Czytaj książkę: «Ein Bettler baut eine Stadt»

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Robert Heymann

Ein Bettler baut eine Stadt

Roman

Saga

Ein Bettler baut eine Stadt

German

© 1932 Robert Heymann

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711503782

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1

Knut Storting ging müde den Broadway hinunter.

„Mord in Manhattan!Missionär Whitman erschießt ein Girl!“ Ein Zeitungsboy schreit die rotflammende Überschrift aus, springt in eine Pfütze, daß das Wasser an Knut emporspritzt.

Mit einem lauten „Halloh!“, mit hochflatternder roter Haarfahne jagt der Junge weiter. Omnibusse schwanken mit ihrer lebenden Fracht vorbei. Menschenwogen treiben dahin, die Autos bilden eine schwarze Schlange.

Knut Storting geht und geht mit großen mechanischen Schritten den endlos langen Broadway entlang von der Houston-Street fast bis Battery. Der Lärm verebbt. Das Rauschen des Hudson springt auf. In der Weststraße stehen noch einfache Häuser. Aus kleinen Läden schauen neugierige, behäbige Leute. Von den Hobokener Piers heult der Lärm des Hafens. Knut nähert sich dem Kai. Träge, mit Fracht und Nebel beladen, wälzt sich der Fluß dahin.

Der Deutsche lehnt sich über das niedrige Eisengeländer. Schaut zu, wie die Leute arbeiten. Einer nach dem anderen treten sie an den Bretterstapel heran, laden auf, soviel sie tragen können, schreiten mit ihrer Last über die schmale Planke nach dem Kahne hinüber. Wie Maschinen sind sie, kein überflüssiges Wort fällt. Nur hier und da ein kurzer Zuruf.

„Kann man bei euch nicht ankommen? Ich suche Arbeit.“

Der Mann wischt sich mit dem braunen Handrücken die Tropfen von der Stirn. „Wird nichts werden. Der Boß nimmt keinen, den er nicht kennt.“ Schwankt mit seiner Bretterladung wieder dem Kahne zu.

Die Vormittagssonne liegt in den weißen Straßen. Der Himmel steht dunstig über den Steinriesen im Hintergrund. Bald liegt der Fluß weit hinter dem Fremden. Die kleinen Gärten werden ungepflegter. Plätze, auf denen Gerümpel aller Art abgelagert ist, schieben sich dazwischen. Ein verrotteter Zaun hängt windschief und verwittert. Kein Bild, als ob in dieser Gegend Beschäftigung für einen Hungernden zu finden wäre.

Endlich! In einem chinesischen Restaurant wird ein Tellerwäscher gesucht. „Dishwasher wanted.“ –

Er hatte Glück:

Ein Raum, dessen Fenster den Blick auf den Asphalt der Straße freigab. Dann und wann huschte ein zierlicher Damenschuh mit einem durchsichtigen Strumpfansatz vorüber. Die Tellerwaschmaschinen drehten sich unablässig. Rollend kam der Fahrstuhl ununterbrochen von oben mit Bergen voll Geschirr.

Die Maschine wusch die Teller und schob sie nach einigen Umdrehungen gleich getrocknet wieder heraus. Knut nahm sie in Empfang, hielt die Maschine in Schwung und sorgte, daß das saubere Geschirr gleich wieder durch den Aufzug nach oben befördert wurde.

Drei Mann arbeiteten mit ihm schweigend und ohne Unterbrechung. In einem nebenan gelegenen Raum sang halblaut ein Mann. Dort befanden sich zwei Kupferputzer. Das waren die Männer, die die Kochtöpfe und das Küchengeschirr säubern mußten. In einer Ecke ging klappernd die Gläserwäsche vor sich. Es war ein kleines Hotel für sich hier unten, ein Reich, das den neuen Tellerwäscher in Erstaunen und Verwunderung versetzte.

*

Er wollte vergessen.

Aber er konnte es nicht. Ein Mädchengesicht stand in seiner Erinnerung immer über dem seinen. Ihre zärtlichen Augen verließen ihn nicht.

In seinem engen Zimmer studiert er täglich die Stellenangebote. Er will nicht Tellerwäscher bleiben. Er hat ein kleines Zimmer draußen am Hudson, das er mit einem Gelegenheitsarbeiter teilt.

Im angrenzenden Zimmer spielt jemand Klavier. Das macht ihn nervös. Er wirft die Zeitung hin und läuft auf und ab. Da singt eine ungeschulte, aber weiche Mädchenstimme:

„Dort, wo der Rhein mit seinen grünen Wellen –“

Knut steht mitten im Raum, horcht auf das leise Schluchzen des nie gesehenen Mädchens, sein Herz klopft bis zum Halse.

Heimweh! Heimweh nach Deutschland!

Die Vergangenheit stürzt herauf.

Zwei Jahre Leben! – Welch ein Leben!

Deutschland! Berlin! Ly!

Wie ein Film zieht sein Leben vorüber. Frauen, Sturm und zerstörte Hoffnungen. Alles wie ein Traum.

Er sieht sich wieder in Berlin.

Eben hat Knut Storting, Dr. phil., seinen Vortrag beendet. Die Zuhörer: Studenten, die zu wenig Geld besaßen, um sich zu zerstreuen. Arbeiter, bildungshungrig oder unzufrieden. Endlich einige intellektuelle Neugierige – diese kleine Zuhörerschaft von etwa dreißig Menschen applaudierte ein wenig und entfernte sich lachend und schwatzend. Der junge Mann mit dem schlecht gestutzten Haar und dem nervösen, übernächtigen Gesicht sah ihnen schweigend nach. Hatten sie ihn verstanden? Rückkehr zur Natur! Die Zivilisation ist eine Brücke des Todes über die zersprengte Natur, über die vergewaltigte Welt. Alle Errungenschaften der Technik, laut bejubelt, sind Erscheinungen des Abstiegs, der Selbstvernichtung. Erkenntnis dieses sogenannten Fortschritts muß zur Einschränkung der Zivilisation, zu ihrer Bekämpfung führen. Es gibt keine Lösung der sozialen Frage, der Staatsformen und der Lebensprobleme mit Schema und Dogma. Es gibt nur eines: Zurück zur einfachen Lehre vom Menschenwert. Versöhnung durch Erziehung der Jugend zum Respekt vor Mensch, Tier, Leben. Abschaffung des Telephons, des Radios, der Eisenbahnen. Vegetarismus – Primitivität. – – –

Auf der Straße stehen Zuhörer in einer Gruppe beisammen. Ly von Holgen hat den Chauffeur nach Hause geschickt. Sie hört recht gut, was sie sagen: daß Stortings Vorträge so etwas wie eine bessere Witzkiste seien. Man könne sich da fabelhaft unterhalten. –

„Was willste mehr? – Ohne Eintrittskarte bei den schweren Zeiten, und dabei Kino!“ Sie fiebert. Jedes Wort des Hohns brennt in ihr. Gestern war Tante Claire, die schöne Gattin des Oberregierungsrats Rohden, zu Besuch bei Mama gewesen. „Kind“, sagte sie zu Ly, „über dich habe ich mich königlich unterhalten! Ich ritt durch den Tiergarten – da sehe ich ein Paar – dich – und einen Mann – na, einen Mann – – –“

„Wer war denn das, Ly?“ fragte die Mutter dazwischen.

Ehe eine Antwort kam, prustete Tante Claire los:

„Also, du kannst dir das einfach nicht vorstellen! Irgendein Bildungsschwarm von Ly. Graugrüner Mantel, Beinkleider fransig – ein unmöglicher heller Hut – Locken – Lo – cken! – Kinder! Ein Mann mit Locken! Aus einer Nestroy-Posse!“

Ly, Tränen in den Augen, hatte erwidert:

„Mein ehemaliger Lehrer, Mama. Dr. Storting.“ Und zu Tante Claire gewandt: „Es kann nicht jeder beim ersten Schneider arbeiten lassen – und spazieren reiten! – Mussolini hat gebettelt, ehe er – –“ Sie schluchzte.

Tante Regierungsrat sagte ein paar einlenkende Worte. Frau von Holgen zuckte die Achseln – – –

Eben kommt Knut Storting. Unrasiert – zerstreut. Ly zieht ihn schnell fort. „Begreifst du denn immer noch nicht, Knut, daß man deine Ideen nicht versteht, nicht verstehen will?“ sagt sie, während sie langsam durch eine dunkle Nebenstraße gehen. „Man macht sich ja lustig über dich!“

„Man hat sich noch über jeden Reformator lustig gemacht, ehe man ihn begriff“, antwortet Knut mit einer nervösen Handbewegung. „Ist das deine Begrüßung? – Nachdem wir uns drei Wochen nicht gesehen haben?“

Er sah ungepflegt aus, müde, verstaubt.

