Czytaj książkę: «Unter Schweizer Schutz»
Über dieses Buch
Zwischen März 1944 und Januar 1945 leitete der Schweizer Diplomat Carl Lutz (1895–1975) in Budapest eine umfangreiche Rettungsaktion. Lutz und sein Rettungsteam haben schätzungsweise mehr als 50000 Schutzbriefe ausgestellt und verfolgte Jüdinnen und Juden in 76 sogenannten Schweizer Schutz-häusern untergebracht und damit Zehntausende vor Deportationen, Erschiessungen und Todesmärschen bewahrt.
«Unter Schweizer Schutz» enthält Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Berichte, Briefe und Vorträge von Überlebenden in Israel, den Vereinigten Staaten, der Schweiz, Ungarn, Grossbritannien und Kanada. Das Buch zeigt die aussergewöhnliche Reichweite und das Ausmass der humanitären Hilfe von Carl Lutz und erinnert an seine selbstlose Grosstat.
Carl Lutz kämpfte sein Leben lang um die staatliche Anerkennung seines Einsatzes, der von der offiziellen Schweiz als «Kompetenzüberschreitung» gewertet wurde. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, war dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert und erhielt von Yad Vashem den Ehrentitel «Gerechter unter den Völkern». Im Jahr 2018 wurde im Bundeshaus in Bern ein «Carl Lutz Saal» eingeweiht.

Agnes Hirschi, geboren kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in London, Kindheit in Budapest. Die Belagerung der ungarischen Hauptstadt erlebte sie als sechs Jahre altes Mädchen, die letzten zwei Monate des Kriegs mit der Familie Lutz und dreissig weiteren Personen im Luftschutzkeller. Nach dem Krieg heiratete Carl Lutz ihre Mutter, so kam sie in die Schweiz, wo sie seit 1949 lebt. Bis zu ihrer Pensionierung war sie als Journalistin in Bern tätig. Sie ist Präsidentin der 2018 in Bern gegründeten Carl Lutz Gesellschaft und Mitglied des Kuratoriums der 2004 gegründeten Carl Lutz Stiftung, Budapest.

Foto Gerry Schallié
Charlotte Schallié, geboren 1965 in Toronto, aufgewachsen im Aargau. Studium der Geschichte und Germanistik an der University of British Columbia in Vancouver. Sie ist Professorin an der University of Victoria in Kanada für Germanistik und Holocaust Studies. Veröffentlichte u. a. «Heimdurchsuchungen. Deutschschweizer Literatur, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur seit 1965».
Unter Schweizer Schutz
Die Rettungsaktion von Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs in Budapest – Zeitzeugen berichten
Herausgegeben von Agnes Hirschi und Charlotte Schallié
Unter Mitarbeit von Dahlia Beck, Daniel Teichman, Daniel von Aarburg und Noga Yarmar Mit einem Beitrag von François Wisard
Übersetzungen von Lis Künzli und Barbara Linner
Limmat Verlag
Zürich
«Doch die Gesetze des Lebens sind nun einmal stärker als menschliche Paragraphen»1
Charlotte Schallié und Agnes Hirschi
«Im Frühjahr 1944, während der unbarmherzigsten Schreckensherrschaft, fand sich ein Mensch, ein Schweizer Diplomat, der sich über alle Vorschriften (sowohl der Schweiz als auch Amerikas) hinwegsetzte, der seinen Diensteid verletzte, um einem Mitmenschen zu helfen.» 2
Dieses Buch zeichnet aus der Sicht von Geretteten und Widerstandskämpfern die Rettungsaktivitäten des Schweizer Diplomaten Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs in Budapest nach.
Carl Robert Lutz (1895–1975) war von Januar 1942 bis März 1945 Vizekonsul und Leiter der Abteilung «Fremde Interessen der Schweizer Gesandtschaft» in Budapest. Zu seinen Aufgaben gehörte, die Schutzmacht-Interessen von vierzehn kriegführenden Staaten in Ungarn zu repräsentieren – unter anderem jene der USA und Grossbritanniens. In dieser Funktion führte Lutz bereits zu Beginn seiner Amtszeit Verhandlungen mit den ungarischen Behörden und erwirkte, dass 10 000 Palästina-Zertifikate 3 für jüdische Kinder und Jugendliche ausgestellt wurden, womit er ihnen die Auswanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina ermöglichte. Diese erfolgreichen Verhandlungserfahrungen in Budapest waren wegweisend für den Verlauf von Lutz’ Rettungsaktion, die er nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 19. März 1944 auf eigene Initiative in die Wege leitete. Im Anschluss an die Besetzung Ungarns wurde die jüdische Bevölkerung – mit Ausnahme der Juden und Jüdinnen in der Hauptstadt – in weniger als zwei Monaten in Ghettos verschleppt und von dort nach Auschwitz-Birkenau und in andere Vernichtungslager deportiert und ermordet. Obwohl die Deportationen im Juli 1944 weitgehend eingestellt wurden, waren die Jüdinnen und Juden in Budapest weiterhin der Gefahr von Angriffen, Erschiessungen und Todesmärschen ausgesetzt. Carl Lutz, der über den Verlauf der Deportationen informiert war, entschloss sich, umgehend zu handeln. Nach wochenlangen Verhandlungen mit dem Reichsbevollmächtigten für Ungarn, SS-Brigadeführer Edmund Veesenmayer, und SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann erreichte Lutz, dass er das, von Grossbritannien bereits bewilligte, Kontingent von 7800 Palästina-Zertifikaten an jüdische Schutzsuchende ausstellen durfte.4 Da eine Auswanderung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich war, war Carl Lutz’ Rettungscoup einzig darauf ausgerichtet, die jüdischen Verfolgten in Budapest vor den Erschiessungen, Todesmärschen und vorangetriebenen Abtransporten in die Sammellager zu bewahren. Zu diesem Zweck entwickelte er auf eigene Verantwortung eine Rettungsstrategie, die darauf abzielte, für alle Inhaber der Palästina-Zertifikate sogenannte «Schutzbriefe» auszustellen und sie gleichzeitig in einem kollektiven Auswanderungspass – dem «Kollektivpass» – namentlich zu erfassen. Sowohl die Schutzbriefe wie auch die zwei Kollektivpässe waren mit dem offiziellen Stempel der Schweizer Gesandtschaft versehen. Um sein Vorgehen zu erklären, vertrat Lutz gegenüber den deutschen und ungarischen Behörden den Standpunkt, dass die Inhaberinnen und Inhaber der Schutzbriefe als Schweizer Bürger unter Schweizer Schutz standen und von der Vernichtungspolitik in Ungarn ausgeschlossen waren. Carl Lutz organisierte diesen grossangelegten Rettungseinsatz, der die offizielle Schweiz als Schutzmacht für die jüdische Bevölkerung auftreten liess, ohne dass er dazu von der Schweizer Regierung bevollmächtigt gewesen wäre. Die humanitäre Schutzaktion war aus der Not geboren und konnte – wie die Zeitzeugenberichte in diesem Buch nahelegen – nur mit Hilfe eines Netzwerks von zahlreichen lokalen Helfern und Verbündeten durchgeführt werden. Es war ein gefährliches Unterfangen für alle Mitakteure. Carl Lutz beschreibt diese erste Phase seiner Rettungsaktivitäten wie folgt:
«Die Erstellung dieser Pässe, die ‹Schweizer Kollektivpässe› genannt wurden, bot erhebliche Schwierigkeiten, wenn sich auch zahlreiche Volontäre zur Verfügung stellten, um bei den Schreibarbeiten mitzuhelfen. Meine Idee war, Kollektivpässe von je 1000 Personen zu erstellen. Dazu brauchte es, nebst den Personalien, auch Fotos von den Personen, die aber in den Judenhäusern [Gelbsternhäusern] eingeschlossen waren. Eine Gruppe von 50 jungen jüdischen Volontären stellte sich zur Verfügung – zum Teil in ungarischer Uniform – , um die Personalien und Photi zu beschaffen. In einigen Fällen wurde der Zutritt in die Häuser sogar erzwungen, indem die jungen Burschen sich als Pfeilkreuzler ausgaben. In mühsamer Nachtarbeit wurden vier Pässe angefertigt, die heute wohl historische Dokumente sind.» 5

Der junge Carl Lutz auf der Atlantik-Überfahrt 1913
Obwohl sich Carl Lutz nach aussen hin – und gegenüber den deutschen und ungarischen Behörden – an die Kontingent-Anweisungen hielt, setzte er sich in einem zweiten Schritt über sie hinweg, indem er eigenmächtig den Auftrag erteilte, die genehmigte Quote um ein Vielfaches zu überschreiten. Sein ausgeklügelter und erfinderischer Plan bestand darin, die begrenzten Mittel und Ressourcen des bürokratischen Apparats auszuschöpfen, um so viele Menschenleben wie nur möglich zu retten. Damit die waghalsige Strategie nicht aufflog, hielt er seine Mitarbeiter an, jede neue Serie von Einwanderungszertifikaten und Schutzbriefen jeweils von 1 bis 7800 zu nummerieren.6 Ein weiterer bürokratischer Kniff war, die 7800 Palästina-Zertifikate als «Familienzertifikate» zu interpretieren und für jedes Familienmitglied einen eigenen Schutzbrief auszugeben. Denn, so argumentierte der gewandte Verhandlungsführer Lutz, die ungarische Regierung habe doch schliesslich «Einheiten» genehmigt, die, nach seinen Vorstellungen, bis ca. zehn Familienmitglieder beinhalteten. Diese willkürliche Auslegung hatte zur Folge, dass Carl Lutz mit der von ihm ins Leben gerufenen Rettungsaktion und durch die Unterstützung seines Rettungsteams über 50 000 lebensrettende Schutzbriefe und Schutzpässe ausstellen konnte.7
In Verhandlungen mit dem ungarischen Aussenminister Gábor Kemény erreichte Carl Lutz zudem, dass 76 Häuser in der Pozsonyi-Strasse und am Szent-István-Park laut geltendem Exterritorialitätsrecht unter Schweizer Obhut gestellt wurden. Dazu gehörte das Glashaus in der Vadász-Gasse 29, das als exterritoriales Gesandtschaftsgebäude von der ungarischen Regierung anerkannt war.8 In diesem Gebäude eröffnete die Abteilung «Fremde Interessen der Schweizer Gesandtschaft» am 24. Juli 1944 ihre Auswanderungsabteilung. Carl Lutz betraute zuerst den Leiter des Budapester Palästina-Amtes Miklós (Mosche) Krausz und danach auch Alexander Grossman damit, die Leitung zu übernehmen. Nach dem Staatsstreich der «Nyilas» (Pfeilkreuzler) am 15. Oktober 1944 war das Glashaus das grösste Gebäude unter Schweizer Schutz und beherbergte gemäss Zeitzeugenaussagen bis zu 3000 verfolgte jüdische Menschen. Nach Schätzungen von Mihály Salamon fanden in allen 76 von der Schweiz geschützten Häusern zirka 17 000 Verfolgte einen Zufluchtsort.9
Aus Carl Lutz’ Aufzeichnungen geht hervor, dass um die 150 Personen – Angestellte der Schweizer Gesandtschaft und Freiwillige – an dieser umfangreichen Rettungsaktion mitbeteiligt waren.10 Zu ihnen gehörten Carl Lutz’ engste Vertraute, seine Ehefrau Gertrud Lutz-Fankhauser (1911–1995), die Schweizer Landsleute Harald Feller (1913–2003), Ernst Vonrufs (1906–1972), Peter Zürcher (1914–1975) sowie Miklós Krausz (1908–1985) und Mitglieder der zionistischen Jugenduntergrundbewegungen. Andere Diplomaten wie Raoul Wallenberg oder der päpstliche Nuntius Angelo Rotta folgten seinem Beispiel und stellten ebenfalls zahlreiche Schutzbriefe, Pässe und Zertifikate für die Menschen in Not aus. Aufgrund ihres Umfangs und ihrer minutiösen Durchführung jedoch darf die risikoreiche Operation von Lutz, die er «ohne einen administrativen Apparat, ohne finanzielle Mittel und ohne amtlichen Auftrag»11 ausführte, als die grösste und erfolgreichste zivile Rettungsmission des Zweiten Weltkriegs betrachtet werden.12 Um das Überleben der jüdischen Bevölkerung, die in akuter Lebensgefahr war, zu sichern, setzte sich Carl Lutz über Konventionen und Vorschriften hinweg, indem er die Menschenrechte und den Grundsatz der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens über das damals geltende Unrecht stellte. Mehr als 70 Jahre später dient Carl Lutz’ Rettungsaktion noch immer als musterhaftes Beispiel humanitärer Diplomatie in Konfliktgebieten.

Carl Lutz mit seiner geliebten Mutter Ursula, USA 1934
Carl Lutz
Carl Lutz wurde am 30. März 1895 in Walzenhausen (Appenzell Ausserrhoden), einer hoch über dem Bodensee gelegenen Gemeinde, als zweitjüngstes von zehn Kindern geboren. Sein Vater, Johannes Lutz, betrieb einen Steinbruch, starb jedoch früh. Die tiefreligiöse Familie war arm. Seine Mutter, Ursula Lutz-Künzler, war Sonntagsschullehrerin in der Methodistengemeinde und kümmerte sich um die Armen in der Gemeinde. Sie war eine warmherzige Frau und ein Vorbild für Carl Lutz, der seine Mutter liebte und verehrte. Da ein Studium in der Schweiz aus finanziellen Gründen nicht in Frage kam, wanderte er nach seiner kaufmännischen Lehre in St. Margrethen (St. Gallen) im Jahr 1913 nach St. Louis (Missouri), in die Vereinigten Staaten, aus. Er war gerade achtzehn Jahre alt geworden; ohne eigenes Vermögen und ohne Beziehungen dorthin. Um sein geplantes Studium zu finanzieren, arbeitete er fünf Jahre lang in einer Fabrik in Granite City (Illinois). Dann erst konnte er an der George Washington University sein Studium in Geschichte und Jura aufnehmen und drei Jahre später (1924) mit dem Bachelor of Arts abschliessen. In dieser Zeit begann auch seine diplomatische Karriere, zunächst mit einer Aushilfsstelle als Korrespondent und bald als Kanzlist in der Visa-Abteilung der Schweizer Gesandtschaft in Washington, D. C. Daraufhin folgten feste Anstellungen als Kanzleisekretär an den Schweizer Konsulaten in Philadelphia und St. Louis. Im Jahr 1935, nach seiner Heirat mit Gertrud Fankhauser, wurde Carl Lutz an das Schweizer Konsulat in Jaffa, das für das damalige Palästina und Transjordanien zuständig war, versetzt. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vertrat er auch die Interessen der deutschen Reichsangehörigen in Palästina. In diese Zeit fiel seine Ernennung als Vizekonsul. Die guten Kontakte zu Deutschland kamen ihm später in Budapest zugute. Wie bereits erwähnt war Carl Lutz nach seiner Tätigkeit in Palästina von Januar 1942 bis März 1945 Vizekonsul in Budapest.

Carl Lutz und Gertrud Lutz-Fankhauser (2. Reihe rechts aussen) im Bus von Lissabon nach Genf 1945. Dazu schreibt Carl Lutz: «Endlich rückt die Heimat näher! Von Lissabon ging es Mitte Mai 1945 über Madrid nach Barcelona, wo wir von einem schweizerischen Autobus abgeholt und wohlbehalten nach Hause gebracht wurden.»
Nach den Ereignissen in Budapest kehrte Carl Lutz im Mai 1945 gesundheitlich schwer angeschlagen über Bulgarien und die Türkei in die Schweiz zurück. In seinem unveröffentlichten Lebenslauf, den er 1968 verfasste, schildert er die Umstände dieser abenteuerlichen Reise:
«Nach einem einwöchigen Aufenthalt in der Türkei setzten wir die Reise auf dem Schutzmachtdampfer ‹Drottingholm›, stets mit Schwimmgürtel durch das minenverseuchte Mittelmeer, nach Lissabon fort, von dort über Spanien nach Genf, wo wir nach der sechs Wochen dauernden Reise um Mitternacht ankamen und den Dank und Gruss der Heimat entgegennahmen, der da lautete: ‹Haben Sie was zu verzollen?› »13
Carl Lutz arbeitete nach seiner Genesung von 1946 bis 1954 für das Politische Departement in Bern und Zürich. In dieser Zeit liess er sich von seiner Frau Gertrud scheiden und heiratete im Jahr 1949 Magda Grausz aus Budapest. Im Jahr 1951 war er in einer besonderen Mission für die Lutheran World Federation in Israel tätig. Von 1954 bis 1961 amtete er als Konsul in Bregenz (Österreich) – zuletzt als Titular-Generalkonsul. Nach seiner Pensionierung lebte Carl Lutz in Bern, wo er am 13. Februar 1975 im Alter von 80 Jahren verstarb. Seine erste Frau, Gertrud Lutz-Fankhauser schrieb über ihn: «Er gehörte zu den Stillen im Lande und war zeitlebens ein pflichtbewusster Beamter. Gleichzeitig war er von seinem tiefen christlichen Glauben stark geprägt, was ihn aus innerstem Bedürfnis immer wieder dazu verpflichtete, Menschen in Not beizustehen.»14
Nach der Zeit in Budapest war Carl Lutz für den Rest seines Lebens von einem grundlegenden Widerspruch gezeichnet. Obwohl er sich Vorwürfe machte, in Budapest nicht mehr «Schutzbefohlene» gerettet zu haben, tat er sich schwer damit zu akzeptieren, dass seine humanitäre Aktion in der Schweiz wenig Beachtung fand. Während ihm aus dem Ausland verschiedene Zeichen der Anerkennung zuteil wurden – unter anderem eine Strassennamensgebung in Haifa (1958), das Grosse Bundesverdienstkreuz der BRD (1962), und die Ehrung als «Gerechter unter den Völkern» von Yad Vashem (1964)15 – wurden seine Rettungsaktivitäten in seiner Heimat nur vereinzelt gewürdigt, er erhielt zum Beispiel das Ehrenbürgerrecht seiner Heimatgemeinde Walzenhausen (1963). Nach seiner Rückkehr aus Budapest nahmen sich seine Vorgesetzten im Bundeshaus kaum Zeit, ihn anzuhören; stattdessen prüfte man seine Spesenabrechnung. Auch wurde seiner beim Eidgenössischen Politischen Departement (EPD; heute EDA) vorgebrachten Bitte, ihm zwei Kollektivpässe für einige Zeit zur Verfügung zu stellen, nicht entsprochen. In einem Brief (5. Februar 1949) erhielt Carl Lutz den Bescheid, dass die Polizeiabteilung des Eidgenössischen Polizei- und Justizdepartements gegen ihn den Vorwurf der «Kompetenzüberschreitung» erhob, denn es sei in Budapest nicht gesetzmässig gewesen, Schweizerpässe an Ausländer zu verteilen:
«Die Polizeiabteilung des Eidgenössischen Polizei- und Justizdepartements macht uns [...] mit Schreiben vom 25. Januar 1949 darauf aufmerksam, dass die Bezeichnung der betreffenden Ausweispapiere als schweizerische Kollektivpässe nicht statthaft war; denn die Abteilung für fremde Interessen sei wohl ermächtigt gewesen, den ihrem Schutz unterstellten Ausländern Papiere abzugeben, habe aber diese nicht als Schweizerpässe bezeichnen dürfen.»16
Man muss sich vergegenwärtigen, dass Carl Lutz in einer höchst dramatischen Situation in Ungarn, wo Adolf Eichmann die Vernichtung der ungarischen Juden vorantrieb, sich eines raffinierten juristischen Manövers bediente, um Tausende von Menschenleben zu retten. Während er sich dazu entschied, Menschenleben höher zu gewichten als das buchstabengetreue Befolgen von Gesetzen, wurde ihm letztlich genau dies von seinen Vorgesetzten vorgehalten. Die oben zitierte schriftliche Rüge – auch wenn sie keine Bestrafung nach sich zog – empfand der gewissenhafte und verantwortungsbewusste Beamte, als würde man sein Handeln als schweres Vergehen werten. Es darf deshalb nicht verwundern, dass Carl Lutz bis zu seinem Lebensende darum kämpfte, sich in den Augen jener, die seine Vorgehensweise in Budapest legalistisch oder moralisch verurteilten, zu rehabilitieren.

Carl Lutz mit einer Kinderschar in Appenzell, Schweiz, undatiert
Nach dieser schriftlichen Massregelung sollten noch neun Jahre verstreichen, bevor Carl Lutz’ «unbefugtes» Vorgehen zum ersten Mal von offizieller Schweizer Seite als humanitäres Engagement gewürdigt wurde. Die Anerkennung von Bundesrat Markus Feldmann kam Lutz anlässlich der Debatte über den Ludwig-Bericht im Nationalrat zuteil. Die eigentliche offizielle Rehabilitierung erfolgte jedoch erst 1995 im Rahmen der Gedenkstunde zum 100. Geburtstag von Carl Lutz. Der damalige Aussenminister Flavio Cotti würdigte Carl Lutz als «stillen, aber grossen Helden». Es ist bezeichnend, dass Cotti in seiner Rede die Privatperson Lutz ehrte, indem er darauf hinwies, dass Lutz «als Mensch und verantwortliches Individuum gehandelt [habe], weil sein persönliches Gewissen ihm keine Ruhe liess». Dass die Rettungsaktion in Budapest nur möglich war, weil Lutz in seiner Funktion als Amtsträger handelte, darauf verwies Cotti in diskret indirekter Weise. Cottis Rede war keine politische Entschuldigung, es war die Ehrung eines Aufrechten und Gerechten, der – hier zitierte Cotti das humanitäre Credo von Carl Lutz – sich das Recht herausnahm, die jüdischen Flüchtlinge unter den offiziellen Schutz der Schweizer Regierung zu stellen: «Wenn es so viele Länder gibt, welche die Gesetze verletzen, um zu töten, so dürfte es doch ein Land geben, dass die Gesetze verletzt, um zu retten.»17
Im Gegensatz zum politischen Erinnerungsdiskurs berichteten die Medien sporadisch über Carl Lutz’ Rettungsaktivitäten im Zweiten Weltkrieg. Vier Monate nach Kriegsende – am 15. September 1945 – erschien in der «Schweizer Illustrierten» ein Beitrag unter dem Titel «Ein Schweizer Konsul und ein Konsul von Salvador verhinderten die Ausrottung des ungarischen Judentums». Anlässlich seiner Pensionierung im Jahre 1961 wurden Carl Lutz’ persönliche Aufzeichnungen in gekürzter Form in der «Neuen Zürcher Zeitung» unter dem Titel «Die Judenverfolgung unter Hitler in Ungarn» zum ersten Mal veröffentlicht. Der einleitende Paragraph würdigte, «was Mannesmut, Unerschrockenheit und Unbeirrbarkeit im Dienste der Menschlichkeit auch in einer Zeit zu wirken vermögen, in der alle ethischen Wertmassstäbe mit Füssen getreten werden».18 Im selben Jahr erschien «Heute darf ich reden – Ich habe nicht umsonst gelebt» in der Zeitschrift «Sie und Er». In diesem Artikel kamen auch weitere an der Rettungsaktion beteiligte Personen wie Tibor Rosenbaum und Alexander Grossman zu Wort. Als zehn Jahre später Carl Lutz der «Schweizer Illustrierten» den Vorschlag unterbreitete, über die Rettungsaktion zu schreiben, erhielt er die Antwort «Nun verhält es sich leider so, dass sich – wie verlässliche Erhebungen ergeben haben – der Grossteil meiner Leser für die dramatischen Vorgänge, in deren Mittelpunkt Sie einstens gestanden haben, kaum mehr interessiert, sodass ich beim besten Willen keine Möglichkeit sehe, einen Bericht in der ‹Schweizer Illustrierten› zu publizieren, wie er Ihnen vorschwebt. Unterzeichnet von Dr. W. Meier – Chefredaktion.» Diesen ablehnenden Bescheid erhielt Carl Lutz vier Jahre vor seinem Tod.

Carl Lutz und Gertrud Lutz-Fankhauser sitzen mit dem Chauffeur Charles Szluha im Wrack ihres Autos, Budapest, Ungarn 1945
Zwischen 1975 und 1995 finden sich in der medialen Aufarbeitung der Schweizer Erinnerungsgeschichte zum Zweiten Weltkrieg relativ wenige Hinweise auf Carl Lutz. Vereinzelte Beiträge behandelten Alexander Grossmans Biografie «Nur das Gewissen. Carl Lutz und seine Budapester Aktion – Geschichte und Porträt» (1986) und berichteten über die Einweihungen der Ehrentafel in Walzenhausen (1975), des Carl-Lutz-Denkmals in Budapest (1990) und des Carl-Lutz-Weges in Bern (1995).
Obwohl die historische Figur Carl Lutz in der kollektiven Erinnerung der Schweiz auch heutzutage noch nicht fest verankert ist, wird seine Schutzbrief-Rettungsaktion im nationalen Gedächtnis der Schweiz seit zehn Jahren vermehrt gewürdigt. Eine bedeutende Ehrung von Seiten der Bundesregierung erfolgte anlässlich der Herbstsession des Nationalrats am 24. September 2018 im Nationalrat. Ein halbes Jahr zuvor wurde das grösste Sitzungszimmer im Westflügel des Bundeshauses als «Carl Lutz Saal» von Bundesrat Ignazio Cassis eingeweiht.

Carl Lutz in den Ruinen der Britischen Gesandtschaft, Budapest, Ungarn 1945

Erste Weihnachten in Bern, Schweiz 1949

Porträtaufnahme von Carl Lutz 1965
Oral History – Gespräche mit Geretteten und Zeitzeugen
Die in diesem Buch vorliegenden Berichte bzw. Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden und Zeitzeugen sind über einen Zeitraum von 25 Jahren (1995–2020) in Israel, Ungarn, der Schweiz, Grossbritannien, Kanada und den Vereinigten Staaten erfasst und gesammelt worden. Den Begriff «Zeugnis» verwenden wir dabei nicht in seiner juristischen Bedeutung, sondern fassen ihn, um den multiplen methodologischen Ansätzen gerecht zu werden, in weitem Sinn als «Weitergabe von Informationen, für die sowohl ein innerer, unbeugsamer Druck sie mitzuteilen besteht als auch eine äussere Bereitschaft und ein Verlangen, diese zu empfangen»19.
Nachfolgend steckt François Wisard, Leiter des Historischen Dienstes beim EDA, den historischen Zeitrahmen ab, der die Rettungsmassnahmen von Carl Lutz in den Kontext anderer Rettungseinsätze durch Diplomaten und das Internationale Rote Kreuz in Budapest während des Kriegs stellt. Wisards Überlegungen zu den höchst komplizierten Rettungsmissionen unter Schweizer Leitung führen uns zum ersten Kapitel, das Zeugnisse ehemaliger Mitglieder von vier zionistischen Jugendbewegungen vorstellt: Bne Akiva, Hanoar Hazioni, Haschomer Hazair und Hechaluz. In diesem Kapitel ist auch der Zeugenbericht eines Nichtjuden enthalten, Paul Fabry. Fabry, der zum militärischen Widerstand gehörte, stellte eine Truppe zusammen, die vorgeblich mit der Bewachung des Glashauses beauftragt war. Während die falsche Militäreinheit vortäuschte, die Insassen des Glashauses gefangen zu halten, schützten er und seine Soldaten in Wirklichkeit die jüdischen Bewohner vor Angriffen und Verhaftungen durch die Pfeilkreuzler. Sein Bericht erinnert uns daran, wie viele individuelle Widerstandsaktionen zu den von der Schweiz geführten Rettungsmissionen beigetragen haben: «Es gab keinen einzigen geretteten Juden, ohne dass nicht Dutzende andere daran beteiligt waren. Da war derjenige, der ihn ins Haus hereinliess, derjenige, der ihn zum Taxi brachte, derjenige, der ihm ein bisschen Kleingeld oder etwas zu essen gab, derjenige, der mit gefälschten Bescheinigungen von einem Ort zum andern rannte, derjenige, der den Telefonanruf machte, um ihm zu sagen, er soll fliehen. Es war eine Kette von Ereignissen, und eine einzige Sekunde konnte von Bedeutung sein. Wo konnte in dieser Sekunde jemand helfen? War jemand da, der einem zu Hilfe kam? War jemand da, der einem dieses Papier gab? Niemand konnte allein tausende Verfolgte retten. Und das trifft auch für Lutz zu. Lutz war ein Held, aber er brauchte Hunderte andere, die ihm halfen.»
Im zweiten Kapitel werden Lebensgeschichten nachgezeichnet, die auf Interviews mit Überlebenden und deren Nachkommen beruhen. Diese Porträts von Geretteten – die Gespräche, auf denen sie basieren, wurden mit einer Ausnahme alle von Agnes Hirschi geführt – sind weitgehend in der dritten Person gehalten um hervorzuheben, dass diese mündlich erfragten Lebensgeschichten durch die Augen der GesprächspartnerInnen reflektiert werden. Diesem gemeinschaftlichen Ansatz zwischen Interviewern und Befragten liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Erinnerungen der Zeugen nicht in einem abstrakten Vakuum existieren, sondern in einem dialogischen Rahmen gegenseitig konstituiert und vermittelt werden.20
Das dritte Kapitel enthält Zeitzeugengespräche, die von Noga Yarmar, Charlotte Schallié, Daniel von Aarburg und Daniel Teichman geführt wurden.20 Ein Grossteil der Gespräche sind «narrative Interviews», die auf Video aufgezeichnet wurden. Dies bedeutet konkret, dass wir zu Beginn des Gesprächs Leitfragen stellten, danach den Redefluss aber nicht mehr unterbrochen haben. Wenn noch zusätzliche Erklärungen vonnöten waren, haben wir diese gestellt, nachdem die Zeitzeugen ihre Lebensgeschichten zu Ende erzählt hatten. Im Rahmen seines Filmprojektes «Carl Lutz – Der vergessene Held» hat Daniel von Aarburg biografische Interviews geführt, das heisst, er hat sowohl Leitfragen als auch offene Fragen gestellt. Daniel Teichmans Beitrag gibt ein persönliches Gespräch zwischen Vater und Sohn wieder.

