Czytaj książkę: «Paul ist tot»
Regine Schneider
Paul ist tot
Witwengeschichten
Saga
Denn wir sprechen von »dem Tod«, um die Dinge zu vereinfachen, aber es gibt fast ebenso viele von seiner Art, wie es Personen gibt.
Marcel Proust
Der Tod ist kein Punkt, der Tod ist ein Doppelpunkt
Doppelt so viele Paare werden in Deutschland vom Tod geschieden wie vom Scheidungsrichter. Im Jahr 2012 zählte das Statistische Bundesamt 179 147 Scheidungen und 349 352 neu Verwitwete. Insgesamt sind in Deutschland knapp sechs Millionen Menschen verwitwet.
Witwen, vor allem junge, kommen in unserer Gesellschaft öffentlich fast gar nicht vor. Es sei denn, sie sind prominent. Die Wahrnehmung endet nach der Beerdigung. Danach verschwinden sie in der Versenkung.
Witwen orten wir bewusst sowieso nur ab dem Alter 50 plus. Wenn es halt Zeit für den Opa ist, zu gehen. Bücher, in denen jüngere Witwen ihre akute Trauerphase schildern, von Verlust und Schmerz erzählen, gibt es. Es sind in der Regel Trostbücher für Frauen, die Gleiches durchgemacht haben. Aber das ist nur eine Phase nach dem Verlust des Partners. Danach geht das Leben weiter, ob man will oder nicht. Und es will gemeistert werden.
Wir haben leider ein verzerrtes Bild davon, wie man als Witwe zu sein hat und wie Witwen wirklich sind. Was nach der Bestattung geschieht, ist nicht von öffentlichem Interesse. Da der Tod immer noch ein Tabuthema ist, hat bisher keiner nach dem ganz normalen alltäglichen Witwen-Wahnsinn gefragt. Der ist nicht nur ziemlich traurig, sondern oft genug auch ziemlich schräg, konfus, herzergreifend, böse, makaber, kurios, skurril, empörend und auf jeden Fall zutiefst menschlich. Wie das Leben.
Deshalb mag die Abbildung der Normalität in diesem Buch für manchen verstörend wirken. Das liegt aber lediglich daran, dass die Witwen-Community gemieden wird. Witwen werden nach der Entsorgung seiner Überreste ziemlich allein gelassen. Und bitte nicht zu lange die anderen mit Trübsinn belästigen.
Die Witwen, die ich interviewt habe, übrigens überwiegend relativ junge Frauen, haben alle unterschiedlich getrauert und unterschiedlich lange getrauert. Wenn die ausschließliche Trauer nur vier Wochen statt zwei Jahre dauerte, sagte das nichts über die Tiefe des Schmerzes aus. Der Schmerz bleibt. Nur jede lernt früher oder später mit ihm zu leben. Den Verlust in ihr eigenes Leben zu integrieren.
Teresa Enke, die Frau des Nationaltorwarts Robert Enke, der sich wegen seiner Depressionen in der Nähe seines Hauses vor einen Zug geworfen hat, konnte nur immer wieder unter Tränen schreien: »Oh, mein Gott, das kann nicht wahr sein, nicht Robert.« Jeder erinnert sich an die berührenden Bilder seiner Trauerfeier. Kürzlich sagte sie in einem Interview mit der Gala: »Ich gehe inzwischen offen auf alle zu. Aber ich sehe dann schon das Entsetzen in den Augen der Menschen, wenn es um meine Geschichte geht. Es kann nicht jeder so damit umgehen wie ich. Ich habe schwarzen Humor, wie mein Mann ihn übrigens auch hatte. Damit erschrecke ich manchmal mehr die anderen als die mich mit ihren Fragen.«
Prinzessin Caroline von Monaco saß beim Friseur, als sie 1990 erfuhr, dass ihr Mann Stefano Casiraghi während der Rennbootweltmeisterschaften vor der Küste Monacos tödlich verunglückt war. Sieben Monate zeigte sie sich danach nicht in der Öffentlichkeit. Wie sie ihre Trauer bewältigt hatte, ist nicht bekannt. Als man sie wieder sah, hatte sie sich gefangen.
Auch die Moderatorin und Buchautorin Bärbel Schäfer erlebte, wie ihr damaliger Freund Kay Degenhard 1998 mit seinem Auto auf der Autobahn ins Schleudern geriet und unter einen Bagger raste. Er war sofort tot. Das Paar war frisch verliebt und gerade vier Monate zusammen. Schäfer, so die Illustrierte Bunte: »Ich wurde von einer Minute zur anderen vom Himmel in die Hölle gestoßen.« Und: »Das, was mein Leben ausgemacht hat, war weg. Ich fürchtete, es würde niemals wiederkommen.« Sie bekam, so heißt es, ihr Leben durch intensive Arbeit wieder in den Griff. Zwei Wochen nach dem Unfall stand sie wieder vor der Kamera. Manche mögen das für herzlos halten, aber es war ihre Bewältigungsstrategie.
Beatrice von Keyserlingk verlor ihren Lebensgefährten, den Focus-Redakteur Christian Liebig, bei einem Reportereinsatz im Irak. Sie sagte gegenüber Bunte: »Als der Anruf kam, arbeitete ich gerade in der Schweiz. Ich hatte schlagartig das Gefühl, als hätte ich einen Eimer Säure getrunken. Ich bin einfach an der Wand zusammengesunken. Drei Tage habe ich durchgeweint und mich danach sofort in Arbeit gestürzt.« Sie hat danach die Christian-Liebig-Stiftung gegründet, mit deren Hilfe sie seine Vision von einer Hilfe zur Selbsthilfe in Afrika verfolgt. »Mein Ventil zur Trauerbewältigung.«
Andere stürzen sich in Abenteuer, ziehen sich aus dem Verkehr, suchen One-Night-Stands, machen die verrücktesten Sachen. Sie nehmen per Medium oder Pendel Kontakt mit dem Verstorbenen auf, sie verabreden sich in der Nacht mit seiner Seele, sie gehen an sein Grab und beschimpfen ihn oder halten innere Zwiesprache, sie schmeißen alles raus, was an ihn erinnert. Oder sie verkaufen oder verschenken, was sie immer gestört hat, sie erlauben sich Abenteuer, die er nie gutgeheißen hat. Manche ziehen sich auch für eine Weile völlig zurück und wollen niemanden sehen außer ihren Hund oder ihr Pferd. Andere hüten sein Arbeitszimmer im Haus wie ein Museum. Alles ist in Ordnung.
Jede, die in diesem Buch ihre Geschichte erzählt, geht anders mit dem Tod des Ehemannes oder Lebensgefährten um. Manche erzählen sehr trocken, sodass es wie eine Realsatire wirkt. Andere sind sehr tapfer, weil sie die alleinige Verantwortung für sich und ihre Kinder haben. Ältere Witwen sind gefasst und richten sich ihr Leben nun ganz so ein, wie es ihnen gefällt. Andere holen nach, was sie mit Mann nie durchgezogen haben. Egal, ob sie eine Riesenparty feiern oder in Trauer versinken, sich neue Kleidung kaufen, sich die Haare lila färben lassen oder die Wohnungseinrichtung völlig verändern. Die Erinnerung, die sie nur mit diesem einen Mann geteilt haben, bleibt. Sein Tod ist ein Wendepunkt. Irgendwann wird weitergelebt, so oder so.
Und jedem muss zugestanden werden, dass alles sein darf. Und zwar authentisch, egal ob es Wut, Erleichterung, Traurigkeit, Erlösung oder Fröhlichkeit ist. Deshalb habe ich diese alltäglichen Geschichten gesammelt und aufgeschrieben. Würde der Tod selbstverständlich ins Leben integriert, würde er sicher seinen Schrecken verlieren. Alles hat seine Zeit. Das Entscheidende, ist, den Tod des Mannes als Teil des eigenen Lebens anzunehmen.
Um ihre Anonymität zu wahren, sind Namen der Witwen, persönliche Details und Orte verändert, ihre Geschichten nicht.
Paul ist tot
Mein Cowboy ist für immer gegangen
Paul ist tot! Er wollte zu Hause sterben. Nicht im Krankenhaus und auch nicht im Hospiz. In seinem eigenen Bett. In seiner blau-weiß gestreiften Seemannsbettwäsche mit den kleinen Ankern. Seine Lieblingsbettwäsche. Hatten wir von unserer letzten Kreuzfahrt mit der Queen Mary mitgebracht. Sein letzter Wunsch.
Der Bauchspeicheldrüsenkrebs – da war nichts mehr zu machen. Die Diagnose traf uns unerwartet. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Paul wurde nach zwei OPs und drei Chemos innerhalb von zwei Jahren, die ihn nicht mehr retten konnten, palliativ optimal eingestellt, hatte keine Schmerzen. Er wurde nur schwächer und schwächer, er war sehr gefasst, ist friedlich eingeschlafen. An einem sonnigen Morgen. Die ganze Nacht hatte ich an seinem Bett gesessen, seine trockenen Lippen mit einer Honigsalbe betupft, seine Hand gehalten. Als seine Atemzüge in Schnappatmung übergingen und gegen Morgen schließlich aussetzten, wusste ich, dass es endgültig vorbei war. Ich öffnete das Fenster, um seine Seele herauszulassen, und hörte die Vögel singen. Ich sagte noch: »Paul, es war schön mit dir. Meistens jedenfalls. Gute Reise!« Dann musste ich heulen und konnte erstmal nicht wieder aufhören. Ende! Ende einer schweren Zeit. Ende einer schönen Zeit. Ende einer ambivalenten Zeit. Unweigerlich vorbei.
Ich hätte zum Beispiel auch noch sagen können: »Du warst rechthaberisch und dominant.« Aber das verkniff ich mir. Über die Toten nichts Schlechtes. Deswegen wird wohl nirgends so viel gelogen wie an Gräbern.
Paul ging nicht plötzlich, und auch nicht unerwartet. Vor seinem Tod hatte er noch alles geregelt. Berliner Testament, seine guten Signum-Hemden hatte er seit 25 Jahren nie ausrangiert, die sollte sein Freund Otto bekommen. Seine Lederhose vermachte er seinem Bruder. Eine Uhr aus seiner Uhrensammlung seiner Schwester. Er wollte eingeäschert und anschließend auf der Ostsee seebestattet werden.
Paul hatte sich sogar seinen Sarg und seine Urne selbst ausgesucht. Wir hatten uns auch zwei Krematorien gemeinsam angeschaut. Eins gefiel ihm besonders. Es war nicht nur modern eingerichtet. In der Broschüre lasen wir: »Im Vordergrund bei der Gestaltung der Trauerfeier stehen die individuelle Persönlichkeit des Verstorbenen, wie er gelebt hat und seine letzten Wünsche. Beim feierlichen Abschied können Angehörige den Verstorbenen noch einmal vor ihrem inneren Auge auferstehen lassen.« Das gefiel ihm. Auch, dass wir uns vor der Einäscherung am offenen Sarg von ihm verabschieden konnten. Das wollte er unbedingt. Neben seiner Urne sollte das Foto, Paul in Lederkluft auf seiner Harley, aufgestellt werden. Wenn er so aussah, nannte ich ihn immer meinen Cowboy.
Beim Googeln nach schönen Zitaten für eine Anzeige sprang mich zuerst eine Werbung für Vivante-Naturschuhe an. Verärgert drückte ich sie weg. Schon landete ich auf Youtube bei Star Trek: »He’s dead, Jim. He’s dead, Jim. He’s dead!« Das trieb mir wieder die Tränen in die Augen. Dann fand ich polnische Sprichwörter: »Das Ende krönt das Werk.« Auch ungeeignet. Beim nächsten Klick sprang mir eine um neun Kilo erleichterte Bärbel Schäfer ins Bild, die Werbung für Weight Watchers machte. Langsam wurde ich sauer. Was für eine Zumutung. Das nächste Zitat, das ich fand, war ein Graffiti: »Sterben ist männlich«. Schließlich wurde ich fündig und wählte ein Zitat von Marcus Aurelius: »Der Tod lächelt uns alle an, das Einzige, was man machen kann, ist zurücklächeln!« Mir war nicht nach Lächeln. Aber es passte irgendwie dazu, wie Paul gegangen war. Es war annehmbar.
