Czytaj książkę: «Leiblichkeit und Personalität»
Leiblichkeit
und
Personalität
Zum Gedenken an Anna Blume
Herausgegeben von Christoph Jamme

© 2013 unibuch Verlag bei zu Klampen!
Röse 21 · 31832 Springe
www.unibuchverlag.de
Umschlag, Satz: thielen verlagsbuero · Hannover
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
ISBN 9783934900288
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Trauerreden
Bernhard Blume
Angela Lehnert
Hermann Schmitz
Phänomenologische Beiträge zur Erinnerung an Anna Blume
Hermann Schmitz
Die Labilität der Person
Hilge Landweer
Konzentration, Aufmerksamkeit und Ernst als leibliche Phänomene
Kerstin Andermann
Geschlechtlichkeit als Situation
Erinnerungen der Wahlverwandtschaft
Andrea Moldzio
Ruth Dickhoven
Axel Heider
Ingrid Weber-Bemmann
Texte von Anna Blume
Chirurgische Ästhetik
Was bleibt von Gott ?
» Phänomen Cézanne «
Hermann Schmitz
Anna Blume senior
Schlussbemerkung
Über Anna Blume
Kurzbiographie
Schriftenverzeichnis
Fußnoten
Christoph Jamme
Vorwort
Die Philosophin Anna Blume, an die der vorliegende Band erinnern will, hat sich Zeit ihres (leider viel zu kurzen) Lebens mit einer Frage beschäftigt, die auch heute noch sowohl in der phänomenologischen Philosophie als auch in der Ästhetik von größter Relevanz ist: Es geht um »leib-relevante« Aspekte von Raum und Zeit in der zeitgenössischen Kunst. Drei Aspekte dieses Themas waren ihr hier wichtig. Einmal geht es um die phänomenologischen Ansätze der Bestimmung der Leiblichkeit – von Husserl über Merleau-Ponty bis hin zu Hermann Schmitz. Dann werden Raum und Zeit als wesentliche Konstituenten leibmenschlicher Orientierung diskutiert. Und schließlich sollte das in den ersten beiden Teilen theoretisch Erarbeitete an Interpretationen ausgewählter Werke der zeitgenössischen bildenden Kunst überprüft werden. Im Mittelpunkt stehen hier Franz Erhard Walther und Santiago Sierra. Diese drei Teile sollten das Kernstück ihrer geplanten Habilitationsschrift ausmachen, die dann aber leider unvollendet geblieben ist. Allerdings hat Anna Blume zu Lebzeiten noch einige Texte veröffentlichen können, die die Stoßrichtung ihrer geplanten Hauptarbeit zu verdeutlichen vermögen. Der vielleicht wichtigste Text ist ihr Aufsatz über das »Phänomen Cézanne«, der viele ihrer zentralen Themen bündelt und zugleich ein Teilabschnitt der geplanten Habilitationsschrift sein sollte (veröffentlicht wurde er 2008 in der Festschrift zum achtzigsten Geburtstag von Hermann Schmitz, wiederabgedruckt im vorliegenden Band). In diesem Aufsatz versucht sie – ausgehend von den Deutungen von Merleau-Ponty und Boehm sowie der Neuen Phänomenologie –, die Landschaftsbilder wie die berühmte Sainte-Victoire mit Hilfe phänomenologischer Begriffe wie »Primordialität« und »Situativität« in ihren Aspekten »Ganzheitlichkeit«, »Bedeutsamkeit« und »chaotische Mannigfaltigkeit« zu entschlüsseln. Es ist sehr innovativ, wie sie den Begriff der »Situation« von Schmitz her aufnimmt und für eine Interpretation der Bilder Cézannes fruchtbar zu machen sucht. Spannend war auch ihr Vortrag an der FH Detmold, wo es ihr darum ging, eine Theorie der Leib-Räumlichkeit zu entwickeln und für Architekturfragen fruchtbar zu machen. Auch hier zeigte sich wieder der Ursprung ihres Theorieansatzes, nämlich eine grundsätzlich »situativ« ansetzende Phänomenologie zu begründen. Wichtige Forschungsfragen berührt auch ihr gemeinsam mit Christoph Demmerling verfasster Beitrag »Gefühle als Atmosphären?«. Hier analysiert sie die gefühlstheoretischen Überlegungen der Neuen Phänomenologie von Hermann Schmitz und arbeitet erneut die Prädimensionalität des leiblichen Raums heraus. Auch die religiöse Dimension war ihr nicht fremd. In dem Text »Was bleibt von Gott? Ein schwarzes Quadrat?« versucht Anna Blume am Bildbeispiel des »Schwarzen Quadrats« von Kasimir Malewitsch, unter Zuhilfenahme diesbezüglicher Einsichten von Noemi Smolik und Jeannot Simmen, Bazon Brocks generelle Diagnose einer immanenten Religiosität im Projekt der »frühen Moderne« zu verifizieren. Im Weiteren deutet sie das Synagogenprojekt des spanischen Künstlers Santiago Sierra von 2006 und das seit 2002 bekannt gemachte Projekt »Venice Tube« des deutschen Künstlers Gregor Schneider als aktuelle Versuche einer provokanten künstlerischen Grenzüberschreitung und Auseinandersetzung mit der Gefühlssphäre des Religiösen.
Immer wieder werden in den hier präsentierten Texten ihre drei philosophischen Eckpfeiler deutlich: Raum, Zeit und Subjektivität. Ihre primäre Frage zielte zunächst auf Leiblichkeit, also zum Beispiel auf die Frage, ob und wie spezifisch unanschauliche Verspürungen (vergl. insbesondere den Leibbegriff von Hermann Schmitz) überhaupt Bild werden können. Es ging ihr immer um die Frage, wie Künstler auf ihre Weise eben über die Herstellung von Bildern die Phänomenalität von »Selbst« und »Welt« artikulieren.
Ergänzt werden die philosophischen Texte von Aufsätzen (wie dem von H. Schmitz) sowie von Erinnerungen der Familie und des Freundeskreises.
Trauerreden
Bernhard Johannes Blume
Rede für Anna Blume junior
Köln, 25. 6. 2008
Liebe Freunde und Mit-uns-Trauernde.
Wir, d. h. Annas engste Familie und auch ihre hamburgische, wie sie es nannte, »Wahlverwandtschaft«, wir danken Euch für Euer Kommen und Eure Absicht, sie nun gemeinsam mit uns zu ihrem Grab zu bringen. Als Schlusssatz ihrer detailliert geschriebenen bzw. diktierten »letztwilligen Verfügung« ca. drei Wochen vor ihrem Tod, steht da: »Begraben werden muss ich ja wohl. (Am besten Urne … ist aber nicht so wichtig …) Dann bitte in Köln. Bei meiner Oma. Vielleicht gibt es in Hamburg eine kleine Gedenkfeier. Mit Bier, Schnaps und Gesang an der Elbe … oder so … «
Ich habe keine Worte für einen endgültigen Abschied. Ich halte mich deshalb hier an einem vorbereiteten Zettel fest, da steht Anderes drauf. Versuch einer, natürlich inadäquat bleibenden, Würdigung dessen, was Anna Blume jun. dennoch zustande gebracht hat … Das versuche ich gleich.
Wir waren im Übrigen nicht allein mit ihr in den letzten Wochen ihres Lebens. Ihre Freundinnen, ihre »Wahlverwandten«, waren auch hier in Köln – einander ablösend, Tag und Nacht an ihrer Seite, selbst während der Klinikaufenthalte. In dieser Zeit hatten wir eine erweiterte Familie. Über ein halbes Jahr lang lebten wir zwischen Bangen, Hoffen und weggeschobener Gewissheit. Anna selbst machte sich aber sehr bald und eher keine Illusionen. Blieb in ihren Schmerzen und in der Gewissheit, bald zu sterben, freundlich, und nahezu fürsorglich gestimmt; machte sich eher Sorgen noch um uns und ihre Freundinnen, als um sich. In schmerzfreien Phasen mailte sie und telefonierte, schrieb oder diktierte Stücke eines Textes, redete direkt und indirekt vom Todsein, zitierte uns gelegentlich ein vielfach thematisiertes Paradox aus ihrem philosophischen Repertoire: die Unmöglichkeit, im eigenen Vorstellen, ein Nicht(-mehr)-Vorstellen vorzustellen … Ihr Unverfügbares jedenfalls trug sie, nachdem medizinisch objektiv war, dass man ihr nicht mehr helfen könne, mit Fassung.