Carl Lutz in seinem Büro, Bregenz, Österreich 1960
Wir befragten Überlebende, die im Jahr 1944 noch im Kleinkindalter waren; andere Überlebende, die uns ihre Erinnerungen anvertrauten, waren damals bereits erwachsen und an der Rettungsmission mitbeteiligt. Angesichts dieser grossen Altersspanne variieren die Erinnerungen stark: Einige reflektieren die Wahrnehmung eines Kindes, andere werden aus der Erwachsenenperspektive geschildert und dabei in Zusammenhänge eingebettet, die stark von nachfolgenden Ereignissen und «Folgeerfahrungen»21 geprägt sind.
Während der Gespräche mit den Zeitzeugen achteten wir darauf, aufmerksame und engagierte Zuhörerinnen zu sein und uns so wenig wie möglich einzumischen, um den Erinnerungsprozess zu respektieren, der sich oft als «Bewusstseinsstrom» vollzog. Wir orientierten uns an den vom USC Shoah Foundation Institute for Visual History and Education entwickelten Leitfäden und den vom United States Holocaust Memorial Museum vorgeschlagenen Richtlinien für Interviews. Sämtliche Überlebende, die persönlich befragt wurden, zeigten ein dringendes Bedürfnis, Zeugnis abzulegen – und brachten dies oft schon bei der ersten, telefonischen Kontaktaufnahme deutlich zum Ausdruck. Wenn das Erinnern aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Überlebenden schwieriger war, baten wir ihre Ehepartner und Kinder, beim Gespräch zu vermitteln. In solchen Situationen wurde das Format an die individuellen Bedürfnisse und Umstände angepasst, und es entwickelte sich ein gemeinschaftliches Erinnern von Überlebenden und ihren Familienmitgliedern.22
Das vierte Kapitel enthält schriftliche Selbstzeugnisse, die von Überlebenden oder deren Nachkommen verfasst und zum Teil durch Interviews ergänzt wurden. Sowohl in den mündlichen wie auch in den schriftlichen Selbstzeugnissen erinnern sich einige Überlebende lebhaft und detailliert an die Ereignisse von 1944 und 1945, während andere die Erinnerung mit philosophischen und historischen Reflexionen verweben, die auf jahrelangen Recherchen und der Beschäftigung mit der Vergangenheit beruhen.
Im fünften Kapitel versammeln wir Hommagen und Briefe an Carl Lutz, die Agnes Hirschi – Journalistin, Holocaust-Überlebende und Stieftochter von Carl Lutz – über viele Jahre hinweg von Überlebenden erhalten hat.
Die Transkripte der Gespräche, die auf Deutsch, Hebräisch, Ungarisch und Englisch geführt wurden, sind für die Buchausgabe bearbeitet und gekürzt worden. Die schwierige Aufgabe, einen mündlichen Bericht in ein schriftliches Dokument zu übertragen, erforderte weitere gemeinsame Anstrengungen von Überlebenden, InterviewerInnen, ÜbersetzerInnen, RedakteurInnen und LektorInnen. Obwohl die Erinnerungsprozesse zyklischen und sich wiederholenden Mustern folgen, haben wir uns bei allen Berichten und Zeugnissen für eine lineare Erzählstruktur entschieden. Um ein teambasiertes Modell der Zusammenarbeit umsetzen zu können, haben wir alle einen Ansatz gewählt, der dem komplexen Zusammenspiel von Inhalt, Erinnerungsprozess und Formgebung grosse Aufmerksamkeit schenkt.
Die Arbeit unserer MitherausgeberInnen (Daniel Teichman, Noga Yarmar, Dahlia Beck, Daniel von Aarburg) war ein integraler Bestandteil dieses Projekts. Aus diesem Grund haben wir am Schluss einen Anhang mit ihren Anmerkungen hinzugefügt, damit die Art unseres gemeinsamen Vorgehens so transparent wie möglich wird.
Juli 2020
Kontext und Eckpunkte der Rettungsaktivitäten von Carl Lutz und seinem Team
François Wisard23
Die Rettungsaktivitäten von Carl Lutz und seinem Team können nur im Kontext der politischen Entwicklungen Ungarns in den Jahren 1944 und 1945 und der gleichzeitig von Repräsentanten anderer neutraler Länder unternommenen Rettungsmassnahmen verstanden werden (siehe 1 und 2).
Lutz’ Rettungseinsatz kann auf keinen Fall als die heroische Tat eines Einzelnen betrachtet werden, sondern war Teil einer kollektiven Anstrengung unter seiner Leitung. Diese Rettungsbemühungen waren jedoch wegweisend: Sie gingen anderen nicht nur zeitlich voraus, sondern ermöglichten auch die Rettung der meisten Menschen (siehe Punkte 2 und 4).
Ungarn und die Judendeportation
Carl Lutz kam im Januar 1942 nach Budapest und kehrte im April 1945 gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden in der schweizerischen diplomatischen Vertretung nach Bern zurück – mit Ausnahme seines Vorgesetzten und eines Kollegen, die beide von den Sowjets gefangengenommen und nach Moskau gebracht worden waren. Die Ereignisse in Ungarn zu jener Zeit können in drei verschiedene Phasen eingeteilt werden.
Die erste Phase umfasst die Zeit bis zur deutschen Besetzung am 19. März 1944. Nachdem sich Ungarn 1940 durch seinen formellen Beitritt zum Achsenbündnis gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland zu militärischem Beistand verpflichtet hatte, konnte es Teile der Tschechoslowakei, Rumäniens und Jugoslawiens annektieren und damit Gebiete zurückgewinnen, die es in der Folge des Ersten Weltkriegs verloren hatte. Zwischen 1938 und 1941 verabschiedete Ungarn drei antijüdische Gesetze, die sich weitgehend an den Nürnberger Gesetzen orientierten und die Juden faktisch von allen staatlichen und öffentlichen Ämtern ausschlossen. Darüber hinaus beteiligten sich ungarische Truppen an Massakern an Juden. Dennoch stellte Ungarn im Frühling 1944 das letzte Gebiet unter Kontrolle oder Einfluss der Achsenmächte dar, in dem die «Endlösung» noch nicht durchgeführt worden war. Es lebten um die 750 000 Juden innerhalb seiner Grenzen, darunter viele, die aus Polen, vor allem aber der Slowakei geflüchtet waren.
Mit dem 19. März 1944 änderte sich die Lage. Angesichts des Vorrückens der sowjetischen Armee und des sich zunehmend stärker manifestierenden Willens der ungarischen Regierung, ins Lager der Alliierten zu wechseln, marschierten die deutschen Truppen im Land ein. Nazideutschland verfügte jedoch nicht mehr über die Mittel für eine umfassende, dauerhafte Besetzung, und ein Grossteil der Truppen wurde bald wieder abgezogen. Es zwang dem Reichsverweser Miklós Horthy, der das Land seit 1920 regierte, zwei Reihen von Massnahmen auf: eine Kollaborationsregierung und eine Armada von Aufsehern und Beratern unter der Leitung von Edmund Veesenmayer, der sowohl Heinrich Himmler als auch Joachim von Ribbentrop vertrat. Adolf Eichmann stand an der Spitze eines Spezialkommandos zur Organisation der Deportationen. Es waren also die Deutschen, die die Strippen zogen. Um jedoch den Schein ungarischer Souveränität aufrechtzuerhalten, blieb der Regent Horthy Staatsoberhaupt.
Eichmann und seine Kommandotruppe machten sich umgehend an die Arbeit. Es wurde ein Zeitplan zur Konzentration der ungarischen Juden erstellt, der bald die Deportation folgen sollte. Als erstes waren die Juden der Provinzen im Osten, Südosten und Norden betroffen – die Gebiete, die den heranrückenden sowjetischen Truppen am nächsten lagen und als letzte von Ungarn annektiert worden waren. Die Operation sollte spätestens nach drei Monaten mit den Juden der Hauptstadt abgeschlossen werden. Am 15. Mai 1944 fuhr der erste Zug nach Auschwitz-Birkenau, bis an die slowakische Grenze von Ungarn begleitet. Innerhalb weniger Wochen wurden über 430 000 Juden aus der Provinz deportiert, was eine Welle an Protesten auslöste. Papst Pius XII., der amerikanische Präsident Roosevelt und der schwedische König schickten Protestnoten an den Regenten Horthy. Anfang Juli wurde Budapest von der US-Luftwaffe bombardiert. Vor diesem Hintergrund ordnete Horthy am 6. Juli einen Deportationsstopp an. Bis dahin war die jüdische Bevölkerung aus der ungarischen Provinz verschwunden. Übrig blieb die jüdische Gemeinschaft der Hauptstadt Budapest.
Im Laufe des Sommers zeichneten sich zwei widersprüchliche Entwicklungen ab: Zum einen mussten die jüdischen Bürger der Hauptstadt sowie die Gebäude, in denen sie zu leben gezwungen waren, den gelben Stern tragen. Zum anderen wurden allzu deutschfreundliche Regierungsmitglieder entlassen.
Die dritte Phase begann mit dem 15. Oktober 1944. Nach der Ankündigung des Regenten Horthy, Ungarn werde sich aus dem Krieg gegen die Alliierten zurückziehen, wurde er gezwungen, die Macht an Ferenc Szálasi abzutreten, den Anführer der Nyilas, der nazistischen ungarischen Pfeilkreuzler-Partei. Der neue Innenminister gab auf der Stelle bekannt, die Regierung werde die von den neutralen Staaten ausgestellten und verteilten Schutzdokumente – wie wir noch sehen werden – nicht mehr anerkennen. In der Hoffnung, von diesen anerkannt zu werden, gab das neue Regime dem Druck jedoch schliesslich nach, und die Massnahme wurde nicht umgesetzt.
Diese letzte Phase kann durch drei Hauptmerkmale charakterisiert werden. Zunächst war diese Zeit von Chaos, Unsicherheit und – vor allem – von Gewalt geprägt. Nyilas-Banden nahmen unaufhörlich Razzien und Übergriffe gegen Juden vor, die bis hin zu Exekutionen am Ufer der Donau reichten, bei denen die Leichen direkt ins Wasser geworfen wurden. Diese Angriffe machten auch vor den Diplomaten neutraler Länder nicht halt: Die schwedische Vertretung wurde am 24. Dezember angegriffen, der Leiter der Schweizer Vertretung am 29. Dezember entführt und gefoltert. Die Zahl der jüdischen Todesopfer durch die Nyilas wird auf über 60 000 geschätzt.24 Im November wurden Zehntausende von Juden gezwungen, zur österreichischen Grenze zu marschieren. Während dieser «Todesmärsche» versuchten Vertreter der neutralen Länder und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), den Deportierten Schutzdokumente zu überbringen.
Ausserdem wurden im November im Bezirk Pest zwei grosse Ghettos eingerichtet. Das «Internationale Ghetto» umfasste rund um die Pozsonyi-Strasse 122 Häuser, die unter dem Schutz neutraler Länder standen. Es waren moderne Wohnhäuser von vier bis sechs Stockwerken, in denen sich über 20 000 Juden befanden, Inhaber von durch neutrale Länder ausgestellten oder gefälschten Schutzdokumenten. Die meisten Häuser (76 insgesamt) standen unter schweizerischer Verantwortung, die anderen verteilten sich auf Schweden (33), Spanien, Portugal, das IKRK und das schwedische Rote Kreuz. Das sogenannte «Zentrale» oder «Grosse Ghetto» wurde neben der grossen Synagoge eingerichtet. Darin waren über 60 000 Juden eingeschlossen, darunter mehrere tausend, die durch die Nyilas gewaltsam aus dem «Internationalen Ghetto» geholt worden waren.
Und zu guter Letzt waren sich alle bewusst, dass das Vorrücken der Roten Armee und damit die Befreiung von Budapest unvermeidlich waren. General Malinovsky, der Ende Oktober ungarisches Gebiet betreten hatte, rechnete mit der Befreiung von Budapest Anfang November.25 Der erbitterte Widerstand der deutschen und ungarischen Truppen hatte jedoch zur Folge, dass Budapest erst an Weihnachten vollständig eingekesselt werden konnte. Die Befreiung von Pest am linken Donauufer erfolgte am 18. Januar, die von Buda auf der anderen Seite einen Monat später. Insgesamt forderte die Belagerung von Budapest um die 160 000 Menschenleben.
Die neutralen Staaten in Budapest26
Die diplomatischen Vertretungen der neutralen Staaten spielten gemeinsam mit den jüdischen Organisationen eine zentrale Rolle bei den Rettungsbemühungen für die Juden von Budapest. Manche jüdischen Oberhäupter führten mit den Nazis Verhandlungen, die insbesondere die Ausreise von nahezu 1700 Juden in die Schweiz ermöglichten.27 Namentlich stehen hier die fünf neutralen Staaten, die über eine diplomatische Vertretung in Budapest verfügten, im Zentrum des Interesses: der Heilige Stuhl, Spanien, Portugal, Schweden und die Schweiz.28
Die Neutralen haben für gewisse Juden Schutzdokumente ausgestellt oder ausstellen lassen. Die ungarischen Behörden hatten nur eine begrenzte Anzahl dieser Dokumente zugelassen. Es wurden Dokumente gefälscht, andere verkauft. Die genaue Anzahl dieser von den neutralen Staaten ausgestellten Schutzbriefe zu eruieren, ist nicht möglich, erst recht nicht, da die Zahlen je nach Quelle voneinander abweichen. Wir müssen uns mit ungefähren Grössenordnungen begnügen. Es muss dabei betont werden, dass diese Dokumente zwar einen gewissen Schutz, aber auf keinen Fall absolute Sicherheit boten, besonders nach der Machtergreifung der Nyilas am 15. Oktober.
Der Apostolische Nuntius Angelo Rotta (1872–1965) spielte eine wichtige Rolle bei der Koordination der Bemühungen durch die Neutralen. Am 21. August wurde ein erster gemeinsamer Protest zu einer geplanten Judendeportation eingelegt. In einer zweiten Protestbotschaft, verfasst anlässlich eines Treffens beim Nuntius am 15. November 1944, wurde der sofortige Stopp der Judenverfolgungen verlangt. Während die neutralen Staaten ihre Koordination allgemein intensivierten, waren es gegen Ende vorwiegend die Schweizer und die Schweden, die sich mobilisierten, manchmal in Begleitung von Vertretern der Nuntiatur und des IKRK.
Die Nuntiatur stellte ebenfalls Schutzdokumente aus. Ihr wurden ungefähr 2500 bewilligt, hauptsächlich für zum Christentum konvertierte Juden, sie gab jedoch mindestens sechsmal so viele aus. Ungarn war das einzige Land, in dem Papst Pius XII. öffentlich für die Rettung verfolgter Juden intervenierte und in dem der Nuntius mit den anderen Diplomaten zusammenarbeitete.29 Rotta wurde 1997 posthum als «Gerechter unter den Völkern» geehrt.
Die spanische Gesandtschaft wurde seit dem Sommer 1944 vom Geschäftsträger Ángel Sanz Briz (1910–1980) geleitet. Im Juli erhielt er die Anweisung, 500 Kindern die Emigration nach Tanger zu erlauben, das damals von Spanien besetzt war, darunter 200 aus Budapest. Er liess für diese 200 Kinder Schutzdokumente ausstellen. Nach dem Krieg berichtete er, er habe jedes dieser Kinder in administrativer Hinsicht als eine Familie behandelt und so die Schutzdokumente vervielfachen können. Anfang Dezember gab Spanien den Forderungen der Nyilas nach und versetzte seinen Geschäftsträger unter dem Vorwand der herannahenden Roten Armee von der ungarischen Hauptstadt nach Sopron an der österreichischen Grenze. Ein Italiener, Giorgio Perlasca (1910–1992), löste ihn ab und unterzeichnete die spanischen Schutzdokumente. Wie der Schwede Raoul Wallenberg und die Schweizer Peter Zürcher und Ernst Vonrufs blieb dieser bis zur Befreiung von Pest, des Stadtteils, in dem sich die jüdischen Ghettos befanden, in dieser Weise aktiv. Sanz Briz wurde 1966, Perlasca 1988 mit dem Titel «Gerechter unter den Völkern» geehrt.
Die portugiesische Gesandtschaft von Budapest war ermächtigt, provisorische Pässe an Juden mit Verbindungen zu Portugal oder Brasilien auszustellen – Länder, deren Interessen Lissabon in Deutschland vertrat. Sie stellte um die 800 Pässe aus. Es gab viele Wechsel an der Spitze der Gesandtschaft: Minister Carlos Sampaio Garrido (1883–1960) musste Budapest verlassen, nachdem er in seiner Residenz mit Juden zusammen verhaftet worden war. Er wurde bis Ende Oktober durch den Geschäftsträger Alberto Teixera Branquinho (1902–1973) ersetzt, dieser bis Anfang Dezember durch einen Konsul. Sampaio Garrido wurde 2010 der Titel «Gerechter unter den Völkern» zuerkannt.
Im Gegensatz zu Spanien und Portugal, die Ende 1944 in Budapest keine eigentlichen Vertretungen mehr hatten, befanden sich Schweden und die Schweiz in diplomatischer Hinsicht gegenüber den Budapester Behörden in einer besonderen Situation. Schweden vertrat die Interessen Ungarns in Washington, London und Berlin sowie die Interessen der Sowjetunion in der ungarischen Hauptstadt. Die Schweiz vertrat in Budapest die Interessen von rund zehn Staaten, welche die diplomatischen Beziehungen mit Ungarn abgebrochen hatten, darunter die Vereinigten Staaten und Grossbritannien. Diese Situation verlangte von beiden Ländern nicht nur ein Mindestmass an diplomatischer Präsenz, sondern ermöglichte ihnen auch, ihren Aktionsspielraum je nach Bedarf einzuschränken oder zu erweitern, um den verfolgten Juden zu helfen.
Die Zusammensetzung des schwedischen diplomatischen Personals war bemerkenswert konstant. Die Gesandtschaft mit Sitz im Bezirk Buda wurde von Minister Carl Danielsson (1880–1963) geleitet, bis dieser am 25. Dezember 1944 in der Residenz der Schweizer Gesandtschaft Zuflucht fand.30 Danielsson wurde wirksam unterstützt von Per Anger (1913–2002), später ausserdem von Lars Berg. Mitte Juni bat er um die Erlaubnis, Notpässe [emergency passports] für Juden mit Verbindungen zu Schweden auszustellen, die von der Deportation bedroht waren. Einen Monat später hatte er etwa 450 davon ausgegeben.31 Die Gesandtschaft verhandelte mit ungarischen und deutschen Behörden, um den Juden, die in Besitz eines Notpasses waren, die Emigration zu ermöglichen. Dies geschah parallel zu den Verhandlungen, die Lutz und die Schweizer über die Auswanderung von rund 7000 Juden nach Palästina führten, die aber schliesslich erfolglos waren.32
Am 9. Juli bekam die Gesandtschaft mit der Ankunft von Raoul Wallenberg (1912–?) Verstärkung. Dessen relativ vage gehaltenes Mandat war in Stockholm vom Aussenministerium in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Vertreter des War Refugee Board formuliert worden, der Anfang 1944 durch Roosevelt eingerichteten Agentur zur Hilfe für Juden. Wallenberg stand offiziell einer neuen Abteilung der Gesandtschaft vor (Sektion B) und mietete dafür eigene Lokale in Buda an. Sein Aufenthalt, ursprünglich für zwei Monate geplant, war in erster Linie dazu bestimmt, Stockholm über die Entwicklung der Lage der jüdischen Bevölkerung zu unterrichten.
Wallenberg setzte sich sehr rasch mit Lutz in Verbindung, um sich über die Schutzmassnahmen der Schweizer zu informieren. Er begann ebenfalls, Schutzdokumente auszustellen, die sogenannten Schutzpässe [protective passports]. Bis zum 10. September waren etwa 5000 ausgestellt worden, von denen 2000 verteilt waren.33 Er beklagte sich oft in Stockholm über fehlende finanzielle Mittel. Nach dem 15. Oktober intensivierte er seine Hilfsaktivitäten und verlegte die Büros nach Pest. Mehrere hundert Menschen, mehrheitlich Juden, arbeiteten für ihn. Er gab an, dass in seinen Büros 700 Leute lebten.34 Wallenberg erwies sich in den Wochen, die seiner Verhaftung durch die Sowjets am 17. Januar vorangingen, als ausgesprochen aktiv vor Ort in Pest. Er kann jedoch nicht als derjenige angesehen werden, der durch Vereitelung des geplanten Angriffs der Nyilas im Januar 1945 die 60 000 oder 70 000 Gefangenen des «Grossen Ghettos» rettete.35
Im Sommer 1944 trat in Budapest ein weiterer schwedischer Akteur in Erscheinung. Der ehemalige Journalist Waldemar Langlet, der in der ungarischen Hauptstadt lebte, drängte darauf, örtlicher Vertreter des schwedischen Roten Kreuzes zu werden. Als ihm dies im Juli gelang, hatte er bereits zwei Monate lang ohne Erlaubnis Schutzdokumente ausgestellt. Offiziell Danielsson unterstellt, führte er unabhängige Operationen durch, und die von ihm ausgestellten Schutzdokumente überstiegen die autorisierte Quote von 400 bei weitem. Carl Danielsson (1982), Per Anger (1980), Raoul Wallenberg (1963), Lars Berg (1982), Waldemar und Nina Langlet (1965) wurden mit dem Titel «Gerechte unter den Völkern» geehrt.
Die Schweiz und das Internationale Komitee des Roten Kreuzes
Vizekonsul Carl Lutz (1895–1975) leitete die Abteilung für fremde Interessen der Schweizer Gesandtschaft in Budapest ab Januar 1942.36 Geboren 1895 in der Ostschweiz, wanderte er 1913 in die Vereinigten Staaten aus, wo er seine zukünftige Frau, die Schweizerin Gertrud Fankhauser (1911–1995), kennenlernte. Lutz hatte für mehrere Schweizer Vertretungen gearbeitet, darunter für die Gesandtschaft in Washington. 1935 wurde er ans Schweizer Konsulat in Jaffa versetzt, wo ihm unter Konsul Jonas Kübler die Leitung des Kanzleramts übertragen wurde. Im September 1939 wurde Lutz mit der Schweizer Vertretung der deutschen Interessen in Palästina und Transjordanien betraut, insbesondere mit der Ausreise des deutschen diplomatischen und konsularischen Personals – eine Aufgabe, die nur von kurzer Dauer sein sollte, denn am 22. Oktober 1939 bestätigte Lutz, dass Spanien diese Aufgabe wahrnehmen werde.37 Ein Jahr später kehrte Lutz in die Schweiz zurück.
In Budapest war Lutz für die Wahrnehmung der Interessen von rund zehn Staaten zuständig. Da es dabei auch um den Schutz diplomatischer Gebäude ging, verlegte er sein Büro in das Gebäude der ehemaligen amerikanischen Gesandtschaft und machte den Sitz der ehemaligen britischen Gesandtschaft zu seiner Residenz. Ersteres befand sich am Freiheitsplatz (Szabadság tér) in Pest, letzterer in Buda. Von 1942 an stellten Lutz und seine etwa 20 Mitarbeitenden 300 bis 400 Schutzpässe für US-amerikanische und britische Staatsbürger aus, sowohl an Juden als auch an Nichtjuden, und verteilten anschliessend 1000 solcher Dokumente an jugoslawische Staatsbürger. Diese Dokumente inspirierten die Schweden zur Ausstellung von Schutzpässen für Juden mit schwedischen Verbindungen.38
Die Abteilung, auf deren Aktionen im nächsten Punkt näher eingegangen wird, vergrösserte sich kontinuierlich. Lutz führte sie bis Weihnachten 1944, als Budapest von der Roten Armee eingekesselt wurde und er in seiner Residenz in Buda von Pest, wo sich die bedrohten Juden befanden, abgeschnitten war. Er hatte für diesen Fall zwei Stellvertreter ernannt. Peter Zürcher (1914–1975) und Ernst Vonrufs (1906–1972), Schweizer, die früher in Budapest in der Textilindustrie tätig gewesen waren. Beide intervenierten bis zur Befreiung von Pest zugunsten der Juden.
Carl Lutz konnte stets auf die Unterstützung seiner wechselnden Vorgesetzten zählen. Die Schweizer Gesandtschaft selbst, von der Lutz’ Abteilung abhing, befand sich in einem anderen Stadtteil von Pest, in der Stefania-Strasse. Die Kanzlei der Gesandtschaft war Anfang Juli bombardiert und auf Initiative des Grafen Esterhazy in dessen Palast in Buda verlegt worden. Die Gesandtschaft stand seit 1938 unter der Leitung von Minister Maximilian Jaeger (1884–1958). Nach der Machtübernahme der Nyilas kehrte dieser jedoch aus Protest in die Schweiz zurück. Sein Nachfolger, Anton Kilchmann (1902–1961), bat aus gesundheitlichen Gründen um Rückkehr. Am 12. Dezember wurde der Berner Harald Feller (1913–2003) zum Leiter der Gesandtschaft ernannt; er versteckte in seiner Residenz etwa zehn Juden und musste vier Schweizerinnen jüdischer Herkunft, die nach ihrer Heirat mit Ungarn ihre Staatsbürgerschaft verloren hatten, evakuieren. Harald Feller wurde im Januar 1945 von den Sowjets verhaftet und in Moskau inhaftiert.
An dieser Stelle sollte kurz auf die Aktivität des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) eingegangen werden. Nach der deutschen Besetzung wurde die Delegation in Budapest von Friedrich Born (1903–1963) geleitet. Die Aktivitäten der bis zu 250 Personen zählenden Delegation erstreckten sich über drei Bereiche: materielle Hilfe, Heime und Krankenhäuser, insbesondere für Kinder, sowie das Ausstellen von Schutzbriefen.
Nach hartnäckigen Verhandlungen erlaubte die ungarische Regierung Born und seinen Mitarbeitenden, Lebensmittelpakete in die Konzentrationslager und Ghettos Kistarcsa und Sárvár zu liefern. Vor allem das Joint Distribution Committee, aber auch andere Hilfsorganisationen stellten die Mittel zum Kauf von Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten bereit, die dann verteilt werden mussten. Diese Aufgabe fiel insbesondere der «Sektion A» der im September 1944 geschaffenen IKRK-Delegation zu, deren Mandat darin bestand, verfolgte Juden zu schützen und zu unterstützen. Born ernannte Ottó Komoly, den Präsidenten der Ungarischen Zionistischen Organisation, den die Nyilas Anfang 1945 ermorden sollten, zu ihrem Leiter.
Friedrich Born widmete sich mit seinem Team ganz besonders der Rettung von Kindern, deren Eltern deportiert worden oder vermisst waren. Er konnte durchsetzen, dass die ungarischen Behörden den Institutionen, in denen diese Kinder Zuflucht fanden, extraterritorialen Status zuerkannten. Born erreichte die Zuerkennung dieses Status nicht nur für bestehende Einrichtungen, sondern auch für solche, die er und sein Team neu einrichteten. Insgesamt wurden mehr als 150 Institutionen (Heime, Krankenhäuser, Volksküchen, Lebensmittellager, Wohnungen für die mit der Delegation arbeitenden Juden) unter den Schutz des IKRK gestellt. 60 dieser Einrichtungen waren Kinderheime, die insgesamt 7000 Kinder beherbergten. Die geschützten Krankenhäuser wurden regelmässig von Nyilas-Banden angegriffen. Born intervenierte persönlich, um ihren extraterritorialen Status durchzusetzen, konnte aber das Massaker an 130 Menschen – Patienten wie Pflegepersonal – im Krankenhaus in der Városmajor-Strasse nicht verhindern.
Schliesslich stellte Born ab September 1944 ebenfalls Schutzbriefe des IKRK aus, laut seinem Tätigkeitsbericht insgesamt 30 000. Er verteilte sie an seine jüdischen Mitarbeitenden, aber auch an all jene, die irgendeine Verbindung zur IKRK-Delegation geltend machen konnten, und an Personen mit Auswanderungszertifikaten für Palästina.
Carl Lutz (1964), Gertrud Lutz-Fankhauser (1978), Friedrich Born (1987), Harald Feller (1999), Peter Zürcher (1998) und Ernst Vonrufs (2001) wurden mit dem Titel «Gerechte(r) unter den Völkern» geehrt. Yad Vashem ehrte noch drei weitere Schweizer Staatsangehörige für ihre Aktivitäten in Budapest, 1995 Schwester Hildegard Gutzwiller, die Mutter Oberin des Herz-Jesu-Klosters, das 250 Menschen Zuflucht geboten hatte; 2003 den Industriellen Otto Haggenmacher, der sich bereit erklärt hatte, etwa 30 jüdische Kinder in seiner Villa unterzubringen und ihren Unterhalt zu finanzieren; 2007 Eduard Benedikt Brunschweiler, einen Mitarbeiter des IKRK, der eine Abtei in der Nähe von Budapest leitete, in der er Kinder aufgenommen und ein Heim für sie eingerichtet hatte.
Die Rettungsaktivitäten von Carl Lutz und seinen Mitarbeitenden39
Die Aktionen von Carl Lutz und seinem Team weisen im Vergleich zu denen der anderen neutralen Länder zwei Besonderheiten auf, die mit der Vertretung der britischen Interessen in Palästina durch die Schweiz zu tun haben. Dies hatte zur Folge, dass auch eine jüdische Organisation – die jüdische Palästina-Agentur (Jewish Agency for Palestine) – nicht nur unter Schweizer Schutz gestellt wurde, sondern bald darauf ihre eigenen Räumlichkeiten erhielt – das Glashaus. Mit diesen beiden Faktoren lässt sich erklären, warum die Aktionen von Lutz und seinem Team sowohl früher einsetzten als andere als auch weitreichender waren.
Bereits im März 1942 wurde eine hochkomplexe Operation in Gang gesetzt, um in Ungarn lebenden jüdischen Kindern die Auswanderung nach Palästina zu ermöglichen. Die Hauptakteure waren die Jewish Agency in Jerusalem und ihr Budapester Büro, die britische Diplomatie (das Foreign and Commonwealth Office und seine Vertretungen in Palästina und der Schweiz) sowie die Schweizer Diplomatie (das Politische Departement 40 und seine Budapester Vertretung). Diese mussten die Listen für die Kinder erstellen und die erforderlichen Ausreise- oder Transitgeneh-migungen einholen. In Budapest führte die Operation zu einer engen, kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen Mosche Krausz, dem örtlichen Leiter der Jewish Agency, und Carl Lutz und ihren jeweiligen Mitarbeitenden. Laut Theo Tschuy konnten bis zum 19. März 1944 fast 10 000 Kinder, hauptsächlich ausländische, Budapest verlassen und in Palästina Zuflucht finden.

