Czytaj książkę: «Naturphilosophie»
Naturphilosophie
Ein Lehr- und Studienbuch
Herausgeben von: Thomas Kirchhoff, Nicole C. Karafyllis, Dirk Evers, Brigitte Falkenburg, Myriam Gerhard, Gerald Hartung, Jürgen Hübner, Kristian Köchy, Ulrich Krohs, Thomas Potthast, Otto Schäfer, Gregor Schiemann, Magnus Schlette, Reinhard Schulz, Frank Vogelsang
Mohr Siebeck GmbH & Co. KG

Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
Zur Einführung
Sektion I: Geschichte und Systematik
I.0 Einleitung
I.1.A Kosmos und Universum: Chaos, Logos, Kosmos1. Chaos und Mythos2. Der Kosmos: Die Vorsokratiker und Konfuzius3. Physik und Metaphysik: der Umbruch durch Aristoteles4. Ewige Bewegtheit statt ChaosLiteratur
I.1.B Kosmos und Universum: Universum, Raum, Unendlichkeit1. Anfänge der Unendlichkeitsspekulationen bei Nicolaus Cusanus und Giordano Bruno2. Rezeption und Weiterentwicklung des UnendlichkeitsdenkensLiteratur
I.2 Natur als Schöpfung1. Ursprünge im Vorderen Orient2. Biblische Traditionen3. Antike und frühe christliche Theologie3.1 Schöpfung aus dem ‚Nichts‘?3.2 Die Schöpfung als Gottes Buch der Natur4. Mittelalter5. Reformation und frühe Neuzeit5.1 Natur und Gnade in reformatorischer Perspektive5.2 Natur als Norm?5.3 Wandlungen im Naturbegriff5.4 Schleiermacher und das 19. Jahrhundert6. Herausforderungen eines christlichen Schöpfungsverständnisses heuteLiteratur
I.3 Mathematisierung der Natur und ihre Grenzen1. Mathematisierung der Natur: Galilei, Descartes, Newton1.1 Das Buch der Natur1.2 Experimentelle Methode, Atomismus und mechanistisches Weltbild2. Rationalismus versus Empirismus2.1 Rationalismus2.2 Empirismus3. Natur als Gesetzeszusammenhang der Erfahrung: Kant3.1 Kants Naturbegriff3.2 Naturgesetze3.3 Die Vernunftkritik3.4 Der „regulative“ Gebrauch der Ideen in der Naturerkenntnis4. Grenzen der Mathematisierung4.1 Kant und die Biologie4.2 AusblickLiteratur
I.4 Natur und Recht 1. Systematische Vorüberlegungen 2. Antike: Kosmische Ordnung als Rechtsgrund 3. Mittelalter: Göttliche Ordnung als Rechtsgrund 4. Neuzeit: Menschliche Ordnungen als Rechtsgrund 5. Moderne: Rechtserzeugung als Rechtsgrund 6. Zusammenfassung Literatur
I.5 Natur und Geschichte Literatur
I.6 ‚Kampf‘ um die Naturphilosophie 1. Ausgang von Schelling 2. ‚Kampf‘ gegen die Naturphilosophie 3. Metaphysische und kritische Naturphilosophie 4. Naturphilosophie als Allgemeinste Naturwissenschaft 5. Naturphilosophie als logisches Gewissen der Naturwissenschaft 6. Naturphilosophie als Optimierung der Naturwissenschaft 7. Naturphilosophie jenseits der Grenzen der Naturwissenschaft Literatur
I.7 Streit um die Deutungshoheit der Natur: Materialismus-, Darwinismus- und Ignorabimus-Streit1. Streitfragen2. Der Materialismus-Streit3. Der Darwinismus-Streit4. Der Ignorabimus-StreitLiteratur
I.8 Gegenwärtige Strömungen der Naturphilosophie1. Systematische Naturphilosophie1.1 Theoretische Naturphilosophie1.2 Praktische Naturphilosophie1.3 Naturästhetik2. Historische Forschung3. Naturphilosophie als Lebensstil und WeltanschauungLiteratur
I.9 Möglichkeiten und Grenzen einer disziplinären Bestimmung der Naturphilosophie1. Naturphilosophie als Disziplin? Institutionelle Spurensuche2. Naturphilosophie als philosophische Disziplin3. Ein plurales und integratives Verständnis der NaturphilosophieLiteratur
Sektion II: Grundbegriffe der Naturphilosophie
II.0 Einleitung
II.1 Natur1. Grundbedeutungen2. Begriffsgeschichte2.1 Aristoteles: physis und techne2.2 Averroës: natura naturans und natura naturata2.3 Descartes: Materie und Geist2.4 Kant: Natur als Inbegriff von Sinneserscheinungen unter Gesetzen2.5 Von Spinoza zu Hegel: Natur als Stufenbau3. Natur versus Geist4. Natur, Technik, KulturLiteratur
II.2 Schöpfung1. Was ist mit dem Begriff ‚Schöpfung‘ gemeint?2. Das Verhältnis der Rede von der Schöpfung zur Rede von der Natur2.1 Natur als Quelle und als Bedrohung des Lebens2.2 Wie kann man in der Natur Gott erfahren, wie mit ihm in Kontakt treten?2.3 Wie sollen wir uns in der Natur verhalten?3. Die Rede von der Schöpfung und die naturwissenschaftliche ForschungLiteratur
II.3 Kosmos und Welt1. Konzeptionen von Kosmos und Welt1.1 Begriffliche Vorklärungen1.2 Annäherungen an den Kosmos1.3 Einheitlichkeit und Ursprung der Welt2. Die Welt der relativistischen Kosmologie3. Theorien des Kosmos und die Vielfalt der WeltbilderLiteratur
II.4 Raum und Zeit1. Philosophische Problematik von Raum und Zeit2. Relativistische Umdeutungen von Raum und Zeit3. Quantenmechanische Umdeutungen der Erfahrung von Raum und Zeit4. Zurück zur Erfahrungswelt?Literatur
II.5 Quanten und Felder1. Teilchen und Wellen1.1 Ist die Natur kontinuierlich oder diskontinuierlich?1.2 Klassische Wellen und Teilchen2. Die Quantenrevolution: Licht ist anders, Materie auch2.1 Die Quantisierung des Lichts2.2 Das Bohrsche Atommodell2.3 Der Dualismus von Welle und Teilchen3. Die Quantenmechanik und ihre Deutungen3.1 Die Wahrscheinlichkeitsdeutung3.2 Kopenhagener Deutung und Bohr-Einstein-Debatte3.3 Berühmte Gedankenexperimente4. Heutiger StandLiteratur
II.6 Materie, Kraft, Energie1. Was die Welt im Innersten zusammenhält2. Das Standardmodell der Elementarteilchenphysik3. Jenseits des StandardmodellsLiteratur
II.7 Naturgesetz, Kausalität, Determinismus1. Naturgesetz1.1 Begriffsgeschichte1.2 Gesetzesartige Aussagen1.3 Was sind und warum gelten Naturgesetze?2. Kausalität und Determinismus2.1 Begriffsgeschichte2.2 Heutige Auffassungen der Kausalität2.3 Kausalität, Determinismus und physikalischer ZeitpfeilLiteratur
II.8 Struktur, System, Information1. Einführung2. Naturphilosophische Bedeutung3. Grundbegriffe3.1 Struktur3.2 System3.3 Information4. Allgemeine und Biologische Systemtheorie5. Systempassungen: Ökologie, Technik, UmweltmanagementLiteratur
II.9 Landschaft 1. Rechtlich-territorialer Landschaftsbegriff: Landschaft als rechtliche Raumeinheit 2. Ästhetisch-symbolischer Landschaftsbegriff: Landschaft als Bild 3. Kausal-systemischer Landschaftsbegriff: Landschaft als individuelles Wirkungsgefüge Literatur
II.10 Leben1. Ambivalenzen des Lebensbegriffs2. Lebensphilosophie3. ‚Leben‘ als Terminus der Biologie4. „Biopolitik“ und „Lebenswissenschaften“Literatur
II.11 Mensch1. Der natursystematische Begriff vom Menschen als Homo sapiens in der Naturwissenschaft2. Der Wesensbegriff vom Menschen als homo absconditus in der modernen Naturphilosophie2.1 Selbstverständnis und Naturbegriff2.2 Geist und Leben2.3 Natürliche KünstlichkeitLiteratur
Sektion III: Naturverhältnisse
III.0 Einleitung
III.1 Leibliche Naturverhältnisse1. Schwimmen als leibliche Erfahrung2. Die Differenz von Körper und Leib3. ‚Leib‘ als Konzept der Naturphilosophie3.1 ‚Leib‘ als Vernunftbegriff3.2 ‚Leib‘ als relationaler Subjektbegriff3.3 ‚Leib‘ als subjektiver Zeitbegriff3.4 ‚Umwelt‘ als erweiterter Leib4. Ausblick: Leib und LebensstilLiteratur
III.2 Ästhetische Naturverhältnisse 1. Ästhetische Wahrnehmung 2. Die ästhetisch wahrgenommene Natur 3. Ästhetische Naturverhältnisse Literatur
III.3 Theoretische Naturverhältnisse1. Abgrenzung2. Theorie auch außerhalb der Naturwissenschaften3. Theorie und Experiment4. Naturwissenschaftliche Theorie und Natur5. Passung oder Vermittlung zwischen Theorie und Natur6. Theorie und die Frage nach der Einheit der NaturLiteratur
III.4 Experimentelle Naturverhältnisse1. Laborexperiment und Selbstversuch2. Nietzsche: Experimentelle Wirkung versus philosophischer Wahrheit3. Latour: Kollektives Experimentieren4. Kollektive experimentelle NaturverhältnisseLiteratur
III.5 Haushaltende Naturverhältnisse1. Einführung: Der Naturkreislauf als Vorbild des Wirtschaftens2. Ursprünge des oikos im antiken Griechenland3. Haushalt als Staatsbegriff und die Idee der Nachhaltigkeit4. Linnés Oeconomia Naturae als Struktur-Ordnungsprinzip5. Agrar-Haushaltsordnungen und ihre Naturbezüge6. Ökologie als Haushaltslehre der Natur: System, Kreislauf, Gleichgewicht7. Kritische Perspektiven: (Re)Produktion, Monetarisierung, Allmende, PostwachstumLiteratur
III.6 Verstehende Naturverhältnisse1. Einführendes Beispiel: Verstehen und Beunruhigung als didaktisches Prinzip2. Verstehen und Natur3. Verstehen und Erklären4. Praktiken des Verstehens5. Verstehen und der Doppelsinn von ErfahrungLiteratur
III.7 Erzählende Naturverhältnisse 1. Rousseau – ein Paradebeispiel für die Bedeutung erzählender Naturverhältnisse 2. Was bedeutet und was leistet das Erzählen? 3. Naturverhältnisse in Ursprungsmythen, Schöpfungsgeschichten und narrativen Utopien 4. Naturkunde als erzählendes Naturerleben 5. Erzählende Naturverhältnisse in biographischen Erlebnissen 6. Naturgeschichte als ‚große Erzählung‘ 7. Weiterwirkende Kreativität Literatur
III.8 Religiöse Naturverhältnisse1. Religion als Verehrung der Natur2. Religiöse und verstehende Naturverhältnisse3. Natur als Auftrag4. Mystische Naturverhältnisse5. Neue religiöse NaturverhältnisseLiteratur
III.9 Geschlechtliche Naturverhältnisse1. ‚Mutter Natur‘ nach indianischem Ritus erfahren?2. Heteronormative Hintergründe aktueller Debatten3. Metaphysik binärer Geschlechterverhältnisse4. Naturverhältnisse als Vergeschlechtlichungen sozialer Verhältnisse5. Konsequenzen für die Wissenschaften6. Streitpunkt Anthropologie: Ist ‚der Mensch‘ Mann?7. Zusammenfassung und Ausblick: Der natürliche Mann?Literatur
III.10 Jenseits der Naturverhältnisse: Natur ohne Menschen 1. Das Beispiel der Dinosaurier: Realität der vergangenen irdischen Natur 2. Vergangene kosmologische Natur: Mutmaßliche Kontingenz der Menschheit 3. Gegenwärtige Naturen ohne Menschen 4. Ökologische und militärische Dystopien 5. Transhumanistische Utopien 6. Weitere Entwicklung des Universums: Mutmaßliches Ende der Menschheit Literatur
Sektion IV: Naturphilosophie in der Praxis
IV.0 Einleitung
IV.1 Natur in Bildung und Erziehung1. Kind und Natur. Eine naheliegende Verbindung?2. Die Bedeutung von Naturerfahrungen für die psychische Entwicklung3. Natur als Ort für Freizügigkeit und Unkontrolliertheit4. Animistisch-anthropomorphe Interpretationen als Bestandteil bedeutsamer Naturerfahrungen5. Naturerfahrungen und UmweltbewusstseinLiteratur
IV.2 Natur essen1. Praktisches Beispiel: Welche Natur wollen wir essend schützen?2. Biophilosophie der Ernährung im Spannungsfeld von philosophischer und biologischer Anthropologie3. Hierarchische Basismodelle von Natur im Spiegel abendländischer Nahrungsbeziehungen3.1 Aristoteles’ Biophilosophie: Die belebte Natur als doppelt teleologische Seelenstufenhierarchie3.2 Natur als Schöpfung: das biblisch-personalistische Modell4. Antihierarchische naturphilosophische Impulse5. Ist der Mensch, was er isst? Ernährungsphilosophie zwischen Natur und KulturLiteratur
IV.3 Grüne Gentechnik: Pflanzen im Kontext von Biotechnologie und Bioökonomie1. Können wir es besser als die Natur?2. Grüne Gentechnik: Grundstrukturen der Natürlichkeitsargumente3. Biofakte, Bioökonomie und Biotechnologie4. Begriffspolitik im Zeichen der Natur: ‚Gentechnik‘ oder ‚Neue Züchtungstechniken‘?5. ZusammenfassungLiteratur
IV.4 Kein Honigschlecken: Bienen als ‚Ökosystemdienstleister‘ und natürliche Mitwelt1. Die Biene als politisches Tier2. Die Biene in der Philosophie3. Bienensterben: Ursachen, Gründe, Lösungsansätze4. Die Biene als Mitwelt und MediumLiteratur
IV.5 Von Wölfen, Hunden und Menschen. Zur Rolle der Naturphilosophie in der Tierethik1. Die Begegnung2. ‚Natürliche‘ und ‚kultürliche‘ Tiere und unsere tierethischen Verpflichtungen3. Natürliche Eigenschaften und Naturkontexte in der Tierethik4. Tierethik ohne Naturphilosophie?5. Tierethik und NaturphilosophieLiteratur
IV.6 Von der Sehnsucht nach Wildnis1. Kontroversen um Wildnis2. Begriffsbestimmung ‚Wildnis‘: Natur als Gegenwelt3. Aktuelle Wildnisauffassungen in ideengeschichtlicher Perspektive3.1 Aufklärerische Wildnisbedeutungen3.2 Aufklärungskritische Wildnisbedeutungen3.3 Aktuelle Transformationen klassischer Wildnisbedeutungen4. Wildnis im Anthropozän?Literatur
IV.7 Faszination Kosmologie1. Annäherungen2. Historische Skizze3. Wissensansprüche3.1 Ultimative Horizonterweiterung …3.2 … und ihre Grenzen4. Erklärungsansprüche4.1 Die Gottesfrage4.2 Erklärung der menschlichen Existenz5. Anthropologische Bedeutung5.1 Selbstverortung5.2 Sonderstellung des Menschen?5.3 Urbarmachung des Weltraums6. Ästhetische Einstellung zur Natur7. FazitLiteratur
Autorinnen und Autoren
Personenregister
Sachregister
[Zum Inhalt]
|VII|Abkürzungsverzeichnis
| → | Querverweis auf andere Buchbeiträge |
| 2 | Angabe der Auflage von Werken |
| a. | articulus |
| a.a.O. | am angegebenen Ort |
| Abschn. | Abschnitt |
| Abt. | Abteilung |
| ART | Allgemeine Relativitätstheorie |
| Art. | Artikel |
| ATLAS | A Toroidal LHC ApparatuS |
| Aufl. | Auflage |
| Bd. | Band |
| Bde. | Bände |
| BfN | Bundesamt für Naturschutz |
| BGB | Bürgerliches Gesetzbuch |
| BMBF | Bundesministerium für Bildung und Forschung |
| BMUB | Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit |
| BRD | Bundesrepublik Deutschland |
| Bt | Bacillus thuringiensis |
| bzw. | beziehungsweise |
| ca. | circa |
| CERN | Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire |
| chin. | chinesisch |
| CMS | Compact Muon Solenoid |
| CRISPR | clustered regularly interspaced short palindromic repeats |
| DDT | Dichlordiphenyltrichlorethan |
| ders. | derselbe |
| d.h. | das heißt |
| dies. | dieselbe/n |
| DK | Diels/Kranz |
| DL | Diogenes Laertius |
| DNA | deoxyribonucleic acid |
| doi | digital object identifier |
| dt. | deutsch |
| ebd. | ebenda |
| EG | Europäische Gemeinschaft |
| engl. | englisch |
| Einl. | Einleitung |
| EPR | Einstein, Podolsky, Rosen |
| |VIII|et al. | et alii/aliae [und andere] |
| etc. | et cetera [und die übrigen (Dinge)] |
| EU | Europäische Union |
| EWG | Europäische Wirtschaftsgemeinschaft |
| frz. | französisch |
| geb. | geboren |
| ggf. | gegebenenfalls |
| griech. | griechisch |
| GVO | genetisch veränderter Organismus |
| h | Stunde [lat. hora] |
| hebr. | hebräisch |
| Hg. | Herausgeber/in(nen) |
| HGP | Human Genome Project |
| HWPh | Historisches Wörterbuch der Philosophie |
| i.d.R. | in der Regel |
| insb. | insbesondere |
| ital. | italienisch |
| jap. | japanisch |
| Jh. | Jahrhundert |
| Jhs. | Jahrhunderts |
| Kap. | Kapitel |
| km | Kilometer |
| lat. | lateinisch |
| LHC | Large Hadron Collider |
| MEW | Marx Engels Werke |
| Mio. | Million/en |
| Mrd. | Milliarde/n |
| n. Chr. | nach Christus |
| o.ä. | oder ähnliches |
| o.g. | oben genannte/es/en |
| o.J. | ohne Jahr |
| PETA | People for the Ethical Treatment of Animals |
| prop. | propositio |
| q. | quaestio [methodische Frage] |
| RNA | ribonucleic acid |
| s. | siehe |
| S. | Seite |
| SEP | Stanford Encyclopedia of Philosophy |
| s.o. | siehe oben |
| sog. | sogenannt/e/es/en so genannt/e/es/en |
| Sp. | Spalte |
| SRT | Spezielle Relativitätstheorie |
| |IX|s.u. | siehe unten |
| u. | und |
| u.a. | unter anderem/ggf.: und andere/s |
| u.a.m. | und andere mehr |
| UN | United Nations |
| u.ö. | und öfter |
| USA | United States of America |
| usw. | und so weiter |
| v. | von (aber: „vor“ in „v. Chr. “) |
| v. a. | vor allem |
| v. Chr. | vor Christus |
| vgl. | vergleiche |
| z.B. | zum Beispiel |
| zit. n. | zitiert nach |
| z.T. | zum Teil |
[Zum Inhalt]
|XI|Zur Einführung
Natur ist im Trend, Natur ist überwunden, Natur ist elementar, Natur ist bedroht, Natur ist lebenswichtig, Natur ist ideologisch – diese aktuellen Aussagen zeigen exemplarisch, wie vielfältig Auffassungen von Natur sein können und wie wichtig es ist, sich über Natur und Naturbegriffe zu verständigen. Hierzu möchte dieses naturphilosophische Lehr- und Studienbuch einen integrativen Beitrag leisten. Im Zuge dessen wird die selbstreflektierende Frage gestellt, welchen Bereich die Naturphilosophie innerhalb der Philosophie, aber auch in interdisziplinären wie lebensweltlichen Kontexten umfasst und umfassen könnte.
Die Naturphilosophie gehört zweifellos zu den ältesten Denkrichtungen der Philosophie. Entsprechend groß ist ihr theoretisches wie praktisches Potenzial – nicht zuletzt wegen der zentralen Bedeutung, die der Begriff ‚Natur‘ in zahlreichen Diskursen und Debatten hat. Sich naturphilosophisch zu bilden ist deshalb in fast jedem Fach relevant. Für Studierende und Lehrende bietet die Naturphilosophie einen reichen Schatz an Analysewerkzeugen für das Naturdenken wie -handeln. Naturphilosophische Kenntnisse helfen aber auch beim Verständnis gesellschafts- und wissenschaftspolitischer Entwicklungen: von Naturschutzprojekten und Tourismuskonzepten bis hin zu Debatten um die Relevanz von Teilchenbeschleunigern angesichts deren hoher Kosten.
Hinweise auf Natur können Probleme, aber auch Problemlösungen markieren. Abhängig von der Verwendung kann ‚Natur‘ auf argumentative Differenz oder Einheit abzielen. Natur ist gleichsam überall, war vor uns da und wird es womöglich auch nach uns sein; sie ist Innen und Außen und „hat weder Kern noch Schale“. (Auf jene allgemeineren Deutungen kommen wir unten noch zurück.) Aber theoretisch wird Natur – und dies nicht nur in den Naturwissenschaften – immer mehr vereinzelt, verdinglicht und fachspezifisch bearbeitet und rückt dadurch letztlich in ein Nirgendwo. Vielleicht ist so das immer häufiger beklagte Desinteresse junger Menschen am Studium der Naturwissenschaften mitverursacht worden. Denn Natur wird eher dann als langweilig erachtet, wenn man sie – aus guten Gründen – als etwas immer schon Gesetzmäßiges oder Bekanntes darstellt. Man mag sich hier an Heraklit erinnern: „Die Natur liebt es, sich zu verbergen“ (DK 22 B123). Um wieder Lust an der Entdeckung und Erforschung der Natur zu haben, sollte sie immer auch als plural, vielfältig situiert, rätselhaft und spannend verstanden werden können. Nicht nur darin haben Naturphilosophie und Naturwissenschaft ein gemeinsames Anliegen.
In dieser Situation hat die gegenwärtige Naturphilosophie die Aufgabe, die Pluralität von Naturwahrnehmungen und Naturdeutungen mit ihren historischen Fundierungen im Spiel zu halten und zugleich, im Sinne von Orientierungswissen, Strukturen und Relationen des Naturwissens und Naturdenkens aufzuzeigen. Die Naturphilosophie markiert wirkmächtige Spuren, von denen in diesem Buch fast ausschließlich die sog. westlichen verfolgt werden konnten. Jene Spuren leiten die philosophische Suche nach |XII|Einheit in der Vielheit der Naturzugänge an – bei gleichzeitigem Wissen und Wollen, dass das Streben nach Einheit nur als Aufgabe verstanden werden kann und nicht als absolut zu erreichendes Ziel.
Zu dieser Aufgabe gehören auch kritische Hinweise auf sog. naturalistische Tendenzen. Damit sind Vereinheitlichungen von Naturbegriffen gemeint, etwa die Aufhebung von individuell, gesellschaftlich und kulturell unterschiedlichen Naturbegriffen durch Termini der Physik und der Biologie. Nicht selten werden derartige Homogenisierungen mit weitreichenden Deutungsansprüchen verbunden, die ganze Gesellschaften oder sogar die Menschheit an sich betreffen. Zwei theoretische Sollbruchstellen fallen dabei besonders ins Auge: erstens die Gleichsetzung des Begriffs ‚Geschichte‘ mit dem Begriff der (z.B. kosmo-, geo- oder biologischen) ‚Vergangenheit‘. Denn ‚Geschichte‘ bedeutet mehr als nur den Anfang eines abstrakten Zeitpfeils, der in die Zukunft gerichtet ist. „Geschichte ist die geistige Form, in der sich eine Kultur Rechenschaft über ihre Vergangenheit gibt“ (Johan Huizinga). Diese Aussage gilt nicht nur für die Philosophie und die Geschichtswissenschaft, sondern für alle Geisteswissenschaften, insofern sie sich immer auch als historische Wissenschaften verstehen. Die Naturphilosophie hat entsprechend die vordringliche Aufgabe, Natur in Form von Kategorien des Geistes abzuhandeln, d.h. als Idee, Begriff, Objekt, experimentell erzeugte Tatsache usw. Damit legt sie immer auch Rechenschaft über ihre eigene Vergangenheit ab und schreibt an ihrer Geschichte. Für das Nachdenken über Natur bleibt die Naturphilosophie auf überlieferte und aktuelle Texte ebenso angewiesen wie sie dafür sorgt, geschärfte Naturbegriffe und strukturierte Argumente zum Naturwissen für die Texte und das Nachdenken anderer Disziplinen zur Verfügung zu stellen; zuvorderst für die Naturwissenschaften, von deren Erkenntnissen sich die Naturphilosophie wiederum bewusst begeistern wie herausfordern lässt. – Die zweite theoretische Sollbruchstelle ist die Gleichsetzung des Menschen und seiner Existenz mit der biologischen Art Homo sapiens – einer Spezies, die ggf. sogar technisch überwunden werden könnte (Trans- bzw. Posthumanismus). Durch diese Verkürzung wird der Mensch, den vom Tier maßgeblich unterscheidet, dass ihm sein Menschsein zu verwirklichen wesentlich als Aufgabe gestellt ist, letztlich nur noch als oberstes der Säugetiere verstehbar. Er teilt dann mit den Tieren eine ‚natürliche‘ Vergangenheit, aber noch keine Geschichte/n mit anderen Menschen. So wird nicht zur Sprache gebracht, wie unterschiedlich der Mensch sich – qua Geist und Vernunft, qua Denken, Fühlen und Handeln – in ein Verhältnis zur Natur gesetzt hat, dies heute tut und auch in Zukunft zu tun gedenkt. Wichtig ist: Erst in Kombination jener beiden reduktionistischen Vorannahmen zu ‚Mensch‘ und ‚Natur‘ und damit auch zur Konstitution von ‚Welt‘ würde es vielleicht möglich zu denken, dass Natur auch nach uns da sein wird – weshalb wir im betreffenden Satz oben das vorsichtige „womöglich“ hinzu gesetzt haben. Die so zum Ausdruck gebrachte Vorsicht ist auch eine Anspielung auf den Titel desjenigen Buches, das in jüngster Zeit wie kein anderes zur internationalen philosophischen Debatte um den Naturbegriff und das dominierende Weltbild der Naturwissenschaften beigetragen hat: Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist (engl. 2012, dt. 2013) von Thomas Nagel. Die beiden o.g. theoretischen Sollbruchstellen stehen dort im Fokus.
|XIII|Jener Argumentationskomplex soll wegen seiner Aktualität und gerade mit Blick auf jüngere und/oder mit Science Fiction-Erzählungen vertraute Leserinnen und Leser dieses Buches kurz erläutert werden. Dabei werden die eingangs genannten Aussagen über Natur z.T. kritisch wieder aufgegriffen. Denn wenn Natur „im Trend“ ist, dann stellt sich dabei stets die Frage, in welchen Weisen sie das ist. Angenommen, Teile der bisherigen Menschheit würden die Erde für immer verlassen und extraterrestrisch als Menschen weiterleben, so bliebe Natur zumindest elementar in irgendeiner Form da, z.B. wenn jene Menschen in sog. ‚Life-Support-Systemen‘ mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt würden. Natur wäre auch in dieser reduzierten Form lebenswichtig oder genauer: überlebenswichtig. Den extraterrestrischen Menschen blieben vielleicht auch Naturfotografien, die sie an die Geschichte der irdischen Vergangenheit ihrer Vorfahren erinnerten – wenngleich sich dies etwa so anfühlen würde, wie wenn wir heute Bilder historischer Landschaften betrachten. Wir erkennen sie als Spuren unserer eigenen Geschichte, ohne den zugehörigen Sinnhorizont, der für die Menschen in früheren Zeiten galt, wirklich verstehen zu können. Um sich diesen Sinnhorizont wenigstens annähernd zu erschließen, bedarf es Quellen und zugehöriger Geschichten, die vom Gewesenen Zeugnis ablegen und sinnstiftend für das Verständnis der Gegenwart sind. Im Falle des tiefgründigen Bedeutungshorizonts von Natur und der mit ihr verbundenen Begriffe und Ideen sind dies z.B. historische Quellen zu Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Wetterveränderungen und Überflutungen (inklusive Fossilien), zur vorindustriellen Landwirtschaft, zum japanischen Zen-Garten und Englischen Garten, zur jüdisch-muslimischen Medizin des Mittelalters, zur antiken Legitimation der Sklaverei, zur Entstehung von Albert Einsteins Relativitätstheorien, zur Schönheit von Landschaft und zur Erhabenheit des Himmels.
Aber die These, dass Natur, so wie wir sie bislang in all ihrer Pluralität verstanden haben, auch nach „uns“, d.h. nach der Menschheit, da sein und nicht ‚nur‘ sein würde, widerspricht folgender Annahme: Über Natur kann nur im Rahmen von Mensch-Natur-Verhältnissen und Mensch-Welt-Verhältnissen (wozu auch wissenschaftliche, technische und philosophische Verhältnisse gehören) nachgedacht werden. Dieser naturphilosophische Impetus findet sich von den Vorsokratikern und Aristoteles bis in die Neuzeit, z.B. bei Georg W.F. Hegel, Edmund Husserl, Ludwig Wittgenstein, Hannah Arendt, Paul Feyerabend und Thomas Nagel. Entsprechend kann von Natur in eben dieser gewohnten Weise auch nur von Menschen erzählt und können die Erzählungen auch nur von Menschen hinreichend verstanden werden. Das schließt nicht prinzipiell aus, dass mögliche andere Lebensformen Geschichten über Natur erzählen, aber weist darauf hin, dass es wohl keine mehr von „unserer“ Natur und dem plural gestalteten Verhältnis zu ihr sein werden. Betroffen wären davon auch die Ursprungs- und Schöpfungserzählungen in Mythos, Religion und Wissenschaft, die in vielfältiger Übereinstimmung davon ausgehen, dass es vor dem Menschen im Kosmos und auf der Erde etwas gegeben hat, was man in Bezug zum Begriff ‚Natur‘ setzen kann: das Chaos, das Tohuwabohu, den Himmel, das Wasser, die Pflanzen und Tiere, die Sonne, die Uratmosphäre, die Archaeen (von griech. arché für: Anfang), die Dinosaurier usw. Dass Natur vor uns da war ist deshalb, wenngleich nicht unproblematisch, eine weitaus weniger strittige Aussage, als dass sie nach uns (noch) da sein wird. Hinter diesen |XIV|Überlegungen verbirgt sich eine seit der Antike vieldiskutierte Problematik, die als sog. homo-mensura-Satz von Protagoras zu den Gründungsdokumenten der abendländischen Naturphilosophie zählt und aus dem 5. Jh. vor Christus stammt: „Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, daß (wie) sie sind, der nicht seienden, daß (wie) sie nicht sind“ (DK 80 B1).
Doch selbst, wenn man im Gedankenexperiment Außerirdische mit einschlösse in ein zukünftiges „Wir“, gälte es zu bedenken: Es gibt keinen archimedischen Standpunkt im Weltall, von dem aus das Verhältnis von Natur, Mensch und Welt im wahrsten Sinne des Wortes begreiflich gemacht werden könnte – so schon 1958 Hannah Arendt in Vita activa (Kap. 37). Er ist ein Nirgendwo, weshalb das oben gewählte Wort „womöglich“ (wird Natur nach uns da sein) in Bezug auf die Aussage sogar sinnlos sein könnte. Hinzu kommt der philosophische Zweifel an einer temporal ungebrochenen Kontinuität von Natur als innerlich und dabei gleichzeitig äußerlich Vorgestelltes. Denn wenn die Natur des Menschen in den Gedankengebäuden des Transhumanismus als überwunden oder zumindest überwindbar postuliert wird, entsteht die Frage, wieso dies nicht auch die Vorstellung von der äußeren Natur, z.B. als Umwelt oder Landschaft, betreffen sollte. Transhumanistische Existenzen würden ja, wenn, dann eine andere körperlich-leiblich-geistige und somit auch eine andere innere Natur haben und deshalb wohl auch eine andere äußere Natur konzipieren – und umgekehrt. Und während wir uns von diesem Gedanken faszinieren lassen, der mit dem dystopischen Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? (engl. 1968) von Philip K. Dick Teil der Weltliteratur geworden ist, gilt trotzdem: Die innere Natur des Menschen, das Selbstempfinden und -bewusstsein, ist alles andere als verstanden. Meist wird unterschätzt, dass „wir große, komplizierte Fälle von etwas sind, das objektiv physikalisch von außen und subjektiv mental von innen ist“ (Thomas Nagel). – Bezogen auf die berechtigte Mahnung, dass Hinweise auf ‚Natur‘ und auch ‚Mensch‘ als Vehikel von politischen Ideologien dienen oder dienen könnten, wäre demnach zu ergänzen: Umgekehrt sind unterlassene Hinweise auf ‚Natur‘, insb. in Verbindung mit der Vision von der Überwindung des Menschen, derselben Gefahr ausgesetzt. Von dieser Warnung ist auch der jüngere Ökologie-Diskurs nicht auszunehmen, insofern er sich die Metapher vom „Raumschiff Erde“ teilweise zu eigen gemacht hat, um allerdings gerade darauf hinzuweisen, dass die globale Natur bedroht ist – womit Krise und Fortschritt in einem Ausdruck vereint worden sind.
Und schließlich ergibt sich in jenem Argumentationskomplex ein logisches Problem: Wenn ‚die Natur‘ ‚die Welt‘ bedeuten und diese ‚das Weltall‘ als Ganzes meinen soll, wie kann es dann überhaupt noch eine Um-Welt geben? So bewahrheitet sich Johann W. von Goethes berühmte Aussage „Natur hat weder Kern noch Schale“ auch angesichts von zeitgenössischen Kosmologien und ihren Modellierungen, die im Spannungsfeld von Materialität und Virtualität stehen. Aus naturphilosophischer Sicht bleibt also fraglich, ob mit den immer populärer werdenden Visionen von einer transhumanistischen Existenzweise im All, d.h. mit einer die bisherige Natur ablösenden Lebensform nach Maßgabe der Technik, etwaige Entsprechungen zu Mensch-Natur-Verhältnissen auch nur annähernd begründet werden könnten. Gleichwohl erscheint es den Herausgeberinnen und Herausgebern dieses Lehrbuchs wichtig, im Angesicht |XV|jener aktuellen Visionen und Deutungen zu philosophieren und sie als Optionen des Nachdenkens über Natur nicht auszuschließen.
Dieses Unterfangen ist gerade deshalb ambitioniert, weil auch die Philosophie von den modernen Fragmentierungs- wie Homogenisierungstendenzen nicht verschont geblieben ist, ja sie sogar mit befördert hat. Die westliche Philosophie des 20. Jhs. wurde – auch jenseits von Deutschland – damit konfrontiert, dass ihre altetablierten Lehrstühle für Naturphilosophie entweder verschwanden oder bevorzugt in solche für Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften, alternativ auch für Erkenntnistheorie bzw. Philosophie des Geistes, umgewidmet wurden. Dabei sind klassische Problemstellungen der Naturphilosophie, wie die schon in der Antike wichtigen Fragen nach Welt, Raum und Zeit, in alternative Denkarchitekturen eingeordnet worden. Die Folgen zeigen sich nun im 21. Jh. verstärkt. Sie wären nicht zu beanstanden, wenn bei jenen Transformationen die naturphilosophisch etablierten Begriffe und Konstellationen an die wichtigen Traditionen ihrer Genese und Verwendung anschlussfähig gehalten worden wären. Diese Begriffe und Konstellationen sind nämlich zum großen Teil bis in die Gegenwart bedeutsam: und zwar von Weltbildern bis zu Naturrechtsdebatten, von Materiekonzepten bis zum physikalischen „Teilchenzoo“, von Körperpraktiken bis zu Ernährungsstilen, von ästhetischen Naturidealen bis hin zum Konzept eines regulierbaren Naturhaushalts. Sie werden auch gebraucht zur Erfassung der noch nicht historisch sedimentierten Mensch-Natur-Verhältnisse etwa bezüglich der Antarktis und der Tiefsee, die jüngeren Datums sind und eine hohe Dynamik aufweisen.
Aber wenngleich das naturphilosophische Erbe an zahlreichen Hochschulen durchaus inhaltlich bearbeitet wird und teilweise nur unter anderem Namen figuriert, z.B. unter Philosophische Anthropologie, Ästhetik, Wissenschaftsphilosophie oder Tierethik, ist doch eine Vakanz historisch-systematischer Überblicksdarstellungen zur Naturphilosophie entstanden. Benötigt werden insb. Überblicksdarstellungen, welche die Historie mit einem aktuellen Frage- und Problemhorizont der Auseinandersetzungen um Natur und ‚Natur‘ verknüpfen. Vor allem in der schulischen und universitären Lehre macht sich diese Leerstelle seit längerem bemerkbar.