Was nun kann einer sagen neben dem Sarg der Tochter, einer, der ja doch erwarten durfte, vor und nicht nach seinem Kind zu sterben. Vielleicht doch ein kurzes »abstract«, wie Anna jun. es genannt hätte. Kurze Verweise auf ihre Arbeit in ihrer letzten Zeit. Hieran nämlich hat sie uns in den vergangenen drei bis vier Jahren verstärkt teilnehmen lassen – durch Fragen an uns und durch philosophische Problemstellungen, in die reinzudenken sie uns vielfach aufforderte. Es gibt natürlich eine Reihe universitärer Kommunikatoren in ihrem Arbeitsnetz, Kolleginnen und Kollegen der Universitäten Hamburg, Potsdam und insbesondere Rostock und Lüneburg, die das aus angemessener Distanz besser tun könnten und vielleicht noch tun werden. Aus der von ihr so intensiv und souverän bearbeiteten philosophischen Sparte der »Neuen Phänomenologie«, in der sie – zu ihrer mehrfach sarkastisch geäußerten Genugtuung – inzwischen eher als Abweichlerin galt, kam (bisher) kein Zeichen, von Hermann Schmitz selbst gestern aber ein Brief.
Ein Weniges noch will ich komprimiert und hoffentlich verständlich sagen, denn uns bleibt, einschließlich einiger Minuten Musik, die ihre Mutter auswählte aus einigen, ihr von der Tochter zugeeigneten Platten, nunmehr wenig Zeit: Nach dem Studium der Politik, Jura und Philosophie schrieb Anna Blume eine philosophische Dissertation, die zwar nicht Johann Gottlieb Fichte galt, ihm aber einen wesentlichen Impuls verdankt und nicht zuletzt auch deshalb seiner Direktive folgte: »Was für eine Philosophie man wähle, hängt (sonach) davon ab, was man für ein Mensch ist. Denn ein philosoph. System ist nicht ein todter Hausrath, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat.« In der Spur dieser fichteanischen Direktive und seiner Entdeckung der Subjektivität fand Anna Blume jun. ihren Ansatz, Subjektivität weiterzudenken, über Kant, Fichte, Husserl, Sartre, und Merleau-Ponty hinaus in eine »Neue Phänomenologie«. Denn Fichtes Entdeckung, die beim Ich, das da schreibt, über endlos-reflexive Selbstzuschreibungen das Eigenste schon wieder verfehlt, um in dualistischer Selbstabspaltung allererst darüber zu verfügen, das war faszinierend, als Weg einer radikalen philosophischen Vergewisserung aber nicht mehr gangbar. Kein »todter Hausrath« dagegen ist das Vehikel der eigenen Leiblichkeit, wie diese sich, phänomenologisch aufzeigbar, aus chaotisch-mannigfaltigen Formen leibzuständlicher Gegenwärtigkeit entfaltet in eine je unverwechselbare, affektiv betroffen sich findende Personalität. Annas Dissertation von vor fast zehn Jahren, seinerzeit vom heute 80-jährigen Philosoph und Begründer der Neuen Phänomenologie Hermann Schmitz hochgelobt, was offenbar selten vorkommt, hat den Titel »Scham und Selbstbewusstsein«. Im Untertitel steht: »Zur Phänomenologie konkreter Subjektivität«. Der Verlag Karl Alber hatte sie seitdem fest auf seiner philosophischen Autorenliste. Anna jun. gab für die »Gesellschaft für Neue Phänomenologie« im gleichen Verlag noch zwei Textsammlungen heraus mit je einer umfänglichen Einleitung und einem je eigenen Beitrag. 2005 war das: »Zur Phänomenologie der ästhetischen Erfahrung« und 2007 die Herausgabe der Textsammlung zum Thema eines Symposiums zur Frage: »Was bleibt von Gott? Beiträge zur Phänomenologie des Heiligen und der Religion«. Es bleibt von ihr eine Reihe von Aufsätzen in verschiedenen wissenschaftlichen Zeitschriften, allein oder gemeinsam mit anderen Autoren verfasst. Es bleibt des Weiteren ein von der GNP offenbar bisher nicht so recht wahrgenommener kompakter Lexikonbeitrag für ein englischsprachiges phänomenologisch orientiertes Lexikon mit Annas Einlassung zu einer Phänomenologie der Ästhetik bei Hermann Schmitz … nicht ohne den kritischen Hinweis, dass – zeitgleich und z. T. früher in der Bildkunst der Moderne des 20. Jh. bis hinein in die Kunst der Gegenwart – Phänomene und Phänomenfelder thematisch waren und sind, die in ihrer methodisch artikulierten, bearbeiteten und hierüber bildhaft gemachten Präsenz ein der Phänomenologie historisch vorlaufendes Problembewusstsein entwickelten, das von der »Neuen Phänomenologie« nicht nur nicht gesehen, sondern bisher entschieden ignoriert wurde. Das sollte Thema und Aufarbeitung ihrer Habilitation sein. Denn bisher kommt Bild-Kunst der Gegenwart, als dem objektivierenden Seh-Sinn »verfallen«, neuphänomenologisch nicht vor, und wenn doch und überhaupt, dann nur im kunsthistorischen Rückblick und abgesicherten Zitat. Anna jun. aber wollte Ernst machen auch in ästhetischer Theorie mit jenem Aufgabenfeld aus einem »Hier, Jetzt, Dasein, Dieses, Ich.«
Wir zitierten Ernst Mach in der Ihnen zugesandten Todesanzeige: Das ist eine Grunderfahrung, aus der Ernst Mach und seine neurophysiologischen Hinterherdenker noch bis heute den falschen Schluss zogen und ziehen. Anders die bildenden Künstler, mit ihren auf Bild-Flächen bearbeiteten Betroffenheiten. Mit dieser Erfahrung, sozusagen in phänomenologisch geläuterter Distanz kehrte Anna jun. noch einmal zurück ins »Atelier«. Wir hatten die Freude, nach langen Jahren freundlicher Distanz gegenüber den Aktualitäten im Kunstbetrieb zusammen mit ihr und in Perspektive ihres phänomenologisch interessierten Blicks erneut durch Ausstellungen zu wandern. Wir hatten die Freude und Genugtuung, nun mit ihr über künstlerische Projekte und ästhetische Probleme zu diskutieren, was über die Zeit ihrer intellektuellen Verselbständigung nicht möglich war. Nun also gab es auf ihrer Seite noch eine »phäno-philosophische« Motivation.
Ein Habilitationsstipendium der Universitäten Lüneburg und Macerata in Italien ermöglichte ihr einen Ausstieg aus diversen Nebenjobs … und ihre Philosophiestudentinnen und -studenten in Lüneburg, Hamburg und in Potsdam konnten sich sehr bald von ihr phänomenologisch einweisen lassen in jene, besonders anschaulich bei Künstlern und anderen Randgängern zu diagnostizierenden Betroffenheiten und ihre Strategien, sie auf ästhetische Distanz zu bringen. Eine noch längst nicht ausdifferenzierte Arbeit über das »Phänomen Cézanne« ist vor-abgedruckt in der Festschrift zum 80. Geburtstag von Hermann Schmitz, worüber sie sich noch freute. Ergänzungen hierzu und Vorarbeiten für zwei nächste Projekte auf ihrer virtuellen Liste phänomenologischer Exkurse in die Malerei finden sich auf vielen Notizzetteln und als Randbemerkungen in ihren Büchern.
