Czytaj książkę: «Handbuch Gender und Religion»
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Anna-Katharina Höpflinger / Ann Jeffers / Daria Pezzoli-Olgiati (Hg.)
Handbuch Gender und Religion
Vandenhoeck & Ruprecht
Veröffentlicht mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Frauen- und Geschlechterforschung.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2021
© 2021, 2008 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)
Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike und V&R unipress.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: © Max Rüedi (1925–2019), Radierung, 15. März 1985, 20 x 20 cm.
Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: le-tex publishing services, Leipzig
EPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
UTB-Band-Nr. 3062
ISBN 978-3-8463-5714-9
Dieses Buch ist allen Kollegen und Kolleginnen gewidmet, die das Konzept von Gender in ihrer Forschung und Lehre mitbedenken.
Danksagung
Wie schon bei der ersten Auflage von 2008 ist das Handbuch Gender und Religion das Ergebnis einer intensiven Zusammenarbeit zwischen den Herausgeberinnen, den Lektorinnen und den Autorinnen und Autoren. Der Kreis der Mitwirkenden wurde wesentlich erweitert, damit neue Konzepte, Themen und Fragestellungen aufgenommen und entfaltet werden konnten. Dieses Werk wurde hauptsächlich während der Corona-Pandemie geschrieben, was alle Phasen der Produktion erschwerte. Außerdem liegt es uns am Herzen, daran zu erinnern, dass dieses Buch im Jahr erscheint, in dem die Schweizer Frauen das 50-jährige Jubiläum der Möglichkeit begehen, aktiv an der Politik des Landes teilzunehmen. Die laufenden Debatten um die Bestimmung und die Rolle der Geschlechter in der Gesellschaft – von #metoo, gender pay gap, der Ehe für alle, der LGBTIQ+-Bewegungen bis hin zum Verhältnis von Pandemie und Genderdiskriminierung – haben die Zoom-Gespräche der Herausgeberinnen und den Entstehungsprozess des Buches stark geprägt.
Gerade in einer solchen zwiespältigen und anstrengenden Zeit haben alle konstruktiv mitgearbeitet und alles gegeben, damit das Handbuch pünktlich erscheinen konnte. Deswegen möchten wir uns ganz herzlich bei allen bedanken, die dieses Projekt mit ihrer großzügigen Arbeit ermöglicht haben. Ein ganz besonderer Dank geht an alle Autoren und Autorinnen, die ihre Texte revidiert oder neu für diese Auflage des Handbuches verfasst haben; an Prof. Dr. Pierre Bühler und PD Dr. Marie-Therese Mäder, die Einführungen zu einzelnen Teilen übernommen und uns damit geholfen haben, den roten Faden des Projektes nicht aus den Augen zu verlieren und zentrale Grundfragen hervorzuheben; an Caterina Panunzio, die alle Beiträge vereinheitlicht und mit Professionalität und Hingabe einige Texte vom Englischen ins Deutsche übersetzt hat; an Verena Eberhardt und Hannah Griese, die mit Aufmerksamkeit sowie kritischem Blick die Lektoratsarbeit übernommen haben; an Mirjam Wieser, die die Organisation des Projektes professionell gemeistert hat; an die Deutsche Stiftung Frauen- und Geschlechterforschung, die sich am Druck des Buches finanziell beteiligt hat; schließlich an Dr. Johanna Körner, Dr. Victor Wang und an den Verlag Vandenhoeck & Ruprecht für die verlegerische Arbeit.
München und London, im März 2021
Anna-Katharina Höpflinger, Ann Jeffers und Daria Pezzoli-Olgiati
Inhaltsverzeichnis
Danksagung
Einführung
Anna-Katharina Höpflinger, Daria Pezzoli-Olgiati
Gender als Grundkonzept der Religionsforschung
Teil I Religionswissenschaft als Vermittlung von Weltbildern
Pierre Bühler
Einleitung
Ursula King
Gender-kritische (Ver-)Wandlungen in der Religionswissenschaft. Ein radikaler Paradigmenwechsel
Daria Pezzoli-Olgiati
»Spieglein, Spieglein an der Wand…«. Rekonstruktionen und Projektionen von Menschen- und Weltbildern in der Religionswissenschaft
Kristina Göthling-Zimpel
»Schuld ist nur der Feminismus«. Antifeminismus und Antigenderismus in der gegenwärtigen Debatte
Rosalind Janssen
Genderarchäologie. Ihre Höhen und Tiefen
Teil II Grundkonzepte von Gender und Religion
Anna-Katharina Höpflinger
Einleitung
Dolores Zoé Bertschinger
Feminismus. Auf dem »religiösen Auge« blind?
Ann Jeffers
Ökofeminismus. Über die Ausbeutung von Frau und Natur
Janet Wootton
Frauenbewegungen in globalen Kontexten. Kritische Auseinandersetzungen mit »Feminismen«
Benedikt Bauer
»Where heaven and hell collide«. Intersektionen, Religion, Diskriminierungen und Potenziale
Claudia Jahnel
Körper und Religion. Jenseits von Somatophobie und Somatophilie
Christian Feichtinger
Neue und alte Denkwege. Masculinity und Religion
Stefanie Knauß
Queer. Das Konzept, das keines ist
Yasmina Foehr-Janssens
»Papa, Mama und die Kinder, das ist natürlich!«. Familienvorstellungen auf der Spur
Teil III Forschungsgeschichten der Religionswissenschaft
Daria Pezzoli-Olgiati
Einleitung
Valeria Ferrari Schiefer
»Sie wurde nach dem Bilde Gottes erschaffen«. Frauenfreundliche theologische Positionen in der frühneuzeitlichen Geschlechterdebatte
Ann Jeffers
»Sapere aude«. Elizabeth Cady Stanton (1815–1902) und die Woman’s Bible
Ulrike Brunotte
Jane Ellen Harrison (1850–1928). Gewendeter Kolonialdiskurs, Material Religion, Ritual und Suffrage
Caroline Widmer
Alexandra David-Néel (1868–1969). Eine Frau, die Grenzen überschreitet
Ansgar Jödicke
Mary Douglas (1921–2007). Symbolsystem und Sozialstruktur
Stefanie Knauß
Heide Göttner-Abendroth (geb. 1941). Eine kritische Vorstellung der Klassikerin der Matriarchatsforschung
Teil IV Gender und Religion in Tradierungsprozessen
Ann Jeffers
Einleitung
Ann Jeffers
Kosmologie und geschlechterspezifische Weltbilder. Beispiele aus der jüdischen Antike
Kristin Weingart
(Gefährliches) Vorbild. Rahab, die glaubenstreue Verführerin
Birgit Heller
Wissen, Weisheit und Geschlecht. Ambivalente Geschlechtskonstruktionen in Hindu-Traditionen
Martin Lehnert
Jenseits der Geschlechterpolarität? Religiöse Aspekte buddhistischer Auffassungen von sexueller Differenz
Bärbel Beinhauer-Köhler
Genderizing Fāṭima? Die Prophetentochter als Rollenmodell
Kocku von Stuckrad
Die Schekhina vom Sohar bis zu Madonna. Oder: Die Weiblichkeit Gottes als Ergebnis gesellschaftlicher Organisation
Theresia Heimerl
Dämoninnen und Vampirinnen. Religionsgeschichte und modern Transformationen
Teil V Gender, Religion und Medien
Marie-Therese Mäder
Einleitung
Susanne Lanwerd
Geschlecht, Religion und Ästhetik. Zur Faszination von Bildergeschichten
Anna-Katharina Höpflinger
»Mehr verschandelt als verwandelt«. Kleidung als Medium religiöser Geschlechterkonstruktion
Marie-Therese Mäder
Jüdin sucht Jude. Differenz und Geschlechterfrage im Dokumentarfilm MATCHMAKER (CH 2005) von Gabrielle Antosiewicz
Stefanie Knauß
Überall und nirgends. Geschlecht und Religion im Spielfilm
Verena Marie Eberhardt
Geschlechterrollen, Religion und Identität in Kinderliteratur. Intersektionale Perspektiven auf Ingrid Kötters Roman Die Kopftuchklasse
Natalie Fritz, Paola von Wyss-Giacosa
Die »Heilige Familie« nach Barilla oder warum jetzt auch die Drag Queen dazu gehört. Zur medialen Inszenierung von Familien- und Genderbildern, Religion und Essen
Baldassare Scolari
Kinder trotz allem. Gender und Religion in filmischen Ökoapokalypsen
Ausklang
Daria Pezzoli-Olgiati
The Handmaid’s Tale. Religion und Gender künstlerisch verdichtet
Autorinnen und Autoren
Einführung
Anna-Katharina Höpflinger, Daria Pezzoli-Olgiati
Gender als Grundkonzept der Religionsforschung
Meine Mutter, warum verargst du den lieblichen Sänger,
Dass er mit Liedern uns reizt, wie sie dem Herzen entströmen?
Nicht die Sänger sind die zu beschuldigen, sondern allein Zeus,
Welcher die Meister der Kunst nach seinem Gefallen begeistert.
Zürne denn nicht, weil dieser die Leiden der Danaer singet;
Denn der neuste Gesang erhält von allen Gesängen
Immer das lauteste Lob der aufmerksamen Versammlung,
Sondern stärke vielmehr auch deine Seele, zu hören.
Nicht Odysseus allein verlor den Tag der Zurückkunft
Unter den Troern, es sanken mit ihm viel andere Männer.
Aber gehe nun heim, besorge deine Geschäfte,
Spindel und Webstuhl, und treib an beschiedener Arbeit
Deine Mägde zum Fleiß! Die Rede gebühret den Männern
Und vor allem mir; denn mein ist die Herrschaft im Hause!
Staunend kehrte die Mutter zurück in ihre Gemächer
Und erwog im Herzen die kluge Rede des Sohnes.
Als sie nun oben kam mit den Jungfrauen, weinte sie wieder
Ihren trauten Gemahl Odysseus, bis ihr Athene
Sanft mit süßem Schlummer die Augenlieder betaute.
Odyssee I,346–364
Zu Beginn ihres pointierten Essays Women and Power, A Manifesto evoziert die Philologin und Literaturwissenschaftlerin Mary Beard diese Szene aus der Odyssee, einem der unbestrittenen Klassiker der europäischen (Religions-)Geschichte.1 Die britische Autorin möchte damit auf das langjährige Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen im Zugang zu Macht hinweisen und ihre tiefe Verankerung in der Kulturgeschichte illustrieren.
Die Mutter Penelope ist von den Liedern des Barden betrübt und bittet deswegen um eine fröhlichere Art der Unterhaltung. Ihr Sohn, Telemachos, bringt sie zum Schweigen und weist sie in ihre privaten Zimmer zurück. Das Besingen der Heldentaten gebührt den Männern in den öffentlichen Räumen des Hofes, während sich die stille Arbeit mit Spindel und Webstuhl den Frauen geziemt: Kurz und bündig werden die Machtverhältnisse im Hause in Erinnerung gerufen. Die gebrochene Mutter folgt dem Befehl und legt sich weinend ins Bett, bis Athena ihr Ruhe durch den Schlaf beschert. Der Text arbeitet mit eindeutigen, dichotomen Kategorien: Telemachos, Hausherr, Zeus, Öffentlichkeit, Heldentaten, Erinnerung an den Krieg, Singen und Macht stehen auf der einen Seite; Penelope, die treue Ehefrau, Athena, private Räume, Produktion von Textilien, Schweigsamkeit, Erinnerung an den Ehemann, Weinen und Schlaf auf der anderen.
Die erste Fassung vom Handbuch Gender und Religion hat die Instrumente zur Verfügung gestellt, um einen solchen literarischen Text im Hinblick auf die Definition von Geschlecht und den damit verbundenen Rollen sowie die religiöse Legitimierung dieser Dichotomie zu untersuchen. Die vorliegende zweite und erweiterte Fassung ergänzt diesen Zugang mit weiteren Kategorien, die diese Dualismen und die damit vorausgesetzten Generalisierungen thematisieren und kritisch hinterfragen: Ausgewählte Beiträge aus der ersten Auflage wurden gründlich revidiert und aktualisiert; dazu kommen in etwa gleich viele neue Kapitel, die die Themen, Methoden sowie die theoretischen und hermeneutischen Reflexionen des letzten Jahrzehntes aufnehmen. Das Handbuch Gender und Religion wurde in der Erstauflage von 2008 als erstes deutschsprachiges Handbuch aus religionswissenschaftlicher Sicht zu diesem Themenbereich veröffentlicht. Es basierte auf einer Tagung, die 2006 stattfand, und reflektierte über Diskurse bezogen auf ein, damals wie auch heute noch, brandaktuelles Thema. Es war ein Versuch – und auch die erweiterte Neuauflage ist ein solcher – Impulse zu einer genderzentrierten Annäherung an die vielfältigen Felder und Fragen rund um Religion zu geben und zum Nachdenken sowie Weiterforschen anzuregen. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wurde und wird nicht erhoben.
In der Einführung zu ihrem 2005 zusammen mit Tina Beattie herausgegebenen Buch Gender, Religion and Diversity beklagt Ursula King zu Recht die damalige Gender-Blindheit der Religionswissenschaft und die Religions-Blindheit der Gender-Studien.2 Seither hat sich jedoch einiges getan, auch im deutschsprachigen Raum: In den Jahren seit der Veröffentlichung der Erstauflage des Handbuchs hat sich die Forschung in diesem Themenfeld erweitert und etabliert. Verschiedene Überblicksdarstellungen, theoretische Reflexionen, aber auch religionshistorische und gegenwartsbezogene Studien zu Gender und Religion sind publiziert worden.3 Die Genderforschung interagiert mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Diskursen und reagiert auf sie. Dies zeigt sich beispielsweise in neueren Beiträgen zu Gender, Religion und Nation und solchen zum Wechselspiel zwischen Migration, Religion und Geschlecht.4 Dennoch muss das Feld, gemessen an der Zentralität von Geschlecht in und für Religion, weiterhin ausgebaut werden.
In Anbetracht der vielfältigen neuen Forschungsimpulse, aber auch der gesellschaftlich-politischen Debatten der letzten Jahre, musste also das Handbuch Gender und Religion gründlich revidiert und erweitert werden. Die vorliegende Einleitung hebt die zentralen Aspekte hervor, die als Basis für das Gerüst dieses neuen Editionsprojektes gedient haben. Leitend war dabei die Frage, wieso Gender ein Grundkonzept der Religionswissenschaft ist und was es leisten kann. Im Folgenden gehen wir in drei Schritten vor: Erstens werden »Gender« und »Religion« als theoretische Konzepte umrissen, zweitens wird ihre Relevanz für die Erforschung von Religionen in Geschichte und Gegenwart diskutiert, und drittens wird auf die Rolle der Wechselbeziehung von Religion und Gender in öffentlich-medialen Diskursen eingegangen.
1 »Gender« und »Religion« als Konzepte der Religionsforschung
Geschlecht ist eng mit anthropologischen Reflexionen verbunden, es geht um die Frage des Menschenbildes und seinen Bezug zu einem bestimmten kulturellen Kontext. Geschlecht ist zunächst verbunden mit einem Körper im Sinne einer physisch-sinnlichen Existenz. Genauso relevant in diesem Zusammenhang ist der Leib, verstanden als subjektiv gespürte und interpretierte Physis, als Reflexion des Individuums über das körperliche Sein.5 Menschen sind in ihrer Körperlichkeit und Leibhaftigkeit soziale Wesen: Zum Physischen und Individuellen tritt also das Sozial-Kollektive als dritte relevante anthropologische Kategorie hinzu. Damit wird ersichtlich, dass Geschlechtskonzepte stets kultur- und zeitspezifisch ausgeformt werden, sie prägen Menschen und ihre Vorstellungen in unterschiedlichen Teilen der Welt verschieden. Global gesehen lässt sich eine große Bandbreite an Geschlechterkonzepten finden: Es gibt Menschen- und Weltbilder, in denen mehrere fluide Geschlechter eine Rolle spielen,6 andere, die durch stark binäre Differenzkonstruktionen gekennzeichnet sind, und dazwischen findet sich eine ganze Bandbreite an Konstellationen.
Geschlecht ist also etwas Körperliches, etwas Leibliches und wird kulturell bestimmt. Gehen wir von dieser Annahme aus, können wir umgekehrt argumentieren, dass soziale Ordnungen auch Ordnungen des Körpers sind.7 Die oben zitierte Szene aus der Odyssee ist ein Beispiel für diese enge Verbindung zwischen körperlichen und sozialen Ordnungen: In der angeführten Passage zeigt sich eine deutliche Trennung von sozialen Räumen für Frauen und für Männer, die verbunden werden mit spezifischen körperlichen Tätigkeiten. Die Frauen spinnen und weben in den Privatgemächern, die Männer feiern und singen in den öffentlich zugänglichen Orten. Die Zuweisung zu diesen unterschiedlich konnotierten Orten reproduziert Machtverhältnisse, wie die Verse, in denen der Sohn über seine Mutter bestimmt, prägnant zum Ausdruck bringen. Soziale Umgangsformen, Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens und ordnende Klassifikationen von Orten, Tätigkeiten und Körpern sind also kultur- und zeitspezifisch. Sie sind aber wesentlich für die Frage, wer oder was der Mensch ist und wie das Verhältnis zwischen verschiedenen Geschlechtern zu begreifen sei.
Für die Erfassung und Systematisierung dieser unterschiedlichen Kategorien, die Körper und Kultur zusammenbringen, sind konzeptuelle Reflexionen notwendig. Ein Konzept, das ins Zentrum dieser Fragen zielt, ist Gender. Gender ist dabei keine statische oder »natürlich« festgeschriebene Kategorie, sondern bildet einen offenen Rahmen – mit der Kulturwissenschaftlerin Mieke Bal gesprochen ein travelling concept – der im Mittelpunkt unterschiedlicher Zugänge, Diskurse und Kontroversen steht.8
Der Terminus »Gender« ist ein Paradebeispiel eines solchen »wandernden Konzeptes«. Der Begriff entstammt der Linguistik. Von dort ist er ab Mitte der 1950er Jahre vom neuseeländischen Psychologen John Money und seinem Team im Zuge von Studien zur Intersexualität in die Psychologie eingeführt worden.9 In der Folge wird Gender in unterschiedlichen Disziplinen mit durchaus verschiedenen Semantiken und Zielen verwendet. Dabei zeigen sich spezifische Kristallisationspunkte der Fragerichtung:10 In feministischen Studien und den women studies wurden und werden androzentrische Sichtweisen aufgedeckt und die Perspektive auch auf Frauen und Kinder ausgeweitet. Damit konnten und können ungleiche Machtverhältnisse dargelegt werden.11 In solchen Zugängen nähert sich Gender Differenzkonstruktionen rund um Frauen an. Die einem solchen Zugang zugrunde liegende Binarität wurde und wird in der Folge jedoch nicht nur in queeren Theorien hinterfragt, sondern auch im globalen Feminismus, der auf intersektionale Verbindungen fokussiert und aufzeigt, dass Frau nicht gleich Frau ist.12 Somit wird Gender zu einer dynamischen Größe, die eng mit unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Prozessen, seien es Arbeitsbedingungen oder Zugang zu Bildung, zusammenhängt.13
Im Umgang mit Begriffen wie Sex, Geschlecht und Gender können unterschiedliche Spannungsverhältnisse beobachtet werden, die nicht zuletzt von der jeweiligen Sprache abhängig sind. John Money betonte beispielsweise die Spannung von Sex als biologischem Geschlecht und Gender als Geschlechtsverhalten; auf dieser Linie wird in der englischsprachigen Literatur geläufig Sex mit der biologischen Grundlage und Gender mit der sozialen Ausformung des Geschlechts assoziiert.14 Aber auch die Bezeichnung, Beschreibung und Klassifizierung der biologischen Grundlagen sind eine kulturelle Leistung und in diesem Sinne ebenfalls eine gesellschaftliche Konstruktion, ein Argument, das von Judith Butler vertreten wird.15 Im Deutschen artikulieren sich die Gestaltungsmöglichkeiten in der Triangulation von Gender – als Fremdwort –, Geschlecht und Sex. Ob man Gender und Geschlecht als Synonyme setzt oder Gender als Konstruktion von Geschlecht und Sex umreißt, variiert je nach Disziplin, Ansatz und Autor*in stark, auch in Abhängigkeit von der Rezeption der vielfältigen, hier nur konzis rekapitulierten Debatten im angelsächsischen Raum.
Für die Annäherung an diese Themen, die wir in diesem Handbuch vorschlagen, ist es wesentlich zu erkennen, dass Gender oder Geschlecht keine statischen Begriffe sind, sondern tatsächlich travelling concepts, die je nach Perspektive und Kontext anders verhandelt und verstanden sowie unterschiedlich debattiert werden. Gender kann beispielsweise sehr umfassend verwendet werden: Dies wird zum Beispiel ersichtlich in der Rezeption des Ausdrucks doing gender, den die US-amerikanischen Soziolog*innen Candace West und Don H. Zimmerman geprägt haben. Damit fokussieren sie nicht mehr auf die Frage, was Gender ist, sondern auf die Mechanismen der Konstruktion, Verhandlung und Veränderung im Umgang mit Geschlechtsdifferenzen in der Gesellschaft.16
Als Herausgeberinnen tendieren wir dazu, das Fremdwort Gender als Begriff der Theoriebildung in Abgrenzung zu politischen, medialen und/oder emischen Perspektiven zu verwenden. Dabei verstehen wir Gender als ein Konzept, mit dem wir kulturelle Ausprägungen von Körper und Leib im Hinblick auf Geschlechtsdiskurse und Aushandlungen von Geschlecht untersuchen können. Somit nehmen wir mit dem Konzept von Gender komplexe, kulturell verankerte Verflechtungen in den Blick, die für eine Untersuchung von Religion besonders relevant sind, und verzichten bewusst auf dichotome Konstellationen zwischen Gender, Geschlecht und Sex.
Allerdings wurde es aufgrund der unterschiedlichen Zugänge, Definitionen und Verwendung von Gender, Geschlecht und Sex, die nach- und nebeneinander existieren, in diesem Projekt den Autor*innen überlassen, ihr eigenes Verständnis dieser Konzepte einzubringen. Auch auf der formalen Ebene, die unserer Meinung nach stark mit der konzeptuellen verwoben ist, haben wir den Beitragenden die Herangehensweise an eine gendergerechte Sprache offengelassen. Die einzelnen Beiträge nähern sich also Geschlecht und Religion unterschiedlich und präsentieren somit in ihrer Gesamtheit eine aufschlussreiche Spannbreite von Zugängen. Diese Breite aufzuzeigen, ist eines der Ziele des Handbuchs.
In die gleiche Richtung bewegen wir uns mit dem zweiten, zentralen wandernden Konzept des Handbuchs: Religion. Das anfängliche Zitat ist auch in dieser Hinsicht aufschlussreich. Die Odyssee ist ein über die Jahrtausende – eben auch in Mary Beards Manifesto – rezipiertes Buch. Sie vermittelt Vorstellungen und Erwartungen an Mensch und Umwelt, die je nach Zeit und Kontext neu interpretiert werden und doch von einem Entstehungskontext geprägt sind. In den angeführten Zeilen wird nicht nur eine spezifische Geschlechterordnung, sondern auch ein bestimmtes religiöses Weltbild vertreten. Dabei werden immanente und transzendente Dimensionen einerseits unterschieden – der Text setzt eine Trennung zwischen Gottheiten- und Menschenwelt voraus – und andererseits in Verbindung gebracht. Telemachos weist Penelope zurecht und sieht Zeus auf seiner männlichen Seite, während Athena der trauernden Mutter einen süßen Schlaf beschert.
Ein Transzendenzbezug ist maßgebend für die hier vertretene Annäherung an Religion und unterscheidet religiöse Symbolsysteme von anderen kulturellen Bereichen. Religion formt die Spannung zwischen Transzendenz und Immanenz, gibt dieser unscharfen Grenze eine Gestalt und vermittelt damit Ordnung und Sinn, die auch Geschlechterverhältnisse prägen. In dieser Orientierungsfunktion wurzeln Werte und Normen, die internalisiert, verhandelt, weitergegeben und transformiert werden. Mit einer beschreibenden und normativen Orientierungsleistung von Religion sind stets Machtverhältnisse gekoppelt: Religionen konstituieren Hierarchien und verfügen über autoritative Strukturen, die einerseits die jeweilige Bestimmung von Geschlecht prägen und andererseits davon beeinflusst sind. Religion als umfassendes Symbolsystem modelliert und legitimiert nachhaltig Differenzprozesse in den verschiedensten gesellschaftlichen Institutionen und Bereichen. Wie die Beiträge in diesem Band eindrücklich aufzeigen, sind religiöse Symbolsysteme grundlegend in der Aushandlung von Geschlechtsbestimmungen, -rollen, -zuordnungen und -funktionen. Dabei spielt Religion nicht nur eine Rolle in der Reiteration von Machtstrukturen, sondern auch in Transformations- und Subversionsprozessen. Auf diesen dynamischen Relationen gründen religiöse Identitäten, die in der Spannung zwischen Gemeinschaft und Individuum artikuliert werden. Religiöse individuelle Praxis findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern sie rezipiert, reproduziert oder hinterfragt Geschlechtervorstellungen und -regulierungen. Umgekehrt sind religiöse Gemeinschaften nicht unveränderliche, statische Größen, sondern Gruppen von Menschen mit einem Körper, einem Leib und damit auch einem Geschlecht. Menschen in ihrer Geschlechtlichkeit leben Religion, sie reflektieren sie, reproduzieren Narrative und Motive, aber auch Normen und Werte oder brechen sie. Religiöse Identität kann nicht von Genderidentität gelöst werden. Religionen als historische, phänomenologische Größen sind also eng mit spezifischen kulturellen Kontexten und deren Perspektiven auf Mensch und Welt verbunden. Wir gehen von einem kulturwissenschaftlichen Verständnis von Religion aus und verstehen sie als Teil von Kultur: Religion wird als komplexes und intermediales Kommunikationssystem umrissen, das die Welt symbolisch ordnet und damit Orientierung formt.17
Was der Mensch ist, wie sein Geschlecht sich auf alle immanenten und transzendenten Beziehungen, die das Leben ausmachen, auswirkt, gehört zu den fundamentalsten Fragen von Religion. Diese Dimensionen von Religion als Symbolsystem, ihre Medialität, ihre Weltbilder, Transzendenzkonzepte, Normativitätsvorstellungen, Tradierungsmechanismen und Identifikationsprozesse bilden die Leitlinien des vorliegenden Handbuchs.18
2 Gender als grundlegende Dimension religiöser Symbolsysteme
Gendervorstellungen und -rollen sind mit der Grundfrage der Anthropologie verbunden und werden also im Zusammenspiel mit vielfältigen Dimensionen von Religion geformt. Grundlegend für das Verhältnis von Religion und Gender sind zunächst die subjektive Wahrnehmung der Welt und die Interaktion mit einem vis-à-vis: Menschen nehmen die Welt wahr, sie verorten sich als Körper im Raum, sie kategorisieren und kommunizieren diese Wahrnehmungen durch unterschiedliche Medien wie mündliche Sprache, Texte, Bilder, Handlungen, sie systematisieren sie nach bestimmten Konzepten und formen durch diese und in diesen Prozessen Wirklichkeit.19 Teil dieser Wirklichkeitskonstruktionen sind auch Gendervorstellungen und Geschlechterrollen. Da diese oft mit existenziellen Fragen rund um Körper und Sein verknüpft sind, nehmen Geschlechterdifferenzierungen – und davon zeugen die Artikel im vorliegenden Handbuch – in zahlreichen religiösen Symbolsystemen eine zentrale Bedeutung ein. Gendervorstellungen können die basale Struktur religiöser Praktiken formen und religiöse Weltbilder prägen. Religionen können Genderhierarchien begründen und legitimieren, sie können beispielsweise durch Mythologien oder Kosmologien Unterschiede zwischen den Geschlechtern erklären und erhärten. Religionen ermöglichen es aber auch, Geschlechterdifferenzen zu hinterfragen, zu nivellieren oder zu brechen. Dabei bieten Religionen, auch in stark binären und heteronormativen Geschlechtersystemen, oft beides: Einerseits werden Erhärtungen von Geschlechtsdifferenz propagiert, andererseits werden sie unscharf gemacht, kritisiert und verändert. Aushandlungen von Geschlechterbestimmungen spiegeln die Auseinandersetzung von dominanten und marginalisierten Machtdiskursen wider. Diesbezüglich stellen die biblischen Schöpfungsberichte im Genesisbuch ein eindrückliches Beispiel dar. Diese Narrative wurden im Laufe von Tausenden von Jahren in der Legitimierung und Delegitimierung theologischer Begründungen von Machtverhältnissen aufgenommen, debattiert, verfremdet. Diese Auseinandersetungen mit dem biblischen Mythos und seine Verwendung in der Bestimmung der Geschlechter und ihres gegenseitigen Verhältnisses, die ganze Bibliotheken füllt, ist heute noch voll im Gang. In europäischen Religions- und Kulturgeschichten wurden diese Narrative von Adam und Eva verwendet, sowohl um die ontologische Sündhaftigkeit der Frau zu propagieren und ihre Unterwerfung unter den Mann zu untermauern, als auch um die Gleichwertigkeit der beiden Geschlechter darzulegen.20
An diesem Beispiel können drei Prozesse, die für einen Blick auf Gender als Dimension religiöser Symbolsysteme bedeutsam sind, verdeutlicht werden:
Erstens, Gendervorstellungen können nicht losgelöst von Traditionslinien betrachtet werden. Religionen interagieren mit Geschlechterordnungen nicht nur innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft, sondern auch über die Zeit hinweg: Religionen wie auch Gendervorstellungen unterliegen Tradierungs- sowie Diffusionsprozessen. Sie prägen die Weitergabe von religiösem Wissen, religiösen Praktiken und Vorstellungen; sie brechen sie und formen sie neu. Eine diachrone Vermittlung, gerade bezüglich Gender, geschieht manchmal auch über Religionsgrenzen hinweg. So haben beispielsweise antike griechische Vorstellungen wie sie im Odyssee-Zitat vorzufinden sind, die christliche Religionsgeschichte mitgeprägt. Religionen erschaffen bezüglich Gender in ihren synchronen und diachronen Ausprägungen ein komplexes Netzwerk, das in ständiger Aushandlung und Transformation ist. Gendervorstellungen und Geschlechterrollen verändern sich also entlang religiöser Traditionen.
Zweitens formen sich Gendervorstellungen in Religionen durch unterschiedliche Medien aus: Das oben genannte Narrativ von Eva und Adam wurde in der europäischen Religionsgeschichte so bedeutsam, weil es in einem heiligen Text präsentiert wird, aber auch, weil es in unterschiedlichsten medialen Formen bis heute immer wieder rezipiert wird. Textkommentare, Bilder, Filme, Werbung, Romane, Internetblogs und viele weitere Kommunikationsformen nehmen es auf, wiederholen und popularisieren es – und zwar so stark, dass heute ein Apfel (der wohlgemerkt in Genesis 3 gar nicht vorkommt) genügt, um Referenzen auf dieses Narrativ auszulösen.21 Bestimmte Gendervorstellungen werden dabei redundant repräsentiert und formen Werte und Normen aus, die wiederum Identifikationsmechanismen von Gemeinschaften und Individuen auslösen können – und umgekehrt.22 Die Relation von Religion und Gender tangiert also im Zusammenspiel zwischen Medialität und Körper Ebenen der Produktion von Genderwissen, der Rezeption solcher Vorstellungen in synchroner und diachroner Perspektive, der Repräsentation und Inszenierung von Gender, der Normativität sowie die Dimension von Identität.23
Drittens spielt für Religion und Gender die Selbstreflexion innerhalb religiöser Gemeinschaften eine zentrale Rolle. Wiederum ist das biblische Narrativ von der Erschaffung des Menschen als Frau und Mann ein aufschlussreiches Beispiel dafür. Denn dieser Text wurde in verschiedenen Positionen und religiösen Traditionen verwendet, um Gendervorstellungen zu legitimieren oder zu hinterfragen. Die Selbstreflexion führt zu theologischen, aber auch zu politischen Überlegungen und zu Aktivismus. Klassikerinnen der Religionswissenschaft wie Elizabeth Cady Stanton sind ein prägnantes Beispiel für eine solche Veränderung, die durch ein kritisches Nachdenken und eine frauenspezifische Aneignung der biblischen Narrative angestoßen wird.24 Wissenschaftliche Konzepte entstehen aus diesen Reflexionen und formen sich durch sie weiter aus.
3 Gender und Religion als Gegenstand öffentlicher Debatten
Gendervorstellungen und -rollen sind also eng vernetzt mit religiösen Menschen- und Weltbildern. Sie wandeln sich mit der Transformation in religiösen Traditionen, sie breiten sich mit religiösen Gemeinschaften aus und regulieren Genderbilder auch in der heutigen, säkularisierten und pluralisierten Gesellschaft. Genderfragen waren und sind integraler Bestandteil gesellschaftlich-politischer Debatten: Das Frauenwahlrecht, der Zugang von Frauen zu Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen, die Rolle der Frau in Familie und Arbeitswelt, die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper, der Kampf gegen sexuelle Übergriffe in ihrer ganzen Bandbreit (die #metoo-Kampagne ist hier zu nennen) sind nur einige der Diskussionsthemen, die seit der frühen Neuzeit verschiedene Länder, und zwar nicht nur der Nordhalbkugel, prägten. Feministische Bewegungen erlangten eine wichtige Bedeutung in diesen Emanzipationsbestrebungen.
Aufschlussreich für unseren Blick ist dabei die Rolle von Religion: Religion spielt bei zahlreichen Debatten um Gender eine maßgebende Rolle. Bei gesellschaftlichpolitischen Diskussionen beispielweise über Verhüllung (die am Körper von Frauen ausgeführt werden), über weibliche Genitalverstümmelung oder über das Priesteramt für Frauen in der römisch-katholischen Kirche geht es um Debatten über die Rolle von religiösen Traditionen im Umgang mit dem weiblichen Körper und der Frau. Religiöse Argumente können aber auch als Grundlage dienen, um gegen Emanzipationsbewegungen zu kämpfen: antifeministische und antigenderistische Bewegungen oder LGBTIQ+-feindliche Positionen zeigen dies deutlich auf. Gleichzeitig können religiöse Positionen jedoch auch Emanzipationsbestrebungen unterstützen, wie beispielsweise im globalen Feminismus, der religiös geprägt sein kann.25
Diese wenigen Beispiele zeigen bereits, dass das Wechselspiel zwischen Religion und Gender die Welt verändernde gesellschaftlich-politische Debatten angestoßen hat und noch immer anstößt. Solche Debatten transformieren einerseits die religiösen Gemeinschaften selbst, die sich in diesen Diskursen positionieren und gegen Kritiken – entweder gegen den Vorwurf des Konservativismus oder der normativen Verwässerung – antreten müssen, die aber auch in sich plural sind, neue Sichtweisen in sich aufnehmen oder sich erweitern. Denn religiöse Gemeinschaften befinden sich in einem steten Wandel, der in Interaktion mit gesellschaftlich-politischen und den kulturellen Debatten betrachtet werden muss.
Andererseits haben solche Diskurse bezüglich Gender und Religion maßgebenden Einfluss auf gesellschaftliche Ansichten und Grundlagen: Sie beeinflussen die politischen Meinungsbildungen und Gesetzeswerke; sie tangieren medizinische Diskurse und das alltägliche soziale Zusammenleben. Und nicht zuletzt verändern diese Debatten die medialen Repräsentationen von Frau, Mann und anderen Geschlechtern.26 Die »Macht« der Medien – und auch der Unterhaltungskultur – darf für gesellschaftliche Debatten über Gender und Religion nicht unterschätzt werden. Mediale Diskurse formen alltägliches Wissen über Gender und bilden »Repräsentationsregime«, die durch Reiteration und Verbreitung von Stereotypen Vorstellungen und Praktiken prägen.27
Diese Relevanz des Zusammenspiels von Gender und Religion für öffentliche, politische und mediale Debatten, die wir hier nur mit wenigen Beispielen illustriert haben, hat für eine wissenschaftliche Beschäftigung verschiedene Implikationen, von denen wir zwei betonen möchten:
Erstens sind wir auch als Fachleute in einen sozialen Genderdiskurs und ein Genderregime eingebettet. Wir sind also als Lehrende und Forschende immer Teil dieser öffentlichen Debatten über Gender und Religion, sie prägen uns im Alltag und im Berufsleben maßgebend mit. Sie formen unsere Forschungsfelder und ermöglichen aufgrund ihrer Aktualität Finanzierungen von Projekten.