Später saßen wir dann alle in der kleinen Kapelle im Krematorium. Blumen, Kerzen, Räucherstäbchen. Dämmerlicht. Wandfarbe türkis mit Goldrand. Über uns dunkelblauer Sternenhimmel. Bevor der Sarg auf einer Schiene in den Ofen gefahren wurde, hatten wir Paul noch einmal angeschaut. Wachsbleich. Seine Gesichtszüge waren sehr verändert. Es berührte mich merkwürdig, sein Gesicht so entlebt zu sehen. Sein Körper wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Ich streichelte zum letzten Mal unter Tränen seine eiskalte Hand. Das gab mir Gewissheit: Er war nicht mehr unter uns. Das war nur seine Hülle.
Zum Abschied hatte Paul sich »He’s gone« von Grateful Dead gewünscht. Und von den Stones »Satisfaction«. Fand ich unpassend. Aber er wollte sich im Tod noch einmal ganz persönlich ausdrücken. Stimmungsvoll, authentisch und ergreifend, wie im Prospekt versprochen. Bei der Musik musste ich wieder weinen.
Seine Urne thronte dunkelblau und bauchig auf dem Altar. »Die sieht aus wie Paul«, flüsterte seine Schwester schniefend, »eine kleine dicke Kugel.« Das fand ich in diesem Moment gehässig, obwohl es stimmte. »Sei nicht so pietätlos«, zischte ich und dachte schuldbewusst: »Er war ein 1,68 Meter großes meist wonniges rundes Kerlchen.« Bei dem Bild musste ich grinsen. Doch dann übermannte mich wieder der Schmerz. »Nothin’s gonna bring him back«, sangen Grateful Dead.
Paul hatte gesagt: »Leute, haltet die Tränen zurück, wenn ich gehe. Organisiert die Seebestattung und denkt auf dem Schiff daran, das ist eure Party. Betrinkt euch, lasst euch die Schnittchen schmecken und denkt an mich. Das fände ich gut.« Wir hatten Prosecco dabei, den, den Paul am liebsten getrunken hatte.
Als wir auf dem Schiff waren, wollte meine Tochter bunte Luftballons in den Himmel steigen lassen. »Papa ist doch kein kleines Kind mehr«, protestierte ich. Ich erlaubte ihr einen mit einem Briefchen: »Hab Dich lieb, Papa.« Den ließ der Seewind in die Höhe trudeln. Die Tränen liefen, zig Tempotücher kamen zum Einsatz, als die See-Urne aus löslichem Salzkristall, in die seine Asche umgefüllt worden war, ins Wasser gelassen wurde. Außerhalb der Dreimeilenzone über rauem Grund, also da, wo nicht gefischt wird, wurde Paul nach Seemannsart dem Meer übergeben und der Kapitän in Marineuniform fand noch ein paar tröstliche Worte. Danach trank ich die letzte halbe Flasche Prosecco allein aus. Pauls Überreste waren per Paketdienst an die Reederei geschickt worden. Das sei wohl so üblich, wurde mir gesagt. Ich war nach der halben Flasche in der richtigen Stimmung, mir Paul als Paket im United Parcel Service vorzustellen. Makaber.
Es gibt kein Grab, das wir besuchen können. Ich bin jetzt Witwe und Paul lebt weiter in meiner Erinnerung. Manchmal kommen die guten Erinnerungen. Bisweilen auch die, die nicht so schön sind. Was geblieben ist, ist Ambivalenz. Trauer, Schmerz, aber auch Erleichterung und ein ganz neues Gefühl von Freiheit. Nicht sofort, aber doch bald. Vieles musste ich lernen. Allein einschlafen, allein wach werden, allein frühstücken, allein joggen, allein mit dem Hund gehen, Finanzen regeln und Nachlass ordnen. Vieles kann ich jetzt tun, was ich mit Rücksicht auf Paul nie getan habe: Laut fluchen, den Hund mit ins Ehebett nehmen, im Fernsehsessel mit Keksen herumkrümeln, das Badezimmer knallrot streichen, meine Fingernägel grün lackieren, »Bauer sucht Frau« gucken, endlich zum Dalai Lama fahren ... Natürlich gibt es auch viele Dinge, die ohne Paul keinen Spaß mehr machen. Wochenenden in unserem selbst renovierten Bauernhaus verbringen. Fahrradtouren durchs schöne flache Münsterland machen, wo wir beide herkommen und wo wir uns von unserer Kindheit erzählen. Im Regen spazieren gehen. Und so fühlt sich Witwe werden am Anfang an wie Disneyland. Eine ganz verrückte Welt. Auf und ab. Unwirklich, künstlich, blöd und komisch. Irre traurig und verzweifelt. Gewöhnungsbedürftig und fremd. Aber man verlässt diese Welt auch irgendwann wieder. Es geht weiter. Bloß ganz anders.
▸ Bestattungskultur im Wandel
Die Friedhofskultur ist im Wandel begriffen. Der Friedhof ist kein christlich umflorter Gottesacker mehr. Er ähnelt eher einem Park, einem Naturpark mit Toten, der nun der Pluralisierung der Gesellschaft Rechnung trägt. Es gibt einen Bereich für totgeborene Kinder, eine Rasenfläche für anonyme Beisetzungen, einen urwaldartigen Ruheforst mit Urnengräbern um Stieleichen, Rotbuchen und Waldkiefern. Es gibt das erste Gemeinschaftsgrabfeld von Aids-Toten genauso wie den von einem privaten Verein betriebenen »Garten der Frauen« im Geiste der Frauenbewegung, in dem prominente und nicht prominente Damen ruhen. Während Einzel- wie Familiengräber an Bedeutung verlieren und klassische Begräbnisse den immer beliebter werdenden Feuerbestattungen weichen - 54,7 Prozent der Verstorbenen werden heute bereits eingeäschert -, entstehen Begräbnisanlagen sozialer Gemeinschaften, der sich der Tote zu Lebzeiten zugehörig fühlte. Das können beispielsweise Grabanlagen von HSV- oder Schalke-04-Anhängern sein, von Kirchengemeindemitgliedern und Kegelvereinen. Die Begräbniskultur ist Ausdruck sich verändernder Lebensstile. Familien sind zersplittert, Angehörige leben oft weit voneinander entfernt, Lebensformen sind heute ganz unterschiedlich, Singlehaushalte Normalität. Trauer und Gedenken wandern wie bei Lady Diana oder Robert Enke in den öffentlichen Raum, wo sich Emotionen kollektiv entladen. Oder sie werden festgehalten in der immateriellen Ewigkeit des WWW-Gedächtnisses, wo man den Verstorbenen per »Digital-Memorial« auf virtuellen Friedhöfen kommerzieller Portale »Internet-Gedenkstätten« errichtet. Kreuze für Unfalltote an Straßen werden Mahnmale und Erinnerungsorte, wo jeder Blumen oder Stofftiere deponieren kann. Die Kirche hat ihren Alleinvertretungsanspruch auf Tod und Trauer längst eingebüßt.
Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich noch im Tode individuell auszudrücken und in einer bestimmten Form in Erinnerung zu bleiben:
Weltraumbestattung
Ballonbestattung
Asche an individuellen Orten verstreuen
Erinnerungsporzellan
Waldbestattung
Urne im Grab bestatten
Urne aufstellen
Kolumbarium
Feuerwerk aus Asche der Verstorbenen
Asche als Nährstoff für einen Baum
Bleistifte aus der Asche der Verstorbenen
Ascheabfüllung in ein Amulett
Anonyme Bestattung
Asche als Baumaterial für ein Korallenriff
Asche in ein Memorial Piece einarbeiten
Mit dem Wandel der Bestattungskultur in den vergangenen Jahren sind in Deutschland viele neue Anlagen zur Feuerbestattung erbaut sowie staatliche Krematorien privatisiert worden. Moderne Krematorien sind Häuser der offenen Tür und alles, was dort geschieht, von der Anlieferung über das Einfahren in den Ofen bis hin zur Asche in der Urne, ist transparent. Man kann seine Bestattung vor dem Tod selber planen und alle offenen Fragen klären. Moderne Krematorien sind hell und freundlich eingerichtet. Es besteht die Möglichkeit, vor der Einäscherung eine Trauerfeier in Krematoriumsräumen in sehr individuellem Rahmen auszurichten. Besonders geschulte einfühlsame Mitarbeiter klären auch über Mythen oder Befürchtungen auf und versichern einem zum Beispiel, dass nur ein Sarg pro Ofen eingeäschert wird und die richtige Asche in die Urne kommt.
Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt und manche Bestattung bekommt durch Musik, humorvolle Reden, Gesang und Tanz Festivalcharakter, ganz wie es der Persönlichkeit des Verstorbenen entspricht.
Bitterböse Gedanken
Nicht alle Witwen trauern
Gegen zwei Uhr morgens kam der Anruf aus dem Krankenhaus: »Aus unerklärlichen Gründen ist soeben Ihr Mann verstorben.« Ich war schockiert. Damit hatte keiner gerechnet. »Ich komme sofort.« In erster Panik versuchte ich noch, meine beste Freundin anzurufen, vergeblich um diese Uhrzeit. Ich zog mich an, lief zum Auto, fuhr los. Wie fremdgesteuert. Durcheinander. Wieso war er plötzlich tot? Im Krankenhaus angekommen fand ich keinen Parkplatz, weil überall Baustelle war. Ich parkte einfach schnell in einer Lücke zwischen einem Bauwagen und einer Absperrung und suchte dann im Dunkeln den Eingang. Alles war etwas unübersichtlich. Ich nahm den Aufzug direkt hinauf zu seiner Station. Zimmer 356, dritter Stock. Der Flur war menschenleer. Dafür standen ein paar Bahren und ein fahrbares Tropfgerät herum. Links ging es zur Isolierstation. Rechts zur Chirurgie. Ich desinfizierte meine Hände. Eigentlich Quatsch, denn infizieren konnte ich ihn ja nicht mehr. Aus einem der Krankenzimmer hörte ich ein leises, verwirrtes Rufen: »Schwester!« Die alten Menschen finden oft nicht die richtige Klingel. Oder sie wissen häufig nicht, wo sie sind. Leises Huschen auf leisen Gesundheitsschlappen über den Flur.
Vorsichtig und in banger Erwartung, was ich zu sehen bekäme, öffnete ich die Tür zu seinem Zimmer. Man hatte eine Kerze angezündet. Es roch wie Krankenhaus. Steril. Er lag noch in seinem Bett, die Augen geschlossen, als würde er schlafen. Alle Kanülen entfernt, die Bettdecke ordentlich gerade gezogen. Hände übereinandergelegt auf der Bettdecke. Mit einem Kamm war sein Haarkranz ordentlich zur Seite gelegt worden. Ich sollte wohl bei seinem Anblick keinen Schock bekommen. Ich berührte seine Wange. Sie war noch nicht ganz kalt. Die Nachtschwester kam und nahm mich in den Arm. »Embolie«, sagte sie nur. »Mein herzliches Beileid.«
Karl hatte einen Darmtumor. Im Frühstadium bei einer Darmspiegelung entdeckt. Er war nach einer Operation auf dem Weg der Besserung. Alle rechneten damit, dass er sich erholen würde. Es gab keinen Hinweis darauf, dass wir um sein Leben fürchten mussten. Der Krebs war noch nicht weit fortgeschritten, hatte noch nicht gestreut.
Ich setzte mich an sein Bett und bat die Schwester, mich mit ihm allein zu lassen. Die currygelben Vorhänge vor dem Fenster waren bis auf einen kleinen Schlitz in der Mitte zugezogen. Als ich nach der ersten Verwirrung meine Gedanken ein wenig sortiert hatte und in mich gegangen war, spürte ich nicht Trauer, sondern Dankbarkeit, dass der liebe Gott es so für mich gefügt hat. Dass diese Kampfbeziehung ein natürliches Ende gefunden hat. Nun war ich ihn endgültig los, diesen garstigen kleinen Bären, der mich tyrannisiert und meine Gefühle verletzt hatte. Ich war irritiert, dass ich so reagierte. Ich erinnerte mich an die Worte meiner Mutter: »Mein Gott, Kind, tu dir das doch nicht an. Verlass ihn. Du bist todunglücklich.« Wie recht sie hatte! Einmal sagte sie: »Ich bete jeden Tag, dass dir die Vorsehung noch einmal einen lieben Menschen schickt.« Meine Mutter hat gespürt, wie sehr Karl mich unterdrückt hat.
