Czytaj książkę: «Ein Liebestraum. Napoleon I. Gräfin von Walewska»

Czcionka:

Robert Heymann

Ein Liebestraum.
Napoleon I.
Gräfin von Walewska

Historischer Roman

Mit 16 Abbildungen.

Saga

Ein Liebestraum. Napoleon I. Gräfin von Walewska

© 1910 Robert Heymann

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711503539

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Vorwort.

Ich habe in meinem Leben zwei Frauen geliebt — sagte Napoleon auf St. Helena. Gemeint sind Josefine Beauharnais und Maria Walewska. Jene wurde seine Gattin im besten Sinne. Diese Geliebte in edelster Form. Die Geliebte war der Gattin überlegen, stärker als beide aber blieb die Staatsraison.

Sie bildet den Konflikt in einer Liebe, die ebenso menschlich wie genial war. Zwei Menschen verschiedener Rassen, Halbgott und Naturkind, jener mit dem Schwert des Königs Ahasver, diese die Epigonin uralten, konservativen Adels, begegnen sich im Trubel einer weltbewegenden Umwälzung. Aus dem Spiel wird Leidenschaft, die Intrigue der polnischen Gräfin wächst sich zu einer gewaltigen politischen Sinfonie aus, unter deren Wucht Europa erzittert: zu dem grossen Feldzug von 1812.

Der weisse Schrecken ist das Ende. Der Sturz des Imperators folgt. Und ferne dem felsigen Eiland im Weltmeer, wo der Kaiser hinwelkt, erlischt die seltsame Liebe der Frau, die selbst Napoleon gegenüber in ihrem Wesen Jungfrau blieb. Der Cäsar stirbt während eines wilden Orkans, die sanfte Heldin Polens sinkt still und friedlos in das Dunkel der Vergessenheit.

Sie ist ganz Romanfigur: mild, schwankend, jedem Konflikt seelisch ergeben. Napoleon, die erzene Augustusgestalt, unmodellierbar, Schicksale meisselnd.

Ich habe versucht, aus den Gestalten, Geschehnissen und Dissonanzen einen Roman zu formen. Ich habe alles vermieden, was durch Erfindung das klare historische Gemälde beirren könnte.

So hoffe ich, Napoleon und die Walewska so geschaffen zu haben, wie sie waren, durch die Vergangenheit verklärt, die beiden einstmals nicht genug Gerechtigkeit widerfahren liess.

Die in dem Buche enthaltenen Abbildungen sind dem im Verlage von Georg Müller in München erschienenen Werke: „Gertrude Kircheisen, Die Frauen um Napoleon“ entnommen.

Der Verfasser.

1.

Seit einer Stunde harrte die Elite des polnischen Adels auf Napoleon. Die hell erleuchteten Säle waren von den Trägern der berühmtesten Namen gefüllt. Der Grosskämmerer von Lithauen, von Posen zurückgekehrt, wo er dem französischen Kaiser die polnische Gesandtschaft vorgestellt hatte, stand in seinem goldstrotzenden und reichen Ornate da, umgeben von den Grosswürdenträgern Polens, um den Mann zu begrüssen, den ganz Warschau wie einen Halbgott verehrte. Erwartete man doch von ihm die Erfüllung des heissesten Wunsches Polens: Die Wiederaufrichtung des Königtums.

Die schönsten Frauen des zertrümmerten Reiches Lessczynskis gaben sich ein Stelldichein: Die ehemalige Gräfin Tyskiewicz, die jetzt als Gräfin Potocka durch ihren Gatten nicht geringen Einfluss in dem neugegründeten Grossherzogtum besass. Sie war eine Schönheit von ungewöhnlicher Pikanterie, in der sich die unverfälschte slavische Rasse kennzeichnete. Sie hatte Napoleon bereits bei seinem ersten Einzug in Warschau gesehen, vor vierzehn Tagen, ehe der russische Feldmarschall Kamenskoi den Kaiser zu den Schlachten bei Czarnowo, Nasielsk, Kursomb, Lobachizyn, Golymin und Pultusk herausgefordert und von ihm und seinen Marschällen geschlagen worden war.

Der unbeschreibliche Eindruck, den Napoleon auf den beweglichen Geist dieser jungen Gräfin gemacht hatte, kam in den Worten zum Ausdruck, die sie an Frau von Vauban richtete, dieselbe, welche eine Enkelin des grossen Vauban war, der 57 Jahre Soldat gewesen und in dieser Zeit an 53 Belagerungen und 140 Gefechten teilgenommen hatte:

„Ich befinde mich in einer unbegreiflichen Aufregung. Wenn der Kaiser nur endlich käme, dass diese Spannung schon vorüber wäre!“

Darauf Frau von Vauban, die nicht mehr ganz jung war, denn sie befand sich bereits unter dem enthaupteten Ludwig XVI. am Pariser Hof, mit einem leisen Lächeln, durch das versteckte Ironie schimmerte:

„Wer weiss! Wenn Sie den Kaiser erst näher kennen ..“

„Ich werde nie mein Urteil über ihn ändern! Man kann nur schwer verstehen, wie tief und unerwartet der Eindruck ist, den man von ihm empfängt. Ich erlebte eine Art Betäubung, eine wortlose Ueberraschung, ähnlich der, wie man sie empfinden mag, wenn man ein Wunder sieht. Es war mir, als schwebe ein Heiligenschein um sein Haupt. Der einzige Gedanke, den ich ausdenken konnte, als ich mich von meinem Erstaunen erholt hatte, war, dass ein solches Wesen unmöglich sterblich sein könnte, dass ein so mächtig organisierter Geist, ein so grosses Genie niemals aufhören könnte, zu sein. In meinem tiefsten Innern verlieh ich ihm eine doppelte Unsterblichkeit!“

Frau von Vauban war durch diesen spontanen Ausbruch der Begeisterung weniger überrascht, als es bei ihrer etwas skeptischen Natur zu erwarten war. Uebrigens stand sie selber kaum weniger als alle andern unter dem machtvollen Einfluss des Kaisers, der alle Herzen erbeben liess. War sie doch die nahe Freundin des Fürsten Poniatowski, der in unerschütterlicher Treue an Bonaparte hing. Er war es gewesen, der vor 13 Jahren unter Kosciuszko für die Freiheit Polens gekämpft und Warschau gegen die Preussen verteidigt hatte. Noch lebten in seiner Erinnerung die furchtbar blutigen Tage nach dem 5. November, wo Praga von den Russen unter Suwarow gestürmt und alle Bewohner niedergemetzelt worden waren. Jetzt, nachdem Napoleons Adler Preussen niedergerungen, hatte ihn die provisorische Regierung zum Kriegsminister ernannt.

Auch er erwartete in voller Gala den Kaiser, neben ihm der siebzigjährige, steife Graf Anastasius Colonna Walewicz-Walewski, dem seine reizende Gemahlin zu Hof gefolgt war.

Graf Potocki, der zwei Jahre für Polen in dem Schlüsselburger Staatsgefängnis hatte schmachten müssen, unterhielt sich mit dem Grafen Lassczinski, dem Bruder der Gräfin Walewska, über die Aussichten, welche Polen nach Zertrümmerung der preussischen Heere und der Niederlage der russischen Truppen hatte. Doch ausser diesen Trägern grosser Namen waren noch die bedeutendsten Helden der polnischen Geschichte seit den Kämpfen Polens gegen Russland zugegen. Die Begründer der polnischen Liga: Dombrowski, Held von Casabianca, und Wybicki, dessen Name seit dem berühmten Reichstag von 1768 für immer mit der Geschichte Polens verknüpft ist, beide Generäle Napoleons. General Kniaziewitz, der sich in der Schlacht bei Dubienka das Ritterkreuz erfochten und den Sieg bei Hohenlinden bewirkt hatte, war aus der Stille seines Landgutes nach Warschau geeilt, um dem Befreier Polens zu huldigen.

In dieser glänzenden Versammlung, zwischen den schönsten Frauen Polens, von denen Napoleon selbst nach Paris geschrieben hatte, sie seien alle Französinnen, fielen natürlich Gestalten wie der berühmte Davoust und Marschall Ney auf. Sie waren gekommen, die glänzende Suite ihres Kaisers zu vervollständigen. Jener war seit seinem berühmten Angriff gegen die Preussen im verflossenen Jahre Herzog von Auerstädt, dieser, der Sohn eines württembergischen Böttchermeisters, seit der Uebergabe Ulms Herzog von Elchingen. Soult war erst seit kurzem Marschall und hatte sich noch nicht die blutigen Lorbeeren von Corunna verdient. Davoust war der Held dieses Abends, denn er war es gewesen, der mit seinem tapferen Korps den Erbfeind Polens, die Russen, bei Czarnowo vor acht Tagen geworfen hatte. Sein Untergeneral Petit war nicht zugegen. Er hatte im Mondschein die russischen Redouten an der Brücke des Bug mit dem Bajonett gestürmt.

Aber die berühmten Marschälle und die Helden Polens, überstrahlte die Erscheinung eines Mannes, der zu den Grössten um Napoleon gehörte und in ziemlich ungenierter Weise den polnischen Edeldamen die Cour schnitt: Das war Murat, der damals in seinem 36. Jahre stand, Reichsmarschall, Prinz des französischen Reiches, Grossadmiral, Grossoffizier der Ehrenlegion und Oberstkommandeur der gesamten französischen Reiterei, die er bis jetzt zu unerhörten Siegen geführt hatte. Dieser ehemalige Kellner war einer der schönsten Männer seiner Zeit, ebenso eitel und prunksüchtig wie tapfer, wild und verwegen. Keine Polin, kein Pole, die selbst so viel auf Pferde halten, vergass den Anblick, den Murat bot, wenn er sich auf sein kostbares arabisches Ross schwang. Nun plauderte und charmierte er, der Draufgänger von Borghetto, Roveredo, Rivoli, St-Jean-d’Arce, Marengo, Wertingen, Austerlitz — ohne Ende waren die Namen der Ruhmeskette Murats, und wo immer mit Bewunderung der Name Napoleon genannt wurde, da fiel zu gleicher Zeit fast der seine.

Er trug einen schweren, amarantfarbenen Samtrock mit kostbarer Verbrämung, auf der Mütze lange hinwallende weisse Straussen und Gold und Edelsteine auf Dolman, Säbel und Wehrgehänge.

Diese buntfarbige, herrliche und machtvolle Versammlung war voll Heiterkeit. Man unterhielt sich, lachte, scherzte und knüpfte wichtige und leichtfertige Verbindungen an, ohne dass einen Augenblick die nervöse Spannung, in der sich alle befanden, nachgelassen hätte.

Da flogen die Türen auf, und Talleyrand, der allmächtige Minister Napoleons, rief mit Kraft und Feierlichkeit in den Ballsaal:

„Der Kaiser!“

Wie auf einen Zauberschlag verstummte jedes Gespräch. Atembeklemmendes Schweigen legte sich über alle, Männer und Frauen, und tausend Herzen schlugen höher.

Er trug die Paradeuniform seiner Garde. Einen Augenblick, als er stille stand, vernahm man in dem Lauschen, das ringsum war, das leise Klirren der kleinen Sporen an den glänzenden Reiterstiefeln des Kaisers.

Sein Blick flog über die Versammlung. Es war, als ob seine scharfen grauen Augen jeden einzelnen erblickten, und jeder hatte das Gefühl, als wollten sie auf dem Grunde seiner Seele die Gedanken lesen.

Endlich trat der Kaiser ein, und sogleich begann die Vorstellung der Damen und Herren vom polnischen Hochadel.

Er begnügte sich nicht mit ein paar nichtssagenden Worten. Er fragte die Gräfin Potocka, die vor Verwirrung kaum zu antworten wusste, nach ihrer Familie, ihrem Befinden, über verschiedenes aus ihrer Vergangenheit. Es zeigte sich, dass er, sei es nun durch ein ganz hervorragend ausgebildetes Nachrichten- und Spionagewesen, oder durch einen ungewöhnlichen Instinkt, alles wusste, über alles unterrichtet war.

Er grüsste seine Marschälle durch ein Lächeln, die Generäle der Legionen durch einige freundliche Worte, denen sie entnahmen, dass ihre Namen und ihre Taten klar wie an den Schlachttagen in sein Gedächtnis eingeschrieben waren.

Unter seinen Marschällen sah er den General Rapp stehen, der den linken Arm in der Binde trug. Er war bei Golymin verwundet worden.

Der General errötete vor Vergnügen, als der Kaiser den Blick auf ihn richtete. Denn es gab Niemanden, der Napoleon so treu und aufrichtig ergeben war, als er.

„Nun, Rapp? Schon wieder verwundet?“ fragte der Kaiser. „Und wieder an dem bösen Arm?“

„Sire, kein Wunder. Es ist die neunte Wunde, die ich an diesem bösen Arm erhalten habe, der dazu ausersehen zu sein scheint.“

„Warum kein Wunder, Rapp?“

„Sire, bei den ewigen Schlachten!“

„Ah! Ah!“ erwiderte der Kaiser und wandte sich zum Gehen. „Damit wird es wohl erst ein Ende haben, wenn wir beide achtzig Jahre alt sind.“

So kam er schliesslich auch zur Gräfin Walewska. Dem Gatten gönnte er ein paar Worte.

Bei der Gräfin blieb er einen Moment betroffen stehen. Vor sich sah er eine junge Frau von achtzehn Jahren, die einem eisgrauen Greis von siebzig angetraut war. Ueber ihrer Gestalt lag der unbeschreibliche Liebreiz der Jugend. Ihr Lächeln war bezaubernd, ihr Gesichtchen zeigte ein feines Oval, ihre Haare waren reich, blond, ins Rötliche spielend. Ueber den blauen, tiefen Augen lag ein Schleier der Wehmut. Sie trug keinen anderen Schmuck als einen Blütenkranz im Haar. Ein weisses Atlaskleid schmiegte sich an die mädchenhafte Gestalt.

Klar und ruhig sah sie dem Kaiser in die Augen. Auch sie konnte sich seinem übermächtigen Zauber nicht entziehen. Aber sie war weit von einer Begeisterung entfernt, die ihr die klare Selbstbestimmung hätte rauben können. Sie war zu jung für Empfindungen, wie sie die Gräfin Potocka ergriffen hatte, zu unerfahren, um Napoleon zu fürchten.

Er fragte sie nach ihrer Familie, zog ihren Bruder ins Gespräch und tanzte einen Contretanz mit ihr.

Dabei sagte er:

„Weisser Tüll auf Atlas wirkt nicht vorteilhaft, Frau Gräfin. Ich wünschte, Sie würden einer Schönheit wie der Ihren den ihr gebüh enden Rahmen verleihen.“

Auf diese echt napoleonische Huldigung erwiderte Maria Walewska, sie sei nicht hierhergekommen, um zu gefallen, sondern ihren Repräsentationspflichten zu genügen.

„Ich liebe das Gesellschaftsleben nicht, Majestät, und fühle mich am glücklichsten auf unserem Gute Walewice.“

Darauf Napoleon (vielleicht, um die Gräfin zu prüfen, vielleicht auch nur, um sie in Verlegenheit zu bringen, denn das bereitete ihm stets Vergnügen):

„Mit Ihrem Gatten?“

Diese Frage richtete eine solche Verwirrung in der Gräfin an, dass sie purpurrot wurde und nur etwas Unverständliches murmeln konnte.

Ihre reizende Verlegenheit wirkte noch mehr auf Napoleon als ihre Haltung. Er sah sofort, dass er keine von den Frauen vor sich hatte, die er auf den so beliebten Maskenbällen des Hofes in Paris mit Vorliebe erschreckte, indem er ihnen kleine Indiskretionen zuflüsterte, die ihm sein allmächtiger Polizeiminister Fouqué zugetragen oder die er von seinen Spionen direkt erfahren hatte. Auch zu jenen geistreichen Frauen zählte Maria Walewska nicht, die sich in die Politik mischten und Unfrieden säten. Sie war keine Madame Stael, der Napoleon auf die Frage, welche Frau nach seiner Meinung die beste und verehrungswürdigste sei, die Antwort gab: „Die, welche die meisten Kinder zur Welt bringt ...“

Maria Walewska wartete wohl mit heimlichem Beben auf den Augenblick, wo der grosse Korse das Gespräch auf die Politik bringen würde. Aber Napoleon vermied es, davon zu reden, und so ergriff die Gräfin die Gelegenheit, wo Napoleon einiges über die Verdienste des polnischen Adels sprach, um schnell einzufallen:

„Was haben alle die Opfer genützt, Majestät? Bei Dubienka fiel die Blüte der polnischen Nation, als Kosciuszko mit 4000 Mann und 8 Kanonen fünf Tage gegen 18000 Russen mit 40 Geschützen kämpfte. Hat Kosciuszko nicht selber, als er, mit Wunden bedeckt, bei Maciejowice vom Pferde sank und in die Hände der Russen fiel, „Finis Poloniae“ gerufen? Und jetzt?“

Napoleon hörte mit einem leisen Lächeln zu. Worüber die Gräfin sprach, redeten in diesen Tagen alle Polen. Es war das alte Lied, und der Kaiser merkte sofort, worauf sie hinauswollte.

