Czytaj książkę: «Eine Alte Dame Ging Hering»

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Rich Schwab

Eine Alte Dame Ging Hering

– Der zweite Büb Klütsch-Roman –

FUEGO

– Über dieses Buch –

Büb Klütsch ist Schlagzeuger. Rock’n’Roll-Schlagzeuger, aus Leidenschaft. Mindestens genau so gerne hängt er an Theken rum und trinkt Bier. Damit er sich beides leisten kann, steht er auch des öfteren hinter dem Tresen.

Ein zwar buntes, aber im Grunde doch recht geruhsames Leben – würde er nicht immer wieder in irgendwelche dubiosen Abenteuer verwickelt.

In Rich Schwabs erstem Roman (Nie wieder Apfelkorn, Druckausgabe 1992) ist es die unappetitliche Verquickung von Musikgeschäft und Drogenhandel im Jahr 1976 in Köln und Wiesbaden, gekrönt von Kidnapping, Körperverletzung und Mord.

Im zweiten Band (Eine Alte Dame Ging Hering, 2001) zieht es Büb an die Côte d’Azur, wo er als Straßenmusiker einen tollen Sommer zu erleben hofft. Das tut er dann auch – wären da nicht die Straßenmusikerkonkurrenz, lästige Millionenerben, die Unterwelt von St.Tropez – und die von Köln, deren Machenschaften bis ans schöne Mittelmeer reichen …

»…kommt rauh und heiser in ruppiger Gangart daher wie ein Song von Van Morrison, nicht zimperlich, und doch schwingt Sehnsucht mit, Liebe, Romantik«, urteilte Elke Heidenreich nach der Lektüre von Nie wieder Apfelkorn in der Zeitschrift Tempo und bei Radio Bremen, während Deutschlandfunk-Literaturredakteur Hajo Steinert Eine Alte Dame Ging Hering »schärfer als die Songs von Tom Waits« fand (s. Pressestimmen).

Nicht die schlechteste Gesellschaft, findet der Autor. Und ist gespannt, mit wessen Songs man Perlen vor die Schweine, den dritten Band der Büb-Klütsch-Reihe, vergleichen wird.

Ausschnitte aus dem Buch gibt es auch als vom Autor gelesenes und mit Musik geschmücktes Hörbuch in den einschlägigen Download-Shops.

Vorspann

Das Schwierigste ist doch,

geboren zu werden –

ab da geht’s bequem bergab.

Jeff Turrington

Kapott jommer all –

woröm esu hastig?*

Opa Klütsch

Gewidmet Ulrich Werner –

ein Farbenblitz aus Sonne

im Schatten meines Weges, Alter …

(Gib mir mal ’n K!)

Es soll Leser geben, die sich zwar seit Generationen klaglos bis begeistert bayerische Volksschauspieler, norwegische und griechische Schlagersängerinnen, holländische Showmaster und österreichische Moderatoren reinziehen, aber immer noch kein Kölsch oder sonstige Fremdsprachen verstehen oder verstehen wollen. Das fand ich schon vor fünfzig Jahren mehr als fragwürdig – wenn im Fernseher das Komödienstadl in breitestem Bayrisch gesendet wurde, der kölsche Millowitsch aber genötigt wurde, seinen (und meinen!) schönen Heimatdialekt zu einer Mischung aus Hochdeutsch und Rheinisch zu verwässern.

Für die genannten Leser gibt es am Ende des Buchs jedenfalls ein Glossar. Die Chancen, dass sie dort übersetzt oder erklärt bekommen, was sie nicht verstehen, stehen recht gut. Außerdem finden sie dort Angaben zu den Urhebern diverser Liedertitel und -zeilen, die in diesem Buch zitiert werden. Die Sternchen im Text [*] führen dorthin.

Prolog

Ach du Scheiße – jetzt lassen sie schon Gorillas diese Dinger fahren! Kein Wunder, dass so viel passiert! fuhr es mir durch den Kopf, als die Beifahrertür endlich aufschwang. Aber der Gorilla grinste das Grinsen eines kleinen Jungen, der gerade auf dem Schlafzimmerschrank die Schüssel mit den Marzipankartoffeln entdeckt und geräubert hat.

»Na los! Rein mit dir, Pilger!« Dabei ließ er den Tankwagen schon anrollen. Seine Augen machten mir ein bisschen Sorgen – die sahen unter den dichten, fast zusammenwachsenden Brauen eher so aus, als hätte er zwischen dem restlichen Marzipan ein paar Spinnen und Regenwürmer verbuddelt. Aber wer weiß, wann ich hier wieder weggekommen wäre – Pforzheim! –, also schwang ich mich hoch auf den Beifahrersitz und zog mit Mühe die schwere Tür hinter mir zu.

»So’n bisschen Gesellschaft kann nix schaden, wa’?« schrie er und knallte mir seine behaarte Pranke auf die Schulter, dass ich eine Delle in den Sitz drückte. Laut Jingle Bells brummend hängte er den Sechsunddreißigtonner hinter einen Reisebus.

Es war Heiligabend, wir schrieben das Jahr ’79, ich hatte kein Gepäck, vielleicht noch zweihundert Ocken in der Tasche und ein gebrochenes Herz. Ein Jahr München hatte mich ziemlich geschafft, und ich wollte nur noch eins: Heim ’noh Kölle.

»Die denken, man wär’ ganz alleine, wa’? Meinen, deswegen könnten sie einen fertigmachen, wa’?« Ich zuckte mit den Schultern. Er beugte sich zu mir rüber und brannte seinen Blick in meinen, als wollte er sich bis in die Tiefe meiner Seele durchfräsen. »Hostien! Hostien und Schläge! Und dann: Tabletten und Schläge! Und dann: Spritzen und Schläge!!« Der Tankwagen schlitterte zwischen Standspur und Mittelstreifen hin und her. Er achtete nicht darauf. »Und kalte Duschen! Ha ha! Die werden heut’ nacht noch um kalte Duschen beten! Um eine Sintflut von kalten Duschen! Ha ha!«

Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass uns nur noch knapp drei Meter von dem Reisebus trennten. Ohne auch nur einen Blick in den Rückspiegel scherte er aus und fing auf der Überholspur an zu singen. Was heißt singen – ein zorniges Summen, immer lauter und zorniger werdend wie ein aufgescheuchter Wespenschwarm. Aber er intonierte gut – ich konnte ohne Mühe die Melodie von Macht hoch die Tür erkennen.

»Wieso trägst du als Tankwagenfahrer eigentlich ’ne Stuttgarter Straßenbahneruniform?« fragte ich ihn beiläufig. Er fuhr mit finsterer Miene zu mir herum, überrascht, dass plötzlich jemand neben ihm saß. Dann ein listiges Zwinkern.

»Ich bin denen abgehauen«, kicherte er triumphierend, »und dann mit der Straßenbahn bis zur Endstation.« Sein Gesicht verdunkelte sich wieder. »Der Fahrer war einer von denen. Und ich brauchte was zum Anziehen.« Er ließ das Lenkrad los und breitete die Arme aus. »Und so einer frieret, denn teilet euer Gewand mit ihm! Auf dass das Himmelreich –« Er brach ab und in ein schallendes Gelächter aus. »Tankwagenfahrer! Ho ho!« Wieder knallte die Pranke auf meine halbtaube Schulter. »Ein Tankwagen –«, wieder das verschmitzte Kleinjungengrinsen, »kam mir gerade recht. Genau richtig für mein Zeichen!« Und wieder breitete er seine Gorillaarme aus und reckte stolz den Kopf. »Ja! Ich werde ein Zeichen setzen! Ein flammendes Zeichen wird die Heilige Nacht erhellen wie der brennende Dornbusch! Und die werden zu Asche vergehen – hinweg mit ihnen! Und Gott wird das Zeichen sehen und sagen: Seht! Dies ist mein Sohn! Und an ihm habe ich mein Wohlgefallen!« Er sah mich mit erwartungsvoll leuchtenden Messdieneraugen an.

»Was hast du vor?« fragte ich und bemühte mich, Ehrfurcht in meine Stimme zu legen.

»In ihren Dom werde ich fahren! Mit diesem Flammenross werde ich in ihren hochmütigen, gotteslästerlichen Kölner Dom einfallen! Und sie werden alle da sein und ihre verlogene Christmette halten! Verlogen und vollgefressen und betrunken und lüstern auf ihres Nachbarn Weib starrend! Und ich werde die reinigenden Fluten loslassen! Und dann werde ich eins ihrer ärmlichen Ewigen Lichter nehmen und sie alle, ALLE! in die Hölle jagen! BAMM! BAMM! werden ihre mit Blut – mit unserem Blut! – gegossenen Glocken noch ein letztes Mal klingen …!« Erschöpft sank er in sich zusammen, aber das verzückte, entrückte Lächeln blieb.

Der Mann hatte eine Vision! Ich drehte uns zwei Kippen. Klar freute ich mich darauf, den Dom zu sehen – aber von innen? Zehntausend Liter Sprit unterm Arsch?

»Du kannst den Dom nicht in die Luft jagen«, sagte ich fast hundert Kilometer weiter mit meiner ruhigsten und sanftesten Stimme in sein Summen hinein. Er schnaubte nur verächtlich.

»Ha! Ungläubiger Thomas! Und ob ich das kann! Ich …«

»Mit ’nem Tankwagen voll Milch?« Er fuhr herum, als hätte ich ihm ein Streichholz ans Ohr gehalten, den Mund weit offen, die Augen groß und glänzend wie Fahrradklingeln. Ein heiserer Schrei entfuhr ihm, er latschte auf die Bremse, und wir schleuderten und schlitterten auf die Standspur, wobei ein paar hundert Meter Leitplanke dran glauben mussten. Aber ehe die Karre noch richtig stand, war er schon rausgesprungen und rannte drumherum. Zornig trompeteten ein paar Lkw-Hörner an ihm vorbei.

»Ha ha!«, hörte ich ihn brüllen, »du Verrückter! Hier steht doch Aral –«, aber da hing ich schon auf dem Fahrersitz, trampelte auf die Kupplung, schmiss irgendeinen Gang rein und ließ die Kiste einen Satz vorwärts machen, dass die Tür zuschlug. Aus dem Satz waren dreißig Meter geworden, ehe er begriff. Fluchend rannte er ein Stück neben mir her, aber ich gewann schnell an Fahrt, und er fiel zurück, kreischend und stolpernd. Im Rückspiegel sah ich ihn auf die Knie in den Schneematsch fallen und sich mit beiden Fäusten auf die Schläfen trommeln. Zwei-, dreimal tauchte seine Silhouette noch als riesiger Scherenschnitt im Licht einiger Scheinwerfer auf, dann verschluckte ihn die Schwärze der winterlichen Dämmerung. Good-bye, baby, don’t call me – I’ll call you* …

***

Das Erste, was mir Mühe bereitete, war, die Karre in der Spur zu halten, aber bei Tempo neunzig ging’s dann nach einer Weile einigermaßen. Das zweite war, die Augen offen zu halten – das Frankfurter Kreuz hätte ich beinahe im Schlaf zu Klump gefahren. Ich kurbelte das Fenster runter und ließ mich von dem scharfen Schneeregen ein Weilchen ohrfeigen. Irgendwann kriegte ich auch das Radio in Gang und hörte mir auf SWF 3 die Weihnachtswunschsendung an. Zum Glück kannte ich damals noch das meiste von dem, was sich die Leutchen so zu Weihnachten wünschen – ich sang fleißig und lautstark mit und trommelte das Lenkrad ein bisschen krumm. Höhepunkt war dann eine Nummer, die ich so noch nie gehört hatte – die Musik war ziemlich eindeutig Hang On Sloopy, wenn auch auf 66er Jugendheim-Niveau, aber dazu rezitierte jemand in einer Art Kölsch einen Text über ein Pärchen, das sich in einer Diskothek kennenlernt und miteinander versackt. Zum Refrain war der Band allerdings nichts eingefallen (Wie heißen die – ’Ming Tant’?) – den sangen sie dann einfach normal englisch. Im Bett stellt sich dann heraus, dass Sie ein Er ist. Das war so witzig, dass es in Studentenkreisen garantiert ein Hit werden würde. Ich machte das Radio aus und gönnte es ihnen. Den Studenten auch.

Und wie soll’s mit deiner Karriere weitergehn, Büb? Ich dachte lange und heftig darüber nach, aber irgendwie blieben meine Überlegungen immer wieder an der nächstbesten Kölschtheke hängen. Und außerdem is’ Heiligabend – da kannste dir auch nächstes Jahr noch den Kopp drüber zerbrechen! – Is’ auch wahr, stimmte ich mir zu und kurbelte mir beruhigt noch eine, wobei das Flammenross ein wenig ins Schlingern geriet. Aber auch das kriegte ich wieder in den Griff. You can make it, if you try* …

Auf die Art schaffte ich es bis über die Rodenkirchener Brücke im Süden Kölns, wo der Anblick des Altstadt-Panoramas und des festlich erleuchteten Domes mein sentimentales kölsches Herz erwärmten, und ich kriegte sogar halbwegs elegant, wenn auch in Zeitlupe, die Kurve um den Bonner Verteiler. Aber ein paar hundert Meter die Bonner hoch sah ich schon von weitem einen Pulk Autos die rechte Spur blockieren, eins davon mit einem leuchtend blauen Mützchen, und daneben ging gelegentlich eine rote Kelle rauf und runter. Nette Begrüßung. Ich fuhr rechts ran und stieg aus. Der Diesel lief noch und verpestete die klirrende Nachtluft, aber ich wusste ums Verrecken nicht, wie man so’n Ding auskriegt. Ich latschte zu Fuß weiter und fragte mich, was die Polizeikontrolle auf dieser Straßenseite sollte – normalerweise kontrollierten sie hier nur stadtauswärts. Aber vielleicht suchten sie ja einen verloren gegangenen Tankwagen.

Kurz vorm Gürtel gab’s dann endlich eine beleuchtete Kneipe. Ohne lange zu überlegen ging ich rein. War zwar nicht unbedingt mein Stil – sie hatten sich alle ziemlich fein gemacht, aus dem Radio säuselte dasselbe Leise rieselt der Schnee, mit dem mich München verabschiedet hatte, und im hinteren Teil des Raumes saßen sie an weißgedeckten Tischen und tranken Sekt mit abgespreiztem kleinen Finger – aber ich ließ die Woge von kölschem Thekengelaber über mich rieseln wie eine sanfte warme Dusche.

Also ging ich zum Tresen und bestellte drei Bier. Der Wirt – er musste es sein: mächtiger Bauch, rotgeäderte Knollennase, grau-gelbe Tränensäcke, übellauniger Blick – beäugte mich skeptisch, aber er stellte mir drei amtlich gezapfte Kölsch – Schaum bis einen Zentimeter unter dem Eichstrich – auf die Theke. Regungslos beobachtete er, wie ich die ersten beiden in einem Zug runterkippte.

»Die Rund’ jeiht op misch,« meinte er dann gemütlich, »ävver dann nemmste dir besser ding zwei Fründe un’ jeihs’ met dänne woanders hin. Mir hann jetz’ he jeschlossene Jesellschaff. Kla’?«*

»Es dat nit en herrlije Sprooch?« strahlte ich ihn an. »Künnt Ihr uns dann en Tax’ bestelle?«, nutzte ich die wunderbare Erfindung des Kölners, sowohl das plump-vertrauliche Du als auch das zu respektvoll-höfliche Sie zu vermeiden. Ein missmutig-gelangweilter Blick ließ mich noch »Ich waade drusse« hinzufügen.

»Joode Idee«, brummte er und griff zum Telefon.

»Un’ fruhe Weihnachte’!«*, wünschte ich beim Hinausgehen. Er sah mich an, als hätte ich ein großes Alt bestellt, und nickte ergeben. Am liebsten wäre ich über die Theke gesprungen, um ihn zu küssen und mich dann unter den Zapfhahn zu hängen. You can’t always get what you want* …

Auf dem Zigarettenautomaten neben der Tür lag ein EXPRESS. Ich riss ihn mir unter den Nagel – wer weiß, wie lange man Heiligabend auf ein Taxi warten muss?

