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Sprachliche Höflichkeit
Historische, aktuelle und künftige Perspektiven
Claus Ehrhardt / Eva Neuland
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
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© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0069-4
Inhalt
EinleitungSprachliche Höflichkeit. Historische, aktuelle und künftige PerspektivenDie Unhöflichkeit der Verhältnisse
Kulturhistorische DimensionenHöflichkeitsdissonanzen. Zum Gebrauch unterschiedlicher Höflichkeitsformen in historischen Texten und Gesprächen1. Höflichkeitskonstruktionen und kultureller Kontext2. Höflichkeitsentwicklung am Beispiel. Vom Kompliment zur Aggression3. Regional und sozial bedingte Differenzen von Höflichkeitsstilen4. Mögliche Höflichkeitsdissonanzen In AnstandsbüchernLiteraturVerbale Höflichkeit in der Übersetzung1. Theodor Fontane als Sprachvirtuose2. Höflichkeit und Übersetzbarkeit3. Beziehungsgestaltung in der Übersetzung4. FazitLiteratur
Aktuelle TendenzenDer face-Begriff im Schnittpunkt zwischen politeness und facework. Paradigmatische ÜberlegungenLiteraturInterpersonale Pragmatik und (Un)Höflichkeitsforschung1. Einführung2. Das Themenspektrum der Höflichkeitsforschung3. Methodenmix und Anleihen bei anderen Disziplinen4. Abschließende BemerkungenLiteraturÜber HöflichkeitLiteraturZur Höflichkeitsrelevanz von vielleicht und eigentlich in mündlicher Alltagskommunikation1. Zur Einleitung2. Zur Wortklassenzugehörigkeit von vielleicht und eigentlich3. Beschreibungen von vielleicht und eigentlich4. Empirische Beispiele von Muttersprachlern5. Lernersprachliches Material6. FazitLiteraturHöflichkeit und ihre Kehrseite1. Einleitung2. Theoretische Vorüberlegungen3. Todai Waho4. Zwischenruf und Blogeintrag5. Hate speech6. AusblickLiteraturIst Höflichkeit angeboren?1. Zwei Fragestellungen und ein Erkenntnisinteresse – ein begriffliches Präludium2. Kulturelle Ressourcen und kulturelles Reservoir3. Stephen Pinker und die universelle Grammatik der Kultur4. Leon Talmy und das ’Cognitive Culture System’5. Stephen Levinson und die ‚interaction engine‘6. Anna Wierzbickas natural semantic metalanguage7. FazitLiteraturKompliment und Komplimentieren. Begriffs- und Handlungsbestimmungen1. Einleitung2. Ein Beispiel3. KOMPLIMENT als SprechaktRegel des propositionalen Gehalts4. Das Kompliment in der Interaktion5. Kompliment und HöflichkeitLiteratur
Kontrastive AnalysenMöglichkeiten und Grenzen eines Wörterbuches der Höflichkeitsausdrücke für die Entwicklung fremdsprachlicher Höflichkeitskompetenz1. Problemstellung2. Muttersprachliche und fremdsprachliche Höflichkeitskompetenz3. Die lexikographischen Projekte4. Äquivalenzprobleme5. SchlussfolgerungenLiteraturSprachliche Höflichkeit in „Treppenhaustexten“1. Motivation für die Beschäftigung mit einer kaum beachteten Textsorte2. „Treppenhaustexte“ – was ist das?3. Meine Empirie4. Merkmale der Ad-hoc-Treppenhaustexte5. Vergleich der beiden TextkorporaLiteraturIntensivierungs- und Abschwächungsmechanismen in Talkshows: kontrastive Analyse Deutsch / Spanisch1. Einleitung2. Theoretischer Hintergrund3. Datenanalyse4. Ausgewählte Ergebnisse5. FazitLiteraturEntschuldigungen im Deutschen und Türkischen1. Einleitung2. Wesen der Höflichkeit3. Höfliches Verhalten unter interkulturellem Aspekt4. Entschuldigungen als BeispielfallFazitLiteraturverzeichnisDeutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben! Sprachliche Höflichkeit in deutschen Flüchtlings-Kniggen1. Einleitung2. Eine Orientierungshilfe für das Leben in Deutschland3. „Willkommen in Deutschland: Wegweisung für muslimische Migranten zu einem gelingenden Miteinander in Deutschland“4. Ergebnisse: Flüchtlingsratgeber zwischen Imagebedrohung und Imageförderung5. Fazit und AusblickLiteraturAkademische Höflichkeit: eine historische Perspektive1. Vorbemerkungen2. Sprachliche Höflichkeit aus historischer Perspektive3. Zum Begriff ‚Akademische Höflichkeit‘4. Zum Korpus5. Akademische Höflichkeit im Kontext6. ZusammenfassungLiteraturInterkulturelle Besonderheiten im Gebrauch nominaler Anredeformen (am Beispiel des Deutschen und Ukrainischen)1. Einführung2. Empirische Daten3. Die Variabilität des Anredesystems4. Variation der Anredeformen in den öffentlichen Redesituationen im Parlament5. Einige inter- und intrakulturelle Unterschiede im Gebrauch nominaler Anreden an Unbekannte6. FazitLiteratur:Kontrastive Aspekte der Dankesforschung (am Beispiel des multilingualen Mikroblogging-Dienstes Twitter)Literatur
Angewandte StudienZum Umgang mit (Un)Höflichkeit in generationeller Perspektive1. Zur Relevanz des Faktors Generation2. Schnittstellen der Jugendsprachforschung und der Höflichkeitsforschung3. Wuppertaler Forschungsprojekt zu Gebrauchs- und Verständnisweisen sprachlicher Höflichkeit bei Jugendlichen4. Ausgewählte Befunde zu Höflichkeit und Unhöflichkeit5. AusblickLiteraturBeziehungsgestaltung in schulischen Sprechstunden1. Zu den LehrerIn-Eltern-Sprechstunden2. Höflichkeit, „face work“ und Beziehungsgestaltung3. (In)formalität4. Die Gesprächseröffnungen5. Typologie der Gesprächseinstiege6. Zwischenfazit7. Gesprächsbeendigungen zusammengefasst8. SchlussLiteraturLoben und Kritisieren bzw. was sich dahinter versteckt1. Einleitung2. Unterrichtskommunikation und sprachliche Höflichkeit3. Realisierung sprachlicher Höflichkeit am Beispiel des Ausdrucks von Kritik und Lob in der Lehrersprache von Fremdsprachenlehrenden4. Loben und Kritisieren in der Lehrersprache ungarischer DaF- Lehrender. Ergebnisse eines PilotprojektsFazitLiteraturDer Ton macht die Musik: Zur Behandlung von Höflichkeit im Lehrwerk studio [21]1. Einleitung2. Interkulturelle Höflichkeitskompetenz3. Lehrwerkanalyse4. FazitLiteraturSprachliche Höflichkeit in der Laienliteraturkritik1. Einleitung3. Laienliteraturkritik online4. Unhöfliche Rezensionen5. ‚Höfliche‘ Rezensionen6. FazitLiteraturPolitische Korrektheit und sprachliche Höflichkeit als komplexitätsreduzierende Rituale der Wirtschaftskommunikation1. Einleitung2. Zwischen Verhüllung und Verschleierung3. AusblickLiteratur
Autorenverzeichnis
Sachregister
Einleitung
Sprachliche Höflichkeit. Historische, aktuelle und künftige Perspektiven
Vorwort
Claus Ehrhardt/Eva Neuland
Sprachliche Höflichkeit ist seit einiger Zeit wieder ein aktuelles Thema in der Öffentlichkeit geworden: Klagen über mangelnde Höflichkeit bis hin zu einem „Verfall“ von Sitten und Ausdrucksweisen finden sich mit sprachpflegerischem Tenor in der Presse und auf dem kulturkritischen Buchmarkt. Verantwortlich gemacht werden Politiker, Fernsehmoderatoren und vor allem Jugendliche, ihre Eltern und Lehrkräfte. Die wachsende Bedeutung neuer Medien und die zunehmenden Sprach- und Kulturkontakte in vielen Lebensbereichen sowie die erforderliche interkulturelle Kommunikation scheinen das Problem noch zu verschärfen und Klärungen zum „richtigen“ Umgang mit Höflichkeit zu verlangen.
Das lebhafte öffentliche Interesse und die z.T. kontroversen Diskussionen (vgl. z.B. den Beitrag von Roth in diesem Band) lassen es wünschenswert erscheinen, das Thema „Höflichkeit“ auch aus wissenschaftlicher Sicht neu zu beleuchten und den öffentlichen Diskurs durch den Verweis auf aktuelle wissenschaftliche Beschreibungs- und Erklärungsmodelle der sprachlichen Höflichkeit, ihrer Ausdrucks- und Wirkungsformen im kulturellen Wandel zu bereichern. Darüber hinaus bietet die Aktualität und gesellschaftliche Relevanz des Themas auch die Chance, die wissenschaftliche Theoriebildung an die gesellschaftliche Realität anzunähern, die eigene Empirie zu vertiefen und Methoden der Beschreibung und Analyse zu erweitern bzw. zu verfeinern. Sprachliche Höflichkeit hat sich in diesem Sinne in den letzten Jahren als ein zentrales Thema in den Sprach- und Kulturwissenschaften, der linguistischen Pragmatik, der Soziolinguistik und der interkulturellen Kommunikationsforschung herauskristallisiert und etabliert. Sowohl in theoretischer und empirischer als auch anwendungsorientierter Perspektive bietet das Thema überdies zahlreiche interdisziplinäre Facetten.
Einige dieser Themen sind in den vergangenen Jahren auf internationalen Konferenzen diskutiert, klassische Modelle der Gesichtsarbeit modifiziert und empirische Zugänge differenziert worden. Dies dokumentieren u.a. zwei von den Herausgebern dieses Sammelbandes vorgelegte Publikationen aus den Jahren 2009 und 20111. Der Präsentation des aktuellen Forschungsstandes, verbunden mit historischen und künftigen Perspektiven, widmete sich eine jüngste internationale Fachkonferenz, die die beiden Herausgeber im Herbst 2016 an der Bergischen Universität Wuppertal mit Unterstützung der DFG durchführen konnten. Der vorliegende Sammelband dokumentiert die Ergebnisse.
Experten aus 15 Nationen stellen ihre Forschungsergebnisse in Forschungstheorie und -praxis zur Diskussion und informieren über aktuelle Entwicklungstendenzen der Höflichkeit im Deutschen in ausgewählten Anwendungsfeldern des beruflichen wie privaten Alltags, interkulturellen Begegnungen und kritischen Kommunikationssituationen. Die Beiträge thematisieren kulturhistorische Dimensionen, erörtern aktuelle Tendenzen der Theoriebildung, Ergebnisse kontrastiver Analysen und stellen Erscheinungsweisen in neuen Medien, in Werbung und im Schulalltag vor. Sie vermitteln Erkenntnisfortschritte und Impulse für die künftige Forschung und Anregungen für Sprachbildung und Sprachunterricht, auch für Deutsch als Fremdsprache.
Die Herausgeber bedanken sich bei allen Kollegen, die an der Tagung teilgenommen und an dieser Publikation mitgewirkt haben. Der DFG, dem DAAD, der Bergischen Universität Wuppertal und der Università di Urbino sei die finanzielle Unterstützung gedankt, die eine Beteiligung von zahlreichen Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland und den produktiven Austausch ermöglicht hat.
Eva Neuland, Claus Ehrhardt
Wuppertal, Urbino im Oktober 2017
Die Unhöflichkeit der Verhältnisse
Jürgen Roth
Höflichkeit ist ein in unserem Alltag allgegenwärtiges Phänomen, das sich nicht nur in unserem nichtsprachlichen Verhalten äußert, sondern auch in unserer mündlichen und schriftlichen Kommunikation. In der Regel ist sprachliche Höflichkeit mit der jeweiligen Kommunikationssituation und Textfunktion vereinbar.
Deutsche Sprache – Zeitschrift für Theorie Praxis Dokumentation 2/2003
Die Sprache verkommt, und das Leben verkommt auch, die feinen Unterschiede verschwinden, der grobe Keil wird getrieben, bald gibt es keine Höflichkeitsform, keinen Irrealis mehr, weder in der Grammatik noch im Umgang der Menschen untereinander.
Ludwig Harig, Die Zeit, 11. Juli 1986
Angesichts der allbekannten nahezu allseitigen, beinahe epidemischen VerrohungVerrohung und Verwüstung der alltäglichen Kommunikation in den sogenannten sozialen Medien und in den Kommentarspalten im Internet – sowie, möchte ich ergänzen, denn auch dies ist ex negativo eine elementare Frage sprachlicher Höflichkeit, in Anbetracht der Erosion des Sprachbewußtseins, des Stils, des Ausdrucks, der Flexionsformen und der Orthographie – „warnte“ der Bayerische Lehrerverband BLLV laut taz vom 8. September 2016 „vor der Auswirkung haßerfüllter Sprache auf Kinder“. In einem Manifest mit dem Titel „Haltung zählt“ ließ er verlauten: „Wir beobachten mit größter Sorge, wie sich die Stimmung in den sozialen Netzwerken und die alltäglichen Umgangsformen in unserer Gesellschaft verändern“, und man nehme eine „zunehmende Aggressivität gegenüber Andersdenkenden, Ausländern und Flüchtlingen wahr“.
Auch der Kulturwissenschaftler Thomas Mießgang diagnostizierte in seinem 2013 erschienenen Buch Scheiß drauf – Die Kultur der Unhöflichkeit (Berlin) eine „Zunahme (einen Tsunami?) an Grobheit, an Aggressivität, an schlechten oder gar keinen Manieren in den urbanen Räumen und den medialen Phantasmagorien, die die sozialen Milieus überformen“. „Die moderne Gesellschaft hat kein Konzept mehr für Würde, Wert oder Anerkennung“, heißt es an anderer Stelle. „Die Arbeitswelt […] hat sich seit den prosperierenden Nachkriegsjahrzehnten mit ihren deutlichen Verbesserungen der Bedingungen für Arbeitnehmer in der Krisenepoche in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem ein permanenter Psychokrieg ausgefochten wird“, die soziale Interaktion gleiche einem „Eliminationsspiel“, dem selbstredend alles Spielerische fehlt, und auf den „sozialen Plattformen“ seien derart viele „innovative Formen der niederträchtigen Beleidigung und der perfiden Bloßstellung von Mitmenschen“ zu besichtigen, daß man „ein Horrorpanorama der prä- oder, wenn man so will, postzivilisatorischen Niedertracht“ gewahre.
Der, zum dritten, Soziologe Colin Crouch, Autor des Standardwerks Post-Democracy, beschreibt in Le Monde diplomatique vom August 2015, wie im Zuge der neoliberalneoliberalen Kolonisation öffentlicher Dienstleistungssektoren und ihrer Verwandlung in angeblich so weise wie effiziente Märkte der Begriff und das Konzept des Bürgers entsorgt und durch den allgegenwärtigen „KundenKunden“ ersetzt wurde – eine lexikalische Verschiebung, in der sich – verschleiert – nicht allein der Verlust oder die intendierte Zerstörung von Dezenz und Rücksichtnahme ausdrückt.
„Was bedeutet es, wenn im Bahnhof heute statt ‚Passengers for Manchester please change at Birmingham‘ die Durchsage ‚Customers for Manchester …‘ erklingt?“ fragt Crouch und fährt fort: „Eine durchaus zweifelhafte Formulierung, da man annehmen könnte, daß die ‚customers for Manchester‘ die Stadt nicht bereisen, sondern kaufen wollen. Soll die Umbenennung dazu führen, daß das Bahnpersonal die vormaligen Fahrgäste respektvoller behandelt? Das allerdings ließe sich auch erreichen, indem man den Mitarbeitern im Zuge ihrer Ausbildung beibringt, daß Fahrgäste keine Objekte, sondern Bürger sind“ – die eben nun, als KundenKunden, nicht mehr als Gäste, denen man zuvorkommend begegnet, nach Belieben und aufdringlich angeduzt und gegängelt, entrechtet, überwacht, gegeneinander ausgespielt und ausgenommen werden können. Das Wort „KundeKunde“, der einer Legende zufolge König sei, also ist eine klassische AntiphraseAntiphrase. „Erst ihre Verwandlung in KundenKunden“, so Crouch, „macht sie [die vormaligen Bürger] tatsächlich zu Ausbeutungsobjekten.“
Soweit ich es einzuschätzen vermag, ist der Terminus „face-threatening acts“ oder „FTAs“ von Brown und Levinson (1987) in der linguistischen Höflichkeitsforschung in gewisser Weise kanonisch geworden. Umgekehrt „bezeichnet Höflichkeit ein Verhalten, bei dem das Gesicht des Gegenübers gewahrt wird. Dieser Respekt vor dem anderen befriedigt zwei grundlegende Bedürfnisse: zum einen das Verlangen nach Ungestörtheit und Handlungsfreiheit, zum anderen das nach Anerkennung“ (Bild der Wissenschaft 1/2013).
Zu kurz kommen bei der formalpragmatischen Herangehensweise und zumal in Browns und Levinsons harmonistischer Perspektive allerdings zahlreiche kontext- und milieubedingte Aspekte von Unmanierlichkeit, Ausgrenzung, Diskriminierung und, vice versa, Achtsamkeit, Freundlichkeit, Zuwendung.
Beispielsweise werden unter Jugendlichen deviante, ironisch entstellte Höflichkeits- und Unhöflichkeitsvorstellungen gepflegt. „Eine Bitte“, legt Susanne Donner in Bild der Wissenschaft dar, „verstehen die Jugendlichen als Herausforderung, den Wunsch dem Bittsteller so lange wie möglich auszuschlagen. Er wird ignoriert, oder die Jugendlichen erfinden fiktive Gegenargumente. Je unterhaltsamer diese sind, sprich: je mehr es zu lachen gibt, um so besser. […] Nach Brown und Levinson ist jede ausgeschlagene Bitte eine massive Gesichtsverletzung. Doch: ‚Die Jugendlichen empfinden das Gefrotzel untereinander nicht als unhöflich‘, weiß [Martin] Hartung [vom Mannheimer Institut für Gesprächsforschung]. ‚Es ist ihre Form der alltäglichen Kommunikation.‘ Und sie wissen sehr wohl, daß sie nur in der Clique so miteinander umspringen können.“
Oder ein anderes Beispiel. Regional und dialektal begrenzt finden sich rüdeste Schmähungen, die das Gegenteil dessen bedeuten, was mit den Gepflogenheiten nicht Vertraute verstehen. Im fränkischen Sprachraum etwa gelten zahlreiche Invektiven keineswegs als Beleidigungen. In einer Familie, die ich gut kenne, ist die Anrede „Arschlöchlein!“ die höchste Form der verbalen Liebkosung – ein Paradeexempel für die „kosende Schelte“ (Friedrich Kur: How to use Dirty Words – Schimpfwörter und Beleidigungen, Frankfurt/Main 1997).
Gewiß, es gibt Wörter und Wendungen „von unüberbietbarer Brutalität und Gemeinheit“ (Kur), das vor nicht allzulanger Zeit kurrente „Du Scheißopfer!“ läßt einen schaudern. Solch „sprachliches Verhalten oder Handeln im Affekt“ (Kur) will treffen, verletzen, schädigen, bisweilen vernichten, obwohl „schimpfen“ ursprünglich „Scherz treiben, spielen, verspotten“ bedeutet hat, das Schimpfen diente der Kurzweil.
„Das Schimpfen gehört ganz gewiß zur ‚Grundausstattung‘ des animal loquens“, heißt es bei Friedrich Kur, der betont, daß Kraftwörter aus „Frust, Wut, Enttäuschung, Liebeskummer und zur Selbstbehauptung in allen möglichen Widrigkeiten des Lebens hilfreich sein können“. Sie entlasten und vermögen dem berechtigten Widerstand gegen Zumutungen und Übergriffe aller Art Ausdruck zu verleihen (Mießgang stuft Unhöflichkeit „auch [als] eine Form des symbolischen Klassenkampfes“ ein), und es ist kaum von der Hand zu weisen, „daß die strategischen Gründe für Unhöflichkeit eines erwischten Parksünders andere sind als die eines Militärausbilders“ (Gesprächsforschung Online – Zeitschrift zur verbalen Interaktion, Nummer 12, 2011). Gezielte verbale Verletzungen wären somit hinsichtlich der jeweiligen sozialen Rollen, der Machtgefüge und -gefälle, der institutionellen Rahmenbedingungen, nicht zuletzt hinsichtlich der situativen Variabilität zu betrachten – Wolfgang Frühwald nennt als Kriterien „Mimik, Gestik, Körperhaltung und Sprachmelodie“ (Forschung und Lehre 6/2010); genauso wie, ohne Dialektik kommt man schwerlich aus, Höflichkeit, bereits Knigge monierte es, reine Heuchelei oder eine Demütigung sein kann. Es gebe, schrieb er, „eine Art von Herablassung, die wahrhaftig kränkend ist, wobei der leidende Teil offenbar fühlt, daß man ihm nur ein mildtätiges Almosen der Höflichkeit darreicht. Endlich gibt es eine abgeschmackte Art von Höflichkeit, wenn man nämlich mit Leuten von geringerm Stande eine Sprache redet, die sie gar nicht verstehen, die unter Personen von der Klasse gar nicht üblich ist, wenn man das konventionelle Gewäsche von Untertänigkeit, Gnade, Ehre, Entzücken und so ferner bei Personen anbringt, die an solche starken Gewürze gar nicht gewöhnt sind. Dies ist der gemeine Fehler der Hofleute.“ Und im Grünen Heinrich von Gottfried Keller stoßen wir auf folgende Passage: „Schon die Sprache, welche der große Haufen in Deutschland führt, war ihnen unverständlich und beklemmend; die tausend und abertausend „Entschuldigen Sie gefälligst, Erlauben Sie gütigst, Wenn ich bitten darf, Bitt‘ um Entschuldigung“, welche die Luft durchschwirrten und bei den nichtssagendsten Anlässen unaufhörlich verwendet wurden, hatten sie in ihrem Leben nie und in keiner anderen Sprache gehört, selbst das ‚Pardon Monsieur‘ der höflichen Franzosen schien ihnen zehnmal kürzer und stolzer, wie es auch nur in dem zehnten Falle gebraucht wird, wo der Deutsche jedesmal um Verzeihung bittet. Aber durch den dünnen Flor dieser Höflichkeit brachen nur zu oft die harten Ecken einer inneren Grobheit und Taktlosigkeit, welche ebenfalls ihren eigentümlichen Ausdruck hatten.“
Um die Konfusion weiter zu vergrößern: Das Bemühen um politische KorrektheitKorrektheit (und damit Höflichkeit), um die Ächtung gesellschaftlicher Exklusion und denunziatorischer respektive diskriminierender Sprechakte, ist nicht selten selbst hochgradig deplaziert, restringierend, herrisch und narzißtisch. Da wird sehr rasch vielerlei übersehen und verdrängt. „Ist die schwarze Community […] unter sich“, führt Thomas Mießgang aus, „kann das N-Wort durchaus zu einer kameradschaftlich-freundlichen Begrüßungsformel umsemantiert werden, zu einem wohlwollend-grobianischen Schulterklopfen, das vom geteilten Wissen über den Rassismus genauso erzählt wie von der Überwindung diskriminierender Diskurse in der ironischen Sprachverdrehung. Eine als Beleidigung intendierte Geste oder Wortprägung wird also dem Aggressor entrissen […] und von den Insultierten als positiv besetzte Kommunikationsformel verwendet oder gelegentlich sogar als Kampfwerkzeug gegen die Beleidiger eingesetzt.“
Hinzu kommt, daß durch die Bestrebungen, das öffentliche Sprechen nach Maßgaben der Political Correctness zu reinigen – und ich wähle bewußt das Wort „reinigen“ –, „bei nicht wenigen jungen Menschen das Verständnis von Ambivalenz und Ironie in Mitleidenschaft gezogen wird; daß die bloßstellende und befreiende Gewalt des uneigentlichen Sprechens und die Freuden der Disziplinlosigkeit einer ständigen, irgendwie protestantischen Selbstüberprüfung zum Opfer fallen, kurz: daß dem Lachen mißtraut wird“ (Titanic 6/2016). Verloren geht die Möglichkeit der Selbstreflexion und -relativierung qua Spaß und Sprachspiel, sauertöpfische Besserwisserei, die zum eliminatorischen Furor ausarten kann, gewinnt die Oberhand.
Wenig zu lachen haben mittlerweile auch einige Verfechter der akademischen Lehre in Freiheit. Unter der Überschrift „Gefühlte Argumente“ berichtete der Schriftsteller Ilija Trojanow am 27. April 2016 in der taz von einem „Kampf […], der inzwischen auf fast jedem Campus der USA entbrannt ist“. Geführt werde er „unter dem nichtssagenden Titel der ‚politischen KorrektheitKorrektheit‘“. „Immer öfter wird Sprachkritik zur Wortpolizei und diskursive Vielfalt zur dogmatischen Einfalt“, so Trojanow.
Und er erzählte von folgendem Vorfall: „Landesweit bekannt wurde ein Fall an der renommierten Yale University vom letzten Herbst. Die universitäre Verwaltung hatte vor Halloween in einem Rundbrief die StudentInnen aufgefordert, auf potentiell beleidigende Kostüme zu verzichten (das bezog sich konkret auf das ‚blackfacing‘, bei dem sich Weiße das Gesicht schwarz anmalen). Eine Dozentin verfaßte daraufhin eine Mail, in der sie mehr Lockerheit anregte, die Fahne der freien Meinungsäußerung schwenkte und die Sorge äußerte, daß Colleges zu Horten der ‚Zensur und Entmündigung‘ würden. ‚Gibt es keinen Platz mehr für einen jungen Menschen, ein wenig anstößig zu sein?‘ Daraufhin tobte ein Shitstorm, und die Frau sowie ihr Ehemann, Professor an derselben Universität, sahen sich heftigsten Angriffen ausgesetzt.“
Äußerst aggressiv sei die Forderung erhoben worden, „das Ehepaar zu entlassen“. Und das sei beileibe kein Einzelfall gewesen. „Es gibt eine Reihe von Dozenten“, erläuterte Trojanow, „deren Verträge wegen ähnlich gelagerter Fälle nicht verlängert wurden.“
Dieser erschreckende Wutwille der Entrüsteten zur Säuberung der sprachlichen und sozialen Welt pulverisiere, schlußfolgerte Trojanow, „Analyse und Urteilskraft“. Im näheren: „Gerade die Politik der eigenen Identität bedient sich der Gefühle als entscheidender Filter. Was als verletzend empfunden wird, ist anstößig. Und dagegen ist kein Argument gewachsen. Selbst die hehrsten Absichten zerschellen an den Klippen der Empfindsamkeit. Das gilt inzwischen für alle Gruppen, selbst für konservative Weiße. […] Es kann also jeder im Saft der eigenen Überempfindlichkeit schmoren.“ Die Konsequenzen für Lehrinhalte und -gegenstände sind verheerend: „Wenn StudentInnen sich erfolgreich beschweren können, daß ihnen ‚anstößige‘ Texte von Mark Twain und Edward Said (ein Beispiel von vielen) vorgesetzt worden seien, werden vorsichtige, karrierebewußte DozentInnen all jene Texte aussondern, die provozieren, verwirren und irritieren.“
Und das haben andere ja auch schon mal angeordnet.
„Die Sklaverei der deutschen Sprache ist in den Höflichkeitsformeln bis zum kriechendsten Unsinn gesunken und hat bloß dadurch die mehrsten Abstufungen des Knechtsinns gewonnen“, schimpfte Johann Gottfried Seume. Heute führt die Unterwerfung unter dekontextualisierende, outrierte, nicht selten fanatisch eingeklagte sprachliche Umgangsnormen zu erheblichen Einschränkungen von Entfaltungsmöglichkeiten. Der Blogger und Datenschutzaktivist Felix von Leitner, der entschieden für „mehr Empathie und eine Rückkehr zum Solidargedanken“, für „mehr Zusammenarbeit und weniger Kämpfen, mehr Respekt voreinander“ eintritt, beklagt sich in einem Interview auf nachdenkseiten.de (20. September 2016) über eine Kampagne der Amadeu-Antonio-Stiftung gegen „Hate-Speech“, die in Kooperation mit dem Bundesfamilienministerium initiiert wurde. „Unter dem Label der Bekämpfung von ‚Hate-Speech‘ wird jetzt eine moralische Grundlage für das Unterdrücken von unerwünschten Meinungen im Internet geschaffen“, legt er dar. „Zensur ist ein inhaltlich neutrales Machterhaltungsinstrument, das den Eliten dient, um den Rest der Bevölkerung daran zu hindern, sich darüber auszutauschen, was das Problem ist, daß es überhaupt ein Problem gibt und man nicht der einzige ist, der sich das fragt – und was hiergegen getan werden muß. […] Für eine Zensurinfrastruktur reicht es in diesem Sinne bereits aus, wenn Menschen sich nicht mehr trauen, bestimmte Themen zu diskutieren oder bestimmte Thesen zu diskutieren, weil sie mit einem öffentlichen Pranger rechnen müssen, wie ihn die Amadeu-Antonio-Stiftung nicht nur vorgeschlagen, sondern bereits betrieben hat.“
Den Meistermotzer und Eristiker Schopenhauer, der die Polemik ad personam und an die Adresse ganzer Gruppen von Menschen mit Wollust auf die Spitze trieb, würde man aus der Zunft der Philosophen ausschließen. Ebensowenig sähe der unbestechliche Herbert Wehner, der langjährige Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, in diesen Tagen der leeren, pflaumenweichen Politrhetorik der „Lächelmasken“ (Mießgang) noch Land. Er pflegte zu einer Zeit, als auf der Agora Konflikte mit politischen Kontrahenten mit notfalls erheblicher Schärfe, indes zivilisiert austragen wurden, die Kunst der Verbalinjurie, des gezielten Aktes verbaler Gewalt, wie kein zweiter. Wehners Schimpfattacken und -kanonaden, stets institutionell gerahmt, sind legendär, seine mit einer Rekordserie von Ordnungsrufen prämierten Schmähzwischenrufe sind Legion. Jeder Malediktologe hätte an Wehners Kreationen seine helle Freude: „Einstudierter Pharisäer!“ – „Wir können ja nicht auch noch die Dummheit verstaatlichen, die Sie verkörpern!“ – „Staatszwerg!“ – „Wenn man Sie sieht, vergeht einem die Lust am Kinderkriegen!“ – „Schämen Sie sich, Sie Frühstücksverleumder!“ – „Geistiges Eintopfgericht!“ – „Sie Salatöl!“
Verschwunden oder im Verschwinden begriffen also ist in bestimmten Bereichen der einerseits medial deformierten, andererseits medial uniformen Öffentlichkeit die klärende, konfrontative, bisweilen anarchische Intervention. Dafür nimmt sich in der alltäglichen Interaktion, scheint’s, jeder überall zu jedem Zeitpunkt die Freiheit, der plansten und niedersten Gesinnung freien Lauf zu lassen. Thomas Mießgang konstatiert, daß in dem Maße, in dem der „strategische GrobianismusGrobianismus“ zurückgedrängt wurde (und wird), „die Erosion des Sittengesetzes“ sich fortsetzt, „sich das Vulgäre ausbreitet“ und sich der „Verfall der Umgangsformen“ beschleunigt. „Die Struktur menschlicher Affekte und ihrer Kontrolle“ (Norbert Elias) scheint vielerorts zu zerbröseln.
Kaum noch jemand kann sich zum Beispiel in einer Lautstärke unterhalten, die aus dem Homo sapiens einen zivilisierten Menschen macht. An nahezu jedem Nebentisch in nahezu jedem Café sitzt eine Ansammlung von Peinfiguren, die ihre unmaßgeblichen Meinungen akustisch derart ostentativ ausbreiten, daß man sich die ridikülen Schweigekreise der achtziger Jahre zurückwünscht.
Die Verrottung der Lebensumstände, sie schreitet offenbar unaufhaltsam voran. Die Unerträglichkeit namens öffentliches Leben, das nur mehr „Gesellschaftswiderwillen“ (Peter Handke) auslöst: Es ist der permanente monadenhafte, egozentrische Aufruhr, der sinn- wie ziellose Krawall, das unentwegte Affekt- und Affektiergehabe. Jürgen Kaube erkennt darin – bei aller Gleichförmigkeit solcher Aufspreizungen, bei aller Homogenität solcher „Selbstverwirklichungs“-Hampeleien, die nichts mit fröhlicher Pluralität gemein haben – das „Recht zur Normalabweichung“: „Individualität heißt also nicht Originalität und schon gar nicht, daß es möglich wäre, ein Leben diesseits gesellschaftlicher Prägungen zu führen.“ Denn all diese angeblichen Individualisten sind durch und durch nichts anderes als begeistert Angepaßte. Sie gehorchen ausschließlich dem unausgesprochenen Zwang zur Exaltation, konformistische „Identitätspflege“ (derselbe) ist Pflicht.
Es ist aber nicht bloß das „Erlebnisvolk“ (Stefan Rose), das gewissermaßen als Autistenmasse auf jeden Anflug von Empathie pfeift; es sind nicht bloß die durch die Werbeindustrie, Aufpeitschermedien und andere soziopathisch-ideologische Apparate angestachelten und seelisch amputierten Unterklassen- und Randgruppenexistenzen, die durch die Welt ramentern, als gebe es weder Nachbarn noch Mitmenschen. Die spätkapitalistische Verelendung der Sitten und die Depravation der Gemüter, das insinuierte Naturgesetz befolgend, zu (über-)leben habe nur verdient, wer sich im Dauerkonkurrenzkampf lauter, härter, ungestümer, gemeiner und brutaler geriert als der Nächstbeste, machen vor keiner Schicht halt. Im Juste milieu, in den sogenannten bürgerlich-gebildeten Kreisen, sieht es keinen Deut besser aus.
Die Schriftstellerin Kathrin Röggla spricht in ihrem Essay „Reden in Zeiten der VerrohungVerrohung“ (Le Monde diplomatique, Mai 2016) von der ubiquitären Zerstörung der „Würde der Rede“ (Frühwald), der überall erlebbaren „Aufkündigung des Gesprächs“ und den zahlreichen „VerrohungVerrohungskampagnen“ (eines ihrer Beispiele: Innenminister de Maizières Satz, „man dürfe sich nicht von Kinderaugen erpressen lassen und müsse diese Bilder eben aushalten“), und sie erzählt folgendes: „Meine Irritation setzte im letzten Jahr auch oft genug beim bürgerlichen Kulturpublikum an. Was ist mit dem Publikum los? fragte ich mich da. Denn plötzlich pöbeln sie, und auch wenn man mir zum Beispiel in der Akademie der Künste sagte, sie haben da immer schon etwas gepöbelt, pöbeln sie jetzt anders, irgendwie lauter. Sie, die kulturinteressierten Bürger, unterbrechen die Leute, die zu hören sie ja gekommen waren. Sie sagen nicht immer zu einem iranischen Pianisten: ‚Reden Sie gefälligst deutsch, wenn Sie in Deutschland spielen!‘ – wie im März in der Kölner Philharmonie, als dieser sich in englischen Worten ans Publikum wandte –, aber oft muß man sie daran erinnern, daß eine Podiumsdiskussion erst mal etwas ist, wo Statements auf dem Podium ausgeführt werden, die dann in einem zweiten Schritt diskutiert werden. […] Für mich stellt gerade die vermeintliche Harmlosigkeit dieser zunehmenden Pöbeleien einen Indikator dar, einen Indikator für eine gewaltige Schieflage in der öffentlichen Kommunikation. Warum kündigen diese Leute die Veranstaltungskonventionen auf? Geht es ihnen um verstärkte Sichtbarkeit, wollen sie mehr gesehen und nicht übersehen werden?“
In der Cafeteria des geisteswissenschaftlichen Zweiges der Universität Frankfurt ist mir folgende Unterhaltung zu Ohren gekommen (die drei Frauen waren nicht zu überhören): „Diese Hartz-IV-Penner sollen das Maul halten.“ – „Es ist unglaublich, wie die sich aufführen.“ – „Die gehören in Zwangsarbeit gesteckt.“ Am nächsten Tag auf der Terrasse einer Speisegaststätte; zwei höhere Bahnangestellte, beide ungefähr Mitte dreißig; des einen Freundin ruft an; er: „Wieso bist du immer noch nicht da?! Dich mach’ ich rund, du Schlampe!“; und so weiter; nach dem Telephonat beginnt er gegenüber seinem Arbeitskollegen zu prahlen: „Wie ich die Alte heute fertiggemacht hab’, als es um den Posten 23 ging! Hat die losgeheult! Mann, war das geil!“
Folgenden Tags treffe ich einen Freund, der ebenfalls bei der Bahn beschäftigt ist. „So sind sie“, sagt er. „Heute kann sich jeder aufführen wie offene Hose.“ Das Niedermachen anderer sei üblich, sogenannte „Führungskurse“ brächten nichts. „Lustgewinn aus Demütigung, verstehst? Und nachher scheißfreundlich. Die Heuchelei ist Grundprinzip. Wie heißt’s? Anstand ist eine Zier, aber weiter kommt man ohne ihr.“
Die Folgen des vom Soziologen Wilhelm Heitmeyer in zahllosen empirischen Details beschriebenen „rabiaten Klassenkampfes von oben“, der vor Jahren angezettelt worden ist, sind allenthalben zu gewahren – bei den Auftritten der, mit Karl Kraus zu reden, „elektrisch beleuchteten Barbaren“ in Scripted-Reality-Shows und in den Schlangen im Supermarkt und auf der Post und in den Chefetagen und sonstwo.
Es scheine „mit der Angst vor dem Abstieg auch die Bereitschaft zu wachsen, sich im Verteilungskampf mit härteren Bandagen Vorteile zu verschaffen“, liest man auf der Website des WDR. Die Deregulierung des Sozialen ist weit vorangeschritten. Große Teile der Gesellschaft befinden sich im oder fürchten den „ständigen Abstiegskampf“ (ein winziger Teil organisiert ihn), sagt Oliver Nachtwey vom Frankfurter Institut für Sozialforschung (Spiegel Online, 14. August 2016). Der „gesteigerte Wettbewerb“ sei, erläutert er, „heute so schwer als solcher erkennbar, gerade weil er im Namen der Selbstentfaltung stattfindet“. Man denke etwa „an die sogenannten Helikoptereltern. Die sagen häufig, sie schicken ihr Kind schon mit vier Jahren zum Mandarinlernen, damit es gebildet ist. In Wirklichkeit wollen sie aber auch, daß es in Zukunft, wenn es noch viel härter wird da draußen, der Konkurrenz standhalten kann. Gerade in linken, liberalen Milieus findet sich diese Lebenslüge: Man ist ja immer für soziale Integration auf allen Ebenen – aber nicht mehr, wenn es um den eigenen Nachwuchs geht.“
Man ist geneigt, den „allgemeinen Kompetitionslärm“ (Joseph Vogl) soziolinguistisch auf den Begriff zu bringen. Bei Valentin Volosinov (Marxismus und Sprachwissenschaft – Grundlegende Probleme der soziologischen Methode in der Sprachwissenschaft, 1929) gilt das Wort (oder Wortzeichen), das „empfindsam die feinsten Veränderungen des gesellschaftlichen Seins“ wiedergibt, als multidimensionales, mehrfach gebrochenes „ideologisches Zeichen“. In ihm kollidieren die heterogenen Ziele und Weltansichten, es artikuliert „die Überschneidung unterschiedlich orientierter gesellschaftlicher Interessen innerhalb einer Zeichengemeinschaft“. Das Wort, eine Art Akzentuierungsagent der Konfrontation, der Text, die Rede, die „ideologische Kommunikation“ werden somit „zur Arena des Klassenkampfes“.
Für Brecht war Freundlichkeit eine politische Kategorie, eine erlernbare Haltung, und „wo Freundlichkeit nicht geübt werden kann, wegen der Härte der Klassenauseinandersetzungen, leben wir in finsteren Zeiten“ (Christian Semler).
Adorno notierte in den Minima Moralia, „daß in der repressiven Gesellschaft Freiheit und Unverschämtheit aufs gleiche hinauslaufen“ (§ 72). Und Richard Sennett hielt in Verfall und Ende des öffentlichen Lebens – Die Tyrannei der Intimität (Frankfurt/Main 1983) fest, Zivilisiertheit bedeute, daß man „nicht das eigene Selbst zu einer Last für andere macht“. – „Zivilisiertheit ist ein Verhalten, das die Menschen voreinander schützt und es ihnen zugleich ermöglicht, an der Gesellschaft anderer Gefallen zu finden.“
Mir scheint, davon sind wir weiter denn je entfernt.
Kulturhistorische Dimensionen
Höflichkeitsdissonanzen. Zum Gebrauch unterschiedlicher Höflichkeitsformen in historischen Texten und Gesprächen
Dieter Cherubim
Politeness may be reconstructed as a means of controlling social distance, depending on the evaluation of situations and cultural factors. In managing politeness the communicative behaviour need not be symmetrical but can be complementary or even dissonant. Two examples from 19th century literary texts (Karl May, Thomas Mann) are used to illustrate how this was achieved and also commented in poetic contexts. Some examples from an Austrian guide for polite behaviour (so-called Complimentirbuch) of the early 19th century (Rittler 1834) are quoted to illustrate ways of resolving social conflicts without losing composure.
1. Höflichkeitskonstruktionen und kultureller Kontext
Höflichkeit ist ein soziales Konstrukt zur Steuerung von menschlichen Interaktionen, das im Kern auf Variationen von Distanz oder Respekt beruht und sich in unterschiedlichen, u.a. auch sprachlichen Formen äußern kann (Cherubim 2011, 4ff.). Dabei stellt das Höflichkeitsverhalten, das sich notwendig kommunikativen Akten und deren Wahrnehmung und Interpretation bei den Beteiligten verdankt, eine „mittlere“ Stufe von Beziehungssteuerung zwischen den Interaktanten dar: zwischen Formen eines „kalten“, feindseligen oder aggressiven Verhaltens auf der einen Seite und Formen eines „warmen“, freundschaftlichen oder sogar liebevollen Verhaltens auf der anderen Seite, und es ist janusartig beiden Extremen zugewandt (vgl. Schema 1). Denn feindseliges Verhalten kann aus pragmatischen Gründen auf ein distanziertes Verhalten reduziert werden und aus Respekt kann sich mit der Zeit und bei entsprechenden Bedingungen ein freundschaftliches Verhältnis entwickeln, seltener auch wieder umgekehrt.

