Wenn man aber bedachte, daß Ussi im Berliner Norden geboren war und in der Gegend rund um die Fruchtstraße aufgewachsen ist — wenn man sich überlegte, daß Ussi aus einem dieser in ewigem Schatten versunkenen Hinterhöfe hervorgegangen war, dann mochte man über das Wunder staunen, das Ussi an sich selbst vollzogen hatte.

Für ihre Bildung hatte sie alles getan, was in dieser Zeit für ein Mädel ihrer Art nötig war. Sie hatte die Augen und Ohren offen gehalten, sie hatte für jedes Problem, das die Welt bewegte, eine schnoddrige Groschen-Weisheit bereit.

Sonntags ging sie entweder ins Kino oder in die Volksbühne. Der Eintritt kostete sie nichts, sie bekam Freikarten, denn Rolf Sonntag, ein kleiner Schauspieler, ist der Freund ihrer Schwester Martha. Martha ist Näherin, sie zog das Kino vor, im Sommer aber paddelte sie lieber mit Rolf oder machte Touren mit Erwin vom Jugendbund. Martha hatte ein Dutzend Flirts, aber keine große Liebe, die Jungens sagten, sie wäre ein „Vamp“.

Ussis Gedanken kehrten wieder zu dem Stück zurück. Es regte auf. Aber das war eine ganz andere Erregung, die ihr Blut peitschte, als wenn sie im Kino über Greta Garbo weinte.

Die könnten doch auch mal was anderes spielen, wo keine Liebe vorkam? Aber vielleicht wäre es dann nicht so interessant. Die Liebe ist schon eine merkwürdige Angelegenheit. Mal geht es schief — (sehr oft geht es schief!) — mal wird die Liebe belohnt — (um welchen Preis!) — Das ist eine Frage des Charakters und einer robusten Gesundheit, dachte Ursula.

Ich könnte nicht so viel leiden, um glücklich zu sein! Was ist das denn schon? Man hat einen Mann, vielleicht Kinder ... ich mag die Göhren gar nicht! Paula, die jüngste Schwester, ärgerte mich mehr, als man Freude an ihr hatte! — Aber ich würde vielleicht einen so armen Kerl wie den da oben in dem Theaterstück von der Bühne weg heiraten. —

Nein, würde ich doch nicht! Aber einen Kuß könnte ich ihm geben, mitten auf seinen verkümmerten Mund, und dann liefe ich davon, er könnte sich ja den Kopf zerbrechen, wer ihm diesen einzigen Kuß versetzt hatte!

Unter solchen Gedanken ließ Ussi die Szenen auf der Bühne bald entsetzt, bald innerlich protestierend, an sich vorbeigehen. Das alles hatte immer irgendwie etwas mit dem Elend ihrer Klasse zu tun. Das waren vertraute Bilder, und doch ist das Leben da oben im Licht der Rampen verzerrt, übermalt. Das ist so im Theater wie im Kino. Ussi fühlte plötzlich körperlich die Schminke auf ihrem blassen Gesicht. Wir wollen eben immer etwas anderes gelten als wir sind. Ich auch, natürlich!

Es war wieder Pause. Sie ließ hochmütig eine Braue hochsteigen. Die Menschen um sie her sollten nicht denken, daß sie gerührt war ... und der Affe dort vorne starrte sie noch immer an!

Dann wurde es wieder dunkel, und Ussi war wieder mitten drin in dem Elend der Menschen, die so verschieden waren und, statt sich gegenseitig zu helfen, einander mit den tollsten Mätzchen betrogen.

Sie kam nicht los, wenn auch das Hirn rebellierte. die Tragödie marterte ihr Herz. Es ist schon so! Immer war es so! Das bißchen Liebe — und so viel Jammer und Geschrei! Zum Kuckuck, ich werde mich niemals verlieben! Mir kann die Liebe gestohlen bleiben. Wie käme ich dazu, das Elend meiner Mutter zu wiederholen? Sie hatte elf Kinder geboren! Aber was hatte das schon mit Liebe zu tun? Nun, vielleicht hatte es schon allerhand damit zu tun!

Aber nun war das Spiel aus, die Lichter erloschen, die Stimmung zerrann. Ursula ging befreit zum Ausgang. Draußen auf dem großen Bülowplatz blieb sie verblüfft stehen.

Eine Kette Autos rollte zur Anfahrt wie am laufenden Band. Knallend flogen die Türen zu, schillernde Frauen, gleichgültige Männer verschwanden. Da sprang ein junger Mensch zu dem und jenem Auto hin, kaum daß es hielt, öffnete den Schlag vor den Einsteigenden, schloß ihn wieder, streckte die Hand aus ... und wenn er nichts bekommen hatte, wenn die Hand leer blieb, stand er noch sekundenlang da wie eine Statue, umkreist von Lampenlicht, das zittrig den Dunst der Stadt durchdrang. Aber es waren mehrere junge Menschen, nicht nur einer! Freilich sah einer wie der andere aus, Marionetten, alle aus derselben Fabrik, mit den eingekrusteten Schlacken der Arbeit auf den abgetragenen Röcken. Die Hosen schlenkerten ihnen um die Beine, als ob sie Stelzen hätten. Aber dieser eine Mensch da ... dieser eine Mensch, der sich jetzt vor dem anfahrenden Wagen aus der gebeugten Stellung zurückschnellte ... das ist doch Peter, Peter — der Bankbeamte Peter Lange — dachte Ursula. Dieses Zurückspringen des geduckten Körpers ... und der Kopf mit dem langen strähnigen Jungenshaar (das trug er noch immer. Aber er war ja sicher noch immer so ein Junge.) Nur: Wie kam Peter hierher? Arbeitslos? Ja, aber — Trinkgelder — ein ehemaliger Bankbeamter — und wie elegant war er immer gewesen!

„Peter!“

Ehe Ursula wußte, daß sie gerufen hatte, drehte der junge Mensch sich um und schaute sie an. Da erkannte er sie. Die Hand, die eben noch das Trinkgeld in die Tasche gleiten lassen wollte, stand in der Luft.

„Ursula“, sagte Peter mit schief gestelltem Kopf. Ein Passant riß ihn vor einem anfahrenden Auto weg. Der Schupo griff sich den nächststehenden Kollegen Peters heraus, — sofort verschwanden die elenden Gestalten aus dem Lichtkegel. Auch zu Peter sagte der Schupo:

„Machen Sie, daß Sie fortkommen.“

Ussi dachte: warum soll Peter nicht hier stehen und Autotüren öffnen? Aber da wandte er sich schnell ihr zu.

„Wenn ich dich jetzt nicht leibhaftig sehen würde,“ sagte Ussi, „nein, dann würde ich es einfach nicht glauben!“

Ihre Augen musterten ihn unruhig. Er wurde rot, Ursula sah es nicht, denn sie gingen die Straße entlang, die in einem schmutzigen Halbdunkel lag.

„Ja, Ussi, es war ein weiter Weg von der Deutschen Bank bis — bis hierher. Aber wenn man erst ohne Stellung ist ... und keine mehr bekommt ...“ Plötzlich redete er hastig und atemlos ... „Du mußt nicht denken, daß ich hier die Hände aufhalten und betteln würde, wenn es sich nur um mich handelte. Nein, ich tu’s wegen Mutter ... Herrgott, Ussi, du kannst es dir ja nicht vorstellen ...“ Ihre Hand fuhr wie liebkosend über seinen abgetragenen Rock.

„Ich kann, Peter ... aber du gehst nicht unter! Du nicht! Nur Kopf hoch, weißt du?“

Er nickte und lächelte verloren.

„Ich weiß, Ussi.“

Schön war sie geworden! Unter dem halboffenen pelzbesetzten Mantel das grüne Seidenkleid! „Paßt wundervoll zu deinem hellen Teint mit dem zarten Aprikosenton!“

„Den hab’ ich mir doch angeschminkt!“ Ihr kleiner, koketter Hut saß schief auf dem hellen Haar, eine rote Feder knallte darüber.

„Du hast auch immer noch deine süße Stupsnase“, fuhr Peter fort und ging neben Ursula her.

„Findest du?“ Ussi wurde rot. Eigentlich — frech war das! Ich muß mir noch heute meine Nase im Spiegel besehen. Jetzt sind lange Nasen modern. Man kann dem Fehler ja abhelfen. Für einige hundert Mark kauft man sich beim Schönheitsdoktor eine andere Nase. Nur das Geld muß man erst mal haben!

Sie lachte über ihre eigenen Gedanken, und die Stupsnase lachte mit, dieses Periskop der Sehnsucht, das die Dinge schon hundert Meter voraus spiegelt, ehe die Augen recht bei der Sache sind.

