Czytaj książkę: «Christines Weg durch die Hölle»

Czcionka:

Robert Heymann

Christines Weg durch die Hölle

Roman

Sir John Retcliffe dem Jüngeren

Saga

Christines Weg durch die Hölle

© 1929 Robert Heymann

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711503683

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1

Der Sturm hat die Tür zum Wirtschaftsgebäude aufgerissen. Wie eine weisse Meute peitschte heulend der Schnee herein. Eine Mauer bildete sich drüben vor dem einsamen Eingang ins Schloss.

Gräfin Christine, längst ohne Dienstboten, ist beschäftigt, das magere Obst einzukochen. Man muss sich auf einen langen und harten Winter gefasst machen. Fleisch ist sehr selten geworden, denn die Bauern haben rücksichtslos den Wildbestand zusammengeschossen. Nichts geschieht mehr für die Wintersnot der Tiere. Nur die Wölfe dringen des Nachts rudelweise bis aus Schloss heran und müssen von Michael mit Flintenschüssen verfagt werden.

Christine will die Tür schliessen, denn die eisige Kälte dringt schon durch ihren Pelz, da löst sich ein dunkler Schatten aus dem Schleier von Schnee und Sturm.

Sie erkennt ihn sofort an dem nur ihm eigenen Lachen. An den schmalen Schultern erkennt sie ihn, an der Art, wie er nachlässig die Hand hebt.

„Alexeij!“ ruft sie entsetzt. „Alexeij Odojewskij!“

Das Gefäss mit Obst entfällt ihrer Hand. Sie schaut ihm entgeistert ins Gesicht, aus dem er die Eisperlen wischt. Er eilt auf sie zu, um ihre Wangen zu küssen, aber sie weicht schnell zurück. Sein Lachen, unecht, eine stete Maske, bleibt in seinem harten Gesicht stehen.

„Nicht anrühren, Hauptmann Odojewskij! Ich bin Gräfin Kusmetz.“

„So,“ sagt er trocken und wirft sich auf die Bank. „Das ist keine Neuigkeit für mich, Gräfin!“

Sie steht noch immer fassungslos.

„Wo kommen Sie her?“ fragt sie.

„Von überall und nirgends. Ich stehe natürlich bei den Weissen. Vorläufig bin ich in Odessa, nachdem ich lange unter Petljura gekämpft habe.“

Die Gegenwart ist brennend. Russland ist ein Flammenmeer. Tausend Jahre alte Einrichtungen sind fortgefegt. Die Menschen wandern und wandern ... Das drängend Gegenwärtige lässt Christine Vergangenes vergessen.

„Wir erhoffen alles von dem Eingreifen der Alliierten,“ sagt sie hastig. „Sie müssen uns retten. Sie sind stark genug! Russland zerfleischt sich selbst. Die Bolschewisten haben keine Armee ... Es sind undisziplinierte Horden ...“

Hauptmann Odojewskij zuckt die Achseln und vergräbt die Hände, von denen er die grossen Handschuhe gezogen hat, in den Taschen.

„Was weiss man ... und was wissen Sie, Gräfin? Kornilow fiel vor den Toren von Jekaterinodar ... am 31. März 18, im verflossenen Jahre ... ich habe den Eisfeldzug mitgemacht ... das Schlimmste, Fürchterlichste, was Sie sich denken können, Gräfin ...“

Der Erzähler bläst in den Ofen, aber Christine kann längst kein grosses Feuer mehr anzünden. Nur ein Flämmchen brennt am offenen Herd. Es ist eisig kalt, und die Winternebel senken sich mit früher Dunkelheit über die Erde.

„Die Bauern haben uns das Holz genommen. — Wir leben immer in Pelzen — Transportmittel gibt es auch nicht. — Kein Pferd mehr, keinen Wagen!“

„Und so leben Sie?“

Sie lächelt ergeben. Das kleine Feuerchen wirft einen matten Schein auf ihr junges, liebliches Gesicht. Sie hat dunkelblondes Haar, jetzt erscheint es rot. Ihr Kopf sitzt auf dem beweglichen Hals. Sie erinnert an eines jener ernsten Kinderbilder des englischen Meisters Reynolds.

„Dann leben Sie also mitten im Verfall?“

„Ja. Das ist das rechte Wort. Rund um uns zerfällt alles. Die Erde, die Ernte, die Häuser zerfallen. Die Steine fallen aus dem alten Schlossflügel in die Zugbrücke. Aber —“ wieder huscht das Kinderlächeln über ihr bleiches Gesicht — „wir warten. Wir haben ja die Hoffnung. Und der Frühling kommt, und der Sommer, wenn auch menschlicher Wahnwitz am liebsten die Erde stille stehen hiesse und die Sonne auslöschte!“

„Sie hoffen, Gräfin! —“ Der Hauptmann pfeift durch die Zähne ... „Bis sich Ihre Hoffnungen erfüllen, liegt Ihr Schloss in Trümmern, und Ihre Bauern haben Sie längst begraben.“

Er fährt, sich in Hitze redend, fort: „Worauf hoffen Sie? Auf den Sieg der Weissen? Die Weissen werden nicht siegen!“

Die erschreckten Augen der Gräfin leuchten durch das Dunkel.

„Aber Sie sind doch selbst — sagten Sie nicht, dass Sie Petljuraoffizier sind?“

„Ja. Ich war es. Und trotzdem! — Vorher war ich bei Kornilow. Ich kann Ihnen nicht schildern, was die Kornilow-Armee gelitten hat. Schliesslich hielten nur noch die Tekintzen, die mongolische Leibwache, die Freiwilligen zusammen! Die Roten trieben uns aus Rostow in die Steppe ... immer südwärts in Schnee und Eis ...“

Christine steht mit gefalteten Händen. Was sich einmal zwischen ihr und dem ehemaligen Zarenoffizier zugetragen hat, ist vergessen! Er hat Kornilows Eisfeldzug mitgemacht! Er wächst vor ihren Augen ins Legendäre.

„Erzählen Sie, Hauptmann Odojewskij! Erzählen Sie!“ bittet sie. „Darf ich Ihnen etwas anbieten? Verzeihen Sie, dass ich völlig vergass —“ sie schaut mit unruhigen Augen umher in dem kahlen Raume und hält im Geiste Musterung über ihre kargen Vorräte.

„Einige geschmorte Pflaumen — etwas Zuckerwasser?“ Sie senkt die Stimme bei dem Wort „Zucker“.

In seinem gesunden Gesicht öffnet sich der Mund weit zu einem Lachen.

„Zuckerwasser? Ja?“ Er lacht noch stärker. „Wir trinken französischen Champagner in Odessa, schöne Gräfin! Nein, wirklich, ich will Sie nicht berauben! Aber ich darf Ihnen eine Zigarette geben?“

Während ihr Kopf verneint, sucht die Hand die Dose aus edlem Holz, die er ihr entgegenhält. Er reicht ihr Feuer. Sie tut den ersten Zug.

„Ach,“ sagt sie in einem Ton, wie Kinder unter dem Weihnachtsbaum.

Er trinkt sich nicht satt an der sanften Rundung ihres Mundes, an den jungen, zärtlichen Augen, die bei jedem Zug, den sie an der Zigarette tut, für Sekunden in rotes Licht getaucht sind.

„Ich wollte Ihnen von Kornilow erzählen.“ Er schliesst schnell die Tür und kehrt zurück, setzt sich auf die Bank, während Christine mitten im Raume steht. —

„Immer enger wurde die Umklammerung der Roten. Es ging noch so, als wir durch das Gebiet der Donkosaken marschierten — obgleich auch die Kosaken damals noch nichts von uns wissen wollten. Inzwischen sind sie ja alle längst unter Denekin gegen die Roten mobilisiert. Aber erst, als die Eiswüste uns umfing, als wir Bauerndorf um Bauerndorf mit der Waffe in der Hand nehmen mussten, ohne Proviant, verzweifelt, halb erfroren ... da erst kam uns das ganze Elend zu Bewusstsein. Die Roten sandten ihre Späher vor uns her. Die logen die Bauern an, hetzten sie gegen uns auf, und wo uns etwa die Bauern nicht Widerstand leisten wollten, da waren schnell ein paar bolschewistische Helfershelfer gefunden, die diesen Widerstand erzwangen. Auch die deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen wurden von den Roten bewaffnet. Wenn wir ankamen, wurden wir mit Feuer empfangen. Dorf für Dorf, Gräfin, es war ein Jammer! Wir konnten die Waffen keine Stunde ablegen. Hinter uns die Roten, vor uns die Bauern. Es gab keine Wahl! Wir stürmten Dorf um Dorf und massakrierten die Verteidiger. Und fanden immer weniger Lebensmittel. So erreichten wir Jekaterinodar. Kornilow beschliesst, die Stadt zu stürmen. Wir sind kaum ein paar tausend Mann und haben einen unabsehbaren Zug von Verwundeten und Kranken, die wir mitschleppen. Ein Elend! Ein Kampf entbrennt, unbeschreiblich! Wir haben schreckliche Verluste. Kornilow beugt sich eben über seine Generalstabskarte, da schlägt eine Granate ein und zerschlägt ihm Arm und Bein.

Eine Stunde später war er tot. Die Soldaten durften es nicht erfahren. Sie waren schon in die Strassen der Stadt eingedrungen. Man kämpft um die Häuser, um die Vorstadt, um jeden Stein. Wir müssen wieder heraus — zurück in die Steppe! Müssen die Kranken und Verwundeten und die Pflegeschwestern zurücklassen!

In der Steppe senken wir den toten General in die gefrorene Erde. Wieder endlose Flucht durch das weisse Russland. Und endlich, dezimiert, ein Häuflein armseliger Offiziere, erreichen wir wieder das Gebiet der Donkosaken und sind gerettet.“

Christine ist auf einen Schemel gesunken. Starrt den Erzähler mit weitaufgerissenen Augen an: „Aber nun! Nun hat Denikin doch die Hilfe der Engländer und Franzosen und Griechen! Auch die Deutschen in Nikolajew stehen zu ihm!“

Hauptmann Odojewskij schweigt. Sein gepflegtes Gesicht, das kleine, schwarze Bärtchen auf der vollen Oberlippe möchten seine Heldengeschichten Lügen strafen. Aber er hat die Wahrheit gesprochen. Mond und Schnee scheinen durch das zerbrochene Fenster.

„Ach, wären wir in Sibirien oder im Kaukasus,“ seufzt Christine. Alexeij schaut ihr erstaunt zu, wie sie einen Kienspan entzündet. „Wir haben kein Licht mehr,“ sagt sie mit einem hilflosen Lächeln — „auch keine Kerzen! — Ja, Hauptmann Odosewskij, mein Mann und ich, wir leben hier unter trostlosen Verhältnissen. — Es ist die Heimat, ja, aber keine Zeitungen — die Bauern rund herum reden viel ... man weiss nicht ... ist Koltschak wirklich Oberkommandierender in Sibirien?“

„Ja. Er hat einen Tag vor Weihnachten — letztes Jahr — Perm eingenommen — bereitet jetzt cine neue grosse Offensive vor ... im Frühjahr soll der Marsch nach Moskau beginnen ...“

Er lacht kurz, sonderbar, seine Augen kleben an ihrer rührenden Gestalt. Ihre Zöpfe hängen mädchenhaft über ihre Schultern. Das schwelende Licht fällt auf ihren dichten Scheitel und taucht ihre forschenden Augen in geheimnisvolles Zwielicht. —

„Wie ist es denn aber überhaupt möglich, dass ich Sie hier noch finde, Gräfin?“

„Sehr einfach! Ich habe den Grafen Kusmetz geheiratet ... wir zogen hierher auf seine Güter.“

„Den Revolutionär ...“

„Er war kein Revolutionär. Er ist unschuldig nach Sibirien geschickt worden. Sie wissen es so gut wie ich. Aber die Bauern haben es ihm nicht vergessen, dass er einst für sie eintrat. Dass er keine Herrenrechte geltend machte wie die anderen Gutsbesitzer rundum, die alle ausnahmslos flüchten mussten. Die Bauern haben uns nichts zuleide getan, haben eine Abordnung geschickt und uns sagen lassen, sie wollten wohl unser Land aufteilen, aber wir sollten ruhig im Schlosse weiterwohnen, und was wir brauchten, wollten sie uns geben.“

„Und Sie sind geblieben?“ fragt der Hauptmann mit einem Anflug ehrlicher Bewunderung.

