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Czcionka:

Rika Mayer

Slow Dancing In A Burning Room

Volume 1 2008-2010

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Overture

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A-Side

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Anmerkung

Impressum neobooks

Overture

Slow Dancing In A Burning Room

Volume 1

2008 - 2010

Roman

Rika Mayer

Für Kathi. Für die vielen Stunden, in denen wir meine Figuren zum Leben erwecken; die vielen Stunden, in denen wir uns darüber Gedanken machen, wie wir an unsere Idole rankommen; für den Insider-Talk;

für Mikey, für Kurt.

Love you.

Brian

Für Maret, die langsam aber sicher anfängt, sich in meiner Welt zurechtzufinden.

Für Daniel, der mir das erste Mal John Mayers „Slow Dancing in a Burning Room“ vorgespielt hat und mich damit zu diesem Roman inspiriert hat. Vieles von unserer Geschichte findet sich darin wieder.

“You think you know a story, but you only know how it ends.

To get to the heart of the story, you have to go back to the beginning.”

Jonathan Rhys Meyers as King Henry VIII in The Tudors



1

Als Linnea Lagerbielke den Aufzug verließ, wurde sie sofort in den Sog der morgendlichen Hektik hineingezogen. Es schwärmte und summte und mehr als einmal hätte sie beinahe ihren Kaffee verschüttet, weil alles durcheinander lief. Es war der Tag vor der Deadline und natürlich hatte niemand die Zeit davor ausreichend genützt. Der Fluch eines Reporters griff immer mehr um sich und Linnea war froh, dass nicht sie dafür verantwortlich gemacht werden konnte. Immerhin konnte sie nur korrigieren was auch auf ihrem Schreibtisch landete und bevor es nicht durchgesehen war, konnte sie es nicht ans Layout weiterleiten.

Sie zwängte sich zu ihrem Schreibtisch, ihren Kaffee schützend an die Brust gedrückt und ließ sich ächzend auf ihren Stuhl fallen. Sofort sprang ihr ihre beste Freundin Kristina Einarsson zur Seite, noch bevor Linnea ihren Becher hatte abstellen können. „Morgen, Morgen! Motiviert?“ Linnea sah auf und blinzelte. „Wie eine Honigbiene.“ Sie ließ den Computer hochfahren und schaltete den Bildschirm an. Kristina, die Cheflektorin des größten schwedischen Musikmagazins, Sonic, packte auf ihrem Tisch derweilen ihr Frühstück aus und tippte ihr Passwort in den Rechner. Linnea saugte den letzten Rest Flüssigkeit aus ihrem Becher und hob einen Stapel Mappen auf, um an ihr Telefon zu kommen. Wie zu erwarten blinkte darauf die Nummer ihrer Chefin. „Mein Gott, ich bin noch nicht mal zu spät und sie schafft es trotzdem, mich nicht zu erreichen“, seufzte sie, und Kristina verdrehte die Augen. „Wenn sie sich wieder beschwert, dass die Titelstory noch nicht einmal im Layout ist, verlange ich mehr Gehalt.“ Sie hatte ihr Medienprogramm geöffnet und Joe Cocker krächzte „Let’s Go Get Stoned“. „Ach verdammt“, grinste Linnea, „genau das würde ich jetzt auch gern tun.“ Sie drückte auf den Abspielknopf des Anrufbeantworters und die Stimme ihrer Chefin beorderte sie in ihr Büro sobald sie angekommen war. Genervt stand sie wieder auf und zog ihr Shirt zurecht. „Ein Computer ist nur so schnell wie seine Prozessoren.“ „Sag ihr einfach: When you work so hard all the day long...“, sang ihr Kristina hinterher und Linnea streckte ihr die Zunge heraus.

Auf dem Weg ins Büro der Chefredakteurin begrüßte sie ein paar ihrer Kollegen und nahm noch zwei weitere Mappen in Empfang, die ihren Rotstift erforderten. Irgendwo spielte einer „Friday I’m in Love“ und Linnea ertappte sich dabei wie sie mitsummte, bevor sie in an die Tür von Karla Sundholm klopfte. „Herein!“ Linnea war immer wieder von der Ruhe fasziniert, die in diesem Raum herrschte. Fast so, als wäre die Außenwelt nicht existent. Es erschlug einen jedes Mal, sobald man die Tür hinter sich geschlossen hatte – egal ob man kam oder ging.

„Oh, guten Morgen, Linnea. – Gut, dass du so schnell gekommen bist. – Kaffee?“ Wow, Sonderbehandlung! Also konnte es nicht um die Korrekturfahnen gehen. „Gern.“ „Setz dich doch“, bat Karla, während sie ihre Sekretärin rief, um eine frische Kanne zu bringen. Linnea tat wie ihr geheißen und warf einen Blick aus dem Fenster auf Stockholm.

„So, warum ich dich hergebeten habe...“ Karla zog eine Aktenmappe aus der Schublade und klappte sie auf. „Ich weiß, du hast dich hier eigentlich als Journalistin beworben, aber wir hatten keine Stelle für dich...“ Die Sekretärin trat ein und schenkte Linnea eine Tasse echten Kaffees ein. Dieser roch schon ganz anders als das Gebräu aus dem Automaten unten in der Kantine und Linnea tauchte ihre Nase tief hinein, bevor sie einen kräftigen Schluck nahm. „Jedenfalls“, griff Karla das Thema wieder auf, nachdem Linnea die Tasse wieder abgesetzt hatte, „hast du bestimmt schon von Agents Provocateurs gehört – der Band, nicht dem Label.“ Linnea konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, nickte aber. „Ja, habe ich.“ Von beidem übrigens. „Gut, gut.“ Karla schob ihr die Mappe hin und Linnea erkannte das Cover des Spin-Magazins. Darauf erkannte sie Haydn Cavendish, Kopf der Gruppe Agents Provocateurs. Sie hatte sein Konterfei schon des Öfteren gesehen, immerhin waren ihr Freund Fotograph und ihre Mutter Stylistin für das führende skandinavische Modemagazin Bon. Außerdem las sie regelmäßig die Neuigkeiten im Musikbusiness und wusste daher, dass das Model, das für seine androgyne Erscheinung und seine Frauen bekannt war, vor einem Jahr völlig überraschend in die Band eingestiegen war. Das heißt, er hatte die Band eigentlich erst neu gegründet, da sie zuvor unter anderem Namen nur leidlich bekannt gewesen war und hatte sie praktisch über Nacht völlig verwandelt.

„Also Folgendes: Die Jungs spielen nächste Woche in Stockholm.“ Ja, auch das hatte sie schon gehört, beziehungsweise auf Plakaten gesehen und gelesen. „Und du wirst am Abend davor Haydn Cavendish interviewen.“ Wie bitte was? Linnea konnte nicht verhindern, dass ihr zumindest vor ihrem geistigen Auge die Kinnlade herunterfiel. Das war immerhin ein klassischer Moment dafür.

Karla schien ihr Erstaunen nicht zu entgehen – es war vielleicht doch ein bisschen zu offensichtlich - und verschränkte die Finger auf dem Tisch. „Okay Linnea, ich sag dir wie’s ist: Ich habe einen Haufen Journalisten da draußen, deren Portfolio weit besser war als deines.“ Das war Linnea nur zu bewusst. „Aber dieses Interview ist eine etwas delikate Angelegenheit. Haydn Cavendish ist vielleicht einer der schwierigsten Interviewpartner überhaupt.“ Und Linneas Unerfahrenheit war da natürlich von großem Vorteil. „Und ich brauche ein hübsches, junges Mädchen für den Job.“ Linnea kannte den Ruf, der dem jungen Kanadier mehr als vorausgeeilt war. Ein Mädchen in jedem Hafen und mehr als ein Gerücht über seine Beziehung zu Männern. Auch wenn sie sich nicht wirklich für Mode interessierte, sie hatte von ihm gehört: dem neuen Enfant Terrible der Glamourwelt. Der junge Mann, der die Straße zum Laufsteg machte und Skandale liebte. Sie räusperte sich und straffte ihren Rücken. „Karla“, begann sie und ihre Stimme klang nicht ganz so fest, wie sie es sich wünschte. Sie würde gleich die Chance ihres Lebens ausschlagen. „Karla, so sehr ich mich auch geehrt fühle…“ Karlas Blick machte die Sache auch nicht einfacher. „Denkst du nicht, dass es kontraproduktiv wäre, einen jungen Grünschnabel wie mich auf ihn anzusetzen? Ich meine“, räusperte sie sich wieder, „wäre es nicht besser, du würdest Bengt oder Gustaf den Job geben? Die wissen was sie tun und er flirtet nicht mit ihnen.“ „Haydn Cavendish hat eine grundsätzliche Aversion gegen Journalisten“, zuckte Karla die Schultern, als wäre das eine Entschuldigung. „Er bezeichnet sie als Spione. Ich glaube, eine Frau hätte bei ihm bessere Chancen…“ „Wird er nicht versuchen mit mir zu flirten?“ „Natürlich wird er das!“, lachte Karla. „Aber er wird dir auch deine Fragen beantworten, um dich zu beeindrucken.“ „Und du gibst mir den Job nicht nur, weil alle anderen zu feige sind?“ „Ich gebe dir hier eine Chance, Linnea. Das wolltest du doch.“ Ja, das wollte sie. Nach dem Studium hatte sie lange überlegt, was man eigentlich mit Schwedisch anfangen konnte. Etwas, das sie vielleicht vorher hätte tun sollen, aber es hatte zu aufregend geklungen Bücher zu lesen, zu analysieren, die Sprachgeschichte zu studieren. Es war ihre Mutter, die sie daran erinnerte, dass sie immer wieder nicht gänzlich unmögliche Artikel für die Universitätszeitung geschrieben hatte und versuchen sollte, bei einem Magazin unterzukommen. Zufällig hatte Sonic gerade eine freie Stelle, wie ihre Mutter durch ihre Kontakte erfahren hatte und Linnea kannte sich doch ganz gut aus mit Musik.

„Wenn du Hilfe brauchst, wende dich an Ulla oder Stena“, tippte Karla auf die Mappe, die immer noch vor Linnea auf dem Tisch lag. Das Foto schien sie ein bisschen zu verspotten, sofern das möglich war. „Ansonsten habe ich dir in dieser Mappe alles zusammensuchen lassen, was dir von Nutzen sein könnte. – Ich erwarte dein Konzept in drei Tagen auf meinem Tisch.“ Das war’s also. Linnea bekam keine wirkliche Gelegenheit sich zu rechtfertigen, sie würde einfach in den sauren Apfel beißen müssen. Und verdammt, war der sauer!

Als sie wieder vor der Tür stand, fühlte sie sich als hätte sie gerade einen Dauerlauf hinter sich und wankte zurück zu ihrem Schreibtisch, wo sie sofort von Kristina in Beschlag genommen wurde. „Was hat sie gesagt? Bist du gefeuert?“ Linnea kam schlagartig in die Wirklichkeit zurück und sah ihre Freundin strafend an. „Warum sollte sie mich feuern?“ „Was wollte sie dann von dir?“ Linnea seufzte und begann mit einem Kugelschreiber auf ihrer Schreibtischunterlage zu kritzeln. „Sie möchte, dass ich ein Interview mit Haydn Cavendish führe.“ „Du machst Witze?“ Nein, sie war nie gut darin gewesen, Witze zu erzählen. Sie konnte sie sich einfach nicht merken.


2

Haydn Cavendish beugte sich nach vor und begutachtete sein Make-up in dem großen Garderobenspiegel, dann presste er die Lippen auf ein Taschentuch und leckte sich über die Zähne. „Noch zehn Minuten!“, tauchte Freddy Hampton, Tourmanager, hinter ihm im Spiegel auf und tippte auf seine Uhr. „Junot, kann ich dein Capo haben?“, kam Lafayette Roche, Leadgitarre, aus einer der unzähligen Truhen im Raum zum Vorschein. „Ich kann meines nicht finden.“ „Greg!“, schnippte Freddy sofort nach einem der Roadies. „Greg! – Verdammt, muss man hier alles selber machen?“ Er stutzte und starrte auf Haydns Hand, die ihm ein Capo vor die Nase hielt. „Mit freundlichen Grüßen“, grinste Haydn und warf es Lafayette zu. „Aber ich will es wieder haben!“ „Natürlich, Teddybär“, fing der Gitarrist es ab und schwang sich auf einen der Garderobentische, um an seiner Gibson herumzudrehen.

„Hannah, wo ist mein Hut?“ Bobby Strachan, Schlagzeug, war damit beschäftigt seine Hände zu tapen. „Komme gleich!“, zwängte Hannah Lawson, Garderobiere, sich zwischen zwei Roadies hindurch, die die Gitarren nach draußen trugen. Überall waren Leute. Agents Provocateurs beschäftigten eine Unmenge an Personal für ihre Stageshow. Abgesehen von all den Fans mit Backstagepässen, der Presse und den VIPs, die die letzten Zentimeter Platz hinter der Bühne einnahmen.

„Noch fünf Minuten!“ hob Freddy die Hand. „Jetzt macht mal, dass ihr alles in Ordnung habt.“ „Sind wir schon jemals zu spät raus, Freddy?“, klopfte Ian Campbell, Flöte und Violine, ihm von hinten auf die Schulter und stellte dann sein Bein auf einer halbleeren Bierkiste ab, um seine Schuhe zuzubinden. Haydn ließ sich in seinen Mantel helfen und platzierte den Hut auf seinem Kopf. „Irgendwann“, drehte er sich herum, „bekommt der arme Freddy unseretwegen noch eine Glatze, weil er sich immer wegen uns die Haare raufen muss.“ „Das ist gar nicht so unwahrscheinlich“, nahm Freddy ihm die Zigarette aus dem Mund und drückte sie aus. „Und jetzt raus mit euch, bevor ich euch einen Arschtritt gebe und ihr quer über die Bühne fliegt.“ „Das würde dir gefallen!“, lachte Lafayette und jeder der fünf Jungs drückte ihm auf dem Weg nach draußen eine Kuss auf die Wange. Da sie alle Lippenstift trugen, konnte man Freddy am Bühnenrand beobachten, wie er sich fluchend mit einem Taschentuch das Gesicht rieb.




3

„Was für ein Tag!“ Linnea ließ ihre Tasche schwungvoll auf den Flurboden fallen und stöhnte auf. Albin Törnkvist, Fotograf, saß auf der Couch und tippte in seinen Laptop, als seine Freundin hinter ihm bäuchlings aufs Bett fiel. „Ist was passiert?“, sah er von seinem Fotobearbeitungsprogramm auf und Linnea schüttelte sich. „Karla hat mir ein Interview gegeben“, stöhnte sie in die Decke und Albin drehte sich herum. „Was ist passiert?“ „Karla hat mir ein Interview gegeben“, setzte Linnea sich wieder auf, nur um sich dann auf den Rücken fallenzulassen. „Ich soll ihr in drei Tagen das Konzept vorlegen.“ „Erm… Noch mal von vorne!“, klappte Albin seinen Laptop zu und stand auf. „Karla hat dir ein Interview gegeben?“ „Ja, das hab ich doch gerade gesagt“, nickte Linnea, die es ja selbst genauso wenig glauben konnte. „Dir?“, setzte Albin sich neben sie und sie schnellte hoch. „Was soll denn das heißen?“ „Was?“, stutzte er. „Na dieser Tonfall. So als hätte man einen Bettler gebeten, König zu spielen.“ „Entschuldige. Ich dachte… Du hast es doch so klingen lassen, als wäre es etwas Schlimmes.“ „Das ist es ja auch“, seufzte sie und fuhr sich durch die Haare. „Ja, also…“ „Aber es ist etwas anderes, wenn ich nicht an mich glaube, als wenn du es mir nicht zutraust.“ „Streiten wir jetzt darum, wer von uns dich als größeren Idioten sieht?“ „Offensichtlich.“ „Verdammt, Linni!“, stand er wieder auf. „Ich wollte doch nur… Ach, vergiss es.“ Er ging zurück zur Couch und klappte seinen Laptop wieder auf. Linnea stöhnte erneut und hievte sich hoch, um ins Bad zu gehen. Sie hatte das Bedürfnis nach einer heißen Dusche. Vielleicht konnte sie den Tag von sich waschen.

„Okay, erzähl mir von dem Interview“, schloss Albin die Tür hinter sich und setzte sich auf die Toilette. Linnea stellte das Duschgel zurück und verzog das Gesicht. „Karla hat mich heute ins Büro bestellt und hat mir ohne Vorwarnung den Auftrag für ein Interview hingeknallt.“ „Und das ist ein Problem weil…?“ „Hast du mir nicht zugehört?“, zog sie den Duschvorhang ein Stück zur Seite, um ihn ansehen zu können. „Sie möchte, dass ich das Interview führe!“ „Ja, aber ist das nicht eine ziemliche Ehre?“, wollte Albin ihre Aufregung nicht verstehen. „Immerhin gehörst du nicht zu den Journalisten.“ „Eben!“, drehte sie das Wasser ab. „Sie hat genügend qualifiziertes Personal und dann beauftragt sie mich damit.“ „Ich verstehe nur noch immer nicht, was dich daran so stört?“, griff Albin nach dem Badetuch, um es ihr hinter den Vorhang zu reichen. „Hast du dich nicht ursprünglich als Journalistin beworben?“ „Ja“, balancierte Linnea auf einem Bein, „aber sie nahmen jemand anderen, deshalb darf ich jetzt Zitate überprüfen.“ Sie wickelte sich in das Badetuch und schob den Vorhang ganz zurück. Albin nahm seine Brille ab, die ganz angelaufen war. „Und jetzt will sie mich, weil ich jung bin und nicht aussehe wie eine Vogelscheuche, nicht, weil ich vielleicht doch journalistisches Potential habe.“ „Ich verstehe nicht…“ „Ach, können wir bitte über irgendetwas anderes reden? Wie waren deine Models heute?“ „Motiviert…“



4

Haydn schlug vorsichtig die Decke zurück und kroch aus dem Bett, um sich im Halbdunkel des Raumes anzuziehen. Die junge Frau schlief mit dem Gesicht zur Wand und er schlich leise ums Bett herum, um seine Sachen aufzusammeln. Auf seinem Handy waren vier unbeantwortete Anrufe und zwei Nachrichten von seinem Manager. Er solle nicht vergessen, dass sie um elf einen Pressetermin hatten und bis dahin im Hotel und einigermaßen ansehnlich sein sollten. „Zwinker, zwinker.“ Haydn lachte in sich hinein. Er hasste Emojis, aber der liebe Anthony wusste sie viel zu subtil und pointiert einzusetzen, um sie nicht amüsant zu finden.

Eine Sekunde lang war er versucht, der jungen Frau zum Abschied einen Kuss auf die Wange zu geben, aber das war dann doch nicht so ganz sein Stil. Also griff er nach seiner Jacke und stahl sich aus der Wohnung. Auf dem Gang zündete er sich eine Zigarette an und stellte dann den Kragen auf, bevor er die Treppe hinunter sprintete und auf die Straße hinaustrat. Sich bewusst, dass er nicht allein war, ging er die Straße hinunter und pfiff sich dann ein Taxi heran. Conny würde ihm schon noch früh genug Bescheid geben, in welchem Klatschmagazin diese Bilder wieder erschienen waren. War es pervers, dass er sich an die Gesichter oft nicht mal mehr erinnern konnte? Aber dann: So war sein ganzes Leben.

