Czytaj książkę: «Buddhas erste Unterweisung»

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Gonsar Rinpotsche
Buddhas erste Unterweisung

Die Vier edlen Wahrheiten

Überarbeitet und herausgegeben von Schülern Gonsar Rinpotsche

Titelbild

Das Titelbild stellt einen Lotus dar. Dieses Symbol wurde von tibetischen Mönchen des Klosters Ganden Schartse (Südindien) in Sand gestreut.

Der Lotus symbolisiert den Geist der vollkommenen Erleuchtung, der aus Entsagung entstanden ist. In gleicher Weise, wie sich der Lotus aus dem verschmutzten Wasser abhebt und der Sonne entgegenwächst, ist es die Entsagung, die uns aus dem Sumpf des Samsara (Daseinskreislauf) heraushält und den Zustand der vollkommenen Erleuchtung möglich macht.

Die Technik des Streuens von Sandbildern ist eine der traditionellen Künste des tibetischen Buddhismus. Sie wurde von Buddha in den großen Tantras als besonders geeignet für das Herstellen von Mandalas empfohlen und ist bis heute in den großen Klöstern Tibets erhalten geblieben.

Druckausgabe: Erstausgabe 2004

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Rabten, Le Mont-Pèlerin, Switzerland

e-mail: info@editionrabten.com

www.rabten.eu/Publications_de.htm

Alle Rechte vorbehalten

Bei der textlichen Überarbeitung haben mitgewirkt:

Helmut Gassner, Albin Oberhammer, Martina Klauda und Ingund Gassner

eBook Herstellung: Edition Rabten www.rabten.eu

ISBN 3-905497-52-2

eBook: ISBN 978-2-88925-076-9

eBook-Auslieferung:

HEROLD Auslieferungs Service GmbH

www.herold-va.de

Vorwort des Herausgebers

Dieses Buch ist aus der Niederschrift der Vorträge entstanden, die der Ehrwürdige Gonsar Rinpotsche am 9., 16., 25. 11 und am 9. 12. 1998 an der Volks- hochschule Basel gegeben hat.

Gonsar Rinpotsche ist einer der herausragenden Meister in der Übertragungslinie des großen Kyab- dsche Tridschang Rinpotsche. Diesen Meistern verdanken wir es, daß die authentischen Unterweisungen des Buddhismus im Westen vollständig erhalten sind. Wir fühlen uns daher dem traditionellen Lehrstil dieser Meister, dem auch Gonsar Rinpotsche folgt, verpflichtet und bemühen uns, so nah wie möglich am gesprochenen Original zu bleiben, damit die eindringliche Klarheit, die Rinpotsches Darlegungen so besonders machen, auch bei der Lektüre spürbar bleibt. Wiederholungen, die die Funktion haben, bestimmte Punkte fest einzuprägen, wurden deshalb nur wenig gekürzt oder bearbeitet. Für eventuelle textliche oder inhaltliche Unzulänglichkeiten zeichnet einzig der Herausgeber verantwortlich.

Wir möchten an dieser Stelle dem Ehrwürdigen Gonsar Rinpotsche für seine weise Führung und Unterstützung danken, ohne die unsere Arbeit gar nicht möglich wäre. Unser Dank gilt auch allen Dharmafreunden für ihre hilfreichen Beiträge.

Wir freuen uns, diese Unterweisungen als Buch veröffentlichen zu können, und sind sicher, daß sie den Lesern von persönlichem Gewinn sein werden.

Mögen die Halter dieser Unterweisungen lange leben, und mögen durch sie Mitgefühl und Weisheit in uns zunehmen.

Die Herausgeber

Le Mont-Pèlerin, im August 2004



Einleitung
Das Wesen von Religion

Im Buddhismus wird gesagt, jede Religion oder jeder geistige Weg habe drei Schwerpunkte: Anschauung, Verhalten und Meditation. Jede Religion lehrt eine bestimmte Anschauung oder Philosophie; jede Religion lehrt ein bestimmtes ethisches Verhalten, und jede Religion lehrt Meditation, das heißt, eine Methode, den Geist zu schulen. Fehlt einer dieser drei Punkte, kann ein geistiges System nicht wirklich als geistiger Weg oder als Religion bezeichnet werden.

Was diese drei Punkte betrifft, gibt es einiges an Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen, aber auch Unterschiede. Das ist deshalb so, weil die großen Meister der Vergangenheit, die Begründer der verschiedenen Religionen, aufgrund ihrer Weisheit und ihres Erbarmens den Lebewesen jeweils passende geistige Wege gezeigt haben. Sie haben je nach den Neigungen und Bedürfnissen der Schüler verschiedene Wege beschrieben. Ziel und Zweck der verschiedenen Religionen sind nicht verschieden, sondern gleich. Das Ziel aller geistigen Wege sollte es sein, die Lebewesen von Unwissenheit und Leid zu befreien und sie in einen Zustand dauerhaften und reinen Glücks zu versetzen. Welche Methoden und Wege auch immer zu diesem Ziel führen, sie sind alle gleich wertvoll. Es gilt, sie zu schätzen und ihnen eine respektvolle und offene Haltung entgegenzubringen. Wir sollten es vermeiden, zu sagen oder zu denken: "Mein Weg ist der richtige; alle anderen sind sinnlos und ungültig." Das wäre ein Fehler.

Es verhält sich so wie mit den medizinischen Systemen auf dieser Welt. Es gibt nicht nur ein einziges medizinisches System, sondern viele - angefangen von der Allopathie und der Homöopathie bis hin zur chinesischen, tibetischen und ayurvedischen Medizin. Obwohl es sich dabei um verschiedene medizinische Systeme handelt, ist ihr Ziel immer das gleiche: die Menschen von Krankheit zu heilen und ihnen das Glück des Freiseins von Krankheit zu gewähren. Das ist das Ziel jeder Medizin und nichts anderes. Deshalb sind alle diese gültigen medizinischen Systeme ebenso zu respektieren wie die verschiedenen geistigen Wege. Die geistigen Wege sind als Medizin für die geistigen Krankheiten zu verstehen.

