Czytaj książkę: «Krankheiten - Signale der Seele»

Czcionka:

Reinhold Ruthe

​Krankheiten - Signale der Seele

Wie Symptome des Körpers gedeutet werden können


Impressum

5. überarbeitete Auflage 2007

© 2001 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, D-47443 Moers

Satz: Satz & Medien Wieser, Stolberg

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

I. Wie gehen wir mit Problemen um?

Acht Hinweise zum Verständnis

II. Seele meint den ganzen Menschen

Die Seele in Sprichwörtern

Seelisch krank?

Viele Krankheiten sind „nur“ Symptome

Fragen zum Nachdenken

Wenn der Arzt missbraucht wird

III. Krankheiten haben und krank sein

Die Bedeutung des Krankseins

Ist Krankheit ein Segen?

IV. Die leib-seelischen Zusammenhänge von Leiden, Krankheit und Tod

Was beinhaltet Psychosomatik

Modekrankheit: vegetative Dystonie

Krankheit als Schicksal?

Krankheit als Lebenslüge?

Neurosen – eine veraltete Terminologie?

Krankheit und Tod als Folge fehlender menschlicher Zuwendung

Was setzt den Körper unter Druck?

Redewendungen zeigen Leiden auf

Die Organsprache

Wenn die Erde wackelt – ein Fallbeispiel

Die Nachahmung der Symptome

Ist der Organdialekt immer krankhafter Natur?

Leiden und Konflikte durch Stress

Punktliste für seelische Belastungen

Leben verlängernde Stressoren

Angina temporis und Angina pectoris – Zeitnot und Herztod

V. Glaube und Immunsystem

Wie arbeitet das Immunsystem?

Seele und Abwehrsystem

Besonderes Merkmal: Gesund

Mit-Teilen und Gesundheit

Loben und Lachen

Denkstrukturen ändern

Wie wir unser Immunsystem stärken

VI. Schmerzen haben einen Sinn

Der Schmerz in der Bibel

Muskelschmerzen

Auch Kränkung und Ablehnung tun weh

Dem Schmerz eine Stimme geben

Wenn der Rücken schmerzt

Fragen zum Nachdenken

Kopfschmerzen

Schmerzhafte Krisen – wie gehen wir damit um?

VII. Die Persönlichkeit des Asthmatikers

Der Atem

Luft und Atem in Redensarten

Was beim Asthmaanfall geschieht

Die unterschiedlichen Formen des Asthmas

Was den Asthmatiker kennzeichnet

Asthma und Ehebruch – ein Fallbeispiel

Fragen zur Selbstprüfung

Fragen an Eltern von Asthma-Kindern

VIII. Die Persönlichkeit des Herzinfarktgefährdeten

Risikofaktoren

Lebensstil und Organwahl

Die Verkalkung von Herzkranzgefäßen

Lebensstil und Managerkrankheit

Seelsorge an Managerkranken

IX. Die Persönlichkeit des Magenkranken

Der Pantoffelheld – ein Fallbeispiel

Der Lebensstil der Ulkus-Persönlichkeit

Wie ist die Geschwürbildung zu erklären?

Magengeschwür oder: Ich habe mein Bestes getan

Magengeschwürkranke in der Statistik

Erwartungsangst und Magengeschwüre

Sympathikotoniker und Vagotoniker

Die Selbstzerfleischung

Fragen zum Nachdenken

X. In Beziehungen leben – streiten lernen

Elf Denkanstöße

XI. Krankheit als Chance

Glaube: vorbeugend und heilend

Leid und Krankheit als Heim-Suchung

Selig sind, die da Leid tragen

Der aktive Kranke

Auf unsere Reaktion kommt es an

Trost im Leben und im Sterben

XII. So, wie ich bin, bin ich gut genug

Selbstannahme als Schlüssel zum Gesundwerden

Literaturhinweise

Stichwortverzeichnis

Vorwort

Der Mensch ist ein unteilbares Ganzes. Seele und Körper sind miteinander verschmolzen. Keines seiner Glieder und Organe funktioniert selbstständig. Alle Teile sind miteinander durch Nerven, Blutbahnen, Empfangs- und Sendestationen verbunden.

In Verkündigung, Therapie und Seelsorge muss dieser Tatsache Rechnung getragen werden. Dieses Buch will zeigen: Gott will den ganzen Menschen heilen. Nicht eine leiblose Seele, die irgendwo versteckt im Körper haust, braucht Heilung. Christus will vielmehr die Seele, die den leibhaftigen Menschen vom Scheitel bis zur Sohle ausmacht, heilen.

Eine neuere Langzeitstudie über psychische Krankheiten bestätigt:

 Jeder fünfte Bundesbürger (alte Bundesländer) leidet unter einer psychischen Erkrankung.

 Die Krankheitsanfälligkeit von Frauen und Männern hat sich im Laufe der letzten Jahre angeglichen.

 Besonders Männer wenden sich ungern an einen Psychotherapeuten oder an eine Selbsthilfegruppe.

 Menschen über 65 Jahre haben die geringsten Kenntnisse über fachkundige Hilfe.

 Die Zahl der neurotischen und psychosomatischen Störungen ist erheblich gestiegen.

Viele Leiden und psycho-vegetative Regulationsstörungen überfallen uns nicht einfach, sondern setzen eine längere Leidensgeschichte voraus. Einsamkeit, Angst, Enttäuschung, Schuld, Ehrgeiz, Eifersucht und Misstrauen bahnen späteren Leiden den Weg.

Was setzt den Körper so unter Druck, dass er mit Organstörungen reagiert? Spannungen, Erregungen und Ängste werden zu Tyrannen, die den Körper bedrängen und schwache Organe beeinträchtigen.

Was will der Kranke mit seinen Symptomen den Angehörigen und der Umwelt sagen? Seelische Störungen und Fehlanpassungen treten nicht blindlings auf, sie können auch unbewusst arrangiert werden. Manchmal sind sie eine Folge geheimer Wünsche und verzerrter Vorstellungen. Eine Krankheit ist eine Mitteilung. Wir wollen sie nicht in erster Linie bekämpfen, wir sollen sie in erster Linie verstehen.

 Flieht der Mensch in die Krankheit?

 Weicht der Mensch den Anforderungen des Lebens aus?

 Benutzt er die Symptome als Mittel zum Zweck?

 Pflegt er die Krankheitssymptome, um Aufmerksamkeit zu erlangen?

Prof. Dietrich Grönemeyer, einer der Experten in Deutschland, der die Gesundheitspolitik in ihren Zusammenhängen gründlich erforscht, schreibt in einem seiner Bücher, in dem er die „Optimierung der Lebensqualität“ bespricht und zehn Grundsätze formuliert, unter anderem:

„Boombranche der Zukunft: Das Gesundheitswesen ist die größte Branche. Mit Medizintechnik und Biotechnologie macht dies zurzeit zwölf Prozent aller Berufstätigen in 800 Berufen aus. Daher: Arbeitsplätze in der Gesundheitswirtschaft ausbauen und ein neues Ministerium schaffen – heute vier Millionen, morgen acht Millionen Beschäftigte.“1

In seinen Augen ist der Gesundheitsmarkt unser größter Teilmarkt, bedeutender als andere Schlüsselindustrien und schafft mehr Arbeitsplätze als alle anderen.

Darum hat therapeutische Seelsorge auch den Sinn, dem Menschen zu helfen

 sich gesund zu erhalten,

 Leib, Seele und Geist in Gottes Namen zu pflegen und zu hegen,

 Prävention, Sport und Bewegung zu praktizieren und den Körper als Gottes Eigentum wahrzunehmen.

Paulus betont unmissverständlich:

„Wisst ihr denn nicht, dass euer Körper der Tempel des Heiligen Geistes ist? Gott hat euch seinen Geist gegeben, der jetzt in euch wohnt. Darum gehört ihr nicht mehr euch selbst“ (1. Korinther 6, 19).

Therapeutische Seelsorge versucht, den Menschen im Lichte der Bibel zu verstehen. Das heißt unter anderem: Wir haben keine Krankheiten, wie wir Haare auf dem Kopf haben, wir sind krank. Krankheiten deuten (fälschlicherweise) auf eine bestimmte Stelle im Körper hin – Kranksein meint den ganzen Menschen, der heil- und heilungsbedürftig ist.

Therapeutische Seelsorge ersetzt nicht den Arzt. Die medizinische Versorgung muss bei allen ernsthaften Funktionsstörungen beachtet werden.

Therapeutische Seelsorge will

 falsche Lebensgrundüberzeugungen aufdecken,

 ungeistliche Motive und Sünden ans Licht bringen,

 alternative Lebenseinstellungen vermitteln,

 Lebenslügen und Selbstbetrug ansprechen,

 die Maßstäbe der Bibel und Gottes Willen aufzeigen.

I. Wie gehen wir mit Problemen um?


Acht Hinweise zum Verständnis

Diese Grafik ist der Versuch, das komplizierte Zusammenspiel der wesentlichen Faktoren zu erfassen, die den Menschen kennzeichnen. Für Beratung und Seelsorge ist eine gründliche Diagnose hilfreich. Dazu acht Hinweise.

Hinweis 1:

Erziehung, Umwelt und Sozialisation spielen für den Lebensstil des Menschen eine große Rolle.

Kasten 1 versucht, mit diesen Begriffen die Einwirkung von außen durch Eltern, Erzieher, Geschwister, Spielgefährten und Medien zu erfassen.

Wir werden nicht in ein bestimmtes Milieu hineingeboren, das uns prägt, formt und in bestimmte Rollen zwängt. Als Kinder gestalten wir unseren Weg entscheidend mit. Wir sind immer auch aktive Mitspieler.

