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Rahel Beyer / Albrecht Plewnia

Handbuch des Deutschen in West- und Mitteleuropa

Sprachminderheiten und Mehrsprachigkeitskonstellationen

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-8233-8154-9 (Print)

ISBN 978-3-8233-0174-5 (ePub)

Inhalt

  Vorwort Literatur

 Die deutsche Minderheit in Nordschleswig in Dänemark1 Geographische Lage2 Demographie und Statistik3 Geschichte4 Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Politische Situation4.3 Rechtliche Stellung des Deutschen4.4 Schulsystem4.5 Kulturelles Leben, Verbände, Institutionen und Medien5 Soziolinguistische Situation5.1 Kontaktsprachen5.2 Die einzelnen Sprachformen des Deutschen5.3 Sprachenwahl: Code-Switching, Sprachmischung6 Sprachgebrauch und -kompetenz7 Spracheinstellungen8 Linguistic Landscapes8.1 Die Minderheitensprache in der Mehrheitsgesellschaft8.2 Zweisprachige Straßenschilder9 ZusammenfassungLiteratur

 Deutsch in Ostbelgien1 Einleitung2 Geographische Lage und Demographie3 Geschichtliche Gegebenheiten3.1 Vor 19193.2 Vom Versailler Vertrag bis zum Zweiten Weltkrieg3.3 Der Zweite Weltkrieg3.4 Vom Zweiten Weltkrieg bis 19633.5 Die verschiedenen Staatsreformen in Belgien4 Die Politik und die rechtliche Stellung der DG heute4.1 Überblick4.2 Befugnisse4.3 Offene Frage: Separatismus4.4 Eine siebte Staatsreform?5 Die wichtigste Kompetenz: das Schulsystem6 Medien und Kultur6.1 Treffen der Staatsoberhäupter der Länder mit Amtssprache Deutsch6.2 Rat für deutsche Rechtschreibung6.3 Die Medien6.4 Kultur in Ostbelgien7 Soziolinguistische Aspekte7.1 Sprache und Dialekt7.2 Qualität der Sprache und schulische Leistungen7.3 Zweisprachigkeit8 Linguistic Landscape9 SchlussfolgerungLiteratur

 Luxemburg1 Geographische Lage2 Demographie und Statistik3 Geschichte4 Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Politische Situation4.3 Offizielle Sprachregelungen4.4 Schulsystem4.5 Medien, Literatur, Werbung5 Soziolinguistische Situation5.1 Kontaktsprachen5.2 Die einzelnen Sprachformen des Deutschen6 Sprachgebrauch und -kompetenz6.1 Einschätzung der Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen/Varietäten6.2 Kommunikationssituationen des Deutschen7 Spracheinstellungen8 Linguistic Landscape9 FaktorenspezifikLiteratur

 Der germanophone Teil Lothringens1 Geographische Lage2 Demographie und Statistik3 Geschichte3.1 Die Sprachgrenze als diskursives Konstrukt3.2 Ancien Regime3.3 Von der Französischen Revolution bis 18703.4 Eine Region als Spielball im Machtkampf verfeindeter Nachbarn3.5 Nach dem Zweiten Weltkrieg4 Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Politische Situation4.3 Rechtliche Stellung des Deutschen, Schulsystem, offizielle Sprachregelungen4.4 Kulturelle Institutionen, Verbände, Medien, Literatur5 Soziolinguistische Situation5.1 Kontaktsprachen5.2 Die einzelnen Sprachformen des Deutschen5.3 Sprachenwahl und Code-Switching6 Sprachgebrauch und -kompetenz6.1 Allgemeines6.2 Einschätzung der Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen/Varietäten6.3 Sprachgebrauch: Sprecherkonstellationen und -typen6.4 Monologische Sprechsituationen, schriftlicher Sprachgebrauch und Mediennutzung6.5 Kommunikationssituationen des Deutschen7 Spracheinstellungen7.1 Affektive Bewertung7.2 Kosten-Nutzen-Kalkulation7.3 Einstellung gegenüber Dialekt und Hochsprache als Identitätsmerkmal8 Linguistic Landscape9 ZusammenfassungLiteratur

 Das Elsass1 Einleitung2 Geographische Lage3 Demographie und Statistik4 Geschichte4.1 5. Jahrhundert bis Ende 17. Jahrhundert4.2 18. und 19. Jahrhundert (bis 1870)4.3 Seit 18715 Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung5.1 Rechtliche Stellung des Deutschen und offizielle Sprachregelungen5.2 Wirtschaftliche Situation (Rolle des Deutschen in der Wirtschaft/auf dem Arbeitsmarkt)5.3 Politische Situation5.4 Kulturelle Institutionen, Verbände, Medien, Literatur6 Soziolinguistische Situation7 Sprachgebrauch und -kompetenz7.1 Allgemeines7.2 Einschätzung der Sprachkompetenz in den verschiedenen Varietäten7.3 Sprachgebrauch7.4 Kommunikationssituationen des Deutschen8 Spracheinstellungen8.1 Affektive Bewertung; Dialektverlust8.2 Kosten-Nutzen-Kalkulation8.3 Einstellung gegenüber Hochsprache und Dialekt (als Identitätsmerkmal)9 Linguistic Landscapes9.1 In der offiziellen Öffentlichkeit9.2 In der privaten Öffentlichkeit10 FaktorenspezifikLiteratur

 Die Schweiz1 Geographische Lage2 Demographie, Statistik, Wirtschaft3 Geschichte3.1 Von den Pfahlbauern zu den Alemannen3.2 Von der Alten Eidgenossenschaft zum modernen Bundesstaat3.3 Zur Geschichte der Schriftsprache in der Deutschschweiz4 Politik, Kultur und rechtliche Stellung der Sprachen4.1 Politische Lage4.2 Rechtliche Stellung des Deutschen, Schulsystem, offizielle Sprachregelung4.3 Sprachenlernen an Schweizer Schulen, die Bedeutung von Deutsch in nicht-deutschsprachigen Landesteilen4.4 Kulturelle Institutionen, Medien, Literatur5 Soziolinguistische Situation, Sprachgebrauch, Sprachkompetenz5.1 Varietäten und Varianten in den verschiedenen Sprachgebieten5.2 Die Standardsprache in der Deutschschweiz5.3 Die schweizerdeutschen Dialekte5.4 Sprachkontakt zwischen Deutschsprachigen und Anderssprachigen6 Einstellungen6.1 Einstellungen gegenüber den Dialekten6.2 Einstellungen gegenüber der Standardsprache6.3 Einstellungen zwischen den Sprachgruppen7 Sicht- und Hörbarkeit von Sprachen im öffentlichen Raum7.1 Linguistic Landscape7.2 Linguistic Soundscape8 AusblickLiteratur

 Südtirol1 Geographische Lage2 Demographie und Statistik3 Geschichte4 Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Politische Situation4.3 Rechtliche Stellung des Deutschen, Schulsystem, offizielle Sprachregelungen4.4 Kulturelle Institutionen, Verbände, Medien, Literatur5 Soziolinguistische Situation5.1 Allgemeines5.2 Kontaktsprachen5.3 Die einzelnen Sprachformen des Deutschen5.4 Sprachkontakt5.5 Sprachenwahl: Code-Switching, Sprachmischung6 Sprachgebrauch und -kompetenz6.1 Allgemeines6.2 Einschätzung der Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen/Varietäten6.3 Sprachgebrauch in einzelnen Domänen7 Spracheinstellungen7.1 Affektive Bewertung7.2 Kosten-Nutzen-Kalkulation7.3 Einstellung gegenüber Dialekt und Hochsprache (als Identitätsmerkmal)8 Linguistic Landscapes9 Faktorenspezifik (Zusammenfassung)Literatur

Vorwort

Rahel Beyer / Albrecht Plewnia

Die heutige Ausdehnung des zentralen (geschlossenen) germanophonen Sprachraums in der Mitte Europas ist das Ergebnis mehrerer Jahrhunderte Besiedlungs- und Expansionsgeschichte germanischer Stämme, die im Frühmittelalter Territorien einnahmen und dort auch ihre Sprache etablierten (Roelcke 2009: 17f.). So kamen etwa die Alemannen im 9. Jahrhundert bis ins Wallis, die Siedlungen der Baiern erstreckten sich schließlich bis über das ganze heutige Österreich. Mit dem Ende des Mittelalters waren die Sprachgrenzen in Europa dann konsolidiert und haben sich seitdem nur wenig verändert. Indessen hielten Annexionsbewegungen, Staatenbildung und Grenzverschiebungen von Staaten (z.B. im Rahmen des Wiener Kongresses 1814/1815) bis ins 20. Jahrhundert an. Die neuen Grenzziehungen orientierten sich nun überwiegend nicht an sprachlichen Räumen, sondern durchquerten und zerteilten sie vielmehr. Dementsprechend gibt es heute eine Reihe von Staaten, in denen das Deutsche (bzw. bestimmte dem Deutschen zuzuordnende oder eng mit ihm verwandte Varietäten) in Minderheits- und/oder Mehrsprachigkeitsverhältnissen steht, d.h. in Ko-Existenz mit anderen Sprachen in je unterschiedlichen Konstellationen, sei es mit einer anderen (weiteren) Amtssprache, sei es in territorialer Mehrsprachigkeit. Solche Fälle finden sich in mehreren Gebieten am Rande des geschlossenen deutschen Sprachraums, also jenseits der Grenzen der Staaten mit deutscher Mehrheitssprache. Diesen widmet sich das vorliegende Handbuch.

Es reiht sich ein in eine Serie von Handbüchern, die Minderheiten mit Beteiligung des Deutschen systematisch in einer Zusammenschau erfasst und eine Grundlage für einen Vergleich „in grundsätzlicher Hinsicht“ (Eichinger 2008: VIII) liefert. Den Anfang dieser Serie bildet das Handbuch der mitteleuropäischen Sprachminderheiten (Hinderling/Eichinger 1996), in dem deutsche Minderheiten in Mitteleuropa und anderssprachige Minderheiten in deutschsprachigem Mehrheitsgebiet vergleichend gegenübergestellt wurden. Ergänzt wurde dieses Handbuch in den Folgejahren durch je einen Band zu deutschen Sprachminderheiten in Mittel- und Osteuropa (Eichinger/Plewnia/Riehl 2008) und zu deutschen Sprachminderheiten in Übersee (Plewnia/Riehl 2018).

Mit diesem Band liegt nun der erste von zwei Teilen einer vollständig überarbeiteten und erweiterten Neufassung des Ausgangsbandes vor (der zweite Teil wird die Sprachminderheiten mit Deutsch als Mehrheitssprache zum Gegenstand haben). Der Fokus dieses Bandes liegt auf West- und Mitteleuropa; dabei bilden Geographie und Entstehungsbedingungen die verbindende Klammer. Über die Dichotomie von Mehrheit und Minderheit1 hinaus sind hier weitere Ausprägungen gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit zu finden. So bilden etwa die Deutschsprachigen in Belgien – gewissermaßen ein Prototyp einer Grenzminderheit – eine nationale Minderheit, da die Verwendung und Reichweite des Deutschen räumlich auf neun Gemeinden in Ostbelgien beschränkt ist. Dort stellt es wiederum eine regionale Mehrheitssprache dar, und ist aufgrund dessen auf nationaler Ebene Amtssprache. Luxemburg dagegen hat gar keine allochthonen Deutschsprecher, sodass man im eigentlichen Sinne nicht vom Deutschen als Minderheitensprache sprechen kann – dort ist heute das mit dem Deutschen eng verwandte Luxemburgische die meistgesprochene Sprache. Historisch gesehen ist das Deutsche jedoch ohne Zweifel Teil des kulturellen Erbes des Großherzogtums (Sieburg 2013: 95) und hat auch gegenwärtig durchaus seinen Platz in der Sprachlandschaft, jedoch mit differenzierterem Status. Ähnliches gilt für die deutschsprachige Schweiz: Einerseits wird vorherrschend das deutsche Diasystem verwendet, andererseits geht mit der stark ausgeprägten Standard-Dialekt-Diglossie eine distanzierte Haltung gegenüber dem „Schriftdeutschen“ bis hin zur Entfremdung einher, so dass auch hier das Deutsche nicht unbedingt als die „natürliche Sprache“ (Haas 2000: 106) gilt. Gemein ist allen Szenarien, dass sie unmittelbar an ein Gebiet mit deutschsprachiger Mehrheitsbevölkerung angrenzen, dass das Deutsche einen offiziellen Status besitzt und neben (mindestens) einer anderen Sprache, d.h. in einer Mehrsprachigkeitskonstellation, existiert.

Entsprechend der Einordnung in die erwähnte Serie orientiert sich auch die Gliederung des Buches bzw. der Beiträge an den Vorgängerarbeiten. Pro Beitrag wird ein Gebiet überblicksartig beschrieben, und dabei jeweils ein „gewisser Kernbestand an Problembereichen“ (Hinderling/Eichinger 1996: XII) behandelt. Die Beschreibungsdimensionen erstrecken sich von den historischen Entwicklungen über die aktuelle demographische und rechtliche Situation bis hin zur Rolle und Präsenz des Deutschen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Darüber hinaus wird für jedes Gebiet eine Beschreibung der Kompetenz- und Sprachgebrauchssituation, der soziolinguistischen Situation mit ihren je spezifischen Standard-Substandard-Verteilungen sowie der Spracheinstellungen der Sprecherinnen und Sprecher geboten. Im Vergleich zu den vorherigen Bänden neu hinzugekommen ist schließlich eine Erläuterung der Verteilung und Verwendung visuell realisierter Sprache(n) im öffentlichen Raum (linguistic landscape) in Form von Straßen- und Verkehrsschildern, Plakaten, Ladenbeschriftungen usw. Gliederung und Ausführlichkeit der einzelnen Kategorien variieren dabei in gewissem Umfang je nach den Gegebenheiten in den behandelten Gebieten.

Die Herausgeber danken allen beteiligten Autorinnen und Autoren für ihren Beitrag und den kollegialen Austausch. Ein großer Dank gilt auch Heike Kalitowski-Ahrens und Julia Smičiklas, die eine große Stütze bei Erstellung, Satz und Korrektur der Manuskripte waren.

Wir danken dem Gunter-Narr-Verlag für die Aufnahme des Handbuchs in das Verlagsprogramm und insbesondere Tillmann Bub für seine immer währende Geduld und Freundlichkeit in der Betreuung auch dieses Bandes.

Literatur

Eichinger, Ludwig M. (2008): Vorwort. In: Eichinger, Ludwig M./Plewnia, Albrecht/Riehl, Claudia M. (Hrg.): Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Mittel- und Osteuropa. Tübingen: Narr, S. VII–X.

Eichinger, Ludwig/Plewnia, Albrecht/Riehl, Claudia M. (Hrg.) (2008): Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Mittel- und Osteuropa. Tübingen: Narr.

Haas, Walter (2000): Die deutschsprachige Schweiz. In: Bickel, Hans/Schläpfer, Robert (Hrg.): Die viersprachige Schweiz. 2., neu bearb. Aufl. Aarau/Frankfurt a.M./Salzburg: Sauerländer, S. 57–138.

Hinderling, Robert/Eichinger, Ludwig M. (Hrg.) (1996): Handbuch der mitteleuropäischen Sprachminderheiten. Tübingen: Narr.

Hinderling, Robert/Eichinger, Ludwig M. (1996): Einleitung. In: Hinderling, Robert/Eichinger, Ludwig M. (Hrg.): Handbuch der mitteleuropäischen Sprachminderheiten. Tübingen: Narr, S. IX–XVII.

Plewnia, Albrecht/Riehl, Claudia M. (Hrg.) (2018): Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Übersee. Tübingen: Narr.

Pusch, Claus D. (2010): Old Minorities within a Language Space. In: Auer, Peter/Schmidt, Jürgen E. (Hrg.): Language and Space. An International Handbook of Linguistic Variation. Bd. 1. Theories and Methods. Berlin/New York: Mouton de Gruyter, S. 375–390.

Roelcke, Thorsten (2009): Geschichte der deutschen Sprache. München: Beck.

Sieburg, Heinz (2013): Die Stellung der deutschen Sprache in Luxemburg. Geschichte und Gegenwart. In: Sieburg, Heinz (Hrg.): Vielfalt der Sprachen – Varianz der Perspektiven. Zur Geschichte und Gegenwart der Luxemburger Mehrsprachigkeit. Bielefeld: transcript, S. 81–106.

Die deutsche Minderheit in Nordschleswig in Dänemark

Karen Margrethe Pedersen / Tobias Haimin Wung-Sung

1 Geographische Lage

2 Demographie und Statistik

3 Geschichte

4 Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung

4.1 Wirtschaftliche Situation

4.2 Politische Situation

4.3 Rechtliche Stellung des Deutschen

4.4 Schulsystem

4.5 Kulturelles Leben, Verbände, Institutionen und Medien

5 Soziolinguistische Situation

5.1 Kontaktsprachen

5.2 Die einzelnen Sprachformen des Deutschen

5.3 Sprachenwahl: Code-Switching, Sprachmischung

6 Sprachgebrauch und -kompetenz

6.1 Allgemeines

6.2 Sprachkompetenz

6.3 Sprachgebrauch (Schriftsprache)

6.4 Sprachgebrauch in den Minderheitenorganisationen

7 Spracheinstellungen

8 Linguistic Landscapes

8.1 Die Minderheitensprache in der Mehrheitsgesellschaft

8.2 Zweisprachige Straßenschilder

9 Zusammenfassung

Literatur

1 Geographische Lage

Die deutsche Minderheit in Dänemark ist ein Produkt der Geschichte; sie befindet sich auf der dänischen Seite des deutsch-dänischen Grenzraums. Dieses Gebiet wird von der deutschen Volksgruppe Nordschleswig genannt – eine Bezeichnung, die daran erinnert, dass das Gebiet ursprünglich den nördlichen Teil des Herzogtums Schleswig bildete. Die dänische Mehrheit nennt diesen Raum hingegen Sønderjylland (Südjütland). Offiziell ist Nordschleswig einsprachig, was u.a. in den einsprachig-dänischen Orts- und Straßennamen zum Ausdruck kommt. Das schließt jedoch nicht aus, dass die deutsche Minderheit intern ihre eigenen Bezeichnungen für Orte und Straßen verwendet und sie einen großen Wunsch nach zweisprachigen dänisch-deutschen Beschilderungen hat. In Bezug auf das Siedlungsgebiet der deutschen Minderheit wird im Folgenden von Nordschleswig gesprochen; bei Ortsnamen werden die deutschen und die dänischen Bezeichnungen genannt. Nordschleswig umfasst heute die vier südjütischen Kommunen Tondern/Tønder, Apenrade/Aabenraa, Hadersleben/Haderslev und Sonderburg/Sønderborg. Diese Kommunen sind Teil der Region Syddanmark, die aus 22 Kommunen besteht.1


Abb. 1: Nordschleswig und die Institutionen der deutschen Minderheit

2 Demographie und Statistik

2017 hatten die vier südjütischen Kommunen insgesamt 227.777 Einwohner auf einer Fläche von 3.436 km2, d.h. 66 Einwohner pro km2. Die deutsche Minderheit stellt mit ungefähr 15.000 Einwohnern 6,5 Prozent dieser Bevölkerung. Die Volksgruppe bildet keine geographische Einheit, sondern lebt in mehreren konzentrierten Ansiedlungen verstreut unter der Mehrheitsbevölkerung.

In Nordschleswig lag das Durchschnittseinkommen im Jahr 2014 um 10 Prozentpunkte unter dem Landesdurchschnitt; die Einwohnerzahl ging zurück. Im Jahr 2016 machte die Bevölkerung von Nordschleswig 4 Prozent der dänischen Gesamtbevölkerung aus; im Jahre 2030 werden es voraussichtlich nur noch 3,7 Prozent sein (Sørensen 2016). Dieser Rückgang könnte negative Folgen für die Zukunft der Minderheit haben. Schon heute verlassen viele junge Leute die Region und ziehen bevorzugt in größere Städte außerhalb Nordschleswigs. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Prozess noch verstärkt und die Minderheit damit ihre Basis verliert. Eine solche Entwicklung ist für Streuminderheiten durchaus typisch. Eine Analyse der deutschen Schulen und der deutschen Gymnasiasten mit dänischer Personenkennzahl (CPR-Nummer) zeigt, dass sie sich in Bezug auf Bildung nicht von der Mehrheit der Jugendlichen unterscheiden. Die große Mehrheit (87 %) lebt in Dänemark, nur 9 Prozent in Deutschland (Deutscher Schul- und Sprachverein für Nordschleswig 2016a).

3 Geschichte

Die deutsche Minderheit ist das Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung des Herzogtums Schleswig. Schleswig war ursprünglich ein fester Bestandteil des dänischen Königreiches, wurde aber im Laufe des 13. Jahrhunderts – als Folge der Belehnungspraxis der dänischen Könige – ein eigenes Herzogtum, das bis 1864 durch Personalunion mit Dänemark verbunden blieb. Über Jahrhunderte lebten Dänen und Deutsche friedlich zusammen, und es wurden als Volksprachen sowohl Dänisch, d.h. ein südjütischer Dialekt, als auch Niederdeutsch und später Hochdeutsch gesprochen. Die überwiegend südjütischsprechenden Deutschgesinnten in Nordschleswig haben ihre Wurzeln in den Volkstumskämpfen, während derer der nationale Gedanke des 19. Jahrhunderts an Bedeutung gewann. Im Königreich Dänemark traten die Nationalliberalen, unterstützt von den Führern der dänischgesinnten Schleswiger, für die Eidergrenze ein und damit für die Eingliederung des Herzogtums Schleswig nach Dänemark. Die Schleswig-Holsteiner und die Deutschgesinnten hingegen verfolgten die Eingliederung Schleswigs und Holsteins nach Preußen. Die Schleswig-Holsteinische Erhebung 1848 bis 1851 (Treårskrigen) führte zu keiner Lösung der Probleme. Der Deutsch-Dänische Krieg 1864 und die folgende Abtretung Schleswigs an Österreich/Preußen (ab 1866 Preußen allein) brachte hingegen radikale Veränderungen. Während die deutschgesinnte Bevölkerung in Schleswig sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr als nationale Minderheit innerhalb der dänischen Monarchie verstand, waren gleichzeitig umgekehrt die Dänischgesinnten zur Minderheit in Preußen geworden. Die preußische Obrigkeit versuchte die Dänen bezüglich Sprache und Kultur zu assimilieren. Seit 1888 wurde Deutsch überall als Schulsprache durchgesetzt; Dänisch dagegen wurde zu einem Schulfach. Amtssprache und die Sprache in den Kirchen waren schon Deutsch. Diese Politik führte dazu, dass sich die Dänischgesinnten in mehreren nationalen Vereinen in den Bereichen Sprache, Kultur und Schule zu organisieren begannen, in denen sie trotz der preußischen Annexion und Assimilationspolitik am Wunsch nach der Vereinigung mit Dänemark festhielten.

Nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg wurde die Grenzfrage 1920 auf der Grundlage der Prinzipien des Selbstbestimmungsrechtes der Völker mit Volksabstimmungen angegangen. In der damaligen Zone 1, die sich nördlich der heutigen deutsch-dänischen Grenze erstreckte, nahmen 1920 91,5 Prozent der Stimmberichtigten teil, von denen zirka 75 Prozent für einen Anschluss an Dänemark votierten – in Städten, die nahe der heutigen Staatgrenze liegen wie Hoier/Højer, Tondern/Tønder und Tingleff/Tinglev, stimmte die Mehrheit jedoch für Deutschland. Dieses Resultat führte zur Abtretung Nordschleswigs an Dänemark und zur Wiedereinführung von Dänisch als Amts-, Schul- und Kirchensprache in diesem Gebiet. Die Deutschgesinnten organisierten sich daraufhin als nationale Minderheit mit deutschen Verbänden und Vereinen. Sie bekamen kommunale und private Schulen, unabhängige Kirchengemeinden und ihre eigene deutschsprachige Presse. Sie organisierten sich außerdem in einer politischen Partei, die eine Grenzrevision forderte.

Die deutsche Minderheit bestand teils aus Familien, die sich seit Generationen, angezogen von der deutschen Kultur und der deutschen Sprache, als Deutsche verstanden, auch wenn sie zu Hause den dänischen Dialekt Sønderjysk sprachen; teils stammten sie aus Familien, deren Vorfahren als Handwerker, Kaufleute, Landwirte oder Verwaltungsbeamte vor allem aus Holstein eingewandert waren und ihre deutsche Identität bewahrt hatten.