„Euer Kosciuszko,“ erwiderte er, „ist ein griesgrämiger Herr geworden, der bei Fontainebleau Rüben baut und Kaninchen züchtet. Ich habe ihn mehrmals zur Mitarbeit heranziehen wollen, aber er war nie zu bewegen, in meine Dienste zu treten.“

„Gleichwohl erwartet ganz Polen von Ew. Majestät die Befreiung von seinen Feinden und die Wiedererweckung zu alter Herrlichkeit.“

Der Kaiser entgegnete nur:

„Sie lieben also Ihr Vaterland?“

„Mehr als alles Andere auf Erden.“

„Und Sie sehnen eine Befreiung Polens herbei?“

Ein feuriger Blick aus ihren Augen war die Antwort. Napoleon fuhr fort:

„Nun, ich glaube, man wird mit mir zufrieden sein. Ich habe Russland gezwungen, einen Landstrich auszuliefern, den das Reich des Zaren auf unredliche Weise an sich gerissen hat. Vertrauen Sie auf die Zeit.“

„Sire, die Zeit ist kostbar für Polen. Wir haben schon allzuviel Zeit verloren.“

Der Kaiser lächelte ein wenig über die Hitze und den Eifer dieser schönen jungen Patriotin und entgegnete:

„Ihre Patrioten haben die Zeit reichlich genützt, wie die Kämpfe der letzten Jahre beweisen.“

„Aber es ist wenig oder nichts erreicht worden.“

„Sie unterschätzen die gewonnenen Erfolge, Madame. Mit der Gewalt der Waffen lassen sich keine endgültigen Erfolge erzielen. Die Waffen sind nur die Unterstützung der Diplomatie. An einer solchen fehlt es aber den Polen. Man darf in der Politik den Bogen nicht überspannen. Sie haben unter den geistreichen und tapferen Männern, über welche Ihr Vaterland verfügt, sicherlich begabte Köpfe, die imstande wären, sich zu Politikern auszubilden. Es reicht nicht hin, Mut, Ehrgeiz und Vaterlandsliebe zu besitzen und sich für die Erde, die uns genährt hat, zu opfern. Man muss auch mit List, Schlauheit und gesunder Beurteilung der Schwäche des Feindes das festzuhalten wissen, was die Waffen errungen haben.“

„Werden Sie, Sire, etwas für Polen tun, damit unsere Männer lernen, diese Weisheit zu nützen?“

„Ich liebe Polen.“

Mit diesen ausweichenden Worten, die eigentlich wenig oder nichts besagten, führte der Kaiser die Gräfin zu ihrem Bruder. Der Graf hatte sich bereits mit Rücksicht auf sein hohes Alter und seinen leidenden Zustand die Erlaubnis erwirkt, sich zurückziehen zu dürfen. Napoleon wandte sich den Staatsmännern zu. Der Abend verfloss in Unterhaltung und politischen Gesprächen. Doch mitten in der Diskussion mit Staatsmännern und Generälen hielt Bonaparte inne und wandte sich ab, um eine Weile einsam auf und niederzugehen. Man glaubte, neue Feldzugspläne beschäftigten ihn.

Aber er dachte an die Gräfin Walewska.

2.

Am nächsten Morgen war Napoleon in einem Zustande sieberhafter Erregung. Er schellte, noch im Bette liegend, nach seinem Sekretär Meneval. Dieser, zuverlässiger als sein Vorgänger Bourienne, trat sofort ein. Er war gewohnt, bei Tag zu jeder Minute erscheinen zu müssen und bei Nacht aus dem Schlafe geholt zu werden.

Napoleon diktierte Briefe. An Souveräne, Minister, Finanzmänner. Er verfügte über die Gelder des Hauses Hope in Amsterdam, damals neben Lasitte und Séguin das gewaltigste Bankhaus des Kontinents, als ob es seine eigenen gewesen wären. Diese grossen Häuser lebten in beständiger Angst und Sorge vor dem Kaiser, denn er duldete niemals, dass sich ein Finanzmann auf unrechtmässige Weise bereicherte. Geschah es, so traf plötzlich der Befehl ein, etliche Millionen an die Staatskasse abzuführen.

Damals hatte der unfähige Maret noch nicht den Herzog von Cadore im Ministerium des Aeussern ersetzt. Maret war Chef im Kabinett und erschien, nachdem Meneval gegangen war. Mit ihm konferierte Napoleon eine Stunde. Er sagte niemals nein und führte, in seinem Privatleben ein ziemlich unzuverlässiger Mensch, Napoleons Befehle mit einer Gewissenhaftigkeit aus, die sich nur auf seine aufrichtige Zuneigung zu dem Kaiser zurückführen liess.

Nun trat Constant, der langjährige Kammerdiener, ein. Die Pendule auf dem Kamin schlug acht. Dies war die Zeit, wo Napoleon aufzustehen pflegte. Sein zweiter Sekretär begleitete ihn ins Bad, und während der Kaiser da etwa zehn Minuten verblieb, las der Sekretär die wichtigsten Tageszeitungen vor.

Aber Napoleon schien kaum hinzuhören. Er war wie geistesabwesend, sprang endlich auf und überliess sich nun Constant, der ihn von Kopf bis zu Füssen anzukleiden pflegte.

Der Kaiser blieb keine Sekunde ruhig. Er ging im Zimmer auf und ab, warf Zeitungen und Briefe durcheinander und verriet eine Unruhe, die selbst den Kammerdiener in Erstaunen versetze. Erst frottierte er seinen Herrn. Aber Napoleon war mit der Kraftaufwendung Constants nicht zufrieden.

„Derber, etwas stärker!“ rief er ihm zu und setzte gutgelaunt hinzu: „Nur nicht zimperlich, Constant. Reibe, als ob Du einen alten Esel unter den Händen hättest!“

Der Kammerdiener verneigte sich schweigend und rieb weiter. Dann nahm er eine Flasche Eau de Cologne und goss sie dem Kaiser über den Körper. Hierauf folgte die Ankleidung. Napoleon trug auch hier in Warschau die grüne Jägeruniform, die er allen anderen vorzog. Täglich erhielt der Kaiser eine neue weisse Hose. Dies war nicht nur eine Formsache, denn er pflegte seine Schreibfedern an den Beinkleidern abzuwischen....

Zum Frühstück wurde Duroc befohlen.

Der getreue Freund und Ratgeber traf den Kaiser in einer unbeschreiblichen Aufregung.

Napoleon nahm schnell eine Tasse Schokolade, dann rief er dem Herzog von Friaul zu:

„Sie müssen Rat schaffen, lieber Marschall. Ich halte es nicht aus. Ich habe gestern während des Balles keine Minute Ruhe gehabt. Haben Sie sie gesehen?“

Duroc, der auch den verflossenen Abend in der Umgebung des Kaisers gewesen war und seinen Gebieter sehr gut kannte, erwiderte, ohne eine Miene zu verziehen, mit der Haltung eines vollkommenen Gentlemans:

„„Die Gräfin Walewska, Sire?“ “

„Dieselbe. Hat man uns beobachtet, Duroc?“

„Vielleicht, Majestät.“

„Sollen sie. Was gehen sie mich an? Nur um die Frau dreht es sich jetzt. Gehen Sie zu ihr, Duroc. Als Oberhofmeister sind Sie der richtige Sendbote. Sie werden verstehen, ihr näher zu kommen. Ueberbringen Sie ihr einen Brief. Warten Sie!“

Duroc verneigte sich ein wenig. Er war ein ruhiger, schöner, nicht mehr ganz junger, aber durchaus achtungswürdiger Mann. Er kannte den Menschen in Napoleon, aber verriet ihn niemals.

Der Kaiser warf in fieberhafter Eile einige Zeilen aufs Papier.....

„Ich habe nur Sie gesehen, Sie bewundert, nur Sie begehrt, schönste Frau! Ich befinde mich in einem Zustande der Exaltation, der durch nichts beendet werden kann. Sie halten mein Schicksal in Ihren Händen. Geben Sie mir schnell eine Antwort, anbetungswürdige Frau, die das Feuer zu beruhigen vermag, das mich verzehrt.“

Duroc begab sich gemäss den Weisungen des Kaisers in den Palast, den Maria Walewska mit ihrem Gatten bewohnte.

Sein Auftrag enthielt nicht eben etwas Ungewöhnliches. Napoleon wies das Glück niemals von sich, in welcher Gestalt es sich ihm auch immer bot. Er nahm die Frauen, wie er alle Situationen und Dinge nahm: Ohne lange Ueberlegung, ohne romantische Erwägungen. Dieser Mann, welcher ein ungeheuerliches Arbeitspensum bewältigte, der oft Wochen hindurch von seinem Reisewagen aus Europa regierte und Tage lang nicht aus dem Sattel kam, hatte nicht Zeit, sich den Praeliminarien der Liebe zu widmen.

Duroc kannte diese Art Liebesspiele und nahm sie so gleichmütig wie irgend ein nebensächliches Tagesereignis. Seine Stellung als Palastmarschall war schwierig, denn in Paris stand er zwischen den Launen des Kaisers und der Eifersucht der Kaiserin, stand zwischen den Intriguen der weitverzweigten kaiserlichen Familie und aller Grosswürdenträger des Reiches.

Aber er vertrat einzig und allein die Interessen des Kaisers, den er schon als Adjutant in den italienischen Feldzug begleitet und an dessen Seite er seit den Tagen von Aegypten ununterbrochen gekämpft hatte.

Duroc erlebte eine grosse Ueberraschung.

Als er sein Schreiben dem Hofmeister der Gräfin übergeben hatte, wurde er alsbald in einen einfachen Empfangsraum geführt — nicht in jenen, der für solch hohe Abgesandte vorgesehen war — und sah sich alsbald der Gräfin selbst gegenüber.

„Mein Herr,“ sagte die schöne junge Frau, die in diesem Augenblick nichts von der Verwirrung an sich hatte, die ihr so reizend stand, „ich hielt es zwar für meine Pflicht, einen Mann von Ihren Verdiensten persönlich zu empfangen. Aber ich halte es unter meiner Würde, den Brief Ihres Kaisers zu beantworten.“

„Frau Gräfin“ stammelte Duroc, dem diese Antwort ganz unbegreiflich war, „Frau Gräfin, ich bitte Sie, zu bedenken, dass es der Kaiser ist, der mich mit dieser Mission beauftragt hat...“

„Sehr wohl. Antworten Sie dem Kaiser, die Gräfin Walewska habe keine Ursache, mit Bonaparte zu korrespondieren. Aber Napoleon lasse sie ihre tiefste Ergebenheit und aufrichtige Zuneigung übermitteln.“

Damit war dieser merkwürdigste aller Empfänge, die der Herzog von Friaul erlebt hatte, zu Ende.

Duroc war kein Emporkömmling. Er entstammte selbst einem alten französischen Adelsgeschlecht und empfand daher diese schroffe Ablehnung sehr bitter.

Sie war die erste in ihrer Art. Denn bisher hatten Frauen, die Napoleon auszeichnete, keinen Augenblick gezögert, für kurze Zeit, und war es auch nur auf eine schwache Stunde, in jene Sphären emporzusteigen, die ebenso rätselhaft, geheimnisvoll wie glänzend waren.

Hier nun kam es anders, und es blieb Duroc nichts weiter übrig, als den Kaiser von seiner angebeteten Dame zu grüssen und Bonaparte seinen Korb zu bringen.

Napoleon war schon mitten in der Arbeit. Um ihn herum standen Generäle und Diplomaten, Ingenieuroffiziere und Kurriere, die jeden Augenblick mit wichtigen Meldungen nach Paris abgehen mussten.

Napoleon hatte damals den schnellsten Estaffettendienst, und seine Kurriere jagten mit einer Schnelligkeit zwischen den östlichen Reichen und Paris hin und her, die Staunen und abergläubische Verwunderung erregte.

Eine grosse Idee beschäftigte den Kaiser. Er prüfte eben die Pläne, die aus Paris eingetroffen waren. Er wollte einen Bau aufstellen, mitten in Paris, der alle Stürme der folgenden Jahrhunderte überdauern und als ein gewaltiges und trotziges Monument seiner Zeit der Nachwelt die Taten der „grande armée“ verkünden sollte.

Dieser Bau sollte die Inschrift tragen: „Den Soldaten der grossen Armee Napoleons.“ Auf einer Tafel aus weissem Marmor sollten die Namen seiner Helden aus allen Feldzügen verewigt sein. Die aber, welche auf den Schlachtfeldern gefallen waren, sollten auf einer Tafel aus Gold unsterblich werden.

Der Kaiser selber entwarf die Umrisse und die Gestalt des Baues: Einen antiken Tempel römischer Physiognomie, bekränzt von 54 umlaufenden korinthischen Säulen, darüber eine gewaltige Kuppel... An diesem Bauwerk wurde 36 Jahre gearbeitet, und längst war Napoleon nicht mehr, als es vollendet wurde. Es ist die heutige Madeleine.

Aber noch ein viel grösserer, gewaltigerer Plan beschäftigte den Kaiser, ein Gedanke, der in seiner Art einzig dastand und von ungeheurer Kühnheit, von unglaublicher Originalität war. Schon am 21. November hatte der Kaiser von Berlin aus ein Dekret erlassen, nach dem die britischen Inseln in Blockadezustand erklärt wurden. Allen Ländern, die die Hegemonie Frankreichs anerkannten, war verboten, mit England Handel zu treiben, ja sogar mit Engländern in Verkehr oder auch nur in Korrespondenz zu treten. Alles Eigentum der Engländer, alle ihre Schiffe waren vogelfrei und Prise.

Darauf hatte England vor wenigen Tagen geantwortet, indem es allen neutralen Schiffen das Anlaufen eines französischen Hafens, oder eines solchen, der unter französischem Einfluss stand, verbot.

Nun unterzeichnete Napoleon ein schon vorbereitetes Dekret, das die Konfiskation aller Waren aussprach, die in den Hansastädten mit Beschlag belegt waren.

„Ich will,“ sagte der Kaiser, „die Bahn des Handels wie die der Industrie ändern. Ich werde in Frankreich Zucker uud Indigo naturalisieren. Ich werde die Baumwolle und noch viele andere Dinge einheimisch machen, und man wird sehen, dass ich die Kolonieen überflüssig mache, wenn man hartnäckig dabei beharrt, mir einen Teil derselben zu verweigern.“

Nach dem letzten Federstrich erhob sich Napoleon und winkte Duroc.

Der Marschall erstattete Bericht. Er fürchtete einen der gewohnten Zornesausbrüche des Kaisers. Aber Napoleon hörte ihn ruhig an.

Er trat ans Fenster und blickte auf Warschau hinab.

Duroc hörte ihn murmeln: „Sie ist eine reizende Frau. Sie ist ein Engel.“

Er drehte sich zu dem Marschall um:

„Duroc, die Seele dieser Frau ist ebenso schön wie ihr Gesicht.“

Der Marschall verneigte sich. Aber er war nicht wenig verwundert, seinen Herrn so sprechen zu hören. Das war nicht die Art, wie er die Vorleserin der Kaiserin, Carlotta Gazzani, genommen, wie er sich Eleonore Dénuelle genähert hatte. Aber Napoleon hatte Recht. Maria Walewska war nicht von dem Schlage der Frauen, wie sie Murat und seine schöne Gattin Karoline dem Kaiser gelegentlich zuführten.

Da Duroc nicht nur der erste Diener des Kaisers, sondern auch sein Vertrauter und Freund war — obgleich Napoleon stets auf Formen hielt — so warf er mit einem diskreten Lächeln ein:

„Die erste Niederlage, die Ew. Majestät erleiden.“

Der Kaiser zog die Brauen hoch:

„Ich werde sie in einen Sieg verwandeln.“

Und er setzte sich hin und schrieb einen zweiten Brief:

.... „Sie haben meinen Marschall schlecht behandelt. Keiner Macht der Erde würde ich dies ungestraft hingehen lassen. Von Ihnen hat es mich nur betrübt, mir nur Schmerz bereitet. Habe ich Ihnen missfallen? Ich hatte das Recht, das Gegenteil zu erwarten. Sie haben tiefer für mich empfunden, als Sie zugestehen wollen, ich weiss es. Sollte dieses Empfinden für mich schwächer geworden sein? Das meine hat sich nur noch gesteigert. Sie rauben mir alle Ruhe! Ach, verschaffen Sie einem armen Herzen, das bereit ist, Sie anzubeten, ein wenig Freude, ein wenig Glück! Ist es denn so schwer, eine Antwort zu geben? Sie sind mir schon zwei schuldig.