Diese Verwahrlosung stieß sie ab. Immer mehr drang der Verdacht in ihr durch, daß die andern recht hatten, die ihn verlachten. Sie sagt im Tone spitzen Vorwurfs, die Pflege des äußeren Menschen sei auch ein Stück Kultur.

Er lacht bitter.

„Wenn du wüßtest! Nein, es muß sich ja alles wenden! ... So oder so. – Entweder ich dringe durch, und man hört mich, oder“, und ganz unvermittelt: „... ich habe ja nicht einmal ein Nachtquartier.“

Sie bleibt entsetzt, fassungslos stehen: „Du – hungerst wohl auch?“

Er schweigt.

Sie ist so niedergedrückt, daß sie kein Wort hervorbringen kann.

Ein Bettler!

Ein armseliger Bettler, ohne Heim, ohne Haus! Der Stolz ihrer Rasse bäumt sich dagegen auf, das Schicksal eines verlachten Narren zu teilen.

Der Fluch der Lächerlichkeit, der ihn umgab, zernagte ihre Liebe.

Sein Optimismus sah immer wieder den Sieg voraus. „Bis jetzt habe ich nur Niederlagen erlitten, Enttäuschungen um Enttäuschungen waren mir beschieden. Doch solange ich weiß, daß du zu mir hältst, Ly, gehe ich nicht unter. Ich gebe aber auch nicht nach. – Der Tag wird kommen, an dem Oberregierungsrat Rohden bei mir um eine Anstellung betteln wird, nachdem er mich jetzt auf die Straße gesetzt hat.“

Ly ist vollkommen überreizt. Sie verabschiedet sich rasch mit Ausflüchten, die ihn verwirren und zu keiner Antwort kommen lassen.

Zu Hause bestürmte sie den Vater, die geplante Abreise nach der Riviera zu beschleunigen.

Am nächsten Tag stellte sie Onkel Rohden vor, daß es ein Unrecht sei, den langjährigen Redakteur seines Verbandsblattes einfach wegzujagen.

Rohden zuckte die Achseln.

„Die Blamage wuchs ins Unerträgliche. Ich hatte Geduld genug gezeigt. Er muß eben wieder Privatlehrer werden.“

Ly sah Knut vor ihrer Abreise nicht mehr. Aus Nizza sandte sie ihm einen Brief. Entschuldigte ihre schnelle Abreise mit der Erkältung ihres Vaters und bat, Knut möchte alle seine Kraft aufbieten, sich einer neuen Laufbahn zuzuwenden, die seinem Können entspräche und ihn nicht länger außerhalb der Gesellschaft stellte.

Knut Storting schrieb Ly fast jeden Tag, denn er hielt mit der Treue des Fanatikers an der Überzeugung fest, daß sie trotz dieser plötzlichen Abreise ihm nach wie vor ergeben war.

Er wurde Schriftsteller und übersiedelte nach München. Im Süden, dachte er, kommt mir die Kraft des Siegers.

Aber der Fluch der Lächerlichkeit folgte ihm auch nach München. Er ertrug sie mit stoischer Ruhe. Er fand wenigstens seinen vorläufigen Unterhalt als Korrektor bei einem Verlag, wo man ihn halb aus Barmherzigkeit aufgenommen hatte.

In seinen freien Stunden arbeitete er ein Werk aus, in dem er seine idealen und reformatorischen Grundsätze vertrat. Einfach und zurückgezogen lebte er in dem äußeren Schwabing und arbeitete Tag und Nacht.

Obgleich ihm Ly immer seltener schrieb und ihre Briefe immer unpersönlicher wurden, klammerte er sich fester denn je an diese Liebe, die nur noch ein Phantom war.

Sein neues Werk im Verlage Schematzky erregte nach Erscheinen Aufsehen. Zum erstenmal las er in den Zeitungen Berichte, die sich nicht in ironischer Form mit ihm befaßten.

„Ich werde nun reich werden“, sagte er zu seinen Freunden.

„Mit einem Lehrstuhl als Dozent an der Universität wird es zwar nie etwas werden, das habe ich schon eingesehen. Aber mein Buch wird mir jetzt den Weg zu neuen Werken ebnen.“

Er berechnete, daß das Erträgnis einiger Auflagen hinreichen würde, ihm die Mittel zur Gründung eines Hausstandes zu verschaffen.

„Haben Sie sich auch Ihre Tantiemen gesichert?“ fragte man ihn.

„Natürlich – das heißt – Schematzky ist ein Ehrenmann! Seine Überzeugungen decken sich vollkommen mit meinen eigenen!“

Knut Storting sah kein Geld. Im Gegenteil! Schematzky wußte ihn zu überzeugen, daß zu dem gesteigerten Absatz unbedingt Reklame nötig sei, die der Verlag bei seinen großen Spesen nicht aufwenden könne.

Knut gab seine geringen Ersparnisse und machte zum ersten Mal in seinem Leben Schulden.

Wenige Wochen später war der Verleger verschwunden. Was er an Außenständen hatte eintreiben können, hatte er mitgenommen.

Das war ein harter Schlag für Knut, denn der Ungar hatte einen Teil der Auflage des Buches, ebenso wie andere Werke, verschleudert, ehe er geflüchtet war.

Die Angelegenheit sollte aber noch ein weit schlimmeres Nachspiel haben.

Schematzky hatte ihm zu einigen Darlehen verholfen. Knut hatte ihm Blankowechsel gegeben, die der Ungar mit weit höheren Summen ausfüllte, als Knut in seiner Lage bezahlen konnte.

Er verkehrte damals mit einigen Studenten, die von Hause aus reich waren.

Deren Unterschriften hatte. Schematzky als Bürgen auf die Wechsel gesetzt.

Beim Fälligkeitstermin stellte sich die Fälschung heraus, ohne daß sich der Verdacht zunächst auf Schematzky richtete. Knut Storting wurde der Fälschung bezichtigt. Da er sich vor dem Untersuchungsrichter ungeschickt verteidigte und auch noch bestrebt war, den flüchtigen Schematzky nach Möglichkeit zu schonen, so wurde die Untersuchungshaft über ihn verhängt. –

Er ging in seiner Zelle auf und nieder, auf und nieder.

Vier kahle Wände.

In dem engen Gitterfenster ein fahles Halbdunkel. An besonders hellen Tagen, wenn die Sonne sogar in diesen düsteren Gefängnishof ihren Weg findet, ein blauer Fetzen des Himmels.

Da saß er auf dem Rand seiner Pritsche und dachte nach.

Oder besser, er dachte an nichts. Er empfand nur:

Warum muß ich hier sitzen? Warum tut man mir diese ungeheuere Marter an, mir, dem die Freiheit das allerhöchste Gut auf Erden ist?

Die Stunde stand still mitten im Räderwerk der Zeit.

Erst erfaßte ihn qualvolle Verzweiflung. Dann, als die Tage in bleierner Schwerfälligkeit dahingingen, begann er sich mit seinem Leben auseinanderzusetzen.

Er huldigte den Grundsätzen Spinozas: in der Natur gibt es nichts Zufälliges. Alles ist vielmehr aus der Notwendigkeit der göttlichen Natur bestimmt, auf gewisse Weise zu sein und zu wirken.

Wenn ich also dieses Leid und diese Demütigung unschuldig auf mich nehmen muß, dachte er, so muß doch irgendeine andere geheimnisvolle Schuld gegen mich oder andere auf mir lasten, daß ich diese Prüfung bestehen muß. – Da kam er dann, als er sich mehr und mehr Lys Worte in die Erinnerung zurückrief, ja, als sie erst eigentlich in ihm zu klingen begannen, zu der Einsicht, die sie ihm so oft gepredigt: daß er in dem ewigen Suchen nach Dingen, die nicht waren, sich selber ganz verloren hatte. Daß er wohl in der Welt gelebt, aber keine Fühlung zu ihr gefunden hatte. Darum mußte wohl, früher oder später, dieses Leid über ihn kommen und ihm die Augen öffnen.

Ly hatte es ihm immer prophezeit.

Allmählich wurde er ruhiger. Was Monate und Jahre nicht vermocht, das vollbrachten jetzt Stunden. Eine neue Erkenntnis seines inneren und äußeren Lebens brach sich in ihm Bahn. Er versuchte mit der Elastizität der Jugend allmählich wieder ins rechte Gleis zu kommen. Den verlorenen Weg ins Leben zu finden.

Er begriff wie nie zuvor den Segen der Arbeit. Einer praktischen und gesunden Tätigkeit, an die er, wenn er seine Fähigkeiten überdachte, wirklich fruchtbare Erwartungen knüpfen durfte.

Er fühlte sich jetzt stark genug, alle Hindernisse zu überwinden.

In dem Maße, wie er seines neuen Erfolges sicher wurde, der ihm das Recht gab, Ly zu sich zu rufen, wuchs seine Zärtlichkeit für sie.

Im Bewußtsein seiner völligen Unschuld nahm er es als selbstverständlich an, daß ihre Treue durch nichts erschüttert werden konnte.