Zweitens versuchen wir, trotz aller Verfangenheit in Genderrollen, als Wissenschaftler*innen auch Distanz zu diesem Forschungsfeld zu generieren. Dies geschieht unter anderem dadurch, dass wir ein metasprachliches Instrumentarium entwickeln und zur Verfügung stellen, um solche öffentlichen Debatten aufzugreifen. Ein solches Instrumentarium sollte geeignet sein, um synchrone und diachrone Prozesse zu erfassen, es erklärt Verbindungen zwischen historischen und gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragen und Unsicherheiten. Des Weiteren hilft es, Zugänge zu Geschlechterfragen zeit- und kulturgeschichtlich zu kontextualisieren. Solche metasprachlichen Konzepte können dann wiederum Mittelpunkt öffentlicher Debatten werden, wie es beim Begriff »Gender«, zum Beispiel im Antigenderismus, geschehen ist.28 Damit wird Wissenschaft selbst wieder Teil dieser gesellschaftlichen Diskurse. Sie oszilliert zwischen Nähe und Distanz und sucht nach Reflexionsmöglichkeiten der eigenen Vorannahmen und Zugänge.
4 Inhalte und Aufbau des Handbuchs
In dieser Einleitung haben wir drei Dimensionen des Verhältnisses von Gender und Religion als wissenschaftliche Konzepte überblicksmäßig vorgestellt: die theoretische Dimension und ihre Verbindungen zu einer kulturwissenschaftlichen Annäherung an Religion; die Relevanz dieser Art von konzeptuellen Reflexionen für die Erforschung von religiösen Symbolsystemen, Gemeinschaften und Traditionen in unterschiedlichen Epochen und gesellschaftlichen Konstellationen, und schließlich wurde auf die enge Verbindung mit politischen und medialen Debatten hingewiesen. Die Komplexität der Erforschung von Geschlechtsbestimmungen, -rollen, -wertungen und ihrer Transformationen ergibt sich nicht zuletzt aus dieser Verflechtung von wissenschaftlichen, empirischen und öffentlichen Annäherungen an das Verhältnis von Gender und Religion und aus den vielfältigen, kontroversen und divergierenden Sichtweisen, die die involvierten Subjekte in diese verflochtene Konstellation einbringen.
Dieser Band kann diese Vielfalt nicht abdecken, sondern möchte mögliche Verfahren aufzeigen und mit relevanten Fallstudien dazu motivieren, sich in der Religionsforschung intensiv mit Gender zu beschäftigen. Die Beiträge folgen ausgewählten Leitfragen, die zu Beginn jedes Teils in einem einleitenden Text vorgestellt werden.
Wir steigen mit hermeneutischen Fragen der Religionsforschung ein und thematisieren die notwendige (selbst-)kritische Reflexion des Standpunktes, aus dem eine Analyse der Wechselwirkung von Gender und Religion betrieben wird. Es folgt die Auseinandersetzung mit Schlüsselkonzepten der Religionsforschung, die für das Verhältnis von Religion und Gender weiterführend sind. Im dritten, forschungshistorischen Teil werden ausgewählte Klassikerinnen der Erforschung von Religion mit Fokus auf den sozio-politischen und intellektuellen Kontext, in dem sie gewirkt haben, vorgestellt. Fallbeispiele aus unterschiedlichen religiösen Traditionen und Kulturen prägen die letzten zwei Teile des Handbuchs. Im vierten Teil ist die Aufmerksamkeit auf Tradierungsprozesse gerichtet, in denen das Verhältnis der Geschlechter artikuliert ist, während im fünften Teil das Augenmerk auf der Medialität von Religion und Mediatisierungsprozessen liegt. Das Buch wird mit einem Beitrag geschlossen, in dem Erkenntnisse aus allen fünf Teilen verbunden werden, um ein multimediales Werk zu untersuchen. Das von Margaret Atwood inspirierte dystopische Narrativ The Handmaid’s Tale inszeniert künstlerisch eine einzigartige Wechselwirkung von Gender und Religion – beide als wissenschaftliche, mediale und emische Konzepte verstanden. Die Religion in diesem Werk der speculative fiction bietet einen Rückblick auf die Religionsgeschichte, verbunden mit einer Reflexion über unsere Zeit und über Zukunftsszenarien, die Bedrohung und Hoffnung auf erstaunliche Weise verbinden.
Literatur
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1 Beard (2017), 3–5. Das Zitat übernimmt die Übertragung von Voß (2002), 450.
2 King (2005), 1–2.
3 Hier nur einige ausgewählte Studien seit der Veröffentlichung der Erstauflage des Handbuchs: Lanwerd/Moser (2010); Dahinden/Höpflinger/Lavanchy (2012); Elsas/Franke/Standhartinger (2014); Stollberg-Rilinger (2014); Knauß/Pezzoli-Olgiati (2015); Benthaus-Apel/Grenz/Eufinger/Schöll/Brücker (2017); Sammet/Benthaus-Apel/Gärtner (2017); Breitenbach/Rieske/Toppe (2019); Behrensen/Heimbach-Steins/Hennig (2019); Kulaçatan/Behr (2020).
4 Neuere deutschsprachige Studien zu Migration, Religion, Gender bieten beispielsweise: Dennerlein/Frietsch (2011); Kulaçatan/Behr (2020); Breitenbach/Rieske/Toppe (2019); zu Gender, Nation und Religion: Behrensen/Heimbach-Steins/Hennig (2019).
5 Zu den verschiedenen Konzepten von Körper und Leib siehe: Schaufler (2002), v.a. 15–77; für Körper, Leib und Geschlecht: Schaufler (2002), 79–112.
6 Beispiele dazu findet man u. a. in Rösing (2013).
7 Diese Perspektive ist geprägt von den Studien von Foucault, bahnbrechend waren diesbezüglich u. a. seine Untersuchungen des Wahnsinns von 1961 und seine Gefängnisstudie von 1975, siehe Foucault (2013) und (2017).
8 Mieke Bal (2002) versteht unter travelling concepts Konzepte, die zwischen Disziplinen, aber auch zwischen Diskursen, Zeiten und Kulturen wandern. Konzepte werden also in ihrer Prozessualität und Transformation untersucht.
9 Zunächst als gender role und gender identity. Siehe zu dieser Entwicklung Udry (1994), 561.
10 Siehe dazu Davis-Sulikowski/Diemberger/Gingrich/Helbling (2001).
11 Zum Beispiel MacCormack/Strathern (1980).
12 Dazu Crenshaw (1994) oder Auga/Guđmarsdóttir/Knauß/Martínez Cano (2014).
13 Siquans/Mulder/Carbonell Ortiz (2020).
14 Udry (1994), 561; West/Zimmerman (1987), 125–127.
15 Butler (1990).
16 West/Zimmerman (1987).
17 Siehe dazu z. B. Geertz (2003), 48; Stolz (2001), 33; Kippenberg/von Stuckrad (2003); Gladigow (2005).
18 Diese Kategorien haben wir bezüglich sichtbarer Religion untersucht. Siehe Fritz/Höpflinger/Knauß/Mäder/Pezzoli-Olgiati (2018).
19 Berger/Luckmann (1984).
20 Siehe Ferrari Schiefer (1998) und ihren Beitrag im vorliegenden Handbuch.
21 Siehe dazu Knauß (2015).
22 Siehe dazu mit Fokus auf sichtbare Religion: Fritz/Höpflinger/Knauß/Mäder/Pezzoli-Olgiati (2018).
23 Das Zusammenspiel der Ebenen Produktion, Rezeption, Repräsentation, Identität und Regulierung wurde ausgearbeitet von Stuart Hall und seinen Mitarbeitenden und visualisiert im sogenannten circuit of culture, einem Modell zur Erfassung kultureller Bedeutungsgenerierung, siehe DuGay/Hall/Janes/Mackay/Negus (1997).
24 Siehe den Beitrag von Ann Jeffers zu dieser »Klassikerin der Religionswissenschaft« im vorliegenden Handbuch.
25 Siehe den Beitrag von Janet Wootton zu globalem Feminismus im vorliegenden Handbuch.
26 Siehe Fritz/Höpflinger/Knauß/Mäder/Pezzoli-Olgiati (2018).
27 Der Begriff »Repräsentationsregime« (regime of representation) ist hier im Sinne von Stuart Hall (1997), 232 verwendet. Zu der Macht der Medien siehe die Beiträge in Teil V des vorliegenden Handbuchs.
28 Siehe den Beitrag von Kristina Göthling-Zimpel zu Antigenderismus im vorliegenden Handbuch.
Teil I Religionswissenschaft als Vermittlung von Weltbildern
Pierre Bühler
Einleitung
Sobald von Vermittlung die Rede ist, muss berücksichtigt werden, dass eine solche Vermittlung immer nur in einem ganz bestimmten Kontext Sinn macht. Auf diese Kontextbedingtheit hat ganz besonders und mit Nachdruck die Hermeneutik als Theorie der Auslegung und des Verstehens aufmerksam gemacht. In diesem Sinne könnte man sagen, dass die Definition der Religionswissenschaft als »Vermittlung von Weltbildern« in ihr das hermeneutische Moment hervorhebt, und um diesen hermeneutischen Aspekt soll es hier gehen. Alle vier Aufsätze, die diesen ersten Teil des Handbuchs ausmachen, enthalten denn auch, wie mir scheint, klare Ansätze zu einer hermeneutischen Reflexion der Religionswissenschaft.
Sowohl die philosophische als auch die theologische Hermeneutik haben sich intensiv mit dem Thema der Weltbilder, oder vielleicht üblicher in der Terminologie der hermeneutischen Tradition: mit dem Thema der Weltanschauungen, auseinandergesetzt. Dies kann ganz einfach bei Rudolf Bultmann belegt werden: Für seine Hermeneutik spielt das Thema der Weltanschauung eine entscheidende Rolle, auch in seinem Versuch, das Urchristentum religionsgeschichtlich in die antike Welt einzuordnen (eine neuere Beschäftigung dazu findet sich in Christian Berners Buch Qu’est-ce qu’une conception du monde?). Dabei setzt sich die Hermeneutik kritisch mit der Geschichtsvergessenheit der traditionellen Metaphysik auseinander, die ihre Weltanschauung als geschichtslose, objektive Wahrheit vertrat, ohne zu berücksichtigen, dass diese immer schon historisch und gesellschaftlich vermittelt ist. Die Hermeneutik hingegen betont die Geschichtlichkeit der Weltbilder oder Weltanschauungen und deshalb auch ihre Relativität, ihre Veränderlichkeit und dadurch ihre Interpretierbarkeit. Bultmanns heftig diskutiertes Programm der Entmythologisierung versucht über die Geschichtlichkeit der Weltbilder in Hinsicht auf unseren Umgang mit den biblischen Texten Rechenschaft abzulegen.
Wie steht es nun aber in Hinsicht auf »die Religionswissenschaft als Vermittlung von Weltbildern«? Könnte es sein, dass auch hier manchmal die Vermittlung als »blinder Fleck« behandelt wird, Weltbilder also auch objektiviert, als unmittelbare Wahrheit betrachtet werden? Zunächst muss hier zwischen der Religion selbst und der Religionswissenschaft unterschieden werden. Es ist klar, dass Religionen auf vielfältige Weise Weltbilder entwickeln und deren Vermittlung auch sehr unterschiedlich auffassen. Aufgabe der Religionswissenschaft wäre es dann, auf solche »Weltbilder der Religionen«, wie es beispielsweise der Religionswissenschaftler Fritz Stolz in seinem gleichnamigen Buch von 2001 formuliert, aufmerksam zu machen und sie also in diesem Sinne zu vermitteln. »Vermittlung« könnte hier also im Sinne von »Bekanntmachen, Auslegen« verstanden werden. Auf einer Metaebene gibt es aber noch ein anderes Vermitteln von Weltbildern in der Religionswissenschaft, das dieses Handbuch kritisch reflektieren will: das Vermitteln von Weltbildern, die sich mit den methodischen Voraussetzungen der Disziplin verbinden. Diese methodischen, epistemologischen Weltbilder können sich dann auch auf die Wahrnehmung der religiösen Weltbilder auswirken. Kritische Stimmen sagen sogar: Je weniger bewusst sie reflektiert werden, je stärker können sie sich auswirken!
Achtet man auf die Vermittlung dieser Weltbilder oder -anschauungen, wie es die Hermeneutik wünscht, stellt sich unmittelbar das Gefühl einer starken Ambivalenz ein. Weltbilder können sehr unterschiedlich wirken, erklärend oder verdunkelnd, befreiend oder erdrückend, öffnend oder verschließend. Paul Ricœur hat in seinem Werk L’idéologie et l’utopie von 1997 versucht, diese Ambivalenz mit dem Gegensatz von Ideologie und Utopie zu reflektieren: Ideologisch – hier im positiven Sinne zu verstehen – ist ein Weltbild, wenn es den gegebenen Zustand bestätigend aufnimmt und rechtfertigt, warum er so sein soll, wie er ist; utopisch hingegen ist ein Weltbild, das den gegebenen Zustand hinterfragt und subversiv eine Gegenwelt entwickelt.
Diese Polarität von bestätigenden und brechenden Weltbildern ließe sich leicht im Bereich der Religionen beobachten. Im vorliegenden Band wird diese Ambivalenz in den religionswissenschaftlich vermittelten Weltbildern zu thematisieren sein, und zwar indem die Gender-Perspektive als kritischer Maßstab angelegt wird. Es gehört zur Kontextbedingtheit der Hermeneutik, dass sie die Gender-Thematik noch relativ wenig aufgenommen hat. Eine bedeutende Ausnahme bildet die Hermeneutik, wie sie in den feministischen Theologien entwickelt wurde. Ein Beispiel hierfür wären ein Aufsatz mit dem Titel Die Bibel verstehen, den ich zusammen mit Elisabeth Schüssler Fiorenza veröffentlich habe, oder im religionswissenschaftlichen Kontext der Beitrag von Erin White von 1995 mit dem Titel Religion and the Hermeneutics of Gender.
In diesem Handbuch wird sie bewusst thematisiert, und zwar in diesem ersten Teil als hermeneutische Frage: Welches Licht wird auf die Weltbilder der Religionswissenschaft und deren Vermittlung geworfen, wenn man stärker, bewusster auf die Geschlechterdifferenz achtet? Welche dieser Weltbilder wirken ideologisch und welche utopisch? Wie löst man sich von erstarrten, einengenden Gender-Auffassungen? Wie entwirft man in Hinsicht auf religionswissenschaftliche Wahrnehmung der Gender-Thematik inspirierende Gegenwelten? An solchen Fragen arbeiten unsere vier Texte.
Ursula King steigt bei der Beobachtung ein, dass die Entdeckung der Gender-Perspektive einen radikalen Paradigmenwechsel in den Geistes- und Sozialwissenschaften ausgelöst hat, der sich nun, wenn auch verspätet, ebenfalls in der Religionswissenschaft breit auswirkt. Wie sich das auswirkt, wird unter drei Gesichtspunkten erörtert: die Frage nach den geschlechtsspezifischen Rollen, welche die Religionen in ihrer institutionellen Ausgestaltung Frauen und Männern zuweisen; die Frage danach, wie sich die Geschlechterdifferenz in der Symbolik und Metaphorik des religiösen Denkens und der religiösen Sprache niederschlägt; und schließlich die Frage, ob und wie in der religiösen Erfahrung geschlechtliche Spezifizierungen wahrnehmbar werden.
Daran anschließend macht U. King auf ein neues, heute stark bearbeitetes Gebiet aufmerksam, das der Spiritualität. Auf das prägnante Gendering the Spirit, das Durre S. Ahmed als Titel für ihr Buch von 2002 gewählt hat, anspielend, betont sie, dass die noch zu wenig beachtete Gender-Dimension zu einer neuen Bestimmung des Umgangs mit Geist und Transzendenz führt. So ist etwa zu beobachten, dass der Zugang zur Lese- und Schreibfähigkeit, zur »Literalität« (literacy), der den Frauen jahrhundertelang vorenthalten wurde, die Spiritualität stark verändert. Die Spannung zwischen Literalität und Oralität hat genderspezifische Aspekte, und der Durchbruch zu einem unabhängigen Lesen und Interpretieren der kanonischen Texte und zur Aneignung von Wissen über Religion ist für die Frauen als soziale Gruppe eine späte, auch jetzt noch nicht weltweit erreichte Errungenschaft (was Frau King mit verschiedenen Beispielen aus unterschiedlichen Erdteilen illustriert). Abschließend schlägt Ursula King vor, in diesem Sinne von einer »spirituellen Literalität« (spiritual literacy) zu sprechen, als Bezeichnung für einen neu zu entdeckenden Forschungszweig.
Einen anderen Weg geht Daria Pezzoli-Olgiati in ihrem Aufsatz: Einsteigend bei der berühmten Frage von Schneewittchens Stiefmutter: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«, thematisiert sie die Optik der Religionswissenschaft, das heißt die optischen Hilfsmittel, die sie zum Betrachten ihres Gegenstandes braucht: »Brillen, Spiegel und Spiegelungen«. Im Unterschied zur Märchengestalt verfügt die Religionswissenschaft über keinen Spiegel, der einfach die Wahrheit sagt, obschon das vielleicht lange das Ideal der Disziplin war, das Ideal einer möglichst präzisen und objektiven Beschreibung bestimmter religiöser Sachverhalte. Doch die Autorin geht gerade davon aus, dass dieses Ideal in einer radikalen Krise steckt: Die hermeneutische und postmoderne Reflexion hinterfragt die Idee einer unbeteiligten, unparteiischen Distanz; zugleich setzen die gesellschaftlich-politischen Erwartungen die Religionswissenschaft unter Druck, sodass sie sich nicht mehr in einem Elfenbeinturm verschanzen kann.
Auch die Entdeckung der Gender-Thematik hat dazu beigetragen, dass man vermehrt darauf achtete, wie stark die Religionswissenschaft mit optischen Hilfsmitteln arbeitet. Das klassische Ideal einer objektiven Sicht wurde denn auch in diesem Kontext »als typisch androzentrisch entlarvt«, in Hinsicht sowohl auf die Ausblendung der Frauen in der Geschichte der Disziplin als auch auf eine gewisse Geschlechterblindheit in der empirischen Erforschung von religiösen Gemeinschaften.
In ihrem letzten Abschnitt schlägt die Autorin vor, das Dilemma aus einer wissenschaftsethischen und hermeneutischen Perspektive anzugehen, indem der Standpunkt, die Vorverständnisse, die Werte und Normen, welche die wissenschaftliche Einstellung regeln, kritisch reflektiert werden. Solche Regulierungen müssten, so die Autorin, in einer academic community ausgehandelt werden. Damit werden entscheidende methodische Spannungen thematisiert, die sonst nicht bewusst wahrgenommen werden.
Unter dem Titel Schuld ist nur der Feminismus befasst sich Kristina Göthling-Zimpel intensiv mit dem Phänomen des Antifeminismus. Sie beschreibt seine unterschiedlichen Facetten und untersucht die Faktoren, die es dieser heftigen Gegenbewegung erlauben, sich als eine Weltsicht zu etablieren. In Hinsicht auf die in den Gender Studies erforschte Genderfrage führt er zu einem Antigenderismus: Gender wird als Genderideologie abgestempelt. Einen besonderen Fokus legt die Autorin auf die Verbindung mit der Religion, aber immer eingebettet in die breitere gesellschaftliche Dimension. In diesem Sinne unterscheidet sie vor allem drei Spektren, aus denen heraus Antigenderismus, in Europa wie auch in den USA, betrieben wird: die Männerrechtsbewegung, die fundamental-christlichen Kreise und der politische Rechtspopulismus.
Im Weiteren unterscheidet sie in Anlehnung an einen Artikel von Brigit Sauer mit dem Titel Anti-feministische Mobilisierung in Europa sechs Argumentationsmuster, die ins Spiel gebracht werden: die als von Natur gegeben erklärte Zweigeschlechtlichkeit (religiös begründet im römisch-katholischen Konservatismus wie auch in evangelikalen Kreisen); der Schutz der heterosexuellen Kleinfamilie, Keimzelle des Staates; das Kindeswohl im Elternrecht und in der Sexualerziehung; die Enthüllung von Gender als Genderideologie; eine religiös begründete, kolonialistische Gegenüberstellung von emanzipiertem Okzident und rückschrittlichem Orient; und schließlich ein gegen das Universitäre gerichteter Anti-Intellektualismus.
Nachdem K. Göthling-Zimpel gezeigt hat, wie sich dieser Antigenderismus dank Internet und in heftiger Reaktion auf Hashtags wie #aufschrei, #MeToo und #TimesUp, aber auch in Verbindung mit Phänomenen der »Mannosphäre« wie etwa die Vormachtstellung des Weißen Mannes, hat ausdehnen können, konzentriert sie sich auf die »Intersektionen von Religion, Gender und Race«. Das heißt: Sie zeigt auf, wie sich der Antifeminismus mit Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Homophobie verbindet und damit zum Vermittler von konservativen religiösen Normen wird.
Mit dem vierten Beitrag, Rosalind Janssens Darstellung der Höhen und Tiefen der Genderarchäologie, verändert sich die Perspektive nochmals. Es geht der Autorin darum, aufzuweisen, wie sich im Bereich der Archäologie das Interesse für Genderfragen trotz Widerständen progressiv durchgesetzt und dauerhaft etabliert hat. Aufgrund von drei Fallstudien wird das in zwei Richtungen entfaltet: Einerseits soll damit in den archäologisch erforschten Zeiten die patriarchale Vorherrschaft infrage gestellt und den oft stimmlos gebliebenen Frauen eine Stimme verliehen werden; andererseits gilt es, auch die Rolle der Frauen und die Bedeutung der Genderfrage in der Archäologie selbst als Disziplin hervorzuheben (etwa durch Verbesserung der Berichterstattung über Archäologinnen). Zugleich lässt sich beobachten, dass die neuere Genderarchäologie nicht mehr ausschließlich die Rollen und den Status von Frauen betont, sondern eine breitere Perspektive einnimmt, die eine »Einbeziehung von Frauen, Männern und anderen Geschlechtern in einen einzigen Untersuchungsrahmen« erlaubt, um ein Zitat von Elizabeth Brumfiel aus ihrer Studie von 2006 anzuführen.
Genderarchäologie setzt ihren Fokus auf Objekte, die mit Frauen verbunden sind, etwa in Hinsicht auf Befunde in Gräbern, aber auch aus der Arbeitswelt, z. B. der Welt des Backens. Damit ist ein Akzent auf Materialität gesetzt, denn gerade an solchem Material lässt sich die Frage von Geschlecht und Herrschaft und deren religiösen Begründungen neu aufrollen. In diesem Sinne sieht die Autorin darin eine große Chance, Genderarchäologie und Religion in Kombination zu bringen: Es könnte sich damit ein wichtiger Gegenpol zu hegemonialen Texten herausbilden, wie sie in religiösen Kontexten zu finden sind, etwa in der Bibel, aber auch anderswo. Damit kann sich eine fruchtbare Zusammenarbeit mit feministischen Bibelwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen ergeben.
Durch eine kleine Evaluation der vier Aufsätze möchte ich versuchen, einen bescheidenen Beitrag zu einer hermeneutischen Rechenschaft über das religionswissenschaftliche Arbeiten zu leisten. Ich hebe jeweils in jedem Beitrag ein Element hervor, das mir hermeneutisch fruchtbar zu sein scheint, um die Beiträge dann abschließend in einer Gesamtperspektive zu betrachten.
Bei Ursula King finde ich den Hinweis auf die Spiritualität sehr wichtig. Dass dieser Aspekt zum Bereich der religiösen Praxis gehört, darf als Selbstverständlichkeit gelten. Dass er aber auch in Hinsicht auf die methodischen Voraussetzungen der Religionswissenschaft mitzubedenken ist, scheint mir eine verheißungsvolle Forschungsperspektive zu enthalten. Damit könnte sich einiges im Selbstverständnis der Disziplin verändern. Dass U. King in dieser Spiritualität die Dimension der Literalität hervorhebt, finde ich ebenfalls hermeneutisch spannend, denn die Spannung von Literalität und Oralität begleitet mindestens seit der Reformationszeit die theologische Hermeneutik. Es wäre deshalb interessant, noch zu vertiefen, was »spirituelle Literalität« in heutiger Zeit konkret bedeuten könnte, und zwar in verschiedenen kulturellen Kontexten.
Der Aufsatz von Daria Pezzoli-Olgiati ist ganz stark von der optischen Metaphorik getragen, und das ist im Kern natürlich eine hermeneutische Metaphorik. Dass wir in unserer geistes- und sozialwissenschaftlichen, ja vielleicht sogar auch in der naturwissenschaftlichen Arbeit, ständig mit Brillen, Spiegeln und Spiegelungen zu tun haben, gehört zu den Grundeinsichten der Hermeneutik. Das führt dazu, dass man die wissenschaftlichen Grundprinzipien der Objektivität, der Distanziertheit, der Wertneutralität immer wieder kritisch hinterfragen muss, ohne natürlich einem besinnungslosen Subjektivismus freien Lauf zu lassen. Sehr schön bringt Daria Pezzoli-Olgiati die ständige Spannung von Distanz und Voreingenommenheit zum Tragen. In diesem Rahmen ergäbe sich mit Paul Ricœurs Kategorie der »distanciation« (auf Deutsch üblicherweise mit »Verfremdung« übersetzt) aus seinem Text La fonction herméneutique de la distanciation von 1986 die Möglichkeit einer hermeneutischen Vertiefung, die zeigt, dass man sich erforschte Wirklichkeiten immer nur über Distanz aneignen kann.
In Kristina Göthling-Zimpels Beitrag möchte ich die Kategorie der Intersektionalität, mit der sie im Schlussteil arbeitet, hervorheben. Diese Kategorie erlaubt ihr zu zeigen, wie der Antifeminismus seine Weltsicht aufbaut, indem er sich mit einer Reihe von weiteren polemischen Abgrenzungen in Religion und Politik zusammenfügt, wie Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und Islamfeindschaft. An alldem ist dann eben, so der Vorwurf, der Feminismus schuld: Er hat all die Übel ausgelöst, gegen die man nun unablässig kämpfen muss. Weil die Phänomene nie isoliert bleiben, weiß die Hermeneutik darum, dass man auf solche Interdependenzen im breiten Umfeld achten muss. Es kann nicht nur um den Streit zwischen Feminismus und Antifeminismus gehen, sondern alle weiteren, damit zusammenhängenden Implikationen spielen mit hinein. Die Hermeneutik kann helfen, sich mit solchen komplexen Konstellationen auseinanderzusetzen.
Dass bei Rosalind Janssen Fortschritte der Genderforschung ausgerechnet in der Archäologie thematisiert werden, stiftet eine interessante Resonanz mit Paul Ricœurs Hermeneutik. In seinem Versuch über Freud (2004 bei Suhrkamp, 1965 in der französischen Originalversion) unterscheidet er zwei Grundausrichtungen der Interpretation. Die eine bemüht sich darum, dem Text zu seinem Ziel zu verhelfen, seinen Sinn möglichst klar zum Ausdruck zu bringen. Dieser Ausrichtung, die er deshalb teleologisch nennt, stellt er die andere gegenüber, die er in Anlehnung an die »Meister des Verdachts«, wie er Marx, Freud und Nietzsche nennt, als die Bemühung versteht, den Text zu hinterfragen, in ihm herauszufinden, was er verbirgt, was er verschweigt. Diese zweite Ausrichtung nennt er die archäologische. Damit entsteht, scheint mir, eine Entsprechung zur Genderarchäologie, die ja auch den Stimmlosen eine Stimme verleihen will, indem sie in Objekten, Artefakten, Utensilien einen Kontrapunkt zu hegemonialen, patriarchalen Texten sucht.
In den vier Aufsätzen ist relativ wenig explizit von den Weltbildern und deren religionswissenschaftlicher Vermittlung die Rede. Implizit jedoch ist die Thematik bei allen sehr präsent, und zwar als kritisches Ferment in Hinsicht auf die Rechenschaft über die komplexe Beziehung von Weltbild und Genderfrage. Alle sind sich der Ambivalenz der Weltbilder bewusst, die hier aufeinanderstoßen. Diese Ambivalenz könnte leicht dualistisch ausgeschlachtet werden, im Sinne der »-ismen«, auf die Daria Pezzoli-Olgiati hinweist. Demgegenüber scheint es mir wichtig, die Komplexität der Genderfrage zu betonen, wie das Ursula King macht. Das »engendering«, die »Eingeschlechtlichung«, ist hermeneutisch als ein umfassender Prozess zu verstehen, in dem auch die gesellschaftlich vermittelte Weltanschauung auf dem Spiel steht. Das wissen auch Kristina Göthling-Zimpel in ihrer Auseinandersetzung mit dem Antigenderismus und Rosalind Janssen in ihren Bemühungen um die Etablierung der Genderarchäologie. In dieser Hinsicht zeigt sich eine große Nähe zwischen den vier Beiträgen. Sie machen es auch dem Hermeneutiker zur stimulierenden Herausforderung, noch intensiver hermeneutisch über diesen Prozess nachzudenken.
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Ursula King
Gender-kritische (Ver-)Wandlungen in der Religionswissenschaft
Ein radikaler Paradigmenwechsel
1 Einleitung
In deutschen Publikationen ist sowohl der Begriff »Gender-Studien« als auch der Terminus »Geschlechterforschung« zu finden. Es ist erfreulich, dass dieses Handbuch den übergreifenden Titel Gender und Religion trägt, bezieht sich doch das englische Wort gender auf ein größeres semantisches Feld als das biologisch verstandene »Geschlecht«. Die neuen Perspektiven, revolutionären Erkenntnisse und kühnen Theorien, die seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Gender-Studien entwickelt worden sind, haben zu einem Paradigmenwechsel in den Sozial- und Geisteswissenschaften geführt. Noch wird er allerdings nicht von allen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen wahrgenommen. Obwohl die Religionswissenschaft einige Pionierinnen auf dem Gebiet der Gender-Forschung besitzt, sind gender-spezifische Fragestellungen und Methoden in der Religionswissenschaft später als in anderen Wissenschaften akzeptiert worden.1 Noch gibt es Forschende, die keine gender-kritische Umwandlung ihres Bewusstseins vollzogen haben oder diese neue Denkrichtung bewusst pflegen.
Inzwischen sind jedoch selbst in der Religionswissenschaft so viele Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Gender-Studien zu finden, dass ein Überblick bereits nahezu unmöglich geworden ist. Das ganze Gebiet ist lange von nordamerikanischen und englischsprachigen Publikationen dominiert worden. Inzwischen gibt es jedoch wissenschaftliche Arbeiten über Gender und Religion in vielen Weltsprachen. Die Forschungsaktivität auf diesem Gebiet hat globale Dimensionen angenommen. Dies wird ersichtlich aus den langen Übersichtsartikeln, die sich in der zweiten, im Jahre 2005 erschienenen Ausgabe der internationalen Encyclopedia of Religion befinden und auf 125 Seiten 20 verschiedene Religionen der Welt aus der Gender-Perspektive behandeln.2 Es ist überwältigend, wie viele Frauen, aber auch einige Männer, in einer relativ kurzen Zeitspanne – seit der ersten Auflage dieses religionswissenschaftlichen Standardwerkes – religiöse Lehren und Texte aus geschlechtsspezifischer Perspektive kritisch untersucht haben. Ebenso bemerkenswert ist, wie viele Parallelen patriarchaler Unterdrückung und androzentrischen Denkens in den verschiedenen Religionen in vergleichenden Untersuchungen aufgedeckt worden sind.
Diese Forschungen stehen in starkem Gegensatz zur oft zu findenden »Gender-Blindheit« vieler Religionswissenschaftler; doch muss ebenfalls auf die oft vorhandene »Religionsblindheit« vieler säkularer Gender-Spezialisten hingewiesen werden. Ich spreche deswegen von einer »doppelten Blindheit«. Sie muss von beiden Seiten bekämpft werden. Außerdem möchte ich von Anfang an klar machen, dass Gender nicht einfach ein Synonym für Frauenforschung ist, obwohl es oft in diesem Sinne gebraucht wird. Gender bezieht sich auf Frauen und Männer, auf die gesamte Menschheit. Der Begriff muss also inklusiv verstanden werden.
Ich werde im Folgenden zunächst den Gender-Begriff erörtern. Danach folgen eine Beschreibung einiger Gender-Forschungsperspektiven in der Religionswissenschaft sowie eine kurze Skizze des brisanten Themas Gender und Spiritualität. Am Ende werden einige abschließende Betrachtungen gemacht.
2 Die verwirrende Komplexität des Gender-Begriffes
In den letzten Jahrzehnten haben sich Gender-Forschungen zum Teil auch in der Religionswissenschaft mit einer solchen Rapidität entwickelt, dass es für Neuanfänger(innen) auf diesem Gebiet recht schwierig ist, die vielen, hoch abstrakten Theorien, Standpunkte und Argumente zu begreifen. Sich hier Wissen und einen Durchblick zu verschaffen, kann mit einem Gang durch ein unbekanntes Labyrinth verglichen werden. Das Abenteuer lohnt sich, doch es geht nicht ohne Geduld, Entschlossenheit und Engagement. Persönliches Selbstverständnis und Identität werden mit auf die Reise genommen und unter Umständen stark verwandelt. Es ist also nicht ohne Risiko, sich auf diesen kritischen Weg zu begeben!
Warum? Weil Gender keine selbstverständliche, »natürliche« Kategorie ist, sondern sich auf gesellschaftliche und historische Konstruktionen bezieht, die erst einmal kritisch untersucht und erkannt werden müssen. Vor dem 20. Jahrhundert gab es die Kategorie Gender im analytischen und theoretischen Sinne überhaupt nicht. Ursprünglich diente der Begriff Gender in den Sprachwissenschaften zur geschlechtlichen Unterscheidung verschiedener Wörter. Die Sozialwissenschaften haben das Wort Gender als erste adaptiert und seinen Sinn auf die gesellschaftliche Differenzierung zwischen Männern und Frauen angewandt. Sie haben begonnen, Identitäts-, Autoritäts- und Machtunterschiede kritisch zu hinterfragen. Die kanadische Religionswissenschaftlerin Randi R. Warne (2000) spricht von der Notwendigkeit, dass unser Bewusstsein zuerst eine »gender-kritische Wendung« machen müsse, bevor wir die dynamischen Perspektiven der Gender-Beziehungen klar erkennen und kritisch evaluieren können.
Gender ist eine labile Kategorie. Sie besitzt keine klaren, definitiven Grenzen, sondern sie kann sich verändern und wechselnde Bedeutungen annehmen. Gender ist jedoch immer eine Kategorie, die mit dem Bestimmen verschiedener gesellschaftlicher Rollen zusammenhängt. Sie prägt persönliche Identität und Weltanschauung. Randi R. Warne (2001) und andere Autorinnen sprechen daher von engendering. Dies ist ein aktives Verb, das mit menschlichen Handlungen verbunden werden kann. Gender und Religion sind also nicht einfach zwei parallel zu behandelnde Substantive, die unabhängig voneinander existieren, lediglich verbunden durch das Wort und. Ganz im Gegenteil, beide sind ineinander eingebettet. Es ist deshalb oft schwierig, Gender in Religion zu identifizieren und klar herauszuarbeiten, zumindest solange das Bewusstsein nicht eine definitive gender-kritische Stufe erreicht hat.