Acht Wochen durften wir die schon sehr kranke und aller Hoffnung auf Gesundung beraubte junge Philosophin hier in Köln, in der Umgebung ihrer Kindheit noch pflegen, betreuen und dabei ihre Gefasstheit und zeitweilige Gelassenheit erleben und bewundern. Es gab kein Lamento und kein Selbstmitleid. Wir alle hatten oft das Gefühl, dass sie ihrerseits auch uns »betreute« und tröstete. Die von uns in der Anzeige zitierte sogenannte (Ernst-)Mach-Erfahrung, auf die sie uns kurz vorm Tod noch einmal hinwies, möchte ich hier zum Schluss noch einmal zitieren: »An einem heiteren Sommertag im Freien erschien mir mit einmal die Welt samt meinem Ich als eine zusammenhängende Masse von Empfindungen, nur im Ich stärker zusammenhängend. Obgleich die eigentliche Reflexion sich erst später hinzugesellte, so ist doch dieser Moment für meine ganze Anschauung bestimmend geworden … « (Ernst Mach, »Analyse der Empfindungen«).
Dieser Moment, so weiß ich, ist für eine philosophische Rekonstruktion solcher Erfahrungen sowohl in der Kunst als auch im wirklichen Leben für die von uns gegangene junge Philosophin bestimmend geworden.
Angela Lehnert
Trauerrede für Anna Blume
Köln, am 25. 6. 2008
Liebe Anna-Mutter, lieber Bernd, liebe Freunde,
wir nehmen heute Abschied von Anna Blume.
Von Anna als Tochter und Schwester, von Anna als Freundin und Geliebte, von Anna, dem besonderen, einzigartigen Wesen mit seinen so besonderen Wesensmerkmalen. Es ist ein schrecklicher Abschied für uns, die wir sie so über alles geliebt haben.
Ich möchte einen Blick werfen auf Annas Denken, das so viel ihres Fühlens enthält. Die großen Themen ihres philosophischen Denkens sind die Leiblichkeit, das Erkenntnisvermögen, der Tod. Die sogenannte »Neue Phänomenologie« des Philosophen Hermann Schmitz, der sich Anna mit ihrer Dissertation genähert hat, bietet ungewöhnliche und in unserer Zeit des Psychologismus unerwartete Antworten auf diese alten und ewig neuen philosophischen Fragen. Schmitz definiert den von ihm so genannten »Leib« als Gesamtheit aller spürbaren Phänomene – in Abgrenzung zu unserem Begriff des Körpers oder auch der Psyche. Der Leib ist die Summe unseres leiblichen und seelischen Fühlens. Nach Schmitz folgt dieser Leib zwei Grundtendenzen: der »Engung« und der »Weitung«.
Engung und Weitung – diese beiden Grundtendenzen sind in vielerlei Hinsicht charakteristisch für Annas Fühlen und Denken. Engung – wie oft hat sie sie erfahren in ihren zahlreichen ausgeprägten Ängsten – Existenzängsten zu ihrem eigenen Fortkommen, Ängsten vor dem Alleinsein und Verlassenwerden, Ängsten vor dem Tod. Wir alle, die mit ihr gelebt haben, wissen von zahlreichen Situationen, wo wir ihre Ängste lindern, trösten und philosophisch widerlegen mussten, um ihr Herz zu beruhigen. Doch auch Weitung, die einheitsauflösende, in die Weite und ins Chaos tendierende Grundbestrebung des leiblichen Fühlens, bildet eine Grundkoordinate in Annas Leben und Fühlen. Sie ging auf in dem was sie tat, und sie liebte alles, was den Blick weitet. Sie liebte den Wind auf der Haut, sie liebte ihr schnelles Fahrrad, und sie liebte es, sich im Licht zu bewegen. Anna liebte auch von ganzem Herzen, und sie liebte oft so sehr, dass sie Gefahr lief, sich selbst zu verlieren. Bei Hermann Schmitz heißt es, die Einheit des Leibes sei für den Menschen nur zu erreichen durch eine »grausame« Unterdrückung der Tendenz zur Weitung. Diese Einheit zu erreichen, mit sich selbst eins und ruhig zu sein, das war eines der großen Themen von Anna. Betrachten wir etwa die von ihr so geliebte Musik von Johann Sebastian Bach, finden wir hier eine maximale Disziplin auseinanderstrebender und sich wiedervereinigender Stimmen, gebannt von der Hand des Kompositeurs, der die Stimmen zur Harmonie zu führen weiß. Dies hat Anna bewundert, weil sie es selbst suchte in ihrem Leben. Die sakrale Musik, auch die von Pergolesi, liebte sie freilich auch aufgrund des Trostversprechens, das diese enthält. Der spirituelle jenseitige Trost, den die christlichen Religionen versprechen, war Anna in dieser Musik zugänglich.
Betrachtet man Annas Leben, finden sich viele Motive, die mit ihren Denkinhalten korrespondieren. So war Anna Künstlerkind, aufgewachsen in einer umgebauten Fabrik in Köln-Ehrenfeld, die die Eltern als Atelier nutzen und in einer Nachbarschaft von Arbeiterkindern, gegen die sie sich schon früh behaupten musste. Sie lernte zeichnen und, wie sie es oft nannte, »sehen«. Andere, Nicht-Kunstbeeinflusste, könnten »nicht richtig gucken«, sagte sie oft. Anna konnte es und beeindruckte uns mit perfektem Retuschieren der elterlichen Fotos und mit akkuraten Zeichnungen auf kleinsten Papierfetzen. Anna, das Künstlerkind, hat sich im engen Austausch mit ihren kunstschaffenden Eltern und deren Kritikern auch der Kunstphilosophie zugewandt und unter anderem Kunststudenten in Hamburg die Philosophie näher gebracht. Dieser Brückenschlag war auch Rückbezug zu dem sie stark prägenden künstlerischen Elternhaus.
Des Weiteren: Anna war Zwillingskind. Sie lebte von ihrem ersten Lebensmoment an das »wir«. »Wir haben Geburtstag« pflegte sie am Morgen des 15. September zu sagen, nur eine von ihren vielen selbstverständlichen Arten, stets die Zweiheit als Einheit zu denken. Ihre Suche nach Einheit in allen Beziehungen ihres Lebens, und auch besonders ihren Liebesbeziehungen, spiegelt u. a. ihre frühe Erfahrung der Einheit mit ihrer Zwillingsschwester wider.
Und: Anna war unter Vermeidung geschlechtsspezifischer Erziehung aufgewachsen, sie war quasi »feministisch« erzogen, als Ergebnis des Bewusstseins ihrer vom Denken der 68er geprägten Eltern. Die Geschlechterrollen blieben so zwar immer ein Thema für sie, jedoch aus dem Blickwinkel derer, die über diese Fragen bereits hinaus sind. Die feministische Philosophie hinterließ demnach nur flüchtige Spuren in ihrem Denken, und ihr Leben war von einer selbstverständlichen Aneignung einer unabhängig von Geschlecht definierten Mensch-Auffassung. Es zog sie zu denen, die ihre Geschlechtsrolle authentisch und unverstellt zu leben wussten; an Frauen liebte sie besonders das echt Weibliche, Volle, Feminine; Männer respektierte sie als Gleichgesinnte. Und natürlich hatte sie immer größte Freude an Männersportarten wie Fußball oder an ein paar Kölsch.
Anna wählte Hamburg mit seinem maritimen Flair, der Elbe und dem Hafen als Wahlheimat. Hier hat sie gearbeitet, sehr viel und immerzu gearbeitet, sich mit unermüdlichem Fleiß ihren philosophischen Studien, ihrer Magisterarbeit, ihrer Dissertation und schließlich ihrer Habilitation sowie Buchprojekten und Vorträgen gewidmet. Lehraufträge an der Universität Lüneburg ermöglichten es ihr, die Neue Phänomenologie und andere philosophische Fragestellungen mit ihren Studenten zu teilen. Sie ruhte nie – immerzu waren Computer, Handy und die neuen Welten des Internet präsent, in denen sie sich vielgestaltig zu bewegen wusste.
