Czytaj książkę: «Vom Träumen und Aufwachen»

Czcionka:

Beate Jaquet/Christine Ziepert/Matthias Ohler

(Hrsg.)

Vom Träumen und Aufwachen

Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall

Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für systemische Pädagogik und der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen

2022


Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)

Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)

Dr. Barbara Heitger (Wien)

Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)

Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)

Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)

Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)

Dr. Roswita Königswieser (Wien)

Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)

Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)

Tom Levold (Köln)

Dr. Kurt Ludewig (Münster)

Dr. Burkhard Peter (München)

Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)

Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)

Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)

Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)

Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)

Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)

Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)

Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)

Jakob R. Schneider (München)

Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)

Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)

Dr. Therese Steiner (Embrach)

Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)

Karsten Trebesch (Berlin)

Bernhard Trenkle (Rottweil)

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)

Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)

Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)

Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)

Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)

Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)

Reihengestaltung: Uwe Göbel

Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann

Umschlagmotiv: © Evelyn Imbusch

Redaktion: Uli Wetz

Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Erste Auflage, 2022

ISBN 978-3-8497-0361-5 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8338-9 (ePUB)

© 2022 Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autoren und zum Verlag finden Sie unter: https://www.carl-auer.de/.

Dort können Sie auch unseren Newsletter abonnieren.

Carl-Auer Verlag GmbH

Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22

info@carl-auer.de

Inhalt

Vorwort

Teil 1: Während der Tagung

30 Jahre Mauerfall – die Veranstaltung in Naumburg

Christopher Bodirsky

Literatur

Meine Gedanken und inneren Bewegungen – Ein persönlicher Bericht

Annegret Chucholowski

Übung: Schalter der biochemischen Programmierung ausbauen

Populismus und Mauerfall – Anmerkungen zur Auflösung einer unheilsamen Verbindung

Albrecht Mahr

Einleitung

Zum Thema: Populismus und Mauerfall

Populismus

Die Treuhand

Nachwort

Literatur

Meine Biografie. Mein Leben. Mein Beitrag.

Anna Hoff und Ansgar Röhrbein

Politische Bildung und Biografiearbeit – eine geniale, weil aktivierende Verbindung

Das Workshopkonzept

Aus der Praxis

Literatur

Auf der Suche nach den gefundenen Kraftquellen

Barbara Innecken

Identitätsstiftende Ressourcen vor und nach dem Mauerfall

Meine persönliche Ost-West-Spurensuche

Gefundene Kraftquellen – in der Planung des Workshops

… und Zweifel

Meine persönliche Suche nach den gefundenen Kraftquellen

Die Methode

Das NIG®-Format

Gefundene Kraftquellen – in meinem Erleben des Workshops

Gefundene Kraftquellen – im Erleben von Teilnehmern und Teilnehmerinnen

Gefundene Kraftquellen – auf der Tagung

Dank

Literatur

Scham – die tabuisierte Emotion

Stephan Marks

Warum Hitler folgen? – Ein Forschungsprojekt

Ein zentraler Affekt

Was ist Scham?

Scham – ein Nicht-Thema?

Universalität von Scham

Die Psychologie der Scham

Scham im Gehirn

Scham und Abwehr: Projektionen, Ressentiments, Wut, Gewalt

Scham und Schule

Literatur

Vom Träumen und Aufwachen – damals und heute

Irene Misselwitz

Reflexionen zur Berliner Mauer

Von den Schwierigkeiten mit der Identität

Von den Schwierigkeiten mit den Vergangenheiten – Aneignung der Geschichte

Von den Schwierigkeiten mit der Demokratie

Von den Schwierigkeiten für die Frauen

Friedliche Revolution oder Wende?

Mut zum Träumen statt resignative Apathie

Literatur

Gesprächsforum

Anna Hoff und Ansgar Röhrbein

Diese Mauer wird fallen – Hoffnung und Zuversicht

Darüber wird (nicht) gesprochen

Es reicht! Was bringt den Menschen ins politische Handeln?

Gemeinsam in der Vielfalt

Welche Sprache braucht die Demokratie?

Wir in der Welt – Vorbild oder was?

»Es vergisst sich nicht mehr«

Valeska Riedel

»Wahnsinn!«

Vererbte Angst

Literatur

Blick übern Tellerrand – 100 Tage ohne Geld durchs Land

Andreas Reinhard

Lesung und Dialog über eine Reise durch Ost und West

Zur Rahmung

Idee

Warum? Wofür das Ganze?

Psychowalz(er)

Route

Aufwärmen oder bisherige Tellerränder

Also: Ich möchte …

Tag 38 – Von Hessisch Himalaya bis Thüringer Welcome-Bier … 24. Mai

Reflexion – zurück ins Leben …

… und seine neuen Herausforderungen

Fazit

Suche wonach?

Dafür braucht(e) es …

Luxusfragen?

Luxus kleiner feiner Momente

Rucksackweisheit(en)

30 Jahre Mauerfall – welche?

Ich habe viel innerdeutsche Heimat erlebt

Vom Erinnern und Vergessen und der Hinwendung zur Zukunft

Rica Salm-Rechberg

Einführung

Eine Schicksalsmelodie

Die Aufstellungsarbeit als Methode der Erinnerung

Die Ausrichtung auf eine befriedete Zukunftsutopie

Literatur

Reflexionen zum Workshop »Zwischen Widerstand und Opportunismus in Ost und West«

Manfred Ziepert

Widerstand und Anpassung

Zur Aufstellungsmethodik

Weiter im Workshop

Verstehen und Heilung

Ausblick

»Die Freiheit, die ich meine« Playing Arts – ein kreativ-schöpferisches Gestaltungsspiel

Heike Beck und Gianna Hennig

Spurensuche

Zusammenspiel

Ende und Anfang

Literatur

Naumburg – Der Unterschied, der einen Unterschied macht

Cornelia Stieler

Kontext kann entscheidend sein

Das andere als Bereicherung

Lösung durch andere Problembeschreibung

Lernfelder Ost und West verbinden

Die »friedliche Revolution« als Auftrag

Erfahrungsraum Gewaltfreiheit

Selbstwirksamkeit stärken

OSTZIGARTIG® – im Ost-West-Dialog entstanden

Krise als Vorläufer

Was hinterlassen uns die friedliche Revolution und die Nachwendezeit?

Literatur

Aufgewacht: Von Blitzgewittern in den Pubertätsjahren zur systemischen Achtsamkeit

Anett Renner

Wofür ich dankbar bin

Teil 2: Nach der Tagung

Nachklang zur Tagung

Heike Beck und Gianna Hennig

Literatur

Berührung – »Darf’s ein bisschen mehr sein?«

Volker Fleing

Die lange Trennung

Die Berührung

Das Eigene

Das Verbindende

Nachbetrachtungen zur Tagung »30 Jahre Mauerfall«

Uwe Langbein

Die Vögel über der Mauer

Reflexionen über Grenzen

Autokratische politische Strömungen

Hoffnungen auf eine bessere Zukunft

Diskurskultur

Schicksalsfragen

Literatur

Innerdeutsche Geschichte(n) zur Ein- und Verführung in die Unverfügbarkeit der Welt – Eine osteuropäisch gefärbte Skizze in Corona-Zeiten

Mechthild Reinhard und Peter Pristas im Gespräch mit Albrecht Reinhard und Hanna Wredenhagen

Weiter-Führung

Ein-Führung

Hin-Führung

Durch-Führung

Zusammen-Führung

Ver-Führung

Literatur

Machen Unterschiede Unterschiede?

Christa Renoldner

Interview mit Ruth Sander 14 Monate nach der Tagung

Verbindungen auf Augenhöhe möglich? Eine Reflexion zur Vernetzung von Systemik, Diversität und (Ost-)Diskriminierungserfahrungen/-mechanismen

Katja Wrobel

Schreiben

Ausschnitte aus meinem Lebensweg

Die Tagung, Radical Diversity und systemische Begleitung

Momentaufnahmen der Tagung

Geschafft

Literatur

Wenn die Fassade fällt – Authentisch leben mit der Gewaltfreien Kommunikation

Caroline Winning

Eine lebensdienliche Haltung

Verantwortung schafft Raum

Verständnis ist nicht gleich Einverständnis

Bedürfnisse als universelle Triebkräfte

Gefühle als Signale

Ein Ausblick: Brücken bauen mit der Gewaltfreien Kommunikation

Literatur

Teil 3: Zu der Tagung

Durchs Gestrüpp der Richtigkeiten – Über den Sprachgebrauch vor und nach der Wende

Jürgen Reifarth

Literatur

Urst!

Maik Priebe

1

2

3

4

5

Kleines Lexikon

Literatur

Der Einbruch der Freiheit: 1989 und 2020 – Eine Momentaufnahme

Heiko Kleve

1

2

3

4

5

Literatur

Gastgeberinnen im Gespräch

Literatur

Nachwort

Matthias Ohler

Über die Autorinnen und Autoren

Über die Herausgeberinnen und den Herausgeber

Vorwort

Während der DGSF1-Jahrestagung vom 12. bis 14. Oktober 2017 in München, die unter dem Motto »Von der Neutralität zur Parteilichkeit – Systemiker*innen mischen sich ein« stand, haben uns die Eröffnungsvorträge von Valeska Riedel, Stephan Marks und Jochen Schweitzer sehr angesprochen. Noch während dieser Tagung entstand die Idee, WO und WIE wir uns einmischen können: Wir wollten »die friedliche Revolution«, »30 Jahre Mauerfall«, das historische Ereignis aus dem Jahr 1989 mit dem DAVOR und DANACH genauer in den Blick nehmen.

Das Tagungsprogramm sollte möglichst so Gestalt annehmen können, dass die unterschiedlichen Perspektiven einen Raum finden und miteinander geteilt werden können. Systemiker*innen mischen sich nicht nur ein, sondern sind auch in verschiedenen Berufs- und Fachverbänden organisiert. Welchen dieser Verbände könnten wir für diese Idee und als Veranstalter gewinnen, und ist dies überhaupt möglich? Wir meinten, dass sich die unterschiedlichen systemischen Methoden (systemisch-konstruktivistisch, systemisch-phänomenologisch und hypnosystemisch) in ihrer Unterschiedlichkeit ergänzen (können). Somit war eine weitere Idee hinzugekommen. Wie wäre es wohl, wenn systemische Verbände sich dieses Themas gemeinsam annehmen und uns drei Organisatorinnen (Beate Jaquet, Christine Ziepert, Madlen Tamm) darin unterstützen würden? Die Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) hatte die Idee wohlwollend aufgenommen. Der Vorstand war bereit, als Veranstalter zur Verfügung zu stehen. Die DGfS vertritt vorrangig den systemisch-phänomenologischen Ansatz, die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. (DGSF) und die Deutsche Gesellschaft für systemische Pädagogik e. V. (DGsP) eher den systemisch-konstruktivistischen und zum Teil den hypnosystemischen Ansatz. Außerdem wurde die Tagung durch die Carl-Auer Akademie, die sysTelios-Klinik und die Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching e. V. (DGSv) unterstützt. Das waren die inspirierenden Anfänge.

In diesem Buch sind Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven zusammengeführt. Stephan Marks hat seinen DGfS-Eröffnungsvortrag Scham – die tabuisierte Emotion … zur Verfügung gestellt. Er beschreibt nicht nur die Entwicklung von Scham, sondern auch ihre Auswirkungen. Die Leser*innen fühlen sich durch viele Praxisbeispiele in den Vortrag einbezogen.

Valeska Riedel als systemische Therapeutin berichtet persönlich: Es vergisst sich nicht mehr. Sie beschreibt ihre zutiefst deutsch-deutsche Familiengeschichte. Die Wurzeln reichen bis in den Burgenlandkreis, den Veranstaltungsort der Tagung.

Irene Misselwitz beeindruckt mit ihrem psychoanalytischen Blick auf die Zeit der DDR, der »alten« BRD und danach mit dem Thema: Vom Träumen und Aufwachen. Der Titel ihres Vortrags gab uns den Impuls, eine Brücke zwischen der Tagung und dem vorliegenden Buch zu bauen.

Albrecht Mahr schreibt über Populismus und Mauerfall – Anmerkungen zur Auflösung einer unheilsamen Verbindung. Dabei macht er auch auf den verstärkten Antisemitismus aufmerksam und spannt den Bogen weit über die Tagung hinaus bis in das so besondere Frühjahr 2020.

Anett Renner hat ihr eigenes Konzept der systemischen Achtsamkeit (SACHT®) entwickelt. Dabei dient ihr die liegende Acht als Brille dafür, komplexe Zusammenhänge im Innen und/oder Außen genau zu betrachten und zu erkennen.

Ihr Bericht ist sehr persönlich; ebenso persönlich schreiben Annegret Chucholowski und Volker Fleing. Chucholowski beschreibt ihre inneren Bewegungen und Gedanken vor, während und nach der Tagung, erinnert sich an Rituale aus ihrer Kindheit und die Hoffnung ihrer Eltern auf die Wiedervereinigung Deutschlands. Fleing denkt über das Eigene, das Trennende und das Verbindende nach und lässt sich und die Leser*innen davon berühren.

Manfred Ziepert gibt Einblicke in die Arbeit mit dem Wertequadrat (nach Friedemann Schulz von Thun). Er zeigt mit dem Modell des Wertequadrats Polaritäten auf, die helfen, zwischen Werten und Extremen zu unterscheiden. Am Modell wird das Thema Zwischen Opportunismus und Widerstand in Ost und West bearbeitet.

Rica zu Salm-Rechberg geht auf Spurensuche und beschäftigt sich mit dem Thema Vom Erinnern zum Vergessen und der Hinwendung zur Zukunft. Diese von ihr angeleitete politische Aufstellungsarbeit hilft, sich zu erinnern, anzuerkennen und sich dem Leben im Hier und Jetzt zuzuwenden.

Das Herzstück der Tagung war ein Gesprächsforum in sechs Kapiteln. Es wurde von Anna Hoff und Ansgar Röhrbein moderiert. Die Gesprächspartner*innen kamen mit ihren unterschiedlichen Biografien und Positionen aus der gesamten Bundesrepublik Deutschland (Annegret Chucholowski, Christian Dietrich, Ulrike Galander, Thomas Geßner, Thomas Kretzschmer, Valeska Riedel).

Anna Hoff und Ansgar Röhrbein verbinden in ihrem eigenen Beitrag die systemische Biografiearbeit und die politische Bildung, um Menschen in ihrem Workshop ins gesellschaftspolitische Handeln zu bringen. Ergänzt und abgerundet wird dieser Beitrag durch das Interview mit Cornelia Stieler, einer Workshopteilnehmerin während der Tagung »30 Jahre Mauerfall …«. Diese Verbindung wird durch die Zusammenarbeit mit ihr im Anschluss an die Tagung noch intensiviert und findet im Beitrag Der Unterschied, der einen Unterschied macht ihren Niederschlag.

Barbara Inneken gibt einen Einblick in die systemisch-phänomenologisch-konstruktivistische Arbeit. Sie nutzt das Neuro-Imaginative Gestalten (NIG®) als ressourcenorientierte Methode und lässt die Leser*innen in den Prozess des Workshops eintauchen.

Einen eindrücklichen Beitrag zur Demokratiebildung geben die Referenten Uwe Langbein und Christopher Bodirsky. Von einem sehr persönlichen Einblick ausgehend, bietet Uwe Langbein einen Diskurs über den Umgang mit Grenzen, Entgrenzungen und Hoffnung auf eine bessere Zukunft an. Christopher Bodirsky eröffnet einen Denkraum, der auch durch den Workshop von Mechthild Reinhard angeregt wurde. Er beschreibt seine eigene Betroffenheit vom und seine Auseinandersetzung mit dem Einigungsprozess.

Christa Renoldner hat ein Interview mit der Referentin Ruth Sander zu deren Thema Politik im Raum geführt. Sie haben nicht nur Verlauf und Resonanz miteinander ausgetauscht, sondern auch politische Positionen. Beide stammen aus Österreich und fühlen sich dem (Wende-)Prozess der Geschichte beider Länder sehr verbunden.

Mechthild Reinhard ist im Gespräch mit ihrem Mann Albrecht Reinhard und mit Hanna Wredenhagen als Tagungsteilnehmende sowie dem katholischen Priester Peter Pristas. Sie gehören verschiedenen Generationen an, sind alle im »Osten« geboren und leben jetzt im »Westen«. Sie tauschen sich über Innerdeutsche Geschichte(n) zur Ein- und Verführung in die Unverfügbarkeit der Welt aus.

Die nächste Generation, Caroline Winning, Andy Reinhard, Katja Wrobel, beeindruckt mit Themen ganz anderer Art: durch Gewaltfreie Kommunikation, den Blick über den Tellerrand mit einer Reise ohne Geld und die Frage, ob Verbindung auf Augenhöhe möglich ist.

Den Prozess der Tagung haben Gianna Hennig und Heike Beck mit Playing Arts als kreativschöpferischem Gestaltungselement methodisch aufbereitet. In ihrem Beitrag nehmen sie die Leser*innen mit auf eine kurze Reise durch die Tagung.

Jürgen Reifarth weist auf die Bedeutung von Sprache vor und nach der Wende hin. Er nimmt uns im »Schlenderschritt durch [m]eine Sprachbiografie« … Durch das Gestrüpp der Richtigkeiten mit.

Heiko Kleve spannt einen Bogen von den Demonstrationen im Herbst 1989 in der DDR bis hin zur Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 mit dem Thema: Der Einbruch der Freiheit: 1989 und 2020 – Eine Momentaufnahme.

Corona lässt uns innehalten. Wir machen eine gemeinsame existenzielle Erfahrung, nicht nur im Osten und Westen Deutschlands, sondern in der gesamten Welt. Es geht um globale Themen und Probleme, die wir nur gemeinsam angehen und lösen können. Wir erleben eine hochkomplexe Zeit mit einer Flut von Informationen. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann formuliert, dass Vertrauen Komplexität reduziert. Wir brauchen einen kritischen Diskurs mit konträren Positionen, um die demokratische Vitalität zu erhalten und Anpassungsleistung zu ermöglichen. Das erfordert die Verantwortung eines und einer jeden Einzelnen. Dieses Buch soll für die Herausforderungen unserer Zeit einen Impuls und einen Raum geben.

Jena und Naumburg, im Frühjahr 2021

Beate Jaquet und Christine Ziepert

1Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V.

Teil 1: Während der Tagung

30 Jahre Mauerfall – die Veranstaltung in Naumburg

Christopher Bodirsky

Gibt es Zufälle? Ich weiß es nicht. Aber manchmal fällt es mir schwer, noch an Zufälle zu glauben. Ich wurde gebeten, zu der Veranstaltung in Naumburg als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) eine kurze Eröffnungsrede zu halten. Zunächst sah das für mich nicht besonders problematisch aus. Allerdings überfielen mich dann doch Zweifel, ob ich, als Westdeutscher, den richtigen Ton treffen kann. In der fast zweijährigen Vorbereitungsphase gab es immer wieder Situationen, in denen sich für mich zeigte, dass Begriffe eine »etwas andere« Bedeutung haben können – und ich wollte auf gar keinen Fall versehentlich jemandem auf die Füße treten. Eindrucksvoll wurde meine Vorsicht bestätigt, als ich in meinem Workshop auch das Element »Gemeinschaft« in einer prototypischen Aufstellung einsetzen wollte. Das führte zu einer längeren Diskussion darüber, wie hier »Gemeinschaft« gemeint sei – und ich lernte, dass im ostdeutschen Sprachgebrauch dieses Wort nicht so eindeutig ist, wie ich als Westdeutscher es verstehe.

Denn es gab – so habe ich das verstanden – eine »innere Gemeinschaft«, oft die Familie, in der man auch offen reden konnte, und eine als »Zwangsgemeinschaft« verstandene, von außen aufgesetzte »Gemeinschaft«. So erhöhte sich meine Unsicherheit, je näher der Termin rückte.

Zufällig stieß ich drei Wochen vor dem Termin auf eine Webseite, die sich unter anderem mit politischer Manipulation durch die Medien beschäftigte – Neudeutsch »fake-news« – mit einem Hinweis auf das Buch von Albrecht Müller: Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst. Wie man Manipulationen durchschaut (Müller 2019). Und die dort enthaltenen Informationen haben mich zutiefst erschüttert.

Was wusste ich denn wirklich von der Wiedervereinigung? Es gab eine große Volksbewegung in der DDR, es gab »runde Tische«, es gab den zentralen Satz »Wir sind das Volk!«, aber in meiner Wahrnehmung war das zwar eine große Gruppe von Menschen, aber eben nur eine Gruppe und nicht das ganze Volk. So wurde uns das zumindest in den Medien präsentiert.

Es gab dann die Maueröffnung mit diesen beeindruckenden Bildern, es gab längere Verhandlungen, und es sah so aus, als würde die breite Masse der Bevölkerung der DDR für einen raschen Anschluss plädieren. Es hieß auf einmal »Wir sind EIN Volk!« und »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!«. Von westlicher Seite wurde dann statt einer Wiedervereinigung nach den Regeln des Grundgesetzes ein Anschluss nach Artikel 23 und 146 ins Gespräch gebracht mit der Begründung, dass es nur ein kleines Zeitfenster gebe und man die Gunst der Stunde nutzen müsse. Der Rest ist Geschichte.

