Czytaj książkę: «Lebendige Seelsorge 5/2015»
THEMA
Was ist eigentlich eine „christliche Familie“?
Von Josef Römelt
Wider das Familienhurra in der Kirche
Von Andreas Püttmann
Danke für Freundschaft, für Freundschaft in der Familie und für die (christliche) Familie!
Die Replik von Josef Römelt auf Andreas Püttmann
Der Spagat der Theologen
Die Replik von Andreas Püttmann auf Josef Römelt
Zwischen Vorbehalt und Wertschätzung
Ehe und Familie im Neuen Testament
Von Gerd Häfner
PROJEKT
Gott ist in der Kita
Von Albert Biesinger
INTERVIEW
Schaut in die Wohnzimmer der Familien, nicht in ihre Schlafzimmer!
Ein Gespräch mit Ute Eberl
PRAXIS
Ein ernsthafter Prozess
Von Eva-Maria Faber
Elternschaft heute
Von Konrad Hilpert
Paare in Patchworkfamilien
Von Klaus Schmalzl
Kostenfaktor Kind
Von Elisabeth Zschiedrich
Die heilige, die große, die alltägliche Familie
Familiale Strukturen im Konzept
„Godly Play“
Von Martin Steinhäuser
Militärseelsorge
Von Peter Wendl
Das Konzept der „Joint Family“
Das Familienverständnis im indisch-hinduistischen Kulturkreis
Von Preetha Varayilan
FORUM
Biblische Gottesbilder und die Krise des Theismus
Von Martin Hochholzer
POPKULTURBEUTEL
Salbungsvoll
Von Matthias Sellmann
NACHLESE
Glossen
Impressum
Buchbesprechungen

Bernhard Spielberg Mitglied der Schriftleitung
Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist diese unvergleichliche Mischung aus anregenden Begegnungen und solchen, über die man sich aufregen kann, die Familientreffen zu etwas Besonderem machen. Während die Großtante beim zweiten Stück Schwarzwälder Kirsch den jüngsten chirurgischen Eingriff ungeschönt Revue passieren lässt, und der aktuelle Partner der Cousine vom neuen Rasenmähroboter schwärmt, tauschen sich am anderen Ende des Tisches vier – durch Androhung mehrstündigen Medienentzugs zur Teilnahme motivierte – Jugendliche über Kniffe beim Angriff auf extraterrestrische Killermaschinen aus. Wie gut, dass man mit all denen verwandt ist! Sonst würde man sich wahrscheinlich nie kennenlernen.
Die Bischofssynode, die in diesen Wochen tagt, ist eine Familiensynode im doppelten Sinn: sie dreht sich nicht nur inhaltlich um Familie, Partnerschaft und Sex, sie ist auch selbst ein großes Familientreffen. Wenn Bischöfe aus der ganzen Welt in Rom zusammenkommen, dann zeigt sich – bei aller Uniformität der Kleidung – das ganze Farbenspektrum der katholischen Kirche. Und weil diese Familie diesmal nicht zu einem harmlosen Jubiläum zusammenkommt, sondern sich vorgenommen hat, über den Umgang mit einigen Stücken des ererbten „Tafelsilbers“ zu debattieren, verspricht das Treffen ein ebenso großes Inspirations- wie Konfliktpotenzial. Dass letzteres vom Familienoberhaupt nicht nur toleriert, sondern sogar eingefordert wird, ist schon vor dem Abschluss ein vorzeigbares Ergebnis. Das stellt Eva-Maria Faber in ihrer Analyse des Prozesses heraus.
Auch mit den anderen Beiträgen mischen wir uns in die Debatte ein, die in der Kirche – nicht nur in Rom – um die Familie geführt wird. Andreas Püttmann hält ein Plädoyer wider das kirchliche „Familienhurra“. Josef Römelt hält dagegen. Gerd Häfner verrückt im Blick auf das Neue Testament scheinbare Sicherheiten. Im Interview gewährt Ute Eberl, die im vergangenen Herbst als deutsche Auditrix an der außerordentlichen Synode teilgenommen hat, einen Insider-Blick auf das kirchliche Familientreffen. Und dass gerade bei diesem Thema die wesentlichen Fortschritte vor Ort getan werden, können Sie an den beeindruckenden Beiträgen aus der Praxis erkennen.
Wo auch immer es sein wird: für Ihr nächstes Familientreffen wünsche ich Ihnen mehr An- als Aufregung – und das Gleiche für die Lektüre dieses Heftes.
Ihr

JProf. Dr. Bernhard Spielberg, Mitglied der Schriftleitung
Was ist eigentlich eine „christliche Familie“ – und wird sie als Leitbild gesellschaftlich und kirchlich unter- oder überschätzt?
Wenn man das Wort „christliche Familie“ hört, denkt man unwillkürlich an ein Idealbild als Normalfall: Vater und Mutter, die miteinander verheiratet sind, mit einem gemeinsamen, ja mehreren Kindern, die sich in ihrer Rolle ganz harmonisch aufeinander abstimmen, Verantwortung für einander übernehmen und ohne Reibung und Konflikte ein glückliches Leben führen. Und irgendwie bleibt immer die traurige Frage: können zum Beispiel Alleinerziehende, ledige Väter und Mütter, Paare ohne Trauschein oder Menschen nach einer Scheidung dann überhaupt noch christliche Familie sein? Oder noch vorsichtiger gefragt: können sie zumindest etwas von dem verwirklichen, was mit diesem Ideal angesprochen ist? Ganz zu schweigen von denen, die heute als „Regenbogenfamilie“ beschrieben werden: gleichgeschlechtliche Paare mit (ihren) Kindern? Josef Römelt
Aber auch Christen leben heute mit all den Spannungen, welche das moderne Leben mit sich bringt. Wenn „christliche Familie“ heißt, es geht um Familien, in denen Christen leben, dann gibt es sie auch heute in einer ganz großen Vielfalt.
Auch Christen suchen zum Beispiel im Zerbrechen der Partnerschaft und des familiären Zusammenhalts nach hilfreichen Formen partnerschaftlicher Liebe und familialer Lebenskultur als Quelle der menschlich sinnvollen Bewältigung der Scheidungskonflikte. Das heißt: neue Modelle des gelungenen Zusammenlebens zwischen (Stief-)Eltern und Kindern, durch Scheidung entstehender Restfamilien und „Patchworkfamilien“ entstehen. Gerade aus einem bleibenden moralischen Anspruch heraus, der sich auch dann dem fordernden Wort Jesu und des Evangeliums verpflichtet fühlt, wenn eine Partnerschaft nicht gelingt und eine Familie zerbricht. Hier geht es gerade um Bewährung und Bewährung der Christlichkeit in der Krise, nicht ihre Aufgabe und ihren Verlust aufgrund der Spannungen, die ein Auseinandergehen von Partnern bedeutet und mit sich bringt!
Und auch Christen erfahren – um ein weiteres Beispiel zu nennen – die Übernahme und Gestaltung einer gleichgeschlechtlichen Lebensform der freien Bestimmung der Betroffenen anvertraut. In erlittenen und gestalteten, durch Prägungen übernommenen und durch eigene Optionen gewählten Umständen und Konturen, in welche das persönliche Leben gerät und die es zugleich gewinnt, bekennen und entscheiden sie sich dazu, homosexuell zu sein. Wie bei den vielen anderen Seiten der eigenen Biografie – Berufswahl, Wahl des Wohnortes oder Ähnliches – bringen sie darin ihr Recht zum Ausdruck, ihr Leben entsprechend der individuellen Identität entfalten zu dürfen. Weil die Lebensgestaltung so tief mit der unmittelbaren Lebenswahrheit verbunden ist wie in der Wahl der Zahl der Kinder, in der Berufung zu Ehe und Familie oder etwa zum Ordensleben.
Ja, auch Christen kennen die Sehnsucht nach einer befreienden Balance zwischen den Bedürfnissen aller Familienmitglieder. Sie müssen sich um eine vielfältige Phantasie bemühen, wie in den Rhythmen der modernen Lebenswelt die miteinander konkurrierenden Werte der Familie – die partnerschaftliche Begegnung, die gelungene Erziehung, der berufliche Erfolg, die gestaltete Freizeit – in eine Balance gebracht werden können. Die Anforderungen jedes Lebensbereiches (Beruf, Ausbildung, partnerschaftliche Beziehung, Lebensraum für die Kinder, Fürsorgepflicht) müssen in ein ausgeglichenes Verhältnis gebracht werden. Das ist nicht immer leicht! Und gelingt nicht immer einfach nur harmonisch!
