Czytaj książkę: «Ein Weib-ein Narr-ein Mörder»
Robert Heymann
Ein Weib-ein Narr-ein Mörder
Saga
Ein Weib-ein Narr-ein Mörder
German
© 1930 Robert Heymann
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711503720
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Einleitung
Nachdem in einem der sensationellsten Prozesse der neuesten Zeit gegen den Schuldigen die Todesstrafe ausgesprochen worden war, schien dieser Kriminalfall, der nicht nur das südfranzösische Volk in Atem gehalten, sondern die ganze Welt interessiert hatte, für immer abgeschlossen. Aber der Präsident der französischen Republik wandelte das Todesurteil auf dem Gnadenwege in „lebenslängliche Verbannung“ um — Deportation nach Cayenne! Der Urheber eines der abscheulichsten Verbrechen schien vergessen — bis die Zeitungen die Erinnerung an ihn wieder aufleben ließen. Es war ihm geglückt, aus der Hölle von Guyana zu entfliehen und nach Venezuela zu entkommen. Dort soll der Flüchtling ein neues Leben begonnen haben; ein Pariser Journalist behauptet, er habe ihn selbst gesprochen. Wie dem auch sei: Dieser Prozeß, den ich in dem vorliegenden Roman behandle, ist ebenso erschütternd durch die problematische Persönlichkeit des Verbrechers wie durch die Seltsamkeit der Ereignisse, die zu seiner Entlarvung führten.
Die Grenzgebiete der menschlichen Seele sind auch für den erfahrensten Psychologen größtenteils noch eine terra incognita. Alle Urteile der Sachverständigen sind mehr oder weniger subjektive Erkenntnisse und müssen es bleiben. Der Streit, ob der Verbrecher geboren wird, das heißt, ob er seine Anlagen schon mit in’s Leben bringt, oder ob Schuld und Sühne mehr als schicksalhafte Belastung sind, wird kaum jemals entschieden werden können. Der Verbrecher in dem vorliegenden Roman ist trotz der Grausamkeit, mit der er die Tat beging, die ihn selbst vernichtete, im Sinne der Dramen des großen Aeschylos eine tragische Gestalt. Seine Richter hielten ihn für zurechnungsfähig. In meinen Schilderungen entferne ich mich wenig von den Tatsachen, aber ich habe seelische Abgründe angedeutet, die nicht nur mit „dichterischer Freiheit“ erklärt werden sollen. In uns allen schlummert die Schuld. Manchmal weckt ein ungewöhnliches Ereignis eine Leidenschaft, die in uns auflodert, Instinkte, die unseren Abscheu erregen. Unsere durch Vererbung und Erziehung aufgebauten Hemmungen bewahren uns. Aber die Liebe in einer ihrer bunten Spielarten stürzt wie eine Sturmflut über alle Dämme hinweg, und urplötzlich enthüllt sich in dem Kulturmenschen der Gegenwart der furchtbare Dämon Kain. —
In diesem Roman galt es nichts zu beweisen. Ich habe eine ungeheuerliche Begebenheit dargestellt, und wenn es mir gelungen ist, die Nachdenklichkeit des Lesers geweckt zu haben, so hat mein Werk seine Aufgabe erfüllt: unterhalten zu haben, ohne nach der Lektüre vergessen zu werden.
Berlin, Juni 1930.
Robert Heymann.
1.
Einige Stunden hinter Paris hatte der Expreßzug einen unfreiwilligen Aufenthalt. Irgendein Signal — oder lag ein Gegenstand auf den Schienen?
Niemand erfuhr es, obgleich die Passagiere in die größte Aufregung gerieten, als die Bremsen plötzlich scharf anzogen, die Wagen aneinanderstießen und der Zug mit ohrenbetäubendem Zischen und Schleifen zum Stehen gebracht wurde. Auch die Dame und die beiden Herren im Abteil Erster Klasse sahen sich erschrocken an. Es dämmerte schon, ein goldgesättigter Winterabend rieselte über die weißen Felder vor den Fenstern. Die Gegend war ohne weiteren Reiz, aber die verschneiten Bäume, die Äcker und Wiesen schwammen in einem warmen Rot, das die sinkende Sonne ausströmte. Eine zärtliche Stimmung lag über den Dingen, aber diese Stimmung war jetzt unterbrochen durch lautes Fragen und Rufen. Die Beamten sprangen auf den tief gelegenen Feldweg hinab, um nach der Ursache des Haltens zu sehen, die Passagiere rissen die Fenster und Türen auf. Niemand sah so den grauen Menschen, grau von Schmutz und Ungewaschenheit, der auf der entgegengesetzten Seite hochkletterte und sich in einen Wagen schwang. Er stand einige Sekunden atemlos und lauschend hinter den Rücken der aus den Fenstern sehenden Passagiere. Dann riß er eine kleine Tür auf, die zu dem Raum führte, der der Bedienungsfrau des Zuges als Aufenthalt diente. Zum Glück war sie nicht da, sie befand sich, ebenso aufgeregt wie alle Mitreisenden, in einem entfernten Wagen.
Als der Wagen Erster Klasse, wie es schien, ins Schleudern geriet, war die Dame leichenblaß geworden. Die beiden Herren warfen sich einen Blick zu, in dem sich offener Schrecken spiegelte. Dann aber, als der Expreßzug zum Stehen kam und offensichtlich keine Gefahr vorhanden war, zeigte die Dame ein völlig kopfloses Benehmen. Sie sprang auf und stürzte wie gepeitscht aus dem Abteil. Dr. Berton, der ihr gegenübersaß, hatte das Fenster heruntergerissen und sich mit einem Blick überzeugt, daß kein Unglück geschehen war. Er rief der Reisegefährtin lachend nach, sie möchte sich beruhigen, aber er fand kein Gehör. Die Dame überzeugte sich auch keineswegs, ob wirklich ein Grund zur Beunruhigung vorlag. Sie eilte in überstürzter Hast durch die einzelnen Wagen. Vor jedem Abteil machte sie sekundenlang Halt und warf einen schnellen und verwirrten Blick in das Innere. Enttäuscht lief sie dann weiter.
Die erste Erregung der Passagiere hatte sich in befreites Lachen und laute Scherze aufgelöst. Aber diese elegante und fremdländische junge Dame schien noch erregter zu werden. Sie suchte jemand. Sonst hätte sie nicht Türen geöffnet, die in Räume führten, die kein Interesse für sie haben konnten. Mit einem seltsamen Instinkt blickte sie auch in den engen Raum der Bediensteten des Zuges, ohne das Schild zu beachten, das die Aufschrift trug: „Eintritt untersagt“.
Sie sah sich dem geheimnisvollen grauen Manne gegenüber. Sie blieb wie erstarrt an der Tür stehen und kämpfte gegen eine Ohnmacht. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, überließ sie ihre Hände willenlos diesem Strolch, den die Landstraße ausgespien hatte. Auf den Knien liegend, bedeckte er ihre schmalen, hellen Mädchenhände mit leidenschaftlichen Küssen, unzusammenhängende Worte stammelnd.
„Du bist also gekommen!“ bringt sie endlich hervor.
„Du hast mich gefunden!“ flüstert der Landstreicher in überströmender Freude.
„Charles!“ — die Dame.
„Roxane!“ — der Mann.
Welcher Gegensatz zwischen beiden! Die Dame willenlos, kraftlos an der Tür lehnend, der Mensch zu ihren Füßen. Sie, aufschluchzend in einer endlich gelösten, nicht mehr zu ertragenden Spannung, er, lachend, ohne es zu wissen, daß er lachte, dem Augenblick hingegeben, beide ohne Bewußtsein ihrer Lage, losgerissen von allen Befürchtungen und Gefahren, zwei Menschen, die sich über die Ewigkeit hinweg gefunden haben.
„Oh du! Du! Roxane! Meine Geliebte! Meine Tapfere, Treue! Wie soll ich dir danken!“
„Sprich nicht! Sprich nicht! Mein armer, armer Junge!“
Ihre Hand streicht wie ein heller Schatten über sein dunkles Haar.
„Nun wird alles gut —“
„Sei vorsichtig, Charles! Zum zweiten Male könnte ich es nicht ertragen!“
„Du liebst mich noch? Roxane! Roxane! Du liebst mich noch!“
Er schließt die Arme um ihre Knie. Sie fühlt sein Haupt, sein Gesicht, die Wärme seines Atems dringt in ihre Glieder.
„Nach so viel Jahren!“ stammelt sie.
„Liebste!“
„Wie warst du unglücklich!“
„Ich? Niemals! Deine Briefe machten mich reich!“
„Charles! Beschäme mich nicht. Ich habe mich gesehnt nach dir — wie habe ich mich gesehnt!“
„Du Herrlichste! Ich wäre mit einem Lächeln des Glücks gestorben, wenn es für dich hätte sein dürfen!“
„Gestorben!“ schluchzt die Frau auf. „Schweig! Nie darfst du das sagen! Tausend Nächte habe ich um dich gezagt und gebebt, gebetet und gehofft und gezweifelt. Und nun habe ich dich, nun bist du bei mir, mein Geliebter! Ich sehe dein Gesicht, deine Augen, deine Hände, o mein Gott, laß es keinen Traum sein!“
In diesem Augenblick erhält die Dame einen heftigen Stoß in den Rücken, der sie beiseite schleudert. Das Gesicht eines fremden, rotwangigen Weibes mit einer Haube auf dem dunklen Haar wird sichtbar. Ihre Augen sind weit aufgerissen, ihr Mund öffnet sich zu einem Schrei, aber schon ist dieser graue Mann hochgeschnellt, seine Hand preßt sich auf den Mund der Überraschten, er zieht sie in den Raum, während die Dame hinter ihr die Tür schließt. Die Frau, die auf Ordnung in dem Zug zu sehen hat, wähnt sich überfallen. Sie schaut in maßlosem Erstaunen auf die elegante, juwelengeschmückte Dame, ihre Augen rufen um Hilfe, doch noch immer hält der Landstreicher sie fest und verschließt ihr mit Gewalt den Mund. Die Dame beginnt zu sprechen. Sie steht Leib an Leib mit der Überfallenen, der Raum ist nicht für drei Menschen berechnet. Sie flüstert der Frau ins Ohr:
„Es geschieht Ihnen nichts. Bei der menschlichen Barmherzigkeit, schreien Sie nicht! Ich habe diesen Mann seit Jahren nicht mehr gesehen. Unstet und flüchtig ist er, ja, Sie sehen es, Sie können ihn verraten, aber es wird Ihnen Jammer und Leid bringen, ich würde Sie verfluchen, Sie würden ein Verbrechen begehen, denn dieser Mann trägt unschuldig sein furchtbares Schicksal! Wollen Sie schweigen? Ja? Wollen Sie schweigen?“
Aber die arme Frau, die kaum atmen kann unter den Händen dieses Mannes, der wahrlich nicht aussieht, als ob ihn ein unverdientes Schicksal getroffen hätte, diese arme Frau kann gar nicht so schnell denken, sie kann sich nicht in die Situation finden. Sie starrt die Dame noch mit demselben hilflosen Ausdruck an wie vorher, ohne sich durch eine Bewegung zu äußern. Die Dame aber reißt die kostbare Perlenkette von ihrem Halse, sie faßt in ihre Tasche, ihre Finger halten ein Bündel Banknoten. Sie hält das alles mit zitternder Hand der Frau vor das Gesicht: „Ich schenke es Ihnen! Geben Sie mir Ihre Adresse! Ich will für Sie sorgen! Ich bin reich! Haben Sie Kinder? Sie können sich für Ihre Kleinen wünschen, was Sie wollen! Oder für sich! Nehmen Sie! Nehmen Sie! Sie sollen noch viel mehr bekommen! Nur — schweigen Sie! Ich flehe Sie an: Schweigen Sie! Nur eine Minute noch schweigen Sie!“
Die Frau fühlt die Juwelen und das Geld in ihre Hand gepreßt. Der Druck auf ihren Mund lockert sich. Sie schreit nicht. Sie ist noch nicht recht bei Besinnung. Ihre Art zu denken ist einfach und schwerfällig, sie ist phantasielos, sie kann nur Tatsachen denken, sie kann keine Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten erfinden. Sie sieht das Geld, die Perlen — und schweigt schon aus Staunen, das sich rasch in Habgier verwandelt. Sie hat vier Kinder zu Hause — einen invaliden Mann, der im Kriege verschüttet wurde — Geld ist knapp, das Häuschen längst reparaturbedürftig! Wenn man noch das kleine Ackerland hinzupachten könnte, würde es auch noch für eine zweite Kuh reichen! Ihre Augen wägen die Zahl der zerknüllten Banknoten in ihrer Hand ab. Das scheint mehr zu sein, als sie sich träumen lassen konnte — und diese Perlen! — Natürlich sind sie echt. Solch eine Frau trägt nur echte Perlen! Ein Vermögen! Jeanette, sei klug, schweige! Was geht es dich an, was diese Dame und der Vagabund miteinander haben? Vielleicht ist er ein Verbrecher! Nun, ihr hat er nichts getan! Ein bißchen gedrückt hat er sie, das ist reichlich gutgemacht! —
Der Zug hat sich inzwischen längst in Bewegung gesetzt. An dem kleinen, niederen Fenster zieht die Landschaft vorbei. Die hohen Bäume scheinen einen Wettlauf zu veranstalten. Die Telegraphenstangen wollen es mit ihnen aufnehmen. Aber die Dämmerung geht schon in ein silbernes Grau über, und am Himmel zittert noch einmal das fahle Rot auf, das die Sonne zurückgelassen hat. Nun erlischt auch der letzte Widerschein des Lichts, ockergelbe Schatten brechen über die Felder, die nun schwarz und wesenlos werden wie der leibhaftige Tod.
