Czytaj książkę: «Handbuch Jüdische Studien»
UTB 8712

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Christina von Braun, Micha Brumlik (Hg.)
Handbuch Jüdische Studien
BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2018
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Irene Bollag-Herzheimer, Basel, sowie des Selma Stern Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (ZJS).
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.
Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de.
Umschlagmotiv: El Lissitzky, „Und dann kam das Feuer und verbrannte den Stock“,
entnommen aus: Jüdischer Kulturbund Kiew, 1919; Farblithographie auf Papier,
The Jewish Museum New York, USA. Foto John Parnell.
© 2018 by Böhlau Verlag GmbH & Cie, Wien Köln Weimar
Lindenstraße 14, D-50674 Köln, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Lektorat: Adina Stern
Korrektorat: Ulrike Weingärtner, Gründau
Satz: büro mn, Bielefeld
EPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim
UTB-Band-Nr. 8712 | ISBN 978-3-8252-8712-2 | eISBN 978-3-8463-8712-2
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Grundsatzfragen
Die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft
Christina von Braun
Gab es in der griechisch-römischen Epoche ein „Judentum“?
Daniel Boyarin
Die rabbinische Literatur
Elisa Klapheck
Diaspora
Liliana Ruth Feierstein
Sephardim und Aschkenasim
Sina Rauschenbach
Das Verhältnis der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, zueinander. Ein historisch systematischer Querschnitt
Joachim Valentin
2. Theologie
Oralität und Literalität. Mündliche Überlieferung und ihre Verschriftung
Stefan Schreiner
Ritual
Charlotte Elisheva Fonrobert
Jüdische Mystik
Karl E. Grözinger
Memorialkulturen („Gedächtnis und Erinnerung“)
Rainer Kampling
Das jüdische Recht
Walter Homolka
Ökonomie
Nathan Lee Kaplan
Männlichkeit, Weiblichkeit, Körperlichkeit und Sexualität im Judentum
Tamara Or
Religiöse Strömungen im Judentum
Michael A. Meyer
3. Kultur/Moderne
Aufklärung
Julius H. Schoeps
Die „Wissenschaft des Judentums“ (WdJ)
Norbert Waszek
Jüdische Philosophie
Christoph Schulte
Jüdisches Gesetz und Staatsbürgerrecht im Übergang zur Moderne
Werner Treß
Jüdische Bildung und Erziehung
Micha Brumlik
Antijudaismus/Antisemitismus
Stefanie Schüler-Springorum
Zionismus/Antizionismus/Postzionismus
Micha Brumlik
Literatur
Irmela von der Lühe
Die bildenden Künste
Inka Bertz
Film
Gertrud Koch
Jüdisches Leben im Film
Werner Schneider-Quindeau
Jüdische Musik
Jascha Nemtsov
Glossar
Abkürzungen
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Literaturverzeichnis
Studien-, Lehr- und Forschungsbereiche
Personenregister
Einleitung
Die „Jüdischen Studien“ – ein Begriff, der in Analogie zu den Jewish Studies des anglophonen Raums entstand – umfassen die Gesamtheit aller Lehrfächer und Forschungsprojekte, die für die Erforschung der jüdischen Geschichte, Philosophie und Religion von Bedeutung sind. Sie beinhalten mithin auch Fragen des Antijudaismus, der Nichtjuden betrifft, aber die jüdische Geschichte immer wieder und tiefgehend geprägt hat. Zu den Jüdischen Studien gehören auch Gebiete wie Memorialkultur, Recht, Ökonomie und Geschlechterrollen, die allesamt in den jüdischen Traditionen spezifische Ausprägungen erfuhren. Auch das Verhältnis von Schrift und Oralität ist Teil dieses Forschungsfelds. Die gesprochene und die geschriebene Sprache hatten einen prägenden Einfluss auf die Entwicklung der jüdischen Religion und Kultur. Weil zu den Jüdischen Studien auch viele „säkulare“ Gebiete gehören – wie etwa Philosophie und Literatur, Zionismus und Diaspora – haben sie sich neben der traditionellen Judaistik etabliert, die, wenn nicht ausschließlich, so doch weitgehend, von den Fragen der Religion bestimmt ist. Die Jüdischen Studien bilden gewissermaßen das Ende einer historischen Entwicklung, die mit der Haskala, der jüdischen Aufklärung, begann, sich über die – vor allem in Berlin und Breslau entwickelte – „Wissenschaft des Judentums“ fortsetzte, bevor der Nationalsozialismus dieser religiösen wie auch bekenntnisneutralen Tradition „des Jüdischen“ ein brutales Ende setzte. Die Flucht vieler deutscher intellektueller Jüdinnen und Juden in die USA, nach Palästina oder nach Lateinamerika führte in diesen Regionen zur Weiterentwicklung dieses Gedankenguts des deutschen Judentums und trug in einigen Ländern schließlich zur Entstehung der Jewish Studies bei. Die sich seit ca. 1980 allmählich auch im deutschsprachigen Raum etablierenden Jüdischen Studien stellen einen Re-Import dieses aus Deutschland und Europa vertriebenen Gedankenguts dar.
Allerdings lässt sich im Land der Täter das Wort „jüdisch“ kaum ohne den Begriff der „Shoah“ denken. Insofern eignet den Jüdischen Studien des deutschen Sprachraums eine Dimension, die auch die Reflexion über die nichtjüdische deutsche Geschichte voraussetzt – mit einem Rückblick nicht nur in die nationalsozialistische, sondern auch die davorliegende Vergangenheit. Die „Wissenschaft des Judentums“ etablierte sich in einem historischen Zeitalter, in dem an den deutschen Universitäten das Fach Geschichte seinen Einzug hielt – mit dem impliziten und oft auch expliziten „Auftrag“, ein Bewusstsein und die psychologische Basis für die „deutsche Nation“ zu schaffen. In Deutschland entwickelte sich der Nationalgedanke zunächst in akademischen Kreisen, bevor er auch bei anderen Bevölkerungsschichten Fuß fasste. Eines der Mittel, dem Nationalismus breite Zustimmung zu verschaffen, bestand darin, das „Jüdische“ zu einem Synonym für „undeutsch“ zu erklären. Gleichzeitig verlangte die Aufklärung nach Rationalität und nach neuen Kriterien der „Wissenschaftlichkeit“ in der akademischen Forschung und Lehre. Die Entstehung der „Wissenschaft des Judentums“ entsprach dem Versuch, sowohl dem Anspruch an Vernunft und Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden als auch einen Rahmen zu entwickeln, der die Bewahrung jüdischer Traditionen innerhalb eines neuen antijüdischen Nationalismus zuließ. Die modernen Jüdischen Studien versuchen, an diese Tradition anzuschließen, doch angesichts des Zivilisationsbruchs durch die Shoah kann nur von einem Versuch die Rede sein. Vor allem aber werden sie – anders als ein Teil der Jewish Studies des anglophonen Raums – notwendigerweise immer die nichtjüdische Geschichte explizit oder implizit mitreflektieren.
Jüdische Studien gehören mittlerweile zum festen Bestandteil des akademischen Lebens an vielen deutschen, österreichischen und schweizerischen Universitäten. (Im Anhang haben wir die Studien-, Lehr- und Forschungsbereiche, im deutschsprachigen Raum aufgelistet. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, S. 493.) 2012 wurde mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums sowie der beteiligten Universitäten das Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (seit Oktober 2017 Selma Stern Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg) gegründet, das der Entwicklung der Jüdischen Studien im deutschsprachigen Raum Rechnung zu tragen versucht. Zu den Gründungsmitgliedern gehören die Humboldt-Universität zu Berlin, die Freie Universität, die Technische Universität, die Universität Potsdam, die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar sowie das Abraham Geiger Kolleg und das Moses Mendelssohn Zentrum an. 2013 wurde die Viadrina (Universität Frankfurt/Oder) zu einem Mitglied des Verbundes (www.zentrum-juedische-studien.de). Während mit der an der Universität Potsdam angesiedelten School of Jewish Theology ein theologisch-religionswissenschaftlicher Zweig geschaffen wurde, orientiert sich der größere Teil des Zentrums an den bekenntnisneutralen akademischen Disziplinen, für die Stellen für Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen geschaffen wurden. Einige dieser Stellen wurden inzwischen von den Universitäten verstetigt und werden für eine dauerhafte Verankerung der Thematik an den Berliner und Brandenburger Universitäten sorgen. In Heidelberg existiert schon seit 1979 die Jüdische Hochschule, an der ebenfalls „säkulare“ wie theologische Inhalte vermittelt werden. In Hamburg wurde 1966 das Institut für die Geschichte der deutschen Juden gegründet, in Leipzig entstand 1995 das Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur und in Graz das Centrum für Jüdische Studien. Diese Zentren sind nur einige der prominentesten Beispiele für das Interesse an Jüdischen Studien im deutschsprachigen Raum und deren Präsenz in akademischen Einrichtungen. Einige Universitäten – etwa die Universität Potsdam – haben auch Studiengänge für Jüdische Studien eingerichtet, die das Fach im BA und im MA anbieten.
Das Handbuch richtet sich an Studierende, für die die Jüdischen Studien oft Neuland darstellen. Es wird aber auch vielen Promovierenden, denen die inter- und transdisziplinäre Perspektive der Jüdischen Studien nicht notwendigerweise vertraut ist, ein Begleiter während des Promotionsstudiums sein. In übersichtlichen Aufsätzen, die nach den wichtigsten Stichworten geordnet sind, bietet das Handbuch eine erste Einführung und einen Überblick über die Gebiete, die sich in den Jüdischen Studien immer wieder als relevant erweisen. Für diese Beiträge konnten exzellente Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener Universitäten und akademischer Einrichtungen gewonnen werden. Einer von ihnen, der evangelische Theologe und Filmexperte Werner Schneider-Quindeau, ist zu unserer großen Betroffenheit verstorben – nur kurz, nachdem er uns seinen Beitrag geschickt hatte. Unsere Zielgruppe sind sowohl die Studierenden in den rabbinischen und christlich-theologischen Curricula und Lehreinrichtungen, für die neben ihrer geistlichen auch eine allgemein akademische Ausbildung erforderlich ist, als auch Studierende, die den Themen der Jüdischen Studien in einem bekenntnisneutralen Fach wie etwa der Geschichte nachgehen. Darüber hinaus gibt es auch viele Studierende der Kulturwissenschaft, der Philosophie, der Kunstgeschichte oder der Literaturwissenschaften, die im Laufe ihres Studiums immer wieder auf Fragen der deutsch-jüdischen und europäisch-jüdischen Kultur und Geschichte stoßen. Und es gibt andere, die sich im Verlauf ihres Studiums der bedeutenden jüdischen Anteile an der deutschsprachigen Kultur bewusst werden und darüber Näheres zu erfahren suchen. In zahlreichen Fächern sind heute Texte und Fragestellungen aus dem Bereich der Jüdischen Studien zu einem Teil des Kanons geworden, ohne dass sich die Studierenden dieser Tatsache immer bewusst sind. Wir hoffen, dass dieser Band dazu beiträgt, den Blick für diese Einflüsse zu schärfen.
In einigen Disziplinen und Einrichtungen, in denen Jüdische Studien zum Lehrplan gehören, wie auch in der Öffentlichkeit ist in den letzten Jahren eine Verschiebung des Interesses spürbar geworden: Galt bis in die 1980er Jahre das Interesse vor allem dem Dialog zwischen Judentum und Christentum, so richtete es sich seit den 1990er Jahren auf das Verhältnis der drei monotheistischen Religionen und Kulturen zueinander – und dies auf theologischer wie auf säkularer Ebene. Deshalb wird im Handbuch auch diese interreligiöse/interkulturelle Perspektive einbezogen. Diese Interessenverschiebung hat viel mit aktuellen und weltweiten Entwicklungen zu tun, die Themen wie Diaspora, Migration oder transkulturelle Erfahrungen immer weiter in den Vordergrund treten ließen. In diesem Kontext kommt den Jüdischen Studien eine besondere Rolle zu.
Wie ist es möglich – so könnte man eine der Fragen formulieren, die sich an die jüdische Geschichte richten – wie ist es möglich, dass eine Kultur so lange und gegen so viele Widrigkeiten und Verfolgungen Bestand haben konnte – und dies auch noch in der Zerstreuung? Aus den Sichtweisen, die sich in den verschiedenen Beiträgen auftun, ergeben sich einige mögliche Antworten auf diese Frage. Sie verweisen einerseits auf die Beharrlichkeit eines religiös-kulturellen Konzepts, das schon im 6. Jahrhundert v. u. Z. mit dem Exil in Babylon begann, wo ein Gutteil der biblischen Texte wie auch die Lehren des Monotheismus ausformuliert wurden, und dann mit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 und dem Beginn der Diaspora von den Rabbinen entwickelt wurde. Sie offenbaren andererseits aber auch ein hohes Maß an Flexibilität, das es den jüdischen Traditionen und Lehren immer wieder erlaubte, sich den aktuellen historischen Gegebenheiten und kulturellen Kontexten anzupassen. Heute, wo sich weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht oder in Migrationskontexten befinden, erweist sich diese Frage auch für andere Kulturen von hoher Relevanz. Die aktuellen Bevölkerungsbewegungen – sowohl bei denen, die zur Migration gezwungen sind, als auch bei denen, die Migranten aufnehmen – erzeugen kulturelle Begegnungen, die oft spannungsgeladen und konfliktreich sind, sich in vielen Fällen aber auch als bereichernd erweisen. So bietet die jüdische Erfahrung, die vieles von anderen Kulturen integriert, in diesen aber auch ihre Spuren hinterlassen hat, Erkenntnismöglichkeiten für eine Welt, in der sich keine Kultur mehr gegen die andere abzuschotten vermag. In den letzten 2000 Jahren haben jüdische Gemeinschaften vorgelebt, wie es gelingen kann, das Eigene zu bewahren, das Andere aber auch in die eigene Erfahrung zu integrieren. Auf diese Weise werden die Jüdischen Studien zum Vorbild für politische Handlungsweisen und universitäre Forschungen, die sich mit Migration, Stereotypenbildung, Minderheitenschutz und interkulturellen Verflechtungen beschäftigen. Diesen Modellcharakter haben sie auch für die neu entstehenden Islamzentren, die u. a. klären müssen, wie eine europäische Kultur, die in der Nachfolge der Aufklärung steht, einer Kultur begegnet, für die die Aufklärung heute – wenn auch nicht früher – in erster Linie eine „westliche“ oder „christliche“ Erfindung ist. Die christliche Gesellschaft hatte viele der großen wissenschaftlichen wie philosophischen Innovationen der Renaissance den Importen aus dem islamischen Raum zu verdanken. Doch heute scheinen – aus Gründen, die modernen politischen Einflüssen zu verdanken sind – Begriffe wie „Emanzipation“‚ „Selbstbestimmung“ oder „Aufklärung“ vielmehr Konfliktpotential zu bergen.
Das Handbuch teilt sich in zwei große Gebiete: Im ersten wird ein historischer Überblick über die Geschichte und Grundlagentexte des Judentums gegeben. Welche Rolle haben Tora und Talmud? Wie entwickelte sich das Judentum, als es unter den Bedingungen der Diaspora zu leben begann? Was waren die Bedingungen für eine Existenz, die von der Begegnung mit anderen Religionen, Kulturen und Traditionen bestimmt war? Und näher an unserer Zeit: Welche Verschiebungen fanden statt, als – unter den Bedingungen der Haskala – aus dem religiösen Begriff „jüdisch“ ein kultureller wurde? Wie definierten Jüdinnen und Juden, die nicht mehr die Synagoge besuchten und sich dennoch als jüdisch verstanden, ihre Zugehörigkeit? Manchmal ist der Übergang von der einen zur anderen Definition fließend. In anderen Fällen – beim Begriff „Ritual“ z. B. – war die Grenzziehung zwischen der religiösen und der kulturellen Selbstdefinition so groß, dass wir dem Begriff zwei getrennte Beiträge gewidmet haben: Im ersten wird das Ritual unter den religiösen Bedingungen beschrieben, im zweiten lässt sich nachverfolgen, wie religiöse Gewohnheiten eine neue, „aufgeklärte“ Begründung erfuhren.
Solche kulturellen Verlagerungen vollzogen sich innerhalb jüdischer Denktraditionen schon lange vor dem Beginn der Aufklärung. Sie waren auch der Diaspora inhärent und wurden von den Rabbinen zunächst in mündlicher Exegese entwickelt, dann im Talmud verschriftet, bevor die Flexibilität der Auslegung zu einem integralen Bestandteil jüdischen Denkens wurde. Man könnte sogar behaupten, dass die Selbstreflexion einen festen Bestandteil der jüdischen Religion ausmacht und dass eben dieser Wesenszug auch den Schock der Aufklärung, die mit der Religion aufzuräumen versuchte, zu überstehen vermochte. Auf der einen Seite entstand in Reaktion auf die Aufklärung die jüdische Orthodoxie, die sich einer weiteren Flexibilität der Auslegung verweigerte – übrigens ein Prozess, der auch in der christlichen Gesellschaft sein Pendant fand: Der Begriff „Fundamentalismus“, das sollte man nicht vergessen, taucht zunächst in der christlichen Gesellschaft (um etwa 1900) auf und stellte die Selbstbezeichnung einer evangelikalen Bewegung innerhalb des amerikanischen Christentums dar. Auf der anderen Seite wurde die Selbstreflexion aber auch zu einem Teil der modernen jüdischen Selbstdefinition und fand in zahlreichen nichtreligiösen Zusammenhängen, die von der Literatur, über die Kunst bis zur Psychoanalyse reichen, ihren Ausdruck. Viele der Texte der jüdischen Aufklärung entstanden im deutschsprachigen Raum und sind auf Deutsch geschrieben. Um diese Texte im Original lesen zu können, haben eine Reihe von ausländischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Jewish Studies Deutsch gelernt. Dieses Interesse für die deutsche Sprache und Kultur kam dem Austausch mit der Forschung im Ausland und dem Aufbau der Jüdischen Studien in Deutschland zugute.
Die Selbstreflexion ist heute auch zu einem integralen Bestandteil der Jüdischen Studien geworden – und in Deutschland verbindet sie sich oft mit der Reflexion, die der Beschäftigung mit der deutsch-jüdischen Geschichte inhärent ist. Das dürfte das Spezifische der Jüdischen Studien in Deutschland sein: dass die Selbstzweifel, die sich mit der Erbschaft des Nationalsozialismus verbinden, in der Selbstreflexion der Erben jüdischer Traditionen einen Widerpart findet. Daraus ergeben sich völlig andere Perspektiven und Forschungsfelder als in den Jewish Studies. Hinzu kommt, dass in den USA überwiegend Forscher und Forscherinnen auf dem Gebiet aktiv sind, die sich selbst dem (religiösen oder kulturellen) Judentum zurechnen. In Deutschland dagegen kommen viele Forscher und Forscherinnen nicht aus einem jüdischen Elternhaus. Das ist in erster Linie die Folge der Vertreibung und Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland. Es hat in zweiter Linie aber auch Folgen für die Fächergruppe selbst wie auch für jene, die sich auf die Jüdischen Studien einlassen.
Bei den nichtjüdischen Forschern der Jüdischen Studien in Deutschland tun sich einige Unterschiede auf. Manche von ihnen entscheiden sich zur Konversion (womit sie sich aus ihrem bisherigen Kontext herauslösen und zum religiösen Judentum hinwenden). Andere gehen diesen Schritt nicht und suchen eher nach den Möglichkeiten eines Zusammenwirkens von jüdischer Selbstreflexion mit einer Reflexion über die nichtjüdische Erbschaft. Beide Herangehensweisen sind in Deutschland deutlich ausgeprägt. Zwar gibt es auch in den USA eine hohe Anzahl von Konvertiten – jeder sechste Bürger, der sich zum Judentum bekennt, ist Konvertit.1 Aber diese Konversion hat zumeist einen ganz anderen Hintergrund. Oft hängt sie mit der Tatsache zusammen, dass der Ehepartner oder aber der Vater und nicht die Mutter jüdisch sind. Insgesamt sind die Jewish Studies in den USA weitgehend eine „jüdische Angelegenheit“, was manchmal sogar zum Vorwurf (aus den eigenen Reihen) führt, dass es sich um ein „selbstaffirmatives“ Studium einer „ethnischen“ Gruppe handle, vergleichbar den Afro-American Studies.2 Solche Debatten gibt es in den deutschen Jüdischen Studien höchstens in Andeutungen.
Generell stellt sich die Frage, ob ein Fach, das eine bestimmte Bevölkerungsgruppe mehr betrifft als andere, nur von Mitgliedern dieser Gruppe erforscht und gelehrt werden kann. Das entspricht etwa der Frage: Können katholische und protestantische Theologie nur von Gläubigen dieser Kirchen unterrichtet werden? In den meisten Fällen würde das wohl bejaht werden, weil es bei der Theologie auch um Glaubensinhalte geht. Ganz anders sieht es aber bei der Religionswissenschaft aus, die keineswegs erfordert, Mitglied der erforschten Glaubensgemeinschaft zu sein. Die deutsche und europäische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts hat sich keineswegs schwer getan, den Islam oder den Buddhismus zu erforschen und Urteile über das Judentum zu fällen, ohne den Standpunkt dieser Religionen einzunehmen. Inzwischen hat die Religionswissenschaft einiges dazu gelernt – vor allem hat sie begonnen, die eigene Perspektive (und Voreingenommenheit) in die Forschung einzubeziehen und zu reflektieren. Diese Verschiebung der Sichtweise hat auch einen Teil der Theologie erfasst. An vielen (wenn auch keineswegs allen) theologischen Fakultäten des deutschen Sprachraums gibt es inzwischen auch religionswissenschaftliche Lehrstühle. Einige von ihnen sind weiterhin missionarisch ausgerichtet, andere richten aber auch einen (vorsichtigen) Blick zurück auf den eigenen Glauben. Diese Entwicklung ist einerseits die Folge des Säkularisierungsprozesses, der die Kirchen zwang, den eigenen Glauben historisch-kritisch zu lesen. Es hat andererseits aber auch zur Folge gehabt, dass nichtchristliche, also etwa jüdische Forscher begannen, das Christentum unter die Lupe zu nehmen. Wäre heute ein Handbuch Christliche Studien denkbar? Das ist anzunehmen: etwa in Israel oder auch in einigen islamischen Ländern, soweit diese religionswissenschaftliche Forschung (aus der auch immer Reflexion über die eigenen religiösen Traditionen resultiert) zulassen. Die Tatsache, dass ein Handbuch Christliche Studien nur in Gesellschaften denkbar ist, wo das Christentum zur Minderheit gehört, indiziert schon die spezifische Situation eines solchen Handbuchs: Es beschäftigt sich mit einer Minorität. Im deutschen Fall kommen jedoch zwei weitere Faktoren hinzu: Erstens die Selbstreflexion über die christliche Erbschaft, die das Wort „jüdisch“ nach der Shoah auslöst, und zweitens die Anerkennung, dass jüdische Denktraditionen (religiöser wie kultureller Art) eine eminent wichtige Rolle für die Geschichte Europas und Deutschlands gespielt haben. Das Handbuch, dessen Beiträge von Juden und Nichtjuden verfasst wurden, spiegelt diesen Sachverhalt wider.
Für die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften bieten die Jüdischen Studien viele Anregungen. Da es kaum ein Feld gibt, das von der Frage „Was ist jüdisch?“ unberührt bleibt, eröffnen die Jüdischen Studien wie nur wenige andere Gebiete, die Möglichkeit, transdisziplinär zu denken und zu forschen. In dieser Hinsicht ähneln sie den Gender Studies, die sich als eine ähnlich breit gefächerte Querschnittswissenschaft verstehen, und sie haben auch viel gemein mit der Wissenschaftsgeschichte selbst, die auf einen „Blick von außen“ angewiesen ist, um wissenschaftliche Paradigmen zu analysieren und Strukturen erkennbar zu machen. In der wissenschaftskritischen Perspektive liegt generell das wichtigste Potential der Human- und Geisteswissenschaften. Sie können zwar nicht mehr den Anspruch erheben, eine „Leitwissenschaft“ zu sein, wie dies für die Fächer Geschichte und Philosophie im 19. Jahrhundert der Fall war. Eben deshalb sind sie aber auch zu einem wichtigen Faktor der checks and balances in der Wissenschaft geworden. Oft bleibt es den Sozial- und Geisteswissenschaften überlassen, die politische und gesellschaftliche Relevanz allgemeiner Forschungsfortschritte zu benennen und ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Skepsis, die den Jüdischen Studien inhärent ist, verstärkt diese Perspektive. Allerdings soll nicht bestritten werden, dass die Transdisziplinarität auch eines der Probleme der Jüdischen Studien darstellt, denn sie eröffnet ein Forschungsfeld, das in alle Bereiche und alle Disziplinen – mit ihrer jeweils eigenen Methodik – führt und das mithin schier unermesslich ist. Aus diesem Grund ist die Definition eines spezifischen Forschungsprojekts und einer genauen Forschungsfrage sehr wichtig: Ist der Fokus klar umrissen, erweist sich die transdisziplinäre Perspektive als großer Gewinn.
Das Handbuch kann und wird die umfangreichen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse, die es auf dem Gebiet der Jüdischen Studien schon gibt, nicht ersetzen, noch kann es den Fragen in detaillierten Einzelstudien nachgehen. Vielmehr möchte es Interesse wecken, Türen öffnen und Lust darauf machen, sich in den deutschsprachigen Ländern – nach Jahrzehnten der Berührungsängste – auf das reiche und bereichernde Gebiet der Jüdischen Studien einzulassen. Insofern hoffen wir, dass das Handbuch auch für nichtakademische Leser und Leserinnen von Interesse ist.
Und noch ein Wort zur Transkription: Beim Lesen werden Sie bemerken, dass die Transkriptionen hebräischer Ausdrücke keinem einheitlichen Schema folgen. Der Grund hierfür liegt an der jeweiligen – je nachdem – deutschsprachigen oder englischen Referenzliteratur. Sie zu vereinheitlichen, fällt alleine deshalb schwer, weil damit die Wiedererkennbarkeit und Auffindbarkeit in der Referenzliteratur erschwert würde. Hierfür bitten wir um Verständnis.
Christina von Braun und Micha Brumlik, Berlin im Herbst 2017
______________
11 in 6 adult US Jews are converts, Pew study finds, in: Jerusalem Post, 13. 5. 2015.
2Vgl. etwa Hughes, Aaron W.: The Study of Judaism: Authenticity, Identity, Scholarship, New York 2013.
1. Grundsatzfragen
Die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft
Christina von Braun
„Jude ist, wer eine Jüdin zur Mutter hat“ – die Gleichsetzung jüdischer Identität mit einer matrilinearen Deszendenz kannte das Alte Israel nicht.1 Die Geschichten der Bibel erzählen von einer langen Kette von Vater-Sohn-Erbschaften, wie sie auch bei den anderen Völkern der Antike üblich war. Auch der in den christlichen Evangelien aufgeführte „Stammbaum“ Jesu mit seinen 78 Generationen in rein männlicher Erbfolge ist ein typisches Beispiel für eine agnatische Linie. Weil König David laut Hebräischer Bibel von Gott die Zusage der „ewigen Thronfolge“ erhalten hatte (2 Sam 7,12f ), konstruieren das Lukas- und Matthäus-Evangelium für Jesus einen Stammbaum in rein männlicher Erbfolge, die ihn – der Weissagung entsprechend (Jes 11,1) – zum späten „Wurzelspross“ des königlichen Hauses David macht. Die vier „Stammmütter“, die in dieser Genealogie auftauchen, verdanken ihre Erwähnung nur dem Aussterben einer agnatischen Linie. Eine Ausnahme bildet einzig die unmittelbar letzte Generation, wo Jesus „aus dem Schoß einer Jungfrau“ geboren, also „unbefleckt“ gezeugt worden ist. Hier handelte es sich um eine Unterbrechung der Vater-Sohn-Erbfolge, die allerdings erst ab dem 3. Jahrhundert konstruiert wurde und letztlich ein Mittel darstellte, mit dem die Christen einerseits an der biblischen Patrilinearität festhalten, andererseits aber auch der rabbinischen Matrilinearität Rechnung tragen wollten und den Widerspruch schließlich durch eine neue göttliche Herkunft lösten.
Der Gegensatz von Judentum und Christentum, manchmal auch die Gemeinsamkeiten von Judentum und Hellenismus für die Antike, spielten ab dem 1. Jahrhundert eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft. Deshalb müssen bei der Beschreibung der Gemeinschaftsmerkmale und ihrer Veränderungen auch andere religiöse und kulturelle Entwicklungen berücksichtigt werden. Das Jahrhundert, in dem das Christentum geboren wurde, markiert auch den Beginn der jüdischen Diaspora. Von diesem historischen Moment an musste die jüdische Gemeinde nach ganz neuen Formen des Zusammenhalts suchen. Viele der Entscheidungen, die nun getroffen wurden, waren wiederum beeinflusst von der Abgrenzung gegen das Christentum wie auch vom Dialog mit der anderen Religion (siehe hierzu auch die Beiträge von Liliana Feierstein, S. 99 und Joachim Valentin, S. 125).
Die erste Basis des jüdischen Gemeinschaftszusammenhalts bildete die Hebräische Bibel, der heilige Text, der ab dem 6. Jahrhundert v. u. Z. allmählich kanonisiert, d. h. endgültig stillgelegt wurde. Der Prozess begann mit Josija, König von Juda (638–608 v. u. Z.), wurde dann im babylonischen Exil um 587 v. u. Z. fortgesetzt und verwandelte die dann entstehende jüdische Gemeinschaft allmählich in die weltweit erste „textual community“2: Eine Volksgruppe definierte sich weder durch ein bestimmtes Territorium noch durch eine erbliche Herrscherdynastie, sondern durch eine heilige Schrift. Die hohe Bedeutung, die dem Text beigemessen wurde, schlug sich auf unterschiedliche Weise nieder: zunächst dadurch, dass mit den „Erzählungen“ der Bibel zugleich Gesetze formuliert wurden. Die fünf Bücher Mose, die Tora, hatten als erste einen normativen Charakter. Ihnen wurden prophetische und weisheitliche Schriften zur Seite gestellt. Um etwa 100 u. Z. wurde endgültig festgelegt, welche hebräischen Schriften zum dreiteiligen Tanach gehörten (siehe hierzu auch den Beitrag von Elisa Klapheck, S. 81). Zunächst blieben noch griechisch übersetzte Bibelversionen neben dem Tanach bestehen, sie wurden später jedoch verworfen. Die Schrift war in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung: einerseits als heiliger Text, andererseits setzten die Mystiker, vor allem die Kabbalisten des Mittelalters, die Tora aber auch mit Gott gleich (siehe hierzu auch den Beitrag von Karl Grözinger, S. 191). Andere sahen im heiligen Text „das Leben“ repräsentiert. Eine Tora, selbst wenn sie zerlesen und zerrissen ist, darf nie „weggeworfen“ werden; sie wird bestattet wie ein menschlicher Körper. Die Gleichsetzung von Tora und Leben findet auch darin ihren Ausdruck, dass manche kinderlose Paare der Gemeinde zum Ersatz eine Torarolle spenden: Durch diesen Beitrag soll das „Fortleben“ der Gemeinde in der Schrift gesichert werden.
Der zweite Faktor des Zusammenhalts waren die Ritualgesetze: Sie lassen die vielen einzelnen Körper zu einem „Gemeinschaftskörper“ zusammenwachsen. Viele der 613 Vorschriften richten sich an die Leiblichkeit: Das gilt insbesondere für die Beschneidung, die für die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft von zentraler Bedeutung ist. Es gilt aber auch für die Speisegesetze, den Umgang mit Sexualität, Niederkunft, Krankheit und Tod, und es gilt für die nidda-Gesetze, die sich auf das weibliche Blut (während der Menstruation und nach der Niederkunft) beziehen. Manche der Regeln (z. B. die zur Beschneidung und zur Reinheit) haben eine hochaufgeladene Symbolik, mit der sich Anthropologen wie Mary Douglas,3 Kulturhistoriker wie David Biale4 und viele Religionswissenschaftler auseinandergesetzt haben. Einige Vorschriften – vor allem die Sexualgesetze – zielen auf die Regulierung der Fortpflanzung und den physischen Erhalt der Gemeinschaft ab: Das Regelwerk der Sexualität unterstand dem wachsamen Auge der Priester, später der Rabbinen (siehe hierzu auch den Beitrag von Tamara Or, S. 255).
Der dritte Faktor des Zusammenhalts war die Bestimmung der Herkunft. In dieser Hinsicht setzte sich mit dem Beginn der Diaspora im 1. Jahrhundert u. Z. ein grundlegender Wandel durch, der den meisten sonstigen Entwicklungen in der antiken Welt konträr war: Das Judentum entschied sich für das Prinzip der Matrilinearität, d. h. eine Form von Vererbungskette, die in weiblicher Linie – von Mutter zu Tochter – verläuft. Um zu begreifen, wie es zu diesem Wandel kommen konnte, sind mehrere Stränge zu berücksichtigen, die hier zusammenwirkten: 1. die Rolle der Kommunikationsmittel für die Entstehung von Gemeinschaftskohäsion; 2. die Charakteristika patrilinearer Erblinien und die sich davon abgrenzenden Eigenschaften jüdischer Matrilinearität; 3. das Verhältnis von Judentum und antiker Welt: Die Abgrenzung gegen Hellenismus und Rom ging später über in die Abgrenzung gegen das Christentum. Da bei jeder Form von Identitätskonstruktion – ob sie normiert ist oder nicht – die Abgrenzung gegen andere Identitäten von zentraler Relevanz ist, muss die Zugehörigkeitsdefinition auch immer das, was außerhalb der eigenen Grenzen angesiedelt wird, im Blick behalten. Was für die Reinheit gilt – es gibt keine positiven Reinheitsbestimmungen, sondern nur solche, die definieren, was „unrein“ ist5 – gilt auch für Zugehörigkeitsregeln.
Kommunikation
Entscheidend für den Faktor Kommunikation war das Schriftsystem. Die Heiligen Schriften aller drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam (Der Koran nennt sie die „Religionen des Buches“) – sind in alphabetischen, also phonetischen Schriftsystemen geschrieben: Im Gegensatz zu logographischen Schreibweisen, bei denen Bilder Worte oder Ideen repräsentieren, überträgt diese Schriftart gesprochene Laute in visuelle Zeichen. Der Vorgang impliziert einen kaum zu überschätzenden Abstraktionsschub, weil das Alphabet die gesprochene Sprache dem Körper entreißt und den „Lebenssaft“ der gesprochenen Sprache, der nicht nur eine Gemeinschaft zusammenhält, sondern auch die psychische, emotionale und intellektuelle Verfasstheit des Einzelnen prägt, auf eine körperferne Weise zirkulieren lässt. Nicht durch Zufall entstand mit diesem Schriftsystem, das im semitischen Alphabet seine früheste Ausgestaltung fand, auch zum ersten Mal ein Gott, der jenseits der physischen Welt verortet wird und der sich einzig in den Buchstaben der Schrift offenbart. Die Entwicklung des Alphabets begann um ca. 1500 und war um 1000 v. u. Z. voll entwickelt. In der Bibelforschung gelten die Geschichte von Moses und Exodus heute als „Erzählungen“, mit denen nicht reale historische Ereignisse, sondern eine neue Weltinterpretation angeboten – oder ein Mentalitätswandel vollzogen – wurde. Trotz intensiver Forschung gibt es weder für eine Versklavung des jüdischen Volkes in Ägypten noch für eine Massenauswanderung archäologische Belege. (An Orten wie auf Elephantine, einer Flussinsel des Nil, gab es jüdische Siedlungen innerhalb Ägyptens, aber sie umfassten eine kleine Bevölkerungsgruppe, die auch nicht versklavt war.) Auch für die historische Existenz der Gestalt von Moses gibt es keine Belege, was noch dadurch befördert wird, dass er laut der Bibel an einem „unbekannten Ort“ begraben wurde. Aber auch wenn sie keine historische Realität beschreiben, so können die „Erzählungen“ der Bibel dennoch von einem historisch relevanten Sachverhalt handeln – und ein Faktor, an den Exodus erinnert, ist die Herauslösung eines neuen phonetischen Schriftsystems, des Alphabets, aus dem piktoralen System der ägyptischen Hieroglyphen und anderer antiker Schriftsysteme. Das hebräische Alphabet war das erste überhaupt und stellte einen radikalen Bruch mit den bis dahin bestehenden Schreibsystemen dar. Zwar war die Keilschrift ebenfalls eine Lautschrift (sie wurde um 3300 v. u. Z. von den Sumerern entwickelt, von Akkadern, Babyloniern, Assyrern, Hethitern und Persern verwendet und hielt sich bis ins 1. Jahrhundert) und auch die ägyptische Kursivschrift umfasste phonetische Zeichen, aber beide Schriftsysteme hatten den Nachteil, mit sehr vielen Zeichen zu operieren, während das Alphabet mit 20 bis 40 Zeichen auskam. Das machte es leichter erlernbar und hatte zudem den Vorteil, dass so gut wie jeder lesen und schreiben lernen konnte und somit Zugang zu Wissen hatte. Heute ist das Alphabet (in unterschiedlicher Gestalt) das weltweit meist verwendete Schriftsystem; die eigentliche „Mutter“ aller anderen Alphabete ist jedoch semitisch.
Das Erstaunlichste am Alphabet ist zweifellos, daß es nur ein einziges Mal erfunden wurde. Ein semitisches Volk oder semitische Völker schufen es um das Jahr 1500 v. Chr. im selben geographischen Raum, in dem auch die erste aller Schriften, die Keilschrift, auftauchte, allerdings runde 2000 Jahre später. […] Jedes existierende Alphabet – das hebräische, ugaritische, griechische, römische, kyrillische, arabische, tamilische malaysische, koreanische – rührt in irgendeiner Weise von der originären semitischen Entwicklung her.6
Zwar leiteten sich die Zeichen des neuen phonetischen Schriftsystems von den ägyptischen Hieroglyphen ab, aber sie verwendeten deren Bilder, um den Lauten visuelle Gestalt zu verleihen.7 Natürlich ist das Alphabet nicht die einzige Wirkmacht, die zur Entstehung einer neuen Religionsform führte, aber seine Bedeutung für einen grundlegenden Mentalitätswandel der alten Welt ist kaum zu überschätzen.
Allerdings ist Alphabet nicht gleich Alphabet: Das semitische Alphabet schrieb nur die Konsonanten. Das bedeutet, dass dieses Schriftsystem nur lesen kann, wer auch die Sprache spricht. Das hat zur Folge, dass im Judentum der gesprochenen Sprache, neben der Heiligen Schrift, eine hohe Bedeutung beigemessen wird – ob in der Liturgie oder in der Exegese, die im Gespräch zwischen Gelehrten oder Lehrer und Schüler stattfindet. Der Text ist eine „Botschaft“ aus dem Transzendenten, doch wie diese Botschaft ausgelegt wird, wird auf Erden und zudem oft mündlich ausgefochten, wenn auch einige der Erläuterungen später verschriftet wurden (siehe hierzu auch die Beiträge von Elisa Klapheck, S. 81 und Stefan Schreiner, S. 147). Eine kleine „Geschichte“ aus dem Babylonischen Talmud illustriert auf anschauliche Weise dieses Verhältnis von Text und Sprechen: Mehrere Rabbinen streiten sich über die Auslegung einer Textstelle in der Heiligen Schrift. Rabbi Elieser sagt zu den anderen:
„Wenn die Halacha meiner Meinung entspricht, so werden sie es vom Himmel her beweisen. Da ging eine Hallstimme hervor und sprach: was habt ihr mit Rabbi Elieser? Die Halacha ist auf jeden Fall wie er sagt. Da stellte sich Rabbi Jehoschua auf seine Füße und sagte: ‚Nicht im Himmel ist sie‘. Rabbi Jirmeja sagte: daß die Weisung schon am Berg Sinai gegeben worden ist. Wir kümmern uns nicht um eine Art Stimme, denn schon am Berg Sinai hast du in die Weisung geschrieben: ‚Sich zur Mehrheit neigen‘.“8
Mit anderen Worten: Gott hat zwar die Gesetze geschrieben, aber ihre Auslegung bleibt den Menschen vorbehalten.
Ganz anders das griechische Alphabet, das 200 Jahre nach dem semitischen entstand und das über Hellenismus und das lateinische Alphabet Roms schließlich auch zum Schriftsystem des Christentums wurde: In Griechenland wurde im 8. Jahrhundert v. u. Z. das sogenannte volle Alphabet eingeführt, das je eigene Zeichen für Vokale und Konsonanten bietet. Dieses Schriftsystem bedurfte nicht der Oralität; folglich verlor die orale Kommunikation an Bedeutung: Sie wurde abgewertet und zugleich an die Normen der Schrift angepasst.
Dieser Unterschied zwischen den beiden Alphabeten hatte indirekt Einfluss auf Patrilinearität und Matrilinearität. In allen drei Religionen, deren Heilige Schriften in alphabetischen Schriftsystemen geschrieben sind, findet das jeweilige Verhältnis von Oralität und Schriftlichkeit in der Geschlechterordnung sein Spiegelbild: Die geschriebene (unvergängliche) Sprache wird der Männlichkeit zugeordnet, während der weibliche Körper die (flüchtige und wandelbare) gesprochene Sprache repräsentiert. Das volle Alphabet Griechenlands machte daraus eine grundsätzliche Dichotomie. Die christlichen Gelehrten des Mittelalters bezeichneten die (zumeist lateinischen) Schriften als „Vatersprache“, während sie die gesprochenen, regionalen Sprachen „Muttersprache“ nannten. Da dank des vollen Alphabets das Schrifttum das gesamte theologische Lehrgebäude umfasste, wurde „dem Vater“ so die alleinzeugende Kraft zugewiesen. Das fand auch seinen theologischen Niederschlag. In den christlichen Lehren erzeugt ein Gottvater in Christus seinen „eingeborenen Sohn“. Dafür gibt es in der jüdischen Religion keine Parallelen: Gott ist der Schöpfer der Welt oder ihr „König“, der über die Menschen herrscht. Das Gottesbild der Hebräischen Bibel kennt auch einige anthropomorphe Beschreibungen – etwa die Hand oder das Auge Gottes. Aber Gott wird nicht als „Vater“ bezeichnet.9 Auch gilt der „Messias“, auf den der Gläubige hofft, nicht als „Sohn Gottes“, er ist bestenfalls sein Abgesandter, geschweige denn, dass Gott einen Sohn in Menschengestalt zeugt. Eine solche Vorstellung ist für die jüdische Religion, in deren Zentrum die unüberwindbare Grenze zwischen Gottes Ewigkeit und menschlicher Sterblichkeit steht, undenkbar. Dieses theologische Konzept findet seine Parallele im Schriftsystem. Beim semitischen Alphabet blieb die geschriebene Sprache auf die gesprochene angewiesen, „um zur Welt zu kommen“.10 Diese Offenheit gegenüber der Oralität schuf einerseits die Voraussetzungen für die Flexibilität der Interpretation, war aber auch nicht irrelevant, als sich das Judentum in den ersten zwei Jahrhunderten für ein matrilineares Prinzip der Zugehörigkeit entschied. Dass die Schriftzeichen ohne eine (als weiblich) definierte Oralität nicht „funktionieren“ konnten, hat es zweifellos erleichtert, dem weiblichen Körper auch eine Bedeutung für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft beizumessen.
Die Septuaginta stellte die Unterscheidung zwischen griechischem und hebräischem Alphabet zunächst in Frage. Es handelt sich um die älteste Übersetzung der hebräisch-aramäischen Bibel in die griechische Alltagssprache; sie entstand ab ca. 250 v. u. Z. im hellenistischen Judentum. Zuerst befassten sich die Übersetzer nur mit der Tora, dann aber auch mit den anderen Büchern, deren Übersetzung bis etwa 100 u. Z. vorlagen. Handschriften, die frühere Versionen der jüdischen Bibel wiedergeben, sind nur in Fragmenten erhalten. War die griechische Bibelübersetzung einem innerjüdischen Bedürfnis entsprungen (viele Juden, vor allem die von Alexandrien, verorteten sich selbst in der Kultur des Hellenismus) und von den Rabbinen zunächst gerühmt worden, so änderte sich das: „Als manche ungenaue Übertragung des hebräischen Textes in der Septuaginta und Übersetzungsfehler die Grundlage für hellenistische Irrlehren abgaben, lehnte man die Septuaginta ab.“11 Nach der Spaltung zwischen Christentum und rabbinischem Judentum im 1. Jahrhundert wurde im Judentum ausschließlich das hebräische Alphabet verwendet.
Die alleinzeugende Macht, die das volle griechische Alphabet der Schrift zuwies – die gesprochene Sprache sollte „nach ihrem Ebenbild“ gestaltet werden – hatte nicht nur Rückwirkungen auf Philosophie und Wissenschaft, später auch auf die theologischen Lehren des Christentums; sie fand auch in den Zeugungstheorien der griechischen Klassik ihren Ausdruck. Laut Aristoteles enthält der männliche Samen alle Komponenten des Lebenskeims in sich, während der mütterliche Körper die „Materie“ (von mater, Mutter) liefert, die durch dieses Prinzip „geformt“ wird.12 Aus diesem Konzept entwickelte sich wiederum die Vorstellung einer männlichen Blutslinie, die vom Prinzip einer geistigen Zeugung bestimmt ist. Von Griechenland ging sie später aufs Christentum über. Während einerseits die Rabbinen das Prinzip jüdischer Matrilinearität auszuformulieren begannen, entwickelte Paulus die Grundlinien einer „christlichen Genealogie“. Zu diesen gehörte auch ein spezifisches Geschlechterverhältnis, das die Frau zur Schöpfung des Mannes erklärte. So lautete seine Begründung für die Forderung nach der Verschleierung der Frau im Gotteshaus: „Zwar darf der Mann seinen Kopf nicht verhüllen, denn er ist Abbild und Abglanz Gottes; die Frau aber [muß es tun, denn sie] ist Abglanz des Mannes. Es stammt ja [ursprünglich] nicht der Mann aus der Frau, sondern die Frau aus dem Manne.“13 Dass Paulus die biologische Realität derartig umkehren konnte, wird nur verständlich, wenn man an die Stelle von „Mann“ und „Frau“ die Begriffe „Schrift“ und „Mündlichkeit“ setzt: Im vollen, griechischen Alphabet ist die gesprochene Sprache nicht die Mutter der Schrift, sondern ihr „Abglanz“. Die Schrift ist es, die die Sprache gestaltet, und diese Umkehrung wird an den Geschlechterrollen exemplifiziert. Kurz, die männlich-zeugende Macht, die dem geschriebenen Wort beigemessen wurde, war einer der Gründe dafür, dass in Griechenland und Rom das patrilineare Prinzip dominierte und dann auch vom Christentum übernommen wurde, das seine Schriftkultur vom Hellenismus und der lateinischen Sprache ableitete.
Die Bedeutung des Sprechens, das von der Leiblichkeit nicht zu trennen ist, bewirkte im Judentum, dass die leibliche Fortpflanzung von zentraler Bedeutung war, während für das Christentum die geistige (väterliche) Genealogie in den Vordergrund rückte und die leibliche ihr nachgeordnet wurde. Die Kirche interessierte sich wenig für die biologische Fortpflanzung – oder nur insofern, als diese dem Geist Realitätsmacht verlieh. Sie galt bestenfalls als „Investition“ des Geistes.14 Auf beiden Seiten übten die Geistlichen, Rabbinen wie christliche Priester, eine strenge Kontrolle über Sexualität und Genealogie aus. Doch das geschah mit unterschiedlicher Zielsetzung. Die Rabbinen wollten auf diese Weise den Erhalt der Gemeinschaft sichern. Bei den christlichen Priestern ging es eher um die geistige Fortpflanzung: im theologischen und später auch im akademischen Sinn von Vätern, die geistige Söhne zeugen.15 Natürlich ist diese Darstellung „jüdischer“ und „christlicher“ Genealogien schematisch gedacht; die historische Realität war vielschichtiger. Entscheidend ist jedoch, dass diese Modelle eng mit den Schriftsystemen zusammenhingen und diese eine erhebliche Wirkmacht entfalteten.
Das Konsonantenalphabet war aber nur ein – und nicht einmal der entscheidende – Faktor bei der Entstehung jüdischer Matrilinearität. Wäre dies der Fall, hätte sich für den Islam eine ähnliche Entwicklung zur mütterlichen Abstammungslinie vollziehen müssen. Denn das arabische Alphabet schreibt ebenfalls nur die Konsonanten. Auch in der muslimischen Kultur spielt die Oralität eine wichtige Rolle und das hat auch einen gewissen Einfluss auf die Geschlechterordnung,16 führt aber nicht zu einer weiblichen Erblinie. Die jüdische Matrilinearität hing vor allem mit den Bedingungen der Diaspora zusammen.
Das Prinzip Patrilinearität
Patrilinearität ist nicht gleich Patriarchat, ebenso wenig wie Matrilinearität mit Matriarchat verwechselt werden darf. Im einen Fall geht es um die genealogische Folge und die Einordnung der Kinder in eine Genealogie mit einer väterlichen oder mütterlichen Erblinie, im anderen um die soziale oder politische Vorherrschaft des einen Geschlechts. In matrilinearen Gesellschaften, die ihre Verwandtschaftsverhältnisse nach dem Gesetz der „Mutterlinie“, „Mutterfolge“ oder „uterinen Deszendenz“ definieren, orientiert sich die Abstammung – mithin auch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft – an einer weiblichen Genealogie. Das Judentum, von dem die Hebräische Bibel erzählt, war patrilinear. Genau genommen handelte es sich bei der von den Rabbinen entwickelten jüdischen Matrilinearität auch um eine Mischform: Zwar wird die Zugehörigkeit zum Judentum seit der Diaspora in weiblicher Erbfolge bestimmt, doch die Familienzugehörigkeit orientiert sich an der väterlichen Seite. So etwa die Zugehörigkeit zum Stamm der „Kohanim“, der in der Nachfolge von Aaron, dem Bruder von Moses, steht. Ähnliches gilt für die Zugehörigkeit zu den „Leviten“, benannt nach dem Stammvater Levi, aus denen sich traditionell die Gelehrten der Gemeinde rekrutierten. Auch die Zugehörigkeit zum sephardischen oder aschkenasischen Judentum orientiert sich am Vater.
Im Fall der Patrilinearität werden Eigentum, soziale Eigenschaften (Ämter) und Familiennamen in väterlicher Linie vererbt. Diese definiert sich zwar als „Blutsverwandtschaft“, faktisch ist dies aber kaum möglich, denn der sichere Vaterschaftsnachweis ist erst seit den 1980er Jahren möglich, dank der Erkenntnisse der Genetik. Die Unsicherheit der Vaterschaft ist einerseits der Grund für die strenge Monogamie patrilinearer Blutslinien; sie impliziert die Forderung nach einer strikten Bewachung der Frau. Andererseits tendieren patrilineare Gesellschaften zu einer „Vergeistigung der Manneskraft“ oder zu Zeugungstheorien, wie sie von Aristoteles formuliert wurden. Im Rahmen der Patrilinearität entstehen so auch „genealogische Fiktionen“, die etwa einem Herrscher (Alexander dem Großen) eine göttliche Herkunft bezeugen oder ein Herrscherhaus (die christlich-europäischen Dynastien) von „sakralem Blut“ ableiten.17 Das Phänomen bewirkt auch sogenannte genealogische Amnesien im Interesse einer Legitimierung gegenwärtiger Machtstrukturen. Die „genealogische Fiktion“ erlaubt es, Idealmodelle zu entwerfen, die wiederum auf die realen Verwandtschaftsstrukturen zurückwirken. Das gilt etwa für die christliche Gesellschaft, der das Konzept einer „geistigen Zeugung“ Christi als Rechtfertigung für kirchliche Genealogien diente.18 Die „genealogische Fiktion“ kann sehr viel leichter in patrilinearen Kulturen entstehen: Da diese den Beweis der Vaterschaft nicht erbringen können, entstehen Freiräume für Imaginationen.
Allgemein lässt sich sagen, dass die Patrilinearität Ausdruck einer Dominanz der Kultur über die Natur darstellt. Diese war prä-alphabetisch, wurde aber durch die der phonetischen Schrift inhärente Abstraktion verstärkt. Sigmund Freud hat den Zusammenhang zwischen kultureller Dominanz und Patrilinearität deutlich formuliert. Er bezeichnet den Prozess des „Kulturfortschritts“ als „Wendung von der Mutter zum Vater“ und als „Sieg der Geistigkeit über die Sinnlichkeit“. Seine Erklärung für diese Parallelisierung: „Die Mutterschaft ist durch das Zeugnis der Sinne erwiesen, während die Vaterschaft eine Annahme ist, auf einen Schluß und auf eine Voraussetzung aufgebaut.“19 Der Vater repräsentiert also das „Prinzip Geist“ aus dem einfachen Grund, dass sich die Vaterschaft nicht feststellen lässt. Die Zuweisung des Geistigen an den männlichen Körper basiert damit auf dem Prinzip des pater semper incertus est, das schon das römische Recht kannte. Das ist ein Indiz, dass die Patrilinearität nur so lange aufrechtzuerhalten ist, als sich die Vaterschaft nicht feststellen lässt. Da also die Patrilinearität auf dem Unwissen über die leibliche Vaterschaft beruht, wird sie heute – mit einer genaueren Kenntnis der Zeugungsvorgänge – auch in Frage gestellt. Dieser Hintergrund des patrilinearen Prinzips ist wichtig, um zu verstehen, warum das Judentum bei der Frage der erblichen Zugehörigkeit eine Richtung einschlug, der dem Rest der antiken Welt und auch der eigenen Vorgeschichte konträr war. Es könnte aber auch erklären, warum heute – zumindest im Reformjudentum – das rein matrilineare Prinzip in Frage gestellt wird.