Aufgrund dieser Desiderate in Lehre und Forschung haben sich die Herausgeberinnen und Herausgeber vor einigen Jahren versammelt, um in einer ständigen Arbeitsgruppe miteinander in Dialog zu treten und dieses Lehrbuch für den Unterricht, aber auch zum Selbststudium zu entwickeln. Als Autorinnen und Autoren wurden auch ausgewiesene Experten jenseits des Herausgeberkreises eingeladen. Für die beabsichtigte Vielstimmigkeit war und ist die Überzeugung leitend, dass die Naturphilosophie mit ihrer reichhaltigen Vergangenheit ihrerseits Zukunft hat. Sie kann ihr Potenzial auch für Fächer jenseits der Philosophie entfalten, z.B. für die Pädagogik, die Soziologie, die Psychologie, die Literaturwissenschaft, die Kunstgeschichte, die Theologie, die Mathematik und – nur scheinbar selbstverständlich – für die Naturwissenschaften. Umgekehrt tragen all jene und weitere Wissenschaften dazu bei, die Naturphilosophie immer wieder neu herauszufordern. Deshalb wurde dieses Lehr- und Studienbuch zwar vorwiegend, aber keineswegs ausschließlich von Philosophinnen und Philosophen geschrieben.
|XVI|Das Buch ist in vier Sektionen gegliedert:
1 Sektion I „Geschichte und Systematik“ bietet anhand repräsentativer Konstellationen und Personen Einblick in die reichhaltige Tradition der westlichen Naturphilosophie von der Antike bis in die Gegenwart. Dabei wird die Verschränkung von Geschichte und Systematik der Naturphilosophie deutlich.
2 In Sektion II „Grundbegriffe der Naturphilosophie“ werden ausgewählte fundamentale Begriffe mit ihren Bedeutungstraditionen und gegenwärtigen Semantiken vorgestellt. Das Spektrum der Grundbegriffe reicht dabei von ‚Natur‘ bis ‚Mensch‘. Es bildet einen perspektivischen Horizont für die Frage, welche Begriffe zu welcher Zeit und aus welchen Gründen ihre Bedeutung eher in wissenschaftlichen oder eher in nichtwissenschaftlichen Kontexten erlangen. (Zu weiteren Begriffen s. www.naturphilosophie.org.)
3 Sektion III rückt „Naturverhältnisse“ in den Mittelpunkt, d.h. den relationalen Charakter des Sprechens über, des Umgangs mit und des Verstehens von Natur sowie der damit verbundenen Beziehungs- und Deutungsmuster. Natur wird in Form von gesellschaftlichen Naturverhältnissen verhandelt, die von leiblichen und ästhetischen über u.a. experimentelle und erzählende bis hin zu geschlechtlichen und religiösen Naturverhältnissen reichen – und zuletzt das Mensch-Natur-Verhältnis als solches in Frage stellen.
4 Sektion IV schließlich behandelt „Naturphilosophie in der Praxis“ und damit Naturbezüge, die v.a. jenseits des Labors greifen und für weitreichende Debatten sorgen, z.B. wenn in Film und Fernsehen, in Schule und Küche, im Naturschutzgebiet und Waldkindergarten, auf dem Acker und beim Spaziergang Natur sinnstiftend vermittelt, praktisch behandelt und auch immer wieder neu verhandelt wird. Im Lichte naturphilosophischer Reflexionen zeigen sich an diesen Naturbezügen konfliktträchtige, z.T. widersprüchliche und sogar paradoxe Umgangsweisen mit Natur: z.B. die Sehnsucht nach Wildnis und die Faszination für die „unendlichen Weiten“ des Weltalls bei oft gleichzeitiger Unterschätzung der alltäglichen Technisierungen von Natur in Folge von industrialisierter Landwirtschaft und Tierhaltung. Damit wird auch ein kritischer Blick auf aktuelle Ökonomien der Aufmerksamkeit für ‚die‘ Natur gelenkt. In guter philosophischer Tradition mögen die gegebenen Hinweise auf Paradoxien und Widersprüchlichkeiten Anlass zum Nachdenken und zur Selbstreflexion bieten.
Mit diesem Aufbau werden vier unterschiedliche, jedoch miteinander verknüpfte Zugänge zur Naturphilosophie angeboten. Die Lektüre kann in jedem Kapitel des Lehr- und Studienbuches beginnen und von dort, unterstützt durch die Querverweise zwischen den Kapiteln, vertieft und erweitert werden. Weiterführende naturphilosophische Literatur ist, ohne Vollständigkeit anzustreben, jeweils am Ende der Kapitel genannt.
Danken möchten wir den Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge und ferner dafür, dass sie sich im Rahmen des mehrstufigen Begutachtungsverfahrens auf den aufwändigen Abstimmungsprozess bei der Konzeptualisierung wie auch der |XVII|Finalisierung des Lehr- und Studienbuchs eingelassen haben. Den anonymen Gutachterinnen und Gutachtern danken wir für ihre wertvollen Kommentare und Hinweise.
Wir danken dem Verlag Mohr Siebeck für die umsichtige Betreuung des Lehrbuchs. Für das sprachliche Lektorat danken wir Ariane Filius. Für umfangreiches Korrekturlesen und/oder Kommentieren sind wir darüber hinaus Alfred Dunshirn, Anna Katharina Göb, Claudia Güstrau, Sascha Kühlein, Uwe Lammers, Jochen Litterst, Sophie Nadolski, Fabian Ott und Steffen Stolzenberger zu Dank verpflichtet.
Das Lehrbuch wurde durch die sechsjährige Arbeitsgruppe „Natur begreifen – Natur schützen“ an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V., Institut für interdisziplinäre Forschung (FEST), in Heidelberg konzipiert, die anfänglich von Gerald Hartung, dann von Thomas Kirchhoff geleitet wurde. Als Zwischenergebnis der Arbeitsgruppe und Vorarbeit zu diesem Lehr- und Studienbuch ist 2014 die Anthologie Welche Natur brauchen wir? Analyse einer anthropologischen Grundproblematik des 21. Jahrhunderts erschienen.
Ohne die finanzielle Förderung der obigen Arbeitsgruppe durch die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V., Institut für interdisziplinäre Forschung (FEST), in Heidelberg im Rahmen ihrer Grundfinanzierung durch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wäre es nicht möglich gewesen, dieses Lehr- und Studienbuch zu konzipieren und herauszugeben.
Das Buch hat reges Interesse in Forschung, Lehre und Medien gefunden, so dass nach nur drei Jahren eine zweite Auflage erscheint. Sie wurde aktualisiert und auf Tippfehler durchgesehen. Unsere Einleitung und mit ihr das Buch sind durch die gesellschaftlichen Entwicklungen mehr denn je aktuell: Über Natur lässt sich nur in Mensch-Natur-Verhältnissen und in Kenntnis von Naturbegriffen sinnvoll nachdenken. Deshalb wurde im letzten Jahr, ergänzend zu diesem Buch, das Projekt „Online Encyclopedia Philosophy of Nature / Online Lexikon Naturphilosophie“ initiiert, an dem zahlreiche Autorinnen und Autoren dieses Buches beteiligt sind und in dem sukzessive frei zugängliche Artikel zu naturphilosophischen Begriffen versammelt werden sollen.
Thomas Kirchhoff und Nicole C. Karafyllis für die Herausgeberinnen und Herausgeber
Heidelberg und Braunschweig im Januar 2020
[Zum Inhalt]
|1|Sektion I: Geschichte und Systematik
[Zum Inhalt]
|3|I.0 Einleitung
Myriam Gerhard, Nicole C. Karafyllis, Gerald Hartung und Kristian Köchy
Versteht man ‚Naturphilosophie‘ in weiter Bedeutung als den Versuch einer sinnstiftenden Betrachtung der Natur, dann gibt es keine Epoche der Philosophiegeschichte, in der die Naturphilosophie nicht präsent gewesen wäre. Über viele Jahrhunderte war sie sogar maßgeblich, z.B. mit der antiken Vorstellung vom Kosmos, die noch das Weltbild des Mittelalters prägte. Der Atomismus lässt sich nahezu durchgängig von den Vorsokratikern bis in die jüngste Gegenwart nachweisen, wenn er auch immer wieder in anderen Konstellationen erscheint. Grundkonzeptionen des Naturbegriffs im Römischen Recht sind bis heute in den interdisziplinären Diskursen um das Naturrecht wirksam. Und wenn in der gegenwärtigen Geologie, Biologie und Anthropologie auf eine ‚Naturgeschichte‘ verwiesen wird, so schließt dies langetablierte philosophische Debatten um das Verhältnis von Natur und Geschichte ein. Dabei wurde Natur auch als Schöpfung verstanden – ein Verständnis, das etwa in aktuellen Bemühungen um den Schutz der Biodiversität wieder aufscheint. Überdies leitete und leitet die naturphilosophische Frage nach der Mathematisierung der Natur und ihren Grenzen nicht nur die Philosophie selbst an, sondern auch die Mathematik, die Naturwissenschaften, die Ökonomie, die Mechanik und sogar die junge Informatik.
Die Geschichte der Naturphilosophie ist stets auch ein Versuch ihrer systematischen Bestimmung und Verortung gewesen. Diese Verschränkung von Geschichte und Systematik der Naturphilosophie soll in Sektion I dieses Lehrbuchs deutlich werden. Um einen adäquaten Einstieg in die Naturphilosophie zu bieten, wird im Folgenden eine Auswahl historisch bedingter Konstellationen naturphilosophischen Denkens dargestellt, die von der Antike bis in die Gegenwart führt. Ziel ist es, Einblicke in naturphilosophisches Denken zu bieten, die einen systematischen Aufriss der Naturphilosophie im Kontext ihrer eigenen Geschichte aufzeigen. Dabei treten Machtverhältnisse in und zwischen Disziplinen und Denkrichtungen zu Tage: Es gab einflussreiche Streitigkeiten in der Naturphilosophie, die ausgefochten wurden, wie im 19. Jh. der Materialismus-, der Darwinismus- und der Ignorabimus-Streit. In dasselbe Jahrhundert fällt auch der Beginn des ‚Kampfes‘ um die Naturphilosophie an sich – und es beginnt ihre teilweise Ablösung durch die Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften, die sich im 20. Jh. gleichsam manifestiert. In diesem Zeitraum der langen Geschichte der Naturphilosophie spitzt sich die systematische Frage nach ihrem Aufgabenfeld zu: Inwieweit ist ‚Natur‘ noch Gegenstandsbereich der Naturphilosophie? Für die Klärung welcher Fragen kann die Naturphilosophie exklusiv zuständig sein? Parallel wandelt |4|sich die bisherige Naturphilosophie und erscheint in anderem Gewand. Gegenwärtige Strömungen der Naturphilosophie – die nicht alle unbedingt unter dem Namen ‚Naturphilosophie‘ figurieren – beziehen sich auf maßgebliche Konstellationen des philosophischen Nachdenkens über ‚Natur‘ nicht nur der Gegenwart, sondern auch der Historie. Dabei erzeugt der Blick zurück sowohl eine Identität der Naturphilosophie wie er auch Einblicke in ihre Vielfalt und Vielstimmigkeit freigibt. Entsprechend zeigt der letzte Beitrag dieser Lehrbuchsektion systematische Grenzen und Konturen der Naturphilosophie auf: als Disziplin der Philosophie und im möglichen Wechselspiel mit den Naturwissenschaften, aber auch in Abgrenzung zu diesen.
Die zweifellos existierende Pluralität der naturphilosophischen Konzeptionen ist keineswegs ein Beleg für die Beliebigkeit von Naturphilosophie, sondern vielmehr Indiz für deren Umbrüche, Verdichtungen und Verflüssigungen – und diese Flexibilität ist eine wesentliche Stärke der Naturphilosophie. Um entsprechende Alternativen im Denken und Vorstellen geht es auch in der Darstellung von Konstellationen, die die Geschichte als einen dynamischen, auf die Lösung von jeweils gegenwärtigen Problemen ausgerichteten Prozess begreift; sei es als Geistes-, Ideen-, Wissens- oder Objektgeschichte. Einige Konstellationen erscheinen uns heute aus bestimmten Gründen wichtiger und prägender zu sein als andere: z.B. die Vorstellung einer Naturgeschichte als Entwicklungsgeschichte bzw. Evolution, etwa im Vergleich zu einer Lebenskraft, die alle Natureinheiten durchdringt. Die Wahrnehmung der jeweiligen Wichtigkeit ist aber selbst dem historischen Prozess unterworfen. Von daher gibt es naturphilosophische Positionen der Vergangenheit, die heute eher ein Schattendasein führen, aber vor anderen Problemhorizonten wieder ins Licht treten könnten – gerade auch jenseits der Philosophie.
Mit dieser einführenden Sektion kann weder eine vollständige noch eine repräsentative Geschichte naturphilosophischen Denkens und auch keine erschöpfende systematische Bestimmung der Naturphilosophie geleistet werden. Ziel ist es vielmehr, zentrale Begriffe, Kategorien und Topoi in ihren Relationen zu ‚Natur‘ vorzustellen und mit den zugehörigen Denkerinnen und Denkern in ihren Epochen zu verbinden. Dabei wird die historisch-systematische Perspektive für die nachfolgenden Sektionen „Grundbegriffe der Naturphilosophie“ (Sektion II), „Naturverhältnisse“ (Sektion III) und „Naturphilosophie in der Praxis“ (Sektion IV) aufgespannt. Die Möglichkeiten und Grenzen heutiger Naturphilosophie lassen sich nicht losgelöst von früheren naturphilosophischen Reflexionen betrachten; so die Ansicht der Herausgeberinnen und Herausgeber dieses Lehrbuchs. Das bedeutet nicht, dass jeder naturphilosophischen Überlegung eine erschöpfende Analyse der Geschichte der Naturphilosophie vorherzugehen habe. Doch die Frage, welche Konzeptionen und Methoden uns als sinnvoll gelten und welche nicht – welchen Sinn und Zweck ‚Natur‘ erfüllt, erfüllen soll und erfüllen kann – ist nur in Ansehung der historischen Entwicklung der Naturphilosophie adäquat zu beantworten.
[Zum Inhalt]
|5|I.1.A Kosmos und Universum:
Chaos, Logos, Kosmos
Nicole C. Karafyllis und Stefan Lobenhofer
1. Chaos und Mythos[1]
Der griechische Philosoph Epikur (341–271 v. Chr.) habe sich einst der Philosophie zugewandt, weil ihm sein Lehrer den Ausdruck „Chaos“ bei Hesiod nicht erklären konnte (DL X, 2). Mit dieser Anekdote bringt der Philosophiehistoriker Diogenes Laertius (3. Jh.) im Buch Leben und Meinungen berühmter Philosophen ein gängiges Motiv in die Anschauung: Philosophieren beginnt mit dem Staunen über die Welt (vgl. Aristoteles, Metaphysik I 982b11f.). Begleitet wird das Staunen von der Unzufriedenheit mit bestehenden Deutungsversuchen, von der Suche nach vernünftigen Erklärungen. In der Person Epikurs verbindet Diogenes das Thema des Anfangs der Welt im Chaos mit dem Anfang der Philosophie. Dies geschieht auch bildlich, denn das Staunen begegnet uns mit offenem Mund – und das griechische Wort „Chaos“ meint wörtlich einen klaffenden Schlund oder Abgrund. Beim Aussprechen sagt man wie beim Staunen ein langgezogenes „A“ und „O“, was die Bedeutung lautmalerisch unterstreicht und an Anfang und Ende des griechischen Alphabets erinnert. Aber was am Chaos machte Epikur unzufrieden?
Eine Antwort ist: seine Unermesslichkeit und damit die Schwierigkeit, das Chaos vernünftig zur Sprache zu bringen – und somit zum Logos. Denn das Chaos meint, modern ausgedrückt, die Grenze der Dimension. Über sie wird in Hesiods Mythos jedoch nichts gesagt. Der Dichter Hesiod (ca. 700 v. Chr.) hatte einst die Theogonie geschrieben, ein Epos über die Entstehung der Götterwelt, in der das Chaos den Urzustand des Kosmos darstellt. Hesiod lässt die Musen über den Anfang der Weltentstehung (Kosmogonie) singen:
„Wahrlich, als das Allererste [prṓtista[2]] entstand Chaos und danach
Gaia mit ihrer breiten Brust, ein immer sicherer Sitz für alle Gottheiten,
die den Gipfel des schneebedeckten Olymp bewohnen,
und die finsteren Abgründe in der Tiefe der breitstraßigen Erde,
Und Eros, der Schönste unter den unsterblichen Göttern,
Der Gliederlöser, der bei allen Göttern und Menschen,
Bezwingt den denkenden Sinn [nóon] und den verständigen Willen in ihrer Brust.
|6|Aus Chaos entstanden Erebos und schwarze Nacht [Nýx]
Aus der Nacht dann wieder Äther und Tag [Heméra],
Die sie [= Nýx] gebar schwanger vom Erebos, mit dem sie sich in Liebe verband.
Gaia aber brachte zuerst hervor den mit ihr gleich weiten
Uranos, den gestirnten, dass er sie überall einhülle,
Damit er sei den seligen Göttern ein sicherer Sitz für immer.“[3]
Aus dem Chaos entstehen per Spontangeneration die ersten Gottheiten als Ordnungsinstanzen der Natur: Erde (Gaia → III.9), Liebe (Eros), Nyx (schwarze Nacht) sowie Erebos (unterweltliche Finsternis) und Tartaros, das äußerste Ende der Unterwelt.
Epikurs Unzufriedenheit ist verständlich: Ist das Chaos das „Nichts“? Ist es „etwas“? Wie kann aus dem Nichts überhaupt die Welt bzw. der Kosmos entstehen? Ist die Welt wesentlich materiell oder immateriell aufgebaut? Abgesehen von der letzten Frage, die Epikur zugunsten einer materiellen Welt aus ewigen und unteilbaren „Atomen“ beantwortet sehen wird, haben die Philosophen offenbar seit den Mythen von Homer und Hesiod keine zufriedenstellenden Antworten auf die metaphysischen Fragen geben können. Eingedenk der Grundprobleme vom Sein und seinem Anderen – dem Seienden einerseits, dem Nichts andererseits – besteht dieses vermeintliche Manko auch heute noch. Dies gilt trotz der Fortschritte der neuzeitlichen Physik (→ II.3–II.6; IV.7) und trotz der sog. Chaostheorien, d.h. Theorien der Selbstorganisation (→ II.8), weil diese das Problem der Grenze nicht lösen können und deshalb logisch meistens eine erste Innerlichkeit des Alls (ein Selbst) unterstellen. Jenes Problem wird schon deutlich am Begriff ‚Universum‘, der wörtlich „das in Eins Gekehrte“ bedeutet. Und das Gesagte zum Fortbestand der Problematik gilt ferner trotz der Popularität des Ausdrucks „Medium“ im poststrukturalistischen Philosophieren der Gegenwart, in dem das Chaos seine Spur als Wandelndes ohne Grund hinterlassen hat.
Epikur wollte am Anfang seines Philosophierens Hesiods Ausdruck „Chaos“ verstehen, verbarg sich doch dahinter die Frage nach dem Urgrund allen Seins, aber auch die nach dem ewigen Abgrund. Hesiods Sukzessionsmythos von der Weltentstehung als sich abwechselnd zeugende und vernichtende Göttergenerationen macht die zwei gegensätzlichen kosmischen Prinzipien von Liebe und Streit, von Einheit und Differenz erzählerisch verstehbar (→ III.7). Das aus dem Chaos entsprungene Geschwisterpaar Gaia und Eros zeugt Uranos (den Himmel) und Okeanos, den kreisrunden Strom. Damit ist der Horizont als Grenze gebildet. Himmel und Meer umfließen die Erde, die als gebirgige und unterhöhlte Scheibe in einer Weltmitte gedacht ist. Zwei andere Kinder des Chaos, Nyx und Erebos, zeugen die Luft (Aether) und den Tag (Hemera), womit das Dunkle als vorgängig zum Hellen verstehbar wird. Der Kosmos entsteht also schrittweise und ohne das Chaos letztlich zu überwinden oder von der Welt abzulösen.[4] Dabei sind die göttlichen Naturen bereits normativ entlang einer vertikalen Achse von Gut (oben) und Schlecht (unten) geordnet. Eine sich zum Himmel |7|orientierende Oberwelt, die Welt der Schönheit und des Lichts, scheidet sich von der Unterwelt mit ihrer göttlichen Strafe und ewigen Finsternis. Dorthin werden nach dem Kampf der Titanen die Feinde des Zeus verbannt. All dies geschieht lange vor der Schaffung des Menschen.
Die religiöse Strömung der Orphiker liefert eine andere einflussreiche Weltentstehungsgeschichte, die u.a. von Platon (vgl. Philebos 66c) aufgegriffen worden ist. Am Anfang der musikalisch-poetisch („harmonisch“) strukturierten Welt war die Nacht. Darauf entstanden die Zeit (Chronos) und die Zwangsläufigkeit (Ananke), aus denen wiederum Chaos und Aether entstanden. Chronos erschafft im Aether das Weltei, aus dem Phanes (spätantik: Eros) entspringt. Wie immer es auch gewesen sein mag: Die Entstehung der Welt bleibt wörtlich im Dunklen. Dies gilt auch für die zeitlich noch vor Hesiod anzusiedelnden Epen Ilias und Odyssee des Dichters Homer, die vom bereits geordneten Zeus-Kosmos kundtun. Die Götter sind für einzelne Elemente und Naturphänomene zuständig und können sich und die Menschen morphisch wandeln. Dabei ist die göttliche All-Natur nicht scharf von der Natur der einzelnen Götter und Dinge zu trennen. Natur wirkt in Form von göttlichen Über-Naturen und Naturgewalten und ist dabei den Menschen auch Zeichen ihres Schicksals.
Beim Mythos handelt es sich demnach um eine Darlegung religiöser Naturverhältnisse (→ III.8). Weil aber etwa Odysseus mit List (téchnē) die göttliche Natur manchmal zu überwinden vermag und als Individuum frei handelt, wird die Odyssee auch als „Grundtext der europäischen Zivilisation“ und im Sinne aufklärerischen Denkens gesehen (Horkheimer/Adorno 1944/1969), denn der Mythos macht einen Möglichkeitsraum für den Logos auf. So finden sich auch in der heutigen Kosmologie und Elementarteilchenphysik noch symbolische Anklänge an das mythische Chaos: z.B. die Dominanz des Dunkels als hypothetisch angenommene, aber bislang nicht messbare „Dunkle Materie“ (→ II.6); ferner das Weiterbestehen des ursprünglichen „Chaos“ im Kosmos in Form der Mikrowellenhintergrundstrahlung, des ersten Lichts, das relativ kurz nach dem Urknall vor 14 Mrd. Jahren entstanden ist. Und auch bei den physikalischen Aussagen über „Vernichtungsschlachten“ von Materie und Antimaterie am Anfang des Universums mag man an Hesiods Göttergenerationen denken, die sich auf einen einfachen Anfang (Singularität) zurückführen lassen, selbst wenn er heute nicht als Chaos, sondern als Punkt gedacht wird.
Mythos und Logos bilden verschiedene Weisen des Erklärens und Verstehens (→ III.6), die parallel existieren. Es gibt keine lineare Fortschrittsgeschichte des Denkens, wonach der Mythos durch den Logos eindeutig abgelöst worden wäre. So wird noch lange nach Hesiod das Chaos bevorzugt dichterisch in die Anschauung gebracht. Und auch, wenn der Ausdruck schon im Griechischen als Gegensatz zur geordneten Welt des Kosmos verstanden wurde, wird er doch erst durch den römischen Dichter Ovid (43 v. Chr.–ca. 17 n. Chr.) explizit als Zustand der Unordnung oder Verwirrung (lat.: confusio) besungen (Metamorphosen I, 5–9).
Der Frage nach dem Chaos ausweichen und auf jegliche Metaphysik verzichten zu wollen ist verführerisch, hat aber Konsequenzen. Mit dem Hellenisten Epikur ist bereits ein Denker aufgetreten, der sich von seiner jugendlichen Frage nach dem Chaos ganz verabschiedet und stattdessen die Materie als ungeschaffen und ewig erachtet. |8|Er postuliert die in einem unendlichen Raum unendlich vielen, sich bewegenden „Atome“ (s. Schmidt 2007: 91–118). Dies mutet heute modern an (→ II.7), bedeutete aber für Epikur, auch den griechischen Göttern, die ihn nicht interessierten, eine teilweise materielle Natur zuschreiben zu müssen und somit die Theologie in seine Physik einzugliedern (s. Sedley 2007). Einen umgekehrten Weg beschritt das Christentum. Im lateinischen Kontext wird spätestens seit dem Kirchenvater Aurelius Augustinus (354–430) die Frage nach dem anfänglichen Urgrund in den starren Gegensatz von Form und Materie gezwängt, den es so im griechischen Denken nicht gibt. Er stellt das Chaos gemäß neuplatonisch-christlichem Weltbild als geschaffene Urmaterie dar und belegt es mit den Attributen „confusa et informis“ (zusammengemischt und ungestaltet). Nach Augustinus entstand der Kosmos nicht in der Zeit, sondern durch Gottes Schöpfung mit der Zeit (lat.: cum tempore). ‚Physik‘ wird in eine sog. Natürliche Theologie eingegliedert. So kann man eingedenk der biblischen Schöpfungserzählung der großen Provokation ausweichen, die das mythische Chaos bietet: dass es eine Zeit gegeben haben könnte, in der Gott noch nicht war (weiterführend Lobenhofer 2019).
Für die Philosophie hingegen bietet Hesiods „Chaos“ Anlass zum Aufbruch, um über die Natur von Raum und Zeit und über die Strukturen des Kosmos nachzudenken. Die nun in Abschnitt 2 zu erläuternden Vorsokratiker verbinden die Unklarheit des anfänglichen Grundes mit der Frage nach dem Logos im Rahmen naturphilosophischer Betrachtungen,[5] was für das aristotelische Denken (Abschn. 3 u. 4) erkenntnisleitend wird. Aristoteles wird die Existenz des Chaos zurückweisen, aber auch die eines Schöpfergottes. Die Philosophie trifft damit in ihrem Anfang eine wegweisende Entscheidung: Mit ihrem Ziel, „alles verständlich zu machen“, postuliert sie auch, „dass die Naturvorgänge verständlich sind. […] Sie ist daher gehalten, sich nach dieser Annahme zu richten, sei sie nun wahr oder nicht. Sie ist eine verzweifelte Hoffnung. Aber soweit der Naturprozess verständlich ist, ist der Naturprozess mit dem Vernunftprozess identisch“ (Peirce [1890] 1991: 133).
2. Der Kosmos: Die Vorsokratiker und Konfuzius
Mit dem Begriff ‚Logos‘ wird auf vernunftgemäße Begründungen verwiesen, die auf theologische und mythologische Elemente verzichten sollen. Ziel ist eine auf die Einheit der Vernunft (noûs) abhebende Allgemeingültigkeit der Aussage. Auf die Frage, wann der schlagwortartige Umbruch vom „Mythos zum Logos“ stattfindet, ist die etablierte Antwort: im 6. Jh. vor Christus mit dem Auftreten der Vorsokratiker. Gemeint sind diejenigen griechischen Philosophen und ihre Schulen, die vor der mit Sokrates (469–399 v. Chr.) einsetzenden und durch Platon und Aristoteles fortgeführten klassisch-griechischen „attischen“ Philosophie über eine vernunftgemäße Begründung der Welt nachdachten. Paradigmatisch für die vorsokratische Naturphilosophie ist die Aussage Heraklits (um 520–um 460 v. Chr.): Der Kosmos bzw. das Weltgefüge |9|ist dasselbe für alle Dinge und wurde weder von einem Menschen noch von einem Gott hervorgebracht, sondern es war immer und ist und wird sein (DK 22 B30). Die Feststellung der Ewigkeit des Kosmos markiert den Übergang von der Kosmogonie zur Kosmologie.
Angesichts der bildhaften Deutungen der Welt und der zahlreichen Götterkulte stellen die Vorsokratiker kritische Fragen und betreiben Naturforschung. Den ältesten von ihnen, Thales von Milet (um 624–um 548 v. Chr.), haben Sonnenfinsternisse beschäftigt, in Folge dessen auch die Zeitmessung und kalendarische Ordnung (DL I, 23–27). Erdbeben erklärt er nicht mehr mit dem Wirken Poseidons, sondern begründet: Die Welt schwimmt als Scheibe auf dem Wasser und gerät so bisweilen in Erschütterung. Thales behauptet einen materiellen Anfang der Welt mit dem Wasser als Urgrund (archḗ), der insofern noch mit dem Mythos verträglich ist, als Homer in der Ilias den Gott Okeanos als Ursprung von allem erachtete. Eine Abkehr von göttlichen Über-Naturen der Dinge macht ein Fragment des Xenophanes von Kolophon (um 570–um 475 v. Chr.) deutlich. Er versteht den Regenbogen nicht mehr als Göttin Iris, d.h. nicht mehr analog, sondern als logisch erklärbare Naturerscheinung: „Und was sie Iris benennen, auch das ist seiner Natur nach nur eine Wolke, purpurn und hellrot und gelbgrün zu schauen“ (DK 21 B32).
In mancherlei Hinsicht markieren die Vorsokratiker und ihre später mit dem Titel Perì phýseos (Über die Natur) bezeichneten Schriften nicht nur den Beginn der Naturphilosophie, sondern den der sog. westlichen Philosophie überhaupt. Allerdings führen viele ihrer Grundannahmen nach Persien, nach Babylonien und ins Alte Ägypten (Burkert 2008), weshalb die Philosophie auch im Mittleren Osten, in Indien oder in Nordafrika (vgl. Graness 2016) entstanden sein könnte.
Mit u.a. den folgenden Fragen streben die Vorsokratiker vernunftbegründete Erkenntnis an:
Ist der Kosmos ewig oder hat er einen Anfang in Zeit und Raum?
Gibt es ursächliche Prinzipien bzw. einen anfänglichen Urgrund (archḗ), aus dem der Kosmos entstanden ist (z.B. das Wasser bei Thales, DK 11 A12, oder die „dicke Luft“, aḗr, bei Anaximenes, DK 13 A7)?
Gibt es etwas dem Kosmos Entgegengesetztes, wie das „Nichts“, oder etwas anderes Unbestimmbares, Grenzenloses (etwa das ápeiron bei Anaximander, DK 12 B1)?
Ist der Weltprozess linear oder zyklisch zu denken (letzteres z.B. explizit bei Heraklit und Empedokles)?
Was sind die Elemente des Kosmos, inwieweit sind sie teilbar und mischbar? Gibt es ein ewiges, diskretes Unteilbares (átomos), aus dem die Welt aufgebaut ist (wie die Atomisten Leukipp und Demokrit behaupten, DK 67 A14)?
Gibt es ein Element, das prinzipiell am wichtigsten ist, weil es alles Werden und Vergehen unterhält (z.B. das Feuer bei Heraklit)?
In welchen Formen oder Prozessen wirken die Elemente im Kosmos? Kann man mit den Mischungen aus Erde, Feuer, Wasser, Luft den Wandel, aber auch die Konkretheit der Natur hinreichend beschreiben (vgl. Empedokles’ Vier-Elemente-Lehre, DK 31 B21)?
|10|Mit dem Naturdenken und -beobachten der Vorsokratiker wird eine antike Naturwissenschaft möglich, weil Maßaussagen entstehen, die Prinzipienaussagen befördern (wie später bei Aristoteles). Als frühe Leitwissenschaften für die Etablierung theoretischer Naturverhältnisse (→ III.3) gelten Mathematik, Astronomie, Musik und Medizin (Diätetik). Mit ihnen entstehen zahlenbasierte und regelgeleitete Naturverhältnisse (→ I.3), die praktisch nutzbar gemacht werden und den Instrumentenbau anleiten. Dies meint sowohl Musikinstrumente, deren Töne auf Basis der nach einfachen Zahlenverhältnissen geordneten Intervalle kosmische Harmonie veranschaulichen können (Schule der Pythagoreer), als auch Messinstrumente, z.B. für die Navigation auf See, für die Feldvermessung und für die Erfassung der Zeit. Den Vorsokratikern geht es zwar auch um einheitsstiftende Begriffe von Natur und Welt im Sinne einer All-Natur („die Natur“), v.a. aber um die Bestimmbarkeit von Naturen der Dinge („Natur von etwas“), z.B. der Lebewesen oder der Elemente. Dabei wird der eigentliche Begriff für Natur, phýsis (von phýein für: wachsen lassen) – der nah am Irdischen und Beseelten bzw. Lebendigen steht und damit an dem von Demokrit so bezeichneten „Mikrokosmos“ Mensch (DK 68 B34) – mit dem übergeordneten kosmischen Geschehen, dem später sog. Makrokosmos, in Übereinstimmung zu bringen versucht. Natur als Physis meint keine statische Naturbeschaffenheit, etwa eine stoffliche oder atomare, sondern eine „Eigenwüchsigkeit“, die vor dem „unauffälligen Hintergrund“ des Kosmos „auflebt“ (Buchheim 1994: 93). Sie ist wesentlich dynamisch. Zu ihrem Verständnis muss man sich mit den Grundprinzipien des Kosmos auseinandersetzen.
Die in Abschnitt 1 gestellten Fragen bezüglich des Chaos, d.h. die nach Seiendem, Nichts und Grenze, sind dafür erkenntnisleitend. Zusammen mit Thales und Anaximenes ist es der aus Milet stammende Anaximander (um 610–546 v. Chr.), der den Aufbruch der ionischen Naturphilosophie markiert. Er soll auch als erster die geordnete Welt mit „Kosmos“ bezeichnet haben. Ihr Gegenteil, das er „Apeiron“ nennt, bestimmt er wie folgt:
„Anfang und Ursprung der seienden Dinge ist das Apeiron (das grenzenlos-Unbestimmbare). Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Zeit Anordnung.“ (DK 12 B1)
Das Apeiron ist das Maßlose und Unermessliche, das selbst weder Raum noch Zeit ist (→ II.4). Thomas Buchheim (1994: 61) begründet, dass das ‚Apeiron‘ Anaximanders dem ‚Chaos‘ Hesiods ähnelt, insofern beide Begriffe auf Grenzziehungen verweisen, die nicht Grenzen von oder an etwas sind. Das selbst undimensionierte Apeiron eröffnet eine Dimension, in der die werdenden und vergehenden Dinge sich nach Rechtsverhältnissen („Schuldigkeit“) gegenseitig bedingen. Anaximander postuliert mit dem Apeiron, anders als Thales mit dem Wasser, einen immateriellen Urgrund. Die Erde stellt er sich als einen in einer Sphäre, d.h. in einer Kugelgestalt, unbewegt schwebenden Zylinder vor. Er geht von drei Himmeln oder Sphären aus (um Sterne, Mond und Sonne), womit nach der Überlieferung des Aristoteles-Schülers Eudemos von Rhodos der „logos von Größen und Distanzen“ in die Philosophie eingebracht wurde (Burkert 2008: 71). Anaximenes (ca. 585–528 v. Chr.) korrigiert die Darstellung |11|dahingehend, dass der Mond näher an der Erde ist als die Sterne. Für Anaximander ist das irdisch vorrangige Element das Wasser, aus dem alles Leben entsteht, während das kosmisch wichtigste Element das Feuer ist, das als ein äußerster Ring die Hüllen der Welt umgibt. Feuer und Wasser ergeben schon am Anfang des Kosmos Maßverhältnisse von heiß/kalt und trocken/feucht, die auch auf der Erde wirken und Werden und Vergehen gleichsam ‚machen‘. Das Werden geschieht ausgehend von einem zentralen Urkeim (gónimon) des Kosmos, der ein zeugender Gegenbereich zum dimensionierenden Apeiron ist. Anaximander hat noch kein Materiekonzept, versucht aber das stoffliche „Woraus“ (etwas entsteht) zu fassen, das er in der Weltmitte ansiedelt.