„Ja! Mein Mann konnte sich nicht von der Heimat trennen!“

„Ihr Mann!“

„Sie müssen nicht so sprechen! Auch ich hätte es nicht übers Herz gebracht. Freilich, als alle flohen, als wir den Feuerschein über den Herrenhäusern unserer Nachbarn bald da, bald dort aufleuchten sahen, da klopfte manchmal die Furcht bei mir an — aber Michael vertraut den Bauern.“

„So lange, bis das Gesindel ...“

„Es ist kein Gesindel. Sie betreuten uns weiter. Es war rührend. Aber dann — dann kamen die Roten, die Weissen, wieder die Roten, Requisitionen über Requisitionen, und schliesslich der Hunger. Nun haben auch die Bauern nichts mehr. Also können sie uns nichts abgeben.“

„Sie hungern also, Gräfin! Sie hungern?“

„Ja. Wir hungern.“

„Und Michael? Ihr Mann? Wo ist er?“

„Mein Mann ist über Land! Er versucht, bei einem ehemaligen Leibeigenen seines Vaters etwas aufzutreiben. Wir sind ja nun auch arm. Gewiss habe ich meine Kostbarkeiten gerettet —. Aber hier unter den Bauern sie zu Geld machen, hiesse, die bösen Instinkte wachrufen. Und wenn wir fliehen — wer kann sagen, wie lange das Geld reicht, das wir für den Schmuck erhalten?“

„Trotzdem sind Sie unermesslich reich,“ sagt der Hauptmann langsam, lauernd. „Sie kennen doch das Geheimnis des Platinlagers.“

Zum ersten Male lacht Christine leise: „Das Geheimnis des Platinlagers ...“

„Nun? Man sagt, die Ausnützung würde Milliarden erbringen!“

„Vater behauptete es. Und ich glaube auch daran. Aber der Sturz des Zaren hat die Verwertung vereitelt. Vater ist nun gestorben.“

„Aber er hat Ihnen die Pläne vermacht.“

Sie schweigt. Sein listiges Auge beunruhigt sie.

Aber er fährt hartnäckig fort: „Verkaufen Sie das Geheimnis an die Entente. Ich bin bereit, zu vermitteln.“

„An die Entente? Russlands Schätze? Halten Sie mich für eine Verräterin?“

„Die Entente soll aber Russland aus dem Abgrund des Bolschewismus helfen. Sie selbst sagten ähnliches vorhin — warum also wäre es Verrat, ihr Bodenschätze zur Verwertung zu übermitteln, die doch wieder Russland zugute kämen? Oder glauben Sie, Gräfin, die Engländer sind nach Batum gekommen, weil Idealismus sie getrieben hat? Das russische Petroleum reizt! Und die Franzosen? Die wollten den Italienern zuvorkommen, und die Griecheu wollen Kompensationen.“

Christine hat sich inzwischen von ihrer ersten Überraschung erholt und antwortet kühl, sie wisse überhaupt nicht mehr, wo sich das Lager befände, und sie wolle nichts mehr damit zu tun haben. Russlands Feinde bleiben Russlands Feinde, auch wenn sie im Sinne des Menschenrechts und der Kultur jetzt dem russischen Volke beistünden. „Übrigens habe ich alles vergessen. Ich habe nicht einmal Michael jemals davon erzählt. Nein, er hat keine Ahnung von der Existenz dieses Platinlagers, von dem ich selber nichts mehr wissen will. Wer hat zu Ihnen davon gesprochen?“

„Ich erfuhr es von dem damaligen Petersburger Stadtkommandanten. Doch lassen wir das Platinlager! Sie wollen wirklich hier bleiben?“

„Ja.“

„Und wenn die Bolschewiki kommen?“

„Die sind ja schon mehrmals durchgekommen. Die Bauern verstecken uns dann.“

Hauptmann Odojewskij steht auf und legt die Hände auf die Schultern der jungen Gräfin. „Ich muss wieder fort, Christine! Das ist kein Leben für Sie! Das ist Wahnsinn! Kommen Sie mit mir! Nach Odessa! Odessa lebt im Licht. Der Glanz der ganzen Welt ist über Odessa.“

Sie stösst seine Arme von sich und steht schnell auf. „Wir bleiben hier,“ sagt sie einfach. „Michael will hierbleiben.“

„Und deshalb, weil Ihr wahnwitziger Michael hierbleiben will ...“

„Ich sagte Ihnen ja schon — auch ich will es! Wenn wir die Heimaterde verlassen, dann vielleicht im Frühjahr.“

„Und ich erkläre Ihren Mann für wahnsinnig!“ schreit der Hauptmann. „Will er warten, bis er Sie eines Tages mit durchschnittener Kehle vorfindet? Geschändet? Oder bis ein Trupp Partisanbrüder Sie mitnimmt als Lagerdirne und zum Wäschewaschen? Haben Sie denn eine Ahnung, in welcher Gefahr Sie schweben?“

„Die Bauern werden mich schützen!“ antwortet sie erschrocken.

„Die Bauern! Schützen Sie die Bauern vor mir? Kann ein Bauer Ihnen helfen, wenn ich Kriegsrecht walten lasse, schöne Gräfin? Oder haben Sie alles vergessen, Christine?“

Der Wind reisst von neuem die Tür auf. Sie starrt den unheimlichen Besucher entsetzt an. In der Tat: Niemand ist erreichbar, der ihr Hilfe bringen könnte. Schweigend, kalt und dunkel liegt das Herrenhaus. Draussen tobt das Unwetter. Sie sieht jetzt schwach die Umrisse seines Schlittens, die Pferde hat er unter schützende Bäume gestellt.

Sie will fliehen, aber es ist schon zu spät. Er umfasst sie ...

„Verstehst du, Christine, dass ich dich immer noch liebe? Dass ich nicht verzichten werde?“

Seine grossen, weissen Zähne funkeln sie an. Sie schreit laut. Sie trommelt mit den Fäusten gegen sein Gesicht. Er mag schon schärfere Hiebe in ähnlichen Situationen empfangen haben. Er lacht nur. Der Wind bauscht ihre Röcke. Wirft sie ihr fast über den Kopf. — Macht sie hilflos und steigert seine sinnliche Wut. Wie ein Schraubstock pressen sich seine Arme um sie, ihr Kopf sinkt zurück, sein Atem geht über ihre Lippen und schon fühlt sie sich schaudernd als Beutestück — eines der tausendfachen in dieser wüsten, verfluchten Zeit — da pfeift etwas — sss — wie Gottes Zorn über das Gebäude weg, ein furchtbarer Krach folgt, draussen gehen die Pferde durch, und Odojewskij schleudert den zuckenden Frauenleib von sich.

„Eine Granate,“ schreit er wild. Da kommt schon der zweite, der dritte Einschlag, das Dach geht nieder, Balken stürzen umher. —

„In den Keller! In den Keller!“ ruft Odojewskij. Christine, keines klaren Gedankens mehr fähig, stürzt zu der Falltür. Er reisst sie auf. Sie fallen hinab. In ein eisiges, dunkles Grab. Und gleich hinter ihnen her prasselt die Vernichtung.

2

Es war für das Dorf vollkommen überraschend gekommen. Niemand hatte Zeit, etwas in Sicherheit zu bringen, aber das tat auch nicht not, denn die Bande, die mit Geheul, eine Rotte Korahs, auf kleinen Wagen stehend, mit schnaubenden Pferden durch die Dorfstrasse jagte, waren Machnoleute, Soldaten des Bauernvaters, der es weder mit den Weissen noch mit den Roten hielt, der die Welt erlösen und den Bauer frei machen wollte.

Gehetzt und gejagt und gesucht ist er, der „Befreier“. Er hat den Gutsbesitzern ihre Länder und ihre Forsten weggenommen und hat sie den Bauern gegeben. Er hat gegen die Deutschen und die Österreicher gekämpft, die nach dem Frieden von Brest-Litowsk in die Ukraine kamen. Sie haben einen hohen Preis auf seinen Kopf gesetzt, aber sie haben ihn nicht bekommen, denn seine Scharen sind flink wie die Teufel, und die Bauern beten ihn an. Er wird ein christliches Zeitalter begründen, dieser moderne apokalyptische Reiter mit dem wilden Blick und dem langen Haar über dem kranken Gesicht. Die Deutschen haben ihn gejagt wie einen Hund! Sie haben ganze Dörfer angezündet, in denen sie ihn vermuteten, sie haben das Haus seiner Mutter in Asche gelegt, sie haben seinen Bruder erschossen — aber sie haben Nestor Machno nicht fangen können.

Da kamen die Österreicher. Denen nahm der Bandenführer die Eisenbahn ab, die das Kohlenbecken des Donez mit den Küsten des Asowschen Meeres verbindet. Hier lag er auf der Lauer und fing die Reisenden ab, die grossen Handelsherren, die mit Kohle, Salz und Naturalien zu tun hatten, erpresste Lösegelder, raubte, mordete und organisierte seine Bande immer besser. Auf den zweirädrigen Tatschanki, auf denen immer ein Maschinengewehr montiert war, sassen je zwei seiner Leute. Über tausend solcher Karren verfügte Machno, seit er einen grossen Train der Österreicher aufgehoben hatte. Mit diesen tausend Kriegswagen rast er durch die Steppen, taucht heute hier, morgen dort auf, entzieht sich allen Nachstellungen, kämpft mit allen Truppen, heute mit denen Petljuras, morgen mit denen Trotzkis, am fanatischsten gegen die Weissen, und hält die ganze Ukraine in Atem.

Aber diesmal ist ihm ein Trupp weisser Soldaten auf den Fersen. Er hat die Eisenbahn zerstören wollen, da kommt ein Panzerzug aus Odessa angerast, und plötzlich sah er sich von Artilleriefeuer bedroht. Wie der Blitz flüchtet er nun. Seine Wagen ratterten durch das Bauerndorf, während die Russen hinter ihm herschiessen.

Während der Kampf zwischen den Weissen und den „Grünen“, wie sich Machnos Anhänger nennen, mit der Flucht der Grünen endet, hört Christine, eingeklemmt zwischen Balken und Mauerwerk, in weiter Ferne die Einschläge schwerer Minen und das helle Gewehrfeuer. Sie kann sich nicht rühren, wähnt den Hauptmann erschlagen. Sie ruft, aber keine Antwort folgt.

Tschschsch ... Bum! Krach! macht es über dem Haupt Christines. Ein neuer Einschlag wirft das Wirtschaftsgebäude völlig in Trümmer, der Keller scheint nachzugeben. Christine glaubt zu sinken ... tiefer und tiefer ...

Michael muss um diese Zeit zurückkehren, schiesst es ihr durch den Kopf. — Jähe Angst um ihn packt sie ... er wird mitten in den Kampf geraten ... er wird vielleicht daran teilnehmen, wird sich verleiten lassen ... wie hasst er diesen Machno, den er einen Wahnsinnigen nannte, einen Gottlosen, einen Anarchisten.

Wird mich Michael noch finden?

„Michael!“ ruft sie mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft. Aber hohl und leer klingt es in ihrem Grabe wider. Der Hauptmann gibt keinen Laut mehr von sich.

Wie ein Schleier sinkt halbe Bewusstlosigkeit über Christine. Michael ist in das Dorf gekommen, als sich ein dunkler Vorhang mit rasender Schnelligkeit vom Walde her den ersten Häusern näherte.

Die Bauern wussten sofort: „Überfall!“

Zuerst dachte Michael an die Bolschewiki. Er wollte ins Schloss, Christine holen. Aber der erste Bauer, der ihn sah, riss ihn vom Woge ab und hinein in die Hütte.

„Auf den Ofen, Väterchen,“ schreit er, schiebt, stösst, drängt Michael über die kleine Leiter auf den hohen Ofen, wirft alte Pelze über ihn. „Zudecken, Väterchen, den Kranken spielen!“

Sie lieben Michael. Sie lieferten ihn nicht aus. Was kümmert es die Bolschewiki, dass er einst für das unterdrückte Volk gekämpft, gelitten hat? Ihnen ist er ein Bourgeois, ein verhasster Bürger, ein ehemaliger Aristokrat. Wenn sie auf der Flucht sind, die Roten, erschiessen sie kurzerhand, wer ihnen irgendwie verdächtig erscheint. Und ein Adeliger ist verdächtig!

Jetzt hört Michael schon das wilde Schnauben der Rosse, das Geschrei, er hört Schüsse und denkt mit verhaltenem Atem an Christine. — Doch er verriete sie, wenn er jetzt versuchte, ins Schloss zu gelangen. Sie werden es für unbewohnt halten ... Angeber gibt es hier nicht, denn es sind keine armen Bauern da. Sie besitzen alle gleich viel. Sie bilden keinen Ortssowjet: Ehemalige Besitzlose, die mit Neid und Hass auf die Besitzenden schauen und willige Verleumder und Verräter sind.

Jetzt schlägt die erste Mine ein. Michael fährt hoch.

Was ist das? Wer schiesst hier mit Minen?

