Czytaj książkę: «Liebesbriefe großer Männer»
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Über den Autor
Über den Autor
Dr. phil. Sabine Anders, geb. 1979, hat englische, amerikanische und neuere deutsche Literatur studiert. Schwerpunkte ihres Studiums waren Shakespeare, die Lyrik der englischen Romantik und der moderne Roman. Ihre Doktorarbeit befasst sich mit den Western-Romanen des amerikanischen Gegenwartsschriftstellers Cormac McCarthy.
M.A. phil. Katharina Maier, geb.1980, hat Vergleichende Literaturwissenschaften studiert und arbeitet inzwischen als freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Ihre Spezialgebiete sind der populäre historische Roman der letzten 25 Jahre, die Literatur der Aufklärung und der Goethezeit, europäische und amerikanische Literatur des 19. Jahrhunderts, das neuere irische Drama, die Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts und der englische Roman der Postmoderne.
Zum Buch
Zum Buch
Es ist Unsinn Sagt die Vernunft Es ist was es ist sagt die Liebe Erich Fried
Liebesbriefe sind stete Versuche, die drei Worte Ich liebe dich so auszudrücken, dass der andere die Verzückung dieses großen Gefühls spüren und glauben kann. Auch berühmte Männer der Weltgeschichte, wie zum Beispiel Beethoven, Goethe, Napoleon, Lord Byron und Kafka stellten sich der Herausforderung, die Liebe in Worte zu fassen und die Herzen ihrer Angebeteten zu erobern. In dem vorliegenden Buch sind die schönsten Liebesbriefe großer Männer gesammelt und erzählen Geschichten von Glück und Unglück, vom Ver- bis zum Entlieben, von Eifersucht, Schwärmerei, Verzweiflung und Euphorie – und von der ewigen Liebe. Herzergüsse finden sich genauso wie kleine Alltäglichkeiten; die Briefe sind so unterschiedlich wie die Männer hinter den Worten. Sie zelebrieren die Liebe in all ihren Schattierungen, loten ihre Höhen und Tiefen aus, dokumentieren ihr Scheitern oder beweisen, dass ein Happy End möglich sein kann.
Ludwig van Beethoven an seine »Unsterbliche Geliebte« im Juli 1806:
»Schon im Bette drangen sich die Ideen zu Dir, meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig, vom Schicksale abwartend, ob es uns erhört – leben kann ich entweder nur ganz mit Dir oder gar nicht, ja, ich habe beschlossen, in der Ferne so lange herumzuirren, bis ich in Deine Arme fliegen kann, und mich ganz heimatlich bei Dir nennen kann, meine Seele von Dir umgeben ins Reich der Geister schicken kann – (…), nie eine andre kann mein Herz besitzen, nie – nie – o Gott, warum sich entfernen müssen, was man so liebt, und doch ist mein Leben in W., so wie jetzt, ein kümmerliches Leben. – Deine Liebe macht mich zum glücklichsten und unglücklichsten zugleich – (…) – Verkenne nie das treuste Herz Deines Geliebten
ewig Dein
ewig mein
ewig uns.«
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Inhalt
Plinius der Jüngere (um 61-115)
an seine Frau Calpurnia
Epistula 6,4: Gaius Plinius grüßt seine Calpurnia
Epistula 6,7: Gaius Plinius grüßt seine Calpurnia
Epistula 7,5: Gaius Plinius grüßt seine Calpurnia
Pietro Bembo (1470-1547)
an Lucrezia Borgia
Martin Luther (1483-1546)
an seine Frau Katharina (Herr Käthe)
Voltaire (François-Marie Arouet) (1694-1778)
an Marie-Louise Denis
Johann Joachim Winckelmann (1717-1768)
an Friedrich Reinhold von Berg
Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803)
an Maria-Sophia Schmidt (Fanny) und Margaretha Moller (Clärchen)
an Maria-Sophia Schmidt
an Margaretha Moller / Klopstock
Meta an Klopstock
Klopstock an sein »Clärchen«
Meta an Klopstock, kurz vor ihrem Tod im Kindbett
Grigori Potjomkin (1739-1791)
an Katharina die Große
Brief an Katharina die Große mit Marginalien der Kaiserin
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
an Friederike Brion, Charlotte von Stein, Christiane Vulpius und Marianne Willemer
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
an seine Braut / Frau Konstanze
an die Braut
an die Frau
Friedrich von Schiller (1759-1805)
an Charlotte Lengefeld, seine spätere Frau
Wilhelm von Humboldt (1767-1835)
an seine Braut / Frau Caroline und an Johanna Motherby
an Caroline von Dacheröden
Caroline an Humboldt
Humboldt an Johanna Motherby
Napoleon Bonaparte (1769-1821)
an Kaiserin Joséphine
Ludwig van Beethoven (1770-1827)
an die »Unsterbliche Geliebte« und an Bettina Brentano / von Arnim
an die »Unsterbliche Geliebte«
an Bettina Brentano / von Arnim
Friedrich Hölderlin (1770-1843)
an Louise Nast und Susette Gontard (Diotima)
an Lousie Nast
Diotima an Hölderlin
Hölderlin an Diotima
Diotima an Hölderlin
Hölderlin an Diotima
Friedrich Creuzer (1771-1858)
an Karoline von Günderrode
Karoline von Günderrode an Creuzer
Creuzer an Karoline von Günderrode
Heinrich von Kleist (1777-1811)
an Wilhelmine von Zenge und Henriette Vogel
an Wilhelmine von Zenge
an Henriette Vogel
Henriette an Kleist
Clemens Brentano (1778-1842)
an Sophie Mereau, Karoline von Günderrode und Achim von Arnim
an Karoline von Günderrode
an Achim von Arnim
Achim von Arnim (1781-1831)
an Bettina Brentano (Bettine)
Bettine an Arnim
Arnim an Bettine
Bettine an Arnim
George Gordon, Lord Byron (1788-1824)
an Isabella Milbanke, Augusta Leigh und Teresa Guiccioli3
an Isabella Milbanke
an Augusta Leigh
Franz Grillparzer (1791-1872)
an Katharina Fröhlich
Percy Bysshe Shelley (1792-1822)
an Harriet Shelley, Mary Godwin und Emilia Vivani4
an Harriet
Shelley an Mary Godwin
Auszüge aus den Briefen an Emilia Vivani, geschrieben zwischen Dezember 1820 und Januar 1821:
John Keats (1795-1821)
an Fanny Brawne
Heinrich Heine (1797-1856)
an Mathilde Heine (Nonotte) und Elise Krienitz (die Mouche)
an Mathilde Heine
an Elise Krienitz (die Mouche)
Alexander Puschkin (1799-1837)
an seine Frau Natalja Puschkina
Briefentwurf an seine Braut
an seine Frau
Christian Dietrich Grabbe (1801-1836)
an Louise Christiane Clostermeier
Victor Hugo (1802-1885)
an Juliette Drouet
Adalbert Stifter (1805-1868)
an Franziska Greipl und Amalia Stifter
an Franziska Greipl
an Amalia Stifter
Edgar Allan Poe (1809-1849)
an Sarah Helen Whitman
Robert Schumann (1810-1856)
an Clara Wieck / Schumann
Clara an Robert
Robert an Clara
Franz Liszt (1811-1886)
an Marie Gräfin d’Agoult und Carolyne Sayn-Wittgenstein
an Marie d’Agoult
Marie d’Agoult an Liszt
Liszt an Carolyne Sayn-Wittgenstein
Richard Wagner (1813-1883)
an Mathilde Wesendonck
Otto von Bismarck (1815-1898)
an Johanna von Puttkammer
Theodor Storm (1817-1888)
an Berta von Buchau
Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819-1861)
an Königin Victoria
Theodor Fontane (1819-1898)
an seine Frau Emilie
Gottfried Keller (1819-1890)
an Luise Rieter
Lev Tolstoj (1828-1910)
an seine Frau Sophia
Mark Twain (Samuel Langhorne Clemens) (1835-1910)
an Olivia Langdon
Peter Tschaikowsky (1840-1893)
an Nadeshda Philaretowna von Meck
Oscar Wilde (1854-1900)
an Lord Alfred Douglas (Bosie)
Arthur Schnitzler (1862-1931)
an Adele Sandrock (Dilly)
Adele Sandrock an Schnitzler
Enrique Granados (1867-1916)
an seine Frau Amparo (Titin)
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
an Lou Andreas-Salomé und Magda von Hattingberg (Benvenuta)
Rilke an Lou Andreas-Salomé
Lou Andreas-Salomé an Rilke nach Berlin
Rilke an Lou Andreas-Salomé
Rilke an Benvenuta
Benvenuta an Rilke
Franz Kafka (1883-1924)
an Hedwig Weiler, Felice Bauer und Milena Jesenská
an Hedwig Weiler
an Felice Bauer
an Milena
Fernando Pessoa (1888-1935)
an Ophelia Queiroz
Kurt Tucholsky (1890-1935)
an Mary Gerold
Quellenverzeichnis
Fußnoten
Kontakt zum Verlag
Plinius der Jüngere
(um 61-115)
an seine Frau Calpurnia1
Plinius der Jüngere gilt als Begründer der literarischen Gattung des zur Veröffentlichung gedachten Briefes. Über seine ersten beiden Ehefrauen weiß man nichts. An seine dritte Ehefrau Calpurnia, die sehr jung war, sind drei Briefe des römischen Senators erhalten. Die Ehe blieb kinderlos, Calpurnia erlitt eine Fehlgeburt.
Epistula 6,4: Gaius Plinius grüßt seine Calpurnia
Niemals habe ich mehr über meine Geschäfte geklagt, die mir nicht erlaubt haben, Dir zu folgen, als Du wegen Deiner Gesundheit nach Campanien aufbrachst, noch Dir nach Deinem Weggang unverzüglich nachzureisen. Denn jetzt wünsche ich besonders, mit Dir zusammen zu sein, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, ob Du Dich körperlich erholt hast und ob Du letzten Endes die Freuden der Abgeschiedenheit und den Reichtum der Gegend unbeschadet überstehst. Allerdings würde ich mich selbst dann um Dich sorgen, wenn Du kräftiger wärest; denn es erfüllt einen mit Ungewissheit und Sorge, zeitweise nichts über denjenigen zu wissen, den man am innigsten liebt. Im Augenblick jedoch leide ich sowohl unter dem Gedanken an Deine Abwesenheit als auch unter dem an Deine schwache Konstitution; beides quält mich mit den verschiedensten Sorgen und Ungewissheiten. Ich befürchte alles Mögliche, ich bilde mir alles Mögliche ein, wie es natürlich ist, wenn man sich sorgt, und was in mir die größten Befürchtungen auslöst, ist meiner Einbildungskraft am nächsten. Umso mehr bitte ich Dich, mir ein oder zwei Briefe am Tag zu schreiben, um meine Furcht zu lindern. Denn solange ich sie lese, bin ich beruhigt, und meine Angst setzt sofort wieder ein, wenn ich mit dem Lesen fertig bin. Lebe wohl.
Epistula 6,7: Gaius Plinius grüßt seine Calpurnia
Du schreibst, dass Dir meine Abwesenheit sehr zu schaffen macht, und dass Dein einziger Trost darin besteht, an Stelle von mir meine Briefe zu bekommen und sie vor Dir zu haben. Es freut mich, dass Du nach mir fragst, und es ist bezaubernd, dass Du Dir mit Hilfe meiner Briefe Linderung verschaffst. Ich wiederum lese Deine Briefe mit dem größten Eifer und nehme sie wieder und wieder zur Hand, als wären sie neu. Umso mehr stehe ich jedoch vor Sehnsucht nach Dir in Flammen. Denn wenn die Briefe schon so viel Liebenswürdigkeit ausstrahlen, wie viel dann erst ihre süße Verfasserin beim Sprechen! Schreibe mir trotz allem so oft wie möglich, auch wenn es mir gleichermaßen Freude wie Leid bereitet. Lebe wohl.
Epistula 7,5: Gaius Plinius grüßt seine Calpurnia
Es ist unglaublich, wie sehr ich mich nach Dir sehne. Vor allem ist die Liebe daran schuld, denn schließlich können wir uns nicht daran gewöhnen, ohne den Geliebten zu sein. Das ist der Grund dafür, dass ich einen Großteil der Nächte mit Deinem Bild vor Augen wach liege, daher kommt es, dass mich meine Füße ohne mein Zutun untertags – zu der Zeit, in der ich früher immer mit Dir zusammen war – im wahrsten Sinne des Wortes zu Deinem Zimmer führen, und dass ich dann traurig und betrübt wie ein Ausgesperrter von dem leeren Haus zurückkehre. Diese Qual lässt nur dann nach, wenn ich mich auf dem Forum in Gerichtsreden für Freunde verausgaben kann. Beurteile Du, wie mein Leben aussieht, wenn ich Ruhe nur noch in der Arbeit und Trost nur noch in Sorge und Kummer finde. Lebe wohl.
Pietro Bembo
(1470-1547)
an Lucrezia Borgia
Pietro Bembo war ein italienischer Humanist und Kardinal. Er soll mit Lucrezia Borgia, der Tochter von Rodrigo Borgia, dem späteren Papst Alexander VI., ein Verhältnis gehabt haben. Er widmete ihr eines seiner bedeutendsten Werke, Gli Asolani, einen philosophischen Dialog über die platonische Liebe.