Zurück im Hotel hörte er noch Stimmen in Lafayettes Zimmer und auf sein Klopfen hin öffnete Layla Dunant, die treue Seele seines Gitarristen. „Lilly“, umarmten sie und Haydn einander. „Wusste ich, dass du uns besuchen würdest?“ „Dann hättest du ja mehr gewusst als ich“, richtete Lafayette sich auf seinem Bett auf und sah auf die Uhr. „Du kommst spät, Teddybär.“ „Sie war ein bisschen aufgeregt“, lehnte Haydn sich an den kleinen Tisch unter dem Fenster und zündete sich eine Zigarette an, „und wollte einfach nicht einschlafen.“ „Verständlich“, nahm Layla ihm die Zigarette ab, um selbst einen Zug zu machen. „Wenn sie die Augen wieder aufmacht, bist du längst über alle Berge und alles war nur ein Traum.“ Haydn zwinkerte und zog Layla an sich. „Schön, dich zu sehen, Lillybee.“ „Lügner“, lehnte sie den Kopf an seine Schulter. „Ihr Jungs seid doch froh, wenn ich weit weg in Kanada bin, dann könnt ihr ungestört auf die Pirsch gehen.“ Haydn und Lafayette warfen sich einen Blick zu und Lafayette holte sich seine Freundin wieder aufs Bett. „Ich liebe dich auch, mein Schatz.“ „Ugh, ihr seid widerlich“, schüttelte Haydn sich und drückte die Zigarette aus. „Na, dann will ich das Wiedersehen nicht weiter stören und unter die Dusche gehen. Sie trug viel Parfüm.“ „Ich dachte schon, ich rieche einen leichten Rosenduft an dir“, lachte Layla, „steht dir nicht.“ „Dabei ist er doch so ein Süßer“, ließ Lafayette sich einen Kuss auf die Lippen drücken und Haydn fuhr Layla durch die Haare. „Vergesst nicht Luft zu holen.“


‚Ich finde ja, Becky sollte diesen Osborne heiraten’, beugte sich der Schatten im Spiegel auf der Schranktür etwas nach vor, um besser in Haydns Buch sehen zu können. „Ich dachte, du stehst auf Happy Endings“, klopfte Haydn sein Kissen zurecht und griff nach der Fernbedienung für die Stereoanlage. „Whoa!“ Eilig drehte er die Lautstärke herunter und vertiefte sich dann wieder in seine Lektüre. ‚Tue ich ja auch’, seufzte der Schatten theatralisch, ‚und die beiden sind doch so süß zusammen.’ „Osborne ist ein Playboy“, kaute Haydn auf seinem Bleistift und fuhr dann so lange an einem Wort entlang, bis er es verstanden hatte. ‚Genau wie du. Und du bist ja auch süß – irgendwie.’ „Vielen Dank.“

Es kam zu selten vor, dass Haydn auf Tour tatsächlich Zeit zum Lesen hatte und er war so in das Buch vertieft, dass er wie immer die Zeit übersah. ‚Denkst du, es gibt wirklich so kaltblütige Menschen?’, träumte der Schatten halb vor sich hin und Haydn sah auf. „Was ist mit mir?“ ‚Du bist nicht kaltblütig’, richtete der Schatten sich auf. ‚Du bist ein Arsch, das ist was anderes.’ „Na dann ist ja nur gut, dass ich dich habe, um mich ständig daran zu erinnern.“ ‚Was soll ich sagen? Du brauchst mich. Ohne mich wärst du…’ Es klopfte an der Tür und der Schatten verblasste sofort. Haydn legte seufzend das Buch auf den Nachttisch und schälte sich aus der Decke. Es klopfte erneut. „Yeah, I’m comin’!“ Er hatte dem Tageslicht in seinem Zimmer noch keine Beachtung geschenkt.

Er stolperte über seine Schuhe, die achtlos im Flur lagen und öffnete dann die Tür. „Bonjour, Monsieur Junot!“ Es war Lafayette und er war grauenhaft munter. „Guten Morgen, Lay“, trat Haydn zur Seite, um ihn hereinzulassen. „Meine Güte, wie siehst du denn wieder aus?“, musterte Lafayette ihn und nahm dann das Buch vom Nachttisch. „Vanity Fair“, las er den Titel laut. „Ambitieux.“ Haydn hatte immer Bücher bei sich, auch wenn er nicht zum Lesen kam. Den Spruch „Mit wem warst du denn letzte Nacht im Bett?“, bezog die Band manchmal auch auf seine Bücher. „Und jetzt sieh zu, dass du dich anziehst und ein bisschen zurechtmachst, Teddy. Tony kriegt einen Anfall, wenn du wieder aussiehst wie drei Tage Sex.“ „Ich mag den Look“, grinste Haydn und verschwand dann ins Bad, während Lafayette literweise Kaffee bestellte. Im wahrsten Sinne des Wortes.


Wenige Stunden später stolperte eine Gruppe junger Männer über ihre Koffer und verfluchte die Tatsache, dass sie selbst für ihre Papiere und Dokumente verantwortlich waren. Freddy hatte diese Aufgabe abgetreten, als seine Schützlinge nach einem Konzert alle in verschiedene Richtungen verschwinden wollten und sein ganzes Gepäck durchwühlt hatten, weil sie ihre Pässe nicht finden konnten.

Die Roadies taten ihr Bestes, das Chaos gering zu halten, aber wenn sie auch sonst nicht besonders viel verband, so waren doch alle fünf Jungs hoffnungslos unorganisiert und manchmal knapp davor, sich unabsichtlich umzubringen. Die Instrumente wurden abseits verladen und man war damit beschäftigt, Fans davon abzuhalten den Abflug der Maschine noch mehr zu verspäten, als es die Jungs selbst schon taten. Während sie sich darüber stritten, welcher Koffer wem gehörte und wer für das plötzliche Übergewicht zuständig war, gaben sie bereitwillig Autogramme an ihre neuen europäischen Fans. „Ich sollte lernen, mit beiden Händen zu schreiben“, rief Bobby über seine Schulter. „Dann könnte ich zwei Autogramme gleichzeitig geben.“ „Du bist ein verdammter Schlagzeuger, solltest du das nicht können?“ „Er will doch nur angeben, wie viele hübsche schlanke Frauenhände er schon geschüttelt hat.“ „Denk immer an die Bakterien, mein Lieber! All die ekeligen kleinen Kriechdinger!“


5

Linnea lag im Bett und starrte wachen Auges an die Decke. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so munter gefühlt, obwohl sie eigentlich unglaublich erschöpft war. Aber ihr Kopf wollte sich einfach nicht zur Ruhe betten und sie wälzte sich so lange hin und her, bis sie Angst bekam, Albin aufzuwecken und seufzend die Decke zurückschlug. Ihre Füße tasteten nach ihren Pantoffeln und sie tapste zur Couch. Wenn sie schon nicht schlafen konnte, dann konnte sie die Zeit genauso gut nutzen und sich ein bisschen mit ihrem Job vertraut machen. Auch wenn sie für die Universitätszeitung geschrieben hatte, so wusste sie doch viel zu wenig darüber, wie man ein Interview führte. Man konnte ja nicht einfach irgendwelche Fragen stellen. Und was, wenn man vom Thema abkam? Etwas, das bei ihrem Partner mehr als zu erwarten war.

Das Büro hatte ganze Arbeit geleistet. Die Mappe, die Karla ihr so bestimmt zugeschoben hatte, war voll mit Zeitungsartikeln, Interviews und Fotos des kanadischen Topmodels und Sängers, der so viele Gerüchte auslöste und über den man doch so wenig wusste. Außerdem fand Linnea auch die Special Edition des ersten Albums Murders They Sang. Ihre Mutter hatte die Cd eines Tages mit in ihre Wohnung gebracht und erklärt, sie hätte noch nie einen derart heftigen Orgasmus gehabt. Allein diese Aussage hatte Linnea bislang davon abgehalten, die Musik tatsächlich zu hören. Das und die Tatsache, dass ihre Mutter ihre unsterbliche Liebe zu ihrem Sänger geäußert hatte. Aber wenn sie nicht gefeuert werden wollte, musste sie dem Album wohl oder übel eine zweite Chance geben. Und jetzt war genauso gut Zeit dafür.

Sie beugte sich also erneut nach ihrer Tasche und holte ihren treuen Begleiter – ihren Discman – heraus. Ihre Zehen wickelte sie in die alte Häkeldecke, die ihr ihre Oma geschenkt hatte und sie schob sich ein Kissen ins Kreuz. Vielleicht würde die Musik ihr bei ihrem Auftrag helfen.

Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, völlig davon abgelenkt zu werden. Es war unmöglich, sich auf Interviewfragen zu konzentrieren, sobald Haydn Cavendish zum ersten Mal den Mund öffnete. Seine Stimme in all ihren Facetten, Höhen und Tiefen, hatte etwas Hypnotisierendes. Sie war voll, wie die eines Opernsängers, rau, wie die eines Rockstars und weich wie die eines Folksängers und es war fast unmöglich zu glauben, dass es immer ein und dieselbe Person war. Agents Provocateurs schienen sowieso in kein Muster zu passen: Sie waren zu flamboyant für Rock, aber kein Glam; viel Flöte und Violine, aber kein Folk; Alternative Riffs, aber kein Indie. Und jeder Einzelne von den Mitgliedern beherrschte seine Sache beinahe schon zu perfekt. Diese perfekte Illusion wurde allerdings durch die Texte zerstört, die leidenschaftlich, roh und metaphorisch daherkamen.

6

„Linn?“ Etwas berührte ihre Schulter und sie schreckte hoch. „Oh, sorry“, setzte Albin sich zu ihr. „Habe ich dich geweckt?“ War sie eingeschlafen? Hatte sie geträumt? „Erm… Ich…“ „Was hast du denn mit Haydn Cavendish zu schaffen?“, hob Albin die Ausgabe des Spin Magazins vom Boden auf und Linnea nahm die Kopfhörer ab. „Oh, erm… Er ist mein Interviewpartner.“ „Cavendish?“ „Ja. Seine Band gibt am Wochenende ein Konzert in Stockholm.“ Sie konnte das alles ja selbst noch nicht ganz begreifen, aber es klang einfach viel zu gut, um es nicht auszusprechen, auch wenn sie gleichzeitig hoffte, dass er die Panik in ihrer Stimme überhörte. „Karla hat dich ausgesucht, um Haydn Cavendish zu interviewen?“, war es aber mehr seine Stimme, die etwas panisch klang und Linnea zog die Stirn kraus und musterte ihren Freund einen Augenblick. Dann lachte sie. „Du bist eifersüchtig.“ „Eifersüchtig?“, warf Albin das Magazin etwas zu heftig auf den Couchtisch. „Nein, ich bin nicht eifersüchtig. Ich bin wütend.“ Ja, aber… „Albin…“, verstand sie im Moment überhaupt nichts mehr. „Wie kann Karla nur von dir verlangen, dass du Haydn Cavendish interviewst? Du weißt, dass ich mal bei einem seiner Shoots für Cartier anwesend war.“ Ja, sie erinnerte sich, auch wenn sie den Namen damals nicht wirklich in irgendeinen Zusammenhang gebracht hatte. „Und er ist danach mit zwei der Assistentinnen einfach aus der Tür marschiert.“ „Aber, Käraste“, legte Linnea da fast so etwas wie erleichtert ihre Arme um ihn. „Hast du etwa Angst, dass ich auch mit ihm ins Bett gehen würde?“ „Er schafft das, Linn“, wehrte Albin warnend ab. „Er ist unglaublich charmant, er hat sogar mich für sich eingenommen – bis zu dem Augenblick, als die Kameras aus waren.“ „Du denkst also wirklich“, ließ sie wieder von ihm ab, „dass ich mit einem Haydn Cavendish ins Bett gehen würde, nur weil er glaubt er kann? Vielen Dank auch“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und Albin seufzte und streichelte flüchtig über ihre Wange. „Natürlich nicht. Aber ich will nicht, dass er mit meiner Freundin auch nur flirtet!“ Er stand auf und sah bestimmt auf sie hinunter. „Du wirst Karla sagen, dass du das Interview nicht machen kannst!“ „Albin!“ „Und sie soll sich jemanden suchen, der professionell genug ist!“ „Albin, das könnte mich meinen Job kosten!“ „Dann bewirbst du dich eben wo anders. Aber du wirst nicht allein mit Haydn Cavendish in einem Raum sein!“




7

„Haydn!“ Er lag auf der Bank, die Augen hinter der Sonnenbrille geschlossen und klopfte mit den Fingern im Takt zu „You Shook Me All Night Long“ auf seinem Bauch. „Haydn! Hoch mit dir, das Meeting hat längst begonnen!“ Freddy Hampton versetzte seinem Schützling einfach einen Tritt gegen die Hüfte, was diesen hochschrecken ließ. „Autsch! Das hat wehgetan!“ Haydn rieb sich die Stelle und Freddy nahm ihm die Hörer ab. „Das sollte es auch, Graf Dracula. Wir haben hier eine Besprechung bei der du auch geistig anwesend sein solltest und nicht deinen weiblich bedingten Schlafmangel aufholen.“ Die anderen im Raum grinsten und Haydn gähnte lange. „Ja ja, schon klar.“ Er rappelte sich hoch und schleppte sich dann zu Lafayette, vor dem er auf den Boden sank und sich an dessen Knie lehnte. Freddy schüttelte nur den Kopf und setzte sich wieder. Er liebte den Jungen, das Leben wäre nur manchmal viel einfacher ohne ihn – wenn auch langweiliger.

„Okay, also Folgendes...“ Conny Lowe, Presseagentin, klappte ihren Notizblock auf, in dem sie alle Termine und Pläne festhielt. „Ihr habt morgen Vormittag frei...“ Leises Johlen aus den Reihen der Musiker. „Zwischen eins und vier gebt ihr dann Interviews an verschiedene Magazine“, ignorierte sie es professionell. „Sagt ein paar nette Dinge über Europa und Schweden – so Zeug eben. Und rührt ein bisschen die Werbetrommel für euer neues Album. – Haydn, du hast um fünf ein Einzelinterview mit einer Journalistin von Sonic.“ „Wie bitte?“ Der Angesprochene schob die Sonnenbrille nach oben und blinzelte. „Die schicken jemanden, um dich persönlich zu interviewen. Über Mode und Musik – das Übliche eben.“ „Ah merde! Muss das denn sein?“ Die Brille rutschte wieder nach unten und er lehnte seufzend den Kopf zurück. Lafayette fuhr ihm durch die Haare und beugte sich dann nach vor, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu drücken. „Ja, Teddybär, das muss sein.“

„Ich würde sagen, ihr schlaft euch heute Nacht mal aus.“ Dabei warf Freddy einen Seitenblick auf Haydn, der sich daraufhin mit dem Mittelfinger die Nase rieb. „Ihr hattet schon länger keine zwei freien Abende mehr hintereinander, aber da ihr die nicht freien immer bis zum Exzess ausnützt, könntet ihr euch heute und morgen ausnahmsweise ein bisschen erholen.“ „Und was sagen wir, wenn man uns zu Hause fragt, was wir von Stockholm gesehen haben?“, hob Barclay Stewart, Bassist, die Hand. „Die Hotelbetten?“ „Vielleicht gibt es an der Rezeption passende Ansichtskarten“, feixte Bobby und die anderen lachten. „Dürfen wir uns wenigstens ein bisschen Gesellschaft holen?“, fragte Ian dann und zog an seiner Zigarette. Freddy seufzte und schlug seine Mappe zu. „Wäre es wirklich zu viel verlangt, wenn ihr euch einmal anständig benehmen würdet?“ Ja, das wäre es. Freddy hatte schon als Jungspund in den Achtzigern mit Rockbands gearbeitet und die Jungs vor ihm füllten deren Fußstapfen sehr gut. Der Grund warum er bei ihnen blieb und sich bedingungslos um sie kümmerte war, dass sie ihn abgöttisch liebten und sie ihn letztlich immer am längeren Ast sitzen ließen.

„Also, ich hätte jetzt nichts gegen ein paar hübsche Mädchen einzuwenden.“ Haydn stützte sich auf Bobby und sie folgten den anderen aus dem Zimmer, um sich in der Stadt auf die Suche nach etwas Essbarem zu machen. „Daran zweifelt niemand“, grinste der Schlagzeuger und schubste seinen Bandleader den Gang hinunter.

Sie fanden ein kleines Pub in der Hinterstraße, in die sie geflüchtet waren, nachdem sie dem Menschenauflauf vor dem Hotel entkommen waren. Gott sei Dank waren sie noch nicht so berühmt, dass sie nicht ein paar Ecken weiter nur mehr eine Gruppe Jungs waren, die zusammen den Nachmittag durchbrachten.

„Ich hab gelesen, dass die Skandinavier ihre Hauptgänge süßen und ihre Nachspeisen salzen“, schlug Thierry Carey, Kopf der Roadie-Truppe und persönlicher Freund der Band, die Speisekarte auf. „Du solltest nicht immer so viel lesen“, stieß ihn Barclay an und blätterte sich durch die Karte. „Aber hier kann ich schon mal gar nichts lesen. Was soll denn das für eine Sprache sein?“ „Schwedisch“, lachte der restliche Tisch unisono. „Ja ja“, zuckte Barclay nur die Schultern und sah auf. „Du, Cav, du kannst doch eine Sprache. Lies mal vor.“ Haydn zog die Augenbrauen hoch. „Ja, du hörst sie mich gerade sprechen.“ Wieder lachten alle und Barclay zeigte ihm die Zunge. „Ich meine doch so irgendwas Ähnliches wie Schwedisch.“ „Holländisch.“ „Ja, genau. Holländisch.“ „Hier steht’s doch auch auf Englisch.“ „Aber ich möchte mal hören, wie diese Sprache klingt.“ Haydn grinste und seufzte resignierend. „Okay... Aber auf eure Verantwortung.“ Er beugte sich über die Karte und versuchte dann, das Kauderwelsch vor ihm mit aufgesetztem Akzent auszusprechen, was den ganzen Tisch in erneutes Gelächter versetzte und die Aufmerksamkeit des Kellners auf sich zog, der dann doch besser Englisch sprach als Haydn Schwedisch.


Später am Abend waren sie alle brav auf dem Zimmer – auf Haydns, wenn man es so genau nehmen musste. Thierry hatte ihnen tatsächlich ein paar Mädchen organisiert und die Jungs jammten ein bisschen und gruben alte Klassiker aus, während die Mädchen kreischend und johlend durchs Zimmer tanzten und keinen Hehl daraus machten, dass sie zu haben waren. Hätte dieses Hotel bereits eine Passage in der Rockgeschichte, so würde diese nun eine Renaissance erleben.

Freddy hatte es aufgegeben zu versuchen, seine Jungs ins Bett zu stecken und saß in einer Ecke, eine Flasche Wein und eine Zigarre in der Hand und träumte davon, noch einmal so jung sein zu können, dass ihn die Mädchen beachten würden. Haydn hatte sein Hemd ausgezogen und hatte seine Hände unter dem Kleid des brünetten Mädchens mit einer Lederjacke und den Lammfellstiefeln im Spätsommer, während sie so eng tanzten, dass er ihre harten Nippel durch ihren BH an seiner Brust spürte. Sie hatte eine Stupsnase und grüne Augen und obwohl sie nicht das hübscheste Mädchen im Raum war, hatte Haydn sie sofort für sich beansprucht, nachdem sie eine Flasche Bier fast in einem Zug hinuntergestürzt hatte, obwohl ihr dabei der Schaum übers Kinn gelaufen war und sich danach seine Gitarre gegriffen hatte, um einfach mit Lafayette mitzuspielen, der Slades „Come on Feel the Noize“ angestimmt hatte. Nicht alle Akkorde waren richtig, aber sie lachte einfach darüber und alle anderen sangen lauthals mit, also hörte es niemand. „We get wild, wild, wild…“, ließ sie sich umfallen und sprang dann auf, um mit den anderen durchs Zimmer zu springen. Haydn liebte Frauen, die etwas Besonderes hatten. Dass sie offensichtlich nicht nur mitgekommen war, um mit einem Bandmitglied zu schlafen, sondern um ihren Spaß zu haben, fand er unglaublich attraktiv. Was nicht hieß, dass er nicht spürte, wie sie in seinen Armen sofort weich wie Butter wurde und nichts dagegen unternahm, dass er ihren BH unter ihrem Kleid öffnete und seine Zunge mit der ihren spielen ließ. Eine Hand lag auf ihrer Brust, die andere vergrub er in ihrem dicken Haar, während sie sich zur Musik von Led Zeppelin bewegten.