Ziemlich lange. Als es kam, wusste ich schon alles: Ein Herr Khomeini hielt fünfzig Amis als Geiseln, der deutsche Einzelhandel war mit den fünfzehn Milliarden Weihnachtsumsatz zufrieden, Jupp Derwall fuhr trotz eines Scheißspiels gegen die Türkei optimistisch zur EM nach Italien, in Hannover hatte nach dem letzten verkaufsoffenen Samstag ein Herr Krause einen Zettel an den Nachttresor einer Bank geklebt: Automat defekt – Bitte wenden Sie Sich an unseren Mitarbeiter, Herrn Krause – er ist berechtigt, Ihre Geldbomben entgegenzunehmen – woran sich etliche Geldboten denn auch gehalten hatten. Von Herrn Krause fehlte jede Spur. Einen Herrn Diederich jedoch hatte nach zwei Wochen Flucht durch Südamerika das Heimweh nach Köln zurückgetrieben. Von seiner Zwei-Millionen-Beute hatte er gerade mal Zehntausend ausgegeben; den Rest buddelte er gemeinsam mit den Bullen aus dem Porzer Wäldchen. Weihnachten nicht im Knast verbringen musste Drei-Promille-Jenny, obwohl sie sich mit vier Polizisten geprügelt und beinahe gewonnen hätte – Richter Egeling war in Festtagslaune. Und der Chef der Gerig-Musikverlage verschickte als besonders originelles Weihnachtspräsentchen eine Miniorgel mit dreizehn Melodien, die man an seine Hausglocke anschließen konnte.

Und bei wem soll ich heute Nacht klingeln?

Als wir auf dem Weg zum Schrebergarten in die Zülpicher einbogen und ich die Reklame vom Savoy sah, wusste ich’s – sie gaben Lucky Luke.

»Kathrinchen!« Die Nickelbrille des blondgelockten, dezent nach selbstangebauten Tütchen Frühling duftenden Taxifahrers blitzten mich verständnislos an. »Nö, ich mein’ nich’ dich«, beruhigte ich ihn, »die suchen wir jetzt.«

»Un’ wo?«

»Gute Frage – wer hat denn dies’ Jahr alles auf, heut’ Abend?«

»Bin ich vom Fremdenverkehrsamt?« Ich lehnte mich gemütlich an die Beifahrertür und schlug ein Bein über das andere, wobei mir der Aschenbecher aus der Halterung fiel.

»Hoppla! Keine Ahnung. Aber vielleicht bin ich vom RD?« Die Abkürzung fürs Rauschgiftdezernat kannte er zumindest. Die Nickelbrille zuckte einen winzigen Augenblick lang Richtung Sonnenblende. Lange genug. Ich klappte sie runter und schnappte mir das Tütchen Gras, das dort klemmte. Sah ihn freundlich an. Erwartungsvoll.

»Das Come Up. Hat aber heute Nichtraucherabend.«

»Hat was?!«

»Nichtrauchertag. Jeden Montag. Bombenerfolg.« Mein Jott – ein Jahr weg aus der Stadt, un’ schon stellen sie se auf’n Kopp! Nichtrauchertag in einer Kellerdisco! Hang On Sloopy auf Vorgebirgsplatt! Und was war das – vor ’nem Jahr war hier noch der Schrebergarten – und jetzt ’ne Pizzabude?! Und das Shalömchen – »Christmas-Party – Eintritt für Heteros 150 Mark«?! Das ABC – »wegen Personalfeier geschlossen«?!

»Ruf mal über Funk den Kollegen Zak – das is’ mir alles zu blöd hier«, wies ich die Nickelbrille an.

»Der Zak? Der fährt nich’ mehr – is’ jetz’ Sannyasin un’ arbeitet in der Bhagwan-Disco«, erklärte er mir mitleidig. Bhagwan-Disco? Der Zak Sanny– ja wo simmer dann he? Demnächst vielleicht noch ein Kinopalast so groß wie die Sporthalle? Ein Museum mit goldenen Dächern? Die Südstadt ein Touristenzentrum? Eigentumswohnungen im Stollwerck?* Parkausweise für Anwohner? Ein privater Radiosender, von Werbung für Autohäuser, Sonnenstudios und Mundart-Pop finanziert? Ein Fernsehsender womöglich – mit Anna Mingdroppe als Moderatorin? Marius Müller-Westernheld im Müngersdorfer Stadion und Heinz der Fiedler im EMI-Studio? Nikotinfreie Zigaretten? Alkoholfreies Bier? Und die Stadt-Revue bringt für all die Blindgänger ein Sonderheft raus – Poppe, Suffe, Kaate en Kölle – Rund öm de Uhr … ???*

»Fahr mich zum Exodus, aber schnell!« Ich hatte einen Brand, als hätte ich das Sechs-Tage-Rennen schon hinter mir. Meine nächste Bestellung würde wahrscheinlich lauten: Fuffzehn Jespritzte un’ ene Meter Bier …*

***

Ich kam gar nicht zum Bestellen.

»Dä Büb!« schrie Veedelnoh und fiel mir von seinem Hocker runter in die Arme. »Leckensamarsch! Wat mähs du dann he? HELLJAA! STOFF! Dä Büb es widder do! Dä Kanaldeckel’s Büb!«* Dafür, dass wir uns letztes Jahr mit einem ziemlichen Krach getrennt hatten, fiel die Begrüßung wirklich freudig aus.

»Wat es, ’noh – wor nix met Hitparade?«

»Halt bloß die Fress’, do Sackjeseech! He – suff!«*

Bevor wir überhaupt weiterreden konnten, hatte ich schon anderthalb Promille im Kopp. Dann erzählte er mir voller Abscheu und Zorn, was sein Ausflug ins Big Business der Popmusik ihm eingebracht hatte. Sie hatten ihm das Blaue vom Himmel herunter gelogen, ihm das Fell über die Ohren und ihn über alle Tische gezogen und dann mangels Erfolg fallen lassen wie eine bepisste Unterhose. Aber er hatte schon wieder neue große Pläne – jetzt würde er alles ganz anders machen:

»Isch nemme ming Schrumm, fahre an die Côte d’Azur un’ spille op dr Strooß. Büb, dat is et! Zwei Stund’ – ach wat: ein Stund Arbeit am Daach, kilowies Schotter, immer jet ze suffe un’ Wiever, Wiever … ! Un du fährs’ mit! Büb, mir zwei! Cannes! Nizza! Sang Tropez! Monte Claro! Un et janze Johr Sommer!«

»Du Jeck, ich kann doch jaanit Jitta’ spille!«

»Bring’ isch dir bei, Büb! Bring’ isch –«*

»Klasse! Und ich komm’ euch dann im Urlaub besuchen …« Von links schob sich Lucky Luke in mein Blickfeld. Er kam gut raus bei dem Ausschnitt in dem hautengen schwarz-silbernen Oberteil. So’ne Tätowierung konnte sich auch nicht jede Frau leisten – drei Zentimeter über der linken Brustwarze. »Im Hotel de Paris vielleicht?«

»Jute Idee«, brachte ich heraus, nachdem ich mich zweimal geräuspert hatte, »Tach, Kathrinchen. Schön, dich zu sehn.« Ich beugte mich runter und gab Lucky Luke einen langen, warmen Kuss, was dem Resonanzkörper hinter ihm ein tiefes Gurren entlockte. Wir konnten alle drei noch nicht wissen, dass dies ihr letzter Sommer sein würde.

1


Anton I

Der dicke, über und über mit lockigem grauem Pelz bewachsene Mann stöhnte noch einmal, dann half er der Frau galant von ihm herunterzuklettern. Automatisch griff er nach der halbgerauchten Zigarre, die in dem schweren Bronzeaschenbecher auf dem antiken Nachtschränkchen lag. Ein dünnes Rauchfädchen stieg von ihr auf. Früher waren die kalt, bis ich fertig war, dachte er einen Augenblick bedauernd, aber dann siegte die postkoitale Wohligkeit: Er hatte doch gehabt, was er brauchte. Er kriegte doch immer, was er brauchte. Genüsslich zog er an dem dicken Stumpen einer Cohiba Robusto und betrachtete eine Minute seine Frau, die sich mit einem schwarz glänzenden Vibrator ihren Teil holte. Liebevoll legte er seine freie Hand auf ihren sonnenbankverbrannten Busen und knetete ihn ein wenig. Nun stöhnte auch sie. Eine Welle von Zuckungen ging durch ihren ganzen Körper. Sie schaltete den Dildo aus, behielt ihn aber in sich, drehte sich zu ihrem Mann um und drückte seine Hand.

»Jetzt erzähl«, sagte sie heiser, schwer atmend.

»Eine Million«, stieß er hervor, zusammen mit einer schweren Rauchwolke. Seine Frau stützte sich auf einen Ellbogen und sah stirnrunzelnd auf ihn herab.

»Is’ ja schön, dass du diesmal auf mich gewartet hast, aber jetzt brauchst du mich nicht mehr auf die Folter zu spannen. Eine Million was? Zuschauer? Eintrittskarten? Totogewinn?«

»Ablöse«, hustete er, »der jottverdammte Kaaskopp soll eine Million kosten!« Sie schnalzte beeindruckt mit der Zunge. »Und dabei hat der selber noch nisch’ mal Interesse! Aber der Barcelona –«, Barzelona, sagte er, »– is’ bereit, den zu verticken – für eine jottverdammte Million!«

»Nich’ aufregen, Anton«, besänftigte sie ihn, »denk an deine Pumpe, gerade jetzt!« Anzüglich zupfte sie an seinem verschrumpelten Glied.

»Nisch’ aufrejen!«, polterte er, »dat is’ mein Traum! Den Mann in meinen Verein holen! Mein Vermäschtnis! Den Weltfußballer des Jahres! Un’ isch hol’ den zum FC! Mach misch unsterblisch!«

»Noch nie hat ein deutscher Fußballverein eine Million für einen Spieler bezahlt, Anton.«

»Na un’?! Umso fetter werden die Schlagzeilen! Mit meinem Namen! Un’ wir werden Meister!! UN’ DER WILL NIT!!«

»Ist es da nicht praktisch, dass wir seinen Schwiegervater ganz gut kennen?« Abrupt richtete er sich auf, wodurch sein Kopf noch violetter wurde.

»Martha! Du – Menschenskind, du Joldstück von einer Frau! Der Eimermacher! Dä Jütt! Datt isch da nisch’ drauf jekommen bin … !« Er drückte sie an sich. Sie stöhnte, weil er dabei den Vibrator wieder ein Stück weiter in sie hineinschob. »Dat is et! Wenn der Alte sagt: Du jehs’ zum FC, dann jeht der! Un’ schon hammer’n! Mensch, Liebschen! Dä Pokal!« Er küsste sie heftig, und als sie seinen Kuss erwiderte, griff er nach unten und drehte ihrem schwarzen Freund die Batterie wieder an. Sie schloss die Augen und wand sich. Das hatte sie sich jetzt verdient. Hoffentlich brauchte sie nicht wieder so lange, er musste dringend telefonieren. Und eine Portion Sand aus dem Getriebe schippen.

2


Irgendwo im Sand

Anscheinend lag ich irgendwo im Sand.

Die Sonne brannte mir wie blöde auf den summenden Schädel, meine Zunge fühlte sich an wie ein in alten Senf getunkter und ausgetrockneter Schwamm, und meine Lider streikten. Ich versuchte blind mich aufzusetzen und griff erst ins Leere, dann auf kochend heißes Autoblech. Das öffnete mir die Augen. Ich kniff sie sofort wieder zu. Diese Welt war zu hell für mich.

Und zu laut – ein paar Meter weiter balgte sich ein Haufen französischer Blagen um einen Wasserball, hinter mir plärrte ein Kofferradio was von J’aime l’été* oder was immer diese hiesigen Piepsmiezen so lieben, auf der Uferstraße über mir knatterte der nie endende Verkehrsstrom, das Mittelmeer rauschte, die Möwen krächzten, und in meinem Schädel brummte es wie in einem ’64er Dynacord-Verstärker. Ich beschloss, ganz schnell hier weg zu müssen.

Nach höchstens einer Viertelstunde hatte ich es geschafft – ich saß ziemlich aufrecht und hatte den Durchblick. Es war das Stück Strand, wo wir unseren alten Taunus-Kombi geparkt hatten, mit viel Glück unter einem Platanenpärchen, das der Karre am späten Nachmittag soviel Schatten spendete wie ein Knirps. Ein Knirps ohne Bespannung allerdings. Morgens dagegen knallte die Sonne unbarmherzig auf das weiße Dach, so dass wir es vorzogen draußen zu pennen, halb im Schatten des Wagens.

Was heißt wir? – Veedelnoh war seit ein paar Tagen Dauergast im VW-Bus einer pummeligen Krankenschwester namens Françoise, ein paar Meter weiter, die einen noch größeren Bedarf an sex à la boche hatte als wir beide zusammen. Außerdem versuchte sie verzweifelt, das Angenehme mit dem Nützlichen – ihre Deutschkenntnisse verbessern – zu verbinden, und kommentierte ohne Punkt und Komma, was sie gerade mit welchen Gefühlen tat oder was man ihrer Meinung nach gerade wie tun sollte. Wie eine gesprungene Langenscheidt-Platte, und immer wieder: »Sag’ isch das rischtisch comme ça?« – egal, was sie gerade im Mund hatte. Weshalb ich mich nach den ersten beiden gemeinsamen Nächten genervt und gerädert ausgeklinkt hatte. Veedelnoh hatte da offensichtlich ein dickeres Fell. Jetzt teilte er sie sich mit einem mageren Siebzehnjährigen aus Frankfurt, der es, wie ’noh neidisch berichtete, auf acht Orgasmen in vier Stunden brachte. Oder umgekehrt – jedenfalls beachtlich.

Das erinnerte mich wieder daran, dass meine Eier schmerzten, als steckten sie in einem Nussknacker. Mühsam kratzte ich die Erinnerung an den gestrigen Abend zusammen – ach ja, der Streit im Chez Boubou! Anscheinend hatte Blondie mir noch mindestens einen Tritt versetzt, als ich weggetreten auf dem Boden lag. Diese Hippies sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

***

Ich hätte ihm seine Zähne gleich in den korallengeschmückten Hals schlagen sollen. Makellos weiße Beißerchen, wie die auf Hilde Knefs Nachttisch. Sie blitzten sonnig zwischen seinen braungebrannten Grübchen, wenn er sein goldblondes Lächeln anknipste, auf einer mit Muscheln und Perlen beklebten Gitarre klimperte und Blowin’ In The Wind oder Guantanamera sang. Vor allem die reiferen Damen hier mochten das, und er sahnte gut ab mit seiner Blumenkuh von Schwester, die ähnlich blendend aussah und dämlich grinsend ein Tamburin streichelte, mit dem sie dann bei You Are The Sunshine Of My Life vor den Hafencafés das Geld einsammelte. St.Tropez, 1980. Und es war Sommer* …

Aber gutmütig, wie ich nach zwei Flaschen Rotwein nun mal bin, hatte ich ihm sein albernes Stilett bloß aus der Hand getreten, ihm zwei Ohrfeigen gegeben und mich wieder zur Theke rumgedreht. Er war allerdings wieder aufgestanden, und nur Mampernods erschrockenes Gesicht hatte verhindert, dass er mich voll erwischte. Ich drehte mich mit einem halben Schritt zur Seite, und der schwere Aschenbecher aus Kristallglas ratschte meine Schläfe lang und landete auf meiner Schulter. Leider hatte ich dabei auch ein halbes Glas von dem guten Roten verschüttet, und als ich auf Blondie loswollte, um meinen Fehler wieder gutzumachen, rutschte ich in der Pfütze aus und knallte mit dem Hinterkopf auf die Theke. Abgang Büb.

Wie ich dann wieder hierher zu unserem Wagen gekommen war, kam in meinem Film nicht mehr vor. Ich riss mich zusammen, stand stöhnend auf und öffnete die Wagentür. Die heiße Luft im Innern traf mich ins Gesicht wie eine frisch gebügelte Bettdecke, und ich musste mich am Holm festhalten, um nicht gleich wieder auf dem Hintern zu landen, wobei ich mir ein zweites Mal die Finger verbrannte. Ich betrachtete mich im Rückspiegel. Schöner fremder Mann … Die rechte Hälfte meines Gesichts war blutverkrustet bis zum Hals, und mein Hemd war mit Blut getränkt und steif wie ein Zementsack. Ich zog es aus und musste erneut laut aufstöhnen – die Beule an meinem Hinterkopf hatte ich im Spiegel natürlich nicht gesehen. Jetzt hatte ich die Schnauze aber voll – ich suchte in dem Gewühl im Wagen die Flasche, die da irgendwo noch sein musste. Schlafsäcke, Klamotten, Taschenbücher, Leergut, Handtücher, Kassetten, Gitarren – Bingo! Noch mindestens Dreifingerbreit von dem teuren französischen Cognac, den Françoise so gerne trank – und wohltemperiert. Wie ein guter Grog, ungefähr. Egal – ich trank das Zeug in einem Zug. Mein Magen spielte Epileptiker, aber ich hielt ihn gut fest und schluckte den Schaum vor seinem Mund wieder runter. Mit tränenden Augen drehte ich mir eine und steckte sie an. Als ich mit Husten fertig war, war der Rest schon verglüht und ich musste mir eine neue kurbeln.

