Czytaj książkę: «Venus in echt»

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Rhea Krčmářová: Venus in echt

Alle Rechte vorbehalten

© 2013 edition a, Wien

www.edition-a.at

Lektorat: Dino Beck

Cover und Gestaltung: Hidsch

Druck: Theiss (www.theiss.at)

eBook-ISBN 978-3-99001-087-7

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

KAPITEL 1

Von meinem Platz an der Rückwand des Festsaals aus sah ich, wie Christian den Raum betrat und auf die Bühne zuging, und mein Herz fühlte sich an wie der Motor von Prinzessin Peachs Rennwagen, wenn sie über die Rennstrecke in Mario Kart rast. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um ihn noch besser sehen zu können. Sollte ich seinen Namen rufen? Lieber nicht, dachte ich, und hoffte, er würde mich von sich aus bemerken. Stattdessen nickte Christian zwei jungen Werbern mit Hornbrillen zu und lächelte eine Gruppe Frauen an, die in der ersten Reihe saßen, aufgereiht wie die Vögel aus Angry Birds beim Warten auf das Katapult. Wie hatte er es geschafft, eine Frau mit meinen Dimensionen zu übersehen, die noch dazu keine zwei Meter neben der Eingangstür stand, durch die er gekommen war? Ich atmete tief ein und schluckte meine Enttäuschung hinunter. Hauptsache, Christian war endlich hier. Zaghaft machte ich einen Schritt nach vorne. Los, Romy, dachte ich. Sprich ihn an. Frag ihn endlich, ob er nach dem Vortrag mit dir einen Kaffee trinken gehen will. Das ist deine allerletzte Chance, bevor er sein Sabbatical antritt und du ihn vielleicht für immer aus den Augen verlierst.

Ich zögerte. Ihn vor seiner Präsentation anzusprechen, war eher keine gute Idee. Ich würde ihn aus der Konzentration reißen, und die Blicke von mehr als zweihundert Menschen auf mich ziehen. Der ganze Saal würde sich fragen, warum diese fremde fette Frau es wagte, den Starredner des Nachmittags zu belästigen. Ich lehnte mich wieder an die Wand und beschloss, erst nach dem Vortrag zu ihm zu gehen. Beinahe vier Jahre hatte ich gebraucht, um den Mut für diesen Versuch aufzubringen, fast 1.400 Tage. Da kam es auf diese eine Stunde auch nicht mehr an.

Am anderen Ende des Saals erklomm Christian das Treppchen zur Bühne und rückte seinen Laptop neben dem Rednerpult zurecht. Ich seufzte. Seit mehr als zwei Stunden stand ich mir nun schon im überhitzten und überfüllten Prunksaal des Wiener Innenstadtpalais die Beine in den Bauch und ließ Vorträge über Re-Branding und Werbestrategien über mich ergehen, die mich ungefähr so sehr interessierten wie einen Oger ein Handbuch über Webdesign. Dabei musste ich bis Ende der Woche mein aktuelles Game-Projekt fertigstellen, und morgen würde ich für zwei Tage nach London zu einem Vorstellungsgespräch fliegen. Um Christian heute ansprechen zu können, würde ich bis weit nach Mitternacht vor dem Computer sitzen und die versäumte Zeit nachholen müssen.

Um die Langeweile der vorangehenden Vorträge besser zu ertragen, hatte ich mir vorgestellt, eine Kampfelfe aus meinem Lieblingscomputerspiel Knights of the Dragon Isle zu sein. Ich hatte den Saal im Geiste in die Versammlungshalle der untergehenden Insel verwandelt und die Werbemenschen in die wikingerartigen Kostüme des Großen Rats gesteckt. Wirklich geholfen hatte es nicht. Die neuen Stiefeletten mit den Acht-Zentimeter-Absätzen, die ich extra für heute gekauft hatte, trieben mir inzwischen Tränen des Schmerzes in die Augen. Ich fragte mich, ob mein Gewicht meine Qualen noch schlimmer machte oder ob dünne Frauen in neuen Schuhen genauso litten.

Die Werbeleute im Saal waren zum Glück zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um meine inneren Tumulte wirklich zu bemerken. Ich war die einzige dicke Frau im ganzen Raum, und die Blicke, die ich deswegen auf mich zog, reichten ohnehin, dass sogar jemand wie ich sich unrund fühlte.

Zumindest konnte ich Christian wieder im wirklichen Leben sehen, nicht nur online und in meinen Fantasien. Ich fragte mich, ob ihn mein Vorschlag überraschen würde. Vermutlich schon, dachte ich. Schließlich war ich geübt darin, meine Gefühle für ihn zu verbergen. Nur meinen besten Freunden Olga und Cem hatte ich meine Verliebtheit gebeichtet. Ich wusste zu gut, wie lächerlich die Vorstellung für die meisten Menschen war, ein Mann wie Christian könnte sich in eine Frau wie mich verlieben. Christian, da war sich die Gesellschaft einig, spielte in einer anderen Liga als ich. Er war, was man einen Macher nannte, ein Mann, dessen Agentur die Social-Media-Szene aufmischte, er war erfolgreich, sportlich und von einer in sich ruhenden Selbstsicherheit. Ich passte kein bisschen in das Beuteschema, das man einem Mann wie ihm zuschrieb. Auf meinem Nachttisch stapelten sich Fantasyromane und Computerzeitschriften, ich fand Gerüchte über neue Smartphone-Entwicklungen aufregender als sämtlichen Klatsch aus Hollywood und ich konnte stundenlang mit Freundinnen über die Unterschiede zwischen den Büchern und den Verfilmungen von »Der Herr der Ringe« diskutieren. Ich war, mit anderen Worten, ein Geek. Noch dazu einer, der locker das Doppelte von den superschlanken Elfen aus der Werbewelt wog, und ich kannte keinen einzigen Mann in seiner Position und mit seinem Aussehen, der eine Frau oder Freundin mit meinen Proportionen hatte. Vielleicht war es ein Fehler, überhaupt hier zu sein, und die Idee, ihn anzusprechen, eine Wahnvorstellung. Würde er mich auslachen, wenn ich ihm ein Date vorschlug, wie er es manchmal in meinen Alpträumen tat, aus denen ich zittrig und schweißüberzogen hochschreckte? Würde er mir ins Gesicht sagen, dass ich für einen Mann wie ihn schlicht und ergreifend zu fett war?

Nein, dachte ich. Christian war anders als die meisten Männer, die ich kannte. Seit unserer ersten Begegnung hatten mich seine Einfühlsamkeit fasziniert, sein Talent, unter die Oberfläche blicken zu können. In einem zynischen, aggressiven Umfeld schaffte er es, galant und höflich zu bleiben – er war gegenüber Botenfahrern und Praktikanten genauso aufmerksam wie gegenüber seinen besten Kunden. Er merkte sich, was ich beim Smalltalk in der Büroküche von mir gab, und fragte sogar nach, wie es meinen Katzen ging. Ein Mann wie Christian konnte es schaffen, durch meine Fettschichten hindurchzusehen und sich in mein Wesen zu verlieben.

Damit er mich aber besser kennenlernen konnte, musste ich in seiner Nähe sein, und das war schwieriger, als im Alleingang ein Bossmonster aus World of Warcraft zu besiegen. Seit meine Freundin Olga und ich vor einem halben Jahr das letzte kleine Online-Spiel-Projekt für einen Kunden seiner Agentur abgeschlossen hatten, hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Ich hatte gehofft, ihm auf dem Weg ins Bauchtanzstudio zu begegnen, das im selben Haus lag wie sein Büro, oder ihn in einem der Lokale in der Nähe seiner Agentur mehr oder weniger zufällig zu treffen, doch weder das eine noch das andere war mir gelungen. Die einzigen Zeichen, dass ihn keine Schar von Dämonen gefressen, waren seine deprimierend seltenen Statusupdates auf Twitter oder Facebook. Für den Chef einer Social-Media-Agentur war Christian leider erstaunlich diskret.

Dank der automatischen Google-Benachrichtigung, die ich für ihn eingerichtet hatte, hatte ich zumindest von seinem heutigen Vortrag erfahren. Als ich gelesen hatte, dass dies sein letzter öffentlicher Auftritt vor einem längeren Sabbatical war, fühlte ich mich, als wäre mein Herz in den Kometenkrater von Diablo III gefallen. Dieser Vortrag war meine letzte Chance, mich zu überwinden und ihm endlich zu gestehen, was ich für ihn empfand. Obwohl ich in der Schlussphase dieses Game-Projekts war, hatte ich einen halben Vormittag darauf verwendet, in meinem LinkedIn, Xing und in sonstigen Netzwerken jemanden zu finden, der mir die Tür zu dieser geschlossenen Veranstaltung öffnen konnte, und jetzt bemerkte er mich nicht einmal.

Die Lichter im Raum gingen aus und Christian verschwand im Halbschatten der Bühne. An der Saalwand erschien das Bild eines Wellnesshotels irgendwo an der Baumgrenze, und Christian erzählte von der Social-Media-Strategie, die er für das Hotel entwickelte. Der Enthusiasmus in seiner Stimme ließ ein Prickeln durch meinen ganzen Unterbauch laufen. Ich versuchte, sein Gesicht zu erkennen, und wünschte mir, es wäre in Großaufnahme zu sehen. Ich kannte sein Gesicht gut, hatte immer wieder Fotos aus dem Internet abgezeichnet und mir beim Skizzieren jedes Detail eingeprägt: seine schmalen Wangen, die kleine Narbe an der Schläfe, die Sommersprossen, die seine Haut vom Ansatz der rotblonden Haare bis zu seinem Hemdkragen überzogen. Mein Blick wanderte durch das Halbdunkel über seinen langen, beinahe schlaksigen Körper, über seinen flachen Bauch, über die Stelle, wo der Reißverschluss seiner Hose sein musste. Ich wünschte mir, Christian endlich ohne Scham ansehen zu können, nach vier Jahren voller verstohlener Blicke über Besprechungstische und Laptopränder hinweg, und betete zu allen Göttern, die mir einfielen, dass er mein Angebot annehmen und mit mir ausgehen würde. Dass er mit mir reden, flirten und mich küssen würde. Dass er endlich all das mit mir machen würde, was er in meiner Fantasie schon seit Jahren tat.

Die Bilder an der Saalwand wechselten. Ich sah das Innere einer Suite, inklusive flackerndem Kaminfeuer und einer mit Kissen bedeckten Liege, über die jemand Rosenblätter gestreut hatte. Vielleicht könnten Christian und ich ja einmal ein Wochenende in diesem Hotel verbringen, dachte ich, sah meinen Körper tief in diese Kissen einsinken und glaubte, die Rosenblätter zu spüren, die an meinen Waden klebten. Christian kniete über mir, zog mein Wickelkleid auseinander, betrachtete meinen burgunderroten Balconette-BH und meinen XXL-Spitzenslip. Das weiche Licht des Kaminfeuers kaschierte die weißen Dehnungsstreifen, die meinen Bauch und meine Hüften überzogen. Christian übersah im Dämmerlicht auch die kleinen Dellen auf meinen Oberschenkeln. Ich genoss endlich die Wärme seiner Haut an meiner, spürte, wie seine Lippen meinen Körper erkundeten und ich unter seinen Berührungen dahinschmolz wie Frodos Ring in den Feuern von Mordor.

Als Applaus aufbrandete und es hell im Saal wurde, verlor ich auf meinen hohen Absätzen fast das Gleichgewicht.

Christian stieg von der Bühne, und war sofort von zwei Dutzend Menschen umringt, die mir die Sicht versperrten. Los, Romy, geh zu ihm, dachte ich. Jetzt, bevor ihn noch mehr Menschen belagern. Ich machte ein paar zaghafte Schritte nach vorne. Zwei Frauen Anfang zwanzig kreuzten meinen Weg, und ihre Blicke wanderten missbilligend meinen Körper entlang. Die eine beugte sich flüsternd zu ihrer Kollegin, bevor sich ihre Gesichter zu der Art von Grimasse verzogen, die eine dicke Frau nur zu gut kennt.

Ich setzte mich auf einen der freigewordenen Stühle, um den richtigen Moment abzuwarten. Mit einem diskreten Seufzen streckte ich meine schmerzenden Beine von mir, und kramte in meiner Tasche nach meinem Handy, das sich irgendwo zwischen Skizzenheften, Tintenstiften, einem Schoko-Müsliriegel und einer Zeitschrift für digitale Illustration versteckte. Dann sah ich aus den Augenwinkeln, dass jemand auf mich zukam. Ich hob den Kopf und sah direkt vor mir eine sehr schlanke Brünette, deren Blick am Bildschirm ihres Handys klebte. Bevor ich meine Beine zurückziehen konnte, stolperte sie über meine Stiefeletten, verlor das Gleichgewicht, und wäre fast auf den Marmorboden geknallt, wenn ich ihr nicht schnell die Hand entgegengestreckt hätte. »Entschuldigen Sie bitte«, murmelte ich verlegen.

Die Brünette ließ meine Hand los und sah mich giftig an. »Ihnen würde etwas mehr Rumlaufen nicht schaden«, sagte sie.

Ich senkte den Kopf, während die Verlegenheit meine Wangen zum Glühen brachte. Rasch zog ich die Beine ein, nahm mein Smartphone und tat beschäftigt. Zwischendurch schielte ich zu der Menschentraube vor der Bühne. Jetzt? Nein, noch zu viele Leute.

Nach zwanzig Minuten löste sich die Gruppe um Christian endlich auf. Nur noch er, die biestige Brünette und ich waren noch im Festsaal. Ich sah, dass er seine Tasche nahm. Jetzt oder nie, dachte ich, stand auf und ging zu ihm. »Hallo, Christian.« Mein Herz machte Sprünge wie Super Mario, meine Stimme klang ungefähr so melodisch wie ein uraltes Modem.

»Romy, was für eine nette Überraschung.«

Christians Lächeln ließ in meinem Bauch die Erregung brodeln wie einen frisch gebrauten Zaubertrank, und als er mir die Hand gab, fühlte ich mich wie elektrisiert. »Das war ein unglaublich spannender Vortrag«, sagte ich.

»Danke. Was kann ich für dich tun?«

»Also, ich wollte dich fragen, ob du mich … also mit mir …« Sehr eloquent, Romy. Wirklich. Ich holte tief Luft.

»Christian, willst du anschließend …«

Er schaute schräg an mir vorbei, und lächelte, wie ich es noch nie bei ihm gesehen hatte. Als wären seine Augen ein Bildschirm, bei dem jemand die stärkste Helligkeitsstufe eingestellt hatte. Ich folgte seinem Blick. Eine Frau, deren Anblick mich überwältigte, betrat den Raum. Hatte ich schon eine XXL-Figur, wies sie sicher noch ein bis zwei X mehr auf. Doch sie kaschierte ihre Rundungen nicht mit einem wallenden Zelt von einer Tunika, sondern trug sie zur Schau, so stolz, wie ich es noch nie bei einer dicken Frau gesehen hatte. Ihren Körper umhüllte ein schwarzrotes Kleid im Vintage-Stil, und ich fragte mich, wo sie so etwas bloß in Übergröße gefunden hatte. Auf ihren hochgetürmten weißblonden Haaren thronten zwei echte Rosen, deren Rot mit dem des Kleids und ihrem Lippenstift harmonierte. Dieses Plus-Size-Pinup kam direkt auf Christian und mich zu. Was wollte sie von uns?

»Entschuldige mich bitte, Romy.«

Christian drehte sich um und nahm sie in seine sehr weit ausgebreiteten Arme. Wer war diese Frau, die jetzt ihre gigantischen Hüften an seinen schmalen Bauch presste? Woher kannte er sie?

Sie kicherte, stellte sich auf die Zehenspitzen, und berührte seine Schultern mit Fingernägeln, die aussahen wie auf dem Foto einer Burlesque-Diva, das ich letztens in meiner Facebook-Timeline gesehen hatte: perfekt oval, lackrot und mit halbmondförmigen Aussparungen am Ansatz. Sie flüsterte Christian etwas ins Ohr, sah sich um und kicherte. Er lächelte zurück und beugte sich zu ihr. Dann küsste er sie auf den Mund.