Bei dieser Erinnerung überkamen mich bitterböse Gedanken, und ich ließ sie kommen. Da saßen wir zwei nun im Halbdunkel bei Kerzenschein. Sein Mund für immer verschlossen. Die Verbissenheit, die ihn stets ausgezeichnet hatte, wollte selbst im Tod nicht aus seinen Zügen weichen. Seine Starre löste bei mir nur ein sachliches Registrieren aus. Ich betrachtete ihn, wie man ein totes Meerschweinchen betrachten würde. Oder eine tote Ratte. Nicht eine Träne wollte kommen. Auch kein Hass. Dafür das Gefühl der Erleichterung. Ich schämte mich nicht einmal. So also war das Ende für uns vorgesehen. Und ich war dankbar.
Er hat mich während der vielen Jahre unserer Ehe derart unter Druck gesetzt, dass ich sogar Depressionen bekommen hatte und psychologischen Beistand suchen musste, was er völlig überflüssig fand. Zeitverschwendung. Wo ich es doch so gut bei ihm hatte. Wie oft hatte ich mir vorgenommen, ihn zu verlassen. Dann traute ich mich wieder nicht. Angst vorm Alleinsein. Angst, allein zu bleiben. Aus Ängstlichkeit nimmt man so viel in Kauf. Wieder eine Gehässigkeit geschluckt. Wieder einen fiesen Satz eingesteckt. Wieder abends in den Schlaf geheult. Ins Kissen gebissen. Wenn ich allein war, habe ich manchmal Wutschreie ausgestoßen. Beim Kartoffelschälen eine Kartoffel vor die Tür gepfeffert. Weil ich nicht wusste, wohin mit meinem Zorn. Was habe ich Tränen vergossen in dieser Ehe. Für all die Demütigungen, die ich ausgehalten habe. Ihn ließen meine Tränen kalt. Nie wurde ich in den Arm genommen. Ich kann mich an kein einziges verständnisvolles Gespräch erinnern. Nur immer blöde, unpassende Kommentare. Ich habe mich auch gewehrt, für meine Rechte in der Partnerschaft gekämpft. Eigentlich bin ich eine Kämpfernatur. Habe mich ihm widersetzt. Es kam nur Spott.
Jetzt in der Stille der Nacht kam alles hoch. Da lag er vor mir, so wehrlos anzusehen in seinem ordentlichen hellblauen Schlafanzug, den Mutti bei C&A gekauft hatte. Karl war ein Muttersöhnchen. Einzelkind. Vater Tyrann, Mutter geknechtet. Beide ließen den Sohnemann nicht aus ihrem festen Griff. Er war 38, als er mich kennenlernte. Ich war seine erste Frau und mich wundert noch heute, dass die Eltern ihre Zustimmung zu unserer Hochzeit gegeben haben. Zumal ich geschieden war, also mit einem Makel behaftet. Heute weiß ich, sie machten gute Miene ... Schließlich sollte der Junge nicht ewig Single bleiben. »Karl soll kein einsames Leben führen, wenn wir mal nicht mehr sind«, sagte Mutti, und damit hätte sie in »Schwiegertochter gesucht« auftreten können. Loslassen wollten sie ihn aber auch nicht. Jahrzehntelang habe ich jeden Abend um Punkt 19 Uhr ihren Anruf ertragen. »Was machst du, Karl, wie war dein Tag, hat deine Frau dir was Leckeres gekocht?«
Hier in der Dunkelheit des nächtlichen Krankenhauses erstanden wieder Szenen unserer Ehe vor meinem inneren Auge. Die immer gleichen Dialoge. »Karl, bitte führe ein klärendes Gespräch mit deinen Eltern. Ich ertrage es nicht, dass sie dich jeden Abend einnorden.« – »Kommt nicht infrage. Ich bin Einzelkind. Die haben sonst niemanden.« – »Aber ich bin deine Frau und müsste dir doch näher stehen. Sind dir meine Gefühle egal?« – »Du siehst das falsch. Du müsstest viel lockerer sein.« – »Es stört mich. Es verletzt unsere Intimsphäre. Werde endlich erwachsen und löse dich von deinen Eltern.« – »Habe ich doch längst. Das stimmt so gar nicht.« – »Bin ich verkehrt?« – »Scheint so. Du machst Probleme, wo keine sind.« So war das. Ich war schuld. Ich war diejenige, die nicht richtig tickte.
Die Schwester öffnete noch einmal leise die Tür und fragte, ob ich etwas zu trinken möchte. Tee vielleicht. Ich verneinte und gab mich weiter meinen Erinnerungen hin. Mir fielen die vielen gemeinsamen Abendessen ein. Jede Woche hatte ich die beiden einmal zu Gast. Immer wurde kritisiert. Regelmäßig die Frage seiner Mutter: »Hält Karl dich zu kurz oder warum ist kein Schinken auf dem Tisch?« Seine Mutter saß am Tisch, als hätte sie einen Schraubstock in der Bluse. Sie aß in kleinen Häppchen, die sie lange kaute. Sie durfte immer nur eine Schnitte nehmen. Vati wollte das so. Nahm sie mal eine zweite, weil es ihr gut schmeckte, bekam sie von ihrem Mann einen Klaps auf die Finger: »Zu Hause isst du auch nur eine. Das reicht.« Sie zog die Hand zurück. Meine kleine persönliche Fehde war, dass ich ihr die Scheibe wieder auf den Teller legte und sagte: »Nimm ruhig, Mutti, ich sehe doch, dass es dir schmeckt.« Dafür erntete ich böse Blicke und Vati brachte es fertig, die Scheibe Brot wieder in den Brotkorb zu legen. »Mutti hat genug.« Mutti litt und sagte nichts. Waren wir eingeladen, wurden nur die beiden Männer gefragt: »Vati, möchtest du noch was? Und du, Karli, du hast doch bestimmt noch Hunger.« Ich als geduldete Beigabe wurde nicht gefragt. Wollte ich einmal einen Kommentar zu etwas beisteuern, kam ich nicht durch. Seine Eltern hatten Besitz von ihm ergriffen. Das wurde mit Erpressung untermauert. Wenn du das und das machst, bekommst du dies oder jenes. Es gab nichts ohne Gegenleistung. Sie mischten mehr und mehr in unserer Ehe mit.
Ich blickte auf Karls schmale Lippen. Ein Mund, der nicht gut küssen konnte. Nur futtern konnte er damit. Deshalb war Karl gedrungen wie Kommissar Thiel, der prollige Partner von Professor Boerne aus dem Münsteraner Tatort. Auch Karls Vater war klein und drall. Zwei knubbelige Ekelpakete. Beim Blick auf Karls hellblauen Schlafanzug fiel mir ein, wie wir für Karl eine Jacke eingekauft hatten. Ich fand es schrecklich, wie er sich anzog, und wollte ihm guten Geschmack beibringen. Seine Eltern klinkten sich selbstverständlich ein. Sie waren eingefleischte C&A-Gänger. Natürlich waren sie beim Einkauf und vor allem bei der Kaufentscheidung unverzichtbar. Meine Anwesenheit fanden sie eigentlich überflüssig. Mutti wühlte die Jacken durch. Hielt eine tannengrüne hoch: »Schau mal, Karli. Zieh die mal an, die hat Vati auch, die ist schön.« Da habe ich wieder einmal aufbegehrt: »Ich will nicht, dass mein Mann wie Vati herumläuft. Haltet euch raus!« Ich war richtig giftig. Sofort schnappten sie ein. Vati zog Mutti hinter sich her aus dem C&A raus und Mutti rief: »Dann seht mal zu, wo ihr eine Jacke herbekommt.« Karl hat sich dann beim 19-Uhr-Anruf bei Mutti und Vati entschuldigt und vorwurfsvoll zu mir gesagt: »Etwas Rücksicht ist wohl nicht zu viel verlangt. Wo sie sich schon die Mühe machen und mitkommen.« Ich erwiderte: »Ich möchte einen vernünftig angezogenen Mann und keinen, mit dem ich mich schämen muss. Außerdem kann ich alleine einkaufen.«
Bei uns im Haus gab es einen kleinen Fototisch. Darauf standen ausschließlich Fotos von Karl, Mutti und Vati. Die weitaus meisten von Mutti und Karl. Ich kam da nicht vor. Nicht einmal ein Hochzeitsfoto war ich wert. Karl hatte als Ingenieur ein gutes Einkommen. Aber er war die personifizierte Knickerigkeit. Ich habe mir während unserer gesamten Ehe Geld für mich persönlich dazu verdient. Ich wollte nicht betteln müssen, ob er mir Geld für eine Jacke oder ein schönes Kleid gibt. Karl betonte immer: »Meine Frau muss nicht arbeiten, die will unbedingt.« Vati und Mutti hatten kein Verständnis dafür. »Die kriegt den Hals nicht voll«, hieß es. Keiner verstand, dass ich mich auch beruflich entfalten wollte, nicht nur das Haus sauber halten und in der Küche stehen mochte. Obwohl Karl gut verdiente, bekam er regelmäßig Geld von seinen Eltern zugesteckt, die wohlhabend waren. Ich nie. Nicht einmal zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Ich bekam ausschließlich Geschmacklosigkeiten von »Nanu-Nana«. Karl sagte dann immer: »Wie aufmerksam! Freust du dich?« Er steckte noch mit 50 die Füße unter Vaters Tisch. Von den elterlichen Zuwendungen wurden teure Autos gekauft. Er reiste auch gern und da nahm er mich erstaunlicherweise mit.
Jeden Sonntag war Frühschoppen. Wenn er genug getrunken hatte, kam er nicht nach Hause. Einmal war ich außer mir und rief seine Eltern an. »Ich halte es nicht mehr aus. Ich muss ihn verlassen.« Er kam bald darauf nach Hause, um mir zu sagen: »Dann geh!« Das war mein Stellenwert für ihn.
Das alles kam hoch in der Stille. Warum nur war ich geblieben? Natürlich hatten wir auch schöne Momente. Aber die waren verschüttet. Mir fiel an seinem Totenbett und auch später bei seiner Beisetzung nichts Schönes ein. Bis heute denke ich, die Vorsehung hat ihn sterben lassen. Die Fügung war auf meiner Seite. Sie hat mich erlöst von meinen Qualen. Am Morgen kam der Bestatter und holte ihn. Die Beerdigung brachte ich hinter mich, wie es sich gehört. Sachlich, ohne viel Tamtam. Ich riss mich zusammen. Warf ein Schäufelchen Erde in sein Grab wie alle anderen, hatte weder einen Trauerredner noch Musik bestellt. Karl ist überraschend, leise und unauffällig aus meinem Leben verschwunden. Ich hatte auch noch eine Kaffeetafel organisiert. Als alle gegangen waren, ging ich allein nach Hause und duschte ausgiebig alles ab. Den ganzen Karl und was zu ihm gehörte. Danach ging ich Eis essen. Nuss-Vanille mit Sahne und Krokant-Streuseln. Mein Lieblingseis.
Sein Vater war zu dem Zeitpunkt bereits tot, seine Mutter dement. Sie lebte in der »Arche«, einer Abteilung für Demenzkranke im Altenheim. Sie erkannte mich nicht mehr. Ich wurde gut versorgt hinterlassen, abbezahltes Haus, Rente, Versicherung. Ich arbeitete alle Ordner, die mich zu seinen Lebzeiten nichts angingen, sorgfältig durch und brachte Ordnung in mein Leben. Ich machte eine Aufstellung von Einnahmen und Ausgaben und stellte fest, dass ich gut zurechtkommen würde.
Es verging kein halbes Jahr, da lernte ich meinen jetzigen Mann kennen ... Ich erlebte, was andere mit 18 erleben. Ich war bei Ikea und wollte ein Geschenk umtauschen, setzte mich hinter der Kasse noch auf eine Bank und aß ein paar Kekse. Ich fühlte mich beobachtet. Ein Mann saß mir schräg gegenüber. Nach einigen Minuten erwiderte ich seinen Blick. Er sprach mich an und mich durchströmte ein warmes Gefühl. Was für ein freundlicher, offener Mensch. Ungezwungen sprachen wir über tausend Themen. Er war so wohlwollend und so interessiert an mir, das kannte ich ja gar nicht. Als wir uns verabschiedeten, fragte er nach meiner Telefonnummer und ich gab sie ihm. Ich fuhr nach Hause und als ich meine Wohnungstür hinter mir geschlossen hatte, machte ich einen Luftsprung vor Freude und quietschte laut vor Verzückung. Dass ich das mit 65 noch erleben durfte ... ein Wunder.