»Wenn jetz’ einer kütt un’ ‚Morjenstund hätt Jold em Mund säät’, schlar’ isch ’m die Fläsch en die Fress’!«*, sagte ich zu der Möwe auf dem Mäuerchen zur Straße. Achselzuckend drehte sie sich um und flog weg. Anscheinend verstand sie kein Kölsch.

Bei dem Gedanken an ein kühles, schäumendes Kölsch fing ich fast an zu heulen. Ich hatte wirklich die Schnauze voll – von diesem Sommer, diesem penetranten Traumwetter jeden Tag, von all den gut gelaunten, gut aussehenden Menschen um mich herum, von den Preisen hier, die zu zahlen die sich offensichtlich leisten konnten, von all den arroganten Franzmännern genauso wie den nervigen Touristen, von dem ewigen billigen Rotwein, der schon viel zu lange neben labberigem Weißbrot und Knoblauchtomaten meine Nahrung war. Gut – ich hatte in der Zeit mindestens sieben Kilo abgenommen, dafür ein paar Muskeln zugelegt vom täglichen Paarkilometerschwimmen und den stundenlangen Federballschlachten mit Veedelnoh. Ich war kupferbraun gebrannt und fand, dass ich eigentlich ganz gut aussah mit meinen ausgebleichten langen Haaren über den verwaschenen karierten Flanellhemden mit den abgeschnittenen Kragen und Ärmeln, die ich damals gerne trug.

Das hatten, ganz abgesehen von einem halben Dutzend schwuler Yachtbesitzer, auch schon mindestens dreißig Mädels aller Nationalitäten gefunden, aber sobald sie merkten, dass ich mir dreimal überlegen musste, ob ich mir leisten könnte, ihnen eine Cola auszugeben, geschweige denn einen Long Drink oder gar ein Abendessen, hatten sie plötzlich einen Friseurtermin. Oder Tennisstunden. Oder Surfen. Sechs Wochen im Paradies, umgeben von den schönsten Weibern Europas, und was war … ? If it wasn’t for bad luck, I wouldn’t have no luck at all* …

»Wenn isch endlisch widder in Kölle bin, muss isch mir wa’scheinlich dreimol eine rungerholle, eh’ isch misch bei dä Schöss röckmelde. Sönz platze isch jo schon, wenn mir ein nur en Hand jitt!«*, beschwerte ich mich bei der Möwe, die wieder auf ihren Platz zurückgekehrt war. Sie lachte kreischend auf, wie ein Haufen Nippeser Marktfrauen, die sich am Damenkegelabend einen Herrenwitz erzählen. Sie verstand mich also doch – ich musste nur laut und deutlich reden. Zum Dank warf ich ihr ein Stück trockenes Brot hin. Und von Brigitte Bardot, die hier angeblich immer vorbeikommt, wenn sie zum Einkaufen geht, hab’ ich auch noch kein Gramm gesehen!

***

»Büb! Mir zwei! Un’ et janze Johr Sommer!« An einem vergraupelt-vermatschten Heiligabend in Köln, gerade mit gebrochenem Herzen in einer Horrorfahrt aus Horrorstadt zurück, klingt so ein Song vom Sommer an der Côte d’Azur ziemlich verlockend – aber was sollte ein Schlagzeugberserker wie ich zwischen Bambusflöten wringenden, Gitarre zupfenden Hippies? »Kei’ Problem, Büb! Jeder kann Jitta’ spille!«*, hatte ’noh trompetet.

Er hatte mich begrüßt wie den lange verlorenen Sohn, nach meinem ziemlich misslungenen Versuch, in München Fuß zu fassen, obwohl wir uns im Frühjahr davor mit einem ziemlichen Krach getrennt hatten. Wir alle von Penner’s Radio hatten’s reichlich satt gehabt – den ewigen Tourneeschlauch, die ständigen Benefizkonzerte, all die Nächte auf zu kalten Matratzen nach heißen Abenden mit zu warmem Bier. Die zähen Tage, an denen man mit matschiger Birne auf ein paar hundert Kilometer Mittelstreifen stiert. Die Abzockereien von Veranstaltern, Agenturen und der kleinen »alternativen« Plattenfirma, die von unserem Hitalbum Wat dä Driss soll?!? – Penner’s Radio live in Habbelrath wahrscheinlich an die achtzehntausend Stück verkauft, aber bis heute nur neuntausend an uns abgerechnet hatte. Die Anlagenschlepperei, den Kampf gegen unseren Schuldenberg, gegen das Finanzamt, gegen das Getriebe und den ewig lockeren Auspuff unseres alten Opel Blitz.

Und dann all die fruchtlosen Diskussionen – die Frauenbewegerinnen hielten uns für heuchlerische Chauvis (»Was singt Ihr da – Eva, wenn du so mit deinem Fischbrötchen lachst? – Schwanz ab!«), die Autonomen für Kommerzsäue (»Ihr spielt doch bloß ohne Gage für unser Jugendzentrum, weil ihr Werbung für eure Platten machen wollt!«), die Konservativen für Anarchisten (»Ihr liefert doch die Hymnen für die RAF-Sympathisanten!«), die Politfreaks für unpolitische Klamaukrocker, und für ein Heer von Polizei– und Zollbeamten waren wir anscheinend alle Rauschgift schmuggelnde Terroristen (»Fahren Sie bitte mal rechts ran! Aussteigen, den Laderaum öffnen und ausladen!«)…

Und nicht zuletzt gingen wir uns selber gegenseitig ziemlich auf die Nerven: Weiter kölsch singen oder lieber hochdeutsch oder nicht doch besser gleich englisch? Mehr Geblödel oder mehr Politik? Mehr Jazz (Emerson, unser Organist)? Mehr Punk (Veedelvüür, der linke Gitarrist, von meinem Schlagzeughocker aus gesehen)? Zielstrebig auf die Hit-Single los (Veedelnoh, der rechte)? Mehr Showeffekte für Eiermann, unseren Bassisten? Schnellerhärterlauter für mich, Büb Klütsch, den sie auch Kanaldeckel’s Büb nennen, weil ich mein Schlagzeug-Set eher auf Autofriedhöfen zusammenklaube als bei metro-music?

Monatelange zermürbende Gruppenhydraulik hatte dann zu der Entscheidung geführt, Penner’s Radio für ein Jahr zu beurlauben. Oder so. Also den Blitz, unsere Anlage und unseren Proberaum an die Kollegen von Coppercabana Silver vermietet, im guten alten Maschinensaal der ehemaligen Stollwerck-Schokoladenfabrik noch ein denkwürdiges Abschiedskonzert hingelegt, nach dem nicht nur mein Schlagzeug in Trümmern lag, noch mal gemeinsam die Kante gegeben, zwei Tage Komaland – und dann die vorläufige Endabrechnung für fünf Jahre Penner’s Radio abgesegnet (nach Begleichung aller offenen Rechnungen für jeden sechshundert Mark, sowie vierhundert Platten und zweihundert Poster, die jeder selbst zu Geld machen durfte), bevor wir uns in alle Windrichtungen zerstreuten, um auf den Serpentinen der Selbstfindung und Selbstverwirklichung ein paar Raststätten weiterzukommen. Hardnose the highway* …

3


Karrieren

»Dat war ’n Abschiedsgig, wa’, ’noh?« Er hockte vor mir und drehte sich meinen Schädel zurecht, um mir die Blutkruste abzuwaschen. Leider benutzte er Meerwasser dazu, und ich war nahe dran, ihm eine zu kleben, aber ich hatte keine Hand frei – in der einen hielt ich eine halb volle Pulle Rotwein und in der andern eine von diesen dicken krummen Zigaretten, die Françoise spliff nannte. Eigentlich mochte ich sie nicht sonderlich (die Zigaretten), aber sie (Françoise) hatte mich überzeugt, dass sie gut gegen all meine Wehwehchen seien. Ich fand, dass sie mich nur besoffen machten, und nahm noch einen ordentlichen Schluck Roten, um gegenzusteuern.

»Dich kann man auch nich’ mal einen Abend alleine lassen, wie?«, knurrte er.

»Ich war nich’ allein.«

»Ach?«

»Na ja – am Anfang je’nfalls nich’. Un’ dann war ich noch kurz so was hier trinken«, erklärte ich und schwenkte die Flasche Richtung Kehle. »Un’ dann kam Blondie dazu.« Ich begann darüber nachzugrübeln, wie das Treffen überhaupt abgelaufen war.

»Mach’s nich’ so spannend, Büb!« Ich zuckte mit den Schultern. Autsch!

»Ich glaub’, er mag unsre Musik nich’. Er meint, wir würden ihm und seinem Rauschgoldengel das Geschäft versauen. Ich sag’ ihm, dass mich sein Geschäft nich’ interessiert, ein Wort gibt das andere …«

»Un’ dafür schlägt er dir den Schädel ein?«

»Na ja – er schreit reichlich rum un’ geht mir auf’n Sack, deswegen setz’ ich ihn draußen in den Blumenkasten vorm Boubou. Dann kommt er ziemlich sauer wieder rein und meint, wir sollen uns ’nen andern Platz suchen und schlägt so was wie Auschwitz vor. Daraufhin schlägt – eh, ich weiß nich’ mehr, wie sie hieß –, ihm vor, sich zu verpissen. Er gibt ihr ’n paar unfeine amerikanische Namen, un’ sie haut ihm ihre Crêpe Niçoise in die Fresse. Mit Teller. Er scheuert ihr eine, ich sag’ ihm, das reicht, und er –«

»Meinste, damit kriegste deine Erbsenprinzessjen endlich rum? Mit Blumenkinder verhauen?«

»Das waren keine Blumen – das war ’n Stilett. Un’ außerdem woll’n wir beide uns doch wohl nich’ unsere – eh …, Urlaubsbekanntschaften vorhalten …« Ich warf einen Seitenblick auf Françoise, die auf einer Bastmatte zwei Meter weiter im Lotussitz neben dem schnarchenden kleinen Frankfurter hockte und sich die meterlangen Haare frottierte. Sie strömte einen Moschusduft aus, dass ich mich wunderte, noch keine Büffel antraben zu hören. ’noh schnüffelte und grinste.

»Immerhin hat mir meine heute Mittag nach meinem kleinen Solokonzert in St. Raphael genug Zlotys für’n Abendessen eingesammelt. Ohne Tamburin.« Ich schielte fragend an ihm hoch. »Und ohne Oberteil,« fügte er achselzuckend hinzu.

»Und was hast du gesungen?«

»So – fertig,« verkündete er und erhob sich. »Siehs’ wieder halbwegs menschlich aus. Wenn du bis heut’ Abend wieder nüchtern bist, laden wir dich ein.« Ich stöhnte. Schon wieder Saufen?

»Zum Essen!« Ach so.

»Und was hast du gesungen?« Er nahm seine Klampfe und schüttelte eine Art Doobie Brothers-Riff aus dem Ärmel. Dann räusperte er sich und gab mit Falsettstimme When You’re In Love With A Beautiful Woman zum besten, die Nummer, mit der Dr. Hook letztes Jahr in die Hitparade geraten waren »Ach du Scheiße – kann man sich in St. Raph’ auch nich’ mehr blicken lassen! Langer Weg vom Freaker’s Ball bis dahin …« Aber er ließ sich nicht stören. Gitarre spielen konnte er ja, das musste ich ihm lassen.

***

Deswegen hatte er ja auch so wohlgemut die Pause von Penner’s Radio angetreten – es hatte ja tatsächlich schon ein paar von den EMI-, OMI-, IMI- und ATA-Talentscouts gegeben, die was von ihrem Job zu verstehen schienen und ihn für ihre jeweilige Firma abzuwerben versucht hatten. Aber jedes Mal hatte er abgewinkt, wenn sie nicht bereit waren, unsere gesamte Kapelle unter Vertrag zu nehmen – obwohl es ihn schon schwer gereizt hatte:

»Da oben am Front-Mikro stehen, Büb, ’ne Platin-Platte im Rücken, weltweit, versteht sich, ’ne Riesenhalle voll kreischender Fans …! Du singst, und die Mädels machen sich nass, un’ dann spielste ’n Solo, un’ die Jungs machen sich auch nass… un’ dann machste noch mal einen einzigen Benefiz-Gig – im Wembley-Stadion zum Beispiel –«

»Wembley? Benefiz? Für wen – die Queen?«

»Wat weiß ich, für wen – die Pest in Indien, Demokratie in Russland, Hunger in Afrika, datt die Berliner Mauer fällt, ejal! Un’ dann da oben, im Duett mit Tina Turner …!«

»’noh – die is’ doch schon lang in der Versenkung –«

»Die kütt widder, Büb! Die kütt widder! Un’ ich sing’ mit der! Un’ Millione’ luuren zo! Dä Fernseher! Weltweit! Wie beim Ali jejen Frazier! New York! Rio! Tokio!«

»Un’ Esch, Pesch, Wiggepesch! Wie alt willste weede, ’noh, öm dat ze erlääve – nüngßisch? Hundertveezisch?«*

»Wart’s ab, Büb! Du wirs’ noch von mir hören!«

***

Ich hörte von ihm – ein paar Monate später, ich war schon in München. Ich guckte mir einen dieser Fernsehkrimis an, die ablaufen, als seien sie von der Berufsberatungsstelle des BKA gesponsert. Der kleine dicke Inspektor hatte den Mörder eingeliefert und machte die letzten stimmungsauflockernden Witzchen mit seiner frischgeföhnten Frischverlobten, und ich wollte gerade abschalten, als nach ein paar bei Rachmaninov geklauten Klavierakkorden eine Stimme erklang, die mir schwer bekannt vorkam. Eine Ballade, nach der sich meine Schwägerin, Schaltertante bei der Raiffeisenbank Opladen, garantiert am nächsten Morgen bei Radio Nord erkundigt hatte: »Dat lief doch jestern in dem Film! Janz am Schluss! Un’ im Refräng singk der so unjefähr Änt venn se wummen trietz him reit, se mähn känn ßieh se scheining leit* …« Und darüber lief der Abspann, und nach dem zweiten Refrain blendeten sie aus – und wenn die paar Töne E-Gitarre, die man irgendwo zirpen und im Hall absaufen hörte, von unserm Veedelnoh gespielt waren, würde ich Heiligabend in einem Bett im Kornfeld verbringen.

Mit derselben Ballade, die inzwischen im Musikmarkt auf Platz vierundvierzig rangierte, Pfeil nach unten, und einer fröhlicheren Nummer zum Mitklatschen (Show me where the sun is and I show you where the fun is* …) sah ich ihn dann drei Wochen später in der Tele-Rundschau – sie hatten ihn zum Friseur und in Karstadts Young Fashion-Abteilung geschickt, ihm seine Gitarre weggenommen, seine eigenen Songs in die Tiefkühltruhe geschmissen und ihm zwei Stunden bei Rex Gildos Schauspiellehrer spendiert, inklusive Sonnenbank, und als er das Brötchen in der Frisur der Moderatorin küsste, die ihm gaans, gaans doll der Daumen drückte, ging ich runter in einen dieser Schwabinger Wir-haben-Chrom,-Spiegel,-Leder-und-einen-Filmregisseur-als-Stammgast,-da-kannst-du-für-nen-Heiermann-nicht-auch-noch-Schaum-aufm-Bier-verlangen!-Schuppen und bestellte mir acht Korn, zwei Rum, einen Calvados, einen Cointreau, zwei Apfelsaft und ein leeres Weizenglas. Selbst ist der Mann. Apfelkorn war ja mittlerweile auch von gestern. Feelin’ good was easy, Lord …

***

… An’ feelin’ good is good enough for me*, hatte sich unser Veedelvüür gedacht, war in Hamburg gelandet, bei Smegma Pudding, einer Punkband, die allerdings in der Hauptsache mit Molotowcocktails und Eisensägen an Hochspannungsmasten rumspielte; mittlerweile saß er in Celle im Knast und studierte Akupunktur, Schreinerei und Bootstechnik, weil er plante, sich ein Hausboot zu bauen und an der Alster eine alternative Gemeinschaftspraxis aufzumachen, die keine Krankenscheine akzeptieren würde. Eiermann, unser Fels-in-der-Brandung-Bassist, hatte einen festen Job am Stadttheater Bad Godesberg, wo er den zweiten Verfolgerspot bei Warten auf Godot bediente. Und wo unser Organist Emerson gelandet war, wusste keiner so recht.