Heraklit von Ephesos will die All-Einheit der Welt begründen, indem er sie mit der Idee eines allumfassenden und alldurchdringenden Weltgesetzes (Logos) verbindet (Reckermann 2011: 60–68). Demnach gilt: hén pánta, „eins ist alles“. Im Logos ist Gegensätzliches vereint wie etwa, dass Natur sowohl ist als auch wird, d.h. nicht ist. Die prozessuale Identität von Einheit und Gegensatz ist in Heraklits Flussfragmenten überliefert, z.B. in der berühmten Aussage, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. Grundsätzlich steht der Logos als eine Form des Denkens allen Menschen offen. Aber gleichzeitig betont Heraklit, dass obwohl der Logos ewig ist und immer gilt, die Menschen ihn nicht verstehen (DK 22 B1; vgl. entsprechend Platon, Timaios 51e). Die verschränkte Einheit von Gegensätzen bringt er sprachlich durch bewusste Doppeldeutigkeit zum Ausdruck, weshalb er von Georg W.F. Hegel (1770–1831) als Vordenker der Dialektik und spekulativen Naturphilosophie gefeiert werden wird: „Hier sehen wir Land; es ist kein Satz des Heraklit, den ich nicht in meine Logik aufgenommen“ (Hegel [1833] 1986, Bd. 18: 320). Für Heraklit ist die Naturbeobachtung Grund der logischen Vernunfterkenntnis, das Erkennen der Naturgemäßheit steht in Verbindung mit der Weisheit bzw. dem umfassenden Bescheid-Wissen (sophía) über die Verhältnisse (DK 22 B112). Damit grenzt Heraklit den Erkenntnisweg der Philosophen ab von dem üblichen Meinen „der Vielen“ – eine typische Attitüde der Vorsokratiker. Auf der kosmologischen Ebene entspricht dem Logos das Weltfeuer, das alles anfacht und sich stets nach anderem verzehrt. Das Feuer ist ein umfassendes, auch erkenntnistheoretisch wirksames Wandlungsprinzip.
Heraklits Sicht, dass man zum Verständnis eines sich im stetigen Wandel befindenden Seins, d.h. des Werdens, ein Nicht-Sein voraussetzen müsse, findet eine Gegenposition erstens in der Schule des Parmenides von Elea (um 510–um 450 v. Chr.). Dieser zufolge gibt es nur ein ewiges und wahres Sein (DK 28 B6), während das Werden eine Scheinwirklichkeit darstellt – eine Position, die Platon maßgeblich beeinflusst hat. Zweitens sind es die Atomisten mit Demokrit (um 460–um 370 v. Chr.), die das Konzept der Leere (kenós) an die Stelle des Nicht-Seins setzen, weshalb ihrer Ansicht nach ein leerer Raum („Vakuum“ → II.4) existieren müsse.
Wie für Parmenides ist es auch für Empedokles (um 485–425 v. Chr.) unmöglich, dass aus Nicht-Seiendem etwas entsteht und ebenso, dass Seiendes völlig verschwindet (DK 31 B12). Empedokles nimmt ein ewiges Sein der Natur an, das auf vier Wurzelgestalten (rhizṓmata) beruht, welche geflechtartig miteinander verwoben sind: Feuer, Wasser, Erde, Luft (DK 31 B6). Damit hat er dem Begriff nach die vier Elemente gedacht, das Wort „Elemente“ (stoicheîa) schreibt ihm erst Aristoteles zu. Die Elemente |12|des Empedokles mischen und trennen sich gemäß den Prinzipien von Liebe und Streit, wie er im Lehrgedicht Über die Natur schreibt (Primavesi 2008). Die durch Wechselseitigkeit bestimmbaren Elemente interagieren nicht wie beim Wettkampf, sondern wie beim Tauschhandel: Jeder Tauschpartner gibt und nimmt etwas, jeder tut und erleidet etwas. Die Elemente sind stofflich gedachte Grundverhältnisse. Der Kosmos und mit ihm die Natur hat somit nicht einen Ursprung, sondern Vielursprünglichkeit. Ein Anklang an das ursprüngliche Chaos findet sich dahingehend, dass am Anfang der Welt die vier göttlichen Grundstoffe nur als „Nebeneinander des Mehreren“, d.h. ungeordnet, vorlagen. Die Liebe (éros) verband sie dann miteinander, aber machte sie gleichzeitig sterblich (Reckermann 2011: 180, Anm. 131). Im Physischen sind die vier Grundstofflichkeiten zyklisch als Werden und Vergehen gedacht, d.h. die Ursprünge kehren immer wieder zu sich zurück und fangen wieder neu an, Mischungen zu bilden. „Mischung“ hat hier eine doppelte Bedeutung: „Werden des Vielen zu Einem und Werden des Einen zu Vielem“ (ebd.: 75). Der Wechsel dieses Seins ist ewig und unbewegt (DK 31 B17). Empedokles’ Vier-Elemente-Lehre beeinflusst die Alchemie und Medizin (Vier-Säfte-Lehre) bis ins Mittelalter und zuvorderst die Naturphilosophie des Aristoteles (s.u.).
Zeitlich parallel zu den Vorsokratikern entwickelt sich im Klassischen China durch Konfuzius (551–479 v. Chr.) eine philosophische Lehre (Konfuzianismus), die fernöstlichen Philosophien bis heute zugrunde liegt. Für Konfuzius ist der Himmel (chin. Tian) das oberste Prinzip der Welt. Der Himmel hat eine eigene metaphysische Wesenheit, die als Weltgesetz für kosmische Harmonie sorgt und den Menschen ihre Sitten und Tugenden vorgibt. Dieser Gedanke wird auch im Daodeking (chin. Dao für: Weltgesetz; De für: Weg) durch Laozi (ca. 3–6. Jh. v.Chr.) und entsprechend im Daoismus wirksam.[6] Das Dao folgt seiner eigenen Natur (chin. Ziran, wörtlich: von selbst so sein) und ist wesentlich einfach, spontan und wortlos. Mensch, Erde, Himmel und Dao werden im Zusammenspiel ihrer Naturen als harmonische All-Einheit konzipiert, die spirituell zugänglich ist. Später entwickelt sich dies unter Einschluss vorkonfuzianischer Denkweisen zu verschiedenen Lehren von Yin und Yang, den zwei bipolaren Prinzipien oder Kräften, welche sich gegenseitig ergänzen und die sich stets wandelnden Naturen (‚von etwas‘) der All-Einheit hervorbringen. Im Gegensatz zur westlichen Lehre von den vier Elementen beruhen fernöstliche Philosophien auf der Maßgabe von fünf Elementen (Wu Xing), die als Kräfte kosmischen Wandlungsprozessen entsprechen: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Allerdings begleitet auch die abendländische Geschichte das Spiel mit einem fünften Element bzw. einer Quintessenz; zuvorderst bei der Suche nach einer außerirdisch angesiedelten Qualität von ‚luftigem‘ Licht (aithḗr) oder ‚beseeltem Atem‘ (pneûma), das/der bis auf die Erde durchscheint und der kosmischen Macht der Nacht als ewigem Dunkel entgegengesetzt ist (Böhme/Böhme 1996: 143–145). In der aktuellen Kosmologie wird die Quintessenz als Energiedichte eines sich zeitlich langsam entwickelnden Skalarfeldes diskutiert, um gleichsam Licht in den sog. „dunklen Sektor“ des Universums zu bringen.
|13|3. Physik und Metaphysik: der Umbruch durch Aristoteles
Obwohl das Ziel der Vorsokratiker die vernunftgemäße Begründung eines Kosmos ist, die auf einen erschaffenden Gott oder Mensch verzichten kann, kommt z.B. Parmenides nicht ohne die Idee eines weiblichen Daimon aus, einer Göttin, die die Welt von ihrer Mitte aus beherrscht (vermutlich die Persephone der Orphik, s. Abschn. 1). Xenophanes entwirft eine einzige, höchste Gottheit, die vom Menschen wesentlich verschieden zu denken sei. Erklärbar ist dies vor einem historischen Hintergrund, in dem der Himmel noch voller vermenschlichter (anthropomorpher) Götter ist. Ferner sieht etwa Sokrates das gesellschaftliche Manko, dass einige der empirisch forschenden Vorsokratiker sich zwar der Natur und ihrer Wahrheit widmen (Naturtheorie), aber nicht der Frage nach dem Guten und Schönen im Kosmos. Gesucht ist eine höhere Einheit, die zum Denken einer Welt angesichts der Vielheit ihrer Erscheinungen und Wesenheiten notwendig ist. Aber ist diese Einheit selbst ein Wesen, eine Wesenheit?
Auch die attische Philosophie hat darauf noch keine eindeutige Antwort. Im Timaios lässt Platon einen gottähnlichen Schöpfer in Person eines Handwerkers (dēmiourgós) auftreten, der den sinnlich erfahrbaren Kosmos und den Menschen erschafft. Der Kosmos ist die schönste aller gewordenen Welten, was in ihrem Bildner begründet liegt, der der beste unter den Guten ist – weil er beim Erschaffen auf das Ewige geblickt hat (Timaios 28c5–29b2). Dabei gab er der als schon vorhanden gedachten, aber noch ungeordneten Materie eine Ordnung nach mathematischen Zahlenverhältnissen, die – wie in der Geometrie – sich jeweils als Form (idéa) begründen und als Gestalt (morphḗ) anschauen lassen. Somit gibt es theoretisch zwei Welten, eine der Ideen und eine der sinnlichen Erscheinungen (Zwei-Welten-Theorie), die über Mathematik und Musik miteinander in Verbindung stehen. Wegweisend ist Platons Denken der Welt zwischen Modell und Bild oder Urbild und Abbild. Natur bleibt wie im Mythos bildlich verstehbar. Für die Lebewesen selbst handelt es sich beim Kosmos aber um den „ganze[n] Himmel“ (28b2) und nur „einen Himmel“ (31a/b), d.h. einen gemeinsamen Horizont.
Alternativ zur Referenz auf eine erste einheitsstiftende Gottheit stilisieren sich die frühen Philosophen als Magier mit exklusivem Zugang zum einheitsstiftenden Wissen, wie es von den Pythagoreern und von Empedokles überliefert ist. Er soll seine Lehren von den vier Elementen und der Reinkarnation sogar damit gekrönt haben, dass er sich in den Vulkan Ätna stürzte (DL VIII, 69). Systematisch betrachtet, hat eine auf dem Logos basierende Naturphilosophie auch den Keim ihres Gegenteils, den Schamanismus und Okkultismus, mit hervorgebracht.
Einen fundamentalen Umbruch erfährt die Philosophie und mit ihr die Naturphilosophie durch den Platon-Schüler Aristoteles (384–322 v. Chr.). Nicht nur wendet er sich von der dichterischen Darstellungsform der Philosophie ab; er legt auch das Fundament dafür, dass Welterkenntnis auf Prinzipien beruht und damit der logischen Argumentation und der naturwissenschaftlichen Forschung zugänglich ist. Für Aristoteles gibt es nur eine Welt, und zwar eine, die vom Menschen aus als Welt der Phänomene, ihrer Begriffe und Relationen zu denken ist. Seine Metaphysik eröffnet |14|mit dem Satz: „Alle Menschen streben von Natur nach Wissen“ (980a21). In der Natur liegt generell die Anlage zum Guten.
Aristoteles vollzieht eine Trennung von Physik und Metaphysik, dem im Vergleich zum Empirischen höheren Wissen. Hegel würdigt dies so: „Wir lernen den Gegenstand in seiner Bestimmung und den bestimmten Begriff desselben kennen“ (Hegel [1833] 1986, Bd. 19: 148). Bei Aristoteles ist die Frage nach Prinzipien und bestimmenden Gründen („Definitionen“) eine Frage der Metaphysik oder, wie er sie selbst bezeichnet, der „Ersten Philosophie“. Metaphysische Begriffe sind u.a. ‚Seiendes‘, ‚Eines‘, ‚Element‘, ‚Grenze‘, ‚Natur‘, ‚früher/später‘, ‚notwendig‘ und ‚Teil/Ganzes‘ (vgl. Metaphysik V). Sie unterscheiden sich von den ‚physikalischen‘ Begriffen insofern, als sie die sinnlich-physische Welt zu strukturieren helfen, aber nicht vollständig aus ihr ableitbar sind.
Die Auseinandersetzung mit der Vielgestaltigkeit von Natur und ihrem Begriff (phýsis) nimmt deshalb eine vermittelnde Position ein und durchzieht fast alle Werke des Aristoteles (weiterführend Wiplinger 1971; Dunshirn 2019). Dabei wird die Frage nach Natur, basierend auf den Prinzipien Bewegung und Wandel sowie Möglichkeit und Wirklichkeit immer wieder anders gestellt. Die Antworten fallen entsprechend unterschiedlich aus. Einige Beispiele: In der Vier-Ursachen-Lehre der Physik (II.3) wird Natur in Analogie zum bildnerischen Schaffen eines Künstlers in Material-, Form-, Wirk- und Zweckursache unterteilt. Von Technik ist Natur ursächlich dadurch abgegrenzt, dass sich letztere von selbst bewegt, wohingegen erstere von außen bewegt wird (ebd.: II.1). In der Nikomachischen Ethik (I 1097b10f.) wird die Natur des Menschen als auf staatliche Gemeinschaft ausgerichtet verstanden, der Mensch ist deshalb ein politisches Wesen; im Menschen ist ferner der Keim der Mitmenschlichkeit als Freundschaft bereits von der Natur eingepflanzt (ebd.: VIII 1155a16–21). In Über die Seele (De anima) werden die Naturen der drei Lebensformen Pflanze, Tier und Mensch in einer Seelenhierarchie geordnet (→ IV.2/Abschn. 3). Gemäß den biologischen Schriften sorgt die Natur als teleologische Organisatorin für funktionsgerechte Organe und Artkonstanz, d.h. für eine zweckmäßige Ordnung des Lebenden. Bei ungünstigen Abweichungen – die als Zufälle im Sinne von Nebenursachen ebenfalls möglich sind – kann die Natur aber nach dem Vorbild der Medizin heilend in den Bauplan eingreifen (Kullmann 2014: 178–200), z.B. indem sie die anatomisch ungünstige Lage der menschlichen Luftröhre direkt neben der Speiseröhre durch die Schaffung des Kehlkopfdeckels „heilt“ (De partibus animalium 665a6–9). Die Natur hat demnach als Ganze das Potenzial, ihre einzelnen Naturen nachzubessern. In Über Werden und Vergehen (De generatione et corruptione) geht es nicht mehr um die Natur von etwas (z.B. von Lebewesen oder Staaten), sondern um deren vorgeordnete Prozesse und, wie sie zum Gegenstand wissenschaftlicher Analyse gemacht werden können – ein Unterfangen, das erst im 20. Jh. von Alfred N. Whitehead mit seiner Prozessphilosophie wieder versucht worden ist (Buchheim in Aristoteles 2011: XVI). Mehrfach betont Aristoteles, dass die Kreisbewegung die primäre Form aller Bewegungen ist, der auch die Natur prozessual folgt. Eingedenk der Vier-Elemente-Lehre des Empedokles schreibt er: „Denn wenn Wasser aus Luft geworden ist und aus Luft Feuer und wiederum aus Feuer Wasser, dann ist, so sagen wir, durch einen Kreis gegangen das Werden, weil es wieder |15|zurückkehrt“ (Aristoteles 2011: II 337a4–7). Das Vergehen oder „Kaputtgehen“ (so Buchheim) der Naturdinge und ihrer Mischungsverhältnisse ist für Aristoteles die wichtigste Bedingung des Werdens von Substanz. Aber von dem, was vergeht, gibt es keine Wissenschaft (Metaphysik VII 1039b20–1040a5). Diese Einsicht ist auch angesichts der heutigen Umweltwissenschaften und ihrer technischen Konzepte zur Rezyklierung (Recycling von Stoffen und Energie, aber z.B. nicht von genetischer Information) noch bedenkenswert (→ III.5).
In Über den Himmel (De caelo) wird die All-Natur auf ihre Größen und Dimensionen, auf ihre ersten und vollkommensten Körper (Planeten/Gestirne) sowie kleinsten und letzten Bestandteile („Elemente“) hin befragt. Sie werden in Relation zur – mittlerweile mathematisch gesicherten – Kugelform der Erde und der sie konzentrisch umgebenden, acht Kristallschalen (von der Mond- und dann der Sonnenschale bis zur achten Schale der Fixsterne) des Kosmos gesetzt. Die Grenze des Wirkens der vier Elemente ist die sublunare Sphäre. Der Kosmos als Weltraum ist damit zweigeteilt (→ IV.7), denn jenseits des Mondes gibt es eine planetarische All-Natur „ohne Organe“ und wirkt der Äther als erste Substanz (prṓtē ousía). Der Äther ist ewig und weder leicht noch schwer; er wird als „fünftes Element“ überliefert (s.o., Abschn. 2). Die Fixsterne, die äußerste Grenze des Kosmos, haben keine eigene Bewegung, sondern werden von der Umdrehung des ganzen Himmels mitgezogen (De caelo II.8).
Mit dem Ziel, die Fülle und Vielgestaltigkeit der Welt systematisch begreifen zu wollen, legt Aristoteles die Basis für eine differenzierte, prinzipienbasierte Wissenschaftslehre und für die seitdem durch separate Problemstellungen markierten Naturwissenschaften Astronomie, Physik, Chemie und Biologie, denen er jeweils eigene Werke widmet. Aus ihnen wird deutlich, dass Aristoteles auch selbst Naturwissenschaft betrieben hat, bevorzugt im Rahmen der Zoologie (Kullmann 2014). Er und sein Schüler Theophrast von Eresos (372/379–288/286 v. Chr.), der sich den Pflanzen widmete, entwerfen eine biologische Systematik. Anders als später die meisten Scholastiker interpretieren werden, ist Aristoteles’ Natur nicht gemäß eines universalen teleologischen Prinzips strukturiert, das nur die Verwirklichung eines Zwecks (télos) ermöglicht und damit determiniert wäre. Vielmehr fordert das aristotelische Telosprinzip die Möglichkeit des Zufalls (Wieland 1992: 256–277), wodurch experimentelle Naturforschung und das Denken von Entwicklung möglich wird. Die aristotelische Natur ist zwar prinzipiell auf das Gute gerichtet, regelgeleitet und zweckgemäß, aber nicht, wie bei Platon, durch einen Schöpfer harmonisch gefügt.
4. Ewige Bewegtheit statt Chaos
Bereits im ersten Buch der Metaphysik (983b7–11) erwähnt Aristoteles kritisch, dass diejenigen, die „zuerst Philosophie betrieben“, d.h. die Vorsokratiker, davon ausgingen, dass der Ursprung allen Seins in einem Urstoff oder Element im Sinne der Materie (hýlē) zu suchen sei. Dies weist er kategorisch zurück, v.a., da man mit Sein und Materie nicht den Wandel (metabolḗ) erklären könne. Der aristotelische Kosmos basiert deshalb auf Bewegung (kínēsis) als oberstem Prinzip. In Folge werden zwei |16|Modalitäten jeglicher Substanz (ousía) unterschieden: dýnamis und enérgeia, das Vermögen (Möglichkeit) und seine Verwirklichung (Wirklichkeit).
Namentlich Hesiods Vorstellung vom Chaos kritisiert Aristoteles ausgehend vom tópos, der einen Raumort meint oder genauer: einen Bereich, in dem sich Ort und Raum gegenseitig bedingen (Physik IV 208b27–209a2). Der „natürliche Ort“ eines Körpers, zu dem dieser teleologisch hinstrebt, wird von Aristoteles zwar als trennbar von dessen aktuellem Aufenthaltsort gedacht. Man könne aber keinen Raum denken, in dem nichts ist und der als Weltbehälter den Kosmos aufnehme. Gegen die Atomisten und ihr Konzept der Leere entgegnet er, dass die Leere selbst nicht bewegt werde und auch nichts in ihr bewegt werden könne (vgl. auch Metaphysik I 985b4–19). Damit ist auch eine Kritik an Platons Raumbegriff formuliert. Platon sieht den Raum als ein Drittes zwischen Sein (Welt der Ideen) und Werden (Welt der Wahrnehmung) an, der als „Amme des Werdens“ fungiert, als ein aufnehmender Raum oder platzbietendes Feld (chṓra, von chôros für: Tanzplatz), in und qua dem die Elemente und schließlich die Welt überhaupt erst erschaffen werden können. Platon setzt sich dabei mit dem Chaos auseinander, das als ontologische Problematik auch im Begriff ‚Information‘ noch aufscheint (→ II.8), weil in und gleichzeitig mit und aus etwas formiert wird, ohne angeben zu können, „woraus“ dieses etwas ist. Einerseits gilt: „Seiendes, Raum und Werden waren, bevor noch der Himmel entstand, als in dreifacher Weise“ (Timaios 52d). Dabei handelt es sich um drei Formen der einen Vernunft. Andererseits hat der Raum für Platon eine mediale Funktion zwischen Geistigem und Realem, denn als formloser, aber bewegter Raum ist er selbst formativ. In und mit ihm werden die noch nicht in Maßverhältnissen vorliegenden Vorfahren der vier Elemente vom Demiurgen gerüttelt und geschüttelt und nach Dichte und Schwere zu einem Weltganzen geordnet (ebd.: 52e/53a). Dagegen fragt Aristoteles kritisch, warum Platons „Formen“ und „Zahlen“ nicht an einem Ort sind (Physik IV 209b33–210a2). Denn so haften die platonischen Abbilder den ideell-ewigen Substanzen nur irgendwie an, wohingegen nach Aristoteles (2011) die Substanzen in ihrer Verhältnismäßigkeit (als „Elemente“) selbst werden und vergehen.
Für Aristoteles ist die Welt nicht erschaffen, sondern ewig, und mit ihr die Zeit. Ihn leitet die Ansicht, dass das Verändernde seine Form stets mitbringen muss (Physik III 202a9–12), was gegen das Chaos spricht. Auch der Ort kann nicht allem vorgeordnet sein im Sinne eines „irgendwo“ eines Körpers. Eine Ordnungsstruktur schafft vielmehr die Zeit, die als Zeitlichkeit (früher/später) in die Bewegung fällt, ohne mit ihr identisch zu sein. Die uns über Veränderung phänomenal zugängliche Zeitlichkeit der Zeit ist die Wirklichkeit des Möglichen als solchem (Metaphysik XI 1065b15f.; Physik III 201a9f.). Im Fortgang des dritten Buchs der Physik setzt sich Aristoteles ausführlich mit Anaximanders Apeiron, dem Grenzenlos-Unbestimmbaren, auseinander, das nur der Möglichkeit nach, aber nicht in Wirklichkeit existiere. In diesem Zusammenhang steht auch das aristotelische Konzept der potenziellen Unendlichkeit. Sie ist mengentheoretisch zu denken als dasjenige, zu dem es immer noch ein Äußeres gibt (Physik III 207a1). Ein Unendliches, das als Ganzes vorliegt, gibt es für Aristoteles hingegen nicht (→ I.1.B).
|17|Die Vorstellung, dass es nur einen Himmel, aber unterschiedliche Sphären der Himmelskörper gibt, ist der Hintergrund für Aristoteles’ kosmologische Theorie des „unbewegten Bewegers“ (Metaphysik XII 1071b3ff.), der aus logischen, nicht ontologischen Gründen gesetzt wird. ‚Er‘ befindet sich als oberstes Bewegungsprinzip an der äußersten Grenze des damals bekannten Himmels, d.h. direkt hinter der Sphäre der Fixsterne, und sorgt für die kontinuierliche Kreisbewegung des Kosmos. Der unbewegte Beweger ist ewig und ungeschaffen. Diese aristotelische Annahme und Platons „Weltseele“ in den Nomoi sind die Basis des sog. „kosmologischen Arguments“ als einem Argumenttypus, der die Naturphilosophie und Physik bis in die Gegenwart durchzieht. Darin sind Positionen versammelt, die für und gegen einen hinreichenden Grund für die Annahme von „Welt“ (→ II.3) sowie für eine erste Ursache (lat.: prima causa) des Kosmos argumentieren. Zur Argumentfamilie gehören Fragen nach der Existenz Gottes, der Ewigkeit der Welt, der Notwendigkeit der Schöpfung (→ II.2), der Natur von Raum und Zeit (→ II.4) sowie der Möglichkeit von Unendlichkeit (vgl. Reichenbach 2019).
Am Ende seiner Metaphysik lässt Aristoteles keinen Zweifel daran, welche Einsichten er – und damit auch die philosophische Nachwelt – den Vorsokratikern verdankt, zuvorderst die, dass beim Erklären die Wirklichkeit der Möglichkeit vorausgehen müsse. „Also war nicht eine unendliche Zeit Chaos oder Nacht, sondern immer dasselbige, entweder im Kreislauf oder auf eine andere Weise, sofern die Wirklichkeit dem Vermögen vorausgeht“ (Metaphysik XII 1072a7–9).
Literatur
Aristoteles 1956ff.: Aristoteles. Werke in deutscher Übersetzung. Hg.: E. Grumach/H. Flashar. Berlin.
– 2011: Über Werden und Vergehen. Hg.: T. Buchheim. Hamburg.
Böhme, Gernot/Böhme, Hartmut 1996: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Eine Kulturgeschichte der Elemente. München.
Buchheim, Thomas 1994: Die Vorsokratiker. Ein philosophisches Portrait. München.
Burkert, Walter 2008: Prehistory of presocratic philosophy in an orientalizing context. In: P. Curd/D. W. Graham (Hg.), a.a.O. Oxford: 55–85.
Curd, Patricia/Graham, Daniel W. (Hg.) 2008: The Oxford Handbook of Presocratic Philosophy. Oxford.
DK [Diels/Kranz] = Die Fragmente der Vorsokratiker. Griech.-Dt. v. H. Diels. Bd. 1: 61951, Bd. 2: 61952. Hg.: W. Kranz. Hildesheim.
DL = Diogenes Laertius 2015: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Hg.: K. Reich/H. G. Zekl. Hamburg.
Dunshirn, Alfred 2019: Physis [deutschsprachige Fassung]. In: Kirchhoff, T. (Hg.): Online Encyclopedia Philosophy of Nature / Online Lexikon Naturphilosophie. Heidelberg, doi: https://doi.org/10.11588/oepn.2019.0.65543.
Graness, Anke 2006: Writing the history of philosophy in Africa: where to begin? In: Journal of African Cultural Studies 28 (2): 1–16.
Hegel, Georg W.F. [1833–1836] 1986: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (I–III). In: ders.: Werke, Bde. 18–20. Hg.: E. Moldenhauer/K. M. Michel. Frankfurt/M.
|18|Helin, Jenny/Hernes, Tor/Hjorth, Daniel et al. 2014 (Hg.): The Oxford Handbook of Process Philosophy and Organization Studies. Oxford.
Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. [1944/1969] 1988: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt/M.
Kullmann, Wolfgang 2014: Aristoteles als Naturwissenschaftler. Berlin.
Lobenhofer, Stefan 2019: Chaos [deutschsprachige Fassung]. In: Kirchhoff, T. (Hg.): Online Encyclopedia Philosophy of Nature / Online Lexikon Naturphilosophie. Heidelberg, doi: https://doi.org/10.11588/oepn.2019.0.68092.
Marg, Walter 1970: Hesiod. Sämtliche Gedichte. Theogonie. Erga. Frauenkataloge. Zürich.
Peirce, Charles S. [1890] 1991: Notizen über Evolution und die Architektonik von Theorien. In: ders.: Naturordnung und Zeichenprozeß. Schriften über Semiotik und Naturphilosophie. Hg.: H. Pape. Frankfurt/M.: 126–140.
Platon [1959] 1971: Sämtliche Werke. Bd. 5: Politikos. Philebos. Timaios. Kritias. Hg.: E. Grassi. Hamburg.
Primavesi, Oliver 2008: Empedokles Physika I: Eine Rekonstruktion des zentralen Gedankengangs. Berlin.
Reckermann, Alfons 2011: Den Anfang denken. Bd. 1: Vom Mythos zur Rhetorik. Hamburg.
Reichenbach, Bruce 2019: Cosmological argument. In: Zalta, E.N. (Hg.): SEP (Fall 2019 edition). https://plato.stanford.edu/archives/fall2019/entries/cosmological-argument.
Schmidt, Ernst A. 2007: Clinamen. Eine Studie zum dynamischen Atomismus der Antike. Heidelberg.
Sedley, David 2007: Creationism and its Critics in Antiquity. Berkeley/CA.
Wieland, Wolfgang [1960] 31992: Die aristotelische Physik. Göttingen.
Wiplinger, Fridolin 1971: Physis und Logos. Zum Körperphänomen in seiner Bedeutung für den Ursprung der Metaphysik bei Aristoteles. Freiburg.
[Zum Inhalt]
|19|I.1.B Kosmos und Universum:
Universum, Raum, Unendlichkeit
Angelika Bönker-Vallon
1. Anfänge der Unendlichkeitsspekulationen bei Nicolaus Cusanus und Giordano Bruno
Die mittelalterliche Synthese von Schöpfungslehre und Naturphilosophie (→ II.1, Abschn. 2.2) entlehnt den Naturbegriff von Aristoteles, wobei aber nicht mehr angenommen wird, dass die Naturen der Dinge seit jeher bestehen: Der Schöpfer aller Dinge ist zugleich auch Urheber aller Naturen. Wie bei Aristoteles ist die Welt ein begrenzter Ort, zu dem es kein Außerhalb gibt. Anders als bei Aristoteles ist sie nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich begrenzt. Schon beim spätantiken Aurelius Augustinus (354–430) gilt: Mit dem Himmel hat Gott auch die Zeit erschaffen und er wird sie am Jüngsten Tag aufhören lassen. Wie es kein Außerhalb gibt, gibt es auch kein Zuvor und Danach (vgl. Augustinus, Confessiones XI). Bildlich vorgestellt ist die geschöpflich-endliche Welt ‚umfangen‘ vom unsichtbaren coelum empyreum als dem theologisch angenommenen ‚Wohnort‘ Gottes und seines ‚himmlischen Hofstaats‘, wobei eine kosmologische Notwendigkeit und Funktion des coelum empyreum in Hinblick auf die von Aristoteles entwickelten Vorgaben der Naturphilosophie umstritten ist (vgl. Grant 1996: 374ff.). Jenseits von Raum und Zeit ‚steht‘ zuletzt die Ewigkeit, und die aus der zeitlichen Schöpfung Auserwählten haben an ihr teil. Demgegenüber bringt die Frühe Neuzeit einen Umbruch des Naturverständnisses mit sich, der sich im Übergang von einem geschlossenen Weltbild zu einem offenen und unendlichen Universum artikuliert (→ II.4).
Nicolaus Cusanus (= Nikolaus von Kues, 1401–1464) gilt als einer der frühesten und einflussreichsten Vertreter der neuzeitlichen Einheits- und Unendlichkeitsspekulation. Er unterscheidet zwischen der absoluten unendlichen Einheit Gottes und der kontrakten Einheit bzw. Unendlichkeit des Universums. In Gott sind nach Cusanus’ Lehre alle Gegensätze als schlechthinnige Einheit und absolutes Sein aufgehoben (lat. coincidentia oppositorum) und jede Seinsmöglichkeit ist immer schon Wirklichkeit (De docta ignorantia I 4, §§ 11f.; Trialogus de possest § 9). Das unendliche Universum hingegen umfasst alles, was sein kann, im Modus der Einschränkung, d.h. in der Bestimmung zu einem Etwas. Vor diesem Hintergrund entfaltet der von Cusanus entwickelte, an der Unendlichkeitsspekulation orientierte Begriff der Natur seine Bedeutung. Das unendliche All geht „gleichsam nach der Ordnung der Natur“ (lat. quasi ordine |20|naturae) allem „als das Vollendetste“ (lat. ut perfectissmum) (De docta ignorantia: II 5, § 117) voran, so dass sich die Unendlichkeit des Universums in der jeweiligen kontrahierten Seinsweise der Einzelseienden manifestiert. (Vgl. Miller 2017.)
Giordano Bruno (1548–1600) setzt den cusanischen Ansatz des Einheits- und Unendlichkeitsdenkens konsequent fort. Dabei finden nicht nur das vorsokratische Einheitsdenken und der antike Atomismus Eingang in sein Denken, sondern auch Lehrstücke des Hermetismus[7] und der jüdischen Schöpfungslehre. Von zentraler Bedeutung ist für Bruno die Bekämpfung des Aristotelismus sowie jedes geschlossenen Weltbildes. In radikaler Ausweitung des von Kopernikus gegen den Geozentrismus der Tradition rehabilitierten heliozentrischen Weltbildes versteht Bruno das Universum als durchweg homogenen unendlichen ‚Kugelraum‘, in dem sich unzählig viele feurige und wässrige Weltkörper befinden.
Brunos Verständnis von Natur (ital. natura) ist nicht von der Wirkweise der Weltseele (ital. anima del mondo) zu trennen. Die Weltseele erleuchtet nicht nur das Weltall, sondern sie unterweist auch die Natur, die Arten so hervorzubringen, wie sie sein sollen. Die Natur wird somit grundsätzlich zum Ausdruck der grenzenlos produktiven Vernunft der Weltseele, welche alle nur erdenklichen Formen hervorbringt und das gesamte Universum zu einem lebenden Organismus eint. In der Folge entsteht ein ‚animistischer‘ oder ‚vitalistischer‘ Naturbegriff, der wesentliche Züge von Selbstorganisation und Selbsterhaltung (ital. conservazione) aufweist (De la causa, principio et uno 159ff.; De l’infinito, universo et mondi 115).
2. Rezeption und Weiterentwicklung des Unendlichkeitsdenkens
Die frühe Neuzeit ringt intensiv um die Ausformulierung neuer Kosmologien und Theorien der Natur. Dabei zeigt gerade die Rezeptionsgeschichte des Unendlichen, dass ‚alte‘ Lehren eines geschlossenen Kosmos keinesfalls unilinear durch sog. ‚fortschrittliche‘ Lehren eines offenen Universums überwunden werden. Ganz im Gegenteil bilden traditionelle Vorstellungen vielfach Anknüpfungsmöglichkeiten, durch die alternative Modelle der Kosmologie und des Naturverständnisses zuallererst vermittelbar werden (→ IV.7). Ein Beispiel hierfür bildet die bereits seit der Antike bekannte Frage der möglichen Existenz eines unendlichen extrakosmischen Vakuums, die v.a. auf der Basis einer vertieften Kenntnis traditioneller Texte neu erschlossen und diskutiert wird (vgl. Grant [1981] 2011: 182ff.).
Obgleich Johannes Kepler (1571–1630) seine Auffassung hinsichtlich der Beschaffenheit der Fixsterne im brunianischen Sinn korrigiert und die Fixsterne als Sonnen interpretiert, die aus ihrem Inneren Licht aussenden ([1611] 1941: 302, 305), lehnt er die Möglichkeit eines unendlichen Weltalls mit der Begründung ab, dass das Universum ein beobachtbares Universum bleiben müsse ([1606] 1938: 253).
|21|Um jeden Verdacht eines Pantheismus[8] auszuräumen und die Differenz zwischen der Unendlichkeit Gottes und der Unendlichkeit des Universums zu wahren, unterscheidet René Descartes (1596–1650) zwischen „unendlich“ (lat. infinitum) und „unbegrenzt“ (lat. indefinitum): Unendlich ist allein Gott; unbegrenzt ist, wovon keine Grenzen ausweisbar sind ([1644] 2007: I 27). Freilich erfährt die cartesische Abschwächung des Unendlichen durch die Zeitgenossen und Nachfolger entschiedene Kritik.
Henry More (1614–1687), der bedeutendste Vertreter des sog. Cambridger Platonismus, betont in Auseinandersetzung mit Descartes die Unendlichkeit des Raumes, die in engster Verbindung mit der Unendlichkeit Gottes gesehen wird (vgl. Jacob 1995: 58ff.). Schließlich wird die Theorie des unendlichen homogenen und isotropen Raumes – nicht zuletzt durch den Einfluss der Cambridger Schule – zur Grundlage der klassischen Physik und der Kosmologie Isaac Newtons (1643–1727).
Ausgangspunkt des Unendlichkeitsdenkens bei Baruch de Spinoza (1632–1677) ist die Bestimmung Gottes als die eine, unteilbare sowie aus unendlichen Attributen bestehende Substanz ([1677] 1989: I, prop. 11). Insofern Gott weiter als Ursache seiner selbst und als hervorbringende Kausalität verstanden wird, realisiert er sich und alle Dinge (lat. Deum esse causam sui et omnium rerum) (ebd.: prop. 34, demonstratio). Von hier aus erschließt sich die „hervorbringende/naturende Natur“[9] (lat. natura naturans) als das nur aus sich selbst begreifbare, ewige Wesen Gottes; die „hervorgebrachte/genaturte Natur“ (lat. natura naturata) hingegen ist alles, was aus der Natur Gottes oder einem seiner Attribute mit Notwendigkeit folgt (ebd.: prop. 29, scholium). Damit werden Gott und Natur gleichgesetzt, sodass Spinozas Naturverständnis in einen Pantheismus mündet.
Generell ist der Übergang vom geschlossenen zum offenen Universum durch vielfältige, teilweise konkurrierende methodologische Problemstellungen gekennzeichnet. Erhebliche Abweichungen zeigen sich im mathematischen Umgang mit dem Unendlichen. So leben in der Neuzeit klassische Probleme des Raumkontinuums und Atomismus auf, die sich auf die Interpretation des unendlich Kleinen auswirken. Die Anwendung geometrischer Näherungsmethoden auf Bewegungsabläufe durch Galileo Galilei (1564–1642), die Entwicklung der Indivisibilienmethode durch Bonaventura F. Cavalieri (1598–1647), Gottfried W. Leibniz’ (1646–1716) Differenzial- und Integralkalkül oder Newtons Fluxionsmethode bedeuten neuzeitliche Versuche der Problembewältigung (→ I.3).