Hilfesuchende Juden und Jüdinnen vor der Auswanderungsabteilung der Schweizer Gesandtschaft im Glashaus. Carl Lutz hat dieses Foto im Herbst 1944 gemacht.
Die deutsche Besetzung Ungarns setzte dieser absolut legalen Auswanderung ein jähes Ende. Sie führte zu zwei konkreten Problemen. Erstens sahen Tausende Juden, die im Besitz eines Zertifikats zur Einwanderung nach Palästina waren (Palästina-Zertifikat), ihre Chancen auf ein Ausreisevisum zunichte gemacht. Zweitens waren Krausz und sein Team nun der direkten Bedrohung ausgesetzt. Anfang April gelang es Lutz, sie von der Zwangsarbeit zu befreien und in seinen Büros in der ehemaligen US-Gesandtschaft unterzubringen. Mit Unterstützung seines Vorgesetzten führte Lutz wochenlange Verhandlungen mit den Deutschen (erst mit Veesenmayer, später mit Eichmann) und den Ungarn, damit die Inhaber eines palästinensischen Zertifikats Ungarn verlassen konnten. Zwar wurde eine grundsätzliche Vereinbarung getroffen, es kam jedoch nie zu einer tatsächlichen Ausreise. So genehmigte der ungarische Ministerrat am 26. Mai die Auswanderung von 7000 Juden nach Palästina unter Schweizer Verantwortung und von mehreren hundert Juden nach Schweden.
Auf dieser Grundlage leitete Carl Lutz eine Reihe von Massnahmen ein und wandte auch verschiedene Strategeme an. Diese Prozesse liefen meist parallel nebeneinanderher, was insbesondere im Hinblick auf die Anzahl der betroffenen Personen zu manchmal widersprüchlichen Angaben führte.
Er bat um die Erlaubnis, Schutzbriefe an Personen auszustellen, denen die Auswanderung nach Palästina bewilligt worden war. Diese Dokumente bescheinigten, dass der Inhaber zur Einwanderung berechtigt war und dass sein Name in einem Kollektivpass enthalten war – ein juristischer Trick, auf den nochmals eingegangen werden soll. Sie waren mit dem Schweizer Wappen, dem Namen der Abteilung fremder Interessen sowie einem Stempel versehen. Es ist nicht möglich, das genaue Datum zu bestimmen, ab dem diese Dokumente erstellt und, was noch wichtiger ist, verteilt wurden. Zwei Dinge sind sicher. Erstens löste die Machtergreifung der Nyilas eine fieberhafte Produktion dieser Dokumente aus. Zweitens begannen Fälschungen in grosser Zahl in Umlauf zu gelangen, von denen einige recht ungeschickt ausgeführt waren und typographische Fehler aufwiesen. Mit der Anzahl der Fälschungen bzw. der Herstellung von Briefen, die keinem palästinensischen Zertifikat entsprachen, stieg das Risiko, dass die Ungarn und die Deutschen die gesamte Operation in Frage stellen würden. Im November wurden Carl und Gertrud Lutz gezwungen, in einer Ziegelfabrik in Óbuda die Inhaber gefälschter Dokumente zu identifizieren, unter Androhung, dass sonst alle Inhaber von Schweizer Schutzdokumenten zu Zwangsmärschen verurteilt würden.
Wie bei den von anderen neutralen Ländern ausgestellten Dokumenten kann die Gesamtzahl der Schweizer Schutzbriefe nicht ermittelt werden. Die Zahlen von über 100 000, die in Umlauf waren, erscheinen nicht sehr glaubwürdig, doch man kann realistischerweise von mehreren Zehntausend ausgehen. Sicher ist auf jeden Fall, dass Lutz die Herstellung von Schutzbriefen, die nicht durch Palästina-Zertifikate gedeckt waren, gestattet hatte. Da die Schutzbriefe nummeriert waren, musste darauf geachtet werden, dass die erlaubte Quote nie überschritten wurde, wobei natürlich mehrere Dokumente die gleiche Nummer bekamen.
Ab Sommer 1944 begann Lutz, die Quote der Personen (etwa 7000), für die er die Auswanderungsgenehmigung beantragt und die prinzipielle Zustimmung der ungarischen und deutschen Behörden erhalten hatte, so auszulegen, dass sie sich nicht auf Einzelpersonen, sondern auf Familien bezog. Später bestätigte er, dass er auf dieser Grundlage die Ausstellung von 50 000 Schutzbriefen genehmigt hatte.
Der Text der Schutzbriefe nahm Bezug auf sogenannte Kollektivpässe. Diese Pässe sollten die Ausreise und anschliessend den Transit durch Rumänien für Inhaber von Palästina-Zertifikaten administrativ erleichtern. Sie enthielten Namen und Fotos der betroffenen Personen. Die Herstellung wurde jungen Juden anvertraut, die unter diplomatischem Schutz der Schweiz standen. Die ersten Pässe wurden Ende Juli fertiggestellt. Natürlich war die Zahl der in den Pässen eingetragenen Personen viel geringer als die Zahl der Inhaber von Schutzbriefen.
Im Juli gelang es Lutz, von den Ungarn die Bewilligung zu erhalten, dass sich Inhaber von Schutzbriefen in speziellen Gebäuden, sogenannten Schutzhäusern, mit diplomatischer Immunität aufhalten konnten. Diese bildeten zusammen mit den Häusern, die später anderen neutralen Ländern und dem IKRK gewährt wurden, den Kern des «Internationalen Ghettos». Am 10. November ordnete der Aussenminister des neuen Regimes an, dass alle Inhaber von Schutzdokumenten in diesem Ghetto konzentriert werden mussten. Insgesamt verfügte die Schweiz über 76 der insgesamt 122 von den neutralen Staaten geschützten Häusern, die rund 15 000 Menschen Unterschlupf boten. Der diplomatische Schutz dieser Häuser wurde wiederholt verletzt oder bedroht. Lutz oder seine Stellvertreter mussten immer wieder eingreifen. Die Verpflegung wurde vorwiegend von jungen jüdischen Pionieren (Chaluzim) gewährleistet, wobei oft auch Gertrud Lutz mit Hand anlegte.
Die oben beschriebenen Massnahmen waren ausgehend von der bereits ab 1942 organisierten – legalen – Auswanderung jüdischer Kinder nach Palästina im Rahmen der britischen Interessenvertretung der Schweiz entwickelt worden. Die von Lutz und seinem Team durchgeführten Aktionen hatten, wie bereits erwähnt, noch eine zweite Besonderheit: Die Büros und Mitarbeitenden der Jewish Agency for Palestine standen unter Schweizer Schutz. So konnten Krausz und seine rund 30 Mitarbeiter unter Lutz’ Verantwortung in den von ihm genutzten Räumlichkeiten im Gebäude der ehemaligen amerikanischen Gesandtschaft arbeiten. Die zunehmend grösseren Menschenmassen auf dem Szabadság tér (Freiheitsplatz), die auf der Suche nach Schutzdokumenten waren, brachten das Risiko von Repressalien – von deutscher und ungarischer Seite – für ein Gebäude mit sich, zu dessen Schutz sich die Schweiz verpflichtet hatte. Es musste eine Alternativlösung gefunden werden für das Büro, das bald als Auswanderungsabteilung bezeichnet werden sollte.
Diese Lösung bestand im sogenannten «Glashaus», dem leerstehenden Geschäftsgebäude einer Glasfabrik in der nahe gelegenen Vadász-Gasse 29, das Arthur Weiss gehörte. Lutz bot ihm an, in der Auswanderungsabteilung zu arbeiten und diese ins Glashaus zu verlegen, womit es zu einem Nebengebäude der schweizerischen Gesandtschaft erklärt und unter diplomatische Immunität gestellt werden konnte. Weiss war einverstanden, und die Ungarn gaben grünes Licht. So zog das Auswanderungsamt am 24. Juli ins Glashaus um.
Ab dem 15. Oktober wurden in dem dreistöckigen Gebäude mit Innenhof nicht nur Schutzbriefe zu Tausenden ausgestellt, es wurde auch zum Zufluchtsort für die Verfolgten. Ende des Monats drängten sich darin bereits 800 Menschen. Lutz mietete ein angrenzendes Gebäude und ein drittes im gleichen Bezirk dazu. Insgesamt fanden dort mehr als 4000 Menschen Schutz. Das Glashaus wurde wiederholt von Nyilas-Banden bedroht oder angegriffen. Am Silvesterabend 1944 verlor Arthur Weiss bei einem solchen Überfall das Leben.
Die gefährlichste Zeit waren für die Budapester Juden, die vor allem in Pest im «Zentralen Ghetto», im «Internationalen Ghetto» oder im Glashaus und in seinen Nebengebäuden zusammengedrängt waren, zweifellos die Wochen unmittelbar vor der Befreiung durch die Rote Armee. Seit Weihnachten standen jedoch an vorderster Front Peter Zürcher und Ernst Vonrufs, die Lutz zu seinen Vertretern in Pest ernannt hatte – während er selbst im Gebäude der ehemaligen britischen Gesandtschaft eingeschlossen war, dessen Schutz er zu gewährleisten hatte.

Schweizer Kollektivpässe 1 und 2, Juli 1944
Nach dem Krieg
Dieser Abschnitt beschränkt sich auf zwei oft diskutierte Fragen zu Lutz: Ist Carl Lutz Gegenstand einer disziplinarischen Untersuchung geworden? Wie viele Menschen hat er gerettet?
1945 ordnete das Eidgenössische Politische Departement (EPD) eine Untersuchung über die Tätigkeit des Personals der Schweizer Gesandtschaft in Budapest an. Auch Carl Lutz wurde in diesem Zusammenhang befragt. Der Gegenstand der Untersuchung hatte jedoch nichts mit seinen Aktivitäten zum Schutz der Juden zu tun. Das EPD wollte die Motive rekonstruieren, die die Sowjets dazu veranlasst hatten, den Leiter der diplomatischen Vertretung, Harald Feller, und einen seiner Kollegen gefangen zu nehmen, und zwar in äusserst heiklem Kontext: Die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern waren seit 1918 abgebrochen. Schliesslich wurde Harald Feller im Frühjahr 1946 repatriiert. Carl Lutz stand nie im Zentrum einer Untersuchung und wurde nie bestraft.
Interessiert man sich für die Zahl der von Lutz geretteten Menschen, so wird oft von 62 000 gesprochen. Tatsächlich stammt diese Zahl aus einem Brief des ehemaligen Präsidenten der Ungarischen Zionistischen Organisation, Michael Salamon, an Carl Lutz.41 Salamon kommt zu dieser Gesamtzahl, indem er fünf Kategorien von Menschen addiert, die von Lutz und seinem Team gerettet wurden – darunter die im Internationalen Ghetto und die im Glashaus. Dabei wurden einige zwei oder mehrmals gezählt.
Vor allem Randolph Braham und Paul Levine haben einige interessante Fragen über die «Rettung der Juden von Budapest» aufgeworfen.42 Sie stellten insbesondere fest, dass die Summe aller (von neutralen Ländern und anderen) angegebenen geretteten Juden von Budapest die tatsächliche Zahl der Überlebenden deutlich übersteigt. Wir halten es für unmöglich, die Anzahl der von Lutz, Wallenberg und anderen geretteten Menschen genau zu bestimmen. Hingegen scheint – wie es auch der Historiker Yehuda Bauer aufgezeigt hat 43 – gesichert, dass die kollektiven Anstrengungen des schweizerischen diplomatischen Schutzes sowohl in zeitlicher Hinsicht als auch in Bezug auf die Zahl der geretteten Personen Massstäbe setzten.
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Erinnerungen aus der Widerstandsbewegung
Rafi Benshalom

Tamar und Rafi Benshalom, Kibbuz Ha’ogen, Israel 1994
Kibbuz Ha’ogen, Israel
«Wir durften den Henkern keine helfende Hand reichen»
Richard Friedl (später Rafi Benshalom) wurde im Januar 1944 gemeinsam mit Mosche Alpan (Pil) aus Nové Město (Tschechoslowakei) nach Budapest entsandt, um die von der Haschomer Hazair-Bewegung organisierten Rettungsaktionen für Flüchtlinge zu überwachen. Im Frühling 1944 trat Richard Friedl mit der Bitte an Carl Lutz heran, auf Basis eines Ausweises, der auf den Namen «János Sampiás» ausgestellt war, seine amerikanische Staatsbürgerschaft zu bestätigen. Als Friedl Lutz später gestand, dass er nicht János Sampiás war, versicherte dieser ihm, dass er ihn weiterhin schützen werde.44
Der 19. März war ein Sonntag. Wie in einem Albtraum beobachtete ich [in Budapest] dasselbe schreckliche Schauspiel, das sich genau fünf Jahre zuvor auf den Strassen von Prag abgespielt hatte. Die endlosen Kolonnen grauer Panzer, die Motorräder, die militärisch getarnten Fahrzeuge, alles bewegte sich stumm mit der Präzision eines Uhrwerks vorwärts, Angst und Schrecken über der schneebedeckten Stadt verbreitend. Was wir so sehr gefürchtet und wovor wir so oft gewarnt hatten, war eingetroffen. Spontan trafen wir uns alle im Hauptquartier der Bewegung. Von dort machten wir uns auf den Weg zu den Büros des jüdischen Nationalfonds, da wir wussten, dass sich dort die gesamte zionistische Führung versammeln würde. Und tatsächlich, da sassen sie alle. Alle diese Herren, die sich stets so sicher gewesen waren – und sich ihre eigenen Stürme im Wasserglas zusammenbrauten –, warteten nun darauf, dass ihnen jemand Mut zusprach und Vorschläge für das weitere Vorgehen machte. Und zum ersten Mal waren diese erfahrenen Männer, die mehr Respekt einforderten, als ihnen zustand, in ihrer Autorität ratlos und baten uns um Hilfe. Jetzt erinnerten sie sich an unsere Warnungen und wollten wissen, wie es sich genau verhielt und was wir vorschlugen. Wir sahen einander an – Leon Blatt aus Polen, Ivo Davidovitch aus Jugoslawien, Eli Sajó und ich aus der Slowakei – und konnten uns ein bitteres Lächeln nicht verkneifen. Wir vier waren uns einig: Diese Zionisten durften für das, was nun bevorstand, nicht die Verantwortung übernehmen, sie durften die Führungsposition nicht einnehmen, denn das, was jetzt drohte, war die absolute Vernichtung, und wir durften den Henkern keine helfende Hand reichen. Es war unumgänglich, dass wir uns in den Schatten zurückzogen, die Dinge von dort aus lenkten und ruhig und ohne Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, taten, was in unserer Macht stand.
Es sollte allerdings eingestanden werden, dass auch unsere Bewegung auf diesen plötzlichen Umschlag nicht vorbereitet war, so sehr sie auch mit ihm gerechnet hatte. Unsere erste Aufgabe bestand darin, für alle Mitglieder der Bewegung christliche Dokumente zu beschaffen. Das schien kein einfaches Unterfangen. In den ersten Tagen herrschte ein Gefühl der Hilflosigkeit. Bisher waren die Juden in Ungarn gesetzestreue Staatsbürger gewesen. Auch wir waren es gewohnt, uns in den «Kens» der Bewegung [Hebräisch für «Vogelnester»: Versammlungsorte, an denen die Aktivitäten der Bewegung stattfanden] und in verschiedenen zionistischen Büros zu treffen. Von nun an beschlossen wir, um alle diese Orte einen weiten Bogen zu machen. Die gesamte Bewegung musste dezentralisiert werden und wieder auf die Strasse zurückkehren. Das war natürlich keine leichte Sache, und auf der Strasse bestand ständig die Gefahr, überfallen zu werden. Wir suchten verschiedene Plätze der Stadt auf und hielten nach Menschen Ausschau, die jüdisch aussahen. Ausserdem war die Stadt zu einer betäubten Festung geworden. Die jüngsten Ereignisse wurden mehrere Tage lang nicht publik gemacht. Wir hatten keine Ahnung, was aus Horthy geworden war und welches Schicksal dem Land beschieden sein würde. Die Macht lag in den Händen der Gestapo. Führende Liberale waren gleich am ersten Tag verhaftet worden, darunter viele bekannte Juden – nach Listen.
Am 21. März wurden Vertreter der jüdischen Gemeinde zu einem Treffen einberufen, bei dem ihnen freundlich mitgeteilt wurde, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchten, es werde ihnen kein Schaden zugefügt. Sie sollten in Ruhe ihren Geschäften nachgehen. Zwar müssten die Juden einen Teil ihrer überschüssigen Energie eindämmen, aber niemand habe um sein Leben zu fürchten. Es war der Zeitpunkt, da der «Judenrat» oder «Jüdische Rat» ernannt wurde. Die weisen Budapester Juden fielen auf den primitiven Taschenspielertrick der Gestapo herein, und der Optimismus war gross. Bis dahin waren bereits mehrere Juden im wieder eingerichteten Konzentrationslager Kistarcsa verschwunden. Der Judenrat war darauf nicht vorbereitet und der neuen Situation hilflos ausgeliefert. Angesichts des Leids und der Unfähigkeit, dem jüdischen Normalbürger Antworten zu geben, beschlossen die Zionisten, im Ratsgebäude in der Síp-Gasse 12 eine Informationsstelle einzurichten. Die meisten altgedienten Zionisten arbeiteten in diesem Gebäude, aber es war eine Sisyphusarbeit. Also sind wir aktiv geworden. Zum Glück hatten wir nach langer Wartezeit gerade ein Kopiergerät [einen Schapirographen] aus der Slowakei erhalten. Da unsere slowakischen Freunde uns zusammen mit dem Schapirographen alle notwendigen Tintenarten geschickt hatten, waren wir in der Lage, alles herzustellen, was wir wollten [in verschiedenen Privatwohnungen und in einer Werkstatt in der Izabella-Gasse]. Es war eine gefährliche Angelegenheit, in irgendeiner Wohnung an der Herstellung von gefälschten Dokumenten beteiligt zu sein, vor allem in der Zeit, da Hausdurchsuchungen an der Tagesordnung standen. Damals bestand die Bewegung in Budapest aus fast 500 Mitgliedern. In der Anfangszeit mussten wir jeden Tag jedes einzelne Mitglied treffen, nur um sicherzugehen, dass niemand verhaftet worden war, aber den Leuten war auch sehr daran gelegen, uns ihre kleinsten Probleme mitzuteilen. Ich war für die Verbindung mit [Rezső] Kasztner und seinen Männern im Judenrat verantwortlich. Wie sehr ich mich auch bemühe, ich kann mich nicht an meinen Tagesablauf erinnern. Ich weiss nur, dass ich sehr spät nachts nach Hause kam, meine Nerven blank lagen und mir quälende Gedanken im Kopf herumgingen, sodass es mir unmöglich war, mehr als drei oder vier Stunden am Stück zu schlafen.
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Schweizer Kollektivpass 1 (S. 34), Juli 1944
[Im Juli 1944] hatte uns die Schweizer Gesandtschaft die Möglichkeit gegeben, [im Glashaus in der Vadász-Gasse] halblegale «Sprechstunden» abzuhalten. Wir konnten hier Leute empfangen und in Ruhe ihre Probleme besprechen, ohne die Angst, von jemandem belauscht zu werden; was nicht so schlecht war, wenn in der Zwischenzeit andere warteten. Endlich hatten wir einen Ort gefunden – und das war vielleicht das Wichtigste dabei –, wo wir uns jederzeit aufhalten konnten. Hier konnte jeder, der wollte, vorbeikommen und uns darüber informieren, dass er oder sie noch am Leben war. Hier konnte jeder, der es brauchte, vorbeikommen und Ersatz für eine fehlende Meldebescheinigung oder die Geburtsurkunde seiner Grossmutter in Auftrag geben – wenn diese plötzlich benötigt wurden. Freunde, die aus Arbeitslagern geflohen waren, konnten uns hier finden.
Immer häufiger tauchten Detektive vor dem Glashaus auf. Wir wurden verfolgt, nicht zu auffällig, aber eindeutig. Um sicherzugehen, nahm ich im Gebäude und wenn ich ans Telefon gerufen wurde, den Namen Dr. Rafai anstelle von Rafi an. Viel gefährlicher als die Detektive war jedoch ein Haufen jüdischer Spitzel, angeführt von einem polnischen Juden namens Steiner, der auch Leute erpresste. Zu Beginn hielt er sich im Glashaus auf, später, als er keinen Zutritt mehr hatte, ging er stundenlang vor dem Gebäude auf und ab. Überraschenderweise waren wir Mitglieder vom Haschomer Hazair die Einzigen, die der Bande nicht zum Opfer fielen, vielleicht respektierten sie unsere Stärke. Eine ständige derartige Bedrohung war jedoch nicht besonders angenehm. Um die Situation ein wenig zu entschärfen, gründeten wir – wenn auch mit grosser Verspätung – innerhalb der Auswanderungsabteilung eine Abteilung für die Auswanderung Jugendlicher. So ist es uns wenigstens gelungen, einen Raum für die Organisation Hechaluz zu bekommen. Dies gab unserer Arbeit eine Art Rahmen, den wir selbst mit der Zeit für notwendig erachteten, vor allem im Hinblick auf die bereits erwähnten Detektive und Informanten. Wir versprachen [Mosche] Krausz, dass wir uns nicht mit gefälschten Papieren und der Verteilung von Geld abgeben würden, ein Versprechen, das wir keine Sekunde lang einzuhalten gedachten.
Tag für Tag tauchten Tausende arme Seelen im Glashaus auf. Plötzlich sah sich das Konsulat mit unvorhergesehenen strategischen Problemen konfrontiert. Hinzu kam die moralische Frage: Die Behörden hatten den Schweizern eine Quote von 7800 Schutzbriefen zugesagt, eine Zahl, die angesichts einer solchen Katastrophe nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein war. Wir, die Jugendbewegungen, forderten die Ausstellung von Schutzbriefen in unbegrenzter Zahl. Die sowjetische Armee stand vor Szolnok, und wir befanden uns in einem Wettlauf gegen die Zeit. Unsere Forderung wurde nicht akzeptiert und, so gut es ging, sabotiert. Dessen ungeachtet begannen wir mit der Herstellung von gefälschten Schutzbriefen. Das Konsulat hatte längst das gesamte Kontingent ausgeschöpft, aber als es 10 000 zusätzliche Formulare bestellte, bestellten wir [mit Carl Lutz’ Einwilligung] schnell dieselbe Anzahl.Später bestellten wir elf weitere Sätze dieser Dokumente, insgesamt 120 000 «Briefe», die die zionistische Jugendbewegung an Juden in ganz Budapest verteilte.
Unter einem Schild, das den Namen des Internationalen Roten Kreuzes trug, eröffneten wir ein Büro, von dem aus wir die Schutzbriefe des Schweizer Konsulats ausstellten. Natürlich hatten wir auch unsere eigenen Stempel. Noch pikanter war, dass das Büro in der Perczel-Mór-Gasse sich gegenüber der eigentlichen Schweizer Gesandtschaft befand. Die ganze List wurde vor der Nase des echten Schweizer Konsuls abgewickelt.45
In dieser Phase spielte das Komitee des Internationalen Roten Kreuzes eine entscheidende Rolle. Wir hatten schon vor dem 15. Oktober mit der Planung mehrerer Jugendheime begonnen, die später als Grundlage für die Auswanderung dieser jungen Menschen nach Palästina (Erez Israel) dienen sollten. Nun war es unsere Aufgabe, eine grosse Zahl improvisierter Jugendheime zu errichten, um die Kinder zumindest vor der Deportation zu retten. Innerhalb kurzer Zeit wurden in diesen Häusern mehr als 5000 Kinder untergebracht [von Mitgliedern der Haschomer Hazair-Bewegung als «Beit Jeladim» bezeichnet], zusammen mit 1000 Mitarbeitern, was ein riesiges Operationssystem erforderte. Das Internationale Rote Kreuz war inzwischen zu einer wichtigen Institution geworden, und die Anfänge waren vielversprechend. Als das Führungsteam in die Baross-Gasse 52 verlegt wurde, zog auch ich zum Internationalen Roten Kreuz und richtete dort die «Politische Abteilung» ein. Die Abteilung wurde damit betraut, Verbindungen zu den Untergrundbewegungen herzustellen und Informationen politischer Ausrichtung zu sammeln, die an die entsprechenden jüdischen Organisationen weitergegeben werden konnten. Nach aussen wurde das Ganze als Forschungsabteilung des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes mit Sitz in Genf dargestellt, die Listen mit vermissten Verwandten in Ungarn erstellte.
Mitte November wurde allen Inhabern von Briefen befohlen, in die «geschützten Häuser» in und um die Pozsonyi-Strasse umzusiedeln. Der Befehl war nicht gerade willkommen, da die grosse List mit unseren Schutzbriefen nun aufzufliegen drohte. Das Chaos war unbeschreiblich, denn die Zahl der Personen, die tatsächlich im Besitz der Dokumente waren, war viel grösser als die Zahl der offiziell ausgestellten Briefe. Bevor die Menschen anfingen, in die geschützten Häuser umzuziehen, wurden wir Zeugen einiger herzzerreissender Szenen. Dieses neue Problem führte zu einem weiteren Ansturm auf unser Konsulatsgebäude [das Glashaus], das mit über 2000 Menschen bereits aus allen Nähten platzte. Wir brauchten dringend ein weiteres Gebäude. So zogen mehrere Angestellte in die Wekerle-Sándor-Gasse 17. Wir kämpften natürlich und forderten, dass auch einige unserer eigenen Jugendlichen umsiedeln konnten. Die Beamten nahmen ihre Familien mit, und so lebten im neuen Büro bald etwa 120 Menschen. Während in der Vadász-Gasse weiterhin die «Baumfäller und Wasserschöpfer» ihrer Arbeit nachgingen, setzte sich die «diplomatische» Tätigkeit am neuen Standort fort, insbesondere die Verbindung zu den Behörden und die Erstellung von Listen.
Wir richteten in der Wekerle-Sándor-Gasse auch ein Vorratslager ein. Von hier aus wurden anschliessend die geschützten Häuser mit Lebensmitteln versorgt. Die Existenz des Vorratslagers war für uns auch ein Vorwand, noch ein paar Leute mehr im Gebäude unterzubringen. Das war dringend notwendig, da die Situation in der Vadász-Gasse zusehends gefährlicher wurde, denn es beschlossen immer mehr unserer Freunde, ins Glashaus zu ziehen. Eine gewisse Müdigkeit hatte zweifellos auch dazu beigetragen, die Menschen waren erschöpft vom ständigen Versteckspiel. Jetzt, da sie die Möglichkeit hatten, sich an einem extraterritorialen Ort zu verstecken, entschieden sich viele von ihnen für das Glashaus, was den einfacheren Weg bedeutete. Wir waren von dieser Lösung nicht übermässig begeistert und haben sie unseren Freunden nicht immer empfohlen. Zwar hatte sich die Vadász-Gasse bisher bewährt, aber es gab viele Zweifel, ob das Gebäude bis zum Ende durchhalten würde. Es war den Pfeilkreuzlern ein Stachel im Fleisch. Sie wussten sehr wohl, dass die Vadász-Gasse nichts anderes als ein riesiger Bunker war. Trotzdem hatte es grosse Vorteile, unsere Leute in der Vadász-Gasse zu konzentrieren. Zum ersten Mal seit Monaten waren alle unsere Freunde zusammen und konnten ihre Probleme frei diskutieren. Wir nutzten unsere Situation, indem wir, so gut es ging, eine Haschomer Hazair-Gemeinschaft gründeten. Wir führten Seminare, Diskussionen und sogar Unterhaltungsabende durch.
Am 24. Dezember 1944 verschärfte sich die Belagerung um Budapest. Wir spürten eine gewisse Erleichterung; mit diesem Tag war die Gefahr der Deportation gebannt. Wir mussten zwar mit weiteren Ausschreitungen rechnen, schlimmer noch als zuvor, aber die grösste Angst war immer die Gefahr der Deportation gewesen. Mitten in der Stadt – vor den Augen der Zivilbevölkerung – wagten die Faschisten keine gross angelegten Morde. So waren wir uns auch der Gefahren im Zusammenhang mit der Zerstörung des Ghettos nicht bewusst.46
Eines Tages [am 31. Dezember 1944] tauchte ein aufgeregter Polizist in der Wekerle-Sándor-Gasse auf und erzählte uns, eine bewaffnete Pfeilkreuzlertruppe habe das Konsulat in der Vadász-Gasse umzingelt. Mehrere Granaten wurden in das Gebäude geworfen und die Bewohner auf die Strasse getrieben. Wir hielten alle für eine Sekunde den Atem an; da war er, der Moment, den wir alle befürchtet hatten. Aber innerhalb einer Minute hatten wir zum Hörer gegriffen und alle zuständigen Behörden über den Vorfall informiert: das Auswärtige Amt, die Polizei, das Militärhauptquartier der Hauptstadt und alle möglichen Stellen. Glücklicherweise waren diese Interventionen erfolgreich, und fast augenblicklich trafen Polizei und städtische Beamte in der Vadász-Gasse ein. Bis heute weiss ich nicht mit Sicherheit, wem wir es zu verdanken haben, dass die Massendeportation von etwa 1500 Menschen, die bereits die Strasse füllten, verhindert wurde, aber eines war in diesem Moment sicher: Die grosse List des Konsulats hat wunderbar funktioniert. Die Behörden respektierten den exterritorialen Status des Gebäudes, und unser Volk war gerettet. Die Vadász-Gasse hatte einen grossen Sieg zu verzeichnen – und fünf Tote.
Richard Friedl emigrierte 1947 mit seiner Frau Katalin (1921–2003) und seinem kleinen Sohn Alfred ins damalige Palästina. Sie liessen sich im Kibbuz Ha’ogen nieder, wo viele der Haschomer Hazair-Mitglieder aus Ungarn und der Tschechoslowakei lebten. 1951 wurde ihr zweiter Sohn, Alex, geboren. Richard Friedl, der seinen Namen in Rafael Benshalom änderte – und aus Katalin wurde Tamar und aus Alfred Dany – , arbeitete in der Folge für das israelische Aussenministerium als erster Konsul in der Tschechoslowakei und später als erster Botschafter in Mali, Kambodscha und Rumänien.
Rafi und Tamar haben acht Enkel- und zehn Urenkelkinder.
Ausschnitte aus Rafi Benshalom (Richard Friedl): We Struggled For Life, Jerusalem 2001. Richard Friedl hatte seine Erinnerungen kurz nach der Befreiung aufgeschrieben. Sie wurden erstmals 1977 in hebräischer Sprache im Buch «םייחה ןעמל ונקבאנ» (Tel Aviv 1977) veröffentlicht. Rafi Benshaloms Sohn Dany Benshalom gewährte uns ergänzend zum ursprünglichen Zeugenbericht für die vorliegende Publikation weitere Einsichten.
Aus dem Englischen von Lis Künzli
Paul Fabry

