Czytaj książkę: «Handbuch der Sprachminderheiten in Deutschland»

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Rahel Beyer / Albrecht Plewnia

Handbuch der Sprachminderheiten in Deutschland

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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Dr. Rahel Beyer ist wissenschaftliche Angestellte am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim.

Dr. Albrecht Plewnia ist Leiter des Programmbereichs Sprache im öffentlichen Raum am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim.

Umschlagabbildung: www.shutterstock.de, © Max Broszat

Einbandgestaltung: Bernd Rudek Design GmbH, www.rudek.de

© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.narr.de • info@narr.de

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ISBN 978-3-8233-8261-4 (Print)

ISBN 978-3-8233-0234-6 (ePub)

Inhalt

  Einleitung Literatur

 Dänisch als Minderheitensprache in Deutschland1 Geographische Lage, Demographie und Bevölkerungsstatistik1.1 Geographische Lage1.2 Demographie und Statistik2 Geschichte2.1 Die historische Entwicklung bis ins frühe 20. Jahrhundert2.2 1920–19452.3 Nach 19453 Rolle und Präsenz der Minderheitensprache in Bezug auf Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung3.1 Wirtschaftliche Situation3.2 Politische Situation3.3 Rechtliche Stellung3.4 Kulturelle Institutionen, Medien und Literatur4 Soziolinguistische Situation: Kontaktsprachen, Sprachform(en) des Deutschen und der Minderheitensprache, sprachliche Charakteristika, Code-Switching und Sprachmischung4.1 Kontaktsprachen4.2 Die einzelnen Sprachformen des Dänischen4.3 Sprachenwahl: Code-Switching, Sprachmischung5 Spracheinstellungen gegenüber dem Südschleswigdänischen als Schriftsprache6 Linguistic Landscapes7 Zusammenfassung8 Literatur

 Die Friesen und das Friesische in Nordfriesland1 Geographische Lage2 Statistik und Demographie3 Geschichte3.1 Die Entwicklung der nordfriesischen Mehrsprachigkeit3.2 Auswanderung nach Amerika4 Wirtschaft und Wanderbewegungen5 Politische Aspekte5.1 Symbolische und instrumentale Politik5.2 Sprachenpolitik5.3 Politische Entwicklungen auf unterschiedlichen Ebenen5.4 Die finanzielle Förderung der friesischen Volksgruppe6 Die rechtliche Stellung des Friesischen6.1 Die regionale Ebene (Land)6.2 Die nationale Ebene (Staat)6.3 Die übernationale Ebene7 Kulturelle Aspekte7.1 Die nordfriesischen Vereine und Verbände7.2 Kulturelle Einrichtungen7.3 Friesisch im Bildungssystem7.4 Friesisch in der Kirche7.5 Friesisch in den Medien7.6 Literatur, Theater, Musik und weitere kulturelle Felder8 Die soziolinguistische Situation8.1 Das Friesische8.2 Sprache in Nordfriesland8.3 Sprache in der Statistik8.4 Sprache in der Familie8.5 Sprachnorm und Sprachwandel9 Spracheinstellungen: Friesisch als Ausdruck kultureller Identität10 Linguistic Landscapes10.1 Streetscape – Die Widerspiegelung der Mehrsprachigkeit in den Straßen Nordfrieslands10.2 Gebäudenamen10.3 Informationsschilder10.4 Churchscape – Mehrsprachige Inschriften im Zusammenhang mit der Kirche10.5 Unvermitteltes Auftreten von Inschriften10.6 Symbole10.7 Linguistic Soundscapes11 Zusammenfassung12 Literatur

 Saterfriesisch1 Geographie2 Demographie und Statistik3 Geschichte4 Wirtschaft, Politik, rechtliche Stellung und Kultur4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Politische Situation der Minderheit4.3 Rechtliche Stellung der Minderheit und ihrer Sprache sowie schulpolitische Förderung4.4 Kulturelle Institutionen, Verbände, minderheitensprachliche Medien und Literatur5 Soziolinguistische Situation5.1 Kontaktsprachen5.2 Profil der Minderheitensprache5.3 Sprachformen des Saterfriesischen5.4 Sprachenwahl, Code-Switching, Sprachmischung6 Sprachgebrauch und -kompetenz6.1 Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen/Varietäten6.2 Mündliche Kommunikation und schriftlicher Sprachgebrauch6.3 Weitere Kommunikationssituationen (Domänen und Anlässe)7 Spracheinstellungen7.1 Affektive Bewertung7.2 Kosten-Nutzen-Kalkulation7.3 Einstellung gegenüber der Minderheitensprache und Deutsch8 Linguistic Landscapes9 Zusammenfassung und Ausblick10 Literatur

 Niederdeutsch1 Geographische Lage2 Demographie und Statistik3 Geschichte4 Wirtschaft, Politik, rechtliche Stellung und Kultur4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Politische Situation der Regionalsprache Niederdeutsch4.3 Rechtliche Stellung der Niederdeutsch-Sprecher und ihrer Sprache sowie bildungspolitische Förderung4.4 Kulturelle Institutionen, Verbände, regionalsprachliche Medien und Literatur, Kirche5 Soziolinguistische Situation5.1 Status des Niederdeutschen (Sprache oder Dialekt)5.2 Kontaktsprachen5.3 Profil des Niederdeutschen5.4 Die einzelnen Sprachformen im norddeutschen Raum6 Sprachgebrauch und -kompetenz6.1 Sprachkompetenz im Niederdeutschen6.2 Spracherwerb6.3 Mündliche Interaktion6.4 Schriftlicher Sprachgebrauch7 Spracheinstellungen7.1 Affektive Bewertung7.2 Einstellungen gegenüber der Regionalsprache und der Standardsprache (als Identitätsmerkmal)8 Linguistic Landscapes9 Zusammenfassung10 Literatur

