Czytaj książkę: «Parkinson»

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Die Herausgeber


Univ.-Prof. Dr. med. Carsten Eggers ist Facharzt für Neurologie, Zusatzbezeichnung Neurologische Intensivmedizin, und stellv. Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg. Seine klinischen und wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Parkinson-Syndrome mit Fokus auf Neuropsychologie, Bildgebung und Versorgungsfragen. Umfangreiche Erfahrungen hatte er als Leiter des Kölner Parkinson Netzwerks mit der Implementierung und wissenschaftlichen Analyse von innovativen Versorgungsstrukturen. In nationalen wie internationalen Fachgesellschaften arbeitet er an den wissenschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen für eine Verbesserung der Versorgung von Parkinson-Patienten.


Prof. Dr. med. Carsten Buhmann ist Facharzt für Neurologie, Zusatzbezeichnung Neurologische Intensivmedizin, und Leiter des Fachbereichs Neurologie im Ambulanzzentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) sowie Oberarzt der Parkinson-Tagesklinik der Klinik für Neurologie im UKE. Sein klinischer Schwerpunkt sind Bewegungsstörungen mit Fokus auf Parkinson-Syndrome. Aufgrund seiner Tätigkeit in der ambulanten kassenärztlichen Versorgung und im universitären teilstationären und stationären Bereich sind seine wissenschaftlichen Aktivitäten auf die systematische Untersuchung praxisrelevanter klinischer Aspekte der Parkinson-Syndrome ausgerichtet. Er ist Autor zahlreicher nationaler und internationaler Publikationen und regelmäßig Referent zum Thema »Parkinson«.

Carsten Eggers, Carsten Buhmann (Hrsg.)

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-035070-0

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-035071-7

epub: ISBN 978-3-17-035072-4

mobi: ISBN 978-3-17-035073-1

Autorenverzeichnis

Prof. Dr. Norbert Brüggemann, Oberarzt, Klinik für Neurologie und Institut für Neurogenetik, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck. Email: norbert.brueggemann@neuro.uni-luebeck.de.

Prof. Dr. Carsten Buhmann, Leiter Ambulanzzentrum Bereich Neurologie, Oberarzt Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg. Email: buhmann@uke.de.

Dr. Ilona Csoti, Ärztliche Direktorin, Gertrudis-Klinik Parkinson-Zentrum GmbH, Karl-Ferdinand-Broll-Str. 2–4, 35638 Leun-Biskirchen. Email: icsoti@parkinson.de.

Richard Dano, Parkinson-Nurse, Klinik für Neurologie, Uniklinik Köln, Kerpener Str. 62, 50937 Köln. Email: richard.dano@uk-koeln.de.

Prof. Dr. Georg Ebersbach, Chefarzt, Neurologisches Fachkrankenhaus für Bewegungsstörungen/Parkinson. Straße nach Fichtenwalde 16, 14547 Beelitz-Heilstätten. Email: Ebersbach@kliniken-beelitz.de.

Prof. Dr. Carsten Eggers, stellvertretender Direktor, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg, Baldingerstr., 35033 Marburg. Email: carsten.eggers@uk-gm.de.

Dr. Reinhard Ehret, Facharzt für Neurologie, Praxis Neurologie-Berlin, Schloßstraße 97, 12163 Berlin. Email: dr.ehret@neurologie-berlin.de.

Dr. Ann-Kristin Folkerts, Gerontologin, Medizinische Psychologie | Neuropsychologie und Gender Studies & Centrum für Neuropsychologische Diagnostik und Intervention (CeNDI), Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln. Kerpener Str. 62, 50937 Köln. Email: ann-kristin.folkerts@uk-koeln.de.

Dr. Odette Fründt, Assistenzärztin, Ärztin der Parkinson-Tagesklinik, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg. Email: o.fruendt@uke.de.

Prof. Dr. Björn Hauptmann, Chefarzt, Fachklinik für Parkinson und Bewegungsstörungen, Neurologisches Zentrum, Segeberger Kliniken, Hamdorfer Weg 3, 23795 Bad Segeberg; Department Performance, Neuroscience, Therapy and Health, MSH – Medical School Hamburg, Am Kaiserkai 1, 20457 Hamburg. Email: bjoern.hauptmann@segebergerkliniken.de.

Florian Hof zum Berge, Assistenzarzt, Klinik für Neurologie der Ruhr-Universität Bochum am St. Josef-Hospital Bochum, Gudrunstr. 56, 44791 Bochum. Email: florian@hofzumberge.de.

Ann-Kristin Hoffmann, Physiotherapeutin,, Fachklinik für Parkinson und Bewegungsstörungen, Neurologisches Zentrum, Segeberger Kliniken, Hamdorfer Weg 3, 23795 Bad Segeberg. Email: ann-kristin.hoffmann@segebergerkliniken.de.

Prof. Dr. Günter Höglinger, Direktor, Klinik für Neurologie, Medizinische Hochschule Hannover & Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V., Standort München. Email: Hoeglinger.Guenter@mhhannover.de.

Prof. Dr. Elke Kalbe, Leiterin Medizinische Psychologie, Medizinische Psychologie, Neuropsychologie und Gender Studies & Centrum für Neuropsychologische Diagnostik und Intervention (CeNDI), Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln. Kerpener Str. 62, 50937 Köln. Email: elke.kalbe@uk-koeln.de.

Gesche Ketels, Gesundheitsökonomin B.A., Physiotherapeutin, Physiotherapie-Leitung, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg. Email: ketels@uke.de.

Prof. Dr. Sylvia Kotterba, Chefärztin, Klinik für Geriatrie, Klinikum Leer gGmbH. Augustenstr. 35–37, 26789 Leer. Email: sylvia.kotterba@rub.de.

PD Dr. Inga Liepelt-Scarfone, Neuropsychologin, Abteilung für Neurodegeneration, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und Hertie Institut für klinische Hirnforschung, Universität Tübingen. Hoppe Seyler-Str. 3, 72076 Tübingen. Email: inga.liepelt@uni-tuebingen.de.

Dr. Matthias Löhle, Oberarzt, Leiter der Neurologischen Ambulanz/Spezialsprechstunde für Bewegungsstörungen, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsmedizin Rostock & Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), Gehlsheimer Straße 20, 18147 Rostock. Email: Matthias.Loehle@med.uni-rostock.de.

Prof. Dr. und Univ.-Prof. für Palliative Care (PMU Salzburg) Stefan Lorenzl, Dipl. Pall. Med. (Univ. Cardiff), Professur Palliative Care, PMU Salzburg, Research Associate, LMU München, Chefarzt Neurologie, Krankenhaus Agatharied. Norbert-Kerkel-Platz, 83734 Hausham. Email: stefan.lorenzl@pmu.ac.at.

Dr. Michael Lorrain, Nervenarzt, Neuroärzte Gerresheim – Pempelfort, Dreherstr. 3–5, 40625 Düsseldorf. Email: dr.lorrain@volggerconsult.de.

Prof. Dr. Walter Maetzler, stellvertretender Direktor, Leiter Neurogeriatrie, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Klinik für Neurologie, UKSH, Campus Kiel. Arnold-Heller-Str. 3, 24105 Kiel. Email: w.maetzler@neurologie.uni-kiel.de

Dr. Dipl. Psych. Franziska Maier, Dipl.-Psych., Assistenzärztin, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg und Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Fakultät und Uniklinik Köln, Universität zu Köln. Kerpener Str. 62, 50937 Köln. Email: franziska.maier@uk-koeln.de.

Dr. Tina Mainka, Assistenzärztin, Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie, Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation, Charité Universitätsmedizin Berlin, Berlin Institute of Health, Charitéplatz 1, 10117 Berlin. Email: tina.mainka@rub.de.

Dr. phil. Grit Mallien, Dipl.-Patholinguistin. Berkaer Str. 41, 14199 Berlin. Email: info@doktor-logo.de.

Cand. med. Jan-Dominique Möhr, Medizindoktorand, Klinik für Neurologie, St. Joseph Hospital Berlin-Weißensee, Gartenstraße 1, 13088 Berlin. Email: Jan-dominique.mohr@student.med.wroc.pl.

Prof. Dr. Thomas Müller, Chefarzt Klinik für Neurologie, St. Joseph Hospital Berlin-Weißensee, Gartenstraße 1 13088 Berlin. Email: Th.Mueller@alexianer.de.

Dr. Matthias Oechsner, Leitender Arzt, Leiter Parkinsonzentrum; Rehaklinik Zihlschlacht, Hauptstrasse 2–4, 8588 Zihlschlacht (TG)/Schweiz. Email: M.Oechsner@rehaklinik-zihlschlacht.ch.

PD Dr. David Pedrosa, Oberarzt, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg. Baldingerstr., 35033 Marburg. Email: pedrosac@staff.uni-marburg.de.

PD Dr. Monika Pötter-Nerger, Oberärztin Neurologie, Schwerpunkt Bewegungsstörungen, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg. Email: m.poetter-nerger@uke.de.

Prof. Dr. Kathrin Reetz, Oberärztin, Klinik für Neurologie, RWTH Aachen Universität. Pauwelsstr. 30, 52074 Aachen. Email: kreetz@ukaachen.de.

Dr. Gesine Respondek, Oberärztin, Klinik für Neurologie, Medizinische Hochschule Hannover & Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V., Standort München. Email: Respondek.Gesine@mh-hannover.de.

Beate Schönwald, Parkinson-Nurse, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg. Email: b.schoenwald@uke.de.

Dr. Jan Springob, Studienrat im Hochschuldienst, Leiter Internationalisierung, Zentrum für LehrerInnenbildung, Universität zu Köln. Albertus-Magnus-Platz, 50923 Köln. Email: jan.springob@uni-koeln.de.

Prof. Dr. Lars Tönges, Oberarzt, Bereichsleiter Parkinsonerkrankungen und Bewegungsstörungen, Klinik für Neurologie der Ruhr-Universität Bochum am St. Josef-Hospital, Gudrunstr. 56, 44791 Bochum. Email: lars.toenges@rub.de.

Dr. Josefine Waldthaler, Oberärztin, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg. Baldingerstr., 35033 Marburg. Email: waldthaj@staff.uni-marburg.de.

Prof. Dr. Tobias Warnecke, Leiter des Bereichs Parkinson-Syndrome und andere Bewegungsstörungen, Geschäftsführender Oberarzt, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster, Albert-Schweitzer Campus 1, 48149 Münster. Email: Tobias.Warnecke@ukmuenster.de.

Dr. Michael Weiss, Oberarzt, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Klinik für Neurologie, UKSH, Campus Kiel, Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie, Schön Klinik Neustadt, Am Kiebitzberg 10, 23730 Neustadt in Holstein. Email: miweiss@schoen-klinik.de.

Dr. Ingmar Wellach, Verantwortlicher Arzt Kompetenzfeld Neurologie, Evangelisches Amalie Sieveking-Krankenhaus, Haselkamp 33, 22359 Hamburg; Praxis für Neurologie & Psychiatrie Hamburg Walddörfer, Wiesenkamp 22c, 22359 Hamburg. Email: ingmar.wellach@immanuelalbertinen.de.

Prof. Dr. Dirk Woitalla, Chefarzt, Klinik für Neurologie, Katholische Kliniken Ruhrhalbinsel gGmbH, Heidbergweg 22–24, 45257 Essen. Email: d.Woitalla@contilia.de.

PD Dr. Martin Wolz, Ärztlicher Direktor ELBLANDKLINIKUM Meißen, Leiter ELBLANDKLINIKEN-Zentrum für Neurologie und Geriatrie, ELBLANDKLINIKUM Meißen. Nassauweg 7, 01662 Meißen. Email: martin.wolz@elblandkliniken.de.

Inhalt

1  Autorenverzeichnis

2  Vorwort

3  A Der Parkinson-Patient in verschiedenen Krankheitsstadien

4  1 Der neu diagnostizierte Patient

5 Florian Hof zum Berge und Lars Tönges

6  2 Der jugendliche Patient

7 Norbert Brüggemann

8  3 Wann ist eine genetische Testung sinnvoll?

9 Kathrin Reetz

10  4 Ist es überhaupt Parkinson?

11 Gesine Respondek und Günter Höglinger

12  5 Wenn Parkinson junge berufstätige Patienten (be)trifft – psychosoziale und sozialmedizinische Herausforderungen

13 Michael Lorrain

14  6 Der zitternde Patient

15 David Pedrosa

16  7 Wenn L-Dopa nicht hilft

17 Dirk Woitalla

18  8 Der Patient mit Freezing

19 Ann-Kristin Hoffmann und Björn Hauptmann

20  9 Der ältere und multimorbide Patient

21 Matthias Löhle

22  10 Der stürzende Patient

23 Michael Weiss und Walter Maetzler

24  11 Der Patient wird krumm

25 Georg Ebersbach

26  12 Physiotherapie bei Gangstörung und Stürzen

27 Gesche Ketels

28  13 Der Patient ist nicht zu verstehen

29 Grit Mallien

30  14 Pumpe oder Tiefe Hirnstimulation?

31 Monika Pötter-Nerger

32  15 Nichts hilft – ein Fall für Cannabis?

33 Tina Mainka und Carsten Buhmann

34  16 Der Patient im Pflegeheim

35 Ingmar Wellach

36  17 Der sterbende Patient

37 Stefan Lorenzl

38  B Spezielle nicht-motorische Probleme

39  18 Der depressive Patient

40 Inga Liepelt-Scarfone

41  19 Der demente Patient

42 Ann-Kristin Folkerts, Franziska Maier und Elke Kalbe

43  20 Der halluzinierende Patient

44 Ilona Csoti

45  21 Der Patient träumt wild

46 Sylvia Kotterba

47  22 Der Patient sieht doppelt

48 Josefine Waldthaler

49  23 Der Patient hat Schmerzen

50 Martin Wolz

51  24 Patienten mit Hypersexualität

52 Reinhard Ehret

53  25 Dem Patienten ist schwindelig

54 Matthias Oechsner

55  26 Der Patient verschluckt sich

56 Tobias Warnecke

57  C Spezielle psychosoziale Probleme

58  27 Der Patient mit Migrationserfahrung

59 Jan Springob, Richard Dano und Carsten Eggers

60  28 Der Patient will nicht trainieren

61 Beate Schönwald

62  29 Der Patient nimmt seine Medikamente nicht

63 Thomas Müller und Jan-Dominique Möhr

64  30 Die schwierigen Angehörigen

65 Odette Fründt

66  Stichwortverzeichnis

Vorwort

Trotz zahlreicher guter Lehrbücher zum Thema »Parkinson« haben wir häufiger ein praxisnahes, fallbezogenes interdisziplinäres Lehrbuch vermisst, welches anhand von PatientInnenfällen diagnostische und therapeutische Hilfestellungen zu konkreten motorischen und/oder nicht-motorischen Problemen gibt. Obwohl sich die Parkinson-Erkrankung individuell höchst unterschiedlich präsentieren kann, sind bestimmte Symptomenkomplexe wie Wirkfluktuationen und Dyskinesien, Gangstörungen und Stürze, psychische Störungen wie Demenz, Halluzinationen oder Impulskontrollstörungen sowie Schmerzen, Schlafstörungen und autonome Störungen, aber auch Adhärenz und Kommunikationsprobleme, regelhaft und in oft ähnlicher Form eine Herausforderung.

In diesem Buch präsentieren »aus der Praxis« und »für die Praxis« verschiedene ärztliche und therapeutische ParkinsonexpertInnen »typische« problematische Parkinsonfälle, setzen diese einleitend in den aktuellen wissenschaftlichen Kontext und beschreiben konkrete diagnostische und therapeutische Maßnahmen.

Der Behandler bzw. die Behandlerin individueller Parkinson-Patient-Innen soll somit bei Fragen oder Problemen in diesem Buch möglichst jeweils einen »passenden« Fall und eine Anregung zur Problemlösung finden.

Um den verschiedenen Perspektiven in der Versorgung von PatientInnen mit Parkinson gerecht zu werden, wurden themenbezogen AutorInnen aus unterschiedlichen medizinischen Bereichen mit einem Schwerpunkt in der Parkinson-Therapie ausgewählt. Neben klinisch und wissenschaftlich orientierten KlinikärztInnen und niedergelassenen NeurologInnen haben PsychologInnen, Parkinson-Nurses, PhysiotherapeutInnen und LogopädInnen zum Gelingen dieses Werkes beigetragen.

Wir hoffen, dass dieser praktische Leitfaden hilft, die konkrete individuelle Behandlung »eigener« Parkinson-PatientInnen noch etwas zu verbessern.

Zugunsten der einfacheren Lesbarkeit wird im Folgenden nur die generische maskuline Form verwendet. Ist bspw. von Psychotherapeuten, Patienten, Ärzten oder Psychologen die Rede, stehen diese – sofern nicht ausdrücklich anders erwähnt – stets für alle Geschlechter bzw. Genderformen.

Carsten Eggers und Carsten Buhmann

Marburg/Hamburg, im Februar 2021

A Der Parkinson-Patient in verschiedenen Krankheitsstadien

1 Der neu diagnostizierte Patient
Florian Hof zum Berge und Lars Tönges1
Zusammenfassung

Erstdiagnose und aktuelle Diagnoseleitlinien

Die Erstdiagnose erfolgt bei Parkinson-Syndromen oft erst nach einem längeren Zeitraum, in dem die Symptome von Patient und Angehörigen, aber auch dem ärztlichen Fachpersonal nicht zugeordnet werden können. Dies ist insbesondere bei nicht Tremor-dominanten Syndromen der Fall und bei atypischen Parkinson-Syndromen besonders erschwert. Die klinische Diagnose sollte sich an aktuellen Diagnoseleitlinien orientieren und neben den motorischen auch gleichzeitig nicht-motorische Symptome umfassend abbilden. Dann kann ohne weiteren Zeitverlust eine adäquate pharmakologische und auch nicht-pharmakologische Therapie beginnen. Somit kann es dem Patienten meist gut ermöglicht werden, ohne relevante Alltagseinschränkungen sein bisheriges Leben weiter fortzuführen. Patient und Angehörige sollten unter Berücksichtigung des individuellen Falls über die Erkrankung, mögliche Krankheitsverläufe und vor allem die guten Behandlungsmöglichkeiten informiert werden. Ziel sollte sein, dass der Patient die Erkrankung akzeptiert und den Lebensalltag so gestaltet, dass eine bestmögliche Kontrolle der Symptome und Abmilderung des Erkrankungsverlaufs möglich wird.

Einleitung

Nicht-motorische Symptome

Neurodegenerative Parkinson-Syndrome manifestieren sich am häufigsten ab dem 60. Lebensjahr. Meistens treten vor den typischen motorischen Symptomen, teils Jahre zuvor, sogenannte nicht-motorische Symptome auf. Da diese großteils unspezifisch erscheinen, wird sowohl von Patienten als auch Ärzten lange kein ursächlicher Zusammenhang zu einer möglichen Parkinson-Erkrankung gesehen. Auch nach Auftreten motorischer Symptome kann sich die Diagnosestellung verzögern. Während der Tremor der Hände auch medizinischen Laien als Parkinsonsymptom bekannt ist, werden Rigor und Akinese – auch von einigen Ärzten – häufig als orthopädische Problematik oder normale Altersbeschwerden verkannt.

Frühzeitige Diagnosestellung

Durch eine Sensibilisierung für diese Aspekte kann eine frühzeitige Diagnosestellung ermöglicht werden. Hiervon profitieren Patienten erstens durch eine Steigerung der Lebensqualität aufgrund der Einleitung einer effektiven Therapie. Zweitens kann ein Therapiebeginn im Frühstadium den Krankheitsverlauf insgesamt positiv beeinflussen.

Falldarstellung
Anamnese

Ein 58-jähriger Bürokaufmann stellt sich in Begleitung seiner Ehefrau erstmalig neurologisch vor. Ein Arbeitskollege habe ihm geraten, er solle sich auf Parkinson untersuchen lassen. Das Gangbild des Patienten würde ihn an seinen Vater erinnern, bei dem vor vielen Jahren ebenfalls Parkinson festgestellt worden sei.

Anstrengungen beim Gehen, weniger belastbar, heftige Schulter- und Nackenschmerzen

Der Patient berichtet, dass er seit etwa einem Jahr mehrfach von Bekannten darauf angesprochen worden sei, dass er den rechten Arm beim Laufen eng am Körper halte und dieser nicht mehr mitschwingen würde. Er habe dies selbst nicht bemerkt und dem dann auch keine weitere Bedeutung beigemessen. Ihm sei aber aufgefallen, dass ihn das Gehen mehr anstrenge als früher und er insgesamt weniger belastbar sei. Am Ende eines Tages sei er sehr erschöpft. Er habe seit längerem heftige Schulter- und Nackenschmerzen. Von seinem Orthopäden habe er eine Spritzentherapie erhalten, die aber keine Besserung gebracht habe.

Unruhiger Schlaf und unkonzentriert auf der Arbeit

Auf Nachfrage gibt der Patient an, dass er einen unruhigen Schlaf habe. Laut seiner Ehefrau würde er sich im Bett umherwälzen und mit den Armen um sich schlagen. Auf der Arbeit sei er häufig unkonzentriert. Früher habe er gut mit zehn Fingern auf der Tastatur schreiben können. Jetzt würden ihm vermehrt Fehler unterlaufen. Die Ehefrau des Patienten berichtet, dass ihr Mann nicht mehr so fröhlich sei wie früher. Er würde oft teilnahmslos wirken. Der Patient gibt an, dass er momentan einfach viel Stress auf der Arbeit habe und dies als Ursache für sein Verhalten sehe.

