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Reinhard Habeck
Ungelöste Rätsel
Wunderwerke, die es nicht geben dürfte

Inhalt
Cover
Titel
VORWEG GESAGT
SELTSAMES SAKKARA
Wenn Gräber reden könnten
Das Flugzeug der Pharaonen
Monströse Särge – wofür?
Ka und scheinheilige Leichensteine
Unikales aus Grab 3111
Eine „Wunderschale“ im Hightechdesign
Rund wie eine „fliegende Untertasse“
Mit den Sternen verbunden
FRANKREICHS PYRAMIDEN
„Spitzkuchen“ überall
Die Pyramide von Falicon
Die Ratapignata-Grotte
Tollkühne Spekulationen
Verzögerte Wertschätzung
Ausflug zum „geschützten Baujuwel“
Die unbeachtete „Zwillingsschwester“
Die Pyramidenreste von Autun
VERHEXTE VERFORMUNGEN
Wundersame Souvenirs
Hängendes Felsgebilde im Wienerwald
Archäologisch unerforscht
Im Land, wo die Steine wackeln
Der Sonderling
Jäger, Druide oder Diabolus?
Teuflische Tücke im Detail
MYSTERIÖSE STEINKUGELN
Rollende und runde Naturphänomene
Der Globus von Matelica
„Las Bolas“ in Costa Rica
Die Steinbälle von Zavidovići
Die Povlen-Kugeln
Versteinerte Mythen
Murmeln und Mysterien
GEHEIME GÄNGE
Das Erdstall-Phänomen
Hinab ins Schrazelloch
Wiener Geheimgänge
Irrgarten unter der Wehrkirche von Kleinzwettl
Ratlose Wissenschaft
Hausgeister und reale Zwerge?
Minimale Funde und strittige Datierungen
Steirische Hochtechnologie in der Steinzeit?
SURREALE SCHÄTZE
Die Wunderwelt des Dr. Cabrera
Rätsel um echte Ica-Steine
Koexistenz zwischen Saurier und Mensch?
Dino-Mensch-Spuren aus jüngerer Zeit
Mokele-Mbembe: der letzte lebende Saurier?
Die Kreaturen von Acámbaro
Pater Crespis Metallbibliothek
ANTIKE TECHNOLOGIEN
Alles schon da gewesen!
Die Entdeckung des „Ur-Computers“
Biologisches und genetisches Wissen
Die schwarzen Sutatausa-Steine
Versunkene Welten
KURIOSE KÖPFE
Dämonische Fratzen
Abnorme Langschädel
Der Rauchquarzkopf „E. T.“
Die Riesenköpfe der Olmeken
Multikulti vor Kolumbus
Schauderhafte Schrumpfköpfe
Der Urvater von „Perry Rhodan“
Dreiköpfigkeit und der Basler Baphomet
ABGESANG
MERCI!
ANHANG
Quellen und Literatur
Bildnachweis
Weitere Bücher
Impressum

Vorweg gesagt
Des Menschen Streben sollte mehr sein, als er greifen kann.
Robert Browning (1812 – 1889), englischer Dichter
Historiker und Archäologen sind bestrebt, die letzten Rätsel unserer Vergangenheit lückenlos aufzuklären. Das gelingt nicht immer wunschgemäß im Sinne der Lehrmeinung. Forscher stoßen bei ihren Entdeckungen gelegentlich auf merkwürdige „Störfaktoren“, die das vertraute Weltbild ordentlich ins Wanken bringen. Was hat ein Schwungrad im modernen technischen Design in einem altägyptischen Grab verloren? Warum haben präkolumbische Plastiken die Physiognomie fremder Überseevölker, die Amerikas Ureinwohner angeblich nie zu Gesicht bekamen? Wie erklären sich maschinelle Bearbeitungsspuren in unterirdischen Steinzeitlabyrinthen? Wer konstruierte den vorzeitlichen Urcomputer, der von griechischen Tauchern vom Grund des Mittelmeeres geborgen wurde?
Die Fachwelt kennt viele dieser archäologischen Anomalien und bezeichnet sie als „OOP Arts“. Die Abkürzung steht für „Out of Place Artifacts“, also Objekte, die „am falschen Platz“ gefunden worden sind. Gemeint sind damit auch abwegige Entdeckungen, die wegen ihrer Altersdatierung, der raffinierten Technik oder der fremdartigen Charakteristik ein bisher unbekanntes Kapitel der Menschheitsgeschichte offenbaren. Diese unliebsamen „Kuriositäten“ werden von der Mainstreamarchäologie oft vernachlässigt, landen nicht selten unerforscht in dunklen Kellerarchiven oder erhalten vorschnell das unrühmliche Etikett „mutmaßliche Fälschung“. Betrug und falsche Deutungen oder Fehler bei der Datierung können bei der Beurteilung rätselhafter Funde natürlich nie gänzlich ausgeschlossen werden. Dennoch ist das Pauschalurteil vieler Skeptiker, alles sei „Unsinn“, kein taugliches Mittel zur Aufklärung unserer Geschichte.
Was Zweifler übersehen: Die wissenschaftliche Evolution läuft nicht geradlinig, Theorien ändern sich und werden das aufgrund außergewöhnlicher Entdeckungen und neuer Erkenntnisse auch weiterhin tun. Trotz großartiger Leistungen der Wissenschaft und der Erweiterung unseres Wissenshorizonts stecken wir nämlich immer noch mitten in einem Lernprozess. Was heute als „unmöglich“ oder „utopisch“ gilt, kann von kommenden Generationen ganz anders verstanden und eines Tages sogar selbst zur Wissenschaft erhoben werden.

Statue des Amenhotep
Mysteriöse Relikte wie die „Maschine von Antikythera“ oder die „Himmelsscheibe von Nebra“ haben es eindrucksvoll bewiesen: Archäologische Unmöglichkeiten verstoßen nicht gegen die Gesetze etablierter Wissenschaften, sondern stehen lediglich im Gegensatz zu vielem, was wir bisher über unsere Vergangenheit herausgefunden haben. Waren unsere Vorfahren fortschrittlicher, als wir bisher angenommen haben? Ist die Menschheit älter als vermutet? Welche ursächliche Bedeutung hatten mysteriöse „Kultobjekte“, deren Verwendungszweck und Herkunft ungeklärt sind?
Das sind nur einige der brisanten Fragen, die mich im vorliegenden Band „Ungelöste Rätsel“ beschäftigen. Bei meinen Einblicken in Privatsammlungen, bei Recherchen in Museen und Besichtigungen von wundersamen Stätten stieß ich auf allerlei Seltsamkeiten, die mir keine Ruhe ließen. Die Fülle der archäologischen Wunderwerke, die noch voller Rätsel sind, ist gewaltig. Ich musste eine strenge Auslese treffen und habe für dieses Buch acht Themenbereiche gewählt. Zu jedem Kapitel passend werden rätselhafte Funde und unglaubliche Entdeckungen präsentiert – vom altägyptischen Segelflugzeugmodell bis zum Urvater des Weltraumhelden „Perry Rhodan“. Mir ist es bei meiner Spurensuche wichtig, dass ich weitestgehend aus erster Hand berichten kann. Das gilt auch für das vorliegende Buch. Die meisten vorgestellten Wunderwerke konnte ich selbst in Augenschein nehmen, zumindest aber mit Forschern, Entdeckern, Sammlern und Kollegen das Pro und Kontra dazu diskutieren. Fast alle der von mir vorgestellten ungelösten Rätsel können von neugierigen Leserinnen und Lesern selbst vor Ort besichtigt und überprüft werden. Die Konfrontation mit dem Geheimnisvollen kann Staunen und Skepsis hervorrufen: „So etwas kann es doch gar nicht geben!“ Doch, kann es! Die folgenden Seiten liefern dazu Belege in Wort und Bild. Ich wünsche eine spannende und vergnügliche Lektüre!

Reinhard Habeck
Wien, im September 2015
Schamanenfigur aus Ecuador

Die Stufenpyramide des Pharaos Djoser
SELTSAMES
SAKKARA
Antiker Segelflieger, das unheimliche Serapeum und ein altägyptisches Flugrad
Ich bin eine Idee, in Fleisch gehüllt, die aus dem Bauch des Himmels entsprang. Wie ein Falke fliege ich über das Bekannte hinaus in das Reich des Unbekannten.
Aus dem Totenbuch der alten Ägypter
Wenn Gräber reden könnten
Das Gräberfeld von Sakkara ist ein magischer Ort. Er führt zur Wiege unserer Zivilisation und liegt südlich der ägyptischen Pyramiden von Giseh am westlichen Nilufer. Das kilometerlange Areal war die Nekropole der einstigen Reichshauptstadt des vereinigten Ober- und Unterägyptens – Memphis. Alle Epochen der ägyptischen Geschichte sind hier vertreten, von den ältesten Zeiten bis zu den Griechen, Römern und Kopten.