In Wahrheit war die Nachricht von der Verhaftung Dr. Knut Stortings, die durch alle Zeitungen ging, für Ly der letzte beschämende Rest einer unglückseligen Verirrung. Knut war ihr bereits ein Fremder geworden. Sie bemitleidete ihn, machte sich aber kaum einmal klar, ob er schuldig oder unschuldig sein mochte.

Ja, diese Katastrophe erfüllte sie mit einer gewissen Befriedigung. Sie gab ihr nun vor dem eigenen Gewissen das Recht, die letzte künstlich gepflegte Verbindung mit Knut abzubrechen.

Den ungarischen Behörden, die auf das energische Drängen der deutschen Gerichte hin sich lebhaft bemühten, des flüchtigen Buchhändlers Schematzky habhaft zu werden, war es endlich gelungen, ihn zu fassen.

Nun näherte sich die Voruntersuchung gegen Knut Storting rasch ihrem Ende. Der Untersuchungsrichter sah ein, daß er voreilig gehandelt hatte. Es war jetzt klar, daß Schematzky allein die Fälschung der Unterschriften auf den verschiedenen Wechseln vorgenommen hatte. Als er sich zu einem Geständnis bequemte, wurde Knut Storting aus der Haft entlassen. Der Untersuchungsrichter bat ihn zu sich und drückte ihm sein Bedauern über den Mißgriff aus. „Wir sind eben auch nur willenlose Diener unserer Pflicht“, sagte er.

Knut, der in der Zeit der Untersuchungshaft um Jahre gealtert war, unterbrach den Beamten mit dem ihm eigenen Lächeln: „Schweigen wir darüber! – Wer von uns Menschen irrt nicht? Und schließlich hat jedes Unrecht seine besondere Bedeutung, denn wir sind alle Werkzeuge einer höheren logischen Macht. Dieses mir scheinbar zugefügte Unrecht war ein notwendiges Glied meiner inneren Entwicklung.“

Der Beamte sah den jungen Philologen verwirrt an. Er hatte heftige Vorwürfe erwartet.

„Ich werde Ihnen ein Taxi holen lassen. Wollen Sie inzwischen die Zeitung lesen?“

Er reichte Storting die Augsburger Abendzeitung und machte sich wieder über seine Arbeit.

Knut dankte.

Plötzlich fuhr er mit einem dumpfen Aufschrei in die Höhe. Seine Hände krampften sich um das Schreibpult des Richters, daß die Eichenbretter knarrten. Eine fahle Blässe überzog sein Gesicht.

„Was ist Ihnen?“ fragte der Beamte erschrocken und wollte um Wasser klingeln, aber Storting fiel ihm in den Arm. Dann sank er kraftlos auf seinen Sessel zurück.

„Es ist schon vorüber.“

„Ein Unwohlsein? Glauben Sie, daß Sie gesundheitlich gelitten haben?“

„Nein! Durchaus nicht! Ich las nur – eine Notiz!“ Seine Augen verschleiern sich. Er preßt plötzlich die Hand mit einer zuckenden Bewegung gegen den Mund, als wollte er einen Aufschrei unterdrücken. Nur ein dumpfes Stöhnen quillt zwischen den halbgeöffneten Lippen hervor.

„Was ist eine unschuldig erduldete Untersuchungshaft, was sind Täuschungen des Lebens gegen das?“

„Was meinen Sie?“

Er hört den Richter nicht, murmelt nur so vor sich hin, als wollte er die Qual durch den Klang ihres Namens noch verschärfen.

„Ly! Ly von Holgen, Legationsrat Graf Seefeld in Rom. Verlobte!“

Dem Richter dämmert leises Verständnis auf.

„Sie kannten die Dame?“

Knut schlug mit geballter Faust auf den Tisch.

„Ich kannte sie? Sie war meine Braut!“ Leiser fuhr er fort: „Braut – was bedeutet das? Das ist ein Schall, ein Wort, ein Nichts! Mir war sie das Ziel, und ein Ziel müssen wir alle haben, ob es nun ein elendes Ziel ist, ein Phantom, ein häßliches oder ein niedriges Ziel – ohne Ziel können wir nicht leben! Ohne Ziel kommen wir nicht vorwärts.“

Der Beamte stand betroffen vor diesem Ausbruch. Er atmete auf, als der Gerichtsdiener eintrat und meldete, daß das Auto warte.

„Sie können nach Hause fahren, Herr Dr. Storting!“

Der sah ihn mit irren Augen an, dann lachte er kurz:

„Ich kann nach Hause fahren! Leben Sie wohl!“

Nun – dann bezahlten ihm mitleidige Freunde die Überfahrt nach Amerika.

2

Die Tellerwaschmaschine lief unermüdlich. Unermüdlich stand Knut da und tat seine geistlose Arbeit im Restaurant „Gold Coast“ – zur „Goldenen Küste“. –

Knut ging langsam, ohne etwas Besonderes zu denken, an der großen Küche vorbei, in der der chinesische Küchenchef geschäftig hin und her eilte, umgeben von seinen Trabanten.

Da geht eine Tür auf. Knut wirft einen Blick in das Innere des Restaurants: an Tischen, die mit kostbarem Zedernholz eingelegt sind und von goldenen Drachenfüßen getragen werden, speist eine erlesene Gesellschaft. Fast nur Amerikaner. Sie balancieren die Eßstäbchen, als hätten sie Messer und Gabel nie gekannt. Ganz nahe sitzt eine sehr zarte Dame vor einem Gericht Chow-Main.

Knut kennt sie von den Ankündigungen her: eine der bekanntesten Schauspielerinnen Neuyorks! Die Tür geht wieder zu.

Da plötzlich, ein seltsamer, heller Ruf, so fern, als käme er aus der Geisterwelt.

Noch einmal ein fast singender Ton wie ein Ruf aus dem Äther, wie eine Funksendung. Der Hilferuf einer Frau! Kaum hörbar für nicht geschärfte Ohren, kaum auffällig für Gleichgültige. Aber Knut hörte diesen langgezogenen, kaum vernehmbaren, unterdrückten Ruf – die Stimme einer Frau!

Ohne auf die Chinesen zu achten, stürzt der Deutsche die Treppe empor. Da ist eine Tür, mehr Bretterverschlag als Wohnungstür.

Er rüttelt. Klopft. Klingelt. Alles bleibt still. Er wirft sich zwei-, dreimal mit der Schulter gegen die Türfüllung. Die Bretter geben nach.

Ein Vorraum. Ein Vorhang, Ruhebett, farbenprotzige Kissen – eine Frau, im Mund einen Knebel, an Händen und Füßen gebunden.

Knut Storting hebt sie hoch, rennt die Treppe hinab, sieht wie durch einen Nebel verzerrte Chinesengesichter, erreicht die Straße.

„Wohin?“ ruft er der Frau atemlos ins Ohr. Sie trägt eine kostbare Abendtoilette. Keinen Schmuck.

Seine Sinne nehmen ihr Bild mit Sekundengeschwindigkeit in sich auf.

Er schneidet die Stricke durch, versucht, sie auf die Füße zu stellen.

„Sie müssen einen Augenblick allein bleiben. Ich hole die Polizei. Hier sind Sie sicher.“

Sie schlägt die Augen auf.

Nie mehr wird ihr Gesicht aus seiner Erinnerung weichen! Runde, große, scheinbar unbewegliche Augen. Ein suchender Mund voll Süße und Herbheit. Blauschwarze kurze Haarwellen im Wind, wie geheimnisvolle Segel der Nacht.

„Einen Wagen!“ stammelt sie.

Wenige Häuser weiter steht im Licht einer elektrischen Lampe eine Autodroschke. Knut winkt. Der Wagen gleitet heran.

Der Fahrer öffnet den Schlag.

Rundum Menschen. Die Erde scheint sie auszuspeien. Bummler. Gelbe. Fahrer. Eine schwarze Mauer wächst auf, unheilkündend, drohend.

Rufe werden laut.

„Zum nächsten Polizeibüro!“ schreit Knut in Hast dem erstaunten Chauffeur zu.

Der Motor springt an.

„Nein! Nein!“ ruft die Frau. Ihre Hände gleiten mechanisch über die schmerzenden Gelenke. „Nein! Nein! Nicht zur Polizei – – –“

„Aber wohin?“ –

Der Wagen hält.

Sie denkt nach, nennt eine Adresse.

Plötzlich: Hände, brutale, breite Hände mit dicken Fingern und rissigen Nägeln. Sie greifen in den Wagen. Niemand versteht, was vorgeht. Es ist wie ein Film. Nur Knut begreift blitzartig: zwei Gesichter vor der Frau, die entsetzt aufschreit – Verbrecher! Narben im Gesicht, Fischaugen und stierstarke Hälse. Einer mit freier Brust. Sie hängen sich an. Ein Hieb läßt Knut taumeln. Die Menschenmenge wälzt sich heran. Knut fühlt Fieberhitze. Schlägt zu, exakt, sicher, landet schwere Hiebe. Er hat es nicht gelernt. Nur zugesehen hat er bisher, schlägt aber wie ein Boxer. Der Motor ist wieder angesprungen.