Der Patient verneint ein Zittern der Hände. Ihm sei nicht aufgefallen, dass sich sein Geruchs- oder Geschmackssinn verändert hätten. Er habe keine Probleme beim Stuhlgang oder Wasserlassen. Aufgrund von Bluthochdruck habe ihm sein Hausarzt einen Betablocker verordnet. Sonst hätte er keine Vorerkrankungen. Soweit er wisse, gebe es in der Familie keine besonderen Krankheiten.

Neurologische Untersuchung

Es findet sich ein leichtgradiger Rigor des rechten Arms. Es fällt eine Feinmotorikstörung der rechten Hand mit verlangsamten Wechselbewegungen bei rechtshändigem Patienten auf. Das Gangbild ist aufrecht mit normaler Schrittlänge bei deutlich reduziertem Mitschwingen des rechten Arms beim Gehen. Es besteht weder ein Ruhe- noch ein Halte- oder Intentionstremor. Im Übrigen bestehen keine Hirnnervenausfälle, keine Paresen, keine Sensibilitätsstörungen und eine seitengleiche Ausprägung der Muskeleigenreflexe ohne Nachweis von pathologischen Reflexen. Orientierend fallen keine kognitiven Defizite auf. Mimik und Sprache wirken ausdrucksarm.

Diagnose

Parkinson-Syndrom, am ehesten idiopathischer Genese

Beurteilung, weitere Diagnostik und Empfehlung

Magnetresonanztomografie und Ultraschalluntersuchung (Hirnparenchymsonografie)

Mit dem Patienten wird die Verdachtsdiagnose eines Parkinson-Syndroms besprochen. Es wird umfassend über die Ursachen der Erkrankung, mögliche Beschwerden, den Verlauf und die guten Möglichkeiten der Behandlung informiert. Eine durchgeführte Magnetresonanztomografie des Schädels zur Abklärung von Differenzialdiagnosen zeigt bis auf leichte mikroangiopathische Veränderungen keine Auffälligkeiten. In der Ultraschalluntersuchung der Substantia nigra (Hirnparenchymsonografie) findet sich eine linksseitige signifikante Hyperechogenität. Ein Riechtest zeigt mit 6/12 erkannten Gerüchen im Sniffin´ Sticks Test eine Hyposmie an. Die neuropsychologische Untersuchung sowie laborchemischen Untersuchungen bleiben allesamt unergiebig. Nach ausführlicher Aufklärung über Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen sowie Dokumentation dieses Vorgangs wird eine Therapie mit dem Dopaminagonisten Pramipexol begonnen, die in den nächsten Wochen konsekutiv in der Dosis erhöht wird. Aufgrund der Schulter- und Nackenschmerzen wird eine individuelle Physiotherapie mit Massagen verordnet.

Verlauf

Gute, allerdings nicht vollständige Besserung der Symptomatik

Bei Wiedervorstellung nach drei Monaten gibt der Patient eine gute, aber nicht vollständige Besserung seiner Symptomatik an. Das Gehen falle ihm wieder leichter. Er habe das Gefühl, dass er wieder mehr am Leben teilnehme. Dies wird auch von der Ehefrau so bestätigt. Relevante Nebenwirkungen werden nicht berichtet. In der Untersuchung zeigen sich im Vergleich zur Voruntersuchung eine Reduktion des Rigors und eine Verbesserung der Diadochokinese. Wir empfehlen die Hinzunahme einer niedrigen Dosis Levodopa/Benserazid (z. B. 3 x 62,5 mg), um so noch eine weitere Reduktion der Symptome zu erreichen. Zudem wird eine regelmäßige körperliche Aktivität, wie z. B. 3 x 45 min Walking oder Jogging pro Woche und zudem der Anschluss an eine rehabilitative Sportgruppe vorgeschlagen.

Diskussion

Stark individueller Verlauf und Ausprägung

Bei Parkinson-Syndromen handelt es sich um eine Gruppe chronischer, progredienter Erkrankungen, die sich neben den klassischen motorischen Symptomen mit einer Vielzahl nicht-motorischer Symptome zeigen kann. Verlauf und Ausprägung sind dabei stark individuell. Abbildung 1.1 gibt einen Überblick über häufg vorliegende nicht-motorische Symptome beim idiopathischen Parkinson-Syndrom (in Anlehnung an Jost 2017).


Abb. 1.1: Überblick über häufg vorliegende nicht- motorische Symptome beim idiopathischen Parkinson-Syndrom

Klinischer Untersuchungsbefund

Die Diagnosestellung stützt sich großteils auf den klinischen Untersuchungsbefund. Technische Untersuchungen dienen hauptsächlich der Stützung des Verdachts und dem Ausschluss von Differenzialdiagnosen. Durch einen geübten Untersucher kann der Verdacht auf ein Parkinson-Syndrom bereits bei geringer Symptomausprägung gestellt werden, häufig werden insbesondere ältere Patienten aber erst bei bereits fortgeschrittener Symptomatik neurologisch vorgestellt. Gerade Gangstörungen werden von den Patienten als normale Alterserscheinung gewertet oder auf beispielsweise Rücken- oder Gelenkprobleme geschoben. Da es sich in der Regel um eine Erkrankung des höheren Alters handelt, liegen diese tatsächlich häufig koinzidentiell vor. So werden Patienten teils langjährig orthopädisch vorbehandelt, bevor die Diagnose eines Parkinson-Syndroms gestellt wird. Anders verhält es sich bei Tremor. Hier stellen die Patientin bereits selbst oft die Verdachtsdiagnose eines Parkinson-Syndroms, nicht selten allerdings auch bei Tremor anderer Genese.

Nicht-motorische Symptome

Aktuelle Leitlinien

Bei der Untersuchung von Patienten mit dem Verdacht auf eine Parkinson-Erkrankung sollte neben den motorischen Symptomen, die zur Diagnosestellung führen, auch auf nicht-motorische Symptome geachtet werden. Da ein kausaler Zusammenhang für Patienten nicht immer direkt ersichtlich ist, werden einzelne Symptome häufig nicht spontan berichtet und sollten daher gezielt abgefragt werden. Ein standardisiertes Vorgehen, z. B. an Hand einer Checkliste wie dem PD NMS Questionnaire steht auch in deutscher Sprache zur Verfügung und erleichtert die Erhebung der Befunde (Storch et al. 2010). Die klinische Diagnosestellung sollte sich prinzipiell immer an den aktuellen Leitlinien wie z. B. von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN; S3-Leitlinie »Idiopathisches Parkinson-Syndrom«) oder der Movement Disorder Society (MDS) orientieren (Postuma et al. 2015). Im aktuellen Fall sollten insbesondere die Schmerzbeschwerden ausführlich evaluiert werden, da diese ein häufiges Symptom bei Parkinson-Erkrankungen sein können und wesentlich zu Reduktionen in der Lebensqualität führen (Buhmann 2018). Eine Zusammenfassung der wichtigsten nicht-motorischen Aspekte ist kürzlich in einer Übersichtsarbeit erschienen ( Abb. 1.1 (Jost 2017)).

Anamnestische Hinweise und klinische Zeichen

Weiterhin ist auf anamnestische Hinweise oder klinische Zeichen für eine atypische Verlaufsform oder ein symptomatisches sekundäres Parkinson-Syndrom zu achten. Da diese teils erst im Verlauf auftreten, sollte die Verdachtsdiagnose eines idiopathischen Parkinson-Syndroms gerade in der Anfangsphase bei jeder Untersuchung kritisch hinterfragt und gegebenenfalls revidiert werden. Eine Unterscheidung ist hier besonders aus prognostischen Gründen relevant.

Aufklärung des Patienten

Bei klinischem Anhalt für ein idiopathisches Parkinson-Syndrom (IPS) ist der Patient über die Verdachtsdiagnose aufzuklären. Hierbei sollte klargestellt werden, dass es sich um eine chronische, fortschreitende und nicht heilbare Erkrankung handelt. Eine eindeutige Prognose des Verlaufs ist aber nicht möglich, da Fortschreiten und Ausprägung der Symptome höchst individuell sind. Im Allgemeinen ist der Tremor-dominante Typ im Vergleich zu anderen Subtypen mit einem eher günstigen Krankheitsverlauf vergesellschaftet. Patienten sollten darüber informiert werden, dass ein großes Spektrum an medikamentösen und teils auch invasiven Therapiemöglichkeiten besteht mit denen in der Regel eine langjährige gute Symptomkontrolle möglich ist. Übertriebene Heilsversprechung sollten aber vermieden werden. Durch Erkrankungsfälle in der Familie oder im Bekanntenkreis oder aus den Medien bringen Patienten eine bestimmte Vorstellung über die Erkrankung mit. Diese sollte abgefragt und falls nötig korrigiert bzw. in den richtigen Kontext gesetzt werden. Wichtig ist es, dass der Patient die Krankheit als Teil seines zukünftigen Lebens akzeptiert und lernt, diese in seinen Alltag zu integrieren. Ein Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oder über spezialisierte Internetforen kann die Krankheitsverarbeitung erleichtern. In bestimmten Fällen, insbesondere bei ausgeprägter depressiver Symptomatik, kann auch eine psychiatrisch-psychotherapeutische Mitbehandlung sinnvoll sein.

Therapiebeginn

Nebenwirkungen

Die aktuelle Studienlage deutet daraufhin, dass ein Therapiebeginn bei Diagnosestellung den Krankheitsverlauf insgesamt positiv beeinflusst. Ein hochdosierter Levodopa (L-Dopa)- oder Apomorphin-Test kann bei Zweifel an der Diagnose weiterhelfen (Albanese et al. 2001). Ein negatives Ansprechen schließt aber die Diagnose eines IPS nicht grundlegend aus, d. h. es sollte bei klinischem Verdacht auf ein IPS trotz negativem Test ein Behandlungsversuch bevorzugt mit L-Dopa eingeleitet werden, da nach einer Metaanalyse die chronische L-Dopa Gabe sensitiver und spezifischer zwischen einem IPS und atypischen Parkinson-Syndrom (APS) unterscheidet als eben genannte akute dopaminerge Tests. Die Wahl des initialen Präparats sollte nach Art und Stärke der Symptomatik getroffen werden. Eine initiale Therapie mit L-Dopa sollte aufgrund der bei längerfristigen Einnahme häufigen Wirkfluktuationen bei jüngeren Patienten eher zurückhaltend erfolgen und kann bei älteren Patienten etwas großzügiger eingesetzt werden. Bei erheblicher Beeinträchtigung oder Notwendigkeit eines schnellen Wirkeintritts kann diese aber auch bei jüngeren Patienten erwogen werden. Hierbei wird aus Expertensicht zur Vermeidung von Wirkfluktuationen vorgeschlagen, dass Frauen nicht mehr als 4 mg/kg Körpergewicht und Männer nicht mehr als 5–6 mg/kg/Tag L-Dopa erhalten, da höhere Dosen motorische Komplikationen begünstigen (Sharma et al. 2008). Bei Therapie mit Dopaminagonisten müssen die Patienten und nach Möglichkeit auch Angehörige über die potenziellen Nebenwirkungen informiert werden. Gerade Impulskontrollstörungen (IKS) mit aggressiven Tendenzen oder Hypersexualität können zu erheblichen Zerrüttungen im persönlichen Umfeld führen. Kauf- oder Spielsucht können existenzbedrohende finanzielle Schwierigkeiten verursachen. Daher ist es wichtig, dass IKS bereits im Frühstadium erkannt werden und eine rechtzeitige Therapieumstellung erfolgt. Mögliche Einschlafattacken, die teils unvermittelt und ohne vorherige Müdigkeitszeichen auftreten können, schränken die Fahrtüchtigkeit ein und sind insbesondere für Patienten, die berufsmäßig Kraftfahrzeuge oder große Maschinen führen, relevant. Weitergehende Informationen zum Beginn der Medikation sind in entsprechenden Leitlinien zu finden (DGN).

Verlaufsuntersuchungen

Besonders am Anfang der Erkrankung sollten regelmäßige Verlaufsuntersuchungen erfolgen, um das Therapieansprechen und die Dynamik der Krankheit abschätzen zu können. Hierfür haben sich Intervalle von drei Monaten bewährt. Bei stabilem Verlauf können diese später auf 6–12 Monate erweitert werden. Es sollte immer die Möglichkeit eines Ansprechpartners oder einer Anlaufstelle für den Fall einer akuten Problematik geboten werden.

Behandlungsverhältnis

Insgesamt ist zu beachten, dass sich mit der Diagnose eines Parkinson-Syndroms häufig ein jahre-, teils jahrzehntelanges Behandlungsverhältnis begründet. Ein gutes, vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis ermöglicht es Behandlern, den individuellen Krankheitsverlauf und die Bedürfnisse des Betroffenen immer besser abzuschätzen sowie die Therapie dementsprechend auszuwählen und zu modifizieren.

Was haben die Autoren aus diesem Fall gelernt?

Frühsymptome der Parkinson-Erkrankung werden oft nicht rechtzeitig erkannt, sodass eine kontinuierliche Information der medizinischen Fachkreise und des medizinischen Laien erfolgen muss, um die Behandlungsmöglichkeiten und Chancen zu nutzen.

Highlights

• Eine standardisierte Abfrage und Untersuchung von motorischen und nicht-motorischen Symptomen eines Parkinson-Syndroms erleichtern die Diagnosestellung und Therapieentscheidung.

• Die Initialtherapie sollte abhängig von Art und Ausprägung der Symptome und dem Alter des Patienten gewählt werden.

• Patienten sollten realistisch über den möglichen Verlauf der Erkrankung und Therapiemöglichkeiten aufgeklärt werden, um eine Krankheitsakzeptanz zu ermöglichen.

Literatur

Albanese A, Bonuccelli U, Brefel C, Chaudhuri KR, Colosimo C, Eichhorn T, Melamed E, Pollak P, Van Laar T, Zappia M (2001) Consensus statement on the role of acute dopaminergic challenge in Parkinson’s disease. Mov Disord 16(2): 197–201.

Buhmann C (2018) Das idiopathische Parkinsonsyndrom und Schmerz – diagnostische und therapeutische Ansätze für ein herausforderndes nicht-motorisches Symptom. Fortschritte der Neurologie Psychiatrie. 86(S01): S48–S58.

DGN. »S3-Leitlinie Idiopathisches Parkinson-Syndrom«. (http://www.dgn.org/images/red_leitlinien/LL_2016/PDFs_Download/030010_LL_langfassung_ips_2016.pdf. Stand: 06.07.2018.« Retrieved 06.07.2018, from http://www.dgn.org/images/red_leitlinien/LL_2016/PDFs_Download/030010_LL_langfassung_ips_2016.pdf).

Jost WH (2017) [Nonmotor symptoms in Parkinson’s disease]. Nervenarzt 88(8): 874–887.

Postuma R B, Berg D, Stern M, Poewe W, Olanow CW, Oertel W, Obeso J, Marek K, Litvan I, Lang AE, Halliday G, Goetz CG, Gasser T, Dubois B, Chan P, Bloem BR, Adler CH, Deuschl G (2015) MDS clinical diagnostic criteria for Parkinson’s disease. Mov Disord 30(12): 1591–1601.

Sharma JC, Ross IN, Rascol O, Brooks D (2008) Relationship between weight, levodopa and dyskinesia: the significance of levodopa dose per kilogram body weight. Eur J Neurol 15(5): 493–496.

Storch A, Odin P, Trender-Gerhard I, Fuchs G, Reifschneider G, Ray Chaudhuri K, Jost WH, Ebersbach G (2010) Non-motor Symptoms Questionnaire and Scale for Parkinson’s disease. Cross-cultural adaptation into the German language. Nervenarzt 81(8): 980–985.

1 Florian Hof zum Berge, Assistenzarzt, Klinik für Neurologie der Ruhr-Universität Bochum am St. Josef-Hospital Bochum.

Prof. Dr. Lars Tönges, Oberarzt, Leiter Parkinson-Ambulanz, Klinik für Neurologie der Ruhr-Universität Bochum am St. Josef-Hospital Bochum.

2 Der jugendliche Patient
Norbert Brüggemann2
Zusammenfassung

Das idiopathische Parkinson-Syndrom (IPS) bei jungen Patienten

Störungen der Impulskontrolle

Das idiopathische Parkinson-Syndrom (IPS) tritt typischerweise im mittleren und höheren Lebensalter auf. Bis zu 5 % aller Patienten erkranken jedoch vor dem 40. Lebensjahr; bei einzelnen Patienten treten erste Symptome bereits vor dem 20. Lebensjahr auf. Je früher das Manifestationsalter ist, desto häufiger lassen sich Mutationen in krankheitsverursachenden Genen wie z. B. Parkin,PINK1, DJ1 und anderen nachweisen. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit für weitere genetische Risikofaktoren, wie Varianten im GBA-Gen, höher. Unabhängig davon, ob eine Mutation vorliegt oder nicht, ist der Krankheitsverlauf häufig langsamer progredient als bei älteren Patienten und das Ansprechen auf dopaminerge Medikation besser. Bestimmte klinische Zeichen treten bei jungen Patienten hingegen häufiger auf, wie z. B. eine Dystonie, die den Parkinsonzeichen insbesondere bei Trägern von Mutationen im Parkin- und PINK1-Gen vorangehen kann und damit für Schwierigkeiten in der differentialdiagnostischen Einordnung der Erkrankung sorgt. Neben Angststörungen entwickeln Patienten mit früh beginnender Erkrankung darüber hinaus häufiger Störungen der Impulskontrolle, die meistens in Zusammenhang mit der dopaminergen Medikation stehen. Aufgrund der neuen Datenlage scheinen Patienten mit frühem Erkrankungsbeginn im Krankheitsverlauf in besonderer Weise von der Tiefen Hirnstimulation (THS) zu profitieren. Das früh beginnende Parkinson-Syndrom trifft Patienten in einer sehr aktiven Lebensphase, was eine besondere Herausforderung für Patienten, Angehörige und Ärzte ist und in der ärztlichen Begleitung der Patienten bedacht werden muss.

Einleitung

Das Lebensalter als einer der wichtigesten Risikofaktoren

Monogenes Parkinson-Syndrom

Das idiopathische Parkinson-Syndrom manifestiert sich typischerweise im höheren Lebensalter. Bei den meisten Patienten treten die ersten Krankheitssymptome zwischen dem 55. und dem 65. Lebensjahr auf. Das Lebensalter ist folglich einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung (de Lau und Breteler 2006). Darüber hinaus hat das Alter auch einen Einfluss auf die klinische Präsentation und den Verlauf der Erkrankung sowie auf das therapeutische Ansprechen (Kempster et al. 2010). Bei bis zu 5 % der Patienten treten erste Zeichen bereits vor dem 40. Lebensjahr auf. Hierbei spricht man von einem früh beginnenden (»young onset«) Parkinson-Syndrom. Bei einem Erkrankungsalter von unter 20 Jahren liegt ein juveniles oder jugendliches Parkinson-Syndrom vor. Häufig liegt hier eine genetische Ursache vor. Bei etwa 70–80 % dieser Patienten können folglich Mutationen in den Parkinson-Genen Parkin, PINK1 oder DJ1 nachgewiesen werden ( Tab. 2.1, Abb. 2.1). Wenn eindeutig pathogene Mutationen vorliegen und die Erkrankung erklären, wird in Abgrenzung zu einem idiopathischen Parkinson-Syndrom von einem monogenen Parkinson-Syndrom gesprochen. Die Häufigkeit von Mutationen in Parkinson-assoziierten Genen nimmt mit zunehmenden Erkrankungsalter ab. Trotzdem können durchaus auch bei Patienten mit typischem Erkrankungsalter Mutationen in Parkinson-Genen wie zum Beispiel dem LRRK2-Gen vorliegen. Außer dem frühen Beginn zeichnet sich das Parkinson-Syndrom des jungen Patienten gelegentlich durch weitere wichtige Merkmale aus.


Abb. 2.1: Einfluss von Mutationen in Parkinson- Genen auf intrazelluläre Prozesse und daraus resultierende Neurodegeneration. (angelehnt an Domingo und Klein 2018). * GBA – Glucocerebrosidase-Gen: heterozygote Mutationen im GBA-Gen sind ein starker genetischer Risikofaktor für ein Parkinson-Syndrom. Biallelische Mutationen sind mit dem Morbus Gaucher assoziiert. In grauer Farbe gekennzeichnete Gene sind bislang noch nicht endgültig als krankheitsverursachend bestätigt worden.

