Czytaj książkę: «Otternbiss»

Czcionka:

Regine Kölpin

Otternbiss

Inselkrimi


Zum Autor

Regine Kölpin ist 1964 in Oberhausen geboren, lebt seit dem 5. Lebensjahr an der Nordseeküste und schreibt Romane und Geschichten unterschiedlicher Genres. Sie ist auch als Herausgeberin tätig und an verschiedenen Musik- und Bühnenproduktionen beteiligt. Außerdem hat sie etliche Kurztexte publiziert. Regine Kölpin ist verheiratet mit dem Musiker Frank Kölpin. Sie haben 5 erwachsene Kinder, mehrere Enkel und leben in einem kleinen Dorf an der Nordsee. In ihrer Freizeit vereisen sie gern mit ihrem Wohnmobil, um sich für neue Projekte inspirieren zu lassen. Dabei haben sie auch Usedom entdeckt und lieben gelernt. Ihre Lesungen gestaltet die Autorin oft mit dem Gitarrenduo »Rostfrei«. Mehr unter www.regine-koelpin.de

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Mörderische Mecklenburger Bucht (2017)

Mörderisches Usedom (2017)

Das verlorene Kind – Kaspar Hauser (2016)

Wer mordet schon im Wattenmeer? (2014)

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2010 im Leda-Verlag)

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © ThomBal / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6492-8

Widmung

Für Torben

Im Jahr 2000
Wangerooge

Maria weiß nicht, was Achim hier will. Sie weiß nicht einmal, warum sie sich von dieser Nervensäge hat breitschlagen lassen, ihm bis zum Osten von Wangerooge zu folgen.

Sie blickt zum Himmel. Es wird erneut ein heißer Tag werden. Später würde man sich am aufgeheizten Sand die Füße verbrennen. Achim hüpft fröhlich neben ihr her, aber sein Gesicht wirkt verkrampft. Er scheint ein großes Geheimnis zu haben. Sie sieht es ihm an. Immer wieder zerfurcht er seine sommersprossige Stirn, lässt den Zeigefinger in der kleinen Nase verschwinden. Außerdem hat sie gehört, wie er etwas von Bernsteinen geflüstert hat. Er ist fasziniert vom Goldgelb dieser Steine. Wenn Maria ihre Kette trägt, streicht er mit seinen dünnen Fingerspitzen fast andächtig darüber. Im Osten liegen nach starkem Seegang öfter welche. Wahrscheinlich hat Achim davon gehört. Er hat seine Ohren ja überall.

Da stehen sie sich beide nichts nach. Sie nehmen alles auf, was sie hören. Ihre Art, am Leben teilzunehmen, weil sie von den anderen ausgeschlossen sind. Außer Daniel gibt es niemanden, der Maria wirklich mag. Alle finden sie eigenartig. Weil sie mit ihren fünfzehn Jahren zu viel nachdenkt.

Sie weiß, dass Achim sie nett findet. Aber er ist gerade erst acht. Der Kleine wirkt immer so wie ein zu früh aus dem Nest gefallener Vogel. Seine rotblonden Haare, die sein blasses, mit Sommersprossen überzogenes Gesicht strähnig umrahmen, tragen dazu bei. Vielleicht mag sie ihn deshalb. In den zwei Wochen, seit sie zusammen im Schullandheim sind, hat sie ihn lieb gewonnen, wie einen kleinen Bruder.

Maria ist es jetzt am frühen Morgen bereits zu warm. Immer öfter wischt sie sich verstohlen über die Stirn. Schweißperlen reihen sich Pore an Pore. Sie schwitzt so leicht. Ab und zu öffnet sie den Mund, will etwas sagen, verschließt ihn dann aber, sperrt die Worte ungesagt ein.

Sie hält Achims Hand fest umschlossen und stapft mit ihm den langen Weg in Richtung der Ostdünen. Ihre Lippen werden von Schritt zu Schritt schmaler, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen sind. Ihr Atem geht eine Spur zu schnell. Sie hofft, dass keiner ihr Verschwinden bemerkt und sie zum Frühstück zurück sind. Es ist nicht erlaubt, unangemeldet zu gehen. Aber etwas in ihr hat sie davon abgehalten, ihren Spaziergang kundzutun. Vielleicht ist es die Spur von Abenteuer, die das alles hier so spannend macht. Endlich ist sie der Bestimmer, muss sich nicht den Anweisungen anderer unterordnen. Hätte sie gesagt, was sie vorhaben, es wäre ihnen vermutlich verboten worden. Keiner darf so früh am Morgen allein durch die Dünen laufen, geschweige denn sich so weit vom Heim entfernen. Auch wenn sie als Betreuerin arbeitet, ist es ihr nicht erlaubt, mit einem der Kinder einfach wegzugehen.

Maria wedelt sich mit der bloßen Hand Luft zu. Sie ist völlig aus der Puste. Es ist keine gute Idee gewesen, mit Achim mitzugehen. Sie hat ein schlechtes Gefühl.

Der Junge hüpft wie ein Gummiball auf und nieder, stimmt ein Lied an. Seine Worte klingen merkwürdig dünn in der Landschaft, so sehr er sich auch um Festigkeit in der Stimme bemüht.

»Kleine Möwe Jonathan …« Als hätten die Vögel seinen piepsigen Gesang vernommen, antworten sie ihm kreischend.

»Lass uns umkehren, Achim!«

Der Junge schüttelt den Kopf. »Ich muss bis ans Meer. Wo die Wellen brechen.«

»Warum?«, fragt sie, obwohl sie die Antwort eigentlich kennt. Maria zieht an seiner Hand. Die ist mittlerweile feucht geworden. Achim ist aufgeregt. Sie schaut in seine blassblauen Augen, die ihrem Blick aber ausweichen. »Du willst Bernsteine suchen, stimmt’s?«

Er nickt. Eine Strähne schiebt sich übers rechte Auge, wischt eine herauskullernde Träne zu einer gebogenen Linie.

»Für Oskar«, flüstert er und reißt sich los. Er kraxelt den Dünenüberweg hinauf.

»Bleib stehen!«, ruft Maria.

Achim hört aber nicht hin. Er stolpert durch den Sand, rennt in Richtung Dünenkamm. Dort verharrt er eine Weile, schaut sich kurz um und verschwindet zum Strand.

Für Oskar also. Maria seufzt. Oskar ist Achims kleiner Bruder. Todkrank, hat Leukämie. Deshalb ist Achim in der Kinderfreizeit. Seine Eltern müssen sich um den Jüngeren kümmern. Für den Älteren bleibt nicht viel Raum in einer solchen Zeit. Maria hat die Mutter beim Abschied erlebt. Achim ist ihr zu viel. Ihr Herz war nicht bei ihm. Maria sieht das. Der Vater ist auch komisch. Er hat den Kleinen fest im Arm gehalten und ihm noch etwas ins Ohr geflüstert. Danach hat Achim zwar gestrahlt, aber trotzdem war auch zwischen den beiden keine Nähe zu spüren.

Es steht ihr nicht zu, über irgendjemanden zu richten. Das ist arrogant.

Maria folgt Achim. Der Sand, der seitlich in ihre Sandalen rieselt, ist unangenehm. Sie schüttelt ihn aus, schleppt sich die Düne hinauf. Neben ihr raschelt es. Sie sieht das Ende einer Kreuzotter gerade im Dünengras verschwinden. Maria ist froh, dass der Überweg größtenteils mit Holzbohlen ausgelegt ist. Darauf läuft es sich etwas besser. Doch die Wärme steht hier schon, nimmt ihr die Luft zum Atmen. Sie ist empfindlich damit. Als sie den Strand endlich vom Dünenkamm aus überblicken kann, rennt Achim bereits in Richtung Wattsaum.

Die Nordsee dümpelt in der Ferne wie eine leicht bewegte Folie auf und ab und erinnert Maria an das Meer der Augsburger Puppenkiste. Es ist auflaufend Wasser. Maria kann fast zusehen, wie sich die ersten Priele in Ufernähe füllen und das Meer nach und nach das Watt bedeckt.

Der Horizont ist aber zur Blauen Balje hin nicht erkennbar. Das Meer wird nicht wie sonst mit einem schmalen Strich vom Himmel getrennt. Es vermischt sich mit ihm zu einer graudunklen Masse, die auf die Küste zuwabert.

Marias Herz schlägt ein paar Takte schneller. Hier stimmt etwas nicht. Achim wird immer winziger, je deutlicher er sich entfernt. Maria formt die Hände zu einem Trichter. Sie atmet tief ein, versucht Kraft in die Stimme zu legen: »Achim! Komm zurück!« Die Töne verhallen in der Weite, die durch diese merkwürdige Wand weniger zu werden scheint.

Maria hastet die Düne hinunter, stürzt, rollt den feinsandigen Abhang hinab, krallt ihre Hände in den Sand, um den Sturz abzufangen. Sie schafft es, auf die Füße zu kommen, greift nach ihren Latschen und rennt. Und rennt und rennt. Sie bemerkt nicht, wie ihre Zehe zu bluten beginnt, weil sie auf eine klaffende Muschel getreten ist. Sie merkt nicht das Stechen im Knie, das sie sich bei ihrem Sturz verletzt hat.

»Achim!«, ruft sie wieder. Doch der ist längst nur noch ein kleiner blauer Tupfen, den man wie zufällig dorthin platziert hat. Er hat die Welt um sich herum vergessen.

Maria sammelt ihre Kräfte, will dem Jungen ein Stück näher kommen, ihn einholen. Sie spürt, wie wichtig es ist. Dass ihr kaum noch Zeit bleibt.

Die dunkle Wand nähert sich stetig der Küste, scheint mit ihren ersten Ausläufern bereits am Wattsaum zu lecken. Es wirkt so, als habe sie sich auf die herannahende Wasseroberfläche gesetzt und reite auf ihr dem Strand entgegen.

Maria hält abrupt an. Ein Begreifen kriecht vom Kopf her in ihren Bauch und verursacht dort ein Brennen. Diese seltsame Wand ist der Nebel. Dieser tiefe, graue, gefährlich undurchdringliche Nebel, der jetzt feine Schwaden über das noch trockene Watt schickt und mit den ersten Ausläufern am Strand leckt.

Bald werden diese Fäden sich mit der See und dem Sand verweben und Wasser und Meer zu einer Einheit verbinden.

»Achim!« Marias Stimme überschlägt sich, gerät in ungeahnte Höhen. »Wir müssen weg!«

Der Junge blickt nicht einmal auf. Wahrscheinlich hat er sie nicht gehört. Maria erkennt seine gebückte Haltung. Er scheint unglaublich in etwas vertieft zu sein.

»Achim!« Ihr Ruf wird vom Meer und dieser Suppe verzerrt, dringt nicht durch.

Bevor der Kleine vom Nebel verschluckt wird, glaubt Maria noch eine Gestalt neben ihm zu erkennen, aber sie weiß selbst, dass es nur ein Trugschluss, eine verfehlte Hoffnung ist.

Die dunkle Wand hat auch sie fast eingeholt.

»Wenn der Seenebel kommt, müsst ihr, so rasch es geht, an die Dünenkette laufen. Bei Flut ist er so dicht, ihr wisst nicht mehr, in welche Richtung ihr gehen sollt. Und ihr seid verloren!« Warum fällt ihr erst jetzt ein, was der Betreuer ihnen wieder und wieder eingetrichtert hatte? Vorhin wäre es früh genug gewesen, Achim zurückzuholen. Wenn sie nur die Zeichen rechtzeitig erkannt hätte. Hätte, hätte, hätte …

Erst im vergangenen Jahr ist ein Mädchen bei See­nebel im Osten ertrunken, weil es vor Angst ins Wasser gefallen, dort in einer Senke abgetaucht und in Panik geraten war.

Aber sie kann jetzt nicht zurück zu den Dünen. Sie muss Achim finden. Irgendwo in dieser Brühe irrt er herum, wartet auf ihre Hilfe. Er vertraut ihr. Sie ist die Einzige, die in der Lage ist, etwas zu tun. Niemand sonst ist hier. Es ist zu früh am Tag. Er ist ihr anvertraut. Sie wird ihn nicht allein lassen. Mittlerweile umtanzen die Nebenschwaden ihre Füße. Es ist fast unmöglich, den Boden zu erkennen. Dann wird auch sie verschluckt. Es ist plötzlich viel kälter und unglaublich feucht. Suchend schlägt Maria mit den Armen um sich. Sie verharrt auf der Stelle, versucht sich zu orientieren. Ganz ruhig bleiben. Es ist so still um sie herum, als gäbe es auf der Welt nur sie allein. Sie vernimmt weder Möwenschreie noch das Plätschern der Wellen. Gespenstische Ruhe, tödliche Ruhe.

