Czytaj książkę: «Konzerte für Menschen mit Demenz»

Die Herausgeber

Kai Koch, Prof. Dr. phil., Professor für Musikpädagogik an der Universität Vechta und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik e. V.

Bernd Reuschenbach, Prof. Dr. phil., Professor für gerontologische Pflegewissenschaft und Qualitätsmanagement an der Katholischen Stiftungshochschule München.
Kai Koch/Bernd Reuschenbach (Hrsg.)
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-038848-2
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-038849-9
epub: ISBN 978-3-17-038850-5
Geleitwort
Henning Scherf
Mit Musik erreichen wir Menschen mit Demenz! Ich habe es oft mit großer Freude erlebt, dass das Musizieren für Menschen mit Demenz eine Mobilisierung der besonderen Art ist. Das Zuhören ist oft der Anstoß, selber zu singen. Es müssen dabei im Gehirn Funktionen erreicht werden, die noch nicht von der Demenz zerstört worden sind. Da ich kein Mediziner bin, weiß ich nicht genau, was im Kopf passiert. Ich sehe nur das Aufleuchten der Gesichter, wenn vertraute Klänge wiedererkannt werden. Noch stärker hat mich beeindruckt, wie beim Mitsingen viele Strophen präsent sind. Eine Freundin von mir kann ihren eigenen Namen und auch meinen Namen nicht erinnern, aber wenn wir Paul Gerhards »Geh aus, mein Herz, und suche Freud …« singen, dann hat sie alle 15 Strophen parat. Das muss sie in ihrer Jugendzeit gelernt haben. Ich habe ein altes Gesangbuch gefunden, in dem tatsächlich 15 Strophen abgedruckt waren. Sie singt uns Zuhörern alleine die viele Strophen vor und fragt dann, wer hier Gedächtnisprobleme hat.
Die Musik, das Musizieren sind für alte Menschen mit Demenz wie ein Schatz, den sie so lange wie möglich erreichen. Darum ist es so wichtig, die Musik im Alter in den Mittelpunkt zu stellen. Allen, die sich auf die altendominierte Gesellschaft einstellen, wünschen sich möglichst viele regelmäßige musikalische Begegnung. Dann stimmt der alte Reim: »Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder.«
Mit herzlichen Grüßen

Dr. Henning Scherf, Schirmherr der Deutschen Stiftung für Demenzerkrankte
Vorwort der Herausgeber
Kai Koch & Bernd Reuschenbach
Konzerte für Menschen mit demenziellen Veränderungen sind für die Betroffenen nicht nur eine Bereicherung des Alltags, sondern ermöglichen auch kulturelle Teilhabe mit der Annäherung an Normalität. Solche Konzerte werden bisher von nur einzelnen Konzert- und Opernhäusern, Alteneinrichtungen, Seniorenbüros oder auch Kirchengemeinden angeboten. Auch im Ausland gibt es nur wenige Beispiele solcher Formate. Die Bandbreite der Genres und Konzeptionen reicht vom Rockkonzert oder Jazzabend über Kammermusikkonzerte bis hin zu Sinfonie- und Opernaufführungen.
Gerade die COVID-19-Pandemie in den Jahren 2020/2021 wirft die Frage nach kultureller Teilhabe für demenziell veränderte Menschen in Alteneinrichtungen oder in häuslicher Einsamkeit in einem ganz anderen Kontext auf. Sie zeigt, wie wichtig musikalische Angebote in Zeiten von Isolation sein können und welche Chancen dabei z. B. die sogenannten »Fensterkonzerte« bieten.
Dieses Buch richtet sich an Konzertbetriebe, die Demenzkonzerte kennenlernen und durchführen möchten sowie an Akteurinnen und Akteure der Altenpflege und Fachkräfte der Konzertvermittlung, die sich die Rahmenbedingungen und Hintergründe solcher Konzertformate aneignen wollen.
Im ersten Teil des Buchs werden zunächst Inhalte erläutert, die allen beteiligten Zielgruppen die essenziellen Grundlagen der jeweils anderen Fachbereiche nahebringen sollen (Grundlagen zur Demenz, zur Altenpflege, der Musikgeragogik und dem Konzertwesen bzw. der Konzertvermittlung). Im zweiten Teil werden die Gelingensbedingungen von Demenzkonzerten zusammengestellt, die als eine Art Handreichung für die konkrete Umsetzung solcher Formate genutzt werden können. Den Schluss bilden im dritten Teil einige (Best-Practice-)Beispiele, die verschiedene Möglichkeiten der Umsetzung mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen aufzeigen und zum Nachmachen motivieren wollen.
Wir hoffen sehr, mit dieser Publikation zur Durchführung von Demenzkonzerten zu ermutigen und dafür notwendiges Hintergrundwissen bzw. praktische Anregungen zur Verfügung zu stellen, damit sich diese besonderen Formate weiter etablieren können und somit einen kleinen Beitrag zur Lebensqualität demenziell veränderter Menschen leisten mögen.
Wir möchten uns ganz besonders bei unserer Lektorin Frau Schierock und dem Kohlhammer-Verlag bedanken, die dieses Vorhaben sofort unterstützt haben und damit auch die gesellschaftliche Relevanz der Professionalisierung von Konzertangeboten für Menschen mit Demenz als wichtig erachten. Ein großer Dank gilt zudem allen beteiligten Autorinnen und Autoren sowie insbesondere auch der »Demenzkonzert-Pionierin« Elisabeth von Leliwa, die bereit waren, uns durch ihre Erfahrungen zu unterstützen. Wir waren begeistert, wie viel Mühe, Herzblut und Engagement in die jeweiligen Projekten investiert wurden.
Kai Koch & Bernd Reuschenbach
Inhalt
1 Geleitwort
2 Henning Scherf
3 Vorwort der Herausgeber
4 Kai Koch & Bernd Reuschenbach
5 1 Grundlagen
6 1.1 Menschen mit Demenz – (Er)leben im »Anderland«
7 Bernd Reuschenbach
8 1.2 Versorgungssysteme für Menschen mit Demenz
9 Bernd Reuschenbach
10 1.3 Musikgeragogische Grundlagen
11 Kai Koch
12 1.4 Ein Land voller Musik: Das klassische Konzertleben und seine Institutionen in Deutschland
13 Elisabeth von Leliwa
14 2 Durchführung
15 2.1 Konzertformate für Menschen mit Demenz (und deren Angehörige)
16 Kai Koch & Bernd Reuschenbach
17 3 Erfahrungen
18 3.1 »Ferne Klänge« – eine Konzertreihe der Elbphilharmonie für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen
19 Anastasia Päßler
20 3.2 »Dialog: Kultur & Demenz« (Nürnberger Symphoniker)
21 Nina Gremme & Sabine L. Distler
22 3.3 Probenbesuche für Menschen mit Demenz und deren Angehörige (Akademiekonzerte der Musikalischen Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V.)
23 Nadin Preuße
24 3.4 Kammerkonzerte für Menschen mit Demenz (WDR Köln)
25 Jochen Schmauck-Langer
26 3.5 »Unvergesslich« – ein Konzert für Menschen mit und ohne Demenz (Mozartfest Würzburg)
27 Karin Rawe und Laura Wikert
28 3.6 »Musik im Kopf – Konzerte für Menschen mit und ohne Demenz« (Desideria Care e. V. München)
29 Désirée von Bohlen und Halbach & Christine Grosse
30 3.7 »Wo Musik erklingt, da lass dich nieder« – Konzerte für Menschen mit Demenz (Speyer)
31 Ria Krampitz
32 3.8 Kirchenkonzerte für Menschen mit Demenz und deren pflegende Angehörige (Neuwied)
33 Sabine Paganetti
34 3.9 Treffpunkt Musiktheater – »Eine Reise nach Italien« (Kleines Musiktheater Niedersachsen e. V. Hannover)
35 Bettina Delius
36 3.10 »Oper für Jung und Alt«: Oper und Demenz als Projekt der Oper Köln
37 Frank Rohde
38 3.11 »We love Rock« – Popularmusik in stationären Einrichtungen
39 Manuela Söhnchen & Andreas Vincke
40 3.12 Power of Music & Dementia (United Kingdom)
41 Beatie Wolfe
42 3.13 »Singen auf Abstand« – Konzertformate in Zeiten vom »Lockdown«
43 Jan Henning Foh, Kai Koch & Brigitte Rauscher
44 4 Fazit
45 Kai Koch & Bernd Reuschenbach
46 Anhang
47 Anlage 1 Checkliste
48 Anlage 2: Infoblatt Köln
49 Literatur
50 Die Autorinnen, die Autoren
51 Stichwortverzeichnis
1 Grundlagen
1.1 Menschen mit Demenz – (Er)leben im »Anderland«
Bernd Reuschenbach
In diesem Kapitel soll das Leben und Erleben der Menschen mit Demenz beschrieben werden, mit Hinweisen auf Ursachen, Symptome und wie die Begegnung von Mensch und Musik gelingen kann.
Das Kapitel ist an Musikschaffende und Veranstalterinnen und Veranstalter von Konzertangeboten adressiert, die im Rahmen von musikalischen Angeboten möglicherweise erstmalig Menschen mit Demenz begegnen. Dabei interessieren folgende Fragen:
• Wie verhalten sich Menschen mit Demenz?
• Was geht in ihnen gedanklich vor?
• Welchen Zugang ermöglicht Musik zu deren Kognition und Emotion?
1.1.1 Demenzkranke, Dementierende, Menschen mit Demenz
Demenz = Nachlassende kognitive Funktionen, Alltagskompetenzen, Leistungsvermögen und Sprache 
»Demenzerkrankungen sind definiert durch den Abbau und Verlust kognitiver Funktionen und Alltagskompetenzen« (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) 2016, S. 10). Hauptkennzeichen sind Verschlechterungen in der Merkfähigkeit, im Denken oder in der Sprache. Weiterhin ist die Demenz durch ein Nachlassen des allgemeinen Leistungsniveaus sowie emotionale und motivationale Veränderungen gekennzeichnet.
Der Begriff »Menschen mit Demenz« ist zu bevorzugen. 
Wir verwenden in diesem Buch stets den Begriff »Menschen mit Demenz« um deutlich zu machen, dass in der Begegnung zunächst der Mensch im Mittelpunkt steht, mit seiner erlebten Biografie, seinen Eigenarten und besonderen Verhaltensweisen. Erst in zweiter Linie ist der Blick dann auf die dementiellen Symptome zu richten, also auf das »Unvernünftige« (lat. »demens«). Menschen mit Demenz können trotz kognitiver Einschränkungen im Alltag gut zurechtkommen und phasenweise bei klarem Verstand sein. Es sind also nicht immer die krankhaften Aspekte bemerkbar. Die Begriffe »Demenzkranke« oder »Demente« stigmatisiert die Betroffenen und wertet die vielfältigen und variablen Verhaltensmuster primär als Ausdruck einer Erkrankung, die es zu therapieren gilt, anstatt hierin auch ein Produkt von Erfahrungen und Persönlichkeit zu sehen.
Die Gleichsetzung »Demenz = Krankheit« trägt zur Medikalisierung des Alters bei (vgl. Birkholz 2020), d. h. Altsein wird mit Kranksein gleichgesetzt, anstatt in den vielen Erscheinungsformen auch einen natürlichen Alterungsprozess zu sehen, den es kreativ zu gestalten gilt.
Ein personenzentrierter Umgang mit Betroffenen, wie er in diesem Buch favorisiert wird, stellt zunächst die Frage nach den Beweggründungen für Worte und Taten und versucht diese aus der Situation und der Lebensgeschichte heraus zu verstehen und die Ressourcen statt der Defizite zu sehen.
Der personenzentrierte Ansatz fokussiert Ressourcen statt Defizite. 