Hinweis 2:

Der Mensch ist durch Erziehung, durch Vererbung und durch das, was er daraus gemacht hat, zu verstehen.

Kasten 2 beinhaltet die Vererbung, die das Geschlecht, ein bestimmtes Temperament, Organschwächen und Behinderungen, aber auch spezielle Begabungen und Vorzüge festlegt.

Wie viel Prozent unserer Persönlichkeit auf Vererbung zurückzuführen sind, kann kein Mensch genau sagen. Die Vererbung ist wichtig – aber sie ist nicht alles.

Hinweis 3:

Die schöpferische Fantasie (Kasten 3) ist eine Gestaltungskraft im Menschen, die Vererbung, Umwelt und Erziehung als Baumaterial benutzt, um daraus einen eigenen Lebensstil zu entwerfen.

Das menschliche Leben ist zielgerichtet. Die schöpferische Kraft des Kindes verarbeitet und beantwortet alle Herausforderungen, lernt aus Versuch und Irrtum und entscheidet sich für Lebensgrundüberzeugungen, mit denen sie die Zukunft plant.

Der Lebensstil (Kasten 3) ist also eine Eigenschöpfung des Kindes. Er beinhaltet die Leitmotive des Denkens, Fühlens, Wollens, Lebens und Liebens. Der Lebensstil fasst die Verhaltensmuster, die Gewohnheiten, die Charakterstruktur und alle Persönlichkeitsmerkmale zusammen und drückt sie aus.

Im Lebensstil ist auch der christliche Glaube eingebunden, der durch Erziehung, gläubige Eltern, kirchlichen Unterricht und andere christliche Impulse geweckt und entwickelt und durch den Heiligen Geist zum Durchbruch kommen kann.

Hinweis 4:

Im Lebensstil sind Bewusstes und Unbewusstes (Kasten 4 und 5) eingebunden. Dabei handelt es sich nicht etwa um zwei getrennte Bereiche, die gegenläufige Ziele verfolgen. Die Interessen im bewussten und im unbewussten Bereich laufen parallel. Der Lebensstil, der die Einheit der Persönlichkeit verkörpert, spricht durch Bewusstes und Unbewusstes.

Da wir Menschen mehr, als uns lieb ist, vom Unbewussten gesteuert werden, spielen unerkannte Wünsche und Bedürfnisse, versteckte Absichten und sündhafte Fantasien eine große Rolle.

Die Bibel spricht schlicht und eindrücklich: „Denn aus dem Herzen (aus der Tiefe unserer Persönlichkeit, d. Vf.) kommen böse Gedanken und mit ihnen Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, Verleumdung und Beleidigungen“ (Matthäus 15, 19). Es handelt sich um unverstandene Regungen unserer Persönlichkeit, die wir nicht wahrhaben wollen und die doch untrennbar mit den Leitmotiven unseres Selbst verknüpft sind.

Hinweis 5:

Wenn der Mensch durch den Heiligen Geist zum Glauben an Christus kommt, spiegelt auch der christliche Glaube in all seinen Äußerungsformen diesen Lebensstil wider. Der Glaube ist immer auch Spiegelbild dieses Menschen, mit seinen Wertvorstellungen, mit seinen Verhaltensmustern, mit seinen Angewohnheiten, Schwächen und Stärken.

Alle Erfahrungen des bisherigen Lebens (positive und negative Erlebnisse der Vergangenheit, gute oder schlechte Beziehungen zu Eltern und Geschwistern) hat der Heranwachsende kreativ verarbeitet und in seinen Lebensstil eingebaut.

Da wir Menschen Sünder sind und irren können, werden auch destruktive Verhaltensmuster, irrige und böse Strategien verwendet, um das Leben zu meistern. Im Zusammenspiel mit den genannten Faktoren können deswegen Störungen und Krankheiten auftreten.

Hinweis 6:

Die Grafik macht deutlich, dass Probleme, Konflikte und psychische Störungen (Kasten 6) in der Regel nicht nur eine Ursache haben, sondern dass die Inhalte in den Kästen sich wechselseitig beeinflussen.

Ein kompliziertes Zusammenspiel – das machen die Pfeile deutlich – ergibt die körperlichen und seelischen Schwierigkeiten im Menschen.

Wir dürfen daher auch nicht einseitig von gestörtem Glauben, einseitig von Erziehungsproblemen, einseitig von Körperkrankheiten und so weiter sprechen.

Der ganze Mensch wird jeweils in Mitleidenschaft gezogen. Christus will, dass der ganze Mensch Heil und Heilung erfährt.

Hinweis 7:

Was macht der Mensch, wenn er psychische Probleme und psychosomatische Krankheiten aufweist? (Kasten 7) Es gibt unzählige Wege und Strategien, die er benutzt, um damit fertig zu werden – konstruktive und destruktive, geistliche und ungeistliche.

Der Lebensstil (also die Summe der Lebensgrundüberzeugungen, die ein Mensch sich zugelegt hat) verrät, wie er das Leben meistert, ob er aktive oder passive, glaubensgemäße oder glaubensverneinende Muster benutzt:

 Er kann seine Anstrengungen verdoppeln, seinen Ehrgeiz steigern und gegen die Symptome ankämpfen.

 Er kann sie verleugnen, verdrängen und überspielen.

 Er kann sich herausreden und Entschuldigungen suchen, um vor Menschen und vor Gott bestehen zu können.

 Er kann in Krankheiten fliehen, in körperliche und seelische Zusammenbrüche, die er unbewusst herbeigeführt hat.

Hinweis 8:

Der Christ kann (Kasten 8) seinen Lebensstil unter die Lupe nehmen, um vor Gott seine irrigen Ziele und sündhaften Fehlverhaltensmuster kennen zu lernen.

„Durchforsche mich, Gott, sieh mir ins Herz, prüfe meine Wünsche und Gedanken! Und wenn ich in Gefahr bin, mich von dir zu entfernen, dann bring mich zurück auf den Weg zu dir“. Diese Psalmworte (139, 23.24) sind ein hilfreicher Anstoß, eine gründliche Selbsterforschung zu betreiben, die ungeistliche Motive und eine falsche Gesinnung offenbaren.

Oft ist ein Seelsorger notwendig, der die blinden Flecken des Betroffenen erkennt, den fehlerhaften Lebensstil des Ratsuchenden deutet und eine Gesinnungsänderung in die Wege leiten kann.

Ständig erliegen wir der Gefahr, dass wir uns selbst belügen und unsere störenden Symptome bagatellisieren oder verdrängen. Ein therapeutischer Berater kann dies aufdecken. Die Gesinnungsänderung ist ein Geschenk des Heiligen Geistes – wenn wir sie ernsthaft wollen.

„Lasst euch vielmehr im Innern von Gott umwandeln. Lasst euch eine neue Gesinnung schenken, dann könnt ihr erkennen, was Gott von euch will. Ihr wisst dann, was gut und böse ist und was Gott gefällt“ (Römer 12, 2).

II. Seele meint den ganzen Menschen

Leib und Seele sind nur verschiedene Aspekte des einen Menschen. Es gibt kein Lebendigsein ohne den Leib. Man kann nicht den Leib von der Ganzheit des Menschen trennen, um die „reinen Teile“, also Geist und Seele, zurückzubehalten.

 Mensch sein heißt Leib sein,

 Mensch sein heißt Seele sein,

 Mensch sein heißt Geist sein.

In der Schöpfungsgeschichte heißt es unmissverständlich: „Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele“ (1. Mose 2,7). Was heißt das?

 Der lebendige Odem wurde dem Menschen nicht in einen bestimmten Körperteil eingehaucht.

 Die Seele sitzt nicht in einem unerklärlichen Teil unserer Persönlichkeit.

 Der Mensch ist die lebendige Seele, und zwar vom Scheitel bis zur Sohle.

Nicht umsonst spricht das Alte Testament von Seelen, wenn sie Menschen meint. Die alte Luther-Übersetzung formuliert: „Und Gott sprach, das ist ein Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen uns und allen lebendigen Seelen …“ (1. Mose 9,12).

Dieser ganzheitliche Begriff hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Wir sagen: Der Ort hat 300 Seelen. Selbstverständlich ist hier nicht von körperlosen Wesen die Rede, sondern von Menschen aus Fleisch und Blut.

Die Bibel kennt keinen Dualismus von Leib und Seele. Beides gehört zusammen, denn körperliche Krankheiten werden hier stets auch als Störungen der Seele verstanden als Folge der Heillosigkeit unserer Welt.

Der Begriff „Seele“ (hebräisch = nefesch, griechisch = psyche) bezieht sich in der Bibel stets auf den ganzen Menschen, in allen Aspekten seines Lebens.

„Denn wer sein Leben (psyche) retten will, wird es verlieren …“ (Matthäus 16, 25).

Die Seele in Sprichwörtern

Der Mensch wird in seinem Seele-Sein von unterschiedlichen Gefühlen bewegt. Er wird

 von Verzweiflung gequält,

 von Trauer niedergedrückt,

 von Hass überwältigt,

 von Ehrgeiz heimgesucht,

 von Freude übermannt und

 von Wut und Zorn angestachelt.

Im Denken, Fühlen und Handeln reagiert der Mensch in und mit allen Gliedern. Das Seelenleben spielt in unserer Umgangssprache eine große Rolle. Seelisches wird in Sprichwörtern und Alltagsformulierungen gekennzeichnet.