„Come on!“, flüsterte er an ihrem Ohr und griff nach ihrer Hand. „Was hast du vor?“, sahen ihn die grünen Augen an und er küsste sie erneut. „I’m gonna fuck you“, nahm er auch die zweite Hand und führte sie rückwärts aus dem Zimmer in den Flur hinaus. Dort drückte er sie an die Wand und küsste sie, dass keine Fragen offen blieben. „Nicht hier“, machte sie sich jedoch von ihm los und er öffnete eine Tür zu einem Zimmer. Den Schlüssel hatte er sich schon zu Beginn des Abends geborgt. Auf dem Bett setzte sie sich auf ihn und zog mit einer einzigen raschen Bewegung ihr Kleid über den Kopf. „Okay. Fuck me!“



8

„Das ist gut, Linn.“ Karla ließ die letzte Seite sinken und sah die junge Frau ihr gegenüber an. „Es ist allerdings nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt habe, da muss ich ganz ehrlich sein.“ Linneas Herz rutschte ihr bis zu den Knien und ihr wich alle Farbe aus dem Gesicht. Sie hatte ihr Herzblut in dieses Interview gesteckt. Das heißt, sie hatte sich wirklich und ehrlich bemüht, aus der Sache keine 08/15-Angelegenheit zu machen. Darin steckte alle Erfahrung, die sie hatte aufbieten können – und alle Zeit. Aber sie hatte eben keine Übung als Journalistin und schon gar keine mit Interviews, aber sie hatte sich gedacht, dass es Fragen waren, die sie gerne von einem Star beantwortet gehört hätte. Wozu sollte man sonst noch ein Interview geben, wenn man doch ständig immer nur dieselben Sätze zu hören und zu sagen bekam?

„Na, ich denke, es ist zwar nicht unbedingt ein Interview für eine Musikzeitschrift“, las Karla die Verzweiflung in ihrem Gesicht, „aber es hat durchaus Potential – und ich mag deinen Stil, einfach, geradeheraus. Vielleicht sollten wir ein bisschen auf Risiko spielen.“ Ihr Herz hievte sich wieder keuchend bis in die Magengegend. „Wenn du dich denn tatsächlich traust, mit dem Jungen so auf Tuchfühlung zu gehen.“ Verdammt! Wie hatte sie nur den größten Haken an der Sache vergessen können? Haydn Cavendish. Sie kannte ihn zwar nicht, aber sein Ruf war ihm mehr als vorausgeeilt und dieser besagte, dass Haydn Cavendish persönliche Fragen meist weder beantwortete, noch einen Hehl daraus machte, was er von ihnen hielt.


„Ist sie nicht eine großartige Chefin?“ Kristina ließ sich Linnea gegenüber in den Sitz fallen und blies sich die Haare aus der Stirn. „Sie hätte dich zumindest ein bisschen mehr aufbauen können.“ „Hey“, hob Linnea die Hand, „ich kann schon von Glück reden, dass sie mir das Interview nicht noch im letzten Moment weggenommen hat!“ Sie schob ihren Rucksack unter den Sitz und lehnte sich zurück. Der Zug rollte langsam an und die Gleise quietschten. „Immerhin hat sie Recht: Mit Musik hat es leider wirklich nicht viel zu tun.“ „Ach Papperlapapp!“, winkte Kristina ab. „Über ihre Musik liest man eh alle Daumen lang – dafür sind die Kritiker zuständig. Aber aus Haydn Cavendish etwas Privates rauszuquetschen, das ist die wahre Meisterleistung.“ „Dann muss ich das erst einmal schaffen.“ „Hey, du hast Charme, du hast ein gewinnendes Lächeln – und du hast einen Sturkopf. Er wird sich hüten, dir irgendwelche Probleme zu machen.“ Linnea grinste – und sie war fast gewillt, sich überzeugen zu lassen. „Möchtest du nicht als mein Bodyguard mitkommen?“ Doch Kristina schüttelte den Kopf, so reizvoll das Angebot für sie auch war. „Dafür hast du Oscar. Der ist der Beste in der Redaktion.“ „Aber für ein gutes Foto von Cavendish und seiner neuesten Eroberung würde er sich bestimmt auch nicht lumpen lassen.“

Die Umgebung wurde ländlicher und Linnea begann, die Anspannung der Arbeitswoche und vor allem der letzten Tage ein bisschen abzuschütteln. Wochenenden bei ihrer Mutter waren immer eine nette Abwechslung. In dem kleinen Haus mit Garten ihrer Kindheit hatte sie genug Raum zum Denken. Nicht nur deshalb flüchtete sie sich gern dorthin, wenn es ihr mit Albin in der kleinen Dachgeschosswohnung in Stockholms Zentrum wieder einmal ein bisschen zu eng wurde. Auch wenn sie ihm zugestehen musste, dass er sich in den letzten Tagen nach anfänglichen Protesten doch sehr kooperativ gezeigt hatte. Soll heißen: Er hatte sie in Ruhe gelassen – oder war ihr zumindest nicht mit negativen Kommentaren im Weg gewesen. Trotzdem hatten gerade diese Tage ihr wieder einmal gezeigt, wie angespannt ihre Beziehung war. Sie musste ja auch unglaublichem Druck standhalten, immerhin war jeder außer ihnen selbst davon überzeugt, dass sie demnächst vor den Traualtar treten würden. Okay, sie sollte vielleicht nicht für Albin sprechen, sie kannte seine Intentionen nicht so genau – und das sagte schon sehr viel aus.

„Gib doch zu, dass es einen gewissen Reiz hat zu wissen, dass der morgige Abend mit einem Kuss von Haydn Cavendish enden könnte“, zwinkerte Kristina und nahm ihre Jacke und Linnea stand ebenfalls auf. „Unbedingt“, nickte sie bestimmt und hängte ihren Rucksack um. „Nur deshalb habe ich den Job angenommen. – Gott, meine Mutter wäre so unglaublich stolz auf mich.“ Die Zugtüren öffneten sich und Linnea sprang auf den Bahnsteig. Kristina folgte ihr etwas gesitteter. „Na siehst du! Und wenn du es nur deiner Mutter zuliebe tust!“ „Ha-ha!“


„Ach ja, bevor ich’s vergesse...“ Agneta lehnte sich zurück und ließ sich die letzten Sonnenstrahlen ins Gesicht leuchten. „Harald kommt heute noch vorbei.“ „Wer?“ Sie hob wieder den Kopf. „Harald, der Junge den ich beim Uhrenshoot getroffen habe.“ „Ah ja der!“ Wer? „Also, was ich eigentlich sagen wollte: Könntet ihr Mädchen euch nach oben verziehen? Zumindest so lange bis wir im Schlafzimmer sind.“ Kristina und Linnea warfen sich einen vielsagenden Blick zu. „Natürlich Aggie, alles was du willst.“ Sie lachten, es ging nicht anders, auch wenn Linnea innerlich aufseufzte und den Gedanken von sich schüttelte, dass der Junge, wie Agneta ihn bezeichnete, wahrscheinlich ihr kleiner Bruder sein könnte.

„Glaubst du, deine Mutter schleppt noch arme unschuldige Schulkinder ab, wenn sie sechzig ist?“ Kristina ließ sich auf Linneas Bett fallen und begann in ihrer Tasche zu kramen. Linnea stand vor dem Spiegel und kämmte sich. „So lange sie sich dann nicht an den Schulfreunden ihrer Enkel vergreift, soll’s mir Recht sein.“ Na ja, das war ein klein bisschen gelogen. „Welche Enkelkinder...? Oh!“ Sofort schnellte sie wieder hoch. „Enkelkinder! Der Tag ist schon bald vorüber und du rückst erst jetzt damit raus?“ Sie sprang auf und warf sich ihrer Freundin an den Hals. Diese verdrehte allerdings nur die Augen und schob sie von sich. „Ich bin nicht schwanger, Kris.“ „Oooooch.“ Kristina setzte sich schmollend zurück aufs Bett. „Und ich dachte schon, ihr beide wärt endlich den nächsten Schritt gegangen.“ Nein, nein, nein, nicht das Thema schon wieder. Linnea knöpfte ihre Bluse auf und griff nach ihrem Pyjama. „Der nächste Schritt wäre zu heiraten“, konterte sie dann und schubste Kristina vom Bett. „Das ist doch nur mehr eine Formsache. Und heutzutage überflüssig.“ Kristina kroch unter die Decke des Klappbetts und klopfte ihr Kissen zurecht. Sie fand es immer noch ganz amüsant, mit ihrer Freundin im selben Zimmer zu schlafen, obwohl es ein Gästezimmer gab. Es war wie in ihrer Kindheit – obwohl sie sich damals noch nicht gekannt hatten. „Gute Nacht, Kris!“ Linnea machte das Licht aus. „Gute Nacht, Linni!“


9

Sie kaute gedankenverloren an einer Haarsträhne, während sie mit verzweifeltem Blick den Inhalt ihres Kleiderschranks scannte. Auf dem Bett hatte sie bereits einige Outfits ausgelegt und dann doch gleich wieder verworfen. Die Kleiderfrage war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Früher war das so einfach gewesen: Ein Top, Jeans und ganz viel Schmuck. Aber sie konnte schlecht wie ein Punk zu dem Interview erscheinen. Oder doch? Immerhin war die Band auch nicht gerade Mainstream.

„Sinnkrise?“ Im rettenden Augenblick tauchte Albin hinter ihr auf und legte seine Arme um ihre Hüften. Linnea zuckte erschrocken zusammen und brachte Albin damit zum Lachen. Linnea war allerdings längst viel zu genervt, um ihre Situation lustig zu finden und sie wand sich aus seiner Umklammerung. Albin wollte keinen erneuten Streit provozieren und schob einen Berg Wäsche zur Seite, um sich aufs Bett setzen zu können. „Ich bin früher nach Hause gekommen, um dir für dein Interview viel Glück zu wünschen...“ „Hallooo!“ „Allerdings musste ich auch deine Mutter herein lassen...“

Agneta spazierte fröhlich zur Tür herein und gesellte sogleich zu ihrer Tochter und betrachtete deren Spiegelbild in der Schranktür. „Wusst ich’s doch, dass du ohne mich völlig verloren sein würdest.“ Damit überreichte sie Linnea mit einem selbstbewussten Lächeln einen Kleidersack. „Und keine Sorge, es ist nur aus dem Büro geliehen.“ Linnea nahm etwas skeptisch an und öffnete den Reißverschluss. Zum Vorschein kam ein dunkelblaues Etuikleid – spießig – mit tiefem Ausschnitt – sexy - und Nieten an Kragen und Gürtel – lässig. „Mamma...“ „Du brauchst nichts zu sagen“, wehrte Agneta sofort ab. „Ich weiß doch, dass mein Kind nicht meinen Sinn für Stil geerbt hat.“ Nein, den hatte sie eindeutig von ihrem Vater. Rock und T-Shirt waren schon Abendgarderobe. Es war das was man als Ironie bezeichnete, dass sie mit zwei absoluten Modefreaks zusammen lebte.

„Mach schon, zieh es an!“, drängte Albin und Linnea beeilte sich, sich aus dem Handtuch zu schälen, das sie nach dem Duschen eilig umgewickelt hatte. Agneta hatte bereits mit dem sicheren Gespür einer Modejournalistin einen BH aus der Kommode gezogen und half dann ihrer Tochter dabei das Kleid überzuziehen. „Wow“, staunte Albin, als Agneta den Reißverschluss zuzog und Linnea sich vor dem Spiegel hin und her drehte. „Ich weiß nicht, ob ich dich so zu einem Interview mit Haydn Cavendish gehen lassen kann.“ „Ach Unsinn!“, schüttelte Agneta den Kopf. „Hör nicht auf ihn, Kind. Du siehst fantastisch aus und er wird sich hüten, dich anzufassen.“ Dann suchte sie die passenden Schuhe aus einer der anderen mitgebrachten Tüten. Schwarze Ankleboots mit zwei sich überkreuzenden Nietenbändern. Gerade hoch genug, um Linnea die perfekte Silhouette zu verpassen, ohne dass sie dabei über ihre eigenen Füße stolperte.

„Aber was mach ich mit den Haaren?“, drehte sie sich schließlich herum und sah von ihrer Mutter zu Albin. Als Teenager – in ihrer 80s Rock Phase in der sie davon träumte ein berühmtes Groupie zu sein - hatte sie sich ihre blonde Mähne schwarz gefärbt und Agneta damit zur Weißglut getrieben. Heute reichten ihre Haare fast bis zum Po, waren aber völlig ohne jeden Schnitt, weshalb Agneta immer wieder an ihr herummaulte. „Irgendwann schneide ich sie dir in der Nacht einfach ab“, drohte sie jedes Mal.

„Ich wüsste ja die perfekte Frisur zu diesem Kleid“, zuckte sie auch diesmal die Schultern. „Aber dazu müssten wir dich zum Frisör schicken.“ „Ich hol mal den Fön und Lockenstab“, lenkte Albin ein und verschwand ins Bad. Linnea wickelte sich das Handtuch vom Kopf und schüttelte ihr Haar aus. Dann stieg sie wieder aus dem Kleid, um es nicht gleich zu ruinieren. Wenn Agneta es tatsächlich aus dem Büro mitgebracht hatte, kostete es so einiges.

Etwa eine halbe Stunde später hatte Albin so etwas wie Ordnung in das Wirrwarr auf ihrem Kopf gebracht und Linnea drehte sich eine Locke um den Finger, während sie sich ein letztes Mal im Spiegel betrachtete. In diesem Outfit fühlte sie sich beinahe sicher genug, um den König zu interviewen. Wobei sie sich im selben Moment nicht ganz sicher war, was nun im Endeffekt schlimmer war: König oder Haydn Cavendish.


„Linnea, bist du das etwa?“ Oscar hielt ihr die Tür zum Taxi auf und grinste ihr entgegen. Linnea streckte das Kinn vor und stieg ein. Erst als das Taxi anrollte, spürte sie, wie ihre Handflächen feucht wurden. ‚Nein’, versuchte sie sich zu beruhigen. ‚Du wirst nicht ohnmächtig! Du wirst nicht ohnmächtig!’ Obwohl die Vorstellung, von Haydn Cavendish aufgefangen zu werden... ‚Denk erst gar nicht daran, dir das vorzustellen!’

„Sag mal“, wandte sie sich schließlich an Oscar, der ja schon so einige Erfahrungen mit Interviews gesammelt hatte, „kannst du mir nicht ein paar Tipps geben?“ Sie gab sich Mühe nicht völlig verzweifelt zu klingen, denn das war sie eigentlich gar nicht. Nur unsicher. „Ich krepier hier sonst, weil ich nicht weiß, wie ich das Ganze angehen soll.“ „Was willst du wissen?“, trommelte Oscar auf seiner Tasche und Linnea zuckte die Schultern. „Wie begrüße ich ihn?“ „Ha-ha.“ „Nein, ehrlich! Ich hab keine Ahnung. Sag ich hi oder hallo oder guten Tag?“ Oscar hantierte an seiner Kamera herum und zuckte nun seinerseits die Schultern. „Wahrscheinlich begrüßt er dich zuerst. Dann sagst du einfach dasselbe.“ „Und soll ich fragen, ob wir uns siezen oder duzen?“ „Du meine Güte, hast du dir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht?“ „Sicher“, nickte sie. Sie würde allerdings nicht zugeben, dass sie sogar im Badezimmer vor dem Spiegel versucht hatte zu üben. „Deshalb stell ich dir jetzt all diese Fragen.“ Oscar steckte die Kamera zurück in die Tasche und lehnte sich zurück. „Weißt du, Linnea, zieh einfach dein Ding durch und lass dich nicht beirren.“ Ihr Ding? Welches Ding denn? Sie hatte ja überhaupt kein Ding. Sie hatte nur einen Spickzettel und ihren Sturkopf. Reichte das?


10

„Mein lieber, liebster Haydn...“ Conny schloss die Tür hinter sich und steckte den Stift an ihr Klemmbrett. „Darf ich dich bitten, dich bei deinem Einzelinterview endlich mal von deiner Schokoladenseite zu zeigen?“ „Die Schokoladenseite hat Lafayette“, sah Haydn von seinen Karten auf und Conny verdrehte die Augen, während die anderen grinsten. „Es bringt dich bestimmt nicht um.“ „Ihn nicht“, legte Ian eine Karte ab, „aber die Journalistin vielleicht.“ Haydn und er klatschten ab und Conny warf dabei einen schnellen Blick in seine Karten. „Entweder du bluffst hoch oder du lässt die anderen gleich gewinnen.“ „Conny!“, warf er die Karten auf den Tisch und sie zuckte mit einem süffisanten Lächeln die Schultern. „Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, du bist eifersüchtig“, verschränkte Haydn die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. „Wieso sollte ich eifersüchtig sein?“, nahm sie einen Bissen von seinem Sandwich. „Ich bin wahrscheinlich die einzige Frau in deinem Umfeld mit der du nicht geschlafen hast. Das macht mich zu etwas Besonderem.“ Sie küsste ihn auf die Stirn und sah dann in die Runde. „Okay, Jungs, die nächste Gruppe ist da.“ „Verdammt!“, flogen die Karten in ihre Richtung.

„Kann ich Ihnen behilflich sein, Fröken?“ Ja, einen Stuhl und ein Seil an dem sie sich erhängen konnte. Aber nachdem sie es bereits durch die ganze Halle bis zur Rezeption geschafft hatte, ohne über ihre eigenen Füße zu stolpern, konnte sie bestimmt auch noch den Rest ihres Stolzes zusammenkratzen und die Sache durchziehen. Ihr „Ding“, was auch immer das sein mochte. „Erm ja... Linnea Lagerbielke, Sonic Tidskrift. Ich habe… erm... einen Termin mit Conny Lowe.“ Der Herr hinter der Rezeption zog eine Augenbraue hoch und schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid, Fröken, wir haben keinen Gast dieses Namens.“ „Linnea, du musst ihm deinen Presseausweis zeigen“, trat Oscar ihr in dem Moment gegen das Schienbein. Oh...! Ach so. „Erm... Hier ist mein Ausweis.“ Sie fummelte an ihrer Handtasche herum, bekam schließlich ihre Geldtasche zu fassen und zog mit zitternden Fingern ihren Ausweis heraus. Verdammt. Die ganze Woche hatte sie damit zugebracht, Filme zu studieren, in denen Journalisten Hauptrollen spielten, um professionelles Auftreten zu üben und dann versagte sie schon bei der ersten Prüfung. „Das ist mein Fotograf, Oscar Jonsson.“ „Einen Moment bitte“, wirkte dies sofort wie eine Art Zauberspruch und der Rezeptionist griff nach dem Telefon und wählte eine Nummer. Linnea spürte ihren Herzschlag bis zum Hals. „Hier spricht die Rezeption. Eine Miss Linnea Lagerbielke von Sonic ist hier und sagt, sie hätte einen Termin mit Ihnen. – In Ordnung. Danke. Auf Wiederhören.“ Er legte auf und nickte Linnea zu. „Der Termin wurde bestätigt. Sie können nach oben. Zimmer 322.“ Oh mein Gott, nur drei Stockwerke trennten sie von einem echten Rockstar!

„Das hier oder doch das kleine Schwarze?“, hielt Haydn zwei Outfits hoch und Jean-Marie, Chefgarderobiere, rieb sich das Kinn. „Die sind beide sehr aufreizend, mon chouchou.“ „Na und?“, zuckte Haydn die Schultern und warf sie zu den anderen aufs Bett. „Wenn sie einen Herzinfarkt bekommt, dann brauche ich das Interview wenigstens nicht zu geben.“ „Dafür dass du keine Publicity willst, machst du aber ziemlich viel öffentlichen Unsinn“, kritzelte Conny auf ihrem Klemmbrett herum, während sie darauf wartete, dass Haydn sich endlich etwas anzog. Er würde wieder einmal zu spät kommen und wenn sie noch länger auf seinen Hintern starrte, würde sie ihren Freund anrufen müssen.