Judentum und Hellenismus
Die Entscheidung zu einer „anderen“ Erblinie hing eng mit der historischen Situation zusammen, in die das Judentum durch die Diaspora geriet. Diese begann schon lange vor der zweiten Zerstörung des Tempels, mit dem Exil in Babylon, wo nicht nur ein Teil der Bibeltexte formuliert und kanonisiert wurde, sondern auch ein Regelwerk entstand, durch das die jüdische Gemeinschaft in der Fremde zusammengehalten werden sollte. Die Kultur Babylons stellte eine geringere Bedrohung für die jüdische Gemeinschaft dar als der Hellenismus, dessen Kultur auf einem ähnlichen Schriftsystem und damit auf einem hohen Grad an Abstraktion basierte. Lange vor der Entstehung des Christentums war der spätere christlich-jüdische Konflikt im Gegensatz griechisch-jüdisch angelegt. Eines seiner Symptome waren die unterschiedlichen Rechtskulturen, die sich – wie später auch beim Verhältnis von Judentum und Christentum – sowohl in Parallele als auch in Konkurrenz zueinander herausbildeten.
Im 7. Jahrhundert v. u. Z. erklärte Josija das „Buch der Lehre“ von Moses, Grundstock von Deuteronomium, zum Gesetzbuch. Laut Israel Finkelstein und Neil A. Silberman erhielt das Buch Exodus in der zweiten Hälfte des 7. oder Anfang des 6. Jahrhunderts v. u. Z. seine endgültige Form.20 Das entspricht in etwa dem Beginn des babylonischen Exils (597 v. u. Z). Nur kurze Zeit später vollzog sich auch in Griechenland ein Prozess der Gesetzeskanonisierung: Ca. 575 v. u. Z. setzte Solon in Athen ein Regelwerk durch, das prägend werden sollte für die griechische Kultur. Josijas Kanonisierung der Tora markiert den Beginn eines praktizierten Monotheismus. Dieser war durchsetzbar, weil er auf der Wirkmacht der (bleibenden) Schrift basierte: Mit einem Buch des Gesetzes aus Mose Hand wurde es möglich, „ein für allemal vollendete Tatsachen zu schaffen, also jeden Versuch einer Kritik an den Maßnahmen bzw. einer Revision als gegen den erklärten und schriftlich nachprüfbaren Willen JHWHs zu brandmarken“.21 Nicht nur bestätigte die unvergängliche Schrift das ewige Wort Gottes, sondern als „Wort Gottes“ konnte die Schrift auch ihrerseits Anspruch darauf erheben, für eine unwiderlegbare Gültigkeit zu stehen. Ähnlich konnte sich Solons Gesetzesreform, die in derselben Epoche und zu einer Zeit formuliert wurde, in der das griechische Alphabet auf das Denken Athens Einfluss nahm,22 nur deshalb durchsetzen, weil sie schriftlich fixiert wurde.
Die Zerstörung des davidischen Tempels und der Beginn des Exils in Babylon – eine erste diasporische Erfahrung – trugen zur Entwicklung einer spezifisch jüdischen Kultur bei und bewirkten, dass jüdische und griechische Denkwelten schon bald in Konkurrenz zueinander gerieten. Im babylonischen Exil entstand etwas Neues: „Ein Volk und eine Religion, die ihre Identität nicht von einem Land und einem Staat ableiten, sondern von Normen wie Beschneidung, Schabbat, Speisegesetzen und einer allgemeinen gemeinsamen Tradition, die unabhängig von einem bestimmten Land ist und überall gelebt werden kann.“23 Gerade weil einige jüdische Gelehrte in der „Babylonisierung“ (Anpassung an Babylon) eine Gefahr sahen, verstärkten sie das von Josija geschaffene religiöse Regelwerk. Die jüdische Gemeinschaft erhielt so eine erste diasporakompatible Konstitution mit Verfassung, Richtlinien usw. (siehe hierzu auch den Beitrag von Liliana Feierstein, S. 99).
Noch im 5. Jahrhundert trat der Unterschied zum Griechentum deutlich zutage. Im Jahr 457 v. u. Z. entsandte der persische Großkönig Artaxerxes I. zwei hohe Staatsbeamte, die der jüdischen Priesteraristokratie angehörten, darunter Esra, nach Jerusalem. Die Perser wollten eine Region beruhigen, deren Aufständische von Athen und dem Attischen Seebund unterstützt wurden. Esra wurde erlaubt, mit einer „Anzahl von Israeliten, Priestern, Leviten, Sängern, Torwächtern und Tempeldienern nach Jerusalem“ zu reisen.24 Im Jahr 440 riefen er und Nehemia die Bevölkerung von Jerusalem vor die Tore der Stadt und ließen die Tora laut verlesen. Hatte es vorher die Propheten gegeben, so begann mit Esra die Epoche der „Schreiber“ und Schriftgelehrten. Sie legten den Grundstein für die Überlieferung der Schrift und machten sie zugleich verständlich.25 Diese Tradition wird seither von den „Bibellesern“ weitergeführt.
Bis zu dieser Aktion blieb die Heilige Schrift Insider-Wissen und ihr Inhalt den Priestern vorbehalten. Nun jedoch wurde die Tora nicht nur laut verlesen, sondern auch ausgelegt: Die Heilige Schrift wurde zum Allgemeinwissen der Gemeinde, und die Befähigung zum Lesen und Schreiben wurde zur Pflicht, zumindest für ihre männlichen Mitglieder. Bis dahin hatte keine andere Kultur oder Religion der alten Welt die allgemeine Schriftkundigkeit propagiert. Im Gegenteil: Je mehr sich die ägyptische Priesterkaste in ihrer Macht bedrängt fühlte, desto unzugänglicher machte sie die heiligen Texte – etwa durch die Vermehrung der Schriftzeichen.26 Ganz anders bei der jüdischen Gemeinschaft. Dort lebte von nun an Gottes Wort in jedem einzelnen Körper seines Volkes, nicht nur bei den Gelehrten und Geistlichen. Im Buch Exodus, das in eben dieser Zeit verfasst wurde, heißt es: Die Israeliten „sollen erkennen, daß ich der Herr, ihr Gott bin, der sie aus Ägypten herausgeführt hat, um in ihrer Mitte zu wohnen“.27 Das bedeutet, so Alfred Marx, dass Gott sein Volk nicht aus Ägypten herausgeführt hat, „um seinem heimatlosen und unterdrückten Volk ein eigenes Land zu geben“, sondern „um in seiner Mitte zu wohnen“. Das Novum gegenüber der vorexilischen Zeit bestehe darin, dass Gott nicht im Tempel, sondern „inmitten Israel“ wohnt. „Diese Wohnung wird jetzt zum Ort schlechthin der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk.“28
Für Toragelehrte wie Esra und Nehemia, die selbst der Herrscherschicht angehörten, bedeutete die allgemeine Zugänglichkeit der Heiligen Schrift einen erheblichen Machtverlust. Warum trafen sie dann eine solche Entscheidung? Vermutlich blieb ihnen gar keine andere Wahl: Im Mittelmeerraum hatte sich eine andere Kultur auszubreiten begonnen, und auch sie beruhte auf einem alphabetischen Schriftsystem. Die hellenistische Idee von Kultur erreichte zwar erst mit Alexander dem Großen den Punkt, „wo es möglich wurde, zu sagen, man sei Hellene nicht durch Geburt, sondern durch Bildung, so daß auch ein als Barbar Geborener ein wahrer Hellene werden konnte“.29 Doch schon lange vorher hatte der Hellenismus eine „kosmopolitische“ Dimension und das griechische Denken eine „universalistische“ Form angenommen, deren spezifisch „logische“ Strukturen in das Denken des östlichen Mittelmeerraums einzudringen begann. Der Hellenismus breitete sich nicht in Form von Kolonisierung oder militärischer Unterwerfung aus, wie sie die Griechen zwar immer noch (aber immer weniger) betrieben; vielmehr stellte er eine Form von „geistiger Eroberung“ dar, wie sie sich weder militärisch noch politisch je hätte herbeiführen lassen. Tatsächlich entfaltete der Hellenismus erst dann seine höchste Wirksamkeit, als Griechenland schon längst kein politisches oder militärisches Schwergewicht mehr war. Dadurch ergab sich eine weitere Ähnlichkeit von Hellenismus und Judentum. Nicht durch Zufall ist der Begriff „Diaspora“, der heute zumeist mit dem Judentum verbunden wird, der griechischen Sprache entnommen: Die Magna Graecia stellte ein diasporisches Modell dar, das auf die damalige Welt großen Einfluss ausübte.30 Eben weil es sich beim Hellenismus um eine geistige Eroberung und „universelles Modell“ handelte, gab es eine bemerkenswerte Bereitschaft der „Besiegten“, diese Kultur anzunehmen. Obgleich die Nichthellenen den Hellenen zahlenmäßig weit überlegen waren, kam es zur raschen Verbreitung der griechischen Sprache.31 Sofern der Osten „überhaupt nach literarischem Ausdruck strebte“, so Hans Jonas, musste er sich „in griechischer Sprache und Manier äußern“.32 In dieser Form begann der Einfluss Griechenlands auch auf die jüdische Kultur überzugreifen: Dafür spricht die Entstehung der Septuaginta und davon erzählen auch die Makkabäer-Bücher, in denen von Ereignissen aus dem 2. Jahrhundert v. u. Z. und den innerjüdischen Konflikten zwischen hellenisierten Juden und solchen, die sich dagegen auflehnten, berichtet wird.
Offenbar ging es den jüdischen Gelehrten aus Babylon um diese Anziehungskraft des Hellenismus. In Persien lebend, waren sie mit diesem schon früh konfrontiert worden. Für den Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft stellte der Hellenismus, der dank des Alphabets eine gewisse Ähnlichkeit vorzuweisen hatte, eine größere Gefahr dar als die anderen umgebenden Kulturen. Dass es den jüdischen Gelehrten (wenn nicht ausschließlich, so doch auch) um die Abgrenzung gegen den Hellenismus ging, dafür spricht der Zeitpunkt der Entscheidung: Das Jahr 440 v. u. Z. fiel in genau jene Zeit, in der sich das griechische Alphabet endgültig etablierte. Das war die Zeit Platons, Euripides’ und der griechischen Klassik, als die griechische Bevölkerung das Schreiben „gründlich interiorisiert“ und die Schrift fähig geworden war, „die Bewußtseinsprozesse durchgängig zu beeinflussen“.33 Begann im Judentum mit Esra die Reihe der Schriftgelehrten und Bibelausleger, so setzte in Athen um dieselbe Zeit das Zeitalter der Sophisten ein, das Griechenland ein neues Zeitalter „der Gelehrten, der Gebildeten, der Männer des Buchs“ bescherte.34
Ebenso wie mit der Normierung des griechischen Alphabets im Jahr 403 v. u. Z. das griechische Alphabet „zum zentralen Kulturträger des antiken Hellenismus“ wurde,35 schlug mit der lauten Verlesung der Tora, die „Geburtsstunde der Schrift“. Für das Judentum, so der Historiker Yosef Hayim Yerushalmi, war dies aber „zugleich die Geburtsstunde der Exegese“.36 Zum Zeitpunkt der Eröffnung des Geheimwissens wurde einerseits die Tora „geschlossen“; sie hörte auf, in einem fließenden „Traditionsstrom“ zu stehen, und nahm Kanon-Charakter an. Günter Stemberger setzt die Endredaktion der jüdischen Bibel mit etwa 400 v. u. Z. an. Ab dann war nur noch der dritte Teil der biblischen Sammlungen, die Hagiographen mit den Psalmen und Weisheitsschriften, noch nicht kanonisiert und stillgelegt.37 Andererseits entstand zu diesem Zeitpunkt durch die Öffnung der Tora auch die Möglichkeit der vielfältigen Interpretationen; die allgemeine Zugänglichkeit hatte die Voraussetzungen dafür geschaffen. Das Terrain war bereitet, auf dem die Heilige Schrift zum „portativen Vaterland“ eines jeden Juden werden konnte: Nicht der Text an sich, sondern auch die Möglichkeit, ihn immer wieder aktualisieren, wechselnden historischen und kulturellen Kontexten anpassen zu können, machte aus der Tora eine „Heimat in der Fremde“. Indem jeder Jude für sich in der Schrift sein „Zuhause“ finden konnte, war die Gemeinschaft weniger anfällig für die Anziehungskraft des Hellenismus. So etwa könnte man die eine Seite des Konzepts „Judentum in der Diaspora“ beschreiben, das Esra und andere Gelehrte im babylonischen Exil entwickelt hatten.
Die andere Innovation galt der Herkunftslinie; sie vollzog sich parallel zur Öffnung der Tora. Mit Entsetzen hatte Esra festgestellt, dass die Juden Palästinas „fremde Frauen“, d. h. Frauen aus anderen Kulturen geheiratet hatten. Weil sie, wie der gesamte Mittelmeerraum der Antike, in väterlichen Erblinien dachten, hatten viele jüdische Männer Nichtjüdinnen zur Frau genommen, denn deren jüdische Identität war unwichtig. Durch ihre Heirat gehörten sie automatisch zum Judentum, und ebenso wurde auch die Zugehörigkeit der Kinder zur israelitischen Gemeinschaft durch den Vater bestimmt. Offenbar sahen die babylonischen Priester jedoch in diesen Frauen, die in einer anderen kulturellen Tradition aufgewachsen waren, einen potentiellen Gefahrenherd. So schlug einer der Führer der Gemeinschaft, Schechanja, die Trennung der jüdischen Männer von ihren nichtjüdischen Frauen und den mit ihnen gezeugten Kindern vor.38 Ein Kind sollte nur dann als „jüdisch“ anerkannt werden, wenn auch die Mutter jüdisch sei. Warum war den babylonischen Gelehrten so viel am matrilinearen Prinzip gelegen? Auch hier ist der Vergleich mit Athen aufschlussreich. Dort hatte Perikles ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz eingeführt: Es wurde auf Personen eingeschränkt, die von einer Athenerin geboren wurden, die wiederum gesetzlich mit einem Athener verheiratet war. Das Athener Gesetz hatte wenig bis nichts mit einer Abgrenzung gegen das Judentum zu tun; es ging um die Abgrenzung gegen andere Griechen. In Jerusalem wiederum ging es um die Abgrenzung gegen die umgebenden (heidnischen) Kulturen. Dennoch ist es aufschlussreich, dass sich in beiden Alphabetkulturen fast zeitgleich ähnliche Strukturen durchsetzten, die sich allerdings in einem entscheidenden Detail unterschieden: Während sich aus dem Athener Gesetz eine patrilineare Abstammungsfolge entwickeln sollte, lief das Gesetz von Jerusalem auf eine mütterliche Abstammungslinie hinaus.
Das bedeutet nicht, dass Esra und die anderen Gelehrten eine neue Matrilinearität im Sinne hatten. Sie dachten in den alten Kategorien biblischer Patrilinearität, doch war ihnen an eindeutigen Zugehörigkeitsbeweisen gelegen. Gegen die Einführung einer allein matrilinearen Deszendenz spricht auch die Tatsache, dass in etwa derselben Zeit das Buch Rut verfasst wurde: „Als fiktionale Novelle in theologischer Absicht stellt sich das Buch Rut kritisch gegen die in Esra und Nehemia wiedergegebenen Positionen.“ Rut, die angebliche Urahnin des Königs David, ist Moabiterin und „wird trotzdem vom jüdischen Volk, dem sie sich anschloss, mit Liebe aufgenommen“. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass nicht „nur eine Familie, die über Generationen im Geist der Tora erzogen wurde, den Weiterbestand des Judentums gewährleisten könne“.39 Diese „fiktionale Novelle“ wird freilich in einer Zeit verfasst, in der das jüdische Volk, zumindest in Palästina, festen Boden unter den Füßen hatte. Dagegen kannten Esra und Nehemia das Exil, und das ließ sie ein Modell entwickeln, das den Bedingungen der Diaspora entsprach und sich später auch als solches erweisen sollte.
Mit anderen Worten: Das „portative Vaterland“ der Hebräischen Bibel wurde durch eine weibliche Blutslinie ergänzt. Auf diese Weise gehörte der einzelne Jude auch der Herkunft nach seinem Volk an. Da für diese Genealogie nur die Mutter in Frage kommt – mater semper certa est –, bot diese Abstammungslinie die notwendige Eindeutigkeit. Verkürzt gesagt: Im Exil substituierte der mütterliche Körper das „Heilige Land“. So wie sich Heilige Schrift und Orthopraxie gegenseitig ergänzten, vervollständigte auch die weibliche Blutslinie die geistige Genealogie der väterlichen Schrift. Als Heinrich Heine sehr viel später die Heilige Schrift der Juden als „portatives Vaterland“ bezeichnete,40 griff er mit seiner prägnanten Formulierung genau diese Zuordnung auf. Beides zusammen bildete für die Gelehrten aus Babylon die Basis für den Erhalt des Judentums in der Diaspora.
Die Ereignisse, die in den Büchern Esra und Nehemia beschrieben werden, offenbaren noch ein weiteres Spezifikum der jüdischen Situation. Die Gruppe der 1550 „Heimkehrer“ aus dem babylonischen Exil, die völlig neue Grundlagen für die jüdische Identität und das normative Judentum formulierte, machte gerade mal drei Prozent der damaligen jüdischen Bevölkerung aus. Es handelte sich um eine engagierte und vor allem hochgebildete Elite, die ihre persönliche Geschichte von Deportation und Heimkehr derart nachhaltig durchsetzen konnte, „dass die Bücher der Chronik im 4. Jahrhundert v. u. Z. erzählen konnten, das Land habe die ganze Zeit ihres Exils brachgelegen“.41 Der Alttestamentarier Klaus Bieberstein nennt dies eine zweischneidige Angelegenheit: „Denn einerseits integriert diese Geschichte vordergründig die zuhausegebliebene Unterschicht in das Schicksal der deportierten Oberschicht. Andererseits aber beraubt sie die zuhausegebliebene Mehrheit ihrer eigenen Geschichte und schließt jene unter ihnen, die auf ihrer eigenen Tradition beharren, als vermeintlich ‚Fremde‘ aus.“42 So lassen sich Esras und Nehemias Neuerungen auch unter „kolonialer“ Perspektive lesen: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass orale Kulturen, wenn sie von schriftkundigen Kulturen überlagert werden, gegen diese keinen Bestand haben. Das galt auch hier, setzt man die Kultur der babylonischen Juden mit Schriftkundigkeit und die der Juden in Judäa mit Oralität gleich. Nur deshalb gelang es „einer kleinen, geschichtsschreibenden Minderheit im Laufe der Zeit, die Geschichte der Ansässigen durch die Geschichte der Heimkehrer zu verdrängen, ihre auf Distinktion bedachte Sicht durchzusetzen, die Bevölkerung des Landes als Hindernis in der Gottesverehrung zu diskreditieren, sozial zu marginalisieren und die Grenzen der Gemeinde durch Stammbaumpflege zu markieren und zu fixieren“.43
Allerdings schränkt diese Sicht die Ereignisse auf einen sozialen Machtkonflikt ein. Gewiss, bei den Exilanten handelte es sich um Privilegierte, sie hatten in Babylon ein gutes wirtschaftliches Auskommen und waren, wie Nehemia und Esra, in die höchsten politischen Ämter aufgestiegen. Aber sie nutzten diese Bildung nicht wie die ägyptischen Priester zur Erweiterung ihrer Macht durch Geheimwissen. Vielmehr hatten sie – als Schriftgelehrte – begriffen, dass die jüdische Religion und Kultur nur überleben kann, wenn alle Mitglieder der Gemeinschaft zu Schriftkundigen werden, daher die Verlesung der Tora vor den Toren der Stadt. Erst durch diesen Akt schufen sie die Grundlagen für die Tradition der „mündlichen Tora“ – und tatsächlich sollte sich bald zeigen, dass diese für das Überleben des Judentums von essentieller Bedeutung war. Das offenbarten schon die Konflikte unter der Herrschaft der Seleukiden. Hatten die Perser den Juden große Freiheit in der Ausübung ihrer Religion gelassen, so schränkten diese die jüdischen Gesetze ein und gaben z. B. den Handel am Schabbat frei. Als Antiochus Epiphanes (215–164 v. u. Z.), der in Rom eine griechische Erziehung genossen hatte, ein Edikt erließ, das es Juden untersagte, an ihrer Religion festzuhalten (die Beschneidung wurde verboten, die Tora sollte verbrannt werden), und sie zum Beweis ihres Gehorsams heidnische Opferhandlungen vollziehen ließ, kam es zum Aufstand der Hasmonäer, die einen eigenen jüdischen Staat gründeten. Die geflohenen Aufständischen gehörten zum großen Teil der Unterschicht von Jerusalem und der verarmten Landbevölkerung an. Angeführt wurden sie von einer niederen Priesterfamilie, den Makkabäern. Gehörte diese Schicht also einst den „Ungebildeten“ an, so bildete sie nun das Rückgrat einer Bewahrung des Judentums.
Von dieser Zeit an wurde der „Befreiungskampf der Juden gegen die hellenistische Umklammerung“44 auch zu einem innerjüdischen Konflikt zwischen den hellenisierten Juden und den Juden, die sich an die Tradition hielten. Das zeigte sich erneut im letzten vorchristlichen Jahrhundert: Als hellenistisch gesinnte Aristokraten in Jerusalem eine Stadt nach dem Vorbild der Polis schaffen wollten – mit Gymnasium und Ephebeion, d. h. Elite-Institutionen –, wurden sie von den anderen Juden bekämpft, die nicht nur ihrem Glauben treu bleiben wollten, sondern auch das allgemeine Recht auf Bildung einforderten.45 Es kam also zum Aufstand gegen die „Schriftgelehrten“, aber die Befähigung zu diesem Aufstand war letztlich den babylonischen Schriftgelehrten selbst zu verdanken, die schon im 5. Jahrhundert die allgemeine Zugänglichkeit der Tora durchgesetzt hatten.
Das Konzept der matrilinearen Definition von Jüdisch-Sein wurde allerdings erst nach der zweiten Zerstörung des Tempels im Jahr 70, als das gesamte jüdische Volk den Konditionen der Diaspora unterworfen wurde, von den Rabbinen aufgegriffen. Die Tatsache, dass man sich in dieser Situation eines Entwurfs erinnerte, der im babylonischen Exil entwickelt worden war, macht besonders deutlich, dass es bei der matrilinearen Blutslinie um die Diasporafähigkeit des Judentums ging. Die Rabbinen mussten nach Mitteln suchen, den Zusammenhalt einer verstreuten Gemeinschaft zu sichern, und Ende des 2. Jahrhunderts u. Z. legten die Verfasser der Mischna endgültig fest, dass Jude ist, wer eine Jüdin zur Mutter hat. Ihren Ursprung hatte diese Entwicklung in einer Zeit, als sich Juden im babylonischen Exil gegen die Anpassung an die fremde Kultur und den hellenistischen Einfluss zu schützen suchten. Als das matrilineare Konzept der babylonischen Gelehrten in den ersten Jahrhunderten zum zweiten Mal ausformuliert wurde, hieß der Gegensatz freilich nicht mehr Hellenismus, sondern Rom und vor allem Christentum.
Der Wechsel zur Matrilinearität im rabbinischen Judentum
Der Übergang von einer matrilinearen zu einer patrilinearen Gesellschaft fand in der Geschichte mehr als einmal statt. In vielen Fällen wurde er als Prozess der Vergeistigung beschrieben, so wie auch Sigmund Freud darin einen „Kulturfortschritt“ sah. Seine Einschätzung ist umso erstaunlicher, als das Judentum, zu dem Freud sich bekannte, zu den wenigen Beispielen gehört, bei denen eine Gesellschaft von Patrilinearität zu Matrilinearität wechselte. Mit der Frage des jüdischen Übergangs zur Mutterlinie hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Forschern beschäftigt.46 Einige von ihnen stellen sich heute die Frage, ob, angesichts des erheblichen demographischen Rückgangs jüdischer Bevölkerungsanteile in den Ländern der Diaspora, nicht die Zeit gekommen sei, das strenge Regelwerk der matrilinearen Blutslinie aufzugeben und durch ein patrilineares Prinzip zu ergänzen – also auch die Kinder jüdischer Väter als Juden anzuerkennen. In einigen Gemeinden, etwa des amerikanischen oder britischen Reformjudentums wie auch im liberalen deutschen Judentum, hat sich dieses Prinzip schon durchgesetzt. Die Reformer machen freilich zur Bedingung, dass religiöse Bildung, Erziehung und Verständnis für das Judentum diese Möglichkeit ergänzen.
Die Erzählung über das biblische Judentum orientiert sich an der Patrilinearität und Patrilokalität: Die Söhne von Moses werden beschnitten, obwohl ihre Mutter Midianiterin ist. Der Tötungsbefehl des Pharao bezieht sich ausschließlich auf die männlichen Kinder (Ex 1,22). Historisch gab es in dieser Zeit für Frauen keine Konversion; entscheidend war der Familienstand. „Die ‚Konversion‘ einer fremden Frau zum Judentum bestand eben einfach darin, einen jüdischen Mann zu heiraten.“47 Auch die jüdische Frau, die in ein anderes Volk heiratete, wurde Teil der Kultur ihres Mannes. In einer Zeit, in der mehr oder weniger alle Gesellschaften dieses Kulturraums nach dem patrilinearen Prinzip organisiert waren, ergaben sich dadurch überschaubare Verhältnisse. Die Probleme traten erst mit der christlichen Religion auf, die die Taufe für Männer wie für Frauen zum „Entréebillett“ in die Gemeinschaft machte – unabhängig von der Religionszugehörigkeit des Vaters oder des Ehemannes. Diese Neuerung implizierte für Frauen eine erhöhte Entscheidungsmacht, die dem frühen Christentum auch viel Zulauf von Frauen brachte (alleinstehenden wie verheirateten),48 bis auch hier ein Regelwerk geschaffen wurde, das die Frauen entmündigte. Genau genommen schuf erst das christliche Versprechen der freien Entscheidung jenes Entweder-oder-Prinzip, das Jan Assmann als „mosaische Unterscheidung“ und als das Ende der religiösen Toleranz der Antike bezeichnete.49 Zwar ist es richtig, dass die jüdische Religion die Götter der anderen Religionen nicht duldete, aber wie das Beispiel der „weiblichen Konversion“ zeigt, war es faktisch einfach, von einer anderen Religion, genauer: von einer anderen Gemeinschaft in die jüdische zu wechseln – und umgekehrt. Zwar galt diese Flexibilität nur für die Frauen, doch musste dies notwendigerweise Auswirkungen auf die Wahrnehmung religiöser Exklusivität haben. Vor allem aber: Religion wurde in dieser Zeit nicht als eine eigene Sphäre betrachtet, sondern war Teil eines Konglomerats von Sitten, Gesetzen, Wirtschaftsformen, die eine politische Gemeinschaft konstituierten (siehe hierzu auch den Beitrag von Daniel Boyarin, S. 59). Der Bezug war also weniger transzendental als der heutige Begriff von „Religion“ unterstellt. Erst mit dem Christentum, das den Glauben in den Mittelpunkt stellte, nahm der Monotheismus wirklichen Ausschlusscharakter an.
Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels, der Zerschlagung der jüdischen Gemeinde im alten Judäa und dem seit Hadrian sogenannten Palästina sowie dem Übergang zu einer Existenz in der Diaspora, vollzog sich im Judentum der Übergang von Patrilinearität zu Matrilinearität, den schon die babylonischen Gelehrten angestrebt hatten. Zu dieser Zeit, so Dohmen und Stemberger, entwickelten die Gelehrten auch einen neuen Umgang mit der Heiligen Schrift. „Die Schriftauslegung vor 70 u. Z. war von einer gewissen Freiheit im Umgang mit dem Bibeltext geprägt, der noch in gewissem Maß fluktuierte und auch für die Auslegung vorbereitet werden konnte.“50 Man weiß nicht, so die Autoren, warum es damals so plötzlich zu einer Vereinheitlichung des Textes gekommen sei, aber sie vermuten, dass dies mit der Katastrophe im Jahr 70 „irgendwie zusammenhing“, allerdings nicht unbedingt auf einen autoritativen Beschluss der frühen Rabbinen in Jabne zurückzuführen sei.51 Jedenfalls kam das Prinzip der Matrilinearität in der Midrasch-Literatur der zweiten Tempelperiode praktisch nicht vor, was dafür spricht, „dass dieses Schrifttum mit dem matrilinearen Prinzip eben nicht vertraut war“.52
Der Wandel von Patrilinearität zu Matrilinearität vollzog sich nicht von einem Tag auf den anderen. Philon von Alexandrien (20 v. u. Z.–50 u. Z.), der als Jude im hellenisch beeinflussten Ägypten lebte, formulierte in seinen philosophisch-pädagogischen Schriften ein Modell, das dem des Perikles für Athen nicht unähnlich war: Nur die Ehen sollten gültig sein, in denen beide Partner jüdisch sind.53 Die Rabbinen entschieden sich schließlich für ein anderes Modell. Dabei versuchten sie, sich soweit wie möglich auf die biblischen Quellen zu beziehen, darunter Deuteronomium 7,3–4, wo von einer der gemischten Ehe innewohnenden Gefahr der Götzenverehrung die Rede ist. Ein explizites Verbot der Mischehe gab es nicht; schließlich war Moses selbst mit einer Fremden verheiratet: Zippora, Tochter des midianitischen Priesters Jetro (Ex 2,21). Die Aussagen von Deuteronomium zu den Gefahren der Mischehe sind jedoch so formuliert, dass vom nichtjüdischen Schwiegersohn eine „Gefahr“ für die Tochter und deren Kinder ausgehen könnte. Die Kinder des Sohnes mit einer Nichtjüdin werden nicht erwähnt. Aus dieser „Lücke“ leiteten die Rabbinen nun ab, dass die Kinder des Sohnes mit einer Fremden gar nicht erst als jüdisch galten. Damit konnten sie dekretieren, dass das Prinzip der Matrilinearität schon in Deuteronomium niedergelegt worden sei. Dort heißt es: „Dein Sohn, der von einer Israelitin geboren wurde, wird ‚dein Sohn‘ genannt, aber dein Sohn, der von einer Götzendienerin geboren wurde, wird nicht ‚dein Sohn‘ genannt: es ist ihr Sohn.“ In der Mischna formulierten die Rabbinen: „Dein Sohn ist nicht dein Sohn, wenn seine Mutter nicht Jüdin ist.“54 Damit wurde einerseits das matrilineare Prinzip neu eingeführt, andererseits aber auch in der Heiligen Schrift verankert – und dies mit einem geschickten Schachzug, der sich einer „verwirrenden Syntax“ verdankte. „Diese Auslegung wäre nach dem griechischen Bibeltext nicht möglich gewesen, denn das darin enthaltene Futur apostesei, männlich und weiblich zugleich, kann sich gleichermaßen auf den heidnischen Schwiegersohn wie auf die heidnische Schwiegertochter beziehen“, so Joseph Mélèze Modrzejewskis Kommentar zu dieser Auslegung.55 Eine Zeitlang wurde die Neuordnung noch von Teilen des Judentums bekämpft; Spuren dieser intensiv geführten Debatte finden sich im Talmud. Dann hatte sich die Lehre durchgesetzt und gilt bis heute als Regel des normativen Judentums.
Die neue Richtlinie hatte auch auf den sozialen Status von Kindern aus „Mischehen“ Rückwirkungen. Laut der Mischna war der Nachkomme einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters ein „Mamser“ (Hurenkind).56 Dasselbe galt für alle Kinder, die aus verbotenen Verbindungen stammten – bestimmte Formen von Inzest und außereheliche Verbindungen.57 Das von den Tanna’im (den Weisen der Mischna) aufgestellte Gesetz bedeutete jedoch, dass das Kind einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters ein Jude ist, wie seine Mutter – obgleich die Eltern keine nach jüdischem Recht anerkannte Verbindung (kidduschin) eingegangen waren.58
Das veränderte jüdische Regelwerk wies einige Ähnlichkeiten mit dem römischen Recht auf: Bei Beziehungen zwischen Männern und Frauen von ungleichem Stand folgte der Status des Kindes dem Elternteil mit dem niederen Status.59 Im römischen Recht hieß dies, dass das Kind eines Sklaven oder einer Sklavin ebenfalls dem Sklavenstand angehörte, auch wenn einer der beiden Elternteile frei war. Im Judentum entschied diese Regel weniger über den sozialen Status als über die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft: Das Kind eines Juden mit einer Nichtjüdin folgt dem Status der Mutter.60 Allmählich wurde so die Beziehung vom Vater zum Sohn der Zugehörigkeit zur Mutter untergeordnet.61 Das römische Recht war jedoch nicht der Auslöser für die Veränderung.
Anhand der Zeugnisse der Papyri, der Apostelgeschichte und Flavius Josephus läßt sich belegen, dass bei den Juden im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung noch immer die patrilineare Abstammung geltendes Recht war. Ein Jahrhundert später, in der Mischna, gilt gerade die umgekehrte Regel: Das Prinzip der Patrilinearität ist zurückgetreten zugunsten der matrilinearen Abstammung, die die Halacha für die Zukunft, bis in unsere Tage, bestimmt.62
Es vollzog sich also eine völlige Umkehrung der Rechtsregeln, durch die die jüdisch-religiöse Identität neu definiert wurde. Allerdings galt dies nur für die Abstammung und Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft. Denn das rabbinische Familienrecht, das über Verwandtschaftsbeziehungen und Erbschaft bestimmte, hielt sich weiterhin an die überlieferte Patrilinearität. Der babylonische Talmud ist dazu ganz explizit: „Die Familie des Vaters wird als die Familie des Kindes angesehen, die Familie der Mutter nicht.“63 Auch das Priesteramt der Kohanim wurde weiter in väterlicher Linie vererbt. Eine solche Unterscheidung von Abstammungslinie und Verwandtschaftsverhältnissen blieb in der griechisch-römischen und christlichen Patrilinearität eher die Ausnahme; beim Judentum dagegen wurde es zur Regel und hing eng mit den Bedingungen der Diaspora zusammen.
Für die Motive der Rabbinen, diese Neuerung einzuführen, gibt es mindestens zwei sich ergänzende Erklärungen: erstens die neue Situation der „Staatenlosigkeit“, zweitens die Abgrenzung gegen die neu entstehende Religion des Christentums, das sich einerseits auf die jüdische Tradition bezog, von dieser aber auch in entscheidenden Teilen abwich. Außerdem wird der Einfluss des römischen Rechts geltend gemacht.
Entsprechend dem römischen conubium [durch das bestimmt wurde, welche Personen eine anerkannte Ehe eingehen können, CvB] gibt es im rabbinischen Recht die Bezeichnung Kidduschin. Die wesentliche Übereinstimmung, nämlich dass Kinder nach dem römischen Recht, die aus einer gemischten Ehe (also ohne conubium) hervorgehen, automatisch dem Status der Mutter folgen, entspricht genau dem Prinzip nach mKidd III,12.64
Sowohl im römischen als auch im jüdischen Recht gab es das Prinzip der rechtmäßigen Ehe, und in beiden Regelwerken richtete sich bei „Mischehen“ der Status der Nachkommen nach der Mutter, weil die legale väterliche Abstammung fehlte. Dennoch unterschieden sich die Gesetze: Das römische Recht sah neben dem conubium auch das justum matrimonium, die legal vollzogene Ehe, vor – eine Bestimmung, die das jüdische Recht nicht kannte. Die Ähnlichkeiten der Rechtsbestimmungen dürften dazu beigetragen haben, dass die römische Herrschaft der jüdischen Änderung des Personenstands stattgab, „indem sie zuließ, dass die Zugehörigkeit zum Judentum und damit Volk und Religion sich nach der Mutter richtet“.65 Diese Konzession widersprach zwar dem eigenen Patrilinearitätsprinzip, doch im Römischen Reich gab es auch andere Völker und Städte, denen dieses Privileg zugestanden worden war. In griechischen Städten wie Troja und Delphi z. B. wie auch in Antinoupolis, einer im Jahr 130 von Hadrian in Ägypten gegründeten Stadt, ergänzte die Matrilinearität das Recht, eine rechtswirksame Ehe mit „Ägyptern“ zu schließen.66
Das würde jedoch höchstens erklären, warum der Wandel durchsetzbar war, nicht die Motivation der Rabbinen zu dieser Entscheidung. Unbestreitbar waren gerade im 2. Jahrhundert die historischen Voraussetzungen für eine Orientierung am römischen Recht gegeben – Modrzejewski spricht von einer „zeitlichen Koinzidenz zwischen der Mischna, die um das Jahr 200 unserer Zeitrechnung schriftlich kodifiziert wurde, und dem römischen Recht im Zeitpunkt seiner größten Blüte“.67 Auch war das römische Recht gut vereinbar mit der Neuordnung des jüdischen Rechts. Gleichwohl dürften die Rabbinen andere Gründe für ihre Entscheidung gehabt haben. Ihr Hass auf die Römer, die Jerusalem zerstört und die Gemeinschaft zerschlagen hatten, war gewiss nicht geringer als ihre frühere Gegnerschaft zu den Griechen. Warum sollten sie sich dann ausgerechnet am römischen Recht orientieren?
Mehr Gewicht hat ein anderes Erklärungsmuster, das die Sicherheit der mütterlichen Abstammung in den Vordergrund stellte und über die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft entscheiden ließ. Auf diese „Sicherheit“ hätte schon das biblische Judentum setzen können. Dass es sich an die Patrilinearität der umgebenden Kulturen hielt, zeigt, dass es bei der Änderung um die Bedingungen der Diaspora ging. (Ganz aufgegeben wurde die Patrilinearität auch nicht, wie das Beispiel der geistlichen Ämter zeigt.) Allerdings wurde das neue matrilineare Prinzip nicht immer konsequent verfolgt. „Wurde eine Frau als Folge einer Vergewaltigung schwanger, so hat der Nachkomme den gleichen Status wie die Mehrheit der Bevölkerung, bei der die Vergewaltigung geschah. In diesen Fällen ist die Vaterschaft zwar sehr unsicher, aber die Rabbinen beurteilen die Nachkommen nicht matrilinear.“68 Aus diesem Beispiel lässt sich ableiten, dass mit der neuen Betonung der mütterlichen Deszendenz weniger die Sicherheit der Herkunft gemeint war als ein positives Bekenntnis zum Judentum. Diese Identität sollte als Teil einer Konstruktion verstanden werden, die das „portative Vaterland“ der Heiligen Schrift mit dem weiblichen Körper als „sakraler Heimstätte“ verband: Hatte Gott in der Exodus-Erzählung das Volk zu seinem Tempel gemacht, so fand sein Volk in der Zerstreuung eine neue „Wohnstätte“ im Körper der Frau – eine Symbolik, die in den Gemeinschaftsallegorien vieler Kulturen und Völker auftaucht (von der Ecclesia über Israel als „Braut Gottes“ bis zu den späteren Nationalallegorien). Hier jedoch hat sie nicht symbolischen Charakter, sondern verortet sich im realen Körper der einzelnen Frau.
Die neue Identitätskonstruktion war nur deshalb möglich, weil im Judentum durch die Staatenlosigkeit ein völlig neues Prinzip geistlicher Zuständigkeit entstanden war. Jochanan ben Zakkai gilt als der, der das jüdische Volk nach der Katastrophe von 70 in ein neues Zeitalter überführte. Schon seine Herkunft – er war nicht aus davidischem Geschlecht und auch kein Priester – prädestinierte ihn, Schöpfer einer neuen Sozialordnung zu werden. Dementsprechend stieß diese auch zunächst auf viele Widerstände, vor allem von Seiten der Priestereliten. Jochanan und die Gelehrten, die um ihn in Jabne versammelt waren, gelten als die Begründer des rabbinischen Judentums. Diese Rabbinen, so Günther Stemberger, waren „anfangs noch eine sehr kleine Gruppe, ohne direkten Rückhalt im Volk, eine elitäre Intellektuellenschicht, die mit öffentlichen Aufgaben nichts zu tun haben wollte“.69 In gewissem Sinne wiederholte sich also die Situation des 5. Jahrhunderts v. u. Z. – nur in Umkehrung. Damals kam eine kleine Elite von babylonischen Gelehrten, die der jüdischen Bevölkerung ein neues Identitätsmodell nahezubringen versuchten. Nun waren es nicht die Priester, sondern gewissermaßen „Autodidakten“, die das neue Prinzip formulierten. Und diese intellektuelle Elite kam nicht aus Babylon, sondern bestand aus dem Judentum des alten Palästinas. Einige der überlebenden Priester, Leviten und Tempelbeamten, die nach der Zerstörung des Tempels ohne Amt, Funktion und öffentliche Macht waren, schlossen sich der Gruppe von Jabne an. „So versuchte ein Teil der Priesterschaft neben der aufstrebenden jüdischen Laiengelehrsamkeit, insbesondere durch die pharisäische Bewegung verkörpert, als konsolidierte Gemeinschaft fortzubestehen.“ In Jabne setzte man „das Studium der Tora an die Stelle des Tempelopfers“ und maß ihm eine vergleichbare religiöse Bedeutung zu.70 Es waren diese Intellektuellen, denen nichts anderes geblieben war als ihre Gelehrsamkeit, die die jüdische Lehre in eine „portative Religion“ verwandelten.
Der Status der Gelehrten von Jabne legt noch eine dritte Erklärung für den Wandel zur Matrilinearität nahe. Micha Brumlik vertritt die Ansicht, dass er auch mit der Entmachtung der traditionellen Priesterschaft zusammenhing. Schon in den 200 Jahren vor dem Beginn der Diaspora war mit den Pharisäern eine neue Elite von Gelehrten herangewachsen, die in Jerusalem mit dem Hohepriester, den Kohanim und den Leviten um die Macht konkurrierten. Aus dieser Schicht rekrutierte sich ein Gutteil der Rabbinen von Jabne. Nach der Einführung der Matrilinearität wurden die geistlichen Ämter zwar weiterhin in männlicher Linie vererbt, doch es verband sich damit keine Macht mehr. „Von der einstigen Macht der Kohanim blieb im rabbinischen Judentum nicht mehr übrig als das Privileg, als erste zur Tora aufgerufen zu werden. Damit wurde auch die judäische Kastengesellschaft in eine meritokratische, d. h. in eine auf dem Verdienst des Lernens beruhende Gelehrtenrepublik umgewandelt.“71 Diese Erklärung leuchtet ein, zudem sie typisch ist für den Aufstieg neuer Bildungsschichten in alphabetischen Gesellschaften. In Griechenland stellte der Aufstieg der Sophisten ein ganz ähnliches, „auf dem Verdienst des Lernens“ beruhendes Phänomen dar. Ausschlaggebend für das Prinzip der Matrilinearität dürfte jedoch die Frage des Zusammenhalts der Gemeinschaft in der Diaspora gewesen sein.
Auf der einen Seite kanonisierte diese neue geistige und geistliche Elite die jüdische Bibel, auf der anderen schuf sie die Grundlage für einen zweiten heiligen Text, den Talmud mit seinen Diskussionsbeiträgen, Geboten und Verboten, Interpretationen und Kommentaren. Dieser wurde zur Basis der Halacha, dem neuen Verhaltenskodex, der die Gesetze der Tora ergänzte oder auslegte. Daneben entwickelten sie auch neue Formen des Gottesdienstes, die zu Hause oder in der Synagoge stattfinden konnten, um den Tempelkult zu ersetzen. Die einzelnen jüdischen Gemeinden gewannen an Autonomie: Die einzige Voraussetzung für einen Gottesdienst war die Anwesenheit von zehn jüdischen Männern. Tatsächlich lebten Juden schon bald in unterschiedlichen Sprachgebieten und Kulturen und integrierten einige der fremden Traditionen in die eigene. Erst nach der Erfindung des Buchdrucks gab es mit dem Schulchan aruch („Gedeckter Tisch“) des Josef Karo (1488–1575) und den ergänzenden Kommentaren von Moses Isserles den Versuch, einen einheitlichen jüdischen Kodex zu erstellen (siehe hierzu auch den Beitrag von Walter Homolka, S. 227). Das Buch wurde 1565 in Venedig gedruckt.
Das Lehrhaus von Jabne wurde zur Keimzelle eines neuen normativen Judentums, das sich in den ersten zwei nachchristlichen Jahrhunderten herausbildete. Zwar bestand das angesehene und erbliche Patriarchat von Jerusalem noch über fast vier Jahrhunderte, doch es hatte immer weniger Gewicht und erlosch endgültig im Jahr 429, als es durch das römische Gesetz beendet wurde. „Erst mit der Gründung des Staates Israel 1948 entstand ein neues, potentiell konkurrierendes Objekt der kollektiven Identifikation“,72 das das in Jabne entstandene Konzept des „portativen Vaterlands“ – als heiliger Text und als „Heimatboden“ im mütterlichen Leib – ablöste oder ergänzte (je nach Perspektive).
Die Beschneidung
Das römische Privileg zur Einführung der Matrilinearität „erscheint als Gegenstück zu der Erlaubnis, die Beschneidung an jüdischen Jungen vorzunehmen, die die Juden um 150 unserer Zeitrechnung durch das Reskript des Antoninus Pius erhielten“, schreibt Modrzejewski.73 Dies waren die beiden großen Konzessionen des Römischen Reichs an die „jüdische Identität“. Die Beschneidung widersprach dem römischen Denken noch mehr als die Matrilinearität. Das hing einerseits mit der Rolle zusammen, die sie für die jüdische Zusammengehörigkeit (und die damit einhergehende jüdische Autonomie) hatte, andererseits aber auch mit deren vielschichtiger Symbolik: Die Beschneidung wurde, manchmal explizit, mit der Kastration gleichgesetzt – ein Eingriff, der in einer patriarchalen und patrilinearen Gesellschaft als Verbrechen galt. Das jüdische Recht auf Beschneidung folgte ganz offenbar einer anderen Vorstellung von Männlichkeit. Es hing nicht unmittelbar mit dem Prinzip der matrilinearen Abstammung zusammen, aber wurde gerade in der Diaspora zum zweiten leiblichen Distinktionsmerkmal.
Bevor auf die Auseinandersetzungen um die Beschneidung in Griechenland und Rom einzugehen ist, noch einige allgemeine Bemerkungen zur Symbolik dieses Ritus. Bei den (zum Teil heftigen und polemisch geführten) Debatten in Deutschland stand die Frage der Religion im Mittelpunkt. Faktisch ist der Ritus der Beschneidung aber viel älter als die jüdische Religion, geschweige denn als der Islam. Ägyptische Darstellungen zeigen, dass die Beschneidung schon vor ca. 4500 Jahren praktiziert wurde, d. h., der Ritus existierte schon mindestens 1500 Jahre, bevor von Monotheismus und Judentum die Rede sein kann. In einer späteren Zeit wurde sie zu einem Privileg ägyptischer Priester, als welche sie dann auch im griechischen und römischen Ägypten erhalten blieb.
Heute sind weltweit – die Zahlen schwanken – ca. drei von 20 Männern beschnitten. Aber nur bei den Juden ist der Eingriff religiöse Vorschrift (Gen 17,10–14; Lev 12,3). Bei Muslimen entspricht er keinem zwingenden Gebot, ist aber sozial erwünscht. Auch in den USA und England ist eine Mehrheit der Jungen beschnitten (jüdischer wie nichtjüdischer Herkunft), weshalb in Amerika und Großbritannien wie auch in Frankreich die deutsche Diskussion auf Unverständnis stößt. Die Begründungen, die die Befürworter der Beschneidung anführen, sind sehr unterschiedlich. Man kann rund zehn solcher Begründungen ausmachen, von denen einige aus dem Denken in Stammesgesellschaft kommen, andere einen religiösen Hintergrund haben und wieder andere den Ansprüchen einer modernen Wissenschaft und Psychologie geschuldet sind.
1.Durch die Beschneidung werde der Unterschied zwischen Männern und Frauen betont.
2.Die sexuelle Potenz und Fruchtbarkeit des Mannes werde durch die Beschneidung gesteigert. (In Rom und Griechenland galt die Beschneidung dagegen eher als Symbol der Entmannung.)
3.Eine psychologische Begründung lautet, dass durch die Beschneidung die Trennung des Sohnes von der Mutter vollzogen werde. Indem der Vater dafür sorgt, dass der Sohn beschnitten wird, werde eine männliche Linie etabliert, die von Vater zu Sohn weitergegeben wird. Dass diese Begründung weder in Rom noch in Griechenland herangezogen wurde, kann als Beleg dafür gelten, dass die „Patrilinearität“ in diesem Fall auf einem anderen Konzept von männlicher Linie beruhen muss.
4.In Gesellschaften, in denen die Beschneidung majoritär ist, kommt eine weitere psychologische Begründung dazu: das Bedürfnis, nicht anders auszusehen als andere Männer/Jungen.
5.In den modernen säkularen Gesellschaften wird die Beschneidung oft mit Hygiene begründet, was als Versuch zu lesen ist, sie in einen „aufgeklärten“ Kontext zu überführen (siehe hierzu auch den Beitrag von Werner Treß, S. 335).
6.Im Islam signalisiert die Beschneidung vornehmlich Zugehörigkeit zum Clan, zur Familie oder zur Volksgemeinschaft.
7.Im Kampf gegen den Kolonialismus symbolisierte die Beschneidung auch die Abgrenzung gegen den kolonialen Eroberer und wurde zum Symbol für nationale oder kulturelle Autonomie. Das galt vor allem für den arabischen Raum.
8.Das Judentum war die einzige Gemeinschaft, die der Beschneidung eine religiöse Bedeutung zuwies: Sie wurde zu dem Symbol des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel. Angesichts der Nähe von Religion und Recht war sie also auch Zeichen der Volkszugehörigkeit. In der Bibel taucht sie zuerst als ein Ritual der Vorbereitung auf die Hochzeit auf (Gen 34,14–24; Ex 4,24–26), und sie bezieht alle Männer des Hauses ein, auch Sklaven, gleichgültig, ob sie dem Judentum angehören oder aus einer anderen Kultur stammen. Während des babylonischen Exils im 6. Jahrhundert v. u. Z. wurde die Beschneidung religiös „kanonisiert“. Dass dies ausgerechnet im Exil geschah, deutet darauf hin, dass sie – wie später die Matrilinearität – unter Juden auch als Erkennungszeichen dienen sollte.
9.Der durch die Beschneidung symbolisierte Einschnitt in den männlichen Körper wird manchmal auch als Teil eines Opferaktes verstanden, der der Gewährung von Fruchtbarkeit – geistiger wie leiblicher Fruchtbarkeit – vorausgeht. In den Erzählungen der Bibel ist von der Beschneidung zum ersten Mal im Zusammenhang mit der (verhinderten) Opferung Isaaks die Rede (Ex 13,13). In dieser Erzählung ersetzt ein Opfertier den Sohn. Erst auf der Basis einer solchen Opferbereitschaft segnet Gott die Fruchtbarkeit und verspricht Abraham, dass sich sein Samen im Land Kanaan vermehren wird.74
10.Auch das Christentum eignete sich die Symbolik der Beschneidung an, lenkte den Sinn allerdings auf das Opfer der Passionsgeschichte Christi. Wenn Paulus von der „Beschneidung des Herzens“ sprach (Rom 2,25–29) und damit die Reinheit von Seele und Geist meinte, so griff er damit noch eine Analogie des beschnittenen Glieds mit dem beschnittenen Herz auf, von der schon bei Jeremia (Jer 4,4) die Rede war. Wenn jedoch der Heilige Ambrosius (339–397) in der Beschneidung Jesu den Beginn der Passionsgeschichte sah, so war damit eine Christianisierung des Ritus verbunden. In einem ähnlichen Sinne bezeichnete auch der englische Benediktinermönch Beda (673–735) die Beschneidung als Vorwegnahme der endgültigen Reinigung „von allen Flecken der Sterblichkeit“. Wir freuen uns, so verkündete er, auf „unsere wahre und völlige Beschneidung, wenn am Tag des Jüngsten Gerichts alle Seelen die Verderbnis des Fleisches überwunden haben“.75
Die Debatten in der Antike um die Beschneidung haben einige Ähnlichkeiten mit den heutigen in Deutschland: Damals wie heute ging es um die Frage der Verletzung des Körpers. Die antike Ablehnung der Beschneidung nahm in dem Maße zu, in dem sich der Hellenismus als Kultur und das Römische Reich als Staat etablierten. Die Griechen wussten – vor allem durch Herodot (5. Jahrhundert v. u. Z.) – vom Ritus der Beschneidung bei „anderen Völkern“. Herodot, der sich kaum eine Chance entgehen ließ, die Überlegenheit der Griechen gegenüber anderen Völkern hervorzuheben, sah darin einen barbarischen Brauch, der allenfalls mit der „Hygiene“ zu erklären sei. Er verwechselte Reinheit (die in der Religion auf das Sakrale verweist) mit Hygiene (Sauberkeit).76 Einige Völker, so etwa die Phönizier, schreibt Herodot, übernahmen den Brauch zunächst von den „Syrern aus Palästina“ (womit er die Juden meinte), gaben ihn aber auf, als sie mit der höheren Kultur der Griechen in Kontakt kamen.