Während des nationalsozialistischen Regimes 1933 bis 1945 wurden viele Mitglieder der Minderheit stark nazifiziert. Sie wurden nach Ende des Krieges 1945 interniert und manche zu Freiheitsstrafen verurteilt. Im selben Jahr erklärte die Minderheit ihre Loyalität gegenüber dem dänischen Staat und erkannte die Grenze von 1920 an. Auf demokratischer Grundlage fand jetzt eine Neuorganisation der Minderheit statt. Der Bund deutscher Nordschleswiger wurde die Dachorganisation für kulturelle und politische Vereine sowie für die Zeitung Der Nordschleswiger. Die geschlossenen deutschen Schulen wurden wieder geöffnet und als private Schulen auf der Basis des dänischen Gesetzes Lov om frie skoler eingerichtet. Nach der Kopenhagener Erklärung 1955 bekamen sie auch das Examensrecht. Eine deutschsprachige Kirche wurde mit vier staatlichen Pastoren in der dänischen Volkskirche etabliert. Später wurde die Versorgung mit Pastoren auch durch die Nordelbische Kirche unterstützt.

Die dänischen Reaktionen auf die Entwicklung waren unterschiedlich. Einige wollten, dass die Minderheit – insbesondere durch dänische Schulbildung – vollständig assimiliert wurde. Andere jedoch – vor allem auf nationaler Ebene – verstanden den Wunsch der Minderheit, die deutsche Kultur und Identität zu bewahren. Die Beziehung zwischen Dänisch und Deutsch war immer noch angespannt. Obwohl die Minderheit nun nicht mehr den Anschluss Nordschleswigs an Deutschland anstrebte, war die nationale Frage damit nicht beantwortet. Im Schulwesen konzentrierte man sich darauf, den Kindern und Jugendlichen ein klares Bewusstsein für ihre Verbindung mit Deutschland und ihre deutsche Identität zu vermitteln. Besonders Schulrat Fr. Christensen betonte, dass die Kinder der Minderheit deutsche Schulen zu besuchen hätten und bezeichnete Eltern, die ihre Kinder auf dänische Schulen schickten, als Verräter. Die Minderheit versuchte, diejenigen, die sie für ihrer Gruppe zugehörig hielten, an sich zu binden. Christensen und die Minderheit der Nachkriegszeit waren dabei nicht eigentlich anti-dänisch eingestellt, dachten aber in dänischen und deutschen nationalen Gegensätzen. In gegenseitiger Achtung für einander und für die jeweiligen Unterschiede sollte man in Nordschleswig zusammen, aber getrennt voneinander leben.

In den 1960er Jahren begannen einige Jugendliche der Minderheit, die Idee der Isolation und des nationalen Kampfes in Frage zu stellen. Ein junger Student, Günter Weitling, schrieb im Nordschleswiger, die Minderheit solle sich als Brückenbauer zwischen dänischer und deutscher Kultur sehen. Ihm zufolge gehörte der nationale Kampf der Vergangenheit an, während die Zukunft in der entstehenden europäischen Zusammenarbeit lag. Auch die ersten Abiturienten mit dem deutschen und dänischen Abitur des neuen Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig erregten Aufsehen mit den rot-weißen dänischen Abiturienten-Mützen, die in Deutschland unbekannt waren. Mehrere der Abiturienten brachten zum Ausdruck, der nationale Kampf gehöre jetzt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges der Vergangenheit an. Hinzu kam, dass einige Jugendliche begannen, Interessen zu entwickeln, die über die traditionellen und national aufgeteilten Aktivitäten wie Sport, Pfadfinder und Abendvorträge hinausgingen. Diese Jugendlichen wollten ihre Freizeitaktivitäten selbst arrangieren und planen und nicht von den Dänen isoliert werden. Sowohl politische als auch kulturelle Veränderungen in der Welt außerhalb der Grenzregion fanden Anklang bei der Minderheit.

In den 1970er und 1980er Jahren wurden die Ideen der Jugendlichen in der Minderheit generell akzeptiert und übernommen, und die offizielle Zielsetzung des Schulwesens war jetzt, dass die Schüler Verständnis und Verbundenheit sowohl zur dänischen als auch zur deutschen Sprache und Kultur entwickeln sollten. Die Jugendlichen erhielten mehr Mitbestimmung in Bezug auf die Freizeitaktivitäten für Jugendliche, und eine Zusammenarbeit mit dänischen Institutionen und Jugendzentren wurde ermöglicht. Trotz dieser Entwicklung verschwand der alte Gegensatz zwischen Deutsch und Dänisch nicht völlig. Insbesondere ältere Dänen hegten immer noch Skepsis und Gegenwillen der deutschen Minderheit gegenüber.

In den folgenden Jahren erreichte die Minderheit eine formale Gleichbehandlung mit der Mehrheit. Dabei war die Minderheit insgesamt zurückhaltend und hat keine Forderungen an die Mehrheit gestellt, die sich ihrerseits für die Mitglieder der Minderheit kaum interessierte. Diese wurden zwar akzeptiert, aber erst in den 1990er Jahren fühlten sie sich respektiert. Zu den Jubiläumsfeiern der dänischen Wiedervereinigung 1995 wurde auch der Vorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hans Heinrich Hansen, eingeladen. Das trug dazu bei, das Eis zu brechen, und Hansen sagte anschließend in einem Interview, dass die Minderheit jetzt nicht mehr nur gleichberechtigt, sondern auch gleichwertig mit der Mehrheit sei. Im selben Zeitraum nahm die deutsche Minderheit auch die Zusammenarbeit mit der dänischen Minderheit in Südschleswig auf, insbesondere in finanziellen Angelegenheiten und im Zusammenhang mit der Arbeit der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) und dem Minderheitenschutz des Europarates.

4 Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung
4.1 Wirtschaftliche Situation

Die deutsche Minderheit hat keine eigene wirtschaftliche Infrastruktur; nur in der Landwirtschaft ist sie durch ihren eigenen Landwirtschaftlichen Hauptverein für Nordschleswig genügend vertreten. Insgesamt ist die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft in Nordschleswig jedoch gering; im Jahr 2014 waren nur 5,7 Prozent der Beschäftigten in diesem Bereich tätig (Sørensen 2016). Angesichts einer starken Strukturentwicklung mit Spezialisierung und Konzentration der Produktion, die einen großen und fachlich hoch qualifizierten Beratungsbedarf mit sich bringt, wurde 2016 von dänischer Seite vorgeschlagen, den Verein der deutschen Minderheit mit dem dänischen Landwirtschaftsverein zusammenzulegen. Der Vorschlag wurde von deutscher Seite jedoch als Bedrohung für die Minderheit angesehen und dementsprechend abgelehnt.

4.2 Politische Situation

Die Schleswigsche Partei (SP) ist der politische Arm des Bunds Deutscher Nordschleswiger (BDN). Sie war von 1920 bis 1943, von 1953 bis 1964 und (zusammen mit einer dänischen Partei) von 1973 bis 1979 mit einem Sitz im dänischen Folketing (Parlament) vertreten. Im Zuge einer Kommunalreform entstand im Jahr 1970 Sønderjyllands Amt (das Amt Südjütland). Die deutsche Minderheit erhielt mit 7.501 Stimmen (ein Anteil von 6,6 Prozent) ein Mandat im Amtsrat. 1997 ging der Stimmenanteil auf 3,3 Prozent zurück; die Minderheit blieb aber im Amtsrat vertreten, bis das Amt Südjütland 2007 aufgelöst wurde. Der Landesteil Nordschleswig wurde in vier Großkommunen aufgeteilt, die ein Teil der Region Syddanmark wurden. Die dänische Regierung hat aber der Minderheit ihre Loyalität auf ihrem traditionellen Siedlungsgebiet zugesichert. Die ersten zehn Jahre nach der Aufteilung hatte die SP keinen Kandidaten für den Regionalrat. Nach Erfolgen bei den Kommunalwahlen versuchte die SP 2017, auch in den Regionalrat zu kommen. Ihr Kandidat bekam aber nur 5.202 Stimmen, ein Drittel der für ein Mandat notwendigen Stimmen.

Auf kommunaler Ebene war die SP in der Vergangenheit von 1920 bis 1943 sowie 1953 in Stadträten vertreten. Auch aktuell sitzen Vertreter der Partei in den Stadträten aller vier Großkommunen. Seit 2009 betont die SP bei Kommunalwahlen ihre Regionalität. Auf ihrer Webseite heißt es:

Als unabhängige und pragmatische Partei der Mitte – frei von übergeordneten Bindungen und Ideologien – setzen wir uns für das Wohl und die Entwicklung in Nordschleswig ein.1

Ihre politischen Ziele sind grenzüberschreitende Zusammenarbeit, offene Grenzen, Unterstützung der lokalen Industrie, sprachliche und kulturelle Vielfalt und eine ganze Reihe weiterer regionaler Anliegen. Diese wurden seit 2009 in einer Werbekampagne auch auf Sønderjysk (dem dänischen Dialekt der Region) präsentiert. Diese regionale Profil- und Sprachkampagne führte bei den folgenden Wahlen zu einer Verdoppelung der Stimmen von 4.368 (2001) auf 8.620 (2013) bzw. 9.708 (2017). Mehr als die Hälfte der Stimmen entfiel auf einen Kandidat in Sonderburg/Sønderborg. Seine 4.944 Stimmen gaben zusammen mit 849 Stimmen für andere Kandidaten fünf Mandate im Stadtrat. In Tondern/Tønder und in Hadersleben/Haderslev erhielt die SP jeweils ein Mandat, in Apenrade/Aabenraa zwei. Auf diese Weise ist die SP in den vier Stadtverwaltungen in Nordschleswig vertreten.

Das Sekretariat der Volksgruppe in Kopenhagen

Nachdem die deutsche Minderheit seit 1979 nicht mehr im dänischen Folketing (Parlament) vertreten ist, wurde ein Kontaktausschuss zum Folketing und zur Regierung gebildet, in dem innerdänische Fragen, die die Minderheit mitbetreffen, behandelt werden. Der Leiter des Sekretariats wird vom Hauptvorstand des BDN gewählt. Mitglieder des Ausschusses sind Repräsentanten des BDN und der Parteien im Folketing; den Vorsitz hat der Minister bzw. die Ministerin des für Minderheitenfragen zuständigen Ministeriums.1

Der Kontakt zur Bundesrepublik ist durch das 1975 eingerichtete Gremium für Fragen der deutschen Minderheit in Nordschleswig beim Schleswig-Holsteinischen Landtag in Kiel gesichert, das sich aus Mitgliedern des Schleswig-Holsteinischen Landtags und des Bundestags sowie Vertretern des BDN zusammensetzt; den Vorsitz hat der Landtagspräsident bzw. die Landtagspräsidentin. Das Gremium ist für alle Fragen zuständig, die die deutsche Volksgruppe in Nordschleswig betreffen, insbesondere für Informationen über die Minderheit und ihre Haushaltsangelegenheiten, aber zum Beispiel auch für Fragen der deutsch-dänischen Grenzregion.2

4.3 Rechtliche Stellung des Deutschen
Die Kopenhagener Erklärung von 1955

Die Kopenhagener Erklärung für die deutsche Minderheit von 1955 ist eine parallele Erklärung zur Bonner Erklärung für die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein. Mit den fast gleichlautenden unilateralen Bonn-Kopenhagener-Erklärungen wurden die zwei Minderheiten gleichberechtigt anerkannt. Die Erklärungen garantieren den beiden Minderheiten ihre allgemeinen Rechte und die formelle Gleichberechtigung, und eine subjektive Definition des Nationalitätsprinzips wurde festgestellt. Wörtlich heißt es: „Das Bekenntnis zum deutschen/dänischen Volkstum und zur deutschen/dänischen Kultur ist frei und darf von Amts wegen nicht bestritten und nachgeprüft werden“ (Art. II.1). Auch der Gebrauch der deutschen Sprache von den Angehörigen der deutschen Minderheit ist in der Kopenhagener Erklärung wie folgt garantiert: „Angehörige der deutschen Minderheit und ihre Organisationen dürfen am Gebrauch der gewünschten Sprache in Wort und Schrift nicht behindert werden“ (Art. II.2).

Die Erklärung macht keine Aussage über die Minderheitensprache als Verbindung zum Verwandtschaftsstaat oder als Muttersprache der Mitglieder. Darin heißt es lediglich, dass die Mitglieder der deutschen Minderheit und ihre Organisationen nicht daran gehindert werden dürfen, die Sprache ihrer Wahl zu sprechen und zu schreiben. Es wird jedoch hinzugefügt, dass die Verwendung der Minderheitensprache „in Gerichten und Verwaltungsbehörden den einschlägigen Rechtsvorschriften unterliegt“ (Art. II.3).

Die Verwendung der Formulierung „die gewünschte Sprache“ anstelle von „die Minderheitensprache“ macht den Absatz interpretierbar. Aus heutiger Sicht bestand jedoch 1955 kein Zweifel daran, dass die Absicht der Erklärung zur Sprachverwendung darin bestand, den Mitgliedern der Minderheit die Wahl der Minderheitensprache zu gewähren. Zu dieser Zeit waren Sprachpolitik und Sprachplanung in den meisten europäischen Nationalstaaten von der Idee des Sprachnationalismus dominiert. Ihr zufolge sind nationale Identität und eine nationale Sprache naturgemäß und untrennbar miteinander verbunden. Die Nationalsprache gilt in diesem Konzept als Ausdruck der Solidarität des Volkes sowie der Einheit der Nation und ist das Bindeglied zwischen dem Verwandtschaftsstaat und den nationalen Minderheiten. Andererseits beinhaltet die Idee des Sprachpluralismus ein Konzept von Mehrsprachigkeit und sprachlicher Vielfalt und akzeptiert, dass jede Sprache oder jeder Dialekt eine Reihe von Bereichen hat, in denen ihr bzw. ihm ein hoher Stellenwert zukommt. Wenn der Wortlaut der Kopenhagener Erklärung „die gewünschte Sprache“ sprachpluralistisch interpretiert wird, könnten die deutschen Minderheitsmitglieder bis auf wenige Ausnahmen Deutsch oder eine deutsche Variante, Dänisch oder den dänischen Dialekt Sønderjysk verwenden. Im täglichen Leben zeigt sich ein Sprachverhalten, das diesen Sprachpluralismus widerspiegelt. Einige ältere Mitglieder der Minderheit interpretieren den Wortlaut jedoch eher sprachnationalistisch und plädieren für die alleinige Verwendung der Minderheitensprache. Das Nebeneinander dieser beiden Konzepte führt zu einer anhaltenden Sprachdebatte.

Der Minderheitenschutz des Europarates

Die Kopenhagener Erklärung ist kein völkerrechtlich bindendes Dokument. Erst einige Jahrzehnte später hat Dänemark zwei Abkommen ratifiziert, die völkerrechtliche Bindung haben und die deutsche Minderheit erfassen: das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten (Rahmenkonvention) im Jahre 1997 und die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (Sprachencharta) von 2001. Die Rahmenkonvention bestätigt die Rechte, die die deutsche Minderheit in der Kopenhagener Erklärung schon bekommen hatte: die Zugehörigkeit zur Minderheit ist frei, und Angehörige einer nationalen Minderheit haben das Recht, sich zu versammeln, sich frei zusammenzuschließen; sie haben Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit sowie Zugang zu den Medien.1

Diese generellen Rechte werden in der deutschen Minderheit nicht so oft diskutiert wie die Sprachencharta, die Regionalsprachen oder Minderheitensprachen schützt und fördert. In Dänemark umfasst sie Deutsch als Minderheitensprache in Nordschleswig und nicht Deutsch als Fremdsprache.2 Die Charta bestätigt die bereits in der Kopenhagener Erklärung verankerten Rechte. Die Minderheit hat jedoch erklärt, dass die Charta die Minderheit in psychologischer und spezifischer Weise in ihren Bemühungen unterstützt, Deutsch in der Minderheit am Leben zu erhalten (Hansen 2003: 71). Die Minderheit ist auch der Ansicht, dass die Charta einen zusätzlichen Schutz der bestehenden Rechte bietet und sogar eine verstärkte Nutzung der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit begünstigt (Hansen 2002: 82). Sie enthält Pflichten für die Staaten, aber keine Rechte für Einzelpersonen oder Personengruppen. Daher können die Mitglieder der Minderheit nicht das Recht geltend machen, innerhalb der Mehrheitsbehörden und vor Gericht in deutscher Sprache verstanden und angesprochen zu werden. Der Staat hat jedoch die Pflicht, sich darum zu bemühen, Wünschen zur Verwendung der deutschen Sprache nachzukommen. Auch wenn Artikel 1 der Charta erklärt, dass Regional- oder Minderheitensprachen Sprachen sind, die von Staatsangehörigen des Staates verwendet werden, d.h. nicht Sprachen von Migranten, wurde in der parlamentarischen Debatte in Dänemark festgestellt, dass niemand anders behandelt wird, zum Beispiel wegen einer deutschen Staatsbürgerschaft, solange er sich selbst als Angehöriger der deutschen Minderheit betrachtet.

Vor diesem Hintergrund will die Minderheit den Gebrauch der deutschen Sprache in den dänischen Medien, wo sie derzeit keine Rolle spielt, sowie in Behörden und in den Institutionen der Mehrheit, insbesondere in der Altenpflege, verbessern. Hier könnten Mitglieder, die Deutsch als Muttersprache haben, zurzeit auf eine Sprachbarriere stoßen. Der Sachverständigenausschuss der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen hat Dänemark dafür kritisiert, in diesen Bereichen nicht genug getan zu haben.

4.4 Schulsystem

Der deutsche Zweig der dänischen Gemeindeschule wurde 1945 genauso wie die deutschen Privatschulen geschlossen. In der Folge fand die schulische Bildung der deutschen Minderheit in deutschen Privatschulen statt, gesetzlich verankert in dem dänischen Friskolelov (Gesetz für freie und private Schulen)1 und errichtet unter dem Dach des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig (DSSV). Die ersten wiedererrichteten deutschen Privatschulen entstanden 1946 in den vier größten Städten mit damals 174 Schülern. Andere Schulen in den Dörfern folgten; bis 1955 hatte die Minderheit 29 Schulen mit 962 Schülern, darunter die Deutsche Nachschule Tingleff, die 1951 eröffnet wurde. Sie ist nach dänischer Tradition eine private Schule mit Internat und Unterricht in den Klassen 9 und 10.2

Durch die Kopenhagener Erklärung hat die deutsche Minderheit 1955 ihr Recht auf die Anerkennung der Abschlussprüfungen (Mittlere Reife, Realschulabschluss, Abitur) wiedererlangt; 1959 wurde das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade/Aabenraa eröffnet. Nun stieg die Zahl der Schüler in den drei Schultypen allmählich auf insgesamt 1.376 im Jahr 1960, auf 1.530 im Jahr 1965 und 1.589 im Jahr 1975. Im Schuljahr 2016/17 hatte die Minderheit 14 Schulen und 1.294 Schüler. Fünf dieser Schulen unterrichten die Klasse 0 bis 9/10, neun Schulen in den ländlichen Gebieten die Klasse 0 bis 7. Danach wechseln die Schüler die Schule. Das Deutsche Gymnasium hatte 180, die Nachschule 99 Schüler. Insgesamt ergibt sich eine Summe von 1.573 Schülern – eine Zahl, die zeigt, dass sich die Schülerzahl nicht mehr wesentlich verändert.

Die öffentliche Schule der deutschen Minderheit

Die Schulen der deutschen Minderheit sind seit 2010 faktisch öffentliche Schulen. Im Sinne des dänischen Gesetzes handelt es sich bei den Schulen um Privatschulen; sie werden jedoch – im Gegensatz zu anderen Privatschulen – zu 100 Prozent vom Staat finanziert, während andere Privatschulen nur zu 85 Prozent finanziert werden (und die Eltern selbst die restlichen 15 % bezahlen müssen). Vom Staat bekommen die deutschen Schulen wie andere Freie Schulen auch Zuschüsse für den Betrieb der Schulgebäude; der Deutsche Schul- und Sprachverein bekam 2015 außerdem Zuschüsse aus Deutschland (vom Bund und vom Land Schleswig-Holstein). Diese deutschen Zuschüsse zu den Betriebsmitteln machen zirka 14 Prozent der gesamten Einnahmen aus. Mit den Zuschüssen von Dänemark und Deutschland erreichte der Verein 2015 einen ausgeglichenen Haushalt (während 2014 noch ein Defizit bestand) (Deutscher Schul- und Sprachverein für Nordschleswig 2016b: 90f.). Der DSSV hat 2013 eine neue Zielsetzung formuliert. Sie lautet:

Der Verein hat zum Ziel, deutsche Sprache und Kultur sowie das deutsche Erziehungs- und Bildungswesen in Nordschleswig zu erhalten und zu pflegen. Das Ziel wird erreicht durch die Förderung

 von örtlichen Trägervereinen für deutsche Kindergärten und andere selbstständige deutsche sozialpädagogische Einrichtungen

 von örtlichen Schulvereinen und ihren deutschen Einrichtungen

 des Deutschen Gymnasiums für Nordschleswig

 von anderen deutschen kulturellen Einrichtungen und Arbeiten.

Auf dieser Grundlage will der Verein aktiv an der kultur- und gesellschaftspolitischen Entwicklung des Grenzlandes mitwirken. (Deutscher Schul- und Sprachverein für Nordschleswig 2013: 1)

Diese Zielsetzung zeigt, dass die deutsche Sprache und Kultur im Fokus stehen.

Struktur, Lehrpläne und Sprache in den Schulen

Die deutsche Schule ist wie die dänische Volksschule eine Gesamtschule mit 10 Klassenstufen (0. bis 9. Klasse) und einer freiwilligen 10. Klasse. Die Abschlusszeugnisse nach der 9. bzw. 10. Klasse sind sowohl in Dänemark als auch in Deutschland anerkannt. In den Vorbemerkungen zu den Lehrplänen der Grundschule wird ausdrücklich betont, dass die Schüler Fähigkeiten und Kenntnisse in deutscher und dänischer Sprache und Kultur entwickeln sollen (Deutscher Schul- und Sprachverein für Nordschleswig o.J.a). Die Lehrkräfte sollen in Dänemark und Schleswig-Holstein pädagogische, fachliche und akademische didaktische Trends rezipieren.

Da die Unterrichtssprache Deutsch ist, wird in allen Fächern außer Dänisch Unterrichtsmaterial aus Schleswig-Holstein verwendet. Deutsche Lehr- und Lernmittel können Lehrkräfte über die Deutsche Medienbank an der Deutschen Zentralbücherei Apenrade/Aabenraa beziehen; dort gibt es auch ein Beratungsangebot sowie einen Online-Katalog. Dänisches Unterrichtsmaterial ist über das Zentrum für Bildungsressourcen in Hadersleben/Haderslev erhältlich.

Die Fortbildung von Lehrkräften findet an mehreren Orten statt, unter anderem am Institut für Minderheitenpädagogik. Dieses Institut hat der DSSV zusammen mit dem Dänischen Schulverein für Südschleswig in Schleswig-Holstein und dem UC Syd (University College South Denmark) in Hadersleben/Haderslev eröffnet.1 Ziel des Instituts ist die Entwicklung und Vermittlung fachlicher Kompetenzen für die pädagogische Arbeit mit Kindern, die in der deutschen und dänischen Minderheit in der deutsch-dänischen Grenzregion aufwachsen.

Die Lehrer an den deutschen Schulen haben entweder einen deutschen Lehramts-Abschluss (nach vier Jahren Studium) oder einen dänischen Lehramts-Abschluss (der ein dreijähriger Bachelor-Abschluss ist). Von den rund 125 Lehrern sind zirka zwei Drittel deutsche und ein Drittel dänische Absolventen; heute können beide Gruppen deutsche Beamte werden. Zuvor waren die in Deutschland ausgebildeten Lehrer Einwanderer, aber da es inzwischen keine Residenzpflicht mehr gibt, wohnen heute viele als Grenzpendler in Schleswig-Holstein. Das bedeutet, dass die Minderheit Lehrer in ehrenamtlichen Tätigkeiten verliert, aber auf der anderen Seite gewinnt man Lehrer, die täglich mit deutscher Sprache und Kultur leben.