„Ich nehme einfach das hier und damit basta“, nahm er eines seiner Bühnenoutfits von der Garderobenstange und Jean-Marie nickte: „Okay, das wollte ich sowieso aus der Show nehmen.“ „Du hast Recht“, besah Haydn es sich genauer. „Es ist ein bisschen zu unbequem. – Aber ich sehe heiß darin aus.“ „Du siehst noch heißer aus, wenn du nackt bist, aber trotzdem solltest du dich endlich anziehen“, stöhnte Conny und stand auf. „Ich schicke Thierry um dich zu holen, wenn sie da ist.“

Als der Aufzug sich in Bewegung setzte, fühlte Linnea einen Moment dieses Ziehen in der Magengegend, aber als es beim zweiten Stock nicht verflogen war, wusste sie, dass es ihre Nervosität war, die ihre Übelkeit verursachte. Am liebsten hätte sie sich übergeben, aber das hätte ihr gerade noch gefehlt. Vielleicht auch noch geradewegs in Haydn Cavendish’ Schoß. Nur wahrscheinlich würde sie damit nicht einmal eine bleibende Erinnerung hinterlassen, das hatten sicher schon andere Mädchen vor ihr getan.

„Bereit?“ Sie standen vor dem genannten Zimmer und Oscar zwinkerte Linnea aufmunternd zu. Nein! Nein! Sie war nicht bereit! Überhaupt nicht! So unbereit war bestimmt noch niemand vor ihr gewesen! Nur was half es ihr? Sie wurden erwartet, jetzt konnte sie doch unmöglich wieder kehrtmachen. Wie würde das denn aussehen? Die Blamage wäre vielleicht sogar noch größer als die, wenn sie das Interview tatsächlich durchzog. Also nahm sie einen tiefen Atemzug und schloss für eine Sekunde die Augen. Sie würde sich nicht von sich selbst fertig machen lassen! Nicht jetzt! Also straffte sie ihren Rücken und nickte. „Bereit.“ Dann hob sie ihre Hand und klopfte. Einen Moment geschah nichts, und sie spürte schon den Funken Hoffnung in sich aufglimmen, dass er vielleicht doch nicht da war und alles ein Missverständnis war, da hörte sie etwas klicken und gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Vor ihr stand ein junger Mann in Jeans und T-Shirt, mit stacheligen Haaren und Kopfhörern. Wer war denn das, um Gotteswillen? Nicht von einem professionell aussehenden Assistenten mit Klemmbrett begrüßt zu werden warf Linnea erneut aus der Bahn. Das war doch in den Filmen immer so! Die hatten doch immer alle Manager und so Zeug, ohne die sie keinen Schritt taten. „Miss Lagerbielke?“ Oder vielleicht war es ja der Manager. Conny war ein Unisexname. Wer weiß. Haydn Cavendish war ein unkonventioneller Mensch, es würde sogar ein bisschen zu ihm passen. Außerdem war es fast süß, wie komisch er ihren Namen aussprach. Linnea hätte nicht einmal sagen können, ob es tatsächlich ihrer war, aber er sah sie dabei an, also war sie wohl auch gemeint. „Ja.“ „Kommen Sie herein. Haydn ist noch im Nebenzimmer, aber er wird gleich hier sein.“

Thierry kam zur Tür herein und kickte seinem Boss in die Seite, der gerade einen vollendeten Lidstrich gezogen hatte. „Hey, Cav, dein Date wartet in deinem Zimmer auf dich. Ich habe sie gut festgebunden, genau wie du es magst.“ „Handschellen oder Seile?“, richtete Haydn sich auf und rieb die Lippen aufeinander, bevor er aus dem Badezimmer ging und sich aufs Bett fallen ließ, um in die Stiefel zu steigen. „Seidenschals.“ „Ooohooh!“ „Marsch, marsch, Verdammter“, lächelte Jean-Marie und zog ihn wieder hoch. „Beuge dich deinem Schicksal“, schob er ihn zur Tür. „Keine Sorge: Sie ist ziemlich süß.“ „Wer?“ Thierry klopfte ihm auf die Schulter. „Deine Henkerin.“

Linnea versuchte verzweifelt, es sich auf dem Sofa bequem zu machen. Oscar neben ihr spielte an seiner Kamera herum und das Klicken und Knacken brachte Linneas Nerven fast auf die Palme. Sie begann fieberhaft nach ihrem Diktiergerät zu suchen und platzierte es dann in der Mitte des Tischs. Um es dann eine Sekunde später etwas nach links zu rücken. Und eine weitere Sekunde später etwas nach rechts. Dann zog sie die Karten mit den Fragen heraus und versuchte, sich darauf zu konzentrieren, aber ihr Kopf summte viel zu laut. Außerdem hatte sie sich schon vor Prüfungen nichts mehr in letzter Sekunde merken können, also gab sie auf und legte die Hände in den Schoß.

„Thierry hatte Recht: Du bist ziemlich süß.“ Ihre Nervosität hatte sie in eine Art Wachkoma fallen lassen, aus dem sie jetzt äußerst unsanft geweckt wurde. Sie wirbelte herum und sah sich plötzlich Haydn Cavandish gegenüber. Sein sehniger Körper steckte in einem unanständig engen Lederoverall und Nietenstiefeln, die seine Beine unendlich wirken ließen. Er trug eine blutrote Perücke á la David Bowie und Make-up, das beneidenswert natürlich wirkte, obwohl es viel zu dick aufgetragen war. Er war ohne Zweifel eine Erscheinung, aber Linnea wurde erst bewusst, dass sie ihn anstarrte, als er zu lachen begann. „Linnea, nehme ich an?“ Die Hand, die er ihr reichte, steckte in einem Lederhandschuh und es fühlte sich irgendwie komisch an, als sie sich endlich von seinem Anblick losreißen konnte und sich den Ruck geben konnte, ihm die Hand zu geben. Diesen ersten Händedruck würde sie noch tagelang auf ihrer Handfläche spüren, den Blick in seine Augen dabei nie vergessen. „Erm, ja. Linnea Lagerbielke, Sonic Tidskript.“ Sie hielt immer noch seine Hand, aber er schien auch keine Anstalten zu machen, sie loszulassen. Er zählte gerade jede einzelne Sommersprosse auf ihrer Nase. „Gesundheit.“ Wie bitte? Oh... ach so! Ha-ha. „Und das erm...“ Sie machte ihre Hand los und deutete auf Oscar. „Das ist Oscar Jonsson, mein Fotograf.“ „Freut mich sehr“, machte er wirklich keinen Hehl daraus, dass er keineswegs erfreut war. „Also gut, dann können wir ja anfangen.“ Er ließ sich in den Stuhl ihr gegenüber fallen, legte die Beine auf den Tisch und griff nach der Packung Zigaretten auf dem Beistelltisch. „Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen“, zündete er sich eine Zigarette an, ohne ihre Antwort abzuwarten. „Ich bin Kettenraucher.“ Er sagte das so, als wäre das damit zu vergleichen, sich jeden Tag zu duschen. „Erm... Nein, kein Problem.“ Um ehrlich zu sein hätte sie sich auch gar nicht getraut, ihm zu widersprechen.

„Gut, dann schieß mal los“, stieß er den Rauch durch die Nase und lehnte sich zurück. Linnea war einem Moment unglaublich fasziniert von seinen schlanken Fingern und musste von Oscar angetippt werden, um wieder aufzuwachen. „Ja, erm... Natürlich. Dafür bin ich ja hergekommen.“ Er sagte es nicht, aber Linnea wusste, dass er es sich dachte: ‚Ah ja, wirklich dafür?’

Während sie sich hinter ihren Cue-Cards versteckte, hatte er Zeit, sie sich genauer anzusehen. Das Kleid, das sie trug, ließ genug Raum für Phantasie, aber es passte überhaupt nicht zu ihr. Sie war ein Mädchen, kein Vamp, das war nur zu deutlich. Und sie hätte einen Haarschnitt vertragen können. Ansonsten war sie im Großen und Ganzen wirklich ganz nett anzusehen. Viel interessanter war allerdings ihr Benehmen, die Art, wie sie seinen Blicken auswich, wie sie artikulierte, um ihre Nervosität zu überspielen – und ihr Lachen das darüber hinwegtäuschen sollte, wenn er sie etwas aus dem Konzept brachte. Trotzdem gelang es ihr, natürlich zu bleiben und sie verwandelte sich dabei in so etwas wie eine attraktive junge Frau. Das fand er sehr interessant.

Er war eine harte Nuss – das ließ sich weder bestreiten noch ausblenden. Und er hatte ein Ego höher als seine Stiefel. Aber er hatte Charme und einen sehr eigenen Humor, an den man sich erst mal gewöhnen musste. Wirklich auffallend aber war die Tatsache, dass er sich selbst gar nicht richtig ernst zu nehmen schien. Er war unglaublich selbstbewusst, grenzte an arrogant, aber gerade das gab ihm genügend Spielraum, sich von sich selbst zu distanzieren und Dinge zu tun oder zu sagen, die bei anderen lächerlich gewirkt hätten. Von dem Outfit gar nicht zu reden.

Ob sie es wollte oder nicht: Sie begann langsam zu sehen, was die restliche Frauenwelt in ihm zu sehen schien. Wahrscheinlich, oder ganz bestimmt, war er furchtbar gelangweilt und von ihrer Anwesenheit wenig erfreut und die Art, wie er sich in den Stuhl ihr gegenüber gekuschelt hatte, unterstrich diese Annahme, aber er wirkte trotzdem äußerst aufgeweckt und machte es ihr irgendwie so einfach mit ihm in eine Art Plauderton zu verfallen.

Innerlich amüsierte er sich königlich über die Art, wie sie seinen Blicken auswich, aber er musste zugeben, er respektierte ihre Bemühungen, dieses Interview von A nach Z durchzuziehen, egal wie oft er sie offensichtlich aus dem Konzept brachte. Es war nicht so, dass er es in diesem Fall unbedingt darauf anlegte, sie ins Bett zu kriegen, aber er wollte dennoch herausfinden, ob er es könnte. Und dass er es offensichtlich nicht so einfach konnte wie sonst, machte sie in seinen Augen umso attraktiver. Das war mal was anderes. Er hatte eigentlich nicht einmal so wirklich Lust genervt zu sein.

„Du hast das noch nicht besonders oft gemacht, oder?“ Er stellte das leere Glas zurück auf den Tisch und zwinkerte ihr zu. Linnea, die noch in dem Interview feststeckte obwohl ihr längst die Fragen ausgegangen waren, sah nicht auf. „Ist das eine Frage oder eine Feststellung?“ So konnte sie auch nicht sehen, dass er grinste. „Beides – nehme ich an.“ Sie seufzte und hob den Kopf, um ihn doch etwas schief anzusehen. „Und was bringt dich zu dem Schluss?“ Hatte sie sich tatsächlich so daneben benommen? Eigentlich hatte doch alles ganz gut funktioniert. „Nun, sagen wir es so“, zündete er sich eine weitere Zigarette an. „Ich hatte schon so manche Journalistin mir gegenüber und du bist ihnen nicht annähernd ähnlich.“ Irgendwie wurde sie den Gedanken nicht los, dass er eigentlich hatte sagen wollen, dass er sie im Bett gehabt hatte. „Okay... ich nehme das jetzt einfach mal als Kompliment“, schloss sie, doch Haydn grinste wieder und schüttelte langsam den Kopf. „Das solltest du auch“, antwortete er dann und rieb sich die Nase. „Ich gestehe, ich war nicht so genervt von deiner Anwesenheit wie es vielleicht gewirkt hat.“ „Du musst immer das letzte Wort haben, richtig?“ Sie rieb sich die Augen. „Mit Vorliebe, ja. Dumm nur, dass mein Bruder Christian auch darauf besteht.“ „Na, dann kannst du das jetzt haben“, nickte sie langsam. „Auf meinen Karten stehen keine Fragen mehr.“ Damit warf sie die Karten achtlos auf den Tisch und griff nach ihrem Glas. Ihr Mund war völlig ausgetrocknet. Zu spät sah sie, dass Haydn sie sich holte. Oh verdammt, die Dinger sahen ja furchtbar aus! „Huh, ich sitze hier eindeutig einer geborenen Ärztin gegenüber – die verdammt feuchte Hände hat.“ „Eigentlich“, streckte sie ihm die Hand entgegen, „waren sie ja auch nicht für deine Augen gedacht.“ Sie wollte damit bewirken, dass er sie ihr wiedergab, aber er erheiterte sich gerade zu sehr damit, sie durchzusehen.

„Hey“, rief er dann plötzlich aus und hielt eine Karte hoch. „Die Frage hast du mir ja gar nicht gestellt!“, setzte er sich auf. „Welche?“ Sie hatte sich über den Tisch gebeugt, um ihm die Karten nötigenfalls mit Gewalt zu entreißen, doch er schlug ihr einfach auf die Finger. „Glaubst du an die große Liebe?“ „Wie bitte?“ „Das steht da“, stand er auf und ging zum Fenster. „Glaubst du an die große Liebe. – Wieso hast du mich das nicht gefragt?“ Sie stand ebenfalls auf und ging um den Tisch herum. „Es hat sich nicht ergeben.“ Sie schaffte es, ihm die Karten wegzunehmen und stopfte sie eilig in ihre Tasche. „Wie?“, nahm er einen tiefen Zug. „Du willst gar nicht wissen, wie es um mein Liebesleben steht? Himmel, kann das denn wahr sein?“ Er stieß den Rauch ganz langsam durch die Nase aus und musterte sie, um ein Zeichen von Ertapptheit zu finden. „Wieso sollte ich dich etwas fragen“, zuckte sie die Schultern, „worauf du sowieso keine ehrliche Antwort gibst?“ Sie hörte Oscar leise lachen, während er seine Kamera wegpackte. „Hmm, das ist natürlich eine gute Frage“, nickte Haydn und schnippte Asche in den Aschenbecher auf dem Fensterbrett. „Okay, das sehe ich ein. – Aber falls dein Boss dich fragen sollte, sag ihm einfach: ja.“ Sie hob den Kopf. „Ja, was?“ „Einfach: ja!“ „Ooookaaay...“ Sie nahm das Diktiergerät vom Tisch, um es ebenfalls in ihre Tasche zu stecken. Oscar und sie waren nun bereit zu gehen – und je früher desto besser.

„Wartet, ich komme noch schnell mit runter“, drückte Haydn eilig seine Zigarette aus. „Ich brauche einen Spaziergang.“ Noch bevor Linnea etwas sagen konnte hatte er die Stiefel von sich gekickt und warf einen viel zu großen Wollpullover über. „Den habe ich mir jetzt verdient“, stieg er in ein Paar ausgetretene Sneakers und öffnete die Tür. Oscar und Linnea folgten ihm etwas verdutzt den Gang hinauf zum Lift. War das gerade Traum oder tatsächlich Wirklichkeit? Es war, als hätte er gerade innerhalb einer Sekunde die Persönlichkeiten gewechselt. Und obwohl er sein Outfit aufgelöst hatte, sah er immer noch unglaublich sexy aus wo jeder andere lächerlich gewirkt hätte.

Auf der Fahrt nach unten studierte Haydn sein Spiegelbild und zupfte an seinen Haaren. „Gott, ich sehe aus wie ein Clown, der von der Arbeit kommt“, stieß er aus und fuhr dann herum, als hätte er tatsächlich für einen Moment vergessen, dass er nicht alleine war. „Findest du, ich habe die Figur für solche Hosen?“ „Erm… ?“ Redete er jetzt tatsächlich mit ihr? „Ach nichts.“ Der Lift war unten angekommen und Haydn ließ ihnen den Vortritt. „Danke für das Interview“, drehte Linnea sich eilig um und streckte ihm die Hand entgegen. Jetzt war er es, der für einen Moment stutzte und zögerte, auf ihre rasche Verabschiedung einzugehen. „Erm, ja... Gern geschehen“, nahm er an, nur um sich dann wieder zusammen zu reißen und ihr die Hand zu küssen. Linnea entzog sie ihm schnell, bevor sich ihre Blicke trafen und steuerte eilig auf die Ausgangstür zu, wo Oscar bereits auf sie wartete. Nur nicht wieder umdrehen!

Haydn blieb am Aufzug stehen und sah ihr nach. Als sie etwa die Hälfte der Empfangshalle durchquert hatte, kam plötzlich Bewegung in ihn. „Hey“, rief er ihr nach. „Muss ich noch mal so ein langweiliges Interview über mich ergehen lassen, oder können wir das auch so wiederholen?“ Sie schluckte und zwang sich stehen zu bleiben. Wider besseren Wissens drehte sie sich halb zu ihm herum. „Ich arbeite im Musikbusiness“, setzte sie an, „und du arbeitest im Musikbusiness.“ Sie musste raus hier! „Irgendwann läuft man sich da bestimmt wieder über den Weg.“ Bevor sie sich erneut zum Gehen wenden konnte, spürte sie eine Hand auf ihrem Arm, die sie zurück hielt. „Eigentlich habe ich nicht das gemeint...“ Er war ihr so nah, dass sie sein Aftershave riechen konnte und obwohl alles in ihr sich dagegen wehrte, drehte sie sich ganz zu ihm. „Und was hast du dann gemeint?“ „Na ja...“, legte er seine Arme um ihre Hüften. „Ich will es mal so ausdrücken...“

„Wow, was für ein Kuss!“ Oscar stieg neben ihr ins Taxi und drückte einen Knopf auf seiner Kamera. Linnea, die den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen hatte, schnellte hoch. „Hast du davon etwa Fotos gemacht?“, kam sie augenblicklich in die Wirklichkeit zurück. „Hey“, zuckte er die Schultern, „solche Bilder kriegt man nicht oft.“ „Gib das sofort her!“ Sie riss ihm die Kamera aus der Hand, wurde aber sofort von den vielen Knöpfen zurückgeworfen und musste sie sich von Oscar wieder abnehmen lassen. „Keine Sorge“, beruhigte er sie. „Die wird niemand zu sehen kriegen. – Ich dachte nur, du willst vielleicht ein hübsches Andenken haben.“ Andenken? Wollte er gerade lustig sein? „Bist du wahnsinnig? Du weißt, dass ich eine Beziehung habe! Ich glaube nicht, dass Albin sich darüber freuen würde.“ „Na und?“ Der junge Mann stopfte die Kamera zurück in seine Tasche und lehnte sich zurück. „Er hat dich doch nur geküsst. Sieh es einfach als nette Zugabe. – Oder küsst er etwa so schlecht?“ Nein... „Das ist doch völlig egal!“, wehrte sie eilig das Gefühl ab, das in ihr aufsteigen wollte. „Tatsache ist, dass er es getan hat, ohne mich um Erlaubnis zu bitten.“ „Denkst du, ein Haydn Cavendish fragt, ob er ein Mädchen küssen darf? Sein Ruf kommt nicht von irgendwo!“ „Ja genau!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Er ist ein arroganter... Ach, ich finde gar keine Worte!“ „Wenn du das sagst...“

Die Wohnung lag längst im Dunkeln, als Linnea die Tür aufschloss und ins Zimmer schlich. Leise zog sie die Schuhe aus und legte die Tasche auf die Couch, bevor sie sich eilig ins Badezimmer zurückzog, um laut aufseufzen zu können. „Ooooooh Gott!“, sank sie auf den Rand der Badewanne und legte den Kopf in den Nacken. Das war wohl der verrückteste Abend ihres Lebens gewesen und das Schlimmste war, dass sie seine Lippen immer noch auf den ihren spürte. Sie hievte sich hoch und rieb sich das Gesicht mit Seife ab, bevor sie das Kleid unachtsam über den Kopf zog und unter die Dusche stieg, wo sie sich einfach heißes Wasser über den Körper laufen ließ, bis sie vor Übermüdung beinahe umgekippt wäre. Dann griff sie nach einen Badetuch und rieb sich ab, bis ihre Haut gerötet war, bevor sie sich die Zähne putzte und ins Badetuch gewickelt zum Bett huschte, wo sie ein Paar Unterhosen aus dem Schrank suchte und dann ihr Nachthemd überzog. Wenn sie den Anfall von Müdigkeit ausnutzte, würde sie vielleicht gleich einschlafen und morgen war das alles nicht passiert. Albin hatte das Gesicht zur Wand gedreht und schien nicht mitzubekommen, dass seine Freundin hinter ihm unter die Decke schlüpfte.