Napoleon.

Der Kaiser versiegelte den Brief.

„Besorgen Sie ihn an seine Adresse, Marschall, aber hüten Sie sich, ein zweites Mal einen Korb in Empfang zu nehmen.“

Duroc liess den Brief der Gräfin zugehen, ohne ihr Gelegenheit zu geben, ihm selbst zu antworten. Aber auch dieses Schreiben des mächtigsten Mannes Europas blieb unbeantwortet.

Maria Walewska hatte es empfangen und auch gelesen. Sie hätte keine Frau sein müssen, um nicht durch diese beiden Briefe im Innersten erregt zu werden.

Der, welcher ihr in diesem Tone schrieb, regierte die halbe Welt. Er war der Sieger über die Erbfeinde ihres Vaterlandes. Er war die letzte Hoffnung des geknechteten und zerstückelten Polens.

Sie prüfte ihr Herz. Gewiss hatte sie an jenem Ballabend unter dem Zauber des Korsen gestanden. Und der Eindruck, den er als Mann und Kaiser auf sie gemacht hatte, war unverwischt geblieben.

Aber Liebe?

Nein, daran konnte ihr achtzehnjähriges Herz nicht denken. Sie war Polin. Sie hatte die schrecklichen Niederlagen ihres Landes denkend nicht miterlebt Sie war fünf Jahre alt gewesen, als Praga fiel. Doch seitdem war man nicht müde geworden, den Untergang Polens zu beklagen, und in der Umgebung ihrer Familie fielen fast täglich die Namen der Helden, die Polen hatten retten wollen und dafür in die Verbannung oder gar in Kerkerhaft wandern mussten.

Alle diese angebeteten Kinder Polens, diese Heldensöhne einer grossen Zeit, hatten sich unter die mächtigen Adler des grossen Korsen geflüchtet.

Aber ob er auch die halben Versprechungen, die er Polen gemacht, halten würde? Maria konnte noch nicht vergessen, dass Napoleon die polnische Legion nach Haiti geschickt hatte, wo sie ihre Kräfte in Kämpfen mit barbarischen Negern zersplitterte und ihr kostbares Heldenblut unsinnig vergoss.

Niemand dachte daran, wollte daran denken. Sie aber war keinen Augenblick gewillt, die Ehre des Hauses ihres Gatten preiszugeben. Doch sie fürchtete sich vor Napoleon, und so wandte sie sich in der Not ihres Herzens schliesslich an die Gräfin Potocka, die erfahrene und ältere Freundin.

„Kind!“ rief diese, „der Adler der Welt kommt zu Dir, und Du zauderst, ihn in Deine Gewalt zu bekommen, den Mächtigen zu zähmen?“

„Mein Ehrgeiz steht nicht danach,“ erwiderte Maria in ihrer reizenden Unschuld, der nie die Grösse fehlte, die der Tugend anhaftet.

Aber Frau Anna wollte solche Gründe nicht gelten lassen, auch nicht den Umstand, dass Maria den Kaiser nicht liebte.

„Ich bewundere ihn, ja. Aber Liebe?, nein, die könnte ich ihm niemals schenken.“

„Ach, mein Kind,“ entgegnete Frau Anna, „wie oft täuschen wir Frauen uns über unsere Gefühle. Aber erscheint es Dir wirklich so sehr wichtig, einen Mann zu lieben, dessen Leidenschaft für uns schon eine Schmeichelei bedeutet, die uns niemals mehr im Leben zuteil werden kann?

Darauf die unerschütterliche Maria: „Ich kenne solche Eitelkeit nicht.“

„Und Dein Vaterland?“

Das Wort traf Maria wie ein Blitz. Sie erbleichte und wandte das Antlitz der Freundin zu.

„Was willst Du damit sagen?“

„Du begreifst noch nicht? Der Mann, der uns allen unnahbar ist und auf den niemand Einfluss hat, kommt als Mensch, als Bittender zu Dir. Du hast das Recht, zu fordern, Du allein. Die grössten Helden unseres Vaterlandes sind machtlos über ihn. Aber alle vereint der heisse Wunsch, er möge sich die Krone Polens aufs Haupt setzen. Wie — wenn Du deine Schönheit brauchen würdest, Polen einen neuen König zu schenken?“

Maria Walewska war so verwirrt, dass sie in Tränen ausbrach, ohne die Kraft zu einer Antwort zu finden. Denn der Begriff ihres Vaterlandes war ihr das heiligste, grösste und erhabenste, was sie auf Erden kannte. So hatte man sie gelehrt, so empfand sie als Polin.

Täglich schloss sie ihr Vaterland in ihr Gebet ein, das sie als gläubige und überzeugte Katholikin allabendlich zu Gott emporsandte. Wenn es bisher in ihrem unschuldsvollen jungen Leben eine schwere Sorge gegeben hatte, so war es eben das Bewusstsein, dass ihr Vaterland zerstückelt, seinen Feinden preisgegeben war und dass alle Heldensöhne dieses teuren Bodens darum litten und sich in Gram verzehrten.

Anna Potocka wurde nicht müde, ihr die Macht vorzumalen, die sie über Napoleon gewinnen konnte, ihr zuzureden, Polen zu retten.

Sie verliess die Freundin in einem Zustande unbeschreiblicher Erregung, ohne die letzte Frage, die Maria ihr entgegengehalten: „Und die Ehre meines Gatten?“ zu beantworten. Die Gräfin liess den Brief Napoleons liegen, ohne ihm zu schreiben. Aber das überwältigende Bild dieses Mannes schwand nicht aus ihrer Vorstellung, und sie verbrachte zwei Tage in wachsender Erregung und tiefster Niedergeschlagenheit, die mit Begeisterung und Freude wechselten.

Indessen war die Gräfin Potocka nicht müssig geblieben. Sie erkannte einen Fingerzeig der Vorsehung. Sie sah in Maria das reine Werkzeug des Schicksals.

Kaum hatte ihr Gatte von dem Inhalt der Briefe Napoleons Kenntnis, da setzte er sich mit Poniatowski in Verbindung. Frau von Vauban dachte sogleich an eine Wiederholung der Zeiten Ludwigs XlV., vielleicht gar des XV. Sie sah in Maria Walewska eine jener mächtigen Favoritinnen erwachsen, die das Schicksal Europas in ihren Händen hielt. Sie dachte an eine zweite Pompadour oder Maintenon, ohne einen Moment sich Louise de la Miséricordes zu erinnern, die vor etwa hundert Jahren bei den Karmeliterinnen ihr Leben aushauchte, nachdem sie ihre Jugend dem Sonnenkönig geopfert hatte.

Schnell erfuhr der ganze polnische Hochadel um die Schwäche Napoleons. Man sah die erste und vielleicht einzige Möglichkeit, den Gewaltigen zu sicheren Zugeständnissen zu bewegen. Und sofort waren alle sich einig: Das Opfer musste für Polen gebracht werden, und wenn ein Tropfen polnisches Heldenblut in Maria Walewska floss, so durfte sie sich dem Imperator nicht verweigern, musste sich selber als Opfer auf dem Altare des Vaterlandes darbringen, um damit Polens Wiederaufrichtung zu erringen.

Indessen traf ein dritter Brief Napoleons bei Maria ein — — —

„Es gibt Augenblicke im Leben, wo eine zu hohe Stellung zentnerschwer auf einem lastet. Und dies empfinde ich jetzt bitter. Wie kann ein liebendes Herz das sich Ihnen zu Füssen werfen möchte, aber von’ höheren, lähmenden Umständen in seinen heissesten Wünschen zurückgehalten wird, Befriedigung finden? O! wenn Sie wollten! Nur Sie allein vermögen die Hindernisse zu überwinden, die uns trennen! Mein Freund Duroc wird dazu beitragen, es Ihnen zu erleichtern. O! kommen Sie! kommen Sie! Alle Ihre Wünsche sollen erfüllt werden! Ihr Vaterland wird mir noch teurer sein, wenn Sie Mitleid mit meinem armen Herzen haben!“

N.

Maria las den Brief in grösster Erregung. Da also stand es geschrieben! Er selbst erklärte sich bereit, ihr alle nur erdenklichen Zugeständnisse zu machen, wenn sie nur seinem Rufe folgte. Maria las schon mehr, viel mehr aus den Zeilen, als darin enthalten war. Sie las die Befreiung Polens, sie sah schon die polnische Königskrone auf Napoleons Haupt.

Schon wurde er ihr dadurch, dass er ihr Vaterland erwähnte, teurer. Aber noch zauderte sie. Zauderte, obgleich die Gräfin Potocka im Namen aller Verwandten sprach. Obgleich Poniatowski sie beschwören liess, nachzugeben. Obgleich ihr eigenet Bruder Lascinski sie bestürmte.

Niemand erwähnte ihren Gatten. Er war siebzig Jahre alt. Er war tot für Polen. Welche Rechte also wollte er auf diese Auserwählte geltend machen?

Am Nachmittag erschien die Patriotin Madame Abramowicz bei Maria. Sie las einen Brief vor der die Unterschriften der bedeutendsten Edelleute Polens enthielt und ihr galt.

Ganz Polen beschäftigte sich mit Maria Walewska, ganz Polen drang in sie ein, forderte, zwang sie förmlich durch die Kraft eines gewaltigen, jede andere Erwägung unterdrückenden Patriotismus, nachzugeben.

Es waren Mitglieder der provisorischen Regierung, die Maria Walewska schrieben:

Madame! Geringfügige Dinge bewirken oft Grosses. Die Frauen hatten von jeher einen grossen Einfluss auf die politischen Vorgänge in der Welt. Die Geschichte der entferntesten, gleichwie der allerneuesten Zeit bescheinigt diese Wahrheit. Solange Leidenschaften die Menschen beherrschen, werden diese, hochverehrte Dame, einer der bedeutendsten Faktoren der Macht sein.

Der Mann würde sein Leben hingeben für die gerechte Sache des Vaterlandes, die Frau kann dem Vaterlande nicht mit Waffen in der Hand dienen, ihre Natur widerstrebt dem.

Aber statt dessen gibt es Opfer, die sie bringen kann, ja bringen soll, selbst wenn sie ihr peinlich wären.

Glauben Sie, dass sich Esther dem Ahasver aus Liebe hingegeben hat? War der Schauder, der sie vor seinem Blick erfasste, so, dass sie in Ohnmacht fiel, nicht ein Beweis, dass die Zärtlichkeit keinen Teil an dieser Vereinigung hatte? Sie opferte sich, um ihr Volk zu retten und ihr wurde der Ruhm, es gerettet zu haben!

Möchten wir von Ihrem Ruhme und unserer Wohlfahrt dasselbe sagen können!

Sind Sie nicht Tochter, Mutter, Schwester, Gattin von begeisterten Polen, welche allesamt mit uns jenen nationalen Bund darstellen, welche keine Zahl mehr vergrössern, keine Einigkeit noch festigen kann? Hören Sie auf das, Madame, was ein berühmter Mann, ein Heiliger, ein frommer Diener der Kirche, was Fénélon sagt:

„Die Männer, welche in der Oeffentlichkeit alle Machtvollkommenheit besitzen, können doch durch ihre Beratung nichts wirkungsvoll Gutes schaffen, wenn ihnen die Frauen nicht dabei an die Hand gehen.“

Hören Sie auf diese Stimme, Madame, die sich mit der unsrigen vereint, damit Sie die Freude am Wohlergehen von 20 Millionen Menschen geniessen können! — — —

Da endlich brach der Widerstand der jungen Gräfin. Sie bat Gott um Vergebung für die Sünde, die sie begehen wollte, und empfahl ihren Gatten dem Trost der Patrioten. Sie nahm von ihren Freunden und Verwandten Abschied, als ginge sie dem Tode entgegen — und doch bewies gerade der Aufwand von Energie und Gefühlen, dass ihr Napoleon nicht gleichgiltig war, und dass sie dieses Abenteuer weit mehr fürchtete als etwa verabscheute.

Sie liess also Duroc einige Zeilen überreichen, in denen sie dem Kaiser versprach, Nachts zwischen 10 und 11 Uhr ins Schloss zu kommen.

Gegen Abend liessen sie alle, die ihr zugeredet hatten, allein, und Maria wurde das Opfer der heftigsten Gewissensbisse. Ihre Frauenwürde lehnte sich gegen die Schmach auf, die man ihr zumutete. Sie war nahe daran, dem Kaiser wieder abzuschreiben, aber sie fürchtete sich, nein, sie schämte sich, vor der ganzen Nation, vor sich selber, vor ihm.

Der Brief des polnischen Adels traf nicht das Richtige. Sie war nicht Esther, und Napoleon war nicht Ahasver.

Oder doch?

Sollte er der weichliche, nachgiebige Xerxes sein, der auf Esthers Anstiftung 75000 seiner Untertanen erwürgen liess? Nein, so sollte, so durfte er nicht sein, sonst würde sie nie verwinden können, ihm das höchste geopfert zu haben, worüber sie verfügte: Ihre Tugend.

3.

Bonaparte ging in grösster Unruhe auf und nieder. Es war zehn Uhr. Duroc, sein Vertrauter, war vor einer halben Stunde in einem verschlossenen Wagen fortgefahren, der Maria in die Arme des Kaisers führen sollte.

Es wurde halb elf, Maria kam nicht, Duroc meldete sich nicht.

Der Kaiser wurde unruhig.

Vielleicht war ihnen etwas zugestossen. Er durchsah die Pläne der Polen nicht ganz. Auch mit der Eifersucht des Gatten rechnete er.

Aber dieser Gatte ahnte alles und schwieg.

Er war vom ältesten Adel. Vom Stamme derer, die jedes Fleckchen auf ihrer Ehre mit Blut abwaschen.

Aber er war ein Pole. Und man schrieb das Jahr 1807.

Warschau lag im Schnee. Es war Januar. Vor dem Schloss dehnten sich weithin die verschneiten Gärten. Hier hatte Siegmund III. gestanden, als er geschlagen aus Schweden zurückgekehrt war, später als Sieger über Russland. Hier hatte der unglückliche Stanislaus Poniatowski Abschied von seinem zerstückelten Königreich genommen, das er nie wiedersehen sollte.

Napoleon dachte an all dies nicht. Sein Blick suchte nach einem dunklen Wagen, der über die Wege des Gartens kommen sollte. Er trat verdrossen zurück, ging schnellen Schrittes durch die hohen Säle mit den herrlichen Gemälden und Skulpturen und verweilte einige Zeit in der Bibliothek.

Hier sah er über Warschau: Die mächtige, dreihundertfünfzigjährige Annenkirche, die alten Palais, unter denen das der Zamojski hervorragte. Sein Blick streifte bis zum Parke von Lazienki — der einsame Kaiser ahnte nicht, dass hier der achtzehnte Ludwig mit dem Drei-Lilien-Wappen einmal seinen Sturz abwarten würde, um sich auf den Thron zu setzen, den der Sohn der grossen Revolution den Bourbonen geraubt hatte.

Wieder kehrte der Kaiser zu seinem Beobachtungsposten zurück.

Da sah er einen Wagen, den zwei dampfende Pferde die terrassenförmig aufgebaute Strasse emporzogen.

Die Chaise hielt vor dem Portal. Eine dicht verschleierte Dame stieg aus. Ihr folgte der Marschall.

Selbst der Mantel liess die zarte Zeichnung ihrer Figur erkennen. Sie stützte sich schwer auf Durocs Arm.

Als sie aber an seiner Seite die grosse Halle des Schlosses betrat, verliessen sie die Kräfte. Von Angst, Scham und Reue betäubt, sank sie zu Boden.

Duroc fing sie in seine Arme auf. Nun er schon die Beute bis hierher gebracht, hatte er nicht Lust, sie sich entgleiten zu lassen. Maria Walewska äusserte auch keinen solchen Wunsch.

Duroc nahm sie in seine Arme und trug sie rasch entschlossen die Marmortreppe hinauf bis zu den kaiserlichen Gemächern.

Dort liess er sie niedergleiten.

Maria brach in Tränen aus. Der Marschall öffnete die grosse Flügeltüre in das Gemach, wo der Kaiser stand, und meldete: „Die Frau Gräfin Walewska.“

Da trat sie wie im Traume ein.

Duroc schloss hinter ihr die Türe.