Und ich, Kanaldeckel’s Büb, der mehr Schlagzeugknüppel geschafft hat als Gilbert Bécaud Gitanes? Nachdem mich Dubravka zum zweiten und wahrscheinlich letzten Mal verlassen hatte, weil sie es nicht ertragen konnte, dass Rock’n’Roll-Touren ohne Besäufnisse und Weibergeschichten für mich so spannend waren wie Fußballspielen mit ’nem Nylonball, war ich irgendwie – ja ja, Weibergeschichten und Besäufnisse! – in München gelandet, hatte Filmmusiken gemacht und Bier gezapft und Fleischpflanzerln gebraten und auf Flohmärkten rumgestanden und Resi’s Go-Go-Girls über die bayrischen Dörfer gekarrt und – aber das ist ’ne andere Geschichte …

4


E – A – D …

Und dann war ich eben wieder in Köln. Da es den Schrebergarten nicht mehr gab, guckte ich mich ein bisschen um und kriegte einen Job im Come Up, wo ich dreimal die Woche, außer an diesem blöden Nichtrauchermontag natürlich, nachmittags putzte und abends von zehn bis eins Platten auflegte. Die Hälfte der Platten war so langweilig wie die Leute, die dort verkehrten (Supertramp! Barclay James Hänänä!!), aber solange Akim, der Geschäftsführer, nicht da war, konnte ich die mit der anderen Hälfte quälen; das Bier war okay, und wenn ich meine sieben Personalbons versoffen hatte und mir bei Benjamin, dem Zahnmedizin studierenden Barkeeper, Nachschub holen ging, zahlte ich meistens mit ’nem schmutzigen Zehner und kriegte von ihm Wechselgeld auf ’nen sauberen Zwanziger raus – schließlich war der Laden doch ’ne Geldwaschanlage. Dafür nahm ich ihm dann während meiner Putzschichten Mix-Kassetten auf, die er wiederum kopierte und in seiner Heimatstadt Münster teuer als das Neueste und Größte aus Der Großen Stadt vertickte. Damals gab’s noch so was wie Solidarität – zumindest unter Schwarzarbeitern.

In Veedelnohs Rumpelkammer von Zweitzimmer, die er »Dat Schtudio« nannte, hatte ich mich ein bisschen häuslich eingerichtet, was heißt, dass ich eine der an den Wänden lehnenden schalldämmenden Matratzen bezog und auf den Boden legte, eine ausgeschlachtete Lautsprecherbox daneben, in die meine komplette Garderobe passte, obendrauf ein kleiner Spot, ein paar Bücher und ein großer Aschenbecher. An Büchernachschub herrschte kein Mangel – mein Freund Stevie arbeitete mittlerweile bei Föhler & Kalckmann, Kölns größtem Buchgroßhandel. Jeden Mittag trafen wir uns in der Kantine der Hauptpost, wo auch die F&K-Mitarbeiter ihr Stammessen kriegten, und nachdem er sein Mittagessen verputzt hatte, stellte ich mich mit seinem Ausweis an, um mein Frühstück abzuholen. Dann tranken wir noch ’ne Flasche Bier und rauchten eine, er ging wieder zurück zu seinem Job, und ich verließ ein paar Minuten später die Kantine mit der gut gefüllten Plastiktüte, mit der er hergekommen war. Chandler, Dostojewski und Loriot, Hammett, Kerouac und Sempé, Langenscheidt, Nietzsche und Gernhardt, Sartre, Anaïs Nin und Max Ernst, Tolkien, Spillane und Janosch, Hemingway, Dali und Luke Rhinehart, Böll, Highsmith und Dylan, Lennon, Beckett und -ky, Krishnamurti, Zane Grey und Henscheid, Wittgenstein, O’Donnell und Vian und wie sie alle heißen, die einem was über das Leben erzählen können (und wie es sein könnte) und über die Menschen (und wie sie sein könnten), und irgendwann hatten wir sogar die wunderschöne gebundene Sammlung Märchen aus aller Welt beisammen, alle vierundfünfzig Bände.

Als kleine Gegenleistung kümmerte ich mich jeden Nachmittag ein, zwei Stunden um die Erziehung des jungen Rottweilers seiner neuen Freundin. Unter anderem brachte ich dem bei, sich in jeder Kneipe sofort unter den Flipper zu legen und von dort aus ein Auge auf alles zu haben, bis wir wieder gingen. Leider wollte er das eines Tages, bei einem Sonntagsausflug ohne mich, auch in einer Kneipe im Bergischen Land, wofür er aber dem alten Dackel des Wirts seinen Stammplatz streitig machen musste. Er war gerade dabei, den Dackel in Stücke zu reißen, als ihm der Wirt mit einem Barhocker den Schädel einschlug. Stevies Freundin also ohne Hund, Stevie mal wieder ohne Freundin, ich zwei Stunden mehr Zeit, Gitarre spielen zu lernen.

Und langsam Zeit, ’ne eigene Gitarre zu haben. »Wä die Kääne nit probiert, weiß nit, wie die Prumme schmecke, Jung«*, hatte Opa Klütsch, der kölsche Konfuzius, mir schon frühzeitig mit auf den Weg gegeben. Also besorgten wir mir bei Fischer’s Jupp am Eigelstein* eine robuste Westernklampfe.

»Dat beste, wat du em Moment kriejen kanns’, Büb – auf dem Ding hat schon der Elvis jespielt. Der King!«

»Der King, Jupp?«

»Ja, der Ki-, eh, der Kuhn! Der Paul Kuhn!«

»Der spielt Klavier, Jupp …!«

»Jeck! Der kann alles! Dat is ene feine Kääl! Wat isch mit dem schon jesoffen hab’! Fünnefunachzisch?«

»Tu mir ’ne Tasche dazu, un’ isch geb’ dir fuffzisch.«

»Tasche?! Bis’ du beklopp’, Büb? Dat Schmuckstück muss doch jeder sehn können, wenn du damit zum Sartory jehs’! Fünnefunsecksisch?«

»Ich spiele nich’ im Sartory, Jupp – ich spiele an der Côte d’Azur!«*

»Ja, leckens am Dill! Do bruchste natürlisch en Täsch’, Büb – sönz hät dä Franzmann dir die Schrumm doch t’reck jeklemmp’! Hier hab’ isch jenau dat rischtije für disch – siebzisch?«*

»Fuffzisch.«

»Komm – weil du et bis’, Büb: jib mir secksisch, isch hab’ noch ene Termin.«

»Fuffzisch un’ ’ne Flasche Asbach.« Lippenlecken.

»Na ja, wat willste beim Franzmann met däm Schabau? Is jebongk!«* Also kurz rüber zum Stüssgen-Markt, eine Pulle Asbach gefringst*, und schon war ich stolzer Besitzer einer dunkelroten Framus in einer babyschissgelben Skai-Hülle mit einem Wienerwald-, einem Sendung-mit-der-Maus- und einem Bad-Dabringhausen-Aufkleber, und Veedelnoh führte mich in die hohe Kunst der Rhythmusgitarre ein: E-Dur, G-Dur, A-Dur, a-moll – zack! hatte ich For Your Love drauf, und dann Dust My Broom und Got My Mojo Working und, natürlich, House Of The Rising Sun und If I Were A Carpenter und One Scotch, One Bourbon, One Beer und und und …

***

… und gelegentlich verbrachte ich ein Wochenende in Veras Gästezimmer, was zwar nicht immer so ganz meiner Vorstellung von Eheleben entsprach – aber unser Eheleben hatte noch nie irgendwelchen Vorstellungen entsprochen, was schon damit anfing, dass wir damals bloß geheiratet hatten, damit sie in ihre wunderschöne, riesige Altbauwohnung in der Engelbertstraße ziehen konnte. Die Trauung fand während ihrer Mittagspause statt, Trauzeugen waren zwei Kollegen aus ihrem Verlag, und nach zwei feierlichen Bieren in der Bar vom Hotel Herzogenruh sollte planmäßig auch schon alles gelaufen sein, aber dann quatschten wir uns wohl ein bisschen fest, und ihre Mittagspause zog sich bis weit über irgendwelche unbezahlten Überstunden hinaus; und weil wir dann auch noch meinten, eine Hochzeit ohne Vollzug gewisser ehelicher Pflichten sei nur halber Kram, machte sie den Tag danach auch noch zum Flittertag, den wir im übrigen in all den Jahren seitdem auf ähnliche Art feierten, egal wer gerade ihre Lebensgefährtin war. Oder meine.

»Ich steh’ zwar gelegentlich auch auf männliche Körper, wie du ja wohl schon länger gemerkt hast, mein Göttergatte – aber für’n Kopp un’ für’s Herz hab’ ich dann doch lieber was Menschliches um mich rum, das Sagen von Sprechen, Tun von Machen und Spüren von Fühlen unterscheiden kann.« Dass sie trotzdem schon so lange so eng mit mir befreundet war, nahm ich als Kompliment – und als Balsam für den gekränkten, eitlen männlichen Schweinehund in mir; ansonsten nahm ich auch das, wie so vieles in meinem Leben, wie’s halt kam. Und die meiste Zeit mit großem Vergnügen.

Nicht zuletzt, weil Antula, ihre üppige griechische Freundin seit ein paar Monaten, ähnlich undogmatisch drauf war und Vera deswegen keinen Stress machte. Und außerdem gab’s da schließlich noch Anna, Veras mittlerweile achtjährige Tochter, die mich, wenn schon nicht als Ersatzvater, dann doch wenigstens als Spielkameraden, Frotzelgegner und Kölner Stadtführer ins Herz geschlossen hatte. Und ich war immerhin ihr Schlagzeuglehrer.

Und dann gab’s natürlich noch Kathrinchen, die mich in ihre luxuriöse Bude am Decksteiner Weiher entführte, wenn ihr mal danach war, sprich: wenn ihr sonstiger Umgang ihr auf die Nerven ging.

»Is’ doch wunderbar, Büb – jeder von uns hat sein eigenes Leben, und zusammen ha’m wir unseren Spaß; wenn du nich’ meinst, dich wieder in mich verlieben zu müssen, werden wir noch uralt zusammen. Ein richtig schnuckeliges Bratkartoffelpärchen.«

Also lebten wir jeder unser eigenes Leben, hatten ab und zu unseren Spaß zusammen, und ich meinte nicht, mich in sie verlieben zu müssen. Und wer weiß schon, wie alt er wird? Oder was überhaupt der nächste Tag, das nächste Jahr, die nächste Minute bringt? Erst recht, wenn Heroin im Spiel ist. Es tat mir weh zu sehen, dass sie ihr Quantum nicht mehr ein-, zweimal die Woche, sondern fast täglich brauchte. Und ihr Umgang, ein paar gelackte Loddels aus Wien und Salzburg, die sich im Friesenviertel durch ausgesuchte Gemeinheiten schnell einen fiesen Ruf erworben hatten, gefiel mir auch überhaupt nicht.

»Alles im Griff, Büb. Halt dich da raus, und wir werden nie ein Problem haben, mein Schatz.«

Also hatten wir nie ein Problem.

***

Na ja, ein Problem gab’s dann doch: Ich war Kanaldeckel’s Büb. Ich griff mit links einen Akkord, langte mit rechts zwei-, dreimal in die sechs Saiten – da waren’s nur noch fünf oder sogar nur vier. Die hohen, dünnen wollten einfach nicht halten. Mit der Zeit schaffte ich es, mich so weit zurückzuhalten, dass die H-Saite überlebte, aber die hohen E-Saiten machten immer nur zinnngg! zschäck!, und weg waren sie. Nach der fünfundzwanzigsten Ersatzsaite kapitulierte mein Lehrer.

»Komm, Büb, ehe du eines Tages einem von uns ein Auge ausschießt – wir lassen das E weg. Klingt außerdem geiler, so wie du spielst.«

»Was heißt das: So wie ich spiele?«

»Na ja, du spielst, als wär’ dat Ding Schlagzeug, Bass und Rhythmusgitarre in einem. Aber mach ruhig weiter so – wir spielen die Franzmänner an die Erde! Machen die Côte klar! Wie wär et mit Rock Steady Woman?« Und ab ging die Post …

5


Isaak I

»Es geht doch nichts über ein Glas Champagner und eine gute Monte Cristo, wenn man etwas zu feiern hat«, schnurrte Isaak Eimermacher und blickte hinter dem schwarzen Dienstmädchen her, das ihm den Eiskübel gebracht und ein Glas Krug-Sekt eingeschenkt hatte. Fettsteiß schön und gut, dachte er, aber die wird auch immer fetter. Vielleicht bezahle ich die zu großzügig?

Aber das war jetzt nicht so wichtig. Genüsslich und in aller Ruhe beschäftigte er sich mit der Zeremonie, die das korrekte Anzünden seiner langen, hellbraunen Zigarre erforderte. Auf der Prinsengracht glitt ein Aussichtsboot voller knipsender Touristen durch die stinkende Brühe. Nicht dass sie ihn fotografieren könnten, hier hinter den gold-getönten Scheiben des Wintergartens im dritten Stock seines denkmalgeschützten Hauses, erbaut 1722. Kurz überschlug er ihre Zahl und registrierte, was drei Prozent ihres Ticketpreises in seine Taschen bringen würden. Dann lachte er – ein kurzes, quietschendes Wiehern, wie ein verwirrter, übermütiger Esel. Das war doch nun wirklich kleine Maus, das Kleingeld für seine Zigarren vielleicht, oder zumindest die Bestechungsgelder, die nötig waren, diese handgedrehten Kostbarkeiten aus Havanna in seinen Humidor zu schaffen.

»Aber die Steinchen«, murmelte er liebevoll die Glut seiner Especiales No.1 an, »die heiligen Ringe, sechzehn für jeden Finger, ach was, jeder von euch Schätzchen könnte ich einen davon an Stelle eurer papiernen Bauchbinden anziehen …! Sie kommen nach Hause, wohin sie gehören! Womit wir endlich – endlich! – die weltweit größte Sammlung antiker Ringe beisammen hätten! Das muss doch gefeiert werden!« Wieder das Wiehern. Dann lehnte er sich in dem mit orientalischen Kissen gepolsterten Korbstuhl zurück, trank sein Glas leer und warf es hinter sich, wo es an dem goldfarbenen Panzerglas zerschellte. »Prosit! Auch wenn die Sammlung Eimermacher dann – spätestens dann«, grinste er, »eine geheime bleiben muss – dreimal Prosit!« Er nahm sich ein neues Glas vom Tablett.

Eine Million Deutsche Mark – für einen Fußballer! Und nicht mal irgendein Fußballer, sondern sein tumber Schwiegersohn, den ihm seine dumme, missratene Tochter in den Pelz gesetzt hatte wie eine Laus. Aber vielleicht war sie doch gar nicht so blöde? Vielleicht hatte sie doch ein bisschen was von der Familienschläue geerbt, die er mitsamt seinem Imperium so gerne dem Sohn vermacht hätte, der ihm verwehrt geblieben war? Immerhin zeichnete sich ab, dass die Laus dabei war, eine goldene Laus zu werden. Eine Million! Und dieser alte Trottel von Bauunternehmer, dieser Emporkömmling aus Köln-Worringen, war bereit, das für diesen krummbeinigen Holzkopf hinzublättern! Was für ein Holzkopf das war, sah man ja schon daran, dass er sich wand und was faselte von »bei dem Verein sehe ich keine Zukunft für mich«! Gottverdomme! Er würde dem Blödmann Beine machen – wieder wieherte Eimermacher sein Kichern, als er an die krummen, dicken Beine seines Schwiegersohnes dachte, dann wurde er wieder ernst – immerhin waren diese Stampfer mit vier Millionen Pfund versichert. Er würde das geschickt einfädeln müssen. Erst seine Tochter überzeugen, aber das würde nicht so schwer sein – kriegte sie eben noch einen von diesen blöden schwarzen Gäulen aus dem Stall einer seiner Partner in den arabischen Ländern. Eine Investition, die sich lohnen würde. Denn dass sie, wenn sie überzeugt war, keine Mühe hätte, ihren O-Beiner zu überzeugen, das war so sicher wie sein nächstes Glas Champagner. Vier Jahre verheiratet, und der sabberte immer noch, wenn er in die Nähe seiner Frau kam, und überschlug sich bis zur Lächerlichkeit, ihr alles recht zu machen. Wieder kam ihm der Gedanke, dass Edna doch mehr auf dem Kasten hatte, als er ihr zugetraut hatte – zuzutrauen bereit gewesen war, wo sie doch bloß eine Tochter war. Er seufzte – die Zeiten änderten sich – jetzt hing schon das Geschick seines Erbes von einem Mädchen ab …!