Die nachfolgenden Kapitel sind voll mit Schilderungen in denen deutlich wird, dass gerade mit Musik Aspekte des Menschseins erreicht und berührt werden, von denen selbst Angehörige oder Pflegende manchmal überrascht sind: Da singt die Person mit Demenz nach jahrlangem Schweigen plötzlich wieder Lieder mit, da bewegt sich eine Person nach Phasen der völligen Immobilität plötzlich im Rhythmus der Musik. Dies alles verdeutlicht, dass ein Blick auf die Ressourcen der Betroffenen und ein Versuch, die Innenwelt der Betroffenen zu verstehen, lohnt. Versinnbildlicht wird diese Sichtweise mit der Metapher einer Reise ins »Anderland«1, »ein Land, in dem Wege oft sehr verworren sind« (Schützendorf & Datum 2019, S. 10), aber auch ein Land, in dem Musikgenießen möglich ist.
1.1.2 Formen und Ursachen
1,6 Millionen Betroffene mit steigender Tendenz 
Laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft e. V. (2016) leben in Deutschland circa 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Jährlich treten mehr als 300.000 Neuerkrankungen auf. Weltweit sind knapp 46 Millionen Menschen von Demenz betroffen. Weil die Lebenserwartung steigt und die Demenzwahrscheinlichkeit mit steigendem Lebensalter zunimmt, kommt es zu weitaus mehr Neuerkrankungen als zu Sterbefällen, sodass die Anzahl und der Anteil an Menschen mit Demenz kontinuierlich steigen. Meist verläuft die Demenz irreversibel bis zum Tod. Allerdings gelten 9 % der Demenzen als behandelbar (Klein & Klein 2021). Die mittlere Krankheitsdauer liegt bei 3 bis 6 Jahren, je nach Ursache der Demenz (Deutsche Alzheimer Gesellschaft 2016).
Mit steigendem Lebensalter steigt der Anteil der Menschen mit Demenz. 
Es gibt vielfältige Ursachen der Demenz. Dominierend sind die degenerativen Erkrankungen (55–75 %), zu der auch die Alzheimer-Demenz (40–60 %) zählt. Während bei den degenerativen Demenzen Nervengewebe abgebaut oder zerstört wird, sind bei der vaskulären Demenz (15–25 %) Durchblutungsstörungen für die Symptome verantwortlich. Daneben gibt es auch Mischformen der vaskulären und der degenerativen Demenzen (10–20 %). Auch wenn die Demenz ein Phänomen des Alters ist, gibt es in 5–10 % der Fälle auch präsenile Demenzformen von denen Menschen unter 60 Jahren betroffen sind. Hierzu zählen seltene Demenzerkrankungen wie die Frontotemporale Demenz, bei der zu Beginn Persönlichkeitsveränderungen und Verhaltensauffälligkeiten im Mittelpunkt stehen, was für Angehörige eine große Herausforderung darstellt.
1.1.3 Dementielle Symptome und deren Bedeutung für musikalische Angebote
Die Symptome der Demenz sind so vielfältig wie die zugrundeliegenden Auslöser. Meist werden als Erstes nachlassende Merkfähigkeiten (Kurz- und Langzeitgedächtnis) von den Betroffenen selbst wahrgenommen, die sich in unbekannten und reizüberflutenden Situationen verstärken können, was für die Gestaltung von Musikprogrammen zu beachten ist. So sollte z. B. ein zu langes Musikprogramm vermieden werden. Vertraute Begleitpersonen sind hilfreich, um Orientierung zu geben und die kognitive Belastung zu reduzieren. Menschen mit Demenz haben »feine Antennen« um Stress der sozialen Umgebung wahrzunehmen, daher ist eine ruhige und ungezwungene Atmosphäre, in der man jederzeit Aufstehen kann oder sich laut äußern darf, wichtig. Hilfreich sind auch ein gut geplanter Ablauf und eine umfassende Information aller Beteiligten (Musikerinnen/Musiker/Angehörige), damit die Menschen mit Demenz Souveränität und entspannte Menschen um sich herum erleben können.
Der Schweregrad der Demenz bestimmt die Anforderungen an musikalische Angebote. 
Durch die nachlassenden kognitiven Fähigkeiten wird die Welt, wie sie Außenstehende erleben und interpretieren, für die Betroffenen zunehmend unerklärlich und befremdlich. Hierbei kann es zu Lauftendenzen kommen. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob das Verlassen der Räume während eines Konzertes als ein Weglaufen von der unangenehmen Situation oder ein Hinlaufen zu einem sichern Ort zu interpretieren ist, entscheidend ist, dass es aus Sicht der Betroffenen ein Motiv gibt, warum es jetzt besser ist aufzustehen und zu gehen. Auf keinen Fall sollte dies allein als Ausdruck einer Unzufriedenheit mit der Musik gedeutet werden. Die Wege zum Konzert wurden möglicherweise vergessen und es gelingt der Person nicht mehr zu verstehen, warum nun in fremder Umgebung Musik zu hören ist. Wenn man sich vorstellt, man würde selbst von jetzt auf gleich in einem Konzertsaal sitzen, ohne zu wissen wie man dorthin gekommen ist, was das für Menschen um einen herum sind und was als nächstes zu tun ist, dann kann dies einen Eindruck davon vermitteln, was gedanklich die Menschen mit Demenz beschäftigt, welche Gefühlslagen entstehen und welche Verhaltensweisen zu erwarten sind. Mit fortschreitender Demenz ergeben sich auch körperliche Einschränkungen z. B. Immobilität. Daher sollten die Musikangebote, so sie nicht in den Pflegeeinrichtungen stattfinden, barrierefrei erreichbar sein.
Studien belegen den Nutzen der Musik für Menschen mit Demenz. 
In der Mehrheit der durchgeführten Studien zur Wirkung von Musik auf Menschen mit Demenz werden positive Effekte beschrieben. Musik wird als vertrautes Element erlebt, das beruhigt. Selbst in physiologischen Parametern (Blutdruck, Herzfrequenz) lässt sich die positive Wirkung nachweisen (Sittler et al. 2021). Empirisch ist bestätigt, dass Musik Menschen, unabhängig vom jeweiligen Schweregrad der Demenz, auf unterschiedliche Art und Weisen erreicht (Baird & Samson 2015).
1.1.4 Ressourcen fördern statt Retrogenese fokussieren
Retrogenese-Modell 
Ziel: Vernunft im Handeln erkennen 
Es erleichtert die Begegnung mit Betroffenen, wenn man ein Verständnis für die Welt in »Anderland« entwickelt, also versucht die Welt in der die Betroffenen gedanklich leben, zu verstehen. Ein defizitorientiertes Modell für die wahrgenommene Veränderungen ist das Retrogenese-Modell von Reisberger et al. (2002). Es ist eine Hilfskonstruktion, um die Phasen der progredient verlaufenden Demenz zu verstehen. Reisberger nimmt an, dass Menschen mit Demenz sukzessive die Entwicklungsstufen des Menschen von der Geburt bis zum 20. Lebensjahr rückwärts durchlaufen. Haben diese zunächst nur leichte Probleme mit der Merkfähigkeit, so regredieren diese zunehmend in den funktionellen Status von Jugendlichen und Kindern. Im mittleren Schweregrad der Demenz ist das Bewältigen von Alltagsanforderungen (z. B. Kochen, Gartenarbeit) eingeschränkt und das Verhalten ist für Außenstehende zunehmend schwierig zu erklären oder zu deuten. Bei sehr hohem Schweregrad werden Hilfen benötigt, wie für ein zweijähriges Kind, bei dem selbstständiges Anziehen, Waschen oder die Urin- und Darmkontrolle nicht möglich sind. Schließlich ist bei schwerster Demenz auch das Sprechen reduziert; Gehen und Sitzen sind ohne fremde Hilfe nicht möglich, so wie man es vom Säugling kennt. Das Modell hat einen Wert, um den sukzessiven Abbau von einstmals vorhandenen Fähigkeiten zu verstehen. Es ist im Alltagverständnis weit verbreitet. Allerdings wird der Vergleich mit kindlichen Entwicklungsstufen den Betroffenen nicht gerecht, da diese mehrere Jahrzehnte Wissen, Fertigkeiten, Weisheit und Fähigkeiten erworben haben. In der Pflege und Betreuung wird dagegen ein personenzentrierter Ansatz verfolgt. Dieser stellt die Person und die Persönlichkeit in den Mittelpunkt. Der Mensch wird als einzigartiges Subjekt mit ganz individuellen Unterstützung- und Beziehungsbedarfen verstanden (DNQP 2019). Mit ihrer Persönlichkeit sind die Betroffenen eingebettet in eine räumliche und soziale Umwelt, die deren Leben geprägt hat, typische Reaktionsmuster hat entstehen lassen und zu einer ganz eigenen individuellen Weltsicht beigetragen hat. Im Verständnis der Menschen mit Demenz spielt daher die Deutung aus der Biografie heraus eine wichtige Rolle (vgl. Berendonk 2015). Die Lebensgeschichte bestimmt unsere Gewohnheiten, die oft automatisiert oder ritualisiert sind. In der Begegnung müssen diese Bedeutungszusammenhänge erahnt, gedeutet oder erkannt werden. Der Anspruch stets die »Vernunft im Handeln« der Menschen mit Demenz zu erschließen, erleichtert den Umgang und ermöglicht Erklärungen für scheinbar »unsinniges« Verhalten – auch bei musikalischen Angeboten.
Dazu ein Beispiel: Ein Mann mit Demenz lauscht schunkelnd bei einem sommerlichen Open-Air-Konzert dem Walzer »An der schönen blauen Donau«. Am Ende des Liedes reicht der Mann den Menschen links und rechts neben sich die Hand und wünscht allen ein gutes neues Jahr. Warum tut er das? Weil es für ihn zum festen Ritual gehörte seit 1959 am Neujahrstag das Konzert der Wiener Philharmoniker im Fernsehen zu sehen. Den Walzer verbindet er automatisch mit »Neujahr« und handelt entsprechend.
Emotionalität von Musik ist biografisch bedingt. 
Es erleichtert das Verständnis für manche ungewöhnlich erscheinende Verhaltensweisen, wenn man die Erfahrungen und Erlebnisse, die für die Personen individuell bedeutsam waren und mit denen Emotionen verbunden sind, kennt. Der Partner bzw. die Partnerin oder die Kinder können aufgrund der gemeinsam verbrachten Zeit und der gemeinsamen Rituale am besten erklären, welche Emotionen zu erwarten sind, wenn der bzw. die Betroffene eine bestimmte Musik hört. In Institutionen der Altenhilfe ist es Aufgabe von professionellen Pflegenden diese »Biografiearbeit« zu leisten, idealerweise mit Beteiligung der Angehörigen. Wenn klar ist, was positive Emotionen auslöst, dann ist das ein wichtiger Schlüssel, um eine hohe Lebensqualität zu erreichen. Wenn die Ratio in den Hintergrund tritt, dann ist dennoch ein Zugang durch positive sinnliche Erfahrungen, Berührung und berührende Musik möglich. Die meisten Menschen nutzen Musik aktiv, um sich bewusst an schöne Momente zu erinnern oder auch um trübe und traurige Momente zu »übertönen«. Dies funktioniert auch bei Menschen mit Demenz.
1.1.5 Musikalische Angebote fürs »Anderland«
Personenzentrierung verlangt Flexibilität und Kreativität. 
Die Gestaltung angemessener musikalischer Angebote im »Anderland«, der Welt, in der Menschen mit Demenz (gedanklich) leben, ist kein leichtes Unterfangen, wenn es nicht um bloße Beschallung gehen soll. Es ist wichtig dabei flexibel und personenzentriert vorzugehen, um der intra- und interindividuellen Variabilität gerecht zu werden und passende Modelle der Musikrezeption und -produktion zu entwickeln.
Intraindividuelle Variabilität
Die Wirkung, die ein Musikstück entfaltet, kann durch frühere Vorlieben und die musikalische Sozialisation bedingt sein, wird aber auch immer durch die aktuellen Umstände bestimmt. Wir kennen dies aus dem Alltag: Ein erinnerungsschwangeres Lied kann trotz Dur-Klängen und fröhlichen Gesangtexten Traurigkeit erzeugen, umgekehrt kann auch ein ernstes oder trauriges Lied positive Emotionen erzeugen. Auch für Menschen mit Demenz gilt, dass emotional besetze Musikerlebnisse aus früheren Zeiten (z. B. Kindheit, Jugend), die mit bestimmten Ereignissen verbunden sind (z. B. Geburtstage, Hochzeit) beim erneuten Hören das emotionale Erleben fördern und Erinnerungen wecken.