Bedeutendste Hinterlassenschaft ist die legendäre Stufenpyramide des Königs Djoser aus der 3. Dynastie. Sechs gewaltige, bis zu zehn Meter hohe Stufen ragen verjüngend immer weiter empor zum Himmelszelt. Mit 60 Metern Höhe, um 2700 v. Chr. errichtet, ist sie der erste bekannte monumentale Steinbau der Menschheit, der für alle nachkommenden Pyramiden Pate stand. Ihre Konstruktion, angelegt in verschiedenen Bauperioden, wird von vielen Altertumsforschern als Sinnbild einer „Himmelstreppe“ interpretiert. Mit ihr, so die Glaubensvorstellung, konnte der verstorbene König zu den Göttern emporsteigen. Oder umgekehrt: Kulturheroen kamen von den Sternen herab zu den Menschen.
Die Djoser-Pyramide ist die einzige, deren Grundfläche rechteckig (109 x121 Meter), also nicht quadratisch ist. Umgeben ist die Pyramide von einer 1645 Meter langen und über zehn Meter hohen Kalksteinmauer mit Nischen und „Scheintoren“. Ihre Funktion ist genauso umstritten wie jene des 40 Meter breiten Grabens, der den Außenbereich des Geländes umgibt. In Nord-Süd-Ausrichtung hat er eine Länge von 750 Metern. Wie tief die heute weitestgehend verschüttete Kluft ursprünglich war, ist nicht geklärt. In fünf Metern Tiefe endeten die Untersuchungen der Archäologen.
Interessant wird es unterhalb der Pyramide: Der Zugang zum Gebäude liegt im Innenhof eines Tempels und führt über eine zentrale Treppe in die Tiefe. In der Mitte liegt die Kammer aus Granitplatten, direkt unter einem imposanten 28 Meter tiefen, 7,5 x 7,5 Meter weiten Schacht, der später zugeschüttet wurde. Im Pyramideninneren begegnen wir einem verwirrenden System aus Kammern, Gängen und Galerien, die sich bis zu 32 Meter tief unter dem Totentempel hinziehen. Es ist das ungewöhnlichste Labyrinth, das jemals unter einer Pyramide angelegt worden ist. Die Gründe für den Plan, Zweck und die Mühe wusste nur der Architekt, das Universalgenie Imhotep. Der legendäre Bauherr wurde von den Ägyptern als Halbgott verehrt. Die Griechen setzten ihn mit ihrem Heilgott Asklepios gleich. Das Grab des weisen Imhotep wird in der Nähe der Djoser-Pyramide vermutet, konnte aber bislang noch nicht aufgespürt werden.
Von der glänzenden Metropole Sakkara-Memphis, die neben Babylon die größte Stadt der Antike war, ist die Stufenpyramide eines der wenigen optisch fassbaren Überbleibsel. Das liegt daran, dass erst die Byzantiner, dann die Araber das „herrliche Memphis“ rücksichtslos als Steinbruch nutzten.
Die Stufenpyramide des Pharaos Djoser
Alles was an brauchbarem Baumaterial abtransportiert werden konnte, wurde in den Gebäuden von Alt-Kairo verarbeitet. Der Rest zerbröselte oder versank im Grundwasser. Archäologen haben dennoch Hoffnung, dass viele verborgene Schätze des Alten Reiches, darunter auch Imhoteps Mausoleum, versteckt unter dem Wüstenboden auf ihre Entdeckung warten. Die Vorfreude ist berechtigt, denn erst ein Bruchteil der ehemaligen Pharaonenresidenz ist bisher ausgegraben worden.
Das Flugzeug der Pharaonen
Was bisher im Umfeld der Djoser-Stufenpyramide entdeckt wurde, verwirrt die Fachwelt. Dazu zählt auch eine 1898 aufgefundene Grabbeigabe, die um 250 v. Chr. datiert wird. Sie ist heute als „Taube von Sakkara“ bekannt und wird im Ägyptischen Nationalmuseum in Kairo aufbewahrt: zuletzt im Obergeschoß, Raum 22, Inventarnummer 6347. Jahrzehntelang lag das Relikt unscheinbar inmitten unterschiedlicher Vogelfiguren, bis der ägyptische Arzt und Altertumsforscher Prof. Dr. Khalil Messiha (1924 – 1999) bei ihrem Anblick stutzig wurde. Gemeinsam mit seinem Bruder, einem Luftfahrtingenieur, kam Messiha zu dem Schluss, dass dieses seltsame Artefakt eher einem Segelflugzeug-Modell entspricht. Sein Hauptkörper misst 14 cm, die Flügelspannweite beträgt 18 cm, das Gewicht 39 Gramm. Es wurde aus dem Holz des Maulbeerfeigenbaumes geschnitzt und hat auf der rechten Kopfseite ein gemaltes Auge. Flugexperimente mit größeren maßstabsgetreuen Modellen bestätigen den Eindruck: Der pharaonische „Vogel“ besitzt die aerodynamische Form moderner Tragflächen und das senkrecht stehende Seitenruder entspricht dem Leitwerk heutiger Flugzeuge!
Es soll angeblich noch ein Dutzend weitere antike Gleiter geben, die im Museumsdepot aufbewahrt werden. Was im Untergeschoß auf mehr als 10 000 Quadratmetern Fläche gehortet wird (beziehungsweise zum Teil in andere Museen ausgelagert wurde), bekommen nur wenige Auserwählte zu Gesicht. 2010 berichtete die damalige Museumsleiterin Wafaa el-Saddik, dass man bei der Inspektion der Kellermagazine auf rund 2000 original versiegelte Holzsärge, unbekannte Mumien und Kunstobjekte gestoßen war, von denen bis dahin wegen fehlender Inventarlisten niemand etwas wusste. „Der Keller des Nationalmuseums gleicht einem Labyrinth“, gab sich die Generaldirektorin überrascht. „Jeden Tag entdecken wir neue Schätze.“
Altägyptisches Segelflugzeugmodell (l.) und die flugtüchtige Rekonstruktion (r.)
Luftbildaufnahme des Gräberfelds von Sakkara mit der Stufenpyramide von Pharao Djoser
Die Stufenpyramide in Sakkara
Statue des legendären Architekten Imhotep: Die Grabstätte des Genius blieb bislang unentdeckt.
Das Ägyptische Museum in Kairo beherbergt pharaonische Hightechschätze wie das „Segelflugzeug-Modell“ und das „Schwungrad“ aus Sakkara.
Im „Jungfraupark“ in Interlaken ist eine originalgetreue Replik des „Schwungrades“ ausgestellt.
Beispiele von Pyramiden als „Himmelskammern“ und „Wohnstätten der Götter“, ausgestellt im Pariser Louvre (o.) und im Archäologischen Museum von Florenz (u.)
Die Falicon-Pyramide nahe Nizza
Denkmalgeschützt, aber wenig geehrt: versteckte Pyramidenruine bei Nizza
Pyramide von Xianping, China
Lehmpyramiden in der Mongolei
Die römische Pyramide von Autun in Frankreich
Die Cestius-Pyramide in Rom
Monströse Särge – wofür?
Eines der größten Rätsel der Totenstadt Sakkara liegt unter dem Wüstenboden im sogenannten Serapeum. In der 340 Meter langen Katakombe gehen rechtwinkelig mehr als 30 Nischen ab. Sie enthalten 24 gigantische Steinsarkophage, die mit leichten Abweichungen vier Meter lang, zweieinhalb Meter breit und dreieinhalb Meter hoch sind!
Jede dieser Steintruhen wiegt 70 bis 80 Tonnen.
Sie wirken wie von Zyklopenhand erstellt.
Wie und wozu wurden die bis zu 70 kg schweren Granitkolosse unter großen Mühen vom 1000 Kilometer entfernten Assuan herangeschafft?
Die Särge wurden massiv aus einem einzigen schwarzen oder roten Granitblock herausgearbeitet, fein säuberlich geglättet und vom 1000 Kilometer entfernten Assuan irgendwie nach Sakkara geschafft. Anschließend mussten die Kolosse in die Tiefe hinabgelassen, durch die unterirdischen Gänge gezogen, in ihren Kammern verankert und teilweise eingemauert werden. Wie diese technische Meisterleistung der Schwertransporte in der Praxis funktioniert haben soll, konnte mir noch kein Ägyptologe verraten.
Als der Altertumsforscher Auguste Mariette (1821 – 1881) Mitte des 19. Jahrhunderts das Serapeum erkundete, hoffte er, mumifizierte heilige Apis-Stiere zu entdecken, von denen einst Herodot berichtet hatte. Die offizielle ägyptologische Lehrmeinung geht davon aus, dass das Gewölbe tatsächlich zur Bestattung heiliger Stiere angelegt wurde. Stierkulte im Alten Ägypten hat es gegeben, auch die Verehrung des Apis-Stieres ist belegt. Ob die ursächliche Bestimmung im Serapeum allein ihnen vorbehalten war, darf jedoch angezweifelt werden.