Wenn man nun aber denkt, alle medizinischen Systeme könnten in einen Topf geworfen und miteinander vermischt werden, weil sie alle dasselbe Ziel haben, ist das ein Fehler. Das Produkt wäre eine Mischung mit schlechtem Resultat. Ebenso ist das Ziel der geistigen Systeme zwar dasselbe, ihre Methoden sind jedoch verschieden. Wenn wir alles durcheinanderwerfen, hat das keine guten Konsequenzen. Sofern wir die verschiedenen geistigen Wege genau kennen, besteht natürlich die Möglichkeit, die Wege in einer korrekten Weise zusammenzuführen. Ohne entsprechendes Wissen jedoch alles miteinander zu vermischen kann zu keinem guten Ergebnis führen. Für jeden Anwender von Religion ist es wichtig, zunächst zu erkennen, welcher Weg sich am besten für ihn eignet. Dann gilt es, diesem Weg ernsthaft zu folgen, zugleich aber auch den anderen Systemen Respekt entgegenzubringen und sie zu schätzen. Das wäre eine passende Einstellung.

Die drei Schulungen im Buddhismus

Richtige Anschauung, richtiges Verhalten und richtige Meditation sind die drei essentiellen Punkte des Buddhismus. Wir müssen uns zunächst eine Kenntnis von diesen drei Punkten aneignen und dann versuchen, sie richtig zu benützen. Das macht uns zu ernsthaften Anwendern des Buddhismus. Der erste Punkt ist die Anschauung. Wir Menschen können viel Unwissenheit und viele falsche Ansichten haben, deshalb ist es wichtig, zuerst das Tor zur richtigen Anschauung zu öffnen. Wie wird dieses Tor in unserem Geist geöffnet? Das gelingt nicht mit Hilfe von Wundermitteln, sondern nur, indem wir uns bemühen, zu lernen, zu untersuchen und nachzudenken. Zunächst ist es notwendig zu lernen. Wir müssen einen Lehrer suchen und uns alles weitere beschaffen, was für ein erfolgreiches Lernen notwendig ist. An diese Aufgabe sollten wir mit der richtigen Absicht herangehen; und wir sollten nicht einfach alles, was wir gehört oder gelesen haben, blind glauben. Vielmehr sollten wir über das Gelernte nachdenken, es untersuchen und dadurch eine feste Überzeugung entwickeln.

Auf diese Weise erlangen wir die richtige Anschauung. Richtige Anschauung hat nichts mit seltsamen Ideen oder Phantasie zu tun. Richtige Anschauung bedeutet, ein richtiges Verständnis von Grundlage, Weg und Ziel zu haben. Was ist die grundlegende Situation der eigenen Person, der anderen Wesen und aller Dinge? Wie existieren wir? Was ist die Ursache für unsere Art des Bestehens, was sind ihre Umstände? Die grundlegende Situation der Wesen und der Dinge gilt es fehlerfrei zu erkennen. Als nächstes lernt man verstehen, wie auf der Grundlage unserer Situation der eigene Geist entwickelt werden kann. Diese Entwicklung ist der Weg, den man gehen will. Das Resultat, das wir dadurch erreichen, ist das angestrebte Ziel.

Man entwickelt eine richtige Anschauung über die Grundlage, den Weg und das Ziel. Das reicht aber nicht aus. Der nächste Punkt, das richtige Verhalten, ist noch wichtiger. Welche geistigen und körperlichen Erfahrungen wir machen, ob leidvolle oder glückliche, hängt davon ab, was wir mit unserem Körper, unserer Rede und unserem Geist tun. Unsere Erfahrungen sind nicht das Resultat unserer Philosophie, sondern das Resultat unserer Handlungen von Körper, Rede und Geist. Alles, was wir erfahren, ist ein Resultat von Handlungen sowohl auf der individuellen als auch auf der kollektiven Ebene. Deshalb ist das Wichtigste ein richtiges Verhalten. Wenn wir zwar einer richtigen Philosophie folgen, aber unser Verhalten negativ bleibt, dann hilft uns das nicht. Es ist unumgänglich, sich richtig zu verhalten. Richtiges Verhalten bedeutet nichts anderes, als negative Handlungen zu vermeiden und heilsame Handlungen mit Körper, Rede und Geist auszuführen.

Auf der Grundlage einer richtigen Anschauung und eines richtigen Verhaltens ist es möglich, den dritten Punkt, richtige Meditation, anzuwenden. Richtige Meditation ist eine Methode, mit der die positiven Neigungen in unserem Geist entwickelt werden. Wir alle besitzen in unserem Geist positive Potentiale für Weisheit, Liebe, Erbarmen, Konzentration, Geduld und so weiter. Diese Potentiale zu entwickeln und vollkommen zu machen ist eine innere, geistige Arbeit, die als geistige Schulung bezeichnet werden kann. Eine richtige Meditation ist überaus wichtig, kann aber nur erreicht werden, wenn die ersten beiden Punkte als Grundlage vorhanden sind. Wenn die richtige Anschauung und das richtige Verhalten fehlen, gibt es keine wirkungsvolle geistige Schulung. Es ist ähnlich, wie wenn wir ein Haus bauen. Zunächst benötigt man einen Baugrund. Ohne Boden können wir kein Haus bauen. Richtiges Verhalten und richtige Anschauung sind wie ein Boden, auf dem wir mit Meditation aufbauen können. So müssen alle drei Punkte zusammengeführt werden; ein Punkt allein ist nicht genug.

Der Kernpunkt des Buddhismus

Bevor weitere Erklärungen gegeben werden, gilt es, noch eine wichtige Frage zu klären: Was ist der Kernpunkt des Buddhismus?