Der eine Angreifer schnauft wie eine Maschine und kugelt ab. Den zweiten schleift das Auto eine Weile mit, dann rutscht er in die Straßenrinne.

Die Dame hat dem Fahrer eine neue Adresse zugeschrien. Osten! Wo die armen Leute wohnen. Eine jener Neuyorker Bezeichnungen, bei denen sich ein nicht Ortskundiger nicht viel denken kann. Eine jener Straßen, die nur Nummern, keine Namen tragen.

Knut hält die Kraftlose in den Armen.

Sie fahren.

Langsam erholt sie sich.

Eine kleine, zärtliche Hand liegt auf der seinen. „Ich danke Ihnen“, flüstert eine helle Stimme. „Sie werden alles erfahren. Ich heiße Violet, das mag Ihnen genügen. Wir werden uns wiedersehen.“

Im Schimmer der hellen Häuser, Lampen, Auslagen betrachtet er sie. Ihr stolzer Kopf ist nach hinten gesunken. Er weiß nicht, was er sagen soll. Minuten vergehen. Locken flattern über ihre Stirn. Die Brauen fliegen hochmütig über eine gerade, kühne Nase. Plötzlich beugt sich die schöne Unbekannte vor, läßt den Wagen halten.

„Nochmals danke ich Ihnen. Wie heißen Sie?“

Er nennt seinen Namen. Sagt ihr, daß er Deutscher sei, ihren Hilferuf vernommen hätte, daß er unendlich glücklich wäre.

„Was sind Sie?“

„Was ich bin? Ich war etwas! Ich bin jetzt nichts –“

Sie sucht etwas, betrachtet ihre Hände, fährt sich plötzlich ins Haar. Der kostbare Kamm schleudert farbige Funken. Er ist mit Brillanten besetzt.

„Ich kann Ihnen heute nur so danken – nehmen Sie!“

Er zieht seine Hände zurück.

„Nein! Ich lasse mich nicht bezahlen!“

Sie zieht die Brauen hoch, überzeugt sich, daß die Straße menschenleer ist.

„Seien Sie ein ganz klein wenig klug“, sagt sie. Ihre Stimme klingt eindringlich, ein wenig ironisch. „Sie sind arm. Sie sollen Ihr Glück machen!“

„Ist es nicht Glück genug, Sie –“

Eine herrische Handbewegung unterbricht ihn. Sie schleudert den Kamm auf die Straße. „Sie haben keine Aussichten hier in den Staaten – please – steigen Sie aus.“

Der Ton duldet keinen Widerspruch. „Geben Sie mir Ihre Adresse.“

„Deutsches Logierhaus König Friedrich“, stammelt Knut verwirrt.

„Ich schreibe Ihnen! Leben Sie wohl!“

Für einen Augenblick ist ihr Gesicht über ihm: ihre verschleierten, umschatteten Augen, der feuchte Mund, ein sanftes Kinn, die blauschwarze Welle, die bis über die hochfliegenden Brauen geglitten ist. Duft von fremden Inseln und unbegreiflich süßen Blüten umfängt ihn. Er kann kaum atmen. Er fühlt nur, wie die dunkle Ahnung einer schwermütigen, verhängnisvollen, grausamen Liebe seine Glieder schwer werden läßt. Plötzlich umschlingen ihn zwei weiche Arme, ihre Lippen liegen auf den seinen. Dieser Kuß, zärtlich und hastig, wie ein Gruß aus einer Welt des Reichtums, des Glücks, der Sonne, macht ihn trunken. Als er taumelnd aufsieht, sich zurückfindet zur Wirklichkeit, ist der Wagen fort. Eine graue Straße mit Lichtflecken umgibt ihn. Passanten nähern sich.

Er kehrt nicht mehr in das Restaurant zur „Goldenen Küste“ zurück. Irrt in Neuyork umher, bis der neue Tag herangekommen ist.

Kaum fühlt er den Hunger. Immer nur sieht er lockend das Mädchenantlitz. Kein amerikanisches Gesicht. Dunkle, schwermütige Augen. Ein sehnsüchtiger Mund. Eine fast zu große, an Indianer erinnernde Nase. Und doch: schön! Traumhaft schön!

*

Als Knut Storting nach Stunden in seinem Logierhaus anlangte, zog er sich sofort in sein kleines Zimmer zurück. Da lag das Morgenblatt. Die Heimausgabe, die um vier Uhr morgens gedruckt wurde. Gedankenlos überlas er den Inhalt: die üblichen „Cartoons“, die neuen Abenteuer der stehenden Scherzfiguren. Inserate von verblüffender Deutlichkeit, eine illustrierte Geschichte der Staaten seit den Tagen der Einwanderung, die letzten Depeschen, Ratschläge des Martha-Lee-Klubs für Frauen. Plötzlich: „Verbrechen in der Bowery? Wer ist der Entführer? Wer ist die schöne Unbekannte? Das Rätsel hinter der Holztür über dem Restaurant zur ‚Goldenen Küste‘.“

Amerikanische Schnelligkeit! Reporterfixigkeit!

Knut knüllt die Zeitung zusammen. Sie sind ihm also schon auf den Fersen! Langsam glättet er das Papier wieder und liest:

„In dem allen Neuyorkern bekannten Restaurant Gold Coast ereignete sich heute nacht ein ganz ungewöhnlicher und mysteriöser Vorfall. Aus einer kleinen Wohnung über Chen-Kien-Suans Restaurant entführte ein Unbekannter eine Frau, nachdem er die Tür gewaltsam erbrochen hatte. Er stürmte mit seiner Beute auf die Straße und jagte in einem Taxi fort. Obgleich um diese Zeit die Straße belebt war, hat niemand den Verbrecher gehindert. Alles vollzog sich nach Aussagen von Augenzeugen so schnell, daß niemand eingreifen konnte.

Es ist die höchste Zeit, daß die Polizei ganz energisch gegen das Verbrechertum vorgeht. Neuyork steht nicht mehr hinter Chikago zurück. Wir haben aber nicht den Ehrgeiz, in einer Stadt zu wohnen, in der das Verbrechen allmächtig triumphiert. Oder sollen die Zeiten des Roten Ben wiederkommen, in denen Straßenschlachten etwas Alltägliches waren?“

Kopfschüttelnd las Knut. Die interessante Lektüre wurde durch ein Inserat der Firma Whitman & Co. unterbrochen, die für besondere Fälle einen Feigensirup von nie versagender Wirkung anbot – – –

Schon fesselte eine weitere Notiz Knuts Aufmerksamkeit, steigerte seine Erregung:

„Neue Feststellungen zu dem Mädchenraub!“

Inspektor Garde hat einen Fund gemacht, der die schlimmsten Befürchtungen erweckt. An einer Straßenbiegung, nicht weit ab von der Bowery, fand der Beamte gegen Morgen auf der Straße einen Haarschmuck von seltenem Wert. Die Brillanten repräsentieren ein Vermögen, das unsere Sachverständigen auf 50000 Dollar schätzen. Die Unglückliche ist also beraubt worden. Detektive sind auf der Suche nach dem Taxi. Man vermutet, daß der Chauffeur zu den Verbrechern gehört und der Wagen ein maskiertes Privatautomobil war.“

Und nach einer Bekanntgabe der Edolf-school, die einen neuen Lehrer suchte:

Unsere Redaktion sucht das Rätsel zu lösen. Kampf zweier Verbrecherbanden?

„Unser Korrespondent begab sich kurz vor der ersten Ausgabe unseres Blattes in die Bowery zum Restaurant Gold Coast. Die Polizei war schon zur Stelle. Chen-Kien-Suan hat mit der Sache nichts zu tun. Die Wohnung über dem Speisehaus ist von Unbekannten gemietet worden. Es handelt sich um zwei Männer, nach denen die Polizei ebenso fahndet wie nach dem Entführer der Entführten.

Es scheint sich um einen Kampf zwischen zwei verschiedenen Verbrecherbanden zu handeln, denn nach Aussage Sung-hens, des Geschäftsführers Chen-Kien-Suans, gleicht der Entführer keinem der beiden Mieter, die Sung-hen wohl gekannt hat. Man nimmt nun an, daß die Unbekannte erst von der einen, dann von der anderen Bande geraubt wurde, deren Führer der Mann von heute nacht war. Er hat sich als Tellerwäscher engagieren lassen, offenbar um den geeigneten Augenblick für die Tat abzuwarten und die Örtlichkeit in aller Ruhe zu studieren.“

Zwei Stunden später schrien Boys in den Straßen neue Einzelheiten der phantastischen Begebenheit aus, für die sich schon ganz Neuyork interessierte.