 Sorbisch1 Geographische Lage2 Demographie und Statistik3 Geschichte4 Wirtschaft, Politik, rechtliche Stellung und Kultur4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Politische Situation4.3 Rechtliche Stellung der Minderheit und ihrer Sprache sowie schulpolitische Förderung4.4 Kulturelle Institutionen, Verbände, minderheitensprachliche Medien und Literatur5 Soziolinguistische Situation5.1 Sprachkontakte5.2 Profil der Minderheitensprache5.3 Sprachformen des Deutschen5.4 Sprachenwahl, Code-Switching, Sprachmischung6 Sprachgebrauch und ‑kompetenz6.1 Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen/Varietäten6.2 Sprachgebrauch7 Spracheinstellungen7.1 Affektive Bewertung7.2 Kosten-Nutzen-Kalkulation7.3 Einstellungen gegenüber der Minderheitensprache und Deutsch (als Identitätsmerkmal)8 Linguistic Landscape9 Zusammenfassung und Ausblick10 Literatur

 Romanes, die Sprache der Sinti und Roma1 Demographie und Geschichte2 Rechtliche Stellung3 Status des Romanes3.1 Medien3.2 Kulturbetrieb3.3 Bildungssystem4 Situation und Struktur des Romanes4.1 Profil des Romanes4.2 Sprachkontakterscheinungen im Romanes4.3 Romanes im Deutschen5 Sprachgebrauch und Sprachkompetenz5.1 Romanes als gesprochene Sprache5.2 Schriftlichkeit5.3 Sprachgebrauchswandel6 Spracheinstellung6.1 Einstellung gegenüber Mehrheitssprachen6.2 Einstellung zum Romanes7 Ausblick8 LiteraturAnhang

 Russisch1 Geographie2 Demographie und Statistik3 Geschichte3.1 Vorgeschichte der deutschstämmigen Aussiedler bis zum Zweiten Weltkrieg3.2 Nachkriegsgeschichte der deutschstämmigen (Spät-)Aussiedler3.3 Zur Migrationsgeschichte der jüdischen Kontingentflüchtlinge3.4 Zu Migrationsentwicklungen anderer postsowjetischer Migranten4 Wirtschaft, Politik, rechtliche Stellung und Kultur4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Politische Partizipation und Situation der Minderheit4.3 Rechtliche Stellung der Minderheit und ihrer Sprache, schulpolitische Förderung4.4 Kulturelle Institutionen, Verbände und minderheitensprachliche Medien5 Soziolinguistische Situation5.1 Kontaktsprachen5.2 Profil der Minderheitensprache (inkl. Varietäten, besondere Charakteristika)5.3 Sprachformen des Deutschen5.4 Sprachenwahl, Code-Switching, Sprachmischung6 Sprachgebrauch und -kompetenz6.1 Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen/Varietäten6.2 Weitere Kommunikationssituationen7 Spracheinstellungen7.1 Affektive Bewertung7.2 Kosten-Nutzen-Kalkulation7.3 Einstellung gegenüber der Minderheitensprache und Deutsch (als Identitätsmerkmal)7.4 Beziehungen zum Herkunftsland8 Linguistic Landscapes9 Zusammenfassung und Ausblick10 Literatur

 Türkisch in DeutschlandVorwort1 Geographie2 Demographie und Statistik3 Geschichte4 Wirtschaft, Politik, rechtliche Stellung und Kultur4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Rechtliche Stellung und politische Situation der Minderheit4.3 Aspekte der Bildung und Schulpolitik4.4 Institutionen, Verbände und minderheitensprachliche Medien5 Soziolinguistische Situation5.1 Kontaktsprachen5.2 Profil der Minderheitensprache5.3 Sprachformen des Deutschen5.4 Sprachenwahl, Code-Switching und Sprachmischung6 Sprachgebrauch und -kompetenz7 Spracheinstellung als Identitätsmerkmal und Beziehung zum Herkunftsland8 Linguistic Landscapes9 Ausblick10 Literatur

 Die polnischsprachige Minderheit1 Geografie, Demografie und Statistik2 Geschichte3 Wirtschaft, Politik, rechtliche Stellung und Kultur3.1 Wirtschaftliche Situation und rechtliche Stellung der Minderheit3.2 Sprachenpolitik und schulpolitische Förderung des Polnischen3.3 Kulturelle Institutionen, Verbände, Kirche und polnischsprachige Medien4 Soziolinguistische Situation4.1 Kontaktsprachen4.2 Profil der Minderheitensprache4.3 Sprachformen des Deutschen4.4 Sprachenwahl, Code-Switching, Sprachmischung5 Sprachgebrauch und -kompetenz5.1 Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen/Varietäten5.2 Mündliche Interaktion: Sprecherkonstellationen und -typen5.3 Schriftlicher Sprachgebrauch und weitere Kommunikationssituationen6 Spracheinstellungen6.1 Affektive Bewertung6.2 Kosten-Nutzen-Kalkulation6.3 Einstellung gegenüber der Minderheitensprache und Deutsch (als Identitätsmerkmal)6.4 Beziehungen zum Herkunftsland7 Linguistic Landscapes8 Zusammenfassung und Ausblick9 Literatur

