Czytaj książkę: «Nachhaltigkeit interdisziplinär»

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Ursula Kluwick / Evi Zemanek (Hg.)

Nachhaltigkeit

interdisziplinär

Konzepte, Diskurse, Praktiken

Ein Kompendium

BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR

PD Dr. Ursula Kluwick lehrt anglophone Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Bern.

Prof. Dr. Evi Zemanek lehrt Literatur- und Medienkulturwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

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Umschlagabbildung: Tautropfen Erde, iStock 125143761

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Korrektorat: Dore Wilken, Freiburg

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: büro mn, Bielefeld

EPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

UTB-Band-Nr. 5227 | ISBN 978-3-8252-5227-4 | eISBN 978-3-8463-5227-4

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ursula Kluwick/Evi Zemanek

1.Ideen- und Wissensgeschichte

Tobias Schlechtriemen

1.1Konzepte und Wissensformationen von Nachhaltigkeit

1.2Fallbeispiele: Analysen dreier Meilensteine der Nachhaltigkeits-debatte

1.3Fazit und Ausblick

1.4Forschungsliteratur

2.Nachhaltigkeitskommunikation

Daniel Fischer

2.1Arenen, Modi und Topoi der Nachhaltigkeitskommunikation

2.2Fallstudie: Die Bedeutung von „Nachhaltigkeit“ in deutschen Printmedien

2.3Fazit: Nachhaltigkeitskommunikation als gesellschaftliche Willensbildung

2.4Forschungsliteratur

3.Waldwirtschaft/Forstplanung

Roderich von Detten

3.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Waldwirtschaft

3.2Fallbeispiele und Praktiken: Von Hiebsätzen bis zur Klimaanpassung

3.3Fazit: Nachhaltigkeit als Praxis

3.4Forschungsliteratur

4.Nachhaltigkeitswissenschaft/Nachhaltigkeitsgouvernanz

Cordula Ott

4.1Konzepte und Genese einer Nachhaltigkeitswissenschaft

4.2Transdisziplinäre Praxis

4.3Fallbeispiele: Transformative Forschung und Transformationsforschung

4.4Fazit

4.5Forschungsliteratur

5.Landwirtschaft

Hanns-Heinz Kassemeyer

5.1Konzepte und Praktiken von Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft

5.2Fallbeispiel: Nachhaltiger Weinbau am Oberrhein

5.3Fazit und Ausblick: Probleme und Potenziale

5.4Forschungsliteratur

6.Stadt- und Raumplanung

Christian Lamker

6.1Konzepte und Diskurse nachhaltiger räumlicher Entwicklung

6.2Fallbeispiel: Flächenverbrauch und nachhaltige Entwicklung

6.3Fazit: Nachhaltigkeit war gestern – und heute?

6.4Forschungsliteratur

7.Humangeographie

Hartmut Fünfgeld/Samuel Mössner

7.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Humangeographie

7.2Fallstudien: Nachhaltigkeit und Resilienz in Münster und Melbourne

7.3Fazit und Ausblick

7.4Forschungsliteratur

8.Soziologie

Philippe Hamman

8.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Soziologie

8.2Fallbeispiele aus der Stadtsoziologie: Ökomobilität und Ökoviertel-Projekte

8.3Fazit und Ausblick

8.4Forschungsliteratur

9.Betriebswirtschaft/Nachhaltigkeitsmanagement

Rebekka Volk

9.1Konzepte und Definitionen der betriebswirtschaftlichen Nachhaltigkeit

9.2Fallstudien: Automobilindustrie und Bauprodukte

9.3Fazit

9.4Forschungsliteratur

10.Konsum- und Produktforschung

Rainer Grießhammer, Corinna Fischer, Dietlinde Quack, Franziska Wolff

10.1Konzepte von nachhaltigem Konsum und nachhaltigen Produkten

10.2Fallstudie: Die Transformationsmatrix und der Fahrradverkehr

10.3Fazit

10.4Forschungsliteratur

11.Ernährungsgeographie

Isabel Jaisli/Emilia Schmitt

11.1Konzepte von Nachhaltigkeit im Ernährungssystem

11.2Fallstudien: Lokale, regionale und globale Lebensmittelherstellung

11.3Fazit und Ausblick

11.4Forschungsliteratur

12.Tourismusforschung

Melanie Ströbel

12.1Konzepte von Nachhaltigkeit im Tourismus

12.2Fallstudie: Tourismus und Nachhaltigkeit auf Island

12.3Fazit und Ausblick

12.4Forschungsliteratur

13.Sozialanthropologie

Tobias Haller

13.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Sozialanthropologie

13.2Fallbeispiele: Fischerei in Flussfeuchtgebieten und Land-grabbing-Prozesse in Afrika

13.3Fazit und Ausblick

13.4Forschungsliteratur

14.Ethik

Torsten Meireis

14.1Konzepte und Praktiken einer Ethik der Nachhaltigkeit

14.2Fallbeispiele: Probleme bei der ethischen Beurteilung von Nachhaltigkeit

14.3Fazit und Ausblick

14.4Forschungsliteratur

15.Bildungspolitik/Didaktik

Berbeli Wanning

15.1Konzepte und Geschichte von Nachhaltigkeit in der Bildungspolitik

15.2Fallstudie: Globales Lernen als neue Praxis der Nachhaltigkeit

15.3Fazit: Probleme und Potenziale der Nachhaltigkeitsbildung

15.4Forschungsliteratur

16.Kulturwissenschaft

Gabriele Rippl

16.1Konzepte kultureller Nachhaltigkeit

16.2Fallbeispiele: Materielles und immaterielles Kulturerbe

16.3Fazit und Ausblick

16.4Forschungsliteratur

17.Popmusikforschung

Thorsten Philipp

17.1Diskurse über Nachhaltigkeit in der Popmusik

17.2Fallbeispiele: Genrespezifische Entwicklungen

17.3Fazit: Popmusik als Brennglas der Nachhaltigkeitsdebatte – Bilanz eines Aneignungsprozesses

17.4Forschungsliteratur und Auswahldiskographie

18.Kulturwissenschaftliche Pflanzenstudien (Plant Studies)

Urte Stobbe

18.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit aus Sicht der Pflanzenstudien

18.2Fallstudien: Exemplarische Analysen

18.3Fazit und Ausblick

18.4Forschungsliteratur

19.Literaturwissenschaft

Hubert Zapf

19.1Konzepte und Diskurse der literarischen Nachhaltigkeit

19.2Fallstudien: Exemplarische Textanalysen

19.3Fazit und Ausblick

19.4Forschungsliteratur

20.Journalismus

Torsten Schäfer

20.1Konzepte journalistischer Nachhaltigkeit

20.2Fallstudien: Storytelling im Klimajournalismus

20.3Fazit und Diskussion

20.4Forschungsliteratur

21.Medienwissenschaft

Evi Zemanek

21.1Konzepte von Nachhaltigkeit in der Perspektive der Medienwissenschaft

21.2Fallstudien: Lesen auf Papier vs. Lesen am Bildschirm

21.3Fazit und Ausblick: Green Reading – nachhaltige Medienkultur?

21.4Forschungsliteratur

Beiträgerinnen und Beiträger

Register

Personenregister

Sachregister

Einleitung
Ursula Kluwick/Evi Zemanek

‚Nachhaltigkeit‘ hat sich zu einem höchst beliebten gesellschaftlichen Leitkonzept entwickelt. Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit sind omnipräsent: in Politik und Wirtschaft, Raum- und Stadtplanung, Landwirtschaft und Tourismus, bei Fragen der Ernährung und des Konsums – in all diesen und vielen weiteren Kernbereichen ist Nachhaltigkeit zu einem der zentralsten Desiderate des 21. Jahrhunderts avanciert. Verschiedenste Akteure, politische Organisationen, Unternehmen und Universitäten haben Positionspapiere zur Nachhaltigkeit vorgelegt, deren Vergleich jedoch ein breites Spektrum an teilweise widersprüchlichen Begriffsdeutungen offenbart, das auch in der massenmedialen Popularisierung von Nachhaltigkeitsdebatten zutage tritt. Die Klage über den inflationären Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs ist selbst schon inflationär. Oft scheitert die dringend notwendige Verständigung über soziale, ökonomische, ökologische und kulturelle Nachhaltigkeit in öffentlich-politischen ebenso wie wissenschaftlichen Kontexten an einer mangelnden wechselseitigen Kenntnis der unterschiedlichen Konzepte von Nachhaltigkeit. Diese wurzeln, so zeigt dieses Kompendium, in heterogenen, disziplinär geprägten Begriffs- und Konzeptgeschichten und resultieren in divergenten Praktiken von Nachhaltigkeit.

Das vorliegende Kompendium soll eine disziplinenübergreifende Verständigungsgrundlage schaffen, deren Bedarf in der zunehmend multidisziplinären Nachhaltig-keitsforschung stets bekräftigt wird. Es bündelt erstmals Beiträge aus diversen geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen Disziplinen jenseits der auf akademischer Ebene diskursdominanten wirtschaftswissenschaftlichen Publikationen zu ‚nachhaltiger Entwicklung‘ und jenseits der zahlreichen populärwissenschaftlichen Anleitungen zu nachhaltigem Konsumverhalten. Stattdessen verschafft es insbesondere auch Ansätzen Aufmerksamkeit, welche die kulturelle Dimension von Nachhaltigkeit betonen. Es positioniert sich damit im neuen florierenden Feld der Environmental Humanities und verfolgt das Ziel, den darin vernetzten Disziplinen zu zeigen, mit welcher Methodik und in welchen Kernfragen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich und fruchtbar sein kann.

Das Kompendium richtet sich an ein breites Publikum: an Studierende und Lehrende sämtlicher beteiligter Disziplinen, aber auch an Fachfremde und Akteure aus den Feldern nachhaltiger Praktiken. Ganz im Sinne eines übersichtlichen Kompendiums sind alle Kapitel nur mit der Disziplin überschrieben, aus deren Perspektive ‚Nachhaltigkeit‘ diskutiert wird. Die Kapitel folgen einer einheitlichen Struktur: Nach Ausführungen zur Entwicklung des jeweiligen Nachhaltigkeitskonzepts und zum disziplinären Forschungsstand skizzieren sie fachspezifische Praktiken, schildern Projekte und Fallbeispiele und diskutieren Probleme und Potenziale, bevor sie mit weiterführenden Literaturempfehlungen enden.

Da die hier versammelte Vielfalt an Perspektiven aus unterschiedlichsten disziplinären Forschungskontexten insgesamt ein differenziertes Panorama ergibt, das gerade nicht auf disziplinübergreifende Gemeinplätze reduziert werden will, verzichtet diese Einleitung bewusst auf eine letztlich immer unvollständig bleibende Zusammenschau des Forschungsstands zur derzeit in alle Richtungen wuchernden Nachhaltigkeitsdebatte. Stattdessen lassen wir die Disziplinen selbst zu Wort kommen mit der ihnen entsprechenden Gewichtung der historisch und aktuell signifikantesten Denkansätze zum Thema. Jedes Kapitel verweist eigenständig auf die für die jeweilige disziplinäre Perspektive relevante Forschung. Dennoch gibt es natürlich gemeinsame Bezugspunkte, die den Dialog und die Zusammenarbeit der Disziplinen erleichtern: die wirkmächtigsten, meistdiskutierten Berichte und Resolutionen, die Nachhaltigkeit einfordern und definieren. Um unnötige Redundanzen innerhalb des Kompendiums zu vermeiden, sind drei Kapitel vorangestellt, die disziplinübergreifendes Basiswissen über die Nachhaltigkeitsdebatte vermitteln: Sowohl das Kapitel zur Wissensgeschichte (Tobias Schlechtriemen) als auch dasjenige zur Nachhaltigkeitskommunikation (Daniel Fischer) diskutieren die kanonischen Modelle und Metaphern für Nachhaltigkeit, ergänzt durch das Kapitel aus der Forstwirtschaft (Roderich von Detten), das auf die Wurzeln und die Weiterentwicklung des Konzepts in forstlichen Kontexten eingeht und dabei gerade auch Kritik am Begriff und der diesbezüglichen Debatte bedenkt.

Um den Nachhaltigkeitsdiskurs wissens- und ideengeschichtlich zu erfassen, entwickelt Tobias Schlechtriemen ein Analysewerkzeug mit fünf Kriterien, die es erlauben, verschiedene Verständnisse von Nachhaltigkeit klarer zu konturieren und miteinander zu vergleichen. Er betrachtet (1) den Anlass oder die Motivation für die Entstehung des Textes, (2) die zu erhaltende Ressource, (3) die Bezugseinheit, auf die sich die Berechnung des zu Erhaltenden bezieht, (4) das nötige Wissen für entsprechende Berechnungen und (5) die Akteure und das institutionelle Setting. Mithilfe dieser Heuristik werden drei zentrale Schriften untersucht, auf die in der Nachhaltigkeitsdebatte immer wieder Bezug genommen wird: Hans Carl von Carlowitz’ Sylvicultura oeconomica, die als Bericht des Club of Rome bekannt gewordene, von Meadows et al. publizierte Schrift The Limits to Growth (dt.: Die Grenzen des Wachstums) und schließlich der sogenannte Brundtland-Report, den eine unabhängige UNO-Kommission unter dem Titel Our Common Future (dt.: Unsere gemeinsame Zukunft) vorgestellt hat. Der einheitliche Kriterienkatalog erlaubt dabei konkrete Rückschlüsse auf die (gesellschaftlichen, politischen, kulturellen etc.) Kontexte, in denen spezifische Verständnisse von Nachhaltigkeit geprägt wurden. Für Schlechtriemen bildet die Kenntnis derselben eine Grundvoraussetzung für die Diskussion über Nachhaltigkeit jenseits enger wirtschaftlicher Vorstellungen. Sein Beitrag zeigt damit eine Möglichkeit auf, den Weg für die Integration verschiedenster Ansätze zur Nachhaltigkeit zu ebnen, und er stellt einen konkreten Ansatz vor, um das Hauptanliegen dieses Kompendiums zu verwirklichen: die Erleichterung der Kommunikation über Nachhaltigkeit unter den verschiedensten disziplinären und gesellschaftsrelevanten Blickwinkeln.

Wie aber werden Ideen von Nachhaltigkeit an ein größeres Publikum kommuniziert und popularisiert? Nachhaltigkeitskommunikation – verstanden als Teilgebiet der Nachhaltigkeitswissenschaft – spielt eine entscheidende Rolle für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit. Daniel Fischer stellt zunächst am Beispiel verschiedener Nachhaltigkeitsmodelle dar, auf welche verschiedenen Weisen die Idee der Nachhaltigkeit konkretisiert wurde, welche Kontroversen mit diesen Konkretisierungen verbunden sind und warum es der Kommunikation bedarf, um gesellschaftliche Meinungs- und Willensbildung zu bewirken. Um die Frage zu beantworten, wo, wie und was als Nachhaltigkeit kommuniziert wird, unterscheidet er verschiedene gesellschaftliche Bereiche (z. B. Politik, Bildung, Wirtschaft), verschiedene Intentionen (Kommunikation von, über und für Nachhaltigkeit) sowie inhaltliche Varianten (Nachhaltigkeit als Umweltschutz oder als humanitäre Aufgabe zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse). Eine exemplarische Medienanalyse, in der sowohl Umfang als auch die Art der Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs in deutschen Printmedien untersucht wurde, zeigt Veränderungen in der Nachhaltigkeitskommunikation zwischen 2001 und 2013. Der Beitrag schließt mit dem Plädoyer, die Idee der Nachhaltigkeit wieder stärker mit Diskussionen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu verknüpfen, um die Verständigung über Werte und Zukunftsfragen zu beflügeln.

Zu erinnern ist an die Grundannahme dieses Kompendiums, dass konkurrierende Verständnisse von Nachhaltigkeit nicht nur disziplinär, sondern auch kulturell geprägt sind. Da im deutschsprachigen Raum dank Hans Carl von Carlowitz die ‚Erfindung‘ der Nachhaltigkeit als Konzept und Praxis der Forstwirtschaft zugeschrieben wird, darf ihre Perspektive auf die Diskursentwicklung nicht fehlen, zumal hier eine besonders intensive und kritische Auseinandersetzung mit Begriff und Konzept stattgefunden hat. Roderich von Dettens Bestandsaufnahme in der forstlichen Praxis und in den Forstwissenschaften zeigt, dass das Konzept vor allem im Kontext der charakteristischen Anforderungen von Langfristentscheidungen unter den Bedingungen von Komplexität, Risiko und Unsicherheit wirksam werden konnte. Hier entlastet der Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs und verschiebt die Problematik des Entscheidens unter Unsicherheit auf die Ebene eines ethischen Anspruchs und wirkt auf rhetorischer Ebene kompensierend. Die Vielfalt der Nachhaltigkeitsverständnisse ist kennzeichnend für die Geschichte der Waldbewirtschaftung: Über die vergangenen drei Jahrhunderte hat sich der semantische Umfang des Nachhaltigkeitsbegriffs – auch durch Einflüsse der globalen Debatte um eine ‚nachhaltige Entwicklung‘ – sehr stark ausgeweitet. Dass es der Begriff nicht erlaubt, die praktische Bewirtschaftung von Wäldern konkret und eindeutig anzuleiten, zeigen zahlreiche Beispiele ‚nachhaltiger Planungen‘, deren tatsächliche ‚Nachhaltigkeit‘ oft erst über 100 Jahre später beurteilt werden kann. Nachhaltigkeit im Sinne des fortwährenden Erhalts eines Naturgutes bedeutet daher vor allem, dass mit dem Unvorhersehbaren gerechnet werden muss. Forstliche Nachhaltigkeit, so schließt von Detten, ist also die über Jahrhunderte erworbene Fähigkeit, sich darauf so gut es geht einzustellen.

Damit rückt die Diskussion um Nachhaltigkeit in die Nähe der Resilienz, die in einigen Disziplinen als Alternativkonzept oder notwendiges Komplementärkonzept ins Spiel gebracht wird. Auch und gerade die Nachhaltigkeitswissenschaft interessiert sich für die Geschichte und Konturen von Nachhaltigkeitskonzepten und ihre praktische Relevanz, ohne jedoch derart eng wie etwa die Forstwirtschaft an disziplingeschichtliche Entwicklungen gebunden zu sein. Das relative junge, sich erst seit der Jahrtausendwende etablierende Forschungsfeld verbindet selektiv diverse Ansätze und Methoden aus anderen Fachgebieten, denn die globale Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung fordert einen gesamtgesellschaftlichen Prozess, um die Mensch-Umwelt-Beziehungen auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Cordula Ott legt dar, welche transdisziplinären Konzepte und Praktiken die Nachhaltigkeitswissenschaft beisteuert, um dieses Ziel zu erreichen. Das Kapitel erläutert, welche Akteure, Werte und Wissensarten sich integrieren lassen und wie demokratische Wissensgenerierung und gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht und gefördert werden können, so dass Legitimität und Effektivität einer eigentlichen globalen Nachhaltigkeitsgouvernanz wachsen. Dank der Verweise auf Meilensteine der internationalen und interdisziplinären Debatte über Nachhaltigkeit übernimmt auch dieses Kapitel eine einführende Funktion in diesem Kompendium.

Während das Kapitel zu Nachhaltigkeitsgouvernanz aufzeigt, wie eine gesamtgesellschaftliche Transformation zur Nachhaltigkeit schrittweise realisiert werden kann, erinnert das Kapitel zur Landwirtschaft zunächst wieder daran, wie nachhaltiges Wirtschaften in langer Tradition immer schon praktiziert wurde, um die natürlichen Ressourcen für das Gedeihen der Kulturpflanzen über Generationen hinweg zu erhalten. Hanns-Heinz Kassemeyer skizziert eine komplexe Entwicklung: Durch die Technisierung der Landwirtschaft wurden die Erträge erheblich gesteigert und die Produktionskosten gesenkt. Die Folgen der industrialisierten Produktion waren jedoch eine Verarmung der Kulturlandschaft und ein Rückgang der Biodiversität. In den letzten Jahrzehnten haben Forschung und Praxis der Agrarökologie gezeigt, dass eine hohe Artenvielfalt und eine reich strukturierte Agrarlandschaft gerade in der mechanisierten Landwirtschaft einen hohen Mehrwert besitzen. Ein vielfältiges und intaktes Agroökosystem erbringt eine Reihe von Dienstleistungen, die in vielen Fällen die Anwendung von Agrochemikalien wie Pestiziden und Düngemitteln ersetzen können, so dass nützliche Insekten und Milben die Population tierischer Schaderreger in Schach halten und ein aktives Bodenleben wesentlich zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit beiträgt. Dank des Wissens über diese ökosystemischen Dienstleistungen haben nachhaltige Produktionsverfahren wieder einen hohen Stellenwert in der Landwirtschaft erhalten. Das Kapitel stellt exemplarisch nachhaltige Verfahren im oberrheinischen Weinbau vor, die sich in der Praxis bereits bewährt haben.

Mit Entscheidungsfragen rund um die Gestaltung von Kulturlandschaften befasst sich auf einer anderen Ebene auch die Raum- und Stadtplanung. Eine nachhaltige Raumentwicklung ist verknüpft mit einem Ausgleich sozialer und wirtschaftlicher Ansprüche an die Nutzung des begrenzten Raums im Einklang mit seinen ökologischen Funktionen. Christian Lamker beleuchtet die auf Ebene von Städten und Gemeinden stattfindende Diskussion um eine nachhaltige bauliche und infrastrukturelle Gestaltung von Städten und Stadtquartieren sowie die auf regionaler bis nationaler Ebene ausgetragene Debatte um Fragen der Daseinsvorsorge, deren Ziel letztlich gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilräumen Deutschlands sind. Neue Aktualität gewinnen derzeit Diskussionen um nachhaltiges Flächenmanagement und Wohnraumversorgung im Zusammenhang mit der Integration der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen auf nationaler Ebene. In Anbetracht der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie (2002, Neuauflage 2016), die eine Reduzierung der Neuinanspruchnahme von Siedlungs- und Verkehrsflächen fordert, ist die angestrebte nachhaltige Flächenentwicklung – so zeigt Lamker am Fallbeispiel deutschen Flächenverbrauchs und -managements – ein komplexes, kontroverses und konfliktreiches Thema. Lamker empfiehlt, die Nachhaltigkeitsdebatte kontinuierlich fortzusetzen, konstruktiv mit anderen Diskursen zu verbinden und auf diesem Fundament kreative Ansätze zur Reduktion der Flächenneuinanspruchnahme zu entwickeln und zu erproben.

Auch die Humangeographie hat sich schon früh theoretisch und empirisch mit Nachhaltigkeitskonzepten befasst. Gegenstand einer humangeographischen Nachhaltigkeitsforschung ist die räumliche Differenzierung von nachhaltigen und nicht nachhaltigen Entwicklungen auf unterschiedlichen räumlichen und administrativen Ebenen. Hartmut Fünfgeld und Samuel Mössner stellen Ansätze aus unterschiedlichen Teildisziplinen und Forschungsfeldern der Humangeographie vor: Während die Stadtgeographie sich mit der Implementierung und Mobilisierung von Green-City- resp. Eco-City-Politiken beschäftigt, werden aus Sicht einer Geographie von Gesellschaft und Umwelt die Adaption und Resilienz gegenüber Klimawandelfolgen untersucht. Wirtschaftsgeographische Ansätze fokussieren Prozesse der Transition und Green Economies; die Politische Geographie hingegen widmet sich Manifestationen von sozialer Ungerechtigkeit und der Konstruktion von Machtverhältnissen durch Nachhaltigkeitsinitiativen und -politiken. Diese Vielfalt von Ansätzen und Gegenständen demonstriert die Berührungs- und Anknüpfungspunkte zwischen Humangeographie und anderen Disziplinen, bevor in zwei Fallstudien die Nachhaltigkeitsstrategien von Münster und Melbourne, zweier vielgepriesener Vorzeigestädte, diskutiert werden.

Mit urbaner Nachhaltigkeit beschäftigt sich auch Philippe Hamman in einem Beitrag aus der Perspektive der (Stadt-)Soziologie, der bei seinen Fallbeispielen verschiedene Aspekte der Stadt Strasbourg – von der Ökomobilität über Energieversorgung und -verbrauch bis zum ‚Ökoviertel‘ – in den Blick nimmt und dabei verschiedene Konzepte und Praktiken in Relation zueinander setzt. Zunächst führt er jedoch differenziert in die soziologischen Nachhaltigkeitsdiskurse ein, schwerpunktmäßig in diejenigen aus dem frankophonen Raum. Im Abgleich mit den im Zuge der Globalisierung immer dominanteren englischen Begrifflichkeiten ebenso wie mit den deutschsprachigen (vermeintlichen) Äquivalenten treten neben sprach- und kulturbedingten Unterschieden auch konzeptuelle Differenzen zutage. Hammans Beitrag identifiziert die drei wichtigsten Dialektiken, die in der Forschung Beachtung gefunden haben: zwischen global und lokal, zwischen kurz- und langfristig sowie zwischen Grundsätzen und Anwendung. Vor diesem Hintergrund evaluiert Hamman den Wert der ‚Nachhaltigkeit‘ als Paradigma, reagiert aufzunehmende Kritik am Konzept der ‚nachhaltigen Entwicklung‘ und diskutiert die je nach Interpretation konkurrierenden oder verwandten Konzepte von Resilienz und Transition. Hierbei werden sämtliche Dimensionen des Nachhaltigkeitsbegriffs bedacht: weltanschauliche, analytische, diskursiv-narrative, utopische, politische, praktische und wissensgenerierende.

Praktische und wissensgenerierende Aspekte vereint auch das Kapitel von Rebekka Volk, das sich Konzepten von Nachhaltigkeit in der Betriebswirtschaft widmet. Es geht dabei auf ein weiteres Anliegen dieses Kompendiums ein: das Aufzeigen von Möglichkeiten potenziell nachhaltigen Konsums in ihrer Komplexität, Vielschichtigkeit und auch Widersprüchlichkeit. Im Unterschied zu populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur möchte dieses Kompendium zeigen, dass dem Wunsch nach einem nachhaltigeren Leben auf Seiten der Konsumentinnen und Konsumenten oft ein Informationsdefizit im Weg steht und dass die Bewertung von nachhaltigem Konsumverhalten nur auf Basis wissenschaftlicher Studien und Erkenntnisse möglich ist, nicht aber aufgrund intuitiver Einschätzungen. Zu vielschichtig sind die diversen Aspekte und Komponenten, die zu berücksichtigen sind. Rebekka Volk beleuchtet die Problematik hinsichtlich der Messbarkeit von Nachhaltigkeit, der Definition von Indikatoren sowie ihrer Gewichtung und diverser Zielkonflikte zwischen unterschiedlichen Aspekten von Nachhaltigkeit. Dabei setzt sie sich mit verschiedenen aktuellen Handlungsfeldern in betriebswirtschaftlichen Wertschöpfungsketten auseinander. Sie diskutiert Effizienz-, Suffizienz- und Konsistenzstrategien, Technologiewechsel, die Kreislaufführung von Produkten bzw. Rohstoffen und die Einführung von transparenten Umweltmanagementsystemen anhand von zwei Fallstudien zu nachhaltigem Produktdesign (Automobilindustrie und Gebäudesanierung im Zeichen der Energiewende). Volk konstatiert eine Reihe von Defiziten, Hemmnissen und Interessenskonflikten bei der praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeit im betriebswirtschaftlichen Kontext und plädiert für Systemänderungen, etwa durch disruptive Technologien, politische Entscheidungen und Instrumente (wie etwa den europäischen CO2-Emissionszertifikatehandel), neue Geschäftsmodelle (beispielsweise Sharing-Konzepte) und gesteigerte Produktverantwortung von Herstellern.

Der Komplexität und den Herausforderungen von nachhaltigem Konsum widmet sich ganz zentral auch das Kapitel von Rainer Grießhammer, Corinna Fischer, Dietlinde Quack und Franziska Wolff, die Nachhaltigkeit aus dem Blickwinkel der Produkt- und Konsumforschung betrachten. Auch dieser Beitrag setzt sich mit der Nachhaltigkeitsbewertung von Produkten auseinander, einem Bereich, in dem Rainer Grießhammer und die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Öko-Instituts als Pioniere gelten. Das Kapitel referiert die Geschichte des nachhaltigen Konsums in einer Zusammenschau mit der Entwicklung der Ökobewegung und erläutert Analysewerkzeuge der Nachhaltigkeitsbewertung. Dabei stellt es Konzepte wie Ökobilanz, Lebenszykluskostenrechnung, Sozialbilanz und Produktnachhaltigkeitsanalyse vor. Es differenziert zwischen ökologischem und nachhaltigem Konsum, für dessen Bewertung zusätzlich zur Umweltbelastung auch soziale und volkswirtschaftliche Aspekte in Betracht gezogen werden. In beiden Bereichen wird der derzeitige Entwicklungsstand trotz einer Vielzahl an internationalen Abkommen und Deklarationen zur Förderung von Nachhaltigkeit als ungenügend eingestuft. Grießhammer, Fischer, Quack und Wolff besprechen Hemmnisse für nachhaltigen Konsum und stellen anhand einer Fallstudie zum Fahrradverkehr eine Transformationsmatrix mit sechs Schwerpunkten vor, die als Basis einer Strategie zum Erreichen von nachhaltigem Konsum dienen kann. Grießhammer und seine Ko-Autorinnen verstehen den Weg dorthin als komplexen Transformationsprozess.

Diese Sichtweise bekräftigen auch Isabel Jaisli und Emilia Schmitt, die in ihrem Kapitel zur Ernährungsgeographie zeigen, welche tiefgreifenden Veränderungen vonnöten wären, um das Ernährungssystem nachhaltig zu machen, und wie komplex die Bewertung von Nachhaltigkeit in diesem Kontext ist. Jaisli und Schmitt plädieren daher für einen holistischen Ansatz, der – ganz im Sinne dieses Kompendiums – verschiedenste Aspekte mit einbezieht, die nach der Expertise unterschiedlicher Disziplinen verlangen. Eine holistische Betrachtung des Ernährungssystems legt den Fokus demnach nicht nur auf naturwissenschaftlich-technische Aspekte der Nahrungsmittelproduktion, sondern berücksichtigt auch Erkenntnisse aus den Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Mithilfe von Fallstudien zu lokaler Ernährung, biologischer Produktion, fairem Handel und Fleischkonsum gelingt es Jaisli und Schmitt, Konflikte zwischen diversen Dimensionen von Nachhaltigkeit herauszuarbeiten und zu zeigen, dass neben Politik und Wirtschaft auch die Konsumentinnen und Konsumenten selbst gefordert sind, sich den vielschichtigen Herausforderungen auf dem Weg zu einem nachhaltigen Ernährungssystem zu stellen und ihren Beitrag zu leisten.

Zu der in den Kapiteln zu Betriebswirtschaft, Konsumforschung und Ernährungsgeographie betonten Komplexität von Nachhaltigkeit fügt Melanie Ströbel in ihrem Kapitel zur Tourismusforschung einen weiteren Aspekt hinzu. Während sich viele Organisationen und lokale Destinationen um sanfte Formen des Tourismus bemühen (wie beispielsweise Ökotourismus, community-based tourism oder armutsbekämpfenden pro-poor tourism), ist die genaue Bedeutung von Nachhaltigkeit im Tourismus in der Forschung nach wie vor noch umstritten. Grund dafür ist u. a. die Notwendigkeit, bei der Bewertung von Nachhaltigkeit in diesem Bereich sowohl globale Entwicklungen als auch lokale Gegebenheiten zu beachten und ökonomische, ökologische und soziale Auswirkungen von konkreten Reise-Entscheidungen (wie etwa Wahl des Transportmittels oder Nähe bzw. Distanz der Urlaubsdestination), politischen Vorgaben oder Veränderungen in Betracht zu ziehen und gegeneinander abzuwägen. In ihrer Fallstudie zu Island verdeutlicht Ströbel das Zusammenspiel von vielseitigen positiven und negativen Effekten von Tourismus auf Ökonomie, Umwelt und Gesellschaft, welche die Nachhaltigkeitsdebatte in Wissenschaft und Praxis vor große Herausforderungen stellt.