Maria sah auf. Vor ihr stand der Kaiser und blickte sie an. Da verdoppelte sich ihre Erregung, und sie schluchzte so heftig, dass Napoleon sie schnell zu einem Sessel geleitete und dort sorglich hingleiten liess.

Aber sie wurde nicht ruhiger. Sie weinte in einem fort.

Napoleon war erst ein wenig verwirrt über diesen Zustand.

Noch war keine Frau mit Tränen zu ihm gekommen. Er suchte sich daher Marias Vertrauen zu erringen. Er dachte nicht daran, sie etwa ärgerlich zu behandeln. Sie war keine Frau vom Schlage jener, die durch eine Entehrung sich in ihrer Eitelkeit geschmeichelt fühlen, weil der Mann, der sich um sie bemühte, der Kaiser war.

Napoleon begriff, dass diese Frau sich nicht dem Kaiser, sondern dem Manne ergeben würde.

Darum wappnete er sich mit Geduld. Er empfand Mitleid mit ihrer Schwäche, zog einen Stuhl heran, nahm ihre Hand in die seine und zog sie an seine Lippen.

Erst stammelte er etwas von Dank. Aber dann wurde er ganz ruhig.

„Warum weinen Sie, Maria?“ fragte er. „Haben Sie Furcht vor mir?“

Sie nickte.

„Warum fürchten Sie mich?“ fragte er leise und suchte die Hand von ihrem tränenüberströmten Antlitz zu entfernen. Nie erschien sie ihm rührender als in dieser Hilflosigkeit. Er wiederholte: „Warum fürchten Sie mich? Hat man Ihnen erzählt, dass ich ein Barbar bin?“

Sie schwieg. Aber allmählich wurde sie zutraulicher. Sie hatte sich ihn anders gedacht, und anders hatte man ihn ihr geschildert. Sie wagte, ihm in die Augen zu sehen.

„Sire, man hat mir gesagt ..“

„Was hat man Ihnen vorgeplaudert, meine Kleine?“

„Dass Sie brutal seien .. und ich hatte gefürchtet ...“

„Sie sollen aufhören, sich zu fürchten, Maria. Das ist das Erste und zunächst Einzige, worum ich Sie bitte. Wollen Sie dem Kaiser der Franzosen diesen bescheidenen Wunsch erfüllen?“

Der Klang seiner Stimme war zärtlich. Ganz anders als sonst. Maria hatte ihn nur auf dem Paradefeld und im Ballsaal sprechen gehört.

Und es war ihr, als seien das drei ganz verschiedene Napoleons.

Sie gewann Vertrauen.

Und sie fand den Mut, unter Tränen zu lächeln, als er wie zu einem Kinde sprach.

„Sire, ich hätte nie den Mut gefunden, zu Ihnen zu kommen, wenn nicht ...“

„Wenn nicht?“ Napoleon erwartete, ein Wort der Liebe zu hören.

„Wenn nicht die Befreiung Polens mir so sehr am Herzen läge. Ich bin bereit, mein Leben für mein Vaterland zu opfern.“

Ueber Napoleons Züge huschte ein Schatten.

Er begnügte sich zu sagen:

„Sie sollen nicht umsonst gekommen sein.“

„Sagt dies der Kaiser?“

„Dies sagt der Kaiser. Aber Bonaparte, der Mann, fragt, ob es nie möglich sein wird, dass ihn Maria Walewska ein wenig lieb gewinnt.“

Bezaubert von seiner Zurückhaltung, seinem Takt und seiner Liebenswürdigkeit sah die Gräfin mit strahlenden Augen zu ihm auf.

„Nun?“ fragte der Korse.

„Ich weiss es nicht,“ entgegnete Maria mit einem leisen Anflug von Koketterie, in der sich zum erstenmal an diesem Abend das Weib zeigte.

Napoleon, der die Galanterie des Despoten nie verleugnete, selbst jetzt nicht, sagte:

„Sie sind wie eine Jungfrau, Gräfin,“ worauf Maria purpurrot wurde und zu Boden sah.

Er nahm ihre beiden Hände.

„Wie konnte diese Blume an einen Mann verheiratet werden, der fast viermal so alt ist?“

„Sire, dies ist eine einfache und doch traurige Geschichte. Man gestattete mir nicht, den Mann zu heiraten, den ich liebte.“

„Ah,“ machte Napoleon, während eine Wolke auf seiner Stirne erschien, „Sie haben bereits geliebt, Madame?“

„Mädchenträume, Sire.“

„Sie sind verflogen?“

„Ja, Sire.“

„Sie lieben diesen Mann nicht mehr?“

Maria lächelte über den Eifer dieser Fragen, aus denen unverhohlen genug die Eifersucht sprach, und schüttelte den Kopf. „Unser Adel ist uralt und gehört zu der eingesessenen Aristokratie Polens. Aber die Familie ist verarmt und wir waren sechs Geschwister.“

„Ihr Vater hat eine hohe Stellung in Polen bekleidet?“

„Sire, das war in dieser Zeit der allgemeinen Wirren nicht möglich. Auch starb mein Vater, als ich noch ganz klein war. Ich habe ihn eigentlich nie gekannt und nur die Erinnerung an unsere gute Mutter behalten, die ihr ganzes Leben lang gekämpft hat, um unser altes Erbgut zu retten. Sie sandte uns Mädchen in Warschauer Pensionen, damit wir etwas lernten, und man lehrte uns französisch, deutsch, unterrichtete uns in Musik und auch im Tanz.

So war meine Bildung nicht eben abgeschlossen, als ich aus der Pension nach Hause zurückkehrte, und es blieb mir überlassen, mich weiter auszubilden.“

„Das haben Sie getan.“

„Sire, ich habe von Jugend auf ein grosses Interesse für die schönen Künste und die Wissenschaften gehabt. Denen wandte ich mich zu, und ich war bemüht, mich mit allen grossen Männern der polnischen Kunst und Literatur vertraut zu machen.“

„Und Sie vernachlässigten unsere grossen Franzosen.“

„Nein, Sire. Aber ich war auch in der Kunst Patriotin.“

„Und wie kam es, dass der Graf ...“

„Sire, ich habe in der glücklichen Zeit, von der ich eben sprach, nur zwei heilige Dinge gekannt: Die Liebe zu Gott und mein Vaterland. Mehr verstand ich nicht, und die Liebe war mir ein siebenfach verschlossenes Tor.“

„Wie auch jetzt noch,“ warf Napoleon lächelnd ein.

Maria errötete und zauderte einen Moment, fortzufahren. Aber der Kaiser ermutigte sie durch eine Handbewegung.

„Ich hätte nie einen Russen oder Preussen heiraten wollen, denn beide waren Feinde unseres Landes. Trotzdem wollte es das Unglück, dass ich mich in einen Russen verliebte ..“

„Ah...“ machte der Kaiser wieder.

„Er war ein liebenswürdiger und, wie ich glaube, auch guter Mensch,“ wandte Maria wie zu ihrer Entschuldigung ein.

„Er war jung?“

„Nicht eben, Sire.“

„Und hiess?“

„Iwanowitsch Platow.“

Der Kaiser prägte sich sogleich mit der ihm eigenen Sicherheit diesen Namen unauslöschlich in sein Gedächtnis ein. Er kannte diesen Russen wohl. Vor 25 Jahren schon hatte Platow unter Suwarow an der Krim mit Auszeichnung gefochten. Seit sechs Jahren war er Hetman des donischen Heeres, Oberkommandierender aller russischen Kosaken, ein gefährlicher Feind des Kaisers, der auch jetzt gegen ihn im Felde stand.

Aber er liess sich nichts von seinen Empfindungen merken. Maria fuhr fort:

„Ich konnte seine Frau nicht werden, denn er war Russe, auch nicht vom Adel. Seine Tapferkeit allerdings war ein Freibrief auf eine ruhmvolle Laufbahn — aber er war Russe. Ich musste ihn vergessen.“

„Es fiel Ihnen nicht leicht, Madame?“

„Nein,“ erwiderte Maria ehrlich. Das Gesicht des Kaisers verfinsterte sich. Aber die junge Frau bemerkte es nicht.

„Mein zweiter Freier war der Graf Anastasius Colonna von Walewice Walewski. Er war bereits das zweite Mal Witwer. Sein ältester Enkel war um meun Jahre älter als ich, aber — er war reich.“

„Und Maria Lascinski hat sich — verkauft?“

Maria wurde bleich und sah den Kaiser erschrocken an, der plötzlich — nur für einen Augenblick — die Maske fallen liess und den rücksichtslosen Cäsar zeigte.

„Sire,“ stammelte sie kaum hörbar, „dort, wo unser Stammschloss stand, war er der höchste Herr. Wir kamen oft an seine Mittagstafel. Er war gegen uns ein Fürst. Bei dem verstorbenen König hat er als Kammerherr Dienst getan. Er trug das blaue Band des weissen Adlerordens. Er ist der Senior eines der ältesten Geschlechter Polens. Sein Stammbaum reicht bis zu den römischen Colonnas, und seine Ahnherren waren jene Männer Stefano und Sciarra, die nach abenteuerlichen Schicksalen und erbitterten Kämpfen um Roms willen ihr Leben liessen. Das Blut jenes Prospero fliesst in seinen Adern, der den Franzosen Italien in blutigen Siegen entriss, und dem sein Vaterland den Beinamen gab: Paganorum defensor et italicae gentis pater.“

„Darum heirateten Sie ihn, den Siebzigjährigen?“

„Sire, ich achtete und ehrte ihn. Aber meine Familie wurde nicht müde, mir zuzureden, ihn zu lieben. Er warb um mich, aber der Gedanke, seine Frau zu werden, warf mich aufs Krankenlager, und ich schwebte vier Monate lang zwischen Leben und Tod.“

„Und dann liess man noch immer nicht von Ihnen ab?“

„Genesen, führte man mich zum Altar. Ich war nicht viel älter als fünfzehn Jahre, und von da an lebte ich in Zurückgezogenheit und einsam auf Schloss Walewice.“

„Arme Frau!“

„Sagen Sie das nicht, Sire! Ich war reich in meinem Glauben an Gott und in den Träumen, mein Vaterland wieder gross und stark zu sehen. Als die Kunde von Ihren Siegen zu mir drang, da setzte ich alle meine Hoffnung auf Ew. Majestät.“

„Man hat Ihnen von mir erzählt?“

„Sire, das war nicht nötig. Ich kenne die Geschichte all Ihrer Schlachten.“

„Und Sie schwärmten nicht ein klein wenig von mir?“

„Es gibt keinen guten Polen, der nicht alles von Ew. Majestät erwartet. Ja, ich gestehe, dass ich auf die Kunde, Ew. Majestät nähere sich Warschau, Ihnen nach Pulstuck entgegeneilte und unter den Leuten stand, die Ihren Reisewagen in dem kleinen Städtchen Bronie umstanden. Nur, um Sie zu sehen.“

Maria wurde immer eifriger und zutraulicher. Sie ging aus sich heraus, stand Rede und Antwort, weihte den Kaiser wie einen guten Freund in die Geheimnisse ihres Hauses ein, führte ihn durch ihre Mädchenjahre, zeigte ihm die leuchtenden Bilder ihrer ersten Jugend und brachte ihn durch kleine, sonderbare Mädcheneinfälle zum Lachen. — Sie weckte sein Interesse für alle die vielen Nebensächlichkeiten, die das Herz und den Kopf einer jungen Frau von achtzehn Jahren füllen.

So sassen sie Hand in Hand.

Napoleon musste schliesslich von seinen Feldzügen berichten. Er tat es mit dem Feuer, das ihm in solchen Augenblicken beim Sprechen eigen war und das seltsam von seiner Haltung während des Erlebnisses selbst abstach. Denn in den Schlachten bewahrte er in allen Phasen eine eiserne Ruhe. —

Durch die hohen Fenster stahl sich der Morgen.

Maria erhob sich schnell.

„Sire, es wird Tag.“

Napoleon lächelte über ihren Schrecken.

„Sie sind also einer grossen Gefahr entronnen, Maria.“

Sie lächelte ihn schelmisch an.

„Ich glaube nicht.“

„Warum jetzt nicht mehr?“

„Ich habe aufgehört, den Kaiser zu fürchten.“

„Und werden lernen, ihn zu lieben?“

„Der Kaiser begehrt nur den Leib der Frauen, auf die sein Auge fällt.“

„Sie täuschen sich, Maria,“ entgegnete Napoleon mit Wärme. „Die Frauen, die Napoleon lieben könnte, wissen ihm nicht mehr zu bieten. Die Gräfin Walewska aber bittet Bonaparte um ihr Herz.“

„Was könnte ich Ihnen sein?“ fragte Maria nicht ohne den Wunsch, das Gespräch auf Polen zu lenken.

„Coer-Dame. Ist das zu wenig?“

„Es ist mehr, als ich vielleicht ertragen könnte, zu fassen vermöchte,“ entgegnete sie hastig.

Denn in diesem Augenblick fühlte sie, dass sie den kleinen Mann, der den schönsten Kopf Europas hatte, Liebte.

„Und Sie versprechen mir, wieder zu kommen?“

„Ich verspreche es Ihnen.“

„Morgen?“

„So schnell es mir möglich ist.“

„Und so bald Sie der Wunsch treibt, Polen durch mich zu befreien,“ ergänzte Napoleon bitter.

Sie schüttelte den Kopf. Aber sie blieb stumm. Napoleon selber hüllte sie in Mantel und Schleier.

Der getreue Duroc wartete. Er geleitete sie zum Wagen. Sie schlüpfte hinein. Noch einen schnellen, verstohlenen Gruss warf sie zu dem Fenster empor, hinter dem Napoleon stand.

Dann rollte der Wagen fort.

In dieser Nacht hätte Napoleon Bonaparte eine der reizendsten und liebenswertesten Frauen der Erde besitzen können. Er hatte darauf verzichtet und für das versäumte Vergnügen das Höchste eingetauscht, was einem Manne, und wäre er der Herr der Welt, geschehen kann:

Er wurde geliebt.

4.

Napoleon war in dieser Zeit mehr beschäftigt denn je. Es galt, von Warschau aus Paris in Aufregung zu erhalten. Sein unermessliches Reich musste immer und überall eine nimmermüde Hand verspüren, und keinen Augenblick durfte die Kraft nachlassen, die alles zusammenhielt:

Spanien unter der Militärgewalt, England in Schrecken und Aergernis, die Rheinbundfürsten im Bündnis, Preussen in Angst, Oesterreich in Sorge, Russland im Ungewissen.

Breslau hatte kapituliert. Napoleon erfuhr es in den ersten Tagen des Januar. Ein württembergisches Armeekorps hatte die Festung Glogau genommen. Der Kaiser ordnete an, dass ein Teil der Siegesbeute an Standarten dem Könige von Württemberg übersandt werden sollte, dazu zehn Kreuze der Ehrenlegion, um sie unter den Tapfersten zur Verteilung zu bringen. So hielt der Kaiser den Ehrgeiz der Rheinbundfürsten rege.

Am frühen Morgen traf eine Estaffette von Bernadotte ein. Er trieb das Kriegshandwerk damals noch nicht wie ein spitzfindiger Advokat den Prozess seines Gegners. Er war einer der Helden der Schlacht von Austerlitz gewesen und hatte im Juni des vergangenen Jahres das Fürstentum von Pontecorvo zur Marschallswürde erhalten. Im selben Jahre hatte er mit dem ersten Armeekorps den General Tauentzien von der preussischen Hauptarmee abgedrängt und am 15. Oktober den Prinzen von Württemberg bei Halle geschlagen.

Erst ein Jahr später sollte dieser ehrloseste aller Marschälle Napoleons Kronprinz von Schweden werden. Er konnte nie vergessen, dass Bonaparte ihm am 18. Brumaire durch den Staatsstreich die erhoffte Diktatorwürde geraubt hatte.

Bernadotte also hatte bei Mohrungen die Generäle Pahlen und Galitzin geschlagen und etwa dreihundert Gefangene gemacht, über tausend Feinde auf der Walstatt gelassen.

Während der Kaiser die etwas phantastische Siegesschilderung dieses Marschalls las, diktierte er seinem Sekretär eine Botschaft an den Senat.

Er befand sich in bester Laune. Der Sultan hatte an Russland den Krieg erklärt, Persien bereitete Unruhen vor. Beides hatte der Kaiser seiner geschickten Politik und dem Wirken seiner Diplomaten, die durch seine schnellen Siege unterstützt wurden, zu verdanken.