 Deutsche Gebärdensprache (DGS)1 Einleitung2 Demographie und Statistik3 Geschichte3.1 18. Jahrhundert3.2 19. Jahrhundert3.3 20. Jahrhundert3.4 Gebärdensprachforschung seit den 1960er Jahren4 Wirtschaft, Politik, rechtliche Stellung und Kultur4.1 Wirtschaftliche Situation4.2 Rechtliche Stellung der Minderheit und ihrer Sprache sowie schulpolitische Förderung4.3 Kulturelle Institutionen, Verbände, minderheitensprachliche Medien und Literatur5 Soziolinguistische Situation5.1 Sprachkontakte5.2 Profil der Minderheitensprache5.3 Sprachenwahl, Code-Switching, Sprachmischung5.4 Schrift6 Sprachgebrauch und -kompetenz6.1 Sprachkompetenz in den verschiedenen Sprachen/Varietäten6.2 Sprachgebrauch7 Spracheinstellungen7.1 Affektive Bewertung7.2 Kosten-Nutzen-Kalkulation7.3 Einstellungen gegenüber der Minderheitensprache und Deutsch (als Identitätsmerkmal)8 Zusammenfassung und Ausblick9 Literatur

Einleitung

Rahel Beyer / Albrecht Plewnia

Das vorliegende Buch bildet den Abschluss einer Handbuchserie zu Sprachminderheitenkonstellationen unter Beteiligung des Deutschen. Ihren Anfang nahm die Serie 1996 mit einem Band zur Situation der Sprachminderheiten in Mitteleuropa (Hinderling/Eichinger 1996b). Dieser Band, der noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs konzipiert worden war, war bald vergriffen. Es folgten weitere Bände zu anderen Regionen der Welt, die sich von der Struktur her an dem Mitteleuropa-Band orientierten: zunächst die Länder Mittel- und Osteuropas (Eichinger/Plewnia/Riehl 2008), sodann die deutschen Sprachminderheiten in Übersee (Plewnia/Riehl 2018). Das Handbuch des Deutschen in West-und Mitteleuropa (Beyer/Plewnia 2019) war der erste Band einer vollständigen Neufassung des Handbuchs von 1996, wo über die Dichotomie von Mehrheit und Minderheit hinaus auch weitere Ausprägungen gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit berücksichtigt wurden.

Das Anliegen jeden Bandes dieser Serie sowie des vorliegenden war und ist zweiteilig: Zum einen geht es – einem Handbuch entsprechend – um die Bereitstellung von geordneten Informationen, so dass Interessierte Erläuterungen zu bestimmten Stichworten nachschlagen und sich auf diese Weise relativ schnell einen Überblick verschaffen können – sei es zu einer bestimmten Minderheit oder einem spezifischen Aspekt einer bestimmten Minderheit. Zum anderen soll die Zusammenstellung der Artikel bzw. Sprachminderheiten eine vergleichende Betrachtung ermöglichen und wiederkehrende Muster/Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede/Besonderheiten zu Tage treten lassen.

Die Idee eines vergleichenden Blicks auf Sprachminderheiten unter Beteiligung des Deutschen geht zurück bis in die 1980er Jahre. Damals wurden im Rahmen zweier Projekte zunächst die „Methodik von Beschreibung und Vergleich der sprachlichen und sprachenrechtlichen Situation von Minderheiten“ anhand von zwei Minderheitenszenarien getestet und in einem zweiten Schritt auf weitere Gemeinschaften übertragen. Das Ziel wurde damals folgendermaßen formuliert:

Es geht darum, unterschiedliche Sprachgemeinschaften, die oft sonst in jeder Hinsicht verschieden sind, aber eben alle als Sprachminderheiten charakterisiert werden können, nebeneinanderzustellen und aus dieser Nebeneinander- und Gegenüberstellung wenn möglich zu lernen. (Hinderling/Eichinger 1996a: X)

Ergebnis des zweiten Projekts war das „Handbuch der mitteleuropäischen Sprachminderheiten“ (Hinderling/Eichinger 1996b), bei dem deutsche Minderheiten und anderssprachige Minderheiten in deutschsprachigem Mehrheitsgebiet vergleichend gegenübergestellt wurden – eben der eingangs erwähnte Ausgangspunkt der Serie.

Mit dem vorliegenden, letzten Band der Reihe wird nun eine Perspektivenumkehr vorgenommen: Beschrieben werden Charakter und soziolinguistische Situation von Gemeinschaften, die sich im deutschen Diasystem befinden und für die Deutsch Mehrheitssprache ist. Dabei beschränken wir uns auf Deutschland. Mit der sprachlich-geographischen Verortung ist im Wesentlichen auch schon das verbindende Element genannt. Wenn schon die Sprachminderheiten in den vorhergehenden Bänden recht unterschiedlich waren, so gilt dies umso mehr für die in diesem Buch versammelten Situationen. Auf kleinste gemeinsame Nenner gebracht lassen sich auf einer Makroebene drei dominante Grundtypen von Sprachminderheiten ansetzen:

(1) Zunächst die autochthonen Gruppen, die sich durch Altansässigkeit in dem Gebiet, das heute die Bundesrepublik Deutschland konstituiert, auszeichnen. Schon zur Zeit der Staatsgründung lebten in bestimmten Gegenden Gruppen von Menschen mit einer anderen Kultur, einer anderen Tradition und eben anderen Sprachen. Im Zuge der Staatenbildung und der staatenweiten Vereinheitlichung auf sprachlicher Ebene erfuhren diese Sprecher im Vergleich zu jenen der Mehrheitssprache teils starke Benachteiligungen. Sie oder mindestens ihre Sprache wurden unter der vorherrschenden Einsprachigkeitsideologie an den soziopolitischen Rand gedrängt; das ist ein Prozess, der sich praktisch überall in Europa beobachten ließ. Etwa seit den 1970er Jahren gibt es auf europäischer Ebene eine wachsende Aufmerksamkeit für diese autochthonen Minderheiten. Ergebnis der weitreichenden Diskussionen sind eine Reihe von Erklärungen und Abkommen, die die kulturelle und sprachliche Identität der Minderheiten schützen sollen. Das bis heute wichtigste Dokument ist dabei die Europäische Charta für Regional- oder Minderheitensprachen von 1992. Mit ihrer Unterzeichnung gehen Staaten die Verpflichtung ein, die von ihnen anerkannten Minderheiten zu fördern. Für ihr Staatsgebiet hat die Bundesrepublik Deutschland bei der Ratifizierung Dänisch, Friesisch (Nord- und Saterfriesisch), Sorbisch und Romanes als Minderheitensprachen im Sinne der Charta bestimmt. Das Niederdeutsche hat den Status einer Regionalsprache.