2017 gab es sechs Wochenstunden Deutschunterricht und fünf Wochenstunden Dänischunterricht in den Klassen 1 bis 4, danach für beide Fächer fünf Wochenstunden. Englisch wird ab der 3. oder 4. Klasse gelehrt.2 Es gibt also in der deutschen Schule einen starken Fokus auf Mehrsprachigkeit, aber da alle Fächer außer Dänisch und Englisch auf Deutsch unterrichtet werden, gibt es Fachbegriffe, die die Schüler nur auf Deutsch lernen. Im Anfangsunterricht wird dieser Tatsache Rechnung getragen, indem im Lehrplan sowohl für Dänisch als auch für Deutsch ein gemeinsamer Unterrichtsplan für den Sprachunterricht sowie für Lesen und Schreiben empfohlen wird, der grundsätzlich auf Deutsch durchgeführt werden soll, was für die meisten die Zweitsprache ist. Der Lese- und Schreibunterricht, der hauptsächlich in den Deutschstunden stattfindet, wird durch dänische Lese- und Schreibübungen ergänzt. Die Dänisch- und die Deutschlehrer behandeln ein gemeinsames Thema, so dass die Schüler früher oder später die Begriffe in beiden Sprachen lernen; die Erfahrungswelt der Kinder wird damit in den beiden Sprachen einbezogen und erweitert. Dieser sogenannte integrierte oder koordinierte Anfangsunterricht findet seit 25 Jahren mit schuleigenen Lehrmaterial statt (Pedersen 2010). Für 2018 ist ein Projekt des Zentrums für Minderheitenbildung zur Erarbeitung gemeinsamen Unterrichtsmaterials geplant.

Unterrichtsgespräche zwischen Lehrern und Schülern und die schriftliche Kommunikation finden auf Deutsch statt; die Schüler untereinander kommunizieren jedoch in den Pausen und oft auch während des Unterrichts auf Sønderjysk. In den Klassen mit Dänisch als Unterrichtsfach sprechen Lehrer und Schüler Standarddänisch. Sønderjysk wird dagegen als die private Sprache der Schüler angesehen und selten zum Unterrichtsgegenstand gemacht, obwohl Unterrichtsmaterial für das Sprachbewusstsein und den Dialekt zur Verfügung steht (Pedersen et al. 1993).

Deutsches Gymnasium und die Nachschule

Der DSSV betreibt seit 1959 auch das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig (DGN) in Apenrade/Aabenraa. Es umfasst drei Klassen. Die Abschlussprüfung, das Abitur, ist sowohl in Dänemark als auch in Deutschland anerkannt. Es handelt sich um ein privates Gymnasium, gefördert durch den dänischen Staat und die Bundesrepublik Deutschland, wodurch es für die Eltern kostenlos ist. Heute besucht etwa die Hälfte der Schüler der deutschen Minderheitenschulen das Gymnasium. Zweisprachigkeit ist ein zentrales Element des Gymnasiums: Sowohl Deutsch als auch Dänisch werden auf muttersprachlichem Niveau vermittelt mit Deutsch als verbindlicher Unterrichtssprache. Die Schule hat den Anspruch, ihre Schüler

in die deutsche und dänische Kultur ein[zu]führen. Dabei ist unsere Schule offen auch für Schüler, die nicht aus Nordschleswig kommen. Unsere Lage im Grenzland unterstützt ein vorurteilsfreies Miteinanderumgehen.1

Die meisten Schüler studieren danach in Dänemark, wo sie keine Studiengebühren bezahlen müssen und unabhängig vom Einkommen der Eltern eine dänische Studienunterstützung vom Staat (Statens Uddannelsesstøtte, SU) bekommen.

Die Nachschule Tingleff wurde 1951 gegründet. Heute sollen die Schüler die dänische und deutsche Kultur und Sprache kennen und schätzen lernen. Es ist eine private Schule für die 9. und 10. Klasse mit Internat nach dem Gesetz der freien Internatsschulen (Lov om efterskoler og frie fagskoler). Sie wird teilweise vom Staat unterstützt, und die Eltern bezahlen den Rest. An der Nachschule können die Schüler sowohl das dänische Abschlussexamen mit 9.- oder 10. Klasse-Prüfungen ablegen als auch einen deutschen Hauptschul- und Realschulabschluss erwerben. 2016 schlossen 49 Prozent der Schüler eine gymnasiale Ausbildung an.

Die Entwicklung der Kindergärten

Obwohl die meisten Kinder nicht die Minderheitensprache als Muttersprache haben, kommen sie bereits mit Deutschkenntnissen in die Schule. Diese werden typischerweise ab einem Alter von drei Jahren in den Kindergärten der Minderheit erworben, in denen sowohl Deutsch als auch der dänische Dialekt gesprochen werden. Die Lehrerinnen und Lehrer sprechen Deutsch im Zusammenhang mit Aktivitäten wie Singen, Spielen und Essen, ebenso wie im Dialog mit Kindern, die Deutsch als Muttersprache haben oder seit etwa einem Jahr im Kindergarten sind. Dagegen sprechen sie mit den jüngsten, dialektsprechenden Kindern Sønderjysk. Beim Verlassen des Kindergartens im Alter von sechs Jahren haben die Kinder Deutsch als Minderheiten-Zweitsprache erworben. Im Jahr 2016 hatte der DSSV 20 Kindergärten mit 635 Kindern.

Im Jahr 2004 wurde das Recht der deutschen Minderheit auf eigene Kindergärten von einem Bürgermeister in einer Kleinstadt in Nordschleswig in Frage gestellt. Er schlug vor, den dänischen und den deutschen Kindergarten zusammenzulegen, da ohnehin alle Kinder zu Hause Dänisch sprächen. Die Minderheit lehnte dieses Ansinnen mit Verweis auf die Kopenhagener Erklärung ab und stellte fest, dass die Bildung ein entscheidender Faktor für die Aufrechterhaltung der deutschen Sprache sei. Im selben Jahr lud ein deutscher Minderheitenkindergarten in einer anderen Stadt die Kinder der Mehrheit ein, in den Kindergarten der Minderheit zu gehen, um eine Zweisprachigkeit in Dänisch und Deutsch zu erwerben. Diese beiden Fälle zeigen, dass die Minderheit einerseits ihre Integrität bewahren will, andererseits aber auch offen für die Mehrheit ist und bereit ist, die Vorteile der Zweisprachigkeit zu teilen. Und es signalisiert, dass Zweisprachigkeit ein erklärtes Ziel der Minderheit ist. Dieses Ziel dürfte ein Grund dafür sein, warum auch dänische Eltern sich für deutsche Kindergärten entscheiden und die Zahl der Kinder steigt.

Ein charakteristischer Trend ist die Offenheit der Bildungseinrichtungen der Minderheit (Kindergarten, Schule, Gymnasium und Nachschule) gegenüber der dänischen Mehrheit. Die Tatsache, dass auch die Eltern der Mehrheit ihre Kinder in die Institutionen der Minderheit schicken, zeigt, dass eine Denationalisierung stattfindet und dass Zweisprachigkeit und der Anschluss an zwei Kulturen für viele Eltern attraktiv sind. Andererseits ist der Rückgang der nationalen Zugehörigkeit auch auf Eltern zurückzuführen, die selbst in die Schulen der deutschen Minderheit gegangen sind. Einige von ihnen wählen eine Mehrheitsschule für ihre Kinder, um sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, obwohl eine Minderheitenschule in der Nähe wäre. Früher hätten die Großeltern gegen diese Entscheidung protestiert, aber wie in einem Interview im Jahr 2012 gesagt wurde, treffen alle Eltern ihre autonomen Entscheidungen (Pedersen 1983–2013). Ein weiteres Beispiel für diese Denationalisierung ist, dass ein Leiter einer dänischen Minderheiteneinrichtung in Schleswig-Holstein 2017 Leiter eines deutschen Minderheitenkindergartens in Nordschleswig wurde. Traditionell standen die Minderheiten beiderseits der Grenze in diametralem Widerspruch zueinander; heute kooperieren sie in Bildung, Politik und finanziellen Angelegenheiten.

4.5 Kulturelles Leben, Verbände, Institutionen und Medien
Der BDN

Der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) ist die Hauptorganisation der deutschen Volksgruppe. Er wurde 1945 gegründet und umfasst die Bereiche Kultur, Bildung, Religion, Sport, Soziales und finanzielle Angelegenheiten, Politik und Presse. Alle diese Bereiche haben ihre eigenen unabhängigen Verbände, die Delegierte für die BDN-Versammlung benennen. Name, Zielsetzung und Aufgaben des Bunds werden in der Satzung von 2015 folgendermaßen beschrieben:

Der Verein führt den Namen Bund Deutscher Nordschleswiger. Der Hauptsitz des Vereins ist Apenrade. Ziel und Zweck des Bundes ist – in Übereinstimmung mit der dänischen Verfassung und Gesetzgebung, der Kopenhagener Minderheitenerklärung vom 29. März 1955, der Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten (1998) und der Sprachencharta (2001) – die Förderung der deutschen Volksgruppe in Nordschleswig und die Mitwirkung an einer einträchtigen Entwicklung des deutsch-dänischen Grenzlandes. (Bund Deutscher Nordschleswiger 2015a: 1)

Der BDN gliedert sich in vier Bezirke (Hadersleben, Apenrade, Sonderburg und Tondern) bzw. 18 Ortsvereine im Jahr 2017. 2015 zählte der BDN zirka 2.800 Mitglieder. Neben dem Hauptvorsitzenden gibt es einen Generalsekretär. Der Hauptvorstand ist das übergeordnete Leitungsgremium und zuständig für grundsätzliche Angelegenheiten sowie für den Gesamthaushalt der Minderheit.

Unter dem Dach des BDN sind die Schleswigsche Partei, der Deutsche Schul- und Sprachverein, der Sozialdienst, die Bücherei, der Jugendverband, der Presseverein, die Nachschule sowie der Ruderverband vertreten. Zentrale Geschäftsstelle des BDN ist das Deutsche Generalsekretariat im Haus Nordschleswig in Apenrade/Aabenraa. In diesem Haus befinden sich auch die Schleswigsche Partei, der Deutsche Schul- und Sprachverein, der Jugendverband, die Bücherei und der Sozialdienst.

Abb. 2:

BDN/SP Struktur1

Neujahrstagung und „Deutscher Tag“

Der BDN hat jedes Jahr zwei Veranstaltungen, an denen die deutsche Minderheit zusammenkommt und sich seinen Nachbarn präsentiert. Im Januar findet eine mehrtägige Neujahrstagung in einer Bildungsstätte des Deutschen Grenzvereins in Sankelmark (bei Flensburg) in Schleswig-Holstein statt. Hierbei treffen sich Gäste des Grenzvereins mit Mitgliedern und Freunden der deutschen Minderheit. Auf dem Programm stehen Vorträge über die Minderheit sowie politische und kulturelle Themen in Dänemark und Deutschland, Diskussionen, gemütliches Zusammensein der rund 150 Teilnehmer und jedes zweites Jahr auch das Kabarett „Heimatmuseum“ mit Parodien über die Minderheit.

Der „Deutsche Tag“ findet immer am ersten Sonnabend im November in der Turnhalle in Tingleff/Tinglev statt.1 Diese Tradition wurde 1921 gegründet und im Jahr 1948 wieder aufgenommen. Vormittags findet eine Informationsveranstaltung mit Referaten zur Situation der deutschen Minderheit und der politischen Lage in Dänemark statt. Nachmittags nehmen rund 500 Gäste der deutschen Minderheit, der Mehrheitsbevölkerung Dänemarks und Schleswig-Holsteins und andere Minderheiten an einer Festveranstaltung teil. Das Programm umfasst einen Festvortrag, Grußworte deutscher und dänischer Politiker und musikalische Beiträge. Das jährlich wechselnde Motto nimmt aktuelle Entwicklungen auf und soll das Selbstverständnis der Volksgruppe ausdrücken. Das Motto von 2017 „Vielfalt wählen – SP unterstützen!” war mit der offenen Werbung für die Schleswigsche Partei ein ungewöhnlich politisches Motto mit Bezug zur Kommunal- und Regionalwahl im selben Monat. Früher waren die Mottos nicht so direkt politisch, sondern unterstrichen eher Werte, wie zum Beispiel „Gemeinschaft stärken – Mitglied werden!“ (2016), „Minderheit: Toleranz und Verantwortung“ (2015) oder „Minderheit: Menschen machen’s möglich“ (2014). Das Motto hängt während der Veranstaltung als Banner in der Turnhalle. An einer anderen Wand hängen die EU-Flagge, die blau-gelbe Flagge der Minderheit, die schleswig-holsteinische, die deutsche und die dänische Fahne nebeneinander. Damit wird symbolisiert, wer die deutsche Minderheit ist, und dass Gäste willkommen sind. In Verbindung mit dem „Deutschem Tag“ finden auch lokale und regionale BDN-Veranstaltungen statt.

Abb. 3:

Flaggen Deutscher Tag

Deutsche Bibliotheken

Heute gibt es eine Zentralbücherei in Apenrade/Aabenraa und vier Filialen in Hadersleben/Haderslev, Sonderburg/Sønderborg, Tondern/Tønder und Tingleff/Tinglev. Die Zentralbücherei versorgt auch fünfzehn Schulbibliotheken und zwei Büchereibusse für Angehörige der Minderheit, die mehr als fünf Kilometer von einer deutschen Bibliothek entfernt leben. Die deutschen Bibliotheken unterliegen dem dänischen Recht und werden zu zirka 35 Prozent vom dänischen Staat und zu 65 Prozent vom deutschen Staat finanziert. (Die dänischen öffentlichen Bibliotheken werden dagegen von den Gemeinden finanziert.) Ein neues Bibliotheksgesetz aus dem Jahr 2000 hat die dänischen und deutschen Bibliotheken stark verändert. Es besagt, dass öffentliche Bibliotheken freien Zugang zu Musik, Internet und elektronischem Material sowie zu gedrucktem Material gewähren müssen. Das hat neue Nutzer gefunden, die die Medien auf der Webseite der deutschen Bibliotheken finden oder die Bibliothekare in der Bibliothek befragen. Die deutschen Bibliotheken verzeichnen mittlerweile über 350.000 Ausleihen im Jahr.

Aus sprachlicher Sicht ist es für die Entwicklung der rezeptiven Deutschkompetenz wichtig, dass deutsche Medien für jeden zugänglich sind. Da die Bibliothekare mit den Ausleihern Deutsch sprechen, gehört die Bibliothek zu den Einrichtungen außerhalb von Kindergarten, Schule und Kirche, in denen Deutsch die Regel ist. So haben die Bibliotheken auch Einfluss auf die produktive Kompetenz in deutscher Sprache.

Medien

Die deutsche Minderheit verfügt über keine eigenen Fernsehprogramme. Mit finanzieller Unterstützung des Kultusministeriums kauft sie Sendezeit bei den dänischen Sendern, um von Montag bis Freitag drei Mal täglich eineinhalb Minuten Nachrichten auf Deutsch zu senden. Diese medienpolitische Begrenzung wird heute teilweise durch die digitale Verfügbarkeit der Minderheitenzeitung Der Nordschleswiger aufgefangen. Diese Tageszeitung vertritt die offizielle Position der Minderheit in politischen und kulturellen Angelegenheiten nach außen und informiert über die Belange der Minderheit. Sie erscheint in deutscher Sprache; Städtenamen werden jedoch auf Deutsch und Dänisch genannt; dänische Begriffe, die schwer übersetzbar sind, bleiben auf Dänisch und werden kursiv gesetzt. Bei offiziellen Titeln wird oft die dänische Entsprechung als Erläuterung in Klammern ergänzt, zum Beispiel „Regierungschef (Statsminister)“. Die dänische Sprache ist in geringem Umfang außerdem zum Beispiel in Leserbriefen und in Werbeanzeigen vertreten.

Der Nordschleswiger ist seit 2001 online, anfangs nur mit ausgewählten Artikeln der aktuellen Tagesausgabe; seit 2009 sind E-Abos möglich. Seit 2017 sind auf der neugestalteten Webseite auch Reportagen und Videos von aktuellen regionalen Ereignissen auf Dänisch mit deutschen Untertiteln eingestellt. Diese Umstellung und Entwicklung zum Online-Journalismus mit kürzeren Texten, Faktenboxen, Fotos und Videos bekommt seit einigen Jahren Unterstützung vom Kultusministerium in der Hoffnung, dass die Minderheit auf diese Weise gute Online-Angebote statt Radio und Fernsehen bekommt. Darüber hinaus bekommt Der Nordschleswiger – wie andere Zeitungen in Dänemark auch – staatliche Medienunterstützung in Höhe von 3 Mio. DKK (2017) sowie 18 Mio. DKK vom BDN.

2013 begann Der Nordschleswiger eine umfassende Zusammenarbeit mit deutschen und dänischen Medien, worin alle Texte und Fotos frei zugänglich sind. Dies Zusammenarbeit umfasst in Schleswig-Holstein den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag und die dänische Minderheitenzeitung Flensborg Avis und in Dänemark JydskeVestkysten, die einzige dänische regionale Zeitung in Nordschleswig. Damit werden die ökonomischen Ressourcen aller Zeitungen besser ausgenutzt. Trotzdem hindert es die Minderheitenzeitung nicht daran, eigene Aspekte und Auffassungen mitzuteilen. Im Jahr 2014 bekam diese Zusammenarbeit einen neuen Rahmen, als ein neues deutsch-dänisches Medienhaus in Apenrade/Aabenraa für Den Nordschleswiger, JydskeVestkysten und Syddanske Medier (heute Teil von Jysk Fynske Medier) eingeweiht wurde. An einem Turm des Gebäudes laufen Nachrichten je eineinhalb Minuten auf Deutsch und auf Dänisch auf einem Lichtband.

Zwei Jahre später (2016) konnte Der Nordschleswiger sein 70-jähriges Jubiläum feiern. Die deutschsprachige Zeitung erschien ab 1946 als Wochenzeitung; sie war die erste freie deutsche Zeitung in Westeuropa. Seit 1951 ist sie eine Tageszeitung, mit aktuell rund 2.000 Abonnenten und vermutlich einem Leserkreis von bis zu 10.000 Menschen – im Vergleich zu der Anzahl der Mitglieder in der Minderheit eine hohe Anzahl.

Der Nordschleswiger redigiert auch die Zeitung WIR, die sich an Schulkinder und ihre Eltern richtet. Sie wird seit 2016 vier Mal im Jahr kostenlos an Kinder verteilt. Die Artikel der Zeitung sind auf Deutsch geschrieben mit einer kurzen Zusammenfassung auf Dänisch, so dass sowohl die Sprache als auch die Minderheitenidentität gefördert werden.

Der Deutsche Jugendverband für Nordschleswig (DJN)

Der Deutsche Jugendverband für Nordschleswig wurde 1947 gegründet. In der Satzung des Jugendverbandes von 2017 ist als Ziel und Zweck des Jugendverbands festgesetzt, im Rahmen der deutschen Sprache Kultur, Sport und politische Bildung zu pflegen und zu fördern.1 Mitglied kann jeder Verein und Klub werden, der den Zielen zustimmt. 2017 hatte der DJN 21 Mitglieder, darunter Freizeit- und Jugendclubs, Sportclubs aller Art, eine Blaskapelle, den Club der Rappes (für Kinder aus Rapstedt/Ravsted) oder die Jungschützen Tondern (aus Tondern/Tønder).

Der Jugendverband ist Träger der Jugend- und Bildungsstätte „Knivsberg“. Sie ist kulturelles Zentrum und Treffpunkt der Minderheit. Hier finden Seminare zur politischen Bildung, Konzerte, Klassenfahrten und eine Reihe von Kursen in den Bereichen Kunst und Handwerk oder auch Erste-Hilfe-Kurse statt. In Zusammenarbeit mit dem DSSV wurde 2017 ein Lerngarten realisiert. Dabei handelt es sich um ein Projekt für Kinder aller Altersgruppen, das es ermöglicht, die Natur mit allen Sinnen zu erleben.

Knivsbergfest

Jedes Jahr im Juni organisiert der DJN das Knivsbergfest. Früher war dieses Fest eine politische Manifestation der Minderheit, heute ist es ein Familienfest für Jung und Alt. In der Broschüre der Bildungsstätte Knivsberg heißt es:

Auch 2017 findet das Fest der Feste statt. Der Knivsberg lädt alle Verbände, Vereine, Institutionen, Freunde und Interessierte auf den Knivsberg ein. Kommt und genießt diesen Tag zusammen mit uns. Gemeinsam bieten wir Jungen sowie erwachsenen Sport-, Musik- und Kulturinteressierten einen Tag voller Spiel und Spaß. Alle sind willkommen, diesen Tag in vollen Zügen gemeinsam zu genießen.

So macht Nordschleswig mit einer vielfältigen Mischung aus Sport, Kunst & Kultur, Offiziellem, Kulinarischem, Information & Unterhaltung das Knivsbergfest zu einem jährlichen Highlight. Dabei ziehen alle Akteure an einem Strang, um das Knivsbergfest als Fest der gesamten Minderheit zu gestalten.

Seid dabei, habt Spaß und genießt mit uns die Vielfalt Nordschleswigs! (Brücke 2017: 11)

Für die Schüler der Minderheitenschulen war das Knivsbergfest 2016 und 2017 ein regulärer Schultag; die Schüler trugen T-Shirts mit Schullogo, sie wurden mit Bussen nach Knivsberg/Knivsbjerg gebracht und anschließend von ihren Eltern abgeholt. Diese Aktion erhöhte die Teilnehmerzahl beträchtlich.

Sozialdienst Nordschleswig

Der Sozialdienst Nordschleswig ist ein Dachverband für 15 Ortsvereine mit über 4.500 Mitgliedern. Er leistet eine Familienberatung und Besuchsfreunde und ist Träger des Hauses Quickborn, einer Begegnungs- und Erholungsstätte an der Flensburger Förde.1 Die Ortsvereine unterstützen Kurse, Veranstaltungen und Reisen für Familien, Jugend und Senioren. Das Leben der Minderheit ist für manche Mitglieder eng an den Sozialdienst geknüpft, so dass in vielen Orten das Aktivitätsniveau sehr hoch ist. Wie in Kindergärten und Schulen sind auch hier Majoritätsdänen willkommen. Während gemeinsame Aktivitäten – zum Beispiel im Rahmen des Sozialdienstes – früher wegen der nationalen Gegensätze undenkbar waren, nehmen heute durchaus einige Dänen daran teil. Die Familienberatung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit Behörden, Gesundheitswesen, Selbsthilfegruppen und den Ortsvereinen.

Eine deutschsprachige Kirche

Die Minderheit hat volle Religions- und Sprachfreiheit. Sowohl die deutsche Minderheit als auch die dänische Mehrheit sind evangelisch-lutherisch und teilen sich auch die bestehenden Kirchengebäude der dänischen Folkekirke.

Seit 1920 werden die Gottesdienste und kirchlichen Amtshandlungen in deutscher Sprache durchgeführt. Die kirchliche Versorgung erfolgt einerseits durch deutschsprachige Stadtgemeinden in der dänischen Volkskirche (Folkekirke) in den vier größten nordschleswigschen Städten Apenrade/Aabenraa, Hadersleben/Haderslev, Sonderburg/Sønderborg und Tondern/Tønder und andererseits in den ländlichen Gebieten durch die Nordschleswigsche Gemeinde, die – 1923 als Freikirche nach dänischem Recht gegründet – selbständig ist, aber durch einen Anschlussvertrag eng mit der Nordkirche (früher Nordelbische Kirche) verbunden ist. Sie hat fünf Pfarrbezirke, und zwar Burhkall/Burkal, Gravenstein/Gråsten, Hoyer/Højer zusammen mit Lügumkloster/Løgumkloster, Süder Wilstrup/Sønder Vilstrup und Tingleff/Tinglev, wo sich auch ein Kirchenbüro befindet. Früher gab es sieben Pfarrbezirke im ländlichen Bereich, heute sind es wegen gesunkener Einnahmen der Kirchensteuer in der Nordkirche, von der der Lohn des Pastors bezahlt wird, nur noch fünf. Die Pastorinnen und Pastoren unterstehen der geistlichen Aufsicht des Bischofs in Schleswig in Schleswig-Holstein.

