Czytaj książkę: «WIR. Heimat - Land - Jugendkultur»
Originalausgabe
© 2020 Hirnkost KG, Lahnstraße 25, 12055 Berlin;
prverlag@hirnkost.de; http://www.hirnkost.de/
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage Oktober 2020
Vertrieb für den Buchhandel: Runge Verlagsauslieferung; msr@rungeva.de
Privatkunden und Mailorder: https://shop.hirnkost.de/
Lektorat: Klaus Farin
Genderneutral – ja oder nein? Wir überlassen es den Autor*innen,
welche Variante sie wählen. So viel Freiheit und Vielfalt muss sein.
ISBN:
PRINT: 978-3-948675-53-0
PDF: 978-3-948675-55-4
EPUB: 978-3-948675-54-7
Dieses Buch gibt es auch als E-Book – bei allen Anbietern und für alle Formate.
Diese Publikation und das dazugehörige Projekt wurden gefördert von:

KLAUS FARIN UND GÜNTER MEY (HRSG.):
Wir.
Heimat – Land – Jugendkultur

Inhalt
Vorwort
Gelegenheitsstrukturen – Jugendliche in ländlichen Regionen
GÜNTER MEY
Lebensrealitäten von Jugendlichen in ländlichen Regionen
Annotationen aus der Peripherie von Jugendforschung
DETLEV LINDAU-BANK UND MARGIT STEIN
Boomer 4.0
Millennials auf dem Land
BENJAMIN OLLENDORF, SUSANNE BORKOWSKI UND GÜNTER MEY
Perspektiven junger Menschen auf Gelegenheitsstrukturen in ländlichen Regionen
Ergebnisse einer Online-Umfrage zu Zukunftsaussichten, Freizeitbedingungen und Partizipationsmöglichkeiten
1Hintergrund der Erhebung
2Die WIR-Studie
3Die soziografischen Daten der Jugendlichen
4Regionale Bildungs- und Karrieremöglichkeiten
5Mobilität
6Tagesstruktur und Freizeitaktivitäten
7Medien
8Jugendkultur und -szenen
9Mitbestimmung und Engagement
10Probleme und Konflikte
11Gehen und Bleiben
12Zusammenfassung, Diskussion und Fazit zur WIR-Studie
PATRICK KÜPPER UND TOBIAS METTENBERGER
„Gehen oder Bleiben?“
Zufriedenheit junger Menschen mit den Lebensbedingungen in ländlichen Räumen
SARAH BEIERLE
Was hält junge Menschen in ländlichen Räumen?
BARBARA HALLMANN UND SIBYLLE SPERLING
Leerstand makes Landleben
Kultur- und Bildungsprojekte in der Altmark
MIESTE HOTOPP-RIECKE
Freygang, Faschos, Rote Rüben
Der Kinosaal in Mieste, Heimat und Dorfkraft für Kultur und Zusammenhalt
KRISTINA MILZ
wir.macht.neu #5 Wedemark
Oder: Erwachsene wollen eine Erwachsenen-freie Zone
KRISTINA MILZ
„Der Jugendliche an sich, der interessierte mich schon mal gar nicht.“
Ein Festival für Freunde oder: Schöner leben ohne Nazis
Heimat
KLAUS FARIN
Heimat.
Identität im Wandel
KRISTINA MILZ
„Wem g’herst na du?“
Nachdenken über vergessene Spielregeln
KRISTINA MILZ
„Es geht darum, wer die schwersten Glocken hat.“
Der Tag, an dem die Kramperl kommen
GANGWAY
ZwischenWelten
Herkunft – Ankunft – Hinter Gittern – Zukunft
EDDA GEHRMANN
„Davon werden sie mindestens die nächsten zehn Jahre noch erzählen.“
Ein Gespräch mit dem Bürgermeister Andreas Brohm
KLAUS FARIN
Abspann
Die Autor*innen
KLAUS FARIN UND GÜNTER MEY
WIR. Heimat – Land – Jugendkultur
„Heimat“ ist wieder angesagt – vor allem in ländlichen Regionen hat der Wunsch nach Entschleunigung und Wiederüberschaubarkeit der Lebensumwelt Konjunktur: das Dorf als Hort der Sicherheit und Ruhepol inmitten einer sich global immer schneller und unbeeinflussbarer verändernden Welt: „Hier ist die Welt noch in Ordnung.“ Doch die Prozesse der Individualisierung und Enttraditionalisierung prägen längst auch die Lebenswirklichkeiten auf dem Lande. Insofern werden sich Gemeinden für die Vorstellungen und Bedürfnisse der Jugendlichen öffnen müssen sowie deren Orientierungsmuster und lebensweltliche Praktiken berücksichtigen, wollen sie nicht zur jugendfreien Zone werden.
Die Stiftung Respekt!, 2010 aus dem Berliner Archiv der Jugendkulturen heraus gegründet, wollte diese beiden Themen – die ambivalente Renaissance der „Heimatliebe“ und die Lage von Jugendlichen in ländlichen Regionen – genauer untersuchen und verband beide in ihrem Projekt „WIR. Heimat – Land – Jugendkultur“. Gemeinsam mit mehr als 30 Partner*innen realisierte Respekt! ab 2018 einen bunten Strauß aus quantitativen und qualitativen Befragungen, Workshops, Fachtagungen und journalistischen Erkundungen. Dabei wurden die Jugendlichen nicht nur befragt, sondern konnten auch in verschiedenen partizipativen Kreativworkshops eigene Ideen, Wünsche und Positionen entwickeln und dabei erkennen, dass die Erwachsenenwelt sich für ihre Perspektive interessiert. Denn nachhaltige Veränderungen lassen sich heute nur noch erzielen, wenn die Menschen bei der Entwicklung und Implementierung neuer Maßnahmen selbst aktiv mitwirken. Das gilt nicht nur für Großbauprojekte, sondern auch für die kleinteilige Beziehungsarbeit mit Jugendlichen vor Ort. Identifikation – mit der Schule, dem Jugendhaus, der Gemeinde – entsteht letztlich durch Teilhabe und die Erfahrung von Respekt.
Ausgangsüberlegungen1
Spätestens seit Ulrich Becks Zeitdiagnosen in den 1980er Jahren gilt es in den deutschen Sozialwissenschaften (und darüber hinaus) als sicher, dass Menschen im Zeitalter einer „zweiten Moderne“ unter veränderten Bedingungen leben: Aufgrund einer weitreichenden ökonomischen Aufwärtsbewegung in der BRD („Fahrstuhleffekt“) nach dem Zweiten Weltkrieg sind zwar die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht grundsätzlich reduziert, haben alle Milieus jedoch mehr Geld und Freizeit zur Verfügung. Traditionelle Verbindlichkeiten, die aus Klassen- und damit verbundenen Kulturzugehörigkeiten resultieren, erodieren zunehmend. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist ein „Wegbrechen“ vormals selbstverständlicher, traditioneller Orientierungsmuster, Strukturen und Verhaltenssicherheiten. Betroffen davon ist auch ein grundsätzlicher menschlicher Modus des Sich-in-Bezug-Setzens zur Welt: das Gefühl, eine „Heimat“ zu haben.
Wenn Menschen heute einerseits pluraler und individueller als zuvor leben, weil sie vom Wohlstandswachstum, einem gewandelten Arbeitsmarkt mit immer mehr Gewicht auf dem Dienstleistungssektor, flexiblen Arbeitszeiten sowie der Bildungsexpansion profitieren, so führt dies andererseits auch dazu, dass Forderungen nach steigender Flexibilität und Mobilität an sie herangetragen werden. Dementsprechend steht jede*r Einzelne immer wieder vor der Aufgabe, sich in andere geografische und soziale Kontexte oder Räume einzuordnen. Was gestern noch als Heimat unhinterfragt vertraut und mit bestimmten Zuschreibungen des Typischen und Überschaubaren verknüpft war, wird durch einen Ortswechsel fragwürdig. Umgekehrt verändern sich Orte und soziale Zusammenhänge durch immer wieder neu Hinzukommende, diese „stören die Ordnung“ mitunter oder finden Niederschlag in Konstruktionen von Etablierten und Außenseitern: „wir und die Anderen“. Und auch den weniger mobilen Menschen kann mit Vorurteilen begegnet werden, die wiederum mit Abgrenzung beantwortet und als Ausgrenzung erlebt werden. So entsteht in ländlichen Regionen mit Rekurs auf Heimat ein neuer Definitionsraum – und eine Arena für Aushandlungen.
Eine Folge davon scheint die derzeit in Europa beobachtbare Renaissance des Regionalpatriotismus zu sein. „Heimatliebe“ zu zeigen und auszuleben, ist auch für viele Jugendliche heute nicht mehr peinlich, nicht mehr per sé „rechts“ und „nationalistisch“, sondern Teil ihrer Alltagskultur und Identitätssuche. Dies führt – gerade angesichts der aktuellen Zuwanderungen Geflüchteter auch in die ländlichen Regionen Deutschlands – zu einer weiteren Frage: Wer gehört zu dieser Welt, zu dieser Ordnung? Wer definiert das neue deutsche „Wir“ (und wie)?
Jugend(kultur) und ländliche Heimat
Um die Frage nach Heimatkonstruktionen zu beantworten, schien uns die Fokussierung auf Jugendliche und ihre Szenen besonders vielversprechend. Denn diese stellen posttraditionale Vergemeinschaftungsformen dar, die eine eigene Kultur entwickeln und dadurch gesellschaftlichen Tendenzen zur Individualisierung mit Zugehörigkeits- und Identifikationsangeboten begegnen – mit anderen Worten: Jugendlichen eine (kollektive) Heimat geben oder zumindest temporär ein Ort sein können, der Heimat ganz bestimmend mitprägt. Szenen sind in der Lage, besondere Bindeoder Absetzungskräfte zu entwickeln (vgl. z.B. Hitzler/Niederbacher 2010). Sie werden häufig entweder als Anlass genommen, in der Provinz zu bleiben, weil sie etwas bieten, das in der Stadt oder anderswo nicht einholbar zu sein scheint, oder aber als etwas identifiziert, das gerade nicht in der Provinz, dafür aber in der Stadt vorzufinden ist, weswegen die alte Heimat verlassen werden muss.
Die Entwicklungen der permanenten Mobilität und die Notwendigkeit, die Heimat zu verlassen, eine neue zu suchen oder gar „mehr-heimig“ zu sein, betreffen insbesondere junge Menschen, die nicht nur von den Effekten der „zweiten Moderne“ stärker betroffen, sondern zusätzlich unter Bedingungen der umfassenden Mediatisierung und Glokalisierung aufgewachsen sind: So wird durch Internet und (digitale) Medien für die Einzelnen nicht nur ein enormes Spektrum soziokultureller Möglichkeiten, Handlungs- und Identifikationsangebote immer transparenter und potenziell verfügbarer, sondern darüber hinaus werden diese Angebote stärker für kulturelle Prozesse der selektiven Aneignung und Neukontextualisierung zugänglich. Das Verfügbarkeitsangebot bewirkt, dass der Reiz steigt, etwas und „sich“ jenseits der Heimat auszuprobieren. Das Kursieren kultureller Angebote bewirkt kulturelle Transformationsprozesse, bei denen das vormals geografisch und kulturell Entfernte oder „Fremde“ immer schneller in die „eigene“ Kultur integriert werden kann (und muss!). Dadurch wird „Heimat“ als Sinnhorizont des Kontinuierlichen und Vertrauten zunehmend fluider und permanent revisionsbedürftig.