Was in der Einleitung von Gender-Studien von Christina von Braun und Inge Stephan beschrieben wird, gilt auch für Gender-Studien in der Religionswissenschaft:
Geschlechterforschung zu studieren bedeutet, auf ein Fach und dessen Wissenskanon einen »Blick von außen« zu werfen. Das kann dazu führen, dass sich die Studierenden innerhalb der einzelnen Disziplin »fremd« fühlen. Andererseits gibt es kein anderes Studiengebiet, das so wie die Gender-Studien in alle Wissens- und Wissenschaftsbereiche hineinführt […] Der interdisziplinäre bzw. transdisziplinäre Ansatz der Gender-Studien bedeutet auch, dass es keine feste Methodik gibt. Die Gender-Studien greifen vielmehr die verschiedenen Methoden in den einzelnen Disziplinen auf, arbeiten mit ihnen, modifizieren sie und entwickeln sie so weiter, dass sie für die Gender-Fragestellungen produktiv gemacht werden können.3
Die Entwicklung der Gender-Studien ist mit einem zweifachen Paradigmenwechsel verbunden.4 Der erste Wechsel geschah, als sich Frauenstudien (Women’s Studies), die sich aus der historischen Frauenbewegung des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hatten und hauptsächlich phänomenologisch deskriptiv und empirisch orientiert waren, in eine stärker kritisch reflektierte, feministische Orientierung umwandelten. Diese führte wissenschaftlich zu einem neuen Durchbruch und neuem Wissen. Der zweite Paradigmenwechsel folgte, als manche feministischen Ansätze als zu eng und einseitig erkannt und gender-kritische Theorien entwickelt wurden, die sich mehr inklusiv mit den verschiedensten Geschlechterrollen, -identitäten, -beziehungen und unterschiedlichen Machtpositionen von Frauen und Männern beschäftigten. Kritische Gender-Studien über Männer und Religion sind von feministischen Theorien mitbeeinflusst und haben neue Forschungsperspektiven entdeckt, die sich zum Beispiel mit dem Verständnis männlicher Identität, dem Verhältnis zwischen männlicher Sexualität und Spiritualität oder mit dem männlich überdeterminierten traditionellen Gottesbegriff im Judentum und Christentum auseinandergesetzt haben. Doch trotz allem Fortschritt sind Gender-Studien über Männer viel weniger weit entwickelt als solche über Frauen. Da letztere einen größeren gesellschaftlichen und ideengeschichtlichen Rückstand aufzuarbeiten haben, ist hier ein kritisches Gender-Denken viel notwendiger. Ein solches hat jedoch auch Konsequenzen für Männer. Dennoch kann es noch lange dauern, bis Männer den Vorsprung der Frauen auf dem Gebiet der Gender-Studien aufgeholt haben werden. Bis jetzt ist die Männlichkeit noch nicht in demselben Ausmaß wie die Weiblichkeit kritisch theoretisiert worden.
Wie steht es nun mit spezifischen Gender-Perspektiven in der Religionswissenschaft?
3 Gender-Perspektiven in der religionswissenschaftlichen Forschung
Religionswissenschaftliche Gender-Studien sind trotz vieler ausgezeichneter wissenschaftlicher Errungenschaften noch immer kontrovers. Sie werden von vielen Gelehrten, männlichen wie auch weiblichen, und religiös engagierten Menschen sowie religiösen Institutionen entweder einfach ignoriert oder aktiv angegriffen. Trotz solcher Schwierigkeiten und manchem Unverständnis haben sich wissenschaftliche Erkenntnisse des Feminismus und der Gender-Studien immer mehr an Universitäten und auch in der Öffentlichkeit verbreitet. Wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen gibt es auch in der Religion keine gender-neutralen Phänomene. Wenn Religion aus einer gender-kritischen Perspektive untersucht wird, ergeben sich verschiedene Fragestellungen, die sich mit äußeren wie inneren Charakteristiken des Religiösen beschäftigen.5 Ich möchte diese unter drei Gesichtspunkten gruppieren.
Zunächst kann gefragt werden, welche geschlechtsspezifischen Rollen und welchen Status verschiedene Religionen Frauen und Männern zuweisen. Wie sind diese zum Beispiel in den grundlegenden heiligen Schriften und Lehren bestimmt? Können Frauen genauso wie Männer am religiösen Leben teilnehmen? Haben sie Zugang zu religiöser Autorität und Führung? Haben sie ihre eigenen religiösen Gemeinschaften und Riten? Dürfen Frauen die heiligen Schriften lesen, interpretieren und lehren? Haben sie Zugang zu religiösen Ämtern? Welche religiösen Rollen haben Frauen ausgeübt, und welchen Einfluss haben sie gehabt als Schamanin, Prophetin, Priesterin, Heilige, Mystikerin, religiöse Gründerin usw.? Es ist aus religionsvergleichenden Untersuchungen ersichtlich, dass Frauen in archaischen, Stammes-, Volks- und gering institutionalisierten Religionen eher höhere Positionen innehaben als in stark ausdifferenzierten Religionen mit hierarchischen Strukturen und Organisationen. Geschichtliche Untersuchungen über den Ursprung und die Entstehungszeit neuer Religionen zeigen außerdem, dass Frauen während der Gründungszeit oft eine bedeutende Rolle spielen und eng mit dem Werk männlicher Religionsstifter verbunden sind. Als Beispiel können hier Frauen im frühen Buddhismus, Frauen um Jesus und ihr Beitrag zur Verbreitung seiner Botschaft sowie Frauen um Mohammed genannt werden. Ebenso wichtig ist der Beitrag von Frauen in den christlichen Missionsbewegungen des 19. Jahrhunderts.
Eine zweite Forschungsperspektive beschäftigt sich mit dem religiösen Denken, seinen Hauptbegriffen und seiner Sprache. Wie werden Männer und Frauen in den verschiedenen heiligen Schriften beschrieben? Welche Symbolik wird gebraucht? Welche Metaphern dominieren in der Rede über Gott, das Göttliche, den Geist und die Transzendenz? Ist die Sprache religiöser Texte vorwiegend exklusiv und androzentrisch oder schließt sie beide Geschlechter mit ein? Die geschlechtlich flektierte Sprache der Religion spiegelt sich auch in den religiösen Haltungen zum Körper, zur Sexualität und zur Spiritualität wider. Die Sakralisierung der Jungfräulichkeit sowie Askese und Mönchtum haben in mehreren Religionen stark zu frauenfeindlichen Haltungen beigetragen, deren wichtiger Einfluss auf die Geschichte der Spiritualität noch näher untersucht werden muss. Traditionelle männliche und weibliche Gender-Symbole können leicht zu einem Gefängnis des Denkens werden. Geschichtlich und gesellschaftlich begründete androzentrische Gottesbilder sind für viele Frauen zu Symbolen der Macht und Unterdrückung geworden, sodass feministische Theologinnen sie mit Recht infrage stellen. Die Suche nach weiblichen Symbolen des Göttlichen ist stark von den philosophischen Diskussionen des Postmodernismus und der Psycholinguistik beeinflusst, vor allem wie sie in den radikalen Theorien französischer Feministinnen zum Ausdruck kommt. Insbesondere die Werke von Luce Irigaray, Julia Kristeva und Hélène Cixous haben einen großen Einfluss auf gegenwärtige religionsphilosophische und theologische Diskussionen unter Feministinnen ausgeübt.6
Die dritte Forschungsperspektive fokussiert besonders auf die innere religiöse Erfahrung. Sind religiöse Erlebnisse und Gotteserfahrungen geschlechtlich differenziert? Trotz aller Anerkennung heiliger Frauen und Mystikerinnen sind die Erfahrungen solcher Frauen in den etablierten, von Männern produzierten philosophischen und theologischen Lehren und Schulen meist nicht theoretisch mitartikuliert worden. Wichtig ist auch zu hinterfragen, wie weit Religionen die traditionelle gesellschaftliche Rolle der Frau mit ihren Familienpflichten und in ihrer Abhängigkeit vom Mann legitimiert haben, anstatt Frauen anzuregen, ihre eigene Spiritualität zu entwickeln und nach höheren geistigen Idealen zu streben. Im Buddhismus und Christentum gibt es eine lange Tradition verhältnismäßig unabhängiger religiöser Frauengemeinschaften. Der Jainismus und Taoismus kennen ebenfalls Nonnen. Im Hinduismus dagegen gibt es, von wenigen geschichtlichen Beispielen unabhängiger Asketinnen abgesehen, erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts Frauenklöster. Solche Aspekte von Mönchtum und Askese werden erst seit kurzem kritisch untersucht. Ebenso sind erst jetzt gender-spezifische Erfahrungs- und Ausdrucksweisen der Mystik ins Blickfeld der Forschung und damit klarer ins Bewusstsein getreten.7 Eine religionswissenschaftlich vergleichende Untersuchung der Spiritualität zeigt, dass geistliche Ratschläge fast ausschließlich von Männern formuliert worden und hauptsächlich an Männer adressiert sind. Diese schließen oft negative Beurteilungen von Frauen mit ein. Zahlreiche religiöse Texte, die männliche Ideale der Askese, Heiligkeit und Vollkommenheit lehren, schließen eine starke Verachtung oder zumindest Ablehnung des weiblichen Körpers ein. In vielen Religionen können Texte gefunden werden, welche die Frau niedriger einstufen als den Mann und sie als unfähig betrachten, die gleichen geistigen Höhen und Dimensionen der Transzendenz zu erreichen. Zum Beispiel lehren manche Schulen des Buddhismus, dass Frauen zuerst als Männer wiedergeboren werden müssen, bevor sie selbst das Nirwana erreichen können.
Spiritualität ist ein besonders wichtiges Thema. Es verdient deshalb eine separate Behandlung.
4 Gender und Spiritualität
Große geistige Frauengestalten gibt es in vielen Religionen: Seherinnen, Prophetinnen, Mystikerinnen. Trotz männlicher Dominanz in Fragen der Spiritualität und trotz eines patriarchalen Frauenbildes, das die Frau hauptsächlich als Gattin und Mutter sieht und nahezu alle anderen Rollen ausblendet, haben zahlreiche Frauen geistige Kraft, Stärke, Autonomie und Autorität durch ihren Glauben und ihre religiöse Tradition gefunden. Dies bestärkte sie, gegen traditionelle gesellschaftliche und religiöse Normen anzugehen und manchmal eine ungewöhnliche Laufbahn einzuschlagen. Die Einsichten und religiösen Erfahrungen einiger solcher Frauen haben zeitgenössische und spätere Generationen beeinflusst und wurden auch von Männern anerkannt. Allerdings sind dies zum großen Teil Einzelerfahrungen geblieben. Das allgemeine Leben der meisten anderen Frauen konnten solche Einzelgestalten nicht beeinflussen. Da die offizielle Geschichte von Männern geschrieben wurde und Frauen fast immer unsichtbar blieben, ist ein Teil jener spirituellen Frauengestalten in Vergessenheit geraten. Heute allgemein bekannte Frauen der mittelalterlichen christlichen Mystik wie Hildegard von Bingen, Margery Kempe, Juliana von Norwich und manche andere sowie auch die Beginen, sind erst im 20. Jahrhundert neu »entdeckt« worden. Die Situation in anderen Religionen ist ganz ähnlich.
Zwei Bemerkungen sind hier besonders wichtig: Wir können diese großen religiösen Frauengestalten der Vergangenheit bewundern, doch müssen wir ihre Lebensgeschichten zugleich kritisch betrachten und die oft starken Einengungen ihrer Erfahrungen und auch manche Form der Unterdrückung in ihrem Leben mit in Betracht nehmen. Ihre unter ganz anderen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen gelebte Religion kann heute nicht einfach imitiert werden. Die Geschichte solcher Frauen ist außerdem nicht immer Frauengeschichte im Sinne des feministischen Bewusstseinsumbruchs der Gegenwart. Diese religiös herausragenden, in vieler Hinsicht bewundernswerten Frauengestalten können nicht einfach aufgrund ihres Geschlechts als Vorgängerinnen des heutigen Feminismus – als sogenannte »Proto-Feministinnen« – angesehen werden. Vieles in ihrem Leben ist für uns heute gar nicht mehr nachvollziehbar. Ein zweiter wichtiger Unterschied zwischen damals und heute besteht darin, dass die Frauengestalten der Vergangenheit in der Regel individuelle Einzelgestalten waren. Die weibliche Suche nach einer autonomen Eigendefinition von Spiritualität ist heute dagegen vor allem ein Gruppenphänomen, das sogar auf globaler Ebene beobachtet werden kann.
Heute sind viele Frauen in den verschiedensten Weltreligionen auf einer expliziten Suche nach Geist und Transzendenz. Die pakistanische Wissenschaftlerin Durre Ahmed hat einen Sammelband mit dem prägnanten Titel Gendering the Spirit herausgegeben,8 in dem sie argumentiert, dass die letzte Grenze des Postkolonialismus im Bereich der Interdependenz von Frau und Religion zurzeit überschritten wird. In der Vergangenheit sind Frauen wie Religionen oft kolonialisiert, ausgebeutet und unterdrückt worden. Heute wollen Frauen dieses Joch abwerfen. Ahmeds Buch enthält eine radikale Kritik des »gegenderten« Wissens um Geist, Gott und Transzendenz, das lange sowohl in der Gesellschaft als auch in der Wissenschaft zum Nachteil der Frauen konstruiert worden ist; andererseits geht es ihr um die Entkolonialisierung des Denkens und der menschlichen Vorstellungskraft schlechthin.
Gottes- und Geistesvorstellungen der Vergangenheit können heute nicht mehr naiv übernommen und weitergegeben, sondern müssen kritisch durchdacht und uminterpretiert werden. Frauen weisen immer wieder darauf hin, wie wesentlich der Erwerb der Lese- und Schreibfähigkeit, kurz »Literalität« (literacy) genannt, für die Transformation des Bewusstseins – auch des religiösen Bewusstseins – war. Oft haben Frauen viel später als Männer Zugang zur Literalität erhalten. Selbst heute noch ist ein größerer Prozentsatz von Frauen als von Männern auf der Stufe der »Oralität« und nicht der Literalität. In der Beschreibung eines neuen Buches zu Literalität und Oralität heißt es ganz treffend:
Literalität (Schriftlichkeit) versus Oralität (Mündlichkeit) – welche von diesen beiden Zugangsformen zur Sphäre des Geistes darf den ersten Platz für sich beanspruchen? Welche von ihnen ist für die Aufschließung dieser Sphäre grundlegender, welche für ihr argumentatives Zusammen- und Weiterwirken dynamischer, fruchtbarer und nachhaltiger? Mag bei diesem Wettstreit auch kein definitiver Sieg einer der beiden Seiten bevorstehen, so bleiben die dabei gewonnenen Einsichten für die Entwicklung des Denkens erfahrungsgemäß in vieler Hinsicht aufschlussreich, wesentlich und gelegentlich sogar staunenswert.9
Die zwischen Literalität und Oralität bestehende Spannung kommt hier deutlich zum Ausdruck, doch fehlt leider jeglicher Hinweis auf die Bedeutung der Gender-Dimension auf diesem wichtigen Gebiet der Bewusstseinsentwicklung. Zugang zur Literalität, zu allen Stufen der Wissensbildung und insbesondere zum Erlernen klassischer Sprachen, die für ein unabhängiges Lesen und Interpretieren der kanonischen Texte und Lehren der verschiedenen Religionen absolut nötig sind, ist ein Durchbruch zu einer neuen Stufe des Bewusstseins. Frauen haben als soziale Gruppe (und nicht als einzelne Ausnahmen) erst seit dem 20. Jahrhundert Zugang dazu gewonnen, vor allem im globalen Norden, während im Süden der Welt auch heute noch viele Frauen völlig ungeschult bleiben.
Die ersten Theologinnen, die es in den USA schon Mitte des 19. Jahrhunderts gab, waren sich der Notwendigkeit einer vollen, den Männern gleichen Ausbildung bewusst. Auch die Frauen, die 1893 beim ersten Weltparlament der Religionen in Chicago öffentliche Ansprachen hielten, betonten die Wichtigkeit der klassischen Sprachkenntnisse für das Studium der Religionen. Im damaligen Kontext haben sich westliche Frauen in Amerika und Europa zuerst dem Studium des Christentums und Judentums zugewandt. Es ist deshalb keine Überraschung, dass sich im 20. Jahrhundert die feministische Religionskritik und feministische Theologie sowie die auf eine weibliche Gottheit ausgerichtete Theologie10 vor allem in diesen beiden Religionen entwickelt haben. Die Forderung nach einer weiblichen Interpretation der kanonischen religiösen Schriften und Lehren hat sich in der Gegenwart auf alle Religionen ausgeweitet. Heute erkämpfen sich viele Frauen den Zugang zu den heiligen Schriften ihres Glaubens und ihrer Tradition. Dies ist ein radikaler Akt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es zum Beispiel Frauen im Hinduismus und Buddhismus jahrhundertelang verboten war, die heiligen Schriften zu lesen oder zu rezitieren. Der jetzt errungene Zugang zu diesen Schriften ist vergleichbar mit der gesellschaftlichen Umstellung zur Zeit der Reformation, als christliche Laien in Europa zum ersten Mal die Bibel in ihrer Muttersprache lesen konnten. Wie viele Kämpfe wurden damals für diese neue Freiheit ausgetragen! Menschen haben deswegen ihr Leben verloren. Es muss uns nicht verwundern, dass auch der Kampf der Frauen im Buddhismus, Hinduismus und Islam um neue Freiheiten nicht ohne Widerstand vor sich geht. In England kämpfen muslimische Frauen gerade um das Recht, einen Platz zum Beten in der Moschee zu erhalten. In Amerika gibt es ähnliche Initiativen. In Indonesien, dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt, sind Initiativen von Frauen ins Leben gerufen worden, um den Islam mitzugestalten, seine Lehren selbst zu interpretieren, zu lehren und Konsequenzen für gesellschaftliche Reformen daraus zu ziehen.11
Ich möchte hier außerdem noch kurz auf die weltweite buddhistische Frauenbewegung hinweisen. Sie ist einerseits vom westlichen Feminismus ganz unabhängig. Andererseits zeigen sich zwischen diesen beiden Bewegungen – dem Feminismus und der buddhistischen Frauenbewegung – interessante Parallelen. Dies wird vor allem in den Forderungen nach geistiger Befreiung und Selbstbestimmung sichtbar. Seit 1987 haben sich Buddhistinnen und vor allem buddhistische Nonnen in der globalen Bewegung Sakyadhita (»Töchter Buddhas«) zusammengeschlossen. Sie treffen sich alle zwei Jahre an einer Konferenz in verschiedenen asiatischen Ländern, um theoretische und praktische Probleme des Buddhismus aus spezifisch weiblicher Sicht zu behandeln. Die Sakyadhita-Bewegung hat sich folgende Ziele gesetzt: ein globales Kommunikationsnetzwerk unter den buddhistischen Frauen der Welt zu schaffen, Frauen als Lehrerinnen des Buddhismus auszubilden, Forschungsuntersuchungen über Frauen im Buddhismus anzuregen, die Bhikkhuni Sangha oder den buddhistischen Frauenorden wiederaufzubauen. Bis jetzt sind eine Reihe eindrucksvoller Publikationen – und mehrere Ordinationen – aus diesen Treffen hervorgegangen. Die Existenz Sakyadhitas ist ein deutliches Zeichen dafür, dass unter buddhistischen Frauen, besonders unter den Nonnen, eine entscheidende Bewusstseinsveränderung im Gang ist, die manche Folgen für die buddhistische Praxis haben wird.
Ein klares Zeugnis für den Umbruchprozess unter den buddhistischen Nonnen Asiens ist der von Karma Lekshe Tsomo herausgegebene Sammelband Innovative Buddhist Women. Swimming Against the Stream.12 Wie aus den dort veröffentlichten Beiträgen ersichtlich wird, geht es nicht nur um die Uminterpretation traditioneller Texte, die Frauen bisher unzugänglich waren, sondern auch um die Reform vieler diskriminierender Praktiken und lang etablierter Traditionen. Weitere Forderungen sind die Veränderung hierarchischer Strukturen und die Verwirklichung egalitärer Formen des Zusammenlebens von Frauen und Männern. Frauen, die für diese Ziele kämpfen, »schwimmen gegen den Strom«. Wichtig ist vor allem, dass Frauen und Männern derselbe Zugang zu Ausbildung und Ordination eröffnet wird. Ohne volle Fachausbildung können buddhistische Nonnen weder ihre eigenen kanonischen Texte interpretieren noch die geistige Leitung anderer Menschen übernehmen, so wie es Männer seit Tausenden von Jahren getan haben. Wie eine dieser Buddhistinnen schreibt, sind Frauen ohne Ausbildung wie »Vögel ohne Flügel«.13 Frauen müssen erst fliegen lernen, um die Gipfel des Geistes zu erreichen. Die buddhistischen Nonnen vieler asiatischer Länder kämpfen darum, die notwendige Ausbildung zu erwerben, um ihren untergeordneten Status zu ändern und eine Vollordination zu erhalten, die sie den Mönchen gleichstellt.
Ein anderer wichtiger Aspekt hat sich im Westen entwickelt. Als buddhistische Mönche in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den Westen kamen, bekehrten sich manche westlichen Frauen zu dieser im Westen neuen Religion, die ihnen befreiender erschien als das Judentum oder Christentum. Zugleich wandten diese westlichen Frauen ein feministisches Bewusstsein auf ihr Verständnis des Buddhismus an. Dies war für die männlichen buddhistischen Lehrer, die aus Asien kamen und nur an die geistliche Autorität von Männern gewöhnt waren, eine völlig neue Erfahrung. Westliche Frauen wurden buddhistische Nonnen; manche haben eine sehr intensive Ausbildung in den traditionellen Lehren genossen und besitzen ausgezeichnete Kenntnisse der buddhistischen Schriften. In Amerika ist inzwischen fast die Hälfte aller buddhistischen Lehrer Frauen; einige genießen hohe geistige Autorität und haben viele Schüler. Eine solche Anerkennung der geistigen Führung durch Frauen ist eine in der Geschichte des Buddhismus ganz neue Entwicklung; sie ist inzwischen nicht nur im Westen, sondern auch in manchen Ländern Asiens zu beobachten. Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass inzwischen immer mehr Buddhistinnen die Geschichte buddhistischer Frauen und den Beitrag, den Nonnen in der Geschichte des Buddhismus geleistet haben, erforschen – ein bisher wenig untersuchtes Thema. Die Sakyadhitas Präsidentin Karma Lekshe Tsomo spricht von einer Gesamtzahl von 300 Millionen buddhistischen Frauen in der Welt, von denen nur 1% aus dem Westen stammen. Wenn diese große Frauenzahl mobilisiert werden könnte, für gesellschaftliche und spirituelle Befreiung und Gleichheit zu arbeiten, so könnte dies eine große Wirkung auf die Welt haben. Sakyadhita hat einen Anfang gemacht und in wenigen Jahren schon manches Ziel erreicht. Somit ist diese buddhistische Frauenbewegung ein inspirierendes Beispiel für die weibliche Kreativität auf dem Gebiet der Spiritualität.
5 Abschließende Betrachtungen
Über Jahrtausende hinweg sind Frauen vieler Religionen in ihrem Wesen, ihren Rollen, ihren Bildern von männlich geleiteten religiösen Institutionen definiert worden. Heute aber können sich Frauen, wenn sie aktiv sind und ein feministisch-kritisches Bewusstsein entwickelt haben, religiös selbst definieren in einer neuen Art und Weise, wie sie in der Vergangenheit nur selten möglich gewesen war. Wie ich im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Diskussionen um die Gender-Kategorie zu zeigen versucht habe, ist es vom religionswissenschaftlichen Standpunkt her wichtig zu erforschen, welchen Zugang zu Geist- und Transzendenzerfahrungen Frauen in ganz verschiedenen Religionen haben, wie das Wirken des Geistes im Spannungsfeld der Geschlechter in der Vergangenheit gesehen wurde und wie es sich jetzt zum Teil auf ganz neuen Wegen entwickelt. In Analogie zur Bedeutung der Literalität für die Entwicklung der Kultur im Allgemeinen schlage ich den Begriff der »spirituellen Literalität« vor (auf Englisch besser ausgedrückt als spiritual literacy, um einem Missverständnis mit einem »literalen« Ansatz aus dem Wege zu gehen). Darunter verstehe ich die Erfahrung des Geistes, der Transzendenz und spiritueller Autorität. Diese Erfahrungsmöglichkeit, dieses Abenteuer, steht heute Frauen offen wie nie zuvor. Damit sind wir schon im praktizierenden Bereich der Religion, der allerdings in Gender-Studien nicht streng von den wissenschaftstheoretischen Perspektiven abgetrennt werden kann. Je mehr die voneinander abhängigen Beziehungen zwischen Gender und Religion ins Bewusstsein gelangen, desto mehr wird sich die religiöse Praxis für Frauen wie Männer ändern.
Es ist Aufgabe der Religionswissenschaft, diese grundlegenden Verwandlungen und Paradigmenwechsel wahrzunehmen, sie zu analysieren und kritisch aufzuarbeiten. Dies ist ein großes Forschungsgebiet, auf dem noch viel entdeckt werden kann. Es lohnt sich persönlich wie sachlich für junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eine gender-kritische Wandlung zu vollziehen und diese vielfältigen neuen Forschungsperspektiven in ihrer Arbeit fruchtbar zu machen.
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1 Es ist zum Beispiel aufschlussreich, dass sich die Einführung in Gender-Studien von Christina von Braun und Inge Stephan (2000) mit der Gender-Forschung in 17 verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen beschäftigt, darunter auch in der Theologie, aber nicht in der Religionswissenschaft.
2 Vgl. Jones (2005).
3 Von Braun/Stephan (2000), 15.
4 Für eine ausgezeichnete Übersicht über diese nicht unbedingt chronologischen, sondern manchmal parallelen Entwicklungen siehe Hawthorne (2005a und b). Siehe auch Walter (2000), 97–115.
5 Diese und andere Themen habe ich ausführlicher im Übersichtsartikel Gender and Religion (King 2005) behandelt. Eine systematische Einführung in das ganze Gebiet und viele Einzelbeiträge finden sich in King (1995). Neuere Diskussionsbeiträge und theoretische Entwicklungen in King/Beattie (2005). Ein ausgezeichnetes Handbuch mit vielen Beiträgen über feministische und Gender-Diskussionen in Bezug auf Religion und Religionswissenschaft ist Juschka (2001).
6 Vgl. Joy/O’Grady/Poxon (2002/2003); Joy (2006); Mulder (2006).
7 Vgl. Lanzetta (2005).
8 Vgl. Ahmed (2002).
9 Zitiert aus Peter Langs Katalog zur Beschreibung des von Stephan Haltmayer und Armin Eigner 2005 herausgegebenen Buches Literalität und Oralität.
10 Vgl. Raphael (1996).
11 Vgl. Van Doorn-Harder (2006).
12 Vgl. Tsomo (2000).
13 Vgl. van Ede (2000).
Daria Pezzoli-Olgiati
»Spieglein, Spieglein an der Wand…«
Rekonstruktionen und Projektionen von Menschen- und Weltbildern in der Religionswissenschaft
[…] Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig und konnte nicht leiden, dass sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel. Wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«. Es antwortete der Spiegel: »Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land«. Da war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte.1

Abb. 1 Herbert Leupins Darstellung der Königin in einer Ausgabe von Schneewittchen aus dem Jahr 1945.
1 Einleitung
Der Vorteil der Königin gegenüber den Personen, die sich wissenschaftlich mit religiösen Symbolsystemen auseinandersetzen, ist offensichtlich: Schneewittchens Stiefmutter besitzt einen Spiegel, der die Wahrheit sagt. Dank diesem hat die Königin eine unmittelbare und unverzerrte Gesamtsicht über die Verteilung der Schönheit im ganzen Reich, ohne sich mühsam mit historischen Rekonstruktionen, empirischen Untersuchungen und Kopfzerbrechen bereitenden methodischen Überlegungen auseinandersetzen zu müssen. Sie stellt eine vergleichende Frage und erhält umgehend eine zuverlässige Antwort. Dem ist in der Religionswissenschaft nicht so. Denn die Religionswissenschaft besitzt nicht nur einen wunderbaren Spiegel, sondern ganz viele! Einige sind derart gut, dass man sie gar nicht als solche wahrnimmt.
Der vorliegende Beitrag reflektiert über Brillen, Spiegel und Spiegelungen von Menschen- und Weltbildern der religiösen Symbolsysteme, der Religionswissenschaft als Fach und jenen der Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler. Es werden einige wichtige Wechselwirkungen zwischen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Religionen und den Personen, die sich ihrer Erforschung widmen, hervorgehoben.
2 Eine Disziplin im Elfenbeinturm?
Die Religionswissenschaft verpflichtet sich, wie jede andere Wissenschaft, einer distanzierten, möglichst präzisen und diskursiven Beschreibung und Analyse bestimmter Sachverhalte und Zusammenhänge, die im Laufe ihrer gut 150-jährigen akademischen Präsenz unter dem Etikett »religiös« subsumiert wurden.2 Noch bis in die Neunzigerjahre galt innerhalb der Hauptströmungen, die unsere Fachgeschichte stark geprägt haben, das Ideal einer »möglichst objektiven« Annäherungsweise an religiöse Symbolsysteme »von außen« unbestritten als Richtlinie für eine qualitativ gute wissenschaftliche Arbeit. Vor allem in den letzten Jahren haben viele Faktoren zu einer Krise dieses Ideals geführt. Ich nenne hier nur wenige Entwicklungen, die mir als wesentlich erscheinen.
Unter dem Einfluss der hermeneutischen und der postmodernen Reflexion ließ sich aus philosophischer Sicht die Idee einer Distanz im Sinne eines unbeteiligten, wertfreien und unparteiischen Blickes auf religiöse Phänomene nicht mehr halten. Auch im Austausch mit den traditionellen Nachbardisziplinen der Religionswissenschaft, insbesondere mit vielen Fachbereichen innerhalb von christlichen Theologien, aber auch mit Bereichen wie der Ethnologie, Soziologie, Geschichte usw., erschien die Haltung einer Analyse ganz »von außen« als Hauptmerkmal religionswissenschaftlicher Arbeit schlichtweg naiv zu sein.
Darüber hinaus nimmt der gesellschaftliche und politische Druck auf die Religionswissenschaft stets zu: Sowohl auf der lokalen als auch auf der globalen Ebene sind Religionen zu zentralen Themen zeitgenössischer gesellschaftlicher Diskurse avanciert.3 Angesichts der komplexen Konstellationen, die die heutige Gesellschaft herausfordern, wird nach einem religionswissenschaftlichen, lösungsorientierten Wissen gefragt, das auch angesichts politischer und gesellschaftlicher Fragen relevant sein kann. Von der Bedeutung religiöser Kleiderordnung bis zum Gewaltpotenzial von Religionen, von Bildern des Todes im Hinblick auf die Euthanasieproblematik bis zum Verlust historischer Kenntnisse über die Traditionen im Lande: Der Religionswissenschaftler, die Religionswissenschaftlerin wird bei verfahrenen Situationen als Fachperson angefragt, um Verhandlungsräume in Konflikten zu schaffen, um Konzepte zur Erhaltung des religiösen Friedens zu erarbeiten oder um Projekte zur Förderung der friedlichen Koexistenz von unterschiedlichen religiösen Gemeinschaften zu entwickeln und zu propagieren. Dadurch werden Fachleute der Religionsforschung immer wieder an ihre Verankerung im jeweiligen historischgesellschaftlichen Kontext erinnert.4
Die Zugehörigkeit der Religionswissenschaft zum akademischen Elfenbeinturm kann in zwei verschiedene Richtungen gedeutet werden. Eine erste, positive: In der Welt der Wissenschaft kann religionswissenschaftliche Forschung und Lehre in einem von direkten politischen Ansprüchen geschützten Raum betrieben werden, Untersuchungsfelder können erschlossen werden, ohne unmittelbar von den Bedürfnissen der Zeit motiviert oder direkt abhängig zu sein. Diese privilegierte Situation wäre jedoch unhaltbar, wenn man die politische und gesellschaftliche Relevanz akademischer Auseinandersetzung mit Religionen ausblenden würde. Damit wären wir bei der zweiten, negativen Konnotation: Der Elfenbeinturm würde somit zum abgeschotteten Ort, in dem die wissenschaftliche Distanz mit einem naiven Konzept von Objektivität gleichgesetzt wird.
Die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft einerseits und Forschung und Lehre andererseits darf nicht mehr vernachlässigt werden; die zunehmende Sensibilität gegenüber dem historisch-gesellschaftlichen Hintergrund, in dem Religionswissenschaft betrieben wird, hat auch zur Rezeption von wissenschaftlichen und politischen Diskursen um das Thema Gender geführt. Dies geschieht in zweifacher Perspektive: Das Gender-Thema wird nicht nur im Hinblick auf die Erforschung von religiösen Symbolsystemen als relevant angesehen, sondern auch im Hinblick auf die Stellung von Forschern und Forscherinnen in der Interaktion zwischen Gesellschaft und Wissenschaft.5 Lisbeth Mikaelsson bringt dies in einem Beitrag pointiert zum Ausdruck, der 2004 in New Approaches to the Study of Religion erschienen ist:
Religion is a main factor when it comes to how gender differences are produced and realized in people’s lives. Religious mediation of gender happens through the interpretation of myths and symbols, as well as in their ritual, ethical and organizational enactment. Religious teachings legitimize gender hierarchies in society and influence personal gender identity. Gender research in the history of religions is important in society at large because it contributes to our understanding of how divisions between men and women are sanctioned and at the same time demonstrates how religion may structure people’s lives in fundamental respects.6
Der Einfluss von religiösen Geschlechts- und Gender-Konzepten auf gesellschaftliche Organisationen hat auch die Universität und ihre Hierarchien im Laufe der Jahrhunderte beeinflusst.
3 Spiegel der Religionswissenschaft
Optische Instrumente charakterisieren das Nachdenken über verschiedene Zugänge zu religiösen Symbolsystemen: Spiegel, Brillen, Linsen und Fernrohre werden immer wieder zum Thema – wie hier übrigens auch. Aus dieser Metaphorik könnte man entnehmen, dass wir unbewusst davon ausgehen, etwas sehbehindert zu sein, also nicht in der Lage sind, mit bloßem Auge Historisches und Gegenwärtiges erfassen zu können: Dies wäre ein weiteres, sprachgebundenes Argument gegen das Postulat des »objektiven« Standpunktes im Prozess der Betrachtung. Das Nachdenken über optische Hilfsmittel wurde erst recht in der Debatte um den Stellenwert der Dialektik zwischen den Geschlechtern in der Wissenschaft zum Thema, wie viele Titel von Referenzwerken bezeugen, wie beispielsweise das klassische Werk Lenses of Gender von Sandra Lipsitz Bem.7 Dies führte zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Spiegeln und Brillen der verschiedenen Zugänge zu den Religionen, vor allem aber mit den dominanten Sichtweisen, welche die Religionswissenschaft seit ihrem Bestehen als universitäre Disziplin prägen. Das oben bereits erwähnte Postulat einer objektiven Sicht auf die Religion wurde als typisch androzentrisch entlarvt.8
Die Begründungen dieser radikalen Kritik sind so vielfältig wie die Beiträge dazu; um zwei Argumente hat sich allerdings ein weitgehender Konsens etabliert. Das erste Argument fokussiert auf die Religionsgeschichte und die Geschichte der Religionswissenschaft; das zweite hat seine Wurzeln in der empirischen Erforschung von Religionen. Diese zwei Argumente sollen im Folgenden vertieft werden.