Und was musste ich diesem Buch von Albrecht Müller entnehmen, das sich mit Medienmanipulationen beschäftigt? Für die CDU unter Helmut Kohl war die Idee, es könnte sich da ein zweiter deutscher Staat mit einer freiheitlichen, demokratischen Ordnung entwickeln, nicht akzeptabel. Es waren die Bild-Zeitung und die CDU-Geschäftsstelle, die zwei Tage nach dem Mauerfall daher den Satz »Wir sind DAS Volk« in »Wir sind EIN Volk« umdichtete. Es wurden 400 000 Aufkleber mit diesem Satz gedruckt und in das Gebiet der DDR gebracht, CDU-Mitglieder reihten sich in die noch stattfindenden Demonstrationen ein und trugen Schilder mit dem Satz »Wir sind ein Volk« – was wiederum von der Bild-Zeitung veröffentlicht wurde.

Der Satz »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!« stammt von Kohls Vizekanzleramtschef Horst Teltschik und wurde ebenfalls in den Osten gebracht, weil man dort den Eindruck erzeugen wollte, dass es die Bürger der DDR waren, die einen schnellen Anschluss wollten. Dem Publizisten Otto Köhler fiel zusätzlich auf, dass die Plakate mit diesen Texten nicht an den in der DDR üblichen Holzlatten befestigt waren, sondern an Bambusstangen, wie sie später auch in Kohls Wahlkämpfen in Dresden verwendet wurden.

Da bekam ich einen ersten Eindruck, wie wir alle betrogen wurden: Die Menschen im Osten wurden manipuliert und wir im Westen mit diesen Lügen sozusagen ruhiggestellt. Das ganze Ausmaß wurde mir aber erst vor Augen geführt in einem Workshop von Mechthild Reinhard, die mit ihrer Familie angereist kam.

Die Familie hatte während dieser Umbruchszeit in Dessau gelebt und war sehr stark beim »runden Tisch« engagiert gewesen. Sie brachte Material, Fotos, Dokumente, Flugblätter aus jener Zeit mit – und der Bruder von Mechthild Reinhard berichtete, dass in Dessau, einer Stadt mit 103 000 Einwohnern und Einwohnerinnen, 70 000 Menschen auf die Straße gegangen waren, um für eine neue, andere DDR zu demonstrieren – nicht für eine Wiedervereinigung! Also das war das Volk und nicht eine elitäre Minderheit, die eine eigene, bessere DDR wollte. Ihm kamen die Tränen dafür, dass der Westen diese einmalige Gelegenheit, in einer Bewegung von unten einen neuen, demokratischen Staat aufzubauen, mutwillig zerstört habe.

Ich wusste nicht, was mich mehr betroffen macht: Die Tatsache, wie den Menschen im Osten mitgespielt wurde; wie wir im Westen manipuliert wurden; oder die verpassten Chancen, die sich hier eröffnet haben. Und irgendwie fühlte ich mich als Westdeutscher mitschuldig.

Das Thema hat mich weiter beschäftigt. Ich habe noch ein wenig recherchiert darüber, wie vielen Menschen ihr Beruf weggenommen wurde, indem Berufsabschlüsse nicht nur nicht anerkannt, sondern schlicht gestrichen wurden – und die damit vor dem Nichts standen.

Die Veranstaltung hat mich tief bewegt, in den »Kamingesprächen« am Freitagabend wurden Einzelschicksale lebendig, und da gab es viel Neues, Trauriges, aber auch Mutmachendes zu hören, zu dem ich sonst keinen Zugang gehabt hätte. Eigentlich kommt vieles 30 Jahre zu spät – aber vielleicht brauchte es 30 Jahre, damit alles endlich auf den Tisch kommt. Und erst nach dieser Veranstaltung ist mir der Schwindel aufgefallen, dass immer die »Jahrestage der Wiedervereinigung« gefeiert werden, obwohl es ein Anschluss, eine Einverleibung war. Vielleicht sollte man da beginnen …

Literatur

Müller, A. (2019): Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst. Wie man Manipulation durchschaut. Frankfurt a. M. (Westend).

Meine Gedanken und inneren Bewegungen – Ein persönlicher Bericht

Annegret Chucholowski

Meine Eltern hatten einen großen Traum gehabt, an dem sie uns – meine Geschwister und mich – von früher Kindheit an hatten teilhaben lassen.

Obwohl meine Herkunftsfamilie keine Verwandten in der DDR gehabt hatte, waren die Teilung Deutschlands und die Hoffnung auf Wiedervereinigung für meine politisch engagierten Eltern Gesprächsthema Nummer eins gewesen.

Rituale wie

•die brennende Kerze im Fenster

•das Packen von »Ostpaketen« mit Kaffee und Damenseidenstrümpfen

•Besuch Geflohener mit ihren Geschichten

•Urlaub in Braunlage mit Blick auf den hohen Zaun und den Todesstreifen

hatten ihres dazu beigetragen.

Der Mauerfall war für mich ein überwältigendes Ereignis. Tränen der Glückseligkeit und ein »Endlich!« ließen unsere Söhne – Jahrgang 1981, 1982, 1985 und 1986 – über ihre Mutter staunen.

Selbstverständlich ging ich davon aus, dass sich jede und jeder Deutsche über den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung freuen würde. Umso betroffener machte mich die Entdeckung, dass es sowohl auf ost- als auch auf westdeutscher Seite Menschen gab, die anders darüber dachten und denken. Diese Tatsache löste in den letzten 30 Jahren (also seit 1989) immer wieder tiefe Betroffenheit, große Trauer und einen unvorstellbaren Schmerz in mir aus. Das verwirrte mich, und ich fand bis zur Tagung in Naumburg keine Erklärung dafür. Die Begegnungen, die Gespräche, das Zuhören, das Miteinanderteilen und das gemeinsame Tun auf der Tagung dienten meiner Spurensuche und trugen wesentlich zur Wandlung des Gefühls bei. Ich empfinde nun große Freude, tiefe Dankbarkeit und inneren Frieden.

Als Ansgar Röhrbein, der mit Anna Hoff das Gesprächsforum moderierte, mich fragte, was ich auf der Fahrt nach Naumburg bezüglich der Tagung mit ins Gepäck genommen hätte, kamen mir sofort »die Spiegel« in den Sinn.

Bereits im Vorfeld hatte ich in meinen Gedanken zur Tagung u. a. folgende Spiegel formuliert:

•Wo lasse ich Trennungen (eventuell aufgrund von Traumatisierungen) zu und bin nicht daran interessiert, die Vereinigung herbeizuführen?

•Wo halte ich noch an einem Freund-/Feindbild fest?

•Wo ist es praktisch, an Altem festzuhalten?

•Wo habe ich eine Haltung von: »Ich weiß es besser!«, »Ich will euch retten!«?

•Wo erlaube ich meinen Kindern nicht, sich ihrer eigenen Bestimmung gemäß zu entwickeln, aus welchen Gründen auch immer?

•Wo habe ich Angst vor Veränderung, Angst vor der Freiheit, Angst, Verantwortung zu übernehmen?

In der Marienkirche gestattete ich mir, den Spiegel zu nehmen und mir einzugestehen, dass ich bereits seit der Anreise Donnerstagmittag nicht mehr bei mir war. Mein Körper war anwesend, doch nicht der Rest von mir. Ich brauchte bis Sonntagvormittag, um dem Spiegel einen Namen zu geben: Ich war im Schock.

Zu dieser Erkenntnis kam ich im interaktiven Workshop mit Aufstellungsarbeit bei Ruth Sander, die sich vorgenommen hatte, das Tagungsthema im Raum zu bewegen. Sie lud uns zu einer kurzen Meditation ein. Wir sollten das auf der Tagung bereits Erlebte und Erfahrene Revue passieren und eine Aussage oder Frage in uns entstehen lassen, die zum Gegenstand der Bewegung im Raum werden könnte.

Drei Fragen waren das Ergebnis:

•Sind wir (noch) im Schock?

•Wie kann es in Bezug auf das Erleben von Enteignung/Ausbeutung/Entwurzelung/Identitätsverlust … gut weitergehen?

•Was braucht es an Bewusstwerdung, damit wir als Gesellschaft in Vielfalt in einen Heilungsprozess eintreten können?

Gemeinsam definierten wir sieben Elemente, die im Aufstellungsfeld ihren Platz bekommen sollten.

Ruth Sander beabsichtigt mit ihrem Aufstellungsformat ein Sichtbarmachen und ein Bewusstwerden. Sie erwartet kein Heil- bzw. Lösungsbild. In der Repräsentanz des Elementes »Schock« konnte ich viele Erkenntnisse gewinnen, durfte den inneren Bewegungen folgen und einen Prozess der Heilung erleben. Wieder im Außenkreis sitzend, nahm ich über mir Goldstaub wahr. Ich beobachtete, wie er über meinen Scheitel von mir aufgenommen wurde. War das meine zurückgekehrte Seele, die zaghaft erneut meine Körperhülle in Besitz nahm? Ich begann, mich zunehmend präsent und vollständig zu fühlen. Was für ein Geschenk.

Kann es sein, dass ich bereits seit Donnerstagmittag als Spiegel in der repräsentierenden Wahrnehmung unterwegs war, um auf ein wesentliches Element – nämlich den Schock – aufmerksam zu machen? War ich in den Dienst genommen? Durfte ich durch die Bewegung im Feld etwas weiterführen und aus dem Schock herausführen?

Enteignung, Ausbeutung, Entwurzelung und Identitätsverlust waren zum Zeitpunkt der Tagung nicht in meinem Bewusstsein. Jetzt, da ich diesen Artikel schreibe, erkenne ich, dass auch darin der Schock gebunden war bzw. gebunden gewesen sein könnte.

Kurz nach dieser Erfahrung fragte ich mich: Wann wurde der Schock, den ich stellvertretend wahrnahm, ausgelöst? War es der Schock des Mauerfalls oder der Schock der Wiedervereinigung? … Nein – der Schock war älter, viel älter.

Ein paar Minuten später nahm ich den Schock wahr

•über die »Teilung Deutschlands«

•über den »Verlust des Krieges«

•über den »Rausschmiss aus dem Paradies«.

Heute gehe ich davon aus, dass es ein uralter Schock ist, der in unser aller Zellgedächtnis gespeichert ist. Dieser Schock wiederholt sich in unterschiedlichen Prägungen und wird immer wieder anders erlebt.

Jeder und jede von uns hat Kontrollmechanismen, Kompensationsmöglichkeiten, Glaubenssätze, Überzeugungen und Verhaltensweisen entwickelt, um sich im Leben zurechtzufinden, um den täglichen Anforderungen gerecht zu werden und um zu überleben. Unsere Eltern und Vorfahren trugen Ihres dazu bei, in der festen Überzeugung, dass sie es genau wüssten – wüssten, wie Überleben gelingt. Wir haben ihr Verhalten ungefragt gelernt, haben es integriert, wenden es reflexhaft an und geben es an unsere Nachkommen unreflektiert weiter.

Aber: Wie gelingt Leben? Gelingt Leben, wenn ich zunehmend mutig meinen Träumen und Visionen Raum gebe, ohne mich zu begrenzen?

Solange ich im Überlebensmodus bin, kann ich nicht wirklich frei sein. Ich bin nicht frei, mein Leben kreativ, meinen Visionen und Träumen folgend, in Achtung und mit Hingabe zu gestalten. Solange ich im Überlebensmodus bin, hat mein Ego das Sagen.

Welche Überzeugungen sollte ich hinter mir lassen? Welche Schocks gilt es zu überwinden? Von welchen Loyalitäten sollte ich mich verabschieden?

Der Mauerfall sollte den »Ostdeutschen« die erhoffte Freiheit geben, die Freiheit, einen eigenen sozialistischen Staat ihren Visionen gemäß aufzubauen. Die »Westdeutschen« verbanden damit die große Chance der (zum Teil) heiß ersehnten Wiedervereinigung. Ich sehe in diesem Spiegel zwei unserer inneren Bewegungen: die Sehnsucht nach Nähe, Dazugehörigkeit und Verschmelzung und gleichzeitig den Drang nach Autonomie, nach Individualität und Einzigartigkeit.

Kann Wiedervereinigung gelingen, indem ich den zwei gegensätzlichen inneren Bewegungen Raum gebe? Könnte es funktionieren, wenn ich einerseits ganz bei mir bin und andererseits im Einklang mit dem Großen und Ganzen mein Leben gestalte?

In meiner 27-jährigen Praxiserfahrung als Heilpraktikerin für Psychotherapie kristallisierte sich immer mehr der Wunsch heraus, die Bindungen zu finden, die uns an einem eigenständigen Voranschreiten und Gestalten hindern. Bindungen, von denen wir überzeugt sind, sie zum Überleben zu brauchen. Nach meiner Beobachtung sind hier vor allem die Bindungen, die wir während der Geburt eingegangen sind, prägend fürs Leben.

Wie ist das zu verstehen? Hier ein paar Beispiele:

•Eine Klientin beschrieb ihre Frustration darüber, regelmäßig kurz vor Vollenden einer Sache »stecken zu bleiben«. Es stellte sich heraus, dass sie eine Weile im Geburtskanal stecken geblieben war, bis sie dann endlich das Licht der Welt erblicken konnte. Die noch bestehende Bindung an diese Situation könnte zum Glaubenssatz geführt haben: »Steckenbleiben ist für das Überleben wichtig.«

•Ein kleiner Junge fällt durch seine große Wut auf, und wir entdecken, dass die Mutter während seiner Geburt wütend auf die Hebamme und den Geburtshelfer war. Das Programm »Wut führt ins Leben, erhält mich am Leben« war installiert.

•Häufig erlebe ich bei Kaiserschnittkindern das Programm: »Ich schaffe es nicht allein!«

Das Faszinierende ist, dass oft allein mit Aufdecken und Aussprechen solcher Zusammenhänge eine Veränderung erfolgen kann.

Zugleich habe ich die Vorannahme, dass wir an bestimmte biochemische Prozesse gebunden sind, die während der Zeit im Mutterleib und während der Geburt abliefen. Die unbewusste Überzeugung, diese Biochemie zum Überleben zu benötigen, könnte uns immer wieder in ähnliche, sich wiederholende Situationen bringen.

In meiner Praxis begleite ich meine Klienten und Klientinnen dahin gehend, diese Überzeugung hinter sich zu lassen und sich auf einen neuen biochemischen Cocktail einzulassen, der sie in ihren Visionen unterstützen und nähren wird.

Ich habe den Verdacht, dass unsere Biochemie durch Ängste und durch Stress gespeist wird. In beiden Fällen tritt eine evolutionär bedingte Kampf-, Flucht- oder Totstellreaktion ein. Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Der Blutzuckerspiegel steigt. Wir fühlen uns vorübergehend vermeintlich in der Komfortzone. Um diesen Zustand aufrechtzuerhalten, brauchen wir zwangsläufig immer wieder Trigger, die die geschilderte Reaktion auslösen.

In einem Hypnose-Webinar bei Gabriel Palacios – einem Schweizer Hypnotherapeuten – lernte ich eine Trance kennen mit der Idee, den Schalter stillzulegen und auszubauen, der mich z. B. begrenzt am Erreichen von Zielen und/oder an Glaubenssätzen festhalten lässt. Mit Begeisterung wandte ich die Hypnose an. Wird es mir gelingen, einen Schalter zu finden und auszubauen, der meine biochemische Programmierung aus der Zeit im Mutterleib aufrechterhielt? In mehreren Trancezuständen ging ich zu angstauslösenden und stressbesetzten Themen auf Entdeckungsreise.

Übung: Schalter der biochemischen Programmierung ausbauen

Gern lasse ich Interessierte an dieser Stelle an einer Trance teilhaben, die ich für mich persönlich entwickelte und die sich in meiner Praxis bewährt.2

Nimm einen tiefen Atemzug, und schließe beim Ausatmen die Augen. Beobachte eine Weile deine Atmung – du atmest ein … und wieder aus … ein … und wieder aus. Während du atmest und deinen Atem beobachtest, gehst du in eine immer tiefere Entspannung, in eine Trance. Dein Gehirn kommt in einen Frequenzbereich, der dir hilft, den Schalter zu finden, der verantwortlich ist für deine biochemische Prägung. Scanne deinen Kopf.3 Entdeckst du den Schalter, nach dem du suchst?

Es kann ein Kippschalter älteren Modells sein mit einer kleinen Nase oder auch ein Kippschalter neueren Modells mit einer großen Kippfläche.

Es kann ein uralter schwarzer Drehschalter sein.

Es könnte sein, dass dein Schalter über das Ziehen einer Kordel aktiviert wird.

Vielleicht siehst du einen Schalter in Form eines Hebels, der von links nach rechts bewegt wird. Möglicherweise ähnelt dein Schalter auch einem Hahn, der auf- oder zugedreht werden kann.

Sobald du ihn entdeckt hast, bitte ich dich, diesen Schalter auszuschalten.4

Als Nächstes lade ich dich ein, diesen Schalter auszubauen.

Nun visualisiere, wie neben dir ein unbemannter Heißluftballon landet. Gib alles, was du ausgebaut hast, in den Korb hinein. Vielleicht brauchst du sogar einen zweiten oder dritten Heißluftballon, um alles zu entsorgen.

Beobachte, wie der Heißluftballon aufsteigt, immer weiter aufsteigt … bis du ihn nicht mehr siehst. Gehe davon aus, dass es kosmische Energien und Kräfte geben wird, die sich der Transformation des Inhaltes annehmen werden.

Nun blicke nochmals dorthin, wo du den Schalter ausgebaut hast. Braucht es hier noch etwas dafür, eventuell die entstandene Lücke zu schließen? Dann nimm dich der Lücke an. Folge deinen Eingebungen und Ideen …

Allmählich wird es Zeit, wieder ins Hier, Heute und Jetzt zurückzukommen. Nimm einen tiefen Atemzug, öffne deine Augen, recke und strecke dich.

Einerseits begleite ich meine Klienten und Klientinnen darin, sich von wenig förderlichen Bindungen zu trennen, andererseits halte ich mit ihnen Ausschau nach ihrem noch nicht registrierten Potenzial.

Es gibt nach meinem Dafürhalten einen weiteren Schritt im Prozess der Wiedervereinigung, den ich zum Abschluss meiner momentanen Gedanken noch ansatzweise zu Papier bringen mag.

Die Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands könnte man mit einer Metapher so ansehen, als seien die beiden Teile den »Bund der Ehe« eingegangen.

Wenn zwei Menschen eine Bindung eingehen und zum Beispiel heiraten, sind sie zunächst an ihr Herkunftssystem mit den jeweiligen Werten, Rollen und Prägungen gebunden. Das Paar ist vor die Herausforderung gestellt, sich neu zu definieren. Wenn es beiden gelingt, das Herkunftssystem im anderen zu achten und beide sich liebevoll dafür öffnen, das zu entdecken, was sich weiterzuführen und an gemeinsamem Neuen zu entwickeln sich lohnt, dann wird Partnerschaft gelingen.

Vielleicht wird die Wiedervereinigung von einigen nicht als Liebes-, sondern eher als Zwangsheirat empfunden.

Könnte in diesem Fall der erste Schritt darin bestehen, zu registrieren, was wir aneinander haben, worin der Gewinn unserer Beziehung liegt?

Ich persönlich erfreue mich an einer wunderbaren Schwiegertochter und zwei entzückenden Enkeltöchtern, die es so nicht gäbe, wäre die Mauer nicht gefallen. Und so vertraue ich darauf, dass es gut weitergehen wird.

2In dem Webinar bei Gabriel Palacios erlebte ich viele kleine Trancezustände, aus denen sich in meiner Praxis diese Trance entwickelte.

3Hals, Körper, … Herzgegend …

4Vielleicht steckst du an irgendeiner Stelle fest und kommst nicht weiter. Dann visualisiere eine Farbe. Atme die Farbe zum Ort deiner Aufmerksamkeit, beobachte, wie sich die Farbe von dort aus immer mehr in deinem Körper verteilt. Bald hat jede Zelle deines Körpers diese Farbe aufgenommen. Vielleicht magst du dir sogar noch ein Kraftfeld in dieser Farbe um dich herum vorstellen.

Populismus und Mauerfall – Anmerkungen zur Auflösung einer unheilsamen Verbindung

Albrecht Mahr

Als Erstes möchte ich zwei zentrale Tatsachen hervorheben, die unsere ganze Aufmerksamkeit brauchen.

Populismus stellt eine ernste Gefahr dar, gegenwärtig vor allem in zwei seiner Ausprägungen: als rechtsextreme Splittergruppen und als Antisemitismus.

Rechtsextreme Splittergruppen nehmen überall zu. Sie bestehen lokal jeweils aus wenigen Personen, die über das Internet mit vielen anderen Gruppen verbunden sind, die einander aufstacheln und z. B. Prämien für erfolgreiche Morde ausstellen. Gegenwärtig ist die AWD (»Atomwaffen-Division«) mit ihren typischen Totenkopf-Masken als die radikalste und gefährlichste zu nennen, eine aus den USA stammenden Gruppe, die Töten und Vernichten mit allen Mitteln zum Ziel hat. In den USA gehen wahrscheinlich fünf Morde auf ihr Konto.5

Der Antisemitismus wächst in Deutschland. Nach einer repräsentativen Studie des Jüdischen Weltkongresses in Deutschland (Zeit 24.10.2019) sind 27 % der Deutschen antisemitisch eingestellt, Tendenz steigend. Antisemitische Parolen auf Hauswänden, Pöbeleien oder körperliche Attacken gegen Juden auf offener Straße nehmen zu. Uns allen wünsche ich die Entschlossenheit und den Mut, dagegen aufzustehen!

Einleitung

Bei der Formulierung meines Themas, »Populismus und Mauerfall«, vor ein paar Monaten meinte ich, dass ich biografisch zu solchen Anmerkungen vielleicht etwas qualifiziert sei, weil meine Mutter in Chemnitz aufgewachsen ist und ich damit ein »halber Sachse« bin und weil ich seit vielen Jahren hier in Naumburg bei Beate Jaquet in Aufstellungsseminaren arbeite … Aber ich war bei der Vorbereitung dann alsbald perplex und betroffen davon, wie wenig ich von Mauerfall und Nachwendezeit de facto wusste!