Aktuelle Veränderungen, die „die Jugend“ in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat, treten in den Städten zwar stärker sichtbar zutage, prägen längst aber auch die Lebenswirklichkeiten auf dem Lande. So klagen Freiwillige Feuerwehren, Karnevals- und Schützenvereine, aber auch kirchliche und andere Jugendgruppen und -verbände vielerorts über Nachwuchsmangel. Selbst Jugendliche, die gerne in Landgemeinden leben, schließen sich nicht mehr automatisch den Jugendgruppen und Vereinen ihrer Eltern und Großeltern an, sondern sie prüfen kritisch: Was bringt MIR das, wenn ich mich dort engagiere? Selbstverständlich prägen die (großstädtischen) Jugendkulturen – und eben die via World Wide Web verbreiteten Informationen – auch Jugendliche auf dem Land. Was für (eher) großstädtische Jugendkulturen schon immer galt, überträgt sich nun also auf die Vereine und Organisationen in den Landgemeinden. Die Jugendlichen dort fordern dies explizit eher selten – sie stimmen „mit den Füßen“ ab und bleiben den Angeboten, die nicht zu ihnen passen, einfach fern. Landgemeinden und dort beheimatete Organisationen werden sich gegenüber den Bedürfnissen der jugendkulturell geprägten Jugendlichen öffnen müssen, wollen sie nicht zur jugendfreien Zone werden. Das bedeutet neue Herausforderungen auch für die Jugendarbeit auf dem Land – nicht zuletzt, damit aus dem „Ich bin dann mal weg“ vieler Jugendlicher vielleicht ein „Ich bleib erst mal hier“ oder „Ich komme gerne zurück“ wird. – Dies ist eine Erkenntnis aus der Online-Befragung im Kontext des WIR-Projektes, die Benjamin Ollendorf, Susanne Borkowski und Günter Mey in diesem Band vorstellen.
Das Verhältnis von Jugendlichen zur „Heimat“ ist durch gesellschaftliche, mediale und globale Entwicklungen beeinflusst, die Menschen geografische und geistige Mobilität abverlangen. Der Einfluss dieser Rahmenfaktoren auf die Vorstellungen von Heimat ist sicher hoch. Dennoch gehen wir nicht davon aus, dass diese Faktoren zu einer Homogenisierung von Heimatvorstellungen führen. Vielmehr unterhalten Menschen konstant „intime“ Beziehungen zu Landstrichen, Dörfern, Stadtvierteln, Städten etc., weil diesen etwas Besonderes oder Einzigartiges zugeschrieben wird. Anzunehmen ist, dass Menschen in Franken beispielsweise Heimatkonzepte haben, die mit lokalspezifischen Narrativen über die Region oder besondere Orte korrespondieren, die sich von Narrativen und Orten in der ostdeutschen Altmark unterscheiden.
„Heimat“ stellt also keine individuelle Zuschreibung dar, sondern ist vielmehr eine Konstruktion, die konkret mit einem Raum oder einer Region verknüpft wird und in die Strukturen hineinwirken, die (lokal) überindividuell geteilt werden und es möglicherweise rechtfertigen, von einem Heimatkonzept der Jugendlichen in Franken oder dem Ruhrgebiet zu sprechen. Wie diese Vorstellungen im Einzelnen zu beschreiben sind, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sie aufweisen – all dies galt es herauszufinden.
Methodische Projektumsetzung
Um Einblicke in die Lebenssituationen von Jugendlichen im ländlichen Raum und in kleinstädtischen Milieus zu erhalten, wurde das Projekt in fünf hinsichtlich Bevölkerungsdichte, sozioökonomischer Lage und Anbindung an großstädtische Infrastrukturen sehr unterschiedlichen Regionen durchgeführt: im nordrhein-westfälischen Brühl, in den Landkreisen Fürth in Bayern, Nordsachsen und dem Saarpfalzkreis sowie in der Altmark in Sachsen-Anhalt. Dort hat die .lkj Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung) Sachsen-Anhalt als Projektträgerin von „WIR. Heimat – Land – Jugendkultur“ im Bundesland Sachsen-Anhalt durch die verschiedensten Beteiligungsformate und Methoden der kulturellen Bildung die Perspektiven sowohl der Jugendlichen als auch von Multiplikator*innen erhoben. Eine abschließende Tagesveranstaltung, der „Herbst-Salon: Heimat.Land.Jugendkultur“ im ehemaligen Leerstand der „Kleinen Markthalle“ Stendal, brachte die Akteur*innen aus Theorie und Praxis für Austausch und Ausblicke zusammen. Das parallel zu diesem Abschlussbericht erscheinende Buch Auf dem Lande alles dicht? Ein interdisziplinäres Lesebuch über die kreative Füllung von Leerstand der .lkj) Sachsen-Anhalt dokumentiert beispielhaft zahlreiche Versuche und Projekte zur Wiederaneignung und kreativen Umwidmung von Kultur- und Lebensräumen in sechs Bundesländern mit dem Fokus auf Sachsen-Anhalt.
In Stendal fand auch ein erster Austausch über die Ergebnisse des Gesamtprojekts im Rahmen einer Tagung an der Hochschule Magdeburg-Stendal statt; teilgenommen haben neben dem gesamten Projektteam von Kinderstärken e. V. und .lkj) Sachsen-Anhalt als Expert*innen Sarah Beierle vom Deutschen Jugendinstitut Halle, Bernhard Heinzlmaier vom Institut für Jugendkulturforschung Wien, Patrick Küpper vom Thünen-Institut Braunschweig und Detlev Lindau-Bank von der Universität Vechta.
Um aussagekräftige Daten zu generieren, wurden sowohl im Projekt qualitative und quantitative Forschungsmethoden verknüpft als auch in Barcamps und Workshops subjektive Motivlagen, Begründungszusammenhänge und Widersprüche ermittelt.
Der vorliegende Band gibt Einblicke in dieses umfassende Projektvorhaben. Neben dem bereits erwähnten Bericht über die Online-Befragung finden sich im ersten Teil des Bandes Darstellungen anderer Untersuchungen, um die Befundlage zu Jugendlichen in ländlichen Regionen Deutschlands zu konkretisieren, daran anschließend einige essayistische Beiträge zu Jugendkultur. Der zweite Teil des Bandes widmet sich dem Thema Heimat in Essays und journalistischen Reportagen aus verschiedensten Regionen.
Ergänzend zu diesem Hauptband dokumentieren zwei weitere Werke die Ergebnisse des Respekt!-Projekts:
Der Band FREI – LAND – HALTUNG. Jugend auf dem Land, hrsg. von Kurt Möller, dokumentiert Interviews, die Studierende der Hochschule für Sozialwesen Esslingen zum Fokus unseres Projekts mit Jugendlichen in Baden-Württemberg geführt haben.
Der Band Heimat? schließlich enthält 25 literarische und essayistische Positionen von Schriftsteller*innen zu diesem Thema.

Literatur
Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1986.
Hitzler, Ronald/Niederbacher, Arne: Leben in Szenen. Formen juveniler Vergemeinschaftung heute. VS, Wiesbaden 2010.
Danksagung
Möglich wurden diese Bände nur dank mehrerer 2018 und 2019 stattfindender Projekte verschiedenster Träger und einer großen Zahl von Mitwirkenden, so etwa insgesamt 1.200 Jugendliche und erwachsene Multiplikator*innen, die an der wissenschaftlichen Studie und rund zwei Dutzend Kreativworkshops und anderen Events aktiv teilnahmen.
Stellvertretend seien hier genannt:

Besonders gedankt sei den Förderern:

1 –Einige der hier vorgetragenen Überlegungen gehen zurück auf die Projektvorarbeiten unter Beteiligung von Marc Dietrich von der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Gelegenheitsstrukturen
GÜNTER MEY
Lebensrealitäten von Jugendlichen in ländlichen Regionen
In den Auseinandersetzungen mit dem komplexen Themenfeld „Jugend in der ländlichen Region“ finden sich nicht selten Simplifizierungen, da sowohl „das“ Land wie „die“ Jugend im Kollektivsingular verhandelt werden, als auch am Ende eine Zuspitzung auf die schlichte Frage nach dem „Gehen oder Bleiben“ erfolgt. Mit einem solchen Narrativ wird übersehen, dass aufgrund hoher Diversifikation nicht nur Jugend „im Plural“ zu verstehen ist, sondern auch die ländliche Region je nach Lage und Angebotsstruktur divers ist. Mit Blick auf Forschungsfragen gilt es daher, über die Zufriedenheiten mit der Infrastruktur hinaus vor allem zu untersuchen, wie die Jugendlichen ihre Aktionsräume selbst gestalten und sich aneignen können, aber auch welche Optionen für Teilhabe überhaupt bestehen oder verunmöglicht werden. Am Ende entscheiden diese Fragen, welche Gelegenheitsstrukturen relevant werden und mit welchen Herausforderungen Jugendliche in den jeweils ganz spezifischen Räumen konfrontiert werden. Darüber wird auch möglich, die Perspektive auf „die Provinz“ neu zu justieren und deren Potenziale in den Blick zu nehmen.
„Das“ Land und „die“ Jugend sind in Auflösung begriffen
Wer über Jugendliche „auf dem Land“ oder gar von der „Landjugend“ spricht, denkt – explizit oder implizit – die Kontrastfolie „Stadt“ mit und erzeugt damit ungewollt oder gewollt eine Dichotomie: Land vs. Stadt. Dies ruft wiederum verschiedene Assoziationen hervor, die je nach Narrativ unterschiedlich ausfallen: Stadt als modern (oder gar progressiv, wenn nicht gleich innovativ) und dann eben Land als „traditionell“ (wahlweise eben nur rückständig), oder anders: „das“ Land als Idylle und Stadt als Moloch.1 Solche Kontrastfolien provozieren Einseitigkeiten und Simplifizierungen. In den zurückliegenden Jahrzehnten entwickelte sich als Grundüberzeugung – dies zeigen auch die Beiträge von Detlev Lindau-Bank und Margit Stein sowie Patrick Küpper und Tobias Mettenberger in diesem Band dezidiert auf –, dass es „das Land“ oder „die“ ländliche Region so nicht gibt. Ländliche Räume sind im Plural zu denken. Es handelt sich um ganz verschiedene Soziotope, je nach Lage und Ausstattung. Das meint: Je nach Nähe oder Ferne zu urbanen Zentren, je nach soziodemografischer Zusammensetzung und sozio-ökonomischen Basisdaten handelt es sich um ganz verschiedene „Länder“. Dies gilt selbstredend auch für städtische Strukturen – Stadt ist nicht gleich Stadt, und in Metropolen lassen sich für die einzelnen Bezirke Differenzierungen vornehmen bis hin – wie in Berlin – auf der Ebene der „Kieze“.
Wer also über Jugendliche auf dem Land spricht, hat Diversifikationen ernst zu nehmen, denn ebenso, wie es „das“ Land oder „die“ Stadt nicht gibt, haben wir uns schon viel länger von der Rede über „die“ Jugend verabschiedet. Jugend wird spätestens seit den frühen 1980er-Jahren eingedenk des sog. Individualisierungstheorems von Ulrich Beck (1983, 1986) als eine sehr ausdifferenzierte Lebenslage „jenseits von Stand und Klasse“ aufgefasst und mit den Stichworten der Pluralisierung und Diversifikation versehen (Ferchhoff 2011, Krüger 2010, Mey 2011) – auch wenn sich zuweilen hinterrücks wieder „Stereotypien“ in der Geschichtsschreibung finden, spätestens dann, wenn „Generationsgestalten“ ausgemacht werden, die für eine doch mehr oder weniger homogene Gruppe stehen. Damit sind jene markanten Generationen gemeint wie „die 68er“ bis hin, dass in den seit 2002 unter der Leitung von Klaus Hurrelmann durchgeführten Shell-Jugendstudien am Ende die (ganze) Generation als „pragmatisch“ charakterisiert wird (Shell 2019).2
Solche generationalen Kategorisierungen sind aber gar nicht prinzipiell auszuschließen. Sie können – analytisch gesehen – auch sinnvolle Raster sein, um Trendaussagen zu schärfen oder historische Wandlungen anzuzeigen. Es sollte dann eben nur explizit gemacht werden, dass mit solchen Kontrastierungen einer Generation X vs. Generation Y etc. – ebenso wie mit „Jugend vs. Erwachsene“, „Stadt vs. Land“, wie aber auch „Ost vs. West“ oder „Frau vs. Mann“ – zuweilen mit dem Singularkollektiv im Versus mehr verdeckt als aufgedeckt wird. Denn bei solchem Vorgehen werden Unterschiede zwischen den Gruppen von den Differenzen innerhalb der Gruppen überstrahlt. Mehr noch: Es können sogar Gemeinsamkeiten zwischen diesen Gruppen unentdeckt bleiben, da sie hinter den „groben“ Rastern (Stadt, Jugend, Frau bzw. Land, Alte, Mann) verschwinden.