Jetzt sind wir seit fünf Jahren zusammen und ich habe einen Mann, wie ich ihn mir immer gewünscht habe. Ich muss nicht kämpfen, kann mich frei entfalten, werde gehört und wir sind gesellig und fröhlich. Mein Mann ist großzügig und warmherzig, das Gegenteil von Karl, und ich danke dem lieben Gott für dieses Geschenk auf meine alten Tage.
▸ Überwindung der Trauer
Heutzutage verbringen nur noch wenige Frauen, deren Mann verstorben ist, den Rest ihres Lebens in Trauer. Zudem kommt jetzt eine Generation ins Witwenalter, die die 68er-Bewegung, die Frauenbewegung, die AKW-Bewegung mitgemacht oder zumindest erlebt hat. Eine Frauengeneration, die häufig Abitur und Studium absolviert oder einen Beruf erlernt hat, den sie auch gerne ausgeübt hat oder noch ausübt. In der Regel machen verwitwete Frauen in unserer Kultur eine Trauerphase durch, die je nach Situation bis zu einem Jahr dauern kann. Viele finden schon eher ins Leben zurück. Denn das Leben geht weiter und die Frauen ziehen sich nicht unüberschaubar lange zurück. Die weitaus meisten Frauen haben den Verlust spätestens nach einigen Monaten verarbeitet. Sie orientieren sich neu und erkennen, dass ihr Leben noch spannende Herausforderungen bereithält.
Männer sind bei der Heirat in der Regel nicht nur älter (2012: 33,5) als Frauen (2012: 30,7), sie sterben zudem sieben Jahre eher. So sind von den 7,1 Prozent der Deutschen, die verwitwet sind, 80 Prozent Frauen, davon wieder 89 Prozent über 60 Jahre alt. Eine Frau wird durchschnittlich mit 69,9 Jahren Witwe. Die meisten Witwen haben ein mittleres oder höheres Einkommen und leben in guten oder zumindest ausreichenden Wohnverhältnissen. Nur jede fünfte Witwe würde sich als einsam bezeichnen.
Dass gerade ältere Witwen und Witwer ihren Verlust relativ schnell verarbeiten, zeigt eine Studie der Michigan University, bei der 1500 Betroffene über 65 Jahre befragt wurden: Im Durchschnitt dauerte die Trauerzeit nur ein halbes Jahr. Obwohl jeder zweite Betroffene angab, eine glückliche Ehe gehabt zu haben, war die Trauer nicht übermäßig groß. Das habe aber nichts mit fehlender Liebe oder gar Kaltherzigkeit zu tun, wie die Soziologin Deborah Carr erklärt, sondern sei das Resultat eines gesunden Umgangs mit dem Verlust. Auch Gefühle wie Erleichterung nach dem Tod des Partners sind nicht selten. 10 Prozent der Befragten sahen diesen als Erlösung aus einer unglücklichen Ehe. Die Studie wurde vom amerikanischen National Institute of Aging finanziert und erschien im soziologischen Fachbuch »Spousal Bereavement in Late Life«. (http://www.focus.de/gesundheit/gesundleben/vorsorge/news/tod-des-partners_aid_106275.html)
Lebenslüge mit Todesfolge
Suizid: Schock, Trauer, Wut, Begreifen
Der Gerichtsmediziner hatte mir geraten, ihn nicht noch einmal anzuschauen. Er sehe entstellt aus und ich solle ihn doch in Erinnerung behalten, wie ich ihn kenne. Der Mann hat keine Ahnung, dachte ich. Ich wollte es unbedingt und setzte mich durch. So schlimm sah er nicht aus. Jedenfalls nicht für mich. Es war ein total bewegender Moment, ihn tot zu sehen, und ich bin froh, dass ich ihn noch einmal angeschaut habe. Er hatte ein paar Beulen und Kratzer, aber sein vertrautes Gesicht habe ich wiedererkannt. Ich hätte gern noch mehr Zeit mit ihm gehabt, Zeit für uns, aber auch Zeit für mich, Zeit, um Abschied zu nehmen, aber ich war nicht stark genug, darauf zu bestehen. Man hat ihn mir entrissen.
Drei volle Wochen war er verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Wir hatten uns sonntags für 15 Uhr verabredet und wollten Freunde besuchen. Mein Mann war mit seinem Mountainbike unterwegs. Wir wohnten im Süden, in einer bergigen Gegend. Mein Mann liebte Extremsportarten. Paragliding, Fallschirmspringen, Bergsteigen. Immer am Limit. Und eben sein Mountainbike, mit dem er in jeder freien Minute unterwegs war. Sogar sonntagsmorgens. Anstatt mit mir im Bett zu kuscheln, stieg er lieber auf sein Rad.
Als er bis 20 Uhr nicht zurück war, habe ich die Polizei verständigt. Auf der Wache sagte man mir, er sei vielleicht noch ein Bier trinken oder hinge mit Freunden fest. Völliger Blödsinn, mein Mann trank nicht, rauchte nicht und hatte auch kaum Freunde. Ein sehr introvertierter Mensch. Über seinen Sport reagierte er sich ab. Das kam mir schon manchmal zwanghaft vor. Er war so in sich gekehrt, dass es mir manchmal unheimlich war.
Bei mir tickte mit meinen 36 Jahren die biologische Uhr und ich wollte unbedingt Kinder. Mein Mann wollte das auf gar keinen Fall. Er war überzeugt, er könne wegen seiner eigenen traumatischen Kindheit kein guter Vater sein. Das war unser Knackpunkt und ich hatte ihm am Abend zuvor gesagt, dass ich an Trennung dächte, wenn er meinen Kinderwunsch nicht akzeptieren könne. Dass ich so nicht mit ihm weiterleben könne. Da waren wir schon 15 Jahre zusammen. Bei diesem Gespräch sagte er – wie immer – nichts. Aber er hatte Tränen in den Augen.
Sonntag Abend tat die Polizei alles, um mich zu beruhigen. Erfahrungsgemäß tauchten vermisste Menschen von selbst wieder auf und es gebe eine Erklärung für ihr Fernbleiben. Erst Montag Morgen wurde ein Suchtrupp gebildet, der die Gegend systematisch durchkämmte. Ohne Ergebnis. Ein Polizeipsychologe bemühte sich, bei mir die Hoffnung zu erhalten, dass er noch gefunden wird. Aber ich wusste nach einem Tag, dass er tot sein musste. Woher ich diese innere Gewissheit nahm, ist mir erst heute klar. Denn alles deutete darauf hin. Ich hatte die Warnzeichen einfach übersehen.
Drei volle Wochen blieb er verschwunden. Drei Wochen, in denen ich verloren zu Hause saß und mich fragte, was mache ich bloß? In denen ich alle Verwandten und Freunde anrief, Nachbarn informierte. Alle halfen mir bei der Suche. Die Polizei riet mir, seine Kontobewegungen zu überprüfen. Vielleicht hätte er sich aus dem Staub gemacht. Aber so war es sicher nicht. Sein Konto blieb unangetastet.
Ich hatte Tage, da lief ich die Strecken ab, die er gerne befuhr, guckte unter jeden Busch, jeden Strauch. Schließlich hängten wir überall Plakate auf mit seinem Foto. Zuletzt wurde ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera gestartet. Nichts tat sich. Ein Albtraum.
Nach drei Wochen meldete sich ein Spaziergänger mit Hund. Die hatten ihn in einer Schlucht erspäht, in die er wohl mitsamt seinem Bike gestürzt sein musste. Von oben schwer und nur dank seiner knallroten Biker-Jacke zu sehen. In der Gerichtsmedizin stellte man Genickbruch fest. Keine Fremdeinwirkung. Die Polizei deklarierte es als Unfall. Einer der schrecklichsten Momente in meiner Erinnerung: Als ich die Plakate mit seinem Foto wieder abnehmen musste.
Auch ich wollte an einen Unfall glauben. Das war jedoch reiner Selbstschutz. Heute ist mir klar, er hat sich das Leben genommen. In einer für ihn aussichtslos scheinenden Situation. Ihm wuchs mein Kinderwunsch über den Kopf. Die ständigen Auseinandersetzungen. Er war wohl depressiv. Und ich war über alle Warnsignale hinweggegangen. Ich wollte sie nicht wahrnehmen.
Ich war beseelt davon, ein Baby zu bekommen. Ich wollte unbedingt schwanger werden, steigerte mich da hinein, je älter ich wurde. Zu meiner Lebensplanung gehörten Kinder. Dadurch hatten wir uns so weit voneinander entfernt, dass er mir fremd geworden war. Heute bin ich sicher, dass er sehr verzweifelt gewesen sein muss. Ich habe Schuldgefühle, dass ich so über seine Bedürfnisse hinweggegangen bin. Ich mache mir Vorwürfe. Aufgrund seiner Biografie ist mir heute klar, warum er sich so gegen ein Kind wehrte. Er hatte eine lieblose Kindheit und Angst, dass er seinen Kindern nicht genug geben könnte. Unser Dilemma: Er redete nicht. Er war ein beständiger Schweiger. Er sagte einfach nichts.
Die ersten Wochen nach seinem Tod war ich in einem Schockzustand gefangen. Weinen konnte ich nicht. Da war nur Verzweiflung und Ratlosigkeit. Ich musste mein Leben neu ordnen. Es war so viel zu regeln und zu organisieren. Sein Selbstmord hatte mein Leben negativ verändert. Irgendwann kam auch eine unbändige Wut, dass er so sang- und klanglos gegangen war. Ohne Abschiedsbrief, ohne ein Wort. Ohne den Versuch unternommen zu haben, unsere Probleme zu klären. Ohne sich zu stellen. Eine Situation ohne vernünftigen Abschluss. Einfach abgeschnitten. Wortlos. Ohne Abschied. Ein gewaltsames Ende. Ich fühlte mich aus der Bahn geworfen und um mein weiteres Leben betrogen. Ich verlor durch diese Erfahrung mein Vertrauen ins Leben. Diese Gewissheit, alles wird gut.
Ich habe ihn ganz konventionell auf einem Friedhof in der Nähe unseres Hauses bestattet. Jeden Tag muss ich dort vorbeigehen. Ich machte verschiedene Phasen durch. Eine Weile besuchte ich jeden Tag sein Grab und hielt innere Zwiesprache. Da überwog die Verzweiflung, das Nicht-Verstehen. Dann konnte ich eine Zeit lang sein Grab nicht mehr sehen. Ich ignorierte den Friedhof. Dann wieder fluchte ich über ihn und beschimpfte ihn wüst, wenn ich am Friedhof vorbeiging. Und dann gab es eine Phase, wo ich gern mit ihm getauscht hätte. Ich dachte, wäre ich doch auch tot. Das mündete letztlich in eine Phase, in der ich dankbar für die Mühsal des Lebens war, dankbar, dass ich sie spüren durfte. Es war ein höllisches Wechselbad der Gefühle.
Unsere Wohnung gestaltete ich in meiner Wut-Phase um. Als ich ihn beschimpfte und über ihn fluchte. Seine Sachen gab ich zum größten Teil weg. Sein Foto steht im Wohnzimmerregal. Wenn ich ihn heute anschaue, sehe ich seinen depressiven Blick. Verzagt. Unfroh, obwohl er lächelt. Dann denke ich, ich hätte achtsamer in seine traurigen Augen schauen müssen.
Mir hat eine Trauergruppe unserer Gemeinde viel gegeben. Die Gruppe bestand aus jungen Frauen in meinem Alter, deren Männer viel zu früh gegangen sind. Manche hatten Kinder, andere wollten noch welche – wie ich. Wer so eine Situation durchlebt hat, kann nachempfinden, was der andere denkt. Ich fühlte mich aufgehoben und verstanden, ich konnte weinen oder auch starr oder zornig sein. Das tat mir gut.
Mein Mann und ich hatten darüber gesprochen, dass es besser sei, auseinanderzugehen, als uns gegenseitig krank zu machen. Ich sagte das immer in der Hoffnung, er werde sich besinnen und wir würden eine Lösung finden. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass er sich so aus dem Staub macht. Dass er einfach abhaut. Ich war mein halbes Leben mit ihm zusammen. Ich hatte meine Identität verloren und musste wiederfinden, wer ich bin. Tagebuchschreiben hat mich dabei unterstützt. Ich habe mir über viele Dinge Rechenschaft abgelegt. Auch immer wieder die Frage: Hätte er sich nicht das Leben genommen, wenn ich ihn nicht so unter Druck gesetzt hätte? Ich weiß es nicht.