Gruben die Bolschewisten sich ein? Sind die Weissen so nah? Er war doch den ganzen Tag unterwegs und hat nichts gesehen noch gehört! Kein Bauer wusste etwas zu erzählen von einem Vormarsch der Weissen. Kein Bolschewist hatte sich seit langer Zeit sehen lassen. Nur die Banden des roten Grigorjew, des ehemaligen Gardeoffiziers, der geschworen hat, Odessa zu erobern, sollten heraumarschieren.

Waren es die Horden Grigorjews?

Die Luft ist erfüllt von ohrenbetäubendem Lärm: Geheul, Einschlagen der Minen, Knattern der Gewehre. Aber es ist ein Lärm von vielen fliehenden Pferden. Die Bande nahm sich nicht Zeit, haltzumachen. Wieder der Einschlag. Nun wird es stiller und stiller. Und dann liegt wieder Grabesstille über dem Dorf.

Michael springt von der Ofenbank herab. Bauern kommen, sich bekreuzigend.

„Machno,“ sagen sie.

Den fürchtet Michael mehr als alle anderen. Ohne sich Zeit zu nehmen, dein Bauer zu danken, stürmt er durch den eisigen Wind dem Schloss entgegen.

Alles ist dunkel und still. Gott sei Dank, keiner der Marodeure ist auf den Gedanken gekommen, Nachschau zu halten. Sie sind im Walde verschwunden, wie sie kamen, und wer weiss, wo Machnos Räuber morgen wieder auftauchen werden.

Michael eilt zur verschneiten Freitreppe. Er ruft, stürzt hinauf, durch die Korridore, die kalt und schwarz liegen, nur vom Mondschein beleuchtet, ruft und ruft und bekommt keine Antwort.

Da sieht er durchs Fenster das zertrümmerte Wirtschaftsgebäude. Fiebernde Angst fasst ihn. Er rennt hinaus. Er wühlt mit den Fäusten in den Trümmern, ruft den geliebten Namen. Von Ferne tönt Antwort. Leise, kaum hörbar, aber die Nacht ist so still im Schnee, dass er doch Christines Ruf aus der Tiefe vernimmt ...

Er versucht, die Balken zu heben. Umsonst!

Er rennt ins Dorf, die Bauern laufen zusammen. Mit Eisen und Schaufeln und Hacken kommen sie. Im Scheine von Fackeln graben sie nach der Gräfin. Michael arbeitet, als klatsche die Knute hinter ihm. Immer näher kommen sie dem Grabe, in dem Christine nach Atem ringt.

Jetzt endlich fährt ein eisiger Luftzug in das Loch. Die Verschüttete holt tief Atem ... und erwacht aus ihrer halben Bewusstlosigkeit. Da schlägt auch schon die Spitzhacke eines unvorsichtigen Retters dicht an ihrem Ohr vorbei.

Sie schreit auf.

Gerettet!

Gerettet in letzter Stunde, denn schon sickert Blut aus ihrer Nase, schon hat sie mit dem Erstickungstod gekämpft und den Tod gefühlt, der über sie hinstreifte ... einen grausamen Tod.

Weinend und lachend sinkt sie Michael in die Arme.

Die Bauern gehen ins Dorf zurück. Michael trägt die Gerettete ins Schloss.

Sie will danken und kann es nicht. Irgend etwas mahnt in ihr und klopft an ihr Herz, aber sie kann es nicht fassen.

Sie liegt, in alle verfügbaren Pelze gehüllt, auf dem Diwan, und Michael bemüht sich, Feuer zu machen. Ein kleines Feuer, um die Hände zu wärmen und etwas Fleisch zu kochen.

Er erzählt mit der überstürzten Hast der freudigen Erregung. Sie will zuhören und kann es nicht. Immer wieder drehen sich die Dinge um sie. Die Gedanken fliehen vor ihr, sie kann sie nicht einfangen, sie fliegen fort wie leichtbeschwingte Vögel, ins Blaue eines lichten Himmels, einer sonnigen Landschaft, bis wieder Geschrei und Toben sie aus ihrem Halbschlummer reisst.

Diesmal wird unten am Tor gerüttelt.

Michael tritt ans Fenster, duckt sich schnell.

Eine Kugel schlägt krachend in die Wand.

„Aufgemacht!“ brüllen rohe Stimmen. „Dachte ich doch, dass einer da oben versteckt ist! Los! Auf!“

Ehe Michael sich weigern kann, brechen sie unten das schwere Tor ein.

Schnell schieben sich seine starken Arme unter Christine. Durch eine Flucht von Zimmern jagt er mit der geliebten Last wie ein Schatten. Gespenstisch geistert der Mond hinter ihm drein. Treppen geht es empor ... überall fallen hinter ihm die Türen ins Schloss. Seine Füsse rollen Tische und Stühle davon. Weiter!

Nun ist er im letzten Zimmer. Er hat längst für diese Möglichkeit alles vorbereitet.

Waffen liegen schussbereit umher. Christine sinkt in die Knie.

„Michael, wir sind verloren! Nur nicht lebend in ihre Hände! Michael! Nicht lebend!“

In ihres Herzens Not sieht sie noch, wie Michael verändert ist. Die Güte seines Gesichtes ist weggewischt. Wie ein Tatar steht er da mit flammenden Augen, den Mund geöffnet in wilder Kampfeslust. Ja, mit einem gurgelnden Schrei antwortet er dem näher kommenden Lärm, und als könnte er sie nicht erwarten, diese Auseinandersetzung auf Leben und Tod, die doch nur mit seiner und Christines jammervollen Ermordung enden kann, stürzt er vor die Tür, an die Treppe. Hier macht sie eine Wendung.

Christine hört ihn schiessen. Schreie ... Flüche. Er schiesst wieder. Schnell feuert er und sicher. Und Menschenkörper rollen schwer aufschlagend hinab.

Sein Kriegsgeschrei hallt heulend durch die endlos traurigen Räume. Das Geschrei der Angreifer antwortet.

Es sind wieder die Grünen, die zurückgekommen sind. Auf ihrer Flucht haben sie das Schloss bemerkt ... Ein Schloss, heil und stolz. Man musste es plündern, man musste es nach etwa versteckten Adeligen durchsuchen.

In ihrer Todesnot horcht Christine doch immer von neuem auf die gellenden Schreie des Geliebten. Nie hat sie ihn so gesehen! Sie begreift: Die Natur des Vaters bricht durch, das Blut der alten Bojaren rauscht auf. Sie werden es nicht leicht haben mit dem letzten Spross des Hauses Kusmetz.

Jetzt zieht er sich langsam vor der Übermacht zurück ...

„Lade, Christine! Lade!“ ruft er.

Sie sucht in dem matten Mondlicht nach der Munition.

„In dem Kasten, nahe dem Ofen,“ schreit er. Sie hört ganze Salven, und die Kugeln der Grünen schlagen schon ins Zimmer.

Sie schiessen nun auch von unten. Aber sie wagen nicht, sich ein bestimmtes Ziel zu suchen, aus Angst, die Ihren zu treffen.

An die Tür gelehnt, steht Michael und feuert. Blitzschnell lädt sie: Das Gewehr, das er ihr hereinreicht, den Armeerevolver, und reicht ihm die anderen Waffen hinaus, die er längst geladen hatte, eines solchen Zwischenfalles sicher.

Warum sind wir geblieben? schiesst es Christine durch den Kopf. Und dann ist sie doch wieder voll Stolz und todesbanger Freude: So hat wohl keiner der russischen Grafen und Fürsten seinen Boden, die Heimat, verteidigt. So ist kein Adeliger gestorben, eine Hekatombe Gefallener nach sich ziehend in das Schattenreich.

Der Kampf geht weiter. Sie kommen nicht über die Treppenbiegung herauf, wenn sie auch Schnellfeuer geben. Die Kugeln können ihn nicht treffen, und ehe einer der verwegenen Schützen, sich um die Ecke schleichend, abdrücken kann, hat ihn Michaels Kugel schon gepackt.

Da schlägt furchtbares Knattern Christine beinahe zu Boden. Die Tür splittert. Michael stürzt herein. Kugelt über den Boden, springt aber schon auf und feuert weiter ... ins Dunkle, Wirre hinein, in den Menschenknäuel, der sich heranwälzt.

Sie haben eine Handgranate geworfen. Durch ein Wunder blieb Michael unversehrt. Wohl rinnen ihm Blutbäche über das Gesicht. Aber das hetzt ihn nur an. Er schreit wie ein Trunkener, und die Anderen weichen zurück vor dem barbarischen Feuer, stürzen hinunter trotz der geborstenen Tür.

„Ein Teufel,“ sagt unten im Hof einer der Offiziere zu Machno.

„Dann werden ihn hundert Teufel herausholen. Und das Weib lebend!“ brüllt Machno und haut mit der Peitsche wütend auf den Wagenrand.

Wieder stürmen sie.

Jetzt zerschlagen sie im Ansturm alles Erreichbare, schieben Matratzen und Tische vor sich her als Schutz gegen den Einen.

„Michael, ist das Ende der Welt gekommen?“ stammelte Christine.

Er nickt, mit allen Sinnen nach der Treppe horchend.

Das Geheul kommt wieder näher und näher.

„Das Ende dieser Welt, ja.“

Ein Schrei aus Seelentiefe.

Er wendet sich ihr zu.

„Michael! Fliehen wir! Wir sind jung! Jung!“

„Fliehen?“ Er lächelt. „Zu spät! Zu spät!“

„Der Tod — —? Wir sind verloren?“

„Ja, Christine. Es ist das Ende.“

Ihre Arme schlingen sich um seinen Hals. Sie drängt sich an seinen Körper. Sein Blut sprudelt über sie.

Ihre Lippen suchen die seinen. Seine Arme schlingen sich um den zuckenden Körper, Augen tauchen in Augen. Liebe empfängt zwei Seelen, Liebe einer Sekunde, die sich in ein Leben wandelt.

„Liebste! Mein Weib!“

„Im Tode, Michael!“

„In einem besseren Leben!“

„Jenseits dieser entsetzlichen Zeit und Welt.“

„Jenseits.“ —

Küsse überirdischer Trunkenheit. — Ein Chaos von Flüchen. — Splitter. — Braune Köpfe! Irrlichternde Augen! Gewehre!

„Michael! Michael! Nicht in diese Hände — barmherziger Gott —“

Blitze in ihrer Nähe.

Die Köpfe der Machnoleute verschwinden wieder für einen Augenblick. — Todesächzen. —

Michael steht aufrecht, mit zitternden Muskeln. Die Patronenkammer des Brownings lässt ihm noch Zeit.

„Michael — nur das nicht — nicht lebend —“

Er lächelt.

„Still, still, mein Liebling!“

Das Geheul schwillt wieder an zum Orkan. — Schrille Schreie dazwischen.

Feuer! Ein düsterer, brauner Kopf in der Türfüllung.

Schüsse. Wieder Schüsse.

Christine springt auf, vor den Geliebten.

Christine deckt Michael mit ihrem Körper.

Da verstummen die Schüsse. Da wird es still. Und die Stille schreit Christine das Entsetzliche zu: Lebend wollen sie das Weib haben, lebend!

„Nicht lebend!“ schreit Christine mit wahnsinnigen Augen.

Michael ist kühl wie ernst auf dem Exerzierplatz. Er hat seine Kugeln gezählt.

Noch zwei.

Die Tür bricht entzwei.

Da wendet er die Waffe gegen Christines Stirn — und — senkt sie.

Denn plötzlich, wie von Geisterhand verweht, ist der Spuk verschwunden.

Die Angreifer sausen hinab. Unten wird gekämpft. Ein schweres Maschinengewehr arbeitet.

Die Weissen aus dem Panzerzug sind gekommen. Der Kampflärm ist bis zu ihren Patrouillen gedrungen.

Trotzdem die Machnoleute überrumpelt sind, gelingt es den Weissen nicht, sie richtig zu fassen. Ehe der Hauptangriff erfolgt, sind sie schon auf und davon. Ihre kleinen Pferdchen jagen, den Bauch fast im Schnee, dahin und schleppen Maschinengewehre und Mannschaften mit sich hinaus in die grosse Landschaft der Ukraine, in die undurchdringlichen Wälder, in die endlosen Ebenen.

Als die Offiziere sich endlich den Weg über die Trümmer und Leichen gebahnt haben, sehen sie im obersten Stockwerk an der Treppe den Sieger, eine bewusstlose Frau im Arm. Wie eine Standarde weht ihr Haar im Wind.

Sie bringen warme Decken. Setzen das Paar in einen Schlitten. Und während in der Ferne der Kampf verklingt, fliegen Michael und Christine einem neuen Leben entgegen. Der Panzerzug steht auf den Schienen wie ein Untier aus grauer Vorzeit. Die Soldaten haben sich zu beiden Seiten eingegraben. Die Geretteten werden mit Jubel empfangen. Michael wird verbunden. Der Kommandeur des Zuges bittet ihn in seinen Wagen.

Es sind noch einige Passagiere da, Kaufleute, gerettete Gutsbesitzer.