Als sich mit den makkabäischen Unruhen der Konflikt zwischen Hellenismus und Judentum zuspitzte, gab ein Teil der Juden die Beschneidung auf, manche verbargen sogar das beschnittene Glied mit Hilfe falscher Vorhäute, bis diese Praxis verboten wurde. In den Jahrzehnten vor der Zerstörung des Tempels, zur Zeit des griechischen Geschichtsschreibers Strabo (63 v. u. Z.–23 u. Z.) verschärfte sich die Ablehnung der Beschneidung; sie wurde nun explizit mit der Kastration verglichen – ein Vergleich, der von römischen Schriftstellern wie Tacitus aufgegriffen und in eine allgemeine antijüdische Polemik überführt wurde.77
Nach der Zerstörung des Tempels mussten die Weisen von Jabne um das Recht auf Beschneidung kämpfen. Es wurde ihnen von Rom schließlich unter der Bedingung eingeräumt, dass ausschließlich die eigenen Söhne – aber weder Sklaven noch Konvertiten – davon betroffen seien. Auch der Priesterschaft in der römischen Provinz Ägypten, die die Beschneidung praktizierte, bereitete Rom Schwierigkeiten. Ab dem 2. Jahrhundert wurde der Ritus unter die Aufsicht der römischen Autorität gestellt, die willkürlich vorging: Ein kaiserlicher Prokurator, der die religiösen Kultgemeinschaften kontrollieren sollte, erteilte die Genehmigung – oder auch nicht. Es kam zu aufwendigen Verfahren, weil es sich um eine „Ausnahme von einer reichsweiten gesetzlichen Bestimmung“ handelte, mit der die zunehmende Praxis der Kastration von Sklaven bekämpft werden sollte. Unter Nerva im Jahr 97 erging ein Senatsbeschluss:
Er drohte die Konfiszierung der Hälfte des Vermögens einer Person an, die einen Sklaven der Kastration ausliefert. Ebenfalls durch einen Senatsbeschluß, der wohl unter Trajan gefaßt wurde, erhöhte man die Strafe für Kastration auf Deportation und gleichzeitig komplette Konfiszierung des Vermögens. Dies stützte sich auf die lex Cornelia de sicariis et ueneficiis, ein altes Gesetz von Sulla (81 vor unserer Zeitrechnung), das Mord und Vergiftung unter Strafe stellte und bis in die Zeit von Justinian in Kraft blieb.78
Unter Kaiser Hadrian (76–138) wurde das Verbot nochmals verschärft: Chirurgen, die den Eingriff vornahmen, und Personen, die sich dazu bereit erklärten, drohte die Todesstrafe. In dem hadrianischen Edikt wurde zur Bezeichnung der Kastration der Begriff excidere (ausschneiden, abschneiden) verwendet. Da dieser Begriff auch auf die Beschneidung Anwendung fand, war diese nun auch vom Gesetz betroffen. „Das Recht schrieb so die Verwechslung fest, die bezüglich der ‚genitalen Manipulationen‘ in den Köpfen herrschte und die sich bei den griechischen und römischen Autoren widerspiegelt.“79
Die Proteste gegen das Gesetz führten schließlich zu Ausnahmeregelungen, die zunächst den ägyptischen Priestern (um 120), später auch den Juden zugestanden wurden. Modrzejewski weist zu Recht darauf hin, dass das Edikt des Hadrian nicht zwingend in Verbindung gebracht werden kann mit dem Kampf gegen die jüdische Selbstbestimmung: Es wurde mehr als eine Dekade vor dem Bar-Kochba Aufstand (132–135) erlassen. Doch das Gesetz trug dazu bei, die Vorurteile gegen die Juden zu schüren, indem es die Verwechslung von Beschneidung und Kastration beförderte. Unterschwellig griff es damit auch schon einen Gedanken auf, der später sowohl im christlichen Antijudaismus als auch im rassistischen Antisemitismus eine wichtige Rolle spielen sollte: der Gedanke, dass die Andersheit der Juden „irgendwie im genitalen Bereich“ zu verorten sei.80 Diese Vorstellung war wiederum geprägt von der Wahrnehmung, dass Begriffe wie Vater und Mutter – und damit einhergehend die Blutslinie – im Judentum eine andere Bedeutung hatten, als dies für Griechenland, Rom und das Christentum der Fall war. Indem die jüdische Gemeinde das Prinzip der Matrilinearität einführte, bestätigte sie, dass ihrer „Andersheit“ auch geschlechtliche Codes zugrunde lagen. Ihr selbst ging es aber um das Überleben der Gemeinschaft: Für Juden ergänzte die Entscheidung zur Matrilinearität das Zeichen der Beschneidung – auf symbolisch-religiöser wie auf historischer Ebene.
Die Entscheidung zur Matrilinearität war auch aus anderen historischen Gründen überlebenswichtig, und hier zeigte sich deutlich der Zusammenhang zur Beschneidung. Während der Kriege gegen die Römer waren viele jüdische Frauen vergewaltigt worden; ihre Kinder mussten in geordneter Weise ins Judentum überführt werden. Zugleich gab es einen dramatischen Männermangel; viele Witwen und unverheiratete Frauen blieben unversorgt. Dieses Problem hätte zwar vorübergehend durch Polygynie, wie sie auch schon die Einrichtung der levitischen Ehe vorsah, behoben werden können. Aber dagegen sträubten sich die Juden im Römischen Reich. So gab es nur die Möglichkeit, fremde Männer in die Gemeinschaft aufzunehmen. Vorher wurden, wie oben beschrieben, nichtjüdische Frauen zu Jüdinnen, indem sie einen Juden heirateten. Seit dem 2. Jahrhundert v. u. Z. gab es auch ein Reglement, das es Männern erlaubte, bei der Heirat mit einer Jüdin zum Judentum zu konvertieren. Es funktionierte „wie eine Art ‚Einbürgerung‘“.81 Die Konversion setzte aber zwingend die Beschneidung voraus, und durch die Ergänzungen des hadrianischen Edikts, die die Beschneidung für jüdisch geborene Söhne, nicht jedoch für Konvertiten zuließen, stand diese unter schwerer Strafe. In dieser demographischen Situation, die das faktische Verschwinden des Judentums impliziert hätte, blieb den Rabbinen also kaum eine andere Wahl, als die mütterliche Abstammungslinie einzuführen.82 Wäre aber alleine diese historische Situation der Grund für die Einführung der Matrilinearität gewesen, dann hätte sie nach einigen Generationen wieder verworfen werden können. Da dies nicht der Fall war, ist davon auszugehen, dass die Matrilinearität auch weiterhin eine wichtige Funktion für das Überleben der Gemeinde spielte – und der Grund dafür war zweifellos das Aufkommen des Christentums.
Judentum und Christentum: Aneignungen, Abgrenzungen
Die lange Geschichte des Antijudaismus, des rassistischen Antisemitismus und vor allem die Shoah (siehe hierzu auch den Beitrag von Stefanie Schüler-Springorum, S. 363) erzwingen heute, den Blick auf die Unterschiede zwischen „jüdisch“ und „christlich“ zu richten. Doch für die ersten Jahrhunderte waren diese nicht evident. Christentum und rabbinisches Judentum entstanden fast zeitgleich, sie entwickelten sich nebeneinander – oft in Abgrenzung gegeneinander, manchmal aber auch unter Übernahme von Gedankengut aus der anderen Religion. Je mehr die christliche Religion Zulauf hatte, je mehr sie sich mit Staat und weltlicher Macht verband, je mehr sie also über ein eigenes Territorium verfügte, desto schärfer wurde die Ablehnung des Judentums formuliert. Das Christentum tat sich schwer mit der Tatsache, dass sich sowohl die Heilige Schrift als auch die jüdisch-rabbinischen Lehren auf eine explizit jüdische Religion bezogen. Die Kirche berief sich zwar auf denselben heiligen Text, musste diesen jedoch im Sinne der eigenen Religion umdeuten, um den „alten Bund“ zwischen Gott und Israel zum Vorläufer des „neuen Bundes“ erklären zu können. Ein Beispiel für eine solche Umdeutung: Das in Exodus formulierte Konzept, dass Gott „inmitten Israel wohnt“ wurde von Paulus fast wörtlich aufgegriffen und auf die christliche Gemeinde übertragen: „Wißt ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes vernichtet, den wird Gott vernichten; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.“83 Ähnlich auch in der Johannes-Offenbarung. Im Abschnitt „Das himmlische Jerusalem“ wird ebenfalls das Exodus-Bild christlich umformuliert. „Siehe, das Zelt Gottes unter den Menschen. Und er wird bei ihnen sein Zelt aufschlagen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“84 Trotz – oder vielleicht wegen – solcher Aneignungen gab es eine tiefe Verunsicherung im Christentum: Die Tatsache, dass der Großteil der antijuadistischen Texte formuliert wurde, nachdem das Christentum Staatsreligion geworden war, zeigt deutlich, dass nicht einmal die Tatsache, majoritär zu sein, der christlichen Religion die Sicherheit der eigenen Überlegenheit verschaffte. Auch die zentrale Heilsbotschaft des Christentums, die Vergöttlichung Jesu, wurde erst im 3. Jahrhundert ausformuliert. Das Judentum dagegen musste sich neu ausrichten.
Das Judentum in seiner heutigen Gestalt ist eine vergleichsweise junge Religion, die ihre definitive Gestalt im frühen 3. Jh. in Abgrenzung und gegen verschiedene Gruppen von Jesusanhängern und Gnostikern, in Auseinandersetzung und Übereinstimmung mit dem römischen Imperium und: nicht zuletzt unter dem Einfluss der griechischen Philosophie gewonnen hat; ein in die Sprache des biblischen Glaubens gekleidetes System von ethisch gebundenen Lebensregeln, das sich in seinem menschheitlichen Universalismus von der stoischen Philosophie kaum unterscheidet, aber aufgrund bitterer historischer Erfahrungen einem politischen Quietismus anhängt und gleichwohl – anders als das Christentum nach Augustus – nicht bereit war, die moralische Verantwortlichkeit des einzelnen Menschen preiszugeben.85
Kurz, beide Religionen entwickelten ihre Lehrgebäude in Abhängigkeit von und in Ablehnung gegeneinander. Bei der jüdischen Abgrenzung gegen das Christentum hatten Zugehörigkeitsmerkmale wie Beschneidung und Matrilinearität eine wichtige Funktion.
Die ersten Christen kamen einerseits aus den Traditionen des Judentums, traten andererseits aber auch die Erbschaft von Griechenland und Rom an. Letztere, die heidnischen Christen, brachten die Ablehnung der Beschneidung mit. Anders als die Judenchristen drängten sie auf eine Hellenisierung des Judentums. Paulus kam ihnen entgegen: Er wollte die Beschneidung durch die Askese ersetzen. „So sind wir also, Brüder, dem Fleisch nicht schuldig, daß wir fleischlich leben. Denn wenn ihr fleischlich lebt, werdet ihr sterben. Wenn ihr aber mit dem Geist die Werke des Fleisches tötet, werdet ihr leben.“86 Da die Beschneidung Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel war, ließ die paulinische Aufkündigung der Beschneidung erkennen, dass man hier um einen neuen Gottesglauben, wenn nicht gar um einen neuen Gott rang. Gewiss, den Christen heidnischer Herkunft erleichterte der Verzicht auf die Beschneidung den Anschluss an die Gemeinde.87 Doch Paulus, der auch den Judenchristen entgegenkommen wollte, erklärte, dass Christus einen „neue(n) Bund in meinem Blute“ geschlossen hat.88 Wir Christen, so schreibt er, „sind die Beschneidung“.89 Mit dieser neuen Auslegung der Beschneidung wird die Beschneidung durch das Selbstopfer Christi ersetzt; dieses sollte fortan alle anderen Formen des Opfers ersetzen.90 Mit anderen Worten: Nicht nur implizierte der christliche Verzicht auf die Beschneidung eine völlig neue Gottesvorstellung, sondern es wurde hier auch ein Gott angerufen, der sich selbst, in Gestalt seines Sohnes, für das Opfer einbringt, das in der jüdischen Religion vom Menschen erbracht werden muss. Im Christentum kann der Gläubige allenfalls dadurch seinen Anteil am Opfer erbringen, dass er sich ganz dem Herrn verschreibt. „Die Gabe des Gläubigen ist zuerst die Gabe seiner selbst durch den Glauben, die Geste absoluten Vertrauens.“91
Die Beschneidung wurde zu einem wichtigen Referenzpunkt der Spaltung zwischen den zwei Religionen: Beide bezogen sich auf den „Bund mit Gott“, doch auf sehr unterschiedliche Weise, was sie in einen unauflöslichen Auslegungskonflikt brachte. Das römische Gesetz verstärkte die Spaltung. „Indem es die Beschneidung für unzulässig erklärte, hat das römische Recht machtvoll dazu beigetragen, den Prozess der Loslösung der Anhänger des Jesus von Nazareth aus ihrem ursprünglich jüdischen Milieu, der schon in der Mitte des ersten Jahrhunderts begonnen hatte, zum Abschluß zu bringen.“92 Mit der Ablehnung der Beschneidung übernahm das Christentum auch diese Erbschaft – neben Schriftsystem und Patrilinearität – von Hellenismus und Rom. Sie erweiterte die christlich-jüdische Spaltung um eine politische Dimension. Die Konflikte zwischen Rom und dem jüdischen Volk hatten vor allem darauf beruht, dass die religiösen Bestimmungen des Judentums zugleich einen Rechtskodex darstellten, mithin die Basis einer politischen Gemeinschaft bildeten. An sich gewährte das Römische Reich Religionsfreiheit; unter seinem Dach fanden sich auch viele unterschiedliche religiöse Strömungen wieder. Doch im Fall des Judentums implizierte religiöse Autonomie auch politische Selbstbestimmung, und die war schwer vereinbar mit den Ansprüchen römischer Herrschaft. Matrilinearität und Beschneidung verstärkten diese Differenz.
In den ersten Jahrhunderten nach der Entstehung des Christentums konkurrierten Judentum und Christentum um die religiöse Definitionsmacht. Dabei wurden auch viele Lehren in Anlehnung an die andere Religionsgemeinschaft entwickelt. Während dies für die christliche Seite schon länger anerkannt wurde, zeigt erst die neuere Forschung, wie sehr auch die Neudefinition des Judentums unter dem Einfluss des frühen Christentums stand. Beginnend in Jabne, dem ersten Ort rabbinischer Gelehrsamkeit, zogen jüdische Gelehrte klare Grenzlinien gegen das aufkommende Christentum. Einige unter ihnen – darunter hochrangige – sympathisierten aber auch mit den Jesusanhängern. Die traditionelle Metapher einer Mutter-Tochter-Religion zur Beschreibung von Judentum und Christentum sei vollkommen unsinnig, schreibt David Biale. Es handle sich eher um Zwillinge. „Man könnte die Metapher sogar erweitern und von identischen Zwillingen sprechen: ein Embryo, das sich später geteilt hat.“93 Andere bestreiten sogar die Spaltung und sprechen von „the ways that never parted“.94 Dagegen sieht Micha Brumlik im Christentum „ein älteres Geschwister“ des Judentums, eine „Ausformung des biblischen Glaubens, die das rabbinische Judentum in seiner heutigen Form provozierte“.95 Das rabbinische Judentum sei jünger als das paulinische Christentum und stelle zugleich eine Protestaktion dagegen dar.96 Biale nennt die Mischna und andere Texte des rabbinischen Judentums ein „Zweites Testament“,97 weist zugleich aber auch darauf hin, dass die Polarisierung zwischen Christentum und Judentum zu einer „Rejudaisierung“ Palästinas führte.98 In dieser Lesart werden das Neue Testament und der Talmud zu zwei miteinander konkurrierenden „Kommentaren“. In den Worten von Heinz-Günther Schöttler: „Beide – Juden und Christen – hören die gleiche ‚Ur-Kunde‘ des Einen Gottes: die als Tanach rezipierte Bibel Israels, verbunden mit Mischna und Talmud als Kommentar, bzw. die als Altes Testament rezipierte Bibel Israels, verbunden mit dem Neuen Testament als Kommentar.“99
Ein entscheidender Unterschied zwischen den beiden Arten der Exegese ergab sich durch die Art der Verschriftung. Sowohl die Evangelien als auch die rabbinischen Texte haben zunächst orale Form. Doch während im Christentum, nach dogmatischen Kämpfen, die Befürworter einer geschriebenen Fassung den Sieg davontrugen, entwickelte das rabbinische Judentum eine Form von Verschriftung, in der die Eigenschaften der Oralität erhalten blieben (siehe hierzu auch die Beiträge von Elisa Klapheck, S. 81 und Stefan Schreiner, S. 147). Erst ab dem 4. Jahrhundert, als sich diese unterschiedlichen Formen der Verschriftung und Exegese etabliert hatten, kann von zwei getrennten Religionen die Rede sein. Damals war „einerseits das Christentum die hegemoniale Macht des römischen Imperiums geworden und die christliche ‚Orthodoxie‘ entstanden“; andererseits hatte sich das rabbinische Judentum gefestigt und trat nun „mit seiner eigenen Orthodoxie und Hegemonie“ hervor100 (siehe hierzu auch den Beitrag von Joachim Valentin, S. 125).
Auch andere Judaisten und Historiker betonen, es sei nicht mehr möglich, „das Judentum ohne Christentum zu denken“.101 Israel Yuval schreibt: „Wo immer Ähnlichkeiten zwischen Judentum und Christentum zu beobachten sind, dürfte es sich um christlichen Einfluss auf das Judentum handeln und nicht umgekehrt, es sei denn, die jüdischen Wurzeln des betreffenden Phänomens liegen nachweislich früher als die christlichen.“102 Michael Hilton, ein an der Universität Manchester lehrender Rabbiner, zögert nicht, das rabbinische Judentum sogar als „Tochterreligion des Christentums“ zu definieren.103 (Offenbar fällt es schwer, das Verhältnis der beiden Religionen anders als in Verwandtschaftsmetaphern zu denken!) Auch Peter Schäfer weist auf viele Parallelen zwischen christlichen und jüdischen Messias-Vorstellungen hin.104 Wie kommt es dann, fragt Olmer, „dass die Unterschiede zwischen aschkenasischem und nordafrikanischem oder babylonischem Judentum so relativ gering sind“?105 Yuvals Antwort: Der christliche Einfluss auf das Judentum begann eben nicht erst im Mittelalter, als die Kirche fest etabliert war. Vielmehr trat bereits das judäische wie auch das babylonische Judentum die Erbschaft einer kulturellen Tradition an. In beiden Fällen kam es zu einer Ablehnung der christlichen Antwort auf die Krise, die die Tempelzerstörung ausgelöst hatte.
Am Anfang ging es den rabbinischen Gelehrten vor allem um die Abgrenzung gegen die jüdischen Anhänger des Christentums:
Die rabbinische Politik gegen das Christentum war in erster Linie gegen die Judenchristen gerichtet. Mit Erfolg grenzten sie sie aus und hielten sie von der jüdischen Gemeinde (Kehilat Israel) fern. Die Geschichte der Trennung ist im Wesentlichen die Geschichte des Triumphs der Rabbinen und das Versagen der Judenchristen, eine Mehrheit der palästinensischen Juden von den Zielen der Evangelien zu überzeugen.106
Das von den Rabbinen geschaffene Regelwerk verbot es, mit Judenchristen zu essen, Handel zu treiben, Geschäfte zu tätigen. Sie durften auch nicht ihre Bücher lesen, die als Ketzerei eingestuft wurden. Es war ihnen sogar verboten, sich von „Minim“ (innerjüdischen Ketzern) behandeln zu lassen – wegen der Gefahr, dass eine Heilung als christliches Wunder bezeichnet werden könnte (siehe hierzu auch den Beitrag von Charlotte Fonrobert, S. 173).107 Zur Abgrenzungsstrategie gehörte auch das Prinzip der Matrilinearität, das eindeutig etablierte, wer der jüdischen Gemeinde angehörte und wer nicht. Zwar gab es weiterhin Konversionen, aber sie hatten weniger Gewicht als die mütterliche Deszendenz. Zudem wurde festgelegt, „dass der jüdische Status praktisch unauflösbar war“.108 Dies galt auch für Konvertiten, die mit dem Übertritt eine neue Existenz annahmen. Durch das vollständige Eintauchen in „reines Wasser“ (Lev 11,36) wird ein Schlussstrich unter das vergangene Leben gesetzt und die Person als Jude oder Jüdin in ein neues Leben überführt: „Ein Proselyt ist wie ein neugeborenes Kind (bYev 22a).“109 Aus diesem innerjüdischen Konflikt zwischen traditionellen Juden und den Jesus-Anhängern wurde später, als Heidenchristen die ursprünglich innerjüdische Polemik übernahmen, die Basis des Antijudaismus und „eines nun christlich geprägten Antagonismus, der bis in die Gegenwart reicht, gegen ‚die Juden‘“.110
Wegen der Abgrenzung gegen die Judenchristen sahen sich die rabbinischen Gelehrten gezwungen, die Frage zu klären: Wer ist Jude? Wie ist der halachische Status der Anhänger dieser Religion.111 Das stärkt „die Vermutung, dass eine wesentliche Ursache der Einführung der Matrilinearität im 2. Jh. u. Z. die Auseinandersetzung mit dem Christentum war“.112 Der christlichen Gemeinschaft war viel daran gelegen, sich selbst als die legitime Erbin der Heiligen Schrift auszugeben, und der Anspruch der Kirche auf das Auslegungsmonopol verband sich mit dem Ziel, die legitime Erbin des Bundes zu sein. Als im Jahr 554 – das war zu einer Zeit, in der die Kirche schon Staatskirche war – der Codex Justinianus veröffentlicht wurde, erhob dieser den Vorwurf, dass die Juden die Bibel nicht nur anders, sondern falsch lesen. „Die Juden interpretieren verrückt“, stand dort zu lesen.113 Fortan wurde den Juden unter Androhung der Todesstrafe untersagt, Widerspruch gegen die Doktrin der Auferstehung, des Jüngsten Gerichts und der Erschaffung der Engel zu erheben. Das kaiserliche Dekret diente dazu, Juden als „Söhne des Teufels“ zu brandmarken,
[…] weil ihre Genealogie eine von der Wahrheit des Textes her als solche erkennbare falsche Genealogie, das heißt, ein Betrug ist. Die Juden sind falsch, juristisch falsch, wie gefälschte Schriftstücke; sie sind die falschen Nachkommen Abrahams, sie haben den Text falsch verstanden, die Formel Abrahams ‚et semen eius‘ falsch interpretiert.114
In dieses Schema der „legitimen Erbschaft“ gehörte auch die Frage der Blutslinie. Um Anspruch auf die jüdische Erbschaft zu erheben, legten die Christen mehrere Erzählungen der Hebräischen Bibel als Prophetien aus, in denen die Ankunft des Messias in der Gestalt von Jesus Christus angekündigt wurde.
Durch ein paar abenteuerliche Deszendenzkonstruktionen wurde Jesus Christus zum legitimen Erben des davidischen Throns, also des Königs der Juden, erklärt. Allerdings gab es ein entscheidendes Problem: Der Thron Davids wurde in männlicher Linie vererbt – und das matrilineare Prinzip, das die Rabbinen aus den Tora-Bestimmungen abgeleitet und als göttliches Gesetz legitimiert hatten, widersprach dem. Wie konnte sich das Christentum unter diesen Umständen der Rechtsnachfolge sicher sein? Indem es eine männliche und eine weibliche Deszendenlinie für Jesus Christus entwickelte. Die männliche Abstammung entsprach den Stammeslinien der Bibel und wurde darüber hinaus durch die göttliche Herkunft Christi, in eine Art von „geistiger Vaterschaft“ überführt, die ab dem 3. Jahrhundert auch für seine göttliche Herkunft stand. Für die weibliche Linie war dagegen die Jungfrau Maria die richtige Lösung: Erstens war sie ein „Sprössling“ aus dem Hause Davids, und da zweitens kein leiblicher Vater ins Spiel kam, handelte es sich eindeutig um eine weibliche Deszendenz, zumindest was die „menschliche Natur“ Christi betraf.115 Ob die Rabbinen die Absicht hatten, den Christen durch die Matrilinearität die Erbschaft ihrer Heiligen Schrift streitig zu machen oder nicht: Rückblickend kann man sich zumindest fragen, ob es ohne die Einführung der Matrilinearität auf jüdischer Seite überhaupt zu den christlichen Lehren der Jungfrauengeburt und dem Dogma der unbefleckten Empfängnis gekommen wäre.
Viele Differenzen zwischen rabbinischem Judentum und frühem Christentum betrafen Fragen der Sexualität und Fortpflanzung. „Die neue Denkweise, die im 2. Jahrhundert in christlichen Kreisen aufkam“, so Peter Brown, „verschob den Schwerpunkt des Denkens über die Natur menschlicher Schwachheit vom Tod auf die Sexualität. Denn die Sexualität wurde nicht mehr als freundliches Mittel gegen den Tod dargestellt.“ Vielmehr wurde sie „privilegiertes Symptom dafür, daß die Menschheit in Knechtschaft verfallen war“.116 Das christliche Ideal der Askese und die hohe Bewertung der Jungfräulichkeit117 waren der jüdischen Religion fremd: Am Schabbat hat der jüdische Mann „die Pflicht“ mit seiner Frau Geschlechtsverkehr zu haben; die sexuelle Vernachlässigung wurde von den Rabbinen als Grund akzeptiert, wenn eine Frau sich von ihrem Mann trennen wollte. Auch war ein Rabbi, im Gegensatz zu den christlichen Geistlichen, immer ein verheirateter Mann. Der ganzen antiken Welt war der christliche „Boykott des Schoßes“118 fremd. Die Sexualität galt Griechen wie Römern und Juden als Tribut, den Männer und Frauen für den Erhalt der Gemeinschaft zu erbringen hatten.
Das christliche Askese-Ideal übte allerdings eine hohe Anziehungskraft auf Frauen aus, weil es zugleich Geschlechtergerechtigkeit und Zugang zu einem geistigen Leben versprach. Diese Frauen genossen im frühen Christentum ein hohes Ansehen. Doch ab dem 4. Jahrhundert – d. h. in der Zeit, in der sich die christliche „Staatskirche“ allmählich herausbildete – verzog sich das Askese-Ideal in die Klöster, und in der Welt „draußen“ setzte sich eine traditionelle Geschlechterordnung durch: 34 der 81 canones, die die im Jahre 306 in Elvira versammelten Bischöfe erließen, betrafen Fragen der Ehe und sexueller Vergehen, ein Viertel aller Entscheidungen beinhaltete eine verstärkte Kontrolle der Frauen der christlichen Gemeinschaft.119
Dieser Wandel ging mit einem verschärften Antijudaismus einher. Auf dem Konzil von Elvira wurden auch die ersten kirchlichen Regeln erlassen, die sich ausdrücklich gegen das Judentum richteten – Regeln, die später in staatliches Recht überführt wurden. Vier der 81 canones von Elvira sahen eine Distanzierung vom Judentum vor: Ehen mit jüdischen oder heidnischen Partnern wurden verboten; Großgrundbesitzern wurde untersagt, ihre Feldfrüchte von Juden segnen zu lassen, und Gläubige sollten keine Tischgemeinschaft mit Juden pflegen. Auf der anderen Seite hatte sich zu dieser Zeit aber auch das rabbinische Judentum etabliert – und mit ihr die Halacha, der Verhaltenskodex für gläubige Juden. Zwar galt dies zunächst nur für Palästina (die Verbreitung der neuen Lehre in der erweiterten Diaspora sollte noch einige Jahrhunderte auf sich warten lassen, und erst im 8. Jahrhundert erreichte die Halacha Spanien und Italien, das Rheinland sogar erst im 9. Jahrhundert), doch mit der Halacha war ein Instrument geschaffen worden, „das in der Lage war, den wechselnden historischen Herausforderungen entsprechende Antworten zu geben“.120
Mit dem Übertritt von Konstantin dem Großen zum Christentum zu Beginn des 4. Jahrhunderts fiel im Römischen Reich das Verbot gegen die christliche Religion. Fortan wurde aus dem religiösen Konflikt ein politischer. Waren Judentum und Christentum im vorkonstantinischen Römischen Reich gleichermaßen Außenseiter, so erhielt nun die christliche Gemeinschaft durch die Verbindung mit der kaiserlichen Macht politisches Gewicht – und das veränderte die Rivalität zwischen den beiden Religionsgemeinschaften beträchtlich. Als im Jahr 380 das Christentum im Römischen Reich zur offiziellen Religion wurde, wurden Juden zu doppelten Außenseitern: der Religionsgemeinschaft wie des Staates. Im Jahre 438 dekretierte der Codex Theodosianus den Ausschluss von Juden von öffentlichen Ämtern und das Verbot der Mission unter römischen Bürgern oder Sklaven.121
So wie sich die jüdische Ablehnung des Christentums zunächst vor allem gegen die Abtrünnigen in den eignen Reihen richtete, hatte auch der christliche Antijudaismus oft innerreligiöse Hintergründe und Auswirkungen – und dieses Wechselspiel zog sich bis in die Moderne. Die antijüdische Literatur des 7. Jahrhunderts z. B. stand in enger Beziehung zum Bilderstreit, der innerhalb der christlichen Religion tobte, als dort neben die traditionelle Rechtfertigung der Kreuzesverehrung die Rechtfertigung des Bildes im christlichen Gebrauch trat.122 Andersherum verschärfte sich mit der Entwicklung der christlichen Bilderverehrung das jüdische Bilderverbot (siehe hierzu auch den Beitrag von Inka Bertz, S. 399).123 Die kirchlichen Debatten des 11. und 12. Jahrhunderts um die Bedeutung von Brot und Wein bei der Messe wurden auf dem Laterankonzil von 1215 zugunsten der Transsubstantiationslehre entschieden. Zugleich wurde die Bestimmung erlassen, dass Juden einen gelben Fleck zu tragen hatten. Während bei der Messe aus dem Symbol Brot und Wein das reale Fleisch und Blut Christi wurde, verwandelte die Markierung den „Juden“ in einen sichtbaren, physiologischen Anderen. Die Fixierung auf die andere Religion zog sich durch die gesamte Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehung: vom 1. Jahrhundert über das Mittelalter bis in die Moderne. Andersherum war auch die Haskala, die jüdische Aufklärung, eine Reaktion auf die Aufklärung des christlichen Kulturraums, wie auch die jüdische Orthodoxie, die sich dieser Entwicklung verweigerte (siehe hierzu auch den Beitrag von Julius H. Schoeps, S. 289).
Neue jüdische Identitäten
Mit der Entstehung des Staates Israel im Jahre 1948 änderte sich die Situation des Judentums grundlegend. Zum ersten Mal seit fast 2000 Jahren gab es neben der Diaspora auch einen festen Ort, ein „jüdisches Territorium“. Die jüdische Bevölkerung wurde 1945 auf 11 Millionen Personen geschätzt und umfasst heute 14,1 Millionen.124 Während der Diaspora 1945 noch ca. 10,5 Millionen Personen zugerechnet wurden, sank dieser Teil der jüdischen Weltbevölkerung auf heute 8,1 Millionen. Die meisten von ihnen leben in den USA. In demselben Zeitraum wuchs die jüdische Bevölkerung Israels von einer halben auf 6,1 Millionen Personen an.125 Israel hat heute die USA als größte jüdische Gemeinde verdrängt. 2050, so die Prognose, werden 57 Prozent aller Juden in Israel und 34 Prozent in den USA leben. Der europäische Anteil werde in demselben Zeitraum von 9 Prozent (1,2 Millionen) im Jahr 2006 auf sechs Prozent (0,8 Millionen) im Jahr 2050 zurückgehen.126 Man rechnet also mit einem weiteren Wachstum zugunsten von Israel und zulasten der Diaspora. Würde die jüdische Bevölkerung der USA nach halachischen Kriterien bemessen, wäre die Disproportion noch größer.127
Israel bedeutet nicht zwingend eine Zunahme der religiösen Definition des Judentums. Schon die zionistische Emigration nach Palästina war mehrheitlich säkular oder sogar atheistisch und plante einen „säkularen jüdischen Nationalstaat“, in dem die Religion „nur ein Bestandteil des nationalen kulturellen Erbes“ sein sollte – eine Vision, die von den religiösen Zionisten freilich nicht geteilt wurde.128 Zu einem religiösen Gebilde entwickelte sich der israelische Staat eigentlich erst seit dem Sechstagekrieg von 1967, der die Notwendigkeit einer einheitsstiftenden Kraft deutlich machte – und für diese kam in erster Linie die Religion in Frage (siehe hierzu auch den Beitrag von Micha Brumlik zum Thema Zionismus, S. 371). Dennoch bezeichnet sich noch heute eine deutliche Mehrheit (60 Prozent) der Israelis als säkular. Allerdings lebt diese Mehrheit, wenn auch nicht explizit, nach einem reformjüdischen Modell: Sie bekennt sich zum Judentum und hält sich an Rituale und Feiertage wie Schabbat, Beschneidung, Bar Mitzwa, Pessach, Jom Kippur etc. Diese werden aber nicht unbedingt als Rituale der jüdischen Religion wahrgenommen, sondern als „Bestandteile der Kultur in der israelisch-jüdischen Mehrheitsgesellschaft. Insofern heißt säkular leben, insbesondere in Israel, immer auch durch Sprache und Kultur dem Judentum verbunden bleiben“.129 Die meisten areligiösen Israelis, so Amos Oz, seien „Reformjuden, ohne es zu wissen“.130 Auch der „säkularste“ Israeli sei täglich mehr „Jiddischkeit“ ausgesetzt, als es ein orthodoxer amerikanischer Jude je sein wird; allein die hebräische Sprache sei eine stete Erinnerung an die eigenen Wurzeln.131 Was Israel also garantiert, ist die „Selbstverständlichkeit“ des Jüdisch-Seins – eine Erkenntnis, zu der viele Israelis erst kommen, wenn sie im Ausland zum ersten Mal erleben, dass ihre jüdische Identität minoritär ist.
Die Entstehung des Staates Israel bedeutete für einen Teil der jüdischen Weltbevölkerung das Ende der Diaspora. Das gilt heute nicht nur für Israelis, sondern auch für Juden in anderen Ländern. Für sie ist Israel zu einem Ort der Sicherheit im Fall von Verfolgung geworden. Er bedeutet die Bindung an ein Land, auch wenn sie nicht dort leben. Israel hat nicht die Bibel als Mittel der Kohäsion ersetzt; der Staat hat nicht das „portative Vaterland“ verdrängt. Doch das „Heilige Land“ ergänzt die „Heilige Schrift“. Dadurch besteht nicht mehr in demselben Maße die Notwendigkeit, den weiblichen Körper zur „Heimstätte“ des Judentums zu machen. Zwar gilt auch in Israel das matrilineare Prinzip jüdischer Identität, doch in der Praxis wird es teilweise durchbrochen, etwa durch die Immigrationsgesetze von 1970, die auch die Ehepartner, Kinder und Enkel eines Juden, den Ehepartner des Kindes eines Juden und den Ehepartner eines Enkels eines Juden in das Rückkehrrecht einbeziehen. Dadurch sollte explizit die Einheit von Familien, in denen es zu religiös gemischten Familien kam, bewahrt werden. Eigentlich ist es erstaunlich, dass Israel an der mütterlichen Linie festhält, obwohl diese eine Erfindung der Diaspora und durch die Diaspora bedingt war. Mit der Entstehung eines jüdischen Staats mit eigenem Territorium wäre das „Ersatzterritorium“ Mutter eigentlich verzichtbar. Wenn der Staat Israel dennoch daran festhält, so mag dies daran liegen, dass die Frage der Territorialität weiterhin als prekär empfunden wird.
In vielen Ländern, in denen noch 1970 Juden lebten, gibt es heute so gut wie keine jüdischen Gemeinden mehr – darunter Belarus, Moldawien, Usbekistan, Iran, Rumänien, Georgien, Marokko, Aserbaidschan. In anderen, wo 1970 kaum Juden lebten, gibt es jetzt jüdische Gemeinden – darunter Deutschland, Mexiko, Belgien, Niederlande, Italien, Chile, die Schweiz, Uruguay. Was die Diaspora betrifft, „deutet alles auf eine Verwestlichung des globalen jüdischen Kollektivs“.132 Die Verlagerung innerhalb des Judentums von Religion zu Kultur ist zugleich ein Phänomen der Diaspora. Unter den „säkularen“ Juden ist die Rate der Mischehen wiederum besonders hoch: Ca. 50 Prozent aller Juden außerhalb von Israel gehen Mischehen ein. Ist die Mutter jüdisch, so besteht wiederum eine 37-prozentige Chance, dass sich die Kinder als Juden betrachten; ist dagegen der Vater jüdisch, so übernehmen nur 15 Prozent der Kinder seine Erbschaft. In Ehen, wo beide Eltern jüdisch sind, liegt der Prozentsatz bei 92 Prozent. Bei den Enkeln weitet sich die Schere noch.133 Hinzu kommen die generell niedrigeren Geburtenraten, vor allem in Europa. Die Kombination von niedrigen Geburtenraten und hoher Rate an „Mischehen“ führt insgesamt zu einem Rückgang der jüdischen Bevölkerung in der Diaspora, die noch erheblich verstärkt würde, sollte sich die von der Orthodoxie geforderte Einschränkung auf das Prinzip der Matrilinearität überall durchsetzen. Sie bewirkt laut Olmer, dass „das jüdische Volk täglich um 150 Personen schrumpft“.134 An sich kann nicht wirklich von einer Abnahme der jüdischen Bevölkerung die Rede sein, nicht einmal, wenn man den großen Verlust an Menschen durch den Holocaust bedenkt. Die jüdische Weltbevölkerung betrug 1900 10,5 Millionen, im Jahr 1939 16,5 Millionen; nach dem Holocaust wurde sie auf 11 Millionen geschätzt. Bis zum Jahr 2014 wuchs sie wieder auf 14,2 Millionen an. Der größte Teil des Wachstums fand unmittelbar nach 1945 statt. In nur 13 Jahren wuchs die jüdische Bevölkerung um eine Million Menschen, „aber es bedurfte weiterer 47 Jahre, um eine weitere Million hinzuzufügen“.135 Seit 1970 stagniert das Wachstum. Allerdings verdreifachte sich die Weltbevölkerung von 1945 bis 2014, und der Rückgang des jüdischen Anteils stellt in der Tat eine Gefahr für den Bestand des Judentums dar.
So wundert es nicht, dass viele Juden, vor allem in der Diaspora, nun fordern, auch Kinder von jüdischen Vätern als Juden anzuerkennen. Diese Entscheidung, die sich – außer in Israel – durch keine staatliche Gesetzgebung bestimmen lässt, kann nur von den jüdischen Gemeinden selbst getroffen werden. Heinrich C. Olmer, der inzwischen verstorbene Vizepräsident des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, veröffentlichte 2010 ein Plädoyer für die Zulassung der „jüdischen Vaterschaft“. Er konstatiert, dass das Judentum heute vor ähnlichen Fragen steht wie das Rabbinat vor 2000 Jahren – nur in Umkehrung. Olmer fragt: Können die alten Gesetze, die damals das Überleben des Judentums sicherten, heute noch diese Funktion erfüllen? Sind das Matrilinearitätsprinzip, das Verbot der Mischehe, die Verknüpfung von Religion, Ethnizität und Nationalität, der heutigen Situation noch angemessen? Seine Antwort:
Es ist fraglich, ob mit dieser Position in der globalisierten, säkularen Welt des 21. Jh., eines pluralen Judentums und einer immens ansteigenden Mischehenrate die Menschen, die dem Judentum verbunden sind, aber von der Orthodoxie mit der starren Definition „Wer ist Jude?“ von der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden, die Zukunft des jüdischen Volks gesichert werden kann.136
In Deutschland plädiert, neben Heinrich Olmer, auch der Pädagoge und Judaist Micha Brumlik dafür, die patrilineare Abstammung als hinreichendes Kriterium der Zugehörigkeit zum Judentum wiedereinzuführen.
Wenn es historischen Umständen geschuldet war, im 2. Jahrhundert gegen die biblischen Abstammungsregeln der Mischna die Matrilinearität einzuführen, sollte es gemäß dem Geist des rabbinischen Pragmatismus doch heute möglich sein, die Matrilinearität zwar nicht abzuschaffen, sie aber doch um die Patrilinearität zu ergänzen.137
Die jüdische Gemeinde in Deutschland setzt sich heute zu einem großen Teil aus Juden zusammen, die nicht den halachischen Kriterien entsprechen: Seit 1990 kamen 220.000 sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Israel, die USA und Deutschland nahmen 92 Prozent aller russischen ImmigrantInnen auf. Seit 2001 ist Deutschland das wichtigste Zielland, noch vor den USA und Israel.138 Die aus Russland immigrierten Juden machen heute 80 Prozent der deutschen Juden aus – das ist weltweit einmalig. Der Mitgliederbestand der jüdischen Gemeinden hat sich wegen dieser Immigration seit den 1990er Jahren verdreifacht. Die alteingesessenen Juden, die die neuen eigentlich „integrieren“ sollten, bilden heute eine Minderheit. Man vermutet, dass inzwischen 200.000 Juden in Deutschland leben, hat aber keine genauen Zahlen, weil viele (man schätzt ca. 100.000) keiner Gemeinde angeschlossen sind.139 Das liegt vor allem daran, dass die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland an den halachischen Gesetzen festhalten, sich die religiöse Zuordnung in Russland jedoch nach dem Vater richtete.140 Von den deutschen Behörden dagegen werden die immigrierten Juden als Juden anerkannt – eine widersprüchliche Situation, die für die Betroffenen vollkommen unverständlich ist.
Die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft unterliegt also Kriterien, die sich von einem Land zum anderen unterscheiden können. Aus solchen Überlegungen heraus sind viele reformjüdische Gemeinden in den USA und Großbritannien sowie liberale Gemeinden in Deutschland dazu übergegangen, Kinder, die nur einen jüdischen Vater, aber keine jüdische Mutter haben, zu Bar Mitzwa und Bat Mitzwa zuzulassen, sofern sie jüdisch erzogen wurden. Am 15. März 1983 fasste das Committee for Patrilineal Descent der amerikanischen Reformgemeinden einen Beschluss, in dem es heißt: „Die Central Conference of American Rabbis erklärt, dass das Kind eines jüdischen Elternteils unter der Vermutung einer jüdischen Abstammung steht.“ Diese „Vermutung“ (es ist interessant, dass hier derselbe Begriff wie für die „Vaterschaftsvermutung“ verwendet wird) soll allerdings durch den Akt eines öffentlichen Bekenntnisses zum jüdischen Glauben und eine entsprechende Unterweisung ergänzt werden.141 Nahezu alle Gemeinden, die der World Union for Progressive Judaism angehören, haben die Positionen des amerikanischen Reformjudentums übernommen.142 „Jüdische Identität war nun weniger gegeben als wählbar. Kinder mit einem jüdischen Elternteil optierten für die jüdische Identität. […] Die Betonung verschob sich von der Geburt auf die bewusste Entscheidung.“143 Sogar in konservativen Gemeinden zeigen Umfragen, „dass 68 Prozent aller Befragten die patrilineare Abstammung unterstützen würden“.144 Insgesamt offenbart sich das Aufkommen einer neuen, „mehr individualistisch empfundenen jüdischen Identität außerhalb der etablierten jüdischen Strukturen“.145 Ähnliche Entwicklungen gelten auch für Großbritannien und Frankreich. Je nachdem, wie die jüdische Identität definiert wird – halachisch oder nach den Kriterien des Reformjudentums –, ergeben sich so erhebliche Differenzen in der Bevölkerungsstatistik.
Für Kinder von jüdischen Vätern und nichtjüdischen Müttern findet immer öfter der Begriff „Halbjude“ Verwendung. Er erinnert natürlich an die nationalsozialistischen Bezeichnungen, doch während diese ausschließlich die „Blutslinie“ meinten, sind mit diesen „Halbjuden“ neue kulturelle Identitäten gemeint, die sich stärker an der Frage der jüdischen Erziehung orientieren. 2006 hat eine Gruppe um Robin Margolis das „halbjüdische Netzwerk“ ins Leben gerufen.146 Es fand bereits Anerkennung beim US-Reformjudentum und bei den „Rekonstruktionisten“ (siehe hierzu auch den Beitrag von Michael A. Meyer, S. 277).147 Eine Studie konnte nachweisen, dass im Großraum Boston 60 Prozent der Kinder aus Mischehen als Juden erzogen werden. Sie galten bisher als „halbjüdisch“, könnten nun aber ihren Einfluss auf eine neue Definition von „jüdisch“ geltend machen.148 Die französische Historikerin Esther Benbassa schreibt dazu: Die exogame Ehe bedeutet „nicht notwendigerweise den Austritt aus dem Judentum, sondern die Erfindung einer neuen jüdischen Identität, die es erlaubt, exogam zu heiraten, gleichzeitig Mitglied einer Gemeinde zu bleiben und diese Identität seinen Nachkommen weiterzugeben“.149 Manche reformjüdischen Gemeinden gehen inzwischen so weit, bei Mischehen die jüdische Mutter als Zugehörigkeitskriterium auszuschließen, wenn die Familie keine Erziehung zum Judentum garantiert. Eine solche Einstellung bedeutet potentiell, dass zwei völlig unterschiedliche, ja sogar konträre Definitionen von Judentum entstehen: eine halachisch-orthodoxe gegenüber einer kulturellen. Zum ersten Mal seit 2000 Jahren wird der gemeinsame Nenner aller jüdischen Gemeinden – das Prinzip der Matrilinearität – in Frage gestellt.
Damit steht möglicherweise die Idee der Blutslinie überhaupt zur Disposition – eine Entwicklung, die sich schon im 19. Jahrhundert, mit dem Säkularisierungsprozess angebahnt hatte und ihren Ausdruck in neuen, weder religiösen noch ethnischen Definitionen jüdischer Identität fand. Im Zusammenhang mit Freud spricht Yerushalmi vom „psychologischen Juden“. Den klassischen jüdischen Texten entfremdet,
spricht der psychologische Jude gern von unveräußerlichen jüdischen Zügen. Befragt man ihn weiter, so nennt er als typische jüdische Eigenschaften unter anderem Intellektualität und geistige Unabhängigkeit, höchste ethische und moralische Normen, Sinn für soziale Gerechtigkeit und Unbeirrbarkeit angesichts der Verfolgung.150
Andere sprechen von „kulturellen Juden“, die zwar auch religionsfern sind, deren jüdische Herkunft aber dennoch eine wichtige Rolle spielt. Diesen „kulturellen Juden“, repräsentiert etwa durch Aby Warburg, Ernst Cassirer, Georg Simmel, Walter Benjamin oder Franz Kafka, verdankte das geistige Klima der Jahrhundertwende in Wien, Berlin oder Prag Impulse, die im Kontext einer geistigen Tradition des Judentums zu sehen sind; Impulse, die Ausbildung der Kritik- und Denkfähigkeit bedeuteten.151 Sie hatte viel mit der Tradition der mündlichen Exegese gemein, der Fähigkeit, verschiedene Interpretationen der Tora nebeneinander stehen zu lassen und den Widerspruch zu ertragen.
Im Moment scheint noch die Orthodoxie über die „Norm“ zu bestimmen, aber das gilt schon längst nicht mehr für die USA, und auch in England dürfte bis 2020 die Reformbewegung zur größten jüdischen Strömung geworden sein.152 Auch in den anderen Ländern der Diaspora bilden sich zunehmend nichtorthodoxe jüdische Gemeinden. Die Pluralisierung gilt auch für Deutschland, wo sich mittlerweile mehrere Strömungen herausgebildet haben, die von orthodox über konservativ bis zum liberalen Judentum reichen. Manche von ihnen werden in ein und demselben Rabbinerseminar ausgebildet. Über Jahrhunderte definierte sich das Judentum durch die Orthopraxie, die über Alltag wie religiöses Leben bestimmte. Dieser Aspekt des Judentums scheint nicht mehr den Bedürfnissen zu entsprechen. Jeshajahu Leibowitz (1903–1994) geht sogar so weit zu fragen, „ob das jüdische Volk vom halachischen Standpunkt aus überhaupt noch existiert.“153 Er sieht „ziemlich gute Überlebenschancen für bestimmte orthodoxe jüdische Gruppierungen, aber ich bezweifle doch, dass man darin die Fortexistenz der großen Geschichte des jüdischen Volkes sehen kann“.154 Die moderne Orthodoxie habe keine Antwort auf die aktuellen Probleme des jüdischen Volkes; sie habe „eigentlich kein Verständnis für diese Probleme“.155 Die Conclusio dieses großen Gelehrten, der einerseits moderner Naturwissenschaftler war und andererseits orthodox lebte und in Israel für eine strenge Trennung von Religion und Staat eintrat:
Wenn ich meine Worte zu diesem Thema zusammenfassen soll, dann muss ich sagen, dass die Zukunft des jüdischen Volkes mir wirklich nicht klar ist, nicht in Israel und nicht in der Diaspora. Möglicherweise gibt es für die innere Krise, die im 19. Jh. begonnen hat, wirklich keine Lösung.156
Allerdings, so muss man sagen, hat ein Gutteil jüdischer Denktraditionen auch in nichtjüdischer Umgebung Fuß gefasst – in der Philosophie gilt dies etwa für die Tradition der „Dekonstruktion“, für die vor allem der französische Philosoph Jacques Derrida stand. Und es gilt auch für die kulturtheoretischen Aspekte der Psychoanalyse.157 Auf beiden Gebieten stehen Widerspruch, Uneindeutigkeit, Flexibilität der Auslegung, wie sie für den Talmud bezeichnend sind, im Vordergrund. Auch das vernetzte Wissen des Internets, das sich aus Querverweisen und widersprüchlichen Informationen zusammensetzt, weist eine ähnliche Struktur wie der Talmud auf.
Zu den verschiedenen Strömungen innerhalb des Judentums kommen noch die Unterschiede zwischen dem Judentum in Israel und dem in der Diaspora. In Israel selbst ist keine einheitliche Definition jüdischer Identität zu erkennen: Laut einer Erhebung sind zehn Prozent der israelischen Juden ultraorthodox, elf Prozent „nationalreligiös“, jeder vierte bezeichnet sich als gemäßigt traditionell, vier von zehn als säkular.158 Da jedoch in Israel auch die Säkularen eher dem Reformjudentum zuzuordnen sind, kann hier noch von einer gewissen Zuordnung die Rede sein. Das gilt nicht für die Diaspora. Die Mehrheit der Juden in der Diaspora hat sich überhaupt keiner Denomination angeschlossen. Viele unter ihnen – in manchen US-Städten der überwiegende Teil – gehören keiner Synagogengemeinschaft an. In New York sind es nur 39 Prozent. „Man schätzt, dass ca. 2 Millionen amerikanischer Juden in Haushalten leben, die sich als nichtjüdisch identifizieren.“159 Daneben gibt es aber auch viele, die sich wegen ihrer Herkunft als „jüdisch“ oder aus anderen Gründen mit dem Judentum verbunden fühlen.
Das säkulare Judentum stellt die meist verbreitete Form moderner jüdischer Identität dar. So Adam Chalom, der den Versuch unternommen hat, diese Vielfalt zu definieren.160 Im Vordergrund dieses säkularen Judentums stehen ethische Definitionen wie etwa der Humanismus.161 Auf der Webseite der Society for Humanistic Judaism heißt es, dass viele Juden ihre jüdische Identität nicht in der Religion, sondern in „der historischen Erfahrung des jüdischen Volkes“ finden: „Das humanistische Judentum verschreibt sich einer Mensch-zentrierten Philosophie, die jüdische Kultur ohne übernatürliche Untermauerung feiert. Humanistische Juden schätzen ihre jüdische Identität und jene Aspekte jüdischer Kultur, die einen wahrhaftigen Ausdruck zeitgenössische Lebens bieten.“ So feiere man auch die jüdischen Feiertage und Zeremonien des Lebenszyklus, doch geschehe dies jenseits traditioneller Symbole und Liturgien.162 Das Recht, darüber zu entscheiden, wer Jude ist, gehöre den Juden selbst – eine Formulierung, die über die Paradoxie hinwegsieht, dass man nicht weiß, wer überhaupt ein Anrecht darauf hat, dieses Recht auszuüben. Oder aber die Formulierung will besagen: Jude ist, wer Jude sein will. Genau das war die Antwort, die Ben-Gurion erhielt, als er 1950 einen Fragebogen an Intellektuelle verschickte, in dem er sie nach der jüdischen Identität befragte. „Die Mehrheit der Befragten war der Ansicht, dass jeder, der sich als Jude oder Jüdin betrachtet, Teil des jüdischen Volkes sei.“163 Das Reformjudentum der Diaspora scheint sich weiter in diese Richtung zu bewegen. Symptomatisch dafür ist einerseits die Entstehung des Verbandes Circle of Secular Jews mit seinen Jews of no Religion, andererseits aber auch die Tatsache, dass laut einem Pew Report von Mai 2015 heute jeder sechste erwachsene Jude in den USA ein Konvertit ist.164 Die Konvertiten bezeichnen sich selbst als Jews by Choice – „Wahljuden“. Die Jerusalem Post, die im Mai 2015 über die Ergebnisse des Pew Reports berichtete, illustrierte die Nachricht mit einem Bild von Juden aus Brooklyn, die Purim feiern, sich also „verkleidet“ haben.165 Offenbar sollte mit dieser Illustration unterstellt werden, dass es sich bei der hohen Zahl von Konvertiten um „unechte Juden“ handelt.
Rabbi Walter Jacob, der 1930 in Augsburg als Sohn einer bedeutenden Rabbinerfamilie geboren wurde und 1938 mit seiner Familie in die USA floh, wo er zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten des liberalen Judentums wurde, konstatiert, dass die überwältigende Mehrheit der Juden in Nordamerika, Israel und dem Rest der Welt nur in einem ganz losen Sinne jüdisch ist. Dennoch formen diese Menschen
eine neue, in ethnischer Hinsicht unverwechselbare Jüdischkeit. Sie teilen ein kollektives, kultur-sittliches Gedächtnis und obwohl sie Maimonides, Buber oder dem Gaon von Wilna fernstehen, sind sie doch nicht verloren. Sie entwickeln eine jüdische Kultur, die auf losen Verbindungen zwischen Freunden beruht, auf dem Internet und einer unbestimmten Spiritualität. Diese Spielart der Jüdischkeit hält sich seit Generationen, vielleicht schon ein Jahrhundert lang.166
Er beschreibt damit ein kulturelles und psychologisches Verständnis von jüdischer Identität, das mit einer matrilinearen Blutslinie so gut wie nichts mehr gemein hat, aber Ausdruck eines neuen Verständnisses von Judentum sein könnte.
Für Simon Dubnow deckte sich die moderne Religionsvielfalt mit den unterschiedlichen Einstellungen des frühen 20. Jahrhunderts zu Diaspora und Zionismus: Während die Reformer in der Diaspora einen Vorteil sahen, der zur Verbreitung eines „ethischen Monotheismus“ beigetragen habe, beschwörten Orthodoxe den messianischen Gedanken, laut dem das jüdische Volk ohne eine Heimstatt in Palästina zum Untergang verdammt sei.167 Diese Zuordnung – Reformjudentum der Diaspora, Orthodoxie dem Zionismus – hat sich mit der Entstehung des Staates Israel zunächst nicht bestätigt (der Großteil des Zionisten war nicht religiös, geschweige denn orthodox), nimmt heute aber zunehmend Gestalt an. In den letzten 20 Jahren setzte sich in Israel zunehmend das Gedankengut der Orthodoxie durch, und es übt inzwischen auch Druck auf den majoritären Teil der Bevölkerung aus, der sich als säkular begreift oder einer liberalen Interpretation der Religion nahesteht.168 In der Diaspora ist die Entwicklung genau gegenläufig: In den USA und auch in England wächst die Reformbewegung und dürfte bald zur größten jüdischen Strömung geworden sein.169 Ähnliches gilt auch für die anderen Länder der Diaspora.