Wir waren so unterschiedlich. Ich bin eher emotional und positiv. Wenn wir Reisen machten, konnte ich mich begeistern für die schöne Gegend, das Wetter, die neue Situation, während er sich sorgte, ob die Unterkunft in Ordnung sein würde. Ich bin Optimist gewesen und emotional, er Pessimist und Verstandesmensch. Wir hatten keineswegs dieselbe Wellenlänge. Trotz allem hatte ich Vertrauen in unser Ja-Wort, das wir uns immerhin in der Kirche vor Gott gegeben hatten. Es war eine tiefe Verletzung für mich, dass etwas, auf das ich mein Leben gebaut hatte, worauf ich mein Leben ausgerichtet hatte, mir so brutal genommen wurde. Dass er diesen Weg wählte, weil er die Situation nicht mehr aushielt. Bis heute unfassbar.
Ein neuer Partner passt noch längst nicht in mein Leben, aber von meinem Kinderwunsch habe ich mich verabschiedet. Schweren Herzens. Ich sage mir, es ist dann eben so. Es sollte nicht sein. Ich muss sehen, wie ich zurechtkomme. Es ist schmerzvoll, dass wir so gescheitert sind. Dass er sein Leben einfach beendet und mich so verlassen hat. Ich bin selbstständiger und selbstbewusster geworden. Der dicke Panzer, den ich um mich herum aufgerichtet hatte, bröckelt langsam. Das ist gut. Ich denke oft, er ist schon da, wo ich noch hinkomme. Eins ist gewiss: Ich habe das Schlimmste durchlebt, was ein Mensch durchleben kann. Ich habe es überlebt. Schlimmer kann es nicht kommen. Von null wieder anfangen. Ohne Partner. Kinderwunsch begraben. Ich weiß, ich muss vor nichts mehr Angst haben. Ich gehe meinen Weg. Zwar fühle ich mich oft einsam. Ich suche die Einsamkeit aber auch, gebe meinen Gefühlen endlich Raum. Die Trauer darf kommen. Das geht nur, wenn man die Einsamkeit akzeptiert. Ich gebe mir Zeit, dass sich alles innerlich entwickeln und heilen kann.
Die Gruppe gibt mir Halt. Wir wissen viel voneinander. Dort ist das Wissen gut aufgehoben. Ich habe viel von mir preisgegeben. Unter manchen Menschen fühle ich mich fremd. Es verbindet mich nichts mit ihnen. Sie können mich auch nicht verstehen. Ich schaue heute genau: Wer gehört zu mir, auf wen kann ich mich verlassen? Bei wem fühle ich mich geborgen und gut aufgehoben? Bei wem kann ich mich öffnen? Belanglose Kontakte meide ich.
▸ Trauerphasen
Die Psychologie unterscheidet vier Phasen der Trauer, die aber in individueller Abwandlung durchlaufen werden können.
Hier folgt die Einteilung der Trauerphasen nach der Schweizer Psychologie-Professorin Verena Kast (angelehnt an das Modell von Elisabeth Kübler-Ross):
Trauerphase 1: Nicht-Wahrhaben-Wollen
In dieser ersten Phase der Trauer ist der Betroffene vom Schock der Nachricht meist wie erstarrt. Es herrschen Verzweiflung, Hilf- und Ratlosigkeit vor. Häufig wird der Verlust vom Trauernden zu diesem Zeitpunkt verleugnet.
Trauerphase 2: Aufbrechende Emotionen
In dieser Phase wird begriffen, dass der Verstorbene wirklich tot ist und nicht wieder zurückkehren wird. Es können die verschiedensten Gefühle beim Trauernden aufkommen, von Leid und Schmerz über Wut, Zorn, Traurigkeit, Angst und Freude bis hin zu Schuldgefühlen. Für den weiteren Verlauf ist es sehr wichtig, dass der Trauernde die Möglichkeit bekommt, diese Gefühle zu äußern und auszuleben.
Trauerphase 3: Suchen und Sich-Trennen
Das bewusste Abschiednehmen kann nun beginnen; der Verlust wird verarbeitet. Dies geschieht durch intensive Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen. Diese Phase ist für den Trauernden einerseits sehr schön, andererseits sehr schmerzlich. Im Verlauf dieses intensiven Prozesses kommt dann der Augenblick, in dem der Trauernde die innere Entscheidung trifft, wieder »Ja« zum Weiterleben zu sagen oder aber auf Dauer in der Trauer zu verharren.
Trauerphase 4: Neuer Selbst- und Weltbezug
In der letzten Trauerphase kehrt allmählich innere Ruhe und Frieden mit sich selbst und dem Verlust ein. Es wird ein neuer Lebenszusammenhang ohne den Verstorbenen geschaffen und somit der Wiedereingliederung in die Gesellschaft der Weg bereitet. Der Trauernde merkt nun, dass es auch ohne den Verstorbenen weitergeht und dass er selbst für seine Zukunft verantwortlich ist. Der Verstorbene bleibt aber ein wichtiger Teil in der Erinnerung des Trauernden.
Wichtig zu wissen im Zusammenhang mit den verschiedenen Phasen der Trauer ist, dass die einzelnen Trauerphasen nicht klar voneinander abgrenzbar sind. Sie können sich überlappen, miteinander vermischen oder auch in veränderter Reihenfolge ablaufen.
Von hier fliegt Papa in den Himmel
Letzte Station Hospiz
Mein Mann und ich sprachen sehr offen über den Tod. Nach der Diagnose Magenkrebs war schnell klar, dass er es nicht überleben würde. Sein Magenausgang war komplett verschlossen. Die Leber und auch das Bauchfell waren bereits von Metastasen befallen. Ihm wurde ein Magenumgang gelegt, damit er wieder Nahrung zu sich nehmen konnte. Es folgte dann die Chemotherapie, die er relativ gut vertrug. Mein Mann war immer für klare Worte und wollte gleich auf den Punkt kommen. Er sagte zu unserem Arzt: »Ich will alles genau wissen. Ich mag kein Um-den-heißen-Brei-Reden.« Und so machten wir uns auch keine Illusionen.
Nachdem wir beide diesen Schock ein wenig verdaut hatten, beschlossen wir, offen mit unseren beiden Töchtern, fünf und sieben Jahre alt, zu sprechen. Wir versammelten uns abends um unseren großen runden Esstisch, zündeten Kerzen an. Ich hatte warmen Kakao gemacht. Mein Mann erklärte den zwei Mädchen, dass ihr Papa nicht mehr lange auf der Erde bleiben würde. Dass er sterben und dann in den Himmel kommen würde. Sie könnten aber sicher sein, dass er auch vom Himmel aus immer auf sie schauen und alles sehen würde. Unsere ältere Tochter wollte wissen, was denn der Papa für eine Krankheit habe. Mein Mann erzählte wahrheitsgemäß, dass er Krebs habe und die Ärzte diesen Krebs nicht mehr aus ihm herausbekämen. Sie fragte: »Frisst der Krebs dich?« – »Ja, so ungefähr.« Wir mussten alle weinen.
Kinder haben ein anderes Verhältnis zum Tod. Mein Mann und ich waren der Meinung, dass es besser für unsere Töchter sei, offen mit seiner Krankheit umzugehen. Auch unsere jüngere Tochter machte sich Gedanken. »Was machst du, Papa, wenn wir etwas tun, was wir nicht dürfen. Siehst du das dann vom Himmel und schimpfst?« – »Naja«, meinte mein Mann. »Vielleicht schicke ich dann mal einen kräftigen Donner zur Erde.« – »Auch einen Blitz?« – »Ja, vielleicht auch einen Blitz.« Dieses Gespräch hatte zur Folge, dass die beiden später bei Gewitter fragten: »War das jetzt Papa?«
In der ersten Zeit blieb mein Mann noch zu Hause. Als sich sein Zustand so verschlechterte, dass er ohne Pflege nicht mehr auskam, beschlossen wir, in ein Hospiz zu gehen. Wir hatten uns über die Hospizbewegung informiert und nur Gutes gehört. Dass dort ein schmerzfreier, würdevoller Tod möglich sei. Meine Mutter würde zu uns ziehen und für die beiden Mädchen sorgen. Ich würde mit ins Hospiz einziehen. Es war sowohl möglich, ein Bett in sein Zimmer zu stellen, als auch später, wenn es nicht mehr ging, die Nacht gemeinsam in einem Raum zu verbringen, ein Gästezimmer zu nehmen. Wir hatten uns einige Hospize angeschaut und uns für ein modernes Haus entschieden in einem neuen Gebäude mit großen Fenstern und hellen freundlichen Zimmern, zentral gelegen, sodass wir gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen waren.
Als mein Mann seinen Platz und sein Zimmer bekam, richtete ich es ihm zuerst wohnlich ein. Ich hängte Fotos von uns allen auf. Die Mädchen hatten Bilder gemalt. Eins stellte Papa im Himmel dar, auf einer Wolke. Ein anderes zeigte Papa, wie er ein Gewitter schickte mit Regen, Blitz und Donner. Auch die hängte ich in sein Blickfeld. Meine Kleine hatte ihm ihren Teddy und meine Große ihren Hasen ins Bett gelegt. »Damit du nicht so alleine bist.«
Mein Mann und ich sprachen offen über den Tod. Das tat gut. Ich musste nichts zurückhalten. Der größte Wunsch meines Mannes war, die Einschulung der Kleinen noch mitzuerleben. Das schaffte er auch tatsächlich. Zwar im Rollstuhl, aber er konnte dabei sein. Es gibt ein Foto, das ihn mit der Kleinen auf dem Schoß und großer Schultüte zeigt. Danach ging es rapide bergab. Ab da veränderte er sich. Er wurde sehr ruhig, war oft auch abwesend. Für uns beide war jetzt endgültig klar: Wie lange noch? Er konnte immer schlechter essen, bald blieb nichts mehr drin. Kurz nach Frühlingsanfang begannen wir mit künstlicher Ernährung über den Port. Wir hofften, dass er dadurch noch mal auf die Beine kommen würde.
Aber nach zwei Wochen war immer noch keine Besserung zu spüren. Da der Port eine Qual für ihn war, verweigerte er diese Art der künstlichen Ernährung. Danach wurde er immer schwächer. War er einst ein stattlicher großer Mann von 125 Kilo, so wog er zum Schluss nur noch 68 Kilo. Wenn ich das Foto betrachtete, wo er die Kleine huckepack hat, kamen mir die Tränen. Da war er noch muskulös. Kein Gramm Fett zu viel. Im Fitnessstudio gestählt. Seine Tätowierungen thronten prall auf seinen muskelbepackten Armen. Jetzt sahen sie faltig und mickrig aus.
Sein Bart war ausgedünnt. Seine Haare ausgefallen. Die Tattoos auf der schlaffen Haut kaum erkennbar. Früher hatten wir uns immer über seine Eitelkeit lustig gemacht. Er brauchte von uns allen am längsten im Bad. Er roch immer gut. Jetzt konnte er sich nicht mehr alleine rasieren, musste sich duschen lassen und an Bodybuilding war überhaupt nicht mehr zu denken. Stattdessen brauchte er Windeln. Das war auch für ihn sehr schwer zu ertragen.