Schema 1
Was Höflichkeit ist oder als höfliches Verhalten verstanden wird, ist so nicht nur variabel und instabil, sondern auch sprach- und kulturabhängigkulturabhängig, wie man es sich schon am klassischen Beispiel der Anredepronomina verdeutlichen kann: In engen, relativ geschlossenen Gemeinschaften braucht man im allgemeinen keine unnötigen Komplikationen mit mehreren situationsspezifischen Alternativen oder setzt sie, falls doch vorhanden, gerne durch Zusatzregeln („Ab 2000 m Höhe / unter Wasser wird geduzt!“) außer Kraft. Entwickelte Gesellschaften mit ihren Differenzierungen und komplizierten Übergängen zwischen einzelnen Bereichen oder Sphären tendieren dagegen zur Ausprägung mehrerer Möglichkeiten, die in der Sozialisation von Kindern oder bei der Integration von Fremden erst mühsam erlernt werden müssen; und dies gilt vor allem, wenn sie mit anderen Möglichkeiten wie z.B. dem Gebrauch von Eigennamen gekoppelt sind. Im Deutschen ist etwa die Anrede mit dem VornamenVornamen meist mit dem Duzen verbunden, während das Siezen die Anrede mit dem Familiennamen (plus vorangestellten Titeln) verlangt; Ausnahmen davon sind aber in bestimmten Berufsfeldern (Kaufhaus) oder engeren Arbeitsgemeinschaften (auch in der Wissenschaft) möglich (Heringer 2009). Im Standardchinesischen gibt es hingegen nur eine Anredeform, die aber nicht mit dem Gebrauch des Vornamens verbunden werden darf; eine dem Siezen vergleichbare Form der Anrede ist (wie auch im Schwedischen) nur für wenige honorative Anreden reserviert (Liang 2009). Auch für das Englische gibt es bekanntlich nur die eine Möglichkeit des you, und selbst das in älteren Texten oder in religiösen Zusammenhängen noch verwendete thou fällt nicht aus diesem Rahmen, sodass soziale oder situative Differenzierungen auf andere formelle Techniken zurückgreifen müssen. Höflichkeitskonzepte sind also stets Antworten auf zivilisatorische Prozesse, die dann ihre eigene, durchaus ambivalente Kraft (z.B. Differenzierung, Identifikation und soziale Kontrolle) entfalten können. Selbst der deutsche Ausdruck Höflichkeit zeigt noch diese historische Relativität, insofern die Kultivierung des guten Geschmacks bzw. der „feinen“ Unterschiede durchaus mit der Institution der Höfe bzw. der höfischen Gesellschafthöfischen Gesellschaft in der Frühen Neuzeit zu tun hatte.1
Der konstruktive Charakter von Höflichkeit ergibt sich daraus, dass entsprechende Verhaltensweisen eben nicht absolut, sondern erst im Zusammenhang oder als Ergebnis interaktiver Akte als mehr oder weniger höflich, nicht-höflich oder sogar als unhöflich bestimmt werden können und dass sie eine Verarbeitung unterschiedlicher Faktoren voraussetzen: vor allem von Intentionen, die dabei verfolgt werden, von Höflichkeitsregeln, die in verschiedener Form (z.B. durch kommunikative Praxis oder Regelbücher) vermittelt werden, und von Situationseinschätzungen, die selbst wieder komplexer Natur sind (Bayer 1977). Dabei wird oft davon ausgegangen, dass der Gebrauch von höflichen Verhaltensweisen eine Art SymmetrieSymmetrie, d.h. den Bezug auf gleiche oder wenigstens vergleichbare Höflichkeitskonzepte beinhalte, sodass Höflichkeit und Unhöflichkeit den gleichen Maßstäben unterliegen. Dies ist aber eine kontrafaktische Annahme, die nicht der vielseitigen Realität des Höflichkeitsmanagements in kommunikativen Zusammenhängen und damit auch nicht unseren Erfahrungen damit entspricht.
2. Höflichkeitsentwicklung am Beispiel. Vom Kompliment zur Aggression
Wie Höflichkeitskonstruktionen in kommunikativen Akten entstehen, kann man sich modellhaft (und das heißt: vereinfachend) wie folgt vorstellen:

Schema 2
Eine Aktion eines Kommunikanten A verfolgt hinsichtlich eines Kommunikanten B eine bestimmte (bewusste oder unbewusste) Intention (z.B. jd. geneigt zu machen / jd. zu etwas veranlassen) und versucht diese Intention höflich, d.h. mit Distanz oder Respekt an B zu vermitteln. Dabei orientiert sich A an geltenden Normen oder erfahrungsgestützten Regeln der Höflichkeit (z.B. jdm. nicht zu nahe treten) und wählt nach Einschätzung der aktuellen Kommunikationssituation (z.B. soziales Gefälle, formell vs. informell) diejenigen Ausdrucksmittel sprachlicher und / oder nichtsprachlicher Qualität aus, von denen er glaubt, dass er damit erfolgreich ist, ohne damit die vorausgesetzte Beziehung zwischen A und B (hier: Distanz / Respekt) in Frage zu stellen. Das Verhalten von A erzeugt dann, wenn adäquat wahrgenommen und verstanden, bei B einen Eindruck nicht nur von dem, was A von ihm will, sondern auch von dessen Höflichkeitskompetenz, Situationseinschätzung und dem vorausgesetzten Beziehungsverhältnis, das nicht in Frage gestellt werden soll. Die daraus abgeleitete Reaktion von B kann dann die gesamte Konstellation bestätigen, aber auch partiell oder im Ganzen korrigieren, was wiederum von A zu verarbeiten ist und so in folgenden kommunikativen Schritten zu weiteren Aktionen und Reaktionen bzw. entsprechenden, eventuell modifizierten Interpretationen auf beiden Seiten Anlass geben kann. Vieles von diesen rekursiv anwendbaren Prozessen wird dabei nicht sichtbar gemacht, sondern nur aus bestimmten Anzeichen (z.B. Tonfall, Gebrauch von Modalpartikeln) erschlossen; aber es ist natürlich auch möglich und keineswegs selten, dass Divergenzen durch metakommunikative Thematisierung sichtbar gemacht und verhandelt werden.
Ich wähle ein literarisches Beispiel des späten 19. Jahrhunderts, das ich in anderen Zusammenhängen schon ausführlicher diskutiert habe: den Beginn des Romans „Am Rio de la Plata“ von Karl May (1894).1 Die dort in Form einer Ich-Erzählung dargestellte, relativ abgeschlossene Szene umfasst drei Schritte:
1 Besuch eines Unbekannten im Hotel des Erzählers mit auffällig übertriebener („überhöflicher“) Begrüßung und Unterbreitung eines noch unbestimmten Angebots, das sich letztlich als delikat (Waffenhandel, Bestechung) erweisen sollte:
Eben setzte ich den Hut auf, als es an meine Tür klopfte. Ich rief herein, und zu meinem großen Erstaunen trat ein fein nach französischer Mode gekleideter Herr ein. Er trug eine schwarze Hose, eben solchen Frack, weiße Weste, weißes Halstuch, Lackstiefel und hielt einen schwarzen Zylinderhut in der Hand, um welchen ein weißseidenes Band geschlungen war. Dieses Band, von welchem zwei breite Schleifen herabhingen, brachte mich unerfahrenen Menschen auf die famose Idee, einen Kindstauf- oder Hochzeitsbitter vor mir zu haben. Er machte mir eine tiefe, ja ehrerbietige Verneigung und grüßte:
„Ich bringe Ihnen meine Verbeugung, Herr Oberst!“
Er wiederholte seinen tiefen Bückling noch zweimal in demonstrativ hochachtungsvoller Weise. Wozu dieser militärische Titel? Hatte man hier in Uruquay vielleicht dieselbe Gepflogenheit wie im lieben Österreich, wo die Kellner jeden dicken Gast ‚Herr Baron‘, jeden Brillentragenden ‚Herr Professor‘ und jeden Inhaber eines kräftigen Schnurrbartes ‚Herr Major‘ nennen? Der Mann hatte so ein eigenartiges Gesicht. Er gefiel mir nicht. Darum antwortete ich kurz:
„Danke! Was wollen Sie?“
Er schwenkte zweimal den Hut hin und her und erklärte:
„Ich komme, mich Ihnen mit allem, was ich bin und habe, zur geneigten Verfügung zu stellen.“
1 Prüfung des Angebots durch den von Beginn an misstrauischen Erzähler und Versuch einer Klärung der Situation:
Dabei richtete sich sein Auge von seitwärts mit einem scharf forschenden Blick auf mich. Er hatte keine ehrlichen Augen.
Darum fragte ich: „Mit allem, was Sie sind und haben? So sagen Sie mir zunächst gefälligst, wer und was Sie sind.“
„Ich bin Señor Esquilo Anibal Andaro, Besitzer einer bedeutenden Estanzia bei San Fructuoso. Euer Gnaden werden von mir gehört haben.“
Es kommt zuweilen vor, daß der Name eines Menschen bezeichnend für den Charakter desselben ist. Ins Deutsche übersetzt, lautete derjenige meines Besuches Äschylus Hannibal Schleicher. Das war gar nicht empfehlend.
„Ich muß gestehen, daß ich noch nie von Ihnen gehört habe“, bemerkte ich. „Da Sie mir gesagt haben, wer und was Sie sind, darf ich wohl auch erfahren, was Sie haben, das heißt natürlich, was Sie besitzen?“
„Ich besitze erstens Geld und zweitens Einfluß.“
Er machte vor den beiden Worten, um sie besser ins Gehör zu bringen, eine Pause und sprach sie mit scharfer Betonung aus. Dann sah er mich mit einem pfiffigen, erwartungsvollen Augenblinzeln von der Seite an. Sein Gesicht war jetzt ganz dasjenige eines dummlistigen, dreisten Menschen.
1 Die Klärung der Situation (Verwechslung) führt dann zu einer tendenziell aggressiven Haltung (Erregung) beim Besucher, der wiederum der Erzähler mit „kalter“ Höflichkeit begegnet:
Da rief er zornig: „So hole Sie der Teufel! Warum sagten Sie das nicht sogleich?“
„Weil Sie nicht fragten. Ihr Auftreten ließ mit Sicherheit schließen, daß Sie mich kennen. Erst als Sie von den Gewehren sprachen, erkannte ich, wie die Sache stand. Dann habe ich Sie sofort auf Ihren Irrtum aufmerksam gemacht, was Sie mir hoffentlich bestätigen werden.“
„Nichts bestätige ich, gar nichts! Sie hatten mir nach meinem Eintritt bei Ihnen sofort und augenblicklich zu sagen, wer Sie sind!“
Er wurde grob. Darum antwortete ich in sehr gemessenem Ton:
Ich ersuche Sie um diejenige Höflichkeit, welche jedermann von jedermann verlangen kann! Ich bin nicht gewöhnt, mir in das Gesicht sagen zu lassen, daß mich der Teufel holen sollte […].
Die so entwickelte AggressivitätAggressivität auf beiden Seiten führt dann zur Artikulation verdeckter und offener Vorwürfe (Unterstellung von Heuchelei) und zum Abgang des Besuchers nach Austausch von intentional gesichtswahrenden Drohungen und Gegendrohungen.
Die literarische Form des Textes macht es hierbei möglich, die sich wandelnde Situationseinschätzung wenigstens des Erzählers fortlaufend miteinzuarbeiten. Interessant ist auch, wie stark dabei nonverbale und paraverbale Höflichkeitstechniken (Kleidung, Gestik, Mimik, Betonung) neben klassischen sprachlichen Mitteln (Titulaturen, performative Formeln wie geneigt u.ä.) eingesetzt werden2 und wie dann die schrittweise Veränderung der sozialen Beziehungen, die vor allem vom Erzähler und von dessen durch Skepsis bestimmten, wenig entgegenkommenden (eher unhöflichen) Reaktionen ausgeht, durch entsprechende Interpretationen (ehrerbietig, eigenartig, [nicht] ehrlich, dummlistig, dreist / vertraulich, erstaunt, ernst, verlegen, zornig, grob) signalisiert und gesteuert wird. Höflichkeit und UnhöflichkeitUnhöflichkeit bzw. GrobheitGrobheit als gemeinsam konstruierte Beziehungskonzepte werden zudem in ihrer Ambivalenz sichtbar gemacht: Höflichkeit kann darauf abzielen, einen persönlichen Zugang zu öffnen, aber auch (so im Beschluss der Szene durch den Erzähler), jemand kalt „abfahren“ zu lassen; Unhöflichkeit kann zunächst noch positiv als List der Verstellung verstanden werden, dient aber letztlich dazu, die Illusion einer freundlichen Beziehung zu zerstören und AggressivitätAggressivität zu entfalten.
3. Regional und sozial bedingte Differenzen von Höflichkeitsstilen
Höflichkeitskonzepte und ihre Umsetzung im kommunikativen Alltag dienen also primär der Beziehungssteuerung zwischen den Beteiligten auf einem bestimmten Niveau und orientieren sich dabei an anthropologischen und kulturhistorischen Voraussetzungen, die durch praktische Erfahrungen bestätigt und sekundär durch fixierte Regeln kontrolliert werden können. Nicht immer wird jedoch Höflichkeit im sozialen Handeln benötigt. So kann Höflichkeit z.B. bei der Abwehr von drohenden Gefahren, wenn schnelles Handeln nötig ist, eher hinderlich sein und ist deswegen auch in manchen institutionellen Kontexten (z.B. beim Militär) explizit ausgeschlossen oder wird durch hochgradig rituelles Verhaltenrituelles Verhalten ersetzt. Ebenso fehl am Platz erscheint sie auch in ganz persönlichen Situationen (z.B. bei Liebeserklärungen); hier kann sie sogar kontraproduktiv wirken.1
Wie Höflichkeit aktuell konstruiert bzw. fortlaufend rekonstruiert wird, ist so ein Akt der BalanceBalance, bei dem Intentionen und Situationseinschätzungen der Beteiligten miteinander verarbeitet und die dabei mehr oder weniger bewusst unterstellten Höflichkeitsregeln auf ihre Anwendbarkeit und Geltung hin überprüft werden müssen. Dabei erwecken Anstandsbücher bei ihren Demonstrationen von gesellschaftlich relevantem Höflichkeitsverhalten (der „feinen Art“, wie es früher gern hieß) oft den Eindruck, als gäbe es nur die Alternative zwischen regelkonformem („höflichen“) und regelabweichendem („unhöflichen“) Verhalten, während in der Realität, z.B. bei unterschiedlichen sozialen Konstellationen eine größere Bandbreite von Möglichkeiten des Einsatzes von Höflichkeitstechniken oder Höflichkeitsverstößen beobachtbar ist. Darüber hinaus wird leicht der Eindruck vermittelt, gute Höflichkeit erfordere eine gewisse Kooperativität zwischen den Beteiligten, die sich u.a. in Symmetrien oder der Reziprozität des Verhaltens zeige. Tatsächlich dürften sich aber den beobachtbaren Konsonanzen ebenso häufig Dissonanzen, z.T. als bloß fakultative Varianzen, z.T. als Konfliktmarkierungen an die Seite stellen lassen. Nehmen wir wieder ein Beispiel aus dem Alltag.
Der in so vielen Sprachen und Kulturen beliebte Tageszeitgruß (Guten Tag!), der meist nur noch als reduzierte Wunschformel verstanden wird oder sogar bloß noch ein semantisch leerer HöflichkeitsmarkerHöflichkeitsmarker ist, wird im Normalfall mit einem symmetrischen Respons (_guten Tag!) verbunden. Abweichungen von dieser Praxis z.B. in der Umgangssprache sind aber sehr häufig und aus verschiedenen Gründen beliebt: So werden als Reaktionen gerne verkürzte Varianten (’n Tag! bzw. Tach!) eingesetzt, die je nach Tonfall positive (Kollegialität, Vertrautheit) oder negative Bedeutungen (Desinteresse, Abwehr) signalisieren können. Durch Aufwertung mit Diminutiv (Tachchen!) kann dabei eine negative Funktion der Verkürzung wieder aufgefangen werden. Die Neutralität des Standards (Guten Tag!) kann durch Nutzung regionaler Varianten (z.B. Moin in Norddeutschland, Grüß Gott! im Süden) oder ein Hallo als Lockerungsübung), weiterhin durch fremdsprachige Alternativen (Hey! Salus!) korrigiert und mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen werden, wobei das bei unterschiedlichen Situationseinschätzungen aber auch falsch (z.B. als Aufdringlichkeit oder Affektiertheit) verstanden werden kann. Eine pointierende, silbenbetonende Aussprache wird eher als Anzeichen größerer Formalität, eventuell sogar konfliktindizierend gedeutet; das gilt auch für Erweiterungen der Grußformel durch Titel und Namen. Nur die Grußformel zu benutzen kann darauf hinweisen, dass kein Gesprächskontakt möglich (Eile) oder erwünscht ist (Vermeidung); wird er jedoch gewünscht, folgen häufig Fragen nach dem Wohlbefinden, bei der wiederum eine minimale (lakonische) Replikation (gut!) wiederum kontraproduktiv wäre. Wie dies alles aber im konkreten Fall im Sinne einer Höflichkeitsgestaltung interpretiert und eingesetzt wird, muss jeweils Schritt für Schritt von den Beteiligten unter Nutzung verschiedener Informationen rekonstruiert und im Fortgang der Interaktion überprüft werden.
Während dissonante Höflichkeitsgestaltung dieser Art sich nur auf einzelne sprachliche Mittel bezieht und Fehlinterpretationen dabei leichter durch Korrekturen, notfalls auch durch metakommunikative Vergewisserungen repariert werden können, macht der Gebrauch unterschiedlicher Höflichkeitsstile erheblich mehr Schwierigkeiten. Das kann z.B. generational (Jugendliche vs. Erwachsene), sozial (Unterschicht vs. Mittelschicht) oder regional (Dialekt vs. Standardsprache) bedingt sein, kann aber auch mehrdimensional (z.B. Dialekt- vs. Schicht- vs. Generationenkontraste) fungieren. Ein besonders schönes Beispiel dafür hat Thomas Mann mit einer Szene in den „Buddenbrooks“ (1894) geliefert, wo der Münchner Permaneder nach Lübeck kommt, um bei der Familie des Senators um die Hand der Schwester Toni anzuhalten. Da ich auch diese literarische Szene ebenfalls schon an anderer Stelle in ihrem Ablauf genauer behandelt habe (vgl. Cherubim 2009, 106ff.), kann ich mich hier auf die Verdeutlichung einiger DissonanzenDissonanzen und ihrer Folgen für die Höflichkeitsgestaltung im ersten Gespräch beschränken.
Die Szene (Teil VI, Kap. 4), die ja ebenso durch charakterisierende Hinweise des Erzählers oder der Figuren interpretativ abgesichert wird, lebt vor allem vom Gegensatz zwischen zwei Welten, was primär am Sprachverhalten verdeutlicht, aber ebenso auf anderen damit verbundenen Ebenen sichtbar gemacht wird. Dabei wird der Unterschied zwischen süddeutschem (bair.) Dialekt und norddeutscher Umgangssprache2 gerade auch als soziale Differenz zwischen einer groben, direkten Sprechweise des Besuchers, die weniger Rücksicht auf die Adressaten nimmt als darauf abgestellt ist, die eigene Befindlichkeit zu artikulieren, und einer „feineren“, beherrschten Sprechweise der alten Konsulin, die Verbindlichkeit intendiert, notfalls aber auch ins Unverbindliche ausweicht, dargestellt. Für das Dienstmädchen mit seiner einfacheren Weltsicht ist es sogar eine Differenz zwischen „deutsch“ (dütsch) und „nichtdeutsch“. Die Grobheit der Sprechweise des Besuchers wird paraverbal durch Merkmale wie „laut“, „(starke) Betonung“, „knorrig“ gekennzeichnet; ihrer als unkultiviert3 und aufdringlich empfundenen Wirkung entsprechen Erscheinung und Bekleidung des Gastes ebenso wie seine Mimik und Gestik (vertrauliches Blinzeln, unruhige Handbewegungen). Vor allem aber sind es die durchgängige Neigung zu direkten Gefühlsausbrüchen (Äußerungen des Unbehagens, der Freude) und vereinnahmende dialogische Formeln wie gelten’s, die das Selbstbild der um Beherrschung ringenden Konsulin mehrfach in Frage stellen:
Die Konsulin hatte sich nun völlig erhoben und trat mit seitwärts geneigtem Kopf und ausgestreckten Händen auf ihn zu …
„Herr Permaneder! Sie sind es? Gewiß hat meine Tochter uns von Ihnen erzählt. Ich weiß, wie sehr Sie dazu beigetragen haben, ihr den Aufenthalt in München angenehm und unterhaltend zu machen … Und Sie sind in unsere Stadt verschlagen worden?“
„Geltn’s, da schaun’s!“ sagte Herr Permaneder, indem er sich bei der Konsulin in einen Lehnsessel niederließ, auf den sie mit vornehmer Bewegung gedeutet hatte, und begann, mit beiden Händen behaglich seine kurzen und runden Oberschenkel zu reiben …
„Wie beliebt?“ fragte die Konsulin …
„Geltn’s, da spitzen’s!“ antwortete Herr Permaneder, indem er aufhörte, seine Knie zu reiben.
„Nett!“ sagte die Konsulin verständnislos und lehnte sich vor, die Hände im Schoß, mit erheuchelter Befriedigung zurück. Aber Herr Permaneder merkte das; er beugte sich vor, beschrieb, Gott weiß, warum, mit der Hand Kreise in der Luft und sagte mit großer Kraftanstrengung:
„Da tun sich die gnädige Frau halt … wundern!“
„Ja, ja, mein lieber Herr Permaneder, das ist wahr!“ erwiderte die Konsulin freudig, und nachdem dies erledigt war, trat eine Pause ein. Um aber diese Pause auszufüllen, sagte Herr Permaneder mit einem ächzenden Seufzer:
„Es is halt a Kreiz!“
„Hm … wie beliebt?“ fragte die Konsulin, indem sie ihre hellen Augen ein wenig beiseite gleiten ließ …
„A Kreiz is!“ wiederholte Herr Permaneder außerordentlich laut und grob.
„Nett“, sagte die Konsulin begütigend, und somit war auch dieser Punkt abgetan.
Auch andere Seiten dialektal geprägter Direktheit, z.B. eine brüske Reaktion auf ein höflich gemeintes Kompliment der Konsulin („Is scho recht. Davon is koa Red“), später noch die anbiedernde Anrede (Herr Nachbohr) und die unverstellte Demonstration bäuerlicher Schläue („ungewöhnlich hurtiger Blick“) gegenüber dem jungen Konsul kommen hier zum Zuge. Kein Wunder also, dass dies von der Familie beim späteren „Nachverbrennen“ als Stilwidrigkeit und fehlende Weltläufigkeit (Provinzialität) eingeschätzt wird, mit der man im Höflichkeitsmanagement schwer zu Recht kommt, sich bisweilen auf Unverbindlichkeiten zurückziehen muss wie die alte Konsulin („ein angenehmer Mann“) oder über die man sich (hinterher) arrogant „moquieren“ kann.
4. Mögliche Höflichkeitsdissonanzen In Anstandsbüchern
Während man für die Rekonstruktion des HöflichkeitsmanagementsHöflichkeitsmanagements in aktuell aufgezeichneten Gesprächen, gerade auch bei unübersehbaren oder sogar thematisierten Dissonanzen,1 seine eigenen kommunikativen Erfahrungen, eventuell auch noch begrenzt historische Erfahrungen aus dem Umgang mit älteren Generationen einsetzen kann, ist man für die Vergangenheit auf schriftlich aufgezeichnete Texte angewiesen, die nur annähernde Sinndeutungen von Mustern erlauben, wenn zusätzliche Informationen, z.B. in Form von eingearbeiteten Interpretationen (vor allem bei literarischen Texten) oder in Form von Musterbüchern, zur Verfügung stehen (Linke 1996, 41ff.). So kommen für solche Rekonstruktionen auch nur wenige Textsorten in Frage: Literarische Texte, wie sie auch hier benutzt wurden, wenn sie sich einem -freilich selektiven und poetisch überformten – Realismus verpflichtet fühlen und daher auf musterhafte Erfahrungen ihrer Zeit in vergleichbaren anderen Texten beziehen lassen; Protokolltexte z.B. von Verhandlungen juristischer oder geschäftlicher Art, die allerdings auch eigenen Gestaltungs- und Selektionsprinzipien folgen;2 Lebenserinnerungen in Form von Tagebüchern oder Autobiographien, bei denen ebenfalls mit subjektiven Verkürzungen oder sogar Umdeutungen des realen Geschehens zu rechnen ist.
Zweifellos am interessantesten, aber nicht unproblematisch3 sind die sog. AnstandsbücherAnstandsbücher, die nicht nur mehr oder weniger begründete Standards höflichen Verhaltens liefern, welche in der einschlägigen Literatur (vgl. auch Krumrey 1984) in verschiedenen Varianten existieren können, sondern die auch anhand von krisenhaften Begegnungen mögliche DissonanzenDissonanzen zwischen verschiedenartigen Agenten (alt vs. jung, Damen vs. Herren, Vorgesetzte vs. Untergebene, Adlige vs. Bürger vs. „einfache Leute“) thematisieren oder sogar Entwicklungstendenzen andeuten. Als exemplarischen Fall möchte ich hier ein Anstands- bzw. „Complimentierbuch“ herausgreifen, das in einschlägigen Bibliothekskatalogen kaum nachzuweisen ist und auch in der umfangreichen Literaturliste von Linke (1996, 329ff.) nicht vorkommt: Der Titel lautet:
Echter / Anstand, guter Ton und feine Sitte, / als / bewährte Wegweiser durch das gesellige Leben; / oder / (zur allgemeinen Verständlichkeit) / Neuestes / Wiener-Complimentirbuch, / für Personen beiderlei Geschlechtes, / die sich in allen Verhältnissen des Umgangs mit ihren Neben- / menschen, wahrhaft angenehm und liebenswürdig zu benehmen wünschen.
Verfasser ist ein gewisser Franz Rittler, das Buch ist im Verlag Mayer und Compagnie, Wien 1834 erschienen.4
Die Intention dieses sich ausdrücklich in der Nachfolge Knigges sehenden Buches (mit 17 Kapiteln auf 276 gez. Seiten) richtet sich, wie es schon der Titel formuliert, vorrangig auf die „positive“ Höflichkeit als Vermögen, durch sein Verhalten einen guten, d.h. angenehmen und liebenswürdigen Eindruck auf andere Menschen zu machen, enthält aber auch reichlich Hinweise, wie man Menschen im geselligen Umgang den nötigen Respekt entgegenbringen oder die Achtung ihrer Persönlichkeit sicherstellen kann. Dementsprechend wird zunächst beschrieben und immer wieder an angeblich selbst erlebten „Scenen“ demonstriert,5 wie man durch Aussehen (Physiognomie), Körperhaltung und Kleidung („Tracht“) [Einleitung], dann durch das Sprachverhalten allgemein (Orientierung an der Standardsprache) und im Besonderen (mündlicher und schriftlicher Vortrag, Briefe) einen guten Eindruck bei anderen Menschen erzeugen kann [1. Abschnitt, Kapitel 1–5]. Der Unterstützung bzw. Sicherung dieses guten Eindrucks dienen dann Regeln zur äußeren Gestaltung bzw. „Belebung“ einer prototypischen gesellschaftlichen Situation, wie einer Abendeinladung; hier kommen dann Fertigkeiten wie das „Tafel-Arrangement“, die Technik des Tranchierens, Verhalten bei Spielen (Kartenspiel, Billard) und die Unterhaltung durch Kunstfertigkeiten zur Sprache [2. Abschnitt, Kapitel 6–10].
Für die hier angesprochene Dissonanzproblematik ist besonders der 3. Abschnitt des Buches [Kap. 11–17] ergiebig, denn nun geht es um den Umgang mit „verschiedenen Menschenklassen im Allgemeinen, in steter Berücksichtigung der mancherlei Verhältnisse“. U.a. werden dabei folgende potentiell krisenhaften Abstimmungen zwischen Beteiligten einschlägiger Interaktionen ins Auge gefasst: das Benehmen gegenüber Frauenzimmern, das heikle Verhalten bei der Applikation von Handküssen, die Auswahl von Menschen, mit denen man sich (nicht) umgeben soll, das problemorientierte Verhalten zwischen Schuldnern und Gläubigern und die Behandlung von Untergebenen.
Generell gründet sich das Idealbild eines Menschen „von echtem Anstand, gutem Ton und feiner Sitte“ auf Geistesbildung und bestimmten Grundtugenden (Bescheidenheit, Freundlichkeit […], Billigkeit […] und Wahrheitsliebe: S. 92ff.) die dann zu einer „gesetzten Denkungsart“ (S. 96) und einem ungezwungenen (natürlichen) Verhalten führen, das dazu befähigt, auch mit dissonantem Verhalten (Abgeschmacktheit, linkisches Wesen, Unverschämtheit) fertig zu werden, ohne die höherwertigen „Vorschriften der Wohlanständigkeit“ aufzugeben.6 In der Praxis des (ständisch gegliederten) Alltags ist jedoch diese harmonistische Konzeptionharmonistische Konzeption durch Rücksichten auf besondere Umstände zu modifizieren (S. 230f.):
Ein artiges und höfliches Betragen wird zwar jeder gesittete Mensch stets gegen einen Andern beobachten; er hat aber auch zugleich, gewisse Rücksichten auf das Alter und den Stand der Person, mit welcher er es zu thun hat und auf die unter ihnen gegenseitig bestehenden Verhältnisse zu nehmen. Aufmerksamer, zuvorkommender und submisser wird er in der Wahl seiner Ausdrücke, sogar in der Haltung des Körpers, gegen einen hohen Vorgesetzten, als gegen Seinesgleichen, vertraute Freunde und gute Bekannte, ganz anders gegen diese, als gegen Unbekannte, oder gegen Niedere und Untergebene seyn.
Zum Exempel:
Weit gegründetere Ansprüche auf Achtung und nachgiebige Bescheidenheit hat das, unter Erfahrungen aller Art, mit Ehren ergraute Haar des Alters, als der, die kostbarsten Wohlgerüche verduftende Lockenkopf einer vorlauten, gern alles meisternden Jugend. – Es gibt sogar gewisse Stände in der bürgerlichen Gesellschaft: z.B. alte Militäre, Seefahrer, Personen in früheren Hofdiensten und im Lehrfache ergraute Philologen, die im Allgemeinen, mit einer ganz eigenen Schmiegsamkeit in ihre Denkungsart und angenommene Lebensweise behandelt seyn müsssen, was bei Letzteren besonders durch jenen, bisweilen von Kindheit an genährten Glauben, an die Infallibität [Untrüglichkeit, D.Ch.] ihrer Kathederweisheit, noch um vieles vermehrt wird.
Modifizierende Anpassungen also ja, aber nicht um jeden Preis: Im Falle krasser Differenzen können Zumutungen an die „Contenance“ durchaus deutlich markiert und energisch abgewehrt werden:
Nicht weniger Vorsicht zur Vermeidung unangenehmer Reibungen, heischt das Benehmen gegen Künstler überhaupt, besonders Schauspieler, gegen abstracte Stubengelehrte und nur von sich selbst anerkannte Schöngeister, ganz vorzüglich aber gegen die Kaste der Recensenten und Kritiker von Profession, die, wie in Falten versteckte Wanzen, überall juckende Blasen beißen und nach Verdienst abgefertigt, noch aus Rache wenigstens – stinken.
Und anderer Stelle wird der Verfasser noch deutlicher:
Welch ein unaussprechlich süßer Genuß muss es für einen sellbständigen, sich seiner Vorzüge bewußten, independenten und edlen Mann seyn, ein solches Klotz [hier: einen ungebildeten Parvenu] durchaus in keinem Falle, nach einem anderen Maßstabe, als dem seines eigenen Benehmens zu behandeln und ihm dadurch den thörichten Irrthum seiner Voraussetzung, mit männlicher Energie radicaliter zu benehmen, ohne dabei die Grenzen des, nie außer Augen zu setzenden Anstandes zu überschreiten (S. 235).
Wen würde es auf dem Hintergrund solcher Reflexionen und Beispiele nicht reizen, literarische Darstellungen wie die Beschreibung des Verlaufs der heterogen zusammengesetzten Abendgesellschaft und ihrer Plaudereien in Fontanes „Frau Jenny Treibel“ (1892) neu zu lesen?
Literatur
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Bayer, Klaus (1977). Sprechen und Situation. Aspekte einer Theorie sprachlicher Interaktion. Tübingen: Niemeyer.
Cherubim, Dieter (1999). Aggressive Höflichkeit. In: Eggers, Eckhard u.a. (Hrsg.) Florilegium Linguisticum. Festschrift für Wolfgang P. Schmid zum 70. Geburtstag. Frankfurt am Main etc.: Peter Lang, 35–54.
Cherubim, Dieter (2009). Höflichkeitsbalancen. Am Material literarischer Dialoge. In: Ehrhardt/Neuland (2009), 97–113.
Cherubim, Dieter (2011). Höflichkeitskonstruktionen. Der Deutschunterricht 2/2011, 2–12.
Cherubim, Dieter (2016). Historische Sprachvariation: Das Werden der Sprache im Sprachgebrauch. Sprachreport 32/3, 24–33.
Ehrhardt, Claus/Neuland, Eva (Hrsg.) (2009). Sprachliche Höflichkeit in interkultureller Kommunikation und im DaF-Unterricht. Frankfurt am Main: Peter Lang.
Gerdes, Joachim (2011). Konzeptionelle Unhöflichkeit – Loben und Kritisieren in der deutschen Jugendsprache. In: Ehrhardt, Claus/Neuland;Eva/Yamashita,Hitoasi (Hrsg.) Sprachliche Höflichkeit zwischen Etikette und kommunikativer Kompetenz. Frankfurt am Main: Peter Lang, 175–188.
Haase, Martin (2004). Die Grammatikalisierung von Höflichkeit. In: Der Deutschunterricht 5/2004, 60–69.
Heringer, Hans-Jürgen (2009). Duzen und Siezen revisited. In: Ehrhardt/Neuland (2009), 61–75.
Krumrey, Volker (1984). Entwicklungsstrukturen von Verhaltenstandarden. Eine soziologische Prozessanalyse auf der Grundlage deutscher Anstands- und Manierenbücher von 1870–1970. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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Verbale Höflichkeit in der Übersetzung
Literarische Beispiele aus dem 19. Jahrhundert
Heinz-Helmut Lüger
Verbal politeness normally entails certain aspects of relationship handling. A communicative exchange requires not only anticipation of the constellations between the partners involved, but also strategies in order to influence or to make clear the image of the interlocutors. The contribution deals with fundamental functions of face-work and seeks to illustrate this through literary dialogues taken from novels of Theodor Fontane. The analysis focusses, above all, on problems that may arise from translations into French, and offers information on how polite behaviour is influenced by social and cultural factors during the period in question.
1. Theodor Fontane als Sprachvirtuose
Die Übersetzung literarischer Texte erfordert in der Regel mehr als nur eine wortgetreue Übertragung von Ausgangstexten. Dies gilt vor allem dann, wenn sich die gegebenen Äußerungen nicht auf einen reinen Informationstransfer beschränken lassen, sondern auch Merkmale emotionaler Befindlichkeit, sozialer und regionaler Herkunft oder altersmäßiger Gruppenzugehörigkeit aufweisen. Weitere Schwierigkeiten können sich insofern ergeben, als bestimmte sprachstilistische Besonderheiten oder Verweise auf kulturspezifische Realien eine entsprechende Wiedergabe in der Zielsprache erschweren bzw. ausschließen. Übersetzen geht also meist über ein einfaches Umkodieren hinaus, im Falle literarischer Texte dürfte dies sogar die Regel sein. Es kann im wesentlichen nur darum gehen, zwischen ausgangs- und zielsprachlichen Äußerungen jeweils eine Art kommunikativer Gleichwertigkeit herzustellen, und zwar auf der Ebene der betreffenden Texte insgesamt (und nicht auf der Ebene der sprachlichen Mittel). Wichtig ist dabei, das soziale und kulturelle Umfeld, in dem ein Text erstellt wurde, und die Bedingungen, unter denen sprachlich gehandelt wird, von vornherein mitzureflektieren und auf diese Weise eine – wie Coseriu (1981: 43) es schlagwortartig nennt – „Invarianz des Textinhalts“ anzustreben.1
Mit Blick auf Theodor Fontane erhalten diese Bemerkungen zusätzliches Gewicht, da es sich hier um einen Autor handelt, für den die Thematisierung von Sprache und Sprachverhalten eine zentrale Rolle spielt. Dies gilt ebenfalls für seine Romane. Ganz generell dienen sprachliche Verhaltensweisen sowohl der Charakterisierung einzelner Protagonisten als auch der Darstellung und Abgrenzung verschiedener gesellschaftlicher Milieus, als Zeichen für Kultiviertheit, Bildung, Kreativität oder aber als Indiz für Überheblichkeit und peinliche Niveaulosigkeit. Einige Figuren sind mit einer markanten Sensibilität für Sprachliches ausgestattet. Nicht selten werden Handlungsabläufe unterbrochen, um metakommunikativen Kommentaren mit Problematisierungen des sprachlichen Ausdrucks Raum zu geben. Sprache und Stil rücken somit nicht nur in der Figurenrede, sondern ebenso im Erzählertext immer wieder in den Vordergrund.2
Fontane gehört bekanntlich zu den Autoren, die sich um eine starke Annäherung an den alltäglichen Sprachgebrauch bemühen. Dies zeigt sich vor allem in den gesprochenen Passagen der Protagonisten, wo z.B. mit dialektalen Ausdrücken, Registerwechseln oder mit verschiedenen syntaktischen Mitteln ein möglichst realistisches, d.h. zeit-, schicht- und situationsspezifisches Bild vom mündlichen Sprachverhalten erzeugt werden soll. Das Gespräch wird gleichsam, so Preisendanz (1984: 473), zum „beherrschenden Medium der Wirklichkeitsmodellierung“. Trotz eines solchen Bestrebens bleibt jedoch festzuhalten: Die in den Romanen vorgestellte Mündlichkeit ist immer nur eine fingierte bzw. simulierte. Eine auch nur annähernd komplette Wiedergabe alltagsweltlicher Gesprächsstrukturen (etwa mit simultanem Sprechem, Rückmeldepartikeln oder Selbst- und Fremdkorrekturen) würde für literarische Texte als unangemessen gelten; andererseits schafft die zugrundeliegende fiktionale Bezugswelt auch Freiräume für Verbalisierungsmöglichkeiten jenseits zweckrationaler Handlungsbedingungen.
In diesem Rahmen ist nun ebenfalls der Ausdruck sprachlicher Höflichkeit anzusiedeln. Wie bringen die Kommunikationsbeteiligten ihre Beziehung zueinander zum Ausdruck, wie regulieren sie diesbezügliche Veränderungen? In welcher Form wird wechselseitige Respektbezeugung signalisiert? Welche Verfahren kommen in Frage, um Gesichts- oder Imagebedrohungen zu vermeiden oder abzumildern, wie wird auf Gesichtsverletzungen reagiert? Mit welchen Mitteln lassen sich Erwartungen an das Partnerimage bestätigen, wie können Sprecher das Gewähren von Freiraum und Distanz bestätigen oder einschränken?3 Für all diese Fragen und den Einsatz von Höflichkeitsstrategien kommen in den Fontane-Romanen vor allem die folgenden Bereiche in Betracht (vgl. Abb. 1):

Abb. 1: Simulierte Mündlichkeit und Bereiche verbaler Höflichkeit
1 SprechstileMit dem Einsatz dialektaler Elemente und der Kontrastierung zum Hochdeutschen wird nicht nur Lokalkolorit vermittelt; oft handelt es sich auch um ein Verfahren zur Herstellung kommunikativer Nähe, zur Markierung von Schichtzugehörigkeit, von Überlegenheit oder Unterlegenheit. Ebenso kann der Rückgriff auf vorgeprägtes Sprachgut, auf floskelhafte Ausdrücke unter bestimmten Bedingungen einen Imageverlust oder eine soziale Herabstufung zur Folge haben.
2 Dissens-RegulierungEin geradezu privilegiertes Feld höflichkeitsrelevanter Kommunikation stellt die Aushandlung kontroverser Positionen dar; hier ist die Beziehung zwischen den Partnern fast immer mit im Spiel, ein Umstand, der im allgemeinen das Vorkommen abschwächender oder zurückweisender Maßnahmen zum Schutz des positiven Gesichts wahrscheinlich macht. Beispiele für den entgegengesetzten Fall der Selbstdemontage sind seltener.
3 Phraseme, ZitateFontane gilt nicht zuletzt als ein Meister der kreativen Verwendung phraseologischer Ausdrucksmittel: Auf diese Weise lassen sich z.B. bestimmte Romanfiguren – besonders im Falle von Modifikationen oder anspielungsreich in die Rede eingefügter Zitate und geflügelter Worte – leicht als originell, literarisch gebildet und gesellschaftlich hochgestellt charakterisieren.
4 Fremdsprachen-EinsatzAuch das Vorkommen fremdsprachlicher Elemente ist alles andere als zufällig, vielfach ist es ebenfalls ein Signal der Status-Differenzierung. So deutet der Rückgriff auf französische Wortverbindungen in der Regel darauf hin, einen Sprecher als dem Bildungsbürgertum oder dem Adel zugehörig auszuweisen bzw. ihm den elitären Konversationston der Salons zuzuschreiben; dagegen steht das Englische eher für das Aufkommen einer neuen, modernen Zeit.
Alle genannten Merkmale, darauf sei noch hingewiesen, sind in ihrer textuellen Funktion abhängig von der konkreten „Dosierung“ und von ihrer kommunikativen Einbettung. Insofern können sie Höflichkeitseffekte jeweils verstärken oder abschwächen, die Protagonisten aufwerten, als normenkonform präsentieren oder unter Umständen auch der Lächerlichkeit preisgeben.
2. Höflichkeit und Übersetzbarkeit
Wie eingangs bereits angedeutet, beschränkt sich das Bedeutungspotential sprachlicher Äußerungen längst nicht immer nur auf die Ausführung einer einzigen sprachlichen Handlung. Selbst bei vermeintlich unprätentiösen Aussagen schwingen nicht selten Momente der Selbstdarstellung oder Impulse der Beziehungsgestaltung mit. Sandig (1978) spricht in dem Zusammenhang von ‚Zusatzhandlungen‘:
„Zusatzhandlungen können als weitere, aber nicht konstitutive Teile den Sprechhandlungen hinzugefügt werden“. (1978: 84)
Was im einzelnen als Haupt- oder Zusatzhandlung gilt, ist eine Frage der Äußerungsinterpretation. Für Übersetzungen stellen Zusatzhandlungen und ihr Bezug zur übergeordneten Handlung eine besondere Herausforderung dar. Dies sei an einem einfachen, von Knapp-Potthoff (1992: 208) übernommenen Sprachmittlungs-Beispiel illustriert:
1 Ehm, tut mir leid, dass ich da drängen muss. Aber ich brauch’s wirklich ganz dringend.
2 He says it’s urgent.
B reduziert als Sprachmittler die Äußerung von A auf den aus seiner Sicht wesentlichen Punkt, die Betonung der Dringlichkeit einer zuvor formulierten Bitte. Dabei fallen mehrere abschwächende, gesichtsschonende Komponenten unter den Tisch: die Verzögerungspartikel (ehm), die Bedauerns-Bekundung (tut mir leid), der akzeptanzstützende Glaubwürdigkeitsappell (brauch’s wirklich ganz dringend). Als Test zur Unterscheidung von Zusatz- und Haupthandlung kann die Umstellprobe dienen. An die obige Äußerung von A anschließend, wäre paraphrasierbar:
,Der Sprecher A insistiert mit seiner Bitte – und bringt außerdem zum Ausdruck, in welchem Maße er diese als dringend bewertet und inwieweit er den Eingriff in die Handlungsfreiheit des Adressaten bedauert.’
Eine umgekehrte Reihenfolge wäre kaum denkbar, die Bewertung der Bitte und die Signalisierung des Bedauerns sind als Zusatzhandlungen hier eindeutig nachgeordnet.
Bei der Übertragung in eine Zielsprache ergibt sich oft das Problem, Formulierungen finden zu müssen, die nicht nur als als Wiedergabe der Haupthandlung, sondern auch als adäquate Entsprechung der Zusatzhandlung(en) gelten können. Dies ist bekanntlich in vielen Fällen nur schwer oder gar nicht möglich. Dieser Gedanke soll nun anhand literarischer Auszüge weiter vertieft und veranschaulicht werden. Alle Belege sind dabei den Fontane-Romanen Irrungen, Wirrungen (1888) und Frau Jenny Treibel oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“ (1892) entnommen.1 Der folgende Beleg liefert erste Hinweise auf die in dieser Hinsicht möglichen Schwierigkeiten:
| (1) | (a) [Frau Nimptsch:] Und nu rücken Sie ’ran hier, liebe Frau Dörr, oder lieber da drüben auf die Hutsche … […] (Irrungen, Wirrungen I, 5) | (b) [madame Nimptsch :] Bon, et maintenant approchez-vous donc, ma chère madame Dörr, ou plutôt non : mettez-vous là-bas sur le tabouret5. […] (Errements et tourments I, 62) |
Ohne Frage handelt es sich in (1) um eine vertrauensvolle Bitte, nämlich um die Einladung an eine Gesprächspartnerin, umstandslos und direkt neben der Sprecherin Platz zu nehmen. Beiden Redebeiträgen kann man also das allgemeine Handlungsmuster Aufforderung zuordnen:

Abb. 2a: Zuschreibung eines gemeinsamen Handlungsmusters
Doch weisen die Äußerungen auch Unterschiede auf. So wird in (1a) eine nähesprachliche Formulierung gewählt, die mit den mündlichen Kurzformen nu, ’ran und dem dialektalen Hutsche (‚kleine Fußbank‘, ‚Schemel‘) ein hohes Maß an Vertrautheit und Informalität signalisiert. Im Vergleich dazu erscheint die französische Version deutlich distanzierter: Es fehlen die Mündlichkeitssignale (allenfalls die Partikel donc könnte man als in diese Richtung gehend auffassen), das direktive « et maintenant approchez-vous » drückt eher Formalität aus als „nu rücken Sie ’ran hier“, die Negation in « ou plutôt non : mettez-vous là-bas » hat im Ausgangstext keine Entsprechung, der Berlinismus Hutsche ist nicht übersetzbar und wird mit dem standardsprachlichen, nicht ganz äquivalenten Lexem tabouret (‚Hocker‘) wiedergegeben und außerdem um eine erklärende Fußnote ergänzt.