(2) Einen zweiten Typ von Sprachminderheit – der europaweit einzigartig ist – stellen die sogenannten Aussiedler und Spätaussiedler dar. Dabei handelt es sich um Personen mit deutscher Familiengeschichte, deren Vorfahren zu verschiedenen Zeitpunkten in der Vergangenheit in das ehemalige Russische Zarenreich bzw. die Sowjetunion emigriert sind oder die in den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten lebten und die seit den 1950er Jahren in die Bundesrepublik übersiedelten. Sie sind also deutscher Abstammung und haben zumindest teilweise noch deutsche Erziehung und Kultur vermittelt bekommen; gleichzeitig kommen sie von einem Gebiet außerhalb der heutigen Staatsgrenze und verwenden in ihrem Alltag häufig Russisch oder Polnisch. Ihr spezifischer Status spiegelt sich auch in ihrer rechtlichen Stellung wider: Über die Regelungen im Bundesvertriebenengesetz bzw. Kriegsfolgenbereinigungsgesetz verfügen sie über einen sicheren Aufnahme- und Aufenthaltsstatus inklusive Zugang zur deutschen Staatsangehörigkeit. Da sie Deutsche sind, werden sie von der Politik auch nicht als Sprecher einer Minderheitensprache betrachtet; entsprechend gibt es – im Gegensatz zu den autochthonen Minderheits- und Regionalsprachen – keinerlei rechtlichen Schutz- und/oder Förderungsbestimmungen für ihre (nicht-deutschen) Sprachen.

(3) Der politische Sprachminderheitsdiskurs, wie er sich auch in der Charta manifestiert, ist überwiegend auf die autochthonen Minderheiten fokussiert. Eine relevante Gruppe bilden jedoch, drittens, Personen und Gemeinschaften mit einer gebietsfremden sozialen Herkunft oder Abstammung, d.h. die migrationsinduzierten allochthonen oder „neuen“ Minderheiten, die zudem meist eine andere Staatsangehörigkeit mitbringen. Diese sind jedoch weder als Minderheit anerkannt, noch bestehen für sie Förderungsmaßnahmen – im Gegenteil: Ihre Mehrsprachigkeit wird hauptsächlich als Problem wahrgenommen (Extra/Gorter 2007: 23). In den letzten einhundert Jahren sind durch mehrere Migrationswellen Sprecher vieler verschiedener Sprachen nach Deutschland gekommen. Für das Handbuch musste hier aus praktischen Gründen recht restriktiv ausgewählt werden. Auch wenn es noch keine zufriedenstellende und erst recht keine rechtsgültige Definition von Minderheit gibt, ist klar, dass nicht jede anderssprachige Personengruppe eine Minderheit im Sinne einer Sprachgemeinschaft bildet. „Minderheiten bilden diese Migranten […] nur, wenn sie in Gruppen organisiert auftreten“ (Rindler Schjerve 2004: 482). Neben den objektiv beobachtbaren Faktoren – wie zahlenmäßig geringer Umfang und (politische) Dominiertheit von der Mehrheitsgesellschaft – werden also weitere, v.a. subjektive Faktoren bedeutsam, die dann wiederum in objektiven Elementen (mehr oder weniger) sichtbar werden. So ist typischerweise die Differenz bzw. die Abstammung zentrales Merkmal der Identität und die Grundlage für ein Zusammengehörigkeitsgefühl sowie für die Herausbildung einer sozialen Organisationsform (Rindler Schjerve 2004: 484). Gemeinsames Ziel ist die Pflege von Kultur, Brauchtum und Traditionen, die die Gruppenmitglieder auch über Verwandtschaften hinaus in gemeinsame Interaktion treten lässt. Nur Gemeinschaften mit diesen Merkmalen können in unserem Zusammenhang relevant sein. Aber auch deren Anzahl übersteigt den verfügbaren Platz. Als mögliche Orientierung für die engere Auswahl bieten sich nun Typen der Migration an. Mutmaßlich am verbreitetsten sind als überindividuelle Phänomene die Arbeitsmigration sowie ganz aktuell die Fluchtmigration.1 Letztere hat in Deutschland v.a. ab 2014 erheblich an Bedeutung gewonnen, als der seit 2011 anhaltende Bürgerkrieg in Syrien eine Flüchtlingswelle auslöste. Schätzungen zufolge kamen 2015 etwa 890.000 Flüchtlinge nach Deutschland, bei denen Arabisch als (einzige) Erstsprache vorherrschte (Hünlich et al. 2018: 18f.) – eine durchaus beachtliche Zahl. Die Konturen dieser Gruppe und ihrer soziolinguistischen Realitäten sind zurzeit jedoch nicht recht erkennbar, und ihre Erforschung steht noch ganz am Anfang. Dementsprechend konnten sie im vorliegenden Handbuch noch nicht berücksichtigt werden. Einwanderung zum Zweck der Arbeitsaufnahme blickt in Deutschland dagegen schon auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurück. Waren es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert v.a. Polen, die im Ruhrgebiet in der Schwerindustrie und im Bergbau eingestellt wurden, kamen die ab 1955 angeworbenen „Gastarbeiter“ vorwiegend aus dem südeuropäischen Raum. Die größte Gruppe der als Folge von Arbeitsmigration entstandenen Minderheiten in Deutschland bilden dabei die Türkischstämmigen bzw. Türkeistämmigen, inzwischen in zweiter und dritter Generation.