Ich bin in Göttingen aufgewachsen, 30 km von der »Zonengrenze«, wo wir, meine Eltern und ich, glaube ich, nur einmal hinfuhren – wie an einen etwas exotischen und eigentlich unwichtigen Ort. 1989 lebten wir, meine Frau und unsere kleinen Kinder in Würzburg, wir hatten aus Überzeugung keinen Fernseher, und die Belange der DDR hatten für uns so gut wie keine Bedeutung. Ein Anruf meiner in Westberlin lebenden Schwester klärte mich dann auf, wir hörten von den bewegenden Momenten nach der Maueröffnung, jedoch auch in der Folgezeit entwickelte sich kein besonderes Interesse am wiedervereinigten Deutschland, das für uns halt ein Stück größer geworden war durch Übernahme der DDR in die BRD. Bei unserer Haushaltshilfe, die 1989 noch über Ungarn aus der DDR kam, waren wir ungläubig-überrascht, dass ihr erster Besuch in einem Westsupermarkt sie in eine Art von Schockstarre versetzt hatte, sodass sie nach wenigen Minuten völlig überwältigt aus dem Markt fliehen musste.

Meine Aufstellungsarbeit bei Beate Jaquet hier in Naumburg (später auch in Suhl, Dresden und Leipzig) habe ich immer sehr gerne gemacht, es wurden natürlich viele Fakten des Lebens in der DDR angesprochen und gut bearbeitet – aber merkwürdigerweise hat sie eine auch bei mir wirksame kollektive Ebene des Nicht-ganz-Beteiligtseins für lange Zeit unberührt gelassen.

Es gab für uns eine Art von eisernem Bewusstseinsvorhang, auf dessen östlicher Seite so etwas wie »Dunkeldeutschland« ein graues Dasein fristete. Grau schienen sogar die Ostlandschaften bei Zug oder Autoreisen nach Westberlin. Und »die da drüben« hatten mit der sowjetischen Besatzung, ihrem neuen totalitären Regime, der gegenseitigen Bespitzelung etc. eben Pech gegenüber dem ungleich besseren Los von Westdeutschland. Das war halt so und löste auch Schuldgefühle aus, die aber bei den allermeisten im Westen keine Handlungsimpulse weckten, was sich auch nach der Wende nicht wesentlich änderte.

In diesem westdeutschen Desinteresse sieht Irene Misselwitz in ihrem Tagungsbeitrag einen Grund für die besonderen Erfolge der AfD im Osten, die sich dort als »Kümmererpartei« anbiete und die Ostbelange scheinbar wirklich ernst nehme.

Die von vielen Westdeutschen geteilte Indifferenz hat sich bei mir in den letzten Monaten sehr verändert, was auch durch die Ausrichtung auf diese Tagung »30 Jahre Mauerfall« angestoßen wurde. Ich bin dabei, zu anderen Empfindungen zurückzukommen oder erstmals dorthin zu gelangen: eine einfache Verbindung vom Herzen aus, Anteilnahme und Zuneigung.

Zum Thema: Populismus und Mauerfall

Ich möchte vier Bereiche ansprechen:

1)Was ist Populismus?

2)Der Mauerfall und seine Folgen als ein »Brandbeschleuniger« für Populismus.

3)Die noch immer kontroverse Bedeutung der Treuhandanstalt für die Nachwendezeit.

4)Und schließlich die zentrale Rolle einer »frohen Botschaft« (so lautet ein Buchtitel), die auf der Tatsache beruht, dass sich die Welt über die vergangenen Jahrzehnte in fast allen Lebensbereichen nachweislich überaus positiv entwickelt hat.6

Populismus

Populismus ist definiert durch eine vierfache Idee von Gesellschaft, nämlich:

1)die Unterscheidung zwischen der Fiktion von einem »wahren Volk« (»populus«) einserseits – und »den korrupten Eliten sowie den anderen« andererseits. Also: auf der einen Seite wir/ das einfache Volk/die anständigen Bürger – auf der anderen Seite die Politiker/die Eliten/die anderen, die Ausländer, die Migranten

2)die Idee von gesellschaftlicher Homogenität, von weitgehender Übereinstimmung innerhalb dieses »Volkes« und damit die Annahme eines allgemeinen, identischen Volkswillens innerhalb dieses Wir

3)die Behauptung, dass wir am Abgrund stehen und in beängstigenden Gefahren leben, wie Migration, Islamisierung oder der »Umvolkung« des Westens

4)die Idee: Wir, das Volk, sind das Opfer dieser Entwicklungen, die von den Eliten sowohl hervorgerufen als auch geleugnet werden und die nicht benannt werden dürfen.

Daraus ergeben sich die vier konstituierenden, typischen Elemente des Populismus:7

1)Antiestablishment

2)die exklusive Souveränität hinsichtlich des Wir, unseres Volkes: Nur unsere Stimme ist wahr, nur unsere Überzeugungen sind gültig.

3)Und damit: Antipluralismus, d. h. gegen die grundsätzliche Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit unterschiedlicher Interessen und Weltanschauungen.

4)Betonung des Opferstatus, der Gegenwehr dringend nötig und legitim macht.

Wenn wir diese knappen Kriterien etwas ausführen, lässt sich Folgendes sagen:

Populisten – und wir alle haben solche Neigungen in uns – möchten das sichere Gefühl haben, zu einer großen, gleichgesinnten Gruppe zu gehören, zu Uns, zum Volk, dessen Mitglieder das Gleiche für wahr und richtig halten und die alles, was unwahr, falsch und schädlich ist, bei »denen da oben«, den Eliten oder den anderen, den Fremden, festmachen.

Wir Populisten sind in vieler Hinsicht die Opfer dieser vom wirklichen Volk abgehobenen Eliten, die schuld daran sind, dass Migranten und Asyltouristen auf unsere Kosten bevorzugt werden und dass unsere Bedürfnisse und Wünsche, unsere nationale Würde, unser Volkswille verkannt und in unüberschaubaren und unverständlichen europäischen und globalen Töpfen untergerührt werden.

Wir Populisten wollen endlich wieder auf unsere deutsche Geschichte stolz sein können und diesen krankhaften deutschen Schuldkult ad acta legen – in diesem Sinn ist mit dem Zurechtstutzen der Nazi-Zeit auf einen »Vogelschiss der Geschichte« (Gauland 2018)8 ein guter Anfang gemacht.

Wir Populisten wollen einfache, klare Worte und Erklärungen von unseren »Führern« – oder, besser noch: von unserem »Führer« –, die aus unserer Mitte heraus für uns eintreten, die wissen, wo’s langgeht und nicht lange fackeln. Wir wollen kein intellektuelles Geschwurbel, sondern wir wollen hören, was Sache ist und was jeder sofort versteht.

Wir Populisten wollen also eine Führungsfigur, am besten einen Mann, der eine solche Dynamik in seinem Auftreten hat, dass wir wissen: Der hat den Durchblick und die Unbeirrbarkeit eines zu höheren Aufgaben Berufenen, der eigene, womöglich abweichende Denkanstrengungen unnötig macht.

Wir Populisten wollen freiweg und impulsiv sprechen, so wie wir fühlen, und dabei gewalttätige, obszöne oder hasserfüllte Ausdrücke gebrauchen können, die von den elitären Medien, von der Lügenpresse unerwünscht sind.9

Die Kontraktion auf populistische Neigungen wird immer hervorgerufen und befördert durch die Unsicherheit äußerer Lebensbedingungen, besonders wenn sie begleitet sind von kollektiven Gefühlen der Überforderung, Enttäuschung, Kränkung oder Demütigung, wie gegenwärtig bei den Folgen des Mauerfalls oder der Globalisierung.

Letztere, die Globalisierung also, ist ein mächtiger Auslöser für Populismus: Internationale Handelsbeziehungen, enorme weltweite Informationsfülle über Medien aller Art, Konsumgüter aus allen Ländern der Welt, rasch zunehmende internationale Kontakte durch stark vereinfachtes, verbilligtes Reisen und die erlebte Auflösung von Landesgrenzen etc. – diese Öffnungs- und Entgrenzungserfahrungen lösen immer auch ihr Gegenteil aus: Kontraktion auf Nahes, Vertrautes, Eigenes bis hin zu Ablehnung oder Bekämpfung des und der Anderen und Fremden.

Was den Mauerfall und die Nachwendezeit als Auslöser bzw. Brandverstärker von populistischen Haltungen betrifft, so sind sie an Dramatik nicht zu überbieten: massenhafter und oft dauerhafter Verlust von Arbeitsplätzen unter radikaler Privatisierung und Deindustrialisierung im Osten, Anpassung nahezu aller Lebensbereiche im Osten an westliche Verhältnisse – also eine Anpassung mit der ausschließlichen Richtung von Ost nach West.

Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung 1.11.2019) fasst kurz zusammen: »Die DDR-Wirtschaft wurde liquidiert und von der Treuhand exekutiert.« Im Grundgesetz wäre ein Zusammenführen beider deutscher Staaten unter einer neuen Verfassung vorgesehen gewesen, u. a. mit den Grundgesetzartikeln 23 und 146.10 Damit hätte man die Erfahrungen der DDR-Deutschen in ein überarbeitetes Grundgesetz einbringen können. Freilich wurde diese Möglichkeit einer gemeinsamen neuen Verfassung auch von ostdeutschen Kritikern abgelehnt und auch sie wurde erst einmal als Übernahme durch die Bundesrepublik erlebt. Mit Bezug auf den Grundgesetz-Artikel 23 gab es z. B. den Ostslogan »Kein Anschluss unter dieser Nummer«.

Und so geschah die Wiedervereinigung mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Dynamik – und in summa änderte sich für die Ostdeutschen fast alles, für die Westdeutschen fast nichts.

Vielen Ostdeutschen ging es so, wie Egon Bahr die Abwicklung der Nationalen Volksarmee NVA beschrieb (Süddeutsche Zeitung 1.11.2019). Es wurde »übernommen, verschrottet, eingeschmolzen, abgewickelt, aufgelöst, übergeben. Insofern passierte der NVA nichts anderes als dem Land und seinen Menschen insgesamt.«

Am letzten Tag der DDR, so Bahr, verweigerte die westdeutsche Seite der ostdeutschen den symbolischen Akt der Würde, die alte Fahne einzuholen und die neue zu hissen. Die bundesdeutsche Politik beantwortete den Mut der Demonstranten, aufzubegehren, und den Mut der DDR-Machthaber und der Volkspolizei, nicht auf sie zu schießen – mit Demütigung.

Das ist nützlich für Populisten. Sie wenden sich an frustrierte, gekränkte und gedemütigte Menschen, präsentieren sich selbst als ebenso geschädigt, wollen sich das ihnen genommene Land zurückholen, identifizieren vermeintlich schuldige Minderheiten, »Ausländer« und »die da oben, die Eliten« als die Verursacher und verkaufen den Ausdruck von Hass, übler Pöbelei und primitiven Entwertungen als die wiedererkämpfte Redefreiheit.

Und mit 23,4 % bei den Landtagswahlen in Thüringen (Oktober 2019) für die AfD und ihren rechtsextremen Flügelmann Björn Höcke (auch er bekanntlich ein Westimport) trifft all das auf eine beklemmende Resonanz.

»Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«, Bild Nr. 43 der Sammlung »Los Caprichos« (= Launen), 1797 – dieses Schwarz-Weiß-Bild von Francisco de Goya kommt mir dann in den Sinn. Sie erinnern sich vielleicht: ein eingeschlafener Mann, um den herum unheimliche vogel- und fledermausartige Wesen in den Nachthimmel aufsteigen.

Wir sind mit dieser Tagung »30 Jahre Mauerfall« also aufgerufen, aufzuwachen und die gefährliche Verbindung von Mauerfall und Populismus sowie die dadurch eingetrübte Vernunft zu klären.

Zu diesem Zweck nun noch zwei Anmerkungen.

Die erste betrifft die Bedeutung der Treuhandanstalt. Und die zweite beschreibt die enorme Bedeutung der Tatsache, dass fast alle Entwicklungslinien der Welt in den letzten Jahrzehnten steil nach oben, ins Positive, weisen.

Die Treuhand

Die Treuhandanstalt war eine noch in der Spätphase der DDR unter dem damaligen Ministerratsvorsitzenden Hans Modrow gegründete Institution des öffentlichen Rechts mit der Aufgabe, die bisherige DDR-Planwirtschaft in die soziale Marktwirtschaft der BRD zu überführen. Sie war von Anfang 1990 bis Ende 1995 tätig, im letzten Jahr unter dem umständlichen Namen »Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben«.

Ein Gutteil der Treuhandtätigkeit ist in der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt, und erst seit Ende der 1990er-Jahre beginnt eine langsame und längst fällige Aufarbeitung der Treuhandarbeit. Parallel zu dieser weitgehenden Unbekanntheit der Treuhandaktivitäten besteht nicht nur im Osten eine überwiegend negative Einschätzung der Treuhand, was sich z. B. in Buchtiteln wie den folgenden äußert:

•Dirk Laabs (2012): Der deutsche Goldrausch: Die wahre Geschichte der Treuhand

•Dietmar Grosser (2013): Treuhand in Thüringen: Wie Thüringen nach der Wende ausverkauft wurde

•Otto Köhler et al. (2011): Die große Enteignung: Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte

•Klaus Behling (2016): Die Treuhand: Wie eine Behörde ein ganzes Land abschaffte

•Klaus Huhn (2009): Raubzug Ost: Wie die Treuhand die DDR plünderte

In der Tat ist die Geschichte der Treuhand auch mit Vorfällen von Korruption, Veruntreuung und betrügerischer Bereicherung verbunden (oder auch mit groben Fehleinschätzungen der Entwicklungsmöglichkeiten einzelner Betriebe und mit entsprechenden Fehlentscheidungen). So entstand von der Treuhand das Bild eines negativen Gründungsmythos der Wiedervereinigung mit entsprechenden negativen Überzeugungen wie »Die wollen dich doch sowieso alle über den Tisch ziehen«, was natürlich auch auf erlebten Erfahrungen beruhte, wie dem betrügerischen Verkauf wertloser Versicherungen oder eigentlich schrottreifer Autos. Was wiederum Wasser auf die Mühlen der AfD mit ihrer eigenen Opfermythologie bedeutet.

Aber es bestand in der Treuhand doch ein sehr großes und ernsthaftes Bemühen bei Vorsitzenden wie Detlev Rohwedder oder Birgit Breuel, das der Treuhand überantwortete DDR-Staatsvermögen tatsächlich »zu treuen Händen« zu verwalten.

Es gibt gegenwärtig noch viel zu wenig genaueres Wissen zum Thema, und die Aktenlage besteht aus mehr als zusammen 45 km an Länge ausmachenden Schriftstücken oder an die 100 000 Akten, die zu sichten sind!11

Die sächsische Integrations- und Gleichstellungsministerin Petra Köpping hat in ihrem lesenswerten, 2018 erschienenen Buch Integriert doch erst mal uns – Eine Streitschrift für den Osten eine bedenkenswerte Idee formuliert. Sie schlägt die Bildung einer gesamtdeutschen »Kommission zur Aufarbeitung des Unrechts der frühen Nachwendezeit« (Köpping 2018, S. 155 ff.), also eine Art Wahrheitsund Versöhnungskommission, vor, in der auch die Treuhandakten und viele weitere Zeugnisse zu Mauerfall und der Folgezeit aufgearbeitet werden mit dem Ziel, die Geschichte der Nachwendezeit in eine gemeinsame Version zu fassen.12

Petra Köpping schließt die Einrichtung eines staatlich finanzierten Gerechtigkeitsfonds ein, durch den wendebedingte Ungerechtigkeiten wie drohende Altersarmut durch den Verlust der zu DDR-Zeiten erworbenen Rentenansprüche anerkannt und wenigstens etwas ausgeglichen werden.

Nach all den skizzierten Herausforderungen und Problemen – zum Schluss: Was können wir tun? Und vor allem: Was möchten wir tun?

Meine Antwort: die enorm positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in fast allen Lebensbereichen und allen Regionen der Welt anerkennen.

Walter Wüllenweber, Politikwissenschaftler und Journalist beim Stern, hat diese positiven Entwicklungen in seinem 2018 erschienenen Buch unter dem Titel zusammengefasst: Die frohe Botschaft – mit dem Untertitel: Es steht nicht gut um die Menschheit – aber besser als jemals zuvor (Wüllenweber 2018).

Dort heißt es:

»Die vergangenen Jahrzehnte waren die beste Phase in der Geschichte des Homo sapiens. Noch nie waren die Menschen (global gesehen) so gesund, so gebildet, so reich, so frei und so sicher vor Gewalt wie heute. Fast alle Entwicklungskurven zeigen steil nach oben. Doch in den Köpfen hat sich das gegenteilige Bild festgesetzt: Gewalt und Elend nehmen zu, alles verschlechtert sich, die Welt steht am Abgrund.

Diese apokalyptische Botschaft ist die Mutter aller Fake News und die Basis für den Siegeszug der Populisten. Um Herausforderungen wie den Klimawandel oder die Migration zu bewältigen, müssen die Gesellschaften die Lehren nicht nur aus ihren Fehlern ziehen, sondern vor allem auch aus ihren Erfolgen. Darum ist es kein Wohlfühl-Programm, die nachgewiesenen Verbesserungen in allen Bereichen des Lebens zu erkennen und zu würdigen. Die frohe Botschaft ist die politischste Botschaft unserer Zeit.«

Und weiter:

»Die weit verbreitete Weltsicht, alles verschlechtert sich, ist offenbar auch bei politisch interessierten, lesenden Altbaubewohnern die dominante Haltung. Gerade in diesem Milieu – und wir hier können uns dem durchaus zurechnen – gehört der ›Immerschlimmerismus‹ zum kulturellen Selbstverständnis … Seit den 70er-Jahren gilt in dem Teil der Gesellschaft, der sich für aufgeklärt hält, jeder Warner prinzipiell als klug und weitsichtig. Wer […] auf Verbesserungen hinweist, ist naiv oder uninformiert. Dieses Buch jedoch vertritt den Standpunkt: Das prägende Merkmal unserer Zeit ist nicht der Niedergang, sondern die weltweite Aufwärtsentwicklung in einem historisch einmaligen Ausmaß. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse könnten in dieser Frage eindeutiger nicht sein.«

Dieses Buch lege ich Ihnen ans Herz – weil es faktenbasiert und äußerst sorgfältig recherchiert ist. Und weil es in der extrem komplexen Nachwendezeit vor allem dem gefährlich aufkommenden Populismus die mächtigste Gegenposition entgegenhält, die es nun einmal gibt: Tatsachen. Und zwar äußerst erfreuliche Tatsachen.

Dazu nur ein paar Kapitelüberschriften – Sie können bei sich nebenbei beobachten, wie immer wieder ein »Ja, aber …« auftauchen mag:

•Der mehr als 70-jährige Frieden nach dem 2. Weltkrieg

•Noch nie so umweltbewusst: Das Wasser wird sauberer, das Ozonloch schließt sich, die Luft wird sauber, das Essen wird gesünder etc.

•Abnahme von Gewaltkriminalität – und zwar besonders dort, wo viele Zuwanderer leben!

•Der Analphabetismus stirbt aus

•Das erfolgreichste Mittel gegen Armut ist: die Globalisierung

Und sehr vieles mehr.

Wüllenweber unterstreicht ausdrücklich, dass ein äußerst negativer Sachverhalt bisher noch unangetastet bleibt: die ständige Umverteilung von Vermögen und Erträgen nach oben – sodass immer weniger Personen immer mehr besitzen. Allein das reichste 1 % der Weltbevölkerung besitzt mehr als die restlichen 99 %, Tendenz steigend zugunsten der Reichen – oft genug mit üblen Methoden wie Land Grabbing (= sich über unübersichtliche Investorenketten riesige Landflächen aneignen) oder Water Grabbing (notorisches Beispiel: Nestlé).

Diese inakzeptablen Ungerechtigkeiten sollten gewiss einer der Faktoren sein, die uns davon abhalten, uns einfach nur auf die genannten positiven Entwicklungen zu beschränken.

Es gibt aber noch weitere Gründe, die unsere Anerkennung der positiven Wirklichkeiten einschränken.

Ich will hier nur einen dieser Gründe nennen: den Pessimismusreflex. Er besteht darin, dass wir inmitten der besten aller bisherigen Welten leben und gleichzeitig negativen bis apokalyptischen Vorstellungen von der Weltlage anhängen, verbunden mit solchen »Weisheiten« wie: Pessimisten sind Hellseher, die schwarzsehen – oder: Ein Pessimist ist ein Optimist, der nachgedacht hat.

Ein Grund für dieses Phänomen ist eine aus unserem weit zurückliegenden Stammesleben in kleinen Gruppen (von maximal etwa 150 Mitgliedern) herrührende Angst- und Alarmbereitschaft gegenüber allgegenwärtigen lebensbedrohlichen Gefahren. Diese uralten neurophysiologischen Bahnungen gehören zu unserer Natur und benötigen heute unseren Verstand und unser Bewusstsein, um als unzeitgemäß erkannt und entmachtet zu werden. Sonst, siehe Francisco Goya, schläft unsere Vernunft in alten Reflexmustern, und wir gebären immer aufs Neue die Monster ständiger Angstbereitschaft, kurz den Populismus.