Globale und lokale Zusammenhänge und Widersprüche stellt auch Tobias Hallers Kapitel aus der Sozialanthropologie in den Vordergrund. Haller verdeutlicht, dass Vorstellungen von Nachhaltigkeit im globalen Norden und im globalen Süden nicht identisch sind und dass die Perspektive der Letzteren gerade angesichts der globalen Dimensionen des Klimawandels ebenso wie der wirtschaftlichen Verflechtungen zwingend in die Nachhaltigkeitsdebatte einfließen muss. Die fehlende Kenntnis spezifischer kultureller Verständnisse von Nachhaltigkeit führt durch Mechanismen der Globalisierung zur Unterminierung und Zerstörung lokaler nachhaltiger Praktiken. Haller zeigt dies anhand von Fallbeispielen zur ehemals nachhaltigen Nutzung von Allmend-Ressourcen in Sambia und Sierra Leone, die durch lokales Wissen und konkrete Regelwerke gewährleistet war, durch koloniale und postkoloniale Prozesse jedoch beeinträchtigt und teilweise ruiniert wurde. Das Kapitel bietet einen neuen Analyserahmen, der auf politischer Ökologie und Institutionenmanagement beruht und es erlaubt, hegemoniale Aspekte des Nachhaltigkeitsbegriffs zu untersuchen und lokale Alternativen zu erforschen.

Wie Haller geht es auch Torsten Meireis in seinem Kapitel zur Ethik zunächst einmal darum, die Rolle von Nachhaltigkeit als etabliertes Leitkonzept zu hinterfragen. Kritisiert Haller aus der Sicht der Sozialanthropologie die Vorherrschaft eines westlichen Verständnisses von Nachhaltigkeit, das andere kulturelle Zugänge ignoriert, so erinnert Meireis daran, dass Nachhaltigkeit ein normatives Konzept ist. Als solches handelt es sich bei Nachhaltigkeit nicht, wie man angesichts der Verbreitung und Konsensfähigkeit des Konzepts meinen könnte, um einen Ist-Zustand oder spezifische und etablierte Handlungsweisen, sondern um eine kontrafaktische Zielbestimmung, deren Umsetzung offen ist und die damit einer ethischen Klärung moralischer Urteilsperspektiven bedarf. Anhand von diversen Fallbeispielen, wie etwa dem ins UNESCO-Welt-Naturerbe aufgenommenen europäischen Urwald im Gebiet von Bialowieza in Polen und Weißrussland, der Feinstaubbelastung in deutschen Städten und den amerikanischen coal rollers, beleuchtet Meireis Konzepte wie moralischen Anthropozentrismus, enge und weite sowie starke und schwache Nachhaltigkeit. Meireis betont die ethische Notwendigkeit einer Berücksichtigung kultureller Dimensionen von Nachhaltigkeit, wobei Kultur nicht als Instrument der Vermittlung von Nachhaltigkeit verstanden werden darf, sondern als Horizont, innerhalb dessen Wertvorstellungen und normative Präferenzen überhaupt erst entwickelt werden können.

Meireis betont abschließend auch die integrativen Leistungen einer Nachhaltigkeitsethik, die Fragestellungen nicht nur interdisziplinär beleuchten, sondern transdisziplinär erschließen kann. Ein ähnlicher Anspruch lässt sich im gesamtgesellschaftlichen Bildungsauftrag erkennen, um den es in Berbeli Wannings Kapitel zu Bildungspolitik und Didaktik geht, das sich mit der konkreten Umsetzung der geforderten Nachhaltigkeit als Bildungskonzept befasst. Wanning behandelt das Konzept „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) in politischer, historischer und systematischer Sicht und spannt einen Bogen zwischen bildungspolitischen Ansätzen (samt deren historischer Entwicklung) und spezifischen didaktischen Maßnahmen. Bildung für nachhaltige Entwicklung wird dabei als ganzheitlicher Prozess verstanden, der in enger Verbindung mit dem Ziel 4 (Quality Education) der Sustainable Development Goals steht. Besondere Aufmerksamkeit widmet Wanning neueren didaktischen Ansätzen des partizipativen, transformativen und globalen Lernens in Bezug auf Umweltbildung und Werteerziehung. Damit wird auch in diesem Kapitel die Wichtigkeit des Prinzips der Teilhabe betont, die Cordula Ott für die Nachhaltigkeitsgouvernanz und Tobias Haller im Rahmen der Sozialanthropologie hervorheben. Als Fallstudie dient Wanning das „globale Lernen“, verstanden als Querschnittsaufgabe, mit der die Globalität unserer Lebensbedingungen vermittelt werden soll. Hierbei verknüpft Wanning die Diskussion von internationalen Entwicklungen mit der Bildungspolitik Deutschlands unter Berücksichtigung von Auswirkungen auf Fächerkanon und Unterricht.

Wie Wanning in ihrem Kapitel hervorhebt, leisten gerade die sprachlich-literarischen Fächer einen wichtigen Beitrag für die Entfaltung des wertorientierten kritischen Bewusstseins, ohne das die Erziehung zur Weltbürgerschaft, auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung abzielt, scheitern muss. Bildung für nachhaltige Entwicklung gehört zentral in den Bereich der ‚kulturellen Nachhaltigkeit‘, die in den letzten Jahren ergänzend zu den drei anderen ‚Säulen‘ – der ökonomischen, ökologischen und sozialen – von Seiten der Kulturwissenschaft zunehmend als konstitutive Dimension von Nachhaltigkeit diskutiert wird. Gabriele Rippl stellt die Geschichte sowie die unterschiedlichen Bedeutungen und Definitionen des komplexen Begriffs ‚kulturelle Nachhaltigkeit‘ vor. Sie entfaltet verschiedene (enge und weite) Konzepte von ‚Kultur‘, die dazu beitragen, die Rolle der Kulturwissenschaft in der Debatte um Nachhaltigkeit zu beleuchten. Während im Sinne der UNESCO und ihrer Welterbe-Projekte kulturelle Nachhaltigkeit darin besteht, die kulturelle Diversität, das kulturelle Erbe und regionale kulturelle Vielfalt zu fördern und zu bewahren, beleuchtet Rippl zusätzliche Bedeutungen des Konzepts, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben und eng mit kulturell geprägten Werten, d. h. mit normativen moralischen und ethischen Fragen zusammenhängen. Sie thematisiert exemplarisch verschiedenartigste Medien und Institutionen des kulturellen Gedächtnisses wie Museen, Archive, Bibliotheken und auch Kanones, die kulturspezifische Werte konservieren und tradieren. Letztlich stellt das Kapitel zur Diskussion, ob nicht die Kultur als das eigentliche Fundament für alle Formen der Nachhaltigkeit zu verstehen ist.

Wie Gabriele Rippl, so beleuchtet auch Urte Stobbe in ihrem Kapitel zu den kulturwissenschaftlichen Pflanzenstudien einen Teilbereich der nicht primär textbasierten Kulturwissenschaften. In ihrer Auseinandersetzung mit diesem Gebiet spürt Stobbe den Bezügen zwischen Menschen und Pflanzen nach und legt dar, inwiefern Konzeptionen von Nachhaltigkeit mit menschlichen Vorstellungen von Pflanzen und ihrer symbolischen Bedeutung in Verbindung gebracht werden können. Hierbei konstatiert sie neben Aspekten der Vorsorge und der Verantwortung, die über Pflanzenmetaphorik transportiert werden, auch eine konzeptuelle Nähe des Nachhaltigkeitsgedankens zu Vorstellungen von Kontinuität und Beständigkeit. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Fallbeispiel zu Schildbachs Holzbibliothek in Kassel, das zeigt, wie pflanzliches Material zur Speicherung und Verbreitung von botanischem Wissen eingesetzt und damit auch selbst nachhaltig gesichert wurde. Stobbes literarische Fallbeispiele zeigen ergänzend, wie im frühen 19. Jahrhundert versucht wurde, über Pflanzenbilder Kontinuität in sowohl zwischenmenschlichen als auch intergenerationellen Bereichen zu stiften, und wie nachhaltige Praktiken über Bilder vom Umgang des Menschen mit Pflanzen kulturell begründet und verankert wurden. Aus dem Vorkommen ähnlicher Pflanzenbilder, wie etwa Bäumen als symbolischen Garanten für Fortbestand, zieht Stobbe den Schluss, dass es sich hier um eine anthropologische Konstante handelt.

Wenngleich medial und künstlerisch andersartig präsentiert, speichern und tradieren auch populäre Lieder wahrgenommene ökologische Transformationen, diesbezügliche kollektive Reaktionen und artikulieren oft bildlich-metaphorisch Visionen einer nachhaltigeren Gesellschaft. Aus der Perspektive der Popmusikforschung analysiert Thorsten Philipp das populäre Lied als eine ästhetische Praxis, die menschgemachte ökologische Risiken und diesbezügliche (sozial)ethische Imperative popularisiert und damit in gesellschaftliche Schichten trägt, die für die konventionell-politischen Wege der Nachhaltigkeitskommunikation kaum zugänglich sind. Der Popsong stellt einen vorpolitischen Alltagscode zur Verfügung, der zur Verarbeitung von Umweltkonflikten beitragen kann, indem er gesellschaftliche Konventionen in Frage stellt und umweltpolitisches Handeln affektiv und emotional zu legitimieren sucht. Gleichzeitig fungiert er als massenwirksames Speichermedium, in dem Mensch-Umwelt-Verhältnisse und ihre Verschiebungen narrativ und musikalisch verarbeitet werden. Er vergegenwärtigt Erfahrungen der Vergangenheit, die ohne die musikalische Brücke oftmals längst vergessen wären. Anhand exemplarischer Beispiele, die einen Bogen von der US-amerikanischen Folk-Tradition zum populären Lied in Deutschland spannen, zeichnet Philipp nach, wie Popmusik das ökosoziale Gedächtnis mitgeformt hat. Wie seine Analysen zeigen, sind es dabei maßgeblich die einzelnen ‚Medien‘ des Liedes (Stimme, Körper, Text, Instrumente, Performance etc.), die in ihrem Zusammenwirken, ihren Zwischenräumen, Brechungen und Übergängen zusätzliche Sinndimensionen eröffnen und darin über die sonst gängigen Vehikel politischer Kommunikation hinausgehen.

Der Rekurs auf Texte und entsprechend die Methode der Textinterpretation in den bisher aufgeführten kulturwissenschaftlichen Kapiteln des Kompendiums weisen bereits auf die zentrale Bedeutung hin, die der Literatur als Medium der Tradierung von Werten innerhalb der Kulturwissenschaft zukommt. Wie Hubert Zapf allerdings feststellt, ist der konkrete Bezug der Literatur und der Literaturwissenschaft speziell zur Nachhaltigkeit bisher nur in Ansätzen erörtert worden. Sein Kapitel untersucht den Beitrag dieses Spezialbereichs der Kulturwissenschaft und ihres Gegenstands zur Erforschung und Gestaltung von Nachhaltigkeit als zentralem Thema der Lebens- und Zukunftsgestaltung der heutigen Gesellschaft. Zapf geht davon aus, dass literarische Texte gemäß dem von ihm geprägten kulturökologischen Literaturkonzept gerade in ihrer ästhetisch-imaginativen Transformation von Wirklichkeit nicht nur einen unverzichtbaren Beitrag zum Nachhaltigkeitsdiskurs leisten – der auch mit dem Ansatz des Ecocriticism untersucht wird –, sondern auch selbst eine nachhaltige Form kultureller Praxis darstellen. Wie er an Beispielen der englischsprachigen Literatur zeigt, können imaginative Texte mithilfe dieses Ansatzes in doppelter Weise beschrieben werden: als Kritik dominanter anthropozentrischer Narrative und als eine Form von regenerativer Energie im Haushalt der Kultur, d. h. als Quelle der Kreativität für immer neue Generationen von Leserinnen und Lesern, Autorinnen und Autoren.

Anders als die Literaturwissenschaft beschäftigt sich die Journalismusforschung nicht mit fiktionalen Texten, sondern mit realitätsbezogenen Reportagen, welche die ökologische Krise und die gesellschaftliche Transformation zur Nachhaltigkeit thematisieren und massenmedial kommunizieren. Torsten Schäfer stellt ein im Projekt Grüner Journalismus an der Hochschule Darmstadt entwickeltes, anwendungsbezogenes Verständnis von medialer Nachhaltigkeit vor, das in einem Pyramidenmodell den Ökologiebezug priorisiert, aber auch den Faktor Lebensqualität stark einbezieht. Schäfer plädiert für eine umweltjournalistische Ethik des Erzählens, die auf einer ökologischen Deutung von sozial-ökologischer Nachhaltigkeit basiert. Ausgehend von diesem ethischen Rahmen untersucht und evaluiert das Kapitel Erzählverfahren und Narrative des gegenwärtigen deutschen Klimajournalismus. Die Bestandsaufnahme basiert auf Leitfadeninterviews mit deutschen Klimajournalisten und -journalistinnen, die zur Revision aktueller Schreibpraktiken und zur Diskussion alternativer neuer Verfahren und Formate führen. Deren Entwicklung ist laut Schäfer eine ressortübergreifende Schlüsselaufgabe für einen zukunftsfähigen Nachhaltigkeitsjournalismus, der durchaus im Sinne eines ‚konstruktiven Journalismus‘ konzipiert sein soll.

Komplementär zu Schäfers Untersuchung der inhaltlichen textuellen Ebene journalistischer Massenmedien fragt das abschließende Kapitel aus der Medienwissenschaft nach den Möglichkeiten nachhaltiger Produktion, Nutzung und Entsorgung von Medien. Im Sinne einer materialorientierten Medienökologie beleuchtet Evi Zemanek den in der Medienwissenschaft oftmals ausgeblendeten hohen Material- und Energieverbrauch der Medienindustrie, der mit großer Umweltbelastung und gesundheitsgefährdenden Produktions- und Entsorgungspraktiken verbunden ist. Sie hinterfragt die verbreitete Annahme, dass die Digitalisierung Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung reduziere. Aus dem breiten Spektrum an Speicher-, Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungsmedien wählt sie Bücher und Zeitungen aus Papier sowie E-Books bzw. E-Book-Reader, um mithilfe von Life Cycle Assessments den ökologischen Fußabdruck zu vermessen, den unser tägliches Lesen auf Papier und am Bildschirm jeweils hinterlässt. Das Kapitel macht das komplexe Geflecht der zu berücksichtigenden Faktoren sichtbar und vergleicht die konkreten Nachhaltigkeitspotenziale eines Green Publishing und damit eines Green Reading. Dabei wird nicht nur die Verantwortung von Staat und Industrie, sondern auch der individuellen Medienkonsumenten und -konsumentinnen deutlich. Jenseits der Umweltbelastungen sind aber auch die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Lesepraxis und die beim Lesen auf Papier oder am Bildschirm jeweils mehr oder weniger geförderten kognitiven Fähigkeiten zu bedenken, hat man das Ziel einer Transformation zu einer in jeder Hinsicht nachhaltigen Medienkultur vor Augen.

Wie diese Vorstellung der einzelnen Kapitel bereits andeutet, kann man zwischen den Konzepten von Nachhaltigkeit der einzelnen in diesem Kompendium zu Wort kommenden Disziplinen einige Differenzen, aber auch eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten konstatieren. Einige davon seien hier resümiert. So ist zunächst einmal auffällig, mit welcher Hartnäckigkeit unterschiedlichste Disziplinen immer wieder auf dieselben grundlegenden Dokumente rekurrieren und dabei oft historisch zurückgehen bis zu Hans Carl von Carlowitz. Hierbei dürfte es sich um ein Spezifikum der Nachhaltigkeitsdebatte in der deutschsprachigen Forschungskultur handeln, denn obwohl viele der Autorinnen und Autoren dieses Kompendiums auf Englisch publizieren, ist ihnen natürlich neben der anglophonen Forschung auch der deutschsprachige Diskurs geläufig. Forschung aus dem angloamerikanischen Kulturraum verknüpft die Idee der Nachhaltigkeit – im Sinne von sustainability – historisch oft mit Thomas Malthus’ Essay on the Principle of Population (1798) und seiner Konzeption von vorgegebenen planetaren Wachstumsgrenzen oder führt sie alternativ auf die 1980er Jahre, konkret auf den Brundtland-Report zurück.1 Letzterer legt den Akzent auf ‚nachhaltige Entwicklung’ und damit die sozioökonomische Dimension, und er betont besonders das Wachstumsdesiderat für den globalen Süden, will aber natürlich den Zielkonflikt zwischen Entwicklung und Umweltschutz bewältigen. Ähnlich wie im Englischen die Nachhaltigkeit also meistens in der Begriffspaarung von sustainable development vorkommt, liegt der Fall im Französischen, wo man am häufigsten von développement durable spricht, wobei ‚dauerhaft‘ wiederum eine leicht andere Konnotation hat (vgl. dazu Kap. 8/Hamman). Unterschiedliche Sprachkonventionen verweisen auf kulturell geprägte Differenzen im Hinblick auf Nachhaltigkeitsvorstellungen.

Führt man Nachhaltigkeit auf von Carlowitz zurück, bedingt dies nämlich eine andere Sichtweise auf das Konzept. Die ‚nachhaltende Nutzung‘, von der von Carlowitz spricht, stellt von vornherein den Menschen als Agierenden in den Mittelpunkt (im Sinne der Ermöglichung bzw. Verhinderung von Nachhaltigkeit), während etwa der Bezug auf Malthus die spezifische Bedeutung des englischen sustainable hervorhebt, bei dem die Kapazität der Erde praktisch begriffsimmanent mit betont wird. Diese subtilen Bedeutungsunterschiede – wie auch die bei von Carlowitz angelegte Betonung des Aspekts des Gebrauchs („Nutzung“) – haben wohl dazu beigetragen, dass sich die Nachhaltigkeitsdebatte im deutschsprachigen Raum leichter von der Konzentration auf den Umweltschutz gelöst und in Richtung auf eine umfassendere Beschäftigung mit ‚Bewahrung‘ bewegt hat, wie es unterschiedliche disziplinäre Zugänge dieses Kompendiums bezeugen. Besonders deutlich wird dies in den kulturwissenschaftlichen Kapiteln. Aber auch in anderen Kontexten zeigt sich, dass der Begriff ‚nachhaltig‘ (zumindest in der deutschen Version) einen großen Deutungsspielraum bietet, wenn er wechselweise ersetzt wird durch Adjektive wie zukunftsfähig, dauerhaft oder gar ökologisch und umweltfreundlich.

Gleichzeitig kommt es aber gerade durch die wiederholte Berufung auf dieselben Grundlagentexte in den Beiträgen unseres Kompendiums zu überraschenden Ergebnissen und Perspektivwechseln. Nachhaltigkeit wird im öffentlichen Diskurs primär als ein stark auf die Zukunft ausgerichtetes Konzept wahrgenommen. Angesichts dieser Tatsache verblüfft die Erkenntnis umso mehr, die von Detten in seinem Beitrag zur Forstwirtschaft vorstellt: Gerade in dieser ‚Gründungsdisziplin‘ steht Nachhaltigkeit für ein äußerst kompliziertes Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft. Aufgrund der langsamen Wachstums- und Entwicklungsprozesse von Wäldern besteht Nachhaltigkeit in der jeweiligen Gegenwart im Versuch, verschiedene potenzielle Entwicklungen und Risiken abzuschätzen und zu antizipieren. Beurteilt werden kann das Bemühen um Nachhaltigkeit eigentlich immer nur retrospektiv.

Dies deutet bereits auf einen Schluss hin, den alle Kapitel einhellig vertreten: Die Bemessung und Bewertung von Nachhaltigkeit – wie analog auch der Versuch, sich in allen Lebensbereichen nachhaltig zu verhalten – ist von hoher Komplexität gekennzeichnet, da sehr viele Faktoren zu berücksichtigen sind. Für nach schnellen, einfachen Lösungen suchende Leserinnen und Leser ist die Bestandsaufnahme der einzelnen Kapitel in dieser Hinsicht deprimierend: Die Vielschichtigkeit aller Aspekte von Nachhaltigkeit, die komplexe Verknüpfung mit diversen Bereichen, Konstellationen und Zielsetzungen mag gerade angesichts der durch den Klimawandel und dessen Folgeentwicklungen bedingten Zeitnot entmutigend wirken. Deshalb kommt der gesamtgesellschaftlichen ebenso wie der individuellen Ausbildung eines Bewusstseins für die Komplexität der Sachlage und diesbezügliche Handlungsmöglichkeiten eine besonders große Bedeutung zu – was in diesem Kompendium von verschiedenster Seite, von der Betriebswirtschaft und Ernährungsgeographie über die Nachhaltigkeitsgouvernanz, Bildungspolitik und Didaktik bis hin zur Medienwissenschaft, mit Nachdruck hervorgehoben wird. Keineswegs propagieren die Kapitel damit die von Armin Grunwald kritisierte „Privatisierung der Nachhaltigkeit“2. Nachhaltigkeit ist, um mit Grunwald zu sprechen, „eine Sache der Polis“ (ebd.: 181). Individuelle Verantwortung betrifft daher nicht ausschließlich Fragen nachhaltigen Konsums, sondern es geht um Partizipation im Sinne politischer Teilhabe. Die Förderung derselben wird in vielen Kapiteln des Kompendiums als grundlegendes Instrument für Nachhaltigkeit eingefordert. Partizipation bedarf allerdings umfassender Information.

Die akute Problemlage fordert uns zur Entwicklung kreativer Lösungsansätze heraus, und es ist wiederum gerade ihre Komplexität, die in diesem Bereich außergewöhnlich viele interdisziplinäre Projekte auf den Plan gerufen hat, so dass unter diesen Vorzeichen nicht nur Strategien für eine Transformation zur Nachhaltigkeit entwickelt wurden, sondern auch Interdisziplinarität erprobt werden und sich entfalten konnte. Entsprechend sind die einzelnen Beiträge des Kompendiums zwar mit je einer Disziplin oder einem Forschungsbereich überschrieben, tatsächlich aber machen die meisten ihrer Fallbeispiele deutlich, dass eine mehrdimensionale (ökologische, ökonomische, soziale und kulturelle) Nachhaltigkeit nur mit vereinten Kräften und kombinierten Methoden zu denken und zu erreichen ist – und dass aus der interdisziplinären Zusammenarbeit oft transdisziplinäre Ansätze entstehen (wie die Nachhaltigkeitsforschung). Nicht alle, aber einige der hier versammelten Disziplinen kann man zu den Environmental Humanities zählen, die ihrerseits nicht nur Geisteswissenschaften im engsten Sinne, sondern auch Gesellschaftswissenschaften umfassen und sich als Verbund schon per definitionem interdisziplinärer Forschung verschrieben haben. Aus diesem noch jungen Forschungsfeld kommen wichtige Impulse für die Nachhaltigkeitsforschung.

Wie auf den ersten Blick ersichtlich, ist das vorderste Ziel des Kompendiums die Multiperspektivität, die durch Beiträge aus 21 verschiedenen Disziplinen entsteht. Die Multidisziplinarität geht mit einer geographischen und kulturellen Breite einher, da in den Beiträgen Nachhaltigkeitsprojekte in verschiedensten Ländern diskutiert werden. Es ist zu erwarten, dass einzelne Leserinnen und Leser beim Blick in dieses Kompendium die eine oder andere Disziplin in unserem Reigen vermissen. Sollten dies Philosophie, Psychologie, Theologie, Umweltgeschichte, Politikwissenschaft oder Rechtswissenschaft sein, so liegt dies daran, dass eben diese schon in dem von Ruth Kaufmann und Paul Burger für die Schweizer Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften konzipierten Band Nachhaltige Entwicklung (2007) zu Wort kamen. Anders als unser Kompendium setzt dieser Band den Akzent auf die nachhaltige Entwicklung. Das Fehlen von den für die Nachhaltigkeitsforschung zentralen Beiträgen aus den Umwelt- und Klimawissenschaften u. a. wurde eingangs bereits mit der mengenmäßigen Dominanz von Beiträgen aus diesen Disziplinen begründet. Es bleibt zu hoffen, dass die Nachhaltigkeitsforschung weiterhin floriert und im Zuge dessen weitere Disziplinen mit den hier präsentierten in Dialog treten.

Dank

Einige Kapitel dieses Kompendiums gehen auf Vorträge zurück, die ihre Autorinnen und Autoren auf der Tagung Rhetorik der Nachhaltigkeit. Konzepte und Diskurse nachhaltiger Zukunftsgestaltung in Medien, Politik und diversen Fachdisziplinen gehalten haben, die wir im Juni 2016 am FRIAS (Freiburg Institute for Advanced Studies) dank Mitteln des DFG-Netzwerks Ethik und Ästhetik literarischer Reaktionen auf ökologische Transformationen veranstalten konnten. In der Folgezeit hat sich der Kreis der Beitragenden zu unserer großen Freude stetig erweitert. Allen Autorinnen und Autoren dieses Kompendiums sei herzlich gedankt für die fruchtbare Zusammenarbeit.

Besonderen Dank schulden wir außerdem Sophia Burgenmeister für die umsichtige redaktionelle Unterstützung sowie Lobsang Gammeter und Katharina Ströhm für ihre Hilfe beim Erstellen der Quellenverzeichnisse und der Register.

1Vgl. Portney, K. E.: Sustainability. Cambridge MA 2015, 1–5 u. Hulme, M.: Why We Disagree About Climate Change: Understanding Controversy, Inaction and Opportunity. Cambridge 2009, 248 f., 259.

2Grunwald, A.: Wider die Privatisierung der Nachhaltigkeit. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann, in: GAIA, 19/3, 2010, 178–182, hier 178.

1.Ideen- und Wissensgeschichte
Tobias Schlechtriemen

Fast jeder Lebensbereich und jede menschliche Tätigkeit lassen sich gegenwärtig mit dem Zusatz ‚nachhaltig‘ in seiner adjektivischen oder adverbialen Form versehen. Allerdings unterscheidet sich das, was die einzelnen Menschen unter ‚Nachhaltigkeit‘ verstehen, mitunter deutlich (vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012; Luks 2002; Brand/Jochum 2000). Der vage und mehrdeutige Gebrauch des Begriffs stellt für viele, wie etwa umweltpolitische Aktivistinnen und Aktivisten, ein Problem dar. Sie würden gerne genau klären, was Nachhaltigkeit im engeren Sinne bedeutet und dieses Verständnis von seinem – aus ihrer Sicht – falschen und irreführenden Gebrauch abgrenzen. Der Ideen- und Wissensgeschichte hingegen geht es nicht um eine eigene Definition dessen, was man unter Nachhaltigkeit verstehen könnte oder sollte. Vielmehr ist es ihr Ziel, zu rekonstruieren, was jeweils zu einer bestimmten Zeit darunter verstanden wurde. Die Ideen- und Wissensgeschichte analysiert somit die verschiedenen Verständnisse von Nachhaltigkeit, ihre medialen Darstellungsformen und historisch-sozialen Kontexte.1

1.1Konzepte und Wissensformationen von Nachhaltigkeit

Gegenüber der traditionellen philosophischen Auffassung, dass es sich bei Ideen um zeitlose und abstrakte Begriffe handelt, hat die neuere Ideen- und Wissensgeschichte zwei wesentliche Änderungen eingeführt (vgl. Müller/Schmieder 2016): Erstens geht sie davon aus, dass Wissen sich wandelt. Ideen haben eine Geschichte, die man wissenschaftlich untersuchen und rekonstruieren kann. Wann ist eine Idee aufgekommen und in welchem Kontext? Wie wurde sie aufgegriffen, weitergegeben und wie hat sich ihre Bedeutung geändert? Welche unterschiedlichen Verständnisse eines Begriffs kursieren innerhalb einer Gesellschaft und darüber hinaus?2 Zweitens folgt die Wissensgeschichte der Annahme des linguistic turn (Richard Rorty), dass es für einen Gedanken entscheidend ist, wie er sprachlich verfasst wird. Demzufolge gibt es keine abstrakten Ideen, die erst im Nachhinein sprachlich dargestellt werden. Was Rorty (1967) in Bezug auf Sprache formuliert, gilt auch für alle anderen Medien: Das Verständnis bildet sich direkt in einem oder mehreren Medien aus und wird entsprechend durch sie geprägt. Es stellt sich somit die Frage, wie Wissen durch verschiedene mediale Darstellungen geformt wird. Welche spezifischen Eigenschaften und Affordanzen (vgl. Zillien 2008) bringt ein bestimmtes Medium, wie Sprache oder etwa grafische Darstellungen, mit sich? Ludwig Jäger bezeichnet diese medienspezifischen Prägungen als „Transkriptionen“ (2001). Wissensgeschichtliche Untersuchungen beschäftigen sich folglich mit Wissensformationen sowohl im Hinblick auf ihre Geschichtlichkeit als auch ihre Medialität.

Bezüglich der eingangs geschilderten Beobachtung sind aus wissensgeschichtlicher Perspektive zudem zwei Aspekte interessant: zum einen, dass das Konzept der Nachhaltigkeit für so viele Menschen in völlig verschiedenen Bereichen eine solche herausragende Bedeutung und Relevanz besitzt, und zum anderen, dass sich nahezu alle in positiver Weise darauf beziehen. Es zeichnet sich also sowohl durch eine enorme gesellschaftliche Reichweite als auch durch eine hohe Wertschätzung aus. Die Nachhaltigkeitsdebatte bietet den Anlass, dass Menschen diskutieren, was ihnen gegenwärtig wichtig ist, auch in der Form, dass sie artikulieren, was sie sich für ihre Zukunft wünschen oder wovor sie sich fürchten. Kurz: Nachhaltigkeitsvorstellungen bilden einen wichtigen Teil des sozialen Imaginären – zumindest westlicher Gesellschaften (vgl. Kagan, im Erscheinen). Die Vagheit und Offenheit des Verständnisses scheint dabei eine bereichsübergreifende Kommunikation erst zu ermöglichen.3 Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Nachhaltigkeit für fast alle einen positiven Referenzpunkt darstellt, der hinsichtlich seiner Bedeutung aber nicht festgelegt ist.

Wie konnte Nachhaltigkeit diese prominente gesellschaftliche Stellung erlangen, die man mit Ernesto Laclau als „empty signifier“ (Laclau 2002: 69), als ‚leeren Signifikanten‘ bezeichnen könnte?4 Wo ist das Konzept der Nachhaltigkeit zuerst aufgetaucht? In welche anderen Bereiche wurde es dann übertragen? Seit wann ist es zu einem „absoluten Begriff” (Schüttpelz 2007: 25) aufgestiegen, der nicht mehr nur einem spezifischen Bereich zugeordnet werden kann, sondern in fast allen gesellschaftlichen Teilbereichen eine Referenz darstellt?

Diese weitreichende diskursgeschichtliche Rekonstruktion kann hier nicht geleistet werden. Stattdessen konzentriere ich mich im Folgenden auf die unterschiedlichen Verständnisse von Nachhaltigkeit. Ein wesentlicher Aspekt wird dabei sein, wie Nachhaltigkeit als wissenschaftlicher Gegenstand behandelt worden ist. Denn im Fall des Nachhaltigkeitsdiskurses gingen entscheidende Impulse von wissenschaftlichen Darstellungen aus, die in der Folge massenmedial aufgegriffen und öffentlich diskutiert wurden. Drei Texte, die für die Nachhaltigkeitsdebatte prägend waren und immer noch als richtungsweisend gelten, stehen im Zentrum meiner Analyse: Das 1713 erschienene Buch Sylvicultura oeconomica von Hans Carl von Carlowitz (2013); die von Donella H. sowie Dennis L. Meadows und ihrem Team 1972 publizierte Schrift The Limits to Growth (dt.: Die Grenzen des Wachstums), die auch als Bericht des Club of Rome bekannt geworden ist (Meadows et al. 1980); und schließlich der sogenannte Brundtland-Report, also der Text, den eine unabhängige UNO-Kommission 1987 unter dem Titel Our Common Future (dt.: Unsere gemeinsame Zukunft) vorstellte (Weltkommission 1987).