Die modernen Gesellschaften haben es mit zwei großen Neuerungen zu tun. Das eine ist die Globalisierung und eine damit einhergehende Zunahme der Migration. Das andere ist die Verdichtung des Kommunikationswesens, insbesondere durch das Internet. Zwar hat es schon immer große Migrationsbewegungen gegeben, gerade rund um das Mittelmeer, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen diese weltweite Dimensionen an. Für die jüdische Kultur entspricht sie einer mehr als 2000-jährigen Erfahrung, die jedoch im 20. Jahrhundert ihre größte Verdichtung erfuhr. Zwischen 1900 und dem Beginn des 21. Jahrhunderts migrierten rund 10 Millionen Juden „von, zu und quer durch Länder und Kontinente“, davon mehr als die Hälfte in den Jahren zwischen 1948 und 2013.170 Die jüdische Migrationserfahrung begann vor zweieinhalbtausend Jahren im babylonischen Exil, wo die theologischen Texte ausformuliert wurden. Seither ist sie der Religion selbst eingeschrieben. Denn schon in Babylon fand das Judentum in den Buchstaben der Schrift eine stellvertretende „Heimat“. Nach der zweiten Zerstörung des Tempels erwies sich diese Verlagerung des Gotteshauses in die Buchstaben erneut als überlebenswichtig. Auch heute scheint die jüdische Kultur besser als irgendeine andere für die Konsequenzen gewappnet, die sich auch aus der Verdichtung des Kommunikationsnetzes ergeben. Die jüdische Kultur hatte die Schrift zu ihrem „portativen Vaterland“ gemacht. Was aber ist das Internet anderes, als ein ins Schriftsystem verschobenes Heimatland? Im Cyberspace wird das Festland durch ein „bewegliches“ Territorium der Zeichen ersetzt. Mehr noch als die Migration von Menschen ist das Internet zu dem Symbol einer neuen global zusammengehörigen Welt geworden – und dieses Leben in den Buchstaben ist der jüdischen Kultur nicht nur vertraut, es ist ihr strukturell eingeschrieben.
Der amerikanische Kultur- und Kommunikationsforscher Jeffrey M. Peck, der ein Buch über die Frage der jüdischen Identität in Deutschland seit 1989 verfasst hat, vertritt die Ansicht, dass für Juden in der Diaspora die modernen Informationstechnologien zu einem wichtigen Vehikel der Vernetzung geworden sind. Das gelte insbesondere für die sich wandelnde jüdische Gemeinde in Deutschland in ihrer Beziehung zum Rest von Europa und zu Israel als der privilegierten „Heimat“ des jüdischen Volkes. „Das Erscheinen eines Cyber-Jew wäre nicht erstaunlich angesichts der wachsenden technischen Möglichkeiten, Informationen auszutauschen und, in diesem Fall, Identitäten zu konstruieren und ein neues Diaspora-Bewusstsein zu schaffen.“171 Er erwähnt einige Portale wie Jewhoo und ClickonJudaism, das von der Union of American Hebrew Congregations of Reform Movement in der Hoffnung geschaffen wurde, Menschen über Inhalte „als Eintrittsportal zur Synagoge“ zu erreichen.172 Es entstanden so Netzwerke, die sowohl eine „ethnische Gemeinschaft“ als auch eine „virtuelle Ethnizität“ herstellen. So der Medienwissenschaftler Mark Poster in seinem Buch What’s the Matter with the Internet? Als Beispiel zitiert er ein Foto, auf dem ein orthodoxer Jude an der Klagemauer zu sehen ist, der sein Mobiltelefon dem Heiligen Ort entgegenstreckt, damit ein weit entfernter Freund an diesem Ort mit ihm beten kann. Das Internet, so Poster, sei weit davon entfernt, ethnische Zugehörigkeit aufzuheben, vielmehr erlaube es „Juden, wo auch immer sie sich auf dem Planeten befinden mögen, miteinander in Kontakt zu treten“.173 Diese Faktoren, so Peck, spielen besonders in Deutschland eine Rolle: Einerseits wachse die deutsche jüdische Gemeinde rascher als irgendeine andere, hier befinde sich mittlerweile die drittgrößte Europas bzw. die neuntgrößte der Welt. Andererseits gebe es eine vollkommene Unklarheit über den Status jüdischer Identität in Deutschland. In seinen Augen ist das Internet zu dem Symbol für das Leben in der Diaspora geworden – das „portative Vaterland“ der Moderne.
Die neue jüdische Diaspora-Identität, die ich hier beschreibe, trägt zwar die Kennzeichen einer konventionellen, auf dem Blut beruhenden Affinität, verwandelt sich nun aber in eine andere Art von ziviler, politischer Gemeinschaft, die sich nach den Kategorien des globalen elektronischen Netzwerks bildet, das heute alle Identitäten reformiert.174
Auf dieser Art von Netzwerk und jüdischer Identität basiert Walter Jacobs Zuversicht über die Zukunft des Judentums: „Da uns für unsere jüdische Identität eine Vielzahl von Optionen zur Verfügung steht, sollten wir uns nicht allzu sehr um die Zukunft oder unsere demografische Entwicklung sorgen. Einige mögen für immer verloren gehen, aber die meisten werden in Nordamerika, Israel und Europa neue Formen der Jüdischkeit und des Judentums schaffen.“175
Dieses neue „soziale“ oder „virtuelle“ Konzept jüdischer Identität ist Globalisierung. Aber ohne die Entstehung des Staates Israel als territorialem Gegenpol wäre diese Entwicklung kaum vorstellbar. Das heißt, erst seitdem zum portativen Vaterland der Tora ein reales Territorium hinzugekommen ist, wurden einerseits die weltweite Diaspora, andererseits aber auch die Pluralisierung der Definitionen jüdischer Identität möglich. Zu letzteren gehören u. a. die nichtreligiösen, geistigen und kulturellen Definitionen. Diese Korrelation von Israel und Diaspora zeigt sich an einer erstaunlich hohen Übereinstimmung des Wertekanons: Sowohl in den USA (als die Repräsentation der Diaspora) als auch in Israel hat die Erinnerung an den Holocaust hohe Priorität – höher als der Glaube an Gott. Bei beiden nimmt auch die Familie einen hohen Stellenwert ein – höher als etwa die jüdischen Feiertage. Auch der wachsende Bildungsanspruch ist beiden Kulturen gemeinsam: 1957 hatten in den USA nur 26 % der jüdischen Männer und 10 % der jüdischen Frauen einen akademischen Abschluss. 2001 lag er schon bei 67 % der Frauen und 71 % der Männer – das ist erheblich höher als bei der restlichen Bevölkerung. Ähnlich in Israel, wo besonders der Anstieg unter den Frauen auffallend ist.176 Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Sorge um Israel. Nur in einem Punkt unterscheidet sich der Wertekanon: „Unter US-Juden hat die Identifizierung mit jüdischer Kultur, Geschichte und Politik einen ebenso hohen Stellenwert wie die Teilnahme an der Zivilgesellschaft für israelische Juden.“177 Man könnte das Ergebnis dieser Erhebung mit dem Satz interpretieren: Die Juden der Diaspora haben die Aufgabe übernommen, für den Bestand der geistigen Erbschaft des Judentums zu sorgen, die Juden in Israel dagegen, den Bestand der Gemeinschaft zu sichern.
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1„Biblisches Judentum“ ist ein Begriff der Moderne. Selbst der Begriff „jüdisch“ kommt in der gesamten Hebräischen Bibel nur zweimal vor. Ähnliches gilt auch für den Begriff „Religion“. Die Gemeinschaft des Alten Israel sah sich selber eher als ein Volk. Siehe hierzu auch den Beitrag von Daniel Boyarin, S. 59.
2Stock, Brian: The Implications of Literacy: Written Language and Models of Interpretation in the Eleventh and Twelfth Centuries, Princeton 1983.
3Douglas, Mary: Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu, Frankfurt/Main 1988.
4Biale, David: Blood and Belief: The Circulation of a Symbol between Jews and Christians, Berkeley 2007.
5Vgl. Braun, Christina von: Zum Begriff der Reinheit, in: Metis. Zeitschrift für Historische Frauenforschung I (1997), S. 7–25.
6Ong, Walter: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes, übers. v. Wolfgang Schömel, Opladen 1987, S. 91.
7Kallir, Alfred: Sign and Design: The Psychogenetic Sources of the Alphabet, London 1961, S. 243 (dt.: Sign and Design. Die psychogenetischen Quellen des Alphabets, Berlin 2002).
8Die Anekdote ist dem Babylonischen Talmud entnommen, bekannt als „Lo Baschamajim hi“ („Sie ist nicht im Himmel“, die Tora). Es handelt sich um die Geschichte vom Ofen des Achnai (BM 59a–b). Den Hinweis verdanke ich Liliana Feierstein und Micha Brumlik.
9Erst im rabbinischen Judentum, dessen Vorstellungen sich oft in Parallele oder in Abgrenzungen gegen das Christentum entwickelten, taucht gelegentlich ein „Vater“ in Gebeten auf, so im Gebet zum Versöhnungstag Avinu Malkenu, das zwischen 500 und 1000 entstanden sein soll. Vgl. Elbogen, Ismar: Jewish Liturgy: A Comprehensive History, Philadelphia 1993. Es handelt sich um eine erweiterte Ausgabe des ursprünglich deutschen Titels Der Jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Leipzig 1913.
10Braun, Christina von: Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht, München; Zürich 2000; Gießen 2016.
11Verband der Deutschen Juden (Hg.) (neu hg. von Homolka, Walter; Jacob, Walter; Ben-Chorin, Tovia): Die Lehren des Judentums nach den Quellen, Bd. 3, München 1999, S. 43 ff.
12Aristoteles: Über die Zeugung der Geschöpfe, Buch I, Bd. 14, S. 71 f., S. 66 f.; Buch II, S. 81 f., 87 f.
131. Kor 11,7 f.
14Der Begriff der „Investition“ kommt, wie das Wort schon sagt, aus dem Textilbereich und wurde auch im übertragenen Sinne, etwa für „Bekleidung eines Amtes“, verwendet. Erst im 17. Jahrhundert, mit der Entstehung von Aktiengesellschaften und dem Papiergeld, wurde er auf den ökonomisch-monetären Bereich angewendet. Nach dieser Herleitung gilt die „Investition“ als die Verkleidung des Geldes. In einem ähnlichen Sinne ist auch die Oralität für das griechische Alphabet eine Verkleidung der Schrift und die leibliche Fortpflanzung eine Materialisierung der geistigen Fortpflanzung.
15Dazu ausführlicher Braun, Christina von: Blutsbande. Verwandtschaft als Kulturgeschichte, Berlin 2018.
16Braun, Christina von; Mathes, Bettina: Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen, Gießen 22007; siehe auch Braun, Christina von: Fundamentalismus und Geschlecht, in: Stollberg-Rilinger, Barbara (Hg.): „Als Mann und Frau schuf er sie“. Religion und Geschlecht, Würzburg 2014, S. 165–180.
17Kantorowicz, Ernst H.: Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters, München 1990.
18Vgl. Braun: Blutsbande.
19Freud, Sigmund: Der Mann Moses und die monotheistische Religion, Gesammelte Werke, Frankfurt/Main 1952 ff., Bd. XVI, S. 101–246, hier: S. 221.
20Finkelstein, Israel; Silberman, Neil A.: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel, München 82015, S. 61 ff., 82.
21Baltrusch, Ernst: Die Juden und das Römische Reich, Darmstadt 2002, S. 27.
22Vgl. Havelock, Eric A.: Als die Muse schreiben lernte, Frankfurt/Main 1992.
23Olmer, Heinrich C.: Wer ist Jude? Ein Beitrag zur Diskussion über die Zukunftssicherung der jüdischen Gemeinschaft, Würzburg 2010, S. 41.
24Esr, 7,7 ff.
25Neh 8,8.
26Assmann, Jan: Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur, München 1998, S. 159.
27Ex 42–46.
28Marx, Alfred: Opferlogik im alten Israel, in: Janowski, Bernd; Welker, Michael (Hg.): Opfer. Theologische und kulturelle Kontexte, Frankfurt/Main 2000, S. 129–149, hier: S. 140.
29Jonas, Hans: Gnosis. Die Botschaft des fremden Gottes, hg. von Wiese, Christian, Frankfurt/Main 1999, S. 26.
30Dubnow, Simon: Diaspora, in: Seligman, Edwin R. A.; Johnson, Alvin (Hg.): Encyclopaedia of the Social Sciences, Bd. 5, New York 1931, Bd. 5, S. 126–130, hier: S. 126.
31Jonas: Gnosis, S. 34.
32Ebd.
33Ong: Oralität und Literalität, S. 96.
34Hénaff, Marcel: Der Preis der Wahrheit. Gabe, Geld und Philosophie, Frankfurt/Main 2009, S. 536.
35Haarmann, Harald: Universalgeschichte der Schrift, Frankfurt/Main; New York 1991, S. 289.
36Yerushalmi, Yosef Hayim : Reflexions sur l’oubli, in: ders. (Hg.): Usages de l’oubli. Colloques de Royaumont, Paris 1988, S. 7–21, hier: S. 15.
37Stemberger, Günter: Einführung in die Judaistik, München 2002, S. 44.
38Esr 10,2–4.
39Olmer: Wer ist Jude, S. 67.
40Heine, Heinrich, Sämtliche Schriften, München 1995, Bd. 4, S. 483.
41Olmer: Wer ist Jude, S. 72.
42Bieberstein, Klaus: Grenzen definieren. Israels Ringen um Identität, in: Kügler, Joachim (Hg.): Bayreuther Forum TRANSIT, Impuls oder Hindernis? Mit dem Alten Testament in multireligiöser Gesellschaft. Beiträge des Internationalen Bibel-Symposiums Bayreuth 27.–29. September 2002, Münster 2004, S. 59–72, hier: S. 64.
43Bieberstein, Klaus: Geschichten ziehen Grenzen. Esra, Nehemia und Rut im Streit, in: Küchler, Max; Reinl, Peter (Hg.): Randfiguren in der Mitte, Freiburg (Schweiz) 2003, S. 33–47.
44Olmer: Wer ist Jude, S. 76.
45Ebd., S. 74.
46Cohen, Shaye J. D.: The Beginnings of Jewishness: Boundaries, Varieties, Uncertainties: Hellenistic Culture and Society, Los Angeles 1999; ders.: The Origins of the Matrilineal Principle in Rabbinic Law, in: Association for Jewish Studies (AJS) Review 10 (1985), S. 19–53; Mélèze Modrzejewski, Joseph: „Mutilare Genitalia“. Römisches Recht und jüdische Matrilinearität, hg. von Fachbereich Rechtswissenschaft, Forschungsstelle für jüdisches Recht – Marcus Cohn, im Internet: http://www.juedisches-recht.de/rec_modrzejewski.php, letzter Zugriff: 11. 06. 2017; Boyarin, Daniel: Dying for God: Martyrdom and the Making of Christianity and Judaism, Stanford 1999; Yuval, Israel: Zwei Völker in deinem Leib. Gegenseitige Wahrnehmung von Juden und Christen, Göttingen 2007.
47Olmer: Wer ist Jude, S. 63.
48Brown, Peter: Die Keuschheit der Engel. Sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit im frühen Christentum, München 1994; siehe auch Braun: Versuch über den Schwindel, S. 193–196.
49Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus, München 2003.
50Dohmen, Christoph; Stemberger, Günter: Hermeneutik der Jüdischen Bibel und des Alten Testaments, Köln 1996, S. 75 f.
51Ebd.
52Cohen: Beginnings of Jewishness, S. 269 f.
53Zitiert nach Furmann, Liliana: Hypothesen zum Übergang von der biblischen Patrilinearität zur rabbinischen Matrilinearität, in: Freiburger Universitätsblätter 172 (2006), S. 45–54, hier: S. 46.
54Modrzejewski: Mutilare Genitalia, S. 18.
55Ebd.
56tQid IV, 16, zitiert nach Cohen: Beginnings of Jewishness, S. 277.
57Olmer: Wer ist Jude, S. 88.
58Ebd., S. 83.
59Ebd., S. 85.
60Modrzejewski: Mutilare Genitalia, S. 1.
61Olmer: Wer ist Jude, S. 87.
62Modrzejewski: Mutilare Genitalia, S. 3.
63TB BB 109b, zitiert nach ebd., S. 2.
64Olmer: Wer ist Jude, S. 95.
65Modrzejewski: Mutilare Genitalia, S. 18.
66Ebd., S. 15.
67Ebd., S. 3.
68Cohen: Origins of the Matrilineal Principle, S. 41.
69Stemberger: Einführung, S. 74.
70Olmer: Wer ist Jude, S. 109.
71Brumlik, Micha: Matrilinearität im Judentum. Ein religionshistorischer Essay, in: Wohl von Haselberg, Lea (Hg.): Hybride jüdische Identitäten. Gemischte Familien und patrilineare Juden, Berlin 2015, S. 19–33, hier: S. 32.
72Olmer, Wer ist Jude, S. 100.
73Modrzejewski: Mutilare Genitalia, S. 15.
74Zum Zusammenhang Opfer und Fruchtbarkeit vgl. Braun, Christina von: Der Preis des Geldes, Berlin 2012, S. 43–51.
75Zitiert nach Steinberg, Leo: The Sexuality of Christ in Renaissance Art and in Modern Oblivion, Chicago; London 21996, S. 53.
76Dieser Verwechslung begegnet man auch im innerjüdischen Kontext in den Debatten des 19. Jahrhunderts um die Beschneidung. Dort wird die Hygiene oft von aufgeklärten Juden als Rechtfertigung für die Beschneidung angeführt.
77Modrzejewski: Mutilare Genitalia, S. 6.
78Ebd., S. 9.
79Ebd., S. 10.
80Vgl. Braun, Christina von: Zur Bedeutung der Sexualbilder im rassistischen Antisemitismus, in: Feministische Studien 2/2 (November 2015), S. 293–307.
81Modrzejewski: Mutilare Genitalia, S. 14.
82Paradoxerweise argumentieren die heutigen Befürworter einer Abschaffung des reinen Matrilinearitätsprinzips ebenfalls mit der demographischen Situation und dem Rückgang der jüdischen Bevölkerungszahlen. Heute gilt aber gerade die Mischehe (zu der sich die Rabbinen im 2. Jahrhundert schließlich durchgerungen hatten, indem sie nichtjüdische Väter akzeptierten) als Grund für die Dezimierung der jüdischen Bevölkerung: Sie führe zu einer wachsenden Unkenntnis jüdischer Traditionen, mithin auch zu einer mangelnden emotionalen Einbindung ins Judentum.
831. Kor 3,16–17.
84Johannes Offenbarung 21,3.
85Brumlik, Micha: Judentum. Was stimmt? Die wichtigsten Antworten, Freiburg i. Br. 2007, S. 39 f.
86Röm 8,12–13.
87Gal 2,1–10.
881 Kor 11,25.
89Phil 3,2–3.
90Hebr 9,13–14.
91Hénaff: Preis der Wahrheit, S. 408.
92Modrzejewski: Mutilare Genitalia, S. 13.
93Biale: Blood and Belief, S. 45 (Hervorhebung im Original).
94Becker, Adam H.; Yoshiko Reed, Annette (Hg.): The Ways that Never Parted: Jews and Christians in Late Antiquity and the Early Middle Ages, Tübingen 2003.
95Zitiert nach Morgenstern, Mathias: Mutter-, Schwester- oder Tochterreligion? Religionswissenschaftliche Beobachtungen und Überlegungen zum Verhältnis von Judentum und Christentum, in: Dialog („Du-Siach“). Christlich-jüdische Informationen 67 (2007), S. 19–26, hier: S. 22.
96Brumlik, Micha: Kommentar zur 7. These von „Dabru Emet“, in: Kampling, Rainer; Weinrich, Michael (Hg.): Dabru Emet – redet Wahrheit. Eine jüdische Herausforderung zum Dialog mit den Christen, Gütersloh 2003, S. 122–132, hier: S. 132.
97Biale: Blood and Belief, S. 45.
98Ebd.
99Schöttler, Heinz-Günther: „Die Nachbarschaft von Juden und Christen – auf Augenhöhe“. Zur Theologie und Praxis der christlich-jüdischen Beziehungen, in: Hierold, Alfred E. (Hg): „Umbruch“ – ein Zeichen der Zeit. Kirche von Bamberg in der Welt von heute, Münster 2007 (= Bamberger Theologisches Forum, Bd. 11), S. 81–119, hier: S. 117.
100Olmer: Wer ist Jude, S. 116.
101Ebd., S. 111.
102Yuval: Zwei Völker, S. 35.
103Zitiert nach Morgenstern: Mutter-, Tochter-, Schwesterreligion, S. 23.
104Schäfer, Peter: Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums, Tübingen 2010.
105Olmer: Wer ist Jude, S. 112.
106Alexander, Philipp S.: The Parting of Ways from the Perspective of Rabbinic Judaism, in: Dunn, James D. G. (Hg.): Jews and Christians: The Parting of the Ways, A. D. 70 to 135, Tübingen 1999, S. 1–25, hier: S. 3.
107Olmer: Wer ist Jude, S. 121. Fragen der Tischgemeinschaft mit Juden tauchten auch bei frühchristlichen Debatten auf.
108Ebd., S. 122.
109Ebd., S. 120, Fn 463.
110Ebd., S. 117.
111Ebd., S. 119.
112Ebd., S. 115 f.
113Im Prolog der Novelle 146 heißt es „[…] insensatis semetipsos interpretationibus tradentes (…)“, zitiert nach Legendre, Pierre: „Die Juden interpretieren verrückt“. Gutachten zu einem klassischen Text, in: Psyche 43 (1989), S. 20–39.
114Ebd., S. 24 (Hervorhebungen im Original).
115Hinzu kamen als „Weissagungen“ ausgelegte Verse in Jes 7,14, wo es heißt: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären.“ Die neue Übersetzung der katholischen Kirche, die Anfang 2017 erschien, korrigiert diese Aussage. Es heißt nun: „Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn.“ Von einer Weissagung ist nicht mehr Rede. Darüber hinaus weisen die Übersetzer auch darauf hin, dass das hebräische Wort „almáh“ eigentlich „junge Frau“ bedeutet, womit sie ein Fragezeichen hinter eine der wichtigsten Belegstellen für die Jungfräulichkeit Marias setzen.
116Brown: Keuschheit der Engel, S. 101.
117Gregor von Nyssa: Über die Jungfräulichkeit, in: Wirth, P.; Gessel, W. (Hg.): Bibliothek der griechischen Literatur, Bd. 7, Stuttgart 1977, Kapitel II, S. 83.
118Brown: Keuschheit der Engel, S. 101.
119Ebd., S. 220.
120Olmer: Wer ist Jude, S. 110.
121Ebd., S. 102.
122Krause, G.; Müller, G. et al. (Hg.): Theologische Realenzyklopädie, Bd. 6, Berlin; New York 1993, S. 533.
123Ebd., S. 523.
124Wer wird hier mitgezählt? Die Demographie verwendet für diese Statistik den Begriff der core Jewish population, einer „jüdischen Kernbevölkerung“. Sie „umschließt alle Menschen, die sich in einer soziodemographischen Befragung selber als Juden bezeichnen oder von Angehörigen desselben Hauses als jüdisch identifiziert werden“. Die „jüdische Kernbevölkerung“ überschneidet sich, ist aber nicht identisch mit dem halachischen oder anderen normativen Definitionen des Judentums. Es geht auch nicht um religiöses Verhalten oder Engagement für jüdische Angelegenheiten. Ausgeschlossen sind jedoch Personen, die einer anderen monotheistischen Religion angehören. Die Definition der „jüdischen Kernbevölkerung“ umfasst Konvertiten (egal nach welcher Prozedur sie konvertierten) und auch Personen, die sich mit einer jüdischen Gemeinde identifizieren, ohne konvertiert zu sein. Sie begreift auch all die Personen als „jüdisch“, die sich nicht religiös, sondern aus ethnischen oder kulturellen Gründen dem Judentum zurechnen. Vgl. DellaPergola, Sergio: Israel and the Diaspora: Convergent and Divergent Markers, in: Ben-Rafael, Eliezer; Schoeps, Julius H.; Sternberg, Yitzhak; Glöckner, Olaf (Hg.): Handbook of Israel: Major Debates, Bd. 2, Berlin 2016, S. 1080–1101, hier: S. 1088 f.
125Ebd., S. 1083.
126Olmer, Wer ist Jude, S. 155.
127Ebd, S. 155.
128Ebd., S. 142.
129Ebd., S. 196.
130Zitiert nach. einem Interview mit Uri Regev in: Jüdische Allgemeine, 5. April 2007, S. 4.
131Olmer: Wer ist Jude, S. 196.
132DellaPergola: Israel and the Diaspora, S. 1083.
133Olmer: Wer ist Jude, S. 13.
134Ebd., S. 15.
135DellaPergola: Israel and the Diaspora, S. 1083.
136Olmer: Wer ist Jude, S. 127.
137Brumlik, Micha: Papa ante Portas. Warum die Gemeinden auch Kinder jüdischer Väter als Mitglied akzeptieren sollten. Ein Plädoyer, in: Jüdische Allgemeine, 6. 11. 2011.
138Olmer: Wer ist Jude, S. 166.
139Ebd., S. 167, Fn 91.
140Doron Kiesel im Abschlussbericht von 8. 2. 2009: „Waren sie in der Sowjetunion Angehörige einer nationalen Minderheit gewesen, deren ethnische Zugehörigkeit sich patrilinear bestimmt hatte, so gelten sie in Deutschland als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft, unter der Voraussetzung, dass sie, gemäß dem jüdischen Religionsgesetz, den Nachweis einer jüdischen Mutter erbringen.“ Gotzmann, Andreas; Kiesel, Doron; Körber, Karen: Im Gelobten Land? Die Integration russischsprachiger Juden in die jüdischen Gemeinden Deutschlands, Abschlussbericht-Berichtszeitraum: 1. April 2005–15. September 2008, Zentralrat der Juden in Deutschland, Berlin, S. 8 f.
141Reform Movement’s Resolution on Patrilineal Descent, March 15, 1983.
142Olmer: Wer ist Jude, S. 137.
143Kaplan, Dana Evan: Contemporary American Judaism, New York 2009, S. 183.
144Olmer: Wer ist Jude, S. 137.
145Ebd., S. 163.
146Fishkoff, Sue: „Ja, ich bin Halbjüdin“. Zwischen Ablehnung und Akzeptanz: In den USA bekennen sich immer mehr Kinder aus Mischehen zu beiden Seiten ihrer Identität, in: Jüdische Allgemeine, 23. 8. 2007.
147Der Rekonstruktionismus wurde in den 1930er Jahren durch den Rabbiner Mordecai Menahem Kaplan in den USA entwickelt. Kaplan verstand das Judentum nicht als Religion, sondern als eine sich weiterentwickelnde „religiöse Zivilisation“, die nicht nur rituelle, sondern auch kulturelle Aspekte wie Geschichte, Literatur und Künste umfasst. Für den Rekonstruktionismus gilt die Halacha nicht als festgelegt, sondern befindet sich in einem permanenten Prozess der Fortentwicklung. 1955 wurde die Jewish Reconstructionist Federation gegründet, die etwa 100 Gemeinden und Gruppen umfasst und drei Prozent des amerikanischen Judentums ausmacht. Vgl. Kaplan, Mordecai: Judaism as a Civilization: Toward a Reconstruction of American Jewish Life, New York 1934; siehe auch Dashefsky, Arnold; Sheskin, Ira: American Jewish Year Book 2013.
148Olmer: Wer ist Jude, S. 185.
149Benbassa, Esther; Attis, Jean-Christophe: Haben die Juden eine Zukunft? Ein Gespräch über jüdische Identitäten, Zürich 2002.
150Yerushalmi, Yosef Hayim: Freuds Moses. Endliches und unendliches Judentum, Berlin 1992, S. 28.
151Vgl. Deuber-Mankowsky, Astrid: Der frühe Walter Benjamin und Hermann Cohen. Jüdische Werte, Kritische Philosophie, vergängliche Erfahrung, Berlin 2000.
152Olmer: Wer ist Jude, S. 193.
153Leibowitz, Jeshajahu: Gespräche über Gott und die Welt mit Michael Shashar in Jerusalem 1987, Frankfurt/Main 1990, S. 83.
154Ebd., S. 85.
155Ebd., S. 86.
156Ebd.
157Vgl. etwa: Blumenberg, Yigal: Psychoanalyse – eine jüdische Wissenschaft? Von den jüdischen Wurzeln der Psychoanalyse und der Abwehr von Tradition und Fremdsein, in: Forum der Psychoanalyse 12 (1996), S. 156–178, hier: S. 171.
158Olmer: Wer ist Jude, S. 159.
159Ebd., S. 187.
160Chalom, Adam: A Judaism for Secular Jews, in: Gitelman, Zvi (Hg.): Religion or Ethnicity? Jewish Identities in Evolution, New Brunswick; London 2009, S. 286–302.
161Der Begriff wird in Europa eher mit einer bestimmten Epoche der frühen Neuzeit verbunden, in den USA dagegen mit allgemein-weltlichen Aspekten der Kultur – so etwa beim Fächerbündel der „Humanities“, der den in Europa unter dem Namen Geisteswissenschaften firmierenden Fächern weitgehend entspricht.
162www.shj.org/, letzter Zugriff: 27. 05. 2016.
163Olmer: Wer ist Jude, S. 202.
164Von diesen ordnen sich 44 % dem Reformjudentum, 22 % dem konservativen, 14 % dem orthodoxen, 5 % anderen Bewegungen und 16 % gar keiner bestimmten Strömung zu.
1651 in 6 adult US Jews are converts, Pew study finds, in: Jerusalem Post, 13. 5. 2015.
166Zitiert nach Olmer: Wer ist Jude, S. 203.
167Dubnow: Diaspora, S. 130.
168Vgl. Tirosh, Yori: Adjudicating Women’s Exclusion in Israel: The Demise of Constitutional Law and the Rise of Private Law, in: ICON, International Journal of Constitutional Law 2017 (im Druck); siehe auch dies., Modesty on Parade, in: Haaretz, 2.6. 2017, S. 8.
169Olmer: Wer ist Jude, S. 193.
170DellaPergola: Israel and the Diaspora, S. 1084.
171Peck, Jeffrey M.: Being Jewish in the New Germany, New Brunswick; London 2006, S. 165.
172Ebd., S. 166.
173Poster, Mark: What’s the Matter with the Internet? Minneapolis; London 2001, S. 148 ff.
174Peck: Being Jewish, S. 167.
175Zitiert nach Olmer: Wer ist Jude, S. 203.
176DellaPergola: Israel and the Diaspora, S. 1087 f.
177Ebd., S. 2091 f.
Gab es in der griechisch-römischen Epoche ein „Judentum“?
Daniel Boyarin
Heute stellt sich oft die Frage, ob der Begriff „jüdisch“ eher einer Religion oder eher einer kulturellen Gemeinschaft (mit eigenen Gesetzen und Zugehörigkeitsmerkmalen) zuzuordnen ist. In den modernen Gesellschaften lässt sich der Begriff „jüdisch“ auf vielfache Weise auffächern: So gibt es „religiöse Juden“ (unterschiedlicher Ausrichtungen), „kulturelle Juden“ (die nicht in die Synagoge gehen, sich jedoch der Gemeinschaft der Juden zugehörig fühlen) oder auch „psychologische Juden“, wie der Historiker Yosef Hayim Yerushalmi am Beispiel von Sigmund Freud dargestellt hat (siehe hierzu auch den Beitrag von Christina von Braun, S. 15). Für die Antike ist eine solche Auffächerung schon aus dem Grund nicht möglich, weil für diesen Zeitraum kaum zwischen Religion und Kultur unterschieden werden kann. Seit etwa einem Jahrzehnt stellt sich die Forschung auf den Standpunkt, dass es nicht möglich ist, moderne euro-amerikanische Kulturinstitutionen auf antike oder nichtwestliche Gesellschaften zu projizieren. Als Paradebeispiel dafür gilt die „Religion“. Es wird immer deutlicher, dass das Konzept „Religion“ als eine von der „Politik“ getrennte, eigenständige Institution zu vollkommen irreführenden Interpretationen der genannten Kulturen führt. Der folgende Beitrag soll deutlich machen, dass es genauso falsch ist, den Juden der Antike eine „Religion“ zuzuschreiben wie den Römern, den antiken Griechen oder den Indianern. Diesem Gedanken folgend soll weiterhin gezeigt werden, dass es in der Antike kein „Judentum“ in unserem heutigen Sinne gegeben hat, da die Juden selbst zu jener Zeit kein Konzept dieser Art hatten.1 Die Verwendung des Terminus „Judentum“ für jene oder jede andere vormoderne Epoche ist ausgesprochen irreführend, da er unweigerlich suggeriert, es hätte eine separate „religiöse“ Sphäre gegeben, abgetrennt von dem, was wir heute „Politik, Wirtschaft und Gesetz“ nennen.
Das antike Judentum und seine Widersprüche
Ich beginne mit einer kurzen Analyse von Philip Davies’ Standardwerk On the Origins of Judaism,2 schicke aber voraus, dass durch die Annahme dessen, was nachfolgend verworfen werden soll, nämlich die Existenz eines wie auch immer gearteten „antiken Judentums“, übersehen wird, was die bedeutendsten Erkenntnisse dieses Werks sein könnten. Doch beginnen wir mit Davies’ Eröffnungsthese:
Das antike Judentum ist die religiöse Matrix der drei monotheistischen (oder monarchistisch-theistischen) Weltreligionen und neben der klassischen griechisch-römischen Kultur einer der beiden Ursprünge der westlichen Zivilisation.3
Das Problem liegt meines Erachtens bereits bei der Matrix dieses Satzes an sich, nämlich am Konzept „antikes Judentum“. Meint Davies hier den Kult des Alten Israel, wie er im Zweiten Tempel praktiziert wurde, also den Kult des Tempelstaates, den Jahud? Wenn das wirklich das „Judentum“ war, wie ist es dann möglich, dass dieses „Judentum“ sowohl die Matrix des „Judentums“ als auch einiger anderer Gemeinschaften ist, die nicht „Judentum“ genannt werden? Haben wir es hier mit einem ehelichen und zwei unehelichen Kindern zu tun? Diese Position vertritt Davies eindeutig nicht, denn schon im nächsten Satz merkt er an: „Nur weil das Judentum den Namen der Mutter annahm, ist es seinen Vorgängern deshalb nicht typologisch näher.“ (Das Samaritertum seiner Meinung nach hingegen schon.) In diesem Fall stellt sich die Frage, weshalb die „Mutter“ überhaupt als „Judentum“ bezeichnet werden soll, erscheint doch dieser Begriff in keiner der Quellen, die das Alte Israel erwähnen. Der Versuch, dessen angebliche „Religion“ als Judentum zu bezeichnen und somit zu suggerieren, dass die rabbinischen, mittelalterlichen sowie die modernen Arten des Judentums (selbst moderne Konstrukte) die direkten, echten (also typologisch nächsten) Nachkommen dieses Vorläufers sind, ist zweifellos ein legitimes apologetisches Unterfangen, doch hält es auch einer wissenschaftlichen Untersuchung stand? Schließlich scheint mir auch problematisch, das Samaritertum auf das „antike Judentum“ zurückzuführen, bezeichnen sich die Samariter doch nicht einmal selbst als Ioudaioi, sondern als Israeliten.
Natürlich ist Davies’ Darstellung viel zu komplex, als dass nach seiner Vorstellung das antike Judentum nur eine einzige Entität gewesen wäre (so spricht er mit Verweis auf das äthiopische Henochbuch von „Arten des Judentums“), doch die Frage bleibt: Weshalb sollte überhaupt von Judentum gesprochen werden? In der Tat führt die Verwirrung, die diese Spurensuche stiftet, zu folgenden Äußerungen: „Wenn man das ‚frühe Judentum‘ definieren will, muss man sich auch fragen, ‚wer war Jude‘“?4 Indem Davies die Frage so formuliert, ändert der Terminus „Judentum“ seine Bedeutung in seinem Text – von der Bezeichnung einer angeblichen „Religion“, aus der andere angebliche „Religionen“ hervorgegangen sind, zu einer wie auch immer gearteten Volkszugehörigkeit. Am Schluss kommt er zudem zu folgender (bahnbrechender) Erkenntnis:
Das Ergebnis dieser […] Entwicklungen ist die nunmehr breit (wenn auch zugegebenermaßen nicht einstimmig) akzeptierte Wahrnehmung, dass das „Judentum“ in dem Zeitabschnitt vor dem Fall des Zweiten Tempels (und faktisch auch noch lange danach) in Wirklichkeit eine Zusammenstellung kultureller und religiöser Einstellungen war. Diese überschnitten sich zuweilen oder standen zueinander im Wettstreit; sie reichten von dem, was Soziologen heute „Zivilreligion“ nennen, bis zu ziemlich isolierten Sekten.5
Von „Judentum“ kann also nur in Anführungsstrichen gesprochen werden – oder könnte es sich um einen Hinweis darauf handeln, dass diese Bezeichnung von anderen verwendet wurde? Wenn diese Gruppe in der Antike nicht „Judentum“ genannt wurde (wie nachfolgend gezeigt werden soll, hatte Ioudaismos eine ganz andere Bedeutung sowohl in den Büchern der Makkabäer als auch bei Paulus, die einzigen beiden antiken Kontexte, in denen dieser Begriff auftaucht) – woher kommt dann der Name „Judentum“ für diese Gruppe? Die Frage, wann sich „eine Zusammenstellung kultureller und religiöser Einstellungen“ formierte, ist ein weiteres gewichtiges analytisches Problem, besonders, wenn zumindest einige dieser Einstellungen im Widerstreit zu den anderen stehen.
Davies ist sich dieser Probleme wohl bewusst: Moderne Wissenschaftler, die das Konzept des einzig wahren, ewigen Judentums zweifellos de-essentialisieren und von „Judaismen“ sprechen, sieht er als feste Bestandteile eines Systems von „Judaismen“, die miteinander konkurrieren, oder eines Genus, der sich aus verschiedenen „judaistischen Spezies“ zusammensetzt. Gleichzeitig wirft er denselben Wissenschaftlern vor, sich nicht die Mühe gemacht zu haben, den Begriff „Judentum“ zu definieren. Wie Davies selbst anmerkt, ist die Definition des Judentums als Genus mit verschiedenen judaistischen Spezies ebenso problematisch wie die Bedeutung, die sich aus der Vorstellung ergibt, dass ein einziges Judentum individuelle Spezies hervorbrachte, die dann die Gemeinschaften bildeten. Im Hinblick auf eine andere Studie, die scharf zwischen dem Judentum als ungebrochener „religiöser Tradition“ und den „Hellenisierern“ unterscheidet, bemerkt Davies zu Recht: „Sind die Judentümer des Philon oder im 2. oder 4. Buch der Makkabäer traditioneller oder hellenistischer Art? Wenn solche Mischungen in Ägypten möglich waren, warum dann nicht in Palästina?“6
Die Frage, ob „das Judentum“ die Religion des „jüdischen Volkes“ sei oder ob zum „jüdischen Volk“ gehöre, wer sich zu dieser Religion bekennt, beantwortet Davies dahingehend, dass viele Juden in der Antike Konvertiten gewesen seien, die freiwillig oder unter Zwang zu einer „bereits bestehenden Religion“ übertraten.7 Die Ansatzpunkte, auf die sich diese Feststellung stützt, werfen eine ernsthafte Frage auf. Wie jüngst dargestellt, war die Frage der Konversion in der Zeit des Zweiten Tempels und selbst noch einige Zeit später alles andere als geklärt.8 Für bedeutende Gruppen (wie etwa für den Autor des Buchs der Jubiläen) trifft keiner dieser Ansätze zu: Jude ist, wer als Jude geboren ist, nicht mehr und nicht weniger (wenn auch für einige dieser Gruppen ein Junge, der nicht am achten Tag nach der Geburt beschnitten wurde, kein Jude war und auch nie einer werden konnte!). Überdies, was soll man sich unter einer Religion vorstellen, die „bereits existiert hat“, wenn sie von niemandem im Volk je so benannt wurde, und wie können Konvertiten ein Teil davon sein, wenn ein Großteil der Gläubigen die Möglichkeit der Konversion gar nicht anerkannte?
Davies kennt die Problematik, die Existenz einer kulturellen Einheit vorauszusetzen, wenn diese behauptete Einheit weder direkt noch indirekt in der Sprache der Mitglieder dieser Gemeinschaft benannt wird: „Erst wenn ein Konzept wie ‚Judentum‘ ins Bewusstsein rückt, das heißt in Begriffe gefasst wird, kann auch erklärt werden, was diese Begriffe bedeuten […] Doch das bewusste ‚-tum‘ ist eine Vorbedingung oder zumindest ein Symptom für den Eintritt von ‚Judentum‘ in das historische Bewusstsein.“ Die Frage ist also eine philologische: Davies legt dar, dass dieses bewusste Konzept in einem Werk entwickelt wurde bzw. belegt ist, das als das 2. Buch der Makkabäer bekannt wurde. Insofern könne von einer Einheit gesprochen werden, die „Judentum“ genannt wird. Wie aber kann man feststellen oder behaupten, dass der extrem seltene, kaum belegte hellenistische Begriff Ioudaismos„Judentum“ bedeutet und nicht „Loyalität gegenüber dem Gemeinwesen und den Bräuchen des Volkes von Judäa“?
Ioudaismos ist nicht gleich „Judentum“
Steve Mason hat zweifellos Recht, wenn er behauptet, dass die sogenannte Konversion zum sogenannten Judentum (sofern sie überhaupt anerkannt wurde) ein – wie gesagt freiwilliger oder erzwungener – Aufnahmeprozess in ein der Nation analoges Gebilde war – ein Genos oder Ethnos (alle diese Begriffe in ihrer antiken Bedeutung). Was hat Religion damit zu tun? Mason schreibt dazu Folgendes:
Es gibt ein simples Modell der Ethnizität (Athener sind Athener, Tyrianer sind Tyrianer etc.), aber in diesem Fall – wie es Josephus auch in Gegen Apion betont – sind die Judäer anders als die Athener und Spartaner, die streng auf ihre Staatsbürgerschaft achteten. Im Gegensatz dazu nahm Moses bereitwillig jeden auf, der bereit war, unter judäischen Gesetzen zu leben. Philo macht dieselbe Aussage: Wer seine Familie, seine Polis, seine Gesetze und seine Bräuche gegen unsere eintauscht, sollte als unser Fleisch und Blut angenommen werden. Andere zeichnen nach, wie die Idumäer zu Judäern wurden, weil sie die judäischen Gesetze annahmen. Epiktet, Tacitus und Juvenal kommentieren dieselbe Erscheinung als Außenstehende: Leute anderer Ethnizität werden merkwürdigerweise zu Judäern, indem sie den ganzen Satz ihrer normalen Identitätsmerkmale aufgeben (was aus der Sicht von Tacitus nicht wünschenswert ist). Es geht hier nicht um religiöse Konversion, sondern um den Wechsel der Ethnie, was in der Tat bemerkenswert ist (man hätte dasselbe tun können, indem man Römer wurde, außer dass die römische Staatsangehörigkeit die ursprüngliche Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft nicht in dem Maße gemindert hätte, wie man die Traditionen der eigenen Vorväter hätte aufgeben müssen, um Judäer zu werden).
Wie Mason weiter ausführt, zeigt auch der folgende Text von Josephus Flavius (Der Jüdische Krieg 7,45), dass der Autor die Konversion nicht im christlichen Sinne interpretierte:
Ferner übte auch ihre Religion [thrēskeiai im griechischen Original] stets eine große Anziehung auf viele Griechen aus, die durch deren Annahme in gewisser Hinsicht selbst wieder ein Stück jüdischen Volksthums wurden.9
Zunächst beweist der Plural thrēskeiai, dass es sich hier nicht um Judentum handelt, also nicht um eine Religion, sondern um die Ausübung von Kulten verschiedener Art (einschließlich möglicherweise auch der Einhaltung von Speisegesetzen wie Kaschrut, des Schabbat u. ä.). Noch deutlicher schließt die Aussage „die durch deren Annahme in gewisser Hinsicht selbst wieder ein Stück jüdischen Volksthums wurden“ jede Vorstellung einer religiösen Konversion aus, ganz im Gegensatz zu einer „ethnischen“ Verbindung, da man bei der Konversion zu einer „Religion“ nicht in gewisser Hinsicht, sondern ganz Teil der Gruppe und der Institution wird, der man sich anschließt.
Es gab also Mason zufolge kein „Judentum“, zu dem man konvertieren konnte. Was also ist dann im 2. Buch der Makkabäer (und in einigen verwandten Texten) mit Ioudaismos gemeint? Mason zeigt, dass dieser Begriff weder die angebliche jüdische Religion noch die Ausübung des Kults der Juden benennt. Diese These zur Bedeutung des seltenen hellenistischen-jüdischen Wortes Ioudaismos, das nur in einem Kontext erscheint, ist jedoch entscheidend, da Davies sein äußerst anspruchsvolles System der Suche nach den Ursprüngen des „Judentums“ genau auf diesen Ioudaismos aufbaut. In seinen Augen ist Jüdischsein vor dem Auftritt des Ioudaismos (und hier schließt er sich Daniel Schwartz an) „[…] grundsätzlich eine Frage der Lokalität oder der Rasse [Ethnos oder Genos, DB]. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es unter ihnen mehr Übereinstimmung bei einem Glauben oder einem Brauch gab als etwa unter allen Franzosen oder allen Frauen“.10 Doch nach dieser angeblichen Transformation gebe es durchaus Grund zu genau dieser Annahme. Davon leitet Davies drei Phasen der Entwicklung des „Judentums“ ab: 1. eine vorreflektive Zeit, in der „die judäische Kultur […] weder homogen war noch konzeptualisiert wurde“; 2. „‚Judentum‘ als judäisches Kulturkonzept“; 3. „‚Judentum‘ neu definiert als Religion, Kult oder Philosophie – Glauben und Ausübung, nicht Bräuche“.11 Er löst also das Logikproblem, denn nun wird klar, dass das Juden-tum der Vorläufer der ohne Bindestrich geschriebenen Judaismen ist. Dazu gehört auch das Samaritertum, das dem Judentum mit Bindestrich näher ist als der späteren Definition von „Judentum“. Dasselbe gilt für das Christentum und den Islam.
Wenn jedoch Ioudaismos nicht „Juden-tum“ bedeutet, wie Mason bereits festgestellt hat – von „Judaismus“ ganz zu schweigen – und wie nachfolgend ausführlich dargelegt werden soll, dann kann nach Davies’ eigenen methodologischen Schlussfolgerungen vor einem bestimmten Zeitpunkt in der Moderne nicht von einem „Judentum“ gesprochen werden (oder zumindest wären damit nicht die Juden gemeint!),12 denn erst dann „trat das Konzept des ‚Judaismus‘ ins Bewusstsein, also wurde erst konzeptualisiert“, und „der bewusste ‚-ismus‘ ist die Voraussetzung oder zumindest das Symptom des Auftauchens des ‚Judaismus‘ im historischen Bewusstsein“. Es kann somit kein Judentum geben, solange es nicht konzeptualisiert und benannt wurde. Damit bleibt uns nur noch der philologische Disput.
Der Fall des 2. Buches der Makkabäer
Vor einigen Jahren trug der Rabbiner und Religionsforscher Yehoshua Amir Quellenmaterial zum Begriff Ioudaismos zusammen, wie er von Juden benutzt wurde. Angesichts der insgesamt sieben belegten Erwähnungen, davon vier in ein und demselben Kontext, meint Amir: „Gestützt auf die erste Durchsicht des Materials kann behauptet werden, dass das Wort Iουδαϊσμός den Komplex von Verhaltensweisen repräsentiert, der sich durch die Tatsache des Jüdischseins ergibt, und dass dieses Verhalten einen Wert darstellt, für den es sich zu kämpfen und sogar zu sterben lohnt.“13 Amir beleuchtet die hinlänglich bekannte Tatsache, dass Nomen mit der Endung -ismos als von Verben mit der Endung -izō abgeleitete Verbalnomen recht häufig im Griechischen vorkommen. Die wichtige Frage wäre dann, was das Verb bedeutet, von dem das Nomen abgeleitet wurde. Es gibt zahlreiche izō-Verben, die von eigentlichen Substantiven abgeleitet sind und bei denen das Verb das Verhalten des Mitglieds einer Gruppe bezeichnet oder die Identifizierung mit einer Gruppe. So würde etwa mēdizō bedeuten, sich wie ein Medäer zu verhalten oder für die Medäer Partei zu ergreifen. Amir legt dar, dass damit in der Regel jemand gemeint ist, der selbst nicht Medäer ist, und dass es sich häufig um einen herabsetzenden Begriff handelt.14
Hellenismos hingegen bezeichnet etwas, das die Griechen anstreben, nämlich die korrekte Verwendung der griechischen Schriftsprache, während mit barbarismos das Gegenteil gemeint war (eine Verwendung, die im Englischen noch geläufig ist, indem etwa ein Irrtum als „barbarism“ bezeichnet wird). Der jüdische Gebrauch dieses Terminus ist dagegen ein anderer: Im 2. Buch der Makkabäer bezeichnen Juden andere Juden, die sich wie Griechen verhielten und sich der griechischen Sache verschrieben hatten, als Hellenismos,ähnlich wie Griechen den Ausdruck Medismos verwenden. Amir zufolge ist die Entwicklung dieser Verwendung von Hellenismos darauf zurückzuführen, dass der jüdische Autor einen Ausdruck benötigte, der „sämtliche Merkmale der hellenistischen Kultur zu einem Ganzen verbindet“, da er Ioudaismos für die Judäer verwenden wollte und ein Wort brauchte, der das Gegenteil von Ioudaismos bezeichnet. Ioudaismos ist, laut Amir, ein singulärer Begriff dafür, dass ausschließlich die Judäer als einziges Volk im gesamten Mittelmeerraum es für notwendig hielten, einen Begriff für sämtliche Merkmale ihrer eigenen Kultur zu prägen. Mit anderen Worten stand also am Anfang das Bedürfnis nach einem Wort, das „Judaismus“ bedeutet und daher Hellenismos zum Gegenstück hatte.15
Amirs Rekonstruktion wirft einige Zweifel auf. Zunächst einmal lehnt Steve Mason Amirs Behauptung ab, bei Iuodaismos handle es sich um einen Begriff mit singulärer Bedeutung. Iuodaismos unterscheide sich in seiner Bedeutung nicht von den andere Ethnien betreffenden-ismos-Verbalnomen. Amirs Behauptung, wonach Ioudaismos insofern allein dastehe, als es sich um das einzige Nomen in der gesamten Antike handle, das eine ganze Kultur oder Religion bezeichne, beanspruche etwas viel für ein Wort, das außer im 2. und 4. Buch der Makkabäer in keinem einzigen hellenistisch-judäischen Text vorkomme. Griechisch-römische Beobachter der Ioudaioi hätten den Begriff zudem nie benutzt, und selbst im Hebräischen und im Aramäischen der damaligen Zeit habe sich keine Parallele dazu gefunden. Eine bessere Erklärung für die Seltenheit des Begriffs besteht, angesichts der (oben erwähnten) Verwendung paralleler Formen, darin, dass die besonderen Umstände nur selten eintraten, die nach der Verwendung dieses stets zu negativen Konnotationen neigenden Wortes verlangten.16 Im Gegensatz zu Amir versteht Mason Ioudaismos als Rückbildung von Hellenismos. Seiner Interpretation zufolge bedeutet Ioudaismus schlicht, sich wie ein Judäer zu verhalten.
In der vorchristlichen Antike taucht der Terminus Ioudaismos im Wesentlichen nur in einem literarischen Kontext auf, nämlich in den Berichten über den Widerstand der Makkabäer gegen den Hellenismos. Auf eine frühere These17 aufbauend, legt Mason dar, dass das Wort Ioudaismos nur in diesem spezifischen literarischen und historischen Kontext erscheint, weil es auch nur in diesen und keinen anderen Kontext der jüdischen Antike hineinpasst. Zudem passt es zu einem Paradigma anderer griechischer Ausdrücke, die sich auf dieselbe Weise als Verbalnomen von bestimmten Verben ableiten und nichts mit der Bezeichnung einer Religion zu tun haben.18 Ioudaizō würde dann entsprechend bedeuten, „sich wie ein Judäer zu verhalten“, und das daraus gebildete Verbalnomen Ioudaismos wäre dann schlicht die substantivierte Form dieses Verbs, also das „Sich-wie-ein-Judäer-Verhalten“, genau wie Hellenismos bedeutet, wie ein Grieche zu handeln, zu sprechen und zu schreiben. Um einen Eindruck davon zu bekommen, wie oft diese Wortkreation damals im Griechischen verwendet wurde, genügt das folgende humoristische Beispiel: Kenneth Dover erwähnt die Entstehung des Worts „euripidaristophanizein“ („wie Euripides und Aristophanes handeln“), das von einem Komödiendichter erdacht wurde, der sich über den intellektuellen Anspruch von Aristophanes lustig machte.19 Das hypothetische Verbalnomen wäre dann euripidaristophanismos, was wohl kaum eine Institution bezeichnet. Mason stützt sich also auf eine solide lexikalische komparative Grundlage, wenn er die Übertragung dieses höchst produktiven griechischen Paradigmas auf eine einzelne Form – Ioudaismos – ablehnt.