Christine erwacht in einem wohlig geheizten Raum, lächelt und schläft wieder ein.

3

Einige Kaufleute hatten sich im Gefühle völliger Sicherheit zu weit von Odessa fortgewagt. Sie wollten Luxusartikel an die Bauern verkaufen und verborgenes Gold herauslocken. Aber einige wurden ermordet, andere retteten mit Mühe ihr nacktes Leben in den Panzerzug No. 12.

Nun lag das Ungetüm da, ständig unter Dampf, vorne die riesengrosse Lokomotive, und ihr Panzer berührte beinahe die Schienen.

Hinter ihm stand ein Wagen, langgestreckt wie ein lauerndes Raubtier, mit vielen Schiessscharten für die Gewehrschützen, und daran schlossen sich Pullman-Cars für die Passagiere, einige Karren mit Kanonen und Gepäck.

Vor der Lokomotive aber, umweht von Dampf und Rauch, war ein Panzerturm. Aus seiner Drehkuppel drohte eine Kanone, aus den Seitenwänden sahen die messingnen Maschinengewehre heraus.

Als der Zug mit einem kurzen Ruck anfuhr, erwachte Christine. Der französische General liess Michael noch nicht von seiner Seite. Er wollte hundert Auskünfte haben, er bewunderte diesen russischen Grafen, der unter so fürchterlichen Verhältnissen mit seiner jungen Frau bis jetzt ausgehalten hatte, und er erwies sich so schlecht unterrichtet über die Verhältnisse unter den Bolschewisten, über ihre Truppen und Bewaffnung, dass Michael ihm lange Vorträge halten musste, die der General immer wieder mit einem verwunderten Kopfschütteln beantwortete. In Odessa, in Nikolajew und in Cherson gingen Gerüchte um von einer wohlbewaffneten, nach Hunderttausenden zählenden Armee, und in der Phantasie der französischen Truppen waren die Bolschewiki reissende Wölfe von unmenschlicher Grausamkeit, während die Deutschen glaubten, sie wären durch die Kraft ihrer Idee, die ihnen Heldenkräfte verlieh, unbesiegbar.

Christine setzte sich auf. Man hatte sie in einem Abteil allein gelassen. Plötzlich zogen die Bilder der letzten Stunden mit rasender Schnelligkeit an ihrem Geiste vorüber. Ihre Erinnerung, gekräftigt in der Geborgenheit ihrer neuen Umgebung, tastete weiter.

Und da fiel ein Feuerreif über sie, ihr Herz presste sich zusammen wie unter einem unerträglichen Druck, sie schrie auf.

Mit einem Mal sah sie die Katastrophe im Wirtschaftsgebäude vor sich, sie entsann sich, dass sie mit dem Hauptmann Alexeij Odojewskij verschüttet worden war, dass man sie ausgegraben hatte, dass aber niemand um das Schicksal des Offiziers wusste, dass sie nichts von ihm gesagt hatte, nichts hatte sagen können, weil ihr Kraft und Erinnerung gefehlt hatten.

Was wird er denken! Was wird er von mir denken, wenn er noch am Leben ist? sinnt Christine. Er wird mein Verhalten für Rache nehmen — eine furchtbare Rache, deren ich nie fähig wäre ...

Vielleicht liegt er noch irgendwo unter den Trümmern, der eisige Sturm fegt darüber weg, der Schnee deckt ihn zu. Sie zuckte unter peinigenden Gewissensbissen, aber sie wusste nicht, was sie beginnen sollte. Inzwischen rollte der Zug weiter und weiter, sie entfernte sich immer mehr von dem Schauplatz der Tragödie, und je weiter sie fuhren, desto entsetzlichere Bilder gaukelte ihr die Phantasie vor.

Es kam hinzu, dass sie den Hauptmann nicht hassen konnte, trotz seines verächtlichen Verhaltens. Vielleicht, dachte sie — mit der unklaren Logik einer Frau, der das Laster nur schattenhaft bekannt ist — vielleicht wollte er mich wirklich nur mit Gewalt aus dieser Einöde schaffen, weil er sah, dass ich verloren war. Die Ereignisse haben ihm ja recht gegeben, und ich kann Michael trotz seines Heldenmutes von einer gewissen Schuld nicht freisprechen. In solchen Gedanken starrte sie vor sich hin.

Die Bremsen ziehen plötzlich an. Luft zischt. Türen werden aufgeschlagen. Abgerissene Worte flattern gegeneinander.

Eine kleine Station. Überall Militär: Petljurasoldaten, Freiwillige Denikins, Franzosen, Engländer.

Christine fährt hoch. Sie will Michael rufen. Aber Michael befindet sich noch immer im Wagen des Generals.

Die Waggontüre wird aufgerissen. Ein Herr stürzt herein.

Ehe Christine einen Gedanken fassen kann, reisst er sich die Pelzmütze ab. Einen Augenblick starrt sie fassungslos in ein blutverkrustetes Gesicht. Die Augen brennen aufgeregt, der Mund lächelt. Sie erkennt Hauptmann Odojewskij.

Ein wundersames Glück überkommt sie. Sie ist also nicht schuldig an dem Tod eines Menschen. Er ist gerettet! Er ist nicht, von ihr verleugnet, elend zwischen Eis und Trümmern gestorben!

„Kein Wort,“ sagt der Hauptmann rasch. „Jede Sekunde ist verlorene Zeit. Ich werde verfolgt!“

„Verfolgt?“

„Ein Irrtum! Man bezichtigt mich der Spionage. Der Stab des Ukrainischen Direktoriums ist wieder einmal von Raserei befallen!“

„Aber das ist ja Unsinn ... ich werde sofort Michael rufen.“

„Zu spät, Gräfin! Ihr Gatte kann nichts tun. Wir befinden uns noch auf einem Boden, wo nur Petljura befiehlt. Der Verhaftungsbefehl kommt von dem Hetman selbst. Der französische General ist hier machtlos. Erst in Odessa können mich die Franzosen schützen! Gräfin, Sie müssen mir helfen, ich habe keinen Ausweis.“

„Ja, aber — —“

„Schnell.“ Er wirft einen Blick auf den matt erleuchteten Bahnhof hinaus. Der Zug steht. Stimmen nähern sich.

Christine denkt angestrengt nach. Blitzschnell. Die Tür neben ihrem Wagen wird eben zugeschlagen.

Da sieht sie Michaels Pelz neben sich hängen. Ein Griff in die Taschen. Ja, hier sind Papiere! Er wird sicher im Gefolge des Generals nicht nach einer Legitimation gefragt werden.

Impulsiv reicht sie dem Hauptmann einen militärischen Ausweis. Odojewskij, der sich schon zum Sprung aus dem Fenster bereit machte, nimmt das Dokument an sich. Mit Gedankenschnelle verwandelt sich sein Wesen. Er ist vollkommen ruhig. Zwei russische Offiziere treten ein. In ihrer Begleitung ein Reisender. Die Mütze schief im Gesicht.

„Papiere, bitte,“ sagt der Petljura-Offizier. Ein Denikin-Offizier, die Initialen D. auf den Achselklappen, begleitet ihn.

Auf dem Korridor warten Soldaten. Der Bahnsteig ist besetzt. Es ist also wirklich Ernst, denkt Christine und ist glücklich, von ihren Gewissensqualen so schnell befreit zu sein. Sie hätte keine Ruhe mehr gefunden. Sie sieht, wie Odojewskij Michaels Ausweis hinreicht und mit einer lässigen Handbewegung zur Gräfin hin sagt:

„Meine Frau!“

Der Offizier betrachtet lange das Dokument mit Stempel und Unterschrift eines längst verschollenen Divisionskommandanten des Zaren. Reicht es zurück.

Der neue Reisende, der inzwischen schweigend auf dem Korridor gewartet hat, tritt ein. Christine begreift plötzlich die Gefahr, in die sie sich und Michael gebracht hat. Eine drückende Angst presst ihren Atem zurück.

Der fremde Herr grüsst. Der Hauptmann streift ihn mit einem schnellen Blick. Stutzt und lächelt. Er kennt ihn.

Weiss: Mac Lee. Detektiv und Führer der russischen Konterspionage. Hat nur auf den Augenblick gewartet, wo er Alexeij Odojewskij verhaften konnte.

Hauptmann Odojewskij ist aber momentan Graf Michael Kusmetz. Mac Lee weiss nicht, dass der echte Kusmetz sich im Zuge befindet. Er darf kein Aufsehen erregen, sonst greift er wieder in die Kompetenzen des französischen Oberbefehlshabers in Odessa ein.

Während Mac Lee seine Ledertasche verstaut, winkt Odojewskij Christine zu:

„Ich komme gleich wieder ...“

Christine erschrickt über den drohenden Ausdruck des zweiten Reisenden, der sie finster mustert. Mein Gott, schiesst es ihr gleichzeitig durch den Kopf, nun gibt es in dem Zuge ja zwei Grafen Kusmetz!

Und da tritt Michael ein. Ihre Gedanken beginnen sich zu verwirren. Michael legt in Gegenwart des Fremden den Arm in den ihren und bittet sie wegen seiner langen Abwesenheit um Entschuldigung.

Was soll der Mann ihr gegenüber denken?

Zum Glück geht er hinaus. —

Odojewskij ist, kaum dass er den Wagen verlassen hatte, den Korridor entlang gelaufen. Er sah Michael kommen. Trat schnell in ein leeres Kupee, eilte weiter.

Mac Lee ist schon draussen auf dem Bahnsteig und weist dem Kommandanten seine Legitimation mit Petljuras Unterschrift vor.

Odojewskij steht an einem Fenster, knapp neben dem Wagen des Generals, und beobachtet Mac Lee.

Er sieht, wie die Offiziere in seiner Begleitung nochmals erregt den Zug betreten. Alle Wagentüren werden plötzlich geschlossen, die auf dem Bahnsteig befindlichen Reisenden von Soldaten umzingelt.

Odojewskij öffnet die Tür zum Wagen des Generals und stösst auf den Adjutanten.

„Verzeihung,“ sagt er. „Graf Kusmetz bittet Sr. Exzellenz um Unterstützung. Man will ihn verhaften.“

Der Adjutant meldet es dem General. Dieser erhebt sich sofort.

„Ein Irrtum!“ hört ihn Odojewskij sagen. Als der Adjutant mit dem General vorüberkommt, kann er den Herrn, der die Meldung überbrachte, nicht mehr entdecken. Aber der General hört erregte Stimmen. Der ganze Zug ist in Aufregung.

Er begibt sich in Begleitung seines Adjutanten und mehrerer Ententeoffiziere nach dem Kupee des Grafen.

In diesem Augenblick öffnet Odojewskij die Tür zum andern Gleis, das dunkel daliegt, und verschwindet in der Nacht.

Michael, ohne Pass, benahm sich inzwischen ganz rabiat und rief immer wieder seine Frau als Zeugin an, und Christine beschwor, Michael sei ihr Gatte, worauf der Offizier erklärte, sie habe offenbar zwei Gatten, und er müsse sie nun gleichfalls verhaften.

In diesem kritischen Moment erschien der General und bürgte in eigener Person für Michael und seine Gattin.

„Und der Herr, der Sie zuerst als Gattin anredete, Gräfin?“ fragte der Kommandant.

„Ich weiss von nichts, denn ich schlief,“ log Christine in ihrer Verzweiflung. Mac Lee schwieg.

Der Zug wird abgelassen.

Im selben Moment ist Odojewskij auf dem anderen Gleis.

Vom Schlusswagen her nähern sich eben Soldaten im Laufschritt, um ein Entkommen nach dieser Seite hin unmöglich zu machen.

Ein Schrei belehrt Odojewskij:

Man hat ihn gesehen.

Mit der Schnelligkeit einer hundertstel Sekunde muss ein Ausweg gefunden sein. Er schnellt vor. Sein Schatten taucht unter in der Nacht. Er kriecht unter einen Pullman-Car. Zwischen der Kuppelung hinunter. Unter den Waggon. Soldaten stecken die Köpfe zwischen den Rädern durch. In der Dunkelheit sehen sie nichts. Einer kommt bis zu Odojewskij. Schaut. Erkennt. Ein Moment Zaudern wird sein Verhängnis. Odojewskijs Hände umspannen den Hals des Soldaten. Seine Augen quellen in übermenschlicher Anstrengung aus den Höhlen wie die des weissen Soldaten, dem er den Atem abschneidet. Mit der Kraft eines Raubtieres reisst er ihn völlig unter den Wagen. Denn die Beine des Röchelnden schlagen wild auf das Pflaster.

„Keine Spur,“ meldet ein Offizier dem Ortskommandanten.

Der befiehlt dem Lokomotivführer, heissen Dampf abzulassen.