Viele Redensarten bringen unser Seele-Sein zur Sprache:

 „Er hat seine Seele ausgehaucht.“

 „Nun hat die liebe Seele ihre Ruhe.“

 „Er hat seine Seele dem Teufel verschrieben.“

 „Zwei Menschen sind ein Herz und eine Seele.“

 „Das ist eine Seele von Mensch.“

 „Er hat mir das auf die Seele gebunden.“

 „Er hat eine durstige Seele.“

 „Das ist ein seelenloser Mensch.“

 „Alkohol ist ein gefährlicher Seelentröster.“

 „Der Ort hat 300 Seelen.“

 „Lobe den Herrn, meine Seele!“

Seelisch krank?

Es ist heutzutage üblich, von seelisch bedingten Störungen und Krankheiten zu sprechen.

Wir hören:

 „Das ist typisch seelisch!“

 „Ganz eindeutig psychisch.“

 „Der Mann/​die Frau ist seelisch krank.“

Wenn wir nach biblischem Maßstab den Menschen jedoch ganzheitlich sehen, sind solche Bezeichnungen irreführend. In Wirklichkeit ist es nicht möglich, zwischen seelischen und körperlichen, zwischen psychischen und somatischen Symptomen eine klare Trennungslinie zu ziehen. Schlichte Beispiele machen das deutlich.

Wenn Sie Angst haben – und Angst ist in erster Linie ein so genanntes „psychisches Symptom“ –, dann reagiert der gesamte Organismus. Frederic Vester beschreibt in einem seiner Bücher, welche Reaktionen Angst hervorruft:

„Eine Assistentin hatte sich für ein Experiment zur Verfügung gestellt. Sie wusste nicht, was ihr, blühte‘. Das Studio war verdunkelt und sie wurde in einen typischen Angstzustand versetzt. Die körperliche Folge der Reaktion wurde gemessen. Sie war an ein EKG angeschlossen, der Blutdruck wurde kontrolliert und der Effekt der Nebennieren auf Herz und Kreislauf auf einem Schreiber registriert. Die Fettwerte des Blutes in der Angstreaktion wurden mit Kontroll-Blutproben verglichen. An einem Stahldraht befestigt, ließ man von der Decke im zunächst verdunkelten Raum eine lebende Riesenkrabbe von den Karibischen Inseln herunter. Ein aufgeblendeter Scheinwerfer machte das Tier sichtbar. Die Assistentin schrie wie am Spieß. Sie hatte so ein Tier noch nie in ihrem Leben gesehen. Auf dem Messstreifen wurde der Schock der Frau markiert. Die Gehirnwellen änderten sich schlagartig. Der Herzschlag hatte sich nach dem Schock radikal verändert. Der Puls war beschleunigt. Der Blutdruck war in kurzer Zeit von 120 zu 60 auf 180 zu 100 angestiegen. Die Adrenalinausschüttung durch die Nebennieren, die ebenfalls durch die Schockreaktion in Gang gesetzt wurde, bewirkte den Anstieg des Fettsäuregehaltes um 24 Prozent. Der Hautwiderstand war abgesunken und eine erhebliche Schweißabsonderung hatte durch die Angstzustände stattgefunden. Deutlich wird: Jede seelische Reaktion wie Angst, Wut und Depression äußert sich über den Körper.“1

Ein zweites eindrucksvolles Beispiel, das Erwartungsängste spiegelt, las ich bei Elisabeth Lukas, einer Schülerin von Viktor E. Frankl:

„Im großen Stil wurden derartige gefährliche Erwartungsphänomene unter anderem von dem israelischen Arzt Paul Schuger untersucht, der über ein Vorkommnis in Westjordanien zu berichten weiß, welches sogar die Weltgesundheitsorganisation in Genf beschäftigt hat. Begonnen hatte es damit, dass zwei Mädchen in einer Schule in Ohnmacht fielen. Irgendjemand gab daraufhin das unheilvolle Gerücht raus, das Trinkwasser sei vergiftet. Binnen weniger Tage mussten 946 Mädchen aus dieser Schule wegen Übelkeit und Leibschmerzen in Krankenhäuser eingeliefert werden, wo die Blut- und Urintests ergaben, dass sie kerngesund waren. Die Erwartung der Krankheit allein hatte genügt, die dazugehörigen Beschwerden zu erzeugen, obwohl das Trinkwasser tadellos war.“2

Beide Beispiele zeigen, wie irreführend die Begriffe „psychisch krank“ oder „somatisch krank“ sind. Leib und Seele sind untrennbar miteinander vereint. Wir dürfen sie uns nicht als abgrenzbare Bereiche vorstellen.

Viele Krankheiten sind „nur“ Symptome

Diese Überschrift ist für viele Ärzte eine Herausforderung. Sie behandeln nach ihrer Vorstellung nicht Symptome, sondern Krankheiten. Ihr Wissen ist so spezialisiert, dass sie die verschiedenen Krankheitssymptome glänzend klassifizieren können. Aber mit den unzähligen Krankheiten haben wir die Krankheit des Menschen aus den Augen verloren. Krankheitssymptome sind in der Regel nicht die Krankheit selbst.

Was sind Krankheitssymptome?

 Symptome sind Signale, die der Organismus aussendet;

 Symptome sind Kontrolllämpchen, die aufleuchten und anzeigen, dass etwas fehlt;

 Symptome sind Anzeichen für eine tief liegende Störung;

 Symptome sind Hinweise, unseren Lebensstil zu hinterfragen;

 Symptome sind Alarmzeichen, die die Persönlichkeit als Ganzes herausfordern;

 Symptome sind der sichtbare Ausdruck eines unsichtbaren Prozesses;

 Symptome können Denkzettel Gottes sein, unser Un-Heil zu bedenken;

 Symptome sollen darum nicht verhindert, sondern verstanden werden.

Der Mensch will sich nicht stören lassen. Darum beginnt er, das Symptom zu bekämpfen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Fieber. Es ist die Notwehrreaktion des Körpers gegen eine Infektion. Wie schnell lassen sich Fieberkranke dazu verleiten, mit starken Antibiotika solche wichtigen Symptome zu unterdrücken. Fieber ist ein Hinweis, dass der Organismus auf Hochtouren läuft, um einen feindlichen Angriff niederzuschlagen. Fieber ist eine gesunde Reaktion auf eine tief sitzende Störung.

Wenn uns Krankheitssymptome befallen, ist es hilfreich, einige konkrete Fragen zu stellen. Symptome sind Herausforderungen Gottes. Wenn nichts in unserem Leben ohne Gott geschieht, dann sind die folgenden Fragen Denkanstöße, die Aufforderung des 139. Psalms ernst zu nehmen: „Durchforsche mich, Gott, sieh mir ins Herz, prüfe meine Wünsche und Gedanken! Und wenn ich in Gefahr bin, mich von dir zu entfernen, dann bring mich zurück auf den Weg zu dir“ (Psalm 139, 23.24).

Fragen zum Nachdenken

Frage 1: Was geschah beim Auftauchen des Symptoms?

 Was geschah zu der Zeit in Ihnen? Gab es Probleme, belastende Ereignisse?

 Hatten Sie Ärger im Beruf oder in der Familie?

 Gab es äußere Ereignisse, die Sie beunruhigten und unter Druck setzten?

 Mit welchen Schwierigkeiten waren Sie beschäftigt?

 Können Sie sich vorstellen, dass diese Begebenheiten mit den Symptomen in Verbindung stehen können?

Frage 2: Versuchen Sie, die Sprache des Symptoms zu entziffern!

Viele Krankheiten und Funktionsstörungen bringen etwas zur Sprache. Und das ist wörtlich zu verstehen. Unsere Sprache verbalisiert psychosomatische Reaktionen. Sie formuliert psychische Schwierigkeiten und verbindet sie mit körperlichen Begleitsymptomen.

 „Was ist Ihnen auf den Magen geschlagen?“

 „Was hat Sie in Wallung gebracht beim Bluthochdruck?“

 „Welche Kröten haben Sie schlucken müssen?“

 „Wovon haben Sie die Nase voll?“

Der Körper drückt oft aus, was der Mensch sich nicht eingestehen und nicht aussprechen will.

Frage 3: Wozu zwingt uns das Symptom?

Symptome können unsere Unvernunft bremsen. Sie korrigieren Einseitigkeiten und bringen tief verwurzelten Kummer zur Sprache. Sie zwingen uns, kürzer zu treten.

Hier einige Beispiele, an denen das deutlich wird:

 Der Über-Ehrgeizige wird durch Kreislaufstörungen und Herzattacken zur Ruhe gezwungen.

 Der Gehetzte muss durch Rheumatismus langsamer treten.

 Der Alleinverantwortliche, der unter Migräne leidet und sich den Kopf zerbricht, muss abgeben.

 Der Mensch mit einem Halswirbel-Syndrom muss zu viel Verantwortung, die er sich aufgebürdet hat, abwerfen.

Ich denke an eine depressive Frau. Ihre Depression spiegelt eine große Bitterkeit und Wut wider, die sie jahrelang wortlos geschluckt hat.

Ihr Vater, der einen einsam gelegenen kleinen Bauernhof bearbeitet, hat sie immer wieder sexuell missbraucht und sie unter Todesandrohung zum Schweigen verurteilt. Die Depression als Symptom ist der stumme Schrei eines hilflosen und verzweifelten Menschen.

Das Depressions-Symptom zeigt außerdem, wie problematisch Tabletten sind, wenn die Seele in der Tiefe keine Heilung erfährt. Antidepressiva sind in diesem Falle Symptom-Make-up. Sie verdecken das eigentliche Leid und verschlimmern auf Dauer die Depressionen.

Frage 4: Was wollen wir mit den Symptomen vermeiden?