„So ein Zufall!“ sagte Ussi. Peter schwieg ...

„Nun, Peter?“

„Ja, ein großer Zufall! Ich hatte dich gesucht, Ussi, aber leider — nicht mehr gefunden.“

„Ich wohne nicht mehr bei Mutter.“

„Das hat sie mir erzählt. Warum nicht mehr?“

„Ich arbeite in einem Laden in Charlottenburg ... Die Entfernung bis zum Zoo ... ich habe da immer so viel Zeit verloren. Trotz der guten Verbindung mit der U-Bahn.“

„Jawohl“, sagte Peter und schaute sie von der Seite an. Nach einer kleinen Pause: „Aber deine Schwestern wohnen noch bei der Mutter!“

„Martha, Frieda und Paula ... ja! Die wohnen noch da. Die arbeiten aber auch in der Gegend! Martha bei Tietz, Frieda in einer Wäscherei, und Paula ist ja noch zu klein zum Arbeiten.“

Albern und uninteressant sind die Mädels, dachte Peter, die können sich mit Ursula nicht messen! Eine richtige Dame ist sie geworden. Nicht wegzukennen von den Kurfürstendamm-Frauen! Talentiertes Mädl!

„In welchem Geschäft arbeitest du denn jetzt, Ussi?“

Sie sagte: „Mein letzter Chef arbeitete in Importartikeln, aber in der Krise ist er pleite gegangen. Da bin ich als Verkäuferin bei Dietrich Jonas eingetreten.“

„Wer ist Dietrich Jonas?“ fragte Peter.

„Ein Juweliergeschäft dicht bei der Tauentzienstraße.“

„Da bist du jetzt Verkäuferin?“

„Wieso fragst du? Staunst du?“

„Nun, ich denke, man muß da allerhand verstehen von Brillanten und Schmuck und den Fassungen. — Ich könnte jedenfalls so einen Posten nicht ausfüllen.“

„Das ist doch nicht schwer, Peter!“ erwiderte Ursula in mütterlichem Tone. „Die Preise sind alle aufgeschrieben, und zum Verkauf ist ’ne alte Schraube da, das heißt, sie sieht sehr vornehm aus, hochgeschlossener Kragen, wie ’ne Stiftsdame oder so. Na, und der Chef, Junge, über den kannst du dir totlachen ...“

„Du dich ...“

Ursula schwieg einige Sekunden beleidigt und beschämt, dann lachte sie.

„Ein alter Fehler, Peter. Ich dachte, ich hätte ihn mir schon abgewöhnt. Also der Chef ist dick und rund, stammt irgendwoher aus dem Balkan, — oder noch weiter ... von so ’ner Insel, wo die Samosweine herkommen. Ich bin eigentlich fürs Geschäft die Anreißerin.“

„Was bist du?“ fragte Peter und blieb stehen. Es war sehr spät geworden, der Platz hinter ihnen lag einsam, das breite Theater war hingewuchtet wie ein riesiges schlafendes Tier. Nur am Schönhauser Tor war noch geheimnisvolles Leben.

„Wo willst du denn eigentlich hin?“ fragte Ursula unvermittelt.

„Ich bringe dich nach Hause. Nach dem Westen, nicht wahr? Oder —“ Peter schaute betreten an seinem grünschimmernden Rock herunter — „oder wenigstens bis an die Treppe zur Untergrundbahn.“

„Noch nicht“, sagte Ussi. „Wir wollen uns noch ein bißchen ausquatschen. Wo wohnst du denn?“

„Ich?“ Er zauderte. Sie beugte sich neugierig vor und schaute ihm im Schein der elektrischen Lampe erst mal richtig ins Gesicht. Gelbe Furchen zogen sich von der langen schmalen Nase zum Mund herab. Dieser Mund sah aus wie gespalten. Der Mantel schlotterte an seinem Körper.

„Wann hast du deine Stellung verloren, Peter?“

„Vor achtzehn Monaten.“

„Du hast wohl jetzt gar keine Bleibe?“

„Doch, mach dir keine Sorgen! Ich wohne in einem Männerheim — gar nicht weit! Gormannstraße. Gegenüber der Stempelstelle.“

„Da kann ich wohl nicht mitkommen? Ist da nicht so etwas wie ein Restaurant?“

„Nein, Ussi, da sind nur Männer, eine Frau würde sich da fühlen wie — wie im Urwald. Aber wenn wir noch ’n paar Minuten gehen, da in der Nähe ist ein Café, da habe ich Kredit!“ —

„Gut“, sagte Ursula gedrückt. Sie schlenderten die schlecht beleuchtete Straße entlang. Ussi beschmutzte sich die neuen Schuhe ... es rieselte schon eine Weile von dem schwarzen Himmel nieder ... aber sie ging doch neben Peter, und so viele Erinnerungen knüpften sich an ihn! Als man noch so jung war und von einem eigenen kleinen Heim träumte, von Kindern und so ...

„Du hast inzwischen kein Glück gehabt, Peter?“

Er machte eine fahrige Handbewegung. „Nein. Viel Glück habe ich ja bisher im Leben überhaupt nicht genossen. Nur damals — was Ussi?“

Ussi zog den Pelz ihres Mäntelchens fester um den Hals. Sie hatte plötzlich Angst vor dem, was er sagen würde. Und doch reizte es sie, ihn anzuhören. Warum bloß, dachte sie. Ich gehe jetzt einfach mit Peter, als ob es noch so wäre wie damals! Aber inzwischen ist die Zeit vergangen, alles ist anders geworden. — Wie sehr ist alles anders geworden!

Sie traten in das Café. Nachdem sie bestellt hatten, sagte Peter:

„Denkst du noch daran, wie du und ich ... ja, Ussi? Wie waren wir glücklich!“

Ursula lachte ein wenig zu laut und verstummte. Sie bereute plötzlich mitgegangen zu sein. Was hatte sie hier zu suchen in diesem merkwürdigen Café, so spät, in einem Viertel, das ihr längst nichts heimatliches mehr bot? Während der Kellner ihr die Melange und Peter einen Korn servierte, schaute sie sich um. Sie saßen nahe der Tür, ein langer schmaler Gang führte nach rückwärts. Da saßen fremdartige Gestalten, manche stierten lautlos vor sich hin, andere würfelten, drei fragwürdige junge Leute spielten auf dem Damebrett ein Glücksspiel, nicht ohne Streit und Zwischenrufe. Am Tisch neben Ussi hatten einige Männer Platz genommen. Sie waren sehr gut angezogen, aber Ussi verzog den Mund. Der Stiernacken des einen war ihr widerwärtig. Der andere mit den stechenden Augen hatte das Gesicht voller Narben, der Kopf des dritten lief spitz zu wie bei dem letzten Aztekenkönig, den Ussi mal auf dem Rummel für zwei Groschen bestaunt hatte. Unwillkürlich dachte Ussi an das Plakat vor einer anderen Schaubude: eine tote Frau auf der Erde, ein Verbrecher neben dem Opfer an der Tür, die soeben von außen gesprengt wurde: Sherlock Holmes und Polizei mit Revolvern, der Mörder an der Tür, gleichfalls mit vorgehaltenem Revolver lauernd, der Zimmerboden überschwemmt mit Blut. Das ganze hieß: „Raubmord im Karolinental“: „Hier sehen Sie in Wachs die größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts! Haarmann und Denke und Kürten, den Massenmörder von Düsseldorf.“

Ussi wandte den Blick von den Rücken der Männer ab. Die Wirtin stand mit dicken nackten Armen hinter der Theke und beobachtete Peter. Ussi schaute zu Boden. Der schmalbrüstige Kellner wischte in der Ecke den Tisch ab und unterhielt sich mit einem Mädchen. Er schmunzelte herüber, während das Weib eine Bemerkung machte, irgendeine gemeine Zote, Ussi fühlte es.

Peter kam zu Bewußtsein, daß er Ussi nicht hätte hierher führen dürfen. Er ist für die Umgebung schon abgestumpft. Aber Ursula ...

„Freilich“, sagte Ussi leise. „Das war damals eine ganz andere Zeit!“

Ein Lächeln ringelte sich lockend und licht um ihren Mund. Peter wurde es ganz warm ums Herz. „Du denkst auch noch oft daran? Du hast es nicht vergessen?“

Plötzlich redete er sich in Erinnerungen an die Vergangenheit hinein.