Maria lässt ihre Latschen aus der Hand fallen. Sie braucht sie hier nicht. Sie tastet sich vorwärts. Schritt für Schritt tappt sie durch den Sand, in die Richtung, wo sie den Jungen vermutet. »Achim!« Ihre Stimme klingt so dumpf, so verloren. »Wo steckst du, verdammt?« Wieder heften sich die Augen in das graue Dickicht, suchen Millimeter für Millimeter alles ab.

Nach einer Weile entdeckt Maria, dass sie im Kreis gelaufen ist. Ihre Latschen liegen achtlos dahin geworfen im Sand.

Wangerooge, zehn Jahre später
Seelenpfad 1

Ränder


Manchmal muss einer fortgehen

um allein zu sein …


Elke Langenstein-Jäger

Angelika Mans stand vor der Polizeistation in der Charlottenstraße und klingelte schon seit geraumer Zeit Sturm. Sie hatte ihr Handy vergessen, konnte die dort angeschlagene Nummer nicht wählen. Wangerooge schlief um diese Zeit noch und normalerweise würde sie das auch tun. Wenn sie nicht eine Eingebung früh aus dem Bett gescheucht hätte und in das Zimmer von Lukas sehen lassen. Das Bett war ordentlich gemacht, das Kopfkissen in der Mitte geknufft, wie sie das gern tat, und darauf thronte der dunkelbraune Teddy mit dem Herzen an der Hand. Aber von ihrem Sohn keine Spur. Er hatte das Haus mitten in der Nacht oder zumindest früh am Morgen verlassen.

Lukas war erst acht Jahre, viel zu klein für eine solche Aktion. Es passte auch nicht zu ihm. Aber er war in der Zeit seit der Trennung von Dieter seltsam geworden. Deshalb hatte sie diesen Kurztrip allein mit ihrem Sohn gebucht, wollte sich ein schönes verlängertes Wochenende auf der Insel machen. Lukas hatte sie in der Schule krankgemeldet, Urlaub während der Ferien war in der Firma einfach nicht drin. Zu viele andere Mitarbeiter drängten mit ihren Urlaubswünschen in die schulfreie Zeit.

Gestern war er eine Weile allein am Strand gewesen. Sein Vater hatte angerufen, wieder hatte es Streit gegeben. Sie konnte nicht mehr sagen, an welcher Stelle das Gespräch eskaliert, wann es genau entglitten war. Nur Lukas’ große Augen waren ihr in Erinnerung. Wie sie sich mit Tränen gefüllt, wie seine Unterlippe zu zittern begonnen hatte. Bevor er sich abgewandt, den kleinen roten Eimer und seinen Käscher in die Hand genommen hatte und über die Straße in Richtung Strand entschwunden war.

Danach war er anders gewesen. Gelöster. Freier. Er hatte sogar gelacht. Eine Reaktion, die er schon lange nicht mehr gezeigt hatte. Doch jetzt war ihr Sohn verschwunden.

Und die Polizeistation war nicht besetzt. Ihr war, als würden die Gedärme in ihrem Bauch brennen, Angst ihre Kehle zuschnüren. Hatte er doch zu viel von dem Streit mitbekommen und durch seine Fröhlichkeit, die vermutlich gar nicht echt war, nur alles überspielen wollen?

Angelika spürte die Tränen die Wangen hinunter­rinnen.

Sie trommelte mit der Faust gegen die Glasscheibe der Eingangstür der Polizei und wusste gleichzeitig, wie sinnlos ein solches Unterfangen war. In diesem Haus befand sich keiner. Sie musste erst zurück in ihre Ferien­wohnung gehen und das Handy holen. Sie suchte in ihren Taschen, fand aber weder Stift noch Zettel. Sich unter den gegebenen Umständen die angegebene Telefon­nummer einprägen zu wollen, war völlig unmöglich. Sie konnte sich nur die ersten vier Zahlen merken, mehr war nicht drin. Es half nichts. Sie musste umkehren und wiederkommen. Wiederkommen, dröhnte es in ihrem Kopf. Lukas sollte zurückkommen. Sie hoffte einfach, dass er, wenn sie nach Hause kam, brav in seinem Bett liegen würde. Sich vorhin nur versteckt hatte.

»Das hat er schon so oft getan«, sagte sie laut, während sie auf die Straße zurücktrat. »Ja, das hat er schon so oft getan …« Den Gedanken, dass es aber nie so früh am Morgen passiert war, weil ihr Sohn als Morgenmuffel lange brauchte, um zu Späßen aufgelegt zu sein, verdrängte sie. Ihre Schritte beschleunigten sich von Meter zu Meter. Sie würde Lukas gleich zu Hause antreffen, sie war völlig umsonst so in Panik geraten. Er lag bestimmt in seinem Bett, würde sie mit seinen blauen Augen anblinzeln und »Hallo, Mama« sagen. Sie sah schon sein Grinsen. »Hast dich ganz schön erschreckt, was?«

*

Rothko blickte in den Himmel. Der zeigte sich ihm in strahlendem Blau, nur ein paar vereinzelte Wolken zogen behäbig darüber. Sie wirkten wie Schafe und der Kommissar empfand direkt so etwas wie Empathie für sie. Er war auch ein Schaf. Hierher abkommandiert. Er wartete auf die Schlachtbank. Ein bisschen durfte er auf der Insel noch seinen Dienst tun, dann würde man ihm den Todesstoß versetzen.

Eine Kur hatte er beantragt. Weil ihm all die Verbrechen auf die Nerven fielen, weil er keine Lust mehr hatte, sich mit dem Abschaum der Gesellschaft auseinanderzusetzen.

»Für eine Kur reicht es nicht, Herr Rothko. Wir lassen Sie den Frühling und den Sommer auf Wangerooge Ihren Dienst tun. Dann sehen wir weiter. Dort wird Ihnen der frische Wind um die Nase wehen, Ihre negativen Gedanken einfach wegpusten.« Ein breites Grinsen hatte sich über das Gesicht seines Chefs gezogen, bevor er Rothko die übrigen Vorzüge der Insel angepriesen hatte. »Klären Sie den einen oder anderen Fahrraddiebstahl auf. Vielleicht beschäftigen Sie auch ein paar Drogendelikte, da haben Sie dann aber die Kollegen vom Zoll als Unterstützung. Und natürlich Jillrich, Ihren Partner in der Polizeistation. Den Rest der Zeit nutzen Sie für ausgiebige Spaziergänge am Strand.«

Rothko fand im Nachhinein, dass die Stimme seines Vorgesetzten ein wenig spöttisch geklungen hatte.

Er hatte sich nicht gewehrt. Gedacht, so schlecht sei die Idee mit der Insel nicht, und sich in sein Schicksal ergeben. Gleich zu Beginn war er über diese Gedichttafeln in den Dünen gestolpert. Das erste, das er gelesen hatte, war »Manchmal muss einer fortgehen, um allein zu sein mit Himmel und Wasser.« Das hatte er sich zu eigen gemacht und als Startschuss für sein neues Leben betrachtet. Ein ungewöhnlicher Zug an ihm, sonst dachte er nicht in diesen esoterischen Bahnen, war eher nüchtern veranlagt. Aber wenn er schon sein Dasein komplett veränderte, warum dann nicht auch im Denken anders werden?

Eine Woche befand er sich bereits auf Wangerooge. Außer dem bisschen Papierkrieg hatte er tatsächlich nichts weiter zu tun gehabt. Zwischendurch beschlich ihn das Gefühl, er könne es hier wirklich aushalten. Es kam natürlich darauf an, was der Kollege, der hier seinen regelmäßigen Dienst tat, für ein Typ war. Mit dem musste er schließlich eine ganze Weile auskommen. Aber der wohnte unten in seiner eigenen Wohnung. Man konnte sich aus dem Weg gehen.

Ein weiteres Manko war die Kaffeemaschine. Völlig verkalkt spuckte sie eine undefinierbare braune Brühe aus. Ein Gesöff, das er nun wirklich nicht als Kaffee bezeichnen würde.

Immerhin gab es einen funktionierenden Wasserkocher. Im Augenblick trank er Pulverkaffee.

Eine Katastrophe, wenn man dermaßen auf Kaffee fixiert war wie er. Hin und wieder beschlich ihn das Gefühl, es könne ihm doch so etwas wie Sucht anhaften. Aber gab es das? Kaffeesucht? Er schüttelte den Kopf darüber, mit was für Gedanken er sich so den ganzen Tag beschäftigte, wenn er dem Nichtstun ausgesetzt war.

Der Kollege würde morgen aus seinem Urlaub zurückkehren. Bevor der Osteransturm auf die Insel begann, hatten sie ungefähr zwei Wochen, sich aneinander zu gewöhnen. Schlimmer als mit dem Kollegen Kraulke konnte es sicher nicht werden. Kraulke war für Rothko nach wie vor ein rotes Tuch. Er war ihm auf dem Festland im letzten Jahr an die Seite gestellt worden. Sie hatten den Mord an einer Frau aufzuklären gehabt.

Die Chemie zwischen ihnen stimmte einfach nicht.

Rothko sog die salzige Luft tief in seine Lungen. Allein, dass er diesen Menschen auf dem Festland zurückgelassen hatte, war ein Geschenk. Eines, das selbst den fehlenden Kaffee zur Nebensache degradierte. Seine Frau vermisste er nicht sonderlich, sie hatten sich schon lange nicht mehr viel zu sagen. Sie wollte in drei Wochen kommen. Vielleicht.

Rothko legte den Kopf in den Nacken, erfreute sich jetzt an den weißen Schafen, die gemächlich über den Himmel schwebten. Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, ein Glückspilz zu sein.

Zu seiner Rechten ertönte das laute Hecheln eines Hundes. Dann stoppte etwas neben ihm und im selben Augenblick fühlte er winzige Sandkörner an seinem Unterschenkel. Rothko warf einen Blick auf das Tier. Der Hund war groß und ihm fehlte der Schwanz. Einen solchen Hund gab es nur einmal auf der Insel und er gehörte dem Zollbeamten.

»Moin!« Der Kollege klang etwas gehetzt, vermutlich hastete er schon eine geraume Weile hinter seinem Tier her. »Auch unterwegs?«

Rothko mochte Ubbo Münkenwarf. Sie hatten gleich am ersten Abend ein Bier in Rothkos neuer Wohnung getrunken. »Moin! Bisschen Frischluft tanken. So gemütlich ist meine neue Bleibe ja nicht!« Rothko streichelte dem Hund flüchtig über den Kopf. Der schleckte sofort mit der Zunge über seinen Unterarm.

»Buddy, lass das!«, sagte Ubbo.

Rothko wischte die Hand an der Hosennaht ab und verkniff sich einen Kommentar, zumal sein Kollege gleich weiterredete: »In der Bude bei Ihnen da oben fühlt man sich wie in dem schwedischen Möbelhaus, oder?« Er grinste. »Nur ohne die schöne Deko, die sie da immer noch haben. Aber seien Sie froh, dass Sie noch allein wohnen können. Genießen Sie das!« Der Zollbeamte schob sich die Mütze in den Nacken und strich sich über die Glatze.

Rothkos Gesicht sprach Bände. »Ich freu mich schon, wenn sich das in Kürze ändert und wir zu zweit in der Bude hausen dürfen. Ist genau das Richtige für einen Einzelgänger wie mich.« Die Tatsache, dass er nur vor­übergehend allein in der Dienstwohnung wohnen konnte, war der größte Nachteil seiner Versetzung. Zur Hauptsaison, kurz vor Ostern, kam immer ein dritter Kollege auf die Insel und würde zu ihm in die Wohnung ziehen. Er hatte vorsorglich den größten Schlafraum mit dem Doppelbett besetzt. Er hoffte auf einen umgänglichen Mitmenschen, der ihn in Ruhe ließ.

»Der Hund ist heute so unruhig, das geht auf keine Kuhhaut.« Der Zollbeamte schüttelte den Kopf. »So kenne ich Buddy gar nicht. Immer will er zu den Dünen. Merkwürdig. Sonst kann er vom Wasser nicht genug haben und nun das! Ich werde ihn anleinen.« Er tippte sich mit Zeige- und Ringfinger grüßend an die Stirn. »Nichts für ungut, Herr Kommissar!« Der Mann trollte sich.

Rothko sah, dass der Hund seine Schnauze ständig in Richtung Dünenkette drehte, der Zollbeamte ihn aber lieber am Wattsaum halten wollte.

Der Wind blies aus Osten, was sicher die klare Luft erklärte. Das schlechte Wetter kam fast immer aus Nordwest. Rothko spazierte noch ein Stück dagegen an, kehrte schließlich um und schlenderte über den Strand in Richtung der Dünen, die sich hier recht steil auftaten.

Der Kommissar betrachtete die überhängenden Dünen­kämme. An einigen Stellen hatte der Sturm es geschafft, sie zum Einstürzen zu bringen. Wie Schnee­lawinen waren sie abgebrochen. Nicht mehr lange und der Wind würde den Sand davontragen. Nichts bliebe davon zu sehen. Die Dünenformation änderte sich ständig. Nie sah die Insel gleich aus. Ein ewiges Wechselspiel.