Abb. 2b: Zentrales Handlungsmuster und höflichkeitsspezifische Zusatzhandlungen
Es gibt hier also Zusatzhandlungen, die verschiedenen Ebenen zuzuordnen sind (Abb. 2b): Mit der Verwendung des Berlinismus wird z.B. auf der Ebene der Selbstdarstellung eine regionale und soziale Markierung vorgenommen. Darüber hinaus zeigt die Art der Diktion bezüglich der Beziehungsgestaltung ein Bemühen um kommunikative Nähe, wobei der deutsche Ausgangstext dies stärker betont als die französische Übersetzung; letzteres gilt ebenso für die Ebene der Kommunikationsmodalität, wo die etablierte vertraute Informalität in der deutschen Fassung wiederum deutlicher ausfällt. Hinsichtlich der ablaufregulierenden Funktion, der Textorganisation, kann man die zitierte Äußerung als Eröffnung, als Anbahnung eines längeren vertrauten Gesprächs betrachten.
Wie oben skizziert, ist die Art der Herstellung von Informalität und von kommunikativer Nähe sowie insgesamt die Modulierung der direktiven sprachlichen Handlung durch Zusatzhandlungen an dieser Stelle kennzeichnend für die Imagearbeit und für die Signalisierung höflicher Kommunikationsgestaltung. Und in der Hinsicht ergeben sich bei der Übertragung in eine andere Sprache mehr oder weniger zwangsläufig oft Divergenzen (vgl. in Abb. 2b die schattierten Felder, für die in der Übersetzung Reduktionen auftreten). Diese Beobachtung sei im Folgenden anhand weiterer Beispiele präzisiert.
3. Beziehungsgestaltung in der Übersetzung
In seinem Roman Frau Jenny Treibel führt Fontane eine ganze Reihe von Kommnunikationssituationen vor, in denen die Aushandlung von Positionen und Beziehungen im Mittelpunkt steht. Es ist geradezu eine Konsequenz der Figuren-Konstellation, wenn hier Vertreter unterschiedlicher Milieus und Stände ihr Selbstbild und ihre Erwartungen bezüglich gesellschaftlicher Wertschätzung zur Schau stellen und versuchen, Abgrenzungen und Imageansprüche in der Auseinandersetzung mit Gegenspielern geltend zu machen und durchzusetzen. Gegensätze zwischen Adel und Emporkömmlingen, zwischen Besitz- und Bildungsbürgertum, zwischen Herrschafts- und Dienerfiguren bilden daher einen omnipräsenten Hintergrund für den häufig kontrovers und asymmetrisch gestalteten Dialog zwischen diesen Welten.
Ein anschauliches Beispiel bietet in Frau Jenny Treibel die Verlobungs-Kontroverse, an der mehrere Protagonisten mit ihrer speziellen Vorstellung von gesellschaftlich angemessenem Redeverhalten beteiligt sind: zuallererst die Kommerzienrätin Jenny Treibel, dann der Gymnasialprofessor Schmidt, seine selbstsichere Tochter Corinna und schließlich auch die Haushälterin Schmolke. Ein erster Beleg ergibt sich bereits aus dem Gebrauch der nominalen Anredeformen (und ihrer Übersetzungen, s. Abb. 3):

Abb. 3: Nominale Anrede und Sprecherbeziehung
Im Wissen um den Geltungsdrang der aus recht bescheidenen Verhältnissen stammenden Jenny Treibel werden im Hause Schmidt durchweg ehrerbietige und statusorientierte Anredeformen verwendet: Die Hausangestellte benutzt den Titel Frau Kommerzienrätin (XIII, 174), den Jenny dank der Position ihres Mannes für sich Anspruch nimmt, und Schmidt wie auch seine Tochter wählen die formelle und aufwertende Form meine gnädigste Frau (XIII, 175ff.), das vor allem, so lange es um eine ernste Auseinandersetzung geht. In vertrauterer Situation, z.B. bei der Begrüßung oder Verabschiedung, kann es auch liebe Freundin oder mein lieber Freund heißen. Die französischen Entsprechungen bestätigen zwar das Bemühen um Distanzwahrung, allerdings nur in einem abgemilderten Maße: Die Formel chère Madame ist weniger formell als meine gnädigste Frau, und die Bezeichnung Conseillère de commerce hat im Französischen überhaupt keine Bedeutung, wie ihm der preußische Ehrentitel Kommerzienrat in der Wilhelmischen Zeit zukommt. Dies ist indes kein Versäumnis des Übersetzers, sondern den unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen geschuldet; der Leser kann die Art der Beziehungsgestaltung zwischen den betreffenden Protagonisten somit nur über den weiteren Austausch im Dialog erschließen.
Die Formulierung von Vorwürfen und der Ausdruck von Meinungsverschiedenheit bergen leicht die Gefahr von Verletzungen des positiven Gesichts. Auch hierzu liefert die sog. Verlobungs-Kontroverse reichlich Beispielmaterial.
1 (a) [Jenny Treibel:] „[…] und so muß ich denn, zu meinem lebhaften Bedauern, von etwas Abgekartetem oder einer gestellten Falle, ja, Verzeihung, lieber Freund, von einem wohlüberlegten Überfall sprechen.“(b) Dies starke Wort gab dem alten Schmidt nicht nur seine Seelenruhe, sondern auch seine gewöhnliche Heiterkeit wieder. Er sah, daß er sich in seiner alten Freundin nicht getäuscht hatte, daß sie, völlig unverändert, die, trotz Lyrik und Hochgefühle, ganz ausschließlich auf Äußerlichkeiten gestellte Jenny Bürstenbinder von ehedem war und daß seinerseits, unter selbstverständlicher Wahrung artigster Formen und anscheinend vollen Entgegenkommens, ein Ton superioren Übermutes angeschlagen […] werden müsse. […](c) [Schmidt:] „Ein Überfall, meine gädigste Frau. Sie haben vielleicht nicht ganz unrecht, es so zu nennen.(d) […] Erlauben Sie mir, gnädigste Frau, daß ich den derzeitigen Junker generis feminini herbeirufe, damit er seiner Schuld geständig werde.“ (Frau Jenny Treibel XIII, 175)
Jenny Treibel macht Prof. Schmidt ihre Aufwartung, um gegen die heimliche Verlobung seiner Tochter Corinna und ihres Sohnes Leopold zu protestieren (2a). Ihre Vorwürfe sind durchaus schwerwiegender Natur, ungeachtet der formelhaften Abschwächungsversuche (zu meinem lebhaften Bedauern; ja, Verzeihung, lieber Freund), sie lassen sich in Form einer dreischrittigen Klimax mit folgenden negativwertenden Bezeichnungen wiedergeben: etwas Abgekartetes → gestellte Falle → wohlüberlegter Überfall. Die genannten Ausdrücke stellen für den Adressaten, den alten Schmidt, ohne Zweifel einen massiven Angriff auf das positive Gesicht dar und würden normalerweise eine deutliche Zurückweisung als Gegenreaktion provozieren. Dieser Erwartung entspricht der Text jedoch nicht, im Gegenteil: Der so Angegriffene reagiert gelassen und, in Rückbesinnung auf die Herkunft Jennys, aus einer Position der Überlegenheit heraus und in einem „Ton superioren Übermuts“ (2b). Dieser Haltung folgend, kommt Schmidt seiner Kontrahentin zunächst entgegen und zeigt, zumindest nach außen hin, sogar Verständnis bezüglich der Vorwürfe (2c). Für den Leser ist aufgrund des Erzählerkommentars jedoch klar: Der Sprecher versucht, auf humorvolle und unernste Weise zu antworten und so zur Entspannung der Situation beizutragen. Dies gilt auch für den abschließenden Vorschlag (2d).

Abb. 4: Vorwurf, Beschwichtigung, Gesichtsbedrohung
Mit Periphrasen wie seiner Schuld geständig werden und Junker generis feminini signalisiert Schmidt, nicht in erster Linie und nicht allein auf eine Klärung in der Sache aus zu sein. Für ihn kommt es vor allem darauf an, sich als überlegen, gebildet und über den Dingen stehend zu zeigen; in diesem Sinne ist auch seine gekünstelte Ausdrucksweise mit dem Rückgriff auf das Lateinische zu verstehen: Jenny Treibel soll gleichsam bereits sprachlich in die Schranken gewiesen werden. Der Professor Schmidt führt (neben den genannten Momenten der Selbstdarstellung und Beziehungsgestaltung) außerdem eine spöttisch-distanzierte Kommunikationsmodalität ein, die die gesamte Auseinandersetzung entkrampfen und den Beteiligten ein Abrücken von ihren kontroversen Standpunkten ohne größeren Gesichtsverlust erleichtern soll. Dieses Bemühen kommt in den Formulierungen der französischen Version nur sehr eingeschränkt zur Geltung (Abb. 4): Da die periphrastischen Wendungen aus (2d) in dieser Form nicht wiedergebbar sind – confesser sa faute ist ein unmarkierter standardsprachlicher Ausdruck, und chevalier moderne du sexe féminin dürfte eher als umständliche Konstruktion gelten, weniger als originelle oder gebildet klingende Bezeichnung – kommen auch Zusatzhandlungen, wie sie der ausgangssprachlichen Äußerung zuschreibbar sind, nicht weiter in Betracht.
Ein häufig thematisiertes Motiv bei Fontane ist die Frage des gesellschaftlichen Aufstiegs. So gilt zum Beispiel Jenny Treibel als typische Vertreterin der Parvenüs und Emporkömmlinge: Ihre Position verdankt sie ausschließlich dem wirtschaftlichen Erfolg ihres Mannes, leitende Ziele für sie sind: materielle Vorteile und die damit verknüpfte soziale Anerkennung. Die Verlobung ihres Sohnes versucht sie nur deshalb zu hintertreiben, weil keine nennenswerte Mitgift zu erwarten ist. Aus Leserperspektive überrascht insofern nicht, wenn ein solches Verhalten verstärkt zum Ausgangspunkt für Kritik und Spott wird. Hieran ändern auch gesichtsschonende, höflichkeitsorientierte Maßnahmen Schmidts wenig, zumal das Geschehen auf der Figuren-Ebene für den Text-Rezipienten mehr als durchsichtig erscheint. Wie schon in (2) wird dies ebenfalls im folgenden Auszug (3) überdeutlich:
1 (a) [Jenny Treibel:] „[…] Impietät ist der Charakter unsrer Zeit.“(b) Schmidt, ein Schelm, gefiel sich darin, bei dem Wort „Impietät“ ein betrübtes Gesicht aufzusetzen. „Ach, liebe Freundin“, sagte er, „Sie mögen wohl recht haben, aber nun ist zu spät. Ich bedaure, daß es unserm Hause vorbehalten war, Ihnen einen Kummer wie diesen, um nicht zu sagen eine Kränkung anzutun. Freilich, wie Sie schon sehr richtig bemerkt haben, die Zeit… alles will über sich hinaus und strebt höheren Staffeln zu, die die Vorsehung sichtbarlich nicht wollte.“(c) Jenny nickte. „Gott beßre es.“(d) „Lassen Sie uns das hoffen.“(e) Und damit trennten sie sich. (Frau Jenny Treibel XIII, 180)
Während sich Jenny Treibel wegen des selbstsicheren Auftritts von Corinna, der Tochter Schmidts, beklagt und dies u.a. mit dem gemeinplatzartigen Impietät ist der Charakter unsrer Zeit zum Ausdruck bringt (3a), geht Schmidt in seiner Replik (3b) scheinbar auf die Vorwürfe ein, zeigt vordergründig Verständnis für die Einwände, bekundet sein Bedauern und spricht sogar von Kummer und Kränkung. Gewissermaßen im Schutz eines solchen Reparaturversuchs folgt sodann mit „alles will über sich hinaus und strebt höheren Staffeln zu“ eine Formulierung, die man als zweifachadressiert betrachten kann: Aus der Sicht Jennys handelt es sich um eine Verallgemeinerung, die die Entschuldigungs-Sequenz fortführt und mit einer Erklärung abschließt – zumindest die Quittierung in (3c) bestätigt ein solches Verständnis. Andererseits, und für den Leser dürfte das aufgrund verschiedener Erzählerkommentare naheliegend sein, ist die Äußerung als massive Kritik Jennys interpretierbar, und zwar wegen ihres geradezu obsessiven Aufstiegsstrebens. Die vermeintliche Rücknahme einer gesichtsbedrohenden Handlungsweise entpuppt sich damit als eine gezielte und ungeschminkte Imageverletzung, wobei jedoch die betroffene Person weit davon entfernt ist, die ihr zugedachte Demontage als solche überhaupt wahrzunehmen. Für den Rezipienten mag sich aus einer derart vorgeführten Unhöflichkeit, verbunden mit der Diskrepanz im Äußerungsverstehen, eine zusätzliche Quelle für Lesevergnügen und Selbstbestätigung ergeben1 – das umso mehr, als vergleichbare Situationen vom Romanautor ja keineswegs zufällig angebahnt werden.
Betrachtet man nun, wie bestimmte Formulierungen ins Französische übersetzt werden, ergibt sich wiederum der Eindruck einer gewissen Bedeutungsreduktion (Abb. 5).

Abb. 5: Aufstiegsmetaphorik und Bedeutungsreduktion
Jenny Treibel orientiert sich an einer vertikalen Schichtung der Gesellschaft; ihr großes Ziel ist es, möglichst schnell die nächsthöhere Stufe zu erreichen. Insofern erscheint die Wortwahl, wenn es um die Charakterisierung ihres Verhaltens geht, überaus konsequent:
| – höher hinaufrücken (XII, 156f.) | → ne pas aller plus loin (518) |
| – höher hinaufschrauben (XII, 163) | → viser un peu plus haut (522) |
| – über sich hinaus wollen (XII, 180) | → vouloir sortir de sa classe (535) |
| – höheren Staffeln zustreben (XII, 180) | → aspirer à un état plus élevé (535) |
Den teilweise phraseologischen Ausdrücken des Ausgangstextes kommt durchweg das Merkmal ‛nach oben gerichtet’ zu; die französischen Entsprechungen geben das nur zum Teil wieder, ein Phänomen, das auch in (3b) die Bedeutungsreduktion (und damit die geringere Markiertheit der Imageverletzung) ausmacht.
Zu den problematischen Fällen gehören für den Übersetzer ebenfalls fremdsprachige Elemente, z.B. einzelne Ausdrücke, Redewendungen, geflügelte Worte, Zitate. Wie soll der jeweilige Codeswitching-Effekt übertragen werden? Hierzu sei abschließend noch folgender Beleg aus Irrungen, Wirrungen angeführt:
1 (a) [Serge:] „[…] Aber Scherz beiseite, Freund, eines ist Ernst in der Sache: Rienäcker ärgert mich. Was hat er gegen die reizende kleine Frau. Weißt du’s?“(b) [Pitt:] „Ja.“(c) [Serge:] „Nun?“(d) [Pitt:] „She is rather a little silly. Oder wenn du’s deutsch hören willst: sie dalbert ein bißchen. Jedenfalls ihm zuviel.“ (Irrungen, Wirrungen XVIII, 131f.)
In dem zitierten Auschnitt geht es um eine Einschätzung der neuen Lebensgefährtin Botho von Rienäckers: Während Serge eine positive Meinung vertritt, äußert Pitt ein eher skeptisches Urteil, wie es in der despektierlichen Äußerung (4d) zum Ausdruck kommt. Mit dieser eindeutig negativen Bewertung setzt letzterer auch sein eigenes Image aufs Spiel, trotz der zunächst abmildernden englischen Formulierung. Indem er jedoch anschließend seine Einschätzung bekräftigt („wenn du’s deutsch hören willst…“), wird schließlich jeder Zweifel beseitigt, eine Eindeutigkeit, die in dieser Form in der Übersetzung nicht besteht (s. Abb. 6):