Das Schweigen der Frau ist Zustimmung. Die fremde Dame umfaßt noch einmal mit dem zärtlichsten Blick diesen mit Schmutz bedeckten Menschen, als müßte sie sich sein Bild für alle Zeiten einprägen. Sein Gesicht ist verschwollen von der Kälte, der durchlöcherte, fadenscheinige Mantel ist über der bloßen Brust geöffnet. Wahrlich, dieser Landstreicher ist ein lebendiges Bild des Jammers und des Elends, und niemand könnte einen größeren Gegensatz ausdenken als diese Dame im kostbaren Pelz, umschwebt von dem köstlichen Hauch des Luxus und des Reichtums, und diesen Ausgestoßenen, den das Leben aufgegeben hat.
Wortlos überreicht sie ihm ihre Handtasche. Die Frau neben ihr kann wohl sehen, daß noch viel Geld darinnen ist. Sie bemerkt es nicht ohne Neid, aber ihre Neugier ist noch größer. Sie steht da wie eine Zuschauerin im Theater, die zu spät gekommen ist und sich nun in den Vorgängen auf der Bühne nicht zurechtfindet.
„Nach so langer Zeit — es ist schwer, die Fassung zu behalten —“ stammelt die Dame. „Ich unterbreche die Fahrt in Lyon — ich bin —“
Da schrillt eine Klingel. Gleich darauf hört man Stimmen, und eine Hand drückt kräftig und schnell die Klinke der Tür herab. Aber sie kann sie nicht öffnen, denn Jeanette hat sich blitzschnell mit breitem Rücken vorgeschoben und ruft:
„Ich komme!“
Ein Mann brummt etwas von Weibern und Unordnung, dann verklingt die Stimme. Jeanette schlüpft aus dem Raum, aufatmend, wieder in Freiheit zu sein, und eilt dem Manne nach, der sich zögernd entfernt.
„Wir dürfen keinen Augenblick mehr verlieren“, sagt Charles.
„Leb wohl, Roxane! Leb wohl! Leb wohl!“
Die Dame blickt ihn noch einmal in fast mütterlicher Entrücktheit an und hebt mühsam die Hand zum Abschied. Dann tritt sie hinaus und verschwindet im Laufgang des Wagens. Die Bedienungsfrau, die bald darauf von der anderen Seite zurückkommt, findet ihren kleinen Raum leer. Der Zug ist in rasender Fahrt, sie ahnt nicht, daß der graue Mann am Trittbrett des Wagens angeklammert hängt, in einer Stellung, die ihm jeden Augenblick einen schrecklichen Tod bringen kann, während die beißende Kälte ihn bis auf die Knochen erschauern läßt und kleine Steine, die die Schnelligkeit des dahinrasenden Zuges aufpeitscht, sein Gesicht zerreißen.
*
Inzwischen waren die beiden Herren in dem Abteil Erster Klasse in größter Unruhe.
Dr. Berton, Arzt aus Marseille, rieb sich die Augen und sah verwundert in das Gesicht des neben ihm sitzenden Reisenden.
„Ich glaube, ich habe geschlafen — aber, zum Kuckuck, ich bin doch aufgestanden, um nach der Dame zu sehen!“
„Sie sind gleich wieder umgekehrt und waren froh, Ihren Platz noch zu erreichen, ehe Sie umfielen!“
„Was soll das heißen?“
„Daß Sie in der Tat geschlafen haben, eine ziemlich lange Zeit, will ich meinen, und mir erging es nicht anders. Und das, obgleich ich munter wie ein Fisch die Fahrt angetreten habe!“
Dr. Berton schiebt die Unterlippe vor.
„Wie erklären Sie sich das?“
„Sehr einfach! Wir sind betäubt worden, mein Herr!“
„Betäubt?“
„Ja. Durch ein Opiat! — Ich habe mich Ihnen übrigens noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Durand — ich bin Beamter der Pariser Sûreté!“
„Sehr erfreut!“ Dr. Berton nennt seinen Namen.
„Man hat uns betäubt, mein Herr!“
„Aber Herr Durand! Sie träumen! Die Dame ist für mich keine Fremde!“
„Sie haben nicht weniger geträumt als ich, und ich wette, wenn ich die Zigaretten, die uns von der inzwischen verschwundenen Dame liebenswürdigerweise angeboten wurden, untersuchen lasse, so wird sich herausstellen, daß sie ein Betäubungsmittel enthalten.“
Unglücklicherweise aber hatten die beiden Herren in dem Augenblick, als sie das Fenster öffneten, um die Ursache der Fahrtunterbrechung festzustellen, die Reste jener Zigaretten ins Freie geworfen.
Dr. Berton versucht, Herrn Durand seinen Verdacht auszureden. Er ereifert sich.
„Sie haben doch unser Gespräch mit angehört, mein Herr! Ich habe Fräulein Roxane Zairis zufällig hier im Zug getroffen. Sie ist eine Freundin meiner Frau. Die beiden Damen wurden in der gleichen Pension am Genfer See erzogen!“
„Wenn sie keine besseren Gegengründe, die meinen Verdacht entkräften sollen, haben, so werden Sie mich nicht überzeugen, Herr Dr. Berton. Ich bin Kriminalist, ich bin meiner Sache ganz sicher!“
„Als ob sich Kriminalisten noch nie getäuscht hätten!“ erwidert Dr. Berton, diesmal fast heftig. „Nein, mein Herr, ich bin verpflichtet, gegen diesen völlig ungerechtfertigten Verdacht, den Sie ausgesprochen haben, im Namen der Dame zu protestieren!“
Durand lehnt sich zurück, betrachtet den Arzt interessiert. Er scheint, trotz des Widerstandes, den er bei Dr. Berton gefunden hat, bereit, sich überzeugen zu lassen — oder seine Miene, frei von jeder verbissenen Voreingenommenheit, ist nur eine Maske. Er lächelt ganz heiter, als messe er dem Zwischenfall gar keine Bedeutung bei und sei eher amüsiert über die Aufregung seines Reisegefährten. „Sehen Sie sich vor“, fährt Dr. Berton fort, „diese Dame, Fräulein Roxane Zairis, würde Ihnen sicherlich beträchtliche Ungelegenheiten bereiten, wenn sie erführe, was Sie eben gesagt haben. Ihre Familie ist sehr angesehen, sie ist sehr reich, unabhängig, eine vollendete Dame — nein, mein Herr, verzeihen Sie mir, aber ich finde Ihre Idee einfach toll!“
Durand zuckt die Achseln und legt die Hände ineinander.
„Ich lasse mich gern überzeugen! Sie kennen demnach die Dame näher?“
„Ich kenne sie beinahe so gut, wie meine Frau sie kennt. Gewiß — meine Frau ist mit ihr befreundet — meine Bekanntschaft mit Fräulein Zairis ist weit jüngeren Datums. Aber wenn Sie mir die Frage, warum die Dame uns betäubt haben sollte, als Preisrätsel aufgeben würden, weiß der Himmel, ich würde es niemals lösen können!“
Durand lacht.
„Solche Preisrätsel lassen sich auch nicht einfach auf dem Papier auflösen, Herr Dr. Berton! Sie haben sicher Ihre Hochzeitsreise nach Griechenland gemacht?“
„Erraten! Woher wissen Sie denn das, Herr Durand?“
„Aus Ihrem Gespräch mit der Dame selbst!“
„Ach so! Natürlich! Ja! Auf Bitten meiner Frau Moina, die für Fräulein Zairis eine tiefe Zuneigung empfindet — es ist eine wahre Pensionsfreundschaft, eine Mädchentreue, wie man sie selten findet — also auf Bitten meiner Gattin bereisten wir als junges Ehepaar Griechenland. Dort, in Athen haben wir natürlich Fräulein Zairis aufgesucht, oder besser, wir wurden von ihr erwartet! Eine sehr vornehme Familie! Der Vater lebte damals noch, ein angesehener Großkaufmann! Nein, Herr Durand, diese Dame hat uns kein Opiat verabreicht, eher bin ich es selbst gewesen!“
„Sie überzeugen mich. Wird Fräulein Zairis Sie besuchen?“
„Ja. Sie hat in Lyon zu tun, später wird sie nach Marseille kommen und meine Frau besuchen! Haben Sie nicht zugehört, als sie davon sprach? Sie will dann nach Algier, wie Sie vernommen haben dürften. Ich bitte Sie, mir zu sagen, welchen Grund diese so reiche und in Athen so angesehene Dame haben sollte, uns in eine sichtlich vorübergehende Betäubung zu versetzen!“
Durand zuckt die Achseln. „Weiß ich es? Aber ich sagte Ihnen schon: Sie haben mich überzeugt! Wir Beamten sind immer im Beruf, wir werden natürlich einseitig! Ich habe geträumt und bilde mir ein, ich sei betäubt worden! Ha! Ha! Da können Sie wieder einmal sehen, Herr Dr. Berton, was der Beruf aus einem Menschen macht. Sind Sie Psychiater?“
„Nein. Ich stehe der Psychiatrie ziemlich fern. Ich bin Chirurg!“
„Ah! Ich hätte gewettet, Ihren Augen nach, Sie wären Psychiater! Aber warten Sie — warten Sie — ich habe ein Gedächtnis, das arbeitet wie eine Maschine — sind Sie nicht schon als gerichtlicher Sachverständiger aufgetreten?“
„Ja. In zwei Prozessen.“
Durand hört schon nicht mehr hin, was Dr. Berton sagt. Er ist ganz mit seinen Gedanken beschäftigt. Ist es der rätselhaften Reisebekanntschaft vielleicht darauf angekommen, zu verhindern, daß einer der Herren ihr folgte? Aber dann — was bezweckte sie? Ganz unwahrscheinlich, daß er oder Dr. Berton hinter ihr herlaufen würden! — Aber warum kommt sie immer noch nicht? Hat sie das plötzliche Anhalten des Zuges auf freier Strecke vorausgeahnt? Warum diese Eile, aus dem Abteil zu kommen? Ohne jede Frage? Wo steckt sie jetzt?