6


Ron

… und irgendwann – Mädchen hin, Rock Steady her – war das Frühjahr rum. Und dann, Anfang Mai, wir hatten gerade angefangen, richtig zu planen, uns von Stevie mit Karten, Reiseführern und dem schönen Buch 1.000 Dinge sagen in sieben Sprachen, die du nicht kennst ausstatten lassen, von Fischers Jupp zwei Luftmatratzen, ein Federballspiel, ein Reiseschach und zwei kleine Armeesets mit Campinggeschirr und -besteck organisiert bekommen, da passierte uns dieser Frühschoppen.

Wir sitzen fröhlich bei Tante Thekla und machen zwischen Kölsch und Gespritztem Listen mit Sachen, die wir noch versilbern (»Die Märchensammlung!« »Nix da, die nehm’ ich mit – die werd’ ich diesen Sommer alle lesen!«), Stücken, die wir noch einüben (»Everybody Needs Somebody?« »Everybody Loves Somebody Sometimes?« »Ha ha – Thekla, noch zwei Jedecke!«), Leuten, die wir noch anpumpen (»Den Klautze, den kenn’ ich jut!« »Besser nit – nachher fällt dem ein, datt ich noch die alte Gibson von ihm hab’!«), und Dingen, die wir noch brauchen könnten (»Dat wichtigste überhaupt: ’n Auto!« – »Ja, Scheiße! En Auto – wo sommer dat bloß herkriejen?«), da kommt Ronnie rein und bestellt drei doppelte Kabänes und ’n paar Bier. Die kommen prompt, und als wir ihm gerade mit den Kurzen zuprosten wollen, schiebt er uns jedem ein Bier rüber und säuft den Schnaps selber hintereinander weg. Und spätestens da wird klar, dass das heute nicht seine ersten sind.

»’s passiert, Ron?«

»Scheiße.«

»Warste auf der Rennbahn?«

»Rennbahn! Scheiße! Thekla!«

»’n Überfall?« Ronnie ist Taxifahrer. Nachts.

»Überfall? Mich? Scheiße!« Ronnie ist auch Trainer der Mülheim Maniacs – American Football ist schwer im Kommen in Köln.

»Krach mit deiner Ollen?«

»Thekla!!«

»Biste pleite? Sach do’ma’ wat!«

»Pleite? Ich? SCHEISSE!« Aber irgendwann kann er’s ja doch nicht mehr für sich behalten, und es stellt sich raus, dass er vor drei Tagen kurz nach Mitternacht drei Typen aus dem Madame George abgeholt hat, die unbedingt noch irgendwo richtig einen draufmachen wollten.

»Ich fahr’ die zum Copa – gefällt ihnen nich’. Ich fahr’ die zum Olympia – ich soll warten, sie wollen sich dat angucken. Die Uhr läuft ’ne Viertelstunde – ich geh’ rein, die spendieren mir ’nen Kaffee un’ wollen woanders hin. Ich fahr’ die nach Vögelsang, wir gehn zusammen rein, die Uhr läuft, die saufen Johnny-Cola, ich krieg’ Kaffee un’ Rémy – gefällt ihnen nich’. Ich fahr’ die zum Maharadscha – ich soll wieder mit rein. Ich erinnere die, datt die Uhr mittlerweile auf hundertzwanzig Märker steht. Steckt der eine mir zwei Blaue in’n Kragen un’ sagt: Na un’? Lass se doch weiterlaufen!« Zeit, ’ne neue Runde zu bestellen, was diesmal ’noh und ich übernehmen. Wir wissen den Wert einer guten Anekdote wohl zu schätzen.

»Also rein in’s Maharadscha, die Johnny-Cola, ich Kaffee un’ Rémy, der eine von denen geht mit Esther in’n Whirlpool, un’ die andern beiden nölen so rum. Stellt sich raus, die sin’ hohe Tiere bei irgend’nem Ölkonzern, die halbe Zeit zwischen Hamburg un’ Venezuela unterwegs, der andere ’n Kollege aus Caracas. Eigentlich hatten se nur ’n kurzen Termin bei der Erdöl in Wesseling, aber der Ami will ehm noch wat erleben, un’ sie auch. Aber dauernd knaatschen se rum, wat Köln für’n Kaff is’ un’ so. Jaa: Hamburg! Dat wär ma’ ne Stadt! Un’ als der dritte von seiner Nummer zurückkommt, heißt et auf einmal: Wat sommer uns hier lange rumquälen – wir zischen jetz’ ab nach Hamburg!«

»Un’ du fährst se hin!«

»Un’ ich fahr se hin! Scheiße! Thekla!! Klar fahr’ ich die hin! Schon halb besoffen fahr’ ich die nach Scheiß-Hamburg!! Un’ sauf’ un’ koks’ un’ zock’ un’ fick’ mit denen zwei Tage un’ Nächte die Reeperbahn rauf un’ das Vier Jahreszeiten runter. Schampus un’ Rémy un’ Hummer un’ Austern un’ Steaks un’ Captagon un’ Weiber in allen Farben un’ Pokerrunden un’ Würfelrunden un’ Runden übern Dom –«

»Über’n Dom?«

»Ja, den Hamburjer Dom – so nennen die ihre Deutzer Kirmes. Die steht da dat janze Jahr.« Ronnie schmeißt sich zwei Cappies in’s Bier und spült sie runter. Er hat die ganze Tasche voll davon. Wir lehnen dankend ab. »Un’ ein’n Schotter haben die – die hätten die janze Friesenstraße aufkaufen können! Un’ bei jeder Gelegenheit kriegt der tolle Kölner Taxifahrer ’nen Blauen in den Arsch gesteckt! Ich könnt’ mir jlatt ’n eijenes Taxi kaufen von der Scheiß-Erdöl-Asche!«

»Is’ doch super, Ron! Wat schreiste denn dauernd Scheiße?«

»Weil ich irgendwann von der Reeperbahn die Schnauze voll hab’! Der Dödel hängt mir in Fransen zwischen den Knien, un’ mein Kopp is’ kurz vorm Explodieren! Ich sach bye-bye un’ adios un’ tschö mit ö un’ krieg’ noch ’n Bündel Scheine ins Hemd gesteckt un’ brauche knapp drei Stunden von Sankt Pauli bis zur Zentrale. Ich liefer’ die Karre ab un’ steig’ in meine eigene un’ will nur noch nach Hause un’ eine Woche abratzen, abratzen, abratzen …«

»Ja, un’ dann?«

»Un’ dann hält mich hundert Meter vor meiner Haustür die Schmier’ an! Die Schmier’!!* Ich bin quasi schon im Bett!! THEKLA!!!«

»Ah ja – un’ du wills’ natürlich nich’ blasen un’ machs’ Theater un’ die nehmen dich mit un’ der Dokter kommt: Blutprobe. Wieviel?« Er klopft das Ergebnis mit seinem Schädel dreimal kurz auf die Tischplatte.

»Drei-« tock, »komma-« tock, »neun.« Tock. Nicht schlecht. Wir applaudieren und bestellen noch ’n paar Kurze. »Dreikommaneun! Umjerechnet: Zwei Jahre den Lappen weg un’ fünf Jahre keinen Taxischein! Scheißescheißescheiße! Wollt ihr ’nen Taunus kaufen?«

’noh und ich gucken uns an. Suchen wir nich’n Auto?

»Ja, glotzt nich’ so blöd! Wat soll ich mit der Karre? Hat sowieso nur noch ’n halbes Jahr TÜV. Fährt aber astrein! Is’n Kombi!« Ein Kombi! Ein Ford Taunus Kombi! Mit genug TÜV, um an die Côte d’Azur und wieder zurück zu kommen!

»He, Ron, wir ha’m keine Gönner bei Erdöls! Wat soll die Karre denn kosten?«

»Ach, Scheiße,« er wühlt in seinen Taschen und schmeißt Fahrzeugpapiere und ’nen Autoschlüssel auf den Tisch, »tu mir ’nen Heiermann!«*

»’n Heiermann?! Haste se noch alle?«

»Gib den Heiermann un’ nimm den Hobel oder leck mich am Arsch, Büb! Eh’ ich übermorgen wieder nüchtern werd’ un’ mir dat anders überleje!«

Na ja – wir zahlten den Heiermann und seinen Deckel und nahmen den Hobel. Daraufhin musste er zur Feier des Abschlusses noch einen ausgeben. Wurde dann noch ein schöner Nachmittag.

Und ein schöner Mai. Mit all dem Listen-Abhaken, Veedelnohs Bude Zwischenvermieten, all den Abschiedsrunden und Abschiedsküssen. Und dann war’s auf einmal Zeit, den Kombi aufzutanken, Schlafsäcke und Gitarren hinten rein, ein paar Kassetten und ’ne Frankreichkarte ins Handschuhfach, und an einem strahlend wolkenlosen Junimorgen dröhnten wir noch dreimal um den Bonner Verteiler, machten eine letzte Flasche Kölsch auf und legten, platt, aber effektiv, Canned Heat ein. On the road again* …

7


Anton II

»Vielleicht ein wenig platt, aber sehr effektiv. Er macht es, Anton. Ich wusste doch, dass ich mich auf meine Prinzessin verlassen kann. Mein Araberhengst und deine Idee mit dem Grundstück im Bergischen haben natürlich auch geholfen.« Eimermachers Stimme klang, als seien alle Probleme schon gelöst. Merck wischte sich eine Schweißperle vom Nasenflügel. »Jetzt bist du dran, Anton.« Ja, jetzt war er dran, daran gab es nichts zu rütteln.

»Ja, isch muss dat noch orjanisieren, Isaak, so schnell schießen die Preußen nit.« Eimermacher wieherte sein Lachen.

»Du kommst aus Worringen, Anton, du bist so preußisch wie unser Rabbi. Und dass geschossen wird, ist doch wohl in unserem Fall auch nicht nötig – hoffe ich.«

»Nänä«, beschwichtigte Merck, »is’ doch nur so ’ne Redensart. Isch will damit nur sagen, dat jeht alles nit so Hals über Kopf, dat muss vernünftisch vorbereitet sein.«

»Sollst du, Anton, sollst du. Ich kann ja auf mein Päckchen noch ein Weilchen warten, aber wenn ich das richtig verstehe, musst du doch deinen Einkauf in diesem Sommer noch unter Dach und Fach gebracht haben?«

»Isch bin am Ball, Isaak, isch bin am Ball.«

»Schön. Brauchst du Geld? Vorher schon?«

»Ach wat, Jeld! Nein, et jeht nur noch drum, dat jeschickt einzufädeln. So jeschickt, datt kein Schwanz uns jemals damit in – eh – Verbindung – eh …« Wieder das Wiehern.

»Aber du bist doch der Einfädler vor dem Herrn! Bist du das nicht? Du wirst das schon schön mooj maaken, Anton!«

Sie führten noch ein wenig plätschernde Konversation – die Geschäftstüchtigkeit des Spaniers, die Lage im Nahen Osten, der Ölpreis, eine neu entdeckte Zigarrenmarke – dann verabschiedeten sie sich voneinander, Eimermacher herzlich, fast gönnerhaft, Merck nervös. Er wanderte eine Viertelstunde um seinen Schreibtisch herum und schaute mehrmals auf seine Armbanduhr, ein sehr teuer aussehendes stahlgraues Monstrum so groß wie eine Untertasse; das einzige, was sie nicht anzeigte, waren die Lottozahlen. Dann griff er wieder zum Telefon.

»Isch bin et«, bellte er, als sich jemand meldete, »hol misch um halb sieben im Büro ab – wir jehn ’ne Runde um den See. Isch muss wat mit dir bespreschen. Wat …? Jaja, dann sagste dat eben ab. Ja, halb sieben!«

8


Kinder der Liebe

Leider hatten wir uns das falsche Repertoire ausgesucht – zumindest für diesen Auftrittsort, St.Tropez, abends um halb sieben.

Der Franzmann hat’s ja wohl anscheinend nicht so mit dem Blues. Wir stellen uns zum Beispiel vor die gut gefüllte Terrasse des Le Clemenceau. Kurzes Gitarrenvorspiel, ’noh bellt einmal I Got Ramblin’ – hier klirrt eine Espressotasse, dort ein Champagnerkelch. Unter den Tischen kläffen ein paar Pudel hervor, ein Kind plärrt los, ein Afghane, mit einem hellblauen Seidenschal an einem der Tischchen festgebunden, rennt heiser hustend auf uns los, Tisch hinterdrein, und ein Wienerwald-Hähnchen in rosa Satin stößt spitze Schreie aus, weniger wegen I Got Ramblin’ als wegen der heißen Crêpe in seinem Ausschnitt. Zwei schnöselige Kellner stürmen mit nasalen Röö-röö-röös auf uns ein, und als ich das als Aufforderung nehme, die zweite Stimme zu singen, kommt auch noch Silberschläfe im schwarzen Anzug, dick »Geschäftsführer« auf die schwitzende Stirn geschrieben. Unser Französisch ist nicht so doll, aber ihrem Tonfall und den bedrohlichen Gesten ist unschwer zu entnehmen, dass wir an der falschen Adresse sind. Also eine Bar weiter. Oder zwei.

Oder sechs. Aber nicht mal vor einem Schuppen, der sich Le Gorille Électrique nennt, weiß man unsere Blues-Interpretationen zu würdigen.

»Is’ vielleicht nich’ unser Tag, Büb?«

»Is’ ja auch erst der erste. Vielleicht sollten wir uns erst mal ’n bisschen akklimatisieren.« Also setzten wir uns auf die nächste Terrasse, bestellten ein Bier und drehten uns eine. Eine entzückende kleine Mulattin in einem roten Kleidchen brachte uns zwei entzückende kleine Tulpen, halb voll Schaum, mit denen man in Köln gerade mal ein Stößjen vollgekriegt hätte, und legte uns ein Zettelchen unter den Aschenbecher. ’noh warf einen Blick darauf und starrte die Kellnerin mit offenem Mund an. Sie zeigte ihm ein entzückendes kleines Krausnasenlächeln. Er gab ihr ein paar Francscheine. »Schon die nächsten zwölf mit bezahlt?« Er schüttelte langsam den Kopf und leckte vorsichtig ein Flöckchen von seinem Schaum ab. »Was kost’ denn eins?«, fragte ich und kippte mir meins in den Hals.

»Zwölf-fuffzisch.« Ich verschluckte mich fast an meinem letzten Tropfen.

»Wieviel?!« Er verzog bloß resignierend die Mundwinkel und nickte. »Hammer denn noch jenuch Sprit für die Rückfahrt?« Er war unser Kassenwart. Mit Geld konnte ich noch nie umgehen.

»Nix Rückfahrt. Erstens ha’m wir noch mindestens sechshundert Mark in der Tasche –«

»Die anscheinend schon weg sin’, wenn wir uns hier nur ein einziges Mal halbwegs ordentlich besaufen …«

»Un’ zweitens ändern wir morjen unsere Stratejie. Wär’ doch jelacht, wenn wir hier nich’ wat Schotter machen. Luur dich doch ens öm!«*

Ich luurte mich öm. Überall waren mittlerweile Neonreklamen und Gaslichtkopien angegangen. Vom Wasser her blinkten die bunten Lampen von fast hundert Yachten zu uns herüber. Über die Berge hinter uns schwallte die Nacht wie verschüttete Tinte über die rot-weiß-goldene Torte des Sonnenuntergangs und drückte sie in ein Mittelmeer, das violett glitzerte wie zerknittertes Geschenkpapier. Mit einem kleinen Taschengeld von vielleicht drei, vier Mille würde man glatt den einen oder anderen Abend wieder herkommen wollen. Wie die alten Kreolen schon sangen: Geld ist schon gut, aber zu teuer.

Alle Terrassen um uns herum waren vollbesetzt mit Menschen. Keiner von ihnen schien sich groß Gedanken um Bierpreise zu machen – auf den meisten Tischen standen sowieso Sektkübel und Weinkühler. Zwischen den Cafés und der Hafenmole schob sich ein summender Strom von Designerjeans, Hundertdreißig-Marks-T-Shirts und ’n-Fuffi-der-Nadelstich-Fummeln unablässig hin und her. Entlang der Mole saßen Straßenverkäufer mit Schmuck, Leder, Batiktüchern und Gemälden, auf denen der Hafen von St.Tropez zu sehen war. In Pastellfarben, ohne all das Volk hier. Und alle verkauften ihr Zeugs, als sei’s der letzte Tag vor Weihnachten.