„Weißt du noch? Unsere Fahrten zum Werbellinsee — Lagern im Freien — Zeltstimmung — Waldschweigen — Seestille — du und ich —“

Ussi hatte den Kopf gesenkt, Peter schaute eine Weile mit einem wesenlosen Blick in die Zigarettenwolken, die vom Nebentisch aufstiegen. „Dann bist du weggekommen, damals im Herbst, weißt du, Ussi? Wegen deiner Lunge. Na, und als du wiederkamst, da war ich im Rheinland. Wir haben uns ja geschrieben! Erst oft, später dann und wann mal — dann hörte das auch auf. Aber als ich zurückkam, war mein erster Gang zu dir ...“

Er legte seine Hand auf die ihre. Was dachte er eigentlich? ging es Ussi durch den Kopf. Noch einmal anfangen? Die Liebelei von damals? Mit ihm? Jetzt? Welche Aussichten hat er? — Sie betrachtete ihn von unten her unter halbgeschlossenen Wimpern: wird er unter die Räder kommen? Sie überdachte spielerisch die Möglichkeit, seine Frau zu sein. Sorgen und Arbeit, ein, zwei Zimmer für ihn, für sie und die Kinder, Ernüchterung, Streit und Ärger. Er wird für irgendeine Partei schwärmen, von der man für die Zukunft hofft, und dabei wird sie alt, ehe sie weiß, was das „Leben“ ist. —

Sie schüttelte sich.

Peter hatte ihre Gedanken nicht begriffen. Peter schaute sie mit seinen hellen Augen an, und was aus seinem Blick sprach, das kann Ussi nicht so einfach abtun. Liebe ist das! Die große Liebe, das fühlte eine Frau. Jede Frau weiß, wenn die Liebe an sie herankommt. Die Frau mit dem richtigen Instinkt weiß, was echt ist und was Lüge.

Peters Liebe ist echt.

Ussi schüttelte den Kopf, weil sie das nicht sehen wollte, und weil sie nicht daran denken wollte, und sagte plötzlich: „Wir waren damals noch recht jung und dumm, du und ich.“

„Ja“, erwiderte er, ein heißer Funke glomm in seinen zerquälten Augen auf. „Ja, Ussi, so jung! Aber du warst die erste für mich ...“

Ursula lachte wieder unnatürlich laut. Das klang häßlich, sie mochte es selber nicht hören. Aber sie möchte dem Peter am liebsten eine Maulschelle geben und schreien: Du lügst! du lügst ja, wie sie alle lügen, du erbärmlicher Schuft! Du Falschmünzer! Ihr macht ja doch alle falsches Geld, wenn es um Liebe geht!

Und doch weiß sie, er sprach die Wahrheit. Dann stieg ihr die Wut auf, weil er eben die Wahrheit sagte, weil es die Wahrheit ist ...

Dummer Peter! Die erste! ... Er war doch neunzehn! Neunzehn! Mit siebzehn ging ihr Bruder schon mit einer, und das war nicht seine erste.

„Ja“, hörte sie Peter aus weiter Ferne sagen. „Du warst meine erste Liebe.“

Jäh stieg eine warme Welle zu ihrem Herzen empor.

Sie schaute ihn kokett an:

„Wirklich? Eigentlich — ist das nicht sonderbar gewesen? Es gab doch so viele ...“

„Ja. Aber ich hatte doch nie so recht Geld gehabt. Und bei jeder, die ich kennen lernte, hatte ich nur an dich gedacht. Nur du solltest es sein! Dann ist es ja auch so gekommen.“

Ussi wollte antworten, aber der Klavierspieler, der bisher eine Pause gemacht hatte, schlug plötzlich los. Den letzten Schlager! Der Mensch nahm die Füße nicht mehr von den Pedalen. Hinten gröhlten sie sofort mit. Lärm erstickte jedes Wort. Ussi und Peter blieben schweigsam und warteten, bis das Konzert zu Ende war. Es dauerte aber lange, denn so oft der Klavierspieler aufhören wollte, brüllte es von rückwärts: „Weiter, Herr Kapellmeister! Weiter!“ Und ein Betrunkener wiederholte im Diskant: „Noch ’ne Molle für die Kapelle!“

Einige Mädchen hatten sich umgefaßt, die Weiber gröhlten und einer rief: „Alles mitsingen!

Wie kommt denn der Spinat aufs Dach,

Wo doch die Kuh nicht fliegen kann ...“

Das weitere erstickte im Gelächter, der Klavierspieler nahm endlich die schweren Hände von den Tasten, das laute Gespräch löste sich auf in verworrene Wortfetzen, dann und wann noch ein Lachen.

„Mensch,“ sagte einer am Nebentisch, „mich laust der Affe: det is’ doch Peter!“

Peter tat, als habe er nichts gehört, er hörte auch nicht auf das herausfordernde Lachen der drei und schaute nicht hin, während sie sich wie auf Kommando umdrehten und Ussi ansahen.

Ussi fühlte ihre Blicke. Sie sagte leise:

„Kennst du diese Leute, Peter?“

„Ja und nein, Ussi. Wir wollen gehen, hier ist nicht der rechte Platz für dich!“?

Die Stimmung war zerrissen. Ussi dachte nur, sie möchte schon auf der Straße sein. Peter rief den Kellner und flüsterte ihm etwas zu, der nickte widerstrebend, rieb sich das Kinn und entfernte sich, auffallend zögernd.

Ussi nahm mit raschen Fingern ihr Portemonnaie aus der Tasche.

„Peter, bitte, zahle für mich — und für dich.“

„Auf keinen Fall, Ussi, kommt gar nicht in Frage.“

„Nein, bitte Peter, spiel’ hier nicht den Kavalier! Machen wir uns doch nichts vor! Ich will aus dieser Bude ohne Aufsehen heraus! Also tue mir den Gefallen!“

Ussis Ton duldete diesmal keinen Widerspruch. Zögernd griff Peter nach dem Taler, winkte den Kellner nochmals heran.

„Na, du wirst doch von det Mä’chen kein Geld nehmen!“ sagte eine harte Stimme. Ein breiter Kopf, bösartig wie ein Raubfisch, mit breitem Maul, stechenden Augen, ekelhafter Lache, beugte sich zum Tisch nieder.

Ussi schaute erst verwundert, dann zornig in dieses schwammige Gesicht. Peter strich mit der Hand über den Tisch, als ob er den unbequemen Menschen fortwischen könnte. Der Mann schob Peter beiseite. Mit einer seiner Elefantenschultern machte er das, setzte sich neben Ussi, Peter wurde an die Wand gedrückt. Ein böses Leuchten machte Ussis Augen groß und heiß.

„Kenn’ uns doch?“ sagte Stemmerkarl. „Auch wieder hiesig in die Jejend? Bist ’n affiget Mä’chen geworden, Ussi ...“

Jetzt erkannte sie ihn! Stemmerkarl! Ein brutaler Schuft ist er, ein gemeiner Kerl! Er hatte damals im gleichen Hause gewohnt wie sie, bis er rausgeworfen wurde wegen seiner Zuhälterei.

Bei der Eisenbahnerwitwe über der Wohnung von Ussis Mutter hatte er eine Schlafstelle. Sie war noch ein halbes Kind gewesen und hatte ihn erst nicht beachtet, hatte sich nur manchmal mit einem Gefühl des Schauderns über sein dreistes Lächeln geärgert. Dann sah sie ihn mal wieder auf dem Rummelplatz, an dem die ersten großen Eindrücke ihrer Kindheit haften. In der Bude „der schwersten Männer Deutschlands“ war er Ringkämpfer. Jeden Abend rangen diese fetten Männer keuchend mit einem scheinbar unerhörten Kräfteaufwand um imaginäre Meisterschaften. Das Publikum verfolgte eigentlich mit mehr Interesse ihre Kunstgriffe, als es sich sachlich für die jeweiligen Sieger interessierte. Dann und wann kam es vor, daß ein ahnungsloser Portokassenjüngling einen Preis stiftete. Dann rangen sie um den Taler — manchmal waren es sogar zehn Mark und mehr. Als das Geschäft nicht mehr ging, hatte sich Stemmerkarl als Artist in Vergnügungslokalen versucht, aus dieser Zeit stammte sein Spitzname. Er hatte Gewichte gehoben, war mit einer Kraftmeßmaschine gereist, später mit Schiffsschaukeln, dann war er nach Tegel gekommen. Man hatte damals viel von dem Verbrechen gesprochen, daß er begangen hatte, denn in dem Hause Ussis war er ja noch immer bekannt. Ussi hatte nicht so recht verstanden, was er getan hatte, sie hörte nur: Sittlichkeitsverbrechen, ohne eine rechte Vorstellung damit zu verbinden. Nur Grauen empfand sie. Dann vergaß sie ihn. Bis sie eines Tages Vater aus der Kneipe holte — wen sah sie an Vaters Tisch? Stemmerkarl. Wieder begrüßte er sie mit seiner schleimigen Freundlichkeit. Sie machte, daß sie fortkam. Schließlich fiel sein Name nur noch einmal, als der Bruder erzählte, Stemmerkarl habe im Norden einen Bouillonkeller aufgemacht.