Paul Fabry, New Orleans, Louisiana, USA 2012
New Orleans, Louisiana, USA
Geboren als Pál András Fabry am 19. Juni 1919 in Budapest, gestorben am 8. August 2018 in New Orleans.
«Carl Lutz stach heraus wie ein Denkmal – er war ein Beispiel dafür, was möglich ist»
Leutnant Pál András Fabry führte eine kleine Widerstandsgruppe junger (zum Teil jüdischer) Männer, die als uniformierte Wachen mit falschen Dokumenten das Glashaus in Budapest schützten. Er wechselte Rang und Namen, nannte sich «Hauptmann Gombos» und kämpfte als solcher bis zur Befreiung von Budapest im Januar 1945 in der Widerstandsbewegung gegen die Gestapo und die ungarischen Faschisten.
Der militärische Widerstand
Ich bin in einer Familie von Grundbesitzern und Offizieren der österreichisch-ungarischen Armee aufgewachsen. Mein Vater, Dr. András Fabry, war General und Richter, der oft nach Italien und in die Schweiz reiste. Er sprach zu Hause drei Sprachen: Deutsch, Französisch und Italienisch. Meine Mutter, Ilona Gombos, hatte in Deutschland Kunst studiert; sie waltete über unsere zentraleuropäische Lebensweise im Herzen von Budapest. Ich war ein Einzelkind und wurde in ein katholisches Internat geschickt, in dem französische Priester mir die moralischen und ethischen Werte des neunzehnten Jahrhunderts vermittelten. Mit diesen Werten im zwanzigsten Jahrhundert zu leben, war nicht einfach. Um zu überleben, musste ich später eine modernere Weltsicht entwickeln.
Ich selbst war Lutheraner, da die Familie meiner Mutter sich stark für diese Kirchenbewegung engagierte, wir hatten sogar einen lutherischen Bischof in der Familie. Ich wurde protestantisch erzogen und in eine katholische Schule gesteckt, in der es viele jüdische Kinder gab. Ich glaube, das hat mein Verständnis für andere Religionen, andere Weltanschauungen geschärft. Es hat mich offener gemacht – nicht zu einem engstirnigen Kind mit einer einzigen, monopolistischen religiösen Prägung. Ich war immer ein frei denkender, frei handelnder Mensch, tolerant gegenüber Herkunft und Glaubensvorstellungen anderer.
Ich war als Reserveoffizier und Kriegskorrespondent der ungarischen Armee in Russland, der Ukraine, Polen und am Don. Als mir bewusst wurde, dass der Krieg in einem Desaster enden würde – als schrecklicher Zusammenbruch der gesamten Zivilisation, in der ich gross geworden war –, kehrte ich nach Budapest zurück und wartete, dass ich einberufen würde. Dies geschah im März 1944, als Deutschland einmarschierte. In diesem historischen Augenblick spürte ich, dass es keine andere Wahl gab, als zu desertieren und in den Widerstand abzutauchen. Selbst die Familie des Reichsverwesers und einige der besten Generäle schlossen sich dem Widerstand an. Es war keine offiziell organisierte, eindeutige Bewegung wie in Frankreich; es war kein aktiver Widerstand wie in Polen. So weit kam es nie – fragen Sie mich nicht warum –, es ist zu komplex, aber es kam nicht dazu. Die Untergrundbewegung konnte still und geräuschlos agieren, mit falschen Dokumenten. An der Seite von vertrauenswürdigen Freunden konnten wir sichere Verstecke finden, um Verfolgte unterzubringen, ohne geschnappt zu werden.
Den Führern der ungarischen Armee und der pronazistischen ungarischen Regierung war nach der deutschen Besetzung im März 1944 nicht zu trauen. Damals haben sich alle, die an eine Zukunft ohne Deutschland glaubten, dem Untergrund angeschlossen oder sind weggegangen. Ich musste mir einen anderen Personalausweis, eine andere Uniform und für jeden Anlass die richtigen Dokumente besorgen. Wir mussten improvisieren, aber wir waren vorbereitet. Innerhalb von zwei Monaten hatten wir sämtliche Dokumente zusammen. Unsere Freunde stahlen Originaldokumente, um sie zu kopieren. Wir hatten auch eine Druckerei. Zum Glück kannte ich von früher einige Drucker, die in einem der grossen Budapester Verlagshäuser, dem Athenaeum, arbeiteten. Sie verfügten über moderne Druckeinrichtungen, in denen die von Lutz ausgestellten Papiere vervielfältigt werden konnten. Die Drucker waren alle gewerkschaftlich organisiert, sozialistisch oder kommunistisch orientiert, und sie kannten mich. Sie waren es, die uns geholfen haben. Auch Mitglieder der zionistischen Jugendbewegung stiessen zu uns. David Gur schickte uns – sehr clever – zwei wunderschöne Frauen, um Kopien der falschen Dokumente zu bekommen. Ich konnte nicht widerstehen.
Im Oktober 1944 übernahm ein ungebildeter Schurke, Ferenc Szálasi, über Nacht mit einer Bande von Pfeilkreuzlern die Macht. Sie waren die allerschlimmsten Faschisten. Da war selbst die Gestapo noch gnädiger, die logischer vorging als diese Truppen, die Szálasi mit den Pfeilkreuzlern aufbaute. Ihr Ziel war es, jeden noch verbliebenen Rest jüdischen Lebens auszulöschen. Das war der Moment, da es mit Ungarn als einer Nation, die ein Gewissen hatte, als einer Nation, die Gesetze und eine Geschichte hatte, vorbei war. Die Pfeilkreuzler übernahmen die Macht mit Hilfe von Gendarmerie-Militäreinheiten und den verbliebenen Militäreinheiten, die noch unter dem Kommando der Szálasi-Regierung standen. Ab dem 15. Oktober bestand das Leben in Ungarn einzig aus dem Terror der Pfeilkreuzler. Es war das Ende dieser Nation mit einer solch schönen Geschichte und einer solch freiheitlichen Gesinnung. Budapest war so lange Zeit einer der klassisch schönen Orte gewesen. Jetzt brach alles zusammen.
«Hauptmann Gombos»
Es war im Grunde ein grosses Glück für die ganze Bewegung, dass Lutz nur wenig bekannt war. Ich stand nicht in direktem Kontakt mit ihm, weil ich nur der Verbindungsmann zwischen seinen Leuten und dem militärischen Widerstand war, wo man mich als «Hauptmann Gombos» kannte. Ich stand in Verbindung mit Miklós Krausz, dem Vertreter der Jewish Agency, einem Freund von Carl Lutz. Miklós Krausz kannte mich, weil ich der zionistischen Jugendbewegung mit der Druckerei und anderem geholfen hatte. Ich arbeitete auch mit zwei oder drei jungen Diplomaten zusammen. Krausz wusste, dass wir fingierte Militäreinheiten hatten, dass wir für manche Menschen oder Plätze Wachen stellten, so wie für einige von Wallenbergs Schutzhäusern. Er fragte: «Können Sie ein Kommando an die Vadász-Gasse 29 schicken, damit die Räuber und Terroristen der Pfeilkreuzler dort nicht das Essen stehlen?»
Ich nahm den Namen meiner Mutter an und änderte auch meinen Rang. Ich war nur Leutnant und ernannte mich selbst zum Hauptmann. Ich hatte eine Uniform mit gefälschten Orden und gefälschte Papiere. So konnte ich überleben und anderen helfen. An Uniformen für unser Kommando zu kommen, war einfach; es lagen überall Leichen auf der Strasse. Die Papiere waren schwieriger zu beschaffen und wichtiger; sie mussten zur Person passen. Wir dachten uns Dokumente aus, die so unwirklich und so falsch waren, dass niemand es überhaupt für möglich hielt, damit durchzukommen. Wir waren eine nichtexistierende militärische Einheit, mit falschen Nummern, wunderschönen Stempeln, gedruckten Dokumenten des militärischen Oberkommandos, die bestätigten, dass unsere Einheit zur Bewachung eines Hauses da war. Wir hatten die Verantwortung. Wir gaben vor, wir seien dort, um die Juden an der Flucht aus ihrem «Gefängnis» zu hindern. Wir sorgten dafür, dass die Vadász-Gasse wie ein Gefängnis wirkte, in dem wir Juden gefangen hielten. Wir gaben vor, wir seien aus einem einzigen Grund dort – um sicherzustellen, dass die Juden in Auschwitz enden würden, dass sie ihrem Schicksal nicht entkämen. Wenn wir einem Pfeilkreuzler unsere Papiere zeigten, sagte er: «Das ist ein höherer Befehl, sie werden diese Leute in die Donau schmeissen oder nach Auschwitz schicken. Das erledigen die, das ist nicht unsere Arbeit.»
Es war äusserst wichtig, unsere Einheit sorgfältig zusammenzustellen. Ich hatte zum Beispiel einen Fahrer, der Jude war, und der fragte mich dreissig Jahre später: «Warum hast du eigentlich gerade mich aus dem Arbeitslager geholt?» Ich sagte: «Weil du nicht jüdisch ausgesehen hast.» Man konnte keine Leute in Uniformen stecken, die jüdisch aussahen und sie zur Rettung anderer Juden schicken, die Einheit wäre aufgeflogen. Das ganze Widerstandssystem wäre zusammengebrochen. Das traf auch auf die Schutzhäuser von Carl Lutz zu. Einige der Wächter waren Juden, aber man musste aufpassen, dass ihre Identität nicht aufgedeckt wurde. Die Wächter vor dem Glashaus bestanden meist aus geflüchteten Offizieren, ein paar jungen Männern und mehreren jüdischen Jugendlichen aus Arbeitslagern, alle in falschen Uniformen. Wir stahlen die Lebensmittel von den Deutschen, die Uniformen von der ungarischen Armee, und die Dokumente wurden in der Athenaeum-Druckerei angefertigt. Das System war hervorragend aufgebaut.
Die zionistische Jugendbewegung half Hunderten von Menschen, sich in der Stadt zu bewegen, von einem Schutzhaus zu einem anderen zu gelangen. Wie viele Menschen in jener schrecklichen Zeit in die Rettung der Juden involviert waren, lässt sich nicht sagen. Auch nicht, wie viele Menschen das faschistische Regime unterstützten, wie viele in der Pfeilkreuzlerpartei waren. Auch kann das Volk nicht verurteilt werden. Wer half, wer war ein Held, wer war keiner? Einige aber stachen heraus.
Carl Lutz stach heraus wie ein Denkmal, denn er war nicht nur ein Mensch mit grossem Gewissen und grossen Fähigkeiten, er war auch ein Schweizer Patriot, der beweisen wollte, dass die Schweiz für Freiheit stand, für Meinungs- und Religionsfreiheit, dass es ihrer freiheitlichen Gesinnung entsprach, Menschen zu helfen. Er war ein Beispiel dafür, was möglich ist. Aber jene, die ihm halfen, wussten auch, dass einer allein keinen einzigen Menschen retten konnte. Es gab keinen einzigen geretteten Juden, ohne dass nicht Dutzende andere daran beteiligt waren. Da war derjenige, der ihn ins Haus hereinliess, derjenige, der ihn zum Taxi brachte, derjenige, der ihm ein bisschen Kleingeld oder etwas zu essen gab, derjenige, der mit gefälschten Bescheinigungen von einem Ort zum andern rannte, derjenige, der den Telefonanruf machte, um ihm zu sagen, er soll fliehen. Es war eine Kette von Ereignissen, und eine einzige Sekunde konnte von Bedeutung sein. Wo konnte in dieser Sekunde jemand helfen? War jemand da, der einem zu Hilfe kam? War jemand da, der einem dieses Papier gab? Niemand konnte allein tausende Verfolgte retten. Und das trifft auch für Lutz zu. Lutz war ein Held, aber er brauchte Hunderte andere, die ihm halfen.
«Operation Glashaus»
Es gab zum Beispiel Leute vom Auswärtigen Amt, die Lutz besser kannten als ich. Sie waren meine Freunde. Ein ganz wunderbarer Mann, Zoltán Keresztes, arbeitete eng mit Lutz zusammen. Er war der Verbindungsmann zwischen unserer Gruppe und Raoul Wallenberg. Wir brachten Papiere zur zionistischen Jugendbewegung, damit sie sie in ihren Druckanlagen reproduzieren konnten. Dann gingen sie zurück zu Arthur Weiss oder Miklós Krausz, einem der wichtigsten Männer im Büro von Carl Lutz. Weiss und Krausz entschieden, wie die Papiere verteilt werden sollten. Irgendwann wurden sie wie eine Gratiszeitung verteilt. Es gab so viele gedruckte Dokumente, dass man nicht mehr zählen konnte, wie viele ausgegeben wurden, wie viele benutzt wurden oder wie viele Menschen keine bekommen hatten.
Wir waren etwa zwanzig Mann in unserer Einheit. Und es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Einmal waren wir fünfzehn. Ein anderes Mal fünfundzwanzig. Mein Cousin, Dezsö Molnar, hatte den Rang eines Leutnants und trug eine ungarische Armeeuniform, er war der Kommandant der Einheit. Grösstenteils bestand die Einheit aus Leuten, die aus den verschiedenen Arbeitslagern geflohen waren, inzwischen mit falschen Uniformen, falschen Papieren und möglicherweise falschem Namen ausgestattet.
Ich betrat das Glashaus nur, um nachzusehen, ob das Essen ordnungsgemäss eingetroffen war. Ich hatte einen Fahrer, Zoltán Illy, der mit seiner Einheit einzig damit beschäftigt war, die deutschen Züge auszurauben, die Käse für die Armee lieferten. An Käse hat es also nicht gefehlt. Aber Armeekäse war schreckliches Zeug. Ein bisschen wie Zahnpasta. Jedenfalls lieferten wir dieses Zeug waggonweise, denn im Glashaus gab es nur sehr wenig zu essen. An guten Tagen hatten wir auch Gemüse und Obst, was eben gerade von den Bauern zu bekommen war. Es war schwierig, zu überleben, denn es gab dort 2000 Leute; zu einem bestimmten Zeitpunkt, sagen einige, befanden sich sogar bis zu 3000 Menschen im Glashaus. Ich glaube es nicht, aber möglich wäre es. Ich meine, es sah dort aus wie in einem heutigen Flüchtlingslager. Die Leute kamen und gingen zu Hunderten, um Dokumente zu bekommen. Hatten sie das Dokument, machten sie sich rasch davon, um irgendwo jemand anderen zu retten.
Die Leute im Glashaus wussten nicht, dass wir eine falsche Militäreinheit waren. Nur Arthur Weiss, Carl Lutz und das Erez-Israel-Büro wussten Bescheid. Auch Krausz wusste, dass wir eine Widerstandsgruppe waren; er wusste, dass wir nicht zur Pfeilkreuzler-Armee gehörten. Aber die Menschen drinnen, die kamen und gingen, wussten nicht, auf welcher Seite wir standen. Sie hatten keine Ahnung, aber das war Teil des Plans. Erstens hatten die Pfeilkreuzler überall Spione, ich bin mir ziemlich sicher, dass sie auch im Glashaus welche hatten. Woher konnten sie zum Beispiel wissen, dass Weiss dort war? Woher konnten sie wissen, wann sie kommen sollten, um zu plündern? Sie wussten, was vor sich ging und wo die Schutzhäuser waren. Und zu unserer Sicherheit und zur Sicherheit der ganzen Organisation – des ganzen Widerstandsnetzes – war es sehr wichtig, dass wir anonym blieben. Wir mussten die Leute im Glashaus im Glauben lassen, unsere Truppe sei da, um sie gefangen zu halten.
Niemand verstand, wie wir mit dieser List drei oder vier Monate lang durchhalten konnten. Und die Nazis griffen auch tatsächlich an, sie kamen. Ich erinnere mich an den 4. Dezember; um die zwanzig, dreissig Pfeilkreuzler rückten mit Maschinengewehren an. Sie töteten zwei der Wächter. Später, ich glaube, es war an Silvester, holten sie Arthur Weiss zu einer Untersuchung. Sie behaupteten, seine Papiere überprüfen zu müssen. Wir hatten Angst, sie könnten entdecken, dass unser Kommando eine Fälschung war, dass die Leute im Glashaus Geld hatten, dass dort Wertsachen versteckt waren. So schickte ich einen meiner Männer mit Weiss zum Verhör. Weiss verschwand. Es war eine Offenbarung für mich: Da war eine Person, der ich zu helfen versuchte, und ich habe es nicht geschafft, und wahrscheinlich hatte ich die falsche Entscheidung getroffen. Aber hätte ich Arthur Weiss nicht gehen lassen, hätten wir hundert Pfeilkreuzler dort gehabt, die der ganzen Sache ein Ende gesetzt hätten.
Wir waren nicht stark genug, um einem Angriff der Gendarmen und Pfeilkreuzlern mit ihren Waffen und Tanks standzuhalten. Arthur Weiss war das Opferlamm. Unser Blendwerk hat überlebt.
Die Bewegung
Ein Handschlag, rasch, rasch etwas übergeben, «vergiss nicht, dass ich die Papiere brauche», oder, «vergiss nicht, mit dem und dem zu sprechen». Jede Minute konnte entscheidend sein für das Schicksal eines Menschen, und das Leben Tausender Menschen hing davon ab, was hinter unseren Türen geschah.
Ich musste unerschütterlich und entschlossen sein. Ich durfte nicht zögern und nicht wanken. Es war auch sehr wichtig, mit den Deutschen zu sprechen. Es war entscheidend, mit den Deutschen sprechen zu können, wenn sie die Identität prüften oder nach irgendwelchen Verbindungen fragten. Ich war derjenige, der zu ihnen ging, weil mein Deutsch gut war, und ich hatte Erfahrung im Umgang mit ihnen.
Man musste Selbstschutz entwickeln. Wenn man in den Augen der Deutschen einigermassen arisch und deutsch aussah, gut gekleidet war, konnte man sich einigermassen in Sicherheit wiegen. Ich hatte viele jüdische Freunde unter meinen Schulkameraden, Universitätskommilitonen, in der Familie und bei nahen Verwandten. Ich habe ihnen beigebracht, wie man auf der Strasse gehen musste, wenn einer von der Gestapo oder ein Pfeilkreuzler im Anmarsch war. Dieselbe Methode funktionierte auch 1945, als die Russen kamen. Wie vermeidet man, dass man verhaftet wird? Was sagt man, wenn man verhaftet wird? Die Juden hatten dieses Know-how nicht. Es fehlte ihnen die Angst; sie waren gute, zuverlässige Bürger Ungarns gewesen. Halb Budapest war mit Juden verheiratet. Ich meine, irgendwann hat es in Budapest eine Viertelmillion Juden gegeben, wissen Sie. Die Leute hatten deutsche oder jüdische Namen. Wenn man vor hundert Jahren ins Budapester Telefonbuch schaute, standen da lauter deutsche oder jüdische Namen. Und so hatten die Budapester Juden keine Verteidigungsstrategien entwickelt, aber genau das war damals nötig, um Mauthausen oder Bergen-Belsen zu entkommen.
So sagte ich beispielsweise den Wächtern des Glashauses: «Lasst die Leute nicht mit dem gelben Stern rausgehen. Sie müssen sie an ihren Kleidern haben; wenn sie kontrolliert werden, ist es Vorschrift. Wenn sie hinausgehen, sollen sie einen Regenmantel oder etwas drüberziehen. Wenn sie hinausmüssen, will ich nicht, dass die Leute sehen, dass dort ein Nest mit Hunderten von Juden ist.» Es gibt Mittel und Wege, wie ein Freund auszusehen, nicht wie ein Feind. Und keine Angst zu haben. Und Augenkontakt zu vermeiden. Anders ging es nicht. Es gab keine Wahl. Ich fragte mich nie: «Was soll ich tun?» Es kam automatisch und es war das Richtige. Einmal hatte ich einer Leiche einen Orden abgenommen und steckte ihn an, als ich mit den Deutschen sprechen musste, einen Kriegsorden. Und ich kam mit einem «Heil Hitler!» an. Man musste die Rolle spielen. Wenn man zu einem deutschen Kommando ging und nach Lebensmitteln, Treibstoff oder einem Wagen verlangte, musste man glaubwürdig sein. «Ich bin einer von euch, ich bin euer ungarischer Verbündeter.»
Man musste gewieft sein, aber man brauchte auch Freunde, die einem halfen; ich bekam Hilfe von ein paar wunderbaren Freunden, grossartigen, mutigen Menschen. Die meisten Offiziere des militärischen Widerstands endeten im Gefängnis oder wurden zum Tod verurteilt, nur zwei oder drei überlebten. Einer, Hauptmann József Kővágó, wurde später Bürgermeister von Budapest. George Rakovszky, der mir mit den illegalen Dokumenten half, nahm wieder seine frühere wichtige Stellung als Diplomat ein. Iván Boldizsár überlebte mehrere Gefängnisse und wurde in Budapest ein bekannter Schriftsteller.
Viele junge Diplomaten und andere, die sich unserem Widerstandskreis angeschlossen hatten, überlebten durch ihre Gewieftheit und weil sie verdeckt agierten. Diese Menschen wollten andere retten, und so setzten sie sich mit Raoul Wallenberg oder Carl Lutz in Verbindung; sie spürten, dass unsere Freunde in Gefahr waren, unsere Lebensweise war in Gefahr, jeder war in Gefahr. Man musste etwas tun. Es ist entsetzlich, was die Deutschen unserem Volk antaten.
«Wir befanden uns in einem Theater»
Es herrschte eine solch spezielle Atmosphäre, ein solches Chaos, dass man sich wie in einem Theaterstück vorkam, in dem man eine Rolle zu spielen hatte. In einem Stück, das irgendwann zu Ende wäre. Und dann würdest du deine Uniform ablegen können, deinen Namen zurückbekommen, deine Persönlichkeit, und wieder du selbst sein. Bis dahin spielte ich mit. Wie viele andere.
Aber viele taten auch gar nichts. Sehen Sie, es gab drei Sorten von Menschen in der Bevölkerung. Die erste: sich den Pfeilkreuzler-Faschisten anschliessen, ungarischer Soldat werden und mit den Deutschen zusammenarbeiten. Die zweite: nichts tun und sich verstecken. Die dritte: sich dem Widerstand anschliessen.
Auch Carl Lutz spielte mit. Er hatte etwas Hypnotisches. Wir lebten alle in einem Vakuum, Zeit zählte nicht. Die Tage zählten nicht. Man wusste nicht, wo man war, was man tat. Man liess sich einfach von der Bewegung mitreissen, wie unter einem Opiat, wissen Sie. Und ich glaube, Lutz war ebenfalls in Trance, in Trance, zu helfen: immer arbeiten, nicht aufhören, weitermachen, von einem Büro zum nächsten, von einer Person zur nächsten, umgeben von verzweifelten jüdischen Menschen wie Krausz und anderen. Sie drängten ihn täglich, noch mehr zu tun: noch ein Schutzhaus eröffnen, die rumänischen Juden retten, dann die slowakischen. Der Druck war enorm. Gefahr gehörte zum Leben – vielleicht kommen sie mich heute Nacht holen, vielleicht werden sie mich an der nächsten Ecke erschiessen. Man war entweder ständig voller Angst und zitterte oder man hypnotisierte sich selbst, damit es zu einem vorübergehenden Zustand wurde; du musstest weiter zum nächsten Akt und es würde höchstens noch eine Woche oder einen Monat dauern. Der mentale Prozess der Angst war nicht so, dass ich sagen könnte, ich hatte am Mittwoch Angst und nicht am Donnerstag. Es war eine ständige Unsicherheit, versteckt hinter einer mentalen Haltung, die wir selbst zu unserem Schutz entwickelt hatten.
Carl Lutz war genauso in Trance wie wir alle. Es war eine chaotische Zeit, in der Übertretungen, Entscheidungen, Handlungen nicht wie üblich bewertet werden konnten, wie in der Vergangenheit, als man sich hinsetzen und sich fragen konnte: «Na, was mache ich denn nächste Woche? Wie soll ich diese Rechnung bezahlen? Wie werde ich meine Kinder unterstützen, sie erziehen?» Es war alles abstrakt. Es war alles wie in einer unwirklichen Wolke, wir arbeiteten mit einer Einstellung, die wir zu normalen Zeiten nicht für möglich gehalten hätten.
Wer nach dem 19. März 1944 in Aktion trat, wusste, dass der Krieg vorbei war. Was folgte, war eine Übergangszeit, die nur noch wenige Monate dauern konnte. Die Nazis hatten den Krieg verloren. Jeder, der eine Zeitung las oder BBC hörte – unsere Informationsquelle – wusste, dass es vorbei war. Es war nach Stalingrad; es war nach der Invasion in Frankreich; es war nach Italien; es war nach Mussolini. Jeder wusste, dass es vorbei war; die Russen waren bereits über die Karpaten und rückten nach Budapest vor. Ein neues Kapitel begann. Wir hörten die Geschütze östlich des Stadtzentrums, und wenn Bomben explodierten, wussten wir, dass die Russen anrückten. Wir hörten BBC; wir wussten, dass sie die Aussenbezirke unseres Wohnviertels besetzten. Wir zogen die Uniformen aus, verbrannten sie, und holten unsere in russischer Sprache gedruckten Schutzbriefe aus der Schublade.
Wir waren so gut vorbereitet, dass wir Dokumente hatten, auf denen stand, dass wir in der Widerstandsbewegung waren, um Ungarn zu retten – in Russisch, russische Dokumente – und dass wir auf der Seite der sowjetischen Besatzungsarmee standen. Dass wir die einmarschierende sowjetische Armee unterstützen würden. Als die Russen in dieser Nacht kamen, zogen wir Zivilkleidung an und steckten unsere russischen Dokumente in die Tasche. Aber wir konnten sie nicht davon abhalten, die Bediensteten, die sich im Haus befanden, in unserem provisorischen Hauptquartier, zu vergewaltigen, die schönen ungarischen Frauen. Wir konnten sie nicht retten und auch nicht die Autos und ihre Fahrer im Hof; sie verprügelten die Chauffeure, setzten den Motor in Gang, stiegen ein, fuhren weg, kamen zurück, nahmen eine Frau, nahmen ein anderes Auto, verprügelten den Chauffeur, nahmen unsere Uhren – das war die «Befreiung».
Die sowjetische Armee war eine unaufhaltsame Welle menschlicher Gewalt ohne jedes Gewissen. Sie kamen nach Budapest und befanden sich plötzlich in einer grossen Stadt, wo es Essen gab. Dort gab es zivilisierte Menschen, einst gab es zivilisiertes Leben– russische Soldaten vom Land hatten so etwas noch nie gesehen, wissen Sie. Aber inzwischen war die ganze Stadt ein einziges Chaos. Die Bomben fielen, die Brücken stürzten ein und die halbe Stadt stand in Flammen.
Ich wurde kurz darauf von den Sowjets verhaftet. Hauptsächlich wegen des Funkgeräts, das wir von Lutz hatten; er hatte ein Kurzwellenfunkgerät angeschafft, das wir für die Kommunikation benutzten, das Erez-Israel-Büro hatte es von ihm erhalten und an uns weitergegeben; dann haben es die Russen gefunden. Sie wussten nicht, woher es kam oder wozu es gut war. Sie dachten, es sei ein Funkgerät, mit dem die Faschisten mit Deutschland kommunizierten. Das Ding legte mich und meine Leute herein, und sie verhafteten mich. Ich war mehrere Wochen im Gefängnis, zusammen mit meinem Gefährten, dem Kriegskorrespondenten Géza Saly, der für ein Jahrzehnt in einem sibirischen Lager landete.
Irgendwie bekam ich genug Zeugen, genug Geschichten und genug Lügen zusammen, um die Sache der «russischen Gestapo», damals GPO genannt, mit ihren eher primitiven Inquisitionsmethoden glaubhaft zu machen. Ich habe es geschafft rauszukommen. Aber es war nicht das erste Mal, dass mir das passierte. Ich war zweimal von den Russen verhaftet worden, und ich hatte wegen meiner Arbeit für den polnischen Widerstand auch in einem deutschen Gefängnis gesessen. Die Arbeit in Warschau als Kriegskorrespondent der ungarischen Armee unter britischen Agenten stellte ein Abenteuer dar, war aber auch eine gute Übung für die Zeit der Besetzung von Budapest durch die Nazis im Jahr darauf. So durchlief ich, wie viele andere meiner Generation, mehrere Gefängnisse. Auf welcher Seite auch immer, mit Glück gelang es mir zu überleben.