Die deutschsprachige kirchliche Versorgung in Nordschleswig ist nach Meinung der Nordschleswigschen Gemeinde für den Zusammenhalt der Volksgruppe von nicht zu unterschätzender Bedeutung, da sie auch solche Menschen an die Minderheit bindet, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht den politischen oder kulturellen Organisationen der deutschen Volksgruppe anschließen möchten. Dazu kommt die Förderung der deutschen Sprache durch die Kirche, da sowohl mündlich als auch schriftlich nur Deutsch gebraucht wird.1

Das kulturelle Leben der Minderheit

Der BDN hat einen Kulturausschuss, der für die Gesamtplanung der Kulturarbeit der Volksgruppe zuständig ist. Jährlich findet eine Kulturkonferenz für alle Mitglieder und Interessierten statt. Die Veranstaltungen des „Festivals Deutscher Kultur“, die von den verschiedenen Verbänden arrangiert werden, spielen zusammen mit der Kirche eine große Rolle für das kulturelle Leben der Minderheit. Dazu kommt eine Reihe von kulturellen Traditionen, die die Minderheit mit der dänischen Majoritätskultur in Nordschleswig oder der deutschen Majoritätskultur in Schleswig-Holstein oder beiden gemeinsam hat. Minderheit und Mehrheit in Nordschleswig teilen den Mutterschaftsstorch (barselsstork), das Katzenschlagen zu Fasching, Ostereier an Zweigen zur Dekoration, den Osterbrief, das Sankt-Hans-Feuer (am Abend des 23. Juni), Lanternelaufen, Wünsche für ein Frohes Neues Jahr mit Knallern vor der Tür und die Abiturientenmütze. Schultüten zur Einschulung hingegen und die Feier der deutschen Wiedervereinigung teilt die Minderheit allein mit der Majoritätskultur in Deutschland. Diese Zweiströmigkeit gehört zu der Besonderheit der Kultur der Minderheit. Sie ist sowohl mit der deutschen als auch der dänischen Kultur verwoben, die ihrerseits miteinander eng verwoben sind in Traditionen, die sich immer über die deutsch-dänische Grenze bewegen.

In der Literatur bekennen sich einige Schriftsteller Nordschleswigs eindeutig zur deutschen Minderheit und schreiben dementsprechend auch in deutscher Sprache. Oft haben Schriftsteller im Deutschen Volkskalender Nordschleswig debütiert und hier in den folgenden Jahren Novellen und Gedichte publiziert. Diese Möglichkeit existiert nicht mehr; 2011 ist das letzte Jahrbuch erschienen, der Volkskalender wurde nach 85 Jahren wegen Sparmaßnahmen eingestellt. Digitale Medien können vielleicht ihre Rolle als Kulturvermittler übernehmen. Westergaard (2000) schreibt, dass drei Autoren den Kern bilden: Hans Schmidt-Gorsblock (1889–1982), Harboe Kardel (1893–1982) und Ingrid Brase Schloe (geb. 1925), die alle Lyrik, Kurzprosa und Romane publiziert haben. In ihren Werken wird zum einen sehr viel Toleranz, zum anderen Identitätsfindung thematisiert. Letzteres bewegt nicht nur die Minderheit, sondern alle Menschen in dieser Grenzregion, in der zwei Kulturen und Sprachen aufeinander treffen. Der Autor Hans Schmidt Petersen (geb. 1962) gehört auch zur deutschen Minderheit, wohnt aber in Berlin. Sein Debüt-Roman erschien in dänischer Sprache, danach folgte eine Reihe von Kriminalromanen in deutscher Sprache.

Auch bildende Künstler und Musiker gehören zur Minderheit, doch ist es in diesen Kunstformen schwerer auszumachen, ob sich darin die Identität der Minderheit niederschlägt oder ob nicht eher übernationale Stimmungen bzw. individuelle Haltungen und Stile zum Ausdruck kommen.

5 Soziolinguistische Situation
5.1 Kontaktsprachen

In Nordschleswig werden mehrere Nationalsprachen, Regionalsprachen und Dialekte gesprochen. Dänisch ist die offizielle Sprache, Deutsch ist als Minderheitensprache anerkannt, und sowohl die Dänen als auch die deutsche Minderheit sprechen den dänischen Dialekt Sønderjysk (Südjütisch). Dazu kommen weitere dänische und deutsche regionale Varietäten und die Sprachen und Dialekte von Migranten.

5.2 Die einzelnen Sprachformen des Deutschen
5.2.1 Regionaler Standard

Die offizielle Sprache der deutschen Minderheit ist Hochdeutsch, mündlich und schriftlich. Als Norm gilt dabei weithin ein am norddeutschen Regionalstandard orientierter Standardbegriff. Am ehesten wird diese Standardsprache von denjenigen Mitgliedern der Minderheit gebraucht, die in Schleswig-Holstein aufgewachsen sind. Die Mitglieder, die in Nordschleswig geboren sind, aber in Deutschland studiert oder gearbeitet haben, beherrschen ebenfalls sehr oft diesen Standard; er ist aber nicht ihre tägliche Umgangssprache.

5.2.2 Umgangssprache
Nordschleswigdeutsch – eine regionale Minderheiten-Kontaktvarietät

Die meisten Mitglieder der Minderheit, die in Nordschleswig geboren sind und dort leben und deren Eltern dänische Staatsbürger sind, sprechen Nordschleswigdeutsch. Sie sprechen diese regionale Kontaktvarietät unabhängig davon, ob ihre Muttersprache Deutsch oder Sønderjysk ist. Mitglieder der Minderheit mit deutscher Staatsbürgerschaft, die als Erwachsene nach Nordschleswig gezogen sind, passen sich selten der regionalen Minderheitsvielfalt an. Sie selbst verwenden Hochdeutsch oder eine am norddeutschen Regionalstandard orientierte Varietät. Ihre Kinder, die in Nordschleswig in der Minderheit aufwachsen, neigen jedoch dazu, sich an Nordschleswigdeutsch zu gewöhnen; sie erwerben es typischerweise von ihren Freunden im Kindergarten und in der Schule. In der Minderheit und bei ihren Repräsentanten besteht ein Bewusstsein dafür, dass Nordschleswigdeutsch anders ist als Hochdeutsch, und es besteht die Tendenz, diese Vielfalt als regionale Varietät zu pflegen. Die wichtigsten Merkmale, die diese Varietät charakterisieren, liegen in der Prosodie. Zunächst wird das dänische Intonationsmuster auf das Deutsche übertragen. Das dänische Intonationsmuster unterscheidet sich vom deutschen vor allem in Fragen und in nicht-abschließenden Sätzen. Der deutsche Aufwärtston, der lokal für die letzten Worte der Phrasen verwendet wird, wird durch ein fallendes Grenztonmuster in den Fragen und einen geraden Ton in den nicht-abschließenden Phrasen ersetzt.

Im Bereich der Lexik wird das dänische Betonungsmuster oft auf Wörter mit ähnlicher Schreibweise in dänischer und deutscher Sprache übertragen. Die Wörter aktiv und Asphalt zum Beispiel werden dem Dänischen entsprechend oft auf der ersten Silbe betont und nicht auf der zweiten Silbe wie im Hochdeutschen. Die Wörter elendig und konservativ folgen dem dänischen Betonungsmuster, indem sie auf der zweiten Silbe betont werden, nicht auf der ersten Silbe. Dabei kann die Betonung unabhängig von ihrer Position in einem Lexem abweichen (Pedersen 2000: 213).

Auf der segmentalen phonetischen Ebene können die Vokale nach dem dänischen Vokalsystem mit 25 Vollvokalen ausgesprochen werden, während Hochdeutsch nur 14 Vollvokale hat. Deutsche Konsonantencluster, die es im Dänischen nicht gibt, zum Beispiel initiales /sch-/ und finales /-ch/ weichen in ihrer Realisierung leicht von der hochdeutschen Form ab (Pedersen 2000: 213, Westergaard 2008: 361).

Innerhalb der Semantik zeichnet sich das deutsche Lexikon durch lexikalischen Transfer von Sønderjysk und Standarddänisch ins Deutsche aus. Die gebräuchlichsten Arten sind Lehnwörter, Lehnübersetzungen und Lehnübertragungen.

Dänische Namen oder Bezeichnungen von Mehrheitsinstitutionen werden in Nordschleswigdeutsch häufig verwendet, entweder als Lehnwörter, wie zum Beispiel statsminister, oder als Lehnübersetzungen, wie zum Beispiel ‚Regionsrat‘ für das dänische regionsråd. Sie gelten als kreative Ausdrucksformen, die den Anwendungsbereich der Minderheitensprache um ein Vokabular erweitern, das für die sprachliche und soziale Situation der Minderheit nützlich ist und oft kein Äquivalent im binnendeutschen Standard hat. Ein Beispiel für Lehnübertragung ist das deutsche Wort ‚Frucht‘, das dem dänischen Wort frugt ähnlich ist und anstelle von ‚Obst‘ verwendet wird (Pedersen 1988: 6). Ein weiteres Beispiel ist das dänische Wort kamp (‚Kampf‘). Diese Bezeichnung,

die auf Dänisch nicht nur den kriegerischen Kampf oder einen Wettkampf bezeichnet, sondern hier auch für Spiele zwischen Mannschaften verwendet wird, erhält beispielsweise im Deutschen eine Erweiterung des Inhalts, so dass sie in der gleichen Bedeutung wie ihr dänisches Äquivalent verwendet werden kann. In der Deutschen Volksgruppe gehört es demnach zur Alltagssprache vieler, zum Beispiel ein Handballspiel als „Kampf“ zu bezeichnen. Beispiel 9.4: ja also wir haben nur einen kampf verloren. (Westergaard 2008: 437f.)

Lehnübersetzungen von ganzen dänischen Verbalphrasen ins Deutsche sind oft erfolgreiche Strategien, aber manchmal ergeben sich auch unidiomatische Ausdrücke. Sie sind typisch für die Minderheitensprache, wie zum Beispiel die Phrase ‚Sie sagt Entschuldigung‘, die auf Dänisch hun siger undskyld basiert und weniger auf Standarddeutsch (‚Sie bittet um Entschuldigung‘) (Pedersen 1988: 6).

Im Deutschen Volkskalender Nordschleswig werden solche Beispiele von Lehnwörtern und Lehnübersetzungen oft unter der Rubrik „Sprachblüten“ aufgeführt, was eine positive Einstellung widerspiegelt. Einige Beispiele aus dem Jahr 2004: „Echte nordschleswigsche Worte: sippen (‚Tau springen‘), cykeln (‚Fahrrad fahren‘), Gehstrasse (‚Fußgängerzone‘)“ (Deutscher Volkskalender Nordschleswig 2004: 62; die zugrundeliegenden dänischen Etyma sind sjippe, cykle und gågade).

Auch wenn Nordschleswigdeutsch eine mündliche Varietät ist, erscheinen solche Sprachkontaktphänomene auch in geschriebenen Texten. Viele Jahre lang stand auf dem Schild des Kirchenbüros in Tingleff/Tinglev ‚Kirchenkontor‘ (dän. kirkekontor), eine Kombination von Deutsch Kirchen und dem dänischen Lehnwort kontor. Inzwischen wurde die Bezeichnung in ‚Kirchenbüro‘ geändert. Auch im Volkskalender sind viele Beispiele für Lehnübersetzungen wie Gehstrasse, Apenrade (in einer Bildunterschrift im Volkskalender 1972: 95) zu finden. Auch in Werken von Schriftstellern aus der Minderheit finden sich Lehnübersetzungen aus dem Dänischen, zum Beispiel Eisenkratt zu dänisch egekrat oder kämpft mit den Weinen (Westergaard 2000: 28). Beim Nomen ‚Weinen‘ handelt es sich um eine direkte Übersetzung des Dänischen gråden, das anstelle des deutschen ‚Tränen‘ verwendet wird. In der Zeitung Der Nordschleswiger erscheinen Lehnwörter wie Borgmester und Statsminister, die wie deutsche Substantive mit initialer Majuskel geschrieben werden. Solche dänischen Wörter, die zum politischen Wortschatz gehören, werden heute oft als Doppelformen geschrieben, etwa „Regierungschef (Statsminister)“, um auch die Leser außerhalb der Grenzregion über dänische Bezeichnungen zu informieren.

Abb. 4:

Kirchenkontor

5.3 Sprachenwahl: Code-Switching, Sprachmischung

In zweisprachigen Minderheitsfamilien gibt es in der Regel eine vorherrschende Muttersprache, jedoch können zu bestimmten Anlässen auch andere Sprachen zu Hause gebraucht werden. Wenn Deutsch die Muttersprache ist, können sie zu Sønderjysk oder Standarddänisch wechseln, wenn Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn, die der dänischen Mehrheit angehören, ihre Wohnung oder ihr Haus betreten. Auch wenn die Besucher Deutsch als Fremdsprache beherrschen, ist der Wechsel zu Dänisch in vielen Haushalten eine häufige Reaktion. Umgekehrt ist es auch typisch für Minderheitenfamilien mit Sønderjysk als Muttersprache, zu Deutsch zu wechseln, wenn ihre Besucher aus Deutschland kommen oder neu angesiedelte deutsche Migranten sind – unabhängig davon, ob die Neuankömmlinge Dänisch als Zweitsprache beherrschen. In solchen Situationen wird die Sprachwahl in hohem Maße von der Muttersprache des Besuchers bestimmt und nicht von der Alltagssprache des Hauses.

Trotz gemeinsamer Merkmale bei der Wahl der Muttersprache unterscheidet sich die Entwicklung bezüglich Standarddänisch als Muttersprache innerhalb der deutschen Minderheit von derjenigen der Mehrheit. Während die Kinder der Mehrheitsgesellschaft, die nach dem Jahr 2000 geboren wurden, inzwischen eher einsprachig in Standarddänisch statt bivarietär (Sønderjysk und Standarddänisch) aufwachsen, werden die Kinder der Minderheit immer noch bivarietär in Dänisch und zweisprachig mit Deutsch und Dänisch sozialisiert. Die Minderheit betont oft den hohen Stellenwert des Sønderjysk-Dialekts innerhalb der Minderheit. Sie ist sehr stolz darauf, als zukünftiger Träger des dänischen Dialekts angesehen zu werden (Pedersen 1992: 135) – eine Annahme, die daher rührt, dass die meisten dänischen Eltern, obwohl sie noch immer Sønderjysk sprechen, mit ihren Kindern zunehmend zu Standarddänisch als Muttersprache wechseln. In einigen Minderheitsfamilien geschieht dies jedoch auch, was die Zeitspanne der Ehre, Träger des dänischen Dialekts zu sein, verkürzen dürfte.

Die mehrsprachige Minderheit

Obwohl etliche Eltern Deutsch bzw. Dänisch als Muttersprache haben, erziehen sie ihre Kinder nicht zweisprachig. Simultane Zweisprachigkeit tritt in der Minderheit selten auf. Traditionell ist es Aufgabe der Minderheiteninstitutionen, bei den Kindern die Zweisprachigkeit aufzubauen. Die Kinder, deren Muttersprache Sønderjysk ist, erwerben Deutsch als Minderheitenzweitsprache in Kindergärten und Schulen. Gleichzeitig erwerben die deutschsprachigen Kinder hier Sønderjysk von den mundartsprechenden Kindern. Standarddänisch erwerben beide Gruppen über das Fach Dänisch in den Minderheitenschulen, wo sie sukzessive eine Mehrsprachigkeit ungeachtet von ihrer Muttersprache entwickeln.

Obwohl Standarddänisch noch immer nicht in großem Umfang als Muttersprache verwendet wird, wird es zu einem Kommunikationsmedium innerhalb der Minderheit. Bis vor kurzem galt es als eine Sprachform, die nicht zu einer deutschen, sondern zu einer dänischen Identität gehörte. Es wurde nur der dänische Dialekt Sønderjysk gesprochen. So hielten sich Minderheitenmitglieder an den Dialekt, wenn sie mit dialekt- oder standardsprechenden Mitgliedern der Mehrheit sprachen. Heute hat sich diese Sprachwahl geändert. Jetzt wechseln die Mitglieder der Minderheit zu Standarddänisch, wenn es in öffentlichen Mehrheitskontexten gesprochen wird, zum Beispiel bei Versammlungen, an denen die Minderheit und die Mehrheit teilnehmen, in der persönlichen Kommunikation oder in einer Arbeitsstelle in der Mehrheitsgesellschaft. Standarddänisch wird somit zur dritten Sprache der Minderheit. Dies kann als Ausdruck eines abnehmenden Glaubens an eine Übereinstimmung zwischen nationaler Zugehörigkeit und einer nationalen Standardsprache interpretiert werden.

Die Minderheit hat ein Kabarett namens Heimatmuseum, das alle zwei Jahre eine Vorstellung veranstaltet, bei der die Sprachsituation eine Rolle spielt. Im Jahr 2000 wurde ein Schauspieler gefragt, ob er seine Sprache gut genug beherrsche. Er antwortete mit “Ja, zumindest auf der Delegiertenversammlung vom Bund Deutscher Nordschleswiger“:

R: Aber du da, beherrschst du denn auch deine Sprache genug?

H: Aber sicher doch, ich spreche deutsch – wenigstens auf der Delegiertenversammlung. Da melde ich mich, stehe auf, stelle meine Frage auf Deutsch, setze mich dann wieder hin und diskutiere das Problem mit meinem Nachbarn – auf Sønderjysk.

Alle: Aber weshalb?

H: Weshalb? Weil man auf ‘ne Antwort doch gar nicht zu warten brauchst, denn irgend ein anwesender Lehrer hat sicherlich schon festgestellt, dass meine Fragestellung falsch war. Und dann fragt ein Pastor noch mal richtig, und das wird im Saal dann von der Versammlung geklärt. Als noch einmal: Deutsch im Stehen – Sønderjysk im Sitzen – Rigsdansk in der Firma. (Deutscher Volkskalender Nordschleswig 2004: 44)

Diese Satire veranschaulicht nicht nur die Verteilung und den Status der drei Sprachen, sondern spiegelt auch die Zugehörigkeit von Lehrern und Pastoren zu einer Gruppe von Menschen mit guten Deutschkenntnissen wider. Sie benutzen Deutsch bei ihrer Arbeit, und Deutsch ist für viele von ihnen die Muttersprache, weil sie in Deutschland geboren und ausgebildet wurden.

Code-Switching

Die meisten Mitglieder der Minderheit erwerben Deutsch als Zweitsprache im deutschen Kindergarten und entwickeln die Minderheitensprache während der Schulzeit. Während dieser Zeit ist der Wechsel in die Muttersprache Sønderjysk ein charakteristisches Sprachkontaktphänomen. Eine Längsschnittstudie (Pedersen 1983–2013) hat ergeben, dass sich das Code-Switching in Minderheiteninstitutionen im Laufe der Zeit verändert. Im Kindergarten wird es von den Kindern spontan in allen möglichen Situationen benutzt, während die ältesten Schülerinnen und Schüler es vermeiden, auf Sønderjysk oder Standarddänisch umzuschalten, wenn Deutsch als Kommunikationsmedium erwartet wird. Sie verwenden es aber unter Umständen privat. Innerhalb eines offiziellen deutschen Minderheitenkontextes ist ein ähnliches Muster zu beobachten. Code-Switching auf Dänisch wird vermieden. Eine kommunikative Kompetenz in Nordschleswigdeutsch, Sønderjysk und Standarddänisch in Kombination mit Code-Switching befriedigt jedoch die kommunikativen Bedürfnisse der Minderheitenmitglieder in der Gemeinschaft, in der sie leben. Daher wird sie als funktionale regionale Zweisprachigkeit definiert (Pedersen 1993: 463).

Im privaten Bereich in der Familie und unter Freunden in der deutschen Gesellschaft ist Code-Switching ebenfalls ein alltägliches Phänomen, da die meisten Mitglieder beide Sprachen verstehen und sprechen. Aus der teilnehmenden Beobachtung in Minderheitenfamilien beurteilt, scheint es sich dabei um intrasententielles Code-Switching und Lehnwörter zu handeln und nicht um eine vollständige Verflechtung der beiden Sprachen. Im Volkskalender 1975 werden – in karikierender Weise – Beispiele für diese Art von Sprache gegeben, die von Angehörigen von Minderheiten in den Straßen und Häusern in Tondern/Tønder gesprochen wird:

Sag mal, hat Tiddes Tochter sich verlobt? – Nä, das blieb zu nichts, er hat sie geschnürt, ist gar nicht wiedergekommen. Ich fragte Tidde, um man gratulieren konnte. Da blieb sie doll: Was ragt es Dir? Da sollst Du Dich gar nicht um brüen! Schrie sie mich gerade ins Gesicht. (Deutscher Volkskalender Nordschleswig 1975: 58)

Für die Neuen Medien wie Facebook zeigt Westergaard (2013, 2014, 2015), dass die Angehörigen der Minderheit sowohl den dänischen Dialekt Sønderjysk als auch Standarddänisch und Deutsch gebrauchen. Die Sprachenwahl hängt davon ab, ob es sich um Statusmeldungen mit unbekannten Adressaten oder Pinnwanddialoge mit bekannten Adressaten handelt. Statusmeldungen auf der eigenen Seite sind auf Standarddänisch oder auf Hochdeutsch verfasst, wenn es sich um die Minderheit oder die Minderheitenschule dreht. Der dänische Dialekt Sønderjysk ist hier selten. In den Pinnwanddialogen erfolgt die Sprachwahl adressatenspezifisch und orientiert sich am mündlichen Sprachgebrauch der Kommunikationspartner. Der Dialekt Sønderjysk wird häufig als schriftliche Kommunikationssprache gewählt. Und hier ist Code-Switching zwischen Sønderjysk und Deutsch erlaubt, wenn die Adressaten bilingual sind. Anhand dieser Beobachtungen lässt sich die Frage formulieren, inwieweit die Neuen Medien zu einer Revitalisierung des Dialekts beitragen.

6 Sprachgebrauch und -kompetenz
6.1 Allgemeines

Umfragen von Sievers (1975), Toft (1982), Byram (1986), Pedersen (1986) und vom Deutschen Schul- und Sprachverein (2004) zeigen, dass Deutsch, die offizielle Minderheitensprache, die Familiensprache von weniger als einem Drittel der Minderheit ist. Diese Zahl bestätigt, dass die nationale deutsche Zugehörigkeit und Angehörigkeit zur Minderheit auf dem Bekenntnisprinzip und nicht auf der Familiensprache beruhen. Toft (1982) wertete die Antworten aus 412 Fragebögen von Mitgliedern der wichtigsten Minderheitenorganisation aus: Die Ergebnisse (72,4 % und 70,7 %) zeigen, dass der dänische Dialekt Sønderjysk die am häufigsten in der Familie verwendeten Varietät ist.


Häufigste Umgangssprache Deutsch Sønderjysk (Dialekt) Dänisch N
mit den Eltern 23,7 72,4 3,9 644
mit den Kindern 27,8 70,7 1,5 273

Tab. 1:

Sprachverhalten innerhalb der Familie (nach Toft 1982: 44, Tabelle 19.b)

Der Deutsche Schul- und Sprachverein hat im Jahr 2003 309 Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern in elf Schulen zu ihrer Muttersprache befragt. Die Schlussfolgerung in Bezug auf die vorherrschende Familiensprache war:

Im Zusammenhang mit einer Unterrichtsmilieuuntersuchung wurde 2003 der Sprachgebrauch der Schüler der 5.–10. Kl. und deren Eltern ermittelt. Bei Vater und Mutter wurde nach der Haussprache, beim Kind nach der „bevorzugten Sprache“ gefragt. Den Schülern, die auch die Frage nach der Haussprache der Eltern zu beantworten hatten, waren die Kategorien „Deutsch“ – „Dänisch“– „Sønderjysk“ – „andere“ vorgegeben. Einige Schüler machten aber auch ihr Bewusstsein von ihrer Zwei-/Mehrsprachigkeit deutlich, indem sie mehrere Sprachen ankreuzten. Das Ergebnis zeigte starke regionale Unterschiede. Es ergab für 11 Schulen (309 Schüler) folgendes Ergebnis:


Deutsch wird am ehesten als Muttersprache in Familien verwendet, in denen ein Elternteil oder beide Elternteile oder Großeltern südlich der deutsch-dänischen Grenze aufgewachsen sind. Zu diesen Familien gehören Lehrer, Minister, Bibliothekare und Journalisten, die in der Minderheit arbeiten. Sie sind Deutsch-Muttersprachler und geben Deutsch als Muttersprache an ihre Kinder weiter. Je kürzer die lokalen Wurzeln, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Deutsch eine Haussprache ist. Das ist wahrscheinlich in Pattburg/Padborg an der Grenze zu Deutschland der Fall. Die Familien mit tiefen Wurzeln in Nordschleswig sprechen eher den dänischen Dialekt Sønderjysk als Muttersprache. Dieser Dialekt wird auch von der Mehrheitsbevölkerung gesprochen und gilt inzwischen als neutral hinsichtlich der nationalen Zugehörigkeit. In der Mehrheit der Bevölkerung nimmt die Verwendung dieses Dialektes als Muttersprache jedoch ab, und Standarddänisch wird übernommen. Diese Entwicklung hat in der Minderheit noch nicht stattgefunden, aber in der DSSV-Umfrage von 2004 hat Standarddänisch schon bemerkenswert hohe Werte. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die dänischsprachigen Mehrheitskinder in Minderheitenschulen gehen, um zweisprachig in Dänisch und Deutsch zu werden. Die Schulen haben in den letzten zehn Jahren ihre Türen für diese Gruppe geöffnet und werben auch in dänischen Tageszeitungen, um solche Schüler anzuziehen. (Familien, die in der Umfrage eine andere Sprache als Familiensprache angeben, zum Beispiel Migranten, könnten ebenfalls zur Mehrheit gehören.)