Der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Obwohl sie bestimmt eine Schicht Haut von sich geschrubbt hatte, spürte sie immer noch seine Hand auf ihrem Arm, in ihrem Nacken, seine Lippen auf den ihren. Auf der Decke, auf die sie starrte, projizierten sich Bilder und Gedanken und erhöhten ihren Puls bis zu einem Punkt, an dem sie das Gefühl hatte zu ersticken. Ihre Ohren begannen zu rauschen und sie musste die Decke loswerden. Was war bloß los mit ihr? Warum machte sie sich so viele Gedanken darüber, was passiert war? Oscar hatte ganz Recht: Es war nur ein Kuss - es hatte nichts zu bedeuten, wenn er von Haydn Cavendish kam. Aber das war es nicht allein. Es war nicht nur, dass sie verstört und verärgert war. Dazu waren ihre Gedanken viel zu unanständig. Der Teenager in ihr jubilierte geradezu: Sie hatte einen Rockstar geküsst!

Sie drehte sich zu Albin und folgte dem Umriss seines schlafenden Körpers im Zwielicht der Straßenlaternen, die selbst hier oben noch durchs Fenster schienen. Zu gerne hätte sie sich jetzt in seine Arme gekuschelt, um sich wieder sicher zu fühlen, aber da gab es ein gravierendes Problem: Sie hatte genau das getan, wovor er sie gewarnt hatte – sie war auf Haydn Cavendishs Charme hereingefallen. Albin und sie hatten kaum mehr ein Wort darüber verloren, seit sie das Interview angenommen hatte, aber wenn sie ihm jetzt sagte, dass sie sich hatte küssen lassen, konnte sie gleich aufstehen und anfangen ihre Sachen zusammenzupacken.

„Ah förbannat!“ Sie warf die Beine über die Bettkante und versuchte durch Gähnen ihre Ohren freizukriegen. Halblind tappte sie zum Sofa und ließ sich darauf fallen. Ächzend nahm sie ihre Tasche und kramte nach ihren Notizen und dem Diktiergerät. Wenn sie schon nicht schlafen konnte, konnte sie ebenso gut ein bisschen Arbeit erledigen. Vielleicht würden dann die Bilder in ihrem Kopf verschwinden, wenn dieser Alptraum endlich abgeschlossen auf Karlas Tisch lag.

Sie knipste das Licht neben dem Sofa an und steckte ihre Kopfhörer ans Diktiergerät, um Albin nicht zu wecken. Doch je länger sie zuhörte, desto unruhiger wurde sie. Nicht, weil es tatsächlich ein ganz anständiges Interview geworden war, vielmehr begann sie plötzlich zwischen den Zeilen zu lesen. Du lieber Himmel, das konnte sie unmöglich alles drucken! Sie klang ja manchmal wie ein blauäugiger Teenager! Niemand, niemand, durfte das je zu hören bekommen!

11

Das Telefon riss sie aus einem traumlosen Schlaf. Das Diktiergerät war auf den Boden gefallen und aufgesprungen. Verdammt, es war also kein Traum gewesen. Die Kassette hatte sich aufgewickelt und Linnea fluchte, während sie es aufhob und gleichzeitig ihr Handy in ihrer Tasche suchte. „Hej flicka!“ Es war Kristina. Natürlich war es Kristina, wer sonst würde sie um diese Uhrzeit anrufen? „Hej, Kris. – Verdammt!“ Das Band war eingerissen und Linnea legte das Gerät frustriert auf den Tisch. „Wie ist es gestern gelaufen? Sag schon! Bist du in Ohnmacht gefallen?“ Das hätte sie wohl besser getan. „Ist er wirklich so umwerfend, wie man sagt?“ So würde sie das vielleicht nicht sagen… „Es ist ganz gut gelaufen – denke ich.“ Sie sah auf ihre Spickzettel die über das ganze Sofa verstreut waren und steckte das Ladegerät an ihren Laptop. „Hat er deine Fragen beantwortet?“ „Die meisten, ja.“ „Wahnsinn! Karla wird dich lieben!“ „Kris, solltest du nicht in der Arbeit sein?“ Wie spät war es eigentlich? „Oh, ich bin auf dem Flur. Recht ruhig heute. Aber jetzt erzähl schon: Hat er mit dir geflirtet? Bestimmt hat er das.“ Linnea zuckte zusammen, biss sich auf die Lippen bis sie Blut schmeckte und schüttelte das Bild von sich. „Oooooh, ich bin ja so neidisch auf dich! Warst du wenigstens ein klein bisschen versucht, mit ihm zu flirten? Ich hätte dieses Interview niemals führen können, ich wär nach dem ersten Satz schon auf seinen Schoß gesprungen.“ Linnea ließ sie reden. Sie hatte gar nicht vor, dazwischen zu gehen. Je weniger sie selbst erzählen musste und je mehr Kristina sich ausdachte, umso mehr konnte sie sich darauf konzentrieren, das Chaos um sie herum in Ordnung zu bringen. Albin war längst bei der Arbeit. Hatte er sie zum Abschied wenigstens geküsst? „Kris, ich bin echt beschäftigt.“ Und sie brauchte Kaffee. „Ich muss alles noch ordnen und formatieren und dann muss ich meiner Mutter noch das Kleid zurückbringen.“ Dieses furchtbare Kleid! „Ach, du hast es gut, dass du heute frei hast. – Was ziehst du denn heute Abend an? Kommt Albin mit? Ich wette, er hat gesagt…“ „Heute Abend?“ Was war denn heute Abend? „Zum Konzert! Ach, ich bin ja soooo neidisch! Ich hab ja keine Karten mehr gekriegt und eigentlich hätte ich schon erwartet, dass du deine beste Freundin mitnimmst, aber ich muss ja zu dieser dämlichen Jubiläumsfeier.“ Welches Konzert? Oh mein Gott, das Konzert! Linnea zog fieberhaft die Mappe aus einem Stapel auf dem Couchtisch, sodass alles andere auf den Boden rutschte und blätterte nach den zwei Karten, die Karla ihr für ihre Arbeit ebenfalls geschenkt hatte. Es waren keine Presse- oder gar VIP Tickets, dafür war Linnea nur eine zu einfache Mitarbeiterin, aber es waren Karten für das ausverkaufte Konzert von Agents Provocateurs im Annex an diesem Abend.

„Okay, ich muss jetzt, glaube ich, zurück ins Büro“, seufzte Kristina am anderen Ende der Leitung. „Aber wir treffen uns ja eh morgen Abend zum Essen und da will ich dann alles über das Konzert hören – und Haydn Cavendishs Augen.“ Linnea ließ die Karten sinken. „Ciao ciao, flicka!“ „Bis dann, Kris“, legte sie auf und lehnte sich seufzend zurück. Das Konzert. Sie konnte unmöglich auf dieses Konzert gehen. Nicht nach dem was die Musik mit ihr gemacht hatte – nicht nach dem was Haydn Cavendish mit ihr gemacht hatte. Aber es wäre ihr erstes richtiges Rockkonzert. Als Teenager hätte sie ihren linken Arm dafür gegeben, ein Live-Konzert zu erleben – außerhalb der Jugendclubs. Ihr Studium und ihre Beziehung hatten sie viel zu sehr gezähmt, sie war gar nie mehr auf die Idee gekommen, nachdem sie in die Stadt gezogen war, wo die Musik tatsächlich spielte. Es würde sie vielleicht nicht umbringen. Sie würde ihn ja wahrscheinlich nicht mal richtig sehen können. Und eigentlich würde sie schon gerne erleben, wie man solche Musik auf die Bühne bringen konnte. Nur weil Haydn Cavendish ein arroganter Snob war, musste sie ja nicht die Band bestrafen, indem sie ihre Karten verkommen ließ.

Okay, sie würde gehen, aber sie würde sich nicht amüsieren. Und sie wusste auch, wem sie mit der zweiten Karte ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk machen konnte.

12

„You are my sunshine, my only sunshine, you make me happyyy...!“ Ian sprang neben Haydn aufs Bett und rüttelte seinen Bandkollegen an der Schulter. „Rise and shine, mouse, rise and shine!“ „Hau ab!“, schlug der Angesprochene um sich und zog die Decke über den Kopf. „Oh, it’s such a beautiful day. The sun is out, the birds are singing…” „Would you stop that?” Haydn schlug die Decke wieder zurück und setzte sich auf. „Dir auch einen schönen guten Morgen, Maus.“ Ian lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Woher kommt deine gute Laune so früh am Morgen?” „Zu viel Zucker im Kaffee.“ „Oh Gott!“ Haydn verkroch sich wieder unter der Decke und kniff die Augen zusammen. Aber er musste sich gar nicht bemühen, er war längst wach, sollte er überhaupt je wirklich müde gewesen sein. „Okay, jetzt hast du mich soweit. Also sei so gut und bestell Frühstück.“ „Right, boss!“ Ian kletterte wieder aus dem Bett und griff nach dem Telefon.

„Sind die anderen schon wach?“ Haydn tastete nach seinen Zigaretten und gähnte langgezogen. Er war tatsächlich eingeschlafen, wann war denn das passiert? „Wach und munter!“, nickte Ian und nahm sich die gebotene Zigarette. „Wie spät ist es?“ „Kurz vor zehn.“ „Was?!“ Das brennende Streichholz fraß sich in die Decke, bevor Ian es ausdrücken konnte. „Merde!“ „Jesus!“ Beide sprangen zurück und Haydn schüttete geistesgegenwärtig sein Wasser darüber. „Phew!“ „Mein Gott, wie zwei Mädchen“, grinste Ian dann und setzte sich wieder. „Du ja kennst meine feminine Seite“, zwinkerte Haydn und entzündete ein neues Streichholz. „Huch, ja“, winkte Ian fröhlich ab und zog fest, um die Zigarette zum Glühen zu bringen. „Und du quietscht immer noch wie meine Maus.“

Etwa eine Viertelstunde später klopfte es an der Tür. „Roomservice!“ „Na, endlich!“ Haydn stolperte aus dem Bett und warf einen Morgenmantel über. „Guten Morgen... G...“ Vor der Tür stand kein Zimmermädchen sondern ein junges französisches Model namens Gigi Angevine. „’ey, chéri!“ Sie küssten sich als müssten sie all die Zeit aufholen, die sie sich nicht gesehen hatten. „Wo kommst du denn auf einmal her?“ Haydn verschränkte seine Finger mit ihren und führte sie zu dem kleinen Sofa im Zimmer. Ian stand auf und lachte. „Also ich sehe, du hast dein Frühstück. – Ruf mich, wenn meines kommt.“ Damit schlüpfte er an dem Paar vorbei, das ihn längst nicht mehr wahrnahm.

„Ich habe einen Job in London und dort erfahre ich, dass du gerade durch bist und in Stockholm. Da bin ich in den nächsten Flieger und, voilá, hier bin ich.“ „Hmmm...“, küsste er sie. „Ich mag Überraschungen.“ „Menteur“, schubste sie ihn von sich. „Du hasst Überraschungen.“ „Und trotzdem stehst du plötzlich unangemeldet vor meiner Tür.“ „Nun ja, ich mag Überraschungen.“ „Rumservice!“ „Erwartest du noch jemanden, chéri?“ Gigi streifte die Schuhe von ihren delikaten Füßen und Haydn hievte sich hoch. „Du weißt, ich sage nie nein zu einer ménage à trois.“ Er öffnete die Tür und ließ den jungen Mann herein, der einen Servierwagen vor sich herschob. Gigi stützte ihren Arm auf die Lehne und ihren Kopf in die Hand. Dann blinzelte sie. „Na ja, ich finde ihn eigentlich ganz süß.“ Haydn steckte dem jungen Mann ein Trinkgeld zu, der zwar kein Französisch sprach, aber trotzdem genug verstand, um zu erröten. „Oh, G, du böses Mädchen, jetzt verunsicherst du den armen Jungen.“ „Deine Sexualität ist sowieso viel zu heftig für das liebe Kind.“ Sie winkte dem Jungen und warf ihm eine Kusshand zu, der er gar nicht schnell genug wieder nach draußen laufen konnte, ohne unhöflich zu erscheinen.

„Gentil, en quelque sorte“, grinste Haydn und reichte Gigi eine Tasse Kaffee. „Oh bitte, Haydn“, winkte sie ab und legte ihm die Beine in den Schoß. „So gar nicht dein Typ.“ „Ja, wirklich?“ Er biss in eines der Croissants und sie wischte ihm die Krümel vom Kinn. „Viel zu schüchtern.“ „Er arbeitet für den Zimmerservice, ich glaube nicht, dass er den Clown machen soll.“ „Oooh, chéri, sollen wir anrufen und ihn noch mal raufkommen lassen?“ Er stopfte ihr einen Bissen in den Mund und presste seine Lippen darauf.

„Und du bist tatsächlich von London herübergeflogen?“, trank er seine Tasse schließlich aus und stellte sie auf den Couchtisch. „Mais oui“, nickte Gigi und leckte sich die Marmelade vom Zeigefinger. „Wenn du schon mal in Europa bist…“ „Nun tu doch nicht so, als würden wir uns nie sehen.“ Er nahm ihre Hand und ließ seine Zunge über die klebrigen Finger wandern, was sie kichern ließ. „Ah oui, cherie, continue!“ Sie rekelte sich genüsslich. „Wie lange kannst du bleiben?“, küsste er nun ihr Handgelenk. „Nur bis nach dem Konzert. Der Shoot wird morgen fortgesetzt.“ „Mon Dieu, ich liebe es, wenn du so unglaublich wichtig bist“, beugte er sich nun zu ihr, um sie richtig zu küssen. „Das ist ziemlich sexy.“ „Weißt du, was auch sexy ist?“ Sie schlang ihre Beine um seine Hüften. „Die Art wie du ‚sexy’ sagst?“ Sie lachte. „Nein, der Milchschaum auf deiner Nase.“ „Ich habe keinen Milchschaum auf der Nase.“ „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ „Wir haben immer so unglaublich intelligente Vorspiele.“ „Ah, préliminaires! Ils sont surestimes.“

13

„Mamma?“ Linnea warf ihren Schlüssel auf die Garderobe und ging ins Wohnzimmer. „Mamma?“ „Im Wintergarten!“ Sie folgte der Stimme bis in den Wintergarten, wo ihre Mutter in einer ungewohnten Position vorzufinden war: Sie knipste verblühte Knospen von ihren Blumen. „Hej, Käresta! Wusste ich, dass du heute zu Besuch kommst?“ Oh mein Gott, die Gummihandschuhe! „Oh nein, ich wollte dich überraschen.“ Sie setzte sich und warf einen Blick auf die ausgebreiteten Zeitschriften. „Du kannst mich nicht überraschen, mein Kind“, schüttelte Agneta den Kopf und wandte sich wieder ihren Blumenköpfen zu. „Ich rechne immer damit, dass du wieder zu Mami nach Hause kommst.“ „Ich dachte, du hoffst, dass ich bald verheiratet bin und mein eigenes Haus habe, damit du mich überraschen kannst.“ „Das natürlich auch. – Hast du Hunger?“ Sie nickte heftig. „Oh ja, ich bin am Verhungern! Ich hatte keine Lust zu kochen.“ „Albin arbeitet?“, zog Agneta ihre Handschuhe aus. War das wirklich eine Frage? „Soll ich Alfons anrufen?“ Erneutes Nicken. „Ja, und sag ihm, er soll etwas mehr Extrakäse auf die Pizza tun, ich hab Lust auf Käse.“ „Extra Extrakäse, geht klar.“

Sie saßen im Wintergarten und Linnea pickte die letzten Pizzakrümel aus dem Karton vor ihr. Sie hatte auf dem Weg hierher eine perfekte Rede über den Vorabend eingeübt und sie fast ohne mit der Wimper zu zucken abgespult, aber natürlich hatte Agneta sich auch die eine oder andere Frage nicht verkneifen können. „Er ist ein junger Mann mit einer gehörigen Portion Hormonen“, hatte Linnea darauf hin geantwortet und damit war das Gespräch beendet. Bis Linnea der eigentliche Grund ihres Besuches einfiel und sie das Kleid und die Karten aus dem Flur holte.

„Hast du für heute Abend eigentlich schon irgendwelche Pläne?“, legte sie den Kleidersack über einen der Stühle und setzte sich dann wieder. „Mein Fernseher und ich haben ein heißes Date, falls du das meinst.“ „Nun, dann habe ich ja genau das richtige für dich“, schob sie ihr das Kuvert hin. Agneta nahm es und zog die beiden Karten heraus. „Nicht dein Ernst, oder?“, sah sie ihre Tochter dann mit großen Augen an. „Woher hast du die?“ „Karla hat sie mir geschenkt.“ „Und du willst mich mitnehmen? Deine Mutter?“ Sie strich mit der flachen Hand über das Papier als wäre es aus Gold. „Meine Mutter, die schon feuchte Hände bekommt, wenn sie nur an den Namen Cavendish denkt.“ „Oh, da werden noch ganz andere Stellen feucht!“ „Mamma!“ Agneta lachte. „Entschuldige, Älskling. Aber ich bin ganz überwältigt, dass du mir so ein Geschenk machst. Das habe ich ja gar nicht verdient.“ „Natürlich hast du das, Mamma“, küsste Linnea sie auf die Wange. „Du bist meine Mamma.“ „Ich hab dich lieb, mein Kind. – Oh mein Gott, was werde ich nur anziehen?“

14

Im Backstagebereich herrschte rege Hektik. Die erste Vorband war gerade auf die Bühne gegangen, um die Menge erst einmal zu beruhigen und die zweite Vorband lungerte halbherzig in ihrer Garderobe herum. Sam Pearson, der Sänger, lehnte an der Tür und unterhielt sich mit Barclay, der bereits halb in der Maske war. Überall waren Roadies und Techniker die Setpläne studierten, Instrumente hin- und herschleppten und Kabel zu entwirren versuchten. Lafayette hatte die Gitarre für die ersten beiden Songs umgehängt und zupfte darauf herum, während die Make-up Assistentin bemüht war, seine Haare in eine Frisur zu verwandeln.

Dazwischen gab es noch ein paar aufgeregte Fans, die sich unbedingt in eine Konversation einklinken wollten. Agents Provocateurs waren großzügig mit ihren Backstagepässen, genossen es, von Fans umringt zu sein und sich auf den Aftershowparties den einen oder anderen Spaß mit ihnen zu erlauben, aber in den letzten Minuten vor Showbeginn waren sie eher im Weg. Und es half auch nicht, dass sie einige der Musiker, Schauspieler, Models und VIPs belagerten, die am Anfang ihrer Karriere hauptsächlich Haydn hinter die Bühne gebracht hatte und die mit der Band jammten oder Anekdoten austauschten.

„Auf Tour mit Agents Provocateurs ist wie in einem Zirkuswagen voller Clowns“, wie Lewis, einer der Roadies, einmal anmerkte. „Only with infinitely more sex and elusive guests.“ Angeblich hatte eines der Models – „Ach, wenn ich mich nur an den Namen erinnern könnte, es waren so viele…“ – ihm schon mal ihr „Alles“ gezeigt, nur damit sie in die Umkleide durfte, obwohl es ihm verboten worden war und daraufhin hatten die Band ihn vom Unterdecksschrubber zum Aufseher über die Getränke befördert, nur um dann jedes Mal ihre Hosen runterzulassen, wenn sie ein Bier von ihm wollten.