Durand erinnert sich, daß sie im Moment, als der Zug zu schleifen begann und er selbst ein Unglück befürchtete, ganz ruhig geblieben war. Sie hatte nur nach der Tür gesehen und sichtlich überlegt, wie sie schnell hinauskommen konnte.
Unsinn! sagt sich dann wieder Durand. Das rede ich mir jetzt vor — natürlich! Ich kann die Fachsimpelei nicht lassen, und meine Kombinationen sind ganz unklar. Da überfliegt ihn eine Wolke von Duft. Eben kommt die Dame zurück. Sie ist scheinbar ganz gleichmütig.
„Ich habe mich erkundigt“, sagt sie mit einem liebenswürdigen Lächeln zu Berton. „Irgend jemand hat ein Signal gegeben —“
„Wieso?“ erwidert der Arzt, der den Zusammenhang dieser Bemerkung mit dem schon halb vergessenen Zwischenfall nicht recht versteht. „Wieso?“
Sie hat geweint, denkt Durand mit einem schnellen, scharfen Blick.
Eine fremde Stimme sagt: „Woher wissen Sie, daß jemand ein Signal gegeben hat, meine Dame?“
Es ist ein Fremder, der hinter Roxane Zairis in der offenen Tür stehen geblieben ist. Er zieht höflich die Mütze.
Ein Dreißigjähriger, sonnengebräuntes Gesicht, oder Kleidung nach Provinz, vielleicht Offizier, kann auch ein Rentner sein, der viel im Freien lebt, eifriger Jäger, Sportsmann.
„Zwei Reisende haben es sich erzählt“, erwidert die Dame unbefangen, mit einer Haltung, die Distanz zeigt, während ihre Miene deutlich genug ihre Ablehnung gegen den Frager zum Ausdruck bringt.
„Sehr interessant!“ Der Herr wechselt einen erstaunten Blick mit dem einen Reisenden.
„Herr Durand, wenn ich nicht irre?“ Ein sonderbares Augenzwinkern des Unbekannten.
Der Angeredete erhebt sich sofort und tritt mit dem Fremden auf den Korridor. Sie schließen die Tür.
„Kommissar Marchand“, stellt sich der andere vor.
„Ich verfolge einen Mann, der in St. Etienne aufgetaucht ist. Vor acht Jahren wegen eines Raubmords in Paris verurteilt. Charles Moreaux —“
„Ah! Erinnere mich. War eine sensationelle Sache! Ermordung des Diplomaten Fryhan. Spielte nach Tongking hinüber, ja?“
„Richtig!“
„Stimmt! Stimmt! Moreaux wurde zum Tode verurteilt, dann begnadigt und deportiert. Man vermutete politische Motive! Ist nie ganz klar geworden, die Sache!“
„Ja. Dieser Moreaux ist geflüchtet!“
Der Sprecher blickt durch das Fenster auf die Griechin, die sich angeregt mit ihrem Mitreisenden unterhält.
„Kennen Sie die Dame, Herr Durand?“
„Ja und nein! Eine Athenerin, mit dem Herrn befreundet, dem sie gegenübersitzt. Dieser Herr ist Arzt in Marseille!“
Durand verschweigt seinen seltsamen Verdacht. Es gehört zu seiner Methode. Wenn ihn ein Fall interessiert und er die Absicht hat, ihn aufzugreifen, pflegt er vollkommen selbständig zu handeln.
„Haben Sie einen Verdacht gegen die Dame, Herr Kommissar?“
„Verdacht? Das wäre zu viel gesagt! Mir fiel lediglich auf — nur dem Lokomotivpersonal, dem Zugführer und mir ist bekannt, daß der Zug durch ein Signal angehalten wurde. Irgend jemand hatte eine weithin sichtbare improvisierte Fahne mitten zwischen die Gleise gepflanzt.“
„Ein Bubenstück?“
„Wer weiß? Das wird die Untersuchung ergeben!“
„Und Sie fahren nach Lyon, Herr Kommissar?“
„Ja. Lyon — Saint Etienne! Zur Unterstützung der dortigen Fahndungsbehörde. Wir haben zuverlässige Nachricht, daß der Sträfling gesehen wurde.“
„Kommen Sie, Herr Kommissar, ich stelle Sie der Dame, die Ihr Interesse erregt hat, als Offizier der Kolonialarmee vor. Wer weiß? Mindestens verplaudern wir angenehm ein Stündchen. Sie ist der Typ der Rajane. Haben Sie die berühmte Rajane noch gekannt?“
Marchand nimmt in dem Abteil Platz. Aber die verschiedenen Versuche, die Griechin in ein Gespräch zu verwickeln, schlagen fehl. Sie ist gegen den angeblichen Hauptmann aus Marokko ebenso zurückhaltend wie gegen Durand, und so bleibt den Beamten schließlich nichts übrig, als auf das Gespräch der Dame mit dem Arzt aus Marseille zu lauschen.
Roxane Zairis erzählt, sie wolle in Algier kurzen Aufenthalt nehmen und dann weiterreisen. Ihre Gesundheit sei angegriffen, der Arzt habe ihr geraten, den Winter in Ägypten zu verbringen. Sie erkundigt sich nach hundert Einzelheiten aus Dr. Bertons Familienleben, er seinerseits spricht in überschwenglicher Weise von seiner Gattin. Er ist verliebt, wie es scheint, und die Griechin hört ihm mit einem Lächeln zu, das auch Durand bezaubert. Denn Roxane Zairis ist schön und rätselhaft, aber trotz ihrer mädchenhaften Erscheinung ist ein Strahl mütterlicher Güte in jedem ihrer Blicke. Selbst ihr Mund scheint geschaffen, nur Worte der Zärtlichkeit und der Liebe zu sprechen.
„Sie rauchen nur Zigarren?“ fragt Durand den Kommissar, während das Gespräch der beiden Mitreisenden stockt. Dieser fühlt den leisen Druck des Fußes gegen den seinen, sieht das kaum merkliche aufmunternde Kopfnicken Durands.“
„Ja! Leider!“
„Wie schade! Ich habe Hunger nach einer Zigarette!“
Mit einer liebenswürdigen Geste greift die Griechin nach dem goldenen Etui in ihrer Handtasche.
„Bitte, mein Herr, bedienen Sie sich!“
Durand nimmt dankend eine Zigarette und beginnt zu rauchen. Die Griechin folgt seinem Beispiel.
Der Zug rattert und dröhnt, die Dame ist wieder in ihre Unterhaltung mit Dr. Berton vertieft, Durand kann also halblaut zu Marchand sagen: „Wenn ich in einigen Minuten deliriere, dann öffnen Sie bitte sofort das Fenster!“
Der Kommissar reißt groß die Augen auf, er weiß nicht, wie er diese sonderbare Bemerkung aufnehmen soll. Durand in fröhlicher Selbstvergessenheit, ein Zustand, der am besten zu seinem friedfertigen und heiteren Äußeren paßt, fährt fort:
„Haben Sie eine Ahnung, wohin ich fahre?“
„Wie sollte ich, Herr Durand?“
„Zu meiner persönlichen Hinrichtung!“
„Na, na! Da würde die Pariser Polizei einen ihrer allerbesten Beamten auf tragische Weise verlieren! Das wäre der schlimmste Justizmord seit hundert Jahren!“
„Ausnahmsweise ist die Polizei daran nicht schuld, Herr Kommissar! Reine Zufallssache! Ich heirate!“
„Wirklich? Das hätte ich nicht von Ihnen erwartet!“
„Ich — früher — auch nicht! Solche Dinge kommen plötzlich. Aber ich bin zufrieden, mehr noch, ich bin glücklich! Meine Braut ist eine reizende Pariserin, die jetzt in Marseille ein kleines Geschäft hat. Rue de Rome, dicht beim Prado. Kennen Sie die Rue de Rome? Nein? Ich sage Ihnen: dunkle, große Augen —“
„Pardon! Die Rue de Rome?“
„Aber nein! Meine Braut! Mittelgroß, zu mir passend, behende, lebhaft, gebildet — was wollen Sie mehr? Sie ist fast zu schön für mich, dafür ist sie tugendhaft, sparsam, mit einem leichten Zusatz von Energie, mit dem ich mich schon abfinden muß. — Übrigens: Was ich da sage, ist doch noch normal?“
„Ich denke doch, wenngleich — aber ich bin, wie Sie wissen, Junggeselle!“
Durand hat die Zigarette fast zu Ende geraucht. Er weiß nun nicht, woran er ist. Sollte er sich doch getäuscht haben? Diese Zigarette enthielt jedenfalls kein Opiat! Inzwischen jagt der Zug mit erhöhter Schnelligkeit durch den Abend. Das Abteil ist hell erleuchtet, vor den Fenstern liegt die Finsternis einer unbekannten, nächtlichen Gegend. Der Lokomotivführer will die erlittene Verspätung wieder einholen.
Dr. Berton studiert den Fahrplan.
In der Ferne, eingehüllt in einen blassen Nebelkranz von Lichtern tauchen Häuser-Silhouetten auf.
„Wir nähern uns einer Stadt“, sagt der Arzt. „Wissen Sie, meine Herren, welche es ist?“ Er sieht Durand fragend an. Aber sowohl der Detektiv wie der Kommissar fahren zum erstenmal diese Strecke. Sie wissen es nicht, und niemand ahnt, welch entsetzliches Ereignis in den nächsten zehn Minuten eintreten wird.
2.
Den zwei jungen Männern, die auf der Erde liegend an der Eisenbahnweiche arbeiten, rinnt trotz der Kälte der Schweiß in kleinen Bächen über das Gesicht.
„Fertig“, sagt der eine keuchend.
Der andere springt auf. In seinem blassen, schmalen Gesicht stehen unruhige und lasterhafte Augen.
Stirn und Nacken sind fahl, die Hände schmal trotz des gedrungenen Körpers. „Alles Weitere ist Sache von Marius“, sagt er träge. Er lacht — sein Blick sucht das Bahnwärterhäuschen. Weit draußen vor der kleinen Stadt liegt es. Von dem Häuschen aus erblickt man in weiter Ferne den Bahnhof wie ein Kinderspielzeug. Und doch ist er ein Riese aus Eisen und Beton, der unausgesetzt Rußwellen von sich stößt und mit roten und grünen Augen in die Dunkelheit starrt.
Schnaubend rasen die Expreßzüge vorüber. Donnernd fegen die schweren Lokomotiven über die glänzenden Stahlschienen. Der Weichenwärter tritt langsam aus der Tür des schmucken Häuschens. Der Expreß ist bald fällig.
Da kommt ein Arbeiter vorbei, bittet François Lorient um ein Glas Wasser.
Der nächtliche Himmel ist durchwebt mit grauen Dunstschleiern, die die Sterne verhüllen. Opalfarben liegen irisierende Lichter über dem stählernen Netz der Schienen. Der Weichensteller geht zurück in die kleine Küche. Strohblumen stehen auf dem Tisch. Es ist warm, der Ofen geheizt. Vor einem halben Jahr hat François seine junge Frau aus dem Fischerdörfchen in der Bretagne, aus dem er stammt, hierhergebracht. Sie selbst ist Irländerin. Ihr Vater ist vor vielen Jahren mit seinem Kutter gestrandet und ertrunken, das Kind blieb bei den Bretagne-Fischern.