Was der Franzose Mariette vorfand, war etwas völlig Unerwartetes: Keiner der Riesensärge enthielt einen einbalsamierten Stier, sondern jeweils Tausende kleine, zersplitterte Knochen in einer stinkenden, teerartigen Masse. Der mysteriöse Inhalt widerspricht den bekannten Bestattungsriten der alten Ägypter. Was hier in monströsen Granittruhen mit 42 Zentimetern Dicke undurchdringlich hermetisch verschlossen wurde, war kein Kult für Unsterblichkeit, sondern das genaue Gegenteil davon! Warum wurden die Gerippe der Geschöpfe zu winzigen Knochensplittern zerkleinert und mit einer Bitumen-Masse vermischt? Sollte jede Möglichkeit einer Wiedergeburt verhindert werden? Bis heute fehlen Studien und DNA-Analysen, die zweifelsfrei belegen, von welchen Tierarten die zerstampften Gebeine stammen. So viel ist bekannt: Apis-Stiere waren es nicht. Fantasiebegabte Zeitgenossen könnten an genmanipulierte Überreste mythologischer Mischwesen wie Sphinx, Chimära oder Minotaurus denken. Ungeheuerlich! Oder?
Ka und scheinheilige Leichensteine
Manche Entdeckungen machen deshalb fassungslos, weil absolut gar nichts gefunden wurde. Sollten dreiste Grabräuber den Forschern zuvorgekommen sein, wäre die würdelose Situation erklärbar. Wie aber verhält es sich bei unversehrten Grabkammern und Pyramiden, wo die Mumie des Verstorbenen fehlt?
Viele Ägyptologen meinen, dass es „Kultpyramiden“ mit „Scheinkammern“ waren, die als „symbolische Wohnstätten des Königs“ dienten. Andere vermuten rituelle „Begräbnisstätten für Ka“. Über die Bedeutung von Ka sind sich die Fachexperten wiederum nicht einig. Die gängigste Interpretation erkennt in dem Ausdruck die „seelisch-geistige Kraft“ eines Menschen. Sie wird als Hieroglyphe mit der „Zaubergeste“ zweier erhobener Arme dargestellt. Dazu gibt es in der ägyptischen Mythologie die Verknüpfung zum Schöpfergott Chnum, der auf einer Töpferscheibe zu gebärende Kinder formt und ihre identischen Doppelgänger gleich mit. Stirbt ein Mensch, lebt dem Glauben nach das Ka-Double weiter. Eine vorausgedachte Idee der modernen Biotechnik, bei der im Kloning-Verfahren identische Lebewesen reproduziert werden? Dienten mögliche „Kultpyramiden“ wirklich als symbolische Ruhestätten für die Ka-Seele eines Verstorbenen? Die 105 Meter hohe „Knickpyramide“ von Daschur nahe bei Sakkara gilt als die älteste Pyramide, die nicht zu Bestattungszwecken genutzt wurde, sondern nach ägyptologischer These als Kenotaph (Leergrab) gedient haben soll. Für einen imaginären Doppelgänger ein erstaunlich gewaltiger Aufwand.

Eigenwillige Bauform aus der Zeit 2650 v. Chr.: die Knickpyramide von Daschur. Ägyptologen vermuten, dass sie nie als Grabstätte genutzt wurde.
Schacht des Südgrabes im Pyramidenkmomplex von Sakkara.
Die Auffindung eines „Scheingrabes“ kann tragisch enden. Das zeigt der Fall der 1952 geöffneten Sechemchet-Pyramide, die nur wenige Hundert Meter südwestlich vom Monumentalbau Pharao Djosers entfernt liegt. Am 31. Mai 1954 durchbrach der Ägyptologe Muhammad Zakaria Goneim eine drei Meter dicke Verschlussmauer und legte die Grabkammer frei. Die Sensation schien perfekt, denn der aufgefundene Sarkophag war noch unberührt und versiegelt. Als der hermetisch abgeschlossene Sarg im Beisein von Journalisten und Regierungsvertretern geöffnet wurde, waren alle Anwesenden perplex: Die Königsbahre enthielt weder Mumie noch Schätze, sondern nur „heiße Luft“. Goneim wurde in der Folge von den Medien und der Kollegenschaft mit Spott und Hohn überschüttet. Der Demütigung nicht genug, wurde ein antikes Gefäß vermisst und man beschuldigte den Pyramidenentdecker, die Antiquität unterschlagen zu haben. Völlig verzweifelt, stürzte sich Goneim 1959 von einer Nilbrücke in den Tod. Das doppelt Tragische: Einen Tag später fand man das vermeintlich gestohlene Exponat im Ägyptischen Museum in Kairo! Es war falsch katalogisiert worden …
Der Schöpfergott Chnum formt den Leib eines Kindes und seinen Klon gleich mit.
Unikales aus Grab 3111
Einer der sonderbarsten Gegenstände, die je ans Tageslicht befördert wurden, stammt ebenfalls aus Sakkara, genauer gesagt aus einer Grabanlage des „archaischen Friedhofs“. Auf dem Gelände, das sich etwa 1,5 Kilometer nördlich der Djoser-Pyramide erstreckt, liegen die höchsten Beamten der frühgeschichtlichen Zeit in sogenannten Mastabas begraben. Der Bautyp gilt als Vorläufer der Pyramiden und bestand aus einem fünf bis zehn Meter hohen, rechteckigen künstlichen Berg mit schrägen Seitenwänden. Im Inneren führt zumeist ein senkrechter Schacht mehrere Meter tief hinunter zur Sargkammer. Weitere Räume enthalten nischenartige „Scheintüren“, Opfergaben sowie Vorräte, die den Verstorbenen auch im Jenseits mit irdischen Gütern versorgen sollen. Nach der Bestattung wurde der Schacht mit Steinen verschlossen.
In einem dieser kastenförmigen Mastabas vermuteten Archäologen das Grab des Königs Hor Ândyib. Heute wird es allerdings seinem Sohn zugeordnet. Sein Mausoleum liegt am äußersten Nordzipfel von Sakkara, an der Grenze zum Dorf Abusir. Es ist das Mastaba-Grab Nr. 3111, welches der britische Ägyptologe Walter Bryan Emery (1903 – 1971) am Morgen des 19. Januar 1936 mit seinem Grabungstrupp öffnete. Als er den palastartigen Überbau von Sand und Lehmziegeln befreite, offenbarte sich ihm ein rechteckiges Mauerwerk, das 10,45 Meter lang und 6 Meter breit ist. In einer Tiefe von 2,55 Metern ist die Grube in sieben Räume unterteilt. Vier liegen nördlich, zwei südlich der Grabkammer. Keramikgefäße mit Inschriften nennen den Namen des Verstorbenen: Es ist die letzte Ruhestätte von Prinz Sabu, einem Administrator einer Provinzstadt, genannt „Stern aus der Familie des Horus“. Er lebte zu Zeiten der Pharaonen Hor Ândyib und Hor-Den (auch Udimu genannt) in der 1. Dynastie um 2900 v. Chr.
Die Grabkammer des Prinzen Sabu
Emery stellte ernüchtert fest, dass die Grabstätte in der Antike geplündert worden war. Wertvolle Votivgaben, vermutlich auch Kleider, Schmuck und Goldschätze, die bei hohen Würdenträgern üblicherweise beigelegt wurden, fehlten. Die Grabräuber waren nicht zimperlich: Der Kopf und der rechte Arm des Toten waren brutal vom Rumpf getrennt worden. Was von den Dieben als unwichtig zurückgelassen wurde, waren ein Holzsarg mit den sterblichen Überresten von Prinz Sabu, Knochen von Stieren, Kupferwerkzeuge, Behälter mit Feuersteinen, Pfeilspitzen, Töpferwaren, leere Elfenbeindosen, jede Menge Tonscherben und ein merkwürdig geformtes „schalenartiges Gefäß“.
Dass der Gegenstand in der Gruft zurückgelassen wurde, ist ein archäologischer Glücksfall. Sein Fundplatz liegt im Herzen der Grabkammer, genau dort, wo man eigentlich Prinz Sabus Totenschrein vermutet hätte. Als Walter Bryan Emery die Fragmente des Utensils erblickte und untersuchte, wurde ihm bewusst, dass er auf etwas Außergewöhnliches gestoßen war. Er setzte die einzelnen Bruchstücke fein säuberlich wieder zusammen und war über das Ergebnis verblüfft. Die Restaurierung offenbarte eine technisch anmutende „Rundschale“ aus Schieferstein: Sie misst 61 cm im Durchmesser, hat eine maximale Höhe von 10 cm und besteht aus drei symmetrisch nach innen gefalteten „Lappen“, die am „Telleraußenrand“ ringförmig miteinander verbunden sind. Der Grundriss mit den drei „Flügeln“ stimmt zufällig genau mit dem bekannten internationalen Warnzeichen für Radioaktivität überein. Winzige Schleifspuren am Relikt verraten, dass die Oberfläche mit feinkörnigem Steingummi spiegelglatt poliert wurde. Die Mitte des kreisrunden Gebildes besitzt eine zentrale Bohrung wie bei einem Rotationskörper. Dieser röhrenförmige Mittelpunkt hat einen Durchmesser von 10 cm und weist zwei parallele Rillen auf. Nur eine Verzierung oder waren sie als Drehverschluss gedacht, der zu einem Gegenstück gehörte?