Wenn nun „die“ Jugend auf „dem“ Land betrachtet wird – und auch wenn dies wie im vorliegenden Band im Plural als die Jugendlichen in den ländlichen Regionen geschieht –, lässt sich allerdings durchaus sagen, dass dieses Forschungsfeld ein weitgehend peripheres Thema ist, selbst eingedenk einiger Konjunkturen, die es zu verzeichnen gilt.
Einsichten aus der Peripherie
2015 wurde eine Tagung an der Hochschule Magdeburg-Stendal ausgerichtet und unter den Titel „(Über)Leben in der Provinz. Sozial- und kulturwissenschaftliche Betrachtungen der Peripherie von Jugendkultur(forschung)“ gestellt. Diese Tagung3 – gemeinsam ausgerichtet u. a. mit der Respekt!-Stiftung, die auch die in diesem Band dokumentierte Studie „WIR. Heimat – Land – Jugendkultur“ (Ollendorf/Borkowski/Mey) mitinitiiert hat, – hatte zum Ziel, Schlaglichter auf das weitgehend vergessene oder eben in der Jugendforschung peripher verhandelte Thema zu werfen (vgl. Leser/Mey 2017). Diagnostiziert wurde, was auch ein paar Jahre später noch gültig ist: Jugend, vor allem Jugendkulturen (die wie Land und Jugend im Plural zu denken sind, vgl. Farin 2011, Hitzler/Niederbacher 2010; zusammenfassend Böder u. a. 2019, Mey/Pfaff 2015) werden überwiegend als urbanes Phänomen verhandelt. Dies zeigt sich sehr deutlich daran, dass jugendkulturelle Ausdrucksweisen und Praxen spätestens seit den beginnenden 1980er-Jahren weitgehend als „städtische Revolten“ beschrieben wurden: „Züri brennt“, die Hausbesetzungen in Berlin, der „Kampf“ gegen die Startbahn-West in Frankfurt oder die „Hafenstraße“ in Hamburg. Solche Bewegungen haben die „Landkommunen“ aus den 1970er-Jahren überstrahlt, die als „Aussteiger“-Milieus ebenso als markanter Gegentrend zu beschreiben wären wie die Wandervögel – gegründet in Berlin Steglitz –, die gerne als erste Jugendbewegung angeführt werden und als Gegenkultur zur Verstädterung und Industrialisierung zu lesen sind (Bucher/Pohl 1986).
Das überbordende Narrativ der großstädtischen Jugend überschreibt dabei nicht nur diese bedeutsamen „Gegenerzählungen“, sondern missachtet auch, dass das größte Metal-Spektakel „Wacken“ auf den Stoppelfeldern in einem Dorf in Schleswig-Holstein abgehalten wird und die Relevanz des Provinziellen deutlich macht. Auch im Falle des deutschen Hip-Hop ist evident, dass der v. a. durch mediale Dominanz auffällige Gangsta-Rap zwar als Stimme aus den Metropolen-Betonsilos (etwa der „Block“ im Märkischen Viertel, vgl. Dietrich/Seeliger 2012) gelten kann, die Kultur aber insgesamt lange zuvor im eher kleinstädtischen Süden Deutschlands (so Heidelberg) in Erscheinung trat. Anzumerken ist aber, dass, wenn auch „Provinzen“ – also ländliche Regionen, Kleinstädte oder gar Dörfer als Orte der Jugendkultur – kaum Aufmerksamkeit innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschung erhalten haben, andere Formate durchaus den Blick öffnen: seien es Dokumentarfilme (wie ostPunk von Boehlke/Fiebeler 2006, Wacken 3D von Heitker 2014 oder Fernab. Subkultur in der Provinz von Petzoldt 2014) sowie Themenausstellungen wie Break through to the other side im Schlossmuseum Jever (Schmerenbeck 2007), The Beat goes on im Museum Industriekultur Osnabrück (Keller/Wolf 2013) oder Jugendkultur in Stendal: 1950–1990 im Altmärkischen Museum (Mey 2018a).4
Einschätzungen von (Un-)Zufriedenheiten von Jugendlichen in ländlichen Lebenswelten
Wenn über die Lebenssituationen von Jugendlichen in ländlichen Regionen gesprochen wird, wird schnell ersichtlich, dass es insbesondere immer um die Frage nach den Angeboten geht, die ihnen für ihre Freizeitaktivitäten zur Verfügung stehen, und damit um die Fragen danach, welche Aktionsräume sie haben, ihnen eröffnet werden oder sie sich aneignen und selbst schaffen können. Verglichen mit den Infrastrukturen einer Großstadt fällt zuweilen das Resultat vorentschieden als „defizitär“ aus. Es gibt von allem weniger. Ob aber dieses quantitative Maß entscheidend ist für eine qualitative Aussage – eben die Frage nach Nutzung überhaupt und nach Zufriedenheit mit den Ressourcen –, steht auf einem anderen Blatt.
Wenn es in den Großstädten eine Vielfalt an szenespezifischen Orten gibt, geht es in den ländlichen Regionen oftmals um einen Raum, der szenenspezifisch aufgeteilt ist. Daher setzt die Metropole die Kenntnis von Lokalitäten voraus, in Dörfern und Kleinstädten ist das Wissen um spezielle Treffzeiten wichtig (Mey 2013). Durchzieht Städte ein Netz von U-/S-Bahn oder Tram, um von hier nach dort zu kommen, sind Jugendliche in der ländlichen Region auf Regionalbahn und Busse angewiesen, um an die für sie interessanten – z. T. weit entlegenen – Orte zu gelangen, die es dort, wo sie leben, nicht gibt. Die Bushaltestelle ist auch deshalb oft das Sinnbild für „Jugend auf dem Land“. Und das Auto scheint weniger Statussymbol denn Mobilitätsgarant.
Bieten Städte angesichts der Stilvielfalt die Option auf Verweilen in homogenen Gruppen, leben die ländlichen Regionen zwangsweise von einer Art der friedlichen Koexistenz verschiedener Stile und sind von generations-übergreifenden Momenten geprägt. Bedient Stadt das Bild von Anonymität und reduzierter Sozialkontrolle, gilt für das Dorf, dass jede*r jede*n kennt. Die Lebenswirklichkeit von Städten und ländlichen Regionen schaffen also andere Voraussetzungen je nach der konkreten Lage und den Gelegenheitsstrukturen – also der Verfügbarkeit und Erreichbarkeit von Angeboten und der Machbarkeit und Durchsetzbarkeit jugendlicher Alltagspraxen. Trotz alledem zeigt sich in Surveys (so auch in diesem Band die Beiträge von Küpper/Mettenberger oder die WIR-Studie), dass die Jugendlichen in den ländlichen Regionen weit weniger unzufrieden sind, als dies aufgrund der „(Vor-) Urteile“ mit Blick auf Angebotsmangel, Enge, Langeweile vermutet wird.
Wer ist eigentlich unzufrieden und aus welcher Perspektive?
Gemeinhin wird gerne angeführt, dass es sich bei den hohen Zufriedenheiten auch um ein methodisches Artefakt handeln könnte, eben der quantitativen Forschung, die aufgrund ihrer Frage-Items weniger sensibel scheint, wie Meinolf Peters (1988) mit Blick auf Ergebnisse der Jugendforschung in den 1980er-Jahren notierte. Er mahnte, dass wir skeptisch sein sollten, wenn sich die allgemeinen Diagnosen von Problemlagen in den Ergebnissen der Umfrageforschung nicht wiederfinden. Eine solche Methodenkritik ist sicherlich nicht unberechtigt, und es hat sich in den letzten drei Jahrzehnten wohl auch deshalb eine qualitative Juventologie konturiert, die phänomensensitiver arbeitet (vgl. Mey 2018c).
Wenn aber in Kritiken solche generell hohen Zufriedenheitswerte angezweifelt werden, bleibt rückzufragen, ob damit der Vorwurf einhergeht, dass jene Jugendlichen übersehen werden könnten, die weniger zufrieden sind, oder ob damit unterstellt wird, dass Handlungsbedarf erst angezeigt sei, wenn die Mehrheit der Jugendlichen Probleme „hat“ (bzw. aus Sicht der Politik „macht“). Es wirkt zuweilen so, als ob „gefühlt“ eher umgekehrte Verteilungen angenommen werden, also nicht, dass je nach in den Studien erfragten Gegenstandsbereichen (von Freizeit, Medien, Arbeit etc.) „nur“ ein Fünftel der Jugendlichen Negativpole bei Items ankreuzen, sondern die Annahme vorherrscht, dass mithin fast alle Jugendlichen unzufrieden sind, zumindest aber sein müssten. Eine solche These verkennt zum einen, dass ein Großteil der Jugendlichen eben weniger Probleme äußert (antizipiert) als vermutet, zum anderen wäre zu fragen, was es für eine gesellschaftliche Wirklichkeit wäre, wenn die große Mehrheit der Jugendlichen ihre Lage als sehr problematisch einstuft und mehrheitlich pessimistisch ist. Solche Eindrücke scheinen möglicherweise einige gängige Tendenzen in der Jugendforschung zu spiegeln, sowohl in Form von Generalisierungen – so wurde das plakative „No Future“ der Punks einfach für die gesamte Generation als Label vergeben – als auch von Vernachlässigung von Differenzierungen. Besonders eindringlich zeigte sich dies beim über die Jugendforschung hinaus publik gemachten empirischen Befund eines „weit verbreiteten Zukunftspessimismus“ der Shell-Studie Jugend ’81 (Jugendwerk der deutschen Shell 1981). Die vor dem Hintergrund von Kriegsgefahr, dem Ausbau des AKW-Netzes, Umweltkatastrophen und Jugendarbeitslosigkeit generell diagnostizierte Verunsicherung war ein Artefakt, da aufgrund der Itemformulierung nicht eindeutig auf eine gesellschaftliche oder eine individuelle Zukunftssicht geschlossen werden konnte.
Ein Weiteres ist, dass bei der Bewertung von Surveys – und dem verschieden ausfallenden Urteil, dass die Daten „schon stimmen“ oder „so nicht stimmen können“ – diese gerne mit Studien konfrontiert werden, die weniger auf eine große Zahl setzen. Denn anders als in repräsentativen Umfragen (wie z. B. des Thünen-Instituts; siehe dazu den Beitrag von Küpper/Mettenberger in diesem Band) oder die in diesem Band dokumentierte WIR-Studie (Ollendorf u. a.) finden sich in fallbasierten Untersuchungen gleichwohl häufiger Problemberichte und Darstellungen, die auf Unzufriedenheiten unter den Jugendlichen hinweisen. Allerdings sagen die in solchen Studien herausgearbeiteten Typiken (siehe Beierle in diesem Band) nichts über die Repräsentanz, nicht einmal etwas über die Verteilung aus.
Schließlich finden sich viele Einsichten und Meinungen über die Lebenslage von Jugendlichen aus der Perspektive von Erwachsenen, seien es Expert*innen aus den verschiedenen Bereichen der Jugend(sozial/kultur) arbeit und generell von mit jugendbezogenen Fragen befassten Multiplikator*innen (z. B. aus der Jugendpolitik). Bei diesen ist zuweilen ein sehr spezifischer Fokus schon professionell bedingt auszumachen aufgrund ihrer Zuständigkeiten für z. T. spezielle Gruppen. Und generell gilt, dass diese Gruppen wie der gesamte Forschungssektor im Grunde als ein intergenerationales Geschehen aufzufassen und zu thematisieren ist. Allgemein ließe sich sagen, dass aufgrund dessen immer auch Projektionen virulent sein können, welche die Jugend als Lebenslaufkategorie von Beginn an – und das meint seit der Antike und deren Warnung vor der Verderbtheit der nachwachsenden Generation – begleiten. Aus dieser Logik resultiert, Jugend entweder als „Heilsbringer“ oder als „Sündenbock“ zu betrachten, die entweder alles besser machen soll oder die schlimmer ist als die vorhergehenden und derer man nicht sicher sein kann (Wirth 1984). Hinzukommt die Vermutung, dass die jeweils vorangegangene Generation (also die Jugendgeneration, der die Sprechenden selbst angehörten) „besser“ – und nicht etwa nur „anders“ – war. Insofern ist Jugend immer eine relationale Kategorie und immer nur in der generationalen Lagerung zu sehen. Dies impliziert, dass die Diskussion mit und über die Jugend nur intergenerational zu verstehen ist.