Das vorliegende Handbuch umfasst zehn Beiträge. Diese erläutern zunächst nacheinander die fünf – bzw., wenn man Nordfriesisch und Saterfrisisch getrennt zählt, sechs; wenn man Obersorbisch und Niedersorbisch getrennt zählt, sieben – chartageschützen Sprachen Deutschlands. (1) Dänisch in Schleswig-Holstein als Grenzminderheit ist dabei der einzige Fall, der insofern eine Symmetrie aufweist, als es jenseits der Grenzen den genauen Gegenfall (also Deutsch als Minderheitssprache in Dänemark) gibt. Die historisch-autochthone dänische Minderheit in Schleswig-Holstein umfasst zirka 50.000 Personen; sie ist von der Bundesrepublik Deutschland völkerrechtlich anerkannt. Die Mitglieder der Minderheit sind in der Regel mehrsprachig. Häufig ist Deutsch die Erstsprache und Südschleswigdänisch, eine durch Sprachkontakt geprägte Form des Dänischen, Zweitsprache oder weitere Erstsprache; daneben wird ggf. das Standarddänische Dänemarks und gelegentlich Niederdeutsch und/oder Friesisch gesprochen. Der Status des Dänischen in der Minderheit ist variabel. Während in der privaten Alltagskommunikation häufig Deutsch bevorzugt wird, hat die Beherrschung des Dänischen hohe Relevanz auf Entscheidungs- und Leitungsebenen. Für die fortgesetzte ökonomische Unterstützung aus Dänemark spielen seine Bewahrung und Förderung eine zentrale Rolle.

(2) Friesisch gehört zu den Minderheitensprachen, die keinen Nationalstaat haben. Ihre Sprecher verteilen sich auf drei nicht (mehr) zusammenhängende Gebiete im Nordseeraum, von denen zwei in Deutschland liegen: Zum einen im schleswig-holsteinischen Kreis Nordfriesland sowie auf der Insel Helgoland, wo es in einer ausgeprägten Mehrsprachigkeitssituation unter Beteiligung des Friesischen, Niederdeutschen, Hochdeutschen, Jütischen wie Dänischen steht bzw. stand. Die Herausforderungen für das Nordfriesische liegen sowohl in der großen Dialektvielfalt, durch die nur selten eine gegenseitige Verständlichkeit gegeben ist, als auch im Fehlen eines schlüssigen, stringenten Konzepts für die Spracharbeit: Bei den zahlreichen Aktivitäten, Strukturen und Rechtsinstrumenten zur Förderung des Friesischen „stellt sich jetzt [die Frage], inwiefern diese Maßnahmen, insbesondere die Strukturen, effektiv sind“ (Walker, in diesem Band) und wie der vorhandene Sachverstand sinnvoll gebündelt werden kann.

(3) Zum anderen ist Friesisch in der Gemeinde Saterland im Nordwesten Niedersachsens zu finden. Das dortige Saterfriesisch ist die letzte noch gesprochene Varietät des Ostfriesischen; sie kam erst ab zirka dem 11. Jahrhundert durch emsfriesische Einwanderer in das ursprünglich sächsisch besiedelte Gebiet. Erst seit den 1980er Jahren gibt es in der Bevölkerung ein wachsendes Bewusstsein darüber, dass es sich beim Saterfriesischen um eine Ausprägung des Friesischen – und nicht des Niederdeutschen – handelt. Durch Zuzug Plattdeutsch sprechender Kolonisten aus der Umgebung im 19. Jahrhundert und Zuzug v.a. aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg stellen die Saterfriesischsprecher nur noch eine Minderheit der Gesamtbevölkerung mit einem eingeschränkten Kommunikationsraum dar. Umso gewichtiger wird die Rolle der schulischen Bildung als „wohl die beste[…] Möglichkeit[…], die Gebrauchsdomänen für das Saterfriesische zu erweitern“ (Peters, in diesem Band).

(4) Im Mittelalter bzw. in der Hansezeit als Sprache voll umfänglich ausgebaut und verwendet, wurde das Niederdeutsche als Folge des Schreibsprachwechsels der norddeutschen Städte zum Hochdeutschen soziolinguistisch zu einem Dialekt heruntergestuft. „Damit einher gingen niedrige Prestigewerte und eine weitgehende Unbesetztheit von Feldern der öffentlichen Kommunikation“ (Goltz/Kleene, in diesem Band). Mit der Aufnahme des Niederdeutschen als Regionalsprache in das deutsche Ratifizierungsdokument der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen begann ein Prozess der Umbewertung zugunsten eines kulturellen Wert- und Identitätsfaktors. Zudem zeigen aktuelle Umfragen ein in den letzten zehn Jahren gleichgebliebenes Kompetenzniveau unter den Sprechern. Dennoch bergen die nur zu einem sehr geringen Teil in der Familie stattfindende Weitergabe und die im Alltag fehlende Notwendigkeit, Plattdeutsch zu können, ein gewisses Gefährdungspotenzial.

(5) Auch die Lausitzer Sorben hatten zu keinem Zeitpunkt der Geschichte einen eigenen Staat.

Nach vorherrschender Ansicht gibt es nur ein sorbisches Volk, das aber zwei Schriftsprachen hervorgebracht hat, die nieder- und die obersorbische […]. Es handelt sich um zwei eigenständige westslawische Sprachen mit jeweils spezifischer Dialektgrundlage, wobei die Sprachgrenze aufgrund des Vorliegens von Übergangsdialekten in der mittleren Lausitz nicht eindeutig festzulegen ist. (Menzel/Pohontsch, in diesem Band)

Auch in soziolinguistischer Hinsicht befinden sich Nieder- und Obersorben in unterschiedlichen Situationen: So ist der Großteil der Niedersorben im Laufe des 20. Jahrhunderts von deutsch-sorbischer Zweisprachigkeit zur deutschen Einsprachigkeit übergegangen. Das Kerngebiet des Sorbischen liegt in der Oberlausitz, wo die Obersorben leben. Dabei spielen auch die beiden unterschiedlichen Konfessionen eine große Rolle: Evangelische Regionen der Lausitz und deutschsprachige Region sind im Grunde deckungsgleich.