„Geh weg“, sagte Ussi. „Ich kenn dich nicht! Das ist lange her, und im übrigen sind Sie mir reichlich unsympathisch!“

Die Freunde am Nebentisch brüllten vor Lachen.

„Mensch, Stemmerkarl,“ riefen sie durcheinander, „da schlag doch einer lang hin ... setz den Leierkastenmann raus, die kann auch anders ...“

Stemmerkarl schaute Peter unschlüssig an. Auf Peter hatte er keinen Haß. Aber das Mädchen sollte ihn hier nicht umsonst blamiert haben.

Ohne zu fragen, packte er ihre Hand. Die verschwand in der seinen wie ein kleiner Vogel, und schon zog er Ussi halb über den Tisch.

Ussi schrie kurz auf, ihre Augen wurden ganz groß, hilflos, der Schrecken schrie aus ihnen, ein blinder Schrecken vor tausendfachem, nicht gewolltem Schicksal, das andere Mädchen ereilt hatte.

„Mensch, Ussi“, sagte Stemmerkarl, „nich so jroßartig, vastehste?“

Er verstummte. Ein heftiger Schlag hatte ihm die Zähne in die Lippen gestoßen.

Peter hatte von der Seite her zugeschlagen. Stand da und schlug ihm zum zweitenmal die Faust in die Fresse, daß es nur so knallte. Schrie unverständliche Worte dabei und schlug immer weiter, seitwärts an der Wand stehend, bis dem Stemmerkarl das Blut aus dem Mund lief und er rot sah.

Da schlug er zurück. Peter taumelte und sank vornüber auf den Tisch. „Noch eins,“ sagte Stemmerkarl, „dann stehste im Hemde!“ Er wollte Peter den Rest geben, aber da entstand Tumult im Lokal. Die Freunde warfen sich auf ihn. Ussi hatte einen Schreikampf bekommen und war dem Kerl mit ihren zehn Fingern ins Gesicht gefahren. Beinahe hätte sie ihm ein Auge ausgekratzt. Die Wirtin war von rückwärts gekommen und räumte mit ihren drallen Armen aus. Alles schrie und quirlte durcheinander, und plötzlich waren Ussi und Peter auf der Straße. Ussi hörte noch, wie einer sagte: „Det wird dir heimjezahlt, du Jammerlappen!“

Sie sah den blutspuckenden Peter neben sich: wie sein Skelett aus dem armseligen Mantel wuchs. Das ist also Peter, der einmal so ein hübscher, eleganter Mann war, und der jetzt aussah wie ein ganz armer, armer Junge.

„Die Sache war das Theater nicht wert“, murmelte sie.

Peter schwankte. Sie schob ihren Arm unter den seinen und zog ihn mit sich fort. Auf ihrem Mantel waren blutige Spritzer, aber sie achtete nicht darauf.

„Mach’ dir nichts daraus, Peter! Hörst du, Peter? Lieber Junge —“

Peter war noch so benommen, daß er sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Der Kiefer schmerzte unerträglich. Wenn Stemmerkarl seinen Schwinger austeilte, ging jeder Gegner nieder. Peter hielt sich mit äußerster Energie aufrecht. Ihm war übel, alles drehte sich, aber neben ihm war Ussi, er hörte ihre süße Stimme, das war der reine Balsam.

„Peterchen! Nimm dich zusammen! Wir treffen uns auch wieder. Hörst du? Wir treffen uns wieder!“

Da wurden die grauen Augensterne in Peters hohlem Gesicht unter der gelblichen Stirn mit den eingefallenen Schläfen ganz groß.

Ursula wischte mit dem parfümierten Taschentuch das Blut aus seinem Gesicht.

„Regt dich denn die Geschichte noch immer so auf?“

„Nein! Aber ich bin glücklich, Ussi. Die ganze Welt könnte ich umarmen. Wir treffen uns wieder? Wenn du etwas von mir willst, Ussi, du brauchst nur zu reden. Nur zu sagen brauchst du es. Ich springe in den Landwehrkanal und hol ein Goldstück herauf!“

„Es gibt ja jetzt gar keine Goldstücke, du dummer Peter. Ich kann nicht mal eines reinwerfen!“

„Ja, es ist dummes Zeug, was ich sage, aber meinen Kopf würde ich hergeben für dich ... weil ich dich lieb habe, Ussi! Nie habe ich dich vergessen ... und ... arbeiten werde ich wieder ... suchen werde ich die Arbeit ... und wenn ich sie vom Mond holen muß! — Hör’ doch, Ussi, wo willst du denn hin? Da drüben ist die U.-Bahn — wo treffen wir uns denn, Ussi? So warte doch! Wo wollen wir uns denn treffen? Wann? Morgen? Ja? Hast du morgen Zeit? Ich mache dir einen Vorschlag! Morgen in dem Kino Koppenstraße. Um neun Uhr warte ich. Ich mache mich auch wieder fein, Mädel, ganz wie ehedem, du brauchst dich nicht mit mir zu schämen! Du mußt nicht denken, daß ich so wie heute kommen werde!“

Er war neben Ussi hergerannt. Nun redete er in den Wind. Wie graues Tuch lag es über dem Platz, es rieselte Feuchtigkeit. Zäh und undurchsichtig wie das ewige Unglück lastete die Nacht, noch trostloser war das Leben für die Menschen, die der Straße gehörten.

Aber Peter war dieser Welt der Tatsachen entrückt. Er sah auf seinem Wege weder die Silhouetten der Dirnen, noch die Menschen, die in Hauseingängen lagen und schliefen. Einer im Stehen, andere hingekauert auf die Steinstufen.

„Sie kommt“, sagte Peter immer wieder vor sich hin und reckte die Arme. Sie kommt! Aber plötzlich senkte sich ein schwarzer Schleier über sein Glück.

Wer wird mir einen Anzug geben?

So, im Mantel, kann er Ussi zum zweitenmal nicht treffen. Das steht fest. Er dachte nach. Ging die Freunde der Reihe nach durch. Wer hatte denn noch einen Anzug, der nach etwas aussah? In dem man ein anständiges Lokal betreten konnte? Das ist die Frage, die Peter beschäftigte, die ihn die ganze Nacht nicht zur Ruhe kommen ließ.

2.

Ursula saß in dem Wagen der U.-Bahn und fuhr nach Charlottenburg.

Was hatte sie getan? Dem Peter ein Rendez-vous versprochen?

Warum hatte sie das nur getan?

Aus Mitleid ...

So’n Quatsch! So ’ne hirnverbrannte Idee!

Was wollte sie denn noch mit Peter?

Hatte sie ihn jemals geliebt? O ja! Sie hatte ihn geliebt, und die Erinnerung an jene Zeit hatte ihre Kraft noch nicht verloren. Das war ihre schönste Zeit. Gedankenlos lebte man dem Heute, sie arbeitete damals in einem Kravattengeschäft als Lehrmädchen. Peter verdiente als Bankbeamter allerhand Geld, und die Sonntage gehörten ihnen. Das Leben war ja damals noch vor ihr, es war noch so weit bis zur vollen Verantwortung für alles, was man dachte, was man träumte. Sie hatte Peter lieb gehabt. Die echte, die große Liebe — die war es vielleicht gar nicht gewesen. Nein, die war es bestimmt nicht gewesen, sie hatte ihn bis zu dem heutigen Tage wahrhaftig vergessen. Vergessen war vielleicht zu viel gesagt. Sie hatte kaum mehr an ihn gedacht ... Warum hatte sie sich nun heute so weit mit ihm eingelassen? Was ist denn überhaupt geschehen? War sie verhext gewesen? Warum war sie mitgegangen? Sie senkte die Augen und betrachtete mit Mißbehagen die rostbraunen Flecken auf ihrem Mantel.

Draußen stoben Lichter vorbei. Arbeiter im Schacht. Ussis Blick ging unruhig über die Menschen in dem Abteil hinweg. Ein gutgekleideter jüdischer Händler saß ihr gegenüber, einen großen Teppich zwischen die Beine geklemmt. Unruhig strich seine Hand über den pechschwarzen Bart, sein Blick war zeitfremd. König Salomo in der Untergrundbahn, dachte Ussi und verbiß ein Lachen. Der feiste Herr neben dem blassen König schaute Ussi an. Wie ein Wüstenscheich, für dessen Harem ich bestimmt bin. Ne, Dicker, nich’ in die Lamäng!