In der Analyse habe ich fünf Kernaspekte herausgearbeitet, die in allen drei Texten eine wesentliche Rolle spielen. Das gilt zunächst für diese drei Schriften; die Motive und Fragen sind jedoch so grundlegend, dass sie mir geeignet erscheinen, um generell bei der vergleichenden Analyse von Nachhaltigkeitsdiskursen eingesetzt zu werden.5 Insofern handelt es sich um idealtypische Konstruktionen, um eine Heuristik, die aus den historisch-konkreten Formen abgeleitet ist. Entsprechend muss man sie anpassen, wenn andere Quellen mit einbezogen werden. Die idealtypische Heuristik ermöglicht es aber, sich in den diversen und oftmals diffusen Auffassungen dessen, was Nachhaltigkeit bedeutet, zu orientieren, Vergleichsanalysen anzufertigen und innerhalb eines Nachhaltigkeitsdiskurses dessen inhärente Konsequenzen durchzuspielen. Wie die Beispielanalysen im Folgenden zeigen werden, beschränke ich mich dabei nicht auf Begriffe oder Ideen. Vielmehr beziehe ich mit ein, in welchen Metaphern, Diagrammen und technischen Kontexten das Wissen über Nachhaltigkeit formuliert, dargestellt und dadurch eben auch formiert wird.6

Die fünf Kriterien oder Kernaspekte sind: erstens, der Anlass, welcher im Text als Grund oder Motivation für die Darstellung angegeben wird; zweitens, die Ressource, die erhalten werden soll; drittens, die Bezugseinheit, auf die sich die Berechnung des zu Erhaltenden bezieht; viertens, das Wissen, welches man benötigt, um entsprechende Berechnungen anstellen zu können; und fünftens, die Akteure und ihre Positionierung, also wer in welcher Weise aktiv oder passiv beteiligt ist, in welchem institutionellen Setting etc. und wie sich die Autorin oder der Autor bzw. deren jeweilige Institution selbst in Bezug auf das beschriebene Problem positioniert.

1.2Fallbeispiele: Analysen dreier Meilensteine der Nachhaltigkeitsdebatte
Sylvicultura oeconomica

Das Buch Sylvicultura oeconomica ist im Kontext dieser Analyse deswegen interessant, weil viele davon ausgehen, dass hier zum ersten Mal das Konzept der Nachhaltigkeit formuliert wird – etwa Ulrich Grober (2010) in seiner Rekonstruktion des Nachhaltigkeitsdiskurses. Das Wort ‚nachhalten‘ war zwar zuvor bereits gebräuchlich (vgl. Kaden 2012), aber bei von Carlowitz sei zudem ein grundlegendes Verständnis von Nachhaltigkeit entwickelt.7 Der Satz, der als Beleg dafür eine erstaunliche Prominenz erhalten hat, aber meist nur gekürzt und ohne weiteren Kontext wiedergegeben wird, ist folgender:

Wird derhalben die gröste Kunst / Wissenschafft / Fleiß / und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unent berliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse [Wesen] nicht bleiben mag. (von Carlowitz 2013: 216)

Hier taucht der Ausdruck „nachhaltende Nutzung“ [Hervorh. T. S.] auf und charakterisiert die Weise, in der der Wald bewirtschaftet werden sollte. Damit ist im Kern ein Grundsatz formuliert, welcher den Nachhaltigkeitsdiskurs der letzten 30 Jahre geprägt und dessen Aussage nicht an Plausibilität verloren hat: Im Wald sollte man nicht mehr Holz schlagen, als nachwächst. Als Ausgangspunkt für die Analyse des Nachhaltigkeitsdiskurses lohnt es sich also, genauer zu untersuchen, durch welche wesentlichen Elemente sich von Carlowitz’ Verständnis von Nachhaltigkeit auszeichnet. Allerdings sei in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass es sich dabei um ein Spezifikum des deutschsprachigen Diskurses handelt.8

Gleich zu Anfang, noch in der Widmung für den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich August I., formuliert von Carlowitz seine Beweggründe für das Verfassen dieses umfangreichen Werkes (2013: 94): Es gehe ihm darum,

den Handel und Wandel zuerheben / und dadurch sattsame Nahrung und Unterhalt für sie [„die armen Unterthanen“] zu conserviren / worunter der Berg-Bau bey Ew. Königl. Maj. Weltberufenen Sächsischen Ertz-Gebürge / als ein großes Momentum, zum Besten des gemeinen Wesens / bevorab zu rechnen / dadurch viele herrliche Städte / Flecken und Dörffer eingebauet / viel tausend Menschen ernehret / große Summen Geldes in Deroselben und Dero benachbarten Landen zum rouliren bracht / und vermittelst derer Metallen und Mineralien auch daraus gefertigten Manufacturen / das Commercium bey der Kauffmannschafft ins Land gezogen / je mehr und mehr verstärcket / darinnen erhalten / und folglich Ew. Königl. Maj. hohes Interesse immer möglichst befördert wird.

Der „Handel und Wandel“ soll angeregt werden, um die Menschen der Region zu ernähren. Dabei stellt der Bergbau ein „großes Momentum“, also einen entscheidenden Aspekt, „zum Besten des gemeinen Wesens“ dar. Was hier ebenfalls auftaucht, ist die Strategie „zu conserviren“ und „bevorab zu rechnen“, also Berechnungen anzustellen, die künftige Entwicklungen vorhersagen und dadurch Nahrung und Unterhalt sichern können. Insgesamt handelt es sich um einen Vorschlag, der – im Sinne des „Commercium“ – auf wirtschaftliche Erfolge abzielt, um auf diese Weise wiederum dem Gemeinwohl, auch in Zukunft, zu dienen.

Im anschließenden Satz wird noch einmal die wesentliche Rolle betont, welche die Bergwerke spielen. Es ist tatsächlich ein Satz; in dem auch der Zusammenhang mit dem Wald bzw. dem Holz hergestellt wird:

In dieser Betrachtung nun / und sonderlich wie die Bergwercke / als das edle Kleinod und unschätzbare heilige Nahrungs-Mittel / bey Ew. Königl. Maj. Churfl. Sächß. Landen / wegen anscheinenden Holtz-Mangel künfftig nicht in Abfall kommen / und dadurch die florierende Commercia gehemmet werden möchten / […] wie das Holtzwesen in Ew. Königl. Maj. Churfürstl. Sächsischen Landen etzlicher maßen zu unterhalten / und der befürchtende Holtz-Mangel durch den Anflug und Wiederwachs des jungen Holtzes / bey und auf denen großen Blösen / und Stock-Räumen / derer in viel tausend Ackern bestehend abgetriebener und abgehöltzter Wälder / denen Nachkommen zum Besten / nach und nach wiederzuersetzen / und dadurch den lieben Bergwerck / (welches in Ew. Königl. Majest. Landen / durch Gottes Seegen unerschöpfflich / aber ohne sattsames Holtz / nicht geführet werden mag) so wohl voritzo / als künfftighin zu Vermehr- und Erweiterung zu statten zu kommen / zumahl weil doch Grund und Boden gnugsam hierzu vorhanden / und bey dessen pfleglicher Holtz-Cultur solches hinfüro nicht ermangeln kan. (von Carlowitz 2013: 94 f.)

Die Bergwerke werden hier als „Kleinod“ und „unschätzbare heilige Nahrungs-Mittel“ beschrieben. Sie seien zwar durch Gottes Segen unerschöpflich, aber könnten ohne Holz nicht betrieben werden. Anlass zur Sorge bereitet von Carlowitz der zu seiner Zeit offenbar breit diskutierte „befürchtende Holtz-Mangel“. Diesen wolle er durch Vorschläge für eine „pflegliche[ ] Holtz-Cultur“ überwinden – und das komme dann auch einer „florierende[n] Commercila“ zugute. Auf welche Weise er den Holzmangel bekämpfen möchte, nimmt er im Kern hier schon vorweg: Es gehe darum, die Brachflächen und abgeholzten Felder wieder aufzuforsten.9 Der geographische Bereich, auf den er sich bezieht, sind die „Churfürstl. Sächsischen Landen“. Zeitlich hat er seine Gegenwart, aber auch die Zukunft – „so wohl voritzo / als künfftighin“ – im Blick, denn die Maßnahmen seien auch „denen Nachkommen zum Besten“.

Anhand der fünf Kernaspekte lässt sich von Carlowitz’ Darstellung folgendermaßen strukturieren: Den Anlass zur Niederschrift seiner Vorschläge bildet für von Carlowitz der Holzmangel.10 Dieser habe dazu geführt, dass bereits viele Bergwerke in Europa und weltweit nicht mehr ausgelastet seien und folglich auch nicht mehr auf ihre Kosten kämen (vgl. von Carlowitz 2013: 99) – letztlich handelt es sich also um eine ökonomische Begründung. Als Ursache für den Holzmangel identifiziert er den Umstand, dass viele Wälder abgeholzt und zu landwirtschaftlichen Flächen oder Gärten und Teichen umfunktioniert worden seien (vgl. von Carlowitz 2013: 98).

Die entscheidende Ressource ist das Holz. Dessen Zentralität begründet von Carlowitz allgemein und insbesondere in Bezug auf den Bergbau (2013: 98):

daß man ohne dasselbe [das Holz] / nebenst dem lieben Brodt / weder zu Saltze noch Schmaltze zugelangen / noch zu kochen / zu brauen / ja nicht in Trocknen zu wohnen / noch weniger den Leib den harten Winter durch / vor Frost und Kälte gesund und bey Kräfften lebendig zu erhalten / vermag / zugeschweigen daß ohne dessen Bey-Hülffe auch bey dem Edlen Bergbau zu denen untersten Schätzen der Erden in keinerley Wege zukommen / und also weder Silber noch Gold / oder andere Metalle und Mineralien / worinnen doch der nervus rerum gerendarum [Hauptbeweggrund] bey dem gemeinen Wesen bestehet / fündig zu machen / zu schmeltzen / zu münzen / noch sonsten zu Nutze zu bringen.

Dem drohenden Mangel will von Carlowitz durch Vorausberechnung der Holzbestände begegnen. In diesem Zusammenhang schreibt er immer wieder davon, dass man im Grunde die nächsten 100 Jahre im Blick haben müsse (vgl. etwa von Carlowitz 2013: 210). Letztlich geht es um eine Nullsummenrechnung, dass nur so viel Holz verbraucht werden kann, wie auch nachwächst. Um den Bedarf an Holz und die Bestände berechnen zu können, braucht er eine Bezugseinheit. Als solche fungiert bei ihm das Land Sachsen bzw. die darin zur Verfügung stehenden Waldflächen.11

Um den Bestand zu konservieren, müssten weitere Flächen aufgeforstet werden. Hierzu braucht es ein genaues Wissen über die Aufzucht neuer Bäume, das Wachstum verschiedener Arten usf., kurz: die Forstwissenschaft, die er etablieren und deren Wissen er unter den Menschen verbreiten möchte.12 Das bedeutet auch, dass der Wald hier nicht als natürliches Ökosystem für sich geschützt werden soll. Vielmehr ist es ein Plädoyer für einen auf forstwissenschaftlichem Wissen beruhenden menschlichen Eingriff, der den Wald dann auch in eine forstwirtschaftliche Ressource wandelt (vgl. Kaufmann 2004: 174 f.).

Hans Carl von Carlowitz ist Leiter des sächsischen Oberbergamts und besetzt somit die Stelle, an der alle Informationen zusammengeführt sowie die wichtigen forstwirtschaftlichen Entscheidungen getroffen werden.13 Wenn also jemand über das Wissen verfügt, das er hier zugleich einfordert und verbreiten möchte, dann er selbst. Somit stehen als Akteure14 er und seine Institution des Oberbergamts im Zentrum des beschriebenen Geschehens mit dem Anspruch, auf dieses einen erheblichen Einfluss ausüben zu können.

Wenn man das Verständnis von Nachhaltigkeit, wie es hier formuliert ist, zusammenfasst, dann wird ein Bezug zu einer Einheit hergestellt – das ist hier das Land Sachsen. Innerhalb dieser Einheit geht es um Holz als endliche und lebenswichtige Ressource, die eine hohe ökonomische Relevanz aufweist. Diese Ressource wird nicht nur in der Gegenwart gebraucht, sondern auch in der Zukunft. Sie ist zwar endlich, aber sie wächst nach. Davon ausgehend wird eine einfache Rechnung aufgestellt: Man darf nur so viel Holz verbrauchen, wie in der gleichen Zeit nachwächst.15 Allgemein formuliert motiviert eine bestimmte Zukunftsvorstellung ein entsprechendes Handeln in der Gegenwart. In der konkreten Umsetzung dieses Handelns bedarf es dazu eines bestimmten Wissens. Denn man muss in der Lage sein zu kalkulieren, in welcher Zeit wie viel Holz der unterschiedlichen Baumarten nachwächst; zudem kann man das Wachstum gezielt fördern und unterstützen. Dieses forstwissenschaftliche Wissen – so wird hier angenommen – ist erforderlich, um überhaupt die Nachhaltigkeit über einen betreffenden Zeitraum berechnen zu können.

Das, was hier Anfang des 18. Jahrhunderts als ein neues Wissen und Konzept im Hinblick auf die Beforstung des Waldes entwickelt wurde, findet sich als Metapher oder als eine Bedeutungsschicht in vielen Definitionen und Umschreibungen von Nachhaltigkeit bis in die Gegenwart.

Die Grenzen des Wachstums

Der zweite hier analysierte Grundlagentext wurde 250 Jahre später geschrieben: Die Grenzen des Wachstums von 1972.16 Das Buch geht auf die Initiative und finanzielle Unterstützung des Club of Rome zurück, der 1968 in Rom von Personen aus Wissenschaft und Politik gegründet wurde.17 Es wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verfasst, die sowohl auf dem Cover als auch im Klappentext als „Mitarbeiter der berühmtesten westlichen Denkfabrik, des Massachusetts Institute of Technology (MIT)“18 vorgestellt werden.

In beiden Paratexten des Buchumschlags wird bereits das Ergebnis zusammengefasst:

Das Fazit ist eindeutig: Unser Bevölkerungs- und Produktionswachstum ist ein Wachstum zum Tode. Der ‚teuflische Regelkreis‘ – die Menschheitszunahme als Ursache und Folge der Ausplünderung unseres Lebensraums – kann nur durch radikale Änderung unserer Denkgewohnheiten, Verhaltensweisen und Gesellschaftsstrukturen durchbrochen werden.

Man müsse weiterhin auf Technik und Wissenschaft setzen, aber nicht mit dem Ziel, das Bruttosozialprodukt zu erhöhen. Vielmehr habe das Meadows-Team den „Zustand eines stabilisierten Gleichgewichts“ (Klappentext von Meadows et al. 1980) errechnet, den man noch erreichen könne.

An dieser Stelle setze ich nun wieder die fünf Kernaspekte ein, um das Verständnis von Nachhaltigkeit, wie es hier formuliert ist, zu konturieren und vergleichbar zu machen. Die Forschenden des MIT sind Systemtheoretiker und gehen von einem dynamischen Systemverständnis aus. Ihr Ziel ist es, ein Weltmodell aufzustellen, mit dem sich die globale Entwicklung berechnen lässt. Dazu stellen sie die aus ihrer Sicht zentralen Grundgrößen auf: „Bevölkerung, Kapital, Nahrungsmittel, Rohstoffvorräte und Umweltverschmutzung“ (Meadows et al. 1980: 76). Hier handelt es sich nicht nur um Ressourcen im engeren Sinn, sondern um andere Faktoren, die aus ihrer Sicht entscheidend die weltweite Entwicklung bestimmen.

Das Forscherteam betrachtet diese Grundgrößen als voneinander abhängige Variablen. Im Sinne des dynamischen Systemkonzepts werden sie als wechselwirkende Teile verstanden. Um solche Wechselwirkungen berechnen und hochrechnen zu können, braucht es auch hier eine Bezugseinheit: Das ist „die Menschheit“ (Meadows et al. 1980: 12), „die Erde“ (Meadows et al. 1980: 13) oder das Weltsystem, für das es dann entsprechend ein „Weltmodell“ (Meadows et al. 1980: 15) gibt. Außerdem wird jede Grundgröße für sich noch einmal als Regelkreis beschrieben mit Faktoren, die eine Zunahme begünstigen, und solchen, die zur Abnahme der Größe beitragen. Dieses Weltmodell übernehmen sie von Jay Forrester und dessen kybernetischem Ansatz der Systems Dynamics (Seefried 2015: 60, 267 f.). Mit den Grundgrößen, ihren Regelkreisen und den Daten, die dazu vorliegen, lassen sich Computerberechnungen anstellen und das Verhalten der Variablen zueinander testen.19 Der zeitliche Rahmen dazu wechselt, mal geht es um den „Zeitraum zwischen 1900 und 2100“ (Meadows et al. 1980: 79), mal bis zum Jahr 2000 oder auch deutlich länger.

Die Computersimulationen führen zu eindeutigen Ergebnissen, welche die Forscher als Anlass zu deren Publikation schildern: „Wir kamen dabei zu Erkenntnissen, wie sie sich schon vielen weiterblickenden Menschen aufdrängten: daß die kurzen Verdoppelungszeiten im System der Menschheit uns erstaunlich rasch an die Grenzen des Wachstums heranführen werden“ (Meadows et al. 1980: 75). Die Entwicklung vollziehe sich nicht nur exponentiell, sondern „super-exponentiell“ (Meadows et al. 1980: 26). „Dieses Systemverhalten tendiert eindeutig dazu, die Wachstumsgrenzen zu überschreiten und dann zusammenzubrechen“ (Meadows et al. 1980: 111), so die Forscher des MIT. Das habe ihre „Wertmaßstäbe verändert“.20

Diese Dynamik lässt sich an folgender Grafik ablesen (vgl. Abb. 2). Für alle Grundgrößen sind die Daten zwischen 1900 und 1970, die zu dieser Zeit vorliegen, eingetragen – danach wird die Kurve durch Hochrechnungen ergänzt. Man sieht, wie bis 2020 Nahrungsmittel, Industrieproduktion, aber auch Umweltverschmutzung und Bevölkerung steigen – nur die Rohstoffvorräte fallen. Um 2050 gibt es dann einen Wendepunkt und deutlichen Abfall der Bevölkerungszahlen. Das Wissen wird hier über Computersimulationen gewonnen. Ausgehend von Daten zu Grundvariablen eines Systems und deren Interaktion werden zukünftige Entwicklungen hochgerechnet und in Graphen visualisiert. Dies bedeutet allerdings „die Abhängigkeit des Erkenntnisfortschritts von der Leistungsfähigkeit der Rechner“ (Gramelsberger 2010: 95).


Abb. 1: aus: Meadows et al. 1980: 113.

Die Forscherinnen und Forscher des MIT formulieren den Anspruch, ihr Modell sei „das einzige existierende Modell, das wirklich weltweite Bedeutung hat“ (Meadows et al. 1980: 15). Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie über einen der zu dieser Zeit wenigen Computer mit entsprechender Rechenkapazität verfügten.21 Der Vorteil ihres Modells ist außerdem, dass man mit ihm experimentieren kann, indem man die Variablen ändert und dann die Auswirkungen dieser Änderungen in Probeläufen durchspielt (vgl. Gramelsberger 2010: 157). Diese informationstechnologischen Möglichkeiten prägen auch die Weltwahrnehmung: „Computer geben Einblicke in das Innere der Phänomene, indem sie das gesamte Gebiet der Mannigfaltigkeiten als mathematischen Möglichkeitsraum eröffnen“ (Gramelsberger 2010: 255).


Abb. 2: aus: Meadows et al. 1980: 13.

Wie sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst positionieren – auch im Verhältnis zu den anderen Menschen –, zeigt eine Grafik, die im Anfangsteil des Buches abgebildet ist (vgl. Abb. 2). Sie wirkt wie eine nüchterne wissenschaftliche Grafik. Die darauf eingetragenen Punkte könnten errechnet sein, bei genauerem Betrachten wirken sie jedoch grob gesetzt – beim Verfertigen schien es eher um die Veranschaulichung eines allgemeinen Prinzips gegangen zu sein. Dennoch referiert die Grafik stilistisch auf das ‚Genre‘ mathematisch-exakter Darstellungen.

Die beiden Achsen stellen Raum und Zeit dar. Auf den Achsen sind nun jeweils durch Striche markierte Zonen eingetragen. Die Beschriftung weist sie aus als „Familie“, „Arbeit, Stadt, Nachbarschaft“, „Nation“, „Erde“ (Meadows et al. 1980: 13). Auf der Zeitachse gibt es die Abschnitte „kommende Woche“, „nächste Jahre“, „Lebensspanne“, „Lebensspanne der Kinder“.22 Im Text wird dazu erläutert, dass es sich bei den Punkten um die menschlichen Belastungen oder Sorgen handele. Je nachdem, wo der „Zentralpunkt jeder menschlichen Sorge […] in dieses Koordinatensystem eingetragen“ (Meadows et al. 1980: 12) sei, beziehe sie sich auf zeitlich und räumlich Naheliegendes oder Ferneres.

Die Sorgen der meisten Menschen konzentrieren sich in der linken unteren Ecke; dieser Teil der Menschheit hat ein schweres Leben; er hat sich fast ausschließlich darum zu bemühen, sich und seine Familie über den nächsten Tag zu bringen. Andere wieder können über den Tag hinaus denken und handeln. Sie empfinden nicht nur eigene, sondern auch Lasten der Gemeinschaft, mit der sie sich identifizieren. Ihre Handlungsziele erstrecken sich über Monate und Jahre. (Meadows et al. 1980: 12)

Zunächst einmal ist die letzte Bezugseinheit die Menschheit – die Grafik ist untertitelt mit „Aussichten der Menschheit“ (Meadows et al. 1980: 13). Diese Einheit wird in sich differenziert, es werden verschiedene Rollen verteilt. Diese Differenzierung sei keine normative, sondern eine, die sich objektiv nach rein mathematisch berechenbaren Kriterien richte – das suggeriert die Darstellungsweise der Grafik. Die Menschen werden danach eingeteilt, wie weitsichtig sie denken und handeln können, sowohl zeitlich als auch räumlich gesehen. Demnach sind links unten diejenigen verortet, die zeitlich wie räumlich begrenzt denken und handeln. Daher rührt die Qualifikation, dass sie „ein schweres Leben“ hätten. Auch der nächstliegende Teil der Menschheit empfinde „Lasten“, aber sie bezögen sich eben auf weitere Kreise, wie die „Nation“, und auch zeitlich werde in längeren Zeitspannen gedacht und gehandelt.

Nun steckt implizit bereits in dieser Grafik eine weitere Rolle: die Selbstverortung der Beschreibenden. Dies ist die Einleitung in einen Bericht, der den Zustand der Menschheit bzw. der Erde beschreiben und dabei Berechnungen anstellen möchte, wie diese sich über die nächsten Jahrhunderte entwickeln werden. Die Forscherinnen und Forscher gehören folglich, wie sie dann auch selbst schreiben, „in die obere rechte Ecke des Koordinatensystems von Abbildung 1“ (Meadows et al. 1980: 14). Es handelt sich um die Wenigen, die in der Lage sind, auf die größtmögliche räumliche Einheit – die Erde, die Menschheit oder den Planeten – und eine langfristige Zeitspanne – von „Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten“ (Meadows et al. 1980: 15) – bezogen zu denken und Handlungsvorschläge zu machen, also den „langfristigen weltweiten Problemen“ (Meadows et al. 1980: 15) nachzugehen.23

Das Verständnis von Nachhaltigkeit in den Grenzen des Wachstums ist am Ideal des Gleichgewichts ausgerichtet:

Wir suchen nach einem Modellverhalten, das ein Weltsystem repräsentiert, das 1. aufrechterhaltbar [sustainable] ist ohne Tendenz zu plötzlichem unkontrolliertem Zusammenbruch und 2. die Kapazität besitzt, die materiellen Bedürfnisse der Weltbevölkerung zu befriedigen.24

Ein entsprechendes Modellverhalten sähe so aus, dass sich die verschiedenen Größen wechselseitig und innerhalb ihres Regelkreises in einem systemischen Gleichgewicht halten (vgl. Abb. 3). Auch wenn sie in Form ‚nüchterner‘ Graphen dargestellt werden, so handelt es sich dennoch um zwei völlig verschiedene, aber durchaus drastische Zukunftsszenarien, die hier einander gegenübergestellt werden: den ‚Kollaps‘ des Weltsystems und das systemische Gleichgewicht.25

Unsere gemeinsame Zukunft

Als Ergänzung der beiden anderen Texte möchte ich auf zwei Kernaspekte aus der Analyse des Brundtland-Reports mit dem Titel Unsere gemeinsame Zukunft eingehen – alle weiteren Kriterien aber aus Platzgründen auslassen.26 Im Anschluss an das letzte Beispiel sei gleich zu Beginn gesagt, dass im Brundtland-Report das Wachstum wieder eingeführt wird, aber als „dauerhafte Entwicklung“ („sustainable development“), und es wird der Versuch unternommen, die oben beschriebene soziale Asymmetrie über die Zusammensetzung einer „Weltkommission“ zu umgehen (vgl. Brand/Jochum 2000: 20–25). Die Kommission wird 1983 von den Vereinten Nationen als ein unabhängiges Gremium initiiert.27 Ihr gehören Mitglieder aus 22 Ländern aller Kontinente an. Geleitet wird sie von der späteren norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland. Nach drei Jahren gemeinsamer Arbeit legt die Kommission 1987 der UNO-Generalversammlung ihren Bericht vor. Ihr Verständnis von Nachhaltigkeit definiert sie wie folgt: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (Weltkommission 1987: 46).


Abb. 3: aus: Meadows et al. 1980: 148.

Der Anlass für ihre Arbeit besteht in der Gefährdung der Umwelt: „eine gemeinsame Besorgnis um den Planeten und die verflochtenen ökologischen und wirtschaftlichen Bedrohungen“ (Vorwort Brundtland in Weltkommission 1987: XXII f.). Zur Verdeutlichung zählen sie die Umweltkatastrophen auf, die sich allein während der drei Jahre ihrer Arbeit ereigneten: darunter sind die Dürre in Afrika, das Bhopal-Unglück in Indien und Tschernobyl (vgl. Weltkommission 1987: 5). „Diese Herausforderungen überschreiten die Grenzen nationaler Hoheit, begrenzter Strategien von wirtschaftlichem Gewinn und getrennter Wissenschaftsdisziplinen“ (Vorwort Brundtland in Weltkommission 1987: XX). Der Bezug auf die Einheit ergibt sich bereits aus der Verflechtung und dem grenzüberschreitenden Maßstab der Bedrohungen.28 „Die zu bewältigenden Probleme sind sowohl miteinander verflochten als auch Teil eines größeren Ganzen“ (Weltkommission 1987: 11).

Es gibt noch einen weiteren Anlass und Einheitsbezug, der in den ersten Sätzen des Berichts formuliert wird:

Mitte des 20. Jahrhunderts gewahrten die Menschen zum ersten Mal den Anblick, den ihr Planet aus dem All bietet. Vielleicht werden künftige Historiker einmal zu der Einsicht gelangen, daß dieser Anblick unser Bewußtsein grundlegender veränderte, als es selbst der – das menschliche Denken zutiefst erschütternden – Kopernikanischen Revolution des 16. Jahrhunderts durch das Verbannen der Erde aus dem Mittelpunkt der Welt gelungen war. Aus dem All erscheint die Erde als kleine, zerbrechliche Kugel, geprägt nicht von menschlichem Wirken, sondern von Wolken, Ozeanen, Wäldern und Kontinenten. Die Unfähigkeit der Menschen, ihr Wirken diesen Gegebenheiten unterzuordnen, hat grundlegende Auswirkungen auf globale Wirkungszusammenhänge zur Folge. Viele dieser Auswirkungen gehen Hand in Hand mit lebensbedrohenden Gefahren. Dieser neuen, unentrinnbaren Wirklichkeit gilt es ins Auge zu sehen, und sie müssen wir in den Griff bekommen. (Weltkommission 1987: 1)

Hier wird der Anblick des Planeten – nicht mehr unbedingt der Welt oder der Erde – aus dem All geschildert. Die Erzählperspektive, die dabei eingenommen wird, entspricht dem Blick aus dem Weltraum. Aus großer räumlicher Distanz wird die ‚kleine, zerbrechliche Kugel‘ beschrieben. Auch zeitlich handelt es sich um die Fern-Perspektive zukünftiger Historiker, die auf diese Zeit zurückblicken bzw. die Geschichte der letzten Jahrhunderte überblicken.29


Abb. 4: Foto Nr. AS17–148–22727 aus dem Apollo Image Atlas.


Abb. 5: Foto Nr. 68-HC-870 der Apollo-8-Mission.

Der Blick aus dem All, der am Anfang des Zitats aufgerufen wird, bezieht sich auf eine Aufnahme, die der Astronaut Harrison Schmitt am 7. Dezember 1972 im All beim Flug mit der Apollo-17-Kapsel gemacht hatte (vgl. Abb. 4).30 Sie wurde „blue marble“, also ‚blaue Murmel‘, und dann später ‚der Blaue Planet‘ betitelt (vgl. Heise 2008: 22–28; Schneider 2018: 335–379). Sie zeigt im Original den Südpol oben und ist „zur besseren Orientierung“ meist um 180° gedreht. Dieser fotografischen Aufnahme geht das Bild „earthrise“ vom 24. Dezember 1968 voraus (Apollo 8), das William Anders aufgenommen hatte (vgl. Abb. 5).31 Es wurde im Original mit der Mondfläche in der Vertikalen fotografiert, wird aber meist um 90° gedreht. Beide Fotos haben zunächst einmal dokumentarischen Charakter. Aber schon der Umstand, dass sie anders gezeigt als fotografiert werden, verdeutlicht, dass sie mehr darstellen als bloß fotografische Aufnahmen – sie haben, so könnte man vorsichtig formulieren, eine Orientierungsfunktion, man verortet sich selbst, das eigene Dasein auf der Erde, über diese Bilder, weswegen ihre Ausrichtung auch so wichtig ist.32

Das Bild earthrise wurde, kurz nachdem es gemacht worden war, im Rahmen einer Live-Fernsehsendung noch am Weihnachtsabend 1968 gezeigt und die drei Astronauten wurden zugeschaltet. Sie begrüßten die Zuschauer und anschließend kommentierte William Anders live aus dem All:

Wir nähern uns nun dem lunaren Sonnenaufgang. Und für alle Menschen unten auf der Erde hat die Besatzung der Apollo 8 eine Botschaft, die wir euch senden möchten: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser, und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. […] Und von der Besatzung der Apollo 8: wir schließen mit einem Gute Nacht, Viel Glück, fröhliche Weihnachten und Gott segne euch alle – euch alle auf der guten Erde.33

Wenn man sich die Begleitumstände dieses Bildes anschaut, dann ist vor allem klar, dass die Apollo-Mission eine Reaktion auf den Sputnik-Schock von 1957 darstellte und den Kontext also noch der Weltraum-Wettlauf mit der Sowjetunion bildete (1969 fand die erste bemannte Mondlandung statt). Es ging also um politisches Prestige und die Konkurrenz in hochtechnologischen Entwicklungen.

Die Bedingungen, unter denen das Foto entstanden ist, stehen in deutlichem Kontrast zu der Wirkung, die ihm zugesprochen wird. Steward Brand, der das Vorgängerbild34 auf das Cover seines „Whole Earth Catalog” nimmt, kommentiert den Effekt des Bildes folgendermaßen: „Bucky [Buckminster Fuller] led me to this notion. He said people still think the earth is flat because they act as if its resources are infinite. But that photograph showed otherwise […]. This is all we’ve got and we’ve got to make it work. There’s no backup.“ Das nennt Frank White später den „Overview-Effekt“.35

Weil man die Erde als ganze sehen kann, wird zugleich deren Begrenzung deutlich – dass sie keine unendliche Fläche darstellt. Das ähnelt der Endlichkeits-Einsicht, wie sie schon von Carlowitz formuliert hatte. Hatte dieser die begrenzten Holzvorräte des Landes Sachsen thematisiert, wird hier der Blick auf die größtmögliche Bezugseinheit gelenkt: den Planeten Erde. Bei Meadows et al. spielte das Motiv der Begrenzung der Ressourcen ebenfalls eine wichtige Rolle: Die Grenzen des Wachstums formuliert die zentrale Erkenntnis bereits im Titel.36 Auch darin werden globale Zusammenhänge thematisiert (die fotografischen Aufnahmen der Erde existierten zu dieser Zeit bereits, es wird auf sie aber nicht direkt Bezug genommen). Allerdings macht es für die Darstellung der Einheit, auf die sich das Nachhaltigkeitsverständnis bezieht, einen Unterschied, ob sie aus sich wechselseitig bedingenden Variablen innerhalb eines Weltsystems dargestellt wird oder als von außen als ganzer erfassbarer Planet Erde. Im ersten Fall werden vor allem die Wechselwirkungen, die wechselseitige Abhängigkeit der einzelnen Systemelemente voneinander thematisiert; in der zweiten Darstellung wird die Einheit, aber vor allem auch die Begrenzung der ‚einen, kleinen Erde‘ im All sichtbar.