Der Kernpunkt der Unterweisungen des Buddha ist weder Buddha selbst noch der Zustand der Erleuchtung, noch eine Gottheit, noch eine philosophische Anschauung oder Idee. Der zentrale Punkt des Buddhismus sind die fühlenden Wesen. Alles, was Buddha gelehrt hat, bezieht sich auf die Lebewesen. Alle Unterweisungen des Buddha, sowohl die Sutras als auch die Tantras, sind ausschließlich auf die Wesen ausgerichtet. Alle Erklärungen des Buddha beziehen sich auf ihre Situation, ihre Leiden, die Ursachen ihrer Leiden und auf die Befreiung von diesen Leiden bis zum Erlangen der Erleuchtung. Die verschiedenen Anwendungen, wie Ethik und Meditation, sind mit den Lebewesen verbunden. Das tragende Element der Ethik wie der gesamten Anwendung des Buddhismus ist das Erbarmen, das Mitgefühl. In diesem Zusammenhang wird immer wieder deutlich gemacht, dass die grundlegende Ethik des Buddhismus Ahimsa ist. Das bedeutet, wörtlich übersetzt, Schadlosigkeit. Darunter wird verstanden, alle Gedanken und Handlungen zu vermeiden, die anderen Lebewesen Schaden zufügen. Das ist die grundlegende Ethik. Alle weiteren Ebenen der buddhistischen Ethik beruhen auf dieser grundlegenden Ethik, keinem Wesen Schaden zuzufügen. So sind die ganze Philosophie ebenso wie alle Anwendungen des Buddhismus in dieser Weise einzig auf die Lebewesen ausgerichtet.

Die Vier edlen Wahrheiten

Die eigentliche Grundlage der Unterweisungen des Buddha findet man in seinen allerersten Unterweisungen. Buddha Schakyamuni ist eine von vielen Erscheinungen der Buddhas. Er erschien in dieser Welt, um diese Unterweisungen zu geben. Denn ein Buddha kann den Wesen den besten Nutzen geben, wenn er ihnen Unterweisungen gibt. Es gibt viele Arten, wie Buddhas den Wesen von Nutzen sein können, die wirkungsvollste ist jedoch das Zeigen des richtigen Weges.

Gemäß den Voraussetzungen, Neigungen und Notwendigkeiten der Schüler hat Buddha eine große Zahl unterschiedlicher Unterweisungen gegeben. Die allerersten Unterweisungen des Buddha sind die Unterweisungen über die Vier edlen Wahrheiten. Nachdem Buddha die volle Erleuchtung erlangt hatte, gab er diese Unterweisungen seinen ersten fünf menschlichen Schülern im Wald von Sarnath.

Diese vier edlen Wahrheiten sind nicht nur die ersten Unterweisungen des Buddha, sondern auch die Grundlage aller seiner Unterweisungen ebenso wie die Essenz aller seiner Unterweisungen. Es sind das die Unterweisungen, in denen die Bedeutung aller weiteren Unterweisungen des Buddha enthalten ist. Alle vielfältigen Aspekte der Unterweisungen des Buddha wie das Kleine Fahrzeug, das Große Fahrzeug oder das Fahrzeug der Tantras sind in den Vier edlen Wahrheiten enthalten. Und im Besonderen sind diese Vier edlen Wahrheiten Unterweisungen, die für gewöhnliche Personen wie uns sehr zutreffend sind. Denn diese Unterweisungen beginnen mit einer Beschreibung des Zustandes, in dem wir gewöhnlichen Wesen uns befinden. Sie haben so eine direkte Beziehung zur Wirklichkeit und sind eine direkte Beschreibung unserer eigenen grundlegenden Wirklichkeit und in keiner Weise eine abstrakte Phantasie.

Was sind nun diese Vier edlen Wahrheiten? Diese werden im Allgemeinen bezeichnet als:

- die edle Wahrheit des Leids,

- die edle Wahrheit des Ursprungs,

- die edle Wahrheit der Beseitigung und

- die edle Wahrheit des Weges.

Buddha gab diesen Unterricht in der Weise, dass er zuerst diese Wahrheiten als Einführung aufzählte. Er sagte:

Dies ist die edle Wahrheit des Leids,

dies ist die edle Wahrheit des Ursprungs des Leids,

dies ist die edle Wahrheit der Beseitigung, und

dies ist die edle Wahrheit des Wegs zu dieser Beseitigung.

Dann wiederholte Buddha diese vier edlen Wahrheiten, indem er sagte:

Erkenne das Leid,

überwinde die Ursachen des Leids,

erlange die Beseitigung,

und wende den Weg an.

Diese Worte beschreiben einerseits die Situation, in der wir uns befinden, und zeigen zudem die Lösung für die Probleme unserer Situation.

Die edle Wahrheit des Leids

Buddha sagte:

Dies ist die edle Wahrheit des Leids!"

Er sagte nicht:

"Jenes ist die edle Wahrheit des Leids" oder

"Dort drüben ist die edle Wahrheit des Leids".

Das bedeutet, Buddha zeigt auf uns und sagt:

"Dies ist die edle Wahrheit des Leids".

Sie existiert also nicht irgendwo anders, befindet sich nicht irgendwo im Raum, sondern beschreibt die eigentliche Art und Weise, in der wir bestehen. Denn im gegenwärtigen Moment leben wir in einer Weise, in der wir vollständig an Leiden gebunden sind; was nicht heißen soll, dass wir ständig Schmerzen oder tiefe Trauer erfahren. Diese Aussage hat eine sehr tiefe und breite Bedeutung. Denn die Leiden, die wir erfahren, bestehen nicht nur aus unangenehmen Empfindungen, sondern es gibt viele weitere Stufen von Leid.

Buddha hat die Gesamtheit der Leiden, die wir erfahren, in drei Gruppen eingeteilt. Diese werden genannt:

- Leid der Schmerzen,

- Leid des Wechsels und

- alles umfassendes Leid.

Im gegenwärtigen Moment leben wir mit allen diesen drei Arten von Leid. Wir leben zwar mit diesen drei Arten von Leid, sind aber nicht in der Lage, diese vollständig zu erkennen. Wir erkennen lediglich einen Teil der von uns tatsächlich erfahrenen Leiden.

Das Leid der Schmerzen

Die Art von Leid, die wir erkennen und auch als Leid verstehen, gehört im Allgemeinen zur ersten Gruppe, dem Leid der Schmerzen. Diese Art von Leid kann körperlich ebenso wie geistig sein. Es können auf der körperlichen Ebene Schmerzen sein, Hunger, Durst, Armut und so weiter. Und auch geistige Leiden können sehr vielfältig sein; es kann Traurigkeit, Entmutigung sein und viele andere Arten von Unbehagen, die im Geist auftreten. Das alles sind Erfahrungen, die die meisten von uns als Leid erkennen können, und wir bemühen uns auch entsprechend, von diesen Erfahrungen so gut wie möglich frei zu sein. Manchmal sind wir dabei erfolgreich, oft sind wir es nicht, aber ständig versuchen wir alles Erdenkliche, um diesen Leiden zu entgehen. Die Zivilisation, die die Menschheit im Laufe der Geschichte entwickelt hat, zielt in erster Linie darauf ab, die Menschen von dieser Art von Leid zu befreien.