6.2 Sprachkompetenz

Die Längsschnittstudie „Mødet mellem sprogene i den dansk-tyske grænseregion“ (‚Treffen zwischen den Sprachen der dänisch-deutschen Grenzregion‘) (Pedersen 1983–2013) hat unter anderem einen qualitativen Einblick ergeben in die individuelle Sprachkompetenz im Deutschen von Kindheit an im deutschen Kindergarten, in der Schule sowie im Erwachsenenalter. Die Schüler, die mit Deutsch als Zweitsprache die Minderheitenschule verließen, beherrschten Nordschleswigdeutsch mündlich und Standarddeutsch schriftlich, aber als Erwachsene war ihre Deutschkompetenz abhängig von ihrer Verbindung mit den Minderheiteninstitutionen und -verbänden. Mehrere Personen ohne engeren Kontakt hatten Schwierigkeiten, fließend Deutsch zu sprechen, hatten lexikalische Lücken und Unsicherheiten in der Syntax. Diejenigen, die in Minderheitenarbeit tätig waren, beherrschten Nordschleswigdeutsch immer noch.

6.3 Sprachgebrauch (Schriftsprache)

Beim Schreiben wird die Wahl zwischen Hochdeutsch, Standarddänisch und Sønderjysk durch den Kontext bestimmt. Hochdeutsch wird intern in der Minderheit und im Kontakt mit Deutschland verwendet. Standarddänisch wird für Adressaten innerhalb der Mehrheit verwendet. Die Minderheit möchte jedoch auch ihre Minderheitensprache Deutsch im Kontakt mit Behörden verwenden können; manchmal wird es akzeptiert, manchmal nicht, offenbar in Abhängigkeit von der Sprachkompetenz des Empfängers. Der Dialekt Sønderjysk hat keine standardisierte Schrift. Er wird jedoch in verschiedenen Kontexten verwendet, um eine regionale Identität und einen Gruppenzusammenhalt zu unterstreichen. In der Öffentlichkeit wird er vor allem von der Schleswigschen Partei in der Kommunikation mit den Wählern (Pedersen 2011) und in den sozialen Medien genutzt. In einer Studie über die Sprachwahl junger Minderheitsmitglieder bei Facebook (Westergaard 2013, 2014, 2015) wird gezeigt, dass ihre Kommunikationsstrategien vielfältig sind. Sie verwenden ihre drei Sprachen für verschiedene Zwecke und Adressaten: Standarddänisch für einen gemischten Mehrheit- und Minderheitenkontext, Sønderjysk für sønderjysksprechende Freunde aus der Minderheit und Deutsch, wenn es um die Minderheitenschule geht. Vor allem im Dialekt sind Code-Switching zu Deutsch und deutsche Lehnwörter ebenso präsent wie in der mündlichen Sprache in dieser dreisprachigen Gruppe. Der Gebrauch von Sønderjysk bei Facebook durch die jungen Mehrheitsmitglieder ist nach Westergaard (2015) hingegen ein anderer. Der Dialekt ist nicht die wichtigste Sprache der Kommunikation, sondern wird nur symbolisch verwendet. Dieser Unterschied kann ein Indiz dafür sein, dass Sønderjysk für die Minderheit noch stärker als Wir-Code fungiert und in höherem Maße Gruppenzusammenhalt impliziert als für die Jugendlichen der Mehrheitsgesellschaft.

6.4 Sprachgebrauch in den Minderheitenorganisationen

Aus Interviews und teilnehmenden Beobachtungen geht hervor, dass sich der Sprachgebrauch im BDN seit 1955 nicht verändert hat und Deutsch nach wie vor das bevorzugte Kommunikationsmittel ist. In Bezug auf die Minderheit als solche war die Sprachpolitik des BDN stets darauf ausgerichtet, die deutsche Sprache zu fördern und zu schützen. Dänisch wird für Informationen wie zum Beispiel auf den Webseiten des BDN und in der Kommunikation mit den Mitgliedern der Mehrheit verwendet. Deutsch ist die offizielle Sprache der Organisation in Wort und Schrift. In seinem Verwaltungszentrum, dem Deutschen Generalsekretariat, wird Deutsch auch in der alltäglichen Kommunikation gesprochen, wobei es zu Abweichungen zwischen dem offiziellen Sprachgebrauch der deutschen Sprache und der informellen Kommunikation zwischen den Delegierten in der BDN-Delegiertenversammlung kommen kann. So können informelle Gespräche in Deutsch oder im dänischen Dialekt Sønderjysk stattfinden. Eine ähnliche Sprachverteilung ist bei der Neujahrstagung und beim „Deutschen Tag“ zu beobachten.

Innerhalb des Dachverbandes Deutscher Jugendverband für Nordschleswig (DJN) und seines Jugend- und Sportverbandes ist Deutsch die dominierende Sprache in der schriftlichen Kommunikation. Aber es gibt auch Beispiele für die Verwendung von Sønderjysk und auch eine Kombination von Sønderjysk und Deutsch wie beispielsweise in der Bezeichnung Æ Mannshaft für die Fußballmannschaft für die Europeada, die Fußballeuropameisterschaft der autochthonen, nationalen Minderheiten, organisiert von der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV). Darüber hinaus wirbt der DJN auf der Homepage 2017 für Æ Trainingstag Faustball und Æ Trainingstag Fussball. In den drei Beispielen kommt der definitive Artikel Æ aus dem dänischen Dialekt Sønderjysk. Die teilnehmende Beobachtung zeigt auch eine Verwendung von Sønderjysk unter den Teilnehmern im Sport.

Eine gleichmäßige Sprachverteilung in Schrift und Sprache soll in der Pflege, Altenpflege und Beratung im Sozialdienst Nordschleswig stattfinden. Die Sprachwahl in der persönlichen Kommunikation hängt jedoch in erheblichem Maße von der Muttersprache der Sprecher in den Organisationen ab. Wenn es Deutsch ist, wird die Minderheitensprache gewählt. Laut Byram (1986) sprechen die meisten Minderheitsmitglieder nur bei einer sehr begrenzten Anzahl von Kulturveranstaltungen Deutsch. Er kommt zu dem Schluss, dass Deutsch in der alltäglichen Kommunikation unter den Mitgliedern keine große Rolle spiele und eher ein Symbol der Zugehörigkeit zur Minderheit sei.

Im Minderheitenkontext haben die Politiker der Minderheit immer in deutscher Sprache geschrieben, und Deutsch dominiert auch die Rede auf höchster Ebene, während die Politik auf lokaler Ebene auch auf Sønderjysk stattfinden kann. Im Kontext der Mehrheitsgesellschaft benutzen die Politiker entweder Sønderjysk oder heute auch Standarddänisch. Dies ist die einzige Änderung in der Wahl des gesprochenen Dänisch nach 1955. Seit 1920 wurde auch Dänisch gewählt, weil Wahlplakate für das Folketing (Parlament) sowohl die Minderheit als auch die Mehrheit ansprachen. Für die Kommunal- und Regionalwahlen in den 1990er Jahren veröffentlichte die Schleswigsche Partei in dänischen Tageszeitungen auch zweisprachige Anzeigen auf Deutsch und Sønderjysk und signalisierte damit ihre regionale Zugehörigkeit.

Obwohl die Verwendung von Sønderjysk als Muttersprache in der Mehrheit der Bevölkerung rückläufig ist, vor allem bei den nach 2000 Geborenen, gibt es immer noch eine große Gruppe, die sich mit dem Dialekt identifiziert. Zwar ist der Dialekt nicht unbedingt die Alltagssprache, aber er gehört zur lokalen und regionalen Kultur und zur Identität als Sønderjyder (Südjütländer). Die Schleswigsche Partei hat im Wahlkampf im Zusammenhang mit den Kommunalwahlen 2009, 2013 und 2017 das Beste aus diesem Identitätsmerkmal in Minderheit und Mehrheit gemacht. Auf Sønderjysk wurden Reden gehalten, die SP-Kandidaten verteilten kleine, persönliche Kochbücher mit regionalen Gerichten geschrieben in Dialekt und 16 Lektionen im Dialekt Sønderjysk, die jeweils ein neues Wort mit der Übersetzung ins Standarddänische enthielten. Junge Rapper traten auf lokalen Bühnen mit Raps über die SP auf Sønderjysk auf, die von der Juniorenvereinigung der SP, den Jungen Spitzen, produziert wurden. Der Appell an das regionale Selbstbewusstsein war sehr deutlich und richtete sich an Jung und Alt, Minderheit und Mehrheit. Die Partei hat bei diesen drei Wahlen in den vier Gemeinden Nordschleswigs ihre höchste Zahl an Mandaten erreicht.

7 Spracheinstellungen

Die offizielle Haltung der Minderheit gegenüber Nordschleswigdeutsch ist die einer breiten Akzeptanz. Solange die Kommunikation in Nordschleswig stattfindet, haben Nordschleswigdeutsch und Standarddeutsch einen äquivalenten Status. Innerhalb des Bildungssystems der Minderheit ist Hochdeutsch jedoch nach wie vor die unbestrittene Norm, mit dem Lehrer als Vorbild. In der Praxis wird allerdings der Sprachgebrauch der Schülerinnen und Schüler nur teilweise in Richtung der Standardnorm korrigiert. Änderungen finden nur in kommunikativen Veranstaltungen statt, bei denen Form und Inhalt im Vordergrund stehen, zum Beispiel in einer vorbereiteten Rede eines Schülers vor der Klasse. Diese billigende Politik wird befolgt, um den Schülern den Schulbesuch zu ermöglichen, positive Gefühle für die Zugehörigkeit zur Minderheit zu stabilisieren und die Zweisprachigkeit zu fördern. Der Status von Hochdeutsch ist objektiv hoch, aber Nordschleswigdeutsch konkurriert im mündlichen Gebrauch um eine ähnliche Position. Im schriftlichen Bereich ist aber Hochdeutsch die einzige Norm, und das geschriebene Deutsch der Schülerinnen und Schüler wird auf diese Norm hin korrigiert. Diese Spracheinstellungen führen zu einem Bewusstsein für die verschiedenen Funktionsbereiche der Sprachen, und je höher die Forderung nach einer funktionalen Trennung der beiden Varietäten ist, desto geringer ist die Zahl von auftretenden Sprachkontaktphänomenen wie Code-Switching – während die Sprachkontaktphänomene in der Prosodie unverändert bleiben (Pedersen 1993, 1983–2013).

Die Sprachpolitik der Minderheit

Die Sprachenpolitik der Minderheit war bis 2015 durch eine eher sanfte Linie geprägt, wie sie etwa in Leitbild und Zielsetzung zur Verwendung von Deutsch von BDN und DSSV zum Ausdruck kommt, die Wünsche in Bezug auf die Rolle der deutschen Sprache innerhalb der Minderheit und extern gegenüber der Mehrheit formuliert haben. Nach der Ratifizierung der Europäischen Charta für Regional- oder Minderheitensprachen durch Dänemark im Jahr 2000 gab es jedoch verstärkte Initiativen für eine engagiertere Sprachenpolitik, verbunden mit der Aufforderung an die Mitglieder der Minderheit, Deutsch zu sprechen. Auf dem „Deutschen Tag“ 2002, der unter dem Motto „Identität erhalten – Europa gestalten“ stand, betonte der BDN-Vorsitzende Hans Heinrich Hansen die Bedeutung der deutschen Sprache:

Zu unserem Leitbild gehört an ganz zentraler Stelle die deutsche Sprache. Sie ist unsere Identifikation nach aussen, aber auch nach innen. Heute vernachlässigten einige als falsch verstandene Anpassung das Deutsche zugunsten von Dänisch bzw. Sønderjysk. Ich schätze beides sehr und bin in beiden zu Hause, aber die Vernachlässigung der deutschen Sprache untergräbt unsere Arbeit und unsere Identität, denn die deutsche Sprache ist unser wichtigstes Erkennungszeichen. (Deutscher Volkskalender Nordschleswig 2002: 24)

Diese Rede macht den Zusammenhang zwischen Sprache und Identität sehr deutlich und bringt Hansens Auffassung zum Ausdruck, dass die nationale Identität parallel mit der Nationalsprache ist, es aber andererseits gleichgültig ist, ob es sich dabei um eine Muttersprache oder eine Zweitsprache, eine Familiensprache oder eine Minderheitensprache, die im Zuge der formalen Bildung erworben wurde, handelt. Insofern ist es eher ein sprachpluralistischer als ein sprachnationalistischer Standpunkt.

Im Jahr 2003 veröffentlichte der BDN das „Leitbild des Bundes deutscher Nordschleswiger“. Hier wird noch einmal die Bedeutung der Minderheitensprache betont. Darin heißt es:

Die deutsche Sprache ist das wichtigste Erkennungsmerkmal der deutschen Volksgruppe. […] Die deutsche Volksgruppe pflegt die deutsche Sprache und Kultur und erhält sie lebendig in ihren Institutionen – unter anderem in Schulen, Kindergärten, Büchereien, in ihrer Tageszeitung ‚Der Nordschleswiger‘ und in ihren Vereinen. (Deutscher Volkskalender Nordschleswig 2003: 22)

Bemerkenswert ist, dass dieses BDN-Leitbild aus dem Jahr 2003 und auch seine „Sprachpolitische Zielsetzung“ aus dem Jahr 2010 nichts über die Familiensprache aussagen. Offensichtlich wird akzeptiert, dass die meisten Mitglieder den dänischen Dialekt Sønderjysk zu Hause und als Familiensprache verwenden, und dass die Kinder die Minderheitensprache erst innerhalb des von der Minderheit organisierten Bildungswesens erwerben. Die Diskussion über eine Verschiebung der Familiensprache scheint aufgehört zu haben. Die Zweisprachigkeit wird in diesen sprachpolitischen Positionierungen nicht explizit erwähnt; im jüngsten Sprachförderungskonzept, das 2004 vom DSSV veröffentlicht wurde, wird die Bedeutung der deutsch-dänischen Zweisprachigkeit aber deutlich betont. Hier ist Spracherwerb Zweisprachigkeitserwerb.

Sprachpolitik 1920–2000

Die Wahrnehmung eines rückläufigen Deutschgebrauchs und die ernste Aufforderung, die Minderheitensprache in stärkerem Umfang zu nutzen, ist nichts Neues. Schon 1920 war die Einstellung zur sprachlichen Situation ähnlich. In der Zeitung Nordschleswig plädierte ein Redakteur dafür, dass Eltern mit ihren Kindern Deutsch sprechen sollten; ein Debattenteilnehmer favorisierte hingegen Sønderjysk als natürliche Alltagssprache. Zehn Jahre später sagte der Leiter der Minderheit, Johannes Schmidt-Wodder, in einem Interview in der Nordschleswigschen Zeitung, dass der Sønderjysk-Dialekt eines der Elemente sei, die die Heimatdeutschen mit dem Heimatboden verbanden und die Minderheit ihn deshalb als Muttersprache behalten solle. Andererseits sollten sie darauf abzielen, ihre Kenntnisse der deutschen Sprache zu vertiefen. Im schriftlichen Bereich war Deutsch laut Schmidt damals die einzig akzeptierte Varietät (Becker-Christensen 1990, I: 97f.).

In dieser Sprachdebatte hatten die beiden Standpunkte ein gemeinsames Ziel: das Deutsche sollte geschützt und gefördert werden. Die Befürworter des Deutschen als Familiensprache drückten die Idee einer Eins-zu-Eins-Korrespondenz zwischen der Nationalsprache als Muttersprache und der nationalen Zugehörigkeit aus. Eine deutsche Lebensweise wurde nicht als ausreichend angesehen, um die nationale Zugehörigkeit zu sichern. Die deutsche Sprache galt als Voraussetzung für den Zugang zur deutschen Kultur, zur deutschen Literatur und Geschichte, die von Deutschen in deutscher Sprache geschrieben wurde.

Für die andere Gruppe in der Sprachdebatte war Deutsch ebenfalls an die nationale Zugehörigkeit gebunden, allerdings als Zweitsprache, die in der Schule erlernt wurde. Der dänische Dialekt wurde hier nicht als Hindernis für das Fühlen, Handeln und Denken auf deutsche Weise gesehen. Nach Ansicht dieser Gruppe sollten die Kinder die deutsche Sprache durch Bildung erlernen und die deutsche Hochkultur durch Literatur und Geschichte kennen lernen. Aber die Schule war auch verpflichtet, sie dazu zu bringen, die deutsche Sprache in Wort und Schrift zu gebrauchen.

Spracheinstellungen in der Mehrheitsbevölkerung

Im Zusammenhang mit der Ratifizierung der Charta waren in der regionalen Mehrheitstageszeitung JydskeVestkysten einige Leserbriefe mit negativen Aussagen zur deutschen Sprache zu lesen. Es wurden (völlig abwegige) Befürchtungen geäußert, dass die Mehrheit bei bestimmten Gelegenheiten Deutsch sprechen müsste. Dies war ein indirekter Hinweis auf die preußische Herrschaft in der Region in den Jahren 1864 bis 1920, als Deutsch die Amtssprache war, und auf die nationalsozialistische Besetzung Dänemarks während des Zweiten Weltkriegs. Eine solche negative Einstellung zur deutschen Sprache ist oft mit negativen Stereotypen von Deutschen im Allgemeinen verbunden, die in den dänischen Medien noch immer vorhanden sind (Hansen/Pedersen/Schack 2002).

Im Grenzgebiet wird die dänisch-deutsche Zweisprachigkeit jedoch aus Sicht der einsprachigen Mehrheit als Vorteil angesehen, und zwar nicht nur, weil Deutschland der Nachbarstaat ist. Auch in der Handelskommunikation und im Exportgeschäft ist Deutsch von entscheidender Bedeutung, wobei die Bundesrepublik Deutschland der wichtigste Handelspartner Dänemarks ist. Die Mehrheit benötigt die Minderheitenmitglieder für die Kommunikation auf Deutsch, zumal die Deutschkenntnisse der Mehrheit in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren drastisch zurückgegangen sind; Englisch ist inzwischen die einzige Fremdsprache, die noch von Interesse ist.

Politisch gesehen ist die Haltung der dänischen Regierung gegenüber der deutschen Minderheit und ihrer Minderheitensprache seit der Kopenhagener Erklärung positiv; die Sprachencharta hat daran nichts geändert. Bisher war die Regierung nur verpflichtet, der einseitigen Kopenhagener Erklärung zu folgen, jetzt hat sie darüber hinaus Verpflichtungen im internationalen Kontext übernommen. Der dänische Staat muss dem Europäischen Rat regelmäßig Berichte vorlegen, und der Rat verfolgt die Umsetzung der Charta.

8 Linguistic Landscapes
8.1 Die Minderheitensprache in der Mehrheitsgesellschaft

Trotz Minderheitenorganisationen, Schulen, Kindergärten, Bibliotheken und der örtlichen Redaktionen von Der Nordschleswiger war die Minderheit in der Nachkriegszeit im öffentlichen Leben fast unsichtbar. Es gab kaum Schilder der deutschen Institutionen, und deutsche Straßenschilder, die aus der Zeit der preußischen Herrschaft vor 1920 übriggeblieben waren, wurden entfernt.

Unter sich verwendet die Minderheit die deutschen Namen von Straßen und Städten. Um diese Namen in der Minderheitenpresse und in deutschen Organisationen zu vereinheitlichen, veröffentlichte die Zeitung Der Nordschleswiger 1969 eine Liste von Ortsnamen in dänischer und deutscher Sprache. 1982 erschien diese in einem Buch (Kardel 1982), 1994 wurde sie im Deutschen Volkskalender Nordschleswig nachgedruckt. Diese Liste war in erster Linie ein Element der internen Minderheitensprachenplanung.

Erst in den späten 1980er Jahren begann die Minderheit, den Anspruch zu erheben, als Minderheit sichtbar zu sein, etwa durch deutsche oder zweisprachig dänisch-deutsche Schilder und die Verwendung der deutschen Sprache bei Behörden und in den öffentlichen Medien. Vor allem Kindergärten und Schulen brachten sichtbare Schilder an, und in mehreren Städten wurden einige öffentliche Schilder für deutsche Einrichtungen aufgestellt. Davon waren jedoch einige auf Dänisch, andere auf Deutsch und einige in einer Art neutralen Sprache, die sozusagen nur die halbe Wahrheit sagt, zum Beispiel das Schild „Museum“ am Deutschen Museum für Nordschleswig – im Dänischen wie im Deutschen wird dieses Wort gleich geschrieben. Ein ähnlicher Fall ist das deutsche Schild „Bibliothek“, das dem dänischen Bibliotek so nahe kommt, dass nicht unbedingt auf Anhieb erkennbar ist, dass es sich auf eine deutsche Bibliothek bezieht.

In den 1990er Jahren diente die Kopenhagener Erklärung von 1955 als Argument für die Anbringung öffentlicher Schilder in deutscher Sprache für die Minderheiteninstitutionen; seit 2001 wurde die Sprachencharta dafür verwendet. Nun begann die Minderheit unter Berufung auf die Charta auch, öffentliche zweisprachige dänisch-deutsche Schilder für Städte in der Region zu fordern.

Abb. 5:

Deutsche Institutionen, Tingleff/Tinglev

8.2 Zweisprachige Straßenschilder

Auf eine Frage bezüglich des Wunsches der Minderheit nach zweisprachigen Schildern erwiderte der politische Sekretär der Minderheit noch 2004, dass man die Mehrheit nicht provozieren wolle. Der Vorsitzende des BDN plädierte dagegen für eine Sprachenpolitik, die zumindest zweisprachige Ortsschilder zulässt. In einem Schreiben an den BDN im Jahr 2003 stellte das dänische Verkehrsministerium fest, dass zweisprachige Schilder in Dänemark nicht gesetzlich verboten sind, jedoch von der dänischen Straßenverkehrsbehörde genehmigt werden müssen. Das Ministerium vertrat die Auffassung, dass zweisprachige Schilder bei den Verkehrsteilnehmern zu Verunsicherung und Verwirrung führen können, d.h. zu einer verminderten Lesbarkeit und Orientierungslosigkeit, die wiederum ein erhöhtes Risiko von Verkehrsunfällen verursachen können. Der Verkehrsdirektion lagen zu diesem Zeitpunkt jedoch noch keine Anträge auf Genehmigung zweisprachiger Verkehrszeichen vor, so dass sie keine Stellung bezog. Im Jahr 2017 kam das Verkehrsministerium schließlich zu dem Schluss, dass zweisprachige Zeichen möglich sind.

Innerhalb der postalischen Adressen ist die Verwendung deutscher Ortsnamen durch die Minderheit in Dänemark nur noch selten anzutreffen. Die Minderheit verwendet die dänischen Namen, um die Adresse erkennbar zu machen. Dies wird von der Post verlangt, die ansonsten nicht garantiert, dass der Brief an die richtige Adresse zugestellt wird. Alle Briefe innerhalb Dänemarks, zum Beispiel vom BDN, werden mit dänischen Ortsnamen adressiert.

Im mündlichen Gebrauch ist die Tradition der Verwendung deutscher Ortsnamen in Bezug auf Städte auf jeden Fall stabil; im Zusammenhang mit Straßennamen ist die Situation jedoch eine andere. Welche Rolle hierbei externe Vorgaben des Postwesens spielen, ist schwer zu beurteilen. Jedenfalls sind aber die traditionellen deutschen Straßennamen Mitgliedern der Minderheit, die jünger als 60 Jahre sind, inzwischen kaum bekannt, und aus der Minderheit werden auch keine offiziellen Wünsche nach zweisprachigen Straßenschildern geäußert.

Im Jahr 2016 beschloss der Bürgermeister von Hadersleben/Haderslev, dem Wunsch der Minderheit entsprechend, zweisprachige Ortsschilder aufzustellen. Darauf war oben in größerer Schrift der dänische Namen Haderslev und darunter etwas kleiner der deutsche Name ‚Hadersleben‘ abgedruckt. Aufgrund von Vandalismus wurden diese Schilder jedoch schon nach einer Woche wieder entfernt. Dieser Vorfall zeigt, dass durchaus eine nationalistische Ideologie existiert, die nur dänische Städtenamen akzeptiert, und dass es noch immer Ressentiments gegenüber den deutschen Städtenamen gibt, die mit der preußischen Herrschaft oder auch mit dem Deutschland des Zweiten Weltkriegs verbunden werden. Andererseits werden die deutschsprachigen Schilder, die auf deutsche Institutionen hinweisen, nicht mehr zerstört.