Venedig, 10. Februar 1505
Solange ich lebe, erinnere ich mich nicht, je einen Brief erhalten zu haben, der mir so süß gewesen wäre, wie der, den Eure Herrlichkeit mir bei meiner Abreise übergab und in dem Ihr mir den deutlichsten Beweis liefertet, dass ich in Eurer Huld stehe. Wenn ich auch dafür schon früher einige Anzeichen gehabt habe, so hat mir doch diese Gewissheit von Eurer Hand unendliche Genugtuung und Beruhigung gewährt. Ich sage Euch daher allen Dank, den ich Euch für ein so köstliches Geschenk schulde – habe ich doch auf der Welt nichts anderes als Euch. In Erwiderung auf die Stelle, in der Ihr sagt, ich hätte wohl daran getan, Euren Kummer durch meinen Brief zu lindern, und dass Ihr schon längst darauf gewartet hättet, versichere ich Euch, dass ich Euch das erste Mal, das ich Euch sah, so fest in mein Herz geschlossen habe, dass Ihr in keinerlei Weise wieder herauskönnt. Und wenn ich lange Zeit Euch gegenüber geschwiegen habe, so ist dies aus dem Grunde geschehen, weil mein verwünschtes Missgeschick, das sich all meinen weiterreichenden Wünschen auf das Heftigste entgegenstemmt, es gewollt hat, dass mein einziges Sinnen und Trachten darauf stand, wie ich die Glut in meinem verwundeten und entflammten Herzen stillen könnte. Obgleich nun dieses selbe Missgeschick mir jetzt mehr als je hindernd in den Weg tritt, so schreckt es mich dennoch nicht ab und wird mich niemals abschrecken, Euch trotzdem zu lieben, Euch für meine und meines Lebens einzige und teure Herrin zu halten und Euch mit all jener lauteren und von Herzen kommenden Treue zu dienen, mit der ein aufrichtig und unwandelbar Liebender der Dame, die er über alles auf Erden liebt und verehrt, dienen kann. Ich bitte Euch inständig, ändert Eure Gesinnung betreffs dieser Liebe nicht, wenn sich auch, wie Ihr seht, vieles unseren Wünschen hindernd in den Weg stellt, sondern seid umso mehr darauf bedacht, Eure Liebe zu höherer Glut anzufachen, je mehr Ihr die Schwierigkeiten Eures Unternehmens erkennt, und bedenkt, dass jedermann zu lieben versteht, wo alles leicht und günstig und glatt vonstattengeht, wo sich aber tausend Schwierigkeiten und Hemmnisse, tausend Wachen, tausend Barrikaden, tausend Mauern entgegenstellen, da vermag nicht jedermann zu lieben oder will es nicht, wenn er es auch vermag, oder besitzt keine Ausdauer, wenn er es auch will. Daher ist es auch etwas sehr Seltenes, und weil es sehr selten ist, ist es auch etwas sehr Schönes, Hochherziges, Rühmenswertes und ein klarer Beweis sowie ein deutliches Anzeichen einer edlen, erhabenen Gesinnung. Denn, wie sehr ich auch eine ruhige Entwicklung unserer Liebe Schwierigkeiten vorziehe, so höre ich doch nicht auf, mich an der Kühnheit des Gedankens zu weiden, dass ich Euch allen Schicksalsgewalten zum Trotz liebe, und dass es nichts gibt, was mir diese Liebe aus dem Herzen reißen kann. Ich stelle mir vor, dass, wenn auch Ihr Euch durch nichts bewegen lasst, mir Eure Liebe zu entziehen, endlich doch der Tag kommen muss, an dem das Schicksal von uns besiegt und überwunden wird, wenn wir nur den Mut nicht sinken lassen. Dann wird uns die Erinnerung an unsere Festigkeit und Beständigkeit lieb und wert sein, und wir werden uns bei dieser Erinnerung glücklich fühlen, da der Triumph umso größer und erhebender ist, je schwerer und mühsamer der Sieg zu erringen war. Da Ihr mir versichert, Ihr wünschtet das Leben »nur, um es mir zu widmen«, so erkläre ich Euch, dass ich fortan nicht nur ebenfalls mein Leben einzig zu dem Zwecke verwenden will, Euch zu dienen, und nach nichts anderem trachten, auf nichts anderes sinnen, sondern dass ich mich auch keinen Augenblick bedenken will, es Euch zuliebe aufs Spiel zu setzen und hinzuopfern. Da man doch auf alle Fälle sterben muss und zehn bis zwanzig Jahre mehr oder weniger keinen Unterschied ausmachen, so wäre es mir viel erwünschter, wenn ich doch einmal diese Welt verlassen muss, dass dies jetzt und in Eurem Dienste geschähe, als dass ich, Eurer Huld beraubt, noch lange zu leben hätte. Da Ihr wisst, dass ich mich glücklich schätze, wenn ich Euch etwas zuliebe tun kann, so bitte ich Euch, Ihr möchtet ganz ohne Rücksicht auf mein Leben über mich verfügen. Vor allem aber bitte ich Euch, darauf achtzuhaben, dass niemand Eure Gedanken erfahren oder erraten kann, damit uns die Wege, die zu unserer Liebe führen, nicht noch mehr versperrt und verlegt werden, als es jetzt schon der Fall ist. Traut niemandem, es sei auch, wer es wolle, bis ich zu Euch komme, was bestimmt zu Ostern geschehen wird, wenn ich dann noch am Leben bin. Der Überbringer dieser Zeilen, der mir auf das Treueste ergeben ist, wird auf dem Rückweg von Verona wieder bei Euch vorsprechen, um sich zu erkundigen, ob Ihr mir keine Befehle zu erteilen habt. Habt die Gewogenheit, in der Zwischenzeit eine Antwort für mich fertigzumachen und sie ihm in der größten Heimlichkeit auszuhändigen; dann wird sie mir auf das Sicherste überbracht werden. Da wir uns ferner nicht mündlich unterhalten können, so bitte ich Euch, damit zufrieden sein zu wollen, dass Ihr brieflich mit mir nach Herzenslust plaudern könnt, und mir zu berichten, in welcher Weise Ihr lebt, welches Eure Gedanken sind, wer Euer Vertrauter ist, was Euch quält und was Euch tröstet. Achtet wohl darauf, dass Euch niemand schreiben sieht; denn ich weiß, dass man Euch bewacht. Ich werde also, wie erwähnt, zu Ostern kommen und auf einen Monat oder etwas länger nach Rom gehen.
Nunmehr küsse ich Eure allersüßeste Hand, von der mein Herz zusammengepresst wird, und außerdem küsse ich, wenn Ihr mir die Erlaubnis dazu gebt, eins von Euren holden, strahlenden und süßen Augen, die mein ganzes Herz verzaubert haben und die hauptsächlichste und schönste, wenn auch nicht die einzigste Ursache meiner Liebesglut sind. Erinnert Euch bisweilen daran, dass ich an nichts anderes denke, nichts anderes vor Augen habe, nichts anderes verehre als Euch, und dass ich keine Schicksalsschläge, kein Unglück, das mich treffen könnte, fürchte, wenn ich weiß, ich gehöre Euch in treuem Gedenken und in Liebe an, dass ich keine andere Seligkeit in diesem Leben kenne als Eure Zuneigung, die der sicherste Hafen und Ruheplatz für mein umhergeworfenes Lebensschifflein ist. Habt die Gewogenheit, das beifolgende Agnus Dei, das ich eine Zeitlang auf meiner Brust getragen habe, zuweilen des Nachts aus Liebe zu mir zu tragen, wenn Ihr es am Tage nicht tragen könnt, damit die teure Wohnstatt Eures herrlichen Herzens, die ich ein einziges Mal küssen möchte, und sei es um den Preis meines Lebens, wenigstens von dem Amulett, das lange Zeit auf der Wohnstatt des meinen geruht hat, berührt wird.
Martin Luther
(1483-1546)
an seine Frau Katharina (Herr Käthe)
Der Reformator Martin Luther verhalf Katharina von Bora auf ihre Bitte hin mit einigen anderen Nonnen zur Flucht aus dem Kloster. Er brachte die Frauen in Wittenberg unter und vermittelte ihnen Ehemänner oder Anstellungen. Katharina heiratete er schließlich selbst, nachdem zwei Versuche, sie mit anderen zu vermählen, gescheitert waren.
Dessau, 24. Juli 1534
Lieber Herr Käthe!
Gestern hatte ich einen bösen Trunk gefasset, da musst ich singen. Trink ich nicht wohl, das ist mir leid, und tät’s so recht gerne, und gedacht, wie gut Wein und Bier hab ich daheime, dazu eine schöne Frauen oder (soll ich sagen) Herren. Und du tätest wohl, dass Du mir herüberschicketest den ganzen Keller voll meins Weins und ein Pfloschen Deines Bieres, so erst Du kannst. Sunst komme ich für dem neuen Bier nicht wieder. Hiermit Gott befohlen, samt unsre Jungern und allem Gesind. Amen.
Dein Liebchen
Martin Luther
Weimar, 2. Juli 1540
Gnädige und freundliche liebe Jungfrau Käthe, Gnädige Frau von Zülsdorf (und wie Euer Gnaden mehr heißt), ich füge Euch und Euer Gnaden untertäniglich zu wissen, dass mir’s hier wohl gehet; ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher, das sei Gott gedankt. […] Ich habe der Kinder Briefe gekriegt, aber von Euer Gnaden hab ich nichts kriegt. Werdet jetzt auf die vierte Schrift, ob Gott will, einmal antworten, mit Eurer gnädigen Hand. […]
Seid fröhlich alle und betet. Amen!
Martinus Luther
Dein Herzliebchen
Voltaire (François-Marie Arouet)
(1694-1778)
an Marie-Louise Denis2
François-Marie Arouet alias Voltaire wird so manch abenteuerliche Frauengeschichte nachgesagt. Schon als 19-jähriger Sekretär in Den Haag hätte der spätere große Aufklärer beinahe eine 17-jährige Hugenottin entführt, die eine satirische Zeitschrift herausgab. Voltaire hat nie geheiratet; eine seiner Geliebten war Marie-Louise Denis, seine Nichte, mit der er seinen Lebensabend verbrachte und die er in seinem Testament als Universalerbin einsetzte. Marie-Louises erster Mann war nach nur vier Jahren Ehe gestorben. Nach Voltaires Tod heiratete sie im Alter von 68 Jahren noch einmal.
Montag, 27. Dezember 1745
Sie haben mir einen beglückenden Brief geschrieben, den ich an mein Herz gedrückt habe; ich bin gar nicht überrascht, dass Sie so gut Italienisch schreiben. Es ziemt sich für Sie, die Sprache der Liebe zu beherrschen. Bei Gott, ich kann Ihnen keinen Glauben schenken, wenn Sie mir sagen, dass Sie keinen Liebhaber hätten. Wie kann das möglich sein? Wie können Sie so viel Anmut einfach brachliegen lassen? Sie – und keine sinnliche Liebe? Ach, meine Allerliebste, Sie beleidigen Ihren Gott. Sie sagen mir, dass mein Brief brennende sinnliche Begierde in Ihnen geweckt hat, auch ich brenne vor Begierde. Ihre Worte haben mein Herz höher schlagen lassen und meine Leidenschaft entflammt. Ihrem Brief habe ich den Tribut entrichtet, den ich Ihrer Person hätte spenden wollen. Die Begierde verflüchtigt sich jedoch bald, aber die Freundschaft, die uns verbindet, das gegenseitige Vertrauen, die Freude des Herzens, die Begierde der Seele schwinden nicht so schnell dahin. Ich werde Sie bis zu meinem Tod lieben. Hier in meinem Zimmer werden Sie die vier Karten für die Aufführung von Armida vorfinden. Ich werde sie Ihnen zu Füßen legen und anschließend mit meiner lieben Denis von Paris nach Versailles fahren. Leben Sie wohl, ich umarme Sie tausendmal.
Diesen Mittwoch, Abends
Mein liebes Kind, Ihr Brief tröstet mich sehr über das Unglück hinweg, das es für mich bedeutet, hier in Versailles zu sein, über all die Mühen, die ich hier auf mich nehmen muss, damit mir auch nur die bescheidensten Bitten gewährt werden und um die Bosheiten abzuwehren, die man hier stets bereit ist, einander zuzufügen. Ich werde noch ganz blöd davon und bin sehr unglücklich, dass ich nicht zusammen mit Ihnen in Ruhe und Frieden leben kann, irgendwo weit weg von Königen, Höflingen und Armleuchtern. Diese Gedanken stürzen mich in Verzweiflung. Es treibt mir die Röte ins Gesicht, dass ich ein so großer Philosoph in der Theorie sein kann und ein so armseliges menschliches Exemplar in der Praxis. Nur jene finden Glück und einen Sinn im Leben, die selbiges mit ihren Freunden verbringen. Ich hoffe darauf, bald zurückzukehren; Ihre Gegenwart vertreibt all meinen Kummer und meine Sorgen. Aber welch ein Schicksal ist dies, fortwährend voneinander getrennt zu sein! Sich nach einander zu sehnen, ohne sich sehen zu können! Ach, ich bin es leid, nicht mit Ihnen im selben Haus zu weilen! Es scheint mir, dass Sie mir Seelenfrieden bringen.
Leben Sie wohl, mein liebes Kind. Lieben Sie den Wütenden von Versailles ein wenig!