Biografisch hergeleitete Präferenz können erste Hinweise für die Wahl des Musikangebots geben. Entscheidend ist immer eine sehr sensible Beobachtung der Menschen mit Demenz und die Wirkung im Hier und Jetzt.
Stimmungsschwankungen sind nicht selten. Was gestern positive Effekte hatte, kann morgen schon zu befremdlichem Verhalten führen.
Schwankungen in den Emotionen gehören zur Demenz. 
Mit der personenzentrierten Grundhaltung, die davon ausgeht, dass das Verhalten für die Personen in der jeweiligen Situation sinnvoll ist (Validierung), auch wenn es von außen betrachtet un-sinnig erscheint, können die dementiellen Symptome besser verstanden und akzeptiert werden.
Interindividuelle Variabilität
Stereotype Zuschreibungen von Musikpräferenzen sind nicht sinnvoll. 
Gerade im Alter sind Präferenzen sehr unterschiedlich, daher sind »Pauschalangebote« für Menschen mit Demenz kritisch zu hinterfragen. Mit »An der schönen blauen Donau« wird ein Mensch der keinen Zugang zur klassischen Musik gefunden hat, kaum etwas anfangen können und vielleicht auch Weglauftendenzen zeigen. Es ist daher ratsam auch bei der Etablierung von musikalischen Angeboten dem differentiellen Altern gerecht zu werden und nach Passungen zwischen Angeboten und Musikpräferenzen zu suchen. Es ist wenig professionell, wenn bestimmten Altersgruppen bestimmte Musikgeschmäcker zugeschrieben werden. Als Negativbeispiel erinnere ich mich an eine Tätigkeit als Auszubildender auf einer gerontopsychiatrischen Station. Dort lief täglich acht Stunden lang Volksmusik, das Repertoire war mit acht CDs sehr eingeschränkt. Es ist zu vermuten, dass dies nicht von allen gewollt war und möglicherweise auch einen Teil der Symptome verursacht hat. Besonders dann, wenn Musik unreflektiert zur Milieugestaltung genutzt wird, und dauerhaft im Hintergrund zu anderen Aktivitäten erfolgt, kann dies auch schaden (vgl. Kersten 2019). Je kleiner der Kreis der Zuhörenden, umso eher ist es möglich, den individuellen Geschmack zu treffen. Dies ist bei der inhaltlichen Planung und der Organisation von musikalischen Angeboten zu beachten.
Musik hören und Musik gestalten
Aktive Musikgestaltung fördert Kognition, Antrieb und verbessert die Stimmung. 
Neben der rezeptiven Begegnung mit Musik, sei es durch die gezielte Auswahl von Musikstücken oder im Sinne einer musikalischen Milieugestaltung, ist auch das aktive Gestalten von Musik, z. B. durch Singen oder Trommeln eine Möglichkeit, Menschen mit Demenz zu erreichen. Hier geht es um mehr als um das Erzeugen von positiven Emotionen, sondern auch um kognitive Förderung und die Reduktion von agitiertem Verhalten. Aktives Musizieren kann, jedenfalls in frühen und mittleren Phasen der Demenz auch die Teilnahme an sozialen Aktivitäten stärken. »Wie ein einmal angeworfener Dynamo kann Musik als Antriebselement betrachtet werden« (Kemser 2015, S. 122). Selbst das professionell unterstütze Schreiben von Musikstücken kann bei leichten Demenzformen möglich sein und positive Effekte entfalten (vgl. Ahessy 2017).
Es war ein Ansinnen dieses Kapitels, nicht nur einen Einblick in die Erlebniswelt der Menschen mit Demenz zu geben, sondern auch zu verdeutlichen, welche Potentiale Musik für Menschen mit Demenz entfalten kann. In vielfältigen Anekdoten, die auch in den nachfolgenden Kapiteln zu finden sind, wird die positive Wirkung beschrieben. In über 1.000 Studien wurden die Wirkung und Wirksamkeit der Musik bei Menschen mit Demenz untersucht. Es kann als belegt gelten, dass Musik und professionelle musiktherapeutische Ansätze das emotionale Wohlbefinden und die Lebensqualität positiv beeinflussen. Während nur geringe Effekt auf die Agitation nachgewiesen worden sind, werden positive Effekte im Hinblick auf die Reduktion von Ängstlichkeit und depressiven Symptomen beschrieben (van der Steen et al. 2018). Die Auswahl geeigneter Angebote muss die Art der Demenz berücksichtigen (Baird & Samson 2015) und personenzentriert (»individualized music regimens«; Leggieri et al. 2019) gestaltet sein. Mit der Musiktherapie ist seit den 1970er Jahren eine eigene Praxiswissenschaft entstanden, die mit hohem Fachwissen Methoden entwickelt hat, wie Menschen mit Demenz an die Musik herangeführt werden können und positive Effekte erzielt werden können. Auch dort wird ein Ansatz favorisiert, der sich verständnisvoll für das Erleben in »Anderland« zeigt.
1.2 Versorgungssysteme für Menschen mit Demenz
Bernd Reuschenbach
Wer Musikangebote für Menschen mit Demenz entwickeln und anbieten möchte, der sollte folgende Fragen klären:
• Wo leben Menschen mit Demenz und deren Angehörige? Über welche Wege können diese erreicht werden?
• Welche finanziellen, räumlichen und personellen Ressourcen können für musikalische Angebote genutzt werden?
Dieses Kapitel beschreibt daher Orte und Institutionen in denen Menschen mit Demenz leben, gepflegt und betreut werden. Eine Fachdisziplin, die sich mit vorgenannten Fragen und deren rechtlichen Rahmenbedingungen beschäftigt, ist die Versorgungforschung. Der Begriff »Versorgung« ist nicht unumstritten, denn er impliziert, dass hier Menschen ausschließlich als Empfängerinnen bzw. Empfänger von Dienstleistungen gesehen werden, passiv durch das System geschleust werden und dabei nicht immer die tatsächliche »Sorge« um die Betroffenen im Mittelpunkt steht. Der Begriff Versorgung wird dennoch genutzt, denn er vereint alle Angebote für die Pflege, Betreuung, Teilhabe und das Wohnen von Menschen mit Demenz. In der Sozialgesetzgebung werden diese Versorgungsaspekte streng getrennt, was es für Betroffene und Angehörige nicht leicht macht. Es sollen hier Strukturen, Organisationen und Finanzierungsmöglichkeiten der Versorgung deutlich gemacht werden, denn diese stehen auch mit den musikalischen Angeboten in Verbindung.
1.2.1 Haus, Heim und noch viel mehr
Von den im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI) knapp 4,1 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland leben gegenwärtig 20 % in stationären Pflegeeinrichtungen, 56 % werden zuhause überwiegend durch Angehörige versorgt und 24 % durch ambulante Pflegedienste (Statistisches Bundesamt 2020). Die Demenz verursacht in etwa der Hälfte aller Fälle die Pflegebedürftigkeit und ist in ca. 60 % der Fälle für Übergänge in Einrichtungen der Altenhilfe verantwortlich (Weyerer & Bickel 2007).
je nach Versorgungsort unterschiedliche Ansprechwege 
Die Möglichkeiten der Versorgung im eignen Zuhause (Haus) und der Versorgung in Einrichtungen der stationären Altenpflege (Heim) sind im Allgemeinen bekannt. Auf dem Kontinuum Haus vs. Heim sind in den vergangenen Jahren aber eine Vielzahl weiterer innovativer Versorgungsformen entstanden. Seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahre 1995 wurden durch viele gesetzliche Anpassungen die Grundlagen dafür geschaffen, dass Menschen trotz schwerer Pflegebedürftigkeit dort leben können, wo sie es wollen, im eigenen Zuhause. Beispielsweise entstanden in den vergangenen Jahren Demenz-Wohngemeinschaften, Hausgemeinschaftsmodelle oder Quartierskonzepte (
Tab. 1.1) bei denen ein Mix aus Wohnen, Pflege und Betreuung realisiert wird. Für die jeweiligen Versorgungsformen sind unterschiedliche Ansprechwege zu wählen, um ein Musikangebot zu bewerben.2
Tab. 1.1: Ansprechpersonen in den jeweiligen Versorgungskonzepten

VersorgungskonzeptBetroffeneAngehörigePflegediensteQuartiersmanagementHeimleitungen/PflegedienstleitungenSelbsthilfegruppen
1.2.2 Häusliche Versorgungsoptionen
Die knapp 1,2 Millionen Menschen mit Demenz, die in der eigenen Häuslichkeit wohnen, werden meist durch Angehörige oder ergänzend durch einen ambulanten Pflegedienst versorgt. Diese Gruppe kann durch Tageszeitungen, Plakate oder Flyer, die in Gemeindezentren, Selbsthilfegruppen oder Arztpraxen ausliegen, erreicht werden. Ist zur Versorgung ein Pflegedienst beteiligt, dann können Informationen über Musikangebote auch über diese erfolgen.
Mehrwert von musikalischen Angeboten für Pflegende 
Die Pflege und Betreuung belasten Angehörige besonders dann, wenn es zu ausgeprägten Verhaltensstörungen (z. B. Agitiertheit, Aggression) oder Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus kommt (Schwinger et al. 2016). Daher brauchen auch diese Personen Entspannungsphasen und Unterstützung. Auch für sie kann ein Konzert eine Hilfe sein.
Konzerte als Zeichen der Anerkennung für Pflegende 
Für die Begleitung zum und am Veranstaltungsort sind Angehörige, Pflegepersonen oder eine Betreuungskraft notwendig. Dies ist bei der Planung des Kartenkontingents und der Sitzplatzplanung zu berücksichtigen. In Zeiten, in denen die besondere Rolle von Pflegenden in der Öffentlichkeit immer wieder kundgetan wird, ist auch darüber nachzudenken, diesen Personen (Angehörige, berufliche Pflegende) als Anerkennung für die geleistete Arbeit vergünstigte oder kostenlose Eintrittskarten zukommen zu lassen.