Das ist es auch, was uns die meiste Zeit beschäftigt hält, den ganzen Tag lang und manche von uns auch noch in der Nacht; immer mit dem Ziel, dieser Art von Leid zu entkommen. Diese Empfindungen als Leid und Schmerz zu erkennen und den Wunsch zu haben, ihnen zu entgehen, ist jedoch keine besondere Eigenschaft der Menschen. Man kann deutlich sehen, dass auch die Tiere, selbst kleine Vögel im Wald, ihre Probleme sehr gut erkennen und sich ebenfalls vom Morgen bis zum Abend damit beschäftigen, diesen Leiden zu entkommen. Und manchmal haben sie damit mehr Erfolg als wir Menschen. Wenn wir Tierberichte sehen, können wir manchmal beobachten, dass manche Tiere außergewöhnliche Mittel anwenden, um ihre Schwierigkeiten zu überwinden. Diese Art von Verhalten ist also keine besondere Eigenart der menschlichen Rasse.

Das Leid des Wechsels

Die zweite Art von Leid wird Leid des Wechsels oder auch Leid der Veränderung genannt. Diese Art von Leid ist wesentlich schwieriger zu erkennen. Um diese Art von Leid als Leid zu verstehen, benötigt man ein gewisses Maß an Intelligenz, eine höhere geistige Klarheit. Die Tiere ebenso wie die meisten Menschen erkennen diese Art von Leid nicht als Leid, sondern sehen es als eine Art von Glück, zudem als das höchste erreichbare Glück, und sie streben entsprechend danach. Es erscheint als das eigentliche Ziel des Lebens, für das man seine ganze Kraft und Zeit opfert.

Was ist diese Art von Leid nun wirklich? Es ist nichts anderes als das, was wir im Allgemeinen als Glück bezeichnen, das gewöhnliche weltliche Glück, die gewöhnlichen weltlichen Vergnügungen und Annehmlichkeiten. Diese sind auch tatsächlich eine Art von Glück, aber sie sind ein sehr oberflächliches, vergängliches und unvollkommenes Glück. Sie sind kein wirkliches Glück, sondern vielmehr etwas, das uns so erscheint, als sei es Glück. Da diese Empfindungen wie Glück erscheinen, werden wir gewöhnliche Wesen von dieser Art des Glücks getäuscht und denken, wir würden wirkliches Glück erfahren. Auch dieses Glück kann sowohl körperlich als auch geistig sein. Auf der körperlichen Ebene kann es so etwas sein wie das Stillen des Hungers oder das Löschen des Durstes. Es kann auch das Glück der Empfindung von Wärme sein, wenn es kalt ist, oder das angenehme Empfinden von Kühle, wenn es heiß ist. Oder es kann auch das Wohlbehagen sein, das wir aufgrund unserer Stellung, unseres Vermögens, unserer Bekanntheit, unseres guten Rufs oder unserer Begleitung erfahren. Diese Arten von Glück sind es, wonach ein gewöhnliches Wesen trachtet und die es als sein höchstes erstrebenswertes Ziel sieht.

Wir werden vielleicht fragen, was an diesen angenehmen Empfindungen falsch ist, weshalb diese als Leiden bezeichnet werden. Der Grund dafür liegt darin, dass diese Empfindungen von kurzer Dauer sind, schnell vergehen und bei ihrem Vergehen schmerzhafte Empfindungen nach sich ziehen. Ein deutliches Beispiel ist das Wohlbehagen, das wir beim Stillen von Hunger erfahren. Hunger ist ein schwerwiegendes Leid, das in die erste Kategorie gehört und auch ein Leid, das wir nicht ertragen können. Um es überwinden zu können, benützen wir auch die richtige Methode, nämlich das Einnehmen von Nahrung. Wenn wir sehr hungrig sind, werden wir unbedingt versuchen, unseren Magen zu füllen. Es spielt dabei keine so große Rolle, was wir zu essen bekommen; solange etwas essbar ist, werden wir es benützen, um damit langsam unseren Magen zu füllen. In dem Maß, in dem sich der Magen füllt, wird das Leid des Hungers vergehen. Dieser Vorgang dauert bis zu einem gewissen Punkt. Durch das fortschreitende Anfüllen des Magens vergeht das Gefühl des Hungers, und es macht sich ein zunehmendes Gefühl der Zufriedenheit bemerkbar, bis eine bestimmte Grenze erreicht ist. Nehmen wir über diese Grenze hinaus weiter Nahrung zu uns, dann werden andere, neue Leiden immer deutlicher werden, die bis zu unserem Tod führen können, wenn wir nicht rechtzeitig aufhören. Das macht deutlich, dass die angenehme Empfindung beim Füllen des Magens kein wirkliches Glück ist, kein reines Glück ist. Denn wäre es ein wirkliches Glück, dann müsste die angenehme Empfindung ständig vorhanden sein, solange man die Ursache für diese Empfindung, nämlich das Zuführen von Nahrung, weiterführt. Das ist aber nicht der Fall.

Das gleiche auch am Beispiel von Wohlstand und Reichtum: Häuft man Vermögen über eine entsprechende Grenze hinaus an, dann werden die Schwierigkeiten, die das Vermögen mit sich bringt, immer größer werden. Wenn man nicht in der Lage ist, zufrieden zu sein, wird fortgesetztes Anhäufen von Reichtum zu vielen zusätzlichen Problemen führen. Reichtum wird als eine Ursache für Wohlergehen betrachtet. Aber diesen Wohlstand einmal zu schaffen benötigt viele Mühen. Wenn er dann vorhanden ist, benötigt es viele Mühen, ihn zu erhalten. Und wenn man ihn verliert, tut das ebenfalls wieder sehr weh. So ist auch Wohlstand sowohl am Anfang als auch in der Mitte und auch am Ende mit viel Unbehagen verbunden.