Die Vielfalt im Erleben von Sexualität, Partnerschaft und Familie ist in diesen Entwicklungen Ausdruck einer tiefen Lebendigkeit der freiheitlichen Kultur. Sie hat auch für viele Christen eine Erleichterung gegenüber bedrängenden Vorgaben mit sich gebracht, wie sie in der Vergangenheit gerade das kirchliche Milieu häufig geprägt haben. Eine Befreiung von Gewissensnöten, die eine zu enge kirchliche Moral erzeugt hat und eine Erziehung, welche die Freude an der Vitalität von Sexualität, Liebe und Partnerschaft auch bedroht hat. Und doch scheint die gegenwärtige Offenheit im Umgang mit der Liebe den Menschen nicht nur zu entlasten. Die „Liberalisierung“, die es „mehrfach in diesem Jahrhundert“ gegeben hat, hat zwar „den Abbau von oberflächlichen, bewusstseinsnahen Ängsten“ im Umgang mit menschlicher Sexualität und Liebe „gebracht“, aber sie scheint „auch neue Ängste“ erzeugt zu haben, „die Vertiefung schon vorhandener Ängste und absolut übertriebene Forderungen“. Und es stellt sich die Frage, ob der Mensch heute in Bezug auf die Erfahrungen geschlechtlicher Intimität, partnerschaftlicher Liebe und familiärer Entfaltung nicht mit neuen „Leistungszwängen, Beunruhigungen und Riskierungen“ lebt (Sigusch, 102f.).
Muss man diese Risiken des modernen Umgangs mit Liebe und Familie, wenn man sie näher verstehen möchte, vielleicht vor allem in zwei Richtungen suchen? Führt die versuchte Offenheit intimer Beziehungen wohl auch zu Phänomenen psychischer Ausnutzung und Erschöpfung? Der fehlende Mut zur Bindung zur Vertiefung der Einsamkeit der Menschen – mitten in aller Offenheit der Intimität – bis hin zur Isolation? Vor allem aber scheint die Umdeutung der verschiedengeschlechtlichen Ehe heute auch zum Ausdruck einer Verschlossenheit der sexuellen Kultur zu führen. Kann sie die Offenheit der Liebe für Kinder nicht mehr als einen besonders tiefen Teil der Intimität verstehen?
Wer sich z.B. zu einer gleichgeschlechtlichen Lebensgestaltung entschließt, drückt darin zugleich auch den Verzicht darauf aus, Kinder mit einem Partner (auf natürliche Weise) zu zeugen und ins Leben zu begleiten. Gleichgeschlechtliche Liebe trägt die Distanz zu natürlicher Entfaltung von Weitergabe des Lebens an Kinder und zur Vitalität familiären Lebens in sich. Dieses Faktum lässt sich nicht verdrängen und mit noch so großer Rhetorik von Gleichstellung der Familienformen, Emanzipation und (technisch-gestützter [künstliche Befruchtungshilfen]) Optionsvielfalt innerhalb moderner Gesellschaft verdecken.
Jedenfalls ringt die gegenwärtige Gesellschaft um den Sinn der Bindung in der Liebe, um die Erfahrung der Beheimatung, die damit zusammenhängt. Und sie kämpft um einen Raum für die Familie, die sie mit ihren eigenen Zwängen weit an den Rand ihres lebendigen Lebens gedrängt hat. Faktum ist: In allen modernen Industrienationen hat mit dem wachsenden Wohlstand und der komplexen Entwicklung der Gesellschaft die Geburtenrate kontinuierlich abgenommen (Werz 2008). Und das gilt trotz aller sozialpolitischen Programme zur Entlastung von Eltern durch Kinderbetreuung, Karenz- und Elternzeit. Viele Paare leben lieber ohne Kinder, um den schwierigen Konflikten des Lebens mit Familie zu entgehen.
CHRISTLICHE FAMILIE: HUMANÖKOLOGIE DER BELASTUNGSFÄHIGEN UND KINDORIENTIERTEN PARTNERSCHAFT
Die Kirche erinnert daran, dass die Sexualität und das intime Glück nicht überfordert werden dürfen, damit nicht statt helfender Kraft zerstörerische Leere zurückbleibt. Der Glaube macht Sexualität und Liebe als Gabe Gottes verständlich. So werden sie in ihrer Schönheit, aber auch in ihrer Begrenztheit zugänglich. Und die Freude an der (intimen) Liebe kann das Leben des Menschen bereichern, ohne dass er sich im Rausch verlieren muss – eine Gelassenheit, die so wichtig ist, gerade weil so große Erwartungen für das menschliche Glück an Partnerschaft und Familie geknüpft werden.
Die Idee der christlichen Familie macht auch heute noch bewusst, dass die Liebe den Mut zu einem verlässlichen Engagement braucht. Ohne Treue verliert sich der persönliche Impuls so merkwürdig rasch in trauriger Einsamkeit und bitterer Isolation. Die Liebe lebt immer auch vom Glauben der beiden Partner an ihre Stabilität, besonders in den Konflikten. So macht sich der Glaube zum Anwalt der Hoffnung, dass das gemeinsame Leben trägt – eine Ressource, die in den raschen Rhythmen des gegenwärtigen Lebens unabdingbar notwendig ist. Sie erhebt Einspruch gegen die Skepsis, die immer schon mit dem Scheitern rechnet.
Und der Glaube bewahrt mit seinem ureigensten Wissen um das Leben als Geschenk Gottes auch das innerste Gespür dafür, dass es einen durch nichts zu ersetzenden Sinn hat, Kinder zu haben. Diese Fruchtbarkeit der Liebe in den Kindern, welche die Zukunft in ihren kleinen Händen halten, kann durch kein noch so radikales berufliches oder gesellschaftliches Engagement eingeholt werden. Die dankbare Erfahrung der Leben schenkenden Gabe Gottes hält den Zugang zu diesem Eigenwert der Familie offen. Er droht in den Zwängen des differenzierten Lebens immer stärker von den gesellschaftlichen Interessen verdrängt zu werden.
So entsteht eine vieldimensionale religiöse und menschliche Semantik des Vertrauens und der Sinnerfahrung. Sie bildet die Mitte des Verständnisses christlicher Familie. Der theologische Fachbegriff, der diese Zusammenhänge ausdrückt, spricht von der Sakramentalität ehelicher Liebe. Nach dem Verständnis des christlichen Glaubens gehören zu einer solchen Erfahrung: die eindeutige, vorbehaltlose Intention der Partner, sich in der Liebe aneinander zu binden, ihre gemeinsame fruchtbare Kreativität bis hin zur möglichen Gründung einer Familie, die versuchte Offenheit für die Begegnung mit Gott und der gemeinsame Lebensweg der Partner innerhalb der Gemeinschaft der Kirche. Die theologische Aussage von der Ehe als Sakrament gründet auf der Erfahrung der möglichen Radikalität solcher Liebe. Und diese kann nach dieser Deutung dadurch zum Ort einer einzigartigen Erfahrung belastungsfähiger, durch die ganze Lebensgeschichte tragender Liebe, ja der Nähe Gottes werden – nicht nur für die Partner, sondern auch für ihre Familie, für die Kirche selbst und die Gesellschaft.
Wirkliche Liebe kann man nicht kaufen. Sie ist nicht Gegenstand von Interesse geleiteter Verhandlung und Abmachung. Sie unterliegt nicht der Macht des Staates und den Einflüssen der Gesellschaft. Aber auch nicht nur den Wünschen und Vorstellungen der Partner, der Eltern, Kinder und familiären Einflüssen. Sondern sie hat ihre Wurzeln in der Tiefe des menschlichen Herzens, in der sich zwei Menschen frei, selbstbestimmt und ohne Bedingungen für einander entscheiden. Und sie ist ein Geschenk Gottes, die Gabe einer Institution, besser eines Hauses, in dem sich die Partner einander Geborgenheit schenken und sie zugleich von Gott verliehen bekommen. Ihre Entscheidung geht in dieser Beheimatung so tief, dass sie sich nach dem gemeinsamen Kind sehnen. Sie denkt nicht an das Scheitern, weil sie die Hoffnung des Glaubens in sich trägt und von der Gemeinschaft der Glaubenden Kraft und Solidarität empfängt. Und so ist sie von der Sinnerfahrung in der Beziehung zu Gott getragen. Sie wird selbst zum Ort, an dem spürbar wird, was Liebe überhaupt meint: Geborgenheit und Offenheit, wie sie menschliches Vertrauen zueinander und zu Gott möglich, ja das Vertrauen Gottes in den Menschen sichtbar machen.
Kulturgeschichtlich gesehen hat diese Deutung jedenfalls eine ganz wesentliche Aufgabe für die Gestaltung der partnerschaftlichen Liebe, der Familie und ihre menschliche Würde gehabt: Einheit, Konsensgebundenheit (Freiheit), Unauflöslichkeit, Zeugungsoffenheit und Rechtssicherheit haben historisch gesehen die Entwicklung zu einem personalen Verständnis der Paarbeziehung und familiärer Beziehungen überhaupt erst ermöglicht. Das wird heute schnell vergessen. Denn dieses Verständnis erscheint uns – trotz aller Suche nach gewissen Alternativen oder besser Anpassungen an das moderne Leben – als selbstverständlich.