Oberleutnant Pál András Fabry 1944
Wäre Lutz genauso bekannt gewesen wie der schwedische Diplomat Wallenberg, wäre er auf die gleiche Weise verhaftet und verschleppt worden, denn er war ohne jeden Schutz. Wallenberg wurde aus zwei Gründen verschleppt. Erstens, weil er Geld und Gold bei sich hatte. Zweitens, weil er bekannt war und jeder sah, dass er wichtige Verbindungen und einen Namen hatte. Er hatte zu vielen Menschen geholfen, und wahrscheinlich hätte er sich gegen die Sowjetunion und den Kommunismus engagiert, wenn er dortgeblieben wäre. Lutz war aufgrund seines ruhigen Auftretens, weil er hinter den Kulissen agierte, nicht bekannt. Die Russen mussten über die Schutzhäuser Bescheid gewusst haben, aber es war ihnen völlig egal. Lutz überlebte einzig, weil er sich auf der Buda-Seite der Stadt befunden hatte. Bis sie dort waren, hatten die Russen ihre Raubzüge und ihren Terror, ihr Vergewaltigen und Morden auf der Pest-Seite bereits beendet. Sie konnten sich frei bewegen und die Stadt blindlings ausrauben.
Mein Cousin, Dezsö Molnar, und einige seiner Leute wurden von der Sowjetarmee erbarmungslos verschleppt. Ich weiss nicht, wie und wohin sie verschwanden, niemand von der Familie weiss es. Aber sie holten Dezsö am 16. oder 17. Januar aus dem Glashaus. Ich stelle mir vor, dass er einige Tage später während des Marsches im Schnee gestorben ist. Und von den anderen beiden, die geholt wurden, wurde einer erschossen und der andere ist in der Nähe erfroren, sagte mir die Familie. Es wurden vermutlich noch andere verhaftet, aber ich weiss nicht, wie sie verschwunden sind. Für die Russen bedeuteten die Schutzhäuser gar nichts. Das Schweizer Kreuz bedeutete nichts. Lutz bedeutete nichts. Juden zu retten bedeutete nichts. Zur selben Zeit wurde auch Wallenberg verschleppt, und sein Schicksal gibt noch immer Rätsel auf.
Nach 1945
Im letzten Teil des Interviews erinnert sich Paul Fabry an sein Leben in der Nachkriegszeit, an jene, die im Untergrund an seiner Seite gearbeitet haben, und an Carl Lutz.
Wie haben wir all das durchgestanden? Wie haben wir es geschafft? Wie haben wir überlebt? Und warum wurde dieser gute Mann, Arthur Weiss, verhaftet? Und warum wurden jene hundert Menschen nicht verhaftet? Und warum endeten diese tausend Menschen in Bergen-Belsen, ohne zu wissen, wohin es ging? Warum wussten sie nicht, dass der andere Zug nach Auschwitz fuhr? Sie hatten keine Angst, sie glaubten, dass es mit dieser Welt bald zu Ende sei – vielleicht werde ich einfach gehen, irgendwo wird eine Tür offen sein. Aber die Tür war nicht offen, sie führte geradewegs in die Gaskammer; es war zu spät. Da war weder Logik noch Gerechtigkeit oder irgendeine göttliche Antwort oder eine prophetische Stimme, die einen rettete. Meistens war es Glück, oder ein mutiger Akt, oder ein dummes Risiko im richtigen Moment. Wir wurden uns der Gefahr erst richtig bewusst, als sie vorbei war.
Seit 1949 bin ich in Amerika mehrfach angesprochen worden, um über den Holocaust, das Glashaus und die anderen Schutzhäuser zu erzählen. Einmal wurde ich gebeten, am Holocaust-Gedenktag in der grössten Synagoge von New Orleans über den Terror dieser Jahre zu sprechen. Es war eine grosse Menschenmenge da, Leute aus dem ganzen Süden [der USA]. Ich erklärte, wie die Schutzhäuser funktionierten, wie Carl Lutz Tausende und Abertausende von Dokumenten anfertigen liess, wie Tausende und Abertausende von Menschen mit der Identität und Staatsbürgerschaft von Ländern umherliefen, in denen sie nie gewesen sind – und wie das Glashaus um die 2000 oder 3000 Menschen rettete. Am Ende meiner Rede kam eine elegant gekleidete Dame in den Sechzigern oder frühen Siebzigern zu mir und sagte: «Herr Fabry, wissen Sie was, ich war als kleines Mädchen im Glashaus im Budapest. So habe ich mit meiner Familie überlebt. Und ich wusste nie, wem ich dafür danken konnte. Jetzt weiss ich es. Und jetzt weiss ich auch, dass ich vor diesen Offizieren in den eigenartigen Uniformen, die an der Tür standen, keine Angst zu haben brauchte. Ich dachte, sie seien dort, um uns einzusperren, und dass es für uns dort zu Ende sei, weil sie uns nicht rausliessen.» Es war Dr. Judy Roheim, eine hochangesehene Psychiaterin aus Baton Rouge, Louisiana. Und es passierte auch mehrmals bei meinen Besuchen in Budapest. Einmal sprach ich bei einem meiner Besuche in einer Radiosendung. Danach rief jemand im Hotel an und sagte: «Ich wusste nicht, dass Sie noch am Leben sind. Ich war während des Kriegs in der Ukraine Ihr Fahrer.» Ich hatte ihn angestellt, als er in einem jüdischen Arbeitslager war, ich steckte ihn in eine Uniform ohne Rangabzeichen und fuhr mit ihm bis nach Berlin. Kornai András ist heute ein erfolgreicher Geschäftsmann in Kanada. Seine Schwester in Ungarn dankte mir, dass ich ihm das Leben gerettet habe – aber eigentlich wurde er zu einem richtigen Freund und half uns beiden, an der Front zu überleben.
Von denjenigen, die zur «Operation Glashaus» gehörten, starb einer in Lima, Peru. Ein anderer starb in Australien. Ein dritter war in Paris gelandet. Ein Einziger ist in Budapest geblieben, derjenige, der das Rundfunkgerät brachte, das über das Erez-Israel-Büro von Carl Lutz kam. Er war der ruhigste, der verschlossenste von allen; ein wahrer Aristokrat mit einem starken Standesbewusstsein, und er lebte in ständiger Angst. Er änderte zweimal seinen aristokratischen Namen, weil er Angst hatte, sie könnten entdecken, dass sein Grossvater Graf war und seine Grossmutter Baronin und dass sie ein paar Generationen zuvor in der Regierung waren. Sogar seine Kinder trugen andere Namen. Er war der Einzige, der die ganze Zeit pessimistisch war. Er ist dort gestorben, arm und ohne Unterstützung. Ja, da waren auch jene, die das Ende des Kriegs nicht erlebten und sich nicht sagen konnten: «Zum Teufel, das ist vorbei, jetzt muss ich das vergessen und weiterleben.» Es gab welche, die das nicht konnten.
Ich habe einen Doktortitel von der Budapester Rechtsfakultät, habe aber nie als Anwalt praktiziert, ich wurde Diplomat. Nach dem Krieg stand ich in Ungarn im diplomatischen Dienst. Irgendwann war ich der ungarische Geschäftsträger in Ankara, Türkei. 1947, als die Kommunisten die Macht übernahmen, trat ich von meiner Stelle zurück. Schliesslich emigrierte ich in die USA, wo ich mich als liberaler Europäer in amerikanischem Umfeld betrachte. Die jüngeren Mitglieder meiner Familie sind tief im konservativen Leben verwurzelt, sie leben von Texas über New Mexico bis nach Kalifornien verstreut. Sie sind in einer anderen Welt gross geworden, einer sicheren Welt des Wohlstands. Für sie bin ich ein archaisches Überbleibsel der Viktorianischen Ära, zu der Budapest bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte. Die Geschichte von Vizekonsul Lutz in Budapest gehört für sie in die Geschichtsbücher.
Der gute Bürokrat
Ich würde sagen, Carl Lutz ist ein Vorbild menschlicher Güte aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Er war ein grundgütiger Mann. Es gibt grosse politische Helden, es gibt grosse Staatsmänner; doch eine solche humanistische Persönlichkeit, die so vielen Menschen half, bleibt so einzigartig, dass ich nicht glaube, dass es dazu irgendwo auf der Welt ein Pendant gibt.
Es war wirklich ein grosses Glück für uns, in Budapest einen Mann wie Carl Lutz zu haben. Er war im Kern ein guter Bürokrat. Sein Leben entsprach dem Schweizer System, zuverlässig, pünktlich. Bürokratische Regeln bestimmten sein Leben. Und als plötzlich die tragischen Zeiten ausbrachen, tat er genau das Richtige.
Carl Lutz wurde später vorgeworfen, es sei falsch gewesen, was er getan hatte. Er wurde beschuldigt, gut gewesen zu sein, dem Ruf seines Gewissens gefolgt zu sein, im Geist eines freien Schweizer Denkers, die Freiheit von Tausenden Menschen gerettet zu haben. Es muss eine sehr schmerzvolle Erfahrung für ihn gewesen sein.
Ausschnitte aus der gekürzten und leicht überarbeiteten Interview-Abschrift zum Dokumentarfilm «Carl Lutz – Der vergessene Held» (2014) von Daniel von Aarburg. Das Interview wurde am 19. Juni 2012 von Daniel von Aarburg in New Orleans geführt.
Aus dem Englischen von Lis Künzli
Mordechai Fleischer

Mordechai Fleischer, Giv’atajim, Israel 2017
Giv’atajim, Israel
Geboren als Paul György Fleischer am 29. Juni 1926 in Bratislava (Tschechoslowakei; heute Slowakei), gestorben am 7. April 2019 in Petach Tikwa (Israel).
«Am 19. März 1944 gingen wir alle in den Untergrund»
Meine Kindheit habe ich in Bratislava verbracht. Wir waren eine assimilierte Familie. Der Name meines Vaters war Karl – Chaim auf Hebräisch. Meine Mutter hiess Regine, ihr hebräischer Name war Rivka. Mein Vater arbeitete in einer Druckerei, und meine Mutter war Hausfrau. Um 1942 herum, als es schon Einschränkungen gab, begann meine Mutter, für verschiedene Leute Handarbeiten zu machen, um unser Einkommen zu vergrössern und etwas zum Familienunterhalt beizusteuern. Ich hatte eine Schwester, Elisabeth, die drei Jahre älter war als ich.
Mein Vater war Sozialdemokrat und in der Partei aktiv. Er war auch Vorsitzender der Druckarbeitergilde. Wir wohnten in einem Gebäude der Druckarbeiter, das «Haus Gutenberg» hiess, nach Johannes Gutenberg, der die Druckpresse erfunden hatte. Unsere Bewohnerschaft war gemischt; ein grosser Teil waren Juden, aber ca. 50 % waren Gojim. Unsere Beziehungen zu den meisten Hausbewohnern waren sehr herzlich, da der Grossteil den gleichen Beruf hatte, und sonntags machten wir oft zusammen Ausflüge in die Umgebung.
Die erste Schule, die ich besuchte, war die Slowak-Schule. Die meisten Schüler waren keine Juden. Auch im Gymnasium waren wir nur zwei Juden in der ganzen Klasse. Die Volksschule hiess nach einem der slowakischen Helden, Milan Rastislav Štefánik, und das Gymnasium nach dem beliebtesten Präsidenten, Tomáš Garrigue Masaryk, nach dem viele Plätze und Strassen in Israel benannt sind.
Als ich vierzehn war, wurden wir alle, alle jüdischen Schüler, aus der Schule verwiesen. Meine Eltern wollten nicht, dass ich untätig zu Hause sass, und schickten mich zu einem Zimmermann in die Lehre. Ich verbrachte dort ungefähr zwei Jahre. Bratislava war schon unter faschistischer Herrschaft, und unsere Beziehungen mit der nichtjüdischen Bevölkerung begannen darunter zu leiden; zweifellos waren Antisemiten unter unseren – angeblichen – Freunden. Ich schloss mich der zionistischen Jugendbewegung an und wurde Mitglied beim Haschomer Hazair.
Als sich die Verfolgungen und verschiedenen Verbote für Juden verschärften – wie zum Beispiel das Verbot, nach bestimmten Uhrzeiten auf die Strasse zu gehen, und der Zwang, einen gelben Stern zu tragen –, begriffen meine Eltern, dass wir uns in unmittelbarer Gefahr befanden. Mein Vater erhielt staatlichen Schutz als von der Regierung benötigter «lebenswichtiger Arbeiter». Auch meiner Mutter wurde Schutz gewährt. Die Gefahr bestand für meine Schwester und mich. Das war 1942, als die ersten Deportationen anfingen. Sie holten Frauen aus Bratislava im Alter zwischen achtzehn und dreissig ab und brachten sie nach Polen, wo sie spurlos verschwanden. Als ein nichtjüdischer Bekannter von den Razzien hörte, bot er uns seine Hilfe an und versteckte meine Schwester in einem Dorf bei seinen Eltern. Bei einer grossen Versammlung der zionistischen Bewegungen beschloss die Führung, dass jeder, der Ungarisch sprach oder familiäre Beziehungen in Ungarn hatte, von Bratislava nach Ungarn fliehen sollte. Ich hatte Grosseltern und einen Onkel, die in Ungarn wohnten. Ein Freund von mir, der mit der kommunistischen Jugendbewegung verbunden war, kannte die Grenze. Er hatte sie in der Vergangenheit etliche Male überquert und schlug vor, dass ich ihn begleitete und wir zusammen hinübergehen würden. Ich war damals fast fünfzehn. Meine Eltern sahen ein, dass sie keine andere Wahl hatten, als unseren Plan zu akzeptieren. Sie, sowie mein zweiter Onkel, zogen es vor, in Bratislava zu bleiben; sie vertrauten den Slowaken mehr als den Ungarn. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das ein fataler Irrtum war.
Nachdem mein Freund und ich die Grenze nach Ungarn passiert hatten, stiegen wir in einen Autobus mit dem Ziel, nach Budapest zu fahren. Die Absicht dabei war, in die grösste Stadt zu gelangen, da es dort leichter war, sich unter die übrige Bevölkerung zu mischen. Das war in den Provinzstädten und kleineren Städten, in denen sich die meisten Einwohner kannten, schwierig zu bewerkstelligen. Mein Freund und ich hatten kein Glück, und man erwischte uns zusammen im Autobus. Die Gendarmen verhafteten uns und warfen uns ins Gefängnis. Wir waren ungefähr einen Monat dort. Man verhörte uns nicht, sie wussten ja, warum wir geflohen waren. Eines Tages weckten sie uns in der Frühe auf und brachten uns an die ungarisch-slowakische Grenze zurück. Dort verpassten sie uns mörderische Prügel, um uns Angst einzujagen, damit wir es nicht mehr wagen würden, nach Ungarn herüberzukommen. Aber wir waren beide erfahren, umgingen ihre Posten und kehrten zu meinen Eltern in Bratislava zurück – ein ziemlich langer Fussmarsch von etwa dreissig Kilometern.
Wir trafen spät in der Nacht ein, lädiert und mit geschwollenen Gesichtern. Nun hatten wir ein weiteres Problem: Wie sollten wir ins Haus, in die Wohnung hineinkommen? Das Gebäude – mehrstöckig mit vielen Bewohnern – war abgesperrt, und es war bekannt, dass der Hauswart ein deutscher Faschist war. Wie also hineinkommen? Über unserer Wohnung, im oberen Stockwerk, wohnte seit Kurzem eine Familie, von der ich wusste, dass sie nicht so extrem war. Ich warf einen Stein an ihr Fenster. Sie kamen ans Fenster und fragten zornig: «Wer wirft hier Steine?» Ich sagte leise: «Ich bin’s, Paulko.» Die Frau, die keine Jüdin war, kam herunter und machte mir die Tür auf, und so kam ich in mein Elternhaus hinein [auf der Rückseite des Gebäudes]. Bis heute habe ich ein Foto, das viele Tage nach diesem Vorfall mit den Schlägen aufgenommen wurde, das uns beide immer noch mit Schwellungen zeigt. Meine Eltern riefen einen jüdischen Arzt, der unsere Verletzungen behandelte, und wir erholten uns wieder.
Einige Monate später überquerte ich die Grenze ein weiteres Mal, diesmal jedoch mit einem professionellen jüdischen Fluchthelfer. Es war zu Anfang des Winters 1942. Ich erinnere mich noch an den Schnee, durch den wir stapften. Nachdem wir die Grenze erfolgreich passiert hatten, verlangten die Ungarn im Zug unsere Papiere zu sehen. Ich hatte keine Papiere. Alle übrigen geflüchteten Juden hatten sich im Zug zerstreut. Nur ich und mein Fluchthelfer wurden gefasst und nach Budapest gebracht. Wieder steckten sie mich ins Gefängnis. Es war ein berüchtigtes Gefängnis, in dem furchtbare Bedingungen herrschten. Als wir im Gefängnis ankamen, brachten sie uns in eine grosse Halle mit vielen Verbrechern, wenige davon Juden. Ein jüdischer Gefangener, ein Invalide mit Krücken, kam zu mir und fing mit mir zu reden an. Er fragte, ob ich einer zionistischen Jugendbewegung angehörte, und ich sagte ihm, dass ich beim Haschomer Hazair war. In dem Moment trennte man uns, doch nicht, ehe er mir seine Visitenkarte gegeben hatte. Er war einer von der zionistischen Führungsriege in Budapest. Sein Name war Dr. Béla Dénes. Da er wusste, dass ich Zimmermannlehrling war, waren seine Abschiedsworte: «Wenn du entlassen wirst, geh zur Möbelfabrik Kürtös. Sag ihnen, dass ich dich geschickt habe, und ich hoffe, sie können dir helfen.»
Ich wurde drei Monate später entlassen und in ein Internierungslager geschickt, in dem sich viele illegale jüdische Flüchtlinge befanden, die aus Polen, Russland und der Slowakei geflohen waren. Dort nahm ich Verbindung mit Mitgliedern der Jugendbewegung Haschomer Hazair auf, und sie fingen an, uns zu besuchen. Etliche Monate danach, als es meinem Onkel gelungen war, mich aus dem Gefängnislager zu befreien, machte ich mich auf den Weg zur Möbelfabrik. Es war ein riesiges Geschäft. Sie nahmen mich, interviewten mich und stellten mich sofort zur Arbeit ein. Der Besitzer von Kürtös war ein Jude namens Kurz. Am Anfang arbeitete ich in der Schreinerei, doch als sie hörten, dass ich auch zeichnen konnte und Erfahrung in der Planung hatte, versetzten sie mich in die Planungsabteilung des Betriebs.
Mein gesellschaftlicher Kreis zu der Zeit bestand aus Kameraden aus den Jugendbewegungen in Budapest sowie illegalen Flüchtlingen aus der Slowakei. Sonntags gingen wir zusammen weg, tauschten Botschaften und Informationen aus, um uns gegenseitig zu helfen. Am 19. März 1944 marschierten die Deutschen in Ungarn ein, und wir gingen alle in den Untergrund.
Da ich auf eine Bürgschaft meines Onkels hin entlassen worden war, musste ich einmal im Monat bei der «Fremdenpolizei» erscheinen. Zu meinem Pech erkannte mich einmal, als ich auf der Strasse auf dem Weg dorthin war, einer der Geheimpolizisten vom vorherigen Internierungslager, und er befahl mir, ihn zu begleiten. Kurze Zeit danach wurde ich auf die Insel Csepel bei Budapest gebracht, wo wir in einem Zwangsarbeitslager bei einem grossen Schmelzofen unter dem Befehl der SS arbeiteten. Die Deutschen übergaben uns den Ungarn, und da gelang es mir, zu fliehen und zu meinen Verwandten [in Budapest] zurückzukehren. Dann kam der Wendepunkt. Die Faschisten gingen von Haus zu Haus auf der Jagd nach Juden, und so wurden mein Onkel und ich gefasst und an die russische Front geschickt, um Gräben gegen Panzer auszuheben.
Während des grossen Rückzugs, auf meinem Weg zurück nach Budapest, zwangen sie mich, den Todesmarsch in Richtung Österreich mitzumachen. Alle gefangenen Juden aus Budapest waren dabei. In der Nacht hielten wir bei einer Ziegelfabrik an. Mein Onkel hatte schon davor von jemandem einen Schutzpass der schweizerischen Gesandtschaft beschafft, der zu meinem Alter passte. Sie trennten uns – die ohne Zertifikat, wie mein Onkel, marschierten weiter. Dem Rest wurde gesagt, vor Ort zu warten. Am nächsten Tag, gegen Morgen, versammelten sie uns und verlangten, unsere Dokumente zu sehen. Der Offizier, der an mir vorbeiging, nahm meine Papiere und die einiger anderer an sich und sagte, ohne sie zu kontrollieren, sie seien gefälscht, und zerriss sie in Fetzen. Und wieder wurde uns befohlen, den Marsch mitzumachen. Hier möchte ich näher auf meine Flucht eingehen, denn sie war von Bedeutung. Als wir an eine Strassenkurve kamen, liess man uns eine Pause machen, um unsere Bedürfnisse zu verrichten. Ich ging hinter einen Busch in einem riesigen gepflügten Feld. Überall waren Posten mit Maschinengewehren. Es hatte keinen Sinn zu fliehen, denn die Strasse war voller Trupps von Marschierenden in Begleitung von deutschen und ungarischen Patrouillen. Ich überholte einen Trupp, und als ich an dessen Ende kam, ging ich hinauf in Richtung Strasse. Der ungarische Soldat am Ende des Trupps sah mich und fragte, wohin ich gehe. Ich antwortete: «Nach Budapest.» Er fragte: «Gehörst du nicht hier dazu?» Ich sagte: «Nein.»
Auf der anderen Strassenseite standen ungarische Arbeiter, die auf eine Mitfahrgelegenheit warteten. Öffentlichen Verkehr gab es nicht mehr. Ich bin sicher, der ungarische Soldat wusste, dass ich Jude bin und fliehe; er beschloss, mich mein Glück versuchen zu lassen. Ich ging auf die andere Strassenseite und stellte mich zwischen die Gojim, die ungarischen Arbeiter. Ein deutscher Militärlaster kam vorbei, und alle sprangen auf und ich mit ihnen – in den Rachen des Löwen. Da ich Angst hatte, dass ich wegen meines jüdischen Aussehens auffliegen würde, schaute ich die ganze Zeit gerade vor mich hin, zum Ende des Lastwagens.
Die Fahrt endete an der Margaretenbrücke in Budapest. Ich ging auf die Brücke und sah, dass unten eine kleine Fähre Leute ans andere Ufer beförderte. Auf der Brücke bemerkte ich plötzlich, dass Leute [am Ende der Brücke in der Richtung, in die ich ging] stehen blieben und sich zusammendrängten. Ich war sicher, dass Papiere kontrolliert wurden. Ich hatte keine. Und wenn jemand verdächtig schien, zogen sie ihm ohnehin die Hosen runter, um nachzuschauen, ob er Jude war oder nicht. Ich wechselte auf die andere Seite, drehte um in Richtung Buda und ging dort zur Fähre hinunter.
Die Soldaten, die die Fähre bewachten, sagten zu mir, dass nur Verletzte berechtigt seien einzusteigen. Ich entfernte mich, fand eine Glasscherbe und benutzte sie, um mir die Hand aufzuschneiden. Dann umwickelte ich die blutende Hand mit dem Hemd und kehrte als «Verletzter» zurück, mit deutlichen Blutflecken. So gelangte ich auf die andere Seite.
Ich wusste durch meine Kameraden in der ungarischen Bewegung, dass sich jemand von unserer Führung im Hauptquartier des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz befand, in der Mérleg-Gasse. Das war Mimisch Herbst [Jizchak Herbst]. Ebenso wusste ich, dass es die einzige Adresse war, die ich hatte; ich musste dort hinkommen. Während ich die Strasse entlangrannte, gab es einen Luftangriff, und ich ging in einen Schutzraum hinunter. Dort lachten Leute über Juden, die mit erhobenen Händen auf der Strasse vorbeigeführt wurden. Ich erkannte, dass es zu gefährlich war, im Luftschutzkeller zu bleiben, und als der nächste Alarm kam, ging ich hinaus und suchte weiter nach der Mérleg-Gasse. Ich wusste nicht, wo sie war, nur, dass sie in der Umgebung war und im rechten Winkel zur Donau verlief. Also ging ich die Donau entlang, bis ich die Strasse ausfindig gemacht hatte.
Ich kam zu dem Haus. Ich sah Hunderte Menschen mit kleinen Kindern vor der Eingangstür stehen. Es waren Eltern, die ihre Kinder in die Obhut des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz übergaben, und von dort wurden die Kinder in jüdische Kinderheime gebracht. Als ich Männer in Uniformen der ungarischen Faschisten [Pfeilkreuzler] am Eingang stehen sah, entfernte ich mich.
Ich hatte Hunger. Es war etliche Tage her, dass ich etwas gegessen hatte. Ich ging in ein bombardiertes Haus hinein. Es war verboten, das zu machen; es war auch gefährlich, denn man konnte dafür hingerichtet werden. Aber für Juden machte das keinen Unterschied, man brachte sie aus irgendeinem Grund um. Ich fand nichts in dem zerstörten Haus, und ich kehrte zum Gebäude des Roten Kreuzes zurück. Die Faschisten hatten den Ort inzwischen verlassen, und ich kämpfte mit der Menge, um in das Gebäude hineinzukommen. Alle wollten mit ihren Kindern hinein. Sie sagten zu mir: «Du bist kein Kind. Warum drängst du dich durch?» Ich wusste, meine einzige Chance war dann, wenn sie zwei, drei Leute mit ihren Kindern hineinliessen, und da drängte ich mich hinein. Sie wollten mich hinauswerfen, sie zogen mich regelrecht aus, und ich fing an zu schreien: «Mimisch! Mimisch!», in der Hoffnung, er würde kommen und mich retten. Ein anderer aus der Leitung, Mosche Alpan – er wurde «Pil» [«Elefant» auf Hebräisch] genannt – kam mir zu Hilfe und befreite mich aus der Menge.
Später an diesem Abend ging Klári Alper [eines der weiblichen Mitglieder] mit mir hinaus. Wir gaben vor, ein Liebespaar zu sein, und so erreichte ich das Glashaus. Das war Ende Oktober, Anfang November 1944. Ich brauchte keine Papiere, um in das Glashaus hineinzukommen. Alle kannten Klári Alper, so dass ich keine Probleme hatte, als ich in der Nacht dort ankam.