Es kam auch schon mal vor, dass die Herrn sich ein Auto mieteten und danach durch, Gott sei Dank weniger befahrene, Straßen kurvten, ein Roadie am Steuer, die anderen auf dem Dach und/oder der Motorhaube. War es ein Pickup, so tanzten Ian und Haydn schon mal während der Fahrt auf der Ladefläche. Dass sie nie mit der Polizei in Berühung kamen grenzte an ein Wunder. Manchmal hatten die Roadies den Tourmanager schon mal zu sich selbst murmeln hören, dass er sich wünschte, die Polizeit würde sie kriegen, dann würden sie vielleicht endlich zur Vernuft kommen.

Eines Nachts, nachdem man die Jungs und ihre Gäste heil ins Hotel gebracht hatte, war die Band nur mit Schürzen bedeckt in die Poolarea gestürmt, wo man sich unter die unschuldigen Gäste gemischt hätte und „That’s Amore“ zum Besten gegeben hatte, wobei sie bei der Zeile „when the moon hits your eyes“ ihre blanken Hintern gezeigt hatten. Damit die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich ziehend, bemerkte niemand wirklich, dass Frankie, der für Haydns Gitarren verantwortlich war, dessen Platz eingenommen hatte, während sein Boss im Pool mit einer Schauspielerin beschäftigt war. Und natürlich sind da die zig Male in denen die Band die Rolle der Roadies übernommen hatte – inklusive Fahren des Tourbusses, um unerkannt herumstreunen zu können. So geschehen bei mehreren kleineren Auftritten und vor allem auf Festivals. „Interessant hierbei ist nur“, bemerkte Lewis, „dass sie es als Roadies fast leichter haben, an Mädels ranzukommen.“ „Ich glaube, die Crew braucht nach einer Tour dringender eine Pause als die Band“, lachte Thierry einmal. „Es gibt nur eine gewisse Zeitspanne, die man mit den Fünf zusammen sein kann, ohne sich aus dem nächsten Fenster stürzen zu wollen. Aber sie bezahlen sehr gut und sie lassen uns sogar ein paar von den guten Mädchen – oder Jungs – übrig und sie sind uns ehrlich ans Herz gewachsen.“

Linnea und Agneta schoben sich zu ihren Plätzen durch und Agneta blickten um sich. „Wow, das sind gute Sitze.“ Linnea setzte sich und warf einen Blick auf die Bühne. „Du weißt, dass wir das Konzert über wahrscheinlich stehen müssen, weil andere tanzen?“, verfluchte sie sich dafür, dass sie eine Handtasche mitgebracht hatte. In den Filmen brachte man nie Handtaschen zu einem Rockkonzert. Jetzt verstand sie so richtig warum. „Wieso haben wir dann Sitzplätze?“ Hallo, mein Name ist Linnea Lagerbielke und meine Mutter ist so peinlich...

Das Konzert war eine unglaublich aufwendig getimte Sache, denn es gab viele wechselnde Bühnenelemente und zumindest Haydn Cavendish zog sich zu jedem zweiten Song komplett um – und seine Outfits konnte man eigentlich nicht einfach in zwei Minuten überwerfen. So gut Linneas Vorsätze auch gewesen waren, sie konnte nicht verhindern, mitgerissen zu werden vom dem Zauberstaub, den Agents Provocateurs ins Publikum streute. Und sie konnte nicht verhindern, ihn zu beobachten. Als er Anlauf nahm und mit drei Flik-Flaks und einem Salto über die Bühne sprang, musste sie beinahe lachen. Sie kannte ihn nicht, sie hatte ihn nicht kennenlernen können, aber das gerade: Das war absolut er. Es war Zirkus, es war Rock, es war alles dazwischen und es verkörperte so absolut nicht, aber doch gekonnt übertrieben, den Inhalt der Songs. So musste sich ein Acid-Trip anfühlen – aber ein guter.

Pour some sugar on my skin

Lick it from my heart

Wrap my flesh in salt

Lick it from my bones

Kill my lust, my achin’

Drip some blood upon my lips

Draw it from my veins

Cover me with life

Draw it from my soul

Wind your body, break mine into bits

My flesh has found itself in you

Changing colours green to blue

Burning through your skin like fire

Masturbating hell’s desire

And when I reach your screaming climax

We’re left with nothing else to say

I twist around my phoney syntax

Before you’ll wake I’m on my way

„Ich bin verliebt.“ Der letzte der letzten Töne war verklungen und Agneta ließ sich zum ersten Mal seitdem der Vorhang aufgegangen war auf ihren Sitz fallen. Linnea strich sich die Haare aus der Stirn und suchte dann nach ihrer Handtasche, die sie irgendwo am Boden abgelegt hatte. „Gott musste einen überaus guten Tag gehabt haben, als er Haydn Cavendish geschaffen hat.“ „Vielmehr hatte Frau Gott ihn wohl endlich mal wieder so richtig befriedigt – oder wollte befriedigt werden.“ Oh, mein Gott, hatte sie das gerade wirklich gesagt? Linnea schlug sich die Hand vor den Mund und sah sich um. Niemand schien es gehört zu haben und Agneta und sie brachen in schallendes Gelächter aus.

„Und du bist sicher, dass wir nicht hinter die Bühne können? Du arbeitest doch für eine Musikzeitschrift.“ Sie hatten gewartet, bis die Gänge einigermaßen frei waren und suchten nun den Ausgang. „Ich fürchte, wir minderes Fußvolk besitzen keine solchen Privilegien“, zuckte Linnea die Schultern. „Und einfach so wird man uns bestimmt nicht nach hinten lassen. Dafür sind Backstagepässe erfunden worden.“ Manchmal war sie nah daran, an einen Gott zu glauben und der hatte gerade verhindert, dass sie Haydn Cavendish in seinem letzten Bühnenoutfit über den Weg laufen würde und sie eine weitere unruhige Nacht darüber würde verbringen müssen. Vielleicht war es nicht die beste Idee gewesen, ihre Mutter mitzubringen, die den Sänger anhimmelte und Linnea dadurch jede Sekunde daran erinnerte, wie gut sein Kuss geschmeckt hatte.

Die Band war verschwitzt, aber high und lärmte den Flur hinunter zur Garderobe, wo sie bereits von Journalisten und Fans erwartet wurden, die einen Backstagepass hatten ergattern können. Niemand konnte sagen, wo es lauter war, auf der Bühne oder hier und man brauchte schon seine Ellbogen, um in den kleinen Umkleideraum zu kommen. „Wow, fame sure has its downsides.” Bobby warf seine Sticks in die Richtung seiner Tasche und Barclay stürzte sich auf die bereitgestellten Wasserflaschen. „You just figured that out, didn’t you?”, keuchte er, nachdem er sich fast verschluckt hatte. „Hehe, got me! – Whoa, Mann, ich glaube, ich habe eine Blase auf meinem Arsch.“ Haydn kämpfte sich zum Sofa und ließ sich darauf fallen. „Wie lange, bis die Meute das Schloss geknackt hat?“ „Zehn Minuten.“ Thierry nahm sich ein Bier und setzte sich auf den Couchtisch. „Ach, wunderbar!“, prostete Ian ihm zu. „Bis dahin ist mein Puls vielleicht sogar wieder auf einer Geschwindigkeit gesunken bei der ich an Sex denken kann.“ „Ich kann immer an Sex denken“, zuckte Haydn die Schultern. „Vor allem, wenn der Puls hoch ist.“ „Natürlich, Maus“, küsste Ian ihn liebevoll.

„Aber können wir dann wenigstens noch irgendeinen anderen Spaß haben?“, hatten sie es endlich nach draußen geschafft und die Menge begann sich zu zerstreuen. „Ich bin so aufgeheizt, ich kann jetzt unmöglich schon nach Hause gehen.“ Haha, sollte nicht eigentlich Linnea das sagen? Sie war nicht nur das Kind hier, sie war auch eigentlich diejenige, die immer davon geträumt hatte, wie es wohl sein musste, auf ein echtes Rockkonzert zu gehen. Ein großes. „Na, wenn das keine Aussicht ist!“ Und auf einmal standen da zwei junge Männer vor ihnen und niemand wusste woher die gekommen waren. Sie dürften Ende zwanzig gewesen sein und musterten die beiden Frauen unverhohlen. „Habt du und deine Schwester zufällig Lust, auf einen Drink mitzukommen?“ Nummer zwei in der Sammlung schlechter Anmachsprüche. „Eigentlich…“, wollte Linnea ihre Mutter wegziehen, bevor diese noch eine Dummheit begehen konnte. „Eigentlich hatten wir genau das vor.“ Zu spät, das sah sie leider nur zu genau. Agneta hatte Blut geleckt. Und die nackten Oberkörper von Haydn Cavendish und Lafayette Roche hatten ihr eigenes Blut in Wallungen gebracht. Linnea kannte den Ablauf.

„Na wunderbar. Die Bar ist nur ein paar Straßen weiter“, lachte der eine von ihnen und bot nun Agneta seinen Arm. „Wer könnte da schon ‚Nein‘ sagen?“, lächelte Agneta zurück und nahm an. „Oh erm, ich kann!“, warf Linnea ein und küsste eilig ihre Mutter auf die Wange. Sie sahen nicht unbedingt aus wie Schwerverbrecher und ihre Mutter war immerhin erwachsen – meistens jedenfalls. Sie würde sich schon keine Sorgen machen müssen, Agneta ließ sich ja nicht zum ersten Mal abschleppen, so nuttig das auch klang. „Ich muss noch ein paar Korrekturen durcharbeiten, damit ich morgen das Interview einreichen kann.“ Sie küsste ihre Mutter auf die andere Wange. „Sorry, boys. Beim nächsten Mal vielleicht. Hat mich auf jeden Fall gefreut, euch kennen zu lernen.“ Oh, der Sarkasmus in ihrer Stimme! „Mamma?“, sah sie dann ihre Mutter sehr eindringlich an. „Friss sie nicht gleich beide auf.“ Und das meinte sie auch so.


15

„Haben Sie einen Termin, Fröken?“ Der Rezeptionist musterte Linnea und diese schüttelte langsam den Kopf. „Nicht direkt“, gab sie zu, „aber Conny Lowe hat mich gebeten, vorbei zu kommen.“ „Ms Lowe will nicht gestört werden, sie hat mich ausdrücklich darum gebeten.“ Es war derselbe Rezeptionist wie vor zwei Tagen, aber er erkannte sie nicht. Was für eine graue Maus sie doch offensichtlich war. Na toll, sollte sie jetzt etwa betteln? Was würde er denn dann von ihr denken? „Hören Sie“, versuchte sie ihre Stimme fest klingen zu lassen, „es geht um das Interview, das ich vorgestern geführt habe.“ Sie zückte ihren Presseausweis. „Ich bin bestimmt kein Groupie oder derartiges. Es ist rein beruflich.“ Das hätte sie vielleicht nicht sagen sollen, denn es wirkte irgendwie billig. Außerdem hatte er diese Ausrede bestimmt schon von anderen Mädchen gehört, die nach oben wollten. Dennoch schien das, der Ausweis oder vielleicht doch ein geringer Wiedererkennungswert Wirkung zu zeigen, denn der Rezeptionist nickte langsam. „In Ordnung“, gab er nach. „Sie können auf Ihre Verantwortung nach oben gehen und klopfen. Aber wenn niemand öffnet haben Sie sofort wieder herunter zu kommen!“ „Versprochen“, nickte sie eilig und stopfte ihr Portemonnaie wieder in ihre Tasche. „Vielen Dank! Ich werde dafür sorgen, dass niemand Sie belangen wird.“ Damit lief sie Richtung Fahrstuhl, bevor er es sich wieder anders überlegen konnte.

Als sie Haydn Cavendish das erste Mal gesehen hatte, war es auf einer Fotostrecke gewesen, die Albin von der Arbeit mitgebracht hatte. „Eines dieser Top Models“, hatte Albin gestöhnt. „Kanadier. Ziemlich talentiert – und ja, er weiß es!“ Linnea hatte einen der Abzüge vom Tisch genommen und hatte nicht aufhören können, in diese blauen Augen zu starren. Später, als sie ihre Mutter besuchte, hatte die sie schon in der Tür mit folgenden Worten begrüßt: „Oh mein Gott, ich glaube, ich bin verliebt!“

So hatte sie Haydn Cavendish gleich von den beiden Seiten kennengelernt, die ihn in der Öffentlichkeit verfolgten und somit hatte sie ein Bild von ihm, dass sie nun zögern ließ, als sie vor seiner Zimmertür stand. Ihr Ärger war verflogen. Er hatte nur getan, was er am besten konnte, oder nicht? Er hatte nur getan, was sie von Anfang an von ihm erwartet hatte; was jeder von ihm erwartete.

„Oh fuck!“ Oh fuck! Und dann stand er plötzlich vor ihr. Noch bevor sie sich hatte entscheiden können, ob es das alles wirklich wert war, hatte sich Haydn Cavendish von seinem Buch losgerissen, weil er jemanden an der Tür glaubte. Er war nur in Shorts und sah so aus, als wäre er gerade erst aus dem Bett gekrochen und das Bild war so überraschend, dass Linnea um jedes Wort verloren war.

„Erm…“ Das Gesicht kam ihm bekannt vor, er konnte es nur nicht zuordnen. Sie trug Jeans und eine schlampig gebügelte Bluse – sie war keines der Zimmermädchen, aber sie war auch keines der Mädchen, das sich ihm an den Hals werfen wollte, soviel war offensichtlich. „Hi“, versuchte er es also. „Kann ich dir helfen?“ Konnte er ihr…? Oh shit! Oh shit, oh shit, oh shit! Was…? Sie… Oh shit! Oh shit, oh shit, oh shit! „Erm… Erm… Guten Morgen.“ Gut, gutes Kind! „Guten Morgen“, echote er und Linnea hielt ihm eilig die Mappe hin die sie mitgebracht hatte. „Ich erm… Ich bringe dir das Interview.“ Er sah auf die Mappe, dann auf sie. „Warum bringst du mir das?“ Linneas Hand, die die Mappe immer noch ausgestreckt hielt, begann leicht zu zittern. „Zur… zur Durchsicht. Ich…“ Sie räusperte sich. „Ich bringe dir das Interview, damit du es dir noch einmal durchsehen kannst, bevor es gedruckt wird.“ Er musterte sie noch einen Moment und nahm dann die Mappe an sich, um sie gähnend durchzublättern. Dabei sah er so normal aus, wie ein junger Mann nur aussehen konnte, den man gerade aus dem Bett gerissen hatte. Linnea ertappte sich erschrocken dabei, wie ihr Blick eilig den Raum hinter ihm scannte – das, was sie davon sehen konnte -, aber er schien leer zu sein.

„Du weißt aber schon, dass du das bei deiner Chefredakteurin einreichen musst. Die ruft dann unter Umständen meinen Manager an, um etwaige Zitate zu überprüfen.“ Oh shit! Natürlich wusste sie das! Sie arbeitete für ein Magazin, sie hatte selbst schon unzählige Zitate überprüft. Aber sie hatte etwas sagen müssen. Irgendetwas. Etwas das glaubwürdig war – oder hatte sein sollen. „Ich…“, versuchte sie ihren Hals zu retten und versagte kläglich. „Ich wollte mit dir über das Interview reden“, platzte es also aus ihr heraus. „Das war… Es war sehr unprofessionell von mir – egal was du zu mir gesagt, oder nicht gesagt hast.“ Er fuhr sich über die Augen und die Mappe hing in seiner Hand als würde sie jeden Moment zu Boden fallen. „Was soll ich denn nicht gesagt haben?“ Er gähnte wieder und rieb sich die Nase. Linnea hätte in diesem Moment am liebsten kehrt gemacht und alles hingeschmissen, aber wenn sie etwas besaß, dann war das Stolz. Den hatte sie von ihrem Vater geerbt – und der war immerhin stolz genug gewesen, ihre Mutter zu verlassen. Er war nur ein Mensch. Zugegeben, ein verdammt gut aussehender, steinreicher Mensch mit dem Körper eines Gotts und der Stimme einer Nachtigall – aber sie hatte einen festen Partner, den sie liebte, der sie liebte… und… Überhaupt! „Na, alles!“, rief sie. „Dieses unverschämte Flirtmanöver deinerseits! Und dieser Kuss…“ Sein Räuspern unterbrach sie. „Linnea, richtig?“ Oh, er kannte ihren Namen? „Linnea, willst du nicht herein kommen?“, trat er zur Seite. „Dieses Hotel gehört nicht zu den Etablissements, in denen man auf dem Flur eine Szene macht.“ Erm… Aber bevor ihr Kopf reagieren konnte, hatten ihre Füße bereits die ersten Schritte gemacht.

„Ich nehme an, du hast schon gefrühstückt“, klatschte er die Mappe auf den Kaffeetisch und setzte sich, bevor er nach dem Telefon griff. Linnea war damit beschäftigt, ihre Sinne zu ordnen und hatte ihm nur mit halbem Ohr zugehört. „Wie bitte?“ Er beobachtete sie einen Moment, bevor er die Nummer wählte. „Du brauchst dich nicht so umzusehen“, grinste er dann. „Ich bevorzuge es alleine zu schlafen.“ Oh…

„Also jetzt noch mal von vorn“, legte er auf, nachdem er sich Unmengen an Kaffee bestellt hatte. „Aber bitte ganz langsam, mein Gehirn arbeitet noch auf halber Stufe.“ Sie wagte es nicht, sich zu setzen und stand dumm mitten im Raum. Verdammt, was passierte hier gerade? „Ich… erm…“ Und dann fragte sie sich, warum sie wirklich hier war? Er hatte sie vergessen, niemand außer Oscar hatte es gesehen… Jetzt, hier, machte sie sich eigentlich erst lächerlich. Doch sie konnte nicht gehen.

Haydn saß auf der Couch, die Beine verschränkt und wartete. Er hatte noch immer nicht ganz verstanden, warum Linnea eigentlich gekommen war. Um sich für einen Kuss zu entschuldigen? Sie sich? Für einen einzigen Kuss? So was war ihm bestimmt noch nie passiert und er konnte nicht verhindern, dass er innerlich darüber laut auflachte. Das war schon eine interessante junge Frau da vor ihm, wenn sie ein einziger Kuss derart aus der Ruhe brachte. Aber nicht etwa, weil sie sich mehr erwartet hatte.

Nach einer schier endlosen Weile streckte er sich. „Ich muss sagen, das ist mir noch nie passiert. Normalerweise kommen die Mädchen, um sich mir noch mal an den Hals zu werfen, nicht um sich zu beschweren.“ Er stellte die Füße auf den Boden und hievte sich gähnend hoch. „Okay“, hustete er kurz. „Léa… Wenn ich dir jetzt sage, dass ich dich einfach nur küssen wollte“, ging er Richtung Badezimmer. Dabei musste er an Linnea vorbei und diese sprang regelrecht zur Seite. „Ganz ohne Hintergedanken. Gehst du dann wieder nach Hause und lässt mich in Ruhe frühstücken?“ Allerdings bekam sie von ihm gar keine Chance zu erwidern, weil er gleich darauf einfach die Badezimmertür hinter sich schloss. Wenige Sekunden später hörte sie das Wasser der Dusche rauschen. Das war doch nicht sein Ernst, oder? Sie stand da und traute ihren Ohren nicht. Der Mensch hatte ein derart großes Ego, dass er wohl gar kein Schamgefühl mehr kannte. Im Moment gefangen, hatte sie ganz vergessen, dass ihre Mission erfüllt war und sie einfach nur mehr zu gehen brauchte, um diese Episode hinter sich zu lassen.