Und am Ende steht „die“ Frage von „Gehen oder Bleiben“ …
Auch wenn die eingangs erwähnten Pluralitäten (also die Verschiedenheiten unter den Jugendlichen ebenso wie die Diversitäten der sehr verschiedenen ländlichen Regionen) betont werden, findet sich dann bei der Auseinandersetzung um „Jugend auf dem Land“ und der Klärung der (Un-) Zufriedenheiten am Ende meist eine Zuspitzung mit der als zentral erscheinenden Frage nach dem „Gehen oder Bleiben“. Bisweilen scheint sie aufgrund der – anders als in Städten existenten – Freizeitangebote, mehr aber noch mit Blick auf Sozialstruktur und den damit korrespondierenden Zukunftsaussichten, der einzige Dreh- und Angelpunkt der Debatten zu sein. Es bleibt zu reflektieren, wer aus welchem Grund diesen Fokus festlegt. Wenn es so ist, dass in der Jugendkulturforschung die Szenen und das Szenenleben urban verortet sind, dann scheint die Antwort auf diese Frage wohl „Ich bin dann mal weg“ lauten zu müssen: Denn jugendkulturelle Praxen scheinen aus dieser Perspektive in der Provinz fast undenkbar. Mit Blick auf berufliche und schulische Optionen und vor dem Hintergrund infrastruktureller Angebotspaletten wird die Frage in die Studien wohl nicht ebenso selten – von politischer Seite – hineindiktiert: verbunden mit der Hoffnung auf ein „Ich bleibe erst mal hier“, um das oft bemühte „Ausbluten der ländlichen Regionen“ zu verhindern und dem demografischen Wandel überhaupt begegnen zu können. Ob dies allerdings eine für die Jugendlichen relevante Frage ist, bleibt unklar. Aus der Perspektive der Jugendlichen sind andere Alltagsmomente wichtig, die sie mithin – da Individualisierung nicht vor den Dörfern Halt macht – nicht von ihren Altersgleichen in den Städten unterscheiden: die hohe Bedeutung sozialer Medien und damit einer schnellen Internetverbindung, die beide für ihre Interessen angemessene Angebote liefern und zum Treffen mit anderen, zum „aktiv“ sein, genutzt werden. Kurzum: Es kommt auf die Gelegenheiten im Hier und Jetzt an.
Der Fokus dieses Bandes auf die „Gelegenheitsstrukturen“ ist daher nur konsequent, um von dort die Frage aufzuwerfen, welche identitätsstiftenden Räume und Angebote für die Jugendlichen in ländlichen Regionen existieren oder welche sie selbst – teilweise gegen Widerstand – (mit-) gestalten können: nicht nur, um etwas zu tun, sondern um sich auch als „wirksam“ zu erleben. Provinzen müssen dabei gar nicht als die besseren Orte gedacht werden. Vielmehr gilt es, die je konkreten Gelegenheitsstrukturen zu betrachten und im Zuge dessen über Redefinitionen nachzudenken – beispielsweise inwieweit Ressourcenknappheit auch zu sehr spezifischen Innovationen führt, die eben „nur“ angesichts der spezifischen Opportunitäten möglich sind. Eine solche Frage hat den Aspekt der Glokalisierung (Robertson 1998) – also dem Zusammenspiel von Globalisierung und Lokalisierung – ernst zu nehmen und ebenso, dass städtische und ländliche Lebenswelten relational zu verstehen sind.
Literatur
Bebnowski, David: Generation und Geltung. Von den „45ern“ zur „Generation Praktikum“ – übersehene und etablierte Generationen im Vergleich. transcript, Bielefeld 2012.
Beck, Ulrich: „Jenseits von Klasse und Stand? Soziale Ungleichheiten, gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und die Entstehung neuer sozialer Formationen und Identitäten“, in: Kreckel, R. (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Schwartz & Co, Göttingen 1983, S. 35–74.
Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1986.
Böder, Tim/Eisewicht, Paul/Mey, Günter/Pfaff, Nicolle: „Stilbildungen und Zugehörigkeit. Jugendkulturtheoretische Perspektiven auf Medialität und Materialität – zur Einführung“, in: Böder, T./Eisewicht, P./Mey, G./Pfaff, N. (Hrsg.): Stilbildungen und Zugehörigkeit. Medialität und Materialität in Jugendszenen. Springer VS, Wiesbaden 2019, S. 1–19.
Bucher, Willi/Pohl, K.: Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert. Luchterhand, Darmstadt 1986.
Dietrich, Marc/Seeliger, Martin (Hrsg.): Deutscher Gangsta-Rap. Sozial- und kulturwissenschaftliche Beiträge zu einem Pop-Phänomen. transcript, Bielefeld 2012.
Farin, Klaus: Jugendkulturen in Deutschland. BpB, Bonn 2011.
Ferchhoff, Winfried: Jugend und Jugendkulturen im 21. Jahrhundert. Springer VS, Wiesbaden 2011.
Hitzler, Ronald/Niederbacher, Arne: Leben in Szenen. Formen juveniler Vergemeinschaftung heute. VS, Wiesbaden 2010.
Jugendwerk der Deutschen Shell (Hrsg.): Jugend ‘81: Lebensentwürfe, Alltagskulturen, Zukunftsbilder. Bd. 1. Jugendwerk der Deutschen Shell AG, Hamburg 1981.
Keller, Harald/Wolf, Reiner (Hrsg.): The Beat Goes On: Der Sound. Der Style. Isensee Verlag, Oldenburg 2013.
Krüger, Heinz-Hermann: „Von Punk bis zum Emo. Ein Überblick über die Entwicklung und aktuelle Kartographie jugendkultureller Stile“, in: Richard, B./Krüger, H.-H. (Hrsg.): Intercool 3.0. Jugend Bild Medien. Ein Kompendium zur aktuellen Jugendkulturforschung. Fink, München 2010, S. 13–42.
Leser, Irene/Mey, Günter: „‚Man muss der Jugend etwas beaten!’ Jugendkultur in der ländlichen Region“, in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 12(1) 2017, S. 95–101.
Mey, Günter: „Immer diese Jugendforschung!“, in: Psychologie & Gesellschaftskritik 35 (2), 2011, S. 27–49.
Mey, Günter (2013): „Jugend braucht (T)Räume“, in: Keller, H./Wolf, R (Hrsg.): The Beat Goes On: Der Sound. Der Style. Isensee Verlag, Oldenburg 2013, S. 11–15.
Mey, Günter (2015): „Transgenerationalität. Zur Einführung“, in: Mey, G. (Hrsg.): Von Generation zu Generation: Sozial- und kulturwissenschaftliche Analysen zu Transgenerationalität. Psychosozial, Gießen 2015, S. 9–21.
Mey, Günter (Hrsg.): Jugendkultur in Stendal: 1950–1990. Szenen aus der DDR: Portraits und Reflexionen. Berlin: Hirnkost, Berlin 2018a.
Mey, Günter: „Szenen in der DDR. Einblicke in Jugendbewegungen“, in: Mey, G. (Hrsg.): Jugendkultur in Stendal: 1950–1990. Szenen in der DDR: Portraits und Reflexionen. Hirnkost, Berlin 2018b, S. 7–32.
Mey, Günter: „Jugendforschung: Konjunkturen, Krisen, Konstruktionen“, in: Kleeberg-Niepage, A./Rademacher, S. (Hrsg.): Kindheits- und Jugendforschung in der Kritik. (Inter-) Disziplinäre Perspektiven auf zentrale Begriffe und Ansätze. Springer VS, Wiesbaden 2018c, S. 273–297.
Mey, Günter/Dietrich, Marc (2019): „Szenen der (Un) Ordnung – eine Grounded-Theory-Analyse zu generationaler Ambivalenz im Punk“, in: Böder, T./Eisewicht, P./Mey, G./Pfaff, N. (Hrsg.): Stilbildungen und Zugehörigkeit. Medialität und Materialität in Jugendszenen. Springer VS, Wiesbaden 2019, S. 93–112.
Mey, Günter/Pfaff, Nicolle (Hrsg.): „Perspektiven der Jugendkulturforschung“, in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 10(3) 2015, S. 259–322
Nell, Werner/Weiland, Marc (Hrsg.): Kleinstadtliteratur. Erkundungen eines Imaginationsraums ungleichzeitiger Moderne. transcript, Bielefeld 2020.
Peters, Meinolf: „Bewältigungsforschung und Adoleszenz“, in: Brüderl, L. (Hrsg.): Belastende Lebenssituationen. Untersuchungen zur Bewältigungs- und Entwicklungsforschung. Juventa, Weinheim 1988, S. 23–36.
Robertson, Roland (1998): „Glokalisierung. Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit“, in: Beck, U. (Hrsg.): Perspektiven der Weltgesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1998, S. 198–220.
Schmerenbeck, Peter (Hrsg.): „Break on through to the other side.“ Tanzschuppen, Musikclubs und Diskotheken in Weser-Ems. Isensee Verlag, Oldenburg 2007.
Shell Deutschland Holding (Hrsg.): Albert, Mathias/Hurrelmann, Klaus/Quenzel, Gudrun: Eine Generation meldet sich zu Wort. 18. Shell Jugendstudie. Jugend 2019. Beltz, Weinheim/Basel 2019.
Wirth, Hans-Jürgen: Die Schärfung der Sinne. Jugendprotest als persönliche und kulturelle Chance. Syndikat, Frankfurt/M. 1984.
1 –Der zuletzt genannte Kontrast ist Stoff für literarische Werke: „Heimatroman“ vs. Großstadtroman à la Berlin Alexanderplatz; zur literarischen Verarbeitung kleinstädtischer Milieus siehe Nell/Weiland (2020).
2 –Zur Kritik an Shell-Studien siehe Lindau-Bank/Stein in diesem Band; generell zu Generationenverständnissen und -verhältnissen Bebnowski 2012 (zusammenfassend Mey 2015); zu generationalen Ausdifferenzierungen in Jugendszenen, exemplarisch am Punk aufgezeigt, vgl. z. B. Mey/Dietrich 2019.
3 –Verantwortlich für die Konzeption und Ausrichtung waren Günter Mey und Marc Dietrich.
4 –Zudem sei notiert, dass auch lange Zeit die Jugendkulturforschung eine vornehmlich westdeutsche Geschichtsschreibung charakterisierte, dagegen die Ergebnisse der ostdeutsche Jugendforschung – insbesondere zu Zeiten der existierenden DDR, aber auch danach – wenig berücksichtigt wurden bzw. wenn, dann als Ost vs. West verhandelt; darüber hinaus wurde, wenn die DDR-Jugend beleuchtet wurde, auch hier insbesondere das „gegenkulturelle Moment“ in den Städten bedient, die DDR-Provinzen fanden dabei wenig Aufmerksamkeit (Mey 2018b).
DETLEV LINDAU-BANK UND MARGIT STEIN
Boomer 4.0 – Millennials auf dem Land
Forschungen und Studien über Jugendliche und junge Erwachsene lösen ein großes Medienecho aus, wie die Shell-Jugendstudie seit den 1950er Jahren zeigt. Wissenschaftler*innen, Pädagog*innen und politische Entscheider*innen möchten gerne wissen, was Jugendliche denken, was sie bewegt, was für sie Sinn ergibt, kurz gesagt, sie wollen wissen, wie Jugendliche ticken, wie es in der dritten Jugendstudie des SINUS-Instituts 2016 heißt. Aufschlussreich ist das Vorwort dieser Studie, in dem der Sozialisationsforscher Klaus Hurrelmann den Entstehungskontext der SINUS-Jugendstudie erläutert:
Die SINUS-Jugendstudie erscheint im Auftrag von mehreren zivilgesellschaftlichen Organisationen. Es handelt sich um Institutionen und Verbände, die sich auf ihre Weise intensiv für die Entwicklung von jungen Leuten einsetzen. Diese Anlage ist eine ihrer ganz besonderen Stärken, denn sie bildet auf diese Weise schon durch die Auftragslage die breiten Interessen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen an der Entwicklung der jungen Generation ab und verhindert jede einseitige oder parteiische Sichtweise. […]
Das Team der Autorinnen und Autoren hat sich seit der ersten SINUS-Jugendstudie 2008 kaum verändert. Das sorgt für Kontinuität und lässt Trendaussagen zu. […] Sie besticht durch Genauigkeit und Originalität und erlaubt einen tiefen Blick in die Gefühls- und Einstellungswelt der 14 bis 17 Jahre alten Jugendlichen in Deutschland. (Calmbach u. a. 2016)
Deutlicher kann man nicht zu verstehen geben, dass hier eine ältere Generation eine jüngere Generation inspizieren möchte. Hinter dieser Inspektion stecken offensichtlich verschiedene, vielleicht sogar widersprüchliche Verwertungsinteressen. Aber aus der Tatsache, dass die verschiedenen, durchaus respektablen Interessengruppen gemeinsam als Auftraggeber*innen in Erscheinung treten, abzuleiten, dass die Studie unparteiisch oder bestenfalls allparteiisch und damit genau ist, ist gewagt, wenn man die Kritik an Jugendstudien der letzten Jahrzehnte ernst nimmt. Im folgenden Beitrag wollen wir daher die Kritik an Jugendstudien nachzeichnen und begründen, warum die gegenwärtige Praxis der Jugendforschung zwar interessante Ergebnisse und Einsichten liefert, aber einer Reflexion auf regionaler Ebene bedarf, insbesondere, wenn die jugendliche Lebenswelt auf dem Land beschrieben wird.