Anders ist die Konstellation im obersorbischen Kerngebiet, in dem die Weitergabe der Sprache bis heute ohne Bruch stattfand. Die Kirche entwickelte sich hier aufgrund eines historischen Sonderweges zu einem Schutzraum für das Obersorbische. (Menzel/Pohontsch, in diesem Band)

(6) Romanes, die Sprache der Sinti und Roma, gilt als nicht territorial gebundene Sprache, d.h. als Sprache „die keinem bestimmten Gebiet innerhalb des betreffenden Staates zugeordnet werden [kann]“ (Europarat 1992: 2). Sie ist integraler Bestandteil der (gesamt-)europäischen Kultur; ihre Sprecher sahen sich v.a. in der Vergangenheit jedoch Marginalisierung, stereotypen Vorurteilen sowie Diskriminierung seitens der Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt. Der seit ein paar Jahren stattfindende politische Emanzipationsprozess und die vermehrte Verwendung des Romanes auf internationaler Ebene durch Aktivisten bewirken nicht nur seine Aufwertung, sondern auch einen Funktions- und Strukturausbau. Eine Erforschung dieser Sprache mit indoarischen Wurzeln und starker Prägung durch die jeweiligen Kontaktsprachen erweist sich (v.a.) für Deutschland vor dem historischen Hintergrund als äußerst schwierig. Zu tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind die Aktivitäten

von sogenannten Forschungsinstitutionen vor und während der NS-Zeit […], um u.a. die familiären Strukturen der Sinti zu dokumentieren, die dann wiederum Basis der Deportationen waren. (Halwachs, in diesem Band)

(7) Die russischsprachige Minderheit setzt sich aus verschiedenen Untergruppen zusammen. Die mit dem Russischen in Deutschland salienteste Verknüpfung besteht dabei wohl zu den (Spät-)Aussiedlern, den Nachfahren deutscher Siedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten. Sie stellen mit zirka 2,3 Millionen Angehörigen auch die größte Untergruppe dar. Bei ihnen stellt sich neben der Frage nach dem Erhalt des Russischen auch die Frage nach dem Erhalt der sogenannten russlanddeutschen Dialekte, der Hauptvarietät der ältesten noch lebenden Generation.

Über sehr gute Kenntnisse der russischen Sprache verfügt vornehmlich die zweite Generation, da sie das Russische in der Schule erlernt im Beruf und Alltag später als Hauptkommunikationssprache verwendet haben und diese bereits vor der Auswanderung als Familiensprache etabliert haben. (Dück, in diesem Band)

Der (rechtliche) Sonderstatus und die negative Fremdwahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft bzw. deren Kategorisierung als Russen wirken sich zudem destabilisierend auf die Identitätskonstruktion der (Spät-)Aussiedler aus.

(8) Stellvertretend für durch Arbeitsmigration entstandene Minderheiten im Allgemeinen und die Gruppe der Gastarbeiter im Speziellen – und unter den allochthonen Minderheiten numerisch am stärksten – wird in diesem Handbuch die Minderheit der Türkeistämmigen beschrieben. Auch hier gilt: Eine Gleichsetzung von türkischstämmigen (Nachkommen von) Gastarbeitern und Türkischsprechern ist verkürzend und unzulässig (so gibt es auch Migranten aus anderen ethnischen Minderheiten in der Türkei, die auch Türkisch erworben haben, wie auch aus türkischen Minderheiten in Südosteuropa usw.), und doch ist genau diese Verbindung für die überwiegende Mehrzahl der Türkischsprecher zutreffend. Nachdem es sich nach Jahren der Rotation von „Gastarbeitern“ für die Industrie als sinnvoller erwies, eingearbeitete und bewährte ausländische Arbeitskräfte längerfristig zu halten, begannen diese „im Laufe der 1970er Jahre ihre Ehepartner und Kinder nachzuholen, wodurch spätestens ihr Ansiedlungsprozess begann“ (Cindark/Devran, in diesem Band). Türkisch ist eine sehr vitale Sprache in Deutschland. Sie wird sowohl mündlich als auch schriftlich in vielen verschiedenen Domänen und bei unterschiedlichen Anlässen verwendet, d.h. nicht nur von der ersten Generation der Migranten, sondern auch von den Nachfolgegenerationen; bei Letzteren lässt sich typischerweise viel deutsch-türkisches Code-Switching beobachten. Angesichts unter anderem der relativ stark ausgebildeten ethnischen Identität ist nicht davon auszugehen, dass die Vitalität der türkischen Sprache in Deutschland in naher Zukunft nachlassen wird.

(9) Für viele allochthone Minderheiten lassen sich mehrere Migrationsmotivationen finden, die zeitgleich zusammenfallen oder zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte relevant waren. Dies trifft zum Beispiel für die Sprecher des Polnischen in Deutschland zu. Hierbei handelt es sich um eine große, sehr heterogene Gruppe, die sich aus Nachkommen von Arbeitsmigranten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts („Ruhrpolen“), (Spät-)Aussiedlern (v.a. in den 1980er Jahren) und Arbeitsmigranten im Kontext der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit (seit 2011) zusammensetzt; hinzu kommt eine nennenswerte Individualmigration.