Wir wissen ja auch, dass die eigentlich sensationellen Nachrichten guter Entwicklungen uns nicht weiter anmachen – »Heute keine Unfälle auf der B 19« verkauft sich nicht, sondern »blood sells«, wie es Journalisten formulieren, also Katastrophen und dramatische Missstände aller Art – dies aus unserem stammesgeschichtlichen Erbe des Lebens in kleinen Überlebensgemeinschaften, wo wir ständig in Angstbereitschaft und auf dem Sprung sein mussten.

Diese Zeiten sind vorbei, und wir sind eingeladen, nicht in einer Art Retro-Illusion zu leben, wozu Populisten auffordern, als habe es Evolution nie gegeben.

Und, noch einmal, das mächtigste Mittel dafür sind die Fakten und die Freude daran, sie zu kennen und zu verbreiten.

Eben habe ich frisch aus der Druckerei Norbert Pötzls Buch Der Treuhand-Komplex (Pötzl 2019) bekommen, das zurzeit wohl beste Buch über Treuhand und Wende.

Am Schluss erwähnt Pötzl den Verein »Ost-West-Forum Gut Gödelitz«, dessen Beschreibung ich an Sie weitergebe als eines der wesentlichen Anliegen auch dieser Tagung:

»Im Gutshaus Gödelitz (Nähe Dresden) erzählen sich regelmäßig seit 1994 jeweils eine Handvoll Ost- und Westdeutsche ein Wochenende lang gegenseitig ihre Lebensgeschichten. Wolfgang Thierse (aus Ostdeutschland stammender Ex-Bundestagspräsident u. v. m.) und der niedersächsische, aus Mecklenburg stammende Politologe Peter von Oertzen haben die Anregung zu dieser Dialogform gegeben. Die Gesprächsteilnehmer, insgesamt waren es bereits mehr als 3000, hören einander zu, lassen ausreden, niemand wird beurteilt oder kritisiert. Damit sollen vor allem die tief gehenden Vorurteilsstrukturen aufgebrochen werden, die die Beziehungen zwischen Ost und Westdeutschen belasten.«

Diese Tagung war gewiss ein eigenes, wertvolles Ost-West-Forum Naumburg – vielen Dank und alles Gute!

Nachwort
Populismus und Corona-Pandemie

Zum Zeitpunkt dieses Nachwortes (26. April 2020) hat sich die Corona-Pandemie über nahezu alle Länder der Welt ausgebreitet.

Die wenigen noch nicht flächendeckend betroffenen schwarzafrikanischen Länder wird es wegen der extrem schlechten Struktur ihrer Gesundheitssysteme mit besonderer Härte treffen.

Diese Phase – vor der kausalen Therapie durch einen Impfstoff und vor dem Einsatz wirksamer Medikamente – ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es über die genaue(n) Ursache(n), den weiteren epidemiologischen und in der Folge den möglichen wirtschaftlichen Verlauf (etwa eine Sturmflut von Insolvenzen) noch keine verlässlichen Aussagen und Prognosen geben kann.

Und damit ist gegenwärtig auch nur ein langsames, sehr vorsichtiges Voranschreiten hinsichtlich Schutz- und Freiheitsmaßnahmen möglich.

In diesem kurzen Nachwort möchte ich ein paar Beobachtungen zusammentragen, wie populistische Parteien mit dieser Lage umgehen. Vor allem ist »diese Lage« eines: global – in jeder Hinsicht. Kein einziger Mensch hat vor dem Hintergrund eigener Interessen oder Entscheidungen dieses Virus geschaffen noch willentlich zu seiner grenzenlosen Verbreitung beigetragen. Die Pandemie setzt sich über alles hinweg, so als würde sich aufgrund von kosmischen Ereignissen der Sauerstoffgehalt der Atemluft auf einmal ändern.

Auf einen solchen Sachverhalt hält populistisches Ideengut und Handeln offensichtlich keine adäquate Antwort bereit. Die typisch populistische Polarisierung in »Wir, das eigentliche Volk versus die Eliten, die Anderen, Fremden, Ausländer, Migranten etc.« ergibt keinen Sinn in einer Pandemie – es sind halt alle gleichermaßen betroffen.

Populistische Hochburgen wie Matteo Salvinis Lega Nord mit ihrem Schwerpunkt in Norditalien z. B. in Bergamo; die USA unter Trumps Desorganisation inklusive wahnwitziger »Einfälle« (Desinfektionsmittel zur inneren Anwendung); in Brasilien Jair Bolsonaros Verharmlosung der Pandemie als »Grippchen«; auch Boris Johnsons lang anhaltende Leugnung der Gefahr für Großbritannien – in diesen Einflussgebieten sind besonders schlimme Verläufe der Pandemie zu verzeichnen.

Die AfD hat sich in Sachen Pandemie zerstritten (s. etwa Spiegel 17/17.4.2020) und hat in den vergangenen Monaten deutlich an Zustimmung eingebüßt. In dieser Pandemie kann keine kleinsinnige Fraktion sich mit ihrem lokalen Dialekt als Opfer bzw. potenzieller Retter anbieten – die Fakten sprechen eine ganz andere, eine globale Sprache.

Wir können während dieser Pandemie an vielen Orten beobachten, wie Hilfsbereitschaft, Wohlwollen, freundliche Zuwendung und Anteilnahme Ausdruck finden, so als zeigte sich unser ursprünglich freundliches Wesen unter diesen widrigen Umständen besonders »gerne« oder selbstverständlich – nicht weil das moralisch wünschenswert wäre, sondern weil es allen guttut und weil es sich so einfach besser lebt.

Und wir sind ebenso Zeugen von ganz anderen, üblen und destruktiven Vorfällen, die Fassungslosigkeit hinterlassen.

Ich neige zu der Sicht von Stefano Mancuso, Dozent für Neurobiologe und Botanik an der Universität von Florenz, der das Überleben der Spezies Mensch von der Einsicht abhängig sieht, dass Kooperation viel erfolgreicher ist als Konkurrenz und dass alle Formen von »Wir zuerst« selbstschädigend und am Ende zum Scheitern verurteilt sind. Siehe auch sein einschlägiges Buch Die Intelligenz der Pflanzen (2015).

Das ist es, was ich angesichts einer tatsächlich globalen Bedrohung zu erkennen meine: eine globale menschliche Antwort, die in jedwedem populistischen Rahmen zu eng gefasst ist, ihn sprengt und überschreitet.

Literatur

(Es sind hier auch einige inhaltlich relevante Bücher aufgeführt, die im Text nicht erwähnt sind.)

»Das Einheits-Gold wird braun«. Süddeutsche Zeitung, 1.11.2019.

»Der Aufbruch«. Spiegel, 17/17.4.2020.

Detering, H. (2019): Was heißt hier »wir«? – Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten. Ditzingen (Reclam).

Hochhuth, R. (1993): Wessis in Weimar: Szenen aus einem besetzten Land. Berlin (Volk & Welt).13

»Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch«. Zeit, 24.10.2019.

Köpping, P. (2018): Integriert doch erst mal uns – Eine Streitschrift für den Osten. Berlin (Ch. Links).

Kowalczuk, L.-S. (2019): Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. München (Beck).

Ludwig, J. (2018): Populismus. Hamburg (Carlsen).

Mancuso, S. (2015): Die Intelligenz der Pflanzen. München (Antje Kunstmann).

Müller, J.-W. (2016): Was ist Populismus? Ein Essay. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).

Müller, J.-W. (2019): Furcht und Freiheit: Für einen anderen Liberalismus. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).

Pinker, S. (2011): Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit. Frankfurt a. M. (S. Fischer).

Pinker, S. (2018): Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung. Frankfurt a. M. (S. Fischer).

Pohl, R. (2019): Feindbild Frau. Hannover (Offizin).

Pötzl, N. F. (2019): Der Treuhand-Komplex. Legenden. Fakten. Emotionen. Hamburg (kursbuch.edition).

Rosling, H. (2018): Factfulness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Berlin (Ullstein).

Simon, F. B. (2019): Anleitung zum Populismus. Oder: Ergreifen Sie die Macht! Heidelberg (Carl-Auer).

Wüllenweber, W. (2018): Frohe Botschaft – Es steht nicht gut um die Menschheit – aber besser als jemals zuvor. München (DVA).

5Atomwaffen-Division. Verfügbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffen_Division [9.8.2021].

6Siehe z. B. im Literaturverzeichnis unter Walter Wüllenweber und Steven Pinker.

7Ein weiteres Merkmal des Populismus ist eine weitverbreitete Frauenfeindlichkeit. Die vermeintliche Schwächung weißer Männer durch eine Überschwemmung mit nichtdeutschen Migranten, deren besondere Fruchtbarkeit und die Verdrängung der »ursprünglichen, gesunden Kleinfamilie« nötigen deutsche Männer, sich jetzt als besonders stark und männlich zu erweisen und die Frauen zur intensivierten Wiedervermehrung des deutschen Volkes in ihre traditionelle Rolle als Mutter zurückzuverweisen. S. auch in der Literaturliste Rolf Pohl (2019). In diesem Text hier wird dieses Thema nicht zusätzlich behandelt.

8Wörtliches Zitat: »Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer übertausendjährigen Geschichte«. Am 2.6.2018 auf dem Bundeskongress der Jungen Alternative für Deutschland. Verfügbar unter https://afdbundestag.de/vollstaendige-rede-dr-alexander-gaulands-vom-02-juni-2018/ [4.10.2021].

9»Lügenpresse« ist ein Begriff aus der 1848er-Revolution, der aus antisemitischen Ressentiments gegenüber den für Freiheit und Gleichheit Kämpfenden gebraucht wurde. »Lügenpresse« wurde in diesem antisemitischen Sinn später oft von den Nationalsozialisten verwendet, was die AfD bisher nicht daran hindert, den Begriff weiter einzusetzen (siehe auch den Eintrag »Lügenpresse« in Graf von Bernstorff 2020).

10Grundgesetz-Artikel 23 ist der sog. Beitrittsartikel für die Aufnahme anderer deutscher Länder in die BRD. Artikel 146: »Dieses Grundgesetz, das nach der Vollendung der Einheit und Freiheit für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.«

11Nach den gesetzlichen Vorgaben können Akten im Bereich des öffentlichen Rechtes erst 30 Jahre nach Auflösung der betreffenden Institution eingesehen werden.

12»Wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung mit den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ursachen und Folgen der Transformation [seit dem Mauerfall, Anm. d. Verf.]. In dieser Aufarbeitung müssen alle Erfahrungsräume Platz finden. […] Historische Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert, Prägungen durch den Nationalsozialismus und den SED-Kommunismus, die fehlende Aufarbeitung von Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus und der Transformationsprozess seit 1990 gehören in der Analyse zusammen […] als eine gesamtdeutsche Geschichte […]. Bundesdeutsche und DDR-Geschichte, deutsche und europäische, europäische und globale Geschichte gehören zusammen […]. Das könnte gelingen« (Kowalczuk 2019, S. 214).

13Dieser wichtige und überaus kontrovers aufgenommene Text zur Treuhand wurde mir erst kurz vor Drucklegung dieses Textes hier bekannt.

Meine Biografie. Mein Leben. Mein Beitrag.

Anna Hoff und Ansgar Röhrbein

Politische Bildung und Biografiearbeit – eine geniale, weil aktivierende Verbindung

Das Leben ist politisch. Wir Menschen werden in politische Systeme hineingeboren, die unmittelbar Einfluss auf unser Dasein haben. Unsere medizinische Versorgung vom ersten Lebenstag an, unser Zugang zum Bildungssystem, die uns zur Verfügung stehenden Produkte im Supermarkt bis hin zur Frage, ob wir unsere gleichgeschlechtliche Partnerin heiraten dürfen oder nicht – das alles wird politisch verhandelt.

Was ist, wenn sich das politische System verändert? 1945 (von heute, 2020, aus gesehen vor 75 Jahren) endete die Diktatur des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland. Mit dem Ende des heißen Krieges begann der Kalte Krieg und damit eine Zweiteilung der deutschen Gesellschaft. Die Menschen im Osten der heutigen Bundesrepublik erlebten weitere 40 Jahre Diktatur, diesmal unter kommunistischen Vorzeichen. Seit, von heute aus gesehen, 30 Jahren ist das politische Fundament der gesamten Bundesrepublik nun demokratisch verankert. Wer demnach heute im Osten Deutschlands lebt, rund 80 oder 90 Jahre alt ist und sein Leben überwiegend am gleichen Ort verbracht hat, hat drei politische Systeme erlebt. Das prägt – nicht zuletzt durch unterschiedliche Bildungsansätze (vgl. Hepp 2013). Aber mindestens so wirkmächtig wie Gesellschaftsgeschichte ist die eigene Familiengeschichte.

Denn selbst wenn sich die politische Ordnung, in der Menschen miteinander leben, von heute auf morgen verändert, verändern sich nicht (automatisch) die Menschen (mit). Sie sind geprägt von den Geschichten ihrer Familien, von Glaubenssätzen und persönlichen Wertvorstellungen (vgl. Bode 2019).

Wie bewusst sind uns all diese Zusammenhänge?

Die Demokratie beschert dem einzelnen Menschen im Vergleich zu allen anderen politischen Systemen, die wir kennen, die größtmögliche Freiheit. In keinem anderen Gesellschaftssystem ist das Individuum in der Lage, eigenmächtiger und selbstwirksamer zu agieren. Und doch gibt es Menschen, die sich in unserem demokratischen System ohnmächtig fühlen, weil sie keine Gestaltungsräume sehen. Einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge war 2019 nicht mal die Hälfte der befragten Bürgerinnen und Bürger in Deutschland mit der Demokratie zufrieden (Decker, Best, Fischer u. Küppers 2019). Sie stellen das System infrage, in dem sie demokratietheoretisch der oberste Souverän sind. Viele von ihnen nutzen keins der ihnen zur Verfügung stehenden demokratischen Instrumente: Wahlen, Petitionen, Demonstrationen, Sprechstunden der Abgeordneten im Wahlkreis. Viele Menschen erleben keinerlei gesellschaftspolitische Selbstwirksamkeit.

Alleine das politische System dafür verantwortlich zu machen und die Menschen, die dieses System aktiv gestalten, wäre verkürzt. Denn auf der anderen Seite stehen Bürgerinnen und Bürger, die ihre Gestaltungsspielräume sehr wohl sehen und wahrnehmen: 2018 sind über 13 000 Petitionen beim zuständigen Ausschuss des Deutschen Bundestages eingegangen (vgl. Deutscher Bundestag, Drucksache 19/9900). Alleine in Berlin wurden 2019 mehr als 5350 Demonstrationen angemeldet (vgl. Tagesspiegel 26.12.2019). Die aktuellsten Erhebungen des Statistischen Bundesamts zur allgemeinen Bürgerbeteiligung zeigen, dass 2016 eine beziehungsweise einer von sechs Bürgerinnen und Bürgern eine Politikerin oder einen Politiker kontaktiert hat (vgl. Weßels 2018).

Was also unterscheidet die Ohnmächtigen von den Selbstwirksamen?

Man hört auf diese Frage zahlreiche Antworten. Denn das Zusammenwirken von Politik und Individuum ist hochkomplex. Wer verunsichert ist, erlebt sich möglicherweise eher als überfordert, sucht nach Orientierung und bleibt tendenziell eher passiv. Andererseits ist es wahrscheinlich, dass das Wissen über die eigenen Handlungsspielräume die Selbstwirksamkeit erhöht. Menschen brauchen Informationen über Politik und Gesellschaft, um mitzuwirken und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Sie brauchen aber auch ein Bewusstsein dafür, dass sie als Teil des Systems elementar sind. Sie benötigen die Selbstgewissheit, dass sie relevant sind und durch aktives Handeln Dinge verändern können.

Wissen über Politik und Demokratie vermitteln in Deutschland die schulische und außerschulische politische Bildung. Ihre zentrale Aufgabe ist es, aus passiven Individuen partizipierende Bürgerinnen und Bürger zu machen.

»Ziel Politischer Bildung ist kritisches Bewusstsein, selbstständiges Urteil und politisches Engagement. Voraussetzung für demokratisches Engagement ist, dass dem Bürger die Zusammenhänge zwischen individuellem Schicksal und gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen bewusst werden« (Drechsler, Neumann u. Hilligen 2003, »Statt eines Vorwortes«).

Die politische Bildung hat sich in den letzten Jahren stets weiterentwickelt. Sie nutzt alle ihr zur Verfügung stehenden Kanäle (Bücher, soziale Medien, Workshops, Unterrichtseinheiten etc.), um die Menschen zu erreichen. Sie ist in immer mehr Bereichen eine Querschnittsaufgabe (in der Sozialen Arbeit, in Unternehmen, in der Bundeswehr etc.) und dadurch zunehmend aufsuchend tätig. Politische Bildung versucht stets, die Betroffenheit des Einzelnen (»Was hat Politik mit mir ganz persönlich zu tun?«) zu wecken, aber ihre Methoden und Inhalte sind zielgruppenorientiert und weniger selbstreflexiv ausgerichtet. Ungestellt bleiben meist Fragen wie: »Wer bist du, welche Geschichte(n) hast du im Gepäck, und was kannst du ganz konkret in die Gesellschaft einbringen?« Dadurch bleibt Politik für viele häufig abstrakt und wird nicht Teil des persönlichen Bewusstseins.

Unserer Meinung nach ist es daher dringend nötig, Methoden der Selbsterfahrung in die politische Bildung zu integrieren. Die Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen (Familien-)Geschichte kann ein Schlüssel zur Gesellschaft sein und ins Handeln bringen. Denn: Wie soll ein Mensch ein gesellschaftliches System mittragen und mitgestalten, wenn er sich kaum zutraut, sein eigenes, ganz persönliches System zu gestalten? Wie soll ein Mensch gesamtgesellschaftliche Werte verteidigen, wenn er sich seiner eigenen wenig bewusst ist? Wie soll ein Mensch die Biografie eines anderen wertschätzen, wenn er mit seiner eigenen hadert?

Damit Menschen eher ins Handeln kommen, sollten sie sich ihrer Wünsche und Bedürfnisse bewusst sein. Wenn sie ihre Ressourcen und Stärken kennen, fällt es ihnen leichter, sich Verbündete und Gleichgesinnte zu suchen. Wenn sie wissen, auf welchem tragenden Fundament ihr Leben ruht und mit welchen Fähigkeiten sie ausgestattet sind, dann wächst das Zutrauen, etwas bewegen zu können. Mittel und Wege, sich dessen bewusst zu werden und eigenes Handeln zu initiieren, kennt die systemische ressourcenorientierte Biografiearbeit (vgl. Röhrbein 2019). Biografiearbeit ist eine sehr gute Möglichkeit, die Dinge zu sortieren und die eigene Position zu festigen. Sie kann dabei helfen, die eigenen Ressourcen zu erkennen und zu klären, wie sie genutzt werden können, um das künftige Leben gut zu gestalten. Hilfreiche Fragen können dabei lauten: »Was macht mich aus?«, »Welches sind meine Stärken?«, »Was will ich erreichen?« und »Wen habe ich (dabei) an meiner Seite?«

Um allerdings ins gesellschaftliche Handeln zu kommen, müssen Menschen womöglich noch einen Schritt weiter gehen: Sie sollten ihre Werte kennen, im besten Fall verstehen, wodurch diese Werte geprägt sind. Sie sollten eine Idee davon haben, in welcher Gesellschaft sie eigentlich leben möchten und die Instrumente überblicken, die sie nutzen können, um Gesellschaft mitzugestalten. Hier zeigt sich, dass die politische Bildung (Wissenserweiterung) und die systemische Biografiearbeit (sich seiner selbst bewusst zu sein) eine geniale, weil aktivierende Verbindung eingehen können.

Politische Bildung und systemische Biografiearbeit haben im Grundsatz vieles gemeinsam: Sie wollen den Menschen dabei unterstützen, sein eigenes Leben und Umfeld im eigenen Sinne zu gestalten.

Sie lenken den Blick auf Wechselwirkungen und Gesamtzusammenhänge. Sie arbeiten ressourcenorientiert und im besten Sinne des Wortes allparteilich (auf dem Boden des Grundgesetzes). Die Biografiearbeit kann darüber hinaus als Teil der politischen Bildung eine Leerstelle füllen: nämlich das Bewusstsein dafür schärfen, sich selbst als politisches Wesen innerhalb der Gesellschaft wahrzunehmen. Im Zusammenspiel der Disziplinen werden Menschen dazu eingeladen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und aktiv ins Geschehen einzugreifen, weil sie sich der eigenen Wurzeln, Werte und Stärken bewusster werden.

Das Workshopkonzept

Im Rahmen der Tagung »30 Jahre Mauerfall – Die Freiheit, die ich meine. Auf Spurensuche – zwischen Identität und Wandel«, einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen zum Jahrestag des Mauerfalls, hatten wir die Möglichkeit, einen ersten Testballon zu starten und 90 Minuten lang die sinnhafte Verknüpfung von Biografiearbeit und politischer Bildung vorzustellen.

Die drei konkreten Ziele des Workshops waren:

1)ganz grundsätzlich: der Omnipräsenz von Politik im Persönlichen Raum zu geben

2)die Teilnehmenden darin zu unterstützen, sich als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen

3)gemeinsam mit den Teilnehmenden Ideen zu entwickeln, wie sie ins gesellschaftliche Handeln kommen können.

Bereits der Einstieg über die Methode der Landkarte (die Teilnehmenden verorten sich anhand einzelner Fragen, z. B.: »Wo bist du aufgewachsen?«, »Wo wohnst du heute?«, »Mit welchem Ort verbindest du einen persönlichen politischen Moment?«) zeigte, wie eng verknüpft die eigene Biografie mit politischen Ereignissen ist. Schnell wurden verbindende Erinnerungen und Gemeinschaftserfahrungen wach: »Da war ich auch dabei!« oder »Ja, das war echt unglaublich«. Kleine Anekdoten und berührende Erlebnisberichte führten zu einer großen »Dichte« und spannenden »Zeitreise«.