Abb. 6:

Haderslev/Hadersleben

Forderungen der Hardliner aus dem Jahr 2015

Angesichts der Erkenntnis, dass es seit der „Sprachpolitischen Zielsetzung“ aus dem Jahr 2010 und trotz Unterstützung durch den Europarat (das Expertenkomitee der Sprachencharta und der Rahmenkonvention) keine Fortschritte in Bezug auf die Verwendung des Deutschen gab, hat die Minderheit beschlossen, eine Arbeitsgruppe Sprachenpolitik einzurichten. Im Jahr 2015 präsentierte der BDN seine „Sprachpolitischen Forderungen der deutschen Minderheit. Strategie 2015–20“, die sich auf den Gebrauch des Deutschen in öffentlichen Einrichtungen und im öffentlichen Raum konzentrieren. Es sind keine Wünsche mehr, sondern Forderungen, und die Minderheit bezieht entschlossen Stellung. Wann dies zu Ergebnissen führt, ist noch nicht absehbar, aber es zeigt, dass die verhältnismäßig kleine Gruppe inzwischen eine Stärke gewonnen hat, die sie vorher nicht hatte. Einer der Gründe für diese Stärke ist, dass die Minderheit, auch mit Hilfe der Sprachencharta des Europarats, in den vier südjütischen Kommunen und im Folketing (Parlament) eine stärkere politische Vertretung erreicht hat. Das Strategiepapier des BDN setzt zur Erreichung seiner Ziele ausdrücklich auf die Unterstützung der Stadtratsmitglieder der Schleswigschen Partei, des Kopenhagener Kontaktausschusses und des Europarats.

Die Bedeutung der deutschen Sprache für die Minderheit wird in dem Strategiepapier besonders hervorgehoben:

Die deutsche Sprache ist das wichtigste Erkennungsmerkmal der deutschen Nordschleswiger. Sie ist nicht nur das wichtigste Werkzeug der Kommunikation, sondern verbindet und zeigt Zugehörigkeit. Die Förderung und Pflege der deutschen Sprache gehört zu den wichtigsten Aufgaben der deutschen Volksgruppe. Dies gilt nicht nur in den eigenen Einrichtungen und Vereinen, sondern auch im öffentlichen Raum, um so auch die Wahrnehmung der deutschen Minderheit zu verbessern. (Bund Deutscher Nordschleswiger 2015b: 1)

Die sieben konkreten Ziele (die durchaus eine unterschiedliche Granularität aufweisen) lauten:

 Benennung von deutschsprachigen Ansprechpartnern in den Kommunen

 Erstellen einer Sprachstrategie für kommunale Pflegeheime und regionale Krankenhäuser

 Produktion einer Broschüre über die Möglichkeit der Vorlage von relevanten Dokumenten auf Deutsch gegenüber der öffentlichen Verwaltung und den Gerichten

 Aufstellung eines Autobahnhinweisschildes „Knivsbjerg/Knivsberg“

 Aufstellung von zweisprachigen Ortstafeln

 Förderung der Deutschen Museen.

9 Zusammenfassung

Insgesamt ist die fast hundertjährige Geschichte der deutschen Minderheit in Nordschleswig von Kontinuität und Wandel geprägt. Seit 1920 ist die Zukunft der Minderheit ungewiss, aber die Minderheit existiert auch heute noch, wobei sich ihr heutiger Charakter von dem früherer Zeiten unterscheidet. Die alten Bestrebungen, die Grenze zu revidieren, sind verschwunden und wurden durch eine breite Zusammenarbeit in der gesamten Region, sowohl nördlich als auch südlich der Grenze, ersetzt.

Im Allgemeinen hat die Mehrheit in Nordschleswig eine positive Einstellung gegenüber der deutschen Minderheit entwickelt, seit sie in den 1990er Jahren begann, sich mit der dänisch-deutschen Zweisprachigkeit als positives Phänomen zu identifizieren und als eine Gruppe zu betrachten, die den dänischen Dialekt Sønderjysk bewahrte. Viele Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft sehen das Deutschsein nur als eine Frage der deutschen Sprache, die zum dänischen Dialekt Sønderjysk und zu Standarddänisch hinzukommt; die nationale Identität steht nicht im Mittelpunkt. Dies kann als ein allgemein abnehmendes Interesse an der nationalen Identität angesehen werden, dem nur einige wenige offene Nationalisten entgegenstehen. Diese wenden sich auch gegen die jungen Mitglieder der Minderheit, die sich selbst als deutsche Südjütländer betrachten. Für diese nationalgesinnten Dänen ist hingegen Südjütländer ein regionaler Identitätsmarker, der nur Dänen umfasst. Anders herum lehnt auch die ältere Generation der Minderheit die Selbstbeschreibung als deutsche Südjütländer ab und sieht sich eher als Nordschleswiger, was die Zugehörigkeit zur Minderheit betont.

Die Kombination aus zunehmender Regionalisierung und Denationalisierung hat die Barrieren zwischen der Mehrheit und der Minderheit abgebaut, und beide haben sich wiederum füreinander geöffnet. Minderheitenkindergärten und -schulen werben um die Kinder der Mehrheit; einige ihrer Eltern wählen diese Einrichtungen aktiv, vor allem, damit ihre Kinder als dänische und deutsche Zweisprachige aufwachsen. Darüber hinaus nutzen insbesondere einige Senioren aus der Mehrheitsbevölkerung die Angebote des Sozialdienstes. Auch im Bereich der Politik wurden die Grenzen zwischen Dänisch und Deutsch durchbrochen, v.a. durch die regionale Profil- und Sprachkampagne der SP, die zu einer Verdoppelung der Stimmen für die SP geführt hat. Von der Mehrheit wurde vorgeschlagen, dass die Wahllokomotive der SP in Sonderburg/Sønderborg Bürgermeister im Stadtrat sein sollte. Letztlich wurde er jedoch nicht dazu gewählt.

Die Offenheit der Minderheit hat aber auch zu einigen Missverständnissen geführt. Einige Dänen haben vorgeschlagen, einen dänischen und einen deutschen Kindergarten zusammenzulegen, da die Kinder zu Hause dieselbe Sprache sprechen. Darüber hinaus haben einige vorgeschlagen, den Landwirtschaftlichen Hauptverein für Nordschleswig in sein dänisches Pendant einzugliedern, um die finanziellen und fachlichen Ressourcen optimal zu nutzen. Die Ablehnung beider Vorschläge ist jedoch ein Ergebnis des Wunsches der Minderheit, Integrität zu wahren und Assimilation zu vermeiden, so dass die Offenheit am besten als solche verstanden wird, die auf Initiative der Minderheit und nicht der Mehrheit ersucht werden sollte.

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Deutsch in Ostbelgien

Heinz Bouillon

1 Einleitung

2 Geographische Lage und Demographie

3 Geschichtliche Gegebenheiten

3.1 Vor 1919

3.2 Vom Versailler Vertrag bis zum Zweiten Weltkrieg

3.3 Der Zweite Weltkrieg

3.4 Vom Zweiten Weltkrieg bis 1963

3.5 Die verschiedenen Staatsreformen in Belgien

4 Die Politik und die rechtliche Stellung der DG heute

4.1 Überblick

4.2 Befugnisse

4.3 Offene Frage: Separatismus

4.4 Eine siebte Staatsreform?

5 Die wichtigste Kompetenz: das Schulsystem

6 Medien und Kultur

6.1 Treffen der Staatsoberhäupter der Länder mit Amtssprache Deutsch

6.2 Rat für deutsche Rechtschreibung

6.3 Die Medien

6.4 Kultur in Ostbelgien

7 Soziolinguistische Aspekte

7.1 Sprache und Dialekt

7.2 Qualität der Sprache und schulische Leistungen

7.3 Zweisprachigkeit

8 Linguistic Landscape

9 Schlussfolgerung

Literatur

1 Einleitung1

Deutsch ist die Muttersprache einer kleinen Minderheit in Belgien. Es geht im Folgenden darum, diese Deutschsprachigen geografisch zu situieren und auf ihre jüngste sehr bewegte Geschichte einzugehen. Ihre jetzige Sonderstellung in einem sich stetig wandelnden belgischen Staat soll in einem weiteren Teil beschrieben werden. Anschließend werden einige mögliche Wege perspektivisch für diese Minderheit angezeigt. Die Autonomie der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) drückt sich vor allem im Schulunterricht aus, weshalb die Kompetenzen in diesem Bereich näher untersucht werden müssen. Schließlich wird die verwendete Sprache, auch im weiteren Kontext der Zweisprachigkeit, aus soziolinguistischer Perspektive näher beschrieben. Abschließend wird die Identität dieser kleinen Bevölkerungsgruppe ansatzweise charakterisiert.

2 Geographische Lage und Demographie

Im Vergleich mit der Weltbevölkerung ist die Bedeutung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens mit ihren zirka 77.000 Einwohnern verschwindend klein.

Abb. 1:

Die Deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien1

Die neun Gemeinden, die die heutige Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens bilden, liegen im Osten Belgiens und grenzen an die Niederlande, Deutschland und Luxemburg an. Ihre Fläche beträgt 854 km2. Der Sitz der Regierung und des Parlaments ist Eupen.

Zwischen dem Norden, wo sich mehrere Industrieschwerpunkte befinden (Kabelwerke, NMC, präzisionsmechanische Betriebe usw.), und dem Süden, mit dem Zentrum Sankt Vith, liegt das Hohe Venn. Diese Landschaft, die oft als belgische Eifel bezeichnet wird, ist hauptsächlich durch Forst- und Landwirtschaft charakterisiert.

Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist Mitglied der Euregio Maas-Rhein. Zum grenzüberschreitenden Verbund der Euregio Maas-Rhein gehören folgende Regionen: die Deutschsprachige Gemeinschaft, die Provinz Lüttich, die Provinz Belgisch-Limburg, die Provinz Niederländisch-Limburg und die Region Aachen.

Die Euregio umfasst insgesamt etwa 3,8 Millionen Einwohner. Ziel der Euregio Maas-Rhein ist es, die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Grenzregionen zu fördern. Dazu werden Partnerschaftsprojekte in Bereichen wie Tourismus, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Katastrophenschutz, Sprachenprojekte, Technologietransfer und Gesundheitsversorgung entwickelt. Als Entscheidungsinstanz für die Vergabe von europäischen Mitteln (Interreg-Gelder) hat die Euregio Maas-Rhein beträchtliche Mittel zur Mitfinanzierung von grenzüberschreitenden Projekten in der Deutschsprachigen Gemeinschaft beigesteuert.2

3 Geschichtliche Gegebenheiten
3.1 Vor 1919

Das, was man heute Belgien nennt, entstand nach den Religionskriegen 1648, als die damaligen protestantischen Niederlande ihre Unabhängigkeit errangen und den flämischen und südlichen Teil weiteren Besetzern überließen. Damals gehörte der Norden der deutschsprachigen Territorien der heutigen DG hauptsächlich zu Limburg und der südliche Teil zu Luxemburg (Hecking 1875/21977: 38). Die Regionen, die einmal Belgien werden sollten, standen nacheinander unter spanischer, österreichischer, französischer und schließlich bis 1830 unter niederländischer Herrschaft, wobei ein nicht unwichtiger Teil, das Fürstbistum Lüttich, bis 1789 dem Heiligen Römischen Reich angehörte. Ohne auf die vielen Herrschaftswechel der Gebiete einzugehen, sei ein Datum der jüngsten Geschichte mit besonderer Wichtigkeit herausgegriffen: Nach der Niederlage Napoleons wurden 1815 auf dem Wiener Kongress diese Territorien, Eupen-Malmedy-Sankt Vith genannt, die zum französischen Departement „Ourthe“ gehörten, Preußen zugeschlagen, das französischsprachige Malmedy einbegriffen (Maxence 1951: 15). Als Belgien sich 1830 von den Niederlanden loslöste und ein selbständiger Staat wurde, gehörte die deutschsprachige Minderheit also nicht dazu – wohl aber das heutige Großherzogtum Luxemburg, das Areler Land und die sogenannten altbelgischen Gemeinden um die Dörfer Beho und Bocholz.

Der unabhängige belgische Staat zählte zirka 250.000 germanophone Einwohner (Bergmanns 1986: 12), darunter bildeten die luxemburgischen Dialekte die größte Gruppe. Im Jahr 1838 kam es zur endgültigen Einigung über die territoriale Teilung zwischen Belgien und den Niederlanden.

Es war das Jahr, als das Großherzogtum Luxemburg als selbständiger Staat geschaffen wurde: Belgien trat einige Gebiete wie Südlimburg an die Niederlande ab und behielt nur einige germanophone Gemeinden im Areler Land (Witte 2005: 100–108), die Letzeburgisch sprachen, sowie die sogenannten altbelgischen Gemeinden. So ging natürlich auch die Bedeutung der deutschen Sprache stark zurück, denn die Gebiete der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft mit Malmedy lagen in Preußen.

3.2 Vom Versailler Vertrag bis zum Zweiten Weltkrieg

Die Bevölkerung der heutigen DG erlebte den Ersten Weltkrieg also auf deutscher Seite. Die Denkmäler in den Dörfern, die an die Gefallenen erinnern, zeigen heute auf belgischem Boden die Namen der Soldaten, die für Deutschland gekämpft haben und gefallen sind.

Das Datum 1919 ist dennoch entscheidend, denn durch den Versailler Vertrag wurden die Gebiete Eupen-Malmedy-St.Vith Teil des belgischen Staatsgebiets. Durch die Volksbefragung von 1922 wurde dies bestätigt. Heute sind sich fast alle einig, dass es damals eine Scheinbefragung war. Wer nämlich nicht mit der Zugehörigkeit zum belgischen Staat einverstanden war, musste sich namentlich in eine Liste eintragen, was natürlich äußerst riskant war, da jeder mit Vergeltungsmaßnahmen rechnete. Kaum jemand hat also gegen die belgische Integration protestiert (Lejeune 2005: 27). Somit hatte Belgien eine neue deutschsprachige Minderheit von damals zirka 50.000 Personen.

Der von Belgien eingesetzte Generalkommissar Baltia verfügte 1920, dass alle deutschen Bestimmungen, die den alleinigen Gebrauch der deutschen Sprache vorschreiben, aufgehoben werden. Seitdem waren Deutsch und Französisch Amtssprachen in Neubelgien (Henkes 2012: 8). Die auf Französisch formulierten Gesetze wurden durch einen Übersetzungsdienst ins Deutsche übersetzt.

So wie bis 1919 eine „Germanisierung“ der Bevölkerung von Malmedy stattgefunden hatte, erleben die Neubelgier jetzt eine Romanisierung. Deutsch wurde zweitrangig, da die maßgebende Gesetzgebung auf Französisch abgefasst war. Wer also in dieser Zeit gesellschaftlich weiterkommen wollte, musste die französische Sprache erlernen. Es gab einen Druck, seine Denkweise zu ändern; gleichzeitig wurde der deutschen Sprache Rechnung getragen.

Im Areler Land war indessen der Gebrauch der deutschen Sprache auf dem Rückzug. In den 1930er Jahren drückte die Bevölkerung sich dort lieber auf Französisch aus, obwohl das Moselfränkische nebenbei noch lebendig blieb (Mitteilung meines Vaters, der dort aufgewachsen ist). Die Hauptursachen scheinen in den Kriegsgeschehen des Ersten Weltkriegs zu liegen, denn die Zivilbevölkerung hatte in diesen Dörfern stark gelitten (Hinrichtung von 125 Zivilisten in dem nahe gelegenen Rossignol am 22. August 1914).

Nach 1933 entstanden dagegen im sogenannten Neubelgien wie in anderen Ländern Bewegungen, wo der Ruf „Heim ins Reich“ zu hören war. Ein Teil der Bevölkerung verfolgte mit großem Interesse den Aufstieg der Nationalsozialisten und übernahm, in der „Heimattreuen Front“, die nationalistischen und ideologischen Vorstellungen der NSDAP. Heute wird dieses Thema immer mehr aufgearbeitet, dennoch ist zahlenmäßig nicht klar, inwieweit die ostbelgische Bevölkerung sich eine Integration ins Hitler-Deutschland wünschte.

3.3 Der Zweite Weltkrieg

Als Hitler Belgien nach wenigen Tagen erobert hatte, erließ er am 18. Mai 1940: „Die Kreise Eupen-Malmedy werden annektiert“. Dies bedeutete für die jungen Männer der Region, als auch die Staatszugehörigkeiten entsprechend angepasst wurden, dass sie in die Wehrmacht eingezogen wurden und für Deutschland zu kämpfen hatten. So änderten manche in kurzem Zeitraum gezwungenermaßen die Uniform, nachdem sie vorher in die belgische Armee eingezogen worden waren. Sie kamen in neuer Uniform mit den deutschen Truppen an allen Fronten zum Einsatz. Später im Verlaufe des Krieges sind die meisten „Zwangseingezogenen“ an die Ost-Front versetzt worden, wo eine große Anzahl der ostbelgischen Männer fiel. Andere meldeten sich freiwillig bei der Schutzstaffel (SS) oder der Sturmabteilung (SA), was natürlich nach Kriegsende ganz anders als die Rolle der Zwangseingezogenen eingestuft wurde, da in gewissen Fällen die Todesstrafe gegen ehemalige SS-Mitglieder ausgesprochen wurde.

Wie die Zivilbevölkerung 1944 die Ardennenoffensive erlebte, möchte ich hier an einem Bericht aus dem Dorf Büllingen illustrieren:

Ende Januar 1945 wusste man, dass der Amerikaner bald wieder ins Dorf einziehen würde. Die Deutschen schienen aber nicht so leicht das Feld zu räumen. Frau Johann Mertens-Schmitz berichtet: ‚Die Deutschen wollten uns mit zurücknehmen. Wir wehrten uns sehr dagegen. Einem Deutschen, der mich hierzu aufforderte, sagte ich: ‚Dann können sie mich auch gleich hier an der Kirchhofsmauer erschießen. Es ist doch überall Krieg.‘ Ein SS-Soldat war oben im Haus in einem Schlafzimmer mit seinem MG in Stellung gegangen. Es war der 29. Januar. Während einer kurzen Feuerpause hörten wir ihn rufen ‚Los Amis, nun kommt doch!‘ Nach einiger Zeit hatten sich die Amerikaner an das Haus herangearbeitet und es vollends umzingelt. Sie forderten alle Insassen auf herauszukommen. Der MG-Schütze war inzwischen zu uns in den Keller geflüchtet. Nach längerem Bitten und Flehen ergab er sich und stellte sich den Amerikanern. Auch wir Zivilisten wurden aufgefordert, das Haus zu verlassen und mussten mit den Gefangenen draußen im Schnee stehen. Da in der Nacht das Dorf mit Phosphorgranaten beschossen worden war, sahen wir, als wir draußen im morgendlichen Halbdunkel standen, überall Brände schwelen. Sogar der Schnee schien zu brennen. Es war ein furchtbarer Anblick. Anschließend wurden wir zum Verhör in das Haus Legros gebracht. (Geschichtsverein „Zwischen Venn und Schneifel“ 1969: 107)

Die deutsche Annexion und die anschließende Niederlage haben nachhaltige Spuren in der ostbelgischen Bevölkerung hinterlassen. Zum zweiten Male gehörte die ostbelgische Bevölkerung zu den Verlierern.

3.4 Vom Zweiten Weltkrieg bis 1963

Nach Kriegsende kamen die Bezirke Eupen-Malmedy nach Belgien zurück. Die örtlichen „deutschgesinnten“ Machthaber wurden ersetzt. So kamen Lehrer und Gendarmen aus dem Areler Land nach Eupen-Malmedy: Sie waren der Sprache mächtig und konnten nicht verdächtigt werden, Nationalsozialisten gewesen zu sein. Es gab eine Periode der Säuberung, wobei allerdings die Zwangssoldaten der Wehrmacht, die vorerst verhaftet wurden, sehr bald entlassen wurden. (Lejeune 2005: 187)

Die ostbelgische Bevölkerung passte sich wieder einmal an. Der belgische Staat war damals noch ein Zentralstaat mit neun Provinzen. Das Gebiet Eupen-Malmedy-St.Vith war Teil der Provinz Lüttich.

Langsam lebten sich jedoch Flamen und Wallonen auseinander, was 1962/1963 durch ein Sprachengesetz besiegelt wurde. Der Sprachengebrauch in Verwaltungsangelegenheiten wurde gesetzlich geregelt, und so entstand de facto nebenbei auch ein deutsches Sprachgebiet. Es entstanden zum ersten Mal administrative Sprachgrenzen zwischen Flamen, Wallonen und Deutschsprachigen, wobei Brüssel als zweisprachig galt.

3.5 Die verschiedenen Staatsreformen in Belgien

Belgien geriet in eine Transformationsphase mit mehreren Gesetzesänderungen, um die Befugnisse, die vom Zentralstaat ausgeübt wurden, an andere Einheiten zu übertragen. Diese Entwicklung hat Belgien nach und nach in einen Föderalstaat umgewandelt. Gegenwärtig scheint diese Transformation keineswegs zu Ende zu sein.

Wir wollen kurz auf die Staatsreformen eingehen, die zu einer Veränderung des Status der Deutschsprachigen Gemeinschaft geführt haben.

Die Staatsreform von 1968–1973

Das Jahr 1968 ist ein Krisenjahr: Die alte Universität Löwen (1425 gegründet) wird geteilt, und der frankophone Teil muss die Stadt, die auf flämischem Territorium liegt, verlassen. So entstand Louvain-la-Neuve, eine auf dem Reißbrett geplante Stadt, in der sich der französischsprachige Teil der Universität seitdem niedergelassen hat. Gleichzeitig bekommen Flamen, Wallonen aber auch die Deutschsprachigen eine kulturelle Autonomie, und so wird die deutsche Kulturgemeinschaft geschaffen. Die erste Sitzung des neu geschaffenen Rats (Rat der deutschen Kulturgemeinschaft) findet am 23. Oktober 1973 statt.

Die Zweite Staatsreform von 1980–1983

Die Gemeinschaften bekommen autonome Dekretbefugnisse in kulturellen und personenbezogenen Angelegenheiten sowie in den zwischengemeinschaftlichen und internationalen Beziehungen; der Staat gibt diese Befugnisse unwiderruflich ab. Für die Deutschsprachigen bedeutet dies den effektiven Anfang einer nicht mehr vom belgischen Staat bestimmten Politik. Die politischen Parteien können jetzt vor Ort einen politischen Kurs ansteuern, der von „nationalen“ Interessen abgekoppelt ist.

Das Gesetz vom 31. Dezember 1983 ist in dieser Hinsicht entscheidend: Am 30. Januar 1984 wird der Rat der Deutschsprachigen Gemeinschaft geschaffen. Außerdem entsteht die erste Exekutive, nämlich eine Regierung mit insgesamt drei Ministern.

Die Dritte Staatsreform von 1988–1990

Für Ostbelgien stellt diese Staatsreform, bei der die Befugnisse in Sachen Unterrichtswesen übertragen werden, einen weiteren entscheidenden Schritt dar. Seit dieser Reform ist die Deutschsprachige Gemeinschaft autonom in der Regelung ihres Unterrichtswesens. Die Finanzierung verläuft allerdings so, dass der Zentralstaat der Gemeinschaft jedes Jahr eine Summe zur Verfügung stellt, die diese dann ausgeben kann, wie sie es autonom bestimmt. Dies führte zum Ausbau einer Verwaltung. Durch Dekrete regelt die Gemeinschaft die jeweiligen Aspekte wie die Rahmenpläne, die Lehrerausbildung usw., wie sie es demokratisch wünscht.

Es folgten weitere Staatsreformen, von denen die Deutschsprachige Gemeinschaft ebenfalls – aber in geringerem Maße – betroffen war. Diese Punkte werden, wenn nötig, in den folgenden Abschnitten erörtert.

4 Die Politik und die rechtliche Stellung der DG heute
4.1 Überblick

Der belgische Staat hat sich, wie gesagt, in den letzten Jahrzehnten grundsätzlich neu organisiert; und zwar in Richtung Föderalstaat. Der Zentralstaat behält gewisse Befugnisse (Armee, Währung, belgische Außenpolitik usw.), doch kommen den neu geschaffenen Einheiten exklusive vom Zentralstaat abgegebene Befugnisse zu. Die Steuergelder werden jedoch größtenteils weiter vom Zentralstaat erhoben, was den neuen Einheiten bisher nur eine begrenzte finanzielle Autonomie überlässt. So dürfen die Regionen zum Beispiel die Erbschaftssteuer kassieren; doch werden die sogenannten „Dotationen“ des Staates nach einer festen Regel (Einwohnerzahl plus Territorium) verteilt.