„Steuerrad“ aus einem 5000 Jahre alten Grab?

1980 sah ich das ominöse Artefakt erstmals im Ägyptischen Museum im Original ausgestellt, allerdings ohne nähere Angaben über seine Herkunft und Bestimmung. Museumsbesucher, die in den Jahren danach das „Propellerrad“ besichtigen wollten, wurden enttäuscht. Es verschwand für einige Zeit aus den Augen der Öffentlichkeit. Inzwischen ist das Kuriosum wieder Teil der rund 150 000 ausgestellten Schaustücke und trägt die offizielle Katalognummer „JE71295“. Sofern nicht durch Umgestaltung oder Auslagerung in das neue Grand „Egyptian Museum“ in Giseh verändert, sollte das Unikum im Obergeschoß, Saal 43 („Frühzeit“), zu finden sein. Eine originalgetreue Replik ist in der Schweiz zu sehen: im Orient-Pavillon des „Jungfrauparks“ (ehemals Mystery-Park) in Interlaken. Walter B. Emery notierte in seinem Grabungsbericht: „Für das seltsame Design dieses Objekts konnte bislang keine zufriedenstellende Erklärung gefunden werden.“ Optisch erinnert der Fremdkörper an ein Lenkrad, eine Art Propeller oder an eine Schiffsschraube. Aber was hat so ein „Ding“ der Moderne in einem 5000 Jahre alten Grab zu suchen?
Eine „Wunderschale“ im Hightechdesign
Materialanalysen ergaben, dass die radialsymmetrische Konstruktion sorgfältig aus einem einzigen Schieferblock herausgeschnitzt wurde. Das Gestein ist mit Kupferwerkzeugen, Feuerstein, Meißel, Schaber und Handbohrer leicht zu bearbeiten. Der Nachteil: filigrane Elemente können bei unsachgemäßer Handhabe schnell brechen oder zersplittern. Unbestreitbar bleibt aber, dass uns der Hersteller mit der eigenwilligen „Schüssel“ ein beispielloses Meisterstück frühzeitlicher Steinbearbeitung hinterlassen hat. Kaum vorstellbar, dass ihm dies ohne vorherige Berechnung und geometrische Schablonenhilfe glückte. Warum aber in ausgeklügelter Propellerform?
1994 legte ich dem ehemaligen NASA-Projektleiter Josef F. Blumrich (1913 – 2002) Fotos des seltsamen Fundes vor und wollte seine kompetente Meinung dazu wissen. Ingenieur Blumrich, Mitkonstrukteur der Saturn-V-Mondrakete, antwortete mir brieflich: „Wie so oft sind alte Dinge doch sehr interessant anzusehen. Über dem von Ihnen gesandten Material habe ich wiederholt gesessen und auch die Anmerkung dazu gelesen. Auf den ersten Blick sieht die Schale wie etwas ‚Technisches‘ aus; aber ich habe keine Ähnlichkeit mit irgendeinem tatsächlichen technischen Detail finden können.“
Neugierig geworden, wollte der Raketenexperte von mir wissen: „Im Übrigen ist die Formgebung des Objekts von einer geradezu raffinierten Schönheit; war in dem Grab sonst nichts von irgendeiner Bedeutung?“ Das bleibt Spekulation. Niemand weiß, ob den Grabschändern und Plünderern Gegenstände in die Hände fielen, die vielleicht das Geheimnis der „Luftschraube“ hätten preisgeben können.
Das original „Schwungrad“, ausgestellt im Ägyptischen Museum in Kairo. Was war sein Zweck?
Die ägyptologische Fachwelt vermutet in dem geschnitzten Kunstobjekt einen „kultischen“ und „religiösen“ Hintergrund. Der „Sockel einer rituellen Öllampe“ wird genauso in Erwägung gezogen wie der Stabaufsatz einer „Kultkeule“ oder eines „Zepters“. Eine praktische Anwendung halten die meisten Gelehrten für unwahrscheinlich. Das zerbrechliche Material würde einer starken Belastung, etwa bei der Hypothese als funktionierende „Schiffsschraube“, nicht lange standhalten. Das gab auch Josef F. Blumrich zu bedenken: „Schiefer oder der im Grabungsbericht erwähnte Alabaster sind beide ziemlich weiche Gesteine, die wegen ihrer raschen Abnutzung bei ernsthafter Verwendung technisch kaum brauchbar wären.“ Der Raketenkonstrukteur schloss die Möglichkeit einer Nachbildung nicht aus, bedauerte jedoch, dass er dazu „leider keine Vergleichsmöglichkeit“ besitze. Dass das Steinobjekt „die Form eines ursprünglich metallischen Objektes kopierte“, vermutete auch der britische Ägyptologe Cyril Aldred (1914 – 1991).
Der falkenköpfige Gott Sokar, hier mit Pharao Thutmosis III. abgebildet, ist der Schutzpatron der Nekropole Sakkara.
Vor 5000 Jahren? Hergestellt in einer Gussform aus Kupfer? Die berechtigte Frage nach Zweck und Herkunft wäre damit noch brisanter. Dazu ein mythologischer Tipp: Der mächtige Schutzpatron der Nekropole Sakkara war der Totengott Sokar. Wie Horus wurde er als Himmelsfalke dargestellt, der Erscheinungsform des regierenden Königs. Überliefert ist, dass bei seinem jährlichen Fest ein nicht näher beschriebener „Kultstein“ auf einer geschmückten „Sonnenbarke“ gestanden haben soll. In einer feierlichen Prozession wurde das heilige Relikt „um die Mauern“ von Memphis gezogen. Sokar genoss außerdem besondere Verehrung als Schutzgott der Metallarbeiter und Handwerker.
Rund wie eine „fliegende Untertasse“
Sucht man nach technischen Vergleichsobjekten zum Wunderwerk aus Sakkara, fällt einem am ehesten noch die Ähnlichkeit mit einem „Schwungrad“ auf. Diese diskusförmigen Maschinenelemente aus Metall sind auf der rotierenden Kurbel einer Maschine oder einem Motor aufgesetzt. Sie speichern Bewegungsenergie und regulieren die Rotationsgeschwindigkeit der Geräte. „Schwungräder“ kommen in einem Spielzeugkreisel genauso zur Anwendung wie bei Moped, Auto oder Bahn. Sie sind auch Bestandteil der Raumfahrttechnik und dienen Satelliten bei der Stabilisierung. Das Grundprinzip zur Erhaltung des Drehimpulses wurde bereits vor rund 6000 Jahren mit den ersten Schwungscheiben zum Töpfern erkannt.
Ist Prinz Sabus „Wunderschale“ die Nachbildung eines Navigationsinstruments?
Dem US-Autor und Orientalist Zecharia Sitchin (1920 – 2010) ließ die archäologische Anomalie aus Sakkara keine Ruhe. Er suchte Rat beim Raumfahrtkonzern Lockhead und der Flugzeugbaufirma AiResearch, die neue, leistungsstarke „Schwung“- beziehungsweise „Flugräder“ für die Industrie entwickeln. „Auf meine Anfrage hin übersandte mir AiResearch Fotografien ihres Flugrades sowie eine Informationsmappe mit seinen kompletten technischen Daten, die mich in meiner Annahme bekräftigen, dass das antike Objekt tatsächlich eine Art Flugrad in einem hoch entwickelten Design war, das Energie in seinem dünnen Ringrahmen speicherte und in einem flüssigen Schmiermittel rotierte“, resümierte Sitchin.
Modernes Moped-Schwungrad als Vergleich.
Eine alternative Hypothese erklärt Prinz Sabus „Wunderschale“ als Modell eines Kreiselstabilisators, auch Gyroskop genannt. Sie werden als Navigationsinstrumente in der Luft- und Raumfahrt eingesetzt und dienen unter anderem im Flugzeugrumpf für die Steuerung des Autopiloten. Prominentester Einsatzort ist die internationale Raumstation ISS, wo das Gyroskop zur Lage- und Positionsbestimmung im Erdorbit dient.