Abb. 6: Selbstdarstellung und Imagegefährdung
Es erstaunt, die Formulierung „wenn du’s deutsch hören willst“ (im Sinne von: ‛um es ganz deutlich zu sagen’) wörtlich übertragen und mit der französischen Aussage „elle bêtifie un peu“ kombiniert zu finden; hier dürfte eine Fehlinterpretation des Übersetzers vorliegen, was dann auch das Imagegefährdende der betreffenden Äußerung fraglich macht. Dagegen ist die Wiedergabe des Regionalismus dalbern (‛sich albern, kindisch verhalten’) nur begrenzt möglich, bêtifier entspricht allerdings dem semantischen Kern.
4. Fazit
Die besprochenen Beispiele beleuchten schlaglichtartig die semantisch-pragmatische Komplexität vieler Dialoge in den Fontane-Romanen. Dies dürfte einerseits mit dem Bemühen Fontanes zusammenhängen, die gesprochene Sprache möglichst wirklichkeitsgetreu nachzuempfinden. Andererseits sorgt das Bestreben, ebenso die soziale Milieu-Zugehörigkeit, bestimmte regionale Unterschiede, verschiedene Bildungsniveaus und überhaupt die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts einzubeziehen, für eine starke Ausdifferenzierung des Sprachverhaltens der beteiligten Protagonisten.
Vor diesem Hintergrund ist auch die Ausprägung verbaler Höflichkeit zu sehen. Die obigen Ausführungen sind keineswegs ein Beleg für die These, Höflichkeit sei prinzipiell unübersetzbar. Sie zeigen aber gleichwohl, wie sinnvoll es möglicherweise ist, Höflichkeitsaspekte relativ zu speziellen Handlungsbereichen zu untersuchen und sie von vornherein mehreren Textbildungsebenen zuzuordnen. Als zielführend erweist sich in dem Zusammenhang, grundsätzlich zwischen Haupt- und Zusatzhandlungen zu unterscheiden: Die Signalisierung von Höflichkeit geschieht häufig in Form einer Modifikation übergeordneter Handlungen wie MITTEILEN, AUFFORDERN oder BEWERTEN und kann die Ebenen der Selbstdarstellung, Beziehungsgestaltung, Kommunikationsmodalität und der Text- oder Ablauforganisation betreffen. Und genau hier dürfte das zentrale Problem für die Übersetzung von als höflich wahrgenommenen Äußerungen liegen. Es ist vielfach schwierig oder gar unmöglich, in der Zielsprache Äquivalente zu finden, die nicht nur die gegebene Haupthandlung übertragen, sondern auch den jeweils mitgemeinten Zusatzhandlungen entsprechen. Dies zu veranschaulichen, sollte das Ziel des vorliegenden Beitrags sein.
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Aktuelle Tendenzen
Der face-Begriff im Schnittpunkt zwischen politeness und facework. Paradigmatische Überlegungen
Gudrun Held
This paper revisits the concept of face as it is constituted in the politeness-theories following Brown’s & Levinson’s seminal work. Considered as being in a causal interrelation with politeness, face gets the key-notion of modern socio-pragmatics throughout its different paradigmatic stages. The assumption of the famous dichotomic wants (positive vs. negative face) enables linguistic research to turn a supposed inside of values into an outside of verbal strategies directed to rapport management and conflict avoidance. This leads to the one-sided equation between face and politeness which, in recent literature, is getting however more and more contested by opening up the view from the culturally driven concept of politeness to the more generally definable concept of facework. Referring to the recent development of this discussion the paper argues that face and politeness are matters of their own right based on fundamental differences in the a) terminological practice, b) social-semantic content, c) ontological status, and d) theoretical conceptualisation.
Mit der Pionier-Arbeit von Penelope Brown und Stephen Levinson 1978/87 hat das politeness-Paradigma in der linguistischen Pragmatik unaufhaltsam Einzug gehalten, gibt es doch eine plausible theoretische Basis ab zur Erklärung der Mechanismen sozialer Interaktion. Da diese vor allem in der Sprache empirisch greifbar sind, wird das Paradigma in den verschiedensten Sprach- und Kulturgemeinschaften quer über den Globus auf die verschiedensten Kommunikationssituationen angewandt und macht somit ‚Höflichkeit‘ zu jenem scheinbar vergleichbaren Referenzbereich, der Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Strategien, Prinzipien und (Un)Regelmäßigkeiten sozialen Handelns aufdeckt und zu erklären sucht. Im Lichte universaler, aber traditionsgeprägter Sozial-Ethik gerät das kooperative Verhalten ins Zentrum der Aufmerksamkeit und wird anfänglich an zahlreiche sprachliche Verfahren gebunden, die auf eine weitgehend harmonische Beziehungsgestaltung ausgerichtet sind und kommunikative Konflikte entsprechend zu vermeiden suchen. Ja, wie Kerbrat-Orecchioni (1992, 160) zusammenfassend sagt, solcherart „Beziehungszeichen“ „font système“ – sie machen plötzlich – oft im Zusammenhang mit paraverbalen Phänomenen – sozialen Sinn. Dieser kann allerdings nur im größeren kulturellen Rahmen, im darin verankerten situativen setting und da vor allem in Bezug auf die jeweilige kommunikative Beziehung bemerkt, erfasst und interpretiert werden. So erkennt die linguistische Forschung schnell, dass nicht die sprachlichen Formen per se ‚höflich‘ sind, sondern die sozialisierten Subjekte, indem sie ihre kommunikativen Handlungen gemäß den in ihrer Kultur üblichen Normen und Konventionen möglichst beziehungs-bewusst ausführen: dabei gilt die wechselseitige Wahrung des face als jene Richtlinie, die solche und viele andere sprachliche Formen als strategische Mittel zur situationsadäquaten Modalisierung ihrer Handlungen rechtfertigen. Die Gründe für die Art und Weise, wie Handlungen jeweils verbalisiert werden, sind somit sozial-anthropologischer Natur; die jeweilige Regelung sowie die Wahrnehmung ihrer Wertigkeit bedürfen aber eines Bewertungsmaßstabs, der kulturimmanent festgelegt und als solcher unbewusst verankert ist.
Das ‚fuzzy concept‘ der politeness1 bietet sich als Meta-Konzeption scheinbar sprach-übergeordnet an, diesem Spagat gerecht zu werden: es steht für gewisse ethisch unterlegte Grundtendenzen mit Universalitätsanspruch, lässt jedoch (sozio-)semantisch kulturspezifische Ausprägungen und Ausdeutungen sowie entsprechende Übersetzungen zu. Die (sozio)-pragmatische Polymorphie dieses alltagsweltlich so geläufig scheinenden Konzepts lässt das Paradigma allerdings schnell in ein vielschichtiges Fangnetz theoretischer und methodologischer Probleme geraten: Analytisch dem sich ständig wandelnden Spannungsverhältnis zwischen Formen und Funktionen ausgesetzt, bedarf es sowohl der Objektivierung der intersubjektiven Vielfalt sowie der Neutralisierung der ethischen Wertmaßstäbe, als auch der Anerkennung von deren situativer Variation und der Beachtung sozio-kultureller Einflüsse; kurz, es braucht ein Modell, das emisch und etisch gleichermaßen Relevanz hat und sich demnach als für alle Kulturen operabel erweist.
Diesem Dilemma versucht die Forschungsdiskussion in den frühen 90er Jahren durch terminologische Ausdifferenzierung beizukommen: es wird vorgeschlagen zwischen politeness 1, dem kultur-immanenten Alltagsverständnis von Höflichkeit, und politeness 2, der modell-theoretischen Abstraktion zur wissenschaftlichen Erklärung von sozialer Interaktion i.a., zu unterscheiden (Eelen 2001, Watts 2003, Haugh 2012a). Damit sollte das, was Laien landläufig unter Höflichkeit verstehen, grundsätzlich theoretisch erklärbar werden, d.h. es wird ein Inklusionsverhältnis postuliert, nach dem politeness 2 immer politeness 1n enthalten müsse. Wie groß auch immer der Erkenntnisgewinn aus dieser epistemologischen Unterscheidung in der weltweit ungebrochenen Anwendung des politeness-Paradigmas ist, sie hält eine Diskussion in Gang, die vor allem um die Problematik zwischen Universalität und Kulturspezifik kreist. Der Ruf nach Kritik und Revision verebbt auch nicht durch die verschiedenen paradigmatischen Wendepunkte hindurch, indem sich der kritische Blick der Forscher schärft und zwar von einer anfangs normativ orientierten Höflichkeits-Konzeption über die auf die Reaktion der Rezipienten angewiesene diskursive Interpretation bis hin zur interaktionalen Aushandlung, wo die Bedeutungen immer Prozesse gemeinsamer Konstruktionen sind (zu den paradigmatischen Phasen cf. Sifianou 2010, Watts 2010; Locher 2012, 2013).
Meines Erachtens geht es daher im Forschungsdiskurs mittlerweile längst nicht mehr um das, was politeness generell ist und wie sie sprachlich in den einzelnen Kulturgemeinschaften festgemacht werden kann – dies zeigt nicht zuletzt der deutliche turn des Paradigmas hin zum Gegenteil, der impoliteness, die formal und funktional viel klarer fassbar zu sein scheint (Bousfield 2008, Culpeper 2011). Vielmehr stehen andere Grundkonzepte des Modells im Kreuzfeuer, und da besonders der von Goffman übernommene Begriff des face. Das im Paradigma so zentrale face erweckt in letzter Zeit das Interesse kritischer Stimmen (cf. Bargiela/Haugh 2009) und zwar nicht nur als analytisch brauchbare Abstraktion einer Wert-Idee, sondern auch in Verantwortung für zahlreiche davon abgeleitete Konzeptionen, von denen ich facework als essentiell erachte, weil es die Idee des face nach außen zu kehren sucht und an empirisch sichtbaren Handlungen festzumachen scheint.
Diesem Spannungsverhältnis zwischen Innen- und Außenseite, das Goffman mit face und face-work bereits deutlich angedacht hat, möchte ich im Folgenden meine Aufmerksamkeit widmen. In Anknüpfung an die dazu jüngst aufgekommene Diskussion (O’Driscoll 1996, 2007, 2011; Bargiela-Chiappini 2003, Haugh 2009, Sifianou 2011, 2016) versuche ich die Rolle in den Blick zu nehmen, welche der Begriff des face im politeness-Paradigma übernommen hat. Wiewohl politeness nur eine Seite von facework realisiert und damit ein viel engeres Funktions-Konzept darstellt, hat sie das einschlägigere facework scheinbar völlig aus dem ‚Gesichtsfeld‘ verdrängt. Mich interessiert daher das Verhältnis von face und politeness unter epistemologischen und ontologischen Vorzeichen, und ich möchte dazu einige Überlegungen aus semantischer und pragmatischer Sicht anstellen, die ich in früheren Publikationen angestoßen habe (Held 2014, 2016a,b) und die generell auf der grundlegenden Erkenntnis der unabdingbaren Bindung von Sprache an (rational handelnde) Subjekte fußen.
Denn face ist in seiner primären Bedeutung die Kristallisation des Subjekts schlechthin – aufgrund seiner Natur steht der Begriff nicht nur metonymisch für die individuelle Person als Vertreter seiner Kultur und Lebenswelt, sondern wird auch metaphorisch zum Wende- oder Schnittpunkt zwischen deren Innen- und Außenseite, also zwischen Fühlen und Denken zum einen, und Anzeigen und Mitteilen zum anderen.
Diese These lässt sich mit einer klassischen lexikographischen Analyse des Terminus face aus dem lat. FACIES in Kookkurrenz mit dem durchsichtigeren lat. VISUM stützen. Eine nähere Untersuchung des lateinisch-romanischen Repertoires für das Wortfeld ‚Gesicht‘ und seinen deutschen Übersetzungen sowie deren idiomatische Kollokationen hat gezeigt (cf. Held 2016b), dass der lateinische Bezeichnungsbefund zwischen FACIES – VISUM – VULTUS eine klare Differenzierung zwischen dem biologisch-natürlichen, dem sozio-kulturellen (weil gezeigten/erblickten) und dem bewegten, gemachten ‚Gesicht‘ aufweist. Ganz konträr zur Wurzel des engl. face aus FACIES ist das lateinische Perfekt-Partizip VISUM – und in der Folge die Lehnübersetzung ins Deutsche als ‚das Gesichtete‘ – per se ein bildhafter Ausdruck. Indem es die Dialektik von Sehen und Gesehen-Werden wörtlich wider-spiegelt, hat es meines Erachtens genügend metaphorische Kraft, das Soziale als die zentrale Schnittstelle zwischen den Menschen zu erklären. Als der anatomische Sitz der Sinne bzw. des Gehirns hat das Gesicht die intrinsische Fähigkeit anzuschauen; es wird als solches aber immer auch von anderen Gesichtern angeschaut und ist demnach – aufgrund der Mode der meisten Kulturen – das von den Mitmenschen ungehindert und direkt ‚Gesichtete‘.
Ebenso zeigt die Untersuchung der Kollokate des Begriffs an, dass die um face gebildete Idiomatik ursprünglich auf bestimmte ‚Gesichtspraktiken‘ verweist. Diese werden wiederum metaphorisch umgedeutet auf soziale Handlungen, die je nach Selbst- oder Alter-Bezogenheit in Status, Aktionsart und Zweckhaftigkeit sowie kulturspezifischer Auslegung stark differieren. Den Befunden nach lässt sich ontologisch unterscheiden zwischen ‚Gesicht haben‘ vs. ‚Gesicht verlieren‘ und ‚Gesicht machen‘ zum einen, und (jemandem) ‚Gesicht geben‘ (in Form von bedrohen, zerstören, bestätigen, etc.) zum anderen2.
Der englische Begriff face als ‚Gesicht‘ ist somit schon aus kultursemantischer Sicht eine komplexe Einheit aus biographischem Besitz (physiologischer Beschaffenheit), kollektivem Zeichen(system) (ästhetischer Qualität) und kommunikativem Kanal. Zum einen macht das Gesicht als das einzigartige Gut einer Person das Individuum aus; zum anderen ist es auch ein soziales Gut, d.h. es ist immer locus- und beziehungs-determiniert, je nachdem ob und wie es von den Anderen wahrgenommen und bewertet wird. Daher erfüllt es alle semantischen und ‚grammatischen‘ Bedingungen, um vom biologischen zum soziologischen Konzept zu avancieren und sich dort als ein plausibles Instrument zur Erfassung sozialen Handelns i.a. zu etablieren.
Goffman nimmt diesen Bedeutungsradius des face-Begriffs als erster auf und gründet darauf seine bekannten sozialpsychologischen Konzeptionen3. Sie führen erst in der Auslegung von Brown & Levinson 1978/87 zur expliziten Verbindung mit Höflichkeit. Bei Goffman gilt face noch als allgemeiner „positive social value“, der in der sozialen Interaktion zwar richtliniengerecht („in terms of approved social attributes“, Goffman 1967, 222) demonstriert und entsprechend beachtet werden soll. Face ist dabei keineswegs nur auf die konfrontative Begegnung in dyadischer Kommunikation eingeschränkt, wo es sich lediglich als sprachliche Entschärfung bedrohter Interaktanten veräußert. In der bekannten Umschreibung als das „public self image“ hat face vielmehr eine öffentliche Dimension, d.h. es gehört zum Geschick des sozialisierten Ich, Ausdruck und Eindruck stets aufeinander abzustimmen (cf. das berühmte „impression-management“), und dabei – gleichsam wie auf einer Bühne – ein entsprechendes Selbstbild zu etablieren und zu reproduzieren (Image!). Goffman legt sein Konzept auf das handelnde Subjekt hin an, empfindet dieses im Sinne des Symbolischen Interaktionismus Meads aber als projizierte Dualität zwischen I und me (cf. Mead 1967). Er konstruiert damit ein aktives, aber hoch narzisstisches Ich, das kontinuierlich vom „deep rooted concern with what others think of us“ geprägt ist und so vom Blick der Anderen als ein sog. „looking-glass-self“ völlig abhängig zu sein scheint (Haugh 2012b, 48). Aus meiner Sicht wäre face demnach der reflexiv erworbene innere Wert der Person. Er ist gleichsam ein ‚sakrales‘ Gut und daher verehrenswürdig. Diese Verehrung geschieht in der Kommunikation dauernd und zwar durch facework. Facework ist daher der empirische Kanal des face.
Soweit meine Interpretationen von Goffmans Grundgerüst, das grob reduziert werden kann auf die Eindruck-Ausdruck-Relation zwischen face und facework. Indem der ‚Stellen-Wert‘ dieses Eindrucks im sozialen Gefüge immer auf ein Gegenüber angewiesen ist, welches ihn nach normativen Richtlinien (lines) beurteilt, kommen bald moralisch-ethische Aspekte ins Spiel. Kommunikative Begegnungen funktionieren eben dann reibungsfrei, wenn die Interaktanten einander wechselseitig Wertschätzung und Protektion zollen. Die socially attributed aspects of self (Watts 2003:125) werden – unter der idealtypischen Annahme einer dyadischen Kopräsenz rationaler Interaktanten (face to face!) – demonstrativ ausgehandelt und auf diese Weise nachvollziehbar ‚abgebildet‘. Facework, bei Goffman generell verstanden als „the actions taken by a person to make whatever he is doing consistent with face“ (Watts 2003, 125), macht damit face sprachlich nachweisbar; es darf daher zurecht als „the verbal face of face“ angesehen werden (Tracy 1990). Indem es aber Ziel jeder gelingenden Interaktion ist, die soziale Ordnung nach ethischen Prinzipien aufrechtzuerhalten, geraten gerade Momente in den analytischen Blickpunkt, wo es darum geht „to counteract incidents“ und facework als Abwehr von face-Bedrohung zur Rettung guter Beziehungen analytisch dingfest gemacht werden kann. Damit wird zwei Sichtweisen Vorschub geleistet – der defensiven und der protektiven. Beide machen den Konflikt zum kommunikativen Verhandlungsobjekt und bauen darauf ihre theoretischen und methodologischen Konzeptionen auf. Es sind dies in der (linguistischen) Pragmatik die politeness-Theorien, und in der Sozial-Psychologie die face-negociation und face-management-Theorien.4
Ich wende mich hier lediglich den auf Brown & Levinson beruhenden politeness-Theorien zu. Aufgrund ihrer starken Präsenz und globalen Beanspruchung in der modernen Linguistik bringen diese den Terminus face und die davon abhängigen Konzepte in das allgemeine Bewusstsein ein und konstituieren – unter Verlust des Begriffs des faceworks – das scheinbar unabdingbare Verhältnis von face und politeness – ja, zwischen face und ‚Höflichkeit‘ scheint – ungeachtet jeglicher ontologischer Problematisierung – eine zwingende kausale Interdependenz zu bestehen, die meines Erachtens den hohen Anwendungs-Wert des Paradigmas erst ausmacht. Dahinter verbergen sich jedoch zahlreiche Trugschlüsse, die im Folgenden aus meiner Sicht näher zur Sprache kommen sollen.
In den politeness-Theorien wird face zum normativen Bezugszentrum zur Einschätzung des Konfliktpotentials von Handlungen und dem Grad seiner Abfederung. Ohne genau zu definieren, was unter emischen Gesichtspunkten mit face jeweils genau gemeint ist, wird es dennoch zum generellen Maßstab für Höflichkeit und seiner etwaigen sprachlichen Phänomenologie erhoben. Wenn die Grundkonzeption von Brown & Levinson darauf angelegt ist, „to show how degrees of politeness can be expressed and determined in a principled way using the concept of ‚face‘,“ und so „seemingly disparate phenomena found in various languages by universally valid principles“ tatsächlich zu erklären (Matsumoto 2009, xi), dann braucht es einen allgemein gültigen methodisch umsetzbaren Angelpunkt zwischen Theorie und Praxis. Dieser wird mit dem Konzept der face-wants kreiert, d.h. das abstrakte face wird in ein Korrelat an Wünschen bzw. Bedürfnissen umgedeutet, welche jede sozialisierte Person grundsätzlich entwickelt hat, als solche in die jeweilige Kommunikation automatisch einbringt und dort entsprechend befriedigt wissen möchte. Es dürfte also gerade die Annahme der face-wants sein, welche die Praktikabilität des Paradigmas ausmacht, gleichzeitig aber seine problematischen Grundsteine legt, und zwar aus folgenden Gründen:
mit wants wird ein ‚plastischer‘ Wende-Punkt von der ideellen Innenseite auf die manifeste Außenseite etabliert;
die Übersetzung in das dichotomische Korrelat von inneren Werten (positive vs. negative face) in darauf bezogene Handlungs-Strategien (positive vs. negative politeness) macht face inhaltlich greifbar;
derartige Strategien sind nur in einer ongoing communication als wechselseitiger account im turn-Abtausch nachweisbar, wobei Dyadik, Ko-Präsenz und (alltägliche) Mündlichkeit als die idealen Grund- und Bemessensbedingungen gelten;
nachdem die wants besonders unter Bedrohung des kommunikativen Gleichgewichts deutlich werden und gerade dann nach entsprechender ‚Behandlung‘ rufen, eignen sich konfliktäre Handlungen und deren Ausgleich besonders zur Sichtbarmachung von Höflichkeit in Sprachgestalt – nicht mehr face ist demnach der empirische Anhaltspunkt der Paradigmen, sondern der berühmte FTA, der face-threatening act – er avanciert zum idealen Analyse-Forum höflicher Phänomene.
Politeness und face gehen somit scheinbar eine Symbiose ein, welche sich mit dem zunehmenden Einsatz des Paradigmas als Funktions-Form-Korrelat immer mehr festigt. Mit der Entwicklung zu weniger form-gebundenen, sondern diskurs-inhärenten und interaktiv ausgehandelten Auslegungen (s.o.) hin wandelt sich allerdings diese Haltung. Das Verhältnis scheint zu ‚hinken‘ und ist bald dabei, sich unter neuen methodologischen Standpunkten aufzulösen. Die Diskussion weist daher drei Stadien auf:
1 das normative Stadium mit der (anfänglich) unabdinglichen Bindung von politeness an face (Brown & Levinson-Schule), welches als eine universell gültige, moralistisch beeinflusste Richtlinie gilt, die von rationalen ‚Sprechern‘ im Sprachhandeln strategisch erfüllt wird;
2 das interpretative Stadium, wo die Ausformung und Auslegung von sprachlichen Äußerungen im ongoing discourse je nach kultur-spezifischer, beziehungs- und frame-geprägter Sichtweise unterschiedlich erfolgt und eine funktional bedingte Auseinander-Entwicklung bzw. langsame Loslösung von politeness und face bewirkt (Watts 2003, Locher 2008, O’Driscoll 1996, 2007, 2011, Arundale 1999, 2006, 2009, Sifianou 2011, 2016,); und schließlich
3 das ‚interaktionale‘ Stadium, wo die Ablösung bzw. völlige Trennung von face von politeness (man beachte die Reihenfolge der Komponenten!) erfolgt ist und daher das Desiderat besteht, sie „as objects of studies on their own right“ (Haugh 2012b: 53) zu behandeln. Grund dafür ist die stets multiple Natur beider Konzepte und deren immer beziehungs-abhängige, interaktional verhandelbare und stets neu verhandelte Geltung (Spencer-Oatey 2007, 2011; Bargiela Chiappini 2009; Haugh 2009, 2012b; Arundale 2009, 2013).
Dass das Verhältnis zwischen face und politeness also ein höchst problematisches ist, zieht sich durch die ganze politeness-Forschung, ja etabliert dort mittlerweile eine Diskussion (cf. Bargiela/Haugh 2009, Bogdanowska-Jakubowska 2010, 2016), die sich an der Theorie und der Anwendung auf die verschiedensten Daten gleichermaßen entzündet und dort immer wieder angesichts der Spannung zwischen Universalität und Kulturspezifik einerseits und zwischen inneren Wert-Annahmen und äußeren Erscheinungsformen andererseits aufflammt. Sie wird dann besonders eklatant, wenn westliche mit östlichen Wertkonzepten und Umgangsformen verglichen oder miteinander konfrontiert werden. Bei der Untersuchung chinesischer und japanischer Diskurse etwa (Scollon/Scollon 1994, Morisaki/Gudykunst 1994, Kadàr/Mills 2011) zeigt sich – wohl gemerkt immer aus dem im Paradigma üblichen englischen Metablick – schnell, dass sowohl face wie politeness emisch vom westlichen Verständnis derart abweichende ‚Bedeutungen‘ haben, dass sie kaum im etischen Konzept politeness 2 fruchtbar eingeordnet werden können. Ich versuche, dieses Fangnetz mit einigen Argumenten zu ‚entflechten‘, die den unterschiedlichen Status der Begriffe in den Blick nehmen:
a) das terminologische Argument
Die problematische Beziehung von face und politeness scheint schon in der Handhabung und Auslegung der Terminologie selbst und deren disproportionalen Übernahme in die verschiedensten Objekt- und Metasprachen der politeness-Forschung begründet zu sein: face wird ohne kernsemantische Aufschlüsselung meist überall als englischer Fach-Begriff entweder beibehalten oder mehr oder weniger wörtlich entlehnt (etwa frz. face, it. faccia, span. faz, dt. Gesicht5); politeness wird hingegen meist mit kultureigenen Termini übersetzt – wie eben im Dt. mit ‚Höflichkeit‘. Damit verliert sich die epistemologische Ambivalenz als politeness 1, der kulturimmanenten Laien-Lesart, und politeness 2, dem abstrakten Erklärungs-Modell für soziale Interaktion überhaupt, worin – wie oben schon angesprochen – sämtliche politeness 1n enthalten sein müssen.
Dieses Problembewusstsein scheint beim einheitlichen face-Begriff erst gar nicht bzw. viel später auf. Erst als sich seine emischen Implikationen durch immer mehr Daten hindurch als zunehmend verschieden erweisen und damit theoretisch immer schwieriger in einem gemeinsamen Kern fassbar sind, wird der Wunsch laut, auch beim face-Begriff unbedingt zwischen kulturspezifischen face 1n und einem abstrakten Dachkonzept face 2, der diese erklärt, deutlich zu unterscheiden (cf. Haugh 2012a).
b) das inhaltliche Argument
Mit der Metasprache wird jedoch auch der ethnozentrische Filter mitgeliefert, durch den die Konzepte inhaltlich interpretiert werden. Während politeness etwa als dt. Höflichkeit, it. cortesia, frz. politesse, chin. limào, jap. wakimae, hebr. nimus, gr. evgenia, russ. vezlivost6 – um nur einige typische zu nennen (cf. die Zusammenstellung in Watts 2003:14–16) – in der jeweiligen Alltagskultur verankert ist, ist face kein Alltagsbegriff und Laien meist völlig unbekannt. Höflichkeit & Co. werden daher in der Forschungsliteratur ohne viel Nachfrage als semantisch gut greifbare Kategorie empfunden und so vor allem in Form des gängigen Adjektivs – ‚höflich‘ – zur Qualifizierung von Handlungen, Personen und, wie wir wissen, ursprünglich auch von Formen (etwa wie dt. bitte und danke) verwendet. Schließlich macht sich aber auch die theoretische Abstraktion dieses Qualitätsprädikat zunutze und lässt daraus gleichsam onomasiologisch eine plausible, weil scheinbar universal geltende Untersuchungskategorie entstehen. Face ist hingegen nur schwer übersetzbar; seine Bedeutung als Fachterminus ist für Laien undurchschaubar und kann selbst von Forschern höchstens meta-pragmatisch eruiert werden. Wo der ihm einfach zugeordnete, im Paradigma so zentrale Norm-Gehalt daher genau liegt, ist weder theoretisch, noch praktisch klar auszumachen.
Die politeness-Forschung versucht trotzdem seit ihren Anfängen dem face-Begriff emisch und etisch beizukommen. Zwei Vorgehensweisen werden dazu mehr oder weniger bemüht: Die eine versucht, in den jeweiligen Kulturen nach möglichen Übersetzungsäquivalenten zu suchen; die andere versucht, im sprachlichen Repertoire konkurrierende Begriffe aufzuspüren und Laien und Forscher nach deren Paraphrasen zu fragen. Aus der Zusammenstellung von Haugh (2012b, 54), die ich hier nicht mit den einzelnen sprachlichen Termini wiedergeben kann, geht folgendes hervor:
Die Übersetzungen in den verschiedenen überprüften Sprachkulturen kreisen erwartungsgemäß alle um das menschliche Gesicht.
Die Synonyme oder Paraphrasen, die in verschiedenen Kultur-Gemeinschaften von Laien erfragt werden, zeigen das Spannungsverhältnis zwischen der Personen- und der Beziehungs-Zentriertheit des Konzepts. Haughs Liste vervollständigend, betreffen sie andere „saliente“ Verkörperungen der Person (wie engl. heart, front, dt. Augen, it. figura, persona…); soziale Emotionen/Affekte (wie engl. sympathy/empathy, dt. Liebe, sp. respeto, confianza, it. gentilezza, engl.=jap. attentiveness7,…) und soziale Relationen (wie engl. dependency, locus ‚place‘, status, reputation, involvement, dt.Zugehörigkeit,…),
d.h. die Ausleuchtung der face-Äquivalente fördert emotionale und kognitive Aspekte des Begriffs zu Tage, die weit über die Wesenheit des menschlichen Gesichts hinausgehen. Die Angaben machen aber deutlich, dass es sich dennoch um eine Wesenheit handelt, deren man sich bewusst ist und über die daher auch gesprochen werden kann („something perceived and talked about by members of sociocultural groups“ cf. Watts/ Ide/ Ehlich 1992, 3).
c) das ontologische Argument
Aus diesen Befunden wird ersichtlich, dass face und politeness kaum etwas gemeinsam haben, wenn man davon absieht, dass politeness ein demonstratives Verfahren ist, das den face-Bedürfnissen, vor allem denen nach Anerkennung und Schonung, entgegenkommt – doch wie sehen diese Bedürfnisse in den jeweiligen Kulturen und deren Individuen genau aus und welches sind die Mittel, die ihnen gerecht werden? Trotz der großen Bandbreite der Diskussion und der immer wieder ins Feld geführten empirischen Daten wird nämlich etwas m.E. Entscheidendes übersehen und zwar, dass beide Konzepte einen grundunterschiedlichen ontologischen Status haben: face we have vs. politeness we do, darauf weist schon O’Driscoll 1996 hin. Face, so wird postuliert, ist ein inneres, ideelles (Wert)Konzept emischer Natur, das jeder Mensch aufgrund seiner Biographie internalisiert hat. Politeness hingegen ein symbolisch manifestes Verhaltens-Konzept, das im Angewiesensein auf Beurteilung von außen (nota bene durch Teilnehmer und Forscher gleichermaßen) damit etischer Natur zu sein scheint. Während politeness ‚materiell‘ produziert und demonstriert wird, ist face hingegen eine anthropologische Wesenheit. Um dieser beizukommen, braucht es eine wissenschaftliche Abstraktion „that can be used by scholars from all over the world to denote the same concept whatever their origin or specifics of their empirical application is.“ (O’Driscoll 2011, 23) Für face würde daher epistemologisch das umgekehrte Inkludierungsverhältnis gelten wie für politeness: der bisherige Begriff ist eigentlich ein face 2, unter dessen Deckmantel die einzelnen face 1n erst gesucht und definiert werden müssen, um sie dann auch entsprechend subsumieren zu können.
Diese ontologische Diskussion lässt sich noch weiter führen, denn wiewohl in der Realisation unklar, ist der Begriff des face aus der Analyse sozialer Interaktionen nämlich nicht wegdenkbar. Dass er zum normativen Referenzpunkt wird, auf den die Goffmanschen lines gerichtet sind, liegt an der einfachen Tatsache, dass face in jeder Art von Kommunikation, in jeder Art von sozialer Interaktion immer mit-vorhanden ist:
Face kann daher nicht verneint werden, es gibt kein Un-face, wie es z.B. Un-Höflichkeit oder Nicht-Höflichkeit gibt. Jede Interaktion ist daher automatisch face-inhärent, face-constituted und face-constituting, wie es in manchen paradigmatischen Positionen zurecht heißt (cf. Arundale 2006, 2009, Haugh 2009, 2012a). Die Frage nach Sein oder Nicht-Sein ist daher methodisch obsolet.
Demzufolge kann das face auch nicht verloren werden, wie es die teilweise schon in vielen Sprachen populären Wendungen to lose face vs. to save face etwa glauben machen. Face ist personen-inhärent, es ist immer da. Was zerstört, bestätigt bzw. behandelt u.ä. wird, sind der kulturell hinein-interpretierte Norm- bzw. Wertgehalt und die damit verbundenen Ansprüche bzw. Erwartungen der Handelnden. Nur um diese festzumachen, kommt Höflichkeit ins Spiel. Sie deckt aber als strategische Antwort auf die dichotomisch aufgeschlüsselten face-wants nur einen Teil dessen ab, was eigentlich in der Kommunikation normal ist: nämlich die Begegnung von faces zu realisieren, zu signalisieren, zu steuern, zu – ich verwende wiederum die Fachsprache – „relationieren“ (‚relating‘ cf. Arundale 2010), kurz: immer und überall facework zu ‚tun‘.
d) das konzeptuelle Argument
Mit dem Fokus auf Höflichkeit und seine sozial-ethischen Grundfesten ist dieses viel realitätskonformere Konzept des faceworks aus den Augen verloren worden und kehrt erst mit der Hinterfragung des face-Begriffs und dem Ringen um seine allgemeine Erklärungskraft wieder ins Blickfeld zurück. Watts stößt diese Diskussion schon früh an mit der Graduierung des Sozialverhaltens zwischen den Polen politeness („positively marked behaviour“) und impoliteness („negatively marked behaviour“) und dem dazwischen liegenden Bereich des üblichen situationsadäquaten politic behaviour. Das politeness-Paradigma macht vor allem wegen der kulturellen Differenzen im face-Konzept einen turn zur pragmatisch allgemeiner greifbaren im-politeness. Generell zeigt sich damit ein deutlicher Trend „for developing a larger framework that emcompasses both face and im/politeness“ (Haugh 2012b, 53): Ansätze wie die Rapport Management Theory (Spencer-Oatey 2000, 2007), das Relational Work (Locher 2008, Locher/ Watts 2005) und seine Weiterführung in die Interpersonal Pragmatics (Locher/Sage 2010, Haugh/Kadàr/Mills 2013) versuchen Abhilfe zu schaffen und überdecken so immer wieder die Tatsache, dass eigentlich mit facework die Lösung für die Linguistik schon parat zur Verfügung stand: Tracy hat recht, facework ist in jeglichem Sprachhandeln, also immer und überall „the verbal face of face“ (1990).
Auch ganz neue Modelle werden entworfen, wie z.B. die – schon mehrfach hier genannte –Face Constituting Theory (Arundale 1999, 2006, 2010), welche face-want-bezogene Interpretationen des Handelns ganz ablehnen und damit nicht in die Falle geraten, eine Entität und einen Prozess miteinander auszuspielen. Für sie existiert face als Entität an sich nicht, es ist immer eine relationale, wechselseitig projizierte Größe, die lediglich kommunikativ realisiert wird. Haugh drückt das so aus: „on the one hand, face can be conceptualized as „persons-in-relationship“ (…) on the other hand, face can be conceptualized as relationships-constituted-in-interaction by persons.“ (Haugh 2012b, 57) Er könnte damit sagen wollen, dass face eine soziale Kompetenz ist, die das Sich-In-Beziehung-Setzen in actu ‚performt‘ und sich darin gleichzeitig auch formt. Face könnte so gesehen nichts anderes als die gelebte, vercodete communicatio selbst sein. Das Neue an solchen Zugängen ist, dass sich communicatio – meist unbewusst und intuitiv – als Streben nach Verbindung (connection) einerseits oder nach Abgrenzung (separation) andererseits erweist. Nach Arundales alternativem face-Modell entpuppe sich face danach aus dem Prozess des relating (2010) und kann als eine statisch-dynamische Dialektik aus connectedness vs. separatedness gedeutet werden. Ungeachtet dieser metasprachlichen Überfrachtung (die übrigens in kaum eine Objektsprache entsprechend zu übersetzen sein wird) dürfte damit ein soziales Befinden gemeint sein, das je nach Situation den Wunsch nach Nähe oder Distanz zum Ausdruck bringt. Dieser ist allen sozialen Individuen gemein und kann damit wertfrei erklärt und behandelt werden.8
Gleichzeitig – und dies ist ein weiterer Vorteil paradigmatischer Öffnung – dürfte es sich nicht nur um soziale Befindlichkeit, sondern konkreter um Gefühle handeln, die in Interaktionen, vor allem in konfrontativen, ausgelöst und verhandelt werden. Mit face werden diese metaphorisch und ikonisch repräsentiert – man denke an den weltweit verwendeten piktogrammatischen Code der Emoticons aus der digitalen Kommunikation, der – auf der Basis von sich ständig weiter ausdifferenzierenden Gesichtsausdrücken – solche Gefühle per se ‚verkörpert‘. Ein derart manifestes facework ikonifiziert die aktuelle Emotion und hat so gleichsam ‚pro-phrastische‘ Funktion oder aber sie begleitet andere Sprachhandlungen, die damit illokutiv modalisiert werden.
Die Diskussion um face und facework führt damit von den Werten weg zu den Emotionen und rührt so an ein weites Feld, das von der Pragmatik noch viel zu wenig ausgeschöpft ist (cf. Fiehler 1990; Langlotz 2013). Als inhärente Eigenschaften von Subjekten (also faces!) sind Interaktionen immer auch emotionale Begegnungen – der Begriff der Emotionalität ist aber noch weniger konturenscharf, als der des face oder der Höflichkeit. Dies zeigt etwa ein jüngst in der Politikwissenschaft erschienener Titel „Emotional Diplomacy“ (Hall 2015), wo es im Rahmen von Goffmans face-Konzept um einen dem Geschichtsbild angemessenen Umgang von Staaten miteinander geht. Im Zusammenhang mit ‚Diplomatie‘ meint das Prädikat emotional hier nichts anderes als ein behutsames, respektvolles Handeln zur Vermeidung bilateraler Konflikte und politischem Schaden. Die untersuchten Strategien – schon das Titelbild zeigt eine asiatische Demutsgeste – lassen sich bedenkenlos als ‚Höflichkeit‘ ausmachen und zwar, in unserem Sinne, als kultur-spezifische politeness 1 und abstrakte politeness 2, nur dass es sich nicht um ein zu ehrendes individuelles, sondern um ein öffentliches (diskursiv vermitteltes) Gruppen-face handelt.9 Gleichzeitig zeigt die unbedachte Verwendung von Emotionalität auch, wie dringlich es wäre, sie von Emotivität zu unterscheiden: in der Sozialpsychologie wird darunter nämlich ein Handeln verstanden, „in which affective displays are produced consciously and used strategically in a wide variety of social situations to influence (…) perceptions and interpretations of conversational events“ (Janney/ Arndt 1992, 27) – die Nähe zur politeness liegt – wiederum – auf der Hand.
Die Diskussion aus terminologischer, ontologischer und konzeptioneller Sicht ließe sich noch lange weiterführen. Ich wollte hier lediglich einige Argumente andeuten, die anhand der (Un)gleichung von face und politeness für die Rückkehr zum Konzept des facework plädieren, zumal sich dadurch Aspekte auftun, die der pragmatischen Forschung weitere Wege weisen. Es sind dies:
ein wertfreier Rückschluss auf die innere Wesenheit des face über die äußere Schiene der Symbolik;
eine mögliche Überwindung der kommunikations-immanenten Grenzen des politeness-Paradigmas, die ich sehe in:
der Bindung an dyadische Konstellationen, idealiter im face-to-face-Modus,
der Zentrierung auf vorrangig mündliche Realisationen in alltäglicher Konversationspraxis;
dem dominierenden Umgang mit Konflikt-Prophylaxe in Bemessung am strategischen cost-benefit-Modell;
und einem nur über die Bedürfnisbefriedigung des Anderen projizierten Selbst-Verständnis.
Mit der Emanzipation aus dem politeness-Paradigma würde die Pragmalinguistik zwar das Terrain ‚verlässlicher‘ Phänomenologie verlassen, mit der man face sprachlich vermeintlich aufspüren und am ehesten systematisieren kann, es würden sich aber weitere und neue Forschungsbereiche auftun, die den diskursiven Bedingungen unserer post-modernen Gesellschaft eher gerecht werden. Mit der ihr von der Kulturphilosophie zugeordneten Bezeichnung als „faciale Gesellschaft“ (Löffler/Scholz 2004) scheint nämlich tatsächlich das face – in all seinen Lesarten – eine primordiale Rolle im gesamten öffentlichen Diskurs zu spielen. Fragen, die weit über die konfrontative Interaktion hinausgehen und die medial und technologisch sich immer weiter differenzierenden Kommunikationsformen betreffen, stellen sich mit Vehemenz ein und fordern die pragmatischen Konzepte von face sowie facework ziemlich heraus; aber auch politeness kommt nicht mehr so einfach davon, wenn man z.B. an (globale) Phänomene wie political correctness, free speech und Nettikette, oder deren Gegenteile wie shitstorms, Hass-Postings, trolling, u.ä. denkt. Angesichts dieser rasanten Ausweitung, Globalisierung und Ausdifferenzierung diskursiver Phänomene plädiere ich für mehr Anwendbarkeit der soziopragmatischen face-Konzeptionen auf die soziopolitische und mediale Kommunikation durch folgende Richtungsänderungen:
i) die eine ist der return zu Goffmans demonstrativer Konzeption von face als „verehrenswürdiger“ menschlicher Grundwert, der von Akteuren auf der öffentlichen Bühne gezeigt und für ein entsprechendes „eingeweihtes“ Publikum hin inszeniert wird. Indem Ausdrücke notwendig sind, um wirksame Eindrücke zu machen, kommt das impression management wieder ins forscherische Blickfeld zurück, das die Medienkommunikation heute in Form von Selbst-Marketing weitgehend beherrscht;
ii) die andere – damit zusammenhängend – ist die Loslösung des Selbst aus dem Blick des Anderen unter Hinwendung auf die in der heutigen Ego-Gesellschaft so vielfältigen Formen der Selbst-Darstellung, Selbst-Einschätzung und Selbst-Optimierung (cf. Held 2014). Ungeachtet der ‚alten‘ Prinzipien des ego-enhancement geht es – besonders in den Neuen Ich-Medien (facebook!) – um Erzeugung von Gemeinschaft und Zugehörigkeit (shared face) oder um die Markierung von Aus- und Abgrenzung von Gruppen und Kollektiven in der Ära multipler Rollen und ständig wechselnder Identitäten durch Migration, Tourismus, Globalisierung, Mediatisierung und Anonymisierung;
iii) eine weitere bisher von der Pragmatik noch nicht beschrittene Richtung ist die omnipräsente mediale Konstruktion der Personen durch Dritte – ich nenne dieses Mittel journalistische Personalisierung (cf. Held 2007) –, wo das jeweilige ‚Gesicht‘ mit unterschiedlichen politischen Zielen durch die verschiedenste Portraitierungsformen buchstäblich ‚gegeben‘ wird. Es entsteht die brennende Frage, ob man auch da von facework sprechen darf, indem Andere faces diskursiv formen und behandeln, d.h. damit ein face öffentlich auf- und ab-werten, es erschaffen oder zerstören, u.ä.;
iv) schließlich soll das Verhältnis von face und facework unter dem Blickwinkel der Verkodung bzw. des Kanals angesprochen werden, welcher bisher fast ausschließlich der Sprache überlassen blieb. ‚Gesichtsarbeit‘ wird jedoch auch durch und mit weiteren semiotischen modes und Darstellungstechniken vermittelt, wovon das Bild heute das aktuellste und technologisch differenzierteste ist. Ob anonym oder „personalisiert“, ob bekannt oder unbekannt, faces werden multimodal in allen Facetten und mit unbegrenzter technischer Stilisierbarkeit re-produziert, als piktogrammatischer Code ersetzt oder ergänzt. Visuelle Modes rufen Emotionen hervor; sie indizieren, demonstrieren und konstruieren faces in actu zwischen connection und separation und tun dies selbst wenn das eigentliche face in der Begegnung mit anderen faces nicht sichtbar – und damit auch nicht in Gefahr! – ist (nota bene die paradoxe Bezeichnung der Neuen Medien als „faceless media“ cf. Herring 2003);
v) und nicht zuletzt noch der Hinweis auf einen Bereich, der noch viel zu wenig ausgeschöpft ist, aber gerade für die inhaltliche Füllung und kulturspezifische Ausdeutung der Fach-Konzepte von methodologischer Relevanz ist: es ist die – vor allem in der historischen Pragmatik auf Grund des fehlenden Kommunikationserlebens (cf. Paternoster 2015) – bereits erfolgreich eingesetzte Metapragmatik. Hier geht es, wie oben angedeutet, zum einen um den Zugriff auf die Metasprache anhand von sozialsemantischen und metakommunikativen Untersuchungen (wie Laien-Kommentare zum Sprachhandeln), zum anderen um die Aufarbeitung des jeweiligen offiziellen Metadiskurses (wie der Benimm- und Erziehungsliteratur) sowie des meta-kognitiven Bewusstseins, welches sich in der „Aufmachung“ des eigenen Sozial-Verhaltens reflektiert und durch die Meta-Ebene hindurch extrahieren lässt (etwa wie kommt die italienische bella figura zum Ausdruck, cf. Held 2016a).
Mit dem Brückenschlag zwischen wörtlicher und metaphorischer Bedeutung des face-Begriffs plädiere ich konkludierend für die Öffnung der politeness-Paradigmen zu face-Paradigmen. Wiewohl in der hier geführten Diskussion keineswegs die Problematik des face als „multifaceted construct that takes on dimensions of identity issues, social cognitive issues, affective issues and communication issues“ (Ting-Toomey/Crocroft 1994, 307) entschärft werden konnte, so hat die Klärung seines ontologischen Status im Verhältnis zur politeness die Omnipräsenz dieser subjekt-inhärenten Wesenheit dennoch deutlich gemacht. Face ist demnach – im Sinne der Axiome Watzlawicks – in jeder Art von Kommunikation immer vorhanden, und zwar eben als das facework. „Facework involves the enactement of face strategies, verbal and non-verbal moves, self-presentation acts, and impression management interaction“ (Ting-Toomey 1994, 1). Ohne die strategische Seite zu sehr zu betonen, ist facework die Außenseite des face und analytisch gesehen eben sein empirischer Katalysator. Diese Art Öffnung des soziopragmatischen Blicks könnte den Ansprüchen einer sich ständig wandelnden Kommunikation zwischen Globalisierung und Ausdifferenzierung, zwischen Universalität und Kulturalität, zwischen Direktheit und Indirektheit kritischer gerecht werden und so auch die aktuelle Sprachrealität theoretisch und methodisch adäquater erfassen.
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Interpersonale Pragmatik und (Un)Höflichkeitsforschung1
Miriam A. Locher2
In light of the fact that politeness research has been on the map since the 1970s, this paper revisits some of the more recent developments. The scope of analysis has been widened from face-maintaining and face-enhancing data to instances of conflictual and face-aggravating behaviour. There is an increase in discussions about appropriate methodological and theoretical approaches to politeness, and we see a tendency to creatively draw on approaches from other fields (such as identity construction research). These trends have made the field an especially vibrant one that is currently witnessing a struggle to (re)define its focus. Two connected issues, clarifying and refining the scope of our research questions and efforts of developing an interdisciplinary approach within interpersonal pragmatics, are particularly discussed in an endeavour to outline potential research paths.
1. Einführung
Forschung zum Thema der Höflichkeit ist zu einem festen Zweig innerhalb der Pragmatik geworden, seit Lakoff (1973), Brown/Levinson (1978/1987) und Leech (1893; s.a. 2014) Politeness zum Gegenstand der Linguistik gemacht haben. Diese Pioniere wollten pragmatische Variationpragmatische Variation in natürlichen Sprachdaten erklären (im Rahmen der pragmatischen Wende), dies freilich noch mit Denkmodellen, die Regeln und Universalien im Blick hatten. Ihre Arbeit sollte die nachfolgende Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Höflichkeitsforschung nachhaltig beeinflussen. Ungefähr seit den 1990er Jahren beschränkte sich die Analyse von Sprachdaten allerdings nicht mehr auf gesichtsbewahrende (face-maintainingface-maintaining)1 und gesichtsaufwertende (face-enhancingface-enhancing) Strategien; neu wurde sie auch auf Konfliktfälle und Beispiele von gesichtsschädigenden (face-aggravatingface-aggravating) Situationen ausgedehnt. Außerdem lassen sich zunehmend Diskussionen um angemessene methodische und theoretische Zugänge zu Höflichkeit beobachten sowie die Tendenz, sich konzeptuell und methodisch von anderen Disziplinen inspirieren zu lassen (z.B. von der Identitätskonstruktionsforschung). Diese Entwicklungen bewirkten eine starke Dynamisierung des Forschungsgebietes und trugen damit zur gegenwärtigen Debatte um die (Re)Definition der Disziplin bei. Maßgeblich geprägt hat diese Auseinandersetzung Jonathan Culpeper. Als einer der ersten weitete er sein Forschungsinteresse auf Unhöflichkeitsphänomene (z.B. 1996, 2005, 2010, 2011; Culpeper et al. 2003; Bousfield/Culpeper 2008) sowie auf fiktionale und historische Daten (z.B. 1996, 1998, 2010; Culpeper/Kádár 2010; Culpeper/Demmen 2011) aus und hinterfragte hartnäckig die Grundannahmen der bisherigen Forschung (z.B. 2012; Culpeper/Haugh 2014; bzw. das großangelegte Projekt des Palgrave Handbook of Linguistic (Im)Politeness von Culpeper/Haugh/Kádár, 2017). Im Folgenden sollen zwei derzeit viel diskutierte mit diesen Entwicklungen zusammenhängende Aspekte vertieft werden, die besondere Aufmerksamkeit verdienen: das Themenspektrum der Höflichkeitsforschung sowie die Entwicklung eines interdisziplinären Ansatzes innerhalb der Interpersonalen Pragmatik.
2. Das Themenspektrum der Höflichkeitsforschung
Obwohl die frühen Theorien von Lakoff, Leech und Brown/Levinson heute noch weit verbreitet sind, ist es eine wesentliche Errungenschaft des sogenannten „diskursiven Denkansatzes“ in der Höflichkeitsforschung, sich wieder einem emischen Verständnisemischen Verständnis zuzuwenden. Dieses berücksichtigt die Verhandelbarkeit von wertenden Konzepten wie ‚höflich‘, ‚unhöflich‘, ‚frech‘ usw. sowie die Einbettung der beobachteten sozialen Handlungen in den lokalen, kontextgebundenen Rahmen ihrer moralischen Ordnung (siehe z.B. Kádár/Haugh 2013, 95). Frühe Theorien können später selbstverständlich verschieden ausgelegt werden. Diese Einsicht gerät jedoch leicht in den Hintergrund, sobald Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die vorgeschlagenen ‚Regeln‘ rein mechanisch anwenden. Die diskursiven Denkansätzediskursiven Denkansätze dagegen berücksichtigen, dass es verschiedene gesellschaftliche Ideologien zu Höflichkeit und Unhöflichkeit gibt, wobei die beobachteten Praktiken von diesen allgemeineren Normen auch abweichen können. Culpeper (2008, 30) versucht diesem Anspruch gerecht zu werden, indem er personelle, kulturelle, situative und kotextuelle Normen einführt, welche Interaktion beeinflussen. Kádár/Haugh (2013, 95) sprechen von a) lokalisierten Normen, b) gruppenbasierten Normen (community of practicecommunity of practice/organisational or other group-based norms) und c) gesellschaftlichen/kulturellen Normen, die die Bewertung von Höflichkeit mitbestimmen.
Manche Kritikerinnen und Kritiker des diskursiven Ansatzes sind der Auffassung, dass die Erforschung von (Un)Höflichkeit sinnlos werde, wenn das Verständnis dessen, was (Un)Höflichkeit bedeutet, den Interagierenden selbst überlassen werde (siehe Locher 2012, 51–53, für eine Entgegnung). Zum Beispiel verwendet Haugh (2013), an sich ein Anhänger der diskursiven Strömung, in diesem Zusammenhang eine interessante Formulierung. Er beklagt, dass Locher/Watts (2005, 2008) „gezwungen sind, sich auf Aussagen zu beschränken wie ‚letztendlich muss die Bewertung, ob etwas als höflich, unhöflich usw. empfunden wird, offenbleiben‘“ (Haugh 2013, 55, kursive Hervorhebung durch die Autorin). Er fragt „[w]ie können wir als Analysierende mit Sicherheit Fälle von (Un)Höflichkeit identifizieren?“ (Haugh 2013, 55, Übersetzung der Autorin). Tatsächlich haben Locher/Watts bei der Beschreibung konkreter Fälle Sätze wie diese geäußert, sie formulieren hiermit jedoch keineswegs eine Niederlage. Vielmehr beabsichtigen sie, dem qualitativen Charakter der Analyse sowie dem diskursiven Denkansatz gerecht zu werden. Locher/Watts sind nicht zur Kapitulation „gezwungen“, sondern verstehen Formulierungen wie „es muss offenbleiben, ob das Verhalten als höflich eingeschätzt wird“ als ihrer theoretischen Grundposition entsprechend. Sie bemühen sich um eine qualitative Interpretation anhand linguistischer und nicht-linguistischer Anhaltspunkte, die die interpersonale Haltung der beiden Interagierenden zueinander sowie zu den impliziten (Un)Höflichkeitsnormen offenbaren. Eine solche Auffassung gründet auf der Überzeugung, dass gesellschaftliche Normen fließend sind und interaktiv verhandelt werden; bei gleichzeitiger Anerkennung der Bedeutung von kognitiven und historischen Vorannahmen bzw. ‚RahmenRahmen‘ (FramesFrames). Wie erwähnt können weit verbreitete Auffassungen gleichzeitig mit lokalen Normen einer Community of PracticeCommunity of Practice bestehen. Da Höflichkeit hier als eine Kategorie der Interagierenden selbst verstanden wird, die das eigene und das Verhalten anderer bewerten, und zwar gleichermaßen aufgrund gesellschaftlicher Vorstellungen und Wertesysteme wie aufgrund lokaler Normen, wird die formale Ausprägung von Höflichkeit jeweils variieren (vgl. auch Kádár/Haugh 2013, 69 bzgl. der Idee von Höflichkeit als sozialer Praxis). Die Existenz kultureller Unterschiede im Verständnis dessen, was Höflichkeit ausmacht, sowie die Geschichtsgebundenheit des Begriffs und seine verschiedenen Konnotationen in unterschiedlichen Sprachen sind hinreichend belegt worden. Daher kann es nicht das primäre Ziel sein, bestimmte Oberflächenerscheinungen als eindeutig höflich oder unhöflich zu bestimmen. Stattdessen offenbart der Ansatz von Locher/Watts die Verhandelbarkeit relationaler Bedeutung sowie das Ringen um angemessenen Verhaltens.
Darüber hinaus sollte nicht vergessen werden, dass Forschungsziele variieren. Die frühen Theorien verwendeten den Begriff Politeness als Kurzform zur Beschreibung fundamentaler Prozesse bei der Bedeutungsgenerierung. Das oben von Haugh zitierte Problem bezieht sich also auf einen vergleichsweise engen Anwendungsbereich, während die frühen Höflichkeitstheorien, die sich sowohl von der pragmatischen Wende inspirieren ließen als auch zu ihr beitrugen, pragmatische Variation im Allgemeinen untersuchen wollten: Lakoff schlug aufbauend auf Grices Kooperationsprinzip (Grice 1975) und in Analogie zu syntaktischen Sprachgebrauchsregeln drei Höflichkeitsregeln vor. Leech postulierte ein Höflichkeitsprinzip (politeness principlepoliteness principle) als eine der tragenden Säulen in seiner Theorie der Interpersonalen Rhetorik, die die Entstehung von Bedeutung generell, d.h. nicht nur von Höflichkeit, erklären sollte. In den Arbeiten von Brown/Levinsonvon Brown/Levinson wird das Konzept des GesichtsGesichts (faceface) eingeführt, das die psychologischen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Distanz berücksichtigt. Diese Ansätze betonen Faktoren, welche Interaktion beeinflussen (z.B. Nähe und Distanz, Machtverhältnisse/Hierarchien, der kulturelle Kontext), und tragen so zur Theoriebildung darüber bei, wie menschliche Beziehungen durch die Wahl sprachlicher Mittel charakterisiert werden und wie sprachliche Anhaltspunkte konkrete zwischenmenschliche Deutungen begünstigen. Im Rahmen eines solchen breiteren Ansatzes zur Erforschung von Sozialität und (sprachlicher) Beziehungskonstruktion wird mit Konzepten wie Gesichtsarbeit (facework), Beziehungsmanagement (rapport managementrapport management) und Beziehungsarbeit (relational workrelational work) gearbeitet. Diesen Forschungsansatz nennen Graham/Locher Interpersonal PragmaticsInterpersonal Pragmatics bzw. Interpersonale Pragmatik, womit die relationale bzw. interpersonale Perspektive auf Interaktion bezeichnet wird, und zwar unabhängig davon, welche Analysekonzepte letztlich angewandt werden (Locher/Graham 2010, 2; vgl. auch Haugh et al. 2013, 9). Eine interpersonale Perspektive bedeutet nicht, dass ausschließlich (Un)Höflichkeitsaspekte interessieren, aber diese können durchaus im Vordergrund stehen.
In den vergangenen Jahren haben Forscherinnen und Forscher eine Reihe theoretischer Konzepte und Positionen angewendet, um Interaktionen von einer interpersonalen Warte aus zu diskutieren (wobei die Kompatibilität untereinander variiert, auch wenn der klassische Höflichkeitsansatz in jedem Fall erweitert wird). So entwirft Arundale (2010a, b) eine Theorie zur Konstituierung von Gesicht, die, wie er betont, nicht mit Höflichkeitstheorie gleichzusetzen ist. Langlotz (2010, 2015) entwickelt eine sozio-kognitive Theorie situationsgebundener sozialer Bedeutung. Um Interaktionen unter Berücksichtigung ihres lokalen und sozialen Kontexts zu diskutieren, übernehmen Locher/Watts (2005, 2008) das Konzept der Rahmen-Analyse (frames), das aufgrund seiner historischen und kognitiven Dimension und Flexibilität besticht. Im Gegensatz dazu schlägt Garcés-Conejos Blitvich (2013) vor, Faircloughs Konzepte Diskurs, Genre und Stil zu verwenden, um die dynamische Herausbildung von Normen zu beschreiben. Spencer-Oatey (2007, 2011), Locher (2008, 2012, 2014) und Garcés-Conejos Blitvich (2009) weisen darauf hin, dass eine enge Verbindung besteht zwischen Identitätskonstruktion und Höflichkeitsfragen, wie sie zuvor in der (Un)Höflichkeitsliteratur diskutiert wurden. Langlotz/Locher (2012, 2013, 2017; Locher/Langlotz 2008), Spencer-Oatey (2011), Culpeper (2011), Culpeper et al. (2014) und Kádár/Haugh (2013) betonen die maßgebliche Rolle von Emotionen für das Aushandeln von Bedeutung und Beziehungen und knüpfen somit an Erkenntnisse aus der Psychologie und den Kognitionswissenschaften an. Culpeper/Haugh (2014, 197–198) plädieren für eine stärkere Erforschung interpersonaler Einstellungen (inkl. zwischenmenschlicher Emotionen und wechselseitiger Bewertungen). Culpeper (2011), Kádár/Haugh (2013) und Haugh (2015) loten die Aussagekraft metapragmatischer Signale aus, und Haugh (2015) konzentriert sich auf Implikaturen bezüglich (Un)Höflichkeit.
Diese Übersicht ist zugegebenermaßen lückenhaft und unvollständig. Dennoch lässt sich erkennen, dass sich die jüngere (Un)Höflichkeitsforschung gerne und auf kreative Weise der Konzepte anderer Fachrichtungen bedient, um die Analyseverfahren zur Erfassung dessen, was auf der Beziehungsebene geschieht, zu verfeinern. Allerdings variiert die Rolle, die (Un)Höflichkeit in diesen Forschungsansätzen spielt, stark. Für die einen mag eine (Un)Höflichkeitsnorm einer unter vielen potenziellen Ansätzen sein, Interaktionen bzw. Bedeutungsgenerierung zu erklären. Für andere stellt (Un)Höflichkeit die zentrale soziale Größe zur Erklärung von Variation dar. Man ist also gut beraten, das jeweilige Erkenntnisinteresse, das mithilfe der gewählten Methodik verfolgt werden soll, genau zu fassen.
3. Methodenmix und Anleihen bei anderen Disziplinen
Das zweite nennenswerte Thema betrifft die Tendenz, die Grenzen der ursprünglichen Höflichkeitstheorien auszuweiten und Anleihen bei anderen linguistischen (z.B. Identitätskonstruktion) und nicht-linguistischen Forschungsbereichen zu nehmen. Dies wird etwa deutlich, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrere linguistische Methoden und Werkzeuge verwenden, was uns mit einer größeren Bandbreite von Datentypen konfrontiert (etwa erfundene Beispiele, experimentelle Daten aus Ergänzungstests und Rollenspielen, natürliche Face-to-Face-Interaktionen, geschriebene Daten, Korpusdaten, Feldforschungsdaten, Teilnehmerbefragungen). Außerdem bereichern Erkenntnisse aus anderen Disziplinen die sprachwissenschaftliche Theoriebildung. So betont z.B. Culpeper in seinem Buch über (Un)Höflichkeit (2011) den fundamental interdisziplinären Charakter von Unhöflichkeitsphänomenen, indem er auf Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie, Soziologie, Konfliktforschung und Geschichte sowie aus den Medien-, Wirtschafts- und Literaturwissenschaften zurückgreift. Nähme man die konsensorientierten Strömungen innerhalb des Spektrums der Beziehungsarbeit hinzu, wäre noch an die Bereiche RhetorikRhetorik und ÜberzeugungsarbeitÜberzeugungsarbeit (im Sinne von Angleichung und Abkehr) zu denken.
Interessanterweise erfolgt diese Entwicklung offenbar nur einseitig: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jener Fachrichtungen, deren Erkenntnisse sich für die (Un)Höflichkeitsforschung als nutzbringend erwiesen haben, sehen oft keine Notwendigkeit, Ergebnisse aus der (Un)Höflichkeitsforschung in ihr Denken zu integrieren. Beispielsweise werden in der Gesprächsanalyse wiederholt Bewältigungsstrategien in heiklen Situationen erklärt, ohne Konzepte aus der (Un)Höflichkeitsforschung einzubeziehen (z.B. Silverman/Peräkylä 1990, Miller 2013).
In ihrem Epilog zur Sonderausgabe des Journal of Politeness Research zu Gesicht, Identität und (Un)Höflichkeit räumen Hall/Bucholtz (2013) ein, dass eine verstärkte Berücksichtigung von Konzepten wie Gesicht und GesichtsarbeitGesichtsarbeit (faceworkfacework) für ihre Forschung gewinnbringend sein könnte; allerdings gehen sie nicht auf Höflichkeit als eigenständigen Ansatz ein, um Identitätskonstruktion befriedigend zu beschreiben.
„We have titled this epilogue ’Facing identity’ as a bidirectional call for a deeper consideration of the relationship between face and identity: to scholars of politeness to consider the place of identity in facework; and to scholars of identity to consider the place of face in identity work. Although we did not explicitly build politeness into our model of identity and interaction, we are now freshly reminded, after familiarizing ourselves with the excellent research featured in this special issue, that facework, at once rational and emotional, is fundamental to the workings of identity, as human positioning is always sensitive to the reflection of one’s image in the eyes of another.“ (Hall and Bucholtz, 2013, 130)
Eine ähnliche Haltung kann in vielen Untersuchungen der Angewandten Linguistik beobachtet werden. Eine Literaturauswertung für ein Kapitel über (Un)Höflichkeit im medizinischen Kontext (Locher/Schnurr 2017) ergab bemerkenswerterweise, dass es eine Fülle an Literatur gibt, die verschiedene auch für den Bereich der (Un)Höflichkeitsforschung relevante Phänomene behandelt, darunter der Umgang mit heiklen Situationen, Tabus und spezifischen Gesundheitsthemen, das Aushandeln von Wissens- und Machtunterschieden oder der Gebrauch von Humor und lexikalischen Heckenausdrücken zur Entschärfung einer Situation. Allerdings kommt ein Großteil dieser Literatur auch ohne die Erkenntnisse aus der (Un)Höflichkeitsforschung aus, um Interaktion valide zu beschreiben. Daher stellt sich letztlich die Frage nach dem Wert der frühen Theorien sowie nach der Relevanz des gegenwärtigen Ansatzes. Wenn Erklärungen zur Generierung von Bedeutung in der Interaktion ohne ein HöflichkeitsprinzipHöflichkeitsprinzip (Leech), ohne das Konzept der Entschärfung und ohne die Berücksichtigung von gesichtsbedrohenden Aktengesichtsbedrohenden Akten (Brown/Levinson) auskommen, was bedeutet dies für die angenommene Universalität dieser Theorien? Wie müssen die beobachtbaren Strategien interpretiert werden, wenn man sie mit allem anderen, das in der Interaktion parallel dazu abläuft, in Beziehung setzt? In welchem Verhältnis stehen die Theorien der (Un)Höflichkeitsforschung zur Historischen, Kognitiven und Angewandten Linguistik bzw. zu Identitätskonstruktion, Rhetorik und ÜberzeugungsarbeitHistorischen, Kognitiven und Angewandten Linguistik bzw. zu Identitätskonstruktion, Rhetorik und Überzeugungsarbeit?
Es gibt auf diese Fragen keine simplen Antworten. Bei meiner eigenen Arbeit im Bereich der Interpersonalen PragmatikInterpersonalen Pragmatik habe ich die ursprünglichen theoretischen Konzepte zunehmend als zu eng und nicht mehr adäquat empfunden (z.B. Höflichkeit als theoretischen Begriff ohne emische Komponente), da mein Erkenntnisinteresse einen ganzheitlicheren Blick auf Interaktion inklusive der Beziehungsebene erfordert. Dies führte mich zu einem umfassenderen Begriff, jenem der relationalen Arbeit bzw. der Beziehungsarbeit, der „alle Anstrengungen, die Individuen in die Konstruktion, Aufrechterhaltung, Reproduktion und Transformation der wechselseitigen Beziehung als Agierende in der sozialen Praxis investieren“ (Locher/Watts 2008, 96, meine Übersetzung) in sich vereint. Dabei ist es weiterhin möglich, mit dem Begriff GesichtGesicht zu arbeiten und somit gesichtserhaltende, gesichtsaufwertende oder gesichtsschädigende multi-modale Strategien während der Aushandlung solcher Beziehungen zu beschreiben. Mit anderen Worten deckt sich dieser Ansatz weitgehend mit dem oben zitierten Appell von Hall/Bucholtz (2013, 130), Beziehungsarbeit und Identitätskonstruktion miteinander zu verknüpfen; zumal das, was sich auf der Beziehungsebene abspielt, nicht das einzig relevante Phänomen in der Kommunikation ist. Diese Erkenntnis ist natürlich nicht neu, aber sie mahnt uns, Theorien nicht unkritisch und ohne holistische Analyse der Daten zu verwenden. Im Rahmen eines Forschungsprojektes zu Language and Health Online streben wir deshalb an, Inhaltsanalyse mit Strategien der Beziehungsarbeit zu korrelieren.1 Dabei können wir beobachten, dass die Interagierenden in zentralen Momenten der Textgenese ihre Stellung zueinander ausloten, dass sie also letztlich BeziehungsarbeitBeziehungsarbeit leisten, während gleichzeitig Informationsaustausch, Hilfesuche, Hilfestellung usw. stattfindet. Auch wenn sich das Forschungsinteresse von einem ausschließlichen Fokus auf Höflichkeit fortbewegt hat, bleibt es weiterhin möglich, Interaktionen mit emischer Relevanz zu analysieren. Sobald akzeptiert wird, dass ‚Höflichkeit‘ ein evaluatives und kontextgebundenes Konzept und, wie oben beschrieben, Teil einer moralischen Ordnung ist, gelingt es auch, jene Passagen herauszufiltern, in denen die gegenseitigen Beziehungen verhandelt werden. Dies verhilft wiederum zu einem verbesserten Verständnis der impliziten Höflichkeitsideologien, welche historisch gewachsen sind. Es könnte sich auch herausstellen, dass diese Höflichkeitsideologien mit anderen Grundeinstellungen überlappen, diese verstärken oder ihnen widersprechen (zu denken wäre etwa an Ideologien zu Geschlecht, Klasse, Alter, Professionalität usw.).
Ein weiterer Forschungsansatz innerhalb der Beziehungsarbeit könnte darin bestehen, sich auf einen gesonderten Aspekt zu konzentrieren, also etwa Unhöflichkeit oder Höflichkeit, und nicht auf eine gesonderte Praxis (wie Beratung im medizinischen Kontext, Emailanfragen von Studierenden usw.). Genau diesen Weg schlägt Culpeper (2001, 3) mit seiner Arbeit zu Unhöflichkeit ein, indem er unter Verwendung verschiedener Daten und Methoden (darunter Feldnotizen, Interviews, Fragebögen oder Korpusdaten) möglichst viele Ereignisse und Meta-Diskussionen zu diesem Phänomen berücksichtigt. Durch die explizite Bezugnahme auf Erkenntnisse der bereits erwähnten Disziplinen hebt er zudem den interdisziplinären Charakter von Unhöflichkeitsphänomenen hervor. Diese Herangehensweise ist gewinnbringend, da sie dem Themengebiet (d.h. Unhöflichkeit und Höflichkeit) gerecht wird, welches durchaus mehr als nur sprachliche Oberflächenstrukturen umfasst und es verdient, in seinem historischen, sozialen und lokalen Kontext (in verschiedenen Kulturen und sprachlichen Gegebenheiten) untersucht zu werden. Die Annäherung an einen gewählten Gegenstand von möglichst vielen Seiten ist also eine wertvolles Verfahren, das weitergeführt werden sollte.
4. Abschließende Bemerkungen
Dieser kurze Beitrag zur Würdigung der herausragenden Arbeit Culpepers auf dem Gebiet der (Un)Höflichkeitsforschung soll nicht dahingehend missverstanden werden, dass hier einer der angesprochenen Forschungsansätze favorisiert würde. Vielmehr wird dafür plädiert, dass verschiedene Analyseansätze gut miteinander kombinierbar sind. Dabei dürfen die (teilweise sehr feinen) Unterschiede in den Forschungsfragen nicht außer Acht gelassen werden. Es sind letztlich die konkreten Forschungsziele, die die Wahl der Analysewerkzeuge im Bereich der Interpersonalen PragmatikInterpersonalen Pragmatik bestimmen und die sehr weit auseinanderliegen können – sie reichen von der Suche nach Universalien in linguistischer Interaktion und in der Gesellschaft bis hin zu kleinteiligen Untersuchungen von Beziehungsmarkern in spezifischen lokalen Kontexten. Je nach Erkenntnisinteresse können Forscherinnen und Forscher methodische Werkzeuge und theoretische Erkenntnisse anderer Fächer auf ganz eigene Weise miteinander verbinden und so auf dem Wissen anderer aufbauen, um das jeweilige Forschungsvorhaben optimal zu verfolgen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Forschungsziel als Beitrag zum Verständnis einer spezifischen Praxis in ihrem Facettenreichtum definiert wird oder ob sich das Interesse auf individuelle, kulturelle, situative und kotextuelle Normen und Ideologien bezieht, die Interaktion globaler prägen.
Literatur
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Über Höflichkeit
Hans Jürgen Heringer
Generally we speak about politeness as an activity that needs some kind of special effort. In the use of language and in communication that means that one has to do something more than required by the default case and the communication maxims. One word more, something stilistically elevated, a difficult or more complex form (e.g. subjunctive) an indirect speech act.
For a strucutralist linguist it is also possible to ask: from what do polite speakers distinguish with their polite expressions? In terms of Saussure: To what are polite expressions in opposition? What do they live upon?
Here we arrive immediately on the dark side of politeness. I don’t dare to pass there. Why not? (see my App „Wildes Deutsch“).
Wer sich mit Höflichkeit befasst, von dem wird vielleicht zu Anfang eine Antwort auf die Frage erwartet: Was ist Höflichkeit?
Dieser Art Fragen sind nun allerdings in mehrerlei Sinn naiv: Höflichkeit ist nicht irgendein vorgegebener Gegenstand, den man nach aristotelischem Muster definieren könnte. Schon bei der Frage nach dem genus proximum zeigt sich eine Vielfalt – und eine Tendenz.
Duden Universalwörterbuch
höflich
in seinem Verhalten anderen Menschen gegenüber aufmerksam u. rücksichtsvoll, so, wie es die Umgangsformen gebieten
PONS Schulwörterbuch
höflich
den Regeln des Anstands entsprechend
ein höflicher Mensch
höfliches Verhalten
jemanden höflich grüßen/ um etwas höflich bitten
Höflichkeit (Meibauer 2008, 197)
Ausdruck sozialer Distanz oder Nähe mithilfe sprachlicher (Duzen/ Siezen) oder nicht-sprachlicher Mittel.
Wikipedia meint doch wirklich: „Die Höflichkeit […] ist eine Tugend …“. Da wird dann auch noch eine bemerkenswerte Gleichsetzung eingeführt. In meiner Auslassungsklammer heißt es nämlich: „oder Zivilisiertheit“. Wie man wohl darauf kommt? Introspektion eines Individuums. Und wohin Sie das Stichwort „Tugend“ führt, können Sie leicht erproben. Wollte man in dieser Weise verfahren, wäre doch ein genus wie „ein Verhaltensmuster“ schon etwas besser.
Aber mit empirischer Wissenschaft hat das wenig zu tun. Auch viele (die meisten?) Linguisten gehen nicht gerade empirisch vor. Üblich ist es, Höflichkeit anzuhängen an ein in der Linguistik etabliertes Konstrukt. Ich denke da etwa an den üblichen Anschluss an Goffmans face-Begriff, wie es auch in der Fortsetzung bei Meibauer anklingt, wo es dann um gesichtsbedrohende oder gesichtsbewahrende Akte geht. Vom face-Konstrukt leben die meisten pragmatischen Arbeiten zur Höflichkeit seit Brown/ Levinson 1978.
Wir sollten uns davor hüten, wie in vielen Untersuchungen, den Untersuchungsbereich noch weiter auszudehnen. So wuchert auch die Unhöflichkeit hin zu Akten wie Ablehnen, Vorwerfen, Belehren. Oder Höflichkeit driftet in Stilregister. Kribbliger wird es dann noch, wenn kontrastiert werden soll. Wie soll verglichen werden, wie es Japanisch geht, wie Deutsch oder Italienisch? Das Gespenst des tertium comparationis erscheint.
These 1
Höflich hat (wie alle Wörter?) eine Streubedeutung.
Man könnte auch sagen: schwammig.
Sich mit Höflichkeit zu beschäftigen heißt für mich erst einmal:
Was verstehen Menschen unter Höflichkeit?
Und das heißt für Linguisten vor allem:
Wie wird das Wort höflich gebraucht?
Als Linguist
einen Begriff der Höflichkeit vorauszusetzen,
oder
einen eigenen zu schaffen,
das ist für mich nicht empirisch.
Was die Empirie betrifft, könnten wir Einiges zusammensuchen aus diesem höflich-Stern. Er ist empirisch gewonnen auf Basis des Mannheimer Korpus DeReKo und verwendet die Kookkurrenzdatenbank von Belica (http://corpora.ids-mannheim.de/ccdb/).