Tab. 2.1: Überblick über erbliche Parkinson-Syndrome


GenChromosomAlte NomenklaturNeue NomenklaturMerkmaleErbgang

AD = autosomal-dominant; AR = autosomal-rezessiv; XR = X-chromosomal rezessiv; LBD – Demenz vom Lewykörpertyp; IPS – idiopathisches Parkinson-Syndrom; DS – Deletionssyndrom

a Gendosisveränderung: bei Duplikationen liegt ein Allel in gedoppelter Form vor, daher insgesamt 3 statt 2 Allele, bei Triplikationen sind entweder beide Allele gedoppelt oder ein Allel liegt in verdreifachter Form vor (4 statt 2 Allele)

Falldarstellung
Anamnese

Bewegungsstörung bei einer 18-jährigen Patientin

Dopaminerge Medikation

Nach regelrechter Geburt und unauffälliger motorischer und geistiger Entwicklung traten bei der 18-jährigen Patientin im Alter von elf Jahren erstmalig Symptome einer Bewegungsstörung auf. Es wurde berichtet, dass sie Schwierigkeiten beim Gehen entwickelt habe. Die Füße hätten sich einwärts gedreht und sie habe daher verstärkt auf den Fußaußenkanten gehen müssen. Die Symptomatik habe bereits damals im Laufe des Tages stetig zugenommen. Eine orthopädische Abklärung habe keinen richtungsweisenden Befund ergeben. Im Alter von 13 Jahren wurde mittels MRT eine Arnold-Chiari-Malformation nachgewiesen. Nach neurochirurgischer Behandlung habe sich die Gehfähigkeit für kurze Zeit etwas gebessert. Die Gangstörung habe danach aber wieder deutlich zugenommen, der ganze Körper sei verkrampft gewesen. Das Gehen sei daher über einige Jahre nicht möglich gewesen, weshalb sie für diesen Zeitraum auf einen Rollstuhl angewiesen gewesen sei. Im Alter von 17 Jahren habe sie erstmalig Levodopa (L-Dopa) erhalten, was unmittelbar mit Einnahme der ersten Tablette zu einer dramatischen Besserung geführt habe. Inzwischen könne die Patientin unter dopaminerger Medikation normal gehen und sei nahezu beschwerdefrei. Die vegetative Anamnese ist unauffällig, der Schlaf ebenfalls. Der Geruchssinn wird ebenfalls als unauffällig angegeben.

Klinischer Befund

Generalisierte Dystonie

Vor Beginn der dopaminergen Behandlung zeigte sich bei der vorwiegend im Rollstuhl sitzenden Patientin eine generalisierte Dystonie mit Betonung der unteren Extremitäten einschließlich dystoner Inversionsstellung der Füße. Nach Einleitung der Therapie fiel im ON-Zustand lediglich eine minimale linksseitige Bradykinese mit leicht irregulärem Finger- und Fußtapping und repetitivem Faustschluss auf sowie eine leicht dystone Handhaltung beidseits im Armvorhalteversuch und in der Schreibprobe auf. Das Gangbild war unauffällig mit regelrechter Schrittlänge, Wendeschrittzahl und regelrechtem Mitschwingen der Arme (MDS-UPDRS III: 11/132 Punkte). Im Riechtest (Brief Smell Identification Test) ergab sich eine normale Riechfunktion.

Diagnose

Genetische Diagnostik

Aufgrund des sehr frühen Erkrankungsalters wurde eine genetische Diagnostik eingeleitet, in der pathogene compound-heterozygote Mutationen im Parkin-Gen (c.1A>G (p.Met1? (de Lau und Bretele 2006)3) + Ex11 del) nachgewiesen werden konnten. Bei den Eltern bestand eine molekulargenetisch bestätigte heterozygote Anlageträgerschaft. Somit konnte bewiesen werden, dass die Mutationen bei der Patientin auf beiden Allelen und nicht beide Mutationen auf nur einem Allel liegen. Die Symptomatik sprach hervorragend auf L-Dopa an, weshalb die Diagnose eines autosomal-rezessiv vererbten Parkinson-Syndroms mit biallelischen Mutationen im Parkin-Gen gestellt werden konnte.

Therapie

Rasagilin und Levodopa/Carbidopa

Die Patientin wird seit der Diagnosestellung vor einem Jahr mit Rasagilin (1 mg/die) und Levodopa/Carbidopa (4 x 100/25 mg/die) behandelt. Eine Umstellung von Levodopa/Carbidopa auf einen Dopaminagonisten wünschte die Patientin nicht.

Verlauf

Nach gut einem Behandlungsjahr berichtet die Patientin aktuell, dass bei verspäteter Einnahme der Medikation, d. h. nach mehr als 4,5 Stunden, die zuvor bestehenden Verkrampfungen wieder deutlich aufträten. Darüber hinaus ist die Symptomatik aber über den kurzen Zeitraum von etwa einem Jahr stabil. Die Patientin ist voll leistungsfähig, hat kürzlich ihr Abitur bestanden und nimmt ein Hochschulstudium auf.

Diskussion

Klinisch atypische Präsentation des Parkinson-Syndroms

Das Parkinson-Syndrom kann wie in diesem Fall skizziert sehr früh im Leben auftreten und sich klinisch atypisch präsentieren, was der Grund für eine verspätete Diagnosestellung sein kann.

Treten erste Parkinsonsymptome wie hier vor dem 20. Lebensjahr auf, beträgt die Wahrscheinlichkeit für eine monogene Veränderung etwa 70–80 %, meistens im autosomal-rezessiv vererbten Parkin-Gen ( Tab. 2.1). Die Diagnose wird insbesondere bei Parkin-assoziiertem Parkinson-Syndrom oft verspätet gestellt. In unserem eigenen Kollektiv von neun biallelischen Mutationsträgern mit einem mittleren Erkrankungsalter von 28 Jahren wurde die klinische Diagnose eines Parkinson-Syndroms erst nach etwa neun Jahren gesichert. Im Vergleich dazu erfolgte die Diagnosestellung in einem Vergleichskollektiv von Patienten mit frühem Beginn, aber ohne nachgewiesene Mutation (n = 21, mittleres Erkrankungsalter 35 Jahre) knapp drei Jahre nach dem Einsetzen der ersten Symptome. Interessanterweise zeigte sich bei den Patienten mit Parkin-Mutationen, nicht jedoch bei den Patienten ohne Mutation, eine inverse Korrelation von Erkrankungsalter und Zeitpunkt der Diagnosestellung. Wird ein Erkrankungsalter von unter 40 Jahren zugrunde gelegt, liegt die Wahrscheinlichkeit einer pathogenen Mutation noch bei 10–20 %. Neben dem frühen Erkrankungsalter und bestimmten klinischen Zeichen, wie in dem präsentierten Fall der vordergründigen Dystonie, kann auch eine positive Familienanamnese ein Hinweis auf eine monogene Ursache sein. Diese ist jedoch nicht zwingend erforderlich, wie auch das Beispiel zeigt. Gründe für eine negative Familienanamnese können wie hier ein rezessiver Erbgang sein, aber auch pathogene de-novo Mutationen und eine reduzierte Penetranz. De-novo Mutationen entstehen neu im betroffenen Individuum und können daher nicht bei den Eltern nachgewiesen werden. Die Häufigkeit dieser Mutationen wurde lange Zeit unterschätzt. Genetische Hochdurchsatz-Verfahren wie die Exomsequenzierung ermöglichen nun zunehmend die Identifikation von solchen de-novo Mutationen (Posey et al. 2017). Von reduzierter Penetranz wird gesprochen, wenn der Träger einer pathogenen Mutation nicht erkrankt. Dies kann sich einerseits auf die gesamte Lebenszeit eines Menschen beziehen, d. h., dass ein Mutationsträger Zeit seines Lebens nicht erkranken wird. Möglich ist andererseits aber auch eine altersabhängige Penetranz. Dies bedeutet, dass die Erkrankung im Vergleich zum typischen Manifestationsalter später auftritt. Die Ursachen von reduzierter Penetranz sind komplex und beinhalten unter anderem auch das Vorhandensein von protektiven genetischen Faktoren.

Differenzialdiagnose

Ungewöhnliche klinische Präsentation

Besonders ausgeprägtes Beispiel einer dystonen Manifestation bei juveniler Parkinson- Erkrankung

Die klinische Präsentation ist in diesem Fall aus mehreren Gründen ungewöhnlich. Die initiale Symptomatik war von einer generalisierten Dystonie mit Betonung der unteren Körperhälfte geprägt. Zudem bestanden keine nicht-motorischen Symptome wie z. B. eine Beeinträchtigung der Riechfunktion, eine Obstipation oder eine REM-Schlafverhaltensstörung, die hätten helfen können, zur richtigen Diagnose zu gelangen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass eine unauffällige Riechfunktion typisch für die Parkin-assoziierte Parkinson-Erkrankung ist. Grundsätzlich gilt, dass Patienten mit einer im Kindes- und Jugendalter auftretenden Dystonie für mehrere Wochen mit L-Dopa in einer ausreichend hohen Dosis behandelt werden sollten, um eine auf Dopaminergika ansprechende Dystonie nicht zu übersehen. In dem hier dargestellten Fall erfolgte dies nicht, möglicherweise weil die körperliche Beeinträchtigung nicht im Kontext einer Dystonie, sondern vielmehr in Zusammenhang mit der Arnold-Chiari-Malformation gewertet wurde. Dies verdeutlicht, dass die korrekte phänomenologische Einordnung einer Bewegungsstörung eine Grundvoraussetzung ist, um zur richtigen Diagnose und damit zur richtigen Therapie zu gelangen. Spricht eine Dystonie wie hier auf L-Dopa an, ergeben sich im Grunde zwei wichtige Differenzialdiagnosen: Die dopa-responsive Dystonie (DRD, Segawa-Syndrom) und ein juveniles Parkinson-Syndrom, das häufig durch Mutationen in den Genen Parkin, PINK1 und DJ1 hervorgerufen wird ( Tab. 2.1). Die klassische DRD wird hingegen durch heterozygote Mutationen im GTP-Cyclohydrolase(GCH1)-Gen verursacht. Diese Erkrankung tritt typischerweise zwischen dem 5. und 15. Lebensjahr auf und betrifft vor allem die unteren Extremitäten. Betroffene Kinder gehen häufig auf den Zehenspitzen und fallen im Sportunterricht oft durch schlechte Leistungen auf. Die Symptomatik nimmt im Laufe des Tages zu und bessert sich durch Schlaf. Tritt die DRD erst im höheren Lebensalter auf, stehen eher parkinsonoide Zeichen wie Akinese und Rigor im Vordergrund. Im Gegensatz zu PARK-PARKIN (Nomenklatur Tab. 2.1) ist der DaTSCAN® bei der klassischen DRD nicht pathologisch, da es sich um eine neurometabolische Erkrankung handelt, bei der eine Enzymstörung zum Dopaminmangel führt. Andererseits stellen GCH1-Mutationen aber auch einen Risikofaktor für die Entwicklung eines neurodegenerativen Parkinson-Syndroms im höheren Lebensalter dar. Der hier beschriebene Fall ist ein besonders ausgeprägtes Beispiel einer dystonen Manifestation bei juveniler Parkinson-Erkrankung. Dystone Zeichen sind bei Patienten mit früh beginnender Parkinson-Erkrankung häufig und können auch unabhängig vom Mutationsstatus auftreten. Sie können den Parkinsonzeichen zeitlich vorangehen. Einen systematischen Überblick über klinische Zeichen bei monogenen Parkinson-Syndromen bietet die von der International Parkinson and Movement Disorder Society unterstützte Online-Datenbank MDS Gene an (www.mdsgene.org) (Kasten et al. 2018). Hier wurden alle zur Verfügung stehenden klinischen Informationen aus den bisherigen Publikationen übersichtlich zusammengefasst und aufgearbeitet.

Genetische Diagnostik

Charakteristische Zusatzsymptome

Die Genetik des Parkinson-Syndroms ist komplex. Verhältnismäßig selten liegen wie hier pathogene Mutationen in einzelnen Genen vor, die zu einem monogenen Parkinson-Syndrom führen können ( Tab. 2.1, Abb. 2.1). Monogene Parkinson-Syndrome können autosomal-dominant, autosomal-rezessiv oder X-chromosomal-rezessiv vererbt werden. Das Erkrankungsalter reicht von der Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter. Gelegentlich treten charakteristische Zusatzsymptome auf, die diagnostisch hilfreich sein können, wie z. B. eine Spastik und eine vertikale Blickparese beim Kufor-Rakeb-Syndrom (PARK-ATP13A2). Sehr häufig unterscheidet sich das monogene Parkinson-Syndrom jedoch klinisch nicht von der idiopathischen Form. Häufiger als pathogene Mutationen sind genetische Risikofaktoren wie heterozygote Mutationen im Glucocerebrosidase(GBA)-Gen ( Abb. 2.1). Bei dieser Form erkrankt nur ein kleiner Teil der Mutationsträger. Der klinische Verlauf ist jedoch häufig rascher progredient und mit einer früheren kognitiven Dysfunktion vergesellschaftet. Bei den meisten Parkinson-Patienten liegt jedoch ein komplex-genetisches Krankheitsbild vor: Genetische Faktoren führen in ihrer Gesamtheit zu einer verstärkten Prädisposition, die über eine Interaktion mit Umweltfaktoren zum Auftreten der Erkrankung führen.

Wann ist eine genetische Diagnostik sinnvoll?

Empfehlenswerte genetische Testung

Eine genetische Testung ist empfehlenswert, wenn:

• die Erkrankung vor dem 40. Lebensjahr auftritt ohne Berücksichtigung der Familienanamnese

• die Erkrankung vor dem 50. Lebensjahr auftritt und eine positive Familienanamnese besteht

• eine höhere Anzahl an weiteren Familienangehörigen erkrankt ist

• bestimmte zusätzliche klinische Zeichen wie Intelligenzminderung, Okulomotorikstörungen, Dystonie und Spastik vorliegen.

Parkinson-Panel- Diagnostik

Eine Einzelgen-Testung ist aufgrund klinischer Überlappungen nicht mehr zeitgemäß bzw. sinnvoll. Empfehlenswert ist eine Parkinson-Panel-Diagnostik, die in Deutschland von vielen humangenetischen Laboren kommerziell angeboten wird. Bei Einleitung einer genetischen Testung ist es sinnvoll, die klinischen Charakteristika möglichst genau zu erfassen und wenn relevant und möglich, einen Stammbaum anzugeben. Dies erleichtert dem Humangenetiker die Interpretation der genetischen Befunde. Humangenetische Leistungen sind Kassenleistungen und belasten nicht das Laborbudget von Vertragsärzten (Stand Juni 2020).

Neurologische Betreuung von Patienten mit früh beginnender Parkinson-Erkrankung

Besondere Herausforderungen bei Patienten mit juvenilem und früh beginnendem Parkinson-Syndrom

Patienten mit juvenilem und früh beginnendem Parkinson-Syndrom stehen vor besonderen Herausforderungen, die bei der neurologischen Betreuung berücksichtigt werden müssen. Die Erkrankung trifft die Patienten in einer sehr aktiven Lebensphase, in der berufliche Aufgaben und Karriereentwicklung, eigene Familienplanung und Kindererziehung sowie die Sorge um die eigenen Eltern zeitlich häufig zusammentreffen. Gleichzeitig sind viele Patienten nicht oder noch nicht finanziell unabhängig bzw. nicht adäquat durch z. B. umfangreiche Berufsunfähigkeitsversicherungen abgesichert, was zu starken existenziellen Sorgen und sozialen Abstiegsängsten führen kann. Ein weiterer wichtiger Aspekt, der alle Parkinson-Patienten, aber insbesondere die mit früh beginnender Erkrankung betrifft, ist die reale oder gefühlte soziale Stigmatisierung, die zu Isolierung und sozialem Rückzug führen kann. Gleichzeitig steht dem Patienten eine lange Krankheitsdauer bevor, verbunden mit Ängsten um die eigene gesundheitliche Zukunft.

Spezifische Probleme

Medizinisch sollte neben der adäquaten Behandlung motorischer und nicht-motorischer Symptome auf spezifische Probleme geachtet werden. Patienten mit einem früh beginnenden Parkinson-Syndrom leiden beispielsweise wie im vorgestellten Fall häufiger an einer begleitenden Dystonie. Gelegentlich tritt die Dystonie, meist im Bereich des Fußes, erst belastungsinduziert auf, was zu Problemen bei eigentlich erwünschter sportlicher Aktivität führen kann. Stark belastend sind Angst- und Impulskontrollstörungen, an denen diese Patienten häufiger leiden. Im Krankheitsverlauf treten zudem Dyskinesien und motorische Fluktuationen häufiger auf als bei Patienten mit spätem Erkrankungsbeginn. Da in der Early-Stim Studie gezeigt wurde, dass Patienten bereits zu einem früheren Zeitpunkt von der Tiefen Hirnstimulation (THS) profitieren können, kommt diese Behandlungsform insbesondere bei diesen jüngeren Patienten in Betracht (Schuepbach et al. 2013). Eine THS kann dazu führen, dass die berufliche Tätigkeit länger durchgeführt oder wiederaufgenommen werden kann und dass Patienten sozialen Aktivitäten wieder besser nachgehen können.

Was hat der Autor aus diesem Fall gelernt?

Das Parkinson-Syndrom kann im frühen Lebensalter auftreten, sich durch besondere klinische Charakteristika wie eine Dystonie auszeichnen und genetisch bedingt sein.

Highlights

• Das Parkinson-Syndrom kann vor dem 20. Lebensjahr beginnen und ist dann häufig genetisch bedingt.

• Bei einer im Kindes- und Jugendalter auftretenden Dystonie sollte die Wirksamkeit von L-Dopa getestet werden, um eine Dopa-responsive Dystonie oder ein juveniles Parkinson-Syndrom nicht zu übersehen.

• Eine negative Familienanamnese schließt ein erbliches Parkinson-Syndrom nicht aus.

• Bei frühem Krankheitsbeginn und/oder spezifischen Zeichen kann eine genetische Diagnostik sinnvoll sein – zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist eine Panel-Diagnostik zu empfehlen.

Literatur

de Lau LM, Breteler MM (2006) Epidemiology of Parkinson’s disease. Lancet Neurol 5: 525–535.

Domingo A, Klein C (2018) Genetics of Parkinson disease. Handb Clin Neurol 147: 211–227.

Kasten M, Hartmann C, Hampf J et al. (2018) Genotype-Phenotype Relations for the Parkinson’s Disease Genes Parkin, PINK1, DJ1: MDSGene Systematic Review. Mov Disord 33: 730–741.

Kempster PA, O’Sullivan SS, Holton JL, Revesz T, Lees AJ (2010) Relationships between age and late progression of Parkinson’s disease: a clinico-pathological study. Brain 133: 1755–1762.

Posey JE, Harel T, Liu P et al. (2017) Resolution of Disease Phenotypes Resulting from Multilocus Genomic Variation. N Engl J Med 376: 21–31.

Schuepbach WM, Rau J, Knudsen K et al. (2013) Neurostimulation for Parkinson’s disease with early motor complications. N Engl J Med 368: 610–622.

2 Prof. Dr. Norbert Brüggemann, Oberarzt, Klinik für Neurologie und Institut für Neurogenetik, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck.

3 In diesem Fall (Austausch der 1. Base) wird kein Protein gebildet, da das Initiations-Codon eliminiert wird. Das Fragezeichen bedeutet, dass die Translation nicht initiiert wird.

3 Wann ist eine genetische Testung sinnvoll?
Kathrin Reetz4
Zusammenfassung

Monogene Ursache

Etwa 5 % der Betroffenen mit einer Parkinson-Erkrankung liegt eine monogene Ursache zugrunde. Da die monogene und die idiopathische Form der Parkinson-Erkrankung Überlappungen nicht nur des klinischen Bildes, sondern beispielsweise auch der neuropathologischen Merkmale zeigen, können Erkenntnisse aus der klinischen oder wissenschaftlichen Grundlagenforschung, z. B. über die Dysfunktion mutierter Gene und Proteine, häufig auf die idiopathische Form der Parkinson-Erkrankung übertragen werden.

Innerhalb der letzten 20 Jahre wurden sechs monogene Gene für die Parkinson-Erkrankung entdeckt, die klinisch weitgehend der idiopathischen Form der Parkinson-Erkrankung gleichen. Doch wann soll man den Betroffenen eine molekulargenetische Testung anbieten und gibt es hier hilfreiche Hinweise für eine genetische Ursache?

Genetische Ursache

Zusammenfassend lässt sich herausstellen, dass ein frühes Erkrankungsalter, eine familiäre Häufung von mindestens zwei Betroffenen in der Familie und auch bestimmte klinische Symptome, zum Beispiel das frühe Auftreten einer Dystonie oder einer kognitiven Störung bzw. einer Demenz, Hinweise auf eine genetische Ursache sein können.

Einleitung

Alpha-Synuklein

Auch wenn die Parkinson-Erkrankung bereits 1817 von James Parkinson beschrieben wurde, so kam es doch erst 1997 durch die Entdeckung des ersten Gens (PARK1) zur bahnbrechenden weiteren Entwicklung durch die Ursachenforschung des Alpha-Synukleins (Polymeropoulos et al. 1997). Hierbei sind die konvergierenden pathophysiologischen Mechanismen, die zu dem Tod dopaminerger Nervenzellen der Substantia nigra führen, wichtige Forschungs- und auch Therapieansätze. Diese Mechanismen können sein: ein verminderter und fehlerhafter Proteinabbau, mitochondriale Dysfunktion und ein gestörter Umsatz synaptischer und endosomaler Proteine sowie Proteintransport und -wiederverwertung.

Genetische Parkinson-Formen

Aus einer zunächst etwas unübersichtlichen Nomenklatur und Einteilung mit z. T. doppelten Einträgen, erfolgte eine Definition und Einteilung genetischer Parkinson-Formen durch die internationale Movement Disorders Society (MDS) Task Force for Nomenclature of Genetic Movement Disorders. Hierbei werden nur krankheitsverursachende Gene, aber keine genetischen Risikofaktoren berücksichtigt. Um einen Überblick über die wachsende Zahl an bekannten, genuin kausalen Genen zu behalten, wurde u. a. eine umfassende, frei im Internet zugängliche Datenbank entwickelt: die Movement Disorders Society Genetic Mutation Database, MDSGene; http://www.mdsgene.org (Lill et al. 2016). Neben vielfältiger weiterer Literatur gibt sie einen guten Überblick über die publizierte Literatur, Bewegungsstörungen verursachende Mutationen und in diesem Zusammenhang berichtete Phänotypen.