Die aktuellen politisch-administrativen Einheiten in Belgien umfassen:

 drei Regionen: die flämische Region, die wallonische Region und Brüssel

 drei Gemeinschaften: die flämische Gemeinschaft, die französische Gemeinschaft und die Deutschsprachige Gemeinschaft

Die Befugnisse werden, grob formuliert, nach territorialen Aspekten (auf Ebene der Regionen) und personengebundenen Aspekten (auf Ebene der Gemeinschaften) verteilt.

Die Umverteilung der Befugnisse geht nur schleppend voran, da Brüssel ja ein Territorium ist, das sich in der flämischen Region befindet, die Bevölkerung jedoch in einer großen Mehrheit aus Frankophonen besteht. Deshalb wurde Brüssel zu einer eigenständigen Region im Sinne der Verfassung. Das Gleiche gilt für gewisse Randgemeinden von Brüssel, die ganz auf flämischem Territorium liegen, aber von einer Mehrheit von Frankophonen bewohnt werden, so dass das territoriale und das personengebundene Prinzip in Konflikt miteinander geraten. Diese Auseinandersetzungen haben mehr als eine belgische Regierung zum Sturz gebracht.

Wie wurde in diesem Kontext die Deutschsprachige Gemeinschaft behandelt? Sie besteht heute aus neun Gemeinden. Malmedy ist aus dieser Problematik herausgenommen worden, die Stadt gehört ganz der wallonischen Region und der französischen Gemeinschaft an, es gibt allerdings noch sogenannte „Fazilitäten“ (facilités), die einem Deutschsprachigen dort erlauben, sich auf Deutsch an die Verwaltung zu wenden. Ferner liegt in Malmedy das Hauptübersetzungszentrum der wallonischen Region, das verpflichtet ist, für die Region eine gewisse Anzahl Dekrete ins Deutsche zu übersetzen. Das liegt an der besonderen Situation der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Hier sei auch vermerkt, dass eine Kommission von Spezialisten aus Sprach- und Rechtswissenschaftlern eine französisch-deutsche Rechtsterminologie festgelegt hat, die für jedermann zugänglich ist in der Terminologiedatenbank SEMAMDY.1

Wie die Bezeichnung verrät, verfügt die Deutschsprachige Gemeinschaft heute über alle Befugnisse, die in Belgien einer Gemeinschaft zustehen. Doch die Deutschsprachige Gemeinschaft ist im belgischen Sinne keine Region. Sie liegt sprachlich am Rande der französischsprachigen Wallonie, doch ihr Territorium liegt im Territorium der Wallonie. Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist also keine Region im Sinne des Grundgesetzes und ist deshalb nur teilweise autonom. Dies hat einmal den damaligen Ministerpräsidenten der Wallonie Jean-Claude Van Cauwenberghe zu der Aussage veranlasst „Die DG, das sind deutschsprachige Wallonen“ (Le Soir, 16.8.2002). Juristisch war es – und ist es noch – zutreffend, doch die Deutschsprachigen fühlten sich durch diesen Ausdruck verletzt, da sie gefühlsmäßig keine Wallonen sind.

Auf Landesebene verfügt die Deutschsprachige Gemeinschaft über einen Gemeinschaftssenator, zur Zeit Karl-Heinz Lambertz, der übrigens darüber hinaus seit 2017 den Vorsitz des europäischen Ausschusses der Regionen innehat. Die Vertretung im Senat ist also garantiert, was nicht der Fall ist für das belgische Parlament. Die verschiedenen Parteien versuchen allerdings im Wahlbezirk Verviers, dem einen oder anderen Deutschsprachigen zu einem Sitz im Parlament zu verhelfen, wie zum Beispiel für die deutschsprachige Abgeordnete Kattrin Jadin.

Abb. 2:

Das Gebiet der Deutschen Gemeinschaft2

Die Deutschsprachige Gemeinschaft verfügt über ein Parlament (PDG), das in Eupen tagt. Es besteht aus 25 Mitgliedern und verabschiedet Dekrete, die Gesetzeskraft haben.

Die Instrumente der Autonomie der DG selber beruhen auf den drei Säulen: Legislative, Exekutive, Judikative. Die Exekutive, die Regierung, wird geführt von einem Ministerpräsidenten, gegenwärtig Oliver Paasch. In der Regierung sind insgesamt vier Minister (am Anfang waren es nur drei). Wir werden im Folgenden noch kurz auf ihre Befugnisse eingehen.

Auch im Gerichtswesen gibt es eine gewisse Autonomie. Es gibt einen für Belgien 27. Gerichtsbezirk mit zwei Kantonen Eupen und Sankt Vith. Die Gerichtssachen bis zur ersten Instanz werden also örtlich in deutscher Sprache behandelt. Die Einstellung der Richter wird in Belgien vom Hohen Justizrat vorgenommen. Das Bewerbungsverfahren im Hohen Justizrat kann ganz in deutscher Sprache durchlaufen werden. Sowohl im Hohen Justizrat als auch in den höchsten juridischen Instanzen (die höchste ist der Kassationshof) kann die deutsche Sprache verwendet werden (Henkes 2012: 13). Zwei Hohe Magistrate des Kassationshofes sind gebürtige Ostbelgier: André Henkes und Tamara Konsek.

4.2 Befugnisse

Die Befugnisse der verschiedenen Minister zeigen, inwiefern Ostbelgien über seine eigene Entwicklung bestimmen kann:

 Der Ministerpräsident (Oliver Paasch) führt seine Regierung und kümmert sich ebenfalls um die lokalen Behörden.

 Harald Mollers ist Minister für Unterricht, Ausbildung und Beschäftigung.

 Isabelle Weyckmans ist Ministerin für Kultur, Medien und Tourismus.

 Antonios Antoniadis ist Minister für Familie, Gesundheit und Soziales.1

Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist bisher im Wesentlichen für kulturelle Angelegenheiten, personenbezogene Angelegenheiten und Bildung zuständig, außerdem für die zwischengemeinschaftlichen und internationalen Beziehungen in den eigenen Kompetenzen. Dies heißt, dass die DG befugt ist, im Rahmen ihrer Autonomie internationale Abkommen und Verträge abzuschließen.

Zu den personenbezogenen Angelegenheiten gehören u.a. Familie, Gesundheit, Sozialhilfe, Empfang und Integration von Einwanderern, Behindertenfürsorge, Seniorenpolitik, Jugendhilfe, Wiedereingliederung von Gefangenen. Auf die heutige Politik im Unterrichtswesen und auf die kulturellen Kompetenzen werden wir später noch näher eingehen.

Schließlich soll noch kurz vermerkt werden, dass es laut Artikel 139 der belgischen Verfassung jederzeit möglich ist, ein Abkommen mit einer anderen Region bzw. Gemeinschaft abzuschließen, um einen Teil derer Befugnisse zu übernehmen. Auf diesem Weg hat die DG gewisse Befugnisse von der Wallonischen Region übernommen, und zwar:

 Denkmal- und Landschaftsschutz (1994) sowie Ausgrabungen (2000),

 Beschäftigung (2000),

 Aufsicht und Finanzierung der neun deutschsprachigen Gemeinden (2005).

4.3 Offene Frage: Separatismus

Belgien fällt, wie gesagt, international dadurch auf, dass sich seine Institutionen in stetigem Wandel befinden. Damit gibt diese Politik dem Ausland den Eindruck, die Existenz des Landes wäre in regelmäßigen Abständen bedroht. Bisher wurde jedes Mal eine Lösung gefunden, auch wenn das Land den Weltrekord der längsten Regierungsbildung (541 Tage) hält. Das liegt daran, dass jede Neuordnung des Staates, die ja friedlich stattfindet, eine ganze Reihe von Mutationen in Verwaltung und Ämtern nach sich zieht, deren Konsequenzen nicht immer bei Abschluss der Regierungsverträge sichtbar waren. Für die Deutschsprachige Gemeinschaft gab es im Rahmen dieser Mutationen meistens nur Nebenprodukte, da sie, wenn sich die beiden großen Gemeinschaften einigen konnten, von den Prinzipien der Neuverteilung profitieren konnte. Politisch ist das Gewicht der DG bisher jedoch zu gering, um eigene radikale Forderungen durchzusetzen.

Als Belgien vor Kurzem zu explodieren drohte, machten die eigenartigsten Szenarien die Runde. Sollte Flandern sich als unabhängig erklären, wurden in informellen Gesprächen u.a. folgende Lösungen erörtert:

1 Die DG bleibt im Reststaat Belgien (Wallonien mit Brüssel)

2 Die DG wird ein autonomer Staat (wie Luxemburg oder Liechtenstein)

3 Die DG beantragt eine Einverleibung in Deutschland

4 Die DG beantragt eine Einverleibung in Luxemburg

Doch im Grunde hatte bis dato niemand ernsthaft daran geglaubt, dass es so weit wie in Katalonien kommen könnte. Die belgischen Bürger haben sich mittlerweile an eine extreme Dramatisierung der Sprachenkonflikte im Land gewöhnt, die von den einen oder anderen herbeigeführt wird, um diese oder jene Änderung in der Struktur des Staates durchzusetzen. Indessen haben fast alle begriffen, dass zwei Dinge wahrscheinlich nicht friedlich teilbar sind: Brüssel und die belgische Staatsschuld. Und so wurde auch nach der längsten Regierungskrise, die Belgien mitgemacht hat, ein demokratisch verabschiedeter Kompromiss gefunden, der sich in einer sechsten Staatsreform konkretisieren ließ.

4.4 Eine siebte Staatsreform?

In den letzten Staatsreformen (4. bis 6.) sind also weitere Befugnisse an die Regionen oder Gemeinschaften übertragen worden. Dabei wurde auch der Deutschsprachigen Gemeinschaft jeweils das zugewiesen, was auch auf die anderen Einheiten übertragen worden ist. Ein Beispiel ist hier u.a. das Kindergeld, das fortan von den Gemeinschaften ausbezahlt wird. Wenn die letzte Staatsreform, die sechste, vollständig ausgeführt sein wird, werden Gemeinschaften und Regionen mehr Gelder zur Verfügung haben als der Zentralstaat. Mit den neuen Aufgaben wächst dann gleichermaßen die Verwaltung. Die Verlegung vieler Arbeitsplätze in diesen Bereichen nach Eupen stellt die Regierung vor neue logistische Probleme, denn die zur Verfügung stehenden Gebäude stoßen langsam an ihre Grenzen.

Vor Kurzem ist es zu weiteren Verhandlungen zwischen der Deutschsprachigen Gemeinschaft und der wallonischen Region zur Übernahme von neuen Bereichen, wie zum Beispiel dem Verkehr oder der Energiepolitik, gekommen; diese Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Zwischendurch hat die Regierung der DG beschlossen, den Terminus „Ostbelgien“ zu verwenden. Dies weist eher auf ein Territorium hin, wobei das Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft sich ja wie gesagt auf dem Territorium der Wallonie befindet. Es wurden ebenfalls Stimmen laut, bei einer siebten Staatsreform dann die Einrichtung einer vierten Region (neben Flandern, der Wallonie und Brüssel) für die Deutschsprachigen einzufordern. Ostbelgien als vierte Region hätte dann die gleichen Befugnisse wie die anderen Regionen. Dies würde ebenfalls eine Übertragung vieler neuen Aufgaben mit sich bringen, die wiederum sehr hohe Kosten verursachen würden. So bleibt diese Frage ganz offen; sie wäre sowieso erst fällig, sollte diese siebte Staatsreform von den beiden großen Gemeinschaften angepeilt werden.

5 Die wichtigste Kompetenz: das Schulsystem

Ganz deutlich steht im Dekret vom 19. April 2004 über die Vermittlung und den Gebrauch der Sprachen im Unterrichtswesen Artikel 4 § 1: „Deutsch ist Unterrichtssprache“. Dies ist heute so, war in der Geschichte der DG jedoch nicht immer selbstverständlich.

Als die deutschsprachigen Gebiete zu Belgien gekommen waren, sind viele deutschsprachige Lehrer ausgewiesen worden. Obwohl Gouverneur Baltia um das Jahr 1920 versucht hat, einen deutschsprachigen Unterricht aufrechtzuerhalten, „wurde vor allem in den oberen Klassen und den höheren Schulen Französisch die Unterrichtssprache“ (Greten 2008: 12). Dies änderte sich wieder nach der Annexion Eupen-Malmedys durch das Dritte Reich, wo selbstverständlich alle Unterrichte auf Deutsch waren. Nach dem Krieg wurde anders herum der größte Teil des Unterrichts an den Gymnasien und in der Sekundarschule auf Französisch erteilt, um so eine Distanz zur jüngsten Geschichte herzustellen. Doch wie schon erwähnt, wurde durch die Sprachgesetzgebung Deutsch im Jahr 1963 offiziell zur dritten Landessprache und somit de facto auch zur Unterrichtssprache in der DG.

Durch die Staatsreform von 1988–1990 bekam die DG die Befugnisse im Unterrichtswesen. Dieser Kompetenzbereich ist umfassend: Unterrichtsinhalte, Sprachengebrauch, Schülertransport, Feriendauer, Studienbeihilfen, Lehrergehälter, Schulbauten, Internate usw. Finanziell ist dies einer der wichtigsten Kompetenzbereiche der DG.

Wie im übrigen Belgien werden drei verschiedene Schulnetze in ihrer eigenen Organisation respektiert: das freie subventionierte Unterrichtswesen (FSUW), das offizielle subventionierte Unterrichtswesen (OSUW) und das Gemeinschaftsunterrichtswesen (GUW).1

Das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft legt den rechtlichen Rahmen für alle drei Schulnetze fest:

 Bei den Schulen des freien subventionierten Unterrichtswesens handelt es sich um privatrechtliche Schulen, die von Organisationen oder privaten Personen betrieben und von der DG subventioniert werden.

 Die Schulen des offiziellen subventionierten Unterrichtswesens sind öffentlich-rechtliche Schulen, die in der Regel von den Gemeinden organisiert und von der DG subventioniert werden. Im OSUW übernehmen die neun Gemeinden der DG die Trägerschaft der Primarschulen. Die überwiegende Mehrheit der Primarschulen in der DG ist in kommunaler Trägerschaft.

 Bei den Schulen des Gemeinschaftsunterrichtswesens handelt es sich um öffentlich-rechtliche Schulen, die von der DG organisiert werden und Dotationen erhalten. Das GUW steht unter der direkten Trägerschaft des Ministers für Unterricht und wissenschaftliche Forschung der DG. Dies betrifft sowohl die Primarschulen wie die Sekundarschulen.

Schließlich hat die Deutschsprachige Gemeinschaft sogar eine eigene Hochschule. Die Autonome Hochschule in der Deutschsprachigen Gemeinschaft (AHS) ist von ihrer Form her einzigartig in Belgien. Sie ist durch die Zusammenlegung der ehemaligen Hochschulen der drei Unterrichtsnetze entstanden und steht unter der Trägerschaft eines autonomen Verwaltungsrates. Es gibt drei Bachelor-Abschlussmöglichkeiten: Kindergärtner(in)/Grundschullehrer(in), Krankenpfleger(in) und Buchhalter(in).

Insgesamt gibt es 58 Kindergärten, 57 Primarschulen, 9 Sekundarschulen und eine Hochschule (Senster 2010). Somit organisiert die DG ihren Unterricht in deutscher Sprache vom Kindergarten bis zur Hochschule in der Form, wie sie es demokratisch selbst beschließt.

Die Abiturienten, die später Jura, Medizin, Germanistik usw. studieren wollen, besuchen meistens die belgischen Universitäten von Lüttich, Neulöwen, Brüssel, Namur usw. Des Öfteren immatrikulieren sich Studenten auch an deutschen Universitäten, wenn es um Abschlüsse geht, die nicht zu rechtlich geschützten Berufen führen (wie zum Beispiel die Lehrbefähigung).

Den Rahmen der Arbeit im Unterricht bilden die Dekrete. Für die Ausführung sorgt der Fachbereich Pädagogik des Ministeriums. Zu den wesentlichen Aufgabenbereichen des Fachbereichs gehört die Ausarbeitung von Kernkompetenzen, von Rahmenplänen sowie der schul- und netzübergreifenden Anforderungen für das Lernen und Lehren. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Implementierung von Rahmenplänen oder Entwicklungszielen. Dabei geht es nicht darum, völlig neue didaktische und methodische Wege zu entwickeln. Ziel ist es vielmehr, einen fortdauernden Veränderungsprozess in den Schulen zu initiieren, um den nachhaltigen Kompetenzzuwachs bei Schülern bestmöglich zu fördern. Diese Arbeit unterstützt die Ausarbeitung von Dekreten, wie zum Beispiel das am 16. Juni 2008 vom PDG verabschiedete Dekret zu den Kernkompetenzen und Rahmenplänen. Das oberste Ziel all dieser Bemühungen ist natürlich, die Abiturienten und Hochschulabsolventen so auszubilden, dass sie sich mit ihresgleichen aus der Wallonie oder Deutschland vergleichen können.

6 Medien und Kultur
6.1 Treffen der Staatsoberhäupter der Länder mit Amtssprache Deutsch

Am 8. September 2016 hat König Philippe die Staatsoberhäupter der deutschsprachigen Länder – hierzu gehören neben Belgien auch Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Österreich und die Schweiz – zum 13. informellen Gipfeltreffen nach Eupen eingeladen. Seit 2004 gibt es diese Treffen der deutschsprachigen Länder. 2014 hat der König die Initiative ergriffen und dafür gesorgt, dass auch Belgien beitritt und kurz darauf direkt nach Belgien eingeladen (Neumann 2016).

So wurde für die Öffentlichkeit ein Zeichen gesetzt, dass Belgien auch ein deutschsprachiges Land ist.

6.2 Rat für deutsche Rechtschreibung

Die DG hat ihren Platz in den internationalen Gremien, wo Belgien regional vertreten ist. Es war deshalb überaus wichtig, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft sich sprachlich anderen Ländern anschließt. Die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens hat seit 2006 einen festen Platz im Rat für deutsche Rechtschreibung (40 Mitglieder: der Vorsitzende, 18 Vertreter aus Deutschland, 9 aus Österreich, 9 aus der Schweiz, 1 aus Südtirol, 1 aus Liechtenstein, 1 aus der DG Belgiens; Luxemburg entsendet einen Beobachter). Der Rat für deutsche Rechtschreibung tagt normalerweise in Mannheim, doch in der ersten Amtszeit hat er mindestens ein Mal in allen deutschsprachigen Ländern getagt – so zweimal in Eupen (2008 und 2014), was für die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens einen überaus symbolischen Charakter hatte. Die Beschlüsse des Rates sind vom Parlament der DG übernommen und verabschiedet worden, sodass die einheitliche Rechtschreibung, wie sie vom Rat vorgelegt wurde, in Belgien in Schule und Verwaltung gesetzlich gültig ist (Bouillon 2011: 49). Im Bereich der deutschen Orthografie haben die Beschlüsse des Parlaments der DG einen verpflichtenden Charakter für das ganze Land.

6.3 Die Medien

Es gibt in der DG hauptsächlich eine Tageszeitung, das GrenzEcho, und einen Rundfunk- und Fernsehsender, den BRF. Beide werden intensiv von der Bevölkerung rezipiert. Doch die Reichweite, vor allem des BRF, geht weit über die Landesgrenzen hinaus.

Das GrenzEcho

Das GrenzEcho wurde am 4. Juni 1927 von Pierre Van Werveke und dem aus Eupen stammenden Henri Michel gegründet. Anfangs erschien es nur ein Mal pro Woche. 1920 gab es insgesamt fünf Zeitungen in Ostbelgien, die alle Belgien gegenüber eher feindlich gestimmt waren.

1929 wurde die Katholische Partei Eigentümer der Zeitung GrenzEcho. Von 1932 bis 1985 gehörte sie dem katholischen Verein „Action Catholique“ in Verviers. Das GrenzEcho war die erste Zeitung in deutscher Sprache, die sich zum noch weitgehend ungeliebten, weil aufgezwungenen Vaterland und zur belgischen Politik bekannte, sagt uns die Webseite des GrenzEcho.1 Das GrenzEcho positionierte sich eindeutig gegen den Nationalsozialismus, wurde deshalb auf deutschem Boden ab April 1933 verboten, und Henri Michel wurde nach Kriegsausbruch ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Nach Kriegsende übernahm er als Chefredakteur wieder die Leitung der Zeitung. Die Weiterführung der Zeitung ging damals einher mit einer starken Distanzierung von der jüngsten Vergangenheit.

Die heutigen Aktivitäten der GrenzEcho AG, die neben der Tageszeitung auch den Buchverlag GrenzEcho Verlag (GEV), die Druckerei und das Internet-Portal grenzecho.net besitzt, werden von den jeweiligen Besitzern geprägt – aktuell mehrheitlich von der Rossel-Gruppe. Dabei handelt es sich um eine Presse-Gruppe, der verschiedene Medien in Belgien und Nord-Frankreich angehören. Sie übernahm 1996 Kapitalanteile im GrenzEcho; seit Oktober 2017 hält sie 75 Prozent der Anteile und wird in absehbarer Zeit die bestimmende Kraft sein.

Journalistisch ist das GrenzEcho heute wie viele Medien in anderen Regionen oder Staaten eine vierte Macht geworden. Für jeden Politiker vor Ort ist es wichtig, darin präsent zu sein. Manch eine politische Diskussion wird öffentlich in den Medien geführt. Auch wenn die Zeitung bescheiden ausfällt, so ist sie dennoch mitentscheidend in der Meinungsbildung in Ostbelgien.

Ferner berichtet die Tageszeitung intensiv über die örtlichen Sportereignisse und das kulturelle Geschehen. Aber auch über die innerbelgischen Geschehen wird ausführlich berichtet – das GrenzEcho hat einen erfahrenen Korrespondenten in Brüssel, Gerd Zeimers, was ja ein deutschsprachiger Leser kaum in einer deutschen Zeitung finden könnte.

Es soll allerdings bemerkt werden, dass die geschriebene Presse eine finanzielle Unterstützung von der DG erhält, denn „Tageszeitungen mit einer Mindestauflage von 7500 Exemplaren kommen in den Genuss von Subventionen“.2 Auch wenn der Zeitung kaum vorgeworfen werden kann, sie sei ein politisches Organ, soll doch festgestellt werden, dass das finanzielle Überleben durch das eventuelle Verschwinden der Dotation gefährdet wäre.

Neben dem GrenzEcho hat sich seit fünf Jahren auch ein Internet-Medium durchgesetzt: Ostbelgien Direkt.3

Der BRF

Kurz nach Ende des Krieges, am 1. Oktober 1945, wurde die erste Sendung in deutscher Sprache von Brüssel aus ausgestrahlt. Es ging darum, die ostbelgischen Bürger in ihrer Muttersprache über Rundfunk zu informieren. 1977 wurde das Belgische Rundfunk- und Fernsehzentrum der Deutschsprachigen Gemeinschaft (BRF) in Eupen gegründet. Anfangs wurde nur vier Stunden pro Tag gesendet, nämlich von 12 bis 14 Uhr und von 18 bis 20 Uhr. Die Sendungen wurden in der Maison de la Radio in Brüssel produziert. Später, in den 1990er Jahren, zog der Sender nach Eupen um, wo das Angebot ständig ausgebaut wurde. Seit Oktober 1999 sendet der BRF ein Fernsehmagazin über das Kabelnetz der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Seit dem 25. November 2001 übernimmt der BRF auf der Brüsseler Frequenz 95,2 MHz Programme des Deutschlandfunk (DLF).

Heute bietet der BRF zwei Radioprogramme und ein Fernsehprogramm an. Über Kabelfernsehen können die deutschsprachigen Belgier heute eine ganze Menge Rundfunk- und Fernsehsendungen in deutscher Sprache empfangen. Die Resonanz der hiesigen Medien ist dennoch groß; auch grenzübergreifend werden die BRF-Programme gehört und angeschaut, sehr viel in Flandern, aber auch in Deutschland und in den Niederlanden, wie mir der frühere BRF-Direktor Hans Engel gesagt hat. Und über Internet bleiben die ausgewanderten Ostbelgier in Kontakt mit der Heimat.