JENSEITS MORALISCHER BEWERTUNG
Sicherlich: Die Gefahr einer solchen Sicht der Gestaltung von Partnerschaft, ehelicher Liebe und christlicher Familien – gerade im binnentheologischen und innerkirchlichen Diskurs – ist, dass sie als moralische Bewertung missverstanden wird. Dann wird sie zum Verständnis einer eng umschriebenen Form von Intimität und familiärer Gemeinschaft als einzig wertvoller Lebensform der Liebe.
Aber es geht gerade nicht um solche Verurteilung, Herabsetzung, Diffamierung und Demütigung. Die im Bild von der christlichen Familie ausgedrückten Grundlagen unserer Beziehungskultur müssen das Geheimnis von partnerschaftlicher Liebe und vom Leben mit Kindern (Familie) von sich selbst her in ihrer tragenden und verbindenden Bedeutung zur Geltung bringen – über alle Konflikte und Reibereien zwischen den unterschiedlichen partnerschaftlichen und familiären Lebensformen hinweg. Weil es da überhaupt nicht um Diskriminierungen geht, nicht um ein Ausspielen zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft, nicht um einen Kampf zwischen gemeinsamen Kindern, Patchworkfamilien, Adoptivbeziehungen usw.
Die Ehe zwischen Frau und Mann und die Familie mit ihren gemeinsamen Kindern wird auch in Zukunft der Kern familialer Lebensformen bleiben. Man muss kein Prophet sein, um das zu sagen. Zugleich ist aber eine Deklassierung anderer Lebensweisen ganz unnötig, ja unmenschlich und ungerecht. Es geht vielmehr um gelassene Ehrlichkeit, die Verschiedenheiten gelten lässt ohne alles gleichmachen zu müssen, um Offenheit in kluger und sachgerechter Abwägung der (auch natürlichen) Rechte von Kindern, Frauen und Männern und in Achtung vor dem Gebot Gottes.
Vielleicht lässt sich ein solches Verständnis christlicher Familien als Bewegung der ganzen Kirche beschreiben. Es wäre ein Verständnis, das den Gläubigen in einer zweiten Ehe Mut machen kann, sich einer neuen Zukunft in ihrem Leben zuzuwenden und sich nicht etwa auf die gescheiterten Beziehungen mit den damit verbundenen Schuldgefühlen, Beziehungsängsten und Erschütterungen von Selbstbewusstsein und Vertrauen zu fixieren. Ein Verständnis, das sie vielmehr in das gemeindliche Leben integriert bis hin zu den sakramentalen Vollzügen der Beichte und Eucharistie. Es wäre ein Verständnis, welches die unterschwellige Verachtung der gleichgeschlechtlichen Liebe, die auch in der offenen Gesellschaft als Versuchung nicht einfach verschwunden ist, überwinden hilft. Weil eine Verurteilung völlig unangemessen ist. Weil auch in ihr etwas jenseits dogmatischer, kirchenrechtlicher und liturgischer Hochform von der sakramentalen Würde menschlicher Liebe und Fruchtbarkeit Wirklichkeit wird.
Umgekehrt ist dieses Verständnis darauf angewiesen, dass sich Menschen in der Krise ihrer familiären Beziehungen, ja auch beim Zerbrechen ihrer Ehe unter das Wort Jesu stellen und ihr Gewissen auf die Verpflichtungen einer verantwortlichen Bewältigung dieser Erfahrungen hin befragen lassen. Es beinhaltet auch, dass die Betreffenden ihre gleichgeschlechtliche Partnerschaft gestalten, ohne Angst zu haben, dadurch diskriminiert zu werden, dass die Ehe zwischen verschiedengeschlechtlichen Partnern in der Kirche einen eigenen (sakramentalen) Sinn hat. Menschen, die ihre gleichgeschlechtliche Liebe zu leben vermögen, ohne dass sie das tiefe Geheimnis des gemeinsamen Kindes verschiedengeschlechtlicher Eltern in Atemlosigkeit bringt. So geht es um eine gemeinsame Glaubenspraxis, welche die Verschiedenartigkeit der Beziehungsformen achtet, indem sie die besondere Stellung der verschiedengeschlechtlichen Ehe, lebensgeschichtlicher Treue und des Mutes zur Familie sowie ihre Bedeutung für die Gesellschaft bewusst hält. Damit tatsächlich ein integrierter Lebenssinn für alle Beziehungsformen erfahrbar wird!
Josef Römelt
geb. 1957, Redemptorist, Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt; Gastprofessor an der Accademia Alfonsiana und Gregoriana (Rom).
LITERATUR
Sigusch, V., Anti-Moralia. Sexualpolitische Kommentare, Frankfurt a. M. 1990.
Werz, N. (Hg.), Demografischer Wandel (Veröffentlichungen der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft 25), Baden-Baden 2008.
Wider das Familienhurra in der Kirche
Im katholischen und evangelikalen Milieu rechtskonservativer Prägung grassiert ein unreflektierter bis ideologischer Familismus. Er treibt bisweilen groteske Blüten und dient mehr der Selbstbestätigung als der Nachfolge Jesu Christi. Denn das Christentum ist weder Familienreligion noch Fruchtbarkeitskult. Andreas Püttmann
Beginnen wir mit einigen Schlaglichtern aus dem katholischen Leben:
2007 nahm eine mir bekannte Theologin – Anfang 50, ledig, kinderlos – erstmals am Kongress „Freude am Glauben“ des „Forums deutscher Katholiken“ teil, wo ich referierte. Als konservative Katholikin passte sie eigentlich gut dorthin. Dachte ich. Aber als Eva Herman unter frenetischem Beifall ihre Hymne auf Ehe, Mutterschaft und Familie vortrug, wichen Freude und Identifikation meiner Freundin zusehends einer Beklommenheit. Sie fühlte sich unter diesen Familientrunkenen fremd. „Dahin geh’ ich nie wieder; sowas brauch’ ich nicht“, sagte sie später und meinte nicht nur die Rede der konfessionslosen TV-Prominenten, die zur Bannerträgerin der christlichen Sache hochstilisiert worden war.
Im November 2009 bescheinigte Martin Lohmann vom „Arbeitskreis Engagierter Katholiken“ in der CDU der jungen Bundesfamilienministerin Kristina Köhler (später: Schröder) gleich zu ihrem Amtsantritt, „sich selbst weder politisch noch persönlich mit Ehe und Familie befasst“ zu haben – nur weil sie erst verlobt und nicht schon verheiratete Mutter war. Unsinn natürlich, denn jeder Mensch befasst sich von Kind auf mit Ehe und Familie – der eigenen und anderen. Selbst kreuzbrave, ehewillige Spätzünder sind eben nicht davor sicher, wegen „Familien-Defiziten“ von Katholikensprechern dumm angerempelt zu werden.
Am 26.2.2012 beklagte der katholische Journalist Jürgen Liminski in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“, Kinderlose hätten „in der Regel ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als selbst gut verdienende Väter oder Mütter, ohne wie diese etwas für die Zukunft der Gesellschaft getan zu haben“. Tut ein Priester nichts für die Zukunft der Gesellschaft? Oder eine passionierte ledige Lehrerin? Oder ein unverheirateter Ministerpräsident, der zwei Bundesländer bis weit über das Ruhestandsalter hinaus regierte?
Als 2012 die Spionage im päpstlichen Haushalt ruchbar wurde, wunderte man sich laut KNA-Korrespondent Johannes Schidelko im Vatikan, dass „ein ehrbarer Familienvater mit drei Kindern in geregelten Verhältnissen zu einem solchen Verrat fähig sein“ könne (kath.net 26.5.12). Der Familienstand als Ausweis der Seriosität, als schlagendes Indiz, es mit einem moralischen Gesamtkunstwerk zu tun zu haben? Wirkten an den großen Verbrechen der Menschheitsgeschichte nicht überwiegend Männer in „geregelten Familienverhältnissen“ mit, die ihre Ehefrauen und Kinder fürsorglich liebten?
Es ist offenkundig im christlichen Lebensalltag, was auch die Soziologie eruierte: eine hohe Affinität von Christ und „Familientyp“ (Klaus-Peter Jörns). Besonders Katholiken wird eine Tendenz zum „Familismus“ attestiert. Ihr Gefühl der Verbundenheit mit den Vorfahren ist überdurchschnittlich ausgeprägt, Verwandtenbesuche sind häufiger. Die gewünschte und die reale Kinderzahl kirchennaher Christen liegen höher als bei den Konfessionslosen. Religiöse Jugendliche machen sich das Lebensziel „Kinder haben“ um 20 Prozent häufiger zu eigen als Nichtreligiöse. Regelmäßige Gottesdienstbesucher erklären häufiger als Kirchenferne, nichts gegen „Leute mit vielen Kindern“ als Nachbarn zu haben. Auch weisen religiöse Menschen eine unterdurchschnittliche Scheidungsrate auf und ein überdurchschnittlich harmonisches Familienleben, jedenfalls wenn man die Selbstauskünfte zum Maßstab nimmt: „Gemeinsame Mahlzeiten sind uns wichtig“; „Wir sprechen viel miteinander“; „Wenn es Streit gegeben hat, gelingt es uns meist recht schnell wieder, uns zu versöhnen“; „In unserer Familie gibt es Wärme und Geborgenheit“. Soweit, so erfreulich.