Wie häufig sind sog. genetische Risiko-Varianten überhaupt?

Insgesamt sind genetisch bedingte Parkinson-Formen selten. Sie betreffen maximal 3–5 % aller Parkinson-Patienten überhaupt. Bei monogenen Parkinson-Erkrankungen verursacht eine einzelne Mutation in einem einzigen Gen die Erkrankung. Wenn man von ca. 400.000 Parkinson-Patienten in Deutschland ausgeht, wird die Prävalenz auf bis zu 20.000 Patienten geschätzt (= ca. jeder 20. Patient mit einer Parkinson-Erkrankung ist monogen bedingt). Bei den meisten Patienten jedoch wird eine gemischte Krankheitsursache aus vielen verschiedenen genetischen (Lill et al. 2012) und Umwelt- bzw. Lebensstilfaktoren (Noyce et al. 2012) diskutiert.

Monogene Formen ( Tab. 3.1)
PARK-SNCA (PARK1)

Genetik: Auch wenn diese autosomal-dominanten Mutationen sehr selten sind, gehört SNCA wohl mit zu den am besten untersuchten Genen.

Pathologie: Das SNCA-Gen kodiert für das Protein Alpha-Synuclein (SNCA), wobei SNCA der Hauptbestandteil der Lewy-Körperchen ist und es hier zu einer Akkumulation von SNCA kommt, die bei der idiopathischen Parkinson-Erkrankung und bei den meisten monogenen Parkinson-Formen vorhanden ist.

Klinik: Klinisch können die SNCA-Mutationsträger etwas früher erkranken, motorisch Fluktuationen und bei den nicht-motorischen Symptomen eine etwas häufigere kognitive Störung bzw. demenzielle Entwicklung zeigen.

PARK-LRRK2 (PARK8)

Genetik: Mit der großen Spannweite von 3–40 % der familiären Fälle und wahrscheinlich auch Ursache vieler sporadischer Fälle gehört die ebenfalls autosomal-dominante Mutation in LRRK2 zur häufigsten monogenen Ursache der Parkinson-Erkrankung. Hierbei wiederum gilt die p.G2019S-Mutation als häufigste unter den pathogenen Mutationen. Zudem scheint es auch eine geografische Verteilung mit einer Häufung von Betroffenen bei den nordafrikanischen Arabern und Ashkenasi-Juden zu geben.

Pathologie: Mutationen in LRRK2, einer Serin-Threonin-Kinase, scheinen die Auto-phosphorylierung bzw. Kinaseaktivität zu verstärken.

Klinik: Es gibt Berichte über eine vermehrte Tremordominanz, aber letztendlich ist das klinische Bild wahrscheinlich vom idiopathischen Parkinson-Syndrom kaum zu unterscheiden.

PARK-VPS35 (PARK17)

Genetik: Sehr seltene Mutation mit autosomal-dominantem Erbgang.

Pathologie: Das VPS35-Protein spielt eine wichtige Rolle beim retrograden Transport von Endosomen zum Trans-Golgi-Netzwerk und ist in den Transport exzitatorischer Glutamat-rezeptoren involviert.

Klinik: Klinisch dem idiopathischen Parkinson-Syndrom sehr ähnlich.

PARK-Parkin (PARK2)

Genetik: Parkin-Mutationen sind die häufigste Ursache der autosomal-rezessiv vererbten Parkinson-Erkrankung mit frühem Beginn.

Pathologie: Das Parkin-Protein fungiert als E3-Ubiquitin-Ligase, die eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung mitochondrialer Funktion spielt.

Klinik: Klinisch können Betroffene mit einer Parkin-Mutation eine Dystonie entwickeln, meist früh und im Bein-/Fußbereich. Im Vergleich zum idiopathischen Parkinson-Syndrom ist der Verlauf etwas langsamer, das Ansprechen auf eine dopaminerge Medikation in der Regel gut bis besser als beim IPS.

PARK-PINK1 (PARK6)

Genetik: PINK1-Mutationen sind die zweithäufigste Ursache der autosomal-rezessiv vererbten Parkinson-Erkrankung mit frühem Beginn.

Pathologie: Das PINK1-Protein fungiert als Proteinkinase und ist ebenfalls wie Parkin, in die mitochondriale Funktion involviert.

Klinik: Klinisch können Betroffene mit einer PINK1-Mutation denen mit einer Parkin-Mutation ähneln, allerdings kann das Auftreten möglicher psychiatrischer Symptome gehäuft sein.

PARK-DJ-1 (PARK7)

Genetik: DJ-1-Mutationen sind eine seltene Ursache der autosomal-rezessiv vererbten Parkinson-Erkrankung mit frühem Beginn.

Pathologie: Das PINK1-Protein fungiert als zellulärer Sensor für oxidativen Stress und Mutationen führen zu einer gestörten antioxidativen Antwort durch einen veränderten Glutamin- und Serinmetabolismus. Ebenso scheint eine Aktivierung proinflammatorischer Mikroglia eine Rolle zu spielen.

Klinik: Klinisch dem idiopathischen Parkinson-Syndrom sehr ähnlich.

Tab. 3.1: Die wichtigsten und häufigsten monogenen Parkinson-Formen


Bezeichnung/OMIMFrühere BezeichnungErbgangErkrankungsbeginnChromosomGenproduktBesonderheiten

Abk.: AD = autosomal-dominant; AR = autosomal-rezessiv; J = Jahre; OMIM = Online Mendelian Inheritance in Man; PK = Parkinson-Erkrankung

Genetische Risikofaktoren

Ursachen: Multifaktoriell bedingt

Die Parkinson-Erkrankung ist neben dem kleineren Anteil der monogenen Formen multifaktoriell bedingt. Das bedeutet ein Zusammenspiel von einer Vielzahl genetischer Varianten und auch Umweltfaktoren. In groß angelegten genetischen Assoziationsstudien wurden vier sog. Risikogene identifiziert. Neben SNCA, LRRK2 und dem MAPT-Gen (bekannt auch bei den Tauopathien) wurde als stärkster genetischer Risikofaktor die seltene GBA-Variante (kodiert die alpha-Glukozerebrosidase) identifiziert, diese findet sich bei 2,3–9,4 % aller Parkinson-Patienten und bei ungefähr 1–2 % der Allgemeinbevölkerung (Sidransky und Lopez 2012).

Falldarstellung
Anamnese

Langsam zunehmendes Zittern

Eine 49-jährige Patientin berichtete von einem langsam zunehmenden Zittern der rechten Hand. Ein drei Jahre älterer Bruder, eine Tante mütterlichseits und auch die Mutter seien wohl ebenfalls an einem Parkinson-Syndrom mit vorwiegendem Zittern erkrankt.

Klinischer Befund

Im klinischen Befund zeigte sich ein rechtsseitiges Parkinson-Syndrom vom tremor-dominanten Typ einhergehend mit einem rechtsbetonten Ruhetremor, leichtgradigem Rigor und Bradykinese rechts, ohne posturale Instabilität. An nicht-motorischen Symptomen fand sich lediglich eine Hyposmie. Keine Hinweise auf eine Depression, kognitive Störung, psychiatrische Symptome oder autonome Beteiligung.

Diagnose

Aufgrund der klinischen Symptomatik wurde die Diagnose einer Parkinson-Erkrankung gestellt. Aufgrund der positiven Familienanamnese, des Alters und auch der klinischen Symptomatik erfolgte eine molekulargenetische Testung, die eine Mutation im LRRK2 (G20192) nachwies.

Therapie

Die Patientin sprach gut auf eine L-Dopa-Therapie mit zunächst 3 x 100 mg L-Dopa/Tag an.

Verlauf

Der Verlauf war sowohl motorische als auch nicht-motorische Symptome betreffend eher günstig und nur langsam progredient. Das traf auch auf die weiteren betroffenen Familienmitglieder zu.

Diskussion

Genetische Testung

Anhand des Falles ist zu sehen, wie sehr sich klinisch genetische monogene Formen und das idiopathische Parkinson-Syndrom hinsichtlich motorischer und nicht-motorischer Symptome (Kasten et al. 2010) ähneln können. Wann also soll man eine genetische Testung anstreben, vor allem da diese genetischen Formen auch noch eher selten sind?

Auf genetische Ursachen hinweisende Faktoren können ein früheres Erkrankungsalter (vor allem die autosomal-rezessiven Formen) und eine positive Familienanamnese mit mehr als zwei betroffenen Mitgliedern in der Familie sein. Der Anteil erblicher Fälle ist jedoch umso höher, je früher die Erkrankung auftritt. Erkrankt ein Patient beispielsweise vor dem 20. Lebensjahr an einem Parkinson-Syndrom, beträgt die Wahrscheinlichkeit für eine genetische Ursache 70–80 %. Eine weitere klinische Besonderheit kann das erhöhte Risiko für das Auftreten einer Demenz sein (insbesondere für PARK-SNCA), aber auch das Auftreten einer Dystonie der unteren Extremität (insbesondere für PARK-Parkin). Zu beachten ist natürlich, dass sowohl motorische als auch nicht-motorische Symptome auch beim idiopathischen Parkinson-Syndrom auftreten können, so geht auch das idiopathische Parkinson-Syndrom mit einem erhöhten Risiko einer kognitiven Störung/Demenz einher. Der mit Abstand wichtigste genetische Risikofaktor für eine dementielle Entwicklung sind Mutationen im GBA (Glucocerebrosidase)-Gen.

Erweiterte Beratung

Eine erweiterte Beratung sollte in Zusammenarbeit mit einer humangenetischen bzw. auf Neurogenetik spezialisierten (Bewegungs-)Sprechstunde erfolgen. Hier kann dann nach ausführlicher Beratung und Wunsch der Betroffenen eine molekulargenetische Testung erfolgen. Die Kenntnis über die zugrundeliegenden Mutationen, Mechanismen oder bestimmte Phänotypen kann helfen eine bessere Vorhersage über den weiteren Verlauf zu treffen und zukünftig für die Auswahl bei klinischen Studien (www.clinicaltrials.gov) wertvoll sein. Es sollte allerdings darauf hingewiesen werden, dass derzeit noch keine präventiven oder kurativen Maßnahmen zur Verfügung stehen.

Was hat die Autorin aus diesem Fall gelernt?

Auch genetische Formen können dem klassischen idiopathischen Parkinson-Syndrom sehr ähneln.

Highlights

• Betroffene mit einem frühen Erkrankungsbeginn, einer positiven Familienanamnese und/oder vorliegenden klinischen Besonderheiten sollten hinsichtlich einer möglicherweise vorliegenden monogenen Krankheitsform der Parkinson-Erkrankung genetisch beraten werden.

• Bislang unterscheidet sich die Standard-Therapie von Patienten mit genetisch bedingter und idiopathischem Parkinson-Syndrom nicht voneinander. Eine kausale Behandlung der Erkrankung ist auch weiterhin nicht möglich.

• Für zukünftige Therapiestudien werden Untersuchungen bei Betroffenen mit genetischen Formen, insbesondere in frühen Stadien, sehr wertvoll sein. Potenzielle genspezifische Therapien befinden sich in Entwicklungs- und ersten Testphasen.

Literatur

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Sidransky E, Lopez G (2012) The link between the GBA gene and parkinsonism. The Lancet Neurology 11(11): 986–98.

4 Prof. Dr. Kathrin Reetz, Oberärztin, Klinik für Neurologie, RWTH Aachen Universität.

4 Ist es überhaupt Parkinson?
Gesine Respondek und Günter Höglinger5
Zusammenfassung

UK Brain Bank- Kriterien und Movement Disorder Society (MDS)-Kriterien

Die klinische Diagnose des idiopathischen Parkinson-Syndroms (IPS) wird anhand der UK Brain Bank-Kriterien bzw. seit 2015 anhand der Movement Disorder Society (MDS)-Kriterien gestellt. Eine wichtige Differenzialdiagnose des IPS sind die atypischen Parkinson-Syndrome, darunter die Progressive Supranukleäre Paralyse (PSP). Viele Patienten mit PSP zeigen typische Symptome, wie z. B. eine frühe posturale Instabilität und eine vertikale supranukleäre Blickparese, die dem geübten Kliniker die Abgrenzung der PSP vom IPS erleichtern. Ein beachtlicher Anteil von PSP-Patienten weist jedoch in den ersten Krankheitsjahren keines dieser spezifischen Symptome auf, sodass die klinische Differenzialdiagnose schwerfällt und manchmal sogar unmöglich ist.

Differentialdiagnostische Herausforderung

Um die differentialdiagnostische Herausforderung zu veranschaulichen, wird in diesem Fallbericht ein Patient vorgestellt, der seit sechs Jahren die Diagnose eines IPS trägt. Der Verlauf erschien zunächst typisch. Drei Jahre nach Krankheitsbeginn zeigte das Parkinson-Syndrom jedoch keinerlei Ansprechen mehr auf die Therapie mit Levodopa (L-Dopa). Im 6. Jahr fielen in der Untersuchung verlangsamte Sakkaden auf. Im 7. Jahr ließ sich eine vertikale supranukleäre Blickparese nachweisen. Letztlich wurde die klinische Diagnose einer PSP gestellt.

Hätte die Diagnose einer PSP bei diesem Patienten früher gestellt werden können?

Indizien, die bei der klinischen Unterscheidung zwischen dem IPS und der PSP helfen können, aber auch Limitationen der klinischen Diagnosemöglichkeiten sollen anhand des folgenden Fallberichtes beispielhaft aufgezeigt werden.

Einleitung

Klinische Diagnose eines idiopathischen Parkinson-Syndroms (IPS)

Ausschlusskriterien

Atypische Parkinson-Syndrome (APS)

Für die klinische Diagnose eines idiopathischen Parkinson-Syndroms (IPS) finden in der klinischen Routine üblicherweise die UK Brain Bank-Kriterien (United Kingdom Parkinson’s Disease Society Brain Bank) (Gibb et al. 1988) ( Tab. 4.1) bzw. seit 2015 zunehmend die Movement Disorder Society (MDS)-Kriterien (Postuma et al. 2015) Anwendung. Nach den UK Brain Bank-Kriterien ist das Vorliegen einer Bradykinese und mindestens zwei der Kardinalsymptome Rigor, Tremor und posturale Instabilität obligat. Darüber hinaus gibt es unterstützende Kriterien, von denen mindestens drei erfüllt sein müssen. Diese sind einseitiger Beginn, Ruhetremor, chronisch fortschreitende Erkrankung, anhaltende Asymmetrie, gutes Ansprechen auf L-Dopa, L-Dopa induzierte Dyskinesien, positive L-Dopa-Antwort seit fünf Jahren oder mehr und einen Verlauf von mindestens zehn Jahren. Zusätzlich gibt es Kriterien, die die klinische Diagnose eines IPS ausschließen (Ausschlusskriterien). Dazu gehören zum einen klinische Hinweise für eine symptomatische Ursache des Parkinson-Syndroms und zum anderen Warnsymptome, die für das Vorliegen eines atypischen Parkinson-Syndroms (APS) sprechen. Zu den Warnsymptomen gehören Nichtansprechen auf hohe Dosen von L-Dopa, früh auftretende schwere autonome Störungen, zerebelläre Zeichen, positives Babinski-Zeichen, ausgeprägter Antecollis, vertikale supranukleäre Blickparese, frühe posturale Instabilität und Stürze, Apraxie, Demenz innerhalb des ersten Jahres und fluktuierende visuelle Halluzinationen innerhalb des ersten Jahres. Liegen eines oder mehrere dieser Warnsymptome vor, sollte die Diagnose eines IPS hinterfragt werden und geklärt werden, ob der Patient die Kriterien eines der atypischen Parkinson-Syndrome erfüllt. Zu den atypischen Parkinson-Syndromen gehören die Progressive Supranukleäre Paralyse (PSP), das Corticobasale Syndrom (CBS), die Multisystematrophie (MSA) und die Lewy-Körper-Demenz (LBD).

Progressive Supranukleäre Paralyse (PSP)

Prädominanztypen

Die PSP stellt als atypisches Parkinson-Syndrom eine wichtige Differenzialdiagnose des IPS dar. Ihre Prävalenz wird auf 3–6 pro 100.000 Einwohner geschätzt. Im Vergleich zum IPS haben Patienten mit PSP eine deutlich schlechtere Prognose: die Erkrankungsdauer bis zum Tod beträgt im Durchschnitt ca. sechs bis neun Jahre. Die PSP ist eine neuropathologisch definierte Krankheitsentität, deren klinische Manifestation insbesondere in den ersten Krankheitsjahren ganz unterschiedlich sein kann. Typische Symptome, die aber längst nicht bei allen Patienten auftreten, sind eine frühe posturale Instabilität mit Stürzen und eine supranukleäre Blickparese. Nach der im Vordergrund stehenden klinischen Symptomatik werden bei der PSP daher verschiedene klinische Manifestationsformen unterschieden, die als Prädominanztypen bezeichnet werden. Die häufigsten sind die PSP mit prädominantem Richardson-Syndrom (PSP-RS) und die PSP mit prädominantem Parkinson-Syndrom (PSP-P) (Respondek et al. 2014).

In Ermangelung zuverlässiger Biomarker bzw. Bildgebungsmarker für die Diagnose der PSP und des IPS sind Anamnese, detaillierte klinisch-neurologische Untersuchung durch einen in Bewegungsstörungen erfahrenen Neurologen für die Differenzialdiagnose besonders wichtig.

Anhand dieses Falles soll den Fragen nachgegangen werden, 1. welche Kriterien bei der klinischen Unterscheidung zwischen einem IPS und einer PSP hilfreich sind, 2. wie sicher und wie früh die richtige klinische Diagnose gestellt werden kann und 3. welche Relevanz die klinische Diagnose für den Patienten hat.

Falldarstellung
Anamnese

Feinmotorikstörung und gelegentliches Zittern der rechten Hand

Wir befinden uns in der Ambulanz für Bewegungsstörungen im Klinikum rechts der Isar in München im Sommer 2017. Herr S. stellt sich in Begleitung seiner Ehefrau erstmals für eine diagnostische Zweitmeinung vor. Der aktuell 63-jährige Patient habe im Jahr 2011 die Diagnose eines IPS von einem damals aufgesuchten niedergelassenen Neurologen erhalten. Begonnen habe die Symptomatik ebenfalls im Jahr 2011 mit einer Feinmotorikstörung und einem gelegentlichen Zittern der rechten Hand. Eine REM-Schlafverhaltensstörung oder eine Hyposmie hätten damals wie heute nicht bestanden. Autonome Funktionsstörungen, wie orthostatischer Schwindel und Blasenstörung bestünden nicht. Bei Herrn S. hätten bisher weder er selbst noch seine Ehefrau Einschränkungen des Gedächtnisses oder der Orientierung wahrgenommen. Lediglich die Multitasking-Fähigkeit sei reduziert. Nennenswerte Vorerkrankungen seien ebenfalls nicht bekannt. Die Familienanamnese sei bezüglich neurodegenerativer Erkrankungen negativ.

Therapeutisch habe Herr S. im Jahr 2011 zunächst Dopaminagonisten erhalten (Präparat und Dosierung unklar). Hierunter sei es jedoch zu einer ausgeprägten Tagesmüdigkeit und nur einer fraglichen Besserung der Symptomatik gekommen, sodass bald eine Therapie mit L-Dopa initiiert worden sei. Mit einer Dosierung von 600 mg pro Tag habe sich die Feinmotorikstörung zunächst deutlich gebessert. Dennoch sei im Jahr 2012 bereits eine Steigerung auf 800 mg L-Dopa pro Tag nötig gewesen, um eine ausreichende Linderung der Symptome zu bewirken.

Sehstörungen

Zusätzliche Gleichgewichtsstörung

Im Jahr 2014 seien Sehstörungen hinzugekommen, die Herr S. als Verschwommensehen und Fokussierungsprobleme beim Lesen beschreibt. Daher sei ein Augenarzt konsultiert worden, der allerdings außer einem Sicca-Syndrom keine Auffälligkeiten habe finden können. Die zunehmende, nun auch die linke Hand betreffende Feinmotorikstörung sowie eine seit 2015 bestehende und seit 2016 zu Stürzen führende Gleichgewichtsstörung hätten Herrn S. schließlich zur aktuellen Vorstellung veranlasst. Herr S. sei nun innerhalb eines Jahres dreimal gestürzt, ohne dass hierfür eine unmittelbare Ursache erkennbar gewesen sei. Mittlerweile habe Herr S. in Eigenregie die L-Dopa-Dosis reduziert, da er ersten nach einer Dosissteigerung auf 1.000 mg pro Tag keine Besserung bemerkt habe und es zweitens nach Auslassversuchen zu keiner Verschlechterung der Symptomatik gekommen sei. Nun nehme Herr S. 3 x täglich 100 mg L-Dopa ein.

Klinisch-neurologische Untersuchung

Kognition: Voll orientiert, keine Aphasie, kein Neglect.

Kopf/Hals: Kein axialer Rigor, kein Antecollis, keine dystone Fehlstellung.