4 Zur Fachgeschichte
In der Auseinandersetzung mit der Fachgeschichte stellt man eine eigentümliche Korrelation fest: In der Religionswissenschaft, die das Postulat der wertfreien, objektiven Betrachtung stark betont hat, wurde lange Zeit die Präsenz der Frauen als Akteurinnen innerhalb der verschiedenen religiösen Symbolsysteme und innerhalb des Faches weitgehend ausgeblendet oder als irrelevant betrachtet. In den vielfältigsten Zugängen zur Religion wurde bis ins 21. Jahrhundert der homo religiosus meistens (implizit) mit einem Mann, dem vir religiosus, identifiziert.9
Ein Blick in die Handbücher, mit denen neue Generationen von Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftlern in die Forschungsgeschichte eingeführt werden, bestätigt die von vielen Seiten erhobene Kritik einer androzentrischen Sichtweise im Umgang mit den sogenannten Klassikern. Beispielsweise wissen sowohl Jacques Waardenburgs Classical Approaches to the Study of Religion (1973) als auch Axel Michaels’ Klassiker der Religionswissenschaft (1997) von keiner einzigen Frau zu berichten, die in den letzten 200 Jahren einen nennenswerten Beitrag zur Erforschung der Religionen geleistet hätte. Ursula King fasste 1995 den Stand der Dinge wie folgt zusammen:
As far as I know, no historical investigation has been undertaken up to now to establish how far women writers, missionaries and scholars made a significant contribution to the rise and development of the modern study of religion.10
Dass diese Unsichtbarkeit weiblicher wissenschaftlicher Beiträge kaum auf historischen Sachverhalten beruhen kann, bedarf keiner weiteren Hinweise, wie zahlreiche Arbeiten nun belegen.11 Darüber hinaus erweisen sich in diesem Zusammenhang die Listen der Teilnehmenden an den Kongressen der International Association for the History of Religions zwischen 1908 bis 1985 als aufschlussreich, die eine bemerkenswerte, in bestimmten Jahren sogar hohe Anzahl Teilnehmerinnen belegen. Viel niedriger im Vergleich erscheint hingegen die Anzahl Frauen, die Vorträge hielten oder Sessionen leiteten.12
Die Unsichtbarkeit der wissenschaftlichen Beiträge der Frauen zur Erforschung von Religionen in der Fachgeschichtsschreibung wird von vielen Autoren und Autorinnen mit der extrem dünnen weiblichen Präsenz in den akademischen Institutionen in Verbindung gebracht. Männliche Forscher seien demnach kaum an den Leistungen von Forscherinnen und auch nicht an Fragen nach Bezeichnung, Trennung und Rollen der Geschlechter innerhalb von religiösen Symbolsystemen interessiert. Die wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel Heilers Die Frau in den Religionen der Menschheit (1977) scheinen diese Feststellung zu bestätigen.13
Die Aufmerksamkeit für Frauen und allgemeiner für gendergebundene Aspekte in der Religionswissenschaft wurde vor allem unter dem Einfluss feministischer Bewegungen innerhalb und außerhalb der Wissenschaft in den späten siebziger Jahren geweckt und hat sich erst in den letzten Jahren als wesentliche Komponente religionswissenschaftlicher Arbeit etabliert.14
5 Orientierung im Gemenge der Zugänge
Die geringe Aufmerksamkeit, die Frauen und Rollen der Geschlechter in der Forschungs- und in der Religionsgeschichte entgegengebracht wurde, stellte in der Kritik an den bis in die späten Neunzigerjahre dominierenden »androzentrischen« Positionen ein wichtiges Argument dar. Die zweite zentrale Argumentationslinie wurde in der empirischen Erforschung gegenwärtiger religiöser Systeme entwickelt:15 In der Situation der Feldforschung wurde bereits früh klar, dass die Denkschemen vom Forscher als Subjekt und Erforschtem als Objekt der Forschung nicht in der Lage waren, die Situation der Begegnung zwischen Fachleuten und Angehörigen der erforschten religiösen Symbolsysteme zu erfassen.16 So mutierte beispielsweise die starre Subjekt-Objekt-Beziehung in Interviews oder in Situationen von teilnehmender Beobachtung zu einer höchst komplexen Dialogsituation zwischen Beteiligten mit unterschiedlichen Interessen. Darüber hinaus erscheint es als evident, dass die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht für die Bestimmung der Beobachtungs- und Begegnungsmöglichkeiten maßgebend ist. Die Geschlechtsunterschiede ermöglichen oder versperren bestimmte Einblicke in religiöse Gemeinschaften, in denen klare Rollenzuweisungen für die verschiedenen Geschlechter bestehen. Eine respektvolle Wahrnehmung dieser Unterschiede einerseits und die weltanschauliche, ethische, politische, soziale und emotionale Einbindung andererseits machen die Beobachtungssituation im Feld zu einem besonderen Fall von zwischenmenschlicher Beziehung. Dazu notiert Kim Knott 1995 folgende Gedanken in einem Forschungstagebuch:
If you see someone drowning while you’re doing your fieldwork and they’re part of the community you’re studying, and if you’re a strong swimmer, do you stand on the bank and watch them drown or do you dive in and save them? You know, fieldwork is active work, where we are in relationship with people. Questions of responsibility, ethics, politics come into those things. How can they be left on one side? They may be able to be left on one side for half of the time, but there will be occasions which come up that demand that we be ourselves in the interview situation.17
Wir kommen also wieder zum Thema der Distanz, die für die wissenschaftliche Arbeit nötig ist, und der Voreingenommenheit, die aus hermeneutischen und zu einem guten Teil auch aus persönlichen Gründen nicht zu vermeiden ist, sowie der aus dieser Kombination gegensätzlicher Haltungen resultierenden Verwirrung. Wie soll man sich nun in der Untersuchung von Religionen in Gegenwart und Geschichte situieren? Wie kann man sich orientieren im Gemenge der Zugänge, zwischen den etischen und den emischen Perspektiven,18 zwischen der vom Ideal der Objektivität geprägten Forschungstradition und dem Bedürfnis einer sachgerechteren, schärferen Brille, welche die Rolle der Geschlechter als wesentlichen Aspekt von religiösen Symbolsystemen wahrzunehmen vermag?19
6 »Scheintod« der Objektivität?
Die frühere Forderung nach einem »wissenschaftlich objektiven Standpunkt« wurde aus verschiedenen Lagern scharf kritisiert und mit unterschiedlichen Akzentuierungen als Ausdruck von Antifeminismus, Eurozentrismus, Kolonialismus und Imperialismus zusammengefasst.20 Nähert man sich der Religionswissenschaft aufgrund ihrer Geschichte, dann leuchten die unter den verschiedenen Etiketten aufgeführten Kritiken ein, ist doch die Religionswissenschaft maßgeblich als Produkt der europäischen Religionsgeschichte zu verstehen.21 Als solche ist sie in den theoretischen Annahmen, in den Methoden sowie in der Auswahl an religionsgeschichtlichen Fragestellungen von vielen christlichen, theologischen und/oder westlichsäkularen Begriffen und Sichtweisen geprägt. Das Beispiel der Ausblendung der Rolle der Frau in der Forschung und in den erforschten Bereichen kann hier synekdotisch als pars pro toto angeschaut werden. Diese Kritiken haben viel geleistet im Hinblick auf die Aufdeckung der Systemfehler der »klassischen« Religionswissenschaft in ihren Hauptströmungen, wobei die religionsphänomenologischen Zugänge am meisten Kritik einstecken mussten und in Extremfällen zum Sündenbock einer ganzen Disziplin deklariert wurden.
Problematisch finde ich die Kritiken, die in »-ismen« zusammengefasst werden, wenn sie auf keine Strategien hinweisen, wie man folgendem Dilemma entweichen könnte. Denn einerseits kann man nicht mehr in der naiven Haltung der objektiven Sicht verweilen, andererseits kann man auch nicht so leicht aus einer wissenschaftlichen Tradition heraustreten, die unsere Methoden und Weltbilder – auch nach einer Auseinandersetzung mit der Kritik – nach wie vor maßgeblich formen.
Nimmt man die Kritik an der Objektivität passiv wahr, so kann man von einem »Scheintod« dieser Art von Annäherung an religiöse Symbolsysteme sprechen. Ich möchte dieses Dilemma mit Zitaten aus zwei bekannten Handbüchern, die 1988 erschienen sind, illustrieren. Ohne zu zögern lehnt man folgende Haltung als Idealbild für den Forscher oder die Forscherin ab:
[…] Der unbeteiligte Zuschauer schaltet nämlich das beteiligte Ich ab. Das Ich begehrt, was es nicht hat, und was es hat, fürchtet es zu verlieren. Solange wir bewusst sind, bleiben wir unbeteiligt: weder Begehren noch Furcht können sich in uns ausbreiten. Dann haben wir uns selbst vergessen und sind frei, wahrhaft objektiv zu sehen, was sich uns zeigt.22
Stattdessen neigt man eher zu Folgendem:
Neben dem methodischen Zugang zum Phänomen der Religionen, der die eigene Verwurzelung in einer Religion zum methodischen Ausgangspunkt macht, steht die andere Möglichkeit, von Anfang an eine größtmögliche methodische Distanz zum eigenen Standort einzuführen. Methodische Distanzierung bedeutet nicht Ausschaltung. Es ist selbstverständlich, dass auch in diesem Fall die Religion des eigenen kulturellen Kontextes ein Vorverständnis von Religion überhaupt schafft, welches man nicht hinter sich lassen kann.23
Der Verfasser des zweiten Zitats hat keine Mühe damit, die Befangenheit des eigenen Blickes einzugestehen. Problematisch ist hier allerdings, dass die »größtmögliche methodische Distanz« nicht näher umrissen wird. Nach welchen Kriterien kann man wissen, ob man den erwünschten Grad an Distanzierung erreicht hat? Liegt dies im Ermessen des Einzelnen, dann droht entweder die Rückkehr zur naiven Haltung, der man keine standfesten Alternativen entgegenzusetzen vermag,24 oder es schleicht sich eine Art methodische Willkür ein, in welcher alles, was als größtmöglich distanziert deklariert wird, auch als solches zu gelten hat.
7 Gender als Grundkonzept einer diskursiven, hermeneutischen Religionswissenschaft
Aus meiner Sicht kann man das Dilemma nur auf der wissenschaftsethischen und der hermeneutischen Ebene lösen.25 Es geht um die ständige kritische Reflexion über den Standpunkt und die Vorverständnisse, aus denen man sich Forschungsfeldern annähert und über die Werte und Normen, die den wissenschaftlichen Zugang überhaupt ermöglichen und regulieren.26 Solche Regulierungen ergeben sich aus dem disziplinären und interdisziplinären Austausch und werden in einer academic community ausgehandelt.27 Zur Wahrnehmung und Beschreibung eines Rahmens, in welchem eine angemessene Distanz für wissenschaftliche Beschreibungen, Analysen und Interpretationen möglich ist, scheinen mir folgende Aspekte von Bedeutung: Das Nachdenken über die Spannung zwischen wissenschaftlicher Distanz und Verankerung im eigenen historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Rahmen stellt eine erste, zentrale Ebene in diesem Zusammenhang dar. Dazu gehören tiefe Kenntnisse der eigenen (religiösen) Tradition, von deren Welt- und Menschenbild man zwingendermaßen geprägt ist. Nur so ist es möglich, die Voreingenommenheit des eigenen Blickes wahrzunehmen, kritisch zu hinterfragen und für die wissenschaftliche Arbeit fruchtbar zu machen.28
Zweitens stellt die Reflexion über die Spannung zwischen einem allgemeinen, globalisierten wissenschaftlichen Diskurs und den kontextuellen Verankerungen der theoretischen und methodischen Positionen, die die Vielfalt der Religionswissenschaft ausmachen, einen weiteren unverzichtbaren Schritt dar.29 Die Förderung und Unterstützung des Dialogs zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Betrachtungsweisen ist das Instrument, das das Umreißen der wissenschaftlichen Distanz erst erlaubt.30
Als Drittes möchte ich die Wahrnehmung der Spannung zwischen Distanz und Nähe sowohl in der religionshistorischen als auch in der empirisch ausgerichteten Untersuchung von religiösen Symbolsystemen hervorheben.31 Interesse und wissenschaftliche Neugier bedingen eine Annäherung an Personen und Themen: Zeitliche, sprachliche, kulturelle und religiöse Grenzen werden relativiert, man begibt sich möglichst in die Mitte des zu untersuchenden Umfeldes. Andererseits gilt es, Beobachtungen und Interpretationserfahrungen nicht unreflektiert mitzuteilen, sondern durch geeignete Analyseinstrumente die erreichte Nähe kritisch zu hinterfragen und darzulegen, sodass die wissenschaftliche, sich im Werten zurückhaltende Beschreibung und Analyse durchgeführt werden kann.32
Schließlich sei auf das Nachdenken über die Spannung zwischen dem Erbe der »objektiven« Sicht auf Religionen und den ethischen Werten, die diese Art von Wissenschaft erst ermöglicht haben, wie die Autonomie des Individuums, die Freiheit der Forschung und das Recht auf Wissen hingewiesen.33 Wie interagieren diese Werte mit dem Anspruch, möglichst zurückhaltend zu werten?
Dies sind Überlegungen, die die Rolle der Wechselwirkung zwischen der wissenschaftlichen Tradition und dem historischen und gesellschaftlichen Kontext, den sie geformt haben, hervorheben. Somit kann die Definition der Akteure und Akteurinnen der Forschung und der Themen, die fokussiert werden, sachlicher debattiert werden. Die Rezeption der im feministischen Umfeld gestarteten Auseinandersetzung mit androzentrischen Vorgehensweisen und ihre selbstständige Weiterführung und Erweiterung innerhalb der Religionswissenschaft hat sehr viel in diese Richtung geleistet. Diese Auseinandersetzung hat insbesondere das Nachdenken über die Unmöglichkeit einer unvoreingenommenen Brille unterstützt. Außerdem hat sie den einst als Gegenstände der Forschung Bezeichneten den Status von Subjekten eines hermeneutisch komplexen, dialogischen Interpretationsprozesses zugesprochen. Dies hat eine beträchtliche und kostbare Erweiterung in die religionswissenschaftliche Arbeit hineingebracht.34
Sowohl die Artikulation der Geschlechterunterschiede innerhalb religiöser Symbolsysteme als auch die Interaktion zwischen den Geschlechterdifferenzen unter den Forschenden können von vielen verschiedenen Perspektiven wahrgenommen und fokussiert werden.35 Obwohl in diesem Zusammenhang bereits viel geleistet wurde,36 bedarf es noch einiges an Engagement und Arbeit, um diese clusters von Fragen der religionswissenschaftlichen Forschung zu erschließen.
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1 Text und Bild aus Leupin (1945).
2 Der Anfang der Disziplin wird hier mit der Tätigkeit von Max Müller in Oxford verknüpft, der als Kristallisationspunkt für die akademischen Wurzeln der Religionswissenschaft steht. Dazu vgl. Klimkeit (1997) und van den Bosch (2002).
3 Vgl. Gross (1996), 7.
4 Vgl. dazu King (1995a), 15: »Such cross-cultural studies show that women’s position in religion is often a reflection, however oblique, of women’s status in society. Social scientists have frequently pointed out that religious systems both reflect and reinforce cultural values and patterns of social organization.« In diesem Zitat bezieht sich die Autorin auf Karen Sinclairs Women and Religion (1986).
5 Zu dieser Wechselwirkung vgl. auch die Reflexion über etische und emische Dimensionen bei King (1995a), 26: »If critical attention to gender becomes a really integral part of religious studies, this will not only influence the study of religion, but also bring about deep changes in religious practice.«
6 Mikaelsson (2004), 295.
7 Vgl. Bem (1993), insbesondere 1–2: »But as profound as the transformation of America’s consciousness has been during the past 150 years, hidden assumptions about sex and gender remain embedded in cultural discourses, social institutions, and individual psyches that invisibly and systemically reproduce male power in generation after generation. I call these assumptions the lenses of gender. Not only do these lenses shape how people perceive, conceive, and discuss social reality, but because they are embedded in social institutions, they also shape the more material things […] that constitute social reality itself.« Vgl. auch Johnson/Kalven (1988).
8 Vgl. King (1995a), 19: »Methodological debates among contemporary women scholars in religion are much influenced by current feminist theory which fundamentally calls into question the basic assumptions of the prevailing organization of knowledge, its claims to universality, objectivity and value-neutral detachment.«
9 Vgl. dazu Mikaelsson (2004), 305–307; Gross (2002), 44–52.
10 King (1995b), 221.
11 Siehe beispielsweise King (1995b); Warne (2000), 148–153 und Bloesch/Minister (2019), die eine Einführung in die Religionswissenschaft aus kulturwissenschaftlicher Perspektive präsentieren, in der die Positionen von Klassikerinnen ins Zentrum gerückt werden.
12 Überblick bei King (1995b), 228.
13 Birgit Heller (2003), 759 nennt hier neben Heiler die Werke von Johann Jakob Meyer, Das Weib im altindischen Epos (1915) und Moritz Winternitz, Die Frau in den indischen Religionen (1920).
14 Vgl. King (1995a), 25 und (2004), 1; Woodhead (2007); Höpflinger/Lavanchy/Dahinden (2012).
15 Dazu Barker (1995).
16 Dazu Knott (1995). Als Beispiel einer früheren Einbeziehung der Gender-Problematik in die teilnehmende Beobachtung siehe Weiner (1976). Interessant in diesem Kontext sind auch Malinowskis Tagebücher. In diesen Dokumenten aus der ersten Stunde der teilnehmenden Beobachtung kann man die Spannung zwischen wissenschaftlicher Distanz und persönlicher Einstellung gut nachspüren. Siehe dazu Stolz (1997), 251–255.
17 Knott (1995), 211 und auch Barker (1995).
18 Siehe dazu Anm. 4 oben.
19 Vgl. Ackermann (2004), 146.
20 Vgl. Warne (2000), 146. Siehe auch Doniger (2000) und Jensen (2003), 409–415; Günther-Saeed (2010), 120–129.
21 Dazu vgl. Gladigow (2002); Auffarth (1999); Ahn (1997).
22 Greschat (1988), 138.
23 Stolz (2001), 39. Das Zitat stammt aus der dritten Auflage der Grundzüge der Religionswissenschaft. Die erste Auflage wurde wie das oben zitierte Handbuch von Greschat 1988 veröffentlicht.
24 Dazu Gross (1996), 12: »On closer inspection, ›objectivity‹ often turns out to be nothing more than advocacy of the current conventions and not a neutral position at all.«
25 Vgl. White (1995) und Vasilache (2003) insbesondere 26–33. Siehe auch Ackermann (2004).
26 Dazu Elsas (1997).
27 Vgl. Eck (2000), 148: »Today ›comparative studies‹ require this recognition of dialogical, critical selfconsciousness as part of our fundamental scholarly apparatus. Such a dialogical model reshapes the very character of our investigation, constantly forming and transforming our categories of analysis, our language of interpretation, and our awareness of our own prejudices and their restrictive influence on our thinking. Comparison is a dialogical form of thinking and working in relationship. Like all thinking, like all relationships, it requires, above all, our attentive and constant presence.« Vgl. auch Gross (2004).
28 Vgl. King (2004), 2, wo die Verfasserin diese Spannung aufgrund der Globalisierung des Englischen aufzeigt. Vgl. auch Schumann (2007).
29 Dazu Geertz (2000).
30 Vgl. dazu Eck (2000).
31 Dazu Pezzoli-Olgiati (2006).
32 Vgl. Gross (1996), 10.
33 Vgl. Geertz (2000), 72: »Researchers in the study of religion represent by their very presence certain principles and ideals. These are basically the freedom of research and education, the promotion of international understanding, and the pursuit of critical knowledge.« Siehe auch King (1995b), 9.
34 Vgl. Warne (2000), 148–149: »As we have seen, there is no neutral, self-evident rendering of gender. Each gender ideology is at some level a decision about how the world is to be configured and understood, establishing normative social, political and cultural practices which set the parameters and possibilities for how human life might be lived.« Siehe auch Mikaelsson (2004), 298: »Gender critique contributes to orientating the history of religions away from the old phenomenological paradigm where religion is treated as a separate, sacred area of life to be assessed in terms of comparative, religious categories, to a paradigm where religion becomes part of culture and is seen as interwoven with the motive powers and ordinary affairs of human beings in various historical settings.« Zur Erweiterung des Blickes gehört auch die innerfachliche Kritik; dazu vgl. auch die Kritik an Gender-Ideologien innerhalb der Religionswissenschaft in Juschka (1999), vor allem 99–104.
35 Vgl. Mikaelsson (2004), 311: »Gender studies in the history of religions today are characterized by a pluralism of epistemological and methodological approaches. They may be women-centered, mancentered, inclusive of both genders, or be more comprehensive, investigating the wide ramifications of engenderment and polysemic meaning construction in different types of religious and social phenomena. Feminist separatism, essentialism and theological reconstruction exist side by side with deconstructionist analyses of cultural undertakings and religious categories. One can hardly say that feminist perspectives have become a common horizon in the history of religion, but one may safely declare that gender is on its way to being established as a fundamental category of analysis and an integrated topic in many areas of research. If wide-ranging gender analyses still are few in number, it is increasingly being recognized that gender and religion is a field inviting a host of vital questions.« Siehe auch King (2004), 9.
36 King (2004), 1: »In recent years a wealth of exciting intellectual developments has transformed the international study of religion. Interdisciplinary and cross-cultural methodologies have opened up new and highly controversial issues, challenging previous paradigms and creating fresh fields of study. This is particularly true of the impact of women’s and gender studies on the study of religions.« Siehe auch Einführungen in die Religionswissenschaft, die das Gender-Thema als Selbstverständlichkeit behandeln. Als Beispiele siehe Taylor (1998); Braun/McCutcheon (2000); Kippenberg/von Stuckrad (2003); Figl (2003); Antes/Geertz/Warne (2004).
Kristina Göthling-Zimpel
»Schuld ist nur der Feminismus«
Antifeminismus und Antigenderismus in der gegenwärtigen Debatte
Feminismus und Antifeminismus sind zentral miteinander verwobene Ideen.1 Als Reaktion auf feministische Errungenschaften erlebt die Gegenbewegung Antifeminismus gegenwärtig einen Aufschwung, weil dieser behauptet, der Feminismus sei der »wesentliche Grund für den Niedergang der Zivilisation«.2
Häufig wird Antifeminismus mit Misogynie assoziiert oder gar gleichgesetzt: Dieser Umstand lässt sich daraus ableiten, dass misogyne Ansichten die Weichen für Antifeminismus stellten. Antifeminismus baut zentral auf misogynen Argumentationsmustern auf, existiert aber erst seit dem Aufkommen des Feminismus und richtet sich vornehmlich gegen feministische und emanzipatorische Bestrebungen. Antifeminismus ist eine etablierte Weltsicht, die sich als Gegenbewegung zum Feminismus ausformte. Er ist prozesshaft und tritt in unterschiedlichen Ausprägungen auf.3 Gegenwärtig richtet sich Antifeminismus zentral auf den Begriff Gender. Anhänger_innen des Antifeminismus unterstellen dem analytischen Begriff Gender, der eigentlich auf die soziale Konstruktion von Geschlechterverhältnissen verweisen soll, »eine nicht-natürliche, damit also post-essentialistische Fassung von Geschlecht (und Sexualität)«4 zu sein. Mit anderen Worten: Gender und sex werden nicht als relationale Größe verstanden, sondern vielmehr als sich ausschließende Konstanten, die in Konkurrenz zueinanderstehen: Übergeordnetes Ziel von Gender soll, so die Logik des gegenwärtigen Antifeminismus, ein geschlechtsloser Mensch sein.5 Wer sich auch nur ein wenig mit den Begrifflichkeiten auseinandersetzt, dem sollte bewusst sein, dass derartige Forderungen nicht auf der Agenda der akademischen Gender Studies zu finden sind. Dennoch können sich solche Behauptung im Diskurs verankern, da »der Gender-Begriff das Apriori einer gegebenen, unveränderlichen und naturhaften Essenz der Geschlechterdifferenz«6 hinterfragt und somit grundlegend verunsichert.
Gegenwärtig findet sich die Vorstellung von Gender als Genderideologie in den Parteiprogrammen populistischer Parteien Europas wie auch in der sogenannten Alt-Right-Bewegung in den USA.7 Einen neuen Höhepunkt konnten diese Ansichten unter anderem durch christlich-fundamentale Gruppen erlangen.
Im Folgenden will ich dem facettenreichen Netzwerk des Antigenderismus genauer nachgehen und den wechselseitigen Zusammenhang zwischen Antifeminismus und Religion aufzeigen.
1 Von Antifeminismus zu Antigenderismus
Antifeminismus gilt als eine, auf »[…] konkrete historische Prozesse der Emanzipation reagierende weltanschauliche Bewegung, der es um die Gegnerschaft zu […] Prozessen der gesellschaftspolitischen Liberalisierung und Entnormierung von Geschlechterverhältnissen geht sowie um die Aufrechterhaltung heteronormativer Herrschaftsverhältnisse«.8 Antifeminismus vertritt somit konservative Ansichten zu Geschlechterrollen und determiniert diese zumeist biologisch.9
Gegenwärtig lassen sich Veränderungen innerhalb des Antifeminismus ablesen: So thematisierte der Antifeminismus in den 1990ern bis zu Beginn der 2000er vor allem Männer, konkret unter anderem Männerdiskriminierungen oder auch die Verfestigung männlicher Herrschaft. Seit den 2010ern steht nun die Kleinfamilie – Vater, Mutter, Kind(er) – im Zentrum. Der Soziologe Sebastian Scheele spricht diesbezüglich von einer diskursiven Verschiebung von einem männerzentrierten zu einem familienzentrierten Antifeminismus. Hierbei wechseln auch die zentralen Themen vom Geschlechterkampf zu Frühsexualisierung.10 Antigenderismus stellt – im historischen Prozess betrachtet – die gegenwärtige Form des Antifeminismus dar und inkludiert somit antifeministische und misogyne Argumentationen.11
In einigen Teilen Europas, so unter anderem Deutschland, Frankreich, aber auch in den USA wird Antigenderismus vor allem aus drei Spektren heraus betrieben: Erstens aus der Männerrechtsbewegung, die sich maßgeblich virtuell organisiert. Zweitens aus fundamental-christlichen Kreisen, wie auch drittens aus dem Rechtspopulismus und dem rechtsextremen Spektrum.12
Die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer benennt insgesamt sechs Argumentationsmuster, die der Antigenderismus nutzt und die ihm Erfolg versprechen. Erstens die Argumentation einer natürlichen Zweigeschlechtlichkeit, die zu traditionellen Männer- und Frauenbildern führt und folglich geschlechtsspezifische Arbeitsteilung legitimiert.13 Interessant ist hierbei, dass dennoch tendenziell Frauen und Männern gleiche Rechte zugesprochen werden. Die Soziologinnen Sabine Hark und Paula-Irene Villa bezeichnen diesen Umstand als »historisches Novum«, da eben nicht gegen Feminismus mobilisiert wird, sondern »gegen ein akademisches Konzept […]: Gender«.14 Zweitens den Schutz der heterosexuellen Kleinfamilie, die als Keimzelle des Staates verstanden wird und mit christlich-konservativen Werten aufgeladen ist. Diese Sichtweise auf Familie ist nicht nur homophob, rassistisch und nationalistisch – sie ist zudem auch aus postkolonialer Sicht zu kritisieren, wie die südafrikanische Soziologin Haley McEwen herausstellt:
[T]he antigender notion that the »natural family« is timeless and universal is a form of epistemicide that denies and erases diverse kinship structure, gender and sexuality identities that existed in precolonial indigenous societies, and which continue to exist around the world.15
Drittens werden diese beiden erstgenannten Argumente durch die Rhetorik des Kindeswohls verstärkt. An der Figur des Kindes werden Themen wie Elternrecht und Sexualerziehung in öffentlichen (Bildungs-)Einrichtungen mitverhandelt. Viertens die Vorstellung, dass Gender als Genderideologie wirken würde und so die Umwelt der Bürger_innen komplett umgestalten wolle. Fünftens verknüpft sich die Kategorie Religion mit Antigenderismus mit Rückgriff auf die Kategorie Ethnie, indem ein kolonialistisches Bild eines emanzipierten Okzidents dem rückschrittlichen, intoleranten Orient gegenübergestellt wird. Sechstens ein Anti-Intellektualismus: Der Antigenderismus adressiert hier Gleichstellungspolitiker_innen und Professor_innen, deren Denomination Gender umfasst.16 Hierbei wird der akademischen Disziplin der Gender Studies eine erhebliche Machtposition zugesprochen und gleichzeitig Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen.17 Mit diesem offenen Konzept kann der Antigenderismus weitestgehend milieuübergreifend wirken.18 Auffallend ist, dass Antigenderismus besonders Zuspruch aus dem bürgerlich-christlichen Milieu erhält. Dies verweist bereits auf die enge Verzahnung von Antigenderismus und Religion.19 Zudem inszeniert sich Antigenderismus als junge Bewegung unter anderem, indem sie ihre religiösen Bezüge zu verschleiern versucht: »In most cases, the movement tries to hide its religious connections and create a secularising selfimage that cannot be reduced to previous forms of conservative resistance against gender equality and sexual rights.«20
Antigenderismus als Form des Antifeminismus ist somit keine »in sich geschlossene Ideologie, sondern ein ideologisches Versatzstück unterschiedlicher Akteure mit jeweils eigenen weltanschaulichen Verhaftungen«.21 Mit der Politikwissenschaftlerin Elizabeth S. Corredor verstehe ich Antigenderismus als soziale Gegenbewegung. Antigenderismus befindet sich gegenwärtig in einem Aushandlungsprozess zum Feminismus und zur Geschlechterforschung. Diese Sichtweise ermöglicht es, die antifeministische und antigenderistische Bewegung als »global phenomena« zu verstehen, »that exceed generalized resistance and […] involve coordinated, well-organized, and well-resourced actors whose interests are to preserve traditional values of gender, sex, and sexuality«.22
2 Antigenderismus/Antifeminismus im Internet
In der Betrachtung von Antigenderismus und Antifeminismus kommt dem Internet eine Schlüsselfunktion zu: Das Internet bietet den virtuellen Raum des Austauschs und dient der Vernetzung.23 Diese Verknüpfung lässt sich über die Entwicklung einer Netzöffentlichkeit erklären, die die Veränderung von Journalismus und Politik ermöglichte. Diese Form sollte zunächst zu einer höheren Sichtbarkeit und Hörbarkeit von marginalen Stimmen führen und folglich mehr Gleichberechtigung bedingen. Seit 2013/2014 ist eine Verrohung der Kommunikation unter dem Deckmantel der (Teil-)Anonymität im digitalen Raum abzulesen: hierzu zählen Shitstorms, Hatespeech und Cybermobbing. Personen, die online offen über Feminismus und Geschlechterverhältnisse sprechen, sind dabei besonders stark von einer »›Enthemmtheit‹ der Diskussionskultur«24 betroffen. Die Verstärkung dieses Phänomens wird mit dem sogenannten Echokammer-Effekt beschrieben – indem sich Menschen mit Gleichgesinnten in ihrer Filter-Bubble umgeben, die ihre Meinung teilen und wiedergeben, können sich »Positionen zuspitzen, radikalisieren und gegen andere Positionen abschotten«.25
Sichtbar wird die Bedeutung der internetbasierten Vernetzung beispielsweise daran, dass viele antigenderistische Offline-Aktionen wie Demonstrationen weitgehend unbekannt sind, aber dennoch eine virtuelle »milieuübergreifende Vernetzung verschiedener Personenkreise und Gruppierungen, die zuvor keine Berührung miteinander gesucht hatten«26 stattfand. Das Internet nimmt somit eine zentrale Vergemeinschaftungsfunktion ein.27
2.1 #MeToo, feministische Vernetzung und Empowerment
Die Sichtbarkeit feministischer Themen ist durch das Eindringen in die digitale Öffentlichkeit ebenfalls stark erhöht worden. Hashtags wie #aufschrei, #MeToo und #TimesUp haben den Diskurs um sexualisierte Gewalt, Objektivierung und Sexismus befeuert und sichtbar gemacht. Auch diente das Internet als Möglichkeit der Vernetzung und konnte betroffene Personen empowern, indem ihre Sprachlosigkeit durchbrochen wurde und (virtuelle) Gemeinschaft entstand.28 Die Hashtags machten sichtbar, was in den Gender Studies und Sozialwissenschaften bereits wissenschaftlicher Konsens war – Millionen Frauen hatten Erfahrungen mit Sexismus in unterschiedlicher Stärke gemacht.29
Das soziale Netzwerk Twitter ermöglicht durch das Einbinden von Hashtags ein einfaches Instrument zur Netzwerkbildung und zum Erreichen einer breiteren Öffentlichkeit. Dies gelang 2013 beispielsweise mit dem #aufschrei, der Alltagssexismus thematisierte und von der Feministin Anne Wizorek ins Leben gerufen wurde. Andere Beispiele sind u.a. #whyIstayed und #whyIleft, die sich mit häuslicher Gewalt auseinandersetzten. Das Erfolgskonzept der Hashtags liegt hier einerseits in der Teilanonymität von Twitter (virtuelle Kommunikation, nur teilweise Klarnamen) und anderseits in dem Kreieren eines Safespace, der durch gegenseitige Bestätigung entsteht und so Ohnmachtsgefühle überwinden kann.30
Ein anderes Ausmaß nahm die Sichtbarkeit des Hashtags #MeToo an, der innerhalb kürzester Zeit zu einer eigenen Bewegung wurde. Schlüsselfiguren sind hier die Menschenrechtsaktivistin Tarana Burke – die erstmals den Ausdruck MeToo (hier noch offline) nutze, um auf sexualisierte Gewalt aufmerksam zu machen, wie auch die Schauspielerin Ashley Judd, die 2018 eine Klage wegen sexueller Belästigung und den damit verbundenen negativen Folgen für ihre Karriere gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein erhob und zudem zu einer der ersten gehörte, die ihn öffentlich der sexuellen Belästigung beschuldigte. Eine weitere Schlüsselfigur ist die Schauspielerin Alyssa Milano, die 2017 den Hashtag #MeToo startete. #MeToo wurde zur Bewegung, in andere Sprachen übersetzt und schuf ein transnationales feministisches Netzwerk. Als Reaktion auf #MeToo trugen viele Schauspieler_innen auf den Golden Globes 2018 schwarze Kleidung und kamen in Begleitung eines_einer Aktivist_in. Zudem wurde der Hashtag #TimesUp gegründet, der Taten nach #MeToo fordert: TimesUp gilt als Bewegung aus #MeToo und hat beispielsweise 22 Millionen Dollar zur Unterstützung von Frauen, die sexuell belästigt wurden, gesammelt.31
Die Soziologin Ilse Lenz spricht #MeToo ein produktives Potenzial zu, das neue Impulse setzt, ist doch die Kernaussage: »Frauen [wollen] selbst ihren Körper und ihre Sexualität bestimmen […]: Sie wollen Erotik, Flirts und Sexualität leben und von sich aus gestalten und nicht mehr als Objekt von Gewalt und Belästigung dienen.«32 Die Debatte, die #MeToo nach sich zog, verhandelt zentral die Themen Fremdbestimmung und (erwünschte) Sexualität wie auch gegenseitige Solidarisierung. Kritiker_innen der Bewegung problematisierten Täter_innenpersonalisierung und bezeichnen #MeToo als Ausdruck von Männerhass. Aufgefangen wurde dies u. a. durch Männer, die #MeToo ebenfalls nutzten, und durch die Kampagne #Him-Tough, die männlichen Aktivismus gegen sexuelle Gewalt sichtbar machte. Zudem wurde Aktivistinnen (hier spezifisch weiblich) von #MeToo vorgeworfen, sie seien lediglich prüde – der Prüderievorwurf ist ein wiederkehrendes Motiv im Kontext antifeministischer Gegenrede.33 #MeToo macht die Verwobenheit verschiedener Diskurse öffentlich. So formuliert Paula-Irene Villa: »Wir haben es […] unter der Chiffre #metoo mit einer allgegenwärtigen Struktur zu tun, die sich gleichwohl sehr heterogen, graduell und vor allem höchst kontextspezifisch realisiert.«34 Zentral für den Erfolg von #MeToo ist jedoch die Prominenz der beteiligten Personen, die ihre Öffentlichkeit für den Diskurs nutzen konnten.
#MeToo ist ein eindringliches Beispiel für feministische Netzwerke und deren Wirkmächtigkeit, visualisiert der Hashtag doch die erschlagende Menge an Erfahrungen sexueller Gewalt von Frauen und ordnet sie strukturell ein. Dass der Hashtag so ein Potenzial entwickeln konnte, führt die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Dietze auch auf die Präsidentschaft von Donald Trump zurück, die zu einer »Renaissance des Frauenrechts-Aktivismus geführt«35 hat.