Krankheitssymptome können sich einstellen, um unsere unbewussten und unverstandenen Ziele zu realisieren. Sie treten unter Umständen wunschgemäß auf. Es ist, als hätten wir sie herbeigerufen. Folgende Aussprüche sind uns sicher nicht unbekannt:

 „Die Grippe kam wie gerufen!“

 „Die Infektion meldete sich wie bestellt!“

 „Der Unfall nahm mir die Entscheidung ab.“

Ich habe lange Zeit eine Ratsuchende betreut, die mit einer hysterischen Blindheit in die Beratung kam. In einem der Gespräche ließ sie unbeabsichtigt den Satz fallen: „Ich war blind vor Wut!“

Ihr Mann ging ständig fremd. Gemeinsam hatten sie einen Betrieb, der von beiden aufrecht erhalten werden musste. Die Frau kniff immer ihre Augen zu, wenn ihr über die ehebrecherischen Aktivitäten ihres Mannes berichtet wurde. Sie konnte das lieblose Treiben ihres Gatten nicht mehr mitansehen. Mit Leib und Seele wehrte sie sich und „flüchtete“ in eine hysterische Blindheit. Im Fachjargon heißt das „Konversions-Neurose“, d. h., ein schweres psychisches Problem drückt sich körperlich aus, es konvertiert, es schlägt um ins Organische.

Leib und Seele sind eine Einheit. Denken, Fühlen, Planen, Fantasien, Vorstellungen, Ängste und Befürchtungen spielen sich nicht nur im Kopf ab. Sie haben eine gleitende Beziehung zu allen Gliedern. Kein Teil des gesamten Organismus bleibt ausgespart.

Wenn der Arzt missbraucht wird

Viele Christen „missbrauchen“ den Arzt. Sie kommen mit falschen Erwartungen zu ihm. Woher kommt das? Für ihr christliches Leben gibt es nur eine Priorität: das Geistliche. In ihren Augen sind Seelisches und erst recht Körperliches Nebensache. Sie sind tragischerweise mit dem Geistlichen verknüpft, haben aber nichts miteinander zu tun.

Griechisches und heidnisches Denken, das dem christlichen Glauben diametral entgegenläuft, hat auch die Vorstellungen vieler Christen geprägt und wird auch von ihnen gelebt.

Der Seelsorger hat es mit Glaubensfragen zu tun und ist kein Psychotherapeut, dem man seelische Probleme anvertrauen kann.

Der Arzt ist für alle körperlichen Belange zuständig. Spannungen, Gereiztheit, Nervosität, Konzentrationsmangel können mit chemischen Stoffen gemildert und beseitigt werden. So stellen sich viele Christen die verschiedenen Lebensbereiche vor. Mit einem Medikament möchten sie den „Fall“ abtun. Mit Pillen möchten sie die Frage nach der Tiefe ihres Un-heil-Seins betäuben. Aber lebenswichtige Fragen lassen sich nicht mit Tabletten beantworten. Ärger darf nicht mit Medikamenten ausgelöscht werden. Sie dämpfen, blockieren und unterdrücken existenzielle Fragen.

 Was drücken wir mit Ärger aus?

 Was richten wir mit Ärger bei unseren Mitmenschen an?

 Was wollen wir mit Ärger bezwecken?

 Wovor fliehen wir?

 Was schlucken wir?

 Was ist geistlich ungeklärt?

Anfechtungen – wie zum Beispiel Neid, Rechthaberei, Empfindlichkeit, Streitsucht usw. – werden nicht als geistliche Probleme wahrgenommen. Der Arzt soll die Spannungen mit Tabletten dämpfen. Aber Anfechtungen sind geistliche Symptome, die mit geistlichen Mitteln bearbeitet werden müssen.

Anfechtungen können zu Schlaflosigkeit führen. Sie können panische Ängste und Bluthochdruck verursachen. Da wir Christus ganz gehören, wollen wir uns ihm auch ganz zur Verfügung stellen, damit er unseren Glauben und unser Denken durchleuchten kann.

Konflikte können nicht mit chemischen Substanzen gemildert oder aufgelöst werden. Konflikte spiegeln, wie das Wort sagt, Zusammenstöße im Inneren und im Zwischenmenschlichen wider. Konflikte, die auch Kopf, Kreislauf, Herz, Magen und Darm in Mitleidenschaft ziehen können, müssen ganzheitlich bearbeitet werden. Tabletten, die Herz und Kreislauf beruhigen sollen, sind Symptomkosmetik. Konflikte fordern heraus, sich selbst in Frage zu stellen und den eigenen Lebens- und Glaubensstil zu überprüfen. Konflikte beinhalten Lebens- und Glaubensfragen. Darum können gezielt einige Fragen lauten:

 Will ich mit Konflikten meinen Herrschaftsanspruch in Ehe und Familie demonstrieren?

 Will ich mit Konflikten mein Gegenüber gefügig machen?

 Will ich mit Konflikten meinem Nächsten die Schuld zuschieben?

Schmerzen werden viel zu schnell mit Tabletten zum Schweigen gebracht. Dabei sind Schmerzen lebenswichtige Signale, die uns zeigen, dass mit unserer ganzen Persönlichkeit etwas nicht stimmt. Schmerzen sind kein lokales Problem im Menschen. Sie verraten, dass die Gesamtlebenseinstellung überprüft werden muss. Wie wichtig das ist, lesen wir bei Paulus: „Wisst ihr nicht, dass euer Körper der Tempel des Heiligen Geistes ist? Gott hat euch seinen Geist gegeben, der jetzt in euch wohnt. Darum gehört ihr nicht mehr euch selbst. Gott hat euch als sein Eigentum erworben. Macht ihm also Ehre durch die Art, wie ihr mit eurem Körper umgeht“ (1. Korinther 6, 19.20).

Wie wir mit unserem Leib umgehen, ist keine nebensächliche Frage. Es ist eben nicht unser Privatvergnügen, wie wir uns ernähren oder ob wir durch Sport den Körper gesund erhalten. Ob wir unseren Körper pflegen, schonen und auf ihn achten, ist eine Frage der Ehre Gottes. Der Körper ist kein notwendiges Übel, das wir gedankenlos ausbeuten dürfen. Der Heilige Geist wohnt in einem Tempel und wir haben als Christen kein Recht, ihm eine ungepflegte Notunterkunft zur Verfügung zu stellen.

III. Krankheiten haben und krank sein

Das ist kein Spiel mit Worten, sondern ein existenzieller Unterschied. Viele Menschen formulieren:

 „Die Frau hat eine Krankheit.“

 „Der Mann hat einen kranken Magen.“

 „Das Kind hat eine kranke Lunge.“

 „Der Arbeitskollege hat ein krankes Auge.“

 „Der Nachbar hat ein krankes Herz.“

Wir gehen davon aus, dass eine Krankheit irgendein Organ befällt und damit genau lokalisiert werden kann. Der gesamte übrige Mensch ist gesund, nur eine „faule“ Stelle gibt es – wie beim Apfel. Dieses Denken entspricht jedoch nicht dem Bild vom ganzen Menschen.

Die Bedeutung des Krankseins

Viele Menschen, auch Christen, betrachten vergiftete Nahrungsmittel, Luft- und Wasserverschmutzung, übergroße Lärmbelästigung, Verkehrs- und vor allem Arbeitsstress als Krankheitsursachen. Diese Faktoren sind nicht unwichtig, aber wo bleibt unsere persönliche Verantwortung? Wir suchen die Ursache im Körper, der unerklärlich und geheimnisvoll mit Krankheitssymptomen reagiert.

Wir sprechen von

… Stoffwechselstörungen,

… Hirnanomalien,

… Übersäuerung des Magens,

… Bluthochdruck,

… Nervenentzündungen,

… Verstopfung.

Hinzu kommt, dass die Krankheiten nur unter dem Gesichtspunkt des Funktionierens beurteilt werden.

 Das Herz funktioniert nicht mehr richtig,

 die Leber funktioniert schlecht,

 der Darm funktioniert träge,

 die Schilddrüse funktioniert überstark.

Auch in den Kliniken wird häufig dieser Anschauung Vorschub geleistet. Auf Station 3 liegen die „Magenkranken“, auf Station 1 die „Herzkranken“, in Zimmer 400 die „Lungenkranken“ und am Ende des Flurs die „Hautkranken“. Und wie gehen wir mit diesen Symptomen um? Wir gehen zum Arzt und lassen die Anzeichen der Krankheit behandeln:

 Wir schlucken Tabletten.

 Wir streben eine Kur an und lassen unseren Körper therapieren.

 Wir stellen die Nahrung um und essen fettärmer.

 Wir treiben Sport und gehen schwimmen.

Ist das schlecht und abwegig? Nein. Aber es sind einseitige Behandlungswege. Die Krankheit soll behoben, das alte Lebenskonzept aber beibehalten werden. Sport und Schwimmen sollen den Körper wieder fit machen, damit beispielsweise der nie endende Ehrgeiz wieder neu befriedigt werden kann.

Christen neigen oft dazu, so zu tun, als hätten Krankheiten nichts mit unseren Lebensgrundüberzeugungen zu tun. Viele sehen die Krankheit auch als Strafe Gottes an. Jesus hat diese „Logik“ nicht bestätigt. Selbst seine Jünger waren verunsichert und spiegelten das Denken der damaligen Zeit wider. „Herr: Hat er (der Blindgeborene) oder haben seine Eltern gesündigt, dass er blind geboren wurde?“ (Johannes 9, 2). Was Jesus darauf antwortet, korrigiert die alttestamentliche Auffassung, dass Krankheit und Not Folgen einer persönlichen oder kollektiven Schuld seien. Jesus stellt klar: „Weder er noch seine Eltern, es sollten an ihm offenbar werden die Werke Gottes“ (Johannes 9, 3).