„Die Entführte, ein Opfer des Opiums?“

„Im Restaurant Gold Coast hat die Polizei ein Geheimzimmer gefunden, in dem Angehörige der oberen Fünfhundert sich zusammenfanden, um dem Opiumgenuß zu huldigen. Es scheint, daß es sich um eine Sekte handelt, die einer chinesischen Organisation nachgebildet ist.“

„Die zwei Hauptschuldigen sind verhaftet!“

„Die Polizei hat die beiden Mieter der mysteriösen Wohnung in der Bowery bereits ausgekundschaftet. Bei Redaktionsschluß werden sie vom Schnellrichter Jafferson verhört. Es sind Peer Wichman und Harry Seal, dieselben, die vor kurzem in den großen Gangster-Prozeß verwickelt waren. Wichman ist Anführer einer Bande, die seit Jahren Neuyork unsicher macht. Er hat das Geschäft von seinem Freund Samuel Hick geerbt, dessen Kompagnon er war, bis Hick in einem nächtlichen Straßenkampf von der Polizei erschossen wurde. Beide leugnen bis jetzt, die Gefangene zu kennen. Aber man wird sie beim Verhör ‚dritten Grades‘ schon zum Sprechen bringen.“

Knut Storting schob die Unterlippe vor. Mögen sie suchen! Er hat kein Verlangen, in allen Zeitungen genannt zu werden. Und die schöne Unbekannte hegte offensichtlich die gleiche Abneigung gegen das millionenmal vervielfältigte Porträt. Er handelte in ihrem Sinne, wenn er schwieg.

Um zwölf Uhr meldeten die Zeitungen, daß die Verbrecher noch energisch verhört würden. Die Polizei vermute, daß hinter Wichman und Seal eine besondere Persönlichkeit stehe. Diese Zusammenhänge gelte es aufzudecken.

Knut beschloß, die Unbekannte aufzusuchen und ihre Erlaubnis einzuholen, sich der Polizei zur Verfügung zu stellen. Eine unerklärliche Unruhe trieb ihn fieberhaft umher.

Er aß kaum. Wartete den ganzen Tag. Aber keine Nachricht kam.

Sie hat die Adresse vergessen, dachte er. Das ist ja nur natürlich. Warum habe ich sie ihr nicht aufgeschrieben? Es ging aber alles so unwirklich schnell. – Immerhin: er hatte sich ihre Adresse gemerkt. Gegen Abend pilgerte er hinaus nach dem Osten.

Das Haus fand er schnell. Ein Mann stand im Flur. Er las einer Gruppe von Männern vor, daß der Chikagoer Polizeipräsident erschossen worden sei. Er hatte dem Syndikat der Rumschmuggler Kampf bis aufs Messer angesagt. In dem Neuyorker Entführungsprozeß sei man noch nicht weitergekommen. Die verhafteten Verbrecher weigerten sich entschieden, den Mann zu nennen, der hinter ihnen stand.

Dumpfe, stickige Luft herrschte in dem Treppenhaus. Knut fand nach langem Suchen die Tür des Hausverwalters. Er klingelte.

Mit schlürfenden Schritten kam eine alte Frau und öffnete.

„Was ist los?“

„Ich suche eine Miß Violet!“

„Aber bei mir doch nicht!“ Die Alte will die Tür zuwerfen.

Knut sucht zu erklären. „Eine Dame, die hier wohnt – eine sehr elegante, schöne Frau mit dunklen Augen – sie dürfte sehr reich sein.“

Da wendet sich die Frau ins Innere der Wohnung: „Jonny, komm’ doch mal heraus und bringe den verrückten Kerl weg.“

Eine vierschrötige Männergestalt wird hinter ihr sichtbar.

„Was will er?“

Wieder berichtet Knut, er suche eine sehr elegante, schöne Dame, die in diesem Haus wohnen wollte.

Der Riese kommt dicht heran.

„Wenn ich Sie wäre, ich drehte um und würde schleunigst verschwinden! Hier sind Sie sicher nicht in dem richtigen Hause. Wir kennen hier keine vornehmen Damen. Wir wollen auch nichts mit ihnen zu tun haben!“

Knut stieg die Treppe empor.

Im ersten Stock standen zwei Frauen. Er trat zu ihnen, fragte, beschrieb.

Die beiden sahen ihn mißtrauisch an. „Hat sie Ihnen etwas gestohlen?“

„Nein – ich suche sie nur so – – –“

„Wir kennen sie nicht. Hier wohnen nur arme Leute – und die Frauen in diesem Hause gehen solchem Beruf nicht nach, der elegante Abendkleider einbringt –“

Er gab es auf.

Auf der Straße spielten und lärmten die Kinder, ein Milchwagen rasselte vorbei. Knut ging wie im Traum.

War denn das alles wahr, was er erlebt hatte? War es nicht ein wüster Traum, ein Gebilde seiner Phantasie? Hat er wirklich eine Frau befreit, die ihn so augenscheinlich belogen hat? Wollte sie verschwinden, damit er sie nicht wiederfinden konnte?

Er hätte zur Polizei gehen können. Aber er fühlte, daß er sie dann für immer verlieren würde.

3

Ja, nun war mehr als ein Jahr verstrichen, seit er in Ellis Island angekommen war.

Nun hatte er Neuyork kennengelernt, diese phantastisch nüchterne Stadt, in der ununterbrochen die Fluten eines ungeheuren Verkehrs zusammenprallen, um sich an fünfzigstöckigen Häusern wie die Meeresbrandung an Felsklippen zu brechen.

Für Knut Storting hatte dieses gigantische Gemälde des Ringens, der gefesselten Arbeit und eines märchenhaften Reichtums etwas Überwältigendes.

Jäh und in ununterbrochener Flut wogt das Leben durch die gewaltigen Pulsadern Neuyorks.

Nahe der Bowery leben die Ratten: die armseligen Trödler, Inhaber elender Bekleidungsanstalten, Schauspieler an minderwertigen Theatern und die Besitzer der Kneipen.

Welch ein Rätsel: die prächtigen Kirchen, die so vielen Sekten, die in dieser Stadt nebeneinander leben, als Stätten der Andacht dienen. – Heuchelei? Feigheit? – Wirkliche Suche nach Gott?

Knuts scharfes Auge hat längst entdeckt, wie unterminiert von Elend, Unbildung und Schande diese glanzvolle Stadt ist:

Östlich von der Bowery das Quartier der russischen Juden. Armselige Gassen, ein modernes Ghetto. Zwischen Bowery und Broadway, wo sich die Ströme des rollenden Reichtums hin und her ergießen, die armseligen Quartiere italienischer Tagelöhner und Orgelspieler: Welch eine Anhäufung von bitterstem Elend und trübster Bestimmung!

Und die Park-Avenue, die über die Fünfte Avenue triumphiert: diese Massenansammlungen von gewaltigen monumentalen öffentlichen Bauten und Kunstanstalten, dieses Meer von Villen und Palästen, wo sich das Geld im gesicherten Besitz seiner Millionen organisiert hat! Schon kannte Knut die verschiedenen Ziele der verschiedenen politischen Parteien. Er studierte das Volk und wunderte sich: Neben der drückendsten Armut welch eine Bildungslosigkeit der Reichen! Welche Roheit unter den untersten Schichten – dabei eine große Anzahl von Schulen, eine gewaltige öffentliche Wohltätigkeit!

Er durchschaute bald die gewaltige Korruption, die dieses Riesenräderwerk der Arbeit durchzieht und seine Tätigkeit hemmt.

Er mußte eine Betätigung seines innersten Wesens finden, das lag nun einmal in seiner Natur. Die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit war abgebrochen. Also vertiefte sich Knut mit Feuereifer in die Probleme dieses für ihn neuen Lebens. Er fühlte sich bereits als Amerikaner, freilich als Organisator, als Reformer!

Überraschend schnell hatte er nach jenem Abenteuer mit „Violet“ eine gutbezahlte Stellung in einer deutsch-amerikanischen Privatschule erhalten. Sie war von einem Komitee gegründet worden, dem viele Geistliche angehörten.

Er lehrte Naturwissenschaft. Von Anfang an fiel es ihm schwer, sich an die veralteten Vorschriften des Lehrplans zu halten.

War es nicht viel wichtiger, die Wahrheit zu lehren, jene klare, reine wissenschaftliche Wahrheit, für deren Erforschung die größten Geister ihr Leben lang tätig gewesen. Es befriedigte ihn mehr, aus den Augen seiner Schüler atemlosen Enthusiasmus zu lesen, als nach dem Programm der Schule Unterricht zu erteilen. Schon nach kurzer Zeit beobachtete man seine Lehrtätigkeit mit Mißtrauen. Er kümmerte sich nicht darum. Er merkte kaum etwas davon. Er befand sich ja in dem freien Amerika! In einem Lande, das auch ihm mit der Selbständigkeit seines Geistes die höchsten Privilegien einer freien Menschheit verlieh.