Auch der Herr, der die Zigarettenspitze wie eine Fahnenstange im Munde hielt, fand keine Gnade vor Ussis kritischem Blick. Er las eine Illustrierte Zeitung, sein wuchtiges Kinn war vorgeschoben, ein kleines Ladenmädchen saß an seiner Seite, las ungeniert mit. Bei einer Kurve flog das schmächtige Ding an seine Schulter, er überschüttete sich das Knie mit Asche, die Kleine kroch in sich zusammen unter seinem mißbilligenden, harten Blick. Der Herr neben Ussi hatte einen breiten Karpfenmund, er schaute interessiert von dem Kreuzworträtsel auf, blickte Ussi an und lachte, weil sie auch lachte.

„Schuldigen, Frollein! Wie heißt die erste regierende Dynastie in Ägypten?“

„Die Mormonen“, antwortete Ussi, ohne sich zu besinnen. Eine Dame mit fliehendem Kinn in ferner Ecke wandte Ussi ihr stark geschminktes Gesicht zu und starrte sie verständnislos an.

„Die Mormonen?“ sagte der Karpfenmund. „Aber das sind doch die Wiedertäufer, so wat ähnliches —“

Der Zug hielt. Der Herr sprang hoch und stürzte, über seinen Schirm stolpernd, hinaus. Ussis Lachen klang hinter ihm her. Böse schaute er dem davonsausenden Zuge nach. Ein müder junger Mensch mit rotgeränderten Augen saß jetzt neben Ussi.

Da wanderten ihre Gedanken wieder zurück zu Peter, während ihre Augen auf der geschminkten Frau mit dem kleinen Kinn hafteten.

Also Peter erwartet sie morgen.

Aber das hatte doch gar keinen Zweck! Gar keinen Sinn hatte das! Wie konnte ich nur!

Ussi war ein gradlinig denkender Mensch. Sie ließ sich nie auf Unternehmungen ein, deren Ziel sie nicht kannte oder nicht einsah. Dem Leben gegenüber, der Zukunft war sie, wie sie sich ausdrückte, „freibleibend“. Aber nie würde sie etwas tun, was gegen ihre Natur verstieß. Sozusagen aus Bequemlichkeit. Oder aus Mangel an besserer Überzeugung.

Also wie sollte sie sich gegen Peter verhalten? Ihr Blick haftete auf zwei überlauten, überfröhlichen jungen Damen. Junge Mädels mit welken Gesichtern. Ihre Fröhlichkeit wirkte wie ein schmerzhafter Krampf.

Plötzlich faßte jemand Ussi an der Schulter. Entsetzt rückte sie zur Seite. Der junge Mensch neben ihr war eingeschlafen. Sein Kopf war auf ihre Schulter gesunken. Dann hob er mit einem Ruck sein vom Schlaf verschwommenes Gesicht Ussi zu. Zwei übermüdete Augen, von Schatten tief umrandet, starrten sie sekundenlang an, mit Traum und Bewußtlosigkeit ringend, endlich langsam begreifend. „Verzeihen Sie ... die Müdigkeit ...“

Ein kleiner Angestellter, der bis jetzt vielleicht gearbeitet hatte. Oder einer, der Nachtdienst hatte und jetzt schon vor Müdigkeit die Augen nicht offenhalten konnte.

Heißes Mitleid übermannte Ussi. Ihre großen Augen suchten in dem bleichen, zermürbten Gesicht nach irgendeinem Ausdruck der Kraft. Aber nur Sorge las man, Resignation, innere Versunkenheit.

Das Gesicht des Mannes rötete sich ein wenig: „Ich helfe bei einem Ingenieur aus, der nachts arbeitet. Er hat eine Erfindung gemacht. Aber er ist selber stellungslos ...“

„Ihre Arbeit ist sicher sehr anstrengend“, erwiderte Ussi, nur um etwas zu sagen. Sie dachte an ihr Bett, das auf sie wartete, an ihre gutmütige Wirtin, die morgens mit dem Kaffee kam und sie dreimal weckte: „Fräuleinchen ... es ist aber jetzt wirklich die al—ler—höchste Zeit! — Gott ne, die Jugend! Wie die schlafen kann!“ Ussi hatte so etwas wie Heimatsgefühl. Diese gute Frau Arlinger, die von Mütterlichkeit überfloß ...

„Haben Sie Familie?“ fragte sie den jungen Mann.

Er steckte den Kopf zwischen die Schultern. „Meine Frau arbeitet auch ... wir haben uns wieder getrennt ... das hat doch keinen Sinn, so ein Leben zu Zweien ... Sie verstehen?“

„Aber ging es Ihnen denn nie besser?“

„Doch. Einmal schon ... ich habe das Abitur ... eigentlich bin ich noch immer Student ...“

Student! — Wie kommt mir plötzlich diese Melodie durch den Kopf, dachte Ussi ... diese Melodie: Alt-Heidelberg, du feine ... Ach ja! Das hatte sie im Film gehört. Da war sie so gerührt von Karl Heinz, von seinem süßen Mädchen und den fröhlichen Studenten, die einen „Salamander“ um den anderen rieben ... Sie wollte noch etwas sagen, aber der junge Mann war wieder eingeschlafen. Jetzt erst fühlte sie den aufdringlichen Blick des schwammigen Gesichts, das ihr gegenüber in der Luft hing. Ihre Augen streiften seine Hände, die die Zeitung hielten, die dicken Finger, an denen die Ringe glitzerten. — Ussi verzog spöttisch den Mund.

Da schaute er auf die Gesichter der beiden Mädchen, die so jung taten und so früh alt waren, dann zurück zu Ussi.

Lächelte. Frech, herausfordernd. Was der Dussel sich dachte! Vielleicht: armes Mädel! Reicher Kaufmann. Leichte Liebe! —

Ussi stand achselzuckend auf und setzte sich in die gegenüberliegende Ecke. Im Vorbeigehen sagte sie: „Doofer Affe!“

„Frauenzimmer“, murmelte der beleidigte Herr. Die grell geschminkten kleinen Mädchen kicherten und stiegen aus. Der schlafende junge Mann fuhr mit einem Ruck hoch.

Wittenbergplatz.

Er stürzte hinaus. Sein heller fleckiger Mantel flatterte hinter ihm her.

Die Bahn ratterte weiter, jagte um die Kurven.

Woran hatte ich eigentlich gedacht? sann Ussi.

Ach ja: Peter!

Sonderbar: Plötzlich ist wieder alles ganz anders um Peter herum.

Peter stand in einer Flut von Licht, das sich um sein Haupt wie ein Heiligenschein verdichtete.

Peter! Armer, lieber, guter Peter!

Wie er gleich losging auf diesen Kerl, der sie beleidigt hatt. Ja, so ist Peter immer schon gewesen! Sie sind doch nebeneinander aufgewachsen! Ein ganz kleiner Junge war er damals und sie ein noch viel kleineres Mädchen. Wehe aber, wenn ihr einer der Jungens etwas zuleide tun wollte. Peter war immer da. Peter schlug sich mit jedem, wenn es um die kleine Ussi ging!

Eigentlich war Peter gar nicht mutig. Peter raufte nie, und weil die Jungens das wußten, darum reizten sie ihn oft, indem sie Ussi hänselten.

Aber das gewöhnten sie sich plötzlich ab — nach jener Begebenheit. Jetzt noch schauerte Ussi zusammen, wenn sie daran dachte.

Der große Helmut mit dem sommersprossigen Gesicht — wie ein einziger gelber Butterfleck sah seine Visage aus! — Ussi lachte leise vor sich hin — was wohl aus dem langen Helmut geworden ist? Helmut Krawutke! Der Vater war polnischer Arbeiter. Helmut Krawutke stellte Ussi ein Bein. Sie spielten alle zusammen auf dem Bürgersteig in der Fruchtstraße, vor dem vornehmen Haus, das mit seinem veralteten Stuck so vorgestrig zwischen den Proletarierhäusern stand. In diesem vornehmen Hause wohnte Peters Vater. Der war Baumeister oder so etwas ähnliches. Ein sehr feiner Herr, aber plötzlich war er nicht mehr da. Tot. —

Also Helmut stellte Ussi damals ein Bein. Sie fiel hin, ihre Puppe flog im Bogen auf den Fahrdamm. Peter sah es — Peter sollte es ja sehen. Peter war einen Kopf kleiner als Helmut Krawutke, und der hatte zu seinen Kameraden gesagt: „Paßt mal uff, wie ick dem feinen Dussel auf seine Kotflügel trete, wenn er mir wat will!“

Da war Peter auch schon ran: eine Sekunde zauderte er, ehe er angriff. Der Krawutke stand breitbeinig da und grinste über das ganze Maul weg ...