Die Kritik an Jugendstudien richtet sich erstens auf die Auswahl der befragten Jugendlichen, die eher in städtischen Milieus oder in der Nähe von Metropolregionen leben, der sogenannte Stadtbias.
In zweiter Linie wird die mit der Präsentation der Jugendstudien verbundene Etikettierung Jugendlicher mit unterschiedlichen Generationsbegriffen moniert. Schnell, häufig vorschnell wird eine Generation ausgemacht und mit attraktiven Etiketten wie „die 68er“, die „Generation Golf“, „Null-Bock-Generation“, „Generation Me“ oder „Generation Greta“ versehen.
Drittens wird kritisiert, dass Jugendliche lediglich Objekte der Forschung sind und nicht beteiligt werden. Dadurch werden sie zum Gegenstand verschiedener gesellschaftlicher Interessen und Interessensgruppen gemacht und nicht als Subjekte der Jugendforschung mit eigenen Erkenntnisinteressen betrachtet.
Diese drei Kritikpunkte sollen eingehender beleuchtet werden, um so die Notwendigkeit und Konstruktion regionaler Jugendstudien zu begründen. Abschließend soll anhand einer ausgewählten Methode der Datenerhebung, die die Autor*innen in ihren regionalen Jugendstudien einsetzen, beschrieben werden, dass ländliche Strukturen, Wertevermittlung über die Generationen hinweg und Globalisierungseffekte zusammenhängen, um so den eigenen Wert regionaler Jugendstudien zu belegen.
1 – Zur Kritik an Jugendstudien
Der Städtebias – Jugendliche auf dem Land sind anders
Der interessierte Blick der Jugendforscher*innen ist immer noch von einem hohen Stadtbias geprägt und es findet eine nur geringe regionalräumliche Differenzierung statt. In der SINUS-Studie werden ausschließlich großstädtische Befragungsorte von Hamburg über Berlin bis München genannt, auch wenn die umgebenden kleineren Kommunen miteinbezogen werden. Allerdings gelten diese sogenannten Speckgürtel selbst als städtische Strukturen und nicht als ländliche Räume, da die Bevölkerung beruflich stark auf die nahegelegenen Oberzentren der Städte bezogen ist. Die Shell-Jugendstudie (2019) unterscheidet nach wie vor regional lediglich zwischen Ost- und Westdeutschland, obwohl der Mauerfall und damit die Auflösung der DDR drei Jahrzehnte zurückliegt und die befragten Jugendlichen keine typische DDR-Sozialisation mehr erfahren haben. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen der Shell-Studie wider, die zeigen, dass von einer Angleichung der Einstellungen und Haltungen von ost- und westdeutschen Jugendlichen ausgegangen werden kann. Auch hier findet keine Differenzierung statt in jugendliche Städter*innen und junge Menschen auf dem Land.
Somit wird bildlich gesprochen stets der jugendliche städtische Graffiti-Sprayer betrachtet und weniger die ländliche Jugendliche, die einen örtlichen dörflichen Schützenverein besucht. Auch beim Fokus auf jugendliche Migrant*innen werden zumeist städtische Milieus erfasst und weniger jugendliche Migrant*innen auf dem Land. Genau dies wurde auch kürzlich vom Netzwerk Flüchtlingsforschung als Desiderat erkannt, da gerade junge Geflüchtete in ländlichen Strukturen marginalisiert sind. Die Fokussierung der bekannten und medial wirksamen Jugendstudien auf die Lebenswelten und Herausforderungen der urban sozialisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen vernachlässigt somit die Belange von Jugendlichen in ländlichen Räumen und lässt die strukturellen Bedingungen des Aufwachsens in ländlichen Regionen unberücksichtigt.
Die Studien, die sich mit Jugend auf dem Land beschäftigen, sind häufig bereits älter, wie etwa die Studien von Planck (1970), oder fokussieren eher auf die Vermittlung von Handlungswissen, wie die Monografie Jugendarbeit in ländlichen Regionen (Faulde/Hoyer/Schäfer 2006). Zudem wurden auch im Sinne einer regelmäßigen Berichterstattung von Interessenverbänden Jugendstudien auf dem Land in Auftrag gegeben, etwa vom Hessischen Jugendring (May/Alisch 2008), der Arbeitsgemeinschaft der Landjugend im Bayerischen Bauernverband (2013) oder der Landjugend e. V. (Stein 2013).
Auch wenn in diesem Beitrag von „Jugend auf dem Land“ gesprochen wird, wird hier keine naive und überholte Unterscheidung zwischen Stadt und Land getroffen und der idealisierten Vorstellung vom Leben im Dorf gefolgt. Das hat zwei Gründe.
Erstens: Ländliche Regionen sind sehr unterschiedlich. Zum Beispiel unterscheidet die Bertelsmann Stiftung (2013) auf Grundlage der demografischen Entwicklung und sozialer, struktureller und ökonomischer Bedingungen „kleinere stabile ländliche Städte und Gemeinden“ (Demografietyp 1), „wohlhabende Kommunen in ländlichen Räumen“ (Demografietyp 4), „Städte und Gemeinden in strukturschwachen ländlichen Räumen“ (Demografietyp 5) oder „mittelgroße Kommunen geringer Dynamik im Umland von Zentren und im ländlichen Raum“ (Demografietyp 6). Ländliche Regionen sind strukturell von unterschiedlichen Modernisierungsprozessen mit verschiedenen Geschwindigkeiten geprägt, die die Lebenswelt Jugendlicher auf dem Land vielfältig, manchmal auch widersprüchlich gestalten. Bereits 1989 betonen Böhnisch und Funk die Region (im Gegensatz zum Dorf) als Sozialraum, den sich Jugendliche spezifisch aneignen, an dem sie sich orientieren und in dem sie sich bewegen. Deinet fasst zusammen:
Konkret bedeutet dies für Jugendliche einerseits das Angewiesensein auf das direkte gesellschaftliche Umfeld (Region, Wohngebiet, Freundeskreis usw.), andererseits nehmen sie durch die Medien, in Schule und Ausbildung an Entwicklungen teil, die weit über ihren Nahbereich hinausgehen. Die sozialräumliche Orientierung am direkten Wohnumfeld oder an einer Region ist genauso Ausdruck dieser Widersprüchlichkeit wie die gleichzeitige Orientierung an weltweit über die Medien propagierten Konsumbildern. (Deinet 2009, S. 11)
Daher schließt Deinet sich der These an, dass Jugendliche in zwei oder auch mehr Welten leben. Dies mag eine angemessene Interpretation der beobachteten jugendlichen Lebenswelt am Anfang des neuen Jahrtausends gewesen sein, erfasst aber nicht die gestiegene Bedeutung der Digitalisierung, die zu einer erweiterten Realität (Augmented Reality) und durch Medien überformten Wirklichkeit (Mixed Reality) führt.
Zweitens: Ländliche Regionen sind Mixed Realities. Wenn wir die Beschreibung jugendlicher Lebenswelten mit dem Satzteil „Der digitale Wandel …“ beginnen, haben wir schon einen Teil der Lebenswelt nicht verstanden. Erwachsene erleben die Digitalisierung, die vierte industrielle Revolution als Wandel, Jugendliche aber als Ausgangspunkt, als zentrale Perspektive auf ihr Handeln, auf ihren Alltag. Die Gestaltung des alltäglichen Lebens funktioniert nicht ohne Social Media und Gaming. Über soziale Netzwerke werden Peer-Beziehungen gepflegt, über Apps wird mit Freund*innen und Gruppen kommuniziert. Das Internet der Dinge zeichnet sich als Zukunft für die Jugendlichen ab und ist jetzt schon sichtbar in Anwendungen und Technologien der Augmented Reality.
Wenn also Erwachsene und Jugendforscher*innen von einem Wandel zur digitalisierten Gesellschaft sprechen, dann reden sie von ihrer Gegenwart in Bezug auf ihre Vergangenheit (in der Regel die „Generation Boomer“ der vor 1970 Geborenen), die sich aber von der Gegenwart der Jugendlichen (die „Millenials“) unterscheidet. In einer Gesellschaft, die von einem raschen Wandel und einer immer kürzeren Halbwertszeit von Wissen gekennzeichnet ist, sind viele Erfahrungen Erwachsener so weit von der Gegenwart und der Zukunft der Jugendlichen entfernt, dass ihre Perspektiven auf die gegenwärtige Realität und die Beurteilung der jugendlichen Lebenswelt nicht nur überholt sind, sondern auch ein Verstehen dieser Lebenswelten behindern, wenn das Zusammenspiel von Prozessen der virtuellen und realen Welt, also die Mixed Reality, unberücksichtigt bleibt. Mögen die Einflüsse und Treiber*innen der virtuellen Welt, des Internets und der Social Media jenseits von städtischen und ländlichen Kulturen dieselben sein, weil sie global und kulturübergreifend sind, so ist weiterhin unklar, inwieweit die ruralen Strukturen, also die regionale Realität und die globale virtuelle Realität, zu einer Lebenswelt der Jugendlichen, einer Mixed Rural Reality, verschmelzen.
Jugendforschung im Allgemeinen muss sich darum zwei weiteren Kritikpunkten und damit verbundenen Herausforderungen stellen. Auf der einen Seite muss Jugendforschung die inflationären Zuschreibungen durch Generationen-Etiketten vermeiden. Auf der anderen Seite müssen Jugendliche als konstruktiv Realität gestaltende Subjekte zu Akteur*innen der Jugendforschung werden (vgl. auch Mey 2018).
Boomer und Millenials – Die Generationenfrage
„OK Boomer“ wurde durch das Gremium der Züricher Hochschule 2019 zum Wort des Jahres (2. Platz) gewählt. Es handelt sich bei dieser Phrase um ein Internet-Meme als Reaktion auf stereotype, pauschalierende und abwertende Kritik an der jüngeren Generation. Der Ausdruck „Ok Boomer“ zeigt, dass Jugendliche es müde sind, sich mit einer besserwisserischen Erwachsenengeneration auseinanderzusetzen. Kritisiert wird die Phrase „OK Boomer“ als Totschlag-Argument, aber hier geht es auch nicht um inhaltliche Argumentationen, sondern um einen Streit über den Generationen-Diskurs. Es geht um die Fragen, wer oder was diesen Diskurs bestimmt. Wer darf zu diesem Diskurs beitragen und auf welche Meinungen und Statements wird geachtet? Wer wird von diesem Diskurs ausgeschlossen? Die Antwort auf diese Fragen wäre eine eigene Forschung wert.
Grob skizziert kann man den Diskurs über die Generationen als einen soziologischen Diskurs beschreiben, der von Karl Mannheim ausgegangen ist. Für Mannheim (1964 [1928]) ist jeder Mensch einer Generation zugehörig, die ihm Möglichkeiten eröffnet und Optionen verwehrt. Dies ist eine unumgängliche soziologische Tatsache, der man sich nicht entziehen kann, wie durch eine Kündigung der Mitgliedschaft in einer Organisation oder durch einen Austritt aus einem Verein. Was allerdings das Verbindende einer Generation ausmacht, also der Generationszusammenhang, ist schwierig zu bestimmen.