Wie Seth Schwartz zutreffend bemerkt, trifft Masons Interpretation in Kontexten wie in 14,37 durchaus zu. Im folgenden Zitat sollte nur der von Schwarz verwendete Begriff „Judentum“ durch den fraglichen Begriff Ioudaismos ersetzt werden:
Es ward aber dem Nikanor angezeigt einer aus den Ältesten zu Jerusalem, mit Namen Razis, dass er ein Mann wäre, der das väterliche Gesetz lieb und allenthalben ein gutes Lob und solche Gunst unter seinen Bürgern hätte, dass ihn jedermann der Juden Vater hieße. Auch war er vor dieser Zeit darum verklagt und verfolgt gewesen, und hatte Leib und Leben männlich gewagt für den Ioudaismos.20
In diesem Ausschnitt ist deutlich zu erkennen, wie eine Entscheidung für den Ioudaismos einem Bekenntnis zur Lebensart der Judäer und deren Gemeinwesen, ja selbst zu einer Erneuerungsbewegung, die solche Gefühle bei den Abtrünnigen neu entfachen soll, gleichkommt. In 8,1 heißt es hingegen: „Aber Judas Makkabäus und seine Gesellen gingen heimlich hin und wieder in die Flecken, und riefen zuhauf ihre Freundschaft und was sonst bei der Juden Glauben geblieben war […].“
Seth Schwartz warnt davor, den Begriff als Bekenntnis zur Erneuerungsbewegung zu interpretieren.21 Daraus sollte jedoch nicht geschlossen werden, dass Ioudaismos „etwas sehr stark wie Judentum“ bedeutet,22 denn das würde eine lexikalisch und grammatikalisch singuläre Entwicklung der Vokabel und des ihr zugrunde liegenden Paradigmas ausschließlich in diesem Kontext der gesamten griechischen Literatur voraussetzen. Wenn überhaupt, können sie in beiden Fällen schlicht als „der Lebensweise und der Sache der Juden treu ergeben“ übersetzt werden. Im ersten Fall riskiert Razis Leib und Leben für die jüdische Lebensweise. Im zweiten Fall sind mit Personen, die im Ioudaismos verblieben, diejenigen gemeint, die dem politischen und kulturellen Leben der Juden treu geblieben sind. Ioudaismos bedeutet also die Ausübung einer solchen Loyalität. Die korrekte Übersetzung wäre „sind beim Judaisieren geblieben“ oder vielleicht besser „beim Jüdischsein“. Das hat mit „Religion“ nicht mehr zu tun als etwa das „Attikaisieren“, also „sich zum Verhalten und zu den Bräuchen auf Attika“ zu bekennen. Einmal mehr sei hier betont, dass es sich nicht um ein abstraktes, eine Institution bezeichnendes Nomen handelt, sondern um ein Verbalnomen, das für eine Handlung oder eine Gruppe von Handlungen steht (wie etwa die „Barbaren“ austreiben oder die Gebote beachten).
Gegen Amirs These spricht auch ein weiterer Grund: Die Annahme, dass Ioudaismos als singulärer Ausdruck zuerst geprägt wurde und sich davon dann die geläufige Wortprägung Hellenismos ableitete, erscheint unlogisch. Viel eher dürfte Masons Vermutung zutreffen, dass der Begriff Hellenismos zuerst existierte und Ioudaismos von diesem abgeleitet wurde. Der semantische Effekt ist aber ein anderer, als von Mason postuliert. Wenn nämlich davon ausgegangen wird, dass Judäer Hellenismos als Charakterisierung ihrer Landsleute in Analogie zur griechischen Verwendung von Medismos in Bezug auf andere Griechen nutzen, dann wird deutlich, dass es sich hier um den primären Ausdruck einer binären Gegenüberstellung handelt. Angeblich abtrünnigen Juden wurde Hellenismos vorgeworfen, genau wie abtrünnigen Griechen Medismos vorgehalten wurde. Hellenismos bedeutet also, sich wie ein Grieche zu verhalten und dem Griechentum gegenüber loyal zu sein. Ioudaimos wäre dann das davon abgeleitete Gegenteil, also sich loyal zur jüdischen Lebensweise und der jüdischen Gemeinschaft zu verhalten.23 Diese Verwendung schien nur den Judäern vorbehalten zu sein, doch es handelt sich um eine natürliche Entwicklung der besonderen Umstände der makkabäischen Konflikte. Statt also davon auszugehen, dass Hellenismos von den Juden als Gegenstück zu Ioudaismus geprägt wurde, behaupte ich, dass Ioudaismos als Gegenstück zur hellenisierenden Abtrünnigkeit die judaisierende Loyalität bezeichnete. Dies ist aber gewiss kein Beweis für ein angeblich neues Bewusstsein der Juden von dieser Institution des „Judentums“. Der Begriff passt gut in sämtliche (vorchristlichen) Kontexte und umgeht auch die Einschränkungen von Schwartz, der die Loyalität gegenüber dem Jüdischen (dem Judäischen) bzw. das Festhalten daran nicht auf die Religionsangehörigkeit reduziert, die wir heute Judentum nennen. Da sämtliche Vertreter des Paradigmas solcher Nomen, wie etwa der oben genannte Medismos – „das den Persern Zuneigende“ –, sowie der Attikismos – „das den Athenern Zuneigende“ – Gerundien und keine abstrakten Substantive sind, gibt es keinen Grund, Ioudaismos nicht auch als solches Gerundium aufzufassen. Im Griechischen sind zwar nur Ioudaismos und Hellenismos (im Sinne von „Schreiben wie ein Grieche“) positiv belegt, aber sie sollten dennoch als „Judaisieren“ verstanden und übersetzt werden.
Der antike Ioudaismos muss also als Glied dieses semantischen und morphologischen Paradigmas verstanden werden. Die seltene Verwendung des Begriffs in den jüdischen Quellen hängt mit der Tatsache zusammen, dass es sich eben nicht um eine allgemeine Bezeichnung für etwas Zusammenfassendes wie das moderne Judentum handelt. Diese Interpretation stützt sich auf alle Erwähnungen in den Büchern der Makkabäer. Masons Ansatz, den Begriff „Judaismus“ bei keiner dieser Erwähnungen als Abstraktion, System oder Institution zu sehen, ist schlüssig, doch wird dabei aus Judaisieren eine „Rückführung jener, die fremde Wege gegangen sind“. Ein ‚Judaisieren‘ oder eine ‚Judaisierung‘, die der Autor des 2. Buches der Makkabäer programmatisch als ‚Iουδαϊσμός‘ bezeichnet.24 Allerdings ist das nicht die einzige Alternative zur Interpretation von ‚Iουδαϊσμός‘ als Bezeichnung für eine Religion. Vermutlich führte einfach das „Sich-dem-Hellenismos-Verweigern“ zur Ableitung Ioudaismos.
Die letzte Verwendung des Wortes im 2. Buch der Makkabäer bestätigt diese Behauptung. Zum ersten Mal überhaupt taucht das Wort in Abschnitt 2:21 auf: „[…] die himmlischen Erscheinungen, die denen zuteil wurden, die für das Judentum [Ioudaismos] ruhmvoll und als Helden stritten.“25 Jenen, die miteinander um das Judentum [Ioudaismos] wetteiferten, sollen also himmlische Erscheinungen zuteil geworden sein. Ioudaismos meint demnach das Wetteifern um die Hingabe zur Lebensweise der Judäer und die Parteinahme für ihren Kampf gegen ihre Unterdrücker, die „Barbaren“.26 Nur ein vorgefasstes Konzept des Ioudaismos als Abstraktum oder die Bezeichnung einer Institution könnte hier dazu führen, sich ihn als „Judentum“ vorzustellen.
Das „Judentum“ des Paulus
Diese Interpretation erklärt auch die Verwendung von Ioudaismos in den Paulusbriefen. Wenn der Apostel behauptet, er sei früher sehr im Ioudaismos fortgeschritten gewesen, meint er sicher keine abstrakte Kategorie oder eine Institution, sondern die jüdische Treue zum traditionellen Brauchtum der Juden, das von seinem Zeitgenossen Josephus als „das Angestammte [die Traditionen] der Ioudaioi“ beschrieben wird (τὰ πάτρια τῶν Iουδαίων; [Ant 20.41 und passim]). Auch das könnte schlicht als jüdische Religion gedeutet werden, wäre da nicht die Tatsache, dass auch Thucydides diesen Begriff verwendet. Er schreibt, die medezierenden Platäer wurden beschuldigt, „ihre angestammten Traditionen aufzugeben“ (παραβαίνοντϵς τὰ πάτρια; [Thucydides 3.61.2]).27 Dass auch Paulus den Begriff in diesem Sinne verwendet, zeigt Masons Beobachtung, wonach „Paulus Petrus verurteilt, weil Petrus wie ein Fremder und nicht wie ein Judäer lebe (έθνικῶς καὶ οὐχὶ Iουδαϊκῶς), dadurch zwinge er die Fremden, sich zu judaisieren“ (τὰ ἔθνη ἀναγκάζϵις Iουδαΐζϵιν; [Gal 2,14]) – also einer Kulturbewegung anzugehören, die Paulus eng mit der Beschneidung und der Beachtung der judäischen Gesetze verbindet (2.12,21).28 Da Ethnisierung gewiss nicht mit der Ausübung einer Religion gleichzusetzen ist, kann das hier auch nicht für das Judaisieren gelten und somit auch nicht für das oft von diesem Verb abgeleitete Nomen Ioudaismos.
Die vorliegenden Verwendungen von Ioudaismos scheinen die Interpretation von Ioudaismos als Verbalnomen, also als Praxis und nicht als Institution, ebenfalls zu bestätigen. Paradoxerweise wurde die Verwendung, die Paulus davon in den Galaterbriefen macht, in der Regel als Beweis für das genaue Gegenteil gewertet. Die zentrale Stelle ist der Brief an die Galater, Kap. 1,13–14, wo Folgendes steht [die Worte, die im Folgenden diskutiert werden, bleiben unübersetzt]:
Ihr habt ja von meinem einstmaligen anastrophe im Ioudaismos gehört: dass ich nämlich die Gemeinde Gottes maßlos (= wütend) verfolgt habe und sie zu vernichten suchte und dass ich es an Leidenschaft für den Ioudaismos vielen meiner Altersgenossen in meinem Volk zuvorgetan habe, indem ich ein ganz besonderer Eiferer für die von meinen Vätern überkommenen Überlieferungen war.
Das Wort anastrophe wird gewöhnlich mit „Leben“, hier mit „einstmaligem Leben“ übersetzt. Mason behauptet: „In Anbetracht dessen, dass das begleitende Nomen ἀναστροϕή stärker ist als ‚[mein einstmaliges] Leben‘, wie es oft übersetzt wird, sollte es eine gewisse Form von ‚Hang‘ oder ‚Hinwendung‘, eine ‚Rückbesinnung‘ auf etwas oder eine Beschäftigung mit etwas andeuten. Der in 1,14 erwähnte Eifer bestätigt diese Bedeutung.“29 „Einstmaliges Leben“ gibt in der Tat eine vorgefasste Meinung wieder und stimmt nicht mit den häufigsten Verwendungen dieses Wortes im Griechischen überein. Meines Erachtens eignet sich die Übersetzung „Benehmen“ besser, wie sie beispielsweise bei Tobias 4,14 zu finden ist: πρόσϵχϵ σϵαυτῷ, παιδίον, ῶν πᾶσι τοῖς ἔργοις σου καì
σθι πϵπαιδϵυμένος ἐν πάση ὰναστροϕῇ σου, wobei der letzte Satz gut als „Benimm dich wohlerzogen in deinem ganzen Wandel“ übersetzt werden kann, was wiederum dem ersten Satz entspricht, dessen Übersetzung „Gib’ acht auf dich, […], in allem, was du tust“ lauten würde. Paulus meinte demnach sein früheres Solidarisieren mit den Judäern, namentlich die Verfolgung der Gemeinde Gottes. Die Verwendung von Ioudaismos im zweiten Vers hebt diesen Punkt noch stärker hervor. Man zeichnet sich nicht durch Leidenschaften aus in einer Institution, etwa religiöser Art (außer vielleicht, um darin aufzusteigen, was hier offensichtlich nicht passt), sondern durch die Praxis des Judaisierens, in der sich Paulus besonders hervortat, weil er größeren Eifer zeigte als andere. Schließlich muss die Verwendung, die Paulus vom Verbalnomen Ioudaismos macht, auch mit Blick auf seine Verwendung des Verbs interpretiert werden. Wie oben erwähnt, schimpft Paulus in den Galaterbriefen 2,14:
Als ich jedoch sah, dass sie nicht den rechten Weg in Übereinstimmung mit der Wahrheit der Heilsbotschaft wandelten, sagte ich zu Kephas offen im Beisein aller: ‚Wenn du, der du doch ein Jude bist [Ioudaios], nach heidnischer [ethnikos] und nicht nach jüdischer Weise [Ioudaikos] lebst, wie kannst du da die Heiden zwingen wollen, die jüdischen Bräuche (= Lebensform) zu beobachten [zu judaisieren]’?
Hier ist also klar gemeint: Es soll nach judäischen und nicht nach heidnischen Bräuchen gelebt werden. Ioudaismos, das von diesem Verb abgeleitete Nomen Judaisieren bedeutet dann entsprechend: nach judäischen/jüdischen Bräuchen zu leben und nicht Mitglied einer Institution zu sein, die „Judentum“ genannt wird.
Ein weiterer Grund, dass Ioudaismus bei Paulus nicht eine jüdische Religion bezeichnen konnte, ist folgender: Paulus betrachtete sich zeit seines Lebens als Jude. Wenn also mit Ioudaismos die Gesamtheit des judäischen Brauchtums und des judäischen Glaubens oder die jüdische Religion gemeint wäre, würde sich Paulus in diesem Vers selbst davon ausschließen. Wenn aber Paulus davon ausgeschlossen wäre, könnte Ioudaismos schlicht nicht als die vermeintliche jüdische Religion oder selbst als Bezeichnung für die Gesamtheit der Verrichtungen der Juden interpretiert werden. In seinen Schriften muss damit also die (von ihm abgelehnte) Befolgung der Gebote der Bibel gemeint sein. Ioudaismos, das „Judäisieren“ scheint also bei all diesen Erwähnungen zu bedeuten: sich (mit Eifer) der Praxis (der Traditionen der Vorväter) der Judäer hingeben. Jede andere Interpretation (wovon einige nur im jeweiligen Kontext möglich sind) würde heißen, die spätere Bedeutung von -ismus-Begriffen, wie etwa die Bezeichnung von Institutionen, zu adoptieren und sie anachronistisch auf Ioudaismos anzuwenden.
Kein Wort – kein Konzept
Mason schlussfolgert damit richtig:
Die Tatsache, dass die fünf Erwähnungen von Iουδαϊσμός in den jüdisch-judäischen Schriften weitgehend auf einen einzigen kreativen Autor zurückgehen, entweder Jason von Kyrene oder der Verfasser seiner Epitome, die das Wort als ironisches Gegenstück zu Eλληνισμός prägten, sollte uns davor warnen, das Wort so zu verwenden, als ob es sich um eine generelle Bezeichnung der gesamten Kultur, des gesamten Rechtssystems und der „Religion“ der Judäer handelte. Abgesehen vom Kontext der Bedrängnis durch die Hellenisierer und späterer christlicher Kreise, sahen antike Autoren keinen Anlass für dessen Verwendung, teilweise offenbar wegen des abschätzigen Nachklanges der Medismos-Familie, der Iουδαϊσμός auch angehaftet hätte, wenn es nicht im Kontrast zum klar negativ belegten Eλληνισμός benutzt worden wäre.30
Das überzeugendste von Masons Argumenten scheint das Argument der Seltenheit zu sein. Gäbe es eine verbreitete Bezeichnung für die Gesamtheit der judäischen „Verhaltensweisen, die der Tatsache geschuldet sind, dass jemand jüdisch ist und dass diese Verhaltensweisen einen Wert darstellen, für den es sich zu kämpfen und sogar zu sterben lohnt“, dann ist nicht einzusehen, weshalb es nur in so wenigen und so speziellen Kontexten wie im 2. Buch der Makkabäer und in sehr wenigen und sehr spezifischen anderen Kontexten zu finden ist.
Dieses gewichtige Argument der Nichterwähnung kann gewissermaßen noch positiv verstärkt werden. Der Historiker Duncan MacRea, der sich mit römischer Geschichte befasst, untersucht ein ähnliches (oder zumindest analoges) Problem der römischen Historiographie, nämlich die angebliche Tradition des Antiquarianismus, die einigen römisch-republikanischen Schriftstellern – besonders Varro – im Widerspruch zur antiken Historiographie zugeschrieben wird. Nachdem er gezeigt hat, dass es im antiken Latein keinen Terminus für Antiquarianismus gibt und dass ein solcher Begriff erst im 15. Jahrhundert bei frühen modernen Gelehrten auftaucht, bemerkt MacRea: „[…] doch die These, dass es keinen römischen Antiquarianismus gab, ist nicht nur nominalistischer Art, nämlich dass die Römer kein Wort dafür hatten. Hier soll vielmehr dargelegt werden, dass sie auch kein Konzept dieser Art hatten.“31 Eine nähere Betrachtung von MacReas deutlicher Behauptung wird uns helfen, die These dieses Abschnitts zu verdeutlichen.
Zunächst sei darauf hingewiesen, dass MacRea den Begriff „nominalistisch“ hier sehr weit fasst, wenn nicht gar metaphorisch verwendet. Man muss kein Nominalist sein und behaupten, dass sämtliche Kategorien nur dann existieren, wenn sie auch entsprechend benannt sind (z. B. „Hunde“, „Bäume“), um darzulegen, dass es für die Welt des Menschen, die Welt der menschlichen Klassifikationen menschlicher Dinge schwer vorstellbar ist, wie ein Konzept ohne Bezeichnung existieren kann. Genau das möchte ich im nächsten und letzten Abschnitt darlegen. Im vorliegenden Abschnitt soll aber, gestützt auf MacReas zweites Argument, erläutert werden, dass das Konzept „Religion“, und damit des „Judentums“, auch bei den griechischjüdischen Autoren nicht existierte.
Bevor ich weiterfahre, möchte ich mich kurz mit einem Irrtum und einer falschen Fährte in diesem Zusammenhang beschäftigen. Der Philosoph Malcolm Lowe behauptet, dass, trotz des Fehlens des Begriffs „Religion“ im Judäisch-Griechischen, das Konzept dennoch existiert:
Hier liegt das größte Problem von Masons Ansatz. Der zweite Abschnitt seines Aufsatzes von 2007 trägt den Titel „Auf der Suche nach Religion in der Antike [Searching for Ancient Religion] und ist der These gewidmet, dass ‚das Konzept der Religion, das unserer Perspektive und unserer Geschichtsforschung zugrunde liegt, keine taxonomische Entsprechung in der Antike aufweist‘. Ja, es gibt kein Wort dafür in der Antike. Doch Mason übersieht eine ebensolche taxonomische Entsprechung in seinem Zitat aus Josephus’ Gegen Apion auf derselben Seite. Die Formulierung, die Josephus benutzt ist: tois oikeiois nomois peri eusebeian. Eine ähnliche Terminologie ist bei antiken Autoren sehr verbreitet; anstelle von oikeios mag ein anderes Adjektiv stehen (und manchmal steht nomina statt nomoi). Solche Sätze können als ‚die althergebrachten Frömmigkeitsregeln‘ übersetzt werden, wobei ‚Frömmigkeit‘ das ‚Verhältnis der Menschen zu den Göttern‘ bedeutet, ‚Regeln‘ kann durch ‚Bräuche‘ und ‚althergebracht‘ durch eines von mehreren anderen Adjektiven ersetzt werden, das eine Volkszugehörigkeit bezeichnet. Die Apologie des Sokrates in den ersten Kapiteln von Xenophons Memorabilia basiert auf demselben Religionskonzept.32
Das klingt fast überzeugend. Es trifft selbstverständlich zu, dass eine Sprache ein Konzept nicht unbedingt mit einem einzigen Wort benennen muss, eine Wortgruppe oder ein Satz genügen auch. Nur stützt das Josephus-Beispiel von Lowes Interpretation in keiner Weise. Josephus schreibt in einer hinlänglich bekannten Passage:
[…] dass er [Moses] sich auch in der Art der Gesetzgebung zum bleibenden Nutzen von allen anderen sehr unterschied, war: Er machte nicht die Frömmigkeit zu einem Teil der Tugend, sondern als einen Teil der Frömmigkeit fasste er das andere zusammen und setzte es fest; ich meine aber die Gerechtigkeit, die Besonnenheit, die Selbstbeherrschung, die Einstimmigkeit der Bürger untereinander in allem [Gegen Apion, 2,170].
Mit anderen Worten, gerade diese angestammten Frömmigkeitsregeln klauben nicht irgendeinen speziellen Teil des judäischen Brauchtums heraus und nennen ihn Religion, sondern sie fassen alles zusammen: die Gerechtigkeit, die Besonnenheit, die Selbstbeherrschung und die Übereinstimmung der Bürger miteinander. Da für Josephus Frömmigkeit und mit dieser einhergehende Regeln zahlreiche Elemente umfassen, die wir als Gegenteil von „Religion“ auffassen würden, wäre es auch nicht sinnvoll, seinen Satz als Bezeichnung des Konzepts ‚Religion‘ in seiner Sprache zu verstehen.
Judentum ohne Namen? – Josephus
Es scheint kaum möglich, dass ein verbreiteter lexikalischer Begriff, der einen für Judäer/Juden obligatorischen Verhaltenskomplex bezeichnet, nicht in der umfangreichen Literatur judäogriechischer Autoren auftaucht, die ebendiesen Komplex darlegen und rechtfertigen. Die beiden bekanntesten griechisch-jüdischen Schriftsteller, in deren Schriften wir Ioudaismos erwartet hätten, sind zweifellos Philon und Flavius Josephus. Beide schildern ausführlich das Wesen des jüdischen Volkes sowie dessen Bräuche, und hätte es einen Oberbegriff für dieses Wesen gegeben, hätten sie diesen bestimmt angewandt. Dabei kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass Josephus das 2. Buch der Makkabäer kannte.33 Wenn er Ioudaismos als „Judentum“ verstanden hätte, also die angebliche jüdische Religion, oder auch als einen Begriff für jüdische Kultur und Brauchtum im Allgemeinen verwendet hätte – warum hat er dann den Begriff nicht in seinem Werk benutzt? Dieses Argument bestärkt Masons These beträchtlich. Und es geht hier um mehr als nur die Nichterwähnung. Nachfolgend soll am Beispiel des Josephus gezeigt werden, dass die Worte, die er benutzt, um den gesamten Komplex des judäischen Brauchtums zu beschreiben, diesen Komplex auf die Ebene anderer Völker stellen. Er begreift somit die Judäer nicht als singuläre Gemeinschaft, ganz im Gegensatz zu Amir, der behauptet: „Im gesamten hellenistisch-römischen Kulturraum gibt es, soweit uns bekannt ist, keine andere Nation, Gemeinschaft oder Gruppe, die sich veranlasst sah, eine übergeordnete Bezeichnung für das gesamte praktische und kognitive Brauchtum, zu dem sich die Mitglieder der Gruppe bekennen müssen, zu prägen, außer das Volk Israel.“34
Politeia; Nomos; Ta Patria Ethē bei Josephus
Josephus wurde oft dafür kritisiert, dass er seinen Lehrer Bannus, die Pharisäer, die Sadduzäer sowie die Essener als philosophische Schulen darstellte,35 und das basierend auf unserer modernen Annahme, dass es sich um religiöse Gemeinschaften gehandelt haben muss. Doch Josephus standen keine derartigen Begriffe zur Verfügung, die sein Publikum hätte verstehen können. Er sagte lediglich, dass diese Gruppen oder Individuen sich mit Gottesfurcht, Bescheidenheit und einer gewissen Jenseitsvorstellung beschäftigen. Und genau damit beschäftigten sich philosophische Schulen, weshalb er sie auch Philosophien nannte. Es gab keinen Genus „Religion“, deren Spezies sie sein konnten.36
In keiner Schrift des jüdischen Historikers Josephus aus dem Palästina des 1. Jahrhunderts findet sich ein Wort, das sich auf „Judentum“ oder „Religion“ bezieht. Spricht er über Ideen, Gedanken und Ideologien der Tora, dann bezeichnet er sie als „die Philosophie der heiligen Bücher“. Erwähnt er die in diesen Büchern und im jüdischen Brauchtum kodierten Gebote und Verbote, nennt er diese „Regeln/Bräuche der Vorväter“. Das entspricht auch dem Usus im 2. Buch der Makkabäer, das Josephus gelesen hatte. Martha Himmelfarb bemerkt hierzu: „Für das 2. Buch der Makkabäer ist Jerusalem eine Polis, die Juden ihre Bürger und ihre Lebensphilosophie die Politeia.“37 Die Nomoi oder, seltener, der Nomos, sind die Bräuche der Vorväter, denen die Bürger verpflichtet sind – genau wie bei Josephus.
Nomos und Narrativ: Gegen Apion
Wie bezog sich also ein auf Griechisch (bzw. im vorliegenden Fall auf Hebräisch oder Aramäisch) schreibender jüdischer Chronist auf den judäischen Lebenswandel, ohne einen übergeordneten Begriff wie Ioudaismos oder eine Bezeichnung für „Religion“ zu verwenden? Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zunächst einen Blick auf ein belastetes Wort werfen, das Josephus (und die hellenistischen Juden generell) verwenden, nämlich auf nomos und seinen Plural nomoi. Diese Begriffe werden in der Regel als „Gesetz“ und „Gesetze“ übersetzt, doch soll hier gezeigt werden, dass diese Übersetzung den Sinn bei Josephus verfehlt. In seiner bemerkenswerten Apologie der jüdischen Lebensweise, in Gegen Apion, dient einzig nomos zur Beschreibung dieser Lebensweise. Für Josephus und für antike Autoren allgemein sind Abstraktionen und Kategorien wie „Gesetz“, „Politik“ und „Religion“ keine hilfreichen analytischen Kategorien. Josephus verwendet den Ausdruck nomos für das „Buch“ und die gesamte judäische Lebensart, ein Begriff, der der hebräischen Tora und der aramäischen orayta entspricht. Das mag trivial sein, wird doch bereits in der Septuaginta „Tora“ in der Regel mit nomos übersetzt. Entscheidend ist aber nicht, dass die griechischen Übersetzer den Sinn der Tora falsch verstanden haben und den Begriff deshalb so übersetzten, sondern dass das griechische Wort nomos eine andere Bedeutung erhielt, indem es von den Juden als Entsprechung von Tora genutzt wurde.
Am deutlichsten ist dieser Umstand in Josephus’ Schilderung und Apologie des judäischen nomos in Gegen Apion zu erkennen, ein Text, in dem er den judäischen nomos ausdrücklich gegen Angriffe einiger „heidnischer“ Autoren verteidigt, unter ihnen der alexandrinische Grammatiker und Homerphilologe Apion. An dieser Stelle schreibt Josephus ausführlich, was nomos/Tora in seinen Augen bedeutet:
Weil aber auch Apollonius Molon und Lysimachus und manch andere teils aus Unkenntnis, größtenteils aber aus Feindschaft über unseren Gesetzgeber Mose und über die Gesetze [nomoi] weder gerechte noch zutreffende Äußerungen gemacht haben, indem sie jenen als einen Zauberer und Betrüger verleumdeten, von den Gesetzen aber behaupteten, sie seien für uns Lehrer der Schlechtigkeit, aber keiner einzigen Tugend, will ich kurz sowohl über die Verfassung [politeuma] unseres Gemeinwesens als ganze als auch über sie in ihren Teilen sprechen, wie ich es dann vermag.
Ich glaube nämlich, dass offensichtlich sein wird, dass wir zur Frömmigkeit und zur Gemeinschaft miteinander und zur Menschenliebe allgemein, darüber hinaus aber zur Gerechtigkeit und der Ausdauer in Mühen und der Verachtung des Todes die am besten niedergelegten Gesetze haben. Ich bitte aber, dass die, welche die Schrift lesen, die Lektüre nicht missgünstig machen. Denn nicht ein Enkomium auf uns selbst zu schreiben hatte ich mir vorgenommen, sondern ich meine, dass uns, die wir oft und falsch angeklagt werden, diejenige Apologie am meisten gerecht wird, die von den Gesetzen ausgeht, nach denen wir beharrlich leben. [2,145–147]
Obwohl hier Josephus für die fünf Bücher Mose den Terminus politeuma benutzt, der in etwa Verfassung bedeutet, also ein Begriff, den wir dem Politischen bzw. der Staatsgewalt zuordnen, sind es die nomoi, aus denen sich die politeuma zusammensetzt. Häufig verwendet er nomos auch im Sinne des gesamten übergeordneten Objekts, der politeuma. Innerhalb der politeuma gibt es zwar Gesetze, doch man beachte deren Wesensarten: Es handelt sich um Gesetze, die sich auf Frömmigkeit, Gemeinschaft und Menschenliebe beziehen, auf Gerechtigkeit, auf Ausdauer in der Arbeit sowie auf die Todesverachtung. Bei näherer Betrachtung stellen wir fest, dass der gesamte Komplex – gleichgültig wie er ihn nennt, er hat mehrere Begriffe dafür – aus etwas besteht, das wir als „rituelle Gesetze“ oder „Führungsstrukturen“ einstufen könnten. Sie erzeugen wiederum eine gemeinschaftliche Verbundenheit und Nächstenliebe – und auch Gesetze im engeren Sinne (Recht) sowie einen vorgeschriebenen Ritus zur Verinnerlichung individueller moralischer Charakteristiken. Wir können weder einen Bestandteil dieses Ganzen herauslösen und ihn Gesetz, Politik oder Religion nennen, noch kann das Ganze mit einem solchen Oberbegriff benannt werden. Der Begriff nomoi hingegen umfasst all diese Kategorien und Praktiken und noch einiges mehr.
In einer längeren Passage postuliert Josephus die Totalität des judäischen Gesetzeswerks sowie den Umstand, dass dieses allen Judäern zugänglich ist. Zu den griechischen Philosophen, darunter Platon und die Stoiker, die er alle als Schüler des wahren Gottes erkennt, schreibt er:
Aber die, die vor Wenigen philosophierten, wagten nicht, der in ihren Meinungen voreingenommenen Masse die Wahrheit der Lehre zu veröffentlichen. Unser Gesetzgeber aber hat, weil er ja Taten vollbrachte, die mit den Worten übereinstimmten, nicht nur seine Zeitgenossen überzeugt, sondern pflanzte auch denen, die in Zukunft aus jenen hervorgehen würden, den unabänderlichen Glauben über Gott ein. Der Grund dafür ist, dass er sich auch in der Art der Gesetzgebung zum bleibenden Nutzen von allen anderen sehr unterschied, war: Er macht nicht die Frömmigkeit zu einem Teil der Tugend, sondern als einen Teil der Frömmigkeit fasste er das andere zusammen und setzte es fest; ich meine aber die Gerechtigkeit, die Besonnenheit, die Selbstbeherrschung, die Einstimmigkeit der Bürger untereinander in allem. Alle Taten und Beschäftigungen und alles Denken führen uns hin auf die Frömmigkeit zu Gott. Denn nichts von diesen ließ er unbeachtet oder undefiniert. [2,169–171]
Wir stellen also Folgendes fest: Zunächst einmal werden die Vorstellungen Platons und der Stoiker als „Philosophien“ bezeichnet, die er nicht im Gegensatz zu den fünf Büchern Mose sieht, sondern auf derselben Ebene. Die Gesetzgebung der Tora sei im Gegensatz zu jener der großen Griechen so perfekt aufgebaut, dass ihre Empfänger auch den Gottesglauben verinnerlicht hätten, was den anderen aufgrund ihres esoterischen Charakters (nicht ihrer „Säkularität“) nicht habe gelingen können. In dieser Passage beginnt Josephus ‘ umfassender Vergleich der fünf Bücher Mose mit dem Brauchtum anderer Völker im Hinblick auf die Verinnerlichung von Werten ihrer Lehre. Zuvor bezeichnet er die judäische Gemeinschaft [politeuma] mittels eines Neologismus bereits als Theokratie [theokratia], als Prinzipat Gottes [2,165], also Gott, wie er sich in der Tora präsentiere – nicht als die Herrschaft der Priester, wie John Barclay in seinem Kommentar schreibt.38 Wie David Flatto gezeigt hat, handelt es sich praktisch um das Gegenteil von dem, was wir heute unter dem Begriff „Theokratie“ verstehen.39 Josephus erklärt hier den Mechanismus der Theokratie anhand seiner Theorie, dass die Tora die Tugenden durch eine Kombination von „Worten“ und „Riten“ vermittle und damit anderen Kulturen überlegen sei, weil diese versuchten, ihre Werte entweder allein durch Worte (Athen) oder durch Taten (Sparta) zu vermitteln. Für die Judäer sei eusebeia gegenüber Gott nicht nur eine von vielen Tugenden, sondern die wichtigste Tugend, die alle anderen Tugenden mit einschließe und präge. „Worte“ bedeuten hier wohlgemerkt nichts anderes als die geschriebenen „Gesetze“, die es zu studieren gilt, wie Josephus im nächsten Satz erläutert, während für „Taten“ steht, „durch Sitten erzogen [werden], nicht durch vernünftige Belehrungen [Worte]“ [ἔθϵσιν ἐπαίδϵυον, οὐ λόγοις] [2,172]. Josephus bezieht sich somit deutlich auf die Doppelpraxis, die sich später für das rabbinische Judentum als so charakteristisch erweisen wird, nämlich auf die Hingabe sowohl zum Tora-Studium, logois, als auch zur Ausübung der Gebote, erga.
Wie Barclay ausführt, aktiviert Josephus hier antike Topoi und Stereotype. So zitiert er Dionysios von Halicarnassos, der über die römische Tugend schreibt: „[…] es sei jetzt nicht um schöne Worte […], sondern um Taten zu tun, wenn sie was auszurichten gedächten.“40 Josephus äußert sich hierzu explizit:
Unser Gesetzgeber aber fügte beides ineinander mit viel Bedacht. Weder ließ er nämlich stumpfsinnig die Einübung der Sitten, noch ließ er die Lehre aus dem Gesetz unausgeübt, sondern sofort, beginnend mit der ersten Nahrung und der häuslichen Lebensweise aller überließ er nichts, auch nicht das Geringste, selbstbestimmt dem Willen derer, die unter den Gesetzen leben sollten. Sondern auch über Speisen, welcher man sich enthalten muss und welche man zu sich nehmen kann, über die, die diese Lebensweise teilen sollten, über Arbeitszeiten und andererseits Ruhezeiten setzte er als Bestimmung und Richtschnur das Gesetz, damit wir unter diesem wie unter einem Vater und Herrscher leben und weder willentlich noch aus Unwissenheit etwas Sündiges tun. Denn er ließ nicht einmal die Entschuldigung wegen Unwissenheit als Möglichkeit, sondern als schönstes und notwendigstes Erziehungsgut bestimmte er das Gesetz für sie, damit sie es nicht nur ein einziges Mal anhören oder zweimal oder öfter, sondern er hieß sie, jeden siebten Tag von allen anderen Werken abzulassen und sich zum Anhören des Gesetzes zu versammeln und dieses genau auswendig zu lernen. Das haben anscheinend alle [anderen] Gesetzgeber versäumt. [2,173–175]
Josephus ist hier so weit davon entfernt, die Tora mit „Religion“ gleichzusetzen, dass er Moses als Gesetzgeber [nomothetēs] bezeichnet.41 Seine Beschreibung des Gemeinwesens als theokratia freilich hat er nicht vergessen. Die Tatsache, dass Moses das Gesetz Gottes gestiftet hat, verleiht ihm den Status eines göttlichen Menschen [theion andra]. Mehr noch, der Hauptzweck der Schabbatruhe soll das Tora-Studium sein. Moses verband die Unterweisung der Israeliten in die Tugenden zu einem perfekten Ganzen, indem er weder die Lehre unausgedrückt noch Worte als Theorie oder unausgeübt ließ. Der nomos ist somit der perfekte Ausdruck und Lehrmechanismus judäischer Werte. Die Verbindung zwischen ständigem Hören der Worte und Ausübung der darin erwähnten Taten ist die besondere Qualität: „Für uns aber, die wir überzeugt sind, dass das Gesetz von Anfang an gemäß dem Willen Gottes gegeben wurde, wäre es nicht fromm, dieses nicht einzuhalten.“ [2,184]
An diesem Punkt führt Josephus die vom nomos vermittelten Werte und Tugenden aus, unter denen sich auch solche befinden, die wir in unserem modernen Denken dem „Politischen“, dem „Religiösen“ und dem „Gesetzlichen“ zuordnen, wobei Josephus diese drei neuzeitlichen Abstraktionen nicht voneinander unterscheidet. Der nomos hat also zu einer übereinstimmenden Gottesauffassung unter den Judäern geführt. Zudem trägt auch ihr gemeinsamer Lebensstil [bios] zur Übereinstimmung bei. Der nomos entwirft eine Welt, über der Gott als Gebieter des Universums thront, der die Priester zu Verwaltern und Aufsehern und zu Richtern der in Streit Geratenen bestimmt [2,187]. Josephus schließt daran einen Gedanken an, der zunächst unlogisch erscheinen mag, nämlich, dass eine der Tugenden des judäischen Volkes die Fähigkeit sei, das Leben jederzeit als Ritus und Mysterium zu bewahren [2,188 f.]. Als wäre die ganze Verfassung wie ein mystischer Ritus [telete] aufgebaut.
Alles in der Tora – das Zivilrecht, die Herrschaftsregeln, die Riten, Ethik und Moral, die gesamte „Verfassung“ [politeia] – gestaltet sich wie ein Mysterieninitiationsritual. Die Mysterien waren ein essentieller Bestandteil des Lebens der Athener und der Hellenen. Während uns über die Initiation nicht viel bekannt ist (genau das macht ja die Mysterien aus), wissen wir dennoch, dass diese Rituale aus gemeinsamen Handlungen und Sprüchen bestanden. Laut Josephus ist es ja genau das, was die Tora als judäische Verfassung gegenüber den Verfassungen der hellenischen poleis besonders auszeichnet. Er scheint also darzulegen, dass während die Athener durch ihre Mysterien zwar lehrten und die Lehre durch eine Worte und Handlungen umfassende Praxis transformierten, kann das von der Athener Verfassung als Ganzes nicht gesagt werden. Die judäische Konstitution hingegen verkörpere solches Handeln und Reden in ihrer gesamten Existenz und sei somit wie eine Mysterieninitiation für alle aufgebaut.
Zunächst erwähnt Josephus die Gebote, die von Gott sprechen: das Verbot anderer Götter und das Verbot, sich ein Ebenbild von Gott zu machen. Dann erwähnt er die Opfer, die Regeln des Opferns, Gebete sowie Rituale der Reinigung, und er schließt diesen Abschnitt mit dem Hinweis ab, dass es sich um feste Bestandteile des nomos handle [2,198]. Diesem folgt eine Diskussion über Sexualpraktiken und Heiratsgesetze, Reinigungs- und Bestattungsrituale und das Ehren der Eltern. Anschließend erfahren wir, dass das Gesetz vorschreibt, wie wir uns gegenüber Freunden zu verhalten haben und welche Anforderungen Richter erfüllen müssen. Des Weiteren erläutert er Gesetze, etwa zum Umgang mit Kriegsgefangenen [2,212], mit Tieren [2,213] und zu redlichem Geschäftsverhalten. Josephus’ Ausführungen fassen also all das, was wir unter Staat, Ritualen, Religion, Politik und Gesetz verstehen, unter einer Rubrik zusammen – nomos.
Dieser Punkt kann am besten mit Josephus’ eigener Zusammenfassung abgeschlossen werden:
Über die Gesetze bedurfte es keiner längeren Ausführung. Sie selbst nämlich wurden erkennbar durch sich selbst, dass sie nicht Gottlosigkeit, sondern wahrhaftigste Gottesfurcht lehren, nicht zum Menschenhass, sondern zur Gemeinschaft mit allen Lebewesen auffordern, feind der Ungerechtigkeit, besorgt um Gerechtigkeit sind, Trägheit und Luxus ausschließen, lehren, selbstgenügsam und bereitwillig in Mühen zu sein. Von Kriegen zum Machtgewinn halten sie fern, sie ordnen aber an, tapfer für sich selbst zu sein, unerbittlich gegenüber den Strafen, unsophistisch in der Anordnung der Worte, durch Taten immer bekräftigt. Denn diese Taten bieten wir stets dar, augenfälliger als Buchstaben. Deshalb möchte ich kühn sagen, dass wir die ersten Lehrer der meisten und zugleich schönsten Dinge für die anderen geworden sind. Denn was ist schöner als unwandelbare Gottesverehrung? Was ist gerechter als den Gesetzen zu gehorchen?
Oder was ist förderlicher als miteinander übereinzustimmen und weder in schlimmen Zeiten sich zu entzweien noch in glücklichen Zeiten gegeneinander aufzustehen aus Übermut, sondern im Krieg den Tod zu verachten, sich im Frieden aber den Handwerken oder der Landwirtschaft zu widmen und überzeugt zu sein, dass Gott überall auf alles schaut und alles regiert? [2,291–294]
Im Gegensatz zu der stereotypen Vorstellung, die griechisch-jüdischen Schriftsteller hätten die Tora zum „Gesetz“ reduziert, wird bei Josephus deutlich, dass er nomos auf eine Art und Weise interpretiert, die weit über unser heutiges Verständnis von „Gesetz“ hinausgeht. Für ihn schließt der Begriff Zivil- und Strafgesetz, die Staatsform und zusätzlich den Kultus, inklusive Glaubensausübung im Tempel und als Individuum, sowie Gottesglaube mit ein, also weit mehr als „Gesetz“, „Politik“ oder „Religion“.
An diesem Punkt könnte man sagen: Entscheidend ist nicht der Name. Obwohl Josephus ganz andere lexikalische Begriffe verwendet, um die judäische Lebensart zu beschreiben, sieht er sie dennoch als Einheit. Warum sollte sie also nicht „Judentum“ genannt werden? Entscheidend ist hier die Frage, ob Josephus diese judäische Lebensart als Spezies des Genus interpretiert, zu dem er die Griechen, Assyrer, Römer und Skyten zählt, oder als etwas Singuläres, sui generis. Der Umstand, dass Josephus den Begriff Ioudaismos nicht anwendet, zeigt meines Erachtens, dass Amir genau falsch liegt: Die Juden/Judäer haben kein singuläres Selbstverständnis als Volk, das sich von dem anderer Völker als separater Genus abhebt. Wie Josephus bezeugt (und in Übereinstimmung mit Masons Standpunkt) sehen sie sich gleichsam als Teil der „Völkerfamilie“.
Ioudaismos in Inschriften
Zwei epigraphische Funde scheinen diese Sichtweise (entgegen Amirs Darstellung42) ebenfalls zu bestätigen. Eine Inschrift von Stobi (spätes 3. bis 4. Jahrhundert)43 bezieht sich auf eine Person (oder vielmehr bezieht sich die in dieser Inschrift genannte Person auf sich selbst) als „πολιτϵυσάμϵνος πᾶσαν πολιτϵίαν κατ τὸν Iουδαισμον“.44 Amir übersetzt das erwartungsgemäß mit „verhielt sich in der Öffentlichkeit nach den Regeln des Judentums“ und fügt folgenden Kommentar hinzu: „Die Bedeutung scheint einfach, dass er die Gebote streng beachtete.“ Ich stimme zwar Amirs Interpretation zu, doch ist seine Übersetzung irreführend. Wie erwähnt ist „Judaisieren“, d. h., wie ein Judäer zu handeln, sich zu verhalten, wie es Judäer tun (gut oder schlecht, in diesem Fall Ersteres) viel näher am erstrebten Sinn als „Judentum“, das die Bedeutungen des modernen -ismus-Begriffes impliziert. Hengel übersetzt es als „jüdische Sitte“,45 was der Sache viel näherzukommen scheint.46 Doch selbst wenn jemand behaupten möchte, dass bei dieser Inschrift eine Interpretation wie „Judentum“ plausibler wäre, ist das vermutlich späte Datum der Inschrift an sich aufschlussreich und könnte somit leicht als Verwendung unter christlichem Vorzeichen gedeutet werden.
Ähnliches wäre zur letzten – meines Wissens – noch erhaltenen Erwähnung in einer Inschrift zu sagen. Eine Inschrift in Porto enthält folgende Passage: καλῶς βιώσασα ἐν το Iουδϊσμῷ (sie führt ein geruhsames Leben [mit ihrem Ehemann], indem sie den jüdäischen Bräuchen nachgeht), also indem sie die Gebote beachtet/praktiziert (genau wie in der Inschrift von Stobi), aber nicht zwingend im Rahmen einer Institution, die in der Moderne „Judentum“ genannt wird. Es gilt zu beachten, dass diese beiden epigraphischen Erwähnungen sich nicht vollständig mit Masons Interpretation vereinbaren lassen, doch ich glaube, dass sie, gestützt auf meine Korrektur dieser Interpretation, sehr gut ins Bild passen und in keiner Weise die Art von semantischer Entwicklung nahelegen, die wir sonst nur in christlichen Quellen finden. Sollten die Inschriften einen christlichen Bezug haben, sind Masons Argumente allerdings völlig irrelevant.47 Jedenfalls handelt es sich um die einzigen jüdischen Verwendungen von Ioudaismos (sozusagen aus der inneren Perspektive), abgesehen von den Makkabäerbüchern.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der überaus seltene Terminus Ioudaismos keine Bezeichnung für eine damit angeblich verbundene „Religion“ ist, sondern einen Lebenswandel benennt, der sich (mit Eifer) der Einhaltung der Gebote verschrieben hat. Er kann also genauso als „Judaisieren“ bezeichnet werden, wie etwa das fehlerfreie Schreiben der griechischen Sprache als „Hellenisieren“. Wie Amir mit Bezug auf Hellenismos bemerkt: „In diesem Sinne ist es ein ersehntes Ideal, dem der Mann des Geistes sein Leben lang nachstrebt, denn der linguistische ,Hellenismus‘ erfordert die genaue Einhaltung tausend kleiner und großer Regeln.“ Ersetzt man „linguistischer Hellenismus“ mit „die Lebensart der Vorväter (oder der Tora), dann erschließt sich der perfekte Sinn für Ioudaismos: „In diesem Sinne ist es ein ersehntes Ideal, dem der Mann des Geistes sein Leben lang nachstrebt, denn das Ausüben des ‚Judentums‘ erfordert die genaue Einhaltung tausend kleiner und großer Regeln.“ Diese Deutung passt sowohl in den paradigmatischen Kontext des grammatikalischen und lexikalischen Systems des Griechischen als auch zu den syntagmatischen Kontexten der Erwähnung des Begriffs im Jüdisch-Griechischen. Dieser Sinn erschließt sich auch, wenn wir dem Judäischen keine Sonderrolle einräumen. Nicht nur im Jüdisch-Griechischen, sondern auch im Hebräischen, im Jüdisch-Aramäischen und sogar im Jiddischen gab es jahrhundertelang keinen Ausdruck für die „jüdische Religion“.
Ich hoffe, hier bewiesen oder zumindest plausibel dargelegt zu haben, dass es irreführend ist, die jüdische Kulturgeschichte der Antike vor dem Hintergrund einer Vermutung zu betrachten, es habe eine „Religion“ gegeben, die „Judentum“ genannt wurde und gesondert war vom säkularen Bereich und der Politik. Wir täten gut daran, die Kultur insgesamt zu betrachten, ohne sie in Kategorien zu zwingen, die von anderen Kulturen, besonders unserer christlich geprägten, übernommen wurden.
Übersetzung aus dem Englischen: David Ajchenrand
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1Dieser Beitrag ist eine leicht geänderte und gekürzte Version eines Kapitels in meiner sich in Arbeit befindenden Studie Judaism/Jewish Religion im Rahmen der Reihe „Key Words for Jewish Studies“, die demnächst in der Rutgers University Press erscheinen wird.
2Davies, Philip R.: On the Origins of Judaism, Bible World, London; Oakville 2011.
3Ebd., S. 1.
4Ebd., S. 4.
5Ebd., S. 9.
6Ebd., S. 11.
7Ebd., S. 12.
8Thiessen, Matthew: Contesting Conversion: Genealogy, Circumcision and Identity in Ancient Judaism and Christianity, Oxford; New York 2001.
9Flavius Josephus: Jüdischer Krieg. Aus dem Griechischen übersetzt von Dr. Philipp Kohout, Linz 1901, S. 488.
10Schwartz, Daniel R.: Jewish Background of Christianity (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Bd. 60), Tübingen 1992, S. 13.
11Davies: Origins of Judaism, S. 13.
12Batnitzky, Leora: How Judaism Became a Religion: An Introduction to Modern Jewish Thought, Princeton 2011.
13Amir, Yehoshua: The Term Ιουδαϊσμός: On the self-understanding of Hellenistic Judaism, in: Peli, Pinchas (Hg.): Proceedings of the Fifth World Congress of Jewish Studies, the Hebrew University of Jerusalem, Mount Scopus-Givat Ram, Jerusalem 1969, S. 264.
14Ebd., S. 265.
15Ebd., S. 266. Vgl. Schwartz, Daniel R.: More on Schalit’s Changing Josephus: The Lost First Stage, in: Jewish History 9/2 (1995), S. 9–20.
16Mason, Steve: Jews, Judaeans, Judaizing, Judaism: Problems of Categorization in Ancient History, in: Journal for the Study of Judaism xxxviii/4–5 (2007), S. 465.
17Unter anderem in Boyarin, Daniel: Semantic Differences: Linguistics and „the Parting of the Ways“, in: Becker, Adam H.; Reed, Annette Yoshiko (Hg.): The Ways That Never Parted: Jews and Christians in Late Antiquity and the Early Middle Ages (= Texte und Studien zum antiken Judentum, Bd. 95), Tübingen 2003, S. 65–85. Diese Behauptung zu Ioudaismos findet sich zudem bereits bei Goldstein, Jonathan A. (Übers. und Hg.): II Maccabees: A New Translation with Introduction and Commentary, The Anchor Bible 41a, New York 1983. Mason hat das Argument aber zweifellos weiterentwickelt und es in seiner gründlichen Arbeit entscheidend gestärkt.
18Vgl. Himmelfarb, Martha: Judaism and Hellenism in 2 Maccabees, in: Poetics Today 19 (1998), S. 196. Meines Erachtens versteht Himmelfarb diesen Sachverhalt genau verkehrt. Von Ioudaismos als gegeben ausgehend und es als „Judentum“ übersetzend geht sie davon aus, dass Hellenismos hier „Hellenismus“ und nicht „Hellenisieren“ bedeuten muss. Vgl. auch ihre meinen Thesen diametral entgegenlaufende Bemerkung, dass „‚Die Gesetze‘ (hoi nomoi), oder weniger häufig, ‚Das Gesetz‘ (ho nomos), im 2. Buch der Makkabäer als Bezeichnung für die jüdische Lebensart ist, die anderswo als Ioudaismos bezeichnet wird und den Gegensatz zu ‚Hellenismos‘ bildet“. (ebd., S. 196). Vgl. nachfolgend die Argumente bei Josephus, die u. a. gegen diese Interpretation sprechen.
19Dover, Kenneth James: Aristophanic Comedy, Berkeley 1972, S. 214.
20Schwartz, Daniel R.: 2 Maccabees: Commentaries on Early Jewish Literature, Berlin; New York 2008, S. 465.
21Schwartz, Seth: How Many Judaisms Were There? A Critique of Neusner and Smith on Definition and Mason and Boyarin on Categorization, in: Journal of Ancient Judaism 2/2 (2011), S. 225.
22Ebd., 226.
23Vgl. „In der immer noch lebendigen Erinnerung der Griechen von den Perserkriegen des 6. und 5. Jahrhunderts v. u. Z. werden jene, die sich von den Griechen abwandten und mit ihren Feinden kollaborierten, ‚Medisierer‘ genannt, […] die implizierten Antonyme von ‚Medisierer‘ und ‚Medismus‘ wären ‚Hellenisierer‘ und ‚Hellenismus‘, was ‚der griechischen Sache loyal sein‘ bedeuten würde.“ Goldstein: Maccabees, S. 230, Fn 13. Ich erkenne bei Ioudaismos genau denselben Ursprung und dieselbe Semantik.
24Mason: Jews, Judaeans, Judaizing, Judaism, S. 467.
252. Buch der Makkabäer 2:21, Bibelübersetzung von Hermann Menge http://www.bibelwissenschaft.de/online-bibeln/menge-bibel/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/46/20001/29999/ch/bc17a5c06f734ff3a1b95350290ff329/, letzter Zugriff: 10. 01. 2017.
26Goldstein stellt enthusiastisch fest: „Unser Vers enthält die früheste bekannte Erwähnung des griechischen Wortes Ioudaismos (‚Judentum‘). Der Autor benutzte vermutlich absichtlich ein Wort mit dieser Form im Sinne von ‚barbarisch‘, da er damit seinem gebildeten griechischen Publikum die Analogie zum Kampf der loyalen Hellenen gegen die ‚barbarischen‘ Perser und gegen den ‚Medismus‘ der griechischen Kollaborateure mit dem Perserreich nahelegen wollte.“ Goldstein: Maccabees, S. 192, Fn 21.
27Mason: Jews, Judaeans, Judaizing, Judaism, S. 463.
28Ebd., S. 464.
29Ebd., S. 469.
30Ebd., S. 468.
31MacRea, Duncan: Diligentissumus Investigator Antiquitatis? „Antiquarianism“ and Historical Evidence between Republican Rome and the Early Modern Republic of Letters, in: Smith, Christopher; Sandberg, Kaj (Hg.): Historical Evidence and Historiography in Republican Rome, im Erscheinen.
32Lowe, Malcolm: Concepts and Words, in: Marginalia. The Los Angeles Review of Books (August 2014).
33Goldstein: Maccabees, S. 302.
34Amir: On the self-understanding of Hellenistic Judaism, S. 266.
35Der Jüdische Krieg 2,119–166; Altertümer 13,171–173; 18,12–25; Autobiographie 10–12.