In Hamburg ist Anna über die Jahre eine Wahlfamilie gewachsen – Menschen, mit denen sie ihre Ziele und Träume geteilt hat, mit denen sie studiert, gearbeitet, gewohnt hat. Ihre Wahlfamilie hat ihr in allen Schattierungen Liebe entgegengebracht und wurde von ihr selbst begeistert und hingebungsvoll geliebt. Familienwerte und Pflichten galten ihr ebenso wie in einer biologischen Familie. Anna hat immer alles, was sie hatte, geteilt. »Wir sind doch eine Familie«, sagte sie immer, wenn es Schwierigkeiten, Nöte oder Streit gab. Dass jede alles, was sie hatte, in die Familie einbrachte, ist ihr und damit auch uns immer selbstverständlich gewesen. Das galt natürlich und erst recht auch in den Zeiten ihrer Krankheit und des Sterbens, die uns alle, vor allem aber Birgit Bossert, Ewgenia Tsanana und Sabine Fuchs vor große Herausforderungen an seelische und körperliche Kräfte gestellt hat.
Ebenso liebte Anna aber ihre Heimat Köln und war ihrer Geburtsfamilie, die sie ihr ganzes Leben materiell und immateriell unterstützt hat, tief verbunden. Von hier bezog sie immer wieder geistige Impulse, Kritik, Diskussion, Unterstützung. Hierher zog sie sich zurück, wenn es ernstere Schwierigkeiten gab, hier traf sie ihre über alles geliebte »Omma«. Annas Familie, Anna und Bernd und ihre Schwester Hedwig, haben sie in den letzten Wochen ihres Lebens aufopfernd gepflegt und ihr Heimkommen in einer unvergleichlichen Art begleitet.
Annas letzter Wunsch ist es, dass ihre Wahlfamilie noch stärker als bisher mit ihrer Geburtsfamilie zusammenwächst. Dies zeigt uns wieder Annas immerwährendes Streben nach Einheit und Harmonie, das Streben nach Versöhnung ihrer Gegenwart mit ihrer Vergangenheit und ihres Lebensortes mit ihrem Abstammungsort.
»Reflexives Selbstwissen und Todeswissen sind eins, gewissermaßen gleichursprünglich«, schreibt Anna in ihrer Dissertation. So war ihr das eigene Ende immer Thema und zutiefst bewusst. Dennoch traf sie ihre schwere Krankheit und die Gewissheit des eigenen Todes mit voller Härte und nahm ihr zeitweilig alle Hoffnung. Sie wollte so viel, sie wollte leben. Ihr philosophisches Werk will fortgeführt werden, sie ist zur Professorin berufen worden. Sie hat in der Liebe endlich eine Heimat gefunden und will mit der neuen Liebe ab jetzt gemeinsam das Leben gestalten. Dass all dies nicht mehr möglich sein würde, war für Anna schlimmer als die Tatsache ihrer grausamen Schmerzen, die sie mit Pragmatismus und Disziplin ertragen hat.
Wie Anna ihr Schicksal angenommen hat, wie bodenständig und bis zum letzten Moment konstruktiv sie ihre, wie sie wusste, tödliche Krankheit betrachtet hat, hat uns erneut gezeigt, von welch geistiger Kraft und Disziplin sie war. Hier stehen wir vor der Größe ihres Geistes und der Stärke ihres Willens, die ihr bis zum Schluss eigen war. Wenn es so ist, dass jeder Mensch nicht nur ein ihm eigenes typisches Geborenwerden und Leben, sondern auch einen eigenen spezifischen Tod hat, so haben wir aus Annas Tod gelernt, was wir schon wussten, dass sie ein bewunderungswürdiger Mensch von großen Gaben war.
Lassen wir zum Schluss sie selbst sprechen. Mit Schmitz argumentiert sie, dass wir leiblich immer schon über uns selbst hinausreichen, was die Tatsache relativiert, dass der Körper sterblich ist. »Der Leib bildet die unhintergehbare Perspektive meiner selbst im Ganzen und in all seinen Teilen, jetzt und möglicherweise immerdar, über den körperlichen Tod und das Ende der Zeitlichkeit hinaus«, schreibt sie. So lebt ihr Fühlen und Denken in uns allen weiter, wird uns immerdar begleiten, aufwühlen und trösten. Wir werden nie ohne Anna sein.
Anna sei damit auch recht gegeben, wenn sie bemerkt: »Nur für die anderen ist das Faktum meines Todes erfahrbar. Mich selbst geht es nichts an.«
Hermann Schmitz
Zum Gedenken an Anna Blume
Anna Blumes Dissertation wurde 2003 unter dem Titel »Scham und Selbstbewusstsein. Zur Theorie konkreter Subjektivität bei Hermann Schmitz« als Buch veröffentlicht. Es handelt sich um eine Pionierarbeit, die erste monographische Auseinandersetzung mit meiner Theorie der Subjektivität. Wie die Verfasserin an dieses Thema, ja überhaupt an die Philosophie geriet, sagt sie in der Einleitung: Es war »die irritierende Frage, ob außer mir überhaupt noch ›Welt‹ ist, ja ob ich selbst mit Sicherheit sagen kann, ›ich bin‹? Dieser Frage folge ich vielleicht in dieser Arbeit etwas zu übermäßig, aber sie war und ist wohl überhaupt ein starker Motor, ein starkes Motiv gewesen in meiner Hinwendung zur Philosophie.« (S. 11) Wenn Philosophie, wie ich ihr Wesen oft bestimmt habe, Sichbesinnen des Menschen auf sein Sichfinden in seiner Umgebung auf Grund einer Beirrung dieses Sichfindens ist, war Anna Blumes Leben im Zeichen dieser Frage eine philosophische Erschütterung; sie bekennt in derselben Einleitung: »Mich hingegen berührt das Solipsismusproblem immer wieder mal heftig (ja, zuweilen erschüttert mich seine tödliche Anmutung).« Mit solcher Ergriffenheit in der Beirrung beschämt Anna Blume die meisten Philosophen, die sich seit Descartes mit mehr oder weniger naiver Begründung über ihr eigenes Sein und das der Umgebung beruhigen. Mit der Frage, woher wir die Kenntnis nehmen, dass es uns gibt, beschäftigt sich auch meine folgende Abhandlung, die ich dem Andenken an Anna Blume widme. Sie trägt den Titel »Die Labilität der Person« und endet mit dem Hinweis auf den »fundamentalen Zwiespalt in der Person. Diesem gewachsen kann die Stabilisierung nur sein mit der elastischen Beweglichkeit des Wellenreiters.« Beides hat Bezug zum Leben von Anna Blume. Für elastisches Wellenreiten war sie wohl zu spröde; Stabilität gewann ihr Kurs durch die leidenschaftliche Konsequenz ihres philosophischen Dranges. Mit dieser Entschiedenheit hat sie gelebt und ist sie gestorben. Dadurch ist ihr Schicksal exemplarisch für unser aller Schicksal: »Uns hebt die Welle, Verschlingt die Welle, Und wir versinken« (Goethe, »Grenzen der Menschheit«).