Rothko ließ sich vor der Anpflanzung nieder, die zum Schutz der Dünen errichtet worden war. Er griff mit der Faust in den Sand. Die feinen Körner rieselten zwischen den Fingern hindurch. Eine Möwe schrie gellend.

Dieser Ton löste in ihm eine Unruhe aus, die ihn an seine Zeit auf dem Festland erinnerte. Ein Gefühl, das ihn genau dann anfiel, wenn er in einem Fall eine Spur gewittert hatte, wenn er glaubte, auf der richtigen Fährte zu sein. Hier gab es allerdings nichts, nach dem er jagen konnte und wollte. Er war auf Wangerooge, um Abstand zu bekommen. Dass er so reagierte, zeigte ihm deutlich, wie nötig er eine Auszeit hatte. Doch ihm ging das Verhalten des Hundes nicht aus dem Kopf. Warum zum Teufel war der so erpicht darauf gewesen, vom Wasser weg genau in diese Richtung zu laufen?

Rothko schlug mit der geballten Faust im Sand herum. Er wollte diese Gedanken jetzt nicht zulassen. Er war hier, weil er seine Ruhe brauchte. Keine Verbrecherjagd mehr. Aus. Vorbei. Schluss.

Rothko erhob sich. Es war besser, wenn er weiterging und damit weitere Fantasien um das Theater, das der Hund gemacht hatte, im Keim zu ersticken.

Sein Blick wanderte dennoch zum Dünenkamm hinauf. Der war erst frisch abgebrochen und das Ausmaß recht groß. »Als ob jemand nachgeholfen hätte«, sagte er zu sich. Der Sand hatte sich großflächig verteilt, sah an einigen Stellen nicht verweht aus. Fußspuren gab es eine ganze Menge. Entweder hatten da oben Kinder herumgeturnt und dabei war der Kamm hinuntergestürzt oder aber …

Rothko entfernte sich. Er war wirklich krank. Hinter allem und jedem vermutete er ein Verbrechen. Was für eine armselige Kreatur er war.

Nach fünf Minuten hielt er jedoch inne, bohrte die Spitze seines Schuhs in den Sand. Drehte sein Gesicht zur Meerseite, beobachtete eine Sturmmöwe, wie sie ihr Gefieder putzte.

Nach weiteren fünf Minuten kehrte er in Richtung Osten um. Und nach wiederum fünf Minuten befand er sich hinter der Dünenbepflanzung und schabte mit dem Fuß im Sand herum.

Es dauerte nicht lange und er stieß auf einen Widerstand. Vorsichtig begann er, mit seinen Händen zu graben. Als er eine Stelle freigelegt hatte, wünschte er, er hätte sich niemals auf den Kompromiss eingelassen, seinen Dienst auf Wangerooge zu verbringen.

*

Er hat es getan. Es ist einfach passiert, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Er weint, schaut auf seine Hände. Gepflegt sind sie und enden in schönen Fingerkuppen. Kleine Haare sprießen über dem Gelenk. Sie bewegen sich, wenn er die Finger auf und nieder gleiten lässt. Wie Schwingen heben sich die Hände an, wie Schwingen senken sie sich erneut. Er spreizt die Finger leicht, sieht sich selbst gern an. Er ist zu schön und das ist ihm seit jeher zum Verhängnis geworden. Seine Schönheit, seine Weichheit … beides ein Fluch, sein Verderben. Er muss es tun. Immer wieder, weil er rein bleiben muss. Er muss sie bewahren. Sie sollen nicht in der Sünde verkommen. Gott hat ihn berufen.

Er schaut die Hände an. Junges Fleisch hat er damit gehalten, zentimeterweise ausgekostet.

Zu schön sind sie, wenn sie leben. Zu schön, wenn der Seewind ihnen das Haar aus dem Gesicht streicht. Er liebt den frischen Geruch, der von ihrer glatten Haut ausgeht, seine Nase streichelt. Wenn er aber diesen Duft aufsaugt, muss er ihn auslöschen. Weil er ihn nicht ertragen kann, weil er zu betörend ist. Weil dieser Duft sie in Gefahr bringt. Eine Gefahr, der sie nicht mehr entrinnen können. Wenn er nicht da ist. Es ist jedes Mal gleich.

Seine Arme drücken zu, umschlingen den kleinen dürren Körper. Immer kräftiger, bis alles in ihm danach lechzt, den Leib ganz in sich aufzusaugen, ihn zu verschlucken. Er lockert den Griff, wenn sein Gegenüber sich nicht mehr wehrt, weil es erstarrt ist, sich in sein Schicksal ergibt. Seine Hände tanzen über das Gesicht, tasten über jede Öffnung, jede Erhebung. Auch weiterhin rührt der Junge sich nicht. Als spüre der die Gefahr, die von seinen Händen, seinem ganzen Ich ausgeht. Er weiß, dass keine Chance besteht, dem Schicksal zu entrinnen. Der Mann selbst ist gespannt wie eine Feder. Sein Atem fließt ruhig und gezielt, fokussiert sich auf das Wesen, das er voll und ganz in der Hand hat. Er liebt diese Macht. Sie macht ihn unangreifbar, lässt ihn über dem stehen, was ihn einst erniedrigt hat. Der Mensch in seiner Hand ist ihm ergeben.

Seine Finger wandern weiter bis zum Hals, der so dünn ist, dass seine Hände ihn ganz umschließen.

Ein letzter Blick in Augen, die noch glänzen, jetzt ängstlich schauen. Ängstlich und gleichzeitig wissend. Er liebt den Augenblick kurz davor. Er braucht ihn, um eine Weile überleben zu können. Wenn er den Moment ausgekostet hat, drückt er zu. Die Augen werden größer und größer. Sie quellen aus dem Gesicht, zeigen die Tiefe der Seele. Es gibt nichts in der Welt, das erhebender ist.

Man muss gehen, um den Himmel zu erreichen. Es ist etwas Gutes, was er macht. Er bereitet den Weg ins Paradies. Kinder kommen immer dort hin. Wenn sie jedoch länger leben und eine Verfehlung nach der anderen begehen, wird das nicht mehr klappen. Dann bleibt nur noch der Weg nach unten in die Hölle. Davor schützt er sie. Die, die gefährdet sind.

Er ist ein guter Mensch, fast ein Engel auf Erden, der die unschuldigen Kinder vor dem Schlimmsten bewahrt. Er muss es tun. Vor allem bei den bestimmten kleinen Jungs, die den Schalk in den Augen haben. Er behütet sie vor den Fehltritten dieser Welt. Nur durch ihn haben sie die Chance, bei den Engeln zu wohnen. Er bereitet ihnen den direkten Weg dorthin. Es ist gut, was er tut. Gut und richtig.

Das letzte »Nein«, die Verzweiflung in der Stimme, die in dem Augenblick schon keine mehr ist, gepaart mit dem Geruch nach Todesschweiß, lässt sein Glied erigieren. Wenn das letzte Röcheln die kleinen Münder verlässt, begleitet er es mit seinem Timbre. Ein ähnliches Geräusch. Und doch ganz verschieden. Lust und Leid. Es hält sich die Waage. Er braucht den gemeinsamen Schrei. Er verspricht tiefe Erfüllung. Für den kurzen Moment schwebt er mit einer anderen Person auf einer Welle, ist ihr nah. Gibt es eine größere Nähe, als einem Menschen im Augenblick des letzten Atemzuges beizustehen, ihn zu halten?

Dann ist es vorbei. Der Körper hängt schlaff in seiner Hand, zu nichts mehr zu gebrauchen.

Danach folgt das Begreifen. Er hat Leben ausgelöscht. Sich zum Gott gemacht. Er muss sich hinterher übergeben. Jedes Mal. Und jedes Mal kommen die Tränen. Gepaart mit einem Schluchzer, der nicht von dieser Welt ist.

Wieder starrt er auf seine Hände. Sie können in ihrer Perfektion brutal sein. Auf das Begreifen folgt das Handeln. Keiner darf wissen, was er getan hat. Er kann planvoll vorgehen, das hat er gelernt. Er ist ein organisierter Mensch. Er fühlt sich stark. Jetzt.

Er allein war dabei, als sie gegangen sind. Er hat den letzten warmen Atem an seinem Handgelenk gespürt. Manchmal hat etwas Speichel an ihm geklebt. So lange, bis das graugrüne Nordseewasser sich erbarmt und das klebrige Nass mit seinen Wellen abgeleckt hat. Er geht hinterher immer baden. Das reinigt. Seinen Körper, seine Seele, nimmt die Erinnerung mit. Damit er weiterleben kann. Einfach so. Bis zum nächsten Mal.

*

Der Junge war blass, bläuliche Adern drückten sich unnatürlich durch die Haut. Der Sand hatte sein Gesicht gepudert, sich über die einst blaue Iris gelegt und nahm ihr so den letzten Glanz.

Rothko wandte sich ab. Er hätte vorhin weitergehen sollen, seinen Instinkt ignorieren. Vielleicht wäre der Junge nie gefunden worden. Ein frommer Wunsch! Er entsprach auch überhaupt nicht Rothkos wirklichem Empfinden.

Er zückte das Handy und rief bei Ubbo an. »Ich brauche Dienstbeistand«, sagte er. »Dein Hund hatte recht damit, in Richtung der Dünen laufen zu wollen.«

Es dauerte nicht lange, bis sein Kollege eintraf. Sofort schob er seine Mütze vom Kopf und kratzte sich ausgiebig hinter dem Ohr. »Verdammt«, sagte er. »Verdammt.«

»Wir müssen in Wilhelmshaven anrufen, hier alles absperren. Weißt du, ob jemand dieses Kind vermisst?« Rothko war wieder ganz der Kommissar. Obwohl es eine besondere Situation war. Er hatte noch nie in seinem Polizistendasein selbst eine Leiche gefunden.

Ubbo zuckte mit den Schultern. Er war fast so blass wie der tote Junge. »Willst du dich lieber setzen?«, fragte Rothko, der befürchtete, dass sein Kollege sich gleich daneben legen würde.

Ubbo trat einen Schritt zurück, schüttelte entschieden den Kopf. »Geht schon.«

Mittlerweile hatten sich ein paar Neugierige um die beiden geschart. Ubbo wies den Hund an, auf und ab zu laufen, um die Meute in Schach zu halten. Das machte zumindest vorübergehend Eindruck, die Leute wichen zurück. Doch deren Neugierde war stärker. Einer glaubte den Jungen gestern noch mit dem Rad die Zedeliusstraße entlangfahren gesehen zu haben, andere waren der Meinung, ganz sicher gehöre er zu einem der Inselheime.

»Ich alarmiere die Feuerwehr. Zum Absperren«, beschloss Ubbo.

Rothko hatte sein Telefon bereits in der Hand. »Die Kollegen vom Festland müssen kommen«, erklärte er, während er die Nummer in die Tasten haute.

Seelenpfad 2

Reisen

… Ach, vergeblich das Fahren!

Spät erst erfahren Sie sich …

Gottfried Benn (1886–1956)

Maria schälte sich aus dem Bett. Sie hatte keine große Lust aufzustehen, aber der Nachbarin versprochen, ihr beim Fensterputzen zu helfen. Sie konnte es nicht lassen, glaubte sich immer und überall kümmern zu müssen. Wer sie bat, ihm unter die Arme zu greifen, dem schlug sie nichts ab.

Sie jobbte ein paar Stunden in der Woche im Buchladen von Carolinensiel. Sie liebte das tägliche Schmökern, das Abtauchen in fremde Welten, die sie von ihrer eigenen Realität entfernten. Lektüre, die sie später den Leuten guten Gewissens zum Kauf anbieten konnte. Wobei sie eher scheu war. Menschen anzusprechen, auf sie zuzugehen, war nicht ihre Stärke. Sie war auch nicht in der Lage, einem wirklich geregelten Alltag nachzugehen, füllten ihre Grübeleien doch einen beträchtlichen Teil ihres Lebens aus.

Im letzten Jahr hatte sie beschlossen, den kleinen Fischerort zu verlassen, und eine längere Reise gebucht. Sie hatte eine größere Summe geerbt, weil ihr Vater, den sie gar nicht kannte, gestorben und sie Alleinerbin war. Sie solle verreisen, die Welt kennenlernen und darüber gesund werden, hatte Onkel Karl gesagt. Überall war Maria gewesen. In Habana, Zürich, Paris. Alle großen Städte dieser Welt hatte sie gesehen, um festzustellen, dass es besser war, sie blieb für den Rest ihres Lebens in Carolinensiel. Sie konnte nicht vor sich selbst davonlaufen. Die Vergangenheit wurde sie auch nicht los, wenn sie vor ihr floh. Verreisen war nur für die Menschen gut, die sich erholen wollten. Es taugte nichts für Leute, die schwer bepackt durch ihr Leben stolperten.