In einem weiteren Schritt positionierten sich die Teilnehmenden dann auf einer Skala von 0 bis 100, zu wie viel Prozent sie sich als »politisch« erleben, und begründeten ihren Standpunkt. Nach einem interessanten Austausch im Plenum wechselten wir in kleinere Einheiten.

Im Zweierinterview tauschten sich die Teilnehmenden schließlich darüber aus, wodurch ihre persönliche innere Landkarte geprägt worden ist und wie sie sich als Teil der Gesellschaft wahrnehmen und erleben. Zur Inspiration dienten dabei zunächst die folgenden Satzanfänge, die von den Dialogpartnerinnen und -partnern ergänzt werden sollten:

•»Im Verlaufe meiner bisherigen Biografie/meines bisherigen Lebens habe ich profitiert von …«

•»Meine Zufriedenheit/Mein Wohlgefühl steigt, wenn …«

•»Ich habe im Leben anderer Spuren hinterlassen durch …«

•»Als Teil unserer Gesellschaft kann ich darauf bauen, dass …«

Direkt anschließend setzten die Beteiligten das Gespräch anhand der folgenden Fragen weiter fort und entwickelten erste bzw. weitere konkrete Ideen für eigene Projekte:

•»In welchen Momenten in deinem Alltag fühlst du dich als (ein aktiver) Teil der Gesellschaft?«

•»Für wen spielst du eine wichtige Rolle im Leben? Was würde diese Person sagen, was es ohne dich nicht geben würde?«

•»Wo möchtest du in deinem Umfeld gerne Veränderung anstoßen? Welche zentrale Fähigkeit bringst du dafür mit? Und wen kannst du als Verbündete/-n dafür gewinnen?«

Im Plenum folgte eine längere Diskussion darüber, was genau unter »Politik« zu verstehen ist und wo die Grenze zwischen dem politischen und dem vorpolitischen Raum verläuft. Aus unserer Sicht war es ein weiterer wichtiger Aspekt des Workshops, diese Vielfalt der Einschätzungen stehen zu lassen und keine abschließende Antwort darauf zu finden, denn es existieren diesbezüglich (auch) in der Politikwissenschaft zahlreiche unterschiedliche Auffassungen. Im Rahmen unserer Arbeitseinheit war es uns ein zentrales Anliegen, den Beteiligten eine Auseinandersetzung mit der politischen Sphäre und das Sich-in-Beziehung-Setzen mit Gesellschaft zu ermöglichen. Wo bin ich betroffen? An welcher Stelle kann ich einen Unterschied machen? Was bringe ich dafür mit, und auf wen kann ich dabei vertrauen?

In einem letzten Schritt ging es in unserem Workshop noch einmal in Kleingruppen darum, konkrete Veränderungsszenarien zu entwerfen:

•»Welche Themen treiben dich aktuell um?«

•»Welchen Aspekt in deiner Umgebung kannst und willst du verändern?«

•»Welche Beteiligungsmöglichkeiten siehst du?«

•»Was kannst du gleich heute bzw. morgen, wenn du wieder zu Hause bist, konkret unternehmen?«

Bereichert durch zahlreiche berührende Geschichten, kritische Impulse, spannende Ideen, humorvolle Anekdoten und einer wahrgenommenen Verbundenheit in aller Unterschiedlichkeit, nahmen wir schließlich Abschied von zumeist zufriedenen Teilnehmenden und fühlten uns bestärkt in der Idee: »Davon geht noch mehr, denn es ergibt Sinn!«

Den Ansatz, systemische Biografiearbeit als Methode der politischen Bildung zu nutzen, um Menschen ins gesellschaftspolitische Handeln zu bringen, haben wir nicht erfunden. Er wird schon an vielen Stellen in der Praxis erfolgreich umgesetzt. Allerdings ist er in der Fläche noch wenig bekannt und bislang kaum beschrieben. Da wir dieser Verbindung zutrauen, einen Unterschied bilden und die Demokratie stärken zu können, möchten wir hier einen kleinen Beitrag leisten und dazu ermutigen, systemisches Denken noch stärker für gesamtgesellschaftliche Prozesse nutzbar zu machen (sei es in Form von Workshops, Einzelgesprächen, im schulischen wie außerschulischen Kontext u. v. a. m.).

In keinem anderen Gesellschaftssystem als der Demokratie ist das Individuum in der Lage, eigenmächtiger und selbstwirksamer zu agieren. Wir dürfen die Menschen dazu einladen, ihre Handlungsspielräume noch intensiver zu nutzen.

Aus der Praxis

Cornelia Stieler ist Systemische Coachin und Therapeutin, Kommunikations- und Betriebspsychologin und Biografietrainerin. Sie ist Gründerin der WaldAkademie Machern bei Leipzig, in der sie sich unter der Marke »OSTZIGARTIG« auf die Begleitung von Menschen mit ostdeutschen Biografien spezialisiert hat. Mithilfe des biografischen Arbeitens bringt sie die Teilnehmenden ihrer Workshops aus Ost- und Westdeutschland in den (politischen) Dialog. Eindrücke aus ihrer Arbeit schildert sie hier im Interview:

Welchen Einfluss hat das politische System, in dem Menschen leben und handeln, auf ihre Biografie?

CORNELIA STIELER Aus meiner Erfahrung wird der Einfluss der gesellschaftlichen Prägung auf die Individualbiografie deutlich unterschätzt. Und zwar gesamtgesellschaftlich ebenso wie individuell. Ein gesellschaftliches System vermittelt eine bestimmte Ideologie, schafft idealerweise Raum für Auseinandersetzungen mit verschiedenen gesellschaftlichen Ansätzen, es prägt Menschenbilder, interpretiert Geschichte und nimmt Einfluss auf die Erziehungssysteme. Eine Diktatur agiert anders als eine Demokratie, greift stark in Erziehung ein, beschneidet das Recht auf selbstbestimmtes Denken und manipuliert die Auseinandersetzung ihrer Bürger und Bürgerinnen mit unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen zu ihren ideologischen Gunsten. Das kann nicht ohne Auswirkungen auf Menschen bleiben. Politik hat in einer Diktatur einen anderen Stellenwert, denn sie ist omnipräsenter, aber oft auch unbeliebter. Menschen gehen je nach Persönlichkeit und Kontext ganz unterschiedlich damit um: Manche arrangieren sich – mit der guten Absicht, für sich und die Familie die bequemste und einträglichste aller Möglichkeiten gewählt zu haben. Andere gehen in den Widerstand, nehmen dafür hohe Risiken in Kauf. Und Weitere entwickeln eine hohe Ignoranz gegen alles Politische und gehen in die Vermeidung. Diese jeweils gelebten Verhaltensweisen sind ein individualbiografisches Gepäck, das die Betroffenen oft auch unhinterfragt weiter mit sich tragen, selbst wenn Kontexte sich ändern, das politische System ein anderes wird.

Welche Unterschiede erleben Sie diesbezüglich bei der Arbeit mit Menschen aus Ost- bzw. Westdeutschland?

CORNELIA STIELER Auch in der westdeutschen Gesellschaft gibt es Menschen, denen politische Themen näher sind, und welche, die Politik mit großem Desinteresse begegnen und in Gesprächen durch Unwissenheit glänzen. Die Ursachen dafür sind nur andere, denn in der Bundesrepublik war es – im Gegensatz zur DDR – nicht unter Strafe gestellt, sich politisch differenziert und breit zu informieren. Wenn Ost- und Westdeutsche miteinander im Dialog über politische Themen sind, ist es vor allem spannend, aus welchen jeweiligen gesellschaftlichen Lagern Menschen aus Ost und West aufeinandertreffen. Treffen desinteressierte und mit Halbwissen ausgestattete Westdeutsche auf gut informierte, einst kritischoppositionelle Ostdeutsche, kann die Mischung genauso schwierig sein, als wenn politisch interessierte, gebildete Westdeutsche und politisch angepasst aufgewachsene Ostdeutsche aufeinandertreffen. Als Ostdeutsche erlebe ich oft bei linksorientierten Westdeutschen völlig idealisierte Sozialismusvorstellungen, bei denen es mich manchmal gruselt. Da wünsche ich mir oft mehr Interesse an der Frage: »Wie war es denn im real existierenden Sozialismus – ganz konkret?« Ich erlebe es noch zu oft, dass Westdeutsche ihr angelesenes Wissen dem gelebten Leben in einer Diktatur entgegensetzen wollen und direkten Dialogen mit Ostdeutschen eher aus dem Weg gehen. Mich beschäftigt die Frage, woran es liegt, dass so wenig Interesse da ist. In Gruppen, in denen mit der Haltung des neugierigen Nichtwissens die Geschichte des anderen erforscht wird, erfahren wir oft sehr viel Neues voneinander. Auch ich lerne immer wieder Neues. Davon wünsche ich mir einfach mehr.

Was verstehen Sie unter gesellschaftspolitischer Selbstwirksamkeit?

CORNELIA STIELER Das bedeutet für mich, ganz konkret im Kleinen zu beginnen, jeder in seinem direkten Umfeld. Bei Gesprächen in der Verwandtschaft, unter Kollegen, mit dem Nachbarn. Ich erlebe, dass viele sich damit schwertun. Viele politische Themen »hängen« förmlich in der Luft, aber den Menschen fehlt teilweise die Kraft, das Interesse oder auch die Gesprächsfähigkeit, miteinander verschiedene Sichtweisen differenziert auszutauschen. Ich habe noch immer das Gefühl, dass Ostdeutsche große Schwierigkeiten haben, Meinungsvielfalt in ihrer direkten Umgebung auszuhalten. Mein Eindruck ist, dass die Diktatur in diesem Punkt tatsächlich ganze Arbeit geleistet hat, weil sie über 40 Jahre lang »Gleichmacherei« zum Ziel erklärt hat. In der DDR gab es nur zwei Kategorien: Freund oder Feind! Diese »Schwarz-Weiß-Denke« hat sich bei großen Teilen der Gesellschaft sehr tief festgesetzt, und es ist ein mühsamer Prozess, es durch ein »Denken in Graustufen« zu ersetzen.

Als wie hoch schätzen die Menschen, mit denen Sie arbeiten, ihre gesellschaftspolitische Selbstwirksamkeit ein?

CORNELIA STIELER Ich mache die Erfahrung, dass nur wenige Menschen in Ostdeutschland sich ihrer eigenen politischen Selbstwirksamkeit bewusst sind. Die Mehrheit der Ostdeutschen war an der friedlichen Revolution auch nicht aktiv beteiligt, sondern eher Zuschauer und Zuschauerinnen, das müssen wir anhand der Zahlen ernüchtert feststellen. Manche wurden maximal zum Mitläufer bzw. zur Mitläuferin, als es nicht mehr so viel Mut brauchte, sich in einer Großdemo einzureihen. Dass aber dennoch mutige Ostdeutsche selbst den Systemsturz herbeigeführt und bereits über viele Jahre Vorarbeit dafür geleistet haben, wurde aus meiner Sicht in den letzten 30 Jahre nicht ausreichend gewürdigt. Auch die vielen kleinen systemdestabilisierenden Aktivitäten in der DDR spielen in der bundesdeutschen Geschichtsschreibung kaum eine Rolle. Doch genau sie sind wichtig dafür, den Menschen einen Zugang zu ihrer eigenen Selbstwirksamkeit aufzuzeigen. Man muss kein großer Revolutionär sein, wenn man bereit ist, auch im Alltag Zivilcourage zu zeigen. Wenn viele das tun, verändert das Gesellschaft auch. Das ist eine Erfahrung, die wir in der DDR gemacht haben. Doch die scheint heute fast in Vergessenheit zu geraten, und das halte ich für problematisch – für ganz Deutschland, denn auch heute wird Zivilcourage gebraucht!

Wodurch lässt sie sich Ihrer Meinung nach steigern?

CORNELIA STIELER Ich versuche, meinen Beitrag dazu zu leisten, indem ich in meinen unterschiedlichen Biografieformaten v. a. die unterschiedlichen Gruppen der ostdeutschen Gesellschaft miteinander in den Dialog bringe. Und das sind teilweise sehr berührende, aber auch neue und zum Teil auch verstörende Erfahrungen. Nach 30 Jahren ist die Distanz groß genug dafür, in geschütztem Rahmen Begegnung zu ermöglichen. In meinen Gruppen sitzen oft Kinder von Oppositionellen neben Stasikindern, einstige FDJ-Sekretäre neben Pfarrerstöchtern … Wir lernen inzwischen sehr viel voneinander und beginnen, die DDR aus der Perspektive der jeweils anderen Seite retrospektiv zu begreifen. Daraus erwächst ein gemeinsames Verständnis, was die Diktatur mit und aus uns gemacht hat. Es entstehen Momente, in denen gemeinsam Betroffenheit gezeigt und Verlorenes betrauert werden kann, aber auch gemeinsame Kraft aus der verbindenden Erfahrungswelt entsteht. Wir gehen nie auseinander ohne die Frage, welche Erfahrungen wir in die heutige Gesellschaft zurückspielen können. Und ich bin sehr optimistisch, dass auch diese vielen kleinen punktuellen Bemühungen voranbringen.

Inwiefern kann sich der Blick auf die Gesellschaft verändern durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie?

CORNELIA STIELER Durch das Verständnis der Wechselwirkungen zwischen erlebter Zeitgeschichte und der eigenen Biografie entsteht bei den Menschen, die sich dieser Auseinandersetzung stellen, eine hohe Sensibilität für die Geschehnisse im Heute. Gesellschaftliche Phänomene wie Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, soziale Benachteiligung, Ausgrenzung von Migranten, all das wird in 20 oder 30 Jahren wieder tiefgreifende biografische Folgen für die Betroffenen haben. Wer sich dessen aus seiner eigenen Biografie heraus bewusst ist, kann sich heute anders engagieren und Verantwortung für die Gestaltung von Gesellschaft übernehmen.

Literatur

Bode, S. (2019): Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart (Klett-Cotta).

Decker. F, V. Best, S. Fischer u. A. Küppers (2019): Vertrauen in die Demokratie. Wie zufrieden sind die Menschen in Deutschland mit Regierung, Staat und Politik? Verfügbar unter https://library.fes.de/pdf-files/fes/15621-20190822.pdf [23.6.2021].

Deutscher Bundestag (2019): Bericht des Petitionsausschuss (2. Ausschuss). Verfügbar unter https://dserver.bundestag.de/btd/19/099/1909900.pdf [23.6.2021].

Drechsler, H., F. Neumann u. W. Hilligen (1970): Gesellschaft und Staat. Lexikon der Politik. München (Vahlen), 10. Aufl. 2003.

Hepp, G. (2013): Wie der Staat das Bildungswesen prägt. Verfügbar unter https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/145238/staat-als-akteur [23.6.2021].

Röhrbein, A. (2019): Und das ist noch nicht alles. Systemische Biografiearbeit. Heidelberg (Carl-Auer).

»Rekordzahl an Demonstrationen 2019 in Berlin«. Tagesspiegel, 26.12.2019.

Weßels, B. (2018): Politische Integration und politisches Engagement. In: Statistisches Bundesamt u. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Hrsg.): Datenreport 2018. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Bonn (bpb), S. 350-357.

Auf der Suche nach den gefundenen Kraftquellen

Barbara Innecken

Identitätsstiftende Ressourcen vor und nach dem Mauerfall

Die Einladung, mich mit einem Workshop an der geplanten Tagung zum Thema »30 Jahre Mauerfall« zu beteiligen, freut mich, ich fühle mich spontan angesprochen und habe ziemlich bald eine Gestaltungsidee vor Augen.

Wie kommt es zu dieser spontanen Reaktion, wo finden sich Bezüge einer 1952 geborenen »Westlerin« zu dem Tagungsuntertitel »Die Freiheit, die ich meine … Zwischen Identität und Wandel – auf Spurensuche«?

Meine persönliche Ost-West-Spurensuche

Vor dem Mauerbau, in meiner Kindheit, erinnere ich mich vor allem an die Kinder aus der »Ostzone« in meiner Klasse, ich erlebe sie als irgendwie etwas anders, ohne mir darüber weitere Gedanken zu machen. Eins dieser Kinder wird meine beste Freundin und ist es bis heute.

Meine Vorstellungen von der »Ostzone« sind eher diffus und vor allem wohl durch die Päckchen mit Kaffee, Schokolade und Kleidung, die unsere Mütter regelmäßig in den Osten schicken, geprägt. Da gibt es jemanden, den unsere Mütter mögen, der nie zu Besuch kommt und der diese Päckchen gut brauchen kann.

Später dann, Jahre nach dem Mauerbau, als politisch engagierte Studentin, fahre ich gerne nach Berlin, um in Westberlin in die Szene der Studentenbewegung einzutauchen und gemeinsam mit Kommilitonen und Kommilitoninnen um unsere Einstellung zum Sozialismus in der DDR zu ringen, der uns in seiner Grundidee fasziniert und in seiner konkreten Umsetzung zu denken gibt. Die DDR als Land kenne ich in dieser Zeit nur aus den Tagesfahrten nach Ostberlin, wo mich der damals gerade nach Moskauer Vorbild fertiggestellte riesige und kahle Alexanderplatz eher erschreckt. Sehr beliebt hingegen ist der Einkauf von Büchern, Notenheften und Langspielplatten mit sog. klassischer Musik, die mit ihren deutlich günstigeren Preisen unserem studentischen Budget guttun.

Der Mauerfall, an den ich persönlich nicht mehr geglaubt habe, überrascht und freut mich dann im Geburtsjahr unseres dritten Kindes. Welch ein Aufbruch, der durch das Engagement so vieler mutiger Menschen erst möglich geworden ist! Sie geben nicht auf, sie kämpfen so lange um ihre Rechte, bis das verkrustete System zerbricht und der Weg in die Wiedervereinigung beginnt.

In späteren Jahren lerne ich staunend die Schönheit der neuen Bundesländer, ihrer Städte und Landschaften auf Reisen kennen und lieben.

Vor mehr als zehn Jahren (von 2020 aus gerechnet) habe ich dann das Glück, an das SINN-Institut in Naumburg als Referentin eingeladen zu werden.14

Seitdem lerne ich dort in meinen Weiterbildungen für »Aufstellungsarbeit im Einzelsetting mit dem NIG®15 immer wieder die für mich besonderen, kraftvollen Ressourcen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus den neuen Bundesländern kennen und sehr schätzen.

Gefundene Kraftquellen – in der Planung des Workshops

Es sind wohl meine sehr persönlichen, prägenden gesamtdeutschen Erfahrungen, die in mir den sehr frei nach Marcel Proust gestalteten Workshoptitel »Auf der Suche nach den gefundenen Kraftquellen – Identitätsstiftende Ressourcen vor und nach dem Mauerfall« entstehen lassen.

In meinen Überlegungen im Vorfeld der Tagung wird mir klar, dass die Anfangseuphorie und das rasante Tempo der Wiedervereinigung bisher wenig Platz gelassen haben für achtsame Annäherung und ressourcenorientierte Sichtweisen im Umgang miteinander: Die Wiedervereinigung ist geprägt von der Fokussierung auf politische und wirtschaftliche Umstellungs- und Anpassungsprozesse – Letztere werden vor allem von den Bewohnern der ehemaligen DDR erwartet.

Es gibt nicht genug Raum und Zeit für die Achtung vor dem Gewachsenen und den bewegten Entwicklungen von Biografien, für die Anerkennung von Lebensleistungen und spezifischen Stärken, für den Respekt vor Coping-Strategien und die Würdigung der Werte der jeweils anderen Seite.

Joachim Gauck, der Theologe aus Rostock und Bundespräsident der BRD von 2012 bis 2017, sagt bezüglich des Zusammenwachsens der Menschen in Ost und West im Jahr 2019: »Die Prägungen der Seele und die Wandlungen der Mentalität sind unendlich langsam« (Süddeutsche Zeitung 29.9.2019).

Bezogen auf diesen Weg der »langsamen Wandlung«, entscheide ich mich, in meinem Workshop auf der Tagung in Naumburg zusammen mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen auf eine ressourcen- statt eine defizitorientierte Spurensuche zu gehen und uns unserer spezifischen Stärken anzunehmen.

Da auf der Tagung Teilnehmende aus der gesamten BRD eingeladen sind und auch Gäste aus anderen Ländern erwartet werden, geht es mir darum, einen gemeinsamen Schritt zu gehen, um uns unserer jeweiligen Kraftquellen bewusst zu werden, sie anzuerkennen und sie zu würdigen – in uns selber und im anderen.

Unser ressourcenorientierter Blick wird von der Perspektive unserer persönlichen Biografie gespeist und durch die jeweilige Staats- und Gesellschaftsform geprägt. Es macht ja einen großen Unterschied, wo wir geboren werden, aufwachsen, zur Schule gehen, arbeiten, welche Entscheidungen wir oder unsere Familie bezüglich unseres Wohnortes fällen, wie sich der Mauerbau und der Mauerfall auf unser persönliches Leben auswirken.

In diesem Workshop möchte ich anregen, auf besonders starke, identitätsstiftende Ressourcen zu fokussieren, die vielleicht sogar bis heute einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung unserer persönlichen Identität leisten.

… und Zweifel

Der Fokus ist also klar: Ich möchte – um mit einem Bild des systemischen Therapeuten Steve de Shazer zu sprechen – den Aufmerksamkeitsscheinwerfer weg vom Problem hin zu den Ressourcen richten.