Phänomenologische Beiträge zur Erinnerung an Anna Blume
Hermann Schmitz
Die Labilität der Person
Die europäische Kultur des menschlichen Selbstverständnisses unter Führung der Philosophie steht ganz überwiegend im Zeichen des Kampfes gegen die Labilität der Person von einem Ausgangspunkt ausgeprägter Labilität her. Es handelt sich um das Menschenbild der Ilias. Der Ilias-Mensch steht ohne die Hausmacht einer Seele, einer abgeschlossenen privaten Innenwelt, im Konzert halbautonomer, teils treibender, teils hemmender Regungsherde, deren Beschaffenheit wir uns ungefähr am Gewissen, einem uns noch hemmenden halbautonomen Regungsherd, klar machen können; er ist dem Einbruch von Göttern und Affekten ungeschützt ausgesetzt: Ares taucht in Hektar ein wie Zorn in Achilleus.1 Ein großes Stück weiter auf dem Weg personaler Selbstermächtigung ist die Odyssee: Odysseus geht mit seinen Regungsherden um wie der Herr mit dem Hund, schilt seinen Bauch, der ihn zu essen zwingt, da er lieber ob der Trennung von der Heimat trauern möchte, und tritt den Göttern als kalkulablen Gegenspielern gegenüber; seine Selbstkontrolle erlaubt ihm, sich in der Vorstellung wie von außen zu sehen und daher seinen Gesichtsausdruck perfekt zu beherrschen. Im Zuge des Fortschreitens dieser Tendenz wird die Psyche, die bei Homer niemals Seele oder Regungsherd ist, im Lauf des 5. vorchristlichen Jahrhunderts zur abgeschlossenen, privaten Innenwelt. Bei Heraklit ist sie noch offen, denn er lehrt: »Grenzen der Seele wirst du niemals finden, wenn du auch jegliche Straße abschrittest.«2 Von Sophokles ist als Fragment aus den verlorenen Manteis der Vers überliefert: »das verschlossene Tor der Seele öffnen.«3 Zwischen Heraklit und Sophokles liegt die Wasserscheide zur seither dominanten Vergegenständlichungsweise der europäischen lntellektualkultur, zur Weltspaltung: Die empirisch zugängliche Welt wird zerlegt in je eine private seelische Innenwelt für jeden Bewussthaber, in die dessen gesamtes Erleben eingeschlossen ist, und eine zwischen allen Innenwelten verbleibende, bis auf wenige bequem identifizierbare, messbare und selektiv variierbare Merkmalsorten und deren hinzugedachte Träger abgeschliffene Außenwelt; der Abfall der Abschleifung wird absichtlich oder in verwandelter Gestalt, als vergessen unbemerkt, in den Seelen untergebracht. Der Mensch wird in Körper und Seele zerlegt; zwischen ihnen vergessen wird der spürbare Leib, der ohne Hilfe der fünf Wahrnehmungssinne mehr oder weniger aufdringliche Sitz alles affektiven Betroffenseins, auch durch Gefühle als ergreifende Atmosphären, und der Resonanz darauf sowie aller leiblichen Regungen wie Schreck, Angst, Schmerz, Hunger, Durst, Ekel, Wollust, Frische, Müdigkeit, wozu noch die spürbare Motorik und unumkehrbare leibliche Richtungen wie der Blick kommen. im Menschenbild der Weltspaltung gibt es keinen Platz für Kopf- oder Bauchschmerz, denn als Schmerz soll er seelisch sein, aber Kopf und Bauch sind Körperteile. So einfach lässt sich zeigen, dass der spürbare Leib schlicht vergessen worden ist.
Die zentrale Triebkraft der Weltspaltung, die als philosophisches System zuerst von Demokrit verarbeitet und von Platon fortgeführt und ausgebreitet worden ist, war der Bedarf nach Stabilisierung der labilen Person, der zur Selbstbemächtigung und Kontrolle der in der Ilias oft übermächtig durchbrechenden unwillkürlichen Regungen mit der Seele ein Haus aller Erlebnisse angewiesen wurde, in dem sie in der Rolle der Vernunft Herr sein konnte. Diesem Rezept dient mit raffinierter Perfektion die platonische Seelenteilungslehre, die die unwillkürlichen Regungen nach dem Prinzip »divide et impera« in zwei Herde aufspaltet: Die aggressiven Regungen werden von der Richtung nach außen in die Innenwelt umgelenkt, als Zorn und Scham über die eigene Sinnlichkeit, und so in den Dienst der Vernunft gestellt, dass diese sich die unwillkürlichen sinnlichen Regungen unterwerfen kann und diesen als einzige Tugend nur noch zubilligt, der Vernunft zu gehorchen. Die gesamte griechische Philosophie der Nachsokratiker von Platon an steht, mit Erweiterung der Perspektive nur im spätantiken Neuplatonismus, im Bann der Aufgabe, die Selbstbemächtigung der Person in der Rolle der Vernunft gegen die unwillkürlichen Regungen durchzusetzen. Dieses philosophische Gentleman-Ideal wird danach durch das Christentum verschärft und populär gemacht, indem das gesamte affektive Betroffensein mit allen unwillkürlichen Regungen ständiger Selbstkontrolle mit Orientierung an der Macht Gottes im Interesse eigenen transzendenten Glückes und der Vermeidung transzendenten Unglücks unterworfen wird, bis seit dem späten Mittelalter die Menschen die Macht, an die ihr affektives Betroffensein gebunden bleibt, in die eigenen Hände zu nehmen bereit sind und ab 1600 die Selbstbemächtigung als Leitmotiv ihres Selbstverhältnisses in die technische Weltbemächtigung übergeht. Dabei bleibt die Selbstbemächtigung zur Stabilisierung der Person gegen die unwillkürlichen Regungen eine dominante Parole der Philosophie etwa bei Spinoza, Kant, Fichte und Husserl; ich erinnere nur an Kants Vortrag »Von der Macht des Gemüts des Menschen über seine krankhaften Gefühle durch den bloßen festen Vorsatz Meister zu werden« mit Beleg durch seine Bewältigung der von ihm seiner »flachen und engen Brust« zur Last gelegten Hypochondrie.4
Die ontologische Grundlage dieser Stabilisierung ist die Weltspaltung durch Aussonderung privater lnnenwelten, die meist »Seele« und in anderen Sprachen entsprechend, bei manchen Philosophen aber auch z. B. »Bewusstsein« heißen. Die Achillesferse dieser Vorstellung ist die Schwierigkeit, den Bewussthaber, um dessen Seele es sich handeln soll, zu ihr in Beziehung zu setzen. Das Problem entfiele, wenn er einfach in die Seelenzustände, wie Hume, Mach und der frühe Husserl wollten, aufgelöst werden könnte, aber das ist nur so lange plausibel, wie man nicht ernstlich betroffen ist; wer z. B. brennt oder von brennender Scham befallen ist, wird schon merken, dass er selber leidet und nicht bloß ein Vorrat von Perzeptionen, Empfindungen oder Akten einige Modifikationen durchmacht. Sonst war es üblich, das Subjekt in der Seele anzusiedeln oder mit ihr zu identifizieren; beides kommt, auch in unstimmiger Verquickung, schon bei Platon vor.5 Der spätere Husserl glaubte an ein reines Ich, das reines Ich und nichts weiter, aber ein besonderes für jeden Bewusstseinsstrom sei und als freies Wesen in intentionalen Akten lebe.6 Ähnliche Vorstellungen finden sich bei Kant7 und Scheler.8 Sie kommen alle zu spät. Sie muten dem Bewussthaber zu, etwas mit sich selbst zu identifizieren. Dabei soll es sich um eine objektive Tatsache handeln, dass er z. B. dieser Mensch, diese Seele, dieses reine Ich ist. Objektive Tatsachen sind solche, die jeder aussagen kann, sofern er genug weiß und gut genug sprechen kann. Niemand kann aber durch eine Identifizierung im Bereich der objektiven Tatsachen auf den Gedanken kommen, dass er irgendetwas ist, denn keine objektive Tatsache enthält für irgendeinen Bewussthaber einen Grund für die Annahme, dass er dieses oder jenes Wesen oder Individuum ist. In meinem Fall führen solche Identifizierungen z. B. von einem entpflichteten alten Professor durch beliebig viele Zwischenstufen zu einem vor mehr als 80 Jahren geborenen Knaben, ferner zu einem Mann, einem Europäer, einem Deutschen, einem Träger des Namens »Hermann Schmitz« usw., aber daraus geht nie hervor, dass ich dieser Hermann Schmitz bin. Für diese Identifizierung fehlt das Relat, wenn ich es nicht zur Selbstzuschreibung, etwas für mich zu halten, mitbringe, indem ich mich durch ein Michbewussthaben vor jeder Identifizierung kenne. Diesem jeder Identifizierung vorgängigen Sichbewussthaben als Voraussetzung der Selbstzuschreibung hätten die Philosophen nachgehen sollen, statt von der Seele aus Angebote für die Selbstzuschreibung dessen zu machen, der die Seele hat.