Pflege-WGs, Orte für Kleinkonzerte 
Eine Wohnform, die der häuslichen Versorgung sehr nahekommt, sind ambulant betreute Wohngruppen, sogenannte Pflege-Wohngemeinschaften oder kurz Pflege-WGs. Diese gibt es auch als Spezialisierung für Menschen mit Demenz (Demenz-WG). Etwa 4.000 solcher Pflege-Wohngemeinschaft existieren derzeit in Deutschland (Barmer 2019). Sie bieten die Möglichkeit zusammen mit Gleichaltrigen zu leben und gemeinsam Unterstützung zu erhalten, ohne auf Privatsphäre und Eigenständigkeit verzichten zu müssen. Die Bewohnerinnen und Bewohner einer Wohngemeinschaft leben in eigenen Zimmern, in die sie sich jederzeit zurückziehen können. Gleichzeitig besteht aber auch die Möglichkeit, in Gemeinschaftsräumen gemeinsame Aktivitäten durchzuführen, z. B. gemeinsam Musik zu hören oder zu machen. Die gesetzlichen Regelungen, was die Qualitätsprüfung und die maximale Anzahl an Bewohnerinnen bzw. Bewohnern betreffen, sind je nach Bundesland höchst unterschiedlich (Barmer 2019), es ist aber bundeseinheitlich geregelt, welche finanziellen Hilfen es für die Etablierung solcher WGs geben kann, z. B. Geld für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen, Pflegeleistungen oder Wohngruppenzuschläge. Mit dem Wohngruppenzuschlag können Personen finanzieren werden, die in der WG bei der Haushaltsführung helfen oder das Gemeinschaftsleben fördernde Tätigkeiten (auch Musikangebote) umsetzen. Weil es sich in dieser Versorgungsform um kleine Gruppen handelt, sind auch aufsuchende musikalische Angebote in der WG ein guter Ort, um Musik zu den Menschen zu bringen. In den Pflege-Wohngemeinschaft sind festeingestellte Pflegepersonen, Betreuungskräfte, ambulante Pflegedienste oder Angehörige tätig. Diese sind damit auch Adressatinnen bzw. Adressaten für mögliche Informationen über die Musikangebote.
umfassender Qualitätsanspruch in Quartieren 
Ein weiterer Ansatz in der Versorgung von Menschen mit Demenz ist der Quartiersansatz, ein schillernder Begriff, der die durchdachte Entwicklung sozialer und ökologischer Lebenswelten in einer Stadt beschreibt. Hier geht es nicht nur um Wohnen und Pflege, sondern um Maßnahmen um die Lebenssituation grundsätzlich zu verbessern mittels Kooperation verschiedener Dienstleister, durch die Sicherstellung wohnortnaher Versorgungen und das Zusammenbringen von Menschen und Gruppen. Die Zielsetzungen solcher sozialplanerischer und städtebaulicher Ansätze sind im Quartiersmodell des Kuratorium Deutsche Altershilfe (Michell-Auli 2012) zusammengefasst. Der Quartiersansatz zielt demnach auf ein wertschätzendes gesellschaftliches Umfeld, tragende soziale Infrastrukturen und bedarfsgerechte Dienstleistungen und Angebote. Stationäre Versorgungsformen werden beim Quartiersansatz zwar mitgedacht, treten aber gegenüber grundsätzlichen Überlegungen zum Erreichen einer Sorgegemeinschaft und hoher Lebensqualität in den Hintergrund. Natürlich spielt auch die kulturelle Teilhabe durch musikalische Angebote (professionell und nicht-professionell) in demenzfreundlichen Quartieren eine Rolle.
Viele Städte haben Quartiersmanagerinnen bzw. -manager beschäftigt, deren Aufgabe es ist, Strukturen und Angebote für das Quartier zu entwickeln und damit auch die kommunalen Ansätze der Demenzbegleitung zu unterstützen. Für den Aufbau von nachhaltigen Musikprojekten für Menschen mit Demenz sind sie daher ideale Ansprechpersonen3 und meist auch mit den Kulturbüros der jeweiligen Stadt vernetzt.
1.2.3 Stationäre Versorgungsformen
Mit steigendem Schweregrad erhöht sich die Chance für einen Heimeintritt. 
Mit zunehmendem Schweregrad der Demenz erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Übergangs in stationäre Einrichtungen der Altenpflege. Von den rund 783.000 in Heimen betreuten Pflegebedürftigen weisen deutlich über zwei Drittel eine erheblich eingeschränkte Alltagskompetenz auf, die typisch für Menschen mit Demenz ist. Menschen mit Demenz sind, die Hauptrisikogruppe für einen Heimeintritt (Weyerer & Bickel 2007). Ein häufiger Grund für die Heimeinweisung ist das Fehlen einer qualifizierten Pflegeperson. Pflegende Angehörige sehen sich vor allem dann nicht mehr zur häuslichen Versorgung in der Lage, wenn Verhaltensstörungen auftreten.
Je kleiner die Einrichtung, umso besser die Binnendifferenzierung. 
Musikalische Angebote zählen in Pflegeeinrichtungen inzwischen zum Standard, meist als rezeptive Angebote oder Singformate, die durch Betreuungsassistentinnen und -assistenten, Alltagsbegleiterinnen bzw. Alltagsbegleiter, Angehörige, Personen im Ehrenamt oder durch Musik- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten unterstützt werden. Je größer die Einrichtung, umso umfangreicher die Angebote, aber umso schwieriger ist es auch, eine Binnendifferenzierung, d. h. die adaptive und biografieorientierte Gestaltung für die einzelnen Menschen mit Demenz umzusetzen. Eine erwähnenswerte und an Musikschaffende ausgerichtete Einrichtung ist das Altenheim Casa Verdi in Mailand, in dem Musikerinnen und Musiker, zeitlebens ihrer Leidenschaft nachgehen können4, aber auch in Deutschland gibt es eine große Zahl bemerkenswerter Beispiele.
Alltags-/Demenzbegleiterinnen und -begleiter unterstützen musikalische Angebote. 
Will man mit externen Musikangeboten die Pflegebedürftigen in den stationären Einrichtungen erreichen, ist die Heimleitung oder die Pflegedienstleitung die geeignete Ansprechperson. Für die Aktivierung und Betreuung sind in den Einrichtungen Betreuungskräfte vorgesehen, die gelegentlich auch mit den Begriffen Alltagsbegleiter oder Demenzbegleiter bezeichnet werden. Deren Aufgaben sind unter anderen die Unterstützung von Pflegebedürftigen beim »Musik hören, musizieren, singen« und beim »Besuch von kulturellen Veranstaltungen« (GKV-Spitzenverband 2016).
Mit der Gruppe der Betreuungskräfte wird man daher sicherlich in Kontakt kommen, wenn Menschen mit Demenz aus Pflegeinrichtungen zu Konzerten begleitet werden sollen.
Die Betreuungskraft ist keine ausgebildete Pflegeperson. Aber das soll sie auch gar nicht sein, schließlich soll sie vielmehr betreuen und aktivieren statt professionell pflegen. Auch im häuslichen Bereich haben pflegebedürftige Versicherte Anspruch auf zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen.
Heim- und Pflegedienstleitungen als erste Kontaktpersonen für stationär versorgte Personen 
Neben der vollstationären Pflege sind in den letzten Jahren einige temporäre Versorgungsangebote geschaffen worden. So kann beispielsweise acht Wochen im Jahr Kurzzeitpflege in einer stationären Einrichtung in Anspruch genommen werden. Häufig ist das nach einem Krankenhausaufenthalt der Fall oder wenn die häusliche Pflege für eine bestimmte Zeit ausgesetzt werden muss oder soll. Eine weitere Leistung ist die Verhinderungspflege, die in Anspruch genommen werden kann, wenn die Pflegeperson wegen eines Erholungsurlaubs, einer Krankheit oder aus anderen Gründen an der Pflege gehindert ist. Die Verhinderungspflege kann durch Einzelpflegepersonen, durch ehrenamtliche Pflegepersonen, aber auch durch nahe Angehörige erfolgen und zwar, anders als bei der Kurzzeitpflege, auch zuhause. Da die Verhinderungspflege meist durch ambulante Dienste erfolgt, kann auch hier die Leitung des Pflegedienstes zur Anwerbung für Musikangebote angesprochen werden. Weil die Kurzzeitpflege in Einrichtungen der Langzeitpflege stattfindet, ist es ratsam, die Betroffenen über Heim- oder Pflegedienstleistungen anzusprechen, um für Musikangebote zu werben.
Tagespflegeeinrichtungen als relevante Institutionen 
Neben den tageweise ermöglichten Kurzzeit- oder Verhinderungspflegen gibt es auch Optionen für eine stundenweise Versorgung: Die Nacht- und Tagepflege. Bei dieser Option verbringen Betroffenen nur einige Stunden in den Einrichtungen und kehren zur Nacht oder tagsüber wieder in das eigene Zuhause zurück. Die Tagespflege wird in der Regel von Pflegebedürftigen in Anspruch genommen, deren Angehörige tagsüber berufstätig oder mit der Pflege überfordert sind. Die Pflegebedürftigen werden dazu morgens abgeholt und nachmittags nach Hause zurückgebracht. Leider ist die Anzahl an Einrichtungen, die dies anbieten, gering. In den wenigen darauf spezialisierten Einrichtungen werden meist auch Aktivierungsprogramme angeboten. Dabei lassen sich auch leicht Besuche von Konzerten einbinden, die dann gruppenweise realisiert werden.
Ansprachewege bestimmen den Schweregrad der Demenz 
Da es im Durchschnitt Unterschiede im Schwergrad zwischen Personen in häuslicher und stationärer Versorgung gibt, bestimmt der Anspracheweg auch die Zielgruppe. Werden Menschen mit schwerer Demenz als Zielgruppe definiert, so erreicht man diese eher in stationären Pflegeeinrichtungen.
1.2.4 Finanzierung
Die meisten Leistungen der Pflegeversicherung sind Teilkasko-Leistungen, d. h. alle oben genannten Leistungen, wie Tagespflege, Kurzzeitpflege, ambulante Pflege werden nur anteilig finanziert, sodass Zuzahlungen aus der Rente und den Spareinlagen notwendig sind. Reicht das nicht aus, so kann ein Antrag auf Sozialhilfe in Form von »Hilfe zur Pflege« gestellt werden. Pflegebedürftigkeit macht arm und dieser Aspekt ist bei der Planung von Eintrittsgeldern zu berücksichtigen. Ist beispielsweise eine Heimbewohnerin auf »Hilfe zur Pflege« angewiesen, so stehen ihr nur knapp 120 Euro pro Monat zur Verfügung, die sie z. B. auch für kulturelle Veranstaltungen nutzen kann.
Fahrten zum Veranstaltungsort bei bestimmten Grad der Behinderung 
Betroffenen müssen sich oft an verschiedene Stellen wenden, um geeignete Unterstützungen zu erhalten. Für die Bewilligung einer Betreuungskraft ist beispielsweise die Pflegekasse zuständig; um eine Anfahrt zum Veranstaltungsort mit einem behindertengerechten Fahrdienst zu ermöglichen, ist ein Grad der Behinderung beim Versorgungsamt zu beantragen.
Die Seniorenbüros in den Städten, die Sozialdienste in den Pflegeeinrichtung oder Selbsthilfegruppen sind bei den Antragsverfahren wichtige Hilfen.
Mischkalkulation 
Auch für die Finanzierung von kulturellen Angeboten auf Seiten der Veranstalter sind oft Mischfinanzierungen aus verschiedenen »Töpfen« notwendig.
Um die Belastung für die Betroffenen zu reduzieren oder Musikangebote ganz kostenlos anbieten zu können, lohnt es sich auf Stiftungen oder Sponsoren zurückzugreifen. In beinahe jeder Stadt gibt es Stiftungen, die sich der Unterstützung alter- und pflegebedürftiger Menschen angenommen haben. Die Informationsseiten des Stifterverbandes (https://stiftungssuche.de) führen schnell zum Erfolg. Regional sind auch die Etats der Kultur- und Altenarbeit in den Kommunen eine oft genutzt Finanzierungsmöglichkeit. Größere Programme zur Kulturförderung oder Förderung von Angeboten für Menschen mit Demenz werden bundes- oder landesweit ausgeschrieben. Als Beispiel ist hier die »Lokale Allianz für Menschen mit Demenz« zu nennen. In fünf Förderwellen sollen bis 2026 bis zu 150 lokale Hilfenetzwerke aufgebaut werden. Ziel ist es, lokale Unterstützungsstrukturen bundesweit zu etablieren, um die Lebenssituation und die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Demenz zu verbessern. Auch von staatlicher Seite können innovative Ideen für »Modellvorhaben zur Erprobung neuer Versorgungskonzepte und Versorgungsstrukturen insbesondere für an Demenz erkrankte Pflegebedürftige sowie andere Gruppen von Pflegebedürftigen« gefördert werden (§ 45c, SGB XI). Die Förderung der kulturellen und sozialen Teilhabe wird in Umsetzung dieses Paragrafen in manchen bundeslandspezifischen Ausführungsverordnungen explizit als Ziel genannt.
Es ist Aufgabe des Staates und auch der kommunalen Verantwortlichen, dass Menschen mit Demenz nicht nur hinsichtlich Pflege und Wohnen versorgt werden, sondern dass auch soziale und kulturelle Teilhabe ermöglicht wird. Inklusive Formate zu schaffen, wird daher eine Zukunftsaufgabe sei. Dabei geht es nicht nur um die Entwicklung neuer und zusätzlicher Wohn- und Pflegeangebote, sondern vor allem darum, die Angebote und Ressourcen der Normalwelt so anzupassen, dass sie auch für Menschen mit Beeinträchtigungen nutzbar werden (Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend 2018).