Auf diese Klarheit folgt eine Phase des Zweifels: Wie werden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus dem Osten damit umgehen, wenn ich als Westlerin, die ich nun mal bin, sie einlade, sich ihre vor und nach dem Mauerfall erworbenen Kraftquellen bewusst zu machen? Als Traumatherapeutin, die ich nun mal auch bin, befürchte ich, es könnte bei ihnen das Gefühl entstehen, dass Leid und Verletzungen vor und nach dem Mauerfall nicht ausreichend gesehen und gewürdigt werden.

Auch in Bezug auf die Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus dem Westen habe ich Zweifel: Sind Ressourcenfindungen vor und nach dem Mauerfall überhaupt in diesem Kontext angebracht und von Interesse? Und besteht nicht die Gefahr der Scham und der Beschämung durch einen möglicherweise entstehenden Vergleich westlicher und östlicher Ressourcen?

Der niederländische Therapeut Dan van Kampenhout spricht kollektiven Systemen wie Volksgruppen oder Staaten eine »Stammesseele« zu, die, wie sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder zeigt, sehr vulnerabel ist. Wie die individuelle Seele auch, reagiert diese kollektive Seele auf Verletzungen mit Kampf, Flucht oder Erstarrung – die Geschichte gibt uns dafür zahllose Beispiele.

Ist durch die 40-jährige Trennung von BRD und DDR auch so etwas wie eine jeweils eigene »Stammesseele« entstanden? Und, wenn ja, wie kann ich in dem Workshop damit angemessen umgehen?

Um die Zweifel konstruktiv anzugehen, beginne ich erst mal mit der Suche nach meinen eigenen Ressourcen in Bezug auf die genannten Zeiträume.

Meine persönliche Suche nach den gefundenen Kraftquellen

Meine wichtigste identitätsstiftende Kraftquelle vor dem Mauerfall wird mir überhaupt erst durch die Beschäftigung mit dieser Suche klar: Im Gegensatz zu meinen Eltern, die ihre jungen Jahre im Nationalsozialismus und im Krieg verbracht haben, bin ich in der Freiheit aufgewachsen.

In der Freiheit, meine Meinung zu äußern, beispielsweise als Schülerin auf Demos gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze. In der Freiheit, als Studentin meine Träume zu leben in einer Landkommune oder später dann als verbeamtete Lehrerin die Entscheidung zu fällen, diese Sicherheit aufzugeben und als Selbstständige im psychotherapeutischen Bereich zu arbeiten.

Werde ich mich schämen, über so viel Freiheit, mit der ich aufgewachsen bin, in dem Workshop zu sprechen, oder beschäme ich meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Osten damit?

Durch die Beschäftigung mit der Ressource »Aufwachsen in Freiheit« werden in mir Erinnerungen an Familienaufstellungen wach, an denen ich in den 90er-Jahren teilgenommen habe. In diesen Aufstellungen zeigt sich immer wieder das Bild, dass ich, wie viele Menschen aus meiner Generation, versuche, das »Schicksal der Unfreiheit« meiner Eltern im Nationalsozialismus mitzutragen, um ihnen diese Last zu erleichtern. Gleichzeitig bin ich aber auch all die Jahre in einem Prozess, in dem starke Kraftquellen mich immer wieder ermutigen, mein eigenes Leben zu wagen. Und nun, im Jahr 2019, wird mir die Kraftquelle »Aufwachsen in Freiheit« bewusst – welch ein Geschenk!

Auch über eine identitätsstiftende Kraftquelle aus der Zeit nach dem Mauerfall muss ich erst mal nachdenken, sie ist mir nicht auf Anhieb bewusst.

Ich bin neun Jahre alt, als die Mauer gebaut wird, und ich erinnere mich heute noch an Fotos davon in der Zeitung – aber die Bedeutung des Mauerbaus für die Menschen und für meine Schulfreundin aus der »Ostzone« verstehe ich als Kind nicht. Als Jugendliche erfahre ich dann im Geschichtsunterricht mehr von der deutsch-deutschen Geschichte, wachse aber vom Gefühl her mit dem Glaubenssatz auf, dass es eben zwei deutsche Staaten gibt und dass das ungerecht und traurig, aber nun mal so ist.

Nach dem Mauerfall fällt auch in mir dieser Glaubenssatz.

Und es entsteht Raum für eine bis heute in mir wirkende Ressource: Eine Wirklichkeit, die ich als negativ, aber unabänderlich erlebe, kann sich ändern, sie kann geändert werden! Dass ich mir dieser Ressource bewusst werde, beschert mir ein Glücksgefühl, mich leitet diese Kraftquelle »Handlungsfähigkeit« doch täglich in meinem persönlichen Leben und in meinem Beruf als Therapeutin.

Die Erfahrungen mit meinen beiden identitätsstiftenden Ressourcen relativieren meine Zweifel an dem geplanten Workshop, und ich beschließe, mich auch zusammen mit den Teilnehmenden auf die Suche nach den gefundenen Kraftquellen zu machen.

Die Methode

Um die inneren Bilder der Kraftquellen jedes Einzelnen bewusst, sichtbar und mit möglichst vielen Sinnen erlebbar zu machen, wähle ich methodisch das Neuro-Imaginative Gestalten (NIG®, entwickelt von Eva Madelung, von mir weiterentwickelt). Das NIG ermöglicht kreative Aufstellungen sowohl im systemisch-konstruktivistischen als auch im systemisch-phänomenologischen Bereich und lässt sich im Einzelsetting und in Gruppen einsetzen.

In der NIG-Aufstellung erstellt der Klient oder Teilnehmer16 mit seiner nichtdominanten Hand rasche Skizzen, die auf dem Boden als Bodenanker ausgelegt werden. Der Klient/Teilnehmer betritt die einzelnen Skizzen, um ihre Wahrnehmung im ganzheitlichen Erleben zu vertiefen.

Eine neutrale Metaposition, die außerhalb des Aufstellungsgeschehens etabliert wird, macht einen Perspektivenwechsel und eine kognitive Durchdringung des Erlebten möglich.

In dem NIG-Format »Identitätsstiftende Ressourcen« leite ich die einzelnen Schritte des Prozesses für alle Teilnehmer gleichzeitig an, d. h. jeder einzelne Teilnehmer durchläuft innerhalb der Gesamtgruppe seinen eigenen Prozess.

Im Anschluss an diese NIG-Aufstellung tauschen die Teilnehmer ihre Erfahrungen in der Partnergruppe beziehungsweise im Plenum aus.

Das NIG®-Format

1)Partnerarbeit

– Welche Ressourcen habe ich in der Familie, dem Freundeskreis, am Arbeitsplatz, mit Gleichgesinnten, im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen System gefunden oder im Laufe der Zeit entwickelt?

– Ressource 1: in meinen Lebensjahren vor dem Mauerfall

– Ressource 2: in meinen Lebensjahren nach dem Mauerfall

– …

2)Einzelarbeit: Erstellen von 2 Skizzen mit der nichtdominanten Hand

[3)–7): Einzelarbeit im Gruppensetting, angeleitet von der Referentin]

3)Individuelle Platzsuche im Raum, individuelles Auslegen der Skizzen auf dem Boden, Bestimmung von Abstand und Ausrichtung der Blätter

4)Betreten der eigenen Skizzen, Wahrnehmen der Wirkung

– Wie nehme ich Stand, Haltung, Atmung, Blickrichtung und Gefühle wahr?

– Wie haben diese Ressourcen mich auf meinem Weg weitergeführt, sich positiv auf meine heutige Identität, mein heutiges Leben ausgewirkt?

5)Gegebenenfalls Veränderung oder Neuerstellung einer Skizze, sollte sich eine Skizze als nicht ausreichend starke Kraftquelle erweisen

6)Perspektivenwechsel durch Hinzunahme einer neutralen Metaposition

– Auslegen eines leeren Blattes in ausreichender Entfernung von den Ressourcenskizzen

7)Betreten der Metaposition

– Wie ist der Gesamteindruck beim Blick auf die Ressourcen?

– Wie ist das Verhältnis der Ressourcen zueinander?

– Wirken die Ressourcen als Polaritäten oder als Ergänzungen?

– Wie sind die Auswirkungen dieser Ressourcen auf meine heutige Identität?

– Gibt es eine Empfehlung oder Einsicht der Metaposition?

8)Partnergruppe und Plenum: Teilen der Erfahrungen

Gefundene Kraftquellen – in meinem Erleben des Workshops

Der Raum, der zum großen Ensemble des Naumburger Doms gehört, ist gefüllt mit sehr vielen Menschen – wie erwartet in all ihrer Vielfalt: Die junge, die mittlere und die ältere Generation, sie kommen aus dem Osten oder Westen Deutschlands, als Pendler zwischen den Welten, als Bewohner des seit 1990 bestehenden einen Deutschland oder auch aus dem deutschsprachigen Ausland. Jede und jeder von ihnen bringt seine ganz eigenen biografischen und transgenerationalen Erfahrungen, Prägungen und auch Erwartungen mit. Werde ich für diese Vielfalt den richtigen Ton treffen, wird mein Wunsch nach Perspektivenwechsel und Begegnung seinen Weg finden?

In einer kurzen Begrüßung gebe ich unseren Unterschieden in Herkunft, Alter und Erfahrungen Raum und lade dazu ein, in diesem Workshop auch unseren Gemeinsamkeiten Raum zu geben, nämlich uns zusammen auf die Suche zu machen nach wichtigen Kraftquellen, die unser Leben vor und nach dem Mauerfall beeinflusst haben und möglicherweise bis heute wirken. Und ich spreche darüber, ob es möglich sein wird, diese gefundenen Kraftquellen dann auch in ihrer Unterschiedlichkeit würdigen zu können.

In Partnergruppen tauchen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zunächst vorsichtig, dann immer vertrauensvoller in den Austausch ihrer jeweiligen »Kraftquellenwelten« ein. Deutlich sicht- und spürbar breitet sich auf den Gesichtern eine leise Freude aus über diese Möglichkeit, die eigene Vergangenheit unter dem Aspekt »Stärkende Erfahrungen« zu betrachten, dabei einen interessierten und wohlwollenden Zuhörer zu haben und dem Gegenüber selber ein solcher Zuhörer zu sein. Die zugewandte Körperhaltung der sich ja meist fremden Teilnehmer und die tastenden bis angeregten Unterhaltungen zeigen mir, dass dieser Austausch es möglich macht, den eigenen und den Erfahrungen des anderen mit Offenheit zu begegnen.

Im nächsten Schritt lässt sich jeder Teilnehmer auf die für die meisten neue und ungewohnte Erfahrung ein: die beiden gefundenen Ressourcen mit der nichtdominanten Hand auf jeweils einem Blatt dazustellen. Ich spreche über die Gleich-Wertigkeit jeder Skizze, die ja Ausdruck einer tiefen Erfahrung ist, es geht hier nicht um einen Wettbewerb von schönen Bildern.

Im Anschluss gelingt es dann trotz knappen Raums, dass jeder Teilnehmer einen Platz auf dem Boden findet, um seine beiden Ressourcenskizzen nach eigenen Vorstellungen auszulegen. Das individuelle Betreten der eigenen Skizzen – für die ganze Gruppe angeleitet von mir – erlaubt dann das Erleben der Qualität der jeweiligen Kraftquelle mit dem ganzen Körper.

Die ruhige Konzentration der Teilnehmer zeigt mir, dass die multisensorische Wahrnehmung der eigenen Kraftquelle als ganzheitliche, erfüllende Erfahrung erlebt wird. Es entsteht im Seminarraum diese spezifische Atmosphäre, die sich einstellt, wenn es uns einmal mehr und immer wieder neu gelingt, mit den manchmal vergessenen oder nicht genutzten Schätzen unseres Lebens in Kontakt zu kommen. Es wird ein staunendes Innehalten spürbar, das auch mich als Leiterin des Prozesses mit einschließt.

Um das körperlich und emotional Erlebte auch kognitiv einordnen und reflektieren zu können, betreten die Teilnehmer die Metaposition, die sie als leeres Blatt in ausreichender Entfernung von den Skizzen auf dem Boden auslegen. Obwohl sich nun durch Platzmangel einige Blätter der Teilnehmer recht nah kommen, gelingt der gewünschte »neutrale Blick« auf die eigenen Skizzen. Als Referentin leite ich den Prozess mit Fragen an die Metaposition. Ich frage nach dem Gesamteindruck der Skizzen, nach dem Verhältnis der Ressourcen zueinander und nach ihrer Wirkung auf die heutige Identität der Person, die die Skizzen erstellt hat. Ich frage auch, ob die Metaposition dieser Person eine Einsicht oder Empfehlung mit auf den Weg geben kann.

Der sich anschließende rege Austausch in der Partnergruppe und das abschließende Teilen in der Gruppe bzw. im Plenum lassen uns teilhaben an den äußerst vielfältigen Erfahrungen, die die Teilnehmer entsprechend ihrem Hintergrund und ihrer Wirklichkeit mit dem NIG-Format gemacht haben. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass die Teilnehmer in den Mittelpunkt ihres Erfahrungsberichtes nicht das Unterschiedliche oder vielleicht sogar Trennendes stellen. Vielmehr richten sie ihren Fokus auf Verständnis, Anerkennung und Wertschätzung der gefundenen Kraftquellen – und dies gilt sowohl für die eigenen als auch für die der anderen.

Mich erfüllt das mit großer Freude, denn ich weiß aus persönlicher und fachlicher Erfahrung: Gelingt es uns, unsere eigenen Stärken und Kraftquellen und die der anderen zu würdigen, verbinden wir uns auch mit unserer eigenen Würde und dem Respekt vor der Würde des anderen.

Im Grundgesetz der BRD heißt es in Artikel 1: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Auf dem nicht immer leichten Weg zur Umsetzung dieses Artikels in unserem Leben durften wir in diesem Workshop einen kleinen Schritt zusammen gehen: einen gemeinsamen Schritt. Dafür bin ich dankbar.

Gefundene Kraftquellen – im Erleben von Teilnehmern und Teilnehmerinnen

Nach dem Workshop beschreibt ein Therapeut und Coach aus Hamburg seine Erfahrungen folgendermaßen:

»Zwei Elemente sind für mich Aha-Erlebnisse aus dem Workshop von Barbara Innecken.

Geboren und aufgewachsen in Hessen, sind die von mir visualisierten und erlebten Ressourcen mehr mit meiner Entwicklungs- und Lernbiografie, d. h. mit meinem Lebensalter, verbunden als mit dem Ereignis ›Mauerfall‹.

Die zweite Erfahrung ist für mich in dieser Form neu und sehr berührend und bereichernd. Im Austausch mit anderen Teilnehmern zu erfahren, wie sich – am Beispiel von identitätsstiftenden Ressourcen – der Biografiebruch der im Osten geborenen und aufgewachsenen Menschen anfühlt. Der Workshop öffnet genau dafür einen besonderen Raum des tiefen Austausches zwischen Ost und West, der sich für mich dann auch in den Pausen danach fortsetzt.«

Eine Schulpsychologin aus Jena berichtet über ihre Erfahrungen:

»Ich erlebe den Workshop als einen Raum der Begegnung.

Barbara begrüßt die heterogene Gruppe in einer behutsamen Distanz, die Wertschätzung für jeden einzelnen Teilnehmer ausdrückt, egal, wo er herkommt und wie alt er sein mag.

Im Laufe des Workshops entwickelt sich durch die Beschäftigung mit den eigenen Ressourcen in Partnergesprächen und das Gestalten von Bildern Nähe, Lebendigkeit und Intimität. Das Greifen zum Stift mit der nichtdominanten Hand erlebe ich als eine von vielen Musterunterbrechungen in diesem Rahmen.«

Die Sichtweise einer Schweizer Teilnehmerin ist für mich eine besondere Erfahrung: Durch sie kommt eine wichtige neue Dimension für mich hinzu, der Blick von außen, aus einer anderen Kultur, einer anderen Wirklichkeit, nicht nur aus der Perspektive von West- oder Ostdeutschland. Ich komme dadurch raus aus der »Badewanne des Selbstmitleids« und aus dem Vergleich des (wenn man so will) größeren Leides zwischen Ost und West:

»Die ressourcenorientierte Ausrichtung des Workshops empfinde ich als eine wohltuende Alternative zum leidig bekannten Problemblick. Die Anerkennung des Guten fehlt in meiner Wahrnehmung im Osten bis heute.

Die Frage nach den identitätsstiftenden Ressourcen vor und nach dem Mauerbau fällt bei mir wie ein Samen auf fruchtbaren Boden, und ich bin überzeugt, dass wir mehr davon brauchen.«

Gefundene Kraftquellen – auf der Tagung

Mein Workshop ist eingebettet in das Gesamtgeschehen der Tagung »30 Jahre Mauerfall. Die Freiheit, die ich meine … Zwischen Identität und Wandel – auf Spurensuche«.

Es sind berührende und bewegende Tage, die die Ideengeberinnen und Organisatorinnen, die Veranstalter, die zahlreichen Helfer, die Besucher und die Referenten miteinander erleben dürfen. Der gute Geist der Tagung zeigt sich überall, angefangen mit der sorgfältigen Wahl des Ortes (Dom von Naumburg!) und des Datums – ja, die Tagung findet tatsächlich auf den Tag genau 30 Jahre nach dem Mauerfall statt! In allen Vorträgen, Gesprächsforen, Workshops und in dem künstlerischen Rahmen zeigt sich der gute Geist in Impulsen zu Brückenbau und Begegnung, zu respektvollem Dialog, zur Kultur des Zuhörens und der Annäherung zwischen Ost und West, dem »Schauen durch die Augen des anderen«, wie wir im NIG sagen. Gelebt wird dieser gute Geist auch in der Tatsache, dass Berufsverbände, die normalerweise ihre jeweilig eigenen Interessen und Profile vertreten, auf dieser Tagung gemeinsam als Veranstalter und Förderer auftreten.

Diese Tagung ist für mich ein positives Wandlungsbeispiel für die von Joachim Gauck angesprochenen langsamen »Prägungen der Seele und Wandlungen der Mentalität« und gibt mir Hoffnung, wenn wir nun im Jahr 2020 ein weiteres Jubiläum feiern dürfen: 30 Jahre deutsche Einheit.

Dank

Mein herzlicher Dank geht an die »geistigen Mütter« und Organisatorinnen der Tagung in Naumburg: Beate Jaquet, Madlen Tamm, Christine Ziepert.

Ebenfalls herzlich bedanken möchte ich mich bei meinen beiden Kollegen Kathrin Mann und Wolf Maurer, die uns an ihren Erfahrungen in meinem Workshop haben teilnehmen lassen.

Literatur

de Shazer, S. (2002): Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie. Heidelberg (Carl-Auer), 14. Aufl. 2019.

»Gauck freut sich über ›Fridays for Future‹«. Süddeutsche Zeitung, 29.9.2019.

Hüther, G. (2018): Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft. München (Knaus).

van Kampenhout, D. (2017): Die Tränen der Ahnen. Opfer und Täter in der kollektiven Seele. Heidelberg (Carl-Auer), 3. Aufl. 2018.

Madelung, E. u. B. lnnecken (2003): Im Bilde sein. Vom kreativen Umgang mit Aufstellungen in Einzeltherapie, Beratung, Gruppen und Selbsthilfe. Heidelberg (Carl-Auer), 4. Aufl. 2015.

Marks, S. (2019): Scham – die tabuisierte Emotion. Ostfildern (Patmos).

Proust, M. (2017): Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Berlin (Suhrkamp).

14Das systemische Institut Naumburg (SINN) bietet eine breite Palette systemischer Fortbildungen und Seminare an.

15Das Neuro-Imaginative Gestalten (NIG®) ist eine kreative Aufstellungsmethode, die sich durch einen Brückenbau zwischen systemisch-konstruktivistischen und systemischphänomenologischen Vorgehensweisen auszeichnet.

16In dieser und der folgenden Passage bis zum Ende des Beitrags wird der besseren Lesbarkeit halber meist nur das männliche grammatische Geschlecht verwendet; in diesen Fällen sind das weibliche grammatische Geschlecht sowie alle anderen denkbaren grammatischen Geschlechter aber immer mit eingeschlossen.

Scham – die tabuisierte Emotion17

Stephan Marks

Vor genau 30 Jahren (also 1989) saß ich zufällig mit vielen anderen in Berlin auf der Mauer und habe auf sie eingehämmert. Ich kam gerade frisch aus den USA zurück und war noch im Jetlag. Ich hatte fünf Jahre in den USA gelebt und war zurück nach Deutschland gekommen mit der Idee, Wege zu finden, wie wir konstruktiv mit unserer deutschen Geschichte umgehen können. Ich hatte diese deutsche Geschichte immer als etwas Drückendes, Schweres erlebt.

Warum Hitler folgen? – Ein Forschungsprojekt

Diese Idee führte mich schließlich zu einem Forschungsprojekt, das ich 1998 in Freiburg im Breisgau gründete. Wir, zehn Forscher und Forscherinnen, führten Interviews mit Nazi-Anhängern, alten Menschen, die Hitler damals »toll« fanden. Eine Bevölkerungsgruppe, die bis heute in der Forschung fast völlig übergangen wurde. Ich wollte endlich verstehen, warum die Menschen Hitler damals folgten. Die Fachliteratur konnte mir bis dahin keine befriedigende Antwort geben.