Dies wirkt sich direkt auf ihre sprachlichen Hintergründe und ihre Einstellungen zum Erhalt des Polnischen bzw. zum Erwerb des Deutschen aus. Neben der Vielfalt an sprachlichen Konstellationen hat diese Heterogenität auch Folgen für den internen Zusammenhalt der polnischsprachigen Bevölkerung in Deutschland: Die einzelnen Gruppierungen weisen keine engen Verbindungen auf, haben z.T. eigene Verbände und kulturelle Organisationen, die kaum miteinander vernetzt sind. (Brehmer/Mehlhorn, in diesem Band)

Letzteres dürfte auch zur faktischen „Unsichtbarkeit“ der Minderheit beitragen.

(10) Zu keinem der drei oben erläuterten Typen passt die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Sie unterscheidet sich als visuell-räumliche Sprache in ihrer Modalität sowohl von den anderen Minderheitensprachen als auch von der deutschen Lautsprache. Sie wird in Kommunikationssituationen mit Beteiligung von gehörlosen und hörgeschädigten Personen in Deutschland (und Luxemburg) verwendet. Auch wenn sich DGS-Verwender durchaus als sprachlich-kulturelle Minderheit wahrnehmen, ist ihre Sprache in Deutschland nicht als Minderheitensprache auf völkerrechtlicher Basis anerkannt. Rechtliche Anerkennung (als eigenständige Sprache) erfährt die DGS vielmehr nur über Paragraph 6 des Behindertengleichstellungsgesetzes. Wie an dieser Verortung deutlich wird, haftet der DGS (wie Gebärdensprache an sich) nur allzu oft das Image eines zweckbedingten Hilfsmittels an, dass die gesprochene Sprache in Form von Gesten widergibt. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive besteht jedoch kein Zweifel, dass Gebärdensprachen vollwertige natürliche Sprachen mit einem komplexen grammatikalischen System sind.

Alle beschriebenen Sprechergemeinschaften müssen sich gegenüber dem Deutschen als dominierende Mehrheitssprache behaupten. Dies liegt allerdings mehr an dessen „De-facto-Dominanz“ (Marten 2016: 147) als an dessen Festschreibung als Nationalsprache im Grundgesetz.2 Zwar gibt es einige nachgeordnete Gesetze, die den offiziellen Status bzw. die offizielle Funktion des Deutschen u.a. im Zusammenhang mit Behörden und Gerichten festlegen,3 insgesamt fehlt es in Deutschland jedoch an einer kohärenten Sprach(en)politik. Dies gilt auch für den Umgang mit den autochthonen Minderheitensprachen. Der Grund liegt u.a. in der föderalistischen Struktur der Bundesrepublik. Das bedeutet, dass die einzelnen Länder über kulturelle Souveränität, d.h. über die primäre Kompetenz in Bezug auf die Gesetzgebung in den Bereichen Kultur und Bildung verfügen. Die meisten minderheitenspezifischen Gesetze finden sich in den Regelungen des jeweiligen Landes, in dem die Minderheit lebt. So hat der Schleswig-Holsteinische Landtag 2004 das sogenannte Friesischgesetz verabschiedet, das das Friesische und seine Verwendung zum Beispiel bei Behörden oder sein Erscheinen auf zweisprachigen Ortsschildern anerkennt. Letzten Endes den einzigen Kontext, in dem Deutschland als gesamter Staat in die Pflicht genommen wird, bildet die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Deutschland gehörte am 5. November 1992 zu den ersten Unterzeichnerstaaten dieses europäischen Vertrags. Die Ratifizierung erfolgte 1995; die Inkraftsetzung zum Januar 1999. Im Text werden zunächst Definitionen für den Anwendungsbereich der Charta gegeben: Demnach

bezeichnet der Ausdruck ‚Regional- oder Minderheitensprache‘ Sprachen, (i) die herkömmlicherweise in einem bestimmten Gebiet eines Staates von Angehörigen dieses Staates gebraucht werden, die eine Gruppe bilden, deren Zahl kleiner ist als die der übrigen Bevölkerung des Staates, und (ii) die sich von der (den) Amtsprache(n) dieses Staates unterscheiden; er umfaßt weder Dialekte der Amtssprache(n) des Staates noch die Sprachen von Zuwanderern. (Europarat 1992: 2)

Weiterhin gibt es einen Teil mit allgemeiner gehaltenen Zielen und Grundsätzen, zu deren Anwendung sich die Vertragsparteien verpflichten. Unter Teil III führt die Charta eine ganze Reihe konkreter Maßnahmen zur Förderung des Gebrauchs von Regional- oder Minderheitensprachen im öffentlichen Leben auf. Diese Maßnahmen betreffen Bildungswesen, Justiz, Verwaltungsbehörden und öffentliche Dienstleistungsbetriebe, Medien, kulturelle Tätigkeiten und Einrichtungen, wirtschaftliches und soziales Leben sowie grenzüberschreitenden Austausch. Bei der Ratifizierung des Dokuments müssen für jede als Regional- oder Minderheitensprache im Sinne der Charta anerkannte Sprache mindestens 35 Maßnahmen aus diesem Katalog angegeben werden, zu deren Anwendung sich der Unterzeichnerstaat verpflichtet. In regelmäßigen Abständen haben die Vertragsstaaten Berichte über die Anwendung der Charta vorzulegen, die von einem Sachverständigenausschuss kontrolliert werden; es fehlt allerdings jede Sanktionsmöglichkeit. Die Umsetzung der Fördermaßnahmen ist in Deutschland Sache der einzelnen Länder. Diese Fragmentierung wird bzw. die sich daraus ergebenden großen Unterschiede in der Umsetzung zwischen den einzelnen Bundesländern werden vom Sachverständigenausschuss immer kritisch kommentiert. Dies gilt insbesondere für das Niederdeutsche, dessen Schutz Angelegenheit von insgesamt acht Ländern ist. Der letzte Bericht des Sachverständigenausschusses von 2018 empfiehlt explizit „die Zusammenarbeit zwischen den Ländern zu verbessern, in denen Niederdeutsch geschützt ist.“