„Mach’ dir flüssig, Peter, oder ick bring dir in Schwung!“ Im nächsten Augenblick hatten sie sich verbissen. Peter war viel schwächer, aber er stieß mit den Füßen und biß und tat wie toll. Der andre nahm ihn um die Hüften und warf ihn im Schwung auf den Fahrdamm, im gleichen Augenblick, als ein Lieferauto heranfuhr ... ein Schrei aus einem Dutzend Kinderkehlen ... atemloses Starren auf das unvermeidliche Unglück. Peter blutend und zerschunden auf dem Fahrdamm ... schon war das Auto da und über ihn weg ... Ussi sah noch jetzt im Geist die vor Entsetzen versteinerten Gesichter des Chauffeurs und seines Begleiters am Steuer ... dann eine heranrasende Menschenmauer und der davonrennende Krawutke. Aber Peter steht, nur leicht verletzt, auf. Die Menschen stehen da und schauen fassungslos auf das Wunder. Peter war so unter den Wagen zu liegen gekommen, daß das Auto über ihn wegging, ohne daß ihn ein Rad berührt hatte.

In diesem Moment sah der blutende Peter aus wie ein Heiliger. Ussis Mutter kam angestürmt, von allen Seiten faßte man nach dem kleinen Heiligen, an dem ein Wunder geschehen war ...

Ussi war dagestanden und hatte fassungslos geheult ... den ganzen Tag und die ganze Nacht, und am nächsten Morgen konnte sie nicht zur Schule gehen.

Armer guter Peter! Eigentlich hatte er immer Händel ... wegen der andern. Er, der stille und gütige Mensch. So das rechte Glück, das könnte Ursula ihm schenken. Ein Blinder konnte sehen, daß er sie noch immer liebte ... genau so wie damals, als sie zum erstenmal nach dem Werbellinsee hinausfuhren.

Das war Weekend! Glückselig hatte sie ihm im Wald ihre Liebe geschenkt ... den jung aufgeschossenen Körper ... Arm in Arm waren sie auf der Rückfahrt in der Bahn gesessen. Im Nebenabteil hatte einer das Grammophon angestellt ... „Ich küsse ihre Hand, Madame ...“

U. - Bahnh of Knie!

Ussi schnellte hoch.

Raus! Und schnell nach Hause!

O je!

Die paar Leute, die gleich Ussi aus der Tiefe der U.-Bahn nach oben strebten, stauten sich auf der Treppe. In Strömen prasselte der Regen über die Straße. Ussi machte einen schüchternen Versuch, durch den Regen zu laufen. Sie gab schnell auf. Ihr neuer Mantel konnte eine solche Wäsche nicht vertragen. Der neue Mantel war nur für schöne Tage bei sorgsamster Behandlung. Wenn er naß wurde, konnte sie ihn Frau Arlinger als Abspüllappen schenken. Zu mehr taugte er dann nicht mehr!

„Na, gnädiges Fräulein, darf ich Sie beschirmen?“

Sie schaute auf. Ein ganz netter Kerl, groß, tadellos angezogen. Ein gesundes Gesicht, das die Sonne über Norderney oder den Dolomiten gebräunt haben könnte. In dem lachend geöffneten Mund zwei Reihen gesunder starker Zähne. Dunkle Augen, lebhaft und glänzend, Heißhunger nach Leben stand in ihnen und Unbekümmertheit.

Ussi wandte sich ab. Langsam, schweigend, indigniert, bewußt wie eine Dame. Was dachte er sich? Aber er hatte eine angenehme Stimme, und dann redete er so viel dummes Zeug durcheinander, daß Ussi lachen mußte.

„Ich muß ja ohnedies ein Taxi nehmen“, sagte er. „Ich bring’ Sie heim ...“

„Ich habe nur ein paar Schritte“, erwiderte Ussi, ohne ihn anzusehen. „Knesebeckstraße ...“

„Aber bis Sie dahin kommen, sind Mantel und das Kleid futsch. Der Regen dringt durch bis zur Haut, und Sie haben dann die Grippe weg. Wär’ schad’! So ein süßes Mäderl ...“

Sie kehrte ihm von neuem den Rücken. „Frecher Mensch“, sagte sie halblaut. Aber sein Lachen steckte sie an.

„Nicht bös sein, junge Dame! Ich bin ein ganz anständiger Kerl! Ich kann Ihnen doch das Taxi nicht ohne meine Begleitung anbieten! Das wär’ dumm. Sie täten mich für verrückt halten, und dann will ich doch auch trocken nach Hause kommen. Ich wohne beim Kurfürstendamm, Ecke Bleibtreu ... schauen’s, wir haben fast einen Weg ...“

„Sie reden, als wenn Sie aus Wien wären!“ sagte Ussi und schaute ihm zum erstenmal richtig ins Gesicht.

„Beinah erraten!“ lachte er und nahm ihre Hand, die er schnell an die Lippen führte. „Nicht Wiener, schöne Dame, Münchner! Bayer! Hoffentlich sind Ihnen die auch so sympathisch wie die Wiener?“

„Wer hat Ihnen denn gesagt, daß mir die Wiener sympathisch sind?“

„Das haben Sie schon verraten, das fühlt man! Wissen’s was, Sie müssen Vertrauen zu mir haben! Übrigens hab’ ich fabelhafte Beziehungen zum Film ...“

Ussi ging neben ihm die Treppe hinauf.

„Den Dreh kenn’ ich“, sagte sie, aber gar nicht böse. „Wenn einer ein Mädel dumm machen will, dann hat er Beziehungen zum Film!“ Dann mußte sie wieder lachen, weil er sie so dumm anschaute. „Ja, die Kavaliere“, sagte sie, immer wieder lachend, und kostete so recht die Lust aus, daß sie dem da über ist. — Er hatte ein Taxi angehalten, sie stieg ein, während er seinen Schirm über sie hielt.

„Wohin?“ fragte er. „Zur Zigeunerkapelle? Oder wissen’s was? Im Resi ist noch allerhand los — kennen Sie Resi? Da wird getanzt —“

Sie stieg wieder aus, der Regen schlug ihr jetzt ins Gesicht.

„So war es nicht gemeint!“ Und schnell will sie fort.

Aber er hat sie ebenso rasch gepackt und in den Wagen geschoben.

„Verzeihung! Net bös’ sein. Also Knesebeckstraße! Nummer?“

Ussi nennt die Hausnummer. Der Herr sagte dem Chauffeur: „Und dann gleich weiter nach Ecke Kurfürstendamm-Bleibtreustraße ...“

Dann setzte er sich neben Ussi. Sie schaute zum Fenster hinaus. Er bat sie nochmals um Entschuldigung. Die Regenflut peitschte gegen die Scheiben. Sie konnte nichts sehen.

„Die Männer denken immer, ich sei auch so eine ...“ sagte Ussi, ohne sich umzudrehen.

„Aber deswegen muß man doch nicht gleich auch so eine sein, wenn man mal mit einem Herrn in ein Tanzlokal geht!“ erwiderte der Herr neben ihr.

Jetzt reißt Ussi ihr Gesicht zu ihm herum.

„So? Und was ist denn dann, wenn ich ordentlich getrunken hab’? Wenn’s so recht fidel war, wenn der Herr Kavalier leicht angetrunken ist, überhaupt, wenn die Stimmung so richtig ist? Na, Kleine, kommst mit? Ich hab’ eine fabelhafte Wohnung ... aber nein, Kindchen, die mußt du dir bloß anschaun ... eine Tasse Tee ... zum Abkühlen ... Und dann mußt du meine Photos ansehen, Pola Negri und Hans Albers, Bassermann, die Ossi Oswalda — alle mit persönlichen Widmungen! Jannings ist ein Jugendfreund von mir, es kostet mich nur ein Wort, und du bist Filmstar ... und so weiter! Ach, die Mädels sind ja so dumm, und wenn dann eine noch einen Rausch hat, dann ist alles weitere ja so einfach!“

Da hielt der Wagen.

„Aber Kleines!“ stammelte der Herr verdutzt. Was hatte die nur?“

Ussi schaute ihn nicht an.

Er war ausgestiegen, stand im Regen und hielt den Hut in der Hand.

„Auf Wiedersehen, gnädiges Fräulein!“

Sie nickte zurück, toternst, die Moralpredigt hatte sie schon vergessen. Es regnete jetzt in Strömen, es regnete Gießbäche, er hielt den Schirm über sie, bis sie das Tor aufgeschlossen hatte. Wie vor einer Dame der Gesellschaft steht er da, denkt Ussi. Aber mich macht der nicht dumm ...