Schematische Darstellung der „Sabu-Scheibe“
Schwungrad-Konstruktion der Flugzeugbaufirma AiResearch aus den 1970er-Jahren
Ein bekannter Raumfahrtexperte, den ich neben Josef F. Blumrich zum Sakkara-Fund befragte, ist Univ.-Prof. Dr. Ing. Harry O. Ruppe, der schon am Apollo-Programm im Team von Wernher von Braun mitwirkte und den Lehrstuhl für Raumfahrttechnik am Institut für Raumfahrttechnik in München innehatte. Ruppe ist zwar skeptisch und hält es für wahrscheinlich, „dass auch Vögel, Insekten, Fledermäuse und dergleichen für einige Funde Pate gestanden haben könnten“, räumt aber ein, dass dies für die Anfertigung von „Luftschrauben natürlich nicht gilt, obwohl einige Pflanzensamen propellerhafte Eigenschaften haben“.
Mit den Sternen verbunden
Unverstandener Kultgegenstand, altägyptischer „Science-Fiction-Steinteller“ oder das Duplikat eines „göttlichen“ Hightechgerätes? Das „Schwungrad“ beflügelt die Fantasie. Weshalb wurde das fortschrittlich wirkende Artefakt gezielt in den Mittelpunkt von Prinz Sabus Grabkammer gelegt? Gemäß der altägyptischen Religion bedeutete der Tod nur ein in die Ewigkeit versetztes Leben. Sollte das Wunderding als symbolische „Navigationshilfe“ für die Jenseitsreise ins Unbekannte dienen? Wenn es ursprünglich jemals ein Original aus Metall gegeben hat, wohin ist es verschwunden? Und wer könnte im Zeitalter der ersten Pharaonendynastie über die technischen Fähigkeiten verfügt haben, so eine neuartige Apparatur zu konstruieren? Welcher Genius hätte die Hochtechnologie zur praktischen Anwendung besessen? Soweit bekannt, damals kein Mensch. Wer dann?
Aus den Hinterlassenschaften des Pharaonenreiches lässt sich resümieren, dass die alten Ägypter in der Summierung ihres Wissens einen Sonderplatz unter den antiken Völkern beanspruchten. Wir ahnen, dass viele erstaunliche Kenntnisse verloren gegangen sind. Anderes ist über lange Zeit in Vergessenheit geraten und manches muss erst wiederentdeckt werden. Die alten Ägypter profitierten von dem alles überragenden Wissen ihrer Priesterschaft, das im Altertum zum Bereich der Geheimwissenschaften gehörte. Doch woher bezogen die Eingeweihten ihre profunden Kenntnisse? Ihre genialen Ideenlieferanten sollen die Götter gewesen sein.
Die ägyptische Mythologie erzählt von einem geheimnisvollen „harten, glänzenden Stein“ in pyramidenähnlicher Form, der „fliegen“ konnte und „Benben“ hieß. Man bezeichnete ihn auch als „Himmelskammer“ und „Wohnstätte der Götter“. Mit diesem „Gefährt“ sollen die allmächtigen „Urgötter“ erstmals an den Stätten des Uranfangs – Heliopolis, Hermopolis und Memphis – vom Himmel gestiegen sein.
Die Vorstellung ist mit dem Urbild der Obelisken und dem berühmten Phönix-Mythos verbunden, wonach der „Vogel des Lichts“ am Boden verbrennt und aus seiner Asche scheinbar unverwundet und wie neu belebt zum Himmel emporsteigt. Das sei ein Symbol der Wiedergeburt, sagen die Fachexperten. Wäre möglich. Wäre es aber ebenso gut möglich, dass die alten Überlieferungen ein mechanisch betriebenes Fluggerät beschreiben?
Auf den Innenwänden der ältesten Pyramiden sind Hieroglyphentexte erhalten, die darüber berichten, dass die überirdischen Götter Menschen zu einer Reise ins All mitgenommen hätten.
Rekonstruktion der Pyramide von Pepi I.
Ab 2023 in der NASA-Planung: Raumschiff Orion mit Besatzung unterwegs zu Mond und Mars. Ein moderner Benben-Stein?
König Pepi I. aus der 6. Dynastie (2295 bis 2250 v. Chr.) war einer von ihnen. Die Überreste seiner Pyramide befinden sich in der südlichen Region von Sakkara. Ursprünglich war sie 52,5 Meter hoch, heute ist davon nur mehr ein bescheidener Hügel übrig. Folgt man der Lehrmeinung, dann beziehen sich die in Pepis Grab hinterlassenen Texte auf irreale Jenseitsreisen. Wer mit heutigen Augen die Schilderungen über den Sternenaufstieg des Königs liest, kommt jedoch ins Grübeln. Da heißt es, dass sich König Pepi in bestimmte Kleidungen hüllen musste, „geschmückt wie Horus und Thot“, bevor er die himmlische Barke betreten durfte. Der Aufbruch zu den Sternen weckt Assoziationen an einen Raketenstart. Der Pyramidentext beschreibt ihn so:
„Der Himmel spricht, die Erde bebt, die Erde erzittert,
die beiden Gebiete der Götter rufen,
der Boden bricht auf,
wenn der König aufsteigt zum Himmel,
wenn er über das Gewölbe fährt.
Die Erde lacht, der Himmel lächelt,
wenn der König aufsteigt zum Himmel.
Der Himmel jubelt ihm zu, die Erde bebt für ihn.
Der donnernde Sturm treibt ihn, er donnert wie Seth.
Die Himmelswächter öffnen ihm die Türen.“
Ist damit lediglich die fiktive Vorstellung einer Seelenreise des Verstorbenen gemeint? Wieso beobachten dann die auf der Erde Zurückgebliebenen das unglaubliche Schauspiel mit großer Ehrfurcht und Faszination? Wörtlich heißt es dazu:
„Sie sehen den König wie einen Falken fliegen,
wie einen Gott, zu leben bei seinen Vätern,
zu essen mit seinen Müttern.
Der König ist ein Himmelstier,
dessen Bauch voller Magie ist von der Flammeninsel.“
Fantasten wie Erich von Däniken und andere Vertreter der Prä-Astronautik nehmen solche Mythen beim Wort. Weltraumfahrt im Altertum? Machen utopisch anmutende Urtexte deutlich, dass unsere Vorfahren Kontakte mit außerirdischen Intelligenzen gehabt haben? Eine kühne These lautet: Die Obelisken und Pyramiden waren Nachbilder des ursprünglichen Benben-Steines, mit dem einst die Götter vom Himmel gestiegen sind. Für die Ureinwohner in Memphis blieb das Starten und Landen des Himmelsfahrzeuges eine unverstandene Technik. Aber sie bauten in Stein nach, was sie mit eigenen Augen sahen. Ein Nachahmungskult entstand, ein sogenannter „Cargo-Kult“, indem Pyramiden errichtet und Pfeiler vor Tempeln aufgestellt wurden: zur Erinnerung an das Erscheinen der Götter und ihr Raumschiff, das die Altägypter Benben nannten. Ein pyramidenähnlicher „feuerglänzender, harter Gegenstand“, der „in den Himmel aufschießen“ konnte.
Zurück zu den Sternen – wann?
Pyramidentexte aus Sakkara
Statuette von König Pepi im New Yorker Brooklyn Museum York. Seine Himmelsreise wird in den Pyramidentexten lebendig beschrieben. Hat sie leibhaftig stattgefunden?
Orthodoxe Ägyptologie wird solche Geistesfunken brüskiert als Unsinn oder Fantasie verwerfen. Die Kernfrage bleibt jedoch ungeklärt und muss aufs Neue gestellt werden: Wer waren diese mythischen „Götter“ – erfundene Fantasiegeschöpfe oder doch Lehrmeister aus Fleisch und Blut? Kam das Wissen zum kulturellen Aufschwung des Pharaonenreiches einst von den Sternen? Sind „Schwungrad“, „Sakkara-Flugzeug“ und „Himmelstreppe“ verblasste Erinnerungen an eine Zukunft, die bereits gestern war?

FRANKREICHS
PYRAMIDEN
Das Falicon-Rätsel, die Ratapignata-Grotte und das Monument von Autun
Das Wort „unmöglich“ gibt es nur im Wörterbuch von Narren. Napoleon Bonaparte (1769 – 1821)
„Spitzkuchen“ überall
Pyramiden, diese großartigen Bauwunder der Geschichte, faszinieren seit Generationen Reisende und Wissenschaftler. Meist werden sie mit den bekannten Königsgräbern in Ägypten in Verbindung gebracht. Die mächtigsten Monumente stehen in Giseh bei Kairo, wo sie seit Anbeginn des alten Pharaonenreiches allen Stürmen der Zeit trotzen. Ihr Name leitet sich aus dem Griechischen „pyramis“ ab und bedeutet übersetzt „Spitzkuchen“. Die praktische Anwendung der Baumethoden, der mythologische Ursprung und der eigentliche Zweck der Wunderwerke sind nicht restlos geklärt.