[1746]
Ach, großer Gott, mein liebes Kind, wer sind die Übeltäter, die Ihnen erzählt haben, ich hätte mit Mme Le Dosseur zu Abend gegessen? Ich habe ganz sicherlich mit überhaupt niemandem zu Abend gegessen, seit ich mit Ihnen zu Abend gegessen habe!
Kommen Sie morgen doch zur Generalprobe, wenn Sie können, zusammen mit Mme Desfontaines, falls Sie kann. […]
Doch das sind schöne Bagatellen. Ich liebe Sie von ganzem Herzen. Das ist Ernst. Man wollte mich begraben, aber ich bin ihnen entschlüpft.
Einen Guten Abend,
V.
Mein liebes Kind, da gibt es tausend Dinge, die ich Ihnen sagen muss. Falls Sie bei sich zu Hause dinieren, werde ich zwischen 3 und 4 Uhr vorbeikommen, um Sie nach ihrem Diner zu sehen. Erwarten Sie den allerbesten ihrer Freunde.
V.
Freitag
[März 1749]
Mia cara, ich habe größere Lust, Sie zu küssen, als Sie keine haben, einen Rückfall zu erleiden. Ich diniere nicht mehr, ich habe um Ihretwillen meine Essgewohntheiten völlig auf den Kopf gestellt, bis Sie sich endlich dazu herablassen, mit mir zu Abend zu essen. Geben Sie um meinetwillen Mme du Bocage einen Korb, sie liebt Sie nicht so wie ich.
Johann Joachim Winckelmann
(1717-1768)
an Friedrich Reinhold von Berg
Der Archäologe Johann Joachim Winckelmann beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit griechischer Kunstgeschichte, und seine Schriften wurden maßgebend für die Rezeption der antiken Kunst im 19. Jahrhundert. Er hatte Beziehungen zu mehreren jungen Männern, von denen er in Briefen an Gleichgesinnte offen erzählte, und behauptete sogar, dass der Sinn für männliche Schönheit und für Kunst untrennbar seien. 1768 wurde er aus ungeklärten Gründen in einem Hotel in Triest erstochen; möglicherweise hatte er seinem Mörder, dem Koch des Hotels, Avancen gemacht. Der Täter wurde durch Rädern hingerichtet.
Rom
den 9. Jun. 1762
Edler Freund!
So wie eine zärtliche Mutter untröstlich weinet um ein geliebtes Kind, welches ihr ein gewalttätiger Prinz entreißt und zum gegenwärtigen Tod ins Schlachtfeld stellet; eben so bejammere ich die Trennung von Ihnen, mein süßer Freund, mit Tränen, die aus der Seele selbst fließen. Ein unbegreiflicher Zug zu Ihnen, den nicht Gestalt und Gewächs allein erwecket, ließ mich von dem ersten Augenblicke an, da ich Sie sahe, eine Spur von derjenigen Harmonie fühlen, die über menschliche Begriffe gehet, und von der ewigen Verbindung der Dinge angestimmet wird. In 40 Jahren meines Lebens ist dieses der zweite Fall, in welchem ich mich befunden, und es wird vermutlich der letzte sein. Mein werter Freund, eine gleich starke Neigung kann kein Mensch in der Welt gegen Sie tragen: Denn eine völlige Übereinstimmung der Seelen ist nur allein zwischen zweien möglich; alle anderen Neigungen sind nur Absenker aus diesem edlen Stamme. Aber dieser göttliche Trieb ist den mehresten Menschen unbekannt, und wird daher von vielen übelverstanden gedeutet. Die Liebe in dem höchsten Grad ihrer Stärke muss sich nach allen möglichen Fähigkeiten äußern:
I thee both as Man and Woman prize
For a perfect love implies
Love in all capacities. – Cowley.
Und diese ist der Grund, worauf die unsterblichen Freundschaften der alten Welt, eines Theseus und Pirithous, eines Achilles und PatrocIus gebaut sind. Freundschaft ohne Liebe ist nur Bekanntschaft. Jene aber ist heroisch und über alles erhaben; sie erniedrigt den willigen Freund bis in den Staub und treibt ihn bis zum Tod. Alle Tugenden sind teils durch andere Neigungen geschwächet, teils eines falschen Scheines fähig; eine solche Freundschaft, die bis an die äußersten Linien der Menschlichkeit gehet, bricht mit Gewalt hervor, und ist die höchste Tugend, die jetzt unter den Menschenkindern unbekannt ist, und also auch das höchste Gut, welches in dem Besitze derselben besteht. Die christliche Moral lehret dieselbe nicht; aber die Heiden beteten dieselbe an, und die größte Taten des Altertums sind durch dieselbe vollbracht.
Ein einziger Monat Ihres verlängerten Aufenthalts in Rom und mehr Muse, mit Ihnen, mein Freund, besonders zu sprechen, würden diese Freundschaft auf unbeweglichen Grund gesetzt haben, und alle meine Zeit wäre Ihnen gewidmet gewesen. Dem ungeachtet hätte ich mich in starken und schriftlich unaussprechlichen Worten erklären müssen, wenn ich nicht gemerket, dass ich Ihnen in einer ungewöhnlichen Sprache reden würde. Sie können also glauben, dass ich nicht bezahlt sein wolle; Ihre gütige Meinung aber behält, ohne dieselbe stattfinden zu lassen, allen ihren Wert, und ich küsse Ihnen die Hände, wie für einen großen Schatz, welchen Sie mir hätten schenken wollen. Der Genius unserer Freundschaft wird Ihnen von ferne folgen bis Paris und Sie dort in dem Sitze der törichten Lüste verlassen; hier aber wird Ihr Bild mein Heiliger sein.
Dem teuern Herrn Grafen von Münnich, welcher aller Menschen Achtung und Liebe erwecket und verdienet, werden Sie mich bestens empfehlen. Meine Wünsche folgen demselben nach auf der großen Bahn der Ehre, die er offen sieht; einst ein großer tugendhafter Mann zu sein, von dessen Bekanntschaft ich in meinem Alter mit Ruhm sprechen kann.
Sie mein Edler, Geliebter, küsse ich mit Herz und Geist, und ersterbe Ihr
untertäniger Diener und eigener
und ewiger Freund
Johann Winckelmann
Friedrich Gottlieb Klopstock
(1724-1803)
an Maria-Sophia Schmidt (Fanny) und Margaretha Moller (Clärchen)
Die unglückliche Liebe des jungen Klopstock zu seiner Cousine Maria-Sophia Schmidt inspirierte ihn zu seinen frühen Oden, in denen sie als »Fanny« verewigt wurde. Knapp zehn Jahre später heiratete der Dichter Margaretha (Meta) Moller, die nur vier Jahre später im Kindbett starb und von Klopstock in seinen Elegien besungen wurde. In seinen Briefen nannte er sie oft »Clärchen«. Im hohen Alter heiratete er ihre Nichte.
an Maria-Sophia Schmidt
Zürich, den 10. September 1750
Aber, gütige Vorsehung, darf ich dich auch um das Größte bitten, was ich in dieser und jener Welt bitten kann, darf ich dich bitten, dass Fanny meine Fanny werde? O angebetete Vorsehung, darf ich dich um dieses himmlische Geschenk angehen?
Ich kann Ihnen, allerliebste Schmidtin, weiter nichts mehr sagen. Denken Sie an meine vielen Tränen, an meine bangen Schmerzen der Liebe, die schon Jahre gedauert haben und die ewig dauern werden, wenn Sie nicht aufhören wollen, hart gegen mein blutendes Herz zu sein. Ich bin Ihr
Klopstock
an Margaretha Moller / Klopstock
Ich bin jetzt früh aufgestanden, um gleich ein bisschen an mein Clärchen zu schreiben. Du hast doch meinen Brief nun schon bekommen? O wenn ich es auch schon durch Dich wüsste! Und dann vorzüglich, wie Dir die Landluft bekommen ist. Du weißt es, und Du musst es immer mehr fühlen, dass mein Leben an Deinem Leben hängt; daher bitte ich Dich um Deiner und meiner Liebe willen, sorge ja für Dein Leben, wie eine Mutter für ihr erstes einziges Kind sorgt, für einen ersten Sohn, den sie unaussprechlich liebt. Versprich mir’s, dass Du das tun willst, Clärchen! Dass Du eine so süße Mutter sein willst (ach, die wirst Du auch bald denn im eigentlichsten Verstande sein). Versprich mir das; so verspreche ich Dir, dass wir einst spät wie Daphnis und Daphne sterben wollen. Nun tritt her, Clärchen: Mache Deine süße kleine Miene, und lächle mit allen Deinen unschuldigen Weiblichkeiten, und versprich:
»Ich, Clärchen Klopstock, bekenne und bescheinige mit diesen zwei Augen, die mein Klopstock sehen muss, wenn sie ihn ansehen, dass ich allen Liebesgöttern befehlen will, dass sie alle kleinen Sorgfältigkeiten für mein Leben (denn von den größeren habe ich nichts zu versprechen!), dass sie hinlaufen und diese alle aufwecken sollen, wenn sie auch auf Rosen schliefen. Das verspreche ich und will es so heilig halten, als wenn ich schon Mutter von unserem ersten Sohne wäre.«
(Hier ist Raum zu Deinem Namen.)
Ich bin seit meinem gestrigen Briefe, bis des Abends bei Gärtner gewesen. Du fehltest mir kaum: So viel habe ich von Dir gesprochen und an Dich gedacht. Mit Ebert viel, und das verdiente seine Entzückung über unsere Liebe. H … ist sehr liebenswürdig. Überhaupt könnt ihr euch’s nur merken, ihr Mädchen, ihr seid dann am liebenswürdigsten, wenn ihr liebt und es sagt, dass ihr es tut.
Wo bist Du denn jetzt, Clärchen? Vielleicht auf dem Garten; und gewiss allein. Denn so liest Du doch meine Briefe. Wenn Du auf dem Garten bist, so setze Dich wo unter die Blumen, und denke, dass Du Clärchen KIopstock bist. Denke diesen Gedanken, bis an jene seligen Hügel hinauf, wo ich nicht mehr Klopstock und Du nicht mehr Clärchen KIopstock heißen wirst, und wo die nun schon Vorangegangenen um unsere Liebe herum sein werden. –
Nun kann ich nichts weiter schreiben, das fühlst Du wohl, – und dazu kömmt in dem Augenblick Giseke. Er grüßt Dich mit seiner ganzen Freundschaft, und ich, meine beste einzige Clärchen, womit denn ich? Mit meinem und Deinem ganzen Herzen. (Das war ein sehr närrischer Einfall!) Doch Dein Herz ist ja auch mein Herz, und also kann ich ja wohl damit machen, was ich will. Nun lebe wohl, mein Clärchen.
Braunschweig, den 19. Juni 1752.
Dein Klopstock.
Meta an Klopstock
Nun bist Du fort! – Mein Klopstock! – Ach! – – O, ich kann nichts schreiben. Ich bin noch zu beklommen. Vor einem Augenblick saßest Du hier noch bei mir. Ach, mein Klopstock! – Ich kann noch nicht zum Weinen kommen; ich weiß nicht, wie das ist. Ich bin sehr, sehr beklommen. Aber unserm Gott, wie Du sagtest, unserm Gott empfehle ich Dich auch. O ja, Deine Reise ist gewiss glücklich. Sei meinetwegen nur nicht besorgt. Ich will mich schon aufrichten. Du liebst mich ja – ich liebe Dich. – – – und ich sehe Dich bald wieder … Lebe wohl. Ich will mich ankleiden und aufs Land fahren, mein Klopstock! – –
Hamburg, den 15. Juli 1752.
Moller.
Klopstock an sein »Clärchen«
Ich habe nur einige wenige Augenblicke Zeit, Dir zu schreiben, aber ich muss doch schreiben. Gleim und Ramler sind bei mir! Wir wollen gleich essen und kommen eben aus Cramers Predigt … Ach, meine Beste, wenn Du sie nur alle um mich herum fragen könntest, wie ich Dich liebe! Das würde zwar nur sehr wenig sein, was Du erführest; denn wie können sie es wissen? Dennoch würde Dir es süß sein, es so mit anzuhören, wie sie mich aus meiner Entzückung aufwecken! Wie ich dann gern viel viel von Dir sagen mögte und doch nicht herausbringe, das einen andern Inhalt hätte, als: Lasst mich nur gehen! Es ist ein einziges Mädchen. Ich mag gar nichts mehr von ihr sagen. Und ach, wie sehr fühl ich dann wieder, dass ich nicht bei Dir bin. Hier, hier, Clärchen! Hier zittert mein Herz nach Dir. – Doch kein Wort mehr, kein Wort mehr davon. Ich will mir’s in meinem Leben nicht mehr unterstehen, die Unaussprechlichkeiten der Umarmung aufschreiben zu wollen … Und doch, Clärchen, und doch (Du verzeihest mir’s gewiss, Du Beste!) habe ich gestern den Bitten meiner Eltern, meiner Geschwister, und Gleims und Cramers und Ramlers, endlich nachgeben, und mich entschließen müssen, erst künftigen Donnerstag zu verreisen. Drei Tage war es schon beschlossen, drei Tage hatte ich alle Unruhe der Freundschaft schon ausgehalten, und es war fest, dass ich morgen gewiss reisen wollte. Aber dafür hab ich’s allen auch als eine recht große Tat angerechnet. Und das ist es auch! Eine Tat, die Du beides belohnen und bestrafen musst, Clärchen. Oder willst Du Dich etwa unter der Belohnung erbitten lassen, die Strafe zu vergessen? Ja, ja, das tust gewiss, Du Kleine!