François Lorient ist aber seit seiner Verheiratung des Lebens nicht mehr recht froh geworden. Das Glück war nur von kurzer Dauer. Bald genug fing Betsey an zu klagen. Sie könne das Dasein nicht länger hier ertragen. Täglich das gleiche Einerlei der grauen Pflicht! Keine Wiesen, keine Kühe, kein Meer — nur Schienen, Schienen, Züge, Weichen! Sie sehnte sich fort. Sie sehnte sich nach dem Bretagne-Dörfchen, wo sie die Schönste war, freilich auch die Koketteste. Die Burschen waren hinter ihr her — diable! Und doch hat sie ihn erwählt: François! — Immerhin: er war Beamter. Sie hat sich das wohl ganz anders vorgestellt: das Wunder der Stadt! Sie hat von schönen Menschen geträumt, von stetem Jubel und dem Glanz des Reichtums, der wie ein Stern über allen Häusern stehen würde. Aber sie fand nur das Bahnwärterhäuschen und dieses phantastische Eisengebilde: den Bahnhof, die Schienen, die donnernden Züge. Ein paar Blumen stehen im Sommer wohl dazwischen, aber Betsey kann sich nicht über Ausnahmen freuen. Und oft ist das ganze Land rauch- und nebelverhangen, dann — erklärt Betsey — ist es eine Totenlandschaft mit zischenden, sich jagenden Gespenstern.
„Mensch, dauert das lange!“ sagt der Mann draußen. Er ist vor ein paar Tagen in der nahen Eisenbahnwerkstatt eingestellt worden. François läßt das Glas mit Wasser volllaufen und geht hinaus. Der Bursche trinkt in langen Zügen. Vielleicht bin ich nicht mehr jung genug für Betsey, denkt François. Man müßte so ein junger Kerl sein wie dieser da. Ohne Sorgen, so in den Tag hinein! Ich habe sie doch noch auf den Knien gewiegt, als sie ein kleines, artiges Mädelchen war.
„Merci“, sagt der Arbeiter, wischt sich mit der Hand den Mund. Kratzt sich hinter dem Ohr.
„Sage mal: Duldest du das — mit deiner Frau?“
François schaut ihn verständnislos an.
„Wieso? Was meinst du?“
„Weißt du nicht, daß sie den ganzen Nachmittag schon in der ‚Arche‘ tanzt?“
François wird rot, als schlügen Flammen über sein Gesicht. „Tanzt? Betsey? In der ‚Arche‘?“
Der Arbeiter zündet sich umständlich eine Zigarette an. „Na also! Das ist doch nicht das erstemal! Überhaupt! — deine Betsey —“ Er schnippt mit Daumen und Mittelfinger.
„Nicht das erstemal?“ stößt François hervor.
Die Geste des Arbeiters macht ihn rasen. „Du Schuft!“ schreit er ihn an. „Das lügst du! Das ist nicht wahr! Betsey ist bei ihrer Freundin in der Stadt!“
„So? In der Stadt! Bon! Wir wollen nicht streiten! Schau nach!“
Der Bursche schlendert fort. François steht eine Weile wie erstarrt. Ein Blick auf die Uhr — er hat noch zehn Minuten Zeit. Bis zur „Arche“ sind es, wenn man’s eilig hat, nicht mehr als drei.
Aber das Telefon? Nun hat er den Hilfsarbeiter, der sich die Hand verletzt hat, weggeschickt. Muß der Ersatzmann aber nicht jede Minute eintreffen?
Betsey tanzt in der „Arche“!
Das brennt im Hirn. Das zuckt im Herzen. Wischt alle anderen Gedanken aus. Packt ihn, dreht ihn wie einen Wirbelsturm. Er rennt, was er rennen kann. Braucht nicht einmal drei Minuten. Die Wut trägt ihn.
Betsey!
Und die Leute! Was werden die Leute sagen?
Musik schlägt ihm aus dem Wirtshaus entgegen. Licht strömt aus den Fenstern. Er reißt die Türe auf. Es geht hoch her. Wie die Wellen der See wogen die Paare durcheinander. Die hellen Kleider der Mädchen schimmern wie gleitende Segel. Rauch und Dampf hängt in Wolken an der Decke.
Der Blick des Weichenstellers gleitet zu den Musikanten auf dem Podium. Lachen sie über ihn? Er ist nie mit Betsey zum Tanz gegangen. Jetzt fällt es ihm ein. Sein Beruf hat ihn zu ernst gemacht. Wie sie sich da wiegen, die Mädchen! Mit glühenden Gesichtern! Mit den drallen Hüften, den glänzenden Augen! Sind wie im Rausch!
Die Augen des Beamten weiten sich. Der Atem stockt. Eine heiße Hand preßt ihm die Kehle zu. Vor ihm tanzt Betsey im Arm eines andern. Der Rock fliegt, rosig schimmert das Fleisch durch die Strümpfe. Was? Schmiegt sich ihr Körper nicht wie in Hingabe in die Arme des Fremden? Ihre Brust liegt an seiner Brust. Sie wirft den Kopf zurück. Das kupferrote Haar brennt wie ein Feuerbündel um ihr erhitztes Gesicht. Aschgrau ist François geworden. Wie ein Raubvogel stößt er unter die Paare.
„Genug! Schluß!“ brüllt er den Musikanten zu.
Reißt Betsey aus den Armen ihres Tänzers. Still wird’s. Mit ihren meerblauen Augen schaut Betsey den Mann unsicher an. Da aber bricht Tumult los. Der Fremde lacht und will die Frau nicht von sich lassen. François schlägt mit der Faust nach ihm, zerrt die junge Frau zu sich. Betsey flammt ihn an, zornbebend:
„Hier vor allen Leuten! Führst dich auf wie ein Narr!“
François sieht rote Funken vor den Augen. Er hebt die Hand zum Schlag, aber die Umstehenden fallen ihm in den Arm. Betsey wünscht sich in den Erdboden. Aber muß sie sich nicht jetzt auf die Seite ihres Mannes stellen? Sie kann seinen Blick nicht ertragen, wischt die Hand ihres Tänzers mit einer Gebärde des Unwillens von der Hüfte.
„Schämst du dich nicht?“ fragt François heiser in seiner Hilflosigkeit. „Ich schäme mich! Ja —“ schreit er in den Saal: „Ich schäme mich, daß meine Frau —“
Jäh bricht er ab. Wie eine weiße Maske hängt sein Gesicht über der Masse. Die Augen starren auf die Uhr. Sein Mund steht weit offen. Er reißt sich herum, rast hinaus.
Hinter ihm her wirbelt Gelächter. Bricht wie durchgeschnitten ab. Betsey hat laut und gellend aufgeschrien. Was hat sie sich denn so? Soll sie doch zu Hause bleiben!
Wie eine Irre steht sie da, stößt sich die geballte Faust zwischen die Zähne. Eisiger Schreck jagt ihr den Atem in die Brust zurück.
Die Kreuzungsweiche!
Sie kennt den Dienst ihres Mannes auf die Minute! Mit den Händen verzweifelt um sich stoßend, drängt sie alle zurück und stürzt François nach in das Dunkel der Nacht.
Der rennt! Pfeilschnell fliegt er dahin, daß das Hämmern der Pulse in seinen Ohren wie Kanonendonner rollt.
Schon bebt die Erde.
Der Expreß!
Mit ratternder, brüllender Geschwindigkeit rast er heran. Aber François hat das Stellwerk erreicht. Mit einem tiefen Aufatmen hat er den Hebel der Weiche schon in der Hand — ein Ruck — ihr Heiligen! Was ist das? Die Weiche funktioniert nicht! Ein Ruck — Himmel hilf! Die Weiche! Ein Verbrechen! Sekunden noch — Sekunden — François rennt weg — dem Zug entgegen —! Da braust er schon heran mit funkelnden Augen —! Mit einem unartikulierten Schrei, der in dem Rattern des Zuges untergeht, schleudert der Weichensteller die Arme herum wie Mühlenflügel — signalisiert — — „Halt! Halt! Halt!“
Der Lokomotivführer starrt auf den Mann. Schon vorbei! Was war das? Da stimmt etwas nicht! Er ist noch verwirrt von dem Zwischenfall, der kaum eine halbe Stunde zurückliegt. Angst steigt auf, Angst läßt den Heizer schlottern. Ruhe jetzt! Blitzschnell den Dampfregulator schließen, den Hebel der Schnellbremse herumwerfen! Schweiß brennt in den Augen. Die Vakuumbremse knirscht. — Die Passagiere werden wie Gepäckstücke durcheinandergeworfen. Dann Stille — unheimliche, totenhafte Stille — wie lange? Niemand weiß — dann ein Pfeifen, Sausen, Heulen, als seien alle Dämonen der Hölle entwichen. Schlag, Krach und Prasseln! Dampf strömt zischend aus brechenden Stahlhälsen, die ihre Öffnungen steil gegen den sternbesäten Himmel stellen. Mammute scheinen in der Nacht aus der Erde zu stampfen, sich übereinander zu werfen in wildem Verwüstungskampf. — Und dann Schreie — Schreie — Menschen stürmen herbei, aus dem Schoß der Nacht gelockt durch die Explosion, den Dampf, das Beben der Erde.
Die Tanzenden stürzen aus der Höhle der „Arche“ mit schreckverzerrten Gesichtern. Eine lautlose schwarze Menschenwoge spült das Entsetzen heran. Sie schlägt zurück, diese lebendige Woge. Augen, erstarrt im Anblick des Grauenvollen, verschleiern sich hinter Tränen. Da stehen einige Wagen frei auf der Strecke. Die Maschine ist über die Böschung gestürzt, mit ihr der Postwagen und ein Wagen Erster Klasse. Der vordere der noch stehenden Wagen ist zusammengeklappt wie ein Pappkarton. Die Fetzen stehen unwirklich und eckig wie Soffitten auf einer Gespensterbühne.
Ein Mann von dreißig Jahren, halbnackt, kriecht aus dem Trümmerhaufen.
Eine Dame mit verstörten, fremden Augen, wachsbleich, reißt den schmalen Körper durch ein zersplittertes Fenster. Silhouetten huschen an den zertrümmerten Ungetümen entlang. Laternen irrlichtern durch die Dunkelheit. Scharfe Rufe brechen durch das Chaos des Jammers und der Vernichtung. Langsam ist das Unglück zu übersehen. Im Innern des Bahnhofs, der zwei, drei Kilometer entfernt liegt und in der Dunkelheit unwirklich weit gerückt erscheint, wird in fiebernder Hast der Hilfszug unter Dampf gebracht. Lokomotiven mit Verbandszeug und Sanitätspersonal rollen heraus. Das Netz der Telegrafendrähte schwingt. Aber noch immer läuft der Film des Grauens.
Menschen stürzen durcheinander, halb wahnsinnig die einen, zu retten die anderen. Beile krachen, Sägen ächzen.
„Liebster! Liebster!“ schreit die Dame aus dem ersten Wagen und ringt verzweifelt die Hände. Sie breitet die Arme nach allen Windrichtungen aus, als suche sie einen Unsichtbaren, hilflos sinken ihre Arme schließlich herab. Man sucht sie von allen Seiten zu beruhigen. Der Pelz, den sie trug, das Kleid, — Fetzen! Irgend jemand hüllt sie in einen Mantel. Ihr Gesicht ist wie eine von Naturgewalt zerrissene Landschaft. Die Augen wie hohlgebrannt, die Stirn wie ein Leichenfeld. Der Mund, grau, stößt unartikulierte Schreie hinaus. Endlich hat man sie in einer Ackerfurche geborgen. Hier wird sie still, die Augen sind nach innen gerichtet, der Mund rötet sich langsam. Ihre zitternden Hände gleiten wie suchend durch den matten Lichtschacht einer elektrischen Lampe. Die ersten Samariter sind da. Einer beschäftigt sich mit der Geretteten. Sie schaut ihn mit fernen, fremden Augen an.