Das gilt gleichermaßen für viele spitze und treppenförmig angelegte Steintürme, die wir rund um den Globus entdecken können: Besonders spitz mit auffälligem Neigungswinkel, wenn auch nicht ganz so hoch wie die ägyptischen Verwandten, sind die Pyramiden von Meroe im Sudan. Sie liegen rund 200 Kilometer östlich von Khartum und wurden um 300 v. Chr. als Grabstätten für Angehörige nubischer Königsdynastien errichtet. Pyramiden kennen wir aber ebenso aus Mexiko und Guatemala sowie aus der Volksrepublik China. Ob man auch mesopotamische Zikkurate („Himmelshügel“) und megalithische Tumuli („Hügelgräber“) im engeren Sinne zu den pyramidenartigen Bauten zählen möchte, ist Auslegungssache. Bautechnische Ähnlichkeiten sind jedenfalls vielerorts sichtbar. Lässt sich der Gleichklang immer plausibel mit Zufälligkeit abtun? Oder schöpften die Architekten der Vergangenheit aus einer kollektiven Urquelle?
Pyramiden von Giseh, Ägypten
Pyramiden von Meroe, Sudan
Eine große Anzahl kleinerer Pyramiden gibt es in Gegenden, wo man diesen Bautyp nicht unbedingt erwarten würde. In der Alpenrepublik Österreich? Sicher nicht. Und doch steht auf einer bewaldeten Bergkuppe im niederösterreichischen Waldviertel nahe Oberneustift eine rätselhafte Rundpyramide. Sie ist ohne Mörtel aus vielen Steinbrocken auf vier Ebenen zusammengesetzt und hat eine Höhe von nahezu sieben Metern. Ihr größter Durchmesser am Fundament beträgt 14 Meter. Mauerreste in der Umgebung lassen auf eine ursprünglich größere Anlage schließen. Alter und Verwendungszweck sind ungeklärt. Manche Historiker bezeichnen das Bauwerk als „Keltenpyramide“. Wahrscheinlicher ist seine Entstehung im Mittelalter oder in der Barockzeit.
Dagegen wurde die auf Sizilien entdeckte Stufenpyramide Pietraperzia nahe Enna tatsächlich in grauer Vorzeit errichtet. Ebenfalls gesichert aus prähistorischer Zeit stammt eine der ältesten pyramidenförmigen Strukturen auf Sardinien in der Nähe der Provinzhauptstadt Sassari. Sie nennt sich „Terrasse des Monte d’Accoddi“ und soll um 3000 v. Chr. entstanden sein. Pyramiden waren auch im Alten Griechenland nichts Ungewöhnliches. Reste davon können entlang der antiken Straße von Argos nach Epidauros auf der Halbinsel Peloponnes aufgespürt werden.
Pyramide von Kukulkan, Mexiko
Pyramide von Kukulkan, Mexiko
Pyramide Koh Ker, Kambodscha Unten: Pyramide von Oberneustift, Österreich
Das berühmteste Monument ist zugleich das ungewöhnlichste und älteste: die Pyramide von Hellenikon. Ihre Mauern aus Kalkstein ragen noch heute drei Meter hoch auf. Aus dem 55 Grad Neigungswinkel der noch vorhandenen Seitenflächen lässt sich ermitteln, dass das Baudenkmal grob acht Meter hoch gewesen sein muss.
Die Ruine erinnert verblüffend an einen anderen ungewöhnlichen Pyramidenbau, dem ebenfalls die spitze „Krone“ – das Pyramidion – inzwischen abhanden gekommen ist. Der Kultbau befindet sich wiederum in einer für steinerne „Spitzkuchen“ untypischen Landschaft, nämlich in Südfrankreich, nur wenige Kilometer nördlich der Hafenstadt Nizza.
Die Pyramide von Falicon
Pyramiden in Frankreich? Da fällt einem zuerst die Glaspyramide im Innenhof des Louvre in Paris ein. Sie ist fast 22 Meter hoch und wurde Mitte der 1980er-Jahre errichtet. Weltberühmtheit wurde das Kunstwerk mit dem Kinothriller „The Da Vinci Code – Sakrileg“ aus dem Jahre 2006. In der Verfilmung nach dem gleichnamigen Roman von Dan Brown markiert die Pyramide genau jene Stelle, wo sich laut Drehbuch tief unter der Erde die Gruft Maria Magdalenas verbirgt.

In der Hügellandschaft nahe der südfranzösischen Gemeinde Falicon versteckt sich ein Pyramidenrätsel.
Fantasy, gewiss. Wie aber verhält es sich mit jenem sonderbaren Pyramidenbau nahe Nizza, der von irgendjemand irgendwann bewusst über unterirdischen Hohlräumen errichtet wurde? Die Fachliteratur kennt das Denkmal unter der Bezeichnung „Pyramide von Falicon“. Ein recht großzügig gefasster Begriff … Wer das Dorf Falicon anpeilt, wird ernüchtert feststellen, dass man sich zwei Kilometer östlich vom tatsächlichen Standort entfernt befindet. Erstmals hatte ich als Jugendlicher bei Robert Charroux (1909 – 1978) über die französische Pyramide gelesen. In seinem Buch „Meister der Welt“ vermerkt der französische Schriftsteller: „100 Meter vom Gipfel entfernt erhebt sich die Pyramide. Sie ist aus Quadersteinen errichtet, die mit Zement verbunden sind. Die Qualität des Zements ist besser als jene des römischen. Die Kanten der Pyramide sind ungleich, da sie auf einem steilen Abhang liegt. Sie erhebt sich über einer großen Höhle, die sich gleich einem riesigen, abgrundtiefen Rachen mit einem Durchmesser von 2 bis 3 Metern öffnet.“
Der in den Stein aufgebrochene Eingang an der südostseitigen Front soll ursprünglich mit einem Eisentor versiegelt gewesen sein. Es heißt, dass bis 1921 ein hakenkreuzartiges Swastika-Symbol über dem Giebel sichtbar war, das zerstört oder geraubt wurde. Ältere Erzählungen wissen außerdem von einer „unlesbaren“ antiken Inschrift, die seit 1901 fehlt. Wer war der Baukünstler?
Die Ratapignata-Grotte
Die Lage der Pforte erlaubt einen besonderen Lichteffekt. An Sommertagen beleuchten Sonnenstrahlen zwischen zehn und zwölf Uhr eine mächtige Kalzitsäule, die das Gewölbe des unterirdischen Saales trägt. Sie zeigt mit etwas Fantasie das Porträt eines Mannes im Profil. Das Betreten der Höhle Ratapignata, wörtlich „Fledermaus-Grotte“, ist nicht ungefährlich. Die Pforte wurde vom Pyramidenerbauer so angelegt, dass ungebetene Besucher sofort mehrere Meter senkrecht hinunter in den Grottenschlund stürzen. Hier kommt man nur mit Strickleiter, Höhlen- und Bergsteigerausrüstung weiter.
Pforte in die Grotte Ratapignata
Das Innere gleicht einer Kathedrale aus Stalagmiten und Stalaktiten, die in bizarren Formationen vom Boden und der Decke wachsen. Sie dienen heute ausschließlich Schwärmen von Fledermäusen als Behausung. Das war nicht immer so. Eine Art Tabernakelstein, schachtartige Vertiefungen und sieben Stufen, die gezielt von Menschenhand aus dem Fels herausgehauen wurden, geben Zeugnis davon. Der tempelartige Raum ist 22 Meter lang und misst an der breitesten Stelle etwa 15 Meter. Durch schmale Öffnungen gelangt man zu kleineren Hohlräumen, die eine Etage tiefer liegen. Zahlreiche Felsspalten, teils verschüttet, teils zu eng für Erkundungen, nähren die Gerüchteküche, wonach es noch etliche bisher unerforschte Geheimgänge geben soll, die bis an die Riviera führen. Die lokale Bevölkerung weiß von einer Volkssage, wonach einst eine Katze in die Höhle geworfen wurde, die schließlich über die Kanalisation im Hafen von Nizza wieder ans Tageslicht kam. Ein Ammenmärchen? Indes vielleicht mit wahrem Kern?
Die Unterwelt der Pyramide von Falicon führt 17 Meter in die Tiefe.
Tollkühne Spekulationen

Domenico Rossetti: Pyramiden-Entdecker oder Bauherr im Auftrag der Freimaurer?
Über das Alter und den Zweck des Bauwerkes wurden viele kühne Thesen verbreitet. Fantasten glaubten, es handle sich um das Grab eines ägyptischen Pharaos, der in Südfrankreich im Exil lebte. Andere erklärten, römische Legionäre wären die Bauherren gewesen und hätten im Inneren der Grotte einen Tempel zur Einweihung und Anbetung des Sonnenheros Mithras errichtet. Im Mittelalter soll die Stätte Leprakranken und Eremiten als Zufluchtsort gedient haben. Erzählt wird, der heilig gesprochene Ordensgründer Étienne de Muret alias Stephan von Thiers (um 1044 – 1124) hätte in der Höhle als Einsiedler gelebt. Da im 12. Jahrhundert angeblich Tempelritter in Falicon gewohnt haben sollen, wurde auch darüber spekuliert, die Felsgrotte beherberge geheime Verstecke mit einem Schatz des Ordens. Bis heute hält sich das Gerücht, im Untergrund seien Einweihungsriten für Geheimbünde und esoterische Mysterienkulte zelebriert worden.