Es gibt ja sehr viel Forschung über Adolf Hitler. Doch um zu verstehen, warum sich so viele Menschen für Hitler begeisterten, finde ich, bringt es wenig, Hitler noch detaillierter zu erforschen, sondern wir müssen, ganz einfach, die Anhänger befragen. Die Durchführung dieses Projekts stieß nicht nur auf Zustimmung. Manche Leute fanden das gar nicht so gut. Einige Kollegen im Hochschulumfeld haben den Kontakt mit mir abgebrochen: »Wenn Sie mit diesen alten Nazis reden, müssen Sie ja selber Nazi sein.«

Wir haben es trotzdem gemacht (oder: jetzt erst recht). Aber im Lauf dieser Interviews bemerkten wir plötzlich, dass wir uns schämen. Merkwürdig: Wieso schämen wir uns, wenn wir Nazi-Anhänger interviewen? Erst später habe ich es verstanden; wir interpretierten diesen Vorgang dann als Gegenübertragung. Als zum ersten Mal der Begriff »Scham« auftauchte, habe ich spontan in die Hände geklatscht, weil mir sofort klar war, dass wir jetzt endlich einen Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus gefunden hatten.

Daraufhin machte ich mich erst einmal kundig über die Scham. Ich trug die Forschung zu diesem Thema zusammen und habe dann zum ersten Mal wirklich verstanden, wie es damals möglich war, dass so viele Menschen Hitler folgten. All das habe ich zusammengefasst in dem Buch: Warum folgten sie Hitler? Die Psychologie des Nationalsozialismus (Marks 2007).

Ein zentraler Affekt

In den nächsten Monaten trat dann eine andere Frage in den Vordergrund. Wenn Scham damals so bedeutsam dafür war, Hitler »an die Macht« zu bringen: Welche Bedeutung hat sie heute, Jahrzehnte später, in der deutschen Gesellschaft? Es wurde mehr und mehr deutlich, wie viele untergründige Probleme der deutschen Gesellschaft mit einer unbewussten Schamthematik zu tun haben. Etwa unser Umgang mit Menschen ohne Arbeit. Wenn der Arbeitsplatz »abgewickelt« wird, hat das nichts mit Schuld zu tun, ist aber für Betroffene massiv beschämend, umso mehr, wenn es so gehandhabt wird wie häufig nach dem Ende der DDR. Wie gehen wir hierzulande mit alten Menschen um? Wie gehen West- und Ostdeutsche miteinander um? »Die Wessis«, »die Ossis«?

Vor allem hat mich elektrisiert, was in deutschen Schulen passiert. Seit Jahrzehnten wird geklagt, deutsche Schulen seien nicht so erfolgreich wie die in anderen Ländern.

Aus schampsychologischer Sicht ist das ganz einfach zu erklären: Auf der einen Seite werden in Deutschland die Lehrer und Lehrerinnen pauschal beschämt als faule Säcke, faule Hunde, Halbtagsjobber: von manchen Politikern, Medien und der öffentlichen Meinung. Auf der anderen Seite, obwohl Schule gewiss besser geworden ist, passiert es immer noch in jedem dritten oder vierten Klassenzimmer, dass Schüler und Schülerinnen von Lehrern und Lehrerinnen bloßgestellt oder lächerlich gemacht werden. Wie sollte Lehren und Lernen hierzulande gelingen, wenn für viele Lehrer und Lehrerinnen wie Schüler und Schülerinnen die Schule ein Ort der Entwürdigung ist?

Da ich selber sehr gelitten habe unter einem beschämenden Schulunterricht, machte ich mich auf den Weg, um das zu verändern, soweit ich das kann. Seitdem gebe ich Lehrerfortbildungen.18 Ich bekomme auch sehr viele Einladungen von anderen Berufsgruppen; ich habe seither viele Fortbildungen gegeben für Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Schuldnerberater, Polizisten, Mitarbeiter in Gefängnissen, Hebammen, Führungskräfte, Staatsanwälte, Therapeuten, Supervisoren, Mediatoren, Seelsorger, Pflegekräfte, Ehrenamtliche in der Telefonseelsorge, in der Hospizarbeit, in der Strafgefangenenarbeit und viele weitere: Menschen, die mit Menschen arbeiten.

In diesem Vortrag hier möchte ich Ihnen einige grundlegende Informationen über Scham vorstellen.

Was ist Scham?

Zunächst möchte ich Ihnen eine Metapher mit auf den Weg geben, sodass wir uns die Scham auch bildlich vorstellen können. Sie geht zurück auf Salman Rushdie. In seinem Roman Scham und Schande schreibt er:

»Stellen Sie sich Scham als eine Flüssigkeit vor, sagen wir, als ein süßes, schäumendes Getränk, das aus Automaten gezogen wird. Sie drücken den richtigen Knopf, und ein Becher plumpst unter einen pissenden Strahl der Flüssigkeit« (Rushdie 2019, S. 145).

So weit, so gut. Aber was ist, wenn zu viel Scham da ist? Was ist, wenn mehr Scham da ist, als das Gefäß aufnehmen kann? Kein Problem, schreibt Rushdie. Viele Kulturen haben Minderheiten ausgewählt, und deren Aufgabe ist es, all die Scham, die zu viel ist, die keiner will, zu der sich keiner bekennt, all diese Scham aufzuwischen, aufzusaugen und zu verkörpern. Und wir haben keine gute Meinung von »diesen Leuten«, zum Beispiel in hinduistischen Gesellschaften sind dies die sogenannten Parias, die Unberührbaren, die so sehr den »Abschaum« einer Gesellschaft verkörpern, dass nicht mal der Schatten eines Parias auf einen »richtigen« Menschen fallen darf.

In Peru, sehr eindrücklich, sind es die Leute von den Anden, die alles Böse, Schlechte in unsere »guten« Städte runterbringen – so die Bewohner der Küstenstädte. Im Nationalsozialismus waren das die Juden, die »Zigeuner«, die Osteuropäer. In dem schwäbischen Dorf, in dem ich aufwuchs, in den 50er-Jahren, gab es auch eine Familie, die galten als »Zigeuner«. Die waren der Schandfleck des Dorfes, mit denen hat keiner geredet. Diese Leute hatten drei Makel. Sie waren arm, sie waren Flüchtlinge, und sie wohnten in einem Holzhaus, während »anständige« Leute »natürlich« in einem Steinhaus lebten.

Bis heute gibt es in vielen Orten so eine Straße oder einen Stadtteil, über deren Bewohner von anderen nur verächtlich geredet wird. Wenn zum Beispiel in Freiburg im Breisgau jemand sagt, er komme aus dem Stadtteil »Weingarten«, folgt sofort eine verächtliche Reaktion.

Für viele Westdeutsche sind dies pauschal »die Ossis.« In vielen Teams beobachte ich die Einstellung: »Wir wären ein ganz tolles Team, wenn nur ›der X‹ nicht wäre.« Irgendwann geht X oder wird gegangen; und dann heißt es: »Wir wären ein super Team, wenn nur ›die Y‹ nicht wäre.«

Viele Schulklassen haben einen Schüler oder eine Schülerin in dieser Rolle. Immer ist es eine Minderheit. Und indem diese Minderheit ausgegrenzt wird, wird das Thema »Scham« sozusagen entsorgt. Das ist wie das alttestamentarische Sündenbockritual: Eine Gemeinschaft bindet symbolisch ihre Sünden einem Ziegenbock auf, dann wird der Ziegenbock in die Wüste gejagt, und damit sind die Sünden entsorgt.

Aber hier geht es um die Entsorgung von Scham, und sie ist viel elementarer, viel schmerzhafter, viel existenzieller als nur Sünde. Auf diese Weise wird Scham zu einem Nicht-Thema gemacht, zu einer tabuisierten Emotion. Sie ist eine Emotion, die wir oft nicht im Bewusstsein haben, obwohl sie so allgegenwärtig, eben in allen zwischenmenschlichen Begegnungen gegenwärtig ist.

Zum Beispiel hat Altenpflege natürlich mit Scham zu tun: Aber ich kenne Pflegeteams, da wird nicht über Scham geredet. Eine Teilnehmerin berichtete zum Beispiel: »Immer wenn ich bei Herrn X. klopfe, um ihn zu pflegen, beginnt er, die Pflegesituation zu sexualisieren. Mit dieser Erfahrung kam ich in eine Teambesprechung und musste mir dann von Kollegen und Leitung anhören: ›Damit muss man halt professionell umgehen.‹« Das heißt, die Kollegin wurde als unprofessionell beschämt, und das Thema war wieder vom Tisch. Anderes Beispiel: Sportlehrer haben natürlich jeden Tag massiv mit Scham zu tun. Doch Scham ist so gut wie kein Thema in der Sportlehrerausbildung.

Auch in der sozialwissenschaftlichen Analyse gesellschaftlicher Prozesse taucht das Thema »Scham« erstaunlich wenig auf, obwohl es so allgegenwärtig ist.

Scham – ein Nicht-Thema?

Es hat Nachteile, wenn wir Scham zu einem Nicht-Thema machen. Einmal ist das sehr schmerzhaft für die Minderheiten, die zu Verkörperung der Scham gemacht, verachtet und ausgegrenzt werden. Aber wir alle verlieren etwas, wenn wir die Scham zu einem Nicht-Thema machen. Denn sie ist zwar schmerzhaft, hat aber auch positive Aufgaben. León Wurmser nennt Scham die Wächterin der menschlichen Würde (Wurmser 1997, S. 74). Das heißt, wenn wir die Menschenwürde wirklich verstehen möchten, ist es hilfreich, die Scham zu kennen.

»Die Würde des Menschen ist unantastbar«, steht zwar im Grundgesetz, und das ist großartig.

Aber fragt man Leute auf der Straße: »Was ist denn die Menschenwürde?« »Ja, sie ist wichtig!« Und fragt man nach, was bedeutet sie denn? Dann kommt oft nichts. Oft schauen die Menschen nach oben, weil der Begriff »Menschenwürde« für sie abstrakt ist. Und solange dieser Begriff als etwas Abstraktes erlebt wird, bleibt er folgenlos.

Mir geht es darum, den Begriff von »oben« nach »unten«, in die Praxis zu bringen, und dazu hilft uns die Scham, weil sie psychologisch für die Würde »zuständig« ist.

Nochmal kurz zurück zum Roman von Rushdie. Er schildert, wie die Schamgefühle der Eltern in die Seele eines Kindes weitergegossen werden. Er schildert eine Geburt, im Krankenhaus; der Vater blickt auf sein soeben geborenes Kind: Er blickt voller Wut und Verachtung, als er sieht, dass sein Erstgeborenes nur ein Mädchen ist, nur ein Mädchen. Daraufhin errötete das Baby. Seit dem ersten Blickkontakt schämte es sich zu viel. Es wächst heran, geistig behindert, und wird schließlich zur Mörderin.

Soweit Rushdie, immer sehr zugespitzt. Wichtige Eigenschaften der Scham sind hier schon geschildert.

Erstens, ihre Entwicklung beginnt sehr früh. Die Vorläufer der Scham beginnen, nach Leon Wurmser, mit dem ersten Blickkontakt. Das heißt, wenn wir mit Schamgefühl zu tun haben, ist dies nicht nur eines von vielen Gefühlen, sondern eins, das ganz an den Anfang, an den Kern der Existenz geht.

Zweitens ist wichtig, ob ein Mensch mit Wut und Verachtung angeschaut wird, wie in Rushdies Romanszene, oder mit Liebe und Anerkennung. Es geht also gar nicht um komplexe Kommunikationstechniken, sondern um die Qualität des Blicks. Wie schauen wir? Das kennen wir wahrscheinlich alle: Ob die Beziehung zum Beispiel mit einem Klienten oder einer Klientin gelingt, entscheidet sich oft schon mit dem ersten Blickkontakt.

Das Interessante am Blickkontakt ist, dass wir ihn ja nur bedingt »machen« können. Es geht also nicht um aufgesetzte Kundenfreundlichkeit. Meiner Frau und mir ist das neulich passiert: Wir kommen in ein Restaurant und sind die einzigen Gäste. Es ist deutlich spürbar, dass wir den Kellner stören. Endlich kommt er dann doch auf uns zu und zieht im letzten Moment noch die Mundwinkel nach oben (offenbar hat er irgendwann ein Kundenfreundlichkeitstraining absolviert) und sagt: »Ja, bitte?«, »Bitte schön!«, »Gerne«. Das hat vorne und hinten nicht gestimmt. Die ganze Haltung signalisierte: »Lassen Sie mich in Ruhe«, darüber war aufgesetzte Kundenfreundlichkeit. Darum geht es mir nicht, sondern um eine Haltung. Und eine Haltung der Menschenwürde erreichen wir, wenn wir in Kontakt sind mit der Scham. Was ich damit meine, möchte ich mit einer anderen Begebenheit illustrieren: Ein Bekannter berichtete von einem Besuch bei der Familie der Tochter. Im Laufe des Besuchs hat das Enkelkind die Oma gehauen, bis Letztere irgendwann sagte: »Tobias, hör auf, du tust mir weh!« Jetzt schämt sich der kleine Tobias und kommt zum Opa, um zu kuscheln. Da sagt der Opa: »Tobias, du brauchst dich aber nicht zu schämen.«

Hm … würden wir so mit Trauer umgehen? Wenn ein Kind trauert, weil die geliebte Schwester gestorben ist, würden wir ihm sagen: »Du musst aber nicht traurig sein«? Natürlich darf ein Kind trauern. Und genauso, denke ich, darf Tobias sich schämen. Weil die Scham so schmerzhaft ist, steckt für ihn das Entwicklungspotenzial drin: »Das tue ich nie wieder!« Wenn wir – gut gemeint – Tobias die Scham nehmen, nehmen wir ihm die Chance für moralische Entwicklung. Ich vermute, dass der Opa die Scham seines Enkels nicht ausgehalten hat. Wenn aber der Opa in Kontakt wäre mit seiner Scham, dann könnte er die Haltung vermitteln: »Tobias, ich kenne die Scham. Ich weiß, wie schmerzhaft sie ist. Von daher kann ich einfühlen, wie du dich fühlst. Willkommen, hier darfst du sein mit deiner Scham. Ich werde deine Scham nicht banalisieren. Ich nehme dich ernst mit deiner Scham. Ich werde dich aber auch nicht zusätzlich verspotten oder verhöhnen.« – Dies ist die Haltung, um die es mir geht.

Wie finden wir in der Arbeit mit Klienten eine Haltung, sodass sie spüren: »Hier darf ich sein mit meiner Scham. Hier werde ich damit ernst genommen.« So wie wir von Trauerarbeit sprechen, so spreche ich von Schamarbeit. Beides ist schmerzhaft.

Drittens weist Rushdies Roman auch auf die transgenerationale Qualität der Scham hin:

Unbewusste Schamgefühle können über viele Generationen weiterwirken. Viele Menschen fragen sich: »Warum sind die Deutschen eigentlich so, wie sie sind?« Ich bin überzeugt, um diese Frage zu beantworte, müssen wir mindestens bis zu unserem großen Trauma zurück, dem Dreißigjährigen Krieg. Wir denken, 400 Jahre seien ewig lang her. Psychologisch ist das aber gerade sozusagen um die Ecke.

Sigmund Freud hat mal geschrieben: »Das Unbewusste ist zeitlos« (Freud 1915, S. 145). Das heißt, bei unbewussten Prozessen brauchen wir ein ganz anderes Zeitkonzept …

Wer das damals überlebt hat, 30 Jahre – der war wahrlich traumatisiert. In manchen Gegenden überlebte ein Drittel der Bevölkerung oder noch weniger. Magdeburg zum Beispiel wurde fast völlig ausgelöscht. Wir wissen heute aus der Traumaforschung und Familientherapie, dass Überlebende von Folter, Vergewaltigung, auch die Täter, mit massiven Schamgefühlen zurückbleiben. Und wenn die nicht aufgearbeitet werden, wirken sie weiter und weiter. Das hat dann (natürlich in Kombination mit vielen anderen Einflüssen) zum Ersten Weltkrieg geführt, zur Weimarer Republik, zum Zweiten Weltkrieg, Holocaust und so weiter und so weiter.

Dieses unbewusste Weitergießen von Schamgefühlen, durch immer neue, fortgesetzte Beschämung, dies haben wir über Jahrhunderte praktiziert, in der Schule, im Umgang miteinander. Ich finde, es reicht! Es ist wirklich an der Zeit, damit aufzuhören und Würde in die zwischenmenschlichen Beziehungen einzuführen, in der Beratung, in der Schule, im Umgang miteinander in West und Ost u. v. a.

Universalität von Scham

Scham ist universell. Schon die im Alten Testament beschriebenen allerersten Menschen erlebten Scham. Das heißt, Scham beginnt dort, wo der Mensch beginnt. Jeder Mensch kennt die Scham (abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, wenn etwa so etwas vorliegt, das wir einen »Gehirndefekt« nennen). Jeder Mensch kennt die Scham, was nicht bedeutet, dass wir die Schamgefühle unseres Gegenübers so ohne Weiteres erkennen.

Jeder Mensch kennt die Scham, aber sie ist individuell unterschiedlich. Meine Geschichte mit Scham ist anders als Ihre: weil wir verschiedene Familiengeschichten haben, weil wir in verschiedenen Teilen Deutschlands aufgewachsen sind usw. Aber es geht noch weiter:

Boris Cyrulnik (2011), ein französischer Neuropsychiater, schätzt, dass jedes fünfte oder sechste Kind mit einer genetischen Besonderheit geboren wird, die dazu führt (übersetzt in die Metapher, die ich hier verwende), dass sie sozusagen wie kleine Gefäße sind. Das müssen wir erst einmal akzeptieren. Es hilft nicht, einen »kleingefäßigen« Menschen jetzt noch zusätzlich zu beschämen: »Stell dich nicht so an!«, »Jetzt seien Sie mal nicht so überempfindlich!« Es hat seine guten Gründe, dass manche Menschen wie ein kleines Gefäß sind: familiengeschichtliche, gesellschaftliche, häufig auch genetische Gründe.

Dies muss jedoch kein lebenslängliches Schicksal sein. Stellen wir uns vor, ein »kleingefäßiges« Menschenkind wird geboren in eine Familie, in der die Eltern liebevoll, würdeachtend miteinander umgehen. Dann kann das Gefäß allmählich weiter werden. Aber wenn die Eltern vielleicht selber traumatisiert sind oder das Kind schlagen oder verächtlich mit ihm umgehen, dann wird das Kind gezwungen, auf seine »Kleingefäßigkeit« zurückzuschrumpfen. Und Jahre, Jahrzehnte später, wenn so ein »kleingefäßiger« Mensch zu Ihnen in Beratung oder Therapie kommt, ist es wichtig, dass Sie mit ihm so umgehen, dass das Gefäß weit werden kann. Und vielleicht erlebt ein Klient bei Ihnen zum allerersten Mal in seinem Leben, wie es ist, ein großes Gefäß sein.

Hinzu kommen Unterschiede, wofür Männer bzw. Frauen sich jeweils schämen und womit sie möglicherweise unterschiedlich umgehen; dazu gleich mehr.

Außerdem gibt es kulturspezifische Unterschiede, d. h., wenn wir mit Menschen aus anderen Kulturen, aus anderen Ländern, aus anderen Schichten (als denen, denen wir selbst angehören) arbeiten, dann ist die Scham vielleicht ganz anders angeordnet, es gibt andere Umgangsweisen, Grenzen, Begriffe. Da hilft es nicht zu sagen: »Mein Umgang mit Scham ist universell gültig.« Zum Beispiel tragen bei den Tuareg in Nordafrika traditionell Männer einen Gesichtsschleier, und wenn ein traditioneller Tuareg in der Öffentlichkeit den Schleier abnehmen muss, dann fühlt er sich so, wie wir uns fühlen würden, wenn wir plötzlich nackt herumlaufen müssten. Ebenso wenig hilfreich wäre die Einstellung: »Der west- (bzw. ost)deutsche Umgang mit Scham gilt für alle!«

Wenn wir die Schamgrenze unseres Gegenübers nicht achten, besteht die große Gefahr von Missverständnissen, Kontaktabbruch oder Schlimmerem. Weil Scham so schmerzhaft ist; sie ist eine der stärksten Emotionen überhaupt. So stark, dass wir im Zustand von massiver akuter Scham vielleicht gar nicht mehr klar denken können; vielleicht nur noch stammeln. Stattdessen treten körperliche Reaktionen auf wie: Schwitzen, Rotwerden oder Die-Hände-vor-die-Augen-Halten. So zeigt auch die Körpersprache, dass zu viel Scham die Beziehung unterbricht; sie isoliert, macht einsam, trennt, entsolidarisiert. Wenn unser Gegenüber zu viel Scham erlebt, dann ist es »weg«, dann können wir in der Beratung noch so wichtige Sätze sagen, das hört unser Gegenüber eventuell gar nicht.

Die Körperhaltung bei Scham ist interessant: Die betroffene Person wendet sich ab, schaut weg und krümmt sich nach unten. Das weist auf eine wichtige Eigenschaft der Scham hin; dies bringt auch die deutsche Sprache zum Ausdruck: »Ich schäme mich«, »Er schämt sich« usw., das heißt: Die sich schämende Person kreist um sich selbst.

Psychologisch gesehen, sind Narzissmus und Scham häufig verbunden. Nehmen Sie zum Beispiel einen Patienten, der Jungen sexuell »missbraucht« hat und seinem Therapeuten wieder und wieder sagt: »Ich schäme mich«. Er kreist nur um sich selbst. Zwar ist es wichtig, dass er sich schämt (dazu gleich mehr), aber solange er sich nur schämt, bleibt dies ein narzisstisches Um-sich-selbst-Kreisen.