Wie der Anfang des Buches bereits zeigt, wird mit diesem Blick aus dem All eine quasi göttliche Perspektive eingenommen – die ihren Widerhall auch im Rezitieren der biblischen Schöpfungsgeschichte durch die Astronauten findet. Aber die Schöpfung wird dadurch eine menschliche Aufgabe. „Mit dem Leitbild ist eine Gestaltungsaufgabe in einer Komplexität verbunden, die einmalig in der Menschheitsgeschichte ist: Die Menschheit bzw. Weltgesellschaft ‚als Ganzes‘ wird zum Objekt von bewusster Gestaltung“ (Grunwald/Kopfmüller 2012: 15). Stewart Brand schreibt in seinem Whole Earth Catalogue gleich zu Anfang „We are as gods“ (1968: 2). Im Weiteren führt das Erringen der gottähnlichen Außenperspektive zum „Verlust des Außen“37. Mit der planetarischen Positionierung und der Entgrenzung der Referenz auf die größtmögliche Einheit der Erde geht zugleich der geschilderte Eindruck der Begrenzung einher. Man fühlt sich zur Begrenzung des eigenen Wirkens aufgefordert und beansprucht zugleich die Gestaltung des Ganzen. Auch die Haltung zu Technik, Fortschritt und Wissenschaft ist ambivalent, weil sie einerseits zu der Zerstörung beigetragen hätten, andererseits lägen die hochtechnologischen Bedingungen der Raumfahrt dieser Ansicht der Erde und der damit einhergehenden Einsicht zugrunde (vgl. Heise 2008: 23 f.).

Das Bild der blue marble dominiert noch heute die Visualisierungen von Nachhaltigkeit, was man schnell sehen kann, wenn man Nachhaltigkeit in der Bildersuche bei Google eingibt. Meist findet man Darstellungen des Blauen Planeten – oft noch mit zwei Händen, die ihn schützen oder halten.

1.3Fazit und Ausblick

Die Analysen der drei Grundlagentexte der Nachhaltigkeitsdebatte haben gezeigt, dass sich anhand der fünf Kernaspekte (Anlass, Ressource, Bezugseinheit, Wissen und Akteure) das jeweilige Verständnis von Nachhaltigkeit klarer konturieren lässt und die unterschiedlichen Wissensformationen dadurch vergleichbar werden. Ein Vergleich kann die genannten Anlässe und die Weise, wie mit ihnen ein bestimmtes Handeln plausibilisiert wird, nebeneinanderstellen. Interessant wäre auch, wie sich die Bezugseinheit, mit der die Erhaltung der Ressourcen berechnet wird, vergrößert: Hatte von Carlowitz noch den Holzvorrat im Land Sachsen als Referenz, weitet sich der Bezug über das Weltsystem bis zum planetarischen Blick auf die Erde als ganze aus. Auch im Hinblick auf die Frage, wer aus welcher Position für welche anderen spricht, geben die drei Texte unterschiedliche Antworten, deren Ähnlichkeiten und Differenzen man noch genauer herausarbeiten könnte.

Es wurde außerdem deutlich, dass es bei den verschiedenen Nachhaltigkeitsverständnissen nicht nur um Ideen oder begriffliche Definitionen geht. Vielmehr formiert sich das Wissen in unterschiedlichen medialen Artikulationen (Buch mit Druckgrafiken, computergenerierte Graphen) wie auch technischen und sozialen Settings (Oberbergamt, MIT mit Großcomputer), die in ihrem Zusammenspiel komplexe historische Dispositive im Sinne Michel Foucaults (vgl. 1978) bilden. Exemplarisch wurde an der Grafik im Meadows-Buch gezeigt, welche impliziten Ansprüche wie Wissenschaftlichkeit (und implizite Abwertung anderer ‚Wahrheitsformen‘) und globale Gültigkeit (‚wir haben als einzige die wesentlichen Dynamiken der ganzen Welt im Blick‘) mit den spezifischen Möglichkeiten bestimmter Medien transportiert werden können. Gleichzeitig wurde auf die widersprüchlichen Bedeutungen hingewiesen, die im Zustandekommen und der Rezeption des blue-marble-Fotos liegen.

Die einzelnen Wissensformationen lagern sich im Laufe der Zeit ab. Sie bilden in der Folge Bedeutungsschichten, die aufgegriffen und aktualisiert werden können, wenn Nachhaltigkeit zur Sprache kommt. Das, was im frühen 18. Jahrhundert als forstwissenschaftliches Wissen entwickelt worden ist, stellt dreihundert Jahre später eine wichtige Referenz dar. Immer wieder findet sich in Formulierungen zur Nachhaltigkeit eine Bedeutungsschicht, in der es um den Erhalt einer Ressource geht, um ihr Wachstum, darum, nicht mehr zu verbrauchen, als nachwächst. Der Holzvorrat im Wald fungiert dabei als metaphorischer Bildspender, um das, was Nachhaltigkeit bedeutet, zu veranschaulichen und zu plausibilisieren. Die Überlagerung der verschiedenen Bedeutungsschichten, durch die der Nachhaltigkeitsdiskurs heute gekennzeichnet ist, erklärt einerseits dessen Vieldeutigkeit und Komplexität und stellt andererseits einen Grund für dessen hegemoniale Stellung dar. Die Unschärfe kann, wie oben bereits ausgeführt, der kommunikativen Anschlussfähigkeit dienen. Daraus kann sich aber auch das Bedürfnis ergeben, die verschiedenen semantischen Schichten bzw. die unterschiedlichen Verständnisse von Nachhaltigkeit mit ihrer historisch-sozialen Herkunft und ihren medialen Prägungen voneinander zu unterscheiden – die Heuristik der fünf Kernaspekte soll dazu als Analyseinstrument fungieren.

Durch die unterschiedlichen Sinnformationen und ihr Zusammenspiel wird der Nachhaltigkeitsdiskurs und damit ein wichtiger Teil des sozialen Imaginären der Gegenwart bestimmt. Wenn die Systemtheoretiker des MIT ihr Weltmodell aufstellen, dann formulieren sie mit diesen Mitteln ein Verständnis von Nachhaltigkeit und ein entsprechendes Wissen darüber, welches es ohne die Simulation nicht gegeben hätte. Sie wählen fünf Grundgrößen, die aus ihrer Sicht die entscheidenden Faktoren darstellen (und beanspruchen, sämtliche Aspekte der Welt zu repräsentieren). Diese stehen miteinander in systemischer Wechselwirkung und lassen sich technisch berechnen. Auch das Foto der Erde aus dem All ist kein bloßes Foto, sondern wird durch Geschichten gerahmt – ganz neue, hochtechnologische der Raumfahrt und ganz alte mit dem Anfang der Genesis – und auf diese Weise mit Bedeutung aufgeladen.

Auch wenn sich gerade wissenschaftliche Beschreibungen diesen Anstrich geben, so gibt es von der Erde oder der Menschheit keine Darstellungen, die nicht über ihre Medialität und ihre Positionierung das Dargestellte mit prägen. Die Bilder bringen die Wirklichkeit, die sie beschreiben, immer auch mit hervor. Das bedeutet nicht, dass es sich bei der Kultur um ein autonomes System handelte. Vielmehr gilt es, die „komplexen Interdependenzen von Naturgegebenem und Menschengemachtem zu analysieren“ (Zemanek 2018: 15), Natur und Kultur nicht dichotom zu konzipieren. Wenn man jedoch die konstitutive Leistung der Darstellungsformen anerkennt, stellt sich die Frage, welche Weltbilder hier zum Tragen kommen und auf welche Weise sie unsere Zukunft prägen. Gerade in einem Diskurs, der einen globalen Anspruch hat, muss außerdem gefragt werden, wer die Sprache und die Bilder für die Darstellung der Welt stellt. Entsprechend wichtig sind Analysen, die zeigen, wie und unter welchen Bedingungen das jeweilige Verständnis von Nachhaltigkeit formiert und formuliert wurde und wird. Denn in dem Wie und dem Woher stecken Selbstverständnisse, Wertungen, Ansprüche, soziale Asymmetrien etc., die politisch wirksam sind. Eine solche Konturierung der verschiedenen Nachhaltigkeitsverständnisse könnte die Grundlage für die gesellschaftlichen Diskussionen über ein nachhaltiges Leben bilden, wobei es dann nicht nur um ökonomische Herausforderungen ginge, sondern ebenso um die Frage nach kulturellen Artikulationen, Visionen und Übersetzungen.

1.4Forschungsliteratur
Zur Einführung empfohlene Literatur

Brand, K./Jochum, G.: Der deutsche Diskurs zu nachhaltiger Entwicklung. München 2000.

Grober, U.: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs. München 2010.

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Zitierte Literatur

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1Fragen, die hier unter dem Titel der Ideen- und Wissensgeschichte verhandelt werden, bilden auch den Forschungsgegenstand in den Wissenschaftstraditionen der Begriffsgeschichte und der historischen Semantik (vgl. dazu Müller/Schmieder 2016). Zum Ansatz der Wissensgeschichte vgl. Sarasin 2011.

2Zur globalen Zirkulation sozialwissenschaftlicher Konzepte vgl. Keim 2016.

3„Dazu bedarf es eines Begriffs, der hinreichend scharf, aber auch hinreichend unscharf ist, um die Probleme und Lösungen in einem Wort zu bündeln“ (Hamberger 2013: 11). Vgl. dazu auch Kap. 8/Hamman.

4Ein leerer Signifikant ist selbst bedeutungslos – und in diesem Sinne ‚leer‘ –, bildet aber für sämtliche Kommunikationen den Referenzpunkt (vgl. Laclau 2002).

5Das Vorgehen entspricht Max Webers Konzept der Idealtypen (vgl. Weber 1951: 190–214). Diese sind aus der Analyse konkreter Phänomene abgeleitet, stellen aber selbst wissenschaftliche Konstruktionen dar, die bestimmte Aspekte der Wirklichkeit akzentuieren und somit als heuristische Instrumente einem spezifischen Erkenntnisinteresse dienen.

6Eine diskursanalytische Untersuchung der Nachhaltigkeitsdarstellungen von transnationalen Unternehmen des Nahrungsmitteleinzelhandels liefert Graf 2016. Die Deutungsmuster der Debatte über nachhaltige Entwicklung erarbeiten in ihrer Diskursanalyse Brand/Jochum 2000. Welche Darstellungsverfahren ökologische Literatur hervorgebracht hat, bildet den Gegenstand von Zemanek 2018. Birgit Schneider untersucht die verschiedenen Visualisierungen des Klimas und der Erde (2018).

7Joachim Hamberger (2013) stellt seiner Ausgabe des Buches eine hilfreiche Zusammenfassung der Kapitel (ebd.: 47–87) und auch eine Besprechung des Bildprogramms (ebd.: 19–24) voran.

8Vgl. Du Pisani 2006; Spindler 2013 und die Einleitung dieses Kompendiums. Zur französischen Debatte um Nachhaltigkeitskonzepte vgl. Kap. 8/Hamman.

9Es ist interessant, dass es von Carlowitz nicht in erster Linie um Fragen der Beforstung des Waldes geht, sondern darum, anderweitig oder gar nicht genutzte Brachflächen für den Holzanbau zu nutzen. Denn die davon abgeleitete Vorstellung von Nachhaltigkeit bezieht sich in der Regel auf den Wald als Ökosystem.

10Die Frage, ob es einen Holzmangel gebe, wurde durchaus kontrovers diskutiert. Vgl. z. B. Radkaus Kommentare zur Debatte in Kap. 3/von Detten.

11Es handelt sich dabei um die Organisationseinheit. In seine Überlegungen bezieht er nicht nur regionale, sondern auch globale Aspekte mit ein. Vgl. von Carlowitz 2013: 225–228.

12Er selbst beschreibt seine Arbeit als „Naturmäßige Betrachtung der Höltzer“ (von Carlowitz 2013: 127). Zur Entwicklung der frühen Forstwissenschaft vgl. Mantel 1980.

13Zusätzlich zu seiner universitären Bildung hatte er eine ganze Reihe an Reisen unternommen, die ihm ein breites, durchaus global ausgerichtetes Wissen verschafften (vgl. Hamberger 2013: 40–46; Bendix 2013).

14Mit ‚Akteuren‘ sind nicht nur einzelne Menschen gemeint, sondern auch Institutionen und andere Akteur-Netzwerke, die ihre Agency erst im Zusammenspiel mit ihrer strukturellen Einbindung erlangen (vgl. Emirbayer/Mische 1998).

15Anfang des 20. Jahrhunderts wird die Ressource Holz als Leitbild um die Fischbestände ergänzt (vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012: 19).

16Zur öffentlichen Resonanz und massenmedialen Verbreitung von The Limits to Growth vgl. Seefried 2015: 270 f. Zum Erfolg des Buchs trug auch die erste Ölkrise von 1973 bei.

17Zum Club of Rome vgl. Seefried 2015: 235–254.

18Rückseite des Covers von Meadows et al. 1980. Im Klappentext wird noch ergänzt, die Mitglieder des Club of Rome übten „Spitzenfunktionen in Weltfirmen, Forschungszentren oder internationalen Wirtschaftsorganisationen“ aus.

19Computersimulationen werden ab den 1950er, zunehmend dann ab den 1970er Jahren als neues Erkenntnisinstrument eingesetzt (vgl. Gramelsberger 2010: 157).

20Meadows et al. 1980: 142. Gleiche Einsicht wie von Carlowitz: „ [U]nsere Erde ist nicht unendlich.“ Meadows et al. 1980: 74. Interessant ist, dass der Anlass in der Selbstbeschreibung im Grunde erst aus dem Ergebnis abzuleiten ist.

21Forrester entwickelte nicht nur das Weltmodell, sondern mit dem Whirlwind auch den ersten digitalen Computer für das MIT.

22Alle Meadows et al. 1980, 13. Im Unterschied zum üblichen Raster im Koordinatensystem und den abstrakten Punkten sind diese Angaben nicht in Metern oder Kilometern bzw. Jahreszahlen notiert, sondern lebensnah formuliert. Es steht auch nicht ‚eine Woche‘, sondern ‚kommende Woche‘, was sich persönlich auf die Zeit der Leserin oder des Lesers beziehen lässt. Allerdings heißt es auch nicht ‚meine Familie‘. Die verschiedenen Angaben unterliegen keinem gemeinsamen Maßstab.

23„Nur wenige denken weit voraus in die Zukunft von einem globalen Gesichtspunkt aus“ (Meadows et al. 1980: 13). Adressaten des Buchs sind jedoch alle: „Wir hoffen, daß dieses Buch das Interesse der Menschen auf allen Gebieten der Forschung und in allen Ländern der Erde erweckt und das Verständnis für die riesige Aufgabe fördert: den Übergang vom Wachstum zum Gleichgewicht“ (Meadows et al. 1980: 17).

24Meadows et al. 1980: 142. In der englischen Fassung wird hier das Wort sustain verwendet, das dann substantiviert zu sustainability wird.

25Zu den Paradigmen ‚pastoraler‘ vs. ‚apokalyptischer‘ Darstellungen vgl. Zemanek 2018: 18–20.

26Zur weiteren Entwicklung der Nachhaltigkeitsdebatte vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012: 25–30.

27Sie folgt auf die „Nord-Süd-Kommission“, die ihre Arbeit in Willy Brandts „Das Überleben sichern“ (1980) dokumentiert, und die „Unabhängige Kommission für Abrüstungs- und Sicherheitsfragen“, die unter der Leitung von Olof Palme den Bericht „Gemeinsame Sicherheit“ (1982) veröffentlicht.

28Vermeintlich voneinander unabhängige Krisen unterschiedlicher Nationalstaaten stellen sich als Symptome einer weltweiten Krise dar (vgl. Weltkommission 1987: 4). Das Ziel sei deswegen „die Förderung des gemeinsamen Verstehens und des gemeinsamen Verantwortungsbewußtseins, die in unserer geteilten Welt so dringend erforderlich sind.“ Vorwort Brundtland in Weltkommission 1987: XXV.

29Zeitlich ist diese Perspektive nicht verortet und räumlich ist es der Überblick aus dem All, aus dessen Sicht die Erde klein, zerbrechlich und nicht von menschlichem Wirken bestimmt scheint. Erst zum Schluss des Abschnitts wird aus der Wir-Perspektive geschrieben; und es wird eine Forderung gestellt, die unentrinnbar ist. Zu der Forderung gehört, dass man die Wirklichkeit „in den Griff bekommen müsse“ – entgegen der kurz zuvor artikulierten Ansicht, dass das Geschehen auf der Erde nicht von menschlichem Wirken geprägt sei.

30https://www.lpi.usra.edu/resources/apollo/frame/?AS17–148–22727, Zugriff: 04.07.2018. Dazu und zu weiteren Bildern der Erde vgl. Bühler 2014.

31https://www.flickr.com/photos/nasacommons/9460163430/in/album-72157634973839148/, Zugriff: 11.07.2018. Bereits 1966 hatte der amerikanische Satellit Lunar Orbiter ein Foto der aufgehenden Erde gemacht.

32Am 14. Februar 1990 wurden von der Raumsonde Voyager 1 aus einer Entfernung von etwa 6 Milliarden Kilometern Aufnahmen gemacht, welche die Erde nur noch in Pixelgröße – als „Pale Blue Dot“ (Carl Sagan) – im Sonnensystem zeigen.

33Der Originaltext ist verfügbar unter https://history.nasa.gov/afj/ap08fj/21day4_orbit9.html, Zugriff: 04.07.2018. Die Übersetzung findet sich in Lesch/Kamphausen 2017: 219.

34Es handelt sich um die Satellitenaufnahme der Erde (von AST-3 am 10. November 1967).

35Vgl. White 1993. Zur Metapher des Spaceship Earth vgl. Höhler 2005.

36Das Thema der begrenzten Ressourcen wird ab den 1980er Jahren dadurch ergänzt, dass man die Umwelt auch als ‚Deponie‘ (Senke) für Abfall und Emissionen sieht (vgl. Grunwald/Kopfmüller 2012: 22).

37So wird es im Kontext der Ausstellung „The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden des Außen“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin 2013 formuliert.

2.Nachhaltigkeitskommunikation
Daniel Fischer

Es mögen Fische sterben oder Menschen, das Baden in Seen oder Flüssen mag Krankheiten erzeugen, es mag kein Öl mehr aus den Pumpen kommen und die Durchschnittstemperaturen mögen sinken oder steigen: solange darüber nicht kommuniziert wird, hat dies keine gesellschaftlichen Auswirkungen. (Luhmann 1990: 63)

Das Zitat des Soziologen Niklas Luhmann veranschaulicht, welch konstitutive Rolle die Kommunikation für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen spielt: Was gesellschaftlich als Problem thematisiert wird, ist abhängig davon, wie Menschen ihre soziale und natürliche Welt sehen. Kommunikation lässt sich vor diesem Hintergrund als sozialer Prozess verstehen, in dem diese inneren Sichtweisen, Orientierungen und Perspektiven mit anderen ausgetauscht und abgeglichen werden. Nachhaltige Entwicklung, verstanden als gesellschaftlicher „Such-, Lern- und Gestaltungsprozess“ (Hirsch Hadorn 2002: 221 f.; Stoltenberg 2006: 81), stellt besondere Herausforderungen an Kommunikationsprozesse. Die Perspektive der Nachhaltigkeit erfordert es, Fragen menschlicher Entwicklung und natürlicher Belastbarkeitsgrenzen im Zusammenhang zu betrachten. Die Wechselwirkungen natürlicher und sozialer Systeme sind dynamisch, schließen eine Vielzahl von Faktoren ein und finden auf verschiedenen zeitlichen und räumlichen Ebenen statt. Darüber hinaus sind sie durch die normative Idee der Nachhaltigkeit unmittelbar mit Wertentscheidungen verknüpft, wenn es etwa darum geht, minimal notwendige sozio-ökonomische Standards zu bestimmen, um menschliche Bedürfnisbefriedigung zu ermöglichen. Für Kommunikationsprozesse im Kontext von Nachhaltigkeit ergeben sich dadurch die Herausforderungen, ein hohes Maß an Komplexität, Unsicherheit und Ambivalenz zu bewältigen und nicht nur Nachhaltigkeitsthemen an Menschen zu „vermitteln“, sondern Partizipation an eben jenen gesellschaftlichen Such-, Lern- und Gestaltungsprozessen zu ermöglichen und anzustiften, um eine angestrebte breite Mobilisierung der Zivilgesellschaft (WBGU 2011) zu erreichen.

Nachhaltigkeitskommunikation als Teilgebiet von Sustainability Science

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Idee der Nachhaltigkeit ist mit der Nachhaltigkeitswissenschaft (Sustainability Science) ein eigenes wissenschaftliches Feld entstanden. Seinen Gegenstandsbereich bilden die dynamischen Interaktionsprozesse von natürlichen und sozialen Systemen (vgl. Clark/Dickson 2003: 8059). Nachhaltigkeitswissenschaftliche Forschung zielt dabei nicht allein auf ein besseres Verständnis dieser Prozesse und ihrer Auswirkungen ab, sondern ist ausdrücklich auch darauf ausgerichtet, diese im Sinne der Nachhaltigkeit mit- und umzugestalten (vgl. Kates et al. 2001: 642). Aus der Perspektive der Nachhaltigkeitswissenschaften wird die Aufgabe der Nachhaltigkeitskommunikation somit darin gesehen, „ein Weltverständnis, d. h. ein Verständnis vom Verhältnis von Mensch und Umwelt, in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, ein kritisches Bewusstsein für die Probleme dieser Beziehung zu entwickeln und sie dann mit sozialen Werten und Normen in Beziehung zu setzen“ (Godemann/Michelsen 2011: 6; übersetzt durch den Autor). Im Einklang mit der transformativen Ausrichtung der Nachhaltigkeitswissenschaft zielt Nachhaltigkeitskommunikation – verstanden als Kommunikation für Nachhaltigkeit – darauf ab, Mitgestaltung und Teilhabe am Prozess einer nachhaltigen Entwicklung zu befördern (Newig et al. 2013).

Konzepte und Modelle von Nachhaltigkeit

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist selbst Gegenstand einer kontroversen Debatte. Im Journalismus etwa wird ihm vorgeworfen, er fungiere als Leerformel oder Worthülse, die inhaltlich beliebig ausgedeutet werden könne (Bojanowski 2014). Vor diesem Hintergrund ist es eine der wesentlichen Herausforderungen für die Nachhaltigkeitskommunikation, die Idee der Nachhaltigkeit und ihre praktische Relevanz und konkrete Konsequenz für gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu schärfen. Anhand von drei Modellen soll im Folgenden knapp skizziert werden, welch unterschiedliche Debatten über eine gerechte und ökologisch verträgliche Gestaltung einer lebenswerten und lebensfähigen Zukunft unter dem Begriff der Nachhaltigkeit geführt werden.

Das am weitesten verbreitete Modell von Nachhaltigkeit ist das sogenannte „Drei-Säulen-Modell“ nachhaltiger Entwicklung. Dieses wurde Mitte der 1990er popularisiert, maßgeblich durch die Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ des Deutschen Bundestages. Als Ziel einer nachhaltigen Entwicklung sieht es die gleichberechtigte und gleichwertige Verbesserung von Ökologie, Ökonomie und Sozialem vor. Als ein Verdienst dieses Modells kann gelten, dass es die integrative Betrachtung verschiedener Entwicklungsdimensionen greifbar und einprägsam verkörperte. Diese illustrierende Funktion kann jedoch zugleich auch als die große Schwäche dieses Modells gelten: Sowohl die Anzahl der „Säulen“ als auch ihr Verhältnis zueinander wurden in der Folge zum Teil sehr kontrovers diskutiert. Warum etwa stellt die Wirtschaft eine eigene „Säule“ dar, die Politik oder die Kultur jedoch nicht? In der Literatur finden sich als Ergebnis dieser Diskussion zahlreiche Vorschläge zur Erweiterung der drei Säulen („X-Komponenten-Modelle“): vom Lüneburger Vier-Säulen-Modell (Stoltenberg/Michelsen 1999), das die Kultur hinzufügt, über Fünf-Säulen-Modelle wie bei der Bund-Länder-Kommission (BLK 1998), die zusätzlich eine globale Dimension fordert, bis hin zum sechszackigen Stern beim Osnabrücker Erziehungswissenschaftler Gerhard Becker (Becker 2017), der die klassischen drei Säulen um Bildung, Gerechtigkeit und Partizipation erweitert. Hinter diesen Modellvorschlägen stecken aufgeladene Debatten – nicht nur darüber, wie viele Dimensionen zu berücksichtigen sind, sondern auch darüber, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen: von der klassischen Metapher der nebeneinanderstehenden „Säulen“, über Schnittmengenmodelle bis hin zu Teilmengenbeziehungen (siehe Abb. 1).


Abb. 1: Evolution von Modellen einer nachhaltigen Entwicklung.

In der Tat hat es lediglich der geringste Informationsgehalt des Drei-Säulen-Modells zu breiterer Bekanntheit gebracht, nach dem es bei der Nachhaltigkeit ‚irgendwie‘ um Umwelt, das Soziale und die Wirtschaft geht. Das unverbundene Nebeneinander dieses ‚Irgendwie‘ haben Karl-Werner Brand und Georg Jochum (Brand/Jochum 2000) einst zu dem schönen polemischen Bild des dreispaltigen Wunschzettels inspiriert, in dem jeder Akteur seine Interessen unterzubringen vermag. Aus der Kritik der bloßen Addition von Aspekten entstand insbesondere in der unternehmerischen Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit das Triple-bottom-line-Modell, das nachhaltige Entwicklung in der Schnittmenge der drei Dimensionen verortete: Nachhaltig ist Entwicklung nur dann, wenn sie nicht isoliert einer Dimension diene, sondern allen (Elkington 1997).

Dem gegenüber sehen Teilmengenmodelle eine Gewichtung oder Hierarchisierung der Dimensionen vor: Insofern sich gesellschaftliche Entwicklung innerhalb ökologischer Systeme vollziehe und das Wirtschaften der gesellschaftlichen Entwicklung diene, sehen entsprechende Modelle diese Systeme als ineinander eingebettet an. Das vielleicht jüngste, inzwischen weit verbreitete Modell ist der sogenannte Oxfam-Doughnut, benannt nach der britischen Nichtregierungsorganisation Oxfam in Anlehnung an die Form eines Donuts. Die für Oxfam tätige Ökonomin Kate Raworth schlug anlässlich der UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung Rio+20 im Jahr 2012 vor, Nachhaltigkeit als einen Korridor zu verstehen. Entwicklung müsse, um nachhaltig zu sein, zum einen gewährleisten, unterhalb planetarischer Belastungsgrenzen zu bleiben, um die Stabilität und Tragfähigkeit ökologischer Systeme nicht zu gefährden (Raworth 2012). Sie müsse zugleich aber auch sicherstellen, dass ein Mindestmaß sozialer Grundsicherungen vorhanden ist, das es allen Menschen ermöglicht, ein gutes Leben zu führen. Der durch entsprechende Mindeststandards (untere Begrenzung) und entsprechende Maximalstandards (obere Begrenzung) bestimmte Korridor stelle den Handlungsraum für eine gleichermaßen sichere und gerechte Entwicklung der Menschheit dar. Bedeutsam an diesem Korridormodell erscheint, dass die Wirtschaft hier nicht länger als eine eigene Dimension oder Säule betrachtet wird, sondern als eine von mehreren Voraussetzungen für ein gutes menschliches Leben aufscheint, ansonsten aber keinen Eigenwert mehr darstellt.

Die vier knapp skizzierten Modelle eines Nachhaltigkeitsverständnisses machen bereits deutlich, wie sehr sich Vorstellungen unterscheiden können, etwa im Hinblick darauf, welcher Nachhaltigkeitsdimension sie Vorrang einräumen oder welches Gerechtigkeitskonzept ihnen zugrunde liegt. Auch können in Nachhaltigkeitsdiskussionen ganz unterschiedliche Vorstellungen von gesellschaftlichen Veränderungs-bedarfen zum Ausdruck kommen: solche, die nachhaltige Entwicklung innerhalb bestehender Strukturen für möglich halten (Status quo), solche, die grundsätzliche Reformen für nötig halten, ohne allerdings bestehende Strukturen vollständig infrage zu stellen (Reform), und solche, die eine radikale Transformation bestehender Wirtschafts- und Herrschaftsordnungen für nötig erachten (Transformation) (Hopwood/Mellor/O’Brien 2005). Eine weitere einflussreiche Unterscheidung von Nachhaltig-keitsverständnissen stammt von den Greifswalder Umweltethikern Konrad Ott und Ralf Döring (2004). Ott und Döring fragen danach, was erhalten (sustained) und was entwickelt (developed) werden soll, und betrachten dabei insbesondere die Frage der Austauschbarkeit von Naturkapital durch andere Kapitalarten wie z. B. Humankapital oder Sachkapital. Positionen, die von der Erhaltung bzw. Vermehrung des Gesamtkapitals ausgehen und dieses als nachhaltig betrachten, dabei aber den Austausch von Naturkapital (bspw. Aussterben von Pflanzen- und Tierarten) durch Sachkapital (neue medizinische Behandlungsmethoden) als legitim betrachten, bezeichnen Ott und Döring als „schwache“ Nachhaltigkeit. Demgegenüber gehen Positionen „starker“ Nachhaltigkeit davon aus, dass das Naturkapital einen Eigenwert besitze, um seiner selbst willen zu schützen und zu vermehren sei und daher nicht durch andere Kapitalarten ausgetauscht werden dürfe (vgl. Kap. 14/Meireis). Auch wenn diese Perspektive auf den ersten Blick abstrakt und lebensfern wirkt – bei vielen Konflikten (Naturschutz vs. wirtschaftlich-technologische Entwicklung, etwa beim Bau einer neuen Flughafenlandebahn im Lebensraum seltener Tierarten) sind es genau diese Fragen und Konflikte, die eine Rolle spielen.

Nachhaltigkeitskommunikation als Teil der Nachhaltigkeitswissenschaft beschäftigt sich somit zusammenfassend damit, wie Menschen sich mit den aufgeworfenen Fragen auseinandersetzen und sich miteinander über sie austauschen, welche Vorstellungen von Mensch-Natur-Verhältnissen und erstrebenswerten Zukünften sie dabei entwickeln und wie sich die Verständigung darüber fördern lässt, um den gesellschaftlichen Such-, Lern- und Gestaltungsprozess einer nachhaltigen Entwicklung zu unterstützen.

2.1Arenen, Modi und Topoi der Nachhaltigkeitskommunikation

Nachhaltigkeitskommunikation findet in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen (Arenen) und verschiedenen Ausrichtungen (Modi) statt. Schließlich ist Nachhaltigkeitskommunikation stets auch eine Praxis, Verständnisse von Nachhaltigkeit zu rahmen (Topoi). Die folgenden Beispiele zeigen, wo, wie und was als Nachhaltigkeit kommuniziert wird.

Wo wird Nachhaltigkeit kommuniziert?

Die Idee der Nachhaltigkeit hat in den vergangenen 25 Jahren eine Virulenz entwickelt, die zu einer diskursiven Auseinandersetzung in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen geführt hat. Dementsprechend gibt es – anders als in Bereichen wie der Gesundheitskommunikation – keine sektoralen Grenzen oder gesellschaftlichen Subsysteme, auf die Nachhaltigkeitskommunikation begrenzt werden könnte bzw. in denen sie beheimatet ist. So wenig, wie es eine Theorie der Nachhaltigkeitskommunikation gibt, gibt es somit einen klaren Ort der Nachhaltigkeitskommunikation (vgl. Michelsen 2005).