Andere Gerettete scharen sich um sie. Der Mann, der noch vor der jungen Dame unter den Trümmern des Wagens hervorgekrochen war — man hat ihm eine Plandecke umgehängt —, bahnt sich einen Weg. Sein Gesicht ist von Blut entstellt. „Lassen Sie mich die Gerettete des Wagens Erster Klasse sehen!“
Ein Passagier flüstert: „Die beiden sind die einzigen Überlebenden aus dem vordersten Wagen.“
„Wer sind sie?“
Achselzucken.
Der Mann beugt sich über die junge Dame. Er hebt ihr Kinn und schaut ihr in die Augen. Ebenso maskenhaft ist sein Gesicht wie das ihre.
„Fräulein Zairis“, sagt er leise. Und lauter, als ermuntere er sich selbst zum Sprechen: „Roxane! Roxane Zairis!“ Sie hebt mühevoll den Arm, als hebe sie ein unendlich schweres Gewicht, und streift des Mannes Hand von sich. „Die Dame ist Griechin“, sagt der Mann in der Plandecke. „Ich bin Arzt. Mein Name ist — mein Name ist — Dr. Berton.“ Ein zweiter Arzt kommt hinzu. Blendend fließt das Licht seiner Laterne in die Pupillen der Frau.
„Nervenschock“, sagt der Bahnarzt. Er legt die Hände um den Kopf der Geretteten:
„Wie heißen Sie?“
Sie schaut ohne ein Zeichen von Anteilnahme in sein Gesicht.
„Wie Sie heißen, junge Dame? Ihr Name?“
Ihre Brauen fliegen hoch wie flüchtende Schatten. Ihr Mund zieht sich mühevoll suchend zusammen, wie bei Kindern, die ein Wort sprechen wollen und es noch nicht formen können. Mehrmals setzt sie an. Die Augen schauen schmerzhaft. Sie holt stoßweise Atem wie eine Ertrinkende. Ihre Hand geht langsam weit hinaus in die Nacht, bis der Arm wagerecht in der Luft steht. Die andere Hand gleitet schemenhaft über die Stirne.
„Roxane Zairis“, sagt sie endlich.
Der Arzt tastet ihren Kopf ab.
„Keine Verletzung, scheint es. Die Dame wird bald hergestellt sein — und Sie —?“
Er wendet sich an den Mann.
„Dr. Berton, Herr Kollege!“
„Ach! Arzt? Sehr erfreut! Sie gestatten?“
Er hebt Bertons Augenlider. „Ihr Vorname, Herr Kollege?“
„Mein Vorname? — Mein Vorname?“ Berton denkt nach. Dann lacht er gezwungen auf. „Was sagen Sie, Kollege? Fällt mir nicht ein!“
„Guy“, sagt die Griechin.
Berton lacht noch lauter. „Natürlich, Guy! Ich habe wohl ’ne leichte Gehirnerschütterung, Herr Kollege?“
„Momentan nicht feststellbar! Ich hoffe aber, Sie sind nicht gefährlich verletzt!“
Händeschütteln. Keine Zeit! Rufe, Schreie von überall her! Der Arzt eilt weiter, Berton schließt sich ihm an, Hilfe zu leisten. Aber er ist noch benommen, der leitende Arzt übergibt ihn dem Sanitätskommando.
Beamte versuchen inzwischen, während die Rettungsarbeiten fortgesetzt werden, einen Überblick über die Zahl der Geretteten und über die Verluste zu erhalten. Der Hilfszug ist herangekommen, von allen Seiten greifen hilfreiche Hände zu. Neue Ärzte, Sanitätskolonnen mit Tragbahren arbeiten fieberhaft. Züge rasen vorüber, das Leben der nahen Stadt pulst weiter, das Leben des ganzen Landes geht unbeirrt seinen Gang.
*
„Herr Dr. Berton?“ fragt der Polizeibeamte, der vom Hauptbahnhof entsandt wurde, das Notizbuch in der Hand.
„Ja. Aus Marseille.“
„Die Dame?“ Der Beamte weist auf die vollkommen apathisch Dastehende. Sie erinnert an eine Wachsfigur.
„Eine mir bekannte Dame, Fräulein Roxane Zairis aus Athen!“
„Fräulein Zairis. — Danke!“
Die Geretteten werden zu dem Zug geleitet, der sie in den Bahnhof bringt. Ein Teil legt unter Führung eines Beamten den Weg zu Fuß zurück, über Schienenstränge, an blinzelnden Lampen vorüber, aufgeregt, froh, denn der Tod ging an ihnen vorüber. Sie leben.
Dr. Berton hält sich nur kurze Zeit in dem Empfangszimmer des Bahnhofs auf, wo man in der Eile die Geretteten zu stärken sucht. Er redet vergeblich auf Roxane Zairis ein, mit ihm die Fahrt fortzusetzen, nach Marseille zu kommen, sich dort von dem furchtbaren Schrecken zu erholen. Sie schüttelt stumm und eigenwillig den Kopf.
„Ich warte hier!“ sagt sie endlich.
„Aber auf wen denn? Sie haben hier doch niemand, der sich um Sie bekümmert!“
„Ich warte hier!“ beharrt sie.
Schließlich überläßt er sie ihrem Schicksal. Er will mit dem nächsten fälligen Zug nach Marseille weiterreisen. Der kleine Schock ist überwunden. Er hat sein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden. Die Frage nach seinen beiden Reisegefährten wird mit Schweigen beantwortet. Sie gelten als verunglückt.
In der Tat: Der Kommissar ist ein Opfer der Katastrophe geworden. Nicht aber Durand. Er war nur besinnungslos. Die Rettungskolonne hat ihn aus den Trümmern des Wagens gehoben. Seine Verletzungen sind aber bedeutend. Man überführt ihn ins Krankenhaus. Hier muß er längere Zeit bleiben. Er läßt ein beruhigendes Telegramm an seine Braut in Marseille absenden.
*
Inzwischen ist eine Fahndungsabteilung unterwegs, die den Weichenwärter zur Stelle bringen soll. Sie findet das Häuschen leer.
Als das Unglück geschehen war, als es Betsey ganz klar wurde, daß das kein böser Traum war, daß auf diese entsetzliche dumpfe Finsternis niemals mehr ein helles Erwachen folgen würde, da war sie zurückgerannt.
Der Tanzsaal war leer. Die Guirlanden schwankten farblos im Zugwind. Niemand war mehr da — Doch da steht plötzlich der Fremde vor ihr, nimmt sie bei den Armen und sagt: „Nun ist es geschehen! Wo willst du jetzt hin?“
Sie antwortet mit einem unartikulierten Schrei. Die Züge ihres fahlen Gesichtes sind völlig haltlos und fallen nach unten. Sie schreit und schreit, als halle der Jammer einer Welt durch ihre Kehle. Der Mann hält ihr den Mund zu.
„Das hat doch nun gar keinen Zweck mehr. Was soll werden?“ Sie gleitet zu Boden, windet sich auf den blanken Bohlen. „Zurück kannst du nicht, oder —?“
Wimmernd schüttelt sie den Kopf.
„Dann komm mit mir!“
Sie fragt nicht wohin, sie folgt ihm wie ein müdes Tier. Sie fragt auch nicht, als sie in einem schmutzigen Zimmer der Vorstadt landen. Sie liegt apathisch auf dem schmutzigen Bett, in einen Abgrund versunken. Sie liegt in einem Grab, aus dem es keine Auferstehung mehr gibt.
Der Mann wartet am Fenster.
Von unten herauf gellt ein Pfiff. Er geht hinab. In der dunklen Straße wartet ein Komplice. Das Hemd offen über der behaarten Brust. Das Licht der Laterne fällt auf blaue Tätowierungen. Er atmet erregt und keuchend.
„Wir haben große Beute gemacht. Viele Opfer, Mensch! Das ist eine böse Sache! Hoffentlich finden sie nicht unsere Spur!“
Der andere verzieht den Mund. „Wann bekomme ich meinen Teil?“
„Ich bringe ihn dir nach Paris!“
„Bon!“
*
Die Fahndungsabteilung hat inzwischen François Lorient gefunden. Unweit des Stellwerks hing er steif und leblos an einem Mauerhaken. — —
*
In dem Empfangszimmer des Bahnhofs sitzen nur noch einige müde Leute und eine elegante Dame. Sie hat alle Hilfeleistungen dankend angenommen. Sie hat scheinbar verständnisvoll alles um sich her beobachtet, aber sie hat in Wirklichkeit nichts begriffen, sie war weltentrückt. Die Schwestern, die unter Anleitung eines Arztes sich immer wieder um die Hilfsbedürftigen bemühen, fragen, ob sie nicht Wünsche hätte wegen ihrer Weiterreise. Sie will unbedingt die Namen der Opfer wissen. Man kennt sie noch nicht alle.
Sie will zu dem verunglückten Zug. Man verweigert ihr die Erlaubnis.
„Hat man nicht einen Unbekannten gefunden? Einen Mann, der keine Papiere hatte? Einen Mann ohne Namen?“
Die Schwester ruft den Arzt. Aber er hat kaum Zeit. Die Fremde ist nicht die einzige, die irre spricht — —
„Ich will also doch nach Marseille“, sagt die junge Dame schließlich und heftet die mandelförmig geschnittenen Augen auf die Schwester.
„Vielleicht können wir depeschieren, Ihre Angehörigen beruhigen?“ erkundigt sich die Schwester.
Die Dame schüttelt den Kopf. Ein Schatten fliegt über ihr Gesicht. Ein matter Goldton liegt darüber.
„Ich habe keine Angehörigen. Ich suche in Marseille einen Bekannten.“
„Sagen Sie uns seinen Namen, die Adresse! Wir müssen ihn doch benachrichtigen!“
Die Dame schüttelt schweigend den Kopf.
„Aber man wird sich sehr ängstigen um Sie!“ beharrt die Schwester.
Ein müdes Lächeln. Die Dame schaut auf, legt die Hand auf den Arm der Samariterin.
„Danke, Schwester!“
„Haben Sie Angehörige verloren — heute?“
„Heute? Nein. Vielleicht. Ja, es ist wohl sicher. Ich bin allein auf dieser Welt. Ganz allein!“
Schließlich fährt sie mit dem nächsten Zug nach Marseille. Dr. Berton hat bereits einen früheren benutzt. —
Es ist Tag geworden, ein strahlender Wintertag. Das Zimmer im Bahnhof, das soviel Kummer, Schmerz und Jammer gesehen hat, ist leer. Züge rasen durch das Land, die Zeitungen bringen bereits in großen Überschriften Einzelheiten der Katastrophe. Die kleinen Tragödien, die sich zwischen den Etappen des schrecklichen Ereignisses abgespielt haben, sind wie Blätter, die der Wind verweht hat. Bald weiß niemand mehr von ihnen. —
3.
Tage gingen um. Aus Tagen wurden Wochen, Monate. Das Leben ging seinen Gang wie früher.
Dr. Berton übte wieder seine Praxis aus. Durands Verletzungen hatten sich schwerer erwiesen, als die Ärzte erst angenommen hatten. Seine Braut hatte ihn in dem Krankenhaus besucht, dann war sie nach Marseille zurückgefahren, um einen neuen Termin für die Hochzeit festzusetzen. Die Pariser Sûreté hatte den Urlaub des verdienstvollen Detektivs verlängert. Durand dachte jetzt nur noch an seine Julia, an die Hochzeitsreise, an hundert ergötzliche Dinge, nicht mehr an Roxane Zairis, nicht mehr an seinen Reisegenossen Dr. Berton. Und doch hatte ihn ein seltsames Geschick mit diesen beiden Menschen in abenteuerlicher und tragischer Weise verbunden.