Gott straft nicht, sondern er handelt am Menschen. Ein nicht funktionierender Organismus reagiert gesund und richtig und macht auf das Kranksein des Menschen aufmerksam. Viele Symptome bedeuten, dass im Menschen etwas nicht stimmt, dass er von verkehrten Wegen umkehren muss. Krankheiten und Nöte spiegeln das Unheil des Menschen. Kranksein ist eine existenzielle Frage.

Kranksein offenbart unser ganzheitliches Heilungsbedürfnis. Darum fragt die therapeutische Seelsorge:

 „Was will dir dein Leiden aufzeigen?“

 „Welche Deutung gibst du deinen Störungen?“

 „Weißt du, was dir fehlt?“

Der Theologe und Psychotherapeut Jörg Müller formuliert: „Jede Störung im sozialen, seelischen, körperlichen Bereich muss als normale, sinnvolle Reaktion beachtet werden: als normale Reaktion auf eine abnorme, theologisch gesprochen, sündhafte Aktion. Nehmen wir als Beispiel den Kopfschmerz. Er ist weit verbreitet und trägt wesentlich zum enorm hohen Schmerzmittelkonsum bei. Welche Bedeutungen kann er haben? Er ist Symptom eines dickköpfigen Charakters, der mit dem Kopf durch die Wand will. Er ist der Ausdruck eines übertriebenen Ehrgeizes, dem irgendein Ziel zu Kopf gestiegen ist.“1

Therapeutische Seelsorge will die Ursache des Krankseins angehen. Das Kranksein beinhaltet

… ein verzerrtes Gottes- und Glaubensbild,

… Misstrauen Gott gegenüber,

… verzweifelte Verdammungsangst,

… eine tief sitzende Selbstwertstörung,

… eine ungeistliche Leistungsfrömmigkeit,

… einen Hang zur Verantwortungslosigkeit,

… die Angst, dem Leben nicht gewachsen zu sein,

… eine unverbindliche Lebenshaltung.

Haben wir den Mut, unsere Krankheiten zu hinterfragen? Oder dämpfen wir mit Schmerzmitteln und anderen Medikamenten die Symptome, die etwas zur Sprache bringen wollen, die etwas bedeuten? Noch einmal Jörg Müller: „Die eigentliche Wunde bleibt stets die gestörte oder fehlende Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer. Sie ist die Ursache des privaten wie kollektiven Unheils in der Welt. Um diesen Zusammenhang deutlich zu machen, ist Jesus auf die Erde gekommen., Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel!‘ (Matthäus 5, 48). Gemeint ist: Seid ungeteilt! Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen! Ihr könnt euch nicht mit faulen Kompromissen einen behaglichen Glaubensbungalow schaffen, frei von sozialer Verantwortung bei regelmäßigem Kirchgang. Wer Gott lieben will, zugleich aber dem Nachbarn dauernd eins auswischen möchte; wer eine kalkulierte Mittelmäßigkeit im Glauben lebt, erkrankt. Seine Krankheit ist lediglich spürbarer Ausdruck einer verborgenen defekten Gottesbeziehung.“2

Ist Krankheit ein Segen?

Der hebräische Ausdruck, der in unseren Bibelübersetzungen des Alten Testamentes mit „Krankheit“ wiedergegeben wird, umfasst ein breites Spektrum. Was wird hier alles mit Krankheit umschrieben?

 Krankheit beinhaltet körperliche Schwäche.

 Krankheit meint fehlende Lebenskraft.

 Krankheit wird als Müdigkeit und Erschöpfung interpretiert.

 Krankheit umfasst jedes körperliche und seelische Leiden.

 Krankheit bedeutet auch Hoffnungslosigkeit und Resignation.

 Krankheit schließt auch Kränkungen und seelische Verwundungen ein.

Die ganze Palette menschlicher Nöte, Schwächen und Leiden kommt hier zur Sprache. Müssen wir sie denn stumm erdulden?

Wenn wir der Botschaft des Neuen Testamentes folgen, gehören sowohl Krankenheilung als auch Verkündigung zum Kern des christlichen Auftrags. Nun halten nicht wenige den Gedanken, dass Krankheit Segen beinhalte, für einen zentralen biblischen Gesichtspunkt.

Das andere Extrem vertreten einige charismatische Gruppierungen, die glauben, Gott wolle jeden Menschen von Krankheiten heilen. Krankheit kann zum Segen werden. Das wissen viele erst im Nachhinein. Aber das ist nicht grundsätzlich so.

Der Theologieprofessor Adolf Köberle kommentiert: „Krankheit, die bei einem Menschen bleibt, muss nicht in jedem Fall Ausdruck von Kleinglauben und Unglauben sein. Es kann dahinter sehr wohl auch eine göttliche Bestimmung, eine göttliche Erziehungsmaßnahme, ja sogar eine göttliche Auszeichnung stehen. Dem natürlichen Empfinden des Menschen wird es immer schwer fallen, eine solche Würde zu bejahen und anzunehmen. Zweifellos aber gibt es Beispiele genug, wie gerade die Art und Weise, mit der das Kreuz und Leid getragen wurde, zu einem besonderen Segenszeugnis für die ganze Umgebung geworden ist.“3

Aber auch das andere gilt: Krankheit ist vom Bösen. Die Menschheit leidet bis heute an einer ursprünglichen sündhaften Situation, an der „Erbsünde“, wie die meisten Theologen formulieren, aus der sich niemand aus eigener Kraft befreien kann. Wir leben in einer gefallenen Welt, zu der Krankheiten, Altwerden und Tod gehören. Aus unserer Schuld Gott gegenüber sind Schwäche, Ohnmacht und Krankheit entstanden.

Jesus ist in die Welt gekommen,

… um uns zu retten,

… um uns zu befreien,

… um uns von den Auswirkungen der Sünde zu entbinden,

… um Krankheiten als Folge der Sünde zu heilen.

Jesus ist in die Welt gekommen, um sich der kranken Menschen anzunehmen. Er hat den Kampf mit den zerstörerischen Kräften aufgenommen. Er will den Mächten der Finsternis die Opfer entreißen. Die Evangelien berichten übereinstimmend, dass die Kraft zu befreien und zu heilen auf die Jünger und damit auf seine Nachfolger übertragen wurde: „Jesus rief die zwölf Jünger zusammen und gab ihnen Kraft und Vollmacht, alle bösen Geister auszutreiben und Krankheiten zu heilen. Er sandte sie aus mit dem Auftrag:, Verkündet, dass Gott jetzt seine Herrschaft aufrichten und sein Werk vollenden will, und heilt die Kranken‘“ (Lukas 9,1+2).

Haben wir diesen Auftrag vergessen?

Fehlt uns der Glaube, die Botschaft Jesu in die Tat umzusetzen?

IV. Die leib-seelischen Zusammenhänge von Leiden, Krankheit und Tod

Es ist mittlerweile allgemein bekannt, dass seelische Probleme, Nervosität und Störungen des sogenannten sympathischen Nervensystems verschiedene Krankheiten und Leiden – ja selbst den Tod – zur Folge haben können.

Was beeinhaltet Psychosomatik?

Der Ausdruck „psychosomatisch“ wurde 1818 von einem Arzt beiläufig erwähnt. Heute umfasst der Begriff Folgendes:

Psychosomatik ist die körperlich-seelisch-soziale Wechselwirkung in der Entstehung von Krankheiten. Es geht dabei um Körperstörungen bzw. um Körperkrankheiten, die durch gegenwärtige oder frühere emotionale Konflikte psychisch (mit)bedingt sind. Zu unterscheiden sind psychosomatische Störungen, das heißt körperliche Beschwerdebilder ohne nachweisbaren körperlichen Befund, sogenannte funktionelle Störungen, und psychosomatische Krankheiten mit nachweisbaren organischen Veränderungen, wie sie Magengeschwüre kennzeichnen.

Seit den 80er-Jahren gibt es eine ausgesprochen spannende Forschung, die zum Beispiel mit neuen Methoden der Bildgebung

 der Positronen-Emissions-Tomographie (PET),

 der funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT),

 der Psychoimmunologie

die Prozesse der Verarbeitung im Zentralnervensystem sichtbar machen kann. Die strenge Unterscheidung in psychosomatische und somatische Erkrankungen ist heute weitgehend aufgegeben worden. Die Psychosomatik hat es mit dem ganzen Menschen und all seinen Funktionsgebilden zu tun. Beeinträchtigt können sein:

 der Verdauungstrakt

 der Atmungstrakt

 das Herz-Kreislauf-System

 das Urogenitalsystem

 das Hautsystem

 der Bewegungsapparat

 das Essverhalten.

