Czytaj książkę: «Heimat?»

Czcionka:

HEIMAT?

Klaus Farin (Hrsg.)


Originalausgabe

© 2020 Hirnkost KG

Lahnstraße 25

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1. Auflage September 2020

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Layout: Yunus Kleff

Illustrationen: Root Leeb

Lektorat: Gabriele Vogel

ISBN:


PRINT: 978-3-948675-03-5
PDF: 978-3-948675-05-9
EPUB: 978-3-948675-04-2

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INHALTSVERZEICHNIS

Klaus Farin

Leonhard F. Seid

Olufemi Atibioke

Roman Israel

Isobel Markus

Gerd Puls

Siegfried von der Heide

Sybil Volks

Dorle Gelbhaar

Joachim Ringelnatz

Reimer Boy Eilers

Ahmed Yussuf

Caritas Führer

Günther W. Hornberger

Ute Scheub

Root Leeb

Werner Schlegel

Armin Steigenberger

Mieste Hotopp-Riecke

David Kalisch

Wahid Nader

Ruth Fruchtman

Bernd-Ingo Friedrich

Axel Görlach

Kurt Tucholsky

Rudolph Bauer

Biografien

Heimat, das ist der Ort, wo sich der Blick von selbst nässt, wo das Gemüt zu brüten beginnt, wo Sprache durch ungenaues Gefühl ersetzt werden darf …

Siegfried Lenz


Vorwort

von Klaus Farin

„Heimat“ ist ein derzeit überall präsentes und diskutiertes Thema, vom „Heimatministerium“ bis zum Punk-Song, über Mode- und Biermarken bis zu Jugendprojekten. Zumeist in scheinbar unauflöslicher Verbundenheit mit dem Wort Liebe. Doch so einfach scheint das mit der „Heimatliebe“ nicht zu sein. Denn offenbar verstehen nicht alle Menschen das Gleiche darunter. Und natürlich melden sich auch jene fleißig zu Wort, denen wir die Deutungshoheit über „Heimat“ nicht unwidersprochen gestatten sollten. „Wir dürfen das Thema Heimat nicht den Rechten überlassen“, plädierte auch Robert Habeck, Schriftsteller und Parteivorsitzender, neulich im Tagesspiegel.1

„Heimat ist nur ein Gefühl“, meint Herbert Grönemeyer, der im Ruhrgebiet aufwuchs, wo „Heimatliebe“ zumeist regional, nicht national, gelebt wird und auch im 21. Jahrhundert noch eng mit dem großstädtischen Bergbau- und Arbeitermilieu verbunden ist, während nur fünfzig Kilometer weiter, im Rheinland, sich überwiegend Angehörige der gehobenen Mittelschichten zusammenfinden, um sich in „Heimat- und Bürgervereinen“ für ihre Region und ihre Mitbürger*innen zu engagieren. Landwirte fordern zum Schutz ihrer Heimat und ihrer eigenen Existenz endlich effektive Maßnahmen gegen die menschlichen Ursachen der Klimakatastrophe, während andere ihre Heimat eher durch eine sechzehnjährige Schwedin und deren Mitstreiter*innen bei den Fridays for Future gefährdet sehen. Während Geflüchtete und andere Migrant*innen versuchen, in Deutschland eine zweite Heimat zu finden, sind manche Eingeborene – in einigen Bundesländern gar über fünfzig Prozent – der Meinung, die gehören sowieso nicht zu ihrer Heimat. „Heimat“ ist eines der emotionalsten Themen überhaupt, erst recht in Zeiten, in denen politische Interessengruppen es ideologisch aufladen und für ihre Zwecke zu missbrauchen versuchen. Denn unsere Perspektive auf „Heimat“ – Wer gehört dazu? Wer nicht? – ist nicht nur durch unterschiedliche weltanschauliche Standpunkte bestimmt, sondern vor allem durch unsere eigenen autobiografischen Erinnerungen und Erfahrungen geprägt.

Welche Gefühle löst das Wort Heimat also in unseren Köpfen aus? Steht es für Sicherheit, Geborgenheit, Natur und Liebe oder wirkt es als Drohung, Ausschluss, soziale Kontrolle? Geht „Heimat“ auch ohne Nationalismus? Welche Bedeutung hat „Heimat“ für Menschen, die das Land ihrer Kindheit und Jugend verlassen mussten? Unterscheiden sich west- und ostdeutsche Heimat-Sichten? In diesem Buch spüren 25 Schriftsteller*innen literarisch und essayistisch ihren eigenen, autobiografischen Heimat-Erinnerungen und der politischen Ambivalenz der Heimat-Renaissance nach.

„Heimat, das ist der Ort, wo Sprache durch ungenaues Gefühl ersetzt werden darf …“ – Diese Anthologie unternimmt den Versuch, diese Gefühle zu fokussieren, den Blick – und die Sprache – ein wenig zu schärfen, ohne die Widersprüche aufzuheben. Es ist nicht das Ziel, eine einheitliche Sicht auf „Heimat“ zu entwickeln; das wird auch nicht möglich sein. Aber die folgenden Beiträge illustrieren, wie multiperspektivisch, facettenreich, dramatisch, humorvoll und lehrreich „Heimat“ sein kann.

Das oben aus dem Zusammenhang gerissene Zitat von Siegfried Lenz verfälscht eigentlich den konkreten Sinn des wohl berühmtesten Heimatromans des 20. Jahrhunderts. Heimatmuseum erzählt von den Versuchen, das Wissen um die Geschichte, Kultur und Traditionen Masurens zu bewahren. Das autobiografisch geprägte Werk war durchaus als Liebeserklärung des Autors an seine Heimat gedacht, die so nicht mehr existierte. So wie der Ich-Erzähler Zygmunt Rogalla in seinem Museum persönliche Zeugnisse, Alltagsgegenstände und andere Artefakte sammelt, um eine bereits in der Moderne und natürlich in der Folge des Zweiten Weltkriegs untergehende Welt für die Nachgeborenen zu erhalten, so erweckt auch Siegfried Lenz mit der ausführlichen Präsentation der Menschen, ihrer Bräuche und der Landschaft der ehemaligen preußischen Provinz im Norden Polens Masuren literarisch meisterhaft wieder zum Leben. Und in der angesprochenen Szene, die vor fast einem halben Jahrhundert niedergeschrieben wurde und dabei doch so wirkt, als wäre sie ein Kommentar zur aktuellen Diskussion, verteidigt Lenz‘ Alter Ego seine Heimat-Sicht:

Ich verstehe, mein Lieber, ich verstehe Sie schon: Sie möchten die Heimat verantwortlich machen für eine gewisse Art von hochmütiger Beschränktheit, Sie möchten ihr Fremdenhass anlasten, den bornierten Dünkel der Sesshaftigkeit. Sie möchten sie verstehen als geheiligte Enge, in der man sich unvermeidlich seine Erwähltheit bestätigen muss, mit einem gehobelten Brett vor dem Kopf.

Ich weiß, ich weiß: Heimat, das ist der Ort, wo sich der Blick von selbst nässt, wo das Gemüt zu brüten beginnt, wo Sprache durch ungenaues Gefühl ersetzt werden darf …

Damit Sie mich nicht missverstehen, ich gebe zu, dass dies Wort in Verruf gekommen ist, dass es missbraucht wurde, so schwerwiegend missbraucht, dass man es heute kaum ohne Risiko aussprechen kann. Und ich sehe auch ein, dass es in einer Landschaft aus Zement nichts gilt, in den Beton-Silos, in den kalten Wohnhöhlen aus Fertigteilen, das alles zugestanden; aber wenn es schon so ist: Was spricht dann gegen den Versuch, dieses Wort von seinen Belastungen zu befreien? Ihm seine Unbescholtenheit zurückzugeben?

Wie ich das meine? Ich vermute, dass Sie lächeln, doch ich sage es gegen Ihr Lächeln: Heimat, das ist für mich nicht allein der Ort, an dem die Toten liegen; es ist der Winkel vielfältiger Geborgenheit, es ist der Platz, an dem man aufgehoben ist, in der Sprache, im Gefühl, ja, selbst im Schweigen aufgehoben, und es ist der Flecken, an dem man wiedererkannt wird; und das möchte doch wohl jeder eines Tages: wiedererkannt, und das heißt: aufgenommen werden …2

Anders als Siegfried Lenz scheitert der Ich-Erzähler Zygmunt Rogalla am Ende, in der Bundesrepublik Deutschland angekommen, an der politisch-gesellschaftlichen Realität, und er sieht keine andere Chance, seine Heimat-Erinnerungen vor dem Missbrauch zu retten, als das komplette Museum zu verbrennen.

„Wer also versucht, einen progressiven oder linken Heimatbegriff zu kreieren, ist zum Scheitern verurteilt“, schlussfolgert auch Leonhard F. Seidl pessimistisch in seinem, diesen Band eröffnenden Beitrag „Schlachtet die Heimat!“. „Heimat ist im Kern eine völkische Idee, denn sie verwechselt Menschen mit Bäumen und spricht ihnen einen natürlichen und angestammten Platz in der Welt zu. Aber wer Menschen verwurzelt, entmündigt sie und ordnet sie der Natur und dem Kollektiv unter, macht sie zu Sklav_innen der Gerüche und Geschmäcker ihrer Kindheit“, schreibt Thorsten Mense im Vorwort zu Thomas Ebermanns fulminanter Anti-Heimat-Suade Linke Heimatliebe.3 Und auch Isobel Markus teilt in ihrem Beitrag für dieses Buch „Heimat ist ein Tomatenbrotschnittchen“ nicht Zygmunt Rogallas Utopie von Heimat als Ort, an dem man jederzeit wiedererkannt wird.

„Heimat ist ein Ort nicht als der, der er ist, sondern als der, der er nicht ist“, fasste Bernhard Schlink einmal in einer Rede in der American Academy in Berlin kurz vor Weihnachten 1999 einen zentralen Topos der Heimat-Wahrnehmung zusammen. „Heimat“ existiert vor allem in unseren Köpfen. „So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie. Am intensivsten wird sie erlebt, wenn sie einem fehlt; das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh. Die Erinnerungen und Sehnsüchte machen die Orte zur Heimat.“4 – Oder verhindern, dass die Orte der Kindheit und Jugend jemals als „Heimat“ angesehen werden können, wie Werner Schlegel in seinem Beitrag „Phantasia oder Die Heimat der Heimatlosen“ erzählt.