Du bist ja meine süße, süße ewig geliebte Clärchen Klopstock, und ich bin Dein Dein Klopstock.
Wie Dich alle grüßten und küssen wollten, das verstehst Du ohne dies. Ich schreibe auf den Mittewoch wieder. – Ach, lass mich ja recht viel Briefe von Dir in Braunschweig finden. Meine Grüße, Meta, so ein ungetreues Mäulchen wie ich ihr manchmal gebe, wenn ich Dir eben recht sehr ungetreu bin, und Metas Mutter einen Kuss auf die Hand. Denn mehr erlaubt sie ja auch Dir kaum.
Quedlinburg den 13. August 1752.
Meta an Klopstock, kurz vor ihrem Tod im Kindbett
Ich weiß wohl, dass alle Stunden nicht gleich sind, und vor allem die letzten. Denn der Tod einer Wöchnerin ist nichts weniger als ein leichter Tod. Doch lass die letzten Stunden keinen Eindruck auf Dich machen. Du weißt zu sehr, wie viel der Körper da auf die Seele wirkt. – Nun, Gott mag mir geben, was er will; ich bin immer glücklich, ein ferneres Leben mit Dir – oder ein Leben mit Ihm! Aber wirst Du mich auch so leicht verlassen können als ich Dich? Da Du in dieser Welt bleibst und in einer Welt ohne mich? Du weißt, ich habe immer gewünscht, die Nachbleibende zu sein, weil ich wohl weiß, dass das das Schwerste ist …
Hamburg, September 1758.
Grigori Potjomkin
(1739-1791)
an Katharina die Große
Grigori Potjomkin, im Deutschen besser bekannt als Potemkin, ist der wohl berühmteste der zahlreichen Liebhaber der russischen Zarin. Der Sohn eines Majors wurde schon zu Beginn ihrer Regierungszeit von Katharina der Großen zum Kammerjunker ernannt, wenig später zum Grafen und zu ihrem Generaladjutanten. Er hatte großen Einfluss auf ihre Politik und wurde von ihr als Ratgeber geschätzt. Das Liebesverhältnis der beiden blieb bis zu seinem Tod bestehen. Angeblich hielt er, als er starb, einen ihrer Briefe an seine Brust gedrückt.
Brief an Katharina die Große mit
Marginalien der Kaiserin
Potjomkin – Katharina
Gestatte, Teuerste, Dir jetzt zu sagen, wie unser Streit vermutlich enden wird.
Je eher, je besser.
Wunder Dich nicht, wenn ich um unsere Liebe besorgt bin. Du, neben all den Wohltaten, mit denen Du mich überschüttest, hast Du mich überdies in Dein Herz geschlossen.
Sei unbesorgt. Eine Hand wäscht die andere.
Ich will allein darin wohnen und über all meinen Vorgängern stehen,
Stark und fest.
weil Dich niemand so liebt, wie ich Dich liebe.
Das tust Du und wirst es tun. Ich sehe es und glaube es. Darüber freue ich mich in meiner Seele.
Und da ich das Werk deiner Hände bin, so möchte ich Dir auch meine Ruhe verdanken, so ersehne ich, dass Du froh bist, weil Du mir Gutes erweist,
Gestatte den Gedanken, sich zu beruhigen, und den Gefühlen, ihre Freiheit wiederzuerlangen; sie sind zärtlich und werden schon von selbst den rechten Weg finden.
dass Du Dich bestrebst, mich glücklich zu machen und dass Du darin Entspannung von den ernsten Pflichten findest, die Deine erhabene Stellung Dir auferlegt.
Schluss mit dem Streit.
Amen
Amen
Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)
an Friederike Brion, Charlotte von Stein, Christiane Vulpius und Marianne Willemer
Eine der ersten Frauen, in die der junge Goethe sich verliebte, war die 19-jährige Pfarrerstochter Friederike Brion, die ihn zu dem berühmten Gedicht Willkommen und Abschied inspirierte. Nach ihrem Tod verbrannte ihre Schwester Goethes Briefe an sie, nur einer ist in einem Entwurf von Goethe überliefert. Ihre Bekanntschaft dauerte ein knappes Jahr und hat Friederike wohl das Herz gebrochen; sie hat nie geheiratet.
Straßburg, 15. Oktober 1770
Liebe neue Freundin,
ob ich Ihnen was zu sagen habe, ist wohl keine Frage; ob ich aber just weiß, warum ich eben jetzt schreiben will und was ich schreiben möchte, das ist ein andres. So viel merke ich an einer gewissen innerlichen Unruhe, dass ich gerne bei Ihnen sein möchte, und in dem Falle ist ein Stückchen Papier so ein wahrer Trost, so ein geflügeltes Pferd: für mich, hier, mitten in dem lärmenden Straßburg, als es Ihnen, in Ihrer Ruhe nur sein kann, wenn Sie die Entfernung von Ihren Freunden recht lebhaft fühlen.
Die Umstände unserer Rückreise können Sie sich ungefähr vorstellen, wenn Sie mir beim Abschiede ansehen konnten, wie leid er mir tat; und wenn Sie beobachteten, wie sehr Weyland nach Hause eilte, so gern er auch unter andern Umständen bei Ihnen geblieben wäre. Seine Gedanken gingen vorwärts, meine zurück, und so ist es natürlich, dass der Diskurs weder weitläufig noch interessant werden konnte.
Zu Ende der Wanzenau machten wir Spekulation, den Weg abzukürzen und verirrten uns glücklich zwischen den Morasten, die Nacht brach herein, und es fehlte nichts, als dass der Regen, der einige Zeit nachher ziemlich freigebig erschien, sich um etwas übereilt hätte; so würden wir alle Ursache gefunden haben, von der Liebe und Treue unsrer Prinzessinnen vollkommen überzeugt zu sein.
Unterdessen war mir die Rolle, die ich, aus Furcht sie zu verlieren, beständig in der Hand trug, ein rechter Talisman, der mir die Beschwerlichkeiten der Reise alle hinwegzauberte. Und noch? Oh, ich mag nichts sagen, entweder Sie können’s raten oder Sie glauben’s nicht. Endlich langten wir an, und der erste Gedanke, den wir hatten, der auch schon auf dem Weg unsre Freude gewesen war, endigte sich in ein Projekt, Sie bald wiederzusehen.
Es ist ein gar zu herziges Ding um die Hoffnung, wiederzusehen. Und wir andern mit den verwöhnten Herzchen, wenn uns ein bisschen was leid tut, gleich sind wir mit der Arznei da und sagen: Liebes Herzchen, sei ruhig, du wirst nicht lange von ihnen entfernt bleiben, von denen Leuten, die du liebst, sei ruhig, liebes Herzchen! Und dann geben wir ihm inzwischen ein Schattenbild, dass es doch was hat, und dann ist es geschickt und still wie ein kleines Kind, dem die Mama eine Puppe statt des Apfels gibt, wovon es nicht essen sollte. Genug, wir sind hier, und sehen Sie, dass Sie unrecht hatten! Sie wollten nicht glauben, dass mir der Stadtlärm auf Ihre süßen Landfreuden missfallen würde.
Gewiss, Mamsell, Straßburg ist mir noch nie so leer vorgekommen als jetzt. Zwar hoffe ich, es soll besser werden, wenn die Zeit das Andenken unsrer niedlichen und mutwilligen Lustbarkeiten ein wenig ausgelöscht haben wird, wenn ich nicht mehr so lebhaft fühlen werde, wie gut, wie angenehm meine Freundin ist. Doch sollte ich das vergessen können oder wollen? Nein, ich will lieber das wenig Herzweh behalten und oft an Sie schreiben.
Und nun noch vielen Dank, noch viele aufrichtige Empfehlungen Ihren teuren Eltern, Ihrer lieben Schwester, viel hundert – was ich Ihnen gerne wieder gäbe.
Als Goethe 1775 nach Weimar kam, lernte er die sieben Jahre ältere und unglücklich verheiratete Charlotte von Stein kennen. Ihr Verhältnis dauert fast zehn Jahre und zerbrach erst, als Goethe seine fluchtartige Italienreise antrat. Nach seiner Rückkehr über ein Jahr später dauerte es lange, bis die beiden wieder zu einem freundschaftlichen Umgang miteinander fanden.
3. August 1778
Liebste, ich habe gestern Abend bemerkt, dass ich nichts lieber sehe in der Welt als Ihre Augen und dass ich nicht lieber sein mag als bei Ihnen. Es ist schon was Altes, und doch fällt mir’s immer einmal wieder auf.
Weimar, 23. Mai 1779
Wenn ich nur etwas anderes hätte Ihnen zu schicken als Blumen und immer dieselbigen Blumen. Es ist wie mit der Liebe, die ist auch monoton.
Weimar, 22. März 1781
Dein Liebe ist mir wie der Morgen- und Abendstern; er geht nach der Sonne unter und vor der Sonne wieder auf. Ja, wie ein Gestirn des Pols, das, nie untergehend, über unserm Haupt einen ewig lebendigen Kranz flicht. Ich bete, dass es mir auf der Bahn des Lebens die Götter nie verdunkeln mögen. Der erste Frühlingsregen wird unserer Spazierfahrt schaden. Die Pflanzen wird er aufquellen, dass wir bald des ersten Grüns uns erfreuen. Wir haben noch so keinen schönen Frühling zusammen erlebt; möchte er keinen Herbst haben. Adieu. Ich frage gegen 12 Uhr nach, wie es wird.
Adieu, Beste, Liebste.
Weimar, 19. Juli 1782
Sage mir, liebe Lotte, wie bist Du aufgestanden? Sag mir, ist es physisch, oder hast du etwas in der Seele, was Dich kränkt? Du glaubst nicht, was mich Dein Zustand gestern geängstigt hat. Das einzige Interesse meines Lebens ist, dass Du offen gegen mich sein magst. Das Eingeschlossne halt’ ich nicht aus. Lebe wohl. Der Deine.
Weimar, 24. Juli 1782
Während ich schlief, kam die Erquickung von Dir; wie ich aufwache, erhalte ich sie. Noch weiß ich nicht, wie mir ist; o dass der Zustand bald vorüber gehn möge. Es ist noch so heiß, in einigen Stunden will ich kommen, will abwarten, wo es hinaus will, mein ganzes Wesen ist in seinem Innersten angegriffen. So tief Deine Liebe drang und mir wohl machte, so tief hat der Schmerz die Wege gefunden und zieht mich in mir selbst zusammen. Ich kann nicht weinen, und weiß nicht wohin. Adieu, verzeih mir. Dein Schmerz ist’s, der mich ängstigt. Wenn Dir’s nicht wieder mit mir wohl werden kann, so geb’ ich auf, eine freudige Stunde zu haben.
5. Dezember 1783
Liebe mich, das ist wahrlich fast das Einzige, was mich noch halten mag.
Weimar, 25. Juni 1786
Tue, meine Liebe, was und wie Dir’s recht ist, und es soll mir auch so sein. Behalte mich nur lieb und lass uns ein Gut, das wir nie wiederfinden werden, wenigstens bewahren, wenn auch Augenblicke sind, wo wir dessen nicht genießen können. Ich korrigiere am Werther und finde immer, dass der Verfasser übel getan hat, sich nicht nach geendigter Schrift zu erschießen. Heute Mittag isst Wieland mit mir, es wird über Iphigenien Gericht gehalten u.s.w. Lebe wohl und liebe.
Nur drei Wochen nach seiner Rückkehr aus Italien lernte Goethe seine spätere Frau Christiane Vulpius kennen. Eigentlich suchte sie ihn auf, um ihn um Hilfe für ihren Bruder zu bitten, der keinen Erfolg mit seiner Schriftstellerei hatte. Ein Dreivierteljahr blieb ihr Verhältnis geheim. Als Christiane schwanger wurde, holte Goethe sie als Haushälterin in sein Haus. Er heiratete sie erst Jahre später; seine frühen Briefe an sie hat er verbrannt. Christine starb im Jahr 1816, Goethe überlebte sie um 16 Jahre. Auf ihrem Grab ließ er die Inschrift anbringen: »Du versuchst, o Sonne, vergebens / Durch die düsteren Wolken zu scheinen. / Der ganze Gewinn meines Lebens / Ist ihren Verlust zu beweinen.«
Trier, 25. August 1792
Wo das Trier in der Welt liegt, kannst Du weder wissen noch Dir vorstellen; das Schlimmste ist, dass es weit von Weimar liegt und dass ich weit von Dir entfernt bin. Es geht mir ganz gut. Ich habe meine Mutter, meine alten Freunde wiedergesehen, bin durch schöne Gegenden gereist, aber auch durch sehr garstige, und habe böse Wege und starke Donnerwetter ausgestanden. Ich bin hier, ungefähr noch eine Tagreise von der Armee, in einem alten Pfaffennest, das in einer angenehmen Gegend liegt. Morgen gehe ich hier ab und werde wohl übermorgen im Lager sein. Sobald es möglich ist, schreibe ich Dir wieder. Du kannst um mich ganz unbesorgt sein. Ich hoffe, bald meinen Rückweg anzutreten. Mein einziger Wunsch ist, Dich und den Kleinen wiederzusehen, man weiß gar nicht, was man hat, wenn man zusammen ist. Ich vermisse Dich sehr und liebe Dich von Herzen. […] Wenn ich wiederkomme, bringe ich Dir noch manches mit, ich wünsche, recht bald. Lebe wohl. Grüße Meyern und sei mir ein rechter Hausschatz.