„Sie haben allen Ihren wissenschaftlichen Untersuchungen die Bibel zugrunde zu legen“, sagte der Direktor des Instituts. „Wir warnen Sie ausdrücklich vor Irrlehren, also etwa Grundsätze zu vertreten, die Darwin zum Schaden der Menschheit und der Religion erfunden hat.“

Knut Storting schüttelte den Kopf.

„Wie können Sie dann von einem ‚naturwissenschaftlichen‘ Unterricht sprechen?“

„Die Frage löst der Schulplan“, war die Antwort.

Knut versuchte zuerst, Wahrheit und Lehrplan zu verbinden. Aber schnell siegten Begeisterung und wissenschaftliche Überzeugung über solche Bedenken. Er lehrte seine Schüler, diese stolzen Vertreter des stolzesten Volkes, den Lehrsatz von der Vergänglichkeit aller Menschenwerke.

„Nur der Wechsel ist beständig.“

„Aber unsere Bauwerke, unsere Wolkenkratzer, unsere Petroleumquellen, unser Reichtum?“ wandten die Schüler ein.

„Es gibt kein unbewegliches Heute. Die Saurier sind untergegangen, diese mammuthaften Säugetiere. Die größten Spielarten sind am schnellsten zum Aussterben verurteilt. So ist auch das Leben des Zivilisationsmenschen ein Kulminationspunkt, der bereits auf den Wechsel zum Primitiven hinzeigt. Nur das Einfache behauptet sich. Alles ist Entwicklung, und die Spielart Mensch, aus unfaßbar einfachen Anfängen emporgezüchtet, muß wieder zurück zur einfachsten Lebensform oder untergehen.“

Solche Lehren vertrugen sich nicht mit dem Ewigkeitsdünkel der amerikanischen Rasse, die kein Morgen gelten lassen will, die das Prinzip des Unveränderlichen beansprucht und sich als höchstentwickelte Nation betrachtet.

Knut Storting aber brachte seine Schüler zum Nachdenken. Fragen tauchten auf, die zu beantworten dem Schulleiter höchste Verlegenheit bereitete.

Er sah das Wirken des deutschen Lehrers mit wachsender Entrüstung an.

Bald aber trat Knut Storting in einer Form an die Öffentlichkeit, die seinen Vorgesetzten noch weniger behagte als sein Unterrichtssystem.

Er beteiligte sich leidenschaftlich an den gewaltigen wirtschaftlichen Kämpfen, die die Vereinigten Staaten durchtobten. Höher als vorher reckte die Korruption ihr Haupt. Wirtschaftliche Probleme drängten nach Lösung. Die Plutokratie beherrscht mit Trusts und den verwegensten Privilegien gleich einem einzigen Despoten unumschränkt die Staaten.

Bald wurde Knut in den Trubel der Parteikämpfe gezogen. Seine Reden in der Öffentlichkeit, seine rücksichtslosen Urteile über die Syndikate, sein furchtloses Eintreten für die von ihm gehegten Ideale zogen ihm allmählich das schärfste Mißfallen der Schule zu, in der er tätig war.

Der Direktor ließ ihn eines Tages zu sich kommen und sagte:

„Mr. Storting, ich habe mehr und mehr die Überzeugung gewonnen, daß Sie Ihre Stellung an unserer Schule verkennen.“

Knut wollte auffahren, sich auf die persönliche Freiheit berufen, aber der Direktor ließ ihn nicht aussprechen.

„Verstehen Sie mich recht! Ich weiß, was Sie sagen wollen! Sie kommen von Deutschland. Sie vergessen, daß Sie sich in Ausübung Ihrer Lehrtätigkeit unbedingt dem Programm anpassen müssen, das unserer Schule vorgeschrieben ist!“

„Und meine Schüler, die das Recht haben, die Wahrheit von mir zu hören?“

„Ihre Schüler bezahlen Sie nicht. Und da Ihre Vorgesetzten wünschen, daß Sie den naturwissenschaftlichen Unterricht in den Grenzen geben, die Ihnen gesetzt sind, so ...“

„Erlauben Sie, daß ich Sie unterbreche! Diese Grenzen sind Lügen! Selbst wenn ich mich fähig erklärte, diesen Betrug an der jungen Generation zu begehen, so bliebe doch noch mein persönliches Ehrgefühl zu beseitigen! Ich müßte lernen, mich selber zu belügen, und das –“

„Müssen Sie lernen“, entgegnete der Direktor trocken.

Storting sah bleich zu Boden.

Eine Welt hatte er sich erbaut. Eine neue, schöne Welt, reich an Glauben und Idealen und wundervollen Hoffnungen. Monate hatte er gedarbt, gehungert und gearbeitet. Um diese neue Welt.

Und in einer Stunde fiel sie zusammen. Eine brutale Hand, stärker und mächtiger als sein Wille und sein Glaube, wischte darüber hin. Alles versank, und das Gespenst der grausamen Enttäuschung grinste ihn wieder an.

Er war entlassen. Das Unglück kam nicht allein:

Seine Agitation gegen die Trusts hatte den wütenden Angriff eines Blattes gegen ihn zur Folge, das sich mit zweifelhaften Feldzügen gegen unbequeme Gegner einen nicht eben ehrenvollen Namen unter der Presse gemacht hatte. Der Artikel wimmelte von absichtlichen Entstellungen.

Storting erwiderte darauf. Aber man griff ihn nur um so stärker an.

Eines Abends sandten ihm „Freunde“ die Zeitung zu. Mit blauen Strichen dick umrandet las er:

„Knut Storting versucht die Massen zu betrügen! Er selbst ein Betrüger! In Deutschland wegen Diebstahls angeklagt!“

Es folgte eine entstellte Darstellung jenes traurigen Zwischenfalls in München, wo er unschuldig in Untersuchungshaft gekommen war.

Ein Korrespondent der Zeitung hatte alles in absichtlich tendenziöser, aufgebauschter Form berichtet, und das Blatt schrieb über die Angelegenheit, als sei die entehrende Anklage erst gestern oder vor einigen Wochen erhoben worden.

Es begann ein zäher, verzweifelter Kampf des unglücklichen Lehrers gegen seine mächtigen und überlegenen Feinde.

Er schrieb der Zeitung, daß die Angelegenheit um Jahre zurückläge.

Sie antwortete, es sei dann doppelt bedauerlich, daß er gerade Amerika für gut genug hielt, sich zu verbergen und über die Schande Gras wachsen zu lassen.

Er schrieb, daß er unschuldig gewesen sei.

Die Zeitung knüpfte hämische Bemerkungen daran. Der Beweis fiel beiden Teilen schwer. Also lastete das Mißtrauen weiter auf Knut Storting.

Er schrieb, daß er überhaupt nicht wegen Diebstahls angeklagt gewesen sei.

Um so schlimmer, meinte die Zeitung. Vielleicht war das Delikt noch niedriger und ehrloser.

Knut antwortete mit einem tätlichen Angriff auf einen der Redakteure des Blattes.

Wütende Ausfälle folgten.

Das Gericht verurteilte ihn zu einer empfindlichen Buße.

Was nützte es ihm, daß durch sein mutiges Auftreten ein Korruptionsherd aufgedeckt wurde?

Die Öffentlichkeit erfuhr, daß der Senator Smith in Illinois eine Million Dollar Bestechungsgelder für seine Wahl bezahlt hatte. Daß sich in Pennsylvania das gleiche zugetragen hatte. – Aber über Knut Storting erfuhr man nichts mehr.

Denn die „Gelbe Presse“ hatte kein Interesse an ihm. Er würde nie in den Dienst Randolph Hearsts treten können, der über achtunddreißig große Tageszeitungen, elf Wochen- und Monatsschriften gebot. Der den einflußreichsten Feature-Dienst beherrschte, der das Nachrichtenwesen kontrollierte. Der Mann mit 85 000 Angestellten. Der Mann, der die gewissenlosesten, aber begabtesten Reporter der Welt erzogen hat. Der durch ein nie vorher erlebtes Husarenstück den Amerikanisch-spanischen Krieg entfesselte. Für die Blätter dieses Mannes existierte Knut Storting nicht mehr. Er war abgetan, kaum daß er begonnen hatte.

Von nun an führte der Lebensweg des Deutschen in steilen Kurven bergab.

4

Müde, zerschlagen, ging Knut am Abend in eine Wählerversammlung. Ein Anhänger des Kandidaten Hoover sprach: „Drei Millionen Dollar für Wohlstandsarbeiten. Das Prohibitionsproblem wird gelöst!“

„Hoover wird“, ruft der Agitator in die unübersehbare Menge, „Hoover wird dieses furchtbare Erbe nicht unverändert antreten. Er weiß, daß es einen Augiasstall zu säubern gilt. Er ist gewillt, die amerikanische Nation aus der Prohibitionssackgasse herauszuführen, die darin besteht, daß sie sich ein Gesetz gegeben hat, das sie nicht befolgt. Hoover will die Durchführung des Gesetzes mit allen Mitteln sichern, und wenn es sich herausstellen sollte, daß das unmöglich ist, ist er entschlossen, das Gesetz in diesem oder anderem Sinne abzuändern. Es zu verschärfen – oder abzuschaffen!