Nun war die Tür offen, sie schlüpfte ins Haus. „Vielen Dank!“ Das Tor fiel zu. Langsam stieg der Herr wieder ins Auto. Der Chauffeur grinste, gab Gas.

Regen klatschte nieder, der Wind rüttelte an den Häusern, daß die Fensterscheiben klirrten ...

Frau Arlinger war noch wach, als Ussi die Wohnungstür aufschloß. „Na, Fräuleinchen, so spät?“ sagte die mütterliche Stimme aus dem Dunkel heraus.

Ussi öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Aus einer Kneipe drang noch Lärm herauf. Da war Krach unten. „Das Theater hatte endlos gedauert, Frau Arlinger, dann hatte ich noch einen Bekannten getroffen!“

Frau Arlinger antwortete mit einem leisen Seufzer. Sie versteht nun mal diese Zeit nicht! Und es kommt ja immer auf das gleiche heraus, denkt sie. Ihre Mieterin wird ein Kind bekommen oder sich mindestens die Gesundheit ruinieren ... und ist doch so ein liebes Ding ... aushalten kann sie auch nichts ... und die Männer denken doch gar nicht daran, so ein Mädel zu heiraten.

„Gute Nacht, Frau Arlinger“, sagte Ursula und schloß ihre Zimmertür. Nun aber rasch den Mantel runter, fein säuberlich über den Bügel gehängt — das Kleidchen, den Schlüpfer mit flinken Händen ab! — Von der Wand her schaut der Postassistent Arlinger zu im dunklen Gehrock, mit aufgezwirbeltem Schnurrbart und schief sitzendem Kneifer, Frau Arlingers Seeliger.

Ussi stößt die nackten Arme in die Luft wie ein ungeduldiger kleiner Vogel, der seine Schwingen prüft.

Das Nachthemd will nicht so, wie Ussi will. Dieser Herr Postassistent Arlinger macht sie nervös! Was waren das bloß für Männer früher! Mit dem schief sitzenden Kneifer und dem unmöglichen Bart! Sie dreht, das Nachthemd bis zur Schulter niederziehend, das Photo gegen die Wand. Nun kann sie sich Peter an die Stelle des Herrn Arlinger denken. Peter mit seiner scharfen vorspringenden Nase und den versonnenen Augen. Einen schmalen Mund hat er. Einen klugen Mund!

Warum hatte sie ihn eigentlich vergessen?

Gott, man vergißt so schnell. Das Leben rennt. Man muß mitrennen. Und man möchte doch nicht ewig mit einem Mantel für zweiundzwanzig Mark herumlaufen. Wo die reichen Männer eigentlich so dumm sind! Und ein Auto — es gibt Autos, die gleiten auf dem Asphalt dahin wie im Traum. — Eben noch schaut man in den aufsteigenden Nebel der Großstadt, und auf einmal sind da Sonne und Landschaft, Bäume und rauschende Quellen, Seen rundum, kleine nette Häuschen ... man ist reich ... man ist im Himmel. Alles durch ein Auto! — Ussi war schon im Himmel. Sie schlief fest und tief.

3.

Das Gitter vor dem Schaufenster des Juweliergeschäfts von Dietrich Jonas stört kaum bei der Betrachtung der beiden wunderbar geformten Frauenarme aus Wachs, die zuerst ins Auge fallen. Die Arme sind rund und vollkommen, aber auch seltsam leblos. Vielleicht üben sie darum einen so geheimnisvollen Reiz aus, weil sie nur aus Wachs sind. Erst wenn man das erste Erschauern überwunden hat, Erschauern darüber, daß diese toten Arme und Hände, die die kostbaren Armbänder, Ringe und Armbanduhren tragen, daß diese leblosen Arme auch nicht durch die blitzenden Diamanten Wärme oder Bewegung erhalten, erst dann, allmählich, wendet man seine Aufmerksamkeit den Schmuckstücken selbst zu. Glutvolle Rubine hängen an den Händen. Wie lebendig diese Steine sind: Man fühlt sie an diesen toten Händen atmen, man ahnt ihre Seelen, die vielleicht verzaubert in den glänzenden Steinen ruhen.

Schweizer Uhren aus Gold liegen auf samtenen Kissen, Ohrgehänge, moderne und antike, rufen Erinnerungen an kleine, mattdurchblutete, zarte Frauenohren wach. Geschmackvolle Etuis für Zigaretten liegen neben silbernen Dosen mit aufgemalten Bildern: üppige Frauen oder die Entführung der Europa durch Zeus, oder Leda mit dem Schwan.

Zwischen diesen lebenden Steinen und den toten Armen, von Geheimnissen umstrahlt, erscheint eine rosafarbene Hand, bewegliche Finger halten eine spitze Pinzette, und diese Pinzette fingert einige Ringe aus dem Schaufenster. Jetzt öffnet sich das kleine Spiegelfenster, das das Schaufenster vom Laden abschließt, und man erkennt Ussis blonden Kopf. Madame Loup steht hinter ihr, eine Dame mit sehr weißem Haar, sehr soigniert, stark gepudert, und erteilt Anweisungen. Der Chef sitzt im Privatzimmer, das durch eine Tür mit Mattscheiben vom Laden getrennt ist, und schreibt.

Eine Kundin tritt ein. Madame Loup schließt das Schiebefenster zum Schaufenster und bedient. Ussi breitet ein schwarzes Seidentuch auf das Glas, und darauf werden die köstlichen Perlenketten zum Aussuchen gelegt.

„Sie wissen, Madame Loup, was ich suche“, sagt die Kundin. „Ich habe Ihnen das Kollier bereits gezeigt.“

„Ich weiß, gnädige Frau, ich weiß“, erwidert Madame Loup und gibt Ussi einen Wink. Die Perlen leuchteten matt und vornehm, unsagbar vornehm, auf dem dunklen Tuch. Wie Heiligtümer legt Ussi die Kostbarkeiten mit ehrfurchtsvollem Gesicht vor die Kundin hin. Diese Perlen sind noch viel vornehmer als die vornehmsten Menschen. Der Hauch ihrer Farbe ist diskret, sie haben Augen wie die letzten Sprossen unendlicher Ahnenreihen. Sie sind noch kostbarer als kostbar. Sie sind einfach der Adel selbst. Die manikürten Hände der Kundin gleiten mit zärtlichen Bewegungen über die Kolliers, während die Augen heiß und gierig funkeln. Es sind dunkle, schwermütige Augen, aber jetzt, im Herabsehen auf den Schmuck, schimmern sie lauernd, raubtierhaft, der kleine rote Mund ist halb offen, als wollte er den Atem der Perlen in sich einsaugen.

„Diese ist es“, sagt die Dame und weist auf die schönste der vorgelegten Ketten.

„Jawohl“, erwiderte Madame Loup mit einem ins Unendliche gezogenen Lächeln der Güte, des Verstehens und der Hochachtung.

„Sie müssen mir wieder zwei Rechnungen ausstellen“, fährt die Dame leichthin fort, sehr leise, aber Ussi kann es doch hören, wenn sie auch so tut, als sei sie mit dem Wegbringen der Kolliers vollauf beschäftigt. Sie wirft ihrer Kollegin Lotte einen schnellen Blick zu und kneift ein Auge zu. Lotte zieht als Antwort, sich umwendend, einen schiefen Mund. Lotte ist frech und herausfordernd, aber die Kunden lieben ihre kesse Art, und ihr Vater ist ein Professor.