Manchmal brach mir sein Anblick das Herz. Dann ging ich in den Ruheraum und betete. Ich blätterte in dem Buch, in dem man seine Gedanken niederschreiben konnte. Wenn ich die Sätze las, die meine Vorgänger dort hinterlassen hatten, fühlte ich mich nicht mehr so allein. Seine Ziele wurden immer bescheidener. Erst wollte er es bis zur Einschulung schaffen. Dann nur noch bis zum nächsten Tag. Zweimal war es fast zu Ende. Doch er kam noch mal zurück. Wenn er dann die Augen aufschlug, sagte er in einem seiner wenigen lichten Momente: »Ich habe an dich und die Mädchen gedacht. Da konnte ich noch nicht gehen.« Es war ein verzweifelter Kampf. Vor dem Tod hatte mein Mann keine Angst. Aber davor, seine Familie zu verlassen. Die Tatsache, dass seine Töchter bald keinen Vater mehr hätten, das machte ihn verzweifelt. Er sagte einmal: »Ich würde alles geben, wenn ich euch noch ein bisschen begleiten dürfte. Es ist so schwer, zu gehen, wenn man im Leben noch etwas zu Ende bringen möchte. Es tut so weh, die Kinder alleinzulassen.«
Wir weinten auch viel zusammen. Immer hielt ich fest seine Hand oder streichelte ihn über die Wange. Immer öfter war er weggetreten. An guten Tagen kam meine Mutter mit unseren Mädchen. Sie betrachteten ihn kritisch und fragten: »Papa ist so dünn. Hat der Krebs das schon alles gefressen?« Manchmal konnten wir lachen. Aber die guten Tage wurden deutlich weniger. Immer öfter hatte ich einen Kloß im Hals, wenn ich ihn ansah. Es kam die Zeit, als es nur noch bergab ging. Er hatte literweise Flüssigkeitsansammlungen im Bauchraum, die punktiert werden mussten. Immer zehn bis zwölf Liter. Unfassbar. An einem frühen Montagabend kollabierte mein Mann und drei Stunden später musste ich für immer Abschied nehmen. Das war verdammt nicht leicht. Aber ich danke dem lieben Gott, an den ich eigentlich nicht glaube, dass ich die ganze Zeit über an seinem Bett sitzen und seine Hand halten durfte. Und ich danke den Hospizmitarbeitern, dass sie uns so unglaublich einfühlsam und liebevoll unterstützt haben, alles Menschenmögliche getan haben, um uns den Abschied zu erleichtern.
Zuerst wusste ich überhaupt nicht, wie es weitergehen sollte. Ich war am Ende. Ich war tieftraurig. Auch froh, dass er es geschafft hatte und keine Qualen mehr leiden musste. Ich rief meine Mutter an, und nachdem mein Mann abends gewaschen und hergerichtet worden war, kam sie mit unseren Töchtern. Die schauten sich ihren Papa genau an und fragten: »Ist seine Seele im Himmel?« – »Kann er uns hören?« – »Sieht er uns?« Meine Kleine sagte: »Papa, ich bin so traurig«, und da mussten wir wieder alle weinen.
Bei der ersten Geburtstagsfamilienfeier ohne ihn habe ich schon auf dem Weg dahin nur geheult. Weil ich wusste, dass es nicht nur jetzt so ist, dass ich ohne den Vater meiner Kinder, meinen Mann, irgendwohin muss, sondern dass er nie wieder dabei sein wird.
Ich war an einem Sonntag nach seinem Tod bei meinen Eltern. Es war ein verkaufsoffener Sonntag. Ich dachte, ich gehe mal durch die Stadt mit meinen Töchtern, damit ich auf andere Gedanken komme, etwas anderes sehe. Aber es fiel mir so unendlich schwer. Die Stadt war voll mit Familien, überall heile Welten. Das war einfach noch zu viel für mich.
Ich hatte die ganze Zeit einen Druck auf der Brust und musste mich zusammennehmen, um nicht einfach loszuheulen. Ich war froh, als ich endlich wieder im Auto saß, nach Hause fahren und mich wieder verkriechen konnte. Für so was war es wohl einfach noch zu früh.
Dieses Nie-Wieder, dieses Unendliche ist schwer zu ertragen. Am liebsten wäre ich manchmal schon 100 Jahre alt und wüsste, ich bin ganz bald bei ihm. Aber ich bin Mitte 30. Es wird wohl noch ein wenig dauern, bis ich ihn wiedersehe. Es zerreißt mich innerlich, wenn ich mich in solchen Gedanken wälze. Ich versuche ja schon immer, meine Gedanken zu ordnen, aber das ist nicht einfach. Schon gar nicht, wenn man dann abends allein im Bett liegt und nicht einschlafen kann.
Aber irgendwo musste ich ja anfangen. Meine Töchter sind ein großer Halt für mich. Sie zwingen mich dazu, wieder in den Alltag zu kommen. Und das ist gut so. Es sind nur kleine Alltäglichkeiten. Morgens pünktlich aufstehen, einkaufen, Essen kochen, sauber machen, die Kinder zu ihren Terminen fahren. Aber all das hilft mir, weiterzuleben und nicht zu verzweifeln. Im Hospiz wurde meinem Mann und mir noch eine lebenswerte Zeitspanne geschenkt. Dafür war ich so dankbar, dass ich noch zwei Jahre lang dort einmal wöchentlich ehrenamtlich gearbeitet habe. Ich habe Essen verteilt, Hände gehalten, mit Sterbenden gesprochen und mich auch für die Angehörigen interessiert. Es gibt so viele grausame Schicksale. Ich konnte sehen, dass ich nicht allein bin. Man denkt ja immer, es sind nur die Alten, die sterben. In der Zeit meiner Hospizarbeit habe ich etliche junge Männer und Frauen, die unheilbar an Krebs erkrankt waren, sterben sehen. Einige mussten, wie mein Mann, ihre Kinder zurücklassen. Ich habe mit anderen verwitweten Frauen sprechen können. Auch das hat mir geholfen, wieder nach vorne zu schauen.
▸ Letzte Station Hospiz
Das Hospiz ist der Ort, an dem schwerkranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase Ruhe und Geborgenheit finden. Hier werden sie mit viel Aufmerksamkeit und Sensibilität für die schwere Situation medizinisch, pflegerisch und psychologisch begleitet und umsorgt, um ein menschenwürdiges und geborgenes Leben bis zuletzt zu ermöglichen. Im Hospiz wird alles angeboten, was das letzte Stück Lebensweg lebenswert macht. Der Sterbende wird liebevoll umsorgt und, soweit das möglich ist, auch schmerzfrei gehalten. Bis dahin, dass der Mensch auf Wunsch Medikamente bekommt, die ihm ermöglichen, in den Tod zu schlafen. Ist ein Mensch nicht mehr therapierbar, wird in Kauf genommen, dass er eine Medikamentendosis erhält, die den Tod möglicherweise früher herbeiführt (indirekte Sterbehilfe), als es ohne Medikamente der Fall ist. Hospize gibt es wieder seit den 80er Jahren, heute sind es bundesweit 163 stationäre Hospize, 1500 ambulante Hospizeinrichtungen mit etwa 80 000 ehrenamtlichen Mitarbeitern sowie 166 Palliativstationen.
In der Regel sind Hospize schön und geschmackvoll eingerichtet, haben gemütliche Ecken und Räume der Stille, in die man sich zurückziehen kann. Auf drei bis vier Gäste kommt ein Pfleger - Krankenhausschwestern haben doppelt oder dreifach so viele Kranke zu versorgen.
Besuch darf Tag und Nacht kommen, auch über Nacht bleiben. Es darf gelärmt werden, Kinder dürfen dabei sein und ab und zu sieht man sogar einen Hund auf dem Flur. Es herrscht Großzügigkeit im Umgang und weniger der reibungslose Ablauf wird angemahnt, sondern Bedürfnisse werden erfüllt. Denn heute weiß man, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse eines sterbenden Menschen ernst zu nehmen. Es herrscht ein angenehmer Geist, geprägt von Nachsicht und Helfen-Wollen.
Inzwischen gibt es auch ambulante Hospizdienste, die die Betreuung schwerkranker und sterbender Menschen in ihrer häuslichen Umgebung übernehmen. Hospiz- und Palliativdienst begleiten Schwerstkranke gemeinsam mit den Angehörigen zu Hause, wo dies gewünscht und möglich ist.
In Deutschland waren es die Veröffentlichungen von Elisabeth Kübler-Ross, die das Thema Sterben ins öffentliche Bewusstsein rückten. Auch Verena Kast hat viele Bücher über Sterbende geschrieben und zuletzt hat sich die Psychologin Doris Wolf mit Tod und Trauer beschäftigt.
Kennen wir uns?
Alzheimer ist tödlich
»Kennen wir uns?« Mein Mann schluffte in Schlafanzug und Pantoffeln verstört durch den Flur in unserem Reihenhaus und suchte das Klo. »Wo in diesem vorsintflutlichen Hotel sind hier eigentlich die Toiletten? Saustall!« Er wirkte verärgert. Als ich seinen Arm nahm, um ihn zum gewünschten Örtchen zu führen, keifte er: »Ich wünsche keine unsittlichen Berührungen.« Und schon ging das Geschäft in die Hose.
Wenigstens passierte das zu Hause. Neulich, als wir bei der Fußpflege waren, war es schiefgegangen. Mein Mann spürte einen fürchterlichen Drang und Sekunden später war der Drang nicht mehr aufzuhalten. »Hab geschissen«, stellte mein ehemals geistreicher, kluger Mann sachlich-trocken fest. Ich musste das Malheur beseitigen. Die Fußpflegerin verhielt sich vorbildlich professionell und hilfreich.
Mein Mann Norbert hatte Alzheimer. Inzwischen im fortgeschrittenen Stadium. Das bedeutete ein langes, aber unaufhaltsames Absterben dessen, was ihn als Mensch ausgemacht hatte. Anfangs hatte ich nichts bemerkt. Im Nachhinein wurde mir vieles klar. Dass er sich mehr und mehr in sich zurückzog. Er fing an, Geselligkeiten zu meiden. Er wurde tüdelig und vergesslich. Wirkte zeitweilig abwesend. Das schob ich auf einen normalen Alterungsprozess und machte mir zunächst keine Gedanken. Wach wurde ich, als wir mit dem Auto unterwegs waren. Er saß am Steuer und wusste nicht mehr, wie wir nach Hause kommen sollten. Das und sein plötzlicher unkontrollierbarer Drang auf die nächste Toilette machten mich endgültig stutzig.
Ich schleppte meinen Mann, der sich heftig dagegen zur Wehr setzte, zu unserem Hausarzt, der uns in die Neurologie überwies. Dort bekamen wir die Diagnose, die ich befürchtet hatte.
Als Angehöriger ahnt man ja anfangs kaum, was da auf einen zukommt. Klar, es gab Bücher, Artikel, ich besuchte Vorträge und informierte mich umfassend. Aber alles, was man über diese schleichende Krankheit liest, ist harmlos verglichen mit dem, was man tatsächlich mitmacht. Bei meinem Mann war es keineswegs so, dass er ein liebenswerter, vergesslicher und harmloser Typ wurde, den man nur ans Händchen nehmen musste. Er wurde ausgesprochen anstrengend und vieles, was auf mich einstürmte, empfand ich als Zumutung.
Bald konnte ich verstehen, was gemeint war, wenn ich las, Angehörige stoßen an ihre Grenzen. Mein ehemals liebenswürdiger Mann wurde zeitweise aggressiv, völlig unselbstständig und ich konnte ihn keine fünf Minuten mehr allein lassen. Am Anfang konnte er sich noch normal bewegen. Später brauchte er einen Rollator und schließlich landete er im Rollstuhl. Er wurde nörgelig und quengelig.
Manchmal musste ich einfach an die frische Luft, ohne ihn. Schloss ich die Tür ab, fing er an zu randalieren. Er bollerte gegen die Haustür und rief lautstark: »Hilfeee!!« Die Nachbarn guckten schräg. Also nahm ich ihn möglichst überall mit hin. Ich konnte ihn beim Einkaufen nicht allein im Auto lassen. Einmal tat ich das, um bei der Sparkasse Geld abzuheben. Er entwickelte eine enorme körperliche Kraft, sodass mein kleiner Mercedes der A-Klasse gefährlich anfing zu schwanken. Gott sei Dank konnte er sich nicht aus dem Sicherheitsgurt befreien. Mein Mann ließ mich nicht mehr aus den Augen. Er wollte mir unbedingt überallhin folgen.
Es wurde auch gefährlich mit ihm. Norbert spielte an der Herdplatte herum und ich entdeckte, dass sie glühte. Dass man das nicht tun durfte, ersparte ich mir ihm zu erklären, denn er hätte es nicht verstanden. Er räumte die Zahnpasta in den Kühlschrank, schüttete Ketchup auf den Fußboden, was vergleichsweise harmlos war, oder maulte, ihm sei langweilig. In den Wäschekorb im Keller kippte er Waschpulver, weil er saubere Wäsche brauchte. Beim Essen goss er sich Apfelsaft in die Erbsensuppe, zerteilte die Serviette mit Messer und Gabel oder ordnete die Gulaschstücke nebeneinander auf der Tischdecke in einer gerade Reihe an. Anfangs löste ich noch mit ihm Kreuzworträtsel, aber auch daran verlor er die Lust. Es ist sehr schwer für Angehörige, diesen Verfall hautnah und über Jahre mitzuerleben. Irgendwann war klar und mein Arzt riet es mir auch: Holen Sie sich Pflege ins Haus.