Nur wenige wussten allerdings von ihrem Trauma, von dem Tag vor zehn Jahren, der ihr Dasein so drastisch verändert hatte, dass sie ihr Leben nicht so führen konnte, wie andere es taten. Daniel gehörte zu diesen wenigen.

Die Schuld lastete schwer auf ihren Schultern. Sie hatte sich einen leicht gebeugten Gang angewöhnt. Maria war es wichtig, nicht aufzufallen, leise zu existieren. War sie schon zuvor ein eher stiller und zurückhaltender Mensch gewesen, so steigerte sie sich mittlerweile dermaßen in ihren Rückzug hinein, dass sie kaum engere Bekanntschaften oder Freunde an ihrer Seite duldete. Maria glaubte, dass alle Lebewesen, die zu dicht an sie herankamen, dazu verurteilt waren, Schlimmes zu erfahren­. Sie verstieg sich in schlechten Phasen so weit, sich selbst als Überbringerin des Bösen schlechthin zu sehen.

Sie duldete nur wenige Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Daniel eben, ihren Sandkastenfreund. Und Onkel Karl, den Bruder ihrer Mutter. Da Onkel Karl alleinstehend war, hatte ihre Mutter ihm irgendwann angeboten, bei ihnen einzuziehen. So lebte er, seit sie denken konnte, bei ihnen und spielte seitdem eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Einen Vater kannte Maria ohnehin nicht.

Er war ein stiller Zeitgenosse, passte mit seiner Art zu Maria, weshalb sie sich in seiner Nähe auch unglaublich wohlfühlte. Weil ihre Mutter sich nur wenig um sie gekümmert hatte, war er es, der mit ihr zum Schwimmen gegangen war, war er es, der sie in jenem Sommer zum Anleger gebracht hatte. Und dort in Empfang genommen hatte, als sie zurückgekommen war. Schwer bepackt mit einer Schuld, die eine Fünfzehnjährige genauso wenig tragen konnte wie eine heute Fünfundzwanzigjährige.

Ihr Onkel versuchte immer wieder, sie mit Gleichaltrigen bekannt zu machen, motivierte sie, dem Sportverein beizutreten. Doch ab dem Augenblick, in dem sich jemand mit ihr verabreden wollte, tauchte Maria nicht mehr auf. Sie hatte kein Interesse an einer Freundschaft, konnte die Nähe anderer Menschen nicht ertragen.

Jede Nacht schreckte sie hoch. Träumte den immer gleichen Traum.

Sie ist gefangen im Nebel, sucht Achim. Sie riecht seine Haut, spürt die kleine Hand in ihrer. Manchmal haucht er sie mit seinem Atem an, fragt, wo sie sei, warum sie nicht käme. Ihm sei so kalt. Maria kämpft sich zu ihm durch, kann aber immer nur sein blaues T-Shirt sehen. Es ist leer. Kein Achim steckt darin. Nur seine Stimme ist zu hören, bis auch sie sich weit entfernt.

Wenn sie erwachte, war die Last oft so schwer, dass sie kaum aus dem Bett kam. Sie hatte Achim damals im Stich gelassen. Ihn allein in sein Verderben geschickt, wo er von einer Macht aufgefressen wurde, die sie nicht hatte beeinflussen können.

Keiner hatte ihr dafür die Schuld gegeben. Alle hatten sie getröstet. Der Seenebel sei schon oft eine tödliche Gefahr gewesen. Er komme und verschlucke die Welt. So auch Achim. Er war nie wieder aufgetaucht, seine Leiche hatte man nie gefunden. Er war vom Meer und diesem grauenhaften Nebel einverleibt worden.

Die Feuerwehr hatte die Suche nach einiger Zeit eingestellt, behauptet, Achim sei wahrscheinlich in Panik geraten, hatte die Orientierung verloren. Dabei sei er ins Meer hineingestolpert, in der Senke verschwunden und später mit der Ebbe in die Nordsee hinaus gespült worden.

All das konnte Maria nie beruhigen, ihr nie die Last von der Seele nehmen, dass sie schuld war an seinem Verschwinden. Hätte sie ihn damals nicht laufen lassen, wäre ihm nichts passiert.

Sie stolperte mit halb geschlossenen Augen in die Küche, stellte den Wasserkocher an, um sich einen Tee aufzubrühen. Die meisten ihrer Bekannten hatten mittlerweile diese neumodischen Kaffeevollautomaten und tranken mit Vorliebe Latte Macchiato oder Cappuccino. Sie selbst war noch immer ein eingefleischter Teetrinker, der an dem alten Zeremoniell festhielt, sich die Mühe machte, die richtige Zeit des Ziehens abzuwarten und beim Trinken kleine Tassen zu verwenden. Bei jedem Einschenken musste der obligatorische Kluntje knacken, sonst war es nicht gut. Dieses »gut« war unglaublich wichtig in Marias Dasein. Wenn nichts in Ordnung war, so sollte es doch wenigstens dieser winzige Bestandteil ihres Lebens sein.

Egal, was noch kommen mochte, sie, Maria, war Teetrinkerin. Es war, als sei dieses Ritual so etwas wie ein Halt, der sie begleitete, der ihr vermittelte, alles sei so, wie es sein müsse.

Während das Wasser kochte, schleppte sie sich zum Briefkasten und entnahm ihm die Tageszeitung.

*

Daniel stand am Fenster und wartete wie jeden Morgen darauf, dass Maria loszog. Gestern Abend hatte sie das Licht in ihrem Zimmer erst spät ausgemacht. Daniel wusste immer sehr genau, was sie tat. Er liebte es, sie beim Fensterputzen oder Rasenmähen zu beobachten, mochte ihren Gang, der so anrührend schleppend war. Ihre leicht gebeugten Schultern weckten in ihm den Beschützerinstinkt. Wie gern würde er seine Arme darum legen, sie auffangen und nach und nach aufrichten.

Er sah, dass Maria die Tür öffnete und sich auf den Weg zum Bäcker machte. Drei Brötchen kaufte sie dort jeden Morgen. Ein »Weltmeister«, das sie jedoch erst am Mittag zu sich nahm, ein »Mohn«, dessen Hälften sie dick mit Erdbeermarmelade beschmierte und ein »Normales«. Das aß sie immer mit viel Remoulade und Käse.

Daniel wusste alles über Maria. Wusste, dass sie darunter litt, ein paar Kilos zu viel auf die Waage zu bringen, wusste, dass sie es aber verabscheute, sich übermäßig zu bewegen. Hin und wieder hatte er versucht, sie zu überreden, ihn zum Joggen zu begleiten, aber das hatte Maria vehement abgelehnt. Sie hasste es zu schwitzen.

Sie würde in circa fünf Minuten zurück sein, die Tageszeitung unter den Arm geklemmt, die Brötchentüte in der Hand, den Schlüssel bereits vorgestreckt in der anderen. Sie hatte es immer unglaublich eilig, rasch in ihrem Haus zu verschwinden. Dort war der einzige Ort, an dem sie sich sicher fühlte. Maria lebte wie eine Einsiedlerin mit ihrem verschrobenen Onkel.

Daniel hätte so gern mehr Kontakt zu ihr, würde ihre Mauern gern Schicht für Schicht abtragen. Sie ließ ihn nicht.

Also blieb ihm nur, sie weiter zu beobachten, alles in sich aufzusaugen, zu speichern. Bis sie ihn erhörte. Jedes Opfer würde er dafür bringen. Er brauchte Maria wie keinen Menschen auf der Welt. Sie war die Einzige, die ihn erretten konnte.

*

Rothko sah sich in seiner Dienstwohnung um. Die karge Einrichtung kam ihm eigentlich entgegen, wenngleich er das Sofa gern gegen ein anderes ausgetauscht hätte. Er ging in die Küchenecke, füllte etwas Kaffeepulver ein, er hatte die Nase von dem Pulvergesöff so was von voll. Er wollte einen zweiten Versuch mit der Maschine wagen. Er war eigentlich nicht pingelig, aber das Weiß des Kalkes war auch ihm aufgefallen.

Der Kaffee hatte fast keinen Geruch, das Pulver wirkte blass. Angeekelt schubste er den ausgefahrenen Filter zurück und stellte die Taste an. Wider Erwarten konnte er den Geruch von Kaffee tatsächlich erahnen. Das Wasser rülpste sich durch die Maschine. Er nahm die Kanne und goss sich die fast schwarze Brühe ein. Schon der erste Schluck war eine Beleidigung für seinen Gaumen. Er goss den gesamten Kaffee in den Ausguss.

Wie sollte er unter diesen Umständen einen vernünftigen Gedanken fassen? Er war hierher gekommen, um Abstand zu gewinnen und als ersten Akt fand er sogleich eine Leiche. Und dann noch die eines Kindes.

Die Spurensicherung aus Wilhelmshaven war mit dem letzten Schiff schon aufs Festland zurückgekehrt. Viel hatten sie nicht sichern können. Spuren waren unmöglich zu finden, bei der Bewegung, mit der der Sand sich immer wieder umschichtete.

Kraulke war auch mit von der Partie gewesen. Wichtig hatte er sich aufgeplustert, etwas davon gefaselt, man könne eventuell mit extremer Kriminaltechnik auch die Fingerabdrücke auf der Haut nachweisen. Weil DNA-Spuren bleiben. Der Pathologe hatte unwirsch abgewinkt. Es zwar nicht negiert, aber doch gemeint, es sei überaus schwierig und in den meisten Fällen nicht von Erfolg gekrönt. Oft fehle die Masse an Zellen. An Rothko gewandt, hatte er mit vorgehaltener Hand geflüstert, dass der Kollege Kraulke sich doch besser mit seinem eigenen Dunstkreis beschäftigen solle.

Hier würde nun ein weiterer Polizist einziehen. In ein paar Tagen kam auch der Dienststellenleiter der Insel zurück, so dass sie bald zu dritt wären. In einem Mordfall müssten sie sich sofort verstärken, war die Anweisung von oben.

Rothko wusste nicht, ob das eher positiv oder negativ war. Einerseits war er nicht erfreut darüber, sich Küche und Bad zukünftig teilen zu müssen. Andererseits hatte er nur wenig Motivation, sich hier voll und ganz auf diesen Mordfall einzulassen. Er wollte das eigentlich nicht mehr. Hatte doch die Nase voll von all dem Elend, Sumpf und Dreck. Nun holte ihn all das ein, wie eine losgetretene Lawine.

Er hatte schlecht geschlafen in der Nacht.

Er bekam den Anblick nicht aus dem Kopf. Wer zum Teufel erwürgte einen kleinen Jungen? Einfach so? Es gab keine Spuren sexueller Gewalt, nichts.

Die Mutter war völlig zusammengebrochen. Als er vom Strand zurückgekommen war, hatte sie wie ein Häufchen Elend vor der Tür des Polizeireviers gesessen, das Handy in der Hand, nur die ersten Ziffern der an der Tür angegebenen Nummer eingegeben. Sie war nicht einmal mehr in der Lage gewesen, sie vollständig einzutippen.

Die Frau musste mindestens fünfunddreißig sein, aber sie wirkte gute zehn Jahre jünger auf Rothko, trotz des blassen Gesichtes, in dem die furchtbare Ahnung bereits zu erkennen gewesen war. Sie hatte nicht viel sagen müssen. Er hatte auf Anhieb gewusst, warum sie hier war. Schon beim Aufschließen der Tür war ihm ein leiser Fluch über die Lippen geglitten.

Die Frau war ihm ins Dienstzimmer gefolgt. Der Name Lukas war aus ihr mit einer Verzweiflung herausgebrochen, die ihm Gänsehaut verursacht hatte. An dem Glas Wasser, das er ihr recht unbeholfen reichte, waren ihre Lippen abgerutscht, als habe er den Rand mit Vaseline eingefettet. Sie war nicht in der Lage, einen vernünftigen Satz zu sagen. Immer nur »Lukas. Lukas. Lukas.«

Rothko hatte zunächst den PC hochgefahren. Er brauchte irgendetwas, womit er beginnen konnte. Natürlich würde jeder Satz so verkehrt sein wie nur was. Für diese Situationen gab es keinen guten Einstieg, nichts, was die Sache auch nur im Geringsten entschärfte. Er begann folgerichtig völlig falsch. Die Frage, wie denn ihr Sohn aussehe, hatte die Frau vollends in sich zusammenbrechen lassen. Ihre Finger hatten sich ineinander verschränkt und ihre ohnehin bleiche Haut erschien noch weißer. Blond sei er, hallten ihre abgehackten Worte noch im Ohr. Blond und sommersprossig. Eher dünn. Vor allem die Arme und Beine schlackerten noch so wie nicht dazugehörig. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie weitersprechen konnte, oder besser, bis Rothko ihre Worte wieder verstand.

Sie sei extra noch einmal in die Wohnung zurückgegangen, weil sie gehofft hatte, er liege doch in seinem Bett und lache sie aus, weil sie sich Sorge mache. Er sei aber nicht dagewesen. Einfach nicht dagewesen. Den Satz wiederholte sie noch etliche Male. Es klang wie ein Echo und schraubte sich unwiderruflich in Rothkos Gehörgang.