TAKTLOSIGKEIT KATHOLISCHER FAMILISTEN
Die Kehrseite: katholische Taktlosigkeit gegenüber Menschen, die das Ideal verfehlen, eine Hypertrophie des Familismus, seine ideologische oder habituelle Überdrehung. Sie kann ganz harmlos daherkommen: in den Vorstellungsrunden kirchlicher Gremien erfährt man bisweilen mehr von der biologischen Fruchtbarkeit der Teilnehmer(innen) als von ihrer relevanten Sachkompetenz und beruflichen Ausbildung, den Gründen ihrer Entsendung oder Motiven ihrer Mitarbeit. Atmosphärischer Sieger ist, wer von der höchsten Kinder- und Enkelzahl zu berichten weiß. Selbst in Büchern mit wissenschaftlichem Anspruch, deren Autorenverzeichnis Werdegang, Wirkungsstätte, Ämter und Forschungsschwerpunkte der beitragenden Experten darlegen soll, drängt einem mancher seine privaten Lebensverhältnisse auf, auch wenn sie nichts mit dem behandelten Thema und der Qualifikation dafür zu tun haben. Ein respektabler Kardinal trat kurz vor der Emeritierung mit seiner Familieneuphorie in den Fettnapf, als er sich bei einer Rede vor frommen Kinderreichen zu der Aussage hinreißen ließ: „Eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien.“
Schon weniger harmlos: die Genderkritikerin Gabriele Kuby, Kuratoriumsmitglied des „Forums deutscher Katholiken“, patzte im Herbst 2014, als sie mitten im Ukrainekrieg im Kreml einen von Putin-nahen Oligarchen organisierten Kongress „Große Familien und die Zukunft der Menschheit“ besuchte, zu dem sich auch westeuropäische Rechte vom „Front National“ oder der FPÖ ein Stelldichein gaben. Sie referierte dort sogar und durfte danach in der „Tagespost“ und auf „kath.net“ begeistert berichten – ohne ein Wort zu den Menschenrechten in Russland und zu Putins Hasskampagne gegen den Westen zu verlieren. Von den Leiden ukrainischer Familien ganz abgesehen.
Das notorische katholische Familienhurra könnte als kompensatorisches gerechtfertigt sein, wenn der Wert der Familie in der Gesellschaft verkannt würde. Doch das Gegenteil ist der Fall. Zwar mag es eine gewisse Geringschätzung der Rolle der Hausfrau und Mutter geben, wie die Debatte um das Betreuungsgeld zeigte, und eine überziehende „Antidiskriminierung“, etwa bei der Forderung nach „Öffnung“ der Ehe und Fremdkindadoption für homosexuelle Paare. Aber ideologische Frontalangriffe und praktische Rebellion gegen die Familie wie in den 68er-Jahren sind passé. 65 Prozent der Deutschen leben laut Emnid gern in ihrer klassischen ehelichen Familie; weitere 19 Prozent leben nicht so, würden es aber gern tun, nur jeder Zehnte lehnt dieses Lebensmodell ab. Der subjektive Stellenwert der Familie ist, so Allensbach-Chefin Renate Köcher, „außerordentlich hoch“: „Für das eigene Leben benennen konstant mehr als drei Viertel der Bevölkerung die Familie als wichtigsten Lebensinhalt.“ In der jungen Generation (bis 30 Jahre) ist der Wert von Familie sogar „so hoch wie nie zuvor“. Der Anteil der jungen Erwachsenen, der meint: „Man braucht eine Familie zum Glück“, stieg in den letzten 25 Jahren in Westdeutschland fast kontinuierlich von unter 50 auf beinahe 80 Prozent; im Osten lag er seit 1991 stets über 70 und erreicht nun ebenfalls fast 80 Prozent. Über 50 Millionen Menschen in Deutschland (ab 14 Jahre) finden es laut Allensbach „ganz besonders wichtig, sich für die Familie einzusetzen“. Über 90 Prozent der Bevölkerung nehmen auch bei Personen ihres sozialen Umfelds die Familie als „sehr wichtig“ (55 %) oder „wichtig“ (37 %) wahr. Ein Mehrbedarf an Bewusstseinsbildung für den Wert der Familie besteht daher wohl kaum. Dort, wo die Realität hinter dem Ideal zurückbleibt, wie es Scheidungsraten und die Zunahme von Patchworkfamilien zeigen, hat dies weniger weltanschauliche Gründe als zivilisatorische und tugendethische. Denen kommt man aber nicht mit Grundsatzpropaganda für die Familie bei.
KINDER ALS SOZIALKAPITAL, SINGLES ALS SCHMAROTZER
Wortführer der lauten katholischen Familienlobby reduzieren Kinder zum Sozialkapital und, je nach Bedarf, zur Lebensleistung oder Last, die eine größere finanzielle Kompensation verlange. Manche führen ihr Verdienst als Eltern, und sei es noch so bescheiden, ausdrücklich gegen die Demographiedienstversager ins Feld, welche die Familien „ausbeuteten“ und es sich gut gehen ließen. Da atmet man als derart ins Unrecht gesetzter Sozialschmarotzer erleichtert auf, wenn die F.A.Z. (12.4.14) titelt: „Deutsche Singles zahlen und zahlen“. Dass Singles auch reichlich an Familien oder gemeinwohldienliche Initiativen vererben, wird in den generationenübergreifenden Gerechtigkeits-Kalkulationen unterschlagen. Die Familisten-Forderungen nach immer mehr Geld vom Staat kommen einer faktischen finanziellen Vergesellschaftung von Kindern nahe – obwohl man eine staatliche „Lufthoheit über den Kinderbetten“ vehement zurückweist. Die katholische „Tagespost“ (2.5.2012) definierte Transfers zugunsten der Familie nicht mehr als Sozialleistung, sondern als „Honorar für eine erbrachte Leistung“. Sieht man es so, erscheint Erziehung bald nicht mehr als „Beschenkung mit Menschlichkeit“ (Johannes Paul II.) und „Schule der Unentgeltlichkeit“ (Benedikt XVI.). Sie wird zur Dienstleistung, die von Kindeserzeugern im Auftrag des Staates ausgeübt wird und eine entsprechende Bezahlung auslöst. Soll dies das christliche Familienbild sein? Hilfreicher wäre es, pragmatisch und flexibel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.
Es sollte selbstverständlich sein, muss aber immer wieder gesagt werden: das Christentum ist weder eine Familienreligion noch ein Fruchtbarkeitskult. Es wurde gestiftet von einem kinderlosen Single und wird in der katholischen Konfession auch geleitet von kinderlosen Singles. Trifft das mal nicht zu, ist es meistens ein Skandal. Auch in manchen profanen Berufen gehörten Kinderlosigkeit und Ledigenstatus bis vor wenigen Jahrzehnten sogar zum guten Ton; die Betreffenden sollten sich ganz und gar ihren Schutzbefohlenen widmen können. Auch die allermeisten zur Ehre der Altäre erhobenen Heiligen waren kinderlos.
ENGFÜHRUNG DES CHRISTENTUMS
Zudem kompromittiert ein ideologischer Familismus den Glauben, indem er sich anmaßend mit ihm identifiziert und seine katholische, „allumfassende“ Weite verengt: Hybride Formeln wie „Familie – das pure Christentum“ („Die Tagespost“, 22.12.2011) erwecken den Eindruck, die Frohe Botschaft begründe eine Religion für vornehmlich verheiratete, kinderreiche Personen. Damit verlören unsere Pfarrgemeinden, wo nach Streichung vieler Gottesdienste die „Familienmessen“ mancherorts schon das Monopol am Sonntagvormittag haben, das Einladende für alle Christen.
Dabei sollte das Bild von Familie, welches das Alte wie das Neue Testament zeichnet, eigentlich von einem allzu euphorischen Lobpreis der Blutsbande zurückhalten. Die schützen vor Mord und Totschlag, Habgier und Neid, Verrat und Unverständnis nämlich nicht. Jesus selbst wird offenbar von seiner Sippe verkannt („Er ist von Sinnen!“) und beantwortet die Frage: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ schlicht so: „Wer den Willen Gottes erfüllt.“ Um seinetwillen, so prophezeit er, würden sich Familienmitglieder gegenseitig in den Tod schicken. Seine Apostel lassen ihre Familien zurück, um ihm nachzufolgen. In der Bergpredigt durchbricht Jesus das überlieferte Clandenken mit den wuchtigen Fragen: „Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ Das Christentum kann also nur durch biblische Ignoranz oder Falschmünzerei zur Familienreligion stilisiert werden.