2.2 Von der Mannosphäre zu Incels
Die politische Lage in den USA während der Präsidentschaft von Donald Trump verstärkt also auf der einen Seite feministischen Aktionismus; auf der anderen Seite steht die Alt-Right-Bewegung, die mittels rechtspopulistischer Strategien an Aufmerksamkeit gewinnt. Mit der Idee der White Supremacy – die Vormachtstellung des Weißen Mannes – inkludiert diese Bewegung Islamfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus. Ihre Präsenz und Vernetzung findet meist online statt – von dort aus gelangt sie als Konzept zu unterschiedlichen Gruppierungen.36
Die sogenannte Manosphere oder Mannosphäre bezeichnet ein Netzwerk von Männerrechtsaktivisten (explizit männlich), deren Spektrum von gemäßigt bis zu radikal reicht.37 Einend ist die Thematisierung von Männlichkeit, meist auch im Verhältnis zu Weiblichkeit: Nicht ausreichende oder verweiblichte Männlichkeit wird bloßgestellt, angeprangert und für gesellschaftliche Missverhältnisse verantwortlich gemacht. Hier offenbart sich ein Bild toxischer Männlichkeit, die eine aktive, aggressive, omnipotente Männlichkeit priorisiert.38 Mittels dieser Argumentationsmuster werden auch Antifeminismus und Antigenderismus zentrale Motive: Feminismus sei verantwortlich für gesellschaftliche Missstände, Frauen verhielten sich nicht mehr so, wie sie es biologisch eigentlich tun sollten, folglich gehorchten sie Männern nicht und seien unabhängig, dies führe zu einer abnehmenden Präsenz von hegemonialer Männlichkeit.39 Die Konfliktforscherin Shannon Zimmermann, die Juristin und Kommunikationswissenschaftlerin Luisa Ryan und der Internationalisierungsforscher David Duriesmith formulieren diesen Umstand für die Bewegung der Incels – involuntarily celibate (»unfreiwillig zölibatär«) – treffend: »Incel ideology is predicated on the notion that feminism has ruined society, therefore there is a need of a ›gender revolt‹ in order to reclaim a particular type of manhood on both male and white superiority.«40 Weiter halten sie fest: »Incels believe […] by defending women’s bodily autonomy, feminism has upset the natural order which organizes society around monogamous heterosexual couplings.«41
Historische und gegenwärtige (radikalere) Männerrechtsnetzwerke sind »geprägt von verunsicherten Männern«,42 die versuchen, den »Einbruch in die Exklusivität«43 des Weißen Mannes aufzufangen: Diese Netzwerke können als Strategien der Ermächtigung gelesen werden, die versuchen, dem (tatsächlichen oder drohenden) Machtverlust entgegenzuwirken.44 Diese Bewegung befindet sich noch in der Formierungsphase – ein fester Bestandteil und ein identitätsstiftendes Argumentationsmuster ist, dass der Feminismus als monolithisch und mächtig imaginiert wird, der Männer in eine Opferrolle drängt und so traditionelle Geschlechterbilder zerstört hat.45 Ich möchte an dieser Stelle jedoch betonten, dass sich innerhalb dieses Netzwerks auch Aktivist_innen bewegen, die sich mit realen Themen wie männlichen Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen, Selbstmord oder Vaterschaftsrechten auseinandersetzen.46 Dennoch bietet dieses Netzwerk in Form einer Echokammer gerade radikaleren Positionen die Möglichkeit, weitestgehend anonym zu existieren und sich weiter zu verstärken.
Ein stehender Ausdruck im Kontext der Mannosphäre ist being red pilled – eine Anspielung auf den Film THE MATRIX (The Wachowskis, US 1999), der das Erwachen aus einer Illusion – der Feminismus ist schuld am Untergang der Welt – bezeichnet. Das Reddit47 Subforum Red Pill gilt als ein tragender Pfeiler innerhalb der Mannosphäre und ist zudem als besonders radikal anzusehen. In diesem Netzwerk haben sich unterschiedliche Gruppen entwickeln können: so beispielsweise die MGTOW – Men going their own way, die stufenbasiert organisiert sind, oder die Proud Boys, die das Ablehnen männlicher Masturbation in das Zentrum ihrer Motivation stellen. Die erfolgreiche Bewegung Incels spricht vor allem das Single-Milieu an.48 Ein prominenter Vertreter ist beispielsweise der Incel Hero Elliot Rodger, der 2014 in Santa Barbara sechs Menschen tötete und dessen Manuskript My Twisted World ein Referenzwerk in der Incel-Community wurde. Incels empfinden sich als unzureichende Männer, die aufgrund unterschiedlicher Selbstzuschreibungen – hässlich, dumm, kein Selbstwertgefühl – meist zu einem Leben als männliche Jungfrauen verdammt seien.49 Dieses Empfinden kanalisieren sie in einem Hass auf die konstruierten Gruppen der Stacys – hübsche, junge Frauen – und der Chads – attraktive Männer.50 Gemein ist der Bewegung ein Antifeminismus, der sich unter anderem in misogyner Sprache ausdrückt.
Die Gruppe der Incels kann als Interaktionskette zur Verfestigung misogyner Traditionen verstanden werden. Das Internet übernimmt hier – ähnlich wie häufig auch Religion – eine vergemeinschaftende Funktion, sodass eine (virtuelle) Gemeinschaft der Incels entsteht, die gemeinsame Normen und Wertvorstellungen formuliert und teilt. Letzteres gelingt spezifisch durch die Imagination eines Feindbilds – einer Outgroup – dem Feminismus und den Frauen.
Wenn sich dieser Hass manifestiert, kann er sogar zu Gewalt führen. Ein ausdruckstarkes Beispiel hierfür sind Amokläufe: Diese stellen im Kontext der Betrachtung fragiler Männlichkeit die Möglichkeit »to demonstrate themselves as powerful and superior for committing an act of dominance against others who they viewed as inferior«.51 Erfahrene Frustration und der Zugang zu potenziell tödlichen Waffen ermöglichen so die Ausbildung gewaltvoller Männlichkeit, der systematischer Frauenhass zugrunde liegt. Gegenwärtig häufen sich Anschläge, die offen Misogynie und Antifeminismus als Tatmotiv artikulieren. Ein einschneidendes Erlebnis in diesem Kontext ist der Anschlag von Anders Behring Breivik auf der Insel Utøya am 22.07.2011, bei dem insgesamt 77 Menschen zu Tode kamen. In seinem Manifest benennt er neben dem Feminismus besonders den Verschwörungsmythos der Umvolkung, demnach es in Europa zu einer Islamisierung kommen würde, herbeigeführt durch liberale Migrations- und Integrationspolitik. Der gegenwärtige aktuellste Anschlag in dieser Tradition ereignete sich am 19.02.2020 in Hanau. Der islamfeindliche Amoklauf von Tobias Rathjen forderte zehn Menschenleben. Der Mörder benennt in seinem Pamphlet eine geheime Organisation, die ihn an einem erfüllten (sexuellen) Leben hindere. Er stellt sich zudem selbst in Verbindung zu Anders Breivik.
Antifeminismus fungiert innerhalb dieser Gewalttaten als zentrales Tatmotiv, das zudem medial verbreitet wird. Als Rechtfertigung dient er als Kitt zwischen verschiedenen Ideologien wie Rassismus, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus: Aufgrund der Emanzipation würden die Geburtenraten sinken – einem demografischen Wandel könne nur durch eine Zuwanderung entgegengewirkt werden. Diese Verschwörungsidee inkludiert das stereotype Bild der Muslimin als gefährliche Gebärmaschine. Diese Vorstellung des mächtigen Feminismus und somit die Verankerung in Verschwörungsideologien wird gegenwärtig im Kontext von Antigenderismus als Genderideologie bezeichnet.52
3 Intersektionen von Religion, Gender und Race
Antigenderismus wendet sich aber nicht nur gegen spezifische Religionen, seine Vernetzung zu Religion ist vielfältiger: Auch die Ursprünge des Antigenderismus sind »religiös«. Der Begriff konnte sich vor allem durch das Wirken des konservativen Teils der römisch-katholischen Kirche und des Vatikans verbreiten. Die feministische Wissenschaftlerin Elżbieta Korolczuk fasst diese Verbindung treffend zusammen: »The development of anti-genderism has been driven mainly by the Vatican and informed by the Roman Catholic Church’s key theological invention: the theory of the complementarity of the sexes.«53 Neben dem biologisch-theologischen Argument der natürlichen Geschlechterordnung wird Antigenderismus zudem zentral in die römisch-katholische Propaganda um Sexualisierung, Abtreibung und LGBTQIA+ Menschen eingebettet.54 Auf evangelischer Seite findet sich keine eindeutige Parteiergreifung: Auf der einen Seite werden Konzepte wie die Ehe für Alle befürwortet und als generelles Plädoyer für die Eheschließung gedeutet, auf der anderen Seite wird durch das Erstarken konservativer-fundamentaler Positionen innerhalb der Amtskirche auch starke Kritik an liberalen Forderungen geübt.55 Ein zentrales Argumentationsmuster ist hier die wirksame Parole Denkt an die Kinder, die die Diskurse Familienpolitik, Frühsexualisierung, Homosexualität und Pädophilie miteinander verschränkt.56 Hierbei findet, gemäß der Kulturwissenschaftlerin Katrin M. Kämpf, eine Gleichsetzung zwischen Homosexualität und Pädophilie statt. Gender ermögliche so erst Pädophilie wie auch sexualisierte Gewalt, und Sexualwissenschaft und -pädagogik seien Teil einer pädophilen Verschwörung. Pädophilie fungiert hiermit als Vehikel zur Verhandlung von Antigenderismus, das gerade von der evangelikal-geprägten Bewegung der Besorgten Eltern aufgenommen und verbreitet wird.57 Interessant ist, dass bei dieser Ausrichtung auf Familienbildung und »natürliche« Kleinfamilien die Frau nicht komplett abgewertet werden kann: Die Frau fungiert als Symbol für Reproduktion und dient als Sinnbild heterosexuellen Begehrens – eine Waffe gegen Homosexualität.58
Ein Beispiel für die politische Implementierung von Antigenderismus findet sich gegenwärtig in Polen. Die »katholische Anthropologie der Komplementarität der Geschlechter« wird hinterfragt, was im römisch-katholisch geprägten Polen eine Bedrohung bestehender Machtverhältnisse bedeutet.59 Zudem wird Gender hier als Genderideologie mit dem Kommunismus gleichgesetzt. So spricht Marek Jedraszewski, Erzbischof von Krakau, beispielsweise – in Anlehnung an die Metapher der roten Pest als Bild für den Kommunismus – von der Regenbogenpest. Antidiskriminierungseinrichtungen werden gegenwärtig teilweise geschlossen, und in Polen werden zum Teil sogenannte LGBT-freie Zonen eingerichtet. Ganze Ortschaften können sich als solche Zonen kennzeichnen – mit dieser strukturellen Diskriminierung geht die Verteidigung der angeblich natürlichen Familienstruktur wie auch das Ablehnen von Sexualkunde einher.60
Zudem wird Genderideologie in Verbindung zur islamischen Religion gestellt.61 Gerade islamfeindliche Gruppierungen bedienen sich des Antigenderismus: »Rechtsextemer Anti-Genderismus und antimuslimischer Rassismus erweisen sich als zwei Seiten der ideologischen Medaille.«62 In der Verschwörungsideologie der Umvolkung und der Verknüpfung mit der Idee zu niedriger Geburtenraten, die auf Feminismus zurückgeführt werden, verschränken sich diese Denkweisen. Damit weist der Antigenderismus ein weiteres zentrales populistisches Element auf: die Ablehnung sozialer Mobilität.
Verstärkt wird das Konzept der Genderideologie durch islamfeindliche Einstellungen innerhalb der feministischen Bewegung. Seit der Kölner Silvesternacht 2015/2016 häufen sich Stimmen islamfeindlicher Feminist_innen, die kulturrassistische essenzialistische Aussagen über neu-zugewanderte Männer propagieren – eine der bekanntesten Vertreter_innen ist beispielsweise Alice Schwarzer, die über ihre Zeitschrift Emma derartige Meinungen verbreitet.63 Eingebettet sind diese Aussagen in einem fremdenfeindlichen Sicherheitsdiskurs, in dem Religion, Gewalt und Geschlecht intersektional agieren. Hierbei wird die eigene Identität über »Selbstaffirmierung und Veränderung«64 aufgewertet, jedoch auf Kosten einer Stereotypisierung Neu-Zugewanderter. Männliche Muslime werden dabei als Gefahr für Frauen und für die Öffentlichkeit wahrgenommen: Sie werden so als nicht kompatibel mit einer demokratischen Gesellschaft stereotypisiert.65 Diese argumentative Figur wird gerade von Rechtspopulist_innen aufgegriffen: Hierbei wird eine vermeintliche Progressivität von Gender und Gleichstellung betrieben, jedoch dient diese nur der Überführung des antagonistisch-konstruierten, frauenunterdrückenden Orients. Gleichstellung und Geschlechterfragen fungieren somit als Grenzziehung zwischen dem konstruierten Wir (Okzident) und dem Anderen (Orient).66 Somit werden »Geschlechterdiskurse […] als Terrain von kulturalisierten Rassendiskursen erkennbar«;67 ein strategisches Mittel, das auch als Femonatiolismus beschrieben wird.68
Antifeminismus steht also an der Schnittstelle zu Islamfeindlichkeit wie auch zu Antisemitismus: Der verbindende Punkt liegt hierbei besonders in den Verschwörungsideologien, in denen der Feminismus als Grund für den Untergang gesellschaftlicher Struktur angeführt wird.69 Hier wird der Feminismus als Konstrukt auch in die jüdische Weltverschwörung eingebettet – argumentiert wird, dass die feministische Bewegung erst durch das Einwirken mächtiger Drahtzieher_innen (unter anderem die Familie Rothschild) entstanden sei und so die Weichen für eine Islamisierung Europas gestellt wurden.70
Diese scheinbar problemlose Integration der unterschiedlichen Ideologien fasst die Soziologin Karin Stögner mit einer intersektionalen Betrachtung von Ideologien zusammen: »Intersektionalität von Ideologien heißt […], dass unterschiedliche Ideologien gesellschaftlich ähnliche Funktionen erfüllen und sich deshalb zu einem gewissen Grad gegenseitig vertreten können. Es heißt aber auch, dass diese Ideologien ineinander greifen, dass Momente der einen die andere durchdringen und mitkonstituieren.«71 Antisemitismus und Antifeminismus können beispielsweise verdeckt ineinanderwirken, beziehen sich aber in ihrer Argumentation oder in ihrer Historie zentral aufeinander. Diese Anschlussfähigkeit führt zurück zu Gender, das als Bedrohung von Identität verstanden wird und einen offenen Bedrohungsdiskurs eröffnet, der verschiedene Diskriminierungen und Ideologien inkludieren kann.72
4 Antifeminismus als Vermittler von konservativen religiösen Normen
Wie gesehen, ist Antifeminismus zentral religiös verankert, was unter anderem aufgezeigt wurde durch seine Nähe zu Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und sein Wirken in konservativen Teilen christlicher Traditionen. Als populistisches Element dient er als Kitt zwischen unterschiedlichen Bewegungen und bildet dabei die Basis für religiös legitimierte konservative Weltsichten. Antifeminismus geht Hand in Hand mit konservativen Religionsauslegungen, die gesättigt sind mit antiquierten Frauenbildern, Normvorstellungen und männlichen Vorherrschaftsvorstellungen. Der Mann, nicht der Mensch, soll sich die Erde untertan machen – das dominium terrae wird um eine spezifisch geschlechtliche Perspektive erweitert. Das antifeministische System beruht somit auf einem religiös verankerten Modell von Unreinheit und Reinheit, denn gerade in fundamentalistischen Bewegungen wird eine Verschränkung von »religiöser Ordnung, sozialer Ordnung und Geschlechterverhältnis«73 vermittelt. Antifeminismus ist ein verbindendes Kernelement fundamentalistischer Bewegungen, das einerseits mit anderen Formen der Ausgrenzung (Antisemitismus, Rassismus) einhergeht und andererseits selbst Praktiken der Ausgrenzung etabliert. Die Zuweisung von Frauen in die private Sphäre auf Basis ihrer biologischen Verfasstheit bedingt Geschlechtsstereotype. Hier verschränken sich somit Moralvorstellungen mit religiösen Inhalten: die Frau ist entweder Heilige oder Hure, Maria oder Eva. Übertragen auf den Antifeminismus ist die Frau entweder gefügig und willig, denn sexuelle Erfüllung ist für den antifeministischen Aktivisten oft elementares Ziel, oder sie ist eine Feministin. Durch die Präsenz antifeministischer Inhalte im Internet und in diversen Medien (Memes, Pamphlete, Musik) wird Antifeminismus verbreitet, vermittelt und internalisiert, sodass konservative religiöse Normen wiederaufleben und neu implementieren werden.
Antifeminismus ist als Begriff und als Bewegung also dehnbar. Aufgrund seiner Flexibilität ist er anknüpfungsfähig an populistisch Bewegungen und religiöse Gruppen mit fundamentalistischen Tendenzen.74 Eingebettet in religiöse Systeme dient er der Vermittlung konservativer religiöser Normen und fügt diese als ordnendes Element in die soziale Ordnung ein. Damit fungiert Antifeminismus als Motor für konservative Geschlechtermodelle, die mit religiösen Moralvorstellungen angereichert, als Leitbild in religiösen Systemen vermittelt und gelebt werden.
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1 Vgl. Gill (2018), 14; von Braun (2017), 7.
2 Nagle (2018), 109.
3 Vgl. Korolczuk (2016), 294.
4 Hark/Villa (2015a), 7.
5 Vgl. Mayer/Ajanovic/Sauer (2018), 40; Sauer (2019), 341.
6 Hark/Villa (2015a), 8.
7 Vgl. von Braun (2017), 5.
8 Lang/Fritzsche (2018), 340.
9 Vgl. Ging (2019), 639.
10 Vgl. Scheele (2016), 5–6.
11 Weitere Begrifflichkeiten, die im Kontext von Antigenderismus und Antifeminismus auftreten, sind beispielsweise Genderterror, Gendergaga und Genderwahnsinn.
12 Vgl. Strube (2019), 26.
13 Vgl. Sauer (2019), 344.
14 Hark/Villa (2015b), 26.
15 McEwen (2020), 17.
16 Vgl. Sauer (2019), 344–345. Hierbei werden die Zahlen von real existierenden Professuren maßlos übertrieben vgl. Hark/Villa (2015b), 21.
17 Scheele stellt auf Basis der Interdisziplinarität der Gender Studies heraus, dass diese Disziplin über eine besonders hohe Selbstreflexion verfügt. Vgl. Scheele (2014), 44–45.
18 Vgl. Sauer (2019), 346; Henninger (2019), 138.
19 Vgl. Strube (2019), 27–29.
20 Kuhar/Zobec (2017), 36.
21 Lang/Peters (2018), 17–18.
22 Corredor (2019), 630.
23 Vgl. Ging (2019), 638.
24 Ganz/Meßmer (2015), 60.
25 Ganz/Meßmer (2015), 60.
26 Strube (2019), 36.
27 Vgl. Jaki/de Smedt/Gwódźdź/Rudresh/Rossa/de Pauw (2019), 242.
28 Vgl. Drüeke (2017), 137–139.
29 Vgl. Scaptura/Boyle (2019), 1; Mason-Bish/Zempi (2019), 540–556; Gill (2018), 19.
30 Vgl. Lenz (2018), 27; Dietze (2019), 94.
31 Vgl. Lenz (2018), 27.
32 Lenz (2018), 27.
33 Vgl. Lenz (2018), 27.
34 Villa (2018), 82.
35 Dietze (2019), 95.
36 Vgl. Nagle (2018), 107.
37 Vgl. Ging (2019), 639.
38 Vgl. Ging (2019), 640.
39 Der Begriff hegemoniale Männlichkeit bezieht sich auf die Theorie der australischen Soziologin Raewyn Connell. Sie stellt heraus, dass männliche Herrschaft (hegemoniale Männlichkeit) durch eine Marginalisierung von Frauen, angeblich weiblicher (besonders homosexueller) Männer (marginalisierte Männlichkeit) und eine Unterordnung von Männlichkeiten anderer Klassen und Ethnien (untergeordnete Männlichkeit) hergestellt wird. Auch wenn nur ein kleiner Teil der Männer die Hegemonie bildet, profitiert doch ein Großteil der Männer (komplizenhafte Männlichkeit) vom Patriarchat (patriarchale Dividende). Vgl. Connell (2015), 119–134; Dietze (2019), 70.
40 Zimmermann/Ryan/Duriesmith (2018), 1.
41 Zimmermann/Ryan/Duriesmith (2018), 1.
42 Gesterkamp (2018), 34.
43 Dietze (2019), 60.
44 Vgl. Dietze (2019), 60.
45 Vgl. Ganz/Meßmer (2015), 63.
46 Vgl. Nagle (2018), 105.
47 Reddit ist ein forenbasiertes soziales Netzwerk, das in sogenannten Subreddits unterschiedliche Themenfelder beinhaltet, in denen Beiträge verfasst werden können. Hierbei können Beiträge über eine Feedback-Funktion kommentiert und kritisiert werden. Zudem kann eine positive oder negative Wertung abgegeben werden.
48 Vgl. Nagle (2018), 114–118.
49 Vgl. Jaki/de Smedt/Gwódźdź/Rudresh/Rossa/de Pauw (2019), 254–256.
50 Vgl. Zimmermann/Ryan/Duriesmith (2018), 1.
51 Scaptura/Boyle (2019), 5.
52 Vgl. Nagle (2018), 105–109.
53 Korolczuk (2016), 293.
54 Vgl. Paternotte (2015), 142–143.
55 Vgl. Thiessen (2015), 149.
56 Vgl. Schmincke (2015), 93–94.
57 Vgl. Kämpf (2015), 109–118.
58 Vgl. Dietze (2019), 72.
59 Staśkiewicz (2018), 170.
60 Vgl. Korolczuk (2020).
61 Vgl. Mayer/Ajanovic/Sauer (2018), 54.
62 Strube (2019), 31.
63 Vgl. von Braun (2017), 8.
64 Hark/Villa (2017), 84.
65 Vgl. Hark/Villa (2017), 78–85.
66 Vgl. Dietze (2015), 125–126; Hark/Villa (2017), 87.
67 Stögner (2017a), 159.
68 Vgl. Farris (2017), 4.
69 Vgl. Nagle (2018), 105–109; Henninger (2019), 138.
70 Vgl. Fedders (2018), 221.
71 Stögner (2017b), 41.
72 Vgl. Sauer (2019), 348.
73 Wohlrab-Sahr/Rosenstock (2010), 380.
74 Vgl. Zamfir (2018).
Rosalind Janssen
Genderarchäologie
Ihre Höhen und Tiefen1
Die Archäologie bietet einen Gegenpol zu den dokumentarischen und ikonographischen Aufzeichnungen einer rein männlichen Elite, indem sie Licht auf die schweigenden Massen – Frauen, Kinder, Fremde, die Nicht-Elite und Personen im Status von Bediensteten – werfen kann.2
1 Einleitung
Wie von den Genderarchäologinnen Lynn Meskell und Rosemary Joyce im obenstehenden Zitat gelobt, wird dieser Teilbereich der Archäologie für seinen Einfallsreichtum wertgeschätzt: Er stellt die patriarchale Ideologie infrage und gibt den Stimmlosen eine Stimme. Sein Vorteil ist, dass er nicht der »verflochtenen städtischen und männlichen Befangenheit«3 zum Opfer fällt, die Carol Myers kürzlich für die Mainstream-Archäologie identifiziert hat. In der Tat definieren Meskell und Joyce die Eigenheit der Genderarchäologie als eine Fähigkeit, »subversivere Tendenzen anzudeuten, die sich explizit der Hegemonie der textuellen Aufzeichnung entgegensetzen«.4 Nichtsdestotrotz nimmt der vorliegende Artikel eine differenziertere Haltung ein. Er bietet einen zentralen reflektierenden Abschnitt über die Wichtigkeit der Genderarchäologie für die Erforschung der religiösen Aktivitäten von Frauen im eisenzeitlichen Israel und die Bedeutung der Genderarchäologie für die Erforschung der Materialität dieser Religion. Im Folgenden werden Vorschläge gemacht, wie eine zukünftige Verknüpfung von Genderarchäologie und Religion bei der Beantwortung zweier großer Fragen helfen kann. Dies führt zu drei kurzen Fallstudien in Bezug auf die Religion des alten Israel, die gleichzeitig die potenziellen Schwierigkeiten der Genderarchäologie untersuchen und erklären, warum ihre Ergebnisse oft nicht schlüssig sind.
2 Genderarchäologie definieren
Das Ziel der Genderarchäologie ist »die Untersuchung der Rolle und der Bedeutungen von Gender in der Vergangenheit«.5 Das Endergebnis fassen Uroš Matić und Bo Jensen so zusammen, dass sie sich »ungeprüften androzentrischen Glaubensvorstellungen und Gendermythologien stellen und dafür Argumente und Beweise fordern«.6
Als solche stützt sich die Genderarchäologie auf drei theoretische Argumente. Das erste ist, dass sich Gender vom biologischen Geschlecht unterscheidet, weil es eine soziale Konstruktion ist.7 Zweitens wird Gender zunehmend auf seine Formung und Erfahrung als ein sozialer Prozess des »Gemacht- und Neuwerdens«8 hin untersucht und nicht als eine Art Endprodukt verstanden. Drittens wird Gender sowohl als Ideologie als auch als Praxis anerkannt. Während Ersteres Geschlechtersymbole und -rituale umfasst, geht es bei Letzterem um die Untersuchung der Frage, wie Frauen und Männer und zunehmend auch andere Geschlechter »in der archäologischen Aufzeichnung artikuliert werden«.9
3 Genderarchäologie historisieren
Wie im Falle der feministischen Bibelkritik entstand die Genderarchäologie aus der feministischen Bekämpfung des Patriarchats, auch wenn dies erst in den 1980er Jahren in gedruckter Form geschah.10 Aus einem Workshop 1979 in Norwegen ging ein bahnbrechender Sammelband hervor, der von Reidar Bertelsen, Arnvid Lillehammer und Jenny-Rita Næss herausgegeben wurde und den Fokus auf die prähistorische Gesellschaft legte.11 Sein bezeichnender Titel Were They All Men? spiegelt die Unsichtbarkeit von Frauen in früheren Arbeiten zur Archäologie wider. Ebenso grundlegend und auf ähnliche Weise auf das Prähistorische fokussiert ist der spätere Sammelband Engendering Archaeology, herausgegeben von den amerikanischen Archäologinnen Joan Gero und Margaret Conkey.12
In der Vergangenheit haben einige Archäologen die Genderarchäologie offen kritisiert. Am bemerkenswertesten ist Paul Bahn, der sich 1992 so darauf bezog:
Der jüngste Ausbruch – der eine große Ähnlichkeit mit der guten alten Zeit der Neuen Archäologie aufweist (in erster Linie ein Schläger für die Jungs) – ist die Genderarchäologie, die eigentlich eine feministische Archäologie ist (ein neuer Schläger für die Mädchen). […] Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht irgendwo eine Konferenz über »Genderarchäologie« von zahlreichen Archäologinnen (plus ein paar tapferen oder trendigen Männern, die nach politischer Korrektheit streben) abgehalten wird. Einige ihrer Ziele sind lobenswert, aber der fahrende Zug sollte nicht zu weit rollen, wie es die Neue Archäologie getan hat, bevor von schadenfrohen Zynikern auf die fehlenden Kleider der Kaiserinnen hingewiesen wurde.13
4 Genderarchäologie heute
Genderarchäologie wird unterdessen nicht mehr marginalisiert. Sie ist zu einem etablierten Fachgebiet mit anerkannten, angesehenen Wissenschaftler*innen und einer wachsenden Zahl einflussreicher Fachbücher geworden. Wie die Sammelbände von Roberta Gilchrist und in jüngerer Zeit auch Joyce zeigen, ist die Genderarchäologie längst über ihren Schwerpunkt auf die Vorgeschichte hinausgewachsen.14 Sie deckt nun alle Epochen vom Paläolithikum bis zur Industriearchäologie ab.
Eine wichtige Entwicklung besteht darin, dass sie sich auch mit dem beschäftigt, was Sue Hamilton und ihre Mitherausgeberinnen als »moderne Themen« beschrieben haben, nämlich Frauen in der Archäologie und Gender in der professionellen Archäologie.15 Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist die 2014 erfolgte Ernennung der Prähistorikerin Hamilton zur ersten weiblichen Direktorin des UCL-Instituts für Archäologie.
Gegenwärtig zielt die sogenannte Women in Archaeology Taskforce des Wiki-Project Archaeology darauf ab, die Berichterstattung von Wikipedia über Archäologinnen sowie Themen im Zusammenhang mit Frauen in der Archäologie zu verbessern.16 Die häufig aktualisierten Wikipedia-Seiten über Dorothy Garrod, die 1939 auf den Disney-Lehrstuhl für Archäologie in Cambridge berufen wurde, und über die oben genannte Sue Hamilton liefern konkrete Beispiele für die Bedeutung ihres Projekts.17
Wie die feministische Bibelkritik der dritten Welle ist auch die Genderarchäologie über ihre ausschließliche Betonung der Rollen und des Status von Frauen hinausgegangen und hat sich in Sexualitätsarchäologien verzweigt. Dies zeigt ein wegweisender Band, der von Robert Schmidt und Barbara Voss herausgegeben wurde.18 Vor Kurzem hat Anna Marie Prentiss einen Sammelband herausgegeben, der sich queeren Archäologien widmet.19 Das Endergebnis ist, dass sich die Genderarchäologie nun, wie Elizabeth Brumfiel betont, »mit der Einbeziehung von Frauen, Männern und anderen Geschlechtern in einen einzigen Untersuchungsrahmen«20 befasst. Die daraus resultierende Fähigkeit zum geschlechtsübergreifenden Vergleich dient dazu, »das Ausmaß der Unterschiede zwischen den Genderkategorien zu erkennen«.21 Es handelt sich um eine Initiative, die jetzt im Women’s Classical Committee (WCC) für klassische Wissenschaftlerinnen fortgeführt wird.22
5 Der Faktor Gewalt
Genderarchäologie läuft auch insofern parallel zur feministischen Bibelkritik der dritten Welle, als verstärkt darauf geachtet wird, wie sich die Geschlechterverhältnisse vor allem auf das Alter, aber auch auf die Variablen Klasse, race und Ethnizität, Religion und Verwandtschaft auswirken.23 Zu diesen fünf Dimensionen kann nun auch als neue Kategorie die Gewalt hinzugefügt werden.24 Dies ist ein Ergebnis von Matić und Jensens Sammelband, der ersten Publikation, die sich mit der Schnittstelle zwischen den drei Themen Gewalt, Gender und Genderarchäologie befasst.25 Status- und Machtstrategien sind seit Langem ein spezielles Anliegen der Genderarchäologie.26 In einem besonders einleuchtenden Kapitel des Bandes von Matić und Jensen setzt sich die klassische Archäologin Susanne Moraw mit einer feministischen Kritik des pornografischen Blicks auseinander.27 Unter dem Titel Death and the Maiden dekonstruiert sie eine Reihe von spätantiken römischen Artefakten, die heiratsfähige Mädchen als Opfer von Gewalt darstellen. Moraw analysiert sie im Hinblick auf hierarchische Machtverhältnisse, weibliche Sexualisierung und einen idealen männlichen elitären Zuschauer. Sie kommt zum Schluss, dass die große Mehrheit »für ihre pornografische Wirkung einen männlichen Teilnehmer braucht«.28 Die »Darstellung von Frauen in einer Art und Weise, die sie sexualisiert und objektiviert, oft gewaltsam«,29 stellt wiederum »das Wesen der Geschlechterverhältnisse in einer patriarchalen Gesellschaft«30 dar. Solche Objekte entsprechen eindeutig Andrea Dworkins klassischer feministischer Definition von Pornografie und veranschaulichen, wie sich die Genderarchäologie in jüngerer Zeit mit dem Körper und der Konstruktion von Weiblichkeit befasst.31
6 Genderarchäologie und Religion
Der Fokus auf Religion ist ein relativ neuer Bereich für die Genderarchäologie, vielleicht weil man dazu tendierte, sie als Randdisziplin wahrzunehmen. Sarah Milledge Nelson weist darauf hin, dass man sich bei dieser Kombination in den 1990er Jahren »auf sehr dünnem Eis bewegte« und diese »fast tabu« war.32 Tatsächlich fehlte »Religion« im Index des Sammelbandes von Gero und Conkey, der für seine bahnbrechende Methodik anerkannt war.33
In ihrem informativen Literaturüberblick über die letzten vier Jahrzehnte hat Beth Alpert Nakhai kürzlich einen Einblick gegeben, wie Wissenschaftler*innen, die sich mit der religiösen Rolle der Frau im eisenzeitlichen Israel beschäftigen, erfolgreich Genderarchäologie und biblische Belege miteinander verbunden haben.34 Besonders ermutigend ist, dass sich seit der Jahrhundertwende immer mehr Männer einer Gruppe von ausnahmslos weiblichen Bibelwissenschaftlerinnen angeschlossen haben. Nakhai führt diesen bislang spürbaren Mangel an Aufmerksamkeit für Gender auf Archäologen zurück, die sich mit der Ausgrabung von urbanen Elitestätten beschäftigten sowie auf männliche Bibelwissenschaftler mit androzentrischen Ansichten und einer Hegemonie über die Hebräische Bibel.35
Ein entscheidendes Resultat dieses doppelten Engagements, das durch die Interpretation der Zeichnungen auf den in Kuntillet Adschrud ausgegrabenen, zerbrochenen Pithoi unterstützt wird, ist, dass die Verehrung der Ascherah nicht länger als marginal oder als exklusiver Bereich der Frauen angesehen wird.36 Stattdessen war sie ein normativer Teil des israelitischen Kultes, der »zwischen sozio-religiösen Gruppen in Israel und Juda praktiziert wurde, von ländlichen Haushalten bis hin zu elitären Stadtbewohner*innen«.37 Daraus ergibt sich ein Bild der geteilten religiösen Verantwortung von Frauen, Männern und Kindern, ähnlich wie es unten in Kapitel 9 in Bezug auf ihre Arbeitsplätze und ihre wirtschaftliche Produktion deutlich wird. In dieser Hinsicht füllt Kristine Henriksen Garroways jüngste Beschäftigung mit dem Thema der Kindheit im alten Israel eine auffällige Lücke auf diesem Gebiet.38 Ihr Schwerpunkt richtet sich auf eine Kombination von materieller Kultur und religiösem Text und steht in Einklang mit der weitaus früheren Entsprechung aus dem alten Ägypten.39
Genderarchäologie kann solide Beweise für die Materialität von Religion liefern, wenn sie in ihrem gängigsten Forschungsfeld, nämlich dem Totenkult, durchgeführt wird. Unten wird jedoch deutlich werden, dass ihr Erfolg von der sicheren Geschlechtszuordnung bei Bestattungen abhängt. Ausgrabungen in Gemeinschafts- und Haushaltsräumen in ländlichen Gegenden werden heute als potenziell erfolgversprechender angesehen. Die dabei gewonnenen architektonischen und artefaktischen Daten, die aus Arealen wie z. B. Schreinen stammen, können im Hinblick auf religiöse Rituale untersucht werden. Sie helfen, Licht auf das Wirken von Frauen bei Aktivitäten wie Opfern, Divinationen und Krankenheilungen zu werfen. Wie Nakhai in ihren Überlegungen zu der Frage, »was bei der Untersuchung von Figurinen schief gehen kann«,40 feststellt, gibt es jedoch nach wie vor erhebliche Schwierigkeiten.