Irgendwann hatte Angelika Mans den Mut gefasst, dem Kommissar ins Auge zu sehen. Ihr Kinn zitterte, während sie sagte: »Er ist tot, nicht wahr?«

Rothko senkte den Blick. Er folgte einer Spur, die sich längs über den Tisch zog. Er hatte die Lippen fest zusammengekniffen, hob die Augen wieder, als die Frau ihm ein Bild über den Schreibtisch schob. Ein Foto von dem Jungen, wie er weißgepudert am Strand stand. Weiß gepudert war der Kleine jetzt auch. Sein Gesicht sah nur anders aus. Ihm fehlte das Leuchten, das Rothko von dem Foto entgegenstrahlte. Er nickte vorsichtig, mochte den Kopf nicht zu stark bewegen. Das wäre ihm in dem sensiblen Augenblick zu hart, zu brutal vorgekommen.

Ihr bestätigendes Nicken war ihm durch Mark und Bein gegangen. Auch ihr Satz: »Wir wollten eine schöne Reise machen. Nur wir beide«, war wie eine Anklage an das Leben.

Er hatte Schwierigkeiten gehabt, selbst den Würgereiz zu unterbinden. Diese Frau, mit all ihrer Tragik und dem Schmerz, der ihr so tief ins Gesicht geschnitten war, rührte ihn, wie ihn noch nie einer seiner Klienten gerührt hatte. Er teilte ihr Leid, fühlte wie sie das Bohren tief im Bauch. Dieses Messer, das sich mit scharfen Schnitten durch die Eingeweide wühlte.

Das war nicht mehr sein Job. Es war gut, dass er Unterstützung bekam. Er wollte das alles nicht mehr. Nie mehr. Was sehnte er sich nach Ruhe und Abstand! Er verfluchte seinen Chef, der ihn hier auf die vermaledeite Insel statt zur Kur geschickt hatte.

Es hatte eine Weile gedauert, bis sich Frau Mans und auch er gefangen hatten. Rothko war sich unglaublich unprofessionell vorgekommen. Schon ihre Frage, ob sie ihren Sohn sehen könnte, hatte ihn hoffnungslos überfordert.

Der Kommissar wusste, dass die Feuerwehr den Kleinen mitgenommen hatte. Die Frau würde ein Beerdi­gungsinstitut nennen müssen, mit dem der Junge von der Insel gebracht werden musste. Sie war dazu aber nicht mehr in der Lage gewesen. Mit jeder Information, die zu ihr durchdrang, wich ein Stück Leben mehr aus ihrem Gesicht, bis sie völlig erstarrt dasaß. Rothko hatte noch eine Weile versucht, sie anzusprechen, aber letztendlich den ansässigen Inselarzt gerufen, der sich der Frau angenommen hatte.

Verdammt, war Rothko jetzt nach einem Cappuccino! Er würde in ein Café gehen und sich dort in aller Ruhe seine gewohnte, qualitativ hochwertige Kaffeedröhnung zu Gemüte führen. Nach einem solchen Tag konnte er einfach nicht mit Pulverkaffee existieren.

Er schlüpfte in seine blaue Windjacke, die er sich eigens für Wangerooge gekauft hatte, und trat hinaus in die Charlottenstraße. Noch war nicht viel los, aber schon bald würden sich wahre Urlauberströme auf die Insel ergießen. Rothko schlug den Kragen hoch, zupfte den Schal am Hals zurecht und schlenderte in Richtung Zedeliusstraße. Er brauchte die unbeschwerten Menschen um sich herum, wollte für einen Augenblick so tun, als sei er rein zufällig hier und nichts auf der Welt könne ihn aus der Ruhe bringen.

Er steuerte auf das Hotel Hanken zu. Die verglaste Terrasse lud ihn geradezu ein, sich genau hier niederzulassen. Er setzte sich ans Fenster, bestellte aber einen Latte Macchiato, keinen Cappuccino. Das größere Glas würde ihm eine gewisse Genugtuung verschaffen.

Gegenüber vom Hotel befand sich die kleine Inselbuchhandlung. Rothko überfiel das Gefühl, er müsse sich dringend mal wieder ein Buch zulegen. Lesen, ja lesen wäre eine Beschäftigung, die ihn von dieser grausamen Welt ablenken würde. Er sah sich in seiner Dienstwohnung sitzen, einen Schmöker in den Händen, entrückt in eine andere Welt, die nichts, aber auch gar nichts mit seiner Wirklichkeit hier zu tun hatte. Hauptsache abgelenkt.

Gleichzeitig aber tanzte sofort das bleiche Gesicht des Jungen vor seinem Auge. Es würde nichts nützen. Nichts in dieser Welt befreite ihn von den grausamen Bildern. Jede Flucht war umsonst. Er war ein Sklave seiner Gedanken, ein Opfer seines eigenen Berufes, den er vor langer Zeit einmal als Berufung gesehen hatte. Gerechtigkeit war sein Stichwort. Er war ein Fanatiker. Wollte, dass es in dieser Welt fair zuging. Er lachte auf, dass die Leute vom Nebentisch verwundert herüberschauten. Er nahm einen Schluck von seinem Latte Macchiato. Der war noch heiß. Was aber war schon gerecht? Rothko war rasch klar geworden, wie schwammig der Begriff der Gerechtigkeit war und viele Facetten das Leben für alle Situationen bereithielt.

Er war nur ein winziges Rad in diesem großen System, konnte nur winzige Räder in Bewegung setzen. Aber genau diese Räder waren wichtig für die Funktion des ganz großen Rades, in das sie alle auf irgendeine Weise involviert waren. Jeder hier hatte seine Aufgabe. Rothko kam sich für den Moment unglaublich philosophisch vor.

Er trank den Latte Macchiato in einem Zug aus und winkte der Bedienung. Sein Trinkgeld fiel recht großzügig aus. Sein Gedankenparcours hatte ihm gezeigt, welchen Weg er gehen musste. Er hatte keine Chance, würde sein ganzes Leben von den Eindrücken geprägt sein. So gab es nur eines: Rothko stand so schwungvoll auf, dass der Korbstuhl hintenüber kippte. Das Personal war sofort zur Stelle und hob ihn auf. Kein böser Blick streifte ihn.

Gerade als er den Türgriff schon in der Hand hielt, trat der Chef des Hauses auf die Terrasse und brachte der älteren Dame in der Ecke zu ihrem neunzigsten Geburtstag ein Ständchen mit der Drehorgel. Rothko nickte stumm. Das genau war es. Genau deshalb machte er diesen Job. Um solch harmlosen und netten Menschen wie in diesem Hotel ihr sicheres Leben so weit wie möglich zu erhalten. Sie sollten weiterhin unbeschwert Musik hören und Geburtstagslieder singen können. Sie sollten das Lachen in ihren Augen nicht verlieren. Es war seine Aufgabe, ihnen Schutz zu gewähren. Dafür musste er alles tun, was in seiner Macht stand. Rothko merkte, dass er seinen Oberkörper aufrichtete.

Auf dieser Insel hatte sich ein Mensch herumgetrieben, der ein kleines Kind auf dem Gewissen hatte. Und er, er würde diesen Menschen finden!

*

Maria wartete, bis der Tee auf die Minute richtig gezogen hatte. Sie hatte noch den Kaffeeduft der Bäckerei in der Nase, der sich mit dem Duft des frischen Brotes vermischt hatte. Wie jeden Morgen war sie versucht, vielleicht doch einmal eine Tasse zu probieren. Aber das ließ sie nicht zu. Ihr Leben konnte nur weiter funktionieren, wenn sie funktionierte. Und zwar in festen und geordneten Bahnen. Keine Abweichung von der Norm. Sie musste Tee trinken, egal wonach ihr der Sinn stand. Sie ließ sich auf den nächstbesten Stuhl fallen, griff nach der Zeitung und schlug sie auf.

Toter Junge in den Dünen sprang ihr als Schlagzeile entgegen. Sie quälte sich durch jedes Wort, wollte eigentlich nicht weiterlesen. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen, die sich aus ihrer Tiefe mehr und mehr nach oben schoben. Das alles erinnerte sie an Achim. Vielleicht war er es? Sie schüttelte den Kopf. Achim war seit zehn Jahren verschollen, wie sollte er jetzt plötzlich als Leiche in den Dünen auftauchen? Das ergab keinen Sinn. Sie las Wort für Wort, kämpfte sich durch den Inhalt. Erwürgt worden war der Kleine. Er war in etwa so alt, wie Achim es damals gewesen war.

Marias Hände zitterten. Sie betrachtete ihre Finger. Wie konnte ein Mensch damit einen anderen auslöschen? Sie tastete über ihren Hals, erspürte die Oberfläche. Haut an Haut. Dicht dran. Man fühlte die Wärme des Körpers. Oder hatte der Täter ein Seil, ein Tuch oder Ähnliches benutzt? Sie blätterte weiter. Auf der dritten Seite blickte sie das Foto des Jungen an. Er sah fast aus wie Achims Reinkarnation. Blond, sommersprossig, in alle Richtungen abstehendes Haar. Dazu die lustigen und gleichzeitig so unendlich traurigen Augen. Eine Mischung, die Tragik suggerierte. Das Gesicht tanzte vor ihr herum. Obwohl es erheblich breiter als Achims war, nahm es nach und nach dieselbe Form und den gleichen Ausdruck an, verschmolz immer stärker zu einer Einheit mit ihrer Erinnerung.

Maria musste mit ansehen, wie grobe Hände den schma­len Hals umfassten, wie Achims Augen größer und größer wurden. »Nein!«, entfuhr es ihr. Sie sprang auf, schleuderte die Zeitung in die Ecke. »Achim habe ich im Nebel verloren.« Sie ließ sich auf den Stuhl fallen. Ihr Kopf sank auf die Tischplatte, riss dabei die Tasse um. Ihr Haar badete in lauwarmem Teewasser. Maria merkte es nicht. Sie spürte auch nicht, dass sich die Pfütze ihren Weg bahnte und ihre nackten Füße benetzte.

Sie wurde die Bilder nicht los. Sie hämmerten durch ihren Kopf, schlugen Schneisen in ihren kleinen Schutzwald, der nie richtig wachsen durfte. Zu oft gab es Gelegenheiten, ihn niederzumetzeln. Maria hatte kein Mittel dagegen gefunden, sie wusste nicht einmal, ob sie eines finden wollte.

Als ihr Herz ruhiger schlug, das Zittern in ein monotones Beben übergegangen war, schoss es ihr wie ein Blitz durch den Kopf. ›Wangerooge‹, dachte sie. ›Ich muss nach Wangerooge. Nach all den Jahren gibt es für mich jetzt nur einen Weg. Ich muss mich der Sache von damals stellen.‹

Sie stürzte in ihr Zimmer, riss die Reisetasche vom Schrank. Ein Nebel aus Staub umhüllte sie. Maria musste husten. Sie hatte die Tasche seit ihrer langen Reise nicht benutzt. Maria wischte sie notdürftig sauber, warf eine Jeans, ein paar Socken, Pullis und Shirts hinein. Sie achtete nicht darauf, ob es farblich zusammenpasste, geschweige denn, wie sie darin aussehen würde. Als sie den Reißverschluss zuzog, glaubte sie, hinter sich ein Geräusch zu hören. Sie schnellte herum. Im Türrahmen stand Onkel Karl. Das Sonnenlicht brach sich in seinem angegrauten langen Haar, das sich ohne Übergang mit einem dichten Rauschebart vermischte. Der überdimensionale Bauch versteckte sich unter seinem karierten Hemd, über dem er stets eine beigefarbene Fellweste trug. Die Arme lagen jetzt verschränkt vor seiner Brust.

»Was hast du vor?«, fragte er mit seiner leisen Stimme, die zwar jederzeit zu Maria fand, ihn aber außerhalb des Hauses ebenso abgrenzte wie sie selbst. Onkel Karl wurde nur dort ernst genommen, wo man ihn kannte. Wo er schon hatte beweisen können, was sich hinter der Maske aus Bart und Stimme verbarg. Für die Insulaner war er ein solcher Mann. Obwohl er längst in Rente war, hatten es sich die Bewohner von Wangerooge noch nicht abgewöhnt, ihn, wie seit jeher, für alle möglichen Reparaturarbeiten anzurufen. Ruhig, wie er war, genoss er dort die uneingeschränkte Akzeptanz, die ihm auf dem Festland versagt blieb. Auch wenn er keiner von ihnen war. Aber er entsprach dem Bild des wortkargen Friesen in so einem Ausmaß, dass sie es augenscheinlich einfach vergaßen.

Für andere war er einfach ein Niemand. Vielleicht klebten Maria und er aus diesem Grund so aneinander. Ihre Symbiose hatte beinah pathologische Züge, war von einer gewissen Abhängigkeit geprägt. Maria und Karl redeten nicht darüber. Sie wussten beide darum, fanden es aber nicht der Rede wert. Wichtig war ihnen nur, dass sie selbst damit umgehen konnten.