Die Bootleggers haben seit der Annahme des 18. Verfassungs-Amendments auf das allgemeine Alkoholverbot nicht allein ihre große Schmugglerindustrie aufgebaut und aus ihr im Laufe der Jahre einige hundert Millionen Dollars Nutzen gezogen, sondern sie haben auch die Macht gewonnen, die mit dem Besitz von einigen hundert Millionen Dollar heute nun einmal verbunden ist. Sie beruht auf der Korruption.“

So ungefähr entwickelte der Redner Hoovers neues Regierungsprogramm. Tausende riefen Beifall. Das neue Reich des Glücks und der Wahrheit schien angebrochen.

Nicht weit von Knut saß ein Mann mit kniffigem Mund.

Kein amerikanisches Gesicht. Wo habe ich es nur schon gesehen? überlegte Knut. Es ist mir bekannt – diese lederne Physiognomie mit den schwarzen unruhigen Augen hat irgendwie in meinem Leben schon eine Rolle gespielt.

Da fiel es ihm auch schon ein:

Schematzky –!

„Schematzky“, sagt Knut während einer Pause. Der Angeredete wendet ihm hastig das Gesicht mit den ewig mahlenden Zähnen zu. Forschend ruhen die harten Augen auf dem armseligen, heruntergekommenen Deutschen.

„Schematzky“, wiederholen einige Leute mit sonderbarer Scheu.

„Ich bin Knut Storting“, sagt der Deutsche.

Sekundenlang denkt der ehemalige Münchner Buchverleger nach. Dann geht Erinnern über sein Gesicht. Er schüttelt Knut kräftig und, wie es scheint, freudig bewegt die Hand.

„Geben Sie mir Ihre Adresse, Storting. Warten Sie, ich notiere sie mir.“ Er zieht ein Notizbuch, in Saffian gebunden. Notiert.

„Sie hören von mir! Es geht Ihnen nicht gut, no? Oh dear! Nun, ich werde Vergangenes gutmachen! Sie sollen zufrieden sein! Good night, Storting!“ Fort ist er. Eine Hand legt sich, kaum merklich, auf Knuts Schulter.

„Kennen Sie Mr. Schematzky?“

„Ja“, antwortet Knut und schaut verdrossen in ein scharfkantiges Gesicht. Die Habichtsnase neigt sich beinahe bis zu den harten Lippen hinab.

„Was kümmert es Sie?“

Der Mann schweigt. Nach einer Weile:

„Sie sind Deutscher?“

„Ja.“ Knut erblickt das Erkennungszeichen eines Polizeidetektivs. „Ich frage nur. Wissen Sie, wer Schematzky ist? Der erfolgreichste Alkoholschmuggler. Vielfacher Millionär.“

„So? Warum verhaften Sie ihn nicht?“

Der Detektiv lacht bissig.

„Wir wissen viel, aber zugreifen? Erst Beweise!“

Er nahm von da ab keine Notiz mehr von dem Deutschen. Als Knut sich erhob, erblickte er am Boden eine Photographie, die aus Schematzkys Rocktasche gefallen sein mußte. –

Er hob sie auf. –

Alles Blut wich aus seinem Gesicht. –

Es war das Bild seiner rätselhaften Unbekannten!

Mit größter Anstrengung beherrschte er sich und steckte die Photographie zu sich.

*

Nach einer schlaflosen Nacht lernte Knut in dem Logierhaus auch seine Nachbarin kennen, deren Lied ihn eines Abends so erschüttert hatte. Ein junges, blondes Mädel. Von jener selbstverständlichen Schönheit, die von einem gesunden Körper und einer reinen Seele ausgeht. Sie sah ihn halb neugierig, halb mitleidsvoll an. Erriet die Mühe, die es ihm verursachen mochte, seinen Anzug noch instand zu halten.

„Sie sind Deutsche?“ fragte er.

„Ja, Deutsche. Woher stammen Sie?“

„Aus der Gegend von Frankfurt an der Oder. Da oben in der Mark.“

„Oh!“ lächelte sie. „Da soll es nur Sand und wieder Sand geben!“

„Nein, nein! Da blühen die Blumen und rauschen Linden und Ahorn wie in allen deutschen Gauen. Sie sind, wenn ich nicht irre, vom Rhein?“

„Merken Sie es an meiner Aussprache?“

„Ja. Und das Lied vom Rhein hat es mir verraten.“

„Ich bin aus der Bonner Gegend.“ Sie sagte es wie einen Spruch aus dem Evangelium. Ihre Augen wurden dunkel. Sie sah an ihm vorbei, über Ozean und Fernen – das Vaterland.

„Haben Sie Heimweh?“

Sie schwieg und warf den Kopf mit geschlossenen Augen in den Nacken.

Da stand plötzlich breit und gesprächig ihr Vater neben Knut.

„So, so“, sagte er, „auch Deutscher!“

„Ja!“ Knut musterte den unternehmungslustigen Rheinländer. Hans Reichert hieß er und war Weinbauer. Vor kurzem ausgewandert. Und er? Knut gab zerstreute, unsichere Antworten. Er dachte nur an Schematzky und die Unbekannte.

Nach zwei Tagen traf von dem Ungar ein Brief mit Geld ein. Zweihundert Dollar! Ein Vermögen für Knut.

„Ich weiß“, schrieb Schematzky, „daß ein Detektiv Sie nach mir ausgefragt hat. Lassen Sie sich nicht mit Detektiven ein! Damit macht man kein money. Die zweihundert Dollar sind Ihr Geld. Ertrag aus Ihrem Buch, die ich damals für mich verwandt habe. Sie dürfen es also ruhig annehmen. Und wenn Sie smart sind, dann besuchen Sie mich –“

Oh – und ob Knut „smart“ war!

Ohne sich fünf Minuten zu besinnen, eilte er zu Schematzky.

Es war Abend. Der Broadway zischte förmlich Lichtreklamen. Die Wolkenkratzer hoben sich malerisch aus einem milchigen Gürtel von Licht. Nahe dem Paramount-Filmpalast befanden sich die Büros des Ungarn.

Die Räume waren bereits geschlossen. Mr. Schematzky wohnte in der Park-Avenue. In der Straße der Millionäre.

Knut fuhr hin. Der Pförtner verlangte seinen Namen. Telephonierte mit dem Sekretär des Millionärs. Ein Aufzug führte Knut blitzschnell in die 29. Etage.

Ein Flur. Türen. Ein Liftboy drückt auf eine Klingel. Ein blitzblanker Nigger öffnet eine der vielen Türen, empfängt mit einem kaum merklichen Blick des Unwillens den Mann, der wie ein Arbeitsloser aussieht, geleitet ihn in einen mit höchstem Luxus ausgestatteten Raum. –

Schematzky hat Knut erwartet und geht ihm schnell entgegen.

Noch schneller sagt Knut:

„Sie haben kürzlich eine Photographie verloren!“

„Ich weiß. Sie haben sie gefunden!“

„Ja. Ehe ich sie zurückgebe, eine Frage: Wer ist diese junge Dame?“

Jetzt erst fällt Schematzky die Hast auf, mit der der Besucher die Worte hervorstößt.

Er wirft ihm einen scharfen Blick zu.

„Eine mir nahestehende Dame.“

Knut fühlt plötzlich Leere in sich. – Das Zimmer wird unwirklich.

„Nahestehend? Wollen Sie mir nicht sagen, wie sie heißt?“

In dem Gesicht des Schmugglers arbeitet es. Irgendeine Ideenverbindung bringt ihn auf die richtige Fährte. „Sind Sie der Mann, der sie aus dem Hause zur Goldküste gerettet hat?“

„Ja, der bin ich. Und ich suche die Dame ohne Rast. Ich habe ein Anrecht darauf, sie wiederzusehen, wenigstens zu wissen, ob sie lebt und nicht etwa wieder entführt wurde.“

„Sie ist nicht wieder entführt worden, Storting!“

„Sagen Sie mir, was Sie von ihr wissen, Schematzky. Sie ahnen nicht, von welcher Wichtigkeit das für mich ist! Sie sagen, die Dame stünde Ihnen nahe!“

Knut schaut Schematzky ins Gesicht. Der lächelt frech und doch nachsichtig.