6.4 Kultur in Ostbelgien

In kulturellen Angelegenheiten drücken sich die verschiedensten Empfindungen von Künstlern und kulturfördernden Verbänden oder Gemeinschaften frei aus. Gibt es so etwas wie eine „ostbelgische Kultur“? Es ist schwierig, sich hier einen kohärenten Überblick zu verschaffen, denn in diesem Tätigkeitsfeld gibt es zwar eine Menge Beiträge in Belgien, wo es eine Reihe Künstler und kulturschaffende Persönlichkeiten gibt, doch bei einem derartigen Überblick könnten Beiträge vergessen oder schlecht eingeordnet werden. Deshalb können hier nur schemenhaft einige Ansätze aufgezeigt werden.

Einer der ersten, der sich in den anfänglichen belgischen Jahren mit Geschichte, Sprachwissenschaft und Kultur befasst hat, war Bernard Willems. Dieser Doktor der Königsberger Universität, gebürtiger Elsenborner, hat zwischen 1948 und 1949 seine Ostbelgische Kronik veröffentlicht, in der er sich mit den verschiedensten Problemen befasste, die ihm als relevant für die ostbelgische Gemeinschaft erschienen. Zum Beispiel: „Die Reims-Kölner Heerstraße, besonders im Kanton St. Vith“ oder „Die Waldnamen ‚Wald‘ und ‚Busch‘ in den Orts- und in den Flurnamen der Nordardennen (Thommen bis Konzen)“.

In den letzten Jahren haben sich mehrere Forscher den historischen Gegebenheiten der DG zugewandt, darunter Alfred Minke, Carlo Lejeune, Bruno Kartheuser und Christoph Brüll. Diese und noch etliche mehr (wie die Autoren der Zeitschrift Zwischen Venn und Schneifel) haben das Schicksal der deutschsprachigen Minderheit so beschrieben, dass die Ostbelgier selber, aber auch die anderen Mitbewohner des Landes ihre besonderen Erlebnisse in korrekteren Zusammenhängen sehen konnten. Klaus Pabst hat diesem Zweck aus deutscher Perspektive ebenfalls sehr gedient.

Literarisch konnte sich eine Zeitschrift durchsetzen, die Künstlern zur Veröffentlichung ihrer Gedichte oder Beiträge verhilft: Der Krautgarten1 wird von Bruno Kartheuser seit 1982 herausgegeben. Zu beachten ist auch eine bemerkenswerte Dissertation von Philippe Beck zu zwei bedeutenden Schriftstellern aus Ostbelgien: Peter Schmitz und Joseph Ponten.

Ferner sollte auch erwähnt werden, dass das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft in diesen Bereichen jährlich einen Preis verleiht.2

Der Preis des Parlaments wird zur Förderung der wissenschaftlichen Begleitung der Entwicklung der Deutschsprachigen Gemeinschaft jährlich für Werke im Bereich Staatswissenschaften, insbesondere Politik-, Rechts-, Finanz- und Verwaltungswissenschaften ausgelobt. Zusätzlich werden in zwei weiteren Fachbereichen Preise ausgelobt. Die Auslobung erfolgt [seit] dem Jahr 2016 in nachstehender Reihenfolge:

1. Jahr: Heimatgeschichte sowie Bibliotheks- und Archivwesen;

2. Jahr: Geschichte sowie Architektur, Raum- und Landschaftsplanung;

3. Jahr: Sprachwissenschaften sowie Humanwissenschaften;

4. Jahr: Literatur sowie Wirtschaft;

5. Jahr: Kunst und Kultur sowie Biografien.

In allen Bereichen muss ein spezifisches Thema aus dem deutschen Sprachgebiet Belgiens behandelt werden, mit Ausnahme des Bereiches Literatur, für den lediglich die Bedingung gilt, dass der Autor Belgier ist oder seinen Wohnsitz in Belgien [hat].

Als Beispiel führen wir die 2016 preisgekrönten Werke an:

 Johannes Weber: Scheunentore – Portes de granges – Fotografien von Johannes Weber – Textbeiträge von Klaus-Dieter Klauser und Albert Moxhet

 Paul Schmitz: Kriegskind – Die Suche nach meinem amerikanischen Vater (GrenzEcho Verlag)

Und schließlich sollte auch vermerkt werden, dass eine der großen belgischen Banken, die Belfius-Bank, jährlich zehn Preise an belgische Journalisten verleiht. Diese Preise gelten als die begehrtesten in der belgischen Medienlandschaft. Einer dieser Preise geht an die deutschsprachige Presse in Belgien, was natürlich eine außergewöhnliche Anerkennung des Minderheitenstatus der deutschsprachigen Medien darstellt.

7 Soziolinguistische Aspekte
7.1 Sprache und Dialekt

Fast alle Ostbelgier können heute Hochdeutsch sprechen, zumal Deutsch seit jeher Unterrichtssprache in der Grundschule war und heute ausschließlich die Unterrichtssprache in der Sekundarschule sowie an der Autonomen Hochschule ist. Rosensträter (1985: 388) hatte schon, wie Ammon (1991: 70) zitiert, in schriftlichen Texten den gleichen Korrektheitsgrad im Standarddeutsch wie in der Bundesrepublik Deutschland festgestellt. Französisch wird als erste Fremdsprache unterrichtet, bildet allerdings eine Ausnahme in dem Pilotprojekt des Athénée César Franck La Calamine/César-Franck-Athenäum Kelmis, dem ein bilingualer Unterricht offiziell zugestanden wurde. In den Dörfern sind die Dialekte allerdings noch sehr lebendig, auch wenn sie zugunsten der Hochsprache zurückgehen.

Auf diesem sehr engen Gebiet laufen eigentlich zwei germanische Sprachengrenzen aus, die drei ganz kleine Sprachgebiete aufzeigen: norddeutsche Mundarten im Norden und um Eupen, Ripuarisch in der Mitte um Bütgenbach und Büllingen, und Moselfränkisch im Süden (Ammon 1991: 70). Dialektal ist die Grenze mit Luxemburg und dem Luxemburgischen fließend. Es sind die Ausläufer der benachbarten Dialekte, die sich von Limburg aus im Norden, von Aachen aus im Westen und von Trier aus im Südwesten bis in die Deutschsprachige Gemeinschaft ausdehnen (Stedje 2007: 113).

Was die Alltagssprache betrifft, so ähnelt die Aussprache im Hochdeutschen der der angrenzenden deutschen Gebiete. Zum Beispiel wird gekommen zu jekommen wie im ganzen Rheinland. Es ist erstaunlich, dass relativ wenig Studenten sich heute noch mit der Untersuchung derartiger Themen wissenschaftlich befassen wollen – generell gibt es in diesen Bereichen wenige Untersuchungen zur jetzigen Situation. Den Einfluss von Dialekten auf die Hochsprache zu untersuchen, scheint den Studierenden in der Germanistik aus Ostbelgien heute weniger attraktiv als synchronische Themen. Das Thema war allerdings schon gut von Nelde (1979) und Kern (1999) erforscht worden.

Dialekte haben dennoch politisch einen wichtigen Stellenwert, wie Bourdieu (1982: 76) es festgestellt hatte. Politiker reden nämlich mit den Mitbewohnern ihres Dorfes im engeren Kreis so oft wie möglich „Platt“, um eine engere Verbundenheit aufzubauen und potenzielle Wähler besser zu erreichen. Auch gab es im BRF bis vor einigen Jahren eine Sendung auf Platt, deren zurückgehender Erfolg letztendlich die Tendenz zu einem immer größeren Einfluss des Hochdeutschen zeigt. Ob die Dialekte in Ostbelgien irgendwann verschwinden werden, kann heute nicht eindeutig beantwortet werden.

Im Kontakt mit der französischen Sprache oder mit den Dialekten haben sich einige lexikalische Besonderheiten in der Umgangssprache herausgebildet, die Franz-Josef Heinen und Edie Kremer (2011) in ihrem Buch „Mostert, Bics und Beinchen stellen“ zusammengetragen haben. Hier einige Beispiele daraus: der Knupp (‚der Zuckerwürfel‘), die Möhn (‚ältere Frau‘), der Kuschelemusch (‚Wirrwarr‘), der Schöffe (‚Mitglied mit exekutiver Funktion im Gemeinderat‘), das i-grec (‚Ypsilon‘) usw.

Dialekte werden in den Kneipen, auf dem Arbeitsplatz und in Situationen gesprochen, wo beide den gleichen Dialekt sprechen und es voneinander wissen.

Die Varianten in den Dialekten haben dazu geführt, dass die Sprecher im Norden der DG die des ripuarischen Raumes als „Mottes“ bezeichnen. „Mottes“ kommt von der Aussprache „mot“ statt „mit“ in Küs’te mot? (‚Kommst du mit?‘): wer so spricht, ist ein „Mottes“. So gibt es auch auf engstem Raum eine Differenzierungsmöglichkeit mit dem Hintergedanken: „Deine Sprache verrät dich ja!“.

Hochdeutsch wird in allen offiziellen Situationen gesprochen, auch auf allen institutionellen Versammlungen (vom Gemeinderat bis zum Parlament, im Gerichtswesen, in allen Schulbereichen). König Philippe hat den Eid auf die Verfassung in den drei Landessprachen ausgesprochen, und er hält seine Weihnachtsrede ganz auch auf Deutsch, während sein Vater, Albert II., nur drei Sätze am Ende seiner französischen Amtssprache auf Deutsch sagte.

Am 23. Oktober 1991 erhielt der Verfassungstext in deutscher Sprache den offiziellen, rechtsverbindlichen Charakter wie im Französischen und Niederländischen. Es war ein symbolischer Tag, denn die deutsche Sprache steht in Sachen Verfassung jetzt nicht mehr in einer Übersetzung hinter einer französischen oder flämischen Fassung, die beide gleichrangig waren (Henkes 2012: 29). Verfassungsmäßig hat die hochdeutsche Sprache also eine vollendete Gültigkeit erreicht.

7.2 Qualität der Sprache und schulische Leistungen

Was die Qualität der Sprache angeht, haben sich viele Ostbelgier die Frage gestellt, wie sie im Vergleich zu anderen Gruppen abschneiden. Es gibt wenig wissenschaftliche Untersuchungen in diesem Bereich. Im Folgenden kann uns dennoch eine Untersuchung über das Niveau der Schüler gewisse Hinweise geben.

Bos/Sereni/Stubbe haben 2008 eine tiefgreifende Studie zu den Lese- und Orthografiekompetenzen von Grundschulkindern in der Deutschsprachigen Gemeinschaft veröffentlicht. IGLU Belgien (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft) hatte Ergebnisse in der Lesekompetenz der Viertklässlerinnen und Viertklässler geliefert. Dabei schnitten die Kinder der Deutschsprachigen Gemeinschaft eher gut ab:

Im Vergleich der drei belgischen Gemeinschaften liegt die Deutschsprachige Gemeinschaft auf der Gesamtskala Lesen zwischen den beiden anderen Gemeinschaften. Die Flämische Gemeinschaft schneidet bei einer Differenz von 16 Punkten Unterschied signifikant besser ab und die Französische Gemeinschaft liegt mit 32 Punkten Unterschied signifikant hinter der Deutschsprachigen Gemeinschaft. […] Sehr gering ist in der Deutschsprachigen Gemeinschaft die Streuung der Leistung. Nur wenigen Staaten gelingt es, die Differenz zwischen den leistungsschwachen und den leistungsstarken Schülerinnen und Schülern so gering zu halten. (Bos/Stubbe 2008: 94)

Wenn wir auf jüngere Erhebungen zurückgreifen, stellen wir fest, dass bei der PISA-Studie 2015 die Schüler aus der Deutschsprachigen Gemeinschaft in allen drei Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen überdurchschnittlich gut abgeschnitten haben.

In der Deutschsprachigen Gemeinschaft nahmen alle Sekundarschulen mit insgesamt 382 von 779 Schülerinnen und Schülern aus dem Geburtenjahrgang 1999 an der PISA-Studie teil. Erstmals wurde die Studie am Computer durchgeführt; der Schwerpunkt lag auf dem Bereich Naturwissenschaften.

Die Deutschsprachige Gemeinschaft ist hierbei signifikant besser als der Durchschnitt aller 72 teilnehmenden Länder und Regionen. Im Landesvergleich liegt die Deutschsprachige Gemeinschaft vor der Französischen Gemeinschaft, aber hinter der Flämischen Gemeinschaft. Im Vergleich zu den Vorjahren erzielte die Deutschsprachige Gemeinschaft jedoch ein schlechteres Resultat.

Für das Lesen liegt die Deutschsprachige Gemeinschaft mit 501 Punkten über dem OECD-Durchschnitt (493 Punkte) und der Französischen Gemeinschaft (483), aber unter der Flämischen Gemeinschaft (511). Sollte man sich auf diese Zahlen verlassen, stünde fest, dass die Qualität der Muttersprache der deutschsprachigen Schülerinnen und Schüler in Ostbelgien, wie sich zumindest für das Lesen feststellen lässt, im europäischen Rahmen leicht über dem Durchschnitt liegt.

Abb. 3:

Entwicklung der PISA-Ergebnisse im Bereich Lesen1

7.3 Zweisprachigkeit

Die Hauptkontaktsprache ist Französisch. Französisch wird übrigens laut Dekret als erste Fremdsprache unterrichtet. In diesem Bereich werden hohe Anforderungen sowohl an die Lehrer als auch an die Lernenden gestellt. Einerseits sollen Abiturienten in der Lage sein, an den französischsprachigen Hochschulen und Universitäten ein erfolgreiches Studium (selbstverständlich auf Französisch) abzuschließen. Andererseits weiß jeder in Ostbelgien, dass gute Französischkenntnisse für das Berufsleben unverzichtbar sind. Die allermeisten Studenten mit Hochschulabschluss sind fast gezwungen, Ostbelgien zu verlassen, zumal sie meistens mehrere Fremdsprachen neben ihrem Diplom nutzen können. Der Druck auf den Französischunterricht ist also entsprechend hoch.

Der Fremdsprachenunterricht spielt in der Deutschsprachigen Gemeinschaft eine essentielle Rolle. Zur Verbesserung des Fremdsprachenunterrichtes hat die Regierung das Amt des Fachlehrers in der ersten Fremdsprache geschaffen. Auch die Klassenlehrkräfte dürfen weiterhin die erste Fremdsprache unterrichten unter der Bedingung, dass sie zwei wichtige Voraussetzungen erfüllen. Sie müssen zum einen die sprachlichen Kenntnisse vorweisen können und zum anderen nachweisen können, dass sie über fremdsprachliche Didaktikkenntnisse verfügen. Die Französischkenntnisse werden durch das international angewendete DELF-Programm nachgewiesen. (Sereni 2008: 54)

Deshalb ist das frühe Erlernen der Fremdsprache von großer Bedeutung in der DG, und schon im Kindergarten werden Kontaktstunden dazu eingesetzt. Es gibt sogar ein Pilotprojekt im Athénée César Franck La Calamine/César-Franck-Athenäum Kelmis, wo ein bilingualer Unterricht organisiert wird, der den dekretalen Forderungen entspricht. Dieses Projekt ist bisher das einzige dieser Art. Die Vorstellung im Portal der Schule lautet wie folgt:

Die Grundschule des César-Franck-Athenäums in Kelmis verfügt über zwei getrennte Sprachabteilungen. In beiden Abteilungen sind mehr und mehr Schüler eingeschrieben, die diese bewusst besuchen möchten, um die Unterrichtssprache gründlich zu erlernen, obwohl es nicht ihre Muttersprache ist. Ein Teil der Schüler ist von Haus aus zweisprachig.

Diese Tatsache erfordert einen angepassten, differenzierten Unterricht. Die Erwartungen der Eltern und Schüler an diese Abteilungen unterscheiden sich wesentlich von den Erwartungen an einsprachige Abteilungen in den anderen Landesteilen.

Die Sekundarschule des César-Franck-Athenäums verfügt seit dem Inkrafttreten des Dekretes über die Vermittlung und den Gebrauch der Sprachen im Unterrichtswesen vom 19. April 2004 über eine deutschsprachige und über eine bilinguale Abteilung.

Im Laufe der Zeit stellte sich bei vielen Eltern und Schülern die Frage nach der Kohärenz zwischen der Grundschule und der Sekundarschule. Einerseits besteht die Befürchtung, dass Schüler nicht genügend Deutschkenntnisse haben, um eine bilinguale Sekundarschulabteilung zu absolvieren oder andererseits, dass Schüler, die gründliche Kenntnisse der französischen Sprache erwerben möchten, diese Sprache in der bilingualen Abteilung der Sekundarschule nicht ausreichend erwerben können.1

In dem Pilotprojekt soll also gezeigt werden, dass ein bilingualer Unterricht durchaus zu einer relativ guten Zweisprachigkeit führen kann. Wie steht es nun mit dem Angebot je nach Sprache?

Ab dem Schuljahr 2011–2012 bietet der gesamte Kindergarten der Grundschule folgenden Anteil an fremdsprachlichen Aktivitäten an:

In der deutschsprachigen Abteilung erfolgen 60 % der Aktivitäten in deutscher Sprache, 40 % der Aktivitäten in französischer Sprache.

In der französischsprachigen Abteilung sind 60 % der Aktivitäten in französischer Sprache, 40 % der Aktivitäten in deutscher Sprache. […]

Damit werden die Vorgaben aus dem „Dekret über die Vermittlung und den Gebrauch der Sprachen im Unterrichtswesen“ erfüllt.

Es gilt die Regel eine Person, eine Sprache. Dies bedeutet konkret, dass immer zwei Kindergärtnerinnen beziehungsweise zwei Primarschullehrer im Team zusammen arbeiten und die beiden Schülergruppen für bestimmte Aktivitäten beziehungsweise Unterrichtsstunden übernehmen. Die Lehrpersonen unterrichten dann in ihrer Muttersprache und gewährleisten somit ein korrektes sprachliches Vorbild. Die jeweiligen Teams planen und bereiten die Aktivitäten beziehungsweise die Unterrichte gemeinsam vor, treffen verbindliche Absprachen und betreuen die Schüler in gemeinsamer Verantwortung.2

Das Projekt wird zurzeit evaluiert, doch erste Ergebnisse zeigen schon einen deutlichen Erfolg. Bleibt noch die (politische) Frage offen, ob dieses Modell in der ganzen Deutschsprachigen Gemeinschaft verallgemeinert werden könnte.

8 Linguistic Landscape

Die Analyse der Verteilung und Verwendung visuell realisierter Sprache im öffentlichen Raum (linguistic landscape) in Form von Straßen- und Verkehrsschildern, Plakaten, Ladenbeschriftungen usw. kann als Indikator dafür dienen, wie in einer Gesellschaft das Rederecht organisiert ist.1 Dieser Aspekt ist besonders interessant in Mehrsprachigkeitskontexten, da hiermit sehr gut der Status der koexistierenden Sprachen und v.a. ein eventuelles Spannungsverhältnis zwischen Mehrheit- und Minderheitensprache erfasst werden kann (Androutsopoulos 2008, Gorter et al. 2012). Ein solches Spannungsverhältnis ist gerade für die Deutschprachige Gemeinschaft angesichts ihrer Autonomie bei gleichzeitiger Situierung im Territorium der Wallonie anzunehmen.

In einer Untersuchung der visuellen Sprachlandschaft der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens (Verhiest 2015) wurden die Verhältnisse in Eupen und Sankt Vith vergleichend gegenübergestellt. In der Auswertung von jeweils „etwa 600 Metern im kommerziellen Herzen der betreffenden Stadt“ (Verhiest 2015: 58) zeigte sich, „dass Französisch in Eupen quantitativ-statistisch stärker präsent ist als in St. Vith“ (Verhiest 2015: 67). Die konkreten Zahlen sind in Tabelle 1 zusammengefasst:


Zwar entfällt in beiden Städten die absolute Mehrheit auf die einsprachig deutschen Einheiten, in Eupen kommt jedoch in 43 Prozent der Einheiten Französisch vor (St. Vith 27 Prozent). Verhiest führt dies auf die unterschiedlichen Kontexte zurück, in denen die beiden Städte stehen. Dabei kann die Gegend um Eupen als eher städtisch, stärker französisch orientiert und die um Sankt Vith als ländlich, stärker deutsch geprägt charakterisiert werden (Verhiest 2015: 67).

In einem weiteren Analyseschritt wurden die Sprachenkombinationen auf Schildern und Beschriftungen nach Diskurstypen getrennt ausgewertet. Für den regulatorischen sowie den infrastrukturellen Diskursbereich ergeben sich sehr niedrige Fallzahlen (sodass nur schwerlich verallgemeinernde Aussage darüber getroffen werden können); die weitaus meisten Einheiten stammen aus dem kommerziellen Diskursbereich. Dort finden sich ähnliche Verhältnisse wie im Gesamtergebnis wieder (Tab. 2):


Verhiest (2015) ergänzt:

Hinzu kommt ein qualitativer Unterschied: Während die Informationen in Eupen in den meisten Fällen vollständig zweisprachig vorliegen […], werden in Sankt Vith nur die Kerninformationen zweisprachig präsentiert und sind die deutschsprachigen Informationen insgesamt vollständiger. (Verhiest 2015: 64)

Sein abschließendes Fazit lautet:

Es entsteht der Eindruck, dass es vor allem darum geht, die französischsprachige Minderheit öffentlich überhaupt in Erscheinung treten zu lassen, dass hier also jenseits funktionaler Erwägungen vor allem der ‚rechtlichen‘ Funktion öffentlicher Schriftlichkeit […] genüge getan werden soll. (Verhiest 2015: 67f.)

9 Schlussfolgerung

Es wird oft behauptet, die Deutschsprachige Gemeinschaft Ostbelgiens sei eine der bestgeschützten Minderheiten der Welt. Da mag etwas Wahres dran sein. Als deutschsprachige Minderheit haben die Ostbelgier eine tragisch beladene Geschichte: Sie wurden zwischen den Mächten hin und her geschoben, ein Spielzeug der großen Politik. Einige dieser Menschen haben ihre Staatsangehörigkeit mehrmals gewechselt. Das hat den Ostbelgier vorsichtig gemacht. Man konnte ja nie wissen, ob sich das Blatt nicht wieder einmal wenden würde.

So hat die deutschsprachige Minderheit sich erst langsam zu einer – wenn auch kleinen – Einheit herangetastet. Als der belgische Staat mehrmals reformiert wurde, hat die Deutschsprachige Gemeinschaft von den großen Prinzipien der Umverteilung profitiert. Es war schwer zu übersehen, dass sie nicht mehr assimiliert werden konnte und dass ihr die gleichen Personenrechte zukommen sollten wie den beiden größeren Gemeinschaften. Dies war alles optimal, solange der Staat ihr die sogenannte Dotation zukommen ließ. Doch wie sähe die Lage aus, wenn diese Autonomie auch „von unten“ finanziert werden müsste? Könnte die DG diesen Schritt finanziell überleben? Die Schaffung einer vierten Region „Ostbelgien“ wäre logisch, doch wären die Ostbelgier strukturell damit nicht überfordert? Die Entwicklung der belgischen Staatsstruktur sowie die politischen Vorstellungen der ostbelgischen Politiker werden darüber entscheiden.

Wenn es um die Identitätsbildung des Ostbelgiers geht, spricht Christoph Brüll (2009) von einer Nicht-Identität. Was macht einen „Ostbelgier“ aus? Die meisten Einwohner der DG haben sich heutzutage auf diese beiden Bezugspunkte eingestellt: politisch mit Blick auf das belgische System, kulturell und sprachlich mit Blick auf die deutsche Kultur und Sprachgemeinschaft. Viele haben eine Art Janus-Identität aufgebaut, wo beide Aspekte, der romanische und der deutsche, eher harmonisch in der gleichen Person zusammenleben. Der römische Gott Janus mit den zwei Gesichtern könnte symbolisch sein für die Identität der deutschsprachigen Belgier. Eben diesen Identitätsfragen sind die Ostbelgier in ihren politischen Aktivitäten, wissenschaftlichen Untersuchungen und vielfältigen kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten bewusst oder unbewusst nachgegangen.

Was die Eigenart der meisten Einwohner der Deutschsprachigen Gemeinschaft ausmacht, ist schließlich diese Vereinigung in einer Person des deutschen Kulturerbes und einer gewissen Integration in belgische Begebenheiten mit regionaler französischsprachiger Dominanz. Durch die Janus-Identität werden beide Aspekte ständig verschmolzen, funktionieren nur in Bezug auf ihren Gegenpart und dies mit individueller Anpassung. Das Minderheitenbewusstsein hält klein, erlaubt allerdings meistens doppelte Ausblicke, was persönlich für die Ostbelgierinnen und Ostbelgier eine ständige Bereicherung darstellt. Auch in der Diaspora bleibt dies erhalten.

Literatur

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Darmowy fragment się skończył.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
561 str. 36 ilustracji
ISBN:
9783823301745
Właściciel praw:
Bookwire
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