1.3 Musikgeragogische Grundlagen
Kai Koch
Fachdisziplin Musikgeragogik 
Die Soziale Altenarbeit knüpft an die erworbenen Ressourcen und Potenziale älterer Menschen an und möchte zu einem gelingenden und erfolgreichen Altern beitragen (vgl. Lehr 2007). Musik kann dabei in besonderer Weise ein Medium sein, das die Lebensqualität und -zufriedenheit steigern bzw. erhalten und einen Beitrag zur Bewältigung des Alltags leisten kann (vgl. Grosse & Wickel 2018). Als Disziplin für das Theorie- und Praxisfeld musikalischer Bildung älterer Menschen hat sich innerhalb der Musikpädagogik die »Musikgeragogik« (bzw. »music geragogy«) in Verknüpfung mit gerontologischen bzw. geragogischen Diskursen etabliert (vgl. Fung & Lehmberg 2016; Hartogh 2016). »Musikgeragogik [ist] als praxisbezogene, wertende und empirische Wissenschaft musikalischer Altenbildung [zu verstehen]« (Hartogh 2005, S. 199). Sie ist damit ein Beispiel der sich weiterentwickelnden und vervielfältigenden Arbeitsfelder geragogischer Praxis, die sich durch Spezialisierung bestimmten Zielgruppen und Schwerpunkten nähert (vgl. Kricheldorff 2015; Steinford-Diedenhofen 2018).
Bezugswissenschaften und Angebotsspektrum 
Musikgeragogische Vermittlungsangebote müssen an die Voraussetzungen, Fähigkeiten und Bedürfnisse der Zielgruppe angepasst sein und sich der Erkenntnisse aus Bezugswissenschaften wie z. B. Gerontologie, Geragogik, Medizin, Neurophysiologie und Entwicklungspsychologie bedienen (vgl. Hartogh 2018). Das Spektrum der musikgeragogischen Angebote reicht von niederschwelligen Ansätzen für einzelne über Sing- und Musiziergruppen in geschützten Settings bis zu Seniorenchören, Seniorenbands oder -orchestern und auch Konzertformaten für Menschen mit demenziellen Veränderungen und deren Angehörige (vgl. Koch 2020).
Teilhabe statt Curriculum 
Es geht bei musikgeragogischen Einzel- oder Gruppenangeboten nicht um ein festes Curriculum oder eine Form »musikalischer Späterziehung«, sondern um Teilhabe und ein Verständnis im Sinne einer Ermöglichungsdidaktik (vgl. Grosse & Wickel 2018). Dennoch kann an die musikalische »Reservekapazität« angeknüpft werden, sodass durchaus noch Entwicklungsmöglichkeiten und Leistungssteigerung möglich sind (vgl. Gembris 2015).
musikgeragogisches Kompetenzprofil 
Für das Anleiten musikgeragogischer Angebote werden nicht nur musikalische und musikpädagogische Kenntnisse, sondern auch soziale Kompetenzen und Hintergrundwissen aus den Nachbardisziplinen benötigt. Damit lassen sich zielgruppen- und angebotsspezifische Kompetenzprofile für Anleitende ableiten (vgl. Brand 2016; Spiekermann 2009). »Musikgeragogen müssen umfassend ausgebildet sein, um auf individuelle Bedürfnisse eingehen zu können und nicht nur eine Altenbetreuung mit etwas Musik anzubieten.« (Voss 2020, S. 17) Die Ziele von musikgeragogischen Angeboten sollen bedarfsgerecht gesetzt werden, biografieorientiert ausgerichtet und mit einer »akzeptierenden und dialogischen Haltung« umgesetzt werden, um der Klientel angemessen zu begegnen und in angenehmer Atmosphäre musikalisches Erleben und Sozialkontakte zu ermöglichen (vgl. Hartogh 2018). Es gibt bisher neben den deutschlandweiten hochschulzertifizierten Weiterbildungen der Fachhochschule Münster (z. B. in Münster, Engers, Berlin, Hammelburg) auch einzelne Fortbildungsveranstaltungen zu musikgeragogischen Themen, die über Verbände (z. B. Chorverbände, Musikschulverband, Caritas, AWO), die Kirchen oder Musikakademien angeboten werden.
Fachdisziplin Konzertvermittlung 
Für den Bereich der Konzertvermittlung sind die musikgeragogischen Kompetenzen mit Blick auf die Zielgruppe sicherlich genauso wichtig wie grundlegende Kenntnisse zur Programmgestaltung und der Moderation von pädagogischen Konzerten. Die heutige Konzertpädagogik öffnet sich immer mehr auch besonderen Formaten und neuen Zielgruppen (z. B. Menschen mit Demenz), obwohl ihre Ursprünge ganz anders ausgerichtet waren. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es erste Ansätze von Kinder- und Familienkonzerten als Bildungs- und Vermittlungsangebote, die in den 1970er und 1980er Jahren verstärkt zur Akquise eines jüngeren Konzertpublikums durch z. B. Pop- oder Filmmusikelemente weiterentwickelt wurden (vgl. Böttcher 2015). Im Jahr 2001 setzte die Jeunesses Musicales Deutschland5 mit einem großen Kongress in Weikersheim ein Zeichen für den Beginn einer sich immer weiter professionalisierenden Konzertpädagogik bzw. einer künstlerischen Musikvermittlung, in der Folge beschäftigten auch immer mehr Konzerthäuser Konzertpädagoginnen und -pädagogen. Sogar explizite Studiengänge sind hierfür eingerichtet worden, z. B. an der Hochschule für Musik Detmold oder an der Universität Augsburg. Qualitätsstandards für konzertpädagogische Veranstaltungen (vgl. Wimmer 2010) sind inzwischen fest etabliert. Die Musikvermittlung bedenkt die zielgruppenspezifischen Rahmenbedingungen und hat als Ziel »das Vermitteln und Begeistern für die Musik«6. Grundlegende und weiterführende Informationen finden sich z. B. bei Schneider, Stiller und Wimmer (2011) oder bei Cvetko und Rora (2015).
interdisziplinäre Zusammenarbeit 
Musikgeragoginnen und -geragogen können sich durch ihr Kompetenzprofil im Kontext von Konzertformaten für Menschen mit Demenz (und deren Angehörige) an den Schnittstellen aller Beteiligten einbringen bzw. vermittelnd tätig sein. Sie kennen sich mit musikalischen Angeboten für Menschen mit Demenz, mit den Rahmenbedingungen der Altenpflege sowie allgemeinen musikpädagogischen Ansätzen, die für die Konzertpädagogik wichtig sind, bestens aus. Außerdem können sie bei der Zusammenarbeit mit Konzerthäusern als Austauschpersonen zur Verfügung stehen oder gar in kleineren Settings Konzerte selbst initiieren bzw. moderieren. Die Interdisziplinarität der Musikgeragogik ist sicherlich förderlich, um ein Ineinandergreifen der sonst sehr unterschiedlichen Professionen zu ermöglichen. Weil nicht selten Personalmangel und fehlende Fachkräfte einem Ausbau von kulturellen Angeboten für ältere Menschen entgegenwirken (vgl. Deyhle 2016), ist die musikgeragogische Expertise in solchen Vorhaben gewinnbringend (
Abb. 1.1).

Abb. 1.1: Musikgeragogische Expertise an der Schnittstelle für Konzertangebote
Mehrwert für alle Beteiligte 
Bei der Realisierung von Konzertformaten für Menschen mit Demenz können nicht nur die von Demenz Betroffenen kulturelle Teilhabe erfahren und von dem Konzertformat profitieren, sondern auch die Angehörigen und ggf. Pflegenden bzw. Betreuenden (vgl. Nebauer & de Groote 2012). Der Mehrwert eines kulturellen Angebots für Menschen mit Demenz – auch für die Familien – wurde beispielsweise eindrucksvoll in der ZDF-Dokumentation »Unvergesslich« aus dem Jahr 2020 deutlich, bei der ein wissenschaftliches Chorprojekt für Menschen mit Demenz durch ein Fernsehteam begleitet wurde7. Mit Blick auf den Konzertbereich wurde mehrfach bestätigt, dass musikalische Veranstaltungen für Menschen mit Demenz (und deren Angehörige) auch für die Musikschaffenden und selbst Musikinstitutionen einen großen Mehrwert bieten (vgl. von Leliwa 2019, S. 189 ff.).
positive Auswirkungen 
Neben all den positiven Auswirkungen, die musikalische Angebote im Alter auf das Wohlbefinden und die Zufriedenheit der Teilnehmenden haben, sind auch Effekte zur Verbesserung des subjektiven Gesundheitszustands, zur Stärkung psychologischer Widerstandskraft und zur Ablenken von Beschwerden und Krankheiten beschrieben worden (vgl. Hartogh 2018). Auch die gemeinschaftlichen Dimensionen des gemeinsamen Singens und Musizierens gehen mit vielen sozialen Benefits einher (vgl. Fung & Lehmberg 2016). In Zusammenstellungen zu den positiven Aspekten musikgeragogischer Angebote werden beispielsweise die folgenden Oberbegriffe genannt: (musikalische) Zufriedenheit, »emotional wellbeing«, Reduktion von Angst, Sorgen und Stress, Hilfe bei der Überwindung schwieriger Lebensphasen, Stärkung der eigenen Identität, spirituelles Erleben, Gemeinschaftserlebnisse, Zusammengehörigkeitsgefühl, Gruppengefühl, positive Auswirkungen auf Haltung, Atmung, Stimme, Motorik und Kognition u. v. a. m. (vgl. Koch 2019). Eine Übersicht an Studien, die positive Effekte des aktiven Singens und Musizierens im Alter beschreiben, ist bei Fung und Lehmberg (2016), Hartogh (2005) oder Koch (2017) zu finden. Trotz all dieser Vorzüge ist es wichtig, Musik nicht für außermusikalische therapeutische oder physiologische Zwecke zu funktionalisieren, sondern auch den unersetzlichen Eigenwert zu erkennen (vgl. Wickel & Hartogh 2018).
Rahmenbedingungen und Interdisziplinarität 
Abschließend soll noch einmal bekräftigt werden, dass die musikgeragogische Perspektive bei der Initiierung, Umsetzung und Etablierung von Konzertformaten für Menschen mit Demenz (und deren Angehörige) wichtig ist. Sowohl Konzerthäuser bzw. Musikschaffende als auch Alteneinrichtungen sind nicht immer mit den Rahmenbedingungen und internen Abläufen vertraut. Interdisziplinär ausgebildete Musikgeragoginnen und -geragogen können an dieser Schnittstelle tätig sein, eigene musikalische oder konzeptionelle Ideen einbringen und zwischen allen Beteiligten (Betroffene, Einrichtungen, Konzertinstitutionen, Angehörigen etc.) fachkundig vermittelnd tätig werden, um für alle Seiten gewinnbringende Konzertangebote zu ermöglichen.
1.4 Ein Land voller Musik: Das klassische Konzertleben und seine Institutionen in Deutschland
Elisabeth von Leliwa
Dieser Artikel entsteht während des Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020: Konzerthäuser, Theater, Musikschulen und Hochschulen sind geschlossen, die Symphoniekonzerte der großen Orchester eingestellt – selbst Proben oder virtuelle Hauskonzerte mit mehr als zwei Musikerinnen bzw. Musikern untersagt, die Existenzen zahlloser freischaffender Musikerinnen und Musiker gefährdet.
Säulen der klassischen Konzertszene 
Diese Ausnahmesituation macht jedoch erst recht deutlich, welche hohe Präsenz und welchen großen Stellenwert die klassische Musik und ihre Institutionen in Deutschland einnehmen. Musikerinnen und Musiker sind dabei in drei Bereichen aktiv, die man als Säulen der klassischen Konzertszene in diesem Land bezeichnen kann:
• Klangkörper in öffentlicher Trägerschaft wie z. B. städtische, Landes- und Staats-Orchester, Opernchöre oder die Orchester, Chöre und Bigbands der Rundfunkanstalten.