Gerade als ihr Gehirn endlich den Befehl an ihre Beine sendete, kehrt zu machen und der lächerlichen Zurschaustellung ein Ende zu bereiten, stand er schon wieder in der Tür. Nackt. Auf seiner Brust standen immer noch ein paar Wasserperlen.

„Du bist ja noch hier.“ Er lehnte sich an den Türstock und sah sie ganz unverhohlen an. „Dachte, du würdest dein stolzes Kinn recken und hinaus rauschen, während ich dusche.“ Sollte Linnea tatsächlich noch irgendwelche Prinzipien gehabt haben, als sie an seine Tür geklopft hatte, so sprangen nun auch diese über die Planke und ertranken jämmerlich. Er war dieser unglaubliche Sänger und sie war das Mädchen, das immer schon ein Groupie hatte sein wollen… „Ach ja, das wäre doch genau was du erwartet hättest, nicht wahr?“, schob sie ihr Kinn vor und stütze sich auf die Sofalehne. Und er war derjenige, der ihr ihren Stolz zurückgab und diese ganz neue Seite in ihr zum Vorschein brachte, die Dinge sagte, die sie sonst nicht einmal denken würde. „Nein, um ehrlich zu sein, hätte ich erwartet, dass du dich verabschiedest.“ „Und wie soll ich mich verabschieden?“, ging sie erhobenen Hauptes auf ihn zu. „So wie du?“, legte sie dann eine Hand in seinen Nacken und küsste ihn. Aber nicht annähernd so züchtig wie er sie. Verdammt, verdammt, verdammt, wieso hatte sie plötzlich keine Kontrolle mehr über ihren Körper?

Als sie von seinen Lippen abließ, bemerkte sie, dass er schlucken musste, obgleich er nach außen hin immer noch völlig cool wirkte. „Das... ist schon eine ganz nette Art.“ Verdammt, sogar wenn er unbeteiligt war, küsste er, dass ihre Knie versagten. Was erst, wenn er mitspielte? Oh Gott, nein! Nein, nein, nein! Wie konnte sie nur daran denken, daran zu denken, es darauf ankommen zu lassen? Sie hatte einen Freund, der sie liebte und respektierte und für den sie mehr als ein Stück Fleisch war! Förbannat! Sie hätte von ihm ablassen und auf der Stelle gehen sollen – einen filmreifen Abgang liefern, dann hätte sie sich wenigstens ein bisschen Würde bewahrt und den Ball in ihrem Feld gelassen.

Doch alles Bitten und Flehen ihres Verstandes half nichts, als Haydn ihr plötzlich einfach die Jeans öffnete und seine Hand zwischen den Denimstoff und ihren Slip schob, um sie ganz eng an sich zu ziehen, sodass sie jede Sehne seines Körpers spüren konnte.

Als der junge Mann vom Zimmerservice an die Tür klopfte, konnte er von drinnen nur unterdrücktes Stöhnen hören. Es kam von Linnea, die alles Denken aufgegeben hatte, nachdem Haydn ihr den ersten Zungenkuss an einer ganz delikaten Stelle gegeben hatte.

„Für eine Frau mit deinen Prinzipien lässt du dir aber einige schmutzige Dinge mit dir machen.“ Haydn löste sich vorsichtig von ihr und tastete nach den Taschentüchern auf dem Nachttisch. Linnea musste erst einmal schlucken, um antworten zu können ohne dabei rot zu werden. „Ich habe ein bisschen die Kontrolle verloren“, gestand sie leise und biss sich auf die Lippen. Mehr als ein bisschen, aber das konnte sie ihm nun wirklich nicht sagen. „Das ist mir nicht entgangen.“ Er stützte seinen Kopf in die Hand, zog Linnea zu sich und legte ihr Bein über seine Hüfte. „Aber ich beanstande es bestimmt nicht.“ „Du… hast es mir auch nicht unbedingt einfach gemacht.“ Und sie hatte es sich zu einfach gemacht. „Ich sagte schon, dass ich meinen Stolz habe. Besonders in Angelegenheiten die das Bett betreffen.“ Seine Hand streichelte über ihren Oberschenkel bis zur Kniekehle und Linnea schloss für einen Moment die Augen, um das Gefühl zu unterdrücken, das in ihr hochstieg.

„Was? Sprachlos?“ Sie schlug die Augen wieder auf. „Ich werde dir bestimmt nicht sagen, wie fantastisch du warst.“ Seine Hand glitt auf die Innenseite ihrer Schenkel und ihr lief ein Schauer über den Rücken. „Glaub mir, Baby“, lächelte er mit einem leisen Zwinkern. „Den Orgasmus hätte niemand vortäuschen können.“ Diesmal konnte sie einfach nicht verhindern, rot zu werden. Sie war nicht besonders gut in Dirty Talk und sie war noch nie in ihrem Leben so derart befriedigt worden. Sie hatte gar nicht gewusst, dass es ein solches Gefühl überhaupt gab. „Und das war’s mit dem Stolz.“ Er war unglaublich. Das wahrscheinlich arroganteste Arschloch, das ihr jemals würde unterkommen können und gleichzeitig spürte sie, dass sein Puls immer noch zu schnell war.

„Das war doch dein Ziel, oder? Mir jeglichen Stolz aus dem Kopf zu ficken.“ „Je suis désolée, mais j’adore des femmes fatales.“ Mein Gott und er sprach auch noch Französisch! Zumindest hatte es sich so angehört, nicht dass sie viel verstanden hätte, sie war noch etwas betäubt. Stattdessen lächelte sie möglichst rätselhaft, was genau gewesen zu sein schien, was er erwartet hatte, denn seine Hand glitt noch etwas höher. „Hmmm, ich sehe, da ist ja doch noch ein Fünkchen Stolz übrig.“ Er legte ihr seine Finger an den Mund. „Aber das sollte kein allzu großes Problem sein.“

Das Handy klingelte und Haydn ließ zögernd von Linnea ab, die sich unter der Decke streckte. „Ja?“ Er klang ein bisschen heiser. „Mhm. – Oh, shit!“ Das Telefon fiel zu Boden und er sprang auf. „Merde! - Léa, du musst hier sofort verschwinden! Sofort!“ „Was?“ Sie fiel aus allen Wolken. Nach all den gebrochenen Regeln, konnte er sie doch jetzt nicht ernsthaft einfach so aus dem Zimmer werfen! „Léa, bitte stell keine Fragen, sieh einfach zu, dass du hier raus bist, bevor meine Jungs hier auftauchen!“ Er begann hektisch ihre Sachen vom Boden aufzusammeln und warf sie ihr zu. Linnea war zu irritiert, um reagieren zu können. War das eine von seinen Maschen? „Oh my god, do you not understand English? How difficult can it be?”, fauchte Haydn. „Du musst hier weg! Sofort!“ Er packte sie unsanft am Handgelenk und zog sie hoch. „Autsch!“, quietschte sie auf. „Drei Minuten!“, ignorierte er ihre Reaktion. „Mach schon!“ Verstört begann sie in Zeitlupe ihre Sachen überzuziehen. Dann wurde sie von ihm äußerst unsanft aus der Tür geschoben. „Ich ruf dich an! Mach’s gut, Léa!“ Die Tür krachte hinter ihr ins Schloss und Linnea verweilte noch ein Sekunde völlig verdattert auf dem Flur. Linnea!

Im Spiegel des Aufzugs fiel ihr Blick auf ihre absolut erschreckende Erscheinung. Ihre Haare waren zerwühlt und ihr Make-up verwischt. Sie sah aus wie drei Stunden leidenschaftlicher Sex. Sie beeilte sich, zumindest ihre Haare in Ordnung zu bringen und einen Zopf zu binden und rubbelte sich mit Spucke über die Augen. Es war nur unbedingt besser und als der Fahrstuhl unten angekommen war, rannte sie beinahe hinaus.

Erst als sie um die Ecke war, verlangsamte sie ihren Schritt und versuchte zu Atmen zu kommen. Sie wurde immer langsamer und langsamer, bis sie stehen blieb. Ihre Ohren sangen und ein Schwindelgefühl machte sich breit. Das nächste Taxi das sie sah, winkte sie heran und stieg ein. Dem Fahrer nannte sie die Adresse von Bon.

„Herr Törnkvist ist gerade bei einem Termin, Fröken Lagerbielke.“ Die Empfangsdame des Modemagazins legte den Hörer nieder und musterte Linnea etwas abschätzig. Linnea biss sich wieder auf die etwas wunden Lippen. Bestimmt sah sie immer noch völlig verwüstet aus. „Aber es wird bestimmt nicht lange dauern. Ich habe ausrichten lassen, dass Sie hier sind. Wenn Sie wollen, können Sie da drüben auf ihn warten.“ Sie deutete mit dem Kugelschreiber auf eine Stuhlreihe gleich neben der Eingangstür und Linnea nickte dankend. Zuvor schleppte sie sich aber noch auf weichen Knien auf die Toilette.

Im Licht über dem Waschbecken sah sie beinahe leichenblass aus. Die Wimperntusche war nicht abgegangen und hatte ihr einen dunklen Schatten unter die Augen gezaubert, ihre Lippen waren völlig zerbissen. Gott sei Dank hatte ihre Mutter ihr wenigstens etwas beigebracht: immer einen Kamm und ein bisschen Make-up bei sich zu haben. Während sie sich, so gut wie eben möglich, frisch zu machen versuchte, war ihr Kopf völlig leer. Sie dachte an überhaupt nichts. Nur daran, dass sie wieder einigermaßen respektabel aussehen musste, bevor sie wieder nach draußen ging. Zwar kannte man sie hier in der Redaktion bereits, aber es würde an Albin hängen bleiben, wenn sie aussah, als hätte sie seit Tagen keinen Spiegel mehr gesehen.

Sie ging auf die Toilette und wusch sich danach noch einmal die Hände. Dann schloss sie für einen Moment die Augen, atmete tief durch, straffte den Rücken und trat wieder in den Empfangsbereich hinaus. Die Sekretärin sah kurz auf und schien zufrieden. Linnea setzte sich und schlug die Beine übereinander. Dann stellte sie die Beine wieder nebeneinander. Dann schlug sie das andere Bein über.

Etwa zehn Minuten hatte sie Zeit sich etwas zu fangen, dann kam Albin den Gang hinunter. Er sah etwas abgehetzt aus, gleichzeitig aber auch etwas verwirrt und Linnea fühlte sich sofort schlecht, dass sie ihn bei der Arbeit behelligen musste. Normalerweise tauchte seine Freundin nicht einfach so auf. Als er fast bei ihr war, stand sie plötzlich auf und fiel ihm um den Hals – sie konnte die Tränen einfach nicht noch länger kontrollieren.

„Willst du mir nicht sagen, was passiert ist?“ Sie saßen in der kleinen Kantine und Albin trocknete Linnea die Tränen mit einer Serviette. Diese schüttelte langsam den Kopf und schniefte. „Nein, nein, eigentlich ist ja auch nichts.“ Dass er ihr das nicht glauben würde, wusste sie, aber sie konnte auch gar nichts sagen, weil ihr Kopf immer noch völlig leer war. Und die Wahrheit hätte ihn vielleicht umgebracht – oder sie. „Ich... Ich bin einfach nur so unglaublich müde.“ Und das war sogar die Wahrheit. „Die letzten Tage waren ziemlich stressig – das Interview und unsere ständigen Streitereien, ich hab geglaubt, ich würde ersticken. – Tut mir so leid, dass ich das zu dir ins Büro gebracht habe.“ Sie schniefte wieder und schnäuzte sich in die Serviette. Albin nahm sie ihr ab, um sie wegzuwerfen und strich ihr dann ein paar Strähnen aus der Stirn. „Schon gut, Käresta, schon gut. Ich bin froh, dass du damit gleich zu mir gekommen bist.“ Er war der Beste, er war der Allerbeste, wieso hatte sie damit pokern müssen? „Ich hoffe, deine Kollegen stempeln mich jetzt nicht endgültig als verrückt ab.“ „Lass das meine Sorgen sein“, winkte er lächelnd ab. „Denen ist doch nur langweilig.“ Damit streichelte er ihre Wange. „Geht’s dir schon ein bisschen besser?“ Sie nickte zaghaft und rieb sich die Nase. „Ja, danke, viel besser. Ich sollte vielleicht einfach nur nach Hause gehen und schlafen.“ Er nickte. „Soll ich deine Mutter holen?“, deutete er den Gang hinunter. „Ich würde dich nur ungern allein nach Hause gehen lassen, aber ich kann hier gerade unmöglich weg. - Es sei denn, du willst noch eine Weile warten.“ „Nej“, schüttelte sie den Kopf und nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas das Albin ihr gereicht hatte. „Nein, lassen wir Mamma da raus, sie hat selbst genug zu tun. – Ich komme schon zurecht – jetzt schon.“ „Ärlig?“ Er streichelte wieder ihre Wange und Linnea hätte diesen Moment am liebsten eingefroren. Ohne die Schuldgefühle. „Ehrlich“, nickte sie und fuhr sich über die Augen. „In Ordnung“, gab er also nach. „Wie du meinst. Ich ruf dir nur schnell ein Taxi.“ Er stand auf und ging nach draußen. Dabei behielt er Linnea so lange im Blickfeld, bis er um die Ecke war.

Linnea schnäuzte sich noch einmal und stand dann auf, um ihre Sachen zurechtzuziehen und sich selbst wieder ein bisschen zu ordnen. Die Müdigkeit und die Tränen drückten auf Stirn und Augen und sie wollte noch einmal schnell auf die Toilette, um sich das Gesicht zu waschen. Gerade als sie den Raum verlassen wollte, kam Albin jedoch schon wieder zurück. „Das Taxi ist gleich da!“, rief er ihr zu. „Ich bring dich noch nach unten, Älskling.“ „Danke.“ Sie ließ sich von ihm in den Arm nehmen und griff nach ihrer Tasche, bevor er sie hinunter führte um mit ihr auf ihr Taxi zu warten.

„Ich komme ganz schnell nach Hause, sobald ich fertig bin“, küsste er sie. „Versprochen.“ Er öffnete ihr die Hintertür und hielt die Hand über ihren Kopf, als sie einstieg. „Du kommst auch sicher zurecht?“ „Ja“, nickte sie. „Ganz bestimmt. Geh zurück zu deiner Arbeit und bring sie zu Ende. Ich warte zu Hause auf dich.“ „Ist gut“, beugte er sich hinein, um sie noch einmal zu küssen. „Ich liebe dich.“ „Ich dich auch.“ Er ließ die Tür zufallen und das Taxi rollte an. Linnea drehte sich nicht um, aber sie wusste, dass Albin noch auf dem Gehsteig stand. Gleich darauf summte ihr Handy in der Tasche. Mit einem lächelnden Seufzen nahm sie es heraus. ‚Albin, nicht doch, ich komme schon zurecht, bestimmt.’ Aber es war eine unbekannte Nummer. Und in der Nachricht stand nur ein Wort: Sorry. Für den Bruchteil eines Augenblicks setzte Linneas Atem aus, dann drückte sie auf „Replik“: Don’t be.



16

„Okay, Kishiko, dein linkes Bein bitte auf den Würfel – dreh dich ein bisschen! Ja, sehr schön! Die Hand unters Kinn! Perfect, honey! – Haydn, leg dich zwischen ihre Beine! Stütz dich auf die Ellbogen! Ja, diesen Blick will ich sehen! – Kishiko, tu so, als würdest du dich über ihn mokieren! – Perfect! That’s it! – Haydn, be more aggressive! – Beautiful!” Der Fotograf drehte das Stativ, senkte und hob es. „Thank you, sweets! You’re wonderful! – Pete, die Handkamera! – Get it on, sweets! Show me some attitude!” „Wie wär’s mit Kino heute Abend?” Haydn deutete an, als wollte er seine Partnerin schlagen, zog seine Faust dann zurück und Kishiko Hasekura, japanisches Model und Haydns Geliebte, beugte sich nach vor, als wolle sie ihn anspringen. „Ja, unbedingt! Das Horse Hospital zeigt heute Abend eine japanische Filmretrospektive.“ Haydn sprang auf einen der weißen Requisitenwürfel. „Perfekt. Mein Japanisch ist ja schon ganz eingerostet.“ „Odokemono!“ „Yes, show me more of that attitude, sweets!”

„My God, do I have to do everything myself? – Die Perücke glänzt viel zu viel! Puder! Puder!” Der Fotograf huschte herum wie ein Wiesel, war überall gleichzeitig und verlor trotzdem nie den Überblick. Haydn räusperte sich unter dem Puderstaub und versuchte sich zu konzentrieren. Einen Japaner hatte er noch nie dargestellt, das verlangte schon ganz andere schauspielerische Leistungen als sein zweites Gesicht auf der Bühne.

„Kishiko, ich möchte, dass du den Zopf von Haydns Perücke um deinen Finger wickelst. Spielt miteinander, neckt euch – verstanden?“ „Er weiß, dass wir eine sexuelle Beziehung haben, oder?“ Kishiko kräuselte die Nase und tat, wie ihr geheißen. „Deswegen weiß er auch, dass wir diese Aufgabe mit Bravour erledigen werden.“ „Sweets, ihr sollt nicht reden! Foreplay!“ „Oh, Gregory, you don’t want that!“ „Yes, I do! – Oh my, keep your clothes on just yet!” „Told you!“

„Ich habe uns Tee bestellt.“ Kishiko legte den Hörer auf und schlug ihre langen weißen Beine übereinander. Haydn rieb sich die Haare trocken und holte dann eine Packung Zigaretten aus seiner Hosentasche. „Sie hatten allerdings keinen Jasmintee, deshalb lasse ich Rooibos kommen.“ „Wunderbar.“ Dabei meinte er vielleicht ein klein bisschen mehr ihre Beine als den Tee.

„Manchmal habe ich das Gefühl, die Modewelt ist zu einem Warenhaus verkommen.“ Sie klemmte die Zigarette zwischen die Lippen und steckte sich die Haare hoch. Dass sie dabei immer noch unglaublich elegant aussah, war ein Naturtalent. Ihre schlanken Finger zierten drei große goldene Ringe, außerdem trug sie selbst jetzt noch ihre übergroßen Goldcreolen. Mit spitzen Fingern blätterte sie in der Zeitschrift, die sie beim Shoot eingesteckt hatte. Vielleicht war sie eine hochnäsige verwöhnte Königin, aber die Tatsache, dass sie einen Kick davon bekam, wertlose Dinge zu klauen, gefiel Haydn so an ihr. Das und die Tatsache, dass sie dreimal gebildeter war als er, mehr Sprachen sprach und selbst nach wildem Sex unfassbar makellos war.

„Und du bist ihre Schaufensterpuppe“, setzte er sich zu ihr und küsste ihr Schlüsselbein. „Wir sollten ins Kino gehen“, lenkte sie sofort auf ein anderes Thema, schlug die Zeitschrift zu und tippte mit ihren perfekt manikürten Fingernägeln die Asche in die Schale neben dem Bett. „Ich brauche ein bisschen intellektuelle Unterhaltung in dieser sündigen Stadt.“ „So wie ich das sehe“, zuckte Haydn die Schultern und nahm ihr die Zeitschrift aus dem Schoß, „ist das ein Grund, warum du hierher kommst.“ Seine Lippen streiften ihre und sie lachte. „Nun, vielleicht... Aber ich habe jetzt jedenfalls keine Lust auf Sex, ich brauche Stimulation der anderen Art.“ Damit schob sie Haydn von sich und ließ ihn auf dem Bett sitzen, um sich anzuziehen. Doch Haydn kannte sie zu gut, um nicht zu wissen, dass ihr nach dem Film nach einem langen analysierenden Gespräch war – nackt und meist in der Badewanne oder im Bett und er dabei seinen Kopf zwischen ihren Beinen haben würde. Außerdem war es äußerst befriedigend, ihr dabei zuzusehen, wie sie langsam jedes einzelne Kleidungsstück über ihren elfengleichen Körper streifte.