Hirnnerven: Pupillomotorik intakt, Blickfolge glatt, keine Angabe von Doppelbildern, verlangsamte Sakkaden bei Blick nach oben und unten, keine Blickparese, vestibulo-okulärer Reflex intakt, Hypomimie, reduzierte Lidschlagfrequenz, Hypophonie und leichte Dysarthrie, laut Patient und Ehefrau keine Dysphagie. Übrige Hirnnerven unauffällig.

Motorik: Keine Paresen, Muskeleigenreflexe symmetrisch und mittellebhaft.

Sensorik: unauffällig

Koordination: rechts-betonter Rigor der Extremitäten (rechts mit eingeschränktem Bewegungsumfang), intermittierenden Ruhetremor der rechten Hand, rechts-betonte Hypokinese im Finger- und Fußtapping. Keine Ataxie.

Gang und Stand: Aufstehen aus dem Stuhl und Gehen ohne Unterstützung möglich. Gangbild etwas kleinschrittig und breitbasig, kein Freezing, fehlendes Mitschwingen des rechten Armes. Im Pull-Test benötigt der Patient drei Ausgleichschritte nach hinten.

Zusatzuntersuchungen

Kernspintomografie des Schädels

Die Kernspintomografie des Schädels von Sommer 2017 ist in Abbildung 4.1 gezeigt. Es findet sich eine Mittelhirnatrophie. Darüber hinaus zeigen sich keine Auffälligkeiten. Die Liquordiagnostik ist unauffällig.


Abb. 4.1a: Axiale MRT-Bildgebung des Hirnstamms mit reduziertem Mittelhirndurchmesser

Abb. 4.1b: Sagittale MRT-Bildgebung des Hirnstamms. Es zeigt sich eine Abflachung des Mittelhirndachs (Kolibri-Zeichen)

Diagnose im Sommer 2017

»Mögliche PSP mit prädominantem Parkinson-Syndrom (PSP-P)«

Warnsyndrome

Begründung: Das Nichtansprechen auf hohe Dosen von L-Dopa gehört nach den UK Brain Bank-Kriterien zu den Warnsyndromen, die an das Vorliegen eines atypischen Parkinson-Syndroms denken lassen und die Diagnose eines IPS ausschließen.

MDS-PSP-Kriterien

Die Diagnose einer »möglichen PSP-P« basiert auf den MDS-PSP-Kriterien für die klinische Diagnose der PSP (Höglinger et al. 2017) ( Tab. 4.1). Sie ergibt sich aus der Kombination von vertikal verlangsamten Sakkaden (O2, Tab. 4.1a) und asymmetrischem Parkinson-Syndrom (A3, Tab. 4.1).

Zusätzliche Zeichen, die für die Diagnose einer PSP-P und gegen die Diagnose IPS sprechen, sind das mittlerweile fehlende Ansprechen auf eine L-Dopa-Therapie (CC1, Tab. 4.1) und die Mittelhirnatrophie im MRT ( Abb. 4.1).

Therapie

Physiotherapie und logopädische Therapie

Wir verordneten die regelmäßige Durchführung von Physiotherapie und logopädischer Therapie. Eine erneute Aufdosierung von L-Dopa wurde aufgrund des anamnestisch fehlenden Ansprechens auf L-Dopa und auf Wunsch des Patienten unterlassen.

Tab. 4.1: Klinische Diagnosekriterien für die Progressive Supranukleäre Paralyse exklusive der Ausschlusskriterien (nach Höglinger et al. 2017)


a) Klinische Domänen mit diagnostischen KernsymptomenSicherheitsgrad*Klinische DomäneOkulomotorische DysfunktionPosturale InstabilitätAkinesieKognitive Dysfunktion

* Die angenommene diagnostische Sicherheit der Symptome ist mit Grad 1 bis 3 angegeben, wobei die diagnostische Sicherheit mit zunehmendem Grad abnimmt.


b) Diagnosesicherheit und PSP-VariantenDiagnosesicherheitSymptomatikPSP-Prädominanztyp

Abkürzungen: Für A1 – 3, C1 – 3, O1 – 3 und P1 – 3 siehe Tabelle 4.1a.

CC1 = L-Dopa-Resistenz; CC2 = hypokinetische, spastische Dysarthrie; CC3 = Dysphagie; CC4 = Photophobie

PSP-CBS = PSP mit prädominantem cortikobasalen Syndrom; PSP-F = PSP mit prädominanter frontaler Dysfunktion;

PSP-OM = PSP mit prädominanter Störung der Okulomotorik; PSP-P = PSP mit prädominantem Parkinson-Syndrom;

PSP-PGF = PSP mit progredientem Freezing; PSP-PI = PSP mit prädominanter posturaler Instabilität; PSP-RS = PSP mit prädominantem Richardson-Syndrom; PSP-SL = PSP mit prädominanter Sprech-/Sprachstörung.

Verlauf

Verwaschenes Sprechen und supranukleäre Blickparese

Herr S. stellt sich im Frühjahr 2018 erneut zusammen mit seiner Ehefrau vor. Seit der letzten Vorstellung sei es zunehmend zu einem verwaschenen Sprechen gekommen. Das Schlucken bereite Herrn S. keine Schwierigkeiten. Die Stürze seien mit einer Frequenz von ca. ein Sturz pro Monat häufiger geworden. Herr S. ziehe sich laut seiner Ehefrau zunehmend aus dem sozialen Umfeld zurück und nehme kaum noch aktiv an Gesprächen teil. In der klinisch-neurologischen Untersuchung lässt sich nun eine supranukleäre Blickparese nach oben und – weniger ausgeprägt – auch nach unten nachweisen. Im Pull-Test kann sich Herr S. mit 4–5 Ausfallschritten aufrecht halten.

Diagnose im Frühjahr 2018

Diagnose PSP-P

Die Diagnose lautet im Frühjahr 2018 »wahrscheinliche PSP-P«, basierend auf der vertikalen supranukleären Blickparese (O1, Tab. 4.1) und dem asymmetrischen Parkinson-Syndrom (A3, Tab. 4.1).

Diskussion

Vorgestellt wurde ein 63-jähriger Patient, der über sechs Jahre die Diagnose eines idiopathischen Parkinson-Syndroms trug. Der Krankheitsverlauf in den ersten drei Jahren ließ an der Diagnose eines IPS nicht zweifeln. Dann zeigte das Parkinson-Syndrom jedoch keinerlei Ansprechen mehr auf die Therapie mit L-Dopa. Nach sechs Jahren zeigte der Patient verlangsamte Sakkaden, sodass die Diagnose einer »möglichen PSP-P« gestellt wurde. Im 7. Krankheitsjahr wurde letztlich die Diagnose einer »wahrscheinlichen PSP-P« gestellt, da zu diesem Zeitpunkt eine vertikale supranukleäre Blickparese nachgewiesen wurde.

PSP-P

Eine PSP-P tritt schätzungsweise bei 20 % aller PSP-Patienten auf und ist damit nach der PSP-RS die zweithäufigste klinische Manifestation der PSP (Respondek et al. 2014). Patienten mit PSP-P haben einen günstigeren Krankheitsverlauf und leben länger als Patienten mit PSP-RS. Typisch für die PSP-P ist ein asymmetrisches Parkinson-Syndrom, welches in den ersten Jahren in der Regel auf eine Therapie mit L-Dopa anspricht. Häufig wird auch ein (Ruhe-)Tremor der Extremitäten beobachtet. Kognitive Einschränkungen, Verhaltensstörungen und Persönlichkeitsveränderungen sind am Anfang selten vorhanden. Eine vertikale supranukleäre Blickparese und eine posturale Instabilität, die typisch für die PSP-RS sind, treten bei der PSP-P meist erst nach einigen Jahren, wenn überhaupt, auf. In den ersten Krankheitsjahren fällt dadurch eine klinische Unterscheidung zwischen IPS und PSP-P schwer oder sie ist oftmals gar nicht möglich.

Bei einigen Patienten mit PSP-P können das fehlende Ansprechen auf eine Therapie mit L-Dopa, das frühe Auftreten von Dysphagie und Dysarthrie sowie subtile Augensymptome (z. B. Verschwommensehen, Doppelbilder, Augenlid-Apraxie) auf eine PSP-Diagnose hinweisen (Höglinger et al. 2017).

Anhand welcher Kriterien wurde die Diagnose bei Herrn S. gestellt?

UK Brain Bank- Kritieren und Movement Disorder Society Kriterien

Bei Herrn S. wurden für die Differenzialdiagnose zum einen die UK Brain Bank-Kriterien (Gibb et al.1988) für die klinische Diagnose eines IPS ( Kasten 4.1) und zum anderen die Movement Disorder Society Kriterien für die klinische Diagnose der PSP (MDS-PSP-Kriterien) (Höglinger et al. 2017) ( Tab. 4.1) angewendet. Nach den MDS-PSP-Kriterien ist das Vorhandensein einer supranukleären Blickparese und einer frühen posturalen Instabilität nicht mehr essentiell, wie es bei den vorausgegangenen Diagnosekriterien für die PSP der Fall war. Vielmehr basiert die klinische Diagnose der PSP nun auf Kombinationen von klinischen Merkmalen aus den vier funktionellen Domänen 1. okulomotorische Störung, 2. posturale Instablität, 3. Akinese und 4. kognitive Funktionsstörungen ( Tab. 4.1a). Diese Änderung wurde eingebracht, um den atypischen Prädominanztypen der PSP (d. h. den nicht-RS-Manifestationen) gerecht zu werden. Die MDS-PSP-Kriterien erlauben bei jedem Patienten die Ermittlung der Diagnosesicherheit (»wahrscheinlich«, »möglich«, und »suggestiv für«) und des klinischen Prädominanztyps ( Tab. 4.1b). Indizien, die gegen eine PSP sprechen sind u. a. klinische Zeichen, die auf andere neurodegenerative Erkrankungen hinweisen, wie früh auftretende mnestische Defizite, frühe und ausgeprägte autonome Störungen sowie visuelle Halluzinationen und Vigilanzschwankungen (Höglinger et al. 2017).

Kasten 4.1: Klinische Diagnosekriterien für das idiopathische Parkinson-Syndrom (aus Oertel et al. 2012, S. 51)

Kriterien

1. Diagnose eines Parkinson-Syndroms durch Feststellung von Akinese/Bradykinese

Verlangsamung bei der Initiierung und Durchführung willkürlicher Bewegungen, progressive Verlangsamung und Abnahme der Amplitude bei repetitiven Bewegungen in Verbindung mit mind. einem der folgenden Symptome:

• Muskulärer Rigor

• Ruhetremor (4–6, selten bis 9Hz; Auftreten in Ruhe, Abnahme bei Bewegung)

• Posturale Instabilität, die nicht primär durch visuelle, vestibuläre, zerebelläre oder proprio-zeptive Störungen erklärbar ist

2. Vorhandensein unterstützender Kriterien

• Einseitiger Beginn und persistierende Asymmetrie im Krankheitsverlauf

• Klassischer Ruhetremor

• Eindeutig positives Ansprechen (> 30 % UPDRS motorisch) auf L-Dopa

• Anhaltende L-Dopa-Ansprechbarkeit über mehr als 5 Jahre

• Auftreten von L-Dopa-induzierten choreatischen Dyskinesien

• Langsame klinische Progression mit Krankheitsverlauf über mehr als 10 Jahre

3. Fehlen von Ausschlusskriterien für die klinische Diagnose einer Parkinson-Erkrankung

3.1 Hinweise für ein symptomatisches Parkinson-Syndrom

– Behandlung mit Neuroleptika oder Exposition gegenüber anderen Parkinson-Erkrankung-auslösenden Medikamenten oder Toxinen in zeitlichem Zusammenhang mit Erstmanifestation der Parkinson-Symptome

– Nachweis struktureller Basalganglienveränderungen, frontaler Tumoren oder eines Hydrocephaluscommunicans in der zerebralen Bildgebung

– Wiederholte zerebrale ischämische Insulte, die mit einer stufenweisen Verschlechterung der Parkinson-Symptomatik assoziiert waren

– Rezidivierende Schädel-Hirn-Traumen in der Vorgeschichte

– Diagnostisch gesicherte Enzephalitis in der Vorgeschichte

– Remissionen über längere Perioden

3.2 Warnsymptome, die auf ein atypisches Parkinson-Syndrom hinweisen können:

– Fehlendes Ansprechen auf hohe Dosen L-Dopa (1.000 mg/Tag) nach Ausschluss einer Malresorption (z. B. im Dünndarmbereich) über mehrere Monate.

– Frühzeitig im Verlauf auftretende schwere Störungen des autonomen Nervensystems (orthostatische Hypotension, Synkopen, Impotenz oder verringerte genitale Empfindlichkeit, Urininkontinenz oder –retention, Anhidrose)

– Zerebelläre Zeichen

– Positives Babinski-Zeichen, soweit nicht anderweitig erklärt (z. B. Schlaganfall)

– Ausgeprägter Antecollis

– Supranukleäre vertikale Blickparese

– Frühe posturale Instabilität und Stürze

– Apraxie

– Innerhalb des ersten Jahres auftretende Demenz

– Innerhalb des ersten Jahres auftretende fluktuierende visuelle Halluzinationen

Hätte die Diagnose einer PSP früher gestellt werden können?

Bei Herrn S. wurde im 6. Krankheitsjahr die Diagnose einer »möglichen PSP-P« (O2 + A3, Tab. 4.1a) und im 7. Krankheitsjahr die Diagnose einer »wahrscheinlichen PSP-P« (O1 + A3, Tab. 4.1a) nach den MDS-PSP-Kriterien gestellt.

Nach den UK Brain Bank-Kriterien und den MDS-Kriteriensprach bei Herrn S. das Nichtansprechen auf hohe Dosen von L-Dopa schon im 3. Krankheitsjahr gegen die Diagnose eines IPS und für das Vorliegen eines atypischen Parkinson-Syndroms. Aus dem gleichen Grund hätte nach den MDS-PSP-Kriterien schon im 3. Krankheitsjahr die Diagnose »suggestiv für PSP-P« gestellt werden können (CC1 + A3, Tab. 4.1). Ob Herr S. auch schon zu einem früheren Zeitpunkt verlangsamte Sakkaden hatte, also die Diagnose einer »möglichen PSP-P« schon früher als im 6. Krankheitsjahr hätte gestellt werden können, ließ sich anhand der externen Arztberichte nicht belegen. Details zur Okulomotorik des Patienten waren in den Arztberichten nicht dokumentiert.

Okulomotorik

Daraus lässt sich schlussfolgern, dass eine detaillierte Untersuchung der Okulomotorik bei Patienten mit einem Parkinson-Syndrom in jedem Fall erfolgen sollte, um eine PSP nicht zu übersehen. Eine vertikale supranukleäre Blickparese ist definiert als eine Einschränkung der Amplitude der Willkür-Sakkaden in der vertikalen Ebene, die mit dem vestibulookulären Reflex (VOR) überwunden werden kann. Als Vorstufe der vertikalen supranukleären Blickparese gilt eine Verlangsamung der vertikalen Willkür-Sakkaden. Die Verlangsamung kann in der klinisch-neurologischen Untersuchung beurteilt werden. Dafür bittet der Untersucher den Patienten zwischen zwei Zielen hin- und herzuschauen, z. B. zwischen zwei Fingern des Untersuchers. Dabei sollte das Ziel jeweils mehr als 20 Grad von der neutralen Blickposition entfernt sein. Sind die sakkadischen Augenbewegungen so langsam, dass nicht nur anfängliche und endgültige Augenpositionen für den Untersucher sichtbar sind, sondern die Augenbewegungen selbst, dann wird dies als Verlangsamung der Sakkaden gewertet. Optional kann die Sakkadengeschwindigkeit auch mithilfe einer Infrarot- oder Video-Okulografie erfasst werden, welche eine objektivere und genauere Beurteilung erlauben.

MDS-Kriterien

Wie in der Einleitung kurz erwähnt, wurden 2015 die MDS-Kriterien (Postuma et al. 2015) als neue Kriterien für die klinische Diagnose des IPS vorgeschlagen. Im Wesentlichen unterscheiden sich die MDS-Kriterien von den UK Brain Bank-Kriterien durch den Wegfall der posturalen Instabilität als Kardinalsymptom sowie durch einige Warnsymptome und Ausschlusskriterien. Die MDS-Kriterien waren in einer Validierungsstudie 2018 den UK Brain Bank-Kriterien hinsichtlich ihrer Sensitivität und Spezifität überlegen (Postuma et al. 2018). Für den hier vorgestellten Fall hätte die Anwendung der MDS-Kriterien für die klinische Differenzialdiagnose keinen Vorteil gegenüber den UK Brain Bank-Kriterien gebracht.

Wie sicher ist die Diagnose einer PSP bei Herrn S.?

Diagnostischer Goldstandard der PSP

Diagnostischer Goldstandard der PSP ist die neuropathologische Untersuchung post mortem. Eine definitive klinische Diagnose kann nach dem heutigen Stand der Wissenschaft leider nicht gestellt werden. Die klinische Diagnose einer PSP sagt die pathologische Diagnose einer PSP mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten voraus, je nachdem, wie PSP-spezifisch die Symptome sind, mit denen sich der Patient präsentiert. Nach den MDS-PSP-Kriterien kann die klinische Diagnose mit den Sicherheitsgraden »wahrscheinlich«, »möglich«, und »suggestiv für« PSP gestellt werden. Die Kategorie »suggestiv für« besitzt die geringste Spezifität für die Diagnose einer PSP und wird aktuell noch nicht für die Anwendung in der klinischen Praxis empfohlen, sondern zunächst nur für wissenschaftliche Aspekte. Zuletzt erfüllt Herr S. die Diagnose einer »wahrscheinlichen« PSP. Basierend auf klinisch-pathologischen Untersuchungen sagt eine »wahrscheinliche« PSP zu über 90 % die pathologische Diagnose einer PSP vorher (Respondek et al. 2017).

Verlässliche Biomarker bzw. Bildgebungsmarker wären sehr wünschenswert, sind aber für eine zuverlässige Differenzialdiagnose noch nicht etabliert.

Bildgebende Verfahren wie MRT und PET

Bildgebende Verfahren können bei der Abgrenzung eines atypischen Parkinson-Syndroms vom IPS helfen. Für die klinische Routine ist die konventionelle Magnetresonanztomografie (MRT) etabliert, mit der regionale Atrophiemuster identifiziert werden können. Patienten mit einem IPS zeigen in der Routine-MRT in der Regel einen altersgerechten Normalbefund. Bei Patienten mit einer PSP-RS zeigt sich dagegen häufig ein spezifisches Atrophiemuster mit prominenter Mittelhirnatrophie (Whitwell et al. 2017), wie es sechs Jahre nach Krankheitsbeginn auch bei Herrn S. zu finden war ( Abb. 4.1). Ferner findet sich bei Patienten mit PSP-RS häufig ein regional reduzierter Glukose-Metabolismus im Mittelhirn und im Frontalhirn, der sich mittels F-18-FDG-Positronen-Emissions-Tomografie (PET) nachweisen lässt (Whitwell et al. 2017).

Bei Patienten mit PSP-P und mit anderen nicht-PSP-RS Prädominanztypen wurden bildgebende Verfahren zur Abgrenzung vom IPS und anderen atypischen Parkinson-Syndromen bislang nicht ausreichend untersucht (Whitwell et al. 2017).

Nach dem jetzigen Kenntnisstand können bildgebende Untersuchung bei der Unterscheidung zwischen idiopathischem Parkinson-Syndrom (IPS) und atypischen Parkinson-Syndromen (APS) die klinisch-neurologische Untersuchung nicht ersetzen, sondern sie unterstützen lediglich die klinische Verdachtsdiagnose.

Welche Konsequenzen hat die Diagnose einer PSP für Herrn S.?

In Anbetracht der sehr begrenzten therapeutischen Möglichkeiten ist die Frage nach der Konsequenz der Diagnose für den Patienten nicht einfach zu beantworten. Therapien, die den Krankheitsprozess aufhalten oder verlangsamen können, existieren bislang weder für das IPS noch für die PSP.

Symptomatische Therapie

Für die symptomatische Therapie ist die richtige Diagnose nicht so sehr entscheidend, da man eine Therapie mit L-Dopa, die bei Herrn S. unter der Verdachtsdiagnose eines IPS begonnen worden war, fortgeführt hätte, wenn sie zu einer Symptomlinderung geführt hätte.

Nun erfüllte Herr S. im Frühjahr 2017 die Einschlusskriterien für die gerade laufenden Phase-II Therapiestudie für Patienten mit PSP, in der über ein Jahr in vierwöchentlichen Abständen Placebo-kontrolliert und doppelblind Antikörper gegen das intrazerebrale, pathologisch aggregierte Tau-Protein intravenös verabreicht werden. So erfolgte nach Einwilligung des Patienten der Studieneinschluss, der ohne die PSP-Diagnose nicht möglich gewesen wäre.

Für die Lebensplanung des Patienten und der Angehörigen kann die richtige Diagnose von Bedeutung sein, da die Prognose hinsichtlich des Überlebens und der funktionellen Einschränkungen bei einer PSP deutlich schlechter ist als bei einem IPS. Zu bedenken ist, dass die Diagnose aufgrund der schlechteren Prognose bei dem Patienten zur Entwicklung einer negativen Zukunftssicht und einer depressiven Symptomatik führen kann.