Auf einmal war es, als hätte jemand mitten in einem Computerspiel den Pauseknopf gedrückt. Spieler- und Nichtspielercharaktere froren ein. Nur die Geräusche gingen verschwommen weiter. Der Teil meines Hirns, der noch funktionierte, versuchte verzweifelt, das Offensichtliche wegzuerklären. Mein Körper konnte nur dastehen und die beiden anstarren.

Irgendwann erinnerte sich Christian wieder an mich. »Sonja, Liebling, darf ich dir Romy Morgenstern vorstellen? Sie macht Grafiken für Computerspiele.«

Sonjas Blick glitt etwas abschätzig über mich. Wieder eine von den ängstlichen Dicken, die auf Nummer sicher geht, schien sie zu denken. Eine, die glaubt, dass Mode nur für die Dünnen da ist. Sie trat einen Schritt auf mich zu und ich konnte ihr Parfüm riechen, Samsara von Guerlain, was ich mir bisher immer verkniffen hatte, weil ich es für zu dramatisch und zu auffällig hielt.

»Angenehm«, sagte Sonja. »Woher kennen Sie meinen Verlobten?«

Sie waren verlobt? Nein, bitte, sag mir, dass das nicht wahr ist. Sonja wiederholte ihre Frage. Ich versuchte, aus dem Matsch, der einmal mein Hirn gewesen war, eine Antwort herauszupressen. »Ich habe bei einigen Projekten für seine Agentur mitgearbeitet.«

Hinter mir beendete die Brünette ihr Telefonat, ich hörte das »klack, klack«, mit dem ihre Stilettos auf dem Marmorboden auftrafen. Christian lächelte auch sie an. »Hallo, Alexa.«

Alexas Stimme klang wie Süßstoff, als sie Christians Namen aussprach, Sonjas Namen intonierte sie wesentlich säuerlicher, und mich ignorierte sie. »Gratuliere euch beiden zur Verlobung«, sagte sie und nahm Sonjas Hand. Ich sah, wie ihr Blick abschätzig über die Rundung von Sonjas Bauch glitt. »Na, wann ist es denn so weit?«

Ich zuckte zusammen. Wieso mussten dünne Menschen dicke Frauen immer fragen, ob wir schwanger sind? Christian aber streichelte den Hügel unter dem Pinup-Kleid, und Sonja presste ihre Hand über seine. »Danke, Alexa«, sagte Sonja. »Das Baby kommt Ende des Sommers.«

KAPITEL 2

»Wenn du nicht bald einen Schluck trinkst, nehme ich das persönlich.«

Ich seufzte, griff nach der Erdbeer-Colada, die ich stumm anstarrte, seit ich mich vor einer dreiviertel Stunde in Cems kleine Bar Chez Cem hinter dem Musikverein geschleppt hatte, und tat, wie mir befohlen. Dann sah ich Cem an, der über mir lehnte wie eine metrosexuelle Version des Gangsters Niko Belic aus Grand Theft Auto. »Zufrieden?«, fragte ich.

Cem, talentierter Barkeeper, guter Freund und mein Nachbar, schüttelte den Kopf. »Du siehst immer noch erbärmlich aus.«

»Vielen Dank, Cem.« Ich schob den Drink von mir, und blickte in den großen Spiegel über der Theke, der besser in eine südfranzösische Konditorei gepasst hätte als hier in die Wiener Innenstadt. Cem hatte recht, ich sah derart elend aus, dass ich mich als Covermodel für ein Zombiespiel bewerben konnte. Meine Locken waren bei meiner Flucht durch den Schneeregen aufgeweicht und hingen welk um mein Gesicht. Die verronnene Wimperntusche hatte ich nur provisorisch weggewischt, und mein Gesicht war noch blasser als sonst, von den roten Stellen einmal abgesehen, die leider nicht dekorativ auf meinen Wangen saßen, sondern ziemlich uncharmant um Augen und Nase. Zumindest bekam fast niemand mit, wie erbarmungswürdig ich aussah. An diesem Spätnachmittag Ende März war Cems Bar ziemlich leer. Die Tagesgäste zogen ihr Daheim dem Schneeregen vor, und die Menschen aus den umliegenden Büros würden wohl erst in ein oder zwei Stunden einzutrudeln beginnen.

Zumindest hatte Olga sich nicht davon abhalten lassen, sich durch den Matsch zu mir zu kämpfen. Ich sah, wie der Kälteschutzvorhang sich teilte, und ihr blonder Pagenkopf zwischen den Samthälften auftauchte. Sie winkte, als sie mich entdeckte, und kam auf die Theke zu. Zur Begrüßung schlang sie ihre zarten Arme um mich und drückte ihren Zwergenprinzessinnenkörper an meinen. »Ich bin so schnell wie möglich gekommen«, sagte sie. »Romy, das tut mir so leid.«

Ich wusste, wie sehr sie meine Leidenschaft für Christian immer genervt hatte und fand ihre Lüge rührend. Olga kletterte auf einen der weiß lackierten, im Shabby Chic gehaltenen Hocker und schob mir meinen Cocktail zu. »Trink, Romy«, sagte auch sie. »Du bist unter Schock und brauchst Mana.«

Cem runzelte seine künstlich gebräunte Stirn. Seit dem Tag, an dem er und sein Klaus in die Wohnung neben meiner gezogen waren, hatten Olga und ich versucht, ihm die Augen für die magische Welt der Computerspiele zu öffnen. Bisher waren wir kläglich gescheitert.

»Mana ist Magier-Energie«, sagte Olga. »Wenn du dir endlich einmal ein paar Computerspiele zulegen würdest, wüsstest du das.«

Cem mixte einen Caipirinha für Olga. »Wenn ich mir euch Mädels so ansehe, finde ich, dass es genug Geeks auf dieser Welt gibt«, sagte er.

Ich ignorierte Cems und Olgas übliche kleine Neckereien. »Ich hätte alle meine Konsolen darauf verwettet, dass ihm nur Frauen mit Modeldimensionen gefallen«, sagte ich. »Und dann schwängert er ausgerechnet die Showgirl-Version von Miss Piggy. Ist euch klar, was das bedeutet?«

Olga griff über den Tresen nach einer Schale mit Erdnüssen. Cem klopfte ihr auf die Finger.

»Das heißt, dass ich es selbst verpatzt habe«, sagte ich und drückte meine Handflächen gegen mein Gesicht. »Wie um Himmels willen ist es mir gelungen, zu übersehen, dass ihm dicke Frauen gefallen?«

Cem warf eine Rumflasche in die Luft und fing sie nach zwei Loopings wieder auf. »Wenn er mit dir geflirtet hätte, hättest du das ja wohl bemerkt, oder?«, sagte er.

»Offensichtlich nicht. In Sachen Liebe hab ich kein Talent.« Ich schüttelte den Kopf, um den Nebel loszuwerden, der sich seit der Begegnung mit der dicken Sonja um mein Hirn gelegt hatte.

»Süße, ich weiß, dass es wehtut, aber diese Episode ist kein Lebensdrama«, sagte Cem.

»Und ob sie das ist. Ich bin 33 und hatte erst zwei Liebhaber. Cem, ich hatte meinen ersten Sex mit 27, in einem Alter, in dem meine Mutter schon ihre Familienplanung abgeschlossen hatte. In den vergangenen vier Jahren habe ich einen Kerl aus der Entfernung angeschmachtet, den ich die ganze Zeit hätte haben können, was ich aber nicht gemerkt habe, weil ich dafür schlicht und ergreifend zu blöd war, oder zu feige, und jetzt ist er weg.«

Cem mixte für einen sehr blonden Mann am anderen Ende der Theke etwas mit sehr viel Scotch. Olga beugte sich zu mir und strich mir in einer für sie untypisch sanften Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Du bist eben eine Träumerin«, sagte sie.

Ich wich ihrem Blick aus. Träumerin, dachte ich, wie oft ich das schon gehört hatte, von Lehrern, Eltern, Freunden, sogar von meiner jüngeren Schwester. Sie hatten alle recht. Meine ganze Jugend hindurch hatte ich mich in Fantasiewelten voller Elfen und Trolle geflüchtet. Hatte Heftchenromane verschlungen, in denen edelmütige Piraten, grüblerische Ritter und Musketiere mit Gewissenskonflikten um die Liebe ihres Lebens kämpften. Bei seitenlangen Liebesszenen hatte ich heimlich meine Sinnlichkeit entdeckt und mich auf diese Art anscheinend für alle Zeiten für die Männer aus der Wirklichkeit verdorben.

»Was hat mir meine dumme Träumerei eingebracht außer verlorene Jahre, in denen ich alleine im Bett gelegen und von der großen Liebe fantasiert habe?«, fragte ich.

Cem wischte den Tresen ab. »Wir haben alle solche Phasen«, sagte er.

Das sagte ein glücklich verheirateter Mann, der den Partner seiner Träume auf einem Baumarktparkplatz gefunden hat.

»Bei mir ist das keine Phase«, sagte ich. »Vor vier Jahren war ich so unterkuschelt, dass ich mir die Katzen zugelegt habe. Ich war schon mit 29 eine Crazy Cat Lady.«

Olga hielt mir meine Erdbeer-Colada hin. »Dann lass uns darauf anstoßen, dass du endlich aufwachst«, sagte sie.

»Wobei ich nicht verstehe, warum es bei dir mit Männern nie klappt«, sagte Cem. »Du hast dein Leben doch sonst so gut im Griff. Sieh dich an. Traumjob, Traumfreunde und eine nette Wohnung hast du auch.«

»Ich bin fett, falls es dir noch nicht aufgefallen ist.«

»Du bist auch gesund und fit, insofern ist dein Gewicht höchstens ein kosmetisches Problem. Nicht einmal das, weil es ja offensichtlich Männer gibt, die auf fette Frauen stehen«, sagte Cem.

»Anscheinend gibt es nur einen, und für den war ich zu dumm.«

»Nicht nur. Siehst du den Blonden am Tresen, den mit dem Polohemd? Der sieht dich schon die ganze Zeit an.«

Ich schüttelte den Kopf. »Meinst du den Fitnesstrainertyp da? Der sieht mich doch nur an, weil er sich fragt, wie eine Frau so fett sein kann, und ob er mich als Klientin gewinnen kann.«

Olga stöhnte. »Komm Romy, reiß dich zusammen und hör auf, dich zu bemitleiden. Christian war nichts für dich, und du hast zumindest ein paar XP gesammelt.« Sie wandte sich an Cem. »Experience Points, also Erfahrungspunkte«, erklärte sie ihm. »Die bekommst du beim Spielen, zum Beispiel wenn du einen Gegner besiegst oder besondere Aufgaben erfüllst. Hast du genügend Punkte gesammelt, kommst du auf den nächsthöheren Level und lernst neue Zaubersprüche und Kampftechniken.«

»Ich kann froh sein, dass die Liebe kein Computerspiel ist«, sagte ich. »Venus wäre gerade mal auf Level zwei. Sie spielt wie ein Noob.«

»Wer bitte ist Venus, und was ist ein Noob?«, fragte Cem.

»Venus ist mein Online-Name, seit ich dreizehn bin«, sagte ich. »Wegen meines Nachnamens. Morgenstern. Die Venus ist der Morgenstern, und ein Noob ist ein Newbie, also ein blutiger Anfänger.«

»Es wird Zeit, auf ein höheres Level zu kommen. So schwer kann es nicht sein. Erst letztens habe ich wieder von einer Studie gelesen, dass wenn Männer im Internet nach Sex suchen, sie den Figurentyp ›fett‹ dreimal so oft eingeben wie den Figurentyp ›dünn‹«, sagte Olga.

Ich schnaubte. »Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Laut dem Artikel gibt es sogar Plus-Size-Pornostars«, sagte Olga, tippte etwas in ihr Smartphone und hielt es mir unter die Nase. Ich sah das Bild einer rothaarigen, dicken Frau, die auf dem Rücken lag. Nackt. Sie hatte die Beine gespreizt und ihre Hand berührte ihre Pussy.

»Schau mal, diese April Flores sieht doch genauso aus wie du«, sagte Olga. »Ähnliche Figur, helle Haut, und rot gefärbte Haare hat sie auch. Da steht, dass ihre Pussy sogar als Sexspielzeug aus Latex am Markt ist.«

Ich sah mich um. Seinem Grinsen nach zu schließen, hatte der Blonde mit dem Scotch-Drink unser Gespräch offenbar mitgehört.

»Können wir über so etwas vielleicht in Zimmerlautstärke reden?«, fragte ich Olga.

Der sportliche Blonde prostete uns zu.

Olga scannte ihn von den Spitzen seiner kunstvoll verwuschelten Haare bis zu den grauen Tennisschuhen. »Was hältst du von ihm?«, fragte sie. »Der sieht doch ein bisschen aus wie Jaime Lannister aus ›Game of Thrones‹.«

»Auf mich wirkt er wie ein etwas heruntergekommener Fitnesstrainer.«

Olga verdrehte wieder die Augen. »Mein Gott Romy, du sollst ihn ja nicht heiraten. Bloß ein paar XP sammeln.«

»Ich erlebe gerade das Drama meines Lebens«, sagte ich. »Das sind für eine Weile genug XP.«

»Christian war nur ein Trugbild«, sagte Olga. »Es lohnt sich nicht, einer Illusion nachzutrauern. Wie viel Zeit willst du noch verlieren?«

»Weißt du, wie viel Lust ich gerade habe, einen Mann kennenzulernen?«, fragte ich. »Ungefähr so viel, wie ein eingeschworener Apple-Fan Lust hat, auf Windows umzusteigen.«

»Weil du ja so viel zu verlieren hast.«

Ich schenkte Olga einen trotzigen Blick, zog mich aber trotzdem in den kleinen Waschraum der Damentoilette zurück und brachte mein Gesicht in Ordnung, so gut es irgendwie ging.

Als ich zurückkam, hielt mir Cem eine weitere Erdbeer-Colada hin und deutete mit dem Daumen auf den Blonden. »Mit freundlichen Grüßen von deinem neuen Verehrer.«

»Ich liebe es, wenn ich recht habe«, sagte Olga. »So, und jetzt flirtest du mal ein bisschen mit ihm.«

»So wie ich aussehe? Es ist euch schon aufgefallen, dass ich mein Gesicht nur sehr provisorisch restauriert habe, ja?«, fragte ich.

»Glück für dich, die meisten Männer achten nicht auf solche Kleinigkeiten«, sagte Cem. »Uns geht es um das große Ganze.«

Ein paar Augenblicke später hatten Olga und Cem sich diskret in Luft aufgelöst und der Blonde hatte sich auf dem Hocker neben mir niedergelassen. Er lächelte mir zu und fischte eine Visitenkarte aus der Brusttasche seines Poloshirts, auf dessen linker Brust es zwei Krokodile miteinander trieben. Toll, der Humor meines potenziellen Verehrers war ungefähr so tiefgründig wie eine Acht-Bit-Grafik.

»Manfred Neuber, Filialleiter-Stellvertreter vom Hypersport-Markt im Shopping Center Nord«, stellte er sich vor.

»Romy Morgenstern.« Ich wollte ihm erzählen, dass ich 3D-Artist war, an Social Games, Smartphonespielen, Serious Games, und sogar einem free to play MMO arbeitete. Im Moment hatte ich jedoch wenig Lust auf die unvermeidliche Diskussion über Frauen und die Computerspielbranche. »Ich kenne den Barkeeper«, sagte ich. »Außerdem muss ich bald nach Hause. Arbeiten. Und packen.«

»Wir haben uns gerade erst kennengelernt und schon willst du los?«

»Morgen um sieben muss ich im Flieger nach London sitzen.«

In weniger als 24 Stunden würde ich der Kreativdirektorin meines Lieblingsspiels gegenübersitzen. Ich musste den guten Eindruck, den ich bei den Vorrundengesprächen über Skype aufgebaut hatte, bestätigen, auch wenn ich mich gerade fühlte, als hätte mich eine Horde Orks als Fußmatte benutzt.

»Ist England im Jänner nicht etwas kalt für Urlaub?«, sagte Manfred.

»Ich muss beruflich hin.«

»Aha«, sagte er.

Er fragte nicht nach, dafür rutschte er näher, bis sein Schenkel mein Knie berührte. Mit meiner vom Weinen noch verstopften Nase roch ich sein Rasierwasser, das frisch, aber für meinen Geschmack etwas zu seifig roch. Ich zog mein Knie weg und nippte an meinem Cocktail, während er mir seine Karriere als Sportartikelverkäufer und seine Erlebnisse in der Kraftkammer schilderte.