Ein weiteres sehr treffendes Beispiel, das unser verehrter Meister Gesche Rinpotsche oft gab, bezieht sich auf das Gehen und Sitzen. Im gegenwärtigen Moment sitzen wir hier und finden das angenehm. Wenn wir einige Stunden gesessen sind, finden wir das Aufstehen und Gehen angenehm. Wenn wir einige Stunden gegangen sind, wird auch das Gehen unerträglich, und wir müssen uns setzen. So verbringen wir das ganze Leben mit Aufstehen und Hinsetzen.

Untersuchen wir genauer alle Arten von angenehmen Erfahrungen, die wir üblicherweise als Glück bezeichnen, dann erkennen wir, dass sie alle diese gleiche Natur haben. Das bedeutet nun aber nicht, dass wir alle diese Erfahrungen vermeiden sollten, dass wir nichts mehr essen sollten und nichts Angenehmes mehr erfahren dürfen. Vielmehr benützt man diese Dinge, erfreut sich an ihnen, sollte aber gleichzeitig ihre wirkliche Natur erkennen und sich von ihnen nicht täuschen lassen. Gleichzeitig sollte man verstehen, dass wirkliches Glück etwas anderes ist als diese Empfindungen von Wohlbehagen.

Buddha bezeichnete diese Empfindungen als Leid des Wechsels. Um sie auch tatsächlich als eine Art von Leid zu erkennen, benötigt man schon ein entsprechendes Maß an Intelligenz.

Das umfassende Leid

Die dritte Art von Leid wird als umfassendes Leid bezeichnet. Dieses Leid als Leid zu erkennen benötigt ein noch größeres Maß an Intelligenz. Was wäre ein Beispiel von umfassendem Leid? Diese gegenwärtige Existenz, die wir erfahren, ist umfassendes Leid. Ganz gleich, ob man gerade etwas Angenehmes oder etwas Unangenehmes erfährt, in jeder Situation unseres Lebens ist diese Art von Existenz, wie wir sie jetzt erleben, umfassendes Leid. Der Grund dafür ist, dass unser gegenwärtiges Leben ein bedingtes Leben ist, das keine wirkliche Freiheit besitzt. Denn die Art von Dasein, in die wir geraten, und die Erfahrungen, die wir dann machen, folgen nicht unseren Wünschen, sondern hängt von anderen Faktoren ab. Wir haben also keine Freiheit, uns auszusuchen, wie wir leben und was wir während eines Lebens erfahren. Obwohl wir immer denken, dass wir frei sind, dass wir in einer freien Gesellschaft leben, was in gewisser Weise auch richtig ist, haben wir dennoch keine wirkliche Freiheit über unser Dasein.

Als erstes nehmen wir Geburt. Sowohl die Tatsache, dass wir Geburt nehmen, ebenso wie den Ort und die Umstände, unter denen wir geboren werden, können wir nicht nach unseren Wünschen gestalten. Manchmal passt unsere Geburt gar nicht auf die Umstände, in die wir hineingeraten, oder die Umstände passen uns gar nicht. Aber ungeachtet dessen, wie passend oder unpassend unsere Geburt sein mag, wir geraten irgendwohin und sind dann einfach dort.

In dieser Art nehmen wir Geburt. Vom zweiten Augenblick nach der Geburt an beginnt ein Rennen, und dieses Rennen geht nirgendwo anders hin als zum Ende des eben begonnen Lebens. Während dieses Rennens durchlaufen wir viele körperliche und geistige Veränderungen; manche sind angenehm, manche unangenehm, aber niemals haben wir die Möglichkeit, etwas daran zu ändern oder etwas rückgängig zu machen. Der ganze Ablauf folgt seinen eigenen Gesetzen. Schließlich kommt dann das Ende, das wir allgemein als Tod bezeichnen. Und obwohl ihn niemand erfahren will, haben wir wieder nicht die Freiheit, ihm zu entgehen.

Das zeigt sehr klar, ob wir tatsächlich Freiheit und Kontrolle über unser Dasein haben. Auch während unseres Lebens fehlen uns Freiheiten. So haben wir keine vollständige Freiheit über unsere Gedanken und Handlungen. Denn zur Zeit stehen wir vollständig unter der Macht unseres Geistes, und unser Geist selbst steht wieder unter der Macht weiterer Faktoren, von denen viele negativ sind, wie zum Beispiel Begierde, Eifersucht, Hass und so weiter. Wenn sie den Zustand unseres Geistes und unserer Person bestimmen, dann erfahren wir endlose Probleme. Ständig treten in unserem Geist Gedanken auf; Gedanken, die wir eigentlich gar nicht wollen, aber dennoch brechen sie hervor, gewinnen an Kraft und zwingen uns, unter ihrem Einfluss zu handeln. Wenn wir eine Wahl hätten, wäre es uns lieber, unser Geist wäre in einem harmonischen, friedlichen Zustand, ohne irgendwelche Störungen. Es wäre uns lieber, wenn wir unseren Geist auf jedes gewünschte Objekt richten könnten und er dann friedlich auf dieses Objekt gerichtet bliebe. Das wünschen wir zwar, aber ob unser Geist sich so verhält oder nicht, können wir leicht beobachten. Vor allem, wenn wir versuchen zu meditieren, werden wir schnell herausfinden, ob unser Geist auf dem gewünschten Objekt bleibt oder nicht.

Alle diese beschriebenen Unzulänglichkeiten zeigen unseren Mangel an Freiheit über unser Leben. Das ist unsere gegenwärtige Situation, der Zustand unseres gegenwärtigen Daseins. Dieser Zustand kann zwar geändert werden, aber im Moment treffen diese Beschreibungen zu.

Die erste und zweite Art von Leid erfahren die Wesen in den verschiedenen Daseinsbereichen in unterschiedlichem Maß. Manche Wesen erleben mehr vom ersten, manche mehr vom zweiten Leid. Vom umfassenden Leid jedoch sind alle Wesen des Daseinskreislaufs betroffen, unabhängig davon, ob es sich um Menschen, Tiere, Devas oder andere Lebewesen handelt. Da diese dritte Art von Leid alle Wesen des Daseinskreislaufs in gleicher Weise umfasst, wird sie als umfassendes Leid bezeichnet.