Was haben die Autoren aus diesem Fall gelernt?

Aus dem vorgestellten Fall haben wir gelernt, dass auch bei Patienten, bei denen initial kein Zweifel an der Diagnose eines IPS besteht, im weiteren Verlauf eine Revision der Diagnose notwendig sein kann. Eine aufmerksame Verlaufsbeobachtung mit sorgfältiger Anamnese und detaillierter neurologischer Untersuchung sollte daher auch bei Patienten mit vermeintlich typischer IPS-Symptomatik erfolgen.

Highlights

• Eine relevante Differenzialdiagnose des idiopathsichen Parkinson-Syndroms (IPS) ist die Progressive Supranukleäre Paralyse (PSP);

• Für die Differenzialdiagnose der PSP und des IPS ist eine detaillierte klinisch-neurologische Untersuchung und die Einschätzung eines bei Bewegungsstörungen erfahrenen Neurologen besonders wichtig;

• Die Kenntnis der klinischen Diagnosekriterien ist Voraussetzung für eine fundierte diagnostische Einschätzung;

• Die einfache Untersuchung der Okulomotorik inklusive der Sakkadengeschwindigkeit sollte bei Patienten mit einem Parkinson-Syndrom obligat erfolgen, um eine PSP nicht zu übersehen.

• Die frühzeitige klinische Unterscheidung zwischen einem IPS und einer PSP wird insbesondere dann essenziell, wenn krankheitsmodulierende Therapeutika zur Verfügung stehen.

Literatur

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Whitwell JL, Höglinger GU, Antonini A et al. (2017) Radiological biomarkers for diagnosis in PSP: Where are we and where do we need to be? Mov Disord 32: 955–971.

5 PD Dr. Gesine Respondek, Oberärztin, Klinik für Neurologie, Medizinische Hochschule Hannover & Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V., Standort München.

Prof. Dr. Günter Höglinger, Direktor, Klinik für Neurologie, Medizinische Hochschule Hannover & Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V., Standort München.

5 Wenn Parkinson junge berufstätige Patienten (be)trifft – psychosoziale und sozialmedizinische Herausforderungen
Michael Lorrain6
Zusammenfassung

Häufige Aspekte und Probleme bei in jungen Jahren erkrankten Patienten

Beschrieben wird der Fall einer jungen, berufstätigen Frau, die »mitten im Leben« an Parkinson erkrankt. Dargestellt werden in der Praxis häufige Aspekte und Probleme bei in jungen Jahren erkrankten Patienten. Zum einen kommt es zu einer verzögerten Diagnosestellung aufgrund vermeintlich isolierter orthopädischer Probleme, mit negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität der Patientin. Zum anderen wird zusätzlich nach neurologischer Diagnosestellung eine Therapieeinleitung verzögert. Der Fall offenbart exemplarisch Gesundheitssystem-immanente strukturelle Versorgungsdefizite. Ferner zeigt er, wie sich die Arzt-Patientenbeziehung durch insbesondere Internet-basierte Information der Patienten über ihre Erkrankung geändert hat. Eigenverantwortlich denkende und handelnde Patienten, die ein kooperatives Verhältnis zum behandelnden Neurologen erwarten, verändern auch die traditionelle Rolle des Arztes nicht selten hin zum »Wissensmoderator«. Der Fall zeigt, wie trotz multipler Belastungen im partnerschaftlichen Umfeld und hohen Leistungsanforderungen im Beruf mithilfe von belastungsfähigen Copingstrategien und durch gezielte symptomatische Therapie im Rahmen eines kooperativen Arzt-Patienten-Verhältnis Lebensqualität und Erwerbsfähigkeit trotz Parkinson in befriedigender Weise erhalten werden können.

Einleitung

Besondere Schwierigkeiten und Herausforderungen

Verzögerte Diagnosestellung Therapieeinleitung

Patienten, die in jungen Jahren an Parkinson erkranken, haben aufgrund medizinischer und soziologischer Faktoren im Vergleich zu älteren Patienten besondere Schwierigkeiten zu meistern. Aber auch für die Behandler ergeben sich besondere Herausforderungen. Unspezifische, aber doch retrospektiv-typische Parkinson Frühzeichen werden gerade bei jungen Patienten vom Patienten selbst, aber auch von Ärzten zunächst nicht mit der Erkrankung Parkinson in Zusammenhang gebracht. Dadurch kommt es oft zu Fehldiagnosen, Fehlbehandlungen und zu einer verzögerten Diagnosestellung und Therapieeinleitung. Dies ist besonders fatal für diese Patienten, die in einer »vulnerablen« Lebensphase beruflich, privat, familiär und finanziell in der Regel stark gefordert und belastet sind. In der therapeutischen Begleitung verändert sich die Arzt-Patienten Beziehung zunehmend durch mit- und selbstbestimmende Patienten, die nicht zuletzt durch das Internet anders und oft auch besser informiert sind als früher. Dies ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Einerseits kann es zu nicht-zielführenden Interaktionen kommen, andererseits ermöglicht es den Patienten häufig auch einen besseren informierten, selbstbestimmenden Umgang mit der Erkrankung und kann zu verbesserten Coping-Strategien führen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass Patienten, die früh erkranken und dadurch bedingt langjährig behandelt und versorgt werden müssen, häufig mehr oder andere Gesundheitssystem-immante Versorgungsprobleme haben.

Dieser Fall illustriert einen »typischen« labyrinthartigen Weg zur Diagnose Parkinson bei einer jungen Patienten, beschreibt einen aktiven, informierten, selbstbestimmenden Typus Patient, den wir in der Praxis immer häufiger sehen und demonstriert, wie in einer eher partnerschaftlichen Arzt-Patientenbeziehung durch Alters- und Krankheitsstadium adaptierte Therapie in Verbindung mit Copingstrategien durch die Patienten eine suffiziente anhaltende neurologische Behandlung erfolgen kann.

Falldarstellung
Anamnese

Bei der zu jenem Zeitpunkt 49-jährigen Frau wurde im August 2012 wegen starker lumbaler Schmerzen eine perkutane Thermomodulation L4/5 und eine Facettenkoagulation L3 bis S1 durchgeführt. Bei der Nachuntersuchung im Oktober 2012 war die LWS-Beweglichkeit mit ausgeprägtem paravertebralen Hartspann noch deutlich eingeschränkt, die lumbalen Schmerzen jedoch gebessert. Im Laufe des nächsten Jahres traten zunehmende Schmerzen in der Schulter-Arm Region links auf. Als Ursache wurde orthopädisch nach einer cervikalen MRT-Untersuchung degenerative HWS-Veränderungen mit Recessusstenosen HWK 5/6 und HWK 6/7 vermutet. Nichtsteroidale Antiphlogistika, Physiotherapie, Fango und Massage brachten nicht den gewünschten Effekt. Es erfolgte eine 2-malige periradikuläre Therapie (PRT), ebenfalls ohne relevanten Effekt auf die Schmerzen, sodass die Beschwerden im weiteren Verlauf unbefriedigend therapiert blieben.

Im weiteren Verlauf bemerkte die Patientin dann eine zunehmende Steifigkeit der linken Körperseite. Das linke Bein sei »am Boden klebend« wahrgenommen worden. Auch trat nun häufiger kurzzeitig ein Tremor der linken Hand auf. Diesen hatte sie bereits erstmalig 2012 im Rahmen der starken Lumbalgien bemerkt, aber als Stressreaktion auf die Rückenschmerzen interpretiert.

Aufgrund der zunehmenden Symptomatik und Beeinträchtigung begann die Patientin mit Eigenrecherche im Internet. Dabei wurde ihr bewusst, dass die Symptome möglicherweise auf eine Parkinson-Erkrankung hindeuten. Auf Eigeninitiative bemühte sie sich um einen Termin in einer Ambulanz für Bewegungsstörungen im Krankenhaus und wurde dort nach 10-monatiger Wartezeit im Dezember 2014 untersucht. Die Diagnose Parkinson wurde klinisch bestätigt und eine kranielle MRT Untersuchung sowie ein FP-CIT SPECT (DaTCAN™) angeraten. Es wurde ein Therapiebeginn mit Rasagilin 1 mg/die und Rotigotin in aufsteigender Dosierung empfohlen.

Im Januar 2015 wurden dann von einem niedergelassenen Neurologen die Durchführung von kraniellem MRT und DAT-Scan veranlasst. Die Ergebnisse bestätigten die Diagnose eines neurodegenerativen Parkinson-Syndroms. Die zuvor empfohlene Behandlung wurde jedoch vom Neurologen laut Patientin aufgrund fehlender schwerwiegender Symptome nicht eingeleitet.

Im März 2015, mittlerweile in retrospektiver Betrachtung drei Jahre nach Auftreten erster motorischer Bewegungsstörungen, erfolgte die Erstuntersuchung in unserer Praxis.

Die Patientin berichtete auf Nachfrage über eine schon lange bestehende Hyposmie. Es bestehe ein vermehrter Harndrang, ein erschwertes Umdrehen im Bett sowie eine deutliche Morgensteifigkeit und Schulterschmerzen links. Sie müsse viel grübeln, der Antrieb sei dadurch reduziert. Auch habe sie Angst, im beruflichen Umfeld auf das Zittern der Hand und die Steifigkeit angesprochen zu werden. Der begleitende Ehemann beschrieb gelegentliches Schreien und Rufen in der Nacht sowie Um-sich-Schlagen im Schlaf bei der Patientin.

Relevante Vorerkrankungen: Es bestehe ein Hypertonus, der medikamentös gut eingestellt sei. Mit 36 Jahren seien Eierstöcke und Uterus operiert worden. Seitdem leide sie aufgrund von Senkungsbeschwerden unter verstärktem Harndrang, jedoch ohne Inkontinenz. Vor vielen Jahren habe sie eine tiefe Beinvenenthrombose gehabt.

Familienanamnese: Allergien und Wirbelsäulenproblem. Der Großvater mütterlicherseits habe Parkinson gehabt. Eine der beiden jüngeren Schwestern leide an Mamma-Ca.

Risikoanamnese: Selten Alkohol, kein Nikotin. Früher über 15 Jahre 10 Zigaretten/Tag. Mindestens 4 Tassen Kaffee/Tag. Keine Allergien, Unverträglichkeit von Nüssen.

Vegetative Anamnese: Keine Obstipation. Urgesymptomatik der Blase bei Zustand nach Hysterektomie.

Soziale Anamnese: verheiratet, keine Kinder, sie sei Führungskraft und Mitglied der Geschäftsleitung in einem internationalen Unternehmen, kaufmännische Leiterin in Vollzeit.

Neurologischer Befund

Hyposmie, keine Blickparese, leichte linksbetonte Hypomimie. Hirnnervenstatus regelrecht. Leichter Rigor im linken Arm. Deutliche Bradykinese und mäßige Hypokinese der linken Körperseite. Amplitudenreduktion im Finger-Tapping links. Mäßige Bradydiadochokinese der linken Hand. Im Vorhalteversuch leichter, aber deutlich erkennbarer Haltetremor der Finger links mit zunehmender Intensität. Keine Paresen. Keine Pyramidenbahnzeichen. Muskeleigenreflexe seitengleich. Aufstehen flüssig. Dezent gebundene Körperhaltung. Beim Gehen wird das linke Bein nachgezogen. Fehlendes Mitschwingen des linken Armes. Ein Wendeschritt. Verminderung des Vibrationsempfindens bimalleolär auf 6/8. Ansonsten keine sensiblen Ausfälle. Retropulsions-Test negativ.

Psychischer Befund

Wach, allseits orientiert. Keine Störung der Mnestik. Kognitiv nicht eingeschränkt. Formales Denken geordnet und flüssig. Inhaltlich keine Halluzinationen, kein Wahn. Affektiv etwas niedergestimmt, jedoch im Kontakt adäquat anregbar und ausreichend schwingungsfähig. Keine Selbstgefährdung.

Diagnose

Idiopathisches Parkinson-Syndrom vom Äquivalenztyp, Stadium I nach Hoehn und Yahr.

Verlauf und Therapie

Zielparameter der Therapie

Die Patientin definierte die für sie wichtigen Zielparameter der Therapie: Tremorunterdrückung und Erhalt einer möglichst flüssigen konstanten Beweglichkeit im beruflichen Alltag. Sie entschied sich, ihre Erkrankung im beruflichen Umfeld nicht öffentlich zu machen. Während des Gespräches wurde deutlich, dass der Partner offensichtlich Schwierigkeiten hatte, die Diagnose der Ehefrau zu verarbeiten. Die Patientin war inzwischen sehr gut über medikamentöse sowie nichtmedikamentöse Therapiemöglichkeiten informiert. Sie äußerte den Wunsch, auch in Zukunft im Rahmen von Praxisbesuchen ihre eigenen Recherchen zum Thema Therapie offen diskutieren zu wollen. Sie wolle sich trotz Krankheit und zu erwartender Einschränkung der Beweglichkeit so gut wie möglich »normal« in ihrem Leben bewegen und arbeiten können.

Therapiebeginn

Bei der Erstvorstellung hier im März 2015 wurde DGN-Leitlinenkonform die Therapie mit 1 mg Rasagilin begonnen und bei nach sechs Wochen unzureichendem Effekt auf die Symptomatik Rotigotin in aufsteigender Dosierung bis 6 mg/Tag hinzugenommen. Es erfolgte die ausführliche Aufklärung über die Nebenwirkungen von Dopaminagonisten einschließlich des Hinweises auf eine mögliche Einschränkung der Reaktionsfähigkeit. Zusätzlich wurden Physiotherapie und Ergotherapie zur Verbesserung der Motorik und Koordination verordnet. Die Patientin betätigte sich bei Erstvorstellung hier bereits sportlich. Der Vorschlag zur Kontaktaufnahme zu einer Patientengruppe berufstätiger Parkinsonpatienten wurde von der Patientin ambivalent aufgenommen.

Es wurden Kontrolltermine in zunächst 6–8-wöchigen Intervallen vereinbart.

Kontrolluntersuchung

Bei der Kontrolluntersuchung im Juli 2015 war die motorische Symptomatik deutlich gebessert. Nebenwirkungen der Therapie waren nicht aufgetreten. Sie fühlte sich subjektiv gut beweglich, lediglich der Tremor störte sie im Alltag etwas. Der Ehemann hatte sie nach Bestätigung der Diagnose verlassen. Dies hatte die Symptomatik zwischenzeitlich etwas verstärkt. Sie habe dann aber für sich eine individuelle Copingstrategie entwickelt, die ihr zunehmend helfe: Der Krankheit hatte sie den Namen »Olaf« gegeben nach einer Zeichentrickfigur eines Comic-Filmes, die Bezeichnung »Parkinson« vermied sie. Des Weiteren hatte sie einen Personal Trainer für ein individuelles Kraft- und Koordinationstraining engagiert, einen Tanzkurs belegt und eine kognitive Verhaltenstherapie begonnen. Psychisch sei sie nach eigener Aussage jetzt, da sie sich aktiv betätige und um die Verarbeitung der Diagnose kümmerte, ausgeglichener. Sie wünschte die Frequenz der Praxisbesuche auf 2–3-mal pro Jahr zu begrenzen.

Orale Medikation

Beim nächsten Besuch Anfang 2016 äußerte sie den Wunsch, aus praktischen und kosmetischen Gründen von dem transdermalen Agonisten zu einer oralen Medikation zu wechseln. Daraufhin wurde Rotigotin gegen Piribedil ausgetauscht. Hierunter kam es jedoch zu starker Übelkeit und Schwindelsymptomatik, sodass sie zu der vorherigen Rotigotin Medikation zurückkehrte. Die Pflasterapplikation wurde – optisch für sie verträglicher – 2 und 4 mg verteilt.

Motorische Fluktuationen

Im weiteren Jahresverlauf traten immer häufiger motorische Fluktuationen auf, teilweise mit deutlichem »Wearing-OFF«. Dies wurde von ihr als große Beeinträchtigung empfunden.

Als (weibliche) Führungskraft in einem (Männer dominierten) internationalen Stahlunternehmen stehe sie unter großer Beobachtung. Eine möglichst unbeeinträchtigte Fassade und ein reibungsloser Bewegungsablauf waren und sind der Patientin daher besonders wichtig. Es wurde daher ein Behandlungsversuch mit 2 x 50 mg L-Dopa/Benserazid/Tag durchgeführt. Da diese Medikation keinen ausreichenden Effekt hatte und jetzt gelegentlich sogar ein »Freezing of Gait« auftrat, wurde die Medikation auf 2 x 50 mg L-Dopa/Carbidopa/Entacapon umgestellt. Gleichzeitig wurde Rasagilin gegen 50 mg, im Verlauf dann 100 mg Safinamid ausgetauscht. Amantadin und Rotigotin wurden in der bisherigen Dosierung beibehalten.

Sie entschloss sich Ende 2016 zu einem stationären Aufenthalt in einer Parkinsonfachklinik mit komplementären Therapieangeboten. Sie fühlte sich nach der Entlassung mit der dort vorgenommenen medikamentösen Einstellung auf 4 x 75 mg L-Dopa/Carbidopa/Entacapon, 20 mg Budipin, Safinamid und Rotigotin sehr gut beweglich.

Im September 2017 kam es zu Durchfällen, als deren Ursache Entacapon identifiziert wurde. Nach Umstellung auf 200 mg L-Dopa/Benserazid plus 50 mg Opicapon/Tag unter Beibehaltung der übrigen Medikamente fühlt sich die Patientin bis heute gut beweglich ohne motorische Fluktuationen.

Die Rückenschmerzen und Schulter-Armschmerzen der anfänglichen Krankheitszeit hatten sich auf ein erträgliches Maß zurückgebildet, das keiner anderen medikamentösen Intervention bedurfte.

»Olaf« war in seine Schranken verwiesen!

Im Mai 2018 klagte sie über krampfartige Schmerzen im linken Fuß. Die neurologische Anamnese und Untersuchung ergaben keine Hinweise auf eine Parkinson-bezogene »ON«- oder »OFF«-Fußdystonie. Orthopädisch wurde ein Fersensporn vermutet und entsprechend therapiert. Wegen anhaltender Beschwerden erfolgte eine native Röntgenaufnahme des Fußes. Diese zeigte Frakturen des 2. und 3. Strahles des Mittefußes. Eine fußchirurgische Therapie wurde eingeleitet.

Diskussion

Jederzeit abrufbares Wissen im Internet

Der Umgang mit Krankheiten hat sich im Allgemeinen durch das jederzeit abrufbare Wissen im Internet in den vergangenen 20 Jahren grundlegend geändert. Der Informationsgrad in der Gesellschaft hat erheblich zugenommen. Das hat natürlich auch Einfluss auf das Patienten-Arzt-Verhältnis.

Gewohnt im privaten und beruflichen Leben Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, werden Menschen, die erkranken, mit Auftreten von Symptomen, die sie in ihrer autarken Lebensweise beeinträchtigen, hilflos gemacht. Auf der Suche nach Hilfe werden neben Arztbesuchen regelhaft auch Internet Recherchen betrieben. Wie wir aus der Praxis wissen, führt diese vom subjektiven Leidensdruck bestimmte Suche nicht immer zielsicher zur richtigen Diagnose.

Verzögerte Diagnose

Die Beschwerden unserer Patientin mit Schmerzen der Wirbelsäule, aber auch der linken Schulter, wurden von orthopädisch-chirurgischen Fachärzten bei als passend gewerteten bildmorphologischen Befunden symptomatisch konservativ, cervikal infiltrativ und lumbal operativ behandelt. Anzunehmen ist, dass der Schulter-Arm Schmerz links ganz wesentlich, die Lumbalgien möglicherwesie teilweise durch den nicht-erkannten M. Parkinson bedingt war. Die Patientin selbst hat durch ihre Internetrecherche wesentlich dazu beigetragen, dass die Parkinson-Erkrankung diagnostiziert wurde. Dies geschah jedoch später als wünschenswert für eine beruflich stark geforderte junge Patientin, die früh und schnell bestmöglich therapiert werden sollte. Die verzögerte Diagnose war zum einen bedingt durch die ausschließliche Fokussierung auf orthopädische Probleme, zum anderen durch die dann lange Wartezeit auf einen Termin in einer Ambulanz für Bewegungsstörungen. Des Weiteren verzögerte sich eine suffiziente Behandlung, da der weiterbehandelnde Neurologe eine Frühtherapie bei objektiv fehlenden ausgeprägten Symptomen (Stadium 1 nach Hoehn und Yahr) laut Patientin zu jenem Zeitpunkt nicht für nötig erachtete.

Kooperatives Arzt- Patienten-Verhältnis

Patienten sind heutzutage durch das Internet mündiger und informierter. Dadurch bedingt sind sie selbstbestimmter und gestalten das Procedere oft mit. Das ist zwar nicht immer zielführend, kann aber auch sinnvoll sein, wie in diesem Fall. Ärztlicher Rückzug in ablehnende Positionen ist kontraproduktiv. In Zukunft wird sich wahrscheinlich die Behandlung von Patienten zunehmend im Sinne eines kooperativen Arzt-Patienten-Verhältnisses gestalten und dem Arzt mehr als heute die Rolle des kritisch moderierenden Wissensvermittlers zu teil werden. Dies ist nicht immer einfach für den Behandler. Ein kooperatives Therapiebündnis zwischen Patientin und Neurologe bildet jedoch sicher in den meisten Fällen die Grundlage für einen stabilen Verlauf. Komplikationen können dadurch frühzeitiger erkannt und spezifisch behandelt werden.