Ich gab mir große Mühe, zuzuhören, wenn auch nur, um die Gedanken an Christian und Sonja aus meinem Hirn zu verscheuchen. Als mir Manfred gerade erzählte, wie viel Umsatz die Sportartikelmärkte ans Internet verloren, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten.

»So schlimm ist das auch wieder nicht«, sagte Manfred und hob erschrocken seine Augenbrauen. »Die guten Märkte halten mit neuen Konzepten tapfer dagegen.«

Ich schüttelte den Kopf und sah mich nach einer Serviette um. »Kein guter Tag heute. Entschuldige.«

Cem und Olga tauchten wieder auf, und Cem nahm mich in den Arm. Manfred schob mir seine Karte hin, die ich auf dem Tresen liegengelassen hatte. »Ruf mich doch an, wenn du aus England zurück bist, ja?«, sagte er, und verließ die Bar.

KAPITEL 3

Als ich am nächsten Nachmittag aus dem zu einem Bürogebäude umgebauten ehemaligen Lagerhaus im Londoner Eastend trat, nahm ich den Schneeregen kaum wahr, der mir ins Gesicht klatschte. Seltsam, wie nahe Desaster und Euphorie manchmal beieinander liegen, dachte ich. In der Nacht hatte ich kaum geschlafen und war immer wieder aus wüsten Alpträumen voller Hanteln stemmender Monster und dicker Pornoköniginnen aufgewacht. Jetzt schwebte ich fast über die mit Schneematsch überzogene Straße. Seit ich vor zwei Jahren das erste Mal als Elfenmagierin die Dracheninsel Oranthene im Spiel Knights of the Dragon Isle erkundet hatte, träumte ich davon, bei der Gestaltung dieser Welt mitzuarbeiten. Zu meinem Entzücken hatten mein Portfolio und mein Enthusiasmus Tamsin, die Kreativdirektorin von DrakeLore, tatsächlich überzeugt. In nur drei Monaten würde die Arbeit an Teil zwei beginnen, und ich würde mit den Genies zusammenarbeiten können, die sich diese opulente, komplexe Fantasiewelt ausgedacht hatten. Jetzt musste ich nur noch die Zeit bis dahin überbrücken, ohne vor lauter Ungeduld die Wände hochzugehen. Olga hatte mich für ein Kinderlernspiel namens Freche Früchtchen zum Thema Bio-Obst vorgeschlagen, an dem sie selbst mitarbeitete. Äpfel und Spargel zu zeichnen, würde natürlich nicht so spannend sein, wie Magier und Elfenkriegerinnen zum Leben zu erwecken, aber für eine Frau wie mich, die inzwischen wieder gerne kochte und aß, war das Projekt eine nette Zwischenlösung, und das Honorar konnte ich auch gut gebrauchen.

Die nächsten paar Stunden lief ich aufgeregt durch London. In jeder Statue glaubte ich, einen Ritter der Dracheninsel zu sehen und die Tauben, die frierend auf den Denkmälern hockten, verwandelte ich im Vorbeigehen in Jungdrachen. Erst, als mir so kalt war, dass ich glaubte, auf meinen Wimpern bildeten sich Eiskristalle, ging ich ins Hotel zurück. Jetzt, da meine Aufregung sich langsam legte, tauchten die Ereignisse des vergangenen Abends wieder vor mir auf. Christian, seine dicke Sonja und die verunglückte Begegnung mit Manfred. Ich setzte mich aufs Bett, starrte durch das Fenster, ohne die Nacht, die sich langsam über London legte, wirklich wahrzunehmen, und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Mir war, als hätte jemand all meine Glaubenssätze mit einem Langschwert zerschmettert, und ich hatte keine Ahnung mehr, was stimmte und was nicht. Was, wenn tatsächlich mehr Männer dicke Frauen mochten, als ich immer gedacht hatte?

Ich bestellte beim Zimmerservice Tee und Sandwiches und packte meinen Laptop aus. Zuerst suchte ich nach »Plus Size Porn« und fand jede Menge schlanker Männer mit Frauen, die das Doppelte bis Dreifache von ihnen ausmachten. Einige dieser Frauen waren noch viel dicker als ich. Die paar Male, die ich mich bisher auf Pornoseiten verirrt hatte, hatte ich die Filme mit dicken Frauen als Randphänomen für Fetischisten gehalten. Jetzt sah ich, dass sich offenbar ziemlich viele Menschen für »Fat Porn« und »Chubby Porn« interessierten. Warum eigentlich? Was fand ein Mann wie Christian an Sonjas Körper so besonders, so erotisch? Was hätte er an meinem Körper ansprechend und erregend finden können?

Ich klickte wahllos auf einen der Clips und sah einen riesigen runden Frauenhintern, der fast das ganze Fenster ausfüllte. Er bewegte sich auf und ab, und erst jetzt bemerkte ich, dass die Frau auf ziemlich schlanken Männeroberschenkeln saß und ein Schwanz sich von unten zwischen ihre Schenkel bohrte. Der Hintern wippte und wackelte, während der feuchte Schwanz in der Frau verschwand, kurz hervor kam und wieder versank. Hände kamen ins Bild, die den Hintern drückten und kneteten. »Oh, Baby, yesss«, stöhnte die Frau. Sie zog ihre mächtigen, mit einer dicken Göttin tätowierten Pobacken auseinander, damit die Kamera einen besseren Blick auf ihre Pussy hatte, während der Mann in sie eindrang. Er sagte etwas zu ihr, aber der Ton war schlecht und das schmatzende Geräusch von Fleisch, das auf Fleisch prallte, übertönte seine Worte.

Die nächste Einstellung zeigte das Paar von der Seite. Der Mann lag auf einem großen Sofahocker und die Frau thronte auf seinem Schoß, mächtig wie die Urzeitgöttin, die ihren Hintern zierte. Sie bog den Rücken durch, während sie auf seinen Schenkeln hin-und herwiegte. Er richtete sich auf und steckte sein Gesicht zwischen ihre massigen Brüste. Dann stieg sie von ihm herunter, legte sich auf den Hocker und spreizte ihre üppigen Schenkel so weit sie nur konnte. Er betrachtete einen Augenblick lang lüstern ihre mit einem leichten Feuchtigkeitsschleier überzogene Pussy, dann stellte er sich zwischen ihre Beine und drang tief in sie ein. Der schlanke Mann stieß in die dicke Frau, wieder und wieder, und versetzte dabei ihren gesamten Körper in Bewegung. Sein Blick klebte auf ihren Brüsten und auf seinen Schläfen sammelte sich Schweiß. Sie legte eine Hand auf ihre Pussy und streichelte sich selbst, während er sie vögelte. »Yes, Baby«, stöhnte sie. »Bring meine Dinger zum Hüpfen.«

Ich schaltete den Ton weg, weil mich das gespielte Stöhnen nervte, und sah mir das Video noch einmal an. Sah noch einmal ihr Fleisch sich bewegen, die Fülle ihres Körpers, den Ausdruck der Lust auf seinem Gesicht, und bemerkte die Wärme, die sich in meinem Schoß ausbreitete.

Ich verließ die pornografischen Seiten und sah mir Seiten mit Plus-Size-Mode und von Dicken-Aktivisten an. Ich fand tausende Einträge und Bilder, auf Webplattformen und Blogs, auf Tumblr, Facebook und YouTube. Ich sah dicke Frauen, die sich modischer, schicker und wilder kleideten, als ich es mich je getraut hatte. Frauen, die Stile von Vintage über Avantgarde bis Gothic durchprobierten und mit ihren Liebhabern und Ehemännern posierten. Ich kam mir vor wie eine Figur in einem Spiel, die zu lange auf Level eins herumgekrochen war und schließlich feststellte, dass es mehr gab als nur ihr Dorf und den Wald darum herum. Dass es eine ganze Welt gab, mit Inseln und Bergen und Städten und Wüsten und Verließen. Eine Welt, von deren Existenz sie die ganze Zeit nichts geahnt hatte.

Auf dem Blog einer deutschen Plus-Size-Pinup-Liebhaberin fand ich eine Kolumne über dicke Fashionistas. Ich scrollte mich über die Seite und zuckte zusammen. Ein Bericht war Christians dicker Sonja gewidmet. Ich wollte die Seite schließen, zwang mich aber, genauer hinzusehen.

Ich musste wissen, was sie anders machte als ich. Ich sah Fotos von ihr, wie sie im Badeanzug am Strand posierte, im Ballkleid eine Festsaaltreppe hinunterlief und bei einer Rock ’n’ Roll-Party ihr Korsett zur Schau trug. Widerwillig gestand ich mir ein, dass ich Sonja schön fand, dass sie ein echter Vamp war, mutig und selbstbewusst. Ich konnte richtig sehen, dass sie sich in ihrer Haut wohl fühlte und dass sie sich sexy fand. Ich wusste nicht, worum ich sie mehr beneidete, um Christians Liebe oder um dieses Selbstvertrauen.

Als ich Stunden später meinen Computer zuklappte, fragte ich mich, wie es Sonja und all die anderen Frauen auf diesen Seiten geschafft hatten, sich so frei und sexy zu fühlen. Sicher, ich hatte beim Bauchtanzen und beim Aktzeichnen auf der Kunstuni gelernt, meine Rundungen einigermaßen zu akzeptieren. Autorinnen wie Natalie Angier und Naomi Wolf hatten mich gelehrt, meine Anatomie mit einer gewissen Faszination zu betrachten. Aber einen dicken Körper wirklich liebens- und begehrenswert finden? Immer, wenn eine dicke Frau das behauptete, dachte ich, dass sie sich selbst belügt. Wie konnten sich Menschen selbst lieben, wenn sie die ganze Welt mit Beleidigungen und Vorurteilen bombardierte? Wenn sie höchstens als Vorherbild einer Diätreportage vorkamen? Wenn Modeschöpfer sie immer nur in bunt bedruckte Säcke stecken wollten? Wenn ihnen Gesundheitsstatistiken nachzuweisen versuchten, dass sie die Krankenkassen zum Kollabieren brachten? Wie sollten sie sich da sexy fühlen?

Sonja tat es. Sie liebte ihren runden Körper, genauso wie die Plus-Size-Bloggerinnen, die dicken Models und die runden Pornostars, deren Clips von Millionen von Männern angeklickt wurden. Ein Gedanke formte sich in meinem Kopf: Wenn diese Frauen es konnten, wollte ich es auch lernen. Wollte es lernen, wollte herausfinden, was an meinem Körper sexy war. Wollte nachholen, was ich in Sachen Sinnlichkeit versäumt hatte. Ich wollte mich nicht wieder in den erstbesten verlieben und ihn mit etwas Pech wieder aus der Ferne anschmachten, sondern XP sammeln. Ich wollte Männer finden, die fette Frauen erotisch finden, und alles gutmachen, was ich verpasst hatte. Ich wollte den Teil von mir, der unter all den Unsicherheiten und Ängsten vergraben war, der sehnsüchtig und hungrig war, an die Oberfläche holen.

KAPITEL 4

Die Tänzerin warf dem Publikum kokette Blicke über die Schulter zu, als sie ihren Glitzer-BH öffnete. Dann drehte sie sich um und ließ den Büstenhalter von ihren Schultern gleiten, über Brüste und Bauch, die nicht viel kleiner waren als meine. Sie wirbelte den BH wie ein leuchtendes Windrad durch die Luft und ließ ihn auf den Bühnenboden fallen, wo schon ihr Korsett, die Strümpfe, die langen Handschuhe und der Rest ihres Kostüms lagen wie kleine, pink glitzernde Pfützen. Im Takt der Musik hob sie ihre Arme und setzte ihren üppigen Leib in Bewegung, sodass die Quasten der Pasties über ihren Brustwarzen sich drehten wie kleine Flugzeugpropeller. Das Publikum kreischte, lachte und applaudierte. Die Tänzerin, die sich »Dirty Martini« nannte, warf uns eine Kusshand zu und stolzierte von der Bühne.

»Ist sie nicht großartig?«, flüsterte Tamsin in meine Richtung.

Ich nickte. »Wie macht sie das?«

»Tassle twirling kann man lernen«, sagte Tamsin und zwinkerte mir mit einem verschwörerischen Lächeln zu.

Ich lächelte zurück. Anfangs war ich etwas verlegen gewesen, meine künftige Chefin ausgerechnet bei dem Striptease-Event in einem Vintage-Club in der Nähe der Brick Lane, den ich bei meiner Recherche im Internet gefunden hatte, über den Weg zu laufen. Doch Tamsin, die nur eine Kleidergröße weniger hatte als ich, schien sich über meine Anwesenheit zu freuen und steckte mich mit ihrem Enthusiasmus für Burlesque richtig an.

»Ich habe vergangenen Sommer einen Kurs an der New York School of Burlesque belegt, bei Jo Boobs«, erzählte sie mir. »In Wien gibt es sicher auch Kurse.«

»Müsste ich mal googeln.«

Vor zwei Tagen hätte ich beim Gedanken an so einen Kurs noch laut gelacht. Inzwischen fand ich die Idee zumindest überlegenswert.

Mein Blick fiel auf bestickte Korsagen, Tüllröcke, Federhütchen, Strasscolliers, mit Glitter überzuckerte Münder und Augen und falsche Wimpern, die bis zur Decke zu reichen schienen. Ich hatte noch nie so viele glamouröse Frauen in einem Raum gesehen. Aber das Schönste war, dass hier nicht alle Frauen so dünn wie Dita Von Teese waren. Einige der abendlichen Schönheiten entpuppten sich sogar als deutlich üppiger als ich.

Tamsin gehörte eindeutig auch zum Glitzervolk. Sie hatte ihre geschätzten neunzig Kilo elegant in Lagen von cremefarbenem Satin gehüllt, der sich hell von ihrer dunklen Haut abhob, und auf ihren üppigen Afrolocken thronte kokett ein silbrig glitzernder Minizylinder.

In meinem dunklen Rock und dem schlichten Spitzentop kam ich mir neben ihr vor wie Andersens Entlein in einer Vorstellung von Schwanensee. Ich hatte heute zwar die Einkaufsstraßen von London abgeklappert und meinen Koffer mit Kleidern und Dessous gefüllt, die ich in Wien nicht bekommen konnte – mehr Spitze, mehr Farbe, wildere Schnitte und tiefere Dekolletés, Stickereien, Pailletten, und hübschere Dessous, als ich sie je besessen hatte – aber die ausgefallensten Sachen hatte ich in einem kurzen Anflug von Schüchternheit im Hotel gelassen. Ein Fehler, wie sich herausstellte.

Tamsin drehte sich zur Saaltür und winkte lächelnd einem Mann in einem Frack zu, der sich daraufhin seinen Weg zu uns bahnte. Er küsste Tamsin, sobald er sie zu fassen bekam, und meine neue Chefin drehte sich zu mir um. »Darf ich dir meinen Freund Colin McCutcheon vorstellen?« Sie hängte sich bei ihm ein und drückte ihren Körper an den Mann, der aussah wie ein Elitesoldat aus einem Ego-Shooter, den jemand gegen seinen Willen in Abendkleidung gesteckt hatte.

»Sehr eleganter Frack«, sagte ich. »Leibwächter bei der Queen?«

Colin lachte. »Oboe im Orchester der English National Opera.«

Als er meine vor Überraschung hochgezogenen Augenbrauen bemerkte, wurde sein Gesicht weich, und ich verstand, was Tamsin an Colin anziehend fand.

»Vor ihm habe ich immer geglaubt, dass sich im Netz keine Männer mit Klasse herumtreiben«, sagte Tamsin und drückte ihrem Geliebten einen Kuss auf die Wange.

»Was für eine Plattform war das?« Ich lächelte die beiden an. »Da sollte ich auch mal vorbeischauen.«

»Bist du auf der Suche?«, fragte Tamsin.

»Sozusagen. Ich fürchte nur, die herkömmlichen Datingseiten geben für Frauen wie mich nicht viel her.«

»Vergiss die üblichen Plattformen, und versuch es lieber auf den Seiten für Liebhaber von Plus-Size-Frauen«, sagte Colin. »So habe ich diesen Schatz hier gefunden.« Er hauchte Tamsin einen Kuss auf die Stelle zwischen Ohr und Nacken.