Man könnte hier also festhalten, dass Genderarchäologie und Religion eine Affinität zueinander haben, die in ihrer Kombination ein bislang unerforschtes und untersuchungswürdiges Feld darstellt. Sie bietet das reiche Potenzial, einige der bisher ungelösten großen Fragen zu beantworten und damit frühere Annahmen zu entkräften. Zunächst steht die Frage von Geschlecht und Herrschaft in vergangenen Gesellschaften im Raum; wie unten in Kapitel 7 illustriert, könnten die Genderdisziplinen die Annahme infrage stellen, dass der Status von Frauen niedriger war als der von Männern. Offensichtlich war dies nie universell und hat zweifellos mehr über die Dominanz der männlichen Wissenschaft in beiden Forschungsfeldern, der Archäologie und der Religionsforschung, zu sagen. Zweitens besteht die Möglichkeit, die unkritische Vorstellung zu hinterfragen, wie sie von Conkey und Ruth Tringham angenommen wurde, dass alle antiken Göttinnen für den Bereich der Fruchtbarkeit zuständig waren.41 Zum Beispiel hat die neuere kritische Studie von Stephanie Buden, die sich auf spätzyprische Göttinnenfiguren bezieht, Sexualität ohne Fruchtbarkeit aufgedeckt.42
7 Biblische Frauen als Fachleute
Im oben zitierten Kapitel schließt Moraw bewusst Literatur aus ihrer Diskussion aus und stellt fest, dass »›Tod und Jungfrau in der spätantiken Literatur‹ eine eigene Analyse verdienen würden«.43 Im Gegensatz dazu hat unsere erste Fallstudie die subversiven Aufzeichnungen aus der Genderarchäologie mit hegemonialen schriftlichen Texten in enge Verbindung gebracht. Ausgehend von den Variablen Alter, Klasse, Ethnizität und Religion untersuchte ich Schifra und Pua, die resoluten Hebammen in Exodus 2, und positionierte sie innerhalb des geschlechtsspezifischen archäologischen Raums neu.44 In einem kulturübergreifenden Ansatz wurden sie als hebräische Aufseherinnen von Hebammen im zentralen königlichen Harem Ägyptens angesiedelt, wodurch viele der Probleme des biblischen Textes gelöst wurden, ohne seine ursprüngliche Mehrdeutigkeit zu verlieren. Darüber hinaus konnten durch geschlechtsspezifische Artefakte, insbesondere einen kürzlich aus einem ägyptischen Kontext ausgegrabenen Geburtsstein, noch mehr Erkenntnisse über ihre Funktion und Praxis als Hebammen gewonnen werden. Losgelöst von Meskells und Joyces »Individuen von unterwürfigem Status«,45 wurden Schifra und Pua als mächtige israelitische Prophetinnen neu definiert.
8 Geschlechtsspezifische Artefakte
Wie oben bereits erwähnt, befasst sich die Genderarchäologie insbesondere mit der materiellen Kultur in Form von Objekten, die mit Frauen in Verbindung gebracht werden. Dieser Abschnitt artikuliert die Möglichkeiten und Probleme, die mit einer solchen Materialität verbunden sind, und fokussiert auf bestattungsbezogene Informationen, die in Kombination mit Religion einen Schwerpunkt der Genderarchäologie bilden.
Meyers bestätigt, dass Artefakte nicht »gender noisy«46 sind, also genderbezogene Informationen nicht immer offensichtlich »herausschreien«, und ihr Schweigen »besonders akut in Bezug darauf, wer sie benutzt hat«47 sei. Bereits 1994 wies Tove Hjørungdal auf die androzentrische Praxis hin, jeweils Waffen und Schmuck »den Status von Metaphern par excellence von ›Männlichkeit‹ und ›Weiblichkeit‹ innerhalb der Archäologie«48 zuzuschreiben. Neulich hat Laura Whitehouse die männliche Kriegeridentität in Bezug auf die Anwesenheit von Waffen in angelsächsischen Frauen-, Drittgeschlechts- und Kindergräbern infrage gestellt.49 Schmuck als Grabbeigabe ist ebenso kein zuverlässiger Indikator für das Leben in der Vergangenheit.
Eine zweite Fallstudie bezieht sich auf israelische Ausgrabungen. Die bekannte biblische Archäologin Jodi Magness tappte 2002 in eine androzentrische Falle: Sie argumentierte gegen die Anwesenheit von Frauen auf dem Friedhof von Qumran, weil es dort keinen Schmuck und keine Kosmetika gab.50 Damals versuchte sie, Joan Taylors früheres Argument für die Marginalität der Frauen an diesem Ort, das auf ebenso unzuverlässigen geschlechtsspezifischen Grabausstattungen beruhte, wie einem Spinnwirtel und einem Kamm, zu widerlegen.51 Dennoch sollten solche Kritiken in Anbetracht der Behauptung von Timothy Lim und John Collins, dass »kein Thema im Zusammenhang mit den Schriftrollen vom Toten Meer umstrittener war als die Archäologie von Khirbet Qumran«52, entschärft werden. All dies ist eine hilfreiche Bestätigung der Behauptung von Marie Louise Stig Sørensen, dass Objekte niemals neutral sind, weil sie im Gegensatz zu Texten »in die Gesellschaft eingebettet«53 sind.
9 Die Genderisierung der Arbeitswelten
Ein zweiter Aspekt, der für die Genderarchäologie von besonderer Bedeutung ist, betrifft die wirtschaftliche Produktion und die Arbeitsteilung. Genderarchäolog*innen lehnen Annahmen ab, »die auf einer historisch bedingten Arbeits- und Aufgabenteilung beruhen, wie sie in sogenannten ›westlichen‹ Gesellschaften vorkommt«.54 Vielmehr wird Gender als ein Konstrukt hervorgehoben, dessen Fluidität durch die Hinterfragung eines rein binären, geschlechtsspezifischen Raumes betont wird. Somit bestätigt Nelson das Gendering von Arbeitsplätzen als problematisch: Nicht nur war die Arbeitsteilung nach Geschlecht selten absolut, sondern auch geschlechtsspezifische Arbeit war nicht unbedingt geschlechtsspezifisch getrennt.55 Daher ist zu erwarten, dass Männer, Frauen und Angehörige des dritten Geschlechts an denselben Orten unterschiedliche Arbeiten verrichteten, sei es drinnen oder draußen. Meyers vergleicht Agrarwirtschaften mit der heutigen Industriegesellschaft und kommt zum Schluss, dass die Arbeitsleistungen der Geschlechter gleichwertig geschätzt worden wären.56 Zu Recht hat sie »komplementäre geschlechtsspezifische Aufgaben«57 als Beweis hervorgehoben für »eine ausgewogenere Situation geschlechtsspezifischer Macht in den Haushalten, als dies in biblischen Texten impliziert wird«.58
Eine dritte Fallstudie führt uns in die Welt des Backens. Als Grundnahrungsmittel verschaffte die Brotproduktion den israelitischen Frauen Macht über den Haushalt.59 Meindert Dijkstra hat wenig hoffnungsvoll behauptet, dass im alten Israel »die Arbeitsteilung die Frauen […] gewöhnlich an das Haus und an die Aufgaben im Haus bindet«.60 Das archäologische Auffinden von Schleifsteinen und großen sowie kleinen Backöfen in Außenhöfen deutet jedoch darauf hin, dass die Brotherstellung eine gemeinschaftliche Tätigkeit war, bei der gemeinsame Einrichtungen genutzt wurden.61 Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang Delwen Samuels Untersuchung einer ähnlichen Zusammenarbeit der Haushalte im Arbeiterdorf in Amarna, Echnatons kurzlebiger ägyptischer Hauptstadt.62 Darüber hinaus können wir dies mit den Textbelegen abgleichen. Die Frau, die Abimelech in Richter 9:53 tötet, verwendet einen häuslichen Mühlstein, den sie vom offenen Dach eines Turms herunterfallen lässt, und liefert somit ähnliche Beweise für das zeitaufwändige gemeinsame Mahlen im öffentlichen Raum.
Die Anwesenheit von kleinen Öfen deutet auf die Kuchenherstellung hin. Die Materialität lässt sich wiederum mit den literarischen Zeugnissen aus Jeremia 7:16–20 und 44:17–25 in Verbindung bringen. Sie beziehen sich auf Frauen, die in Juda und Jerusalem im späten 7. und frühen 6. Jahrhundert v.u.Z. Kuchen buken. Von besonderer Bedeutung ist Jeremia 7:18, wo ein subversiver Hauskult beleuchtet wird, an dem alle Familienmitglieder beteiligt sind: »Die Kinder lesen Holz, die Väter zünden das Feuer an, und die Frauen kneten den Teig, dass sie der Himmelskönigin Kuchen backen.«63
Erst durch das Zusammenführen solch vielfältiger Quellen lassen sich Meyers’ »typische Muster geschlechtsspezifischer Aufgaben bestimmen«.64 Darüber hinaus ist es der Genderarchäologie zu verdanken, dass den Annahmen darüber, wie geschlechtsspezifische Beiträge in der Vergangenheit gemessen und bewertet wurden, heute größere Aufmerksamkeit geschenkt wird.
10 Fazit
Genderarchäologie hat ihre Grenzen, die vor allem in der Unzuverlässigkeit der Deutung von Grabbeigaben liegen. In der Vergangenheit haben Grabbeigaben allzu oft, wie Whitehouse es treffend formuliert, »einen leichten Zugang zu attraktiven Antworten geboten«.65 Dennoch besteht die Chance, Genderarchäologie in Kombination mit Religionsforschung zu betreiben, darin, dass sie einen wirksamen Gegenpol zu hegemonialen Texten bilden kann. Meyers hat argumentiert, dass die Mainstream-Archäologie das wichtigste Gegengewicht zur Hebräischen Bibel darstelle.66 Da es letztlich um die »Unterschiede zwischen und Gemeinsamkeiten von Menschen«67 geht, bietet die Genderarchäologie den Bibelwissenschaftler*innen ein noch größeres Potenzial. Meskell und Joyce hatten daher Recht, die Genderarchäologie begeistert zu befürworten.
Literatur
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1 Dieser Artikel wurde vom Englischen ins Deutsche von Caterina Panunzio übersetzt. Die meisten direkten Zitate wurden ebenfalls aus dem Englischen übersetzt. Die Originalzitate wurden in die entsprechenden Fußnoten eingefügt.
2 Meskell/Joyce (2003), 4: »Archaeology offers a counter to the documentary and iconographic record produced by an all-male elite, in that it can shed light on the silent masses – women, children, foreigners, the non-elite and individuals of servile status.«
3 Meyers (2017), 519: »intertwined urban and male bias«.
4 Meskell/Joyce, (2003), 4: »hint at more subversive trends that explicitly defy the hegemony of the textual record«.
5 Gero/rev. Sørensen (2012), 594: »the investigation of the role and meanings of gender in the past«.
6 Matić/Jensen (2017), 2: »unexamined androcentric beliefs and gender mythologies and to demand arguments and evidence for them«.
7 Vgl. Rubin (1997).
8 Gero/rev. Sørensen (2012), 594: »of being made and remade«.
9 Gero/rev. Sørensen (2012), 595: »are articulated in the archaeological record«.
10 Vgl. Nelson (2006), 1–27.
11 Vgl. Bertelsen/Lillehammer/Næss (1983).
12 Vgl. Gero/Conkey (1991).
13 Bahn (1992), 321: »The latest outbreak – which bears a great resemblance to the good old days of New Archaeology (primarily a racket for the boys) – is gender archaeology which is actually feminist archaeology (a new racket for the girls). […] Hardly a month goes by without another conference on ›gender archaeology‹ being held somewhere by a host of female archaeologists (plus a few brave or trendy males who aspire to political correctness). Some of its aims are laudable, but the bandwagon shouldn’t be allowed to roll too far, as the new archaeology did, before the empresses’ lack of clothes is pointed out by gleeful cynics.«
14 Vgl. Gilchrist (1999); Joyce (2008).
15 Vgl. Hamilton/Whitehouse/Wright (2007), in Anlehnung an Díaz-Andreu/Sørensen (1998) im Bereich Europäische Archäologie.
16 Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProject_Archaeology/Women_in_archaeology_task_force
17 Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Dorothy_Garrod; https://en.wikipedia.org/wiki/Sue_Hamilton_ (archaeologist)
18 Vgl. Schmidt/Voss (2000).
19 Vgl. Prentiss (2016).
20 Brumfiel (2006), 31: »with the inclusion of women, men, and other genders into a single frame of analysis«.
21 Brumfiel (2006), 34: »to identify the extent of difference between gender categories«.
22 Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Women%27s_Classical_Committee
23 Vgl. Gero/rev. Sørensen (2012), 595.
24 Zuvor nur von Gilchrist (1999) thematisiert.
25 Vgl. Matić/Jensen (2017).
26 Vgl. Gilchrist (1999).
27 Vgl. Moraw (2017), 151–178.
28 Moraw (2017), 175: »need a male participant for their pornographic effect«.
29 Moraw (2017), 153: »the presentation of females in a way that sexualises and objectifies them, often violently«.
30 Moraw (2017), 153: »the essence of gender relations in a patriarchal society«.
31 Vgl. Dworkin (1979).
32 Vgl. Nelson (2011), 198.
33 Vgl. Gero/Conkey (1991).
34 Vgl. Nakhai (2019).
35 Vgl. Nakhai (2019).
36 Vgl. Beck (1982).
37 Stavrakopoulou (2010), 42: »across socio-religious groups in Israel and Judah, from rural households to elite city-dwellers«.
38 Vgl. Garroway (2018).
39 Vgl. Janssen (2018); Janssen/Janssen (1990).
40 Nakhai (2014), 167.
41 Vgl. Conkey/Tringham (1995).
42 Vgl. Buden (2002).
43 Moraw (2017), 152.
44 Vgl. Janssen (2018), 9–25.
45 Meskell/Joyce (2003), 4.
46 Meyers (1997), 279.
47 Meyers (1997), 279: »especially acute with respect to who used them«.
48 Hjørungdal (1994), 144.
49 Vgl. Whitehouse (2017), 223–246.
50 Vgl. Magness (2002), 182–185.
51 Vgl. Taylor (1999), 285–323.
52 Lim/Collins (2010), 3: »no topic related to the Dead Sea Scrolls has been more controversial than the archaeology of Khirbet Qumran«.
53 Sørensen (2000), 79.
54 Matić/Jensen (2017), 2: »based on a historically contingent division of work and tasks, found in so-called ›Western‹ societies«.
55 Vgl. Nelson (2004), 111.
56 Vgl. Meyers (2017), 524.
57 Meyers (2017), 529.
58 Meyers (2017), 529: »a more balanced situation of gendered power in households than is implied by biblical texts«.
59 Vgl. Meyers (2017), 527.
60 Dijkstra (2001), 171: »the division of labour usually ties women […] to the house, and to tasks indoors«.
61 Wie zum Beispiel in der Eisenzeit IIA-Stätte von Tel Rehov. Mazar (2016), 50e–51e.
62 Vgl. Samuel (1999), 121–144.
63 Deutsche Übersetzung: Lutherbibel 2017.
64 Meyers (2017), 526.
65 Whitehouse (2017), 242: »presented easy access to attractive answers«.
66 Vgl. Meyers (2017), 519.
67 Gero/rev. Sørensen (2012), 595.
Teil II Grundkonzepte von Gender und Religion
Anna-Katharina Höpflinger
Einleitung
Sowohl zu Religion als auch zu Gender gibt es unzählige Zugänge. Immer wieder spielen dabei jedoch bestimmte gemeinsame Konzepte eine Rolle, die manchmal als reflektierte Leitlinien, bisweilen aber auch als durchaus kontroverse Schlagwörter verwendet werden. Für den vorliegenden zweiten Teil des Handbuchs haben wir acht solcher aktueller Grundkonzepte von Gender und Religion ausgesucht. Ich möchte in dieser Einleitung zunächst kurz über den Begriff »Konzept« nachdenken, bevor ich auf die hier behandelten acht Grundkonzepte eingehe und am Ende ein Fazit der gemachten Beobachtungen formuliere.
Der Begriff Konzept entstammt der lateinischen Denkwelt: conceptum, wörtlich »das Zusammengefasste«, ist ein Wort für etwas Entstehendes, Erdachtes oder Erfasstes, aber auch für den Fötus, der im Mutterleib heranwächst. Aufschlussreich ist, dass bei dieser Grundbedeutung das Körperliche und das Denkende nicht getrennt sind. Eine Idee ist genauso etwas, das empfangen wird, entsteht und im Wachsen ist, wie eine Leibesfrucht. Körper und Denken sind dabei keine binären Gegensätze, sondern ineinander verwoben. Insofern ist in diesem Begriff, den wir dem zweiten Teil des Buches zugrunde legen, eine Verbindung zu einer genderfokussierten Sichtweise bereits angelegt. Konzept, wie wir es im vorliegenden Buch verstehen, ist ganz gemäss der lateinischen Bedeutungsdimension nichts Statisches, sondern etwas Prozessuales. Ein Konzept ist nicht einfach da; es entsteht, wird aufgenommen und weitergedacht, formt sich aus und transformiert sich. Dies geschieht in der individuellen Reflexion, aber auch im Austausch mit anderen Positionen und Blickwinkeln wie die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Mieke Bal in ihrem 2002 erschienenen Buch Travelling Concepts in the Humanities ausführt.
Im vorliegenden zweiten Teil des Handbuches soll dieser Moment des Austauschs betont werden. Die hier vorgestellten Konzepte präsentieren Denkanstöße aus unterschiedlichen Perspektiven und akademischen Kontexten zu grundlegenden Debatten (und deshalb nennen wir sie Grund-Konzepte), die genderzentrierte Blickwinkel in den letzten Jahren geprägt haben. Wir haben dabei acht Konzepte ausgewählt, die für eine Untersuchung von Religion besonders fruchtbar sind, da mit ihnen eine Reflexion über wissenschaftliche Blickwinkel verbunden ist und sie die Prozessualität und Fluidität sowohl von Gender als auch von Religion betonen.
Grundlegend für viele der heutigen Diskurse über Geschlecht und Religion erwiesen und erweisen sich feministische Theorien und Bewegungen. Sie sind nicht nur in der Gegenwart präsent, sondern waren auch in der Religionsgeschichte bedeutsam. Oder mit anderen Worten: Die heutige Welt und unser Blick auf Gender sähen ohne die feministischen Diskurse und Kämpfe der Vergangenheit anders aus. Dolores Zoé Bertschinger geht in ihrem Beitrag Feminismus. Auf dem »religiösen Auge« blind? der Vernetzung von Feminismus und Religion nach und betont dabei eine Kontinuitätslinie zwischen historischen und gegenwärtigen feministischen Positionen. Sie argumentiert, dass übliche Typologien, beispielsweise die Einteilung der feministischen Bewegungen in drei Wellen, zu eng gefasst sind und dem Facettenreichtum der Fragen nach Gleichberechtigung und der Kämpfe um eine egalitäre Stellung der Frau nicht gerecht werden – vor allem mit einem Blick auf Religion. Die drei Wellen entlarvt Bertschinger als ein »säkulares Narrativ«. Feministische Bewegungen der Vergangenheit waren oft eng mit religiösen Fragen und Positionen vernetzt, während jüngere feministische Diskurse, wie Bertschinger es nennt, manchmal »auf dem religiösen Auge blind« sind. Die Autorin führt dieses Wechselspiel zwischen Feminismus und Religion schließlich am Beispiel der Theologin und Frauenrechtlerin Marga Bührig aus und zeigt auf, wie das Engagement dieser starken Frau auch Fragen der Lebensart und der Identität miteinschloss. Am Ende ihres Beitrags entwirft Dolores Bertschinger das Bild des Kaleidoskops, um die Komplexität feministischer Bewegungen zu betonen.
Diese Idee des Kaleidoskops kann allgemein auf Konzepte im hier verstandenen Sinn übertragen werden. Ein Konzept ist – metaphorisch gesprochen – wie ein Blick durch ein Kaleidoskop. Dieses Instrument verdichtet das Gesehene in bestimmten Mustern und Farben, es multipliziert es aber auch, und bei einer Drehung der geschliffenen Linse wird das Gesehene fluide, vermischt sich mit anderem, tritt neu hervor. Besonders für die großen Fragen des 21. Jahrhunderts eignet sich diese Metapher sehr gut. Eine dieser drängenden Herausforderungen bezieht sich auf ökologisches Bewusstsein und Handeln. Dabei ergibt sich in den Debatten über dieses Themenfeld die Suche nach der Stellung des Menschen im Kontext der Weltzusammenhänge, die sowohl religiöse Blickwinkel als auch Genderdebatten tangiert. Vor allem der sogenannte Ökofeminismus hat sich mit einem Fokus auf Geschlecht vertieft mit Fragen rund um das Zusammenleben von Flora, Fauna und Mensch auseinandergesetzt und dabei nach Zusammenhängen der hierarchisch konstruierten Position des Menschen über die Welt und des Mannes über die Frau gesucht. In dieser Vertiefung verbindet der Ökofeminismus philosophische Reflexion mit Aktivismus. Die Suche nach der Stellung der Frau im Kontext ihrer Umwelt ist verknüpft mit einem Kampf gegen Systeme, die sowohl Frauen und Kinder als auch den Boden, die Tierwelt und die Pflanzen instrumentalisieren und ausnutzen. Ann Jeffers geht in ihrem Artikel Ökofeminismus. Über die Ausbeutung von Frau und Natur diesen komplexen ökofeministischen Strömungen nach. Sie zeigt auf, wie ökofeministische Bewegungen mit Weltbildern religiöser Traditionen interagieren und welche zentralen Fragen dabei debattiert werden. Im Ökofeminismus hat sich eine globale Bewegung über unterschiedliche religiöse Traditionen und verschiedene kulturelle Kontexte hinweg herausgeformt, die sich dieser bedeutenden aktuellen Problematik stellt.
Diesen bei Ann Jeffers thematisierten Blick auf globale Kontexte vertieft Janet Wootton in ihrem Beitrag Frauenbewegungen in globalen Kontexten. Kritische Auseinandersetzung mit »Feminismen«. Feminismus ist nämlich nicht nur eine Bewegung von europäischen und nordamerikanischen Frauen, sondern wird aus unterschiedlichen kulturellen Perspektiven geformt und gedacht. Wootton kritisiert die noch immer zu findende kulturelle Befangenheit im »westlichen« Feminismus sowie deren teilweise bis heute vorhandene Verwobenheit mit dem Erbe des Kolonialismus und präsentiert einen Überblick über zentrale Positionen der weltweiten Frauenbewegung: Von Lateinamerika über den black feminism führt sie ihre Reise nach Asien zu den Dalit-Frauen in Indien und der Minjung-Theologie in Südkorea. Wootton zeigt auf, wie in diesen verschiedenen Kontexten gegen Gewalt und Unterdrückung gekämpft wird und welche Strategien Frauen im Dialog um Gleichberechtigung entwickeln. Am Ende ihres Beitrags diskutiert sie Homi Bhabhas Konzept der »Hybridität«, das er in seinem Buch The Location of Culture entwickelt hat und das hilfreich ist, um die Vielfalt dieser verschiedenen Diskurse und Kämpfe zu verstehen und zu kontextualisieren.
Das Konzept von Fluidität und Vielschichtigkeit liegt auch Benedikt Bauers Beitrag zugrunde. Im Beitrag mit dem Titel »Where heaven and hell collide«. Intersektionen, Religion, Diskriminierungen und Potentiale widmet sich Bauer den intersektionalen Wechselströmungen von Gender und Religion. Mit der Verwendung des Begriff intersection wird ein weiteres metaphorisches Bild angestoßen, nämlich das einer Schnittstelle oder einer Kreuzung. Betont wird dabei die Verwebung von Geschlecht im Netzwerk von Kultur: Gender ist eine wichtige kulturelle Differenzkategorie, aber sie steht nicht alleine im luftleeren Raum, sondern ist, was sich vor allem bezüglich Diskriminierungs- und Ausgrenzungspraktiken prägnant zeigt, verknüpft mit anderen Kategorien wie race, Alter, Bildung. Allerdings handelt es sich bei diesen Überschneidungen, wie Benedikt Bauer ausführt, nicht einfach um simple Additionen von Diskriminierungen, sondern intersektionale Prozesse sind komplexer, und zeit- und kulturgeschichtliche Kontexte verfügen über je eigene Schnittstellen, Machtstrukturen und Differenzmechanismen, die wiederum fluide sind und sich je nach kollektiven Fragen und Diskursen transformieren.
Grundlegend für alle bisherigen betrachteten Ansätze ist das Konzept des Körpers. Der Körper ist etwas, von dem wir alle wissen, was es ist, und das dennoch theoretisch kaum zu fassen ist. Wir sind Körper, aber gleichzeitig bleibt der Körper konzeptuell unbestimmbar und undefinierbar, die Reflexion über ihn schreitet an ihm vorbei. Claudia Jahnel beginnt ihren Artikel Körper und Religion. Jenseits von Somatophobie und Somatophilie mit dieser Unfassbarkeit des Körpers, die vor allem Judith Butler prägnant ausformuliert hat. Der Körper bildet, trotz seiner theoretisch schwierigen Erfassbarkeit, nicht nur ein Repräsentationssystem für Geschlecht, sondern auch für Religion: Religiöses Denken und Handeln sind körperlich geprägt. Claudia Jahnel fokussiert in ihrem Beitrag auf aktuelle theoretische Ansätze, die im Rahmen des material turn entstanden sind. Sie antworten auf die verschiedenen gegenwärtigen Diskurse rund um den Körper, beispielsweise politischer oder medizinischer Art, und definieren den Körper als Produkt unterschiedlicher kultureller Aushandlungsprozesse. Jahnel führt in diese neueren theoretischen Gedanken ein und reflektiert sie.
Eine Verbindung zwischen früheren und aktuellen Ansätzen zieht auch Christian Feichtinger in seinem Beitrag Neue und alte Denkwege. Masculinity und Religion. Er unterscheidet dabei »Maskulinität« als symbolisches, zeit- und kulturspezifisch ausgeformtes Ideal männlicher Eigenschaften von »Mannsein« im Sinne von vielschichtigen empirisch beobachtbaren Aushandlungen von Gender. Während Maskulinität als binäre Differenzkategorie normativ aufgeladen wird, ist das auszuhandelnde Mannsein facettenreich. Die kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeitsidealen in Religion ist jüngeren Datums; maßgebend dafür waren Erfahrungen von Homosexuellen mit Diskriminierungsprozessen. Dennoch ist auch gegenwärtig die Religionsforschung zu Männlichkeit noch im Entstehen. Feichtinger schließt seinen Beitrag deshalb mit einem Ausblick auf Aufgaben der Männlichkeitsforschung. Dazu gehört es, Männlichkeit als eine Genderkategorie ernst zu nehmen und den Einfluss von Religion auf Männlichkeitsbilder, aber auch von Männlichkeit auf unterschiedliche Religionen zu untersuchen.
Bei diesen bisherigen Beiträgen wurde deutlich, dass nicht einfach von jeweils einem statischen Konzept gesprochen werden kann. Wissenschaftliche Konzeptualisierungsversuche stehen in Interrelation zu den jeweiligen emischen Konzepten in religiösen Gemeinschaften und Traditionen, aber auch zu Vorstellungen und Erwartungen, eben zum Beispiel hinsichtlich Männlichkeit, die in verschiedenen Medien, wie dem Internet, in Zeitungen, Filmen, Bildern, Musik, etc., ausgeformt und über sie vermittelt werden. Die hier besprochenen Konzepte sind also nicht homogen, sondern leben genau durch das reflexive Zusammenspiel unterschiedlicher Konzeptualisierungsprozesse. Besonders deutlich wird dies beim Beitrag von Stefanie Knauß. Sie geht in ihrem Artikel Queer. Das Konzept, das keines ist Theorieansätzen in diesem Bereich nach. Der Begriff queer entstammt dem HIV-/AIDS-Aktivismus sowie der LGBTQI+-Bewegung und ist sowohl vom öffentlichmedialen Diskurs als auch der Wissenschaft aufgenommen worden. Knauß geht der Forschungsgeschichte dieses Konzepts nach und zeigt auf, dass queere Theorien Identitäten denaturalisieren und die mit ihnen verbundenen Differenz- und Machtprozesse hinterfragen. Theorien über queere Diskurse formen eine Denkrichtung, die Normen, Werte und gesellschaftliche Erwartungen reflektiert. Das Vertraute, als natürlich Geltende wird benannt, analysiert und durchleuchtet, und zwar auch im Rahmen religiöser Traditionen und im Zuge der Religionsforschung. Dazu gehört selbstkritisch das Reflektieren von Grundkonzepten und Axiomen wissenschaftlicher Zugänge, was wir im vorliegenden Buch, vor allem in der Verbindung der Teile I, II und III andenken möchten.
Ein ebenso komplexes und eng mit religiös geprägten Werten und Normen verbundenes Grundkonzept eines genderzentrierten Blicks ist die Familie. Familie formt über Sozialisation Gender- und Wertvorstellungen. Über dieses Konzept und mit ihm konnotierte Geschlechterrollen werden aber auch rege öffentliche Debatten geführt. Wie sind die verschiedenen Rollen innerhalb einer Familie geschlechtsspezifisch zu füllen? Wer gehört zeit- und kulturbezogen überhaupt zu einer Familie? Welche Normen gelten innerhalb der Familie und im Umgang mit ihr, welche Erwartungen sind, wiederum je nach Kontext, mit ihr verbunden? Welche Relationen bestehen zwischen Staat und Familie? Yasmina Foehr-Janssens zeigt diese vielschichtigen Verflechtungen von Familie, Geschlecht und Religion in ihrem Beitrag »Papa, Mama und die Kinder, das ist natürlich!« Familienvorstellungen auf der Spur eindrücklich auf. Sie macht deutlich, wie religiöse Weltbilder und Gendervorstellungen über repräsentative Regimes von Familie legitimiert, naturalisiert, aber auch durchbrochen und in Frage gestellt werden.
Die Beiträge dieses zweiten Teils des Handbuchs werfen je unterschiedliche Blickwinkel auf zentrale Konzepte des Wechselspiels zwischen Gender und Religion. Sie betonen jeweils spezifische Dimensionen und treten somit miteinander in einen Austausch und ein Gespräch. Dabei fallen zwei Prozesse, die immer wieder betont werden, besonders auf:
Erstens heben alle Artikel die Komplexität der jeweiligen konzeptuellen Zugänge hervor. Konzepte lassen sich nur in einem zeit- und kulturgeschichtlich kontextualisierten Setting verstehen. Sie sind geprägt von spezifischen Forschungsvorstellungen und Untersuchungserwartungen, aber ebenso von öffentlichen Debatten und emisch-religiösen Weltbildern. Konzepte sind reflektiertes Nachdenken über die Fragen einer gewissen Zeit und Kultur. Auch unsere gegenwärtigen öffentlichmedialen und wissenschaftlichen Diskurse über Geschlecht und Religion entziehen sich dieser Kontextualität nicht. Sie sind von unseren heutigen normativen Vorstellungen und kollektiven Erwartungen geprägt. Dies zeigen beispielsweise die Beiträge zum Konzept des Feminismus, der Maskulinität oder der Familie auf.
Zweitens verdichten Konzepte Fragen an empirisch beobachtbares Material und machen damit Problemstellungen vergleichbar. Sie haben also einen komparatistischen Grundcharakter und bilden Leitlinien für einen vergleichenden Blick. Dieser kann, wie die Beiträge zeigen, diachron im Sinne einer historisch vergleichenden Perspektive oder synchron als transreligiöse Untersuchung gestaltet sein. Die Herausforderung dabei ist jedoch, auch im Vergleich die Kontextualität der Konzepte nicht zu vergessen. Dies macht der Beitrag zum Ökofeminismus deutlich: Obwohl drängende globale Fragen in verschiedenen Teilen der Welt gestellt werden, sind die konkreten Reflexionen darüber von lokalen Begebenheiten und spezifischen Vorstellungen, auch bezüglich Gender und Religion, geprägt.
Für die genderzentrierte Religionsforschung ist damit eine zweifache Herausforderung verbunden. Auf der einen Seite sollen Grundkonzepte präzise genug bestimmt werden, damit ihre verdichtende Funktion zu einer profilierten Forschungsfrage führen kann. Auf der anderen Seite sollen sie jedoch genügend offen sein, um den empirisch beobachteten Phänomenen gerecht werden zu können. Dabei verhindert eine sorgfältige Reflexion, dass dies zu einer Reise zwischen Skylla und Charybdis wird: Konzepte im Verständnis dieses Handbuchs sind also Denkanstöße, die hoffentlich Neues entdecken lassen.
Literatur
Bal, Mieke (2002), Travelling Concepts in the Humanities. A Rough Guide, Toronto: University of Toronto Press.
Bhabha, Homi (1994), The Location of Culture, London: Routledge.
Dolores Zoé Bertschinger
Feminismus
Auf dem »religiösen Auge« blind?
1 Einleitung
Feminismus ist eine soziale, politische und kulturelle Bewegung, die auf eine umfassende Veränderung patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen abzielt. Die Frauenbewegung in Nordamerika und Europa konsolidierte im ausgehenden 19. Jahrhundert feministische Forderungen wie das Wahlrecht für Frauen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit oder Friedenspolitik. Die Auseinandersetzung mit religiösen Anschauungen spielte für viele Frauen dabei eine wichtige Rolle und noch weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein stand die Beschäftigung mit dem Göttlichen auf der Tagesordnung zahlreicher feministischer Seminarprogramme. Umso erstaunlicher ist es, dass diese Auseinandersetzung mit religiösen Traditionen in jüngeren feministischen Ansätzen kaum eine Rolle spielt. Deshalb wird in diesem Artikel die feministische Theoriebildung einer religionswissenschaftlichen Kritik unterzogen und aufgezeigt, inwiefern die Berücksichtigung von Religion für den Feminismus heute weiterführend sein könnte.
In einem ersten Abschnitt wird die Periodisierung der Geschichte des Feminismus in »Drei Wellen« aufgegriffen und als säkulares Narrativ problematisiert. Ein zweiter Abschnitt behandelt die Vernachlässigung theologischer Reflexionen und religiöser Erfahrungen in der feministischen Theorie. Im dritten Abschnitt schließlich wird anhand der Autobiografie der evangelischen feministischen Theologin Marga Bührig (1915–2002) deutlich, wie sich religiöse und säkulare Frauenbewegung im 20. Jahrhundert gegenseitig bereichert haben. Die feministische Forschung kann die Frauenbewegung nur sinnvoll begleiten und reflektieren, wenn sie diese Verschränkung berücksichtigt und systematisiert.
2 Feminismus zwischen den Wellen
Feminismus1 bezeichnet die Frauenbewegung als kulturelle und politische Kraft zur Veränderung von Gesellschaften, Beziehungen und individuellen Lebensentwürfen sowie die intellektuelle Tradition, diese Veränderungen voranzutreiben und zu reflektieren.2 Feminismus wirkt also auf der persönlichen Ebene in der alltäglichen Lebensgestaltung, auf der kollektiven Ebene als soziale und politische transformative Kraft sowie auf der Ebene der Wissensproduktion als Impuls für theoretische Ansätze und Bildungsinhalte.3 Systematisch wird eine Vielzahl von Feminismen unterschieden: liberaler, radikaler, sozialistischer, marxistischer oder anarchistischer Feminismus, Pop-Feminismus, Gleichstellungs- oder Differenzfeminismus, Ökofeminismus, intersektionaler und postkolonialer Feminismus, Womanism, Mujerista, Queer-Feminismus, psychoanalytischer oder poststrukturalistischer Feminismus und vieles mehr.4 Diese verschiedenen Positionen haben ihre je eigene historische Tradition und schließen einander nicht (immer) aus. Feminismus ist deshalb am besten als ein Kaleidoskop zu begreifen, das sich mit jedem Blick verschiebt und doch immer wieder dieselben oder verwandte Formen aufleuchten lässt. Es ist wichtig, die enorme Vielfalt der Kristalle im feministischen Kaleidoskop im Hinterkopf zu behalten, wenn dazu übergegangen wird, den Feminismus historisch darzustellen.