Ein identifizierungsfreies Sichbewussthaben ist leicht zu finden in Gestalt des affektiven Betroffenseins. Affektiv ist ein Betroffensein, das einem nahe geht wie z. B. der Schmerz. Um zu spüren, dass ich leide, brauche ich nicht einen Gequälten zu finden und den für mich zu halten, sondern ich merke es sofort, ohne Identifizierung in über- und untererregten Zuständen wie panischer Angst, Ekstase oder Versunkenheit in Schwermut spürt man sich sogar sehr intensiv, ist aber nicht in der Lage, etwas mit sich zu identifizieren. Solches identifizierungsfreies Sichbewussthaben ist dadurch möglich, dass die Tatsachen des affektiven Betroffenseins subjektive Tatsachen sind, die in ihrer bloßen Tatsächlichkeit, nicht erst in ihrem Inhalt, gleichsam den Stempel des Betroffenen tragen, mit der Folge, dass höchstens er sie aussagen kann. Wenn mir etwas nahe geht, können andere höchstens über Hermann Schmitz sagen, dass das ihm nahe geht, aber das reicht nicht zu meinem echten affektiven Betroffensein, wenn nicht hinzukommt, dass ich der Hermann Schmitz bin, dem das nahe geht, und das kann kein Anderer sagen, wenn er auch noch so viel weiß und noch so gut sprechen kann, denn er ist nicht ich. Ohne diese Nuance der Subjektivität für mich, die höchstens ich sagen kann, ist das Nahegehen nur ein Schatten ohne Gewicht. Dabei sind beide Tatsachen, die für mich subjektive und die durch Abfall der Subjektivität neutralisierte objektive, im Inhalt völlig gleich, denn ich bin ja Hermann Schmitz; ihr Unterschied besteht nur in der Tatsächlichkeit, die in der objektiven Tatsache gleichsam zu blass ist, um dem affektiven Betroffensein gewachsen zu sein.
Das wirkliche Vorkommen des Sichbewussthabens ohne Identifizierung ist also erwiesen, dessen Möglichkeit aber noch nicht eingesehen. Um eine für mich subjektive Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, muss ich mich als den finden, für den sie subjektiv ist, und zwar identifizierungsfrei, weil sonst ein Zirkel und unendlicher Regress entstünde, im ständigen Bemühen, dem Relat der Identifizierung aufzuprägen, dass es sich um mich handelt. Wie ist es aber ohne Identifizierung möglich, das einzusehen, dass in meinem affektiven Betroffensein gerade ich der bin, für den die Tatsache subjektiv ist? Dies gelingt durch den plötzlichen Einbruch des Neuen, der Dauer zerreißt, Gegenwart exponiert und die zerrissene Dauer ins Nichtmehrsein verabschiedet. Dann fallen in extremer Beengung das absolute Hier der Enge, das absolute Jetzt des Plötzlichen, das Sein oder die Wirklichkeit in der Wucht des Geschehens, die absolute Identität, dieses selbst und verschieden von der abgeschiedenen Dauer zu sein, und die Subjektivität, selbst betroffen und in Anspruch genommen zu werden, zur primitiven Gegenwart zusammen, etwa im heftigen Schreck. Was aber noch fehlt, ist die relative Identität von etwas mit etwas und damit die Möglichkeit der Identifizierung, denn relative Identität besteht darin, dass etwas als Fall einer Gattung – sinnvoller Weise einer anderen Gattung – ist, z. B. als Professor zugleich Mensch, als Vater zugleich Sohn; Gattungen und Subsumtionen stehen in der primitiven Gegenwart aber nicht zur Verfügung. Stattdessen genügt zum Sichfinden im plötzlichen Betroffensein der Zusammenfall von absoluter Identität und Subjektivität, von diesem – hier – jetzt und ich; das absolut Identische der primitiven Gegenwart zeigt sich unmittelbar, ohne Identifizierung, als Ich, und diese elementare Kenntnis seiner selbst geht bei noch so verkehrten Selbstzuschreibungen nie mehr verloren. Wenn ich wahnsinnig würde, wenn ich mich in wahnhafter Selbstverkennung statt für Hermann Schmitz z. B. für Napoleon hielte, wäre das Referens der Selbstzuschreibung zwar verkehrt, aber vom Relat wüsste ich immer noch richtig, dass ich es bin.
Die primitive Gegenwart ist ein seltener, vielleicht nie ganz rein erreichter Ausnahmezustand, aber sie wird als Aussicht vorgehalten durch die Engungskomponente des vitalen Antriebs, in dem Engung und Weitung gegenläufig verschränkt sind. Wenn die Engung aushakt, wie im heftigen Schreck, ist der Antrieb erstarrt und gelähmt; wenn die Weitung ausläuft, wie beim Dösen, beim Einschlafen und nach der Ejakulation, ist er erschlafft; er besteht also in der Verschränkung beider Impulse. Je schärfer die Engung wird, desto näher kommt der vitale Antrieb der primitiven Gegenwart; er präsentiert diese aber auch noch in der Erleichterung, wenn Weitung aus ihm freigesetzt wird, als die Enge, von der man loskommt. Der vitale Antrieb ist gleichsam die Achse der von mir studierten leiblichen Dynamik und übergreift die Einheit eines Leibes, indem er diesen mit anderen Leibern und sogar – vermittelt durch leibnahe Brückenqualitäten – mit leiblosen Gegenständen zusammenschließt; ich bezeichne diese leibliche Kommunikation als Einleibung, die sich als antagonistische z. B. am Gefesseltsein durch einen Eindruck, am Blickwechsel, am geschickten Ausweichen bei gefährlichen oder harmlosen Begegnungen zeigt sowie als solidarische Einleibung an massenhaftem Aufruhr, stürmischem Mut und panischer Flucht, gemeinsamem Singen, am Effekt rhythmischen Rufens, Klatschens und Trommelns. Dass der vitale Antrieb primitive Gegenwart vorgibt, ist Bedingung für das Vorkommen von Identität und Verschiedenheit. Diese sind dem Weltgeschehen ja nicht von vornherein aufgeprägt, denn in gleitender Dauer des Dahinwährens, wie sie im Dösen und in gedankenloser Routine erfahren wird, geht alles verschwommen ineinander über, ohne dass etwas es selbst wird. Das Gleiten muss durch einen Einschnitt unterbrochen und stillgestellt werden, damit sich etwas als dieses aus dem Kontinuum von Dauer und Weite heraushebt, und dazu bedarf es der Exponierung von Gegenwart im plötzlichen Einbruch des Neuen.
Der Weg zur Aufdeckung des Bewussthabers führt also in den spürbaren Leib hinein. Nicht in der Seele oder an deren Rand, wie die klassischen Philosophen wollen, ist der Gesuchte zu finden, denn das ergibt nur Vorschläge zur Selbstzuschreibung, aber deren Möglichkeit beruht auf einer ursprünglicheren, jeder Identifizierung vorausgehenden Kenntnis seiner selbst, und die ist auf die leibliche Dynamik angewiesen, auf die primitive Gegenwart und den vitalen Antrieb. Der spürbare Leib ist aber im Menschenbild der Weltspaltung nur durch eine Fehlanzeige vertreten, vergessen zwischen Seele und Körper. Die klassische Philosophie war eifrig bemüht, die Quelle der Identität und Subjektivität möglichst weit von den unwillkürlichen Regungen abzurücken und ihr ein freischwebendes tätiges Prinzip als Sitz zu geben, so etwa Kant die von ihm erdachte transzendentale Apperzeption, das »stehende und bleibende lch«9, das als Subjekt uns nur als reine Spontaneität bekannt sei. Dieser Versuch einer gleichsam frei schwebenden Stabilisierung des Subjekts führt in die falsche Richtung; nicht in reiner Tätigkeit, sondern im leiblich engenden Erleiden von Exposition und Abgerissenheit ereignet sich der Ursprung der Möglichkeit, selbst und ich zu sein.