Als Kriterium für den Generationenzusammenhang kann die Altersspanne gelten, die sogenannte Kohortengeneration. Mitglieder einer Alterskohorte können aufgrund gemeinsamer Erlebnisse und Erfahrungen in einer bestimmten gesellschaftlichen, historischen und kulturellen Konstellation eine zeitbezogene Ähnlichkeit im sozialen Handeln aufweisen. Mitglieder einer Generationeneinheit teilen nicht nur gemeinsame zeitgeschichtliche Erfahrungen, sondern stimmen auch in der Deutung und Beurteilung dieser Erfahrungen überein und richten ihr Handeln entsprechend der daraus erwachsenden Erwartung an sich und andere aus. Moderne Gesellschaften sind allerdings Multi-Options-Gesellschaften. Der Generationszusammenhang führt nicht zwangsläufig zu ähnlichem sozialem Handeln der Einzelnen und damit zu einer Generationeneinheit.
Grundlegend für die Generationen-Vorstellung ist, dass sich Gesellschaften kontinuierlich in langfristigen Strukturveränderungen wandeln. In komplexen Gesellschaften finden aber auch abrupte Veränderungen statt wie Krieg, Rezessionen, Pandemien oder technologische Entwicklungen. Dieser diskontinuierliche Wandel wirkt sich auf gesellschaftliche Gruppen unterschiedlich aus, je nachdem, wie sensibel und empfänglich sie für diese Veränderung sind bzw. wie stark diese sich auf den lebensweltlichen Alltag Einzelner auswirken. Es kann also nicht mehr von einem die verschiedenen Lebensstile übergreifenden Konsens einer Generation ausgegangen werden.
Becker (2008) schlägt vor diesem Hintergrund die Orientierung an Typologiegenerationen vor und unterscheidet z. B. die Vorkriegsgeneration (geboren zwischen 1910–1930), die Stille Generation (1930–1945), die Protestgeneration (1945–55), die Verlorene Generation (1955–1970), die Pragmatische Generation (1970–1985) und die Screenage-Generation (1986 und später). Aufgrund weiterer empirischer Untersuchungen wird die Generationskohorte von 1986 bis 2000 als Generation Y und die nach 2000 Geborenen als Generation Z sortiert. Die Nachkriegsgeneration bis 1970 wird aufgrund der hohen Geburtenzahlen auch als Babyboomer bezeichnet. Einen aktuellen, umfassenden und detaillierten Überblick über die Typisierung der Generationen in Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz stellen Scholz und Grotefend (2019) zur Verfügung. Die Autor*innen dieses Buches kommen zu dem Ergebnis, dass eine Generation Z mittlerweile als empirisch belegt im Unterschied zur Vorgänger-Generation Y beschrieben werden kann. Sie schränken aber auch ein, dass es nationale und regionale Unterschiede bezüglich der Wahrnehmung der beruflichen und persönlichen Zukunft sowie der Gesellschaft im Allgemeinen gibt (Scholz/Grotefend 2019: 243 ff.).
Es geht also nicht nur darum, dass Menschen denselben zeitlichen Abschnitt des kollektiven, gesellschaftlichen Geschehens erleben und erfahren, sondern daran teilnehmen und ihr Handeln an dem Erlebten und Erfahrenen ausrichten. Die Angehörigen einer Generation finden demnach nicht nur deutlich andere wirtschaftliche, politische und kulturelle Bedingungen vor als die vorangehenden Generationen, sondern verarbeiten sie auch anders. Wer zur Generation Z gehört, den verbindet z. B. die Eigenschaft, von klein auf Digital Native sein zu können, während die Angehörigen der Generation Y und der Boomer-Generation digital nachsozialisiert sind. Inwieweit sich dieses Handeln als für eine Generation typisches und normiertes Handeln etabliert, das zeigt sich erst, wenn es sich institutionalisiert, in Gesetze gegossen wird und damit auch die soziale Struktur einer Gesellschaft ändert.
Inwieweit sich eine Generationseinheit, ein Generationstyp entwickelt, kann seriös erst rückblickend festgestellt werden. Für die Beschreibung Jugendlicher als neue Generation ist eine Zuordnung zu einer Generation im Sinne einer Generationseinheit daher im besten Fall spekulativ und im schlechten Fall zuschreibend.
Die Zuschreibungen für die gegenwärtige junge Generation lauten ungefähr so: Es wächst eine selbstbewusstere und entscheidungsfreudigere junge Generation heran, die sich politisch stärker interessiert und einmischt als die Generation Y. Aufgrund der unsicheren Verläufe von Biografien bleiben Jugendliche länger in der Abhängigkeit von ihren Eltern.
Hannes Schrader (2016) schreibt launig aus der Perspektive eines Angehörigen der Generation Y über die Generation Z:
Jetzt seid ihr dran, euch von anderen sagen zu lassen, wer ihr seid, wie ihr euch zu verhalten habt und wofür ihr alles verantwortlich seid. Aber hört genau zu. Denn was diese Leute über eure Generation denken, bestimmt, wie ihr einkaufen, leben und arbeiten werdet. Was Angela Merkel heute über euch erzählt, wird entscheiden, wie viel Geld ihr in ein paar Jahren verdient. Was Werbefuzzis ihren Kunden über euch erzählen, wird festlegen, wo ihr einkauft, wie und was ihr zum Frühstück esst. […] Ein angesehener Jugendforscher nennt uns „heimliche Revolutionäre“, weil wir antimaterialistisch seien und umweltbewusst. Dass das nur diejenigen von uns sind, die es sich leisten können und deren Eltern wahrscheinlich auch so denken, sagt er nicht. So wird der Generationsbegriff von Forschern missbraucht, die endlich mal wieder interviewt werden wollen. Von Journalisten, die gefühlige Texte schreiben wollen. Sie machen Annahmen, die sich eh nicht überprüfen lassen und auf irgendwen immer zutreffen werden.
Trotzdem machen nationale und globale Jugendstudien Sinn. Jugendstudien geben Hinweise, wie der Alltag und die Lebenswelt von Jugendlichen empirisch beschreibbar gemacht werden können. Aus den Daten der Jugendstudien können Hinweise für Struktur- und Organisationsentwicklungsprozesse im Sinne von Handlungsbedarfen für die Ausgestaltung von Praxisangeboten und sozial- und kulturpolitischen Maßnahmen abgeleitet werden. Nicht zuletzt erlangen die Wünsche und Bedürfnisse von Jugendlichen eine größere Aufmerksamkeit und können so stärker als wichtiger Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden.
Um jedoch der Vielfalt der Lebenswelten von Jugendlichen Rechnung zu tragen und zu verstehen, inwieweit die Jugendlichen als neue Generation die strukturellen Bedingungen deuten, welche Handlungsmaximen für sie Gültigkeit haben, müssen auch die Unterschiede in den regionalen Strukturen und die daraus erwachsenden unterschiedlichen Alltagskulturen Berücksichtigung finden. Insoweit plädieren die Autor*innen für regionale Jugendstudien, insbesondere für Jugendstudien in den unterschiedlichen ländlichen Räumen.
Die von uns durchgeführten Jugendstudien und für verschiedene Gemeinden und Landkreise erstellten Jugendberichte zeigen, dass Jugendliche auf dem Land sich zwar durch traditionelle Werte und Grundhaltungen auszeichnen, aber durch die technologischen Entwicklungen, die Globalisierung und die strukturellen Bedingungen in der Region zu einer anderen Generationseinheit zusammenwachsen, als es die überregionalen Jugendstudien nahelegen. Unsere These lautet, dass Jugendliche auf dem Land den Idealen und Werten der Boomer-Generation folgen, aber diese im modernen Sinne interpretieren und mehr Mitgestaltungsräume für sich beanspruchen – eben die Boomer-Generation 4.0 sind.
Aus dieser Sicht ist es verständlich, dass Jugendliche und junge Erwachsene mit „OK Boomer“ keine Zuschreibungen zulassen wollen. Gleichzeitig geben sie zu erkennen, dass sie die Botschaften nicht nur verstanden haben, sondern möglicherweise teilen – oder auch nicht. Die Entscheidung darüber soll aber nicht die ältere Generation fällen, sondern sie selbst, in einem selbstbestimmten Leben. Hier zeigt sich auch der Kern des dritten Aspektes der Kritik an Jugendforschung.
Jugendliche beteiligen – Ownership ermöglichen
Jugendliche werden in überregionalen Jugendstudien lediglich als Objekte der Forschung gesehen. So betrachtet arbeiten diese sehr paternalistisch. In groß angelegten repräsentativen Jugendstudien (Shell, DJI, SINUS-Jugendstudie etc.) wird aus Gründen der Praktikabilität häufig mit geschlossenen Frage- und Antwortformaten gearbeitet. Dabei bleiben aber insbesondere neue, bisher noch nicht bedachte Aspekte unberücksichtigt, so dass der Blick auch immer auf kleinere, qualitative Forschungsvorhaben zu richten ist. Zunehmend werden auch qualitative Studien erstellt oder repräsentative quantitative Studien werden um offene narrative Interviews ergänzt, wie etwa die Shell-Jugendstudie. Des Weiteren kommen teils auch kreative Methoden zum Einsatz, wie etwa die Collagetechnik. Diese wurde in den von den Autor*innen umgesetzten Jugendstudien zum Einsatz gebracht. Zudem wurden häufig konkrete Fragestellungen, etwa zu den Themen „Wie wollen wir zukünftig auf dem Land leben?“ oder „Wie sollte eine Offene Jugendarbeit in unserer Gemeinde aussehen?“, gemeinsam gleichberechtigt mit Jugendlichen in Workshops erarbeitet.
Auch wenn nicht mehr nur über die Jugend geforscht wird, sondern die Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch kreative Befragungsmethoden beteiligt werden, ist die Jugend immer noch nicht Subjekt der Forschung.
Die Untersuchung bildet dabei die Vielfalt der Perspektiven der verschiedenen jugendlichen Lebenswelten ab. Das gelingt ihr besonders anschaulich, indem sie 14- bis 17-Jährige in Form von zahlreichen Zitaten und kreativen Selbstzeugnissen zu Wort kommen lässt. Einzigartig ist auch, dass Jugendliche fotografische Einblicke in ihre Wohnwelten gewähren und erstmalig selbst als Interviewer ihre Fragen eingebracht haben. Die SINUS-Jugendstudie verleiht der jungen Generation somit eine Stimme, die es genau wahrzunehmen gilt. Denn der Blick auf die Jugend ist immer auch ein Blick auf die Zukunft eines Landes. (Calmbach u. a. 2016)
Beteiligung Jugendlicher heißt im Forschungskontext, dass mit Jugendlichen Fragestellungen erarbeitet werden müssen, dass Jugendliche selbst zu Forscher*innen werden müssen und dass in Jugendstudien die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit den Akteur*innen aus Wirtschaft, Politik und Kultur zusammengebracht werden müssen (zur partizipativen Forschung vgl. von Unger 2014, S. 35 ff.).
Seit vielen Jahren erstellen die Autor*innen dieses Beitrags im Auftrag von Kommunen und Landkreisen regionale Jugendberichte. Um eine angemessene Beteiligung zu gewährleisten, raten wir dazu, einen Forschungsbeirat mit Mitgliedern aus relevanten Bereichen der Zivilgesellschaft zu bilden. Im Rahmen der jeweiligen Projekte wurden dann Expert*inneninterviews mit den Mitgliedern des Beirats (z. B. Vertreter*innen der Industrie- und Handelskammern, Berufsschullehrer*innen, Vertreter*innen von ortsansässigen Unternehmen) und mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgeführt. Ziel ist es, die Ergebnisse der Expert*inneninterviews einerseits zur Entwicklung eines quantitativen Erhebungsinstrumentes heranzuziehen und andererseits für die Gestaltung von generationsübergreifenden Zukunftswerkstätten oder Gruppendiskussionen zu nutzen, in denen sich Jugendliche und Erwachsene austauschen. Diese Diskussionen führen oft zu überraschenden Ergebnissen, die folgenreich sein können.