„Heimat ist Utopie. Am intensivsten wird sie erlebt, wenn sie einem fehlt.“ – Vielleicht erklärt sich so die Enttäuschung, die viele Menschen erleben und Autor*innen beschreiben, wenn sie nach Jahren des Exils in die Stadt ihrer Kindheit zurückkehren. Wie könnte die reale Welt, im Laufe der Jahre immer utopischer aufgeladen und sich gleichzeitig im Wandel der Zeit immer stärker von den konservierten Bildern der Kindheit absetzend, gegen eine imaginierte und weichgezeichnete Phantasmagorie kindlicher Idylle bestehen? „Ich fühle mich nirgends so einsam wie in der Stadt, in der ich geboren bin“, notiert Ludwig Marcuse im Juli 1949 nach seiner Rückkehr in seine Geburtsstadt Berlin nach sechzehnjähriger Emigration.5

Gibt es eine Heimat nach der Heimat? Also auch für diejenigen, die den Ort ihrer Jugend nie lieben konnten oder ihr Herkunftsland verlassen mussten? Vilém Flusser, der 1939 vor den Nationalsozialisten fliehen musste und seine gesamte Familie in ihren Konzentrationslagern verlor, fand Sicherheit nur im Exil. „Der Mensch ist wie die Ratte – kosmopolitisch. Wer aus der Heimat vertrieben wird (oder den Mut aufbringt, von dort zu fliehen), der leidet. Die geheimnisvollen Fäden, die ihn an Dinge und Menschen binden, werden zerschnitten. Aber mit der Zeit erkennt er, dass ihn diese Fäden nicht nur verbunden, sondern angebunden haben, dass er nun frei ist, neue zwischenmenschliche Fäden zu spinnen und für diese Verbindungen die Verantwortung zu übernehmen.“6 Ähnlich plädiert auch der deutschschweizerische Schriftsteller Jochen Kelter für ein – mindestens – geistiges Exil: „Die Schreibenden und ihre Leser sollten gegen Heimaten, die nur geografisch befestigt sind, anschreiben und anlesen. Wir sollten uns aufmachen, die Heimat zu verlassen. Die unter unseren Füßen und jene im Kopf.“7 Ruth Fruchtman, Ahmed Yussuf, Wahid Nader und andere Autor*innen erzählen in diesem Band von ihren Wanderungen zwischen den (Heimat-)Welten, Caritas Führer und Mieste Hotopp-Riecke berichten aus einer Heimat, die seit dem 3. Oktober 1990 so nicht mehr existiert.

In diesem Band melden sich ausschließlich Schriftsteller*innen zu Wort, mal literarisch, mal essayistisch, gemäß Heinrich Bölls Forderung an seine Kolleg*innen, sich einzumischen. „Wir Autoren sind die geborenen Einmischer. Das klingt idealistisch, ist es aber nicht. Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben.“8

Heimat? ist der dritte Band einer Edition (nach: Unsere Antwort. Die AfD und wir. Schriftsteller*innen und der Rechtspopulismus, Hirnkost 2018, und Ihre Papiere bitte!, Hirnkost 2020), in der Schriftsteller*innen sich einmischen. Im Vorwort des AfD-Bandes notierte ich im Frühjahr 2018: „Ist die Zeit, in der Wortmeldungen von Autoren wie Heinrich Böll oder Günter Grass noch in den Feuilletons und sogar in der Politik breit diskutiert wurden, endgültig vorbei? Oder müssen Autor*innen (und andere Künstler*innen) vielleicht nur wieder selbstbewusst in die Offensive gehen, sich einmischen, um gehört zu werden? Müssen wir in Zeiten immer kürzerer Themenkonjunkturen und schnelllebigerer und oberflächlicherer Mediendebatten unsere Empörung über Missstände, aber auch unsere Visionen einer besseren – gerechteren, toleranteren, friedlicheren, demokratischeren – Gesellschaft nur lauter platzieren? Dieses Buch ist auch – darin sind sich alle Beteiligten bei ansonsten sehr kontroversen Meinungen zum Thema einig – ein Schritt in diese Richtung. Wir Autor*innen werden uns auch zukünftig – wieder – stärker einmischen!“

1 https://www.tagesspiegel.de/politik/gruenen-chef-habeck-wir-muessen-den-begriff-der-nation-zurueckerobern/22953924.html

2 Siegfried Lenz: Heimatmuseum. Hamburger Ausgabe der Werke, Bd. 9, Hoffmann und Campe 2018, S. 147 f.

3 Thomas Ebermann: Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung. konkret 2019, S. 14; auch in: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1108905.debatteum-heimatbegriff-ein-brutales-gefuehl.html.

4 Bernhard Schlink: Heimat als Utopie. Suhrkamp (Sonderdruck) 2000, S. 32 f.

5 Briefe von und an Ludwig Marcuse. Diogenes 1975.

6 Vilém Flusser: Heimat und Heimatlosigkeit. Originaltonaufnahmen 1985–1991. Audible Hörbuch 2019.

7 Jochen Kelter (Hrsg.): Die Ohnmacht der Gefühle – Heimat zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Drumlin, Weingarten 1986, Vorwort, S. 13.

8 Heinrich Böll: „Einmischung erwünscht“, in: ders.: Einmischung erwünscht. Schriften zur Zeit. Kiepenheuer & Witsch 1977, S. 15.



Schlachtet die Heimat!

von Leonhard F. Seidl

Wir sollten von vorne beginnen. Mit der Erbsünde: Adam stibitzt den Apfel, Eva beißt genießerisch hinein, der süße Saft spritzt, und wir feiern ab sofort jährlich ein Fest, das diesen Akt der Befreiung feiert. Natürlich sollten wir das Ereignis anders benennen und damit umdeuten. Vielleicht „Abnabelung“, „Emanzipation“ oder „Lob des Ungehorsams“. Denn jene Abnabelung wirkt bis heute nach. Zwar hat Luther dafür gesorgt, dass wir heute, wenn wir wollen, keinen Ablass mehr dafür leisten müssen. Also nicht mehr zur Beichte schreiten müssen, um von unseren Sünden, die auch auf der Erbsünde beruhen, befreit zu werden. Ob er es als positiven Akt des Ungehorsams deuten würde, sei dagegen dahingestellt. War er doch der Meinung: „Drum soll hier erschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und daran denken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch; (es ist mit ihm) so, wie man einen tollen Hund totschlagen muss: Schlägst du (ihn) nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir.“ Widersprechen würde ihm die griechische Schöpfungsgeschichte, die ebenfalls auf „einen Akt des Ungehorsams“ zurückgeht, wie es Erich Fromm so treffend festgestellt hat. Denn Prometheus stahl den Göttern das Feuer und „legte … die Grundlage für die Entwicklung des Menschen“. Und war stolz darauf: „Ich möchte lieber an diesen Felsen gekettet als der gehorsame Diener der Götter sein.“

Die Erbsünde als eine Schuld ist tief in uns verankert, allen voran in katholisch sozialisierten Menschen wie mir. Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie ich in der dämmrigen, Weihrauch durchwalkten Kirche zum Beichtstuhl schritt. Am Abend zuvor hatte ich mir im Bett überlegt, welche Sünden ich begangen hatte, um sie dem Pfarrer hinter dem Holzgitter in der beklemmenden Enge des Beichtstuhls zu gestehen. Da ich damals noch ein äußerst anständiger Bub war, grübelte ich wie besessen, bis in die Nacht hinein, über mögliche Verfehlungen. Und goss damit den Samen der Erbsünde für die nächtlichen, schuldgeplagten Grübeleien im Erwachsenenalter zwischen ein und drei Uhr morgens, die bekanntlich zu nichts führen, außer zu Augenringen und Gewissensbissen. Und hier zeigt sich wieder einmal die Bildhaftigkeit der deutschen Sprache. Die Bisse schmerzen, sie dringen ins Fleisch, lassen einen sich von der einen Seite des Bettes auf die andere werfen. Darum sind Begrifflichkeiten auch von derart eminenter Bedeutung, besonders wenn sie mit tiefen Emotionen, Deutungsmustern und daraus hervorgehenden Handlungsmustern und/oder -anweisungen verknüpft sind. Eben Begriffe wie Erbsünde oder Heimat.

Gerade der gerne von Ernst Bloch zitierte Satz: „Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war“ spiegelt die emotionale Suggestion von Worten wider. Mit Heimat verknüpfen viele Menschen die Geborgenheit auf dem Schoß der Mutter, bestenfalls sogar des Elternhauses. Hinzu kommen Bäume, Wiesen, Wälder: Natur. Wer möchte es ihnen vergällen. Wir alle sehnen uns nach Harmonie. Und gerade im Weichspüler des Rückblicks ist sie in besonderem Maße vorhanden. Wie in einem Werbespot: Kräftige Farben, breites Lächeln (scheinbar) makelloser Menschen, blütenweiße, saubere Laken. Die Blutspritzer auf dem Weiß, durch die Schläge des Vaters oder Schüsse der Waffen-SS, würden verstören. Ebenso das noch warme Blut des erlegten Hirsches, aufgehängt an den Läufen, das aus der Hauptschlagader der durchschnittenen Kehle pulst. Der Hirsch als Element des Heimatgefühls. Nicht als Hirschkopf über dem Esstisch, sondern als Hirschbraten auf dem Esstisch. Als Mahl am Heiligen Abend. Durchdrungen vom Zauber der Bescherung, der Überraschung der Geschenke hinter dem bunten Papier und dem Spiel zu Füßen der Eltern und Verwandten. Der nicht selten am Weihnachtsabend aufbordende Streit wird im Rückblick häufig genauso ausgeblendet wie die anstrengenden, weil angespannten Verwandtenbesuche an den darauffolgenden Feiertagen bei Onkeln, Tanten und Großeltern. Darum bewirkte die Forderung nach einem Veggieday auch eine derart heftige Reaktion. Wie kommen die (damals noch) bösen Grünen nur auf den Gedanken, mir diese heimelige Erinnerung an den Braten oder andere fleischliche Genüsse verknüpft mit Geborgenheit zu rauben!?