Bei der Krankenkasse beantragte ich Pflegestufe 2. Wir wurden daraufhin von einer Dame besucht, die meinen Mann ausfragte. Ob er sich noch allein anziehen könne. Norbert nickte diensteifrig, selbstverständlich könne er das. Stimmte nicht. Hosen und Pullover zog er inzwischen verkehrt herum an und wenn ich nicht aufpasste, kam die Unterhose gar nicht zum Einsatz. Ob er sich morgens und abends die Zähne putze. Selbstredend! Eine seiner leichtesten Übungen. Auch das stimmte nicht. Wenn ich ihm seine Zahnbürste mit Zahnpasta nicht anreichte und hinter ihm stehen blieb, passierte gar nichts. Als er dann behauptete, er lese täglich die Zeitung, wurde ich wütend. Die Wahrheit war, er nahm sich stets die Tageszeitung, hielt sie aber verkehrt herum und starrte verständnislos auf die Blätter. Von Lesen konnte also gar keine Rede sein. Dann wurde er gefragt, ob er denn noch telefonieren könne. »Lassen Sie ihn eine Nummer wählen!«, verlangte ich mit Nachdruck. »Dann sehen Sie, dass auch das nicht mehr geht.« – »Ihr Mann kann noch sehr gut für sich sprechen«, wurde ich patzig belehrt. Und der bestätigte stolz, dass Telefonieren kein Problem für ihn sei, dass er das täglich praktiziere. Die Dame von der Krankenkasse jedenfalls tat so, als übertriebe ich maßlos. »Na sehen Sie mal! Ihr Mann ist doch noch ganz plietsch und selbstständig.« Immerhin bekamen wir Pflegestufe 1.
Ich beschloss, da von der Krankenkasse keine Unterstützung zu erwarten war, auf eigene Kosten eine polnische Pflegekraft bei uns im Gästezimmer einzuquartieren. Olga, eine rundlich-gemütliche Dame mittleren Alters mit einer wahren Engelsgeduld. Mein Mann war nicht ihr erster dementer Pflegefall. Anfängliche wüste Beschimpfungen vonseiten meines Mannes ließ sie mit stoischer Ruhe über sich ergehen. Liebevoll ging sie auf seine Kindereien ein.
Als Norbert anfing, zum Essen seinen Zahnersatz aus dem Mund zu nehmen, pürierte sie seine Mahlzeiten. Damit er sich nicht von Kopf bis Fuß bekleckerte, band sie ihm ein Lätzchen um, für das sie ein Betttuch durchgeschnitten hatte. Anfangs weigerte sich mein Mann, bei ihr zu bleiben, wenn ich das Haus verließ. Ich fühlte mich immer noch mehr angebunden als mit einem Säugling.
Was das alles mit mir machte, interessierte keinen. Ich verzichtete im Bekanntenkreis natürlich auf drastische Schilderungen der Realität mit der Folge, dass alle stets sagten, er sei doch noch ganz gut zurecht. Waren andere Leute da, verhielt er sich komischerweise meist liebenswürdig. Ich fand, es wurde immer grauenhafter.
Nach einem Jahr, sein Zustand hatte sich noch einmal drastisch verschlechtert, war ich fix und fertig und dachte daran, ihn in Pflege zu geben. Der Mann, den ich einst geliebt, respektiert und für manches bewundert hatte, versank im Tal des Vergessens. Dabei wurde er immer weniger umgänglich. Das war kein würdiger Abgang. Als das Stadium kam, wo er mich nicht mehr als seine Frau erkannte, beschloss ich endgültig, Norbert in einem Pflegeheim anzumelden.
Es tat mir in der Seele weh, was diese Krankheit mit einem Menschen machte. Seinen 70. Geburtstag feierte er in der »Arche«, der Alzheimer-Gruppe im Klarastift. Hier war er umgeben von männlichen und weiblichen Leidensgenossen. Ich brachte ihm seinen Lieblingskuchen, einen Frankfurter Kranz mit. Er nahm gar nicht wahr, dass er Geburtstag hatte. Alle Alzheimer-Patienten saßen um einen großen runden Tisch. Eine Dame zeigte mir stolz ihre Perlenkette, indem sie sich ihres Pullovers und BHs entledigte und mir ihren entblößten Oberkörper und ihre welken Brüste entgegenstreckte. Der Herr neben ihr holte aus und gab ihr eine Backpfeife, was lautes Geschrei zur Folge hatte. Ein Dritter pickte die Krokantbrösel vom Geburtstagskuchen und versenkte sie in seiner Kaffeetasse. Und eine Dame wollte partout zum fünften Mal zur Toilette geschoben werden. Kaum war sie ergebnislos zurück am Tisch, ging alles in die Hose. Das Pflegepersonal hatte meinen vollen Respekt. Nie ein lautes Wort, keine Ungeduld, kein Schimpfen. Selbst mit den ekligsten Situationen wurde gelassen umgegangen.
Ich kam an einen Punkt, wo ich dachte, der Tod sei für uns alle eine Erlösung. Als mein Mann eine Erkältung mit anschließender Lungenentzündung bekam und ins Krankenhaus eingeliefert wurde, hoffte ich für ihn und mich, dass es sein Ende sei. Doch da hatte ich die Rechnung ohne die junge engagierte Ärzteschaft in dem katholischen Hospital gemacht. Mein völlig orientierungsloser, halb toter Mann wurde mit Antibiotika vollgepumpt. Als die Lungenentzündung abklang, stellten wir fest, dass sein Schluckreflex nicht mehr funktionierte. Er konnte tatsächlich nicht mehr schlucken. Also konnte er auch nichts mehr essen. Künstliche Ernährung war das Letzte, was wir wollten. Nun wollten die Ärzte eine Magensonde legen. Ich war entsetzt. »Warum?«, fragte ich. »Mit welchem Ziel? Damit mein Mann weiter im Heim vor sich hinsiecht? Ohne Sinn und Verstand?« Ich konnte es nicht fassen. »Warum darf er nicht sterben?« Ich holte Norberts Patientenverfügung und überreichte sie dem Ärzteteam. »Mein Mann hätte das nie gewollt, dass er so würdelos am Leben gehalten wird.« Eine sehr junge Ärztin sagte: »Sie können doch nicht wollen, dass Ihr Mann stirbt!« – »Doch«, insistierte ich. »Wenn er bei klarem Verstand wäre, würde er Ihnen sagen, dass er das so nicht will.« Es folgte eine volle Woche, in der die Ärzte mit allen Mitteln versuchten, das Leben meines Mannes zu retten. Ich muss wahrheitsgemäß sagen, dass ich froh war, dass ihnen das nicht gelang. Eines frühen Morgens wurde ich von der Stationsschwester angerufen: »Kommen Sie bitte, es geht zu Ende.« Mein Mann war nicht wieder zu Bewusstsein gekommen. Ich war froh, dass er endlich sterben durfte. Für mich war das, ich sage es ehrlich, eine Befreiung.
▸ Die Alzheimer-Krankheit
Die Zahlen sind erschreckend: Rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Alzheimer und jährlich werden 200 000 Neuerkrankungen festgestellt. Im Jahr 2030 sollen es sogar schon 2,3 Millionen sein. Die Dunkelziffer liegt noch bei weitem höher. Mit der global steigenden Lebenserwartung erhöht sich auch die Häufigkeit der Krankheit. Die Anzahl der Betroffenen weltweit soll von heute 35 Millionen auf 66 Millionen im Jahr 2030 und geschätzte 115 Millionen 2050 steigen. Die Krankheit tritt vor allem im höheren Alter auf: Nur zwei bis drei Prozent der 70- bis 75-Jährigen sind betroffen, wohingegen jeder Dritte über 90 Jahre an Alzheimer leidet.
Die Alzheimer-Forschung stellt fest: »Alzheimer, die am meisten verbreitete Form der Demenz, führt immer zum Tod. Es handelt sich um eine fortschreitende, unheilbare Gehirnstörung mit unbekannter Ursache. Die Folge: ein langsames Sterben aller geistigen und körperlichen menschlichen Funktionen. Zu den Symptomen dieser Erkrankung zählen Gedächtnisverlust, Verwirrtheit und Desorientierung. Dazu kommen Veränderungen des Wesens, ein beeinträchtigtes Urteilsvermögen und der Verlust der Sprachfähigkeit. Charakteristisch für die Demenz ist ein Rückgang der intellektuellen Funktionen, der sich bezeichnenderweise im normalen sozialen Umfeld und bei täglichen Aktivitäten zeigt.« (www.alzheimer-forschung.de)
Wer keine Erfahrung mit Alzheimerpatienten hat, hält diese oftmals für harmlos vergessliche alte Menschen. Oft aber führt diese Krankheit auch zu Aggressionen, die nicht selten in körperlichen Übergriffen enden und für Angehörige weder zu bewältigen noch zumutbar sind. Wer unter leichter Vergesslichkeit leidet, wem Namen oder Telefonnummern nicht auf Anhieb einfallen oder unter Gedächtnislücken leidet, muss sich noch keine Sorgen machen. Sie sind Teil des normalen Alterungsprozesses. Ältere Menschen haben eine so riesige Datenmenge auf ihrer »Festplatte«, dass sie schlicht mehr Zeit brauchen, um Neues zu lernen oder sich an Erlerntes zu erinnern.
Heulen erlaubt!
Witwen auf Mittelmeer-Kreuzfahrt
»Heul dich aus, Mädchen«, sagte Irmi aus dem Kohlenpott vor der Sagrada Familia, der größten Kirche in Barcelona, seit hundert Jahren Baustelle und trotzdem schön, und legte den Arm um mich. Beim Anblick dieses Gotteshauses, das aussieht, als sei es gerade einem Fantasy-Roman entsprungen, waren mir plötzlich die Tränen in die Augen geschossen. Hier hatte ich vor drei Jahren mit meinem Mann Hans gestanden. Seine letzte Reise, bevor der Leberkrebs ihn mir genommen hatte. Damals war die Hoffnung noch nicht gestorben.
Die Truppe, mit der ich jetzt in Barcelona unterwegs war, war ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Wir hatten nur eins gemeinsam: Wir waren alle Witwen. Ich war durch den Pastor unserer Kirche auf dieses Projekt gestoßen worden. Eine Mittelmeer-Kreuzfahrt auf der MS Astor für hinterbliebene Frauen. Das war’s!
Vor der Buchung wurde ich zu einem intensiven Vorgespräch eingeladen. Man wollte wissen, wie gut ich den Tod meines Mannes bereits verarbeitet hatte und ob ich reif dafür sei, neue Eindrücke aufzunehmen. Drei Jahre war Hans tot und ich war durchaus wieder in der Verfassung, Herausforderungen zu begegnen. Ich war neugierig, was das Leben noch zu bieten hatte. Auf meine Frage, wer denn hier abgewiesen werde, antwortete eine Trauerbegleiterin: »Es ist wichtig, dass Sie so viel Abstand haben, dass Sie sich einem neuen Leben öffnen können.« Klar, wer noch pausenlos heult und an nichts anderes denken kann als an den toten Mann, wäre auf einer Kreuzfahrt sicher verkehrt. »Verstehen Sie mich richtig. Es geht nicht darum, dass Sie nicht weinen dürfen, wenn die Erinnerung Sie überkommt. Sie sollten nur so weit sein, dass Ihr Leben weitergehen darf.« Kapiert! Verständlich, wenn man mit einer sowieso schon hochexplosiven Truppe auf Reisen geht.
Ich kann mich nicht mehr an alle Witwen erinnern. Aber an die, die mir guttaten. Irmi aus Recklinghausen im Kohlenpott mit ihrem losen Mundwerk und ihrem großen Herzen, Herta aus Meschede im Sauerland, auch eine Frau mit Herz, Martha aus Berlin, unsere Alternative, und Gesche aus Buxtehude, ihr Mann war Versicherungsmakler gewesen und sie hielt sich als Lehrerin für die Intellektuelle unter uns, was aber weiter nicht störend war. Eingeloggt war die Gruppe in Außenbordkabinen, wahlweise zu zweit, was etwas günstiger war, oder allein.