Das alles ist die Bedeutung der ersten edlen Wahrheit. Mit den Worten "Dies ist die edle Wahrheit des Leids" hat Buddha auf diese Wahrheit hingewiesen. Er hat nicht gesagt: "Es gibt eine Wahrheit des Leids, und dort ist sie." Damit wird deutlich, dass diese edle Wahrheit nicht weit weg ist. Sie befindet sich nicht irgendwo und liegt auch nicht zurück in der Vergangenheit, sondern sie befindet sich genau jetzt und hier innerhalb der eigenen Person. Das eigene, gegenwärtige Dasein ist davon betroffen. Das zu erkennen ist sehr wichtig.

Vergänglichkeit

Eines der Merkmale der ersten edlen Wahrheit ist die Vergänglichkeit. Das bedeutet, dass unser jetziges Dasein und alles, was dazu gehört, vergänglich ist.

Die Gesamtheit der existenten Objekte kann in zwei Gruppen unterteilt werden: in die zusammengesetzten und die nichtzusammengesetzten Objekte. Zu den zusammengesetzten Objekten gehören alle materiellen Dinge, alle Formen von Bewusstsein, und die sogenannten nichtzugeordneten Dinge. Nichtzugeordnete Dinge sind nichts anderes als Dinge, die zwar zusammengesetzt sind, aber weder als Materie noch als Geist klassifiziert werden. Ein Beispiel dafür ist Person. Eine Person ist ein zusammengesetztes Objekt, aber weder Materie noch Geist. Ebenso verhält es sich mit der Zeit. Die Zeit ist ein zusammengesetztes Objekt, aber weder Materie noch Geist. Zeit besteht in einer anderen Art als Materie oder Geist.

Zusammengesetzt bedeutet, dass ein Objekt aus Teilen zusammengesetzt ist. Materie ist eine Anhäufung von kleinsten Partikeln. Auch Geist setzt sich aus Teilen zusammen, und zwar aus den einzelnen geistigen Augenblicken. Ebenso setzt sich eine Person aus ihren Teilen zusammen, aus ihren Aggregaten, wie Körper, Geist, Empfindungen und so weiter. Zeit ist ebenfalls zusammengesetzt, und zwar aus Jahren, Monaten, Minuten, Sekunden, Momenten.

Alle zusammengesetzten Dinge haben die Eigenschaft, vergänglich zu sein. Die Wesen sind vergänglich. Unser Körper und unser Geist sind vergänglich. Die Person ist vergänglich. Unsere Leiden sind vergänglich, und unser Glück ist vergänglich. Alles Leben ist vergänglich. Vergänglichkeit heißt auf Sanskrit Anitya, was auch unbeständig bedeutet.

Unbeständigkeit wird im Buddhismus sehr subtil beschrieben. Jedes unbeständige Objekt verweilt nur einen Augenblick lang. Das bedeutet, es entsteht, und es vergeht sofort wieder, es dauert nur einen Augenblick lang an. Die Dauer eines Augenblicks wird als ein Fünfundsechzigstel der Dauer des Geräusches beschrieben, das beim Schnalzen der Finger einer gesunden Person entsteht. Das ist eine sehr kurze Zeitspanne. Unter subtiler Vergänglichkeit versteht man, dass alle zusammengesetzten Dinge während der Dauer einer so kurzen Zeitspanne verweilen, vergehen und in ähnlicher Art wieder entstehen. Das ist nicht leicht nachzuvollziehen, ist aber dennoch die Wirklichkeit. Subtile Vergänglichkeit ist in allen zusammengesetzten Objekten immer gegenwärtig. Diese Veränderungen gehen so schnell vor sich, dass wir sie mit unserem gegenwärtig sehr langsam funktionierenden Bewusstsein nicht wahrnehmen können. Was wir wahrnehmen, ist die Wirkung der subtilen Vergänglichkeit, nämlich die grobe Vergänglichkeit.

Die grobe Vergänglichkeit ist wie ein oberflächliches Zeichen der fortwährend stattfindenden subtilen Vergänglichkeit. Wir sehen zum Beispiel, wie eine Person langsam älter oder größer wird, wie Dinge langsam alt werden und eines Tages kaputtgehen, wie eine Blume wächst und verwelkt oder ein Baum langsam zerfällt. Was wir sehen, ist nur die grobe Form der Vergänglichkeit. Diese Vergänglichkeit, dieser Alterungsprozess setzt aber nicht von einem Tag auf den anderen ein. Er findet ständig statt, pausenlos: Entstehen, Vergehen, Entstehen, Vergehen, ohne Unterlass. Was bleibt, ist eine ähnliche Kontinuität der entsprechenden Objekte.

So können wir uns fragen: Was bleibt von einer Person von heute bis morgen? Was bleibt von unserem geistigen Kontinuum, unserem Bewusstsein und was von den materiellen Dingen? Unser Körper bleibt von heute auf morgen nicht der gleiche, sondern er ist lediglich ein ähnliches Kontinuum. Die Ähnlichkeit in dieser Kontinuität verleitet uns dazu zu glauben, es handle sich immer um das gleiche Objekt. In Wirklichkeit aber bleiben die Dinge niemals gleich. Es ist wie bei einem Fluss: Der Strom zum Beispiel, der durch Westdeutschland fließt, scheint immer der gleiche Rhein zu sein. Er ist aber niemals der gleiche, denn laufend fließt anderes Wasser durch das Flussbett. Wenn wir aber in den Rhein blicken, scheint es sich immer um den gleichen Fluss zu handeln. Der Rhein scheint immer gleich zu sein, ist es aber zu keiner Zeit.

In Wirklichkeit bleiben alle zusammengesetzten Dinge, unser Körper, unser Geist, unsere Person ebenso wie ein Fluss niemals gleich. Die Person, die zum Beispiel diesen Vortrag gehalten hat, ist schon lange vergangen. Sie ist nicht mehr da. Was noch da ist, ist ihre ähnliche Kontinuität. Das trifft nicht nur auf den Vortragenden zu, sondern auch auf alle Zuhörer. Wenn wir uns jedoch ansehen, denken wir, es handle sich immer um die gleiche Person.