Die geschichtliche Entwicklung des Feminismus wird meistens in drei Kapiteln, sogenannten Drei Wellen, erzählt: die Alte Frauenbewegung oder Erste Welle im Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert, die Neue Frauenbewegung oder Zweite Welle von 1960 bis 1980 sowie die Dritte Welle ab den 1990er Jahren.5 Diese Erzählung von den Drei Wellen ist problematisch.6 So schrieb die feministische Theologin Marga Bührig in ihrer Autobiografie Spät habe ich gelernt, gerne Frau zu sein (1987):
Es fiel mir auf, daß die Zeit zwischen dem Ende der »alten« Frauenbewegung und dem Beginn der »neuen« Frauenbewegung als eine Art Leerraum dargestellt oder eben nicht dargestellt wird. Es liest sich so, als hätten in dieser Zeit keine Frauen gelebt, als hätte es zum Beispiel keine Frauenorganisationen gegeben, die mit den Ansätzen der alten Frauenbewegung weitergearbeitet hätten. Natürlich war in Deutschland das Dritte Reich und überall der Zweite Weltkrieg ein tiefer Einschnitt. Aber die Jahre zwischen dem Ende des Krieges und dem Anrollen der neuen Frauenbewegung (gegen Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre) fehlen fast überall. Genau in diesen Jahren beschäftigen sich viele Frauen mit Problemen der Emanzipation, und es gab auch christlich geprägte Frauenorganisationen und Frauenwerke, die nirgends in der Frauengeschichte erwähnt werden.7
Mit der Darstellung ihres Lebensweges wollte Marga Bührig zeigen, dass auch zwischen der Ersten und der Zweiten Frauenbewegung Frauen um Selbstbestimmung, öffentliche Anerkennung und ein differenziertes Frauenbild rangen. Das heißt: Auch in Zeiten vermeintlicher Wellentäler wurde und wird feministisches Wissen tradiert und adaptiert. Dawn Llewellyn bringt dies auf den Punkt: »A strong adherence to the wave metaphor overlooks the cross-generational conversations that have taken place in feminism’s changing historical contexts.«8
Das Narrativ der Drei Wellen kann weiter in Bezug auf die Wellenberge kritisiert werden. Sie suggerieren, es habe jeweils ein dominantes feministisches Thema gegeben, zum Beispiel den Kampf fürs Frauenstimmrecht in der Ersten, für sexuelle Befreiung in der Zweiten und für die Anerkennung fluider Geschlechtsidentitäten in der Dritten Welle. Es erscheint dann so, als ob sich der Feminismus von Errungenschaft zu Errungenschaft weiterentwickelt und ein Thema nach dem anderen »abgehakt« hätte.9 Dabei geht vergessen, dass er stets von einer Vielzahl individueller und lokaler Initiativen geprägt wurde und wird, die nicht diesen hegemonialen Themensetzungen entsprechen.10 Es ist deshalb adäquater, die Gleichzeitigkeit der verschiedenen feministischen Ansätze und Themen zu betonen. Dies gilt umso mehr, wenn die feministische Perspektive über Europa und Nordamerika hinaus um postkoloniale und intersektionale Aspekte erweitert wird.11
3 Religionswissenschaftliche Kritik
Eine nochmals anders gelagerte Kritik an der Darstellung der Frauengeschichte kommt aus der Religionswissenschaft. Sie stellt heraus, dass die Drei Wellen als Entwicklungsgeschichte analog zur Säkularisierungsthese erklärt werden und suggerieren, der Feminismus sei ein emanzipativer Loslösungsprozess, weg von der moralischen Einengung durch Religion hin zu einer säkularen Frauenbewegung.12 Damit hat die Frauenbewegung ein von männlichen Wissenschaftlern vertretenes Narrativ übernommen.13 Mit Blick auf die Rolle von Frauen in religiösen Symbolsystemen und deren Tradierungsprozessen muss die Säkularisierungsthese relativiert werden.14 Trotzdem fehlen in den obengenannten Ausrichtungen des Feminismus, die verschiedenen Handbüchern zu feministischer und Gender-Theorie entnommen worden sind, Kategorien rund um Religion. Der Index des Einführungsbandes zu feministischer Theorie von Susan Archer Mann (2012) weist kein Schlagwort wie religion, theology, spiritualism oder belief auf. Das Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung enthält zwar einen Eintrag Religionen, darin geht es jedoch um den Einfluss des Feminismus in der Religionswissenschaft und Theologie und eben gerade nicht um die Bedeutung von Religion für den Feminismus.15 Dass Religion in den meisten feministischen Theorien unterschlagen wird, ist insofern erstaunlich, als beispielsweise intersektionale Ansätze explizit für sich in Anspruch nehmen, das Zusammenwirken verschiedener Identitätskategorien zu berücksichtigen.16
Aus religionswissenschaftlicher Perspektive können drei Kritikpunkte an der feministischen Theoriebildung angeführt werden: Erstens, dass die Geschichte der Frauenbewegung mit der »großen Erzählung« der Säkularisierung als Merkmal der Moderne parallelisiert wird; zweitens, dass Religion als Identitätskategorie in Prozessen der Vergeschlechtlichung vernachlässigt wird; und drittens, dass Religion nicht als hermeneutische Kategorie in feministische Erkenntnisprozesse einbezogen wird.
Letztlich verzichtet der Feminismus durch die Vernachlässigung der Biografien und Schriften religiöser Frauen darauf, die Vielfalt der Lebensentwürfe und Erfahrungsbereiche von Frauen in den Blick zu nehmen. Und er verzichtet auf die Erkenntnisse aus der kirchlichen Frauenbewegung und der feministischen Theologie bezüglich der wirklichkeitsschöpfenden Kraft der Sprache,17 der kreativen Re-Lektüre religiöser und literarischer Kanons18 und der Möglichkeiten alternativer Gemeinschaftsbildung im Zusammenhang mit Institutionen und etablierten Hierarchien. Letzteres wird anhand der Biografie von Marga Bührig besonders deutlich.
4 Marga Bührigs Weg in die Frauenbewegung
Marga Bührig wurde 1915 in Berlin geboren und wuchs ab ihrem 10. Lebensjahr im schweizerischen Chur auf.19 Sie studierte in Zürich, Bern und Berlin Germanistik und neuere Geschichte und schloss ihr Studium mit einer Promotion ab. In ihrer Studienzeit entwickelte sie eine persönliche Frömmigkeit. Sie kam in Kontakt mit Frauen- und Mädchenbibelkreisen und fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben in einer Gemeinschaft aufgehoben. Bührig begann, sich in der Laiinnen- und Laienbewegung zu engagieren und entschloss sich zu einem Zweitstudium in Theologie. 1945 gründete sie in Zürich ein evangelisches Studentinnenhaus, wo sie über zehn Jahre lang mit Else Kähler zusammenlebte. Bührig beschreibt die Beziehung zu Kähler als so lebensbestimmend wie eine Ehe. Ihre Beziehung habe viel »Phantasie und Risikofreudigkeit«20 gebraucht, weil es eine für die damalige Gesellschaft ungewohnte, wenn nicht gar verdächtige Beziehungsform gewesen sei, ganz ohne Vorbilder.21
1945 trat Marga Bührig in die Frauenbewegung ein. In der Folge entstanden unter ihrer Initiative der Evangelische Frauenbund der Schweiz (EFS) sowie die Zeitschrift Die Evangelische Schweizerfrau, deren Chefredakteurin Bührig viele Jahre war. 1958 gestaltete sie bei der Zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) zusammen mit anderen evangelischen, christ-katholischen und katholischen Frauen einen Gottesdienstraum. Dieses »Saffa-Kirchlein«, wie es von allen genannt wurde, hinterließ bei Bührig einen nachhaltigen Eindruck. Frauen verschiedener Konfessionen hatten mit dem Saffa-Kirchlein einen Raum geschaffen, in dem sich eine neue – eine ökumenische oder, wie sie es nannten, »interkonfessionelle« – Praxis Bahn brach.22 Hinter diese Erfahrung konnten die Frauen nicht mehr zurück, das ökumenische Mittagsgebet der Saffa wurde noch lange in verschiedenen Zürcher Kirchen gefeiert. Bührig trat dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) bei und nahm bis 1991 an allen Vollversammlungen teil. Dank der ökumenischen Bewegung war sie bis ins hohe Alter weltweit vernetzt. Von 1983 bis 1991 war sie als erste Schweizerin Präsidentin des ÖRK.
Das Studentinnenhaus und die Ereignisse im Saffa-Kirchlein bereiteten den Boden für die feministisch-theologische Arbeit, die Marga Bührig und Else Kähler ab 1959 gemeinsam im Evangelischen Tagungszentrum Boldern bei Zürich etablieren sollten. Sie leiteten den Arbeitsbereich »Die Frau in Kirche und Gesellschaft« und führten Tagungen wie »Die Frau in der Welt heute«, »Die Macht des Angebots im modernen Wirtschaftsleben«, oder »Denk- und Arbeitsweise der Frau« durch. 1971 wurde Bührig Leiterin des Tagungszentrums. Von nun an gab es regelmäßige Frauentagungen, auch Selbsterfahrungsgruppen wurden fester Bestandteil des Programms. Elisabeth Schüssler Fiorenza, Carter Heyward, Dorothee Sölle, Brigitte Weisshaupt, Luce Irigaray, Senta Trömel-Plötz und Luise Pusch kamen teilweise wiederholt nach Boldern und das Tagungszentrum wurde langsam aber sicher zu einem Knotenpunkt der deutschsprachigen Frauenbewegung.23
5 Bührigs Engagement für die Lesben- und Schwulenbewegung
Ab 1974 organisierten Marga Bührig und Else Kähler zusammen mit der Homosexuellen Arbeitsgruppe Zürich (HAZ) Veranstaltungen zu Homosexualität. Diese »Lesben- und Schwulentagungen« auf Boldern sollten einerseits die Position der Homosexuellen im Kampf gegen die Diskriminierung stärken, andererseits überhaupt einen Raum für öffentlichen Austausch von Homo- und Heterosexuellen schaffen. Ihr Engagement zusammen mit Homosexuellen gipfelte für Marga Bührig 1978 in der Einladung in die Tele-Arena-Sendung des Schweizer Fernsehens.24 Die Sendungsaufnahme zeigt eine sich sichtlich unwohl fühlende Marga Bührig, die kaum zu Wort kommt. Umso vehementer widerlegt Else Kähler eloquent die Inanspruchnahme der Bibel gegen Homosexualität. Marga Bührig schreibt, dass sie mit dem Wort lesbisch stets Mühe gehabt habe. Es habe lange gedauert, bis sie verstanden habe, dass es bei einem Outing ja nicht unbedingt um Öffentlichkeit gehe, sondern um Solidarität mit einer Lebensform, die gesellschaftlich geächtet war. Erst im Zuge der Frauenbewegung und ihren Reisen in die USA begann sie sich öffentlich unter women identified women zu bewegen.25
1962 meldete sich Elsi Arnold, eine Lehrerin aus Basel, auf der Suche nach einer temporären Unterkunft bei Bührig und Kähler. Sie gewährten ihr Unterschlupf und »was nicht geplant und von niemand erwartet wurde, geschah«:26 Else und Marga öffneten sich für eine Dritte im Bunde. Jahrelang reiste Arnold jedes Wochenende nach Zürich, arbeitete an Tagungen mit und flog mit Marga Bührig und Else Kähler zweimal in die USA. Nach Kählers Pensionierung 1983 zogen die drei Frauen in ein Haus bei Basel. Dazu hielt Marga Bührig fest: »Wir sind feministischer geworden durch das Zusammenleben.«27
Gemeinsam mit anderen Frauen gründete Marga Bührig in den 1970er-Jahren auch die »Frauen für den Frieden«. Diesen Schritt beschrieb sie als persönliche Radikalisierung.28 Sie habe dadurch »schmerzhaft persönlich« die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft und die bestehenden Fronten in der Friedens-, Migrations- und Entwicklungspolitik erlebt. Trotzdem setzte sie sich bis zu ihrer Pensionierung 1981 für eine gesellschaftliche Öffnung der Kirche, für Gleichstellung, Frieden und soziale Gerechtigkeit ein. Sie verstarb am 13. Februar 2002 an ihrem Wohnort in Binningen, Else Kähler überlebte sie um neun Jahre. Die jüngste der drei, Elsi Arnold, lebte bis zu ihrem Tod im Juni 2020 in demselben Haus.
6 Fazit
Marga Bührigs Lebenswerk wurde bisher nicht umfassend wissenschaftlich aufgearbeitet, ihre Rezeption beschränkt sich auf den deutschschweizerischen, feministischtheologischen Kontext. Für den Feminismus allgemein ist Bührigs Lebensgeschichte jedoch aus mehreren Gründen ergiebig. Zunächst macht sie deutlich, dass die feministisch-theologische Bewegung im Wellen-Narrativ einen Zwischenraum füllt, dem bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde.29 Anstatt also anhand der Drei Wellen die Dissidenz innerhalb des Feminismus zu betonen, wäre es umgekehrt ein lohnenswertes Unterfangen, über Traditionslinien und Kontinuitäten nachzudenken.30 Zweitens hat Bührig im Studentinnenhaus und in der Beziehung zu Else Kähler und Elsi Arnold alternative Wohn- und Lebensformen gelebt. Diese Beispiele sind anschlussfähig für die historische Erforschung von Frauenräumen und von frauenbezogenen Lebensentwürfen. Dem Namen nach hätte das Studentinnenhaus ein konventionelles Heim für Studentinnen sein können, so wie dies für Studenten in der damaligen Zeit üblich war. Doch das Heim für Studentinnen war das erste seiner Art und darum ein Experiment. Mit der Beziehung zu Kähler und später auch zu Arnold lebte Bührig in einer Frauenformation, deren genaue Definition sie bis zum Lebensende offenließ. Für feministische Theorien, die sich vermehrt den Themen Identität und Differenz widmen, ist dies ein spannendes Beispiel. Und schließlich ist Marga Bührigs Engagement für die Lesben- und Schwulenbewegung in der Schweiz, als diese noch ganz in ihren Anfängen steckte, von großer Bedeutung. Auch hier wäre es weiterführend, aus feministischer Perspektive einmal einen Blick in die Religionsgeschichte zu werfen. Insgesamt trug Bührig mit ihrem beinahe lebenslangen Engagement entscheidend zur Frauenbewegung in der Schweiz bei.
Das Leben und Wirken religiös motivierter Frauen wie Marga Bührig in der feministischen Theoriebildung nicht zu berücksichtigen, bedeutet, auf wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse gesellschaftlich engagierter Frauen zu verzichten. Die breite Palette an Themen in Bührigs Leben – die Rolle der Laiinnen und Laien in den Kirchen, die weltweite Ökumene, die Sichtbarkeit und Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder die Friedensförderung –, lässt bereits anklingen, wie komplex das kaleidoskopische Bild des Feminismus wird, wenn die feministische Theorie und Geschichtsschreibung ihren Anspruch erfüllen will, die Frauenbewegung kritisch zu begleiten und voranzutreiben. Denn das ist ihre Aufgabe: das kaleidoskopische Bild »Feminismus« in seinen vielschichtigen Aspekten immer wieder aufs Neue zu erfassen. Dazu gehören auch die komplexen Wechselwirkungen von Feminismus und Religion.
Literatur
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Audio-visuelle Quellen
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Telearena »Homosexualität«, 12.04.1978, Schweizer Fernsehen, https://www.youtube.com/watch?v=otTIJFGLndY (aufgerufen am 04.01.2021).
1 Hubertine Auclert, die Gründerin des ersten Frauenstimmrechtsvereins Frankreichs führte »Feministin« (féministe) 1882 als Selbstbezeichnung für sich und ihre Mitstreiterinnen an. Durch den Internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen 1896 in Berlin wurde er auch im Deutschen gebräuchlich; vgl. Gerhard (2002), 134–135.
2 Vgl. die Definitionen bei Griffin (2017); Meyer-Wilmes (2008); Gerhard (2002).
3 Vgl. Mohanty (2003), 5.
4 Vgl. die systematische Übersicht bei Mann (2012), v–xii; Hawthorne (2007), 540–542; Gerhard (2002), 135.
5 Vgl. die Einteilung bei Juschka (2017); auch Hawthorne (2007), 539–540.
6 Für eine kritische Evaluation der Entstehungsgeschichte dieses Narrativs vgl. Lewellyn (2015), 31–64; Henry (2004), 57–72.
7 Bührig (1987), 9.
8 Llewellyn (2015), 37.
9 Dass die Wellen impizit als Erfolgsgeschichte erzählt werden, wird an Formulierungen ersichtlich wie: »Western feminist activity in the late twentieth and early twenty-first centuries marks both a self-reflexive turn and a mature phase in feminist activity as it seeks to address the previously hegemonic assumptions of the second wave.« Hawthorne (2007), 540, Hervorhebung DZB.
10 Vgl. Mann (2012), xvii–xviii; McClintock Fulkerson/Briggs (2012), 10.
11 Zum postkolonialen Feminismus vgl. Mohanty (2003); zum Eurozentrismusvorwurf im Kontext Hawthorne (2009); (2007), 539; zur Intersektionalität vgl. die Grundlagentexte in Kelly (2019).
12 Zu diesem Argument vgl. Llewellyn (2015), 4 und 42–46; Deo (2018), 7–9.
13 Vgl. Aune/Sharma/Vincett (2016), 4–6; Borutta (2014); Woodhead (2008).
14 Für neuer Studien in diesem Feld vgl. Aune/Sharma/Vincett (2016); Llewellyn (2015); Woodhead (2008) und (2001).
15 Vgl. Heller (2010).
16 Zu dieser Kritik vgl. Llewllyn (2015), 32 und 47. Tina Beattie fasst folgendermaßen zusammen: »While the study of religion and gender poses a vigorous challenge to religious studies in terms of its inherent and unacknowledged androcentrism, feminists have had little to say about the exclusion of religious belief itself, as an alternative epistemological locus to the scientific rationality of post-Enlightenment forms of knowledge. Thus while most feminist studies of religion today show a finely developed awareness of historicity and contextuality with regard to factors such as gender, race and class, religion is still too often decontextualized.« Beattie (2005), 68.
17 Vgl. Sölle (2014); Schüssler Fiorenza (2004); Daly (1980).
18 Vgl. Sigg-Suter/Straub/Wäffler-Boveland (2007); Schüngel-Straumann (2002); Strahm (1987), 27–44.
19 Zur folgenden Darstellung von Bührigs Leben und Werk vgl. Bertschinger (2020), 120–147.
20 Bührig (1987), 43.
21 Die beiden Frauen begannen, sich mit ihrem Ledigsein auseinanderzusetzen und suchten in der Bibel nach Bestätigung ihrer Existenz. Indem sie über die Rolle lediger, arbeitstätiger Frauen in der Gesellschaft nachdachten und diese Reflexionen auch in Schriften öffentlich zugänglich machten, gingen sie weit über den damals üblichen Lebensentwurf von Frauen hinaus, der sich in Ehe und Familie erschöpfte; vgl. Brodbeck (1998), 66; Zinsstag (2020), 82–102.
22 Zum Saffa-Kirchlein als Experimentierraum der feministischen, ökumenischen Theologie vgl. Brodbeck (1998), 51– 55; Bertschinger (2020), 127–135.
23 Zur Bedeutung der Tagungsstätte Boldern als Bildungsraum der Frauenbewegung vgl. Jud (1989).
24 Telearena »Homosexualität«, 12.04.1978, Schweizer Fernsehen, https://www.youtube.com/watch?v=otTIJFGLndY (aufgerufen am 04.01.2021).
25 Vgl. Bührig (1987), 67–69. Diese Entwicklung in Bührigs Leben spiegelt in gewissem Sinne die sehr langsame gesellschaftliche Liberalisierung in Bezug auf gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen in der Schweiz wider; vgl. Caprez/Nay (2008), 236–245, und spezifisch zu Bührig 252–257.
26 Bührig (1987), 69.
27 Bührig (1987), 215. Einblick in das Zusammenleben und -arbeiten von Bührig, Kähler und Arnold gibt der Film Sottosopra (Gabriele Schärer, CH 2002).
28 »Radikalisierung bedeutete für mich den Anfang der Desillusionierung. Ich fing an, die handfesten Interessen derer, die mächtig waren, zu durchschauen, aber auch meine eigene Einsamkeit in der Gesellschaft zu begreifen.« Bührig (1987), 161.
29 Dies macht Bührig im obigen Zitat zur Motivation ihrer Autobiografie klar, und zeigt sich auch bei einem Blick auf die erste Vollversammlung des ÖRK 1948 – damals bereits stand die »Frauenfrage« auf der Agenda, vgl. Scherzberg (1995), 11–20.
30 Vgl. Bertschinger (2020), 200–203.
Ann Jeffers
Ökofeminismus
Über die Ausbeutung von Frau und Natur1
Seit die französische Feministin Françoise d’Eaubonne 1974 den Begriff Ökofeminismus prägte2 und behauptete, dass »die Zerstörung des Planeten auf das Profitmotiv zurückzuführen ist, das der männlichen Macht innewohnt«,3 haben Feminist*innen diesen Begriff im Kontext der gemeinsamen Kämpfe von Frauen und Umweltgruppen verwendet. Obwohl das Konzept in den letzten vier Jahrzehnten auf globaler Ebene bedeutende Entwicklungen erfahren hat,4 lohnt es sich, eine Definition von Ökofeminismus zu wagen. Eaton umreißt ihn als »eine Konvergenz der ökologischen und feministischen Analysen und Bewegungen. Sie repräsentiert eine Vielfalt theoretischer, praktischer und kritischer Bemühungen, um die miteinander verknüpften Vorherrschaften über Frauen und Natur zu verstehen und ihnen zu widerstehen.«5 Ökofeminismus ist kein rein epistemologisches Anliegen; wie Ivone Gebara betont, ist dieser Begriff in der Praxis, die auf der Befreiungstheologie gründet, verwurzelt. Sie argumentiert, dass »die ökofeministische Frage durch die fehlende kommunale Müllabfuhr, die Vermehrung von Ratten, Kakerlaken und Moskitos und durch die Wunden auf der Haut von Kindern entsteht. Das ist wahr, denn in der Regel sind es Frauen, die sich mit Fragen des täglichen Überlebens auseinandersetzen müssen.«6 Der Ökofeminismus steht somit an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis, von politischen, sozioökonomischen, wissenschaftlichen, anthropologischen, kosmologischen und geschlechtsspezifischen Fragen sowie der Systeme, die die Denkmuster der Hierarchie, des herrschenden Anthropozentrismus und der Ausbeutung der natürlichen Welt und der Frauen aufrechterhalten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zwei grundlegende Richtungen7 der Bewegung zu identifizieren: Die eine definiert Frau und Natur in einer essenzialistischen Verbundenheit.8 Diese Verknüpfung von Frau und Natur ist jedoch nicht unproblematisch, wie Feminist*innen betont haben. Die parallele Unterdrückung besteht eher aufgrund einer patriarchalen Weltanschauung und der von ihr hervorgebrachten Systeme, als aufgrund einer wesentlichen Gemeinsamkeit zwischen Frau und Natur. Daher ist der zweite Zweig der Bewegung in wirtschaftlichen und sozialpolitischen Kämpfen verwurzelt.
1 Theorie und Praxis
Es ist viel über die philosophischen Grundlagen des Ökofeminismus geschrieben worden. Die von Platon verkündete Vorstellung von der dualistischen Natur der Welt ist ein relevanter Ausgangspunkt für die weiteren Betrachtungen: Die Reise der Seele von der irdischen Realität zurück in den göttlichen Bereich wird geschlechtsspezifisch gedacht:9 Die gereinigte Seele, die zu ihrem Heimatstern zurückkehrt, ist männlich. Diejenigen dagegen, die ein schlechtes Leben führen, werden als Frauen oder Tiere wiedergeboren. Diese Weltanschauung hat die westlichen Ansichten über die dualistische und hierarchische Verbindung von Frau mit der natürlichen Welt beeinflusst. Die Moderne hat diese Dichotomien10 verstärkt. Erst die postmodernen Ansätze haben die großen Erzählungen des Patriarchats und des Kapitalismus benannt und dekonstruiert.11 Befreiungstheologische und feministisch-theologische Ansätze, die aus dieser Neubewertung hervorgegangen sind, haben dazu beigetragen, dem Ökofeminismus einen Rahmen zu geben, der es ermöglicht, den Zusammenhang zwischen der Unterdrückung von Frauen und der Schädigung der Natur zu analysieren. Solche dichotomen Vorstellungen gehören zwar zu einem westlichen Denkprozess, sie haben aber, vom Christentum getragen, durch die Kolonialherrschaft exponentielle Macht erhalten.
Obwohl es eine große Bandbreite an Ansätzen und Positionen gibt, ist es hilfreich, die gemeinsame Ausgangslage des Ökofeminismus zu erfassen sowie die Frage zu beantworten, was allen ökofeministischen Perspektiven gemeinsam ist. Ökofeminist*innen haben die Notwendigkeit erkannt, die anthropozentrische Hülle unserer Theologie und Philosophie abzuwerfen – natürlich je nach religiöser Tradition unterschiedlich. Dieser neue Rahmen bringt Denker*innen dazu, sich selbst als Teil eines komplexen »Existenznetzes« zu verstehen, ein Gedanke, der vom norwegischen Philosophen Arne Naess12 eingeführt, aber seither auf die feministische Theorie13 und unser breiteres ökologisches Bewusstsein angewandt und erweitert wurde.14
Obwohl es eine reiche Vielfalt von Ökofeminismen gibt, möchte ich mich hier auf ihre Verbindung mit Religion konzentrieren und versuchen herauszufinden, wie Ökofeminismus in verschiedenen religiösen Bewegungen und Perspektiven gestaltet wird.
2 Eine christliche Perspektive auf Ökofeminismus in religiösen Traditionen
Obwohl der Ökofeminismus in vielen religiösen Traditionen einen Beitrag leistet, haben vor allem christliche Ökofeminist*innen sowohl in der Theorie als auch in der Praxis einen bedeutenden Einfluss ausgeübt. Primavesi,15 Radford Ruether16 und Gebara standen im Vordergrund des ökofeministischen Denkens in religiösen Traditionen, insbesondere im Christentum. Radford Ruethers Analyse konzentriert sich auf die Mechanismen von Ungleichheit und Unterdrückung, die auf kulturellsymbolischer und sozio-ökonomischer Ebene existieren und sich in der Art und Weise widerspiegeln, wie die Umwelt und der Status von Frauen berücksichtigt und behandelt wurden. Verinnerlichte Dichotomien findet man im Christentum in den fortdauernden Assoziationen Frau/Körper und Mann/Geist. Auch Verbindungen zwischen Ökologie, Feminismus sowie ihrer jeweiligen Aneignung und Beherrschung durch patriarchale Systeme werden erforscht. Die Autorin betont die Rolle von Religion in diesem Wechselspiel, sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht, als eine Kraft der Herrschaft und der Befreiung.17 Sie versucht, Quellen zu finden, die die frauenähnlichen Eigenschaften der Natur aufzeigen und die Missachtung der Natur durch die westliche koloniale Denkweise bekämpfen.18
Ivone Gebara, eine katholische Theologin aus Brasilien, nähert sich diesen Fragen im Christentum aus einer trinitarischen Perspektive: Sie schlägt eine Rekonstruktion der Trinität im Licht der ökofeministischen Theologie vor, um darzulegen, dass ein trinitarisches Modell wertvoller sein kann als das traditionelle westliche Verständnis. Sie vertritt ein Weltbild, das auf einer ganzheitlichen Kosmologie beruht, die sich um hierarchiefreie Beziehungen dreht, nicht nur zwischen Menschen, sondern der gesamten Schöpfung. Ihre Beschreibung der Trinität als Ausdruck der Interrelationalität aller Dinge öffnet das Konzept für eine ganzheitlichere, weniger anthropozentrische Spiritualität.
Die Tragweite dieses Modells ist insofern erheblich, als es das Konzept des Menschen in Bezug auf die gesamte Schöpfung nicht als eine binäre Beziehung, sondern neu als ein integriertes Ganzes auffasst, in dem alles Leben auf einer nichthierarchischen, nicht-patriarchalen Grundlage bewertet wird. Sie sagt: »Alle Menschen bilden die großartige und vielfältige menschliche Symphonie, in der wiederum Vielfalt und Einheit konstitutiver Ausdruck des einzigen Lebensprozesses sind, der uns alle trägt.«19
Ferner, wenn wir die Rolle dieser inneren Vielfalt als Teil unserer eigenen trinitarischen Struktur ernst nehmen, dann werde es unmöglich, irgendeine Vorstellung von Hierarchie, von Über- und Unterlegenheit unter den menschlichen Kulturen zu rechtfertigen. Gebara beschreibt diese Beziehung als wesentlich kosmisch, eine Gemeinschaft, die schlicht und grundsätzlich aufeinander angewiesen ist. Darauf aufbauend hat Gebaras Aufruf zur Theologie praktische Auswirkungen: Diese aktualisierte Auffassung der Trinität mache es unmöglich, solch negative Facetten der menschlichen Natur wie »Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung, Gewalt und Sexismus«20 zu verkörpern.
Durch dieses neue Paradigma seien wir in der Lage, einen veränderten Sinn für Staatsbürgerschaft zu entwickeln, ohne unsere nationalen Zugehörigkeiten, die integraler Bestandteil unseres individuellen Charakters und unserer Erfahrung seien, verleugnen zu müssen.21 Darüber hinaus seien unsere persönlichen Identitäten untrennbar mit den Identitäten aller, die leben und gelebt haben, mit den Identitäten unserer Zeitgenoss*innen und unserer Vorfahr*innen verbunden. Die eigene persönliche Realität und Autonomie seien von den anderen abhängig. Deshalb sei unser eigenes Selbstverständnis trinitarisch, eine geheimnisvolle Vielfalt, und deshalb müssten wir eine Anthropologie in Betracht ziehen, in der wir alle als Erdbewohner*innen und kosmische Bürger*innen gesehen werden.22
In eine etwas anderen Richtung als Gebara gehen die einflussreichen Schriften des Passionisten Thomas Berry, dessen Fokus auf den kosmischen Christus und seine Immanenz einen Großteil des christlichen Ökofeminismus geprägt hat. Für ihn sind Geburt und Auferstehung Jesu beide mit dem System der Erderneuerung verbunden: Das Leben Christi wurde in den Lebenszyklus der Natur eingewoben.23
3 Ökofeminismus in der Bibel
Lynn White veröffentlichte einen Artikel, in dem er den Missbrauch der Bibel durch das Christentum mit dem Ziel in Verbindung bringt, eine ausbeuterische Sicht der Erde und ihres komplexen Ökosystems, das ausgeplündert und kommerziell ausgenutzt werden soll, zu legitimieren.24 Trotz dieser Argumentation gibt es vieles in der Bibel, das Ökofeminist*innen anspricht:25 Die Vision einer Verbundenheit zwischen dem menschlichen und dem natürlichen Weltbereich kommt in der Weisheitstradition der gesamten Bibel kraftvoll zum Ausdruck. Die Betonung der Schöpfung statt der Erlösung, verbunden mit einer Wiederentdeckung des Weiblichen in den Weisheitstraditionen26 sowie die Zentralität der Konzepte von Schöpfungsverantwortung (stewardship) und Bund, die Idee des Sabbats und des Erlassjahrs können viel zu einer ökofeministischen integrierten Denkweise beitragen.27 Ein Großteil der feministischen Hermeneutik kann dazu genutzt werden, die Bibel neu zu lesen, insbesondere durch eine Hermeneutik des Misstrauens und des Widerstands.28 Eaton liefert zum Beispiel ein close reading der dargelegten Öko-Prinzipien. Das Earth-Bible project, ein internationales Projekt, das eine ökologische Lesart der Bibel propagiert, hebt die Bedeutung der »ethischen Verantwortung« hervor und erinnert uns gleichzeitig an »die Verortung von Bedeutung im spezifischen Kontext des Lesenden«.29
Die Themen von Männern und Frauen als gleichberechtigte Partner*innen bei der Mitgestaltung und Erhaltung eines nachhaltigen Lebensraums, der nicht von Gewalt, sondern von Sensibilität für das Land und alles Leben, das es bewohnt, und von mitfühlender Verantwortung regiert wird, sind Teil einer Neuinterpretation von Genesis 1–3, einem zentralen Text für ein neues ökofeministisches Paradigma. Ein Beispiel für die Lektüre der Geschichte von Eva aus einer ökofeministischen Perspektive liefert Merchant: »Eva war diejenige, die die etablierte Ordnung der Dinge in Frage stellte und Veränderungen herbeiführte… Als prototypische Wissenschaftlerin konnte Eva den Schlüssel zur Wiederherstellung von Eden durch eine neue Wissenschaft in Händen halten.«30
Die Green Sisters of Genesis Farm ist ein Beispiel aus der christlichen Tradition für das »Ausleben der ökozentrischen Ethik«.31 Das Leben der »Grünen Schwestern« verknüpft die römisch-katholische Befreiungstheologie mit ökofeministischen philosophischen Werten und zielt darauf ab, die Aufhebung der Dichotomien zwischen Körper und Seele, zwischen der Erde und ihren nichtmenschlichen lebenden Bewohner*innen und der Menschheit zu verkörpern,32 um »die neue Erde« zu verwirklichen.33
4 Ökofeminismus im globalen Zeitalter
Mit der Globalisierung wird es notwendig, über westliche Denkmuster hinauszugehen, und dementsprechend gilt es darzulegen, wie sich Ökofeminist*innen im Rahmen der Weltreligionen Erkenntnisse erarbeiten.34
Obwohl die jüdische Tradition35 die Hebräische Bibel mit dem Christentum teilt, entwickelt sie ökofeministische Erkenntnisse auch im Talmud durch die drei Konzepte »bal tashit (nicht zerstören), shomrei adamah (die Erde hüten) und tikkun olam (die Welt reparieren)«.36
In ähnlicher Weise kann eine hermeneutics of retrieval, eine Hermeneutik der »Wiederherstellung«, die danach strebt, heilige Texte von patriarchalen Fehlübersetzungen und falschen Interpretationen zu befreien, auf den Koran angewandt werden, um eine ökofeministische Theologie37 zu gestalten. Diese basiert auf einem Schöpfungskonzept, das die Verantwortung des Menschen für die Bewahrung der Erde, die gegenseitige Abhängigkeit von allem von Gottes Souveränität und ein Konzept des Bundes hervorhebt. Nawal H. Ammar setzt befreiungstheologische Ansätze ein, um im Rahmen des Korans an transformativen Praktiken zu arbeiten, darunter die Achtung der Vielfalt und die Mitwirkung aller Lebewesen, der Schutz ihrer Rechte und die Aufrechterhaltung der Harmonie in allen Gemeinschaften, unabhängig vom Geschlecht.
Eine weitere thematische Kontinuität lässt sich in Bezug auf den Buddhismus herstellen. Joanna Macy schreibt in vergleichbarer Weise wie Gebara. Macy stellt insbesondere Folgendes fest: Sobald man die Geschichte der Welt als eine Erweiterung der eigenen erlebt habe, würde man lernen, dass wir in gewisser Weise unsere Welt sind, die über sich selbst reflektiert. Sie sagt, dass »wir zu der Erfahrung zurückkehren, wie wir es nie zuvor konnten, dass wir sowohl das Selbst in der Welt als auch ihr*e wertgeschätzte*r Geliebte*r sind«.38 Macy nimmt in ihrem Werk das Plädoyer Gebaras für eine gegenseitige Abhängigkeit und Verwandtschaft aller Lebewesen ebenso ernst wie die Idee eines Zwecks des Menschen, der es der Schöpfung erlaubt, über ihre eigene Schönheit nachzudenken. Diese Ideen stehen im Einklang mit der buddhistischen Kosmologie und haben eine Bewegung des »Grünen Buddhismus« ins Leben gerufen.39
Ökofeminist*innen, die aus der Perspektive des Hinduismus schreiben, greifen auf ihre eigenen nicht-dichotomen Kategorien zurück und betonen, wie zentral die Immanenz des Göttlichen für die Bhagavad Gita sei.40 Vindana Shiva ist eine wichtige Figur in der Entwicklung des indischen Ökofeminismus. Sie hat ihren Aktivismus auf eine Reihe von Initiativen ausgerichtet: Ivy, eine Kollaboration von indischen Ökofeministinnen, schreibt zum Beispiel über die Kämpfe im Narmada-Tal, die sich gegen die dort gebauten Staudämme richten.41
Die wachsende Zahl der afrikanischen42 Ökofeminist*innen baut entweder auf einer präkolonialen Hermeneutik auf, die eine fluide Weltsicht privilegiert, in der die natürliche und die menschliche Welt nicht getrennt sind, sondern ein integriertes Ganzes bilden. Oder sie fokussiert auf eine christliche Perspektive, nämlich das von Radford Ruether, Gebara und anderen verfochtene Befreiungs- und Transformationsmodell. Zwei Initiativen sind hier hervorzuheben: In Kenia war Wangari Maathai Vorsitzende der Bewegung für den Green Belt, den grünen Gürtel, die sich für die Rückgewinnung von angestammtem Land einsetzt, um die traditionelle Nahrungsmittelversorgung wiederherzustellen.43 Außerdem fördert die Initiative des simbabwischen Tumami Mutasa Nyajeka zur Gründung der Earthkeeping Churches (AAEC) das Leben in einer ökologisch ausgewogeneren Welt und bittet gleichzeitig um Vergebung für die Erforschung des Ökosystems.44
Bezüglich der neopaganen Religionen ist die Schriftstellerin Starhawk eine zentrale Figur.45 Sie setzt eine ursprüngliche matriarchale Gesellschaft voraus, die durch das Patriarchat herabgewürdigt worden sei. Ihre Analyse der verschiedenen Arten von Macht führt zu einem Programm für wirtschaftliche Transformation, das sich wiederum, durch die Dynamik von Ritualen und Permakultur, in Aktivismus auf lokaler Ebene ausprägt.