Vor diesem Hintergrund erscheint es notwendig zu klären, in welch verschiedenen Arenen Nachhaltigkeitskommunikation in der Praxis stattfindet und wissenschaftlich beobachtet werden kann. Angelehnt an Unterscheidungen von gesellschaftlichen Subsystemen aus der soziologischen Systemtheorie skizzieren Newig et al. (2013) Tendenzen der Nachhaltigkeitskommunikation in den Bereichen Zivilgesellschaft, Bildung, Massenmedien, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft (Newig et al. 2013). Innerhalb dieser großen gesellschaftlichen Bereiche lassen sich weitere Arenen konkretisieren, in denen sich Akteure deutend mit der Idee der Nachhaltigkeit auseinandersetzen. In ihrem Handbuch Nachhaltigkeitskommunikation unterscheiden Michelsen und Godemann (2005) verschiedene Handlungsfelder und Akteure: von Naturschutz über Konsum, Verkehr und Energie bis hin zu Unternehmen, Kommunen und Bildung. Eine weitere Unterscheidung, die den Gegenstandsbereich der Nachhaltigkeitskommunikation enger oder weiter fasst, ist die nach der expliziten oder impliziten Thematisierung von Nachhaltigkeit in der Kommunikation. Explizite Thematisierungen setzen sich auf direkte Weise mit dem Nachhaltigkeitsbegriff auseinander und deuten ihn aktiv aus. Beispiele sind politische Nachhaltigkeitsstrategien, unternehmerische Nachhaltigkeitsberichte oder schulische Programme zur Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BNE). Implizite Thematisierungen verwenden den Begriff der Nachhaltigkeit nicht notwendigerweise, eine aktive Ausdeutung des Begriffs findet hier nicht statt. Jedoch gibt es indirekte Bezüge, indem auf zentrale Problemstellungen und Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung Bezug genommen wird, wie sie aktuell prominent in den Nachhaltigkeitsentwicklungszielen (Sustainable Development Goals, SDGs) formuliert wurden (z. B. Klimawandel, Hunger). Während eine explizite Thematisierung von Nachhaltigkeit im Kommunikationszusammenhang selbst stattfindet, braucht die Feststellung einer impliziten Thematisierung von Nachhaltigkeit stets einen externen Referenzmaßstab, da es entsprechender Kriterien bedarf, die darüber entscheiden, wann ein Nachhaltigkeitsbezug vorliegt und wann nicht. Im Fall einer expliziten Thematisierung von Nachhaltigkeit lässt sich von Nachhaltigkeitskommunikation im engeren Sinne sprechen, im Fall einer impliziten Thematisierung von Nachhaltigkeitskommunikation im weiteren Sinne. Je nachdem, ob ein engeres oder weiteres Verständnis von Nachhaltigkeitskommunikation zugrunde gelegt wird, verengt oder erweitert sich auch der Blick darauf, wo Nachhaltigkeitskommunikation in der Gesellschaft stattfindet.

Wie wird Nachhaltigkeit kommuniziert?

Eine weitere hilfreiche Differenzierung von verschiedenen Arten von Nachhaltigkeitskommunikation ist die Unterscheidung zwischen Kommunikation von und Kommunikation über Nachhaltigkeit, mit der jeweils eine unterschiedliche Zwecksetzung verbunden ist (Newig et al. 2013).

Der erste Modus fokussiert auf den Transfer von Informationen von einem Sender zu einem Empfänger, um ein bestimmtes Verständnis eines Nachhaltigkeitsproblems zu vermitteln oder eine bestimmte Motivation zu erwirken (Kommunikation von Nachhaltigkeit). Ein Beispiel hierfür wäre Bildungsmaterial, in dem die Herausgeber ein bestimmtes Verständnis einer nachhaltigen Entwicklung (z. B. ein Drei-Säulen-Modell) zugrunde legen und an einen breiten und unbestimmten Kreis von Schülerinnen und Schülern kommunizieren, ohne dabei eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Setzung anzustreben. Der zweite Modus konzentriert sich hingegen stärker auf den Austausch von Konzepten und Deutungen im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung, um Verständigung zu fördern und ein geteiltes Verständnis zu entwickeln (Kommunikation über Nachhaltigkeit). Man denke an öffentliche Beteiligungsprozesse, etwa Dialog- und Agendaveranstaltungen, wie sie etwa im politischen Kontext im Rahmen von Strategieentwicklungsprozessen initiiert werden. Die deutsche Bundesregierung beispielsweise führte 2015/2016 vier regionale Dialogveranstaltungen durch, um Ideen und Vorschläge von Bürgerinnen und Bürgern zur Fortschreibung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie zu diskutieren (Bundesregierung 2015). Während der Schwerpunkt hier auf allgemeinen politischen Prioritäten lag, zielte der Agendakongress zur BNE im Jahr 2017 u. a. darauf ab, Verständigungsprozesse darüber zu initiieren, wie sich BNE strukturell in verschiedenen Bereichen des Bildungssystems verankern lässt (BNE 2017). Entsprechende Kommunikationsformate sollen es den Beteiligten ermöglichen, ihre Vorstellungen über die Relevanz und Konsequenz von Nachhaltigkeit in einem bestimmten Anwendungsfeld auszutauschen und Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Die Frage, ob derartige Partizipationsformate auch tatsächlich wirksame Verständigung und Veränderung im Praxisfeld zu bewirken vermögen, wird in der Forschung jedoch auch kritisch diskutiert (Stoltenberg/Fischer 2017, 2018). Kommunikation über Nachhaltigkeit kann hauptsächlich als Viele-zu-viele-Kommunikationsmodus mit nicht-hierarchischen, horizontalen Strukturen beschrieben werden. Kommunikation von Nachhaltigkeit hingegen ist Sender-Empfänger-orientiert und ein Eins-zu-eins-Kommunikationsmodus.

Durch Hinzuziehung einer Intentionalität bzw. normativen Ausrichtung lässt sich als ein dritter Kommunikationsmodus die Kommunikation für Nachhaltigkeit unterscheiden. Der Begriff der Kommunikation für Nachhaltigkeit (Communication for Sustainability/CfS) umfasst Ansätze, die explizit durch eine transformative Zielsetzung untermauert werden und die darauf ausgerichtet sind, einen Wandel in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung zu unterstützen. Ein Beispiel hierfür wären Bildungsprogramme, die explizit zum Ziel haben, Gestaltungskompetenzen bei Schülerinnen und Schülern zu fördern und diese auf diese Weise für die Mitgestaltung einer nachhaltigen Entwicklung zu befähigen (vgl. Kap. 15/Wanning).

Was wird als Nachhaltigkeit kommuniziert?

Im Hinblick auf einen thematischen Bezug ist Nachhaltigkeitskommunikation nicht auf die enge Kommunikation von Modellen einer nachhaltigen Entwicklung selbst beschränkt. Otto (2007) zum Beispiel analysierte die Bedeutungen und Verwendungen des Begriffs der Nachhaltigkeit auf der Grundlage verschiedener linguistischer Theorien. Er verwendet dabei die Unterscheidung zwischen einer konnotativen und einer denotativen Begriffsbedeutung: Die Denotation verweist auf die „wörtliche Bedeutung, also das Objekt[,] welches bezeichnet wird“ (ebd.: 25), die Konnotation auf „die verschiedenen Attribute, die bei einem Begriff mitschwingen“ (ebd.). Die explizite Unterscheidung verschiedener Nachhaltigkeitsverständnisse etwa ist somit Teil eines denotativen Diskurses, in dem es um das Verständnis und die Bedeutung eines Konzeptes per se geht. Darüber hinaus jedoch bezeichnet der Begriff keinen eng definierten Gegenstandsbereich (Hoppe/Wolling 2017). So können auch handlungsfeldspezifische Problemlagen (z. B. Klimawandelkommunikation oder Gesundheitskommunikation) insofern Gegenstand von Nachhaltigkeitskommunikation sein, als sie Verständigungsprozesse über Vorstellungen von Mensch-Natur-Verhältnissen und erstrebenswerte Zukünfte darstellen, die Implikationen für die Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung haben.

Otto (2007) betont, dass die konnotative Bedeutung im Kontext der Massenmedien eine wichtigere Rolle als die denotative spielt, da Konnotationen für die Funktionslogik des Systems von besonderer Bedeutung sind, beispielsweise zur Ansprache von Emotionen und Gefühlen. Strategien, Dimensionen und Themen einer nachhaltigen Entwicklung sind jedoch nur schwer zugänglich für Rezipienten und Rezipientinnen, die nicht aktiv in den Diskurs der Nachhaltigkeit involviert sind. Nichtsdestotrotz und ungeachtet des Mangels an denotativer Kompetenz haben die meisten Menschen die Fähigkeit, mit der Idee der Nachhaltigkeit Attribute zu verbinden und zu benennen, auch ohne Nachhaltigkeit an sich zu definieren (ebd.). Nach Einschätzung mehrerer Forschender könnten die Medien die Menschen zunehmend dabei unterstützen, Nachhaltigkeitsthemen zu verstehen, indem sie Brücken von konnotativen zu eher denotativen Bedeutungen bauen (Glathe 2010). So wird Nachhaltigkeit eher mit Adjektiven wie hilfsbereit statt egoistisch, friedlich statt aggressiv und gesund statt krank assoziiert (Otto 2007). Die mediale Thematisierung nachhaltiger Wirtschaftsmodelle (z. B. solidarische Landwirtschaft) könnte diese Assoziationen aufgreifen, um stärker konzeptionelle Verständnisse davon aufzubauen, nach welchen Prinzipien diese Wirtschaftsmodelle arbeiten und inwiefern diese Prinzipien der Idee der Nachhaltigkeit entsprechen. Vor diesem Hintergrund sind die Bedeutungen, mit denen Nachhaltigkeit in den Medien genutzt wird, von besonderer Relevanz.

2.2Fallstudie: Die Bedeutung von „Nachhaltigkeit“ in deutschen Printmedien

Die Fragestellung, mit welchen Bedeutungen der Begriff der Nachhaltigkeit in deutschen Printmedien genutzt wird, war Gegenstand einer empirischen Studie im Rahmen des Projektes „Initiative Nachhaltigkeit und Journalismus“ (Michelsen/Fischer 2016). Mit ihrer Ausrichtung auf die explizite Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs untersucht die Studie somit ein engeres Verständnis von Nachhaltigkeitskommunikation und die Kommunikation von Nachhaltigkeit.

Zur Beantwortung der Frage wurde eine qualitative Tiefenanalyse durchgeführt, um die Begriffsbedeutung einer jeden Begriffsverwendung zu untersuchen (vgl. im Folgenden Fischer/Haucke 2016; Fischer/Haucke/Sundermann 2017). Gesucht wurde nicht nur nach dem Begriff „Nachhaltigkeit“, sondern auch nach flektierten Begriffsverwendungen („nachhaltig*“). Es wurden Daten von sechs deutschen Zeitungen erfasst. Die Auswahl der Zeitungen sollte erstens unterschiedliche politische Ausrichtungen und zweitens eine große Reichweite repräsentieren (siehe Tab. 1).

Tab. 1: In die Medienanalyse einbezogene Printmedien.


Zeitung Abkürzung Erscheinungs-häufigkeit Politische Ausrichtung1 Auflage2
Der Spiegel SPIEGEL Wöchentlich Liberal-investigativ 894.375
Die Zeit ZEIT Wöchentlich Liberal-unabhängig 538.832
Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ Täglich, inkl. Wochenendausgabe Konservativ 600.675
Süddeutsche Zeitung SZ Täglich, inkl. Wochenendausgabe Linksliberal 402.425
Die Tageszeitung TAZ Täglich, inkl. Wochenendausgabe Alternativ, grün-links 56.227
Die Welt WELT Täglich, inkl. Wochenendausgabe Konservativ 637.319

Es wurden alle Begriffsverwendungen aus drei Jahrgängen (2001, 2007 und 2013) erhoben und einbezogen (siehe Tab. 2). Die drei Jahrgänge wurden aus zwei Gründen gewählt: Erstens wurde angenommen, dass (beobachtbare) Veränderungen in der semantischen Bedeutung der Begriffsverwendung nicht innerhalb der kurzen Zeitspanne von nur ein oder zwei Jahren auftreten. Daher wurde der Abstand zwischen zwei Jahrgängen auf sechs Jahre festgelegt. Dabei wurden die letzten Jahrgänge einbezogen, um jüngere Entwicklungen der Begriffsverwendung nachzeichnen zu können. Zweitens zielte die Auswahl der Jahre darauf ab, Spitzenjahre mit großen internationalen Konferenzen (wie Rio+10 oder Rio+20) zu vermeiden. Um eine verfeinerte qualitative Analyse einer jeden Begriffsverwendung zu erhalten, wurden lediglich Artikel mit einem Minimum von 300 Wörtern einbezogen.

Tab. 2: Anzahl der Begriffsverwendungen von „nachhaltig*“.


Zeitung Jahrgang TOTAL
2001 2007 2013
SPIEGEL 75 100 155 330
ZEIT 191 367 258 816
FAZ 2237 2131 2603 6971
SZ 923 1106 1138 3167
TAZ 524 660 825 2009
WELT 1016 1119 845 2980
TOTAL 4966 5483 5824 16.273

Zur Untersuchung verschiedener Bedeutungen, mit denen der Begriff der Nachhaltigkeit verwendet wurde, wurde ein Kodierschema entwickelt, das auf bestehenden theoretischen und empirischen Arbeiten zu Nachhaltigkeitsverständnissen basierte (Di Giulio 2004; Seidel et al. 2018) und im Zuge der Kodierung zu sechs Kategorien verdichtet wurde (siehe Tab. 3). Die Kodierung erfolgte methodisch kontrolliert durch ein Team unabhängiger Kodiererinnen.

Tab. 3: Kodierschema.


Code Beschreibung: Nachhaltig* wird verwendet …
Alltagssprachlich … im Sinne von „dauerhaft“ oder „besonders intensiv“ bzw. „eindringlich“
Ökonomisch … in Bezug auf eine Entwicklung, die gewährleistet, dass das Wirtschaftssystem in Zukunft weiterhin funktioniert
Ökologisch … in Bezug auf die Bewahrung bzw. den Schutz natürlicher Ressourcen
Sozio-kulturell … in Bezug auf Fragen der (Verteilungs-)Gerechtigkeit und Bedingungen, die es Menschen ermöglichen, ihre Vorstellung eines guten Lebens zu erfüllen
Vernetzt … in Bezug auf die Idee der Nachhaltigkeit, wie sie im Kontext der Vereinten Nationen entstand: als die integrative Berücksichtigung ökologischer, ökonomischer und sozio-kultureller Dimensionen von Entwicklung
Andere … als Eigenname (z. B. Teil eines Organisationsnamens), Hinweis auf verantwortliches Handeln, Kritik an Begriffsvagheit, Referenz auf Prozesshaftigkeit und Aushandlungsbedarf, in unklarer Weise


Abb. 2: Anteile der verschiedenen Begriffsverwendungen an der Gesamtmenge aller Begriffsverwendungen von nachhaltig

Die Ergebnisse zeigen eine signifikante ungleiche Verteilung innerhalb der Kategorien. Alltagssprachliche Bedeutungen von Nachhaltigkeit nehmen fast zwei Drittel der Kodierungen ein. Ökologische und vernetzte Bedeutungen folgen mit einem Anteil von jeweils 10%. Nur 3% aller Kodierungen weisen eine sozio-kulturelle und ökonomische Bedeutung auf. Abb. 2 zeigt, wie die Anteile der alltagssprachlichen Bedeutung, der eindimensionalen Bedeutung (zum Beispiel ökologisch, ökonomisch oder sozio-kulturell), der vernetzten Bedeutung und anderer Bedeutungen sich in den drei analysierten Jahren verändert haben.

Auffällig ist, dass der Anteil der alltagssprachlichen Bedeutung von 72% in 2001 auf 53% in 2013 gesunken ist. Innerhalb des gleichen Zeitraums ist der Anteil der integrativen Bedeutung von Nachhaltigkeit von 8% in 2001 auf 13% in 2013 gestiegen. Die Anteile aller eindimensionalen Bedeutungen sind ebenfalls angestiegen. Diese Tendenz wird auch durch eine nähere Betrachtung der Verwendung von der alltagssprachlichen und integrativen Bedeutung von Nachhaltigkeit in den verschiedenen Zeitungen im Verlaufe der drei Jahre unterstützt. Hinsichtlich der genannten Tendenz zeigt sich, dass die TAZ im Vergleich zu den anderen fünf Zeitungen bereits 2001 mit knapp über 40% einen relativ geringen Anteil alltagssprachlicher Begriffsverwendungen aufwies. Der Anteil der alltagssprachlichen Bedeutungen in den anderen fünf Zeitungen lag im Jahr 2001 zwischen 70 und 80%. In den darauffolgenden Jahren sank der Anteil der Verwendung von alltagssprachlichen Bedeutungen in den drei liberalen Zeitungen (SPIEGEL, SZ und ZEIT) unter 50%, während die eher konservativen Zeitungen das Wort Nachhaltigkeit weiterhin mit einer alltagssprachlichen Bedeutung in rund 60% aller Fälle nutzen. In Bezug auf integrative Begriffsverwendungen zeigt sich, dass alle Zeitungen ihren Anteil an der integrativen Wortbedeutung kontinuierlich über die drei analysierten Jahre erhöht haben (ein Ausreißer ist die TAZ, deren Anteil im Jahr 2007 zwischenzeitlich abfiel). Im Jahr 2013 lag der Anteil der integrativen Bedeutung zwischen 10 und 20% – ein im Vergleich zu dem Anteil der alltagssprachlichen Bedeutung, der zwischen 36 und 60% liegt, relativ kleiner Anteil. Des Weiteren variiert der Anstieg des Anteils unter den verschiedenen Zeitungen zwischen den drei untersuchten Jahrgängen zwischen Faktor 1.2 und Faktor 2.0 (einzige Ausnahme: Der SPIEGEL hat einen Erhöhungsfaktor von 5.2).

Die Ergebnisse der empirischen Studie zeigen, dass sich die Qualität der Begriffsverwendungen geändert hat. Die Studie deutete eine Tendenz in den post-2000er Jahren an, derzufolge eindimensionale und integrative Begriffsverwendungen an Bedeutung gewinnen. Parallel dazu nimmt die Verwendung von alltagssprachlichen Bedeutungen ab. Wir beobachten somit offensichtlich eine ‚semantische Aufwertung‘ der Terminologie von Nachhaltigkeit, welche sich von einem nicht-spezifischen und ersetzbaren Modewort weg bewegt hin zu einer anspruchsvolleren und ausgearbeiteten Reflektion von Modellen einer nachhaltigen Entwicklung.

Was bedeuten diese Ergebnisse vor dem Hintergrund der Ziele, die Nachhaltigkeitskommunikation wie zuvor beschrieben zugrunde liegen? Wie hängt das, was in den Medien an Bedeutungen kommuniziert wird, mit gesellschaftlicher Veränderung zusammen? In den Kommunikationswissenschaften wird davon ausgegangen, dass die Medien „einen nicht unerheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung“ (von Gross 2008: 282) haben. Jedoch ist dieser Einfluss nicht direkt und unvermittelt: Die Medien geben „nicht vor, was Menschen denken, sondern worüber nachgedacht wird“ (ebd.). Wenn nun also in den Medien zum Beispiel besonders viel über den Klimawandel berichtet wird, heißt das noch nicht, dass alle Menschen davon ausgehen, dass es den Klimawandel gibt und dass er vom Menschen verursacht wurde. Aber zumindest steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Klimawandel in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Gibt es keine oder nur sehr wenig Berichterstattung, so ist der Klimawandel in der Öffentlichkeit wahrscheinlich auch kein beachtetes Thema. Die Themen, die in den Medien behandelt werden, bestimmen also maßgeblich die Themen, die in der Gesellschaft diskutiert werden. Zu unterscheiden sind somit Medienagenda und Publikumsagenda. Beide sind wechselseitig aufeinander bezogen und stets durch Selektion vermittelt – die mediale Realität spiegelt die gesellschaftliche Realität eben nicht unmittelbar wider, sondern stellt einen Ausschnitt aus den verschiedenen gesellschaftlichen Realitäten dar, genauso wie die Medienagenda selbst, wie zuvor dargestellt, nicht unmittelbar das bestimmt, was gedacht wird.

Der von der Studie festgestellte Zuwachs an Nachhaltigkeitskommunikation im engeren Sinne, sowohl was Umfang als auch was Qualität betrifft, legt vor diesem Hintergrund nahe, dass die Idee der Nachhaltigkeit auch gesellschaftlich intensiver und mit veränderten Bedeutungszuschreibungen diskutiert wird. In der Tat deuten aktuelle Studien darauf hin, dass die Bekanntheit des Nachhaltigkeitsbegriffs in der deutschen Bevölkerung über die Jahre zugenommen hat (Scholl et al. 2016). Zugleich legen die Befunde über die noch immer recht geringen Anteile von expliziter Nachhaltigkeitskommunikation sowie die ungebrochene Dominanz alltagssprachlicher Begriffsverwendungen nahe: Vom Anspruch der Nachhaltigkeitskommunikation, die Idee der Nachhaltigkeit als übergreifende Perspektive für Entwicklungen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu verstehen und Bezüge zwischen diesen Bereichen herzustellen, um so ein Problembewusstsein zu fördern und Veränderungen anzustoßen, ist die Auseinandersetzung mit dem Nachhaltigkeitsbegriff in den Medien noch ein gutes Stück entfernt.

2.3Fazit: Nachhaltigkeitskommunikation als gesellschaftliche Willensbildung

Nachhaltigkeitskommunikation in dem hier zugrunde gelegten Verständnis stellt eine notwendige Bedingung für eine nachhaltige Entwicklung dar: Ohne eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den kontroversen (!) Fragen, die sich in der Suche nach, Verständigung über und Gestaltung einer lebenswerten und lebensfähigen Zukunft stellen, werden entsprechende Veränderungsprozesse nur schwerlich erfolgreich sein. Nachhaltigkeitskommunikation muss dabei sowohl Kommunikation von, über und für Nachhaltigkeit sein – sie muss verstehen helfen, Verständigung stiften und ausgerichtet sein auf eine bestimmte normative Perspektive – Bedürfnisbefriedigung für alle, heute und in Zukunft, im Rahmen planetarischer Grenzen.

Den Abschluss sollen drei Vorschläge bilden, die als Lösungsansätze für drei problematische Entwicklungen verstanden werden können: Reintegration, Repolitisierung und Reessenzialisierung (siehe Marwege/Fischer 2016).

1.Die Ausdehnung der Nachhaltigkeitskommunikation über verschiedene gesellschaftliche Teilbereiche (z. B. Marketing, Bildung, Medien) in immer kleinteiligere Kommunikationszusammenhänge ist – so wünschenswert sie in der skizzierten Zielsetzung der Nachhaltigkeitskommunikation auch sein mag, eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Idee der Nachhaltigkeit anzuregen – mit neuen Problemen behaftet: Mit der Spezialisierung der Diskurse entstehen neue Sprachen und Begriffe, die zwar kontextsensitiv sind, aber neue Verständigungsprobleme und Exklusionstendenzen bergen. Eine große Herausforderung liegt darin, die Verständigung über die engen Diskursgrenzen hinweg anzustreben und den Diskurs über eine nachhaltige Entwicklung wieder auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu reintegrieren.

2.Nachhaltigkeit ist insbesondere im Konsumsektor zu einem wichtigen Produktmerkmal geworden. Mehrfach wurde in den vergangenen Jahren in den Nachhaltigkeitswissenschaften vor einer weitreichenden Privatisierung von Nachhaltigkeitsthemen gewarnt, insbesondere unter dem Begriff des nachhaltigen Konsums. Wenn zum Beispiel über das Wohl des Klimasystems und damit einhergehend soziale Stabilität weltweit vor allem durch die Hand von Verbraucherinnen und Verbrauchern entschieden werden soll – siehe zum Beispiel die Kritik von Armin Grunwald (2010) an der „Privatisierung der Nachhaltigkeit“ –, dann ist sehr wahrscheinlich Überforderung die Folge. Eine große Herausforderung liegt darin, die Nachhaltigkeitskommunikation durch das Aufgreifen politischer Kontroversen und bürgerschaftlicher Dimensionen eines Engagements für Nachhaltigkeit wieder zu repolitisieren. Statt lediglich an das Konsumverhalten der Menschen zu appellieren, könnte Nachhaltigkeitskommunikation demokratische Aushandlungen und öffentliche Debatten anstoßen: Wie wollen wir als Gesellschaft den Wechsel in eine klimaschonende Energieversorgung organisieren (Stichwort „Energiewende“)? Was sind Minimalstandards, auf die Menschen in Deutschland einen Anspruch haben sollten (Stichwort „Grundsicherung“)? Welche Rechte und Pflichten hat die ältere gegenüber der jüngeren Generation (Stichwort „Rentenkrise“)?

3.Die Idee der Nachhaltigkeit war immer Anspruch und Einladung zugleich. Sie fordert, anderen Menschen heute und in Zukunft ein gutes Leben zu ermöglichen, ohne dabei unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören. Durch die Unbestimmtheit dessen, was dies genau bedeutet, erfordert die Idee der Nachhaltigkeit immer Aushandlung und Verständigung und damit Kommunikation. Eine große Herausforderung liegt somit darin, nicht aus den Augen zu verlieren, worum es eigentlich bei der „Großen Transformation“ der Gesellschaft für eine lebenswerte Zukunft geht, und Kommunikation zu diesen Fragen zu stiften: Dabei muss es weder notwendigerweise um den Begriff der Nachhaltigkeit selbst (Nachhaltigkeitskommunikation im engeren Sinne) noch ausschließlich um die Initiierung neuer Debatten gehen. Eine Herausforderung für die Nachhaltigkeitskommunikation (im weiteren Sinne) besteht darin, gesellschaftliche Diskurse zur Energiewende, Grundsicherung oder zur Rentenkrise nicht unverbunden nebeneinander zu führen, sondern sie auf die Idee der Nachhaltigkeit und die grundsätzlichen Fragen der Gerechtigkeit, die sie aufwirft, zurückzubeziehen und sie damit zu „re-essenzialisieren“.

Die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen formulieren ambitionierte Ziele für den Zeitraum bis 2030. Um die gesetzten Ziele zu erreichen und die Fähigkeit zur demokratischen Selbststeuerung zu fördern, braucht es eine wirksame Nachhaltigkeitskommunikation, die in der Lage ist, die Idee der Nachhaltigkeit mit Diskussionen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zu verknüpfen und Verständigungsprozesse darüber zu stiften, in welche Richtung aufgrund welcher Werte unsere Gesellschaft sich entwickeln soll.

Anmerkung

Der Beitrag synthetisiert Teile aus Einzelveröffentlichungen des Autors (Fischer/Haucke 2016; Fischer et al. 2016; Fischer 2017; Marwege/Fischer 2016).

2.4Forschungsliteratur
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1Basierend auf Humphreys (1996: 81 f.).

2Erstes Quartal 2015, basierend auf IVW (2015).

3.Waldwirtschaft/Forstplanung
Roderich von Detten

In als instabil und risikoreich erlebten Zeiten wächst das Bedürfnis nach Sicherheit und Verlässlichkeit. Werden Komplexität und Zukunftsunsicherheit im globalen Maßstab in den verschiedensten räumlichen und zeitlichen Kontexten unter (massen)medialen Bedingungen in zumeist krisenhaften Erzählungen oft als quasi ‚naturgegeben‘ wahrgenommen, so wächst die Sehnsucht nach Gewissheit, Stabilität, Maß und Gleichgewicht, und auch nach Kontrolle ins Unermessliche. Dass also die Vorstellung von „Nachhaltigkeit“ zu einem Leitbild der zweiten Moderne (vgl. Beck 1996) avancieren konnte, mag kaum verwundern.

Wenn mit dem verbreiteten, oft auch inflationären Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs die Mehrdeutigkeit und die Vagheit beklagt werden (vgl. z. B. Brand/Görg 2002: 26 ff.; Grunwald 2004: 327 f.),1 ihm eine „begrenzte Leitbildfähigkeit“ (Brand/Görg 2002: 27 ff. bzw. 74 ff.) attestiert wird und die Nachhaltigkeit ihre Prägnanz und ihr kritisches Potenzial zu verlieren droht, so wird gerne nach dem Original gesucht. Genau an dieser Stelle kommen die Forstwirtschaft bzw. die Forstwissenschaften ins Spiel. Nicht überraschend ist es vor allem der forstliche Fachbereich selbst, der diese Karte allzu bereitwillig spielt und dabei gerne den Bogen von der zum Teil des forstwissenschaftlichen Gründungsmythos gewordenen Nachhaltigkeit nach Carlowitz (1713) zum aktuellen, Forstwirtschaft und Forstwissenschaft verbindenden Leitbegriff spannt und gar zum „ehernen“, also zeitlos gültigen Prinzip hinter dem Ziel einer globalen nachhaltigen Entwicklung erhebt, für das die deutsche Forstwirtschaft Urheber, Pate und Hüter zugleich zu sein beansprucht. In der medialen alltäglichen Wahrnehmung und durchaus auch in Expertendiskursen ist dieses Narrativ nach wie vor weit verbreitet und der Förster ist zum symbolischen Hüter der Langfristigkeit par excellence geworden. Vielleicht wird gerade deshalb im Forstbereich immer wieder das Ziel verfolgt, dem Leitbegriff eine orientierende Funktion zurückzugeben. Dabei geht es meist nicht allein darum, in engen, kontextbezogenen Definitionen eine korrekte Bedeutung festzuschreiben, sondern die Deutungshoheit darüber zu klären.

Der vorliegende Beitrag versucht mit dem Blick auf die beiden Ebenen des Forstfachbereichs – forstliche Praxis und Forstwissenschaften – eine kritische Bestandsaufnahme des Konzepts der Nachhaltigkeit und lotet dabei aus, inwieweit der Gebrauch des Begriffs und seine Funktionen im forstlichen Fachdiskurs paradigmatisch für den allgemeinen Umgang mit dem Konzept stehen. Viele Beobachtungen sind dabei allgemeiner Art – und lassen sich auch für andere Begriffe machen, die sich im Problembereich des langfristigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen an der Seite der Nachhaltigkeit etabliert haben. Zum einen wird damit die Ebene der Waldwirtschaft – also die praktische Bewirtschaftung von Waldökosystemen – bedacht, zum andern ist damit stets die für die praktische Waldbewirtschaftung unumgängliche langfristige Forstplanung angesprochen. Zunächst wird der forstliche Kontext beleuchtet, in dem Begriff und Konzept der Nachhaltigkeit wirksam werden konnten, bevor Verwendungsweisen des Nachhaltigkeitskonzeptes aufgezeigt werden. Zum Schluss wird Kritik an der Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs aufgegriffen und erörtert, was das Beispiel eines forstfachlichen Umgangs mit der Nachhaltigkeit für den Nachhaltigkeitsdiskurs insgesamt lehren kann.

3.1Konzepte und Diskurse der Nachhaltigkeit in der Waldwirtschaft
Nachhaltigkeitsanspruch und forstliche Entscheidungsprobleme

Dass im Jahre 2013 das 300-jährige Erscheinen der Sylvicultura oeconomica von Hans Carl von Carlowitz in Deutschland im Rahmen eines großangelegten bundesweiten Aktionsprogramms in einer bis dato unvergleichlichen Weise gefeiert wurde (vgl. DFWR 2013), ist in mindestens zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Dabei wird deutlich, in welchem Maße der Nachhaltigkeitsbegriff im 21. Jahrhundert erstens zum Gründungs-narrativ der Marke „Forstwirtschaft aus deutschen Landen“ gehört und zweitens als symbolische Klammer über eine mindestens 300-jährige Geschichte herhalten muss (Slogan: „Wir sind nachhaltig – und das seit 300 Jahren“), welche die unterschiedlichsten Ziele, Strategien, Bewirtschaftungskonzepte und mithin alle erfolgreichen und auch weniger erfolgreichen Wege der Waldbewirtschaftung umgreift. Beide Tatsachen verweisen auf eine zentrale Funktion der Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs in den Forstwissenschaften und in der Forstwirtschaft: Er ist zunächst Platzhalter für eine unüberschaubare Fülle an diversen, oft widersprüchlichen Wahrnehmungen, Bewertungen, Strategien und Handlungen, wenn es um den langfristigen Umgang mit Wäldern geht. Dabei wird er nach innen zum einigenden Band eines ganzen Fachbereichs und hier im Rahmen des Feierjahres gleichzeitig zum „Original“ erklärt, das als Reaktion auf die inhaltliche Ausweitung und den inflationären Gebrauch eben auch der Abgrenzung nach außen dient.