„Schreiben Sie, Meneval:

An den Senat von Frankreich. Wer könnte die Dauer der Kriege, die Zahl der Feldzüge berechnen, um das Unglück wieder gut zu machen, das die Folge des Sturzes des türkischen Reiches zu Konstantinopel sein müsste? Wir würden in diesem Falle eine lange Erbschaft von Kriegen und von Unglück hinterlassen. Sollte die griechische Tiara wieder von der Ostsee bis zum Mittelmeer triumphierend aufgerichtet werden, so würden wir noch bei unseren Lebzeiten unsere Provinzen von einem Volk von Fanatikern und Barbaren angegriffen sehen ...“

Die Botschaft wies zum Schlusse das Verlangen des Senats, der Kaiser möchte in Bälde Frieden schliessen, energisch zurück. Nur auf die Erfolge der Waffen konnte sich der Friede mit den nordischen Völkern stützen, und dieser Zeitpunkt war wohl nahe, aber noch nicht gekommen.

Dann prüfte der Kaiser die eingelaufenen Bittschriften.

Eine davon lautete:

Sire! Mein Taufschein datiert vom Jahre 1690. Ich bin daher gegenwärtig 117 Jahre alt. Ich erinnere mich noch der Schlacht bei Wien und der Zeiten Sobieskis. Ich habe nicht erwartet, das Zeitalter Alexanders sich erneuern zu sehen. Ich nehme die Gnade des grossen Napoleon in Anspruch, da ich als mehr denn hundertjähriger Greis ausser Stande bin, zu arbeiten. Mögen Sie so lange als ich leben, Sire. Ihr Ruhm bedarf zwar dessen nicht, wohl aber das Glück des menschlichen Geschlechts. Narocki.

Der Kaiser befahl, dem Greis eine Jahrespension von hundert Napoleons’dor auszusetzen und ihm die erste Jahresrate gleich auszubezahlen.

Dem Marschall Bernadotte schrieb er, er sei hoch erfreut über das Vorrücken der Russen. Bernadotte möge scheinbar zurückgehen und die Moskowiter nach der niedern Weichsel locken.

Indessen war es elf geworden. Der Kaiser zog sich in sein Privatkabinett zurück und schrieb sogleich an Maria Walewska einen Brief, dessen Inhalt von der Aufregung zeugte, in der er sich befand.

Maria, meine süsse Maria, mein erster Gedanke gehört Dir! Mein erster Wunsch ist, Dich wiederzusehen! Nicht wahr, Du kommst wieder? Du hast es mir versprochen. Wenn nicht, dann fliegt der Adler zu Dir. Ich werde Dich zum Diner sehen. Nimm, ich bitte Dich flehentlich, diesen Strauss an: Er soll ein geheimer Vermittler unserer Gefühle inmitten der uns umgebenden Menge sein. Den Blicken der Menschen ausgesetzt, werden wir uns verständigen können. Wenn ich meine Hand auf mein Herz lege, dann weisst Du, dass es ganz mit Dir beschäftigt ist, und als Antwort drückst Du Deinen Blumenstrauss an Dich. Ach, liebe mich, meine reizende Maria! Möchte Deine Hand niemals das Bukett verlassen. Napoleon.

Der Kaiser klingelte.

Constant erschien in der Minute.

„Duroc möge kommen.“

Der Freund trat ein.

Napoleon übergab ihm den Brief, nachdem er ihn eigenhändig versiegelt hatte.

„Kaufen Sie in dem vornehmsten Juweliergeschäst den kostbarsten Schmuck, den Sie auftreiben können, Marschall. Ich verlasse mich auf Ihren vornehmen und geschulten Geschmack. Ueberbringen Sie ihn zugleich mit einem Strausse gezüchteter Rosen der Gräfin.“

Duroc ging. Napoleon ritt indessen nach dem Paradefeld, um die Revue über die junge Garde abzunehmen, die sich mit ihm in Warschau befand.

Als er ins Schloss zurückkehrte, wartete Duroc mit den erworbenen Diamanten.

„Sire, der Brief und die Blumen wurden angenommen. Der Schmuck wurde mir zurückgegeben.“

Der Kaiser lächelte:

„Daran erkenne ich sie ...

Aber am Abend erschien Maria, schön wie ein Gemälde des berühmten Malers Gerard (der sie später noch verewigen sollte) — doch ohne die Blumen. Sie ging nicht auf die durch Ungeduld und Sehnsucht diktierte Zeichensprache des Kaisers ein, und vergeblich suchte dieser nach den Vermittlern seiner Gefühle

Aber ein Blick in ihre Augen überzeugte ihn, dass seine Worte nicht ohne Eindruck geblieben waren. Noch zeigten diese klaren blauen Sterne die Spur vergossener Tränen. Aber ein süsses Lächeln um den Kindermund der zarten jungen Frau brachte dem Kaiser die Gewissheit ihrer Liebe, und die Wehmut, die über ihren Zügen lag, machte sie ihm nur noch teurer. Er fand keine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Denn so gross und aufrichtig seine Gefühle für Maria Walewska auch waren, vermied er doch mit ebensoviel Takt wie Vorsicht, sie zu kompromittieren. Er wusste recht gut, dass ungezählte Späheraugen auf ihn gerichtet waren.

Was der Kaiser tat, wurde zehnfach gewertet.

Und niemand sollte ein Recht haben, auf Maria Walewska herabzusehen.

Aber doch wussten mehr um das Geheimnis, als Napoleon ahnte.

Ganz Polen wartete voll Spannung auf den Ausgang dieser Idylle, die über das Schicksal des Landes entscheiden sollte.

Maria bereute schon bitter, ihre Freundin Anna Potocka in des Vertrauen gezogen zu haben. Sie dachte an diesem Abend lange nicht so sehr an Polen als an ihn.

Sie musste sich gestehen, dass er nicht nur die Macht besass, dass er sie auch verkörperte. Dass er ebenso liebenswürdig wie stark, ebenso rücksichtsvoll wie unwiderstehlich war. Sie kämpfte vergeblich gegen eine Liebe, die ihr junges Herz ergriff. Da sie niemals vorher geliebt hatte und trotz ihrer Ehe wie eine Jungfrau empfand, so ergriff sie diese Leidenschaft mit doppelter Kraft und hielt sie vollständig gefangen. Sie sah nur ihn, sie dachte nur an ihn.

Und als das glänzende Diner zu Ende war, da eilte sie an das Portal des Gartens, der sich an ihr Palais schloss, und stieg, ohne zu zögern, in den Wagen, der dort schon seit einer Stunde harrte.

Wieder begleitete sie Duroc als getreuer Adjutant. Festen Schrittes ging Maria Walewska an diesem Abend über die Treppen zu Napoleons Gemächern. Und als Duroc lautlos hinter ihr die Türe geschlossen hatte, da sank sie willenlos in die ausgebreiteten Arme des Kaisers.

Erst in den frühen Morgenstunden fuhr Maria in ihr Palais zurück. Die Schwestern ihres Gatten, die durch die Gräfin Potocka eingeweiht waren, erwarteten sie. Es waren die Fürstinnen Jablonowska und Birginska. Jene war eine Urenkelin des berühmten Kronfeldherrn und Reichsfürsten, der Schrecken der Türken. Aber so glühend lebte in allen Polen und Polinnen der Wunsch, dem Vaterlands zu nützen, die teure Erde von den verhassten Feinden zu befreien, dass diese beiden Fürstentöchter nichts Entehrendes in der Rolle sahen, die Maria übernommen hatte. Sie beglückwünschten sie zu ihrer Stellung und trafen Anstalten, die Ehescheidung zwischen dem alten Walewska und Maria in die Wege zu leiten.

Der gesamte polnische Adel stand hinter der achtzehnjährigen jungen Frau.

Sie aber wurde ihrer Mission nicht froh. Denn sie war glücklich, ihm anzugehören, ohne einen Augenblick mehr zu wollen oder weiter zu denken.

Sie war Polin. Aber man hatte das Weib in ihr geweckt.

Und dieses war stärker als die Vaterlandsliebe, stärker als alles, was Maria Walewska bis dahin heilig gegolten hatte.

Sie fehlte von nun an bei keinem Diner, bei keiner Festlichkeit.

Es genügte Napoleon nicht, sie des Nachts in seinen Armen zu halten. Er musste sie immer in seiner Nähe wissen, denn seine Liebe für Maria war kaum geringer als die ihre zu ihm. Und mitten in welterschütternden Plänen und zwischen blutigen Schlachten liebten sie sich, waren glücklich, sich lieben, nur lieben zu dürfen.

5.

Die Kaiserin wurde ungeduldig. Es war vereinbart worden, dass Napoleon sie nach Warschau kommen lassen würde. So war sie nach Mainz gereist und wartete hier auf weitere Nachrichten. Kurrier um Kurrier traf von ihr in Warschau ein und meldete ihre Ungeduld. Aber Napoleon konnte jetzt Josephine nicht gebrauchen.

Seine Liebe zu ihr war anderer Art als zu Maria. Sie war die Gefährtin seiner Jugend, die Zeugin seiner Erfolge, die Freundin, die er nicht hätte missen können. Aber die Zeiten, wo er als General Bonaparte aus dem italienischen Feldzug schrieb:

„Meine einzige Josephine! Fern von Dir gibt es keine Freude für mich! Fern von Dir ist die Welt eine Wüste, in der ich einsam und verlassen stehe“ — diese Zeiten waren durch Josephinens Schuld vorüber. Die Liebe Bonapartes hatte sich in die echte Freundschaft des Kaisers gewandelt. Aber die heisse, korsikanische Liebe brach immer wieder in Napoleon durch, und nun gehörte sie Maria Walewska, ihr allein.

Er hielt Josephine hin. Die Wege seien zu schlecht, der Kaiserliche Reisewagen würde im Moraste stecken bleiben. Zum Schluss sei sein Aufenthalt in Warschau nur mehr nach Tagen bemessen, denn er erwarte stündlich eine entscheidende Bewegung der russischen Armee.

Talleyrand, Napoleons Minister des Aeussern, war auch in vielen privaten Dingen sein Vertrauter. Der Kaiser, sonst so sicher in der Beurteilung seiner Umgebung, liess sich von diesem Manne täuschen, die erste Zeit vielleicht bewusst, denn er musste den Diplomaten schätzen, der ihm den Staatsstreich erleichtert und die Friedensschlüsse von Lüneville und Amiens durchgesetzt hatte, der das Konkordat in Frankreich begründete und in diplomatischen Fragen stets am klügsten zu raten wusste.

Napoleon bedachte nicht, dass Talleyrand aus jenem Adel war, der dem Emporkömmling aus Korsika ewig die Macht missgönnte. Dass dieser Mann mit dem lahmen Bein erst Priester, dann Politiker, dann Kaufmann und schliesslich Minister gewesen war. Er verzieh ihm die Heirat mit Madame Grant, zu der Papst Pius VII. seinen Segen gegeben, obgleich sie die grösste Dirne Frankreichs war, die nacheinander Tallien, Barras, Ouvrards und noch einem Dutzend anderen Männern angehört hatte. Er war überhaupt sehr nachsichtig gegen diesen geborenen Verräter und Spieler, dem der Spekulant im Blute lag, gleichviel, ob das Objekt ein goldener Einsatz oder eine Kaiserkrone war.

Vielleicht entschuldigte der spöttische Geist und die überlegene Ironie, die der Diplomat besass, ihn in den Augen Napoleons. Jedenfalls war er es, der die pikanten Abenteuer des Kaisers in der Pariser Hofgesellschaft kursieren liess, ohne dass der Imperator darauf gekommen wäre, wer der Schwätzer war.

Talleyrand war längst in die Warschauer Sensation eingeweiht, schneller vielleicht als der Polizeiminister Fouché in Paris. Er machte Napoleon nach dem Diner einige diskrete Vorstellungen wegen der Kaiserin.

Aber Napoleon erwiderte ihm kalt:

„Ich bin nicht ein Mann wie andere, und die Gesetze der Moral und Schicklichkeit können nicht auf mich angewandt werden.“

„Aber auf die Kaiserin,“ entgegnete Talleyrand.

Darauf der Kaiser lächelnd:

„Sie soll und wird mir keine Vorwürfe machen. Ich werde diese Angelegenheit auch nicht vor ihr verheimlichen. Die Untreue eines Mannes hinterlässt für ihn nicht die geringste Spur. Die Frau wird zwar zuerst ärgerlich sein, vergibt jedoch. Manchmal gewinnt sie sogar dabei. Nicht dasselbe ist es mit der Untreue der Frau. Wer bürgt dafür, dass ihr Fehler keine Folgen hinterlassen hat? Das Unheil ist nicht wieder gut zu machen, und deshalb darf und kann sie nicht dasselbe tun wie der Mann. Die Verpflichtung der Frau ist Unterwürfigkeit und Abhängigkeit.“

Talleyrand, der, wie die Aufführung seiner Gattin bewies, nicht die Mannesgabe besass, solche Theorieen in die Tat umzusetzen, erwiderte etwas spöttisch, dass unter solchen Gesichtspunkten die Liebe nicht eben allzureich bedacht würde.

Der Kaiser, der den Stachel fühlte und wohl ahnte, dass der schlaue Fuchs ihn wegen Maria Walewska ausholen wollte, erwiderte gelassen:

„Wissen Sie noch nicht, Fürst, dass die Liebe nicht für mich geschaffen ist? Was ist überhaupt Liebe? Eine Leidenschaft, die alles, die ganze Welt links liegen lässt und nur den angebeteten Gegenstand sieht. Bin ich dazu geschaffen, mich einer solchen Einseitigkeit hinzugeben?“

Ohne die Antwort seines Ministers abzuwarten, erhob sich Napoleon.

Als er sein Kabinett betrat, erwartete ihn eine Botschaft Bernadottes.

Der Kaiser las sie, befahl augenblicklich Rustan, seinem getreuen Mameluken, die nötigsten Effekten bereit zu halten, und reiste am selben Tage ab, ohne Maria Walewska noch einmal gesehen zu haben.

Es war in der Nacht des 31. Januar. Eine der mörderischsten Schlachten, die die Weltgeschichte kennt, sollte geschlagen werden.

Kurz vor seiner Abreise schrieb Napoleon der Geliebten:

„Ich ziehe in den Krieg, Maria. Erwarte in Kürze meine Nachrichten, es soll nichts auf Erden geben, das imstande wäre, uns zu trennen.“

Im Feldlager fand Napoleon noch Zeit, den Kurfürsten von Sachsen zum König zu erheben. Unter den legitimen Fürsten war dieser sein treuester Freund, der einzige jedenfalls, der es mit Versprechungen und Eidschwüren genau nahm. — Die übrigen Souveräne stutzten sich ihre Moral nach Gutdünken zurecht.

Murat erwartete den Kaiser in Willenberg. Bei Passenheim traf Napoleon mit seiner Armee auf die Russen, aber diese gingen sogleich nach Suktdorf zurück.

Die Russen und die letzten Trümmer der preussischen Armee wurden von dem General Bennigsen kommandiert.

Napoleon, der schon der Meinung war, die Moskowiter seien eingeschlossen, warf sich mit der Garde und dem dritten und siebenten Korps auf sie und befahl Soult, die Brücke bei Bergfried zu stürmen, um den linken Flügel des Feindes zu umgehen.

Zwölf russische Bataillone verteidigten die Brücke mit Heldenmut. Aber der Marschall führte im Sturmschritt seine Kolonnen heran und warf den Feind mit unwiderstehlicher Gewalt. Die Russen liessen vier Kanonen und viele Tote zurück.

Nun folgten in kurzen Abständen die Gefechte von Waltersdorf, Deppen, Hoff, in denen die Franzosen siegreich blieben.

Am 6. Februar standen sich Franzosen und Russen mit den verbündeten Preussen auf die Entfernung eines Kanonenschusses bei Preussisch-Eylau gegenüber.

Napoleon verliess in aller Morgenfrühe sein Zelt und bestieg sein weisses Schlachtross, auf dem er nicht nur den eigenen Soldaten, sondern auch dem Feinde weithin sichtbar war. Denn zu jener Zeit waren die kämpfenden Parteien nicht weit getrennt, und die Siege der Napoleonischen Armee beruhten in der Hauptsache auf verwegenen Reiterangriffen und wütenden Bajonettstürmen.

Mit diesen beiden Waffen wusste der Korse unvergleichlich zu operieren.

Der Kaiser sah sofort, dass es diesmal zu einer entscheidenden Schlacht kommen würde. Bennigsen hatte an Artillerie an sich gezogen, was er nur in der Eile hatte erreichen können. Er leitete die Schlacht durch eine fürchterliche Kanonade ein, was Napoleon bewog, gleich zu Beginn des Kampfes umfassende Massregeln zu treffen, um seine Truppen bis zum letzten Mann einsetzen zu können.

Schon im Morgengrauen rasselten die wertvollen Batterieen der Garde hinaus. Das war das Zeichen für die ganze Armee: Der Tag würde heiss werden.