Denn um diese Zeit wurde die Bevölkerung von Marseille durch das geheimnisvolle Verschwinden von zwei Personen in die größte Aufregung versetzt. Zuerst nahm man verschiedene Verbrechen an, die untereinander nicht zusammenhingen. Erst später und im Laufe der polizeilichen Nachforschungen, an denen Durand sich mit zunehmender Hartnäckigkeit beteiligen sollte, stellte sich heraus, daß diese Kriminalfälle eine gemeinsame Quelle hatten. Die erste Bekundung machte die Gattin des Marseiller Arztes Dr. Berton, Moina Berton, am Morgen nach dem geheimnisvollen Verschwinden des Zahlmeisters Cassagnac. Dies ist Frau Dr. Bertons Aussage:
„Herr Cassagnac kam gestern später als gewöhnlich, gegen sieben Uhr abends, in unsere Wohnung und verlangte meinen Gatten zu sprechen. Ich erklärte ihm, Herr Dr. Berton sei von dem Besuch seiner Patienten noch nicht zurückgekehrt. Da ich wußte, daß diese Besuche sich oft bis in die späten Abendstunden ausdehnten, riet ich Herrn Cassagnac, am nächsten Tage wiederzukommen. Er erklärte aber sehr aufgeregt, er habe heftige Schmerzen und wünsche meinen Mann unbedingt noch am gleichen Abend zu konsultieren. Ob ich in der Lage sei, ihm eine Spritze Morphium zu verabreichen. Ich verneinte das.
Als Frau eines vielbeschäftigten Arztes habe ich natürlich öfter meinen Gatten unterstüzt, wenn die Hilfe seiner Assistentin nicht ausreichte und die Zuziehung eines Kollegen unnötig schien. Ich hätte Herrn Cassagnac auch eine Morphiumeinspritzung geben können, aber es war mir bekannt, daß die Vornahme einer subkutanen Injektion einer Frau nicht gestattet ist.
Cassagnac schien das nicht zu verstehen. Er ging, unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd, im Vestibül hin und her. Mir war etwas unheimlich zumute, denn dieser Patient machte den Eindruck eines sehr nervösen Menschen, der seine Gedanken nicht in Ordnung hält. Er blieb plötzlich stehen und sah mich mit einem Blick an, der innere Gereiztheit und eine solche Verwirrung ausdrückte, daß ich beschloß, Babette, unser Mädchen in Rufweite zu halten. Immerhin wußte ich, daß der Zahlmeister ein langjähriger Freund meines Mannes war. Dr. Berton schätzte ihn sehr. Ich führte Herrn Cassagnac deshalb in das Wartezimmer, das zu ebener Erde unseres Hauses neben dem Sprechzimmer meines Mannes liegt. Nachdem ich das Licht angedreht und mich vergewissert hatte, daß im Kamin das Feuer brannte, ging ich auf seine Unterhaltung ein. Er erzählte mir, er habe einen Betrag von 20.000 Francs bei sich, Gelder seines Bataillons, die er eigentlich am selben Abend noch in der Bataillonskasse einschließen sollte.
‚Nun, morgen vormittag in aller Frühe wird das Geld ohnehin benötigt‘, beschwichtigte er sich selbst. ‚Schließlich kann niemand von mir verlangen, daß ich die ganze Nacht hindurch diese Schmerzen ertrage.‘
‚Was fehlt Ihnen eigentlich?‘ fragte ich ihn, um das Gespräch von dem Gelde abzulenken, dessen Besitz ihn sichtlich übernervös machte.
‚Wenn ich das wüßte!‘ antwortete er. ‚Die Doktoren sind sich nicht klar darüber! Überhaupt die Ärzte!‘
Er verbreitete sich des längeren über sein Mißtrauen gegen den ärztlichen Stand, was ich ihm ziemlich streng mit dem Bemerken verwies, daß er doch ein Freund meines Mannes sei.
‚Guys Freund bin ich, das ist wahr! Aber die Kunst des Dr. Berton, — das ist wieder ein anderes Kapitel.‘ Er lachte und schien seine Schmerzen vergessen zu haben. Ganz unvermittelt kam er auf gemeinsame Jugenderinnerungen mit meinem Manne zu sprechen. Er erzählte ein Erlebnis mit einem Mädchen, was mich veranlaßte, mich mit einer Entschuldigung zurückzuziehen. Diese Geschichte war kein Gesprächsstoff zwischen einem Mann und der Gattin seines Freundes, sie entsprach auch nicht der Bildung des Herrn Cassagnac, der doch immerhin Offiziersrang hat. Ich habe Herrn Cassagnac nie näher kennengelernt, aber mein Mann hat sich öfter über ihn geäußert und ihn einen Durchgänger genannt, vor dem eine Frau sich in acht nehmen müsse.
Unser Kleines schlief bereits. Ich setzte mich allein zu Tisch in das Eßzimmer, überzeugt, es werde noch mindestens eine Stunde dauern, ehe mein Gatte zurückkäme. Aber es vergingen zwei Stunden, er war noch immer nicht da. Ich begab mich nun in das Wohnzimmer, das dem Wartezimmer gegenüberliegt, nahm ein Buch vor und las. Plötzlich überfiel mich wieder eine unerklärliche Angst. Ich klingelte, und Babette erschien.
‚Bleiben Sie immer in der Nähe‘, sagte ich zu ihr. ‚Es ist mir unheimlich, zu so später Abendstunde einen Fremden im Hause zu wissen!‘
Babette entgegnete, sie begebe sich nur in das Schlafzimmer meines Mannes im ersten Stock, aber sie würde auf jedes Geräusch achten.
Ich war mit dem Mädchen allein, denn unser Diener Jean weilt bei seiner kranken Mutter in der Heimat. Mein Mann hat ihn für mehrere Tage beurlaubt. — Babette machte sich also im oberen Stockwerk zu schaffen. Ich hörte noch, wie sie die Treppe hinaufstieg und dann über mir hin und herging. Plötzlich ist es mir, als nähere sich jemand unserem Hause. Es war ein leichter, leiser Schritt, er verhallte. Ich glaubte, mich getäuscht zu haben, als ich wieder ein Geräusch hörte, diesmal, als schnappe eine große Schere zu. Unser Haus liegt am äußersten Ende des Boulevard de la Madeleine, der Verlängerung der Rue Canebière, also ziemlich abseits des Verkehrs und überdies von der Straße noch durch einen tiefen Vorgarten getrennt. An diesem Abend war ich vielleicht besonders hellhörig. Oder war ich unnatürlich erregt? Ich hatte eigentlich keinen Grund dazu. Der Gedanke, eine große Schere hätte geklappt, ließ mich über mich selbst lächeln. Alle möglichen Ideen schossen gleich einer Fontäne aus meiner Einbildung hoch. Poes Geschichten kamen mir in den Kopf. Unwillkürlich dachte ich an das Herz, das immer in der Bodenspalte klopfte, in der das Opfer eines Mörders lag, das Herz, das nie zur Ruhe kam und den Mörder schließlich entlarvte — sein eigenes Herz, angetrieben und rasend gemacht von seinen Gewissensqualen.
Plötzlich aber kam mir eine neue Idee: Wie?
Wenn man den Draht der Alarmvorrichtung durchschnitten hätte?
Mein Mann hat, da er mich als Arzt oft allein lassen muß, einen Alarmmelder in der Wohnung anbringen lassen. Er hatte schon damals das Bedenken geäußert, ein Berufseinbrecher könnte die Leitungen durchschneiden. Auf meine erschreckte Frage, wie denn das möglich sei, erklärte er mir, daß sich das mit der entsprechenden Sicherung ohne weiteres durch eine Drahtschere bewerkstelligen ließe. Dieses Gespräch fiel mir sofort ein.
Ich erhob mich.
In der nächsten Sekunde schrillte es durch das ganze Haus:
Alarm!
Ich begriff: Der Eindringling hatte die Selenzelle, die in die zweite elektrische Alarmanlage eingebaut war, mit der Blendlaterne belichtet!
Mein Herz setzte aus!
Es befanden sich also Verbrecher im Hause!“
*
Der Kommissar, dem Frau Dr. Berton diese Schilderung gab, benutzte die Pause, die sie noch zitternd in der Erinnerung des ausgestandenen Schreckens machte, um einzugreifen:
„Ihr Gatte hatte also sein Haus doppelt gesichert!“
„Ja. Er lebte in beständiger Sorge um mich!“
„Wurden Sie denn schon früher einmal von Einbrechern heimgesucht?“
„Nein. Aber seit längerer Zeit trieb sich in unserer Umgebung Gesindel umher, das — immerhin so nahe der Hauptverkehrsstraße — früher niemals hier gesehen worden war. Es schien bestimmte Pläne zu verfolgen. Einmal ging ich spät abends vor das Haus, um nach meinem Gatten Ausschau zu halten, da trat ein grobschlächtiger Kerl auf mich zu und beleidigte mich durch unflätige Redensarten. Als ich flüchten wollte, packte er mich am Arm, aber ich schrie laut auf. Unser Diener Jean kam heraus und vertrieb den Verbrecher. Seitdem lebte mein Mann in ständiger Angst, man könnte seine Abwesenheit benutzen, um einzubrechen.“
Der Kommissar nickt. „Die Benutzung des Selen war ein kluger Gedanke des Herrn Dr. Berton. Es hat die Eigenschaft, sowie es belichtet wird, seinen hohen elektrischen Widerstand zu verringern. Die Empfindlichkeit war gut abgestimmt, das Selen hat vielleicht schon auf ein angezündetes Streichholz hin reagiert. Nun, Sie vernahmen — ich kann mir vorstellen, mit welchem Schrecken — den Alarm! Was nun, gnädige Frau?“
„Nach einem Augenblick der Betäubung, in dem ich regungslos verharrte, unfähig mich zu bewegen, riß ich die Tür auf, um bei Herrn Cassagnac Hilfe zu suchen. Kaum aber blicke ich in den dunklen Gang, da steht vor mir eine Gestalt. Ein Mann, von dem ich nicht mehr gesehen habe, als daß er jung und kräftig war und die Mütze tief in die Stirn gezogen hatte. Schon fiel mein Blick auf den vorgehaltenen Revolver des Eindringlings, er zischte mir zu:
‚Rühren Sie sich nicht! Beim ersten Laut sind Sie verloren!‘
Ich war so überrascht, daß ich nicht hätte schreien können, selbst wenn ich es gewollt hätte. Die Stimme versagte mir. Die Tür in das Wartezimmer stand halb offen. Ich sehe mit Entsetzen in dem Lichtschein der elektrischen Lampen den Schatten eines Menschen auf dem Boden.“
Hier wird Frau Dr. Berton wieder von dem Kommissar unterbrochen: „War auch die Tür in das Ordinationszimmer geöffnet?“
„Das konnte ich nicht sehen, denn dieser Raum befindet sich ja auf der Seite des Wohnzimmers!“
„Darf ich Sie bitten, gnädige Frau, mir die Lage der Räume kurz zu skizzieren?“
„Gern!“
Der Beamte schiebt der eleganten Frau einen Bogen Papier und einen Bleistift zu.
„Alle Räume?“
„Nur die, die im Entresol liegen, gnädige Frau!“
Der Beamte betrachtet sehr aufmerksam die Zeichnung.