Die neuzeitliche Methodendiskussion erschöpft sich allerdings keinesfalls in Überlegungen zur kosmischen oder mathematischen Unendlichkeit. Die systematische Einteilung der Natur in die drei Naturreiche der Tiere, Pflanzen und Mineralien, wie sie etwa von Carl von Linné (1707–1778) durchgeführt wird (→ I.5), zeigt nicht nur ein starkes Interesse an terrestrischen Bedingungen, sondern belegt auch das |22|Weiterwirken der aristotelischen Definitionslehre (→ IV.2). Noch in der von Antoine L. de Lavoisier (1743–1794) entwickelten Reform der chemischen Methodologie und Terminologie (Lavoisier 1789) bleibt die aristotelische Vorstellung einer natürlichen Ordnung der Dinge präsent.
Literatur
Augustinus, Confessiones = Augustinus, Aurelius 2009: Bekenntnisse. Hg.: K. Flasch/B. Mojsisch. Stuttgart.
Bruno, Giordano [1584] 2007a: De la causa, principio et uno. Über die Ursache, das Prinzip und das Eine. Hg.: T. Leinkauf. Hamburg.
– [1584] 2007b: De l’infinito, universo et mondi. Über das Unendliche, das Universum und die Welten. Hg.: A. Bönker-Vallon. Hamburg.
Cusanus, De docta ignorantia = Nicolai de Cusa [1440] 31979 (Bd. I)/21977 (Bd. II): De docta ignorantia. Die belehrte Unwissenheit. Hg.: P. Wilpert. Hamburg.
–, Trialogus de possest = Nicolai de Cusa [ca. 1460] 2013: Trialogus de possest. Dreiergespräch über das Können-Ist. Lat.-Dt. Hg.: R. Steiger. Hamburg.
Descartes, René [1644] 2007: Die Prinzipien der Philosophie. Lat.-Dt. Hg.: C. Wohlers. Hamburg.
Grant, Edward [1981] 2011: Much Ado about Nothing. Theories of Space and Vacuum from the Middle Ages to the Scientific Revolution. Cambridge.
– 1996: Planets, Stars and Orbs. The Medieval Cosmos, 1200–1687. Cambridge.
Jacob, Alexander 1995: Henry More’s Manual of Metaphysics. A Translation of the Enchiridium metaphysicum (1679) with an Introduction and Notes by Alexander Jacob. Bd. 1. Hildesheim.
Kepler, Johannes [1606] 1938: Mysterium cosmographicum. De stella nova. Hg.: M. Caspar. München.
– [1611] 1941: Kleinere Schriften. Dioptrice. Hg.: M. Caspar. München.
Lavoisier, Antoine L. [1789] 2008: System der antiphlogistischen Chemie. Hg.: J. Frercks. Frankfurt/M.
Leibniz, Gottfried W. [1710] 21968: Die Theodizee. Hamburg.
– [1714] 21968: Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade. Monadologie. Frz.-Dt. Hg.: H. Herring. Hamburg.
Miller, Clyde L. 2017: Cusanus, Nicolaus [Nicolas of Cusa]. In: Zalta, E.N. (Hg.): SEP (Summer 2017 edition). https://plato.stanford.edu/archives/sum2017/entries/cusanus/.
Newton, Isaac [1704] 1983: Optik oder Abhandlung über Spiegelungen, Brechungen, Beugungen und Farben des Lichts. Hg.: W. Abendroth. Braunschweig.
– [1687] 1988: Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie. Hg.: E. Dellian. Hamburg.
Spinoza, Benedictus de [1677] 41989: Ethica – Ethik. In: ders.: Opera – Werke. Lat.-Dt., Bd. 2. Hg.: K. Blumenstock. Darmstadt: 84–577.
[Zum Inhalt]
|23|I.2 Natur als Schöpfung
Dirk Evers
Menschen haben seit frühesten Zeiten die sie umgebende Natur beschrieben als ein Gefüge von Lebensbedingungen, denen sie ihre eigene Existenz verdanken und zu denen sie sich ins Verhältnis zu setzen haben (→ III.8). Dies geschah zunächst v.a. im Rahmen von Weltanschauungen und Sinnsystemen, die wir heute als religiös bezeichnen. Eine wesentliche Rolle spielen dabei mythische Erzählfiguren, aber auch abstraktere religiöse Vorstellungen, die über die Anfänge einer Geschichte von Welt und Menschheit Auskunft geben möchten und im westlichen Kulturkreis unter dem Stichwort der ‚Schöpfung‘ zusammengefasst werden. Westliche Schöpfungsbegriffe setzen im Allgemeinen ein lineares Geschichtsverständnis voraus, während das zyklische Denken östlicher Religionen zwar ebenfalls von Entstehen und Vergehen des Kosmos redet, dieses aber als ewigen Kreislauf ansieht (→ I.1). „Die Kategorie der ‚Schöpfung‘ erweist sich damit vorwiegend als eine westliche Frageperspektive“ (Ahn 1999: 251), auf die wir uns in diesem Kapitel beschränken.
1. Ursprünge im Vorderen Orient
Bereits in den alten Kulturen des Vorderen Orients (Sumerer, Assyrer, Ägypter, Babylonier; vgl. Keel/Schroer 2008) entstehen entsprechende Motive und Erzählungen, die die Welt als Ganze mit ihren biologischen und geophysischen Gegebenheiten, aber auch die vorfindlichen Gesellschaftsstrukturen auf eine Schöpfung durch göttliche Wesen zurückführen. In ihnen sind religiöse Deutung, philosophische Spekulation und naturkundliche Beobachtung noch nicht geschieden, ebenso wie Theogonie (die Erschaffung der Götter selbst bzw. ihre Abstammung voneinander), Kosmogonie (Entstehung der Welt mit ihren Lebensräumen) und Anthropogonie (die Erschaffung des Menschengeschlechts, oft in Form eines ersten Menschenpaares) noch eng miteinander verwoben sind. Auch gehen verschiedene Vorgänge von (Ur-)Zeugung, Hervorbringen und Anordnen von Materie, Kampfmotive sowie Selbstentfaltungs- und Transformationsvorstellungen eine Synthese ein. Dabei steht weniger der Versuch einer genetischen Herleitung im Vordergrund als vielmehr das Interesse an der Verlässlichkeit der Natur, der Einsicht in ihre Grundkräfte und entsprechender praktischer Lebenssicherung. Das zeigt sich an der verbreiteten Verwendung von Schöpfungsmotiven im Hymnus und an der rituellen Verankerung der Schöpfungstexte im Kontext von Geburts- und Hochzeitsriten (vgl. das babylonische Atramḫasīs-Epos) oder des |24|babylonischen Neujahrsfestes (vgl. das Epos Enūma-eliš), in dessen jährlicher Feier die Schöpfermacht des Gottes Marduk vergegenwärtigt wurde. Im Verständnis der Natur als Schöpfung wurde die Bedrohtheit des Menschen und seiner natürlichen Lebensgrundlagen bei gleichzeitiger Erinnerung an die dem Chaos (→ I.1.A) wehrenden schöpferischen Mächte vergegenwärtigt.
2. Biblische Traditionen
Die hebräische Bibel nimmt zunächst in hymnischen Texten und später auch in den beiden ausführlicheren Erzählungen zu Beginn des Genesis-Buches vielfältige Motive aus anderen vorderorientalischen Traditionen auf, so die Urgeschichte in Form von „Noch-nicht“-Beschreibungen, den Zusammenhang von Schöpfung und Flut (Babylon), das Chaoskampfmotiv (Ugarit) oder Elemente ägyptischer Weisheit (vgl. Ps 104 mit dem Atons-Hymnus). Vor allem die Menschenschöpfung findet sich schon in alten israelitischen Traditionen, während die Weltschöpfung erst in der Königszeit (seit ca. 1000 v. Chr.; vgl. die biblischen Bücher) an Bedeutung gewinnt und vollends in der Exilszeit (587–539 v. Chr.) theologisch reflektiert wird, als die geschichtlichen Heilstraditionen fraglich geworden sind (vgl. Schmid 2012). In diesem Zusammenhang wird wohl auch das hebräische Verb bara‘ für (er-)schaffen geprägt, das als spezielles Tätigkeitswort für das göttliche Schaffen reserviert ist und keine Materialangabe oder zusätzliche Beschreibung des Schöpfungshergangs mehr benötigt. Hier deutet sich die spätere Konzeption einer creatio ex nihilo, einer Schöpfung aus dem Nichts an, wie sie die christliche Schöpfungstheologie prägen wird: Der Schöpfer steht der Schöpfung als Woher ihres Ursprungs und als Woraufhin ihres Geschaffenseins souverän gegenüber. Er ist kein Werkmeister, der einen vorhandenen Stoff gestaltet, sondern der, der das Nichtseiende ruft, dass es sei (vgl. Röm 4,17). Die israelitischen Schöpfungstraditionen kennen dabei allerdings keinen umfassenden Naturbegriff, der alles Geschaffene begrifflich vom ungeschaffenen Schöpfer zu unterscheiden erlaubte, insofern dem Hebräischen das Äquivalent für das griechische physis (Natur) fehlt. Trotz der Verwendung des griechischen Begriffs ist der Befund im Neuen Testament ähnlich: ‚Physis‘ hat zumeist die Bedeutung von Wesen und kann sich sowohl auf die göttliche wie auf die menschliche Natur beziehen. Natur als Inbegriff der natürlichen Schöpfung im Neuen Testament wird eher mit dem griechischen Terminus ‚kosmos‘ (Ordnung) bezeichnet (s.u.; → I.1.A). Die Welt wird geordnet und nicht als Chaos wahrgenommen, diese Ordnung aber wird nicht als selbstverständlich angesehen, sondern als das absichtsvolle Werk des Schöpfers.
|25|3. Antike und frühe christliche Theologie
3.1 Schöpfung aus dem ‚Nichts‘?
In der Antike lehren v.a. Aristoteles (384–322 v. Chr.) und die sich an ihn anschließende Schule gemäß dem Axiom, dass aus Nichts nichts werden kann, die schon von Heraklit (um 520–um 460 v. Chr.) und Parmenides (um 510–um 450 v. Chr.) vertretene Ewigkeit der Welt, die keinen eigentlichen Schöpfungsakt voraussetzt (→ I.1). Platon (428/427–348/347 v. Chr.) dagegen macht im Timaios einen Werkmeister der Welt (Demiurgen) für die faktische Verfassung des Kosmos verantwortlich, der der ungeschaffenen Materie nach Vorgabe der ewigen Ideen Gestalt verleiht. Doch auch er kennt keine Schöpfung aus dem Nichts. Für die Stoiker ist die Materie ebenfalls ohne Anfang. Zu dem Baumeister der Weltordnung treten bei ihnen keimartige Kräfte der Natur selbst hinzu, die die Vielfalt der Einzelerscheinungen mit hervorbringen. Dennoch ist der Kosmos von einem einheitlichen, göttlichen Grundgesetz durchwirkt, das für die Einheit und Harmonie der Wirklichkeit verantwortlich ist. Dagegen vertreten die Epikureer die schlechthinnige Zufälligkeit der Welt.
Die sich langsam entwickelnde christliche Schöpfungstheologie sucht die biblischen Schöpfungsvorstellungen durch eine intensive Auseinandersetzung mit zeitgenössischen naturphilosophischen und kosmologischen Anschauungen zur Geltung zu bringen (→ I.1). Vor allem gegen die Aristoteliker und die Epikureer sucht man im Platonismus einen Verbündeten, der es erlaubt, die Entstehung der Welt aus einem göttlichen Ursprung zu denken und die Güte der Schöpfung auf die Güte des Schöpfers zurückzuführen. Zudem scheint das platonische Weltbild Lösungsmöglichkeiten für innertheologische Problemstellungen bereitzuhalten. Wenn das Alte Testament vom Urgeist über den Wassern und von der Mitwirkung der himmlischen Weisheit bei der Schöpfung spricht, und das Neue Testament Jesus Christus als Schöpfungsmittler und als Weltvernunft (logos) bezeichnet, so lässt sich dies in Anlehnung an die Vermittlungsfunktion der Ideen bei Platon als Mitwirkung des Logos-Sohnes bei der Weltschöpfung verstehen, so dass Schöpfung und Erlösung zusammengedacht werden können.
Andererseits stellen sich je länger je mehr auch fundamentale Differenzen heraus. Einzelne Versuche einer christlichen Aufnahme des Gedankens einer ewigen Existenz der Materie werden mit Verweis auf das biblische Schöpfungsverständnis abgelehnt. Gegen gnostische Kosmologien, die die materielle Welt zur Gottheit in einen Gegensatz stellen, aber auch gegen neuplatonische Vorstellungen eines Hervorgangs (Emanation) der Welt aus Gott wird spätestens von Irenäus von Lyon (um 135–um 202) betont, dass Gott selbst die Welt voraussetzungslos aus Nichts, d.h. nicht aus etwas ewig Seiendem, erschaffen habe. Das Bekenntnis, Gott habe alles, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt, aus Nichts (ex nihilo) erschaffen, bildet seitdem eine Grundformel christlicher Schöpfungslehre.
|26|3.2 Die Schöpfung als Gottes Buch der Natur
Das Christentum bringt mit dem Gedanken der Natur als Schöpfung aus Nichts auch einen erheblichen Entmythologisierungsschub mit sich, insofern herausgestellt wird, dass die Natur als solche nicht göttlich und nicht religiös zu verehren ist. Der Schöpfer ist der Herr über die Natur, deren Kräfte und Gestalten ihm untergeordnet und von ihm abhängig sind. Zugleich kann die Natur verstanden werden als Ausdruck der Weisheit, Macht und Absicht des Schöpfers. Aurelius Augustinus (354–430) prägt in seiner Auslegung der alttestamentlichen Schöpfungserzählung und in Anknüpfung an Clemens Alexandrinus (um 150–um 215) ein weiteres Motiv christlichen Naturverständnisses, die Sicht der Natur als Buch. Gott ist nicht nur – vermittelt über die Inspiration der Autoren – der Verfasser der heiligen Schrift, sondern auch – durch den Akt der Schöpfung – der Urheber des Buches der Schöpfung (liber creaturae). (Augustinus: Genesis V, 1.1). Das Buch der Schöpfung ist als Abbild und Gleichnis anzusehen, das von sich weg auf seinen Urheber weist. Doch hat das Verstehen des Buches der Natur enge Grenzen, die v.a. in der Begrenztheit des Menschen und seiner Sünde begründet sind. Augustinus stellt denn auch das Buch der Schrift an die erste Stelle und bedient sich nicht der Unabhängigkeit beider Bücher, um etwa im Sinne einer natürlichen Gotteserkenntnis aus den Werken der Natur direkt auf das Wesen Gottes zu schließen. Es gibt für ihn keine authentische, menschliche Gotteserkenntnis aus der Natur, ja im Grunde keine letztlich adäquate Naturerkenntnis, weil diese die rechte Erkenntnis der Geheimnisse des Schöpfers voraussetzen würde. Für ihn folgt deshalb aus der Buchmetapher keine Aufforderung, das Buch der Schöpfung als solches lesen oder gar verstehen zu wollen.
4. Mittelalter
Die mittelalterliche Theologie unterscheidet zwischen natürlichen Wesen, die in ihrer Natur von ihrem Schöpfer geschaffen sind, und Dingen, die von den als Vernunftwesen geschaffenen menschlichen Geschöpfen selbst wieder durch die verschiedenen Künste (artes) hervorgebracht werden. Diese Produkte werden dann nicht als natürlich, sondern als künstlich bezeichnet (non naturale, sed artificiale). Die entscheidende Differenz zwischen natürlichen und künstlichen Wesen wird im natürlichen Strebevermögen der ersteren gesehen. Während geschaffene Naturen von selbst danach streben, ihre Natur zu verwirklichen, sind künstliche Produkte schlicht das, was sie sind, und nicht auf innere, sondern ihnen äußerliche, vom Produzenten auferlegte Zwecke bezogen. Sie unterscheiden sich also nicht nur hinsichtlich ihrer Entstehungsgründe, sondern auch hinsichtlich ihrer Selbstbewegung und ihrer Bestimmung. Von Gott geschaffene natürliche Wesen haben nicht einfach eine geschaffene Natur, sondern sie streben danach, ihre Natur, ihre natürliche Disposition zu verwirklichen, die ihnen von ihrem Schöpfer verliehen wurde. Die natürliche Ordnung der Dinge, der ordo rerum naturalium, wird deshalb verstanden als die Ordnung der Bestimmungen und Strebungen natürlicher Wesen, die bestimmt und strukturiert wird durch die Gesetze, denen Wesen folgen, um ihre Existenz gemäß ihrer Natur zu verwirklichen.
|27|Im 13. Jh. entsteht eine blühende Kommentarlandschaft zu den neu nach Europa gelangten aristotelischen Schriften, v.a. zur Naturphilosophie. Unter den Franziskanern stechen Bonaventura (1221–1274) und Roger Bacon (um 1210–1290), unter den Dominikanern Albertus Magnus (vor 1200–1280) und Thomas von Aquin (1224 / 25–1274) hervor (vgl. Zimmermann 1998). Ein zentrales Thema ist die sog. Artnatur des Menschen. Thomas sieht den Menschen als Gottes Ebenbild an, das von Natur aus auf Gott ausgerichtet ist und seine Erfüllung erst jenseits der Natur findet. Diese Offenheit für den Gottesbezug schließt sittliche Forderungen ein. An dem Übernatürlichen kann der Mensch aber nur durch Gottes Gnade Anteil gewinnen, wenn Gott selbst es als seine Gabe seinen Geschöpfen mitteilt. Diese Gabe ist Gottes Gnade, die den Menschen über die Natur erhebt und so sein auf diese Gnade hin geschaffenes Wesen vollendet. Oder wie Thomas wiederholt feststellt: Die Gnade zerstört nicht die Natur, sondern vervollkommnet sie (z.B. Summa theologiae I, q. 1, a. 8, ad 2). So kann von der natürlichen Ordnung eine übernatürliche Ordnung unterschieden werden, die v.a. Gottes Heilshandeln in Christus und dessen Aneignung durch die Sakramente und im Glauben umfasst.
5. Reformation und frühe Neuzeit
5.1 Natur und Gnade in reformatorischer Perspektive
Die Konzentration reformatorischer Theologie auf das Rechtfertigungsgeschehen und die Auseinandersetzung mit der scholastischen Gnadenlehre führen zu einer ambivalenten Sicht der Natur. Martin Luther (1483–1546) selbst bezeichnet die Natur und Kreatur als Gottes „Larve“, als indirekte und verborgene Präsenz des gnädigen Schöpfergottes, ohne die kein Geschöpf leben oder irgendetwas treiben kann. So kann Luther einerseits die Schöpfung ganz im Sinne einer gnädigen Gabe Gottes verstehen, wenn er im Kleinen Katechismus festhält, dass die Schöpfung „aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit ohn alle mein Verdienst und Wirdigkeit“ (Luther [1530] 1982: 511) den Menschen hervorbringt und erhält. Die Natur ist andererseits als das der göttlichen Gnade sich widersetzende Moment zu bestimmen, insofern der Mensch nicht von sich aus und nicht aus natürlichen Kräften selig werden kann. Eine rein weltlich bleibende Vernunft kann aus rein natürlicher Erkenntnis Gott nicht als den erkennen, der er ist, geschweige denn seiner gewiss werden. Gott ist als Schöpfer in der Natur zugleich verborgen und offenbar, seine offenbare Seite in der Natur aber kann vom sündigen Menschen nur durch Gottes Wort erkannt werden. Direkt aus der Natur abgeleitete Gotteserkenntnis kommt deshalb für die Reformatoren nicht in Betracht. Damit ist das scholastische Stufenmodell einer Zuordnung von Natur und Übernatur ebenso hinfällig wie damit zusammenhängende Unterscheidungen von ‚heilig‘ und ‚profan‘ oder ‚Laien‘ und ‚Klerus‘. Erweist sich in der Perspektive des Glaubens alle Natur als eine Form der gnädigen Zuwendung Gottes, so vermittelt sich die göttliche Gnade in, mit und unter den Gestalten der Natur, ohne auf Wunder und sakramentale Vermittlung angewiesen zu sein, die als ‚übernatürlich‘ anzusehen wären. |28|In der sich im Anschluss an die Reformation ausbildenden protestantischen Schuldogmatik wird von der ursprünglichen Schöpfung (creatio originans) Gottes Begleitung der Schöpfung, seine Vorsehung (providentia) unterschieden, die darin ihren Grund hat, dass Gott „sich nicht untätig zurückgezogen hat von dem von ihm begründeten Werk, sondern jenes durch seine Allmacht bis heute erhält und durch seine Weisheit alles in ihm regiert und moderiert“ (Gerhard [1657] 1864: 17; Übersetzung D. E.). Die zentrale Problemstellung dieser Ausführungen liegt in der Bestimmung des Zusammenwirkens von göttlicher Vorsehung und Freiheit der Geschöpfe.
5.2 Natur als Norm?
Im Mittelalter hatte die Natur auch den Charakter einer durch den Schöpfungsratschluss begründeten Norm. Mit dem Aufkommen von Humanismus und Renaissance beginnt der Mensch an sich selbst Maß zu nehmen und die Natur zunehmend als seinen Gestaltungsraum zu entdecken. Der Mensch selbst wird zum Maß der Dinge, und im Zusammenspiel mit dem Entstehen der neuzeitlichen Wissenschaft wird Natur zunehmend als Raum und Material verstanden, dem der Gestaltungswille des Menschen gegenüber steht. Im Lichte einer mathematischen Beschreibung der Natur (→ I.3), wie sie sich zunächst an den Himmelserscheinungen erprobt und dann auf die Fallgesetze und anderes ausgeweitet wird, erscheint der Schöpfer weniger als inneres Wirk- und Erhaltungsprinzip der Schöpfung denn als ihr Konstrukteur. Entsprechend sollen die Menschen durch Einsicht in die Gesetze der Schöpfung befähigt werden, sich die Natur durch Technik verfügbar zu machen und zu „Meistern und Besitzern der Natur“ (Descartes [1637] 1997: 101) aufzuschwingen.
5.3 Wandlungen im Naturbegriff
War die von Augustinus inspirierte Wendung ‚Buch der Natur‘ (liber naturae) mit einer Betonung des Abbild- und Gleichnischarakters der Welt im Mittelalter durchgängig vertreten worden, so lassen die Durchbrüche in der Kosmologie der frühen Neuzeit die Unabhängigkeit des Buches der Natur und des Zugangs zu seinem Verständnis in neuem Licht erscheinen (→ I.1). Johannes Kepler (1571–1630) versteht die Astronomen als „Priester des Schöpfergottes am Buch der Natur“ (Kepler [1598] 1991: 9), und Galileo Galilei (1564–1642) macht die Unabhängigkeit beider Bücher und ihre unterschiedlichen Aussageabsichten zum hermeneutischen Programm: Während das Buch der Schrift uns zum Heil führen soll, ist das Buch der Natur dem forschenden Verstehen des Menschen mittels mathematischer Rekonstruktion zugänglich geworden (Galilei [1623] 1968: 232; → I.3).
Charakteristisch für die Neuzeit ist der grundlegende Wandel im Naturbegriff, der immer mehr theologische Qualitäten übernimmt. Die Dynamisierung der Natur als eines unendlichen und produktiven Seins führt dazu, dass Schöpfer und Natur, dass die schaffende Natur (natura naturans) und die geschaffene Natur (natura naturata; → II.1/Abschn. 2.2), immer enger zusammenrücken. Das Übernatürliche erscheint nicht mehr als das die Natur Begründende, sie Erhaltende, Bewegende und Vollendende, sondern als das Un-Natürliche. Jeder transzendente Eingriff muss als intellektuelle |29|Zumutung sowohl an den Natur- als auch an den Gottesbegriff erscheinen, dessen Bedeutung im Deismus konsequenterweise auf die Schöpfung am Anfang reduziert wird, während die Erhaltung durch die Naturgesetze und durch die Übereinstimmung der Natur mit sich selbst garantiert wird. Wird die Natur im 18. Jh. noch wesentlich mechanistisch als planvoll konstruierte Maschine verstanden (so auch in der sog. Physikotheologie; → III.8/Abschn. 2.), so treten im 19. Jh. vermehrt die biologischen Züge in den Vordergrund. In der Evolutionstheorie Charles Darwins (1809–1882) wird die Kette der Lebewesen bis hin zum Menschen als das Resultat eines produktiven Zusammenwirkens von Naturkräften durch Variation und Selektion verstanden, so dass die in den biblischen Schöpfungserzählungen dargestellten Vorgänge als naturwissenschaftlich unhaltbar gelten müssen.
5.4 Schleiermacher und das 19. Jahrhundert
Auf die Destruktion der Kategorie des Supranaturalen durch die Aufklärung und auf den Einspruch der Naturwissenschaften gegen die biblischen Schöpfungsvorstellungen reagiert der evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher (1768–1834), indem er in seiner Glaubenslehre eine konsequente Umwandlung der traditionellen Schöpfungslehre in eine Reflexion auf das menschliche Selbstverständnis vornimmt. Insofern Theologie nichts anderes sein könne als eine Auslegung des christlich-frommen Selbstbewusstseins, könne sie im Grunde nur immanente Prinzipien eines immer schon existierenden Etwas entfalten, aber keine Lehre über einen absoluten Anfang aufstellen. Gott und Natur stehen sich nicht gegenüber, sondern die Natur ist im frommen Gottesbewusstsein zu verstehen als mit der tätigen Wirksamkeit Gottes identisch, so dass die „göttliche Ursächlichkeit als der Gesammtheit der natürlichen dem Umfange nach gleich […] dargestellt“ (Schleiermacher [1830/31] 2008: 309) wird. Insofern sind ‚Gott‘ und ‚Welt‘ ähnlich wie ‚Natur‘ und ‚Geist‘ sich wechselseitig bedingende Kategorien: „Kein Gott ohne Welt, so wie keine Welt ohne Gott“ (Schleiermacher [1839] 2002: 269). Schleiermacher entfaltet deshalb die Natur nicht als das Produkt eines herstellenden göttlichen Handelns, sondern als unmittelbaren Ausdruck Gottes, der nicht planmäßig die beste aller möglichen Welten konstruiert, sondern in freier Kreativität beständig schaffend tätig ist. So teilt sich die göttliche Weisheit in Natur und Geist gleichermaßen mit und stellt sich in ihnen dar, so dass die Natur und also „das gesammte endliche Sein […] als das schlechthin zusammenstimmende göttliche Kunstwerk“ (Schleiermacher [1830/31] 2008: 507) aufzufassen ist.
6. Herausforderungen eines christlichen Schöpfungsverständnisses heute
Nach einer Phase der Konzentration auf anthropologische Fragestellungen sucht die christliche Schöpfungstheologie seit einiger Zeit die Kategorie der Natur in ihre Perspektive wieder einzuholen. Das geschieht zum einen im Gespräch mit den Naturwissenschaften, das nun nicht mehr das biblische Weltbild zu verteidigen sucht, sondern |30|als Debatte um ein angemessenes religiöses Wirklichkeitsverständnis geführt wird. Dazu haben auch Entwicklungen der Naturwissenschaften im 20. Jh. beigetragen, die eine Überwindung der Diastase von Natur – Geist bzw. Natur – Mensch möglich erscheinen ließen. Nachdem sich zunächst eher Einzelne dem Thema der Natur zuwandten (z.B. Karl Heim, 1874–1958, im evangelischen und Pierre Teilhard de Chardin, 1881–1955, im katholischen Raum), wird der vornehmlich in der angelsächsisch geprägten Welt geführte Diskurs zwischen science and religion in der deutschsprachigen Theologie etwa von Wolfhart Pannenberg (1928–2014), Jürgen Moltmann (geb. 1926) und Michael Welker (geb. 1947) aufgegriffen. Als anregend haben sich dabei prozessphilosophische und -theologische Entwürfe erwiesen (Charles S. Peirce, 1839–1914; Alfred N. Whitehead, 1861–1947) (vgl. z.B. Deuser 1993).
Darüber hinaus haben ökologische Fragestellungen die Debatte angeregt (vgl. Rau et al. 1987), die die Natur nicht als bloße Ressource, sondern in religiöser Perspektive in ihrem Eigenwert wahrnehmen und den menschlichen Umgang mit der Natur entsprechend ausrichten wollen. Damit werden auch kritische Anfragen an das Christentum aufgenommen, denen zufolge eine religiös unterfütterte anthropozentrische Naturvergessenheit der christlichen Tradition für die ökologische Krise jedenfalls mitverantwortlich ist (Amery 1972). Seit den 1980er Jahren hat sich das Schlagwort der „Bewahrung der Schöpfung“ etabliert, das im Zusammenhang des sog. Konziliaren Prozesses geprägt wurde, auf den sich 1983 die Mitglieder der VI. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver verpflichteten. Mit dieser nicht unproblematischen Formel (vgl. Graf 1990) sucht christliche Schöpfungstheologie auch den Anschluss an andere Formen wertschätzender Wahrnehmung der ethischen (→ III.5), leiblichen (→ III.1) und ästhetischen (→ III.2) Aspekte der Natur und des Natürlichen.
Literatur
Ahn, Gregor 1999: Schöpfer/Schöpfung I. Religionsgeschichtlich. In: Müller, G. et al. (Hg.): Theologische Realenzyklopädie, Bd. 30. Tübingen: 250–258.
Amery, Carl 1972: Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums. Reinbek.
Augustinus: Genesis = Augustinus, Aurelius [401–414] 1961: Über den Wortlaut der Genesis. De Genesis ad litteram libri duodecim. Der große Genesiskommentar in 12 Büchern, I. Bd.: Buch I bis IV. Hg.: C.J. Perl. Paderborn. [https://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00046071_00001.html].
Descartes, René [1637] 21997: Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung. Frz.-Dt. Hg.: L. Gäbe. Hamburg.
Deuser, Hermann 1993: Gott: Geist und Natur. Theologische Konsequenzen aus Charles S. Peirce’ Religionsphilosophie. Berlin.
Galilei, Galileo [1623] 1968: Il saggiatore. In: Le opere di Galileo Galilei, Bd. VI. Hg.: A. Favaro. Firenze: 197–372.
Gerhard, Johann [1657] 1864: Loci theologici, Bd. II. Hg.: E. Preuss. Berlin.
Graf, Friedrich W. 1990: Von der creatio ex nihilo zur ‚Bewahrung der Schöpfung‘. Dogmatische Erwägungen zur Frage nach einer möglichen ethischen Relevanz der Schöpfungslehre. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 87 (2): 206–223.
|31|Keel, Othmar/Schroer, Silvia [2002] 22008: Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen. Göttingen.
Kepler, Johannes [1598] 1991: Johannes Kepler. Gesammelte Werke, Bd. 7: Epitomes Astronomiae Copernicanae. Hg.: M. Caspar. München.
Luther, Martin [1530] 91982: Enchiridion. Der kleine Katechismus. In: Deutscher Evangelischer Kirchenausschuß (Hg.): Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Göttingen: 501–541.
Platon, Timaios = Platon 2016: Timaios. Griech.-Dt. Hg.: M. Kuhn: Hamburg.
Rau, Gerhard/Ritter, Adolf M./Timm, Hermann (Hg.) 1987: Frieden in der Schöpfung. Das Naturverständnis protestantischer Theologie. Gütersloh.
Schleiermacher, Friedrich [21830/31] 2008: Der christliche Glaube. Nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Hg.: R. Schäfer. Berlin.
– [1839] 2002: Vorlesungen über die Dialektik, Teilbd. 1. Hg.: A. Arndt. Berlin
Schmid, Konrad (Hg.) 2012: Schöpfung. Tübingen.
Thomas von Aquin, Summa theologiae = Thomas v.Aquin 1982: Die deutsche Thomas-Ausgabe, Bd. 1: Gottes Dasein und Wesen (I, 1–13). Lat.-Dt. Hg.: M.-D. Chenu. Graz.
Zimmermann, Rainer E. (Hg.) 1998: Naturphilosophie im Mittelalter. Cuxhaven.
[Zum Inhalt]
|32|I.3 Mathematisierung der Natur und ihre Grenzen
Brigitte Falkenburg
Die Mathematisierung der Natur ist zentral für die neuzeitliche Naturphilosophie. Dabei reflektieren die Philosophen der Neuzeit die Bedingungen, unter denen der Mensch als erkennendes Subjekt zu Objektivität und Gewissheit in der Naturerkenntnis gelangen kann; und sie sehen den Garant für Gewissheit in der Mathematik. Die Ansätze von Descartes bis Kant sind typisch für die Aufklärung: Sie betonen den Imperativ, dass der Mensch sich des eigenen Verstandes bedienen soll, anstatt blindlings den Autoritäten zu folgen. Entsprechend werden diese Konzeptionen hier unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten skizziert.
(1.) Das Programm einer Mathematisierung der Natur geht einher mit der Physik von Galileo Galilei (1564–1642) und Isaac Newton (1643–1727), die ein mechanistisches und deterministisches Weltbild begründet. Dabei sind Physik und Naturphilosophie zunächst nicht strikt gegeneinander abgegrenzt. (2.) Die naturphilosophischen Konzeptionen im 17. und 18. Jh. sind (2.1) eng verbunden mit der Philosophie des Rationalismus, nach dem alle Erkenntnis auf der Vernunft beruht und der Weltlauf rational und berechenbar ist (René Descartes, 1596–1650; Baruch de Spinoza, 1632–1677; Gottfried W. Leibniz, 1646–1716). (2.2) Die Gegenposition ist der britische Empirismus, nach dem die Erkenntnis ausschließlich auf Erfahrung beruht (John Locke, 1632–1704; George Berkeley, 1685–1753; David Hume, 1711–1776). (3.) Um zwischen den widerstreitenden Strömungen zu versöhnen, konzipiert Immanuel Kant (1724–1804) die Naturphilosophie als ‚metaphysische‘ Disziplin, die auf der Struktur der menschlichen Erkenntnis beruht, deren Maßstäbe für objektive Erkenntnis aber an der mathematischen Physik orientiert bleiben (4.). Kant sieht die Biologie nicht als ‚eigentliche‘, d.h. mathematische Naturwissenschaft an; für ihn ist die Natur in physikalische Mechanismen und teleologische Strukturen unterteilt.
1. Mathematisierung der Natur: Galilei, Descartes, Newton
Die neuzeitliche Mathematisierung der Natur steht in der antiken Tradition von Pythagoras (um 570–um 495 v. Chr.). Aus pythagoreischer Sicht machen Zahlen und mathematische Proportionen das Wesen der Dinge aus, was Platon (428/427–348/347 v. Chr.) im Timaios aufgreift und bei Johannes Kepler (1571–1630) in der pythagoreischen Sicht der Weltharmonie wiederkehrt. Galilei, Descartes und Newton machen vor diesem Hintergrund die Physik zu einer mathematischen |33|Disziplin, die auf die Erkenntnis universeller Naturgesetze zielt. Sie begründen damit ein mechanistisches Weltbild, das bis heute folgenreich ist, auch wenn die Naturwissenschaft seine Grenzen im 20. Jh. gesprengt hat.
1.1 Das Buch der Natur
Galileis Leistung besteht darin, die Anwendung der Mathematik von der Himmelssphäre auf irdische mechanische Vorgänge zu übertragen. Die Astronomie hatte die Mathematik seit der Antike zur ‚Rettung der Phänomene‘ benutzt, um die scheinbaren Planetenbewegungen im Rahmen des ptolemäischen Weltbilds zu beschreiben. Galilei überträgt dieses mathematische Vorgehen von den Bewegungen der Himmelskörper auf die Mechanik, auf den freien Fall von irdischen Körpern unter Absehung vom Luftwiderstand, auf Wurfprozesse und auf die Bahn von Kanonenkugeln. Nach einem berühmten Diktum Galileis ist das Buch der Natur in mathematischen Lettern geschrieben (Galilei [1623] 1987: 275 / 1992: 38):
„Die Philosophie ist in dem größten Buch geschrieben, das unseren Blicken vor allem offensteht – ich meine das Weltall […] Es ist in mathematischer Sprache geschrieben, und seine Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere Figuren, ohne diese Mittel ist es dem Menschen unmöglich, ein Wort zu verstehen, irrt man in einem dunklen Labyrinth herum.“
Galilei strebt die Entzifferung dieses mathematisch verfassten Buchs der Natur mit den mathematischen und experimentellen Methoden der Physik an. Ihm ist bewusst, dass dies in Konkurrenz zur biblischen Offenbarung steht; wobei dieses „Konkurrenzunternehmen“ aus seiner Sicht sogar größere Gewissheit verspricht als die Bibel, denn das Buch der Natur sei direkt von Gottes Hand und nicht von Menschenhand geschrieben (Galilei 1615).