Dazwischen hockte Arlo Guthrie’s Double auf einem Seesack und spielte Querflöte – immer abwechselnd den Sommer aus Vivaldis Vier Jahreszeiten und Bourrée. Er unterbrach sich nur – etwa alle fünfzehn Minuten –, um die Scheine und Münzen aus dem Flötenkoffer auf dem Boden vor ihm in den Seesack zu stopfen. Ein paar Schritte weiter hinten spielte ein kupferfarbenes Mädel in einem schneeweißen Wollschlauch Tante Ediths Milord auf einem schneeweißen Akkordeon. Dazu passend tanzten zwei, natürlich schneeweiße, Pudel auf den Hinterbeinen um sie herum. Die rosa Erektion des einen schien ihren Umsatz nicht zu schmälern – sie würde nach Feierabend ’ne Schubkarre brauchen. Aber wahrscheinlicher war wohl, dass ein sechs Meter langer Cadillac sie abholen würde.

***

Vor unserer Terrasse baute sich gerade ein engelsblondes Hippiepärchen auf; er mit einer muschel- und korallenverzierten Klampfe, sie mit einem großen, fellbespannten Tamburin, an dem lange bunte Bänder flatterten. Gegen ihre Version von Blowin’ in the Wind war die von Joan Baez der reine Punk. Eine Weile fragte ich mich, warum er ’noh und mich mit so finsteren Blicken bedachte, ohne sein Grübchenlächeln für den Rest des Publikums einzustellen, bis mir einfiel, dass die beiden uns im Laufe des Nachmittags schon zwei- oder dreimal über den Weg gelaufen waren. Sie waren nach unseren diversen Rausschmissen vor den gleichen Läden aufgetaucht und genau wie wir verscheucht worden, weil der Ärger über uns sich noch nicht gelegt hatte. Mit anderen Worten, wir waren heute schlecht für ihr Geschäft gewesen.

Aber sie holten schwer auf. Während er You Are The Sunshine Of My Life säuselte, schwebte sie zwischen den Tischreihen hindurch und sammelte mit ihrem Tamburin, die zweite Stimme summend, einen Haufen Asche ein, der uns für die nächsten zehn Bier gereicht hätte. Sie kam auch an unseren Tisch.

»Hi! Isch bin der ’noh. Jibste einen aus?«, strahlte mein Partner sie mit einem Blick auf ihre Kasse an.

»Pardon? I don’t understand you«*, kam es in breitem Südstaatensingsang zurück.

»Na jut – dann jeben wir einen aus.’ellja, viere Biere!«, schrie er in Richtung Krausnase. Sonnenscheinchen wartete, weil er in seiner Hosentasche nach Geld wühlte, und stand dicht vor mir in einer zarten Wolke aus Grasöl und Kaugummi. Ihr Lächeln mit den Partner-Look-Grübchen wirkte ein wenig angestrengt, als stände hinter ihr jemand, der ihr fortwährend Cheese! Cheese! ins Ohr brüllte. Sie hatte eine Mannequinfigur, mit kleinen Brüstchen und spitz vorstehenden Beckenknochen unter einem knöchellangen Hippiekleid aus dünnem, geblümtem Leinenstoff. Als ’noh das Bier bezahlte und das Wechselgeld wieder einsteckte, schien ihr Lächeln das Cheese! nicht mehr zu verstehen.

»Komm, Hellja, trinken wir auf den jeilen, jeilen Sommer!«, charmierte ’noh und wollte ihr ein Glas in die Hand drücken. Sie zuckte pikiert einen Schritt zurück.

»Oh no! We never drink alcohol!«, säuselte sie und zeigte mir noch mal ihre Grübchen. »We are children of nature! And love!«*

»Womit wir gleich beim Thema wären: I like the way you smell«, sagte ich, »all over«*, und bewunderte ihren Venushügel, bis sie rot wurde. Hilfesuchend blickte sie sich zu ihrem Partner um, der jedoch am Nebentisch gerade Mühe hatte, seine Hand aus den Klauen seiner Verehrerin zu lösen, einem krebsroten Glücksschweinchen in einem silbernen Overall, mit Klunkern behängt wie die Madonna von Lourdes. Aber seine Grübchen hielten sich. Ein Profi eben. Dafür steckte sie ihm noch einen Schein extra in den bestickten Ausschnitt seines indischen Hemdchens.

»Ja marvellous, mein Lieber! Please, bitte, spiel Summertime für unsere kleine Entourage, ja?« Und schon förderte sie ein paar weitere Scheinchen aus ihrem Overall, in den wir gut unseren Taunus hätten einwickeln können. Und nach ein paar hingetupften Gitarrenakkorden gab’s Summertime – zweistimmig und reif für die Aufnahmeprüfung der Habbelrather Domspatzen. Glücksschweinchen kriegte feuchte Augen und legte einem ihrer Begleiter, der aussah wie eine panzerlose Schildkröte, ein Pfötchen mit neunzig Karat auf den Oberschenkel. »Oh George, ist das nicht beauuutiful?« George rutschte dem Pfötchen noch ein Stück entgegen, während seine Linke den behaarten Schenkel eines Bürschchens aus Frank’n’Furter’s Rocky-Katalog massierte.

’noh legte den Kopf auf meine Schulter und schluchzte los wie ein asthmatischer Esel. Ein paar empörte Shshshshts! und erleichtertes Gekicher ringsum hielten sich die Waage. Ich tätschelte ihm den Kopf, dass es nur so knallte.

»Nimm et nit eso schwer, Jung – der nächste Winter kommt bestimmt!«, tröstete ich ihn. Glücksschweinchen zischte empört was von Barbarians! und Rocky stand auf und wedelte wichtig mit den Armen, um sich seinen Schampus zu verdienen.

»Fernand! S’il vous plait!«* Schon kam die hiesige Silberlocke angedackelt, zwei sportliche junge garçons im Schlepptau, und komplimentierte uns hinaus.

»Assholes!«*, zischte Blondie, als ich an ihm vorbeikam.

»Anjenehm – Büb!«, erwiderte ich freundlich, »dat is Veedelnoh. We’re children of love, too.«

***

Auf die Art waren dann innerhalb von vier Wochen unsere paar hundert Märker fast alle. Bei sämtlichen Cafés hatten wir mittlerweile ausgeschissen, und unseren Job machten wir meistens spätnachmittags am äußeren Ende der Mole, neben einem vertrockneten Spanier, der am Tag fünf, sechs Möwen in Öl malte – und verkaufte – und sich nicht weiter von uns stören ließ. Er war so alt, dass er wahrscheinlich Kolumbus noch gekannt hatte – und halb taub.

Wir machten vielleicht fünfzehn, zwanzig Mark am Tag, wenn’s hoch kam, hatten viel Spaß, ständig Kohldampf, aber immer eine Pulle Rotwein. Wenn’s ganz eng wurde, setzte ’noh sich mittwochs und samstags, den Markttagen, neben das Kinderkarussell auf der Place des Lices und spielte ein paar Instrumentals wie Bourrée oder einen Flamenco oder den Säbeltanz, während ich meinerseits meine Fähigkeit verfeinerte, in den beiden Supermärkten drumherum nur die Hälfte meiner Einkäufe zu bezahlen. So hielten wir uns halbwegs über Wasser und wurden zwei-, dreimal die Woche sogar satt. Alles in allem dann doch gar kein so schlechter Urlaub.

Dann gerieten wir in Françoise und ihren VW-Bus, was uns nach drei Wochen Askese ein paar Nächte viel Freude bereitete, mir aber bald zu anstrengend wurde. In den Tagen darauf zog ich mich daher öfters in die Bucht hinter dem Friedhof zurück, und während ’noh und Françoise Sprachkenntnisse, Kultur und Körpersäfte austauschten, übte ich Gitarre spielen und fing an, ein paar eigene Textideen aufzuschreiben – irgendwann würde schließlich auch dieser Sommer zu Ende gehen …

9


Rudi

Jeder Sommer geht einmal zu Ende …! Was bildete das Jüngelchen sich eigentlich ein, so von oben herab mit ihm zu reden?! Und das Schlimme daran war auch noch, dass es ihn im Innersten tatsächlich verletzte …

»Und das letzte Nacht?« Der Jüngere lachte und strich sich geziert die Haare aus dem Gesicht, dann tätschelte er dem Älteren spöttisch den Arm. »Ich weiß ja nicht, wie ihr das bei euch am Rhein so handhabt, und eigentlich bist du doch hier der Mann mit der Erfahrung – aber meine Erfahrung ist, dass ich jemanden, mit dem ich geschäftlich zu tun habe – und noch dazu solch ein Geschäft – besser einschätzen kann, wenn ich mit ihm in der Kiste war.« Der Ältere schnaubte.

»Erfahrung! Woher nimmt ein Bürschchen wie du die?«

»Oh, hier in Südfrankreich wächst einfach alles schneller. Das Klima, weißt du?«

Ja, dachte der Ältere, und verwöhnten Gören wie dir wächst ein viel zu großes Maul. Und ich hätte nicht übel Lust, dir eine dicke Lippe zu verpassen, du gerissener kleiner Wichser. Aber er nickte nur mürrisch und nahm eine Gabel voll von seinem Shrimp-Omelett.

»Natürlich funktioniert das manchmal auch umgekehrt.« Über der Gabel ein fragendes Stirnrunzeln. »Na ja – kann auch sein, dass ein guter Geschäftsverlauf einen erst in Stimmung für ein Nümmerchen bringt.« Wieder lachte der Junge. Und dachte Wenn überhaupt, dann war es bei dir das erstere, du unappetitlicher scheißdeutscher Schwanzlutscher. Ich wusste nur sofort, dass ich dich mit ein bisschen Schweinkram weicher kriegen würde. Oder früher weich. Er nahm ein Glas Pastis und prostete seinem Gegenüber charmant zu. »Hauptsache, wir sind uns einig geworden, oder nicht?«

Ja, kleines Arschloch, glaub du nur, dass wir uns einig sind – wir werden sehen, wessen Hose als letzte in den Kniekehlen hängt! Mit einem breiten Grinsen griff der Deutsche zu seinem Bier und tippte den Pastis kurz damit an. »Na dann – auf das nächste Nümmerchen, Junge. Vielleicht morgen auf dem Boot? Danke für die Eintrittskarte.« Sie tranken und blinzelten in die Sonne. »Und du bist sicher, dass du das – eh – Organisieren selbst geregelt kriegst?« Der Jüngere erwiderte das Grinsen und wischte seinem Tischnachbarn einen Streifen Bierschaum von der Oberlippe.

»Du glaubst gar nicht, was ich alles selbst geregelt kriege, Alter.« Aber du wirst es schon noch früh genug merken, boche. Wenn ich das ganze Paketchen … »Noch etwas von diesem köstlichen Salade Niçoise?«

10


Musikunterricht

»Da hammer den Salat!«, stöhnte ’noh, »Bin ich nich’ zu alt für so’n Quatsch, Büb? Sind wir hier am Eigelstein oder wat?« Er hasste Prügeleien. Gitarristenfinger …

»Schön wär’s – da könnten wir jetzt in den Kölsche Boor gehn und erst mal ein anständijes Bier trinken.«

»Un’ wat machen wir jetzt mit den Arschgeigen? Ich hab’ keine Lust, meine Klampfe kaputt zu kloppen.«

»Vielleicht könntest du ihnen deine Knoblauchfahne um die Ohren hauen?«

»Shit – die sehn doch aus, als seien sie mit Knoblauchmilch gestillt worden!« Das stimmte allerdings. Blondie hatte seine Eskorte in der Gosse von St.Trop’ rekrutiert – drei Jungs, denen »Straßenratte« groß auf der niedrigen Stirn stand. War er wohl doch nachtragend. Children of nature and love – wat hammer jelaach.*

Saßen wir also hier auf unserer Mole, passten auf die Ölschinken unseres Spaniers auf, der sich »auf ein Viertelstündchen« zu einem kleinen Dämmerschoppen zurückgezogen hatte, tranken ab und zu ein Schlückchen aus der Tequilaflasche, die ich am Vormittag im Hypermarché gefunden hatte, und sahen uns einem unerwarteten Zwei-gegen-Vier-Match gegenüber. Dabei war ich gerade mal froh, dass meine Hinterkopf-Beule abgeschwollen war und meine Schläfenwunde verheilte, ohne genäht werden zu müssen.

»Ich hab’s euch gesagt: Haut ab aus dem Kaff hier!« grinste Blondie.

»Diese Amis«, sagte ich zu ’noh, »völlig versaut von Hollywood un’ Fernsehen. ’Diese Stadt ist nicht groß genug für uns beide, Fremder’, wie?« wandte ich mich an unseren Hippie-Helden. Die drei Ratten zogen sich zu einem Halbkreis auseinander und kamen näher, waren jetzt vielleicht sechs oder sieben Meter von uns weg. Blieben stehen. Grinsten, mitleidig. Kamen näher. Vier Meter.

»Urlaub… «, seufzte mein Partner, nahm unsere beiden Gitarren, ging ein paar Schritte am Wasser entlang und bat Arlo, der auf seinem Seesack saß und seine Querflöte polierte, ein paar Takte drauf aufzupassen. Womit wir dann auch schon unseren ersten Punkt gemacht hatten – zwei Schritte, und ’noh stand halb hinter ihnen, und sie sahen sich gezwungen, sich zu teilen und eine zweite Front zu bilden.

»Warum macht ihr euch nich’ vom Acker und geht ein bisschen Boule spielen?«, fragte er den ihm Nächsten. Der spuckte ihm erst ein paar französische Vokabeln, dann einen Klumpen Rotz vor die Füße, während der zweite versuchte, um ihn herum zu schleichen. Gleichzeitig kriegte ich mit, wie mein Franzmann sich einen dicken Ledergürtel aus den Jeansschlaufen zog. Eine protzige Messingschnalle in Form eines Indianerkopfes mit vollem Häuptlingsschmuck baumelte nun neben seinem Knie. Noch drei Meter. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie ’noh, der ein bisschen gelenkiger war als ich, eine halbherzige einleitende Gerade abwehrte, in seinen Mann hineinglitt, ihn am Kehlkopf packte und aus dieser Drehung heraus dem anderen in den Magen trat.

»Also doch alles wie am Eigelstein«, konstatierte ich. »Na dann –«, schnippte Blondie mein Plektrum ins Gesicht und peste auf den Indianerhäuptling los. Als er endlich ausholte mit seinem halben Meter Gürtel, war ich schon viel zu nah dran. Ich hieb ihm mit der Rechten einen kurzen Haken auf’s Herz, schlängelte mich unter seinem erhobenen Arm hindurch, knallte ihm mit der Linken drei durchgedrückte Finger in die Achselhöhle, und als er seinen Gürtel fallen ließ, weil ihm der Arm plötzlich lahm geworden war, fing ich das Ding auf und wickelte es ihm von hinten um den Hals. Damit hatte ich ihn zwischen mir und Blondie stehen, der gerade heranstürmte, und brauchte seinem Hinterkopf bloß einen Stups zu geben, damit er Blondie eine dicke Lippe köpfte.

»Das is’ besser als am Eigelstein«, grinste ich den an, »so’n Franzmännchen is’ klein und wiegt nix. Kein Vergleich zu einem Nippeser Schiffsschaukelbremser.«

Ich sollte nicht immer so vorlaut sein. Meine Ratte nutzte die Ablenkung und rammte mir beide Ellbogen in die Rippen, dass mir die Luft wegblieb. Aber ich bin ja nicht nur vorlaut, sondern auch noch ein Trotzköpfchen – während ich in die Knie ging, zog mein Gewicht das Leder um seinen Hals empfindlich enger. Er quiekte wie ein Hund vor einem Kaninchenloch. Ich ließ den Gürtel los, und wo ich schon mal so tief gesunken war, packte ich von hinten seine Schienbeine und stieß ihm meinen Kopf gegen den Hintern. Weil seine erste Reaktion natürlich der Griff an den Gürtel war, knallte er erst mit den Ellbogenknochen, dann mit dem Gesicht auf den Asphalt. Ich versuchte mühselig, Luft in meine Lungen zu kriegen, rote Pünktchen vor meinen Augen.