Herta aus dem Sauerland bekräftigte: »Lass dich nicht stören. Heul Rotz und Wasser. Tut dir bestimmt gut.« Dabei hatte sie selbst Tränen in den Augen. Sie hatte ihren Wilhelm vor vier Jahren zu Grabe getragen. Wilhelm, der beim Schützenfest im Umzug immer den Herold gab. Auf seinem »Totilas«, einem gescheckten Shire-Horse-Wallach, Stockmaß 1,82 Meter. Wilhelm, mit dem sie drei Kinder hatte und der ein begeisterter Pferdezüchter war. Wilhelm war einem Herzinfarkt erlegen. »Hatte zu viel geraucht und auch oft zu tief ins Glas geguckt.« In einer rührseligen Minute auf dem Sonnendeck hatte sie mir noch unter Tränen anvertraut, dass er Alkoholiker war und seine Bauchspeicheldrüse bis auf zehn Prozent entfernt worden war. »Muss ja nicht jeder wissen.« – »Ne, behalt mal schön für dich«, antwortete ich. Sie schwärmte von einer Beerdigung, die sehr würdig und ergreifend gewesen sein soll: »Dat ganze Dorf war dabei!« Wenn Herta erzählte, mussten wir alle heulen. »War datt schön!«
Marthas Mann war Freizeit-Rocker und bei einem Motorradunfall mit seiner Kawasaki in einer rutschigen Kurve auf dem jährlichen Biker-Treffen auf der Hohensyburg bei Dortmund zu Tode gekommen. Sie berichtete uns ausführlich von der zünftigen Biker-Bestattung. »Achtzig Maschinen! Könnt ihr euch nicht vorstellen. War ein richtig guter Abgang. Wie beim Harley-Treffen in Hamburg am Michel. Mit Bon-Jovi-Musik. Hätte Walter das gesehen, wäre er total überwältigt gewesen.« Sie trug an Deck seine Biker-Jacke mit Nieten.
Gesches Mann hatte einen Hirntumor, ein Glioblastom. Das erdrückte nach und nach die Hirnregionen, die man für die Bewältigung eines selbstständigen Lebens braucht. Mehrere Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien konnten den ausweglos tödlichen Hirntumor nicht aufhalten. Seine Lebenserwartung war auf wenige Monate geschätzt worden. Er hatte Gesche mit Nachdruck verboten, einen Priester an sein Bett zu holen. »Den erschlag ich«, hatte ihr Klaus gedroht. Gesche war tief katholisch und dadurch in einen Zwiespalt geraten. Sie hatte es aber nicht gewagt, seinen letzten Wunsch zu übergehen.
Irgendwann bekam er epileptische Anfälle, sein Sichtfeld bekam Lücken, seine Orientierung ließ nach. Klaus irrte durch die Gänge des Hospizes und fand von der Küche nicht mehr zurück in sein Zimmer, das nur drei Türen weiter war. Sein Zustand machte ihn wohl ausgesprochen unwirsch. Mehr noch, als er sowieso schon war. Dann fing er an, einfach umzufallen. Immer häufiger hatte er Artikulationsprobleme. Als der Tumor begann, sein Sprachzentrum aufzufressen, schrie er vor Verzweiflung und schlug mit letzter Kraft gegen die Wand. Dann konnte er nicht mehr gehen, nicht mehr sprechen und schließlich war er bewegungsunfähig ans Bett gefesselt. Sein Gesicht sei vom Kortison aufgequollen gewesen. »Solange er noch etwas sagen konnte, hat er nur geflucht. Über sein Schicksal und über mich. Er ist zum Schluss richtig fies geworden«, erzählte Gesche immer noch ein bisschen beleidigt. »Blöde Kuh«, hat er mich genannt.
»Einmal, da konnte er noch sprechen, lag er in seinem Hospizbett so still, dass ich dachte, jetzt liegt er im Sterben. Da nahm ich seine Hand und flüsterte, du darfst gehen, Klaus. Was macht er? Reißt die Augen auf und schnauzt, hast du mir schon fünfmal gesagt. Kannst es wohl nicht erwarten.« Daran hatte Gesche schwer zu knabbern. »Das hat mich tief verletzt.« Er soll auch bei klarem Verstand nicht besonders nett gewesen sein. »Manchmal konnte er ein richtiges Ekelpaket sein.«
Das Erbauliche an der bisweilen ziemlich nervigen Witwentruppe war, dass jede wusste, was los war, wenn eine zu schluchzen anfing. Die Momente, wenn eine bestimmte Musik spielt, wenn man einen Geruch von früher in der Nase hat, einen Ort besucht, an dem man zu zweit glücklich war, wenn man von Erinnerungen überflutet wird und losheult, hatten wir alle. Keiner guckte pikiert oder fühlte sich belästigt, wenn wir uns mit roten Augen die Nase schnäuzten.
Morgens nach dem Frühstück hatten wir »Plenum« und jede konnte sagen, was ihr gerade auf der Seele lag. Unsere Ansprechpartnerin war Frau Bode, deren Mann schon vor zehn Jahren verstorben war. Als »Fortgeschrittene« stand sie uns zur Verfügung und sorgte dafür, dass nichts in die falsche Richtung driftete. Nachdem ihr Mann nicht mehr war, hatte sie die gemeinsame Firma übernommen und sich zur Sterbebegleiterin ausbilden lassen. Sie war klein, dick, sehr tough, trug die Haare knallrot gefärbt und angeordnet wie die Stiele auf einer Runkelrübe. Wiedererkennungswert optimal. Ich postete in Gedanken: »Gefällt mir!«
Am frühen Nachmittag legten wir meist an und konnten Städte besichtigen. Geordnet in Gruppen oder auch selbstständig. Martha, Gesche, Herta und ich wollten die Prachtstraße La Rambla, ein Zwitter aus Spazierweg und Fahrbahn, in Barcelona unsicher machen und shoppen gehen. »Müssen wir uns geben«, sagte Gesche, die gern ihren Bildungsstand unter Beweis stellte, und fügte hinzu: »Das wäre wie Paris ohne Champs Élysées oder wie Kopenhagen ohne Stroeget.« Damit betonte sie indirekt, dass sie mit ihrem Mann weit gereist war.
Natürlich landeten wir in einem der Straßencafés. »Leute gucken«, wie Herta sagte. Obwohl wir alle dasselbe Schicksal teilten, hatte jede einen anderen Background. Zickenkrieg gab es dadurch nicht. Uns allen war bewusst, dass unsere Reise nicht den Zweck verfolgte, beste Freundinnen zu werden, sondern unseren Schicksalsschlag zu verarbeiten.
Herta nahm sich vor, in Zukunft mit ihrer Rente klarzukommen, Gesche überlegte, ob sie beruflich wieder einsteigen sollte, und Martha war ja sowieso Geschäftsfrau geworden. Ich wusste noch nicht, ob ich in Deutschland bleiben oder auswandern sollte. Ein Jugendtraum von mir. Ich überlegte, ob ich mal ein Jahr nach Neuseeland gehen wollte. Ich hatte ja jetzt alle Freiheiten.
»Was hast du eigentlich zuerst gemacht, als Klaus unter der Erde war?«, fragte ich Gesche. »Als Erstes habe ich seine zwei Autos verkauft, damit mein Auto endlich einen Garagenplatz hatte«, erzählte sie pragmatisch. »Ewig musste ich im Winter Eis kratzen. Wie mich das genervt hat!«
»Mich hätte meine Tochter am liebsten sofort wieder verkuppelt. Mit einem Witwer aus unserem Stadtteil, der richtig Kohle und keine Kinder hat. Berechnende Brut!«, erzählte Irmi. »Ja, so wollen sie ihr Gewissen beruhigen«, ergänzte Martha. »Aber es ist ja nicht so, dass wir jetzt Betreuung bräuchten.« – »Ne, ganz gewiss nicht«, tönte Irmi. »Reif für den Rollator sind wir noch nicht.« Wir grinsten. »Ganz schön viele alte Knacker an Bord«, meinte Gesche. »Die haben unten im Schiff eine Dialysestation. Da tanken die auf für den Tag.« Ich konterte: »Seid nicht so garstig!« – »Oh Gott!«, stöhnte Gesche. »Hast du beim Frühstück den Rollstuhlfahrer mit Vollbart gesehen?« – »Ja, und ich hab auch gesehen, wie der dich angestarrt hat.« »Hihi«, kicherte Irmi jetzt. »Der braucht ’ne Krankenschwester und keine Frau.« – »So isses«, hakte Herta das Thema ab. Ich war froh, dass wir wieder lästern konnten. Das zeigte, dass wir dem Leben wieder zugewandt waren.
»Also ich«, berichtete jetzt Irmi, »ich habe mich geweigert, Schwarz zu tragen. Ich bin in Dunkellila über den Friedhof gezogen. Hätte Hermann so gewollt. Ich habe auch gleich seine ganzen Sachen verschenkt, unser Ehebett rausgeschmissen und die Wände neu streichen lassen.« Irmis Mann war Kettenraucher und nach zwei Schlaganfällen gestorben. »Ich wollte den kalten Rauch nicht mehr riechen.«
Langeweile kam jedenfalls nicht auf. Wir gingen zu »Bauch, Beine, Po« bei Lisa und strampelten uns auf dem Fahrrad im Fitnessraum ab. Ich entdeckte das Laufband für mich. Abends spielte eine Kapelle Jazz und Swing. Wenn Irmi aufstand und anfing, ihren Hintern hin- und herzuwerfen, kam richtig Schwung in die Bude. Plötzlich turnten alle im Saal nach der Musik herum, mehr oder weniger gekonnt, aber voller Begeisterung, mit und ohne Rollator. Die Stimmung war bombig, und selbst der Rollstuhlfahrer zappelte mit Kopf und Händen. Tja, so konnten wir dem Leben wieder etwas abgewinnen. Es ging ja weiter.
▸ Trauerreisen
Fritz Roth war Bestatter und Inhaber der »Privaten Trauerakademie« in Bergisch Gladbach. Er revolutionierte die eingefahrenen Bestattungswege und hatte im Jahr 2010 die Idee, mit dem Veranstalter TUI sogenannte Trauerreisen – Reisen für Menschen, die ihren Lebenspartner verloren haben –, zu organisieren. Fritz Roth, der mittlerweile selbst seinem Krebsleiden erlegen ist, erklärte die Idee in einem Interview mit fem.com: »Die uns angebotenen Reisen sind keine ›Trauerreisen‹, sondern ganz bewusst ›Reisen ins Leben‹. Sie sind konkret für Personen zusammengestellt, die einen nahestehenden Menschen verloren haben, und unterscheiden sich insofern von einem normalen Gruppenurlaub, als den Reisenden viel Raum für ihre Verluste gegeben wird. Wenn ein Trauernder mit einer normalen Gruppe reist, kann es zu schwierigen Situationen kommen. Zum Beispiel, wenn irgendwo ein Lied spielt, das Erinnerungen an den Verstorbenen wach werden lässt. Wenn dann Tränen kullern und so etwas öfter vorkommt, kann es Unverständnis auf Seiten der Mitreisenden geben. Mit unseren ›Reisen ins Leben‹ möchten wir Trauernden unter Gleichgesinnten eine Chance geben, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und das Leben neu zu entdecken.«
Es gibt unterschiedliche Ziele, etwa in den Süden Europas, aber auch innerhalb Deutschlands. Die Leiter einer Trauergruppe achten darauf, dass der Tag genug Abwechslung bietet zwischen Unterhaltung, Ablenkung, aber auch bei sich sein, Ruhe haben, Gedanken pflegen. Roth nannte das »Dreiklang aus Lebenssinn, Lebenskultur und Lebenslust«. Wichtige Voraussetzung für die Teilnahme an der »Reise ins Leben« ist allerdings, dass der Trauernde wieder aktiv am Leben teilhaben möchte, er sollte sich einigermaßen gefasst haben, wieder soziale Kontakte pflegen und möglicherweise schon wieder arbeiten. Das ist meist sechs Monate nach dem Verlust der Fall. Ansonsten kann weder der Betroffene selbst die Reise genießen, noch ist es für die anderen Reiseteilnehmer tragbar. (http://www.reiseinsleben.de) Ähnlich funktioniert das Unternehmen Regen-Bogen-Reisen, gegründet von Irma Heyne-Beuse. (http://www.regen-bogen-reisen.com)
Darmowy fragment się skończył.