„Herr Jonas!“ ruft Madame Loup mit flötender Stimme. „Bitte Herr Jonas. Frau Architekt Köhler ...“

Man hört das eilige Rücken eines Stuhles. Der Chef erscheint unter der Tür des Privatkontors. Er ist rund und gleitet förmlich die paar Stufen herab, die dicken, sauberen Hände vor sich haltend, als wollte er sie auf die Hüften der Kundin legen, die den Weißfuchs mit einer einstudierten Bewegung um den Hals legt. „Frau Architekt ... ich habe die Ehre, Gnädigste! Womit darf ich dienen?“

„Frau Architekt Köhler hat sich die Perlenkette ausgesucht“, antwortet statt der Dame Madame Loup. „Die gnädige Frau wünscht die Rechnung an ... darf ich bitten, gnädige Frau?“ Sie schiebt der Dame einen kleinen Block hin. Herr Jonas rollt seine Bonbonaugen hin und her und macht eine einladende Handbewegung nach seinem Büro. „Wollen Gnädigste die Angelegenheit vielleicht in meinem Privatzimmer ...?“

Aber Frau Architekt Köhler antwortet gar nicht auf diese schöne Geste. Sie schiebt mit einer ungeduldigen Bewegung den Pelz von der Schulter. Nun hängt er wie ein gefangenes Tier über ihren Rücken. Sie schreibt. Herr Jonas wirft einen flüchtigen Blick auf die Kette und dann auf den Preis. Der Preis stimmt! „Für Sie, Gnädigste, zehn Prozent Rabatt! Also rund zweitausend und drei!“ Er lächelt feist und demütig und hält den dicken Kopf zur Seite, während die Augen devot und diskret den entblößten Unterarm der Dame entlang gleiten. Er nimmt den Block entgegen. Inzwischen war ein neuer Kunde eingetreten, ein Herr in einem dunkelblauen Trenchcoat, mit einem billigen Hut, den er beim Eintreten abgenommen hat. Madame Loup, nach einem ganz flüchtigen taxierenden Blick, zu Ussi: „Bedienung!“

Ussi sagt süß: „Der Herr wünschen?“ Und der Herr sagt verlegen: „Ich möchte einen der billigen hübschen Ringe zu 3 Mark 50.“

Ussi bedient mit schnellen, schlanken Fingern, ein wenig zerstreut und nachlässig, aber das merkt der Kunde nicht. Er lehnt sich gegen das Glas, unter dem die kostbaren Armreifen ruhen, und prüft die Ringe. Er tastet einen um den anderen an und legt ihn gleich wieder zurück. Dabei schaut er Ussi an, ob sie auch sieht, daß er keinen der 3 Mark 50 Ringe heimlich verschwinden läßt. Ussi aber hat gar keine Sorge, daß der bescheidene junge Mann etwa klauen könnte. Sie schnappt schnell auf, wie Herr Jonas leise sagt: „Also die Rechnung über 2,3 an Herrn Romeo Steen und die Rechnung, die ich in die Wohnung der gnädigen Frau sende ...“

„Direkt an meinen Gatten“, sagt die Dame kühl und blickt gelangweilt auf die Straße.

„Sehr wohl, Gnädigste. Über achtzig Mark ...“

„Ja. Nicht höher. Bitte schreiben Sie ausdrücklich: Tekla-Perlen ...“

„Sehr wohl, gnädige Frau! — Fräulein!“ Er winkt Lotte heran: „Die Perlen werden heute an Herrn Architekt Köhler gesandt. Notieren Sie gleich: Bismarckstraße — ich habe die Ehre, gnädige Frau!“ Und an der Tür: „Darf ich mich nach dem Befinden des herrlichen Barsoi der Gnädigsten erkundigen? Wie? Eingegangen? Ach, wie ich das bedaure, gnädige Frau! Welch ein herrliches Tier! An Geflügelknochen verendet! Wie schrecklich! Habe noch nie gehört, daß Hunde kein Geflügel vertragen. Schade! Schade! Der Stil des Hundes paßte fabelhaft zur Erscheinung der Gnädigsten — bitte sehr, gnädige Frau!“ Er reißt die Tür auf. „Empfehle mich ...“ Ussi schreibt und schaut Lotte an. Ganz leise: „Haste gehört? Der Stil des Hundes — —“

Herr Jonas und Madame Loup gehen ins Arbeitszimmer. Beide lächeln, aber es ist ein Lächeln äußerster Zurückhaltung. „Jetzt müssen sie das Privatleben der Kundin erst richtig verdauen“, sagt Lotte. „Mensch! Stil des Hundes — paßt fabelhaft zur Erscheinung ... das muß ich mir aufschreiben! Das geb’ ich abends zum besten ...“

„Hast du gehört, Lotte? Herr Steen! Sie hat ’nen Neuen!“

„Wieso? Der andere ... ach richtig! Das war ja der Holzhändler Eichwald ... Tekla-Perlen ... Junge! Junge! Der Olle muß dumm sein wie ’n neugeborenes Kaninchen!“

Ussi notiert Preise. Es dauert lange, bis wieder ein Kunde kommt. Frau Architekt Köhler hat den Umsatz für die Woche garantiert ...

„Achtzig Mark ins Hauptbuch“, sagte Herr Jonas im Privatbüro. „Tekla-Perlen für die Steuer. Da kann gar nichts passieren. Die Kette mit den Tekla-Perlen müssen wir natürlich abschreiben. Ich schenke sie Ihnen, Madame Loup.“

„Merci‘, sagt Madame. „Merci, Herr Jonas!“

Madame heißt eigentlich Wolf, einfach Wolf, aber sie hat mit ihrem Mann lange in Paris gelebt, dann starb er und ließ sie mit zwei Kindern unversorgt zurück. Da sie eine praktische Frau ist, nannte sie sich Madame Loup und trat in ein großes Modenhaus ein, von wo sie zu Jonas kam. Sie arbeitet wie ein Pferd und läßt ihre Kinder tadellos erziehen. Im Geschäft trägt sie eine Bluse mit Stehkragen, letzten Schrei der Moral, wirkt sehr schick und sozusagen aus dem Leben ausgeschaltet. Sie hat das Vertrauen aller Kundinnen und auch der verheirateten Männer, die ihre Freundinnen bei Jonas beschenken.

Dies alles weiß Ussi. Das sind Dinge, die nie zu beweisen sind, aber Ussi weiß es. Sie findet das alles sehr interessant und die Gesellschaft, mit der sie hier bekannt wird, sehr schick. Die Leute wissen zu leben, die Frauen wissen sich anzuziehen. Die Mehrzahl der Männer sind Verbrecher, findet Ussi. Frauen muß man entschuldigen. So ist das Leben, aber es ist bunt und voller Abwechslung, das Leben, wie Ussi es kennt und zu verstehen glaubt.

Der Chef trudelt mit einer dicken Zigarre im Mund heraus. Das kommt sehr selten vor, er geht auch gleich wieder, um nicht den Laden zu verqualmen. Er schenkt Ussi ein sattes Lächeln und haucht Lotte an, weil sie so dumm herumsteht. „Oder zahl’ ich dafür, daß Sie hier Monument stehen?“

Lotte macht sich eifrig zu schaffen. Sie putzt mit einem feinen Lederlappen herum und haucht auf die Ringe, während Ussi das joviale Lächeln des Chefs sehr zurückhaltend erwidert und die Glasplatte blank poliert.

Draußen scheint die Sonne, es ist ein schönes und zufriedenes Leben. —

Da fällt Ussi plötzlich ein, daß sie sich abends mit Peter treffen will. Eine ärgerliche Geschichte! Wenn Lotte das wüßte. Lotte predigt täglich: ein Auto ... aber nur Markenauto! Nicht etwa so ’n billiger Serienwagen! Also das ist das erste. In Amerika schaut ein Mädel einen Mann, der kein Auto hat, überhaupt nicht an. In Amerika holen sich die Mädels die Männer, und wenn einer nicht will, macht sie ihm schöne Augen und sagt hinterher, er hat mir die Ehe versprochen. Dann muß er, oder er wird eingesperrt. Das ist ein feines Land, Amerika!

Nein, ist das herrlich, denkt Ussi. Lotte hat eine Kusine, die war lange in USA., aber sie hat die Amerikaner nicht leiden können, sonst hätte sie an jedem Finger ...

Also Peter! Schön wird es gerade nicht werden. Man kann sich doch wahrhaftig mit Peter nicht zeigen! Aber kann er denn dafür? Ist es nicht eine Schande, daß die größten Idioten am elegantesten sind und ein Mann wie Peter nicht mal ein sauberes Hemd anhat?

Wieder geht die Tür. Draußen ist ein Wagen vorgefahren. Ein rassiger Bugatti, rot lackiert, die Sonne brennt darauf, obgleich es doch schon Herbst ist.

Ein eleganter Herr kommt herein. Er trägt eine prachtvolle seidene Kravatte in der Farbe seines Wagens, wie Lotte feststellt, die zur Bedienung an den Ladentisch geht. Ussi dreht sich nicht um, sie putzt rückwärts die Fenster der Glasvitrinen. Aber der Herr schaut gleich über Lotte weg, mustert den Nacken Ussis, verfolgt jede ihrer Bewegungen.

„Der Herr wünschen?“ sagt Lotte und zieht das Näschen hoch.

Der Herr sagt: „Das ist doch das kleine Fräulein, das gestern —“

Ussi dreht sich brüsk um.

Natürlich! Seine Stimme hat sie doch sofort wiedererkannt! Wie kommt der hierher? Und wie siegessicher er sie anfeixt! Ekelhaft ist das einfach — und da steht Lotte und läßt ihre grünen Augen — grün sind sie vor Neid! — von ihr zu dem Herrn und von dem Herrn zu ihr wandern. Ussi ist eine Aufklärung schuldig.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
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Data wydania na Litres:
05 maja 2025
Objętość:
210 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711503805
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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