Der Grund dafür, dass wir das so betrachten, liegt an unserem Greifen nach Beständigkeit. Dieses Greifen nach Beständigkeit ist sehr tief in uns verankert, weil wir die subtile Vergänglichkeit nicht wahrnehmen. Wir können nur mit logischer Begründung verstehen, dass die subtile Vergänglichkeit eine Realität ist. Wir können sie aber nicht direkt wahrnehmen, so, wie wir etwa eine Flasche vor unseren Augen wahrnehmen. Aus diesem Grund können wir diese subtile Vergänglichkeit nicht erfassen und unterliegen einer Täuschung. Wir denken, alles bleibe gleich. Das Greifen nach dieser Beständigkeit ist eine grundlegende Fehlauffassung, die wir alle haben. Diese Auffassung ist nicht nur falsch, sondern kann auch sehr schädlich sein. Dieses Greifen nach Beständigkeit ist einer der Hauptgründe für unsere Anhaftung gegenüber Besitz, Geld, Freunden und so weiter. Ein starkes Hängen beruht auf einem Greifen nach Beständigkeit. Obwohl wir intellektuell wissen, dass wir ganz und gar nicht beständig sind, haben wir spontan die Auffassung: "Ich bin immer da; ich werde, wie auch alle anderen, noch lange Zeit da sein." Sowohl unsere Freunde wie auch unsere Feinde sind in unseren Augen beständig. Dadurch hängen wir an unseren Freunden und hegen Hass gegenüber unseren Feinden.

Manche Personen besitzen ein Vermögen, das so groß ist, dass es für mehrere Leben reichen würde. Dennoch haben sie oft den Eindruck, sie hätten nicht genug. Sie sammeln immer noch und haben Angst, etwas zu verlieren. Das führt zu unendlichen Problemen. Manche trachten danach, ihre Feinde zu töten, weil sie denken, diese Feinde seien sonst für immer da. In Wirklichkeit sind Freunde und Feinde, alle sehr vergänglich. Eines Tages wird von allen niemand mehr da sein. Auch die Feinde sterben ohnehin - ohne dass man sie tötet.

Wenn Buddha sagt, "alles Zusammengesetzte ist vergänglich", bezieht sich vergänglich auf die subtile Veränderung. Was wir von außen beobachten können, sind die groben Veränderungen. Wir können sehen, wie ein ganzes Land entsteht und zerfällt, ebenso wie Familien und einzelne Personen. In Wirklichkeit sind zu jeder Zeit alle materiellen und alle geistigen Dinge vergänglich, ebenso wie alle nichtzugeordneten Objekte, wie zum Beispiel Personen.

Vergänglichkeit ist ebenfalls eine Eigenschaft der edlen Wahrheit des Leids. Unser bedingtes Dasein ist leidvoll, denn es ist ein Dasein ohne wirkliche Freiheit, birgt viele leidvolle Erfahrungen und ist vergänglich.

Das Gesetz von Ursache und Wirkung

Wenn gesagt wird, dass bedingtes Dasein keine Freiheit bietet, bedeutet das nicht, dass wir unter dem Einfluss äußerer Mächte stehen, die uns beherrschen und uns in unerwünschte, leidvolle Situationen bringen. Das ist nicht der Fall. Es bedeutet, dass unsere Erfahrungen nicht nach unseren Wünschen ablaufen. Wir können die Vorgänge unseres Lebens nicht wunschgemäß steuern. Unser Schicksal wird aber auch nicht von irgendwelchen äußeren Kräften gesteuert, ganz im Gegenteil: Unsere Erfahrungen im zyklischen Dasein sind ausnahmslos die Wirkung unseres Karma.

Karma bedeutet nichts anderes als Handlung. Auf Sanskrit wird Karma für Arbeit, Werk, Tätigkeit oder eben für Handlungen verwendet. Welche Erfahrungen wir im Daseinskreislauf auch machen, sie werden von unseren Handlungen, also von unserem Karma bestimmt, gemäß dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Alles, was wir auf kollektiver oder individueller Ebene erfahren, entspringt nicht unseren Wünschen, sondern entsteht exakt gemäß dem natürlichen Gesetz von Ursache und Wirkung. Das bedeutet, dass eine richtige Handlung zu einem richtigen, eine falsche Handlung zu einem falschen Resultat führt. Die Handlungen und die Wirkungen dieser Handlungen sind es, was unter dem Gesetz von Ursache und Wirkung zu verstehen ist.

Alles, was zusammengesetzt ist, existiert gemäß dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Dazu gehören auch Lebewesen wie wir. Unser Schicksal, unser Leid und unser Glück sind direkt mit unseren Handlungen durch das karmische Gesetz von Ursache und Wirkung verbunden. So könnten wir sagen, dass wir unser Schicksal in unserer eigenen Hand haben. Es liegt also nicht in den Händen von irgendwem anderen. Aber dennoch erfahren wir nicht das, was wir uns ersehnen; sondern das, was unsere Handlungen gemäß dem Gesetz von Ursache und Wirkung hervorbringen. Dieses Gesetz hat keine Person geschaffen. Es ist ein natürliches Gesetz, eine natürliche Art und Weise, wie die Phänomene existieren.

Das Schicksal der Lebewesen ist untrennbar mit diesem Gesetz verbunden. Unheilsame Handlungen führen zu Leid für einen selbst und für andere. Heilsame Handlungen führen zu glücklichen Erfahrungen und angenehmen Resultaten für einen selbst und andere. Aus diesem Grund ist ein korrektes Verhalten von entscheidender Bedeutung. Sich richtig zu verhalten ist der wichtigste Punkt, wenn wir einem geistigen Weg folgen wollen oder Buddhas Unterweisungen anwenden.

Was ist unter Anwendung zu verstehen? Wir können Dharma auf verschiedene Weise anwenden. Wir können Gebete rezitieren, meditieren und so weiter. Das wichtigste jedoch ist, das Gesetz von Ursache und Wirkung richtig anzuwenden. Das bedeutet, dass wir das Gesetz von Ursache und Wirkung genau verstehen und unser Verhalten danach ausrichten. Wenn wir so vorgehen, werden wir zu wirklichen Anwendern von Dharma. Vernachlässigen wir diesen Punkt, dann können wir Tage regungslos dasitzen oder rezitieren, es wird nie eine echte Anwendung von Dharma werden. Von einer Anwendung von Dharma können wir erst dann sprechen, wenn wir das Gesetz von Ursache und Wirkung begreifen und uns danach verhalten. Das ist die Methode, mit der man Leid vermeidet und Glück erlangt.