Nichts von alldem lässt sich stichhaltig belegen. Und doch ist die Bestimmung der Stätte bis heute ungeklärt. Als historisch gesichert gilt, dass der italienische Literat, Anwalt und Forscher Domenico Rossetti (1772 – 1816) – nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter Graf Domenico Rossetti de Scander – bei seinem Aufenthalt in Nizza die Stätte entdeckt und erforscht hat. Das war anno 1803. Die Begeisterung darüber hat der Gelehrte im Gedicht „La Grotta di Monte Calvo“ zu Papier gebracht und 1811 in Turin veröffentlicht. Darin enthalten ist eine Grafik, die Rossetti mit der Pyramide (damals noch unversehrt mit Spitze) zeigt. In dieser Zeit wurde der Fundort in regionalen Reiseführern aufgelistet. Historische Dokumente belegen, dass Einheimische damals interessierten Besuchern Leitern vermietet hätten, damit diese ins Innere der Grotte Ratapignata steigen konnten. Frühere schriftliche Aufzeichnungen sind nicht bekannt. Für die meisten Archäologen steht daher fest: Das Denkmal kann nicht viel älter sein und wurde vermutlich in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts errichtet. Anders die Höhle selbst: Sie ist uralt und könnte bereits Menschen der Vorzeit als Unterschlupf gedient haben.
Manche Forscher unterstellen, Rossetti sei selbst der Architekt der Pyramide gewesen. Der Italiener war Logenbruder der Freimaurer, studierte Hebräisch und Griechisch und könnte – so wird spekuliert – mit dem für den Männerbund bedeutsamen Pyramidensymbol den Höhleneingang markiert haben.
Verzögerte Wertschätzung
Über zwei Jahrhunderte lang interessierte sich kaum ein Archäologe oder Höhlenforscher für die Pyramide und ihr geheimnisvolles Innenleben. Erst im August 2007 folgte die staatliche Anerkennung als „Historisches Gebäude“, seither steht es unter nationalem Denkmalschutz. Die Patenschaft und weitere Untersuchungen haben Wissenschaftler des Instituts IPAAM (Institut de préhistoire et d’archéologie Alpes-Méditerranée) in Nizza übernommen. In einer umfassenden Studie präsentierten die Forscher alle verfügbaren Dokumente zur Falicon-Pyramide und der Ratapignata-Grotte. Dabei drangen die Denkmalschützer, soweit technisch möglich, in die tiefsten noch unerforschten Winkel vor, führten topografische Messungen durch und lieferten faszinierendes Bildmaterial. Und doch bleiben Fragen offen. Niemand vermag mit Gewissheit zu sagen, wohin die vielen schmalen Felsspalten führen, die das Höhlensystem an Gewölben und Seitenwänden wie ein Netzwerk durchziehen. Und der Pyramidenrest? Wurde er inzwischen herausgeputzt, renoviert und ist eine begehrte Touristenattraktion in der Region Provence – Alpes – Côte d’Azur? Nur ein Besuch vor Ort konnte meine Neugierde stillen.
Ein kleines „Schlupfloch“ führt eine Etage tiefer. Manche Bereiche sind noch unerforscht.
Ausflug zum „geschützten Baujuwel“
Bei meinen Mystery-Pyramiden-Exkursionen wie immer mit dabei: meine Lebensgefährtin Elvira. Wir steuern in Nizza das nächste Tourismusbüro an und machen uns über den besten Reiseweg kundig. Was wir ernten sind ein müdes Lächeln und ungläubiges Kopfschütteln: „Eine Pyramide? Hier in der Umgebung von Nizza? Noch nie gehört!“
Eine passende Straßenkarte von Nizza und Umgebung hilft weiter. Wir starten bei der Station Carnuschi im Norden von Nizza. Mit der öffentlichen Buslinie 25 geht es weiter Richtung Falicon. Wir machen einige Stationen vorher halt zwischen Aire Saint-Michel und La Bastide. Laut Plan kann es nicht mehr allzu weit zum ersehnten Zielort sein. Doch selbst hier, nicht unweit des markanten Bauwunders, scheinen Einheimische das „historische Denkmal“ nicht zu kennen. Seltsam, nirgendwo eine Information, die auf das geschützte Monument hinweisen würde. Erst nach mehrmaligem Nachfragen erinnert sich ein Anrainer daran, dass er vor Jahrzehnten im Gelände eine Ruine besichtigt habe, die die gesuchte Pyramide sein müsste. Er weist uns den Weg, der über schmale Gassen an Villen und Gartenhäuschen vorbeiführt. Es geht steil bergauf bis zum Eingang des Naturparks La Vallière. Wir Stadtmenschen kommen ins Schwitzen.
Vor uns jede Menge Trampelpfade, aber kein Wegweiser direkt zur Pyramide. Wir wandern allein. Nach einer knappen halben Stunde erblicken wir alte Mauerreste eines Steinhäuschens. Dahinter führt ein schmaler Trampelpfad hinaus ins freie Gelände. Wir marschieren über Privatbesitz (der öffentlich genutzt werden darf) weiter. Nach etwa zehn Minuten Spazierengehen durch wilde Naturlandschaft taucht vor uns ein großes Buschwerk auf und dahinter versteckt endlich die Silhouette der legendären Pyramide! Spätestens hier würde jeder Wandervogel einen Hinweis erwarten, der über das „geschützte Denkmal“ nähere Auskunft gibt. Nichts dergleichen. Das Bauwerk steht völlig isoliert am steilen Hang auf 430 Metern Seehöhe und ist nur mit Mühe zu finden. Selbst der Eingang in die Höhle präsentiert sich uns ungeschützt. Es gibt weder ein Sicherheitsgitter noch warnt ein Schild vor der Gefahr, dass es hier senkrecht in den Kraterschlund geht. Würden Elvira und ich einen Abstieg wagen, Hals- und Beinbruch wären uns garantiert. Langsam dämmert uns, dass die Behörden und Grundstücksbesitzer offenbar kein wirkliches Interesse daran haben, Touristen und Wanderer zum historischen Denkmal zu lotsen. Wer es dennoch bis zum begehrten Ziel geschafft hat, wird nicht enttäuscht. Schon der Panoramablick in die umliegenden Täler und Hügel, bis hin nach Nizza und der Mittelmeerküste, ist atemberaubend und entschädigt für jede Strapaze.
Denkmalgeschützt, aber wenig geehrt: versteckte Pyramidenruine bei Nizza
Blick von der Pyramidenplattform hinunter zum Grottenschlund
Und natürlich die Pyramide! Besser gesagt das, was von ihr übrig geblieben ist. Ihre Hauptkanten und Grundlinien mit Längen zwischen 5 und 6,50 Metern sind noch gut erhalten. Dennoch haben natürliche Erosion und Vandalismus Spuren hinterlassen. An den kleinen abgerundeten Steinplatten, die vielleicht ursprünglich mit einer geglätteten Kalkschicht überzogen waren, wird das im Detail sichtbar. Der obere Abschnitt fehlt. Ob mutwillig zerstört, von Souvenirjägern abgetragen oder als Baumaterial anderweitig verwendet, bleibt ungeklärt. Setzt man voraus, dass die Pyramide oben spitz zulief, muss sie einst neun Meter hoch gewesen sein.
Die unbeachtete „Zwillingsschwester“
Von der Markierung als Höhleneingang oder als Freimaurersymbol einmal abgesehen, haben Historiker noch eine andere nüchterne Erklärung für das Bauwerk parat: Die Falicon-Pyramide sei demnach einfach ein Werk, das an Napoleon Bonapartes Ägyptenfeldzug (1798 – 1801) erinnern soll. Sie wäre nichts weiter als eine Folge und Ausdrucksform der „Ägyptomanie“, die damals als gesamteuropäisches Phänomen populär war. Zeitlich würde das passen. Parks und Gärten des späten 18. Jahrhunderts und Friedhöfe des 19. Jahrhunderts sind übersät mit Denkmälern in Pyramidenform. Imposante Standbilder lassen sich unter anderem auf dem Marktplatz von Karlsruhe, im Barockgarten von Potsdam, im Schlossgarten Garzau oder im Branitzer Park bei Cottbus entdecken. Bleibt man in der Region Côte d’Azur, dann bietet sich ein Ausflug zum Schlosshügel von Nizza an. Hier liegen nebeneinander ein christlicher und ein jüdischer Friedhof (Cimetière du Château) mit sehenswerter Architektur im neoägyptischen Baustil.