Die im vorliegenden Fallbericht geschilderte Betroffene repräsentiert diesen Typus von Patient/Patientin, die in zunehmender Weise in neurologische Praxen kommen.

Der geschilderte Fall beinhaltet verschiedene Aspekte, mit denen Neurologen in der Praxis in der Behandlung von Parkinson-Patienten häufiger konfrontiert sein dürften.

Verzögerung in der Diagnosestellung

Anti-Parkinson- Therapie

Zum einen eine Fokussierung auf orthopädische Probleme bei einseitigem Schulter/Arm-Schmerz, insbesondere dann, wenn bildmorphologisch degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule passend oder scheinbar passend sind. Nicht berücksichtigt wird dann häufig, dass diese Beschwerden typische Frühzeichen eines Parkinson-Syndroms sein können und es so zu einer Verzögerung in der Diagnosestellung Parkinson kommt. Die Patientin hatte über mehrere Jahre starke Schmerzen, zunächst im Wirbelsäulenbereich, dann in der linken Schulter. Muskuloskelettale Schmerzen sind die häufigste Schmerzform bei Parkinson-Patienten und Orthopädie die Fachrichtung, die am häufigsten Schmerzen bei Parkinson-Patienten behandelt (Buhmann et al. 2017). Die konservativen (Analgetika) und die operative Therapie waren letztlich nicht erfolgreich. Erst nach Beginn der Anti-Parkinson-Therapie kam es dann zu einer anhaltenden Linderung der Schmerzen. Zum Thema der Schmerzbehandlung bei Parkinson finden sich in der Literatur nur wenige in der Praxis hilfreiche Empfehlungen (z. B. Buhmann et al. 2018). Nicht-motorische Symptome (NMS) mindern die Lebensqualität bei Parkinson-Patienten häufig stärker als motorische Symptome (Barone et al 2009) und basierend auf den Empfehlungen der Internationalen Movement Disorder Society (MDS) sind EBM-basierte Therapieempfehlungen erarbeitet worden. Im Update der MDS 2018 (Fox et al. 2018) finden sich Empfehlungen zur Behandlung der NMS bei Patienten mit IPS.

»Internetwissen«

Zum anderen zeigt der Fall, dass mündige und (auch durch das Internet) aufgeklärte Patienten oft selbst mit »Diagnosestellungen« in unsere Praxen kommen. Ein pauschales Ablehnen von »Internetwissen« bei Patienten ist in der heutigen und insbesondere zukünftigen Arzt-Patientenbeziehung nicht hilfreich. Ein dritter Aspekt dieses Falles ist die bis heute immer wieder vorkommende fehlende Therapieeinleitung nach Diagnosestellung durch den Arzt bei vermeintlich nicht relevanter Beeinträchtigung durch die Erkrankung. Dies kann verschiedene Gründe haben, oft aus Sorge vor Nebenwirkungen der Medikation, oder man möchte »sein Pulver zu früh verschießen« (»wait and watch policy«) oder auch aufgrund von Bedenken der Patienten »vor Chemie«. Es ist jedoch gezeigt worden, dass gerade zu Beginn der Erkrankung die relative Verschlechterung am größten ist und unbehandelte Patienten bereits neun Monate nach Diagnosestellung eine signifikant schlechtere Lebensqualität haben als behandelte (Grosset et al 2007). Dies ist besonders nachteilig, wenn es um junge, dynamische Patienten mit hohen Anforderungen im familiären und beruflichen Umfeld geht, d. h., wenn die Erkrankung die Patienten früh und in dieser »vulnerablen« Lebensphase trifft.

Aktive Mitwirkung der Patientin bei der Diagnosefindung

Gerade junge Patienten haben häufig deshalb den Druck, die Energie, aber auch die psychischen und physischen Kapazitäten, durch aktive Mitarbeit ihre Erkrankung alltagstauglich in den Griff zu bekommen. So hat unsere Patientin nicht nur aktiv an der Diagnosefindung mitgewirkt, sondern sich intensiv sportlich betätigt, psychologische Hilfe bei der Verarbeitung der Erkrankung der dadurch bedingten veränderten Lebensumstände geholt und für sich eine Coping Strategie entwickelt, mit der Bezeichnung »Olaf« statt »Parkinson«, um sich von der Erkrankung auch begrifflich nicht vereinnahmen zu lassen.

Probleme der Versorgungsstruktur

Der Fall weist auch auf ein Problem in der Versorgungsstruktur für Parkinson-Patienten hin. Auf der Suche nach einer auf Parkinson spezialisierten Behandlungsstelle wurde die Patientin im Internet fündig, wartete dann aber zehn Monate auf einen Untersuchungstermin in einer Bewegungsambulanz. Dies ist zwar eine im europäischen Vergleich übliche Wartezeit für neurologische Spezialambulanzen. Für die Betroffenen ist dies jedoch eine Zeit, in der eine Krankheit unbehandelt bleibt und sich große Unsicherheit und Ängste manifestieren können. Eine prädiagnostische Zeit mit fortschreitender Symptomatik wie im vorliegenden Fall von rückblickend mindestens drei Jahren ist in der Praxis nicht ungewöhnlich. Hier wird nochmals deutlich, dass trotz hohem Aufklärungsgrad einer kognitiv-intellektuellen Patientin auch eine dem deutschen Gesundheitssystem immanente Ressourcenknappheit an Bewegungsstörungszentren Anteil an einem verzögerten Therapiebeginn hat. Kurz gesagt, es gibt in Deutschland 2018 zu wenig solcher Ambulanzen/Zentren für Bewegungsstörungen, um der wachsenden Anzahl der Parkinson-Patienten gerecht zu werden (Heinzel et al. 2018).

Da die Anzahl der Parkinson-Patienten in den nächsten Jahren epidemiologisch bedingt zunehmen wird, sind alle in der Behandlung und mit der Betreuung der Erkrankten befassten Berufsgruppen gefragt, die bestehenden Konzepte anzupassen. Drohender Fachärztemangel in Praxen, Pflegenotstand, zunehmende Single-Haushalte und damit Wegfall familiärer Unterstützungsstrukturen sind nur einige Probleme, die sich in den nächsten 20 Jahren als Herausforderungen für alle im Gesundheitswesen Tätigen und die Gesellschaft ergeben. Die momentanen Strukturen der Versorgung können diese bereits in Anfängen erkennbare Situation nicht auffangen. Dabei wäre es sinnvoll und erhellend, wenn nicht notwendig, einen Blick in andere Systeme wie z. B. das der Niederlande zu werfen. Hier besteht beispielweise in Nijmegen mit »parkinsonnet« ein Netzwerk mit über 3.000 Helfern, vom Neurologen über Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Pflegekräften, unterstützt von der holländischen Parkinson-Patientenbewegung und wissenschaftlich begleitet durch die Universität Nijmegen (www.parkinsonnet.info).

Neue Ansätze der Versorgung

In Deutschland gibt es neue Ansätze der Versorgung, die vielversprechend sind. Ein Beispiel ist die ambulante Video-unterstützte Therapie, die in zunehmenden Maß von den Krankenkassen genutzt wird. Auch »Wearables« und »Apps« gewinnen an Bedeutung, da Bewegungsprofile den Behandlern einen Überblick über den Tag oder eine Woche vermitteln können, um so die Therapie den Bedürfnissen der Patienten und dem Krankheitsverlauf anzupassen (Klucken et al. 2019). Neben der Entwicklung neuer Medikamente sind es diese technischen Helfer, die uns vor allen Dingen den Verlauf der fortgeschrittenen Krankheit zwischen den Praxisbesuchen verstehen hilft. Ferner wurden bereits erste spezifische Tageskliniken für Parkinson-Patienten in Deutschland etabliert, um ein Angebot für die Patienten zu schaffen, die für eine rein ambulante Versorgung zu (zeit)aufwändig sind, aber noch nicht zwingend stationär behandelt werden müssen (Frundt et al. 2018).

Sinnvoll vernetzte Versorgungsstruktur

In späteren Krankheitsstadien besteht die Problematik, dass Patienten nach Umzug in ein Pflegeheim aus der zuvor etablierten Versorgungsstruktur herausfallen. Oft endet damit auch die neurologische Behandlung in der bisherigen Praxis. Komplikationen sind dann die Regel. Hausärzten werden ein komplexes Therapiemanagement und erhebliche Behandlungskosten unter dem Damoklesschwert eines Regresses zugemutet. Insbesondere die Weiterführung einer komplexen Therapie im weit fortgeschrittenem Krankheitsstadien ist dann gefährdet. Natürlicher Krankheitsverlauf in Kombination mit externen Faktoren führen regelhaft zu Komplikationen. Der im August 2018 gefasste Beschluss der Landesregierung NRW, die Gründung einer Pflegekammer wie schon in einigen Bundesländern bestehend zu unterstützen und damit eine Aufwertung dieses Berufes zu betreiben, ist ein kleiner Hoffnungsschimmer in Richtung einer Verbesserung der Pflegesituation. Damit besteht die Möglichkeit von Beginn an sinnvoll vernetzte Therapiestrukturen im ambulanten und Heimsektor zu schaffen. Den Betroffenen käme es zugute und die Kosten für die Behandlung von Komplikationen durch unzureichende Pflege könnten gesenkt werden. Eine sinnvoll vernetzte Versorgungsstruktur ist in der Lage, den Anforderungen der wachsenden Patientenzahlen gerecht zu werden (Eggers et al. 2018) Dabei sind technische Systeme und patientennahe Betreuung durch zu Spezialnurses ausgebildete MFA von wesentlicher Bedeutung. Erste Entwicklungen in diese Richtung zeichnen sich ab (Kruger et al. 2017). Krankenkassen und Politik bewegen sich in der ihnen eigenen Dynamik in die grundsätzlich richtige Richtung.

Es bleiben aber trotz neuer Ansätze gegenwärtig und in absehbarer Zukunft erhebliche Probleme und Engpässe in der ambulanten Versorgung von Parkinson-Patienten bestehen. Es gibt viel zu tun!

Literatur

Barone P, Antonini A, Colosimo C et al. (2009) The PRIAMO study: A multicenter assessment of nonmotor symptoms and their impact on quality of life in Parkinson’s disease. Mov Disord 24(11): 1641–1649.

Buhmann C, Ip CW, Oehlwein C et al. (2018) Parkinson Disease and Pain – diagnostic and therapeutic approaches to a challenging non-motor symptom. Fortschr Neurol Psychiatr 86(S 01): S48–S58.

Buhmann C, Wrobel N, Grashorn W et al. (2017) Pain in Parkinson disease: a cross-sectional survey of its prevalence, specifics, and therapy. J Neurol 264(4): 758–769.

Eggers C, Dano R, Schill J et al. (2018) Patient-centered integrated healthcare improves quality of life in Parkinson’s disease patients: a randomized controlled trial. J Neurol 265(4): 764–773.

Fox SH, Katzenschlager R, Lim SY et al. (2018) International Parkinson and movement disorder society evidence-based medicine review: Update on treatments for the motor symptoms of Parkinson’s disease. Mov Disord 33(8): 1248–1266.

Fründt O, Mainka T, Schonwald B et al. (2018) The Hamburg Parkinson day-clinic: a new treatment concept at the border of in- and outpatient care. J Neural Transm (Vienna) 125(10): 1461–1472.

Grosset D, Taurah L, Burn DJ et al. (2007) A multicentre longitudinal observational study of changes in self reported health status in people with Parkinson’s disease left untreated at diagnosis. J Neurol Neurosurg Psychiatry 78(5): 465–469.

Heinzel S, Berg D, Binder S et al. (2018) Do We Need to Rethink the Epidemiology and Healthcare Utilization of Parkinson’s Disease in Germany? Front Neurol 9: 500.

Klucken J, Gladow T, Hilgert JG et al. (2019) Wearables in the treatment of neurological diseases-where do we stand today? Nervenarzt 90(8): 787–795.

Kruger R, Klucken J, Weiss D et al. (2017) Classification of advanced stages of Parkinson’s disease: translation into stratified treatments. J Neural Transm (Vienna) 124(8): 1015–1027.

6 Dr. Michael Lorrain, Nervenarzt, Neuroärzte Gerresheim – Pempelfort.

6 Der zitternde Patient
David Pedrosa7
Zusammenfassung

Tremor stellt eines der motorischen Kardinalsymptome beim idiopathischen Parkinson-Syndrom (IPS) dar und ist gleichzeitig ein Leitsymptom für wichtige Differenzialdiagnosen. Eine ausführliche Anamnese und die körperliche Untersuchung sind Grundpfeiler zur Einschätzung zugrundeliegender Erkrankungen eines Tremors. In den allermeisten Fällen gelingt bei Parkinson-Patienten bereits klinisch die Abgrenzung zu anderen Tremorformen, wie bspw. dem essenziellen Tremor oder einem symptomatischen Tremor im Rahmen zerebellärer Schädigungen. Bei dem vorgestellten Patienten zeigte sich im Alter von ca. 60 Jahren ein Tremor beider oberen Extremitäten, der angesichts einer ungewöhnlichen Manifestation und des langsamen Verlaufs zunächst ätiologisch nicht sicher zugeordnet werden konnte. Es erfolgten unterschiedliche Therapieversuche, bis durch das Auftreten zusätzlicher Symptome und infolge der Ergebnisse apparativer Diagnostik ein IPS als wahrscheinlich angesehen werden musste. Erst durch eine Tiefe Hirnstimulation (THS) war es schließlich möglich, bei dem Patienten eine zufriedenstellende Linderung zu erreichen. An diesem Beispiel soll deutlich gemacht werden, dass Tremor im Rahmen eines IPS eine diagnostische und therapeutische Herausforderung darstellen kann, besonders wenn dieser unzureichend auf eine dopaminerge Medikation anspricht. In der Diskussion werden daher verfügbare Wirkstoffe und ihre Vor- und Nachteile dargelegt, aber auch die Problematik und Fallstricke der jeweiligen Anwendung erörtert.

Einleitung

Tremor als eines der kardinalen Symptome in der Diagnosestellung eines IPS

Tremor ist eines der kardinalen Symptome in der Diagnosestellung eines IPS. Die Prävalenz von Tremor im Krankheitsverlauf wird dabei auf über 70 % geschätzt (Baumann 2012). Bereits anhand klinischer Untersuchungen lassen sich oftmals klassische Manifestationen des Zitterns feststellen: So weisen IPS Patienten überwiegend einen Ruhetremor mittlerer Frequenz und Intensität auf. Zusätzlich finden sich oftmals Haltetremores nach kurzer Zeit intendierter Haltebewegungen (engl.: »re-emergent tremor«). Jedoch kann eine alleinige klinische Zuordnung durch Überschneidungen mit anderen Tremor-Entitäten erschwert werden.

Apparative Diagnostik erleichtert die Diagnose eines IPS

Besonders Patienten in frühen Stadien eines tremordominanten IPS stellen eine diagnostische Herausforderung dar, insbesondere bei sehr milder bis gar nicht feststellbarer hypokinetisch-rigider Symptomatik. Die apparative Diagnostik erleichtert in solchen Fällen die Diagnose eines IPS. Einerseits dienen elektrophysiologische Untersuchungen bspw. die Analyse der Tremor-Frequenz und besonders deren Variabilität der Abgrenzung zu einem essenziellen Tremor (di Biase et al. 2017). Andererseits kann die Gabe von Medikamenten wie L-Dopa beim IPS oder die Responsivität auf Alkohol beim essenziellen Tremor wichtige Hinweise auf die Genese eines Tremors liefern. Zudem erleichtern bildgebende Untersuchungen die weitere Eingrenzung. Beispielsweise lassen strukturelle MRT-Aufnahmen ereignete Ischämien oder degenerative bzw. entzündliche Erkrankungen des Gehirns im Falle eines symptomatischen Tremors erkennen oder es kann mittels Dopamintransporter-Szintigrafie (FP-CIT-SPECT; DaTSCAN®) die Dichte präsynaptischer Dopaminrezeptoren erfasst und damit der klinische Verdacht auf ein neurodegeneratives Parkinson-Syndrom erhärtet werden. Eine sorgfältige klinische Untersuchung und ggf. die zusätzliche apparative Diagnostik sind demnach die Grundlage für die Wahl einer den Bedürfnissen der Patienten zugeschnittenen Therapie.

Für eine bedarfsgerechte Therapie stehen unterschiedliche Substanzklassen und invasive stimulierende oder läsionelle Verfahren zur Auswahl

Für eine bedarfsgerechte Therapie des Tremors beim IPS stehen unterschiedliche Substanzklassen und invasive stimulierende oder läsionelle Verfahren zur Auswahl. Neben der Reduktion der Tremoramplitude ist das Ziel die Verbesserung der Lebensqualität des Patienten. Dies wird einerseits durch die erneut gewonnene Funktion der zitternden Extremität erreicht, andererseits durch Reduktion des Stigmas, das der gut wahrnehmbare Tremor bedeutet. Die Therapieempfehlung sollte sich primär am Nutzen orientieren, aber auch an Nebenwirkungen, welche möglicherweise in Kauf zu nehmen sind. Im folgenden Beispiel soll anhand eines Patienten dargestellt werden, welche Therapiemöglichkeiten bei Parkinson-Tremor bestehen, aber auch deren Einschränkungen, die Behandler berücksichtigen sollten.

Falldarstellung
Anamnese

Ruhe- und Haltetremor

Der 66-jährige Patient stellte sich in unserer Sprechstunde für Bewegungsstörungen in Begleitung seiner Ehefrau zur Einschätzung weiterer therapeutischer Optionen des bestehenden IPS vor. Die endgültige Diagnose sei ca. 1,5 Jahre zuvor gestellt worden, allerdings habe bereits drei Jahre zuvor ein Ruhe- und Haltetremor in beiden Armen, überwiegend jedoch im linken Arm, eingesetzt. Das Zittern habe sich anfangs nur bei Aufregung oder Anstrengung gezeigt, im Laufe der Zeit jedoch kontinuierlich an Intensität zugenommen. Nach erstmaliger Vorstellung bei einem Neurologen sei angesichts fehlender hypokinetisch-rigider Symptomatik und einem für ein IPS eher ungewöhnlichen Haltetremor die Möglichkeit eines essenziellen Tremors erwogen worden. Ein erster Therapieversuch habe in der langsamen Eindosierung von Propranolol, einem nicht-selektiven -Blocker, bestanden. Diese war erwogen worden zur gleichzeitigen Therapie des Tremors, aber auch einer Tachyarrhythmia absoluta und auf eine Tagesdosis von 120 mg gesteigert worden. Über etwas mehr als ein halbes Jahr hatte dies jedoch zu keiner deutlichen Besserung geführt. Von einer höheren Dosis sei abgesehen worden, besonders wegen einer gelegentlichen arteriellen Hypotonie. Anamnestisch berichtete der Patient, über 30 Jahre zuvor an einer Myokarditis erkrankt zu sein, in deren Folge das Herz arrhythmisch schlage. Zusätzlich leide er als Folge der Myokarditis an einer zunehmenden dilatativen Kardiomyopathie. Er befinde sich demnach in regelmäßiger kardiologischer Behandlung und nehme u. a. eine orale Antikoagulation ein. Bei seinem Besuch in unserer Sprechstunde berichtete der Patient, dass die anschließende Therapie in der Einnahme von Primidon bestanden habe. Beginnend mit 62,5 mg, sei die Medikation binnen 7–10 Tagen auf 125 mg gesteigert worden. Er erinnere sich nicht genau an die Reduktion des Tremors, jedoch seien ihm die ausgeprägte Müdigkeit und die Konzentrationsprobleme erinnerlich, sodass er die weitere Einnahme des Wirkstoffs nach Rücksprache mit dem behandelnden Neurologen abgesetzt habe. Besonders habe der passionierte Autofahrer unter der Fahruntüchtigkeit gelitten. Im Anschluss seien unter der weiterhin bestehenden Annahme eines essenziellen Tremors erfolglose OFF-Label Therapieversuche mit Topiramat und Gabapentin erfolgt. Seiner Erinnerung zufolge seien etwa zur gleichen Zeit Zweifel an der Diagnose eines essenziellen Tremors aufgekommen, besonders aufgrund der damals zusätzlich auftretenden Symptome. So habe er auf der linken Körperseite eine verminderte Beweglichkeit festgestellt und es sei dort auch häufiger zu Schmerzen und Verkrampfungen gekommen.

FP-CIT-SPECT (DaTSCAN®)

Infolge der zusätzlichen Symptomatik sei ein FP-CIT-SPECT angefertigt worden, bei der sich eine Minderanreicherung in den rechten Basalganglien zeigte. Unter der Annahme eines möglichen Parkinson-Syndroms habe er eine dopaminerge Medikation bestehend aus Pramipexol begonnen und auf 2,1 mg tgl. gesteigert. Diese sei seither unverändert, jedoch nach Aussage des Patienten nicht sonderlich wirksam. Gleichwohl räumte der Patient ein, dass sich die fehlende Besserung überwiegend auf den Tremor beziehe. Das besondere Augenmerk des Patienten auf das Zittern äußerte sich ebenfalls während des gesamten Gesprächs, bei dem der Patient unentwegt seine linke Hand festhielt bzw. gezielte Bewegungen mit dieser Hand vermied. Zusätzlich gab er an, dass er sich eine Serie von »Schonhaltungen« und Verlegenheitsbewegungen antrainiert habe, um besonders unter fremden Menschen möglichst wenig von seiner Erkrankung preiszugeben und gab darüber hinaus an, dass das Stigma des Tremors für ihn das größte Problem darstelle. Mit dem Rigor bzw. der Bradykinese könne er gut leben bzw. fühle sich hierdurch kaum eingeschränkt.