Adieu, lieber Engel, ich bin ganz Dein.
Im Lager bei Verdun, 10. September 1792
Ich habe Dir schon viele Briefchen geschrieben und weiß nicht, wenn sie nach und nach bei Dir ankommen werden. Ich habe versäumt, die Blätter zu nummerieren und fange jetzt damit an. Du erfährst wieder, dass ich mich wohl befinde, Du weißt, dass ich Dich herzlich lieb habe. Wärst Du nur jetzt bei mir! Es sind überall große, breite Betten, und Du solltest Dich nicht beklagen, wie es manchmal zu Hause geschieht. Ach! Mein Liebchen! Es ist nichts besser, als beisammen zu sein. Wir wollen es uns immer sagen, wenn wir uns wiederhaben. Denke nur! Wir sind so nah an Champagne und finden kein gutes Glas Wein. Auf dem Frauenplan soll’s besser werden, wenn nur erst mein Liebchen Küche und Keller besorgt.
Sei ein guter Hausschatz und bereite mir eine hübsche Wohnung. Sorge für das Bübchen und behalte mich lieb. Behalte mich ja lieb! Denn ich bin manchmal in Gedanken eifersüchtig und stelle mir vor, dass Dir ein andrer besser gefallen könnte, weil ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst. Das musst Du aber nicht sehen, sondern Du musst mich für den Besten halten, weil ich Dich ganz entsetzlich lieb habe und mir außer Dir nichts gefällt. Ich träume oft von Dir, allerlei konfuses Zeug, doch immer, dass wir uns lieb haben. Und dabei mag es bleiben.
[…] Behalte mich nur lieb und sei ein treues Kind, das andre gibt sich. Solang ich Dein Herz nicht hatte, was half mir das Übrige; jetzt, da ich’s habe, möchte ich’s gern behalten. Dafür bin ich auch Dein. Küsse das Kind, grüße Meyern und liebe mich.
Im Alter von 65 Jahren verliebte Goethe sich in die 30-jährige Marianne Willemer, verheiratet mit einem Freund der Familie, der das Verhältnis anscheinend duldete. Sie ist die Suleika des West-Östlichen Divans und faszinierte ihn mit ihrem eigenen schriftstellerischen Talent. Als Goethe sie nach dem Tod seiner Frau wiedersehen wollte, hielt ihn ein Kutschunfall, den er als böses Omen nahm, davon ab.
26. Juli 1819
Nein, allerliebste Marianne, ein Wort von mir sollst Du in Baden nicht vermissen, da Du Deine lieben Lippen wieder walten lässt und ein unerfreuliches Stillschweigen brechen magst. Soll ich wiederholen, dass ich Dich von der Gegenwart des Freundes unzertrennlich hielt, und dass bei seinem treuen Anblick alles in mir rege ward, was er uns so gern und edel gönnt? Ob Du gleich schwiegst, hatte ich allerlei zurechtgelegt, der Rückkehrende vermied uns, und es blieb liegen.
Nun da Du sagst, und so lieblich, dass Du mein gedenkst und gern gedenken magst: so höre doppelt und dreifach die Versicherung, dass ich jedes Deiner Gefühle herzlich und unablässig erwidre. Möge Dich dies zur guten Stunde treffen und Dich zu einem recht langen Kommentar über diesen kurzen Text veranlassen. Wäre ich Hudhud [der Wiedehopf, Liebesbote beim Dichter Hafiz], ich liefe Dir nicht über den Weg, sondern schnurstracks auf Dich zu. Nicht als Boten, um meiner selbst willen müsstest Du mich freundlich aufnehmen. Zum Schluss den frommen liebevollen Wunsch
Eja! Wären wir da!
Wolfgang Amadeus Mozart
(1756-1791)
an seine Braut / Frau Konstanze
Als Mozart seine spätere Frau Konstanze Weber kennenlernte, verliebte er sich zunächst in ihre ältere Schwester Aloysia, die seinen Heiratsantrag jedoch ablehnte. Vier Jahre später traf er Konstanze wieder und heiratete sie. Die beiden sollen trotz gegenteiliger Gerüchte eine glückliche Ehe geführt haben; Konstanze war in acht Jahren sechs Mal schwanger, doch nur zwei der Kinder überlebten. Mozarts früher Tod ließ Konstanze in einer prekären finanziellen Situation zurück; dennoch heiratete sie erst zehn Jahre später ein zweites Mal.
an die Braut
Liebste, beste Freundin!
Diesen Namen werden Sie mir ja doch noch wohl erlauben, dass ich Ihnen geben darf? So sehr werden Sie mich ja doch nicht hassen, dass ich nicht mehr Ihr Freund sein darf und Sie nicht mehr meine Freundin sein werden? Und wenn Sie es auch nicht mehr sein wollen, so können Sie es mir doch nicht verbieten, gut für Sie, meine Freundin, zu denken, wie ich es nun schon gewohnt bin. Überlegen Sie wohl, was Sie heute zu mir gesagt haben. Sie haben mir (ohngeachtet allen meinen Bitten) dreimal den Korb gegeben und mir gerade ins Gesicht gesagt, dass Sie mit mir nichts mehr zu tun haben wollten. Ich, dem es nicht so gleichgültig ist wie Ihnen, den geliebten Gegenstand zu verlieren, bin nicht so hitzig, unüberlegt und vernünftig, den Korb anzunehmen. Zu diesem Schritte liebe ich Sie zu sehr. Ich bitte Sie also noch einmal, die Ursach’ dieses Verdrusses wohl zu überlegen und zu bedenken, welche war, dass ich mich darüber aufgehalten, dass Sie so unverschämt unüberlegt waren, Ihren Schwestern, und in meiner Gegenwart, zu sagen, dass Sie sich von einem Chapeau haben die Waden messen lassen. Das tut kein Frauenzimmer, welches auf Ehre hält. Die Maxime, in der Compagnie mitzumachen, ist ganz gut. Dabei muss man aber viele Nebensachen betrachten; ob es lauter gute Freunde und Bekannte beisammen sind? Ob ich ein Kind oder schon ein Mädchen zum Heiraten bin? Besonders aber, ob ich eine versprochene Braut bin? Hauptsächlich aber, ob lauter Leute meines Gleichen oder niedrigere als ich, besonders aber Vornehmere als ich, dabei sind? – Wenn es sich wirklich die Baronin selbst hat tun lassen, so ist es ganz was anderes, weil sie schon eine übertragene Frau (die ohnmöglich mehr reizen kann) ist und überhaupt eine Liebhaberin vom etcetera ist. Ich hoffe nicht, liebste Freundin, dass Sie jemals so ein Leben führen wollten wie sie, wenn Sie auch nicht meine Frau sein wollen. Wenn Sie schon dem Triebe mitzumachen – obwohl das Mitmachen einer Mannsperson nicht allzeit gut steht, desto weniger einem Frauenzimmer – konnten Sie aber ohnmöglich widerstehen, so hätten Sie in Gottes Namen das Band genommen und sich selbst die Waden gemessen – (sowie es noch alle Frauenzimmer von Ehre in meiner Gegenwart in dergleichen Fällen getan haben), und sich nicht von einem Chapeau (ich – ich würde es niemalen im Beisein anderer Ihnen getan haben), ich würde Ihnen selbst das Band gereicht haben, desto weniger also von einem Fremden, der mich gar nichts angeht. – Doch das ist vorbei und ein kleines Geständnis Ihrer dortmaligen, etwas unüberlegten Aufführung würde alles wieder gutgemacht haben und – wenn Sie es nicht übelnehmen, liebste Freundin – noch gut machen. Daraus sehen Sie, wie sehr ich Sie liebe. Ich brause nicht auf wie Sie – ich denke – ich überlege und ich fühle. Fühlen Sie, haben Sie Gefühl, so weiß ich gewiss, dass ich noch heute ruhig werde sagen können: die Konstanze ist die tugendhafte, ehrliebende, vernünftige und getreue Geliebte des rechtschaffenen und für Sie wohldenkenden Mozart.
an die Frau
Dresden 16. April 1789
Nachts um halb 12 Uhr.
Liebstes bestes Weibchen!
Liebes Weibchen ich habe eine Menge Bitten an Dich; –
1 mo bitte ich Dich, dass Du nicht traurig bist;
2 do dass Du auf Deine Gesundheit achtest und der Frühlingsluft nicht trauest.
3 tio dass Du nicht allein zu Fuße, am liebsten aber gar nicht zu Fuße ausgehest.
4 to dass Du meiner Liebe ganz versichert sein sollst; – keinen Brief habe ich Dir noch geschrieben, wo ich nicht Dein liebes Porträt vor meiner gestellt hätte. –
5 to bitte ich Dich, nicht allein auf Deine und meine Ehre in Deinem Betragen Rücksicht zu nehmen, sondern auch auf den Schein. – Sei nicht böse auf diese Bitte. – Du musst mich eben dieshalb noch mehr lieben, weil ich auf Ehre halte.
6 to et ultimo bitte ich Dich in Deinen Briefen ausführlicher zu sein. – Nun lebe wohl, Liebste, Beste! – Denke, dass ich alle Nacht ehe ich ins Bett gehe eine gute halbe Stunde mit Deinem Porträt spreche, und so auch beim Erwachen.
O stru! stri! ich küsse und drück Dich 1095060437082 mal (hier kannst Du Dich im Aussprechen üben) und bin ewig Dein treuester Gatte und Freund
W. A. Mozart.
Friedrich von Schiller
(1759-1805)
an Charlotte Lengefeld, seine spätere Frau
Der 28-jährige Schiller lernte über gemeinsame Bekannte die Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld kennen. Im Sommer darauf nahm er eine Mietwohnung in der Nähe ihres Wohnsitzes, um sie öfter sehen zu können. Er fühlte sich eigentlich stärker zu Caroline, der Älteren, hingezogen, heiratete aber schließlich Charlotte und blieb sein ganzes Leben mit ihr zusammen.
[Bad Lauchstädt?, 3. August 1789. Montag]
Ist es wahr, teuerste Lotte? Darf ich hoffen, dass Caroline in Ihrer Seele gelesen hat und aus Ihrem Herzen mir beantwort hat, was ich mir nicht getraute, zu gestehen? O wie schwer ist mir dieses Geheimnis geworden, das ich, solange wir uns kennen, zu bewahren gehabt habe! Oft, als wir noch beisammen lebten, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und kam zu Ihnen, mit dem Vorsatz, es Ihnen zu entdecken – aber dieser Mut verließ mich immer. Ich glaubte, Eigennutz in einem Wunsche zu entdecken, ich fürchtete, dass ich nur meine Glückseligkeit dabei vor Augen hätte, und dieser Gedanke scheuchte mich zurück. Konnte ich Ihnen nicht werden, was Sie mir waren, so hätte mein Leiden Sie betrübt, und ich hätte die schöne Harmonie unserer Freundschaft durch mein Geständnis zerstört, ich hätte auch das verloren, was ich hatte, Ihre reine und schwesterliche Freundschaft. Und doch gab es wieder Augenblicke, wo meine Hoffnung auflebte, wo die Glückseligkeit, die wir uns geben konnten, mir über alle Rücksichten erhaben schien, wo ich es sogar für edel hielt, ihr alles Übrige zum Opfer zu bringen. Sie konnten ohne mich glücklich sein – aber durch mich nie unglücklich werden. Dieses fühlte ich lebendig in mir – und darauf baute ich dann meine Hoffnungen. Sie konnten sich einem andern schenken, aber keiner konnte Sie reiner und zärtlicher lieben als ich. Keinem konnte Ihre Glückseligkeit heiliger sein, als sie es mir war und immer sein wird. Mein ganzes Dasein, alles, was in mir lebt, alles, meine Teuerste, widme ich Ihnen, und wenn ich mich zu veredeln strebe, so geschieht’s, um Ihrer immer würdiger zu werden, um Sie immer glücklicher zu machen. Vortrefflichkeit der Seelen ist ein schönes und ein unzerreißbares Band der Freundschaft und Liebe. Unsre Freundschaft und Liebe wird unzerreißbar und ewig sein, wie die Gefühle, worauf wir sie gründen.
Vergessen Sie jetzt alles, was Ihrem Herzen Zwang auflegen könnte, und lassen Sie nur Ihre Empfindungen reden. Bestätigen Sie, was Caroline mich hoffen ließ. Sagen Sie mir, dass Sie mein sein wollen, und dass meine Glückseligkeit Ihnen kein Opfer kostet. O versichern Sie mir dieses, und nur mit einem einzigen Wort. Nahe waren sich unsre Herzen schon längst. Lassen Sie auch noch das einzige Fremde hinwegfallen, was sich bisher zwischen uns stellte, und nichts die freie Mitteilung unserer Seelen stören.
Leben Sie wohl, teuerste Lotte. Ich sehne mich nach einem ruhigen Augenblicke, Ihnen alle Gefühle meines Herzens zu schildern, die in dem langen Zeitraum, dass diese Einzige Sehnsucht in meiner Seele lebt, mich glücklich und wieder unglücklich gemacht haben. Wie viel habe ich Ihnen noch zu sagen!