Zu den neuesten Krankheitszahlen veröffentlicht die Forschung folgende Ergebnisse:

„Während lange Zeit die wahre Prävalenz (= die Gesamtzahl vorhandener Krankheiten zu einem bestimmten Zeitpunkt) nur geschätzt werden konnte, verfügen wir heute über verlässliche Daten. Danach besteht keine Frage: Somatoforme Störungen (= in den internationalen Wörterbüchern ICD und DSM IV, die alle psychischen Störungen definieren, beeinhalten somatoforme Störungen: Funktionsstörungen, die vegetativ ausgelöst sind ohne organische Grundlage) machen einen gewichtigen Anteil an der Morbidität (Krankheitsstand) der Bevölkerung aus. (…) 20 bis 40 Prozent der Besuche bei Allgemeinärzten haben somatoforme Beschwerden zum Anlass. Frauen überwiegen dabei deutlich.“1

Hauptsymptome, die von Patienten und Ärzten geschildert wurden, waren:


Allgemeine innere Unruhe Suchtverhalten Depressive Verstimmungen Ermüdung, Erschöpfung Ängste Konzentrations- und Leistungsstörungen Zwangsgedanken Schlafstörungen Zwangshandlungen

In einem modernen Lehrbuch wird das Krankheitsbild folgendermaßen charakterisiert:

„Vegetative Labilität/​Dystonie/​psychovegetatives Syndrom: In der ärztlichen Praxis häufig zu findendes, wissenschaftlich schwer definierbares Beschwerdebild. Zahlreiche funktionelle Störungen in Verbindung mit Ängstlichkeit, Verstimmung, Überempfindlichkeit und Nervosität.“3

Was besonders bei diesen Störungen auffällt:

 Die Ratsuchenden leiden unter einer erhöhten Selbstbeobachtung,

 die Ratsuchenden neigen zur Hypochondrie,

 die Ratsuchenden leiden unter krankheitsbezogenen Ängsten.

Modekrankheit: vegetative Dystonie

Als ich vor Kurzem in einer Ausgabe der Illustrierten „Stern“ blätterte, fiel mir eine Artikelserie auf: „Die großen Krankheiten unserer Zeit“. Diese Nummer behandelte die „vegetative Dystonie“. In einigen fett gesetzten Zeilen hieß es: „Von hundert Menschen, die heute mit Herzbeschwerden, Kopfschmerzen oder Angstgefühl zum Arzt gehen, haben mindestens fünfzig keine organischen Schäden, sondern leiden an, vegetativer Dystonie‘. Was ist das? Eine Modekrankheit oder ein eingebildetes Leiden oder ein Symptom unserer Unrast?“

Viele Fachleute behaupten in der Tat, dass bei 50 von 100 Personen, die heute wegen Herzbeschwerden, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, schlechtem Schlaf, Magen-Darmstörungen, Verstopfung, depressiver Verstimmung, Licht-, Lärm- und Wetterempfindlichkeit, Schwindel und Allergien den Arzt aufsuchen, keine speziellen organischen Schäden vorliegen, sondern psycho-vegetative Störungen im Spiel sind. Viele Ärzte sind der Meinung, die vegetative Dystonie sei eine leere und substanzlose Diagnose. Was ist mit ihr gemeint?

Die vegetative Dystonie ist eine Störung im Gleichgewicht unseres so genannten sympathischen Nervensystems, das aus dem Sympathicus und dem Parasympathicus besteht. Beide Nervensysteme sind nicht unserem Willen unterworfen. Was der Sympathicus beschleunigt, verlangsamt der Parasympathicus. Normalerweise arbeiten sie in einem ausbalancierenden Gleichgewicht, sodass die Lebensvorgänge wie Atmung, Kreislauf, Stoffwechsel und Drüsentätigkeit gesteuert sind.

Besonders enge Verbindungen bestehen zwischen dem vegetativen Nervensystem, den inneren Sekret-Drüsen (zum Beispiel der Hirnanhangdrüse, der Schilddrüse, der Nebenniere) und seelischen Vorgängen. Überall in den Wandungen der Hohlorgane (Magen, Darm, Blase, Gebärmutter, Herzkranzgefäße) und auch in der Haut sind empfindliche Antennen für feinste Reize vorhanden. Diese Antennen leiten alle Impulse, die sie aufnehmen, an die Zentrale des vegetativen Nervensystems, das Zwischenhirn, weiter. Wie in einem Computer werden die Impulse gespeichert, verarbeitet und in Form von Befehlen an die einzelnen Organe weitergegeben.

Allerdings, und das ist die Schwierigkeit, können wir dieses vegetative Nervensystem nicht willentlich steuern. Die Störungen können also von einem erkrankten Organ selbst kommen, sie können aber auch – und das steht wohl heute außer Frage – seelische Ursachen haben.

Krankheit als Schicksal?

Wenn wir das Wort Schicksal hören, denken wir an die geheimnisvollen Mächte, die aus den Bereichen Natur und Geschichte täglich auf unser Leben einwirken, und zwar von Geburt an.

Spielt dieses geheimnisvolle Schicksal mit uns Katz und Maus? Ist das Schicksal unabänderliches Gesetz, ist alles in uns programmiert? Ist es ein Neutrum, eine unpersönliche Größe? Hat das Schicksal ein Herz für uns?

Ist Gott unser Schicksal?

Zweifellos gibt es Schicksalsschläge, die uns ohne unser Zutun treffen. Es gibt Ereignisse und Krankheiten, Konflikte und Leiden, die uns ungewollt, ungefragt und unverschuldet überfallen.

Krankheiten und Leiden sind aber auch Fügungen Gottes. Heinrich Giesen, der ehemalige Direktor der Berliner Stadtmission, schrieb auf die Frage „Warum lässt Gott die Menschen krank werden?“: „Krankheit ist einer der Wege, auf dem Menschen klug werden können. Denn zu erfahren, dass es nicht nur mit anderen, sondern auch mit uns ein Ende haben muss, macht klug. (…) Gott ist Arzt solcher Krankheit. Er verlangt Fürsorge für Leib und Seele. Er erwartet, dass Menschen gesund sein sollen und wollen. Man kann nicht an Gott glauben und zugleich mit der Krankheit kokettieren oder auch Krankheit leugnen und Krankheit unbekämpft sein lassen. (…) Wir bekommen nicht nur ein Geschenk der Gesundheit, sondern auch in der Krankheit mit Gott zu tun.“4

Darüber hinaus gibt es genügend Leiden, Schmerzen, Krankheiten, für die wir entscheidend mitverantwortlich sind, die durch unsere Eifersucht, durch unser Konkurrenzstreben, durch Neid, Ehrgeiz, Ärger, Hass, falsch verstandene Toleranz etc. mit heraufbeschworen werden.

Krankheit als Lebenslüge?

Der Neurotiker benutzt eine Methode oder ein Verhaltensmuster, um sich im Leben auf seine Art durchsetzen zu können. Er braucht das perfekte Alibi, um vor sich und anderen bestehen zu können. Er möchte nicht als Verantwortungsloser, als Drückeberger und Feigling charakterisiert werden. Das Etikett „Krankheit“ kommt ihm wie gerufen. Hier findet er ein schützendes Dach und eine plausible Entschuldigung. Die Individualpsychologie hat diese Zusammenhänge seit ihren Anfängen aufzudecken versucht. Alfred Adler hat sie schon vor 80 Jahren aufgezeigt, als er schrieb:

„Es liegt bisher nicht der geringste Beweis vor, dass Heredität (Vererbung) oder ein Erlebnis oder ein Milieu zur Neurose oder gar zu einer bestimmten Neurose verpflichtet. Diese ätiologische Verpflichtung, die nie der persönlichen Tendenz und Mithilfe entbehrt, existiert vielmehr nur in der starr gewordenen Annahme des Patienten, der seine neurotische oder psychotische Konsequenz, damit den Zusammenhalt seiner Erkrankung, kausal zu sichern versucht, indem er irgendwelchen Ursachen die Folgen folgen lässt. (…) Unter anderem verlangt sein Lebensplan kategorisch, dass er durch fremde Schuld scheitere. Dass seine persönliche Verantwortung dabei aufgehoben sei.“5

Was wird zusammengefasst deutlich?

 Der Neurotiker benutzt seine Krankheit als Ausrede.

 Erbdispositionen verpflichten nicht zur Neurose.

 Erbdispositionen und Milieueinflüsse können aber sinnvoll in den Lebensplan oder Lebensstil des Menschen einfließen.

 Der Neurotiker glaubt fest daran, durch fremde Schuld gescheitert zu sein bzw. mit verschiedenen Lebensaufgaben nicht fertig zu werden.

 Er glaubt, die Krankheit, die ursächlich in diesem oder jenem begründet ist, hindere ihn daran, als tüchtiger und erfolgreicher Mensch zu leben.

 Die Krankheit, die ihn schicksalhaft heimgesucht hat, nötige ihm keine persönliche Verantwortung ab.

 Diese Lebenseinstellung kann ihn zum Stillstand, Rückzug, zur Isolierung, Menschenfeindlichkeit, Ausflüchten und zur Passivität verleiten.

 Der Neurotiker ist ein Sicherheitsfanatiker: Er sichert sich durch Rückzug ab, damit seine Eitelkeit, sein Hochmut und sein Ehrgeiz keine Niederlage erleiden müssen.

 Er kann eine Krankheit unbewusst steigern oder sogar produzieren, um einer befürchteten Niederlage oder einem Prestigeverlust aus dem Wege zu gehen.

 Die Neurose ist keine Dispositionserkrankung, sondern eine Positionserkrankung. Die Position des Neurotikers in seiner Umwelt ist gefährdet. Er glaubt, nicht genügend beachtet, geehrt und bestätigt zu werden. Sein Ehrgeiz trägt nicht genügend Früchte. Vielmehr sucht er einen Weg, den Anforderungen von Gesellschaft und Gemeinschaft glaubhaft und einleuchtend zu entgehen, um seine Position zu sichern.

Den Lebensstil solcher Menschen kennzeichnet die Lebenslüge. Dass dieser leider oft unterschlagene Gesichtspunkt so betont wird, soll uns nicht hindern, auch die Mangelerlebnisse im frühkindlichen Sozialisierungsprozess mit zu bedenken.