Wenn wir nun versuchen würden, dem Begriff der Heimat eine fortschrittliche, emanzipatorische Bedeutung zu geben, fernab von Heimattümelei und Nationalismus, müssten wir den Hirsch schlachten, um die Blutspritzer auf dem weißen Laken zu zeigen, auf dem kitschigen Bild der verklärten Kindheit und damit der Heimat. Wie bei dem Begriff der Erbsünde sind die mit dem Begriff und der Realität der Heimat, also einer Nation, Gesellschaft, Region, einhergehenden Unterdrückungsmechanismen enorm. Denn Sprache formt Bewusstsein und geriert damit Realität. Fühle ich mich der Heimat zugehörig, fühle ich mich nicht selten auch als Teil der Macht und habe damit das Gefühl, „das Richtige“ zu tun, wenn ich gehorsam bin. Dann fühle ich mich als Teil der Gemeinschaft, nicht mehr allein, fühle mich aufgehoben in der Heimat. So, wie es Erich Fromm in seinem Aufsatz Der Ungehorsam als ein psychisches und ethisches Problem beschrieben hat. Ein wesentliches Element dieses Gehorsams ist immer auch, nicht zu sündigen, also sich nicht schuldig zu machen. Was gerade in der Provinz gleichbedeutend ist mit gehorsam sein. „Provinz ist überall“, schrieb der homosexuelle, niederbayerische Dramatiker Martin Sperr und unterstrich damit die Weltläufigkeit dieses nicht selten brutalen Mechanismus, dem letztlich meist nur in der Stadt zu entkommen ist. Denn sobald man gegen die Regeln und Gesetze der Heimat verstößt, ist man ungehorsam und bekommt unmittelbar zu spüren, dass man sich etwas zuschulden kommen hat lassen.

Dank der Erbsünde wird bei Streitereien sofort die Frage aufgeworfen, wer Schuld hat. Es geht keineswegs um ein möglichst konstruktives Problemlösungsverhalten, mit dem allen gedient wäre, sondern um richtig und falsch und letztlich auch darum, wer das Sagen, die Macht hat. Somit hat die beklemmende Enge der Heimat immer auch ein ausgrenzendes Moment. Wer Ungehorsam ist, fällt auf und raus und kann kein Teil dieses Konstrukts sein. Die „Zugereisten“, auf altbairisch auch abfällig „Zuagroaste“ oder „Preißn“ geschimpft, haben es qua Abstammung noch schwerer, was den Blut-und-Boden-Aspekt des Heimat-Konstruktes und damit auch des Begriffes offenbart – von dem es keine Entsprechung in anderen als der deutschen Sprache gibt. Und der nur im Singular auftaucht, was aufzeigt, dass er in Zeiten der Globalisierung nicht mehr zeitgemäß ist. Und der den „Eingeborenen“ mehr Rechte einräumt als den Neuankömmlingen. Als würden die kapitalistischen Ausgrenzungsmechanismen nicht schon genügen.

Die mit Heimat einhergehenden Ausgrenzungsmechanismen sind eine Form von Gewalt, die das Grundbedürfnis nach Sicherheit raubt und seine Kumulation in Molotow-Cocktails und „Ausländer-raus!“-Rufen vor Unterkünften für Geflüchtete findet. Und sie äußern sich auch in zweierlei Maß der Bemessung von Gewalt. Wenn sich die Dorfjugend „fotzt“, gehört das zum Erwachsenwerden. Wenn geflüchtete Jugendliche Andere angreifen, was keineswegs relativiert werden soll, aber ebenso ein Element der Lebensphase Jugend sein kann, gehören sie abgeschoben.

Wer also versucht, einen progressiven oder linken Heimatbegriff zu kreieren, ist zum Scheitern verurteilt. Oder wie sollte die „Heimat“ der alten Nazis, die eine „rassische“ Durchmischung ablehnten, wie auch der Neo-Nazis des „Thüringer-Heimatschutz“, aus dem der NSU entstand, und auch die der Faschist*innen der Neuen Rechten und der AfD positiv konnotiert werden? Der Rechtsruck und die tägliche Gewalt gegen „Nicht-Heimat-Ansässige“ geben die Antwort: Überhaupt nicht. Genauso unmöglich ist es, einem Hirsch die Kehle auf einem weißen Laken durchzuschneiden, ohne dass es von Blut besudelt wird. Eher wird es uns gelingen, die Erbsünde als Akt der Befreiung und des Lobs des Ungehorsams neu zu schreiben und zu verinnerlichen.


Trap Heimat Klauen

von Olufemi Atibioke

Ich stehe unter der Dusche. Mein iPhone spielt Deutschlandfunk (mal wieder – warum, weiß ich auch nicht so genau). Es ist der Tag der Deutschen Einheit. In der Rubrik Essay und Diskurs geht es um Heimat, Untertitel: der offene Begriff. Der Beitrag beginnt mit Smetanas Moldau, dann ein tiefsinniges Zitat von Hölderlin, ein weiteres, noch tiefsinnigeres von Bloch. So klingt German Funk. Der Begriff ist nach drei Minuten schon zu. Dicht. Ich schalte ab. Das Radio läuft weiter im Hintergrund. Ich frage mich: Wer klaut eigentlich Bücher? Oder Texte? Keiner, oder? Außer irgendein sweetes Bohemian Child in irgendeiner mittelgroßen deutschen Universitätsstadt. Leicht angetrunken, höchst aufgeregt und irgendwas Rebellisches vom Merve Verlag in der Bootytasche als seelische Unterstützung dabei, tapst es durch die altlinke Buchhandlung seiner Wahl, steckt was Kleines, Flaches ein, kauft aus schlechtem Gewissen doch noch einen Bleistift mit Radiergummi und sitzt dann zwei Straßenecken weiter auf einer grünen Bank, blättert mit feuchten Händen durch das Buch und fühlt sich insgeheim einem seiner Lieblingsrapper um einiges näher. Wie er, nur anders.

Sehr sweet. Ist okay. Aber sonst? Wer klaut Bücher? Wer Texte? Keiner, Bruv. Keiner. Menschen, die aus freien Stücken Bücher lesen, sind brav. Wollen die Autorin unterstützen. Den Einzelhandel. Den Verleger. Und kaufen deshalb.

Ich steige aus der Dusche, trockne mich ab, putze Zähne.

Also warum schreiben? Nichts gegen die brave Leserschaft, sollen sie machen. Aber es sind die Klauenden, die ich als meine primäre und einzige Zielgruppe verstehe. Schade nur, dass sie mich nicht klauen werden. Mich nicht hören werden. Mich nicht verstehen und missverstehen werden. Und mir vor allen Dingen nicht sagen werden: Lass den Scheiß.

Auf sie würde ich hören. Nur auf sie. Denn die Klauenden sind meine Vorbilder. Seit meiner Kindheit brennt da ein Feuer der Sympathie in mir, das ich hege und pflege. Klauen war cool. Sehr cool sogar. Wenn man die Richtigen beklaute. Wenn man es schaffte, dem Klauen ein gesellschaftskritisches Theorem unterzujubeln. Ein Statement. Dann ist Klauen sehr, sehr cool für mich. Bis jetzt. Jay Rock, Basquiat.

Hip-Hop (suprise, suprise) ist Öl für dieses Feuer.1 Samplekultur verstehe ich als Klaukultur. Gefällt mir, nehme ich. Copyright? Wie wär’s erstmal mit Civil Rights, mein Jiggo? So ungefähr. Bis jetzt. Hito Steyerl, Negroman, Virgil Abloh. Letzterer schreibt eh nicht, tippt höchstens auf seinem iPhone. Ansonsten macht er Schuhe. Und klaut Ideen.

Der Kaffee ist etwas sauer, das Kaffeepulver zu kurz geröstet für die Caffettiera. Zu unrobust. Glaube ich. Keine Ahnung. Ich trinke zwei Schlucke und kippe den Rest in den Abfluss der Spüle.

Früher ging ich viel in die Bücherei. Lieh aus. Bücher, Ideen, Sätze. Schöne Sätze zitierte ich gerne genau, inklusive Urheber. Ich fühlte mich smart. Irgendwann hörte ich dann, dass exaktes Zitieren inklusive (meist männlichen) Urhebers sehr alphamännliches Verhalten sei, und (in meinem bestimmten Fall) checkte ich, dass Zitieren auch den jämmerlichen Versuch beinhaltete, irgendeinem Establishment zu gefallen. Ich ließ das genaue Zitieren weg (so gut wie). Sobald ich sie verstanden hatte (oder meinte, sie zu verstehen), wurde die fremde Idee einfach meine Idee. Ich lieh aus, aber gab nicht wieder zurück.

Geht das auch mit Heimat? Kann man sich Heimat klauen? Zusammenklauen? Zurückklauen? Allein? Als Gruppe? Ist das nicht der einzige Weg weg von Hölderlin & Co.? Ihn beklauen, alle Smarten und Reichen beklauen und dann abziehen? Einfach abziehen. Nach Italien oder so.

Klingt gut. Heimat kann man nicht schreiben. Wenn überhaupt, wenn man will, kann man Heimat machen.

Ich bin seltener in Büchereien. Was mich früher anzog (die Ruhe, die Ordnung, das Stöbern), kommt mir heute unnatürlich vor. Auch das Lesen kommt mir dieser Tage unnatürlich vor. Wie ein Fliehen. Zu einer lesenden Clique in der Diaspora. Man versteht sich. Labert, talkt und speakt (manchmal trendy subaltern) und hat kein anderes Gesprächsthema als die Realität, der man entflohen ist. Über Krieg, über Frieden. Über Angst, über Liebe. Über Ausland, über Heimat. Heimat, Heimat, Heimat. Trap.

Ich sitze in der Tram, werde kontrolliert. Bin nervös, obwohl es keinen Grund gibt. Mein Ticket ist gültig.

Der Stärkste ist der, dem die ganze Welt fremd ist. (Geklaut.)

Und das Paradies ist überall zu finden. (Auch geklaut.)