Mordechai Fleischer, Bratislava, Tschechoslowakei, heutige Slowakei ca. 1942
Im Glashaus war ich in einer Gruppe der Jugendbewegung aktiv, aber wir machten nicht viel. Einige Male begleitete ich Simcha Hunwald als Sekretär. Wir beschäftigten uns selbst hauptsächlich damit, Hebräisch zu lernen und Vorbereitungen zu treffen. Wir verbrachten viel Zeit damit, unsere Zukunft nach der Befreiung zu planen. Wir wussten, am Ende würde Budapest besiegt werden, und wir überlegten uns Wege, wie wir der russischen Armee helfen könnten. Wir wohnten im hinteren Gebäude, in einem der Keller. Es war grauenhaft eng dort, wir schliefen auf Etagenbetten. Wir bereiteten uns vor, indem wir mit einer nutzlosen Pistole spielten, die wir vielleicht [so dachten wir] bei zukünftigen Aktionen benutzen könnten – aber das war hauptsächlich symbolisch. Wir machten kaum etwas im Glashaus. Die Leute versteckten sich einfach, quetschten sich zusammen, und es war an allem Not, sowohl an Essen wie an Möglichkeiten. Wir waren sehr elend dran. Ich zog monatelang immer das gleiche Hemd und die gleiche Unterwäsche an.
Zu irgendeinem Zeitpunkt erhielt ich eine neue Aufgabe und zog vom Glashaus in ein anderes Gebäude unter Schweizer Schutz, in der Wekerle-Gasse. Dort wurde beschlossen, dass wir in einer Dreiergruppe arbeiten sollten. Einer war Breuer Meir, und der dritte war ein Neuer, ich weiss seinen Namen nicht mehr. Wir zogen los, um Proviant zu beschaffen, den wir danach in die Kinderhäuser und ins Ghetto transportierten. Wir unternahmen eine Reihe solcher Transporte von dort aus. Von dem Ort wegzukommen [wo wir den Proviant erhielten], war einfach grauenhaft – und höchst gefährlich! Einer von uns zog den Karren, und die beiden anderen schoben. Er war voll beladen und mit einer Decke zugedeckt [um den Proviant zu tarnen], aber die Bevölkerung war ausgehungert, und oft fielen sie über den Karren her.
Infolge der grauenhaften Hygienezustände [sowohl in der Wekerle-Gasse als auch im Glashaus] bekam ich die Krätze, und meine ganze Haut bedeckte sich mit Wunden. Im Gegensatz zu den Männern, die man leicht als Juden identifizieren konnte, indem man ihnen mit Gewalt die Hosen herunterzog, konnten die Frauen und Mädchen mit gefälschten Ausweisen hinausgehen [auf denen nicht vermerkt war, dass sie Jüdinnen waren]. So brachte mir eine der Kameradinnen, Zippi Schechter, irgendeine Salbe. Da ich sie direkt, ohne sie vorher zu verdünnen, auftrug, bekam ich furchtbare Verbrennungen, hohes Fieber und fantasierte.
In der Zeit, in der ich krank war, brachen meine beiden Kameraden – mit dem Karren – ohne mich auf und verschwanden. Wir wissen nicht, was ihnen zugestossen ist. Höchstwahrscheinlich hat man sie am Donauufer umgebracht; das war damals die Methode. Die hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen haben mich beeinträchtigt, aber letzten Endes haben sie mir das Leben gerettet.
Wenige Tage später kamen die Russen in die Stadt. Wir wurden befreit. Und wieder fingen wir an, uns zu organisieren. Jeder von uns erhielt verschiedene Aufgaben, von denen die meisten mit den Kindern zusammenhingen, die sich in der Obhut des Roten Kreuzes befanden. Da ich eine slawische Sprache beherrschte, Slowakisch, konnte ich mich ein wenig mit den Russen unterhalten. Meistens stand ich Wache. Mir ist eine kuriose Situation in Erinnerung geblieben: Einmal kam ein russischer Soldat zu uns, ging hinein, und ich erklärte ihm, dass er hier keine Mädchen finden würde, sondern nur kleine Kinder, die den Krieg überlebt hatten – die russischen Soldaten suchten schliesslich überall nach Mädchen. Er hatte einen nicht allzu grossen Teppich auf der Schulter; es war Winter. Er nahm den Teppich und sagte: «Nimm den Teppich, deck sie zu, damit ihnen nicht kalt wird.» Das war typisch russisches Benehmen: Er war gekommen, um Mädchen zu vergewaltigen, und am Ende hatte er Mitleid mit den Kindern – «Deck sie zu.»
Anschliessend wurde ich Betreuer von Kindern auf ungarischem Gebiet, und als ich im Mai 1945 erfuhr, dass meine Geburtsstadt, Bratislava, befreit worden war, kehrte ich nach Hause zurück, um herauszufinden, ob meine Eltern überlebt hatten. Ich ging zu dem Lager, das dem Mann – ein Goj – gehörte, der meine Schwester gerettet hatte; er war Textilkaufmann. Während des Kriegs hatte er einen der Kameraden aus unserer Jugendbewegung als seinen Geschäftsführer gewählt. Er hatte auch einen Bunker gebaut und viele Juden versteckt. Nach dem Krieg erhielt er den Titel «Gerechter unter den Völkern». Ich ging also zu seinem Geschäft und spähte durchs Schaufenster. Plötzlich schlug mir das Herz bis zum Hals – da drinnen war meine Schwester! Ich ging hinein und fand auch meine Mutter dort. Sie sagten mir, dass mein Vater gleich von der Arbeit zurückkommen würde. Ich erfuhr, dass meine Eltern gefasst und nach Theresienstadt deportiert worden waren. Doch die Bahngleise [von Theresienstadt] nach Auschwitz waren damals schon nicht mehr vorhanden. So wurden sie gerettet und kehrten aus Theresienstadt nach Bratislava zurück.
Ich bin 1946 ins damalige Palästina ausgewandert. Ich war Kibbuzmitglied und machte eine Ausbildung im Kibbuz Ma’anit. Anschliessend war ich eines der Gründungsmitglieder des Kibbuz Jas’ur. Meine Schwester heiratete den Goj, der sie in Bratislava gerettet hatte. Sie bekamen einen Sohn. Meine Eltern emigrierten 1949 nach Israel. Mein Vater nahm sofort seinen Beruf wieder auf und wurde Direktor der Druckerei der ungarischen Zeitung «Új Kelet» – «Neuer Osten» –, bis er in Rente ging.
Meine zukünftige Frau, Trudi, die ich als Mädchen auf der Insel Csepel getroffen hatte, ist auch nach Israel ausgewandert. Sie war mit dem Kasztner-Transport aus Ungarn geflohen. Wir begegneten uns 1947 wieder, im Krankenhaus in Haifa, als ich von meiner Verwundung genas, die ich mir bei Kämpfen im Westgalil zugezogen hatte. Trudi ist 2009 gestorben. Wir hatten eine Tochter, die mit zweiunddreissig Jahren gestorben ist. Sie war Mutter von zwei Kindern, ein Junge und ein Mädchen. Mein Enkel hat vor sechs Jahren Suizid begangen. Meine Enkelin hat ein sechs Monate altes Baby – meine Urenkelin. Das ist meine Geschichte. Mein Lebenslauf.
Meine Gefühle gegenüber Carl Lutz? Ich kann mir keine grössere Opferbereitschaft als seine vorstellen. Er hätte ermordet werden oder von den Deutschen mit Leichtigkeit beseitigt werden können. Sie hätten ihn jeden Moment beseitigen können, indem sie einen Unfall «inszenierten». Das war absolut legitim damals.
Das Interview wurde im Mai 2017 von Noga Yarmar in Giv’atajim, Israel, geführt.
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
Jean Greenstein

Jean Greenstein bei seiner Rede vor dem US Senat, Washington, D. C., USA 2008
Tarzana, Kalifornien, USA
Geboren als Egon Grünstein am 9. Juli 1924 in Veľký Sevľuš (Tschechoslowakei; heute Vynohradiv, Ukraine), gestorben am 24. Februar 2018 in Tarzana.
«Wir versuchten zu retten, wen wir konnten, wie wir konnten»
Ein Gespräch zwischen Vater und Sohn
Im September 1944 wurde Egon Grünstein in eine Reserveeinheit der 22. SS-Freiwilligen-Kavallerie-Division in Budapest eingezogen. Seine falschen Papiere wiesen ihn als Hans Karl Schleier aus, einen deutschstämmigen Tschechoslowaken. Nach einer militärischen Grundausbildung wurde Egon Grünstein beordert, auf dem Motorrad durch Budapest zu patrouillieren und deutsche Deserteure aufzugreifen. Da niemand seinen täglichen Verbleib überwachte, konnte sich Egon Grünstein heimlich der Widerstandsbewegung anschliessen, die vom September 1944 bis Januar 1945 in Budapest aktiv war.
Lawrence: Dad, erzähl, wie du deutscher Soldat geworden bist.
Jean: Ich hatte in Veľký Sevľuš einen guten Freund. Sein Name war Hans Friedrich Schleier. Sein Cousin, Hans Karl Schleier, lebte in einer Kleinstadt in der östlichen Tschechoslowakei. Eines Tages stürzte Hans Karl mit seinem Fahrrad, sein Kopf prallte an einen Felsen und er verlor das Bewusstsein. Niemand wusste, was mit ihm los war. Sie brachten ihn nach Hause, und als sie am nächsten Morgen mit ihm ins Krankenhaus wollten, war es zu spät, er war tot. Mein Freund, Hans Friedrich Schleier, ging zur Familie seines Cousins, nahm seine Papiere an sich und gab sie mir. Hans Karl hatte auch einen Ausweis mit Foto, wir lösten es geschickt ab und setzten meins dafür ein. Ich bekam auch seine Geburts- und seine Taufurkunde. Meine Mutter nähte die Dokumente in die Vorderseite meiner Jacke ein, zusammen mit ein paar Goldmünzen, die mir mein Vater gegeben hatte. In Europa waren damals alle Anzüge zweireihig.
Lawrence: Dann hast du deinen Weg in den jüdischen Untergrund von Budapest gefunden, und du hast mit einem ihrer Leiter gesprochen.
Jean: Adonyahu Billitzer hiess er.47
Lawrence: Billitzer, genau. Was für Aufgaben hast du dort übernommen, du hast gesagt, du seist Kurier gewesen?
Jean: Einmal fuhr ich an die ungarisch-rumänische Grenze, wo mir jemand einen Proviantsack «voller Obst» in die Hand drückte, den ich zu überbringen hatte. Sie sagten mir: «Schau nicht rein.» Die Eisenbahnpolizei passierte mehrmals. Sie machten sich nicht einmal die Mühe, den Sack zu kontrollieren. Ich wusste nicht, dass ich 200 000 Dollar bei mir hatte. In Budapest übergab ich sie dem jüdischen Untergrund.
Lawrence: Eine Zeit lang hast du dann als Kurier gearbeitet, aber irgendwann hast du dem Untergrund deine Papiere gezeigt, wann war das?
Jean: Nachdem ich über das Untergrundnetzwerk Herschi Reich getroffen hatte. Herschi, der aus der Slowakei stammte, hatte blaue Augen und war sehr gross und blond. Er sah überhaupt nicht jüdisch aus.
Als all diese Dinge passierten, hing er einfach nur in Budapest herum. Wir beschlossen, dass er ein Pfeilkreuzler-Milizionär werden sollte, weil er kein Deutsch konnte.
Lawrence: Du und Herschi wart also ein Duo?
Jean: Ja. Er war ein ungarischer Soldat und ich ein deutscher. Die deutschen und ungarischen Faschisten rekrutierten achtzehn–, neunzehnjährige Kids. Sie führten die Juden an die Donau, erschossen sie und warfen sie ins Wasser. Es war furchtbar. Unsere Aufgabe war, sie zu retten. Ich würde sagen, wir gingen so zweimal täglich hin und retteten vermutlich Hunderten und Aberhunderten von Menschen das Leben.
Lawrence: Wie seid ihr vorgegangen?
Jean: Herschi und ich begaben uns jeden Tag an die Donau. Dort gingen wir auf die Pfeilkreuzler zu und zeigten ihnen unsere Ausweise. Wir sagten, diese Juden seien Verbrecher und müssten sofort uns übergeben werden. Manchmal wollten sich die Pfeilkreuzler widersetzen, dann landeten sie selbst in der Donau. Wir mussten aufpassen, mussten dafür sorgen, dass uns niemand sah. Wir versuchten zu retten, wen wir konnten, wie wir konnten. Danach brachten wir die Juden zum Glashaus. Irgendwann fand jemand ein Wappen der Schweizer Gesandtschaft. Sie brachten es am Glashaus an, um zu zeigen, dass das Gebäude unter dem Schutz der Schweizer Regierung stand. Wir suchten auch einen Juden auf, der damals solche Wappen anfertigte. Sein Laden war konfisziert worden, aber er konnte immer noch in seine Werkstatt. Er gab uns drei oder vier gefälschte Wappen, und wir brachten sie aussen am Glashaus an. Wenn dann ungarische oder deutsche Nazis kamen und das Wappen sahen, zogen sie wieder ab. Der Untergrund hatte eine Fabrik mit einer Druckerei, und wie du dir denken kannst, druckten wir alles nach, was wir in die Hände bekamen. Die Schweizer Regierung händigte, schätze ich, an die 300 Schutzbriefe an Juden aus. Wir nahmen diese Schutzbriefe und fertigten rund 30 000 Kopien an.
Lawrence: Hast du einmal Probleme mit einer deutschen Patrouille bekommen, die wissen wollte, ob du wirklich ein deutscher Soldat warst?
Jean: Ja. Nun, wir haben sie zum Schweigen gebracht.
Lawrence: Erklär mir, was das heisst.
Jean: Sie endeten in der Donau.
Lawrence: Nachdem du diese Juden vor der Deportation oder der Exekution gerettet hast, hast du sie einfach zum Glashaus gebracht?
Jean: Ja, so war das.
Lawrence: War es koordiniert, haben sie euch jedes Mal erwartet?
Jean: Ja, es war koordiniert.
Lawrence: Hatten die Leute, mit denen ihr im Glashaus zu tun hattet, eine Ahnung, dass du Jude bist?
Jean: Nein, natürlich nicht! Ich trug schliesslich die deutsche Uniform. Es brauchte niemand zu wissen, dass ich Jude bin.
Lawrence: Was du mir sagst, ist im Grunde, dass der Untergrund diese Menschen zu ihrer eigenen Sicherheit im Unwissen liess.
Jean: Richtig.
Lawrence: Was waren das für Dokumente, die du hattest, um sie den Deutschen vorzuweisen?
Jean: Was immer gebraucht wurde, wir hatten es.
Lawrence: Hattest du vor allem Schutzbriefe?
Jean: Ja.
Lawrence: Du hast mir einmal erzählt, dass du leere Schutzbriefe hattest und der Untergrund sie ablichtete und später die Namen einsetzte.
Jean: Wir hatten Kameras, um sie abzulichten.
Lawrence: Hast du Carl Lutz im Glashaus mal angetroffen?
Jean: Ich habe ihn ausserhalb des Glashauses gesehen. Da war ein kleiner Park nicht allzu weit davon, wir trafen uns meist dort, und wir sahen ihn vier- oder fünfmal.
Lawrence: Wer sind «wir»?
Jean: [Herschi] Reich, [Giorgio] Perlasca und manchmal [Angel] Sanz Briz.
Lawrence: Kannst du dich an irgendetwas erinnern, das Carl Lutz sagte, hast du etwas mitbekommen? Hat er jemals über diese Dinge gesprochen?
Jean: Ich bin sicher, früher konnte ich das, aber jetzt, wo du mich fragst, 80 Jahre später, erinnere ich mich nicht mehr.
Lawrence: Aber du wusstest, wer er war.
Jean: Ja, natürlich.
Lawrence: Und du kanntest seine Position?
Jean: Gewiss. Ich bin nicht sicher, ob er wusste, wer ich war. In Wirklichkeit dachte er wohl, ich sei ein deutscher Soldat, der für den Feind arbeitete.
Lawrence: Wie oft gingst du ins Glashaus?
Jean: Wohl einmal pro Tag. Das Glashaus selbst war ein Glaslager, aber damit wir die Leute unterbringen konnten, mussten wir diese grossen Glasscheiben wegräumen; es brauchte fünf oder sechs Leute, um eine von ihnen wegzuschaffen, es war ein ständiges Hin und Her.
Lawrence: Hast du das Glashaus in deutscher Uniform betreten?
Jean: Ja.
Lawrence: Wenn du die Juden von ihrer geplanten Deportation wegholtest, haben sie da mit dir gesprochen, wussten sie, wer du warst?
Jean: Sie hatten grosse Angst, da sie nicht wussten, wohin wir sie bringen würden, und wir hatten Angst, es ihnen zu sagen, denn wenn uns jemand geschnappt hätte, hätten wir alle Ärger bekommen. Darum sagten wir zu ihnen nur: «Wir bringen Sie an einen sicheren Ort; bitte bleiben Sie ruhig.» Einmal hat mich einer erkannt, und wir sagten: «Machen Sie sich keine Sorgen.» Sie hatten Todesängste ausgestanden. Sie wussten, dass sie umgebracht werden sollten, kannst du dir das vorstellen? Und dann holen wir eine Gruppe von 70 bis 90, kollektiv zum Tod verurteilte Menschen, und sie schreien; weinende Kinder, schreiende Frauen.
Lawrence: Was hast du dabei gedacht? Hattest du jeden Tag Angst? Dachtest du, dass du auffliegen würdest?
Jean: Ja, ich hatte wirklich Angst, dass mich jemand erkannte, und einmal ist genau das passiert. Ich erinnere mich, wie ich mit Herschi und zwei anderen durch Budapest lief, als plötzlich eine Bande Deutscher auftauchte. Einer von ihnen war ein ehemaliger Klassenkamerad von mir, und ich bemerkte ihn, fing für eine Sekunde seinen überraschten Blick auf. Ich wollte mich nicht umdrehen. Ich bat meinen Freund Herschi, er soll nachsehen, ob der andere schaut. Er sagte: «Mann, und wie der schaut, er geht sogar rückwärts.» Da bogen wir nach rechts ab, gelangten irgendwie in ein Haus und von dort aufs Dach eines anderen Hauses. Ich weiss nicht, was geschah, ob sie uns verfolgt haben oder nicht; ich habe keine Ahnung. Wir verschwanden im Sonnenuntergang.
Lawrence: Du hast mir auch von den Gewaltmärschen erzählt. Du bist mit dem Motorrad hingefahren.
Jean: Ich hatte ein hervorragendes deutsches Motorrad. Ich brauchte das für mein Prestige. Ich kam also mit dem Motorrad angefahren, befahl den Deutschen, dies und das zu tun, und sie stellten keine Fragen, taten es einfach.
Lawrence: Es gab auch ein paar LKWs, zwei, drei LKWs, die dir folgten.
Jean: Jemand aus dem Untergrund hatte ein paar LKWs gekauft. Wir verkleideten die Fahrer als ungarische oder deutsche Soldaten, und sie fuhren hinter uns her. Gemeinsam folgten wir den Deutschen, die die Juden aus Budapest wegführten [Richtung österreichische Grenze]. Wir hielten sie auf und zeigten ihnen Papiere, auf denen stand, die Juden wären Kriminelle oder irgendetwas in der Art – es war jedes Mal eine andere Geschichte. Wir sagten den Deutschen, die Juden müssten zurückgebracht werden. In der Regel widersetzte sich niemand. Die Deutschen waren vor allem froh, dass wir sie ihnen abnahmen, denn sie hätten einen mehrtägigen Marsch vor sich gehabt. Es gab keine Fragen. Wenn sie sich widersetzten, eliminierten wir sie.
Lawrence: Wer wusste Bescheid, was im Glashaus vor sich ging? Wusste es der Untergrund? Ich meine, alle Untergrundmitglieder oder nur ein paar von ihnen? Wer wusste es?
Jean: Diese Frage kann ich wirklich nicht beantworten; je weniger es wussten, umso besser war es.
Lawrence: Und weisst du, was geschah, wenn die Leute einmal im Glashaus waren? Haben sie das Glashaus wieder verlassen? Wie lange sind sie dortgeblieben?
Jean: Nun, weisst du, die Periode hat, sagen wir, ab September, Oktober, November, Dezember bis zum 15. Januar gedauert. So ungefähr dreieinhalb Monate. Und die Leute, sagen wir, kamen nicht alle zur gleichen Zeit an; und dann waren es, bevor du es realisiert hast, plötzlich 3000. Also entfernten sie die Glasscheiben und stellten sie in ein anderes Gebäude.
Lawrence: Hast du auch Leute gesehen, die das Glashaus verlassen haben?
Jean: Verlassen? Die Leute kamen und gingen, aber nur Leute, die damit in Verbindung standen.
Lawrence: Erzähl uns von Giorgio Perlasca. Er hat dich kontaktiert und gebeten, ihn am Josefstädter Bahnhof zu treffen.
Jean: Ich übersetzte für Perlasca, weil er kein Deutsch konnte. Perlasca gab sich als der spanische Botschafter aus. Als wir zum Bahnhof kamen, waren da ältere Frauen, ältere Männer und Kinder. Es war Winter, es war kalt, sie waren schlecht ausgerüstet, hatten kaputte Schuhe, es war ein entsetzlicher Anblick. Eichmann und Perlasca stritten sich. Die Deutschen waren dabei, mehrere hundert Juden zu deportieren, und Perlasca sagte, dies seien spanische Staatsbürger. Nach einer langen Weile gab Eichmann auf und sagte: «Na gut, nimm sie.» Und wir hatten zwei LKWs und brachten sie zurück, und sie überlebten. Übrigens habe ich Eichmann die Hand geschüttelt, kannst du dir das vorstellen? Er kniff mich und sagte: «Du bist ein richtiger deutscher Soldat», weil er mit mir Deutsch gesprochen und gehört hatte, dass ich einen echten deutschen Akzent hatte.