»Was hast du nun vor?«, fragte Karl ein zweites Mal, nachdem Maria ihm die Antwort schuldig geblieben war.

»Ich fahre nach Wangerooge«, sagte sie und wunderte sich, wie selbstverständlich ihr die Auskunft über die Lippen kam.

»Nach Wangerooge«, wiederholte Karl.

Maria sah, dass er es nicht glauben wollte.

»Du warst seit zehn Jahren nicht mehr drüben. – Warum jetzt?«

Sie deutete mit einer Handbewegung in die Küche. Karl trat in den Flur, blickte zum Küchentisch, auf dem die Zeitung noch aufgeschlagen lag. Maria folgte ihm. Der braune See hatte sich auf dem geblümten Wachstischtuch ausgebreitet und trocknete an den Rändern bereits an. Die Teetasse lag seitlich gekippt, der Kluntje darin hatte sich noch nicht vollends aufgelöst. Die Zeitung war vom Tisch gefallen, ihre Seiten hatten sich auf dem Boden schon mit dem ausgelaufenen Tee vollgesogen.

Karl begriff wie immer sofort. Er hob das Tageblatt auf. Seine Augen klebten an dem Bild des toten Jungen. Wortlos legte er die Zeitung zurück. Maria stand ebenfalls stumm daneben. Karl nahm ein Tuch, wischte den Tisch sauber, stellte die Tasse wieder hin. Er rückte den Stuhl zurecht.

»Es ist keine gute Idee«, sagte er schließlich. »Es wird dir nicht guttun.«

»Warum hast du nichts gesagt?«, flüsterte Maria »Du musst doch gestern etwas mitbekommen haben, als du drüben warst.«

Karl sog die Luft scharf ein. »Ich dachte, es sei besser, du weißt es nicht.« Er wollte ihr über das Haar streichen, verharrte aber ein paar Zentimeter darüber. Karl mochte keine Berührungen. »Die Sache«, er räusperte sich, »muss doch mal zur Ruhe kommen.«

Maria drehte sich um und holte die gepackte Tasche. »Ich nehme das nächste Schiff. Ich kann bei Tant’ Mimi schlafen.«

Mimi war die Cousine von Karl, bei der er stets Unterschlupf fand, wenn er die Insel aufsuchte. Karl zuckte mit den Schultern. Er war noch nicht so recht überzeugt, das sah Maria.

»Ich muss dorthin, Karl.« Sie senkte die Augen. Eine Träne bahnte sich ihren Weg.

»Aber was soll das bringen? Achim ist doch nicht umgebracht worden. Was willst du erreichen?« Karl schüttelte den Kopf.

Maria zuckte mit den Schultern, war aber schon auf dem Weg zur Tür. »Ich glaube, es wird mir helfen. Da war jemand an dem Morgen. Ich bin mir ganz sicher. Achim ist nicht vom Nebel verschluckt worden, Karl. Achim und dieser Junge: Sie verbindet etwas. Ich spüre das ganz genau.«

Sie sah, dass Karls Hand zitterte, als er ihr hinterher winkte.

Seelenpfad 3

Und gehen

… und sehen

sehen o Wunder …

Heinz-Albert-Heindrichs (* 1930)

Maria hatte gleich das nächste Schiff genommen. Tant’ Mimi wohnte in der Siedlerstraße, hatte sich eines der grauen Häuser zurechtgemacht und vermietete Zimmer an die Feriengäste. Nur eines hielt sie immer frei. Für Karl. Manchmal dachte Maria, dass Onkel Karl womöglich eine Liebesbeziehung zu Mimi hatte. Aber sie konnte sich ihn nur schwer als Liebhaber vorstellen.

Er war nicht nur äußerlich, sondern auch vom Wesen her sehr speziell. Ein prima Kumpel, ein Mann, auf den man sich in jeder Lebenslage verlassen konnte. Für so manche Frau mochte das reichen. Doch Maria fiel es schwer, sich das einzugestehen: Onkel Karl glich er einem abgeliebten Teddybären. Sein Rauschebart ließ kaum einen Blick auf die Gesichtszüge zu. Ein Rest rot geäderter Wangenhaut blinzelte unterhalb des Auges hervor, zeugte von häufigem Aufenthalt an der frischen Luft. Viel Mimik war bei ihm ebenfalls nicht zu erkennen. Einzig seine Lippen bewegten sich ununterbrochen, wie bei einem Fisch, der an Land nach Luft schnappte. Seine Augen wirkten so, als würden sie immer lächeln. An den meisten Tagen trug er eine Latzhose, die er nur hin und wieder gegen eine dunkelbraune, verwaschene Cordhose tauschte.

Nein, Maria konnte es drehen, wie sie wollte: Onkel Karl war alles andere als attraktiv. Wobei Tant’ Mimi mit ihrer übergewichtigen Dominanz auch nicht auf den Laufstegen dieser Welt zu Hause war. Von daher waren ihre Ansprüche vielleicht nicht so hoch.

Karl hatte bei Mimi angerufen und Marias Kommen angekündigt. Noch während des Telefonats hatten seine Hände dermaßen vibriert, dass Maria kaum hinsehen mochte. Immer wieder schüttelte Karl den Kopf, während er Tant’ Mimi die Situation klar machte.

Maria hatte zu Hause die Tasche noch gegen Karls Trolley eingetauscht. Es machte einen Höllenkrach, als sie damit über das unebene Pflaster lief. Auch nicht besser als Autolärm, dachte sie und stellte sich vor, wie es klingen musste, wenn sich ganze Gruppen auf den Weg in das Oldenburger Heim oder zur Villa Kunterbunt, dem Mutter-Kind-Heim, machten.

Tant’ Mimi wartete schon im Vorgarten. Sie zupfte an ein paar Blütenstängeln herum, die noch vom Vorjahr karg ins Licht schauten. Außer den vereinzelten Krokussen war noch kein Farbtupfer im Garten zu erkennen. Es war zu lange viel zu kalt gewesen. Schwerfällig stemmte Mimi ihren Oberkörper in die Höhe. Sie blinzelte in die Sonne, als Maria vor ihr stand.

»Da bist du ja, mien Deern.« Sie strich ihr mit der erdigen Hand über die Wange. Es kratzte, als dabei ein paar Krümel zur Erde fielen. »Warst so lange nicht mehr hier. Hätte dich kaum erkannt.« Sie schürzte die Lippen. »Zehn Jahre sind das wohl.«

Maria nickte. Im Sommer waren es zehn Jahre.

Tant’ Mimi bugsierte sie ins Haus, in dem es etwas abgestanden und leicht schimmelig roch. Marias feine Nase hatte den typischen Geruch sofort eingefangen.

»Tee?«, fragte Tant’ Mimi und setzte schon den Kessel auf den Herd.

Maria verstaute derweil ihre Tasche im Zimmer.

»Hast auch eine eigene Dusche«, hörte sie Tant’ Mimi.

Es war Maria egal, sie hätte sich das Bad auch mit anderen geteilt. Schließlich wollte sie sich hier nicht erholen.

»Warum bist denn du überhaupt auf der Insel?« Tant’ Mimis Stimme klang angestrengt, als recke sie sich gerade, um etwas vom Schrank zu holen. Über Marias Gesicht glitt ein flüchtiges Grinsen. Tant’ Mimi holte den Kandis von dort oben. Mimi war kein Mensch, der in seiner kleinen Welt gern etwas veränderte.

Maria antwortete nicht, stand mit hängenden Armen vor ihrem Bett. Karl hatte es Tant’ Mimi doch am Telefon lang und breit erklärt, und auch aus ihrem Mund würde seine Cousine es nicht verstehen. Die hatte ihre eigene Sichtweise auf die Dinge. Was vorbei war, war vorbei. Wer gestorben war, war gestorben und konnte nicht wieder zum Leben erweckt werden. Besser, man verdrängte alle Erinnerungen. Sie lebte nach der Vogel-Strauß-Methode. Kopf in den Sand und abtauchen. Da war sie wie Karl.

Achim war nun schon lange verschollen. Wenn er tot war, würde von ihm nicht mehr viel übrig sein. Wahrscheinlich gar nichts. Nicht ein Haar, vielleicht ein paar Knochen. Maria kannte sich damit nicht aus. Das Meer hatte bestimmt entsprechend dazu beigetragen.

Gleich wollte Maria noch zum Osten raus radeln. Es war wie eine Schocktherapie und sie wusste auch nicht, ob es eine gute Idee war. Ob nicht zu viele Erinnerungen ausgegraben werden würden.

»Tee ist jetzt fertig, mien Deern. Setz dich zu mir.«

Maria seufzte und schlich in die Küche. Auf dem runden Eckregal tanzten noch immer zwei Porzellanfeen um eine halbnackte grüne Meerjungfrau und kleine gehäkelte Blumen schmückten die Fensterbänke. Nichts sah auch nur ansatzweise anders aus als vor zehn Jahren. Sogar das schlammfarbige Tischtuch zierte den dreibeinigen Beistelltisch noch wie damals.

Trotz der Furcht vor der eigenen Courage fühlte Maria an diesem Ort so etwas wie ein Nachhausekommen. Sie hatte schreckliche Angst vor dem, was sie hier finden könnte. Am meisten fürchtete sie sich davor, zu viel von sich selbst zu entdecken, ihren Erinnerungen nicht gewachsen zu sein.

Tant’ Mimi bemerkte davon nichts. Redete ununterbrochen über den zu kalten Frühling, über den Garten ihrer Nachbarin und ob die Insel in drei Wochen von den Badegästen förmlich überflutet werden würde. Sie hoffte auf eine große Ausbeute. »Immerhin habe ich viel renoviert im letzten Winter.«

Maria blickte erstaunt zu Tant’ Mimi. Die Küche war von den Neuerungen definitiv nicht betroffen.

Tant’ Mimi realisierte Marias fragenden Blick sofort. »In den Gästezimmern. Das muss sich jetzt auszahlen.« Sie wiegte den Kopf. Allein die Toilette habe sie ein Vermögen gekostet. Keiner müsse noch an der Strippe ziehen. Zwei runde Scheiben an der Wand waren für alles zuständig. Eine zum Wassersparen. Man käme nicht umhin, an den Aufwand zu denken, mit dem das Wasser vom Festland hierher gebracht werden würde. Die Wasserlinse unter der Insel reiche schließlich nicht, dazu sei Wangerooge viel zu sehr geschrumpft. Man munkele jetzt sogar, die Insel sei mittlerweile kleiner als Baltrum. Aber davon wollten weder die Wangerooger noch die Baltrumer etwas wissen.

Tant’ Mimi war nicht zu stoppen. Auch die Stelle des Inselarztes sei vakant. Eine Vertretung wäre jetzt da.

Maria trank ihren Tee, sagte aber nichts dazu. Das wusste sie noch von früher: Tant’ Mimi widersprach man besser nicht und eine Unterbrechung des Redeflusses wurde mit einem noch ausschweifenderen geahndet.

Nach drei Tassen mochte Maria nicht mehr. Tant’ Mimi kochte den Tee so stark, dass sie bei zu großer Menge Magenschmerzen davon bekam. »Ich will los, Tant’ Mimi. Noch ist es hell.«

»Komm ja vor Sonnenuntergang zurück!« Sie kniff die Lippen zusammen, nickte beflissen mit dem Kopf. »Hier treibt sich ein Mörder herum.«

Maria nahm sich Tant’ Mimis Fahrrad, das sie vorher bereitgestellt hatte. Die Straße war arg uneben und die Reifen holperten über die Siedlerstraße in Richtung Osten. Der Flughafen lag sehr ruhig da, noch schlief die Insel ihren Winterschlaf. Doch schon bald würden die Maschinen in Schwärmen aufsteigen und landen.

Je weiter Maria aus dem Dorf herausfuhr, desto freier fühlte sie sich. Sie hätte dieses Gefühl selbst nicht für möglich gehalten, aber die große Furcht, die sie eben noch in Tant’ Mimis Haus befallen hatte, war wie weggeblasen.

Schon am ersten Dünenübergang stellte sie das Rad ab. Es zog sie an den Strand und die steilen Dünenhänge. Sie wollte die Schaumkronen vom Meer sehen, wenn die Wellen sich brachen. Egal, wie das hier ausging. Sie war über sich selbst hinausgewachsen, indem sie den Mut gefasst hatte, nach Wangerooge zu reisen. Auf dem Dünenkamm stellte sie sich auf und schaffte es zum ersten Mal nach zehn Jahren, sich gerade hinzustellen, den Rücken aufzurichten.

Das Schicksal des kleinen Jungen hatte sie hierher geführt, damit sie das vollenden konnte, was sie musste, um endlich leben zu können.