36Dieses Argument wurde bereits vorgebracht, wenn auch etwas weniger pointiert. Siehe Flavius, Josephus: Judean War 2. Translation and Commentary by Steve Mason with Honora Chapman [De Bello Judaico. Liber 2.], Josephus Flavius: Works, 2000 1B, Leiden 2008, S. 96, Fn 734.
37Himmelfarb: Judaism and Hellenism in 2 Maccabees, S. 201.
38Josephus, Against Apion, hg. von Steve Mason, ins Englische übersetzt und kommentiert von John Barclay, Leiden 2007, S. 262, Fn. 638.
39„Josephus fasst frühe Staats- und Rechtstheorie mit sozioreligiösen jüdischen Werten zu einem theokratischen Konzept als Alternative zu klassischen Staatsmodellen zusammen. Die Instabilität und tyrannische Tendenzen königlicher Herrschaft kritisierend legt Josephus dar, dass ein politisches System nur dann von Dauer sein kann, wenn es auf den Grundlagen des Gesetzes ruht. Indem es die Rolle der Menschen reduziert und sich an ihrer Stelle auf sakrale Gesetze stützt, bietet die Theokratie ein solches System. Ungeachtet der Verzerrungen, die dieser Begriff im Laufe der Zeit erfuhr, oder dessen späterer Transformation, repräsentiert die Theokratie für Josephus ein konstitutionelles Vorhaben, das sorgfältig darauf ausgelegt wurde, Freiheit und Recht zu erreichen.“ Vgl. Flatto, David C.: Theocracy and the Rule of Law: A Novel Josephan Doctrine and Its Modern Misconceptions, in: Dine Yisrael 28 (2011), S. 7. Zum Gedanken, dass theokratia heute das Gegenteil von dem bedeutet, was Josephus mit diesem Begriff vorschwebte, siehe ebd., S. 5.
40Josephus: 267, Anm. 677, zitiert in: Altertümer 2,28.
41Siehe zu dieser Verwendung Josephus Flavius: De Bello Judaico. Der jüdische Krieg, Bd. I u. II. Herausgegeben und mit einer Einleitung sowie mit Anmerkungen versehen von Otto Michel und Otto Bauernfeind, Darmstadt 2013, S. 116: „Nächst Gott ist bei ihnen der Name des Gesetzgebers der Gegenstand der größten Verehrung.“
42Amir: On the self-understanding of Hellenistic Judaism, S. 264.
43Vgl. die Diskussion zur Datierung bei Hengel, Martin: Die Synagogeninschrift von Stobi, in: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft 57/3 (1966), S. 147–159.
44Ebd., S. 146.
45Ebd., S. 178.
46Siehe Hengels gesamte aufschlussreiche und wichtige Diskussion dieses Aspekts: ebd., S. 179 ff.
47Das ist zweifellos auch der Grund, weshalb er die Inschriften ignoriert.
Die rabbinische Literatur
Elisa Klapheck
Schriftliche und mündliche Tora
Die Rabbanan lehrten: Einst trat ein Nichtjude vor Schammai und sprach zu ihm: wie viele Torot [Plural von Tora] habt ihr? Dieser erwiderte: Zwei; eine schriftliche und eine mündliche. Da sprach jener: Die schriftliche glaube ich dir, die mündliche glaube ich dir nicht; mache mich zum Proselyten, unter der Bedingung, dass du mich nur die schriftliche Tora lehrst. Dieser schrie ihn an und entfernte ihn mit einem Verweise. Darauf trat er vor Hillel und dieser machte ihn zum Proselyten. Am ersten Tage lehrte er ihn Alef, Bet, Gimel, Dalet, am folgenden Tage aber lehrte er ihn umgekehrt. Das sprach jener: Gestern hast du mich ja anders gelehrt! Dieser erwiderte: Wenn du dich auf mich verlassest, so verlasse dich auch auf mich bezüglich der mündlichen Tora (siehe auch den Beitrag von Stefan Schreiner, S. 147).1
Nach der rabbinischen Vorstellung gab es von Anfang an eine „schriftliche“ und eine „mündliche“ Tora.2 Die fünf Bücher Mose in der Bibel, d. h. die „Tora“, aus der Juden am Schabbat in der Synagoge lesen, bzw. der Pentateuch, ist nach dieser Vorstellung die „schriftliche Tora“ (tora schebichtav). Ihr zur Seite gestellt ist jedoch noch eine zusätzliche, eine „zweite Tora“ – die „mündliche Tora“ (tora scheba’al peh). Letztere ist die Mischna. Das Wort Mischna bildet sich aus dem Verbstamm sch–n–h für „wiederholen“, aber auch „verändern“.3 Das allein lässt schon die große Spannung zwischen der schriftlichen und der mündlichen Tora erahnen. Die mündliche Tora wiederholt die schriftliche Tora und verändert sie zugleich.
Die schriftliche Tora wurde wahrscheinlich in der Zeit um Esra im 5. Jahrhundert v. u. Z. kanonisiert. Sie enthält die Bücher: 1. Genesis/Bereschit; 2. Exodus/Schemot; 3. Levitikus/Wajikra; 4. Numeri/Bemidbar und 5. Deuteronomium/Dewarim. Diese erzählen die Geschichte des Volkes Israel, beginnend mit der göttlichen Erschaffung der Welt, den Erzählungen über die ersten Generationen Adam, Noah bis hin zu Abraham, die Herausbildung der Kinder Israel, ihren Exodus aus Ägypten und die Gabe der Tora am Sinai, die Zehn Gebote sowie weitere Gesetze, etwa im Priesterkodex und im Heiligkeitskodex, außerdem Bestimmungen über das soziale Zusammenleben und den Umgang mit dem Land, ferner Geschichten während der 40-jährigen Wüstenwanderung und schließlich Moses große Reden an das Volk, bevor er selbst sterben sollte und das Volk in das von Gott versprochene Land ziehen würde.
Die „mündliche Tora“, d. h. die Mischna, wurde im 2. Jahrhundert u. Z. unter der Redaktion des in Palästina lebenden rabbinischen Oberhauptes Jehuda ha-Nasi (ca. 165–217) kodifiziert. Gegenüber den fünf Büchern Mose besteht sie aus sechs Ordnungen. Diese erzählen jedoch keine Geschichten, sondern enthalten Gesetzessammlungen für das Leben im heiligen Land. Die Ordnungen sind nach sechs Oberthemen strukturiert: 1. Landwirtschaft (Sera’im/„Saaten“); 2. Feste (Mo’ed/„Feiertag“); 3. Eheleben (Naschim/„Frauen“); 4. Gesellschafts- und Arbeitsrecht (Nesikin/„Schäden“); 5. Heiligtum (Kodaschim/„heilige Dinge“); 6. Rituelle Reinheit (Taharot/„Reinigungen“).4 Jede dieser Ordnungen enthält mehrere Traktate zu Unterthemen, etwa die Ordnung Seraim („Saaten“) über den Umgang mit dem Land, das Stehenlassen der Ecken, die Abgaben der Zehnten, das Beschneiden der Bäume usw.; oder die Ordnung Mo’ed mit Traktaten, die detaillierte Bestimmungen zu den einzelnen jüdischen Festen enthalten; oder die Ordnung Naschim mit Traktaten über Ehegesetze, Scheidungen, Umgang mit Ehebruch usw. Im Unterschied zur Tora ist hier jedoch nicht von „Gesetzen und Satzungen“ (chukim u-mischpatim) die Rede, sondern von der Halacha, dem rabbinischen Begriff für das jüdische Recht (siehe hierzu auch den Beitrag von Walter Homolka, S. 227).
Nur zu einem kleinen Teil decken sich die Gesetzessammlungen der Mischna mit den Gesetzen der schriftlichen Tora. In einem viel größeren Maß erweitern sie diese, erneuern sie und beziehen ganz neue Rechtsgebiete in den jüdischen Gesetzesradius ein. Anders als die Gesetze in der schriftlichen Tora sind die Bestimmungen in der Mischna nach dem rabbinischen Verständnis nicht unbedingt von Gott geoffenbart, sondern von den Rabbinen selbst formuliert und in Ansätzen auch schon in dem für den Talmud typischen, diskursiven Stil verfasst. So beginnt das erste Traktat in der Mischna, das Traktat Schabbat, mit einer Frage und mehreren möglichen Antworten:
Von wann an liest man das Schema [‚Höre Israel‘] am Abend? – von der Stunde an, da die Priester [in das Heiligtum] eintreten, von ihrer Hebe zu essen, bis zum Schluss der ersten Nachtwache – so R. Elieser. Die Weisen sagen, bis Mitternacht; R. Gamliel sagt, bis die Morgenröte aufsteigt.5
Der Talmud-Wissenschaftler Jacob Neusner bezeichnet die Beziehung zwischen der schriftlichen und der mündlichen Tora als das System der „dualen Tora“.6 Es entsteht aus einer Doppelspur, die die gesamte rabbinische Literatur durchzieht. Sie hat ein gigantisches Gebiet hervorgebracht, das auf einigen wenigen Seiten darzulegen kaum möglich ist und deshalb im Folgenden nur in groben Zügen skizziert werden kann.7
Den Autoren der rabbinischen Literatur war es wichtig, die Doppelspur von schriftlicher und mündlicher Tora bis auf die Offenbarung am Sinai zurückzuführen. Hierzu findet sich ein aufschlussreiches Kapitel mit dem Titel Pirke Avot/„Sprüche der Väter“ in der Mischna.8 Es liest sich wie ein Who is Who der Gründerväter des rabbinischen Judentums. Nacheinander zählt es die wichtigen Protagonisten auf und zitiert sie mit ihnen zugeschriebenen ethischen Aussagen. Gleich im ersten Satz wird deutlich, dass sich die Autoren des rabbinischen Schrifttums in direkter geistiger Nachfolge von Moses verstehen.
Moses empfing die Tora am Sinai und überlieferte sie dem Josua, Josua den Ältesten, die Ältesten den Propheten und die Propheten überlieferten sie den Männern der Großen Versammlung. Diese sagten drei Dinge: Seid überlegt bei euren gerichtlichen Entscheidungen; stellt viele Schüler auf; macht einen Zaun um die Tora.9
Die „drei Dinge“ – als Richter nach den Gesetzen der Tora zu entscheiden, als Lehrer viele Schüler zu unterweisen und als Mitglieder dieser geistigen Elite die Definitionsmacht (= „Zaun“) über die Tora auszuüben – drückt die rabbinische Selbstermächtigung aus. Der Passus lässt die einstige Kontroverse erahnen. Es geht um die Legitimation der Rabbinen, die Tora zu „empfangen“, sie nach ihrem Verständnis zu interpretieren und der nächsten Generation weiterzugeben. Gemeint ist danach jedoch nicht nur die schriftliche, sondern gerade auch die mündliche Tora.
Dass sich die rabbinische Vorstellung, nach der beide Versionen der Tora zusammen am Sinai gegeben wurden, nicht ohne Weiteres durchsetzte, wie die oben angeführte talmudische Anekdote erkennen lässt, liegt auf der Hand. Die Vorstellung von der Gleichzeitigkeit einer schriftlichen und einer mündlichen Tora war unter den Juden in der Antike lange umstritten. Denn die Herausbildung einer zusätzlichen „mündlichen“ Tora verknüpfte sich auch mit einer neuen religiösen Praxis: Text- und Gesetzesstudium in Lehrhäusern (Beit Midrasch), Gottesdiensten in Versammlungshäusern (Beit Knesset, Synagoge) sowie einer Rechtspraxis in rabbinischen Gerichtshäusern (Beit Din), die die Gerichtsbarkeit der Priester und des Tempels verdrängte. Demgegenüber hielten die „konservativen“ Sadduzäer am Privileg der Priester und dem althergebrachten Tempelsystem fest. Sie bekämpften die Pharisäer, die in Pirke Avot als die Vorläufer der Rabbinen aufgeführt werden. Mit dem verlorenen Krieg gegen das Römische Reich und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 setzte sich jedoch das rabbinische Judentum mit seinem besonderen Tora-Verständnis endgültig durch.
Der Paradigmenwechsel: Esra – Schriftgelehrter und Exeget
So wie die schriftliche Tora für Juden noch nicht die ganze Tora darstellt, ist es ebenso unverzeihlich zu meinen, das sogenannte Alte Testament sei schon das Judentum. Die Bibel hat für Juden immer die unsichtbare Gefährtin der rabbinischen Literatur. Erst in der Verbindung mit der rabbinischen Literatur, erst im Lichte ihrer Interpretation, erhält die Bibel ihre Bedeutung für die jüdische Tradition. Streng genommen müsste man jedoch im Plural sprechen. Hinter der Gefährtin der Bibel stehen tausende von Rabbinen, deren Stimmen quer durch die Generationen im rabbinischen Schrifttum vereinigt sind. Wo aber nahm diese Doppelspur von Bibel und rabbinischer Literatur ihren historischen Anfang?
Die rabbinische Darstellung der eigenen Ursprünge zieht, wie oben angeführt, eine Linie zurück bis zu Moses. Demgegenüber würde die historisch-kritische Methode der Bibelwissenschaft den Beginn der Doppelspur in die Zeit von Esra im 5. Jahrhundert v. u. Z. legen, als die exilierten Juden aus der babylonischen bzw. persischen Gefangenschaft zurückkehrten. Einige von ihnen hatten noch die Zerstörung des Ersten Tempels in Jerusalem erlebt. Erstaunlicherweise bedeutete der Verlust des einstigen zentralen Heiligtums, immerhin das Haus Gottes, in dem die regelmäßige kultische Begegnung des Volkes Israel mit seinem Gott praktiziert worden war, nicht das Ende dieser Begegnung. Der Talmud beschreibt die fortgesetzte Beziehung als die „Einwohnung“ Gottes, die Schechina,10 die stets mit den Israeliten ins Exil gezogen sei.11 Im Exil aber verlagerte sich der Ort der Begegnung vom einstigen Zentrum, dem Tempel in Jerusalem, in den heiligen Text. Die Begegnung sollte nunmehr stattfinden als der Umgang mit einer Tora, die Juden überall hin mitnehmen konnten und durch die sie miteinander verbunden blieben. Diese Politik des heiligen Textes, die sie aus dem babylonischen Exil zurückbrachten, sollte in den späteren Jahrhunderten das Überleben des jüdischen Volkes in der Diaspora möglich machen (siehe hierzu auch den Beitrag von Liliana Feierstein, S. 99).
Die beiden biblischen Bücher Esra und Nehemia bezeugen einen Paradigmenwechsel, der in seiner Tragweite kaum zu überschätzen ist. Schon Esras Titulierung verwies in die neue Epoche. Zwar wird er in der Bibel zunächst als kohen harosch/„Hauptpriester“ eingeführt, was ihn als Vertreter des alten Systems, des priesterlichen Tempelkultes zu bestätigen scheint.12 Doch sein persönlicher Titel im Buch Esra ist ein anderer: Nicht kohen, sondern sofer – „Schreiber“ oder „Schriftgelehrter“. „Dieser Esra war heraufgezogen von Babel, er war ein kundiger Schriftgelehrter (sofer) der ‚Tora von Moses‘, die der Ewige, der Gott Israels gegeben.“13 Im Folgenden changieren Esras Titel: „Und das ist die Abschrift des Briefes, den der König Artachschascht gegeben Esra, dem Priester (ha-kohen), dem Schriftgelehrten (ha-sofer), Schreiber (sofer) der Worte der Gebote Gottes und seiner Satzungen für Israel.“14
Die „Tora von Moses“, die Esra dem biblischen Bericht zufolge nach Jerusalem mitgebracht hatte, könnte im Großen und Ganzen dem Text der Tora entsprochen haben, der heute in den Synagogen gelesen wird. Vermutlich war er unter Esras Redaktion oder in seinem Umfeld zusammengestellt worden. Sicherlich spiegelte sich aber in seiner Zusammenstellung Esras Auffassung von dem wider, was er als heiliger Text fortan geistig und politisch für die jüdische Gemeinschaft leisten sollte.15 Mit Hilfe eines gemeinsamen Dokuments sollten die vormals konfligierenden Traditionen auf ewig vereinigt und auf diese Weise die einstigen Gräben zwischen dem Nordreich Israel und dem Südreich Judäa mit ihren verschiedenen Priestergruppen überwunden sein. Der zusammengewirkte Text der Tora enthielt dadurch jedoch zahlreiche unterschiedliche Akzente, wenn nicht Widersprüche, bis hin zu konträren Weltanschauungen. Das machte ihn für alle Zukunft erklärungsbedürftig. Vielleicht war es von Esra so gewollt. In jedem Fall manifestierte sich in der inneren Spannung der Tora ein neues Paradigma: Die religiöse Tradition ließ sich nicht mehr nur als Befolgung der Gebote verwirklichen, sondern verlangte zunächst vor allem eine Auslegung ihres Textes.
Seit dem 18. Jahrhundert hat die historisch-kritische Bibelanalyse mindestens fünf miteinander verwobene Texttraditionen in der Tora unterscheiden können: Die elohistische Tradition (E) und die Tradition des Tetragramms JHWH (J) sowie eine zusätzliche Tradition, die beide Gottesbezeichnungen als JHWH Elohim (JE) kombiniert, ferner die Priesterschrift (P), die die gesamte Schöpfung durch die Strukturzahl Sieben erklärt, sowie eine deuteronomistische Tradition (D), die auf ein zentralisiertes System mit dem Tempel in Jerusalem als Mittelpunkt abzielt.16 Für sich genommen und gegeneinander gelesen offenbaren die fünf Texttraditionen große inhaltliche Unterschiede. Fast unvereinbar erscheinen vor allem die Bücher Levitikus und Deuteronomium.17 Im Buch Deuteronomium spiegelt sich ein „deuteronomistischer“ Kanon innerhalb der Bibel. Dieser reflektiert die Transformation der israelitischen Stämme zu einem Königeich und besteht neben Deuteronomium aus den historischen Büchern Josua, Richter, Samuel (I. u. II) sowie Könige (I. u. II.). Eines der treibenden Anliegen des deuteronomistischen Kanons ist die Frage nach dem Status des Königs unter den Bedingungen einer Weltanschauung, nach der allein Gott König über sein Volk ist.18 Demgegenüber kommt die Institution eines Königs in Levitikus nicht vor, was sich sowohl in einer oppositionellen Spannung zu Deuteronomium lesen lässt, als auch die nachexilische Situation widerspiegeln könnte, in der Juden zwar nach Jerusalem zurückgekehrt waren und ihren Tempelkult ausüben durften, jedoch keine politische Souveränität besaßen. Einen anderen politischen Akzent setzt wiederum das vierte Buch/Numeri als Schauplatz von Konflikten zwischen verschiedenen levitischen Eliten. Sie werden in mythischen Erzählungen verarbeitet, die während der 40-jährigen Wüstenwanderung stattgefunden haben sollen, aber durchaus an das Ringen um die religiöse Vormachtstellung in der Zeit der Königreiche erinnern – etwa der Bericht über den Aufstand der „Rotte Korach“ zusammen mit den Familien von Datan und Abiran,19 oder aber die Kritik von Aaron, dem Hohepriester, und seiner Schwester, der Prophetin Miriam, gegen die Alleinstellung ihres Bruders Moses als Vermittler des göttlichen Wortes.20 Fraglich ist auch der historische Horizont der Bücher Genesis und Exodus. Ebenso wie die anderen Bücher bezeugen sie kulturelle Berührungen mit den Gesellschaften Babyloniens und Persiens aus einer nachexilischen Perspektive, obwohl sie Dinge erzählen, die lange vor dieser Zeit stattgefunden haben sollen.
Der vermutete Text jener „Tora von Moses“, die Esra nach Jerusalem mitgebracht hat, – sollte er im Großen und Ganzen dem bis in die heutige Zeit überlieferten Text entsprechen – wurde jedoch nicht erst für die moderne kritische Bibelwissenschaft erklärungsbedürftig.21 Bereits die Formulierungen in den Büchern Esra und Nehemia zeigen, dass die erneute Annahme der Tora inhaltliche Erklärungen, ja ein tieferes Verständnis des Textes erforderte. Nicht der heilige Text für sich, sondern erst in der Verbindung mit einer Auslegung gab ihm seine konstitutive Wirkung. Das hebräische Wort für „Auslegung“ oder „Interpretation“ leitet sich vom Verbstamm d–r–sch ab. An bezeichnender Stelle taucht es bei der Charakterisierung Esras auf: „Denn Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, die Tora des Ewigen auszulegen – und herzustellen und zu lehren in Israel Gesetze und Recht.“22
Vielleicht wird mit dem hier auftretenden Verb lidrosch von d–r–sch auch die Ahnung ausgedrückt, dass die redaktionelle Zusammenstellung der Tora bereits Esras Interpretation der Tora darstellte.
Da versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann auf dem Platze vor dem Wassertore, und sie sprachen zu Esra, dem sofer, dass er herbeibringe das Buch der Tora von Moses, die der Ewige Israel geboten. Und Esra, der Priester, brachte herbei die Tora vor die Versammlung, Mann und Frau und jeglichen, und erläuterte alles, dass man es verstehe, am ersten Tag des siebenten Monats, und las darin auf dem Platze vor dem Wassertore, vom lichten Morgen bis zum Mittage, vor den Männern und den Frauen und den Lehrern; und die Ohren des ganzen Volkes waren gerichtet auf das Buch der Tora.23
Im Weiteren bekommen die Leviten, d. h. die ehemaligen Tempeldiener, die nunmehr neue Aufgabe, das Buch zusammen mit der Bevölkerung zu lesen, zu verstehen24 – und es auf den tieferen Sinn hin auszulegen.25 „Und sie lasen in dem Buche, in der Tora Gottes, mit Auslegung des tieferen Sinns (meforasch), so dass sie das Gelesene verstanden.“26
Das Volk schloss daraufhin einen neuen Bund auf die Tora. Im Unterschied zum Bund, den Gott im Buch Exodus/Schemot mit dem Volk Israel geschlossen hatte,27 ist es hier jedoch das Volk, dass die Initiative dazu nimmt: „Und bei all dem wollen wir einen festen Bund schließen und aufschreiben.“28
Anders als bei der im Buch Exodus/Schemot beschriebenen Offenbarung am Sinai, bei der das Volk Moses beauftragt, die Tora in Empfang zu nehmen, und den darin enthaltenen Bestimmungen gehorchen will – erfolgt die Annahme der Tora hier aufgrund von Unterweisung und Auslegung. Die Doppelspur von Text und Auslegung beginnt, ihren Lauf zu nehmen.
Der Tanach und seine Midraschim
Im Grunde genommen ist aber schon der Tanach ein exegetischer Kommentar zur Tora. TaNaKh ist die jüdische Bezeichnung für die Bibel bzw. das Alte Testament. Der Begriff ist ein Akronym der Anfangsbuchstaben Tora, Newi’im (= Propheten) und Khetuvim (= Hagiographen). Heute wird auch von „Hebräischer Bibel“ oder „Jüdischer Bibel“ gesprochen, die, abgesehen von leichten Abweichungen, vor allem in der Reihenfolge, dieselbe ist, die Christen lesen – freilich ohne das Neue Testament.
Der erste Teil, die „Tora“, sind die fünf Bücher Mose. Mit dem zweiten Teil, den „Propheten“/Newi’im ist ein historisches Zeitalter gemeint, in dem prophetisch begabte Menschen vom monotheistischen Standpunkt her die politischen Geschicke Israels begleiteten. Der gesamte deuteronomistische Kanon gehört zu diesem Teil, zusammen mit den drei großen Prophetenbüchern Jesaja, Jeremia und Ezechiel sowie den Schriften der zwölf kleinen Propheten. Eine differenzierte Lektüre all dieser Bücher führt in einen vielstimmigen Kommentar zur Tora. Die Propheten vertreten dabei sehr unterschiedliche Ansichten. Jesajas Prophetie etwa richtet sich kritisch gegen den Opferkult im Tempel29 und hebt die sozialen Gebote, die Befreiung von Unterdrückung und die Unterstützung der Armen, als die eigentlichen Aussagen der Tora hervor.30 Demgegenüber entwirft Ezechiel die Vision eines wiederaufgebauten Tempels mit der rituellen Wiedereinsetzung der Leviten und detaillierten Kultbestimmungen.31 Aber auch die Hagiographen/Khetuvim stehen in einem nach Deutungen rufendem Spannungsverhältnis zur Tora. Sie enthalten neben der Weisheitsliteratur – den Psalmen und Sprüchen sowie dem Buch Hiob – vor allem die fünf Megillot, die fünf „Rollen“. Über diese wurde im späteren rabbinischen Zeitalter gestritten, ob sie überhaupt in die Bibel gehören.32 Die bekannteste Rolle ist die Megillat Esther, das Buch Esther, das deshalb umstritten war, weil Gott darin nicht vorkommt. Auch das pessimistische Weltbild im Buch Prediger/Kohelet sowie die Erotik des Hoheliedes/Schir Haschirim erschienen manchen Rabbinen zweifelhaft. Trotzdem wurden sie in den biblischen Kanon aufgenommen. Zusammen mit den anderen Megillot, den Büchern Rut und den Klagelieder Jeremias/Echa werden sie über das Jahr an den jüdischen Festen Purim, Chanukka, Pessach, Schawuot und Tischa b’Aw gelesen und stehen somit in einem kontrapunktischen Verhältnis zu den Fünf Büchern Moses, aus denen jeden Schabbat in der Synagoge vorgetragen wird. Als Bestandteile eines vielfältigen heiligen Kanons erzeugen sie eine innere Spannung gegeneinander, die sich nur durch Auslegung vereinbaren lässt.
Verschiedene jüdische Gruppierungen – die Sofrim (Schriftgelehrten), die Peruschim (Pharisäer, auch Niwdalim genannt) oder die Anhänger der Qumran-Sekte – entwickelten in den auf Esra folgenden Epochen einen jeweils unterschiedlichen exegetischen Umgang mit der Tora.33 Sie ebneten zugleich die Herausbildung des rabbinischen Schriftverständnisses, das sich allein in der Dialektik des Textes und seiner Auslegung erschließt. Auf dieser Doppelspur schufen die Rabbinen in der späten Antike ein neues Genre – die Midraschim. Es ist das schier unendliche Feld rabbinischer Auslegungen.
Die Midrasch-Literatur enthält eine sowohl aggadische (erzählerische) als auch halachische (religionsgesetzliche) Dimension. Im 2. Jahrhundert erschien die wohl älteste rabbinische Midraschsammlung, die Rabbi Jischmael zugeschriebene Mechilta, ein Kommentar zum 1. Buch Mose.34 Es folgten bis zum 5. Jahrhundert umfangreiche Midrasch-Sammlungen unter dem Titel Raba zu jedem Buch der Tora sowie zu den Megillot, den Psalmen und Sprüchen.35 Eine prägnante Auswahl der damaligen homiletischen Midraschim schuf der Tanchuma im 8. Jahrhundert.36 Parallel erschienen die halachischen Midraschim Sifra/Sifre.37
Der bereits erwähnte Verbstamm für „auslegen“ – d–r–sch – bildet auch den Begriff Midrasch (Singular für Midraschim). Midraschim überbrücken Brüche im Text, heben Widersprüche im Wege von Deutungen auf, überwinden Unklarheiten für die Praxis und erkennen unvermutete neue Themen in den einzelnen biblischen Versen. Ihre literarische Besonderheit liegt darin, gerade nicht zu einer einzig gültigen Interpretation gelangen zu wollen, sondern möglichst viele Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Indem die Rabbinen in den Midraschim jeden Vers, ja jedes Wort der Tora nicht nur im Kontext der ganzen Textpassage lasen, sondern für sich nahmen, schufen sie ganz neue Kontexte. Dies führte zu einem neuen Tora-Bewusstsein. Ein Beispiel hierfür ist die rabbinische Deutung der zwei Gottesbezeichnungen Elohim und JHWH. Die Rabbinen entwickelten aus den beiden Begriffen die Lehre von den „zwei Maßen“. Die jeweilige Gottesbezeichnung bedeutete für sie jeweils ein göttliches Attribut. Elohim stehe für midat hadin/„Maß des Gesetzes“; JHWH stehe für midat harachamim/„Maß der Barmherzigkeit“. Wo immer von Elohim die Rede sei, wirke das „gesetzgebende“ Attribut Gottes; bei JHWH gestalte sein „barmherziges“ Attribut den Verlauf.
Die beiden Gottesbezeichnungen prägen das erste und das zweite Kapitel der Tora – die zwei Versionen der göttlichen Schöpfung. In der ersten Darstellung ist es Elohim, der die Welt in sechs Tagen erschafft – Bereschit bara Elohim…/„Im Anfang schuf Elohim…“.38 Im zweiten Schöpfungsbericht ist es JHWH in der Kombination mit Elohim – „…am Tage, da JHWH-Elohim fertigte Himmel und Erde“39 und den Menschen in den Garten Eden setzte. Ohne die rabbinische Exegese erscheinen die beiden Versionen unvereinbar. In der ersten Darstellung schuf Gott den Menschen zuletzt und von vornherein männlich und weiblich.40 Im zweiten setzte Gott den Menschen in den Garten Eden und schuf erst danach die Tiere, denen der Mensch Namen geben sollte.41 Zuletzt stellte Gott die Frau aus der Rippe bzw. der Seite des Menschen heraus.42 Indem jedoch die Rabbinen die beiden Schöpfungskapitel im Lichte der Lehre von den „zwei Maßen“ interpretierten, entstand eine Sichtweise, in der sich der Widerspruch gänzlich aufhebt und stattdessen die Schöpfung in einem ganz anderen Sinnzusammenhang erkennbar wird. Der bis in die heutige Zeit die jüdische Lesart der Tora prägende Kommentar von Schlomo ben Isaac (Raschi)43 fasste die rabbinische Exegese zu den zwei Maßen in Bezug auf die Schöpfung zusammen:
‚Bereschit bara Elohim‘ [‚Im Anfang schuf Gott‘ = Elohim]. […] Wenn du den Vers nach dem einfachen Sinn [pschat, siehe unten] erklären willst, erkläre ihn so: ‚Am Anfang der Erschaffung von Himmel und Erde, als die Erde noch wüst und öde und Finsternis war, da sprach Gott, es werde Licht.‘ Der Vers will nicht die Reihenfolge der Schöpfung lehren, um zu sagen, dass diese [Himmel und Erde] zuerst erschaffen wurden. Wollte er das lehren, so müsste er den Ausdruck barischona [als erstes] gebrauchen; denn reschit [grammatikalischer Genitiv, also: ‚Anfang des/der‘] ist in der Schrift immer mit dem nächsten Worte verbunden, so [Jer 26,1], ‚am Anfang der Regierung von Jojakim‘, […] Solltest du aber sagen, der Vers lehrt, dass diese [Himmel und Erde] zuerst erschaffen wurden, und der Sinn wäre, am Anfang von allem erschuf er diese, […] – wenn es so wäre, müsstest du dich fragen, das Wasser war ja zuerst; denn es heißt, ‚der Geist Gottes schwebte über die Fläche des Wassers‘, und der Vers hat uns noch nicht offenbart, wann die Erschaffung des Wassers stattgefunden; aus diesem Vers kannst du entnehmen, dass das Wasser schon vor der Erde erschaffen war; außerdem wurde der Himmel aus Feuer und Wasser gebildet; und du musst zum Schluss gelangen, dass uns der Vers nichts über die Reihenfolge, was früher und was später war, lehrt. – ‚Gott [Elohim = Maß des Gesetzes] erschuf,‘ es heißt nicht, ‚ JHWH [= Maß der Barmherzigkeit] erschuf‘; denn zuerst bestand die Absicht, mit dem Maß des Gesetzes zu erschaffen, da er aber sah, dass die Welt dann nicht bestehen könne, stellte er das Maß der Barmherzigkeit auf und verband es mit dem Gesetz, darum heißt es [Gen 2,4], ‚am Tage, da JHWH-Elohim44 Erde und Himmel erschuf ’.45
Die zwei Schöpfungsberichte erzählen somit keine Reihenfolge, wann was erschaffen wurde, sondern dass erst zwei Maße, das Maß des Gesetzes und das Maß der Barmherzigkeit, miteinander verwoben werden mussten, damit die Schöpfung nachhaltig bestehen könne. Diese Vorstellung hatte jedoch folgenreiche Konsequenzen für die Beziehung Gottes zu den Menschen. Die Rabbinen erkannten, dass ihre Lehre von den zwei Maßen ein göttliches Spannungsverhältnis erzeugte, in dem Gott immer auch mit sich selbst ringt – und sogar betet:
R. Jochanan sagte im Namen R. Joses: Woher, dass der Heilige, er ist gesegnet, betet? – es heißt: ‚ich werde sie in meinem Bethause erfreuen‘ (Jes 56,7). Es heißt nicht ‚ihrem Bethause‘, sondern ‚meinem Bethaus‘, woraus zu entnehmen ist, dass der Heilige, er ist gesegnet, betet. Was betet er? Es möge mein Wille sein, dass meine Barmherzigkeit meinen Zorn bezwinge, dass sich meine Barmherzigkeit über mein Maß [des Gesetzes] wälze, dass ich mit meinen Kindern nach der Eigenschaft der Barmherzigkeit verfahre und dass ich ihrethalben nicht streng urteile.46
Das soll er insbesondere an den jüdischen Festen beten. Das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana, das zugleich der Teschuwa, der Umkehr zu Gott gilt, dauert zwei Tage. Die rabbinische Erklärung für die beiden Tage ist nicht dem Umstand geschuldet, dass man in der Diaspora nicht genau wissen konnte, wann der Neumond über dem Land Israel zu sehen ist – und darum wie auch bei anderen Festen zwei Tage veranschlagte. Vielmehr begründeten die Rabbinen die zweitätige Festdauer des Neujahrsfestes mit der Vorstellung, dass Gott am ersten Tag im Zeichen des strengen Gesetzesmaßes richte, welches aber am zweiten Tag zugunsten seiner Barmherzigkeit weiche.47
In so gut wie allen Geschichten des ersten Buches Mose kommen beide Namen Gottes vor. Wenn etwa Noah „Gnade bei JHWH“ gefunden hat,48 die Sintflut jedoch im Zeichen von Elohim geschieht,49 oder wenn später Abraham seinen Sohn Isaak opfern soll, die Erzählweise mehrfach zwischen Elohim und JHWH wechselt,50 gibt das Anlass zu Deutungen über die jeweilige Beschaffenheit des göttlichen Verhaltens.
Eine gebräuchliche Art des Midrasch ist es, einen Vers der Tora im Lichte eines anderen Schriftverses zu lesen. Die Folge hiervon ist die Gleichzeitigkeit aller Schriftverse.
Ein Anhänger einer anderen Religion sprach zu R. Abahu: Es heißt: ‚ein Loblied Davids, als er vor seinem Sohne Absalom floh‘ (Ps 3,1) und weiter heißt es: ‚ein Lied Davids, als er vor Saul in die Höhle floh.‘ (Ps 57,1) Welches Ereignis geschah zuerst? Das Ereignis mit Saul geschah ja zuerst, somit sollte er doch dieses zuerst geschrieben haben!? Dieser erwiderte: Euch, die ihr das Nebeneinanderstehen [von Schriftstellen und Gesetzen, die nicht zusammengehören, EK] nicht zur Forschung verwendet, ist dies unerklärlich, uns aber, die wir das Nebeneinanderstehen zur Forschung verwenden, ist dies erklärlich. R. Jochanan sagte nämlich: Wo ist das Nebeneinanderstehen aus der Tora zu entnehmen? – es heißt: ‚nebeneinander stehen sie für immer und ewig, gemacht zu Treue und Recht‘ (Ps 111,8).51
Eklatante Widersprüche, etwa über Zeitangaben in der Bibel, können damit gelöst werden. Es gilt: „Es gibt kein Vorher und Nachher in der Tora.“52 In diesem unbedingten Jetzt des Textes löst sich die Linearität des Tanach weitgehend auf. Danach erzählt er keine abgeschlossene Geschichte im Rückblick – beginnend mit der Schöpfung, endend mit der Rückkehr der Exilanten aus Babylonien. Vielmehr wirkt er in einer immerwährenden Gleichzeitigkeit aller Schriftverse auch in der Gegenwart – sind der Auszug aus Ägypten nicht nur eine Erinnerung und die Begegnung mit Gott am Sinai keine Sache der Vergangenheit, sondern vielmehr Momente, die immer wieder geschehen. In diesem nichtlinearen Bewusstsein entsteht die immerwährende Wirkmacht der Tora durch ihre Auslegung.
Den Rabbinen war klar, dass ihr Verständnis der Tora zu Erkenntnissen führte, die sich vorangegangene Generationen niemals vorgestellt hätten. Eine talmudische Erzählung über Moses, der das Lehrhaus besucht und nichts versteht, drückt das rabbinische Bewusstsein über die eigene Originalität aus:
R. Jehuda sagte im Namen Raws: Als Moses in die Höhe stieg, traf er den Heiligen, er ist gesegnet, dasitzen und die Buchstaben [der Tora] mit krönchenhaften Verzierungen [tagim] schmücken. Da sprach er zu ihm: Herr der Welt, wozu ist das nötig [ist die Tora nicht schon vollständig]? Er erwiderte: Es ist ein Mann, der nach vielen Generationen sein wird, namens Akiva ben Josef; er wird dereinst über jedes Häkchen Haufen über Haufen von Lehren vortragen. Da sprach er vor ihm: Herr der Welt, zeige ihn mir. Er erwiderte: Wende dich um. Da wandte er sich um und setzte sich hinter die achte Reihe [der Schüler Rabbi Akivas im Lehrhaus]; er verstand aber ihre Unterhaltung nicht und war darüber bestürzt. Als jener zu einer Sache gelangte, worüber seine Schüler ihn fragten, woher er dies wisse, erwiderte er ihnen, dies sei eine Mose am Sinai überlieferte Lehre. Da wurde er beruhigt.53
Die neue Tora war also noch im Radius der dereinst am Sinai empfangenen Tora; die krönchenhaften Verzierungen an den Buchstaben wiesen schon damals in die zukünftigen mündlichen Lehren. Rabbi Jischmael werden 13 hermeneutische Regeln zugeschrieben, nach denen die Tora ausgelegt werden kann.54 Dass die spekulative Freiheit des Midrasch auch Gefahren birgt, war den talmudischen Rabbinen bewusst. Die berühmte Geschichte über den PaRDeS, das „Paradies der rabbinischen Exegese“, warnt davor, sich zu verlieren. Das Wort PaRDes wird als ein Akronym der vier Möglichkeiten gesehen, nach denen ein Vers oder ein Wort der Tora ausgelegt werden kann. P steht für Pschat/der „einfache Sinn“ – R für Remes/das unverhoffte „Zeichen“ innerhalb einer Formulierung – D für Drasch/die „Auslegung“ – und S für Sod/das „Geheimnis“ eines Wortes oder Satzes.
Die Rabbanan lehrten: Vier traten in den PaRDeS ein, und zwar Ben Asai, Ben Soma, Acher und Rabbi Akiva. Rabbi Akiva sprach zu ihnen: Wenn ihr an die glänzenden Marmorsteine herankommt, so saget nicht: Wasser, Wasser [die Scheide zwischen dem unteren Himmel55 und den oberen Himmeln], denn es heißt: ‚wer Lügen redet, soll vor meinem Angesichte nicht bestehen‘. (Ps 101,7) Ben Asai schaute [d. h. er vertiefte sich zu sehr] und starb. Über ihn spricht die Schrift: ‚kostbar ist in den Augen des Ewigen der Tod seiner Frommen.‘ (Ps 116,15) Ben Soma schaute und kam zu Schaden [er wurde irrsinnig]. Über ihn spricht der Schriftvers: ‚hast du Honig gefunden, so esse, was dir genügt, dass du seiner nicht satt werdest und ihn ausspeiest‘. (Spr 25,16) […] Acher haute junge Triebe nieder [er wurde Atheist]. Über ihn spricht die Schrift: ‚gestatte deinem Munde nicht, deinen Leib in Schuld zu bringen‘. (Eccl 5,5)56 […] Nur Rabbi Akiva stieg in Frieden hinauf und kam in Frieden herunter. Über ihn spricht die Schrift: ‚zieh mich dir nach, lass uns laufen‘ (Hld 1,4).57
Mindestens zwei Stimmen in der halachischen Diskussion
Dem rabbinischen Diskurs kam es offensichtlich nicht darauf an, die eine einzig geoffenbarte Wahrheit herauszufinden. Das gilt nicht nur für die aggadische Exegese, sondern auch für die Diskussion über die Halacha, die jüdische Rechts- und Gesetzestradition.
Warum erwähnt man die Worte Schammais und Hillels auch dann, wenn sie aufgehoben wurden? Um die kommenden Geschlechter zu belehren, dass niemand auf seiner Meinung beharren solle, da doch die größten Lehrer nicht auf ihrer Meinung beharrten. Und warum erwähnt man die Ansicht des Einzelnen gegen die Mehrheit, da doch die Halacha nur nach den Worten der Mehrheit entschieden wird? Damit, wenn einem Gerichte die Ansicht des Einzelnen einleuchtet, es sich darauf stützen könne.58
Noch einmal zur Struktur des rabbinischen Schrifttums: Die „schriftliche Tora“ ist die Basis des Tanach. Ihm zugeordnet sind die Midraschim, die rabbinischen Auslegungen. Die ursprünglich „mündliche Tora“, d. h. die Mischna mit ihren sechs Ordnungen von Gesetzessammlungen, ist wiederum die Basis des Talmuds, auf den im Folgenden noch eingegangen wird. Beide – Midraschim und Talmud – überschneiden sich bis zu einem gewissen Grad und das sowohl in den Diskussionen mit aggadischen, d. h. erzählerischen Beispielen, als auch den Diskussionen über die Halacha, die jüdische Gesetzespraxis.
Der Begriff Halacha kam im Tanach noch nicht vor. Dort ist von chukim u-mischpatim/„Gesetzen und Satzungen“ oder von zedek u-mischpat/„Gerechtigkeit und Recht“ die Rede. Erst im rabbinischen Schrifttum tritt der Begriff Halacha auf. Er enthält den Verbstamm h–l–ch von „gehen“ und ist der Oberbegriff für die jüdischen Gesetze und Normen. Anders als die im Pentateuch von Gott vorgeschriebenen „Gesetze und Satzungen“ ist die Halacha das Ergebnis der rabbinischen Rechtsdebatten.
Es ist die Frage, warum das rabbinische Schrifttum gerade in seiner halachischen Dimension zu einer Form gelangte, in der nicht ein einzelner Autor im Sinne eines durchstrukturierten großen Wurfs das gesamte argumentative Gerüst darstellt, sondern eine generationenübergreifende Autorenschaft von hunderten Rabbinen aus verschiedenen Zeitaltern, Schulen und Argumentationstraditionen mit knappen Statements, argumentativen Verweisen und kurz gehaltenen Zitaten so viel wie möglich Stimmen zu Gehör bringt. Jacob Neusner sieht in der besonderen rabbinischen Dialektik eine ideale Methode, um einen größtmöglichen Radius an Wissen zu erzeugen und es unter den Bedingungen der Diaspora zu erhalten. Es sei auch eine Überlebensstrategie. Das bedeutete jedoch, dass kein Gelehrter allein die Wahrheit ausdrücken könne.
Schon die bereits erwähnten Pirke Avot/„Sprüche der Väter“ präsentieren die jüdischen Gelehrten von vornherein in einer inhaltlichen Spannbreite. Auf den Einstieg, der bis auf Moses zurückführt, folgt ein erster Name – Simon der Gerechte. Mit diesem Namen wird in eine konkrete Zeit verwiesen; von hier ausgehend entfaltet sich eine Liste von weiteren bekannten Protagonisten, die das Feld des rabbinischen Schrifttums bereiteten. „Simon der Gerechte war von den letzten der großen Versammlung. Er pflegte zu sagen: ‚Auf drei Dingen besteht die Welt: auf der Tora, auf gottesdienstlicher Arbeit und auf Liebeswerken.‘“59
Simon war der vermutlich älteste, namentlich bekannte Pharisäer. Der Talmud erzählt über seine Begegnung mit Alexander dem Großen. Auch wenn es sich möglicherweise nur um eine Legende handelt, bekundet sie die große gegenseitige Hochachtung des jüdischen Schriftgelehrten und des immerhin von Aristoteles unterwiesenen Kulturträgers Griechenlands.60 Mancher Talmudforscher sieht in dieser Geschichte eine Reflexion auf die geistige Geburt einer „jüdischgriechischen“ Tradition, die später – vermittelt über das Christentum – Europa gestaltete.61 Der rabbinische Anteil darin entwickelte sich in einer Kultur dialektischen Streitens, was grundsätzlich mindestens zwei verschiedene Positionen voraussetzt. Dementsprechend fährt das Kapitel Pirke Avot fort: Simon überlieferte die Tora an Antigonos, den Gelehrten aus Socho. Auf Antigonos folgen nun die Sugot/die sogenannten Paare – jeweils zwei Protagonisten, zwei Stimmen in einer Generation, mit jeweils zwei unterschiedlichen Einstellungen.62 Jossi, Sohn des Jo’eser, Gelehrter aus Zereda, und Jossi, Sohn des Jochanan, Gelehrter aus Jerusalem, empfingen die Tora von Antigonos:
Jossi, Sohn des Jo’eser, sagt: Dein Haus sei eine Versammlungsstätte für die Weisen, lasse dich vom Staub ihrer Füße bedecken und trinke durstig ihre Worte. Jossi, Sohn des Jochanan, Gelehrter aus Jerusalem, sagt: Dein Haus sei weit offen; Arme sollen deine Hausgenossen sein; mehre kein Geschwätz mit der Frau.63
Als nächstes Paar empfingen Jehoschua, Sohn des Perachja, und Nitai aus Arbel die Tora von ihren Vorgängern:
Jehoschua, Sohn des Perachja, sagt: Bestimme dir einen Lehrer, verschaffe dir einen Freund und beurteile jeden Menschen zum Guten. Nitai aus Arbel sagt: Halte dich fern von einem bösen Nachbarn; verbinde dich nicht mit einem Bösen; meine nicht, dass Böses ungestraft bleibt.64
Hierauf folgen Jehuda, Sohn des Tabai, und Simon, Sohn des Schatach.65 Sodann Schmaja und Awtaljon.66 Die Aufzählung führt auch zu Hillel und Schammai.67 Hillel wird u. a. zitiert mit seinem berühmten Diktum: „Sorge ich nicht für mich, wer wird für mich sorgen? Sorge ich nur für mich allein, was bin ich dann? Wenn nicht jetzt, wann denn?“
Und Schammai: „Mache dir das Torastudium zur Hauptsache; versprich wenig, doch tue viel; empfange jeden Menschen mit freundlichem Gesicht.“
Spätestens mit den Namen von Hillel und Schammai ist die Liste bei den halachischen Disputen angelangt. Wie kein anderes Paar personifizierten sie das rabbinische Ideal der produktiven Streitkultur. Hillel galt als der Nachsichtigere, Schammai als der Rigorosere. Regelmäßig führt der Talmud die beiden Schulen an und verweist damit in die einstigen halachischen Kontroversen. Die Auffassungen der Schule Hillels in Bezug auf die Halacha erhielten autoritative Gültigkeit, trotzdem nennt der Talmud auch die Auffassungen der Schule Schammais:
Drei Jahre stritten die Schule Schammais und die Schule Hillels: eine sagte; die Halacha sei nach ihr zu entscheiden, und eine sagte, die Halacha sei nach ihr zu entscheiden. Da ertönte eine Hallstimme und sprach: Diese und auch diese sind Worte des lebendigen Gottes (elu we-elu diwrei elohim chajim); jedoch ist die Halacha nach der Schule Hillels zu entscheiden. – Wenn aber [die Worte] der einen und der anderen Worte des lebendigen Gottes sind, weshalb war es der Schule Hillels beschieden, dass die Halacha nach ihr entschieden wurde? – Weil sie verträglich und bescheiden war, und sowohl ihre eigene Ansicht als auch die der Schule Schammais studierte; noch mehr, sie setzte sogar die Worte der Schule Schammais vor ihre eigenen.68
Elu we-elu diwrei elohim chajim – „Diese und auch diese sind Worte des lebendigen Gottes“. Auch wenn die Entscheidungen der Schule Hillels Gesetzesgültigkeit erhielten, scheute sich der Talmud nicht, die Entscheidungen Schammais mit aufzuführen.
Auf die Sugot in den Pirke Avot folgte eine immer verzweigtere Mehrstimmigkeit im Talmud. Zugleich setzte sich das Schema der zwei großen Stimmen in jeder Generation bis zuletzt fort.69 Im Babylonischen Talmud sind es die Gelehrten Rav und Samuel, die die großen halachischen Diskussionen im 2. und 3. Jahrhundert bestimmen. Rav, als dem spirituelleren der beiden, folgte die Halacha in kultischen Fragen. Demgegenüber hatte Samuel in gesellschaftspolitischen Fragen die halachische Autorität. Von ihm stammt das berühmte Diktum dina de-malchuta dina – „Das Gesetz des Staates ist das Gesetz [auch für die Juden]“.70 In der nächsten Generation setzten Raba und Abaje zwei verschiedene Akzente. Von Raba als dem Rationaleren, der die Halacha auch auf die neuen ökonomischen Bedingungen abstimmte, stammt ein weiteres berühmtes Diktum. Es stellt logisches Denken, ethisches Verhalten in Wirtschaftsfragen, Optimismus, Liebemachen und Tora-Studium gleichwertig in eine Reihe:
Raba sagte: Wenn man den Menschen zu Gericht bringt, fragt man ihn: Hast du deinen Handel in Redlichkeit betrieben? Hast du Zeiten für die Tora festgesetzt? Hast Du die Fortpflanzung ausgeübt? Hast du auf das Heil gehofft? Hast du über Weisheiten diskutiert? Hast du verstanden, [logisch] Sache aus Sache zu folgern? Aber: ‚der Respekt vor Gott ist sein Schatz‘.71
Talmud-Tora
Nicht lange nach der Redaktion der Mischna unter Jehuda ha-Nasi im 2. Jahrhundert erschien die Tosefta („Hinzufügung“). Sie ist im Stil ähnlich wie die Mischna, indem sie den sechs Ordnungen folgt. Allerdings ist sie im Umfang größer. Teilweise wiederholt sie die Gesetze der Mischna, führt aber noch viele weitere Bestimmungen an, die mitunter im Widerspruch zur Mischna stehen. Gewöhnlich wird die Tosefta als der größere Horizont der Mischna gesehen, mitunter auch als Vorstufe des Talmuds.
Nach der klassischen Definition bilden die Mischna und ihre Kommentierung, d. h. die Gemara, zusammen den Talmud. Gemara bedeutet „Abschluss“. Die Kombination von Mischna und Gemara als Talmud gibt es in zwei Versionen. Im 4.–5. Jahrhundert erschien sie in Palästina als Jerusalemer Talmud72 – etwa zwei Jahrhunderte später erschien unter der Redaktorenschaft der im persischen Sassaniden-Reich lebenden Rabbinen eine erweiterte Version der Gemara zusammen mit der Mischna: der Babylonische Talmud.73 Er enthält viele Auslegungen aus den Midraschim, zitiert aus der Tosefta und führt ganze Argumentationsstränge aus dem Jerusalemer Talmud an. Zugleich gehen seine Diskussionen weit darüber hinaus. Jacob Neusner vergleicht ihn mit einer Enzyklopädie, die alles rabbinische Wissen umfassen sollte.
Aus der schriftlichen Tora in ihrer Einbettung in den Tanach und der Kombination mit den Midraschim, ebenso wie der mündlichen Tora, der Mischna, in der Kombination mit der Gemara – sowie den Überschneidungen zwischen beiden, Midraschim und Talmud, ist ein gigantischer Diskurs geworden – der Jam ha-Talmud, der „talmudische Ozean“. Er entfaltete sich als Talmud-Tora in den Lehrhäusern und Talmud-Akademien, als eine unendliche Auseinandersetzung mit der Bedeutung der heiligen Schriften und ihrer Anwendung. Zugleich schuf er eine Textgemeinschaft, deren diskursiver Stil über die Jahrhunderte die Leser einlud, sich ihr anzuschließen und mitzudiskutieren.74 Empfohlen wird das Talmudstudium zu zweit (Chevruta), um durch die Diskussion über den Text zu tieferen Erkenntnissen zu gelangen. Anfänger, die erstmals in die rabbinische Literatur eintauchen, haben Mühe, nicht unterzugehen. Und doch sind sie meist fasziniert und erleben, wie sie, indem sie die Diskussion zu verstehen versuchen, unverhofft an den Argumenten teilhaben und den Prozess des Talmud-Tora mit ihren eigenen Erwägungen fortsetzen.
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1bShab 31a.
2Rabbi Eleasar sagte: Die Tora ist größtenteils schriftlich und kleinstenteils mündlich verliehen worden, denn es heißt: „Ich schreibe ihm das meiste meines Gesetzes, wie fremd sind sie geachtet“ (Hos 8,12). Rabbi Jochanan sagte: Größtenteils mündlich und kleinstenteils schriftlich, denn es heißt: „Denn durch den Mund dieser Worte“ (Ex 34,27) – bGit. 60b.
3Lischnot (pa’al-Form) = wiederholen; leschanot (pi’el-Form) = verändern.
4Deutsche Übersetzung der Mischna, 6 Bde, übersetzt mit Erklärungen, Basel 31986.
5mBer 1,1.
6Neusner, Jacob: Introduction to Rabbinic Literature, New York; London 1994, S. 5 ff.
7Empfehlenswerte Einführungen in die rabbinische Literatur: Stemberger, Günther: Einleitung in Talmud und Midrasch, München 92011; sowie die Werke von Jacob Neusner, darunter Four Stages of Rabbinic Judaism, London 1999.
8Ordnung Nesikin. Aufgrund des anderen Stils wird vermutet, dass Pirke Avot erst nachträglich in die Mischna eingefügt wurde.
9mAv 1,1.
10Schechina leitet sich von sch–kh–n = „wohnen“ ab. Der Begriff wird auch als Ausdruck für die „Präsenz Gottes“ verwendet.