„Sie konnten von der Tür des Wohnzimmers aus das Wartezimmer nur angeschnitten sehen, gnädige Frau! Der Mann auf dem Boden muß also ganz nahe der Tür zum Korridor oder zum Eßzimmer gelegen haben!“
„Das mag sein. Ich dachte in jenem Augenblick nur eins: Ein Überfall! — Die Löhnungsgelder! — 20.000 Francs! — Der Zahlmeister Cassagnac! —
Das Bewußtsein, daß sich außer mir ein fremder Mensch in größter Not befand, gab mir die Besinnung und geistige Kraft zurück.
Ich schrie laut und gellend um Hilfe und schlug zu gleicher Zeit instinktiv nach der Waffe des Verbrechers, der den landläufigen Eindruck eines Apachen machte. Er führte seine Drohung, mich niederzuschießen, nicht aus, vielleicht, weil es mir gelungen war, die Waffe beiseite zu stoßen. Aber er versetzte mir einen Schlag ins Gesicht, der mich betäubte. Ich sank in die Knie. Trotzdem glaube ich mit überwachen Sinnen noch beobachtet und gehört zu haben, wie er in das Ordinationszimmer lief und wieder zurückkam. Der wohlbekannte Geruch des Chloroforms umschwebte mich. Ich hörte noch Babette im ersten Stock laut nach der Polizei rufen, dann verlor ich die Besinnung und erwachte erst wieder in den Armen meines Mannes, der alle Mühe hatte, mich ins Leben zurückzurufen. Die Barbaren hatten mich hilflos liegen gelassen, einen Schwamm mit Chloroform auf dem Gesicht. Nur dem glücklichen Zufall, daß der Schwamm durch eine unbewußte Bewegung meines Kopfes bald wieder abgeglitten ist, verdanke ich mein Leben.“ —
Soweit die Bekundung der Frau Moina Berton.
Babette, das Mädchen des Arztes, hatte dieser Schilderung nur einige Worte hinzufügen können, denn sie war nicht vernehmungsfähig. Schon ehe sie ihre Herrin schreien hörte, wollte sie — und dies rein zufällig — die Treppe wieder hinabgehen. Entsetzen faßte sie, als sie unten einen fremden Menschen sieht, der zu ihr emporstarrt. Von Angst geschüttelt stürzt sie in ein Zimmer zurück, unfähig, einen Entschluß zu fassen. Sie ist nicht einmal in der Lage, Frau Dr. Berton zu warnen, die in diesem Augenblick offenbar noch ahnungslos war. Der Verbrecher lauerte aber schon vor ihrer Türe. So vergingen Minuten. Da hörte Babette hinter der Tür des Wohnzimmers im ersten Stock den Hilferuf ihrer Herrin. Sie riß das Fenster auf und schrie nach der Polizei. Als sie den Verbrecher dann nach oben eilen hörte — vielleicht bildete sie sich auch nur ein, den Verfolger auf der Treppe zu hören —, sprang Babette in sinnlosem Entsetzen aus dem Fenster und blieb besinnungslos in der dunklen Seitenstraße liegen.
Ihre Verletzungen sind so schwer, daß man an ihrem Aufkommen zweifeln muß. — —
Die Polizei hat inzwischen ihren ersten flüchtigen Pressebericht herausgegeben. Sie vermutet in den Einbrechern Mitglieder einer Apachenbande, die schon seit Monaten von sich reden macht. Sie waren durch ein Fenster des Ordinationszimmers, dessen Scheiben sie geschickt eingedrückt hatten, in das Haus Dr. Bertons gelangt. Auch dieses Fenster lag nach der stillen Seitenstraße zu. Aber jede Spur von den Banditen fehlte.
Das Seltsamste, Unbegreiflichste aber war:
Von dieser Nacht an war auch der Zahlmeister Henri Cassagnac verschwunden.
4.
Der Journalist Eugen Peytral, Redakteur an einem Boulevardblatt, war der erste, der bis zum Schauplatz des Verbrechens vordrang. Er war der Neffe eines Generals, weshalb man die vielen Rügen, die er der Polizei immer wieder erteilte, stillschweigend hinnahm. Eigensinniger als die Detektive, stellte er sofort persönliche Nachforschungen an, obgleich die Polizei, die im Morgengrauen auf den Telefonruf des Arztes hin in dessen Haus erschienen war, bereits alles Nötige veranlaßt hatte. Peytral sandte seinem Blatt einen leidenschaftlichen Artikel, zwar nicht getragen von krimineller Erfahrung, aber von einer Schärfe der Beobachtung, die das Publikum noch mehr erregte, während der Präfekt den Aufsatz mit einem ärgerlichen Achselzucken zu den Akten legte.
„Der verschwundene Zahlmeister“
überschrieb Peytral sein Feuilleton:
„Ein Mensch verschwindet spurlos — und die Polizei steht machtlos! Hat man dergleichen je gehört? Ein Mensch befindet sich in einem bestimmten Zimmer eines Hauses. Er hat eine große Geldsumme bei sich. Ein Apache, nein, mehrere Apachen erscheinen, verschaffen sich Eingang in dieses Haus, und der besagte Mann verschwindet spurlos, er löst sich sozusagen auf, er wird Rauch, Illusion, ein Name, ein Nichts.
Man könnte annehmen, der Zahlmeister Cassagnac sei von den eingedrungenen Apachen ermordet worden. Das würde natürlich voraussetzen, daß den Mördern die Tatsache bekannt war: Cassagnac trug eine größere Geldsumme bei sich! Woher sollen die Apachen das gewußt haben? Die Polizei hat es ihnen doch nicht vorher gesagt, und das ist bis jetzt das einzige Verdienst, das man ihr in dieser mysteriösen Angelegenheit zubilligen kann.
Der Weg Cassagnacs zu dem Hause des Herrn Dr. Berton läßt sich genau verfolgen: Er hob die Summe von 20.000 Francs bei der Société Méditerranée de Banque in der Rue de la République ab und begab sich von da sofort nach Hause. Die Wohnung Cassagnacs liegt in der Rue Breteuil. Er blieb einige Stunden bei seiner Frau, dann ging er zu Dr. Berton. Auf dem Wege dorthin hielt er sich nirgends auf. Woher also sollen Apachen gewußt haben, daß Herr Cassagnac 20.000 Francs in der Tasche hatte? Die Polizei hat keinen Anhaltspunkt für ein Verbrechen! Parbleu! Hält man das für möglich? Sie findet keinen Blutstropfen. Aber kann man Menschen nicht töten, ohne Blut zu vergießen? Die Polizei sagt: ‚Die Annahme, die Banditen hätten den leblosen oder bewußtlosen Körper des Zahlmeisters mit sich geschleppt, ist kaum haltbar. Die eifrigsten Nachforschungen im Hause, die genauesten Untersuchungen der kleinsten Merkmale, die in dem polizeilichen Laboratorium vorgenommen wurden, konnten keinen Nachweis für einen Gewaltakt gegen den Zahlmeister erbringen. Man hätte doch auf dem Fenstersims, an einem umgeworfenen Sessel oder sonstwo Wollfäden von dem Mantel des Verschleppten finden müssen! Man hätte Haare entdecken können! Aber die sofort vorgenommene mikroskopische Untersuchung des Teppichs ergab weder Schleifspuren noch sonstige Anhaltspunkte. Die Photographien der vorgefundenen Fingerabdrücke brachten nicht mehr Erfolg.‘ Dies ist die Ansicht der Polizei! Ich erlaube mir, zu behaupten, daß Verbrecher, die nach einem so wohlerwogenen Plan arbeiten, durchaus mit den Spuren rechnen, die ein mit Gewalt verschleppter Körper hinterläßt. Der Zahlmeister war schlank, mittelgroß. Es konnte für mehrere Männer nicht schwer gewesen sein, den Toten aus dem Fenster zu heben, ohne daß ‚Wollspuren‘ hinterblieben. Aber warum nimmt die Polizei nicht an, der Zahlmeister sei entführt worden? Warum geht sie über diese Möglichkeit stillschweigend hinweg? Glaubt sie nicht daran? Nein, sie glaubt nicht daran, weil sie keinen Grund für die Entführung eines Marseiller Zahlmeisters entdecken kann. Man höre! Dieser noch junge und erst seit kurzem verheiratete Cassagnac hatte ein ziemlich abwechslungsreiches Leben hinter sich. Wie — wenn nun eine Frau die Hand im Spiele hätte? Viele werden diese Annahme phantastisch finden. Aber es ist gar nicht mehr neu, Menschen zu entführen. Und Frauen haben schon durch ihre Helfershelfer viel schwierigere Dinge fertiggebracht. Damals, als Madame Steinheil in Paris wegen Gattenmordes angeklagt, dann aber freigesprochen wurde, hatte die Justiz dieser Frau ganz andere, viel ungeheuerlichere Pläne zugetraut!
Ich will keine Schlüsse ziehen. Ich bin Journalist. Aber ich stelle an die Polizei und die gesamte Öffentlichkeit folgende Fragen:
Wenn die Apachen wirklich Kenntnis davon hatten, daß Cassagnac eine große Geldsumme bei sich führte — warum überfielen sie ihn nicht in einer der dunklen Seitenstraßen, die das Haus des Dr. Berton flankieren?
Warum ließen sie ihr Opfer erst in dem Hause Sicherheit finden und wählten dann diesen mühevollen und gefährlichen Überfall?
Denn dieser Überfall war riskant! — Konnte nicht Dr. Berton jeden Augenblick zurückkehren?
Wußten das die Apachen nicht?
Oder wußten sie, daß Dr. Berton erst gegen Morgengrauen heimkehren würde?
Woher wußten sie das?
Wem hat denn Cassagnac nachweislich mitgeteilt, daß er 20.000 Francs bei sich trug?
Seiner Frau. Sie gibt es zu.
Einige Militärpersonen wußten es.
Und Frau Dr. Berton, der Cassagnac von der Geldsumme erzählt hat — nach ihrer eigenen Aussage.
Hier ist irgendwo der Schlüssel zu dem Geheimnis des Verschwindens Cassagnacs!
Die Polizei sagt:
‚Die nochmals vorgenommene Untersuchung der Räume, in die die Verbrecher eingedrungen waren, des Arbeitszimmers, des Wartezimmers und des Ordinationsraumes, führte zu nichts!‘
Nun, ich habe an einer Stelle des Wartezimmers eine ganz neue Verletzung der Tapete festgestellt. Gewiß, sie beweist nichts. Wer unsere Apachen kennt, wird ihnen zutrauen, auch ohne Verletzung der Zimmertapete einen Menschen kaltzumachen. Ich kenne ihre Methode: Zwei werfen sich blitzschnell an die Beine ihres Opfers und ziehen sie unter ihm fort. Sie halten die Beine fest, während zwei andere den fallenden Körper auffangen und den Unglücklichen ohne Lärm zu ewigem Schweigen bringen.
Wie dem auch sei: Ob ein Kampf stattgefunden hat, bei dem die Tapete verletzt wurde, oder nicht: Cassagnac muß noch im Hause des Herrn Dr. Berton zu finden sein! —
Die Banditen hatten Zeit!
Sie haben sich die halbe Nacht in dem Ordinationszimmer des Arztes aufgehalten und sich aus der Küche mit Bier, Wein und eßbaren Vorräten versorgt. Die Flaschen standen noch umher, als ich das Zimmer mit Genehmigung des Herrn Chefs des Hôtel de la Police besichtigte. Das war aber auch alles, was die Bande als Beweis ihrer Tätigkeit für die Polizei zurückgelassen hatte. Das Präsidium hat sofort eine Razzia im Hafenviertel angesetzt. Aber diese Maßnahme wirkt nur als Demonstration, zu einem Ergebnis führt sie nicht. Wir kennen ja diese Razzien in den schmutzigen Kneipen, das Aufgreifen von Niggern und Chinesen, die man schließlich wieder freilassen muß.