Schließlich wurden zusätzliche Symptome bei dem Patienten erfragt. Übereinstimmend mit seiner Ehefrau berichtete er eine gedrückte Stimmung und dass es ihm zunehmend schwerfalle, sich zu Handlungen zu motivieren. Wann genau diese Antriebsminderung angefangen habe, wisse er nicht. Ebenfalls bestehe ein Interessenverlust und auch Durchschlafstörungen seien über die vergangenen Jahre aufgetreten. Schließlich bejahte er diverse nicht-motorische Symptome wie eine Obstipation sowie Symptome einer leichtgradigen orthostatischen Dysregulation.

Sozialanamnese

Der Patient sei gelernter Fernmeldetechniker und als solcher bis zu seinem 56. Lebensjahr tätig gewesen. Im Anschluss sei er aufgrund der bestehenden Herzerkrankungen berentet worden. Er lebe zusammen mit seiner Ehefrau in einer ländlichen Gegend und verbringe regelmäßig einen Teil des Jahres in Südeuropa, wo er ein Haus besitze. Er habe zwei erwachsene Kinder, die in seiner unmittelbaren Umgebung wohnten. Schließlich gab er an, dass es keine Fälle von Parkinson-Syndromen bei Angehörigen ersten Grades gäbe.

Klinischer Befund

Internistischer Befund: Rachen reizlos, keine Schwellung der Lymphknoten, seitengleiches vesikuläres Atemgeräusch; rhythmische Herzgeräusche, bandförmiges Holosystolikum mit Ausstrahlung in die Axilla (2/6), Abdomen weich ohne Resistenzen oder Druckdolenz, Peristaltik über allen Quadranten regelrecht, Nierenlager und Wirbelsäule nicht klopfdolent.

Neurologischer Befund: Wacher, bewusstseinsklarer und zu allen Qualitäten orientierter Patient. Kein Meningismus. Pupillen isokor, mittelweit und mit prompter direkter sowie indirekter Lichtreaktion beidseits. Konvergenz unauffällig. Sonstiger Hirnnervenstatus: Hypomimie, Dysarthrophonie sowie Hyposmie, darüber hinaus Hirnnerven unauffällig. Muskeleigenreflexe seitengleich mittellebhaft, Zeichen nach Babinski beidseits negativ. Keine Paresen oder Atrophien. Sensibilität unauffällig. Parkinson-Syndrom mit linksbetonter Bradydysdiadochokinese und Rigor. Weiterhin klein- bis mittelamplitudiger Ruhetremor mit einer Frequenz von 5–6 Hz und darüber hinaus mittel- bis hochamplitudiger Tremor nach länger dauernder Halteaktionen (»re-emergent tremor«). Bisweilen leichtgradiger Intentionstremor, beidseitig von geringer Amplitude. Kleinschrittig und nach vorne geneigtes Gangbild mit erhöhter Wendeschrittzahl. Keine posturale Instabilität.

Psychopathologischer Befund: Im Kontakt offen und freundlich, zeitweise läppisch. Keine Gedächtnis- oder Aufmerksamkeitsstörung. Stimmung gedrückt, gering reduzierte affektive Schwingungsfähigkeit. Antrieb reduziert. Der formale Gedankengang war geordnet und flüssig. Keine inhaltlichen Denkstörungen oder Ich-Störungen. Kein Anhalt für Zwangsgedanken, Tics oder pathologischen Ängste. Von suizidalen Gedanken klar distanziert. Kein Anhalt für akute Eigen- oder Fremdgefährdung.

Apparative Diagnostik in der Vorgeschichte

An dieser Stelle soll ein Überblick über die bisherige zusätzliche Diagnostik gegeben werden, die bei dem Patienten durchgeführt wurde.

Kranielle Magnetresonanztomografie

Befund kranielle Magnetresonanztomografie

Schädelkalotte unauffällig. Keine verdächtigen Zonen erhöhter Signalintensität in den Mastoidzellen beidseits. Mäßige, symmetrische Erweiterung der basalen Zisternen, des Ventrikelsystems und der Sulci im Hemisphärenbereich. Keine Mittellinienverlagerung. Im periventrikulären Marklager beidseits punktförmige Zonen erhöhter Signalintensität in den T2-gewichteten Sequenzen, erniedrigter Signalintensität in T1-Wichtung, a. e. mikroangiopathisch. Einzelne Signalsteigerungen in der FLAIR periventrikulär. Die Substantia nigra lässt sich regelrecht darstellen. Keine Hypotrophie des Hirnstamms oder des Kleinhirns. In den Diffusionssequenzen keine Diffusionsstörung. Regelrechte Darstellung der hirnversorgenden Gefäße in der TOF-Angiografie. Keine Exkavation der Sella, keine Hypophysenvergrößerung. In der Zusammenschau keine Hinweise für eine sekundäre Ursache eines Parkinson-Syndroms.

Laborchemische Untersuchungen

Befund laborchemische Untersuchungen

Kein Hinweis für Schilddrüsenerkrankungen oder schwer eingeschränkte Nierenfunktionsstörungen. Keine Blutbildveränderungen.

FP-CIT8 SPECT (DaTSCAN®) zur Darstellung der zerebralen Dopamintransporter

Befund FP-CIT SPECT (DaTSCAN®)

Im schriftlichen Befund findet sich: »[…] Verminderung der präsynaptischen Strukturen der Basalganglien beidseits dorsal und rechts ventral. Der Befund spricht aufgrund der Asymmetrie […] für ein primäres [idiopathisches] Parkinson-Syndrom«.

Angesichts des klinischen Befundes, dieser Ergebnisse sowie bei gleichzeitig fehlenden Warnsignalen (engl.: »red flags«) für ein atypisches oder symptomatisches Parkinson-Syndrom und absoluten Ausschlusskriterien (Postuma et al. 2016) wurde demnach die Diagnose eines wahrscheinlichen idiopathischen Parkinson-Syndroms gestellt.

Diagnose

Tremordominantes idiopathisches Parkinson-Syndrom mit Ruhetremor, re-emergent-Tremor und Intentionstremorkomponenten

Therapie und Verlauf

Weitere medikamentöse und invasive Therapien

Tiefe Hirnstimulation (THS)

Es wurde mit dem Patienten vereinbart, im Rahmen eines stationären Aufenthaltes weitere medikamentöse sowie invasive Therapieoptionen zu erörtern. Im Rahmen dieses Aufenthaltes erfolgte zunächst die formale Austestung der Wirksamkeit der dopaminergen Therapie. Dazu wurde die Medikation für 48 Stunden pausiert und anschließend eine einmalige Gabe von 200 mg schnell wirksamen L-Dopa (L-Dopa-Test) verabreicht. Trotz deutlichen Ansprechens von 64 Punkten im OFF auf 41 Punkte im ON (36 % Verbesserung) bestätigte sich der Eindruck des Patienten, dass die Wirkung des L-Dopa auf den Tremor deutlich geringer war als die auf die Bradykinese. Besonders der leichte Intentionstremor links zeigte sich annähernd unverändert. Auch eine kontinuierliche Beobachtung der Wirkung über 72 Stunden (»Bewegungsbogen«) untermauerte diesen Eindruck, da keine Veränderung des Tremors berichtet wurde, während Rigor und Hypokinese besonders in den Morgenstunden und gegen Abend zunahmen. Im Hinblick auf die bereits unternommenen medikamentösen Therapieversuche erschien eine Therapie mit Clozapin denkbar, da dies in einigen Fällen zu einer Besserung führen kann. Jedoch stand der Patient dem angesichts notwendigen laborchemischen Kontrollen sehr skeptisch gegenüber. Da intensivierte medikamentöse Therapieverfahren wie eine Apomorphin- oder Dudopapumpe bei medikamentös therapierefraktärem Tremor nicht erfolgversprechend sind, wurde folglich die Option einer Tiefen Hirnstimulation (THS) als invasive Therapie angeboten. In der erweiterten präoperativen Diagnostik fanden sich insbesondere in der neuropsychologischen, psychiatrischen und kardiologischen Evaluation keine Kontraindikationen für eine THS. In der interdisziplinären Besprechung kamen alle beteiligten Fachdisziplinen überein, dass die Einschränkung durch die hypokinetische Symptomatik zwar vergleichsweise wenig wahrgenommen, jedoch deutlich einschränkend sein könnte, insbesondere bei zu erwartendem Fortschreiten. Daher wurde ein Zielpunkt vereinbart, der die Möglichkeit der Beeinflussung sowohl von hypokinetisch-rigider Symptomatik als auch des Tremors ermöglicht, der Nucleus subthalamicus.

Einige Wochen nach der erstmaligen stationären Aufnahme erfolgten in einem zweiten stationären Aufenthalt die präoperative Planung und die Elektrodenimplantation. In der klinischen Austestung während der Operation konnte bereits durch die Applikation geringer Stromimpulse eine deutliche Linderung des Tremors erreicht werden und es zeigte sich gleichzeitig ein positiver Effekt auf den Rigor und die Bradykinese. Der postoperative Verlauf und die weitere Versorgung gestalteten sich komplikationslos und der Patient konnte zufriedenstellend therapiert werden.

Diskussion

Tremor-Frequenz und -Amplitude

Tremor bezeichnet eine rhythmische, oszillierende Bewegung einer oder mehrerer Körperregionen. Eine Einteilung erfolgt anhand von Tremor-Frequenz und -Amplitude sowie durch die Beschreibung von Situationen, in denen Zittern auftritt (Bhatia et al. 2018). In der überwiegenden Anzahl der Fälle findet sich bei für IPS typischem Ruhetremor oder »re-emergent tremor« eine Frequenz um die 4–8 Hz, die jedoch anders als beim essenziellen Tremor stark variieren kann (di Biase et al. 2017). Die Amplitude kann sich ebenfalls sehr heterogen zeigen, und zwar von kaum wahrnehmbar bis zu grobschlägig. Eine differenzierte Therapieempfehlung setzt die sorgfältige klinische Untersuchung voraus.

Stufenweises Vorgehen bei der medikamentösen Therapie

»L-Dopa-Test«

Die medikamentöse Therapie eines Parkinson-Tremors bedarf eines stufenweisen Vorgehens und geht oftmals über die standardmäßige Anwendung dopaminerger Substanzen hinaus. Der erste medikamentöse Ansatz sollte dennoch, analog der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, bei jungen Patienten in der Gabe eines Dopaminagonisten oder bei älteren Patienten von L-Dopa bestehen. Es empfiehlt sich zudem, die Therapie bereits frühzeitig beim Auftreten von Symptomen zu initiieren (Deuschl et al. 2012). Bleibt trotz ausreichender Dosierung über einen längeren Zeitraum eine deutliche Linderung des Tremors aus, sollte als nächster Schritt die Therapieerweiterung oder -umstellung mit der Patientin/dem Patienten besprochen werden. Dabei gilt es zunächst, das Ansprechen differenziert zu betrachten. Im Falle eines tremordominanten IPS mit ausgeprägten Symptomen ist ein Ansprechen auf Therapie als Veränderung der Tremor-Amplitude meist offensichtlich. Im Zweifel hilft die formale Testung im Rahmen des sog. »L-Dopa-Tests«, bei dem nach ausreichender Medikamenten-Karenz (siehe Halbwertzeiten der eingesetzten dopaminergen Wirkstoffe bzw. deren Formulierungen) eine Testdosis schnell resorbierbaren L-Dopas verabreicht wird. Vergleiche des UPDRS III (»motor score«) vor und nach Gabe der Medikation erlauben die Feststellung der Wirksamkeit sowohl für Tremor als auch für die Bradykinese. Liegt ausschließlich oder überwiegend ein Tremor vor, der sich unverändert auf L-Dopa zeigt, wäre als nächster Schritt der Ersatz der dopaminergen Medikation zu erwägen; bei Besserung einer Bradykinese jedoch bei gleichzeitiger unzureichender Therapie des Tremors stellt der zusätzliche Einsatz anderer Wirkstoffe einen sinnvollen nächsten Schritt dar.

Zusätzliche Erkrankungen und nicht-motorische Symptome

Patienten mit einem IPS können an zusätzlichen Erkrankungen leiden sowie nicht-motorische Symptome aufweisen, die Kontraindikation für den Einsatz anderer Wirkstoffe darstellen. Die Empfehlung der weiteren Therapie hängt daher neben der Wirksamkeit maßgeblich von dem Nebenwirkungsprofil ab.

Nebenwirkungen limitieren den Einsatz von Anticholinergika

Kognitive Funktionen

Unerwünschte Wirkungen

Schwere kardiale Nebenwirkungen

Nebenwirkungen limitieren insbesondere den Einsatz von Anticholinergika, die bereits von Charcot Ende des 19. Jahrhunderts zur Behandlung von Tremor eingesetzt wurden. Dem häufig recht guten Effekt auf Tremores bei Parkinson (Deuschl et al. 2016) stehen aufgrund der zentral anticholinergen Wirkung insbesondere bei älteren Patienten Nebenwirkungen wie kognitive Störungen oder Halluzinationen gegenüber. Am ehesten können Anticholinergika bei jüngeren Patienten ohne relevante kognitive Einschränkung mit anderweitig nicht behandelbarem Tremor angewendet werden. Die kognitiven Funktionen sollten unter der Therapie überwacht und vor dem Einsatz eine obstruktive Blasenstörung (Prostataadenom) ausgeschlossen werden. Eine Sonderform stellt das Clozapin dar, das als atypisches Neuroleptikum neben der Antagonisierung der serotoninergen Signaltransmission ebenfalls einen anticholinergen Effekt zeigt. Anders als klassische Anticholinergika kann es im Falle einer zusätzlichen Demenz bei IPS oder bei visuellen Halluzinationen hilfreich sein, aber auch bei älteren Patienten Anwendung finden. Jedoch sollte vor dem Einsatz der Patient aufgeklärt werden, dass regelmäßige EKG- und Blutbild-Kontrollen notwendig sind. Im Falle des oben geschilderten Patienten hätte die bestehende kardiale Vorerkrankung demnach eine relative Kontraindikation dargestellt. Der zweite Botenstoff im Gehirn, der einen Ansatzpunkt für die Behandlung eines Tremors bietet, ist Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Zwar liegen wenige Studien für den Einsatz bei Tremor im Rahmen eines IPS vor, jedoch ist besonders bei Halte- oder Intentionstremores der Einsatz von Primidon prinzipiell denkbar, wenngleich die Datenlage sehr spärlich ist (Deuschl et al. 2016). Als Antikonvulsivum entwickelt, wirkt es an GABA-Rezeptoren und verhindert möglicherweise Synchronisierungsvorgänge während des Tremors (Pedrosa et al. 2012). Unerwünschte Wirkungen wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Schlafattacken machen indes ein sehr langsames Eindosieren notwendig. Im Falle des oben vorgestellten Patienten hätte möglicherweise der Einsatz eines Saftes zu einem langsameren Titrieren der Wirkung geführt und damit eine erfolgreiche Therapie des Tremors ermöglicht. Andererseits ist analog zu Anticholinergika auch bei dieser Behandlung Vorsicht geboten, da kognitive Einschränkungen potenziert werden können. Außerdem sollten die zahlreichen Interaktionen bedacht werden, die die Einsatzmöglichkeiten dieses Wirkstoffs beschränken. In unserem Beispiel könnte es zu einer schnelleren Verstoffwechslung der bestehenden oralen Antikoagulation führen, und damit wären zusätzliche Gerinnungskontrollen erforderlich gewesen. Der dritte und letzte zentralnervöse Ansatzpunkt zur Behandlung von Tremor sind NMDA-Rezeptoren. Es ist anzunehmen, dass die Wirkung von Budipin auf den Antagonismus an diesem Rezeptor zurückzuführen ist. Einige Studien legen zwar eine gute Wirkung sowohl auf Tremor als auch auf die Bradykinese nahe, allerdings traten diverse Fälle schwerer kardialer Nebenwirkungen auf, was eine engmaschige EKG Kontrolle notwendig machte und eine Kontraindikation bei etlichen Patienten darstellte. Inzwischen wurde Budipin aufgrund der Entstehung von Benzol im Herstellungsprozess vom Hersteller vom Markt genommen.

Betablocker als Option zur symptomatischen Therapie des posturalen (Halte-)Tremors

Erektile Dysfunktion als unerwünschte Wirkung

Betablocker, insbesondere nicht-selektive wie Propranolol (Deuschl et al. 2012; Deuschl et al. 2018) sind eine Option zur symptomatischen Therapie des posturalen (Halte-)Tremors von ausgewählten Parkinson-Patienten. Während im Gegensatz zu oben genannten Alternativmedikamenten zentral-nervöse Nebenwirkungen weniger problematisch sind, sollten insbesondere nicht-selektive ß-Blocker bei zusätzlich bestehenden obstruktiven Lungenerkrankungen oder, wie im Falle des hier beschriebenen Patienten, Vorliegen einer Herzerkrankung nicht oder nur mit Vorsicht angewendet werden. Es empfiehlt sich außerdem eine langsame Dosisfindung, besonders bei niedrigem Blutdruck oder bei orthostatischer Dysregulation. Schließlich ist die erektile Dysfunktion als unerwünschte Wirkung zu thematisieren, welche oftmals erst auf explizite Nachfrage Erwähnung findet.

Die unterschiedlichen Substanzen sowie eine Auswahl von Nebenwirkungen und die möglichen Einsatzgebiete finden sich auch zusammengefasst in Abbildung 6.1. Diese Abbildung stellt die Erfahrung des Autors in der Behandlung von Tremores bei IPS dar und basiert nicht auf Studienergebnissen.


Abb. 6.1: Symptome, Komorbiditäten und Eigenschaften von Parkinson-Patienten mit Tremor sowie das Risiko des Einsatzes der unterschiedlichen Wirkstoffe. Ein geringer Wert bedeutet, dass bei dem Symptom/Merkmal der Einsatz eher problematisch ist, während hohe Werte eine relative Unbedenklichkeit widerspiegeln (es handelt sich hierbei um Erfahrungswerte). Demnach ist zur Vermeidung einer unerwünschten Wirkung bzw. bei bestehendem Merkmal ein Präparat zu wählen, das einen möglichst hohen Wert aufweist.

THS als das am häufigsten angewendete Verfahren, wenn die Linderung des Tremors nicht gelingt

MRT geführter Fokussierter Ultraschall

In vielen Fällen gelingt jedoch die Linderung des Tremors mit den beschriebenen Wirkstoffen nicht oder es liegen Gründe vor, die eine Anwendung der vorgestellten Substanzen nicht ratsam erscheinen lassen. In solchen Fällen kann mit dem Patienten eine invasive Therapie besprochen werden. Das heutzutage am häufigsten angewendete Verfahren ist die THS. Nach stereotaktisch geführter Implantation von Elektroden können Hochfrequenz-Impulse appliziert werden, die wahrscheinlich zu einer Unterbrechung des hypersynchronisierten Netzwerks, das für Tremor verantwortlich ist, führen. Moderne Elektroden haben nicht nur unterschiedliche Kontakte, sondern bieten zusätzlich die Möglichkeit, diese differenziert anzusteuern und dadurch die Therapie bedarfsgerecht anzupassen. Drei Zielpunkte liegen vor und sollten idealerweise in einer interdisziplinären Konferenz in Abhängigkeit der anatomischen und chirurgischen Gegebenheiten, aber auch zusätzlicher Probleme und bisheriger Nebenwirkungen, ausgewählt werden. Etwas vereinfacht dargestellt ist im Falle eines IPS vom Äquivalenztyp i. d. R. der Nucleus subthalamicus (STN) der favorisierte Zielpunkt, da eine STN-THS neben dem Tremor auch wirksam auf die Symptome Akinese und Rigor ist und neben einer Reduktion motorischer Wirkfluktuationen und Dyskinesien zu einer Reduktion der Medikation führt. Im Falle eines reinen Tremors oder bei Gefahr zusätzlicher kognitiver Einschränkungen oder Impulskontrollstörungen kann die Elektrodenimplantation auch im ventrolateralen Thalamus erfolgen. Dieser Eingriff kann auch unilateral und bei älteren Patienten durchgeführt werden, hat aber keinen Effekt auf Akinese oder Rigor. Die Entscheidung, ob eine THS sinnvoll ist und der operative Eingriff selbst, sollte erfahrenen Zentren vorbehalten bleiben. Eine neue, in der Praxis jedoch noch nicht etablierte Methode stellt der MRT geführte fokussierte Ultraschall im Thalamus dar, mit dem ein Effekt auf den Tremor während der Intervention zunächst ausprobiert werden kann und bei dem perioperative Risiken wegfallen (Elias 2016). Ob und für wen eine solche Therapie, die als läsionelles Verfahren momentan nur einseitig beim tremordominaten Parkinson-Syndrom i. R. von individuellen Heilversuchen oder Studien angewendet werden kann, interessant sein könnte bzw. was die langfristigen Auswirkungen sind, bleibt abzuwarten, wenngleich die ersten Ergebnisse sehr vielversprechend sind.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
18 grudnia 2025
Objętość:
440 str. 51 ilustracji
ISBN:
9783170350724
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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