Andere ideologische Überformungen des Glaubens, etwa der religiöse Sozialismus oder Ökopazifismus, stießen bei Konservativen zu Recht auf Kritik. Für ihre eigene ideologische Deformation des Glaubens müssen sie erst noch sensibilisiert werden. Die Reaktionen sind dann aber meistens uneinsichtig und aggressiv. Den Splitter im Auge der Anderen sehen sie wohl, den Balken im eigenen Auge nicht.
Eine Szene aus einem diözesanen Pastoralrat: Mitglied X, Familienvater, schlägt, wie in jeder der halbjährlichen Sitzungen, unter „Verschiedenes“ vor, einen „Familienkongress“ abzuhalten. Welcher Gutmeinende wollte dagegen Einspruch erheben? Doch einmal meldet sich eine couragierte ältere Frau zu Wort und kontert: „Wir sollten unsere Aufmerksamkeit lieber mal auf die vielen Vereinsamten in unseren Großstädten richten“. Recht hat sie! Da wird nämlich von manchen, die lieber um die eigene Lebenswirklichkeit kreisen, eine pastorale Herausforderung ersten Grades übersehen. Womöglich nicht nur eine pastorale, sondern auch eine normative, vielleicht sogar theologische: denn der Wert einer erfüllten, Gott wohlgefälligen Existenz auf Erden bemisst sich nicht vorrangig an der Fertilität oder Bereitstellung künftiger Rentenbeitragszahler. Das Christentum bricht menschliches Nützlichkeitskalkül radikal auf.
Jeder stiftet dem Gemeinwohl seine Talente zu: der eine durch eine große Kinderschar und liebevolle Erziehung, der andere durch berufliche Spitzenleistungen mit außergewöhnlichem Arbeitseinsatz bis hin zu einer 60- oder 70-Stunden-Woche, der nächste durch seine vorbildliche Charakterstärke, die gegen die Dunkelheiten des grassierenden Egoismus, Opportunismus, Materialismus und Hedonismus wie ein Leuchtturm strahlt. Wieder ein anderer durch eine große Biographie des Gebets oder durch die unermüdliche Verkündigung der Frohen Botschaft. Und mancher vielleicht nur dadurch, dass er eine schwere Krankheit oder Behinderung mit vorbildlicher Tapferkeit und Demut ein Leben lang trägt, ohne zu jammern.
UNTERBELICHTET: DIE ETHIK DER FREUNDSCHAFT
Überlassen wir das Thema Familie also nicht den bloß Selbstzufriedenen, den Ideologen und den Materialisten, die einen Klassenkampf der Kinderreichen gegen die Kinderlosen predigen und das Glück der Elternschaft, das selbstverständlich mit Opfern verbunden ist, verdunkeln. Entdecken und schätzen wir als Christen neu die Vielfalt der Berufungen zu einem fruchtbaren Leben und auch die Vielfalt der Möglichkeiten, für Kinder da zu sein. Lassen wir nicht zu, dass das Christliche überwölbt und verfremdet wird durch das Rechtskonservative, für das Familie und Vaterland die höchsten Werte sind. Für den Christen sind sie es nicht. Was sich auch als ein Stück „Entweltlichung“ begreifen lässt: Nicht im Sinne einer Geringschätzung diesseitiger Lebenswirklichkeiten, sondern einer jenseitigen Perspektive, die weltliche Glücksmaßstäbe relativiert und den Sinn irdischer Pilgerschaft nicht darin sieht, in Nachkommenschaft „weiterzuleben“, sondern in der himmlischen Herrlichkeit Gottes.
Der Familienbegriff erstreckt sich heute, weit über die Kernfamilie hinausgreifend, für jeden Sechsten sogar auf „enge Freunde, Freundinnen“. Dies dürfte als kompensatorisch zu erklären sein angesichts der Verkleinerung der Kernfamilien und der häufigeren geographischen Zerstreuung der weiteren Familie durch die erhöhte berufliche Mobilität. Es ist daher an der Zeit, neben der kirchlichen Sorge für die Familie theologisch und seelsorglich auch eine Ethik christlicher Freundschaft zu pflegen, die ein Beziehungsnetzwerk der Liebe und Fürsorge dort gewährleisten hilft, wo kein „Blut zieht“. Für diese Erweiterung des Blickwinkels spricht nicht zuletzt ein Befund aus dem in 27 Sprachen übersetzten Bestseller „The Top Five Regrets of the Dying“ von Bronnie Ware. Sie begleitete auf der Palliativstation todkranke Patienten und schrieb auf, was diese im Rückblick auf ihr Leben bedauerten. Eines der fünf wichtigsten Versäumnisse: „Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht erhalten.“ Die hohe Bedeutung von Freundschaft würde vielen Menschen erst bewusst, wenn ihr eigenes Leben zu Ende gehe. Sie seien zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt gewesen, um sich genug Zeit für die Pflege von Freundschaften zu nehmen. „Jeder vermisst seine Freunde, wenn er stirbt.“
Andreas Püttmann
geb. 1964, Dr. phil., Politikwissenschaftler und freier Publizist; zuvor Wiss. Mitarbeiter und Referent für Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung; sein Buch „Gesellschaft ohne Gott. Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands“ (2010) erscheint in vierter Auflage bei Gerth Medien.
LITERATUR
Püttmann, Andreas, Wertschätzung und Wandel von Familie – Empirische Erkenntnisse in christlicher Perspektive, in: Augustin, George / Kirchdörfer, Rainer (Hg.), Familie. Auslaufmodell oder Garant unserer Zukunft? Freiburg / Basel / Wien 2014, 99-113 (mit Quellenangaben der hier referierten empirischen Befunde).
Danke für Freundschaft, für Freundschaft in der Familie und für die (christliche) Familie!
Die Replik von Josef Römelt auf Andreas Püttmann
Als ich aufgrund meiner Behinderung zunehmend Probleme hatte, meine Texte am Computer mit der Hand zu schreiben, schaffte ich mir eine Worterkennungssoftware an. Sie setzt das gesprochene Wort in geschriebenen Text um. Um sie zu trainieren, musste ich einen Text vorlesen, der über den Umgang von Berufsgruppen mit der deutschen Sprache handelte. Er behauptete, dass vor allem Journalisten dazu neigen, neue Worte zu erfinden – für eine Erkennungssoftware natürlich ein Problem. Es ist leichter, Gewohntes wiederzuerkennen, als Neues und Ungewohntes zu identifizieren.
Das neue Wort vom Familismus scheint eine soziologische Erfindung zu sein. Meine Erkennungssoftware – modernste Technik – kennt diesen Begriff nicht, muss sich an dieses Wort gewöhnen. Es mag richtig sein, dass Menschen in einer Gesellschaft, die vor allem das Ungewöhnliche und das Neue wertschätzt, mit einer gewissen Härte Werte vertreten, die mit diesem Ausdruck „Familismus“ offenbar verbunden werden: Orientierung an lebenslanger Partnerschaft, Kinderreichtum und Glaubenstreue. Aber sozialwissenschaftliche Analyse lässt auch erkennen, dass der oft maßlose Druck, den die moderne Welt mit ihrer vor allem durch die ökonomischen Interessen geprägten Logik ausübt, die Lebbarkeit von Familie enorm belastet. Ist es hilfreich, die Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen Familienformen zu vertiefen?
EINE CHRISTLICHE DEUTUNG VON FREUNDSCHAFT UND LIEBE
Vielleicht hilft eine Entfaltung christlicher Deutung von Freundschaft und Liebe weiter. Schon Thomas von Aquin nennt als Kennzeichen der Sakramentalität christlicher Ehe neben der Sichtbarmachung der Liebe Gottes und der Weitergabe des Lebens an Kinder die eheliche Freundschaft (!). Mit dem Wort Freundschaft versucht er, die emotionale Intimität und die gegenseitige Hilfe zu beschreiben, welche die Partner füreinander bedeuten. Genau diesen Gedanken hat das Zweite Vatikanische Konzil aufgegriffen und mit dem Wort der Freundschaft beschrieben, dass die Ehe nicht ein Vertrag, sondern ein Bund ist, den die Partner schließen (GS 49). Und es ist richtig: den Partnern helfen Freundschaften, welche ihre gemeinsame Lebenswirklichkeit nicht nur für den Austausch mit Kindern, also auf Familie im engeren Sinn hin öffnen, sondern in die weitere Vielfalt von Beziehungen. Ja, der katholische Weltkatechismus beschreibt auch das Zueinander zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern mit dem Wort der Freundschaft, die er als selbstlos auszudeuten versucht. Was diese Selbstlosigkeit meint, darüber kann man streiten. Ob sie jegliche sexuelle Kommunikation ausschließen muss oder nicht. Aber die moderne Theologie der christlichen Ehe und Familie denkt darüber nach, dass es gerade der Kernbegriff der Freundschaft ist, welche die innere Mitte, die personale Spontanität der Liebe, das vielfältig differenzierte Engagement von Menschen füreinander in den unterschiedlichen Familienformen gemeinsam kennzeichnen.