Neurosen – eine veraltete Terminologie?

Der Begriff Neurose wurde 1787 durch den schottischen Arzt William Cullen eingeführt. Er versuchte, eine Zweiteilung der Nervenkrankheiten zu begründen. Den Psychosen stellte er die Neurosen gegenüber. Es sind reaktive oder psychogen verstandene Störungen, die nur zum geringen Teil somatogen, das heißt körperlich bedingt sind. Die Störungen stehen mit dem gestörten Entwicklungs- und Lernprozess des Menschen in Verbindung. 1980 wurde das Neurosenkonzept in der 3. Auflage des DSM III (Diagnostisches und Statistisches Manual) fallen gelassen und durch den beschreibenden Begriff neurotische Störungen bzw. psychische Störungen ersetzt. Das heißt, das Krankheitskonzept und die Krankheitsbegründungen wurden beiseitegelassen. Das bedeutet aber nicht, dass die psychogenetischen und psychotherapeutischen Erkenntnisse heute beiseitegelassen werden.

Die meisten neurotischen Störungen haben etwas mit Angst zu tun, die in verschiedenen Stärkegraden und Eigenarten auftritt. Es gibt gesunde und pathologische Ängste.

Prof. Tölle, ehemaliger Direktor einer Klinik für Psychiatrie, formuliert:

„Genetische Bedingungen. Die psychische Ausstattung eines Menschen, seine emotionale Antriebsstruktur (Temperament) ist nach neuesten Erkenntnissen nicht einfach das Produkt der Lebensbedingungen in der Kindheit, sondern auch genetisch bedingt.

Bei neurotisch gestörten Patienten zeigten Zwillingsuntersuchungen, dass konkordantes Erkranken bei eineiigen Zwillingen 1,5 – 2-mal so oft zu beobachten ist wie bei zweieiigen Zwillingen. Diese Befunde sprechen eindeutig für einen genetischen Faktor (…). Die Entstehung neurotischer und verwandter Störungen lässt sich weder allein noch ausschließlich psychodynamisch erklären.“6

Krankheit und Tod als Folge fehlender menschlicher Zuwendung

Untersuchungen von René Spitz an Säuglingen in den ersten sechs Lebensmonaten haben überzeugend bewiesen, wie sehr die leib-seelische Entwicklung eines Menschen von der intensiven Mutterbeziehung abhängt. Spitz konnte zwei Gruppen von Säuglingen vergleichen, die unter genau den gleichen Hygiene- und Ernährungsbedingungen aufwuchsen.

Die eine Gruppe der Säuglinge wurde lediglich gefüttert und trockengelegt, ohne mütterlichen Kontakt. Die andere Gruppe von Kindern hatte Gelegenheit, mehrere Stunden am Tag von der Mutter betreut zu werden.

Bei der ersten Gruppe – es handelte sich um Waisenkinder – lag die Sterblichkeit im ersten Jahr bei fünfzig Prozent. Bei der zweiten Gruppe handelte es sich um Mütter, die im Gefängnis eine Strafe absitzen mussten und ihre Kinder ständig bei sich hatten. Die Kindersterblichkeit betrug hier lediglich etwa drei Prozent.

Was wird hier deutlich?

 Der mitmenschliche Kontakt ist wichtiger als die beste Hygiene und die gesündeste Ernährung.

 Die mütterliche, warmherzige Zuwendung, der zwischenmenschliche Austausch ist lebensnotwendig, und das ist buchstäblich zu verstehen.

 Die Mutter bzw. die gleich bleibende Betreuungsperson ist das Schicksal des Kindes.

Der Psychotherapeut Felix Schottländer hat ein Buch mit einem gleichlautenden Titel geschrieben. Auch neuere Forschungsergebnisse belegen, dass eine Beziehungsperson, die nicht ständig ausgetauscht werden kann, für das körperliche und seelische Wohlbefinden notwendig ist.

 Krankheiten drücken etwas aus.

 Krankheiten sprechen für sich.

 Krankheiten formulieren seelische Konflikte.

 Krankheiten formulieren seelisches und soziales Leiden.

Was setzt den Körper unter Druck?

Was beeinflusst die Organe derart, dass sie sich ins Krankhafte verändern? Was ruft psychosomatische, also leib-seelische Krankheiten hervor?

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich beantwortet dies so:

Beeinflusst werden die Organe durch …

… die Erlebnisverarbeitung;

… die Auseinandersetzung des Menschen mit der Umwelt;

… unsere spezifische Reaktion auf Herausforderungen;

… die individuelle Art, mit Angst, Eifersucht, Kummer, Erniedrigung, Misstrauen, Zweifel, Minderwertigkeitsgefühlen etc. fertig zu werden.

Krankheiten und Leiden sind in der Regel kein Zufall, kein blindes Schicksal, sondern die Reaktionsmöglichkeit des Menschen auf eine hilflose Lage.

Alexander Mitscherlich schreibt wörtlich: „In den letzten Jahren ist man ziemlich übereinstimmend davon ausgegangen, dass ca. 30 bis 50 Prozent der Kranken, welche ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, sogenannte, funktionelle Leiden‘ zeigen. Für das Zustandekommen dieser Krankheitsformen sind nicht materielle Dinge primär haftbar zu machen, sondern – der starke, aber treffende Ausdruck sei erlaubt – Erlebniskatastrophen. Damit ist gemeint, dass in Gefühlsbeziehungen der Menschen untereinander, Spannungen‘, ,Erregungen‘, ,Ängste‘ entstehen, welche keine symptomfreie Verarbeitung zulassen.“7

Das heißt also:

 30 bis 50 Prozent aller Krankheiten haben auch seelische Ursachen.

 Nicht im Organ selbst ist primär der Grund für die Krankheit zu suchen.

 Mangelnde seelische Widerstandskraft, Spannungen, Erregungen, Ängste und andere Affekte schlagen auf ein Organ.

 Ein schwaches und schlecht disponiertes Organ kann dieser Spannung entgegenkommen und sich angreifen und schädigen lassen.

Redewendungen zeigen Leiden auf

Im täglichen Leben gibt es, wie schon angedeutet, Redewendungen, die treffend psychosomatische Zusammenhänge charakterisieren. Der Volksmund weiß die Hintergründe bewusst oder unbewusst zu deuten.

Wir sagen:

 Mir ist die Kündigung auf den Magen geschlagen.

 Mir ist eine Laus über die Leber gelaufen.

 Der Tod des Ehemanns hat ihr das Herz gebrochen.

 Sie wurde gelb vor Neid.

 Er wurde rot vor Wut.

 Er war nass geschwitzt vor Angst.

 Sie litten unter einer tödlichen Langeweile.

 Eifersucht, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

 Die Scheidung ging ihm ziemlich an die Nieren.

 Er hat sich die Krätze an den Hals geärgert.

 Man sah, wie er innerlich kochte.

Die Organsprache

Jeder menschliche Körper spricht seine eigene Sprache – wenn wir erregt sind, wenn wir uns bedroht fühlen oder angegriffen werden, wenn wir schwere Frustrationen erleben.

Fachleute sprechen von Organsprache oder Organdialekt. Immer geht es darum, welches Organ am besten geeignet ist, den Konflikt zum Sprechen zu bringen.

 Der eine zittert in bestimmten Situationen.

 Dem anderen stehen die Haare zu Berge.

 Ein Dritter reagiert mit Herzklopfen.

 Manche Menschen kommen ins Schwitzen.

 Sie bekommen Lampenfieber.

 Diesem oder jenem verschlägt es den Appetit oder wird es übel.

 Andere erbrechen und

 der Nächste reagiert mit Gleichgewichtsstörungen und Ohnmacht.

Alfred Adler schildert ein anderes eindrückliches Beispiel: „Ein Kind (…), das sich fügsam benimmt, aber das nachts das Bett nässt, gibt dadurch deutlich seine Meinung kund, sich der angeordneten Kultur nicht fügen zu wollen. (…) Von jedem Blickwinkel aus können wir erkennen, dass die Enuresis (Bettnässen) wirklich ein schöpferischer Ausdruck ist, denn das Kind spricht anstatt mit seinem Mund mit seiner Blase.“8

Oder da ist die Frau in der Beratung, die Gespräche braucht, wie sie sagt. Sie lebt vom Austausch der Gedanken, Gefühle und Probleme. Sie lebt mit ihrem Mann in großer Spannung. Am meisten leidet sie darunter, dass sie nicht mit ihm reden kann, dass er nicht zuhört, dass er sich für ihre Probleme nicht interessiert, dass sie einsam und allein ist.

Ihre Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Sie haben ihre Bezugspersonen. Sie hat ihre Mutter, die aber schwach und kränklich ist und die sie mit ihren Problemen eigentlich nicht belasten darf. Die Frau sagt interessanterweise „eigentlich“. Und uneigentlich? Auf der Fahrt mit der Mutter im Auto passiert es ihr dann, dass sie plötzlich rasende Herzschmerzen bekommt. Sie muss am Straßenrand anhalten und lange Zeit ausspannen.

Jetzt ist es heraus. Mit dem Mund wollte sie der Mutter ihr Herz nicht ausschütten. Sie wollte sie schonen. Aber ihr Herz hat – buchstäblich – nicht geschwiegen. Ihr Herz hat gesprochen. Sie wurde anschließend gesund, als sie ihrer Mutter ihre vielfachen Herzbeschwerden, ihre Kümmernisse offenbaren konnte.