• Eine ungemein vielfältige freie Szene von der Avantgarde-Komponistin über das Barock-Ensemble bis zur privaten Operetten-Kompagnie.
• Bildungsinstitutionen wie Musikschulen und Musikhochschulen, die auch als Veranstalter von Konzerten mit Schülerinnen, Schülern und Studierenden äußerst aktiv sind.
Orte des Konzertlebens 
Die musikalischen Spielstätten wie Opernhäuser, Konzertsäle, Kirchen, alternative Kulturorte zählen mit ihrem festangestelltem künstlerischen Personal, das für die inhaltliche Planung der musikalischen Angebote verantwortlich ist, ebenfalls zur einzigartigen musikalischen Infrastruktur in Deutschland. Auch zahlreiche große Festivals bieten Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform, die Musik auch in entlegenste Winkel des ländlichen Raums zu bringen.
Die folgende Darstellung soll einen Einblick in die unterschiedlichen Finanzierungs-, Planungs- und Arbeitsstrukturen dieses Musiklebens geben. Möglichkeiten und Bedingungen werden aufgezeigt, unter denen Konzertangebote für Menschen mit Demenz entwickelt werden. Ziel dieses Beitrages ist es, Interessierten aus dem Sozialbereich das Verständnis für die Befindlichkeiten des Musikbetriebs und von Musikschaffenden zu vermitteln und Wege zu erfolgreichen Initiativen aufzuzeigen.
Die deutsche Orchesterlandschaft: Kulturorchester und freie Szene
Geschichte und Kontexte zu Orchestern 
Das nächste Orchester ist in vielen Regionen Deutschlands oft nur wenige Kilometer entfernt. Im April 2020 zählte die Deutsche Orchestervereinigung 129 Konzert-, Opern-, Rundfunk- und Kammerorchester in öffentlicher Trägerschaft: 81 an Stadt- und Staatstheatern, 37 selbstständige Konzertorchester und schließlich elf Rundfunk- und Rundfunksinfonieorchester und vier Bigbands. Diese weltweit höchste Dichte an Orchestern hat historisch-politische Gründe: Das älteste, ohne Unterbrechung arbeitende Berufsorchester ist das Orchester des Staatstheaters Kassel, das 1502 erstmals als Hofkapelle in einem amtlichen Dokument namentlich genannt wurde. Die Staatskapellen in Dresden, Weimar und Schwerin entstanden im 16. Jahrhundert – und der Flickenteppich der Fürsten- und Herzogtümer des Deutschen Reiches sorgte dafür, dass andere Höfe in Konkurrenz folgten und sich ebenfalls mit Hofmusiken und Hoftheatern schmückten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren es die selbstbewussten Bürger in reichen Städten wie Aachen (1852) oder Düsseldorf (1864), die Orchester und Theater gründeten. Diese Vielfalt hat sich – trotz etlicher Auflösungen und Fusionen seit den 1990er Jahren – bis heute erhalten und wurde 2014 von der Deutschen UNESCO-Kommission in die nationale Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen, für 2020 ist die Aufnahme in die internationale Liste des Weltkulturerbes beantragt (vgl. Mertens 2019).
freie Ensembles 
Neben der beeindruckenden Anzahl öffentlich finanzierter Orchester gibt es in Deutschland hunderte freie Ensembles: Die meisten agieren in variablen Besetzungen und mit bestimmten Schwerpunkten, manche nur als lokale Player, manche international – wie zum Beispiel das Freiburger Barockorchester, das Ensemble Modern Frankfurt, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen oder das Ensemble Resonanz in Hamburg, um einige berühmte Namen herauszugreifen. Und oft sind es diese freien Gruppen, die mit neuen künstlerischen Ideen zur Gestaltung der Konzerte oder zur Gewinnung neuen Publikums Wege in die Zukunft eröffnen und die klassische Musik mit alternativen Konzepten in die Gesellschaft hineintragen (vgl. Lorber & Schick 2019).
Der Arbeitsalltag von Profimusikerinnen und -musikern
Für eine Musikerin oder einen Musiker macht es einen existenziellen Unterschied, ob sie oder er in einem Orchester in öffentlicher Trägerschaft oder einem freien Orchester engagiert ist.
Arbeitsstrukturen im Orchester 
Die Musikerinnen und Musiker der öffentlichen Klangkörper arbeiten in festen Strukturen und Festanstellungen, die durch den »Tarifvertrag für Kulturorchester« bzw. die Rundfunk-Tarifverträge genau geregelt werden. Darin werden die wöchentliche Anzahl und Dauern der sogenannten »Dienste« (Proben und Aufführungen) ebenso festgelegt wie die Eingruppierung in bestimmte Tarifstufen. Diese Personen sind Angestellte im öffentlichen Dienst – mit allen Sicherheiten und Unfreiheiten, die das mit sich bringt. Kulturorchester sind hierarchisch strukturiert, auch wenn die Orchestervorstände Beratungs- und Mitspracherecht haben. Die Programme und der Spielbetrieb werden jedoch von Chefdirigentinnen bzw. Chefdirigenten (oder Generalmusikdirektorin bzw. Generalmusikdirektor) und/oder Intendantin bzw. Intendant entschieden und verantwortet.
Gestaltung der Dienste 
Musikerinnen und Musiker aus Kulturorchestern werden ein Konzert für Menschen mit Demenz im Rahmen ihres tariflichen Dienstes spielen. Auch Besuche von Musikerinnen und Musikern in Einrichtungen der Altenpflege könnten im Rahmen eines solchen Dienstes unternommen werden – wenn es von Orchesterleitung und Intendanz gewünscht und geplant wird. Da die Kulturorchester die ganze Saison hindurch spielen, sind ihre Mitglieder das Jahr über vor Ort und wohnen daher in der Regel auch am Sitz des Orchesters. Das bedeutet, dass kleinere Musikergruppen (Kammermusik-Ensembles wie Duos, Trios, Quartette, Quintette) ganzjährig zu Verfügung stehen können.
Arbeitszeiten von Orchestermusikerinnen und -musikern 
Typischerweise absolvieren städtische Orchester, die zumeist an Opernhäuser angebunden sind, ihre Dienste vormittags (etwa zwischen 10 und 13 Uhr für eine Orchesterprobe) und abends (in der Regel ab 20 Uhr für ein Symphoniekonzert und ab 19.30 Uhr für eine Opernvorstellung). Die Nachmittage werden von den Musikerinnen und Musikern individuell für Unterricht, für Proben zu eigenen Projekten (zum Beispiel Kammermusik) oder zum Üben genutzt. Gleiches gilt auch für die Sängerinnen und Sänger der Opernchöre in Deutschland. Und auch wenn diese im Hauptberuf »nur« im großen Kollektiv singen, haben alle Mitglieder eine solistische Gesangsausbildung durchlaufen und können außerhalb ihres Dienstes als Solistinnen und Solisten in Kirchenkonzerten und anderen Veranstaltungen aktiv werden.
Finanzierung freier Ensembles 
Die freien, zum Teil basisdemokratisch arbeitenden Orchester hingegen finanzieren sich über ein Gespinst aus Projektmitteln der öffentlichen Hand (die jährlich neu beantragt und begründet werden müssen), Stiftungs- und Sponsorengeldern, Gastspiel- und Medien-Honoraren sowie Ticketeinnahmen. Die meisten dieser Orchester beschäftigen ihre Musikerinnen und Musiker nur für begrenzte, oft sehr intensive Proben- und Konzertphasen auf der Basis von Werkverträgen: kein Konzert, kein Geld8. Diese prekäre Situation betrifft die Instrumentalistinnen und Instrumentalisten eines weihnachtlichen Oratorienkonzerts in der Dorfkirche ebenso wie die etablierten Konzertreihen oder Gastspielreisen renommierter Kammerorchester.
Einkommensquellen für Selbstständige 
Die selbstständigen Musikerinnen und Musiker der freien Orchester müssen daher für verschiedenste Auftraggeber tätig sein: Sie spielen in mehreren freien Ensembles, helfen fallweise in Kulturorchestern aus, spielen Bühnenmusik in der Oper, Theatermusik im Schauspiel oder im Musical, arbeiten als Honorarkräfte an Musikschulen oder Musikhochschulen (auch hier gilt: keine Unterrichtsstunde, kein Geld) und geben privaten Musikunterricht. In vielen Regionen sind auch Kirchenkonzerte eine wichtige Einnahmequelle. Reichtümer sind damit kaum zu erwirtschaften: die Künstlersozialkasse benennt das durchschnittliche Jahreseinkommen freiberuflicher Musikerinnen und Musiker zurzeit mit gut 15.300 Euro9.
Projektarbeit 
Aus Gründen der Qualität arbeiten fast alle freien Orchester mit einem festen Stamm von Musikerinnen und Musikern. Diese kommen oft aus ganz unterschiedlichen Regionen zusammen – und sind nach der Projektphase in einem Konzert- oder Tourneeprojekt anderswo beschäftigt. Das bedeutet, dass Konzerte für Menschen mit Demenz oder Besuche in sozialen Einrichtungen nur während oder im Anschluss der jeweiligen Projektphasen stattfinden können. Ansonsten müssen sie gesondert vereinbart und eigens finanziert werden.
Planungsansätze von Konzerten für Menschen mit Demenz
Demenzkonzerte als Projekt 
Ein speziell konzipiertes Konzert für Menschen mit Demenz ist allerdings für beide Orchesterformen – ob frei oder öffentlich – immer ein zusätzliches Projekt, für das ein eigener Termin gefunden und ein Budget reserviert werden muss. Deshalb bietet es sich an, Synergie-Effekte zu nutzen.
Planungsaspekte 
Grundsätzlich ist zu entscheiden, welche musikalische Gattung und Veranstaltungsform im jeweiligen Rahmen überhaupt sinnvoll ist. Ein symphonisches Konzert oder eine Operettengala wird in jeder Hinsicht mehr Ressourcen binden als ein Konzert mit zwei oder drei Musikerinnen und Musikern. Oft bietet es sich deshalb auch für große Orchester oder Opernhäuser an, kleinere und praktikable Projekte zu planen. Gerade für Menschen mit Demenz kann ein intimes, aber regelmäßiges Angebot viel beglückender sein als das einmal im Jahr stattfindende große Konzert-Event. Es gibt viele kreative Möglichkeiten, Konzertprogramme für Menschen zu gestalten, die der Situation eines Orchesters angepasst sind:
Fragen zur Planung 
• Kann man Generalproben und Durchläufe, die ohnehin stattfinden, für das Publikum öffnen, ohne großen zusätzlichen Aufwand an Honorar-, Miet- oder Sachkosten?
• Lässt sich ein Ausschnitt aus einem Abendkonzert am anderen Morgen wiederholen, sodass sich bei einem freien Orchester keine zusätzlichen Übernachtungskosten ergeben?
• Gibt es Konzerte, die nicht ausverkauft sind und wo man Bereiche des Zuschauerraumes speziell für eine Gruppe von Menschen mit Demenz reservieren kann?
• Sind einige Orchestermusikerinnen und -musiker bereit, ein kürzeres Kammermusik-Programm in Senioren-Einrichtungen zu spielen?
• Können Rundfunkorchester die technischen Möglichkeiten ihrer Sendeanstalten nutzen, Konzerte in die Wohn- und Pflegeheime live zu streamen, wo man dieses Ereignis vorbereitet und festlich zelebriert?
• Welchen finanziellen Beitrag kann die soziale Einrichtung leisten? Welchen Beitrag kann die kulturelle Institution leisten? Welche Fördermöglichkeiten gibt es?
interdisziplinärer Dialog 
Die Anregung zu Konzerten für Menschen mit Demenz muss dabei nicht nur aus dem Kulturbereich kommen – auch soziale Einrichtungen sollten ihre Wünsche, Ideen und Bedürfnisse formulieren und an die Musikinstitutionen herantragen. Erst im Dialog der Fachkompetenzen entstehen gute und sinnvolle Projekte.