Die Falicon-Pyramide hat eine „Zwillingsschwester“ in Marseille: die Pyramide „Roy d’Espagne“ (historisches Foto um 1900).
Was bei der „Ägyptomanie“-These dennoch irritiert: Die Verbindung zwischen Pyramidendenkmal und der Funktion als Höhleneingang. Das ist, wenn man die Bestimmung als Grabmal ausschließt, recht ungewöhnlich. Und ist es wirklich plausibel, dass ein napoleonisches Ehrenmal an einem wenig sichtbaren und schwer zugänglichen Ort errichtet wird? Wäre es nicht Sinn und Zweck eines solchen Gedenksteins, dass man ihn auch sieht und rühmt?
Eine bislang unbeachtete Spur führt 150 Kilometer westlich in die Hafenstadt Marseille. Hier steht versteckt in einer Parkanlage des 8. Stadtbezirks die Zwillingsschwester der Falicon-Pyramide! Sie trägt den Namen „Roy d’Espagne“ („König von Spanien“) und wurde um 1804 in der gleichen Bauweise und Größe wie die Falicon-Pyramide errichtet. Aus den spärlich vorhandenen Chroniken erfahren wir, dass damals ein gewisser Dominique Bastide Besitzer des inzwischen abgerissenen Schlosses Roy d’Espagne war. Er gilt als Architekt der Steinpyramide, die er als Mausoleum für seine Familie errichten ließ. Bastide? Der Name klingt mir im Zusammenhang mit der Falicon-Pyramide im Ohr. Der Ortsteil, wo das Bauwerk und die Ratapignata-Grotte liegen heißt La Bastide!
Die auffälligen Gemeinsamkeiten lassen auf eine vereinte Geschichte schließen. Wieso nahmen Historiker bislang keine Notiz davon? Auch die Frage, woher die Inspiration zum Bau der beiden Pyramiden kam, liegt im Dunkeln. Auswüchse der damals stark verbreiteten „Ägyptomanie“? Denkbar, aber keine zwingende Schlussfolgerung. Für beide Pyramiden charakteristisch ist der extrem schräge Neigungswinkel ihrer Seitenlängen.
Die Pyramidenreste von Autun
Neben den Zwillingsbauten von Falicon und Marseille existiert noch eine weitere außergewöhnliche Pyramide im Département Saône-et-Loire. Ihre Überreste liegen auf einem römischen „Urnenfeld“ nahe der Ortschaft Autun (das frühere Augustodunum) im Osten der Region Burgund. Der Monumentalbau mit steilem Neigungswinkel und elf Quadratmetern Bodenfläche hatte die Höhe von 33 Metern, heute sind es noch 25 Meter. Die Pyramide wurde nach ihrem Entdecker „Pyramide de Couhard“ getauft und ist nachweislich rund 2000 Jahre alt. 1960 wurde am Sockel des Monuments eine Tafel aus Blei gefunden. Sie misst 15,8 mal 5,8 cm und enthält „magische Inschriften“ in Latein und Griechisch. In ihrem Sinn wurden die „verhexten“ Texte bisher nicht verstanden. Der Fund aus der Frühzeit wird im Stadtmuseum Rolin in Autun aufbewahrt.
Wer sie wozu errichtet hat, weiß niemand. Der Bogen ihrer möglichen Funktion ist weit gespannt: Observatorium, Signalturm, Mausoleum, Scheingrab oder Siegesdenkmal lauten die gängigsten Hypothesen. Keine überzeugt wirklich. Im Ziegelmauerwerk wird ein künstlicher Schacht oder eine Aushöhlung vermutet, doch bisher fehlt der Beweis für Hohlräume. Alte Kupferstiche bezeugen, dass die Pyramide bis zum 16. Jahrhundert mit weißen Marmorplatten verkleidet war.
Welche Bedeutung hatte die Autun-Pyramide in römischer Zeit?
Das Verblüffende: Wir finden die gleiche pyramidenförmige Bauart beim 36 Meter hohen Denkmal des Volkstribuns Gaius Cestius Epulo an der Piazza Ostiense in Rom. Es besteht ebenso aus Ziegeln, die mit weißen Marmorplatten verkleidet sind. Ein schmaler, niedriger Gang führt hinein zu einer 4 mal 6 Meter großen Gruft. Als Papst Alexander VII. anno 1663 den Zugang zur Pyramide freilegen ließ, fand man nur ein leeres Grab. Selbst die sterblichen Überreste des hohen römischen Beamten sind verschwunden. Grabräuber im Mittelalter hatten die Kammer geplündert.
Das Monument ist die einzige noch erhaltene römische Pyramidengrabstätte aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert. In jener Zeit soll es in der Ewigen Stadt mindestens vier weitere Standbilder dieser Art gegeben haben. Marmorblöcke aus einer Pyramide, die nahe der heutigen Engelsburg stand, wurden im Bereich des Petersdoms verbaut. Recycling nennt das die Industrie. Anerkennender wäre die Erhaltung gewesen. Ab und zu erinnern romantische Nachbeter an vergangenen Ruhm. Sind die eigenartigen Pyramiden von Falicon und Marseille verkleinerte Kopien der römischen Cestius-Pyramide?

VERHEXTE
VERFORMUNGEN
Heilige Abdrücke, kuriose Kultsteine und der „Thron des Teufels“
Aus jener Zeit, die man „damals“ nennt, die man heute nur mehr aus Märchen kennt, liegt wie ein Bote im Wald ein Stein und so wird’s wohl auch noch in tausend Jahren sein. Roland Kernstock, Schriftsteller und Liedermacher aus dem Waldviertel
Wundersame Souvenirs
DIE FUSSABDRÜCKE VON JESUS UND MOHAMMED
Gibt es verborgene Kräfte, durch die Steine weich wie Butter werden können? Bei eigentümlichen Versteinerungen, die an Fuß-, Knie, Arm- oder Handspuren erinnern, könnte man zu dieser Auffassung gelangen. Solche Funde stehen meist in Verbindung mit Sagen über Hexen, Dämonen, Götter, Helden und Heilige. Die berühmtesten Beispiele sind die angeblichen Fußabdrücke von Jesus in den Kirchen „Quo vadis Domine“ und „San Sebastiano“ an der Via Appia Antica in Rom sowie in der Himmelfahrtskapelle auf der höchsten Stelle des Ölbergs in Jerusalem. Es soll jener Platz sein, wo Christus zum Himmel aufgefahren ist.
Fußabdrücke in der Kirche Santa Maria an der Via Appia Antica in Rom. Stammen sie wirklich von Jesus?
Dagegen gibt es in Srinagar im Himalaja-Staat Kaschmir ebenfalls Fußabdrücke, die Wundmale zeigen und einer Legende zufolge Jesus zugeschrieben werden. Einige Forscher schließen daraus, dass sich dort im Haus „Rozabal“ das Grab des Erlösers befindet. Ebenfalls deutliche Zeichen seiner Existenz soll der islamische Religionsstifter Mohammed im 7. Jahrhundert der Nachwelt hinterlassen haben. Eine Steinplatte mit dem angeblichen Fußabdruck des Propheten wird im Topkapi-Palast in Istanbul aufbewahrt. Und am Tempelberg in Jerusalem sieht man im Fels Fußspuren, die dem Glauben nach von Mohammed verewigt worden sind, als er der Überlieferung nach mit dem geflügelten Luftgefährt Al-Buraq zu einer Himmelsreise aufstieg. Auch Fingerabdrücke, die vom Erzengel Gabriel stammen sollen, sind im Stein zu erkennen.
UNBEACHTETES „CHRISTUS-RELIEF“
Ein einzigartiges Steinexponat stammt aus La Mana in Ecuador. Es ist erzhaltig, zieht Magnete an, misst 24 cm in der Länge, 18 cm in der Breite und ist 6 cm dick. Die Vorderseite zeigt unterschiedliche miteinander verschmolzene Gesteinsformen, die die Konturen eines bärtigen Gesichtes bilden. Manche Betrachter erinnert das Antlitz an das Aussehen jenes Mannes, das auf dem Turiner Grabtuch wiedergegeben ist. Für Gläubige ist es ja das Leichentuch, in dem Jesus von Nazareth nach der Kreuzigung begraben wurde. Die Rückseite des Steinfundes gibt ebenfalls Rätsel auf: Im Gestein ist eine linienförmige Einlegearbeit zu sehen, die in gewundener Schlangenform in die Spitze eines Dreiecks mündet. In den 1980er-Jahren wurde das Relikt gemeinsam mit rund 300 anderen grotesken Kunstobjekten unbekannten Ursprungs in einer verlassenen Goldmine entdeckt und befindet sich heute in Privatbesitz (siehe Farbabbildung S. 57).
Antlitz auf dem Turiner Grabtuch.
Darmowy fragment się skończył.