Unten am Weg stand ein Pfahl mit einer Tafel darauf. Maria fühlte sich magisch angezogen. Und gehen hieß das Gedicht. Sie würde gehen. Sie würde sehen, atmen und am Ende hören, was das Leben ihr zu sagen hatte. Sie ging los, ihren neuen Weg entlang.

*

Daniel hatte Maria vorhin fortgehen sehen. Mit dem Trolley in der Hand. Er konnte das nicht zulassen. Sie war seine Braut, auch wenn sie das noch nicht wusste. Was hatte er nicht schon für sie getan. Und er wollte es noch weiter tun. Liebe kannte keine Grenzen. Ihm war klar, wohin sie unterwegs war und er würde ihr nach Wangerooge folgen. Nicht einen Schritt durfte sie ohne ihn machen. Er musste auf sie aufpassen. Das hatte er sein Leben lang so gehalten. Auch als die Sache mit dem Jungen damals passiert war, war er da gewesen.

Sie hatten sich zusammen für die Betreuung der Kinder angemeldet. Das heißt, sie hatte sich angemeldet und er hatte es ihr gleichgetan. Nur in ihrer Nähe wollte er sein. Es war für ihn so wichtig wie essen und trinken. Auch wenn sie seine Sehnsucht nicht erwiderte, nicht begriff, welche Anziehungskraft sie auf ihn hatte. Er liebte ihren warmen Blick, der in den letzten Jahren von so unglaublicher Traurigkeit geprägt war. Er liebte ihren recht kräftigen Po, der für ihn nicht dick, sondern einfach wahnsinnig weiblich war. Er liebte den vollen Mund, der sich viel zu selten zu einem Lachen verzog, obwohl Marias Schönheit erst durch ein Lächeln richtig zur Geltung kam. Er liebte sogar ihre kleine Speckfalte oberhalb des Hosenbundes, die sich auch mit geschickter Kleidung nur schwer verbergen ließ. Sie gehörte zu Maria, genau wie ihre Wortkargheit, die sie nur durchbrach, wenn sie wirklich etwas zu sagen hatte. Maria war keine Frau, die wahllos drauflosplapperte. Sie redete nur, wenn sie es für unabdingbar hielt.

Daniel kniff die Augen zu. Warum nur wollte sie nun nach Wangerooge? Er selbst segelte ab und zu rüber, versuchte aber, die Kindermassen nicht zu beachten, die das ganze Jahr über aus den Schullandheimen über die Insel schwärmten.

Er dachte an den liebevollen Blick, mit dem Maria dieses hässliche sommersprossige Kind damals immer angesehen hatte. Das, was aussah wie einer der Simp­sons. Oder wie ein aus dem Nest gefallener Vogel. Er fand keinen passenden Vergleich, weil es für diese Ausgeburt an Hässlichkeit keinen gab. Er war schlaksig und eigenwillig gewesen. In Daniels Augen auch viel zu besitzergreifend. Wenn er nur an dieses blöde Lied dachte, das der Kleine ständig beim Anziehen gesungen hatte: »Erst die Schuhe, dann die Jacke, dann die Mütze, dann der Schal.«

Dabei hatte er gekichert. Weil Sommer war und er weder Mütze noch Schal brauchte. Wenn er die Handschuhe dazu kreierte, hatte er sich schließlich vor Lachen auf dem Fußboden gekugelt.

Dass der Seenebel Achim mitgenommen hatte, war für Daniel eine gute Fügung des Schicksals gewesen. Verschluckt und weg. Das durfte er natürlich nur denken, solche Gedanken sprach man nicht aus.

Maria hatte sich danach Hilfe suchend an ihn geklammert. Sie war so froh gewesen, dass er da war. Daniel, ihr bester Freund. Er, der ihr sacht über das halblange Haar gestrichen hatte. Eine Strähne nach der anderen war ihm durch die Finger geglitten. Maria hatte unvergleichlich weiches Haar. Sie hasste es, weil sie es nicht richtig frisieren konnte. Nicht eine Spange hielt darin. Daniel aber liebte es. Diese Gar-nichts-Farbe, die Marias Onkel liebevoll als straßenköterblond bezeichnete.

Er sah es noch sacht im Wind fliegen, als sie gerade mit ihrem Trolley um die Ecke gebogen war. Er würde ihr folgen. Wie er es immer in seinem Leben getan hatte. Und wie immer würde sie es hinnehmen, es nicht wirklich bemerken.

*

Angelika Mans hatte rotgeweinte Augen. Ihre Gesichtszüge waren erstarrt, wirkten maskenhaft. Rothko war klar, dass er vorsichtig vorgehen musste. Diese Frau war in ihren Grundfesten erschüttert worden. Sie schwebte ohne Halt durchs Leben, wusste noch nicht, wie sie sich ohne ihr Kind neu platzieren sollte, ja wie sie überhaupt ohne Lukas weiterleben konnte. Wobei er aus Erfahrung wusste, dass das Ausmaß des Schmerzes, die ganze Intensität, noch gar nicht bei ihr angekommen war.

Rothko hatte Tee gekocht, aber der war ihm nicht so recht gelungen. Er hatte eine uringelbe Färbung und erinnerte nur mit großer Fantasie an das, was man echten Ostfriesentee nannte. Angelika Mans schien es egal zu sein. Sie hatte wahrlich andere Sorgen, als sich um schwachen oder starken Tee zu kümmern. Wahrscheinlich schmeckte sie den Unterschied nicht einmal.

»Wissen Sie, wo der Kleine an diesem Morgen hinwollte?« Rothko bemühte sich um einen sensiblen Tonfall. Am liebsten würde er schweigen, gar nichts sagen, aber das war in diesem Fall völlig unmöglich. Er musste den Menschen finden, der dieser Frau und ihrem Kind das angetan hatte.

Angelika schüttelte den Kopf. Nein, sie wisse nicht, wo er hinwollte. Normalerweise schlafe ein Kind um diese Zeit und treibe sich nicht draußen herum.

Ganz langsam bewegte sie dabei ihren Kopf hin und her, wurde mit ihrer Bewegung aber immer schneller. Am Ende schleuderten die aschblonden Haare um ihr Gesicht, bis sie abrupt innehielt. Gleichzeitig mit diesem Stopp sank ihr Kopf auf die Tischplatte. Die Frau war einfach erledigt. Viel mehr als gestern würde nicht aus ihr herauszukriegen sein. Der Schmerz hatte ihre Sinne betäubt, duldete keine nähere Erinnerung an das, was so wehtat, dass es nicht auszuhalten war.

Rothko, der keine Kinder hatte, bekam eine vage Ahnung davon, dass man ein Stück von sich selbst verlor, wenn ein Kind plötzlich nicht mehr da war. Angelika Mans kam ihm wie abgeschnitten vor. Nicht so, als fehle ihr mindestens ein Körperteil, sie wirkte eher wie seelenamputiert.

Ihre Stimme klang dumpf, als sie wie zur Bestätigung sagte: »Es ist, als habe man ein Stück vom Herzen entfernt. Mein Zentrum fehlt, Herr Kommissar. Alles verliert seinen Sinn. Ohne ihn.« Sie hob kurz den Blick. »Ohne Ehepartner kann man leben. Das habe ich begriffen, als er mich wegen einer anderen verlassen hat.« Sie warf mit einer energischen Handbewegung die Haare über die Schultern. »Das war nichts gegen das, was jetzt in mir vorgeht.« Ihr Kopf sank zurück auf die Tischplatte.

Es hatte etwas von »Vorhang zu«, dachte Rothko.

»Nichts«, wiederholte sie.

Der Kommissar räusperte sich. So kam er nicht weiter. Aber er hatte absolut keine Lust, sich einen Seelenklempner dazuzuholen, der ihm auch noch ins Handwerk pfuschte. Irgendwie musste er selbst an die Frau herankommen.

»Wo ist Ihr Mann denn jetzt?«, fragte er.

Angelikas Schultern zuckten fast unmerklich. »Ex-Mann«, korrigierte sie. »Keine Ahnung. Er tourt durch die Welt. Mit seiner Neuen.«

»Es ist aber ausgeschlossen, dass er sich auf Wangerooge befindet?«

Angelika erhob ihren Kopf. Sie zupfte ein Papiertaschentuch aus der Tasche. Rothko erwarte, dass sie sich nun kräftig schnäuzte. Ihre Stimme klang von dem vielen Weinen ganz näselnd. Als sie mit den Fingern über die Nasenspitze wischte, zog sich glasiger Schleim über ihr Handgelenk.

Angelika tupfte sich mit dem Taschentuch zunächst vorsichtig über die Augen, tastete sich hinunter zum Nasenflügel, den sie beim Abwischen hin und her bewegte. Danach war ihre Haltung merklich aufgerichteter und die Stimme fester. »Mein Ex-Mann hasst die Insel. Zumindest hat er das während unserer Ehe getan.« Sie schaute Rothko fest an. »Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass er hier ist oder war.«

»Weiß er denn Bescheid?« Rothko nahm einen Schluck von dem blassen Tee und verzog angewidert das Gesicht. Der Kaffee oben war schon eine Katastrophe, aber dieses Gebräu grenzte an Folter. Zum Teufel, warum hatte sein Inselkollege nicht einmal hier eine Kaffeemaschine? Er schien eingefleischter Teetrinker zu sein. Rothko hatte nichts gegen Sitten und Gebräuche, aber man musste schließlich nicht dogmatisch an allem festhalten, wenn es bessere Alternativen gab.

»Nein, Herr Kommissar. Er hat sein Handy ausgeschaltet. Ich habe am Tag vor Lukas’ Verschwinden mit ihm gesprochen.« Sie hielt inne, sprach dann sehr überlegt weiter, als müsse sie die Tragweite eines jeden Wortes genau abwägen. »Gestritten haben wir. Über nichts, wie immer. Lukas hat das völlig verstört.« Sie schluckte. »Auch wie immer. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wo er sich gerade aufhält.« Sie tupfte ihre Augen trocken. »Darüber haben wir nicht geredet. So war das dauernd.« Angelika Mans sah ihn von unten her an. »Hören Sie mir überhaupt zu?«

Rothko schreckte zusammen. »Natürlich höre ich zu, Frau Mans.« Er räusperte sich. »Ihr Mann ist also irgendwohin entfleucht. Was hatte er denn für eine Beziehung zu Lukas?«

Angelika Mans lachte schrill auf. »Beziehung?« Wieder folgte dieser merkwürdige Ton. »Er hat ihn vergessen. Einfach vergessen in seinem neuen Leben.« Sie sank erneut in sich zusammen. »Es gibt uns nicht mehr.« Angelika stieß mit gespitztem Mund Luft aus, als puste sie eine Kerze aus. »Weg. Einfach weg.«

Rothko schob seinen Oberkörper ein Stück weit über den Tisch. »Könnte es sein, dass er …«

Angelikas Augen vergrößerten sich. Ihre Stirn legte sich in Falten. Ganz langsam begann sich ihr Kopf zu bewegen. Sie verneinte die Frage, das war eindeutig.

Rothko lehnte sich zurück. Egal, was Angelika Mans sagte, sie war befangen. Er würde den Vater von Lukas finden und ihm gehörig auf den Zahn fühlen.

Seelenpfad 4

Heute hier, morgen dort

So vergeht Jahr um Jahr,

und es ist mir längst klar,

dass nichts bleibt, dass nichts bleibt,

wie es war.

Hannes Wader (* 1942)

Kristian Nettelstedt hatte sich das Appartement mit Blick auf das Festland gemietet. Den Anblick der tosenden Nordsee konnte er nicht ertragen, seit damals sein Sohn Achim verschwunden war. Warum es ihn nun trotz allem zurück auf diese Insel gezogen hatte, war ihm selbst nicht klar. Nach Achims Verschwinden war auch kurz darauf Oskar gestorben. Wie ein Engel war er seinem Bruder gefolgt. Eva, seine Frau, hatte sich Vorwürfe gemacht, weil sie Achim wegen Oskars Krankheit nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Es wurde immer mehr zu einer Selbstanklage, die ihr Leben prägte. Kein Gespräch war mehr möglich. Als Kristian eines Tages von der Arbeit gekommen war, war ihm die Leere eines unbewohnten Hauses entgegengeschlagen. Sie hatte zwar nicht ein einziges Möbelstück mitgenommen, aber allein durch ihre Abwesenheit war ihm jeder Raum tot und leer erschienen. Er hatte auf der Welt noch nie einen Menschen so sehr geliebt wie Eva.

Er selbst war, bevor er sie kennenlernte, ein Blatt im Wind gewesen, das von einem Wirbel zum nächsten trudelte. Er hatte es nie geschafft, sich auf ein bestimmtes Leben festzulegen. Er hielt es nie lange an einem Fleck aus. Dann war Eva gekommen. Blond, grazil und wunderschön. Sie strahlte eine Verletzlichkeit aus, die ihn anrührte. Ihre Augen hatten die Farbe des Ozeans, eine interessante Mischung aus Grün und Blau, ihr Körper wirkte überaus zerbrechlich.