Um einige dieser Kookkurrenten wird es auch im Folgenden gehen.
These 2
Höflich bezieht sich auf Interaktion, auf Kommunikation.
Höflichkeit ist eine Sache des Tuns, nicht des Seins.
Ein Vokabular für höflich Kommunizieren gibt es nicht.
Die vokabularistische Betrachtungsweise ist höchstens ein Anfang.
Kommunikation beherrscht Vokabular. Auch wenn eine Mutter ihr Kerlchen „kleinen Hosenscheißer“ nennt.
Deshalb geht es weniger um das „Was ist …“? als darum:
Wie geht es?
Und zwar kommunikativ gesehen.
Als Beispiel das Höflichkeitssuperwort danke: Es „drückt Anerkennung des Anderen und seiner Leistungen aus.“ (Bonacchi 2013, 1691) Aber Kommunikation geht etwas anders.
Ich wandle des Morgens auf meinem lauschigen Uferweg, nachdenkend über Höflichkeit. Entgegen kommen mir drei schnelle Biker hoch zu Rad. Ich bleibe starr stehen. Sie brausen vorbei. Der letzte ruft mir ein freundliches „Danke“ zu.
Umdefinition der Situation: Sich bedanken für etwas, was man erzwungen hat.
Vorauseilendes Danke: Sie will mich zu etwas bringen.
Auf schmalem Treppenweg an der Küste kommt mir eine Frau mit Krücken entgegen. Zwei Meter vor mir sagt sie: „Merci.“
Ironisch oder so tun als ob?
Der kleine Knirps verliert grad seinen Euro.
Die kleine Maus dabei schnappt sich die Münze und sagt: „Danke“.
Ich halte meiner Frau – wie immer? – die Tür auf. Und bekomme ein Danke. Is was? – denke ich.
Da können Eheleute sich ihre Gedanken machen. Eine stille Gemeinheit? Tut sie so, als täte ich es aus Höflichkeit oder normal nicht? Möchte sie sich ankratzen, versöhnen nach dem Krach von gestern?
Ich bin versucht, eine Typologie für das danke zu entwickeln.
Wohin das face-Konstrukt führt, kann man schon im Meibauer-Zitätchen erkennen. Als sprechend und ernst genommen das Sie als Pronomen der Höflichkeit. Siezen aber ist unter den entsprechenden Gebrauchsbedingungen der Default und Duzen desgleichen. Mit Höflichkeit hat das bestenfalls zu tun über die dunkle Seite, weil man vielleicht als unhöflich gesehen wird, wenn man sich nicht an die übliche Verwendung hält. Aber was heißt da schon üblich? Und für wen und wann? Wie das gehändelt wird, können Sie sehen an Garfinkeling-Experimenten (Heringer 2009).
Einen Standard des höflichen Kommunizierens gibt es nicht. Das face einer Person ist nichts Objektives, jeder Person in gleicher Weise Zukommendes. Schon Goffman macht deutlich: Es ist etwas sozial Entstandenes und Gemachtes. Was Standardisierer als höflich sehen und proklamieren, gilt bestenfalls für standardisierte faces. Unter Prollis mag Höflichkeit anders ausschauen als unter Gentlemen.
Das face einer Person ist etwas Individuelles. Was des Einen face bedrohen könnte, muss für andere keine Bedrohung darstellen. Ja, sogar face fördernde Akte unterliegen keinem allgemeinen Standard (so wie Etikettebewusste sich das vielleicht vorstellen und vokabularistisch orientierte Linguisten). Es kommt auf das reziproke Wissen der Partner an und alles, was kommunikativ dazugehört.
These 3
Für mich haben die Wörter höflich und Höflichkeit etwas Fischiges. Für mich haben sie ein Gschmäckle. Sie riechen nach upperclass und Adel gar.
Schon die Etymologie zeigt, worum es ging und oft noch geht. Ähnlich die verwandten gentilhomme und etwas auch gentleman. Und es zieht sich durch die Geschichte: Es ist soziale Abgrenzung.2 Und die Höflichen sind die Tollen.
Ein anderer Punkt ist der Übersprung von höflich zu Höflichkeit. Der Übersprung von interaktivem Verhalten von Personen zu stehenden Eigenschaften der Person, gar zu irgendwas im platonischen Himmel. (Denken Sie an die Tugend!) Gilt also etwa: Einmal höflich, immer höflich? Oder darf die Höfliche sich mal einen Ausreißer gestatten?
Es gibt noch mehr Fischiges. Wer hat nicht alles versucht das Konzept „Höflichkeit“ zu läutern – bis hin zu Verbrämungen. So ist nicht unüblich:
Der Höfliche verfolgt kein Eigeninteresse. Er gibt ohne haben zu wollen.
Wer diese gängige Idee ernst nähme, der würde die Höflichkeitsvorkommen drastisch begrenzen. Und er würde den Selbstdarstellungsaspekt des Höflichen vergessen.
Ein kleiner Business-Knigge lässt die Katze alsbald unreflektiert aus dem Sack. Zuerst das Soziale:
„Mit Höflichkeit und Respekt meistern Sie heikle Situationen.
Zeigen Sie, dass Sie Ihren Partner achten“.
Dann aber:
„Wer Benimmregeln beherrscht, profitiert im Geschäftsleben“.
Und:
„Wie Sie durch richtiges Verhalten punkten“.
Da ist die Katze aus dem Sack. Natürlich wollen Höfliche was mit ihrem Verhalten. Das ist normal und ich finde es sowieso ok. Dennoch wurden große Anstrengungen (auch von Linguisten) unternommen, diesen Aspekt wegzudefinieren. Es gelingt nur nicht. Es schlummert in der Wortbedeutung.
Höflichkeit ist etwas Gutes. Hätten Sie da Zweifel? Natürlich nicht. Denn wir haben es mit einer Immunisierung zu tun: Wenn es sich herausstellt, dass höfliches Verhalten nicht gut war, war es dann noch höflich?
These 4
Höflich sein heißt etwas mehr als normal tun.
Höflichkeit verbraucht sich.
Hier kriegt man es zu tun mit Paul Watzlawicks „Mehr desselben“.
Wenn eine Handlung nicht zum gewünschten Erfolg führt, sollte man sie verstärken und wiederholen. Das führe zum gewünschten Erfolg.
In einem Stück von Roda Roda gibt es unter all den Offizieren einer Garnison nur eine Frau, eine attraktive und charmante, hinter der sie alle her sind. Sie wird komplimentiert und hofiert. Ein Offizier aber kann und schafft das nicht: Er ist unsterblich in sie verliebt, drum bleibt er stumm. Und siehe da, das macht ihn besonders und weckt ihr Interesse. Also …
Präsident Obama verbeugte sich einst tief vor dem Tenno. Wie tief? Es heißt, die Japaner hätten das gut geregelt und abgestuft. Wer sich daran hält, bleibt im Default. Aber durch amerikanische Medien ging der Vorwurf, das sei zu tief und unterwürfig gewesen. So sah es das amerikanische Publikum mit seinen Augen.
Wie also dosiert man? (Eine heilsame Grenze ziehen Parodie und Ironie.)
Höflichkeit lebt vom Besonderen. Um besonders zu sein, braucht es das Normale, den Default. Je höflicher die Leute, umso mehr wird der Standard gehoben. Also … Watzlawick lässt wieder grüßen.
Und sein Prinzip hat fatale Folgen. Es führt zur Pejorisierung höflicher Ausdrücke.
Höfliche Ausdrücke nutzen sich ab. Denken Sie an die Entwicklung von frouwe. Über Ameliorisierung ist mir im Sprachwandel kaum was bekannt.
Die Höflichen zeichnen sich aus. Sie müssen vielleicht hoffen, dass nicht allzu viele allzu höflich sind.3 Höflichkeit ist im Innersten elitär.
Und da ist noch ein anderes Problem mit den Grundmaximen:
Mach dich selbst klein!
Mach den Partner größer!
Nur wie steht es mit dem elliptischen „als“?
Als du denkst?
Als du glaubst, dass du bist?
Als du glaubst, das dein Partner glaubt, dass du bist?
Sie wissen schon, wo das hinführt. Analog die zweite Maxime:
Als der Partner ist?
Als du glaubst, dass die Partnerin ist?
Als die Partnerin glaubt, dass sie ist?
Da können wir sogar ein Paradox der Höflichkeit erkennen:
Sich groß machen, indem man sich klein macht.
Der Default genügt.
Ist man nicht schon höflich, wenn man nicht unhöflich ist? Wenn man etwa Beschimpfungen und Beleidigungen unterlässt? Was ist der Default der Höflichkeit? Sich bedanken etwa ist der Normalfall. Auffällig ist, wenn man es unterlässt.
„Ein Brot, bitte“ und „Guten Morgen“ ist Default. Sogar sich bedanken für etwas, das man bezahlt hat, ist Default. Insofern ist vielleicht nicht angebracht, so etwas unter Höflichkeit zu behandeln (Kerbrat-Orecchioni 2005).
In der Moralphilosophie gibt es eine alte Tradition: Das Maß der Mitte. Für das gute Leben ist es das richtige Maß und der richtige Weg. Nicht so viel nach unten und nicht so viel nach oben.
Der sprachliche Kontrast von höflich und unhöflich lässt ein weites, weißes Feld dazwischen.
Dies zeigt die Grafik.4 Sie zeigt den Default.