She wore long black boots and tight skinny jeans,

her hair straight back and her nails painted red.

Her skin was dirty from the red sandy road,

her bare feet bloody from the long hard walk.

But her deep black eyes still kept the pride of her past

And her luscious lips kept the secrets of her soul.

We ran out of words halfway down the way

So we stopped and made love instead.

…

17

Es wurde Winter, Linneas liebste Jahreszeit. Sie mochte es, sich in ihren Schal zu kuscheln und die Mütze über die Ohren zu ziehen. Paradox, das war ihr schon klar, aber es war eine so gemütliche Jahreszeit und sie war ein Kind des Winters, da nahm man das bisschen Nasenfrieren schon in Kauf.

Schade nur, dass sie keinen Kamin in der Wohnung hatte. Wenn sie mit Albin verheiratet war, wollte sie zumindest eine eigene Doppelhaushälfte – Eigentum, nicht gemietet – mit einen Kamin im Wohnzimmer. So wie ihre Mutter einen hatte und vor dem sie als Kind viele Stunden damit zugebracht hatte, Papierfetzen hineinzuwerfen und sie zu beobachten, wie sie langsam vom Feuer aufgefressen wurden. Es war direkt angsteinflößend, dass ihre Eltern sie nie davon abgehalten hatten und Feuer übte seither immer eine gewisse Faszination auf sie aus. Manchmal saß sie einfach an einer Kerze und ließ ihren Finger durch die Flammen gleiten. Albin war der Meinung, sie würde irgendwann das Haus in Brand stecken, aber Linnea bewunderte die Macht, die Feuer hatte. Wenn sie eine geheime Kraft haben könnte, würde sie sich Feuer aussuchen. Ein Zwinkern und Flammen züngelten aus ihren Fingern.

In der Redaktion hatte der Winter allerdings einige unangenehme Nebeneffekte. Es war ständig zu warm und die Böden waren rutschig, weil niemand bereit war, seine Schuhe abzuputzen, bevor sie herein kamen. Außerdem, je nach Wetterlage, konnten sich wichtige Angelegenheiten empfindlich verschieben, was wiederum zu Chaos führte. Karla war deshalb schlecht gelaunt und hinzukam, dass der Monat durch die Feiertage kürzer war und die Deadline immer viel zu früh und scheinbar jedes Jahr „völlig überraschend“ kam.

Das einzig Gute daran, dass eine Dachgeschosswohnung im Winter spürbar kühler war als die Wohnung darunter war die vielleicht beste Art sich aufzuwärmen: im Bett. Linnea konnte Stunden darin verbringen – zur Not auch allein. Sie schnappte sich einfach ein gutes Buch und versank in eine andere Welt, bis Albin sie in die Wirklichkeit zurückholte. Es war unglaublich, wie viele Bücher sie gelesen hatte seit sie mit der Uni begonnen hatte – und wie viele sie schon hätte lesen können, wenn sie früher damit angefangen hätte. Ein gutes Buch konnte einen ganzen Tag retten, in eine andere Welt entführen und einen zur Ruhe kommen lassen.

„Ihr habt beide überreagiert.“ Agneta reichte ihr ein Glas Punsch und setzte sich dann in ihren Armsessel. Linnea seufzte und nahm einen Schluck. Es fühlte sich gut an, wie es warm ihre Speiseröhre hinunterlief. „Ich weiß...“, gab sie bereitwillig zu. „Aber er kann so furchtbar kleinlich sein.“ „Das kannst du auch.“ „Deshalb haben wir uns ja wieder mal gestritten.“ Agneta zog ihre Beine an und lehnte sich zurück. „Und ihr werdet euch wieder versöhnen. Das ist so euer Ding.“ Schon wieder dieses Wort. Was war das eigentlich? Es war ja wahrscheinlich nicht einmal ein Wort, es war bestimmt ein „Ding“. „Ich hätte gerne ein anderes ‚Ding’“, verzog Linnea den Mund und Agneta lächelte sanft. „Das werdet ihr noch finden. Ihr beide ward so jung, als ihr zusammen gekommen seid und ihr seid es immer noch. So was braucht Zeit.“ „Und wenn wir es nicht finden?“ Sie stellte ihre Tasse auf den Couchtisch. „So wie du und Fader?“ „Dann hoffe ich, dass ihr klug genug seid, es rechtzeitig zu beenden.“ Linnea senkte den Blick. Es war das erste Mal, dass jemand ihr für ihre Beziehung eine andere Option geboten hatte. Und dafür war sie ihrer Mutter irgendwie dankbar, weil sie sich endlich einmal verstanden fühlte.

„Übrigens habe ich etwas, dass dich vielleicht ein bisschen aufheitern könnte.“ Agneta nahm sich einen Keks. „Deine Tante Edda hat letzte Woche angerufen und sie hat mich und dich wieder einmal nach Kanada eingeladen.“ „Wieso tut sie das nur jedes Jahr?“, seufzte Linnea, die noch nicht ganz bereit dafür war, das Thema zu wechseln. „Sie weiß doch, dass wir es wieder nicht schaffen werden.“ „Das hab ich ihr auch gesagt“, fuhr Agneta fort. Sie war versessen darauf, ihre Tochter abzulenken, weil sie sich in ihren Augen ein bisschen lächerlich benahm. Immerhin war das doch wieder nur eine Kleinigkeit und alle wussten das. Albin und Linnea brachte nichts auseinander. Aber sie wusste auch, dass sie Verständnis zeigen musste, weil auch sie das selbst gerne gehabt hätte, als die Probleme mit ihrem Mann anfingen. Und vielleicht war die Idee letztendlich gar nicht so schlecht und genau das, was die beiden brauchten, um ihre Beziehung endlich ein für alle Mal abzuklären. „Ich hab gesagt, dass ich zu viel Arbeit habe und du und Albin in Lappland sein werdet.“ „Eigentlich schade...“, seufzte Linnea wieder. Sie war traurig und wütend, zu seufzen erschien ihr die einzige richtige Reaktion zu allem. Außerdem hatte sie im Moment keinen größeren Wunsch, als endlich diesem ganzen Chaos zu entkommen, um sich wieder über alles klar werden zu können. Nur: So genau würde sie das nicht aussprechen, weil sie glaubte, Agnetas Reaktion darauf zu kennen. Und darauf konnte sie im Moment gut verzichten. „Ich würde gern einmal sehen, wo sie wohnt und meine Cousine und meinen Cousin kennen lernen.“ „Das hat sie auch gesagt“, tat Agneta begeistert und Linnea wusste sofort, dass sie da bereits irgendwas ausgeheckt hatte. „Und dann hab ich mir gestern gedacht...“ Sie stand auf und ging in den Flur hinaus. „Da du ja nun nicht nach Lappland fährst und ich dich hier nicht Trübsal blasend gebrauchen kann...“ Sie hielt Linnea ein Kuvert hin, das diese etwas verwundert annahm. „Sieh es als mein Weihnachtsgeschenk – du hast es verdient.“

Es war ein Ticket nach Halifax, Kanada. Linnea sah auf. „Mamma...?“ „Ich denke“, erwiderte ihre Mutter, „was du jetzt am Dringendsten brauchst ist ein bisschen Abstand. Von Albin und von dir hier in Stockholm. Edda freut sich schon riesig auf dich und wie ich meine Schwester kenne, hat sie ein nonstop Urlaubsprogramm. Das bringt dich auf andere Gedanken und gibt euch beiden Zeit abzukühlen.“ „Ich weiß nicht, was ich sagen soll...“ Das war bei weitem das Liebste, was ihre Mutter seit langem für jemand anderen als sich selbst getan hatte. „Sag einfach danke.“ Es war eigentlich genau das, was Linnea jetzt brauchte: Zeit für sich. „Tack, Mamma.“

18

„Alle mal herhören!“ Haydn rappelte sich hoch, kletterte auf die Bank und schlug mit dem Feuerzeug gegen seine Bierflasche. „Hey!“ Er musste schreien, um die Musik zu übertönen. Da sie aber nicht hören wollten, pfiff er einmal laut durch die Finger. „Ah, verdammt!“, stöhnte Ian, der direkt unter ihm saß. „Sorry, hon! - Also, ich... wollte eigentlich nur sagen...“ „Dass du stockbetrunken bist?“ „Ja, das auch.“ Er schwankte und Ian packte ihn um den Knöchel – was ihn nicht daran gehindert hätte, von der Bank zu fallen. „Aber vor allem wollte ich sagen, dass... ich heilfroh bin, dass wir diese Tour endlich hinter uns haben... und ganze vier Wochen lang normale Menschen sein können.“ Allgemeines Gröhlen. „Thanks to our dearest Freddy and Anthony, who licked some butts to get us that long a holiday!“ Dabei prostete er seinen Managern zu, die ihm daraufhin den Mittelfinger zeigten. „Später, Boys“, winkte Haydn grinsend ab. „Wenn die anderen weg sind. – Jedenfalls: Ich... freu mich, dass ihr heute Abend alle hier seid und wünsche... euch gleich mal frohe Feiertage und dass ich keinen von euch vor dem neuen Jahr wiedersehen muss!“ „Hear hear!“ Man hob Gläser und Flaschen und prostete sich zu. Haydn ließ sich wieder ächzend auf die Bank fallen und legte seinen Kopf in den Schoß eines Mädchens namens Madison – Amerikanerin, brünette Locken, sexy tiefe Stimme, großer Fan. „Wenn du mir mein sauteures Kleid voll kotzt“, protestierte diese und schubste ihn von sich, „wirst du dein Gesicht nie mehr auf Werbekampagnen zeigen können!“ Haydn grinste und trank seine Flasche leer. „Keine Sorge, ich werde bald nach Hause gehen. Es ist immer schöner, in seine eigene Toilette zu kotzen.“ Dann zündete er sich eine Zigarette an, packte Jean-Marie an der Hand und zog ihn auf die Tanzfläche. „Beweg deinen süßen kleinen Arsch, Baby!“

Während die beiden ihre kleine Show abzogen, war der Rest der Gesellschaft auch nicht untätig. Da es ja nur der halbe Spaß war unter sich zu feiern – das hatten sie während der Tour oft genug getan – hatten sie nur eine Ecke des Clubs reservieren lassen und erfreuten sich nun am restlichen Publikum, vor allem wenn es weiblich war. Es war düster und verraucht, gedimmte Lampen warfen ihre Schatten und die Musik war zeitweise so laut, als wolle man nicht, dass sich jemand unterhalten könnte. Haydn hatte sich mittlerweile Madison – in hautengem Leder und Mörderheels - gekrallt und wenn man Sex haben konnte, ohne tatsächlich Sex zu haben, dann gaben die beiden gerade eine beeindruckende Vorstellung davon. Jeder war noch aufgeputscht von der Müdigkeit und genauso high von den letzten Wochen und Monaten und man vermisste einerseits den Rush, auf Tour zu sein, war andererseits aber froh, endlich wieder zu Hause zu sein.

Es war nach Mitternacht und alle lagen schon mehr übereinander, als dass sie saßen. Es wurde gelacht und blöd gescherzt und vor allem die Roadies hatten schon den einen oder anderen Zacken in der Krone und knutschten ausgiebig mit unterschiedlichen Mädchen. Haydn und Lafayette saßen in einer Ecke, die Beine auf dem Tisch, die Köpfe aneinander gelegt und sangen „Stairway to Heaven“, was in diesem Moment nicht deplatzierter hätte sein können und Madison und Layla trugen Weihnachtsmannmützen und tanzten auf dem Tisch. Auf der Tanzfläche waren bereits mehr nackte Oberkörper als Hemden auf dem Boden lagen und auf den Stiegenaufgängen durfte man nicht mehr allzu prüde sein, um sich zu den Toiletten durchzuzwängen – nur um dort keine freie Kabine mehr zu finden.

„Manchmal habe ich Angst, dass mich so ein Typ beim Sex zerdrücken könnte“, bemerkte Haydn und zeigte einem jungen Mann nach, der gefährlich nahe an ihm und Lafayette vorbeikam und sie dabei unverhohlen musterte. „Solche Typen suchen sich meist auch nur Typen die so aussehen wie sie“, warf Lafayette ein und stürzte ein Glas Vodka hinunter. „Hast du eine Ahnung“, bemühte sich Haydn nicht zu lallen, aber sein Körper transportierte Alkohol viel zu schnell ins Blut. „Die stehen auf die kleinen Schmächtigen!“ „Na, dann fällst du ja wieder raus, Teddy! Du bist zu groß“, stieß sein bester Freund ihn an und sie kicherten.

Nach einer Weile zeigte Lafayette auf Madison, die sich eines der Mädchen aus dem Haufen gegriffen hatte und wie wild mit diesem auf Körperkontakt ging. „Ha-ha, wie’s scheint, wirst du heute alleine nach Hause gehen“, grinste er und winkte einem der halbnackten Kellner. „Solltest du nicht ein Radar für so etwas haben?“ „Hey, Cav!“, beugte sich nun auch Ian zu ihnen. Allen, die gerade nicht anderweitig beschäftigt waren, war der Partnerwechsel mittlerweile aufgefallen und sie begannen herumzufeixen. Haydn Cavendish für eine Frau verlassen… „Dein Betthäschen scheint die Gegenwart von Brüsten dir vorzuziehen. That’s a first!“ „Was hast du denn hier drin erwartet?“ Damit wollte Barclay seinem Bandleader zuprosten, doch dieser stand einfach auf und ging – als hätte er nicht einen Tropfen getrunken – zu den beiden Mädchen hinüber. Die Runde folgte ihm mit den Augen, konnte jedoch nicht mit den Ohren nachkommen, da es immer noch zu laut war. Haydn legte seinen Arm um Madison und flüsterte ihr etwas zu, woraufhin sie dem Mädchen einfach an die Brüste fasste und ihr ihre Zunge in den Hals steckte. Die Jungs pfiffen lauthals, doch Haydn brachte sie alle mit einer einzigen Handbewegung zum Schweigen und flüsterte nun dem anderen Mädchen etwas zu.

Etwa eine halbe Minute später kam er wieder zu den Jungs zurück und nahm seine Zigaretten vom Tisch. „Okay, Jungs, ich sehe euch dann im nächsten Jahr“, winkte er nur und legte seine Arme um die beiden Mädchen, um sie zum Ausgang zu führen. „Ich halt’s nicht aus“, stöhnte Bobby und ließ von dem Mädchen neben ihm ab. „Geht er jetzt wieder mit beiden nach Hause?“ „Einmal“, meldete sich einer der Roadies, „zumindest einmal möchte ich in seinem Körper stecken.“ „Hmmm“, kratzte sich Lafayette an seinem imaginären Bart. „Das sollte sich arrangieren lassen. Aber ich glaube, meistens ist er oben.“

19

Von Stockholm nach London war es ein Katzensprung. Sie hatte es sich kaum bequem gemacht, da musste sie auch schon wieder umsteigen. Von London gab es einen Direktflug nach Halifax, wo sie ihre Tante abholen würde. Da sie sich der Zeitverschiebung bewusst war, versuchte Linnea im Flugzeug etwas Schlaf zu kriegen. Sonst würde sie beim Abendessen Gesicht voran in die Suppe kippen. Außerdem war das Wetter meistens schlecht, weshalb es sowieso nichts zu sehen gab. Kopfhörer in den Ohren rückte sie sich in ihrem Sitz zurecht und schloss die Augen. Sie war selbst überrascht, wie schnell sie einschlief. Sie träumte irgendetwas von Rentieren und Elfen – vielleicht hätte sie zum Frühstück doch nicht den Kinderkanal schauen sollen.

Die Stewardess weckte sie erst, als das Flugzeug zur Landung ansetzte. Auf einem einzigen Transatlantikflug hatte sie den Schlafverlust einer ganzen Woche aufgeholt. Sie streckte sich, gähnte und trank eilig ihre Limonade aus, bevor ihr der Becher weggenommen wurde. Dann packte sie ihren Discman weg und schnallte sich an. Irgendwie war sie schon ein bisschen aufgeregt. Immerhin würde sie bald zum ersten Mal den nordamerikanischen Kontinent betreten – die Heimat ihren vielen verehrten Musiker. Ein bisschen wollte sie sich allerdings schon dafür in den Hintern treten, dass sie diesen Flug praktisch verschlafen hatte. Sie flog nie irgendwo hin, hätte es da nicht etwas Besonderes sein sollen?

Da die anschließende Autofahrt sich noch etwas länger gestalten würde, hatte Linnea sich erlaubt, es sich auf dem Rücksitz etwas bequemer zu machen. Nahm man es in Amerika so genau mit dem Anschnallen? Tante Edda und Onkel Jasper schienen jedenfalls vollstes Verständnis für ihre Erschöpfung zu haben. Außerdem konnte sie auch so die Landschaft vorbeiziehen sehen – die jener Schwedens irgendwie verblüffend ähnlich war. Und es dämmerte bald, da konnte sie sowieso nicht mehr viel sehen.

„Das Gästezimmer ist oben“, trug Jasper ihren Koffer in den Flur, wo Linnea gerade ihren Schal an einen Haken neben dem Garberobenspiegel hängte. „Du kannst es dir entweder gleich ein bisschen gemütlich machen, oder Edda zeigt dir erst einmal das Haus, während ich die Kinder hole.“ „Oh...“, zog sie ihre Jacke aus. „Erm, ich denke, dass ich genug ausgeruht bin. Aber ich kann meine Sachen schon selber hochtragen, und wir fangen dann einfach oben mit der Tour an.“ „Okay, sehr gut... Dann hol ich jetzt Clarissa und Thomas. – Bis später, Schatz.“ Die waren ja noch netter als die Addams Family. Linnea erinnerte sich noch vage daran, dass ihre Tante früher mit ihrer Schwester nach deren Scheidung durch unzählige Clubs gezogen war und junge Männer aufgerissen hatte. Bevor sie den situierten kanadischen Bankier Jasper Leery kennen lernte, der sich auf Urlaub in Stockholm befunden hatte und schließlich mit mehr als nur Souvenirs für seine Eltern nach Hause kam.

Das Haus war sehr modern eingerichtet, alles war sehr hell, aber auch ein bisschen steril. Ihr Zimmer hatte Blick auf den Garten und weiter hinten sogar das Meer und Linnea wusste gleich, dass sie es hier schon eine Zeit lang aushalten würde. Bestimmt würde sie aber nicht ihre ganze Zeit in der heilen Welt dieser Familie verbringen können. Das war zu sehr Bilderbuch hier, das konnte nicht normal sein. Linnea empfand sich selbst als relativ normal, da sollte man nichts riskieren.

Ihre Cousine und ihr Cousin waren die artigen Kinder, die sie nach der Hausführung erwartet hatte. Aber dafür würden sie sie vielleicht auch nicht jeden Morgen schon um sechs aus dem Bett brüllen. Denn wenn sie die Zeit hier für etwas anderes nutzen wollte, als nur um auf andere Gedanken zu kommen, dann um zu schlafen. Wozu hatte man sonst Urlaub? Und sie hatte noch dazu ganze zwei Wochen rausschlagen können.

Aber Agneta hatte sich nicht in ihrer Schwester getäuscht: Diese hatte ein volles Programm für ihre einzige Nichte vorbereitet. Was Linnea nicht wusste: Agneta hatte das veranlasst, besorgt, ihre Tochter könnte sich zu sehr in ihrem Selbstmitleid vergraben.

Zuerst zeigten Clarissa und Thomas ihrer Cousine die Umgebung, den Strand, das Meer, den Wald..., dann fuhren Edda und Jasper mit ihr nach Halifax, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Einen Baum gab es bereits, er füllte fast ein Viertel des Wohnzimmers aus und das Haus war innen und außen festlich dekoriert worden. Jetzt galt es, einen Braten zu kaufen und passende Servietten zum Tischtuch, etc. Linnea langweilte sich bald und entschuldigte sich in ein Buchgeschäft.

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
394 str. 24 ilustracji
ISBN:
9783754184059
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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