Urlaub: Vor ein paar Wochen war ich im Geburtsland meines Vaters. Ich lief durch Lagos. Und ich kam an meine performativen Grenzen. Ich war weiß. War vorher noch nie weiß. Wusste nicht, wie das geht, weiß sein. Versuchte es, fühlte mich unwohl. Wurde festgenommen, geschlagen, verhört. Mein nigerianischer Pass für die Cops eine Fälschung. Mein deutscher Pass nicht dabei. Meine Schwester kam, kaufte mich frei. Sie sagte mir: Welcome to Lagos. Ich sei jetzt ein richtiger Lagosian. Ich wurde ruhiger, vorsichtiger. Ich fing an mich anzuziehen wie ein Yoruba-Mann. Ich wurde dunkler. Ging langsamer. Lachte lauter und länger. Über Korruption und so. Steal your watch. And tell you what time it is. Ich buchte einen früheren Flug zurück. Meine Ankara-Stoffe zu dünn für das kalte Wetter hier. Ich zog mich wärmer an, wurde wieder heller. Ich packte die Stoffe weg. Mit einem Lavendelsäckchen gegen Motten. Konnte Europäisches nicht mehr wirklich ernst nehmen. Alles Hunde. Whack. Verwöhnt. Egozentrisch. Ich war nicht beeindruckt von Kultur. Sie begeisterte mich nicht. Sie war für mich genauso natürlich wie Natur. Auch sie begeisterte mich nicht. Dem Regen ausgesetzt zu sein, ist genauso nervig und oder schön, wie Worten ausgesetzt zu sein. Ich brauche einen Regenschirm. Gerne auch saurerregenresistent. Greta nervte mich. Wie über Klima geredet wurde, nervte mich. Man hatte wieder eine kollektive Moral in diesem Land. Man war sich einig. Gruselig. Heimat. Trap.

Ich steige aus der Tram. Atme durch. Eine mittelgroße deutsche Universitätsstadt um mich herum.

Ich schreie: „Was wir hier haben, ist ein Kommunikationsproblem!“

Vollkommen drüber. Unangenehm. Kitschkrieg.

Ich schreie natürlich nicht.

Ich lese nicht.

Ich schreibe nicht.

Warum nicht?

Ich habe keine Zeit zum Schreiben.

Keine Zeit für Heimat.

Ich setze mich in ein Café, unterhalte mich über Heimat. Mein Gesprächspartner sagt mir:

„Heimat ist mehr als Infrastruktur, mehr als Deutschlandfunk, Dusche, Kaffee, Tram. Heimat ist mehr als Deutschland.“


1 Es gab eine Zeit, da war es mir peinlich, dass ich Hip-Hop höre. Ich fand mich in einem Klischee wieder, das dem weißen Otto Normallaberer perfekt zuspielte. Dunkle Hautfarbe, sportlich (ich bin sogar sehr sportlich) und Hip-Hop-Fan? Check. Next. Gegen diese Scham- und Schutzkultur, die keinen Spaß macht und einen lähmt, half in meinem Fall Miles Davis („So What?“) und der performative Überexzess (eigenes Mixtape droppen.)


Görlitz I

von Roman Israel

die Straße ist ein hartes Pflaster

in Görlitzer Höfen findet ein hartes

Wettrüsten statt

wer hat den dicksten den längsten

den deepesten Docht mit dem niederfrequentesten

Brummen der

Sportauspuffwummen

das ist

angesagt wie warme Semmeln aber keine

warmen Semmeln

die holt man aus dem Froster

denn die Löhne sind niedrig im Vergleich

mit irgendwo (irgendwo darbt immer einer

muss ja aber doch nicht hier!) das nimmt mancher

sehr ernst und zum Anlass beim Wählen zu wählen

denn das Görlitzer Leben ist hard und behaart wovon

sich nur längere dickere Auspuffe leisten? das

wissen nur die Toten die dreisten

wäre es nur fri-er gewesen

jetzt kommen Fremde

Idioten die weitgereisten und nehmen den

Altfremden die Auspuffe weg denken

die und was bleibt ihnen dann noch

außer Hummer für den guten Zweck?

im Fernsehen kommt TV

tagsüber ficken Hunde

oder machen Fondue oben wohnen Polen

ebenfalls Auspuffjünger

allerdings anders in Klang und Design

ümmer weint ein Chinese an

Jakob Böhmes Grab und ein greiser Knab

Achselbehaart steht am

MacGeiz in einer Schlange

erstmal anstellen denkt er sich

dann weiter nicht umgekehrt

vllt. gibt’s ’nen Sack Auspuffhalter hier

oder Bier

in der Stadt ist es nicht still

auf dem Land ist es nicht laut

hier lebt es sich nicht schlecht

und dennoch weiden sich viele

am Leiden so erzählt man sich so

erzählt man sich wär’s doch nur

früher ein bisschen wieder früher

beizeiten


Görlitz II

von Roman Israel

ich habe den Fischen beim

Luftschnappen zugesehen und

den ruhigen Bewegungen des

Herbstes auf den Teichen

Blätter wirbelten wie kleine Galaxienleichen

umher ein Angler deutschte Polnisch

in sein Handy hinein Libellen

bewegten sich zahm neben seinem

Bein kaum in Sorge sie könnten

erschreckt werden

in der Ferne zeichneten sich die Gipfel

des Riesengebirges ab vor polnischer

Hochhaussilhouette

auf den Kämmen lag

schon etwas Schnee oder war es nur

ein Abglanz der Sonne? ein Mädchen

summte gaga Lady und sagte wie gerne

es hier sei daheim zwischen dem

Görlitzer Sonnenschein und den

anderen Welten und trotzdem

komme es so selten

hier her hier her

so selten so selten hierher

zwischen den Welten

sagte es als sei

es eine Kunst

davon zu sprechen

so selten so selten

zwischen den Welten

hier her

In Städten glaubt man, es gehöre zum guten Tone, nicht einmal zu wissen, wer in demselben Hause wohnt.

Adolph Freiherr Knigge

Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge (1752–1796), deutscher Schriftsteller.



Heimat ist ein Tomatenbrotschnittchen

von Isobel Markus

Ich sitze an meinem Schreibtisch und mein Blick fällt auf eine Postkarte an der Wand.

Heimat ist da, wo dein Laptop steht.

Ich blicke unentschieden auf meinen Laptop und denke an meine alten Heimaten. Mir fällt auf, dass der Plural in diesem Zusammenhang wohl eher unüblich ist. Heimat verlangt nach einem Singular. Heimat will monogam geliebt werden, mit Sehnsucht und exklusiv. Heimat, oh du mein einziger BFF.

Heimat ist ein schwieriger Begriff. Ist Heimat ein Ort oder ein Gefühl, ein Geruch oder Geschmack oder eben alles zusammengenommen, ein sehr individueller Sehnsuchtsort? Ein Begriff zumindest, der bereits historisch missbraucht und derzeit wieder ideologisch aufgeladen ist.

Ich denke an die Spielplätze meiner Heimaten. Mir fallen eine Kiesgrube, ein Parkplatz und die Bahntrasse im Wald ein. Das war im Dorf meiner Kindheit, in dem mein liebster Freund ein paar Jahre später an der Bahntrasse starb. Ansonsten war das Dorf pittoresk mit roten Ziegeldächern und Jägerzäunen, die Vorgärten eher einrahmten als abschirmten. Ich erinnere mich an den Wind in den mannshohen Maisfeldern, an Straßen mit Kopfsteinpflaster oder wiederum an Bürgersteige, die so neu wirkten, als wäre noch nie jemand auf ihnen gelaufen. Einmal wurde in großen grünen Buchstaben PLO auf eine Straßenkreuzung gesprüht und die Gerüchteküche brodelte. Ich erinnere mich an die Straße, auf der ich mit nackten Füßen nach Hause lief, weil ich einmal meine Schuhe im Wald verloren hatte. Ich erinnere mich an das Gesicht meiner Mutter, als sie meine absonderliche Erklärung dazu hörte. Die Schuhe fanden wir nie wieder.

Heimat ist wahrscheinlich eine sehr fürsorgliche Geschichte.

Etwa, wenn man jetzt bei der Oma ins Haus kommt, wo es wie früher nach Holz, Honig und Klosterfrau Melissengeist riecht, man sofort wieder acht Jahre alt ist und auf die besten Bratkartoffeln der Welt wartet. Nur dass jetzt die Möbel geschrumpft wirken.

Heimat ist auch sehr intensiv, wenn sich jemand freut, dich wiederzusehen, und man spürt, dass man zu Hause ist. Oder wenn jemand sagt: „Fahr vorsichtig.“

Oder: „Bist du gut angekommen?“

Heimat ist, selbst im Dunkeln zu wissen, wo die Lichtschalter sind.

Ich denke an die Zeitabschnitte, an die mein heimatliches Gefühl gebunden war, an die Menschen und an mein Vertrauen. Mein unbedingtes Vertrauen.

Wir zogen aus dem Dorf weg und fortan häufig um, meine Eltern, meine Geschwister und ich. Nach meinem Auszug bei den Eltern machte ich das Umziehen dann zu meiner eigenen Gewohnheit. Es war mir wohl selbst ein Stück Heimat geworden, spätestens alle zwei bis drei Jahre die Bleibe zu wechseln. Und es gab immer einen guten Grund, weiterzuziehen, wobei das Wort weiter ja womöglich ein Ziel implizieren könnte, und das hatte ich nicht. Kein endgültiges zumindest. Ich wollte neu anfangen. Egal wie. Allein oder zu zweit mit meinem Freund. Zu zweit wollten er und ich nach Neuseeland auswandern, da waren wir etwa Anfang 20. Es war alles vorbereitet. Das Visum, die Arbeitserlaubnis, wir waren bereit. Aber dann wog bei ihm die alte Heimat doch plötzlich schwerer als meine Sehnsucht nach einem Neubeginn. Und damals war er meine Heimat.