Der Default ist das Glatte, das Normale. Der Default ist natürlich kein allgemeiner, genereller Standard. Er wird als im reziproken Wissen unterstellt. Und das mag bekanntlich auch nicht wohlkoordiniert sein.
Ich halte mich an die Grundmaxime (Höflichkeit eingeschlossen):
Sag, was zu sagen ist. Nicht mehr und nicht weniger.
Ich möchte gern
glatt
empathisch
nett
kommunizieren.
Und ich möchte alle kommunikativen Möglichkeiten nutzen, die ich nutzen will und nutzen kann. Denn wozu haben wir denn diese Mittel?
Noch ein Wort zu höflichem Handeln und felicity conditions:
Einer hilft einer Frau in den Mantel und kugelt ihr dabei den Arm aus – ohne Absicht natürlich.
War er höflich?
Sollen Schussel höflich sein? Zumindest es versuchen?
Und ein allerletztes: Bitte klatschen Sie nicht höflich, sondern von Herzen.
Literatur
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Meibauer, Jörg (2008): Pragmatik. Eine Einführung. Tübingen: Stauffenburg.
Zur Höflichkeitsrelevanz von vielleicht und eigentlich in mündlicher Alltagskommunikation
Irma Hyvärinen
The aim of this study is to investigate the use of vielleicht and eigentlich as politeness markers in authentic spoken everyday German and in performances of Finnish GFL-learners on different levels. Having the property of hinting on alternatives, these lexems are able to express fuzzyness and indirectness which can be used as means of polite mitigation. After discussing word classification problems (ch. 2) and descriptions of these lexems in dictionaries and in research literature (ch. 3), empiric data will be presented: Ch. 4 illustrates the polite use of vielleicht and eigentlich in the BYU-Corpus of Spoken German. Corresponding samples of the learner language corpuses HY TALK and TAITO of the University of Helsinki (ch. 5) give evidence that an adequate use of the most important politeness functions of these lexems is mastered on the CEFR-level B1, partly thanks to similar usage of Finnish modal adverbials and particles, as pointed out in the concluding remarks in ch. 6.
1. Zur Einleitung
Ziel meines Beitrags ist zu erörtern, welche Rolle vielleicht und eigentlich bei Höflichkeit in der deutschen Alltagssprache spielen sowie in welcher Lernphase finnische Deutschlernende diese Lexeme zur höflichen Modifizierung des Gesprächs einsetzen können. Im gesprochenen Deutsch weisen diese Lexeme eine hohe Frequenz auf. Nicht in allen Gebrauchskontexten geht es um Höflichkeit, es scheint aber, dass das den beiden Lexemen eigene Merkmal, auf Alternativen hinzuweisen, sie dazu fähig macht, (oft zusammen mit anderen Mitteln) als Vagheitsindikatoren den Direktheitsgrad der Äußerung zurückzustufen und so zur sprachlichen Höflichkeit beizutragen.
Unter Höflichkeit verstehe ich situationsbezogene optimale Gestaltung reibungsloser Kommunikation, um sowohl das eigene Gesicht als auch das des Partners zu wahren. Außerdem geht es um Korrektheit dem/den Besprochenen und auch anderen, dritten Personen gegenüber.1
Als empirische Basis dieser Studie dienen für natives Deutsch das BYU-Corpus of Spoken German und für das Deutsch finnischer Lernender Teile des mündlichen Testmaterials des HY TALK- und des TAITO-Projekts der Universität Helsinki.2
Im Folgenden wird zuerst die Wortklassenproblematik von vielleicht und eigentlich erörtert (Kap. 2), wonach ihre Beschreibungen in einem allgemeinen einsprachigen Wörterbuch und zwei wortklassenspezifischen Spezialwörterbüchern sowie in exemplarischen Quellen der einschlägigen Fachliteratur mit besonderer Berücksichtigung der Höflichkeitsrelevanz besprochen werden (Kap. 3). In Kap. 4 werden höflichkeitsrelevante Gebrauchsweisen der beiden Lexeme im deutschen Korpus, in Kap. 5 Ergebnisse der Analyse der Helsinkier Lernerkorpora vorgestellt. Der Schwerpunkt der Analyse liegt in qualitativer Beschreibung. Das Fazit (Kap. 6) rundet den Beitrag ab.
2. Zur Wortklassenzugehörigkeit von vielleicht und eigentlich
In der modernen Grammatikforschung hat es sich eingebürgert, unter den Indeklinablia u.a. Abtönungs-/Modalpartikeln ohne Satzgliedfunktion und Modalwörter als Satzadverbialien als eigenständige Wortklassen zu unterscheiden, so etwa Helbig/Buscha (2001, 421–439); vgl. auch Helbig (1988, 32–37) und Helbig/Helbig (1990, 12–21, 30–39). Die Abgrenzung der Klassen und die Zuordnung verschiedener Gebrauchsvarianten zu der einen oder anderen Klasse sind jedoch nicht einheitlich, und auch die Terminologie ist bunt, zum Teil sogar irreführend. Denn was bei Helbig „Modalwort“ genannt wird, heißt z.B. in der Grammatik von Zifonun et al. (1997) „Modalpartikel“, d.h. dort ist „Modalpartikel“ nicht synonym mit „Abtönungspartikel“ (ebd., 58f.). Die Zifonun’sche Terminologie wird auch von Diewald und Ballweg in dem von Hoffmann herausgegebenen Handbuch der deutschen Wortarten (2009) verwendet.1 In dem von Nübling verfassten Kapitel über die nicht flektierbaren Wortarten in der Duden-Grammatik (2016) findet sich wieder die terminologische Gleichstellung von „Modalpartikel“ und „Abtönungspartikel“, während die andere Klasse „Kommentaradverb“ (bzw. „Satzadverb“, „Modalwort“) heißt (Nübling 2016, 598f., 602–606). Auch Brünjes (2014) verwendet in ihrer Monographie den Terminus „Modalpartikel“ im Sinne von „Abtönungspartikel“. In meinem Beitrag verwende ich deutlichkeitshalber die Termini „Abtönungspartikel“ vs. „Modalwort“. In der folgenden Tabelle sind zentrale Merkmale der beiden Klassen aufgelistet (vgl. u.a. Brünjes 2014, 18, Thurmair 1989, 37). Einige Merkmale sind für beide Klassen gemeinsam, sodass die Grenzziehung nicht immer leicht fällt (vgl. Nübling 2016, 598). Des Weiteren hat z.B. das Kriterium der Erststellenfähigkeit seine Grenzen: In V1-Entscheidungsfragen gibt es kein Vorfeld, in V2-Ergänzungsfragen ist das Vorfeld obligatorisch durch die Fragephrase besetzt.
Die in dieser Studie interessierenden Lexeme sind in der Kerngruppe der Abtönungspartikeln vertreten: Dazu gehören aber, auch, bloß, denn, doch, eben, eigentlich, einfach, etwa, halt, ja, mal, nur, schon, vielleicht, wohl (vgl. Helbig 1988, 36, Gelhaus1998, 379, Diewald 2009, 118, Brünjes 2014, 18; Nübling 2016, 603 fügt noch nicht und ruhig hinzu).2
Während dem Lexem vielleicht allgemein sowohl die Funktion als Abtönungspartikel wie auch die als Modalwort zugewiesen werden (Homonymie bzw. Heterosemie3), wird eigentlich – trotz seiner Erststellenfähigkeit – z.B. von Helbig (1988) nur als Abtönungspartikel angesehen; dagegen wird in den meisten anderen Quellen mit sowohl Modalwort als auch Abtönungspartikel gerechnet. Im folgenden Kapitel werden für beide Lexeme einige Ansätze der Wortklassenzuordnung und Varianteneinteilung miteinander verglichen.