Säumen Sie nicht, meine Unruhe auf immer und ewig zu verbannen. Ich gebe alle Freuden meines Lebens in Ihre Hand. Ach, es ist schon lange, dass ich sie mir unter keiner andern Gestalt mehr dachte als unter Ihrem Bilde. Leben Sie wohl, meine Teuerste.
[Jena] Dienstagabends 25. August [1789]
Wie schön bin ich heute erweckt worden! Das Erste, worauf mein Auge fiel, waren Briefe von Euch. Mit dem Gedanken schlief ich ein, heute welche zu erhalten. An diesen periodischen Freuden werde ich künftig alle meine Zeit abzählen, bis uns endlich dieser dürftige Behelf nicht mehr nötig ist.
Aber wie ungenügsam sind doch unsre Wünsche! Wie viel hätte ich noch vor einem Monat um die bloße Hoffnung dessen gegeben, was jetzt schon in Erfüllung gegangen ist! Um einen einzigen Blick in Deine Seele! Und jetzt, da ich alles darin lese, was mein Herz sich so lange wünschte, eilt mein Verlangen der Zukunft vor, und ich erschrecke über den langen Zeitraum, der uns noch trennen soll. Wie kurz ist der Frühling des Lebens, die Blütenzeit des Geistes, und von diesem kurzen Frühling soll ich Jahre vielleicht noch verlieren, ehe ich das besitze, was mein ist. Unerschöpflich ist die Liebe und wenig sind der Tage des Lenzes!
In einer neuen schöneren Welt schwebt meine Seele, seitdem ich weiß, dass Ihr mein seid, teure, liebe Lotte, seitdem Du Deine Seele mir entgegen trugst. Mit langen Zweifeln ließest Du mich ringen, und ich weiß nicht, welche seltsame Kälte ich oft in Dir zu bemerken glaubte, die meine glühenden Geständnisse in mein Herz zurückzwang. Ein wohltätiger Engel war mir Caroline, die meinem furchtsamen Geheimnis so schön entgegenkam. Ich habe Dir unrecht getan, teure Lotte. Die stille Ruhe Deiner Empfindungen habe ich verkannt und einem abgemessenen Betragen zugeschrieben, das meine Wünsche von Dir entfernen sollte. O Du musst sie mir noch erzählen, die Geschichte unsrer werdenden Liebe. Aber aus Deinem Munde will ich sie hören.
Es war ein schneller, und doch so sanfter Übergang! Was wir einander gestanden, waren wir einander längst, aber jetzt erst genieße ich alle unsre vergangenen Stunden. Ich durchlebe sie noch einmal, und alles zeigt sich mir jetzt in einem schöneren Licht.
Wie gut kommt mir der glückliche Wahnsinn jetzt zustatten, der mich so oft aus der Gegenwart entrückte. Die Gegenwart ist leer und traurig um mich herum – und in ungeborenen Fernen blühen meine Freuden. Ich kann mir die Resignation, die Genügsamkeit nicht geben, die eine Stärke weiblicher Seelen ist. Ungeduldig strebt die meinige, alles zu vollenden, was noch nicht vollendet ist. Du siehst ruhig der Zukunft entgegen – das vermag ich nicht.
Caroline wirft mir vor, dass ich habe zweifeln können, Ihr würdet mich verstehen, Ihr würdet meine Hoffnungen mir erwidern. Aber eben diese Genügsamkeit, diese Nachgiebigkeit gegen eine scheinbare Notwendigkeit fürchtete ich bei Euch. Ich fürchtete, Ihr könntet Eure Wünsche in den Zwang der Umstände einschließen, und – wie soll ich mich recht deutlich machen? – ich fürchtete, Ihr könntet Euch unsre Freundschaft ohne Liebe vollenden und das innere Leben der Freundschaft mit einer Trennung zusammendenken. Sobald ich mich überzeugt haben würde, dass unsere immerwährende Vereinigung auch Euch die notwendige Bedingung zum Glücke der Freundschaft sei – hätte ich nie mehr an Eurer Stärke gezweifelt, diese Bedingung durchzusetzen.
Aber mündlich davon mehr. Wie viel werden wir diesen Herbst noch miteinander zu berichtigen haben. Ich will alles tun, um ihn zu beschleunigen.
Wolzogens Brief folgt hier zurück. Er machte mir sehr viel Freude. Seine Anhänglichkeit ist so innig, und nichts Fremdes hat sich noch in sein Wesen gemischt. Er ist ein gar guter Mensch, ich wünschte, dass er um uns leben könnte.
Lebe wohl, teure, liebe Lotte und denke, dass für mich keine Freude ist, als bis ich wieder Briefe von Euch sehe. Adieu. Meine Lieben.
S.
[Jena, 8. Januar 1790] Freitagabends
Die Zweifel, die Du Dir aufwirfst, meine Liebe, ob Du mir auch wirklich das seist, was Du wünschest, enthalten einen stillen Vorwurf gegen mich, ob ich gleich weiß, dass Du mir keinen machen wolltest. Diese Zweifel hättest Du nicht, wenn meine Liebe für Dich einen lebhaften Ausdruck gehabt hätte, wenn ich mehr Worte dafür gehabt hätte, was Du meinem Herzen bist. Aber diese Zweifel werden bei Dir aufhören, wenn Du mich ganz kennst, wenn Du mit meinem Wesen vertraut genug geworden bist, um zu wissen, in welche Sprache sich meine Empfindungen kleiden. Auch meine Liebe ist still, wie mein ganzes übriges Wesen – nicht aus einzelnen raschen Aufwallungen, aus dem ganzen Zusammenklang meines Lebens wirst Du sie kennenlernen. Es wird noch ein schönes Studium für uns beide geben, bis wir einander abgelernt haben, welche Saite am willigsten und wohlklingendsten tönt, bis jedes von uns die zarten Stellen im Herzen oder in der Laune des andern kennt, durch die man sich am gefälligsten berührt und am wenigsten fehlgeht. Ich sehe voraus, meine Liebe, dass wir noch allerlei Erfahrungen über einander machen werden, die eine schöne Beschäftigung für uns versprechen. Schon allein dieses, dass jedes von uns da seine Wünsche anknüpft, wo das andre reich ist, dieses zu lernen, ist keine so leichte Kunst, aber sie belohnt augenblicklich und unaussprechlich. Ich könnte Dich auf allerlei Eigenheiten in mir vorbereiten, aber lieber will ich sie von Dir selbst finden lassen. Deine Blicke in meine Seele müssen Dein eigen sein, was Du selbst entdeckst, wirst Du desto glücklicher und desto feiner anwenden. Irre Dich nicht an den seltsamen Gestalten meiner Seele, die oft in schnellen Übergängen wechseln. Sie haben mit unserer Liebe nichts zu tun. Diese schnelle Beweglichkeit meiner Seele ist eine Eigenheit in mir, daran Du Dich nach und nach gewöhnen musst. Wie freue ich mich der Zukunft, die uns alles dieses mit einem sanften Lichte unvermerkt aufhellen wird.
Heute ist Dein Brief an meine Mutter fortgegangen. Es wird ein glücklicher Augenblick für sie sein, wenn sie ihn erhält. Ich schreibe morgen an die ch[ère] M[ère] und will sie pressieren. Ihr müsst es aber auch, oder vielmehr Caroline.
Carolinen kann ich heute nicht mehr schreiben. Den Augenblick muss dieser Brief fort, sonst wird die Post geschlossen und Ihr erhaltet morgen gar nichts.
Ich schließe Euch an meine Seele. Ach, Ihr seid mir immer zur Seite – Lebt wohl, meine Liebe. Morgen erhalte ich Briefe von Euch. Ich erwarte sie mit Sehnsucht. Tausendmal umarme ich Dich. Adieu.
S.
Wilhelm von Humboldt
(1767-1835)
an seine Braut / Frau Caroline und
an Johanna Motherby
Der eng mit den Dichtern der deutschen Klassik verbundene Humanist Humboldt heiratete 1791 die ausgesprochen gebildete Caroline von Dacheröden, eine Jugendfreundin von Charlotte von Lengefeld, Schillers späterer Frau. Ihr eheliches Verhältnis, wie es sich in ihrem Briefwechsel manifestierte, wurde zu einem Vorbild für die bürgerliche Ehe der Zeit, doch später führten sie eine Art offene Beziehung, im Zuge derer Humboldt ein Verhältnis mit Johanna Motherby unterhielt und Caroline mit Wilhelm von Burgsdorff.
an Caroline von Dacheröden
[Göttingen] den 1. [September] 1788
Ach! Lina, heute sind’s 8 Tage, seit ich Dich nicht sah! Warum konnt’ ich sie nicht zu der Länge eines Lebens ausdehnen, die Augenblicke, da ich in wonnevoller Entzückung in Deinen Armen lag! Auch Du warst ja glücklich. Ich las es aus Deinen Blicken. Und sagtest Du mir nicht selbst:
»Ich bin immer glücklich, Wilhelm, wenn ich andere glücklich mache!« Und, machtest Du mich nicht glücklich? Was ich empfand, als ich beim Wegreisen wieder durch Burgörner, als ich vor der Laube vorbeikam, wo ich jene namenlosen Freuden genossen hatte, als ich Dein Haupt sah, als ich, wo ich hinblickte, eine Stelle sah, wo ich mit Dir gestanden, mit Dir gegangen, wo ich so unendlich glücklich gewesen war! Und die Nacht darauf, ich ritt die Nacht durch – verzeih, Du wolltest es nicht, aber ich war schon länger geblieben, ich musste eilen –, wie war mir da so weh, so bang und doch dabei wie wohl, denn ich war so allein, die ganze Natur – und das habe ich so gern – sympathisierte mit meinem Gefühl. Es war so finster um mich her, lauter düstere Regengewölke, nur hie und da ein fernes Wetterleuchten. Ich kam durch ein Dorf durch, wo ich Musik und Tanz fand. Den Eindruck kann ich Dir nicht beschreiben. Diese lärmende Freude in dem Augenblick, da mein Herz so wehmütig gestimmt, da es nur für die sanfteren, stilleren Gefühle, zu welchen die Wehmut selbst gehört, empfänglich war – ich ritt, so schnell ich konnte, fort. Und nun, seitdem ich hier bin, leb’ ich und bin ich noch immer bei Dir. Der Gedanke der Trennung hat meine Seele noch keinen Augenblick verlassen, ich kann selbst meinen vertrauteren Freunden, deren ich doch auch einige hier habe, noch nicht das wieder sein, was ich ihnen sonst war. Ich bin zu voll von dem Gefühl, Dich besessen und Dich wieder verloren zu haben. Ach, verzeih mir, Lina, Dein Wilhelm ist schwach, den Gedanken der Trennung kann sein Herz oft nicht tragen. Aber es wird austoben, dieses dumpfe Gefühl, und dann wird übrigbleiben, was allein unser und unsrer heiligen Verbindung ganz würdig ist, jene erhabene, genügsame Liebe, die die Seelen verschwistert, wenngleich weite Räume die Körper trennen.
Und was machst Du denn, meine traute, liebe, süße Lina?
Ach, auch in Deinen Augen las ich tiefes Gefühl des Schmerzes bei der ersten Trennung nach kurzem Genuss. Du batest mich noch so, zu bleiben; es hätte Dich glücklicher gemacht. Wie es mir durch die Seele ging, Dir, Dir Einziggeliebten, das abzuschlagen! Und doch musste ich es. Ach, hätte ich bleiben können, nie trennte ich mich von Deiner Seite. – Aber nicht wahr, Lina, wir sind doch jetzt weit, weit glücklicher, als wir ehemals waren? Wir haben uns nun gesehen, Du hast mich Bruder, ich Dich Schwester gegrüßt, wir haben die Frucht der Liebe unsres Karls, die seligen Freuden der Verbindung genossen. Unsre Seelen sind jetzt einander näher. O Lina, wie soll ich Dir danken für das, was Du mir gabst in jenen Stunden, da ich an Deinem Busen lag, ungestört und ohne Zeugen? Ach, ich wagte es nicht, diese Liebe zu hoffen. Furchtsam harrte ich Dein in der Laube. Wird sie mich auch lieben? fragte ich mich oft. Oh, ich glaube so selten, geliebt zu werden. Das macht mich oft sehr unglücklich. Sage mir, meine Lina, woher das kommt? …
Ich habe Dir ein zeigbares Briefchen geschrieben. Sage mir’s, ob’s so gut war. Ich kann gar nichts schreiben, wenn mein Herz kein Teil nehmen darf …
Lebe nun wohl, Freundin meiner Seele, Geliebte, Schwester! Lebe wohl, sei glücklich! O Lina, Du wirst geliebt, und wer geliebt wird, ist nie ganz unglücklich. Lebe wohl und liebe ewig
Deinen Wilhelm
Caroline an Humboldt
Erfurt, Freitagabend [6. Mai 1791]
Ach, Wilhelm, wem könnte sich Deine Seele entfalten, wer diese Zartheit der Gefühle, diese anspruchslose Größe, diesen Zauberglanz der Schönheit in Dir bewundern und nicht, entflammt von heißer Begierde, tiefer in Dich sich zu versenken, neue Kräfte in sich fühlen und erhöhten Mut? Und in wessen Seele kann all das tiefer glühen als in der meinigen? – Wer hat Dich gesehen, wer wird Dich noch sehen, wie ich Dich sah? Oh, nur einmal im menschlichen Leben und nur dem Blick unendlicher Liebe erschließt sich so die Seele – einem Wesen und keinem vor ihm und keinem mehr durch die Dauer der Ewigkeit. Ihm blüht es, vor ihm lebt und webt es und fühlt sich in seinem ursprünglichsten Sein, je wahrer es das andere aufnimmt, je inniger es in ihn überfließt, je unaussprechlicher es eins mit ihm wird.