11„Es wird gelehrt: Rabbi Simon bar Jochai sagte: Komm und sieh, wie beliebt die Israeliten sind beim Heiligen, er ist gesegnet, denn wohin sie auch verbannt wurden, war die Schechina immer bei ihnen. Wurden sie nach Ägypten verbannt, war die Schechina bei ihnen, denn es heißt: ‚Ich habe mich deinem Vaterhause offenbart, als sie in Ägypten waren. (1. Sam. 2,27)‘ Wurden sie nach Babylonien verbannt, war die Schechina bei ihnen, denn es heißt: ‚Um euretwillen wurde ich nach Babel entsendet. (Jes 43,14)‘ Wurden sie nach Edom [Rom] verbannt, war die Schechina bei ihnen, denn es heißt: ‚Wer kommt da aus Edom, in hochroten Kleidern aus Bozra? Usw.‘ Und auch wenn sie dereinst erlöst werden, wird die Schechina bei ihnen sein, denn es heißt: ‚JHWH, dein Gott wird mit deinen Gefangenen zurückkehren. (Dtn 30,3)‘ Es heißt nicht [er wird die Gefangenen] zurückbringen, sondern [mit ihnen] zurückkehren, und dies lehrt, dass der Heilige, er ist gesegnet, mit ihnen aus dem Exil zurückkehren wird.“ – bMeg 29a, siehe auch Jer. Talmud, Taan. 64a.
12Esr, 7,5.
13Esr 7,6.
14Esr 7,11.
15Siehe Friedman, Richard Elliot: Wer schrieb die Bibel? So entstand das alte Testament, Wien; Darmstadt 1989.
16Ein jüdischer Tora-Kommentar, der die historisch-kritische Methode der Bibelwissenschaft berücksichtigt, ist The Jewish Publication Society (Hg.): JPS Torah Commentary Project, Philadelphia 1989: Genesis, Nahum M. Sarna, 1989; Exodus, Nahum M. Sarna, 1991; Leviticus, Baruch A. Levine, 1989; Numbers, Jacob Milgrom 1990; Deuteronomy, Jeffrey H. Tigay 1996.
17Ein markantes Beispiel sind die unterschiedlichen Bestimmungen zur Freilassung der Sklaven. Nach Exodus (21,2) und Deuteronomium (15,12) sollen die hebräischen Sklaven nach sieben Jahren freigelassen werden. In Levitikus (25,10 ff.) hingegen nur alle 50 Jahre. Ein anderes Beispiel ist die unterschiedliche Einstellung zum Fleischverzehr. Nach den Bestimmungen in Levitikus (Kap. 17) musste alles Fleisch, das gegessen wurde, zuvor Gott dargebracht werden. In Deuteronomium ist das nicht erforderlich (12,15). Nur das repräsentative Opfer musste noch im Tempel dargebracht werden (12,14). Aufschlussreich über die unterschiedlichen Bestimmungen sind auch die folgenden anthropologischen Studien: Douglas, Mary: Leviticus as Literature, New York 2000; dies.: In the Wilderness: The Doctrine of Defilement in the Book of Numbers, New York 2004.
18Siehe Dtn 17,14–20; 20,1–9 sowie Ri 8,22–23; 9, 6 ff; 21,25; 1 Sam Kap. 8.
19Num 16,1–18, 32.
20Num 12.
21Zur modernen kritischen Bibelwissenschaft trugen erheblich auch Juden bei – nicht zuletzt Baruch Spinoza, der von manchen als ihr Begründer angesehen wird, vor allem aber die Vertreter der „Wissenschaft des Judentums“ im 19. Jahrhundert.
22Esr 7,10.
23Neh 8,1–3.
24weha-lewiim mewinim et-ha’am la-tora.
25Neh 8,7.
26Neh 8,8.
27Z. B.: „Und sprachen zu Moses: Rede du mit uns und wir wollen hören, und nicht möge Gott mit uns reden, dass wir nicht sterben.“ (Ex 20,16) „Als nun Moses kam und dem Volke erzählte alle Worte des Ewigen und alle die Rechte, da antwortete das ganze Volk mit einer Stimme und sprachen: Alle Worte, die der Ewige geredet, wollen wir tun!“ (Ex 24,3) „Und nahm das Buch des Bundes (sefer ha-brit), und las es vor den Ohren des Volkes, und sie sprachen: Alles, was der Ewige geredet, wollen wir tun und hören (na’asse wenischma)“ (Ex 24,7).
28Neh 10,1.
29„Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der Ewige. Ich bin satt der Ganzopfer von Widdern und des Fettes der Masttiere, und das Blut der Farren, und Lämmer und Böcke begehre ich nicht.“ – Jes 1,11.
30Zum Beispiel heißt es gegen das Tora-Gebot, an Jom Kipur zu fasten: „Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Ewigen gefällt? Vielmehr ist dies ein Fasten, wie ich es wünsche: Auflösen ruchloser Fesseln, die Seile des Jochholzes freigeben, Unterdrückte frei entlassen, und dass du jedes Jochholz zerbrichst; ferner dass du dem Hungrigen dein Brot brichst und Arme, Obdachlose in dein Haus führst, wenn du eine Nackten siehst, ihn bekleidest und vor deinem Bruder dich nicht verbirgst.“ Jes 58,5–7.
31Ez, Kap. 40 ff.
32Zu den Diskussionen siehe bShab 30b und mYad 3,5.
33Empfehlenswert Herford, Robert Travers: Die Pharisäer, Köln 1961 sowie Baeck, Leo: Die Pharisäer. Ein Kapitel jüdischer Geschichte, Berlin 1934.
34Stemberger, Günter (Hg. und Übers.): Mekhilta de-Rabbi Jischmael. Ein früher Midrasch zum Buch Exodus, Berlin 2010.
35Wünsche, August (Hg. und Übers.): Midrasch Raba. Eine Sammlung alter Midraschim, Bde. 1–5, Leipzig 1880, ND Hildesheim 1993. Sie enthält auch Pessikta de Raw Kahana und Pessikta Rabbati.
36Bietenhart, Hans (Hg.): Midrasch Tanhuma (Jelammedenu), 2. Bde., Bern; Frankfurt/Main 1980.
37Sifra zu Levitikus, Sifre zu Numeri, übers. u. erklärt v. Dagmar Börner-Klein, Stuttgart usw. 1997; Sifre Deuteronomium, übers. u. erklärt v. Hans Bietenhard, Bern; Frankfurt/Main et al. 1994.
38Gen 1,1.
39Gen 2,4.
40Gen 1,27.
41Gen 2,8; 2,15; 2,19–20.
42Gen 2,21–22; das hebräische Wort für „Rippe“ (zela) heißt auch „Seite“.
43Raschi ist das Akronym für Schlomo ben Isaac. Er lebte 1040–1105 vorwiegend in Troyes, vorübergehend auch in Worms.
44Im zweiten Schöpfungsbericht stehen beide Gottesbezeichnungen zusammen: JHWH und Elohim direkt hintereinander, rabbinisch gelesen: das Attribut der Barmherzigkeit verbunden mit dem Attribut der Gesetzgebung.
45Raschi zum ersten Satz in der Bibel: Gen 1,1. Siehe Bamberger, Selig: Raschis Pentateuchkommentar, Basel 1994.
46bBer 7a.
47Siehe die Diskussion über die Schofar-Töne an den beiden Tagen, bRH 33b–34a in Verbindung mit Sohar III, 231b.
48Gen 6,8.
49Gen 7,12 ff.
50Gen, Kap. 22.
51bBer 10a.
52Sifre zu Num 9,1.
53bMen 29b.
54Zusammen mit Hillels sieben Regeln leiten sie den Midrasch Sifre ein und stehen auch im jüdischen Gebetbuch für den Morgengottesdienst.
55Nach der rabbinischen Vorstellung ist die Substanz des Himmels Wasser.
56Acher war ursprünglich Elischa ben Awuja, der Schüler von Rabbi Meir. An verschiedenen Stellen, u. a. hier in bChag 15a–b, setzt sich der Talmud damit auseinander, wie es zu seinem Abfall kommen konnte.
57bChag 14b–15b.
58mEd 1,4–5.
59mAv 1,2.
60Der Kontext ist ein Streit zwischen Samaritanern und Juden. Der Talmud erzählt: „An diesem Tage erbaten die Samaritaner von Alexander dem Mazedonier die Zerstörung unseres Gotteshauses, und sie wurde ihnen gewährt. Da meldete man es Simon dem Gerechten. Was tat er? Er legte die priesterlichen Amtskleider an und hüllte sich in diese. Vornehme Israels schlossen sich ihm an, und mit Fackeln in den Händen wanderten sie die ganze Nacht, die einen auf der einen Seite und die anderen auf der anderen Seite, bis die Morgenröte anbrach. Als die Morgenröte aufgegangen war, fragte [Alexander]: Wer sind diese? Jene erwiderten: Es sind die Juden, die sich gegen dich aufgelehnt haben. Als sie Antipatris erreichten, die Sonne hatte bereits geschienen, begegneten sie einander, und als er Simon den Gerechten sah, stieg er von seinem Wagen und bückte sich vor ihm. Da sprachen sie zu ihm: Ein mächtiger König, wie du es bist, bückt sich vor diesem Juden! Dieser erwiderte: Es ist die Bildgestalt von diesem, die vor mir bei meinen Kriegszügen siegt. Hierauf fragte er sie: Weshalb seid ihr gekommen? Sie erwiderten: Sollte es denn möglich sein, dass jene Nichtjuden dich verleiten konnten, das Haus zu zerstören, in dem man für dich betet und für dein Reich, dass es nicht zerstört werde!? Er fragte: Wer sind es? Sie erwiderten: Diese Samaritaner, die vor dir sehen. Da sprach er: Sie sind euch ausgeliefert.“ bYo 69a.
61Siehe hierzu Neusner, Jacob: Jerusalem and Athens: The Congruity of Talmudic and Classical Philosophy, Leiden; Boston 1997; auch Fromer, Jakob: Der Talmud. Geschichte, Wesen und Zukunft, Berlin 1920.
62„Antigonos, der Gelehrte aus Socho, empfing [die Tora] von Simon dem Gerechten. Er pflegte zu sagen: Seid nicht wie Diener, die ihrem Herrn dienen, um Lohn zu erhalten, sondern seid wie Diener, die ihrem Herrn (aus Liebe) dienen, nicht um Lohn zu erhalten, habt aber Ehrfurcht vor dem Himmel. Jossi, Sohn des Jo’eser, Gelehrter aus Zereda, und Jossi, Sohn des Jochanan, Gelehrter aus Jerusalem, [empfingen die Tora] von Antigonos.“ mAv 3–4.
63mAv 4–5.
64mAv 6–7.
65„Jehuda, Sohn des Tabai, sagt: Sei [du als Richter] kein Rechtsanwalt; stehen die beiden Gerichtsparteien vor dir, betrachte beide als Frevler, gehen sie [nach dem Urteil] von dir weg, betrachte sie als Schuldlose, falls sie das Urteil akzeptiert haben. Simon, Sohn des Schatach, sagt: Frage vermehrt die Zeugen aus, sei aber vorsichtig mit deinen Worten, damit sie [die Zeugen] daraus nicht etwas zum Lügen entnehmen können.“ mAv 8–9.
66„Schemaja sagt: Liebe die Arbeit und hasse das Herrschen, mache dich nicht bekannt mit den Herrschenden. Awtaljon sagt: Ihr Weisen, seid vorsichtig mit euren Worten, ihr könntet zur Verbannung verurteilt und an einen Ort mit schlechtem Wasser [Sitten] verbannt werden; die Schüler, die euch nachfolgen, würden dieses Wasser trinken und sterben, damit wäre der Gottesname entweiht.“ mAv 10–11.
67Ganze Textstelle: „Hillel und Schammai empfingen die Tora von ihnen. Hillel sagt: Sei von den Schülern Aharons, der Frieden liebt und ihm nachjagt, die Menschen liebt und sie der Tora näherbringt. Er pflegte zu sagen: Wer seinen Namen hervorhebt, verliert seinen Namen. Lernt man nichts dazu so nimmt [auch das bereits Gelernte] ab. Wer nicht lernt, macht sich todesschuldig. Wer sich der Tora-Krone [zum Eigennutz] bedient, schwindet dahin. Sorge ich nicht für mich, wer wird für mich sorgen? Sorge ich nur für mich allein, was bin ich dann? Wenn nicht jetzt, wann denn? Schammai sagt: Mache dir das Torastudium zur Hauptsache; versprich wenig, doch tue viel; empfange jeden Menschen mit freundlichem Gesicht.“ mAv 12–15.
68bEr 13b.
69Siehe Steinsaltz, Adin: Persönlichkeiten aus dem Talmud, Basel 1996.
70bNed 28a, Git 10b; BQ 113a; BB 54b–55a.
71bShab 31a.
72Jerusalemer Talmud in dt. Übersetzung, Tübingen, seit 1975.
73Babylonischer Talmud, ins Deutsche übertragen von Lazarus Goldschmidt, Frankfurt/Main 1996 (1967).
74Siehe Neusner, Jacob: Talmud Torah: Ways To God’s Presence Through Learning. An Exercise in Practical Theology, New York; Oxford 2002.
Diaspora
Liliana Ruth Feierstein
Einführung
Wenn ein Wort jüdische Geschichte und Erfahrungen evoziert, dann ist es „Diaspora“. Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet ein griechisches Wort diese Bedeutung in der jüdischen Kultur einnimmt. Darin kristallisieren sich einige wesentliche Züge der jüdischen Geschichte: eine komplexe und originelle Dialektik von Exil und Domizil,1 der Kontakt mit anderen Kulturen sowie die Übernahme und Adaptation einiger ihrer Elemente, sodass im Zusammenspiel etwas Neues entstehen kann, ohne dabei die kulturellen Unterschiede zu negieren oder gar aufzugeben.
Der Begriff Diaspora bezeichnet sowohl die Territorien außerhalb eines „Zentrums“ als auch die Menschen, die die dazugehörigen Gemeinden bilden, und schließt die conditio des diasporischen Lebens mit ein. Er umfasst somit – wie viele andere polysemische Begriffe im Judentum – mehrere Bedeutungsinhalte und verhält sich ähnlich wie der Name „Israel“, der laut der Tora dem Patriarchen Jakob nach seinem Ringen mit einem „Mann“ verliehen wurde (Gen 32,23–33) und später zum Namen eines Volkes (Jakobs Nachkommen, die zwölf Stämme, – im 2. Buch Mose 1,1 – zählten zu den bnei israel, den Kindern Israels) und eines Landes (eretz israel) erklärt wurde.
Emmanuel Lévinas hebt die Differenz zwischen der griechischen und der jüdischen Narrative hervor: Während sich Odysseus auf die Reise begibt, um nach Ithaka (und zu sich selbst) zurückzukehren, bricht Abraham – dem göttlichen Imperativ folgend – gleichzeitig mit zwei miteinander verbundenen Prinzipien: dem Götzendienst und dem konkreten Vater-Land. Der Hebräer kehrt nicht nach Hause zurück, sondern folgt dem Wort, dem Versprechen zum Gesetz, hin zur Abstraktion. Die jüdische Narration schöpft ihre Kraft aus dem lech lecha, Gottes Befehl an Abraham, das Land seiner Vorväter (und Götzendiener) zu verlassen, um in das „Gelobte Land“ zu ziehen – in die Zukunft. Das Land Israel ist demzufolge nicht als eretz moledet (Geburtsland) zu verstehen, sondern als ein Versprechen. Das Gelobte Land ist nicht gleich Vaterland.
Das vermutete „Zentrum“, das als Pendant zu „Diaspora“ fungiert, ist indes kein politisches, denn seit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahre 70 existierte kein an ein Land bzw. eine Stadt gebundenes religiöses oder politisches Zentrum mehr. Mit der Niederschlagung des Aufstands unter der Führung von Simon bar Kochba im Jahr 135 wurde das Versprechen bzw. die Hoffnung, in das „Land der Verheißung“ zurückzukehren, auf das messianische Zeitalter verschoben und somit von der politischen auf die religiöse Ebene verlagert.2 Parallel entwickelte sich eine Reihe von Praktiken und Ritualen, die die Opfergabe im Tempel ersetzen sollten, im Wesentlichen das Studium und das Ausführen der mitzwot. Auch die Gebete wurden in Anlehnung an die einstigen Opferzeiten von nun an dreimal am Tag verrichtet (schacharit, mincha und maariv). Die Schrift (der Tanach, etwas später der Talmud) wurde als neues „geographisches Zentrum“ gedeutet – eine Besonderheit, die das Judentum durch die Weisheit der Gelehrten in eine Buchstabengeographie gründen lässt.
In diesem Sinne hat Daniel Boyarin sein letztes Buch A Travelling Homeland: The Babylonian Talmud as Diaspora genannt (siehe auch den Beitrag von Daniel Boyarin, S. 59).3 Darin zeigt er, wie beide Talmudausgaben (Jerusalemer Talmud und Babylonischer Talmud) eine Diaspora für die jeweils andere bildet. Die Dynamik zwischen dem Zentrum und den Rändern variiert stetig: Während die Gelehrten in Babylon behaupteten, Zion sei aufgrund der dort versammelten Weisheit in Babylon zu finden, bekräftigten andere Stimmen weiterhin die Zentralität Jerusalems.
„Diaspora“ wird häufig als galut, golah oder tfutzot israel (die Zerstreuung des Volkes Israels) ins Hebräische zurückübersetzt. Die Komplexität der Sprachen und Narrative erfordert ein umfassendes Verständnis und eine Berücksichtigung verschiedener Konnotationen, historischer Sichtweisen und Gegendarstellungen, die aufgrund der Dialektik der Diaspora untrennbar miteinander verbunden sind.
Die „Entleerung“ eines Begriffes
Seit den 1970er Jahren wird in den Sozial- und Kulturwissenschaften ein zunehmend inflationärer Gebrauch des Diaspora-Begriffs festgestellt.4 Typologisierende Definitionen5 führen zu einer Missachtung der „diasporischen Bedingtheit“6 und gehen mit einem mangelnden Verständnis des theoretischen, historischen und kulturellen Hintergrunds des Diaspora-Begriffs einher. Dies bewirkt nicht nur seine Banalisierung, sondern nimmt ihm das Potential, dominante Ordnungen – wie das gegenwärtig in erster Linie territoriale Konzept des Nationalstaats – in Frage zu stellen. Durch die Ausdehnung auf alle möglichen Gemeinschaften, die sich außerhalb eines als ursprünglich vorgestellten Territoriums (oder „Zentrums“) befinden, wird die Originalität der Idee (die in der Möglichkeit einer extra-territorialen Kultur besteht, basierend auf der „Heimat in der Schrift“ bzw. der Sprache) neutralisiert. Stattdessen bedeutet sie die Rückkehr zu einem geographischen Denken, das die Idee einer kulturellen Gemeinschaft an die Logik eines fest umrissenen physischen Raums bindet. Entgegen der kulturwissenschaftlichen Intention verstärkt die Anwendung des Konzepts die territoriale Dimension eher, als sie kritisch zu hinterfragen, und trägt so zur Festigung eines dichotomen Denkens bei, indem sie als Rahmen den Gegensatz Zentrum/Peripherie setzt.
Die jüdische Geschichte des Konzepts Diaspora erlaubt hingegen, sie von einem anderen Ausgangspunkt zu denken. Schon bevor der Begriff zu einer „Mode“ wurde, hatten sich einige wenige Gruppen seiner bedient, um ihre Situation zu beschreiben – darunter Afro-Amerikaner, Armenier (nach dem Genozid) sowie Sinti und Roma. Ihnen ist die Erfahrung einer nichtterritorial gebundenen Kultur sowie das Überleben nach einer traumatischen Geschichte gemeinsam. Doch vielleicht liegt der Schlüssel zu einem besseren Verständnis des Diaspora-Begriffs nicht nur in der Geographie, sondern auch und insbesondere in der Sprache: Am Anfang stand eine Übersetzung.
Die Septuaginta
Das Wort Diaspora taucht erstmals in der Septuaginta auf, der ältesten, in Alexandrien verfassten griechischen Übersetzung der Tora. Der Legende nach, die im Aristeas-Brief bzw. im Meg 9a, Sof 1,8 festgehalten ist, wurde diese von 72 aus Jerusalem berufenen Rabbinen (je sechs aus den zwölf Stämmen Israels) in 72 Tagen angefertigt (einige Versionen erwähnen 70 Rabbinen, daher Septuaginta, andere wiederum nur fünf – für die fünf Bücher Mose). Es wird erzählt, dass die Gelehrten unabhängig voneinander zu einem identischen Übersetzungsergebnis gelangten, was wiederum als rhetorische Stilfigur zur Legitimation der Übertragung des heiligen Textes gedeutet werden kann.
Obwohl die Entstehung der Septuaginta historisch bis dato nicht exakt zu rekonstruieren ist (siehe auch den Beitrag von Stefan Schreiner, S. 147), handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich um eine kollektive Übersetzung: Die stilistischen Eigenheiten innerhalb des Textes sowie die in den einzelnen Passagen erkennbar unterschiedlichen Hebräisch- und Griechischkenntnisse lassen vermuten, dass der Text von mehreren Autoren verfasst wurde – vielleicht sogar zu verschiedenen Zeiten.
Die Septuaginta zählt zu den größten kulturellen Leistungen des hellenistischen Judentums. Im Rahmen dieser bemerkenswerten Übersetzung übertrugen jüdische Gelehrte den gesamten Tanach in die damalige Weltsprache. Sie ist zugleich als eine Transgression, eine Überschreitung des damaligen jüdischen Horizonts zu verstehen, als ein Umdenken und Umformulieren in eine andere Vorstellungswelt. Mit ihr fand das hellenistische Judentum seine Heimat in der hellenistischen Diaspora. Die Septuaginta leistete einen enormen Beitrag zur Verbreitung des Monotheismus, des Judentums und der Bibel (biblia – nochmals ein griechischer Begriff), als diese zusammen mit Jerusalem unterzugehen drohte. Dass im Griechischen das Nomen biblia gewählt wurde, womit eher „das Buch“ als „die Lehre“ (wie in der Tora) gemeint ist, erinnert an den Aristeas-Brief, der die Entstehung der Septuaginta auf die Anregung des königlichen Bibliothekars Demetrios von Phaleron zurückführt.
Das monumentale Werk ist selbst ein Diaspora-Phänomen – von Diaspora-Juden in Ägypten vollbracht. Der heilige Text wird nicht nur in eine andere Sprache, sondern auch in eine andere Zeit und Kultur übertragen: Er bleibt gleich und gleichzeitig verschieden. So wird z. B. aus Tora nomos (das Gesetz) – die hebräische (Be-)Deutung von Lehre oder Weisung ging dabei verloren, was u. a. Konsequenzen für die christliche Theologie und deren Verständnis vom Judentum als starrer Gesetzesreligion nach sich zog. Aus dem Versuch, tohu-wa-bohu (Chaos, Durcheinander) auf Griechisch zu denken, wurde etwa ahótatos kai akataskeuástos, was so viel wie „unbearbeitet“ (also noch nicht in den Erschaffungsprozess der Welt eingegangen) oder „unstrukturiert“ bedeutet – und somit nicht sichtbar bzw. visuell wahrnehmbar ist, da nur das Strukturierte, das Konturen aufweist, visuell zugänglich ist.
Die jüdischen Gelehrten, welche die Septuaginta erarbeiteten, gingen kreativ und souverän mit der griechischen Sprache um und entwarfen zahlreiche Neologismen – (Wort-) Neubildungen und -prägungen, die es in der Gräzität zuvor noch nicht gegeben hatte. Sie universalisierten die jüdische Bibel. Die griechischen Intellektuellen faszinierte vor allem der strenge Monotheismus ohne ein anthropomorphes Kultbild, da sich hierbei Berührungspunkte mit Ansätzen und Ideen der griechischen Philosophie ergaben – etwa bei Xenophanes, der die Geistigkeit und Unanschaulichkeit des Göttlichen hervorhob.
Erst als die Christen im griechisch-römischen Kulturkreis die Septuaginta zu ihrer Bibel erklärten, verlor sie an Bedeutung in der jüdischen Welt. Ohne die Übernahme durch das Christentum wäre sie vielleicht zu der maßgebenden jüdischen Bibel avanciert, samt ihrer hellenistisch-liberalen Interpretation des Judentums.
Galut, gerusch, tfutzot (Exil, Vertreibung, Zerstreuung)
Wie bereits erwähnt, existierte das Wort Diaspora vor der Septuaginta nicht im Altgriechischen und stellte eine (vielleicht die interessanteste) Neuprägung der Übersetzer dar: die Substantivierung des Verbes diaspeíro (zerstreuen bzw. säen). Gegenwärtig werden Diskussionen darüber geführt, ob dieser Neologismus damals positiv oder negativ konnotiert war und die Zerstreuung auch neues Leben mit sich bringen sollte, denn einige Philologen erkennen darin eine Verbindung zu dem Wort Samen.7
Aktuellere Abhandlungen trennen Diaspora häufig von dem hebräischen Wort galut (meist als „kollektives Exil“ übersetzt), mit dem Argument, dass an nahezu keiner Stelle, in der der Begriff Diaspora in der Septuaginta vorkommt, im Original galut steht. Mit dem Neologismus Diaspora übersetzten die Gelehrten verschiedene hebräische Begriffe – jedoch nicht galut bzw. Worte aus der hebräischen Wurzel glh.8 Einige Autoren bevorzugen Diaspora als Übersetzung von tfutzot (im Sinne von Zerstreuung, sowohl als Prozess, als conditio, als auch in Bezug auf die verstreuten jüdischen Gemeinden) und behaupten, es handele sich dabei um eine positive, freiwillige Entscheidung und einen Gegenbegriff zu galut als negativ konnotiertes Exil (und biblische Strafe) – wobei tfuzot in der Tora ebenfalls als Strafe für die Nichtbefolgung von Gottes Gebot genannt wird.9
Eine derartige Unterscheidung von galut und tfutzot wird indes weder der Vielfalt und Polysemie der Begriffe noch ihrer Genealogie gerecht. In dem monumentalen etymologischen Werk von Eben Shoshan sind interessanterweise u. a. folgende Bedeutungen unter golah aufgeführt:
1. Ausreise/Migration aus dem Geburtsland (eretz ha’moledet), Auszug in ein fremdes Land.
2. Tfutzot Israel in verschiedenen Ländern sowie die Länder, in die das Volk (ha’am) vertrieben wurde.
3. Die Kinder der golah (bnei ha’golah).10
Unter dem Eintrag tfutzot ist wiederum zu lesen: „Im übertragenen Sinn: golah, galut, makom (Ort) oder eretz (Land), wohin die Menschen vertrieben worden sind: tfutzat tejman (Jemen), tfutzat polin (Polen).“11 Hieran wird deutlich, dass die beiden Begriffe nicht klar voneinander abzugrenzen sind und sogar im Konzept des jeweils anderen erwähnt werden.
Verwirrend sind nicht nur die Vermischung von galut und tfutzot, sondern auch die Beschreibungen und Definitionen von Geburtsland (eretz moledet). Wie bereits erwähnt, lautet Gottes Befehl an Abram12: lech lecha me’arzecha ve’moladetecha umi’beit avicha, el ha’arez ascher arecha („Ziehe hinweg aus deinem Lande, deinem Geburtsorte und deines Vaters Haus in das Land, das ich dir zeigen werde.“13). Hier steht unmissverständlich „ziehe hinweg aus moladetecha, deinem Geburtsorte“, doch das Gelobte Land wird nicht zu arzecha (deinem Land), denn Generationen später, bei der Ankunft in Israel, eröffnet Gott seinem Volk, dass es hier lediglich zu Gast sei, denn „das Land ist mein. Ihr seid nur Fremdlinge und Geduldete auf meinem Boden“.14 Es ist diese Paradoxie aus (De-)Territorialisierung und dem komplexen Wechselspiel aus Vergangenheit (Land der Vorväter und Götzendiener, Geburtsland) und Zukunft (das Gelobte Land, Monotheismus), die den Reichtum dieser Begriffe ausmacht. Die Paradoxie ist zudem mit dem messianischen Zeitbegriff verbunden, der sich im Althebräischen grammatikalisch u. a. in einem Buchstaben – dem sogenannten Waw conversivum (dem „umkehrenden Waw“, waw ha-hipukh) – ausdrückt, der die Zukunft in die Vergangenheit „umkehren“ kann.
In Anbetracht dieser komplexen jüdischen Raum- und Zeitvorstellungen hat Yosef Hayim Yerushalmi eine spannende Deutung von galut vorgeschlagen: die Dialektik von Exil und Domizil.15 Obwohl die wiederholten kollektiven Exile der jüdischen Geschichte mit zahlreichen Katastrophen verbunden waren, so haben sich dennoch viele der Exilgemeinden mit den Jahren (wie z. B. im emblematischsten aller Exile, dem babylonischen) in Horte geistiger Blüte und materieller Prosperität verwandelt und die Spuren der Gewalt mit positiven Erfahrungen vermischt. Die Vertreibung und die damit einhergehenden Gefühle der Niederlage und Trauer sind seitdem im kulturellen Gedächtnis verankert – innerhalb einer Realität, die jedoch gänzlich andere Konturen aufweist. Denn „Exil und Domizil“ stehen, wie Yerushalmi betont, „nur oberflächlich betrachtet miteinander im Widerspruch. Tatsächlich haben sie oft in einem dialektischen Spannungsverhältnis koexistiert“.16 Man fühlte sich religiös im Exil, existenziell aber zu Hause.
Schon der große jüdische Historiker Simon Dubnow hatte die jüdische Diaspora als „kulturelles Ferment und Fortschrittskraft“ einer Gesellschaft geschildert (diese Metapher für eine kulturelle Minderheit, die innerhalb der Mehrheitsgesellschaft eine erstaunliche Kraft und Wirkungsmacht entfaltet, wird sich wie ein roter Faden durch die jüdische Literatur und Publizistik ziehen). Dubnow erinnert daran, dass die jüdische Diaspora, obwohl sie in den Quellen oft als Strafe und Unglück beschrieben wird, von mittelalterlichen Kommentatoren wie Raschi als eine Chance gesehen wurde, nicht nur die Samen des Monotheismus in der ganzen Welt zu zerstreuen, sondern auch als Möglichkeit zu überleben: Ein verstreutes Volk kann nicht mit einem Schlag ausgelöscht werden.17
Diese Überlegungen Simon Dubnows wurden in Form eines Eintrags in der Encyclopaedia of the Social Sciences 1931 veröffentlicht. Es ist kein Zufall, dass gerade Simon Dubnow als Erfinder des „Diaspora-Nationalismus“, der auf autonome jüdische Gemeinden innerhalb anderer politischer Ordnungen zielte, gebeten wurde, diesen Eintrag zu verfassen. Auf den ersten Blick wirkt der Inhalt etwas verwirrend, denn Dubnow führt zunächst die griechische und anschließend die armenische Diaspora an, bevor er auf die jüdische Geschichte eingeht: „Diaspora has its equivalents in the Hebrew word galut (exile) and golah (the exiled).“18 Die theoretischen Diskussionen der letzten Jahre vertreten indes genau das Gegenteil – dass Diaspora und galut (Exil) nicht äquivalent seien, da Diaspora eine nicht erzwungene Zerstreuung bezeichne.19
Der zweite in die Encyclopaedia aufgenommene Beitrag zu diesem Thema erscheint unter dem Lemma „Exil“ und wurde von dem italienischen Geschichtsphilosophen Guido De Ruggiero verfasst. De Ruggiero bezieht sich darin auf die griechisch-römische Tradition des exilium, der Verbannung in die Fremde – zunächst als Möglichkeit, um einer Todesstrafe zu entgehen. Bei einem Vergleich der beiden Aufsätze treten die Unterschiede deutlich zutage, denn De Ruggiero stellt die individuelle Perspektive in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen: Exil als individuelle (mildere) Strafe aufgrund eines Verbrechens (oder aus politischen Gründen). Interessanterweise stammt der älteste der zitierten Präzedenzfälle aus der Tora – wobei der Exil-Begriff in diesem Kontext nichts mit galut gemein hat, sondern auf „Flucht-Städte“ (arej miklat) verweist, in denen einzelne Personen, die ungewollt jemanden getötet haben, Asyl finden konnten, um der Rache der Angehörigen zu entgehen. Lediglich am Ende des Artikels behandelt De Ruggiero den Fall des kollektiven Exils aus politischen Gründen – in der damaligen Zeit ein aktuelles Thema, angesichts des bereits bestehenden faschistischen Regimes unter Benito Mussolini in Italien.
Galut ist, anders als Exil, immer kollektiv zu verstehen. Nicht eine Handlung (oder politisches Denken) wird bestraft, sondern ein Teil eines Volkes (unabhängig davon, wie die einzelnen Individuen handeln oder denken): Dieses Volk wird nicht von einer zentralen Macht (einer Regierung, einem Königreich o. Ä.) in die Verbannung geschickt, sondern von einer externen (fremden) politischen Macht etwa in die Sklaverei verschleppt. Aufgrund dieser Erfahrung werden die Juden nach der bekannten jiddischen Redensart selbst den goles schlepn. So lernten sie Textzeilen frühzeitig als Zufluchtsorte kennen, wie in dem beliebten Kinderlied Oyfn Pripetshik von Mark Warshawsky, in dem ein Rabbi kleinen Kindern das hebräische Alphabet (alef-beys) lehrt, zu hören ist:
Zet-sche kinderlech /Ir wet, kinder, elter wern /Wet ir alein farschtejn /wifln in di ojses lign trern, un wifl gewejn! //Zet-sche kinderlech /As ir wet, kinder, dem goles schlepn /ojsgemutschet zajn /Zolt ir fun die ojses kojech schepn, kukt in zej arajn!
(Kinder ihr werdet älter werden /und von selbst verstehen, /wie viel Tränen in den Buchstaben sind /und wie viel Weinen! //Kinder, wenn ihr dann die Bürde des Exils tragt /und euch damit quält, /sollt ihr Kraft aus den Buchstaben schöpfen, /schaut in sie hinein!).
Wie Yosef Hayim Yerushalmi treffend beschreibt, ist das Gefühl der galut (ursprünglich) vor allem auf das Jahr 70 zurückzuführen und weniger dem Verlust des Landes als dem des Tempels geschuldet.20 Doch diese Dialektik ist nicht nur in der Geschichte zu finden, sondern auch in den Worten selbst.
Die Schriften wurden in die Diaspora mitgenommen bzw. in ihr fortgeschrieben. Es gibt noch immer eine laschon hakodesch, eine heilige Sprache – deren Heiligkeit viel stärker ist, als die des Heiligen Landes. Das Gelobte Land wurde zu einer Metapher in der Diaspora – in Boyarins Worten „palimpsestiert“, wodurch verschiedene „Jerusalem(e)“ wie Toledo, Thessaloniki, Frankfurt oder Prag entstanden.21 In Los gauchos judios, dem Klassiker der jüdisch-lateinamerikanischen Literatur, wird diese Umdeutung des Gelobten Landes mit den konkreten Lebensumständen in Verbindung gebracht: „Eben darum vergaß ich, als Rabbi Zadock Kahn mir unsere Auswanderung verkündete, über meiner Freude die Rückkehr nach Jerusalem und erinnerte mich an die Verse des Jehuda Halevi: Zion ist, wo Freude und Friede herrscht.“22 Fast zwei Jahrtausende zuvor behaupteten die Rabbinen aus Babylon, dass Zion bei ihnen weilte, denn entscheidend war nicht die Geographie, sondern das Wissen – weswegen sich das „Zentrum“ mit den jüdischen Gelehrten immer wieder auf den Weg begab: nach Italien, Sepharad, Vilnius – den Zentren der jüdischen Weisheit folgend.23
Für Simon Dubnow ist nicht die Zerstreuung das Außergewöhnliche der jüdischen Geschichte, sondern das erkennbare Weiterleben der jüdischen Kultur innerhalb so verschiedener Kulturen – trotz jahrhundertelanger Wanderschaft ohne verlässlichen Schutz oder Unterstützung von Seiten eines „Heimatlandes“ oder eines anderweitigen Verbündeten.24 In der Diaspora und insbesondere nach der Verlagerung und Umdeutung des religiösen Zentrums vom Tempel in die Schrift bleibt das Hebräische als heilige Sprache der Texte erhalten, während die jüdischen Gemeinden ihre (Alltags-)Sprachen in Anlehnung an die der jeweiligen Mehrheitsgesellschaften weiterentwickeln (Judeospanisch, Jiddisch, Judeoarabisch). Diese „Mischsprachen“ enthalten viele Elemente aus dem Hebräischen und werden oft in otijot, hebräischen Buchstaben, geschrieben – wodurch sie mit der heiligen Sprache auch materiell verbunden bleiben.
Die Dialektik von Diaspora bzw. galut als Fluch und Segen zugleich ist nicht nur in der Geschichte zu finden. Auch in den Quellen wird sie thematisiert – etwa in der mystischen Interpretation von Jizchak Luria, der in der Diaspora die Aufgabe sieht, die seit der Erschaffung der Welt verstreuten göttlichen Funken (nitzotzot) aufzulesen und wieder einzusammeln. Diese dialektische Kraft wohnt sogar den Worten selbst inne: Aus galut und golah erschallt – zumindest akustisch – hitgalut – die Offenbarung. Dies deckt sich mit der jüdischen Narrative, der zufolge die Offenbarung am Berg Sinai und nicht in Israel stattgefunden hat – außerhalb des Zentrums, am Rande. Wir wissen nicht einmal genau wo.
Diese Ansicht teilt auch Daniel Boyarin, der den Talmud (und sein Studium) als „das portative Vaterland“ darstellt, der wunderbaren Metapher von Heinrich Heine folgend.
Das portative Vaterland
Die Erinnerung an die Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem ist eine noch offene Wunde im kulturellen Gedächtnis des Judentums. Aufgrund des Gebots Zachor! (Erinnere dich!)25 gibt es einen Trauertag im jüdischen Kalender, der an diese Zerstörung und andere Katastrophen, wie die Vertreibung aus Spanien 1492, erinnern soll. Tischa b’Aw, der 9. des Monats Aw, ist so auf verschiedenste Weise mit der schmerzhaften Erfahrung des Exils verbunden.
Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels entsteht ein neues Konzept des Judentums. Rabbi Jochanan ben Zakkai bat den römischen Kaiser der Überlieferung nach um Erlaubnis, in Jabne eine Schule für das Studium der Tora eröffnen zu dürfen, die niemals geschlossen werden sollte – nicht einmal für den Wiederaufbau des Tempels. Sigmund Freud erkannte die Bedeutung dieser Geste: Seitdem – so schrieb er einmal – konnte das unsichtbare Gebäude des Judentums erbaut werden.26 Von diesem Moment an begann das jüdische Volk in der Schrift zu leben.
Heinrich Heine hat wie kein anderer intuitiv die Funktion erfasst, die dieser gemeinsame Ort für ein im Exil verstreutes Volk erfüllt:
Ein Buch ist ihr Vaterland, ihr Besitz, ihr Herrscher, ihr Glück und ihr Unglück. Sie leben in den Marken dieses Buches, hier üben sie ihr Bürgerrecht, hier kann man sie nicht wegjagen, nicht verachten, hier sind sie stark und bewunderungswürdig […].27 Für die wandernden Juden, für das Volk des Buches war das Buch das ‚portative Vaterland‘.28
Selbst Gott lebt seit dieser Zeit in der Schrift, „jener prekären Heimstatt“, wie Emmanuel Lévinas sie nannte, denn im Talmud steht geschrieben: „Seitdem die Heiligkeit zerstört wurde, hat der Heilige in dieser Welt nur noch die vier Ellen der Halacha.“29
So gewann die Schrift eine vielgestaltige und komplexe Bedeutung in der jüdischen Kultur und Geschichte und wurde zu einer Art metaphorischem Territorium, in dem das am ha’sefer,„das Volk des Buches“, zu Hause war. Dieses Territorium, ein eigener, abgesteckter und geschützter Raum, bot einen Ort, dem man sich zugehörig fühlte. So formuliert es auch Heine in einem Brief an Eduard Gans, in dem er über die persönliche Widmung seines letzten Buches schreibt: „Ich habe diesen Namen (sc. Rahel Varnhagen), der mir so lieb ist, an den Eingangspfosten meines Buches angeschlagen, und es ist mir dadurch wöhnlicher und gesicherter geworden. Auch unsere Bücher müssen ihre Mesuse haben.“30
Neben dem metaphorischen Territorium der Schrift existiert ein zusätzlicher geographischer Raum, der für die jüdische Narrative konstitutiv ist: die Wüste. Sie ist der Tradition nach nicht leer, sondern voller Wörter; sie ist der Raum, in dem das Gesetz übergeben wurde. „In dieser Wüste kann nichts wachsen, außer Wörter“, bemerkt Edmond Jabès, zeigt dabei die Verbindung von Sand und Wort auf und beschreibt die Suche nach diesem Exilterritorium: „Ich habe ein Land verlassen, das nicht das meine war, für ein anderes, das auch nicht das meine war. Ich habe mich geflüchtet in eine Vokabel aus Tinte – und hatte das Buch als Raum.“31
Das Buch als fürsorgliches Heimatland, das weder Visum noch Reisepass verlangt, ein sicherer Ort zum Leben. In den Worten von George Steiner:
Wie eine Schnecke, die Fühler zur Bedrohung hin ausgerichtet, hat der Jude das Haus des Textes auf dem Rücken getragen. Welches andere Domizil ist ihm gewährt worden? […]32 Der Text ist das Zuhause, jeder Kommentar eine Heimkehr.33
Schabbat: Die Zeit bewohnen
Extra-territoriales Denken und diasporisches Leben prägen die jüdische Tradition von Anbeginn: der Vertreibung aus dem Garten Eden. Im Grunde ist der gesamte Tanach ein Reisebericht. Dies steht im Gesetz geschrieben und ist sogar im ersten Gebot präsent: „Ich [bin] dein Gott, der dich aus dem Lande Mizrajim [Ägypten] geführt und aus der Sklaverei befreit hat.“ (2. Buch Mose 20,2) Weitere Auswanderungen prägen die jüdische Geschichte, etwa jene nach Babylon oder in das Römische Reich. Ein festes (geographisches) Zentrum existiert nicht mehr, der Hebräer befindet sich stets auf dem Weg, und der Weg ist die Halacha, das jüdische Gesetz (das Wort halacha leitet sich vom Verb lalechet,„gehen“, ab).
Diese Tradition begründet somit einen Gegenentwurf zu der Sakralisierung des Territoriums, die mit dem Bilderverbot einhergeht: Die Bindung soll nicht zu einem Land, sondern zum Gesetz bestehen. Die Sakralisierung des Landes – der Geographien, der Materie – folgt aus jüdischer Perspektive einer ähnlichen Logik wie der Götzendienst. Lévinas schreibt dazu:
Jedes Wort ist entwurzelt. […] Das Heidentum ist die Verwurzelung […]. Das Aufkommen der Schrift ist nicht die Unterordnung des Geistes unter den Buchstaben, sondern der Ersatz des Bodens durch den Buchstaben. Der Geist ist im Buchstaben frei und gefesselt an die Wurzel.34
In den letzten Versen der Tora wird der Tod Moses erzählt. Die Rabbinen haben oft darüber diskutiert, wer diese Zeilen verfasst haben mag, denn gemäß der Tradition hat Moses selbst die Tora geschrieben. Einige deuten es so: Er hat sie geschrieben – mit seinen Tränen.35
Und Gott sprach zu ihm: Das ist das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob zugeschworen habe, indem ich sprach: Deinen Nachkommen werde ich es geben. Ich habe es dich mit deinen Augen sehen lassen, aber du sollst nicht nach dort hinübergehen. Und Mose, der Knecht des Herrn, starb dort im Land Moab nach dem Wort Gottes. Und er begrub ihn im Tal, im Land Moab, Bet-Peor gegenüber; und niemand kennt sein Grab bis auf diesen Tag. (5. Buch Mose 34, 4–6).
Dass der Ort des Grabes nicht genannt wird, ist – ebenso wie das Bilderverbot im Judentum – keinem Zufall geschuldet. Roberto Blatt vermutet, dass das Judentum die Spuren jener bedeutenden Schauplätze, an denen der Bund mit Gott geschlossen wurde, verwischt hat, um die Sakralisierung von bestimmten Räumen zu verhindern – vom konkreten Ort im Sinai, wo die Tora übergeben wurde, bis hin zu Moses Grab. Räumlich greifbare heilige Stätten, an denen die Gefahr der Pilgerschaft bestünde, existieren nicht.36
Mit Derrida gesprochen: „Die ‚Vertriebenen‘, die Exilierten, die Deportierten, die Entwurzelten, die Nomaden haben zwei Seufzer, zwei Nostalgien gemeinsam: ihre Toten und ihre Sprache.“37 Beide Dimensionen sind für die Juden im Buch stets gegenwärtig: Von der heiligen Sprache der Tora bis zu den yizker-bikher (Gedächtnis-Bücher) übernimmt die Schrift die Funktion von Territorium, Erinnerung und Grabstein.
Der italienische Architekt Bruno Zevi erkennt dieses extra-territoriale Denken und die Distanz zur Materie in den verschiedenen Konzeptionen des Raumes wieder. Während für das griechische bzw. abendländische Denken das Wesentliche eines Raums im Sein besteht (unabhängig davon wie statisch und rigide der Raum umrissen ist), verkörpert ein solches Sein nach jüdischer Vorstellung eine „Nicht-Entität“, da ein Sein ohne Bewegung bzw. ohne Handeln nicht existieren kann. So galt der Tempel den Griechen in der Antike als Objekt der Sakralität, wohingegen das Gebetshaus der Juden vor allem als Ort des Zusammentreffens dient, an dem etwas passiert: Die Synagoge („Versammlung“, „Gemeinschaft“, auch hier ein griechisches Wort!) wird auf Hebräisch beit knesset („Haus der Zusammenkunft“, auf Jiddisch schil oder schul, abgeleitet von Schule) genannt.38 Ein Raum wird nicht durch die ihm immanenten Eigenschaften jüdisch, sondern durch das Anbringen einer mesusa am Türpfosten, die signalisiert bzw. daran erinnert, dass dort die jüdischen Gesetze eingehalten werden. In Lévinas’ Worten: „Für das Judentum wird die Welt durch ein menschliches Antlitz intelligibel und nicht, wie für einen großen zeitgenössischen Philosophen, der einen wichtigen Aspekt des Abendlands resümiert, durch Häuser, Tempel und Brücken.“39 Tun statt Sein, Text statt Raum.
Unter den Zehn Geboten steht eines für die Sakralisierung der Zeit (das 4. Gebot „Du sollst den Schabbat heiligen“), doch keines ist einem Land gewidmet. Auch im Talmud bezieht sich ein wichtiges Traktat auf den Schabbat, nicht aber auf das Land Israel. Das Judentum lebt und währt schon immer in der Zeit. Abraham Joshua Heschel prägte einst die schöne Formel: „Die schabatot sind unsere großen Kathedralen.“40
Anders als in den europäischen Sprachen tragen die Wochentage auf Hebräisch keinen Eigennamen – mit Ausnahme des Schabbat. Den Narrativen der Tora folgend (1. Buch Mose, bereschit bzw. Genesis genannt, das mit der Entstehung der Welt beginnt) werden die Tage einfach gezählt: erster Tag, zweiter Tag, dritter Tag – bis schließlich auf den sechsten Tag der Schabbat folgt. Die Tradition sieht darin eine sich stets wiederholende „Reise“ in der Zeit. Jede Woche wird neu gezählt. Wer immer die Macht im territorialen Sinne ausübt und wie zerstreut das jüdische Volk auch sein mag: In der Schrift und am Schabbat sind alle Juden vereint. Zu Hause. Für einen Moment.
Schabbat. Ankommen, jedes Mal neu.
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1Yerushalmi, Yosef Hayim: Exil und Vertreibung in der jüdischen Geschichte, in: ders.: Ein Feld in Anatot. Versuche über jüdische Geschichte, Berlin 1993, S. 21–38.
2Dies wurde 1948 mit der Gründung des Staates Israel in gewisser Weise „aufgehoben“. Viele orthodoxe Juden sprachen sich aufgrund dessen gegen den Zionismus aus. Zu den Schwierigkeiten, eine jüdische Diaspora-Kultur in die hegemoniale Konzeption eines Nationalstaates einzupassen, siehe Boyarin, Daniel; Boyarin, Jonathan: Diaspora: Generation and the Ground of Jewish Identity, in: Critical Inquiry 19 (2002), S. 693–725.
3Boyarin, Daniel: A Travelling Homeland: The Babylonian Talmud as Diaspora, Philadelphia 2015.
4Dufoix, Stéphane: Les diasporas. Une histoire de usages du mot diaspora, Paris 2011. Hier sind alle Erwähnungen des Wortes Diaspora in der Bibel, auch im Neuen Testament, belegt. Siehe vor allem S. 78 ff.
5Vgl. Cohen, Robin: Global Diasporas: An Introduction, New York 2008.
6Mayer, Ruth: Diaspora. Eine kritische Begriffsbestimmung, Bielefeld 2005, S. 21.
7Dufoix: Les diasporas, Kap. I. Kritische Bemerkungen bei Baumann, Martin: Diaspora: Genealogies of Semantics and Transcultural Comparison, in: Numen 47 (2000), S. 313–337.
8Dufoix: Les diasporas, S. 60 ff.
9Siehe 5. Buch Mose 28,25.
10Schoshan, Eben: Ha’milon ha’chadash, Jerusalem 1961, S. 175 [Übersetzung LRF].
11Ebd., S. 1723.
12Erst nach der Beschneidung (und dem Bund mit Gott) wird der Buchstabe „he“ in Abrams Namen eingeschrieben, wodurch er zu Abraham wird (1. Buch Mose 17,5).
13Zitiert aus dem 1. Buch Mose 12,1; in der Übersetzung von Moses Mendelssohn.
14Zitiert aus dem 3. Buch Mose 25,23; in der Übersetzung von Moses Mendelssohn.
15Yerushalmi: Exil und Vertreibung.
16Ebd., S. 23.
17Dubnow, Simon: Diaspora, in: Seligman, Edwin R. A.; Johnson, Alvin (Hg.): Encyclopaedia of the Social Sciences, Bd. 5, New York 1931, S. 129–130.
18Ebd., S. 127.
19Siehe dazu Mayer: Diaspora.
20Yerushalmi: Exil und Vertreibung, S. 26.
21Siehe Attias, Jean-Christophe; Benbassa, Esther: Israel, la tierra y lo sagrado, Barcelona 2001, S. 100.
22Gerchunoff, Alberto: Jüdische Gauchos, Berlin 2010, S. 8.
23Siehe Boyarin: A Travelling Homeland.
24Dubnow: Diaspora, S. 127.
25Siehe: Yerushalmi, Yosef Hayim: Zachor: Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis, Berlin 1988 (EA Seattle 1982).
26Siehe Haddad, Gérard: L’enfant illégitime. Sources talmudiques de la psychoanalyse, Paris 1990, Kap. 1. Das Zitat aus Freuds Brief ist ebenfalls diesem Buch entnommen.
27Heine, Heinrich: Sämtliche Schriften, Bd. 4, München 1995, S. 4.
28Ebd., S. 483.
29Lévinas, Emmanuel: Eigennamen, München; Wien 1988, S. 106.
30Heinrich Heine an Eduard Gans, 26. Mai 1826.
31Jabès, Edmond: Ein Fremder mit einem kleinen Buch unterm Arm, München; Wien 1993, S. 105.
32Steiner, George: Unser Heimatland: der Text, in: ders.: Der Garten des Archimedes, München; Wien 1996, S. 253.
33Ebd., S. 251.
34Lévinas, Emmanuel: Difficile Liberté: Essais sur le judaïsme, Paris 21983, S. 183 (Übersetzung LRF).
35Siehe dazu Weber, Elisabeth: Schwarze Tränen, Tintenspur, in: Wetzel, Michael; Jean-Michel Rabaté; Agamben, Giorgio (Hg.): Ethik der Gabe. Denken nach Jacques Derrida, Berlin 1993, S. 39–56.
36Blatt, Roberto zitiert in Sperling, Diana: Genealogía del odio, Buenos Aires 1995, S. 119.
37Derrida, Jacques: La Hospitalidad, Buenos Aires 2000, S. 91.
38Siehe Zevi, Bruno: Arquitetura e judaismo: Mendelssohn, Sao Paulo 2002.
39Lévinas, Emmanuel: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum, Frankfurt/Main 1992, S. 36.
40Heschel, Abraham Joshua: Der Sabbat. Seine Bedeutung für den heutigen Menschen, Neukirchen-Vluyn 1990.