Die forstliche Nachhaltigkeit ist nicht allein mit Blick auf ihre identitätsstiftende Bedeutung zu verstehen, sondern muss vor dem Hintergrund der Entscheidungsprobleme bzw. Erkenntnisprobleme gesehen werden, die sich in Forstwirtschaft bzw. Forstwissenschaften stellen. Dass die Bewirtschaftung von Wäldern durch eine spezifische Komplexität charakterisiert werden kann, ist vielfach beschrieben worden und hat in erster Linie mit der Langfristigkeit forstlicher Entscheidungen zu tun: zentrale Entscheidungen wie die Wahl von Baumarten oder Baumartenzusammensetzungen oder der sog. „Umtriebszeit“ (des Nutzungsalters von Baumbeständen) sowie die Entscheidung für die geeigneten waldbaulichen Strategien (Ernteverfahren, Verfahren der Durchforstung oder der sog. „Verjüngung“ von Wäldern) sind eng an natürliche Gesetzmäßigkeiten und durch die Umwelt gegebene Voraussetzungen geknüpft. Das langsame Wachstum von Bäumen, die in unseren Breiten (und abhängig von natürlichen Voraussetzungen wie menschlichen Zielsetzungen) frühestens im Alter von 60 Jahren, zumeist aber deutlich später (nicht selten nach bis zu 150 Jahren) geerntet werden, bedingt eine Weitsicht, die kaum durch das Wissen über die natürlichen Wachstumsbedingungen in diesem in der Zukunft liegenden Zeitraum gedeckt ist – ganz abgesehen vom Wandel der Eigentümerzielsetzungen und den Veränderungen im gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen oder technologischen Kontext, die sich im Laufe dieser Dekaden ergeben.

Die Komplexität, die sich mit Blick auf die Wälder der Zukunft als Resultat des Zusammenspiels von natürlichen und sozialen Faktoren ergibt, ist groß – und je weiter der forstliche Entscheider in die Zukunft blickt, umso unschärfer das Bild und umso lauter das Rauschen. Forstwirtschaft ist der Versuch, Wälder langfristig zielgerichtet zu steuern – unter Bedingungen, die eine präzise Langfriststeuerung unmöglich machen. Wenn generell gilt, dass bei komplexen Entscheidungsproblemen die Voraussetzungen dafür fehlen, optimale Entscheidungen zu definieren, so fehlen mit Blick auf die Langfristigkeit der Forstwirtschaft zudem die Voraussetzungen für streng rationales Handeln, wo beim Zusammenspiel von natürlichen und sozialen Faktoren neben im engeren Sinne sachliche auch politische und moralische sowie affektive, d. h. emotionale Entscheidungskriterien treten.

Die oben genannten zentralen Entscheidungen bei der Bewirtschaftung von Wäldern sind dabei niemals solche, die sich auf eine bestimmte Funktion von Wäldern (also z. B. die Holzproduktion oder ihre Bedeutung für den Naturschutz, die Wasserqualität etc.) bezieht: Vielmehr betrifft jede Nutzungsentscheidung zugleich Schutz- oder Erholungsfunktionen von Wäldern und umgekehrt. Jede Entscheidung zur Nutzung eines Baumes etwa ist zugleich die Entscheidung darüber, welche Wuchsbedingungen nach seiner Entnahme fortan herrschen, und es gehört zu den Notwendigkeiten bei der Waldbewirtschaftung, dass jedwede Nutzung des „Naturvermögens“ („Forstliche Produktion“) der Tatsache Rechnung trägt, dass die Gesundheit und Produktivität des gesamten Ökosystems („Reproduktion“) erhalten bleiben. Andernfalls drohen – und diese Tatsache stellt neben der Langfristigkeit das zweite zentrale Charakteristikum der Forstwirtschaft dar – irreversible, durch keinerlei künstliche Reparaturen auszugleichende Schädigungen. Dies ist auch der Grund dafür, dass Waldbesitz zumindest in Mitteleuropa mannigfaltigen und für Außenstehende oft schwer zu verstehenden Eigentumsbeschränkungen (z. B. Kahlschlagsverbote) unterliegt. In den relativ engen, dicht besiedelten Staaten Mitteleuropas sind Wälder flächenmäßig noch immer sehr bedeutsam, die klassischen Waldfunktionen („Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion“) werden gesellschaftlich sehr stark nachgefragt, und die hohen gesellschaftlichen Ansprüche, denen sich die Bewirtschaftung von Wäldern stellen muss, heben diese in vielerlei Hinsicht in den Rang von öffentlichen Gütern.

Der Nachhaltigkeitsbegriff und seine Verwendung in Geschichte und Gegenwart müssen vor genau dieser Folie betrachtet werden, und wenn Forstleute mit ihrer Urheberschaft des „Nachhaltigkeitsprinzips“ zugleich den Anspruch verbinden, komplexe Waldökosysteme auch tatsächlich langfristig steuern zu können (Schanz 1994), wird gerne auf ertragreiche und vielfältige Wälder, eine leistungsstarke Forstwirtschaft und international gesehen hohe Bewirtschaftungsstandards verwiesen.

Was davon allerdings das Ergebnis langfristiger Bewirtschaftungsstrategien und gezielter sog. „Produktionsprogramme“ ist, bleibt in der Regel unklar. Bei genauerem Blick wird deutlich, dass der jeweils aktuelle Zustand von Wäldern im Einzelfall keineswegs das Endprodukt Jahrzehnte übergreifender Planung und konsistenter Umsetzung von Langfriststrategien ist. Genauso entscheidend tragen Kalamitäten, Stoffein- und -austräge, Standortveränderungen, das Marktgeschehen, der Wandel von Bewirtschaftungszielen und -moden, veränderte klimatische Verhältnisse, gewandelte gesellschaftliche Ansprüche an Wälder und Waldbewirtschaftung, neue Gesetze etc. zur Gestalt unserer Wälder bei. Was oft als Ergebnis nachhaltiger Forstwirtschaft deklariert wird, ist eine Mischung von Geplantem und Unvorhergesehenem, Erwartetem und Zufälligem, und die Forstgeschichte lässt sich als fortwährende Aktualisierung einer Grunderfahrung lesen: Es kam (und kommt) anders, als gedacht. Dieser Befund ergibt sich dabei sowohl, wenn man die Geschichte der Wälder in Mitteleuropa gleichermaßen auf der Makroebene liest,2 als auch dann, wenn man sich tiefer in die Geschichte einzelner Forstbetriebe bzw. Waldungen vertieft und hier Anspruch und Wirklichkeit, Planung und reale Entwicklungen einander gegenüberstellt: „Trotz periodischer Betriebsregelungen der Forsteinrichtung und intensiver Bewirtschaftung des Waldes ist es im Verlaufe von über eineinhalb Jahrhunderten in keinem Falle gelungen, eine stabile Waldentwicklung in Richtung auf die angestrebten IDEAL-Strukturen zu gewährleisten“ (Dittrich 1986: 137) – so resümiert etwa eine Studie aus der Mitte der 1980er Jahre, die Anspruch und Wirklichkeit forstlicher Planung und Realität in einer historischen Längsschnittstudie einander gegenüberstellt.

Dabei aber tritt ein für die Forstwirtschaft zentraler, die Waldbewirtschaftung grundierender Widerspruch zutage: Der Anspruch, Wälder langfristig zielgerichtet und plangemäß steuern zu können („Nachhaltigkeitsstrategie“), ist nur schwer mit der Tatsache der Komplexität, der Zukunftsunsicherheit und dem mangelnden Wissen in Einklang zu bringen.

Wie sich zeigt, sind es Zäsuren oder einschneidende Erfahrungen wie die des Klimawandels, die bei Forstleuten das Bewusstsein dafür schärfen, wie sich Wälder (und mit ihnen die Waldbewirtschaftung) in nicht vorauszusehender Weise ändern, dass stets Zukunftswissen fehlt und etabliertes Erfahrungswissen permanent entwertet wird. Der im Klimawandel wahrgenommene „Ausnahmezustand“, als den forstliche Praktikerinnen und Praktiker die Situation von Handlungsnotwendigkeit angesichts von Unwissen und Ignoranz beschreiben, ist der Normalfall.

Zu konstatieren ist also einerseits das vor allem in der Langfristperspektive nicht aufzulösende Problem der Entscheidung unter Unsicherheit und Ignoranz. Andererseits lässt sich mit Blick auf Gegenwart und Geschichte von Forstwirtschaft und Forstwissenschaften eine ungebrochene Popularität des Nachhaltigkeitsbegriffs feststellen – und beide Tatsachen hängen miteinander zusammen.

Konzepte und Begriffsgeschichte der forstlichen Nachhaltigkeit

Kern aller Nachhaltigkeits-Leitbilder ist das ethische Prinzip des Erhalts von Ressourcen zum Wohle jetziger und nachfolgender Generationen, um eine generationenübergreifende Nutzung zu ermöglichen. Wenn der Umwelthistoriker Joachim Radkau dieses Prinzip als selbstverständliche Norm der alten Bauernschaft bezeichnet (2000) und mit Blick auf den Nachhaltigkeitsbegriff gar von einer „meist metaphorische(n) Übertragung einer in dieser Abstraktheit recht banalen bäuerlich forstwirtschaftlichen Erhaltungsregel“ (Vogt 2013) gesprochen wurde, so ist damit die Selbstverständlichkeit einer zukunftsorientierten Ressourcennutzung gemeint, wie man diese aus Fischerei, Zeidlerei und Jagd, aus dem Waldfeldbau, der Waldweide und auch dem Ackerbau kennt und wie sie vor allem auch einer autarken Versorgung von Gemeinschaften z. B. in Klöstern dient. Frühe Beispiele für Nutzungsregelungen und -beschränkungen, die der im oben genannten Sinne verstandenen Nachhaltigkeit avant la lettre dienen, sind in der Forstgeschichte schon für das frühe Mittelalter zur Zeit Karls des Großen beschrieben worden (Mantel 1990: 61 f.). In rechtlich kodifizierter Form wird Nachhaltigkeit als Rechts-, Ordnungs- und auch Machtkonzept erkennbar. Bereits hier kann sich der Blick dafür schärfen, dass die Frage nach dem Verständnis von Nachhaltigkeit nicht von der Frage zu trennen ist, in wessen Dienst eine Regelung oder ein Anspruch auf Nachhaltigkeit erhoben wird.

Ansätze eines systematischen Nachhaltigkeitsdenkens im nördlichen Europa, in Frankreich, England und Deutschland lassen sich bereits für das 16. Jahrhundert nachweisen, wie der britische Umwelthistoriker Paul Warde (2011) dargestellt hat. Das Ziel einer dauerhaften, rentablen und rechtlich gesicherten Rohstoffversorgung sowie des Schutzes von Flächen – auch im größeren räumlichen (bis hin zum nationalen) und zeitlichen (intergenerationalen) Maßstab – wurde von der jeweiligen Grundherrschaft in den Bereichen von Land- und Forstwirtschaft zur Sicherung des Flottenbaus, der Holzversorgung für den Hof, v. a. aber auch zur Sicherung regelmäßiger Einkünfte verfolgt. Nicht zufällig bekommt der Begriff der Nachhaltigkeit im holzfressenden Berg- und Hüttenwesen und in der Folge dann auch im sich professionell entwickelnden Wald- und Forstwesen eine prägende Bedeutung, als die Aufgabe, große Holzmengen bedarfsgerecht zur Verfügung zu stellen und die Ansprüche von größeren Staatsgebilden zu befriedigen, zu einer komplexen ökonomischen Aufgabe wird (vgl. Radkau 2000: 177 ff.). Vor dem Hintergrund des ökonomischen Zieles der Ersparnis von Holzvermögen (Höltermann/Oesten 2001: 40) dient die Verwendung des Begriffes der Nachhaltigkeit dazu, vor zerstörerischem Verbrauch, vor Übernutzung oder Raubbau zu warnen. Die Nachhaltigkeit ist als zuallererst ökonomischer Begriff, damit aber zugleich „ein Terminus der Regulierung von oben, ein Kampfbegriff privilegierter Waldnutzer gegen Konkurrenten“ (Radkau 2010).

Als mittelalterlicher Rechtsbegriff meint „nachhalten“ bereits im 13. Jahrhundert so viel wie „etwas freihalten, aufbewahren“ oder „schonen“ und wird auch in Formen wie „mit gutem Nachhalt“ verwendet. Synonyme und sinnverwandte Begriffe sind „kontinuierlich“, „beständig“, „pfleglich“, „immerwährend“, „dauernd“, „bleibend“, „perpetuierlich“ oder „erhaltend“, und diese Begriffe finden sich dann auch in der berühmt gewordenen Sylvicultura oeconomica. Die Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht von 1713, welche gemeinhin als „Geburtsort“ der forstlichen Nachhaltigkeit angesehen wird. Autor ist der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645–1714), Leiter des Oberbergamts in Sachsen und als Kameralist mit der Verwaltung der Holzversorgung des sächsischen Berg- und Hüttenwesens betraut – eines Bereiches, der zu den größten Holzverbrauchern jener Zeit zählte (Radkau 2010: 38). Im Rahmen des Kompendiums zum praktischen Wissen über die Waldbewirtschaftung, als das die Sylvicultura oeconomica verstanden werden muss, ist der Begriff Teil einer streng ökonomischen Denkungsart und man würde aus heutiger Perspektive urteilen, dass er damit einer staatswirtschaftlichen „Orientierung auf qualitatives Wachstum“ diente.

Als Synonym der gängigeren und darum allzu häufig verwendeten Begriffe „pfleglich“ und „beständig“ steht die Nachhaltigkeitsforderung im Dienste der Sicherung der ökonomischen Bedeutung des Waldes für den Bergbau und des Bewusstseins für die relative Endlichkeit der Ressource Holz. Sie wird gespeist aus der Erfahrung mit zeitgenössischen Walddevastierungen in Sachsen (und anderswo), die eine wesentliche Triebkraft für die Bemühungen von Carlowitz sind, die Bewirtschaftung der Wälder in langfristig geordnete Bahnen zu lenken. Zentrale Eckpfeiler dieser Ressourcenpolitik im Dienste von staatlichem und sozialem Forstschritt sind eine rechtliche Verregelung und v. a. die bürokratische Verwaltung und Planbarkeit unter Vermeidung unkontrollierbarer Risiken.

Die Nachhaltigkeitsvorstellungen entwickeln sich im Rahmen einer staatlich bzw. herrschaftlich organisierten Forstwirtschaft, und es ist entscheidend, den Paradigmenwechsel in der Waldwirtschaft vom Prinzip der Erfüllung grundlegender Bedürfnisse („Nothdurft“) der lokalen Bevölkerung hin zur effektiven Sicherstellung von Wohlstand eines bestimmten politischen Territoriums (im Sinne einer Rechtsund Wirtschaftseinheit) wahrzunehmen (Hölzl 2010). Im Zuge dieses Wandels des Ordnungsrahmens, der sämtliche Waldungen betrifft, spielt der Begriff der Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle auch im Rahmen der zugleich stattfindenden Professio-nalisierung bzw. „Verwissenschaftlichung“ der Waldbewirtschaftung, der eine ganz neue Expertokratie professioneller und zugleich mit hoheitlichen und polizeilichen Aufgaben betrauter Staatsbeamter schafft. Beginnend im 18. Jahrhundert, spätestens dann Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt sich flächendeckend die Bedeutung der „wissenschaftlichen“ Waldbewirtschaftung für Nachhaltigkeitsvorstellungen – und umgekehrt: der Nachhaltigkeitsidee für die professionelle Gestaltung und Kontrolle herrschaftlicher Waldungen.

Die Geschichte der Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffes in der Forst- und Holzwirtschaft, die im 18. Jahrhundert beginnt, ist durch eine große Vielfalt und auch Vieldeutigkeit gekennzeichnet und weist keinen einheitlichen Bedeutungskern bzw. Begriffsinhalt und -umfang auf.3 Es wandeln sich bis zum heutigen Tag die Inhalte und Vorstellungen darüber, was als nachhaltige Waldwirtschaft zu verstehen ist und welche Forderungen an zukunftsfähiges Handeln daraus abzuleiten sind. Im Laufe der Zeit ist in unterschiedlichen Taxonomien und Terminologien4 zwischen der Nachhaltigkeit „der Holzerzeugung“, „der Holzerträge“, „der Erhaltung der Waldfläche“, „des Holzertragsvermögens“, „der Gelderträge“, „der Waldfunktionen“, „der landeskulturellen Leistungen“ oder „sämtlicher Wirkungen des Waldes“ unterschieden worden – grundsätzlich variieren dabei sowohl die räumlichen Bezugseinheiten und betrachteten Zeiträume als auch die zu erhaltende bzw. in der Zukunft bereitzustellende Leistung (z. B. der Holzertrag oder der Geldertrag). Ideengeschichtliche Studien, die sich mit den in forstlichen Bewirtschaftungskonzepten implizit enthaltenen Ideal- und Leitvorstellungen von Wald- und Forstwirtschaft befassen, können jedoch zeigen, dass hinter den unterschiedlichen Nachhaltigkeitsdefinitionen jeweils gänzlich verschiedenartige, tief verwurzelte Wertvorstellungen und Ziele stehen: Dies wird besonders gut an der jeweils eigenen Metaphorik der Konzepte erkennbar (z. B. organismische vs. architektonische Waldbilder; Pflege- vs. Lenkungsvorstellungen etc.), die sich zwar allesamt auf Nachhaltigkeit als zentrales Bewirtschaftungsprinzip beziehen, hinsichtlich zentraler Leitvorstellungen über Wesen und Charakteristik von Wald, Aufgaben und Strategien der Waldbewirtschaftung sowie dem Selbstverständnis der organisierten Forstwirtschaft aber deutlich unterscheiden (Detten 2001). Die Pluralität der unterschiedlichen forstlichen Nachhaltigkeitsbegriffe bezieht sich dabei nicht nur auf die Bestimmungskriterien und Indikatoren, sondern bereits auf die Rahmung, d. h. die Wahrnehmung und Beschreibung des Bewirtschaftungs- oder Entscheidungsproblems, zu dessen Lösung das Kriterium der Nachhaltigkeit herangezogen wird.

Auf den gleichen Sachverhalt verweisen Studien, die exemplarisch gezeigt haben, dass auch zum gleichen historischen Zeitpunkt innerhalb eher homogener Berufsgruppen (Forstbeamte) die Bedeutungsinhalte der Nachhaltigkeitsvorstellungen mit individuell unterschiedlichen Naturverständnissen („myths of nature“) bzw. Werthaltungen gekoppelt sind, die im Hintergrund wirksam werden, aber für Wahrnehmung und Entscheidungsverhalten relevant sind (Schanz 1994, 1996).

Nachhaltigkeit vs. nachhaltige Entwicklung: Übertragung und Rückübertragung

Nachdem der Nachhaltigkeitsbegriff über 200 Jahre hinweg im Wesentlichen in der Forst- und Fischereiwirtschaft eine Rolle spielte und dann auch auf steuerliche Abschreibungsmechanismen bezogen wurde (Grunwald/Kopfmüller 2006: 16), ergab sein Einzug in die internationale Umweltpolitik eine entscheidende Zäsur. Im Jahr 1972 wird die Nachhaltigkeit im Bericht Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome erstmals an prominenter Stelle erwähnt und in der Folge der ersten großen UN-Umweltkonferenz von 1972 im Rahmen des dort gegründeten Umweltprogramms zu einem der zentralen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen erklärt. Nach dem Brundtland-Bericht Unsere gemeinsame Zukunft aus dem Jahr 1987 ist es dann insbesondere die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992, die den Begriff der Nachhaltigkeit in das Konzept der nachhaltigen Entwicklung überführt und in der Agenda 21 konkretisiert:

Nachhaltige Entwicklung bedingt zwar nachhaltige Naturnutzung, beinhaltet darüber hinaus aber auch eine wirtschaftliche und gesellschaftliche (d. h. soziale, kulturelle, entwicklungspolitische usw.) Entwicklung, welche in umfassender Weise die Bedürfnisse der gegenwärtig lebenden Generation befriedigt, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. (Höltermann/Oesten 2001: 44)

Auch wenn die Begriffe „nachhaltige Entwicklung“ und „Nachhaltigkeit“ häufig synonym verwendet werden und eine ungebrochene Linie der Kontinuität zumindest implizit gezogen wird: Forstliche Nachhaltigkeit ist klar gegen die ungleich umfassendere und komplexere „nachhaltige Entwicklung“ abzugrenzen, die über den Aspekt der Naturnutzung hinaus auch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung umfasst. In neueren Veröffentlichungen zur Nachhaltigkeit wird der Kern des Konzepts außerhalb des engeren forstlichen Kontextes als ethisches Leitbild der Zukunftsverantwortung im Sinne einer intragenerativ-globalen und intergenerativen Gerechtigkeit gesehen (Grunwald 2004: 314). Im Rahmen des Begriffs der nachhaltigen Entwicklung mit den drei Säulen einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit hat sich der gesamtgesellschaftliche Nachhaltigkeitsdiskurs damit in der weitest denkbaren Weise vom ursprünglich auf die Nachhaltigkeit der Holzerzeugung zielenden, ökonomischen Begriffsverständnis von Carlowitz entfernt.

Der gesamtgesellschaftliche Diskurs um nachhaltige Entwicklung führte zu einer Rückübertragung des Nachhaltigkeitsbegriffs in den Forstbereich und seine Fachsprache. Das seit dem Brundtland-Report etablierte Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit ist nun auch im Forstbereich zu einem Standarddenkmodell geworden und findet sich nicht nur in sämtlichen Zielsystemen von Landesforstverwaltungen, kommunalen oder privaten Forstbetrieben, sondern grundiert auch die strategische Kommunikation und Rhetorik.5 Daher ist es schwierig, für die zurückliegende Dekade von einem verbindenden Grundverständnis einer spezifisch ‚forstlichen Nachhaltigkeit‘ zu sprechen.

Im Rückblick wird erkennbar, dass in der Geschichte der Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs in der Forstwirtschaft und außerhalb nicht einfach nur ein Wandel von Kriterien bzw. mit dem Begriff verbundenen Ansprüchen zu erkennen ist, sondern eine Addition immer neuer Bedeutungsebenen stattgefunden hat, der Begriff durch diese Ausweitung zum Universalprinzip geworden ist und damit jeglicher Definition (verstanden als „Begrenzung“) enthoben wurde. In den dadurch entstandenen Freiräumen, so könnte man mit einer Umbewertung als sog. „Grenzbegriff“ oder „Grenzkonzept“6 einwenden, hat der Begriff der Nachhaltigkeit erst seine wahre, nunmehr globale Bestimmung gefunden und gewährleistet, dass mehr denn je über eine zukunftsorientierte und -fähige Ressourcennutzung gesprochen und diskutiert wird.

3.2Fallbeispiele und Praktiken: Von Hiebsätzen bis zur Klimaanpassung
Forstliche Nachhaltigkeit: Verwendungsweisen und Funktionen

Für die Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs in der Forstwirtschaft in Geschichte und Gegenwart bedeutet die beschriebene Entgrenzung und Ausweitung v. a. auf unterschiedlichste komplementäre, aber auch konkurrierende Ziele (z. B. Holzerzeugung, Sicherung der Erholungsfunktion der Wälder sowie den Erhalt der natürlichen Ressourcen zur Sicherung seiner Schutzwirkungen, etwa für Biodiversität, Wasserqualität oder Klima), dass der Charakter dieses Begriffs als eines Fachterminus nur noch für seltene Einzelfälle besteht.

Im Sinne eines Kriteriums oder einer Eigenschaft („nachhaltige Forstwirtschaft“) zur Beschreibung einer bestimmten vergangenen, gegenwärtigen oder zukünftigen Wirtschaftsweise bezeichnet der Begriff scheinbar einen festen Bedeutungskern, der freilich mit einer Vielzahl von erläuternden operationalen Kriterien und Indikatoren paraphrasiert werden muss, um tatsächlich als Orientierungskriterium (etwa im Rahmen strategischer Planungen) gelten zu können. Als definierter Indikator ist die Nachhaltigkeit etwa in Form sog. „Formelweiser“ wirksam, die als Hilfsmittel zur Bestimmung bzw. Festlegung von sog. Hiebsätzen (= vorgegebene durchschnittliche jährliche Nutzungsmenge an Holz, bezogen auf 1 ha Waldfläche) im Rahmen der im obligatorischen Zehn-Jahres-Turnus durchgeführten „Forsteinrichtung“ (= Forstplanungsverfahren) berechnet werden – im allerdings denkbar engsten forstlichen Bedeutungsrahmen. Der Hiebsatz als „nachhaltiges Produktionspotenzial“ bei der Waldbewirtschaftung ist, wie oben erwähnt, jedoch nicht das alleinige Kriterium bei der nachhaltigen Bewirtschaftung von Wäldern: Neben der Frage nach Holzmengen und -qualitäten sind z. B. Fragen der Widerstandskraft gegen Schadinsekten („Stabilität“), des Beitrags zum Schutz des Bodens, der Biodiversität oder des Klimas von zentraler Bedeutung und entsprechende Leistungen werden gesellschaftlich stark nachgefragt.

Dass der Wald sich im Rahmen einer der Nachhaltigkeit (des Holzertrags) verpflichteten, wissenschaftlich bzw. von staatlichen Verwaltungen systematisch betriebenen Forstwirtschaft oftmals ungeplanten Krisen und Kalamitäten ausgesetzt sah, ist gut dokumentiert und oft beschrieben worden. Dass Preußen (vgl. Küster 1998: 185 ff.) in Zeiten großen Holzbedarfs im Deutschland nach dem Wiener Kongress 1815 (und vor der Ära der fossilen Kohle, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend Holz und Holzkohle als Energieträger ersetzte) mit großem Aufwand und auf großen Flächen Fichtenaufforstungen anlegte, um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Profit zu erzielen, ist ein klassisches Beispiel dafür, wie wenig eine auf einzelne Aspekte gerichtete Waldbewirtschaftung den umfassenden Ansprüchen an den Wald und den vielfältigen ökologischen Risiken gerecht werden kann. Es zeigt, wie seinerzeit unvorhersehbare Entwicklungen erst im Rückblick unsere heutige Einschätzung der „tatsächlichen Nachhaltigkeit“ von Forstwirtschaft bestimmen: Weit verbreitete Bodenversauerungen, Schädlingsbefall, Sturmschäden und enttäuschte Ertragshoffnungen zeugten von Problemen, die im Vorhinein kein Forstplaner im Blick hatte.7 Und noch etwas zeigt sich mit Blick auf die Waldbewirtschaftung im 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland: Eine sich dann erst nach den großen Aufforstungswellen entwickelnde, auf größere Arten- und Strukturvielfalt setzende, sich im Rückblick als „stabiler“ und in diesem Sinne „nachhaltiger“ erweisende Forstwirtschaft konnte erst in dem Moment Erfolg haben, als viele Wirtschaftszweige die Rohstoffe des Waldes nicht mehr in der Menge brauchten wie zuvor und als der wirtschaftliche Druck auf die Wälder nachließ (Küster 1998: 195). Hier zeigt sich zugleich das bereits beschriebene Problem der Ungewissheit bzw. der Ignoranz angesichts eines extrem langfristigen Entscheidungshorizonts – das Kriterium bzw. der Anspruch der „Nachhaltigkeit“ soll heutiges Handeln leiten, obwohl die „tatsächliche Nachhaltigkeit“ („Hier wurde nachhaltig/nicht nachhaltig gewirtschaftet“) erst morgen, d. h. in einem Nachhinein von i. d. R. mehr als hundert Jahren beurteilt werden kann (Detten 2013: 54; Detten/Oesten 2013). Da sich über diese Zeiträume hinweg niemals mit Gewissheit sagen lässt, welcher Anteil am zugeschriebenen Erfolg oder Misserfolg der Entwicklungen sich tatsächlich einem plangemäßen forstlichen Handeln zuschreiben lässt bzw. welcher Anteil anderen Einflussvariablen („äußeren Umständen“) zugeschrieben werden muss, sind es allein retrospektive, rückwärtsgerichtete Interpretationen und sinnstiftende Erzählungen, die als nachträgliche Erklärungen für vergangene Vorgänge und Erfahrungen auch für die Zukunft einen handlungsleitenden Referenzcharakter beanspruchen können (siehe dazu Weick 1995: 27 ff.).

Dass unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten getroffene Entscheidungen auch aufgrund von technologischen Entwicklungen rückblickend als „nicht nachhaltig“ im Sinne der ursprünglich verfolgten erwerbswirtschaftlichen Ziele zu beurteilen sind, kann das von Oesten und Roeder (2012: 149) beschriebene Beispiel der Eichenschälwälder in Mittelbaden zeigen: Mit dem Ziel, Eichenrinde zu gewinnen, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in bäuerlichen Wäldern Mittelbadens mit staatlicher Unterstützung der teure Umbau von Wäldern in Eichenwälder gefördert. Die Entwicklung künstlicher Gerbstoffe und der technologische Fortschritt in der chemischen Industrie ließen allerdings den Markt für Eichenrinde ab ca. 1880 nahezu völlig zusammenbrechen und alle Investitionen, die in Erwartung hoher Erträge in den Waldumbau getätigt wurden, wertlos werden. Eine besondere Pointe hierbei ist es, dass die bis heute weitgehend ertragsschwachen Wälder inzwischen unter Naturschutzgesichtspunkten als sehr wertvoll erachtet werden. Beide unvorhergesehenen Entwicklungen, der Markteinbruch wie die spätere naturschutzfachliche Wertschätzung, konnten nicht vorausgesehen werden und sind prototypische Ereignisse, die die problematische Langfristigkeit der Waldwirtschaft kennzeichnen: Sie machen die Antwort auf die Frage, ob die ursprüngliche Entscheidung für die Eichenschälwälder als „nachhaltig“ oder „nicht-nachhaltig“ zu bewerten ist, zu einer Frage des zeitlichen (und auch inhaltlich-normativen) Standpunkts.

Im Sinne eines ethischen Postulats formuliert der Nachhaltigkeitsbegriff das Problem der angestrebten zukünftigen Gegenwart8 und bezeichnet einen Anspruch darauf, die forstliche Bewirtschaftung der Wälder an klaren moralischen Prinzipien zu orientieren – die sich in schwacher oder starker Weise formulieren lassen (Ott/Döring 2004). Erneut muss hier jedoch das Nachhaltigkeitsprinzip als ethisches Prinzip durch eine Vielzahl von weiteren ethischen Kriterien oder Prinzipien gestützt werden und etwa auf eine Güterlehre oder eine differenzierte Gerechtigkeitstheorie verweisen (Christen 2008), will es nicht leer oder beliebig werden, sondern in der (forst)politischen Debatte Zustimmung erzielen. Dies geschieht allerdings in forstlichen Debatten so gut wie niemals – die Begründungszusammenhänge werden auch in kontroversen Debatten nicht expliziert, und im Rahmen von Leitbildern oder den seit vielen Jahren obligatorischen Nachhaltigkeitsberichten der Länderforstverwaltungen hat sich die formelhafte Wendung durchgesetzt, dass „ökologische, soziale und ökonomische Ziele im Staatswald gleichrangig umgesetzt“ werden – ein entsprechend „ausgewogenes Kennzahlensystem“ illustriert die Zielerreichung.9

Jenseits eines konkreten Verwendungskontexts kann man Nachhaltigkeitsdiskurse in einem sehr viel allgemeineren Sinne als Krisendiskurse verstehen,10 die in bestimmten historischen Situationen aktiviert wurden und werden und über die Bewältigungsstrategien in speziellen historischen Konstellationen ausgehandelt oder legitimiert werden sollen. Das Beispiel Carlowitz’ im Rahmen zeitgenössischer Holznot-Debatten11 wurde bereits angesprochen: Zahlreiche Studien haben hier herausgearbeitet, welche wichtige Rolle der Nachhaltigkeitsbegriff in der Forstgeschichte zur Rechtfertigung der Durchsetzung staatlicher und auch privater Ansprüche hinsichtlich der Verfügungsrechte über die Nutzung von Wäldern gespielt hat.