Die Metapher vom Buch der Natur hat einen theologischen Hintergrund (→ I.2; II.1). Sie stammt von Aurelius Augustinus (354–430), danach gilt Gott als Urheber der Naturgesetze. Die mathematische Deutung dieser Metapher bleibt – bei zunehmender Säkularisierung – in der Physik und Naturphilosophie von der frühen Neuzeit bis zum 20. Jh. wirksam, wie sich von Galilei über Descartes, Newton, Leibniz und Kant bis hin zu Planck und Einstein verfolgen lässt (vgl. etwa Planck 1908). Galilei verwendet die Metapher als Kritik an der biblischen Offenbarung, um für das kopernikanische Weltbild zu argumentieren. Bei Descartes (1644) führt die Metapher zum Programm der mathesis universalis – einer mathematischen Einheitswissenschaft, die alle Wissenschaften von der Mechanik bis zur Medizin und Ethik begründen kann. Newton (1687) formuliert das Gesetz der universellen Gravitation, das den Weltlauf berechenbar macht. Das Gravitationsgesetz vereinheitlicht die Bewegungen der Himmelskörper mit mechanischen Vorgängen auf der Erde, indem es beiden Phänomenen die Schwerkraft als einheitliche Ursache zugrunde legt; Keplers Gesetze der Planetenbewegungen und Galileis Fallgesetz lassen sich als Näherungen aus dem Gravitationsgesetz ableiten.
|34|1.2 Experimentelle Methode, Atomismus und mechanistisches Weltbild
Galilei strebt die Entzifferung des mathematisch verfassten Buchs der Natur mittels systematischer Messungen an, wobei er Beobachtungsinstrumente wie das Fernrohr sowie auch physikalische Experimente benutzt, um die Phänomene zu analysieren und hinter den unmittelbaren Augenschein vorzudringen. Er perfektioniert die experimentelle Methode als ein Verfahren, mittels dessen man die Naturphänomene in getrennte Komponenten zerlegen kann, um ihre Eigenschaften unter idealen Bedingungen zu untersuchen. Ziel ist dabei, die Zusammensetzung der Phänomene mit mathematischer Präzision zu beherrschen. Hier verbindet sich das mathematische Denken mit einer „atomistischen“ Vorgehensweise, d.h. mit der Zerlegung der Phänomene in Komponenten (wie z.B. freien Fall und Luftreibung), die sich im Experimentierlabor isolieren und unter möglichst genau definierten technischen Bedingungen erforschen lassen. Bei Galilei und seinen Nachfolgern geht dieser Ansatz mit der Erklärung der Körper aus Korpuskeln oder Atomen als kleinsten Bestandteilen einher.
Das mathematische Bild der Natur ist entsprechend seit dem 17. Jh. mechanistisch und atomistisch geprägt. So gegensätzliche Denker wie Descartes und Thomas Hobbes (1588–1679) vertreten eine mechanistische Korpuskularphilosophie, nach der alle Vorgänge in der physischen Welt auf Druck und Stoß mechanischer Korpuskeln zurückgehen (Descartes 1644; Hobbes 1655). Newton wiederum nimmt an, dass das Gravitationsgesetz im Großen wie im Kleinen gilt und dass auch das Licht aus Atomen mit den Eigenschaften mechanischer Körper besteht (Newton 1704). Das mechanistische Denken kulminiert in der deterministischen Vorstellung, es gäbe einen allwissenden Dämon, der die Anfangsbedingungen aller Atome in der Welt kennt und daraus nach den Gesetzen der Mechanik den Weltlauf für alle Zeiten vollständig berechnen kann (Laplace [1814] 1996: 2) (→ II.7):
„Eine Intelligenz, welche für einen gegebenen Augenblick alle in der Natur wirkenden Kräfte sowie die gegenseitige Lage der sie zusammensetzenden Elemente kennte, und überdies umfassend genug wäre […], würde in derselben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper wie des leichtesten Atoms umschließen; nichts würde ihr ungewiß sein und Zukunft wie Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen.“
2. Rationalismus versus Empirismus
Die mathematische Physik entspricht dem Rationalismus, den Descartes als philosophische Strömung begründet. Die Mathematisierung der Natur zielt auf die Vereinheitlichung der Phänomene und auf verlässliche Naturerkenntnis; das erkennende Subjekt versichert sich durch Einsicht in das „Buch der Natur“ bzw. in die Naturgesetze der Rationalität des Weltlaufs. Als Gegenströmung entwickelt sich der britische Empirismus, aus dessen Sicht das „Buch der Natur“ nicht mathematisch verfasst, sondern erfahrungsbasiert ist. Die empiristische Skepsis gegen Naturgesetze hält aber den Siegeszug des Rationalismus nicht auf, sondern trägt eher zu seiner Säkularisierung |35|bei und führt zu dem naturwissenschaftlich begründeten, materialistischen Weltbild, das heute stärker verbreitet ist denn je.
2.1 Rationalismus
Die Denker des Rationalismus haben von Descartes bis Kant gemeinsam, dass sie sich an mathematischen Methodenidealen orientieren, dass sie den Ursprung der Erkenntnis primär in der Vernunft sehen und der Natur eine dem Menschen einsichtige, rationale Struktur zusprechen, die sich an ihren jeweiligen theologischen Hintergrundideen orientiert. Sie gehen davon aus, dass der Weltlauf durch Gottes Willen und die Naturgesetze strikt determiniert ist, auch wenn der Mensch dies nicht vollständig erkennen kann und im Hinblick auf Fragen von Gut und Böse Wahlfreiheit hat. Sie betrachten Gott als Daseinsgrund der Welt und führen verschiedene Gottesbeweise. Für die Naturphilosophie relevant ist der physiko-theologische Beweis, nach dem der Mensch aus der Ordnung und Schönheit der Natur auf Gott als Urheber der Weltordnung schließen kann (→ IV.7); man findet ihn etwa beim jungen Kant (1755).
Auch wenn sie die rationalistischen Grundüberzeugungen teilen, vertreten die Rationalisten sehr unterschiedliche metaphysische Systeme. Descartes (1641) begründet seinen bis heute wirkungsmächtigen Dualismus der res extensa (Materie) und der res cogitans (Geist) (→ II.1). Danach sind die Körper von Tieren und Menschen materielle Maschinen; als einziges materielles Wesen verfügt der Mensch auch über Geist. Nach Spinozas Lehre der All-Einen Substanz (Spinoza 1677) ist das Universum Gott und Welt zugleich, und die Natur ist durchgängig beseelt. Nach Leibniz (1714) wiederum liegen der materiellen Welt unendlich viele beseelte Monaden zugrunde. Leibniz ist für die mathematische Physik nicht weniger wichtig als Newton. Auf Newton geht der Kraftbegriff zurück, auf Leibniz die Symmetrieannahmen der Physik; beide entwickeln die Differenzial- und Integralrechnung unabhängig voneinander, was zu ihrem berühmten Prioritätsstreit um ihre Erfindung führt. Leibniz vertritt aber völlig andere metaphysische und physikalische Auffassungen als Newton, wie die Debatte um absoluten Raum, absolute Zeit und Atomismus zwischen Leibniz und Newtons Anhänger Samuel Clarke (1675–1729) zeigt (Leibniz/Clarke 1715/16) (→ II.4).
2.2 Empirismus
Die britischen Empiristen sehen den Ursprung aller Erkenntnis in der Erfahrung; seit Francis Bacon (1561–1626) berufen sie sich dabei auf die Experimente der Naturwissenschaften. Trotz der gemeinsamen erkenntnistheoretischen Überzeugung vertreten auch die Empiristen sehr unterschiedliche metaphysische Auffassungen, die vom Materialismus (Hobbes) über einen Dualismus (Locke) bis zum Idealismus (Berkeley) reichen.
Hobbes (1655) begründet den neuzeitlichen Materialismus, der an den antiken Atomismus anknüpft und sich in der französischen Aufklärung fortsetzt (La Mettrie 1748). Für die Materialisten des 17. und 18. Jhs. ist das Gehirn des Menschen |36|eine Rechenmaschine, die nach denselben mathematischen Gesetzen funktioniert wie der Weltlauf und darum zu objektiver Erkenntnis fähig ist. Locke (1689) entwickelt eine umfassende empiristische Theorie des menschlichen Verstands und seiner Fähigkeiten, in der er zwar die Lehre der angeborenen Ideen von Descartes kritisiert, aber einige rationalistische Auffassungen beibehält. Er vertritt einen Dualismus von Geist und Materie und führt einen physiko-theologischen Gottesbeweis, wonach der Mensch in den Naturwissenschaften nur so viel von der göttlichen Weltordnung erkennt, wie er benötigt, um aus der Beschaffenheit der Natur auf ihren göttlichen Ursprung zu schließen. Locke ist Atomist, wenn er auch die Existenz der Atome, weil sie prinzipiell nicht beobachtbar sind, für unbeweisbar hält. Eine monistische Gegenposition zum Materialismus stellt der Idealismus von Berkeley (1710) dar; er verbindet eine empiristische Erkenntnistheorie mit der theologischen Auffassung, die materielle Welt existiere nur in Form von Gedanken Gottes.
Erst Hume (1748) macht mit dem Empirismus Ernst, indem er sich von sämtlichen metaphysischen Auffassungen verabschiedet und eine radikale empiristische Skepsis gegenüber allen (vermeintlich gesetzmäßigen) Kausalitäten ausdrückt. Nach ihm ist die Verknüpfung von Ursache und Wirkung nicht etwas objektiv in der Natur Vorhandenes, sondern lediglich unsere subjektive Gewohnheit, regelmäßig aufeinander folgende Ereignisse zu verknüpfen; dasselbe gilt für Naturgesetze, einschließlich der Gesetze der Physik. Seine Regularitätsauffassung der Kausalität und der Naturgesetze ist bis heute einflussreich.
3. Natur als Gesetzeszusammenhang der Erfahrung: Kant
Angesichts der widerstreitenden metaphysischen Positionen seiner Vorgänger will Kant die Naturerkenntnis und ihre Tragweite vernunftkritisch absichern. Seine Kritik der reinen Vernunft (Kant 1781/1787) soll das System einer Metaphysik der Natur begründen, in dem die Grundbegriffe der Physik Newtons, nicht aber die traditionellen metaphysischen Ideen von Gott, der unsterblichen Seele und der Welt im Ganzen zu objektiver Erkenntnis führen (vgl. Mohr/Willaschek 2012).
Mit Kants Theorie der Natur gewinnt die Naturphilosophie Eigenständigkeit gegenüber der Physik. Bei ihm ist Naturphilosophie nicht mehr (wie bei Galilei, Descartes oder Newton) identisch mit Physik bzw. exakter Naturwissenschaft, sondern soll deren metaphysische Voraussetzungen klären und dabei ein begriffliches Grundgerüst für die mathematische Physik liefern (Kant 1786). Kants Naturphilosophie ist viel facettenreicher als die seiner Vorgänger; sie lässt Raum für unterschiedliche Interpretationen. Das im Folgenden dargestellte Kant-Verständnis ist geprägt durch die Auffassungen der Verfasserin dieses Kapitels (Falkenburg 2000). Kants Erkenntnisideale bleiben in vielem der Physik Newtons und dem rationalistischen Zeitgeist verpflichtet. Seine Theorie der Natur zielt aber auch darauf, das Verhältnis zwischen mathematischer und nicht-mathematischer Naturwissenschaft zu untersuchen, und dabei den Ort der Biologie im System der Wissenschaften zu bestimmen.
|37|3.1 Kants Naturbegriff
Nach Kant ist die Natur ein Gesetzeszusammenhang von Sinneserfahrungen (→ II.1). Anders als seine rationalistischen Vorgänger, und beeinflusst u.a. durch Hume, betrachtet er die Naturgesetze – etwa das Kausalprinzip, nach dem jede gegebene Wirkung eine Ursache hat – nicht als objektive Strukturen in der Natur, sondern als subjektive (Denk-)Notwendigkeit, die Einzelerfahrungen zu verknüpfen bzw. für jede in der Natur beobachtete Wirkung nach ihrer Ursache zu fragen. Das Kausalgesetz hat damit nicht mehr den Status einer Tatsachenbehauptung, sondern denjenigen eines methodologischen („regulativen“) Prinzips, nach dem wir unsere Erfahrung strukturieren und aufeinanderfolgende Ereignisse in eine objektive Zeitordnung bringen. Im Gegensatz zum Empirismus Humes tun wir dies Kant zufolge aber nicht nur aufgrund einer subjektiven, psychologisch begründeten Gewohnheit, die durch Erfahrung gelernt ist, sondern aufgrund einer Denknotwendigkeit, die konstitutiv dafür ist, dass wir überhaupt erst Erfahrungen machen können. Nach Kant treibt sie uns aber auch dazu an metaphysische Fragen zu verfolgen, die über die Grenzen der möglichen Verstandeserkenntnis hinausgehen (vgl. Abschn. 3.3–3.4). Das Kausalprinzip, der Substanzbegriff und andere Verstandeskategorien sind für Kant Bedingungen a priori der Möglichkeit von Erfahrung. Die Kritik der reinen Vernunft soll ihre Anwendungsbedingungen klären und die Grenzen des objektiven Verstandesgebrauchs abstecken.
Neu an Kants Erkenntnistheorie ist die Auffassung, dass in der Naturerkenntnis a priori zwei unterschiedliche Faktoren der Erkenntnis zusammenwirken: Anschauung und Verstand. Die Inhalte der Sinneswahrnehmung werden in die Anschauung a priori von Raum und Zeit aufgenommen und erst mittels der Kategorien (reine Verstandesbegriffe wie Einheit und Vielheit, extensive und intensive Größen, Substanz und Kausalität) zur Erfahrung zusammengefügt („synthetisiert“), wobei die Einheit des Denkens („synthetische Einheit der Apperzeption“) eine große Rolle in Kants Erkenntnistheorie spielt.
Kant bringt damit die Auffassungen seiner rationalistischen und empiristischen Vorgänger wie folgt zusammen: Aus rationalistischer Sicht beruht die Erkenntnis auf dem Verstand und bezieht ihre Gewissheit aus Methodenidealen der Mathematik; aus empiristischer Sicht beruht sie auf Sinneswahrnehmung bzw. Erfahrung. Nach Kant arbeiten Verstand und Wahrnehmungsvermögen zusammen, wobei die reinen Formen der Anschauung, Raum und Zeit, das Bindeglied bilden, welches den reinen Verstandesbegriffen Sinn und Bedeutung verleiht. Die Natur ist danach nicht vom Erkenntnisvermögen unabhängig, sondern sie wird durch unsere Erkenntnis vorstrukturiert, in Form von allgemeinen Naturgesetzen, die der Erfahrung genauso wie der mathematischen Physik zugrunde liegen.
3.2 Naturgesetze
Kants Erkenntnistheorie begründet auf diese Weise eine Theorie der Natur, nach der die gesetzmäßige Struktur der Natur grundsätzlich identisch ist mit der Struktur unserer Erfahrung (→ II.7). Sie umfasst drei allgemeine Naturgesetze: (i) den Satz von der Beharrlichkeit der Substanz, nach dem wir die Dinge als Träger von konstanten, |38|dauerhaften Eigenschaften denken; (ii) das Kausalprinzip, nach dem wir Ereignisse entsprechend dem Gesetz von Ursache und Wirkung verknüpfen, und (iii) ein Prinzip der Wechselwirkung, nach dem alles, was wir zugleich im Raum wahrnehmen, in durchgängiger Wechselwirkung steht (Kant 1781/1787: A176 ff./B218 ff.).
Diese allgemeinen Naturgesetze sind auf die mathematische Physik zugeschnitten, genauer: auf die Grundbegriffe von Newtons Mechanik, wie das Werk Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft (Kant 1786) zeigt. Dort leitet Kant aus den allgemeinen Naturgesetzen der Kritik der reinen Vernunft u.a. einen Massenerhaltungssatz, Newtons Trägheitsgesetz sowie die Konstitution der Materie durch zwei Grundkräfte her. Diese Herleitung erfolgt a priori aus den formalen Aspekten von Kants Naturbegriff, d.h. aus den oben skizzierten allgemeinen Naturgesetzen und der bloßen Annahme, dass es überhaupt etwas in Raum und Zeit gibt, was Gegenstand des „äußeren Sinns“ bzw. unserer Sinneswahrnehmung ist.
3.3 Die Vernunftkritik
In der „transzendentalen Dialektik“ der Kritik der reinen Vernunft kritisiert Kant die traditionellen metaphysischen Konzepte einer unsterblichen Seele, der Welt im Ganzen und des Gottesbegriffs. Sie sind für ihn spekulative Vernunftideen, mit denen sich die Vernunft in ihrem metaphysischen Bedürfnis übersteigt, insofern sie den reinen Verstandesgebrauch in unzulässiger Weise auf erfahrungstranszendente Bereiche ausweitet. Die Bildung dieser Begriffe übersteigt die Grenzen objektiver Erkenntnis und gaukelt dem Denken Gegenstände vor, die wir prinzipiell nicht erkennen können. Dabei verwechselt die Vernunft nach Kant reine Gedankengebilde (noumena), die keine Gegenstände möglicher Erfahrung sind, mit Gegenständen der Sinneserfahrung (phaenomena) und verwickelt sich in charakteristische metaphysische Fehlschlüsse. Dies erklärt aus seiner Sicht auch, warum die metaphysischen Streitigkeiten niemals enden. Die Metaphysik seiner Zeit führte Gottesbeweise, Beweise für oder gegen die Unsterblichkeit der Seele, für die Endlichkeit oder Unendlichkeit der Welt in Raum und Zeit, für oder gegen den Atomismus, die Möglichkeit eines freien menschlichen Willens sowie die Existenz Gottes als eines absolut notwendigen Daseinsgrunds der Welt. Aus Kants kritischer Sicht haben diese Beweise allesamt keine Beweiskraft.
Beim Weltbegriff, und nur bei diesem, verwickelt sich die Vernunft nach Kant in echte Widersprüche („kosmologische Antinomie“). Kant hält das Konzept der raumzeitlichen Welt im Ganzen, also der Gesamtheit aller Erfahrungsobjekte in Raum und Zeit, für widersprüchlich, weil die Welt dabei zugleich als sinnlich erfahrbar und als reines Gedankending gedacht wird – als phaenomenon und noumenon, bedingt und unbedingt, relativ und absolut. (Kant 1781/1787: A293 ff./B350 ff.)
3.4 Der „regulative“ Gebrauch der Ideen in der Naturerkenntnis
Die kosmologische Antinomie kann nach Kant nur aufgelöst werden, indem die Vernunft den Anspruch auf die Erkenntnis der Welt im Ganzen zurücknimmt und berücksichtigt, dass wir nur endliche Ausschnitte der raumzeitlichen Welt erkennen |39|können. Die Naturerkenntnis ist aus Kants kritischer Sicht grundsätzlich endlich und kann bei Strafe des Widerspruchs prinzipiell nicht vervollständigt werden. Die spekulativen Ideen über das Weltganze haben nur eine heuristische Funktion als regulative Prinzipien oder methodologische Regeln. Sie begründen Forschungsprogramme für die Naturerkenntnis. Dabei leiten sie die Erforschung der Zusammensetzung der Materie, die Suche nach einheitlichen Naturgesetzen und einer Grundkraft der Physik, sowie die Erforschung der organischen Natur. (Kant 1781/1787: A642 ff./B670 ff.)
4. Grenzen der Mathematisierung
Zu objektiver Naturerkenntnis mit unumstößlicher („apodiktischer“) Gewissheit ist nach Kant jedoch nur die „eigentliche“ Naturwissenschaft in der Lage, und d.h. für ihn: die mathematische Physik. Alle anderen empirischen (Natur-)Wissenschaften, von der Chemie und der Biologie über die physische Geographie bis hin zur empirischen Anthropologie und Psychologie, haben für ihn nur den Charakter einer „uneigentlichen“ Naturwissenschaft oder einer „historischen“ Naturlehre, die ihre Gegenstände nur empirisch klassifiziert, anstatt sie mathematisch zu durchdringen.
4.1 Kant und die Biologie
Insbesondere ist Kant für das Diktum berühmt, es werde nie einen Newton des Grashalms geben (Kant 1790/1793; aber auch schon: Kant 1755). Nach der Kritik der Urteilskraft kann die Struktur von Organismen nur nach teleologischen Prinzipien beurteilt werden, die nicht zur objektiven Erkenntnis der Entstehung und der Funktionsweise von Organismen führen: In einem Organismus sind die Teile, d.h. die Organe, untereinander und mit dem Ganzen, dem Lebewesen, so verbunden, dass die Struktur des Ganzen als zweckmäßig erscheint. Dabei leistet es ein teleologisches Urteil nach Kant nur, diese Struktur so zu beurteilen, als ob sie auf Zweckmäßigkeit angelegt sei. Diese teleologischen Urteile sind aber vereinbar damit, die Funktionsweise einzelner Organe, wie etwa der Muskeln, die zur Beugung eines Gelenks führen, kausal und mechanistisch zu erklären. Die kausalen Mechanismen, nach denen die einzelnen Organe arbeiten, sind dabei den telelogischen Prinzipien unterstellt, die im Organismus insgesamt am Werk sind; letztere sind der kausalen Erklärung entzogen. Damit zählt die Biologie für Kant nicht zur „eigentlichen“ Naturwissenschaft. Dies verbindet er mit der Auffassung, dass es den Newton des Grashalms nie geben wird, weil sich die Struktur von Lebewesen nicht nach dem Vorbild der Physik erklären lässt.
4.2 Ausblick
Was Naturphilosophie heißt, ist also von Descartes bis Kant primär auf die Möglichkeiten mathematischer Naturerkenntnis ausgerichtet. Kants Theorie der Biologie markiert hierfür die Grenzen dieses Denkens in seiner Zeit und zielt darauf, es durch |40|nicht-mechanistische Konzepte zu überwinden. Kant arbeitete in seinen späten Jahren in diese Richtung weiter, wie sein opus postumum zeigt. Dagegen ist die Mathematisierung der Biologie heute viel weiter fortgeschritten, als Kant es sich vorstellen konnte.
Im nachkantischen deutschen Idealismus entwickeln dann Friedrich W.J. Schelling (1775–1854) und Georg W.F. Hegel (1770–1831) Ansätze zu einer nicht-mechanistischen und nicht-reduktionistischen Naturphilosophie, nach der die Natur einen Stufenbau von zunehmend komplexen Organisationformen bildet. Unbelebte Strukturen sind darin die Vorstufen des Lebens, und die belebte Natur stellt eine Vorstufe und Voraussetzung des Geistes dar. Schelling konzipiert die Übergänge zwischen diesen Stufen durchaus im Sinne einer biologischen Evolution (Schelling 1799). Hegel dagegen betrachtet die Natur als das „Andere der Idee“, wobei Natur und Geist nach ihm nur in einer logischen Beziehung stehen (Hegel 1830). Die spekulativen naturphilosophischen Ansätze beider Denker richten sich gegen das zeitgenössische mechanistische Weltbild der Physik und wurden im Verlauf des 19. Jhs. zum Gegenstand scharfer empiristischer Kritik (→ I.6).
Literatur
Berkeley, George [1710] 2012: Eine Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis. Hg.: A. Kulenkampff. Hamburg.
Descartes, René [1641] 2008: Meditationes de prima philosophia. Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Lat.-Dt. Hg.: C. Wohlers. Hamburg.
– [1644] 2005: Die Prinzipien der Philosophie. Lat.-Dt. Hg.: C. Wohlers. Hamburg.
Falkenburg, Brigitte 2000: Kants Kosmologie. Die wissenschaftliche Revolution der Naturphilosophie im 18. Jahrhundert. Frankfurt/M.
Galilei, Galileo [1615] 2008: Lettera a Cristina di Lorena. Brief an Christine von Lothringen. Hg.: M. Titzmann/T. Steinhauser. Passau.
– [1623] 21992: Il saggiatore. Hg.: L. Sosio. Milano. Dt. Übers.: G. Harig: Galileis „Dialog über die beiden Weltsysteme“ – alte und neue Wissenschaft im Widerstreit. In: Galilei, Galileo [1623] 1987: Schriften, Briefe, Dokumente. Bd. 2. Hg.: A. Mudry. Berlin: 247–287.
Hegel, Georg W.F. [31830] 21993: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Zweiter Teil. Die Naturphilosophie. In: ders.: Werke, Bd. 9. Hg.: E. Moldenhauer/K. M. Michel. Frankfurt/M.
Hobbes, Thomas [1655] 2013: Elemente der Philosophie. Erste Abteilung: Der Körper. Hg.: K. Schuhmann. Hamburg.
Hume, David [1748] 2015: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Hg.: M. Kühn. Hamburg.
Kanitscheider, Bernulf 2013: Natur und Zahl: Die Mathematisierbarkeit der Welt. Berlin.
Kant, Immanuel [1755] 21910: Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels. In: Kant’s gesammelte Schriften. Hg.: Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften. Berlin: Bd. I, 215–368.
– [1781/1787] 21911: Kritik der reinen Vernunft. In: a.a.O.: Bd. III.
– [1786] 21911: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. In: a.a.O.: Bd. IV, 465–565.
– [1790/1793] 21913: Kritik der Urteilskraft. In: a.a.O.: Bd. V, 165–485.
La Mettrie, Julien O. de [1748] 2009: Die Maschine Mensch. Frz.-Dt. Hg.: C. Becker. Hamburg.
|41|Laplace, Pierre-Simon [1814] 21996: Philosophischer Versuch über die Wahrscheinlichkeit. Hg.: R. v. Mises. Frankfurt/M.
Leibniz, Gottfried W. [1714] 2012: Monadologie. Frz.-Dt. Hg.: H. Hecht. Stuttgart.
Leibniz, Gottfried W./Clarke, Samuel [1715/16] 1991: Der Leibniz-Clarke-Briefwechsel. Hg.: V. Schüller. Berlin.
Locke, John [1689] 1975: An Essay Concerning Human Understanding. Hg.: P.H. Nidditsch. Oxford. Dt.: 41981: Versuch über den menschlichen Verstand. 2 Bde. Hg.: R. Brandt. Hamburg.
Mohr, Georg / Willaschek, Marcus (Hg.) 22012: Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Berlin.
Newton, Isaac [1687] 1999: Die mathematischen Prinzipien der Physik. Hg.: V. Schüller. Berlin.
– [1704] 21996: Optik: Oder Abhandlung über Spiegelungen, Brechungen, Beugungen und Farben des Lichts. Hg.: W. Abendroth. Frankfurt/M.
Planck, Max [1908] 1965: Die Einheit des physikalischen Weltbildes. In: ders.: Vorträge und Erinnerungen. Darmstadt: 28–51.
Schelling, Friedrich W.J. [1799] 21965: Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie. In: Schellings Werke, Bd. 2. Hg.: M. Schröter. München: 269–326.
Spinoza, Baruch de [1677] 42015: Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt. Lat.-Dt. Hg.: W. Bartuschat. Hamburg.
[Zum Inhalt]
|42|I.4 Natur und Recht
Michael Städtler
Der verbreiteten Auffassung zufolge gibt es Begründungen von Recht aus der Natur seit der Antike (Welzel 1951; Ilting 1978). Im Allgemeinen wird darunter Folgendes verstanden: „Naturrecht ist die Gesamtheit der der Natur innewohnenden, zeitlos gültigen, vernunftnotwendigen und vom Menschen nicht geschaffenen Rechtssätze“ (Köbler 1997: 392f.). Was allerdings in den verschiedenen Epochen konkret darunter verstanden wurde, variiert erheblich (Tierney 1997: 1ff.), abhängig von Veränderungen im Naturbegriff und im Rechtsbegriff (Wolf 1984). Deshalb empfiehlt es sich, vom systematischen Verhältnis dieser Begriffe auszugehen und es in den verschiedenen Kontexten zu untersuchen.
1. Systematische Vorüberlegungen
Das begriffliche Verhältnis von Natur und Recht enthält zwei entgegengesetzte Elemente: Einerseits werden sie analog gedacht, sofern beide gesetzmäßige Ordnungen betreffen. Andererseits sind sie gerade als gesetzmäßige Ordnungen einander entgegengesetzt: Naturgesetze gelten faktisch zwingend. Die faktische Geltung von Rechtsgesetzen unterliegt aber menschlicher Willkür, sie ist ein Sollen. Recht ist im strikten Sinn nie ein Bestandteil der Natur, sondern eine Institution menschlicher Gesellschaft. Umgekehrt richten sich Rechtsnormen durchaus an Menschen auch, insofern sie Naturwesen sind, denn als solche sind sie endliche Wesen und verfolgen Interessen, die in der Ausführung kollidieren können. Solche Kollisionen regelt das Recht. Die Verfolgung von Interessen setzt, im Unterschied zum Instinkt, eine Vorstellung von Interessen und damit ein intellektuelles Wesen voraus. Recht ist damit eine gesellschaftliche Institution unter intelligenten Naturwesen.
Sobald ‚Natur‘ als philosophischer Begriff auftritt, ist sein Gegenstandsbereich als Kosmos (als sinnvoll geordnete Totalität) vom Chaos (der Vorstellung ungeordneter Totalität) unterschieden (→ I.1; II.3/Abschn. 1.3). Diese Ordnung ist regelmäßig und deshalb erkennbar. Das menschliche Handeln unterliegt der Freiheit, kann so oder anders ausfallen, und bietet daher zunächst keine regelmäßige Ordnung. Das Zusammenleben von Menschen setzt aber deren zweckmäßiges Zusammenwirken, d.h. Kooperation, voraus. Sonst zerstört jede Gemeinschaft sich selbst. Dafür müssen Regeln, Ordnungskriterien, gesetzt werden. Ihre Verbindlichkeit ist aber zunächst ein bloßer Anspruch an die Handelnden. Recht als stabile Institution setzt daher voraus, |43|dass eine Gemeinschaft von Menschen Rechtsnormen teilt, dass über deren Erfüllung irgendwie verbindlich entschieden werden kann und dass diese Entscheidung auch gegen entgegengesetzte Interessen durchgesetzt werden kann. Insofern lehnt das Recht seinen Geltungsanspruch an die Naturordnung an und begründet dann gerade aus seinem Unterschied zur Naturordnung die Legitimation, durch Institutionen den Mangel an Geltungswirklichkeit auszugleichen.
2. Antike: Kosmische Ordnung als Rechtsgrund
In der griechischen Antike entwickelt sich zum einen das verbindliche Recht aus Konfliktlösungsgewohnheiten (Reichardt 2003), zum anderen entstehen theoretische Begründungen für Rechtsgeltung. Dabei ist die Natur als kosmologische Ordnung das zentrale Kriterium. So gilt zunächst v.a. vielen Sophisten das Recht des Stärkeren als natürlich, das gesetzliche Recht hingegen als naturwidriges Instrument der Schwachen. Diese Richtung des Naturrechts knüpft an die triebhafte Natur der Menschen an und kann „existentielles Naturrecht“ genannt werden, im Unterschied zum „ideellen“, das an die Vernunftnatur der Menschen anknüpft (Welzel 1951: 11). Platon und Aristoteles bemühen sich in diesem zweiten Sinn um eine Legitimation der rechtlich geordneten Polis. Aristoteles leitet aus den natürlichen Erfordernissen der Selbsterhaltung die rechtlichen und politischen Institutionen als natürliche Mittel ab: Familie, Haushalt, Dorf und Stadt, aber auch die Sklaverei, die eine natürliche Ungleichheit der Menschen in wechselseitigen Nutzen übertrage. Insgesamt gilt die Naturordnung als in sich zweckmäßige Ordnung (Teleologie), innerhalb derer das Handeln sich einordnen muss.
Im Unterschied zu Aristoteles, der die Normativität des Handelns nicht aus vorgeordneten Begriffen, sondern aus der Reflexion auf die Erfahrung des Handelns begründen will, hatte Platon (428/427–348/347 v. Chr.) die Normen aus der Idee des Guten begründet. Diese freilich verdankt sich auch Naturanalogien, denn die gute Ordnung des Staates wird in Analogie zu einem biologischen Organismus und dessen Ordnung durch die Seele als Ordnungsprinzip bestimmt. Während Aristoteles das Handeln als einen vom theoretischen Erkennen systematisch getrennten Gegenstandsbereich bestimmt (s. z.B. Nikomachische Ethik I 1094b12–27 u. VI 1141a16–b3), folgte für Platon die Ordnung des Handelns aus einer Ordnung theoretisch erkennbarer Ideen. Diese Ideen sind freilich keine Phantome, sondern ihrerseits Produkte philosophischer Reflexion. Für Aristoteles (384–322 v. Chr.) allerdings sind sie abstrakte Begriffe, deren Beziehung zu den empirischen Handlungen nicht eindeutig bestimmbar ist. Deshalb bleibt es bei Aristoteles bei der Erörterung einer unter jeweils gegebenen Umständen bestmöglichen Rechtsverfassung, während Platon durchaus eine relativ genau entwickelte Idealverfassung entwirft.
Mit der Auflösung der Polis im makedonischen, dann im römischen Reich verliert der Einzelne seine Mitwirkungskompetenz und sieht sich mit fremden politischen Mächten konfrontiert. In der universalen Ordnung der Natur sehen die Stoiker nun die Grundlage der Freiheit des Einzelnen und legen damit den philosophischen Grund |44|für den christlichen Begriff des Individuums. Auch Begriffe wie ewiges, natürliches und zeitliches Gesetz sowie der Begriff einer universalen Menschheit stammen hierher.
Ausgehend vom Apostel Paulus (5–64) und den Kirchenvätern, v.a. Augustinus (354–430), knüpft die christliche Rechtslehre neben der Stoa zunächst an die platonische Tradition an, und das betrifft auch den Naturbegriff. Allerdings wird die organisch-teleologische Ordnung des Naturganzen nun mit dem Willen Gottes in Verbindung gebracht. Das menschliche Handeln erhält damit eine moralische Bedeutung. Ein Rechtsverstoß ist nicht nur eine Störung der natürlichen Ordnung, sondern eine Sünde.
3. Mittelalter: Göttliche Ordnung als Rechtsgrund
Wenn Gott zugleich Gesetzgeber der Naturordnung und der moralischen Ordnung ist, lässt sich zumindest theoretisch an der Vereinbarkeit von Natur und Handeln festhalten. Thomas von Aquin (1224/25–1274) hat das als Gesetzeshierarchie festgehalten: An der Spitze steht das ewige Gesetz. Dabei handelt es sich um die Idee der Totalität der Weltordnung im göttlichen Geist. Diese Vorstellung ist der normative und zugleich kausale Grund aller Ordnung in der Welt. Das ewige Gesetz wird offenbart im Naturgesetz. Mit ‚Naturgesetz‘ ist nicht der moderne Begriff eines wissenschaftlichen Gesetzes, sondern die gesetzmäßige Ordnung der Natur selbst gemeint. Und an unterster Stelle steht das menschliche Gesetz, das Recht, das Menschen sich selbst geben. Damit es nicht aus der Ordnung herausfällt, muss der Gesetzgeber sich am ewigen Gesetz und an den geoffenbarten Geboten (dem positiven göttlichen Recht) orientieren.
Der theologisch interpretierte Platonismus bietet aber noch ein zusätzliches Naturprinzip des Rechts an: Alle Naturprozesse zielen auf ein Gutes. Deshalb gilt, dass das Gute zu erstreben, das Schlechte oder Böse aber zu vermeiden ist. Dies soll die natürliche Richtschnur der Gesetzgebung sein. Sie soll auf das bonum commune, das gemeinsame Gute, gerichtet sein. In der säkularen Rechtspraxis ist dieses Prinzip das überlieferte gute alte Recht. Die Autorität des Althergebrachten beruft sich zwar nicht direkt auf die Naturordnung, behandelt aber das Überlieferte wie eine mit der Zeit verfestigte, jetzt nicht mehr folgenlos zu durchbrechende Ordnung zweiter Natur. Für die Entwicklung dieser Praktiken zu staatlichem Recht ist das naturrechtlich begründete Kirchenrecht (kanonisches Recht) lange Vorbild. Zum Beispiel wird der Grundsatz, dass Verträge einzuhalten seien (pacta sunt servanda) zuerst im Kirchenrecht formuliert. Heute regelt das staatliche Recht den Geltungsbereich kanonischen Rechts.