Dann kriegte ich erst mal eine erfrischende Dusche – ’noh war es gelungen, aus einer seiner beiden eine Wasserratte zu machen; die kletterte gerade prustend, spuckend und fluchend die Mole wieder hoch. Nicht, dass wir es damit hinter uns hätten. ’nohs zweiter Mann warf auf einmal ein gemein aussehendes Messer von einer Hand in die andere, und als ich versuchte aufzustehen, trat mir Blondie gegen den Hals. Im Winter am Eigelstein wär’s das gewesen für mich, aber er trug zum Glück nur diese weichen Riemchensandalen für Großstadtindianer. Ich mag aber auch keine Riemchensandalen. Trotzdem musste ich noch mal kurz zur Seite in den Staub kippen. Langsam wurde ich sauer.

***

»Ihr geht besser wieder dahin, wo ihr hingehört, Scheiß-Krauts«, geiferte Blondie, seine Gitarre wieder unter dem Arm, »wenn ihr nicht auf euren Arsch aufpasst, könntet ihr ziemlich bald als Fischfutter enden!« Aber Rotwein ist ja nun kein Getränk, das einen völlig kleinmütig macht.

»Fischfutter, hä?«, amüsierte ich mich, stand auf und nahm ihm seine Gitarre weg. Er wollte sich auf sie stürzen, aber ich ließ ihn einen halben Schritt an mir vorbei stolpern und trat ihm kurz in die Kniekehlen. Er knickte ein, und ich haute ihm von der Seite die flache Hand vor die Stirn. Schon lag er auf dem Rücken, wo ich ihn haben wollte. Ich stellte ihm einen Fuß unters Kinn und legte ein bisschen Gewicht drauf, damit er aufhörte, sich darunter loszuwinden. »Du häls’ jetz’ besser still, Blendaxmännchen, jetz’ is’ Musikunterricht«, ermahnte ich ihn. Seine drei Figuren wollten sich einmischen, aber plötzlich stand links von ihnen ein kahlköpfiger, braungebrannter kleiner Kerl, vielleicht an die sechzig, in einem hellblauen italienischen Leinenanzug, darunter ein T-Shirt mit einem Siebdruck des Buckingham Palace, an einer kurzen Leine eine Dänische und eine Deutsche Dogge – ein echter Europäer –, und schüttelte den Kopf.

»Ça suffit!«*, knurrte er, aber das Knurren der Doggen war doch noch ein Stückchen beeindruckender. Auf dem rechten Flügel hielt ein ähnlich aussehender Typ in einem rosa Tropenanzug mühsam einen gemütlich grinsenden Mastiff an der kurzen Leine. Eins von diesen Viechern, die die ganze Felge mitfressen, wenn sie mit einem Autoreifen spielen.

»Guck zu, Sonnyboy, damit du was lernst«, sagte ich zu Blondie und begann die Saiten seiner Gitarre abzuschrauben. Er bäumte sich auf und krallte beide Hände in meine nackte Wade. Zum Glück hatte er ordentlich gestutzte Gitarristenfingernägel. Trotzdem lehnte ich mich noch ein bisschen nachdrücklicher auf seinen Kehlkopf, bis es ihm die Zunge aus dem Mäulchen drückte. »Guck!«, sagte ich und ließ die sich wieder zusammenkringelnden Saiten hübsch nacheinander auf sein Gesicht fallen, »Eine – Alte – Dame – Ging – Hering – … ’noh, wie heißt noch mal die verdammte sechste? Ich kann mir dat einfach nich’ merken – Angeln? Fischen? Fangen? Kaufen?«

»Essen!«, rief ’noh vergnügt. Er hatte seine Klampfe schon wieder im Arm und ließ seinen Slide-Ring über die hohe E-Saite singen.

»Essen«, wiederholte ich zufrieden, bückte mich und drückte sie Blondie zwischen die Werbefernsehbeißerchen. »Listen, Goldilocks«*, sprach ich ihn auf Englisch an, damit er mich auch ganz sicher verstand, »wenn du mir noch mal anders als freundlich über die Füße läufst, nehm’ ich die dickste Bass-Saite, die ich kriegen kann, und schieb’ sie dir hinten rein, bis sie dir zur Nase wieder rauskommt. Und dann stimm’ ich dich ordentlich durch und zeig’ dir mal den wahren Rock ’n’ Roll. Got me?«* Er röchelte zweimal. Ich nahm’s für Zustimmung.

Ich bin nicht Pete Townshend, also legte ich ihm sein nacktes Instrument unbeschädigt und sanft auf den Bauch, drehte mich um, setzte mich auf die Kaimauer, nahm meine eigene Klampfe und gab eine etwas eigenwillige Kurzversion von If You’re Lookin’ For Trouble zum Besten – das hatten wir noch nie geprobt. Ein paar der Umstehenden applaudierten trotzdem.

Blondie rappelte sich auf, klemmte seine saitenlose Gitarre unter den Arm, zischte mir noch ein »See you! You bet!«* entgegen und schlich sich ins Le Charmeur. Wo er ja auch hingehörte. Unsere drei Ratten hatten sich schon in drei verschiedenen Richtungen verpisst. Sie mochten wohl keine Hunde..

»Morgen kaufen wir uns aber ein Peace-Amulett und stecken uns ein paar Blumen ins Haar, Büb. Dat is’ doch kein Urlaub!« Ich nickte nur und suchte unsere Flasche. Sie war noch heil geblieben. Der Tag doch nicht völlig hinüber. Wir nahmen jeder einen großzügigen Schluck.

»Ich glaube, wir sollten heut’ Abend mal unsere Karre umparken«, sagte ich zu Veedelnoh.

»So viel Sprit ha’m wir garnich’, um die weit genug wegzufahren,« knurrte er trocken.

»Willste sie anzünden?«

»Damit wir hier nie mehr wegkommen, du Hirn?«

Dann ging er rüber zu dem Doggenmann, um sich charmant und weltmännisch zu bedanken. »Vielen Dank, Monsieur, eh, merci beaucoup«, stotterte er. Der lachte freundlich und reichte uns eine ledrige Hand.

»Gérard Bérat, meine ’erren. Es ist mir eine Vergnügong.« Er ließ ’nohs Hand erst los, als der hustete und nach seinem Tabak fummelte. »Versseihen Sie das unmöglische Benehmen meinör Landsleute – sie sind jung und wild – petits sauvages. Aber wir sind nischt alle comme ça. Écoutez, isch ’abe Sie schon ein paar Tage beobachtet – mir gefällt Ihre musique. Um Ihnen beides zu beweisön, möschte ich Sie gerne bitten, mir die Ehrö zu erweisen, ’eute Abend mein Gast zu sein auf der Bératta«, er deutete hinter sich auf einen babyblau schimmernden Kahn mit zwei Masten, der aussah, als könne er auch gut und bequem sechs Kegelvereine von Köln nach Rüdesheim den Rhein hoch schippern, »und vielleischt auch für ein kleinös Stündschen meine Gäste ssu unter’alten, oui? Natürlisch isch werde Ihnen bessahlen ein angemessön ’onorar.«

’noh und ich guckten uns an. Wenn man so lange zusammen ist wie wir beide, in Probekellern und Tourbussen, Autobahnraststätten und Hotelbars, in engen, aber zugigen Garderoben, auf Stadthallenbühnen und Schützenzeltpodesten, in Doppelbetten und WG-Küchen und an, über den Daumen, zwölf– bis fünfzehnhundert Theken, dann muss man nicht mehr so viel reden (richtig, Manni: Wat sommer spreche?).*

Ich hatte wahrhaftig nicht die geringste Lust, die halbe Nacht damit zu verbringen, irgendwelchen mehr oder weniger alten Jungs auf die Finger zu klopfen, weil sie an meinen knackigen Arsch wollten. Aber allein Bérats geflochtene Slipper waren ganz klar mehr wert als alles, was wir in den letzten sieben Wochen an Kohle verbraten hatten, inklusive Spritgeld, und der Gedanke an was Anständiges zu Fressen und zu Saufen ließ all meine Bedenken in einem bösartigen Magenknurren verklingen. Und dass es Veedelnoh nicht anders ging, war ihm leicht anzusehen.

11


Ein Prosit der Gemütlichkeit

Ich habe keine Ahnung von Schiffen – nach meiner Kenntnis hätte das matt schimmernde babyblaue Metall Platin oder Titan sein können oder von mir aus auch das Zeug, mit dem sie Badewannen beschichten. Hier hatte also jemand die seine von außen beschichten lassen.

Nach dem Weg über die breite Lochgitter-Gangway traten wir jedenfalls auf honigfarbene Mahagoniplanken, die so auf Hochglanz poliert waren, dass man sich unwillkürlich nach den Filzpantoffeln umsah, gegen die man seine Straßentreter tauschen könnte. Die Kabinenaufbauten hätten auch eine schöne Villa über dem Genfer See abgegeben. An den beiden Masten hingen, zusammengerefft bis auf ein dekoratives in der Mitte, nicht mal halb so groß wie die Leinwand des Porzer Autokinos, lachsfarbene Segel aus einem Stoff, der aussah, als könnten wir uns nicht mal ein Hemd daraus leisten.

Obwohl wir ein neues Hemd gut hätten vertragen können. Im Schnellwaschgang hatten wir beide mit Meerwasser und Françoises Shampoo unsere weißen – na ja, fast weißen – Penner’s Radio-T-Shirts mit dem tanzenden Berberpärchen und unsere bleichen Jeans präsentabel gemacht, die Haare gewaschen, die Fingernägel gesäubert, mit Olivenöl unsere Gitarren poliert und unsere Stiefel geputzt, und wenn Manitas de Plata vom Band aus den großzügig verteilten Lautsprechern weiter unser Magenknurren übertönte, konnte man uns glatt für halbwegs zivilisiert und Bérats Gästen zugehörig halten.

Als erstes fielen einem natürlich die für St.Tropez obligaten dünnen blonden Mädels mit den vorwitzigen Brustspitzen, den blendend weißen Zähnen und den goldenen Kettchen um goldbraun gebratene Fußgelenke auf – irgendwo hier an der Küste musste es eine florierende Klitsche geben, wo sie im Akkord vom Fließband purzelten, am Ende vielleicht von lederhäutigen alten Hutzelmännern mit maisgelben Kippen im Mundwinkel und am Hinterkopf festgewachsenen staubigen Baskenmützen hin- und her gedreht und abgetastet, ob sie auch der Norm entsprachen. Was, wenn nicht, fragte ich mich – wurden sie einfach in einen großen Drahtcontainer geschmissen und am nächsten Morgen wieder in die erste Maschine gefüttert? Kamen sie in eine Ausschuss-Sendung und landeten in Algier auf einer Versteigerung? In Düsseldorfer Frisiersalons? In der Parfümerie-Abteilung des Kaufhof? Oder in den neuen Cafés an den Kölner Ringen, wo ein Scheiß-Kaffee mittlerweile zwei Mark und eine halbe Flasche Bier soviel wie zwei Kaffee kostete – was deren Kundschaft überhaupt nichts ausmachte, weil ein Gutteil dieser Mädels ja noch diesen einträglichen Nebenjob hatte?

Dann gab’s da heute noch auffällig viele Jungs in engen Badehosen bis über die Oberschenkel, mit spitzen Hinterteilen und haarlosen Brustkörben, auf denen goldene Kruzifixe, Seesterne oder Anker baumelten, über und über eingeölt bis in die gelockten schwarzen Haarspitzen, alle schlank und höchstens Einssechzig, keiner viel über Zwanzig, alle mit einem schiefen kleinen Waisenjungenlächeln – aus einer italienischen Nachbarfabrik?

***

»’allooo, meinö Freundö!«, kam Bérat strahlend und mit ausgebreiteten Armen auf uns zu, »Fühlt eusch wie zu ’ause! Schön, dass ihr komm’ konntete!« Er umarmte uns beide gleichzeitig, wobei mir nicht entging, dass er Veedelnoh kurz ein Knie zwischen die Schenkel schob. An seinem entfernt nach Russisch Leder duftenden Hinterkopf vorbei guckte ’noh mich an und verdrehte die Augen.

»Bittö, legt doch eure Instrumente ab und bedient eusch erst einmal am Büffet«, führte er uns an sechs bis achtzehn Kabinenfenstern vorbei zu drei Tischen, mit denen ein normaler rheinischer Pfarrsaal schon halb voll gewesen wäre. Mir lief die Spucke im Maul zusammen: Eine Kollektion exotischer Früchte, von denen ich nicht mal die Hälfte beim Namen kannte, Kristallschalen voll schwarzglänzendem Kaviar in silbernen Wannen mit Eiswürfeln, Pyramiden von Wachteln, Shrimps so ausladend wie Kuhhörner, sechzehn Sorten gegrillter Fisch, achtundzwanzig verschiedene Salatkreationen, sämtliche Brotsorten Europas; auf Warmhalteplatten brutzelnde Kalbsmedaillons und Rehrückensteaks, ein Gebirge von Käselaiben, eine Armada von Schinkensorten, ein Arsenal an Dips und Dressings, Cremes und Saucen, Pfeffermühlen in allen Farben der Provençe, und auf dem mittleren Tisch ein Thunfisch so groß wie ein Zwillingskinderwagen, aus den Schnittwunden an seiner Seite dampfend und resigniert mit blinden Augen Manitas’ Sevillanas lauschend.

Bérat schnippte mit den Fingern, und ein Bürschchen in Weiß drückte uns Champagnerkelche in die Finger. Mit einem entzückenden Klingeling stießen wir an. »Maintenant bedient eusch erst einmal und lasst es eusch gutgehn! Nach’ er isch möschtö eusch sseigen mein bateau und ein paar Gästen vorstellen – c’est bon?«

Klar fanden wir das c’est bon und bestätigten es ihm. ’noh nahm sich einen Teller und das Buffet in Angriff.

»Franzmänner«, knurrte er, »keine Reibekuchen, keine Currywurst, kein Kartoffelsalat.«

»Un’ kein Bier«, ergänzte ich und packte ein paar Shrimps auf einen zweiten Teller. »An un’ für sich is et Blues.«

»Jenau. Gib mir auch mal so’n Tier. Hier – tausche gegen eine Scheibe Was-weiß-ich.« Das aufmerksame weiße Männchen griff in eine Kühltruhe hinter sich und präsentierte uns zwei Flaschen Tuborg, von denen dampfend das Eiswasser tropfte. »Au!« machte ’noh. »Sehr schön, aber lass mal – darauf kommen wir sicher später zurück.«

»Wenn’s gemütlich wird«, erklärte ich ihm, als es anfangen wollte zu weinen. Es lächelte verbindlich. Wie Sie wünschen – der Gast ist König. Aber hinten in seinen braunen Augen schimmerte aufkeimender Argwohn – was mochten diese beiden Typen wohl unter gemütlich verstehen?

***

Na, für den Anfang mal ein paar hundert Meter vor der Hafeneinfahrt von St.Tropez vollgefressen auf einer Luxusyacht neben einem Swimmingpool sitzen, groß genug für ein Wasserballspiel der Oberliga, auf Liegestühlen, die sich anfühlen wie Nasti Kinskis Nachthemden, zur Verdauung einen Cognac schlürfen, der mehr Sterne hat als General Steinhoff, genüsslich eine rauchen und sich Fischbrötchen begucken. Ach, woher ich das mit Nastis Nachthemden weiß? Keine Ahnung – aber so sollten sie sich anfühlen, fand ich.

Und Mokka gab es natürlich, aus goldenen Tässchen, wohl eine Spende von Disney nach dem Dreh von Schneewittchen, andauernd kam eine Tüte mit höchstwertig duftendem Kongo-Gras auf ihrer Runde vorbei, und einmal hielt mir einer ein goldenes Tablett unter die Nase, beladen mit einem Sortiment von bunten Pillchen und weißen Pülverchen – Nastis Papi hätte hier seine helle Freude gehabt.

»Wenn dat Blues is’, Büb, kann mir der Scheiß-Rock’n’Roll gestohlen bleiben«, meinte ’noh nach einem ausgiebigen melodiösen Rülpser. Sofort kam ein weißer Handschuh und füllte ihm seinen Schwenker wieder auf.