ALLE HABEN EINE HEIMAT IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE
Das ABC wirklich tiefer Freundschaft, also Vertrauen, Hingabe, Verzicht, alltägliche (auch materielle) Solidarität, aber ebenso taktvolle Distanz, gekonnte Auseinandersetzung, Mitleiden und sich mitfreuen – all das lernen wir vor allem an unseren (primären) Beziehungen. Die Entwicklungspsychologie beschreibt die erste Erfahrung solcher Beziehung am Verhältnis zu Mutter und Vater. Rein sozialwissenschaftlich-statistisch ist dabei noch immer der „Normalfall“ von Partnern mit ihren gemeinsamen Kindern gemeint. Ja, die Soziologie behauptet gelegentlich sogar, die Familienorientiertheit von Ehe und Partnerschaft käme in dem heutigen Verhalten der Menschen wieder neu zum Ausdruck, dass sie verstärkt (erst) in dem Augenblick heiraten, wenn sie ein Kind erwarten. Sicherlich: die Suche nach Alternativen, die Würde und Ehrlichkeit der verschiedenen Formen gelebter Gemeinschaft mit Kindern, mit Partnern, mit älteren Menschen, mit Freundinnen und Freunden ist ein ganz wichtiges Kennzeichen moderner Lebenskultur. Und sie bringt den moralischen „Wert“ der Freundschaft in ganz vielfältiger Form, aber ganz im Sinne ihrer grundlegenden menschlichen Bedeutung zur Geltung – noch vor den Ausfaltungen in Ehe, Leben mit und ohne Kindern, lebenslanger oder zeitweiser Partnerschaft, verschiedengeschlechtlichen und gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Entspricht das nicht auch der christlichen Tradition, wie sie die katholische Kirche kennt?
Eigentlich ist es dabei überhaupt nicht wichtig, ob sich dahinter die alten tiefen Spuren der natürlichen Bedürfnisse verbergen, von denen die christliche Naturrechtslehre immer wieder zu sprechen versucht. Oder ob es Versuche der Kompensation sind, mit der Menschen auf den Verlust alter, vertrauter Werte unter den belastenden oder freimachenden Bedingungen moderner Gesellschaft zu reagieren versuchen. Ob es das alte Vertraute ist oder das Neue, Ungewohnte und dadurch Lebendigkeit Schenkende. Die christlichen Familienformen mögen in ihrer unterschiedlichen Ausprägung einmal das eine, dann wieder das andere stärker zum Ausdruck bringen. Sie haben alle eine Heimat in der katholischen Kirche. Dabei macht es auch nichts, wenn mitunter Extreme vertreten werden. Theologie und Kirche haben die Kraft, sie zu integrieren. Und wenn schon moderne Technik – ich erinnere noch einmal an meine Sprachsoftware, ein Wunder fortschrittlichster Erfindung und menschlicher Kreativität – am Alten, Gewohnten entlang das Neue aufzunehmen lernt, darf das dann nicht auch die Kirche in genau diesem Sinne tun?
So möchte ich mit einem dreifachen Hurra schließen: einem Hurra auf die Freundschaft, einem Hurra auf die Freundschaft in der Familie und einem Hurra auf die Familie!
Der Spagat der Theologen
Die Replik von Andreas Püttmann auf Josef Römelt
Dem Beitrag von Josef Römelt kann ich weitgehend zustimmen. Mir fehlt allerdings eine klare Antwort auf die Titelfrage, ob die Familie nun „kirchlich unter- oder überschätzt“ werde. Insgesamt fällt mir als Politologe der um Harmonisierung bemühte Duktus auf. An einigen Stellen fordert er meinen Einspruch heraus.
Dass „die Übernahme und Gestaltung einer gleichgeschlechtlichen Lebensform der freien Bestimmung der Betroffenen anvertraut“ sei und diese sich „dazu entscheiden, homosexuell zu sein“ – wie „bei den vielen anderen Seiten der eigenen Biografie: Berufswahl, Wahl des Wohnortes oder Ähnliches“, halte ich für eine emanzipatorisch-liberale Fiktion. In der Regel dürfte doch eine schicksalhafte Disposition vorliegen und nicht eine „Wahl“, „Entscheidung“ oder „übernommene“ „Lebensform“. Diese Diktion spielt jenen Realitätsverweigerern in die Hände, die Homosexuellen eine willentliche Auflehnung gegen Gottes Schöpfungsordnung vorwerfen.
Auch die den „bedrängenden Vorgaben“ der Kirche positiv entgegengestellte „Vielfalt im Erleben von Sexualität“ halte ich für semantisch problematisch. „Vielfalt“ gilt in unserer pluralen Gesellschaft als erstrebenswert und ist notfalls sogar regulativ zu fördern: Artenvielfalt durch den Naturschutz, Angebotsvielfalt durch das Bundeskartellamt, Meinungsvielfalt durch die Kommunikationsgrundrechte usw. Kann es aber sinnvoll sein, sexuelle Vielfalt zu fördern? Ich meine nicht. Es kann nur darum gehen, in der Natur vorgefundene sexuelle Verschiedenheit in einem menschenfreundlichen Klima der Toleranz zu akzeptieren und den Einzelnen das Beste daraus machen zu lassen.
PARTNERSCHAFTSGESTALTUNG?
Die Frage „Führt die versuchte Offenheit intimer Beziehungen (Anm.: Umschreibung für Promiskuität?) wohl auch zu Phänomenen psychischer Ausnutzung und Erschöpfung? Der fehlende Mut zur Bindung zur Vertiefung der Einsamkeit der Menschen – mitten in aller Offenheit der Intimität – bis hin zur Isolation?“ sollte nicht nur gestellt, sondern bejaht werden. Wenig sinnvoll erscheint mir die Feststellung „Wer sich z.B. zu einer gleichgeschlechtlichen Lebensgestaltung entschließt, drückt darin zugleich auch den Verzicht darauf aus, Kinder mit einem Partner (auf natürliche Weise) zu zeugen und ins Leben zu begleiten“. Sollten etwa Homosexuelle um einer Elternschaft willen lieber heterosexuell heiraten wie es früher oft geschah – und nicht selten zu unglücklichen, doppelbödigen Ehen führte? Und was soll eine „gleichgeschlechtliche Lebensgestaltung“ sein? Gemeint ist wohl Partnerschaftsgestaltung, aber zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft „entschließt“ man sich nicht wie für eine Wohnzimmergestaltung.
Für sehr wichtig halte ich Josef Römelts Aussage: „Die Liebe lebt immer auch vom Glauben der beiden Partner an ihre Stabilität, besonders in den Konflikten. So macht sich der Glaube zum Anwalt der Hoffnung, dass das gemeinsame Leben trägt – eine Ressource, die in den raschen Rhythmen des gegenwärtigen Lebens unabdingbar notwendig ist. Sie erhebt Einspruch gegen die Skepsis, die immer schon mit dem Scheitern rechnet.“ Christliche Religiosität und Kirchennähe begünstigen Ehevertrauen und Ehestabilität. Gott als „Dritter im Bunde“ verbindet, stärkt, tröstet und beschwingt.
KEIN KRATZER IM GLANZ
„Diese Fruchtbarkeit der Liebe in den Kindern, welche die Zukunft in ihren kleinen Händen halten, kann durch kein noch so radikales berufliches oder gesellschaftliches Engagement eingeholt werden“: als Lyrik spricht auch mich das spontan an, doch die „Fruchtbarkeit der Liebe“ einer Mutter Teresa, eines Maximilian Kolbe oder Janusz Korczak erscheint mir nicht minder faszinierend.
Schließlich wirbt der Autor hinsichtlich „christlicher Familien“ harmonisierend „für ein Verständnis, welches die unterschwellige Verachtung der gleichgeschlechtlichen Liebe, die auch in der offenen Gesellschaft als Versuchung nicht einfach verschwunden ist, überwinden hilft. Weil eine Verurteilung völlig unangemessen ist. Weil auch in ihr etwas jenseits dogmatischer, kirchenrechtlicher und liturgischer Hochform von der sakramentalen Würde menschlicher Liebe und Fruchtbarkeit Wirklichkeit wird.“ Als Politologe sticht einem hier ein Spagat des Theologen ins Auge: immerhin sind gleichgeschlechtliche Neigungen nach kirchlicher Lehre „objektiv ungeordnet“ und homosexuelle Akte sündhaft. Von nur weniger als der „Hochform“, von „unangemessener Verurteilung“ sowie „sakramentaler Würde“ könnte doch demnach keine Rede sein? Führt dieser Spagat nicht zur Überdehnung von doktrinärem Standbein und reflexivem Spielbein? Geht es hier vielleicht gar nicht „um eine zu enge kirchliche Moral“, die nur gelockert werden müsste, sondern um eine Moral auf humanwissenschaftlich überholter Grundlage? Dann müsste sich eine „Glaube und Vernunft“ verpflichtete Kirche „der Thematik der Homosexualität im Ganzen neu stellen“ (Karl Kardinal Lehmann) – ohne Angst davor, dass dies einen Kratzer im Glanz ihres überzeitlichen Wahrheitsanspruchs hinterlassen könnte.