Odojewökij unter dem Wagen stösst die Leiche des Soldaten von sich. Steckt den Kopf in die ausgebreiteten Arme. Wenn die Dampfventile sich öffnen, ist er verbrüht. Er kennt die Geschichte von dem Juden, der auf der Flucht vor Petljuras Häschern sich unter der Lokomotive versteckt hielt. Der ausströmende Dampf höhlte ihm die Augen aus. —

Aber kein Dampf zischt. Hat der Lokomotivführer vergessen? Dieser Mann auf der Lokomotive steht mit flackernden Augen da und wartet. Mit unheimlichen Blicken mustert er die Offiziere.

„Ab!“ schreit der Bahnhofskommandant. Der Zug rollt aus der Station.

Die Lichter erlöschen. Es muss gespart werden mit Licht. Die Bolschewiki sollen auch schon Flieger haben. Niemand sieht den leblosen Körper des ermordeten Soldaten auf dem dunklen Gleis.

Es ist Anfang des Jahres 1919. Der Himmel grau, fahl, voller Schnee. Schnell fällt die Nacht über das Land. Mac Lee hat den ganzen Zug abgesucht, aber den Flüchtling nirgends finden können. Er hat Beweise, dass Hauptmann Odojewskij, der in die Petljuraarmee eingetreten war, zur roten Armee Beziehungen unterhielt. Er weiss von seinen Spionen, dass dieser Abenteurer ein Schreiben seines ehemaligen Regimentskameraden, des Ataman Grigorjew, bei sich führt.

Dieser Grigorjew ist der verwegenste Partisanenführer der Ukraine. Und dieses Schreiben muss gefunden werden, ehe Hauptmann Odojewskij in Odessa im Schutz des französischen Ober-Kommandanten sich dem Zugriff entziehen kann. Denn noch mehr weiss Mac Lee: Odojewskij führt Perlen mit sich, mit denen er die weissen Soldaten bestechen will.

Der Zug rast durch die Nacht. Unter einem der Wagen aber kauert auf der Bremsvorrichtung Hauptmann Odojewskij. Nur ein Mensch, der trotz seines schlanken Körperbaues über so ungewöhnliche Kräfte verfügt wie dieser verwegene Abenteurer, ist imstande, solche Teufelsfahrt zu bestehen.

Gefrorene Schneestücke verbeulen seine Augen. Kleine Steinchen, hundertfach hoch geschleudert von der Schnelligkeit des rasenden Zuges, trommeln gegen sein Gesicht. Die Räder rattern, rufen, heulen, brüllen, eine Symphonie der Hölle ist um ihn.

Unsichtbare Hände drohen ihn herabzuziehen von dem kleinen Raum unter dem Bauch des Wagens. Schwer atmend hängt Odojewskij über den Schienen. Unter seinen Blicken fliegt der Erdboden vorbei. Wirbelnde Eisstücke peitschen, zerreissen, verwunden immer wieder sein Gesicht und seine Hände. Aber er hält stand, bis die erste Morgenröte kommt, der Zug langsamer fährt und das französische Okkupationsgebiet erreicht ist.

Hier ist er sicher. Denn er ist ein geschätzter Kundschafter des kommandierenden Generals d’Anselm, der ihm kein Haar wird krümmen lassen. Nur Beweise darf Mac Lee nicht finden.

Eine Militärstation. Der Zug hält. Odojewskij kriecht aus seinem Versteck hervor und begibt sich in den Wagen, aus dem er erst geflüchtet ist. Es steigen noch andere Reisende ein. Odojewskij stellt sich Michael vor. Sie geraten ins Gespräch. Inzwischen steckt der Hauptmann heimlich der Gräfin die Legitimation Michaels wieder zu. — Mac Lee sieht es.

4

Die Gräfin ordnet mit graziösen Handgriffen ihr Haar. Ein Kaufmann aus Odessa hat ihr galant ein gefülltes Necessaire zum Geschenk gemacht. Sie hat die Krokodiltasche geöffnet und drückt Odojewskij den Spiegel in die Hand. Er lächelt wie ein Soldat bei kriegerischer Auszeichnung. In einer kleinen Silberdose ruht eine weisse Quaste. Christine betupft mit dem zartduftenden Puder das Antlitz. Odojewskij hält ihr auch die Dose.

Mac Lee, der fatale Reisegefährte, beobachtet die kleine Szene mit einer Indiskretion, die ihn lächerlich macht. Eine blaue Parfümflasche rollt zur Erde. Odojewskij reicht sie ihm und sagt sehr freundlich:

„Warum wollen Sie sich denn von solch galanter Dienstleistung ausschliessen, mein Herr?“

Mac Lee lächelt zum ersten Mal. Christine findet ihn amüsant. Er ist aufgestanden und bietet ihr das Parfüm mit einer zärtlichen Bewegung an, die bei seinem athletischen Körperban grotesk wirkt.

Michael hat weniger Verständnis für die neuen Kammerdiener seiner Gattin und nimmt Mac Lee die blaue Flasche wieder ab.

Odessa!

Der Zug rollt in den Bahnhof, der Korridor füllt sich mit Menschen, die über ihre eigenen Füsse stolpern. Die Träger schreien.

Michael bezieht mit Christine ein Zimmer im ersten Stock eines Hotels nahe der Deribassowska-Strasse.

Der Hauptmann meldet sich bei dem französischen General d’Anselm, der das Oberkommando führt, und lässt sich einen neuen Schutzbrief für seine Person ausstellen. Dann mietet er sich im selben Hotel ein, wo Michael mit seiner Gattin wohnt.

Eben ist Odojewskij in sein Zimmer getreten, als durch das Bad, das seinen Raum von dem Zimmer des Chefs der russischen Konterspionage trennt, Mac Lee eintritt.

Alexeij steht im Bademantel.

„Sie gehen ungewöhnliche Wege, Euer Hochwohlgeboren,“ sagt er zu dem Eintretenden.

„Wir wollen die Masken fallen lassen, Hauptmann Odojewökij,“ antwortet Mac Lee ungeduldig.

„Wie Sie wollen, Mr. Lee.“

„Sie haben ein Papier mit geheimen Aufträgen des roten Ataman Grigorjew bei sich.“

„Sind Sie dessen sicher?“

Der Chef der russischen Konterspionage steht vor dem Hauptmann und legt den Browning vor sich auf den Tisch.

Odojewskij schaut ihm ungeduldig zu.

„Nehmen Sie doch Platz, Mr. Lee. Wir wollen uns auf den Standpunkt von Kameraden stellen. Sie fahren besser dabei als mit dem Kampf auf Leben und Tod!“

Mac Lee wirft dem Hauptmann einen schnellen Blick zu.

Scharf und durchdringend. Dann steckt er die Waffe ein.

„Also gut. Sie haben ein Mandat für Rot. Zugegeben?“

„Dass ich ein Narr wäre, Mac Lee! So etwas erörtert man auch unter guten Freunden nicht. Die Frage verstösst gegen die Kameradschaft.“

„Ich weiss aber, dass Sie Bolschewist sind! Sie haben ein Schreiben des Ataman Grigorjew bei sich.“

„Nein!“

„Dann müssen Sie sich gefallen lassen, dass ich jetzt bei Ihnen Haussuchung halte.“

„Das ist Ihre Pflicht, Mac Lee. Als Kamerad werde ich mich dem nicht widersetzen.“

„Sie wollen mir keinerlei Schwierigkeiten machen?“

„Keine. Unter der Bedingung: Sie müssen in einer Stunde fertig sein. Ich habe Hunger.“

„Ich wünsche zuerst Sie selbst genau zu durchsuchen!“

„Gut. Ich nehme ein Bad. Sie können meinen Anzug, meine Wäsche, Sie können mich am Körper durchsuchen. Man müsste diesen verräterischen Brief doch irgendwo finden! Das leuchtet Ihnen ein?“

„Vollkommen!“

Mac Lee untersucht den Hauptmann Odojewskij. Mac Lee dreht seinen Anzug, jedes Wäschestück von innen nach aussen. Durchstöbert das Zimmer, jede Ritze.

Er vergisst nichts. Er sucht eine Stunde mit einer Gründlichkeit, der er bisher seine grossen Erfolge verdankte.

„Sind Sie nun fertig?“ fragt der Hauptmann. „Ich fange an, mich zu langweilen.“

„Ich bin fertig,“ antwortet der Chef der Konterspionage ermüdet und doppelsinnig. „Der Brief befindet sich nicht bei Ihnen.“

„Das sagte ich Ihnen ja gleich, Sie wollten es nicht glauben.“

Zum ersten Mal in seinem Leben sieht Mac Lee totes Gleis. Er ist sich über seine nächsten Massnahmen nicht klar.

„Ich werde Sie nicht mehr aus den Augen verlieren,“ sagt er. „Es ist für mich Ehrensache geworden, Sie zur Strecke zu bringen!“

„Fatale Sache für Sie,“ antwortet der Hauptmann ironisch und beginnt sich anzukleiden.

Mac Lee kaut an den Lippen und beobachtet ihn schweigend. Seine Nachrichten lauten bestimmt. Hauptmann Odojewskij ist ein Verräter.

Aber wo hat er den Brief?

Mac Lee macht einen letzten Versuch: „Alexeij,“ sagt er, „wir kennen uns doch lange genug!“

„Natürlich. Nachdem ich meinen Abschied noch unter dem Zaren nehmen musste, ging ich nach den Staaten.“

„Wir haben uns in Mexiko kennen gelernt.“

„Beim Pferdestehlen.“

Mac Lee schliesst halb die Lider. „Beim Pferdestehlen. Ich war Agent für die Christeros. Du warst nur Pferdedieb.“

„Schön. Wir lernten uns kennen und schlugen uns dann gemeinsam in der Armee Obregons gegen Huerta!“

„Ja. Auf diese Kameradschaft, Alexeij: Sage mir, wo du den Brief des roten Ataman versteckt hast. Ich schwöre dir, bei meinem Blute, ich lasse dich laufen!“

„Bei deinem Blut, Mac Lee, ich werde dir nichts sagen!“

„Gut, Alexeij, ich werde den Brief finden, und dich soll der Satan holen und lebend frikassieren.“

„Er tut es nicht, Mac Lee. Noch nicht. Ich habe eine feine Witterung für meine Chancen. Auch für die deinen. Die deinen stehen schlecht, Mac. Tut mir leid.“

Alexeij geht essen.

Mac Lee raucht eine Zigarre und brütet. —

Am nächsten Tage findet Odojewskij Christine verstimmt. Der erste Rausch der Freude über seine Rettung ist verflogen. Sie ist wieder in sich gekehrt, kühl. Die Erinnerung ist nun lebendig, und die alte Scheu vor ihm ist wiedergekehrt. Aber der Hauptmann weiss so geschickt den Gatten zu beschäftigen, der Sympathie für ihn hat, und die Abneigung Christines, die er durch sein Benehmen geschaffen hat, durch tadelloses Verhalten zu überwinden, dass sie langsam wieder Zutrauen zu ihm fasst.

Die Gräfin zieht sich zum Souper um, der Graf kauft Zeitungen, Odojewskij raucht Zigaretten, und Mac ist in die Betrachtung eines Kellners versunken, dessen Gesicht ihm bekannt vorkommt.

Aber im Laufe seiner Tätigkeit haben so viele Menschen seinen Weg gekreuzt, dass es ihm nicht möglich ist, eine Physiognomie ohne weiteres festzustellen.

Wie Mac sich umwendet, ist Hauptmann Odojewskij verschwunden.

Er steht seinen Schatten eben noch auf der Balustrade.

Mac ist blitzschnell auf der Treppe.

Im ersten Stock angekommen, durchsucht er die Korridore nach Alexeij.

Hauptmann Odojewskij ist unauffindbar.

Mac eilt auf das Zimmer Alexeijs.

Leer!

Er steht einige Minuten und denkt nach.

Alexeij hat etwas vor.

Klar!

Es betrifft den Brief. Der Hauptmann muss ihn ja wieder aus seinem Versteck in seinen Besitz bringen!

Gräfin Kusmetz ...

Mac ist schon draussen. Eilt vor das Ankleidezimmer der Gräfin.

Horcht. —

Christine steht vor dem Ankleidespiegel, legt Rot auf und drückt den geblümten Seidenmantel an die Brust.

Da geht die Tür auf. Sie steht Alexeij im Spiegel.

Blitzschnell gleitet sie zum Fenster. Der Mantel schleift nach. Da steht sie silhouettenhaft gegen das sterbende Licht, schlank und rassig in blauer Wäsche.

„Hauptmann Odojewskij — ich befehle Ihnen —“

Alexeij dreht den Riegel hinter sich um.

„Gräfin, ich muss Sie noch einmal sehen — allein sprechen — nur einige Worte. —“

Christine stampft zornig, bleich mit dem Fuss auf.