Im Verlauf des Mittelalters kommt es zu gravierenden Veränderungen in der Sozialstruktur. Antike Vorstellungen werden überwunden, die menschliche Arbeit wird nicht mehr nur als Strafe für die Erbsünde, sondern als eigenständige Leistung zur Orientierung in der Welt und zur Beherrschung der Natur verstanden. Damit hängt die Entwicklung von Städten zusammen, die zu Gewerbe- und Handelszentren werden. Der veränderte Bedarf bringt Veränderungen in der Landwirtschaft mit sich. Diese wirtschaftlichen Veränderungen erfordern neue Rechtsformen. Es kommt zu einer intensiven Rezeption des römischen Rechts, die ungefähr mit der Wiederentdeckung |45|des lange Zeit vergessenen Werks des Aristoteles zusammenfällt. Insbesondere die Aristotelische Konzentration auf die Erkenntnis des Einzelnen, des Erfahrungsobjekts, wirkt subversiv auf den neuplatonischen Naturbegriff des Mittelalters. Vom Einzelnen aus ist eine absolute rationale Ordnung nicht unbedingt zu erkennen. Die Willkür wird zum vorherrschenden Prinzip; auch Gottes Wille gilt bei Duns Scotus (1266–1308) oder Wilhelm von Ockham (ca. 1287–1349) nicht mehr als bloße Funktion seiner Vernunft, sondern als absolute Macht. Er kann, wenn er will, die bestehende Ordnung jederzeit durch eine andere ersetzen. Mit dieser These fällt einerseits die gesamte Ordnungsgewissheit des Mittelalters in sich zusammen; andererseits sind damit Voraussetzungen für den modernen individuellen Subjektbegriff und für die Wandelbarkeit sozialer Normen geschaffen.
4. Neuzeit: Menschliche Ordnungen als Rechtsgrund
Das Prinzip der Neuzeit ist nicht mehr die universale Ordnung, sondern das individuelle Subjekt. Das gilt auch für die Naturordnung: Menschen erkennen Natur nicht mehr vorrangig durch begriffliche Ableitungen aus allgemeinen Prinzipien, sondern durch konkrete experimentelle Eingriffe (→ III.3; III.4). Wird das Individuum Rechtssubjekt, dann muss seine Handlungsfähigkeit rechtlich garantiert sein: Es muss sein Eigentum geschützt sein, und es müssen das Leben, die Unversehrtheit und die Freizügigkeit geschützt sein. Der zunehmende Kontakt mit fremden Völkern unterschiedlicher Kultur und Zivilisation verschärft das Problem: In der spanischen Spätscholastik des 16. Jhs. wird aus der allgemeinen Natur der Menschen begründet, dass z.B. auch die Freiheit und das Eigentum der indigenen Bevölkerung rechtlich geschützt seien. Diese Theorien entstehen als naturrechtliche Reflexion des Kolonialismus und sind insofern ambivalent: Sie bestimmen die Kolonialisierung als rechtlichen Vorgang, setzen aber dadurch dem faktischen Vorgehen auch erhebliche Grenzen. Das betrifft ebenso den neuzeitlichen Umgang mit der Sklaverei. Dass sie natürlich sei, lehnt bereits Thomas von Aquin ab, der sie als für beide Seiten nützlich dennoch verteidigt. Dennoch gilt sie lange weiter als rechtlich möglich, z.B. durch Selbstverkauf oder durch Kriegsgefangenschaft.
Die Legitimation des Rechts gründet jetzt darin, dass Menschen von Natur aus bestimmte Rechte, jetzt als subjektive Ansprüche verstanden, zukommen. Wenn allerdings die Willkürfreiheit des Einzelnen zum Prinzip wird, treten die Menschen in Konkurrenz zueinander. Das zeigt auch die Erfahrung der frühen Neuzeit sehr deutlich. Daraus entsteht für das Programm einer rationalen Rechtsbegründung das Problem, dass die Interessenvertreter um die Deutungshoheit dessen, was rational sei, in Streit geraten.
Die politischen Rechtstheorien dieser Zeit sind daher auf der einen Seite an der Sicherung individueller Rechte interessiert und auf der anderen Seite an der Stabilität von Herrschaft, um die Kollisionen der Individuen im Griff zu behalten. Diese beiden Seiten sind für die politische Entwicklung der Neuzeit bestimmend (Neumann 1937). Prototypisch ist das am Verhältnis von Thomas Hobbes (1588–1679) und John Locke |46|(1632–1704) zu sehen. Hobbes zieht aus dem Interessenkonflikt die pragmatische Konsequenz, wie einst die Sophisten, das Interesse selbst zur natürlichen Rechtsquelle zu machen. Das Individuum habe ein unbedingtes Recht auf Selbsterhaltung, das zu allen Übergriffen auf alles und jeden berechtige. Zugleich wird aber aus der sozialen Natur begründet, dass es sinnvoll sei, von diesem Recht so wenig wie möglich Gebrauch zu machen, sondern sich mit den anderen zu verständigen. Dies läuft auf einen Vertrag hinaus, in dem alle ihre natürlichen Rechte aufgeben und einem einzigen übertragen, der dadurch die gesamte Macht innehat. Dadurch wird die Unsicherheit des Naturzustandes, in dem potenziell jeder gegen jeden kämpft, überwunden und in eine stabile Herrschaftsform überführt (s. Hobbes 1651). Hobbes steht damit exemplarisch für die Tendenz des neuzeitlichen Naturrechts zum Absolutismus (Tuck [1979] 2012). Methodisch folgt Hobbes der neuzeitlichen Naturforschung darin, den Untersuchungsgegenstand in seine Elemente zu zergliedern, um von deren Natur aus die Form des Ganzen zu verstehen. Das ist auch die systematische Funktion der Naturzustandstheorien im neuzeitlichen Naturrecht.
Auf der anderen Seite leitet Locke aus der Natur der Menschen ab, dass sie ihre Freiheit niemals abgeben können und dass deshalb jede politische Herrschaft nur durch Zustimmung eingesetzt werden kann und von dieser Zustimmung auch abhängig bleibt. Daraus folgt, dass die Bürger eine Reihe von Rechten behalten, die sie Hobbes’ Theorie zufolge im Akt der Einsetzung des Souveräns abgeben mussten und nur im Rahmen der Genehmigung des Herrschers wahrnehmen konnten. Neben dem Schutz des Eigentums und der daraus folgenden Legitimation von Herrschermacht gehört bei Locke auch der Schutz vor Machtmissbrauch (Widerstandsrecht) zu den natürlichen Rechten. Auch wendet Locke sich gegen die Sklaverei durch Selbstverkauf; nicht jedoch gegen die aus Kriegsgefangenschaft. Sklaverei sei denkbar als fortdauernder partikularer Kriegszustand innerhalb des allgemeinen Friedens.
Insgesamt legt Hobbes seinem ‚existentiellen‘ Naturrecht einen eher pragmatischen Begriff des Individuums zugrunde, Locke hingegen greift ‚ideell‘ auf Motive der theologischen Rechtslehre zurück: Der Mensch ist von Gott als freies Wesen geschaffen. Bei beiden ist aber der wesentliche Punkt des Naturrechts die Lehre, dass Menschen überhaupt natürliche und deshalb unveräußerliche Rechte haben, und das ist der Grundgedanke von Menschenrechten. Lockes Überlegungen wirken damit auf die Unabhängigkeitserklärung der USA (1776), die der französischen Menschenrechtserklärung (1789) als Vorbild dient.
Der Konflikt zwischen Sicherheit und Freiheit, existenziellem und ideellem Naturrecht wird bei Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) insofern überwunden, als er den Begriff des Naturzustandes und damit den der menschlichen Natur neu fasst: Der Mensch ist nicht feindselig und egoistisch, sondern hilfsbereit und mitleidvoll. Feindschaft entsteht erst durch die Zivilisation (→ IV.6). Weil die menschliche Natur an sich gut ist, wird überhaupt erst im Unterschied zur faktischen kollektiven Willensbildung (volonté de tous) ein objektiv allgemeiner Wille (volonté générale) denkbar. Daraus entwickelt Immanuel Kant (1724–1804) später den Begriff der Gesetzmäßigkeit des Wollens im kategorischen Imperativ. Auch Kant kommt es auf die Verbindung von Glückseligkeit und Moral an, also auf die Verbindung der existenziellen, |47|triebhaft-leiblichen und der ideellen, geistigen Seite der menschlichen Natur, wenngleich dies bei ihm problematisch bleibt. Solange Moral ideell bleibt, soll das erzwingbare Recht Vernunft in die wirklichen Verhältnisse bringen. Johann G. Fichte (1762–1814) und Georg W.F. Hegel (1770–1831) wollen diesen Gegensatz von Moral und Recht mit dem Begriff der Sittlichkeit überwinden, in dem individuelle und objektive vernünftige Handlungsbestimmungen miteinander und auch mit den materiellen Bedingungen des Handelns koinzidieren. Das Recht bedarf dann keines Zwanges mehr und ist von der Moral nicht zu unterscheiden.
Obwohl der Mensch immer weiter in den Mittelpunkt des Naturrechtsdenkens tritt, bleibt seine Einbindung in eine göttliche Schöpfungsordnung der letzte Anker der Legitimation des Rechts (Haakonssen [1996] 2012). Das liegt daran, dass die Normativität des Rechts ja einen Zustand fordert, der nicht real ist: Der vernünftige, gerechte Zustand ist ein Ideal, zu dem die Menschheit sich nur allmählich hin entwickeln kann. Daher bindet die Philosophie der Aufklärung Recht an Geschichte, an Fortschritt. Der Begriff geschichtlichen Fortschritts (→ I.5) ist aber nur dann ein verbindlicher Begriff, wenn seine Erfüllung garantiert ist. Diese Garantie leistet bei den Materialisten eine deterministische Naturordnung (auch des Handelns) und bei den Rationalisten die göttliche Vorsehung. Diese findet sich noch bei Kant, der aber statt von Vorsehung von einer Absicht der Natur spricht, und bei Hegel, bei dem Geschichte als zielstrebige Selbst-Entfaltung der Vernunft in der Welt vorgestellt wird (s. weiterführend Siep et al. 2012).
Dennoch wird allmählich erkannt, dass der Allgemeinheitsanspruch von Recht nur durch die Vernunft, an der alle Menschen teilhaben, gewährleistet werden kann. Bei Kant und Hegel ist von Natur im Zusammenhang des Rechts kaum noch die Rede, aber viel von Vernunft. Zwar gelten auch die früheren normativen Naturordnungen als vernünftig, aber jetzt löst sich die Vernunft von ihrer Verankerung in Natur. Die Rechtsordnung bildet eine zweite Natur, die aus der vernünftigen menschlichen Freiheit hervorgeht. Recht dient dann der Sicherung und Ausgestaltung menschlicher Freiheit unter der Bedingung der Gleichheit. Freiheit und Gleichheit sind von Anfang an zentrale Begriffe der bürgerlichen Gesellschaft, die sich gegen den Feudalismus absetzt. Das Recht ist das entscheidende Instrument hierbei. Bei Kant und auch bei Hegel bedeutet der Begriff der Freiheit aber nicht mehr Willkürfreiheit, sondern Autonomie, vernünftige Selbstbestimmung. Unter dieser Voraussetzung lässt sich aber z.B. das exklusive Privateigentum nicht mehr bruchlos begründen, und die Konflikte der bürgerlichen Gesellschaft, insb. jene im Zusammenhang von Armut und Reichtum, führen im Vernunftrecht zu Schwierigkeiten und Fragen, die weder aus dem formellen Recht noch aus dem Naturrecht beantwortet werden können (→ III.5).
5. Moderne: Rechtserzeugung als Rechtsgrund
Im 19. Jh. kommt es erneut zu gravierenden Veränderungen der Sozialstruktur. Die feudale Ständeordnung weicht endgültig einer bürgerlichen Ordnung, in der alle Einzelnen gleich berechtigt werden. Im Zuge der Industrialisierung und |48|Ökonomisierung der Gesellschaft bilden sich Parteien und Interessengruppen, die Einfluss auf die politische Macht und auf die Entwicklung des Rechts nehmen. Die Vorstellung universaler Machbarkeit, die mit der wechselseitig beschleunigten Entwicklung von Naturwissenschaften und Technik einhergeht, ersetzt die Vorstellung einer vorgegebenen natürlichen Ordnung. Natur wird zur Verfügungsmasse menschlicher Interessen, und insb. auch die zweite Natur, d.h. die institutionalisierte gesellschaftliche, politische und rechtliche Ordnung. Die Gesetzgebung wird zunehmend deliberativ. Recht kann wechseln wie die partikularen Interessen untereinander wechseln und in der Zeit sich wandeln. Auch eine ordnende Kraft der Vernunft wird nicht mehr gesehen. Der gleichzeitig wachsende Bedarf an verbindlich gültigen Gesetzen führt zu einer umfassenden Kodifizierung des geltenden Rechts, die das Naturrecht weitgehend ablöst (Wieacker 2016). Dem Naturrecht tritt ein positivistisches Rechtsverständnis gegenüber, demzufolge jedes wirkliche und wirksame Recht Rechtskraft hat.
Karl Marx (1818–1883) erkennt hinter dieser Positivität (dem Gesetztsein) des Rechts seine gesellschaftliche Funktion. Das historisch gegebene Recht ist ein Instrument zur Interessenkoordination in der kapitalistischen Gesellschaft, in der die Menschen nicht frei, sondern pseudo-natürlichen Sachzwängen unterworfen sind. Das um seine naturrechtliche Verve gebrachte positivistische bürgerliche Recht ordnet nur diese Sachzwänge. Deren Nicht-Natürlichkeit ist bei Marx die Voraussetzung ihrer Veränderbarkeit.
Das Naturrecht, so der Positivist Hans Kelsen (1881–1973), konnte nur deshalb aus der Natur Recht ableiten, weil es von der falschen Voraussetzung ausgegangen sei, dass die Naturordnung eine göttliche Anordnung, also normativ sei (Kelsen [1960] 2000: 80). Das Naturgesetz beschreibt aber faktische Funktionszusammenhänge (→ II.7), wogegen die Aussagen der Rechtswissenschaft (Rechtssätze) Funktionszusammenhänge im Modus des Sollens beschreiben. Die Wissenschaft selbst schreibt aber keine Normen vor; das tut nur der Gesetzgeber.
Die Naturrechtsdiskussion flammt in Deutschland nach dem Ende des Dritten Reiches noch einmal auf. Gustav Radbruch (1878–1949) vertritt die These, dass der Rechtspositivismus den deutschen Juristenstand gegenüber dem Führerprinzip „wehrlos“ (Radbruch 1946) gemacht habe. Erst später, nach dem Abklingen des Schocks, konnte erkannt werden, dass nicht bloß der Positivismus, sondern mindestens ebenso ein naturrechtlich aufgeladener Führer- und Volkskult der Grund gewesen war.
Die folgende Naturrechtsdiskussion berief sich auf theologische, existenzialistische oder ontologische Gründe, selten auch auf den Vernunftbegriff Kants (Kühl 1984), konnte sich aber letztlich nicht gegen das positivistische Rechtsverständnis durchsetzen. Zwar wird auch heute, besonders im Bereich der Menschenrechte, also im Staats- und Völkerrecht, gelegentlich an Naturrechtsinhalte unter dem Titel ‚überpositives Recht‘ appelliert; das ist aber der logischen Form nach nur ein Konstrukt, das durch die Negation des Positiven (nicht positiv, sondern über-positiv) entsteht und dessen Geltungsgrund – Natur oder etwas Anderes – nicht weiter benannt werden kann.
Die moderne Rechtstheorie reagiert auf den faktischen Positivismus. Die Systemtheorie Niklas Luhmanns (1927–1998) versteht sich selbst als nicht-normative Theorie, als Beobachterposition. Theorie erzeugt kein Recht und beeinflusst es auch nicht. |49|Recht wird erzeugt durch Verfahren, die selbst rechtlich geregelt sind (Gesetzgebung, Rechtsanwendung, Verträge usw.): So erzeuge das Recht sich fortwährend selbst, es wird zum autopoetischen System erklärt, zu einem System, das sich durch Anwendung immanenter Regeln auf Gegenstände in seiner Umgebung (Systemumwelt) bezieht und diese dadurch zu Rechtsgegenständen macht. Außerhalb des Rechts gibt es kein Recht und innerhalb des Rechts gibt es nichts Anderes als Recht. Das Rechtsdenken hat sich insofern von der Normativität, die aus dem Naturrechtsdenken überliefert war, abgekoppelt.
Auch Jürgen Habermas (geb. 1929) lehnt den objektiven Begründungsanspruch des Naturrechts, auch des Vernunftrechts, ab, fürchtet aber ebenso die Konsequenz eines sich verselbständigenden Rechtssystems. Er schlägt vor, Rechtsgeltung an intersubjektive Rechtfertigungsdiskurse zurückzubinden, ohne freilich deren Verlässlichkeit begründen zu können.
Das Zurücktreten reflektierter und normativer menschlicher Subjektivität aus dem Rechtsverständnis hat viele Facetten; die krasseste ist die neo-naturalistische Auffassung von der menschlichen Natur, die sich in den letzten Jahren durchsetzt: Menschen seien durch ihre Physis determiniert (→ III.9), ihr Geist bestehe aus neurophysiologischen Reaktionen im Gehirn und im Nervensystem, und es gebe keine Freiheit des Willens. Der Naturalismus im Recht geht nun davon aus, dass Menschen zwar keinen freien Willen haben, aber dennoch für Handlungen verantwortlich gemacht werden können. Das läuft auf den Unterschied hinaus, dass Handlungen zwar durch wissenschaftliche Analyse letztlich als determiniert ausgewiesen werden könnten, dass sie aber in der alltäglichen Erfahrungsperspektive als selbstbestimmt und frei wahrgenommen werden. Deshalb lässt sich in diesem Erfahrungsraum das Handeln auch durch Sanktionen steuern. Das positivistische Rechtsverständnis sieht dementsprechend die Aufgabe des Rechts nicht mehr im Schutz von Rechtsgütern wie Freiheit, Eigentum oder Leben, sondern im Schutz der Normgeltung selbst. Das Recht beschützt um des gesellschaftlichen Friedens Willen sich selbst und darf, ja muss zu diesem Zweck den faktischen Normverletzer symbolisch bestrafen, auch wenn theoretisch unklar bliebe, ob es Schuldfähigkeit überhaupt gibt. In einer Gesellschaft, in der die Menschen weitgehend durch Sachzwänge beherrscht werden und faktisch die Kontrolle über ihr Leben verlieren, liegt ein solches Rechtsverständnis nahe.
Der zugrunde gelegte Naturbegriff ist allerdings, bei aller neurophysiologischen Subtilität, mechanistisch, wogegen der Naturbegriff im Naturrecht ein organisch-teleologischer gewesen ist. Positivismus und Naturalismus tendieren deshalb dazu, den Gegensatz im Verhältnis von Natur und Recht zur Natur hin aufzulösen: Rechtsverbindlichkeit wird wie Naturdeterminismus angesehen. Was eine Analogie war, tendiert zur Identifikation.
Zu Beginn waren zwei Elemente im Verhältnis von Natur und Recht benannt worden: Analogie und Entgegensetzung. In den positivistischen und naturalistischen Strömungen wird dieses Verhältnis auf das Element der Analogie verkürzt. Das andere Element, der Unterschied zwischen Naturgesetz und Rechtsgesetz, war aber die notwendige Bedingung dafür, die Normativität des Rechts nicht nur zu beschreiben, |50|sondern an sie die begründete Forderung zu richten, der vernünftigen menschlichen Freiheit gerecht zu werden.
6. Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Entwicklung des Verhältnisses von Natur und Recht die Geschichte einer kontinuierlichen Abtrennungsbewegung ist. Am Anfang steht die Unmittelbarkeit der Einbindung menschlichen Seins in Naturzusammenhänge, die durch Reflexion und Bearbeitung der Natur sukzessive begrifflich vermittelt wird. Menschliche Ordnungen werden von Naturordnungen unterschieden. Dadurch wird die Möglichkeit vernünftiger Gestaltung gesellschaftlichen Lebens freilich ebenso eröffnet wie die Möglichkeit beliebiger Rechtssetzung (→ IV.5).
Literatur
Aristoteles 42010: Nikomachische Ethik. Hg.: G. Bien. Hamburg.
Haakonssen, Knud [1996] 2012: Natural Law and Moral Philosophy. From Grotius to the Scottish Enlightenment. Cambridge.
Habermas, Jürgen 1992: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt/M.
Hobbes, Thomas [1651] 2011: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Teil I u. II. Hg.: L. R. Waas. Berlin.
Ilting, Karl-Heinz 1978: Naturrecht. In: Brunner, O. et al. (Hg.): Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4. Stuttgart: 245–313.
Kelsen, Hans [1960] 2000: Reine Rechtslehre. Nachdruck d. 2. Aufl.
Köbler, Gerhard 1997: Naturrecht. In: ders. (Hg.): Lexikon der europäischen Rechtsgeschichte. München: 392–393.
Kühl, Kristian 1984: Naturrecht V. Neuere Diskussion. In: Ritter, J./Gründer, K. (Hg.): HWPh, Bd. 6. Basel: Sp. 609–623.
Neumann, Franz [1937] 1967: Der Funktionswandel des Gesetzes im Recht der bürgerlichen Gesellschaft. In: ders.: Demokratischer und autoritärer Staat. Beiträge zur Soziologie der Politik. Frankfurt/M.: 7–57.
Radbruch, Gustav 1946: Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht. In: Süddeutsche Juristenzeitung 1 (5), Aug. 1946: 105–108.
Reichardt, Tobias 2003: Recht und Rationalität im frühen Griechenland. Würzburg.
Siep, Ludwig/Gutmann, Thomas/Jakl, Bernhard/Städtler, Michael 2012 (Hg.): Von der religiösen zur säkularen Begründung staatlicher Normen. Zum Verhältnis von Religion und Politik in der Philosophie der Neuzeit und in rechtssystematischen Fragen der Gegenwart. Tübingen.
Tierney, Brian 1997: The Idea of Natural Rights. Studies on Natural Rights, Natural Law, and Church Law, 1150–1625. Atlanta.
Tuck, Richard [1979] 2012: Natural Rights Theories. Their Origin and Development. Cambridge.
Welzel, Hans 1951: Naturrecht und materiale Gerechtigkeit. Göttingen.
Wieacker, Franz 32016: Privatrechtsgeschichte der Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung. Göttingen.
Wolf, Erik 1984: Naturrecht I. Abriß der Wort-, Begriffs- und Problemgeschichte. In: Ritter, J./Gründer, K. (Hg.): HWPh, Bd. 6. Basel: Sp. 560–563.
[Zum Inhalt]
|51|I.5 Natur und Geschichte
Tobias Cheung
Auf welche Weise gestaltete sich der Übergang von einer statisch-unveränderlichen zu einer geschichtlich-fortschreitenden Naturvorstellung?
In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. kommt es in einem v.a. europäisch geprägten Kontext zu einer Verzeitlichung der eher deskriptiv erschlossenen Ordnungen einer Wissensform, die als Naturgeschichte seit der Antike tradierte Verzeichnisse und Gegenstandsbereiche wie Menschen, Tiere, Pflanzen und Mineralien umfasste. Die tabellarisch und klassifikatorisch ausgerichteten Ordnungen, die mit Carl von Linnés (1707–1778) Systema naturae (1735) entstanden, fügten Gegenstände in statische Weltbilder ein, die eine auf der Erde präsente, aber noch nicht erschlossene Vielfalt von Formen und Dingen repräsentierten, in der sich die Vollkommenheit Gottes spiegelte. Diesen Weltbildern lagen u.a. Kräfte-Gleichgewichte und Prinzipien der Fülle zugrunde, nach denen alles in einer geschaffenen Welt Mögliche auch in Form einer Kette vielfältiger Wesen wirklich geworden ist. Diese Kette wurde oft in Stufenleitern ansteigender Vollkommenheitsgrade angeordnet (vgl. Lovejoy 1936; Müller-Wille 2008).[10]
Der Übergang der Naturgeschichte in eine Geschichte der Natur gehört einer in das 19. Jh. übergehenden Bewegung von Verzeitlichungstendenzen an, deren Wissensbereiche von der Geologie und der Biologie bis zu den Kultur-, Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften reichen. Allgemeines Merkmal dieser Tendenzen ist, dass sie sich von biblischen Zeitschemen lösen und ihren Gegenstandsbereichen spezifische Zeitformen zuweisen, die sich aus dem systemischen Verbund ihrer Bestandteile ergeben (→ I.2). Um die Mitte des 18. Jhs. liegen bereits verschiedene System-Modelle (→ II.8) der Natur vor, deren immanente Prozess-Logik es ermöglichte, Verzeitlichungstendenzen und Entwicklungsschemen an physische Weltgebilde und Körper zu binden. Hierzu gehören Kosmologien und deistische Positionen, die im Rahmen mechanistischer (René Descartes, 1596–1650), neuplatonischer (Ralph Cudworth, 1617–1688), monadischer (Gottfried W. Leibniz, 1646–1716) und physikotheologischer (William Derham, 1657–1735) Entwürfe entstanden (→ I.1). Den verschiedenen System-Modellen war eigen, dass sie ihre Raum- und Zeitformen gemäß bestimmter Prinzipien und Gesetze entfalteten, die selbst keiner Zeitlichkeit unterlagen, aber, je nach Ansatz und Ausgangskonstellation, durch die Dynamik und prozessuale Verknüpfung der Elemente und Bestandteile verschiedene Formen zyklischer und linearer Verzeitlichung in Gang setzen konnten. Von Descartes bis Isaac Newton (1643–1727) |52|ging es etwa darum, Modelle zu finden, die erklären, wie sich gemäß bestimmter physikalisch-mechanistischer Gesetze der Wirbelbildung und der Gravitation Planetensysteme entwickeln.
Diese System-Modelle an Zeitschemen einer Theorie der Erde und der Existenzbedingungen von Organismen zu binden, die, erfahrungswissenschaftlich fundiert, konkrete Datierungen vornehmen und multiple Entwicklungsszenarien und Prognosen in Kombination mit allgemeinen Gesetzen von bestimmten einmaligen historischen Umständen ableiten, bildet das Aufgabenfeld einer diskursiven Konstellation, die in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. entsteht. Mit ihrer Etablierungsphase geht eine intensive Konfliktlage verschiedener zeitlicher Entwicklungsmodelle zwischen Natur- und Sakralgeschichten einher. In seiner Allgemeine[n] Naturgeschichte und Theorie des Himmels (1755) leitete Immanuel Kant (1724–1804), sich an Newton orientierend, die Bildung von Planetensystemen aus „mechanischen Gesetzen“ (1755: Vorrede) ab. Zugleich verwies er aber darauf, dass eine solche Entstehung des „Weltenbaues“ auf einer „Uebereinstimmung“ von Kräften beruhe, deren Ursprung und Planhaftigkeit allein in einem göttlichen Autor und nicht in einer „sich selbst überlassenen Natur“ liegen könne (ebd.). Wer sich einer solchen Notwendigkeit nicht bewusst ist, würde für Kant den antiken Materialismus im Christentum aufleben lassen.
In dem Wissensfeld der Theorien der Erde, das Jean-André Deluc (1727–1817) der Geologie zuordnete (Deluc 1778), bestimmen drei Typen der Verzeitlichung die Diskurslage des Übergangs der Naturgeschichte in eine Geschichte der Natur: Der erste Typ beruht auf einem linearen und in seiner Einmaligkeit nicht mehr wiederholbaren Prozess eines Fortschritts, der sich aus einer spezifischen Anfangskonstellation ergibt – mit oder ohne Fokus auf ein bestimmtes Endziel dieser Entwicklung. Der zweite Typ umfasst zyklische Modelle von Konstellationen, die sich in bestimmten Abfolgen der Entstehung und des Verfalls wiederholen (etwa durch sedimentative Anhäufung und erosive Abtragung). Der dritte Typ geht von einer Abfolge von Systemen aus, die jeweils einmalig sind und durch bestimmte katastrophenartige Ereignisse (etwa durch Sintfluten) zerstört werden. Diese drei Typen finden sich in Georges L.L. de Buffons (1707–1788), James Huttons (1726–1797) und Georges Cuviers (1769–1832) Theorien der Erde und der Erdentwicklung, wobei Buffon das lineare, Hutton das zyklische und Cuvier das Katastrophen-Modell vertritt (vgl. Gould 1988; Gohau 1990; Rudwick 2005; 2008).
Unter diesen drei Modellen nimmt Buffons 1778 in seiner mehrbändigen Histoire naturelle, générale et particulière entworfenes, lineares Zeitschema einer beständig fortschreitenden Entwicklung eine besondere Stellung ein. Das Schema ermöglicht eine Gliederung der Zeit in Epochen, die, aufeinanderfolgend, die Einheit eines historischen Verlaufs charakterisieren, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst und zugleich durch kausale Verkettungen miteinander verbindet. Ein solches Zeitverständnis entspricht formal dem neuen Geschichts-Begriff einer anbrechenden Moderne, die sich in Geschichtswissenschaft, Anthropologie und Kulturwissenschaft artikuliert (vgl. Streisand 1964; Koselleck 1989; Matussek 1998). Des Weiteren bestimmt Buffon seinen Geschichts-Begriff in der Histoire naturelle nach wissenschaftlichen Kriterien und Vorgehensweisen, die er auch allen anderen historischen Wissenschaften zugrunde legt:
|53|„Genau so, wie man in der Zivilgeschichte Dokumente konsultiert, nach Medaillen sucht und antike Inskriptionen dechiffriert, um die Epochen menschlicher Revolutionen zu bestimmen und moralische Ereignisse zu datieren, ist es in der Naturgeschichte notwendig, die Archive der Erde zu durchstöbern, den Eingeweiden der Erde alte Monumente zu entziehen, ihre Überreste zu sammeln und aus ihnen alle Hinweise auf physische Veränderungen, die uns zu den verschiedenen Zeiten der Natur führen, in einem Körper zusammenzufügen.“ (Buffon [1778] 2007: Bd. V, 1193; Übersetzung T.C.)
Nachdem Buffon im ersten Band seiner Histoire naturelle 1749 bereits eine Theorie der Erde entwickelt hatte, die auf Prozessen der Erosion und der Ablagerung beruht, die überall gleichzeitig stattfinden und zu keiner fortschreitenden Geschichte der Entwicklung der Erde führen, datierte er in einem zweiten Entwurf von 1778, den Époques de la Nature, den Beginn der Erde auf ein Ereignis, das in etwa 75.000 Jahre zurückreicht und die Erde aus dem Zusammenstoß eines Kometen mit der Sonne hervorgehen lässt. Die anschließenden sieben „Epochen“ der Erde stellen sich während eines fortschreitenden Abkühlungsprozesses ein. Als Hinweis für diesen Vorgang dienten Buffon u.a. Beobachtungen von Minenarbeitern über ein zum Erdinneren ansteigendes Temperaturgefälle, das für ihn nicht aus Sonneneinstrahlungen, sondern allein aus einer Restwärme im Erdkern resultieren konnte, sowie eigene Versuche über die verschiedenen Abkühlungsphasen erhitzter Metalle. In Buffons Modell nimmt der ausgeschlagene und sich drehende heiße Erdkörper nach dem Zusammenstoß zunächst eine flüssige sphäroide Form an, die sich anschließend in Bergmassiven verhärtet, in denen sich durch Regenfälle Ozeane bilden. In diesen Ozeanen kommt es zur ersten Bildung oder Urzeugung des Lebendigen. Nach dem Erscheinen der Landtiere, die, wie Buffon durch Fossilfunde von Nashörnern und Elefanten zu belegen versuchte, anfangs noch in Breitengraden lebten, in denen zu seiner Zeit bereits ein subarktisches Klima herrschte, beginnt in der siebenten Epoche die Geschichte der Menschen, die allerdings nicht ewig währt (→ III.10). Denn durch die fortgesetzte Abkühlung der Erde folgt aus Buffons Schema, dass es auf lange Sicht hin zu einer globalen Vereisung kommen muss, während der alles Leben vergeht (vgl. Roger 1962; 1989; Rudwick 2005).[11]
Neben Buffons Theorie der Erde finden sich auch in Christoph Gatterers (1727–1799) Abriß der Universalhistorie nach ihrem gesamten Umfange von Erschaffung der Welt bis auf unsere Zeiten (1765) und Johann G. Herders (1744–1803) Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit (1774) Metadiskurse epischen Charakters, die zeitliche Entwicklungen aus einer Vergangenheit heraus in die Gegenwart hinein nachvollziehen und von hieraus in Zukunfts-Szenarien fortsetzen (vgl. Kirchhoff 2005; Gierl 2012). Der Ausdruck Geschichte als Kollektivsingular setzte sich entsprechend im deutschen Sprachraum in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. gegenüber dem der Historie durch, die nur vereinzelte, oft belehrende Berichte umfasste (vgl. Koselleck 1989).
Buffons, Gatterers und Herders Ansätze führen zu neuen Verortungen biblischer Chronologien zwischen einer naturalen und einer spezifisch menschlichen |54|Universalgeschichte, die erst während einer bestimmten Epoche der Natur einsetzt. Ihren Geschichtstheorien liegt ein vierschichtiges Problemfeld zugrunde, nämlich erstens naturale, soziale und politische Zeitmaße und Zeiteinheiten neu definieren, zweitens absolute Anfänge und Endstadien setzen, drittens zwischen universalistisch-determinierten und kontingenten Ereignissen unterscheiden und viertens das Verhältnis zwischen naturaler und menschlicher Geschichte bestimmen zu müssen. Während es in Buffons Theorie der Erde zu einem kontinuierlichen und unumkehrbaren universalen Abkühlungsprozess kommt, in dessen Strudel alle Ereignisse und Akteure fallen, kreist Herders Philosophie der Geschichte um einen Humanitätsbegriff, demgemäß sich die Geschichte der Völker und Nationen als Geschichte der Entfaltung der Vernunft des Menschen (→ II.11) verwirklicht. Gatterer konstruierte die Abfolgen der verschiedenen Epochen nicht im Rahmen einer Historie als magistra vitae, sondern ging von einer Verkettung einmaliger Ereignisse aus, die zunächst nur über die spezifische Ordnung ihrer Historizität Auskunft geben. Gegenüber Buffon und Herder vertrat er ein Geschichtsverständnis, das sowohl auf die Offenheit zukünftiger Entwicklungen als auch auf das Problem der Perspektivität hinweist, das jeder Geschichtsschreiber als Konstrukteur eines universalen Ordnungsschemas aus Einzelgeschichten zu berücksichtigen hat.
Durch den systematischen, zusammenfassenden Charakter der neuen Geschichts-Modelle lassen sich komplexe Konstellationen von Ereignissen und Dingen in ein einheitliches raum-zeitliches Entwicklungsschema einordnen. Dieses Reduktionspotenzial der Geschichts-Modelle reagiert auf eine diskursive Konstellation nach 1750, die sich durch beschleunigte Wandlungs- und Differenzierungsprozesse tradierter Wissensbereiche auszeichnet, die u.a. aus erweiterten Handelsbeziehungen, Reiseberichten, Quellenfunden und Übersetzungen hervorgehen (vgl. Lepenies 1976). Als Historiker verband Gatterer Chronologie, Geographie, Kartographie, Statistik und Meteorologie zu einer Universalgeschichte, deren einzelne Epochen durch eine Kette von Revolutionen ineinander übergehen. Er hielt es jedoch für angemessen, nicht von Buffons tiefer geologischer Zeit – da sie sich für ihn noch dem Zugriff präziser Wissenschaft entzog –, sondern von einem absoluten Schöpfungstermin der Erde auszugehen, der in etwa 6.000 Jahre vor der Gegenwart lag und mit bestimmten Modellen mosaischer Zeitrechnung vereinbar war (vgl. Gierl 2012) (→ II.2).
Buffon hatte in seine tiefe Zeit nicht nur eine Geschichte der Erde, sondern auch eine Geschichte des Lebendigen eingearbeitet, die bereits mit der Entstehung der Ozeane beginnt und in der die Geschichte der Menschen nur eine relativ kurze Phase einnimmt. Nachdem er schon 1753 im vierten Band der Histoire naturelle in seinen Arbeiten über domestizierte Tiere (→ IV.5) begonnen hatte, Linnés Taxonomie in eine Geschichte der „Degeneration“ von „allgemeinen Prototypen“ zu überführen, die sich durch verschiedenste äußere Umstände während eines fortschreitenden zeitlichen Prozesses in Variationen differenzieren, übertrug er dieses Modell 1778 in die Époques de la nature seiner Erdgeschichte: In dieser Geschichte gehen die ersten lebendigen Körper aus besonderen „organischen Molekülen“ und einer sich in diesen Körper bildenden „inneren Form“ (moule intérieure) hervor (vgl. Rheinberger 1990). Diese innere Form bestimmt in der nachfolgenden Entwicklung der Erde die „Art“ eines Lebewesens, die, |55|je nach der Stärke und der Dauer sich wandelnder Umstände – etwa des Klimas oder der Ernährung –, in „Variationen“ und, bei über einen längeren Zeitraum konstanten Bedingungen, in stabilere historische Linien transformiert (→ II.10). Allerdings ging Buffon davon aus, dass äußere Umstände die ursprüngliche „innere Form“ nicht in eine gänzlich neue Form überführen können. Ein Pferd bleibt seiner „inneren Form“ nach für Buffon immer ein Pferd.