Zwischen Vorbehalt und Wertschätzung
Ehe und Familie im Neuen Testament
Wer sich in den gegenwärtigen Debatten um Ehe und Familie durch einen Blick in die Bibel eindeutige Orientierung erhofft, erlebt Überraschungen: es kann in diesem Zusammenhang nicht nur die Zeitgebundenheit biblischer Schriften besonders deutlich werden; man stößt auch auf ausdrücklich familienkritische Äußerungen. Gerd Häfner
Das biblische Bild zu Ehe und Familie ist äußerst vielfältig. Dies ist nicht nur darin begründet, dass es zwischen Altem und Neuem Testament Unterschiede wie den bekannten Fall der Ehescheidung gibt; auch nicht allein darin, dass die in alttestamentlichen Erzählungen und rechtlichen Regelungen bezeugte polygame Ordnung die Lebenspraxis der meisten Israeliten nicht bestimmte. Denn auch innerhalb des Neuen Testaments ergibt sich ein vielstimmiger Befund, wenn man die Aussagen in den verschiedenen Traditionsschichten betrachtet.
EVANGELIEN
Beginnen wir mit der Jesusüberlieferung der Evangelien. Obwohl Matthäus und Lukas vom Ursprung Jesu erzählen und dabei Familienkonstellationen erkennen lassen, ist das Interesse an der Familie Jesu gering. Selbst Lukas, der einen vergleichsweise detaillierten Einblick gewährt, beschränkt sich auf wenige Daten: Maria und Josef als Verlobte und in Kapitel 2 als „Eltern Jesu“ (Lk 2,27.41.43); nach der Episode vom 12-jährigen Jesus im Tempel heißt es, Jesus habe sich seinen Eltern untergeordnet (2,51). Zusammen mit der Notiz vom Heranwachsen wird damit die ganze Zeit bis zum Auftreten Jesu im Alter von etwa 30 Jahren (3,23) abgedeckt. Dass Maria alle Ereignisse in ihrem Herzen bewahrt (2,51; s. auch 2,19), schlägt eine Brücke zum Beginn der Apostelgeschichte, dem zweiten Werk des Lukas; dort erscheint Maria mit den Brüdern Jesu als Teil der Urgemeinde (Apg 1,14). Dazwischen aber klafft eine Lücke: die Familie Jesu spielt nach der Darstellung der synoptischen Evangelien im Verlauf des Wirkens Jesu keine Rolle – jedenfalls keine positive.
In Mk 3,21 heißt es, dass die Verwandten Jesu ausgezogen seien, um ihn zu fassen, weil sie ihn für verrückt hielten. Die Szene findet ihre Fortsetzung in der Ankunft von Mutter und Brüdern, die Jesus im Haus rufen lassen (3,31) – ein Ruf, auf den Jesus mit dem Verweis auf seine neue Familie reagiert: diejenigen, die ihn hören und den Willen Gottes tun (3,34f.). Abgesehen von dieser Szene, in der es zu keinem direkten Kontakt kommt, schweigen die synoptischen Evangelien von der Familie Jesu während dessen öffentlichen Wirkens. Unabhängig von der Frage, ob sich die geschilderte feindselige Aktion der Verwandten historisch ins Wirken Jesu zurückführen lässt, ergibt sich im Ganzen ein eindeutiges Bild der Distanz zwischen Jesus und seiner Familie während der Zeit von Jesu Verkündigung. Das Johannes-Evangelium kann dieses Bild zwar etwas nuancieren, aber nicht grundsätzlich verändern. Mutter und Brüder Jesu treten in der Erzählung auf, der Eindruck der Distanz aber bleibt: Jesus grenzt sich bei der Hochzeit zu Kana mit Anrede und Ausspruch von seiner Mutter ab (Joh 2,4: „Was ist zwischen dir und mir, Frau?“), seinen Brüdern wird Unglaube attestiert (7,5). Die Szene unter dem Kreuz ist am besten familienmetaphorisch zu lesen: wenn Jesus seiner Mutter sagt „Frau, siehe, dein Sohn“ und zum geliebten Jünger „siehe, deine Mutter“ (19,26), dann wird dieser Jünger – Idealgestalt der Jesusnachfolger – in die Familie Jesu aufgenommen. Deshalb bezeichnet der Auferstandene die Jünger als „meine Brüder“, die denselben Vater haben wie er (20,17). Weil diese Verwandtschaftsbeziehung im Vordergrund steht, bleibt die Mutter Jesu im Johannes-Evangelium namenlos und wird nur über das verwandtschaftliche Verhältnis zu Jesus identifiziert.
In diesen Befund fügen sich familienkritische Worte, die möglicherweise Jesu Erfahrung mit der eigenen Familie spiegeln. Dass er nicht gekommen sei, Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Mt 10,34), bringt bildhaft die Spaltung zum Ausdruck, die der Anschluss an Jesus provoziert – eine Spaltung, die bis in die Familien reicht, wie die Fortsetzung deutlich macht (10,35 mit Rückgriff auf Mi 7,6).
Die Konkurrenz zwischen Jesusnachfolge und Familie prägt auch manche Nachfolgeworte. Im Lukas-Evangelium werden drei dieser Sprüche in einer Szene gebündelt. Jüngerschaft wird verbunden mit Unbehaustheit und Heimatlosigkeit: „Die Füchse haben Höhlen, die Vögel des Himmels Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt legt“ (9,58). Die Familie ist also nicht mehr der Ort des nachfolgewilligen Jüngers. Sie erscheint sogar metaphorisch als Bereich des Todes, den der Jünger hinter sich lassen muss: „Lass die Toten ihre Toten begraben!“ (9,60). Ein Aufschub mit dem Zweck, sich von der Familie zu verabschieden, wird – anders als bei der Berufung Elischas (1 Kön 19,19-21) – nicht gewährt: „Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, taugt für das Reich Gottes“ (9,62). Dieser aus der Jesusnachfolge resultierende Bruch mit den familiären Bindungen kann auch grundsätzlich gefasst werden: „Wer seinen Vater oder seine Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer seinen Sohn oder seine Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“ (Mt 10,37).
Die Konkurrenz von Nachfolge und Familie begründet aber keine Verlustgeschichte. Wer durch den Anschluss an Jesus in Distanz zu seinen primären sozialen Bindungen gebracht wird, gewinnt in der Gemeinschaft der Jesusnachfolger eine neue Familie. Ausdrücklich wird zugesagt, bereits „in dieser Welt“ Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker hundertfach zu erhalten (Mk 10,30), und dies heißt: es ist an eine reale Gemeinschaft gedacht, nicht nur ein Bild für die Heilsvollendung gebraucht. Man kann von hier aus eine Linie zur Familienmetaphorik in urchristlicher Sprachtradition ziehen: die Glaubenden sind Brüder und Schwestern.
PAULUS
Von dieser übertragenen Redeweise familiärer Beziehungen ist die Sprache des Paulus stark geprägt. Dagegen werden Ehe und Familie im eigentlichen Sinn in den unumstritten echten Paulusbriefen streng genommen nur in 1 Kor 7 zum Thema, wo der Apostel auf Fragen aus der Gemeinde von Korinth eingeht.
Es ist umstritten, ob Paulus mit dem Satz „Es ist gut für einen Menschen, eine Frau nicht zu berühren“ (1 Kor 7,1) eine Parole aus der korinthischen Gemeinde zitiert oder selbst formuliert. Wie auch immer man diese Frage beantwortet, in jedem Fall ergibt sich, dass Paulus die ehelose Lebensweise favorisiert. Er wünscht, dass alle seien wie er selbst, nämlich unverheiratet (7,7; s.a. 7,8). Auch in den Aussagen zu den Jungfrauen und zu den Witwen wird die Präferenz für die Ehelosigkeit deutlich: so zu sein, nämlich jungfräulich, ist gut für den Menschen (7,26); und ebenso ist die Witwe glücklicher, die nach dem Tod ihres Mannes nicht wieder heiratet, sondern „so bleibt“ (7,40). Es zeigt sich also ein deutlicher Vorbehalt gegen die Ehe. Begründet ist er zum einen in der nur noch kurzen Zeitspanne bis zur Vollendung. In ihr sollen die, die Frauen haben, so leben, als hätten sie keine (7,29). Zum andern verweist Paulus auf die ungeteilte Sorge für den Herrn, die nur den Unverheirateten möglich sei (7,32-34).