„Hauptmann Odojewskij, ich hielt Sie trotz der letzten Vorfälle für einen Mann von Ehre!“

„Ich will wissen, ob ich Ihnen vollkommen gleichgültig bin.“

Er geht spielerisch zum Toilettentisch.

„Gleichgültig, mehr als gleichgültig — ich verachte Sie, Alexeij Odojewskij! Gehen Sie!“

„Nein,“ sagt Alexeij gelassen und spielt mit der Puderdose.

„Und ich bin Ihnen nicht gleichgültig. Man verachtet nur Menschen, die einem nicht gleichgültig sind. Ich will Ihnen ja nur dies sagen — unter vier Augen — dies eine ...

Ich liebe Sie —“

Da wird die Klinke der Tür niedergedrückt. Aber die Tür gibt nicht nach.

„Mein Mann,“ sagt Christine leise. „Sie haben mich kompromittiert. Sie machen mich unglücklich!“

Sie kämpft mit Tränen.

Der Hauptmann hält noch immer die Puderdose fest. Es ist die gleiche, die er im Kupee des Panzerzuges in Händen hielt. Auf dem Grunde, ganz von Puder bedeckt, ist eine kleine Spule aus Stroh. Odojewskij nimmt sie an sich.

Das Krachen der Tür verschlingt den leisen Aufschrei der verwirrten Frau. Mac dringt ein. Im selben Augenblick fliegt ihm die Puderdose an den Kopf. Staub — heftiger Schmerz in den Augen — er steht nichts mehr.

„Goddam,“ murmelt er, mit den Armen fuchtelnd, und wirft einen Buddha vom Schreibtisch.

Graf Kusmetz, von dem Lärm angelockt, stürmt herein.

Alexeij hat den Brief während der Reise, als er ihr galant die Dose hielt, im Puder versteckt, sagt sich Mac und reibt stöhnend die Augen. „Ich Narr! Das konnte ich mir doch denken!“

„Was sagen Sie?“ fragt Graf Michael und deckt mit dem Körper seine bebende Frau, die endlich den Kimono übergeworfen hat.

„Erklären Sie, Mr. Lee, was ist hier vorgegangen?“

„Erst Wasser,“ stöhnte Mac. Herbeigerufene Miliz-Soldaten treten ein. Die Direktoren des Hotels folgen.

Die Szene ist erfüllt von gestikulierenden Menschen.

Mac Lee schreit die Soldaten an: „Verhaften Sie ...“

Hauptmann Odojewskij will er sagen. Da stürzt schreckensbleich ein Angestellter herein.

„Herr Direktor — ein Mord —“

Er muss erst Atem holen.

„Der Herr von Nr. 19 — Hauptmann Odojewskij.“

„Was? Was ist los?“ schnauzt der führende Offizier.

„Erschossen!“

Christine presst die Hand gegen die Brust.

Das Zimmer ist schon leer. Unter Führung Macs eilen die Soldaten, die Direktoren und Graf Michael nach Zimmer 19.

In Zimmer 19 liegt starr und regungslos — — —

„Das ist doch nicht Hauptmann Odojewskij,“ sagt Mac.

„Das ist doch —“ stammelt mit schief zurückgelegtem Kopf der erste Direktor — „unser neuer Zimmerkellner,“ ergänzt der lautlos hinzugetretene zweite Direktor.

„Verstehen Sie das?“ sagt der erste Direktor zu dem zweiten.

Die Soldaten suchen das Zimmer ab. Alles ist durcheinandergeworfen. Umgestürzt. „Es hat ein heftiger Kampf stattgefunden,“ sagt der führende Sergeant. „Ihr Hotel scheint eine Verbrechergesellschaft zu beherbergen.“

Der erste Direktor widerspricht heftig, und es entspinnt sich eine erregte Diskussion.

Mac kniet neben dem Toten.

„Knock out,“ sagt er anerkennend.

„Wie meinen Sie?“ fragt der Sergeant.

„Er ist knock out geschlagen,“ wiederholt Mac. „Da sehen Sie —“

Der Tote bewegt sich.

Alles drängt hinzu. Aber der Hieb sass zu gut. Der Mann bleibt bewusstlos.

Hauptmann Odojewökij hat ihm die Zähne ausgeschlagen, denkt Mac Lee. Er ist so erregt, dass er es halblaut vor sich hinsagt.

„Nicht möglich! Einem Kellner?“ bemerkte der Sergeant. „Warum? Wer ist dieser Hauptmann?“

„Kellner!“ sagt Mac Lee leise. „Kellner! Er ist einer der besten Männer des französischen Nachrichtendienstes! Verstehen Sie, Sergeant? Mit solchen Zwischenfällen muss man rechnen. Er scheint auch Wind bekommen zu haben, was der Hauptmann vorhat!“ Mac legitimiert sich. Die Miliz zieht sich zurück. Alle gehen.

Mac Lee steht noch lange vor dem Regungslosen.

Lange.

Lässt ihn nicht aus den Augen.

Dann untersucht er seine Kleider genau, sehr genau. Naht für Naht. Mac Lees Finger zittern vor Aufregung. Er fühlt einen harten Gegenstand unter dem Hemd.

Fühlt noch einen Gegenstand.

Einen Dritten.

Reisst mit einem Ruck das Futter auf — und hält drei Perlen in Händen.

Drei wertvolle Perlen.

Köstlich schimmernd im Licht.

Seine Augen schmerzen.

Er atmet schwer.

Und schwer hebt der „Tote“ die Hand und stützt sich mühsam auf einem Ellenbogen auf.

Aus verschwollenen Tränensäcken starren zwei tiefliegende, gelbbraune Augen hasserfüllt auf Mac.

Der Detektiv birgt die Perlen in der Tasche.

„Wieder munter?“ fragt er gallig.

„Ja.“ Und mit einem schnellen Blick zur Schulter:

„Sie haben mir die Perlen genommen.“

„Abgenommen.“

Der Mann macht einen verzweifelten Versuch, hochzukommen, und steht endlich mit taumelnden Beinen.

Lehnt sich an die Wand.

Mac Lee schiebt die Unterlippe vor. „Viel zu schwach für einen Boxkampf mit Odojewskij,“ meint er französisch.

„Ja.“

„Hast tüchtig eins abgekriegt.“

„Der Satan ...“

„Du bist Franzose?“ fährt Mac Lee in leichtem Gesprächston fort.

„Nein. Ungar.“

„Russe, Mann. Wozu die Lüge? Ich kenne alle Leute vom französischen Nachrichtendienst.“

„Was schert es Sie? Sie haben mich bestohlen, und ich verlange ...“ seine Hand tastete nach der Klingel.

„Gebt euch keine Mühe,“ meint Mac Lee und hebt ein wenig den einen Revers seines Rockes.

Die Augen des Taumelnden kleben an dem kleinen Schild.

„Konterspionage,“ sagt er leise.

„Detektiv. Amerika. Bei dem Direktorium hier akkreditiert.“

„Und Sie haben —“

„Ich habe die Perlen, mit denen Odojewskij hier die französische Armee bestechen will und die Sie ihm, als Kellner verkleidet, gestohlen haben.“

„Ach, Sie wissen, dass ich Kellner war?“

„Zum Schein, ja. Eine Ihrer Masken, Kossarow.“

„Kossarow. Wer ist das?“

„Das sind Sie, Mister, geheimnisvoller Kurier im Auftrag der Sowjet. Sollten den Hauptmann bewachen. Haben wieder ein besonderes Mandat!“

„Sie sind gut orientiert,“ höhnt der Russe.

„Ich weiss auch, dass die drei kostbaren Perlen, mit denen hier die Entente unterwühlt werden soll, gestohlen sind. Sie waren in der Mongolei.“

„Auf einem Transport —“

„Richtig. Der Transport enthielt die Kriegskasse jenes Mannes, den man ‚Fürst von Urga’ nennt.“

Kossarow schweigt. „Woher wissen Sie dies alles, Mr. Lee?“

„Mein Freund, ich pflege die Vorgeschichte jeder Affaire, die ich verfolge, aufs genaueste zu studieren. Doch wir wollen in der Feststellung des Tatbestandes fortfahren, denn es ist notwendig, dass wir in Zukunft mit offenen Karten spielen, Mr. Kossarow. Ich weiss, Sie werden alles daran setzen, mir die Perlen abzujagen, wie Sie sie dem Hauptmann abgejagt haben, der mir an Fähigkeiten beinahe überlegen ist.“

„Odojewskij steckte die Perlen in dem Augenblick, in dem er das Hotel betrat, in eine der grossen Vasen im Vestibül. Sie beachteten es nicht, Mr. Lee! Ich sah es. Denn ich beobachtete ihn bereits. Ich nahm die Perlen an mich, schob sie sofort in das bereitgehaltene Rockfutter, wurde aber von Odojewskij überrascht. Er zerrte mich in sein Zimmer. Ich bekam in dem darauffolgenden Boxkampf eins ab,“ sagte Kossarow.

Mac Lee steckte sich eine Zigarre an.

„Er hat einen harten Schlag. Doch wiegen Sie sich nicht in der Hoffnung, dass Sie mir die Perlen ebenso überraschend abjagen können, wie Ihnen das bei Hauptmann Odojewskij gelungen ist. Ich wache Sie vor allen Dingen darauf aufmerksam, dass mir alle Polizeibehörden Odessas zur Seite stehen, dass ich jeden Moment Unterstützung verlangen kann.“

„Die Behörden Odessas,“ meint Kossarow mit offensichtlicher Geringschätzung.

„Ich weiss,“ murmelt Mac Lee. „Aber in einem so klaren Fall wie dem vorliegenden, ist auch die Polizei Odessas für Sie gefährlich, Kossarow.“

In diesem Augenblick klopft es.

Krankenwärter treten in Begleitung eines Soldaten mit einer Bahre herein.

„Hier ist der Tote,“ sagt Mac Lee und deutet auf Kossarow.

Der Soldat lacht, die Krankenwärter ziehen ab, und alles scheint in bester Ordnung. Aber Mac Lee fährt fort:

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, Sergeant, dass dieser Mann keinerlei Ausweispapiere besitzt. Schauen Sie sich den Mann genau an, Sergeant. Gleicht er nicht aufs Haar jenem vierfachen Mörder ...“ und während der Soldat mit offenem Mund und wenig geistreichem Gesicht den Russen ansieht und sich vergeblich bemüht, festzustellen, von welchem vierfachen Mörder der Detektiv spricht, zieht Mac Lee einen Steckbrief hervor. Der Soldat wirft einen Blick auf die Photographie. Es ist Kossarow.

Darunter steht: Wegen dringenden Verdachtes vierfachen Mordes festzunehmen und nach der nächsten Milizkaserne zu bringen.

Kossarows Kiefer bewegt sich krampfhaft, aber ehe er einen Entschluss fassen kann, sitzt ihm die „eiserne Acht“ des blitzschnell vorgehenden Sergeanten am Handgelenk.

Ein Pfiff durchs Fenster.

„Es liegt in Ihrem Interesse, mir keinen Widerstand zu leisten,“ sagt der Sergeant.

Mac Lee aber hat schon die freie Hand des Gefangenen gefasst und so führen beide gemeinsam Kossarow die Treppe hinab.

Der zweite Direktor — von neuem alarmiert — lenkt den Transport nach einer Hintertreppe ab.

Unten warten schon die durch den Pfiff des Sergeanten herbeigerufenen Milizsoldaten. Kossarow wird in ein Auto gebracht. Er zischt indessen Mac Lee ins Gesicht:

„Sie werden es büssen.“

Dann rast das Auto ab.

Mac Lee faltet den Steckbrief zusammen und begibt sich in die Halle.

Dort sitzt Hauptmann Odojewökij. Michael, ganz ahnungslos von allem, was um ihn vorgeht, tritt zu ihm, begrüsst ihn.

„Ich muss mich verabschieden,“ sagt der Hauptmann.

Graf Michael bedauert sehr.

„Ihr Auftrag ist also erledigt?“ fragt er.

„Ja,“ lächelt der Hauptmann vielsagend. „Mein Auftrag ist erledigt.“

Er tritt mit Mac einen Schritt abseits und sagt sehr leise:

„Du hast die Perlen?“

„Ich habe sie.“

„Kossarow?“

Mac Lee zieht triumphierend den Steckbrief aus der Tasche.

„Der Kellner fiel mir gestern schon auf. Ich habe das Ding anfertigen lassen — für alle Fälle. Es ist gut, wenn man sich in einem gefährlichen Moment eines Mannes, den man nicht ohne weiteres festnehmen lassen kann, auf diese Weise entledigt. Bis sie den vermeintlichen vierfachen Mörder wieder loslassen, habe ich Vorsprung genug, um vor unliebsamen Zwischenfällen geschützt zu sein.“

„Das ist reizend!“ sagt Alexeij Odojewskij fröhlich.