Bei Scham denkt man oft an etwas ganz Intimes. Und doch kann die Scham in jeder Beziehung und jeder Begegnung mit Menschen auftauchen. Sie ist der soziale Affekt; Scham ist das Gefühl, welches das Zwischenmenschliche reguliert. – Was bedeutet das für die zwischenmenschlichen Beziehungen einer Gesellschaft, wie zum Beispiel der deutschen, die das Bewusstsein für die Scham so massiv abgeschafft hat? Dies hat verheerende Auswirkungen, das sehen wir jeden Tag auf der Straße, in der Politik …

Scham und Beschämung werden oft verwechselt; es ist mir wichtig, sie zu unterscheiden. Ich beginne mit einem leeren Glas und erzähle ein Beispiel aus der Schule. Sagen wir: Ein Schüler hat etwas geklaut aus der Schultasche einer Mitschülerin, z. B. einen Apfel. Dafür schämt er sich.

Die Psychologie der Scham

Die eigentliche Scham beginnt ab Mitte des zweiten Lebensjahres, wenn eine bestimmte Gehirnregion sich entwickelt, die uns Menschen befähigt, wie von außen auf uns selbst zu blicken (Selbstobjektivierung). Genau dieser Entwicklungsschritt wird übrigens im Alten Testament beschrieben, in der Geschichte von Adam und Eva: Sie waren nackt, hatten kein Bewusstsein davon und schämten sich nicht. Aber dann verändert sich etwas: Sie aßen eine Frucht vom Baum der Erkenntnis, und plötzlich erkannten sie, dass sie nackt waren. Sie blickten auf sich selbst und schämten sich.

Übertragen auf mein Beispiel: Der Junge blickt auf sich und erkennt, »Oh, ich bin ja ein Dieb« – und schämt sich. Insofern ist die eigentliche Scham wie eine eigene Leistung, sie ist wie eine sprudelnde Quelle. (Um Missverständnisse zu vermeiden: Es kann schon sein, dass wir dem Jungen sagen müssen: »Stopp, es ist nicht in Ordnung zu stehlen!« Was nicht bedeutet, dass wir ihn beschämen dürfen.)

Scham ist eine eigene Leistung des sich Schämenden, die es anzuerkennen gilt. Das heißt, Ihre Klienten, die zu Ihnen kommen, in Beratung oder Therapie, bringen ihr mehr oder weniger volles Glas an Scham mit. Dies ist ihre Scham, sie gilt es anzuerkennen. Wenn wir mit Menschen arbeiten, ist es nicht unser Auftrag, unsere eigene Scham »los«zuwerden, indem wir sie, metaphorisch gesprochen, unserem Gegenüber eingießen. – Dies geht ja ganz einfach, wir kennen das:

Erstens werden Menschen beschämt, wenn wir sie missachten, etwa durch verächtliche Haltung, arrogante Sprache oder indem wir ihre Lebensleistung vom Tisch wischen. Indem wir, mit anderen Worten, ihr Grundbedürfnis nach Anerkennung verletzen.

Zweitens beschämen wir Menschen, wenn wir ihr Grundbedürfnis nach Schutz verletzen, etwa indem wir etwas, was privat ist, in die Öffentlichkeit zerren, etwas Körperliches oder Seelisches.

Drittens werden Menschen beschämt, wenn wir ihnen zu verstehen geben, sie seien »falsch«; zum Beispiel (aus Sicht der dominierenden Werte der alten Bundesländer:) nicht genügend jung, schön, schlank, fit, leistungsfähig, selbstoptimiert, erfolgreich u. v. a. Wenn wir also ihr Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit verletzen.

Viertens beschämen wir Menschen, wenn wir ihr Grundbedürfnis nach Integrität verletzen, z. B. indem wir all das, was ihnen über Jahrzehnte wichtig war, für nichtig erklären. Oder wenn wir sie zu Zeugen von Unrecht machen, wie dies durch die Massenmedien tagtäglich geschieht: Etwa wenn Otto Schily, kurz nach der ersten gesamtdeutschen Wahl, eine Banane in die TV-Kamera hält, um all die Wähler verächtlich zu machen, die nicht für seine SPD gestimmt haben.

Wenn wir die Art und Weise, wie die beiden Deutschland »wiedervereinigt« wurden, aus der Sicht dieser vier Grundbedürfnisse betrachten, wird m. E. deutlich, dass sie mit massiven Beschämungen verbunden war, für alle. Auch wenn ich dies »nur« aus der Ferne, vom Schwarzwald aus, und nur vermittelt über die Medien verfolgt habe: Ich schäme mich noch heute für vieles, was in dieser Zeit passiert ist.

Zurück zur Psychologie der Scham.

Es gibt Menschen, deren Glas, metaphorisch gesagt, halb leer ist; hier könnte man noch eingießen. Aber es gibt Menschen, die sind schon übervoll mit Schamgefühlen. Was passiert dann? Schamforscher wie Micha Hilgers unterscheiden zwischen einerseits einem gesunden Maß an Scham (»gesunder Scham«), wenn die Psyche des Menschen, das Gefäß sozusagen, halb leer oder halb voll ist; wenn er oder sie noch damit umgehen und daraus lernen kann. Im Unterschied dazu steht »traumatische Scham«, wenn das Ich wie überflutet wird, ertrinkt in Schamgefühlen. Ertrinkende zeigen ja manchmal ganz unerwartete Reaktionen, schlagen z. B. um sich. Dasselbe passiert bei traumatischer Scham. Wenn wir mit Schamgefühlen überflutet werden, sind dieselben Gehirnregionen aktiv wie beim Ertrinkenden (vgl. Marks 2021, S. 79).

Nehmen wir z. B. zwei Schüler, die durchs Abitur gefallen sind; beide schämen sich. Der eine von beiden nimmt Nachhilfe, belegt Ferienkurse, er lernt, übt, büffelt und macht ein Jahr später ein super Abitur. Sein Freund, auch durchgefallen, geht auf den Dachboden und erhängt sich. Beide Male Scham; in dem einen Fall ein ganz starker Entwicklungsanstoß. Weil die Scham so schmerzhaft ist, ist sie einer der stärksten Entwicklungsimpulsgeber, in einem gesunden Maß. Wenn aber zu viel Scham da ist, traumatische Scham, können Chancen sich nicht verwirklichen, und es geschieht etwas ganz anderes.

Scham im Gehirn

Was passiert dabei im Gehirn? Ich erinnere mich, als Schüler stehe ich vorne an der Tafel, ich gebe eine ungeschickte Antwort, meine Mitschüler lachen, und dann geht gar nichts mehr. Vor drei Minuten noch wusste ich diese verdammte Physikformel, aber plötzlich, im Zustand von Ungeschicktheit (die Scham darüber ist meine eigene Leistung) plus Ausgelachtwerden (Beschämung von außen) kann ich mich nicht an die Formel erinnern. Zu viel Scham macht das, was wir umgangssprachlich »dumm sein« nennen. Gehirnforscher wie Donald Nathanson sagen dasselbe etwas eleganter: Dies ist wie ein Schock, der höhere Funktionen der vorderen Hirnrinde zum Entgleisen bringt. Höhere Funktionen der vorderen Hirnrinde: Dort sind z. B. Mathe- und Physikformeln, Sprachvermögen, die »Zehn Gebote«, moralisches Bewusstsein gespeichert (Nathanson 1987, S. 26).

Schön, dass es dies gibt; aber im Zustand von Schamüberflutung sind diese Regionen nicht mehr verfügbar, weil das sogenannte Reptilienhirn die Regie übernimmt. Es geht nur um »Weg von der Angstquelle, um jeden Preis!« durch Angreifen, Fliehen oder Sichverstecken, Im-Abgrund-versinken-Wollen.

Wir kennen das vermutlich alle: Es gibt eine schamauslösende Situation, zunächst passiert scheinbar gar nichts – und plötzlich eine Reaktion wie vom anderen Planeten, weil auch tatsächlich ganz gegensätzliche Gehirnregionen jeweils im Vordergrund stehen.

Es gibt noch weitere Ergebnisse aus der Gehirnforschung, die den Moment akuter Scham als extreme Fehlregulation von Sympathikus und Parasympathikus beschreiben. Diese beiden Teile des autonomen Nervensystems arbeiten normalerweise abwechselnd. In der Regel wird morgens der Sympathikus hochgefahren, mit der Folge, dass Herz, Lunge, Gehirn mehr arbeiten. Abends wird der Parasympathikus hochgefahren und sein Gegenspieler nach unten; daher werden Herz und Gehirn ruhiger: So entsteht ein Wechsel zwischen »aktiv« und »passiv«, Anspannung und Entspannung, Sympathikus und Parasympathikus.

Im Zustand von massiver akuter Scham sind nun beide Systeme extrem hochgefahren: extrem aktiv und zugleich extrem passiv. Hierbei gibt es starke Übereinstimmung mit dem traumatischen Prozess, daher ist auch der Begriff »traumatische Scham« stimmig.

Extrem aktiv und zugleich extrem passiv: In diesem fehlregulierten Zustand fällen wir eine Entscheidung, wie wir auf die Schamszene reagieren. Dies konnten wir gut in einer kleinen Studie beobachten: Sportunterricht, Schüler spielen Fußball. Ein Junge macht einen Fehler, spielt einen schlechten Pass und wird ausgelacht von seinen Mitschülern. Ein paar Momente später konnten wir sehen, wie dieser ausgelachte Schüler plötzlich brutal einem Mitschüler in die Knochen tritt. Das heißt, er springt aus der Scham in die Gewalt.

Dies ist das Schwierige bei der Scham: Kaum jemand sagt: »Ich schäme mich.« Was wir stattdessen von außen beobachten, sind andere Verhaltensweisen. Weil alles andere erträglicher ist als die Scham – jedenfalls solange wir keinen bewussten Umgang mit ihr lernen (wir tun ja so, als gäbe es sie nicht, sie ist ja eine tabuisierte Emotion).

Scham und Abwehr: Projektionen, Ressentiments, Wut, Gewalt

Wir alle lernen, Scham durch etwas anderes zu ersetzen, zum Beispiel in der Schule, in der Ausbildung, durch unseren Filmhelden u. v. a. Überall werden uns verschiedene Möglichkeiten gezeigt, Schamgefühle nicht zu spüren, sondern abzuwehren, durch etwas anderes zu ersetzen. In der Fachliteratur, z. B. bei Leon Wurmser (1997) und Micha Hilgers (1997), finden Sie ganze Kapitel über häufige Abwehrmechanismen. Nachfolgend möchte ich einige Beispiele geben für Verhaltensweisen, die den Zweck haben, Scham sozusagen »los«zuwerden:

•Projektion: Das, wofür man sich schämt, wird auf andere projiziert. Etwa in der Schule: Ein Schüler schämt sich für seine homosexuellen Fantasien und projiziert dies auf einen Mitschüler: »Das ist eine schwule Sau.« In einem Seminar für Führungskräfte berichtet eine Teilnehmerin von einem Mitarbeiter ihres Teams als »faulem Sack«. Es stellt sich heraus, dass sie selber extrem erschöpft ist und erholungsbedürftig. Das erlebt sie als Schwäche, wofür sie sich schämt. Dies ist im Grunde ihr eigenes Thema, aber sie projiziert es auf einen Kollegen.

•Ein weiterer Abwehrmechanismus ist die Umwandlung von »passiv« nach »aktiv«. Um die eigene Scham nicht fühlen zu müssen, werden andere gezwungen, sich zu schämen. Dazu werden sie beschämt, verachtet, lächerlich gemacht, zum Gespött gemacht, in die Ecke gestellt, abgewertet, gemobbt, ausgegrenzt u. v. a. Je nach Umfeld kann dies auf eine ganz subtile Weise geschehen. Wenn ich etwa auf mein Studium in den 70er-Jahren zurückblicke, merke ich, dass ich mich oft so dumm gefühlt habe, wenn der Professor Dr. vorne mit seinen Fremdwörtern, Fachausdrücken und verschachtelten Sätzen sprach. Erst in Nordamerika lernte ich Professoren kennen, die sich verständlich ausdrücken; das kannte ich bis dahin gar nicht. Arroganz ist eine verbreitete Abwehrform. Leon Wurmser schreibt: »Man stolziert wie ein Gockel und zwingt andere, sich dumm, klein, hässlich zu fühlen« (Wurmser 1997, S. 306).

•Ressentiments: Man verbarrikadiert sich, vergräbt sich voller Verachtung, Groll, Rachsucht und unerbittlichem Hass auf bestimmte Gruppen oder »die da oben«. Die neuen Medien bieten ganz neue Möglichkeiten, ressentimentgeladen ganz um sich selbst kreisen. Im Internet, wo alles Mögliche und Unmögliche angeboten wird, kann man sich mit wenigen Klicks Bestätigung und Gleichgesinnte suchen, mit denen man sich kollektiv-narzisstisch als Subkultur in einer selbst gebastelten Scheinwelt verbarrikadiert. Für Außenstehende ist es oft schwer, gegen Ressentiments mit wissenschaftlich belegten Fakten zu argumentieren: Diese Fakten werden als Fake News oder Produkte der »Lügenpresse« und dergleichen zurückgewiesen.

•Größenfantasien und Idealisierung: Man identifiziert sich mit einem Sportverein oder einer Nation, an deren vermeintlicher Größe man teilhaben möchte. Man träumt sich aus seiner erniedrigenden Existenz heraus, indem man sich oder seine Gruppe als großartig fantasiert.

•Wiederherstellung der verlorenen Ehre: Was tun Menschen nicht alles, wenn sie in Schande geraten sind! In Erich Kästners Roman Das fliegende Klassenzimmer springt der Schüler Uli mit dem Regenschirm vom Dach des Schulhauses, um nicht länger von Mitschülern als Feigling gehänselt zu werden. Wie viele Generationen von Männern sind in den Krieg gezogen oder haben sich an Kriegsverbrechen beteiligt, um nicht als Feiglinge verachtet und ausgegrenzt zu werden! Wie viele haben sich duelliert für die Ehre!

•Scham wird häufig durch Trotz, Wut oder Gewalt abgewehrt. Dies soll durch ein Experiment illustriert werden: Zu Beginn des letzten Krieges USA gegen den Irak (dieser Krieg richtete sich gegen Saddam Hussein), wurden in den USA junge Männer befragt: »Was hältst du von diesem Krieg, und was für ein Auto würdest du gerne kaufen?« Das Experiment war so aufgebaut, dass die jungen Männer in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Die eine Hälfte wurde ganz normal befragt, die andere Hälfte wurde kurz vor der Befragung durch verstecktes Theater beschämt; das merkten die jungen Männer gar nicht bewusst. Kurz danach wurden sie befragt, und die Ergebnisse wurden verglichen. Dabei zeigte sich, dass die jungen Männer, die eben durch verstecktes Theater beschämt worden waren, deutlich häufiger als die Nichtbeschämten den Krieg befürworteten und den Kauf von diesen protzigen, hochrädrigen Pick-ups mit den dicken Auspuffen, die man samstagabends in US-Kleinstädten auf und ab fahren sieht, favorisierten (vgl. Knopf 2006, S. 12). Sodass wir psychologisch sagen müssen: Hochmut kommt häufig nach dem Fall. Erst die Beschämung, Erniedrigung, Demütigung und danach das protzige, hochmütige, arrogante oder gewalttätige Verhalten – dieser psychologische Mechanismus wird zum Beispiel systematisch benutzt in der Grundausbildung in militaristischen Organisationen, etwa bei den Marines, einer sehr brutalen Militäreinheit. In der Grundausbildung werden die Rekruten erst einmal gedemütigt, bloßgestellt, lächerlich gemacht, entwürdigt, beschämt. Wenn sie dann übervoll sind mit Schamgefühlen, kommt die Organisation und sagt: »Wenn ihr strammsteht und gewaltbereit seid, dann seid ihr richtige Männer!« Diese Gewaltbereitschaft kann dann genutzt und gerichtet werden. Weil die Scham so passiv ist, weil sie sich so ohnmächtig anfühlt, ist man lieber aktiv; ist man lieber Täter als der letzte Dreck. Deswegen wird Scham häufig durch Trotz, Wut, Gewalt abgewehrt. Je nach Umfeld kann das auch Gewalt »nur« durch Worte sein. – Seit ich vor Jahrzehnten angefangen habe, Volkshochschulvorträge zu halten, mache ich häufig folgende Beobachtung: Der Vortrag ist zu Ende, die Diskussion ist ebenfalls beendet, der Referent verabschiedet sich – und dann, ganz hinten, nahe der Ausgangstür, geht noch ein Arm hoch. Es sind immer ältere Männer, vermutlich Kriegsveteranen. Wenn sie dann das Wort erhalten, sagen sie nicht etwa, was ihnen interessant oder wichtig war, sondern: »Dies hat gefehlt, jenes war falsch.« So ein Verhalten ist eine bösartige Form von verbaler Gewalt, denn man kann ja nichts mehr ändern, die Zeit ist ja abgelaufen. Verbale Gewalt wird häufig verharmlost: »Das wird man doch mal sagen dürfen.« Solche verbalen Heckenschützen kennen Sie vielleicht aus der Beratung: Wir denken vielleicht, es läuft ein guter Beratungsprozess. Wir gehen mit dem Klienten oder der Klientin zur Tür, verabschieden uns, und dann dreht er oder sie sich noch mal um und sagt: »Das hier bringt doch alles nichts!« Je nach Umfeld, je nach Milieu wird Scham eventuell auch durch körperliche Gewalt abgewehrt. Sehr deutlich wurde das in der Befragung von jugendlichen Straftätern oder von jungen Männern, die alte Menschen ermordet hatten (vgl. Marks 2021, S. 106 f.): »Warum hast du das getan? Du kanntest ihn bzw. sie doch gar nicht?« Eine Antwort lautete: »Der hat mich so komisch angeguckt!« Nur ein Blick! Das wurde mir in einer Fortbildung mit Wachpersonal eines Gefängnisses bestätigt; sie sagen: »Manchmal, wenn wir über den Gefängnishof gehen, genügt ein falsches Wort, ein falscher Blick, und uns fliegt der Laden um die Ohren.« Nur ein Blick! Ein anderer jugendlicher Mörder antwortet: »Ich wollte meinen Kumpels beweisen, dass ich kein Feigling bin.« Er ist lieber ein Mörder, als vor seinen Kumpels als Feigling dazustehen! Was tun wir Menschen unter Umständen nicht alles, um Scham – oder Schande, wie es in vielen Kulturen heißt – zu vermeiden.

Sie merken schon: Bei den bisher genannten Abwehrmechanismen stand eher der Sympathikus, die aktive Seite, im Vordergrund. Die aktive Seite passt eher zur traditionellen Jungen- und Männerrolle. Jetzt noch Beispiele für die passive Seite, wobei der Parasympathikus eher im Vordergrund steht:

•Sich-Verstecken: Eine Seminarteilnehmerin schilderte: »Ich stand auch einmal vorne an der Tafel und wurde ausgelacht, und dann bin ich kollabiert.« Es kann auch sein, dass wir zwar nicht körperlich kollabieren, sondern »nur« innerlich. Etwa im Kunstunterricht: »Wenn ich kein Bild male, kann ich auch nicht vorgeführt werden. Ich bin ja nicht kreativ.« Lehrer berichten in Fortbildungen immer wieder: »Bei mir ist eine Schülerin, ich lese ihren Namen im Klassenbuch, und ich weiß nicht, wer das ist.« Das sind Menschen, die schon als Kinder gelernt haben, sich unsichtbar zu machen. Die Botschaft lautet etwa: »Wenn der Lehrer mich nicht sieht, kann ich auch nicht vorgeführt werden.« Wir machen uns ganz klein, zeigen unsere Talente nicht. Stellen unser Licht unter den Scheffel, aus Angst, ausgelacht zu werden. Wer einen beschämenden Sportunterricht hatte, geht dann vielleicht nicht mehr in der Öffentlichkeit tanzen oder treibt keinen Sport. Wer während des Stimmbruchs vorsingen musste und ausgelacht wurde, der singt später vielleicht nie wieder. Was kommt da alles nicht in die Welt!? Was bleibt da verborgen aus Angst, ausgelacht zu werden!?

•Lügen: Wenn das Umfeld so ist, dass es als existenzielle Bedrohung erlebt wird, bei einem Fehler ertappt zu werden (das genau bedeutet traumatische Scham: Überlebensangst), dann kann man nicht einfach sagen: »Ja, ich habe diesen Fehler gemacht.« Vielmehr muss man dann lügen, schummeln, abschreiben, die Schuld anderen zuweisen, Rechtfertigungen vorbringen u. v. a.

•Perfektionismus: Aus Angst, ausgelacht zu werden, gibt man alles, um perfekt zu sein.

•Ein weiterer Abwehrmechanismus ist emotionale Erstarrung: »Schwache«, weiche Gefühle wie Liebe, Güte, Empathie, Hoffnung, Trauer, Schmerz oder Scham zu zeigen macht ja verletzbar. Da ist es scheinbar viel sicherer, sich hinter einer Fassade von Coolness zu verbergen. Lehrer wissen, wie das ist, vor 20 oder 30 »coolen« Schülergesichtern zu unterrichten: ohne Nicken, ohne Lächeln, ohne Resonanz. Emotionale Erstarrung wurde häufig beobachtet bei Überlebenden von traumatischen Erfahrungen, zum Beispiel bei Kriegsveteranen. Dies kann zu einer alles durchdringenden, chronischen Langeweile werden. Diese wiederum kann zu Depressionen führen, im Extrem bis zum Suizid. Wenn Rot die Farbe der Scham ist, gilt häufig: »Lieber tot als rot.«

Darmowy fragment się skończył.

170,33 zł

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
474 str. 24 ilustracji
ISBN:
9783849783389
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

Podobne książki