Dieser Vorbehalt gegen die Ehe mag, neben den Tendenzen zur Enthaltsamkeit bei den Adressaten, dazu beigetragen haben, dass die Ehe sehr einseitig unter dem Aspekt des Geschlechtsverkehrs gesehen wird: um Unzucht zu vermeiden, soll jeder seine Frau und jede ihren Mann haben (7,2). Eine umfassende Ehelehre ist von Paulus nicht zu erwarten, er reagiert auf konkrete Konstellationen und Situationen in der korinthischen Gemeinde. Trotz der erkennbaren Vorbehalte wertet er die Ehe nicht negativ. Paulus sieht, dass die Fähigkeit zu sexueller Enthaltsamkeit nicht allen gegeben ist: „Jeder hat seine besondere Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so“ (7,7). Damit ist nicht gesagt, dass die Fähigkeit zur Ehe wie diejenige zur Enthaltsamkeit ein besonderes Charisma sei, sondern: wem Enthaltsamkeit nicht gegeben ist, der hat eben eine andere Gnadengabe. Und er soll nicht versuchen, sexuelle Askese ohne entsprechendes Charisma zu üben. Eheleute sollen sich nur nach gegenseitiger Übereinkunft und für eine bestimmte Zeit des Geschlechtsverkehrs enthalten (7,5). Wer nicht verheiratet oder wer verwitwet ist, und die Gabe der Enthaltsamkeit nicht hat, soll heiraten: „Besser ist es zu heiraten als zu brennen“ (7,8). So hält Paulus – wahrscheinlich gegen eine Tendenz zu solchem Urteil in der korinthischen Gemeinde – auch ausdrücklich fest, dass Ehe in keinem Fall Sünde sei (7,28; 7,36). Am prägnantesten ist seine Sicht wohl zusammengefasst in dem Satz, mit dem er die Ausführungen zu den Jungfrauen abschließt: „Wer seine Jungfrau heiratet, handelt gut, und wer nicht heiratet, wird besser handeln“ (7,38). In der neutestamentlichen Briefliteratur ist dieser Vorbehalt gegen die Ehe eine Eigenheit des Paulus. Selbst die unter seinem Namen in späterer Zeit verfassten Briefe führen diese Linie nicht fort (s.u.). Auch die ehelose Lebensweise des Apostels und Missionars scheint untypisch gewesen zu sein: Paulus behandelt sie an anderer Stelle unter der Kategorie des Rechtsverzichts und bekundet ihren anormalen Charakter: „Haben wir nicht die Vollmacht, eine Schwester als Frau mitzunehmen wie auch die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas?“ (1 Kor 9,5). Die Lebensweise des Paulus unterscheidet sich also von der üblichen Praxis.
So passt es im Ganzen ins Bild, dass Familien einen Kern der Gemeinde bilden, also ganze Häuser (im Sinne einer Sozialstruktur) den Glauben angenommen haben. Paulus nennt das „Haus des Stephanas“, dessen Bekehrung die korinthische Gemeinde initiierte (1 Kor 16,15; s. auch 1,16). Offensichtlich hat sich diese Familie besonders engagiert für die Gemeinde. In der Zeit, in der noch keine Amtsstrukturen entwickelt sind, erwächst aus solchem Einsatz auch der Anspruch auf Anerkennung durch die Gemeinde (16,16). Das Ehepaar Priska und Aquila wird von Paulus gegrüßt samt der „Gemeinde in ihrem Haus“ (1 Kor 16,19; Röm 16,3-5), der Brief an Philemon ist auch an die „Gemeinde in deinem Haus“ adressiert. Zwar bezeichnet „Haus“ in dieser Wendung ein Gebäude; aber wenigstens im Fall von Priska und Aquila ist klar, dass auch die soziale Größe „Familie“ sachlich eingeschlossen ist. In der ersten Generation können Familien also eine bedeutende Rolle für den Aufbau christlicher Gemeinden gespielt haben.
ZUR ENTWICKLUNG NACH PAULUS
Die Briefe, die in der zweiten Generation unter dem Namen des Apostels geschrieben wurden, äußern sich, anders als Paulus, grundsätzlich zu den Beziehungen in der Familie. Dabei zeigt sich eine eindeutig patriarchale Struktur, aber keine unbeschränkte Machtposition des Hausherrn und Familienvaters. Im Kolosserbrief steht zwar – an Frauen, Kinder und Sklaven gerichtet – die Aufforderung zu Unterordnung und Gehorsam immer voran; es schließt sich aber jeweils eine Ermahnung auch des Hausherrn an: er soll seine Frau lieben und ihr gegenüber nicht bitter werden, die Kinder nicht entmutigen, die Sklaven gerecht behandeln (Kol 3,18-4,1). Spezifisch christliche Inhalte finden sich in den Mahnungen nicht. Diese sind vielmehr aus dem gesellschaftlichen Umfeld übernommen und mit einer christlichen Motivation versehen. So heißt es zur Unterordnung der Frauen unter ihre Männer: „…wie es sich im Herrn geziemt“. Damit ist kaum mehr gesagt, als dass die geforderte Unterordnung der Frauen unter ihre Männer mit dem Bekenntnis zu Christus in Einklang steht.
Der Epheserbrief unternimmt hier größere Anstrengungen, indem er das Verhältnis von Mann und Frau in der Ehe mit dem Verhältnis von Christus und Kirche in Beziehung bringt. Die asymmetrische Relation von Christus und Kirche hat ihr Pendant in der asymmetrischen Relation von Mann und Frau in der Ehe, ausgedrückt in der Metapher vom Haupt und der Aufforderung zur Unterordnung (Eph 5,23f.). Am Verhältnis von Christus und Kirche betont der Verfasser des Briefes allerdings nicht die Differenz zwischen beiden Größen, sondern die durch Liebe gekennzeichnete Beziehung. Die Überordnung Christi dokumentiert sich nicht in der Ausübung von Herrschaft, sondern in der Liebe bis zur Selbsthingabe (5,25). Damit gewinnt die Rede von Über- und Unterordnung in der Ehe zwar ein Gegengewicht zu einer allein an Herrschaft orientierten Beziehung. Dennoch ist aus heutiger Sicht diese ekklesiologisch orientierte Deutung der Ehe nicht ungebrochen rezipierbar. Sie setzt ja eine Geschlechterbeziehung als selbstverständlich voraus, die heute nicht mehr plausibel ist: die Überordnung des Mannes über die Frau. Deutet man die Ehe in den Spuren des Epheserbriefes als Abbild der Beziehung von Christus und Kirche, müsste unter heutigen Verstehensbedingungen die gegenseitige Liebe von Mann und Frau in der Ehe als Abbild der Liebe Christi zur Kirche gesehen werden. Dies kann durchaus am Epheserbrief anknüpfen: Wenn die Liebe nach dem Vorbild Christi Liebe bis zur Selbsthingabe ist, wird ein hierarchisches Gefälle zwischen Mann und Frau letztlich prinzipiell in Frage gestellt.
In den Pastoralbriefen (1/2 Tim, Tit) – aus der dritten oder vierten christlichen Generation – zeigt sich ein rigideres Familienbild. Dies erklärt sich wenigstens zum Teil daraus, dass die Aussagen über die innerfamiliären Beziehungen in den Sog der Gemeindeordnung geraten, die dem Autor als Ideal vorschwebt. Die Rolle des Familienvaters wird im Zusammenhang der Anforderungen bestimmt, die ein Gemeindeleiter zu erfüllen hat (1Tim 3,1-7). Er muss sich als pater familias bewährt haben, also seinem Haus gut vorstehen können (3,4). Dazu gehört die Fähigkeit, die Strukturen von Über- und Unterordnung durchzusetzen. Durch sie wird die Kompetenz zur Gemeindeleitung erwiesen (3,5). Der Leitmetapher von der Kirche als „Haus Gottes“ (3,15) entspricht die Orientierung an hierarchischen Strukturen, die das antike Haus prägten. Vorrangig durch diese ekklesiologische Linse fällt der Blick auf Ehe und Familie. Dabei wird deutlich, wie die Vorstellung von Familie in zeitgenössische Plausibilitäten eingebunden ist. Die Unterordnung von Frauen unter ihre Männer – wie auch der Sklaven unter ihre Herren –, zielt darauf, dass „das Wort Gottes nicht gelästert wird“ (Tit 2,5; s.a. 2,10). Das Geschick der Evangeliumsverkündigung hängt also in der Sicht der Pastoralbriefe auch davon ab, ob die gesellschaftlich vorgegebenen Rollen erfüllt werden. Ein Ausbrechen aus der patriarchalen Ordnung könnte die Botschaft von Gott in Misskredit bringen, „der will, dass alle Menschen gerettet werden“ (1Tim 2,4). Dann liegt in der Festschreibung von Rollen in der Familie, die der Verfasser dieser Briefe unternimmt, zugleich ein Ansatzpunkt für deren Neufassung – wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen grundsätzlich geändert haben.
Darmowy fragment się skończył.