Sephardim und Aschkenasim
Sina Rauschenbach
Grundlagen
Sephardim und Aschkenasim bilden traditionell die beiden größten Gruppen innerhalb des Judentums. Dabei gehen die Bezeichnungen auf die biblischen Begriffe „Sepharad“ und „Aschkenas“ zurück, mit denen im mittelalterlichen Hebräisch „Spanien“ und „Deutschland“ benannt wurden.1 Entsprechend werden unter Sephardim traditionell alle Juden zusammengefasst, deren Wurzeln auf die Iberische Halbinsel zurückgehen. Als Aschkenasim bezeichnet man alle Juden deutscher oder nordfranzösischer Abstammung. Ebenfalls einschlägig ist die Unterscheidung zwischen sephardischen und aschkenasischen Traditionen und Ritusgruppen, die seit der Neuzeit zunehmend Gewicht erhält.2 Schließlich werden soziale und sprachliche Voraussetzungen als Trennmerkmale angeführt, wobei diese nicht nur dazu dienen, Sephardim und Aschkenasim zu unterscheiden, sondern auch West-Ost-Differenzen innerhalb der halachischen sephardischen und aschkenasischen Traditionen deutlich zu machen.3 Keine der genannten Unterscheidungen ist jedoch eindeutig, und jede Kategorisierung ist auf ihre Art und Weise kontextgebunden. Dies betrifft insbesondere die Zuschreibung von West und Ost, die niemals nur eine geographisch neutrale, sondern immer eine wertende ist und in der neueren Forschung zunehmend in Frage gestellt wird.4
Geographisch hatte das sephardische Judentum seine mittelalterlichen Zentren auf der Iberischen Halbinsel und im Mittelmeerraum, das aschkenasische Judentum im nordfranzösischen und deutschsprachigen Raum, von wo es sich sukzessiv in weiten Teilen Europas (und hier besonders nördlich der großen Mittelgebirge) verbreitete. Nach den Vertreibungen der Juden aus England, Frankreich und unterschiedlichen Teilen des Reichs zwischen dem 13. und frühen 16. Jahrhundert verstärkte sich die Migration von West nach Ost so sehr, dass sich der Schwerpunkt aschkenasischen Lebens nach Polen und Litauen verlagerte, wo die Rechtssicherheit größer und die Lebensbedingungen günstiger waren als in den meisten westeuropäischen Ländern. Auch im expandierenden Osmanischen Reich, zu dem seit dem 16. Jahrhundert weite Teile des östlichen Mittelmeerraums und des Nahen Ostens zählten, ließen sich aschkenasische Juden nieder. Erst im 17. Jahrhunderts kehrte sich das Bild um, und aschkenasische Juden flohen vor Krieg und Pogromen aus Mittel- und Osteuropa in den Westen. In Frankreich lebten aschkenasische Juden in der frühen Neuzeit mehrheitlich in Elsass-Lothringen. In Italien mischten sie sich in unterschiedlichen Zeiten und Herrschaftsgebieten mit italienischen, sephardischen und anderen Juden.5
Sephardische Zentren entstanden nach den Vertreibungen und Zwangskonversionen der iberischen Juden zwischen 1492 und 1498 zuerst in Norditalien, Nordafrika und ebenfalls im Osmanischen Reich. Seit dem 17. Jahrhundert ließen sich iberische Juden zusätzlich in Hamburg, Amsterdam, London und auf dem amerikanischen Kontinent nieder, von wo sie bedeutende Handelsnetzwerke aufbauten, die sich über die gesamte sephardische Diaspora erstreckten.6 Gleichzeitig bildeten sich auf der Iberischen Halbinsel, in den Ländern der spanischen und portugiesischen Kronen sowie im Süden Frankreichs, wo offenes jüdisches Leben nicht erlaubt war, Converso-Gemeinden, in denen Sephardim in der Öffentlichkeit als Christen und im Geheimen als Juden lebten. Andere Conversos gaben ihr Judentum auf, blieben aber mit jüdischen Familienmitgliedern und Geschäftspartnern vernetzt und wurden ebenfalls Teil sephardisch-atlantischer Handelsnetzwerke und Kontakte.7 Von Sephardim in klassischen Zentren des aschkenasischen Judentums wie etwa im Polen des 16. Jahrhunderts wird berichtet, man muss jedoch davon ausgehen, dass es sich um Ausnahmeerscheinungen handelt.8 Erst im Zusammenhang des Niedergangs und Zerfalls des Osmanischen Reichs sind größere Migrationsbewegungen von sephardischen Juden in traditionelle Zentren des aschkenasischen Judentums zu verzeichnen.9
Demographisch waren im Mittelalter Sephardim in der Mehrheit und machten vom 11. bis zum 13. Jahrhundert zwischen 94 % und 85 % der jüdischen Weltbevölkerung aus.10 In der Frühen Neuzeit wandte sich das Blatt und Aschkenasim begannen, Sephardim an Zahl und Einfluss zu überholen. 1650 sank der Anteil der sephardischen Juden an der jüdischen Weltbevölkerung auf etwa 60 %, um 1700 waren die sephardischen und aschkenasischen Anteile etwa je 50 %. Um 1750 hatte sich das Bild umgekehrt, und etwa 60 % der 2,5 Millionen Juden auf der Welt waren Aschkenasim. Im 19. Jahrhundert sank der Anteil von Sephardim weiterhin von etwa 20 % um 1840 auf 13,4 % um 1860, bis er 1930 mit 8,2 % bei einer Gesamtbevölkerung von 15,9 Millionen Juden seinen Tiefstand erreichte. Nach der Shoah, der vor allem aschkenasische Juden zum Opfer fielen, stieg der prozentuale Anteil von Sephardim an der jüdischen Weltbevölkerung. In den 1980er Jahren pendelte er sich um etwa 20 % ein. Dabei wuchs die sephardische Bevölkerung besonders in Israel, wo Sephardim um die Jahrtausendwende etwa 47 % der jüdischen Bevölkerung ausmachten, wenn man berücksichtigt, dass es sich in einer deutlichen Erweiterung der Terminologie seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts etabliert hatte, auch andere Juden nichtaschkenasischer Abstammung als Sephardim zu kategorisieren.11 Demgegenüber waren in den USA zeitgleich 91 % aller Juden Aschkenasim und in Europa 72 %.
Religiöse Differenzen gingen nie so weit, dass sie Grundpfeiler des Judentums in Frage gestellt oder zu religiösen bzw. konfessionellen Spaltungen geführt hätten,12 betreffen aber dennoch alle Bereiche des jüdischen Lebens- und Jahreszyklus, Bibel- und Talmudstudium, Halacha und Liturgie.13 Abgeleitet werden sie aus unterschiedlichen Traditionen, die entweder regional oder durch die jeweils islamischen bzw. christlichen Umfelder, in denen sephardische und aschkenasische Juden seit dem Mittelalter lebten, zu begründen sind.14 Bisweilen wurden Unterschiede noch weiter in die Antike zurückgeführt. Letzteres betrifft besonders Differenzen im Gottesdienst und im Gebet, die Ausdruck in getrennten liturgischen Traditionen fanden und ihrerseits den beiden großen jüdischen Zentren rabbinischer Gelehrtheit in Palästina und Babylon zugeordnet wurden.15 Als paradigmatisch für Unterschiede im jüdischen Jahreszyklus werden normalerweise Pessach-Differenzen beschrieben, die auch und insbesondere die Speisevorschriften betreffen.16 Als paradigmatisch für Unterschiede im jüdischen Lebenszyklus werden Differenzen in der Namensgebung sowie im Ehe- und Scheidungsrecht benannt.17 Ebenso wichtig sind Unterschiede in der Gestaltung und Positionierung von Grabsteinen auf sephardischen und aschkenasischen Friedhöfen.18 In allen Fällen ist allerdings auf zusätzliche regionale Unterschiede hinzuweisen, die nicht nur zwischen Sephardim und Aschkenasim, sondern auch innerhalb beider Gruppen existieren und deren vermeintliche Homogenität schnell in Frage stellen lassen.19
Mittelalter
Kontakte zwischen sephardischen und aschkenasischen Juden wurden für das Mittelalter lange marginalisiert und sind nach wie vor unzureichend erforscht.20 Darüber hinaus wird insgesamt diskutiert, inwiefern für das Mittelalter überhaupt schon von Sephardim als Gruppe gesprochen werden kann. Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass sephardische und aschkenasische Identitätskonstruktionen neuzeitliche Phänomene sind und sowohl auf der Iberischen Halbinsel als auch im mittelalterlichen Aschkenas nur von regionalen jüdischen Gruppenbildungen ausgegangen werden kann.21 Begegnungen fanden weniger zwischen ganzen Gemeinden als zwischen einzelnen Gelehrten, Reisenden, Kaufleuten oder Siedlern statt, die nach ihrer Ankunft in den jeweiligen Traditionen der Zielgemeinden aufgingen.22 Nicht zuletzt aus diesem Grund konzentriert sich die folgende Darstellung auf die Epoche der Frühen Neuzeit. Gleichwohl sollen die wichtigsten Forschungsdiskussionen zum Mittelalter in einem kurzen Überblick zusammengefasst werden.
Pionierarbeit hat vor allem Avraham Grossman geleistet, der zwei Phasen hervorhebt, in denen besonders der Provence eine wichtige Brückenfunktion zwischen iberischen und nordfranzösischen, bisweilen auch deutschen und schließlich polnischen jüdischen Gemeinden zukam.23 Für die erste Phase, datiert bis zum Durchbruch der Reconquista im 12. Jahrhundert, konstatiert Grossman zumeist iberische Einflüsse auf aschkenasische Gemeinden, die besonders in der liturgischen Poesie, in der Philologie, Bibelexegese und in Einzelfällen auch in halachischen Diskussionen sichtbar sind. Für die zweite Phase, datiert bis zum Ausbruch der Schwarzen Pest (Mitte des 14. Jahrhunderts), werden umgekehrt starke Einflüsse Raschis und der Tosafisten belegt, die von Nordfrankreich aus auf den Süden und die spanischen Zentren der rabbinischen Gelehrsamkeit wirkten. Höhepunkte dieses neuen Austauschs stellen, Grossman zufolge, zwei Ereignisse dar: a. die Maimonidische Kontroverse von 1232, in der sich erstmals aschkenasische Gelehrte in innere sephardische Diskussionen einbrachten, und b. die Anerkennung des Gelehrten R. Ascher ben Jechiel (ca. 1250–1327) als Autorität in sephardischen Gemeinden Kataloniens und Kastiliens.24 Durch Ascher ben Jechiel, der in Aschkenas ausgebildet wurde und seit 1305 im kastilischen Toledo lebte, drangen nicht nur Diskussionen über minhagim (Bräuche), sondern auch Einflüsse jüdisch-pietistischer Reformbewegungen aus Aschkenas auf die Iberische Halbinsel.25 Aschers Sohn Jehuda ben Ascher war im 15. Jahrhundert für einen der ersten Versuche verantwortlich, ein von Sephardim und Aschkenasim gleichermaßen akzeptiertes halachisches Kompendium zu schaffen und damit maßgeblich zur religiösen Vermittlung beider jüdischer Gruppen beizutragen.
Verbunden mit der unterschiedlichen Gewichtung von minhagim im sephardischen und aschkenasischen Judentum sind auch die Unterschiede zwischen dem Eherecht in beiden Gruppen, auf die bereits zu Beginn dieser Darstellung hingewiesen wurde: Um das Jahr 1000 erließ Rabbi Gerschom Me’or ha-Gola in Mainz seine berühmten takkanot (Verordnungen), in denen Polygamie und einseitige Scheidungen verboten und mit dem Bann belegt wurden.26 Grossman zufolge waren ebenfalls Kaufleute, die von Aschkenas nach Sepharad reisten, dabei lange Abwesenheiten von ihren Familien in Kauf nahmen und bisweilen unter islamischem Einfluss auf der Iberischen Halbinsel neue Ehen schlossen, einer der Auslöser, die Rabbi Gerschom zu seinen Verordnungen veranlasst haben könnten. Beide Verordnungen, die zunächst nur regionale Gültigkeit beanspruchten, wurden schnell von anderen Gemeinden anerkannt und erlangten schließlich in Aschkenas einen quasi-halachischen Status. Durch die genannten takkanot wurden jüdische Frauen über ihre bestehenden ökonomischen Freiheiten hinaus gestärkt, und ihre Stellung in Familie und Gesellschaft wurde gebessert.27 Von sephardischen Juden wurde der Bann von Rabbi Gerschom als nicht bindender und zeitlich beschränkter aschkenasischer minhag interpretiert,28 weshalb Polygamie nie mit derselben Eindeutigkeit abgeschafft wurde wie im aschkenasischen Judentum. In den jüdischen Gemeinden Sepharads blieb Polygamie selbst dann noch erlaubt, als die Reconquista weit fortgeschritten war und auch die meisten iberischen Juden unter christlicher Herrschaft lebten.29
Ein dritter Aspekt, der inzwischen aber umstritten ist, ist Gerson D. Cohens viel beachtete Gegenüberstellung von sephardischem intellektuellem Aktivismus und aschkenasischer quietistischer Pietät.30 Cohen hatte diesen Gegensatz, der für ihn bereits in den beiden großen rabbinischen Zentren der Antike seine Wurzeln hatte, herangezogen, um in Zeiten von Verfolgungen und Pogromen aschkenasische Tendenzen zum Märtyrertum mit sephardischen Tendenzen zum „Marranentum“ (d. h. zur äußerlichen Konversion bei geheimem Festhalten am Judentum) zu kontrastieren.31 Gleichzeitig schien ihm der Gegensatz eine Erklärung für unterschiedliche Formen zu sein, wie und mit welcher Häufigkeit sich Messiaserwartungen in beiden Gruppen konkretisierten und (zumindest im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit) auch zerschlugen. Cohens These wurde durch Forschungen relativiert, die sich einerseits mit der Entstehung sephardischen Märtyrertums auf der Iberischen Halbinsel befassten.32 Andererseits wurden unterschiedliche Erinnerungskulturen in Sepharad und Aschkenas untersucht, um den Blick von messianischen Bewegungen auf die Überlieferung dieser Bewegungen in beiden Gruppen zu lenken.33 Unmittelbar mit der letzten Diskussion verbunden ist die Frage nach der Besonderheit sephardischer Geschichtsschreibung in der Folge des Traumas von 1492, die seit dem Erscheinen von Yosef Hayim Yerushalmis Zachor prominent diskutiert wird.34
Frühe Neuzeit
Mit den Vertreibungen und Zwangstaufen der iberischen Juden nach 1492 entstanden neue sephardische Gemeinden, die sich erstmals über weite geographische Entfernungen erstreckten, aber, durch Verwandtschafts- und Geschäftsbeziehungen verbunden, die Idee einer zusammenhängenden sephardischen Kultur und Identität konstruierten. Zentral für diese sephardische Identität war die Sehnsucht nach dem „goldenen spanischen Zeitalter“, dessen Verlust trotz Feindschaft und Verfolgung schmerzlich betrauert wurde.35 Gleichzeitig war auch die neue sephardische Diaspora uneinheitlich und in unterschiedliche Diasporen gespalten.36 Dabei waren vor allem unterschiedliche Erfahrungen mit dem Judentum prägend, die später in die Unterscheidung zwischen der sogenannten westlichen und der sogenannten östlichen sephardischen Diaspora eingingen: Während sephardisches Leben in der „östlichen Diaspora“ auf eine ungebrochene Kontinuität seit 1492 verweisen konnte, waren die ersten sephardischen Gemeinden der „westlichen Diaspora“ erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden, und ihre Mitglieder blickten auf Generationen von Konvertiten in den Familien zurück. Dies hatte bedeutende religiöse und soziale Konsequenzen und führte in vielen Fällen dazu, dass Rabbiner strenge Maßnahmen ergreifen mussten, um ihre Gemeinden zu disziplinieren und „rejudaisieren“.37 Hierzu gehörte auch die Stärkung traditioneller Familienstrukturen, die unter Conversos, die im Geheimen als Juden lebten, grundlegende Änderungen erfahren hatten.38 Gleichzeitig lebten Sephardim in der östlichen Diaspora zumeist in islamischen Kontexten, Sephardim in der westlichen in christlichen, was sich ebenfalls in unterschiedlichen religiösen Traditionen niederschlug.
Schließlich waren östliche und westliche Sephardim durch ihre Sprachen getrennt. Während sich in der östlichen sephardischen Diaspora das Judeospanische als gesprochene Sprache etablierte, sprachen Sephardim in der westlichen Diaspora bis ins 18. Jahrhundert im Alltag zumeist Portugiesisch und publizierten auf Spanisch. Dabei war es für Portugiesisch sprechende westliche Sephardim eher unproblematisch, Judeospanisch sprechende östliche Sephardim zu verstehen. Gravierender waren die Sprachbarrieren im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zwischen Portugiesisch oder Judeospanisch sprechenden sephardischen und Jiddisch sprechenden aschkenasischen Gemeinden. Das dürfte somit auch ein Grund dafür gewesen sein, dass sephardische und aschkenasische Juden, wo sie in der Frühen Neuzeit in Kontakt kamen, vielfach getrennt voneinander agierten.39 Hinzu kam, dass die hebräische Sprache, die aschkenasische und sephardische Juden verband, wenn sie auch in beiden Gruppen unterschiedlich ausgesprochen und geschrieben wurde, im alltäglichen Gebrauch wenig Nutzen hatte, weil sie nur in liturgischen und religiösen Zusammenhängen gebraucht wurde.40
Nicht nur die Sephardim, sondern auch die Aschkenasim konstituierten sich seit dem 16. Jahrhundert neu als Gruppe. Dabei hat Joseph Davis eindrücklich gezeigt, dass es drei unterschiedliche Modelle der Gruppenbildung geben konnte, die entweder geographisch, ethnisch oder durch individuelle Entscheidungen bestimmt waren. Aschkenasim waren nach diesen Modellen entweder alle Juden, die in Aschkenas lebten, oder alle Juden, die von Aschkenasim abstammten, oder solche, die in einer aschkenasischen Synagoge beteten oder einer aschkenasischen Auslegung des Religionsgesetzes folgten.41 Dabei wurden für die jeweilige Auslegung des Religionsgesetzes im späten 16. Jahrhundert zwei Standardwerke zentral: einerseits der Schulchan aruch („Der gedeckte Tisch“) des sephardischen Gelehrten Joseph Karo, andererseits der Kommentar Mappat schulchan aruch („Die Tischdecke zum gedeckten Tisch“) des aschkenasischen Rabbiners Moses Isserles.
Frühere Versuche, sephardische und aschkenasische Interessen zu versöhnen und unterschiedliche halachische Schulen in einem von beiden Gruppen anerkannten Kodex zusammenzufassen, wie sie z. B. im 15. Jahrhundert von Jakob ben Ascher, dem Sohn des bereits erwähnten Ascher ben Jechiel, unternommen worden waren, hatten sich nicht durchsetzen können. Auch Joseph Karo selbst war mit seinem Anliegen gescheitert, seinem Schulchan aruch allgemeinere und auch außerhalb des sephardischen Judentums gültige Anerkennung zu verschaffen.42 Obwohl Karo, wie Israel Ta-Shma minutiös analysiert hat, Bräuche (minhagim) und kabbalistische Lehren in sein Gesetzeskompendium aufgenommen und sich damit sowohl aschkenasischen als auch romaniotischen (d. i. griechisch-jüdischen) Traditionen zugewandt hatte, war er in den einschlägigen halachischen Diskussionen Isaac Alfasi, Moses Maimonides und Ascher ben Jechiel verpflichtet geblieben, von denen zumindest die ersten beiden eindeutig und ausschließlich sephardische Autoritäten waren.43 Entsprechend erlangte der „Gedeckte Tisch“ im aschkenasischen Judentum erst dann Gültigkeit, als Moses Isserles ihn mit einer aschkenasischen „Tischdecke“ überdeckte. Andersherum wurden durch die Kodifizierung aschkenasische Traditionen auch festgeschrieben, was wiederum zur Konstitution der Aschkenasim als Gruppe beigetragen hat.44 Aufgelöst wurde die religiöse Trennung zwischen Sephardim und Aschkenasim im Lurianischen Ritus, benannt nach dem berühmten Kabbalisten Isaac Luria, der im 16. Jahrhundert in Safed sephardische mit aschkenasischen liturgischen Elementen verband. Seit dem 17. Jahrhundert wurde der Lurianische Ritus, der sowohl von sephardischen als auch aschkenasischen Rabbinern angefeindet wurde, von chassidischen Juden in Osteuropa übernommen und wird heute als Nusach Sepharad bezeichnet, obwohl er dem sephardischen Ritus im traditionellen Sinne nicht entspricht.45
Wo sephardische und aschkenasische Juden in der Frühen Neuzeit zusammenlebten, verliefen die Beziehungen häufig hierarchisch und entlang klar gezogener Grenzen. Dies bedeutet nicht, dass sephardische und aschkenasische Juden in bestimmten Kontexten und Situationen nicht zusammenarbeiteten. Gerade im Handel und auf Reisen, im Buchdruck und Buchhandel sowie in Krisen und Fragen der Krisenbewältigung kam es vielfach zu Kooperationen.46 Häufig standen ähnlichen Kooperationen aber soziale und kulturelle Differenzen im Wege, zu denen auch gehörte, dass iberische Juden traditionell ihre Wurzeln auf das königliche Geschlecht Davids zurückführten und sich selbst zum jüdischen Adel erklärten.47 Eine Konsequenz war, dass besonders in den Zentren der westlichen Diaspora reiche und einflussreiche sephardische Eliten ihren aschkenasischen Glaubensgenossen stark paternalistisch begegneten, während sie gleichzeitig streng auf die Trennung von Synagogen, Gemeindeinstitutionen und Friedhöfen bedacht waren.
Klassisches Beispiel ist Amsterdam, wo in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts das wichtigste Zentrum sephardischen Lebens in der westlichen Diaspora entstand. Aschkenasische Juden, die seit dem Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs ebenfalls nach Amsterdam zogen und ab 1635 eine eigene Gemeinde gründeten, wurden einerseits in ihren elementaren ökonomischen Bedürfnissen durch sephardische Wohlfahrteinrichtungen unterstützt,48 andererseits wurde genau darauf geachtet, Grenzen aufrechtzuerhalten und persönliche Verbindungen zwischen iberischen und deutschen bzw. polnischen Juden zu verhindern. So beteten Aschkenasim ab 1642 in einer eigenen Synagoge und begruben ihre Toten auf einem eigenen Friedhof. Ab 1644 durften keine aschkenasischen Jungen mehr in der portugiesischen Synagoge beschnitten werden. Seit 1671 wurden aschkenasische Männer, die sephardische Frauen heirateten, nicht mehr in die sephardische Gemeinde aufgenommen. Ab 1696 verloren zusätzlich sephardische Männer, die aschkenasische Frauen heirateten, ihren Status als Gemeindemitglieder.49 Ähnliche Zusammenhänge sind aus anderen Zentren der westlichen sephardischen Diaspora oder aus europäischen Kolonien in der atlantischen Welt bekannt, wobei im Falle der Kolonien noch diskutiert wird, inwieweit jüdisches Leben „an der Peripherie“ andere Verhaltensmuster generierte als in den Zentren der sephardischen Diaspora.50
In der westlichen Diaspora spiegelte sich die Selbstwahrnehmung der Sephardim in der spezifischen Fremdwahrnehmung wider, die sephardische Juden in christlichen Herrschaften und Gesellschaften erfuhren. So wurden Privilegien für sephardische Gemeinden in der Regel schneller und für eine längere Dauer vergeben als Privilegien für aschkenasische Juden.51 Sephardim waren die bevorzugten Ansprechpartner von christlichen Gelehrten und Theologen, die sich seit dem späten 15. Jahrhundert und dann vor allem im Zusammenhang mit Reformation und Konfessionalisierung zunehmend für jüdische Sprachen, Lehren und Texte interessierten.52 Sephardim wurden von christlichen Malern und Kupferstechern als Modelle gewählt, wenn es darum ging, jüdische Integration in christliche Gesellschaften aufzuzeigen.53 Und Sephardim wurden zumindest in Frankreich separat und schneller emanzipiert als ihre aschkenasischen Glaubensgenossen.54 Sephardische Autoren unterstützten dabei die unterschiedliche Fremdwahrnehmung beider Gruppen, indem sie ihrerseits die Vorzüge des sephardischen Judentums hervorhoben. Prominentes Beispiel ist der Geschäftsmann und Philosoph Isaac de Pinto, der im 18. Jahrhundert auf die antijüdischen Vorwürfe Voltaires erwiderte, dass diese nur aschkenasische, nicht aber sephardische Juden beträfen.55
Aschkenasim reagierten auf die Polemik, indem sie Sephardim ihre engen und bisweilen nicht unproblematischen Kontakte zu Nichtjuden vorwarfen.56 Andere übernahmen das stilisierte Selbstbild der Sephardim und machten es zum Ziel ihrer eigenen Wunschvorstellungen und Ideale. In der westlichen Welt begannen aschkenasische Juden seit der frühen Haskala, sich an sephardischen Curricula und Bildungsidealen zu orientieren, die neben dem Talmudstudium ebenfalls Bibelexegese, Philosophie, Philologie, hebräische Grammatik und schließlich säkulares Wissen umfassten.57 Klassische sephardische Texte wurden neu rezipiert,58 und in speziellen Beiträgen wurden das Leben und Wirken „großer Männer“ des sephardischen Judentums gepriesen.59 Sephardische Ideale dienten einerseits dazu, Möglichkeiten des jüdischchristlichen Zusammenlebens jenseits von Assimilation und der Aufgabe jüdischer Werte und Traditionen zu erwägen.60 Andererseits zielten sie auf den Bruch deutscher Juden mit ostjüdischen Traditionen und allen negativen Assoziationen, die mit diesen Traditionen verbunden wurden.61 Hörbar wurde diese Abgrenzung im Vorzug der sephardischen Aussprache des Hebräischen, die in der Haskala ihren Ausgangspunkt nahm und sich über den Zionismus ins heutige Israel fortsetzte.62
Ausblick
Die deutsch-jüdische Rezeption von Sepharad kulminierte im 19. Jahrhundert in der Wissenschaft des Judentums, die ein breites Forschungsprogramm zur sephardischen Philosophie und Poesie des Mittelalters entwickelte.63 Über Deutschland hinaus wirkte sie z. B. nach England, wo sich Staatsmänner und Autoren wie Benjamin Disraeli trotz ihrer Konversion zum Christentum auf sephardische Vorfahren besannen und sephardische Juden zu ihren literarischen Protagonisten machten.64 In der deutsch-jüdischen Literatur begründeten Autoren wie Heinrich Heine, Phöbus und Ludwig Philippson oder Berthold Auerbach bewusst ein neues, auf sephardischen Narrativen aufgebautes Genre jüdisch-historischer Fiktion, um damit einen Beitrag zur Entstehung einer selbstbewussten, nicht assimilierten jüdischen Minderheitskultur zu leisten.65 (Siehe hierzu auch den Beitrag von Irmela von der Lühe, S. 385.) Dieses Genre endete mit dem Beginn des Nationalsozialismus, dem Scheitern der erträumten deutsch-jüdischen Symbiose und der Durchsetzung eines neuen Spanienbilds, das primär mit der Zeit der Inquisition, der Verfolgungen, Pogrome und Vertreibungen verbunden wurde.66
In der Architektur orientierten sich die Entwürfe aschkenasischer Reformsynagogen in einem kurzen Zeitraum zwischen 1830 und 1870 ebenfalls an Modellen, die wie Reminiszenzen an das Zusammenleben zwischen Juden und Muslimen auf der Iberischen Halbinsel wirkten, wenn sie auch gleichzeitig von anderen Faktoren beeinflusst wurden, wie John Efron herausgearbeitet hat.67 Schließlich wirkten sephardisch-orientalische Einflüsse auf körperliche Ideale deutscher Juden von Schönheit und Reinheit.68 Dabei wurden bisweilen aktuelle Bilder orientalischer Jüdinnen und Juden herangezogen. Insgesamt war die Orientierung am sephardischen Judentum im 18. und 19. Jahrhundert jedoch mehr auf vergangene als auf existente sephardische Welten ausgerichtet, und sephardische Juden, die sich nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs in westlichen Zentren der aschkenasischen Diaspora ansiedelten, wurden nicht etwa mit den herrschenden Idealen des „Sephardismus“ in Verbindung gebracht, sondern in Umkehrung früherer Verhaltensweisen von der Mehrheit der Aschkenasim als rückständig stigmatisiert und ausgegrenzt.69 Dabei spielten auch westliche Sephardim bisweilen eine ambivalente Rolle, wie Aviva Ben-Ur in einer wichtigen Studie zum US-amerikanischen Judentum gezeigt hat.70
Die Erwartung, dass Sephardim und Aschkenasim in einem einheitlichen Judentum aufgehen sollten, wurde vor allem in frühen zionistischen Diskursen vorgetragen, die entgegen gängiger Narrative auch in Zentren der sephardischen Diaspora von Bedeutung und Einfluss waren.71 Vorläufer hatte diese Erwartung in Wohltätigkeitsorganisationen, die seit dem 18. Jahrhundert von Istanbul aus zur Unterstützung jüdischer Gemeinden in Eretz Israel gegründet wurden, sich aber nie gegen sephardische und aschkenasische Partikularismen durchsetzen konnten, wie Matthias Lehmann gezeigt hat.72 Auch die unterschiedliche Fremdwahrnehmung von Sephardim und Aschkenasim überlebte den Beginn der Moderne und führte z. B. im Spanien des frühen 20. Jahrhunderts zu einer Welle von „Philosephardismus“, die sephardischen Juden aus dem ehemaligen Osmanischen Reich den Erwerb spanischer Pässe ermöglichte.73 Gleichzeitig entstand eine neue Situation, indem der Begriff „Sephardim“ seit der Zwischenkriegszeit eine Erweiterung auf nichtaschkenasische Juden erfuhr und fortan auch arabische Juden umfasste, die keinen europäischen Hintergrund vorzuweisen hatten.74 Im Nahen Osten hatte dies zur Folge, dass zionistische Einheitsideale durch europäische Kolonialdiskurse konterkariert und Sephardim nichteuropäischer Abstammung als „Juden des Orients“ (edot hamisrach) stigmatisiert wurden.75
Heute bezeichnen sich arabisch-stämmige Juden vielfach selbst als „Misrachim“, um ihre positive Verbindung zur arabischen Welt zu markieren und die Dominanz des europäischen Erbes im Judentum in Frage zu stellen.76 Andere lehnen „Misrachim“ als Bezeichnung ab und halten in Reminiszenz an das europäische Erbe an der Bezeichnung „Sephardim“ fest, die sie mit mediterraner Kultur und religiöser Beweglichkeit verbinden.77 Erneut werden die Ambivalenzen und Probleme von Zuschreibungen deutlich. Offenkundig ist, dass die Geschichte der sephardischen Juden mit der erweiterten Terminologie und den politischen Umbrüchen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts im klassischen Sinne entweder endet78 oder eine völlig neue Dimension und Blickrichtung gewinnt, deren Konsequenzen u. a. in Israel zu verfolgen sind. In jedem Fall setzt sich die Begegnungs- und Vernetzungsgeschichte von sephardischen und aschkenasischen Juden fort und wird auch in Zukunft das Thema von Forschungen sein, die sich dieser Perspektive mehr und mehr öffnen.
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1„Sepharad“ findet sich zuerst in Ob 20 und wird seit dem Ende des 8. Jahrhunderts zur Bezeichnung von Spanien verwandt. Vgl. Elazar, Daniel: The Other Jews: The Sephardim Today, New York 1989, S. 15. „Aschkenas“ findet sich u. a. in Gen 10,3 oder 1 Chron 1,6, etabliert sich aber ebenfalls erst im 10. Jahrhundert als Bezeichnung für den deutschsprachigen Raum. Vgl. Aust, Cornelia: Art. Aschkenasim, in: Enzyklopädie der Neuzeit, 12 Bde., Stuttgart 2005–2012, Bd. 1, S. 696.
2Zur Unterscheidung nach halachischen Traditionen vgl. z. B. Medding, Peter Y. (Hg): Sephardic Jewry and Mizrahi Jews (= Studies in Contemporary Jewry, Bd. 22), Oxford 2007, S. vii. Speziell zu den Ritusgruppen vgl. Elbogen, Ismar: Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Frankfurt/Main 1924.
3Ben-Ur, Aviva: Sephardic Jews in America: A Diasporic History, New York 2009, S. 93.
4Sorkin, David: Beyond the East-West Divide: Rethinking the Narrative of the Jews’ Political Status in Europe, 1600–1700, in: Jewish History 24/3–4 (2010), S. 247–256. Zur Entstehung der Zuschreibung im aschkenasischen Judentum vgl. Efron, John M.: German Jewry and the Allure of the Sephardic, Princeton 2016, bes. S. 57–61.
5Für einen historischen Überblick vom Mittelalter bis zur Neuzeit, der sowohl sephardische als auch aschkenasische Entwicklungen berücksichtigt, vgl. Battenberg, Friedrich: Das europäische Zeitalter der Juden, 2 Bde., Darmstadt 2000.
6Für einen guten Überblick vgl. Bossong, Georg: Die Sepharden: Geschichte und Kultur der spanischen Juden, München 2008. Vgl. auch die zahlreichen Publikationen, die 1992 zur Erinnerung an die Vertreibung von 1492 entstanden sind, unter ihnen Beinart, Haim (Hg.): Moreshet Sepharad: The Sephardi Legacy, 2 Bde., Jerusalem 1992; Kedourie, Elie (Hg.): Spain and the Jews: The Sephardi Experience 1492 and After, London 1992; Méchoulan, Henry (Hg.): Les Juifs d’Espagne: Histoire d’une diaspora (1492–1992), Paris 1992.
7Zu den Conversos vgl. Graizbord, David L.: Souls in Dispute: Converso Identities in Iberia and the Jewish Diaspora, 1580–1700, Philadelphia 2004. Zu sephardisch-atlantischen Handelsnetzwerken vgl. Israel, Jonathan: Diasporas within a Diaspora: Jews, Crypto-Jews and the World Maritime Empires, 1540–1740, Leiden 2002; Kagan, Richard L. (Hg.): Atlantic Diasporas: Jews, Conversos, and Crypto-Jews in the Age of Mercantilism, 1500–1800, Baltimore 2009; Studnicki-Gizbert, Daviken: A Nation upon the Ocean Sea: Portugal’s Atlantic Diaspora and the Crisis of the Spanish Empire, 1492–1640, Oxford 2007.
8Zu Polen vgl. Gutterman, Alexander: Sephardic Jews in Poland, in: Pe’amim 18 (1984), S. 53–79 [hebr.]. Für eine ältere Darstellung vgl. Balaban, Majer: Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen, Berlin 1911, S. 11–19.
9Vgl. Ayala, Amor; Denz, Rebekka; Salzer, Dorothea M.; Schmädel, Stephanie von (Hg.): Galut Sepharad in Ashkenaz: Sepharden im deutschsprachigen Kulturraum, Potsdam 2013. Vgl. auch einen Teil der Beiträge in Studemund-Halévy, Michael (Hg.): Sefarad in Österreich Ungarn, in: transversal 13 (2012), S. 5–80.
10Für die folgenden und zusätzliche Zahlen vgl. Elazar: The Other Jews, S. 44 ff. und 50 f.
11Für die folgenden und zusätzliche Zahlen vgl. Medding: Sephardic Jewry, S. ix. Gerber spricht sogar von 60 % Sephardim zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Vgl. Gerber, Jane S.: The Jews of Spain: A History of the Sephardic Experience, New York et al. 1994, S. xxiv.
12Vgl. z. B. Medding: Sephardic Jewry, S. vii, der von einer „fundamental halakhic unity“ spricht.
13Für einen guten Überblick vgl. Aust: Art. Aschkenasim. Für Details vgl. Zimmels, H. J.: Ashkenazim and Sephardim: Their Relations, Differences and Problems as Reflected in the Rabbinical Responsa, London 1958. Abraham Joshua Heschel hat einen Teil der Unterschiede zum Ausgangspunkt genommen, um Sephardim und Aschkenasim prominent als „klassische“ und „romantische“ Juden zu beschreiben. Vgl. Heschel, Abraham: Die Erde ist des Herrn, Neukirchen-Vluyn 1985, S. 21–31. Für eine sephardische Erwiderung vgl. Elazar: The Other Jews, S. 30–39.
14Zu Juden im Christentum und Islam vgl. Cohen, Mark R.: Unter Kreuz und Halbmond: Die Juden im Mittelalter, München 2005.
15Posner, Raphael; Kaploun, Uri; Cohen, Shalom (Hg.): Jewish Liturgy: Prayer and Synagogue Service throughout the Ages, Jerusalem 1975, S. 249–253. Sichtbar werden diese liturgischen Traditionen auch in unterschiedlichen Raumkonzeptionen sephardischer und aschkenasischer Synagogen. Vgl. Keßler, Katrin: Ritus und Raum der Synagoge: Liturgische und religionsgesetzliche Voraussetzungen für den Synagogenbau in Mitteleuropa (= Schriften der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, Bd. 2), Petersberg 2007.
16Für einen kompakten Überblick vgl. Lowenstein, Steven M., Jüdisches Leben – Jüdischer Brauch, Düsseldorf 2002, S. 108–111.
17Für Details vgl. Zimmels: Ashkenazim and Sephardim, S. 164–187. Zum Ehe- und Scheidungsrecht vgl. auch Fn 26 und Fn 27.
18Zimmels: Ashkenazim and Sephardim, S. 186.
19Für einen Eindruck vgl. Lowenstein: Jüdisches Leben.
20Grossman, Avraham: Relations between Spanish and Ashkenazic Jewry in the Middle Ages, in: Beinart: Moreshet Sepharad, Bd. 1, S. 220–239.
21Vgl. z. B. Ray, Jonathan: New Approaches to the Jewish Diaspora: The Sephardim as a Sub-Ethnic Group, in: Jewish Social Studies N. S. 15/1 (2008), S. 17 f.; Lehmann, Matthias B.: Emissaries from the Holy Land: The Sephardic Diaspora and the Practice of Pan-Judaism in the Eighteenth Century, Stanford 2014, S. 199.
22Elazar: The Other Jews, S. 19.
23Grossman: Relations between Spanish and Ashkenazic Jewry.
24Ebd., bes. S. 229–231. Zu Ascher ben Jechiel vgl. auch Ta-Shma, Israel: Rabbi Joseph Caro and his Beit Yosef: Between Spain and Germany, in: Beinart: Moreshet Sepharad, Bd. 2, S. 195, und ders.: Creativity and Tradition: Studies in Medieval Rabbinic Scholarship, Literature and Thought, Cambridge, MA 2007, S. 111–126.
25Ta-Shma: Creativity and Tradition, S. 13.
26Grossman, Avraham: Pious and Rebellious: Jewish Women in Medieval Europe, Waltham, MA 2004, S. 68–101, bes. S. 70–90.
27Grossman: Halakhic Decisions on Family Matters in Medieval Jewish Society, auf: http//jwa.org/encyclopedia/article/halakhic-decisions-on-family-matters-in-medieval-jewish-society, letzter Zugriff: 31. 05. 2016.
28Grossman: Pious and Rebellious, S. 77 f.
29Assis, Yom Tov: The Ordinance of Rabbenu Gershom and Polygamous Marriages in Spain, in: Zion 46 (1981), S. 251–277 [hebr.]; vgl. auch Grossman: Pious and Rebellious, S. 79–82.
30Cohen, Gerson D.: Messianic Postures of Ashkenazim and Sephardim, in: Saperstein, Marc (Hg.): Essential Papers on Messianic Movements and Personalities in Jewish History, New York 1992, S. 202–233.
31Ebd., S. 223 f.
32Vgl. z. B. Gross, Abraham: On the Ashkenazi Syndrome of Martyrdom in Portugal in 1497, in: Tarbiz 64 (1994), S. 83–114 [hebr.]; Ben-Shalom, Ram: Kidush ha-Shem and Jewish Martyrdom in Aragon and Castile in 1391: Between Spain and Ashkenaz, in: Tarbiz 70 (2001), S. 227–282 [hebr.] und Gross, Abraham: Conversions and Martyrdom in Spain in 1391: A Reassessment of Ram Ben-Shalom, in: Tarbiz 71 (2002), S. 269–278. [hebr.]. Zum sephardischen Märtyrertum vgl. auch Bodian, Miriam: Dying in the Law of Moses: Crypto-Jewish Martyrdom in the Iberian World, Bloomington, IN 2007, S. 1–22, bes. 4–9.
33Carlebach, Elisheva: Between History and Hope: Jewish Messianism in Ashkenaz and Sepharad, Jerusalem 1998.
34Vgl. Yerushalmi, Yosef Hayim: Zachor: Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis, Berlin 1988; Bonfil, Robert: How Golden was the Age of the Renaissance in Jewish Historiography? in: History and Theory 27/4 (1988), S. 78–102. Für einen guten Überblick über die Diskussionen im Anschluss an Yerushalmi vgl. Jacobs, Martin: Islamische Geschichte in jüdischen Chroniken. Hebräische Historiographie des 16. und 17. Jahrhunderts, Tübingen 2004, S. 28–57. Zur sephardischen und aschkenasischen Historiographie vgl. neuerdings auch Wilke, Carsten: Sephardi and Ashkenazi Conceptions of World History: From Gedaliah ibn Yahya to David Gans, in: Judaica Bohemiae 51/1 (2016), S. 111–126.
35Benbassa, Esther (Hg.): Mémoires juives d’Espagne et du Portugal, Paris 1996 und Bodian, Miriam: Hebrews of the Portuguese Nation: Conversos and Community in Early Modern Amsterdam, Bloomington, IN 1999, bes. S. 76–95.
36Israel: Diasporas within a Diaspora.
37Bodian: Hebrews of the Portuguese Nation, bes. S. 96–131.
38Galasso, Christina: Religious Space, Gender, and Power in the Sephardi Diaspora: The Return to Judaism of New Christian Men and Women in Livorno and Pisa, in: Lieberman, Julia (Hg.): Sephardi Family Life in the Early Modern Diaspora, Hanover, NH et al. 2011, S. 101–128. Zur Rolle der Frau in Converso-Familien, die im Geheimen ihr Judentum aufrecht erhielten, vgl. prominent Melammed, Renée Levine: Heretics or Daughters of Israel? The Crypto-Jewish Women of Castile, New York 1999.
39Für einen Überblick über beide Sprachen vgl. Weinstock, Nathan; Sephiha, Vidal: Yiddish and Judeo-Spanish: A European Heritage, Brüssel 1997. Für die Neuzeit hat besonders Sarah Abrevaya Stein die Funktion beider Sprachen im Russischen und Osmanischen Reich verglichen. Vgl. dies.: Making Jews Modern: The Yiddish and Ladino Press in the Russian and Ottoman Empires, Bloomington 2003 und dies.: Assymetric Fates: Secular Yiddish and Ladino Culture in Comparison, in: The Jewish Quarterly Review 96/4 (2006), S. 498–509. Ansonsten existieren keine vergleichenden Studien.
40Lowenstein: Jüdisches Leben, S. 65–68. Zur unterschiedlichen Schrift und Aussprache des Hebräischen vgl. auch Zimmels: Ashkenazim and Sephardim, S. 82–99.
41Davis, Joseph: The Reception of the „Shulhan Arukh“ and the Formation of Ashkenazic Jewish Identity, in: Association for Jewish Studies Review 26/2 (2002), S. 251–276, bes. S. 259.
42Zimmels: Ashkenazim and Sephardim, S. 115 f.
43Ta-Shma: Rabbi Joseph Caro and his Beit Yosef.
44Davis: The Reception of the Shulhan Arukh, S. 259–268.
45Zimmels: Ashkenazim and Sephardim, S. 116–121.
46Für einen Überblick vgl. Aust: Art. Aschkenasim. Am besten sind die genannten Interaktionen für den Buchdruck und Buchhandel erforscht. Vgl. z. B. Berger, Shlomo: Ashkenazim Read Sephardim in Seventeenth-and Eighteenth-Century Amsterdam, in: Studia Rosenthaliana 35/2 (2001), S. 253–265 und Stanislawski, Michael: The Yiddish „Shevet Yehudah“: A Study in the „Ashkenization“ of a Spanish-Jewish Classic, in: Carlebach, Elisheva; Efron, John M.; Myers, David N. (Hg.): Jewish History and Jewish Memory: Essays in Honor of Yosef Hayim Yerushalmi, Hanover, NH 1998, S. 134–149. Zu Sephardim und Aschkenasim in Krisen und Fragen der Krisenbewältigung vgl. z. B. Barnai, Jacob: The Spread of the Sabbatean Movement in the Seventeenth and Eighteenth Centuries, in: Menache, Sophia (Hg.): Communication in the Jewish Diaspora: The Pre-Modern World, Leiden 1996, S. 313–337.
47Bodian: Hebrews of the Portuguese Nation, S. 85–92.
48Levie Bernfeld, Tirtsah: Poverty and Welfare among the Portuguese Jews in Early Modern Amsterdam, Oxford 2012, bes. S. 117–121.
49Kaplan, Yosef: The Portuguese Community in 17th-Century Amsterdam and the Ashkenazi World, in: Michman, Jozeph (Hg.): Dutch Jewish History, 3 Bde., Jerusalem 1984–1993, Bd. 2, S. 23–45.
50Vgl. z. B. Greenberg, Mark I.: A „Haven of Benignity“: Conflict and Cooperation Between Eighteenth-Century Savannah Jews, in: The Georgia Historical Quarterly 86/4 (2002), S. 544–568 zu Sephardim und Aschkenasim im kolonialen Savannah oder Vink, Wieke: Creole Jews: Negotiating Community in Colonial Suriname, Leiden 2010, bes. S. 187–219 zu Sephardim und Aschkenasim im kolonialen Surinam. Vgl. neuerdings auch Mirvis, Stanley: Ashkenazim and Sephardim in Colonial Jamaica (1692–1785), in: Studemund-Halévy, Michael (Hg.): A Sephardic Pepper Pot in the Caribbean: History, Language, Literature, and Art, Barcelona 2016, S. 109–123; Roitman, Jessica: The Repercussions of Rumor: An Adultery Case from the 18th Century, in: ebd., S. 124–135; Zacek, Natalie A: Great Tangled Cousinries? Jewish Intermarriage in the British West Indies, in: ebd., S. 136–155.
51In einigen Extremfällen besteht sogar der Verdacht, dass sephardische Gemeinden ihre Privilegien auf Kosten ortsansässiger aschkenasischer Gemeinden verhandelten. Vgl. z. B. Braden, Jutta: Hamburger Judenpolitik im Zeitalter lutherischer Orthodoxie (1590–1710), Hamburg 2001, S. 224–229.
52Für gute Überblicke vgl. Coudert, Alison; Shoulson, Jeffrey S. (Hg.): Hebraica veritas? Christian Hebraists and the Study of Judaism in Early Modern Europe, Philadelphia 2004; Friedman, Jerome: The Most Ancient Testimony: Sixteenth-Century Christian-Hebraica in the Age of Renaissance Nostalgia. Athens, OH 1983; Manuel, Frank: The Broken Staff: Judaism through Christian Eyes, Cambridge, MA 1992.
53Baskind, Samantha: Distinguishing the Distinction: Picturing Ashkenazi and Sephardic Jews in Seventeenth-and Eighteenth-Century Amsterdam, in: The Journal for the Study of Sephardic & Mizrahi Jewry (2007), S. 1–13.
54Nahon, Gérard: From New Christians to the Portuguese Jewish Nation in France, in: Beinart: Moreshet Sepharad Bd. 2, S. 336–364; für ein differenzierteres Bild, in dem neben Alleingängen der sephardischen und aschkenasischen französischen Juden auch gemeinsame Emanzipationsbemühungen hervorgehoben werden, vgl. ders.: Sépharades et Achkénazes en France: La conquête de l’émancipation, in: Yardeni, Myriam (Hg.): Les Juifs dans l’histoire de France. Premier colloque international de Haifa, Leiden 1980, S. 121–145.
55Pinto, Isaac de: Apologie pour la nation juive: Réflexions critiques sur le premier chapitre du VIIe tome des œuvres de M. Voltaire, Amsterdam 1762. Für ergänzende Literatur vgl. Cardoso, José Luis; Nogueira, Vasconcelos: Isaac de Pinto (1717–1787) and the Jewish Problems: Apologetic Letters to Voltaire and Diderot, in: History of European Ideas 33/4 (2007), S. 476–487; Sutcliffe, Adam: Can a Jew Be a Philosopher? Isaac de Pinto, Voltaire, and Jewish Participation in the European Enlightenment, in: Jewish Social Studies NS 6/3 (2000), S. 31–51.
56Zimmels: Ashkenazim and Sephardim, S. 276–279.
57Sorkin, David: The Early Haskalah, in: Feiner, Shmuel; Sorkin, David (Hg.): New Perspectives on the Haskalah, Oxford 2004, S. 9–26.
58Für ein Beispiel vgl. die Rezeption von Judah Halevis Kuzari, die Adam Shear in mehreren Studien minutiös nachverfolgt hat: Shear, Adam: Judah Halevi’s Kuzari: The Reinterpretation and Reimagining of a Medieval Work, in: Brann, Ross; Sutcliffe, Adam (Hg.): Renewing the Past, Reconfiguring Jewish Culture: From Al-Andalus to the Haskalah, Philadelphia 2004, S. 71–92; ders.: Judah Halevi’s Sefer ha Kuzari in Early Modern Ashkenaz and the Early Haskalah: A Case Study in the Transmission of Cultural Knowledge, in: Fontaine; Schatz; Zwiep: Sepharad in Ashkenaz, S. 69–84.
59Vgl. Efron, John M.: German Jewry and the Allure of the Sephardic, Princeton 2016, S. 61–66; Kennecke, Andreas: Isaac Euchel: Architekt der Haskala, Göttingen 2007, S. 378–383, und Schapkow, Carsten: Vorbild und Gegenbild: Das Iberische Judentum in der deutsch-jüdischen Erinnerungskultur, 1779–1939, Köln 2011, S. 80–104.
60Die klassische Darstellung ist nach wie vor Schorsch, Ismar: The Myth of Sephardic Supremacy, in: Leo Baeck Institute Year Book 34 (1989), S. 47–66. Für neuere Monographien vgl. Schapkow: Vorbild und Gegenbild sowie Efron: German Jewry. Für zusätzliche Beiträge vgl. Brann; Sutcliffe: Renewing the Past; Fontaine, Schatz und Zwiep: Sepharad in Ashkenaz.
61Efron: German Jewry, S. 78.
62Ebd., S. 21–52.
63Schorsch: The Myth of Sephardic Supremacy. Speziell zur Historiographie vgl. Efron: German Jewry, S. 190–229 und Schapkow: Vorbild und Gegenbild, S. 136–274.
64Endelman, Todd M.: Benjamin Disraeli and the Myth of Sephardi Superiority, in: Jewish History 10/2 (1996), S. 21–35.
65Skolnik, Jonathan: Jewish Pasts, German Fictions: History, Memory, and Minority Culture in Germany, 1824–1955, Stanford 2014.
66Ebd., S. 147–175. Nach der Shoah blieb die Erinnerung an Sepharad als Ort des Verbrechens an der eigenen jüdischen Bevölkerung erhalten und wurde in den ersten Jahren der Staatsgründung Israels zentrale Folie für Reiseverbote nach Deutschland. Vgl. hierzu Diner, Dan: Rituelle Distanz: Israels deutsche Frage, München 2015, S. 35–65. Allgemein zum „Sephardismus“ in der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts vgl. neuerdings Halevi Wise, Yael (Hg.): Sephardism: Spanish Jewish History and the Modern Literary Imagination, Stanford 2012. Zur karibisch-jüdischen Literatur vgl. Casteel, Sarah Phillips: Calypso Jews: Jewishness in the Caribbean Literary Imagination, New York 2016, S. 35–173.
67Efron: German Jewry, S. 112–160. Zur Jahresangabe vgl. ebd., S. 131 und 159.
68Ebd., S. 53–111.
69Guttstadt, Corry: Sepharden auf Wanderschaft: Vom Bosporus an die Spree, Elbe und Isar, in: Amor; Denz; Salzer; Schmädel: Galut Sepharad in Ashkenaz, S. 102–106. Für die Diskrepanz zwischen Sephardismus und den Sephardim in den USA des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts vgl. Ben-Ur: Sephardic Jews in America, S. 147. Mit Blick auf aschkenasische Verhaltensmuster levantinischen Immigranten gegenüber geht Ben-Ur so weit, von einer „coethnic recognition failure“ zu sprechen. Vgl. ebd., S. 108.
70Ben-Ur: Sephardic Jews in America, S. 81–107. Für ähnliche Beobachtungen im Falle Französisch-Marokkos vgl. Schroeter, Daniel: Orientalism and the Jews of the Mediterranean, in: Journal of Mediterranean Studies 4 (1994), S. 183–196, bes. S. 190 f.
71Vgl. z. B. Freidenreich, Harriet: Sephardim and Ashkenazim in Inter-War Yugoslavia: Attitudes toward Jewish Nationalism, in: Proceedings of the American Academy for Jewish Research 44 (1977), S. 53–80. Für eine sephardische Erwiderung auf aschkenasische Alleinansprüche am Zionismus vgl. z. B. Elazar: The Other Jews, S. 27–30.
72Lehmann: Emissaries from the Holy Land, S. 169–214.
73„Philosephardismus“ steht hier in Abgrenzung zu „Philosemitismus“ und bezeichnet eine Haltung, die explizit nur Sephardim betrifft. Vgl. Menny, Anna Lena: Spanien und Sepharad: Über den offiziellen Umgang mit dem Judentum im Franquismus und in der Demokratie, Göttingen 2013, bes. S. 72–80.
74Für einen Überblick über die Diskussion, ob die Zusammenfassung aller nichtaschkenasischen Juden als Sephardim als zionistische Fremdbezeichnung oder politisch-pragmatischer Zusammenschluss interpretiert werden muss, vgl. Ben-Ur: Sephardic Jews, S. 18–22. Speziell zu den USA vgl. auch ebd., S. 104 ff.
75Shenhav, Yehouda: The Arab Jews: A Postcolonial Reading of Nationalism, Religion, and Ethnicity, Stanford 2006. Die Bezeichnung „edot ha-misrach“ ist, wie vielfach hervorgehoben wird, zusätzlich problematisch, weil es keine europäischen „edot ha-ma’arav“, sondern nur ein vermeintlich einheitliches aschkenasisches Judentum als Gegenüber gibt. Vgl. z. B. Goldberg, Harvey E.; Bram, Chen: Sephardic/Mizrahi/Arab-Jews: Reflections on Critical Sociology and the Study of Middle Eastern Jewries within the Context of Israeli Society, in: Medding, Peter (Hg.): Sephardic Jewry and Mizrahi Jews, Oxford 2007, S. 231 f.
76Shohat, Ella: Sephardim in Israel: Zionism from the Standpoint of its Jewish Victims, in: Social Text 19–20 (1988), S. 30 und dies.: The Invention of the Mizrahim, in: Journal of Palestine Studies 29/1 (1999), S. 13 f.
77Elazar, Daniel: Can Sephardic Judaism be Reconstructed? (1992), in: The Daniel Elazar On-Line Library, The Jerusalem Center for Public Affairs, auf: http://www.jcpa.org/dje/articles3/sephardic.htm, letzter Zugriff: 19. 12. 2016, und ders.: The Other Jews. Insbesondere wendet sich Elazar gegen die Ost-West-Unterteilung (ebd., S. 23 ff.).
78Vgl. Schroeter, Orientalism and the Jews, S. 187 f., der die Emanzipation zum „End of Sephardic History“ im klassischen Sinne erklärt.
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