Die Ergebnisse einer regionalen Jugendstudie zur Neukonzeption Offener Jugendarbeit (Scherak/Lindau-Bank/Stein 2017) und eines Jugendberichts über regionale Strategien zum Bleibeverhalten Jugendlicher in einem Landkreis (Scherak/Lindau-Bank/Stein 2018) wurden bereits an anderer Stelle veröffentlicht. Im Folgenden soll anhand des Ergebnisses einer von uns häufig eingesetzten Erhebungsmethode und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen gezeigt werden, welchen Herausforderungen sich Jugendforschung stellen muss, wenn sie die Lebenswelt Jugendlicher in ländlichen Regionen verstehen will.
2 – Was Herr Nielsson mit Jugendforschung zu tun hat – Aus unserer Jugendberichtswerkstatt
Im Rahmen von Zukunftswerkstätten lassen wir Jugendliche Collagen erstellen, um ihre Zukunftsvorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse zu ermitteln. Die Aufgabe lautet: „Wie stellst du dir das perfekte, verrückteste und coolste Leben in deiner Region vor, wenn du 25 Jahre alt bist und alle Möglichkeiten und Freiheiten hast?“
Die erstellten Collagen werden dann von den beteiligten Forscher*innen interpretiert und mit den Jugendlichen besprochen (kommunikativ validiert). In unseren systematischen Bildinterpretationen folgen wir dem methodischen Ansatz von Mollenhauer (1997). Mollenhauer geht davon aus, dass in den Bildern, von denen wir umgeben sind, ein argumentatives Repertoire enthalten ist, das über das sprachlich Ausgedrückte hinausgeht.
Es gibt keine Kultur, in der die Menschen ihre Weltsicht nicht auch in Bildern zum Ausdruck brachten; in Bildern kann ein anderer Sinn verschlüsselt sein als in den oralen oder schriftlichen Beständen; in unserer Gegenwart scheinen die visuell-artifiziellen Ereignisse derart zuzunehmen, dass diese zu einem immer wichtigeren Bestandteil unserer kulturellen Erfahrung und Selbstauslegung werden. Es liegt deshalb nahe, solche Materialien auf das hin zu untersuchen, was sie zu unserem erziehungswissenschaftlichen Wissen beizutragen vermögen. (Mollenhauer 1997 S. 247)
Fast ein Vierteljahrhundert später, in einer Zeit, in der sich Jugendliche über Selfies, Profilbilder und eine über Mobiltelefone immer verfügbare Kamera medial vermittelt begegnen, kann man von der Bildkompetenz Jugendlicher ausgehen. Jugendliche können Bilder lesen und herstellen. Sie wissen, dass Bilder mehr als tausend Worte sagen. Und so entstehen auch Collagen nicht zufällig, sondern sind bewusst komponierte Arrangements von Bildern. Diese visuellen Erzeugnisse werden einem hermeneutischen Verfahren, also einem Prozess des Verstehens kultureller Produkte, unterzogen, was über eine alltägliche Bildbesprechung hinausgeht und die Collage in ihrer Bedeutung in einen historischen, räumlichen und kulturellen Zusammenhang einordnet.
Mollenhauer fokussiert auf eine phänomenologische Perspektive und meint damit, dass das Verstehen und Erfassen des Sinngehalts von Bildern im Vorgang des Lesens von Bildern und des Decodierens von Bildelementen möglich wird. Dazu muss auf der einen Seite die generationsabhängige Bild-Sprache verstanden werden, also die für die Zeit gültigen Symbole und Regeln, und andererseits die individuelle Bedeutsamkeit der Bilder für die Produzent*innen herausgearbeitet werden, also die möglichen Deutungen derjenigen, die die Collage erstellt haben.
Für unsere Forschungsprojekte und speziell für die Interpretation von Collagen haben wir uns an den Interpretationsverfahren von Pilarczyk/Mietzner (2015) und Panofski (1955) orientiert. Mit Hilfe der ikonologischen Methode nach Panofski sollen Bilder erkannt, verstanden und erfasst werden. Die Methode umfasst drei Stufen: die vorikonografische Beschreibung, die ikonografische Analyse und die ikonologische Interpretation.
Bei der vorikonografischen Beschreibung oder dem primären Sujet geht es darum, das Bild, welches betrachtet wird, lediglich zu beschreiben. Es soll zunächst der reine Bestand eines Bildes erfasst werden. Eine reine, nicht-interpretative Beschreibung ist nicht möglich, weil die Bildbetrachter*innen nur das beschreiben können, was sie kennen und damit auch sprachlich formulieren können. Trotzdem sollen sie sich einen möglichst „fremden, naiven Blick“ bewahren. Es geht darum, das Bild in allen Einzelheiten zur Kenntnis zu nehmen; das ist ein systematisch verlangsamtes Sehen mit Aufmerksamkeit für das Nebensächliche.
Die ikonografische Analyse rückt den Bildaufbau und das Motiv in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Vorder-, Mittel-, Hintergrund, die Perspektive des zu analysierenden Motivs sowie markante Linien und Formen werden beschrieben und interpretiert. Die genaue Bedeutung eines Motivs erschließt sich durch die verwendete Symbolik. Hier wird Wissen außerhalb des Bildes einbezogen und ein externer Bezugsrahmen gebildet.
In der ikonologischen Interpretation geht es um den wahrhaften Gehalt oder die eigentliche Bedeutung eines Bildes. Spuren absichtsvoller Gestaltung werden ebenso herausgearbeitet wie die Art und Weise des Präsentierens des Abgebildeten. Die Befunde aus den vorangegangenen Schritten werden aufeinander bezogen, in ein Verhältnis gesetzt, um so einen eigentlichen Bildsinn zu interpretieren, gleich ob er von den Produzent*innen der Bilder beabsichtigt war oder nicht.
Im Folgenden wird eine ausgewählte Collage interpretiert und damit ein Einblick in die Forschungswerkstatt gegeben. Diese Collage versinnbildlicht unsere Sicht auf Jugendliche in ländlichen Räumen, die wir als Generation „Boomer 4.0“ bezeichnen würden.
Bildbeschreibung
Entwickelt wurde die hier abgebildete Collage (Bild 1, S. 51) am 13.11.2019 von einer 15-jährigen Schülerin, die im Rahmen ihres Nachmittagsunterrichts an der Zukunftswerkstatt teilnahm. Die Collage ist mit insgesamt zwölf Elementen beklebt worden, die aus unterschiedlichen Zeitschriften stammen.
Eine große Fläche in der linken oberen Ecke wird von einem Zeitschriftenausschnitt eingenommen, auf dem eine Art Gebirgslandschaft zu sehen ist. Zu erkennen sind mehrere kahle Berge in hellen und dunklen Grautönen. Im Hintergrund des Bildes befindet sich ein großer Berg, der aus dunklem Felsen besteht. Der Gipfel des Berges ist durch eine weiße Wolke verdeckt. Hinter und über der Wolke steigt schwarzer Rauch auf. Dieses Bildelement ist das größte auf der Collage.
Unter diesem Bild befindet sich in der linken unteren Ecke eine kleine Abbildung von einer Halle oder einem Saal. In der Mitte dieses Saals befindet sich ein Becken, welches in den Boden eingelassen ist. Bei der Form des Beckens handelt es sich um ein Hexagon. Das Becken ist gefüllt mit Wasser, welches leicht bläulich schimmert. Statt eines Beckenrandes verfügt dieses Becken über eine Treppe, die es komplett umgibt. In dem Becken befinden sich sechs Menschen, zusätzlich befindet sich eine weiblich aussehende Person auf der Treppe. Im Hintergrund sind vier Säulen zu sehen und dahinter die Wand der Halle. Säulen und Wand sind in Erdtönen gehalten.
Rechts neben diesem Bild sind zwei kleinere Bilder. Es handelt sich um die Abbildungen eines Hundes und eines Affen. Anders als bei den bisherigen Bildern wurden hier die Konturen exakt ausgeschnitten. Der Affe hat grau-gelbes Fell. Er streckt beide Arme aus, schaut in die Kamera und lächelt. Auch der Hund wurde exakt ausgeschnitten, dieser hat ein helles Fell. Er ist im Profil dargestellt und schaut nach rechts.
Über dem Hund ist ein quadratisch ausgeschnittenes Bild platziert worden. Zu sehen sind zwei Menschen vor einem roten Gebäude. Bei der einen Person handelt es sich um eine männlich aussehende Person, bei der anderen um eine weiblich aussehende. Die männliche Person schaut die weibliche an und legt den Arm um sie. Beide sehen glücklich aus und tragen sommerliche, kurze Kleidung. Sie stehen auf einer grünen Wiese. Im Hintergrund erkennt man ein rotes Haus mit weißen Fenster- und Türrahmen.
Direkt darüber und rechts schräg über diesem Bild befinden sich drei kleine Bilder, auf welchen ebenfalls Häuser zu sehen sind. Bei diesen handelt es sich jedoch um kleinere Häuser. Im Vordergrund dieser Bilder stehen Glasanbauten. So sind auf zwei Bildern Anbauten von außen zu sehen. Sie bestehen fast gänzlich aus Glas, lediglich die Rahmen scheinen aus Stahl zu sein. Auf dem dritten Bild sieht man einen der Glaskästen von innen. Dort stehen einige Möbel, welche in hellen Grautönen gehalten sind.
Direkt unter den rechten beiden dieser Bilder ist die Abbildung eines Kleinkindes zu sehen. Es liegt auf einer Decke und wird von zwei Bögen umgeben, die wie Zeltstangen zusammengestellt wurden. An den Bögen befinden sich einige Spielsachen. Das Kleinkind trägt ein rosa Oberteil und eine weiße Hose. Es lächelt und schaut in die Kamera.

Bild 1: Collage einer 15-jährigen Schülerin
Unter diesem Bild befindet sich ein weiteres Bild von einem Kind. Dieses Kind wirkt jedoch etwas älter als das erste Kind und sieht eher männlich aus. Es sitzt auf einer Art Heuballen und streckt, ähnlich wie der zuvor beschriebene Affe, beide Arme aus. Es trägt dunkelblau-weiße Turnschuhe, eine blaue Jeans, bei der die Hosenbeine umgekrempelt sind, ein weißes T-Shirt, schwarz-weiße Hosenträger und einen Strohhut, welcher farblich dem Heuballen ähnelt. Das Kind hat den Mund weit geöffnet und die Augen geschlossen, seine Körperhaltung ist nicht gerade.
Rechts neben diesem Kind wurde ein weiteres Bild von einem Haus aufgeklebt. Vor dem Haus befindet sich eine grüne Wiese mit getrimmtem Gras. Im Hintergrund ist blauer Himmel zu sehen. Das Haus selbst ist in grau gehalten. Es ist aus mehreren quadratischen Formen konzipiert, welche mit und ohne Überhänge übereinandergestapelt sind. Es gibt mehrere große Fenster und eine Art asphaltierte Terrasse. Darauf stehen zwei große Blumenkübel mit jeweils einem Strauch.
Das letzte Element wurde über diesem Haus platziert. Es handelt sich um einen roten Wagen. Das Auto scheint sehr flach und schnittig konstruiert zu sein. Zu sehen ist lediglich die Front des Autos, also Windschutzscheibe, Motorhaube, Kühlergrill, Scheinwerfer und Stoßstange. Auf dem Kühlergrill befinden sich vier verschlungene Kreise, außerdem ein Nummernschild mit den Buchstaben I, N und A und den Ziffern 3, 0 und 1. Das Auto und das graue Haus nehmen zusammen die gesamte rechte Seite der Collage ein.
Bildinterpretation
Die Schülerin selbst berichtete, dass es sich um einen gradlinigen Plan von rechts nach links handelt. Ihrer Aussage nach möchte sie zuerst ein teures Auto und ein modernes, großes Haus erlangen. Danach geht sie zum zweiten Schritt ihres Plans über – dem Gründen einer Familie mit Kindern und Tieren. Nachdem dies alles erreicht ist, könne sie in die letzte Phase übergehen und das Leben genießen und beispielsweise Urlaub machen oder andere, den Alltag durchbrechende Dinge unternehmen. Im Folgenden werden aufgrund der Collage und dieser Erzählung die Zukunftssichten der Schülerin analysiert und interpretiert.