Es herrschte ein wildes Schneegestöber. Ein eisiger Wind pfiff über das Feld und trieb Napoleon die Flocken ins Gesicht, dass er unausgesetzt das Fernglas wieder absetzen und reinigen musste.

Man sah nur sehr verschwommen den Aufmarsch der feindlichen Armee.

In diesem Augenblick trug das eherne Gesicht Napoleons keinen Schimmer einer Erinnerung an gestern. Kein Zug ähnelte mehr mit jenem hinreissenden Lächeln, durch das er Männer und Frauen zu bezaubern verstand.

Es gab vielleicht keinen Menschen auf Erden, der so die Gabe besass wie er, sich zu konzentrieren. So, wie er seine Angriffe stets mit grösster Geschicklichkeit in entscheidenen Momenten auf einen Punkt zu dirigieren wusste, verstand er es, seinen Geist nur auf den einen Tag, auf die einzige Aufgabe, die jetzt vor ihm lag, einzustellen.

Der Kaiser gab Befehl: Der Marschall Augereau sollte mit seinem Armeekorps direkt auf das Feuer der Russen losmarschieren.

In solchen Augenblicken dachte Napoleon an keine Schonung der Soldaten. Augereau war der Mann, im fürchterlichsten Kugelregen wie auf der Parade zu kommandieren. Seit zwei Jahren war er Herzog von Castiglione. Aber er hatte sicher noch nicht die Hoffnung aufgegeben, einst Kaiser von Frankreich zu werden, denn es gab kein Ziel, das seinem Ehrgeiz zu hoch gespannt gewesen wäre. Inzwischen vergoss er sein Blut für Napoleon, der ihm himmelweit überlegen war.

Dieser Sohn eines Pariser Obsthändlers, ehemaliger Deserteur und Fechtmeister, führte also sein Korps durch den dichtesten Kugelregen vorwärts.

Aber der Schnee war gefährlicher als die Gewehrkugeln und Kartätschen. Er bildete einen beweglichen, undurchdringlichen Schleier.

Er verlegte Augereau die Aussicht, und da dieser Marschall nur eines kannte: Vorwärts marschieren — gleichviel wohin, so verlor er die Richtung und befand sich auf einmal mitten im russischen Flügel, zwischen den feindlichen Generälen Tuschukoff und Doctorow.

Die Kolonnen formierten augenblichlich Karrées, aber es war nicht mehr möglich, sich klar zu verständigen. Der Marschall versuchte, aus diesem Labyrinth herauszukommen, aber der Feind hatte seinen Vorteil sogleich bemerkt und trieb die in Unordnung geratenen Bataillone auseinander. Augereau, wie ein Löwe fechtend, versuchte immer von neuem, seine Korps zu sammeln, bis eine Kugel ihn vom Pferde riss. Seine Soldaten schafften ihn aus dem Getümmel.

Aber von dem ganzen Korps war nicht mehr viel übrig.

Starr vor Schrecken sahen die Adjutanten Napoleons, sein ganzer Stab, was geschehen war, als das Schneegestöber ein wenig nachliess. Die ganze französische Armee war in Gefahr, umgangen zu werden. Es war ein kritischer Augenblick, und eigentlich konnte sich niemand denken, wie das schon unvermeidliche Unglück noch aufgehalten werden könnte, denn schon waren die Russen, ermutigt durch die Schlappe Augereaus, auf der ganzen Linie im Vorrücken.

Der Caesar wandte sich kalt und ruhig an seine Ordonnanzen:

„Die Marschälle Murat und Bessières mit siebzig Schwadronen gegen das Zentrum.“

Ein echt napoleonnischer Befehl. 70 Schwadronen gegen eine ungeheure Ueberlegenheit, gegen ein fest geschlossenes siegreiches Ganzes.

Die Ordenanzen jagten fort.

Das Schneegestöber setzte von neuem ein. Die Kälte wurde unerträglich. Pfeifend fegte der Ostwind die Flocken dem Kaiser ins Gesicht.

Man sah kaum mehr etwas.

Nur dies: Ein Gewimmel von Reitern. 14 Regimenter jagten mit verhängten Zügeln in die Schlacht. Voran Murat mit seinen weithin sichtbaren wallenden Federbüschen. Ihm zur Seite der brave Bessières, Napoleons ärmster Marschall, Waffengenosse seit dem Italienischen Feldzug.

Mit einem ungeheuerlichen Anprall stiessen die Schwadronen auf die Kavallerie des feindlichen Zentrums. Die Reiter gerieten ins Wanken, wurden niedergeworfen, zersprengt, und weiter rasten die Muratschen Schwadronen in das feindliche Fussvolk hinein. Augereaus Korps bekam Luft.

Die Reiterei durchbrach die Mauer der russischen Infanterie und sammelte sich in ihrem Rücken. Von da durchrannten die Reiter zum zweitenmal das ganze feindliche Zentrum.

Aber noch stand die Schlacht, denn Bennigsen wusste den General Lestoqu mit preussischen Truppen unterwegs, und bot alles auf, seine Position zu halten.

Schon floss beiderseits das Blut in Strömen. Die weissen Regimenter Napoleons waren nicht mehr erkenntlich. Sie glichen roten Husaren, so waren sie in Blut getaucht in diesem mörderischen Schlachten.

Davoust und Ney waren im Anmarsch. Der Herzog von Auerstädt marschierte dem Feind in den Rücken, Ney brach in die Flanke der Russen. Aber immer noch stand die Schlacht.

Napoleon schleuderte die Garde seiner Kavallerie nach. Bennigsen sah seine Arriéregarde gefährdet und warf seinerseits die russische Garde gegen das Dorf Schlobitten mit dem Befehl, es zu nehmen um jeden Preis.

Der Kaiser sandte seinen Soldaten in Schlobitten den Befehl, sich zu halten, und wenn der letzte Mann fallen müsste.

Sie hielten sich, die französischen Soldaten, obgleich die gefürchteten russischen Grenadiere mit Todesverachtung stürmten. Ja, die Franzosen warfen sie so glänzend zurück, dass die feindliche Garde in Auflösung auf ihr Zentrum flutete.

Wieder durchbrachen die französischen Reiterregimenter die russischen Linien. Aber jetzt standen diese trotzig, wie aus Stahl zusammengeschweisst. Tod und Verderben verbreitete sich rund um Murats Schwadronen. Aber die Russen standen. Ein fürchterliches Gemetzel hub an. Die Russen kämpften bis zum letzten Hauch. Die französischen Reiterregimenter fochten sich mit ungeheuren Verlusten durch — zum drittenmal ...

„Wenn nur Bernadotte käme,“ murmelte Napoleon.

Bernadotte stand in der Nähe. Er hörte den Kanonendonner. Aber dieser eitle Narr regte sich nicht. Sein Untergeneral d’ Hautpoul beschwor ihn, zu marschieren.

Bernadotte verwies eigensinnig auf seine Ordre-Napoleon hatte sie aber ohne Kenntnis der bevorstehenden Schlacht bei Eylau gegeben.

Es war, als ob die französischen Batterien um Hilfe brüllten. Da rasselten d’ Hautpoul und sein Freund Dahlmann, Kommandeur der reitenden Jäger, mit den Kürassieren los: Auf den Kanonendonner.

Im kritischsten Augenblick erschienen sie in der Schlacht und warfen sich auf die halb erschütteret feindliche Infanterie. Mitten durch die ganze russische Armee rasselten die Kürassiere, an der Spitze d’ Hautpoul und Dahlmann.

„Davoust muss eingetroffen sein,“ sagte Napoleon, durch die wilde Bewegung getäuscht. Aber auch Davoust war in dem Schneegestöber vom Wege abgekommen und noch auf dem Marsch. Jetzt erst bemerkte der Kaiser, wer die Braven waren, die sich durch die ganze feindliche Schlachtlinie durchschlugen. Seine Mienen hellten sich auf.

Erst nach Austerlitz hatte d’ Hautpoul das Grosskreuz der Ehrenlegion aus des Kaisers Händen empfangen. Heute verdiente er sich die Marschallswürde.

Aber eine Granate schlug ihm in den Leib, in dem Augenblick, als er seine Kürassiere mitten im feindlichen Geschützfeuer sammelte. Dahlmann führte den Angriff fort. D’ Hautpoul konnte nicht mehr reden. Sein armer Leib war zerfetzt von Kugeln. Nach einer Weile fiel auch Dahlman. Wie die Mücken verschwanden die Offiziere. Die Verluste waren ungeheuerlich.

Es wurde Mittag.

Die Schlacht stand immer noch.

Da geriet plötzlich der linke russische Flügel ersichtlich ins Schwanken.

„Davoust ist da,“ sagte Napoleon. Er ritt vorwärts, der Schlacht entgegen.

Berthier, Marschall und Chef des Generalstabs, des Kaisers persönlicher und aufrichtiger Freund, verstellte ihm den Weg.

„Sire, hier ist nicht Ihr Platz.“

„Mein Platz ist unter der Armee, Marschall.“

„Sie dürfen sich nicht der Gefahr aussetzen, erschossen zu werden.“

Der Kaiser lächelte Berthier an und erwiderte:

„Die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen.“

In diesem Augenblick durchbrach ein Schmerzensschrei das Getümmel um Napoleon. Alle hohen Offiziere jagten auseinander, Ross und Reiter stürzten, die Pferde bäumten sich hoch auf in Todesangst.

General Corbineau lag, von einer Kugel getroffen, tot unter seinem Pferde, dicht neben dem Kaiser.

Berthier ergriff den Schimmel Napoleons am Zügel und riss ihn gewaltsam zurück.

Napoleon sah auf den Toten und zuckte die Achseln. Dann setzte er das Fernrohr ab, gab seinem Pferde die Sporen und jagte einen Hügel empor, mitten in das feindliche Kartätschenfeuer.

„Majestät, ich lehne die Verantwortung ab,“ rief Berthier in aufrichtiger Angst — nicht um sich, obgleich eine liebliche Braut, die Prinzessin Maria Elisabeth Amalia von Bayern, auf ihn wartete. Er liebte den Korsen. Er selber war Soldat vom Scheitel bis zur Sohle, ebenso wie sein Bruder Victor Leopold, der zur Zeit dieser Schlacht in Paris im Sterben lag, während der andere Bruder César als Generalstabschef an der holländischen Grenze stand.

Kaum war der Kaiser mit seinem Gefolge auf dem Hügel angekommen, als die Kugeln der feindlichen Artillerie in nächster Nähe einschlugen. Aber weder Berthier noch sonst ein General wagten noch, auf Napoleon einzuwirken, denn schon standen alle unter dem aufreizenden Einfluss des fürchterlichen Blutbades, in das die Schlacht ausartete.

Gegen sechzehn Generäle waren schon zu den französischen Ambulanzen gebracht, davon die meisten tot — und immer noch wütete die Schlacht ungeschwächt fort.

Heudelet hat eine Kugel in den Leib bekommen. — Defrance ist tot. — Desjardins ist eben gefallen. — Die Meldungen überstürzten sich. —

Indessen drängte Davoust den Feind mit gewohnter Energie bis nach Sausgarten zurück. Aber hier stand die Schlacht von neuem. Freund und Feind waren zu Tode erschöpft. Aber man focht mit unverminderter Erbitterung weiter. Endlich wichen die Russen über Auklappen und Kutschitten zurück. Da erschien der preussische General Lestoqu. Wie aus der Erde gewachsen waren die Preussen mit einem Male da. Sie hatten im dichtesten Schneegestöber einen bewundernswerten Eilmarsch gemacht, an dem sie auch Ney nicht hatte hindern können. 5500 Mann frische Truppen warfen sich gegen die Franzosen vor Kutschitten. Die französischen Regimenter wurden aus ihren eroberten Positionen herausgeworfen. Davoust jagte umher und schrie und tobte, dass nur keine allgemeine Verwirrung entstand und der Rückzug in Ordnung vor sich ging.

Es dunkelte.

Die französischen Kolonnen schöpften Atem. Von neuem gingen sie zum Angriff vor. Davoust focht erhaben. Murat jagte wieder mit seinen Reitern los.

Napoleon sagte:

„Wir haben gesiegt, wenn wir nur das Schlachtfeld behaupten.“

Bernadotte kam nicht. Aber mit einem Male jagte der General Dorsenne heran, gefolgt von einem Korps der Garde, das im Laufschritt daherkam.

Unter den hohen Bärenmützen lohten die Augen der tapfersten und begeistertsten Soldaten Napoleons.

Sie schlossen augenblicklich ein Carrée um den Kaiser. Die Offiziere und Marschälle, die ihn umgaben, drängten enger zusammen.

Die Hand des Caesar glitt langsam zum Degen.

Eine Abteilung russischer Kavallerie stürmte über das Blachfeld auf den Hügel los, wo der Kaiser stand.

Sie wollten Napoleon gefangen nehmen.

Aber als sie nahe kamen und die Mauer der kaiserlichen Grenadiere sahen, die felsenfest, wie zusammengeschmiedet, um den Kaiser standen, da schwenkten sie ab.

Napoleon sah Dorsenne eine Sekunde mit einem kalten Lächeln an.

Es wurde finster.

Die Kanonen schwiegen.

Der Kaiser ritt aus der Schlacht. Aber er blieb am Schlachtfeld.

Und im Laufe der Nacht zogen sich die Russen zurück und liessen vierundzwanzig Kanonen auf dem Schlachtfelde. 20000 Mann waren gefallen.

Auf Seite der Franzosen waren die Verluste kaum geringer.

D’ Hautpoul bekam aus vierundzwanzig russischen Kanonen ein Denkmal.

Napoleon war sehr niedergeschlagen. Er schlief einige Stunden.

Trotzdem am Morgen sein Sieg unbestritten war, verfolgte ihn die Vorstellung von den furchtbaren Verlusten, die seine Truppen erlitten hatten. Sechzehn Generäle waren tot, die Zahl der gefallenen Offiziere gar nicht zu ermessen!

Er schrieb einen Brief an Josephine:

„Es gab gestern eine grosse Schlacht. Der Sieg ist mir geblieben, aber ich habe viele Leute verloren. Der Verlust des Feindes ist zwar noch beträchtlicher, vermag mich aber nicht zu trösten. Das Land ist mit Toten und Verwundeten bedeckt. Das ist eben nicht die schöne Seite des Krieges. Ich leide und meine Seele fühlt sich gedrückt, so viele Opfer zu sehen.“

Es waren nicht nur Gewissensbisse, die aus diesen Zeilen sprachen.

Die Gedrücktheit kam auch in dem Bulletin zum Ausdruck, das in Paris Entsetzen erregte.

Es gab Tage, wo den Kaiser der Krieg erschreckte. Wo er die Allmacht der Gerechtigkeit fürchtete, die er in der Geschichte Frankreichs sehen konnte, wenn er nur wollte.

Es gab Stunden, wo er an seiner Mission verzweifelte. Denn das gab ihm die Kraft in allem — die Kraft zu Blutbädern und Todesurteilen —: Dass er berufen war, so zu handeln.

Und dass er den Frieden wollte.

Das war sein ehrlicher Wille. Aber die Wege, die er zu dem ersehnten Frieden einschlug, führten alle zu seinem Thron zurück. Und seine Adler sollten in den Himmel wachsen.

6.

Napoleon dachte immerfort an Maria.

Die blutigen Tage dieses Krieges liessen seinen Wunsch nach ihrer stillen, reinen Liebe wachsen. Er sehnte sich nach ihr.

Aber noch war nicht die Zeit, sie kommen zu lassen. Jeder Tag konnte neue Kämpfe bringen. Bennigsen hatte sich, ohne aufgehalten zu werden, nach Königsberg gewandt.

Ney, der ihm diesen Rückzug hätte abschneiden sollen, war erfolglos geblieben.

So waren denn weitere Kämpfe unvermeidlich. Um 16. Februar bereits geriet General Essen mit fünfundzwanzigtausend Mann an den General Savary, der vertretungsweise für den erkrankten Lannes das Kommando führte. Es war das fünfte französische Korps, das sich an diesem Tage heldenmütig schlug — es war die Schlacht von Ostrolenka, und das Verdienst des Sieges gebührt neben Savary, der eigentlich Gesandter und nicht Militär war, den Generalen Oudinot, Suchet und Gazan.

Savary erhielt das grosse Band der Ehrenlegion, General Ordener, gleichfalls einer der Helden von Ostrolenka, wurde Graf.

Trotz dieser Siege beharrten die Feinde darauf, den Krieg bis zum letzten Mann fortzusetzen; Napoleon musste also darauf bedacht sein, den Preussen ihren letzten Stützpunkt, Danzig, zu nehmen und den Russen eine solche Niederlage beizubringen, dass ihnen die Lust zum Kriegführen endgültig verging.