Ich überlege, ob mein Umherziehen all die Jahre auch an den vielen Fluchterlebnissen in der Geschichte meiner Familie liegen könnte. Viel wurde davon erzählt. Flucht war ein großes Thema in unserer Familie. Man hatte alles zurücklassen müssen, nicht weil man sich wie ich freiwillig dazu entschied, sich voller Enthusiasmus auf zu neuen Ufern zu machen, sondern weil man vor Angst dazu gezwungen worden war, sein Leben und das seiner Lieben zu retten. Der Krieg machte meine Familie heimatlos. So lässt sich Heimat von vielen Seiten betrachten. Von der schmerzhaften Seite, die den Verlust beinhaltet oder der anderen, die geborgen heimatliche Gefühle hervorbringt.

Allerdings war mir Heimattümelndes stets unangenehm. Und damit meine ich weniger Bierzelte voller Lederhosen und Dirndl, Schlagerabende mit Betten in Kornfeldern oder schunkelnde Volksmusiksendungen. Mit diesen hatte ich keine Berührungspunkte.

Mir fielen eher Erlebnisse unangenehm auf, die, wie ich verwundert feststellte, andere in meinem Alter offenbar als angenehm empfanden.

Dazu gehörte der Postbote, der nach ein paar Tagen meinen Nachnamen kannte und daher genau wusste, dass ich vor allem Mahnungen erhielt. Ebenso wie die Frau auf ihrem Mickymaus-Kopfkissen am Fenster ganz unten, die kein Kommen oder Gehen unkommentiert ließ. Unangenehm, wenn mein Kommen unverhohlen erst morgens um sechs stattfand. An anderen Morgen traf man immer dieselben Gesichter in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die mir nach ein paar Monaten grüßend zunickten oder, fast noch schlimmer, der Chef der Pizzeria, der neben seinen Stammgästen bald auch uns mit Handschlag begrüßen wollte. Der Grad zwischen Fürsorglichkeit auf der einen und Neugier und Kontrolle auf der anderen Seite erschien mir schmal. Heimattümelndes raubte mir das Gefühl, mich unbeobachtet zu wähnen. Wir gingen also woanders essen, ich nahm eine Bahn früher oder später oder wir zogen bald wieder um.

Merkwürdigerweise fühlten sich andere in diesem nachbarschaftlichen Verhältnis wohl. Sie genossen den Plausch beim Milchholen und empfanden den Kiez als heimelig. Ich dagegen wählte andere Wege, sobald sich heimatlich klebrige Gefühle einzustellen drohten.

Es war kein Zwang, bloß eine heimatliche Unverträglichkeit vielleicht. Eine Unverträglichkeit, die bei Nichtbeachtung in mir ein Gefühl auslöste, vor dem ich mich lieber in Acht nahm. Das Gefühl, als ich Freunde in ihrem neuen Reihenhaus in einer Vorstadtsiedlung besuchte. Sie waren glücklich, man sah es ihnen an. Sie strahlten und ich wusste, dass sie genau das, was sie immer suchten, endlich gefunden hatten: einen heimatlichen Ort in der zu großen Stadt. Ich freute mich für sie mit. Ich konnte gar nicht anders. Aber ich verabschiedete mich nach ein paar Stunden unter einem Vorwand und bekämpfte das beklemmende Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, mit schnellem Schritt zurück in die Stadt.

Heimat war für mich etwas anderes. Kein Ort, vielmehr ein Wir – mein Freund, meine Freunde, meine Familie und ich. Wir waren ein Zelt, das ich überall aufschlagen konnte. Es bot mir ortsunabhängig Schutz und verschaffte mir ein warmes Gefühl. Ich blickte selten mit einem wehmütigen Auge auf die alte Heimat. Ich freute mich auf das, was mich erwartete. Immer wieder.

Als dann die Kinder kamen, wusste ich erstaunlicherweise mit unserem allerersten Blick aufeinander, dass sich etwas ändern würde. Nach einer Weile bemerkte ich überrascht, dass ich sesshafter wurde und mich verortete. An den Ort, an dem die Kinder und mein Freund lebten, gehörte jetzt merkwürdigerweise auch ich. Plötzlich war es schön, wenn die neue Erzieherin sofort die Namen meiner Kinder kannte, und ich mochte es sogar, wenn uns der Mann am Gemüsestand „Schönen Tag“ hinterherrief, nachdem er jedem Kind einen Pfirsich in die Hand gedrückt hatte.

Und ich? Ich fand es nett. Irgendwie freundlich. Kaum mehr peinlich. Sogar rührend fürsorglich.

Vielleicht entsprach es einem sicheren Gefühl, das ich den Kindern bieten wollte. Wir schufen uns ein sicheres, heimatliches Gefühl, das an unseren Wohnort geknüpft war. Die Kita und später die Schule verstärkten das Phänomen und ließen mich meine üblichen Reflexe von Flucht vergessen. Der Ort mit den Kindern bot beiderseitige Geborgenheit, die ich warm spürte, wenn sie Mama riefen, mit verschmierten Gesichtern auf mich zuliefen und ihre klebrigen Finger an meinem Hosenbein abwischten. Ein Gefühl, das ein Vertrauen voraussetzte, und das im Kollektiv.

Inzwischen sind meine Kinder groß. Sie gehen mehr und mehr ihre eigenen Wege. Ich begrüße das und doch bemerke ich, wie wehmütig ich manchmal auf uns und unser kuscheliges Heimatgefühl zurückblicke.

Trotzdem musste ich neulich feststellen, dass sich bei mir erneut etwas verändert. Als die Verkäuferin beim Bäcker fragte, ob ich Laugenstangen wie immer wolle, sah ich mich kurz darauf verstohlen um, ob von dieser Stammkundschaftsszene jemand Zeuge geworden war.

Meine heimatliche Unverträglichkeit beginnt also wieder.

Vielleicht ist Heimat also kein Ort, sondern an Zeiten, Personen und Geschichten geknüpft. Es sind Menschen, die einem das Gefühl geben, man wäre zu Hause in der Heimat.

Meine Familie, meine Freunde und die gemeinsam erlebten Geschichten bieten mir ein heimatliches Gefühl, das nicht notwendigerweise an einen Ort gebunden ist, außer dem des vertrauten gemeinsamen Beisammenseins. Wir stellen wenig grundsätzliche Fragen oder uns in Frage, denn wir setzen uns heimatlich, nicht selten kritiklos, voraus.

Ich schaue auf die Postkarte.

Heimat ist da, wo dein Laptop steht.

Ein Freund ruft an. Ich frage recht unvermittelt:

„Was bedeutet Heimat eigentlich für dich?“

„Deine Tomatenbrotschnittchen. Die rühren mich zu Tränen“, sagt er.

Es ist ein alter Witz zwischen uns.

Und ich freue mich darüber und sage:

„Absolut. Heimat ist eigentlich nichts anderes

als ein Tomatenbrotschnittchen.“


Heimat, gutes Stück, was solls?

von Gerd Puls

Heimat? Nur ein zwiespältiges Gefühl?

Oder mehr als intakte Städtchen und Dörfer

Die sich nicht abhängen lassen

Mehr als gepflegte Wälder, saubere Bäche

Artenreiche Felder, ein Gruß über den Zaun?

Heimat? Ein Fleckchen Erde mit gesunden Tieren

Vogelgezwitscher, glücklichen Menschen

Mit Schützenumzug und gemütlicher Kneipe

Mit Geselligkeit und guter Nachbarschaft

Jeder kennt jeden, lautet das Motto, und lässt ihn leben

Heimat? Eine Ecke zum Wohlfühlen, ein gutes Gefühl

Jeder hilft jedem, hier stehste nicht allein, ey

Wenn der Dorfpolizist, dein alter Klassenkamerad

Dich mit dem Auto weiterfahren lässt

Auch wenn du sturzbesoffen bist

Heimat? Ein überschaubares Städtchen, ein Dorf

Mit Poststelle (noch), mit Kita und dem alten Hausarzt

Ein Aldi auf dem Acker vorm Ort, ein Vereinsheim

Gegen die Langeweile, ein Fußballplatz für den

Sonntagvormittag und eine Suhle für jede Sau

Heimat? Ein Sumpf, in dem die braune Brühe brodelt

Stinkend durch die Gossen schwappt

Schlichte Idylle, Herkunft, Notdurft und Erinnerung

„Weißt du noch, damals?“ Harmlose,

Kindliche Tröstung: Hier lässt es sich leben

Oder Krieg jeder gegen jeden, gegen die da vor allem

Seht her, wie einzigartig wir doch sind

Und alles verloren, alles vergessen, immer neue

Flüchtlingsströme aus immer neuen

Immer alten Hunger- und Kriegsgebieten

Kriege, immer wieder angezettelt, angefacht

Wir kennen uns aus, liefern die allerbesten Waffen

Das WeltKriegsZweiFlüchtlingselend auch schon

So lange her, da ließen sich fünfundsiebzig schöne

Jahre Heimatgefühle prima pflegen und genießen

Sprich bloß nicht von Schuld!

Heimat ist dort, wo ich jahrelang die paar

Kilometer mit dem Schulbus fuhr

Mich an der Ecke mit der ersten Freundin traf

Heimat ist dort, wo mein Dorf

In den Fluten des Stausees versank

Weggeräumt wurde von den Tagebaubaggern

Wo sich die Hallen dehnen, die Windräder drehn

Und alles austauschbar und gleich aussieht

Längst nicht mehr einzigartig die winzige Ecke

Der schmale Landstrich, dabei so viel Glück

Heimat? Wo die Osterfeuer qualmen

Die letzte Schule schon geschlossen ist

Wo sich die Bierleichen stapeln hinterm Schützenzelt

Und frische Blumen an der Stelle, wo der PKW

Mit den vier jungen Leuten am Alleebaum zerbarst

Heimat, harmlose kindliche Tröstung, Fata Morgana

Die paar verwackelten Bilder in der Tagesschau

Weit weg und morgen vergessen, und doch

Heimat bleibt, wo es kein Leben mehr gibt

Weil Bomben und Raketen eine Stadt zerstörten

Heimat ist dort, wo ich mein Geld verdiene

Oder nicht ganz so prosaisch und nüchtern gesagt

Heimat ist dort, wo ich sicher bin und satt werde

Wo meine Liebsten sind und meine Erinnerung

Noch immer lebt



Heimat: ein Versuch

von Siegfried von der Heide

Genau, versuche ich doch mal, eine Heimat zu finden. Deutsche Literaten, ein bisschen bin ich auch einer, sagt die Mitteldeutsche Zeitung, können sagen: „Die deutsche Sprache ist meine Heimat.“ Keine schlechte Idee: Siegfried Lenz, Julie Zeh, Günter Grass, Mascha Kaléko, Jörg Fauser, Else Lasker-Schüler, okay, geht gut. Aber in einer Sprache, die neuerdings das Wort „Umvolkung“ kennt, ist doch nicht gut rundherum wohlfühlen. Als Musiker, da weiß ich, dass ich es bin, kann ich sagen „Die Musik ist meine Heimat“ Auch nicht schlecht: Randy Newman, Hildegard Knef, Elvis Costello, Joni Mitchell, Van Morrison, Joy Fleming, gutes Gefühl. Aber auch das Horst-Wessel-Lied, Heino und Richard Wagner, auch nicht wirklich kuschelig, und das soll es doch sein in der Heimat – oder? So habe ich es jedenfalls gelernt in den Heimatfilmen aus den 1950er Jahren. Doch, ja, ich habe sie alle gesehen, und da war es immer dasselbe: Am Ende verbanden sich Milch, Eiweiß und Stärke: Friede, Freude, Eierkuchen. Ein gutes, nahrhaftes Essen in freundlicher Atmosphäre ist und bleibt wichtig.