Kulturauftrag und Musikvermittlung
Kulturauftrag 
Öffentlich finanzierte oder geförderte Orchester sind einem Kulturauftrag verpflichtet. »Kultur für alle« hieß der Slogan, mit dem der damalige Frankfurter Kulturstadtrat und spätere Präsident des Goethe-Instituts Hilmar Hoffmann 1979 die Bundesrepublik Deutschland aufzurütteln versuchte (vgl. Stampa 2019). Doch erst ab der Jahrtausendwende begann ein elitäres, lediglich auf eine »hohe Kunst« ausgerichtetes Denken in den Chef-Etagen deutscher Kulturinstitute wirklich aufzubrechen.
Musikvermittlung, Konzertpädagogik, Education 
Ein Schlüsselereignis im musikalischen Bereich war das Projekt »Rhythm Is It?«, das die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle mit dem Choreographen Royston Maldoom 2003 durchführten und ein Jahr später in einem gleichnamigen Kinofilm national und international präsentierten: 250 Berliner Kinder aus sogenannten »Problemschulen« erarbeiteten mit den Profis eine Aufführung von Strawinskys »Le sacre du printemps«, einem energiegeladenen Schlüsselwerk der Moderne. Dieses erfolgreiche Projekt entwickelte eine ungeheure Sogwirkung, nicht zuletzt aufgrund des Renommees der Berliner Philharmoniker. Gleichzeitig bereiteten aktuelle Studien Sorge um eine Überalterung des klassischen Konzertpublikums10, sogar vom »Aussterben« des klassischen Konzerts war die Rede (vgl. Tröndle 2011, S. 362). Infolgedessen erhielten Marketing und Musikvermittlung zunehmend mehr Gewicht in der allgemeinen Konzertplanung – zunächst mit einem ausschließlichen Blick auf die Gewinnung jungen Publikums. Fast alle Kulturorchester und Opernhäuser etablierten spätestens jetzt eigene Abteilungen für Musikvermittlung (auch »Education« oder »Konzertpädagogik« genannt) mit speziell dafür ausgebildeten Kräften oder erweiterten ihre Dramaturgie-Abteilungen um diesen Bereich.
Zielgruppen von Konzertvermittlung 
Inzwischen hat sich ein differenzierterer Blick auf die unterschiedlichen Zielgruppen von Konzerten entwickelt: Die Generation der ab 60-Jährigen wird aufgrund der demografischen Entwicklung als wichtiger Wirtschaftsfaktor und damit auch unverzichtbarer Teil des Konzertpublikums angesehen (vgl. von Leliwa 2019). Auch das Konzept der »Kulturellen Teilhabe« – den Zugang zu den oft hoch subventionierten Kulturinstitutionen auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder aus schwierigen Ausgangslagen heraus zu ermöglichen – gehört inzwischen zum Selbstverständnis der Orchester, Theater und Museen. 2012 etablierte das Projekt »Auf Flügeln der Musik« – initiiert vom Institut für Kultur und Bildung im Alter (IBK) und gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie dem Land Nordrhein-Westfalen – verschiedene Modelle einer solchen kulturellen Teilhabe von Menschen mit Demenz am Konzertleben (vgl. Nebauer 2013).
Ansprechpersonen für Demenzkonzerte 
Die Abteilungen und Mitarbeitenden für Musikvermittlung, Konzertpädagogik und Education sind in den Kulturorchestern und Opernhäusern in der Regel die unmittelbaren Ansprechpartner für Konzertangebote an Menschen mit Demenz, erarbeiten die Konzepte und führen die Veranstaltungen durch.
Der musikalische Nachwuchs: Musikhochschulen und Musikschulen
Selbst etablierte Institutionen des Konzertlebens stehen unter enormem Produktions- und Finanzierungsdruck. Nicht jedem Kulturbetrieb wird es gelingen, regelmäßige Angebote an Menschen mit Demenz zu machen. Im ländlichen Raum kann es geschehen, dass das »nächste Orchester« eben doch zu weit weg ist oder das landesweite Festival nur einmal im Jahr vorbeischaut. Nicht nur aus diesen Gründen lohnt es sich, die zahlreichen Ausbildungsstätten für Musik auch als Konzertveranstalter wahrzunehmen.
musikalischer Nachwuchs 
Wie die Orchesterlandschaft beeindruckt auch der deutsche Bildungssektor mit seinen Zahlen: An 28 Standorten in Deutschland gibt es staatliche Musikhochschulen, darüber hinaus 51 weitere berufsbildende Institute (z. B. Konservatorien und kirchenmusikalische Einrichtungen) und fast 40 weitere Studiengänge im musikpädagogischen Bereich. Fast unüberschaubar ist die Fülle an Musikschulen. Ihr Ausbildungsspektrum reicht vom Anfängerunterricht bis zur Studienvorbereitung, von der musikalischen Früherziehung bis zum Unterricht für Senioren. Viele der jungen Musikschülerinnen und -schüler nehmen an den deutschlandweiten Wettbewerben Jugend musiziert teil, die auf Landes- und Bundesebene ein sehr hohes Niveau aufweisen. 931 Musikschulen in öffentlicher Trägerschaft zählte das Deutsche Musikinformationszentrum im Jahr 2020, dazu kommen mindestens 600 private Musikschulen: ein riesiges Reservoir an Musik11.
Möglichkeiten für Demenzkonzerte von Bildungseinrichtungen 
Alle musikalischen Bildungseinrichtungen organisieren regelmäßig Konzerte mit ihren Studierenden, Schülerinnen und Schülern – aber auch mit den Dozierenden und gelegentlich sogar mit Gastmusikerinnen und -musikern. Die Aktivitäten reichen vom Klassenkonzert über Ensembleprojekte bis hin zu Aufführungen von Orchestern und Bigbands; die stilistische Spannbreite reicht gerade in den Musikschulen oft über den klassischen Bereich hinaus bis zum Pop und Jazz (der auch an einigen Musikhochschulen als Studienfach angeboten wird). Damit bestehen vielfältige Möglichkeiten, Konzerte für Menschen mit Demenz anzubieten: sei es ein speziell für die Zielgruppe organisiertes Event, die Voraufführung oder Wiederholung eines bereits geplanten Konzertes – oder die Öffnung von Musikveranstaltungen im Sinne der Inklusion.
Publikum und Chancen für Musikerinnen und Musiker 
Kooperationen zwischen Musik(hoch)schulen und sozialen Einrichtungen verlangen – in noch höherem Maße als bei den Profi-Ensembles – einen offenen Dialog. Reguläre Konzerte mit den Nachwuchsmusikerinnen und -musikern müssen eine pädagogische Agenda verfolgen – was gelegentlich zu Programmen mit Überlänge und ohne thematischen »roten Faden« führen kann. Bei Veranstaltungen in Musikschulen findet sich oft ein buntes, familiäres Publikum in sehr lockerer Atmosphäre zusammen, was Menschen mit Demenz bei einem inklusiven Event überfordern könnte. Daher muss der Rahmen eines solchen Konzerts bewusst gesetzt und gestaltet werden, um die Bedürfnisse der Zielgruppe zu berücksichtigen. Unter dieser Voraussetzung werden auch die Studierenden und Musikschülerinnen und -schüler von der Erfahrung profitieren, indem sie …
• Spielpraxis und Spielroutine erwerben und vertiefen,
• neue musikalische Arbeitsfelder kennenlernen,
• ihre Kommunikationsfähigkeiten mit dem Publikum verbessern,
• neues Repertoire in einem nicht auf Wettbewerb ausgerichteten Umfeld erproben,
• die Wirkung von Musik hautnah erleben.
Begegnung der Generationen 
Ein besonderer Bonus bei Konzerten mit jungen Musikerinnen und Musikern liegt in der Begegnung der Generationen. Die Freude, Energie und Hingabe, die sie – ganz unabhängig von ihrem Ausbildungsstand – in eine Alteneinrichtung bringen, wird dort in besonderer Weise von Zuhörenden wahrgenommen und wertgeschätzt.
Wechselwirkungen
Professionelle Musikerrinnen und Musiker bringen darüber hinaus eine andere, besondere Qualität in Konzerte für Menschen mit Demenz ein: die Aura des Künstlerischen.
professionelle Musikerinnen und Musiker sind flexibel und situativ 
Die über Jahre erarbeitete Bandbreite des Repertoires ermöglicht es ihnen, musikalische Projekte inhaltlich ganz auf ein Publikum oder einen Anlass hin maßzuschneidern. Die Souveränität in der Beherrschung eines Instruments oder der Stimme verleiht ihnen eine ungeheure Flexibilität auf der Bühne: Ihre musikalische Interpretation kann sich in Lautstärke, Tempo und Energie den Möglichkeiten der Zuhörenden, der Atmosphäre einer Situation anpassen und auf Unerwartetes reagieren. In Konzerten für Menschen mit Demenz ermöglicht dies ein subtiles Wechselspiel mit einem Publikum, das nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eine besondere Sensibilität für Musik zeigt.
Kommunikation mit dem Publikum 
Die Unmittelbarkeit, mit der Menschen mit Demenz auf Musik reagieren, kann umgekehrt gerade den Profi-Musikerinnen und -musikern etwas schenken, das im ritualisierten, auf Perfektion ausgerichteten Konzert- und Opernbetrieb oftmals verloren geht: die Empfindung für die emotionale Ausdrucksmacht von Musik. Kammermusikalische Projekte oder Konzerte in sozialen Einrichtungen ermöglichen darüber hinaus die direkte, verbale Kommunikation von Musizierenden und Zuhörenden – was im »normalen« Konzertbetrieb nur sehr eingeschränkt (z. B. bei Signierstunden nach einem Auftritt) stattfindet.
Demenzkonzerte als Bereicherung für Anbietende und Aufgaben für Kultureinrichtungen 
Viele Musikerinnen und Musiker beschreiben ihre Erfahrungen mit Menschen mit Demenz daher nicht nur als persönliche und menschliche Bereicherung, sondern auch als Erweiterung ihrer musikalischen und kommunikativen Kompetenzen, zum Beispiel im Hinblick auf Improvisationsfähigkeit (vgl. Alheit, Page & Smilde 2015). Viele Intendanzen von Orchestern und Opernhäusern sehen diese Projekte als einen Baustein, um die Reichweite eines Orchesters zu erhöhen oder dessen gesellschaftliche Relevanz innerhalb einer Stadt oder einer Region zu vergrößern – was sich in Budgetdiskussionen mit öffentlichen Trägern positiv auswirken kann. Manche sprechen durchaus auch von der Verpflichtung, langjährigen Konzertbesucherinnen und -besuchern, die über Jahrzehnte ein Orchester oder ein Opernhaus durch ihre Abonnements mitfinanziert haben, etwas zurückzugeben, wenn sich deren Lebenssituation verändert hat (vgl. Nebauer 2013).
Konzertprojekte werden auf diese Weise zu einer wechselseitigen Bereicherung für Musikinstitutionen, Musikerinnen bzw. Musiker und Menschen mit Demenz: eine Begegnung, von der alle Beteiligten profitieren.
1 Das Buch »Anderland« wurde von der Glücksmomente Stiftung e. V. herausgegeben und ist ein lesbarer und kreativer »Reiseführer« in die Welt von Menschen mit Demenz (Schützendorf & Datum 2019).
2 Die Tabelle stellt eine Vereinfachung dar, denn oft übernehmen Pflegedienste gemeinsam mit Angehörigen die Pflege. Die wichtige Ressource der nachbarschaftlichen Hilfen und Angebote der Therapiepraxen (Ergotherapie, Musiktherapie) wurden nicht aufgenommen.
3 Brauchbare Ideen für Quartiersansätze für Menschen mit Demenz finden sich in der Zeitschrift für innovative Arbeitsgestaltung und Prävention, 3, 2014: https://www.zeitschrift-praeview.de/data/transfaer_314_teilhabe_doppelseiten_1.pdf (Zugriff vom 10.07.2021)
4 https://www.zeit.de/kultur/2018-05/altersheim-casa-verdi-zusammenleben-musiker-10nach8
5 https://www.jmd.info/jmd/startseite/ (zuletzt eingesehen am 17.07.2020).