Immer noch in Eylau, erliess er folgende Proklamation:

„Nachdem wir alle Pläne des Feindes vereitelt haben, nähern wir uns der Weichsel und kehren in unsere Kantonnements zurück. Wer es wagen sollte, deren Ruhe zu stören, wird es bereuen, denn jenseits der Weichsel wie jenseits der Donau, inmitten der Reife des Winters wie im Anfang des Herbstes sind wir stets die französischen Soldaten und zwar die französischen Soldaten der grossen Armee.“

Indessen knüpfte der König von Preussen Friedensverhandlungen an, die allerdings zunächst nur persönlichen Charakter hatten.

Der Kaiser schrieb ihm von seinem Hauptquartier aus:

„Mein Herr Bruder, ich sende Eurer Majestät den General Bertrand, meinen Adjutanten, der mein ganzes Vertrauen besitzt. Er wird Ihnen, wie ich hoffe, viel Angenehmes sagen. Glauben Sie, dieser Augenblick ist der schönste meines Lebens, denn ich schmeichle mir, dass er dauernde Freundschaft zwischen uns herbeiführen wird.“

Napoleon.

Und vierzehn Tage später an denselben König:

„Mein Herr Bruder, ich habe den Brief Eurer Majestät vom 17. Februar erhalten, den mir Ihr Adjutant, der Oberst von Kleist, überbrachte. Ich habe ihm gesagt, was ich von der gegenwärtigen Lage unserer Angelegenheiten denke. Vor allem wünsche ich dem Unglück Ihres Hauses und Ihres Volkes ein Ende zu machen und die preussische Monarchie so schnell als möglich wieder herzustellen. .... Ich würde mich selbst verabscheuen, wäre ich die Ursache von all dem Blutvergiessen. Was aber kann ich machen, wenn England glaubt, dieses Blutvergiessen sei seinen Plänen und seinem Handel von Nutzen?“

Napoleon.

Das war keine Anklage, aus dem Blauen gegriffen, um die eigenen Pläne oder Wünsche zu maskieren. England war und blieb der Drahtzieher all der Kriege zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts.

England hat immer von neuem Preussen, Oesterreich und Russland, bald abwechselnd, bald alle zusammen, in die Kriege mit Napoleon gehetzt, und die Staaten des Kontinents mussten die Zeche bezahlen. England war und blieb der Ruhe- und Friedensstörer Europas. Ohne die Brigantenpolitik der britischen Diplomatie wären nicht Hunderttausende auf den Napoleonischen Schlachtfeldern geblieben.

In Osterode, wo der Kaiser ungeduldig auf den Fall Danzigs wartete, kanzelte er den König von Holland, seinen Bruder, ab, und den General Rapp in Thorn, der nicht genug Sorgfalt auf die Maroden verwandte.

Dem Louis Napoleon, der unfähig war, sein Verbündeter zu bleiben, schrieb er:

... Ich habe Grund, mich persönlich über Sie zu beklagen, denn seit langem machen Sie alles wider meine Ratschläge Uebrigens hat mein Gesandter Befehl, Ihnen ganz kategorisch zu erklären, dass, wenn Sie von diesem Benehmen nicht ablassen, er beauftragt ist, sofort Holland zu verlassen, und ich breche mit Ihnen ... Ich achte den niedrigsten Krämer von Amsterdam höher als den vornehmsten Adeligen von Holland.

Und an Rapp:

... Ueberall begegne ich einzelnen Soldaten ohne Gewehre, die Thorn passiert und von dem dortigen Kriegskommissar Marschrouten erhalten haben, obwohl sie kränklich sind. Man sollte sie lieber in die betreffenden Depots zurückschicken. Dadurch bekomme ich nur Kranke in die Armee, weiter nichts....

Wieviel Kanonen besitzt Thorn? Wieviel Arbeiter arbeiten täglich? Ist Wasser in den Gräben?

Und an den Sultan Selim:

Durch meinen Gesandten erfahre ich die gute Haltung und den Mut der Muselmänner gegen unseren gemeinsamen Feind. Du zeigst Dich wahrhaft als würdiger Nachkomme Selims und Solimans. ... Generale, Offiziere, Waffen aller Art, selbst Geld, alles, alles steht Dir zur Verfügung, Du brauchst nur zu verlangen .. Setze Dich mit dem Schah von Perfien ins Einvernehmen, der auch ein Feind der Russen ist. .... Napoleon.

Indessen, zwischen politischen Korrespondenzen und Privatbriefen, zwischen Konferenzen und Truppenbesichtigungen, zwischen Kriegsvorbereitungen und Verhandlungen, fand der Kaiser Zeit, an die Geliebte zu denken.

Er beabsichtigte, sein Hauptquartier nach dem Schlosse Finckenstein zu verlegen. Dorthin durfte er endlich Maria nachkommen lassen, denn in Osterode hätte sie nicht die geringste Bequemlichkeit gehabt und ihr Verkehr mit Napoleon wäre auch allen sichtbar gewesen.

Noch hatte der Kaiser eine lange Konferenz mit Baron Percy, dem ersten Chirurgen seiner Armee.

Er erkundigte sich, auf einer Feldmatratze liegend, nach den Verwundeten von Eylau. Percy erwiderte, dass er ungefähr viertausend verbunden hätte — (es mag angebracht sein, darauf hinzuweisen, dass man damals weder Chloroform noch irgend ein Betäubungsmittel besass, und Amputationen bei vollem Bewusstsein des Verletzten vollzogen wurden). —

Der Kaiser: Sind die Wunden gefährlich?

Percy: Tausend davon sind sehr ernst.

Der Kaiser: Wie viele werden an ihren Wunden sterben?

Percy: Ein Drittel, denn die Kartätschen und Granaten haben ungeheure Verheerungen angerichtet.

Der Kaiser: Haben Sie auch solche, die durch blanke Waffen verwundet wurden?

Percy: Viele, Sire. Die Lanze, der Säbel und das Bajonett haben viel Unheil angerichtet. Einer Ihrer Gardisten hatte oberhalb des Schenkels und im Gesäss die ganze Klinge eines russischen Bajonetts sitzen, dessen Röhre durch die Wucht des Stosses abgebrochen war. Wir haben sie ihm ohne Anstrengung herausgezogen, und dieser Verwundete wird geheilt werden.

Der Kaiser: Haben Sie unsere verwundeten Generale gesehen?

Percy: Ich habe den General Levasseur getroffen, der einen Knochenbruch des linken Oberarms hat. Der General Léval ist durch eine Kugel an der Achillesferse verwundet, und der General Heudelet hat eine in den Unterleib erhalten. General Augereau hat eine Wunde am Bein nnd der General d’ Allemagne hat zehn Lanzenstiche erhalten, davon einen in den Unterleib, wovon das Darmnetz zerrissen worden ist.

Der Kaiser: Glauben Sie, dass Sie den General d’ Allemagne retten können?

Percy: Nein, Sire. Es zeigen sich bereits die Vorboten des nahenden Todes. —

Der Chirurg Lombard begleitete Percy. Der Kaiser wandte sich an ihn und fragte, ob er alles habe, wessen er bedürfe.

Lombard beklagte den Mangel an Wartepersonal.

Der Kaiser sprang zornig auf und rief:

„Was ist das für eine Wirtschaft! Welche Barbarei!“

Daraufhin folgten längere Anseinandersetzungen über Verbesserungen im Ambulanzdienst, worauf die Chirurgen entlassen wurden.

7.

Schloss Finckenstein in Westpreussen gehörte dem Burggrafen Friedrich Alexander zu Dohna — Schlobitten, der sich in Begleitung des Königs von Preussen in Memel befand.

Das Schloss war ganz nach dem Geschmack Napoleons, der endlich wieder nach Wochen ein angenehmes Quartier besass.

Vergnügt schrieb er der Kaiserin:

Meine Freundin, nur ein paar Worte. Ich bin eben mit meinem Hauptquartier in ein sehr schönes Schloss übergesiedelt, das in der Art wie Bessiére’s Schloss gebaut ist. Es gibt hier sehr viele Kamine, was mir ausserordentlich angenehm ist, denn da ich sehr oft des Nachts aufstehe, habe ich es gerne, wenn ein Feuer brennt.

Meine Gesundheit ist vortrefflich. Das Wetter ist schön, jedoch immer noch kalt. Das Thermometer steht auf vier bis fünf Grad. Lebe wohl, meine Freundin. Ganz der Deine

Napoleon.

Es war Anfang Mai geworden. Die Bäume trieben Knospen. Der Frühling hielt seinen Einzug. Wenn auch noch Schneeschauer niedergingen und die Nächte noch kalt waren, so kamen doch schon Tage voll wunderbarer Frühlingsstimmung.

Da traf eines Nachts eine geheimnisvolle Kavalkade ein. Duroc, der getreue Paladin des Kaisers, ritt voraus. Ihm folgte auf dem Fusse ein fest verschlossener Reisewagen, vor den vier kräftige Pferde gespannt waren. Einige berittene Jäger folgten. Der Wagen lenkte in den Schlosshof, wo alles bereits geschehen war, um den Ankommenden Aufnahme zu gewähren.

Napoleon ging unruhig in seinem Arbeitszimmer auf und nieder.

Endlich hörte man das Rollen des Wagens, und sogleich entsandte er Talleyrand zum Empfang.

Es war sonst niemand zugegen. Nur Constant, der gute Kammerdiener, der nie etwas verriet und in Paris selbst die Kaiserin vom Cabinet des Kaisers fernzuhalten wusste, war anwesend.

Ein paar einheimische Kammerfrauen waren gewonnen worden.

Duroc half Maria Walewska aus dem Wagen. Ihr folgte ihr Bruder Lassczinski, der inzwischen zum Obersten befördert worden war.

Maria war so tief verschleiert, dass niemand sie erkennen konnte. Talleyrand reichte ihr den Arm und führte sie über die Treppen. Jetzt war nichts mehr von Furcht oder Zögern an ihr zu merken. Willig, ja beinahe hastig eilte sie die Stufen empor. Napoleon wartete in seiner ungestümen Art nicht erst, bis die Geliebte sein Zimmer betrat.

Auf der Treppe eilte er ihr entgegen. Talleyrand hinkte mit seinem lahmen Beine fort, Duroc hielt die Tür offen.

Der Kaiser umarmte Maria. Sie lag in seinen Armen und reichte ihm die Lippen in aufrichtiger Sehnsucht.

Dann führte Napoleon sie in das Innere seiner Gemächer.

Er nahm ihr den Mantel ab und hob den Schleier von dem schweren Haar, das er immer so sehr bewunderte.

„Endlich bist Du gekommen,“ stammelte er. „Endlich!“ An seiner Art, an seinem aufgeregten Wesen, das ihn kaum Worte fassen liess, erkannte sie, wie er sich nach ihr gesehnt hatte. Sie war sich immer noch nicht über das Wesen ihrer Liebe zu ihm klar, und während er sie zum Sofa geleitete, dachte sie:

Er ist mir fremd geworden. Ich muss mich wieder an ihn gewöhnen.

Napoleon fühlte das und sagte:

„Du hast aufgehört, mich zu lieben. Du liebst einen anderen, oder es war Dir vielleicht nie ernst mit dieser Neigung, die mein Herz vollständig erfüllt und mich an nichts anderes mehr denken lässt.“

Sie zog ihn an sich und hielt ihre Arme um ihn geschlungen:

„Du mein Sieger, mein grosser Held! Du hast noch Zeit gefunden, die Russen zu schlagen und mit Preussen Krieg zu führen?“

Er will jetzt nicht davon sprechen. Er sieht nur Maria, er atmet den Duft ihres Leibes, er will sich ganz und gar dem Zauber ihres Wesens hingeben.

„Nenne mich nicht Napoleon,“ sagte er und nahm sie in seine Arme. „Du hast nur Bonaparte.“

Sie lachte und küsste ihn auf den Mund, der so klein war, dass eine Frau auf ihn hätte stolz sein können.

Sie soupierten zusammen. Niemand wurde zugezogen.

Man hörte in den Vorzimmern den Kaiser lachen.

Alles war vergessen: Der Krieg, die blutigen Schlachtfelder, die neuen Pläne, die sich in seinem unruhigem Kopfe wälzten. Maria war da, und an ihrer Seite war der gefürchtete Bonaparte wie ein zwanzigjähriger Liebhaber, aufmerksam, zärtlich, voll Liebenswürdigkeit und sprühendem Witz.

Er bequemte sich sogar auf Marias dringende Bitten, ruhig und langsam zu essen. Er hörte mit glücklichem Lächeln ihre Strafpredigt an.

„Du sollst nicht immer bei Tisch so hastig und aufgeregt sein. Du sollst Dir Zeit gönnen. Du bist nicht nur Kaiser, sondern auch Mensch, ein einfacher Mensch, der von der Natur abhängt und nicht ungestraft ihre Gesetze missachten darf.“

Maria ahnte nicht, wie glücklich ihn diese Sorgfalt machte. Er gab sich willig all den kleinen Zärtlichkeiten hin, die nur eine Frau zu geben versteht.

Einzig Constant betrat das Zimmer. Er servierte. Es gab keinen Menschen, der Napoleon mit all seinen kleinen Schwächen und Fehlern so zu nehmen wusste, wie er, und es gab nur noch einen Menschen, der dem Imperator noch treuer anhing: Das war sein Mameluk, der vor der Türe stand und das Leben seines Herrn bewachte, Tag und Nacht und Nacht und Tag.

Der Kaiser trank Chambertin. Maria wollte ihn zu einer anderen Weinsorte bekehren, aber Napoleon lehnte ab.

„Ich bin erstaunt, nein, verblüfft, wie mässig Du bist!“ lachte sie.

Sie ahmte den Geliebten nach, indem sie Wasser in sein Weinglas goss. Denn nie trank der Kaiser den Wein rein, sondern stets stark mit Wasser vermischt.

„Ich liebe andere Weine nicht, Maria. Und ich glaube auch, ich verstehe mich nicht darauf.“

„Und was sagen Deine Offiziere, die sich in dieser Hinsicht gewiss besser auskennen als Du, zu dieser spartanischen Leidenschaft?“

Der Kaiser lachte.

„Ah, meine Offiziere! Die bekommen die besten Marken vorgesetzt, wenn ich sie zur Tafel ziehe. Nur meine ganz vertrauten Freunde lasse ich vom Chambertin schlürfen. Dabei habe ich allerdings schon übel abgeschnitten.“

„Erzähle, bitte, erzähle!“ rief Maria. Der Kaiser, der sich ganz nnd gar dem Zauber der Stunde hingab, lächelte.

„Du kennst Augereau ...“

„Meinst Du den Marschall, welcher verwundet in Eylau liegt?“

„Ja. Der Brave.“ Die Züge des Kaisers umdüsterten sich einen Augenblick. Dann fuhr er fort: „Augerau ist ein Original. Im Lager von Boulogne, als ich mich noch — scheinbar, vor der Welt, um meine Rüstungen gegen Oesterreich zu verheimlichen — mit dem Gedanken einer Landung in England trug, setzte ich ihm einmal von meinem geliebten Chambertin vor und frug ihn, wie ihm der Wein schmecke. Augereau kostete und sagte trocken: „Er ist unter den schlechten Weinen sicher der ausgezeichnetste.“

Maria lachte laut und klatschte vor Vergnügen in die Hände.

„Und er hat Recht gehabt, ja, mein Freund, er hat Recht gehabt — aber ich hätte wirklich nicht den Mut besessen, dies Napoleon zu sagen.“

„Napoleon und immer Napoleon! Der, welcher Dein Herz besitzen will, heisst einfach Bonaparte und ist nicht mehr als ein armer Soldat, der einer lieben und schönen jungen Frau seinen Degen zu Füssen legt.“

Maria wurde plötzlich ernst. Sie hörte nur halb auf die weiteren Worte des Geliebten.

Sie dachte: Wenn es nun wirklich so wäre, und nur der arme Soldat, der Bonaparte, sässe mit mir an einer Tafel und wir sprächen von Liebe....

Ihr Blick ging prüfend über Napoleon hinweg, während er über irgend etwas sprach, etwas Nebensächliches, nur um wieder ihr Lächeln sehen, bewundern zu können, dieses Lächeln, das ihm galt und ihm gehörte, ihm ganz allein, ... und da dachte Maria Walewska: Nein, den armen Soldaten, der nur den Degen besass, konnte sie nicht lieben.

Dieser Bonaparte flösste ihr wohl Sympathie ein, nimmermehr aber Liebe ..

Und doch war sie weit entfernt von aller Berechnung, wenn sie sich ganz und gar Napoleon ergab.