Humboldt an Johanna Motherby
Berlin, den 7. März 1810
Mir ist ein Wesen wie Sie nie erschienen; Sie haben wieder Gefühle in mir erschlossen, die ich für tot und abgestorben hielt; ich bin auch so unendlich gewiss, dass das immer gleich und unverändert in mir bleiben wird, dass ich die Erinnerung dieser Vergangenheit und die Hoffnung selbst einer gleich schönen Zukunft nicht mehr von meinem Dasein abtrennen kann. Auch in Ihnen, Liebe, muss jeder Zweifel deshalb verbannt sein. Sie müssen gefühlt haben, dass jeder meiner Blicke, jedes meiner Worte tief aus meinem Innern hervorkam, dass die Gefühle, die ich mich nicht scheue, einzugestehen, mit allen übrigen tief und fest in mir gewurzelten harmonisch verbunden waren, dass ich nie von Ihnen etwas forderte, ja nie gern in Ihnen nur geduldet hätte, was die gleiche Harmonie in Ihnen hätte stören können. Und Sie sehen jetzt, dass es ebenso auch, da ich abwesend bin, in mir geblieben ist. Auch in der unbeschränktesten Freiheit, die man der Empfindung ewig erhalten muss, gibt es ein immer die Unveränderlichkeit verbürgendes Gefühl und wieder ein Zusammenstimmen der Wesen, über das hinaus es nun kein höheres mehr geben kann. Ein wunderbarer Zufall oder vielmehr ein Schicksal, dem ich immer dankbar sein werde, hat mir Sie zugeführt, es ist durch Sie vieles in mir entstanden, das ich nie gedacht hatte, und nichts, was ehemals in mir war, hat sich gehemmt und unterdrückt gefühlt; ich gäbe mein Leben darum, Sie zufriedener und glücklicher zu machen, ich weiß auch, dass ich nicht leicht je aufhören kann, in Ihr Empfinden und Denken verwebt zu sein, ich fühle noch lebendiger, dass ich Ihnen noch viel sein kann, wenn Sie nur in sich den Glauben an mich erhalten, und so bin ich, seit ich Sie kenne, unendlich reiner mit mir selbst, abgeschlossener in allen Wünschen und Erinnerungen, oft weniger glücklich, aber doch mehr Eins mit mir und allem, was mich umgibt. Das weniger glücklich muss Sie nicht schmerzen, liebe Freundin. Es gibt leidenschaftliche Augenblicke, von denen Ruhe und Glück fern sind, die aber, wer das wahre Leben versteht, nie aus sich wegwünscht. Es ist nicht notwendig, glücklich zu sein, aber unerlässlich, seine eigentliche, tiefe Bestimmung zu erfüllen; auch der Seidenwurm mag nicht glücklich sein, wenn er sich einspinnt, aber es gibt ein Gefühl, das weit mehr als Glück ist, die Ruhe der Wehmut, und die geht allemal aus der Erfüllung der Bestimmung hervor. Die Bestimmung aber ist in jedem Menschen eine eigene, auch findet man sie nie, wenn man danach sucht; aber in Momenten der Rührung, im Zusammensein mit Gleichgestimmten oder in der Einsamkeit mit sich selbst, geht sie hervor wie eine Flamme im Dunkel, und wer nicht willkürlich die Augen verschließt, verkennt sie nie. Daran halten auch Sie sich, meine Liebe, wenn Sie sich verlassen fühlen. Eigentlich sind Sie es nie. Es gibt Gedanken, die Sie immer umgeben, und Gedanken stärken auch in der Ferne – – –
[undatiert]
Dann werde ich Dich immer tiefer erkennen, immer mehr anbeten und lieben, wenn ich es mehr könnte. Und das ist das Wunderbare der Liebe, dass man es immer kann. Ich zähle die Stunden, bis ich Deinen ersten Brief habe. Dann kann ich jeden achten Tag auf einen neuen rechnen. Welche Seligkeit. Es gibt nur zwei unwandelbare Dinge: die Sterne im Himmel und die Liebe und Treue des Weibes auf Erden. Gott! Wenn Du einmal nicht schreiben, wenn Du es vergessen, etwas anderes vorziehen, es unterlassen könntest, weil ich geschwiegen hätte. Aber verzeih’ den sträflichen Gedanken. Es kann nicht sein. Du bist treu und liebend. – Ich muss Dir sehr sonderbar vorkommen, aber ich bin einmal anders wie andere, und Du hast mich gewollt, wie ich bin, sonst hättest Du nie meine innersten Gefühle beschworen. Wenn Du es verlangtest, konnte ich mit Dir sein wie mit andren Menschen und in der Brust verschließen, was höher und würdiger ist. Es hat nie ein Mensch solch eine unendliche Gewalt über mich besessen, und keiner das eigne Glück mehr verschmäht. Aber es ist mir zurückgekommen, wie verschmähte Liebe sich anschmiegt, und wenn der glücklich ist, der nichts in und um sich abändern möchte, der genießend hängt am Gelungenen und Heitren und an des Schicksals Missgunst und dem Schmerz, der immer eins ist mit sich und nie zürnt mit dem Schicksal, der nie einem andren, auch keinem Kinde, ein Haar krümmte und, wo er Schmerz machte, mit Liebe zahlte, so habe ich nichts zu wünschen übrig. Auch glaubst Du nicht, holdes Kind, wie ruhig ich des Todes gedenke. Er kommt mir nicht anders vor als ein ruhiges Ausstrecken und ein sorgenloses Liegen in freundlicher Erde. Aber ich weiß nicht, was ich habe, dass ich immer auf Gedanken mit Dir komme, die sich tiefer bewegen müssen. Ich möchte Dir heiter und leicht schreiben, um Dich froh und heiter zu machen. Aber es will mir nicht gelingen, meine Gefühle sind zu tief, dass ich – – – –
Ich umarme Dich tausendmal. Lebe wohl!
Napoleon Bonaparte
(1769-1821)
an Kaiserin Joséphine
Napoleon verliebte sich zunächst in die Schwester der Frau, um deren Hand sein Bruder warb, brach die Beziehung jedoch wenige Jahre später ab, um die sechs Jahre ältere Joséphine zu heiraten. Joséphine war im Alter von nur 15 Jahren mit dem Mann verheiratet worden, dem eigentlich ihre jüngere Schwester versprochen worden war, die jedoch an Tuberkulose starb. Die Ehe hielt nur sechs Jahre. Napoleon heiratete Joséphine aus Liebe, aber die Verbindung brachte ihm auch viele politische Vorteile. Joséphine ehelichte den General unter anderem, weil ihr damaliger Liebhaber ihr dazu riet. Ihren ausschweifenden Lebensstil und ihre Liebhaber behielt sie auch nach der Heirat. Im Jahr 1804 krönte Napoleon Joséphine eigenhändig zur Kaiserin, ein Titel, den sie auch nach der »Vernunftscheidung« wegen Kinderlosigkeit im Jahre 1810 behielt.
Marmirolo, den 29. MessiJor, 9 Uhr abends.
[17. Juli 1796]
Ich habe Deinen Brief erhalten, meine anbetungswürdige Freundin; er hat mein Herz mit Freude erfüllt. Tausend Dank für die Mühe, die Du Dir genommen, mich über Dein Befinden zu benachrichtigen; heute wird es Dir gewiss besser gehen, ja ich bin sicher, dass Du gesund bist. Ich rate Dir dringend zu reiten; es wird nicht verfehlen, auf Deine Gesundheit wohltuend zu wirken.
Seit ich Dich verlassen, bin ich stets traurig gewesen; glücklich bin ich nur in Deiner Nähe. Fortwährend denke ich im Geiste an Deine Küsse, Deine Tränen, Deine reizende Eifersucht, und der Zauber der unvergleichlichen Joséphine entfacht immer von Neuem die wildglühende Flamme meines Herzens und meiner Sinne. Wann werde ich endlich, frei von Sorgen und Geschäften, all meine Zeit bei Dir verbringen können, nichts anderes zu tun haben, als Dich zu lieben, an nichts anderes zu denken brauchen als an das Glück, es Dir zu sagen und zu beweisen? Ich werde Dir Dein Pferd schicken, hoffe aber, dass Du mir bald nachkommen kannst. Vor einiger Zeit glaubte ich, Dich zu lieben, aber seitdem ich Dich gesehen, fühle ich, dass ich Dich noch tausendmal mehr liebe. Seitdem ich Dich kenne, bete ich Dich täglich mehr an, das beweist, wie falsch der Grundsatz La Bruyeres ist: Die Liebe kommt mit einem Male. Alles in der Natur geht seinen Gang und hat seine verschiedenen Grade der Steigerung. Ach! lass mich, ich bitte Dich, wenigstens einige Deiner Fehler sehen! Sei weniger schön, weniger anmutsvoll, weniger zärtlich, weniger gut; besonders sei niemals eifersüchtig, weine niemals; Deine Tränen bringen mich um die Vernunft, erhitzen mein Blut. Glaube mir, es steht nicht mehr in meiner Macht, auch nur einen Gedanken zu haben, der nicht Dir gehörte, eine Idee, die ich nicht Dir unterbreitete.
Ruhe Dich nur gut aus. Erhole Dich recht schnell und komme mir nach, damit wir wenigstens, ehe wir sterben, sagen können: Wir verlebten so viele glückliche Tage!
Millionen Küsse, selbst für Fortune [Joséphines Schoßhund], trotz seiner Garstigkeit.
Bonaparte.
Brescia, den 13. Fructidor des Jahres IV.
[10. August 1796]
Ich komme eben an, meine angebetete Freundin, mein erster Gedanke ist, Dir zu schreiben. Dein Wohlbefinden und Dein Bild sind nicht einen Augenblick während der ganzen Reise aus meinem Gedächtnis entschwunden, und ich werde nicht früher ruhig, als bis ich einen Brief von Dir habe. Ich harre mit Ungeduld darauf. Du kannst Dir meine Sorge um Dich nicht vorstellen. Ich verließ Dich traurig, kummervoll und halb krank. Wenn Dich die tiefste und zärtlichste Liebe glücklich machen könnte, müsstest Du es sein … Die Geschäfte erdrücken mich fast.
Leb wohl, meine süße Joséphine; liebe mich, lass Dir’s gut gehen und denke oft, oft an mich.
Bonaparte.
Verona, den 3. Frimaire des Jahres V.
[13. November 1796]
Ich liebe Dich gar nicht mehr; im Gegenteil ich verabscheue Dich. Du bist hässlich, ungeschickt, dumm, unansehnlich. Du schreibst mir nie, liebst Deinen Mann nicht; Du weißt genau, welches Vergnügen Deine Briefe ihm bereiten und schreibst ihm nicht einmal ein paar hingeworfene Zeilen!
Was tun Sie denn den ganzen Tag, Madame? Welches wichtige Geschäft raubt Ihnen die Zeit, an Ihren Herzallerliebsten zu schreiben? Welche Neigung erstickt und schiebt die Liebe beiseite, jene zärtliche, beständige Liebe, die Sie mir versprachen? Wer kann der ausgezeichnete Geliebte sein, der Ihre ganze Zeit in Anspruch nimmt, der über Ihre Tage verfügt und Sie verhindert, sich mit Ihrem Manne zu beschäftigen? Joséphine, nehmen Sie sich in acht; in einer schönen Nacht werden die Türen eingedrückt werden, und ich stehe vor Ihnen.
Ich bin wirklich besorgt, meine liebe Freundin, so lange nichts von Dir zu hören; schreibe mir schnell vier Seiten voll der liebenswürdigen Dinge, die mein Herz mit Freude und Glück erfüllen.
In Kurzem hoffe ich, Dich in meine Arme zu schließen und Dich mit einer Million Küssen, so heiß wie unter dem Äquator, zu bedecken.
Bonaparte.
Brünn, den 19. Frimaire des Jahres XIV.
[10. Dezember 1805]
Ich habe lange nichts von Dir gehört. Lassen die schönen Feste von Baden, Stuttgart und München denn die armen Soldaten, die mit Staub, Regen und Blut bedeckt sind, ganz und gar vergessen?
Ich gedenke, in Kurzem nach Wien zu gehen. Man ist mit der Abschließung des Friedens beschäftigt. Die Russen sind fort und suchen das Weite; sie kehren tüchtig geschlagen und recht gedemütigt nach Russland zurück.
Ich möchte gern bald wieder bei Dir sein.
Leb wohl, meine Freundin. Mein Augenleiden ist geheilt.
Napoleon.
Warschau, den 18. Januar 1807.
Ich fürchte, Du machst Dir viel Kummer über unsere Trennung, die noch um einige Wochen verlängert werden muss, sowie über Deine Rückkehr nach Paris. Ich verlange, dass Du mehr Charakterstärke zeigst! Man sagt mir, Du weinst beständig: pfui, wie hässlich das ist! Dein Brief vom 7. Januar bereitet mir Schmerz. Sei meiner würdig und zeige mehr Festigkeit. Repräsentiere auf würdige Weise in Paris, und sei vor allen Dingen froh!