6 https://www.alle-noten.de/magazin/konzertpaedagogik-kuenstlerische-musikvermittlung/ (zuletzt eingesehen am 06.08.2020).
7 https://www.zdf.de/dokumentation/unvergesslich-unser-chor-fuer-menschen-mit-demenz/unvergesslich-106.html (zuletzt eingesehen am 04.08.2020).
8 https://freo.online/unsere-themen (zuletzt eingesehen am 14.02.2021)
9 https://www.kuenstlersozialkasse.de/service/ksk-in-zahlen.html (zuletzt eingesehen am 14.02.2021)
10 www.miz.org/dokumente/jugendkulturbarometer2004.pdf (zuletzt eingesehen am 14.02.2021)
11 vgl. www.miz.org/themenportale/bildung-ausbildung (zuletzt eingesehen am 10.02.2021)
2 Durchführung
2.1 Konzertformate für Menschen mit Demenz und deren Angehörige
Kai Koch & Bernd Reuschenbach
In diesem Kapitel soll der Fokus auf die konkrete Umsetzung von Konzertformaten für Menschen mit Demenz liegen. Dafür werden die bisherigen publizierten Berichte, Dokumentationen und Buchbeiträge aufgegriffen (z. B. Nebauer 2013; von Leliwa 2019) und mit den theoretischen Grundlagen des ersten Kapitels sowie den im dritten Kapitel beschriebenen Praxiserfahrungen kombiniert. Zunächst ist allerdings ein Blick in die noch recht junge Geschichte von Demenzkonzerten sinnvoll, ebenso wie die Formulierung der Ziele solcher Angebote. Der Blick ist dabei primär auf die institutionellen Angebote, z. B. von Konzerthäusern oder Musikschaffenden, gerichtet. Viele konzeptionelle Planungsaspekte lassen sich jedoch auch auf freie Formate oder Angebote bzw. in Alteneinrichtungen übertragen, wobei dort die Rahmenbedingungen noch viel individueller sind und sich kaum in eine Handreichung wie diese integrieren lassen. Dennoch sind Inhalte dieses Kapitels auch für diese Formate von Bedeutung, z. B. Barrierefreiheit, Konzertvermittlung oder Programmgestaltung.
2.1.1 (Vor-)Geschichte – Pilot-Projekt »Auf Flügeln der Musik«
Ausgangspunkt 
Das Pilot-Projekt »Auf Flügeln der Musik« im Jahr 2012 war nicht nur ein innovativer Ansatz, sondern zugleich eine wichtige Botschaft, dass auch der kulturelle Sektor auf den demografischen Wandel und die steigende Zahl von Menschen mit Demenz reagieren muss. Durch inklusive Konzertformate sollte es den Betroffenen (und deren Angehörigen) ermöglicht werden, ohne Ängste und Hemmungen an Kultur und musikalischen Angeboten teilnehmen zu können und kulturelle Teilhabe zu erleben (vgl. Nebauer 2013). Im Vergleich zu Museen mit speziellen Führungen für Menschen mit Demenz hatte der Konzertbereich mit Blick auf inklusive Formate für diese Zielgruppe bis dahin »noch erheblichen Nachholbedarf« (Nebauer 2012, S. 3).
»Das Pilot-Projekt ›Auf Flügeln der Musik‹ setzte sich zum Ziel, öffentliche Institutionen wie Konzertsäle oder Musiktheater als Kulturräume für Menschen mit Demenz zu entdecken und zu öffnen.« (von Leliwa 2019, S. 189)
Projektförderung 
Initiiert und durchgeführt wurde das Projekt vom Institut für Kulturelle Bildung und Kultur Remscheid e. V. (IBK) im Jahr 2012, das vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, dem Kuratorium Deutsche Altershilfe Köln sowie vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport NRW gefördert wurde (vgl. von Leliwa 2019). Nach dem Projektstart im Mai 2012 wurden durch die Zusammenarbeit von Musikvermittlung und Konzertpädagogik »mit Institutionen wie den Duisburger Philharmonikern, dem WDR Sinfonieorchester Köln, dem Gürzenich-Orchester Köln, der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein und der Historischen Stadthalle Wuppertal Konzert- und Rahmenprogramme konzipiert, praktisch erprobt und evaluiert« (von Leliwa 2014, S. 40).
BKM-Preis 2014 
Das Projekt wurde 2014 von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, mit dem mit 20.000 Euro dotierten BKM-Preis für kulturelle Bildung ausgezeichnet. In der Laudatio sagte Gütters:
»Die diesjährigen Nominierungen zeigen eindrucksvoll eine Vielfalt an Projekten, die ganz eigene Erfahrungen mit Kultur ermöglichen, die bei Menschen jeden Alters Neugier auf Kultur wecken und die auch solche ›beflügeln‹, die sonst kaum zu erreichen sind.«12
Dokumentation und Publikationen auf Basis des Pilot-Projekts 
Durch Publikationen, Öffentlichkeitsarbeit, viele Weiterbildungsangebote und Netzwerkarbeit gibt es mittlerweile erfreulicherweise immer mehr an der Thematik interessierte Einrichtungen, Musikschaffende und -institutionen, die Konzertformate für Menschen mit Demenz (und ihre Angehörigen) anbieten. Einige repräsentative oder auch in der konzeptionellen und stilistischen Vielfalt besondere Beispiele finden sich im dritten Teil dieser Publikation (
Kap. 3). Dabei werden die Weiterentwicklung des Pilot-Projekts »Auf Flügeln der Musik« dokumentiert und ein Fundus an Ideen zur Verfügung gestellt, der zum Nachahmen motiviert.
2.1.2 Ziele inklusiver Konzertformate für Menschen mit Demenz
Spektrum erweitern und Teilhabe ermöglichen 
In erster Linie sollen Konzertformate das musikalische Angebotsspektrum für Menschen mit Demenz erweitern und somit neben musiktherapeutischen Interventionen oder anderen musikgeragogischen Angeboten einen Beitrag zum Wohlbefinden und zur Aktivierung der Besucherinnen und Besucher leisten (vgl. von Leliwa 2019). Zudem können musikalische Angebote kulturelle und soziale Teilhabe ermöglichen und nicht nur für die Menschen mit Demenz, sondern »auch [für] die Angehörigen im oft anstrengenden Pflegealltag eine willkommene Abwechslung bedeuten« (Wolf 2019, S. 198):
»Musikvermittlung für Menschen mit Demenz will die Räume für ästhetische Erfahrungen erweitern, indem Bezüge zwischen Musik und Besucher hergestellt werden. Es geht hierbei nicht um das Vermitteln von kognitiven Inhalten. Vielmehr werden ein Rahmen und eine Atmosphäre geschaffen, die stimulierend wirken und einen Austausch über das Musikerlebnis oder andere damit assoziierte Gedanken oder Erinnerungen erleichtern. Gelegenheiten, sich dem Einzelnen aufmerksam zuzuwenden, werden genutzt und Impulse der Teilnehmenden aufgegriffen.« (Nebauer 2013, S. 8)
»Für uns war klar, dass kulturelle Teilhabe für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen vor allem ohne Hektik und Stress möglich sein sollte. Sie sollte an sinnliches Erleben anknüpfen, damit tief verankerte Emotionen wieder erfahrbar gemacht, Erinnerungen aufgegriffen und gewürdigt werden können. Denn letztlich geht es darum, gemeinsam etwas Schönes zu erleben.« (Schmauck-Langer 2012, S. 20)
Kulturauftrag und Inklusion 
Ein ebenso wichtiges Ziel ist sicherlich auch die Erfüllung des politischen Kulturauftrags zur Öffnung öffentlicher Institutionen wie Konzertsälen oder Musiktheater als Kulturräume (vgl. von Leliwa 2019), um einen weiten Inklusionsbegriff auch im Konzertwesen umzusetzen; gerade auch, weil die sogenannte Hochkultur häufig unter Rechtfertigungsdruck steht und eine Diversifizierung des Konzertangebots dem entgegenwirken kann. Es ist wichtig, »auch die rezeptive Teilhabe an Musik […] in einem inklusiven Verständnis sicherzustellen.« (Wickel & Hartogh 2019, S. 11)
»Ziel muss das inklusive Konzert sein. Konzerte für Menschen mit Demenz stellen auf diese Weise prinzipielle Fragen an das moderne Konzertleben und an ein – immer noch – bürgerliches Musikritual.« (von Leliwa 2019, S. 193)
Erweiterung des Angebots, Gewinn für die Institutionen 
Nicht nur die Veränderung des Konzertlebens mit Blick auf die zu inkludierende Zielgruppen, sondern auch die feste Etablierung solcher Formate und die Ausweitung des Angebotsspektrums sind wichtig. Dazu können sowohl Publikationen, eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit und modellhafte Konzerte beitragen. Jedes scheinbar noch so kleine Konzertformat für Menschen mit Demenz kann als positives Beispiel einen Beitrag zu einem »inklusiven, normalen Konzertleben« leisten. Solche Konzertformate sind nicht nur für die Rezipientinnen und Rezipienten, sondern auch für die Musikinstitutionen und -schaffenden selbst gewinnbringen. Sie können fest im Angebotsspektrum verankert werden und sich jenseits von spezifischen Projektförderungen in Institutionen etablieren (vgl. von Leliwa 2019).
Publikumsentwicklung, neue Zielgruppen 
Für die Institutionen sind Konzerte für Menschen mit Demenz mit Blick auf die Publikumsentwicklung und die »Kundenbindung« ein lohnender Schritt, weil neben der Akquise eines jungen Konzertpublikums langfristig auch die Zielgruppe älterer Menschen – und eben auch die mit demenziellen Veränderungen – ihren Platz im Konzertwesen finden bzw. behalten kann. Durch Konzertformate für Menschen mit Demenz können auch Familien und Angehörige bzw. Alteneinrichtungen erreicht werden und den »Kundenkreis« eines Konzerthauses erweitern. Der Blick auf die »Allgemeinheit« gehört sogar explizit zur Verpflichtung öffentlich-rechtlicher Institutionen (vgl. Wolf 2019, S. 195). Der Intendant der Duisburger Philharmoniker, Alfred Wendel, betonte im Rahmen des Pilot-Projekts »Auf Flügeln der Musik«, dass ein Engagement für dieses Konzertformat »denjenigen, die jahre- oder vielleicht sogar jahrzehntelang […] [die] Konzerte besucht haben, etwas zurückgibt« (zit. nach Nebauer 2013, S. 4).
»Zudem waren manche Besucher*innen jahrelange treue Konzertgäste […]. Durch ihr Engagement für diese Gäste kann das Orchester etwas von dieser Treue an sie zurückgeben.« (vgl. Wolf 2019, S. 198)
Formate anpassen 
Da die sonst üblichen Konzerte unter Umständen für die Menschen mit Demenz zu lang sind oder die Angehörigen bzw. Pflegenden nicht mit herausforderndem Verhalten der Betroffenen im Konzertsaal konfrontiert sein wollen, bieten Demenzkonzerte einen geschützten Rahmen, der in besonderem Maße auf die Bedürfnisse neuer Zielgruppen (Menschen mit Demenz, Angehörige und Pflegepersonal) zugeschnitten ist. So können z. B. ein Entgegenkommen bei Reservierungen, ein Rückgaberecht der Karten und ein reizarmes Ankommen und Verlassen der Konzertsituationen die Teilhabe der Erkrankten erleichtern und die Betreuungskräfte und Angehörigen entlasten (vgl. Nebauer 2012):
»Die Orientierung auf die Bedürfnisse bestimmter Kundengruppen vertieft damit den allgemeinen Paradigmenwechsel, der in den letzten Jahrzehnten in der deutschen Kulturlandschaft stattgefunden hat, Kulturinstitutionen als Dienstleister zu begreifen.« (von Leliwa 2019, S. 192)
Darmowy fragment się skończył.