Ein aktuelles Beispiel für die Schwierigkeit, eine echte „Strategie der Nachhaltigkeit“ als „zukunftsfähig im langfristigen Sinne“ schon vorausschauend zu bestimmen, ist der Umgang mit dem Klimawandel: Dieser wird den Einschätzungen von Forstwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sowie von Forstpraktikerinnen und -praktikern zufolge als Einschnitt in den bisherigen Umgang mit Wäldern wahrgenommen und es werden allerorten entsprechend deutliche, langfristig wirksame Gegen- bzw. Anpassungsmaßnahmen propagiert. Was genau allerdings solche Anpassungsstrategien erfordert, mit welchen Baumarten und waldbaulichen Verfahren unsere Wälder zu gestalten sind, ist ungewiss und oftmals unter Expertinnen und Experten umstritten. Klima- und Waldwachstumsmodelle gibt es viele – ebenso jedoch gibt es viele Risiken, die mit einer Umsetzung jeder dieser (unterschiedlichen) propagierten Waldumbaustrategien verbunden sind. Zum einen sind da die gewaltigen Kosten eines flächenhaften Umbaus, zum anderen sind mit dem Umbau beträchtliche Risiken (z. B. der tatsächlichen „Klimastabilität“ oder des Ertrags) verbunden – und die Szenarien, mit denen allein man auf ein mit so großen Unsicherheiten behaftetes Phänomen wie das des Klimawandels („Wie entwickeln sich die Wachstumsbedingungen infolge des Klimawandels in den nächsten 100 Jahren?“) reagieren kann, weisen in verschiedene Richtungen, so dass die Risiken des „Weitermachens wie bisher“ auf beträchtliche Risiken einer „falschen Anpassung“ treffen. Auch hier wird sich erst im Nachhinein herausstellen, welche heute getroffenen Maßnahmen sich als tatsächlich „nachhaltig“ im Sinne einer Klimaanpassung erwiesen haben.

Achtet man einerseits auf die Stellen in Waldnutzungsdebatten, an denen die Leitvorstellung der Nachhaltigkeit wichtig wird, und andererseits auf die spezielle Wirkung, die die Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs dabei erzeugt, so lässt sich folgendes Bild skizzieren:

Zunächst ist da die positive Vorstellung eines nachhaltigen Umgangs mit dem Wald, die auf Beruhigung, Stetigkeit, Gleichgewicht und Balance und die Versöhnung von Gegensätzen (Substanz und Produktivität, Erhalt und Wachstum, Ökonomie und Ökologie und Soziales, Gegenwart und Zukunft etc.) sowie auf den Erhalt der Fülle und die Bewahrung von Potenzialität gerichtet ist. Sie wird v. a. dann aktualisiert, wenn der Problematik der langfristigen Bewirtschaftung von Waldökosystemen unter Bedingungen von Komplexität, Unsicherheit, Risiko, Ambiguität, Kontingenz und Nutzungskonflikten mit Planungen und optimistischen Zukunftskonzepten begegnet werden muss. Die Rhetorik der Nachhaltigkeit wirkt kompensatorisch: Sie verlagert gegenwärtige Zielsetzungs- und Entscheidungsprobleme in die Zukunft,12 sie verdeckt Unsicherheit und Nicht-Wissen und ermöglicht einen Ebenenwechsel von einem sachlichen hin zu einem moralischen Diskurs und harmonisiert Ziel- und Interessenkonflikte im Rahmen einer universalen Zustimmungsfähigkeit.

Kritik an Nachhaltigkeitsverwendungen und -diskursen

Im forstlichen Fachbereich wurde viel Kritik an der Nachhaltigkeitsrhetorik geübt: an der Verwendung der Nachhaltigkeit als universal verwendbare Projektionsfläche, deren Gebrauch von schlechtem Gewissen entlastet, an dem meist fehlenden Bezug zu konkreten Interessen und Sachzwängen, zu konkreten sozialen Beziehungen und politischen Entscheidungsprozessen. Eine inhaltlich-konzeptionelle bzw. erkenntnistheoretisch fundierte Kritik ist weitaus seltener anzutreffen, ergibt sich aus dem bisher Gesagten allerdings zum einen aus der Vorstellung der Balance zwischen Gesellschaft und Umwelt, welche mit der Theorie komplexer und dynamischer Systeme nicht in Einklang zu bringen ist (moderne Gesellschaften als entropische/ungeordnete Systeme). Zum anderen – so wurde bereits deutlich – bleibt der Widerspruch zwischen dem Anspruch auf Langfristigkeit der Bewirtschaftung von Wäldern und der Tatsache der irreduziblen Unsicherheit im Umgang mit Komplexität und Dynamik sozio-ökologischer Systeme mit nicht-modellierbaren Interdependenzen bestehen. Eine weitere Ebene der inhaltlichen Kritik betrifft den Steuerungsoptimismus, der mit dem Gebrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs zumeist verbunden ist. Dem wird entgegengehalten, dass Nachhaltigkeit in Bezug auf das Ziel einer langfristigen Handlungsstrategie als ein nur in begrenzter Weise gerichteter Prozess des Suchens und Lernens verstanden werden kann (Grunwald/Kopfmüller 2006: 12). Seltener wird mit Blick auf die Forstwirtschaft bzw. forstliche Nachhaltigkeit eine andernorts13 laut gewordene Kritik der Nachhaltigkeit als Ideologie geübt, die vom Leerformelvorwurf ausgeht.

3.3Fazit: Nachhaltigkeit als Praxis

Versucht man, aus dem Befund der Polyvalenz und Wandelbarkeit der forstlichen Nachhaltigkeit als im Kern ethisches Postulat der Gerechtigkeit, Langfristigkeit und Ressourcenschonung, aus einer Betrachtung der Verwendungsweisen und Funktionen des Nachhaltigkeitsbegriffs in forstlichen Debatten sowie aus der sich damit verbundenen Kritik ein Fazit zu ziehen, so hat man es mit einem widersprüchlichen, gleichermaßen problematischen wie wirkmächtigen Begriff zu tun. Was sich verbietet, ist die naive, auf die selbsterklärende Form und den Konsens aller Beteiligten vertrauende Verwendung oder Lesart des Begriffs. Es besteht stattdessen die Notwendigkeit, von Nachhaltigkeiten auszugehen und für jeden Kontext zu ermitteln, welche Bedeutung und welche Funktion der Nachhaltigkeit beigemessen wird. Nachhaltigkeit ist stets, so lehrt die Geschichte und Gegenwart ihres Gebrauchs, ein Indikator für tieferliegende Denkmuster und Grundannahmen und damit auch ein Indikator (und potenzieller Katalysator) dafür, dass sich grundsätzliche Fragen nach Gerechtigkeit, Macht, Freiheit oder dem Umgang mit Unsicherheit stellen. Dass eine konzeptionelle und rhetorische Entgrenzung des Begriffs zu seiner Entleerung führen muss, macht eine Re- oder Dekonstruktion umso wichtiger. Die Strategie, Komplexität, Zukunftsungewissheit und soziale Undurchschaubarkeit mit Hilfe einer kompensierenden Nachhaltigkeitsrhetorik auf die normative Ebene zu verlagern, in die Zukunft zu verschieben oder in harmonische Utopien zu überführen, mag verbreitet sein: Gerade die auf Langfristigkeit ausgerichtete Forstwirtschaft ist aber ein paradigmatisches Beispiel dafür, dass Nachhaltigkeit ein (gesellschaftlich bzw. politisch auszuhandelnder) Gegenwartsbegriff bleibt und nicht als Zukunftsstrategie im engeren Sinne bedeutsam ist: Er spiegelt die Vorstellungen von einer gegenwärtigen Zukunft und klärt daher zuallererst über die eigenen Wahrnehmungen, Bewertungen und das vorhandene Wissen auf, das sich allerdings erst künftig als wertvoll oder zu begrenzt erweisen wird.

Welche Zukunft aber hat der Nachhaltigkeitsbegriff selbst? Wo mit dem Begriff, wie gesehen, Utopien und langfristiger Gestaltungs- und Planungsoptimismus transportiert werden, werden angesichts einer für die letzte Dekade zu verzeichnenden wachsenden Sensibilität für Unsicherheit, Risiko und Kontingenz in unserer Risikogesellschaft alternative Konzepte wichtig. Auch wenn hierzu gerade im Forstbereich noch keine gesicherten Studien vorliegen, so markiert die wachsende Konjunktur von Konzepten wie Robustheit, Elastizität oder v. a. Resilienz einen Übergang vom Nachhaltigkeitsdenken und seinem Fokus auf Langfriststrategien, dauerhafte Verfahren und Lösungen hin zu stärker reaktiven Regelungen eines permanenten Ausnahmezustands. Mit der Vorstellung der sog. „Klimaplastizität“ von Wäldern (d. h. der Vorstellung, man könne Wälder begründen, die sich dem unvorhersehbaren Klimawandel selbstständig und dynamisch anpassen können) hat die Debatte um den Klimawandel dafür gesorgt, dass ein solcher Paradigmenwechsel auch in der Forstwirtschaft spekuliert werden darf.

Zukunft will in Gestalt der Wälder von morgen, die bereits heute anzulegen sind (vgl. das o. g. Beispiel des Ziels, „klimastabile Wälder“ für morgen zu begründen), permanent entworfen und gestaltet werden. Dass es vor diesem Hintergrund zu kurz gegriffen wäre, Nachhaltigkeit allein als ein „Kind der Krise“ (s. o.) zu verstehen, zeigt ein abschließender Blick in die Geschichte der praktischen Waldwirtschaft. Nachhaltigkeit steht hier als Leitbild eines „reflektierten Umgangs mit Nichtwissen“ und „Handlungsanleitung unter dem Vorrang der schlechten Prognose“ (Karafyllis 2002: 273): Die die Waldwirtschaft regelnden Forst- oder Waldgesetze bzw. die damit verbundenen Regelordnungen (z. B. das Verbot von Kahlschlägen, strenge Auflagen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder auch die Verpflichtung zu einer aufwändigen Planung der Waldwirtschaft im Zehn-Jahres-Turnus) legen Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern vielerlei Schranken auf. Bei genauerer Betrachtung kreist diese „Sozialpflichtigkeit“ des Eigentums stets um die Frage, wie ein wie immer geartetes Nutzenpotenzial des Waldes gerade angesichts vielfältiger Risiken und Ungewissheiten und eines großen Bereiches an Nichtwissen zu erhalten ist. Diese explizit nachhaltigkeitsorientierten Regelordnungen sind in ihrem Kern Ausdruck von Bemühungen, angesichts von lokalen Besonderheiten, zeitlichen Schwankungen und der Erfahrungen stetigen Wandels Wälder zunächst zu erhalten und gegenüber neuen Bedingungen anpassungsfähig zu gestalten.14

In Waldwirtschaft und Forstplanung zeigt sich in exemplarischer Weise der Widerspruch zwischen Langfriststrategien und irreduzibler Unsicherheit. Der forstliche Anspruch, Wälder nachhaltig, d. h. vor allem langfristig zielgerecht steuern zu können, ist also mit Vorsicht zu betrachten. Geschichte und Gegenwart der Waldbewirtschaftung zeigen, dass Nachhaltigkeit im Sinne des fortwährenden Erhalts vor allem bedeutet, dass mit dem Unvorhergesehenen gerechnet werden muss. Forstliche Nachhaltigkeit in diesem Sinne ist die über Jahrhunderte erworbene Fähigkeit, sich darauf so gut es geht einzustellen – durch Flexibilität, die Streuung von Risiken, durch Vielfalt und das Vertrauen in die Widerstandkraft und Regenerationskraft der Natur – und nicht zuletzt durch eine Rhetorik der Nachhaltigkeit, die den Wald in den guten Händen der Forstwirtschaft weiß.

3.4Forschungsliteratur
Zur Einführung empfohlene Literatur

Detten, R. v.: Einer für alles? Zur Karriere und zum Missbrauch des Nachhaltigkeitsbegriffs, in: Sächsische Carlowitz-Gesellschaft (Hg.): Die Erfindung der Nachhaltigkeit. Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz. München 2013, 111–126.

Höltermann, A./Oesten, G.: Forstliche Nachhaltigkeit, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hg.): Der deutsche Wald, 1/2001, 39–45.

Karafyllis, N. C.: „Nur soviel einschlagen, wie nachwächst“. Die Nachhaltigkeitsidee und das Gesicht des deutschen Waldes im Wechselspiel zwischen Forstwissenschaft und Nationalökonomie, in: Technikgeschichte, 69, 4, 2002, 247–273.

Peters, W./Wiebecke C.: Die Nachhaltigkeit als Grundsatz der Forstwirtschaft, in: Forstarchiv, 54, 5, 1983, 172 ff.

Zitierte Literatur

Beck, U.: Das Zeitalter der Nebenfolgen und die Politisierung der Moderne, in: Beck, U./Giddens, A./Lash, S (Hg.): Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt a. M. 1996, 19–112.

Blühdorn, I.: Sustaining the Unsustainable. Symbolic Politics and the Politics of Simulation, in: Environmental Politics, 16, 2, 2007.

Brand, U./Görg, C.: Nachhaltige Globalisierung? Sustainable Development als Kitt des neoliberalen Scherbenhaufens, in: Brand, U./Görg, C. (Hg.): Mythen globalen Umweltmanagements. Münster 2002, 12–47.

Brünig, E. F. /Mayer, H.: Waldbauliche Terminologie: Fachwörter der forstlichen Produktion. Wien 1980.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Themenheft Nachhaltigkeit. Aus Politik und Zeitgeschichte. APuZ, 31–32/2014; online siehe http://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/188680/nachhaltigkeit, Zugriff: 01.03.2019.

Christen, M.: Nachhaltigkeit als Gerechtigkeit? Eine Betrachtung der gerechtigkeitstheoretischen Grundlagen der Nachhaltigkeitsidee anhand des Greifswalder Ansatzes. Vortrag am XXI. Deutschen Kongress für Philosophie zu Lebenswelt und Wissenschaft, Essen 15.–19. September 2008. https://edoc.unibas.ch/13779/, Zugriff 26.02.2019.

DFWR (Hg.): 300 Jahre Nachhaltigkeit. Forstwirtschaft in Deutschland. 2013. https://www.forstwirt-schaft-in-deutschland.de/nachhaltigkeit/kampagne-300-jahre-nachhaltigkeit/, Zugriff: 28.02.2019.

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1Der Ruf nach „Konkretisierung“ einer vielfach zur Leerformel gewordenen Leitvorstellung zieht sich auch durch alle maßgeblichen Nachhaltigkeitsveröffentlichungen der letzten Jahrzehnte – stellvertretend sei das der „Nachhaltigkeit“ gewidmete Themenheft der Bundeszentrale für politische Bildung von 2014 genannt.

2Vgl. Küster 1998, Mantel 1990, Hasel und Schwarz 2002 oder, kurz und knapp, Grewe 2011.

3Zur forstlichen Begriffsgeschichte siehe Peters 1984: 4 ff., Schanz 1996: 18–57 oder Höltermann und Oesten 2001: 40 ff.

4Einen Überblick geben z. B. Zürcher 1965, Brünig und Mayer 1980.

5Davon zeugen z. B. sämtliche Internetauftritte der deutschen Landesforstverwaltungen.

6Der Begriff wird in Analogie zum von Star und Griesemer (1989) geprägten Begriff des „Grenzobjekts“ (boundary object) verwendet und meint solche Begriffe, die als „Schnittstelle“ oder gemeinsame Bezugspunkte von verschiedenen Akteuren oder Akteursgruppen fungieren, welche den Begriff aber unterschiedlich verstehen bzw. verwenden.

7Zu den verschiedenen „Krisen“ einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung im 19. Jahrhundert, z. B. der „Fichtenreinbestandswirtschaft in Sachsen“, der „Buchenhochwaldwirtschaft“ oder den „Rückschlägen beim Anbau fremdländischer Baumarten“, siehe Heyder 1986.

8Gemeint ist also das Problem, dass sich das, was sich tatsächlich ereignen wird (die zukünftige Gegenwart), nur im Modus der „gegenwärtigen Zukunft“, d. h. aktuellen Vorstellungen von zukünftigen Zuständen denken und kommunizieren lässt. Siehe Luhmann 1976.

9Siehe dazu beispielhaft den Nachhaltigkeitsbericht der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg aus dem Jahr 2014 (https://mlr.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mlr/intern/dateien/PDFs/Wald/Nachhaltigkeitsbericht.pdf, Zugriff: 28.02.2019).

10„Die Nachhaltigkeitsidee ist, wenn sie bemüht wird, stets ein Kind der Krise […]“, so Karafyllis 2002: 251.

11Zum Topos der Holznot und zur Interpretation der in der Forstgeschichte zahlreichen Holznot-Debatten siehe v. a. Radkau 1986, Steinsiek 1999 oder Ernst 2000.

12Als Grund dafür ist hier auch zu berücksichtigen, dass die Zeitskalen, in denen politisch-gesellschaftliche Probleme einerseits, langfristige Probleme der Waldbewirtschaftung andererseits koordiniert werden müssen, sich nur schwer synchronisieren lassen.

13Siehe hierzu pointiert Brand und Görg 2002 oder Blühdorn 2007.

14Mehr dazu: Wolf und Detten 2016 sowie Detten und Hanewinkel 2017.

4.Nachhaltigkeitswissenschaft/Nachhaltigkeitsgouvernanz
Cordula Ott

Seit der Umweltkonferenz in Stockholm 1972 versuchen die Vereinten Nationen, den Umgang des Menschen mit dem Planeten Erde auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Seither sind zunehmend konsistentere Umweltabkommen und Maßnahmen entstanden, doch die Erfolge blieben bescheiden. Regelmäßig zeigen globale und regionale Assessments, dass die Degradierung und Zerstörung der natürlichen Ressourcen und Ökosysteme in erschreckendem Maße voranschreitet. Und sie zeigen, wie dies einhergeht mit einer rapiden Umgestaltung der sozialen Welt. Trotz aller ökonomischen und sozialen Errungenschaften: Der Graben zwischen arm und reich vertieft sich weltweit. Dazu kommen Disparitäten in weiteren zentralen Bereichen: Der Zugang zu natürlichen und sozialen Ressourcen, zu Wissen und Mitsprache, zu Handelsflüssen, Zentren und Dienstleistungen, all das entscheidet, wie weit Menschen arm, ausgegrenzt und ausgeliefert bleiben oder ein ‚gutes Leben‘ führen und ihr Entwicklungspotenzial entfalten können (UNDP 2011). Vor diesem Hintergrund offenbart sich die tiefe Bedeutung von „leave no one behind“, der Kernbotschaft in Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, welche die Vereinten Nationen als übergeordneten Referenzrahmen für alle nationalen und internationalen Entwicklungsund Umweltbemühungen zwischen 2015 und 2030 gesetzt haben (UN 2015). Das Ziel, niemanden zurückzulassen, heißt nicht allein, Armut, Hunger und Umweltzerstörung zu beenden. Es bedingt zudem eine gerechte Teilhabe und Mitbestimmung aller am gesellschaftlichen Entwicklungsprozess.

Es ist diese Vision einer gesamtgesellschaftlichen Integration, welche die Agenda 2030 auszeichnet. Gemeinsam sollen Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft die vorherrschend destruktive Mensch-Umwelt-Beziehung auf eine neue – nachhaltige – Stufe heben, indem sie eine gerechte Entwicklung innerhalb der planetarischen Grenzen sichern (Raworth 2017). Nachhaltigkeit soll aus dem gesellschaftlichen Ausgleich in den fünf entscheidenden Dimensionen Menschen, Planet, Wohlstand, Frieden und Partnerschaft (im anglophonen Diskurs die „5 Ps“: People, Planet, Prosperity, Peace and Partnership) erwachsen. Umgesetzt wird die Agenda 2030 über ein kohärentes Set aus 17 Nachhaltigkeitszielen (den Sustainable Development Goals, kurz SDGs) und 169 Unterzielen. Es soll Länder wie Institutionen darin unterstützen, ökologische, ökonomische und soziale Anliegen zu verknüpfen sowie alle Subsysteme und Politikbereiche gesellschaftlicher Organisation nachhaltig zu organisieren und aufeinander abzustimmen (Biermann et al. 2017). Indem Pfadabhängigkeiten aufgelöst werden, welche etwa unsere Nahrungs-, Verkehrs- oder Gesundheitssysteme an den Verbrauch nicht-erneuerbarer Ressourcen binden, soll dies insbesondere den Umbau der Wirtschaft und die dringliche Energiewende ermöglichen (Fischedick/Grunwald 2017). Transformation unserer Welt als Obertitel der Agenda 2030 bedeutet also nichts weniger als eine Revolution, einen ‚Wandel zweiter Ordnung‘ (disruptive change), einen ‚logischen Sprung‘, bei welchem das bestehende, als nicht-nachhaltig erkannte Mensch-Umwelt-System einem völlig neuen nachhaltigen System weicht (Messner/Nakicenovic 2017). Solche Brüche in der globalen Entwicklung hat es in der Vergangenheit öfters gegeben, beispielsweise die neolithische oder die industrielle Revolution. Heute jedoch gilt es, einen Bruch mit einer Systemnutzung, welche die sozialen und planetarischen Grenzen überschreitet, aktiv herbeizuführen – gerade eben, um den drohenden spontanen ökologischen Kollaps zu vermeiden.

Wie kann diese Nachhaltigkeitstransformation gelingen? Wie kann die geforderte Zusammenarbeit von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft erfolgreich organisiert werden? Welche Institutionen, Verhaltensweisen, Regelwerke und Prozesse gewährleisten eine kohärente, gesellschaftlich ausgleichende und nicht-ausbeuterische Mensch-Umwelt-Beziehung? Wie lässt sich eine legitime und effektive Nachhaltigkeitsgouvernanz über alle organisatorischen Ebenen und geographischen Räume hinweg schaffen? Mit solchen Fragen befasst sich die Nachhaltigkeitswissenschaft – eine Neuerscheinung in den akademischen Disziplinen (Clark 2007; Spangenberg 2011). Ihre Vertreter argumentieren, dass sich die Wissenschaft als Subsystem selbst transformieren muss, wenn sie Nachhaltigkeit stützen will (Lubchenco et al. 2015). Denn in der Interaktion zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft – der transdisziplinären Interaktion – verliert die Wissenschaft die Deutungshoheit über die Welt und ihren Vorrang als Zubringer von Wahrheiten für politische Entscheidungen. Deshalb suchen Nachhaltigkeitswissenschaftler neue Rollen und Wege, um die Nachhaltigkeitstransformation nicht nur über disziplinäre und interdisziplinäre Wissensproduktion zu stützen, sondern – als transformative Wissenschaft – das gesamtgesellschaftliche Mitbestimmen und Mitgestalten einer nachhaltigen Zukunft zu fördern und effektiv zu machen (WBGU 2011). Im Folgenden werden Eckpunkte dieser Nachhaltigkeitswissenschaft skizziert, wie sie sich heute abzeichnet.

4.1Konzepte und Genese einer Nachhaltigkeitswissenschaft

Die Nachhaltigkeitswissenschaft (sustainability science) selbst ist noch jung. Allerdings ist sie in Grundzügen bereits in der Nachhaltigkeitsdebatte der 1970er und 1980er Jahre erkennbar, als sich kritische Strömungen aus den Sozial- und Humanwissenschaften mit sozialen Bewegungen in den Ländern des ‚globalen Südens‘ zu verbinden und demokratischere Formen der Wissensgenerierung und Entwicklungsgestaltung einzufordern begannen. Stellvertretend sei auf Jane Lubchenco verwiesen, welche an der Jahrtausendwende die Wissenschaft zu einem neuen Vertrag mit der Gesellschaft aufrief, um die Probleme des 21. Jahrhunderts verantwortlich und effektiv anzugehen: „[…] I invite you to participate vigorously in exploring the relationship between science and society and in considering a new Social Contract for Science as we enter the Century of the Environment“ (Lubchenco 1998: 496). Nachhaltigkeitsorientierte Vertreter aus unterschiedlichsten Disziplinen haben diese Forderung als Verpflichtung aufgenommen, haben sich vernetzt und untersuchen, wie die Wissenschaft zu Nachhaltigkeit beitragen kann, bzw. welche Wissenschaft es für Nachhaltigkeit braucht. Sie haben seither das Profil einer Nachhaltigkeitswissenschaft herausgearbeitet und deren Eigenständigkeit unter den Wissenschaften ausgewiesen (Kates et al. 2001; Clark 2007; Lubchenco 2015). Nachhaltigkeitswissenschaft verstehen sie als Schirm, unter welchem epistemologische und praktische Diversität gepflegt, doch kontinuierlich das Gemeinsame, der Kern, gesucht wird in Bezug auf die Frage, wie Wissenschaft der Nachhaltigkeit dienen kann (Farley 2014; Krohn et al. 2017). Folgerichtig sind Netzwerke, Verknüpfungsstellen und experimentelle Laboratorien im Schnittbereich der Disziplinen, der Wissenschaft, Politik und Gesellschaft wesentlich. In diesen kann sich die Nachhaltigkeitswissenschaft einerseits als Disziplin verstetigen, andererseits disziplin- und gesellschaftsverbindend wirken. Im Kontext der Schweiz gelang es solchen Netzwerken recht früh, aus einer Nischenposition heraus die universitäre und entwicklungspolitische Landschaft über die Grenze hinaus mitzuprägen und Grundlagenarbeiten zu transdisziplinärer Wissensproduktion zu schaffen, welche in der heutigen Nachhaltigkeitswissenschaft breit rezipiert sind (Vilsmaier/Lang 2014; Ott/Kiteme 2016). Impulsgebend war hier der Personenkreis um die Gründung der SAGUF 1972 (Schweizerische Akademische Gesellschaft für Umweltforschung und Ökologie, Bern). Aus diesem Netzwerk hervorgegangen sind etwa die IKAÖ (Interfakultäre Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie, Bern 1988–2013), das heutige CDE (Interdisziplinäres Zentrum für Entwicklung und Umwelt der Universität Bern) im Jahr 1989, die KFPE (Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern) und das td-net (Network for Transdisciplinary Research) der Akademien der Wissenschaften Schweiz im Jahr 1994 bzw. 2000 sowie das neuere USYS Tdlab der ETH Zürich. Viele globale inter- und transdisziplinäre Netzwerke sammeln sich heute unter dem Schirm des globalen Future-Earth- Programms. Verwiesen sei insbesondere auf das Earth System Governance Project, welches aus dem International Human Dimensions Programme on Global Environmental Change (IHDP, 1996–2014) (Ehlers 2016) hervorgegangen ist und das wohl größte sozialwissenschaftliche Netzwerk im Bereich Umweltgouvernanz darstellt.

Kern des Diskurses sind die Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung, welche sich heute im gesamtgesellschaftlichen Gestalten der Nachhaltigkeitstransformation bündeln (UN 2015). Neu als Forschungsgegenstand erscheinen Art und Qualität der Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie ein daraus abzuleitendes neues Wissenschaftsverständnis. In Abgrenzung zur traditionellen akademischen Wissensproduktion wird jene im Schnittbereich Wissenschaft und Gesellschaft auch als „Modus2-Wissensproduktion“ (Mode2-knowledge production, teils auch post-normal science) bezeichnet (Nowotny et al. 2001). In der Nachhaltigkeitswissenschaft, wie sie hier diskutiert wird, ist die einfachere Bezeichnung „transdisziplinäre Wissensproduktion“ häufiger, welche bereits im Namen auf die gesellschaftsübergreifende Ko-Produktion von Wissen hinweist. Wo der Begriff einer Modus2-Wissensproduktion erhalten blieb, wird er meist synonym mit Transdisziplinarität verwendet. In der Innovationsforschung im Bereich Science, Technology and Innovation (STI) hat sich der Modus2 unter Verbindung von Systemtheorie, Wissen und Innovation auch zu Konzepten einer Modus3-Wissensproduktion erweitert – wie Tiple-Helix-Innovationssysteme (Universität – Industrie – Regierung) (Etzkowitz/Leydesdorff 2000) oder Quadrupel-Helix-Innovationssysteme (plus Zivilgesellschaft) (Carayannis et al. 2016). Ebenfalls hat die Innovationsforschung die Verantwortlichkeit der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft in Konzepte zu Responsible Research and Innovation (RRI) gefasst (Owen et al. 2013). Es sind diese Betonung der gesellschaftlichen Verantwortung und die akteur- und systemübergreifende Herangehensweise, welche die unterschiedlichen Denkschulen zusammenbringen und das Wesen der heutigen Nachhaltigkeitswissenschaft prägen. Trotzdem bleiben nachhaltigkeitsorientierte Ansätze der Innovations- und Transitionsforschung wie auch der Earth System Science oft mehr im herkömmlichen Wissenschaftsverständnis oder in Referenzsystemen der Auftraggeber verhaftet und sind damit mehr im Randbereich der hier dargelegten Nachhaltigkeitswissenschaft zu verorten (Spangenberg 2011; Ott 2017). Denn für die sustainability science community bildet Nachhaltigkeit das bestimmende Referenzsystem. Ihr Konsens darüber, was das heißen soll, festigt sich entlang folgender Prinzipien:

a)Die Untrennbarkeit von Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe

Das bekanntermaßen vage Alltagsverständnis des Nachhaltigkeitsbegriffs erschwert den Konsens auch in der Nachhaltigkeitswissenschaft. Dass sich im Deutschen nachhaltige Entwicklung für sustainable development durchgesetzt hat, mag darüber hinwegtäuschen, dass hier das begrifflich engere englische sustainable (sustain+able) auf ein umgangssprachliches nachhaltig trifft, welches breit für lang anhaltend, andauernd, stark genutzt wird und seine Präzisierung erst im Kontext erhält. Diese Breite fördert die Akzeptanz des Begriffs im Deutschen beträchtlich – bewahrt allerdings auch seine Mehrdeutigkeit. Unzählige Präzisierungsversuche, etwa dauerhafte, umweltgerechte, tragfähige oder zukunftsfähige Entwicklung, zeugen davon. Die Unschärfe der Brundtland-Konzeption von Nachhaltigkeit trägt weiter zur Verwirrung bei. Darüber hinaus, und weit bedeutsamer noch, liegt der ausbleibenden Zielerreichung die Komplexität der globalen Herausforderungen zugrunde (Waddock et al. 2015). Nachhaltigkeitswissenschaftler argumentieren, dass die Welt im Widerstreit zweier gegenläufiger Entwicklungsparadigmen gefangen sei – dem Paradigma von Wachstum und Technologie aus der Prä-Brundtland-Welt und dem Nachhaltigkeitsparadigma der Post-Brundtland-Welt (Sneddon et al. 2006; Ott/Kiteme 2016). Systemwiderstände erhalten dabei das Wachstumsparadigma mit dem business as usual und verhindern das Etablieren des alternativen Nachhaltigkeitsparadigmas. Folge ist eine Kakophonie aus Konzepten, Politiken und Strategien, welche sich überlagern und gegenseitig entkräften. Dennoch – und dies bestätigt die Weltgemeinschaft eindrücklich mit der Agenda 2030 – gibt es keine Alternative zu nachhaltiger Entwicklung. Das transformative Potenzial des Nachhaltigkeitsparadigmas kann allerdings erst freigesetzt werden, wenn Klarheit und Konsens entstehen.