Kristian hatte nicht anders gekonnt, als sesshaft zu werden und sich um sie zu kümmern. Er war der Starke in der Beziehung. Das war genau das, was er brauchte. Auch Achim hatte rasch seine Nähe gesucht. Er war ein schwächliches Kind, glich Eva in fast aufdringlicher Weise. Seine labile Art rührte ihn allerdings nicht, wie sie es bei Eva tat. »Hilf ihm. Irgendwie. Er soll stark werden«, war eine der Aussagen zu Beginn ihrer Beziehung gewesen. Er solle nicht so haltlos und unsicher durchs Leben gehen wie sie. Kristian hatte ihren Wunsch sehr ernst genommen und alles versucht, was in seiner Macht stand.

Kristians Blick folgte den Silber- und Sturmmöwen, die ihre Bahnen über dem Wattenmeer zogen. Es war ablaufend Wasser, der Schlick spiegelte sich im Sonnenlicht, schien wie mit winzigen Glassplittern bedeckt.

Ohne Eva war Kristian schließlich zu seinem Vagabundenleben zurückgekehrt. Er hatte nie wieder von ihr gehört. Sie war aus seinem Leben verschwunden wie ihre beiden Söhne. Es war, als habe es die drei nie gegeben. Manchmal redete er sich ein, es sei tatsächlich so, um überhaupt weiterleben zu können. Menschen, die es nicht gab, konnten auch keinen Schmerz verursachen. Kristian hatte gelernt zu verdrängen. Es gab nur wenige Lücken, durch die er die Realität einließ.

Vor ein paar Tagen war er nachts aufgewacht. Er hatte von Achim geträumt, auf seinem blassen Gesicht schienen die Sommersprossen von noch kräftigerer Farbe. Die stoppeligen, wirren Haare standen wie stets in alle Richtungen ab. Evas Arm lag um seine Schultern, die Nägel tief im Stoff des T-Shirts eingegraben. Ihr Blick war eine einzige Anklage.

Wenn Kristian etwas nicht ertrug, war es, Eva so zu erleben. Und sei es nur im Traum.

Er hatte sich sofort ins Auto gesetzt und war mit dem nächsten Schiff auf die Insel gefahren. Angezogen wie von einem Magneten, ausgelöst von diesem Blick in seinem Traum. Was er hier wollte, das eigentliche Ziel, war ihm aber selbst nicht ganz klar.

Die ersten Tage hatte er geglaubt, wieder zu leben. Er hatte die Weite des Meeres genossen, sich vornehmlich im Westen aufgehalten. In einem Prospekt hatte er von dem Seelenpfad gelesen, den der Lions Club der Insel in Zusammenarbeit mit den beiden Kirchen erstellt hatte. Jeden Tag kletterte er durch die Dünenlandschaft und ging den Schildern nach.

»Im Osten ist der Pfad viel länger«, sagte ein Mann, der diesen Tafeln ebenfalls folgte. »Und die Aussicht dort, die viele Natur drum herum … ein Paradies. Eine Landschaft, die die Schönheit der Insel erst in vollen Zügen widerspiegelt, sage ich Ihnen.«

Kristian hatte nur genickt. Im Osten war er noch nicht gewesen, wusste auch nicht, ob er je einen Fuß dorthin setzen konnte. Im Osten war Achim verschwunden. Hier würde Evas Anklage über ihn hereinbrechen. Er wollte das alles nicht mehr. Er wollte frei sein. Es vielleicht schaffen, eines Tages zu vergessen. Doch war es möglich, so etwas je abzuschließen? Sicher nicht, verdrängen war der einzige Weg. Es wäre besser, er wäre nicht hier.

Schließlich hatte er es nicht ausgehalten und hatte sich doch zum Ostteil von Wangerooge gewagt. Eine unbestimmte Kraft hatte ihn getrieben. Sein Blick war in Richtung Ostbalje geschweift. Starr hatte er dorthin geblickt, quälende Bilder schoben sich vor seine Augen. Doch er war weitergegangen. Immer weiter. Bis zum Meer. Es war ein Fehler gewesen.

*

Wenn Maria etwas liebte, war es die Freiheit der Insel. Trotz allem, was sie hier erlebt hatte. Nirgendwo auf der Welt konnte sie die Klarheit der Luft, die Unbezwingbarkeit der Natur und gleichzeitig die Unabhängigkeit so hautnah erleben wie hier. Erst jetzt merkte sie, wie unglaublich sie all das vermisst hatte.

Es war außerhalb der Saison besonders schön hier. Eine ganz andere Atmosphäre, als wenn die Ausflugsschiffe die Touristen auf die Insel spuckten, die sich in alle Winkel verstreuten, und ein großer Teil von ihnen abends von der Inselbahn verschlungen und abtransportiert wurde. So wie es schon damals gewesen war. Maria befürchtete, die Touristenströme könnten seitdem noch zugenommen haben. Wobei es ein Phänomen war, wie sich die Menschenmassen auf der Insel verteilten. Es gab auch in der Hauptsaison immer noch Ecken, wo man völlig ungestört sein konnte. Nur im Zentrum des Dorfes war es zu der Zeit bedrückend voll. So hatte es Karl jedenfalls erzählt und Maria glaubte ihm, denn auch das war schon vor zehn Jahren so gewesen.

Es war noch früh am Tag, die Insel schlief noch. Maria war gestern den Seelenpfad des Lion Clubs gegangen, war den Tafeln durch die Dünen gefolgt. Sie war ganz gefangen von den Gedichten und Liedern, die alle paar hundert Meter auf den Schildern zu finden waren. Dieser Gang beruhigte sie, ließ sie für den Augenblick innehalten. Die Texte waren verfasst für Menschen wie sie. Menschen, die sich auf der Suche befanden. Nach Frieden, nach ihrer Mitte. Sie hatte gestern tatsächlich den Anflug der Hoffnung gehabt, hier würde endlich alles gut.

Bis sie in der Nacht wieder von ihren Träumen heimgesucht worden war, die sie brutal daran erinnert hatten, was hier vor zehn Jahren geschehen war. Ständig war Achims Stimme durch ihr Ohr gegeistert, von einer Etage zur nächsten gesprungen. Irgendwann hatte sie wie immer den Schlaf nicht mehr ertragen und war aufgestanden, hatte den Wolken bei ihrem Nachttanz zugeschaut. Hier verharrten sie wegen des immerwährenden Windes nur selten. Meist huschten sie in lebendigem Spiel über den Himmel, formierten sich neu, um nach kürzester Zeit erneut auseinanderzudriften.

Sie warf einen Blick zum Meer, entschied sich aber dann, doch nicht hinunter zum Strand zu gehen, sondern lieber zwischen den Hagebuttenbüschen und Gräsern den Pfad durch die Dünen weiterzugehen. Das Meeresrauschen konnte sie auch hier oben hören. Mit etwas Glück würde sie auch noch ein paar Vögel beobachten können. Erst gestern hatte sie die Kornweihe bei der Jagd gesehen. Es war ein Geschenk, diesen seltenen Greifvogel zu entdecken. Maria wusste diese Glücksmomente, die ihr die Natur schenkte, durchaus zu schätzen. Es lenkte so wunderbar von den schrecklichen Gedanken ab.

Nach einer Weile ließ sie sich auf einen der zahlreichen Bunker nieder. Er war in sich zusammengefallen, schon in seine Umgebung integriert. Rings umher standen Hecken­rosen in Massen, doch erst zart sprossen die ersten­ grünen Blätter. Wie dürre Finger mit vielen Haaren daran wackelten die Zweige im Wind. Maria ließ sich auf dem Betonrand nieder.

Sie hatte Glück. Kurze Zeit später sah sie tatsächlich die Weihe am Himmel. Starr verharrte sie dort, glitt dann im Gleitflug näher, rüttelte kurz und schoss schließlich zur Erde. Maria sah den Vogel eine Weile nicht, vermutlich verspeiste er gerade genüsslich seine Beute. Warum sie so großen Gefallen daran fand, diese Greifvögel bei der Jagd zu beobachten, war ihr nicht ganz klar. Vielleicht war es die Anmut dieser Tiere. Das Grazile, das ihr selbst völlig fehlte. Marias Statur war kräftig geworden, ihr Gang glich dem einer watschelnden Ente. Zumindest empfand sie es so. Daniel hatte dagegen öfter angedeutet, dass er in ihr den Inbegriff der weiblichen Schönheit sah. Aber er war in dieser Hinsicht nicht objektiv.

Daniel liebte sie, seit sie denken konnte. Schon im Sandkasten hatte er ihr gesagt, dass sie ihn heiraten solle. Weil sie der beste Arbeiter war. Keine beherrschte es damals so gut, den Bagger mit dem winzigen Lenkrad durch die imaginäre Sandwüste zu steuern, wie sie. Obwohl sie ein Mädchen war. Das musste die Jungen erst akzeptieren. Daniels Besitzanspruch hatte ihr gut gefallen. Jetzt fand sie es eher lästig. Sie wollte keinen Mann. Sich gefühlsmäßig auf niemanden mehr einlassen. Das Alleinsein war ihre Strafe dafür, dass sie auf Achim nicht gut aufgepasst hatte.

Aber als Kinder hatten Daniel und sie zusammengehört. Wie man eben in einem kleinen friesischen Dorf zusammengehörte, wenn jeder von jedem alles wusste. Nicht nur ihr war bekannt gewesen, woher die ständigen blauen Flecken kamen, die immer öfters Daniels Haut zierten. Es war gut gewesen, als der Vater die Familie endlich verlassen hatte.

Maria durchlief ein Schaudern, das sie in die Wirklichkeit zurück katapultierte. Während der Vogel seine Beute verspeiste, fühlte auch sie Hunger. Sie kramte aus ihrem Rucksack ein Stück Brot heraus, dick belegt mit Schinken, Remoulade und Salatblättern. Eine Böe riss ihr das Butterbrotpapier aus der Hand, ließ es zwischen den Heckenrosen tanzen, bis es sich in den kleinen Dornen verfing und sich die knorrigen Äste darin festkrallten. Maria mochte es nicht, wenn die Natur verschandelt wurde, weil alle ihren Müll in die Landschaft warfen. So stand sie auf und haschte nach dem Papier. Sie bekam nur einen Zipfel zu fassen, der gleich abriss. Auf allen vieren robbte sie sich näher heran, ignorierte die feinen Dornen, die sich in ihre Haut bohrten. Der Wind riss den Fetzen derweil wieder ab. Das Papier wirbelte in der Luft herum, legte sich auf die Erde und verfing sich ein Stückchen tiefer im Geäst als zuvor.

Maria stöhnte. Was halste sie sich auch immer auf! Ihre Unterarme bluteten an einigen Stellen bereits leicht. Trotzdem haschte sie weiter nach dem Papier, wollte nicht aufgeben. Es nicht einzufangen, wäre ihr wie eine Niederlage vorgekommen. Sie streckte den Arm aus, bekam es beinahe zu fassen, als sie das Gleichgewicht verlor und mit den Füßen in die Senke hineinrutschte. Maria schrie auf. Sie glaubte, diese Dornen seien das Letzte, was sie in ihrem Leben spürte. Wie Tausende von Nadeln zerstachen sie ihre Haut.

Das Papier hatte sich durch ihren Aufprall wieder losgerissen und trudelte weiter über die Dünenlandschaft.

Nach einer Weile fing Maria sich wieder. Sie bewegte nach und nach ihre Gliedmaßen, prüfte, ob nichts gebrochen war. Vorsichtig glitt ihre Zunge über die Zähne, weil sie mit dem Kopf an den Betonrand des Bunkers gestoßen war. Sie schienen völlig unversehrt, nur an der Oberlippe schmeckte sie etwas Blut.

Maria versuchte, irgendwo Halt zu finden, um aus der Senke herauszuklettern, was wegen der vielen schmerzhaften Dornen nicht einfach war. Sie verspürte nur wenig Lust, sich weitere Stiche einzuhandeln. Wahrscheinlich würde sie ohnehin ein paar Stunden damit verbringen müssen, diese winzigen Teile mit der Pinzette aus ihrer Haut zu entfernen.

Gerade als sie sich mit den Füßen abstoßen wollte, spürte sie etwas Unebenes. Es rollte sich unter ihrem Ballen, fühlte sich an wie ein Ast. Wahrscheinlich war sie auf eine Wurzel getreten. Aber daneben befanden sich weitere Teile, die sie problemlos hin- und herschieben konnte. Dann stieß ihr Fuß gegen etwas Rundes. Vorsichtig tastete sich Marias Hand an ihrem Hosenbein entlang nach unten. Die Oberfläche der Gegenstände zu ihren Füßen war glatt. Es fühlte sich an wie gut gehobeltes Holz. Eine Stimme warnte sie, sagte ihr, es sei besser, hier zu verschwinden.

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Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
25 maja 2021
Objętość:
262 str. 5 ilustracji
ISBN:
9783839264928
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