Nun aber: Die Polizei vermutet, daß der Zahlmeister mit den Verbrechern im Bunde gewesen ist!
Ja, ‚diese Vermutung gewinnt immer mehr an Wahrscheinlichkeit!‘ sagt die Polizei.
Aber Herr Dr. Berton bestreitet entschieden eine solche Möglichkeit! Sein Freund hatte wohl kostspielige Liebhabereien, aber es läßt sich nicht nachweisen, daß er verschuldet war, und Herr Dr. Berton stellt ihm das beste Zeugnis aus.
Meint die Polizei vielleicht, Herr Dr. Berton und Herr Cassagnac steckten unter einer Decke und teilten nun den Raub? Herr Dr. Berton möge mir diesen Scherz verzeihen, aber ich muß die verworrenen Anschauungen der Behörde ad absurdum führen!
Cassagnac lebte in glücklicher Ehe. Ich habe seine Frau gesprochen, sie schwört auf seine Unschuld.
Nun sagt die Behörde: ‚Wir haben oft genug die seltsamsten Erfahrungen mit Doppelnaturen gemacht. In diesem Falle gibt es eben nur die eine Lösung: Cassagnac hat, um sein Verschwinden mit den 20.000 Francs zu rechtfertigen, diese seltsame Geschichte in Szene gesetzt. Er mag naiv genug sein, zu glauben, man würde ihn für tot erklären und sich in kurzer Zeit über sein Verschwinden beruhigen.‘ —
Nun, ich für meine Person teile diese Ansicht der Polizei nicht. So naiv ist kein Mensch, der 20.000 Francs unterschlägt. Und was hätte er erreicht? Seinen Leichnam findet man nicht. Muß er sich nicht sagen, daß man ihn nun nicht für tot halten wird? Wozu dann die Komödie?
Wozu brauchte Cassagnac dann noch ein Aufgebot von Apachen, die doch nur Mitwisser und Mitnutznießer des Raubes sind?
Dies sind meine Fragen, die ich an die Intelligenz des Marseiller Publikums stelle!“
*
Die Leser dieses Artikels waren nicht klüger als vorher, aber die Fragen, die Peytral gestellt hatte, waren logisch. Man diskutierte eifrig, aber die Polizei hüllte sich in Stillschweigen, und es schien, als sei sie vollkommen hilflos.
Doch da war noch der Detektiv der Pariser Sûreté. Durand kam etwa dreißig Stunden nach jenem Überfall in Marseille an, um zu heiraten. Die hübsche, zwanzigjährige Modistin wartete bereits voll Ungeduld auf den Verlobten. Sie hatte keine Zeit mehr, ihn von der Bahn abzuholen, sie trug schon das Brautkleid. Durand sollte sich sofort zu ihr begeben, man erwartete das Paar nun endlich auf dem Standesamt.
Der Bräutigam trägt schon den Frack und sieht sehr feierlich aus — trotz des rundlichen, trinkfesten Gesichtes. Er kauft sich eine Zeitung und liest mit wachsendem Erstaunen von dem „Fall Berton“, fährt sofort ins Commissariat de la Sûreté, dann zum Präfekten in Person, vergißt seine Braut, das Standesamt, die Liebe — und erwirkt sich die Ermächtigung, ohne Verzug in dem Doktorhaus einen letzten Versuch zur Klärung des geheimnisvollen Verbrechens zu unternehmen.
Während also Julia, eine noch immer geborene Vernet, mit feuchten Augen wieder vergeblich auf den Bräutigam wartet, um schließlich das Brautbukett zum Fenster hinauszuwerfen — während also am blauesten Frühlingshimmel einer noch nicht geschlossenen Ehe schon ein Sturm heraufzieht, ein Sirocco, ein Taifun der Entrüstung, ist Durand, dieses Muster eines Detektivs, dieses Original eines Beamten, auf dem Wege zu Dr. Berton.
Dieser hatte noch mit seinen Kranken zu tun. Frau Moina empfing den Besucher. Er sah der jungen Frau, die ihn für einen Patienten hielt, scharf ins Gesicht. Er fand es sehr hübsch. Seine Hand, schon erhoben, um die Legitimation der Sûreté vorzuweisen, sank wieder herab.
Er schüttelte den Kopf, als sie ihn in das Wartezimmer führen wollte.
„Die Schwester ist noch nicht eingetroffen, die meinem Mann assistiert, und unser Mädchen ist — Sie werden es gelesen haben — schwer verletzt“, sagte die Doktorsfrau, um zu erklären, daß sie selbst die Patienten empfing. „Ich wohne nicht mehr im Hause, mein Mann hat einige Zimmer im Hotel de Paris gemietet. Wo das liegt? Rue Colbert, mein Herr, nahe dem Hauptpostamt! Trotzdem muß ich zu den Krankenbesuchen hierherkommen, um meinem Mann zu helfen. Die bisherige Assistentin hat abgesagt, die neue soll erst eintreffen!“
„Jawohl, jawohl!“ sagt Durand, während seine Augen in der Diele umhergehen. „Ich bin kein Patient. Mein Name ist Durand — ein alter Freund Ihres Gatten — —“
Frau Moina lächelt verbindlich und nötigt den Besucher in das Wohnzimmer. Es ist in englischem Stil eingerichtet. Es wirkt ein wenig steif, eine Ecke aber scheint für die Hausfrau reserviert: Eine schöne Stehlampe vor einem breiten, kissenbedeckten Schaukelstuhl, ein Fenster, durch rubinrote Vorhänge halb verdeckt. —
Durand setzt sich.
„Ja, gnädige Frau, ich habe von dem schrecklichen Verbrechen gelesen — Sie machen jetzt noch einen völlig verstörten Eindruck.“
„Ich habe mich noch nicht erholt, mein Herr. Der Aufenthalt in diesen Räumen ist mir — auch vorübergehend — entsetzlich! Ich habe meine Jugend auf dem Lande verlebt, solche Zwischenfälle habe ich niemals kennengelernt.“
„Sie sind schließlich selbst in Marseille nicht an der Tagesordnung“, bemerkt Durand.
„Es war schrecklich. Die arme Babette! Wie tut sie mir leid! Sie war mir eine treue Dienerin!“
Durand nickt. Er verschweigt, daß die Polizei Babette bereits vernommen hat. Man hatte von ihr nicht viel erfahren können. Wohl war sie für Minuten zur Besinnung gekommen, als ein Beamter an ihrem Bett saß, aber der behandelnde Arzt hatte dringend gebeten, von jeder Vernehmung abzusehen. Die Patientin schwebe in Lebensgefahr.
Die arme Babette hatte nur einen verständnislosen Blick auf den Mann neben sich geworfen. Aber irgendein geheimnisvoller Kontakt mit dem Polizeidetektiv schien sie ahnen zu lassen, daß der Herr mit den forschenden Augen etwas von ihr wissen wollte. Sie hatte sich plötzlich aufgerichtet und mit erstickter Stimme gerufen:
„Mörder! — Mantel! — Madame! Madame!“
Dann war sie zurückgesunken und hatte von neuem die Besinnung verloren.
Man hatte Durand diesen kleinen Zwischenfall erzählt, ohne etwas damit beginnen zu können.
„Arme Babette“, seufzte Moina von neuem.
„Schrecklich! Und Sie glauben wirklich, gnädige Frau, die Verbrecher seien Apachen gewesen?“
„Ich habe ja nur einen gesehen. Er stand dicht vor mir!“
„Und er sah aus wie ein Apache?“
„Ich habe sein Gesicht nicht gesehen. Es war dunkel — Augen und Nase waren von der Mütze beschattet. Ich sah nur ein bartloses Kinn — er war mittelgroß — nein, ich kann ihn nicht beschreiben, ich weiß, welche Verantwortung ich durch falsche oder ungeschickte Angaben auf mich lade!“
„Das übliche farbige Halstuch?“
„Ja! Das sah ich —“
„Keinen Mantel? Es war kalt — für diese Gegend sogar außergewöhnlich kalt!“
„Nein. Er trug keinen Mantel!“
„Freilich! Dieses Gesindel ist abgehärtet! Die Verbrecher kamen durch den Garten, ja? Drangen durch das Fenster — und sind ebenso geflüchtet?“
„Ja. Es gab keinen anderen Weg für sie.“
„Die Haustür?“
„War verschlossen. Von innen. Ich hatte den Schlüssel in meinem Zimmer. Ich bleibe immer wach, bis Guy nach Hause kommt.“
„Und Sie vermißten den Schlüssel nicht?“
„Nein.“
„Sie sagen, Sie erwarten Ihren Mann immer. Hat Ihr Gatte keinen Hausschlüssel? Sollte er so sehr unter dem kleinen Pantoffel stehen? Bekommt er den Schlüssel etwa nur bei besonderen Gelegenheiten?“
Durand macht ein spitzbübisches Gesicht und spitzt die Lippen. Man kann ihm nicht böse sein. Frau Moina muß lachen.
„Quelle idée! Natürlich hat Guy einen Schlüssel. Aber er konnte ja nicht in’s Haus, weil zwei Sicherheitsketten immer der Türe vorliegen.“
„Auch an jenem Abend?“
„Sicher! — Wie immer! —“
„Aber Guy ist doch ohne fremde Hilfe ins Haus gekommen! Er fand Sie ja auf!“
„In der Tat, ja! Darüber habe ich noch nicht nachgedacht!“
„Nun, der Polizei ist das nicht entgangen. Ihr Gatte hat auch ausgesagt, die Verbrecher seien durch die Haustür geflüchtet und hätten diese offen gelassen!“
„Dann ist es so! Ich bin noch völlig verwirrt!“
„Das läßt sich denken!“
In diesem Augenblick hört man ein Kind weinen. Frau Moina entschuldigt sich und geht hinaus.
Täuscht sich Durand?
Ja, täusche ich mich, denkt er. Das Flackern in ihren Augen! Das Zittern ihrer Hände!
Sagt sie die Wahrheit?
Wirklich die volle Wahrheit?
Sie spricht von einem bartlosen jungen Menschen ohne Mantel. Babette offenbar von einem mit Mantel! Es können natürlich zwei verschiedene in Frage kommen! Aber der Mann, der Frau Moina betäubte, stand doch nahe der Treppe. Nichts wahrscheinlicher, als daß er, nachdem er sein Opfer überwältigt hatte, die Treppe emporgeeilt war. Auch daß ihn das Mädchen von oben schon vorher bemerkt hat, ist wahrscheinlich, denn als Frau Dr. Berton — nach ihrer Aussage — die Tür aufriß, da stand er ja schon draußen! — —
Durand geht, die Hände auf dem Rücken, auf und ab. Dies also ist das Wohnzimmer! Hier die Tür zum Korridor. Dort ein Fenster auf die Straße mit schmalem, hohen Rahmen. Dann wieder eine Tür. Durand öffnet sie leise. Das Schlafzimmer Frau Moinas. Das Bett mit blauem Himmel steht mitten im Zimmer. Die Wäsche ist abgezogen. Frau Moina schläft nicht mehr hier. Das Kopfende stößt an eine Ausbuchtung der Wand. Einige Toilettegegenstände liegen noch umher. Sie verraten, daß das Zimmer nur von einer Dame benutzt wurde. Nicht ein einziges Stück verrät ein gemeinsames Schlafzimmer.
Hatte sich Frau Moina von Dr. Berton zurückgezogen?
Unglückliche Ehe? — —
Das ist sehr wichtig!
Durand schließt leise die Tür und nimmt seine Wanderung im Wohnzimmer wieder auf. Hier, auf dem Teppich neben dem Schaukelstuhl, ein Glassplitter. Durand schiebt den Fenstervorhang beiseite.
Darmowy fragment się skończył.