„Kossarow sitzt also fest. Ich danke dir, Mac! Ich danke dir herzlich, Mac!“

Odojewskij schüttelt Mac immer wieder die Hand, und Mac schaut Alexeij verwundert an, er kann nicht begreifen, warum der Gegner ihm dankbar ist. Aber Mac fühlt unausgesetzt den Druck der Perlen auf seiner Brust, wo er sie geborgen hat, und überwacht jede Bewegung Alexeij Odojewskijs. Er geht und wendet sich noch einmal halb um. „Auf Wiedersehen.“ —

Odojewskij winkt ihm freundschaftlich nach.

Mac Lee wirft sich todmüde auf sein Bett. Erst am nächsten Morgen nimmt er die Perlen aus dem Brustbeutel und betrachtet sie liebevoll und eingehend.

Lange.

Plötzlich stockt sein Herzschlag.

Jetzt, bei der langen und genauen Besichtigung überkommt ihn urplötzlich und mit entscheidender Wucht die Erkenntnis: Die Perlen sind falsch. —

Fabelhaft nachgemacht.

5

Zuerst, einige Monate nach den furchtbaren Katastrophen im Winter 1916, war es wie Grabesschweigen über Russland gelegen. Dann aber sammelten sich in allen Weltgegenden die Führer der alten Zeit. Zarengenerale, Männer, die Russland, ihr Vaterland, glühend liebten, entschlossen, eher zu sterben als zuzugeben, dass der rote Terror über das russische Volk triumphierte. Abenteurer kamen hinzu, Narren, Verbrecher, Spekulanten. Bald verwandelte sich Russland in ein wildes Heerlager, und wieder floss Blut so reich, so achtlos, wie einst unter Nikolaus und Kerenski.

In Sibirien stand Koltschak, in der Ukraine kämpfte Denikin. Inzwischen trieben sich die seltsamsten Befehlshaber mit den merkwürdigsten Befugnissen umher. Aufrührerische Atamane kämpften gegen die Bolschewiken und gegen die Weissen. Petljura schloss sich den Franzosen an, um ein eigenes Reich zu gründen. Der Bauernvater Machno wieder kämpfte mit seinen Partisanen gegen Petljura, gegen die Weissen, gegen die Roten — manchmal auch für sie. Ein Chaos ohnegleichen zerriss die unglückliche Ukraine. In dem Hafen Nikolajew nordöstlich von Odessa standen 15000 Deutsche der 15. Landwehrdivision und andere deutsche Truppenteile, die sich zu ihnen geschlagen hatten, unter dem Oberbefehl des Generals Sack. Ungehindert kamen und gingen hier die bolschewistischen Emissäre und untergruben die Autorität der Offiziere. Langsam sah sich der General von seinen Soldaten verlassen. In Cherson rückten am 19. Januar 1919 griechische Truppen ein. Am 6. Dezember 1918 war Odessa unter dem brausenden Jubel der geängstigten Bewohner von französischen Truppen besetzt worden. Am 1. Februar 1919 waren es schon 20 000 Mann, Engländer, Franzosen, Griechen, Serben, Polen, die bereit waren, den bolschewistischen Vormarsch aufzuhalten. Die Stadt Odessa sollte von den Alliierten gemeinsam mit dem ehemaligen Kriegsminister Koltschaks, dem General Grischin-Almasow, verteidigt werden. Grischin-Almasow hatte sie vorher schon erobert, nachdem er in einem phantastischen Marsch sich von Sibirien bis an das Schwarze Meer durchgeschlagen hatte. —

In Odessa gibt es nun, Anfang Februar 1919, folgende Regierungen:

Den Stab Grischin-Almasow, den Stab des Ukrainischen Direktoriums, nämlich des Hetman Petljura, der gleichfalls den Besitz Odessas für sich beansprucht, sowie das französische Oberkommando. Allmählich sind Vertreter jener vielen russischen Parteien und Gruppen erschienen, die alle verschiedene Mittel anwenden wollten, um Russland zu befreien und sich untereinander befehdeten. So weiss niemand, wer eigentlich in Odessa herrscht. Nur eines merkt man:

Die Bolschewiki wühlen.

Ihre Agitatoren werden zwar von der Konterspionage der russischen und französischen Kommandos mit unerbittlicher Wut verfolgt. Aber diese Fanatiker lassen sich auch durch die Aussicht auf die grausamsten Folterungen und Todesarten nicht abhalten, ihrer Sache zu dienen. —

So wimmelt dieses Odessa von Spionen, Gegenspionen, von Menschen aus aller Herren Länder. Die Nächte sind erfüllt von Tanz und Musik, die Tage geballt von Plänen und Problemen, die Stadt lebt in Rausch und Fieber.

Und niemand, selbst die Konterspionage ahnt nicht, dass sich auf dem Dreadnought „Mirabeau“, der in der Bucht von Sewastopol vor Anker liegt, eine verhängnisvolle Revolution vorbereitet, mit der die Anstifter nicht nur Odessa, sondern schon Europa in Brand zu stecken hoffen. —

Mac Lee hat eine Nacht lang die Spur des Hauptmanns Odojewskij verloren. Ganz erfüllt von dem Gedanken, ihm mit den Perlen die Möglichkeit einer entscheidenden Agitation genommen zu haben, hat er zum ersten Mal versagt.

Der Hauptmann aber war nicht müssig gewesen.

Gleich, nachdem er den völlig erschöpften Mac Lee verlassen hatte, ging er zum Hafen. Ein Dampfer war angekommen mit Tataren, Türken und Griechen. Die Türken trugen weisse Tücher über dem Fez, zum Zeichen, dass sie in Mekka gewesen waren. Nun machten sie hier Station, ehe sie in ihre Dörfer im Kaukasus zurückkehrten.

Der Hanptmann mischte sich unter sie und ging mit den Tataren langsam die Dalnitzkajastrasse entlang bis zur Ecke der Balkowskajastrasse. Dort stand die Kneipe des Armeniers Asakoff.

Allerlei Leute verkehrten hier.

Ausser Tataren, Türken und Mongolen die kleinen Kaufleute.

Matrosen aus aller Herren Länder.

Griechen, Polen, Rumänen.

Ein Gewirr von allen Sprachen der Welt.

Wenn Türken kommen, trinkt Asakoff schnell eine Flasche Wodka aus. Oder der Nigger, der die Gäste bedient, schüttet sie ihm sozusagen in den Hals.

Denn wenn Asakoff Türken sieht und nicht eine Flasche Wodka im Leibe hat, passiert etwas.

Zwischen Matrosen, Arbeitern und lichtscheuem Gesindel sitzt Hauptmann Odojewskij. Bei Asakoff tagt jede Woche das „Ausländische Kollegium“, das der Genosse Jelin, der aus Moskau gekommen ist und sich in Odessa eingeschmuggelt hat, begründet hat. Denn die Bolschewiki sind nicht müssig. Das „Ausländische Kollegium“ ist der Sammelpunkt der Ententegegner in Odessa. Von hier aus gehen die Agitatoren mit geheimen Aufträgen, mischen sich unter vielerlei Masken unter das Volk, die Armen, unter die Arbeiter. Und legen Zündstoff aus.

Zwischenträger ist Hauptmann Odojewskij.

Als Lastträger verkleidet, rauchgeschwärzt, mit der Entschlossenheit eines verwegenen Spielers, jeden Augenblick bereit, den höchsten Einsatz, das Leben, zu riskieren, hält der Abgesandte der Sowjet, der gleichzeitig als Offizier der weissen Armeen auftritt, eine wilde Rede, die letzte Bedenken zerstören und die Meuterei der französischen Matrosen zur beschlossenen Sache machen soll.

Die Propaganda, deren sich die Sowjets bedienten, um ihre Ideen in die Reihen der Gegner zu tragen, war ganz neu, war suggestiv, war von einer Kraft, die nur eine völlig neue Idee, ein in seiner Art verjüngtes Volk aufbringen konnte.

Hauptmann Odojewskij hielt eine flammende Rede gegen den Militarismus der Entente. Die Matrosen, die da schweigend um ihn herumstanden, auf Bänken kauerten, betrachteten ihn mit glühenden Augen. Sie horchten mit angehaltenem Atem. Es war das Evangelium des Friedens, der Völkerversöhnung, des tausendjährigen Reiches, der Verbrüderung, das dieser Mann, in dem sie den Offizier respektierten und dessen Mut als Aufwiegler sie bewunderten, predigte.

Sie hielten diesen Emissär für einen Märtyrer seiner Idee, einen Propheten. Er war aber in Wirklichkeit ein bezahlter Spion, ein verwegener Abenteurer. Er sah mit scharfen Augen, was bei den Ententetruppen vorging, er wusste, dass diese Matrosen und Soldaten nichts so sehr ersehnten wie die Heimat, die Beschäftigung des Friedens, dass sie endlich wieder glückliche Ostern und einen Frühling ohne Waffenlärm und Kommandos erleben wollten. Er träufelte ihnen ganz unversehens den Hass ein gegen die kapitalistischen Regierungen.

In der Tat, was gab es da zu widersprechen? Die Kanonenlieferanten konnten doch im Frieden keine Geschäfte machen! Die Regierungen, die in Russland Platin, Edelsteine, Petroleum suchten, die Regierungen, die für ihre Zwecke Eisenbahnen bauen wollten und am liebsten das ganze grosse Russland mit einem Soldatenkordon umstellt hätten, nun, würden die freiwillig Frieden schliessen?

Sie wollten Krieg, damit sich ihre Lieferanten bereichern konnten, diese Spekulanten in Leder, Militärkleidung, in Munition, in Eisen, in Stahl.

Was aber ging den einfachen Mann, was ging den Matrosen — zum Teufel! — was gingen die vielen, vielen Soldaten, die ihre Bräute, ihre Frauen, ihre Kinder, ihre Eltern wiedersehen wollten, die das russische Volk liebten — (denn es war ein gutes, armes Volk!) — was gingen diese die militärischen Ziele ihrer Regierungen und der reichen Leute an?

Das war die Saat, die Hauptmann Odojewskij in der Kneipe des Armeniers Asakoff säte — und bald sollte sie aufgehen.

Aus einem Verschlag holte der Hauptmann Fahnen, Plakate. Rollte sie aus vor den erstaunten Blicken der Matrosen, die mit geheimem Schrecken bemerkten, dass mitten in Odessa ein Propagandabund dieser roten Soldaten war, deren Geist sich durch keine Schranken aus Bajonetten aufhalten liess.

Da war auf einem Plakat der Zar abgebildet als ein fauler, gähnender Beamter, neben ihm der fette Pope mit unendlich dummem Gesicht, und als dritter im Bunde der affige, betuliche Offizier — und dieses Bild, das nach allem, was in Russland geschehen war, doppelt überzeugend wirkte, warf seine Kraft auch in die roten Herzen dieser Matrosen. Sie wurden gestählt durch ein zweites Plakat: Ein unerschütterlicher Fels; hoch auf der Spitze weht die rote Fahne, und unten an seinem steinernen Fuss zerschellt das Schiff des Kapitalismus.

Die Matrosen erhielten zur Finanzierung des Aufstandes zwei kostbare Perlen. Es gab Elemente in Odessa, die solche Beute zu Geld machten. Die Matrosen, mit allen Spelunken vertraut, kannten sie. Die Perlen waren Kriegsfond.

Die Revolution auf dem „Mirabeau“ war somit finanziert.

Und schliesslich verlas der Hauptmann den „Brief aus Moskau“:

Es war ein Stückchen Seidenpapier, das in einer kleinen Strohhülse steckte. Aber jeder Matrose konnte sich überzeugen, dass die Stempel des Sowjets echt waren.

Die Regierungen des neuen Russlands forderten die roten Matrosen Frankreichs auf, das Beispiel der heldenhaften Potemkinbesatzung nachzuahmen.

„Gebt das Signal zum Kampf, Genossen! Hisst die Rote Fahne! Wendet euch gegen eure goldstrotzenden Admirale, die ein Verbrechen an Russland begehen wollen. Wir versprechen euch, mit der Armee des Ataman Grigorjew, der einst unter dem weissen Zaren in der Garde gestanden, in Odessa einzuziehen.

Rote Matrosen des „Mirabeau“, wir entbieten euch den Gruss des russischen Volkes!

Ihr wisst nicht, dass Grigorjew bereits gegen Cherson marschiert. Eure Regierung verschweigt es euch! Es ist wahr!

Die mit den modernsten Waffen ausgerüstete griechische Armee wird Cherson räumen! Grigorjew, unser tapferer General, wird dann mit seiner unvergleichlichen Armee gegen Nikolajew rücken. Die dortige deutsche Landwehrdivision wird nicht kämpfen. Sie steht zu uns! Rote Matrosen! Nach dem Fall Nikolajews kommt Grigorjew nach Odessa! Übergebt ihm die Stadt als Sieger! Ihr seid berufen, die Rote Avantgarde der Revolution zu sein, die von Russland aus sich wie ein Sturzbach über ganz Europa ergiessen wird!“

Dieser Brief aus Moskau ging von Hand zu Hand.