Freddy Quinn aber war grundsätzlich weit weg von zu Hause und hatte immer Sehnsucht … Warum zum Donnerwetter ist er dann überhaupt weggefahren, wenn es „bei Muttern zu Haus’“ doch am schönsten war? Der Grund war derselbe: Sehnsucht. Ob Heim- oder Fern-: Weh tat es immer und der Weg war weit und schwer. Irgendwas musste da faul gewesen sein unter dem Nierentisch im Wirtschaftswunderland. Heimat finden: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch was Bess’res findet!“, und wenn sie sie dann weg sind, finden sie Heimat auf einmal ganz toll und wissen ganz plötzlich, wo sie ist.

Tom Waits: „Never saw the morning til I stayed up all night.“ Das, was wir haben, finden wir, könnte immer besser sein, aber wenn wir es nicht mehr haben, ist es immer noch besser als das, was wir dann haben. Früher war eben alles besser. In der Sesamstraße war es Grobi unmöglich, „dort“ zu sein, weil er immer „hier“ war. Er wollte immer „dort“ sein, und wenn er „dort“ war, war er schon wieder „hier“. Es ist schon nicht leicht und kann lange dauern.

Die Hutterer in den USA leben seit fast 200 Jahren dort und kleiden sich, sprechen und leben noch so wie damals zu Hause. Sie waren Heimatvertriebene, politisch/religiöse Flüchtlinge, haben die Heimat einfach mitgenommen und sich nicht integriert. So geht das nicht! Sie verweigern den „American Way of Life“, und das soll ja eine Heimat sein … Immerhin sind sie weiß und lassen niemand Fremden in ihre Siedlungen; Donald Trump wird sie wohl deshalb nicht ausweisen.

Was macht ein Mensch, wenn er sich in seiner „Heimat“ nicht wohlfühlt? Falsche Frage? Heimat muss Mensch auch aushalten können? Nein: Heimat ist gleich: heimelig, wohlfühlen, geborgen sein, unter sich sein. Auf die Dauer langweilig. Also: Er/Sie macht es wie weiland Freddy Quinn oder eben die Hutterer, die Hugenotten und viele andere. Er/Sie muss dann eben weg und woanders suchen.

„Heimatvertriebene“, ein treffenderes Wort als „Flüchtlinge“. „Ich bin auch ein Vertriebener, nirgendwo Gebliebener, zu Hause ist, wo man mich hört“ hat Heinz Rudolf Kunze einst verkündet. Wenn das stimmt, dann sinkt die Rate der Rückkehrer natürlich erheblich, vorausgesetzt irgendwo hört jemand zu. Das kann laut HRK auch im Nirgendwo sein. Kennern der westdeutschen Schlagerszene fällt sofort Christian Anders ein: „Es fährt ein Zug, nach nirgendwo …“ kulminierend im: „Maria, Maria, ich hab’ dich lieb!“

Religion, Mutter und geliebte Frau – ist das Heimat? Riecht etwas nach Inzest, aber: Home is where the heart is? Home is lost control, home is where they miss us, home is: I forgot: It’s what they all miss.“ Es war wohl Patty Smith, auf jeden Fall ein Punksong. Was wir alle vermissen? Gibt es das überhaupt und wir kommen einfach nur nie an? Hatte Johnny Cash recht in seinem einzigen auf Deutsch gesungenen Lied: „Wo ist zu Hause, Mama? Hinter blauen Bergen. Wo ist zu Hause, Papa? Vielleicht hinter diesen Bergen.“ Auch wenn sich Papa anscheinend sicher war, schon wieder da, wo wir nicht sind. Und der Weg ist weit und schwer. Bob Dylan macht es sich leichter und scheint mir der Einzige zu sein, der eine Heimat hat, behauptet er doch immer „I am not here“ bzw. „I was not there“ – aber wo ist er denn dann, wenn er nie irgendwo ist, und wo ist dann diese, seine Heimat?

Die Sinnsucher und Selbstverwirklicher haben ja immer eine Antwort. In diesem Fall natürlich auch. Du kannst dich nur in dir selber finden – und da ist dann wohl zu Hause, die Heimat, oder was? Gehe in dich und du wirst dich finden.

Beim Nasebohren zu Beispiel? Das soll ein Witz sein.

Nee, klappt nicht mit dem „Ich bin mir selbst meine Heimat“. Bertolt Brecht, auch keiner Dummer, hat gesagt: „Die kleinste gesellschaftliche Einheit sind zwei Menschen“ – also wie soll das denn gehen, wenn ich in mir zu Hause bin und der andere bei sich. Parallelexistenz. Interessengemeinschaft. Klingt nicht schön. Wie „Lebensabschnittsgefährten“. „Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig“, singt Ulla Meinecke.

Wo sind wir denn zusammen zu Hause? Haben wir eine gemeinsame Heimat? Vielleicht gibt es ja Schnittmengen? Ich habe Mengenlehre in der Schule nie gemocht. Allein das Wort „Schnitt“: Da wurde doch etwas abgetrennt und das geht mit Heimat gar nicht – außer für Heimatvertriebene, die wissen genau, wo ihre Heimat ist, und das ist nicht da, wo sie jetzt sind. Was bleibt da eigentlich übrig: Heimat zu haben nur dann, wenn wir nicht dort sind? Also Verlust? Was denken eigentlich die wenigen Verbliebenen in den ländlichen Gebieten unserer blühenden Landschaften? Wohl fühlen sie sich nicht und bleiben doch dort. Sie gehen nicht in die weit entfernte Stadt und träumen dort, im Single-appartment, von zu Hause. Nein, sie bleiben und lassen keine Heimatvertriebenen auf ihre langsam braun werdende Scholle. Dabei scheinen sie die Einzigen zu sein, die dort, wo sie sind, ihre Heimat haben. Haben sie einen Erfahrungsvorsprung? Was ist die Wahrheit über Heimat?

War Freddy Quinn der Philosoph der Weltoffenheit und des Lebens mit dem Widerspruch oder hat, und jetzt wird’s heimelig, Heinz Rühmann im Schlusswort zur Feuerzangenbowle recht: „Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“



Lieber Mutterzunge als Vaterland

von Sybil Volks

Heimat ist für mich Sprache

Lieber Mutterzunge als Vaterland

Meine Muttersprache ist Deutsch

Doch viele Deutsche

verstehe ich in letzter Zeit gar nicht gut

„Die können ja kein Wort Deutsch“,

bemängeln Vielflieger aus Düsseldorf

an geflüchteten Sudanesen

während sie in Palma „zwei Bier!“ befehlen

„Sollen die erst mal Deutsch lernen“,

meinen Landsleute aus Leipzig

die in 30 Jahren kein Englisch lernten

„Integriert erst mal uns“, fordern sie,

als säßen sie noch immer im Aufnahmelager

des 21. Jahrhunderts

„Man wird doch noch sagen dürfen“,

wird stündlich gesagt

„man darf ja nicht mehr sagen“,

im Dauerloop geklagt

„Es gibt keine freie Presse“,

wissen Leute, die niemals Zeitung lesen

„die Staatsmedien lügen“,

rufen Facebooker aus Echokammern

„Mordsgefährlich ist’s in der U-Bahn“,

warnen Autofahrer im SUV

„Man wird doch noch sagen dürfen.“

„Ich habe nichts gegen Flüchtlinge“,

aber die meisten sind junge Männer

„Wir haben nichts gegen Moslems“,

aber die Kopftuchmädchen

aber die Machomänner

aber der Ramadan

und der Islam

„Ich persönlich kenne keinen“,

aber der Nachbar

die Kollegin der Tochter

heute Morgen auf WhatsApp

was man alles so hört

„aber man darf ja nichts mehr sagen.“

„Uns persönlich geht es gut“,

nur man fühlt sich halt nicht mehr sicher

„Noch hab ich meine Arbeit“,

doch es könnten welche kommen

„Also wir haben keine Sorgen“,

aber alles wird immer schlimmer.

Deutschland, uneinig Vaterland

Muttersprache mit gespaltenen Zungen

Mauern, von besorgten Bürgern errichtet. Jägerzäune

kreuz und quer durch „das Volk“, den geteilten Himmel,

das Netz aus dessen Deckung man digital Gift schießt

uralten Hass in den Wind sät

USERNAME JEDERMANN

Verdammt, jetzt ist es so weit. Auch ich stimme ein:

„Mir persönlich geht es zwar gut“,

aber ich fühle mich hier nicht mehr sicher

„Noch sind die Vernünftigen in der Mehrheit“,

doch ich höre die Wutbürger wachsen

„Noch schützt uns der Rechtsstaat“,

doch was, wenn die Rechten

uns auf dem Schirm, auf der Liste haben,

man eines Tages tatsächlich

„nicht mehr sagen“ darf?

Wer wird dann noch meine Sprache sprechen?

Und was sollen erst die sagen,

die schon jetzt ohne Heimat sind?