»Wenn du nie wieder Rock’n’Roll spielst, werd’ ich Harfenist im Gürzenich*, du Spinner. Du weißt so gut wie ich, dass so ein Leben uns nach ’nem Monat – spätestens – tierisch auf die Nüsse gehen würde. Wir würden uns aus lauter Langeweile ’nen Kasten lauwarmes Küppers* bestellen, einen ’67er Opel Blitz mieten und uns den Berg da drüben rauf und runter fahren lassen.«

»Na wenn schon, dann richtig: runter fahren und rauf schieben. Und ich würd’ mir noch extra einen Bullen mieten, der uns auf halber Strecke anhält und – nein, einen Zöllner. Mit Haschkötern.«

»Klar, und Emerson müsste auch dabei sein und wieder vor lauter Panik einen Drei-Gramm-Klumpen Shit runterschlucken und vier Tage glauben, er sei Sandie Shaw, und barfuß rumlaufen und Message Understood singen –«

»– und nachts nach sechs Flaschen Bier da drauf auf allen Vieren durchs Hoteltreppenhaus kriechen und das Zimmer von der Kellnerin suchen –«

»– die seit zwei Stunden auf seinem Zimmer liegt und ihn verflucht, weil er nicht auftaucht …«

»Stimmt«, kicherte er, »war schon besser als die Nacht, wo wir zwei Idioten mal wieder die Schnauze voll hatten von unserer Gastgeber-WG und morgens um fünf im Bus gelandet sind –«

»– in einer sternenklaren Nacht, mit einem herrlichen Blick über den wunderschönen Talkessel vom selig schlafenden Bern –«

»– bei elf Grad minus –«

»– und wir zwei Arschgeigen drängen uns in einem Schlafsack aneinander –«

»– und versuchen zwischen uns die letzte Flasche Bier aufzutauen –«

»– und wissen genau, hier haben wir ein klassisches Dilemma: Entweder taut das Scheißzeug nich’ auf –«

»– und wir haben nix mehr zu saufen –«

»– oder wir kriegen es getrunken, –«

»– und müssen noch mal zum Pissen raus –«

»– und am nächsten Morgen findet irgend so ’ne Schwyzer Mutti mit ihrem Pudel in seinem selbst gestrickten Jäckchen zwei erfrorene Gestalten –«

»– mit zwei langen, gebogenen Eiszapfen in der Hand!«

Wir gaben uns klatschend Fünf und stießen klirrend unsere Konjäckchen aneinander, »So was hätten wir damals gebraucht!«

»Allerdings. Prost, Alter – schon unseren Spaß gehabt, wa’?«

»Mehr als Schotter jedenfalls – prost, mein Lieber!« Er stand auf, holte sich seine Gitarre, klimperte ein kurzes Intro, und schon waren wir zweistimmig mittendrin in When I think of all the good time I have wasted havin’ good times* … und ließen Stan Getz, der inzwischen Manitas de Plata abgelöst hatte, keine Chance. Prost, Eric, alter Haudegen!

***

»Aah, les bons temps! Très bon, meinö Freundö – isch se’e, ihr amüsiert eusch gut? Bravo! Möschtet ihr vielleischt ein’ klein’ Rundgong machön avec moi?«

Klar, schließlich sind wir höfliche Rheinländer, also hieven wir unseren Hintern aus Nastis Nachthemden und machen vergnügt ein’ klein’ Rundgong, um den Pool herum, über eine messing- und mahagonistarrende Brücke, durch zwei, drei Salons, die auch gut ins Kölner Hotel Excelsior gepasst hätten, werfen neidische Blicke in ein gutes Dutzend Schlafkabinen, in denen Liz Taylors Requisiteur arbeitslos an den Nägeln gekaut hätte; bewundern zwei Badezimmer aus einem Sultanspalast, eine Edelstahlküche, die bei dem Wort Kombüse Rostflecken bekäme, eine Funkerkabine, größer und moderner als die meisten Studios, die wir von innen kannten. Unterwegs pinkle ich in eine mitternachtsblaue Kloschüssel und muss einen mit Schnitzereien verzierten Knopf aus Elfenbein drücken, um zu spülen, und eine Art Tigerzahn drehen, um mir die Hände zu waschen. Auch hier säuselt Stan Getz aus einem hinter Ebenholztäfelung versteckten Lautsprecher, und Astrud Gilberto haucht ihre portugiesischen weichen schjaschjas ins Mikro, dass jede Zeile klingt wie ein unzüchtiges Angebot.

Unser Gastgeber ist spürbar stolz auf sein Bötchen und erklärt wortreich, was wozu an welcher Stelle aus welchem Material aus welchem Land ist.

»Wie viel Richtige im Lotto muss man denn haben für so was?«, frage ich ihn dreist. Er lächelt feinsinnig-verschmitzt und nutzt die Gelegenheit, mich am Ellbogen zu fassen.

»Ach, wissen Sie, mon ami, es ist immer besser, die banque zu ’alten als selbst zu spielön.«

»Und wie kommt man an die Bank? Als junger Monsieur Gérard zum Beispiel, mit einem druckfrischen Abitur in der Tasche?« Da muss er dann doch eine Augenbraue heben.

»Mir scheint, mein Freund, Sie ’aben von Oscar Wilde ge’ört?«

»Es gibt keine indiskreten Fragen. Nur indiskrete Antworten«, protze ich mit meiner Halbbildung. Die Augenbraue kommt wieder runter. Der zarte Griff wandert vom Ellbogen hoch auf meine Schulter. Ein kurzes, beifälliges Drücken.

»Et voilá, exactement. Manschmal man muss sisch vielleischt ein wenisch besser kennenlernen, um die Balance zwischen Diskretion und Indiskretion – eh – zu austarieren?«

»Und woher stammt Ihr vorzügliches Deutsch?«, macht mein Partner Schönwetter.

»Oh, Sie schmeischeln mir, junger Freund,« aber zum Dank kriegst auch du eine kleine Nackenmassage, »man kommt ’erum mit die Jahrö – auch in Deutschland man spielt Lotto, n’est-ce pas?«

»Tu doch nicht so geheimnisvoll, Gerry – die Jungs könnten doch jeden hier fragen und würden alles erfahren, ehe meine Zigarre kalt ist«, mischte sich eine tiefe Stimme aus einem der Sessel im gelben Salon ein. Ein Bass mit rollenden Rrrs und harten Hs, passend zu dem grün schimmernden Seidenkaftan seines offenkundig orientalischen Besitzers. »Er hatte schon als Achtzehnjähriger ein großes – well, ein besonders großes – Talent: Backgammon«, wandte er sich an uns. »und allein ich habe 1947 schon zwei Tanker an ihn verloren, ehe ich mich auf seine Strategie einstellen konnte, geschweige denn eine eigene finden, haha. Und das einem Araber!« Er deutete eine kurze, spöttische Verbeugung an, »Abdul Fahd Khadamal, sehr erfreut, Gentlemen.«

»Dabei ’attest du so viele Tanker, dass du das nischt einmal bemerkt ’ättest, wenn es nischt am nächsten Tag in der Zeitung gestandön ’ätte. Und dass deine – eh – Zigarre niemals kalt wird, weiß doch auch jeder.« Das kollernde arabische Lachen ließ keinen Zweifel, dass hier nicht nur von Zigarren die Rede war.

»Oh, Gerry, hab’ ich dir den Auftritt verdorben? Das tut mir leid, mon cher.« Er patschte sich mit einer fleischigen Hand voller Goldschmuck auf den Schenkel. »Komm her, auf meinen Schoß, ich möchte mich entschuldigen!« Sein breites Grinsen sagte alles andere als ’Entschuldigung’. Bérat ging zu einer Bar aus einem hellen, rotgemaserten Holz und drückte einen Knopf. Eine Sekunde später erschien ein Paar weißer Handschuhe und machte einen Diener.

»Champagner!« Die Handschuhe verschwanden hinter der Bar und machten sich nützlich. »Ah!«, rief ihr Herrchen, offensichtlich entzückt und erleichtert über die Ablenkung, »meine Kölner Freundö!« Verdutzt guckten ’noh und ich uns erst an, dann um.

Die drei Stufen hinab kam ein Pärchen, dessen Köpfe Meister Eder ein bisschen verunglückt waren – der Ältere hatte so gut wie gar kein Kinn, der Jüngere das eines Nussknackers. Weswegen ich ihn auch gleich erkannte – Kläusjen Merck, mit seinen gerade mal achtzehn Jährchen eben von der A-Jugend in die erste Mannschaft des FC Köln geholt, mit großem EXPRESS-Trara, weil er der Neffe des Präsidenten Anton Merck war; aber seinen Aufstieg hatte er nicht nur seinem Onkel, sondern vor allem seinem tatsächlichen Talent als Stürmer zu verdanken; einer, den man sowohl auf den rechten als auch auf den linken Flügel stellen konnte, was man ja so oft auch nicht hat. Seine Flanken und Ecken sorgten jetzt schon für feuchte Augen auf der Tribüne wie in der Südkurve.

Er trug Bermudas und ein Sweatshirt wie aus Seide, im dunklen, fast braunen Rot seines Vereins, mit dem knallgelben Streifen an der Seite, aber erstaunlicherweise ohne irgendwelche Aufdrucke. Trotz seines Kantenkinns hatte er ein verweichlichtes Mündchen und unstete blaue Augen, aber sein Händedruck war kurz, trocken und sympathisch. Wogegen der andere, der mir als FC-Jugendtrainer Rudi Betziger vorgestellt wurde, gleich versuchte, mir die Knochen zu zerquetschen, damit ich nur ja nicht auf die Idee käme, ein fliehendes Kinn könnte Mangel an männlichem Durchsetzungsvermögen bedeuten. Aber versuchen Sie mal einem Typen, der fünfzehn Jahre lang Autofelgen verprügelt, mit den dicksten Schlagzeugknüppeln, die bei metro-music zu kriegen sind, mit einem Händedruck zu imponieren. Besonders, wenn Sie ein fliehendes Kinn haben. Nach immerhin vierzehn Sekunden gab er auf und steckte die Hand betont unauffällig in die Tasche einer Khakihose mit Tarnmuster. Darüber trug er ein wild gemustertes Hawaiihemd, um den Hals hingen ihm ein kleiner schwarzer Feldstecher, eine dunkelblaue Sonnenbrille und eine Kodak Instamatic. Ich warf unauffällig einen Blick über seine Schulter, aber da hing keine Elefantenbüchse, nicht mal ein Safarihut. Hatte er wohl mitsamt Massai-Träger draußen auf dem Rücksitz seines Jeeps gelassen.

»Ich kenne euch, ihr spielt bei Penner’s Radio«, freute sich Kläusjen, während die weißen Handschuhe mit Schampus umher wuselten und die Erwachsenen umständlich dicke Zigarren in Brand setzten. »Ich hab’ euer Abschiedskonzert im Stollwerck geseh’n.«

»Penner’s Radio?«, schrie Betziger, »Is’ das denn für’n Name?«

»Se Lochts gab’s schon«, versetzte ’noh trocken, »Nackte Füsse auch. Da blieb nicht mehr viel.«

»Komm«, meinte ich, »Vati’s auch nich’ schlecht. Oder Wal aus Satin.«

»Oder Ming Tant?«

»Wallenstein«, mischte Kläusjen sich ein, »Hölderlin. Novalis. Grobschnitt!« Kläusjen war schon okay – für’n Fußballspieler …?

12


Martha

Das von leisen, glockigen Untertönen begleitete Ticken der alten Uhr mit den vier goldenen Rokoko-Tänzerinnen unter der Glaskuppel teilte den Nachmittag in schläfrige kleine Walzer-Rhythmen. Irgendwo draußen in den Gärten hielt ein automatischer Rasensprenger träge gezischte Breaks dagegen – ein Schlagzeuger mit Jazzbesen auf irgendeiner die Welt verlangsamenden Droge. Die Frau hatte ihren Kopf auf den mächtigen Brustkorb ihres Mannes gelegt, ihre blassvioletten Fingernägel kraulten in den grauen Locken herum, ziellos, absichtslos. Seit dreiundzwanzig Jahren verheiratet, dachte sie, und immer noch Sex – ehelichen Sex – zweimal die Woche. An den anderen wollte sie jetzt gar nicht denken, an den hastigen, fast gewalttätigen, der zwar oft beeindruckend explosiver und physisch befriedigender war, aber dafür anderes nicht bieten konnte – den vertrauten Platz, das sanft-gemütliche Ausklingen, den Rokoko-Walzer …

»Ich hab’ gehört, Betziger ist mit Kläusjen in Südfrankreich – zum Sondertraining?«, murmelte sie in den grauen Pelz hinein. Ihr Mann nahm einen Zug von seiner Robusto, in ihrem linken Ohr ein Rasseln und Fauchen, als hätte jemand die Tür eines Hochofens geöffnet.

»Dä Jung macht sisch«, brummte ein Geist in dem Hochofen und ließ offen, welcher jetzt der Junge war. Ja, dachte sie und kicherte in sich hinein, der Junge macht sich ganz schön, mein Lieber, und ein leichtes Vibrieren ging durch ihre Lenden. Letzten Monat hat er sich einmal so gut gemacht, dass ich fast einen Kreislaufkollaps gekriegt hätte. Aber da sieht man mal wieder, dass nichts vollkommen ist im Leben – hinterher hat der’s dann immer recht eilig, unangenehm eilig – schlechtes Gewissen als Liebhaber, Angst vor Entdeckung, schlechtes Gewissen als Leistungssportler … Als der er natürlich auch nicht raucht – kein Duft von diesen edlen Zigarren, die ich am Anfang meiner Ehe so gehasst habe und die jetzt für mich zum Beischlaf gehören wie ein Vorspiel. Und die geheimnislose träge Unterhaltung danach. Auch die Zeichen eines Vertrauens, das sie mit diesen Jüngelchen nie erreichen würde – gar nicht wollte.

»Meinst du das Kläusjen?« Wieder eine Wolke des kubanischen Duftes, der sich so angenehm vermischte mit den Düften, die sie eben gemeinsam erzeugt hatten, und die sie so angenehm in dieser lasziven Stimmung hielten, wie der Nachhall eines schönen Konzerts auf einem Mondscheinspaziergang nach Hause, wenn alle anderen im Taxi weg sind und niemand mehr dazwischen quatscht.

»Beide, Liebschen, beide.« Da kam doch jetzt noch was … »Wobei et im Moment dat Wischtigste is, datt dä Betziger sisch macht. Un dat sieht janz jut aus. Un dann hammer den Holländer im Sack. Dem Kläusjen zeischt der Rudi dabei nur en bissjen von der jroßen Welt.« Und hoffentlich am Sack, mein Guter, auf den freu’ ich mich schon, mit seinem knackigen Hintern und den langen blonden Locken. Was seine Frau wohl von Dreiern hält …?

»Das heißt, du hast gute Nachrichten von ihm.«

»Könnten schleschter sein.« Ah, er wollte seinen Triumph noch auskosten, noch nicht mit ihr teilen. Das hieß aber auch, dass es derzeit keine akuten Probleme gab – von denen würde er ihr jetzt sonst erzählen. Ach, ich hab’s schon gut, dachte sie und streckte sich genüsslich, damit hätte ich nicht gerechnet, als er mir damals den Antrag gemacht hat – ein Vierzigjähriger, der eine siebzehn Jahre Jüngere umwirbt wie ein Pennäler, na ja, nicht ganz, ein ziemlich reicher Pennäler, mit all den täglichen Rosenmeeren, Perlenketten zum Abendessen und Wochenenden an Seebadeorten mit Spielbanken. Sie kicherte wieder in sich hinein. Keine schlechte Überraschung nach diesen beschissenen drei Jahren hinter dem Hauptbahnhof, wo in ihrem Apartment, gleichzeitig ihr Arbeitsplatz, ein großes goldenes Tuch an die Wand gegenüber dem französischen Bett gepinnt war, auf das sie eigenhändig ihr damaliges Lebensmotto gestickt hatte: Geboren werden, das ist das Schwierige – danach geht’s doch bequem bergab. Sie lachte und richtete sich auf; sie war sehr glücklich, dass man sich als junger Mensch so täuschen konnte. Sie nahm ihrem Mann den Stumpen aus dem Mund und küsste ihn.

»Wat denn – noch mal?«

»Ganz ruhig, Lieber, es reicht, glaub’ ich, wenn du mir ein bisschen hilfst … « Sie drehte sich um und griff in ihr Nachtschränkchen.

»Un dat auf meine alten Tage«, brummte er, grinste aber halb freundlich, halb lüstern und umfasste derb eine ihrer Hinterbacken. In ihrem Kopf vermischte sich der Rokoko mit einem alten Jaques Brel-Song, gesungen von Scott Walker: Quick, give us your lips, give us your thighs / Give us your sad and devouring eyes / Cascading tears for every hot beat / Tonight we’ll sleep with the girls from the streets* …

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
346 str. 11 ilustracji
ISBN:
9783862871889
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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