Buffons Theorie der natürlichen Entstehung der Arten schreibt sich in einen Diskurs der Präformation und der Epigenesis von Entwicklungsmodellen organisierter Körper ein, der von William Harvey (1578–1657) und Jan Swammerdam (1637–1680) über Pierre L. Moreau de Maupertuis (1698–1759), John T. Needham (1713–1781) und Charles Bonnet (1720–1793) bis zu Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829) und Georges Cabanis (1757–1808) reicht (vgl. Corsi 1989; Roger 1993; Cheung 2005). Während die Präformationisten von göttlich geschaffenen, keimartigen Entitäten ausgingen, in denen bereits alle Teile und Formen des ausgewachsenen Körpers im Kleinen eingewickelt vorhanden sind – so dass jede Entwicklung nur eine Form der Entfaltung bereits bestehender Ordnungen war –, vertraten die Epigenetiker die Ansicht, dass organische Körper während der Zeugung und der Embryonalentwicklung erst aus einem Prozess der Zusammenfügung und der Differenzierung verschiedener Einzelteile hervorgehen. Epigenetische Ansätze flossen in materialistische Bewegungen – etwa der sog. französischen Ideologen um Antoine Destutt de Tracy (1754–1836) – ein, in denen es nicht nur um die spontane Urzeugung des Lebendigen, sondern auch um die Naturalisierung der Entwicklung der reflexiven Fähigkeiten des Menschen ging (vgl. Moravia 1974).
Buffon entpackte die „kaum mehr überschaubare Vielfalt“ der Tierwelt in den 36 Bänden seiner Histoire naturelle, die von 1749 bis zu seinem Tod 1788 erschienen. Durch sein Modell, die Natur selbst zur Produzentin einer beständig fortschreitenden Geschichte zu machen, stellt sein Ansatz einen zentralen Angelpunkt des Übergangs der klassischen Naturgeschichte in eine Geschichte der Natur dar. An die Stelle von Verzeichnissen oder Katalogen, die Dinge, ohne ihre Zeitlichkeit zu berücksichtigen, in eine Taxonomie oder eine Stufenfolge von Vollkommenheitsgraden einordnen, tritt eine sich in ihrer gesetzhaften Wirkweise gleichbleibende Natur, die durch Verkettungen einmaliger, kontingenter Umstände einen Prozess der Veränderung und der materiellen Produktion von Differenzen durchläuft, dessen Zeitform unumkehrbar von der Vergangenheit in die Zukunft fortschreitet (→ II.4). Durch Buffons Histoire naturelle wird damit eine Tendenz sichtbar, in deren Horizont ein Transformismus steht, der, etwa in Form darwinistisch geprägter Evolutionstheorien, die Entstehung der einzelnen Arten nicht mehr auf eine einmal entstandene, unveränderbare innere Form, sondern auf einen im Prinzip offenen, neue Arten hervorbringenden zeitlichen Prozess der Diversifizierung durch natürliche Selektion und differentielle Reproduktion zurückführt (vgl. Lefèvre 1984) (→ I.7).
|56|Literatur
Bowler, Peter J. 1976: Fossils and Progress: Palaeontology and the Idea of Progressive Evolution in the Nineteenth Century. New York.
Buffon, Georges L.L. de [1749–1789] 2007ff.: Œuvres complètes. Hg.: S. Schmitt/C. Crémière. Paris.
– [1749–1789] 2008: Allgemeine Naturgeschichte. Modernisierter Nachdruck der siebenbändigen Berliner Ausgabe in einem Band. Frankfurt/M.
Cheung, Tobias 2005: Charles Bonnets Systemtheorie und Philosophie des Organischen. Frankfurt/M.
Collingwood, Robin G. [1945] 1960: The Idea of Nature. London.
Corsi, Pietro 1989: The Age of Lamarck. Evolutionary Theories in France, 1790–1830. Berkeley.
Gierl, Martin 2012: Geschichte als präzisierte Wissenschaft: Johann Christoph Gatterer und die Historiographie des 18. Jahrhunderts im ganzen Umfang. Freiburg.
Gohau, Gabriel 1990: Une histoire de la géologie. Paris.
Gould, Stephen J. 1988: Time’s Arrow, Time’s Cycle: Myth and Metaphor in the Discovery of Geological Time. Cambridge/MA.
Hübner, Wolfgang 2002: Der descensus als ordnendes Prinzip in der ‚Naturalis historia‘ des Plinius. In: Meier, C. (Hg.): Die Enzyklopädie im Wandel vom Hochmittelalter bis zur frühen Neuzeit. München: 25–41.
Kirchhoff, Thomas 2005: Kultur als individuelles Mensch-Natur-Verhältnis. Herders Theorie kultureller Eigenart und Vielfalt. In: Weingarten, M. (Hg.): Strukturierung von Raum und Landschaft. Konzepte in Ökologie und der Theorie gesellschaftlicher Naturverhältnisse. Münster: 63–106.
Koselleck, Reinhart [1989] 42000: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt/M.
Laurent, Goulven 1987: Paléontologie et évolution en France, 1800–1860. Histoire des idées de Cuvier-Lamarck à Darwin. Paris.
Lefèvre, Wolfgang [1984] 2009: Die Entstehung der biologischen Evolutionstheorie. Frankfurt/M.
Lepenies, Wolf 1976: Das Ende der Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts. München.
Lovejoy, Arthur O. [1936] 1971: The Great Chain of Being. A Study of the History of an Idea. Cambridge/MA.
Matussek, Peter (Hg.) 1998: Goethe und die Verzeitlichung der Natur. München.
Moravia, Sergio 1974: Il pensiero degli idéologues. Scienza e filosofia in Francia (1780–1815). Florenz.
Müller-Wille, Staffan 2008: Naturgeschichte. In: Jaeger, F. (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 8. Stuttgart: 1175–1196.
Rheinberger, Hans-Jörg 1990: Buffon: Zeit, Veränderung und Geschichte. In: History and Philosophy of the Life Sciences 12: 203–223.
Roger, Jacques [1962] 1988: Buffon. Les époques de la nature. Paris.
– 1989: Buffon, un philosophe au jardin du roi. Paris.
– 1993: Les sciences de la vie dans la pensée française du XVIIIe siècle. Paris.
Rudwick, Martin J.S. 2005: Bursting the Limits of Time. The Reconstruction of Geohistory in the Age of Revolution. Chicago.
– 2008: Worlds Before Adam. The Reconstruction of Geohistory in the Age of Reform. Chicago.
Streisand, Joachim 1964: Geschichtliches Denken von der deutschen Frühaufklärung bis zur Klassik. Berlin.
[Zum Inhalt]
|57|I.6 ‚Kampf‘ um die Naturphilosophie
Kristian Köchy
Wer sich mit Naturphilosophie beschäftigt, der sieht sich verpflichtet, Rechenschaft darüber abzulegen, welches Anliegen er aus welchen Gründen, mit welchen Mitteln und mit welchen Zielen verfolgt. Diese Fragen sind alt, die Antworten auf sie unterliegen jedoch stets neuen historischen Bedingungen. Heute fallen Antworten darauf nicht leicht, obwohl oder gerade weil sich die Debatte in bereits etablierten Bahnen bewegt. Die Art und Weise, wie wir über Möglichkeit und Grenzen von Naturphilosophie nachdenken – welche Wege und Verfahren uns als gangbar gelten und welche nicht (→ I.8) – ist Resultat früherer Entwicklungen und Entscheidungen. Bestimmte naturphilosophische Träume scheinen uns ausgeträumt, manche Ansätze gelten als selbstverständlich, andere als abwegig. Will man verstehen, was Naturphilosophie heute ist oder sein kann, ist man somit gut beraten, die geschichtliche Herkunft aktueller Positionen zu beachten. Dieses soll im Folgenden am Beispiel eines zentralen Fragenkomplexes geschehen: der Frage nach dem Verhältnis von Naturphilosophie zu Naturwissenschaft bzw. Wissenschaftsphilosophie. Die heutigen Standpunkte hierzu werden sich als Erben eines historischen ‚Kampfes um die Naturphilosophie‘ erweisen. Dieser wurde besonders markant im deutschen Sprachraum seit dem ausklingenden 18. Jh. geführt. Die folgende historische Rekonstruktion in systematischer Absicht kann deshalb als pars pro toto stehen.
1. Ausgang von Schelling
Ein zentraler Ausgangs- und Scheidepunkt für heutige Ansätze ist – neben der Naturphilosophie Hegels – insb. die romantische Naturphilosophie. Seither sind nahezu alle Versuche, Naturphilosophie als philosophische Disziplin zu etablieren, in Anlehnung an oder in Abgrenzung zur romantischen Vorgabe erfolgt:
„Der Name Naturphilosophie […] besitzt einen üblen Klang. Er erinnert an eine geistige Bewegung, welche vor hundert Jahren in Deutschland herrschend war; ihren Führer hatte sie in dem Philosophen Schelling […]. So ist denn die Zeit der Naturphilosophie als eine Zeit tiefen Niedergangs deutscher Naturwissenschaft bekannt, und es erscheint als ein vermessenes Unternehmen […] unter dieser verrufenen Flagge segeln zu wollen.“ (Ostwald 1902: 1–3)
„Nachdem die Naturphilosophie in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Form der romantischen Naturphilosophie für kurze Zeit eine dominierende Stellung erreicht hatte, erlebte sie als philosophische Disziplin einen raschen Niedergang. Der entscheidende Grund dafür ist |58|die geradezu verhehrende [sic!] Einschätzung, die die romantische Naturphilosophie im Urteil des überwiegenden Teils der Naturwissenschaftler […] fand.“ (Bartels 1996: 11)
„[D]ie heutige Naturphilosophie [setzt] voraus, dass Erkenntnis über die Natur nur mit Hilfe der Naturwissenschaften gewonnen werden kann. Hierin unterscheidet sich die zeitgenössische Naturphilosophie insbesondere von der Naturphilosophie der Romantik.“ (Esfeld 2002: 8; Esfeld 2011: 10)
Maßgeblich für die romantische Naturphilosophie ist nach Lesart der Nachfolger das Programm von Friedrich W.J. Schelling (1775–1854). Dessen Grundannahmen werden in Schellings Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie deutlich. Wichtig ist, dass Schelling seine Naturphilosophie hier nicht nur als Ergänzung zur Erkenntnistheorie legitimiert, sondern auch ins Verhältnis zu den Naturwissenschaften setzt. Naturphilosophie und Naturwissenschaft haben demnach ihre Orientierung an der Natur gemeinsam, stehen auf „gleichem Standpunkt“ und wollen alles aus Naturkräften erklären. Die Naturphilosophie soll jedoch die Natur als selbständige Instanz würdigen, die ihre eigene Ursache ist (causa sui). So ist die Naturphilosophie zwar wie die Physik realistisch, zielt aber auf einen anderen Bereich der Natur. Ihr geht es um die originären Prinzipien und Bildungskräfte. Sie wird zur „spekulativen Physik“. Eine Schlüsselstelle in Schellings Text (Schelling [1799] 1927: 274f.) belegt den damit aufbrechenden Graben zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaft. Bildhaft ist er durch die Gegenüberstellung von Oberflächen- und Tiefenanalyse zum Ausdruck gebracht. Während sich die naturwissenschaftliche Untersuchung auf die Oberfläche einzelner Ursache-Wirkungs-Beziehungen richtet, zielt Naturphilosophie auf das „innere Triebwerk“ der Natur, die ursprünglichen Bewegungsursachen bzw. den letzten „Bewegungs-Quell“ und damit auf dasjenige, „was an der Natur nicht-objectiv ist“.
2. ‚Kampf‘ gegen die Naturphilosophie
Damit ist nicht nur eine Abgrenzung der Philosophie der Natur von der Philosophie des Wissens vollzogen, sondern auch eine deutliche Grenze zur Naturwissenschaft markiert. Diese Naturphilosophie hatte zwar wegen ihrer Öffnung gegenüber naturwissenschaftlichen Themen und der Betonung der Selbständigkeit der Natur einige Anhänger, die meisten Naturwissenschaftler jedoch blieben von Anfang an skeptisch oder haben sie nach anfänglicher Euphorie vehement abgelehnt.
Für Hermann von Helmholtz (1821–1894) hat diese Naturphilosophie dazu geführt, dass die Naturforscher ihre Arbeit von philosophischen Einflüssen frei halten wollten (Helmholtz [1862] 1968: 8f.). Viele verdammten „alle Philosophie nicht nur als unnütz, sondern selbst als schädliche Träumerei“. Auch Helmholtz, der auffordert, die Natur gewissenhaft zu erforschen, lehnt den „kühnen Icarusflug der Speculation“ ab. Diese Kritik an der Naturphilosophie betrifft v.a. deren spekulative, assoziative und empirieferne Tendenz. Auch wenn es gemäßigte Stimmen gibt, etwa Carl G. Carus (1789–1869), der überzeugt ist, dass Beobachtung und Spekulation nicht getrennt werden können (Carus [1822] 1986: 14f.), oder Ernst Haeckel (1834–1919), |59|der die Bedeutung naturphilosophischer Vorannahmen für die Naturwissenschaft betont (Haeckel [1877] 1924: 144f.), so ist doch die Ablehnung der Naturphilosophie vorherrschend (vgl. Schlüter 1985). Emil Du Bois-Reymond (1818–1896) etwa grenzt die Tugenden des Experimentators und Beobachters gegen die „unter dem Namen der Naturphilosophie bekannte Verirrung der deutschen Wissenschaft“ ab (Du Bois-Reymond [1890] 1912: 421) und Rudolf Virchow (1821–1902) kritisiert deren „labyrinthische […] Ideengänge“, „kunstvolle Phraseologie“ sowie das „Dunkle und Unverstandene“ in ihr (Virchow 1893: 20).
Die Frontlinien dieses Kampfes gegen die Naturphilosophie, v.a. aber die herrschende Unversöhnlichkeit, demonstriert der Angriff von Matthias J. Schleiden (1804–1881). Bei ihm werden wesentliche Aspekte und Vorgaben aller späteren Konfliktlinien und Abgrenzungen erkennbar, wenn er zwei methodische Ansätze unterscheidet (Schleiden [1844] 1988: 18–22): Die Naturphilosophie nach Art von Schelling folge der dogmatischen Methode und tue so, als ob sie schon alles wisse. Von ihren Schülern verlange sie keinen anderen Grund zur Annahme von Überlegungen, als eben das Wort des Lehrers. Die Naturwissenschaft hingegen folge der kritischen Methode der Induktion und bescheide sich, noch wenig zu wissen. Die Schüler sollen im eignen Geiste und in der Natur nach Antworten suchen. Die Naturwissenschaft strebt nach Gewissheit und garantiert neben der Freiheit des Forschens einen kontinuierlichen Fortschritt. Schleiden ist überzeugt: Würden alle Wissenschaftler diesem Ansatz folgen, wären keine revolutionären Brüche mehr zu befürchten; alle wissenschaftliche Entwicklung würde sich in friedliche Reformen verwandeln, bei denen bisherige Bestände erhalten blieben. Die angeblich vollendeten Wissenssysteme der Naturphilosophie würde man zwar einbüßen, dafür aber einen kontinuierlich wachsenden Bestand überprüfbaren Wissens gewinnen.
Da es insb. in der Biologie keinen Konsens über Aufgaben und Methoden gibt, droht v.a. ihr ein naturphilosophischer Dogmatismus. Deshalb nimmt in ihr die Auseinandersetzung den Zug eines unversöhnlichen „Kampfes“ an. Diesen kann man nur gewinnen, wenn „diejenigen, die den richtigen Gesichtspunkt einmal erfasst haben, fest zusammenhalten und sich mit allem Ernst den lästig sich aufdrängenden dogmatisirenden Träumereien widersetzen“ (ebd.: 21). Ein Sieg ist erst „mit der völligen Vernichtung und Ueberwindung“ derjenigen Positionen erreicht, die „dem Dogmatisiren in Philosophie und Naturwissenschaft“ (ebd.: 22) das Wort reden.
3. Metaphysische und kritische Naturphilosophie
Dass mit diesen Überlegungen spätere Oppositionen vorgezeichnet sind, zeigt die klassifizierende Bestandsaufnahme von Carl Siegel (1872–1943) in seiner Geschichte der Deutschen Naturphilosophie (1913: VI f.). Nach Siegel muss Naturphilosophie, „wenn anders die Bezeichnung nicht völlig unpassend gewählt sein soll“, eine Philosophie der Natur sein. Ein Problem ergibt sich, wenn die in Frage stehende Philosophie zugleich selbst Wissenschaft sein will. Dann ist ihr Verhältnis zu den Naturwissenschaften zu klären, denn nun gibt es zwei miteinander konkurrierende wissenschaftliche |60|Zugänge zur Natur. Eine Lösung böte die Annahme, Naturphilosophie sei nur so lange legitim, wie es noch keine ausformulierte Naturwissenschaft gebe. Diese Auffassung von Naturphilosophie als Vorform der Naturwissenschaft wird jedoch der zeitgenössischen Bedeutung von Naturphilosophie nicht gerecht, weshalb Siegel versucht, Naturphilosophie nicht nur als mögliche Erweiterung naturwissenschaftlicher Arbeit auszuweisen, sondern als deren notwendige Ergänzung.
Angesichts überschneidender Aufgaben ist die Sonderstellung von Naturphilosophie neu zu begründen. Es bleiben zwei logische Optionen: Entweder müssen die Unterschiede den Gegenstand betreffen oder aber die Methode. Diese Möglichkeiten sind in den Ansätzen der metaphysischen und der kritischen Naturphilosophie verwirklicht. Erstere hat wie die Naturwissenschaft Natur zum Gegenstand, erfasst diese jedoch mit anderen Methoden. Letztere unterscheidet sich nicht im Verfahren, sondern durch den Gegenstand von der Naturwissenschaft. Sie thematisiert Natur nicht direkt, sondern vielmehr die Naturwissenschaft und wird zu deren logischem Gewissen. Als Wissenschaftsphilosophie betrachtet sie „Grundlagen, Methoden und Ziele der Naturwissenschaft“.
Damit ist treffend das Verständnis von Naturphilosophie ‚in den Grenzen‘ der Naturwissenschaft charakterisiert. Diese Grenzziehung zwischen Metaphysik und Wissenschaftskritik prägt die Debatten im 20. Jh. (→ I.9). Über die Abgrenzungskriterien der Logischen Empiristen hat sie enormen Einfluss auf die heutige Debatte gewonnen. Bewertet man, wie diese, die metaphysische Variante als nicht gangbaren Weg, dann können zwar in theoretischer Hinsicht immer noch verschiedene Naturphilosophien ausgewiesen werden, alle jedoch verbleiben in den Grenzen naturwissenschaftlicher Welterfassung.
4. Naturphilosophie als Allgemeinste Naturwissenschaft
Wieder zu Ehren gekommen ist der Name ‚Naturphilosophie‘ v.a. durch Wilhelm Ostwald (1853–1932). In seinen Vorlesungen über Naturphilosophie (1902: 1–13) hebt auch er den negativen Einfluss Schellings hervor, hält jedoch die Konsequenz, wegen der Gefahren der spekulativen Naturphilosophie eine „antiphilosophische“ Haltung einzunehmen, für falsch. Naturforscher würden vielmehr im Laufe ihrer Arbeit notwendig auf die gleichen Fragen stoßen wie Philosophen. Im Unterschied zum romantischen Ansatz folgt jedoch die neue „Philosophie eines Naturforschers“ nicht mehr dem Anspruch, ein geschlossenes System aufzubauen. Wie Schleiden betont auch Ostwald, Naturphilosophie müsse sich am Beispiel der Naturwissenschaften orientieren und Wissen in langsamem Fortschreiten und gemeinsamer Arbeit festigen. Dabei kann die Übereinstimmung von Denken und Welt nicht vorausgesetzt werden; erst die Beeinflussung des geistigen Lebens durch die äußeren Dinge führt zu Übereinstimmung. Nicht aus dem Denken ist Erfahrung abzuleiten, sondern aus der Erfahrung das Denken. Naturphilosophie ist so eine Zusammenfassung der erkannten allgemeinen Verhältnisse der Natur aus geprüftem Material. Der später von Karl R. Popper (1902–1994) betonten Tatsache, dass scheinbar neutrale Beobachtungen von |61|theoretischen Vorannahmen infiltriert sind (Popper [1935] 1994: 75), begegnet Ostwald durch ein Bild, das die Vorläufigkeit allen Wissens und den ‚schwankenden Boden‘ jeder Theorie zum Ausdruck bringen soll: Wie bei der Überquerung eines Sumpfes entsteht wissenschaftlicher Fortschritt über vorläufige und zu verbessernde Hilfskonstruktionen. Naturphilosophie und Naturwissenschaft verbindet der Verzicht auf absolute Gewissheit und die Beschränkung auf nützliche Erklärungen. Der zu erreichende Grad an Wahrscheinlichkeit ist allerdings in der Philosophie stets geringer als in der Naturwissenschaft.
Im Grundriß der Naturphilosophie (1908: 9–18) erweitert Ostwald dieses Konzept. Man darf demnach auf bleibende Ergebnisse der neuen Naturphilosophie hoffen, weil diese auf „breitester erfahrungsmäßiger Unterlage“ aufbaut, während die alte „bald in uferlose Spekulation endete“. Das bisherige Systemanliegen sei damit in ein Methodenanliegen transformiert. Erfolgreiche Philosophie übernimmt die wissenschaftliche Methode, „welche ihre Probleme aus der Erfahrung und für die Erfahrung nimmt und zu lösen versucht.“ Jede Wissenschaft zielt auf Verallgemeinerung; Naturphilosophie ergänzt wissenschaftliche Ansätze durch noch allgemeinere Zusammenfassungen und ist so allgemeinster Teil der Naturwissenschaft. Die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Naturphilosophie verschwimmt damit zwar, doch das Fehlen eindeutiger Abgrenzung ist unproblematisch, weil Abgrenzungen lediglich denkökonomische Akzentuierungen sind, um die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen ordnend zu beherrschen. Ebenso ist die Vorläufigkeit des Wissens unproblematisch und kein Argument gegen dessen Wirksamkeit, denn das Wissen schreite fort – allerdings nicht in einer linearen Kette der Akkumulation, sondern nach Art eines „Netzes“ von Beziehungen, die die größten und umfassendsten Geister der Menschheit miteinander verbinden. Der Inhalt des Wissens nimmt zu und die Form seiner Darstellung und Zusammenfassung ändert sich. Insbesondere die Darstellung der Wissenschaft ist geprägt durch den „naturphilosophischen Bestandteil“.
5. Naturphilosophie als logisches Gewissen der Naturwissenschaft
Dass sich eine solche Naturphilosophie in den Grenzen naturwissenschaftlichen Wissens immer weiter auf das von Siegel (1913) benannte Ziel zubewegt, nur noch logisches Gewissen der Naturwissenschaft und so Wissenschaftstheorie zu sein, belegt der Logische Empirismus. Aufschlussreich ist, dass hier überhaupt noch von ‚Naturphilosophie‘ die Rede ist. Hatte doch Rudolf Carnap (1891–1970) in Die Aufgabe der Wissenschaftslogik ([1934] 1992: 91f.) programmatisch erklärt, neben naturwissenschaftlichen Sätzen könne es keine eigenständigen naturphilosophischen Sätze mehr geben, und Hans Reichenbach (1891–1953) in Neue Wege der Naturphilosophie ([1931] 2000: 175) keinen Unterscheid zwischen Naturphilosophie und Naturwissenschaftsphilosophie mehr anerkannt. Diese neue Naturphilosophie proklamiert zwar den Verzicht „auf jede bewußte Anknüpfung an historische Vorgänger“, wird aber gerade in dieser abwehrenden Haltung als Erbe des ‚Kampfes‘ gegen die Naturphilosophie erkennbar. Die Naturphilosophie Reichenbachs soll dort an den Produkten des |62|Denkens ansetzen, wo sie am weitesten entwickelt sind, also an naturwissenschaftlichen Theorien. Sie ist explizit Erkenntnistheorie der Naturwissenschaften.
Wie die Beziehungen von Naturphilosophie und Naturwissenschaft bei diesen Vorgaben aussehen, zeigt Moritz Schlicks (1882–1936) Philosophy of Nature (1949). Auch er fragt nach der Funktion von Naturphilosophie: Für manche besteht diese in der Synthese naturwissenschaftlichen Wissens. Naturphilosophie soll ein geschlossenes Bild der Natur vermitteln. Andere verstehen Naturphilosophie als epistemologische Rechtfertigung naturwissenschaftlichen Wissens. Nach Schlick aber sind beide Auffassungen falsch. Die Forderung nach systematischer Einheit ist nicht einlösbar, denn für sie müsste man einen höheren Standpunkt einnehmen, von dem aus die Deduktion einzelner Befunde erfolgte. Diese deduktive Forderung widerspricht den Vorgaben des Induktivismus; weder Naturwissenschaft noch Naturphilosophie können den gegenwärtigen Stand empirischen Wissens übersteigen. Auch die kritische Prüfung wissenschaftlicher Erkenntnis ist nicht Aufgabe der Naturphilosophie, denn diese übernimmt die Naturwissenschaft selbst. Welche Funktion kann Naturphilosophie dann noch haben? Für Schlick dient sie dazu, die „Bedeutung“ naturwissenschaftlicher Hypothesen zu klären. Damit hat allein die Naturwissenschaft eine Erklärungsfunktion für Natur, während die Philosophie auf Sinnfragen beschränkt ist. Sie hat lediglich interpretierende Aufgaben, die zudem ins zweite Glied rücken: Es geht nicht mehr wie noch bei Francis Bacon (1561–1626) um eine Interpretation von Natur, sondern lediglich um eine Interpretation naturwissenschaftlicher Interpretationen von Natur. Naturphilosophie ist keine exakte Wissenschaft, ihr Ansatz setzt eher auf Verstehen. Ihre Funktion ist es, die Bedeutung von systematischen Allaussagen über die Natur, also von Naturgesetzen, aufzudecken. Allein die Naturwissenschaft kann legitime Aussagen über Objekte der äußeren Erfahrung machen, nur sie über die Grenzen des Sprachuniversums hinausgreifen.
6. Naturphilosophie als Optimierung der Naturwissenschaft
Eine praktisch-methodische Variante dieser theoretisch-logischen Überlegung liefert Hugo Dingler (1881–1954) in seinen Grundlagen der Naturphilosophie (1913). Auch er setzt auf die Leitfunktion der exakten Naturwissenschaften; sie sind das Vorbild, an dem sich lebenspraktische Erkenntnis zu orientieren hat. Auch die auf dieser Basis konzipierte Naturphilosophie verbleibt in den Grenzen der Naturwissenschaft. In Dinglers Geschichte der Naturphilosophie (1932: 1) heißt es: „Vom streng systematischen Gesichtspunkt aus gibt es kein besonderes Gebiet, das als Naturphilosophie betrachtet werden müßte. Denn alle strengen philosophischen Aussagen müssen, ebenso wie alle strengen wissenschaftlichen Aussagen überhaupt, dem Gesamtsystem der rationalen Erkenntnisse angehören“. Dinglers Programm stimmt insofern mit dem Neopositivismus überein, als alle Erkenntnis schließlich auf Logik reduziert werden soll. Es weicht jedoch von der Methodologie der Neopositivisten insofern ab, als Naturphilosophie nicht mehr bloß Sprachphilosophie ist. Sie hat nun die Aufgabe, bestehende Praxen der Naturwissenschaften von zwei Standpunkten aus zu analysieren und zu |63|optimieren: In „allozentrischer“ Weise betrachtet sie die Naturwissenschaft aus einer Außenperspektive, wie diese ihren Gegenstand, um so die typischen Vollzüge exakter wissenschaftlicher Arbeit zu erfassen. In „egozentrischer“ Position wird eine Innenperspektive ergänzt, indem sich der Naturphilosoph die Frage stellt, wie er selbst vorginge, hätte er exakt zu arbeiten. Naturphilosophie ist so gleichermaßen erklärende Erkenntnistheorie wie Heuristik der Naturwissenschaften.
Diese Optimierung erfordert eine intensive Wechselbeziehung: Die exakten Anteile der Naturwissenschaft dienen als Modell und Prüfstein des Optimierungsverfahrens. Die Naturphilosophie fungiert als Korrektiv und Motor des Entwicklungsprozesses. Diese zirkuläre Wechselbeziehung ist die treibende Kraft des Fortschritts der Wissenschaft vom experimentellen zum theoretischen Stadium. Aus einem anfänglichen Sammelsurium von Beobachtungen entsteht ein System wissenschaftlichen Wissens. Die Beseitigung nicht-logischer Anteile deutet Dingler in Analogie zur Evolution: In der Methode des blinden Versuchs werden bestimmte Fundamentalaussagen als Basis des Wissenssystems angenommen; sie müssen lediglich alle bekannten Beobachtungsdaten erklären können; über die Methode der Kritik erfolgt dann die Selektion mit dem Ziel, ein kohärentes Wissenssystem zu erzeugen.
7. Naturphilosophie jenseits der Grenzen der Naturwissenschaft
Der von Siegel (1913) benannte „metaphysische“ Strang der Naturphilosophie ist heute durch die vehemente Metaphysikkritik der Neopositivisten eher randständig, der Sache nach jedoch weiter präsent. Zwar gilt die Suche nach möglichst metaphysikarmen Ansätzen als Gütekriterium, jedoch könnte die ablehnende Haltung zur Metaphysik innerhalb der Wissenschaftsphilosophie, berücksichtigt man die Einsichten von Popper, Thomas S. Kuhn (1922–1996), Imre Lakatos (1922–1974) oder Paul Feyerabend (1924–1994), auch weniger kategorisch ausfallen. Zumal naturwissenschaftliche Programme in ihrem ‚harten Kern‘ selbst metaphysische Überzeugungen tragen. So überrascht es wenig, wenn der aus der Wissenschaftstheorie stammende Feyerabend (2009) selbst eine Naturphilosophie vorlegt. Zudem sind alle über den engeren wissenschaftsphilosophischen Rahmen hinausgehenden Ansprüche und Agenden – etwa Naturphilosophie solle die Einbindung der Wissenschaften in die Lebenswelt garantieren, sie leiste eine Reflexion über die Grenzen der Wissenschaft (Esfeld 2002: 127ff.) oder sie solle wissenschaftsphilosophische Reflexion mit kulturellen Aufgaben verbinden (Bartels 1996: 21) – kaum von einer Naturphilosophie zu erwarten, deren Ansatz, Methode und Möglichkeiten in den Grenzen der Naturwissenschaft verbleiben.
Deshalb erlebt die metaphysische Naturphilosophie einen Aufschwung (Nagel 2012). Das zeigt auch die wachsende Aufmerksamkeit für das kulturphilosophische und anthropologische Programm der Naturphilosophie von Helmuth Plessner (1892–1985). Dessen Stufen des Organischen und der Mensch (1928) sind zwar wissenschaftsnah, kritisieren aber die methodologischen Auswirkungen des cartesianischen Dualismus als einseitige Methodenprogramme der mathematisch-mechanischen |64|Naturwissenschaft oder der introspektiv-hermeneutischen Geisteswissenschaft. Ergänzend zur kulturwissenschaftlichen Analyse fordert Plessner eine Ableitung des Menschen aus der Natur. Ziel ist es, die Daseinsweise der Lebendigkeit (→ II.10), die den Menschen mit den übrigen Lebewesen verbindet, zur Grundlage der Philosophischen Anthropologie (→ II.11) zu machen. Während die Naturwissenschaft Philosophie nur in Form von Logik oder Methodologie benötige, brauche die Geisteswissenschaft Naturphilosophie: „Ohne Philosophie des Menschen keine Theorie der menschlichen Lebenserfahrung in den Geisteswissenschaften. Ohne Philosophie der Natur keine Philosophie des Menschen“ (Plessner [1928] 2003: 63). Diese Naturphilosophie auf phänomenologischer und leibphilosophischer Grundlage (→ III.1) steht zwar in Differenz aber nicht in Feindschaft zur Naturwissenschaft und hat in Hans Jonas (1903–1993) oder Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) bedeutende Nachfolger.
Literatur
Bartels, Andreas 1996: Grundprobleme der modernen Naturphilosophie. Paderborn.
Carnap, Rudolf [1934] 1992: Die Aufgabe der Wissenschaftslogik. In: Schulte, J./McGuinness, B. (Hg.): Einheitswissenschaft. Frankfurt/M.: 90–117.
Carus, Carl G. [1822] 1986: Von den Anforderungen an eine künftige Bearbeitung der Naturwissenschaften. In: ders.: Zwölf Briefe über das Erdleben. Hg.: E. Meffert. Stuttgart: 12–20.
Dingler, Hugo 1913: Grundlagen der Naturphilosophie. Leipzig.
– 1932: Geschichte der Naturphilosophie. Berlin.
Du Bois-Reymond, Emil [1890] 1912: Naturwissenschaft und bildende Kunst. In: Reden von Emil du Bois-Reymond in zwei Bänden, Bd. 2. Hg.: Estelle Du Bois-Reymond. Leipzig: 390–425.
Esfeld, Michael 2002: Einführung in die Naturphilosophie. Darmstadt.
– 2011: Einführung in die Naturphilosophie. 2., vollständig überarbeitete Auflage. Darmstadt.
Feyerabend, Paul 2009: Naturphilosophie. Frankfurt/M.
Haeckel, Ernst [1877] 1924: Über die heutige Entwicklungslehre im Verhältnisse zur Gesamtwissenschaft. In: ders.: Gemeinverständliche Werke, Bd. 5. Hg.: H. Schmidt. Leipzig: 143–161.
Helmholtz, Hermann v. [1862] 1968: Über das Verhältnis der Naturwissenschaften zur Gesamtheit der Wissenschaft. In: ders.: Das Denken in der Naturwissenschaft. Darmstadt: 1–29.
Nagel, Thomas [2012] 2013: Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Berlin.
Ostwald, Wilhelm 1902: Vorlesungen über Naturphilosophie. Leipzig.
– 1908: Grundriß der Naturphilosophie. Leipzig.
Plessner, Helmuth [1928] 2003: Die Stufen des Organischen und der Mensch: Einleitung in die philosophische Anthropologie. In: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4. Hg.: G. Dux et al. Darmstadt.
Popper, Karl R. [1935] 101994: Logik der Forschung. Tübingen.
Reichenbach, Hans [1931] 2000: Neue Wege der Naturphilosophie. In: Breil, R. (Hg.): Naturphilosophie. Freiburg: 173–180.
Schelling, Friedrich W.J. [1799] 1927: Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie. In: Schellings Werke, 2. Bd. Hg.: M. Schröter. München: 269–326.
Schleiden, Matthias J. [1844] 1988: Schelling’s und Hegel’s Verhältnis zur Naturwissenschaft. Weinheim.
|65|Schlick, Moritz [1949] 1968: Philosophy of Nature. New York.
Schlüter, Hermann 1985: Die Wissenschaften vom Leben zwischen Physik und Metaphysik. Weinheim.
Siegel, Carl 1913: Geschichte der deutschen Naturphilosophie. Leipzig.
Virchow, Rudolf 1893: Die Gründung der Berliner Universität und der Uebergang aus dem philosophischen in das naturwissenschaftliche Zeitalter. Berlin.
[Zum Inhalt]
|66|I.7 Streit um die Deutungshoheit der Natur: Materialismus-, Darwinismus- und Ignorabimus-Streit
Myriam Gerhard
1. Streitfragen
Der historische Kampf um die Naturphilosophie (→ I.6) ist im Kern ein Streit um die Deutungshoheit der Natur, der sich an verschiedenen Fragestellungen entzündet. Vor allem die 1840er bis 1870er Jahre sind geprägt durch Streitfragen, die im Kern zwar akademisch sind, aber aufgrund ihrer weltanschaulichen Konsequenzen und der zunehmenden Popularisierung der Naturwissenschaften eine beispiellose Breitenwirkung entfaltet haben. Es sind Fragen, die mehr oder weniger explizit um die Bestimmung des Verhältnisses von Philosophie und Naturwissenschaften und um den Anspruch auf eine Deutungshoheit von Natur und Welt kreisen und damit in gewissem Sinne auch zeitlos sind. Von herausragender Popularität erweisen sich die Auseinandersetzungen um den naturwissenschaftlichen Materialismus, um den Darwinismus und um das die Grenzen des Naturerkennens proklamierende „Ignorabimus“: „Wir werden es nicht wissen“. Diese drei Debatten sind, auch wenn sie heute wenig bekannt sind, keine Randerscheinungen des 19. Jhs. Vielmehr lassen sie sich durchaus als archetypisch begreifen, und viele Argumente um die Deutungshoheit der Natur, wie auch ihre weltanschaulichen Implikationen und Konsequenzen, finden ihre Fortsetzung im 20. und teilweise sogar im 21. Jh. Die folgende Darstellung fokussiert auf einige wenige, naturphilosophisch relevante Aspekte der drei Debatten. (Weiterführend zum Materialismus-, Darwinismus- und Ignorabimus-Streit s. Bayertz et al. 2007a/b/c sowie 2012a/b/c, die auch die im Folgenden genannten Grundlagentexte in Auszügen enthalten.)