Den Königsweg dazu erschließt die Nachhaltigkeitswissenschaft, indem sie sich auf die im Brundtland-Bericht angelegte Untrennbarkeit von Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit (equity) rückbesinnt. Allgegenwärtig erscheint zwar das Brundtland-Zitat zur Gerechtigkeit im Hinblick auf zukünftige Generationen (intergenerational equity): „[D]evelopment that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ Weitgehend verloren ging jedoch die ebenfalls geforderte Gerechtigkeit innerhalb der jetzigen Generationen (intragenerational equity): „Sustainable development requires meeting the basic needs of all and extending to all the opportunity to satisfy their aspirations for a better life“ (WCED 1987: 2, I/4). Was impliziert diese Art der Gerechtigkeit? Was wären solche Gelegenheiten für ein besseres Leben, die es auszuweiten gilt? Auch hier besteht eine konzeptionelle Unschärfe sowie die Problematik einer Übersetzung ins Deutsche. Denn equity meint mehr als jene Gerechtigkeit, welche im Deutschen die Frage „gerecht in Bezug worauf?“ hervorruft und damit oft auf ein formelles oder informelles Regelwerk verweist. Equity ist hier als ethisches Prinzip – wie im biblischen „vor Gott sind alle Menschen gleich“ (Römer 2,1–16) – oder im Sinne der Menschenrechte zu verstehen. Dass Menschen als verstehende, fähige und handelnde Subjekte, als gleichwertig zu betrachten sind, ist die wesentliche ethisch-emanzipatorische Grundlage einer Nachhaltigkeitswissenschaft. Letztlich folgert daraus, dass allen Menschen nicht allein ihr Anteil an natürlichen und ökonomischen Ressourcen zusteht, sondern ebenfalls eine gleichberechtigte Teilhabe am Entwicklungsprozess – also das Recht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung der Zukunft (UNDP 2011). Dieser Anspruch auf gesellschaftliche Inklusion versteht die bestehenden Macht- und Entscheidungsverhältnisse, genauso wie die Hoheit der Wissenschaft in der Deutung der Welt, als strukturelle Ursachen von Armut und Ausgrenzung (Standing/Taylor 2007). Er verbindet zentrale Entwicklungskonzepte – wie justice, participation, empowerment, gender mainstreaming, partnership, legitimacy, accountability, responsibility, decentralisation, aber auch action research. Sie alle verlangen emanzipatorische – deliberative und demokratischere – Interaktionen zwischen Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft sowie ein entsprechend wertegeleitetes Wissenschaftsverständnis (Sarkki et al. 2015; Isgren et al. 2017). In dieser interdisziplinären Zusammenarbeit sollen Akteure gemeinsam wirksame, gerechte Regelwerke und Institutionen für eine nachhaltige Entwicklung schaffen (Cornell et al. 2013; Berg/Lidskog 2018). Die enge Verknüpfung von Entwicklung und Gerechtigkeit ist Grundlage einer starken Konzeptionalisierung von Nachhaltigkeit als Systemänderung, im Gegensatz zu einer schwachen Nachhaltigkeit, welche wie bisher den Schwerpunkt auf Verbesserung und Korrektur im bestehenden System legt, ohne das Wachstumsparadigma in Frage zu stellen (Sneddon et al. 2006; Michelsen/Adomßent 2014; vgl. Kap. 14/Meireis im vorliegenden Kompendium). Dass gesellschaftlicher Ausgleich und deliberative gesamtgesellschaftliche Prozesse in einer von Ungerechtigkeit geprägten Welt nicht einfach zu schaffen sind, schmälert deren Notwendigkeit nicht.

b)Die Untrennbarkeit von Gouvernanz und Dynamik

Was bedeutet Gouvernanz im Kontext der Nachhaltigkeit? Ganz allgemein beschreibt Gouvernanz das Regelsystem, welches sich aus der Weise zusammensetzt, wie Individuen, öffentliche und private Institutionen gemeinsame Angelegenheiten organisieren. In diesem Sinne ist Gouvernanz neutral, sagt also wenig über das Objekt oder die Qualität des Regierens oder Verwaltens. Spezifischere Wertung erhält Gouvernanz im Versuch, eine Verbesserung der Regelwerke in konkreten Kontexten zu erreichen, beispielsweise good governance in Bezug auf staatliche Regierungsführung, global governance in Bezug auf die Koordination von Umweltpolitik zwischen den Ländern oder corporate governance in Bezug auf die Geschäftsführung von Unternehmen. Das umfassendste Konzept wäre jedoch die Nachhaltigkeitsgouvernanz, welche auch globale öffentliche Güter einbezieht (common goods) und normativ auf die oben dargelegte starke Konzeptionalisierung von Nachhaltigkeit setzt. In dieselbe Richtung gehen earth system governance (Biermann et al. 2012) und planetary governance (Raworth 2017).

Die Wortkombination Nachhaltigkeitsgouvernanz erscheint im Deutschen noch selten – ganz im Gegensatz zum Englischen, wo sich sustainability governance seit zwei Dekaden zunehmend behauptet. Einen etymologischen Hintergrund bildet das lateinische gubernare (lenken, steuern, regieren). Davon leiten sich im Englischen neben governance (die Art zu lenken) auch government (die Regierung) und to govern (die Art, wie regiert wird) ab, welche im Deutschen auch keine eigene Form gefunden haben. Im Deutschen sind zwei Ableitungen gebräuchlich: der Gouverneur als der Statthalter, Befehlshaber (englisch: governor) und die Gouvernante als die Erzieherin (englisch: governess). Unabhängig von der Sprache ist in Analogie zur gesellschaftlichen Hierarchie das ‚starke‘ eingreifende und kontrollierende Regieren der dominante Begriffsinhalt, wohingegen dass eher ‚schwache‘ Lenken der weiblichen, untergeordneten Sphäre zugeordnet wird. Gleichermaßen ist im Deutschen das Wort Management (Leitung, Führung), welches im Bereich der Ressourcenverwaltung häufig anstelle von Gouvernanz gebraucht wird, eher technisch-bürokratisch besetzt, wohingegen das englische Verb manage die Bedeutungsoffenheit des Lateinischen (bearbeiten, handhaben: von manus: Hand und agere: handeln) beibehalten hat.

Es ist diese Bandbreite im Verständnis von Gouvernanz, welche sich in der Inkohärenz der Entwicklungsansätze widerspiegelt. Geprägt von den jeweiligen Denktraditionen aus den Natur-, Human- und Sozialwissenschaften vertreten die Entwicklungsakteure ein eher technisch-reparierendes Eingreifen, ohne das Wachstumsparadigma in Frage zu stellen, oder einen eher offenen, prozesshaft-gestalterischen Zugang mit dem Ziel, über demokratischere Formen der Wissensproduktion eine Wissensgesellschaft aufzubauen, Politiken zu integrieren, Wege aus der Nicht-Nachhaltigkeit zu identifizieren und schließlich die Nachhaltigkeitstransformation zu erreichen (WBGU 2011; Scoones 2018). Der oben diskutierte Gegensatz von starker und schwacher Nachhaltigkeit wirkt also auch im Umgang mit Gouvernanz. Dabei vertreten Nachhaltigkeitswissenschaftler eine emanzipatorische, starke Nachhaltigkeit, ergänzt durch eine weiche beziehungsweise adaptive Form der Gouvernanz, welche der Komplexität, Unsicherheit und Dynamik von Entwicklung entspricht (Leach et al. 2013). Sie verlassen den Elfenbeinturm und stellen sich in den Dienst der gleichberechtigten Zusammenarbeit von Wissenschaft und Zivilgesellschaft. In einem adaptiven, reflexiven, iterativen Vorgehen sollen deren Vertreter neues Wissen schaffen und tragfähige Regelwerke und Institutionen erarbeiten, überprüfen und kontinuierlich wechselnden Bedingungen anpassen. Gouvernanz wird so zu einer Form der Navigation, ein Steuern durch die Unbeständigkeit einer sich ständig ändernden Welt, mit dem Ziel, Nachhaltigkeit zu stützen (Stöckli et al. 2012; Sarkki et al. 2015). Diese Nachhaltigkeit in der Praxis bezeichnet Gergen (2014) treffend als future forming practice – das Formulieren und Gestalten einer erwünschten Zukunft. Hier sind alle gesellschaftlichen Akteure gefordert. Gerade in Fragen, wohin wir steuern sollen, welche Maßnahmen wir ergreifen, welches Risiko wir dabei tragen wollen, sind politische Entscheidungen unumgänglich. Deliberative Prozesse erhöhen deren Reichweite, Legitimität, Robustheit und Effektivität (Dryzek/Stevenson 2011). Im Folgenden wenden wir uns der Praxis solcher zukunftsbildenden Prozesse zu.

4.2Transdisziplinäre Praxis

Der Integrationsanspruch der Nachhaltigkeitswissenschaft trifft die herkömmliche Wissenschaft im Kern: Wenn Wissen gesamtgesellschaftlich zu generieren ist und alle gesellschaftlichen Akteure als Träger von gleichgestellten Wissenssystemen gelten, bleibt die wissenschaftliche Deutungshoheit der Welt, bleibt auch die Vormachtstellung des disziplinären und interdisziplinären Wissens in politischen Entscheidungen nicht länger haltbar. Dies nährt die teils heftig geführte Debatte um das Verständnis von Expertise, um die Wertfreiheit von Wahrheit und Fakten (Fakt-Wert-Dichotomie, englisch fact-value split), um das (Selbst-)Verständnis und die Aufgabe der Wissenschaft in der Gesellschaft oder um die Einbettung disziplinärer Wissenschaft in transdisziplinäre Prozesse. Welcher Konsens dazu zeigt sich hier? Es sind im Wesentlichen Verschiebungen im Verständnis, in der Produktion und im Umgang mit Wissen, die sich für die Praxis der Nachhaltigkeitsforschung in drei Bereichen zusammenfassen lassen:

a)Von wissenschaftlicher Expertise zur Integration außerwissenschaftlicher Wissenssysteme

Vertreter von Nachhaltigkeit setzen auf die Integration von gesellschaftlichen Akteuren und ihren Wissensbeständen. Die Koproduktion von Wissen ist gleichzeitig Basis zur Verbindung von Fakten und Werten. Orientierung bietet ein breit rezipiertes Modell, welches im deutschsprachigen Raum schon früh Verbreitung fand (ProClim 1997; Vilsmaier/Lang 2014). Es bewährt sich in der Praxis, da es trotz seiner Einfachheit eine starke Strukturierungskraft hat. Im Wesentlichen werden darin drei Wissenstypen unterschieden, welche es im zukunftsbildenden Prozess gemeinsam zu generieren gilt (Pohl et al. 2008; Stelzer et al. 2018): Systemwissen, Zielwissen und Transformationswissen. Das Systemwissen ist das Wissen der Akteure über den Ist-Zustand unserer Welt. Hier kann die Wissenschaft sehr viel disziplinäres und interdisziplinäres Wissen beisteuern, ist doch die Analyse der Welt ihre eigentliche Domäne. Im Umweltprozess der Vereinten Nationen lag und liegt es oft in ihrer Hand, zentrale Degradierungsund Zerstörungsprozesse offenzulegen und ein Handeln anzustoßen. Dennoch wäre es falsch anzunehmen, dass allein die Wissenschaft Systemwissen generieren oder eine konkrete Zusammenarbeit auslösen kann, denn alle Akteure haben Wissen, haben Perzeptionen und Deutungen über die Welt. Es gilt, von den unterschiedlichen Blickwinkeln aus gemeinsam die Problemstellung festzuhalten – also den unerwünschten, weil nicht-nachhaltigen Ist-Zustand, den man verändern will. Analog umfasst das Zielwissen die gemeinsam festgelegte Vision oder eine konkrete Option einer nachhaltigen Zukunft. Transformationswissen schließlich umfasst das Wissen über die Bandbreite an Möglichkeiten, welche uns dem Ziel näherbringen könnten. Daraus wird die Wahl von Strategien und Maßnahmen – und damit auch des zu tragenden Risikos – gemeinsam getroffen und laufend überprüft. Diese Dreigliederung lässt sich heute in vielen Ansätzen politischer Entscheidungsfindung erkennen. Beispiele einer gesamtgesellschaftlichen Zusammenarbeit finden sich etwa in der Auseinandersetzung um die Atomenergie oder in der Abfederung sozialer Folgen aus dem Kohleausstieg in Europa (Wehnert et al. 2017). Es sind deliberative Prozesse, in welchen sich die Akteure annähern und gleichberechtigt und verantwortlich Vorteile und Risiken von Maßnahmen bewerten sowie die Kontrolle über den Prozess wahrnehmen (Dryzek/Stevenson 2011). Dieses kollektive Handeln verlangt von allen Akteuren aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft ein Umdenken und die Übernahme neuer Rollen. Transformative Forschung wird denn auch als sozialer Lernprozess umschrieben (Cornell et al. 2013; Berg/Lidskog 2018).

b)Von wissenschaftlichem Output zu gesellschaftlicher Prozessgestaltung

Da Linearität und kausaler Zusammenhang in der Komplexität und Dynamik des Wandels nur schwer auszumachen oder gar herzustellen sind, prägen Unplanbarkeit, Veränderung und Überraschung den Prozess (Leach et al. 2013). Der zwangsläufig experimentelle Charakter transdisziplinärer Arbeit verlangt ein ständiges Überprüfen und Anpassen der getroffenen Entscheidungen, ein Navigieren in Richtung der entworfenen nachhaltigen Zukunft (Pohl et al. 2008; Krohn et al. 2017). In der Nachhaltigkeitspraxis verschiebt sich deshalb der Fokus vom üblichen Input-Output-Planungsansatz auf einen iterativen Prozess. Die Prozesshaftigkeit verlangt und erlaubt gleichzeitig das gemeinsame Generieren eines adäquaten reflexiven und adaptiven Instrumentariums. Die Akteure gestalten den Prozess, indem sie laufend disziplinäre, inter- und transdisziplinäre Elemente in einer Weise kombinieren, korrigieren und erweitern, welche sie als sinnvoll erachten. Es handelt sich nicht nur um eine Koproduktion von Wissen, sondern eine Bewertung und Weiterführung dieses Wissens innerhalb der gemeinsamen Zielsetzung. Was Faktum, was Beweis ist, erhält so seine Bedeutung im jeweiligen Kontext, und nur in Bezug auf seine Weiterverwendung. Durch das Einfließen von unterschiedlichen Weltbildern, Werten, Interessen, ist das geschaffene und umgesetzte Wissen immer bewertet. Die Auseinandersetzung um die Wertfreiheit von wissenschaftlichem Wissen – beziehungsweise die Dichotomie von Fakten und Werten, der fact-value split – wird damit hinfällig. Woran aber lässt sich dann Erfolg messen? Vorgefasste Management- und Planungstools (Log Frames), wie sie mehrheitlich in Wirtschaft, Forschung und in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zur Anwendung kommen, können den iterativen Prozess wenig fassen. Unabhängig davon, ob eine konkrete Zusammenarbeit auf globaler Ebene oder in einem lokalen Kontext stattfinden soll: Ein Bewertungs- und Beobachtungssystem (Monitoring und Evaluation), welches die normativen Setzungen aller Akteure integriert und damit angepasst, flexibel und legitimiert ist, muss jeweils gemeinsam entwickelt werden. In der transdisziplinären Praxis bewährt sich eine Erweiterung von Standardelementen, wie man sie aus der Planung kennt, mit reflexiven und selbstreflexiven Schritten (Ott/Kiteme 2016). Ein solch reflexives und adaptives Monitoring- und Evaluationssystem dient als Navigationsinstrument, indem es den Prozess einerseits innerhalb der festgelegten Eckwerte hält, andererseits aber die notwendige Flexibilität gegenüber neu auftauchenden Anforderungen und Möglichkeiten erlaubt (Stöckli et al. 2012). Es lässt sich in überschaubaren Kontexten leichter bewerkstelligen, ist jedoch ungemein schwieriger in globalen Prozessen – wie beispielsweise in den Klimaverhandlungen, wo die Monopolstellung des disziplinären Wissens kaum gebrochen ist. In Bezug auf die globale Agenda 2030 entstehen dennoch vielversprechende Ansätze, etwa indem die Wissenschaft Indikatorensysteme zum Messen von Nachhaltigkeit einbringt, welche gesellschaftlich verhandelt und weiterentwickelt werden. Ein Beispiel ist das Sustainable Governance Indicators Project der Bertelsmann-Stiftung, eine Plattform von Wissenschaftlern und Praktikern mit dem Ziel, die Nachhaltigkeitsgouvernanz von EU- und OECD-Ländern zu messen. In der Schweiz ist das nationale Indikatorensystem MONET eine entscheidende Grundlage für den Dialog 2030 für nachhaltige Entwicklung, die Schweizer Plattform, welche Akteure aus Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Forschung zur Diskussion und zum Handeln zusammenbringt.

c)Vom Silodenken zu Schnittstellen und Plattformen der gesellschaftlichen Interaktion

Austausch kann nur dort stattfinden, wo Menschen real oder virtuell zusammenkommen. Unter dem neuen Paradigma der Zusammenarbeit und Partnerschaft der Agenda 2030 entstehen viele neue Schnittstellen zwischen den Institutionen der Wissenschaft, der Politik und Verwaltung, der Unternehmen und weiteren formellen wie informellen Körperschaften. Die Zivilbevölkerung bringt eigene Ideen in den Dialog ein und wird in der globalen Umweltgouvernanz fordernder und gewichtiger. In Städten und Regionen schaffen Bürger- und Basisbewegungen Orte des Experimentierens und vernetzen sich mit der lokalen oder regionalen Verwaltung. Auch Wissenschaftler engagieren sich in diesen sogenannten Multi-stakeholder-Prozessen und in kollaborativen, inter- und transdisziplinären oder transformativen Plattformen und Laboratorien (Schneidewind et al. 2016; Fazey et al. 2018; Stelzer et al. 2018) und festigen lokale bis internationale Netzwerke zu Nachhaltigkeit (Gupta et al. 2012; Scoones et al. 2018). Nicht zufällig loten sie das science-policy interface konzeptionell wie praktisch aus. In dieser Arbeit an den Schnittstellen lässt sich die neue beziehungsweise zusätzliche Aufgabe der Wissenschaft ableiten: Es geht um wissenschaftliche wie gesellschaftliche Integration und Inklusion als Mediator und knowledge broker (Pohl et al. 2008; Fazey et al. 2018). Hierzu greifen Wissenschaftler auf den oben besprochenen Fundus an demokratischen, emanzipatorischen Entwicklungskonzepten und Praktiken einer deliberativen Interaktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zurück. Denn damit Akteure im Aufbau von geeigneten Institutionen und Lösungswegen tatsächlich mit entscheiden können, braucht es möglichst ausgeglichene Machtstrukturen und deliberative Kapazitäten (Dryzek/Stevenson 2011; Berg/Lidskog 2018). Capacity development zu nachhaltiger Entwicklung ist allerdings nicht nur integrativer Bestandteil der transdisziplinären Zusammenarbeit. In den Bildungsinstitutionen entstehen bereits Curricula und Förderinstrumente zur Ausbildung einer neuen Generation von Nachhaltigkeitswissenschaftlern (Schneidewind et al. 2016).

Insgesamt ist transformative Forschung also ein wertegeleitetes Arbeiten mit dem Zweck, die Zieldimensionen Ökologie, Gesellschaft und Wirtschaft gesamtgesellschaftlich auf allen Ebenen zu integrieren und dabei wirksame, legitimierte, gerechte Regelwerke für eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen. Und dennoch: Transformative Forschung räumt die disziplinäre und interdisziplinäre Wissenschaft keinesfalls aus. Das Erarbeiten von wissenschaftlichem Wissen, Fakten und Beweisen bleibt ihre ureigene Aufgabe. Ob in der Politikberatung, in Multi-stakeholder-Prozessen oder in der Forschung – das Kombinieren von unterschiedlichsten Wissensbeständen verlangt und erlaubt es der Wissenschaft weiterhin, disziplinäres und technisches Knowhow einzubringen, Risiken offenzulegen und robuste Szenarien einer gemeinsamen Bewertung vorzulegen. Ebenso braucht es die vertiefte wissenschaftliche Analyse der globalen Vernetzungen und Wechselwirkungen, der Machtverhältnisse, Waren- und Finanzströme. Es braucht die lokalen bis globalen Umweltdatenbanken und Observatorien als vernetzte und öffentlich zugängliche Drehscheiben von Umweltwissen. Und es braucht exakte disziplinäre und interdisziplinäre Wissenschaftler als Vertreter der ökologischen Dimension, welche in den gesellschaftlichen Ansprüchen oder den Dringlichkeiten in den Entwicklungsländern leicht unterzugehen droht. Der Beitrag spezifisch wissenschaftlicher Leistungen zu einer kohärenten, effektiven und gerechten globalen Nachhaltigkeitsgouvernanz misst sich allerdings daran, wieweit diese öffentlich zugänglich und in den gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen integriert sind (Ott 2017). Dazu braucht es wiederum die Reflexionsebene der Transformationsforschung: die wissenschaftlich-disziplinäre Analyse der Transformationsprozesse selbst.

4.3Fallbeispiele: Transformative Forschung und Transformationsforschung
Transformative Forschung: Der Beitrag des OneMap Myanmar zur Demokratisierung von Datengrundlagen und Landgouvernanz

Um zu planen, brauchen Regierungen Wissen. In erster Linie sind die Ministerien dafür zuständig, die für ihren Sektor relevanten Daten und Informationen zu erheben, auszuwerten und in die Planung aufzunehmen. Doch diese in unterschiedlichsten Ämtern und Forschungsinstitutionen aufgeteilte Arbeit erschwert eine sektorenübergreifende kohärente Umweltgouvernanz. Dies gilt für die Industrieländer und weit mehr noch für die wenig entwickelten Länder, in welchen es meist in hohem Grad an verlässlichen Daten und administrativen Kapazitäten, an Transparenz und digitaler Informationstechnologie mangelt. Wie komplex und dringlich das Schaffen von kohärenten wissensbasierten Planungsgrundlagen ist und was transformative Forschung hier leisten kann, lässt sich an einem Beispiel aus Südostasien zeigen. Myanmar, das frühere Burma, hat 2011 eine vorsichtige Demokratisierung eingeleitet und öffnet sich der Außenwelt. In einem Land mit einer mehrheitlich von der Landwirtschaft abhängigen Bevölkerung und ohne ausreichende Institutionen zur Verwaltung greifen nun ausländische Kräfte einschneidend auf Agrarland und Bodenschätze zu. Die Regierung hat den Handlungsbedarf erkannt und 2015 das OneMap Myanmar ins Leben gerufen (www.onemapmyanmar.info). Das Projekt soll einen Fundus an relevanten und verlässlichen Umweltdaten schaffen und den Regierungsbehörden und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das soll helfen, die dringlichen Prozesse und Entscheidungen im Zusammenhang mit den Landreformen wissensbasierter, demokratischer und inklusiver zu gestalten (Bastide et al. 2017).

Der eindeutig transformative Charakter der Ziele prägt die Umsetzung: Ein erstes transformatives Schlüsselelement ist die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft innerhalb eines langfristigen Abkommens zwischen den Regierungen von Myanmar und der Schweiz. In Partnerschaften mit über 20 Regierungsbehörden, zivilen Organisationen, ethnischen Gruppen und lokalen Gemeinschaften werden Daten, Informationen und Wissen zu Landnutzungsthemen wissenschaftlich und partizipativ generiert, überprüft und ausgetauscht. Multi-stakeholder-Plattformen schaffen Raum für das gemeinsame Erarbeiten von Landnutzungsregelungen und einer nachhaltigen Landreform. Ein zweites transformatives Element ist die adaptive Projektgestaltung. Sie erlaubt es – selbstverständlich innerhalb der übergeordneten Zielsetzung des Harmonisierens und Verfügbarmachens von Daten –, den wechselnden Einflüssen zu begegnen, die Akteure einzubinden, das Portfolio und Projektmanagement auszubauen sowie weitere Kooperationen und Plattformen zu spezifischen Problemkonstellationen einzurichten. Das dritte transformative Schlüsselelement ist der Aufbau von institutionellen und individuellen Kapazitäten innerhalb der Projektarbeit. Das Organigramm zeigt eine vertikale und horizontale Einbindung von Mitarbeitern aus unterschiedlichsten Verwaltungseinheiten in das OneMap-Führungskomitee, in die Technical Working Group, die Technical Unit und in regionale Untereinheiten. Im Arbeitsprozess wird Wert darauf gelegt, die technischen, analytischen und deliberativen Kapazitäten aller zu fördern und wo möglich mit Ausbildung zu ergänzen. Auch lokale Gruppen erhalten finanzielle und technische Unterstützung im partizipativen Erstellen von Landnutzungsplänen.

Bereits nach einer erst kurzen Projektdauer zeichnen sich Erfolge ab. Es hat sich bewährt, die Aufarbeitung von Landnutzungsdaten nicht als rein technische Aufgabe anzugehen, sondern sensitiv in den Umbau von Verwaltung und Gesellschaft einzubetten. Trotz eines von Konflikten, Misstrauen und Verunsicherung geprägten Klimas gelingt es den Projektzuständigen immer wieder, zwischen den Akteuren Brücken zu bauen. So treffen sich zum Beispiel in der südlichen Region von Tanintharyi Repräsentanten der Wissenschaft, der regionalen Verwaltung, der Zivilbevölkerung, der ethnischen Gruppen und der Palmölindustrie am runden Tisch. Hier machen sie erste Schritte, um mit partizipativ und wissenschaftlich erarbeiteten Karten und Datengrundlagen die aus den Palmölkonzessionen entstandenen Landkonflikte anzugehen, die Inkohärenzen zwischen den formellen und informellen Nutzungs- und Rechtssystemen aufzudecken sowie Elemente einer gerechteren Landzuteilung und nachhaltigen Nutzung zu entwerfen. Das Kernstück der gemeinsamen Projektarbeit – und bereits von nationaler Bedeutung – ist jedoch die OneMap Myanmar Online Platform. Auf ihr sind sämtliche Daten abrufbar, sind interaktive Karten, Ausbildungsunterlagen und Aktivitäten einsehbar. Als gemeinsames Produkt wirkt die Plattform für die Beteiligten auch als Motivator in ihrer Arbeit. Die OneMap Myanmar Online Platform repräsentiert den langsamen Übergang von in Amtsschubladen vergrabenen Papierunterlagen zur digitalen Informationstechnologie zugunsten einer transparenteren und effektiveren Landgouvernanz.

Transformationsforschung: Das Constitutionality Framework als Instrument zur Analyse und Bewertung von Multi-stakeholder-Prozessen

Theorie und Praxis liegen auch in der Nachhaltigkeitswissenschaft oft weit auseinander. Was in transformativer Forschung gefordert wird, nämlich in transdisziplinärer Auseinandersetzung in Multi-stakeholder-Plattformen und -Prozessen gesellschaftlich abgestützte, effektive Strategien und Institutionen nachhaltiger Entwicklung zu schaffen, erweist sich in der Praxis als schwierig. Je größer die Komplexität des Problems, je vielfältiger der Hintergrund der Akteure und ihrer Interessen, desto stärker wirken sich asymmetrische Machtkonstellationen und Handlungskompetenzen aus. Partikularinteressen können den Prozess blockieren oder Lösungen hervorbringen, welche nicht von allen getragen werden. Beides ist einer nachhaltigen Entwicklung abträglich. Es ist die Qualität der Interaktion, welche den Erfolg ausmacht. Doch was sind denn ‚gute‘ Multi-stakeholder-Prozesse? Wie können sie geschaffen, wie können die Qualität gesichert und der Erfolg gemessen werden? Und wo sind sie überhaupt sinnvoll? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Transformationsforschung. In Ergänzung zu transformativer Forschung, welche nachhaltige Entwicklung in der Praxis unterstützt, analysiert sie wissenschaftlich-disziplinär die Transformationsprozesse selbst.

Ein Beispiel dazu liefert das Constitutionality Framework, welches dem Analysieren von Bottom-up-Prozessen in der Verwaltung gemeinschaftlich genutzter Ressourcen und Gebiete (Allmenden) dient (Haller et al. 2016, vgl. dazu Kap. 13/Haller). Constitutionality, welche generell die Rechtsstaatlichkeit oder Verfassungsmäßigkeit meint, wird hier in Bezug zur Frage der Kohärenz zwischen Regierungsführung und Multi-stakeholder-Prozessen gesetzt. Denn nur wo die entworfenen Lösungen auch vom Staat her abgesichert werden, können sie Bestand haben. Aus vier Studien – Fischerei in Sambia, Weide- und Waldnutzung in Mali, Fischerei in Indonesien und Waldnutzung in Bolivien – und weiteren Erfahrungen in der Verwaltung von gemeinschaftlich genutzten Ressourcen und Allmenden, Parks und Schutzzonen, leiten die Wissenschaftler sechs Komponenten zu constitutionality ab, welche entscheidend für Qualität und Erfolg sind: (1) die Einsicht der lokalen Bevölkerung, dass zur Anpassung an den Wandel neue Institutionen notwendig sind; (2) inklusive, auf Machtausgleich bedachte Aushandlungsprozesse zum Aufbau der Institutionen; (3) den Einbezug bestehender lokaler Gouvernanzinstitutionen; (4) das Bereitstellen von neutralen Plattformen des Austausches durch Außenstehende; (5) das Anerkennen der lokalen Wissensbestände und (6) das Anerkennen der neu geschaffenen Institutionen auf höherer organisatorischer Ebene. Im Zentrum von constitutionality stehen also die Lebenswelten der lokalen Akteure, ihre Perzeption, Motivation und Verhandlungsmacht sowie ihre von unten aktiv und strategisch geleitete Prozessführung zur Legimitierung ihrer Interessen.

Den Mehrwert, welchen dieser Fokus auf die Innensicht im Verständnis der Bottom-up-Prozesse und ihrer Einbettung in das übergeordnete politische System bringt, zeigt eine Studie aus Bolivien (Gambon/Rist 2018). Hier hat der Staat in den 1960er Jahren ohne Konsultierung der lokalen Bevölkerung Schutzgebiete und – unter Druck sozialer indigener Bewegungen – Anfang der 1990er Jahre indigene Territorien ausgeschieden. Dies brachte neue Dynamiken in das Gefüge der Landgouvernanz. Unter Anwendung des Constitutionality-Ansatzes legt die Studie dar, wie sich dabei die Machtunterschiede innerhalb der keineswegs homogenen lokalen Bevölkerung auswirkten, wie Gruppen in wechselnden Allianzen strategisch agierten und ihre Ansprüche über staatliche Legitimation sichern konnten. Die neuen Grenzziehungen brachten da Nachteile, wo sie soziale Kontexte durchschnitten oder ökonomische Institutionen von den gewachsenen soziokulturellen Institutionen trennten. Sie brachten aber auch Vorteile, etwa wo soziokulturelle Strategien des Ressourcenzugangs über zeitliche Wanderbewegungen zwischen verwandtschaftlichen Gruppen oder über Verwandtschafts- und Heiratsbeziehung ausgeweitet werden konnten. Die Territorialzugehörigkeit erhöhte die Verhandlungsmacht der Indigenen gegen neue Ansprüche von außen, minderte allerdings jene der marginalisierten Schichten innerhalb des Gebietes oder jene von Zuwanderern. Enge Allianzen mit dem Staat waren jeweils entscheidend. So haben die sozialen und indigenen Bewegungen auch den Übergang von der neoliberalen Politik zum 2009 erklärten ‚pluri-nationalen Staat‘ wesentlich vorangetrieben. Doch der Institutionsbildungsprozess ist keinesfalls abgeschlossen, und stärkere Akteure schmieden neue Allianzen. Die Regierung hat begonnen, die nationale Ökonomie und soziale Entwicklung über die Interessen der indigenen Gemeinschaften zu stellen – bezeichnenderweise unter Berufung auf das Narrativ eines indigenen Staates. In der Öffnung der Schutzzonen zugunsten extraktiver, wirtschaftsorientierter Kräfte sinkt die Verhandlungskraft der lokalen Bevölkerung rapide und erfordert eine Neuausrichtung. Das Beispiel zeigt, wie disziplinär-wissenschaftliche Transformationsforschung die Komplexität und Dynamik von Wandel aufdecken und damit gleichzeitig neue Inhalte zu Theorie und Praxis der Nachhaltigkeitswissenschaft einbringen kann.

4.4Fazit

Die Frage, wie die Wissenschaft die nachhaltige Entwicklung stützen kann, hat eine eigentliche Nachhaltigkeitswissenschaft hervorgerufen. Deren Vertreter sehen sich grundsätzlich in der Verantwortung für zukunftsbildende Prozesse und klären die epistemologischen und praktischen Grundlagen einer transformativen Wissenschaft. Sie argumentieren, dass es nachhaltige Entwicklung ohne Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Ausgleich in Bezug auf Ressourcen, Macht und gesellschaftliche Teilhabe nicht geben kann. Entsprechend setzen sie sich für neue, demokratischere Formen der Wissensgenerierung und Entscheidungsfindung ein. In Erweiterung ihrer disziplinären und interdisziplinären Kernfunktion übernehmen sie neue Aufgaben und Rollen am Schnittbereich Wissenschaft – Gesellschaft – Politik. Sie organisieren und strukturieren etwa transdisziplinäre – also Wissenschaft und Gesellschaft einschließende – Prozesse und setzen sich darin für einen Ausgleich von Machtverhältnissen und Entscheidungskapazitäten ein. Sie unterhalten geeignete Datenbanken, Netzwerke und Austauschplattformen, schaffen neue Ausbildungsgänge und universitäre Strukturen und wirken aktiv als Informant und Vermittler zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. Insgesamt übernehmen sie also eine wertegeleitete Arbeit als Prozessgestalter mit der Intention, unterschiedlichste Wissenssysteme – also wissenschaftliches wie nichtwissenschaftliches Wissen – zu integrieren und die gleichberechtigte Teilhabe im Gestalten einer nachhaltigen Zukunft zu stärken. Durch die gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit soll die Kohärenz, Legitimität und Effektivität einer globalen Nachhaltigkeitsgouvernanz wachsen. Um das Potenzial transformativer Forschung zu entfalten, braucht es allerdings ein Umdenken und eine stärkere Unterstützung der Entscheidungsträger in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft.

4.5Forschungsliteratur
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710 str. 17 ilustracji
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9783846352274
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