Bild 2: Collage – Symmetrie
Auffällig bei dieser Collage ist die Anordnung der Elemente. So kann festgestellt werden, dass die einzelnen Bilder fast symmetrisch angeordnet wurden. Es befinden sich sowohl links als auch rechts jeweils zwei mittelgroße bis große Bilder. Auf der linken Seite sind sie nach links geneigt, auf der rechten nach rechts. Ein ähnliches Muster kann bei den Bildern in der Mitte festgestellt werden. Hier befinden sich mittig-links und mittig-rechts jeweils vier, also insgesamt acht kleine Bilder. Auch hier gibt es bei fast allen Bildern eine Neigung in die jeweilige Richtung. Lediglich ein Element fällt aus diesem Raster.
Besonders auffällig ist die Trennung der beiden Seiten. Die Mittelachse der Collage besteht aus einer Art Achse, welche in einer Zickzacklinie verläuft. Diese Zickzacklinie trennt die linke Bildhälfte von der rechten. Sie taucht in allen Elementen immer wieder auf.
Diese Struktur könnte auf die Zerrissenheit der Schülerin hindeuten. Einerseits auf den Konflikt zwischen den Statussymbolen rechts, den abenteuerlichen oder wohltuenden Erlebnissen links und dem traditionellen Familienbild in der Mitte. Andererseits könnte es auch einen Konflikt mit sich selbst und den eigenen Erwartungen an das zukünftige Leben zeigen. Vielleicht wird der Unglaube, all diese Dinge erreichen zu können, bildlich dargestellt. Für diese Interpretation könnte eine andere strukturelle Auffälligkeit sprechen. Bei den Elementen ganz rechts handelt es sich um ein Auto und ein Haus, welche beide sehr teuer sind. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesen Symbolen um Statussymbole handelt, die die Schülerin sich wahrscheinlich nicht leisten können wird. Das Auto ist ein Sportwagen von Audi aus der e-tron-Serie. Das Haus ist ein modernes Einfamilienhaus im Bauhaus-Stil mit großem Garten. Ein Haus im Bauhausstil steht für die Verbindung von Funktionalität und Ästhetik und ist ein Gegenentwurf zum Traditionellen.

Bild 3: Collage – Rahmen sprengen
Bei den Bildern links außen handelt es sich um Bilder, die für den Alltag durchbrechende Erlebnisse stehen. Ein Besuch dieser unwirklichen Gebirgs- oder Vulkanlandschaft scheint ein einmaliges Erlebnis zu sein. Ebenso zählt der Besuch eines Wellness-Spa oder Ähnlichem eher zu den nicht-alltäglichen Erlebnissen. Zu diesen Bildern kommt zudem das Bild des Wintergartens am oberen Bildrand hinzu. Auch hierbei handelt es sich um Symbole, die auf Luxus verweisen.
Alle fünf Bildelemente sprengen den Rahmen der Collage, indem sie über die Bildränder hinausreichen. Nirgends sind Hinweise auf eine berufliche Perspektive zu sehen.
Bild 3: Collage – Rahmen sprengen
Dies könnte lediglich ein künstlerisches Mittel sein oder der Tatsache geschuldet, dass wenig Platz für die Bilder auf dem vorgegebenen Bogen war. Trotzdem wurde es von der Schülerin so komponiert, und es fällt auf, dass alle fünf Objekte teuer, extravagant und materiell sind oder dem außergewöhnlichen Spaß dienen. Hier könnte sich also eine Jugendliche als Angehörige der Generation Z zeigen, für die ein hohes Wohlstandsniveau, eine geringe Loyalität zum Arbeitgeber und Work-Life-Separation im Vordergrund stehen.
Wären da nicht die Bildelemente, die das Zentrum des Bildes markieren. Im Zentrum steht das Erreichbare, die bürgerliche Familie und ein kleiner, aber feiner Wohlstand und Geborgenheit. Diese Bilder sind auf einer Zick-Zack-Linie angebracht und schlängeln sich quasi durch die rechts und links angebrachten Luxusgüter wie durch ein Spalier. Das wirkliche Leben als ständiges Abwägen zwischen Träumen und Realistischem, der Anforderung, Materielles anzuhäufen und für das Wichtige zu sparen.
Und wäre da nicht der Affe in der Collage. Im Zentrum des Bildes der bürgerlichen Familie befindet sich der Junge, der die Arme nach links und rechts ausstreckt. Der Affe, der sich links neben dem Jungen befindet, hat eine ähnliche Körperhaltung. Warum sich die Schülerin für das Motiv des Affen entschieden hat, ist relevant. Der Affe erinnert an den Affen von Pippi Langstrumpf – Herr Nielsson –, sowohl von der Größe als auch vom Aussehen her. Einmal auf dieser Interpretationsspur ergeben sich weitere Ähnlichkeiten.

Bild 4: Collage – Explikation Pippi Langstrumpf
Die beiden Kinder erinnern zum Beispiel an Tommy und Annika, es handelt sich um ein kleines Mädchen und einen älteren Jungen. Ebenso auffällig ist das rote Haus, welches im schwedischen Stil erbaut worden ist. In seinen Grundelementen erinnert es an die Villa Kunterbunt.
Bild 4: Collage – Explikation Pippi Langstrumpf
Pippi Langstrumpf steht für Fantasie, das Durchbrechen von Regeln und die Möglichkeit, sich die Welt so zu machen, wie sie einem gefällt. Der Affe steht dafür, keine Verantwortung zu übernehmen. Der Affe ist der Platzhalter für Optionen, für das, was noch möglich sein kann. Doch in der Verbindung zu dem Kind, das dieselbe Haltung einnimmt wie der Affe, ist es in der Vorstellungswelt der Schülerin die Familie. Insoweit eine klassische Wertevorstellung der Boomer-Generation.
3 – Fazit
Nicht zuletzt spielen Facetten der digitalisierten Welt keine offensichtliche Rolle in der Collage dieser Schülerin im Unterschied zu anderen Collagen, die wir analysiert haben. Die Digitalisierung der jugendlichen Lebenswelten ist in diesem Fall nur implizit. Inwieweit dies Effekt des Aufwachsens in ländlichen Regionen ist, also inwieweit sich hier ein Generationstyp zeigt oder es sich um eine individuelle Vorstellung handelt, können nur tiefergehende Studien zeigen.
Und hier kommt Herr Nielsson ins Spiel. Der Affe verweist auf andere Erklärungsmuster. Jugendliche auf dem Land erleben in der realen Welt, in den face-to-face-Kontakten eher traditionelle Handlungsmuster und müssen sich mit Werten und Strukturen auseinandersetzen, die eher typisch sind für die Boomer-Generation. Durch die Digitalisierung unserer gesellschaftlichen Erfahrungsräume tauchen Jugendliche auf dem Land aber auch in andere Lebenswelten ein, die von Wertvorstellungen und Einstellungen geprägt sind, die sich in einer globalisierten Welt entwickeln, die multi-optional und generationsübergreifend bzw. generationsunabhängig ist. In dieser digitalisierten Welt erproben sich Jugendliche, entwickeln ihre Vorstellungen wie in einem sozialen Labor. Doch ist die digitalisierte Welt kein Labor, sondern Realität. Die virtuelle Realität bleibt nicht äußerlich und wird von den Jugendlichen nicht als eine andere Welt angesehen, die mit ihrem wirklichen Leben nichts zu tun hat. Die virtuelle Welt wird von Jugendlichen nicht als eine Vielfalt von Angeboten verstanden, aus der man auswählen kann, sondern als unhintergehbare Bedingung ihres Lebens verstanden, eines Lebens in der Mixed Reality.
Insoweit gehört Herr Nielsson zur Wirklichkeit. Herr Nielsson ist das anarchische Element, das ein Vorrecht der Jugend ist. Das Recht auf die eigene Welt. Wir erklären uns die Aussage der Collage so: Die Jugendliche wertschätzt ein eher traditionelles Familienleben. Doch ist dies nicht allein als eine Anpassungs- oder gar Unterwerfungsgeste zu verstehen, sondern als eine kritische, selbstbewusste Auseinandersetzung mit den Werten der Boomer-Generation. Es ist ein Angebot zu einem Dialog in einer neuen Wirklichkeit, die auch die Boomer-Generation erreicht hat. Doch wenn der Dialog von Seiten der Boomer-Generation mit erhobenem Zeigefinger geführt wird, dann verwandelt sich der Affe Herr Nielsson in die drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen wollen. Die Reaktion heißt dann: Ok, Boomer.
Während in städtischen Regionen Jugendliche mehr Möglichkeiten haben, Kontakte zu anderen Lebenswelten, zu anderen kulturellen Bezügen aufzunehmen und sich in diesen Räumen entwickeln zu können, sind die Lebenswelten der Jugendlichen in ländlichen Räumen viel enger mit den Lebenswelten der Elterngeneration verknüpft, sei es der Sport-, der Schützenverein oder die Freiwillige Feuerwehr. Diese Orte der Begegnung zwischen den Generationen müssen als Räume des Respekts gestaltet werden, wo Jugendliche Wertschätzung und Anerkennung für ihren eigenen Weg in die Zukunft finden können.
Literatur
Becker, Henk A.: „Karl Mannheims ‚Problem der Generationen’ – 80 Jahre danach“, in: Zeitschrift für Familienforschung 20 (2) 2008, S. 203–221.
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Stadt – Land – Umland: Handlungsansätze für Kommunen im demographischen Wandel. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2013.
Calmbach, Marc/Borgstedt, Silke/Borchard, Inga/Thomas, Peter Martin/Flaig, Berthold Bodo: Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2016.
Deinet, Ulrich (Hrsg.): Methodenbuch Sozialraum. Springer, Wiesbaden 2009.
Faulde, Joachim/Hoyer, Birgit/Schäfer, Elmar: Jugendarbeit in ländlichen Regionen: Entwicklungen, Konzepte und Perspektiven. Juventa, München 2006.
Mannheim, Karl: „Das Problem der Generationen“, in: Mannheim, K.: Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk. Luchterhand, Neuwied/Berlin 1964 [1928], S. 509–565.
May, Michael/Alisch, Monika (Hrsg.): Praxisforschung im Sozialraum. Fallstudien in ländlichen und urbanen sozialen Räumen. Barbara Budrich, Opladen/Berlin/Toronto 2008.
Mey, Günter: „Jugendforschung: Konjunkturen, Krisen, Konstruktionen“, in: Kleeberg-Niepage, A./Rademacher, S. (Hrsg.): Kindheits- und Jugendforschung in der Kritik. (Inter-) Disziplinäre Perspektiven auf zentrale Begriffe und Ansätze. Springer VS, Wiesbaden 2018, S. 273–297.
Mollenhauer, Klaus: „Methoden erziehungswissenschaftlicher Bildinterpretation“, in: Friebertshäuser, B./Prengel, A. (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Juventa, Weinheim/München 1997, S. 247–264.
Panofsky, Erwin (1955): Sinn und Deutung in der bildenden Kunst. DuMont, Köln 1975.
Pilarczyk, Ulrike/Mietzner, Ulrike: Das reflektierte Bild. Die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Klinkhardt Verlag, Bad Heilbrunn 2015.
Planck, Ulrich: Landjugend im sozialen Wandel. Juventa, München 1970.
Scherak, Lukas/Lindau-Bank, Detlev/Stein, Margit: „Neukonzeption der offenen Kinder- und Jugendarbeit in der Stadt Diepholz“, in: Kürschner, Wilfried (Hrsg.): Der ländliche Raum. LitVerlag, Münster 2017, S. 83–124.
Scherak, Lukas/Lindau-Bank, Detlev/Stein, Margit: „Regionale Strategien zur Attraktivitätssteigerungen ländlicher Regionen bei Jugendlichen – das Beispiel des Landkreises Vechta“, in: Stein, Margit/Scherak, Lukas (Hrsg.): Kompendium Jugend im ländlichen Raum. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2018, S. 154–172.
Scholz, Christian/Grotefend, Lisa-Dorothee (Hrsg.): Generation Z im Vier-Länder-Vergleich – Ein empirischer Vergleich von Deutschland, den Niederlanden, Österreich und Schweiz. Rainer Hampp, Augsburg/München 2019.
Schrader, Hannes: Generation Z, bitte übernehmen! https://www.zeit.de/campus/2016-10/verantwortung-generationenklischees-generation-z-digital-natives 2016 [10. 01.2020].
Stein, Margit: Jugend in ländlichen Räumen: Die Landjugendstudie 2010. Klinkhardt Verlag, Bad Heilbrunn 2013.
von Unger, Hella: Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2014.
Darmowy fragment się skończył.