Ich glaubte, Tamsins Erregung bis zu mir spüren zu können. Beim Anblick ihres Glücks fühlte ich eine Welle der Sehnsucht über mich schwappen, so heftig, als würde all mein aufgestauter Hunger auf einmal über mich hereinbrechen. Ich entschuldigte mich bei den beiden und lehnte mich im Waschraum des Clubs an die portweinrote Samttapete. Dabei betrachtete ich mein Gesicht und mein Dekolleté im Spiegel, der meinen Kopf und meinen Oberkörper einrahmte wie eine kleine runde Kamee. Wenn Tamsin und Colin einander gefunden hatten, gab es auch Hoffnung für mich, dachte ich. Die Welt da draußen war voller Männer, die auch Frauen wie mich erotisch fanden. Ich durfte auf der Suche nach ihnen nur nicht wieder in meine dummen alten Muster verfallen.

Ich lächelte mein Spiegelbild an. Was, wenn ich das Ganze wirklich wie ein Abenteuer sah, wie eine Quest, eine Mission in einem Computerspiel? Statt Drachen würde ich Prinzen jagen, und die Prinzessin, die sich befreite, war ich selbst.

Ein Grummeln meines Magens übertönte die Elektro-Swing-Musik, die durch die Türen des Waschraums drang. Mir fiel ein, dass ich nichts mehr gegessen hatte, seit ich mich am Nachmittag in eine kleine Sushibar bei der Oxford-Street verirrt hatte. Ich ging zur Bar, kaufte mir ein paar Erdbeeren in Schokolade und ein Glas Sekt, und setzte mich auf einen der alten Hocker. Langsam führte ich eine Erdbeere zum Mund. Zuerst schmolz die Schokolade auf meiner Zunge und überzog die Papillen mit einer weichen Schicht aus Fett und Kakao, dann schmeckte ich das süßherbe Fruchtaroma. Ich seufzte, griff nach einer weiteren Erdbeere und bemerkte dabei einen Mann, der an der Wand neben der Bar stand und mich anstarrte. Er war kaum größer als ich, und mit seiner Cargohose und seinem schwarzen T-Shirt schien er so gar nicht zur den prachtvoll hergerichteten Burlesque-Fans zu passen. Er bemerkte zuerst gar nicht, dass ich ihn ansah. Seine Augen schienen an meinem Mund zu kleben, als könnte er es gar nicht erwarten, bis ich abbiss. Ich tat ihm den Gefallen, und er verzog lustvoll sein Gesicht. Die Schluckbewegung seines Adamsapfels konnte ich sogar im Dämmerlicht der Bar ausmachen.

Der Blick des Mannes traf meinen. Er grinste, und ich fragte mich, was die fetten Liebesgöttinnen, die in ihren Korsetts und auf ihren Stilettos durch den Burlesque-Club glitten, jetzt tun würden.

Ich stand auf und schlenderte zu ihm hinüber. Ich war mir dabei seines Blickes bewusst, der über meinen Körper glitt. »Beobachtest du gerne Frauen beim Essen?«, fragte ich ihn.

»Nur, wenn sie dick sind«, sagte er mit einem Akzent, der für mich schottisch klang.

»Wieso das denn?«

»Schau mich nicht so zweifelnd an. Ich bin ein Fat Admirer. Ich vergöttere Rundungen wie deine.« Er streckte mir seine Hand entgegen, die mir ziemlich schmal vorkam. An sich selbst schien er Fett weniger zu bewundern, dachte ich.

»Jeffrey MacAlpine.«

Also wirklich ein Schotte.

»Ich bin hier Bühnenmanager und beobachte dich schon eine ganze Weile vom Backstagebereich aus. Willst du mal sehen, wie es hinter den Kulissen zugeht?« Er deutete auf meine Erdbeeren. »Dort finden wir auch sicher noch etwas zu essen für dich.«

Die alte Romy hätte so ein Angebot entschieden abgelehnt. Ich war aber auf einer Quest, also zwang ich mich, den Anfall von Schüchternheit und Unsicherheit zu überwinden, der mich bei seinem Angebot überkam. Ich biss in eine Erdbeere. »Ich verabschiede mich nur schnell bei meinen Freunden, dann kannst du mich in dein Reich entführen«, sagte ich.

Kurz darauf saß ich hinter der Bühne in einem Kämmerchen zwischen Kabeln, Lampen und Kisten, aus denen Federn, Jonglierbälle und glitzernde Stoffballen quollen. Auf einem kleinen Tischchen zwischen Jeffrey und mir drängten sich eine große Teekanne, Teller, Tassen, Milch- und Oberskännchen und eine Etagere voller Sandwiches, Törtchen und anderer Häppchen, die er irgendwo aufgetrieben hatte.

»Willst du die Scones probieren?«, fragte Jeffrey. »Am besten schmecken sie mit Marmelade und clotted cream.«

Ich nahm mir einen Scone, bestrich ihn mit der steifen Oberscreme und Erdbeerkonfitüre und biss hinein. »Herrlich«, sagte ich.

Jeffrey nippte an seinem Tee ohne Milch und ohne Zucker. »Du hörst sicher von vielen Männern, wie hübsch du bist«, sagte er. Dabei beugte er sich vor, wischte mir etwas Obers aus dem Mundwinkel und ließ seinen Blick tiefer in mein Dekolleté gleiten, in das sich ein paar Brösel verirrt hatten. »Probier auch die Sandwiches«, sagte er.

»Was ist mit dir?«, fragte ich. »Hast du gar keinen Hunger?«

»Für mich ist es Vergnügen genug, dich essen zu sehen.«

Das höre ich zum ersten Mal von einem Mann, dachte ich. Harry, meinem ersten Liebhaber, war mein Appetit herzlich egal gewesen, und Bert, mein zweiter, hatte es lieber gesehen, wenn ich hungerte und trainierte. Langsam führte ich meinen Zeigefinger zum Mund und lutschte einen Marmeladerest ab. Jeffreys Wangen hoben sich, und seine Lider sanken halb über seine Pupillen.

Interessant, dachte ich. »Du beobachtest also gerne runde Frauen beim Essen?«

»Ja«, sagte Jeffrey. »Ich liebe es auch, wie der Stoff ihrer Kleider sich über ihre Kurven spannt, über ihre Hintern und Schenkel und Bäuche. Von dir könnte gerne noch ein bisschen mehr da sein. Ich war mal mit einer Supersize Big Beautiful Woman zusammen, gegen die bist du ein Federchen.«

Ich sah ihn überrascht an. Zu dünn hatte mich bisher noch niemand gefunden. »Was genau findest du an dicken Frauen so aufregend?«

»Es gibt Freuden, die einem Mann nur ein dicker Körper schenken kann«, sagte Jeffrey.

Ich fragte mich, ob er vom Körpergefühl redete, oder von speziellen Praktiken. Bei meinen Recherchen hatte ich allerdings keine Hinweise auf unterschiedliche Spielarten gefunden. Die Darsteller der Erotikclips hatten Sex wie andere auch, nur dass sie auf besonders akrobatische Einlagen verzichteten. »Was genau meinst du damit?«

»Das sollte ein Mann einer Frau nicht erzählen, sondern zeigen«, sagte Jeffrey. »Zerreden zerstört den Zauber.«

Konnte ich mir vorstellen, mir von ihm zeigen zu lassen, was genau er meinte? Jetzt, wo ich ihn etwas genauer betrachtete, erinnerte Jeffrey mich ein bisschen an eine britische Version von Christian, mit den rostroten Haaren, den Sommersprossen und dem langen, dünnen Bubengesicht. Als er mich mit den Fingerspitzen berührte, war ich überrascht, wie kühl seine Hand war, trotz der Hitze in dem engen Kämmerchen.

Ich nahm ein üppig mit Karamellcreme verziertes Törtchen vom Tisch und biss hinein. Eine Mischung aus geschmolzenem Zucker und weichem, flauschigem Biskuit überzog meine Zunge und ließ mich vor Wonne seufzen. Jeffreys Mundwinkel verzogen sich nach oben, und sein Blick klebte an meinen Lippen. Zwischen meinen Beinen wurde es warm und feucht. Der Gedanke, dass ich noch heute etwas lernen konnte, über meinen Körper, meine Sinnlichkeit, über mich, faszinierte mich mehr und mehr.

»Ich kenne einen Ort, wo es gemütlicher wäre als hier«, sagte Jeffrey.

»Ach ja?«

Er grinste. »Wesentlich gemütlicher.«

Mein Bauchgefühl riet mir dazu, nichts zu übereilen. Dummes Bauchgefühl, dachte ich. Es hatte mich vier Jahre an Christian verschwenden lassen. »Klingt gut«, sagte ich.

Keine halbe Stunde später nahm Jeffrey mir in seiner Wohnung den Mantel ab. Ich fühlte mich mutig, verwegen, fast wild. Trotzdem hatte ich Olga auf dem Weg hierher, unterwegs durch die ruhigen Wohnstraßen von Bethnal Green, eine SMS mit Jeffreys Adresse geschickt, als kleine Vorsichtsmaßnahme.

Jeffrey verschwand in der Küche und ich sah mich in seinem Wohnzimmer um. Mir fielen ein Regal auf, das vor lauter Kochbüchern überquoll, und ein Barhocker, dessen Beine aussahen, als hätte Jeffrey unten ein Stück abgesägt. Vielleicht war ihm der Hocker einfach zu hoch gewesen, dachte ich, ein mythischer Riese war er ja nicht gerade.

Ich setzte mich auf die Couch und zupfte meinen Rock zurecht, so, dass der Stoff nach oben rutschte und meine Knie und den unteren Rand meiner Oberschenkel freilegte. Mal sehen, was der Abend so bringen wird, dachte ich.

Jeffrey brachte eine Kanne Tee und einen Teller voller Sandwiches, die nicht so aussahen, als hätte er sie selbst gemacht. »Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich natürlich etwas gekocht«, sagte er. Er nahm meine Hand und streichelte sie. »So hübsche, runde Fingerchen.« Seine kühlen Finger tanzten leicht über meine Haut und sein Blick war voll echter Bewunderung. Schweigend sah er zu, wie ich zwei der Brötchen genoss.

Als ich ein drittes dankend ablehnte, war er so enttäuscht, dass ich es trotzdem noch aß.

»Warum bist du eigentlich mitgekommen, Romy?«, fragte er.

Ich hatte den Eindruck, dass die Erregung seinen schottischen Akzent verstärkte.

»Du hast mich neugierig gemacht«, sagte ich. »Ich will wissen, was ein Körper wie meiner hat, das ein dünner nicht hat.«

Er erhob sich, nahm meine Hand und führte sie an den Mund. Kühle Lippen berührten meinen Handrücken. »Darf ich es dir jetzt zeigen?«

Mein schlechtes Bauchgefühl von vorhin kam mir dumm vor. Ich spürte, wie die Erregung in mein Becken floss und sich Feuchtigkeit zwischen meinen Schenkeln ausbreitete.

»Entschuldigst du mich kurz?«, fragte ich.

»Lass mich nur nicht zu lange warten.«

Ich trollte mich ins Bad, das genauso bieder und langweilig wie der Rest der Wohnung war. Wegen der seltsamen englischen Armaturen wusch ich meine Hände abwechselnd mit eiskaltem und brühheißem Wasser, zupfte dann meine Haare zurecht und zog mein Top etwas nach unten. Dann stutzte ich. Im Spiegel sah ich hinter mir mehrere große Trichter auf dem Badezimmerschrank. An den Spitzen von zweien waren lange Schläuche befestigt, die aufgerollt auf dem Schrank lagen. Was machte Jeffrey damit? Hatte der arme Kerl ein Verdauungsproblem, oder waren die Utensilien für dunklere Rituale gedacht? Sollte ich mich nicht doch rasch verabschieden und ins Hotel zurückfahren? Nein, dachte ich. Die Erfahrung mit Jeffrey ist Teil deiner Quest, Romy. Zieh das jetzt durch.

Jeffrey empfing mich in einem schwarzen Satinmorgenmantel, der ihm bis zur Mitte der rötlich behaarten Waden reichte und der inmitten der unauffälligen modernen Möbel viel zu pompös aussah. »Komm mit, damit ich dich anbeten kann«, sagte er.

Ich folgte ihm ins Schlafzimmer. Mein Blick fiel auf die Kunstdrucke über seinem Futonbett, nackte Venusfiguren von Botero, Gauguin und Kustodijew, dazwischen Postkarten von fetten Frauen in Pinup-Posen und Schwarz-Weiß-Bilder von Wagnersängerinnen vergangener Epochen. In einer Ecke stand noch so ein Barhocker mit abgesägten Beinen. Ich hatte Lust, Olga anzurufen und um Rat zu fragen, aber das ging jetzt nicht mehr.

Jeffrey setzte sich auf die Bettkante. Ich beugte mich zu ihm und wollte ihn sanft auf die Lippen küssen, doch er wich zurück. »Ich würde gerne zusehen, wie du dich ausziehst«, sagte er.

Na gut, dann eben gleich zur Sache, dachte ich. Für einen Moment war ich versucht, Dirty Martinis Burlesque-Performance zu imitieren, ließ es aber bleiben. Ich würde mich vermutlich hoffnungslos in meinen Kleidern verheddern. Also zog ich mich so elegant ich konnte aus, neugierig auf seine Reaktion.

Jeffrey starrte mich an, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln. Meine leichte Anspannung schien er nicht zu bemerken, er schaute nur auf meinen Bauch, meine Hüften und meine Schenkel. Sein Blick schien jede Wölbung und Erhebung genau zu kartografieren.

»Darf ich dich noch genauer ansehen?«, fragte er.

Ich nickte verhalten.

Jeffrey ging langsam um mich herum und sank hinter mir auf die Knie. Er fasste mich nicht an, sondern schien einfach nur meinen breiten Hintern und meine dicken Oberschenkel zu betrachten. Ich drehte meinen Kopf und sah ihn hinter mir knien, ganz in sich versunken, fast wie in einer Meditation. Eine Stimme tauchte in meinem Kopf auf. Sie fragte, was ich da eigentlich machte. Eine andere mischte sich ein und befahl mir, stillzuhalten. Nur nicht zu grübeln beginnen, Romy. Es geht nur um XP, also kannst du nur gewinnen.

Jeffrey stand auf und legte sich auf die Matratze. »Setz dich auf mich«, sagte er.

Ich versuchte, aus seinem Wunsch schlau zu werden. Um mich auf seinen Schoß zu setzen und ihn in mich eindringen zu lassen, war es noch zu früh. Was hat er vor, fragte ich mich, während ich auf das Bett kletterte und spürte, wie die dicke Matratze unter meinem Gewicht einsank. Vorsichtig kniete ich mich über seine Schultern, sodass meine Pussy über seinem Gesicht war.

Jeffreys Hand grub sich in meinen Schenkel. »Nicht so«, sagte er. »Setz dich auf meinen Oberkörper. So richtig, mit dem ganzen Hintern«.

Ich fragte mich, ob ich nicht zu schwer war für diesen schmächtigen schottischen Kerl. Vorsichtig setze ich mich auf seine Brust und spürte seine wenigen Härchen an meinem Hintern und an meinen Oberschenkeln. Sein Stöhnen war ein unerwartet tiefer Laut, als würde gerade alle Luft aus seinem Körper entweichen. Ich hoffte, dass mein warmer Körper die Kälte seines Körpers vertreiben würde. Mein Hintern bedeckte den Großteil seines Torsos. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen, dachte ich, und griff hinter mich, um mich abzustützen und ihn zu entlasten.

Er stieß meine Hand zur Seite. »Nicht«, keuchte er.

Anscheinend wollte er wirklich mein ganzes Gewicht auf sich spüren.

»Du machst das genau richtig«, brachte er hervor.

Ich legte meine Hände in den Schoß und wartete. Mein Blick glitt über die runden Frauen auf den Postern und ich fragte mich, wie oft sie wohl schon Zeuginnen von Jeffreys kleinen Ritualen geworden waren. Schade, dachte ich, dass sie nicht reden können.

Ich wartete weiter. Mehrere Minuten vergingen. Nichts geschah. Nur ab und zu drang ein Stöhnen aus Jeffreys Mund. Er hatte die Augen geschlossen und sah aus wie in Trance. Sein Schwanz war nur halb steif und wippte bei jedem Stöhnen über den rötlichen Locken, aus denen er herauswuchs. Als ich ihn anfassen wollte, schob Jeffrey meine Hand weg. Allmählich langweilte ich mich. Ich war mir nicht sicher, was genau ich mir vorgestellt hatte, das war es jedenfalls nicht.

Jeffrey kniff den Mund zusammen. »So richtig dick bist du eigentlich nicht.«

»Wie würdest du rund hundert Kilo denn sonst bezeichnen?«

»Als mittelprächtig. Ich war mal mit einer 240-Kilo-Frau zusammen«, keuchte Jeffrey. »Oh, Himmel, unter der bin ich verschwunden.«

Das konnte ich mir gut vorstellen. Schon ich fühlte mich auf Jeffrey wie eine Fruchtbarkeitsgöttin, die sich irrtümlich auf einen Volksschüler gesetzt hatte. Seine Hüftknochen drückten sich unangenehm in das Fleisch meines Hinterns, und ich rutschte auf seinem Torso herum, um bequemer zu sitzen.

Jeffrey hatte die Augen noch immer geschlossen, als würde er sich auf seine wachsende Erregung konzentrieren. Während mir zusehends kalt wurde, richtete sich zumindest sein Schwanz auf, ein langsamer Lindwurm, der aus einem tiefen Traum erwachte. Langsam kam mir die Situation etwas absurd vor. Ich saß nackt auf einem fremden Mann, der mich kaum wahrzunehmen schien und spürte eine Gänsehaut auf Rücken und Waden, die definitiv nicht von meiner Erregung kam. Schließlich hatte ich genug. Ich erhob mich und verschränkte die Arme vor den Brüsten.

Jeffrey schien enttäuscht, sagte aber nichts. Stattdessen nahm er mich an der Hand und führte mich zu dem Barhocker in der Ecke des Raums. Ich sah mich nach meinen Kleidern um und war jetzt richtig froh darüber, dass Olga Bescheid wusste, wo ich war. »Was ist das für ein Ding?«, fragte ich und deutete auf den Hocker.

»Du wolltest doch wissen, welche Freuden ein dicker Körper einem Mann schenken kann«, sagte er.

Wollte ich das? Inzwischen war ich mir da nicht mehr so sicher.

Jeffrey lächelte. »Nimm bitte Platz. Ich bin sicher, dass du so etwas noch nie gemacht hast.«

Einfach gehen oder noch ein bisschen mitspielen? Ich überlegte. Jeffrey war vielleicht ein bisschen irre, aber er kam mir nicht gefährlich vor. Außerdem hatte ich die Situation im Griff, ein so schmächtiges Männchen, wie er es war, konnte ich notfalls einfach am Genick packen und schütteln. Also würde ich auch das nächste Level mitspielen und sehen, was passierte. Ich erwartete mir nichts mehr, frustrierender als bisher konnte es nicht werden. Zumindest würde ich am Ende alles über Typen wie ihn wissen.

Ich folgte seinem Wunsch und nahm auf dem Hocker Platz. Jeffrey griff nach einer Tube Gleitgel, die am Fensterbrett lag und die ich bisher übersehen hatte.

»Wenn du dir ein bisschen Mühe gibst, brauchen Frauen so was gar nicht«, sagte ich.

»Das wird nicht das übliche, einfallslose Reinstecken, falls du das meinst«, sagte er.

»Nicht?«

Kühle Finger schmierten das Gel in die Falte zwischen meinem Bauch und meinem Oberschenkel. Jeffrey stellte sich neben mich, hob meinen Bauch und steckte seinen Schwanz in die besagte Falte.

»Ganz sicher nicht«, stöhnte er.

Dann stieß er zu, zuerst langsam, dann allmählich schneller. Er krallte dabei seine Finger so fest in meinen Bauch, dass es wehtat. Seltsame Mhm-Laute kamen dabei aus seinem Mund. Gerade hatte ich noch Sandwiches gegessen und mich auf netten Sex mit einem Kurvenliebhaber gefreut, und jetzt fühlte ich mich wie American McGee’s Alice im bizarren Irrenhaus-Wunderlandspiel.

Jeffrey drückte mein Fleisch noch mehr zusammen. »Enger, enger, gut, ja …« Seine Hüften ruckelten und er warf den Kopf nach hinten. Sein Gesicht verkrampfte sich, bis es nur noch eine Masse aus verspannten Muskeln war. Dann spürte ich, wie sein Sperma an meinem Oberschenkel nach unten rann. Ich fischte nach einem Taschentuch aus der Box, die auf dem Nachttisch stand, wischte alles ab, so gut es ging.

Jeffrey rückte von mir ab und sah mich überrascht an. »Was denn, hat es dir nicht gefallen?«

»Hätte es sollen?«

»Du bist aber erregt, ja?«

»Sieht das so aus?«

Jeffrey legte sich aufs Bett. »Dann setz dich doch über mein Gesicht. Das, was ich jetzt machen werde, gefällt dir ganz sicher.«

Ich zögerte. Sollte ich ins Hotel gehen? Andererseits, wenn auch nur eine kleine Chance bestand, den Abend doch noch mit etwas Vergnügen zu beenden, würde ich mich nicht darum bringen. Vielleicht gehörte Jeffrey ja zu der Sorte Männer, die zuerst auf ihre Kosten kamen, und sich hinterher um die Frau kümmerten.

Also kniete ich mich vorsichtig über ihn und senkte mein Becken über sein Gesicht, bis meine Pussy über seinem Mund schwebte und ich seinen Atem an meinen Schamlippen spürte. Das Kribbeln der Erregung war so sanft, dass ich es kaum spürte, aber es war immerhin ein Anfang. Jeffrey drückte mich nach unten, bis sein schmales Antlitz fast ganz in meiner fleischigen Fülle verschwand. Dann lag er wieder nur da, während ich darauf wartete, dass etwas geschah. Nichts passierte. Er liebkoste mich nicht, und seine Lippen blieben seltsam geschlossen. Langsam ging mir dieser dürre, reglose Schotte auf die Nerven.

Als ich aufstehen wollte, drückte er mich noch fester auf sein Gesicht. Ich hörte ihn japsen. Seine Beinchen zappelten und seine Finger, die er in meine Schenkel drückte, zitterten. Ich fürchtete, das er jeden Moment unter mir ersticken würde. Ich fuhr zusammen, als die Erkenntnis mich traf, scharf und präzise wie der Pfeil eines Düsterwaldelben. Jeffrey benütze mich, meinen Körper offenbar dazu, um sich die Luft abzuschnüren.

Ich schnellte hoch und wollte nur noch weg, nur noch runter von ihm, doch das ließ er nicht zu. Jeffrey krallte seine Hände noch fester in mein Fleisch, mit mehr Kraft, als ich ihm zugetraut hätte. Er drückte immer noch das Gesicht in meinen Schoß, während ich mich zu befreien versuchte. Schließlich konnte ich mich losreißen. Ich rollte von ihm und sammelte hektisch meine Kleider ein.

Jeffrey sah mir verärgert vom Bett aus zu. »Was ist denn los, um Himmels willen? Warum unterbrichst du mich, wenn ich deinen Körper genieße?«

Ich sperrte mich im Bad ein und wusch seine Spuren von mir ab, so gut es auf die Schnelle ging.

»Du gehst?«, rief er durch die Tür. »Warum denn?«

Angezogen und bereit zum Aufbruch kam ich wieder aus dem Bad. »Hast du dich schon einmal gefragt, was einer Frau an deinem Liebesspiel gefallen könnte?«

Er baute sich vor der Wohnungstür auf, breitbeinig, aber immer noch nackt, immer noch schmächtig, und sein Schwanz baumelte zwischen seinen Schenkeln. »Was einer Frau daran gefallen kann?«, fragte er. »Das Wissen, dass ihr Körper einem Mann Lust bereitet, natürlich. Andere Frauen sind nicht so undankbar wie du. Die wissen, was sie an einem Mann wie mir haben.«

Ich schob ihn beiseite und öffnete die Wohnungstür. Er hopste mir nach, hinaus ins Stiegenhaus. »Du gehst?«, fragte er.

»Sieht das hier für dich so aus, als würde ich bleiben?«

»Dann hau ab. Du bist sowieso nicht dick genug, du undankbare, prüde dumme Kuh.«

Für diese Kammerspiel des Absurden sollte ich ihm auch noch dankbar sein? Ich langte nach seiner Wohnungstür und gab ihr einen Schubs. Sie knallte gegen die Flurwand, prallte zurück, und fiel ins Schloss. Ich hörte, wie der Wohnungsschlüssel gegen die Türinnenseite klatschte.

Jeffrey riss panisch seine Fetischistenärmchen hoch. Im kargen Licht des Stiegenhauses wirkte er auf einmal so winzig, so verletzlich mit seiner unbedeckten Scham, und für einen Moment verspürte ich so etwas wie Sympathie und Mitgefühl für ihn.

»Hau nur ab, du blödes, prüdes Biest«, fauchte Jeffrey und bedeckte seine Scham notdürftig mit den Fingern.

»Noch viel Spaß heute Abend«, sagte ich. »Und verkühl dich nicht.«

KAPITEL 5

Im Hotel verbrachte ich eine gute halbe Stunde unter der Dusche, und wusch mich immer wieder, um ja alle Spuren von Jeffrey loszuwerden. Ich würde ihm nicht den Gefallen tun, mich schmutzig und benutzt zu fühlen, dachte ich fast trotzig, als ich den Rest des kleinen Hotelduschgels aufbrauchte. Ich würde auch nicht eine Sekunde daran denken, meine Quest abzubrechen, nur weil ich einen Abend in einer bizarren Gegenwelt verbracht hatte, die die Regeln von allem, was ich erotisch fand, auf den Kopf stellte.

Meine Quest würde weitergehen. Musste weitergehen. Auch wenn ich den Anfang irgendwie verpatzt hatte, konnte und wollte ich nicht mehr zurück. Ich durfte nicht mehr in alte Romy-Muster verfallen, mich nie wieder in meine einsame kleine Wehrburg hinter Mauern aus Illusionen und Träumen verkriechen, belagert von Mutlosigkeit und Verzweiflung, heimgesucht vom Geist meiner Niederlage in Sachen Christian. Auch wenn es verlockend schien, in Deckung zu gehen, ich wusste, wenn ich die alten Programme laufen ließ, würde ich nie die Art von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen finden, wie Sonja und die Plus-Models sie hatten. Ich musste meinen Weg weitergehen, in unvertraute Gefilde. Auch wenn die Reise mich ängstigte, ahnte ich, dass ich auf dem Weg Schätze finden würde, Beutestücke. Wie eine Spielfigur, die sich durch die Level kämpft und nach und nach die Einzelteile einer besonders wertvollen Rüstung einsammelt, würde ich mir alles aneignen, was ich brauchte, um die Romy zu werden, zu der ich geboren war. Und was, wenn ich mich manchmal verlief? Schließlich passierten den Heldinnen diverser Spiele und Sagen am Anfang ihrer Abenteuer ähnlich dumme Dinge, ganz so, als wolle das Schicksal ihre Entschlossenheit prüfen. Insofern konnte ich die Episode mit etwas gutem Willen sogar als Bestätigung betrachten, dachte ich. Außerdem konnte es eigentlich nicht mehr blöder laufen, und das war irgendwie auch ermutigend.

Also lag ich in dieser Nacht noch lange wach, um mir die nächsten Schritte meines Abenteuers zu überlegen. Vielleicht sollte ich diesen Manfred anrufen, dachte ich, als der Morgen schon graute. Er war eigentlich ganz nett gewesen, und er hatte mich an einem Abend anziehend gefunden, an dem ich mich mit meinem verlaufenen Make-up ungefähr so sexy gefunden hatte wie den Joker aus Batman. Sicher, die ganz große Liebe würde sich zwischen dem forschen Sportartikelverkäufer und mir vermutlich nicht entwickeln, aber darum ging es auch nicht. Je länger ich über die Begegnung mit Manfred nachdachte, desto eher konnte ich mir vorstellen, ihn zu mir einzuladen, zu küssen und zu sehen, wie er reagierte.

Ich hatte seine Karte nach unserer ersten Begegnung zwar am Tresen liegen gelassen, an den Namen des Ladens, in dem er arbeitete, erinnerte ich mich aber noch. Mit wenigen Klicks fand ich seine Kontaktdaten heraus, und rief ihn an, kaum dass ich in Wien gelandet und Tamsin per Mail für die nette Begegnung gedankt hatte.

Ich erwischte Manfred am Heimweg von der Arbeit. Seinen Vorschlag, uns in Cems Bar zu treffen, schlug ich aus. Nach noch mehr Geplauder war mir jetzt wirklich nicht, und ich wollte nicht riskieren, dass ein stundenlanger Monolog über Gangschaltungen und Crosstrainer mir die Lust raubte, ihn zu küssen.

»Ich wohne im Sechsten, hinter dem Flakturmpark. Du könntest bei mir vorbeikommen …«

»Ich kann in einer halben Stunde da sein.«

»Sagen wir in einer Dreiviertelstunde.«

Ich legte auf und spürte, wie sich die Vorfreude in mir breitmachte. Ich fühlte meinen Hunger, die Sehnsucht, endlich wieder Lippen an meinen zu spüren, den Geschmack eines Mannes auf meiner Zunge, seinen Körper auf mir und in mir und um mich.

Einen Mann einfach so zu mir einzuladen, war so untypisch für mich, dachte ich, amüsiert über meinen Mut. Olga wäre jedenfalls ziemlich angetan, wie ich meine Quest anging.

Ich räumte schnell die halb ausgepackten Koffer ins Schlafzimmer und machte mich frisch. Als ich meinen Lippenstift auftrug, blitzte in meinem Kopf das Bild meiner Mutter auf, und ich fragte mich, was sie jetzt sagen würde. Nicht nur zu meiner Quest, sondern dazu, dass ich begann, ihre dummem Prophezeiungen Lügen zu strafen, dass dicke Frauen aus Grundprinzip unattraktiv und unerotisch waren. Dann verdrängte ich den Gedanken, und konzentrierte mich darauf, mich möglichst wie eine Venus aussehen zu lassen. Fünfzig Minuten nach unserem Telefonat stand Manfred vor meiner Wohnungstür. Während ich in meinem Kühlschrank nach einem Bier suchte, spazierte er durch mein Wohnzimmer und ließ seinen Blick über meine Comicsammlung und meinen Zeichentisch gleiten. »Du hast einen Freund, oder?«, fragte er.

»Wieso?«

»Du hast mehr Ego-Shooter und Fantasy-Spiele rumliegen als mein dreizehnjähriger Neffe.«

»Ich arbeite in der Spielebranche.«

»Als Sekretärin oder was?«

»3D-Artist.«

»Echt? Kannst du davon leben, ich meine als Frau und so?«

Ich zupfte mein Top zurecht, um seinen Blick auf meinen Ausschnitt zu lenken und ihn zum Schweigen zu bringen. »Schon«, sagte ich.

Ich reichte ihm das Bier, und sah zu, wie sich sein Bizeps und seine Brust unter seinem Poloshirt bewegten. Der Stoff hob sich hell von Manfreds bronzefarbenen Haut ab und weckte in mir den Wunsch, es hochzuziehen, über seine Haut zu streicheln und die Muskeln darunter zu spüren. War er am ganzen Körper gleichmäßig gebräunt? Vermutlich würde ich es bald wissen. Der Gedanke schickte ein kleines Lächeln über meinen Mund.

»Was macht man so, als 3D-Artist?«, fragte Manfred.

»Ich zeichne die Kostüme, die Umgebung, die Waffen, hauptsächlich aber die Figuren.«

Sein Grinsen fiel eindeutig lüstern aus. »Die einzige Figur, die mich im Moment interessiert, ist deine.« Er trat ganz nah an mich heran, und als er »du hast ganz fantastische Titten« flüsterte, klang seine Stimme belegt. Dann senkte er den Kopf und küsste mich auf den Mund, sanfter und vorsichtiger, als ich es erwartet hatte. Mit der Zunge öffnete er meine Lippen, und ich schmeckte eine Mischung aus Minz-Zahnpasta und etwas Bier. Gar nicht mal so unangenehm, fand ich, und erwiderte seinen Kuss. Manfred legte seine Hände auf meine Brüste, und meine Haut begann zu prickeln, obwohl zwischen ihr und seinen Fingern zwei Schichten Stoff lagen.

»Magst du das?«, fragte er.

Ich nickte, bog meinen Rücken durch und drückte meine Brüste der Wärme seiner Finger entgegen.

Manfred griff nach dem Saum meines Kleids und zog es mir über den Kopf. »Wow«, sagte er. »Welche Körbchengröße hast du?«

»Neunzig G.«

»G wie geil. Das ist einer der Vorteile von euch fetten Weibern.«

»Danke?«

Er knetete meine Brüste unter den Körbchen. »Fantastische Titten«, sagte er noch einmal. Als er sein Gesicht zwischen sie steckte, hinterließ sein Haargel eine leicht klebrige Spur auf meiner Haut. »Du bist eine richtige Wuchtbrumme. Ein Megamädel«, sagte er.

Ich zog ihm das Poloshirt aus der Hose, strich über seinen Bauch und konnte fühlen, wie seine Muskeln sich direkt unter der Haut zusammenzogen.

»Ein Pfundsweib, bist du.«

»Hm. Soll ich den BH ausziehen?«

»Lass mich machen.«

Er zog den Büstenhalter nach unten, sodass meine Brüste über den Spitzenrand quollen. »So ist es geil«, sagte er und trat einen Schritt zurück, um mich im Ganzen betrachten zu können. »Himmel«, sagte er, »bist du fett.«

»Ich glaube, das sagtest du schon.«

Manfred zog sich das Poloshirt über den Kopf. Seine Haut sah ein bisschen nach Grillhähnchen aus, fand ich, während ich zusah, wie er sich auch seiner übrigen Sachen entledigte. Seine Bräune war tatsächlich nahtlos, bloß über seine Füße konnte ich nichts sagen. Ich fragte mich, ob er seine Socken auch im Solarium anließ. Sein Schwanz begann, sich zu regen und aufzurichten. Beim Anblick des immer praller werdenden Fleisches, das aus einem hellbraunen Nest ragte, leckte ich unwillkürlich über meine Lippen.

»Wollen wir ins Schlafzimmer gehen?«, fragte er.

»Dort hab ich meine Katzen eingesperrt.«

Er sah sich um. »Das Wohnzimmer ist auch nicht schlecht.«

Er drückte mich aufs Sofa, und zwar so, dass ich kniete und die Wand vor mir und das Poster von Dragon Age Origins anstarrte. Morrigan, Duncan, die Zwerge und die dunkle Brut starrten zurück.

Manfred packte meinen Hintern und fing an, über mein Höschen zu rubbeln. »Was für ein geiler fetter Arsch«, sagte er dabei.

»Hör zu, Manfred«, sagte ich. »Du kannst gerne ein bisschen derb sein, wenn du das brauchst. Aber sei bitte ein bisschen langsamer und vorsichtiger.«

Er nickte, schien es zu mögen, dass ich ihm klare Anweisungen gab. »Klar«, sagte er. »Du sollst schließlich auch Spaß haben. Sag, warum hast du damals in der Bar eigentlich so geweint?«

Wenn Manfred es klug fand, eine Frau mitten im Liebesspiel so etwas zu fragen, hatte er offenbar in ungefähr das Feingefühl des Wrestler-Schurken Zangief aus den Street-Fighter-Spielen.

»Was ist dir gerade wichtiger?«, fragte ich. »Liebe machen oder Konversation treiben?«

»Was glaubst du?«

Er drehte mich wieder um, zog mein Höschen aus und streichelte ein bisschen meinen Hintern. Sein Getätschel fand ich weniger sexy als die Tatsache, dass dieser grobschlächtige Kerl bereit war, sich zu bemühen. Das hatte beinahe etwas Rührendes.

Er fummelte noch etwas an meinem Po herum, dann keuchte er: »Ich muss dich haben. Jetzt.«

Ich hörte, wie er ein Kondom überzog, nahm seinen Schwanz und half ihm, in mich einzudringen. Unverzüglich bewegte er sich mit schnellen kurzen Stößen, und stöhnte: »Du geile fette Sau!«, laut wie ein Berserker, dem man eine Lanze in den Leib rammte.

Ich zuckte zusammen und merkte, wie das bisschen Lust, das ich empfand, in sich zusammenzubrechen drohte. Die Besetzung von Dragon Age Origins sah Manfred und mir zu, und die Figuren schienen sich auch ihren Teil zu denken.

»Nicht so laut, bitte.«

»Du geile fette Sau«, wiederholte er, nicht minder laut.

»Meine Nachbarn können dich hören.«

Das Wohnzimmer von Cem und Klaus lag zwar nicht Wand an Wand mit meinem, aber so wie Manfred schrie, würden sie es bis in den hintersten Winkel ihrer Wohnung hören können.

»Scheiß auf deine Nachbarn«, grunzte Manfred.

Seine Hoden klatschten gegen meine Schenkel, immer und immer wieder. Ich überlegte, ob ich mich selbst streicheln sollte, um etwas Lust abzubekommen, da lief auch schon ein Zucken durch seinen Körper. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie er sich über mir aufbäumte, mit einem Keuchen, das wie ein angeschossener Dinosaurier aus den Videospielen von »Jurassic Park« klang.

»War ich gut?«, fragte er danach.

»Fantastisch«, sagte ich.

Manfred zog sich aus mir zurück, und sah sich stolz im Wohnzimmer um, als erwarte er Applaus von den Figuren auf den Postern. »Nächstes Mal ziehen wir uns vorher einen Pornoclip rein«, sagte er.

Ein nächstes Mal wird es nicht geben, dachte ich, als Manfred in seine Kleider schlüpfte.

»Ich rufe dich an, ja?« Er drückte mir einen Kuss auf die Wange und huschte zur Tür.

Bemüh dich nicht, wollte ich sagen, verkniff es mir aber. Dann rief ich ihm doch etwas nach. »Kleiner Tipp, Manfred. Bevor du das nächste Mal eine dicke Frau vögelst, solltest du deinen Wortschatz erweitern, und dir eine andere Phrase überlegen als ›fette geile Sau‹, ja?«

Mit in Falten gelegter Stirn und mit der Hand an der Klinke blieb er stehen. »Warum das denn?«

»Vergiss es.«

»Aber es war ein Kompliment. Ich meine, du bist nun einmal dick. Genieß es. Steh dazu.« Dann drehte er sich um und ging.

Ich zog mich an, und dachte darüber nach, was er gesagt hatte. War es nur sein Tonfall, der mich irritiert hatte, und seine Wortwahl? Oder hatte ich mich irgendwie doch auch unwohl gefühlt, weil er mich ständig auf meine Körperfülle hingewiesen hatte? Egal, dachte ich, zumindest hatte ich Sex gehabt, und zwar mit dem dritten Mann in meinem Leben, wenn ich den Schotten nicht mitzählte, was ihm zweifellos nicht zustand. Sicher, der Sex hätte besser sein können, aber das war der nächste Schritt.

Ich setzte mich an meinen Laptop, unbefriedigt und unruhig. Mir fielen Tamsin und ihr Colin ein, und ich machte mich auf die Suche nach einer Webplattform für Plus-Size-Singles, die in meiner Nähe lebten. Eine Stunde später hatte ich einige deutsche und amerikanische Seiten gefunden, aber keine, die für mich infrage kam. Der webweite Enthusiasmus für Plus-Size-Dating hatte Wien offenbar noch nicht erreicht, was meine Mission zu einer wirklichen Herausforderung machte. Ich setzte mich auf das Sofa, und meine über acht Kilo schweren Maine-Coon-Katzen Loghain und Leliana platzierten sich auf meinem Bauch und meinen Schenkeln. Während ich ihnen abwechselnd das Fell bürstete und ihrem tiefen Schnurren zuhörte, dachte ich über die nächsten Schritte meiner Quest nach. Die Gewandung und Ausrüstung hatte ich mir schon organisiert, und die ersten beiden Schlachten hinter mich gebracht. Was brauchte ich für so ein Abenteuer noch? Eine Art Missionslogbuch oder Tagebuch wäre gut, dachte ich. Ich hatte schon öfter mit dem Gedanken gespielt, ein Blog anzulegen, bisher hatten mir aber am Ende immer das Thema und das Bedürfnis gefehlt. Jetzt würde ich es als weiteren Schritt betrachten, um IRL, in real life, also im echten Leben, zu einer Venus zu werden. Ein Blog über meine Erfahrungen bei der Suche nach Männern mit dem Beuteschema dick könnte mich dann auch zum Weitermachen motivieren, wenn ich zwischenzeitlich einmal den Mut verlieren sollte.

Ich scheuchte die Katzen weg und setzte mich wieder an den Computer. Ein paar Minuten experimentierte ich mit Worten und Namen und sicherte mir schließlich ein Blog unter venusinecht.wordpress.com. Ich spielte mit dem Layout und der Schrift und überlegte, ein paar verfremdete Fotos von mir hochzuladen. Dann beschloss ich, das Blog bis auf Weiteres mit meinen Zeichnungen zu bebildern. Mit einem Illustrationsprogramm machte ich ein paar schnelle, simple Vektorskizzen von runden Frauenkörpern. In meinem ersten Beitrag schrieb ich über meine Quest und die ersten, mäßig erfolgreichen Episoden mit Jeffrey und Manfred.

»Mit den Perversen wäre ich damit durch«, schloss ich. »Jetzt schlägt die Stunde der guten Liebhaber.«

KAPITEL 6

Horst Wittler, Gründer und, nach seinen eigenen Worten, Seele von WittNet, reichte mir das pitching document und sah seine Projektleiterin an. »Romys Ideen für die Frechen Früchtchen sind wirklich entzückend. Findest du nicht, Alexa?«

Alexa nickte stumm und sah aus, als würde sie sich mit Mühe eine bissige Bemerkung verkneifen.

Die nächsten Wochen würden zäh werden, dachte ich. Seit ich vor einer halben Stunde den Besprechungsraum im 23. Stock des neuen Hochhauses neben der UNO-City betreten hatte, sah Alexa mich feindselig an. Ihre kaum verhüllte Aversion hatte mich nicht überrascht, wohl aber, dass sie sich auch in Horsts Gegenwart keine Mühe gab, sie zu verbergen. Für Alexa reichte es offenbar für den Beginn einer lebenslangen Feindschaft, jemandem über die Füße gestolpert zu sein. Blöder Zufall aber auch, dass ich es bei meinem Überbrückungsjob ausgerechnet mit der Frau zu tun hatte, der ich nach Christians Vortrag in die Quere gekommen war.

»Mit Olga haben Sie ja schon öfter gearbeitet«, sagte Horst.

Ich nickte. »Wir sind ein eingespieltes Team.«

Alexa verzog den Mund. »Interessant. Dabei sind Sie ja ziemlich … unterschiedlich.«

Ich zog es vor, die Spitze zu überhören. Schließlich gaben sie und Horst ein Paar ab, das um einiges seltsamer war als Olga und ich; wie eine Eisprinzessin und ein glatzköpfiger, überenthusiastischer Onkel. Olga hatte ihn mir als harmlos beschrieben, doch unter seiner jovialen Fassade schien etwas Dunkles zu lauern.

»Olga hat erwähnt, dass Sie ab Sommer bei Knights of the Dragon Isle mitarbeiten«, sagte Horst. »Ich gratuliere.«

»Danke.«

»Ist Tamsin Daffyd noch Projektleiterin?«

Ich sah Horst überrascht an. WittNet war in der PR-Branche für seine Gesundheitskampagnen für Ministerien und Ähnliches bekannt, und er sah auch nicht aus wie jemand, der in seiner Freizeit Orks und Trolle jagte.

»Ich kenne sie von einem Abendessen mit Venture-Kapitalisten vor ein paar Jahren«, sagte Horst.

Ich nickte. Natürlich, für jemanden wie ihn waren Spiele ein Investment, nichts weiter.

»Da muss ich wohl auch gratulieren«, sagte Alexa. Sie wandte sich an Horst, und die feinen Linien um ihren Mund vertieften sich. »Wir sollten trotzdem bedenken, dass Romy der pädagogische Hintergrund für unser Projekt fehlt«, sagte sie.

Ich fragte mich, wie alt sie war. Zunächst hatte ich sie auf Anfang dreißig geschätzt, auf mein Alter also. Aus der Nähe aber sah sie ausgezehrt aus, fast schon welk, als müsse sie sich ständig aufopfern und verzichten. Ich fragte mich, was genau sie sich verkniff. Den Logos auf ihrer Jeans und Tasche nach zu schließen, war sie sich gegenüber zumindest in Sachen Markenkleidung großzügig.

»Klar, die Frechen Früchtchen sollen ansprechend gestaltet sein, Frucht- und Gemüsekinder eben, ein mutiger Zucchinijunge, ein süßes Rhabarbermädchen und so fort, Sie haben ja das Konzept gesehen. Trotzdem muss es aber ein hochseriöses Lernspiel werden. Gemüse und Obst, das die Jugend zu gesunder Ernährung motiviert«, sagte Alexa. »Das müssen sogar Sie für eine gute Idee halten.«

»Sicher«, sagte ich, obwohl ich vom Projekt inzwischen nicht mehr überzeugt war. Wer auch immer das Konzept geschrieben hatte, hatte die Botschaft von all dem Obst und hochwertigen Essen unter pädagogisch korrekten Mahnungen verschüttet, und ich zweifelte an der Wirksamkeit der ganzen Kampagne. Der erhobene Zeigefinger, den Alexa offensichtlich so schätzte, bewirkte gar nichts, dachte ich, auch wenn er sich hinter lustigen Animationen verbarg. Als jemand, der sich eineinhalb Jahrzehnte lang mit Diäten abgequält hatte, wusste ich, wovon ich sprach.

Ich seufzte, so, dass die beiden mich nicht hören konnten. Am liebsten wäre ich aus dem Projekt ausgestiegen, aber dann fiel mir ein, wie viel Geld ich für die Vampisierung meiner Garderobe in London gelassen hatte. Horst und Alexa jetzt abzusagen, konnte ich mir schlicht nicht leisten.

Am Nachmittag meldete ich mich bei einigen internationalen Plus-Size-Seiten an, um zu sehen, was passierte. Ich hatte das Wochenende durchgearbeitet, um das letzte Projekt abzuschließen, und brannte jetzt darauf, mit meiner Quest weiterzumachen. Ziemlich schnell waren meine Mailboxen mit Smileys und netten Mails gefüllt, aber alle stammten von Männern, die ein paar hundert oder ein paar tausend Kilometer entfernt lebten. Nachdem ich die Mails gelesen hatte, rief ich Olga an, um sie in Sachen Prinzensuche auf den neuesten Stand zu bringen.

Olga war hörbar über die Entwicklung erfreut. »Bist du sicher, dass es diese Plattformen nicht auch bei uns gibt?«, fragte sie.

Im Hintergrund hörte ich etwas, das sich nach dem Pfeifen einer Dampfmaschine und dem Klicken von ineinander greifenden Zahnrädern anhörte. Mir fiel ein, dass Olga gerade eine Steampunk-Spiel-App programmierte.

»Anscheinend nicht«, sagte ich.

»Seltsam.«

Sie dachte nach. Das war eines der Dinge, die ich an Olga mochte. Sie gab keine leichtfertigen Tipps, sondern überlegte sich neue Wege. Ich stellte mir vor, wie sich beim Denken kleine Rädchen in ihrem Hirn drehten und aus ihren Ohren Dampf entwich.

»Eine Plattform für Dicke gibt es schon«, sagte ich, »die gehört aber zu einer ganz normalen Erotikseite. Wenn ich mich registriere, lande ich erst recht wieder im Pool mit allen anderen Frauen.«

»Probier es trotzdem«, sagte Olga. »Denk an die XP.«

Ich lachte. »XP. Das sollte ich mir auf ein Post-it schreiben und über den Schreibtisch kleben.«

»Oder auf die Innenseite eines Rings gravieren lassen. In elbisch.«

Wir lachten beide, dann legte ich auf.

Ich zog mir das Top über den Kopf und nahm mit der Webcam ein Bild meines Dekolletés im schwarzen BH auf, wobei ich mir beim Posieren gleichzeitig sexy und albern vorkam. Bevor mich der Mut verlassen konnte, registrierte ich mich auf dieser eher niveaufernen Plattform und lud das Foto hoch. Dann sah ich mir die Profile der Männer an. Ich fand mehrere hundert Herren, von denen gut die Hälfte ihr bestes Stück als von den Administratoren verpixeltes Profilbild benutzte. Aus denen, die darauf verzichteten, suchte ich mir die heraus, die »dick« als Beuteschema angaben. Doch keiner der Plus-Size-Lover, die ihre echten Fotos auf der Seite zeigten, gefiel mir.

Ich ging wieder zurück zur Startseite und sah mir die Männer näher an, die gar keinen Figurentyp angegeben hatten. Einer weckte meine Neugierde. Wie ich hatte »Freigeist 59« sich für ein Foto seines Oberkörpers entschieden. Sein Bild zeigte in feinen Zwirn gehüllte Schultern, einen Krawattenknopf und ein kantiges Kinn.

Bisher hatte ich für den konservativen Männertyp nichts übrig gehabt. Meine beiden Exliebhaber waren Kreative gewesen, Reisejournalist Harry mit seiner Vorliebe für schwarze Rollis und Kurator Bert, der für kunstvoll zerknitterte Jeanshemden lebte. Wieso war mir nie aufgefallen, wie sexy ein Anzug an einem Mann aussehen konnte? Ich klickte auf das E-Mail-Symbol. »Lieber Anzugträger …«

KAPITEL 7

Roberts Sakko fiel auf den Boden und bildete einen schiefergrauen Fleck auf meinem Parkett. Krawatte, Hemd und Gürtel folgten. Robert betrachtete das Durcheinander unserer herumliegenden Kleider. Der Kontrast zwischen dem diskreten Grau und Weiß seiner Sachen und den Rüschchen und Stickereien meiner Londoner Beute schien ihn zu amüsieren, und als er lächelte, leuchteten seine Zähne aus seinem dunkelgrauen Bartschatten. Die Lachfältchen um seine Augen schnitten sich noch tiefer in seine Wangen und brachten mich dazu, noch schneller zu atmen, als ich es ohnehin schon tat. Fast schon quälend langsam öffnete er den Reißverschluss seiner Hose, schien es zu genießen, dass mein Blick an seinen Fingern hing.

»Neugierig?«, fragte er, und Erregung mischte sich unter den kultivierten Klang seiner Stimme.

Ich leckte mir über meine Lippen, und spürte, wie Verlangen und Unsicherheit sich in mir duellierten. »Ich bin schon den ganzen Abend gespannt, was du unter deinem properen Anzug versteckst«, sagte ich.

Wieder schickte sein Lächeln kleine Blitze zwischen meine Schenkel. Robert schien nur meine Erregung zu bemerken, nicht meine Nervosität, und ich war stolz auf mich. Der Abend lief noch besser, als ich es mir erhofft hatte, schon seit er mit einem Abendessen im Café Prückel voll von Lachen und leichtem Geplauder begonnen hatte, und sich zu einem Spaziergang zu meiner Wohnung gesteigert hatte, begleitet von sanften Küssen und heißen Versprechungen.

Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, das alles so schnell lief, fast zu schnell. Es war gut so, sagte ich mir, das Tempo hielt mich davon ab, dass die Erinnerungen an Christian, an den geplatzten Traum mich überwältigten wie eine riesige Horde White Walker die Männer der Nachtwache im Land nördlich der Eismauer.

»Alles in Ordnung?«, fragte Robert.

Er hatte die Hose anbehalten. Seine Hand lag auf meiner Schulter.

»Sicher, warum?«

»Du warst auf einmal so nachdenklich. Und blass. Richtig weggedriftet bist du.«

»Entschuldige. Alte Gedanken.«

Robert nahm mich in die Arme. Ein kleines Zittern durchlief mich, als ich seine nackte Haut an meiner spürte, und ich war nicht ganz sicher, ob es Angst oder Lust war. Ich horchte in mich hinein, verband mich mit dem Zentrum meiner Intuition tief in meinem Bauch. Doch, ich vertraue ihm, dachte ich. Robert hatte die Situation im Griff. Ich war eindeutig nicht die erste Frau, die sein Profil unter all den Sexprotzen auf der Erotikseite ausgewählt hatte, und er wusste, wie man einer Frau das Gefühl gab, gleichzeitig begehrt und geborgen zu sein.

Ich stieß ein paar Rüschen weg, die bei meinen Füßen lagen. »Alles wieder gut«, sagte ich.

Robert senkte langsam den Kopf und küsste mich. Er neckte mich mit seinen Lippen, dann ermutigte er mich mit sanften, lockenden Bewegungen seiner Zunge, mich selbst vorzutasten und die seidige Hitze seines Mundes zu erkunden. Er schluckte mein Seufzen und schmiegte seinen schlanken Körper an meinen runden.

Gefiel ihm die Berührung mit meiner Fülle? Hatte er schon entdeckt, wie ausladend meine Hüften wirklich waren? Was würde er über die kleinen Dellen an meinem Hintern und an den Oberschenkeln sagen?

»Lass mich nur schnell das Licht ausmachen«, flüsterte ich, und wollte mich ihm entwinden.

Er hielt meine Hand fest und führte sie an seine Lippen. »Ich bin neugierig, wie nahe deine Figur meiner Fantasie kommt«, sagte er.

Ich war zuerst überrascht, dann fand ein kokettes kleines Lächeln den Weg auf meine Lippen. »Wie habe ich da ausgesehen?«

Er küsste mich wieder, dann strich er mit seinen Lippen über meine Wange, zu meinem Ohr und meinen Hals entlang. Ich drückte mich der süßen, heißen Reibung seiner Bartstoppeln entgegen, und atmete seinen Duft ein, eine Mischung aus Haut, Hitze und, zu meiner Überraschung, etwas, was nach Räucherkräutern roch und so gar nicht zu meiner Vorstellung von einem Marketingleiter eines großen Versicherungskonzerns passte.

Robert löste seine Lippen von mir. »Ich habe mir vorgestellt, wie dein Busen sich in meiner Hand anfühlt, wenn ich ihn vom BH befreie, und wie deine Haut unter deinem Kleid aussieht. Ob sie überall so hell ist wie in deinem Ausschnitt.«

Ich lächelte ihn an. Das klang doch besser als die grenzwertigen Fettenfantasien meiner anderen beiden Liebhaber. Viel besser.

Robert ließ seine Finger unter einen Träger meines BHs gleiten und zog ihn sanft nach unten. »Ich wusste seit dem Moment, als du ins Café kamst, dass ich dich vögeln will«, sagte er.

Die Lust in seiner Stimme schickte Schauer über meinen Rücken, die sich über meinen Bauch und meine Schenkel ausbreiteten. Wie gut zu wissen, dass mich mein Bauchgefühl nicht täuschte. Robert schien perfekt für meine Mission zu sein. Er war sanft, zärtlich und relativ unpervers. Ihr Göttinnen der Liebe, falls es euch denn gibt, bitte macht, dass es so bleibt, dachte ich.

»Jetzt lass mich machen«, sagte er, trat hinter mich und öffnete meinen BH. Er streichelte über meine Schultern und drückte Küsse auf das weiche Fleisch meines Rückens, sogar auf die kleinen Röllchen unterhalb der Taille. Dann kniete er sich hinter mich, um mit beiden Händen meinen Slip herunterzuziehen. Nicht nervös werden, Romy. Er weiß, dass du dick bist, und er mag es.

Ich hörte mich kichern, als er die tiefe Mulde am Ansatz meines Hinterns kitzelte. Robert strich über meine Pobacken, so sanft, als würde seine Hand über meiner Haut schweben. Ich glaubte zu spüren, wie die hauchfeinen Härchen sich unter seinen Fingern aufrichteten, und seufzte noch einmal, als der letzte Rest an Anspannung meiner Erregung wich.

»Du magst das, ja?«, fragte Robert.

»Und wie«, gurrte ich.

»Dann leg dich aufs Sofa.«

Ich gehorchte. Was hatte er vor?

Robert kniete sich neben mich, und begann, meinen Rücken und meinen Hintern zu kneten und zu streicheln. So passiv kam ich mir ein bisschen egoistisch vor, doch Robert schien Spaß daran zu haben, meine Fülle zu erkunden. Seine Erregung, die warm und prall gegen meine Hüfte drückte, und sein Seufzen zeugten davon, dass es ihm auch Vergnügen bereitete.

Ich lag einfach nur da und genoss den Tanz seiner Finger auf meiner Haut. Genoss den Druck seiner Hände, bis der Punkt kam, an dem sich Ungeduld unter meinem Genuss mischte. Ich richtete mich auf und drückte meine Lippen auf die seinen. Meine Stimme war nur noch ein Flüstern. »Wollen wir ins Schlafzimmer gehen?«

Als Antwort küsste Robert meine Schultern und ließ seine Zunge über den Ansatz meiner Nackenwirbel gleiten. Eine Gänsehaut huschte über meinen Rücken, die er mit seinen warmen Fingern verjagte. Er deutete mit dem Kopf auf Loghain und Leliana. Ich hatte nicht gemerkt, dass die Katzen auf meinem Arbeitstisch saßen und uns aus tiefen Augen beobachteten.

»Kommen die mit?«, fragte er.

»Das hätten sie wohl gern«, sagte ich.

Robert lachte, zog mich zärtlich hoch und führte mich ins Schlafzimmer.

Ich zündete einige der Kerzen an, die in Kerzenleuchtern aus Bronze und Bauernsilber auf meinem Nachttisch und am Fensterbrett steckten. Robert betrachtete währenddessen die Elfenbilder über meinem Schminktisch, die Feenfigurinen, die im Bücherregal die gesammelten Werke Tolkiens bewachten, und den antiken Spiegel, um den sich mehrere Lichterketten wanden. Schließlich deutete er auf mein Himmelbett. »Du bist romantischer, als ich gedacht hätte«, sagte er mit einer Wärme in der Stimme, die mich überraschte. »Entzückend romantisch.«

Er nahm mir die Streichhölzer aus der Hand. Ich kuschelte mich ohne Scham und mit all meiner Fülle an ihn und genoss seine Wärme und seine tiefen Küsse. Sanft rieb ich meinen Bauch an Roberts Unterleib. Er packte meinen Hintern, zog mich an sich und rieb sich genauso leidenschaftlich an meinem Unterkörper. Dann löste er sich mit einem Seufzen von mir, um diesmal wirklich seine Hose zu öffnen. Als er sie und die marineblauen Boxershorts abstreifte, lehnte ich mich an einen der Pfeiler meines Himmelbetts und genoss den Anblick seines sehnigen, schmalen Körpers eines Marathonläufers, der offenbar frisch rasierten Brust und seines Schwanzes, der aus einem kleinen Busch braungrauer Haare ragte, stolz und appetitlich.

»Setz dich aufs Bett«, sagte er.

Ich platzierte mich auf der Kante, die Füße am Boden. Robert stellte sich zwischen meine Beine, ging vor mir in die Knie, küsste meine vollen, schweren Brüste und neckte ihre Spitzen mit seiner Zunge. »Lutschen oder saugen? Was gefällt dir besser?«, fragte er.

Er hatte wirklich Talent im Umgang mit Frauen, die er erst ein paar Stunden kannte, dachte ich. »Beides«, hörte ich mich hauchen, während ich mich seinem Mund entgegenbog. Hauptsache, seine Lippen blieben, wo sie waren.

Roberts Hand bahnte sich den Weg durch das weiche Fleisch meiner Schenkel zwischen meine Beine, langsam, zu langsam. Am liebsten hätte ich ihn angespornt, schneller zu werden und mich nicht zu necken. Seine Hände und sein Blick fanden meinen gut gepolsterten Venushügel und meine Klitoris. »Leg dich zurück«, befahl er, und ich gehorchte auch dieses Mal.

Robert spreizte meine Beine noch weiter und rutschte näher zum Bett. Er senkte den Kopf zu meiner Pussy, wieder ganz langsam, als wollte er mich nur necken. Zwischendurch schaute er immer wieder hoch, und die Erregung in seinem Gesicht lockte noch mehr Feuchtigkeit aus mir hervor.

Mit der Zunge leckte er über meinen innersten Winkel, zuerst vorsichtig, dann energischer. Er erkundete die feuchten, hochsensiblen Stellen und neckte mich, bis ich das Gefühl hatte, in Drachenfeuer zu verglühen. Mit einer Hand knetete er meinen Bauch, mit der anderen spielte er mit meiner Pussy, bis ich drauf und dran war, seine Finger zu nehmen und sie in mich zu schieben.

Als hätte er es gespürt, drang er mit dem Mittelfinger in mich ein, dehnte mich und rieb immer wieder über den Eingang und das glitschige Gewebe in meinem Inneren. Ich legte meine Füße auf seine Schultern, damit er noch besser an mich herankam, und gab mich dem Genuss hin. Wer auch immer ihm das beigebracht hatte, eine Frau so zu verwöhnen, verdiente meine ganze Dankbarkeit.

Wieder und wieder fuhr er über meine Schamlippen, jetzt auch mit seiner Zunge, die feucht genug war, um heißes Vergnügen zu bereiten, und trocken genug, um mich mit leichter Reibung zu erregen.

Irgendwann löste ich mich von ihm, weich und erhitzt. Ich deutete ihm aufzustehen und kniete mich vor ihn hin. Eine kleine Stimme flüsterte mir zu, dass ich in dieser Position noch massiger wirkte, aber meine Erregung schaltete das Genörgel auf stumm, und ich konzentrierte mich auf das, was ich vor mir sah.

Meinem zeichnerisch geschulten Auge fiel auf, dass die Haut seiner Lenden eine Nuance heller war als am Rest seines Körpers. Seine Hoden waren ein bisschen asymmetrisch und rasiert wie fast der ganze Rest seines Körpers, und sein Penis hatte einen leichten Rechtsdrall. Ich war mir nicht sicher, warum, aber dieses kleine Detail machte ihn für mich sogar noch appetitlicher. Vorsichtig fuhr ich mit dem Daumen die Naht an der Unterseite entlang, um mich mit dem Gefühl seiner Haut und seinen Reaktionen vertraut zu machen. Robert stöhnte und legte eine Hand auf meinen Kopf. Ich beugte mich vor und nahm seinen Schwanz ziemlich vorsichtig in den Mund.

Hoffentlich glaubte Robert nicht an den Mythos, dass dicke Frauen besser bliesen, dachte ich. In diesem Moment ärgerte ich mich über meine Feigheit und Schüchternheit, dank derer ich in erotischen Dingen nicht besonders erfahren war. Robert schienen meine leicht ungeschickten Versuche nichts auszumachen. Sein Seufzen ermutigte mich, ließ mich meine Ängste vergessen und mich auf unsere Erregung konzentrieren.

Irgendwann löste Robert sich mit einem fast bedauernden Seufzen aus meinem Mund, fischte ein Kondom aus seiner Hose, streifte es sich über und legte sich aufs Bett. »Komm, setz dich auf mich«, sagte er.

Ich zögerte. Obwohl Robert eine gute Handbreite größer war als ich, war ich mindestens dreißig Kilo schwerer als er. Ich dachte an Jeffrey, der beinahe unter mir verschwunden wäre. Robert sah mir mein Grübeln anscheinend an. »Ich mag das«, sagte er. »Ich will dein Gesicht dabei sehen können, und deine wundervollen Brüste.«

Ich kletterte auf ihn, bettete meine Knie neben seinen Hüften und umhüllte ihn damit schon halb mit meinem Fleisch. Er schien die Weichheit, die jetzt überall um ihn war, zu genießen. Langsam ließ ich mich auf ihm nieder und führte seinen Schwanz zu meinem Schoß. Robert sah mir in die Augen, während er in mich glitt und hielt meinem Blick ohne zu blinzeln stand, während er sich Millimeter um Millimeter durch die feuchten Falten meiner Pussy schob. Meine inneren Muskeln weiteten sich und zogen sich dann um ihn zusammen. Robert ächzte. Er keuchte meinen Namen und ein leichter Schweißfilm glitzerte auf seinem Gesicht. Als ich ihn ganz in mir aufgenommen hatte, hielt ich an, beugte mich vor, und küsste ihn. Dann ließ ich langsam meine Hüften kreisen, testete, was sich am besten anfühlte, was die meiste Reibung und Hitze in meinem Inneren schuf.

Er drückte dabei seine Finger in meine Oberschenkel. »Du quälst mich«, sagte er; Worte, die mich noch mehr erregten. Ich bewegte mich auf und ab, und bei jeder Abwärtsbewegung drückte mein Körper Robert schwer in die Matratze. Ich stützte meine Hände auf, damit ich meine Hüften besser bewegen konnte, und experimentierte mit der Stellung, genoss die Reibung und das Ausgefülltsein. Ich hätte gerne ein Kissen unter seinen Hintern geschoben, um ihn noch tiefer in mir spüren zu können, verzichtete aber darauf, um nichts falsch zu machen.

Robert packte mich an den Hüften und ließ die seinen hochschnellen. Er fixierte mich und stieß zu, wieder und wieder und wieder. Meine Oberschenkel verkrampften sich leicht. Ich beugte mich vor, und unsere Zungen verwoben sich ineinander. Dann imitierte er mit seiner Zunge das Spiel seines Penis und stieß sie im gleichen Rhythmus in meinen Mund.

Ich löste mich von ihm, biss mir auf die Lippe, hin- und hergerissen zwischen dem Drang, mich nur auf mein Vergnügen zu konzentrieren, und dem Wunsch, die Lust in seinem Gesicht zu beobachten. Es faszinierte mich, welches Vergnügen mein Körper Robert bereitete. Dann küsste ich ihn wieder, und wurde von seiner Zunge belohnt, die sich tief in meinen Mund bohrte.

Seine Hand wanderte von meinem Knie zu meiner Pussy, und er ließ zwei geschickte Finger über meine Klitoris kreisen, während er weiter zustieß. Mehr brauchte ich nicht. Ich kam, ein kurzes, intensives Zucken und Seufzen, dann war es vorbei. Robert schnellte noch ein paar Mal hoch, drückte sich in mich und presste seine Zunge wieder und wieder in meine Mundhöhle, dann sank er zurück.

Ich stieg von ihm und kuschelte mich an seine Seite, erhitzt, verlegen und aufgewühlt. Ich heiße Romy Morgenstern, bin 33, dachte ich, und hatte eben meinen ersten wirklich guten Sex.

Jetzt, da unser Hunger gestillt war, und Robert über die Röllchen auf meinem Rücken streichelte, konnte ich den Gedanken an den Gewichtsunterschied zwischen uns nicht mehr verdrängen. Ich drehte mich von ihm weg, fischte nach der Decke und wollte mich verkriechen.

Robert hielt mich zurück. »Du musst nicht unsicher sein, Romy«, sagte er. »Ich mag es, wie du dich anfühlst.«

Er nahm mir die Decke aus der Hand, drückte mein Gesicht an seine Brust, deckte unsere Unterkörper zu und drückte sein Gesicht in meine Locken. »Jeder Frauentyp hat seine Qualitäten, und ich mag sie alle«, sagte er. Seine Brust vibrierte unter meiner Wange, als er lachte.

»Du hast wirklich kein Beuteschema?«, fragte ich.

Sein Kinn rieb über meine Kopfhaut, als er den Kopf schüttelte. »Nie gehabt. Meine Frau zum Beispiel ist sehr schlank. Ich liebe ihre Figur, ihre dünnen Beine und die kleinen Brüste. Wenn sie zunehmen würde, würde ich sie trotzdem begehren.«

Ich hob den Kopf. »Du bist verheiratet?«

»Das steht auf meinem Profil«, sagte er. »Wir führen eine offene Beziehung. Wir sind beide ein bisschen Hippies, wenn du so willst.«

»Das habe ich überlesen.«

»Ist es ein Problem für dich?«

»Ich glaube nicht«, sagte ich etwas zögerlich.

Er küsste mich. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er. »Meine Frau und ich glauben daran, dass Sex guttut, sogar heilen kann. Das wollen wir einander nicht versagen. Also haben wir uns darauf geeinigt, dass jeder von uns tun kann, was er will, solange wir nicht zusammenleben.«

»Und das funktioniert?«

Er nickte.

»Das ist … schön für euch«, sagte ich.

Wir lagen eine Weile schweigend da. In einem Spiel würde jetzt mit einer Fanfare ein kleines Fenster aufpoppen, dachte ich: »Achievement unlocked: Unverbindliche Affäre«.

KAPITEL 8

Bisher hatte ich über die Theorie, dass guter Sex Menschen verändere, nur lächeln können. Jetzt ertappte ich mich dabei, wie ich unterwegs zur Bauchtanzstunde diskret die Spiegelungen meines Körpers in den Schaufenstern betrachtete. Ging ich anders? Hatten meine Hüften mehr Schwung? Glänzten meine Haare stärker? Ich zwinkerte meinem Spiegelbild zu, zum vermutlich dreißigsten Mal an diesem Tag.

Seit dem vergangenen Abend kreisten meine Gedanken fast ausschließlich um Robert und um den Spaß, den ich mit ihm gehabt hatte. Der Sex hatte sich sogar in meine Träume eingeschlichen. Ich war erregt und erhitzt aufgewacht und hatte mich zu einem Höhepunkt gestreichelt, der so intensiv war, dass meine Schenkel gezittert hatten. Jetzt fühlte ich mich euphorisch und mit meinem Körper verbunden wie schon seit Jahren nicht mehr.

Alles war heute leicht gegangen, die erste Besprechung mit Tamsin via Skype, die Arbeit an der Startseite des Früchtchen-Spiels und sogar die Telefonkonferenz mit Alexa. Zwischendurch hatte ich zum Thema Plus-Size-Liebe weiter recherchiert und mir zwei Tumblr-Blogs angesehen, die Olga gefunden hatte. Auf dem einen outeten sich Amerikaner und ein paar Schweden – die meisten von ihnen durchaus ansehnlich – als Liebhaber fülliger Frauen und gaben ihre Kontaktdaten an. Auf dem anderen Blog präsentierten dünne Männer ihre dicken Freundinnen, von denen viele genauso füllig waren wie ich, wenn nicht sogar noch üppiger.

Ich hatte beide Links auf mein Blog gepostet und einen kleinen Artikel dazu geschrieben. Über das Erlebnis mit Robert wollte ich erst in ein paar Tagen schreiben. Noch war es zu frisch, und es jetzt zu teilen, war, als würde ich mir etwas von der Intimität nehmen.

Dass Robert verheiratet war, machte mir inzwischen nichts mehr aus. Zu wissen, wo ich bei ihm stand, machte die Dinge eigentlich leichter, dachte ich. Wir suchten beide Spaß, neue Erfahrungen, er aus pur hedonistischen Motiven, ich, weil ich mein Selbstvertrauen stärken wollte. Mit Liebe hatte es nichts zu tun, und dass er vergeben war, machte es mir leichter, eine gewisse Distanz zu bewahren. Ich war mir nicht einmal wirklich sicher, ob ich ihn wiedersehen wollte. Trotzdem ließ mich die Erfahrung fast berauscht zurück, und als ich durch die Neubaugasse lief, kam ich mir eher vor, als würde ich durch ein Traumland schweben.

Ich drückte die Klingel des Bauchtanzstudios und öffnete das Haustor. Heute freute ich mich aufs Tanzen wie schon lange nicht mehr, darauf, meine Hüften kreisen und die Münzen auf dem Gürtel um meine Mitte klimpern zu lassen.

»Romy? Hallo! Was machst du denn hier?«

Da stand er. Christian. So oft hatte ich früher vergeblich gehofft, ihn hier zufällig zu treffen, und ausgerechnet jetzt, wo ich ihn nur noch vergessen wollte, lief er mir über den Weg.

Ich deutete auf das Schild des Studios. »Bauchtanzen«, brachte ich hervor. Meine Knie zitterten, als hätten Affendämonen mich stundenlang durch das Labyrinth von Temple Run gehetzt.

»Ich wollte dich schon anrufen«, sagte er. »Hast du Lust, bei einem neuen Projekt mitzumachen? Wir entwickeln ein Punktesammelspiel für ein Einkaufszentrum.«

»Ich dachte, du legst ein Sabbatical ein?«

»Du ahnst nicht, wie sehr einem ein Baby die Lebenspläne durcheinander wirft. Bis auf Weiteres bleibe ich jedenfalls in der Agentur, damit ich ein paar Monate Pause einlegen kann, wenn das Kleine da ist.«

Für einen Moment war ich versucht, zuzusagen, um das dumme Früchtchen-Spiel und vor allem Alexa loszuwerden. Horsts Agentur würde jemand anderen finden, und eher würde Super Mario in World of Warcraft mitspielen, als dass Alexa mir eine Träne nachweinte. Aber wollte ich mir wirklich mehrmals die Woche in Erinnerung rufen, dass ich ihn nicht bekommen hatte? Ich musste das Kapitel Christian abschließen, und dafür musste ich ihm möglichst aus dem Weg gehen. »Tut mir leid, ich bin mitten in einem Projekt«, sagte ich.

»Vielleicht danach?«

»Danach fange ich bei Knights of the Dragon Isle an. Vollzeit.«

Er lächelte. »Damit kann ich natürlich nicht mithalten. Gratuliere, Romy, ich freue mich für dich.« Er nickte mir zu, drehte sich um und ging.

Ich brauchte all meine Energie, um mich zum Tanzstudio ins Dachgeschoss zu schleppen. Zum Glück war Olga schon in der Garderobe. »Was denn? Ist dir ein Gespenst begegnet?«, fragte sie, als sie mich sah.

»So in etwa.« Ich erzählte ihr von meiner Begegnung, während ich mich zwang, gleichmäßig zu atmen und mich so weit zu beruhigen, dass ich mich umziehen konnte.

»Das erklärt zumindest, warum du noch blasser bist als sonst«, sagte Olga.

»Ich weiß nicht, was ich aus dieser Begegnung machen soll. Warum jetzt?«

»Sieh es als Prüfung, ob du wirklich bereit für deine Quest bist.«

»Bin ich. Mehr denn je.«

»Sehr gut. Wie läuft es?« Olga senkte die Stimme, damit die anderen Frauen in der Garderobe ihre nächste Frage nicht hörten. »Gibt es außer Robert noch andere interessante Optionen auf dem Gebiet des Y-Chromosoms?«

»Ich arbeite daran«, sagte ich und band mir den Münzgürtel um die Hüften. Die Zuschriften, die ich in den vergangenen Tagen auf mein Profil auf der Sexseite bekommen hatte, waren wenig verheißungsvoll, und ich hatte noch nicht richtig darüber nachgedacht, was mein nächster Schritt sein sollte. Jetzt, als ich Olga ansah, kam mir eine Idee, so radikal, dass ich erst einmal tief einatmen musste. »Wie viele Follower und Friends hast du eigentlich?«, fragte ich sie.

»Fünfzehntausend auf Twitter«, sagte sie. »Knapp viertausend auf Facebook. Warum?«

»Die Männer auf dem Tumblr-Blog, das du mir geschickt hast, verwenden es als Plattform, um Plus-Frauen kennenzulernen. Wenn du mein Blog weiterempfiehlst, bekomme ich mehr Leser, und vielleicht schreibt mich ja jemand an.«

Olga musterte mich skeptisch. »Hast du dir das gut überlegt?«

Hatte ich nicht. »Ja«, sagte ich.

»Du weißt, dass ich deine Quest unterstütze. Trotzdem, ist das nicht etwas radikal?«

»Ich bleibe ja anonym. Niemand weiß, wer sich hinter Venus Abendstern verbirgt«, sagte ich.

»Dir ist aber klar, dass Trolle dein Blog finden und verreißen werden? Ich wette, dass Plus-Bloggerinnen schon viel Hass abbekommen, wenn sie nur über Mode schreiben und nicht über Sex.«

»Tun sie. Fast schon skurril viel.«

»Du bist schon einmal wegen deiner Figur online gemobbt worden. Willst du das wirklich noch einmal durchmachen?«

Das Cosplay-Desaster, dachte ich. »Gut, das war wirklich ärgerlich«.

Vor vier Jahren hatte ich mir in den Kopf gesetzt, mich bei einer Convention in den USA als Anime-Prinzessin zu verkleiden. Wochenlang hatte ich genäht und gebastelt, um jedes Detail von Kostüm und Ausrüstung richtig hinzubekommen. Der Entwickler des Spiels hatte dann ausgerechnet mein Bild auf seinem Blog verwendet, um seine Predigt zu illustrieren, dass fette Frauen – nicht Menschen, sondern explizit Frauen – es nicht wagen sollten, seine schlanken Figuren darzustellen, dass unsere Existenz eine Unverschämtheit wäre, und so weiter. Wochenlang war mein Bild durch diverse Foren und Seiten gegangen und hatte Shitstorms und heftige Debatten ausgelöst.

Ich schluckte beim Gedanken, dass sich so etwas wiederholen könnte. Aber wenn ich jetzt einen Rückzieher machte, ließ ich mich wieder von meinen Ängsten beherrschen, und dieser Gedanke war schlimmer als die Furcht vor dummen Kommentaren.

»Ich weiß, was ich tue, Olga. Von irgendwelchen anonymen Trollen lasse ich mir meine Chance auf neue Erfahrungen nicht versauen. Außerdem schreibe ich auf Deutsch, das könnte helfen, die schlimmsten Trolle fernzuhalten.«

»Was, wenn jemand aus unserer Branche davon erfährt?«

»Wie denn? Außer dir, Cem und mir selbst kennt niemand die geheime Identität von Venus Abendstern.«

»Also gut«, sagte Olga, und umarmte mich. Ihr zierlicher Körper passte fast zweimal in meine Arme. »Ich poste es gleich nach der Tanzstunde. Aber sei bitte vorsichtig. Ich will nicht, dass du verletzt wirst.«

53 ungelesene E-Mails. 89 Kommentare am Blog. Fast hätte ich angesichts des Echos auf meine neuen Online-Aktivitäten meinen morgendlichen Grüntee über die Tastatur geschüttet. Olga zu bitten, mein Blog auf Facebook und Twitter zu posten, hatte noch mehr Reaktionen eingebracht, als ich gehofft hatte.

Viele der Kommentare kamen von Plus-Frauen, die mein Projekt »spannend« und »mutig« fanden und vom »Kampf gegen das Mainstream-Schönheitsideal« schrieben. Ein paar Männer hatten meine Zeichnungen kommentiert. Ihre Bemerkungen reichten von »voll fett« bis »wirklich sexy«. Andere Menschen hatten mir genau die Art von Mails geschickt, vor denen Olga mich gewarnt hatte, anonym natürlich. »Fette Kuh«, »steh vom Sofa auf und leg die Chips weg«, »selbst schuld, wenn du keinen Mann findest, stopf dich nicht so voll« und »das ist echt nur eklig«. All die Dinge eben, die sich unter so vielen Bildern von dicken Frauen im Netz finden. Ich überlegte, ob ich die verletzenden Kommentare löschen oder unter den Einträgen stehenlassen sollte.

Es gab aber auch sechs Männer, die mich kennenlernen wollten. Fünf der Mails waren vulgär, das sechste Schreiben klang dafür richtig interessant:

Von: schmitt.erik@yahoo.de An: venus_abenstern@yahoo.de

»Liebe Venus, ein Freund hat mir den Link zu deinem Blog gemailt. Sehr hübsche Illustrationen, wirklich. Sie haben mich neugierig gemacht, wie du in Wirklichkeit aussiehst, ob du auch so richtig schön rund bist. Ich träume seit Jahren von einer Frau, die so üppig ist wie du und dabei so selbstbewusst. Ich würde gerne deine Rundungen erforschen. Ich gebe eine kleine Zeitschrift für moderne Architektur heraus. Auch wenn es albern klingt, ich sehne mich nach Kurven, als Ausgleich für die vielen geraden Linien. Wir können uns ja mal über Skype oder Facetime kennen lernen.

Erik«

Mein Blick fiel auf einen Flyer, den ich gestern im Bauchtanzstudio mitgenommen hatte.

»Danke für Deine Mail. Ich hätte eine bessere Idee als Facetime … Venus«

Darmowy fragment się skończył.

74,98 zł

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
281 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783990010877
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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