Die Stimmung schwoll an.

Grigorjew vor Cherson!

Nikolajew bedroht!

Auf! Auf! Die Zeit ist erfüllt!

Es rettet uns kein höhres Wesen,

Kein Gott, kein König, kein Tribun!

Uns von dem Elend zu erlösen

Können nur wir selber tun!

Völker hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

Erkämpft das Menschenrecht!

6

An einem eisigen Morgen wurde das Oberkommando durch ein Schauspiel in Schrecken und Entsetzen versetzt. Der „Mirabeau“ hisste plötzlich die Rote Fahne. Verliess die Bucht von Sewastopol und nahm Kurs auf das offene Meer. Gleichzeitig überfielen die Mannschaften auf Deck ihre Offiziere. — Aber ihnen fehlte die einheitliche Führung. Ihnen fehlte die Sicherheit der letzten Überzeugung. Obgleich die Meuterei vollkommen unerwartet ausbrach, gelang es, die Aufrührer mit Energie niederzuwerfen und die alte Ordnung wieder herzustellen.

Doch zum ersten Mal begriff der französische Oberkommandierende, auf welch gefährlichem Boden er stand. Blitzartig sahen die hohen Offiziere die nackte Tatsache des Bolschewismus und seiner suggestiven Kraft auf die kriegsmüde Armee. Der neu eingetroffene französische Oberbefehlshaber, General Berthellot, berief eine Versammlung aller an der Erhaltung Odessas interessierten Führer. Es wurde nach langer Beratung beschlossen, neuerdings starke Truppentransporte aus Europa nach dem Hafen am Schwarzen Meer zu leiten.

Die Furcht vor der Roten Armee wuchs, wenn auch der Schlag des Hauptmanns Odojewskij misslungen war. Die meuternden Matrosen hatten den Emissär nur von Angesicht gekannt, sie wussten seinen Namen nicht und konnten ihn mithin auch nicht verraten. Aber obgleich Odojewskij das Vertrauen des französischen Oberkommandierenden genoss, durfte er keinen Tag länger wagen, in Odessa zu bleiben. In der Nacht schaffte er die Proklamationen, die er weder vernichten noch einem Anderen überlassen durfte, ohne vielleicht den Spürhund Mac Lee auf sich zu hetzen, in das Hotel.

Christine befand sich mit ihrem Gatten im Theater. Mac Lee, der Unermüdliche, hatte schon eine Spur gefunden, die zu dem Armenier führte. Er verhörte an diesem Abend Asakoff. Er erbrach alle Schränke, er stieg in den Keller, er fand alle geheimen Verstecke, aber er fand keine roten Plakate, keine Proklamationen, denn die hatte Hauptmann Odojewskij bereits alle bei sich und gelangte ungehindert und ungesehen in das Schlafzimmer des Ehepaares Kusmetz.

Er verbarg seine verräterischen und gefährlichen Dokumente unter der Wäsche Christines und verschwand lautlos in der Nacht.

Mac Lee hatte bei dem Verhör die Überzeugung gewonnen, dass der Mann, der unter dem Namen „der Hausierer“ in der Kneipe Asakoffs bekannt war und den Brief aus Moskau verlesen hatte, kein anderer war als Odojewskij.

Zwischen ihm und der Gräfin Kusmetz musste ein Einverständnis bestehen. Vielleicht steckte auch Graf Kusmetz selbst mit unter einer Decke? Das war nicht sicher! Mac Lee musste Vorsicht üben, denn die Kusmetz besassen sehr einflussreiche Freunde, der französische Oberbefehlshaber verehrte die schöne Frau, und schliesslich sprach für die Unschuld des Grafen die Tatsache, dass ihm doch auch alle seine Güter geraubt worden waren. Gewiss, er war „verdächtig“. In Sibirien gewesen. Aber Mac Lee hatte keine Beweise gegen ihn. Anders lag die Sache mit der Frau, die einmal Studentin gewesen war. Sie unterhielt unerlaubte Beziehungen zu dem Hauptmann, das stand für Mac Lee fest.

Genug: Er erschien am frühen Morgen beim Stab Petljuras und ersuchte um die Ermächtigung, bei der Gräfin Kusmetz eine Haussuchung vornehmen zu dürfen. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass vielleicht eine schnelle Verhaftung der Gräfin sich als notwendig erweisen würde.

Der Chef des Stabes, dem der Chef der Spionageabteilung die Angelegenheit vortrug, hörte sich die weitgehenden Verdachtsgründe Mac Lees an. Alle waren nervös geworden: Die Russen, die Entente. Jeder General fühlte bei jeder Gelegenheit die unfassbaren, schleichenden Emissäre der roten Revolution. Die Generale sahen sich im Schutze einer Macht von dreissigtausend Soldaten nicht mehr sicher. Infolgedessen zeigte sich auch der russische Petljura-Oberst Tschudowski für die Ausführungen Mac Lees, den man aus Amerika hatte kommen lassen, um der Konterspionage einen besonders befähigten Kopf zu geben, zugänglich.

Von einer Anzeige bei dem französischen Kommando wurde zunächst abgesehen.

Morgens gegen neun erschien Mac Lee in Begleitung von Offizieren im Hotel und nahm trotz der energischen Proteste des Grafen eine Haussuchung vor. Sie förderte erdrückendes Material dafür zutage, dass die Gräfin eine geheime bolschewistische Emissärin war, denn in ihrem Besitze wurden verräterische Aufrufe aus Moskau und ein ganzer Stoss Propagandaschriften gefunden.

Mac Lee aber liess sich nichts merken. Er fürchtete, bei dem Aufsehen, das schon die Durchsuchung der Gemächer der Gräfin hervorgerufen hatte, eine Einmischung der Franzosen. Gräfin Christine war eine sehr schöne Frau, und Mac Lee misstraute dem französischen General. Diese Verräterin musste in die Hände der Russen gelangen!

Er verabschiedete sich deshalb mit vielen Entschuldigungen, verwies auf seinen Dienst, versprach, dass sich dergleichen nicht mehr wiederholen würde und verliess mit seinem Anhang das Hotel.

Der russische Oberst schäumte, als Mac Lee ihm das Material vorlegte.

Natürlich durfte die französische Konterspionage davon gar nichts erfahren. Zwischen den Stäben gab es fortgesetzt Kompetenzstreitigkeiten und Eifersüchteleien. Die Franzosen würden wesentliche Bedenken haben, Einwendungen machen, endlose Verhöre vornehmen, und inzwischen hatte der Graf Zeit, seine Verbindungen zu mobilisieren.

Und der Vertraute und Mitschuldige der Gräfin, der Hauptmann Odojewskij, war inzwischen längst entkommen und die letzten Spuren verwischt.

Nein, der Oberst entschied sich für schnelles Zugreifen.

Es war ein warmer Vorfrühlingstag. Michael schleuderte auf der Deribassowskaja-Strasse mit einige Freunden umher, die er in Odessa gefunden hatte.

Seine Frau war zu Hause geblieben, weil sie sich nicht wohl fühlte. Der Graf sog in vollen Zügen die klare, mit Erdduft geschwängerte Luft ein. Vom Meere her wehte eine frische Brise, die Sonne stand an einem beinahe veilchenblauen Himmel, es war eine Lust zu leben, zu wissen, dass man sich mit dem Tode herumgeschlagen hatte und Sieger geblieben war. Der Graf sprach mit einem englischen Journalisten über die politische Lage, schimpfte mit einem polnischen Offizier, den seine Regierung zum Studium der Lage geschickt hatte, auf die Griechen, die Cherson geräumt hatten, für einige Karbowanzen kaufte er für seine Frau ein Medaillon, das irgend ein Händler zum Verkauf ausbot.

Die berauschenden Blicke schöner Frauen aus allen Ländern streiften ihn, Damen in kostbaren Pelzen, in Nationaltracht, Fürstinnen, die noch vor kurzem über Tausende von Menschen geboten hatten und jetzt nach einem einzigen Menschen suchten, dem sie ihre Schönheit verkaufen konnten, kleine Sing-Sang-Künstlerinnen, Barfrauen, das Klirren grosser Sporen, das Traben von Pferden, das Tuten von Automobilen nahm das Ohr des Grafen gefangen.

Er stand unter dem Denkmal des Herzogs von Richelieu. Der Abend brach herein, ein blauer Abend mit geheimnisvollen Rufen, süssen Erinnerungen, tausend Möglichkeiten und Musik in den hell erleuchteten Restaurants. Da erhielt Gras Kusmetz durch einen Boten des Hotels, der ihn schon überall gesucht hatte, die Nachricht, dass seine Gattin entführt worden sei.

Christine war allein im Hotel. Da wurde ihr gemeldet, dass ein Russe, Bekannter aus Moskau, sie zu sprechen wünsche. Sie ging hinaus. Ein junger Mann, sehr höflich, sehr gut angezogen, bittet sie, nach unten zu kommen. Sein Freund sei ein Gegner der Franzosen und möchte nicht gesehen werden. Aber er habe ihr Grüsse aus Moskau zu überbringen. Moskau! Alle ihre Freundinnen wohnten in Moskau! Viele Erinnerungen verbanden sie mit der Stadt.

Das Zauberwort liess gar keinen Verdacht in Christine aufkommen. Die Strasse lag im Halbdunkel. Sie nähert sich dem wartenden Auto, wird blitzschnell ergriffen und verschwindet im Innern, ehe irgend jemand begriffen hat, was vor sich geht.

Christine stiess einen leisen Schrei aus, dann fühlte sie ein Tuch vor dem Mund, ein süsslicher Geruch stieg ihr in die Nase, sie verlor das Bewusstsein.

Als sie die Augen aufschlägt, findet sie sich in einer Zelle. Sieben Schritte lang, drei Schritte breit. Eine an die Wand aufschlagbare Pritsche, ein Holzstuhl, ein Wasserkrug. Kahle, weisse Wände.

Ach, so kahl, dass die junge Frau von Zeit zu Zeit ein Schauer überläuft trotz des dunklen Vierecks mit den Sternen, die zu ihrem Haupt sichtbar sind.

Dies ist ein Grab, und nur eine kleine Lampe erhellt ein wenig diesen Wohnort der lebend Begrabenen.

Ihr Herz pocht stürmisch, ihre Sehnsucht glüht, ihre Hände klammern sich an das eiserne Gitter, ihre verkrampften Arme ziehen den Körper hoch, und ihr verzweifeltes Gesicht späht durch die Öffnung.

Aber nur der schwarze Himmel wird ein wenig grösser. Sie sieht spitze Türme und eine graue, trostlose Mauer. Diese Mauer ist alt und stumpf und ohne Physiognomie. Wer so von oben auf sie herunterblickt, der liest in ihr den Jammer der Welt. Es ist wie Hohn, dass sich auch über diesem Steinhaufen der Himmel spannt.

Ach, denkt Christine, das kann kein Mensch ermessen, der es nicht an sich erfahren, was das heisst:

Einen Fetzen Himmel über sich, ein frivol aus dem Firmament geschnittenes Viereck, wo der Himmel allen Lebendigen gehören soll nach Gottes Willen.

Und die vier kahlen Wände! Diese Wände atmen Grauen und Angst. Sie atmen die ungehörten Schreie der Einsamen. Sie dünsten die dumpfe Verzweiflung derer aus, die hier die Hoffnung aufgaben für immer. Sie sind erfüllt mit Flüchen, die wie Gifttropfen auf die Gefangene niederfallen.

Einsamkeit! Abgeschlossen von der Welt, getrennt von dem Geliebten!

Christine stürzt an die schwere Tür und hämmert mit den Fäusten dagegen. Aber nur dumpfes, hohles Lärmen antwortet ihr.

Sie sitzt eine Nacht, einen Tag in dieser Zelle des Schweigens. Sie rennt mit verkrampften Händen auf und ab.

Sieben Schritte voran.

Sieben Schritte zurück.

Und wieder von neuem.

Aller Jammer der Kreatur bricht über sie herein. Die flackernde Hilflosigkeit der gefangenen Seele, das lautlose Aufschluchzen eines zu Gott jammernden Herzens.

Allmählich wird sie ruhiger. Die aufgepeitschte Energie weicht fassungsloser Ruhe. Ein Soldat erscheint, antwortet auf keine Frage, stellt Brot und Wasserkrug vor sie hin, schliesst wieder ab.

Stunde um Stunde verrinnt. Christine kauert unter dem Viereck mit dem dunklen Himmel, lauscht auf die Rufe, die vom Meere kommen, und filmartig rollt ihr Leben, Bild für Bild an ihr vorüber.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
05 maja 2025
Objętość:
220 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711503683
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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