Die erweiterte Familie Grünstein, Veľký Sevľuš, Tschechoslowakei, heutige Ukraine 1928: Der vierjährige Egon Grünstein ist in der ersten Reihe, 3.v.l., Sidi 4.v.l.
Lawrence: Magst du erzählen, was passierte, nachdem Eichmann Budapest verlassen hat? Der Untergrund sagte zu dir, Eichmanns Stellvertreter fahre über die Széchenyi-Kettenbrücke ins deutsche Stabsquartier. Sie schickten dich und drei andere an eine Kreuzung in der Nähe der Brücke. Dort habt ihr euch in verschiedenen Ecken versteckt, und auf ein Zeichen kamt ihr hervor.
Jean: Halt!
Lawrence: Das Zeichen war «Halt»; die anderen sprangen aus ihren Verstecken hervor, überfielen die Deutschen und erschossen sie. Und du hast mir gesagt, sie steuerten den Wagen zu einem Gebäude, einer Art Lagerhaus, rissen ihnen die Offiziersuniform ab und ...
Jean: ... und stiessen das Auto in die Donau; da liegt es wahrscheinlich noch heute.
Lawrence: Und was hast du davon zurückbehalten?
Jean: Ein Gewehr, ich habe es ihm abgenommen und habe es immer noch.
Lawrence: Lass uns zum Ende des Kriegs übergehen, als die Russen kamen. Du warst als deutscher Soldat gekleidet.
Jean: Na ja, ich hatte die Uniform abgelegt, als die Russen anrückten.
Lawrence: Und was geschah dann?
Jean: Was geschah, war ganz einfach. Um fünf Uhr morgens klopfte es an die Tür des Glashauses. Da war ein Tor. Sie klopften mit einem Gewehr, und ich war derjenige, der rausging, um nachzusehen. Da standen ein paar russische Soldaten. Einer von ihnen schaute mich an und fragte, ob ich Jude sei. Ich sagte Ja. «Ich bin auch Jude», sagte er, und fragte: «Redt ihr jiddisch?» Er sprach eine Form von Jiddisch, die ich kaum verstand.
Lawrence: Warum warst du um diese Zeit im Glashaus? Hast du manchmal dort übernachtet?
Jean: Ich habe oft dort übernachtet. Am Morgen ging ich in die deutsche Kaserne und erhielt meine Informationen. Ich musste jeden Tag um acht dort sein, weil die deutschen Offiziere die Truppen antreten liessen und die Tagesbefehle erteilten. Es mussten alle anwesend sein, weil die Truppen inspiziert wurden.
Lawrence: Du hast mir auch erzählt, dass du den Weihnachtsabend mit deutschen Soldaten verbracht hast.
Jean: Wir feierten Weihnachtsabend in der Kaserne, und ich war einfach einer von denen, die feierten, das war nichts Ungewöhnliches. Ich meine, besonders an solchen Orten fragt keiner, wer du bist, was du bist oder woher du kommst. Der Alkohol war wichtiger.
Charlotte: Was hielten die Deutschen davon, dass Sie ins Glashaus gingen?
Jean: Die Deutschen? Ich habe sie nie danach gefragt.
Charlotte: Aber Sie waren doch in der Kaserne. Sahen sie denn nicht, dass Sie von dort ins Glashaus gingen?
Lawrence: Dad, du hast mir mal erzählt, dass du den Verdacht hattest, der Untergrund habe einige Leute in der deutschen Armee bezahlt, damit du dortbleiben konntest.
Jean: Ich bin mir sicher, dass sie das taten. Das stimmt. Kein Zweifel möglich. Ich bin sicher. Denn es sind so viele eklatante Dinge passiert: Es wäre unmöglich gewesen, dass die Deutschen nichts davon mitbekamen.

Egon Grünstein (alias Hans Karl Schleier), Passfoto für den deutschen Ausweis 1944
Lawrence: Was geschah, als die nächste Welle Russen ankam? Gingen sie ins Glashaus?
Jean: Sie stürmten durch das Haus, randalierten, und waren darauf aus, die Frauen zu vergewaltigen, nicht zu fassen, vor allen anderen. Zwei Kerle hielten sie fest, drei andere sahen zu, und dann wechselten sie einander ab. Nicht zu fassen! Das war am schwersten zu ertragen; wir hatten auf die Russen gewartet, unsere Retter, und dann kamen plötzlich solche Russen. Ein Mann aus meiner Heimatstadt sagte «Здра́вствуйте» [«Hallo»] zu ihnen. Der Russe fragte ihn, wer er sei, und der Mann aus meiner Heimatstadt antwortete: «я евре́й» [«Ich bin Jude»]. Der Russe führte ihn zwei Häuserblocks weiter und erschoss ihn, das war’s. Am nächsten Tag ging ich. Ich machte mich auf den Heimweg. Ich sah leere Häuser und Leichen. Ich brauchte acht Stunden im Zug bis nach Veľký Sevľuš. Meine Familie hatte aus 28 Mitgliedern bestanden, nur zwei von ihnen haben überlebt: meine Schwester Sidi [Grunstein Gluck] und ich. Die übrigen Familienmitglieder, einschliesslich meiner drei Brüder, Béla, Tibor und Miklós, und meiner sechsjährigen Schwester Vera, waren nach Auschwitz deportiert worden, und keiner von ihnen ist zurückgekommen.
Das auf Englisch geführte Gespräch zwischen Jean Greenstein und seinem Sohn Lawrence Greenstein wurde gekürzt und zugunsten besserer Lesbarkeit sprachlich leicht überarbeitet. Es wurde am 7. November 2016 in Tarzana, Kalifornien, aufgenommen. Das Gespräch wurde von Charlotte Schallié initiiert und fand in ihrem Beisein statt.
Aus dem Englischen von Lis Künzli
David Gur

David Gur mit seiner Frau, Prof. Naomi Gur, und ihrer Tochter Michal Laor in Ramat Gan, Israel 2015
Ramat Gan, Israel
Geboren als Endre Grósz am 20. März 1926 in Okány (Ungarn).
«In jedem Augenblick konnte ein Stück Papier ein Menschenleben bedeuten»
Im September 1943 schloss sich David Gur (Endre Grósz) in Budapest der zionistischen Jugendbewegung Haschomer Hazair an. Nach der Besetzung Ungarns durch die Deutschen am 19. März 1944 wurde er für das «Werkstatt»-Team rekrutiert, das gefälschte Dokumente herstellte. Kurze Zeit später leitete David Gur die zentrale Werkstatt des zionistischen Jugendwiderstands in Ungarn. Der Untergrund hatte seine Aktivität am Tag der deutschen Besetzung aufgenommen.
Ich bin im ungarischen Dorf Okány geboren. Mein Vater Miklós Grósz war Holz- und Kornhändler. Wir waren, fern der jüdischen Tradition, eine der zehn assimilierten jüdischen Familien des Dorfes. Ich schloss das Gymnasium an einer protestantischen Schule einer Nachbarstadt ab. Juden machten nur einen kleinen Prozentsatz der Schülerschaft aus. Auch wenn die meisten Lehrer nicht gerade für ihre Judenfreundlichkeit bekannt waren, gab es doch keinen offenen Antisemitismus.
1943, als ich siebzehn war – und ein Reifezeugnis hatte –, waren die Pforten der Institute für höhere Bildung den jungen Juden verschlossen. So ging ich nach Budapest und wurde Lehrling in einer jüdischen Baufirma. Tagsüber arbeitete ich, und nachts lernte ich Bauzeichnen. Im September versuchte ich mich der Untergrundbewegung Haschomer Hazair anzuschliessen, was mir gelang. Die meisten Aktivisten stammten aus den Reihen der ungarischsprachigen Flüchtlinge aus der Slowakei, die in Budapest lebten. Ende März wurde ich aufgrund meiner zeichnerischen Fähigkeiten ins Team der Fälscherwerkstatt aufgenommen. Später war ich als Leiter der Werkstatt direkt in die Widerstandsbewegung und all ihre Aktivitäten involviert. Der Werkstatt kam im Untergrund eine Schlüsselrolle zu, da sie der zionistischen Jugendwiderstandsbewegung, deren einzelne Mitglieder in enger Abstimmung miteinander arbeiteten, für sämtliche Operationen die nötigen Mittel bereitstellte. Ihre Tätigkeiten umfassten:
Arisierung: Führende Mitglieder des zionistischen Jugendwiderstands wurden mit Dokumenten ausgestattet, die sie als arische Christen auswiesen. Diese neue Identität ermöglichte ihnen das Überleben und die Rettung anderer.
Missionen in den Provinzen und Zwangsarbeitslagern: Mitglieder des zionistischen Jugendwiderstands suchten isolierte jüdische Gemeinden auf, um sie vor der bevorstehenden Ghettoisierung und Deportationen zu warnen. Jüdischen Jugendlichen wurde Fluchthilfe geleistet, und sie wurden mit Geld, falschen Dokumenten und Adressen in Budapest ausgestattet.
«Tijul»: Als sämtliche Länder rund um Ungarn von den Deutschen besetzt waren, bestand die einzige Hoffnung auf Entkommen darin, die rumänische Küste am Schwarzen Meer zu erreichen. Die zionistische Jugendbewegung stellte gefälschte Dokumente bereit und organisierte für Tausende jüdischer Jugendlicher den illegalen Grenzübertritt und rettete sie so vor der Vernichtung.
Kinderheime: Tausende jüdischer Kinder blieben allein in Budapest zurück, als ihre Eltern deportiert wurden. Die zionistische Jugendbewegung kümmerte sich um sie, richtete Kinderheime ein, suchte nach den Kindern und brachte sie in Heimen unter, wo sie versorgt und geschützt wurden. Das Team der Betreuer wurde mit gefälschten Berechtigungsscheinen und Identitätspapieren ausgestattet. Die Konvois mit dem Proviant für die Heime wurden von Wachen eskortiert, die sich aus Mitgliedern der zionistischen Jugendbewegung zusammensetzte, deren Papiere sie als Soldaten oder Pfeilkreuzler-Milizionäre auswiesen.
Hilfe für nichtjüdische Antinazigruppen: Vertreter lokaler Antinazigruppen wurden auf Anfrage von der zentralen Werkstätte des zionistischen Jugendwiderstands mit Papieren ausgestattet, die es ihnen erlaubten, ihre Untergrundaktivitäten zu organisieren.
Um die Rettungsaktionen durchzuführen und die dafür nötigen Unterlagen rechtzeitig fertigzustellen, musste die zentrale Werkstatt unter der ständig präsenten Gefahr funktionieren. Um nicht aufzufliegen, zog sie ständig um. Das richtige Dokument war die effektivste Waffe und Munition für sämtliche Operationen der zionistischen Widerstandsbewegung. Die Werkstatt für gefälschte Dokumente war der Dreh- und Angelpunkt des Überlebenskampfes.
Das Herstellen falscher Dokumente, das in Ungarn und Budapest einen äusserst wichtigen, autarken Bereich der Untergrundarbeit darstellte, war in anderen europäischen Untergrundbewegungen nur Mittel zum Zweck. Dies ist den spezifischen Umständen des ungarischen Untergrunds und den Möglichkeiten der jüdischen Rettungsaktivitäten geschuldet. In anderen Ländern waren die Hauptziele der bewaffnete Kampf, Sabotage und aktiver Widerstand. In Ungarn konzentrierte sich die jüdische Untergrundbewegung – mangels Alternativen – auf die Rettung von Menschenleben. Eine ähnliche Situation herrschte in den nichtjüdischen Untergrundbewegungen. Es stellt sich die Frage: Warum gab es in Ungarn keinen bewaffneten Widerstand? War das nur ein Zufall?
Es wurde manchmal versucht – von Leuten, die nicht mit der damaligen Lage in Ungarn vertraut sind –, die ungarischen Untergrundaktivitäten mit denen in anderen Ländern zu vergleichen. Dabei übersahen sie sowohl einige faktische Gegebenheiten, die das Wesen der Bewegung bestimmten, als auch die Tatsache, dass unter den herrschenden Bedingungen der einzige mögliche Weg in der aktiven Rettung bestand:
1. Mangel an Personal, das fähig war, Waffen zu tragen Die meisten jüdischen Männer im Alter zwischen einundzwanzig und fünfundvierzig Jahren standen seit 1942 im Dienst von speziellen Zwangsarbeitseinheiten, hauptsächlich im besetzten Russland. Diejenigen, die noch nicht mobilisiert waren, wurden nach dem Einmarsch der Deutschen in Budapest einberufen. Einzig mit Frauen, Kindern und älteren Männern einen bewaffneten Widerstand zu organisieren, war nicht möglich.
2. Ungünstige topografische Bedingungen Ungarn besteht grösstenteils aus ausgedehnten, waldarmen Tiefebenen. Das einzige Gebiet, welches sich aufgrund seiner geografischen Bedingungen für einen Partisanenkrieg geeignet hätte, war das karpatische Gebirge. Die jüdische Bevölkerung dieser Gegend war jedoch unter den ersten, die in Ghettos zusammengetrieben und innerhalb weniger Tage nach dem Einmarsch der Deutschen deportiert wurden.
3. Fehlende Zeit Nach der deutschen Besetzung jagten sich die Ereignisse in schwindelerregender Geschwindigkeit. Als sich die Menschen bewusst waren, was vor sich ging, fanden sie sich bereits in Auschwitz wieder. Die Konzentration von Juden in lokalen Ghettos und ihre Deportation aus Ungarn waren in den einzelnen Teilen des Landes mit maximaler Effizienz, innerhalb weniger Tage, durchgeführt worden. Der gesamte Deportationsprozess des ungarischen Judentums wurde in der erstaunlich kurzen Zeit von sechs Wochen vollzogen! Es blieb keine Zeit, sich zu organisieren.
4. Mangelnde Empathie bei der lokalen Bevölkerung Unter den ungarischen Staatsbürgern herrschte im Allgemeinen eine feindselige, distanzierte Stimmung, und es war unrealistisch, von der nichtjüdischen Bevölkerung vor Ort irgendwelche Hilfe zu erwarten. Weder Wasser noch Informationen noch Waffen.
Mit der deutschen Besetzung von Ungarn erlangte die Dokumentenherstellung höchste Dringlichkeit.
Das von der deutschen Besatzung auferlegte Regime basierte auf der Ausübung von Macht und Gewalt gegenüber den Juden. Die Aktionen waren als bürokratische Verfahren eines scheinbar gesetzestreuen Staates getarnt. Regierungsverordnungen wurden in der Presse, im Radio und in Form von Bulletins auf Anschlagtafeln veröffentlicht. Diese Verordnungen wurden täglich mehr, ihre Inhalte immer bedrohlicher, ihre Reichweite zunehmend grösser, was zur Isolierung bestimmter Gruppen von Juden von der jüdischen Bevölkerung als Ganzes führte. Ab dem Tag ihres Einmarsches in Ungarn zogen die Deutschen sämtliche Strippen, manchmal in der Öffentlichkeit, manchmal hinter den Kulissen, und ihr Schatten schwebte über allem, was damals geschah.
Am Leben zu bleiben, bedeutete, sich jeden Morgen schnell und wachsam den neuen Regeln zu entziehen. Dies musste jeder Einzelne selbst in die Hand nehmen. Der einzige Weg führte über gefälschte Arierausweise. Diese waren aufgrund der konstanten, strengen Kontrolle durch die Gendarmerie und Sonderpolizei auf Strassen und öffentlichen Plätzen unumgänglich geworden. Auch Hausmeister in Wohnblöcken übernahmen als loyale Diener des Regimes diese Aufgabe. Nur wer die passenden Papiere hatte, konnte hoffen, der Deportation zu entkommen – was bedeutete, am Leben zu bleiben.
Die ständige Änderung von Namen und Adressen erforderte eine Unzahl an Dokumenten. War man geschickt, bot ein solches Dokument die Chance und die Grundvoraussetzung zum Überleben. Den Mitgliedern der Chaluz-Bewegung verschafften die gefälschten Papiere hauptsächlich die nötige Handlungsfreiheit zur Rettung anderer.
Das Personal der Fälscherwerkstatt setzte sich ausschliesslich aus Laien jeglicher professioneller Herkunft zusammen. Es gab keinen einzigen Drucker oder Hersteller unter uns. Es fehlten uns die technischen Grundkenntnisse in jedem Bereich der Dokumenten- und Stempelherstellung.48 Niemand hatte die fachlichen Erfordernisse oder die hohe Nachfrage und den Umfang des Bedarfs an gefälschten Dokumenten vorhergesehen oder vorhersehen können. Das Team musste improvisieren und eigenständig in aller Eile komplexe Arbeitsabläufe erfinden, deren Aneignung normalerweise Jahre in Anspruch nehmen würde. Aber wir lernten in der Praxis, was nötig war, um die Standards und technischen Anforderungen unserer Arbeit zu erfüllen. Wir fanden heraus, wie wir vorzugehen hatten, um die auftretenden Schwierigkeiten zu meistern und zu umgehen.
Vor diesem Hintergrund stach der Werkstattbetrieb im besetzten Europa und im antinazistischen Untergrund als einzigartig heraus, sowohl was Produktionsverfahren, Quantität und Vielfalt als auch die massive Nachfrage betraf, die gedeckt werden musste.
Die wichtigsten Verfahrensweisen waren:
a. Zeichnen. Manche Stempel wurden mit schwarzer Tinte oder Stempeltinte direkt von Hand auf das Dokument gezeichnet. So wurde vor allem zu Beginn verfahren, als der Umfang der Operation noch nicht so grosses Ausmass angenommen hatte.
b. Kopieren der Stempel. Dies geschah mit chemischer Tinte auf transparentem Zeichenpapier. Die Probe wurde auf ein mit Gelatine beschichtetes Blatt gelegt und mittels eines Schapirographen 49 vervielfältigt – was uns erlaubte, in 24 Stunden 20 bis 25 Stempel herzustellen. Unseren ersten Schapirographen bekamen wir aus der Slowakei. Nach einer Weile war die Oberfläche so stark abgenutzt, dass die Stempel einen Ring produzierten. Daher begannen wir mit einem Material zu experimentieren, das aus Gelatine und Glycerin bestand. Mit dieser Methode konnten die benötigten Stempel nur in begrenzter Menge hergestellt werden.
c. Stempel bestellen. Mit der oben beschriebenen Methode stempelten wir einen Bestellschein, und daraufhin belieferte uns eine reguläre Stempelfabrik mit gebrauchsfertigen Stempeln.
d. Montage. Wenn wir uns keinen konformen Bestellschein beschaffen konnten oder wenn es gerade besonders gefährlich war, einen herzustellen, mussten wir auf eine kompliziertere Methode zurückgreifen. Wir bestellten universelle Stempelversionen, aus denen wir die geforderte Version zusammenstellten, indem wir den Text in einzelne Buchstaben zerschnitten und diese neu zusammenklebten.
e. Stahlgerahmte Bleibuchstaben. Diese Methode war eher plump und hielt dem genauen Abgleichen mit dem Original nicht stand.
f. Echte Originaldokumente und Formulare. Ein bestimmter Typ von Formular war auf dem freien Markt erhältlich, da die nichtjüdische Bevölkerung ebenfalls Formulare brauchte. Wir kauften diese Formulare an verschiedenen Verkaufsschaltern in grösseren Mengen.
g. Abändern von Originaldokumenten. In bestimmten Fällen wuschen wir das Originaldokument in Chemikalien, die das Geschriebene ganz oder teilweise auflösten, und ersetzten es durch neue Angaben in anderer Schrift.
h. Durchschreibeverfahren. Die Grundlage für das Dokument war ein von uns in der Werkstatt vervielfältigtes Formular.
Die gefälschten Dokumente allein boten bei Strassenkontrollen keinen ausreichenden Schutz und konnten auch bei einem langen, alarmbedingten Aufenthalt in Schutzräumen die Gefahr nicht ganz bannen. Die gefälschten Papiere hatten aber psychologischen Wert; sie verschafften ihren Besitzern die Grundlage für ein selbstbewusstes Auftreten – denn jemand, der sich unnatürlich und nicht selbstbewusst verhielt, war verloren, selbst wenn er oder sie ein Dokument in der Tasche hatte. Man musste stets wissen, welches Dokument wann vorzuzeigen war.
Als die Regierung im Oktober 1944 an Szálasi überging, wurde der Terror gegen die Juden durch tiefen Hass genährt. Die Gelbsternhäuser boten nicht mehr länger die relative Ruhe oder Sicherheit. Es waren besondere Tricks nötig, um auch nur eine Person aus einem geschlossenen Haus zu «extrahieren». Leute von der Bewegung wurden in Uniformen der Pfeilkreuzler, der «Levente» 50 oder der Hilfssicherheitskräfte, die Menschen retteten, gesteckt.
Unter der Schirmherrschaft neutraler Staaten wurden «Schutzhäuser» errichtet. Die Gesandtschaften stellten Schutzbriefe in limitierter Höhe an jene aus, die berechtigt waren, in den «Schutzhäusern» zu wohnen. Wir unterstützten sie, indem wir massenweise selbst hergestellte schweizerische, schwedische und vatikanische Schutzbriefe ausstellten.
Die Idee, zusätzlich zu den von den ungarischen Behörden unter der Ägide von Konsul Lutz erlaubten Schweizer Schutzbriefen noch weitere zu drucken, entstand bei Gesprächen zwischen Mitgliedern der Leitung des zionistischen Jugendwiderstands im Glashaus, das ab Mitte August 1944 dessen Hauptsitz war.
Bis zum 15. Oktober 1944 wurden die Aktivitäten der zionistischen Jugendbewegung von Rafi Benshaloms Zimmer aus organisiert (an seiner Tür war ein Hinweis, der besagte: «Chaluz Sektion»), ohne dass die Leitung des Glashauses oder Carl Lutz davon wusste. Nachdem die Pfeilkreuzler die Macht ergriffen hatten, wurde die Trennung aufgehoben, und die zionistische Jugendbewegung und die Leitung des Glashauses (jüngere und ältere Generationen) arbeiteten zusammen. Die ältere Generation hatte Verständnis für die Initiativen der Jugendbewegung und kooperierte mit ihr. So wurde im Glashaus unter der Leitung von Alexander Grossman die Operation gestartet, Schutzbriefformulare in der Auflage von 10 000 Exemplaren zu drucken.51 Alle beteiligten sich am Austragen, Junge wie Alte, Zionisten, Antizionisten, Orthodoxe, Atheisten, Leute aus dem Glashaus, von der Zweigstelle der Schweizer Gesandtschaft in der Perczel-Mór-Strasse 2 und von den Büros des Internationalen Roten Kreuzes. Freiwillige Kuriere wurden in die Gelbsternhäuser in Budapest und in die in ganz Ungarn verstreuten Zwangsarbeitslager entsandt, um zu verhindern, dass die Internierten nach Deutschland verschleppt wurden. Dieses gewaltige, komplexe Unternehmen überstieg die Kapazitäten des durch die zionistische Jugendbewegung betriebenen Zentralateliers. Das Verdienst gebührt, falls man von Verdienst sprechen kann, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, Alexander Grossman, seinem Team und Hunderten anderen, Bekannten und Unbekannten, die an der Mission mitgewirkt haben.