Ökofeministische Theoretiker*innen und Praktiker*innen zeigen also eine Anzahl gemeinsamer Themenbereiche auf. Diese wurden von Pierce als »Offenheit und Aufmerksamkeit gegenüber einer Vielfalt von Perspektiven«, »Relationalität und gegenseitige Abhängigkeit«, »Subjektivität aller menschlichen und nichtmenschlichen Entitäten«, »eine weltliche Soteriologie« und ein »Bedürfnis nach einer Öko-Spiritualität«46 identifiziert.
5 Fazit
Die Arbeit von Ökofeminist*innen erweitert den Horizont des Glaubens, indem sie ihn über akzeptierte Grenzen und Wahrheiten hinaus aus den patriarchalen Strukturen, in denen er konstruiert wurde, herausführt und ihm die Freiheit des Ausdrucks und des Verständnisses gewährt. Sie öffnet die Türen der Lehre für die Erfahrung des Lebens und bietet eine Herausforderung für Selbstwahrnehmung im Kontext der menschlichen Gemeinschaft und der geschaffenen Welt, einer Welt, in der die individuelle Identität untrennbar mit der Identität aller, die leben, verbunden ist.
Ökofeminist*innen sind auf der Suche nach einer Spiritualität, die die Immanenz Gottes, die Heiligkeit der Welt sowie eine Sinnlichkeit und Sexualität fördernde Ganzheit des Körpers zusammenfasst: Sie versuchen, eine Heiligkeit der Materie wiederherzustellen.
Jeder Weg nach vorn muss eine dynamische Beziehung zwischen der Theorie und der Praxis der lokalen, gelebten Erfahrung in einer Welt, die von einer ökologischen Katastrophe bedroht ist, herstellen. Es ist deshalb angebracht, diesen kurzen Überblick über die ökofeministische Befreiungs- und Widerstandtheologie mit einem Zitat der Chipko-Dichterin Ghanshyam Shalland zu schließen:47
A fight for truth has begun,
A night for rights has begun,
Sister, it is a fight to protect,
Our mountains and forests.
They give us life,
Embrace the life of the living trees and streams,
Clasp them to your hearts,
Resist the digging of mountains,
That brings death to our forests and streams,
A fight for life has begun.
Literatur
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1 Dieser Artikel wurde von Caterina Panunzio vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Die meisten direkten Zitate wurden ebenfalls aus dem Englischen übertragen. Die Originalzitate wurden in die entsprechenden Fußnoten eingefügt.
2 Vgl. Adams (1993), xi; Primavesi (1991), 46; Eaton (2006), 110.
3 d’Eaubonne (1974), zitiert nach Adams (1993), xi: »the destruction of the planet is due to the profit motif inherent in male power«.
4 Für eine Geschichte der Bewegung vgl. Eaton (2005), 12–46. Es gibt eine umfangreiche Literatur zum Ökofeminismus aus verschiedenen Perspektiven.
5 Eaton (2005), 11; Eaton (2006), 1110: »a convergence of the ecological and feminist analyses and movements. It represents varieties of theoretical, practical and critical efforts to understand and resist the interrelated dominations of women and nature.«
6 Gebara (1999), 2: »the ecofeminist issue is born of the lack of municipal garbage collection, of the multiplication of rats, cockroaches, and mosquitoes, and of the sores on children’s skins. This is true because it is usually women who have to deal with daily survival issues.«
7 Vgl. Radford Ruether (2001), 327.
8 Vgl. Gnandason (2010), Daly (1978), Griffin (1978), Starhawk (1979), Spretnak (1997).
9 Vgl. Timaios. Für eine Übersetzung ins Deutsche vgl. Plato (2017).
10 Zum Beispiel Descartes, siehe Ivy (2009).
11 Vgl. McFague (1987), xi, vertritt die radikale Immanenz Gottes; die Welt ist Gottes Leib.
12 Vgl. Capra (1996), 7.
13 Vgl. Mellor (1997), 132.
14 Vgl. Dowd (1992).
15 Vgl. Primavesi (1991).
16 Vgl. Radford Reuther (2004).
17 Vgl. Radford Ruether (2004).
18 Vgl. Radford Ruether (1996), 1–8; vgl. auch Primavesi (1996).
19 Gebara (1999), 157–158: »All people make up the awesome and diverse human symphony in which once again, multiplicity and unity are constitutive expressions of the single vital process that sustains us all.«
20 Gebara (1999), 170.
21 Vgl. Gebara (1999), 157–158.
22 Vgl. Gebara (1999), 160–161.
23 Vgl. Provencher (2013), 76.
24 Vgl. White (1967), 1203–1207.
25 Vgl. Eaton (2000), 63–71 für eine ökofeministische Kritik und für den Beitrag zum Earth Bible Project. Vgl. Ivy (2009), Kapitel 6.
26 Sprüche 8 bietet ein gutes Beispiel für das Weibliche als eine kosmische, kreative Kraft.
27 Vgl. Radford Ruether (1989), 214–218.
28 Vgl. Ivy (2009), 235–237.
29 Eaton (2000), 59–61: »the location of meaning within the reader’s specific context«.
30 Merchant (2003), 21. Original: »Eve was the one who questioned the established order of things and initiated change… As a prototypic scientist, Eve could hold the key to recovering Eden through a new science.« Vgl. Ivy (2009), 237–247; Primavesi (1991), 222–243 für eine detailliertere Analyse der Auslegung von Genesis 1–3 aus einer ökofeministischen Perspektive.
31 Provencher (2013), 94. Ihre Analyse der Gemeinschaft findet man auf den Seiten 94–118. Vgl. auch McFarland Taylor (2007).
32 Vgl. Provencher (2013), 96. Die Bewegung wächst: Nach Angaben der Autorin gibt es in den USA und Kanada über fünfzig Farmen, die von den Schwestern betrieben werden.; vgl. auch McFarland Taylor (2007), 205. Letztere liefert eine ausführliche Analyse der Bewegung und spricht von ihrem Motto: »the tractor is my pulpit«, »der Traktor ist meine Kanzel«.
33 Vgl. Provencher (2013), 98. Sie legt sieben programmatische Prinzipien für ein christlichökofeministisches Leben dar.
34 Vgl. Radford Ruether (2005); Eaton (2000), 70; Eaton (2005), 24–27. Vgl. auch Adams (1993); MacKinnon/McIntyre (1995); Kearns/Keller (2007); Pierce (2009), 1–30.
35 Vgl. Kopstein/Salinger (2001).
36 Kopstein/Salinger (2001), 71. Sie befürworten auch eine Rückkehr zu einer zyklischen Wertschätzung der Jahreszeiten.
37 Vgl. Ammar (2010).
38 Macy (1991), 5–14: »we return to experience, as we never could before, that we are both the self in the world and its cherished lover«. Bezüglich buddhistischen, öko-sozialen Handelns vgl. auch Gross/Radford Ruether (2016).
39 Vgl. Tomalin (2017); Kaza (2019).
40 Narayanan (2000) identifiziert zum Beispiel die Immanenz des Göttlichen als zentrales Element der Bhagavad Gita. Vlg. auch Pierce (2009), 19.
41 Vgl. Ivy (2009), 209; Eaton (2005), 25–26.
42 Vgl. Pierce (2009), 16. Afrikanische Religionen umfassen eine »kosmologische Fluidität«. Vgl. auch Kamaara (2007), 169–194.
43 Vgl. Radford Ruether (2005), 102–103; Eaton (2005), 25.
44 Vgl. Radford Ruether (2005), 101–104.
45 Vgl. Radford Ruether (2005), 95–100.
46 Pierce (2009), 12–26.
47 Vgl. Ivy (2009), 221. Die Chipko-Bewegung hat ihren Ursprung in den 1970er Jahren in Indien und wurde hauptsächlich von Frauen angeführt, um Bäume vor der Abholzung zu schützen, die von großen Unternehmen initiiert wurde.
Janet Wootton
Frauenbewegungen in globalen Kontexten
Kritische Auseinandersetzungen mit »Feminismen«1
Der Second Wave Feminism, die sogenannte »Zweite Welle« der Frauenbewegung, verbreitete sich kulturell Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre in einem sehr spezifischen Kontext, nämlich unter radikal-feministischen, gebildeten, Weißen2 europäischen und US-amerikanischen Frauen. Der vorliegende Artikel untersucht die Reaktionen auf diesen Feminismus aus einer Vielzahl kultureller Sichtweisen.
Nira Yuval-Davis schreibt in dem von Pnina Werbners und Tariq Modoods herausgegebenen Buch Debating Cultural Hybridity, dass der Feminismus »hauptsächlich von den hegemonialen Erfahrungen von Weißen, bürgerlichen, westlichen Frauen geprägt«3 sei, voraussetzend, dass »diese Realität der Unterdrückung der Frauen von allen Frauen, die im Wesentlichen als homogene soziale Gruppierung wahrgenommen werden, geteilt wird«.4
Bald wurde diese kulturelle Arroganz aus unterschiedlichen Perspektiven angefochten, sodass eine weit umfassendere feministische Landschaft entstand, mit Raum sowohl für Konflikte als auch für Ideenaustausch. Die ganze Diskussion ist im Kontext eines kulturellen, multikulturellen und hybridisierenden Diskurses in einer komplexen, postkolonialen Welt zu verorten.
1 Kulturelle Befangenheit im Feminismus
Die globale Expansion Europas beruhte auf der Annahme kultureller Überlegenheit, die in der aufklärerischen Mentalität einer dualistischen oder binären Denkweise wurzelte. Vernunft, Geist, Zivilisation, Bildung und Industrie, die als männliche Tugenden wahrgenommen wurden und mit dem Christentum verbunden waren, standen im Gegensatz zu Gefühl und Körper, die als weibliche Domänen angesehen und mit Barbarei, Unwissenheit, Untätigkeit und Heidentum verknüpft wurden. Somit trugen Weiße Männer, die einzigen auf der dominanten Seite der Gleichung, die »Last«, die Welt zu retten.
Obwohl der Feminismus den Dualismus von Körper und Geist, Vernunft und Gefühl infrage stellte, übernahm er unbewusst zum großen Teil die binäre Denkweise. Die Überlegenheit liberaler Werte blieb unbestritten. Schließlich untermauerten die Werte der Toleranz und Gleichheit die angestrebten Ziele des Feminismus.
Leti Volpp kritisiert die Frage der politischen Theoretikerin Susan Moller Okin, in Bezug auf kulturelle »Minderheiten« in den USA wie folgt: »Ist Multikulturalismus schlecht für Frauen?«, und insbesondere, »Was ist zu tun, wenn Ansprüche von Minderheitenkulturen oder -religionen der Norm der Gleichstellung der Geschlechter widersprechen, die von liberalen Staaten zumindest formell unterstützt wird?«5 Die Frage verrät, wie beiläufig die Normhaftigkeit europäischer/nordamerikanischer Werte vorausgesetzt wird: »ein allgemeines Versagen, das Verhalten von Weißen als kulturell zu betrachten, während dem Verhalten von Minderheitengruppen stets das Etikett der Kultur zugeschrieben wird«.6
Dies hat zur Folge, dass durch eine komplexe Verflechtung von Unterordnungsmustern der Fokus von anderen wesentlichen Themen, wie Armut und Ungleichheit, die ein Erbe des Kolonialismus sind und heute noch endemische Bestandteile der Gesellschaft bilden, abgelenkt wird: Zum Beispiel verlässt sich eine Weiße Frau, die gegen die sogenannte Gläserne Decke, die sie daran hindert, Gleichstellung am Arbeitsplatz zu erreichen, kämpft, »bei häuslicher Arbeit und Kinderbetreuung auf Einwanderinnen of Color«.7
Die Rolle des »Retters der Welt« vom Weißen Mann wird somit auf die Weiße Frau übertragen, deren liberalen Werte zu einem Banner der Freiheit für Frauen, die aus ihrer eigenen Kultur gerettet werden müssen, werden. 1971 stellte Toni Morrison diese heuchlerische Position in der New York Times bloß: »Was empfinden Schwarze Frauen bezüglich der Frauenrechtsbewegung? Misstrauen. […] Sie wollen nicht wieder benutzt werden, um jemandem zu helfen, Macht zu erlangen – eine Macht, die sorgfältig aus ihrer Reichweite gehalten wird.«8 Wie Kwok Pui-Lan schreibt, beschränkt sich das Thema nicht nur auf eine geschichtliche Dimension: »Die herablassende Haltung gegenüber Frauen aus anderen Teilen der Welt und der missionarische Impuls, sie zu retten, bleibt tief in den Köpfen der westlichen Frauen verankert.«9
Das bedeutet wiederum, dass der Feminismus oft auf Misstrauen stößt und als Hilfsmittel des modernen Kolonialismus angesehen wird. Feministische Kritik an repressiven kulturellen Praktiken wird mit Widerstand begegnet, weil sie versucht, unkritisch ihre Werte, die auf dem oben dargelegten Kontext Weißer Frauen beruht, durchzusetzen. Da die Bezeichnung »Feministin« die Macht der Frauen, in ihren eigenen Kontexten für sich selbst zu sprechen, beeinträchtigt, sind Frauenbewegungen im größeren globalen Kontext vorsichtig mit diesem Begriff umgegangen.
Die Stimmen im Gespräch mit Feminismus sind daher komplex und mannigfaltig. Sie stellen die Methoden, Grundannahmen und Werte infrage, die den Kontext für die Weiße Frauenbewegung bilden. Obwohl sich die Diskussion seit den 1970er Jahren beschleunigt hat, reichen die Wurzeln globaler Perspektiven viel weiter in die Geschichte zurück. Ferner scheint es vereinfachend, sie als Reaktionen oder Antworten auf Feminismus oder auf feministische Theologie zu bezeichnen, die in diesem Zusammenhang berechtigterweise als Neuankömmlinge betrachtet werden können.
2 Frauenbewegungen in globalen Kontexten
2.1 La Lucha
Viele kraftvolle Stimmen kommen von Lateinamerikanerinnen, die auf dem amerikanischen Kontinent und den Philippinen leben. Ihre Wurzeln haben sie im langanhaltenden Widerstand gegen Gewalt und Unterdrückung, der sowohl den Frauenbewegungen der 1970er Jahre als auch der lateinamerikanischen Befreiungstheologie vorausging.
Nancy Pineda-Madrid verortet einen Ausgangspunkt dieses Widerstands im Vertrag von Guadalupe Hidalgo (1848), der dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg ein Ende setzte, indem ein großer Teil des heutigen nordamerikanischen Westens und Südens den USA überlassen wurde. Der daraus resultierende »erschütternde Verlust von Kultur, Sprache, Land und Existenzgrundlage«10 wurde von etlichen Autorinnen aufgezeichnet und kritisiert, u. a. von Nina Otero-Warren (1881–1965), Cleofas Jaramillo (1898–1956) und Fabiola Cabeza de Baca (1884–1991).11
Pineda-Madrid weist darauf hin, dass lateinamerikanische Wissenschaftlerinnen, Autorinnen und Aktivistinnen mit jeweils eigenen, authentischen, historisch verwurzelten Beiträgen auf die mehrfache Unterdrückung ihrer Gemeinschaft reagiert haben. Diese Beiträge waren weder eine Reaktion auf den Feminismus der 1970er Jahre, noch wurden sie davon abgeleitet. Im Kontext des Krieges, des Kolonialismus, des Rassismus und der absichtlichen Unterdrückung kultureller Identität, »wurden in den Schriften dieser Frauen […] die vielfältigen Arten, in denen Beiträge von Frauen minimiert und die Rollen der Frauen gering geschätzt wurden, erkannt«.12
Dadurch kamen lateinamerikanische Autorinnen erst ins Gespräch mit dem Feminismus. Während manche die Sprache des Feminismus passend finden und übernehmen, verwenden andere, wie die Theologinnen Yolanda Tarango und Ada María Isasi-Díaz, den Begriff mujerista, um die gesamte Unterdrückungsstruktur zu beschreiben, gegen die man in den Kampf – La Lucha – zieht.
Isasi-Díaz war eine der wichtigsten Sprecherinnen und Vertreterinnen der Mujerista-Theologie, die versucht, »dem religiösen Denken und der religiösen Praxis der lateinamerikanischen Frauen«13 eine Stimme zu geben und diese Stimme in die breitere Debatte einzubringen. Sie meint, diese Debatte bringe nur dann Akzeptanz, »wenn wir in der Art und Weise, wie andere denken und entscheiden, mitberücksichtigt werden«.14 Die Mujerista-Theologie ist daher in die La Lucha – den Kampf um Befreiung und Gerechtigkeit – eingebettet, und zwar zum einen auf der Ebene mehrfach unterdrückender Gesellschaften, wie den USA, zum anderen auch im Privatleben, im lo cotidiano: »Die Art und Weise, wie Lateinamerikanerinnen es schaffen, ihre Familien zu ernähren, Arbeit zu finden, sich auszubilden, Respekt zu verdienen, die Rechnungen zu bezahlen, gesund zu bleiben, Entscheidungen zu treffen, zu beten und Liebe zu machen, sind die Quellen, aus denen wir theologisieren.«15
Die Gemeinschaften von Lateinamerikanerinnen sind unterschiedlich: Viele leben in der Diaspora, andere als ausgebeutete oder unterdrückte Minderheiten in Lateinamerika. Das erzeugt ein Gefühl von Offenheit und Fluidität, das mit Begriffen für »Halb-Kaste« oder »Hybride« bezeichnet wird: mestizaje und mulatez.16 Hybridität stellt die festgelegten Grenzen und gesetzten Identitäten infrage, die europäische und amerikanische Denkweisen kennzeichnen.
2.2 Womanism
Anfang der 1980er Jahren wurden zwei bahnbrechende Texte veröffentlicht: Gloria T. Hull, Patricia Bell Scott und Barbara Smith gaben einen Sammelband heraus mit dem Titel All the Women are White, All the Blacks are Men, but Some of us are Brave.17 Damit plädieren sie für die Black Women’s Studies, deren Wurzeln sie vom Schwarzen Feminismus (black feminism) bis zum Widerstand der Sklavinnen sowie der Rassentrennung und der Bürgerrechtsbewegung zurückverfolgen.
Im selben Jahr veröffentlichte die black feminism-Aktivistin Alice Walker das Buch In Search of Our Mothers’ Gardens: Womanist Prose.18 Walker gibt darin eine Definition des neuen Begriffs womanism in vier Teilen: Diese beginnt mit einer Ableitung von womanish im Gegensatz zu girlish im Ausdruck »You acting womanish«19 und endet poetisch mit »Womanist is to feminist as purple to lavender«.20
Der Womanismus entwickelte sich als ein multidisziplinäres Studienfeld, das die Lebenserfahrung Schwarzer Frauen insbesondere in den USA in den Mittelpunkt stellt. Die Stimmen Schwarzer Frauen aus einer Geschichte, in der sie gnadenlos und systematisch ausgegrenzt wurden, wiederherzustellen, ist mit mühseliger Arbeit verbunden. Gloria T. Hull und Barbara Smith bieten in der Einführung ihres Buches eine aufschlussreiche Analyse der Situation: »Ein wesentliches Ergebnis der historischen Realitäten, die uns versklavt auf diesen Kontinent gebracht haben, ist, dass wir auf jede erdenkliche Weise von anerkannter intellektueller Arbeit ferngehalten wurden.«21 Daraus hat sich vorhersehbarerweise ergeben, dass sich die Black Women’s Studies erst in den 1970er Jahre als Disziplin herausbildeten. Doch »was unsere vielschichtige Unterdrückung nicht erklärt, ist die Art und Weise, in der wir unsere eigenen intellektuellen Traditionen als Schwarze Frauen geschaffen und aufrechterhalten haben, ohne die Anerkennung oder die Unterstützung der Weißen, männlichen Gesellschaft«.22
Die Schwierigkeit dieser Etablierung wird in Melanie Harris’ Buch über Alice Walker beschrieben: »Es bedarf harter Arbeit, um womanistische Geschichten zu rekonstruieren […] Sich durch die Tiefen der Überlebensberichte und Sklavinnenerzählungen […] zu bewegen, die die Einsichten der Frauen der Vergangenheit zum Wohle der Frauen der Gegenwart freisetzen; das ist harte Arbeit.«23
2.3 Asiatische Kontexte
Kwok Pui-Lan und Meyda Yeğenoğlu betonen die spezifische Form, die missionarische und kolonialistische Bestrebungen im 19. Jahrhundert in Bezug auf die reichen Kulturen des »Orients« angenommen haben. Dabei wurden »die wahrgenommene Rückständigkeit, der Analphabetismus und die Promiskuität der einheimischen Frauen den viktorianischen Idealen von Weiblichkeit, wie Bildung, Hygiene und sexuelle Zurückhaltung, gegenübergestellt«.24 Westliche Kolonialherren und Missionare betrachteten die Frau als »die Essenz des Orients«,25 beispielhaft aufgezeigt anhand kultureller Praktiken wie »Füßebinden, Polygamie, sati und verschleierter Frauen«.26 Solche Praktiken müssten – so die Meinung – radikal durch den modernisierenden und befreienden Westen verändert werden: eine Einstellung, die sich in der Zweiten Welle des Feminismus fortsetzt.
Sowohl Kwok als auch Yeğenoğlu weisen jedoch daraufhin, dass alle Körper kulturelle Räume darstellen: »stets schon durch sozialen Druck markiert, beschriftet und eingraviert«.27 Der westliche weibliche Körper, keineswegs ein erstrebenswertes Vorbild der Befreiung für andere Kulturen, ist einer starken Sexualisierung ausgesetzt und wird nach einem idealisierten, unerreichbaren Frauenbild modelliert.
Die Befreiungsbewegungen, die aus der reichen Vielfalt Asiens entstanden, richten ihren Fokus auf die komplexen Ungerechtigkeiten, mit denen Frauen konfrontiert werden. Frauen werden oft als die Unterdrückten der Unterdrückten erkannt: in Korea, die »Minjung of the minjung«;28 in Indien, »the Dalits of the Dalits« oder auch »thrice Dalits«. Ruth Manorama, eine Dalit-Frauenrechtsaktivistin, begründet die Prägung des letztgenannten Begriffs damit, dass Dalit-Frauen »aufgrund von Kaste, Gesellschaftsklasse und Gender diskriminiert werden«.29
2.3.1 Dalit
Prasanna Kumari Samuel beschreibt Indien als eine »civilizational conception«,30 eine der wenigen antiken Zivilisationen mit einer kontinuierlichen Geschichte bis in die Gegenwart. Das Land umfasst eine große ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt, einschließlich der Dalits (Unberührbaren) und indigenen Völker. Die Mehrheit der Christ*innen in Indien besteht aus Dalits, jedoch tendiert der indische Feminismus dazu, wie Samuel hervorgehoben hat, »die Interessen und Anliegen von Frauen der oberen Kasten zu vertreten«.31 Dabei wird das Leiden der Dalit- und indigenen Frauen generalisiert, »da es ihnen nicht gelingt, Räume zu schaffen, in denen ihre klaren Stimmen gehört werden können«.32
Die überwältigende Erfahrung der Dalit-Frauen besteht aus Pathos – Leid und Schmerz resultierend aus mehrfacher Unterdrückung. Mary Grey bezeichnet diese als »Erniedrigung […] durch die brahmanische Kultur, patriarchalische Normen, ihre eigenen Männer und drückende Armut«.33 Daraus haben feministische Dalit-Theologinnen eine Theologie abgeleitet, in der einerseits die Begegnung mit Gott im Schmerz und Leiden des Kreuzes im Zentrum steht, andererseits wird auch eine Theologie des Lebens und eine Solidarität mit unterdrückten Gemeinschaften dargestellt, die am Aufbau einer gemeinsamen Zukunft orientiert ist.
2.3.2 Minjung
Südkorea erlebte in den 1980ern einen politischen Wandel von einer Militärdiktatur zu einer Demokratie. Teil dieser Transformation war das Entstehen der Minjung-Kultur, einer Dissidentenbewegung mit einem »breiten Bündnis von Arbeiter*innen, Studierenden, Intellektuellen, religiösen Aktivitäten und oppositionellen Politiker*innen«.34 Daraus entstand die Minjung-Theologie, eine Theologie der Unterdrückten.
Hierauf aufbauend entwickelte Andrew Sung Park das theologische Konzept des Han. Dieser koreanische Begriff drückt das universelle Leiden aller Unterdrückten aus. Park beschreibt es als die »die kritische Wunde des Herzens, die durch ungerechte psychosomatische Unterwerfung sowie durch soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Unterdrückung entsteht«.35
Wonhee Anne Joh verbindet Han mit einem weiteren koreanischen Konzept, Jeong, einer Form der Liebe, die Heilung und Ganzheit bewirkt. Daraus konstruiert sie eine Christologie und eine Sühnetheorie, die darauf ausgerichtet ist, patriarchale Theologien, die das Leiden verherrlichen und die Sünde individualisieren, während die Realität des Kreuzes auf eine abstrakte Interaktion innerhalb der Dreifaltigkeit reduziert wird, zu destabilisieren. In der Realität des Leidens hat Jeong die Kraft, sich von Han zu lösen. Wonhee argumentiert, dass »dieses Lösen einen Eintritt in den Dritten Raum der Hybridität erfordert«.36
3 Fluidität und Hybridität
Sobald der normative Ansatz des Weißen europäischen und nordamerikanischen Feminismus anfängt zusammenzubrechen, eröffnet sich eine Vielfalt an weiten, komplexen, liminalen Räumen. Binarität oder dualistisches Denken löst sich hier in fluideren Ideen von Identität auf. Dieser Begriff der »Hybridität« wurde von Homi Bhabha in den 1990ern erforscht. 2015 schreibt er in seinem Vorwort zur critique influence change edition des 1997 erschienenen Buches Debating Cultural Hybridity Folgendes: »Hybridität ist eine Form der beginnenden Kritik; sie kommt nicht als eine Kraft von ›außen‹ […], [sondern] arbeitet mit und in der kulturellen Gestaltung der Gegenwart, um unser Verständnis umzugestalten.« Es geht um »die Erlangung von Handlungsmacht«.37
Melanie Harris erkennt ein Modell dafür in Alice Walkers offener und fluider Spiritualität, die sich auf ihr Cherokee und afroamerikanisches Erbe, durch ihre Urgroßmutter mütterlicherseits, stützt. Gleichzeitig wird auch die gewalttätige sexuelle Ausbeutung, nämlich das Einzige, was sie von ihrem anglo-irischen Urgroßvater väterlicherseits weiß, thematisiert:38 »Das womanistische religiöse Denken verändert sich. Wir können nicht länger an den alten Kategorien festhalten, die darüber entscheiden, wer dazu gehört und wer nicht. Wenn wir uns gegenseitig zum Schweigen bringen, bringen wir uns selbst zum Schweigen.«39
Wir leben in einer Welt, in der sich Bevölkerungsgruppen über die Jahrhunderte hinweg bewegt und transformiert haben und dies auch weiterhin tun; oft werden diese Prozesse von globalen Kräften wie Armut, politischen Unruhen, Deportation, Sklaverei oder Kolonisation angetrieben. Viele Menschen sind Flüchtlinge gewesen oder haben in mehr als einer Kultur oder mit komplexen Identitäten, welche dominante kulturelle Normen infrage stellen und aufbrechen, gelebt. Andere werden in der Landschaft, die sie und ihre Vorfahren seit Jahrtausenden bewohnen, marginalisiert, während Kolonialmächte ihnen neue Lebens- und Ausdrucksweisen aufzwingen. Sie leben in »glitschigen« Räumen, in denen sie zwischen Identitäten, Idiomen oder Sprachen verhandeln müssen.
Gleichzeitig hat eine Kommunikationsrevolution stattgefunden, die es verschiedenen Bevölkerungsgruppen ermöglicht, direkt miteinander zu sprechen und dabei Kontrollmechanismen in gewissem Maße zu umgehen, insbesondere mit dem Aufstieg der sozialen Netzwerke, dem eine »globale Interaktion zwischen Leuten, die sich früher fremd waren«40 zu verdanken ist. Diese Interaktion auf globaler Ebene gestattet den Austausch neuer Ideen, und virtuelle Gemeinschaften »können auch zum Handeln mobilisieren«.41
Innerhalb dieser sich wandelnden Landschaft ist die Position, die Frauen zugeteilt oder von ihnen eingenommen wird, nicht immer befreiend. Nira Yuval-Davis bemerkt die Tendenz kultureller Minderheiten, einheitliche Stimmen – oder Gruppenstimmen – zu konstruieren, die wiederum eine unterdrückende Funktion einnehmen können. Frauen werden oft mit der Rolle der Hüterinnen von Kultur besetzt. Von ihnen wird erwartet, dass sie die Gruppenstimme aufrechterhalten, und dies kann dazu führen »unbeabsichtigt mit autoritären oder fundamentalistischen Führern zusammen zu arbeiten, die behaupten, das wahre ›Wesen‹ der Kultur und Religion ihres Kollektivs zu repräsentieren, und die die Kontrolle über Frauen und deren Verhalten ganz oben auf ihrer Tagesordnung haben«.42
Es besteht auch eine Tendenz, Frauen als »Gruppe« mit geteilten Unterdrückungserfahrungen und einer gemeinsamen Kultur zu behandeln, ohne die Struktur der Kulturen, denen sie angehören, zu berücksichtigen. Dies wird durch die hegemoniale Auffassung des westlichen Feminismus verschärft, wonach die Unterdrückung von Frauen »eine fixe Realität ist, die entdeckt und dann verändert werden muss, und nicht eine Realität, die durch Praxis und Diskurs geschaffen und neu geschaffen wird«.43
Das Modell der Hybridität hinterfragt ständig die Grenzen, die dazu neigen, sich zu transformieren und neu zu formen, indem sie sich mit der Intersektionalität zwischen Erfahrung und Identität in der gelebten Erfahrung von Frauen befasst. Dadurch erhalten Frauen die Entscheidungsmacht für Veränderungen, anstatt als universelle Opfer betrachtet zu werden, die der Errettung bedürfen.
Literatur
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1 Dieser Artikel wurde von Caterina Panunzio vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Die meisten direkten Zitate wurden ebenfalls aus dem Englischen übertragen. Die Originalzitate wurden in die entsprechenden Fußnoten eingefügt, Anmerkungen sind mit »Anm.d.Ü.« gekennzeichnet.
2 In Anlehnung an das Wörterverzeichnis der Neuen deutschen Medienmacher*innen wurde in der deutschen Übersetzung die Schreibweise mit Großschreibung übernommen. Mit Zuschreibungen wie »Weiß« und »Schwarz« sind gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten gemeint. Anm.d.Ü. Vgl. NdM-Glossar unter: https://www.neuemedienmacher.de/Glossar_Webversion.pdf (aufgerufen am 03.05.2020).
3 Yuval-Davis (2015), 202: »had been informed primarily by the hegemonic experiences of white, middle-class women«.
4 Yuval-Davis (2015), 202: »this reality of women’s oppression is shared by all women, who are perceived to constitute a basically homogeneous social grouping«.
5 Volpp (2003), 395: »Is Multiculturalism bad for women?« und »What should be done when claims of minority cultures or religions contradict the norm of gender equality that is at least formally endorsed by liberal states?«.
6 Volpp (2003), 397: »the general failure to look at the behavior of white persons as cultural, while always ascribing the label of culture to the behavior of minority groups«.
7 Volpp (2003), 401: »domestic labor and child care by immigrant women of color«.
8 Morrison (1971), 15: »What do black women feel about Women’s Lib? Distrust. […] They don’t want to be used again to help somebody gain power – a power that is carefully kept out of their hands.« Vgl. Mitchem (2007), 68.
9 Kwok (2015), 67: »The condescending attitude towards women of other parts of the world and the missionary impulse to save them remains deeply lodged in Western women’s minds.«
10 Pineda-Madrid (2007), 57: »staggering loss of culture, language, land, and livelihood«.
11 Vgl. Pineda-Madrid (2007), 57.
12 Pineda-Madrid (2007), 57: »These women’s writings […] recognized the multiple ways in which women’s contributions were minimized and women’s roles slighted.«
13 Isasi-Díaz (2004), 7: »the religious thought and practice of Latinas«.
14 Isasi-Díaz (2004), 7: »only when we can be accommodated in the way others think and decide«.
15 Medina (2011), 40: »The ways that Latinas manage to feed their families, find work, get educated, earn respect, pay the bills, stay healthy, make decisions, pray and make love are the sources from which we theologize.«
16 Vgl. Isasi-Díaz (2004); Anzaldúa (1987); Sandoval (1998).
17 Vgl. Hull/Scott/Smith (Hg.) (1982).
18 Vgl. Walker (1983), 2. Auf Deutsch erschien das Buch mit dem Titel Auf der Suche nach den Gärten unserer Mütter bei Goldmann in München 1989.
19 Auf Deutsch könnte man von der Gegenüberstellung der Begriffe weibisch und mädchenhaft sprechen, im Satz »Du verhältst dich weibisch«; Anm.d.Ü.
20 Walker (1983), xxi–xxii. Auf Deutsch, wörtlich: »Womanist verhält sich zu feministisch wie lila zu lavendel«, Anm.d.Ü.
21 Hull/Scott/Smith (Hg.) (1982), xviii: »As a major result of the historic realities which brought us enslaved to this continent, we have been kept separated in every way possible from recognized intellectual work.«
22 Hull/Scott/Smith (Hg.) (1982), xviii: »[w]hat our multilayered oppression does not explain are the ways in which we have created and maintained our own intellectual traditions as Black women, without either the recognition or the support of white-male society.«
23 Harris (2010), 140: »It takes work to recover womanist stories […] moving through the depths of survival accounts, slave narratives […] which unleash the insights of women of the past for the sake of women living in the present, is hard work.«
24 Kwok (2015), 64: »[…] perceived backwardness, illiteracy, and promiscuity of native women were contrasted with the Victorian ideals of womanhood, such as education, hygiene, and sexual restraint«.
25 Yeğenoğlu (2015), 84: »the essence of the Orient«.
26 Kwok (2015), 64: »footbinding, polygamy, sati, and veiled women«.
27 Grosz (1994), x, zitiert nach Yeğenoğlu (2015), 91: »always already marked, inscribed, and engraved by social pressures«.
28 Wonhee (2006), 20.
29 Grey (2016), 13: »suffer discrimination through caste, class and gender«.
30 Samuel (2009), 145.
31 Samuel (2009), 3: »Indian feminism… tends to represent the interests and concerns of upper-caste women.«
32 Samuel (2009), 3: »failing to create spaces for their clear voices to be heard«.
33 Grey (2016), 101: »degradation […] by Brahminical culture, patriarchal norms, her own menfolk and grinding poverty«.
34 Park (2019), 1: »broad alliance of laborers, students, intellectuals, religious activities, and oppositional politicians«.
35 Park (1993), 10, zitiert nach Wonhee (2006), 20: »critical wound of the heart generated by unjust psychosomatic repression, as well as by social, political, economic, and cultural oppression«.
36 Wonhee (2006), 115: »This unravelling requires an entry into the Third Space of hybridity«.
37 Bhabha (2015), ix, xii, kursiv im Original: »Hybridity is a form of incipient critique; it does not come as a force from ›outside‹ [… but] works with, and within, the cultural design of the present to reshape our understanding.«
38 Vgl. Harris (2010), 143–144.
39 Harris (2010), 149: »Womanist religious thought is changing. We can no longer hold on to the old categories that decide who is in and who is out. If we silence each other’s voices, we silence ourselves.«
40 Werbner/Modood (2015), xvi: »global interaction among prior strangers«.
41 Werbner/Modood (2015), xvi, kursiv im Original: »can also mobilise for action«.
42 Yuval-Davis (2015), 201: »inadvertently collude with authoritarian fundamentalist leaders who claim to represent the true ›essence‹ of their collectivity’s culture and religion, and have high on their agenda the control of women and their behaviour«.
43 Yuval-Davis (2015), 202: »a fixed reality that has to be discovered and then changed, rather than a reality which is being created and re-created through practice and discourse«.
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