Ohne Mutterzunge noch Vaterland.


Heimat. Ein Traum

von Dorle Gelbhaar

Sie träumte von ihrer Heimat. Es war ein Ort der Geborgenheit. Jemand schmiegte sich an sie und wärmte sie. Draußen rauschte das Meer. Trat sie zur Tür hinaus, atmete sie die würzig klare Luft des Nordens. Ein Winter ließ die Ostsee zufrieren. Eisschollen lagen am Strand. Man verließ das Ufer, stieg von einem zum anderen Eisbrocken. Eisige Luft schmerzte. Das bis weit zur Tiefe des Binnenmeers zugefrorene große Wasser ließ Länder erahnen, fern, nicht in Kilometern gemessen, doch einem anderen Universum zugehörig. Sie blieb an ihrem, dem ihr zugewiesenen Strand. Eine Gestrandete von Geburt.

Wie melodramatisch. Sie fühlte sich wohl an diesem Platz. Des Sommers rieselte der Sand sonnenwarm sauber und Ferien verheißend zwischen ihren Fingern und Zehen hindurch. In der Schulzeit verlangten die zwölf zu überwindenden Kilometer bis zum Strand zu viel an Zeit. Kein Auto. Nicht aus ökologischen Gründen. Ein Auto war Luxus. Brauchte sie den? Sie fuhr mit der Eisenbahn, wenn Sommerferien waren. Mit neun Jahren saß sie einmal hinter dem Steuer des zeitweilig von ihrem Vater genutzten Dienstwagens. Stolz drehte sie Runden auf dem Parkplatz. Können war besser als Haben. Später hatte sie, aber konnte nicht. Ihr Programm wirkte unglaubhaft. Vielleicht, weil es eher ein angelesenes denn ein erarbeitetes war? Vorgegeben statt aus einer Fülle von Angeboten gewählt?

In ihrer Familie war man nicht besitzgierig. „Habe ich so lange keinen Aal gehabt, brauche ich ihn jetzt auch nicht“, sagte ihre Großmutter, als sie das erste Mal dorthin fuhr, wo die Märkte überbordeten.

Sie holte tief Luft, als sie in die U-Bahn stieg.

Das untergründige Gefährt trug sie in Gefilde der Kindheit, sie sog den Geruch ein, der fest an den ledernen Polstern haftete.

Die fremde, große, die geteilte, ihr Teil Großstadt, die Hauptstadt ihres Landes verband sich damit. Für sie war das die weite Welt. Gewesen. Als Studentin lief sie die Straßen entlang und diese endeten abrupt.

Es war anders als das Sein am Meer. Wer wollte das durchschwimmen.

Daran dachte sie jetzt nicht. Sie hatte ein Ziel. Das tägliche Einerlei. Von A nach B. Wie immer werktags.

Draußen war es neblig, als sie die Treppe hochstieg. Sie erkannte die Gegend nicht. War das ihre Stadt? Wo war was?

Weder war sie zu A zurückgekehrt noch bei B angekommen.

Etwas anderes gab es nicht. Hatte es nicht gegeben.

Sie riss sich los aus den grau verhangenen Traumgespinsten, eilte hastig B entgegen.

Auf Arbeit erzählte sie von der irrealen Reise der Nacht.

„Das muss ein schöner Traum gewesen sein“, sagte eine.

„Nein“, erwiderte sie der älteren Kollegin.

„Es war alles fremd. Ich kannte mich nicht aus.“

Bald überquerte sie ihre Grenze.

Sie blieb, wo sie Jahre und Jahre wohnte, in derselben Stadt, derselben Straße, demselben Haus, auf derselben Etage in derselben Wohnung, und war doch in ein anderes Land hineingelangt.

Das Fremde wurde zum Eigenen.

Es war immer da gewesen.

Die Anreise hatte mehrere Stunden gedauert. Zum Glück war das Wetter gut und sie hatten Pausen eingelegt. In Cham zuletzt. Wie sich das ausspreche, hatte sie eine Kellnerin gefragt. „Kamm. Manche sagen auch ‚Tschamm‘“, hatte die geantwortet.

Das Spiel mit dem Dialekt. Nicht mit einer fremden Sprache. Nicht Ausland. Bundesland. Ein südlicher gelegenes. Der Süden war nicht ihre Herzensangelegenheit. Am mallorquinischen Hafen von Andracz plagte sie die schlechte Laune. Himmelsbläue und Sonnenschein. Sie war unweit eines Meeres zur Welt gekommen, jedoch nicht an südlich sonnigem Gestade vor azurblauem Meer.

Sie drehte sich vom Beifahrersitz herunter, stieß die Autotür auf und stakste dem Wirtshaus entgegen, das sie eine Gesundheitswoche lang beherbergen würde.

Bayrischer Wald also. Zum Glück kein Hochgebirge. Moderate Berglandschaft. Nicht erdrückend erschreckend in seiner Gewaltigkeit. Einfach Wald. Schön geschwungene Landschaft.

„Mit dem Basischen, das sehen wir hier nicht so eng. Also, wenn Sie etwas anderes möchten, können Sie das auch ankreuzen.“

Der Mann an ihrer Seite ging sofort darauf ein, erwies sich als richtiger Kerl, der angenommen wurde, wie er war, und ein Ansehen genoss. Sie wollte das Basische. Das vermittelte ihr gewiss nicht dieses plötzliche Gefühl von Angekommen-Sein.

Natürlich, sie war angekommen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Den Plan – Nordic Walking, Massage, Fußbäder, Vollbäder, Sole, Heu, energetisiertes Wasser – in der Hand, öffnete sie die Tür ihres Hotelzimmers. Es war geräumig, hatte einen Balkon mit Holzfußboden und ein Mobiliar, wie es in den achtziger Jahren einmal modern gewesen sein mochte, indessen mittlerweile nicht nur hinsichtlich der modischen Ausrichtung gelitten hatte. Sie rief einen Freund an. Immer sonntags telefonierte sie mit ihm. Davon ging sie möglichst auch auf Reisen nicht ab. Das Menschenleben brauchte Struktur und Gewohnheit.

„Du bist so ruhig. Im Urlaub angekommen. Entspannt.“

Tatsächlich. Ungeheuer ruhig und entspannt war sie.

Im Bayrischen Wald überkam sie ein heimeliges Gefühl. Sie fühlte sich regelrecht zu Hause. Das Gefühl blieb. Trotz des baumlosen Friedhofs und der schwülstigen Gemälde im schönen weißen Barockbau der Kirche.

Der Dialekt schien ihr nicht fremd, das Zusammenleben und die Art, sich den Lebensunterhalt zusammenzustoppeln, vertraut, das war sie als Freiberuflerin gewohnt.

Am Ende kannte sie auch die dörflichen Konflikte ebenso wie die der Wirtsfamilie. Im Ort hatte man sich alles geschaffen, was man hier brauchte: Apotheke, Arzt- und Zahnarztpraxis, Physiotherapie, Kosmetik, Frisör, Feuerwehr, Schule, Rathaus, Freiluftmuseum, ausgewiesene Wanderwege durch den Wald, Brunnen mit Trinkwasser vor Kreuz und Marienbild. Mitten im Wald unter von Naturkräften übereinandergeschobenen, -geschichteten, -gestülpten Riesensteinen eine Höhle, an deren einer Wand ein Kreuz befestigt wurde, davor und drum herum allerlei Mitbringsel, ein bisschen unordentlich, aber ganz eigene Dinge, umgekippte Lichter, ein Stein mit der Aufschrift „Ich vermisse dich“.

„Die Leute brauchen ihren eigenen Ort. Wie sie den gestaltet haben“, meinte die Wanderleiterin bewundernd. Eine der zwei Wirtstöchter war das, Gastronomin, einen Hof mit Pferden und Hirschen hatte sie in der Nähe des väterlichen Gasthauses. Abends sah man sie am Computer (über den Bilanzen?) brüten. Sie werde anschließend noch zu ihrem Hof fahren, Pferde und Hirsche füttern.

Ihre schwere Art zu sprechen, ihr Nachdenken.

„Die arbeiten wollen, lässt man nicht.“ Sie sprach von einem Ägypter, der von seiner deutschen Frau verlassen worden wäre, sein Kind nicht sehen dürfe und nur eine Duldung, keine Arbeitserlaubnis hätte. In der Gastwirtschaft könnten sie den brauchen.

Ansonsten, die Jungen wollten nicht in die Gastronomie. „Studieren lieber. Aber es bleiben wieder mehr im Dorf. In der Stadt die Häuser sind teuer und die Mieten hoch.“

„Die finden hier Arbeit? Oder pendeln dann?“

„Die bleiben einfach.“

Ob bleiben würde, was das Dorf sich geschaffen hatte?

Die jüngere Schwester der Wanderleiterin würde bald das väterliche Unternehmen führen. Die hatte jetzt schon die Physiotherapie im oberen Teil des Hauses mit Bäder- und Massagebereich aufs Feinste erneuert. Es würde ein anderes Haus werden. Empfände sie das Heimelige noch bei einer Wiederkehr?

Ihr übersteigertes Sensorium für das Vergängliche des Seienden.

Man kehrte immer wieder zum Gewesenen zurück, weil man sich selbst nicht entrann. Das Gewesene hatte merkwürdigerweise die Züge der Jetztzeit übernommen. Oder war es umgekehrt? Heftete sie dem Augenblicklichen Züge des Gewesenen an?

Sich dem überlassen, was der 700-Seelen-Ort nun zu bieten hatte: Wanderungen durch den Wald. Passau mit der hoch über Donau, Ilz und Inn gelegenen Burg, erst vom neben der Burg gelegenen Parkplatz bergab zur Stadt, rückwärts klomm sie den Berg hinan.

Wo sie fast immer gewohnt hatte. Dieselbe Stadt? Ja. Mit allen Schmerzen, die dieses steinerne Ungetüm erfahren hatte, mit den Narben, die das der Trennung Vorhergehende hinterlassen hatte, wie auch mit denen des getrennt und im steten Widerspruch zueinander Gewachsenen.

Nicht ihr Geburtsort, war diese Stadt doch ihre Heimat.

Warum?

Nur weil sie seit Jahrzehnten hier lebte?