Die Person geht aber weit über diesen Ursprung hinaus. Eine Person ist für mich ein Bewussthaber mit Fähigkeit zur Selbstzuschreibung. Diese besteht darin, etwas für sich selbst zu halten, genauer gesagt: sich als Fall von Gattungen oder Bestimmungen zu verstehen, z. B. als Mensch, Vater, Sonderling, Ausländer usw. Gattung oder Bestimmung im hier gemeinten Sinn ist alles, was mindestens einen Fall hat; was ein Fall ist, habe ich anderswo definiert.10 Wenn, wie gewöhnlich, mehrere Gattungen zur Verfügung stehen, lässt sich die absolute Identität zur relativen ergänzen: A ist mit B identisch, wenn dieselbe Sache sowohl ein Fall der Gattung a als auch ein Fall einer von a verschiedenen Gattung b ist. Die Selbstzuschreibung gestattet dem Bewussthaber, sich zu vergleichen, sich einzuordnen, sich einen Platz in seiner Umgebung zu suchen, Verantwortung zu übernehmen usw. Das sind so bezeichnende Merkmale dessen, was man von einer Person zu verlangen pflegt, dass ich meine Definition im Hinblick auf sie für gerechtfertigt halte.
Zur Person gehört demgemäß, was über die Selbstzuschreibung gesagt wurde, jedenfalls das affektive Betroffensein, die primitive Gegenwart und der vitale Antrieb. Was gehört zu ihr darüber hinaus? Um sich etwas zuzuschreiben, muss die Person sich als einzelne verstehen, also nicht so, wie sie sich nach Abstreifen der Einzelheit in Ekstase, panischer Angst, Versunkenheit oder gedankenloser Routine befindet. Einzeln ist, was eine Anzahl um 1 vermehrt. Logisch gleichwertig ist die Definition: Einzeln ist, was Element einer endlichen Menge ist. Anzahlen sind Eigenschaften (genauer: Eignungen11) von Mengen. Mengen sind Umfänge von Gattungen. Einzeln kann daher nur sein, was Fall einer Gattung ist. Außerdem gehört dazu die absolute Identität, dass es selbst (etwas) ist. Einzelheit ist die Zusammenfassung absoluter Identität mit Fallsein. Der präpersonale Bewussthaber, z. B. in den eben genannten entrückten Zuständen oder etwa als Tier oder Säugling, ist schon absolut identisch, wie seine Fähigkeit zur Kooperation mit bestimmter Rolle in antagonistischer Einleibung erweist, aber noch nicht einzeln. Zur Einzelheit erhebt er sich als Person in der Selbstzuschreibung als Fall von Gattungen. Erst die Person ist ein nicht nur identisches, sondern auch einzelnes Subjekt.
Zur Einheit oder numerischen Einzelheit bedarf es also der Gattungen, wovon etwas ein Fall sein kann. Diese sind nicht in einem platonischen Ideenhimmel aufgehängt, sondern stammen letztlich aus dem Leben aus primitiver Gegenwart, das Tiere, Säuglinge und erwachsene Personen bei allen unwillkürlich routinierten Verrichtungen, zu denen auch das Schöpfen aus der Sprache bei flüssigem Sprechen gehört, mit gleitender Dauer, primitiver Gegenwart, leiblicher Dynamik und leiblicher Kommunikation führen. Dieses Leben ist durch absolute Identität und Verschiedenheit, ein Erbe der primitiven Gegenwart, vor Verwechslungen und Sichvergreifen geschützt, z. B. bei allen flüssigen Körperbewegungen, die die Beteiligten für sich und mit verteilten Rollen in verbündeter oder feindlicher Kooperation ausführen, z. B. beim Kauen, Gehen, Sprechen, Tanzen, Greifen, Zuschlagen, Ausweichen. Es ist ein Leben in Situationen mit binnendiffuser Bedeutsamkeit, die aus Bedeutungen besteht, die Sachverhalte, Programme oder Probleme sind. Diesem Leben fehlt noch die Einzelheit. Keine der Bedeutungen wird einzeln im Leben aus primitiver Gegenwart. Der redende Umgang mit Situationen besteht beim Leben aus primitiver Gegenwart in einem ganzheitlichen, nicht explizierenden Ansprechen der binnendiffusen Bedeutsamkeit, das diese mit Rufen und Schreien heraufbeschwört, modifiziert und quittiert, z. B. durch Alarm-, Lock- und Klagerufe. Tiere und Säuglinge sprechen so. Sie verständigen sich durch Ansprechen gemeinsamer Situationen, auch ohne Zuwendung zum Partner. Der entscheidende Schritt, der darüber hinaus zur Personwerdung und zur Welt als dem Rahmen möglicher Vereinzelung in den fünf aus den Momenten der primitiven Gegenwart entfalteten Dimensionen führt, ist die Geburt der Einzelheit durch die explikative Rede des Menschen. Sie setzt bei der binnendiffusen Bedeutsamkeit von Situationen an und entbindet daraus einzelne Bedeutungen, insbesondere Sachverhalte, die meist mit Programmen oder Problemen gefüllt sind. Unter solchen Sachverhalten befinden sich die Gattungen12 und die Sachverhalte des Fallseins von Gattungen, wodurch es möglich wird, beliebige absolut identische Sachen zu vereinzeln. Einzelne Bedeutungen lassen sich nur durch explikative Rede feststellen und festhalten, denn man kann nicht auf sie zeigen; sie sind aber nötig für die Einzelheit irgendwelcher Sachen, auch wenn man auf diese zeigen kann. Das bloß absolut identische ist an die Einbettung in Situationen gebunden, seien diese nun aktuelle Situationen, die sich von Augenblick zu Augenblick verändern können, oder zuständliche, an denen sich sinnvoll erst nach längeren Fristen prüfen lässt, ob und wie sie sich verändert haben. Das Einzelne kann als Fall von Gattungen (namentlich mehrerer, unter denen etwas in verschiedener Weise genommen werden kann) aus den Situationen, in denen es zunächst begegnet, herausgezogen und beliebig neu kombiniert werden. Dadurch werden Analyse und Planung möglich, wodurch es dem Menschen gelingt, Situationen in den Griff zu nehmen und zu überholen. Dadurch wird er den Tieren überlegen.