Tabelle 1: Zentrale Merkmale von Abtönungspartikeln und Modalwörtern
3. Beschreibungen von vielleicht und eigentlich
Schon ein exemplarischer Vergleich der betreffenden Bedeutungs- bzw. Funktionsbeschreibungen im DUW = Duden Deutsches Universalwörterbuch (2011), in den Spezialwörterbüchern zu Abtönungspartikeln von Helbig (1988) und zu Modalwörtern von Helbig/Helbig (1990) sowie in den Partikelmonographien von Thurmair (1989) und Brünjes (2014) zeigt, dass das Bild alles andere als einheitlich ist.
3.1 vielleicht
Vielleicht kann als Modalwort, Abtönungspartikel oder Gradpartikel fungieren.
I Modalwort
Im DUW (2011,1924) wird 1vielleicht als Adverb kategorisiert; der Terminus „Modalwort“ kommt nicht vor. Es „relativiert die Gewissheit einer Aussage, gibt an, dass etwas ungewiss ist; möglicherweise, unter Umständen“ (ebd., Punkt 1). Hiermit stimmt die Beschreibung des Modalworts vielleicht als „Hypotheseindikator“ in Helbig/Helbig (1990, 270ff.) überein: Der Sprecher bezweifelt die Faktizität von p, hält diese aber für möglich (d.h. ebensogut p wie nicht p) (ebd., 270). Laut Brünjes (2014, 170) hat das Modalwort vielleicht „Skopus über die Proposition und macht eine Einschätzung bezüglich des Wahrscheinlichkeitsgrades des dargestellten Sachverhalts“. Das meistens unbetonte Modalwort sei in Aussage- und Fragesätzen einsetzbar, erststellenfähig und als Einwortantwort auf Entscheidungsfragen bzw. als Einwortreplik auf Aussage-Vorgängersätze möglich (Helbig/Helbig 1990, 271).
Um Vermutungen geht es z.B. in den folgenden Fällen:
Vielleicht kommt er morgen. (DUW)
Vielleicht ist er krank? (Helbig/Helbig)
Der Aspekt von Höflichkeit wird in diesem Zusammenhang weder von DUW noch von Helbig/Helbig thematisiert. Dagegen macht Brünjes (2004, 170) darauf aufmerksam, dass das Modalwort vielleicht im ersten Beispiel unten die Äußerung des Moderators in einer Fernsehsendung als höfliche Bitte erscheinen lässt. Entsprechend steigert vielleicht den Höflichkeitsgrad im zweiten Beispiel (vgl. Hentschel/Weydt 1989, 12).
Dann darf ich jetzt vielleicht mal um den ersten Anruf bitten? (Brünjes)
Könnte Ihre Tochter das vielleicht für mich erledigen? (Helbig/Helbig)
Auch in Ergänzungsfragen kann der Sprecher durch vielleicht die Imposition abmildern, und in vielen Situationskontexten macht vielleicht den Aussagesatz weniger aufdringlich, vgl.:
Wann kann ich Sie vielleicht in dieser Angelegenheit sprechen? (Helbig/Helbig)
Es wäre vielleicht besser, wenn er nicht käme. (DUW)
II Abtönungspartikel
Laut DUW (2011, 1924) hat 2vielleicht (Partikel, unbetont) drei Gebrauchsweisen, vgl. a)–c):
a) Die Partikel 2vielleicht „dient im Ausrufesatz der emotionalen Nachdrücklichkeit und weist auf das hohe Maß hin, in dem der genannte Sachverhalt zutrifft; wirklich, in der Tat“ (ebd.). Dieser Partikelvariante entspricht bei Helbig (1988, 228ff.) die Abtönungspartikel vielleicht1, die unbetont ist und „in Ausrufesätzen (mit Erst- und Zweitstellung des finiten Verbs)“ (ebd., 228) vorkommt (vgl. auch Thurmair 1989, 192ff.). Sie drückt
„ein Staunen des Sprechers über einen als außergewöhnlich empfundenen Sachverhalt (über das Wie, nicht über das Daß des Sachverhalts) aus, das begründet ist auf einer Abweichung von der Erwartung des Sprechers und einem Gegensatz zwischen Erwartetem und Eingetretenem […] (= wie man mit Erstaunen feststellen muß, das kannst du dir vielleicht nicht vorstellen!).“ (Helbig 1988, 229)
Beispiele:
Ich war vielleicht aufgeregt! (DUW)
Du bist vielleicht ein Träumer! (Helbig)
Den letzteren Beispielsatz führt auch Brünjes (2014, 167) an, konnte aber diesen Typ in ihrem Korpus nicht belegen. Dieser Variante kommt keine Höflichkeitsrelevanz zu.
b) Laut DUW ( 2011, 1924) dient die Partikel 2vielleicht „am Anfang eines Aufforderungssatzes der Nachdrücklichkeit und verleiht der Aufforderung einen unwilligen bis drohenden Unterton“:
Vielleicht wartest du, bis du an der Reihe bist! (DUW)
Vielleicht benimmst du dich mal! (DUW)
Bei Helbig (1988) kommt diese Gebrauchsweise nicht vor. Eventuell hängt das damit zusammen, dass vielleicht hier die Erststelle einnimmt, was als syntaktisches Kriterium eher für die Kategorie Modalwort spricht. Allerdings wird eine entsprechende Gebrauchsweise auch in Helbig/Helbig (1990) nicht angeführt. Brünjes (2014, 169f.) ihrerseits sieht in Sätzen mit vielleicht im Mittelfeld die Möglichkeit von zwei Lesarten: Wenn vielleicht nicht als Modalwort (vgl. oben), sondern als „Modalpartikel“ fungiere, gehe es nicht um eine höfliche, sondern um eine nachdrückliche, brüske Aufforderung. Für Dann darf ich jetzt vielleicht mal um den ersten Anruf bitten wäre in dem Fall z.B. Jetzt schaltet doch endlich mal die Leitungen frei ein passender Nachsatz. – Es sei angemerkt, dass sowohl bei Erst- als auch bei Mittelfeldposition von vielleicht die Stimmfarbe und der Situationskontext dafür entscheidend sind, ob die Aufforderung als höflich oder als brüsk interpretiert wird.
c) Die Partikel 2vielleicht „drückt in einer Entscheidungsfrage aus, dass der Fragende eine negative Antwort bereits voraussetzt oder vom Gefragten eine solche erwartet; 2etwa (1)“ (DUW 2011, 1924). Dieser Partikelvariante entspricht bei Helbig (1988, 230) die unbetonte Abtönungspartikel vielleicht2 (= etwa1) in rhetorischen Entscheidungsfragen, die das Gegenteil präsupponieren (vgl. auch Thurmair 1989, 194f.). Diesen Typ konnte Brünjes (2014, 168f.) in ihrem Korpus nur einmal belegen.1 In folgenden Beispielen besteht kein direkter Zusammenhang mit Höflichkeit:
Na, und wird das vielleicht bei Männern gefragt? (Nein, zumindest seltener als bei Frauen.) (Brünjes)
Ist das vielleicht keine Lösung? (Doch, es ist eine (recht gute) Lösung.) (Helbig)
III Gradpartikel
Im DUW (2011,1924) wird s.v. 1vielleicht (Adv.) unter Punkt 2 eine Gebrauchsweise angeführt, die m.E. als Gradpartikel einzustufen ist: vielleicht „relativiert die Genauigkeit der folgenden Maß- oder Mengenangabe; ungefähr, schätzungsweise“ (ebd). Für Helbig (1988, 231) gilt das entsprechende vielleicht3 vor Nominal- oder Präpositionalphrasen, die meistens eine Zahl- oder Zeitangabe enthalten, als unbetonte Gradpartikel (= etwa4, ungefähr, annähernd) (ebd.). Vgl.:
eine Frau von vielleicht fünfzig Jahren (DUW)
In vielleicht drei Tagen ist er wieder abgereist. (Helbig)
Brünjes (2014, 165f.) erwähnt einen weiteren Typ von vielleicht als Gradpartikel, bei dem vielleicht m.E. gegen zum Beispiel, etwa ausgetauscht werden kann (vgl. die Gradpartikel etwa5 bei Helbig 1988, 144):
Und wenn sie einen Job finden, dann ist es vielleicht McDonalds auf Vierhundertfünfzigmarkbasis. (Brünjes)
Hier wie bei manchen Korpusbelegen der vorliegenden Studie fällt es schwer, zu entscheiden, ob sich der Skopus von vielleicht über die ganze Proposition (Modalwortgebrauch) oder aber nur über die unmittelbar folgende Nominal-/Präpositionalphrase (Gradpartikelgebrauch) erstreckt. In Vorschlägen signalisiert dieses janusgesichtige vielleicht Unverbindlichkeit und trägt insoweit zur Höflichkeit bei, als es Spielraum für andere Alternativen lässt, vgl. Korpusbelege weiter unten.
3.2 eigentlich
Auch für eigentlich kodifiziert DUW (2011, 472) (neben dem Adjektiv 1eigentlich) sowohl ein Adverb (d.h. Modalwort) 2eigentlich als auch eine Abtönungspartikel 3eigentlich. Dagegen ist eigentlich in Helbig/Helbig (1990) nicht als Modalwort lemmatisiert, während Helbig (1988, 128–131) für die entsprechende Abtönungspartikel vier Gebrauchsweisen unterscheidet. Wenn man aber an den Kriterien der Erststellenfähigkeit und der Betonbarkeit festhält,1 geht es nur bei einer der Gebrauchsweisen um eine Abtönungspartikel, nämlich bei Helbigs unbetonter Partikelvariante eigentlich3 in Entscheidungs- und Ergänzungsfragen. Wie Thurmair gehe ich davon aus, dass eigentlich in Aussagesätzen (d.h. Helbigs eigentlich1 und eigentlich2) „aufgrund der Vorfeldfähigkeit, der Betonbarkeit und der Paraphrasierbarkeit mit ‚im Grunde‘, ‚wirklich‘ zu den Satzadverbien [d.h. Modalwörtern, I.H.] zu rechnen“ ist (Thurmair 1989, 175). Genauso kommt dem betonten eigentlich in Fragesätzen (vgl. Helbigs eigentlich4 in Ergänzungsfragen) der Modalwortstatus zu. M.a.W.: Nur das unbetonte, nicht mit ‚wirklich‘ paraphrasierbare eigentlich in Fragen gilt als Modalpartikel (vgl. Thurmair 1989, 26f., 175–178).2
I Modalwort
DUW (2011, 472) sieht für 2eigentlich (Adv.) drei Gebrauchsweisen vor, vgl. a)–c). In den Bedeutungserklärungen der entsprechenden drei (vermeintlichen Partikel-)Varianten wiederholt Helbig (1988, 128ff.), eigentlich signalisiere, dass es sich um einen schwerwiegenden, wesentlichen Gedanken geht.
a) Die erste Gebrauchsweise im DUW (2014, 472) wird durch in Wirklichkeit (im Unterschied zum äußeren Anschein) paraphrasiert. Hiermit können Helbigs betonte Varianten vielleicht1 (= im Grunde genommen) und vielleicht4 (= im Grunde genommen, wirklich, tatsächlich) (1988, 128–131) gleichgesetzt werden. Höflichkeitsrelevanz wird hier nicht vermutet. Vgl.:
Éigentlich ist er ein guter Fußballer, aber heute leistet er nicht viel. (Helbig, eigentlich1)
Wie heißt er éigentlich? (im Gegensatz zu den falschen Namen, die er führt) (Helbig, eigentlich4)
b) Mit der Gebrauchsweise im Grunde, genau genommen; an und für sich (DUW 2011, 1924) lässt sich Helbigs unbetontes, erststellenfähiges eigentlich2 (= bei tieferer Überlegung, wenn man es recht betrachtet) (Helbig 1988, 129) in Aussagesätzen vergleichen:
Eigentlich hast du recht. (DUW)
Eigentlich hat er zeit seines Lebens hart gearbeitet. (Helbig)
Wir wollten eigentlich (ursprünglich) nach München. (DUW)
Helbig (ebd.) vermerkt hier eine konversationelle „Hinwendung zu einem neuen Thema oder Gesichtspunkt“ – ein Merkmal, das insbesondere bei der Abtönungspartikel eigentlich in beiläufigen Fragen (vgl. Abschnitt II unten) hervorgehoben wird. Aus der Höflichkeitsperspektive erweist sich diese Beobachtung als relevant: In meinen Korpusbelegen (Kap. 4 und 5) wird das Modalwort eigentlich in Aussagesätzen oft eingesetzt, um den Hörer behutsam auf einen neuen Gedanken einzulenken.
c) Laut DUW (2011,472) signalisiert 2eigentlich (Adv.) „einen meist halbherzigen, nicht überzeugenden Einwand, weist auf eine ursprüngliche, aber schon aufgegebene Absicht hin“. M.E. könnte dieser Punkt mit b) oben vereint werden, denn auch hier könnte man eigentlich durch im Grunde genommen, an und für sich oder ursprünglich ersetzen. Zudem könnte man das einwendende Beispiel unten auch als höfliche Ablehnung verwenden, wenn die ursprüngliche Absicht nicht aufgegeben wird:
Eigentlich wollten wir heute lernen. (DUW)
II Abtönungspartikel
Für 3eigentlich (Partikel; unbetont) werden im DUW (2011, 472) zwei situative Varianten unterschieden, von denen a) eine kritische, reservierte Einstellung und b) Beiläufigkeit ausdrückt.
a) Laut DUW „verstärkt oder relativiert [3eigentlich] besonders in Fragesätzen eine gewisse Anteilnahme, eine vorwurfsvolle Äußerung“ (ebd.). Helbig (1988), Thurmair (1989) und Brünjes (2014) notieren keine entsprechende Variante. Vgl:
Was denkst du dir eigentlich (denn)? (DUW)
Was willst du eigentlich (überhaupt) hier? (DUW)
b) In Entscheidungs- und Ergänzungsfragen1 signalisiert diese Partikel „eine gewisse Beiläufigkeit, einen spontanen Einfall“; als Paraphrasen gelten nebenbei bemerkt, übrigens, was ich noch sagen wollte (DUW 2011, 472). Helbig (1988, 129f.) bezeichnet diese Variante als eigentlich3 und beschreibt ihre konversationelle Rolle wie folgt: Sie
„[d]rückt einen neuen (bisher unbeachteten) Sachverhalt oder Aspekt aus, der für interessant und bemerkenswert gehalten wird und ins Gespräch kommt; […] signalisiert die Aktualisierung eines Gedankens, der seit längerem latent im Bewußtsein vorhanden war. Dient der Loslösung vom bisherigen Gesprächs- und Interaktionszusammenhang, gibt dem Gespräch eine gedankliche Wendung und neue Richtung, leitet häufig ein neues Gesprächsthema ein, wirkt oft freundlich oder beiläufig.“ (Helbig 1988, 129f.; vgl. auch Thurmair 1989, 175–178)
Auch laut Brünjes (2014, 134ff.) besteht die Grundfunktion der Partikel eigentlich darin, eine Frage explizit als themen(aspekt)wechseleinleitend zu markieren. Es kann sich auch um einen beiläufigen Abstecher handeln, nachdem man wieder zum eigentlichen Thema zurückkehrt. Die Partikelverwendung ist für den höflichen Ton relevant: „Die Frage mit der Partikel wirkt höflicher und weniger abrupt“ (ebd., 136).
Kennen Sie eigentlich diese Malerin? (DUW)
Wie bleiben Sie denn eigentlich so schlank? (Brünjes)
3.3 Zwischenbilanz
Der obigen Bestandsaufnahme gemäß können die folgenden Gebrauchsweisen der untersuchten Lexeme zur Höflichkeit beitragen:
Das Modalwort vielleicht steigert den Höflichkeitsgrad von indirekten Aufforderungen und Fragen und modifiziert den Geltungsgrad von Aussagen, sodass sie weniger aufdringlich und „besserwisserisch“ klingen.
In höflichen Vorschlägen signalisiert vielleicht Optionalität und lässt Spielraum für andere Alternativen offen. Je nachdem, wie der Skopus von vielleicht interpretiert wird, geht es um Modalwort oder Gradpartikel.
Das unbetonte Modalwort eigentlich dient in Aussagesätzen dazu, den Hörer behutsam auf einen neuen Gedanken einzulenken.
Die Abtönungspartikel eigentlich expliziert in beiläufigen Fragesätzen einen Themen(aspekt)wechsel und macht diesen dadurch weniger abrupt.
4. Empirische Beispiele von Muttersprachlern
Als muttersprachliches Material, um die oben besprochenen Höflichkeitseffekte empirisch nachzuweisen, dienen zwölf- bis fünfzehnminütige spontane, meist interviewförmige Gespräche des BYU-Corpus of Spoken German. Die 402 Gespräche mit ca. 700000 Wörtern wurden 1989–1993 in 60 lokal gleichmäßig verteilten Ortschaften des deutschen Sprachgebiets mit Berücksichtigung der Bevölkerungszahl sowie der Geschlechts-, Alters- und Sozialklassenverteilung gesammelt. Thematisch ging es um Zeitgeschehen, persönliche Interessen und Hobbys, örtliche touristische Attraktionen, Politik, Wetter, Kindheits- und Jugenderinnerungen, Zukunftspläne usw. (Jones/Tschirner 2005, 2)
In diesem Korpus weisen durch das Modalwort vielleicht abgemilderte höfliche indirekte Aufforderungen eine hohe Frequenz auf, denn der Interviewer (tF = der Fragende) steuert das Gespräch, indem er den Interviewten (tA = der Antwortende) möglichst kooperativ zu Äußerungen animiert. Oft erscheinen auch weitere Abmilderungsmittel wie Modalverb- oder würde-Konstruktionen. Vgl.:1
(1)
|tF Vielleicht könntest du etwas von dem Dorf erzählen oder von deinen Erinnerungen daran, wie du dort aufgewachsen bist. (|gBA02_Würzburg)
(2)
|tF […] Würden Sie vielleicht als erstes so nett sein – Ihren Namen sagen und sagen wer Sie sind, was Sie hier an der PH tun. (|gBI07_Heidelberg)
Im folgenden Beleg wird der Ton der wiedergegebenen Äußerung metasprachlich durch höflicherweise kommentiert. Der Mann, von dem erzählt wird, merkt, dass seine Gesprächspartnerin keine genaue Vorstellung von der geographischen Lage Burkina Fasos hat, und nennt deswegen den früheren Landesnamen Obervolta in einer mit vielleicht eingeleiteten aussageförmigen indirekten Folgefrage, auf die mit Nein zu antworten nicht so blamierend ist wie auf eine direkte Frage ohne Modalwort.
(3)
|tF […] Also zuerst hat, hat sie gesagt, also das [= Burkina Faso, I.H.] liegt sicher in Afrika, und dann hat er höflicherweise gesagt, naja, vielleicht kennen Sie Obervolta. (|gBC01_ Bayreuth)
Des Weiteren werden Behauptungen oft durch das Modalwort vielleicht entschärft. Bei Meinungsunterschieden dient das abmildernde vielleicht zur höflichen Verteidigung der eigenen Ansicht wie im Redebeitrag von tA2 in (4). In (5) zeugt tF:s scheinbare Einräumung als Reaktion auf tA:s strikt formulierte Vorgängerbehauptung von Konsensträchtigkeit; neben vielleicht schwächen das Modalverb und in gewisser Weise aber den Zustimmungsgrad. Im darauffolgenden Teilsatz wird die Meinungsdiskrepanz nochmals mit weiteren Abmilderungsmitteln relativiert. In (6) mildert tA seine kritischen Bewertungen ab (vielleicht nicht ganz gut ausgebildet; vielleicht die verkehrten Leute), um korrekter zu sein.
(4)
|tA1 […] Ja, aber wie gesagt, Wiedervereinigung, von mir aus, hätte – sie nicht unbedingt sein müssen. Das war also …
|tA2 Ich meine, man kann es vielleicht auch so positiv sehen, daß vielleicht in einiger Zeit das doch geschafft wird […] (|gRC08_Bonn)
(5)
|tF – ja hier -- das stimmt vielleicht in gewisser Weise, wo man hier möglicherweise geteilter Meinung sein kann. […] (|gBD04_Nürnberg)
(6)
|tF […] Würden Sie sagen, daß die Stadträte oder Gemeinderäte immer einen engen Kontakt zur Bevölkerung haben? Wie es eigentlich sein sollte, oder, oder liegt da manches im Argen?
|tA Der Kontakt finde ich ist schon da. Und wenn Sie mich danach auch fragen, ob vieles im Argen liegt, das – hat glaube ich damit nichts zu tun, daß der derzeitige Bürgermeister, Oberbürgermeister Schönlein nicht auf die Bevölkerung zukäme, das ist irgend ausgelöst auch wieder eben von den Leuten, die vielleicht auch nicht ganz gut vor -- eben ausgebildet sind und dann, es liegt wahrscheinlich daran, daß Gelder ausgegeben werden für Projekte und damit oft vielleicht die verkehrten Leute an den Stellen und Positionen sitzen […] (|gBD05_Nürnberg)
Mit dem Modalwort eigentlich werden oft gegenteilige Argumente oder Einwände markiert. Dabei macht eigentlich den Einwand weniger schroff, indem es die Möglichkeit anderer Auffassungen einbezieht, vgl. (7):
(7)
|tF Ja. Ist es da nicht ein bißchen kalt und naß da oben [an der Nordsee]?
|tA Ja, wenn man Pech hat schon, aber man stellt sich schon darauf ein.
|tF Ja.
|tA Das ist eigentlich gar kein Problem, wenn man die entsprechende Kleidung dabeihat. […] (|gBI05_Heidelberg)
In vielen Belegen mit eigentlich geht es um Räsonierung, die man als allmähliches und dadurch nicht aufdringliches „Herantasten“ an die eigene, noch nicht voll kristallisierte Meinung bezeichnen kann:
(8)
|tA […] Radiohören ist eigentlich eine Sache, die man nebenbei macht. Ohne sich eigentlich voll drauf zu konzentrieren, das – wird eigentlich mehr als so eine Art Berieselung im Hintergrund benutzt. (|gBD04_Nürnberg)
Die Belege (9)–(10) veranschaulichen den Gebrauch der Abtönungspartikel eigentlich in beiläufigen Fragen als höfliche Explizierung eines Themen(aspekt)-wechsels. In (9) erklärt tA zuerst, wie die Tourniers im Tanzsport organisiert sind, wonach tF das Thema wechselt, indem er sich um tA:s Herkunftsort erkundigt. Dessen Antwort enthält wiederum das heteroseme betonte Modalwort, sodass das Beispiel den Unterschied dieser beiden Gebrauchsweisen gut exemplifiziert. In (10) geht es um einen Themenwechsel: Das vereinbarte Gesprächsthema ist modernes Leben, insbesondere Verkehr. Mit eigentlich markiert tF den Wechsel auf den Teilaspekt Verkehrsmittel und zugleich auf tA:s persönliche Erfahrungsebene.
(9)
|tA Es beginnt bei einer – Kreisklasse, die heißt noch nicht Kreisklasse, sondern heißt Startklasse E und geht hoch bis zu einer – Bundesliga, die heißt dann S-Klasse, Sonderklasse.
|tF -- Toll. Gut. -- kommen Sie hier – kommst du hier aus der Gegend eigentlich?
|tA, naja, ich wohne – schon relativ lange in Mannheim, so zirka zehn Jahre.
|tF --
|tA Aber eigentlich komme – ich aus Frankfurt. (|gBK02_Mannheim)
(10)
[Unmittelbar vorher stellt sich tA vor.]
|tF Sehr schön. Unser heutiges Thema wäre modernes Leben, ein sehr umfassendes Thema, – vielleicht sagen wir ein bißchen was über den modernen Verkehr. Welche Verkehrsmittel benutzen Sie eigentlich auf dem Weg in die, in die, ins Bildungszentrum? (|gBD04_Nürnberg)
5. Lernersprachliches Material
Im HY TALK-Projekt wurden 2007–2010 in der Hauptstadtregion (Helsinki, Espoo, Vantaa) lernersprachliche Dialoge (a) in der 7. Klasse der Gesamtschule (langer Lehrgang), (b) am Anfang der gymnasialen Oberstufe (10. Schuljahr, langer Lehrgang)1 und (c) in einem Fortgeschrittenenkurs des Sprachenzentrums der Universität Helsinki auf Video aufgenommen und transkribiert; (d) die Gesprächsproben des TAITO-Projekts (2008–2012) stammen von Erstsemestlern der Germanistik der Universität Helsinki.2 Da die Gesprächsthemen und Gesamtdauern der Aufnahmen unterschiedlich sind, sind die Befunde nicht direkt miteinander vergleichbar, es können jedoch zumindest Tendenzen aufgezeigt werden.
Bei (a) und (b) besteht das Material aus (i) einer Aufwärmphase, in der zwei Lernende sich mit einer deutschen Muttersprachlerin unterhalten, (ii) einem monologischen Video-Clip, in dem die Testpersonen sich einem deutschen Austauschschüler, der bald nach Finnland kommt, vorstellen, (iii) der Ankunftsszene, in der die Lernenden Gast und Gastgeber darstellen, und (iv) einem weiteren Dialog über gemeinsame Erfahrungen und Pläne. (c) Die Tests im Sprachenzentrum aus dem Jahr 2010 waren thematisch ambitiöser: Angefangen wurde mit einer Selbstvorstellung, in der das Studium und berufliche Zukunftspläne im Mittelpunkt standen, dann folgten drei Dialogausschnitte über Themen, die aus einer Liste gewählt werden konnten, etwa Kulturunterschiede, Austauschstudium im Ausland, Pro oder contra Studiengebühren, Jobben während des Studiums, deutsche Vergangenheitsbewältigung, aktuelle Ereignisse wie der zu dem Zeitpunkt aktuelle Vulkanausbruch in Island etc. Meistens war eine deutsche Muttersprachlerin anwesend, hielt sich aber möglichst im Hintergrund. (d) Vom mündlichen Material des TAITO-Projekts wurden Probandenpaare der Jahrgänge 2008 und 2011 analysiert. Thematisch ging es um das gerade angefangene Studium sowie um touristische Ratschläge an die deutsche Muttersprachlerin. In den Gesprächsausschnitten unten sind die Testpersonen mit S1 und S2 und die deutsche Muttersprachlerin mit S3 gekennzeichnet.3
(a) Im untersuchten HY-TALK-Material der 7. Klasse (24 Lernende, Gesamtdauer 3:11:22) kam eigentlich nicht vor, und nur zwei Testpersonen (rund 8 %) haben das Modalwort vielleicht insg. fünfmal verwendet. Die wenigen Belege waren jedoch sinnvoll in die Kommunikation eingebettet: Es ging um höfliche Vorschläge bzw. Spezifizierung von Optionen, was man in der Freizeit unternehmen oder wie man die Details eines Ausflugs gestalten kann. Dabei dient vielleicht insoweit der Höflichkeit, als die Optionalität dem Adressaten Spielraum lässt, sodass es ggf. weniger gravierend ist, nein zu sagen.

(b) Das Material der gymnasialen Oberstufe war umfangreicher und die Gespräche waren auch länger (Probandenzahl 40, Gesamtdauer 5:32:26). Sechs Personen (15 %) haben vielleicht verwendet (insg. 15 Belege), d.h. der relative Anteil ist etwa doppelt so hoch wie bei den Siebentklässlern. Für eigentlich gab es 8 Belege von vier Testpersonen (10 %), davon sogar fünf Belege von einem Schüler, der schon öfter in Österreich war. Das Funktionsspektrum ist breiter als bei den Siebentklässlern, was z.T. auch auf den größeren Materialumfang zurückgeht. Neben ähnlichen höflichen Aktionsvorschlägen wie oben in (11)–(12) diente das Modalwort vielleicht zur Abmilderung von Meinungsäußerungen, vgl. (13), und zur höflichen Modifizierung einer Entscheidungsfrage, auf die eine bejahende Antwort nicht unbedingt erwartet werden konnte (nämlich ob der Gast die finnische Band Nightwish kennt), vgl. (14):

In einem Beleg kam die themenwechselnde Abtönungspartikel eigentlich vor: Der Sprecher wechselt von der Inhalts- auf die Formulierungsebene, weil ihm das Wort Vergnügungspark nicht einfällt. Es handelt sich um eine Gesprächsformel, die als Chunk gelernt sein dürfte:

(c) In den Aufnahmen des Sprachenzentrums (Gesamtdauer 2:21:26) kam vielleicht bei allen 14 Versuchspersonen (100 %) insg. 141mal vor. Oft ging es um Vermutungen über Zukünftiges (Modalwort) oder um ungefähre Maß- und Mengenangaben (Gradpartikel), aber auch höflichkeitsbedingte Modalwortbelege waren häufig, so etwa in gesprächssteuernden Vorschlägen zum Themenwechsel (16) und Abmilderungen von insbesondere kritischen Meinungsäußerungen (17):

Immerhin fünf Personen (36 %) bedienten sich des Worts eigentlich (32 Belege). Dabei waren die individuellen Frequenzen hoch, z.B. hat eine Person eigentlich 11mal und eine andere neunmal verwendet. Belegt werden konnten das Modalwort zum behutsamen Einlenken auf eine kritische Meinungsäußerung, wie in (18) in Bezug auf das Flugverbot wegen des Vulkanausbruchs, sowie die Abtönungspartikel zum Signalisieren eines Themenaspektwechsels bei einer beiläufigen Detailfrage (19):

(d) Aus dem Material des TAITO-Projekts wurden die Performanzen von 26 Probanden der Jahrgänge 2008 und 2011 ausgewertet (Gesamtdauer 2:34:32). Bei 24 (92 %) kam vielleicht und bei 16 (61,5 %) eigentlich vor. Wie in den Gruppen a) und b) war hier – aus Gründen der Aufgabenstellung – das Modalwort vielleicht in höflichen Handlungsvorschlägen recht häufig, oft mit fließendem Übergang zu Gradpartikel, wie im letzten Beleg des Auszugs (20). In (21) geht es wiederum um die Abtönungspartikel als Signal des Themenwechsels.

6. Fazit
Die in der Forschungsliteratur erwähnten höflichen Gebrauchsweisen von vielleicht und eigentlich konnten sehr wohl im BYU-Interview-Korpus belegt werden. Eine statistische Auswertung war im Rahmen dieser Studie nicht möglich. Da die Interviews nur einen Redekonstellationstyp darstellen, wäre in künftigen Studien die Einbeziehung von weiteren gesprochenen Korpora mit einem breiteren Situationsspektrum sinnvoll.
In den lernersprachlichen Korpora nahmen erwartungsgemäß sowohl der relative Anteil von Probanden, die die untersuchten Lexeme zu Höflichkeitszwecken benutzten, als auch die Breite von deren Funktionsspektrum mit der Lerndauer zu. Im HY TALK-Material der Siebentklässler waren Höflichkeitssignale noch rar, weil wegen des begrenzten Wortschatzes und mangelhafter Morphosyntax das Produzieren von Äußerungen überhaupt die ganze Aufmerksamkeit verlangt. Die Performanzen von Gymnasiasten (10. Schuljahr, vorausgesetztes GER-Niveau A.2.1) zeigten schon ein vielseitigeres Bild. Die Resultate hängen auch mit dem Alter der Versuchspersonen zusammen. Sowohl die Teilnehmer des Fortgeschrittenenkurses im Sprachenzentrum als auch die Erstsemestler der Germanistik (angenommenes GER-Niveau B1) waren Erwachsene mit schon weit entwickelten allgemeinen Kommunikationsfertigkeiten und einer starken berufsorientierten Lernmotivation, und sie hatten nicht nur mehr DaF-Unterricht, sondern oft auch Erfahrung authentischen Sprachgebrauchs hinter sich. Dass die Lernenden auf diesem Niveau die wichtigsten Höfichkeitsnuancen im Griff haben, mag darüber hinaus damit zusammenhängen, dass ähnliche Modalwörter und Abtönungspartikeln auch im Finnischen üblich sind (vgl. Husso 1981,90, Kärnä 1983, 92).
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