Herr X fährt auf der Autobahn und ärgert sich über einen gelben Porsche, der langsamer fahrende Fahrzeuge durch beständiges Lichthupen auf die rechte Seite zwingt. Er fährt ebenfalls relativ schnell und beobachtet das unverschämte Verhalten dieses Porschefahrers. Ein Mercedes lässt sich nicht abdrängen. Er fährt ruhig auf der linken Seite weiter, ohne zu beschleunigen, denn vor ihm auf der rechten Seite sind etliche LKWs, die er in Ruhe und ohne Hetze überholen will. Der Porschefahrer betätigt neben der Lichthupe ein grell klingendes Signal.

Plötzlich ist es passiert. Der Porschefahrer ist auf den Mercedesfahrer aufgefahren. Einige Fahrzeuge hängen ineinander. Herr X folgt mit seinem Wagen. Im Nu entsteht ein Verkehrsgewühl. Herr X springt aus seinem Wagen und will dem Verletzten helfen. Aber beim Anblick des Verletzten im Porsche und beim Anblick des Blutes wird ihm übel und er muss sich übergeben.

Was ist passiert? Der optische Eindruck hat bei dem Betroffenen einen heftigen Reiz auf das Zwischenhirn, die Zentrale des vegetativen Nervensystems und zugleich Empfangsstation für seelische Eindrücke, ausgelöst. Der Impuls erreicht den Magen mit dem Befehl „Übelkeit und Erbrechen“. Durch seelischen Einfluss wird also ein organisches Geschehen hervorgerufen.

Ich frage den Klienten, der mir diese Episode in einem anderen Zusammenhang erzählt, wie er sich gefühlt habe, als er ausstieg. Er sagt: „Mir stand es schon im Hals, als ich den Angeber in dem gelben Wagen erlebte. Und als es dann passierte, war ich einen Augenblick lang schadenfroh.“

Der Klient berichtet, dass der Porschefahrer ihm im Hals stand. Seine ablehnenden Gefühle bringt er nach dem Unfall sofort zum Ausdruck. Sein Kopf mag anders denken, seine Vernunft die schadenfrohe Gesinnung zurückdrängen wollen – aber das autonome Nervensystem ist längst von der gegensätzlichen Einstellung alarmiert worden und hat prompt reagiert. Er müsste eigentlich helfen, aber er sträubt sich. Die Körpersymptome, die sich einstellen, verraten seine Haltung. Die Seele ist in der Lage, die körperlichen Symptome in Gang zu setzen. Er kann nicht helfen, er muss sich übergeben.

Wenn die Erde wackelt – ein Fallbeispiel

Die Wahl des Symptoms hängt davon ab, was dem Menschen als wirksam erscheint. Nur die Symptome, die der Mensch als wirksam erkennt, produziert er weiter. Symptome, die ihren Zweck nicht erfüllen, gibt er schnell wieder auf. Der Mensch kann auf drei Gebieten Symptome produzieren, und zwar im Fühlen, im Denken und im Körper. Ich will versuchen, die Symptomwahl im Bereich des Gefühls an einem Beispiel zu demonstrieren.

Der Mensch entwickelt Angst, ich kann auch sagen, er produziert Angst, um einen Menschen an sich zu fesseln. Das kann der Lebenspartner sein, das kann – vom Kind her gesehen – die Mutter sein.

Frau M. kann nicht allein auf die Straße gehen. Seit zwei Jahren hat sie diese Symptomatik. Viele Menschen in ihrer Umgebung haben versucht, ihr diesen „Spleen“ auszureden. Frau M. redet nur noch sehr ungern über diese Problematik. Sie möchte nicht als krank angesehen werden. In der Bibelstunde haben ihr gute Bekannte geraten, vorher zu beten und sich dann vertrauend hinauszuwagen. Der Rat war nicht ungeistlich, traf aber keineswegs den Kern der Sache. Ihr Problem liegt woanders, und das müssen wir zuerst erkennen, um ihr effektiv helfen zu können.

Sie sagt: „Ich habe den Eindruck, der Boden wackelt. Die ganze Erde vibriert. Ich wage gar nicht mehr, offen darüber zu reden, weil man mich für verrückt halten könnte.“

Ich: „Sie haben das Gefühl, Sie können sich nicht aus dem Haus wagen. Sie verlieren das Gleichgewicht oder können sich nicht auf den Beinen halten.“

Sie: „Ich würde mich schon hinauswagen, wenn mich jemand fest unterhakt.“

Ich: „Wenn Sie einen starken Schutz hätten.“

Sie: „Und den habe ich eben nicht. Ich komme mir völlig schutzlos vor.“

Ich: „Sie kommen sich schutzlos vor, ohne Halt, oder wie verstehen Sie das selbst?“

Sie: „Sehen Sie, meine beiden Töchter sind verheiratet. Beide wohnen einige hundert Kilometer von hier entfernt. Wir sehen uns sehr selten. Hin und wieder fahre ich hin. Was habe ich noch?“

Ich: „Ihre beiden Kinder sind aus dem Haus. Sie vermissen sie sicher. Und Ihr Mann?“

Sie: „Ja, wenn wenigstens eine Tochter bei mir wohnte! Der Beruf frisst meinen Mann auf. Jeden Tag Überstunden, und an den Wochenenden hockt er hinter mitgebrachter Arbeit.“

Ich: „Mit anderen Worten, Sie fühlen sich im Stich gelassen, allein, ohne Halt.“

Sie: „Ich bin auch so machtlos. Mit keinem Mittel kann ich ihn zwingen, seinen Lieblingsplatz hinter dem Schreibtisch zu räumen. Er lebt und stirbt für die Firma.“

Was wird in diesem Gespräch deutlich?

Frau M. fühlt sich allein und im Stich gelassen. Die Kinder sind aus dem Haus. Sie kann sie nicht mehr betreuen, für sie sorgen. Sie fühlt sich überflüssig.

Ihre Ehe scheint problematisch. Der Ehemann sieht im Beruf offensichtlich seinen einzigen Lebenssinn. Über eheliche Gemeinsamkeiten spricht Frau M. nicht. Beide leben aneinander vorbei.

Frau M. möchte gern ihren Mann zwingen, seine beruflichen Ambitionen zu drosseln, um sich ihr mehr zuzuwenden. Sie schildert es freimütig. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis ihres Platzangst-Symptoms. Sie fühlt sich ohnmächtig und machtlos.

In ihrer Machtlosigkeit produziert sie ein Symptom, das sehr durchschlagend wirkt. Allein kann sie nicht mehr auf die Straße, weil tatsächlich in ihrer Vorstellung die Erde bebt und vibriert. Auf diese Weise zwingt sie ihren Mann, sie zu begleiten, mit ihr Einkäufe zu machen, Besuchsverpflichtungen zu erfüllen und mit ihr an Geselligkeiten teilzunehmen. Gemäß ihrem Lebensstil – ich brauche einen Menschen, der mir beisteht – hat sie im Bereich des Gefühls ein Symptom gewählt, das ihr persönlich erfolgversprechend zu sein scheint.

In der Beratung lag mir daran, auch den Ehemann zu gewinnen. Im Dreiergespräch sollte die eheliche Situation angesprochen und die Flucht in die Arbeit bewusst werden. Durch eine verbesserte Partnerbeziehung verringerten sich allmählich die Platzangst-Symptome, die die eigene Wertlosigkeit vertuschen sollten. Frau M. leidet an ihrer Wertlosigkeit. Sie will sie nicht eingestehen.

Alfred Adler erklärt die Zusammenhänge von Symptom und Wertlosigkeit so:

„Es ist keine Frage, dass der Betreffende leidet. Aber er zieht diese Leiden noch immer jenen größeren vor, um nicht bei der Lösung wertlos zu erscheinen. Er nimmt lieber alle nervösen Leiden in Kauf als die Enthüllung seiner Wertlosigkeit. Beide, der Nervöse und der Nichtnervöse, werden einer Feststellung ihrer Wertlosigkeit den größten Widerstand entgegensetzen, aber der Nervöse weit mehr. (…) Er wird darauf bestehen, ich möchte gesund werden, ich will von den Symptomen befreit sein. Deshalb geht er zum Arzt. Was er aber nicht weiß, ist, dass er etwas noch mehr fürchtet: als etwas Wertloses dazustehen; es könnte sich etwa das düstere Geheimnis entpuppen, dass er nichts wert sei. Wir sehen nun, was eigentlich Nervosität ist: ein Versuch, dem größeren Übel auszuweichen, ein Versuch, den Schein des Wertes um jeden Preis aufrechtzuerhalten.“9

Sich von Gott Kraft zu erbitten, um angstfrei nach draußen gehen zu können, zielt an der eigentlichen Problematik vorbei. In dem Augenblick, in dem dieser Frau die unbewusste Finalität (Zielgerichtetheit) ihrer Platzangst-Symptomatik bewusst wird, kann sie beispielsweise um die Kraft bitten, nicht mehr so sklavisch an ihrem Mann hängen zu müssen. Das Gebet ist konkreter und bezieht sich auf das Problem ihrer Abhängigkeit. Sie kann darum beten, vorwurfsfreier mit ihrem Mann darüber zu reden, dass sie ihn braucht und von ihm stark abhängig ist.

Dem Mann wird klar, dass er die Arbeit benutzt, um vor der Umklammerung zu fliehen. Als er seine Lebensstilbewegung erkennt und die Frau vorwurfsfreier über ihre Bedürfnisse mit ihm spricht, bessert sich zusehends die eheliche Beziehung, seine so genannte Arbeitswut mindert sich und damit ihre Platzangst-Symptomatik.

Darmowy fragment się skończył.

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Data wydania na Litres:
22 grudnia 2023
Objętość:
181 str. 3 ilustracji
ISBN:
9783865066589
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