2. Der Materialismus-Streit
Das Auseinandertreten von Naturwissenschaften und Philosophie, das v.a. der Philosophie Friedrich W.J. Schellings (1775–1854) und Georg W.F. Hegels (1770–1831) angelastet wird (→ I.6), gilt, neben dem generellen Erfolg der Naturwissenschaften, als Grund für die Entstehung des naturwissenschaftlich geprägten Materialismus des 19. Jhs. An ihm entzündet sich ein überaus virulenter und weitläufig, oftmals in Form von öffentlichen Briefen, aber auch auf Tagungen ausgetragener „Streit zwischen |67|verschiedenen Facultäten des Menschen“ (Feuerbach 1866: 121), der wegen der Schärfe der Polemik den Titel eines Kampfes zu Recht trägt.
Die Streitfrage ist nicht, ob ein auf den Methoden der Naturwissenschaften basierender Materialismus wissenschaftlich zu begründen und zu rechtfertigen ist, sondern ob der methodische Materialismus entweder restriktiv oder dogmatisch zu verstehen ist. Auf einen klar umrissenen Bereich der Naturwissenschaften beschränkt lässt er Raum für andere Erklärungsarten, seien sie religiöser, weltanschaulicher, ästhetischer oder anderer Art. Dogmatisch verstanden ist er konsequent auch auf Gegenstände anzuwenden, die traditionellerweise nicht dem Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften zugerechnet werden. Dazu zählen vornehmlich Gott und Seele, deren Existenz sich auf der methodischen Grundlage des naturwissenschaftlichen Materialismus nicht beweisen lässt. Fragwürdig ist jedoch, ob sich darüber hinaus ihre Nicht-Existenz naturwissenschaftlich beweisen lässt und die Seele nichts weiter als eine Fiktion, ein Wahngebilde ist, wie der Physiologe Carl Vogt (1817–1895) behauptet. Vogts Widerredner, allen voran Rudolph Wagner (1805–1864), halten den Versuch, die Annahme einer Seelensubstanz auf der Grundlage der Physiologie zu widerlegen, für eine Überschreitung vom Gebiet der Physiologie in das Gebiet der Weltanschauung. Vogt wird dementsprechend wahrgenommen als „Stifter einer neuen Weltanschauung“ (Frohschammer 1855: 1), die den methodischen Materialismus der Naturwissenschaften auf eine Ontologie ausweite und den naturwissenschaftlichen Materialismus zu einem Monismus erhebe.
Der Streit wird nicht zuletzt deshalb so heftig geführt, weil die Konsequenzen einer materialistischen Weltanschauung, die „so vollständig die Grundlagen unseres sittlichen und religiösen Lebens in Frage“ (Schleiden 1863: 5) stellt, gefürchtet werden. Vor dem Hintergrund der politischen Situation ist die Befürchtung der Untergrabung oder Unterwanderung der Gesellschaft durch eine auf den Grundlagen der Naturwissenschaften sich stützende materialistische Weltanschauung nicht unbegründet. Nach dem Scheitern der Märzrevolution 1848 ist eine offene, politische Konfrontation aussichtslos, so dass sich der Weg zum gesellschaftlichen Fortschritt über die Popularisierung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, wie etwa einer Lehre der Nahrungsmittel für das Volk (Moleschott 1850), anbietet. Die Popularisierung ist insofern erfolgreich, als sie eine Diskussion eröffnet, die nicht in den Räumen der Fachgelehrten verbleibt, sondern weite Teile der Gesellschaft erreicht. Es sind Aussagen wie „Ohne Phosphor kein Gedanke“ (ebd.: 115) oder „daß die Gedanken in demselben Verhältniß etwa zu dem Gehirne stehen, wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren“ (Vogt 1847: 206), die, zumeist aus dem Zusammenhang gerissen, für heftige Reaktionen sorgen. Auch wenn die populären Texte der naturwissenschaftlichen Materialisten weder stilistisch noch inhaltlich besonders beeindrucken, so weiß z.B. Vogt vorsichtiger zu argumentieren, als die populäre Rezeption nahelegt. Das lässt sich schon an seinem berühmt-berüchtigten Vergleich von Nieren- und Gehirnprodukten nachvollziehen, den Vogt in den Kontext des Eingeständnisses von „Unwissenheit“ (ebd.: 205) und ungelösten Rätseln stellt und nicht mit dem Anspruch grenzenlosen Naturerkennens verknüpft.
In der Diskussion der viel drängenderen Frage, „ob alle Gedanken auf diesen uropoetischen Wegen entstehen sollten“ (Lotze 1852: 43), wird geflissentlich überlesen, |68|dass Vogt nicht weiter gehen will, als Erfahrung und Versuch ihn führen, und darüber hinaus die eigene Unwissenheit eingestanden wissen will: „Was man deßhalb auch von den Beziehungen der Gehirnsubstanzen zu den Nervenverrichtungen sagen möge, es ist besser, hier unsere Unwissenheit zu gestehen und nicht weiter zu gehen, als die Erfahrung und der Versuch uns geführt haben. Noch viel weniger können wir von der Beziehung der Geistesthätigkeiten zu dem Gehirne sagen; wenn auch Gall’sche Phrenologie[12] und Carus’sche Cranioskopie[13] die Räthsel gelöst zu haben sich brüsten. Ein jeder Naturforscher wird wohl, denke ich, bei einigermaßen folgerechtem Denken auf die Ansicht kommen, daß alle jene Fähigkeiten, die wir unter dem Namen der Seelenthätigkeiten begreifen, nur Funktionen der Gehirnsubstanz sind; oder, um mich einigermaßen grob hier auszudrücken, daß die Gedanken in demselben Verhältniß etwa zu dem Gehirne stehen, wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren. Eine Seele anzunehmen, die sich des Gehirnes wie eines Instrumentes bedient, mit dem sie arbeiten kann, wie es ihr gefällt, ist ein reiner Unsinn; man müßte dann gezwungen seyn, auch eine besondere Seele für eine jede Funktion des Körpers anzunehmen und käme so vor lauter körperlosen Seelen, die über die einzelnen Theile regierten, zu keiner Anschauung des Gesammtlebens. Gestalt und Stoff bedingen im Körper überall die Funktion und jeder Theil, der eine eigenthümliche Zusammensetzung hat, muß auch nothwendig eine eigenthümliche Funktion haben“ (Vogt 1847: 205f.).
Der Materialismus-Streit ist kein Streit unter Fachgelehrten. Es ist ein Streit um Weltanschauungen, um die Deutungshoheit „unserer“ Natur. Eine heftig bestrittene Strategie der Schlichtung ist das von Wagner (1854: 20) als „doppelte Buchführung“ bezeichnete Parallelgehen von naturwissenschaftlich begründetem Wissen und dem Glauben an eine moralische Weltordnung, der allein ihn zur Annahme der Existenz der Seele nötigt. Diese doppelte Buchführung soll den Übergang von einem methodischen Materialismus auf eine streng monistisch aufgefasste materialistische Ontologie verhindern. Eine mögliche Einheit der Weltsicht wird damit konterkariert, so dass es zum „Kampfe zwischen Glauben und Wissen“ kommt (Henle 1876: 23).
3. Der Darwinismus-Streit
1859 erscheint Charles Darwins (1809–1882) Werk On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, das ein Jahr später in deutscher Übersetzung vorliegt und von den naturwissenschaftlichen Materialisten überaus positiv aufgenommen wird. Es vergeht keine Woche, wie Darwin beinahe amüsiert bemerkt, „without my hearing of some naturalist in Germany who supports my views, & often puts an exaggerated value on my works“ (Darwin [1870] 2010: 141). Nicht die übertriebene Wertschätzung der Theorie Darwins, sondern ihre weltanschauliche Vereinnahmung provoziert den Widerspruch erklärter |69|Anti-Darwinisten und trägt die Auseinandersetzung um Darwins Werk aus dem Kreis der Naturforscher hinaus. Aber auch als naturwissenschaftliche Theorie, frei von weltanschaulichen Implikationen, steht Darwins Werk zunächst mehrheitlich in der Kritik.
In der zweiten Auflage von On the Origin of Species, die der deutschen Übersetzung durch Heinrich G. Bronn zugrunde liegt, geht Darwin darauf ein und sucht in einer knappen Zusammenfassung seine Überlegungen zu untermauern: „Ich läugne nicht, dass man viele und ernste Einwände gegen die Theorie der Abstammung mit fortwährender Abänderung durch Natürliche Zuchtwahl vorbringen kann. Ich habe versucht, sie in ihrer ganzen Stärke zu entwickeln. Nichts kann im ersten Augenblick weniger glaubhaft scheinen, als dass die zusammengesetztesten Organe und Instinkte ihre Vollkommenheit erlangt haben sollten nicht durch höhere und doch der menschlichen Vernunft analoge Kräfte, sondern durch die blosse Zusammensparung zahlloser kleiner aber jedem individuellen Besitzer vortheilhafter Abänderungen. Diese Schwierigkeit, wie unübersteiglich gross sie auch unsrer Einbildungs-Kraft erscheinen mag, kann gleichwohl nicht für wesentlich gelten, wenn wir folgende Vordersätze zulassen: dass Abstufungen in der Vollkommenheit eines Organes oder Instinktes, welches Gegenstand unsrer Betrachtung ist, entweder jetzt bestehen oder bestanden haben, die alle in ihrer Weise gut waren; – dass alle Organe und Instinkte in, wenn auch noch so geringem Grade, veränderlich sind; – und endlich, dass ein Kampf ums Daseyn bestehe, welcher zur Erhaltung einer jeden für den Besitzer nützlichen Abweichung von den bisherigen Bildungen oder Instinkten führt. Die Wahrheit dieser Sätze kann nach meiner Meinung nicht bestritten werden“ (Darwin 1860: 492f.).
Darwin lässt an die Stelle einer theologischen Schöpfungsgeschichte eine natürliche Schöpfungstheorie treten, die das Rätsel der Entstehung neuer Arten, nicht aber das der Entstehung des Lebens überhaupt, naturwissenschaftlich zu lösen beansprucht. Wird Darwins Theorie anfangs v.a. in England „als eine vorübergehende naturphilosophische Träumerei verspottet“ (Haeckel [1868] 1878: 4), so wird ‚Entwicklung‘ bald zum „Zauberwort“ (Haeckel [1868] 1873: VI), das zur Lösung aller noch ausstehenden Rätsel herangezogen wird. Es ist demnach weniger der Geltungsanspruch, als naturwissenschaftliche Theorie ernstgenommen zu werden, als die „Prätension, das Räthsel alles Daseins gelöst zu haben“ (Zittel 1871: 147), und die damit einhergehenden weltanschaulichen Implikationen, die die Theorie Darwins zum populärsten Streitthema der Zeit werden lässt.
Die weltanschauliche Wendung eines biologischen Erklärungsversuchs war nicht zuletzt deshalb so überaus erfolgreich, weil einerseits der Begriff der Entwicklung nicht so neu war, wie es durch die Darwinisten kolportiert wurde, und andererseits der Begriff der Entwicklung keine einheitliche Verwendung fand. Analog der Darwin’schen Theorie, die nicht als ein Singuläres, sondern als ein Konglomerat verschiedener Theorien zu begreifen ist, ist auch der Begriff der Entwicklung selbst als eine Gemengelage unterschiedlichster Begriffe und ihrer Konnotationen aufzufassen. Das, was gemeinhin unter Darwins Evolutionstheorie verstanden wird, ist keineswegs ein einheitliches, in sich abgeschlossenes Theoriengefüge, sondern eine Mehrzahl mehr oder weniger aufeinander verweisender, selbständiger Theorien. (Vgl. Mayr [1982] 2003: 504–510.) Dazu gehören (1) die Evolutionstheorie, der gemäß die Lebensformen nicht statisch, sondern als in einem steten, kontinuierlichen und graduellen Entwicklungsprozess |70|begriffen zu verstehen sind, (2) die Deszendenztheorie, der gemäß alle Arten auf einige wenige Urformen als ihren gemeinsamen Ursprung zurückgeführt werden können, und (3) die Selektionstheorie, der gemäß der Anpassungsdruck einer spezifischen Umgebung zur natürlichen Selektion der am besten angepassten Exemplare einer Art führt. Evolution versteht Darwin dementsprechend als eine adaptive Entwicklung und nicht als eine einem bestimmten Naturgesetz folgende Entwicklung. Die Entwicklungstheorie als solche zeigt sich indifferent gegenüber mechanischen, organischen, materialistischen, pantheistischen oder theistischen Weltanschauungen. Anders sieht es bei der Deszendenztheorie sowie der natürlichen Züchtung, der Selektion, aus. Ihre Anwendung auf den „ganzen“ Menschen nimmt ihm seine Sonderstellung in der und zur Natur und lässt nicht nur den Menschen, sondern auch alle seine Kulturleistungen als Produkt eines natürlichen Prozesses erscheinen. Das Überleben eines einzelnen Menschen, einer Gesellschaft, sowie ihr Glaube und ihre Moral werden in der konsequenten Anwendung der Darwin’schen Theorien auf den Menschen zum Resultat eines natürlichen Prozesses der Selektion. Darwin hat die natürliche Züchtung eingeführt, um die Entstehung neuer Arten aus zuvor bestehenden analog zur künstlichen Züchtung, also die durch die selektierende Hand des menschlichen Züchters hervorgebrachte Variation, zu erklären. Das Produkt der natürlichen Züchtung ist die an ihre Umgebung am besten angepasste Art. Um die Interpretation und Anwendung dieses Erklärungsprinzips entzündet sich der Darwinismus-Streit.
Als Darwinisten im eigentlichen Sinn werden in diesem Streit die Anhänger der Selektionstheorie betrachtet. Auf ihrer Seite stehen naturwissenschaftliche Materialisten, die die natürliche Züchtung als notwendiges und „als allein ausreichendes Erklärungsprincip“ (Hartmann 1875: 4) der Entwicklung behaupten. Die Zweckmäßigkeit der Natur und ihrer Produkte ist für sie nichts anderes als das Resultat eines mechanischen Prozesses. Auf der anderen Seite stehen Anti-Darwinisten, in der Mehrzahl Theologen und Philosophen, die der natürlichen Züchtung allenfalls den Status einer rein naturwissenschaftlichen Hypothese zugestehen und sie als einen „nebensächliche[n] technische[n] Behelf des inneren Entwickelungsprocesses“ (ebd.: 5) auffassen. Der Darwinismus-Streit ist v.a. ein Streit um die Naturalisierung des Weltbildes, um die Stellung des Menschen zur und in der Natur. Auch wenn angesichts der aktuellen Naturalismus-Diskussion die Verwendung des Naturalisierungsbegriffs an dieser Stelle diachron erscheinen mag, so legen differenzierte Analysen eine von empiristischen Bestrebungen wohl zu unterscheidende Naturalisierungstendenz im 19. Jh. nahe (vgl. Heidelberger 2015).
4. Der Ignorabimus-Streit
Im August 1872 hält der Berliner Physiologe Emil Du Bois-Reymond (1818–1896) auf der 45. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte eine Rede über die Grenzen des Naturerkennens, die in ihrer nachhaltigen Wirkung als ein Kulminationspunkt in der Auseinandersetzung um den Deutungshorizont der Naturwissenschaften verstanden werden kann. Dem Naturerkennen spricht Du Bois-Reymond zwei inhärente, |71|unüberwindbare Erkenntnisgrenzen zu. Dabei versteht er Naturerkennen als naturwissenschaftliches Erkennen auf Basis der klassischen Mechanik. Seine Kritik gilt dem mit diesem Naturerkennen verbundenen Anspruch auf eine generelle Berechenbarkeit der Welt, die im Laplace’schen Dämon ihren wohl bekanntesten Ausdruck erhält. Das „Zurückführen der Veränderungen in der Körperwelt auf Bewegungen von Atomen, die durch deren von der Zeit unabhängige Centralkräfte bewirkt werden, oder Auflösung der Naturvorgänge in Mechanik der Atome“ (Du Bois-Reymond 1872: 2) könne niemals in vollständiger Abgeschlossenheit erfolgen. Die „Weltformel“ (ebd.: 4) setze voraus, dass jegliche Qualität aus „Anordnung und Bewegung“ eines „eigenschaftslosen Substrates“ (ebd.: 5) erklärt werden könne. In Bezug auf Kraft und Materie sowie die Entstehung des Bewusstseins könne das von keinem naturwissenschaftlichen Erkennen geleistet werden. Wir wissen es nicht und wir werden es nie wissen, lautet Du Bois-Reymonds Resümee: „In Bezug auf die Räthsel der Körperwelt ist der Naturforscher längst gewöhnt, mit männlicher Entsagung sein ‚Ignoramus‘ auszusprechen. Im Rückblick auf die durchlaufene siegreiche Bahn, trägt ihn dabei das stille Bewusstsein, dass, wo er jetzt nicht weiss, er wenigstens unter Umständen wissen könnte, und dereinst vielleicht wissen wird. In Bezug auf das Räthsel aber, was Materie und Kraft seien, und wie sie zu denken vermögen, muss er ein für allemal zu dem viel schwerer abzugebenden Wahrspruch sich entschliessen: ‚Ignorabimus!‘ “ (ebd.: 33).
Mit dem Bild der Naturwissenschaft als „die Weltbesiegerin unserer Tage“ (ebd.: 1) lässt sich Du Bois-Reymonds Ignorabimus schwerlich vereinen. Die Rezeption ist ebenso furios wie in ihren Einschätzungen divers. Gilt manchen das Ignorabimus als Rückzugsgefecht der Naturwissenschaftler, die sich auf die prinzipiellen Grenzen ihres Deutungshorizontes besinnen, gilt es anderen als Verrat an der Sache der Naturwissenschaften. Wilhelm Ostwald (1853–1932) hält Du Bois-Reymonds Schluss auf das Ignorabimus für so lange unbesiegbar, wie an der atomistisch materialistischen Grundannahme festgehalten werde. Fällt aber die Grundlage der mechanistischen Weltanschauung, „so fällt mit ihr auch das ignorabimus, und die Wissenschaft hat wieder freie Bahn“ (Ostwald 1895: 19f.). Du Bois-Reymond ist selbst überrascht von der Reaktion, scheint ihm seine Aussage der natürlichen Grenzen nichts Neues, sondern eine geradezu „triviale Wahrheit“ (Du Bois-Reymond 1881: 1045) zu sein. Dabei geht es ihm keinesfalls um eine Bescheidung der Naturwissenschaften zugunsten von Philosophie und Theologie, sondern vielmehr um die prinzipielle Trennung der Gegenstände einer möglichen Naturerkenntnis von den Gegenständen einer möglichen, aber sinnlosen metaphysischen Spekulation. Mit der Bestimmung und v.a. Anerkennung der Grenzen des Naturerkennens sollen die Naturwissenschaften endgültig von (noch) vorhandenen Resten naturphilosophischer Ambitionen befreit werden. Der Streit um das ‚Ignorabimus‘ sei im Kern eine Auseinandersetzung um das Verhältnis von Naturwissenschaften und Naturphilosophie, das einer Auflösung harre. Das ‚Ignorabimus‘ sei „förmlich zu einer Art von naturphilosophischem Schiboleth[14]“ (ebd.: 1046) geworden.
|72|Literatur
Bayertz, Kurt/Gerhard, Myriam/Jaeschke, Walter (Hg.) 2007a/b/c: Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert. Bd. 1: Der Materialismus-Streit; Bd. 2: Der Darwinismus-Streit; Bd. 3: Der Ignorabimus-Streit. Hamburg.
– (Hg.) 2012a/b/c: Der Materialismus-Streit [Originaltexte]/ Der Darwinismus-Streit [Originaltexte]/ Der Ignorabimus-Streit [Originaltexte]. Hamburg.
Darwin, Charles 1860: Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn. Stuttgart.
– [1870] 2010: [Letter] To Armand de Quatrefages. 28 May 1870. In: Burkhardt, F. (Hg.): The Correspondence of Charles Darwin, Bd. 18. Cambridge: 141–142.
Du Bois-Reymond, Emil 1872: Über die Grenzen des Naturerkennens. Leipzig.
– 1881: 8. Juli 1880. Öffentliche Sitzung zur Feier des Leibnizischen Jahrestages. Festrede von E. Du Bois-Reymond [später veröffentlicht unter dem Titel „Die sieben Welträthsel“]. In: Monatsberichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin: 1045–1072.
Feuerbach, Ludwig 1866: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit vom Standpunkte der Anthropologie. Leipzig.
Frohschammer, Jacob 1855: Menschenseele und Psychologie. Eine Streitschrift gegen Professor Carl Vogt in Genf. München.
Haeckel, Ernst [1868] 41873: Natürliche Schöpfungsgeschichte, Bd. 1. Berlin.
– [1868] 1878: Ueber die Entwickelungstheorie Darwin’s. In: ders. (Hg.): Gesammelte populäre Vorträge aus dem Gebiete der Entwickelungslehre, Bd. 1. Bonn: 1–28.
Hartmann, Eduard v. 1875: Wahrheit und Irrthum im Darwinismus. Eine kritische Darstellung der organischen Entwickelungstheorie. Berlin.
Heidelberger, Michael 2015: Die Naturalisierung des Transzendentalen in der Sinnesphysiologie von Hermann von Helmholtz. In: Scientia Poetica 19: 205–234.
Henle, Jacob 1876: Anthropologische Vorträge. Erstes Heft. Glauben und Materialismus. Braunschweig.
Lotze, Hermann 1852: Medicinische Psychologie oder Physiologie der Seele. Leipzig.
Mayr, Ernst [1982] 2003: The Growth of Biological Thought. Diversity, Evolution, and Inheritance. Cambridge/MA.
Moleschott, Jakob 1850: Lehre der Nahrungsmittel. Für das Volk. Erlangen.
Ostwald, Wilhelm 1895: Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus. Leipzig.
Schleiden, Matthias J. 1863: Ueber den Materialismus der neueren deutschen Naturwissenschaft, sein Wesen und seine Geschichte. Zur Verständigung für die Gebildeten. Leipzig.
Vogt, Carl 1847: Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände. Zwölfter Brief. Nervenkraft und Seelenthätigkeit. Stuttgart.
Wagner, Rudolph 1854: Menschenschöpfung und Seelensubstanz. Göttingen.
Zittel, Karl 1871: Der Darwinismus und die Religion. In: Jahrbuch des Deutschen Protestanten-Vereins 2: 147–161.
[Zum Inhalt]
|73|I.8 Gegenwärtige Strömungen der Naturphilosophie
Gregor Schiemann
Obwohl die Naturphilosophie gegenwärtig eine eher randständige Position in der Philosophie einnimmt, umfasst sie zahlreiche Strömungen, die teilweise von recht unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen. Diese Vielfalt geht zum einen auf den nur vage bestimmbaren Begriff zurück, der sich seit jeher auf sich widersprechende Auffassungen von den Methoden und Aufgaben der Naturphilosophie anwenden ließ. Zum anderen ist die heutige Heterogenität des Faches auch Ausdruck einer Umbruchsituation, in der sich das Wissen von der Natur und das Verhältnis des Menschen zur Natur in einem radikalen Wandlungsprozess befinden (→ insb. II.1).
Das hervorstechendste neue Merkmal des Naturwissens ist der wachsende Einfluss des szientistischen Naturalismus, wie er z.T. von den Naturwissenschaften selbst vertreten wird. Ihm zufolge lassen sich alle Phänomene der Welt mit den Mitteln der Naturwissenschaften erfassen und im Prinzip auch erklären (zur Vorgeschichte → I.7/Abschn. 2). In der Konsequenz dieses Ansatzes, der in der Naturphilosophie ebenso leidenschaftliche Anhänger wie entschiedene Gegner hat (→ I.6), liegt eine Revolutionierung derjenigen Weltbilder, die den umfassenden naturwissenschaftlichen Geltungsanspruch bestreiten. Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist durch eine sich beschleunigende Technisierung gekennzeichnet, deren epochale Wirkungen sich in der lebensbedrohenden Umweltproblematik niederschlagen. Man kann heute nicht mehr ausschließen, dass die Biosphäre sich durch die Eingriffe des Menschen auf eine Weise verändert, die für uns letale Folgen hat. Die Gefährdung unserer Umwelt gehört zu den wichtigsten Motivationen für neue Ansätze der praktischen Naturphilosophie, die im gegenwärtigen Spektrum naturphilosophischer Strömungen neben traditionellen Positionen bestehen.
Der nachfolgende Überblick über die heutzutage relevanten Strömungen der Naturphilosophie versteht unter dieser ein Gebiet der Philosophie, dessen Gegenstand die Natur, das Wissen von ihr und das Verhältnis des Menschen zu ihr ist. „Philosophie“ meint hierbei nicht nur akademische, sondern auch nichtakademische Bemühungen um ein begriffliches Verständnis der Welt. Die Trennung zwischen den beiden Typen ist nicht immer unproblematisch, nicht zuletzt wegen ihres Zusammenhangs mit der ebenfalls nicht eindeutigen Unterscheidung von wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Philosophie. Insofern Natur in naturwissenschaftlicher Hinsicht erfasst wird, können sich die Aufgaben der Naturphilosophie mit denen der Wissenschaftstheorie und -philosophie der Naturwissenschaften überschneiden (→ I.6; I.9). Im Unterschied zu nichtphilosophischen Disziplinen, die sich mit Natur befassen |74|(Physik, Ökologie, Biologie etc.), steht in der Naturphilosophie die Bestimmung des Naturbegriffs (→ II.1) im Vordergrund.
Gegenwärtige naturphilosophische Positionen zeichnen sich durch das Nebeneinander von neuen und herkömmlichen, teils bis auf die Antike zurückreichenden Konzeptionen aus (Schiemann 1996; 2005). Sie reichen von der grundsätzlichen Ablehnung einer naturphilosophischen Erkenntnis bzw. Disziplin (z.B. Platon, 428/427–348/347 v. Chr.; Friedrich Engels, 1820–1895) bis zu ihrer Erhebung in den Stand einer philosophischen Fundamentallehre (z.B. Aristoteles, 384–322 v. Chr.; Friedrich W.J. Schelling, 1775–1854). Systematische Aufgabenbestimmungen verstehen unter Naturphilosophie oftmals nur eine spezielle Richtung der theoretischen Philosophie (Welten 1992). Unter dem Eindruck der Umweltproblematik haben aber praktische Fragestellungen verstärkt Eingang gefunden (Bayertz 1987) (→ III.5; IV.1–IV.6). Zusätzlich scheint es zweckmäßig, die Thematisierung ästhetischer Erfahrungen von Natur als gesonderten Bereich aufzunehmen (→ II.9; III.2; IV.6; IV.7). Eine Dreiteilung der Aufgaben systematischer Naturphilosophie in einen theoretischen, praktischen und ästhetischen Bereich übernimmt die traditionelle Gliederung der Philosophie. Sie trägt dem Umstand Rechnung, dass Naturphilosophie nur bedingt über einen eigenen Methodenkanon verfügt und deshalb meist als angewandte Philosophie gelten kann (vgl. für die theoretische Naturphilosophie: Stöckler 1989). Die historische Forschung der Naturphilosophie ist teils Bestandteil des systematischen Bereichs, teils hat sie sich als eigener Bereich herausgebildet. Ein weiterer Bereich ist die Naturphilosophie als Lebensstil und Weltanschauung. Zur näheren Bestimmung der Aufgaben der Naturphilosophie bedarf es in jedem dieser Bereiche einer Gegenstandspräzisierung und einer Abgrenzung zu anderen Disziplinen, die sich mit denselben Gegenständen befassen.[15]
1. Systematische Naturphilosophie
1.1 Theoretische Naturphilosophie
Zur theoretischen Naturphilosophie gehören die Bestimmungen des Naturbegriffes sowie der Naturerkenntnis. Größten Raum nehmen dabei die philosophischen Probleme der Erfahrungswissenschaften ein. Im Unterschied zur Wissenschaftstheorie bzw. -philosophie, die sich vornehmlich mit methodologischen und erkenntnistheoretischen Fragestellungen beschäftigt, stehen in der Naturphilosophie inhaltliche bzw. materiale Voraussetzungen und Gehalte einzelner erfahrungswissenschaftlicher Theorien und ihres übergreifenden Zusammenhanges im Vordergrund, die in den jeweiligen Fachdisziplinen nicht behandelt werden (Abschn. 1.1.1–2). Im Bestreben, spezialwissenschaftlich getrennte Erkenntnisse zu einem geschlossenen Bild von der Natur zu vereinen, berührt sich dieser Teil der Naturphilosophie mit einem spekulativen Teil, der traditionelle Bestimmungen fortzuentwickeln oder auch zu überwinden |75|sucht (1.1.3). Als eine zum experimentellen Wissen alternative Erkenntnis kann die Phänomenologie der Natur angesehen werden (1.1.4).
1.1.1 Philosophische Probleme der Erfahrungswissenschaften
Anlass für theoretische naturphilosophische Überlegungen haben v.a. die Entwicklungen der Physik und der Biologie gegeben, in geringerem Umfang z.B. auch die der Chemie und der Umweltwissenschaften.
In der Physik sind dafür die Relativitätstheorien Albert Einsteins (1879–1955) und die Quantenmechanik Niels Bohrs (1885–1962) und Werner Heisenbergs (1901–1976) beispielhaft. Indem die spezielle Relativitätstheorie die Newtonsche Konzeption der Gleichzeitigkeit zurückwies, die physikalischen Größen von Raum, Zeit und Masse relativierte und die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum absolut setzte, erforderte sie eine Revision naturphilosophischer Grundbegriffe, namentlich von ‚Raum‘ und ‚Zeit‘ (→ II.4) sowie ‚Kausalität‘ (→ II.7). Weitreichende kosmologische Bedeutung hat die allgemeine Relativitätstheorie erlangt, in der das Relativitätsprinzip von Inertialsystemen auf beschleunigte Bezugssysteme ausgedehnt wird. In der Standardinterpretation der Quantenmechanik erhalten die mikrophysikalischen Entitäten Eigenschaften, die ebenso wenig in unserer Alltagswelt wie in der klassischen Physik vorkommen und ihren Gesetzen einen grundlegend indeterministischen Charakter verleihen. Die überkommenen Auffassungen von Kausalität und Determinismus (→ II.7), Erklärung und Voraussage, Objektivität und Subjektivität müssen sich damit neuen naturphilosophischen Herausforderungen stellen. Alternative Interpretationen beschreiben die subatomaren Phänomene als das Wirken einer unbeobachtbaren Welt, die den Gesetzen der klassischen Mechanik folgt (Louis de Broglie, 1892–1987; David J. Bohm, 1917–1992).
Aufgrund der Vereinheitlichungserfolge im 19. und 20. Jh. (Energieerhaltungssatz; Zusammenführung von Optik, Elektrodynamik und Quantenmechanik) wird vielfach die ‚Einheit der Physik‘ als letztes Ziel gesehen. So versucht etwa Carl F. von Weizsäcker (1912–2007) den Aufbau der Physik im Rahmen einer allgemeinen Quantentheorie binärer Alternativen (Ur-Objekte) zu verstehen – auch unter Zuhilfenahme transzendentalphilosophischer Argumente im Hinblick darauf, dass der Unterschied von Vergangenheit und Zukunft bei der Begründung empirischer Wissenschaft grundlegend ist.
Weitere naturphilosophische Herausforderungen haben sich in der Physik zum einen durch die Thermodynamik fern vom Gleichgewicht ergeben, aus der Ilya Prigogine (1917–2003) ein neues naturphilosophisches Verständnis von Zeit entwickelt hat. Zum anderen hat in der Kosmologie das verloren geglaubte teleologische Denken mit dem sog. Anthropischen Prinzip wieder Eingang gefunden. Es besagt, dass die Bedingungen für die Existenz des Menschen als Beobachter mit der Beobachtung des Universums vereinbar sein müssen (Leslie 1990).
In der Biologie ergeben sich insb. aus der Gentechnologie und Synthetischen Biologie (→ IV.3) neuartige naturphilosophische Herausforderungen für die ältere Debatte über die Natur des Lebens, die Stellung des Menschen in der Natur, die Naturalisierung der Intentionalität und dergleichen.
|76|1.1.2 Synthese der Erfahrungswissenschaften
Nachdem man sich im 19. Jh. einem wissenschaftlichen, meist mechanistisch orientierten Weltbild bereits nahe glaubte (Ludwig Büchner, 1824–1899; Ernst Haeckel, 1834–1919), ist gegenwärtig die Auffassung verbreitet, dass es sich nicht einmal grundsätzlich entscheiden lässt, ob die Wissenschaften eine Gesamttheorie oder aber mehrere wahre Theorien des ganzen, den Menschen umfassenden Seins hervorbringen können. Die verschiedenen Ansätze sind sich dabei einig, dass sich nur in spekulativer Verallgemeinerung der erfahrungswissenschaftlichen Erkenntnisse ein neues wissenschaftliches Weltbild wird gewinnen lassen (s. z.B. Rensch 1977; Jantsch 1979; Kanitscheider 1993; Koltermann 1994; Bartels 1996; Drieschner 2002; Esfeld 2008). Als neue Leitbilder gelten Evolutions- bzw. Selbstorganisations- sowie Chaostheorien. Ihrer integrativen Kraft stehen hauptsächlich die Zersplitterung des empirischen Wissens und die disziplinimmanente wie auch -übergreifende erfahrungswissenschaftliche Theorienvielfalt entgegen.
1.1.3 Spekulative Naturphilosophie
Vom Denken, von den Voraussetzungen der Erfahrung und von den verschiedensten Erfahrungstatsachen ausgehend sucht die spekulative Naturphilosophie (→ I.6; I.8) Grundzüge der Natur zu bestimmen, die über die sinnliche und praktische Realität hinausreichen. Auch wo ihre Entwürfe sich nicht als Fundierung der Naturwissenschaften, sondern als eigenständige Thematisierung verstehen, sind sie in enger, oft kritischer Auseinandersetzung mit den erfahrungswissenschaftlichen Resultaten entstanden, ohne deren Inhalte in Frage zu stellen. Das Spektrum reicht von der Wiederaufnahme antiker Vorstellungen bis zu den Versuchen, traditionelle Dualismen zu überwinden (s. Whitehead 1920; Plessner 1928; Hartmann 1950; Teilhard de Chardin 1955; Jonas 1979; Meyer-Abich 1984; Leclerc 1986).
1.1.4 Phänomenologie der Natur
In der Tradition von Edmund Husserl (1859–1938) fragt die Phänomenologie der Natur nicht nach den Ursachen von Erscheinungen, sondern nach ihrer subjektiven Gegebenheitsweise (Böhme/Schiemann 1997; Cho/Lee 1999). Lebensweltlich betrachtet sie dieselben Gegenstände wie die Naturwissenschaften, aber aus anderer Perspektive. Naturobjekte werden in ihrer gestalthaften, sinnlich-anschaulichen Erscheinung erfasst und systematisiert. Beispiele sind die Naturauffassungen Maurice Merleau-Pontys (1908–1961) und Adolf Portmanns (1897–1982) sowie die an die naturwissenschaftlichen Arbeiten Johann W. von Goethes (1749–1832) anknüpfenden anthroposophischen Ansätze (Beispiele in Böhme/Schiemann 1997). Die Naturphänomenologie thematisiert zudem Gegenstände jenseits der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erfahrung wie das eigene Erleben von Wahrnehmungen, Empfindungen oder Gefühlen. Eine Schlüsselstellung nimmt hierbei die dem Menschen zugehörige, nicht objektivierte Natur, der Leib, ein (→ III.1).
|77|1.2 Praktische Naturphilosophie
Die durch Bevölkerungswachstum und heutige Technologien bewirkten Naturveränderungen sind historisch einmalig. Menschliche Einflussnahmen verändern ökologische Systeme, die ehemals außerhalb ihrer Reichweite lagen (Klima, Artenvielfalt etc.), mit Geschwindigkeiten, die sich signifikant von denen natürlicher Evolutionsprozesse unterscheiden. Mit dieser „Expansion der Macht“ (Hans Jonas, 1903–1993) beginnt die menschliche Gattung über ihre eigenen globalen Lebensbedingungen zu verfügen. Natur wird zum Thema der praktischen Philosophie bzw. menschliches Handeln zum Gegenstand naturphilosophischer Bewertung (programmatisch bei Klaus M. Meyer-Abich, 1936–2018). Als Orientierungsinstanz ist Natur seit der Antike angesehen worden. Sich auf sie zu berufen, erhält jedoch neue Qualität, wenn sie nicht mehr als Voraussetzung, sondern als Resultat menschlichen Handelns gilt.
Während die theoretische Naturphilosophie v.a. auf Methoden der theoretischen Philosophie zurückgreift, stellt sich für die praktische Naturphilosophie grundsätzlich die Frage, in welchem Umfang Theorien der praktischen Philosophie auf den Umgang des Menschen mit der Natur Anwendung finden können (Abschn. 1.2.1). Diese Begründungsproblematik betrifft alle Bereiche der praktischen Naturphilosophie, die sich nach ihren Gegenständen gliedern lassen (1.2.2–3).
Darmowy fragment się skończył.