Das Herkommen nicht überbewerten.

Nicht alles darauf zurückführen.

Es in sich tragen.

Mit sich.

Wie eine Schnecke ihr Haus.

Es aufbauen.

Ja, es aufbauen, denn es änderte sich mit der Gestalt derer, die es in sich, auf sich trugen, und das Erinnern und Wissen war nichts ein für alle Mal Feststehendes.

Das Werten schaffte den Plan.

Aufwerten. Abwerten. Bewerten.

Wertschätzen.

Nur was angenommen wurde, konnte sich ändern.

Vergangenes sollte sich ändern?

Alles, was war, ist. Abgenutzte Phrase. Trotzdem. Mit dem Vergehen, Bestehen umgehen. Miteinander umgehen. Die Heimaten mischten sich. Zerrissenes verband sich, Hinzukommendes wollte aufgenommen sein. Willkommen heißen. War das illusionär? Da man nicht alles Dazukommende schätzte, wie auch, man schätzte auch nicht alles lange Vorhandene, wertschätzen, abschätzen, bewerten, nein, annehmen das Aufgenommene und schauen, was daraus werden konnte, wie das Ganze dann aussah, wie es einem gefiele, wie es sich im Erhalten und Verändern gestaltete. Ach ja. Geben und Nehmen. Wie?

Vom Schicksal gebeutelte Menschen willkommen zu heißen bedeutete nicht, alles Mitgebrachte so, wie es war, dem Eigenen zuordnen zu wollen.

Sie erinnerte sich eines syrischen Jungen. In der Schule daheim sei ihn der Anti-Semitismus gelehrt worden. Ein Opfer. Opfer. Täter. Als ob das die Zeiten hindurch ein für alle Mal voneinander geschieden wäre.

Am Anfang war das Wort.

Geben und Nehmen.

Sich mit Vergangenem im Gegenwärtigen auseinandersetzen.

Eine gemeinsame Aufgabe, die angenommen sein wollte, die andere Gesellschaft, die andere Schule, das schützte nicht vor Denkgeburten, die das Grausige des Geschehens der Vorzeit der Teilung nicht, ja, was nicht, nicht darum wussten, es leugneten oder für richtig hielten, da sie selbst sich zu dessen Meistern aufschwingen wollten.

Ein Durchdenken.

Sich in das vor Ort Geschehene einfühlen.

Das ging nicht.

Wie denn?

Zuhören.

Sich selbst erklären.

Fühlte sie sich als Migrantin? Als Flüchtling gar?

Wie konnte sie das sein, da sie ihren Wohnort nicht verlassen hatte?

Sprache war unvollkommen.

Dem nachzuspüren hieß, sich des eigenen unvollkommenen wie vollkommenen Seins bewusst zu werden. Universum Mensch. Mit Flora und Fauna, Kontinenten und Gewässern, Rinnsalen, Flüssen, Gasansammlungen. Gelegentlich ein Vulkan, der alles Mögliche aus sich herausschleuderte. Gewaltige Wortbrocken etwa. Wer davon getroffen-betroffen wurde, laborierte für gewöhnlich an stärkerem Verletzt-Sein.

Half es, demselben Sprachgebiet anzugehören?

In einer fremden Sprache bewegte sie sich sehr sorgsam.

Der geringere Wortschatz begünstigte den Small Talk, den die meisten Deutschen nicht beherrschten, wie eine amerikanische Kollegin, die an der Viadrina Englisch unterrichtete, ihr gegenüber auf der Zugfahrt von Frankfurt (Oder) gen Berlin behauptete. Sehr nett war es gewesen, dass sie ihr Oxford-Englisch bescheinigt hatte. Small Talk eben. Gerade Studierende in die Semesterferien verabschiedet, die dem Amerikanischen huldigten und Grammatik für altmodisch Verknöchertes hielten. Da war die lautkundemäßig von Minderwertigkeitskomplexen gepeinigte, mehr oder weniger nur mit Schulkenntnissen versehene, dessen aber bewusste, Kollegin sicher ungemein erfrischend gewesen. Sie konnten locker herumradebrechen und sich dabei köstlich amüsieren.

Schul-Englisch, Minderjährige belustigte der ungelenke Slang. Ach, wie schön war doch Small Talk.

Muttersprache.

War Heimatsprache nicht treffender?

Oder wenigstens von Eltern und Großeltern vererbte Vokabel-, Grammatik- und Aussprachekenntnisse und -gewohnheiten.

Das Gewohnte.

Kommen zwei Teile Deutschlands zusammen. Der eine größer als der andere, Jahrzehnte gut gefördert von Uncle Sam. Der andere, kleinere, gerade von Djadja Iwanuschka gelöst, einem Onkel, den er eine Zeit zuvor im Verein mit dem anderen am Leibe beschädigt hatte und der trotzdem zum Onkelchen geworden war, vom großen Bruder wurde gesprochen, nicht vom Onkelchen. Väterchen. Stalin. Ein kleines Mädchen war sie, als das starb. Eine Mitschülerin weinte, als sie von Stalins Tod hörte.

In ihrer Familie sprach man nicht von den Freunden. Kritisches auch nicht. Eine Tante in Fünfeichen. 17 oder 18 Jahre alt, von einem, der Waffen gehortet hatte, der Zugehörigkeit zum Werwolf bezichtigt, zusammen mit sechs weiteren jungen Mädchen, sie wäre wieder freigekommen wie die anderen, starb im Lager an Typhus. Eine der Schwestern der Mutter war das. Krieg hinterließ Entsetzen. Auf jeder Seite. Auch auf der Seite der Täter. Sicher. Wahrheiten. Die älteste Schwester des Vaters vergewaltigt. Diese Tante wurde sehr alt, führte eine glückliche Ehe, blieb kinderlos, sprach nicht von dem vor der Ehe Geschehenen. Niemand in der Familie sprach davon.

Die Freunde.

Selbst hungernd Kindern Essen gegeben. Verwaltung des täglichen Lebens organisiert.

Freunde.

Der Unterschied. Wer was wie am eigenen Leibe erfahren hatte.

20 Millionen Tote auf sowjetischer Seite. Wiedergutmachung. Annäherung. Verständnis füreinander. Aus einem Stockholm-Syndrom resultierte das nicht.

Ein Großonkel war Panzerfahrer gewesen. Splitter im Kopf. Amerikanischer Kriegsgefangener. Kein Erbarmen nirgends in seinem Erinnern. Doch, eine Krankenschwester, Katholikin, seine spätere Frau, pflegte ihn, ertrug seine Schmerzen, die körperliche und seelische Verwundung. Wie klang das jetzt? Als wolle sie Vergangenes reinwaschen. Das stimmte nicht. Die kausale Kette. Eins folgte aufs andere. Aus dem einen ins andere. Krieg. Nachkrieg. Sie hatten alles in allem Glück gehabt, denn die Siegermächte hatten sich, da nur für eine Seite zuständig, für diese in Konkurrenz zueinander verantwortlich gefühlt. Die zerrissenen Familien konnten nun wieder zueinanderfinden. Fanden sie?

Die endlich gefundene gültig gedachte Gestalt. Keine Experimente. „Die hatten wir genug.“ Hatten sie? Vorgegebenes, das meinte, wissenschaftlich vorhersagbar der Zukunft die menschengemäße Form geben zu können. Niemand solle Not leiden. Die Arbeiterklasse als Garant dessen in der Zeit, in der es noch nach Leistung ginge, nicht vor allem nach den Bedürfnissen der einzelnen Individuen. Letzteres so weit die Leistung der einzelnen Individuen und Gesellschaften es zuließen. Logisch.

Heimat. Das große Versprechen. An das geglaubt wurde. Der Heimat musste man glauben. Mehr oder minder.

Das Glauben hatte Schaden genommen.

Das Glauben wurde geübt.

Nicht zu verwechseln mit der religiösen Konkurrenz.

Alle trugen ihre Heimaten in sich.

Trugen sie in die Heimaten anderer hinein.

Wie sonst? Es muss gemischt werden, damit es weitergeht. Artenvielfalt bedeutete, vergleichen, sich entwickeln, gestalten zu können.

Die erste gemeinsame Lesung nach der Wende aus einem Nach-Wende-Buch, an dem sie selbst beteiligt gewesen war. Deutsch-deutsche Geschichten.

Das war ein Teil der Wahrheit.

Nicht, weil es auf der einen Seite ausländische Studierende, in ihren Ländern politisch Verfolgte (Chilenen flohen vor Pinochet hier- wie dorthin) und Gastarbeiter gegeben hätte und auf der anderen nicht.

Richtung und Dimension unterschieden sich.

Festgelegt sein.

Von Gastarbeitern hatte man auf ihrer Seite nicht gesprochen. Das waren Menschen, die aus befreundeten Ländern kamen, um hier beim Aufbau zu helfen und selbst zu lernen, das Gelernte in die eigenen Länder mitzunehmen und dort anzuwenden.

Hilfe leistende Abgesandte verbündeter Länder also.

Einen Rassisten schimpfte sie ihren Bruder, der sich ärgerte, die Angolaner nähmen den Deutschen bei der Disko die Mädchen weg.

Zwang zur Liebe. Zum Lieben kann man nicht gezwungen werden.

Hinter der Hand wurde geschimpft, die Hinzugekommenen würden mit Wohnraum bevorzugt. Mangelware. Auch, wenn er billig vermietet wurde und Hochhäuser gebaut wurden.

Wie sollst du existieren ohne Liebe? Da du doch selbst ihr Produkt bist. Ihre Fortführung. Modifizierung. Mehr daran gebunden als die Schnecke an ihr Schneckenhaus.

Du wirst das nicht loswerden, was dich hervorgebracht hat.

Du verteidigst, was du nicht verteidigen wolltest.

Du bist, wie du nicht sein wolltest.

Nein, das war keine kausale Kette. Sie konnte sich selbst annehmen und sie konnte sich ändern, in diesem Ändern bestätigen.

Worum ging es? Um Heimat? Oder um ein Modell des Zusammenlebens? Das eine war vom anderen nicht zu trennen.

Darmowy fragment się skończył.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
204 str. 8 ilustracji
ISBN:
9783948675042
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Bookwire
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