Wenn wir von heilsamen und unheilsamen Handlungen sprechen, ist es wichtig zu wissen, was darunter zu verstehen ist. Buddha hat keine Liste von Handlungen zusammengestellt, wo wir nachsehen könnten, was richtig und was falsch ist. Eine solche Liste wäre unendlich lang. Statt dessen lässt sich anhand des jeweiligen Resultats einer Handlung bestimmen, ob sie heilsam oder unheilsam ist. Je nachdem was sie für die Lebewesen bewirkt, ist eine Handlung positiv oder negativ. Eine solche Bewertung steht immer in Verbindung mit den Lebewesen.

Alle Handlungen, die einem Lebewesen Leid bringen, wie etwa das Töten, sind unheilsam. Unheilsame Handlungen müssen wir unbedingt vermeiden.

Handlungen, die den Lebewesen wirklichen Nutzen bringen, sind heilsam. Solche Handlungen gilt es auszuführen.

Ob eine Handlung heilsam oder unheilsam ist, hängt von der Auswirkungen und von der Absicht ab. Eine Handlung, die aus Begierde, Hass oder Unwissenheit entsteht, ist immer falsch. Eine Handlung, die in Begierdelosigkeit, Hasslosigkeit oder Unwissenheitslosigkeit wurzelt, ist heilsam.

Wir müssen richtige und falsche Handlungen voneinander unterscheiden, indem wir den Ursprung einer Handlung prüfen. Der Ursprung einer Handlung ist die auslösende Motivation, und ihre Qualität bestimmt die Qualität des Resultats. Falsche Handlungen zu vermeiden und richtige Handlungen auszuführen ist die wesentlichste Anwendung von Dharma.

Die edle Wahrheit des Ursprungs

Jeder geistige Weg hat drei essentielle Punkte: eine Anschauung, eine Ethik und eine Methode, um den Geist zu schulen. Diese drei Punkte können von Religionen zu Religion etwas verschieden sein, aber alle wirklichen geistigen Wege weisen diese drei Merkmale auf. Auch im Buddhismus gilt es, eine richtige Anschauung zu entwickeln, richtigem Verhalten zu folgen und sich in richtiger Meditation zu schulen.

Der erste Punkt besteht darin, sich ein richtiges Verständnis von unserer grundlegenden Situation anzueignen. Ebenso müssen wir lernen zu verstehen, worin der eigentliche Weg der geistigen Entwicklung besteht und was das Ziel dieses Weges ist. Wir müssen die Grundlage, den Weg und das Ziel richtig erkennen, frei von falschen Anschauungen, Phantasien und Übertreibungen. Ebensowenig sollten wir Inhalt und Bedeutung dieser drei Faktoren unterschätzen. Im Gegenteil: Wir müssen eine Anschauung entwickeln, die der Wirklichkeit entspricht, die nichts hinzufügt oder weglässt. Eine solche Philosophie, eine solche Anschauung zu entwickeln ist sehr wichtig. Diese entsteht nicht von selbst in uns, sondern ist das Ergebnis von richtigen Bemühungen durch Lernen und Nachdenken. Einfach nur dazusitzen und hoffnungsvoll abzuwarten bringt uns nicht zur richtigen Anschauung. Wir müssen Anstrengungen machen, um die richtige Anschauung in uns zu erzeugen und falsche Anschauungen und Unwissenheit zu überwinden. Das ist die einzige Möglichkeit.

Weisheit durch Hören

Im Buddhismus wird immer wieder betont, wie bedeutend das Lernen ist. Es gibt drei Ebenen von Weisheit, die wir entwickeln müssen. Die erste Ebene ist die Weisheit durch Hören. Eine der wichtigsten Methoden zu lernen ist das direkte Zuhören. Die direkte, mündliche Übertragung von Weisheit wird im Buddhismus als sehr wichtig betrachtet. Auf der Grundlage einer direkten Übertragung können wir dann auch auf Bücher zurückgreifen. Das ist ebenfalls wichtig. Auf diese Weise muss zuerst die Weisheit durch Hören entwickelt werden. Wenn wir ohne Ablenkungen zuhören und uns konzentriert dem Gesagten widmen, erlangen wir eine erste Form von Weisheit, nämlich diese Weisheit aus Hören. Sie zu erlangen ist sehr, sehr wichtig. Das ist wie das Öffnen eines Tores.

Diese Weisheit aus Hören genügt aber nicht. Sie stellt kein Verständnis dar, mit dem wir zufrieden sein könnten, denn sie ist noch ein oberflächliches, wandelbares Verständnis, weil wir es leicht verlieren können. Dieses Verständnis, das aus Zuhören oder Lesen gewonnen wird, ist nicht durchdringend, sondern mehr oder weniger ein Annehmen dessen, was gesagt oder geschrieben wurde. Wenn wir es als sinnvoll sehen, stimmen wir mit dem Gesagten oder Geschriebenen zu und denken: "So, jetzt habe ich alles verstanden."

Dieses Verständnis ist aber noch nicht stabil und ist keine Weisheit, auf die wir uns verlassen können. Da ein solches Verständnis nicht sonderlich tief ist, kann es leicht verändert werden. Wenn wir jemanden treffen, der etwas ganz anderes behauptet und uns auf geschickte Weise das genaue Gegenteil erklärt, kann sich die bisherige Meinung schnell ins Gegenteil verkehren. Dennoch ist das Wissen aus Hören sehr wertvoll. Im Buddhismus wird immer wieder betont, dass diese Weisheit des Hörens der kostbarste Schatz ist, den wir besitzen können. Sie ist auch ein Schatz, den uns niemand nehmen kann.

Solange wir keine Weisheit aus Hören haben, bleibt es in unserem Geist finster; viele falsche Anschauungen und Unwissenheit verdunkeln unseren Geist. Sich Weisheit aus Hören und Lernen anzueignen ist deshalb der erste entscheidende Schritt.

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Gatunki i tagi

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Objętość:
144 str. 7 ilustracji
ISBN:
9782889250769
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Bookwire
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