Was war es dann, das ihr Herz betörte, das sie mit solch unwiderstehlichem Zauber umfing?

Sie begriff es noch nicht. Sie hatte auch nicht Zeit, nachzudenken, denn Napoleon unterbrach sich selber plötzlich:

„Woran denkt meine kleine weisse Taube?“

Er nannte sie so mit Vorliebe. Sie wich aus und erwiderte schnell:

„Ich dachte nach, ob wohl der arme Soldat Bonaparte auch auf alle Frauen den Eindruck machen würde wie der glänzende Adler, der seinen Höhenflug zum Himmel nimmt.“

Der Kaiser lächelte, wurde aber plötzlich ernst. Schatten aus der Vergangenheit fielen in das heitere Bild der Gegenwart.

Er dachte in diesem Augenblick vielleicht an Josephine, die den General Bonaparte betrog, als er in Aegypten die französischen Fahnen zu unerhörten Siegen führte.

„Nun?“ fragte Maria.

Aber auch der Kaiser blieb eine direkte Antwort schuldig.

Er entgegnete nur:

„In Frankreich stellt man die Frauen zu hoch.“

„Oh! Und ich dachte gerade, die französischen Frauen seien weit über alle anderen Frauen der Welt zu stellen.“

Napoleon schüttelte den Kopf.

„Man darf sie nicht als dem Manne gleichwertig ansehen. Während der Revolution lehnten sie sich auf, sie hielten Versammlungen, wollten sogar Bataillone gründen, und man musste schliesslich mit Gewalt gegen sie einschreiten. Die ganze Gesellschaftsordnung hätte sich in Unordnung verwandelt, wenn die Frauen sich aus der Abhängigkeit erhoben hätten, worin sie verbleiben müssen.“

„Ah,“ machte Maria und blickte ihn lächelnd an, in ihrer frauenhaften Weise, die den Kaiser so bezauberte, — „mein Tyrann will den Frauen keinerlei Rechte einräumen?“

„Nein. Das gäbe Krieg und unaufhörlichen Kampf. Ein Geschlecht muss dem anderen untertan sein.“

„Die Frau soll also nur Mutter sein?“

„Mutter und Geliebte.“

„Ob nicht die Geliebte unter der Mutter leidet?“

„Ich glaube nicht. Das hängt wohl nur davon ab, welche Auffassung man als Mann von der Mutterschaft der Frau hat. Ich kann mir vorstellen, dass ich eine Frau, die ich liebe und die Mutter wird, darum doppelt lieb hätte.“

Diese Worte liessen Maria erröten, und in diesem Augenblick liebte sie vielleicht wirklich nur den armen Soldaten Bonaparte, während sie sich sehnsüchtig wünschte, die Auszeichnung zu erlangen, dem Kaiser der Franzosen ein Kind zu schenken.

Alles, was sie an Liebe aufbringen konnte, alles, was sie im Grunde ihrer reinen sehnsüchtigen Frauenseele an Zärtlichkeit besass, alles, was an Glücksglauben in ihr war, das gab sie in dieser Nacht dem Korsen. Sich, das Weib, restlos.

Und in dieser Nacht geschah es, dass sie gesegnet wurde.

Dieses Kind würde den Geist Napoleons und die Seele seiner polnischen Mutter besitzen.

8.

Die Tage auf Schloss Finckenstein gingen hin wie ein Traum.

Neben dem Schlafzimmer des Kaisers befanden sich Marias Gemächer. Der kaiserliche Schlafraum war mit allem Luxus ausgestattet. In der Mitte stand ein grosses Himmelbett. Schwere, burgunderrote Damastdecken senkten sich darauf nieder. Weisse Seidenvorhänge schlossen es ab.

Es war das Bett des Kaisers, aber lange nicht vergleichbar mit jenem, das in Paris zu seiner Verfügung stand.

Trotzdem benutzte Napoleon es nicht. Er hatte sich sein einfaches Feldbett daneben stellen lassen. Hier wollte er nicht Kaiser sein.

Nur Soldat.

Weniger noch. Ein glücklich Liebender. Ein Mensch, der sich täglich an der Seligkeit berauschte, geliebt zu werden.

Marias Ankleidezimmer lag dicht neben dem Schlafraum Napoleons. Sie ging am Tage niemals aus. Kein Mensch ahnte, wer sie war. Nie sah man sie, und wenn sie wirklich einmal unversehens jemand beobachtete, so wusste er nur, dass es die geheimnisvolle verschleierte Dame war, von der man im Schlosse flüsterte.

Nicht einmal Duroc hatte mehr Zutritt.

Bei Tisch bediente Constant.

Dieser Kammerdiener war weit mehr als Lakai. Er war der Freund des Kaisers. Dabei vergass er nie seine Stellung. Er war Diener. Aber er wusste sich in die geheimsten Seelenregungen seines hohen Herrn hineinzufinden. Einfach, treu und edel in seiner Art, genoss er das unbedingte Vertrauen Napoleons, der ihn niemals von sich gelassen hätte.

Constant, der über das Wohl und Wehe seines hohen Herrn wachte und dem nichts von jenen Kleinigkeiten entging, die nebensächlich erscheinen, aber oft genug ein Menschenleben in andere Bahnen bringen, war von Maria begeistert.

Nie sah er seinen Herrn sonniger, freudiger, jünger. Nie sah er eine Frau von solcher Zärtlichkeit und Liebe.

Er machte sich unentbehrlich. Er tat, was er Maria von den Augen absehen konnte. So, als sei sie die jung Vermählte seines geliebten Herrn, in dessen Hause er von Grossvaters Zeiten her schaltete und waltete.

Er wurde selbst von dem Zauber erfasst, der diese seltsame Frau umgab, deren Stärke in ihrer Schwäche lag. Man konnte das Geheimnis ihrer Wirkung dahin zusammenfassen:

Sie war Weib. Und sie hatte den Ehrgeiz, nicht mehr zu sein.

Das war die Frau, die Napoleon suchte, das Ideal, dem er in Josephinens Gestalt in Aegypten nachgeträumt und dem er als leuchtenden Stern durch alle Wüsten seines Ehrgeizes gefolgt war.

Sie selber war glücklich.

„Constant“, sagte sie zu dem braven Kammerdiener, der sie in seiner Art anbetete und oft und gerne in Napoleons Abwesenheit von dem Manne sprach, den er besser beurteilte als alle Marschälle zusammen, „Constant, alle meine Gedanken kommen von ihm und kehren zu ihm zurück. Er ist mein alles, meine Zukunft, mein Leben.“

Nachts ging sie spazieren. Man sah sie, tief verschleiert, ohne jede Begleitung, am Arm Napoleons nach Finckenstein hinabsteigen. Oder sie fuhr wie ein flüchtiges Märchen durch das Land, um mit dem ersten Morgenschimmer wieder zurückzukehren.

Niemand aus dem Gefolge Napoleons bekam sie zu Gesicht. Und doch speisten beide täglich zusammen — dies war ein Beweis der hohen Liebe und Achtung, die Napoleon der Geliebten entgegenbrachte, „denn“ (so sagte Constant): „Madame, diesen Vorzug geniesst nicht einmal Ihre Majestät die Kaiserin.“

Manchmal war es ja wohl einsam und still um Maria.

Es kamen die Tage, wo die Gegenwart wieder gebieterisch den Kaiser verlangte.

Danzig war gefallen. Seit März war es von dem alten Draufgänger, dem General Lefebvre, berannt worden. Die beiden Ingenieurgenerale der Armee, die besten ihrer Zeit, Lariboisière und Chasseloup, standen ihm zur Seite. Am 15. Mai hatte der russische General Kamenskoi, dessen Vater der ruhmreiche Feldmarschall war, bei Weichselmünde den alten General angegriffen, um Danzig zu retten. Aber der Eber Napoleons hatte ihn zurückgeworfen, dass er eiligst die Besatzung ihrem Schicksal überliess.

Dieses war denn auch besiegelt. Am 21. Mai kapitulierte der Kommandant von Danzig, Graf Kalkreuth, mit allen Ehren. Napoleon erhielt die Nachricht, auf die er voll Ungeduld wartete, durch eine Estaffette, die der alte Lefebvre eine Minute nach der vollzogenen Kapitulation nach Finckenstein gehetzt hatte. Diesen Estaffettendienst hatte der Graf Lavallette eingeführt. Er erlebte die merkwürdigsten Abenteuer unter Napoleon, war erst Kaufmannslehrling gewesen, dann Napoleons Adjutant und wurde Gemahl einer Nichte Josephinens. Er war ein ausgezeichneter Mann, der treueste Diener seines Kaisers und im Besitze einer grosszügigen, klugen und treuen Lebensgefährtin, die viele Jahre später den Bourbonen eine lange Nase drehte, als sie den Grafen hinrichten lassen wollten. Sie vertauschte im Kerker ihre Kleidung mit der ihres Gatten und verhalf ihm so zur Flucht. Diese an Napoleons Zeiten erinnernde Tat bezahlte sie mit Wahnsinn.

Lavallette war Postminister. Er sah, dass diese Staffetten reformiert werden müssten. Denn bis dahin wurden die Nachrichten immer nur von einem Kurrier über weite Strecken hin übermittelt. Da blieb manch einer vor Erschöpfung liegen oder kam infolge schlechten Pferdematerials verspätet an.

Das konnte im Kriege die schlimmsten Folgen haben.

Lavallette errichtete deshalb einen Staffettendienst, durch den mittels der Postillione auf jeder Station ein Portefeuille befördert wurde, zu dem nur Napoleon und der Postminister die Schlüssel hatten. Jeder Postillion hatte auf der folgenden Station ein Buch zu übergeben, in das sein Name, der Name der Station, sowie Zeit der Ankunft und Abreise ausgezeichnet wurden. Strenge Strafen schreckten Säumige. Elf Jahre hindurch leisteten die Estaffetten dem Kaiser die wichtigsten Dienste. Auf vierhundert Stunden weit konnte Lavallette sich an einem Tage Rechenschaft über ein Versäumnis ablegen lassen.

Die Staffette ging täglich ab und kam täglich an, in Paris sowohl wie in Neapel, Mailand, Madrid, Lissabon, Tilsit, Wien, Pressburg und Amsterdam.

Napoleon war über den Fall Danzigs überglücklich. Er ernannte Lefebvre zum Herzog von Danzig und ordnete Dankgebete an.

Nach Paris schrieb er, man möge ein Tedeum abhalten lassen.

Maria konnte sich nicht enthalten, darüber seine Ansicht zu hören.

„Alle Welt sagt, Du seiest ein Atheist,“ meinte sie, „und ich sehe täglich, dass Du religiöse Handlungen anordnest oder sie jedenfalls ehrst.“

Darauf der Kaiser:

„Eroberer müssen duldsam sein und alle Religionen beschützen. In Aegypten hatte ich Erfolg, weil ich gegenüber den Anhängern des Propheten mich wie ein Muselmann benahm. In Frankreich kann man keine neue Religion begründen. Man hat dort nicht mehr genug Glauben. Es gehört sich aber, dass ein Herrscher wie ein Gott verehrt wird.“

Maria schwieg einen Augenblick betroffen. Sie hatte einen schnellen, unheimlichen Blick in das Innere dieses Mannes getan, der die Welt sich unterwarf, und sie sah darin ein gewaltiges, gigantisches Chaos, das sie erschreckte.

„Du glaubst also nichts und die Religion ist Dir nur ein Machtfaktor?“

„So ist es. Ich glaube nicht, dass Jesus jemals existiert hat, aber vielleicht würde ich an die christliche Religion glauben, wenn sie von Anbeginn der Welt an da gewesen wäre.

Aber in diesem Falle wäre Sokrates ewig verdammt, ebenso Plato und alle Mohammedaner samt den Engländern — ist das nicht albern? Weisst Du denn, was das Gehirn ist, meine Liebe? Man kann alles durch den Magnetismus erklären. Die Seele bildet sich mit dem Körper. Ein Nagel wird in Deinen Kopf getrieben, und Du wirst wahnsinnig: Wo ist alsdann Deine Seele?“

Maria war durch solche Worte nicht wenig bestürzt, denn sie war eine gläubige Katholikin und wäre unglücklich gewesen, hätte sie ihren Glauben aufgeben müssen.

Sie antwortete:

„Aber jede Uhr beweist doch, dass es einen Gott gibt. Es musste erst einen Uhrmacher geben, denn aus nichts kann nichts werden.“

Darauf Napoleon lächelnd:

„Alles ist nur Materie. Wenn ich mich wohl befinde, denke ich anders, als wenn ich krank bin. Ich müsste ja in jedem Kriege Angst bekommen, Maria, wenn ich an einen rächenden Gott glaubte. Der Mensch ist hervorgegangen aus dem Schlamme der Erde, der von der Sonne erwärmt und mit elektrischen Strömen in Verbindung gebracht wurde.“

Maria überhörte die letzten Worte. Constant trat ein und meldete einen Kurrier, worauf Napoleon hinausging.

Aber in Marias Kopf verwirrte sich alles. Sie dachte plötzlich:

Ist es möglich, dass ich diesen Mann liebe?

Sollte die Gloriole, die sein Haupt schmückt, ihm nicht von der Vorsehung verliehen sein, um die Völker dem Morgenrot der Freiheit entgegenzuführen?

Handelt er nicht im Sinne des Allerhöchsten?

Führt nur sein persönlicher Ehrgeiz die Legionen in die Schlacht, wo sie zu Tausenden und Abertausenden verbluten?

Er leugnet Gott, aber er würde ihn fürchten, wenn man ihm die Existenz Gottes beweisen könnte!

Ach, Maria wurde von diesem Tage an ein Opfer der widersprechendsten Gefühle und Befürchtungen.

Sie liebte Napoleon.

Aber — den Kaiser? Den Heros? Oder den Menschen?

Den Heros, den Kaiser. Beide liebte sie.

Wenn der Imperator im Schlosshof die Revue über die alte Garde abnahm, wenn er, die Hand in der Weste, unbeweglich auf seinem Pferde sass und seinen Adlerblick über diese ergrauten Männer schweifen liess, die mit ihren hohen Bärenmützen wie eine Legion von Riesen aussahen; wenn die französischen Standarten wehten und die stolzen Adler mit den gespreizten Flügeln sich vor dem Kaiser neigten und aus tausend Kehlen der Ruf zum Himmel dröhnte: „Vive l’Empereur!“— dann — dann liebte sie den Kaiser. Sie sah in ihm einen Halbgott. Sie erinnerte sich an Achilles, Ajax und Aeneas. Sie verehrte in Madame Mére eine jener begnadeten Römerinnen, zu denen der Olymp seine Götter entsandt hat, um ihren Schoss zu segnen.

Nein, den General Bonaparte, diesen kleinen Mann, der bereits anfing etwas dick zu werden, hätte sie nicht lieben können.

Den Halbgott liebte sie. Den Mann, der wie ein Adler durch die Lüfte kam und Länder und Völker unter seinen Willen zwang.

Maria Walewska erkannte in diesen stillen Stunden, in denen sie über Napoleon und seine Worte nachdachte, dass ihre Liebe in dem Augenblick sterben musste, wo der Halbgott Mensch würde. —

Sie war jetzt viel allein.

Der Kaiser diktierte bereits in aller Morgenfrühe seinem Sekretär Briefe.

Zwischen Russland und Napoleon spielten Friedensunterhandlungen. Es schien, als ob die Erschöpfung der feindlichen Mächte endlich den nötigen Druck auf die Vernunft ihrer Kabinette ausübte.

Aber England wollte unter keinen Umständen Ruhe auf dem Kontinent. Seine Diplomaten hetzten und schürten.

Es ist das Unglück der internationalen Diplomatie, dass man seit Jahrhunderten immer nach London geblickt hat, als ob dort das Orakel von Delphi sässe. England hat niemals die Kraft und die moralische Fähigkeit besessen, sich aus sich selbst heraus zu halten oder zu vergrössern.

England hat seine Vormachtstellung mit dem Blute französischer und österreichischer Legionen erkauft. England ist seit altersher der Friedensstörer des Kontinents. Es mästet sich von den Torheiten der deutschen und französischen Diplomatie.

England hat Oesterreich Frankreich ans Messer geliefert. Auch jetzt wollte man in London nichts von Frieden hören, und so hetzte man in Berlin und im russischen Hauptquartier weiter. Alexander, der Herr aller Reussen, wollte mit der Pose des Siegers in seine Länder zurückkehren. Er hätte sich zu gerne von seiner Geliebten, der Fürstin Narischkin, den Lorbeerkranz aufs Haupt setzen lassen, den zu erringen er niemals fähig war.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
280 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711503539
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki