Czytaj książkę: «Il Vesuvio - Die Ehrenwerte Gesellschaft»
Il Vesuvio –
Die Ehrenwerte Gesellschaft
Renate Zawrel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
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© Copyright by Renate Zawrel - 2017
Lektorat: Barbara Siwik
Cover © Detlef Klewer
Verlag: Renate Zawrel
4464 Kleinreifling
Österreich
renate.zawrel@gmx.at
epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Die Darstellung der Organisationen Camorra, N'drangheta oder Cosa Nostra beruht auf fiktiven Empfindungen und findet in der Realität keinen Niederschlag.
Viele Erzählungen ranken sich um die Position der Mafia - ›Il Vesuvio‹ ist eine davon …
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Danke an Cathrin, die der Erstversion von ›Il Vesuvio‹ aus den Kinderschuhen geholfen hat.
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Danke an Barbara, die durch ihre Erfahrung und ihren Wortschatz in Deutsch und Italienisch diese Neuauflage zu einem ›neuen‹ Roman macht.
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Danke an Detlef für das grandiose Cover, das den Inhalt widerspiegelt ohne zu viel zu verraten.
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Danke an meine Familie, dass es sie gibt und wir immer für einander da sind.
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Ognuno la intende a modo suo.
Kapitel 1
»Marie, komm zu mir. Ich will dich – jetzt.« Schwer atmend breitete Sir Edward Lindsay seine Arme aus, um die schöne Frau im Empfang zu nehmen.
Es war Sonntag – sein Tag; der Tag, an dem er die Gespielin in sein Bett holen durfte. Das blonde, lange Haar trug sie heute aufgesteckt und mit perlenbesetzten Spangen verziert. Der kirschrote Mund leuchtete verführerisch, während dichte Wimpern ihre blaugrauen Augen fast verdeckten. Erregende Verruchtheit lag in ihrem lächelnden Gesicht.
Auf der Stirn des fast siebzigjährigen Mannes bildeten sich Schweißtröpfchen. Sein Mund wurde trocken. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Seine Finger zitterten, als die Frau ihm so nah gekommen war, dass er das pailettenbesticktes Kleid berühren konnte. Ihr Dekolleté bot dem Betrachter einen wundervollen Einblick.
»Nun, mon chérie, was kann isch für disch 'eute tun?«, schmeichelte Marie mit rauchiger Stimme und französischem Akzent. Sie legte den Arm um Sir Edwards Schulter und ihre Finger kraulten sein noch immer dichtes Nackenhaar.
Der Duft von Chanel No. 5 umwehte ihn. Die Lippen der Frau waren nur einen Hauch von den seinen entfernt. Ihre Augen blitzten neckisch unter den langen Wimpern.
»Möschte Monsieur, dass isch ihm beim Auskleiden be'ilflisch bin? So etwa?« Maries Finger fuhren zwischen seine Hemdknöpfe und berührten die nackte Haut darunter.
Der Lord keuchte und die Worte, die er ausstieß, verstand wohl nur die Frau.
Sie drängte den erregten Mann Schritt für Schritt rückwärts zu dem breiten, mit Seidenlaken ausgestatteten Bett. Dabei öffnete sie sein Hemd langsam mit ihren langen Fingernägeln. Ergrautes Brusthaar kam zum Vorschein. Sie senkte den Kopf und ließ ihre Zunge durch das Gekräusel gleiten.
Bebend keuchte der Lord: »Mach schneller, Marie. Ich möchte dich nackt sehen.«
»Aber mon chérie, wir 'aben doch Zeit.« Sie schüttelte tadelnd den Kopf. Und keinen Deut schneller als zuvor machte sie sich daran, Sir Edward von seinem Hemd zu befreien. Nun, die Jahre hatten deutliche Spuren des Alterns an seinem Körper hinterlassen. Von der stattlichen Figur eines Adonis war er weit entfernt. Dennoch beugte sich Marie vor und leckte spielerisch seine Brustwarzen.
Der alte Mann stöhnte auf und warf den Kopf zurück. Seine Hände griffen nach Maries Brüsten. Der dünne Stoff ihres Kleides riss, die Pailletten sprangen wie Glitzerstaub umher. Gierig kneteten Sir Edwards Hände die prallen Brüste, deren Brustwarzen bereitwillig darauf reagierten und sich verhärteten.
»Die Hose, Marie ... die Hose ... schnell«, bettelte er.
»Aber ja, chérie. Isch mach es ja schon«, gurrte die Frau. Blitzschnell löste sie den Gürtel und zog den Zippverschluss auf. Die Hose glitt zu Boden. Nur mehr mit dunklen Socken bekleidet stand Sir Edward mit dem Rücken vor dem Bett. Die Erigierung seines Gliedes war für sein Alter recht beachtlich. Mit glasigen Augen verfolgte er jede Bewegung Maries, die mit laszivem Blick das einzige Kleidungsstück abstreifte, das sie trug. Straffe Brüste, ein flacher Bauch, runde Hüften und ein draller Po boten sich seinen lüsternen Blicken dar. Gierig griffen die Hände des Lords zu und drängten die Frau aufs Bett.
Es gab nichts mehr hinauszuzögern. Er hatte schon viel zu lange gewartet. Und die Gespielin schenkte ihm, wonach er sich sehnte – heute war ihre französische Nacht.
***
Als Sir Edward am Morgen erwachte, war der Platz an seiner Seite leer. Die Erinnerung an die letzte Nacht wurde wachgerufen durch die am Boden verstreuten, glitzernden Pailletten. Der Duft nach Chanel No. 5 lag noch in der Luft. Zufrieden seufzend zog der Lord den Morgenrock über den seidenen Pyjama und läutete nach Frederic.
Lindsay hatte sämtlichen Angestellten französische Namen verpasst. Der Butler hieß eigentlich Friedrich und kam aus Deutschland, aber hier war er seit fünf Jahren Frederic.
»Sir?«, meldete sich eine leidenschaftslose Stimme. Frederic besaß die Fähigkeit, wie aus dem Boden gewachsen aufzutauchen.
In freundlichem Ton ordnete der Lord an: »Bitte sorgen Sie dafür, dass hier gesäubert wird, Frederic. Mein Frühstück möchte ich wie immer im Wintergarten einnehmen.«
»Sehr wohl, Sir.« Mit einem Seitenblick auf das Chaos im Zimmer erkannte Frederic, wie die Nacht verlaufen war und hob kaum merklich eine Augenbraue. Die Andeutung eines Lächelns huschte über sein schmales Gesicht, doch im nächsten Moment verschwand es wieder.
Alle Angestellten des Lords wusste über die Eigenheiten Sir Edwards, sein Privatleben betreffend, Bescheid. Keiner nahm daran Anstoß und niemand würde je in der Öffentlichkeit darüber sprechen. Untereinander rätselte das Personal dagegen, wer die Frau …
»Darf ich daran erinnern, Sir, dass heute die Leute von der Filmgesellschaft kommen?«, meldete Frederic höflich, während er den Lord zum Wintergarten begleitete.
Dort schien bereits der Frühling eingekehrt zu sein: Die Beleuchtung stammte von eigens installierten Tageslichtlampen. In den im Boden eingelassenen kleinen Beeten blühten Tulpen und Narzissen. Nur der Blick durch die tadellos sauberen Glaswände verriet, dass der süditalienische Winter noch nicht gewichen war. Eine dünne Schneelage bedeckte hier und da die Rasenflächen und die kurzgeschnittenen Hecken der Anlage. Die kahlen Äste der Bäume ragten glanzlos in den grauen Morgen. Die immergrünen Palmen waren aus diesem Blickwinkel nicht zu sehen.
Auf einem filigran wirkenden, silbernen Tablett erwarteten den Lord Croissants, Marmelade, Toastbrot, zarter Lachsschinken und Käseröllchen. Dazu gab es Kaffee und – nicht zu vergessen – ein Glas Tomatenjuice, das der Lord seit Jahren jeden Morgen zum Frühstück trank. Diesem Vitaminstoß schrieb er auch seine Vitalität und Manneskraft zu, obgleich er in dieser Hinsicht ein wenig mogelte.
»Ja, Frederic«, bestätigte er nun die Erinnerung des Butlers. »Ein Gespräch mit der … wie nannte sie sich doch …«
»Winestore Company, Sir«, half Frederic ohne Zögern aus.
»Winestore, richtig«, wiederholte der Lord. »So ist mir der Name auch erinnerlich.«
Damit war die Angelegenheit erledigt. Sir Edwards Aufmerksamkeit galt nun den Aktienkursen in der Financial Times. Ohne von der Zeitung aufzusehen, verlangte er nach dem Mobiltelefon. Der Butler reichte es ihm stumm und zog sich diskret zurück.
Mit langen Schritten durchmaß Frederic den Salon. Dort begegnete ihm Pascale – laut Geburtsschein Paula, ebenfalls eine Deutsche.
Pascale arbeitete als Zimmermädchen. ›Mädchen‹ im wörtlichen Sinn war stark übertrieben: Sie hatte die Fünfzig bereits hinter sich, sprühte jedoch vor Lebhaftigkeit und wirkte dadurch bedeutend jünger. Sie war zwei Köpfe kleiner als der Butler.
»Pascale, das Schlafzimmer des Lords sieht wüst aus. Kümmerst du dich?«, bat Frederic, jetzt allerdings grinsend. »Sein Sonntagsvergnügen war wieder da. Die müssen ordentlich ge…«
»Frederic, du sollst dich nicht so ordinär ausdrücken«, unterbrach ihn Pascale. Aber sie lachte. »Bin schon unterwegs.« Flink wieselte sie davon.
Die Angestellten pflegten untereinander einen lockeren Umgangston. Die ihnen von Lord Lindsay verordneten französischen Namen verwendeten jedoch auch sie der Einfachheit halber.
Frederic war der an Lebensjahren Älteste. Das schwarze, dichte Haar trug er, durch Pomade unterstützt, straff nach hinten frisiert. Es verlieh ihm einen achtungsgebietenden Ausdruck. Der schwarze Anzug saß tadellos und seine Schuhe glänzten wie Speckschwarte. Um die Angelegenheiten des Haushalts kümmerte sich vor allem eine attraktive Frau schwer bestimmbaren Alters. Sie stammte aus Österreich, hieß Marianne und der Lord hatte ihr den Namen Marie verpasst.
Diese Marie schien ein wahres Multitalent zu sein. Sir Edward hatte ihr die Leitung des Haushalts anvertraut, übertrug ihr desgleichen Arbeiten, die einer Sekretärin zukamen, und erbat sich ihren Rat sowie ihre Hilfe in vielerlei persönlichen Dingen. Wenn Gäste angesagt waren, ließ er ihr auch bei der Zusammenstellung der Speisen grundsätzlich freie Hand.
In der Küche betätigten sich Monique – abgeleitet von Monika, Francine – die einzige waschechte Französin – und Angelique, die eigentlich Angela hieß. Der Koch, Pierre, hatte eine etwas längere Gewöhnungszeit gebraucht, ehe er knurrend seinen italienischen Namen Pietro ablegte. Außer den bereits Genannten arbeiteten für den Lord noch zwei Gärtner, ein Chauffeur und zwei Kammerzofen – Mädchen, die für die Wäsche zuständig waren.
Falls für ungeplante Mehrarbeiten erforderlich, stellte Lindsay manchmal auch einfache Leute aus dem Volk ein, von denen er wusste, dass sie dringend eine finanzielle Aufbesserung der Haushaltskasse nötig hatten.
***
Sir Edward Lindsay – wie gesagt, erklärter Liebhaber des Französischen – hatte den Landsitz in der Nähe Neapels vor mehr als zehn Jahren von einer sehr weitläufigen Verwandten geerbt. Die alte Lady hatte zwar nicht auf dem Anwesen gelebt, es jedoch ganz im alten Stil pflegen lassen. Wanderte man durch den Garten, fühlte man sich in ein anderes Land versetzt. Überall dominierten die berühmten englischen Rasenflächen. Im Moment lag allerdings hier und da etwas Schnee, selten genug für die Gegend um den Vulkan.
Die Neapolitaner – soweit sie zur finanzkräftigen Oberschicht oder der Welt des Business gehörten – hatten sich an den in ihren Augen etwas verschrobenen Lord gewöhnt. Schließlich befand sich in einem der Flügel des Landsitzes eine umfangreiche und sehenswerte Bildergalerie, die er auf Wunsch auch Touristen zugänglich machte. Vor allem aber brachte er der Stadt Geld, allein schon durch die umfangreichen Einkäufe ausgesuchter Delikatessen, teure Ausstattungen aller Art und nicht zuletzt durch den Kauf kostspieliger Geschenke, für wen auch immer sie sein mochten. Seine soziale Kompetenz, wie schon erwähnt, tat ihr Übriges, um den Lord als einen der Ihren zu betrachten.
Sir Edward ließ sich in der Hafenmetropole allerdings sehr selten auf der Straße blicken. Besorgungen wurden größtenteils von Marie gemacht. Der Lord machte sich nicht so viel aus Italien. Viel lieber wäre ihm ein Gut in der Normandie gewesen, doch er hatte nun einmal dieses Anwesen geerbt. Und deshalb verband er hier, was er und wie er es sich wünschte: Englische Lebensart und französisches Savoir-Vivre – am Fuß des Vesuvs.
Ein Sonderling war Sir Edward Lindsay schon, aber ein liebenswerter und zudem ein Nachkomme britischer Lords, die darauf stolz waren, in einer Nebenlinie mit dem englischen Königshaus verwandt zu sein.
***
Ronald Graham hatte als Thema für sein Filmprojekt die Mafia, die scheinbar ›Ehrenwerte Gesellschaft‹ gewählt. Die komplizierten Ermittlungen der Rechtsorgane, die Mischung aus Korruption, Machtgier, Erpressung und nicht zuletzt Mord, machten diese Geschichte – betitelt Il Vesuvio – zu etwas äußerst Brisantem.
Beeindruckend waren auch die Namen der Schauspieler, die Graham für dieses Projekt bereits verpflichtet hatte: Brendon Pitts, Malcolm Mortimer jun., Karl Landmann. Diese Namen sollten die Menschen in die Kinos locken.
Das Landgut des Lords hatte er sich als Hauptsitz des Padrone Carlo Montessa gedacht. Natürlich würde Graham während der Dreharbeiten auf alles Rücksicht nehmen, was Interieur, Landschaft und das Privatleben des Lords betraf. Und das eben wollte er heute mit Sir Edward besprechen.
***
Lord Lindsay blickte auf seine Taschenuhr. Für zwei Uhr nachmittags war der Termin mit dem Regisseur vereinbart worden. Sir Edward liebte Pünktlichkeit – noch fünf Minuten. Sie würden mit darüber entscheiden, ob er dem Angebot der Filmgesellschaft zustimmte. Denn wenn schon jetzt Unzuverlässigkeit im Spiel war, wie sollte das dann in Zukunft aussehen? Keinesfalls wollte Sir Edward sich zudem in seinem gewohnten Lebensrhythmus stören lassen.
Die Geschichte, die hier verfilmt werden sollte, interessierte ihn allerdings. Schon immer waren die Mafia und ihre verborgene Welt sein Steckenpferd gewesen. Nur zu gut wusste er jedoch, dass alles, was dieses Thema betraf, hier nur hinter vorgehaltener Hand weitergegeben wurde. In der Öffentlichkeit vermied man es tunlichst, das Wort Mafia zu erwähnen oder Camorra, wie es in Neapel hieß. Es konnte infolge unbedachter Äußerungen durchaus passieren, dass der Betreffende an der nächsten Straßenecke plötzlich und unversehens einem Auto in die Quere lief – mit tödlichem Ausgang, versteht sich …
Es läutete am Portal: Zwei Uhr – auf den Punkt genau.
Der Lord nickte beifällig. Frederic würde die Besucher zu ihm in den Salon führen.
***
Graham war nicht ungeschickt in Verhandlungsdingen. Er hatte sich vor dem Treffen über Sir Lindsays Gewohnheiten informiert, wusste über dessen Pünktlichkeitswahn ebenso Bescheid wie über dessen Faible für französische Namen oder das Festhalten an englischer Kultur.
Natürlich war ihm ebenfalls bewusst, dass es nicht das Geld für die Miete war, das den Lord reizte, sein Anwesen als Kulisse zur Verfügung zu stellen, denn davon hatte er genug. Sir Edward war ein Börsenprofi und schien schon Tage vorher zu wissen, ob die Aktienkurse zu steigen oder zu fallen beliebten. Ronald Graham rechnete daher mit einem äußerst vitalen Menschen, der, wie man ihm gesagt hatte, noch immer gern Golf spielte, in seinem Pool einige Längen schwamm und häufig über seinen Besitz joggte. Es würde also Geschick erfordern, die Verhandlungen gut über die Runden zu bringen.
Als der Butler die Besucher ankündigte, erhob sich Sir Lindsay aus seinem ledernen Arbeitsstuhl.
Frederic verneigte sich andeutungsweise. »Sir, die Herren wären nun da – Mister Graham, Mister Mortimer und Mister Landmann.« Dann wandte er sich an die Besucher und deutete mit einer leichten Handbewegung auf die Erscheinung im tadellos sitzenden Nadelstreifanzug. »Meine Herren, Sir Edward Lindsay.«
»Danke, Frederic. Ich werde Sie rufen lassen, sobald wir Wünsche haben.«
Als Frederic den Raum verlassen hatte, musterte Sir Edward seine Gäste aufmerksam. Malcolm Mortimer jun. kannte er – nicht nur aus Filmen, sondern auch als Sohn des berühmten Malcolm Mortimer sen. Der etwas untersetzte Mann mit den rötlichen Haaren musste nach seinem Dafürhalten somit der Amerikaner Ronald Graham sein. Blieb noch der gutaussehende Mann mit dem dunklen Haar, der auch der jüngste war – Karl Landmann, der Neuseeländer.
Der Lord begrüßte zuerst den Regisseur: »Mister Graham, es freut mich, dass Sie den Weg hierher gefunden haben.«
Dann reichte er Malcolm Mortimer jun. die Hand. Lag Zögern in dem Tun des Lords? Jedenfalls war der Klang seiner Stimme ein anderer als zuvor. »Unverkennbar der Sohn seines Vaters. Malcolm Mortimer, wenn ich nicht irre?«
»Respekt! Sie sind gut im Raten!«, erwiderte der Schauspieler in arrogantem Ton. Schließlich war er ein ›Star‹, man kannte ihn daher. Warum also nicht auch der Lord?
Nun, Mortimer hatte die Rechnung ohne Sir Edward gemacht. ›Unsympathisch‹ war der Eindruck, den er von dem Mann gewann, und deshalb kühl bemerkte: »Ich bezog die Unverkennbarkeit ausschließlich auf das Aussehen. Ihr Vater strahlte wesentlich mehr Sympathie aus.« Und ehe Mortimer darauf etwas zu antworten wusste, war Sir Edward schon bei seinem dritten Gast angelangt.
Warum auch immer, dessen Hand hielt er länger in der seinen. »Sie kommen also aus Neuseeland, Mister Landmann? Bisher habe ich es nicht gewagt, so weit zu fliegen. Vielleicht finden Sie ja gelegentlich Zeit, mir etwas über Land und Leute zu erzählen.«
»Gern, Sir, doch werden Worte der Schönheit meines Landes nicht gerecht werden«, erwiderte Landmann freundlich.
Sir Edward lächelte. »Nun, einiges davon habe ich ja gesehen, als ich mir die Teile der großartigen Tolkien-Verfilmung ›Herr der Ringe‹ ansah.«
Landmann lächelte in sich hinein. Ein Lord und eine Fantasy-Saga? Damit hätte er nicht gerechnet.
Die Förmlichkeiten der Begrüßung waren abgeschlossen.
»Bitte, meine Herren, nehmen Sie Platz.« Sir Edward wies mit einer einladenden Handbewegung auf die mit edlen Stoffen bezogenen Hochlehner an einem Tisch mit bräunlich marmorierter Platte.
Nachdem die Männer sich gesetzt hatten, erkundigte der Lord sich, ob er ihnen etwas zu trinken anbieten dürfe: »Trinken die Herren Kaffee, Tee, Wein?«
Mortimer und Graham entschieden sich für Wein, während Landmann um Kaffee bat. Sir Edward zog an dem breiten Band, das neben der Tür zum Salon von der Decke hing. Dann setzte er sich auf den freien Stuhl an der Schmalseite des Tisches.
Geräuschlos öffnete sich die schwere Türe mit der Lederpolsterung.
»Sir, Sie haben geläutet?«, fragte eine Frau, deren Alter schlecht zu schätzen war. Sie trug ein dezentes, schwarzes Kleid mit weißem Schürzchen. Das dunkelblonde Haar war einem Zopf geflochten und aufgesteckt. Dezentes Make-up unterstrich die aristokratisch wirkenden Gesichtszüge der Frau.
»Marie, bitte bringen Sie uns zwei Gläser und Rotwein; für Mister Landmann und mich Kaffee. Bitte tragen Sie auch etwas süßes Gebäck auf«, bat der Lord.
»Sofort, Sir.« Die Frau lächelte freundlich und verschwand.
Bald darauf wurde der Wein von Frederic kredenzt, denn das war Männersache.
Marie stellte die Kaffee-Gedecke vor Landmann und den Lord, dazu Schalen mit Milch und Zucker und goss den aromatisch duftenden Kaffee ein. Vom Servierwagen holte sie darauf noch ein Silbertablett mit verführerisch duftenden petit fours.
Die Augen des Lords begannen in Erwartung des kulinarischen Genusses zu leuchten. »Ihr Werk, Marie?«, fragte er. Er wusste, sie war eine Perle. Nur dass die Perlen meist altgediente Hausdamen waren, also keinesfalls vergleichbar mit dieser attraktiven jungen Frau.
»Ja, Sir, mein Werk. Ich hoffe, es trifft Ihren Geschmack«, antwortete Marie bescheiden. Gemeinsam mit Frederic verließ sie den Salon. Die Blicke der Männer folgten ihr und zwar mit sehr unterschiedlichem Interesse …
»Greifen Sie zu, meine Herren«, forderte der Lord auf. »Es sind echte Köstlichkeiten.« Niemand ließ sich ein zweites Mal bitten.
Und dann leitete Lindsay endlich die eigentliche Unterhaltung ein. »Lassen Sie uns über das Geschäft sprechen. Deshalb sind Sie ja gekommen.«
Ronald Graham zog eine Mappe aus dem Aktenkoffer und legte sie vor sich auf den Tisch. Er räusperte sich ein wenig nervös, ehe er seine einstudierte Rede hielt.
»Verehrter Sir Lindsay, ich habe Ihnen ja schon einige Details am Telefon erläutert. In diesen Aufzeichnungen hier finden Sie eine ausführliche schriftliche Darstellung unserer Vorhaben, für die wir Ihr Landgut in Anspruch nehmen möchten, ebenso eine Auflistung der finanziellen Entschädigungen und Gewährleistungen, die wir anbieten, nicht zuletzt auch den Vertragsentwurf. Wenn Sie, bitte, einen Blick hineinwerfen wollen.«
Er reichte dem Lord die Mappe. Der legte sie beiseite, versprach jedoch: »Ich werde die Unterlagen durch meinen Rechtsanwalt prüfen lassen, Mister Graham. Erzählen Sie mir lieber mit eigenen Worten ein wenig über den Film. So kann ich mir ein viel besseres Bild machen.«
Graham räusperte sich erneut. »Wie bereits am Telefon angedeutet: Es wird ein Film über die italienische Mafia, speziell über die Camorra, die ja hier zu Hause ist. Mister Mortimer wird einen Staatsanwalt spielen, der die unehrenhaften Hintermänner eines Padrone überführen und schließlich deren Machenschaften durchkreuzen soll. Mister Pitts, der erst zu Drehbeginn anreisen kann, wird die Rolle eines Spitzels übernehmen und Mister Landmann die Rolle der ›rechten Hand‹ des Padrone.
Der Padrone selbst wird nur selten in Erscheinung treten und von einem italienischen Schauspieler dargestellt werden. Für Statistenrollen plane ich die Mithilfe der Bevölkerung ein. Allerdings scheitert eine Kontaktaufnahme im Moment noch an fehlenden Verständigungsmöglichkeiten, beziehungsweise möchte ich Ihrer Entscheidung nicht vorgreifen und …«
Der Lord hob leicht die Hand. »Verzeihen Sie, Mister Graham, wenn ich Ihren Überschwang dämpfe. Sie werden hier kaum Leute finden, die in einem Film über die Mafia als Statisten auftreten möchten. Das ist – wie ich das infolge der vielen Jahre, die ich hier lebe, beurteilen kann – ein sehr gefährliches Thema. Niemand will über diese Dinge sprechen.
Offiziell gibt es keine Mafia, man spricht allerhöchstens von der famiglia. Die Carabinieri haben das Verbrechen angeblich im Griff. Überfälle, die hier geschehen, sind eben Überfälle, wie sie sich überall in der Welt ereignen. Personen, die verschwinden, sind eben irgendwohin verzogen, nichts Besonderes bei der hohen Arbeitslosenrate in und um Neapel. Machen Sie sich doch selbst ein Bild: Es gibt mehr Armutsviertel als Villengegenden. Selbst die Zone um den Bahnhof herum gleicht eher einem großen Asylantenlager als einem Hauptbahnhof im Zentrum einer Stadt. Einzelne Häuser und ganze Wohnschluchten in der Hafengegend stehen leer. In den Gassen tummeln sich Junkies, zwielichtige Gestalten und Prostituierte. Selbst in den Hauptstraßen, die noch einen Hauch von Grandezza besitzen, sind die Portale der Geschäfte mit schweren Eisenketten gesichert. Einzig florierende Unternehmen sind die Galleria Umberto und einige Supergeschäfte der Markenindustrie, deren Besitzer sich entsprechende Schutzgelder leisten können. Natürlich gibt es auch noch die vornehmeren Wohngegenden. Doch dort werden Sie erst recht keine Freunde für Ihre Pläne finden.«
Betretenes Schweigen breitete sich aus.
Schließlich ergriff wiederum der Lord das Wort. »Und mein Haus soll nun als prunkvolles Heim des Padrone dienen, wenn ich Sie recht verstanden habe? Wie stellen Sie sich das vor? Sie werden ja nicht erwarten, dass ich während dieser Zeit ausziehe?« Lindsays Gesicht schien ernst, doch im Grunde genommen war er amüsiert über diese Vorstellung.
»Nein, Sir«, beeilte sich Graham zu versichern. »Wie gesagt: Die Szenen, in denen der Padrone eine Rolle spielen wird, sind sehr kurz. Es kommt uns eher auf die Außenansicht an, die wir öfter integrieren möchten, ebenso auf die Gartenanlagen.«
Erneut entstand eine Pause, in der Sir Edward scheinbar gedankenvoll die Tischplatte fixierte. »Und kommen in Ihrem Film auch Frauen vor?«, fragte er unvermittelt.
Die Antwort folgte rasch, so als habe Graham sie erwartet: »Kaum. Zumindest ist keine tragende Rolle vorgesehen«, gab Graham zu. »Es sind eher kleine Auftritte, die jede ihrer Angestellten übernehmen könnte.«
Die Gedanken des Regisseurs kreisten unversehens um jene Frau, die er eben zu Gesicht bekommen hatte … wie war doch der Name … richtig, um Marie.
Sir Edward hatte wohl ebenfalls in Windeseile die Frauen des Hauses Revue passieren lassen und war zum gleichen Ergebnis gekommen, denn er sagte: »Ich weiß nicht, Mister Graham, ob Sie Marie zum Mittun überreden könnten.« Er schmunzelte, als er die Verlegenheit des Regisseurs bemerkte. »Und eines noch«, fügte er, in schrofferem Ton als zuvor, hinzu. »Von Samstagabend bis Montagmorgen erlaube ich keinerlei Filmaufnahmen auf meinem Gelände. Das ist eine Bedingung, von der ich nicht abgehen werde.«
Graham überlegte fieberhaft, wie sich das auf die Drehzeiten auswirkte, willigte aber ein: »Das lässt sich einrichten.« Er musste mit den Verhandlungen schnellstens zum Ende kommen, ehe dem Lord neue Bedingungen einfielen. Deshalb erklärte er: »Wir wollen Ihre kostbare Zeit nun nicht weiter in Anspruch nehmen. Wann dürfen wir mit Ihrer Antwort rechnen?« Bewusst vermied er das Wort Zusage, um den Lord nicht unter Druck zu setzen.
»Welche Entscheidung ich auch treffen werde, ich erwarte Sie alle am Mittwoch um neunzehn Uhr zum Supper«, erklärte der Lord und fragte dann ziemlich übergangslos: »Wo sind Sie eigentlich untergebracht?«
Graham reagierte nicht sofort. Er war eher ein Mann des bedachtsamen Wortes.
Karl Landmann übernahm die Beantwortung der Frage. »Im Hotel Rex, Sir«, informierte er kurz und bündig.
Er war den Ausführungen des Lords mit Interesse gefolgt. Der alte Mann schien viel über Neapel und seine Bewohner zu wissen. Es klang einleuchtend, was er über die Furcht der Leute in Bezug auf die Mafia berichtete. Und das machte den Neuseeländer nachdenklich.
Graham hatte bei seinen Ausführungen verschwiegen, dass dieser Film ein Tatsachenbericht über die jüngsten Morde der Camorra in Neapel werden sollte. Recherchiert waren die Hintergründe dieser Verbrechen aus den Berichten der polizia civile und der Staatsanwaltschaft. Wer auch immer dem Regisseur dieses Wissen hatte zukommen lassen, kannte sich im einschlägigen Milieu aus, war vielleicht selbst Teil dessen.
Landmann selbst war relativ rasch damit einverstanden gewesen, die Rolle des Angelo Cortesa zu übernehmen, des Sekretärs des Padrone. Es reizte ihn, einmal in diese Welt des Verbrechens einzutauchen, in einem Film mitzuwirken, der so nah an der Realität war, dass er schon wieder fantastisch wirkte.
Die Stimme des Lords riss Landmann aus seinen Gedanken. »Ah, das Rex! Das ist ein gutes Hotel in der Nähe von Santa Lucia. Haben Sie einen Mietwagen?«
Landmann zog eine verlegene Grimasse. »Nein, Sir. Wir sind mit dem Taxi hergekommen. Um ehrlich zu sein, wir hätten uns wohl in diesem Chaos auf den Straßen Neapels nicht zurechtgefunden.«
Vor sich sah Landmann im Geist die hupenden und ständig die Vorfahrt missachtenden Italiener in ihren kleinen, meist ziemlich verbeulten Autos. Zeitweilig hatte er sogar die Augen geschlossen, wenn der Taxifahrer sich ein Rennen mit Kollegen lieferte, in dem es darum ging, wer zuerst in den Kreisverkehr einbiegen durfte.
Sir Edward sah dem Neuseeländer die Gedanken am Gesicht an. Den neapolitanischen Verkehr kannte auch er zur Genüge. Nur zweimal, seit er hier wohnte, hatte er selbst seine Limousine nach Neapel gesteuert, um bei der Eröffnung des Museo Archeologico Nazionale nach dessen Restaurierung und bei der Schiffstaufe der Regina del mare, seiner Motorjacht, dabei zu sein. Jedes Mal war sein Anzug danach schweißnass gewesen und er einem Herzinfarkt nahe. Auch sein Chauffeur scheute Fahrten in die Innenstadt. Nur Francine und Marie fanden nichts dabei, sich in die hupenden Kolonnen einzureihen. Nun, das war wohl ein Vorrecht der jüngeren Generation.
»Haben Sie auch die Rückfahrt gleich organisiert?« Als Sir Edward in die Gesichter seiner Gäste blickte, wusste er, dass dies nicht geschehen war. Oh, diese naiven Ausländer!
»Mein Chauffeur wird Sie ins Hotel bringen, denn Sie werden kein Taxi mehr bekommen. Heute findet das Nachtragsspiel des AS Roma gegen Napoli statt«, erklärte er. Als er Verständnislosigkeit bei seinen Gästen bemerkte, ergänzte der Lord: »Fußball, das ist hier wie ein Feiertag. Selbst wenn Sie einen Taxifahrer fänden, müssten Sie damit rechnen, dass er während der Fahrt über Radio das Spiel verfolgt, das Lenkrad loslässt und sich die Haare rauft, wenn seiner favorisierten Mannschaft ein Tor entgangen ist oder weil er meint, er sei der Verteidiger und müsse mit den Füßen wild um sich treten.«
An solche Dinge hatte Graham überhaupt nicht gedacht. Italien war ihm so fremd wie der Nordpol. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, Sir, dass Sie uns einen Wagen zur Verfügung stellen«, bedankte er sich erleichtert und fügte hinzu: »Könnten Sie uns vielleicht auch einen Sprachmittler empfehlen? Es geht um Verhandlungen und … ja, einfach um alles für den täglichen Sprachgebrauch bei den Dreharbeiten.«
Lindsay nickte nachdenklich. »Wenn es soweit ist, werde ich Ihnen bei der Suche behilflich sein. Doch es wäre unnütz, bereits jetzt jemanden zu bemühen, ehe meine Entscheidung gefallen ist.«
Diese Antwort kam einer deutlichen Bremsung voreiliger Aktivitäten gleich.
Sir Edward erhob sich. »Meine Herren, ich erwarte Sie übermorgen um neunzehn Uhr.«
Die Unterredung war beendet.
Der Lord würde, sobald die Besucher das Anwesen verlassen hatten, seinen Avvocato anrufen und ihn bitten, sich die Unterlagen, die Graham mitgebracht hatte, genau anzusehen. Er selbst beschäftige sich selten mit solchen Dingen.
Auch die Männer hatten sich erhoben. Sir Edward bemerkte Karl Landmanns begehrlichen Blick, der dem letzten petit four auf dem Silbertablett galt. »Nehmen Sie nur. Marie macht sie einzigartig, man kann kaum widerstehen«, forderte Lindsay den Neuseeländer freundlich auf, zuzugreifen.
Karl zierte sich nicht und verspeiste mit Appetit die mit Schokolade überzogene Mandelcremeköstlichkeit.
Als der Lord Landmann zum Abschied die Hand reichte, äußerte er noch ein paar freundliche Worte über Neuseeland. Dieser Karl Landmann gefiel ihm – ein angenehmer Zeitgenosse. Außerdem war Lindsay davon angetan, dass der Neuseeländer Marie nicht mit jenem taxierenden Männerblick verfolgt hatte wie Mortimer, sondern er ganz offensichtlich vom Auftreten der Frau beeindruckt gewesen war. Die Blicke des Regisseurs freilich entsprachen eher einer Materialmusterung: Es schien, als wolle er ermessen, ob Marie in eine bestimmte Schublade seiner Drehpläne passte.
Wie von Geisterhand öffnete sich nun die schwere Holztür des Salons und wie ein Geist erschien der befrackte Diener. Seine Miene sagte deutlich: Wenn die Herren nun bitte gehen würden …
In der Diele erwartete Marie die Besucher. War es Zufall? Sie hielt Karl Landmanns Mantel bereit.
Es war dem Mann unangenehm, von ihr eine derartige Dienstleistung anzunehmen. Sein Mantel schien schwerer zu sein als sie selbst. »Mister Landmann, bitte!« Maries auffordernde Geste erinnerte ihn daran, dass er den Arm in den Ärmel schieben sollte. Als ihre Finger dann zufällig seinen Nacken berührten, weil sie ihm den Kragen zurechtrückte, wünschte er, dieser Augenblick möge etwas länger andauern. Himmel! Welche Gedanken kamen ihm da?
»Danke«, sagte er mit belegter Stimme. »Sehen wir uns am Mittwoch wieder?« Fiel ihm denn keine intelligentere Floskel ein? Karl Landmann ärgerte sich über sich selbst.
»Sicher sehen wir uns. Ich arbeite ja hier.« Marie lächelte freundlich und unverbindlich.
Sie hatte während des Servierens im Salon wohl bemerkt, dass sie die Männer in besonderer Weise beeindruckte. So etwas geschah ihr nicht zum ersten Mal. Der Lord erhielt häufiger männlichen Besuch, doch Maries Interesse an Männern hielt sich in Grenzen: Sie hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich und keinen Bedarf an Erfahrungen ähnlicher Art.
Sir Edward war seinen Besuchern in die Diele gefolgt. »Ist Antoine vorgefahren?«, erkundigte er sich bei Frederic.
»Ja, Eure Lordschaft, der Wagen steht bereit«, meldete der Butler und hielt das Portal höflich für die Männer auf.
»Auf Wiedersehen«, sagte Karl Landmann leise zu Marie.
»Kommen Sie gut ins Hotel«, erwiderte Marie ebenso leise.
Die Männer schritten die geschwungene Außentreppe hinunter und stiegen in die Limousine.
Marie lief in den Salon zurück, stellte das Geschirr auf den Servierwagen, säuberte den Tisch und öffnete für ein Weilchen die Fenster, um Frischluft hereinzulassen. Wind war aufgekommen, man spürte eine salzige Brise in der Luft.
Sir Edward verschwand mit der Mappe ins Arbeitszimmer. Er rief den Anwalt an. Avvocato Girardi war ihm mit den Jahren ein guter Berater und fast ein Freund geworden, dessen Meinung ihm in diesem Fall besonders wichtig war. Sie verabredeten sich zum Abendessen.
Auf dem Weg in den Wintergarten warf Sir Edward noch einen Blick in den Salon. Alles stand wieder auf seinem Platz. Er informierte Frederic, der sich dezent im Hintergrund hielt, dass Signore Girardi gegen Abend zum Supper zu erwarten sei.
Mit den Unterlagen der Winestore Company ließ er sich dann auf seinem Lieblingsplatz im Wintergarten nieder. Sobald die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne das Wolkenmeer durchbrachen, würde Frederic die gläsernen Flügeltüren in den Garten öffnen. Bald war es so weit, denn hier währte der Winter nur kurze Zeit und Nebel war so gut wie unbekannt.
***
Gegen achtzehn Uhr vernahm Frederic die quietschen Reifen eines bremsenden Wagens.
Der Avvocato hatte seinen Chauffeur heute nicht bemüht. Der durfte dem Duell der rivalisierenden Fußballclubs sein Interesse schenken, statt den Rasern auf der Straße, zu denen der Anwalt – nebenbei gesagt – auch selbst gehörte.
Der reiche Club des AS Roma spielte gegen den immer mit Geldsorgen kämpfenden Club von Napoli. Für die Neapolitaner bedeutete es ein Freudenfest, sollte ihr Club gewinnen. Mit erhobener Faust würden sie durch die Straßen laufen und forza Napoli brüllen. Eine Niederlage zog man vor dem Spiel gar nicht erst in Betracht.
Der Avvocato war kein Anhänger des Ballsports. Viel lieber hörte er sich in seinem appartamento mittels einer gigantischen Musikanlage eine der italienischen Opern an. Nicht selten schwang er dazu einen imaginären Taktstock.
Sir Edward und Girardi begrüßten sich herzlich. Mit einladender Geste bat der Lord den Gast ins Arbeitszimmer. »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, scherzte er.
Girardi wusste die gute Küche des Hauses zu schätzen, deshalb lag ihm daran, die Prüfung des Vertrages rasch hinter sich zu bringen.
Sir Edward schob ihm die Unterlagen über den Tisch und hielt sich ansonsten still in seinen Sessel.
Der Avvocato überflog die ersten Absätze. »Diesen Vertrag hat ein Manager geschrieben, kein Jurist«, murmelte er.
Seine Formulierungen wären anders gewesen, eleganter, um vieles ausgefeilter. Aber darum ging es ja nicht: Es galt, Fallstricke aufzuspüren. Gedanklich zerlegte Girardi Zeile für Zeile. »Ich werde den Vertrag neu ausformulieren, dann können Sie unterschreiben«, sagte er schließlich. »Über die Nutzungssumme werden Sie, wie ich Sie kenne, nicht verhandeln wollen, obwohl da noch einiges …« Er sprach nicht weiter. Ein Blick in Sir Edwards Gesicht hatte ausgereicht. Für ihn als Italiener war es unverständlich, dass jemand nicht feilschen wollte.
»Ich möchte nur die Sicherheit haben, dass auf dem Anwesen kein Schaden entsteht«, unterstrich Sir Edward. »Insbesondere ist festzuhalten, dass mein Personal nicht für die Obliegenheiten der Filmcrew zuständig ist. Für die Trailer müsste der große Platz am Ende des Anwesens ausreichen. Die Leute könnten dort für die Dauer der Dreharbeiten wohnen, Strom und Wasser sind vorhanden. «
Es wurde Zeit für das Supper.
Vorsorglich erkundigte sich der Anwalt, ob sie später eine Partie Schach spielen würden.
»Aber gern, ich bin Ihnen doch noch die Revanche vom letzten Mal schuldig.«
Es klopfte an der Tür. Frederic trat ein und verkündete, dass angerichtet sei. Die lange Tafel des Esszimmers war für nur zwei Personen gedeckt.
Der Butler erkundigte sich nach den Wünschen für einen Aperitif. Danach servierte Marie die verschiedenen Gänge und nach einem hervorragenden Tiramisu zogen sich die Männer mit einem Glas Sherry in den Salon zurück, wo bereits das Schachbrett auf dem Tisch stand.
Girardi beneidete Sir Edward um diese Leute, die offenbar immer im Voraus wussten, was ihr Herr wünschte.
***
Die Angestellten saßen währenddessen beim gemeinsamen Abendessen zusammen.
Francine wollte wissen, wie der Regisseur und die Schauspieler ausgesehen hätten.
Marie ließ sich nicht lange bitten: Mit treffsicheren Handbewegungen und Gesten imitierte sie die drei Männer, was zeitweilig für Belustigung sorgte. Der eine schnitt besser, der andere schlechter ab. Besonders Mister Mortimer war Marie negativ aufgefallen. Auch der sonst zurückhaltende Frederic äußerte sich wenig freundlich über ihn. »Der Kerl trägt die Nase sehr hoch. Irgendwann wird er stolpern und sich ordentlich dran stoßen«, prophezeite er. »Er fand es nicht einmal der Mühe wert, sich zu bedanken, als ich ihm in den Mantel half. «
Marie dachte an den Moment, in dem sie Karl Landmann in den Dufflecoat geholfen hatte. Als Schauspieler war ihr der Mann natürlich ein Begriff. Mehr als einmal hatte sie seine positive Ausstrahlung in Filmen bewundert. Doch wer wusste bei einem Darsteller schon, wie viel davon Spiel, wie viel davon eigener Charakter war? Heute hatte sie den Eindruck gewonnen, dass er diese sympathischen Eigenschaften auch ins Privatleben übertrug.
***
Sir Lindsays Chauffeur empfand es als große Erleichterung, dass aufgrund des Fußballspieles nicht so viel Verkehr herrschte. Das Chaos würde erst wieder ausbrechen, wenn das Spiel zu Ende war. Egal, ob gewonnen oder verloren – auf der Piazza würde es brodeln und die Straßen wären heillos verstopft.
Vorschriftsmäßig diskret hatte er die Scheibe zum Fahrgastraum hochgefahren, sodass die Gespräche der Männer nicht nach vorn drangen. Ihn interessierte wenig, worüber sie sich unterhielten.
»Ich denke, Lindsay hat meinen Vortrag gut aufgenommen. Was meint ihr?«, wollte Graham wissen.
In Malcolm nagte noch immer der Zorn darüber, dass der Lord ihn so abgekanzelt hatte. Von sich selbst eingenommen, suchte er natürlich den Grund dafür nicht bei sich. »Der Alte sollte seinen Tee besser in London schlürfen, als sich hier um Dinge zu kümmern, von denen er nichts versteht«, knurrte er.
Karl ignorierte die rüde Äußerung und meinte: »Ich fand ihn ein wenig steif, aber sehr nett. Außerdem besitzt er ein kompetentes Wissen über Land und Leute, das uns ganz offensichtlich fehlt.«
»Was dir in Wirklichkeit gefiel«, schoss Malcolm jetzt mit scharfer Munition, »das war die Lady mit Häubchen, die so lange brauchte, um dir in den Mantel zu helfen.«
»Ach, und wessen Augen sind fast in ihren Ausschnitt gefallen, als sie die Backware auftrug?« Auch Karl reagierte nun aufgebracht.
»Um die Frau geht es doch jetzt gar nicht«, versuchte Ronald zu schlichten. »Obwohl – ich dachte schon daran, dass sie sich für die Rolle der Freundin Carlo Montessas eignet.« Graham wandte sich an Karl. »Was meinst du? Könntest du dir vorstellen …«
»Karl kann sich bestimmt manches mit der Kleinen vorstellen.« Malcolm hörte nicht auf zu sticheln. Sein beleidigtes Ego wollte andere treffen. »Wenn er könnte, würde er sie flachlegen und es ihr gehörig besorgen.«
Noch hielt Landmann an sich, obgleich sein Pulsschlag stieg. Die Dummheit Mortimers stank zum Himmel: Mit jedem Wort, das er sagte, verriet er, mit welchen Augen er selbst diese Frau betrachtet hatte.
Der Neuseeländer bemühte sich um einen sachlichen Ton. »Ich denke, dass wir die Frau erst einmal fragen sollten, ob sie überhaupt Interesse hat mitzuwirken. Abgesehen davon wissen wir nicht, ob Lindsay ihr für solche Aktivitäten Zeit zur Verfügung stellt.«
»Ein berechtigter Einwand«, gestand der Regisseur ein. Sein Blick wanderte dankbar zu Karl. Dankbar, weil dieser versuchte, die Provokationen Malcolms zu ignorieren und das Gespräch in ruhige Bahnen zu lenken. »Zuerst müssen wir ohnehin abwarten, ob der Lord nach der Konsultation seines Anwalts unserem Projekt zustimmt«, setzte Graham berechtigterweise hinzu. »Vor den italienischen Rechtsverdrehern habe ich eine gewisse Scheu. Aber was soll’s! Übermorgen wissen wir mehr. Für heute bin ich froh, dass Sir Edward nicht von vornherein abgelehnt hat.«
Das Warten war gar nicht das eigentliche Problem, das lag ganz woanders: Diese Zwistigkeiten zwischen Malcolm und … eigentlich jedermann, mit dem der Schauspieler bisher zusammengetroffen war, nervten ungemein. Schon seit Tagen gestand sich Graham ein, dass die Besetzung einer Rolle durch Mortimer keine gute Idee gewesen war. Feste Verträge mit den Schauspielern gab es zwar noch keine, denn es bestand ja die Möglichkeit, dass das Projekt abgesagt werden musste. Doch woher sollte er im Ernstfall Ersatz nehmen? Mortimer war nun einmal da, hatte persönlich Zeit aufgewandt und Entschädigungen, welcher Art auch immer, konnte sich die Filmgesellschaft nicht leisten.
Der Wagen hielt vor dem Hotel, das in seinem Baustil an deutsche Kaiserzeiten erinnerte. Imposant thronte das Gebäude am Ende der breiten Auffahrt. Die zuckende, weil altersschwache Neonröhre beim ›R‹ des Hotelnamens tat dem herrschaftlichen Eindruck keinen Abbruch.
Direkt hinter dem Hotel lag das Meer. Die Wellen, die heute hohe Schaumkämme trugen, brandeten geräuschvoll gegen die Felsen.
Ronald und Karl bedankten sich beim Chauffeur, Malcolm leistete sich eine verächtliche Geste. »Überschlagt euch nicht«, knurrte er. »Das ist sein Job.«
Auch der Portier bekam die üble Laune des Schauspielers zu spüren. Weil er von seinem Platz an der Rezeption aus das Match im Fernsehen verfolgte und den Zimmerschlüssel nicht sofort parat hielt, schnauzte Mortimer ihn an.
Weder Graham noch Landmann verspürten Lust, noch beieinander zu sitzen, was in erster Linie Malcoms mieser Laune geschuldet war.
»Ich hau mich aufs Ohr«, verkündete der Regisseur. »Vielleicht lasse ich mir später noch etwas Essbares aufs Zimmer bringen. Ihr könnt es halten wie ihr wollt.«
»Gute Idee«, stimmte Karl Landmann ihm zu. »Ich werde es ebenso machen.«
Die beiden Männer strebten auf den Lift zu.
»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als mich diesem interessanten Abendprogramm anzuschließen«, kommentierte Malcolm bissig.
Die Zimmer des Regisseurs und Landmanns lagen auf dem gleichen Flur, Malcolms befand sich eine Etage tiefer. Welch angenehmer Zufall! Sie wurden den Miesepeter los.
***
Karl schaltete das Licht im Zimmer ein. Auf dem Kissen des französischen Betts lockte wiederum eine süße Empfehlung – diesmal eine des Hotels. »Sehr aufmerksam«, dachte er erfreut. Vor deren Genuss erfrischte er sich im großzügig eingerichteten Badezimmer, ehe er sich – nur mit Shirt und Shorts bekleidet – aufs Bett fallen ließ. Was tun? Warum sollte er nicht auch einen Blick auf dieses Fußballspiel werfen, das in Neapel für eine so einschneidende Unterbrechung des normalen Tagesablaufes sorgte. Doch ihm fehlte ein wichtiges Detail, das zu einem Fußballspiel gehörte – ein gutes Bier.
Er stand nochmals auf und inspizierte die Zimmerbar. Sie war gut gefüllt. Karl griff nach der Flasche, die einer Bierflasche am ähnlichsten sah, ließ sich samt birra erneut auf die Überdecke fallen und startete den Fernseher. Sekunden später verfolgte er gespannt den emotionsgeladenen Kampf um das runde Leder auf dem grünen Rasen, bei dem letztendlich der AS Roma siegreich blieb. »Armes Napoli!«, dachte Karl belustigt.
Das Knurren seines Magens signalisierte Hunger. Allerdings bedeutete die Speisekarte für Karl eine Herausforderung: Sie war in italienischer Sprache verfasst. Nach einigem Hin und Her am Telefon war das Abendessen unterwegs. Während Karl darauf wartete, schloss er die Augen und gab sich dem Tagtraum hin, dass eine Frau, die unverkennbare Ähnlichkeit mit Marie aufwies, ihm das Essen servierte.
Der Abend war unbemerkt in die Nacht übergegangen. Trotz eingeschaltetem Radiator fröstelte Karl. Er zog eine Jogginghose über die Shorts, schlüpfte unter die Decke und wickelte sich förmlich darin ein. Die angenehme Vorstellung überkam ihn, wie es wäre, sich an den warmen Körper einer Frau zu schmiegen. Und wieder schlich sich ein bestimmtes Bild in seinen Kopf: Er sah Marie vor sich, ihre ausdrucksvollen Augen und den kleinen, schön geschwungenen Mund, erinnerte sich an ihre angenehme Stimme und die Berührung durch ihre Hand. So falsch war es gar nicht gewesen, was Malcolm behauptet hatte: Aus seinem Bett würde er die Frau gewiss nicht werfen. Nur Malcolms ordinäre Art, diesen Umstand auszudrücken empörte ihn maßlos.
Er gönnte es sich, ein wenig zu träumen: Wie mochte sich Maries Haut anfühlen? Verstand sie sich gut aufs Küssen? Er hatte schon längere Zeit mit keiner Frau geschlafen und die Vorstellung, es mit ihr zu tun, erregte ihn. Er merkte, dass sein Körper auf diese Gedanken mit einer Erektion antwortete und bezwang sich.
Die soliden Wände schützten vor Geräuschen aus den Nebenzimmern. Schlaf übermannte Karl und er glitt hinein in ein traumloses Nichts.
Kapitel 2
Der Dienstag begann mit einem orkanartigen Sturm, der es jedermann verleidete, vor die Tür zu gehen. Marie schaute missmutig aus dem Küchenfenster: Die nackten Zweige der Bäume bogen sich im Wind, der auf ihnen lagernde Schnee wurde durch die Luft gewirbelt und erweckte den Anschein, als schneie es. Missmut änderte nichts an der Tatsache, dass sie zum Hafen fahren musste. Giuseppe hatte angerufen, dass die bestellten Fische heute mit dem großen Fischkutter eingetroffen seien. Das Schiff liege zwar noch einige Tage im Hafen, aber durch zu lange Lagerung würde die Ware nicht besser. Marie hatte nicht die Absicht, den Kauf hinauszuzögern. Sie liebte es, als eine der ersten aus dem Angebot wählen zu können.
»Mon Dieu! Das wird ‘eute wieder eine Markttag mit fliegende Fische«, seufzte Francine, obgleich sie selbst mit den Fischen überhaupt nichts zu tun haben würde.
»Jammere nicht, Francine, wir fahren trotzdem. Ich will vor dem Abendessen zurück sein«, erklärte Marie. »Wir fahren auch gleich beim mercato vorbei und kaufen ein. Aus der Reinigung müssen wir für Sir Edward ebenfalls noch etwas abholen.«
»Isch komme ja schon«, beteuerte Francine. »Sei doch nischt so ‘ektisch, chérie.«
Für sie waren diese Fahrten eine willkommene Abwechslung im sonst langweiligen Alltag. Marie setzte sie immer bei der Galleria Umberto ab, damit sie in diesem Einkaufstempel oder auch in den in der Nähe liegenden Geschäften nach dem neuestem Modefummel Ausschau halten konnte. Francine hatte bisher stets etwas gefunden, wofür es sich lohnte, Geld auszugeben.
Zum Hafen fuhr Marie allein. Sie verstand sich bestens darauf, mit den Fischern zu verhandeln: Erstens beherrschte sie die italienische Sprache und zweitens war sie eine Könnerin, was das Feilschen um den günstigsten Preis betraf.
Erst beim mercato war Francine dann wieder dabei.
Frederic hatte inzwischen die große Kühlbox im Kombi verstaut, die für den Transport der Fische gedacht war. Höflich hielt er Marie nun die Wagentür auf und wünschte: »Gute Fahrt und lass dich nicht aufs Meer wehen.« Das Lachen war zu sehen, seine Gedanken gehörten ihm: »Selbst in den abgetragenen Jeans, dem dicken Pullover und dem wattierten Gilet, sieht sie reizend aus.« Marie hatte etwas an sich, das er sich nicht erklären konnte – eine spezielle Anziehungskraft, die selbst bei ihm, den eingefleischten Junggesellen, Wirkung zeigte.
»Danke, Frederic, aber ich kann schwimmen.« Auch Marie lachte. »Soll ich dir Zigarillos mitbringen?« Sie wusste, dass Frederics heimliche Leidenschaft diesen braunen Glimmstängeln von Tonio galt, die der Händler noch selbst drehte und verpackte. Den Tabak erhielt der Alte als kleine Lieferung mit einem der großen Schiffe, die aus aller Welt in Neapel vor Anker gingen.
»Das wäre wirklich außerordentlich reizend.« Der Butler deutete eine galante Verbeugung an.
Francine kicherte. Frederic und Marie verstanden es perfekt, die Gesten und Redeweisen der vornehmen Gesellschaft nachzuahmen, so zu tun als ob … Schon viele Male hatten sie alle damit bestens unterhalten. Die Französin stieg nun in den angenehm temperierten Kombi und rief: »Au revoir, Frederic!«
Marie fuhr den Wagen langsam an. Das Tempo würde sich schnell ändern, fädelten sie sich erst in den täglichen Chaosverkehr Neapels ein. Langsame oder gar ängstliche Autofahrer waren dort fehl am Platz. Nicht, dass Marie die Fahrt scheute, sie fürchtete nur die Unberechenbarkeit der starken Böen. Das ging selbst den routiniertesten einheimischen Autofahrern nicht anders.
Auf den Straßen sah man noch die Überreste der gestrigen Fußballveranstaltung in Form von weggeworfenen Pappbechern, Flaschen und zerrissenen Papierfähnchen des leider unterlegenen neapolitanischen Clubs. Bei diesem Wind lohnte es sich nicht, den Müll wegzuräumen.
»Se bastasse una canzone …«, trällerten Francine und Marie. Die Eros Ramazotti-CD im Auto verleitete sie, laut mitzusingen. Francines französisch klingendes Italienisch wirkte geradezu erheiternd.
»Madonna mia!«, ärgerte sich Marie über einen die Fahrbahn blockierenden Kleinlaster. Hupend und gestikulierend reihte sie sich nach dem riskanten Überholmanöver in den inneren Kreis der Tangentiale ein. Wenig später befand sie sich auch schon in der Nähe des Hauptbahnhofes, von dem aus sie durch unzählige vicoli, kleine Gässchen, zur Galleria gelangte. Ohne den Motor abzustellen, ließ sie Francine aussteigen.
»Hast du dein telefonino mit?«
»Ja, ja, isch ‘abe ihm.« Francine nickte zusätzlich noch bejahend.
Marie beugte sich in Richtung Beifahrersitz, um Francine noch etwas zu sagen. »Ich ruf' dich an, wenn ich vom Hafen wegfahre. Dann hast du gut fünfzehn Minuten, um dich hier wieder einzufinden.«
»Wunderbar. Soll isch für disch schauen wegen die 'übsche Bluse?«, erkundigte sich die Französin. Beim letzten gemeinsamen shopping war ihr nicht entgangen, dass sich Marie für dieses Teil, eine Seidenbluse, interessiert hatte.
Marie überlegte. »Ja, kauf sie«, stimmte sie zu.
»Viel Spaß bei die Fische«, rief Francine, warf die Autotür zu und war – ruckzuck – im Eingangsportal der Galleria verschwunden. Es blieben ihr gut zwei Stunden Zeit für Einkäufe.
Über Schleichwege, abseits der Hauptverkehrsstraße, gelangte Marie zum Frachthafen, der auf der anderen Seite des Personenhafens lag. Die Möwen, die laut kreischend über den Fischerkähnen kreisten, ließen sich auch von den Windböen nicht beirren, die zum Glück etwas nachgelassen hatten. Marie zwängte sich in eine eigentlich kaum vorhandene Parklücke und hielt die Luft an, als sie sich durch einen engen Spalt aus dem Auto quetschte.
Wie immer, wenn sie hier am Hafen war, galt ihr erster Blick dem Vulkan, dem die Gegend – im Ernstfall eines Ausbruchs – auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Berechnungen zufolge würde der Lavastrom des Vesuvs höchstens sechs Minuten brauchen, um das Meer zu erreichen. Sechs Minuten! Natürlich gab es auch Evakuierungspläne für einen solchen Fall. Doch eine Räumung der gesamten Stadt würde mindestens sechs Tage in Anspruch nehmen – ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Und so hoffte jedermann, der hier und in der Umgebung des Vulkans wohnte, dass der Vesuv noch viele Jahre weiterschlafen werde. Oft schon war Marie oben beim Krater gewesen und hatte in den tiefen Schlund hinabgeschaut, dessen Sohle sich so harmlos gab. Allgegenwärtig waren dort oben nur der feine Schwefelgeruch und die Blöcke der erstarrten Lava.
Marie wandte sich ab. Wollte sie noch vor der frühen Dämmerung des kurzen Wintertages mit der Auswahl der Fische fertig sein, war es Zeit, damit zu beginnen.
Die kleinen Kutter schaukelten auf den vom Wind bewegten Wellen. Geschäftig liefen am Kai Händler, Großabnehmer und Seeleute umher. In der Luft lag intensiver Fischgeruch und vom Meer wehte eine salzige Brise. Beides Dinge, die Marie immer wieder begeisterten. Sie liebte dieses Land und seine Leute, die so offen und voller Herzlichkeit waren, kannte man sie erst einmal. Anfangs war die Art ihres Lebensstils sicher gewöhnungsbedürftig, hatte man sich damit aber angefreundet, war es nicht schwer, sich hier wohlzufühlen.
***
Die Fensterläden – die er vor dem Einschlafen nicht geschlossen hatte – schlugen im Takt der Böen gegen die Hauswand. Ronald versuchte das Geräusch zu ignorieren, indem er die Decke über Ohren zog. Fehlanzeige.
»Shit«, fluchte er und kroch ärgerlich aus dem Bett, öffnete das Fenster und fing die Läden ein. Er verriegelte sie und im Zimmer entstand sofort der Eindruck von Nacht. Es war jedoch fast acht Uhr morgens.
Ronald hatte seit gestern nichts mehr gegessen und sein Magen meldete dies ungnädig. Ob Mortimer und Landmann auch schon wach waren? Karl konnte er ja unbesorgt über das Zimmertelefon anzurufen, bei Malcolm ließ er es lieber, um sich den Morgen nicht selbst zu verderben. Wenn nicht heute, vielleicht oder sogar ziemlich sicher brachten die nächsten Tage eine Entscheidung, was den Verbleib Mortimers in der Crew betraf. Denn das war ihm nach reiflicher Überlegung am Vorabend klargeworden: Ein Verhalten wie das seine konnte das gesamte Konzept zum Scheitern bringen!
Er wählte Karls Zimmernummer und der nahm auch sofort ab. »Morning, Karl. Ich gehe zum Frühstück und wollte fragen, ob du mitkommst?«
»Ich mache mich auch gleich auf dem Weg«, antwortete der Neuseeländer. »Wir treffen uns bei der Treppe.«
Karl trug wie Ronald Jeans und einen dicken Pullover. Sein Gesicht umrahmte – nach Tagen ohne Rasur – wieder einmal ein dunkler Bart, der ihm das Aussehen eines Südländers verlieh. »Ist Malcolm wach?«, fragte er.
Ronald zuckte die Schultern. »Weiß nicht. Und ich werde mich hüten, ihn zu wecken. Seine Laune von gestern reicht mir noch für heute.«
»Geht mir ebenso. Es scheint, als sei ihm das ganze Projekt zuwider.« Karl schüttelte verständnislos den Kopf. »Ich frage mich nur, warum er dann zugesagt hat.«
»Ihr habt ihn seinerzeit vielleicht zu sehr genötigt«, grummelte Ronald. »Aber egal! Wenn er so weitermacht, fliegt er. Der vermiest ja nicht nur uns die Laune, sondern vergrault mir auch die Eingeborenen, wenn wir erst mal ein paar eingefangen haben, und das kann alles zum Erliegen bringen.«
Karl nickte zustimmend. Blöde Situation! Er war froh, nicht in Ronalds Haut zu stecken.
Der Regisseur war mit seinen Gedanken schon wieder beim Film. »Frage von gestern«, nahm er den Gesprächsfaden auf. »Was denkst du? Wird der Lord seine Zustimmung geben?«
»Sir Edward machte immerhin einen aufgeschlossenen Eindruck«, erinnerte Karl. »Vielleicht solltest du ihn als Berater für gewisse Dinge in die Dreharbeiten einbinden. Sein Wissen über Land und Leute ist groß. Hab' ich ja gestern schon gesagt.«
Ronald nickte nachdenklich. »Ich brauche auch dringend einen Sprachmittler«, gestand er. »Ich verstehe ja hier nur ›Bahnhof‹.«
Karl gab seufzend zu: »Da geht's dir wie mir. Ich dachte, ich käme mit Englisch durch.«
Tourismus hin oder her: Im Süden Italiens bestand eine unausgesprochene Abneigung in Bezug auf die englische Sprache. Wenn es nicht anders ging, sprach man lieber ein paar Brocken Deutsch, eine Hommage an die zahlreichen betuchten Gäste, die alljährlich in Scharen aus Germany einfielen. Gelegentlich hörte man auch einige französische Ausdrücke, ein Mitbringsel der vielen – teils illegalen – Zuwanderer aus den nordafrikanischen Staaten.
Die beiden Männer setzten sich im Frühstücksraum an den ihnen zugewiesenen Tisch und waren erfreut, dass der Kellner Englisch verstand. Wie überall in den großen Hotels üblich, gab es auch hier ein reichhaltiges Frühstücksbuffet.
Von Malcolm war weit und breit nichts zu sehen.
Durch die großen Panoramafenster des Saales blickte man auf das bewegte Meer hinaus – auf beeindruckende Wellen und zischende Gischt. Das Wasser sah grau und wenig einladend aus, keinesfalls blau wie auf den Postkarten. Die Zweige der immergrünen Gewächse vor dem Hotel schwankten und bogen sich im heftigen Wind.
»Tolles Wetter«, bemerkte Ronald sarkastisch. »Ich dachte, in Italien gäbe es das ganze Jahr über nur Sonne.«
Außer ihnen saßen nur noch drei ältere Ehepaare im Saal. Ende Jänner war nicht wirklich eine Reisezeit. Zwar lockten die nahen Inseln Ischia und Capri mit günstigen Angeboten, ebenso die Costa Amalfitana, aber hier – direkt in Neapel – gab es zu dieser Jahreszeit nicht viel zu sehen.
»Ich denke, wir erkunden heute mal ein wenig die Gegend«, schlug der Regisseur vor. »Das kann man ja auch bei schlechtem Wetter machen. Fangen wir am besten mit dem Zentrum Neapels an.«
»Fahren wir mit dem Taxi?«, wollte Karl wissen. »Soweit ich mich an die gestrige Fahrt zu Sir Edward erinnere, war das ziemlich teuer. Aber ›per pedes‹ wird es wohl ein bisschen zu tagesfüllend werden.«
»Ich dachte eher daran, ein öffentliches Verkehrsmittel zu benutzen«, erklärte Ronald. »Dann sehen wir mehr von Land und Leuten.«
»Gute Idee! Ich habe gleich an der Straße gestern eine Tafel bemerkt; sah sehr nach einem Busfahrplan aus«, erinnerte sich Karl. Vor dem Hotel gab es tatsächlich eine fermata, eine Haltestelle des Linienbusses.
Graham verdrückte mit Genuss ein Croissant. »Wir brauchen unbedingt einen Stadtplan. Wer weiß, wo wir sonst landen.« Die Mutmaßungen darüber ließen gelöste Heiterkeit aufkommen.
In diese Frühstückunterhaltung platzte Malcolm wie ein Gewitter in ein sommerliches Picknick. Während Karl mit seinem Seeräuberbart ansprechend aussah, konnte man das vom unrasierten Gesicht Mortimers nicht behaupten. Er wirkte unausgeschlafen und gereizt. Mit vorwurfsvollem Gesichtsausdruck ließ er sich auf den freien Stuhl fallen. »Geht's euch gut ohne mich? Es ist zum Kotzen: Im Zimmer ist es kalt und das Essen, das ich mir gestern Abend bestellte, war ein Albtraum. Also hier werde ich nicht alt. Übrigens, Ronald, ich habe heute mit meiner Frau telefoniert. Zu Hause erwartet mich ein tolles und vor allem finanziell ansprechendes Angebot für ein Filmengagement, das ich nicht ausschlagen möchte. Ich bin dann auch näher bei meiner Familie und muss mich nicht hier mit den ›Spaghetti-Fressern‹ herumärgern. Etwas Bindendes in Bezug auf dein Projekt habe ich nicht unterschrieben, also dürfte es kein Problem sein, mich aus deinen Plänen zu streichen. Mein Flugzeug geht morgen Abend.« Als Ronald etwas entgegnen wollte, winkte Malcolm ab. »Nein, gib dir keine Mühe! Du kannst mich nicht überreden zu bleiben. Mein Entschluss steht fest.«
»Oh, ich wollte eigentlich sagen, dass deine Entscheidung in Ordnung ist. Guten Flug!« Der Ton, in dem Regisseur dies sagte, klang lässig und keineswegs, als sei soeben einer seiner Hauptdarsteller abgesprungen.
Karl verschluckte sich fast an seinem panini, als er in das verblüffte Gesicht Mortimers blickte.
Mit dieser Antwort hatte Malcolm nicht gerechnet. Mindestens ein intensives Flehen, er möge doch bleiben, und vor allem das Angebot einer Aufbesserung der Gage hatte er erwartet, nicht aber, dass Graham ruhig sein Croissant futterte und ihn quasi zwischen zwei Bissen völlig emotionslos verabschiedete.
Es gelang Malcolm nicht, seine maßlose Enttäuschung zu verbergen. »Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?«, murrte er.
»Hmmmh!« Ronald deutete auf seinen vollen Mund. Als er den Bissen hinuntergeschluckt hatte, tupfte er sich mit der Serviette die Lippen ab und versicherte: »Ach, es war mir doch klar, dass ein Star wie du nicht im Ernst in dem kleinen Film eines noch fast unbekannten Regisseurs mitwirken würde. Ich war eher überrascht, als du damals zusagtest. Mach dir also keine Gedanken. Es ist völlig in Ordnung, dass du das lukrativere Angebot wählst.« Er griff er nach der Kaffeetasse und trank den Rest aus.
»Können wir?«, fragte er dann in Karls Richtung, Mortimers Anwesenheit ignorierend.
Malcolms Gesicht drückte Fassungslosigkeit aus. War er im falschen Film? »Wohin geht ihr denn?«, fragte er.
Karl antwortete. »Wir wollen nur ein bisschen durch Neapel laufen. Ist nichts für dich, da wir ja nach Schauplätzen für einzelne Filmszenen Ausschau halten. Genieße nur in Ruhe dein Frühstück. Es ist wirklich ausgesprochen gut. Außerdem – das Wetter ist ja nicht besonders einladend und solche Tage werden wir hier noch einige haben.«
Die beiden Männer erhoben sich mit einer Geste des Abschiednehmens und Malcolm blieb allein am Tisch zurück. Der ›große Star‹ stierte in seine noch leere Tasse und begriff allmählich, dass nicht er derjenige war, der die Rolle abgelehnt hatte, sondern dass er soeben – sage und schreibe – gefeuert worden war. Diese Tatsache nagte an seinem Ego. So schnell abserviert zu werden, konnte nur bedeuten, dass Ronald bereits Ersatz für ihn gefunden hatte. Aber wen? Das würde er wohl frühestens aus dem Internet oder den Programmheften der Kinos erfahren, vorausgesetzt, das Projekt kam überhaupt auf die Beine. »Wird es nie und nimmer, schwachsinniges Thema, idiotisches Drehbuch«, murmelte er und stand schließlich auf. Der Appetit war ihm gründlich vergangen.
Sie standen an der fermata und warteten auf den Bus.
Ronald war bester Laune. Malcolms selbstherrliche Absage ersparte ihm die mühevolle Erklärung, warum dieser sich nicht für die Rolle des Staatsanwalts in seinem Film eignete, verbunden mit der Bitte, auf die Rolle zu verzichten. Nein, er hatte noch keinen Schimmer, wen er nun engagieren sollte, aber es würde ihm schon etwas einfallen.
In seine Gedanken hinein fragte Karl: »Waren wir nicht doch zu unfreundlich?« Allerdings grinste er bei dieser Frage. Besser hätte Graham Mortimers ›Ausladung‹ gar nicht hinkriegen können.
Ronald wiederholte: »Unfreundlich? Findest du? Na ja, vielleicht … aber jedenfalls passend zu Malcolms Stil.« Und er überlegte laut weiter: »Jetzt muss ich nur noch einen finden, der die Rolle des Staatsanwalts übernehmen kann. Wir brauchen einen Darsteller, dem man Gerechtigkeitssinn abkauft, sobald er den Schauplatz betritt, einen, der Courage und Selbstdisziplin besitzt. Vielleicht frage ich Sir Edward?« Die Vorstellung, den alten Lord in der Rolle von Recht und Gesetz zu sehen, war einerseits gar nicht so abwegig, anderseits löste sie Heiterkeit beim Regisseur aus.
Karl konnte sich ein Lachen nicht verbeißen. Doch er hatte eine Idee. »Ich könnte mir da einen vorstellen. Aber ich weiß nicht, vielleicht hat mein Freund im Moment ein anderes Angebot.«
»Mensch, wer ist das? Ich rufe ihn sofort an.« Ronald war schnell zu begeistern, obwohl er noch nicht einmal wusste, von wem die Rede war.
»Zu Victor würde diese Rolle gut passen«, dachte Karl weiterhin laut nach.
»Victor, wer?« Ronald gelang es nicht sofort, diesen Vornamen mit einem Schauspieler in Verbindung bringen.
»Victor Anderson, du weißt schon.« Karl begann die Filme aufzuzählen, in denen sein Freund mitgewirkt hatte, und sah sich schon mit ihm in einer gemütlichen Bar am Meer sitzen und ein Bier trinken.
»Ja, ja, ja, ich weiß es wieder«, wurde er von Ronald ungeduldig unterbrochen. »Und wo erreiche ich Victor?«
»Krieg' ich Vermittlerprovision?«, spottete Karl. »Ich hab' natürlich seine Nummer. Ich rufe auch an und frage, ob er interessiert ist. Wenn, dann wird er sich melden.«
»Ja, doch! Aber mach schon!«
Karl deutete auf die Uhr. »Bestimmt nicht jetzt. Ich würde Victor zu dieser Stunde infolge der Zeitverschiebung höchstens wecken.«
Damit musste Ronald sich wohl oder übel zufriedengeben.
»Wann kommt denn dieser verdammte Bus endlich?«, knurrte er missmutig.
Keiner der beiden konnte auf dem vergilbten Fahrplan etwas Lesbares erkennen. Die Hinweistafel blieb ihnen schon deshalb ein Rätsel, weil keiner eine Ahnung hatte, welche Tage der Woche mit den italienischen Bezeichnungen gemeint waren. Wie wenig Relevanz Fahrpläne in Italien an sich besaßen, wussten sie ebenfalls – noch – nicht. Die waren eher eine Empfehlung, ähnlich wie die Verkehrsregeln. Und dass die Busse dort auch hielten, wo sie sollten, ließ sich mit einem Roulettespiel vergleichen. Karl und Ronald hatten Glück. Ein blauweißer Linienbus steuerte schließlich auf die fermata zu.
Eine füllige mamma in mittleren Jahren, die Karl schon an der Haltestelle mit verklärtem Blick verschlungen hatte, erwies sich nun als äußerst hilfreich: Sie bewerkstelligte für die Männer den Kauf der Fahrkarten. Das war gar nicht so einfach. Die biglietti hätten sich die beiden nämlich schon vorher besorgen sollen. Doch die Neapolitanerin überfiel den Busfahrer mit einem von wilden Gesten begleiteten, schier endlosen Redeschwall, bis ihm nichts anderes übrigblieb, als die zwei Euro einzustecken und die Fahrt als bezahlt zu betrachten. »Sempre questi touristi!«, stöhnte er kopfschüttelnd.
Die Männer verstanden nur ›Touristen‹ und erkannten am Tonfall, dass dies nicht als Kompliment gemeint war.
Sitzplätze gab es im Bus keine, nur Halteschlaufen. Karl ließ seinen Charme spielen und hielt ihrer gemeinsamen Gönnerin die Einkaufstasche, bis sie einige Stationen weiter ausstieg. »Ciao, bello mio«, flüsterte sie Landmann ins Ohr, quetschte ihren Busen etwas näher als nötig an seiner Brust vorbei und bedachte ihn mit einem feurigen Augenaufschlag, ehe sie sich durch die Bustür zwängte.
Ronald grinste von einem Ohr zum anderen. »Wenn das so weitergeht, besitzt du am Ende der Dreharbeiten einen Harem. Wirklich reizend, die Dame. Sie kann sicher gut kochen, ihrem Aussehen nach zu urteilen.«
Erst ein nicht ernst gemeinter Stoß in die Rippen ließ den Regisseur verstummen, aber das Grinsen wich nicht aus seinem Gesicht.
Nach dem Aussteigen – die Haltestelle war von den Männern willkürlich gewählt – erstanden sie an einem schmuddelig wirkenden Kiosk einen Stadtplan von Neapel, dessen Aktualität ihnen sehr fragwürdig erschien. Sie versuchten erst einmal, ihren Standort zu lokalisieren. Als ihnen das endlich gelungen war, bewegten sie sich weiter, in ständigem Kampf mit dem Wind. Der pfiff durch die Gassen und wirbelte Kleinmüll durch die Luft. Ronald notierte sich Einzelheiten, die ihm bemerkenswert erschienen oder fertigte kleine Skizzen an. Karl gab acht, dass der in seine Aufzeichnungen vertiefte Regisseur nicht fortwährend gegen Passanten stieß.
Irgendwann erreichten sie schließlich die Galleria Umberto, einen prachtvollen Bau, über dessen pseudobarocker Fassade sich ein Dach aus Glas und Gusseisen wölbte. Im Zentrum der Galleria, wo sich die Einkaufsgässchen trafen, überspannte eine große Glaskuppel das Einkaufsparadies.
Die Bar, die Karl und Ronald ansteuerten, wurde von zwei Modegeschäften flankiert. Vor dem Lokal hatte der Besitzer Stühle und kleine Tische aufgestellt. Ein Blick durch die offene Tür verriet auch sofort, warum. Im Inneren war wirklich nur Platz für die Theke, an der ein paar Leute lehnten und miteinander diskutierten.
»Wollen wir?« Ronald deutete mit dem Kopf zu den Sitzgelegenheiten. »Ich brauche jetzt einen Kaffee.«
»Da widerspreche ich nicht.« Karl nickte zustimmend. »Kaffee hätte ich auch gern.«
Erschöpft vom Kampf mit dem Wind ließen sich die Männer an einem der Tische nieder. Nach geraumer Zeit erschien ein junger Bursche in schwarzer Hose und weißem Hemd und machte ihnen in einem langen italienischen Wortschwall etwas klar.
Karl nahm an, dass es um ihre Wünsche ging und bestellte – mit den Händen gestikulierend – zwei Kaffee. Der Jüngling nickte. »Capito! Due caffè.« Wenig später landeten zwei Espressos vor Ronald und Karl mit – tja, mit einem Schuss Schwärze darin. Was sie nicht wussten – wenn man in Italien einen Kaffee bestellte, erhielt man automatisch einen Espresso. Und der war nun mal stark, schwarz und bestand aus einem Fingerbreit Flüssigkeit in einer Puppentasse.
Ronald blickte belustigt auf seinen Kaffee. »Ich denke, wir hätten davon zwei Kannen bestellen sollen.« Vorsichtig nippte er an dem heißen Getränk: Zu wenig, aber gut. Cremig und stark. Daran könnte man sich gewöhnen.
Auch Karl nickte beifällig. »Nicht schlecht, aber eindeutig für Zwerge berechnet.«
Der Neuseeländer musterte interessiert die Passanten. Das Publikum hier war eindeutig ein anderes als in den Gassen: Italienerinnen, wie man sie in Modemagazinen vorgeführt bekam – modern gekleidete Püppchen, in jeder Hand eine Einkaufstasche, deren Firmenemblem zeigte, in welch teurem Geschäft sie ihr neuestes Kleidungsstück erstanden hatten, hier und in noch kostspieligeren Geschäften auf dem Toledo oder in der Via Chiaia. Lässige Typen in Armani-Anzügen lehnten rauchend an den runden Stehtischen der nächsten Bar. Dies war nicht der Platz für die Neapolitaner, die irgendwo in einer der Nebengassen wohnten. Hier war die ›Ehrenwerte Gesellschaft‹ zu Hause, wenn man das so nennen wollte. Hier galt: Sehen und gesehen werden!
Unauffällig musterte auch Ronald die Männer in seinem Blickfeld. Ob Mafiosi darunter waren? Vielleicht der Mann mit den schwarzen, nach hinten gekämmten Haaren und dem offenen Hemd, um den Hals einige Goldketten? Oder die beiden, die eben mit einem vielsagenden Grinsen im Gesicht aus dem Buchladen vis à vis kamen? Der Regisseur fragte sich, ob man die Mitglieder der Camorra tatsächlich am Aussehen erkannte oder erst, wenn sie einem schon das Messer in den Bauch rammten?
Seine Vorstellungen, die ›Ehrenwerte Gesellschaft‹ Neapels betreffend, beruhten auf Informationen, die er in jahrelanger Kleinarbeit aus Zeitungsarchiven zusammengetragen hatte. Sie wurden ergänzt durch Recherchen aus dem Internet, stammten aus Polizeiberichten zu diesem Thema und nicht zuletzt aus Büchern, die er gelesen hatte. Den Ausschlag dafür, dass er diesen Film drehen wollte, hatte dann das Treffen mit einem ehemaligen Angehörigen der sizilianischen Mafia gegeben, der mittlerweile unter anderem Namen und mit neuer Identität in New York lebte. Ganz zufällig war er diesem Mann auf einer Party begegnet und ebenso zufällig mit ihm ins Gespräch gekommen. Je länger er sich mit diesem Aussteiger unterhalten hatte, desto vielversprechender erschien ihm der Plan, einen Film über die Mafia zu drehen – L'onorato famiglia, Ehrenwerte Familie, schwebte ihm damals als Titel vor.
Karl zog die Blicke so mancher schönen Frau auf sich.
Ronald fragte sich ohne Neid, was der Mann an sich hatte, dass er auf Frauen eine solche Wirkung ausübte. Er betrachtete Ausstrahlungen eher unter dem Aspekt der Auswirkung auf einen Film, der dadurch zum Publikumsmagnet wurde. Und da sah er im Geist die Top-Besetzung an männlichen Frauen-Idolen in seinem Film: Brendon Pitts, Karl Landmann und nun vielleicht auch noch Victor Anderson. Fiele die Oscarverleihung in weibliche Zuständigkeit, seinem Film wäre mit Sicherheit eine dieser hübschen Statuen sicher. Und die zarten, romantischen Ansätze des Actionfilms, die eigentlich nicht ins Gewicht fielen, weil sie sich nur am Rande ereigneten, würden dennoch einige Frauenherzen höherschlagen lassen. Aber das waren hochfliegende Träume – erst einmal hieß es abwarten. Die wichtigsten Fragen standen noch offen: Würde der Lord zusagen? Würde Victor Anderson die angebotene Rolle übernehmen? Nicht zu vergessen das Gespräch mit Don Carlos Berlotta, dem Padrone von Neapel, falls die beiden ersten Hürden erfolgreich genommen waren.
Gemessen daran war es gegenwärtig sein kleinstes Problem, wie er ohne Sprachkenntnisse nochmals zu ein paar Tropfen Kaffee kam. Eifrig winkte er dem jungen Kellner und deutete auf die beiden Tassen. Der Bursche nickte diensteifrig. Ein tüchtiges Volk, die Italiener! Man konnte notfalls mit Händen und Füßen sprechen und wurde verstanden.
Während Karl und Ronald – diesmal bei einem caffè latte – weitere Einzelheiten des Films besprachen, meldete sich auch ihr Magen. Schließlich hatten sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Ein Blick in das Innere des kleinen Lokals zeigte, dass in der Vitrine auch Panini und Tramezzini angeboten wurden, etwas Ähnliches wie Sandwiches, zumindest dem Aussehen nach. Mittlerweile – schließlich saßen sie schon über eine Stunde vor der Bar – wussten die beiden auch, dass der Kellner Roberto hieß. Hier würden sie wohl – wenn der Film gedreht wurde – noch öfter sitzen, nicht zuletzt deshalb, weil die Bar den Namen Il Vesuvio – der nun endgültige Filmtitel – trug. Die Vorräte der leckeren Brötchen waren erheblich geschwunden, nachdem Karl und Ronald ihren Hunger gestillt hatten.
»Wenn wir uns in der Hafengegend noch umsehen wollen, sollten wir langsam in die Gänge kommen«, erinnerte Ronald an den eigentlichen Grund ihres Tagesausflugs.
Es war nicht einfach, diesen Ort zu verlassen, denn es gefiel den Männern hier mit jeder Minute besser.
Roberto hatte versucht, seinen Gästen ein wenig Italienisch beizubringen. Immerhin schafften die Männer zum Abschied ein: »Ciao, fino alla prossima volta!«, was soviel bedeutete wie: ›Tschüss, bis zum nächsten Mal.‹
Und als sie, infolge ungewollter Umwege, nach einem mehr als halbstündigen Weg endlich den Hafen erreichten, stand für Ronald fest: In dieser Stadt würde sein Film spielen – Originalschauplatz war und blieb eben Originalschauplatz.
Erwartungsvoll näherten sie sich dem Teil des Hafens, wo um diese Zeit ein besonders geschäftiges Treiben herrschte. Kisten wurden von den Frachtschiffen gehievt und entlang des Kais deponiert. Die dicken Taue, mit denen die Kähne festgemacht waren, zerrten an den Anlegepollern. Auf dem Kai tummelten sich neben streunenden Katzen, die gierig nach jedem Happen schnappten, auch Kinder, die sich verstohlen hier und da einen Fisch schnappten und mit ihm davonrannten, nicht einholbar für die schimpfenden Fischer, die ja letztendlich bei ihrer Ware bleiben mussten. Die Kisten, deren Deckel oft nur einen Spaltbreit offenstanden, enthielten Fische, Langusten und Muscheln.
Frauen mit großen Körben wählten aus dem reichen Angebot. Das Geräusch der vielen Stimmen hörte sich an wie das Rauschen der Meeresbrandung, zumal weder Karl noch Ronald ein Wort verstanden. Über allem lag der intensive Geruch von Fisch.
Unversehens stieß Landmann Graham an und wies nach vorn. »Sieh mal, wer da ist!« Nur er bemerkte, dass sich sein Puls beschleunigte, dennoch befürchtete er, man könne es geradezu sehen.
Wenige Meter von ihnen entfernt stand Marie, die junge Frau, der sie gestern bei Sir Edward begegnet waren.
Lachend und ungezwungen unterhielt sie sich mit dem Fischer, scheute sich nicht, die Fische selbst aus den großen Behältern herauszuholen und besiegelte deren Kauf mit Handschlag. Die fangfrischen Tiere wurden in Nylonsäckchen verpackt und in einen großen Korb gelegt.
Mit dem Handrücken strich Marie sich eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht und packte dann den Korb, um ihn aufzuheben. Karl war mit wenigen Schritten bei ihr.
Marie erschrak, als so plötzlich jemand neben ihr auftauchte und nach dem Henkel griff. Sie reagierte automatisch und schlug mit der Faust zu … Erst danach erkannte sie die Situation und fuhr in tödlicher Verlegenheit zurück. »Oh, es tut mir ja so leid«, rief sie. »Wie hätte ich ahnen sollen, dass Sie es sind. Ich dachte, es sei einer dieser flinkfingrigen Burschen. Mister Landmann, bitte entschuldigen Sie.« Marie wusste nicht, was sie noch sagen oder tun sollte.
Der Schlag hatte gesessen. Karl – in gebückter Haltung – bemühte sich, eine regelmäßige Atmung zustande zu bringen.
Ronald stand einige Meter entfernt und schnappte ebenfalls nach Luft, jedoch vor Lachen. Es hatte aber auch zu komisch ausgesehen, als die kleine Lady dem großen Mann eine Breitseite verpasste, dorthin, wo es Mann am schmerzhaftesten trifft!
Auch Giuseppe der Fischer hatte seine Kappe nach hinten geschoben, kratzte sich das Kinn und grinste unverschämt. Er mochte Marie, die schon seit langer Zeit bei ihm die Fische kaufte. Sie wusste genau, was sie wollte und zahlte gern einen vernünftigen Preis. Er hatte es inzwischen aufgegeben, ihr mehr Euros zu berechnen. Das funktionierte nicht bei dieser Frau. Außerdem gefiel es ihm, dass sie italienisch sprach, sich nie zu fein war, selbst mit anzupacken, obwohl man bei ihrer grazilen Erscheinung eher dazu neigte, gleich hilfsbereit zur Stelle zu sein, wie soeben dieser junge Mann. Aus seiner Jackentasche holte Guiseppe eine kleine Flasche und hielt sie dem noch immer mit dem Schmerz Kämpfenden hin, der wohl das erste Mal in seinem Leben von einer Frau geschlagen worden war und dann noch … na ja …
»Bere!«, forderte er Karl freundlich auf und hielt ihm die Flasche unter die Nase.
»Sie sollen trinken, das hilft«, übersetzte Marie. »Giuseppes Grappa ist gut, fast schon Medizin.«
Karl nahm dankbar einen kräftigen Schluck. Zu kräftig! Statt sofortiger Besserung fehlte ihm urplötzlich wiederum die Luft und er erlitt einen Hustenanfall.
Ronald, der inzwischen neben der Gruppe stand, traten Tränen der Heiterkeit in die Augen. Einer seiner Filmhelden sah hier gerade gar nicht wie ein verwegener Mafioso aus, eher wie eine ausgepresste Zitrone.
Dankend nahm auch er die Flasche entgegen, die ihm der Fischer reichte, der nun ebenfalls herzlich lachte. Puh, das war vielleicht ein Zeug! »Himmel! Was trinkt ihr da? Das brennt ja wie Feuer.«
Giuseppe verstand nicht, was der Fremde sagte, konnte sich aber denken, was die Worte bedeuteten und lachte erneut.
Der Grappa brannte Ronald bis in den Magen hinunter, von dort jedoch breitete sich eine wohltuende Wärme in seinem Körper aus.
Marie war inzwischen zu ihrem Auto gelaufen, das nur wenige Meter entfernt stand und kam mit einer Flasche Mineralwasser zurück. Schuldbewusst beugte sie sich zu dem hustenden und prustenden Karl hinunter, der noch immer nach Luft schnappte, und reichte ihm die Plastikflasche. Als er abwinkte, sprach sie ihm gut zu: »Das ist nur Mineralwasser, ehrlich. Bitte, trinken Sie in kleinen Schlucken.«
Endlich griff er zu und nippte sehr vorsichtig an dem klaren Nass. Er hatte ehrlich gezweifelt, dass es sich wirklich um Wasser handelte. Langsam fühlte er eine Besserung und vermochte sich aufrichten. Doppeltes k.o. war der richtige Ausdruck dafür, was ihm soeben widerfahren war. Als er endlich wieder aufrecht zu stehen vermochte, traf sein Blick auf den besorgten Gesichtsausdruck von Marie. In ihren Augen flackerte noch immer Erschrecken und etwas wie Angst.
Sie war heute ungeschminkt und auf ihrem Gesicht zeigten sich hektische rote Flecke. Der üppige Rollkragen des Pullis schien ihren Kopf verschlucken zu wollen und eine Windböe zerrte an ihrem aufgesteckten Zopf.
Karl drängte es, die Hand zu heben und Marie über die Wange zu streichen, sie zu trösten, wie man es bei einem Kind tut, das ungewollt eine Dummheit begangen hat. Im letzten Moment besann er sich und verlangte nur den Verschluss der Wasserflasche.
Als Marie ihm die Kappe reichte, berührten sich ihre Hände und es war, als spränge ein elektrischer Funke über. Gedankenschnell fuhren beider Hände auseinander und der Plastikverschluss fiel zu Boden. Beide bückten sich, gleichzeitig, und – stießen nun auch noch mit den Köpfen zusammen.
Giuseppe und Ronald – abwechselnd am Grappa nippend – beobachteten die beiden interessiert, grinsten einvernehmlich und gaben jeweils ihre Meinung kund – für den einen so unverständlich wie für den anderen. Aber sie waren sich vollkommen einig: Wer den Schaden hatte, brauchte für den Spott nicht sorgen …
Marie hatte inzwischen ein krebsrotes Gesicht und das Karls näherte sich der gleichen Farbe. Er murmelte fast nicht Verständliches, das gleichzeitig wie eine Entschuldigung und wie ›das gibt’s doch nicht‹ klang. Immerhin hatte er es geschafft, die Flasche wieder zu verschließen und Marie zu reichen.
Wie kam es nur, dass er so unvermittelt auf eine Frau reagierte? Er wusste nichts von ihr, außer, dass sie hervorragende Petit Fours machte, ihre Finger – wenn auch unbeabsichtigt – seinen Nacken berührt hatten, dass sie einen treffsicheren Schlag auf edle Körperteile ausführen konnte, ihr Kopf eine richtig harte Nuss war und – dass sie ausdrucksvolle Augen besaß, Haar, das zum Streicheln einlud, Hände, die man in die seinen nehmen wollte, einen Körper, den man augenblicklich zu umarmen wünschte und … Karls Magen zog sich warnend zusammen. Wann hatte er das letzte Mal solche Gefühle für eine Frau gehabt?
Marie hatte sich gefangen; sie griff nach dem Korb mit den Fischen und eilte – in der anderen Hand die Wasserflasche – auf den Kombi zu. In ihrem Hals saß ein Kloß. Wahrscheinlich hätte sie den Rest Grappa in der Flasche leeren müssen, um ihn fortzuschwemmen. Distanz war das Einzige, das helfen würde. Daher wollte sie so schnell wie möglich von diesem Mann fort, der sie so aus dem Konzept brachte. Sie hatte sich geschworen, nie mehr solche Gefühle zuzulassen, wie sie sich ihr nun aufdrängten. Zornig über sich selbst warf sie die Fische in die große Kühlbox, die sich im Kofferraum des Kombis befand. Und ihr seelischer Zustand besserte sich erst recht nicht, als Karl schweigend neben sie trat und ihr beim Beladen half.
Zum Glück ahnte sie nichts von den Bildern in seinem Kopf …
Er sah sich Marie in die Arme nehmen, sah, wie er sie entkleidete und auf die freie Ladefläche des Kombis bettete … Einen Augenblick schloss er die Augen, meinte zu spüren wie ihr Mund den seinen berührte, seine Finger durch ihr Haar glitten, das sich anfühlte wie …
»Mister Landmann, ist Ihnen nicht gut? Ich würde gern den Kofferraumdeckel zumachen.« Jetzt erst registrierte er, dass Marie auf ihn einredete. Sie musste ihn schon einige Male angesprochen haben, denn ein besorgtes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, das die normale Farbe zurückgewonnen hatte.
»Natürlich, ja. Ich war nur etwas … abwesend. Soll ich helfen?«, bot er höflich an.
»Lieber nicht.« Marie wehrte in komischem Entsetzen ab. »So gut, wie wir beide das heute können, schlage ich Ihnen letztendlich noch die Klappe auf den Kopf. Schadensersatzforderungen kann ich mir nicht leisten.« Sie hatte sich wieder im Griff und das war das Wichtigste.
Der Wind trieb dunkle Wolken heran und einzelne Regentropfen fielen vom grauen Himmel.
Giuseppe rief Marie etwas zu und deutete auf das Meer hinaus. Die Frau nickte und wandte sich an Karl, der noch immer wie ein Schatten neben ihr stand.
»Ich bringe Sie beide ins Hotel. Es wird gleich regnen. Sehen Sie, Giuseppe schafft alles an Bord. Ich muss zwar noch einige Besorgungen machen, doch solange können Sie im Wagen warten.«
Der Wellengang verstärkte sich, die Gischt spritzte über die Kaimauer.
Auch die anderen Fischer brachten ihre Waren in Sicherheit und der zuvor dicht belaufene Kai lag bald wie leergefegt da. Man kannte hier die Vorzeichen des Wetters nur zu gut. Sobald der Wind über das Meer hereinpeitschte, war es besser, Schutz zu suchen.
Ronald überlegte gar nicht erst, schob Karl zur Beifahrertür und ließ sich selbst auf die Rückbank fallen, was in Anbetracht dessen, dass die Parkplätze neben Maries Wagen bereits leer waren, nicht mehr so schwierig war. Fischgeruch wölkte im Lieferwagen.
Ronald gingen bereits wieder sehr praktische Gedanken durch den Kopf: Diese Frau sprach perfekt italienisch, schien gut mit den Menschen hier auszukommen und Karl hatte ganz offensichtlich eine Schwäche für sie. Marie würde sich also wunderbar als Sprachmittlerin zwischen ihm und den Neapolitanern und vielleicht sogar als heimliche Geliebte Angelo Cortesas eignen, der rechten Hand des Padrone. Es hieß nur abwarten, bis sich die geeignete Gelegenheit ergab, ihr dies schmackhaft zu machen.
Der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe; die Scheibenwischer waren schon auf die schnellste Geschwindigkeit gestellt, um einigermaßen freie Sicht zu gewähren.
Marie konzentrierte sich auf den Straßenverkehr und achtete nicht auf ihren Beifahrer. Sie hatte Francine angerufen, die sowohl die Bluse für sie, als auch für sich selbst einige Dinge erstanden hatte. Die Anzüge des Lords aus der gleich neben der Galleria liegenden Reinigung hatte sie bereits abgeholt. Der Gang zum mercato musste verschoben werden. Bei diesem Wetter waren die Markstände mit Sicherheit bereits geschlossen. Fehlten nur noch die Zigarillos für Frederic.
Die Französin staunte nicht schlecht, als sie bemerkte, wen Marie aufgelesen hatte. Sie schlüpfte hochbeglückt rasch auf den Platz hinter Marie, neben Ronald Graham.
»Wir bringen die Herren ins Hotel«, erklärte Marie. »Ehe der Bus kommt, sind die beiden bis auf die Knochen durchgeweicht.«
»Ischt gut, ischt gar keine Problem.« Francine blinzelte Ronald zu. Vielleicht wurde der Regisseur auf sie aufmerksam und entdeckte sie! Eine Rolle beim Film – das klang wie Himmel auf Erden. »In welsche 'otel wohnen Sie?«, fragte sie neugierig.
»Im Rex schönes Kind«, Ronald lächelte galant. Wenn er wollte, konnte er!
Marie stoppte den Wagen in einer kleinen Gasse, die alles andere als einladend oder gar seriös wirkte. Einen nicht minder schäbigen Eindruck vermittelte eine hölzerne Tür, die schief in den Angeln hing. Die undefinierbare Farbe blätterte an mehreren Stellen ab und der Türknauf war nichts weiter als ein metallener Haken, umwickelt mit Garn. Die junge Frau sprang aus dem Auto und lief, sich das Gilet über den Kopf ziehend, auf die Tür zu. In der Wand versteckt gab es einen Klingelknopf. Sie musste ein paar Mal drücken, ehe die Tür von einem alten Mann geöffnet wurde und sie eintreten konnte.
»Der sieht so zerknittert aus wie seine Tür«, scherzte Karl. »Er ist doch seriös, hoffe ich?«
Über Francines Gesicht huscht ein amüsiertes Lächeln. »Keine Angst. Marie weiß, was sie tut. Außerdem 'at sie erst kürzlisch eine Kurs in Selbstverteidigung gemacht«, erklärte sie.
»Ah ja? Das hat mein Kollege heute schon zu spüren bekommen.« Ronald bemühte sich um einen übertrieben sachlichen Ton.
Karl schickte einen vorwurfsvollen Blick nach hinten. Graham prustete nun doch los.
Francine schaute erwartungsvoll von einem der Männer zu anderen. Als niemand sie aufklärte, zuckte sie mit den Schultern, murmelte beleidigt: »Isch muss ja nischt alles wissen«, und beobachtete angelegentlich die Regentropfen, die an der Seitenscheibe herunterliefen.
Karl fixierte die Zeiger der Uhr am Armaturenbrett.
Endlich öffnete sich die verrottete Haustür und wenige Augenblicke später rutschte Marie rasch auf ihren Sitz. Sie presste einen unterdrückten Fluch durch ihre Lippen: »Sch... Regen!« Unter ihrem Gilet hatte sie ein Päckchen vor dem Regen geschützt. Ihre Hände waren klitschnass, aus ihrem Haar und den Hosenbeinen tropfte das Wasser. Schweigend reichte sie das in Zeitungspapier gewickelte Paket an Francine weiter und startete den Wagen.
»Aber sischer 'alte isch das gern für disch.« Die Stimme der Französin hatte einen deutlich vorwurfsvollen Unterton.
Marie zog die Brauen hoch. Was war denn dem Mädchen über die Leber gelaufen? »Danke! Weiß ich doch!«, sagte sie und lächelte. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Straße.
»Das sind Zigarillos für Frederic, die Butler«, erklärte Francine in die Stille hinein. Ihr Mitteilungsbedürfnis siegte über ihre Verstimmung, in etwas nicht eingeweiht worden zu sein. »Marie 'at sie in eine Sommer entdeckt, als diese alte Mann, er 'eißt Tonio, vor seine Tür saß und die braune Dinger drehte. Isch glaube, Frederic wird sisch vergiften mit die Zeug.«
Ronald meinte, das sei eine hübsche Geschichte, aber der Butler komme ihm vorerst noch recht gesund vor.
Francine überlegte nun krampfhaft, womit sie den Regisseur noch beeindrucken könne, aber es wollte ihr nichts einfallen. Also richtete sie ihr Augenmerk auf Karl und bemerke, dass dieser Marie ständig beobachte. Oh, là, là … Da schien sich wohl etwas anzubahnen. Der Schauspieler war schon ein hübscher Mann, aber viel zu alt für sie.
Karl ahnte nichts von den Gedanken des Küchenmädchens. Er hätte nur etwas darum gegeben, mit Marie allein im Wagen zu sein. Eine Frage schoss ihm durch den Sinn und ehe er es verhindern konnte, hatte er sie ausgesprochen: »Sind Sie verheiratet, Marie?«
»Ich bin geschieden«, antwortete sie kurz angebunden.
›Welch ein Idiot muss dieser Mann gewesen sein, dass er sie gehen ließ‹, dachte Karl.
Wieder breitete sich Schweigen im Wagen aus.
Karl hätte später nicht einen Meter Fahrt rekonstruieren können, so sehr war in Gedanken mit der Frau an seiner Seite beschäftigt. Marie hingegen achtete nur darauf, gut durch den Verkehr zu kommen, der trotz des Regens an Dichte nichts zu wünschen übrigließ. Irgendwann hielt sie vor dem Hotel und meldete, wieder gut gelaunt: »Meine Herren, da sind wir. Bis morgen Abend also! Ein Tipp von mir: Sir Edward liebt außer der Pünktlichkeit bei einem solchen Abendessen etwas formellere Kleidung.«
Ronald reichte ihr die Hand. »Danke, Marie, für den Tipp und fürs Herbringen. Mit dem Bus wären wir wohl noch nicht hier.«
»Nein, Monsieur«, meldete sich Francine lachend. »Der Wind 'ätte Sie schon in die Meer getrieben. Die Bus fährt bei diese Wetter nicht die 'afen an.«
»Na, dann danken wir auch dafür, dass wir nicht zu Fischfutter wurden.«
Marie aber flüsterte Karl zu, der den Türgriff in der Hand hielt und vergeblich nach einer geeigneten Verabschiedung suchte: »Es tut mir leid wegen vorhin. Ich wollte Ihnen nicht wehtun.«
»Ist schon in Ordnung. Man schleicht sich ja auch nicht von hinten an. Ich freue mich jedenfalls, Sie morgen wiederzusehen.« Dann stieg er schnell aus.
Unter dem schützenden Vordach des Hotels sahen die beiden Männer dem Kombi nach, der rasch davonfuhr. »Na, bist du wieder unter den Lebenden? Ich dachte, du seist während der Fahrt in Agonie verfallen«, neckte Ronald.
»Wie meinst du das?« Karl gab sich begriffsstutzig. »So ein bisschen Fischgeruch bringt keinen um. Nachher werde ich Victor anrufen. Wir zwei sehen uns beim Abendessen.«
Aber Ronald ließ ihn nicht aus den Krallen. »Ja, geh nur, und nimm gleich ein kühles Bad. Bei so viel Hitze von innen ist eine Abkühlung angebracht. Glaub ja nicht, dass es zu übersehen war, was da im Hafen zwischen euch ablief. Sogar der gute Guiseppe hat sich dabei bestens unterhalten. Ich muss schon aus Freundschaft dafür sorgen, dass die hübsche Marie deine Filmpartnerin wird. Dann darfst du sie sogar küssen.«
Ronald bewegte sich in bester Laune auf den Eingang des Foyers zu. Karl folgte ihm schweigend. Grahams Idee war nicht die schlechteste und nicht nur, weil es ihm die Möglichkeit verschaffte, Marie näher zu kommen.
Den beiden Männern war nicht aufgefallen, dass hinter der Glastür des Foyers ein Mann stand, der ihre Ankunft beobachtete. »Na, hattet ihr einen schönen Tag?«, empfing Malcolm Mortimer sie jetzt. »An weiblicher Gesellschaft scheint es euch ja nicht gemangelt zu haben, wie zu sehen war. Hattet ihr Spaß im Auto? Die Damen rochen leider ein wenig streng, eurem Duftschweif nach zu urteilen.«
Es kostete Karl Mühe, Malcolm nicht tätlich anzugehen.
Ronald rettete die brenzlige Situation. »Schönen Flug morgen!«, wünschte er. »Wir werden uns ja nicht mehr sehen.«
Er ließ den Streitsuchenden einfach auflaufen, schlendert weiter und wandte sich an Karl: »In zwei Stunden essen wir in meinem Zimmer, wie ausgemacht.«
Nichts hatten sie ausgemacht, aber mit Mortimer würde Ronald sich heute Abend sicher nicht an einen Tisch setzen.
Der aber war nicht gewillt aufzugeben. Er folgte den beiden Männern durch das Foyer. »Hab' schon gehört, dass sich der Lord willige Frauen in seinem Haus hält. Aber dass er sie auch verleiht, wusste ich nicht«, höhnte er.
Ronald fasste Karl energisch am Oberarm und zwang ihn weiterzugehen. Er wusste, wenn er ihn nicht gleich aus Malcolms Nähe brachte, kam es zu einer Schlägerei.
An ihm selbst prallten derartige Beleidigungen ab, doch Karl, der mit Sicherheit für diese Marie etwas empfand, würde nicht dulden, dass man sie in den Schmutz zog.
»Komm!«, flüsterte er. »Marie würde nicht wollen, dass du dich schlägst!« Das wirkte.
Im Lift lehnte sich Karl an die kühle Innenwand. »Danke. Ich hätte ihm fast eine in seine blöde Visage verpasst.«
»Ich weiß. Und genau darauf hatte er es angelegt. Er hat begriffen, dass nicht er mir die Tour vermasselt hat, sondern dass ich ihn gefeuert habe. Das schmerzt einen Mann wie ihn gewaltig. Und ich vermute mal, da gibt es gar keine Rolle, die man ihm angeboten hat. Er sitzt jetzt auf dem Trockenen. Was ich dir zuletzt gesagt habe, ist übrigens meine feste Meinung: Ich denke nicht, dass Marie es schätzt, wenn du dich prügelst.« Und nach einer kleinen Pause fügte er grinsend hinzu: »Allerdings würde es dir sicher gefallen, von ihr nach der Prügelei gepflegt zu werden.«
Jetzt lächelte auch Karl. Sicher würde ihm das gefallen. Doch nun brauchte er erst einmal eine kalte Dusche, um sein Gefühlsleben wieder auf ein normales Level zu bringen.
***
Marie und Francine hatten doch noch einen mercato aufgesucht. Es wäre schließlich unproduktiv gewesen, diesen Tag nicht für die angefallenen Einkäufe zu nutzen. Wie vermutet, war der Gemüsemarkt, in dem sie üblicherweise einkauften, aufgrund der Witterung bereits geschlossen, die trockene Markt-Variante war zwar mit einem Umweg verbunden, aber eine bessere Alternative, als am nächsten Tag noch einmal in die Stadt zu fahren. Der Kofferraum war vollgepackt, als sie zum Anwesen des Lords zurückkehrten.
Frederic nahm dankbar das Päckchen mit den Zigarillos entgegen.
»Sie ischt ganz nass geworden, als sie die kleinen Stinkbomben für disch ge'olt hat«, zwitscherte Francine und deutete auf Maries pitschnasse Hosenbeine.
»Marie, du hast einen Wunsch frei. Immer zu deinen Diensten.« Frederic lächelte Marie an und verneigte sich tief.
»Schon gut, gern gemacht«, versicherte sie lachend. Während sich die anderen Mädchen um die Fische kümmerten, wies Frederic Pascale an, für Marie ein heißes Bad einzulassen. Irgendwie sah sie heute blass um die Nase aus. Sie würde doch nicht krank werden? Und das womöglich wegen seiner Zigarillos!
Marie ließ sich wohlig seufzend in den duftenden Schaum gleiten und schloss die Augen. Wärme umgab sie. Vor ihrem geistigen Auge tauchte ein braunes Augenpaar auf, ein schmaler, energischer Mund in einem Gesicht mit Dreitagebart. Sie verspürte ein inneres Zittern und wünschte sich … was eigentlich? Es war schon so lange her, dass sie Liebe gefühlt und erfahren hatte. Sexuelles Verlangen, das wohl! Aber Liebe?
Kapitel 3
Nachdenklich lehnte Karl an der gekachelten Wand seines Bades. Der eiskalte Wasserstrahl, der ihm fast die Luft genommen hatte, setzte ihm auch den Kopf wieder zurecht. Er war ja nicht hier, um Frauenbekanntschaften zu machen und sich aus diesem Grund gar noch zu prügeln. Zwar lebte er nicht abstinent, aber er wechselte seine Gefährtinnen auch nicht wie Unterwäsche. Der Beruf brachte es mit sich, dass die Frauen ihn umschwärmten, er hätte nur mit dem Finger schnippen müssen …
Dabei empfand er sich selbst nicht als besonders attraktiv. Diese Eigenschaft gestand er eher Brendon Pitts zu. Ohne Neid dachte er an die Szenen in einem verfilmten Geschichtsepos, in denen dieser viel gestählten Körper zum Einsatz gebracht hatte. Mit derartigen Muskelpaketen konnte er nicht aufwarten. Auch verwunderte ihn immer wieder, dass er selbst als Schauspieler einen relativ großen Bekanntheitsgrad besaß, obwohl über Karl Landmann nun wirklich nicht viel in den Medien oder im Internet zu finden war.
Das hatte auch einen guten Grund: Er wollte sein Privatleben schützen, so gut es eben ging, vor allem wegen seines Sohnes. Leider war es so, dass Ben ihn nicht so oft zu sehen bekam, wie ein Sohn seinen Vater eigentlich sehen sollte. Und einige Erlebnisse der negativen Art hatte ihm die allzeit gegenwärtige Presse auch schon beschert: Die überzogenen Geschichten jener Darstellerinnen, die sich durch die Bekanntschaft mit ihm Vorteile im Filmgeschäft erhofft hatten und sich damit brüsteten, ›mit einem Star im Bett gewesen zu sein‹.
Zwangsläufig kehrten seine Gedanken zu Marie zurück. Wie alt war sie? Was veranlasste eine attraktive Frau wie sie, vergleichsweise abgeschieden als Angestellte zu leben? Woher stammte sie? Ihr Englisch war sehr korrekt, das vermochte er zu beurteilen. Ihr Italienisch erschien ihm perfekt, aber darüber hätte wohl der Fischer Guiseppe eher ein Urteil fällen müssen. Worauf – außer aufs Backen und Organisieren – verstand sich Marie noch?
Genau genommen kannte er sie – zusammengerechnet – kaum zwei Stunden. Dennoch beschäftigte sie ihn mehr als ihm lieb war. Seufzend drehte Karl erneut den Wasserhahn auf und stellte ihn auf kalt. Danach zog er ein Shirt über, warf sich aufs Bett und zog die Decke über die Beine. Er würde jetzt versuchen, Victor zu erreichen. Hoffentlich übernahm der Freund die Rolle.
***
Sir Edward war sehr mit sich zufrieden. Er hatte soeben einen gigantischen Aktiengewinn eingefahren. Und wie immer in solchen Fällen war er auch großzügig. Nicht er allein wollte sich an seinem Erfolg erfreuen, seine Angestellten sollten eine Prämie erhalten. Bei erstbester Gelegenheit würden sie gemeinsam eine Fahrt nach Capri unternehmen. Seine Jacht war geräumig genug, auch für eine Übernachtung geeignet. Und dass seinen Damen ein Bummel durch die einladenden engen Gässchen in Capri genehm sein werde, dessen war er gewiss. Schließlich gab es dort Designerartikel zu erwerben, von denen man anderenorts nur träumte. Selbstverständlich gestalteten sich auch die Preise entsprechend. Aber das spielte keine Rolle.
Über das Gesicht des Lords huschte ein kleines Lächeln: Seine Gespielin Marie würde er am Sonntag mit einem schönen Schmuckstück überraschen. Er hoffte sehr, dass sie dann geneigt war, ihm ganz besondere Wünsche zu erfüllen.
Sir Edward lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück und streifte in Gedanken Marie die Kleidung ab, stellte sich vor, wie sie nackt vor ihm lag, ihm ihren wunderschönen Körper willig überließ. Er spürte, wie sein Pulsschlag sich beschleunigte …
Ein Pochen an der Tür des Arbeitszimmers weckte ihn unsanft aus seinem Tagtraum.
»Ja bitte!«, rief er mit belegter Stimme und legte den Gefühlsschalter auf ›sachlich‹ um.
Frederic trat ein und verbeugte sich gemessen. »Ein leichtes Mittagessen ist im Wintergarten serviert, Sir. Wie Sie gewünscht haben.«
Höflich blieb der Butler an der Tür stehen. Natürlich entging ihm das gerötete Gesicht des Lords nicht, auch nicht dessen etwas rascherer Atem. Oh, Sir Edward hatte sich allem Anschein nach in Gedanken mit seiner sonntäglichen Besucherin vergnügt. Alle wussten um dieses Hobby, keinem war jedoch bekannt, um welche Art Gespielin es sich dabei handelte, denn noch nie hatte jemand sie zu Gesicht bekommen. Die Dame besaß einen Schlüssel zu einem bestimmten Eingang des Hauses, der für das Personal nicht einsehbar war. Frederic hatte sich einmal die Mühe gemacht und sich zu gegebener Zeit auf die Lauer gelegt, um einen Blick auf die geheimnisvolle Besucherin zu werfen. In der Dunkelheit vermochte er nur vage Details zu erkennen – durchschnittliche Größe, langes Haar, wohlproportioniert. Diese Beschreibung passte auf viele Frauen. Und so ging das Rätseln weiter.
Sir Edward hatte inzwischen einige Mal kräftig durchgeatmet, sich aus dem Arbeitssessel erhoben und trat nun durch die vom Butler offen gehaltene Tür.
»Danke, Frederic, sehr freundlich«, sagte er. »Für heute Abend ist auch alles bereit? Weiß man in der Küche Bescheid, dass der Avvocato mit uns speisen wird?«
»Sehr wohl, Sir! Marie hat alles geplant. Sie hat sich eine wahrlich kulinarische Reise einfallen lassen für heute Abend. Darin ist sie eine Künstlerin.«
Der Name Marie verursachte Sir Edward wie stets einen kleinen, angenehmen Kitzel und er bestätigte: »Ja, das ist sie.«
Beim Genuss eines köstlich-leichten Salates mit Hühnerstreifen blätterte er in den Seiten der Financial Times und schmunzelte wiederum, als er den Höhenflug der Aktien betrachtete, die er zu einem wesentlich niedrigeren Kurs gekauft hatte.
Sein Blick glitt nach draußen: Während noch gestern ein Sturm über den Golf von Neapel zog, sandte die Sonne heute ihre wärmenden Strahlen herab. Die kleinen, unbedeutenden Schneeflächen innerhalb der Gartenanlage waren verschwunden und im Wintergarten herrschte wohlige Wärme trotz ausgeschalteter Heizung.
Lord Lindsay sah dem Butler zu, der damit beschäftigt war, das Geschirr abzuräumen. »Ich unternehme jetzt einen Rundgang im Garten«, sagte er. »Dann werde ich mich noch eine kleine Weile zurückziehen. Gegen sechzehn Uhr möchte ich gern den Tee serviert haben. Könnten Sie das veranlassen, Frederic?«
»Selbstverständlich, Sir.«
Auch Frederic würde sich ein Nickerchen gönnen. Mit Unbehagen dachte er daran, dass heute Abend wieder dieser ungehobelte Malcolm Mortimer erschien. Man musste keine besondere Menschenkenntnis besitzen, um festzustellen, dass dieser Mann sich am besten darauf verstand, Schwierigkeiten zu machen.
In der Küche lief alles auf Hochtouren. Marie übertraf sich diesmal selbst. Wie bei solchen Anlässen üblich, gab es kleine Menükärtchen, die auf dem Tisch stehen würden.
›Fischcarpaccio – Soup de poisson – Hummerspieße – Pavlova‹
Es handelte sich um Speisen aus internationalen Küchen und Pavlova war eine Süßspeise aus Neuseeland: Ein Baiser-Traum mit Schlagsahne und Erdbeeren. An wen hatte Marie wohl gedacht, als sie dieses Nationalgericht der Kiwis, wie die Bewohner Neuseelands scherzhaft bezeichnet wurden, zauberte? Frederic lief das Wasser im Mund zusammen. Wusste er doch, dass es die gleichen Köstlichkeiten auch für die Angestellten gab. Darauf bestand der Lord: Sein Personal sollte die gleichen Annehmlichkeiten haben, wenn es ihn und seine Gäste bei solchen Festen bediente.
***
Der Avvocato traf als erster Gast ein. Lord Lindsay hatte ihn gebeten, etwas früher zu kommen. Die beiden Herren standen im Salon und diskutierten bei einem Aperitivo über die aktuellen Ereignisse, heute insbesondere über die Entführung des Sohnes von Gianna Garibaldi, der Besitzerin einer großen Boutique in Neapel. Nur wenig war davon an die Öffentlichkeit gedrungen. Aber der Avvocato besaß Informationsquellen an einflussreicher Stelle. Entführung gehörte eigentlich nicht zu den Geschäften der Camorra, und der Name Gianna Garibaldi war nie mit der ›Ehrenwerten Gesellschaft‹ in Zusammenhang gebracht worden. Es wurde gemunkelt … der Avvocato flüsterte dem Lord etwas ins Ohr, das dieser kopfschüttelnd zur Kenntnis nahm.
Man würde sehen, wie sich die Sachlage entwickelte.
Das Gespräch wandte sich dem geplanten Film zu. Der Rechtsanwalt wiegte bedenklich den Kopf. »Der Regisseur wird sehr vorsichtig sein müssen, wenn er diesen Film wirklich drehen will. Sonst sitzt er bald mit Bleischuhen auf dem Meeresgrund. Ich kenne natürlich das Drehbuch nicht. Vielleicht beschönigt er ja die Taten der ›Ehrenwerten Gesellschaft‹ und …« Das Läuten am Portal hinderte ihn an weiteren Ausführungen.
Frederic öffnete und ließ die Gäste ein. Er registrierte sofort, dass Malcolm Mortimer fehlte und atmete erleichtert auf. Höflich übernahm er den Mantel Ronalds und die Jacke Karls und brachte sie in die nicht einsehbare Garderobe.
Karl blickte sich unauffällig um: Keine Spur von Marie. Aber er würde sie ja sehen, wenn sie die Speisen servierte. Doch darin irrte er.
Die Enttäuschung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, als Francine geschäftig auf und ab lief und geschickt bediente. Weil er schlecht fragen konnte, womit Marie beschäftigt war, widmete er seine Aufmerksamkeit schließlich dem Tischgespräch.
Marie hätte nicht einmal eine Sekunde Zeit gehabt, die Küche zu verlassen. Jedes Gericht erforderte eine spezielle Dekorierung auf dem Teller und sie ließ es sich nicht nehmen, alles selbst zu arrangieren. Für diesen Abend hatte sie Pierre die Arbeit abgenommen, der nun mit Argusaugen über ihre Kochkünste wachte – aber nichts auszusetzen fand.
»Ach, Marie, die Männer wissen gar nischt, was sie loben sollen, weil es sie so gut schmeckt.« Francine verdrehte theatralisch die Augen. Mit jedem neuen Gang, den sie servierte, bekam sie ein Lob an die Köchin mit. Auch der Lord war von der heutigen Kreation begeistert. Er hatte es ja schon immer gewusst, diese Frau war in jeder Beziehung eine Perle.
Erst das Dessert servierte Marie selbst. Schließlich hatte sie ja über das Internet herausgefunden, was es in Neuseeland an kulinarischen Besonderheiten gab. Die Erdbeeren, die sie im mercato erstanden hatte, leuchteten glänzend rot aus der geschlagenen Sahne und die luftigen Baisers lockten jeden Gourmet.
Auch Karls Augen glänzten, als Marie das Esszimmer betrat. Er drückte seine Hände fest auf die Tischplatte. Gern wäre er aufgesprungen und hätte ihr geholfen. Er erkannte sofort, was hier serviert wurde. Das konnte kein Zufall sein! Aber er musste es sicher wissen. Als Marie ihm die Pavlova mit freundlichem Lächeln vorsetzte, fragte er: »Kennt man diese Nachspeise auch hier in Italien?«
»Nein, Mister Landmann«, antwortete Marie wahrheitsgemäß. »Das Internet hat mir verraten, was es auf der anderen Seite der Erdkugel für wunderbare Süßspeisen gibt. Guten Appetit, die Herren!« Und dann verließ sie mit Frederic das Zimmer.
Sir Edward beobachtete den Neuseeländer verstohlen. Dessen Blicke galten eindeutig nicht dem Rücken des Butlers, sondern der ansehnliche Kehrseite Maries. Nun war er also nicht mehr allein mit der Erkenntnis, dass Marie etwas Besonderes war.
Genussvoll schloss Karl die Augen, als er den letzten Happen des Desserts im Mund zergehen ließ – Heimat! Und Marie hatte sich diese Mühe eindeutig für ihn gemacht.
Sir Edward schlug vor, die näheren Details des Vertrages und der Dreharbeiten im Wintergarten durchzusprechen. Bislang war die Abwesenheit Malcolm Mortimers mit keinem Wort erwähnt worden. Erst als sie in den bequemen Korbsesseln Platz genommen hatten, erkundigte sich der Lord: »Wo ist denn Ihr Staatsanwalt? Ich hoffe, er lässt Sie während der Dreharbeiten nicht auch im Stich?«
Ronald wog seine Antwort sorgfältig ab. Es machte ja kein gutes Bild, die wahren Hintergründe zu benennen. »Mister Mortimer hat es vorgezogen, in einem anderen Film mitzuwirken, um näher bei seiner Familie zu sein.«
Die darauf folgende Bemerkung des Lords ließ die Anwesenden aufhorchen. »Nun, das ist eine gute Entscheidung, die sich gewiss nicht zu Ihrem Nachteil auswirken wird.« Es klang fast, als fiele das Ausscheiden Mortimers als Plus für eine positive Entscheidung des Lords in die Waagschale.
In den nächsten Stunden herrschte intensive Arbeitsatmosphäre: Beschäftigt mit Vertragsklauseln, Drehbuchinterpretationen und technischen Details, ließen sich die Männer auch nicht stören, als ihnen Francine Käsegebäck servierte und Frederic dafür sorgte, dass die Getränke nicht ausgingen.
Mitternacht war schneller erreicht als die Männer dachten. Erstaunt blickten sie einander an, als die antike Pendeluhr zwölf Mal schlug – das Läuten von Big Ben erklang. Eine Hommage des Lords an seine Heimat?
Sir Edward nahm als erster den Gesprächsfaden wieder auf: »Mir scheint, dieses Thema war wirklich abendfüllend. Fürs erste ist es wohl genug. Mister Graham, der Vertrag ist Ihnen sicher. Über gewisse Details haben wir gesprochen. Falls es noch Unklarheiten Ihrerseits geben sollte, wenden Sie sich an Avvocato Girardi.«
Der Anwalt reichte Ronald daraufhin seine Karte. Auch er war zufrieden. Ohne größere Schwierigkeiten hatte er den Vertrag so gestaltet, dass dem Lord keinerlei Kleingedrucktes zum Verhängnis werden konnte. Zudem schien dieser Ronald Graham ein angenehmer Geschäftspartner zu sein. Vielleicht lag es ihm nicht, Verträge zu formulieren, aber aufs Verhandeln verstand er sich.
Was das Projekt selbst betraf, nun, die Durchführung konnte schwierig werden, aber Girardi fand das Drehbuch interessant und er versprach, seine Beziehungen spielen zu lassen. Dieser Umstand würden Ronald Türen öffnen, die ihm sonst sicher verschlossen geblieben wären. Ein weiterer positiver Aspekt in diesem Projekt war der Schauspieler Landmann, der verschiedene gute Ideen eingebracht hatte. Ja, der Film hatte eine Chance! Girardi würde ein Treffen mit Don Carlos bewerkstelligen, keine leichte Aufgabe, aber ohne Zustimmung des unumstrittenen Hausherrn von Neapel würde niemand wagen, eine Statistenrolle im Film anzunehmen.
Nicht einmal der Bürgermeister, in Wahrheit nur eine Marionette, vermochte die Machtstellung des Padrone zu überbieten.
»Sir Edward, da wäre noch etwas, eine Bitte …« Ronald hielt zögernd inne.
Überrascht blickte der Lord auf. Was gab es, was jetzt noch besprochen werden musste? »Ich höre, Mister Graham!«
»Wäre es möglich, Ihre Angestellte, Signora Marie als Sprachmittlerin zu gewinnen?« Ronald war stolz, dass er sich signora gemerkt hatte.
Das Erstaunen des Lords wich unverhohlener Belustigung. »Warum gerade Marie?«
Wahrheitsgemäß bekannte Ronald: »Ich wüsste keine Alternative. Und wie es scheint, spricht Marie die Sprache dieses Landes sehr gut. Sie ist … schlagfertig …, energisch und hat dennoch einen guten Draht zu den Leuten, zumindest hatte ich gestern diesen Eindruck, als wir ihr am Hafen begegneten.« Gut, dass der Lord nicht ahnte, woran Graham bei ›schlagfertig‹ wirklich gedacht hatte!
Sir Edward Blick streifte Karl Landmann, durchaus nicht so zufällig wie es schien. Oh! Es würde sich unter Umständen eine äußerst prickelnde Situation ergeben, vorausgesetzt, Marie sagte Ja zu Grahams Anliegen.
»Fragen Sie Marie. Es liegt ganz bei ihr«, sagte der Lord scheinbar gelassen. »Solange ihre …«, er stockte, setzte aber gleich fort, »… Arbeit für mich nicht darunter leidet, will ich ihr die Möglichkeit nicht versagen, einen Blick in die Welt des Films zu werfen. Morgen, wenn Sie den Platz für die Trailer besichtigen, wird sich bestimmt eine Gelegenheit bieten, mit ihr zu reden.«
Die Gedanken Sir Lindsays schweiften zum Wochenende … und zu Marie.
Abschließend betonte der Lord daher noch einmal mit großem Nachdruck, dass er von Samstagabend bis Montag früh von den Filmleuten keinen sehen oder hören wolle. »Sofern diese Anordnung auch nur ein einziges Mal missachtet wird, müssen Sie Ihren Film woanders drehen.« Die Stimme Sir Edwards ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er es ernst meinte.
»Selbstverständlich halten wir uns an die Abmachung«, versprach Ronald eilig. »Meine Leute werden ebenfalls froh sein, dass ich ihnen hin und wieder Ruhe gönne.«
Graham zerbrach sich jedoch insgeheim den Kopf, was an diesem Ruhetag für den Lord so wichtig sein konnte. Hatte es etwas mit Glaubensangelegenheiten zu tun? Sehr unwahrscheinlich. Vielleicht würde er es mit der Zeit herausfinden. Im Augenblick war es nicht weiter von Interesse und deshalb leitete er das Ende der Zusammenkunft ein: »Eure Lordschaft, wir danken Ihnen für Ihre Gastfreundschaft und vor allem für die großzügige Unterstützung unseres Filmprojektes.« Dann wandte sich an den Rechtsanwalt: »Auch Ihnen herzlichen Dank, Avvocato. Sie lassen es mich bitte wissen, ob Sie einen Termin bei Don Carlos erwirken konnten.«
Signore Girardi neigte bejahend den Kopf.
Hände wurden geschüttelt und ein wie aus dem Nichts erscheinender Frederic hielt Mäntel und Jacke der beiden Herren bereit, die nun zurück ins Rex fahren würden. Vor dem Portal wartete ein Taxi mit laufendem Motor auf Ronald und Karl. Beide bedankten sich für diese vorausschauende Geste überschwänglich. Lächelnd honorierte Frederic das Loblied und freute sich, dass man seine Umsicht würdigte.
Karl begrub seine Hoffnung, Marie noch einmal zu Gesicht zu bekommen.
Frederic, der neben dem sechsten auch einen siebten Sinn zu besitzen schien, bemerkte entschuldigend: »Es war ein anstrengender Tag für die Damen, die das Essen zubereitet haben. Sie schlafen bereits.«
Karls Wangen brannten und er war froh, dass dies in der Dunkelheit niemand bemerkte. Ronald allerdings grinste in sich hinein. Na, das würde etwas werden, falls Marie einwilligte, sich als Sprachmittlerin zu betätigen und außerdem die ihr zugedachte Rolle zu übernehmen. Sollte sie gar bei dem Treffen mit Don Carlos Berlotta auf den Padrone den gleichen Eindruck machen, wie auf den guten Karl, konnte ja fast nichts schiefgehen.
Im Wagen sprach Karl kein Wort. Ehe er ins Taxi gestiegen war, hatte er die dunkle Fassade des Hauses gemustert. In der geringen Helligkeit, die die Außenleuchten der Anlage hergaben, hatte es den Anschein, als bewege sich hinter dem Fenster oberhalb des Portals erst der Vorhang und dann ein Schatten. Himmel – sah er schon Gespenster? In Zukunft würde er sich zurückhalten, wenn es um Marie ging – falls ihm das gelang.
Auch jetzt zwang er sich, an etwas anderes zu denken und rief sich das Telefongespräch mit Victor ins Gedächtnis.
Er hatte den Freund beim Malen erreicht. ›Inspiration des Wassers‹, nannte er sein neuestes Werk. Das Telefonat hatte sich eine ganze Weile hingezogen, denn schließlich musste er Victor den Inhalt des Drehbuchs in möglichst kurzer Form nahebringen.
›Du sollst die Rolle eines Staatsanwalts übernehmen, eine lebensgefährliche Aufgabe, glaub' mir'‹, hatte er gelockt und dass Victor sich nebenbei noch für sein neues Bild inspirieren lassen könne, weil er hier ein ganzes Meer dafür zur Verfügung habe.
Letztendlich waren sie so verblieben, wie Karl es erwartet hatte: Victor würde sich mit Ronald in Verbindung setzen.
***
Victor stand vor der Leinwand, auf die er soeben die ersten Farbtupfer gesetzt hatte. Seine abgetragenen Jeans waren mit Farbe bekleckst, ebenso das Hemd.
Von Zeit zu Zeit zog er sich in sein Atelier zurück, besann sich auf die eigentlichen Werte des Lebens und genoss es, seinen Gefühlen mittels Farbe freien Lauf zu lassen.
Ohne Schuhe lief er dann in seiner Malerwerkstatt umher, damit seine Füße die Kraft des Bodens aufnahmen und sie in seine sensiblen Hände hinaufschickten. Dann konnte es geschehen, dass er stundenlang nicht von seiner Staffelei wich, bis er urplötzlich den Pinsel sinken ließ, als werde ein Lichtschalter ausgedreht – das Werk war vollendet.
Während er mit geschlossenen Augen und angespanntem Sinn in sich hineinlauschte und die Idee für sein neues Werk reifen ließ, läutete schrill das Telefon.
Nein, er würde den Hörer nicht abheben! Aber der helle, sich unaufhörlich wiederholende Ton, zerstörte die Kraft der Inspiration. Seufzend meldete er sich.
Es war Karl! Seine Stimme hallte ein wenig wider. Überrascht vernahm Victor, wo der Freund sich derzeit aufhielt. Und schon bald setzte er sich auf den einzigen Stuhl des Ateliers, als er begriff, dass man ihm die Rolle als Staatsanwalt in einem Mafia-Thriller anbot. Nein, im Moment habe er kein Angebot für einen Film, versicherte er. Allerdings sei er froh, nach den letzten Dreharbeiten eine kleine Auszeit nehmen zu können. Ein wenig Zeit für sich selbst, brauche jeder mal, ehe man wieder von einem Termin zum nächsten hetze. Und er erzählte von der Idee für ein neues Bild, die langsam Gestalt gewinne. Karl wollte das nicht gelten lassen, drängte ihn, das Angebot nicht auszuschlagen.
Die Aussicht, einen Blick in die Wiege der Mafia zu werfen, reizte Victor tatsächlich. Dass eine kriminell organisierte Gesellschaftsschicht einen ganzen Landstrich zu beherrschen vermochte, ohne dass der Staat etwas dagegen unternahm, war schon ein Phänomen! Doch ehe er sich in dieses Filmprojekt einbrachte, würde er ein paar grundsätzliche Erkundigungen einziehen.
»Es ist schön, Karl, dass du an mich gedacht hast«, sagte er nun. »Meine Neugier ist bereits geweckt. Ich werde ein oder zwei Tage darüber nachdenken und dann Ronald Graham anrufen. Gib mir seine Nummer.« Damit war das Thema für Victor vorerst abgeschlossen und er erkundigte sich: »Was gibt es Neues bei dir?«
Karl erzählte ihm, was er bislang in Neapel erlebt hatte und so ganz nebenbei fiel auch ein paar Mal der Name Marie. Victor kannte seinen Freund gut genug, um zu wissen, dass sich da offenbar etwas anbahnte. So sehr ihn männliche Neugier auch trieb, er hielt sich mit Fragen zurück. Eile mit Weile! Und so beendete er das Gespräch, mit der Versicherung, er müsse jetzt natürlich einige Dinge klären. »Ich melde mich, so schnell wie möglich. Und halte dich von Frauen fern, Karl! Das schwächt die Schaffenskraft.«
Er lachte ungeniert in den Hörer hinein und legte auf.
Mit der ›Inspiration des Wassers‹ war es vorbei. Victor wusch die Pinsel sorgfältig aus und legte sie beiseite. Erst einmal galt es zu prüfen, wie die Annahme des Engagements zeitlich zu managen war. Seine bereits festliegende Bilderausstellung mit gekoppelter Vorlesung wollte er nicht absagen: Zu lange war dieser Termin mit der entsprechenden Galerie ausgehandelt worden. Und die geduldig wartenden Fans wollte Victor keinesfalls enttäuschen. In der Öffentlichkeit machte er sich nämlich eher rar, daher musste dieser Event in jedem Fall stattfinden.
***
Karl hatte keine Gespenster gesehen! Marie lag im ersten noch leichten Schlaf, als die Geräusche, die der Aufbruch der Besucher verursachte, sie weckten. Ein wenig benommen war sie zum Fenster gehuscht, hatte den Vorhang zur Seite geschoben und erkannt: Unten stand ein Taxi. Seine abgeblendeten Scheinwerfer warfen Licht auf die gepflasterte Zufahrt. Frederic begleitete soeben zwei Männer die Portaltreppe hinunter. Einer der Gäste drehte sich um, ehe er ins Taxi stieg und blickte herauf.
Mit klopfendem Herzen war sie rasch einen Schritt zurückgewichen und hatte den Vorhang fallen lassen. Ob Karl Landmann sie erkannt hatte? Sie vernahm das Geräusch zuschlagender Autotüren und wagte sich noch einmal ans Fenster. »Gute Nacht«, murmelte sie. Der Gruß galt dem Mann, der gestern ihr Gefühlsleben, das sie fest im Griff zu haben glaubte, in nur wenigen Minuten ziemlich durcheinandergebracht hatte.
Rasch sprang Marie wieder ins Bett. Der Fliesenboden war kalt und eine Erkältung wollte sie nicht heraufbeschwören. Der gestrige Regentag hatte ihr ohnehin einiges abverlangt.
Sie schmiegte sich in die Kissen und ließ die gestrigen Erlebnisse noch einmal Revue passieren. Der vermehrte Pulsschlag, den die Erinnerung hervorrief, bestätigte ihr, dass es gut gewesen war, heute Abend einem längeren Zusammentreffen mit dem Neuseeländer ausgewichen zu sein. Der Küchendienst hatte ihr eine wunderbare Ausrede geliefert. Pierre hätte ohne Zweifel so gut wie sie die Dekoration der Speisen übernehmen können.
Schließlich hatte sie der Versuchung, sich zu zeigen, doch nachgegeben. Karl Landmanns Blick war unbeschreiblich gewesen, als sie die Pavlova servierte: Ungläubiges Staunen? Dankbarkeit? Zuneigung? Marie hatte seine Blicke nicht zu deuten vermocht. Jedenfalls aber schien ihr, als seien sie beide allein im Raum gewesen. Sie seufzte: Wer hätte gedacht, dass sie in ihrem Alter noch einmal wie ein junges Mädchen empfinden werde? Sie drehte sich auf die andere Seite und versuchte einzuschlafen.
***
Karl und Ronald trennten sich mit einem eher gemurmelten ›Gute Nacht‹ auf dem Korridor. Das Bedürfnis zu reden war gedeckt. Morgen – das hieß eigentlich heute – wollten sie den Platz begutachten, an dem man die Trailer aufstellen konnte. Ein paar Stunden Schlaf mussten also genügen.
›Ob Ronald morgen mit Marie sprechen wird?‹, dachte Karl. ›Ich sollte ihn vielleicht daran erinnern.‹ Er trat einen Schritt in den Korridor zurück und sagte halblaut: »Es geht ja morgen auch um die Besetzung der Geliebten …« Weiter kam er nicht.
Ronald – die Hand am Türknauf, die Augen vor Müdigkeit fast geschlossen – gähnte herzhaft und nuschelte: »Kannst du an nichts anderes denken? Hau dich ins Bett.«
Auf Karls Stirn erschien eine steile Falte, er ärgerte sich maßlos über sich selbst. »Also dann, bis zum Frühstück«, murmelte er.
Ronald hatte die Tür schon geschlossen.
Karl warf sich fast angezogen aufs Bett und schlief wider Erwarten sofort ein.
Weil er vergessen hatte, die Vorhänge zuzuziehen, lachte ihm Stunden später eine strahlende Morgensonne direkt ins Gesicht. Schlaftrunken richtete er sich auf und stellte fest, dass er nicht mal das Hemd ausgezogen hatte. Das holte er nun nach und trat hinaus auf den kleinen Balkon. Keine Spur von Wind, doch der kalte Schauer, der ihm über den nackten Oberkörper lief, erinnerte ihn deutlich daran, dass es noch Winter war und die Sonnenstrahlen die Wärme nur vorgaukelten. Rasch trat er ins Zimmer zurück und verschwand im Bad.
Trotz kurzer Nacht erschien er erfrischt und beschwingt als Erster zum Frühstück.
Ronald schien noch zu schlafen. Karl bediente sich ausgiebig am Buffet und stellte schnell fest, dass ihm der Espresso in der Bar besser geschmeckt hatte, als der allgemein bekannte Kaffee, den er hier serviert bekam.
Ronald erschien mit einem säuerlichen Ausdruck im Gesicht im Speisesaal. In der Hand hielt er ein Blatt Papier. Karl dachte im ersten Anflug, es handle sich um eine schlechte Nachricht in Bezug auf Victor. Aber es war ein Rechnungsbeleg, den Graham dem Ahnungslosen in die Hand drückte.
»Sein Abschiedsgeschenk«, knurrte er. »Der muss die ganze Bar geleert haben.«
Oh, oh! Es ging um Malcolm. Tatsächlich hatte der als letzten Gruß eine gesalzene Rechnung hinterlassen.
»Mögen die Promille seinen Heimflug begleiten!«, spottete Karl. »Aufs Saufen versteht er sich jedenfalls.« Es gelang ihm, Ronald zum Grinsen zu bringen.
Der langte nun nach den frischen Croissants und als sei ihm heute Morgen nichts Unliebsames über den Weg gelaufen, meinte er: »Das Wetter lass' ich mir gefallen. Wir werden gleich nach dem Frühstück losfahren und …«, da klingelte sein Handy.
Mit der angezeigten Nummer konnte Graham nichts anfangen, deshalb meldete er sich förmlich mit vollem Namen. Ein frohes Lächeln erschien bald darauf auf seinem Gesicht.
Aber aus Ronalds Antworten, wie »das ist sehr freundlich« ... »ja, um vierzehn Uhr« ... »Danke und Auf Wiederhören«, war es Karl nicht möglich zu erraten, wer anrief.
Um Victor konnte es sich nicht handeln, der hatte um Bedenkzeit gebeten.
»Wir werden abgeholt«, klärte der Regisseur ihn auf. »Marie muss zum Arzt und kommt anschließend …«
Karl unterbrach ihn besorgt. »Marie ist beim Arzt? Weshalb? Was ist passiert?«
»Das weiß ich doch nicht!« Ronald hob die Schultern. »Es wird schon nichts Ernstes sein, wenn sie selbst Auto fährt. Ich sitze übrigens gern auf der Rückbank.« Er lächelte spöttisch.
Karl überhörte die Spitze. Seine Gedanken waren bei Marie. Er rief sich ins Gedächtnis, wie sie vorgestern klitschnass ins Auto gestiegen war. Danach hatte sie ihn und Ronald ins Hotel gebracht und war anschließend doch noch zum mercato gefahren. Woher kamen sonst die Erdbeeren? Das war es – sie hatte sich eine Erkältung zugezogen! Die Aussicht, nun erneut neben ihr im Wagen zu sitzen, verursachte ihm ein angenehmes Kribbeln. Aber er blickte nicht auf, denn er war sicher, Ronald beobachtete ihn.
Bis sie abgeholt wurden, verblieben ihnen noch gut dreieinhalb Stunden Zeit, die es irgendwie zu vertreiben galt. Sie setzten sich in die Lobby. Ronald studierte seine Unterlagen und Karl langweilte sich. Hin und wieder blickte er auf die Armbanduhr – viel zu oft.
Ronald schlug vor: »Ehe deine Uhr vom Stieren Löcher kriegt, solltest du besser in deiner Rolle schmökern, meinst du nicht? Vielleicht gibt es da einige Stellen, die wir – der Originalität halber – in Italienisch sprechen sollten. Such sie, streich sie an und wir fragen Marie, ob sie uns – das heißt also dir – die Passagen übersetzt.« Ronald grinste unverschämt.
»Gute Idee«, murmelte Karl. Ihm wurde einmal mehr klar, dass er sich zusammenreißen musste, wollte er nicht während der gesamten Dreharbeiten wegen seiner Schwärmerei für Marie aufgezogen werden. Und wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war – er benahm sich tatsächlich wie ein Kerl in der Pubertät. Nur, wie hieß es so schön: Vieles ist leichter gesagt als getan. »Ich verzieh mich dann mal auf mein Zimmer«, erklärte er und stand auf. »So was kann ich nicht in der Lobby erledigen.«
Ronald nickte abwesend. Er war in Gedanken mit irgendeiner günstigen Kameraeinstellung beschäftigt.
Seufzend ließ Karl sich im Zimmer aufs Bett fallen und vertiefte sich in sein Skript. Je mehr er sich in die Rolle hineinversetzte, desto mehr wurde er gefesselt und fand Szenen, die bei Verwendung italienischen Floskeln tatsächlich mehr Lokalkolorit erhielten.
Als das Zimmertelefon läutete, verwunderte ihn dies im ersten Augenblick, doch ein Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk genügte – es war schon viertel vor zwei. »Wir treffen uns vor dem Hotel. Ich hab' noch was für dich«, grummelte Ronald ins Telefon und legte auf, ehe Karl fragen konnte, worum es sich handelte.
Die Sonne lachte noch immer freundlich vom Himmel. Eilig zog er seine Jeans an und schnappte sich nach kurzem Luftschnuppern auf dem Balkon einen dicken Sweater. Diese Bekleidung genügte.
Ronald stand vor dem Portal und wandte ihm den Rücken zu.
»Was hast du für mich?«, fragte er und tippte ihm auf die Schulter.
Der Regisseur zuckte zusammen. »Erschrick einen alten Mann nicht so«, protestierte er und fügte dann lächelnd hinzu: »Gute Nachrichten.«
»Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.«
»Dein Freund Victor hat die Rolle angenommen.«
Ronald gab den Anruf wieder, den er bekommen hatte. »Victor muss noch einige Termine wahrnehmen, aber ich soll ihm das Drehbuch zuschicken. Rechtzeitig zu Drehbeginn wird er hier sein.« Graham strahlte gute Laune aus. Die Besetzung der Hauptpersonen war wieder komplett. Wenn auch Marie noch zusagte …
Aber durfte man wirklich so viel Glück an einem Tag verlangen?
Ein schwarzer Wagen bog in die Hotelauffahrt ein. Karl erkannte die Fahrerin des Wagens und … sein Puls erhöhte sich. »Solltest nicht besser du vorn sitzen?«, wandte er sich an Ronald. »Das ist die Gelegenheit, Marie zu fragen, ob sie für uns übersetzen und gegebenenfalls die kleine Rolle übernehmen würde.«
Ronald ging sofort auf das Angebot ein. »Keine schlechte Idee. Du siehst Marie noch oft genug, falls sie zusagt.« Er klopfte Karl kumpelhaft auf die Schulter.
***
Marie hatte es gern übernommen, die beiden Männer vom Hotel abzuholen. Es war für sie nicht wirklich ein Umweg. Der medico führte die Praxis in seiner Privatvilla am Meer. Von dort zum Hotel war es mit dem Auto nur ein Katzensprung. Sie würde die Männer auch in dem Glauben lassen, sie sei wegen einer Erkältung in Behandlung. Tatsächlich hatte Sir Edward sie damit beauftragt, ihm ein spezielles Medikament von Medico Vicenzo zu besorgen. Es gab nun mal Dinge, die wollte der Lord nur Marie anvertrauen. Dazu gehörte das Abholen eines Potenzmittels.
Es geschah durchaus nicht zum ersten Mal. Daher lächelte sie auch jedes Mal wissend, wenn der Lord sie in sein Arbeitszimmer bat und sich zwischen ihnen ein nur von Fall zu Fall leicht abgewandeltes Ritual vollzog.
»Marie, hättest du die Freundlichkeit, von Medico Vicenzo etwas abzuholen?«, fragte Sir Edward in seiner steifen Art. »Du weißt, es ist nicht unbedingt etwas, das die gesamte Belegschaft wissen muss.« Hier, in diesem Zimmer, in dem sie allein waren, sprach der Lord Marie mit einem vertraulich klingenden Du an, während er in der Öffentlichkeit und in Gegenwart des übrigen Personals selbstverständlich das höfliche Sie benutzte.
»Aber sicher, Sir Edward«, war die Antwort, die er erwartete. Allerdings pflegte Marie trotz der verschlossenen Tür das Sie beizubehalten, was er mit einem Schmunzeln registrierte.
Diesmal lautete die Abwandlung von seiner Seite: »Vielleicht solltest du dich ja auch untersuchen lassen. Frederic teilte mir mit, dass du am Dienstag ein bisschen viel Regen abbekommen hast und seither ein wenig blass zu sein scheinst. Das Wochenende steht bevor und ich denke, da solltest du gesund sein.«
»So ist es, Sir Edward«, hatte sie mit einem Lächeln zugestimmt und den Geldschein entgegengenommen, den sie an den medico weiterreichen sollte. Überrascht war sie dann nur gewesen, als der Lord sie noch einmal zurückrief und ihr auftrug, auf dem Rückweg die beiden ›Herren vom Film‹ abzuholen. »Wir beabsichtigen, uns das Gelände anzusehen, in dem sie die Trailer aufstellen werden. Verständige mich telefonisch, sobald du die untere Einfahrt erreicht hast. Wir treffen uns dort. Danach können die Herren, wenn es ihnen genehm ist, noch auf einen Fünf-Uhr-Tee bleiben. Dieser Karl Landmann gefällt mir ausnehmend. Ich beabsichtige, mit ihm ein wenig über Neuseeland zu plaudern.«
»Selbstverständlich, Sir Edward, kein Problem«, hatte sie freundlich geantwortet. »Frederic muss den Herren nur Bescheid geben.«
Marie brauchte nicht lange beim medico. Vorsorglich kontrollierte der Arzt ihren Gesundheitszustand, doch bis auf einen leicht geröteten Hals fehlte ihr nichts. Patienten wie sie machten den medico nicht reich. Er verschrieb Marie etwas zum Gurgeln und riet ihr, kürzer zu treten, obwohl er wusste, dass sie diesen Rat nicht befolgen werde. Die Medikamente für den Lord lagen bereit, wurden kommentarlos an die Frau ausgehändigt und schon stieg sie wieder in den Wagen und fuhr davon.
Es war fast zwei Uhr nachmittags, als sie den Gästeparkplatz vor dem Rex ansteuerte. Die Männer standen wartend neben dem Hotelportal. Maries Herz klopfte ein wenig heftiger als sonst. Sie kurbelte die Seitenscheibe herunter und rief ihnen ein fröhliches buongiorno zu. »Steigen Sie ein, ich fahre Sie zu dem Platz, den Sie mit Sir Edward besichtigen wollen.«
Karl hatte Mühe, seine langen Beine im Fond unterzubringen. Maries eigenes Auto war nun mal keine Limousine, sondern ein Kleinwagen. Ronald machte zudem keine Anstalten, seinen Sitz ein wenig nach vorn zu schieben. Maries Sitz war wesentlich weiter vorn eingerastet. Vorsichtig schob Karl sich hinter sie. Hier stießen seine Knie wenigstens nicht an den Vordersitz.
Marie trug das Haar wie immer hochgesteckt und Karl starrte auf die samtig weiche Haut des Halses, auf dem sich feine Härchen kringelten. Er verschlang die Hände ineinander, um nicht in Versuchung zu geraten, die sanfte Linie ihres Halses nachziehen. Wo waren seine guten Vorsätze geblieben? Er musste sie draußen vor dem Wagen verloren haben.
***
Lord Lindsay ging in seinem Arbeitszimmer auf und ab.
Auch für ihn nahte der Sonntag. »Marie, Marie«, pochte es in seinem Kopf. Alter schützte eben nicht vor Torheit und er sehnte den Tag herbei, an dem so vieles möglich wurde, denn es gab darüber hinaus innerhalb der Woche keinen zweiten oder dritten.
Mit der Gespielin seiner körperlichen Begierden hatte er diese Abmachung getroffen: Nur samstags oder sonntags. Und es blieb zudem ihr überlassen, diese Zeit einzuteilen, wie sie es für richtig hielt. Das bedeutete, dass die Spannung bereits am Samstag bei ihm stieg: Wann würde Marie erscheinen? Frühmorgens, wenn er noch schlief? Oder mittags, wenn er sich zur Siesta zurückzog? Oder erst gegen Abend, wenn er die Hoffnung, sie zu sehen, fast aufgegeben hatte? Manchmal blieb sie einen ganzen Tag und er durfte sich mit ihr vergnügen, wann immer er konnte, ein andermal waren es nur ein paar Stunden. Einmal überließ sie es ihm, sich erotische Spiele auszudenken, dann wieder übernahm sie die Macht und er genoss es, sich verführen zu lassen. Nicht zuletzt war es auch das Geheimnisvolle, das ihre Beziehung umgab, das dem Lord Herzklopfen verursachte und sein Blut in Wallung brachte: Eine etwas anrüchige Beziehung … in seinem Alter!
Sir Edwards Jugend war nicht so verlaufen, wie man es sich landläufig bei einem Adligen vorstellte: Sohn reicher Eltern, der ein freizügiges Leben mit allen Vorteilen der finanziellen Unabhängigkeit führte.
Lady Ingrim Lindsay hatte die Erziehung des Kindes einer freundlichen französischen Gouvernante überlassen. Sie selbst bevorzugte es, in verschiedenen Wohltätigkeitsvereinen und deren Veranstaltungen als barmherzige Samariterin zu wirken und zu glänzen. Sir Geoffrey Lindsay interessierten die kitchen and cookie parties seiner Frau, wie er die Wohltätigkeitsveranstaltungen nannte, nicht im Geringsten. Das galt auch in Bezug auf die Mitglieder der Königsfamilie, mit der er tatsächlich über eine Seitenlinie verwandt war. Es hielt ihn zwar nicht davon ab, auf diese Verbindung hinzuweisen, wenn es ihm nützlich erschien, aber für den hochgewachsenen Mann zählten nur militärische Auszeichnungen. Und genau diese Vorliebe und strikte Disziplin verlangte er auch von seinem Sohn Edward. Diesen wiederum kümmerten weder militärischer Glanz noch humanitären Aktivitäten, die doch nur dazu dienten, persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen. Wirkliche Hilfe für Bedürftige leisteten weder die Mutter und schon gar nicht der Vater.
Edward lauschte als Kind lieber den Geschichten seiner Gouvernante, die ihm französische Lebensart, eben Savoir Vivre, näherbrachte und in ihm die Begeisterung für ihre Heimat weckte.
Als Jugendlicher lebte er eher zurückgezogen auf dem Landsitz seiner Eltern und widmete sich den Studien des Finanzwesens.
Weil seine Eltern es so wollten, heiratete Sir Edward mit 25 Jahren eine gewisse Lady Shannah D’Orsay. Edwards Mutter war begeistert von der Wahl des Sohnes, denn sie wurde von der sensationshungrigen Shannah bald auf jede Veranstaltung begleitet. Von der Verbindung entzückt gebärdete sich auch Sir Geoffrey, denn Shannahs Vater war oberster Befehlshaber der britischen Armee.
Ganze vier Jahre machte Sir Edward gute Miene zum ereignislosen Spiel.
Während dieser vier Jahre hatte er seine Frau einmal nackt gesehen und das auch nur, weil sie vergessen hatte, die Badtür zu verriegeln und er unbeabsichtigt in das Kabinett hineinplatzte. Ein wilder Aufschrei, wüste Beschimpfungen und ein kurzer Blick auf wohlgeformte Brüste blieben seine einzige Erinnerung an diese ›Begegnung der außergewöhnlichen Art‹.
Ihr ehelicher Beischlaf bestand darin, dass Shannah – wenn Edward sie wieder einmal daran erinnerte, dass sie verheiratet waren – den Slip auszog, den Rock hob und sich nach vorn über die Sofalehne beugte. Bei so viel Liebe war es nur verständlich, dass Edward es nicht zu Nachkommenschaft brachte. Er hatte auch den Gedanken nie zu Ende geführt, was Shannah getan hätte, wäre sie schwanger geworden.
Schon bald hatte er darauf verzichtet, sich seine Befriedigung von dieser nach seiner Meinung kalten Frau zu holen. Schließlich standen ihm als Mann auch andere Möglichkeiten zur Verfügung.
Erst nach vier Jahren freudloser Ehe kam Edward endlich dahinter, warum Shannah sich ihm entzog. Er kam von einer Vorlesung über Brokergeschäfte nach Hause, und das früher als angenommen. Gegen sechs Uhr abends betrat er das gemeinsame luxuriös eingerichtetes Haus. Aus dem Schlafzimmer seiner Frau drang unbekümmertes Kichern und lustvolles Stöhnen. Mit der Fußspitze drückte Edward die einen Spaltbreit offene Tür auf und erstarrte in der Bewegung …
Er kannte solche Bilder aus dem Etablissement, das er oft mehrmals wöchentlich besuchte: Zwei nackte Frauen balgten sich auf dem Laken. Nie hätte Edward für möglich gehalten, dass Shannah sich so hemmungslos gebärden konnte. Es war nicht einmal so, dass ihm dieses Liebesspiel nicht gefallen hätte! Er spürte im Gegenteil, dass Erregung in ihm aufstieg. Auf leisen Sohlen entfernte er sich und suchte sein eigenes Zimmer auf.
Nun stand es fest – er würde sich scheiden lassen.
Und Shannah? Sie brach weder in Tränen aus, noch beschimpfte sie ihn, als Edward ihr unter Hinweis auf seine Beobachtung noch am selben Abend die Scheidung antrug, sondern hörte ihm ruhig zu und küsste ihn anschließend auf die Wange.
»Danke, Edward«, sagte sie mit glänzenden Augen. »Und verzeih mir, dass ich dir nicht gestanden habe, wie es um mich steht. Du verstehst – die Etikette verlangte von mir eine herkömmliche Ehe.«
Als Edward seinen Eltern den Entschluss mitteilte, sich scheiden zu lassen, drohte der Vater, ihn zu enterben. Die Mutter zerfloss in Tränen und gefiel sich in einer Ohnmacht.
Einige Monate später wurde die Scheidung ausgesprochen und noch heute erhielt Sir Edward hin und wieder eine Ansichtskarte von Shannah, die – als geschiedene Frau geachteter, denn als ledige – in die High Society aufgestiegen war und ein reiselustiges Leben führte.
Edward war damals, wegen der Scheidung von der engeren Familie mit Nichtachtung bestraft, nach Frankreich gegangen. Dort absolvierte er ein Studium im Wirtschafts- und Bankenwesen und genoss die Liebe so mancher Französin. Er kehrte erst nach mehr als achtzehn Jahren nach England zurück. Die Londoner Börse wurde seine zweite Heimat. Schon damals gelang es ihm öfter, große Gewinne einzufahren. Sein Name war jedem Banker oder Broker bald ein Begriff.
Einmal im Monat besuchte er seine mittlerweile kränklichen Eltern – Pflichten eines wohlerzogenen Sohnes! Dort musste er jedes Mal einen Vortrag über die Unzulänglichkeiten seines Lebens über sich ergehen lassen.
Zum siebzigstem Geburtstag seiner Mutter, er selbst war damals kurz vor der Fünfzig, war auch eine Lady Rosebud geladen. Sie stellte sich ihm als Cousine soundsovielten Grades der Mutter vor. Diese alte Frau war der reinste Jungbrunnen, was ihre Aktivität und ihren Frohsinn betraf. Ihr gelang es, Edward aus der Reserve zu locken und ihm ein Lachen ins Gesicht zu zaubern. Seitdem verbrachte er viele Stunden im Hause der Lady. Sie wurde ihm die Mutter, die er sich immer gewünscht hatte: Gespräche, die von ernstem Charakter waren, unterhaltsame gemeinsame Ausflüge und das Gefühl, daheim zu sein. Eines Tages vertraute Lady Rosebud ihm auch ihr gesamtes Vermögen an. Edward vermehrte es noch um einiges.
Und dann kam ein trüber Tag im Oktober!
Trübe Tage waren zwar in England keine Seltenheit, doch für Sir Edward wurde es ein besonders denkwürdiger Tag. Die Glocke schellte und ein Polizist stand vor der Haustür. »Sir Edward Lindsay?«, fragte er.
Und als der Lord dies bejahte sagte der Polizist: »Lady Rosebud Laurence schickt nach Ihnen.« Auf so förmliche Art und Weise hatte die alte Lady noch nie nach seiner Gesellschaft verlangt.
»Warum ruft sie nicht selbst an?«, fragte er verwundert.
»Sie braucht die Zeit, bis Sie eintreffen, Sir.«
Die Aussage des Mannes ließ an Unklarheit nichts zu wünschen übrig. Seine Haltung signalisierte jedoch, dass er keinesfalls ohne Sir Edward umzukehren gedachte.
Der Lord betrat das Haus einer Sterbenden!
Die Zeit reicht gerade noch aus, um Lady Rosebud Lebewohl für immer zu sagen. Bis zuletzt hielt Edward die Hände der alten Frau in den seinen und sie lächelte, als sie den letzten Atemzug tat.
Ihr Vermächtnis an ihn war dieser Landsitz in Neapel gewesen und ihr gesamtes Vermögen. »Du warst mein Kind, das ich nie haben durfte. Ich danke dir für die schöne Zeit, die du mir geschenkt hast«, hatte sie mit klarer Stimme auf dem Sterbebett gesagt.
Im wunderschönen Rosengarten des Anwesens wurde ihre Urne beigesetzt, das war Teil ihres letzten Willens gewesen. Es hatte lange gedauert, bis Edward verstand, warum sie auf dem Landsitz zur letzten Ruhe gebettet werden wollte.
Hier war die junge Lady Rosebud aufgewachsen und einmal sehr glücklich gewesen. In einem Urlaub auf Ischia hatte sie den Neapolitaner Franco Rossini, einen Musiker, kennengelernt. Sie verliebten sich ineinander und Lady Rosebud brachte eine Tochter zur Welt – Chiara. Doch ebenso wie ihre Liebe musste die junge Adelige auch das Kind verleugnen. Seit damals lebte Lady Rosebud in England. Chiara wuchs bei ihrem Vater in Neapel auf. Der Kontakt zur leiblichen Mutter bestand aus Geldsendungen oder Geschenken. Liebe bekam sie von Sophia, der Frau, die Franco Rossini heiratete, als er begriff, dass Lady Rosebud nie zurückkehren werde.
Mehr als zehn Jahre waren vergangen, seit Sir Edward sich hier niedergelassen hatte. Seit seiner unglücklich verlaufenen Ehe war er nie wieder eine feste Beziehung eingegangen. Sein Stand und nicht zuletzt sein Reichtum erlaubten es ihm, unter vielen schönen Frauen zu wählen.
Vor einigen Jahren hatte er beschlossen, sich aus Altersgründen in Liebesdingen zurückzuhalten. Und gerade da war er Marie begegnet. Ihre Jugend hatte ihn betört, die schön geschnittenen Gesichtszüge, das langen Haar, ihre langen Beine und ihr Busen, von dem er seinen Blick so ungern trennte. Erst waren es nur Gespräche gewesen, dann folgten von seiner Seite Geschenke, zuletzt hatte er ihr ein Angebot gemacht. Und sie hatte es angenommen.
Kapitel 4
Am Rande des Besitzes von Sir Lindsay erstreckte sich ein ausgedehntes Areal. Pinien und Akazien teilten sich diesen Platz mit Agaven. Dazwischen lag karger, ebener Boden, der für die Trailer einen idealen Standplatz bot. Für die Arbeit der Spezialisten, die für die computeranimierten Details zuständig waren, würde Ronald Graham im Zentrum von Neapel eine große Halle anmieten. Diesbezüglich hatte er sich bereits erkundigt, denn heutzutage kam kein Film mehr ohne die Unterstützung durch derartige Technik aus. Das gesamte Team würde in den nächsten Tagen anreisen – Masken- und Kostümbildner, Kameramänner und Techniker.
Eigentlich war es üblich, erst die Logistik anzukurbeln und dann die Besetzungsliste zu erstellen. Doch das Bauchgefühl hatte Ronald geraten, es diesmal anders anzupacken. Und das hatte Gründe: In der Liste seiner Filme gab es, trotz guter Vorlagen, weder oscar-prämierte Werke noch Blockbuster. Gelegentlich lag der mäßige Erfolg einzig an der personellen Besetzung. Auch nahm ein Schauspieler von Rang und Namen kaum eine Rolle in einem Film mit wenig aussagekräftigem Titel an, wie bei ›The Drift Of The White Pony‹ geschehen. Zugegeben, Ronald hatte diesen Streifen mit möglichst wenig Aufwand drehen wollen und für die Hauptrolle Jeff London verpflichtet, dessen Leistungen schon bessere Tage gesehen hatten. Der Titel selbst war ihm vom Drehbuchautor aufgeschwatzt worden und der schwächelnde Darsteller tat ein Übriges. Der Film entpuppte sich als Flop und deshalb brauchte Ronald jetzt dringend einen Kassenschlager!
Lange schon ging ihm das Mafia-Thema im Kopf um.
Diesmal hatte er das Drehbuch selbst verfasst. Es ging dabei nicht um die Einsparung des Entgelts für einen erfahrenen Dramaturgen! Ronald war der Sohn eines Großindustriellen, der diesen finanziell unterstützte, obgleich er dessen ›Beruf‹ eher belächelte. Schon deshalb hatte Graham der Ehrgeiz gepackt: Er wollte es diesmal ›nach oben‹ schaffen.
Als eine Art undercover hatte er sich in das Umfeld der nordamerikanischen Mafia, der cosa nostra begeben, deren Ursprünge in Sizilien lagen. ›Unsere Sache‹ – wie die wörtliche Übersetzung lautete – entpuppte sich als ein Pool des Verbrechens. Er hatte vieles gesehen und gehört, das ihm noch heute die Nackenhaare aufstehen und seinen Magen rebellieren ließ. Bis ins Zentrum der cosa nostra war er vorgedrungen. An die Umstände, die ihm dorthin verholfen hatten, erinnerte er sich nur ungern. Jedenfalls entsprachen die Gepflogenheiten der hiesigen Mafia durchaus deren nordamerikanischer ›Schwester‹.
Mit seiner Film-Idee hatte Graham mehrere der Größen des Films zu begeistern versucht. Nur zu gern hätte er Sean MacWorth verpflichtet, doch der hatte lächelnd abgewinkt. Ronald ließ sich nicht entmutigen und der Zufall war ihm zu Hilfe gekommen: Bei der Verleihung eines Filmpreises in Anwesenheit vieler Stars, entdeckte er Brendon Pitts, Karl Landmann und Malcolm Mortimer jun., die sich unterhielten. Er hatte die günstige Gelegenheit ergriffen und sich mit einem gefüllten Glas wie zufällig in der Nähe der Männer aufgehalten. Deren Gespräch drehte sich um Filmrollen und er bemerkte beiläufig in eine kleine Pause hinein: »Ich fing gerade einige Ihrer Gesprächsfetzen auf. Haben Sie Interesse, in einem Film über die Mafia mitspielen?«
Die drei hatten ihn überrascht gemustert und Brendon hatte sich höflich erkundigt, wer er sei. Ronald stellte sich vor und wiederholte seine Frage.
»Erzählen Sie mal ein bisschen«, hatte Karl Landmann verlangt und sie alle zu einem freien Tisch dirigiert. Ronald wusste, dass er nichts zu verlieren hatte und folgte Landsmanns Bitte. Er gab zu, dass er bis jetzt nicht erfolgreich im landläufigen Sinn gewesen sei – also kein Preisträger. Er beschönigte nichts – und das machte ihn glaubwürdig. Als er seine Filmidee entwickelte, unterbrach ihn einer der Männer ab und zu und erfragte Details. Vor allem waren das Landmann und Pitts. Mortimer hatte einen gelangweilten Ausdruck im Gesicht, als sei er nicht ganz bei der Sache.
Als Ronald schwieg, weil alles gesagt war, hatten sich Pitts und Landmann angeblickt, einander zugenickt und Landmann sagte: »Okay, wir machen mit. Wann fangen Sie an? Wo ist das Drehbuch?« Und an Mortimer gewandt: »Nun mach schon, Malcolm! Wag' dich auch mal an etwas Neues!« Malcolm wurde sozusagen overrouled. Also war diesem nichts anderes übriggeblieben, als ebenfalls zuzusagen, wollte er sein Gesicht nicht verlieren.
Ronald hatte es nicht fassen können: Was bis jetzt nur ein verrückter Plan gewesen war, nahm plötzlich Gestalt an. Und so war es gekommen, dass er für diesen Film zuerst sein Darstellerteam zusammenstellte, ehe er wusste, ob er überhaupt die Chance erhielt, an den Originalschauplätzen in Neapel zu drehen.
Die Vorverträge der Schauspieler wurden daher mit dem Zusatz versehen, dass es möglich sei, jederzeit ein anderes Filmangebot anzunehmen, falls die örtlichen Voraussetzungen für die Dreharbeiten in Italien bis Ende Jänner nicht gegeben seien. Es sollten ja für keinen der Darsteller finanzielle Nachteile entstehen.
Grahams Vater bürgte mit einer erheblichen Summe Geldes. Doch er hatte daran auch eine Bedingung geknüpft: Falls dieses Projekt scheiterte, sollte Ronald das Filmgeschäft an den Nagel hängen und in die Firma einsteigen.
Diesen Deal war Ronald schweren Herzens eingegangen. Und im Augenblick war er seinem Ziel einen gewaltigen Schritt näher als noch vor einigen Wochen.
***
Sir Lindsay wählte für die Besichtigung des Standplatzes saloppe Kleidung. Marie hatte ihn soeben telefonisch verständigt, dass sie auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt sei, also ließ er sich von Frederic mit einem Elektroauto, wie sie auch auf Golfplätzen verwendet wurden, zu dem Platz bringen, der für die nächsten Monate der Filmcrew zur Verfügung stand …
Marie spürte während der Fahrt Karls Blick in ihrem Nacken. Ein wohliger Schauer lief ihr den Rücken hinab. Verstohlen warf sie ab und zu einen Blick in den Rückspiegel und traf jedes Mal auch auf den seinen. Wann hatte ein Mann sie zuletzt so angesehen?
Es waren nicht die üblichen gierigen Blicke, die den Wunsch nach einem kurzen Abenteuer signalisierten.
Sie zwang sich, ihre Aufmerksamkeit gänzlich dem Straßenverkehr zu widmen. Das war bitter nötig, den man geriet schnell in die Gefahr, einem der ›Kamikaze-Fahrer‹ – wie sie die Mopedfahrer bezeichnete – zu nahe zu kommen. Die quetschten sich waghalsig ohne Beachtung einer einzigen Verkehrsregel durch die hupenden Kolonnen der Autofahrer. Marie nahm daher auch Ronalds Frage nur mit halbem Ohr auf.
»Wie bitte? Ich habe Sie nicht ganz verstanden.«
Der Regisseur wiederholte sein Anliegen, als sich nach der nächsten Kreuzung die Verkehrslage etwas beruhigte. »Hätten Sie Interesse, für uns als Sprachmittlerin zu arbeiten? Und erlaubt es Ihre Zeit, gewisse Textstellen im Drehbuch der Originalität halber ins Italienische zu übersetzen?« Rasch fügte er hinzu: »Selbstverständlich gegen Vergütung.«
Auf der Rückbank hielt Karl die Luft an. Würde Marie zusagen? Auch Ronald schielte unauffällig von der Seite auf die junge Frau. Ihrer Mimik war nichts zu entnehmen.
Tatsächlich wusste Marie so schnell keine Antwort auf diese Fragen. Sicher war es interessant, ein wenig ins Filmgeschäft hineinzuschnuppern, wenn auch nur als Sprachmittler. Und natürlich bedeutete es, dass sie den sympathischen Mann, der hinter ihr saß, öfter zu sehen bekäme. Gleich darauf aber schalt sie sich eine Närrin. Vergaß sie, wie alt sie war? Sicher ein paar Jahre älter als Karl Landmann. »Bis wann muss ich mich entscheiden, Mister Graham?«, sagte sie ruhig, ohne den Blick von der Straße zu lassen. »Ich möchte Ihren Vorschlag mit Sir Edward besprechen.«
Ronald war froh, dass Marie nicht von vorn herein abgelehnte. »Ich will Sie keinesfalls unter Druck setzen«, beteuerte er. »Aber Tatsache ist, dass Sie für diesen Job sehr gut geeignet sind. Ich habe Sie mit dem Fischer im Gespräch beobachtet. Sie können mit der einheimischen Bevölkerung gut umgehen und das werden wir bei den Dreharbeiten brauchen. Ebenso eine Übersetzung von Textpassagen.« Und dann setzte er hinzu: »Karl und ich würden es begrüßen, wenn Sie zusagten.« Damit hatte er geschickt das richtige Fangnetz ausgelegt.
Im Weiteren genoss er die Fahrt und nahm die Eindrücke der Umgebung in sich auf.
Marie hatte eine nicht so befahrene Strecke gewählt. Das Landschaftsbild wandelte sich, vom regen Treiben der Stadt war nichts mehr zu merken. Ab und zu bewegten sich die Blätter einer scheinbar wahllos in die karge Landschaft gestellten Palme im Wind. Der Gipfel des Vesuvs versteckte sich hinter einer Wolke, obwohl der Himmel azurblau leuchtete.
Interessiert folgte Ronalds Blick einer Herde schwarzer Rinder. »Bisschen groß für eine Kuh«, dachte er. »Und viel zu große Hörner.« Schließlich siegte die Neugierde und er fragte: »Was sind das für Tiere?«
Marie lächelte. »Das sind bufali – Büffel. Aus deren Milch wird die echte mozzarella di bufala hergestellt. Die müssen Sie probieren, kein Vergleich zur herkömmlichen Kuhmilch-Mozzarella.«
»Und was habe ich unter Mozzarella zu verstehen?« Ronald war völlig ahnungslos. Er wunderte sich zudem, dass diese riesigen, kuh-ähnlichen Tiere auf dem kargen Boden etwas zu fressen fanden.
»Mozzarella ist eine Art Käse. Er schmeckt vorzüglich zu Tomaten und Basilikum.«
Und Marie erklärte weiter: »Bald kehrt hier der Frühling ein, dann setzt der Oleander Blüten an. Die milde Meeresluft lässt hier viele Blumen gedeihen. Auch leuchtet dann grün und satt Gras, wo jetzt nur trockener Lavaboden zu sehen ist.«
Die Landschaft wurde abenteuerlich düster.
Marie wies nach draußen. »Das sind die campi flegrei, die ›brennenden Felder‹. In nicht allzu großer Tiefe fließt Lava und heiße Quellen schießen aus dem Boden. Ab und an kann man Fontänen aufsteigen sehen. Von diesem Gebiet geht eine fast noch größere Gefahr aus als vom Vesuv selbst.«
Sie fuhren einen Hang hinauf. Vor ihnen wurde in einer Mauer ein großer Torbogen sichtbar. Marie drückte auf einen Knopf an der kleinen Fernbedienung, die im Auto montiert war. Langsam und bedächtig öffnete sich das Tor nach innen.
»Wir sind da«, sagte sie. »Das ist der Ort, von dem Sir Edward sprach. Er erwartet uns bereits.«
Die Männer stiegen aus und Ronald staunte. Er hatte sich vorgestellt, einen etwas größeren Platz angeboten zu bekommen und befürchtet, die Trailer dicht an dicht stellen zu müssen. Doch nun erkannte er, an Stellmöglichkeiten mangelte es hier nicht. Wie groß mochte das gesamte Anwesen des Lords sein? Jedenfalls sah man vor hier aus nicht einmal eine Ecke des Wohngebäudes.
Ronald näherte sich Sir Edward, der sich mit dem Butler unterhielt.
Karl machte keine Anstalten, ihm zu folgen. Er stand noch immer neben Marie und überlegte krampfhaft, was er sagen sollte. Schließlich bat er: »Sie werden uns doch nicht … ich meine … es wäre schön, wenn Sie ein wenig … ich meine … mit uns zusammenarbeiteten.« Herrgott! War er ein Esel!
Marie schien sein Gestottere nicht aufzufallen. Sie antwortete nachdenklich: »Es wäre schon eine neue Erfahrung für mich. Und ich würde mich auch jetzt sehr gern mit Ihnen darüber unterhalten, Mister Landmann. Trotzdem sollten Sie besser Mister Graham begleiten, falls es Fragen gibt. Vielleicht sehen wir uns später, denn der Lord wird Sie beide zum five o'clock tea einladen. Er will mit Ihnen über Neuseeland sprechen.«
Karl nickte beschämt und erfreut zugleich. Beschämt, weil Marie ihn wie einen Schuljungen an seine Pflichten erinnerte, und erfreut, dass es für sie ein ›später‹ gab. Er folgte Ronald mit großen Schritten.
Frederic fuhr mit Marie weiter zum Landhaus. Dort verschwand sie mit dem Medikamentenpäckchen für Sir Edward in dessen Arbeitszimmer. Der Butler fragte nie, was Marie in regelmäßigen Abständen beim medico für den Lord abholte. Sie hätte ihm darauf vermutlich auch nicht geantwortet. Dass er ahnte, worum es sich handelte, war eine andere Geschichte.
Während sie dann gemeinsam den Tisch im Wintergarten deckten, erkundigte sich Marie, was Frederic davon hielte, wenn sie als Sprachmittlerin für die Filmleute arbeitete. »Meinst du, das wäre etwas für mich?«
Der Butler hörte mitunter das Gras wachsen! Zugegeben – ein wenig hatte er hier und da auch die Ohren aufgesperrt und also damit gerechnet, dass Mister Graham Marie genau das fragen werde. Mister Landmanns Interesse an Marie war dagegen ganz anders geartet. Verständlich, verständlich! »Wenn du diese Filmarbeit mit deinem Dienst vereinbaren kannst, wird der Lord nichts dagegen haben«, versicherte er. »Für dich wäre es eine Bereicherung. Du wirst neue Leute kennenlernen, allerdings auch viel von deiner Freizeit opfern müssen. Aber wann wird je wieder ein Filmteam nach Neapel kommen, das dich fragt, ob du mitarbeiten willst? Und nie wieder wird ein so netter Mann dabei sein, dem sehr viel daran gelegen ist, dass du zusagst.« Jetzt grinste der Butler fröhlich.
Marie wollte aufbegehren, da sah sie die drei Männer durch die Gartenanlage auf den Wintergarten zukommen. Der Lord schien sehr guter Laune zu sein, der Regisseur erzählte etwas, heftig gestikulierend, und Karl Landmann lachte.
In diesem Augenblick wusste Marie – sie würde zusagen.
»Frederic, bitte bringen Sie uns Tee und wahlweise auch Kaffee«, rief der Lord, als er in den Wintergarten eintrat. »Nein, Sie bleiben bitte«, ordnete er höflich an, als Marie mit dem Butler in die Küche eilen wollte. Sie erwartete einen zweiten Auftrag, doch nichts dergleichen geschah. Sir Edward bat sie, ebenfalls am Tisch Platz zu nehmen, dirigierte Karl Landmann an ihre Seite und setzte sich neben Ronald, dem Schauspieler gegenüber.
Frederic servierte und als er den Raum verlassen hatte, fragte der Lord: »Nun, wie steht es, Marie? Haben Sie inzwischen eine Entscheidung getroffen? Mister Graham deutete an, dass er um Ihre Unterstützung in sprachlicher Hinsicht bitten werde.«
Marie verbarg ihr Erstaunen. Sie war noch dabei zu überlegen, wie sie Sir Edward den Wunsch des Regisseurs unterbreiten sollte und nun zeigte sich, dass er bereits informiert war. Fast klang es, als wolle er sie … aber nein, dazu gab es keinen Anlass.
»Nicht, dass ich Ihre Arbeit nicht schätzte«, setzte der Lord seine Rede fort, als habe er Marie die Gedanken vom Gesicht abgelesen. »Das ist keineswegs der Fall. Ich machte Mister Graham bereits klar, dass ich dieser Bitte nur stattgäbe, wenn dadurch Ihre häuslichen … Pflichten …«, Sir Lindsay räusperte sich vernehmlich, ehe er fortsetzte, »… nicht beeinträchtigt werden. Auch für Sie gilt, keine Verpflichtungen an den Wochenenden.« Das waren klare Worte.
Wie es schien, erwarteten die Männer, einschließlich des Lords, von ihr eine Antwort.
Marie spürte die Anspannung, die Karl Landmann erfasst hatte. Es war gut, dass sie ihm nicht in die Augen sehen musste. Dafür heftete sie den Blick auf Ronald Graham, als sei er ihr Rettungsanker. »Ich bin einverstanden«, sagte sie mit fester Stimme. »Das betrifft sowohl die Kommunikation mit den Einheimischen als auch die Übersetzung gewisser Textstellen des Drehbuchs ins Italienische. Im Übrigen haben Sie ja gehört, was Lord Lindsay verfügte.«
Ronald rief: »Das ist ein Wort!«, und Karl atmete erleichtert auf. Einen Moment lang war er in Versuchung, Marie die Hand vertraulich auf die Schulter zu legen, doch er bezwang sich rechtzeitig. Als sie nun Anstalten machte, sich vom Stuhl zu erheben, weil sie glaubte, ihre Anwesenheit sei nicht mehr erforderlich, hielt Sir Edward sie wiederum zurück. »Bleiben Sie, Marie. Es gilt noch einige andere Dinge zu besprechen, bei denen ich Ihren Rat hören möchte.« Er schob ihr Notizblock und Kugelschreiber über den Tisch zu.
Im Wesentliche ging es um technische Dinge, deren Koordinierung in ihren täglichen Aufgabenbereich fiel: Wasser, Strom, – alles in Hinsicht auf die Dreharbeiten.
Die Beratung verlief in regem Gedankenaustausch.
Zwangsläufig ergab es sich, dass Karl Marie beim schriftlichen Formulieren gedanklich unterstützte. Das gab ihm Gelegenheit, seinen Arm wie zufällig auf der Rückenlehne ihres Stuhles zu platzieren. Und wenn Marie sich gelegentlich zurücklehnte, um wieder am Gespräch teilzunehmen, sah es aus, als habe er den Arm um ihre Schulter gelegt.
Ronald registrierte es schweigend und den Lord regte es an, sich seinen nächsten ›französischen Sonntag‹ vorzustellen.
Und dann unterhielten sie sich über Neuseeland.
Es dunkelte bereits, als man sich verabschiedete. Frederic hatte in weiser Voraussicht ein Taxi bestellt und dadurch Marie ungewollt das Konzept verdorben. Sie hatte nämlich daran gedacht, die beiden Männer selbst ins Hotel zu bringen. Vielleicht hätte Karl Landmann ihr ja im Schutz der Dunkelheit … wenn er hinter ihr im Auto saß … die Hand auf die Schulter gelegt und …
Ein Kribbeln wanderte über ihren Rücken und sie schalt sich eine Närrin: Es gab Wichtigeres zu bedenken als sich einer Schwärmerei hinzugeben, denn das war es wohl, was sie erfasst hatte. Schließlich hatte sie vielfältige Verpflichtungen in diesem Haus, auch solche, von denen niemand wusste. Sie war in gewissem Sinn die einzige Vertraute des Lords und froh, dass das Wochenende generell als tabu für Dreharbeiten auf dem gesamten Areal galt.
Ihre Arbeit für Graham hatte im Prinzip bereits am heutigen Abend begonnen. Sie würde ihn morgen zu einem Anbieter für Miettrailer begleiten. Der Regisseur hatte ziemlich skeptisch dreingeblickt, als sie ihm den verzwickten Weg dorthin beschrieb, deshalb hatte der Lord vorgeschlagen, sie solle ihn selbst hinfahren. »Sonst landet er letztendlich zwischen den Ruinen von Pompeji.« Diesmal hatte Sir Edward die Lacher auf seiner Seite.
Ronald genierte sich ein wenig wegen seiner Hilflosigkeit, dankte fürs Entgegenkommen und versicherte, er wolle dem Lord keine Benzinkosten verursachen. Ein Taxi tue es auch.
Sir Edward winkte ab. »Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Marie wird die Limousine nehmen und bei dieser Gelegenheit Domenico informieren, dass er meine Jacht bald zu Wasser bringen soll.«
Außerdem würde der Anblick der Limousine des Lords Domenicos Großzügigkeit wecken, was den Preis für die Leihe der Trailer betraf. Sir Edward war schließlich einer seiner besten Kunden, der es vorzog, in den ersten Monaten des Jahres – außerhalb der Saison – mit seiner weißlackierten Jacht auf dem Mar Tirreno, dem Tyrrhenischen Meer, zu kreuzen. Zu dieser Zeit war das Wasser noch klar und zwischen dem Festland und den Inseln Ischia und Capri schipperten nicht zahlreiche Ausflugskähne umher.
Die italienische Regierung hatte zwar mehrmals überlegt, beide Inseln in den Sommermonaten für den Tagestourismus zu sperren, doch wer drehte sich schon selbst den Geldhahn zu? Und so würden die Fischer Neapels auch weiterhin von Mai bis September die Touristen in ihren Booten dorthin bringen und Domenicos Geschäft schmälern, der wesentlich teurere Tagesfahrten nach Capri und Ischia anbot.
Außer Frederico begleitete auch Marie die Männer zum Taxi. Ehe Ronald Graham einstieg, fragte sie, wann sie sich morgen im Hotel einstellen solle.
»Gibt es einen Zeitpunkt, der für das Geschäft günstig ist?«, wollte Graham im Gegenzug wissen. Er wusste, zur falschen Zeit am falschen Ort, und schon war die Chance auf Vorteile vertan.
Den gab es tatsächlich. Der frühe Vormittag eignete sich schlecht, da war Domenico zu dieser Jahreszeit unausgeschlafen und es konnte durchaus passieren, dass man schlichtweg vor verschlossener Tür stand. Während der Siesta – von zwölf bis circa vier Uhr nachmittags – wurden in Neapel keine Geschäfte abgeschlossen. So richtig lebendig wurde Domenico erst danach.
»Ich hole Sie gegen sechzehn Uhr ab«, schlug Marie vor. »Die Menschen ticken hier ein wenig anders, auch was Geschäftszeiten anbelangt.«
»Gut, dann werden wir uns morgen ausschlafen.« Ronald winkte Abschied nehmend. Abgesehen davon hatte er einige wichtige Telefonate zu führen.
Auch Karl hob grüßend die Hand. Ihm würde die Zeit bis zum späten Nachmittag sehr langsam vergehen, aber das Drehbuch musste ja studiert werden.
***
Gedämpftes Licht fiel in den Raum, in dem der Avvocato geduldig darauf wartete, Don Carlos zu sprechen. Er wusste, dass dies zu einem Ritual gehörte: Niemand wurde sofort zu dem mächtigsten Mann Neapels vorgelassen.
Aus dem Nebenzimmer, dem Büro des Padrone, drang kein Laut. Eine gepolsterte Tür schluckte jedes Geräusch, vermutlich selbst das einer Kugel.
Vor dieser ›Schallmauer‹ stand einer der ›Schatten‹ des Padrone – beinahe wie eine Statue: Die langen, schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden, das von einer langen Narbe verunstaltete Gesicht ausdruckslos und starr. Die Hände hielt der Mann hinter dem Rücken verschränkt, jedoch jederzeit bereit, die im Halfter steckende Waffe zu ziehen. Dieser Wächter kannte weder Angst noch hatte er Furcht vor dem Tod. Es war eine Ehre, für den Padrone zu arbeiten und zu sterben. Das klang theatralisch, aber es entsprach den Tatsachen. Hier herrschte ein Ehrenkodex, der außerhalb seiner engen Grenzen unvorstellbar war.
In diese famiglia wuchsen jene Jugendlichen hinein, die anderenfalls dazu verurteilt waren, ihr Leben ohne jegliche Perspektive in den schmutzigen Gassen Neapels zu fristen. Immerhin lag die Arbeitslosenrate der Stadt bei mehr als 58 Prozent. Und wer hier aufwuchs – möglicherweise noch in den Stadtteilen Scampia oder Secondigliano – hoffte nicht etwa auf einen Ausbildungsplatz bei einem pizzaiolo oder in einem ristorante, nein, er wartete auf die Chance, für den Padrone arbeiten zu dürfen und auf diese Weise etwas von dem goldenen Kuchen abzubekommen.
Möglichkeiten, sich innerhalb der Camorra zu betätigen, gab es viele – als Dealer, als Wachposten, als Schmieresteher und, wenn man Glück hatte, irgendwann sogar als persönlicher Geleitschutz des Padrone. Aber nicht nur das Geld lockte! Das Gefühl, in einem mächtigen Verband Aufnahme gefunden zu haben, war unbezahlbar.
Vor der Tür des Allerheiligsten stand also einer, der es geschafft hatte, ziemlich weit nach oben zu kommen.
Dies und viel mehr wusste der Avvocato und verharrte deshalb ruhig und gelassen auf einem verstaubten Barocksessel in einem ebenso verstaubten Vorraum. An den Wänden hingen Bilder von Al Capone, Al Lissi, Pablo Escobar, Frank Costello und anderen, deren Namen dem Anwalt nicht geläufig waren.
Über Headset erhielt der Wächter vermutlich einen Befehl, denn seine Haltung straffte sich.
Die Tür wurde geöffnet und heraus traten eine attraktive junge Frau und ein ebenso hübsches kleines Mädchen. Das feuerrote Haar der hochgewachsenen Italienerin lockte sich bis weit über die Schultern hinab. Ein Lederkostüm umschloss hauteng einen makellos geformten Körper. Hochhackige Schuhe rundeten das perfekte Bild ab – Luisa Berlotta hätte in jedes Modejournal gepasst.
Das Mädchen, ungefähr zehn Jahre alt, wirkte für sein Alter sehr selbstbewusst. In Anlehnung an den Gang der jungen Frau trippelte die Kleine am Avvocato vorbei. Das dichte dunkle Haar bewegte sich als geflochtener Zopf auf ihrem schmalen Rücken.
Unvermutet kehrte das Kind noch einmal um und warf sich dem großen bulligen Mann, der den beiden aus dem Büro gefolgt war, mit einem Aufschrei in die Arme. »Papa, papa, veni presto. Voglio passeggiare con te. Voglio giocare con … «, bettelte es, als sei der Vater ein Spielkamerad, mit dem es Ball spielen könne.
»Basta, basta, Anna«, unterbrach Don Carlos das Betteln seiner Tochter. Seine Stimme klang beinahe zärtlich, als er erklärte: »Al momento non ho tempo. Capisce? Al fine settimana facciamo qualcosa insieme. Ciao, cara mia.«
Er hob das zarte Mädchen zu sich empor und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Die Tochter würde sich bis zum Wochenende gedulden müssen. Jetzt war keine Zeit für gemeinsame Unternehmungen. Ohne Widerrede lief Anna zur Mutter zurück, nahm ihre Hand und beide verließen das Zimmer.
Natürlich gab sich auch der Avvocato den Anschein, als sei er nicht Zeuge des Gespräches zwischen Vater und Tochter gewesen. Die nächsten Augenblicke würden zeigen, ob Don Carlos über seine Familie sprechen wollte oder nicht.
Der wandte sich nun mit einladender Geste seinem Besucher zu. »Avvocato Girardi, treten Sie ein. Es tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten. Aber Sie sahen eben selbst – Familienangelegenheiten! Und die Geschäfte lassen keinen Raum für Frau und Kind.«
Die Sachlage war geklärt! Die gepolsterte Tür schloss sich von außen hinter beiden Männern.
»Bitte, nehmen Sie Platz.«
Girardi ließ sich auf dem angebotenen Stuhl nieder. Vorsicht war weiterhin geboten, sie hatten sich nicht die Hände geschüttelt. Diese Geste war ein Ritual und signalisierte eine gewisse Sicherheit für den Besucher.
»Was führt Sie zu mir, Avvocato?«, eröffnete Don Carlos das Gespräch. »Doch wohl nicht die leidige Angelegenheit der Entführung von Luigi Garibaldi? Ich habe bereits einen Boten zur Signora gesandt, der ihr unsere Unterstützung in dieser Sache anbietet.«
Mit einem angedeuteten Lächeln erwiderte der Anwalt: »Nein, Signore Carlos. Ich nehme aus einem anderen Grund Ihre wertvolle Zeit in Anspruch. Es gibt es etwas Interessantes, das ich Ihnen gern mitteilen würde.«
Don Carlos wusste nicht, wie er diesen Ausspruch verstehen sollte. ›Rechtsverdreher‹ waren nicht sein Fall. Sie jonglierten mit Worten wie Zirkuskünstler mit Bällen und verstanden sich vorzüglich auf Verwirrspiele der verbalen Art.
Für Girardi nicht einsehbar lag in einer stets geöffneten Schublade des massiven Schreibtisches eine Beretta 92FS mit Perlmuttgriff, Kaliber 9 Millimeter. Der Camorra-Boss hatte sich, ehe er der Bitte um ein Treffen nachkam, noch einmal eingehend über den Mann informiert, der ihm nun gegenübersaß. Girardi war ein As im wirtschaftlichen Bereich, allerdings nicht im Dunstkreis seiner eigenen Geschäfte. Das war gut. Auch der Name Sir Edward Lindsay stand im Zusammenhang mit dem des Avvocato.
Vor einigen Jahren war Don Carlos mit diesem steifen, schrullig wirkenden Engländer zusammengetroffen. Sie hatten über Kunstgeschichte und über Frankreich gesprochen. Der Brite besaß auf seine Anweisung hin eine Art Sonderstatus in Neapel. Er brachte infolge seines Lebensstils der Stadt und dadurch in gewisser Weise der Camorra viel Geld ein. Daher blieb er von Schutzgeldzahlungen unbehelligt. Und der Lord ließ sich von Signore Girardi vertreten.
»Interessante Dinge?«, wiederholte Don Carlos. »Ich höre.«
Der Avvocato erläuterte ohne Umschweife den Plan des amerikanischen Regisseurs. Natürlich definierte Girardi das Vorhaben nicht als Mafia-Film, sondern beschrieb das Projekt als eine romanhafte Darstellung der Probleme der unterschiedlichen Schichten innerhalb der Gesellschaft Neapels.
Dass Don Carlos im Drehbuch blättern wollte, ehe er seine Zustimmung zu den Dreharbeiten gab, war vorauszusehen. Vorsorglich hatte Girardi deshalb eine Kopie mitgebracht, die er nun überreichte.
Der Padrone war des Englischen mächtig und las – mal hier, mal ein paar Seiten weiter. Gelegentlich zogen sich seine Augenbrauen kritisch zusammen, dann wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Schließlich schlug er das Skript zu und lehnte sich nachdenklich zurück: Also einen Film über die famiglia wollte dieser Mister Graham aus Übersee drehen. Er war der Sache gar nicht so abgeneigt. Natürlich hatte auch er seine Anwälte, die diese Sache erst einmal nach allen Richtungen hin abklopfen mussten … Vielleicht fand sich ja im Film auch eine Rolle für seine wunderschöne Frau – quasi ein Geschenk, das er ihr machen würde!
Don Carlos räusperte sich und dann lobte er den Avvocato, dass dieser sich in der Angelegenheit zuerst bei ihm eingestellt habe. »Das weist Sie als kompetenten Kenner der politischen Landschaft in unserer Stadt aus. Ich bin beeindruckt, dass dieser Amerikaner ein so vielschichtiges Thema in Angriff nehmen will.« Er wies auf das Drehbuch. »Meine Anwälte werden das hier ebenfalls lesen. Es geht mir um Glaubwürdigkeit und dass keine Fehlinterpretationen entstehen. Sie erhalten demnächst Bescheid und – falls ich dem Projekt zustimme – wünsche ich, den Amerikaner persönlich kennenzulernen. Spricht er Italienisch?«
Girardi schüttelte den Kopf. »Bedauerlicherweise nein. Aber er wird eine Übersetzerin mitbringen: Signora Marie, eine Angestellte aus dem Hause Sir Edward Lindsays, mit dem Sie ja, wenn ich mich recht erinnere, bereits einmal zusammengetroffen sind. Signora Marie spricht unsere Sprache perfekt. Doch dürfte es – dank Ihrer eigenen hervorragenden Englischkenntnisse – kein Problem geben, sich ausführlich mit Mister Graham zu unterhalten.«
Der letzte Satz erzielte die gewünschte Wirkung: Don Carlos lächelte geschmeichelt.
Eigentlich hatte Girardi mit einer generellen Absage gerechnet. Doch die konnte noch immer kommen, wenn der Padrone das Drehbuch erst einmal gründlich studiert hatte. Also immer auf der Hut bleiben!
Don Carlos erhob sich. Er war gut einen Kopf größer als der Anwalt, was sehr respektgebietend wirkte. »Darf ich Ihnen etwas anbieten, Avvocato? Cognac, Grappa oder vielleicht einen Espresso? Machen Sie mir die Freude, noch etwas zu bleiben. Setzen wir uns bequemer.« Wie einem Kind legte Don Carlos seinen massigen Arm Girardi um die Schultern und dirigierte ihn in dem elegant eingerichteten Büro zu einer gemütlichen Sitzecke.
Der Avvocato wusste, dass er nicht ablehnen durfte. Das gehörte ebenso zu den Spielregeln, die man zu befolgen hatte. Der Padrone wollte mehr erfahren, das war sicher.
»Warum nicht?«, dachte der Anwalt. Zudem kam er auf diese Weise aus der Reichweite des Schreibtisches, in dessen Schublade der Anwalt eine Waffe vermutete, die jederzeit auf ihn gerichtet werden konnte.
Darmowy fragment się skończył.