Endre Grósz, Budapest, Ungarn 1944
Die Nachfrage nach Schweizer Papieren stieg so stark an, dass unsere Werkstatt zu klein wurde. So richteten wir gegenüber der schweizerischen Gesandtschaft am Szabadság tér (Freiheitsplatz) unsere eigene «Gesandtschaft» ein. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht versammelten sich hier viele Menschen – darunter auch viele Christen –, um Schutzbriefe für sich selbst oder ihre jüdischen Bekannten zu bekommen. Niemandem wurde die Hilfe verweigert. Laut Schätzungen war jeder zweite Budapester Jude in Besitz einer Art Schutzdokument.
Diese Dokumente brachten wahre Wunder zustande: Ganze Einheiten wurden aus Zwangsarbeitslagern an der deutsch-ungarischen Grenze zurückgeholt. Es kam sogar vor, dass Menschen von den Todesmärschen nach Hegyeshalom oder kurz vor der Exekution am Ufer der Donau gerettet werden konnten, wenn sie die Schutzpapiere rechtzeitig erhalten hatten.
Mitte Dezember standen die «russischen Dampfwalzen» vor den Toren Budapests. Die Bevölkerung wurde aufgefordert – freiwillig –, nach Westen zu fliehen. Man durfte sich nur für besondere Erledigungen, auf «direkten Befehl»52 oder mit speziellem Behindertenausweis auf den Strassen aufhalten. Bei Dunkelheit auf der Strasse zu sein, war gefährlich; Menschen wurden ohne Grund erschossen. Wir arbeiteten fieberhaft, pausenlos; wir wussten, es war das Ende. In jedem Augenblick konnte ein Stück Papier ein Menschenleben bedeuten, eine erfolgreiche Mission, eine Sabotage oder einen Beitrag zum Befreiungskampf.
Sämtliche Mitglieder der Bewegung waren mit der Rettung von Menschen beschäftigt. Juden, Kommunisten und andere Bürger, alle setzten ihre Hoffnung auf uns, auf unser Stück Papier. Wir waren der Rückhalt für alle, die auf die Befreier warteten, wir waren diejenigen, die den Weg für ihre Ankunft freimachten. Unsere Arbeit war Grundlage und Voraussetzung für alle andere Aktivität.
Am 21. Dezember zogen wir in den ersten Stock der Nummer 13 am Erzsébet-Ring. Kurze Zeit später wurden wir verhaftet. An diesem Tag war es mit der Herstellung von gefälschten Dokumenten in unserer Werkstatt vorbei. Kriminalbeamte der Pfeilkreuzler suchten nach Juden und fanden uns. Sie fesselten uns und konfiszierten unsere Uhren, unser Geld, Wertsachen, Füllfederhalter – und die Verhöre begannen. Sie schlugen uns, raubten die Wohnung aus, und um neun Uhr abends führten sie uns in die Parteizentrale am Erzsébet-Ring. Um Mitternacht mussten wir uns in einer Reihe aufstellen, und sie nahmen uns Mäntel, Pullover und Schuhe ab. Sie verlangten unsere Personalangaben. Von Mitternacht bis fünf Uhr morgens wurden wir pausenlos geschlagen. Die vierzehn- oder fünfzehnjährigen Jungen waren die brutalsten. Im Bestreben, sich vor den Älteren zu beweisen, prügelten sie immer kräftiger auf uns ein. Das Stöhnen und Schreien der Opfer war für sie nur Öl ins Feuer. Doch trotz der brutalen «Behandlung» brach nicht einer von uns zusammen oder gab die geringste Information preis – weder Namen noch Adressen. Um ungefähr sieben Uhr starb einer unserer geliebten Kameraden – Miky Langer – in unseren Armen. Auch unsere Erschütterung konnte die brutalen, barbarischen Pfeilkreuzler nicht davon abhalten, ihm noch ein paar weitere Tritte zu versetzen, ihn auszuziehen und seine Leiche wegzubringen. Wir waren ohne Miky zurückgelassen …
Am Nachmittag trafen Untersuchungsbeamte aus dem Polizeipräsidium ein, die mit Kriminalverhören Erfahrung hatten und versuchten, uns auf psychologische Weise zu beeinflussen. Dann brachten sie uns unter militärischer Bewachung ins Militärgefängnis am Margit-Ring (in das Gefängnis, in dem im November Hannah Szenes ermordet worden war). Am Nachmittag des 23. Dezember wurde ich zum Verhör geholt. Nach ein paar Elektroschocks zur Zermürbung holten sie wahllos Gegenstände aus den Koffern: zum Beispiel einen Schutzpass oder einen Stempel. Selbst wenn ich die Wahrheit sagte, glaubten sie mir nicht. Sie nannten die Namen sämtlicher zionistischer Führungskräfte und fragten, ob ich sie kenne, wer was wo getan habe. Sie freuten sich, endlich jemanden vom Haschomer Hazair zwischen die Finger bekommen zu haben.
Sie versprachen uns ein weiteres Verhör am nächsten Tag, mit Protokoll. Damit war die Phase des Prügelns zu Ende; der Zeitpunkt des Urteils nahte …
Am 24. Dezember, Heiligabend, begann der Überfall auf Budapest. Die Gefangenen vom Margit-Ring wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Juden in die eine und Christen in die andere. Die Christen wurden abgeführt, und wir Juden erwarteten ebenfalls, dass wir unserem Tod zugeführt oder auf der Stelle von Maschinengewehren erschossen würden. Aber an diesem und auch am nächsten Tag geschah nichts. Wir überlegten uns jeden möglichen Fluchtweg. Wir dachten an eine Leiter aus Laken und Kleiderbügel, kamen aber über die Planungsphase nicht hinaus.
Am Nachmittag wurden wir zum Exerzierplatz gerufen und mussten uns in Reihen aufstellen. Ein Offizier des Stadtkommandos erschien und verlas eine Namensliste. Die Gesichter der Wärter verrieten, dass unser Schicksal besiegelt war. Aber die Liste klang merkwürdig. Unter den aufgerufenen Namen waren die Namen von Leuten, die nicht einmal im Gefängnis waren. Die Namen der Anwesenden passten nicht zu denen auf der Liste. Offenbar wusste derjenige, der diese Liste zusammengestellt hatte, wer immer es war, nicht mit Sicherheit, wer wirklich im Gefängnis war. Wir nutzten die Verwirrung aus und antworteten nicht. Plötzlich liess mich einer der aufgerufenen Namen aufhorchen: Tibor Rapos Farkas.
Ich gab mich als Tibor Rapos aus – ein Name, den ich zuvor einmal angenommen hatte – und trat vor. Die anderen, die sahen, was ich tat, folgten meinem Beispiel. Die Wächter verstanden dieses sonderbare Verhalten nicht, waren aber froh, uns loszuwerden, damit sie bei der Ankunft der Russen so wenig Gefangene wie möglich hatten. Sie gingen der Namensfrage nicht weiter auf den Grund; sie liessen die ganze Gruppe jener, die bereitwillig vorgetreten waren, gehen, überzeugt, dass es in den Tod ging.
Eskortiert von mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten marschierten wir durch die leeren Strassen von Buda. Als wir die Széchenyi lánchíd (Kettenbrücke) überquert hatten, bog ich an der Spitze der siebzehn Leute ab und marschierte wortlos zum zentralen Parteisitz in der Wekerle-Sándor-Gasse 17 (eins der Häuser unter Schutz der Schweizer Gesandtschaft).
Als ich meine Freunde sah, die am Eingang des Gebäudes auf uns warteten, verstand ich die wahre Bedeutung des Wortes «Waffenbrüder». Ich war überglücklich, von meinen Freunden gerettet worden zu sein.
In den neun Monaten der Operation hatten wir eine beträchtliche Menge von Papieren herstellen können, darunter 10 000 Geburtsurkunden, 10 000 Personalausweise, 8000 Heiratsurkunden, 4000 Aufenthaltsbescheinigungen, 3000 christliche Taufurkunden, 2000 Flüchtlingsurkunden, 70 000 polizeiliche Meldescheine und 12 0000 Schweizer Schutzbriefe.
Ausschnitte aus «David Gur’s Testimony», in: Rafi Benshalom: We Struggled For Life, Jerusalem 2001, S. 135–159. David Gur gewährte 2015 in einem Gespräch mit Charlotte Schallié in Ramat Gan weitere Einsichten.
Aus dem Englischen von Lis Künzli
Mordechai László Kremer

Mordechai Kremer in seinem Chemielabor in der Hebrew University, Jerusalem, Israel 2017
Jerusalem, Israel
Geboren als László Kremer am 26. Mai 1930 in Budapest.
«Die Bewegung begann, uns mit gefälschten Dokumenten auszustatten»
Staatenlos
Meine Grosseltern stammten aus dem galizischen Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. Sie waren um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert nach Ungarn gekommen. Ich wurde in Ungarn geboren, in zweiter Generation Staatenloser. Dieser seltsame Umstand war der eklatanten Verletzung des Vertrags von Trianon geschuldet, der 1920 unterzeichnet worden war.53 Für die Juden wurde der Vertrag nie in Kraft gesetzt, auch nicht nach der Ratifizierung vom 13. November 1920 durch das ungarische Parlament. Um das Groteske der Situation noch zu steigern, wurde meine Mutter, eine ungarische Staatsbürgerin, durch die Heirat mit meinem Vater in Ungarn ebenfalls staatenlos. So wurde ich also als Staatenloser geboren und lebte mit einer Duldung in Ungarn, die von Zeit zu Zeit erneuert werden musste. Eine besondere Abteilung des Innenministeriums [KEOKH]54 war zuständig für alle Staatenlosen, die mehrheitlich Juden waren.
Eine plötzliche Wendung zum Schlimmeren trat für Juden ohne ungarische Staatsbürgerschaft ein, als Deutschland am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angriff und Ungarn sich fünf Tage später dem Krieg anschloss. Juden ohne gültigen Staatsbürgerschaftsausweis und alle geflüchteten Juden wurden unter absoluter Geheimhaltung verschleppt. Meine Mutter und ich waren zu diesem Zeitpunkt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Budapest in den Ferien. Mein Vater war zu Hause geblieben, um zu arbeiten; die Wochenenden verbrachte er bei uns. Irgendwann fiel ihm auf, dass in unserem Budapester Viertel Juden, die keine ungarische Staatsbürgerschaft besassen, über Nacht verschwanden. Er ahnte, dass etwas Sonderbares vor sich ging. Er verliess die Wohnung und kam zu uns ins Dorf. Tatsächlich vernahmen wir später, dass zweimal Kriminalbeamte nach uns gesucht hatten, aber nur unsere leere Wohnung vorfanden. Ich war damals elf Jahre alt und war mir nicht bewusst, was vor sich ging. Als wir [nach dem Krieg] in unsere Budapester Wohnung zurückkehren konnten, trat ich in die zweite Klasse des jüdischen Gymnasiums ein. Ich erinnere mich, mich gewundert zu haben, dass einige Lehrer froh zu sein schienen, als ich in der Schule auftauchte. Nach dem Krieg habe ich erfahren, dass mein Onkel, meine Tante und ihre kleine Tochter unter den Deportierten waren. Sie sind im August 1941 in Kamenez-Podolsk zusammen mit über 23 000 anderen Juden massakriert worden.
Wir gehörten der unteren Mittelschicht an. Was die religiöse Praxis betraf, waren wir Neologen. Wir hielten die Feiertage ein, aber reisten am Schabbat. Mein Vater Henrik wurde 1900 geboren und musste schon in sehr frühem Alter arbeiten. Als ich ein Kind war, handelte er mit Hosenträgern, die er selbst herstellte. Meine Mutter, Matild Tallenberg, hatte sechs Jahre lang das Gymnasium besucht. Sie konnte die Schule nicht beenden, weil ihr Bruder, mein Onkel, in Prag Medizin studierte. Er musste Ungarn verlassen, weil es dort den Numerus clausus gab, der die Anzahl jüdischer Studenten limitierte – besonders im medizinischen Bereich –, und so ging er in die Tschechoslowakei. Meine Grosseltern mussten ihn unterhalten und hatten nicht genug Mittel, um beide, Sohn und Tochter, zu unterhalten.
Ich besuchte eine jüdische Schule. Ausserhalb der Schule bekam ich schon recht früh die ersten Anzeichen von Antisemitismus zu spüren. Einmal wurde ich auf meinem Heimweg von anderen Jungen verprügelt. Ich beklagte mich bei meiner Mutter, aber sie liess sich nicht beeindrucken: «Die schlagen dich? Dann schlag zurück!» Auf diese Idee wäre ich nicht gekommen, aber wegen meiner Mutter beteiligte ich mich in diesen Jahren an Strassenkämpfen. Mit acht schloss ich mich der zionistischen Jugendbewegung Hanoar Hazioni an. Wir trafen uns regelmässig, und am Wochenende gingen wir oft wandern. Ich hatte zu jener Zeit nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, nach Palästina zu gehen. Unsere Bewegung bekam ein paar Zertifikate, und als ich zehn oder elf war, fragten sie mich, ob ich bereit wäre, die Heimat zu verlassen und nach Palästina auszuwandern. Das war ich nicht. Die zionistische Bewegung war unter den ungarischen Juden, die sich als ungarische Patrioten betrachteten, nicht sehr populär. Zionismus und Patriotismus passten nicht zusammen.
«Eine Zeit ungehinderten Terrors»
Mit dem 19. März 1944 begann die tragische Endphase in der Geschichte des ungarischen Judentums. Mitglieder der verschiedenen Jugendbewegungen starteten intensive Vorbereitungen für Rettungsoperationen. Sie hatten bei Hilfsaktionen für Flüchtlinge aus Polen und der Slowakei bereits Erfahrungen mit illegalen Operationen gesammelt. Nun begannen ungarische Mitglieder der Bewegungen ebenfalls, falsche Ausweise zu benutzen. Verstecke, zum Beispiel Bunker, wurden vorbereitet. Transporte nach Rumänien wurden organisiert, obwohl dies wegen der häufigen Zugkontrollen durch die Polizei sehr gefährlich war. Die Aktivitäten und Ausflüge für meine Altersgruppen in der Bewegung hörten auf, aber wie sich später herausstellte, hatten sie mich nicht vergessen.
Bald mussten wir den gelben Stern tragen und wurden gezwungen, in die sogenannten Judenhäuser zu ziehen. Wir wohnten zu sechst in einer Einzimmerwohnung. Es war aushaltbar, ich kann mich nicht beklagen. Ich erinnere mich, dass wir in dem Haus spiritistische Sitzungen abhielten. Wir nahmen ein Stück Papier und schrieben Buchstaben des Alphabets in einen Kreis; in die Mitte des Kreises stellten wir ein Glas, und jeder legte einen Finger darauf. Dann riefen wir einen Geist, gewöhnlich den einer bedeutenden Person. Der Geist signalisierte seine Anwesenheit durch eine leichte Bewegung des Glases. Dann stellten wir unsere Frage, gewöhnlich wollten wir wissen, was mit uns geschehen würde. Das Glas begann von einem Buchstaben zum nächsten zu wandern. Aus diesen Buchstaben setzten wir die Antwort zusammen. Wir beschränkten uns dabei nicht nur auf ungarische Geister; einer der beliebtesten war der von Sigmund Freud. Er schien mühelos Ungarisch zu verstehen – wahrscheinlich hatte er einen Dolmetscher dabei. Wir bekamen zwar Antworten, aber keine wirklichen Auskünfte. Offenbar waren die Geister über die Situation nicht besser informiert als wir selbst.
Im Sommer 1944 wurde mein Vater zum Zwangsarbeitsdienst eingezogen. Seine Einheit war zu Beginn in Ostungarn stationiert, aber als die Front westwärts rückte, zog die Einheit ebenfalls Richtung Westen. Schliesslich landete mein Vater in Gunskirchen, einem Aussenlager des grossen KZ Mauthausen. Dort wurde er 1945 von der amerikanischen Armee befreit.
Als die Deutschen im Oktober Horthy festnahmen und die Macht Ferenc Szálasi übergaben, begann eine Zeit des ungehinderten Terrors. Über die Juden wurde eine strikte Ausgangssperre verhängt, und sie durften die Gelbsternhäuser nur noch zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags verlassen. Am fünften Tag dieser Ausgangssperre tauchte ein junger Bursche in der Uniform der vormilitärischen Organisation Ungarns [Levente] auf und fragte nach mir. Er sagte, er würde mich in ein Kinderheim bringen, das unter dem Schutz des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes stand.
In jenen Tagen setzten internationale Organisationen und Botschaften neutraler Staaten verschiedene Rettungsaktionen in Gang. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes richtete Kinderheime ein für Kinder, deren Eltern deportiert worden waren. Der Zionistische Untergrund konnte es arrangieren, dass Kinder der Bewegungen ebenfalls aufgenommen wurden. Also haben sie auch mich geholt.
Als wir aus dem Haus waren, sagte mein Begleiter zu mir, ich soll den gelben Stern abnehmen. Mit dieser schlichten Geste war die Zeit, in der ich den gelben Stern trug, für mich zu Ende. Während wir zu Fuss die halbe Stadt durchquerten, trafen wir keine Menschenseele. Ganz Budapest stand unter dem Terror der Pfeilkreuzler.
Falsche Dokumente vorbereiten
Das Kinderheim befand sich in einer eleganten Villa in der Orsó-Gasse 27 auf den schönen Hügeln von Buda. Ich hatte noch nie an einem solchen Ort gewohnt. Viele der Kinder gehörten zionistischen Gruppen an. Die Leitung bestand jedoch aus Leuten, die ihre Arbeit durch ihre Verbindungen zum Roten Kreuz erhalten hatten. Sie waren keine Zionisten. Im Haus versteckten sich auch Leute, die vom Zwangsarbeitsdienst desertiert waren. Die meiste Zeit taten wir nichts. Wir sangen viel und liessen die Zeit verstreichen. Nach einer Weile konnte ich erreichen, dass mein Cousin Zvi Pál Engel zu mir ins Kinderheim kommen durfte. Er, der spätere stellvertretende Direktor des israelischen Ministeriums für Handel und Industrie – Abteilung Lederindustrie –, war damals noch keine sechs Jahre alt.
Eines Tages, als wir im Gemeinschaftsraum sassen, stand plötzlich der Verlobte eines der erwachsenen Mädchen in der Tür. Er war aus dem Zwangsarbeitsdienst geflüchtet und ins Kinderheim gekommen. Der Raum verstummte. Das Mädchen stand auf und ging wie unter Hypnose auf den Jungen zu; ich weiss noch, dass er Hershie hiess. Dann standen sie eng umschlungen da, unfähig, ein Wort herauszubringen. Es war ein seltener Augenblick des Glücks inmitten von Gewalt, Zerstörung und Tod. Ich weiss nicht, ob die beiden Liebenden den Krieg überlebt haben – nachdem ich das Heim verlassen hatte, gab es einen Angriff auf das Haus.
Da die Aufsicht nicht sehr streng war, taten wir, was wir wollten. Die Bewegung begann, uns mit gefälschten Dokumenten auszustatten, und so konnten wir das Kinderheim zeitweilig verlassen. Wir gingen in die Büros der Bewegung, die in der Stadt unter dem Deckmantel des Roten Kreuzes operierten. Tatsächlich verteilten diese Büros gefälschte Dokumente. Eines der Büros befand sich in der József-Ringstrasse, mitten in der Stadt. Von dort aus wurden Hunderte, wenn nicht Tausende von gefälschten Schweizer Schutzbriefen ausgegeben. Das Anfertigen der Briefe machte uns Spass. Wir setzten uns an eine Schreibmaschine und trugen den Namen der Person in das leere Formular ein, welches das offizielle Siegel der Schweizer Regierung trug. Als Nächstes fügte jemand die Registriernummer hinzu. Schliesslich wurde das Formular von David Grünwald unterzeichnet, einem der Helden des Untergrunds von 1944. Es war eine schöne Unterschrift, viel besser als das Original.
Einmal wurde ich gebeten, mehrere hundert leere Formulare ins Büro zu bringen. Ich dachte mir nicht viel dabei. Ich habe erst später erfahren, dass Adonijahu Billitzer, ein anderer tapferer Leiter des Untergrunds, von der Polizei geschnappt wurde, als er dasselbe tat; er wurde der Gestapo übergeben und schrecklich gefoltert. Ein vierzehnjähriger Junge war viel weniger verdächtig als ein Erwachsener.
Ich brachte auch meiner Mutter und meiner Tante einen solchen selbstgemachten Schutzbrief. Als der Hausmeister im Gelbsternhaus sah, dass ich den gelben Stern nicht trug, erklärte ich ihm, dass ich ihn nicht zu tragen brauche, weil ich für das Rote Kreuz arbeitete. Er glaubte mir aufs Wort.
Die Nachricht, dass ich an Schweizer Schutzbriefe kam, sprach sich rasch im Haus herum. Alle wollten einen haben, und so brachte ich bei meinem nächsten Besuch allen einen Schutzbrief mit. Es war kein Problem und kostete kein Geld. Tatsächlich haben diese Schutzbriefe meine Mutter und meine Tante vor der Deportation gerettet. Im November, als die Behörden begannen, Leute zwischen 16 und 60 nach Österreich zu verschleppen, tauchten die Pfeilkreuzler auch im Gelbsternhaus in der Wesselényi-Gasse 75 auf. Sie befahlen allen Bewohnern, sich auf der Strasse vor dem Haus in einer Reihe aufzustellen. Meine Tante ging zu einem Pfeilkreuzler und sagte zu ihm, sie und meine Mutter ständen unter Schweizer Schutz – was natürlich nicht stimmte. Der Mann wusste nicht, was er in dieser unerwarteten Situation tun sollte, und sagte nur: «Dann verschwinde von hier, bevor ich meine Meinung ändere.» Sie [die Pfeilkreuzler] liessen sie gehen. Danach kamen beide ins Kinderheim in der Zoltán-Gasse 4, wo sie sich dem Personal anschlossen.
Meine Grossmutter, die allein im Haus zurückgeblieben war, musste ins Ghetto umsiedeln. Kurz danach verlangten die Machthaber, dass alle in den Kinderheimen versteckten Kinder ebenfalls ins Ghetto zu gehen hatten, trotz des Schutzes durch das Internationale Komitee des Roten Kreuzes. Das alles geschah im November. Da beschloss der Untergrund, uns an den letzten sicheren Platz in Budapest zu bringen, ins Glashaus.

Schweizer Kollektivpass 1 (S. 109), 1944
Der letzte sichere Platz in Budapest
Nicht alle schafften es ins Glashaus. Es brauchte gute Verbindungen – einer Zionistischen Jugendgruppe anzugehören, galt als gute Verbindung. Die grausame Regel bedeutete, dass, wenn nur eine beschränkte Anzahl Leute gerettet werden konnten, es welche gab, die nicht gerettet werden konnten. Moralische Fragen bestimmten nur selten die Kriterien. Ich erinnere mich an die Angst und Bitterkeit jener, die im Kinderheim zurückgelassen wurden.
Ein Begleiter brachte uns von der Orsó-Gasse ins Glashaus. Zu diesem Zeitpunkt war das Haus bereits mit Tausenden von Leuten gefüllt. Ich erinnere mich an eine Szene vor der Pforte des Gebäudes. Es war Abend, und die Wächter wollten uns nicht reinlassen. Zwischen ihnen und unserem Begleiter entstand ein lauter, heftiger Wortwechsel, bis ihm endlich erlaubt wurde, einzutreten und mit den betreffenden Leuten zu sprechen. Schliesslich öffnete sich für uns das Tor zum Paradies; der Anblick war ein schrecklicher Schock. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Überall drängten sich die Menschenmengen – vor den Toiletten gab es lange Schlangen. Wir wurden unter das Dach gebracht, dieser Teil des Gebäudes war der Hanoar Hazioni überlassen worden. In den Gesichtern der Menschen stand Lethargie. Nirgendwo gab es Betten. Als ich fragte, wo sie sich nachts hinlegten, antworteten sie mir, dass sie auf dem Boden oder auf einem Holzbrett schliefen. Es war für mich wie ein Konzentrationslager ohne Aufseher; ich muss allerdings zugeben, dass ich nie in einem Konzentrationslager war, weder davor noch danach.
Wir, eine Gruppe von vier Jugendlichen, entschieden, das sei nichts für uns. Wir gingen hinunter zum Eingang und sagten dem Wächter, für uns sei die Sache hier erledigt. Das Haus zu verlassen war eine Sache von Sekunden; einzig das Hineingelangen war schwierig gewesen. Wir wussten, dass es in der Wekerle-Sándor-Gasse noch ein zweites Gebäude unter Schweizer Schutz gab. Wir gingen dorthin, wurden jedoch sofort aufgefordert, von dort zu verschwinden. Rückblickend verstehe ich den Grund dafür: Es war ein Ort für wichtigere Leute als für Kinder. Es hielten sich dort auch nichtjüdische Politiker vor der Pfeilkreuzlermiliz versteckt. Jeder in unserer Gruppe wusste, wohin er gehen wollte. Mein Cousin und ich gingen ins Kinderheim in der Zoltán-Gasse 4, in der Nähe des Flusses, wo unsere Mütter waren. Wenigstens bekamen wir normale Betten und halbwegs zivilisierte Bedingungen.
Wir beschlossen aber, nicht im Kinderheim zu bleiben, sondern wollten versuchen, eine Wohnung für uns zu finden. Ich ging wieder ins Büro der Bewegung und bat um andere Dokumente. Mein neuer nichtjüdischer Familienname war «Köves», und ich wurde zum unehelichen Sohn meiner Mutter, die Maria hiess. Für meine Tante und meinen Cousin gab es ähnliche Arrangements. Es ist meinem sechsjährigen Cousin hoch anzurechnen, dass er, bezogen auf unsere neuen Namen kein einziges Mal einen Fehler machte, es wäre fatal gewesen.
Der Untergrund bat uns, Adressen von leer gewordenen Wohnungen von Juden ausfindig zu machen, die gemietet werden konnten. Das war keine schwierige Aufgabe. Meine Tante und ich gaben uns als Flüchtlinge aus russisch besetzten Gebieten aus und zogen von Strasse zu Strasse. Wir wurden überall sehr freundlich empfangen. Die Leute waren erfreut, anstelle von Juden gute Christen als Nachbarn zu bekommen. Wir sahen uns die Wohnungen an, stellten ein paar Fragen und versprachen wiederzukommen. Am Ende des Tages gaben wir die Adressen an den Untergrund weiter. Was danach aus unseren Listen geworden ist, weiss ich nicht.
Zwei Frauen vom Kinderheim gelang es, eine Wohnung zu bekommen, und wir konnten zusammen mit ihnen einziehen. Sie befand sich in der Honvéd-Gasse, in einer eleganten Wohngegend – unser Wohnstandard stieg also während des Holocausts beträchtlich an. Ein anderes Problem waren die Lebensmittelkarten. In jenen Tagen konnte man Nahrung nur auf Lebensmittelkarten bekommen. Das übernahm meine Tante. Sie ging zum städtischen Bezirksamt, wo die Karten ausgestellt wurden. Natürlich fehlten ihr dazu die nötigen Dokumente. Sie setzte den leistungsfähigsten Wasserkraftgenerator in Betrieb, der je erfunden wurde – weibliche Tränen. Es wirkte: Der Beamte rückte Lebensmittelkarten für uns alle heraus. An Weihnachten verteilte die ungarische Regierung grosszügige Portionen der besten Lebensmittel, die sie in den Lagern hatten. Ich erinnere mich noch an die enorme Genugtuung, die einzige jüdische Familie in Budapest zu sein, die 1944 vom ungarischen Naziregime ein Weihnachtsgeschenk bekommen hatte.
«Unsere Mission war ein Fiasko»
Bald setzten die Bombardierungen ein. Wir mussten zusammen mit den anderen Bewohnern des Hauses in den Luftschutzkeller. Dort blieben wir etwas mehr als drei Wochen. Während dieser Zeit hatte ich ausgiebig Gelegenheit, die obere Mittelklasse der ungarischen Gesellschaft aus nächster Nähe zu studieren. Da ich mich 24 Stunden am Tag auf engstem Raum mit ihnen aufhielt, bekam ich alles mit, was gesagt wurde. Die vornehmsten Bewohner des Schutzraums waren ein Graf und eine Gräfin, die mitsamt ihrem Personal gekommen waren. Der Graf meinte, es wäre besser gewesen, mit der «Endlösung der Judenfrage» bis nach dem Krieg zu warten. Ich erinnere mich auch an eine Frau, die lauthals erklärte: «Die Juden machen Schreckliches durch, aber ich kann kein Mitleid für sie aufbringen.» Es muss allerdings auch erwähnt werden, dass eine Familie während der Belagerung eine jüdische Familie in ihrer Wohnung beherbergte.
Eines Tages tauchte der Zivilschutzleiter unseres Bezirks im Schutzraum auf. Er hielt eine Rede, die im Wesentlichen darauf hinauslief, dass jeder anwesende Jude freiwillig ins Ghetto zu gehen habe. Wir wussten nicht, dass es in einem Nachbargebäude eine Razzia gegeben hatte. Alle Juden, die dabei festgenommen wurden, waren am Ufer der Donau erschossen worden. Wir ignorierten die Warnung. Nach einiger Zeit jedoch überlegte es sich meine Mutter anders, und sie versuchte, wenigstens mich zu retten. Sie beschloss, mich zu einer Verwandten zu bringen, die mit ihrem christlichen Ehemann in einem anderen Stadtteil wohnte. In einen anderen Stadtteil von Budapest zu gehen, war zu jener Zeit kein einfaches Unterfangen, weil ganz in der Nähe der Kampf tobte. Wir mussten uns von einem Haus zum nächsten vorkämpfen und uns in den Eingängen unterstellen. Plätze zu überqueren, war geradezu halsbrecherisch. Nach einem wahnsinnigen Wettlauf durch ein offenes Gelände kamen wir ausser Atem beim Eingang des nächsten Gebäudes an und blieben dort, bis wir wieder zu Atem gekommen waren. Inmitten dieses ganzen Tumults bemerkte ich ein Zeitungsbündel, das auf einer Bank lag, darum herum verstreut mehrere Münzen. Offensichtlich hielt es der Verkäufer dieser Zeitungen für zu riskant, bei seiner Ware zu bleiben. Er verliess sich auf die Ehrlichkeit der Leute, das Geld für die Zeitung zu hinterlassen. Mein Erstaunen war grenzenlos. Einige Mitglieder dieser ungarischen Generation, die mit unverhohlener Freude und Genugtuung auf das Elend ihrer jüdischen Mitbürger blickten – ihre Wohnungen, Geschäfte und alles, was sie besassen, an sich rissen –, stellten hohe moralische Werte unter Beweis, wenn es um den Preis einer Zeitung ging. Die Zeitungen [die ich dort sah] riefen zu einem unerbittlichen Kampf bis zum Endsieg auf – wenige Tage vor dem Zusammenbruch der Verteidigung von Pest, einem Teil der Hauptstadt.
Unsere Mission endete in einem Fiasko. Unsere Verwandten waren nicht bereit, mich aufzunehmen, und wir machten uns wieder auf den langen Rückweg. Plötzlich hörten wir jemanden rufen: «Ich kenne euch!» Es war der Hausmeister von dem Gebäude neben dem jüdischen Haus, in dem wir zuvor gelebt hatten. Es war keine Pfeilkreuzlerpatrouille oder Polizei in Sicht, und die wenigen Leute, die noch auf der Strasse waren, hatten nur einen Gedanken im Kopf: heil nach Hause zu kommen. So hatte diese Begebenheit keine weiteren Folgen für uns. Als wir in der Nähe unseres Hauses waren, explodierte ungefähr 50 Meter vor mir eine Granate. Ich bekam keinen Splitter ab, aber verlor für mehrere Stunden mein Gehör.
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