„Lieben Sie denn Miß – Violet?“

„Ja, sie heißt Violet! Sie kennen Sie! Schematzky, ich flehe Sie an – wer ist sie? Wo ist sie?“

Schematzky bleibt stumm. Endlich sagt er:

„Ich werde Sie mit der Dame bekannt machen.“

„Oh, ich danke Ihnen, Schematzky!“ –

„Unter einer Bedingung –“

„Ich erfülle sie. Ganz gewiß, ich erfülle sie!“

„Schön. Sprechen wir später davon. Sie müssen erst mehr von mir wissen.“

Er geht im Zimmer auf und ab. Bleibt plötzlich vor Knut stehen, wirft ihm einen scharfen Blick zu:

„Ich suche einen Menschen, der mir auf Tod und Leben verbunden ist.“ Er denkt nach. „Wollen Sie die Frau haben?“

„Haben? Was meinen Sie? Sprechen Sie von Violet?“

„Ja. Soll sie Ihre Geliebte werden?“

„Meine Geliebte? Ach, das ist ein Traum!“ Und nach einer Pause: „Meine Frau soll sie werden. Ich werde die Welt erobern an ihrer Seite!“

Schematzky lacht.

„Sie sind unverbesserlich. Was reden Sie für Dummheiten. Napoleon hat die Welt erobert – trotz Josephine. Nicht durch sie. Die Weiber, Storting – doch ich schweife ab! Also, Ihre Frau kann sie nicht werden. Dazu kann ich sie nicht zwingen. Aber daß sie Ihre Geliebte wird, das kann ich machen.“

Knut Storting schabt die Zähne aneinander.

„Zwingen? Zwingen? Ist sie Ihre Sklavin, Schematzky?“

„Ich lasse sie nochmals entführen. Das Weitere ist Ihre Sache.“

Knut bebt am ganzen Körper. Brüllt:

„Haben Sie denn – haben Sie denn auch damals – – –“

Der Ungar legt sich in den Lehnsessel zurück und hält seinem leidenschaftlichen Besucher eine Kiste Upman hin.

„Rauchen Sie, Storting, Sie gefallen mir. Sie haben sich immerhin verändert seit München, das muß ich sagen! Sie wären ein Partner für mich! Schlagen den besten Mann der Unterwelt k. o.! In allen Verbrecherkreisen spricht man mit grenzenloser Hochachtung von Ihnen. Wenn Sie wollen, können Sie der Society für besondere Aufträge beitreten. Das sind Leute, die für gewisse Politiker arbeiten. –

Nachts natürlich. – Also: Ich habe Violet entführen lassen. Ich habe schon mit der Mutter Geschäfte gemacht. War Kaffeekönigin. Starb vor drei Wochen. Tüchtige Frau. Ist an der Börse reich geworden.“

Das alles hört Knut kaum. Geht mit geballten Fäusten auf Schematzky los.

„Sie haben Miß Violet entführen lassen? Sie??“

Schematzky jongliert mit einem Revolver.

„Machen Sie kein Theater, Storting. Soll ich Sie für fünf Minuten scheintot machen? Im Ernst:

Seien Sie nicht naiv, Storting! Hier müssen Sie sich an brutale Tatsachen gewöhnen. Ich habe meine Mittelsmänner – in der Mottstreet. Der ‚Mordtrust‘ untersteht meinem Befehl. Wissen Sie, was der ‚Mordtrust‘ ist? Die Verbrecher in Neuyork und Chikago sind organisiert. Zusammengeschlossen zu einem Trust. Man bestellt da, was man braucht: Überfalle, Schüsse in der Nacht und so. Auch Entführungen. Diese Männer sind verwegene Hooligans. Aber verläßlich. Schauen Sie mich nicht so an, als ob Sie mir an die Gurgel springen möchten, Storting. Wenn Sie es weitererzählen, glaubt es Ihnen kein Mensch. Es sind nicht die schlechtesten Policemen in Neuyork und Chikago, die selber dem Trust angehören. Ja, jeder sieht, wo er bleibt. Aber die Hauptsache! Sie haben mir eine schöne Sache verdorben, Storting! Wir sind jetzt quitt! Noch einmal dürfen Sie nicht als mein Gegner auftreten –“

Knut steht blaß und sprachlos da. Endlich schüttelt er den Bann ab, den der Mann da auf ihn ausübt.

„Warum haben Sie es getan?“ fragt er mit heiserer Stimme.

Schematzky lacht.

„Warum? Oh, dear, my big boy, weil ich große Verluste erlitten hatte. Die Detektive haben mir drei Schiffe weggenommen. Meine besten Leute sind bei der Gelegenheit gefallen. Sieben Tote bei mir, vier bei der Polizei. Ja, my boy, das Leben ist ein Kampf. Kurz, ich brauche Geld. Eine Million – der alte Kaffeebauer hätte die Million ohne weiteres bezahlt, wenn man ihm mit dem Tode der Tochter gedroht hätte!“

Knut Storting springt aus seinem Sessel.

„Das ist Ihr Beruf, Mann?“

„Nein, das war nur eine Angelegenheit momentaner Not. Inzwischen habe ich mir anders geholfen. Ein reicher Mann aus Minnesota hat sich am nächsten Geschäft beteiligt.“

„Und die Behörde? Die Polizei?“

Der Schmuggler lacht.

„Keine Sorge, Storting. Unsere Geschäfte sind sicher. Diesmal wird sie mich ungeschoren lassen, hoffe ich. Der Polizeichef von Chikago, Heights, wurde ermordet, ja? Nun, Leroy Gilbert war ein persönlicher Gegner von mir. Er hatte geschworen, die ‚Bootleggers‘ auszurotten. Verrückte Marotte von ihm. Hat sich von der Stadtverwaltung in Chikago bei der Vorwahl aufhetzen lassen. Wollen die Verbrecherbanden vernichten!“

Der Mann ohne Gewissen macht ein verächtliches Gesicht.

„Entsinnen Sie sich, daß vor einiger Zeit der Hilfsstaatsanwalt William Mc Swiggin erschossen wurde? Wissen Sie, wie das geschah? Er befand sich in einem wüsten Viertel, der Staatsanwalt, bei einer vertraulichen Rücksprache mit zwei Bootleggers. Einer der zwei war ich. Mc Swiggin war eng befreundet mit uns. Vertrat eine bestimmte Industrie, die viel an uns Schmugglern verdient. War unser Mann, jawohl, mein Freund, wollte uns verraten, büßte es. Wir lassen uns nicht in die Karten schauen. Unsere Gelder entscheiden bei den Wahlen. So ist es!“

„Entsetzlich“, stammelte Knut. „Unglaublich.“

„Unglaublich? Sie kennen mich nicht, Storting. Neuyork ist nur meine Filiale sozusagen. Ich arbeite hauptsächlich in Chikago. Die ‚Unterwelt‘ ist ein Teil meiner Organisation. Überlegen Sie unsere Macht: seit Ende 1927 sind neunzig Bomben gegen unbeugsame Polizeiorgane geworfen worden. Ich verfüge über fast zwölfhundert Banden. Alle organisiert. Ja, Mann, es ist eine Lust zu leben! Doch ich will Sie nicht mit den Geheimnissen meines Geschäftsbetriebes langweilen. Ich will wissen: Haben Sie Lust, in einem Jahr reich zu werden? Sehr reich? Dann machen Sie mit! Ich suche einen Mann, der den Mund hält, meine Interessen wahrt, mit meinen Schiffen fährt. Vor allem muß er meine Radiosendestationen kontrollieren.“

„Nein“, ruft Knut zornbebend. „Ich mache nicht mit! Aber ich verlange, daß Sie mir sagen, wo die Frau ist, die Ihnen ganz gewiß nicht nahesteht, und die ich wiedersehen will, und wenn ich über Ihre Leiche gehen muß!“

„Sie verfallen wieder in Ihre alten Übertreibungen“, sagt Schematzky kalt. „Aber wie Sie wollen. Über meine Leiche werden Sie nicht gehen. Nie! Dazu habe ich zu viele Dollars. Aber Sie werden sich mein Angebot noch überlegen!“

Knut steht sekundenlang zum Sprung bereit. Hinter Schematzky taucht die riesenhafte Gestalt eines Negers auf. Steht wie eine Bildsäule.

Da wendet sich Knut zum Gehen. An der Tür wirft er dem Ungarn einhundertfünfundneunzig Dollar vor die Füße. Fünf hat er schon ausgegeben. „Ich will kein Geld von Ihnen. Was ich davon gebraucht habe, arbeite ich ab!“

„Aber ich sagte Ihnen ja, Storting, es ist Ihr Geld! Ich habe es schon aus Deutschland mitgebracht. Sie haben es zu fordern. Wollen Sie Ihr Geld wegwerfen? Sind Sie von des Satans Großmutter hypnotisiert? Bill, gib ihm die Scheine wieder.“

Der Neger suchte das Geld vom Teppich auf und steckte es Knut in die Taschen.

Dann sauste der Deutsche im Fahrstuhl neunundzwanzig Stockwerke tiefer.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
05 maja 2025
Objętość:
180 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711503782
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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