Ich befinde mich sehr wohl und liebe Dich sehr; aber wenn Du immer weinst, halte ich Dich für mut- und charakterlos. Ich mag feige Menschen nicht leiden; eine Kaiserin muss Mut besitzen!
Napoleon.
Diesen Brief schrieb Napoleon an Joséphine nur eine Woche nach der Scheidung am 10.1.1810:
Trianon, den 17. Januar 1810.
Meine Freundin, Audenarde, den ich heute Morgen zu Dir sandte, sagte mir, dass Du allen Lebensmut verloren hättest, seitdem du in Malmaison wärest. Und doch ist dieses Schloss Zeuge unseres Glücks und unserer Gefühle gewesen, die sich niemals verändern können noch dürfen, wenigstens nicht von meiner Seite aus.
Ich möchte Dich sehr gern besuchen, allein erst muss ich wissen, ob Du auch stark genug bist und nicht schwach; ich bin es auch ein wenig und leide sehr.
Leb wohl, Joséphine, gute Nacht! Wenn Du an mir zweifeltest, wärest Du recht undankbar.
Napoleon.
Ludwig van Beethoven
(1770-1827)
an die »Unsterbliche Geliebte« und an Bettina Brentano / von Arnim
An wen Beethoven seinen berühmten Brief »An die Unsterbliche Geliebte« schrieb, weiß man bis heute nicht. Eine mögliche Kandidatin ist Antonie Brentano, die er 1810 durch ihre Schwägerin Bettina kennenlernte und der er das Originalmanuskript seines Liedes An die Geliebte schenkte. Beethoven und Bettina Brentano, die 1811 Achim von Arnim heiratete, bewunderten sich gegenseitig aufs Tiefste.
an die »Unsterbliche Geliebte«
Am 6. Juli, Morgens.
Mein Engel, mein Alles, mein Ich – nur einige Worte heute, und zwar mit Bleistift – mit Deinem, erst bis morgen ist meine Wohnung sicher bestimmt, welcher nichtswürdige Zeitverderb in d[er]g[leichen] – warum dieser tiefe Gram, wo die Notwendigkeit spricht. – Kann unsre Liebe anders bestehen als durch Aufopferungen, durch nicht alles Verlangen, kannst Du es ändern, dass Du nicht ganz mein, ich nicht ganz Dein bin. – Ach Gott, blicke in die schöne Natur und beruhige Dein Gemüt über das Müssende. – Die Liebe fordert alles und ganz mit Recht, so ist es mir mit Dir, Dir mit mir – nur vergisst Du so leicht, dass ich für mich und für Dich leben muss, wären wir ganz vereinigt, Du würdest dieses Schmerzliche ebenso wenig als ich empfinden – meine Reise war schrecklich, ich kam erst morgens 4 Uhr gestern hier an, da es an Pferden mangelte, wählte die Post eine andere Reiseroute, aber welch schrecklicher Weg, auf der letzten Station warnte man mich, bei Nacht zu fahren, machte mich einen Wald fürchten, aber das reizte mich nur – und ich hatte unrecht, der Wagen musste bei dem schrecklichen Wege brechen, grundlos, bloßer Landweg – ohne solche Postillione, wie ich hatte, wäre ich liegen geblieben unterwegs – Esterhazi hatte auf dem andern gewöhnlichen Wege hierfür dasselbe Schicksal mit acht Pferden, was ich mit vier – jedoch hatte ich zum Teil wieder Vergnügen, wie immer, wenn ich was glücklich überstehe. – Nun geschwind vom Innern zum Äußern, wir werden uns wohl bald sehen, auch heute kann ich Dir meine Bemerkungen nicht mitteilen, welche ich während dieser einigen Tage über mein Leben machte – wären unsre Herzen immer dicht aneinander, ich machte wohl keine d[er]g[leichen]. Die Brust ist voll, Dir viel zu sagen – ach – es gibt Momente, wo ich finde, dass die Sprache noch gar nichts ist. – Erheitre Dich – bleibe mein treuer einziger Schatz, mein Alles, wie ich Dir, das Übrige müssen die Götter schicken, was für uns sein muss und sein soll. –
Dein treuer Ludwig.
Abends, Montags, am 6. Juli.
Du leidest, Du mein teuerstes Wesen – eben jetzt nehme ich wahr, dass die Briefe in aller Frühe aufgegeben werden müssen. Montags – Donnerstags – die einzigen Tage, wo die Post von hier nach K. geht. – Du leidest – ach, wo ich bin, bist Du mit mir, mit mir, und Dir werde ich machen, dass ich mit Dir leben kann, welches Leben!! so!! ohne Dich – verfolgt von der Güte des Menschen hier und da, die ich meine – ebenso wenig verdienen zu wollen, als sie verdienen – Demut des Menschen gegen den Menschen – sie schmerzt mich – und wenn ich mich im Zusammenhang des Universums betrachte, was bin ich und was ist der – den man den Größten nennt – und doch – ist wieder hierin das Göttliche des Menschen – ich weine, wenn ich denke, dass Du erst wahrscheinlich Sonnabends die erste Nachricht von mir erhältst – wie Du mich auch liebst – stärker liebe ich Dich doch – doch nie verberge Dich vor mir – gute Nacht – als Badender muss ich schlafen gehn – ach Gott – so nah! so weit! ist es nicht ein wahres Himmelsgebäude, unsre Liebe, aber auch so fest, wie die Feste des Himmels. –
Guten Morgen am 7. Juli.
Schon im Bette drangen sich die Ideen zu Dir, meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig, vom Schicksale abwartend, ob es uns erhört – leben kann ich entweder nur ganz mit Dir oder gar nicht, ja, ich habe beschlossen, in der Ferne so lange herumzuirren, bis ich in Deine Arme fliegen kann und mich ganz heimatlich bei Dir nennen kann, meine Seele von Dir umgeben ins Reich der Geister schicken kann – ja leider muss es sein, Du wirst Dich fassen umso mehr, da Du meine Treue gegen Dich kennst, nie eine andre kann mein Herz besitzen, nie – nie – o Gott, warum sich entfernen müssen, was man so liebt, und doch ist mein Leben in W., so wie jetzt, ein kümmerliches Leben. – Deine Liebe macht mich zum Glücklichsten und Unglücklichsten zugleich – in meinen Jahren jetzt bedürfte ich einiger Einförmigkeit, Gleichheit des Lebens – kann diese bei unserm Verhältnisse bestehn? – Engel, eben erfahre ich, dass die Post alle Tage abgeht – und ich muss daher schließen, damit Du den B. gleich erhältst – sei ruhig, nur durch ruhiges Beschauen unsres Daseins können wir unsern Zweck, zusammen zu leben, erreichen – sei ruhig – liebe mich – heute – gestern – welche Sehnsucht mit Tränen nach Dir – Dir – Dir, mein Leben – mein Alles – leb wohl – o liebe mich fort. – Verkenne nie das treuste Herz Deines Geliebten
ewig Dein
ewig mein
ewig uns.
an Bettina Brentano / von Arnim
Wien, LI. August 1810
Teuerste Freundin!
Kein schönerer Frühling als der heurige, das sage ich und fühle es auch, weil ich Ihre Bekanntschaft gemacht habe. Sie haben wohl selbst gesehen, dass ich in der Gesellschaft bin wie ein Fisch auf dem Sand, der wälzt sich und wälzt sich und kann nicht fort, bis eine wohlwollende Galathee ihn wieder in das gewaltige Meer hineinschafft. Ja, ich war recht auf dem Trockenen, liebste Freundin, ich ward’ von Ihnen überrascht in einem Augenblick, wo der Missmut ganz mein Meister war, aber wahrlich, er verschwand mit Ihrem Anblick, ich habe es gleich weg gehabt, dass Sie aus einer andern Welt sind als dieser absurden, der man mit dem besten Willen die Ohren nicht auftun kann. Ich bin ein elender Mensch und beklage mich über die andern!!
Das verzeihen Sie mir wohl mit Ihrem guten Herzen, das aus Ihren Augen sieht, und mit Ihrem Verstand, der in Ihren Ohren liegt – zum wenigsten verstehen Ihre Ohren zu schmeicheln, wenn Sie zuhören. Meine Ohren sind leider eine Scheidewand, durch die ich keine freundliche Kommunikation mit Menschen leicht haben kann. Sonst vielleicht! – hätte ich mehr Zutrauen gefasst zu Ihnen, so konnte ich nur den großen gescheuten Blick Ihrer Augen verstehen, und der hat mir zugesetzt, dass ich’s nimmer vergessen werde. – Liebe Freundin, liebstes Mädchen – die Kunst! Wer versteht die? – Mit wem kann man sich bereden über diese große Göttin … – – – wie lieb sind mir die wenigen Tage, wo wir zusammen schwatzten, oder vielmehr korrespondierten, ich habe die kleinen Zettel alle aufbewahrt, auf denen Ihre geistreichen lieben, liebsten Antworten stehen, so habe ich meinen schlechten Ohren doch zu verdanken, dass der beste Teil dieser flüchtigen Gespräche aufgeschrieben ist.
Seit Sie weg sind, habe ich verdrießliche Stunden gehabt, Schattenstunden, in denen man nichts tun kann, ich bin wohl an drei Stunden in der Schönbrunner Allee herumgelaufen, als Sie weg waren, aber kein Engel ist mir da begegnet, der mich gepackt hätte wie Du Engel – verzeihen Sie, liebste Freundin, diese Abweichung von der Tonart, solche Intervalle muss ich haben, um meinem Herzen Luft zu machen. Und Goethe haben Sie von mir geschrieben, nicht wahr? Dass ich meinen Kopf möchte in einen Sack stecken, wo ich nichts höre und nichts sehe von allem, was in der Weh vorgeht, weil Du, liebster Engel, mir doch nicht begegnen wirst, aber einen Brief werde ich ja doch von Ihnen erhalten, die Hoffnung nährt mich, sie nährt ja die halbe Welt, und ich habe sie mein Lebtag zur Nachbarin gehabt, was wäre sonst mit mir geworden! Ich schicke hier mit eigner Hand Kennst Du das Land als eine Erinnerung an die Stunde, wo ich Sie kennenlernte, ich schicke auch das andere, was ich komponiert habe, seit ich Abschied von Dir genommen habe, liebes, liebstes Herz!
Herz, mein Herz, was soll das geben,
Was bedränget dich so sehr;
Welch ein neues fremdes Leben,
Ich erkenne dich nicht mehr.
Ja, liebste Freundin, antworten Sie mir hierauf, schreiben Sie mir, was es geben soll mit mir, seit mein Herz solch ein Rebeller geworden ist. Schreiben Sie Ihrem treuesten Freund
Beethoven
Töplitz, 15. August 1812
Liebste, gute Freundin!
Könige und Fürsten können wohl Professoren machen und Geheimräte und Titel und Ordensbänder umhängen, aber große Menschen können sie nicht machen, Geister, die über das Weltgeschmeiß hervorragen, das müssen sie wohl bleiben lassen zu machen, und damit muss man sie in Respekt haben – wenn so zwei zusammenkommen wie ich und der Goethe, da müssen die großen Herren merken, was bei unser einem als groß gelten kann. Wir begegneten gestern auf dem Heimweg der ganzen kaiserlichen Familie, wir sahen sie von Weitem kommen, und der Goethe machte sich von meinem Arm los, um sich an die Seite zu stellen, ich mochte sagen, was ich wollte, ich konnte ihn keinen Schritt weiterbringen, ich drückte meinen Hut auf den Kopf und knöpfte meinen Überrock zu und ging mit untergeschlagenen Armen mitten durch den dicksten Haufen, Fürsten und Schranzen haben Spalier gemacht, der Herzog Rudolph hat mir den Hut abgezogen, die Frau Kaiserin hat gegrüßt zuerst. – Die Herrschaften kennen mich, ich sah zu meinem wahren Spaß die Prozession an Goethe vorbeidefilieren – er stand mit abgezogenem Hut tief gebückt an der Seite – dann habe ich ihm den Kopf gewaschen, ich gab kein Pardon und habe ihm all seine Sünden vorgeworfen, am meisten die gegen Sie, liebste Freundin, wir hatten gerade von Ihnen gesprochen. Gott, hätte ich eine solche Zeit mit Ihnen haben können wie der, das glauben Sie mir, ich hätte noch viel mehr Großes hervorgebracht. Ein Musiker ist auch Dichter, er kann sich auch durch ein Paar Augen plötzlich in eine schönere Welt versetzt fühlen, wo größere Geister sich mit ihm einen Spaß machen und ihm recht tüchtige Aufgaben machen – was kam mir nicht alles im Sinn, wie ich Sie kennenlernte auf der kleinen Sternwarte während dem herrlichen Mairegen, der war ganz fruchtbar auch für mich. Die schönsten Themas schlüpften damals aus Ihren Blicken in mein Herz, die erst die Welt noch entzücken sollen, wenn der Beethoven nicht mehr dirigiert. Schenkt mir Gott noch ein paar Jahre, dann muss ich Dich wiedersehen, liebste Freundin, so verlangt’s die Stimme, die immer recht behält in mir. Geister können einander auch lieben, ich werde immer um den Ihrigen werben.
Adieu, adieu, Beste, Dein letzter Brief lag eine ganze Nacht auf meinem Herzen und erquickte mich da, Musikanten erlauben sich alles.
Gott, wie liebe ich Sie. Dein treuester Freund und tauber Bruder
Beethoven
Darmowy fragment się skończył.