Die Vereinzelung ist eine fundamentale Voraussetzung der Personwerdung, aber nicht die einzige. Die Neutralisierung muss hinzukommen. Im Leben aus primitiver Gegenwart sind alle in den Situationen gebundenen Bedeutungen subjektiv für jemand. Ich verstehe die Subjektivität und Objektivität von Sachverhalten, Programmen und Problemen entsprechend zu der schon erklärten derjenigen Sachverhalte, die Tatsachen sind.13 Durch absichtliche Abschälung oder unabsichtlichen Abfall solcher Subjektivität werden aus für jemand subjektiven Bedeutungen objektive, die jeder sagen kann, sofern er genug weiß und gut genug sprechen kann. So ist z. B. der Schlachtplan für die Offiziere vor der Schlacht ein subjektives Programm, ein Wunsch, und bei kritischem Stand der Schlacht ein subjektives Problem, eine Sorge; für den nüchtern registrierenden Historiker bleiben nur ein objektives Programm, ein objektives Problem übrig. Ohne solche Neutralisierung gibt es von der Selbstzuschreibung nur Kümmerformen. Ich denke besonders an schwere Träume, in denen die Person in Angst und Aporie aufgeht. Dann ist sie zwar noch fähig zur Vereinzelung und Selbstzuschreibung, aber der Situation im Traum restlos ausgeliefert und ohne die Überlegenheit, die den spezifischen Gewinn der Vereinzelung ausmacht. Umsichtige Selbstzuschreibung ist nur mit Neutralisierung (Entsubjektivierung) von Bedeutungen möglich. Mit ihr beginnt das Erwachsen, d. h. die Personwerdung des Kindes, typischerweise um das letzte Viertel des ersten Lebensjahres. Vereinzelung und Neutralisierung greifen ineinander, wie ich mehrfach am Beispiel der Enttäuschung gezeigt habe. Mit der Neutralisierung wird die Fremdheit entdeckt. Eine Sache wird jemand fremd, wenn der (tatsächliche oder untatsächliche) Sachverhalt, dass sie existiert, für ihn neutral (d. h. objektiv) wird.14 Mit der Entdeckung des Fremden gewinnt die beginnende Person die Chance, um die nicht entfremdeten, für sie subjektiv gebliebenen Situationen und Bedeutungen herum eine Sphäre des Eigenen auszubilden, die vom Fremden abgesetzt ist. Ich habe sie als persönliche Situation und persönliche Eigenwelt eingehend charakterisiert.15 Die Neutralisierung von Bedeutungen für die Person mit Abhebung des ihr Eigenen vom ihr Fremden ist personale Emanzipation. Die personale Emanzipation bildet Stufen oder Niveaus aus. Ein Niveau ist höher als ein anderes, wenn es mehr und entschiedener Bedeutungen neutralisiert und Sachen verfremdet, mit dem Ergebnis, dass sich das Eigene deutlicher abhebt. Eine Person kann auf verschiedenen Niveaus zugleich stehen.
Durch ihre personale Emanzipation nimmt die Person Abstand vom Leben aus primitiver Gegenwart. Andererseits bedarf sie des Eintauchens in dieses Leben, weil die Möglichkeit der Selbstzuschreibung, nämlich die Bereitstellung eines Relats für diese aus der unmittelbaren Bekanntschaft mit sich vor jeder Identifizierung, in der dargelegten Weise vom leiblich-affektiven Betroffensein und der leiblichen Dynamik abhängt. Wenn die Person sich ganz und gar emanzipierte und entleiblichte, wäre sie gar nicht mehr da, weil sie die Fähigkeit zur Selbstzuschreibung verloren hätte, übrigens auch die Identität. Durch diese Ambivalenz von Abstandnahme und unentbehrlichem Rückgriff wird die Person zwiespältig und labil. Sie existiert gleichsam gespreizt oder im Spagat. Um bestehen zu können, bedarf sie zum Ausgleich der personalen Emanzipation der personalen Regression, die von der Sonderung des Eigenen und Fremden durch Resubjektivierung die Richtung auf das Leben aus primitiver Gegenwart einschlägt, in dem alle Bedeutungen subjektiv sind und nichts entfremdet ist. Es gibt Niveaus der personalen Regression so gut wie Niveaus der personalen Emanzipation, aber sie fallen mit diesen zusammen. Von einem höheren Niveau personaler Emanzipation aus ist jedes weniger hohe ein Niveau personaler Regression. Die Integration von personaler Emanzipation und personaler Regression ist prekär. Die Natur hat dem Menschen allerdings zwei gelungene Gestalten solcher Integration mitgegeben: Lachen und Weinen. Der Lacher lässt sich in personaler Regression von einem Niveau personaler Emanzipation fallen im Genuss der Zuversicht, unversehrt auf dieses Niveau zurückkehren zu können; daher vereinigt das Lachen Hinfälligkeit und (vorweg genommenen) Triumph über die Hinfälligkeit. Der Weiner kann sich vor der Bedrängnis auf seinem Niveau personaler Emanzipation nicht halten und lässt sich in personaler Regression auf primitive Gegenwart hinfallen, bis ihm sein vitaler Antrieb Gelegenheit gibt, aus der überwiegenden Engung, sich ausweinend, in Weite zu entkommen und dadurch Gelegenheit zum Aufbau eines neuen Niveaus personaler Emanzipation zu erhalten. Im Gegensatz zum Lachen führt das Weinen also nicht auf dasselbe Niveau personaler Emanzipation zurück. Deswegen bildet es, anders als das Lachen, die Lebensgeschichte fort.
Die Person kann sich nicht auf Lachen und Weinen allein verlassen, um personale Emanzipation und personale Regression zusammenzuführen. Sie bedarf einer beständigen Balance, um das Gegeneinanderstreben beider Tendenzen auszugleichen, und findet diese in der Fassung, die sie sich gibt. Fassung ist das, was man verliert, wenn man die Fassung verliert. In der Fassung bestimmt sich die Person durch spielerische Identifizierung als etwas, das eindeutiger ist, als sie wirklich ist. Spielerische Identifizierung besteht darin, etwas ohne Verwechslung und ohne Fiktion, stattdessen ohne Rücksicht auf Tatsächlichkeit, als etwas anderes zunehmen, z. B. das Bild als das Abgebildete (z. B. als ein Gesicht, eine Landschaft), den Schauspieler als die gespielte Figur (Faust oder Hamlet usw.), ein Symbol als das Symbolisierte (z. B. die Fahne als verkörperte Gemeinschaftsehre oder Nation), Menschen als ein Leitbild (wie Faust Helena in jedem Weibe sieht). Identität ist symmetrisch oder umkehrbar, so auch die fiktive Identität; die Identität spielerischer Identifizierung ist dagegen unecht, Identität nur in einer Richtung. Die Fassung eines Menschen ist zum Teil durch seine Berufs- oder Familienrolle bestimmt, zum größeren Teil aber durch das, was der Psychiater Jürg Zutt die »innere Haltung« nennt.16 Er schreibt: »Manche Haltungen, die aus bestimmten Wesenszügen hervorgehen, können fast dauernd die innere Haltung und damit das Handeln eines Menschen bestimmen, so Aufrichtigkeit, Stolz, Liebenswürdigkeit, Bedächtigkeit. Aus diesen Grundhaltungen entwickeln sich die Nuancen von Einzelhaltungen, wie z. B. Entgegenkommen, Begrüßen, Abweisen, Verabschieden.«17 Andere Beispiele sind z. B. Jovialität, sanfte Bestimmtheit, misstrauische Vorsicht oder die Grundhaltung des analen Charakters nach Freud mit den Merkmalen: ordentlich, sparsam, eigensinnig. Die Fassung kann aber auch je nach dem Lebensbezug wechseln, z. B. gegenüber dem Vorgesetzten anders sein als gegenüber den Untergebenen, im Amt anders als in der Familie. Sie kann sich auch den Umständen anpassen, etwa um eine Gegentendenz zu unterdrücken. Zutt gibt folgende Beispiele: Wer seinem Ärger nicht Luft machen will, lächelt maliziös, und wer sich zu einem schweren Gang aufmachen will, legt sich einen besonders entschlossenen Schritt zu. Die Fassung ist vielschichtig und wendig. An der Quelle spielt sie sich unwillkürlich ein, im auferlegten Auf und Ab von personaler Emanzipation und personaler Regression. Manchmal ist man überrascht, dass man gegen diesen Menschen oder in diesem Lebenskreis so sein, gerade diese Fassung annehmen muss. Über dem Unwillkürlichen kann es in der Fassung viel Aufgesetztes geben. Ihre Beweglichkeit kann gehandhabt werden. Seine Fassung in der Begegnung schwingen zu lassen, ohne sie zu verlieren, ist der sensibelste Fühler der Einleibung, die den Anderen am eigenen Leibe spüren lässt; denn die Fassung vermittelt ausgleichend zwischen der leiblichen Grundlage der Person und der personalen Emanzipation. Wer dagegen seine Fassung starr festhält, wird unempfänglich und sieht am Anderen vorbei.
Darmowy fragment się skończył.