Entsprechend der Einordnung in die erwähnte Handbuch-Serie orientiert sich auch die Gliederung dieses Bandes bzw. der Beiträge an den Vorgängerarbeiten. Pro Beitrag wird ein Gebiet überblicksartig beschrieben und dabei jeweils im Wesentlichen ein „gewisser Kernbestand an Problembereichen“ (Hinderling/Eichinger 1996: XII) behandelt. Die Beschreibungsdimensionen erstrecken sich von den historischen Entwicklungen über die aktuelle demographische und rechtliche Situation bis hin zur Rolle und Präsenz der Minderheitensprache in Wirtschaft, Politik und Kultur. Darüber hinaus wird für jedes Gebiet eine Beschreibung der soziolinguistischen Situation inklusive eines kurzen Profils der Minderheitensprache, der Kompetenz- und Sprachgebrauchssituation, der Spracheinstellungen der Sprecherinnen und Sprecher sowie des visuell realisierten Auftretens der Minderheitensprache im öffentlichen Raum (Linguistic Landscape) geboten.

Die Herausgeber sind allen Beteiligten zu großem Dank verpflichtet: zuvörderst den Autorinnen und Autoren für die Bereitschaft, einen Beitrag zu übernehmen, sich auf das vorgegebene Gliederungsschema einzulassen und es, wo nötig, zu adaptieren. Des Weiteren Norbert Cußler-Volz für die Erstellung einiger Karten im Band. Für die Erstellung der Druckvorlage und die umsichtige und sorgfältige Korrektur der Manuskripte sei Heike Kalitowksi-Ahrens und Julia Smičiklas gedankt. Dem Narr-Francke-Attempto-Verlag danken wir für die Aufnahme des Handbuchs ins Verlagsprogramm und insbesondere Tillmann Bub, der die Entstehung des Bandes ebenso wie die der Vorgängerbände mit freundlicher und unerschütterlicher Langmut betreut hat.

Literatur

Adler, Astrid/Beyer, Rahel (2018): Languages and Language Policies in Germany/Sprachen und Sprachpolitik in Deutschland. In: Stickel, Gerhard (Hrg.): National Language Institutions and National Languages. Contributions to the EFNIL Conference 2017 in Mannheim. Budapest: Hungarian Academy of Sciences, S. 221–242.

Beyer, Rahel/Plewnia, Albrecht (Hrg.) (2019): Handbuch des Deutschen in West- und Mitteleuropa. Sprachminderheiten und Mehrsprachigkeitskonstellationen. Tübingen: Narr Francke Attempto.

Eichinger, Ludwig/Plewnia, Albrecht/Riehl, Claudia M. (Hrg.) (2008): Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Mittel- und Osteuropa. Tübingen: Narr.

Europarat (1992): Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (= Sammlung Europäischer Verträge; 148). Abrufbar unter: https://rm.coe.int/168007c089 (Letzter Zugriff 3.4.2020).

Extra, Guus/Gorter, Durk (2007): Regional and Immigrant Minority Languages in Europe. In: Hellinger, Marlis/Pauwels, Anne (Hrg.): Handbook of Language and Communication: Diversity and Change. Berlin: de Gruyter. S. 15–52.

Hinderling, Robert/Eichinger, Ludwig M. (1996a): Einleitung. In: Hinderling, Robert/Eichinger, Ludwig M. (Hrg.): Handbuch der mitteleuropäischen Sprachminderheiten. Tübingen: Narr. S. IX–XVII.

Hinderling, Robert/Eichinger, Ludwig M. (Hrg.) (1996b): Handbuch der mitteleuropäischen Sprachminderheiten. Tübingen: Narr.

Hünlich, David/Wolfer, Sascha/Lang, Christian/Deppermann, Arnulf (2018): Wer besucht den Integrationskurs? Soziale und sprachliche Hintergründe von Geflüchteten und anderen Zugewanderten. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache und Goethe-Institut Mannheim.

Marten, Heiko F. (2016): Sprach(en)politik. Eine Einführung. Tübingen: Narr Francke Attempto.

Plewnia, Albrecht/Riehl, Claudia M. (2018): Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Übersee. Tübingen: Narr.

Rindler Schjerve, Rosita (2004): Minderheit/Minority. In: Ammon, Ulrich et al. (Hrg.): Sociolinguistics. Soziolinguistik. HSK 3.1., 2. Auflage. Berlin/New York: de Gruyter. S. 480–486.

Stickel, Gerhard (2012): Deutsch im Kontext anderer Sprachen in Deutschland heute: Daten und Einschätzungen. In: Eichinger, Ludwig M./Plewnia, Albrecht/Schoel, Christiane/Stahlberg, Dagmar (Hrg.): Sprache und Einstellungen. Spracheinstellungen aus sprachwissenschaftlicher und sozialpsychologischer Perspektive. Tübingen: Narr, S. 227–321.

Dänisch als Minderheitensprache in Deutschland

Karen Margrethe Pedersen / Doris Stolberg


1 Geographische Lage, Demographie und Bevölkerungsstatistik
1.1 Geographische Lage
1.2 Demographie und Statistik
2 Geschichte
2.1 Die historische Entwicklung bis ins frühe 20. Jahrhundert
2.2 1920–1945
2.3 Nach 1945
3 Rolle und Präsenz der Minderheitensprache in Bezug auf Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung
3.1 Wirtschaftliche Situation
3.2 Politische Situation
3.3 Rechtliche Stellung
3.4 Kulturelle Institutionen, Medien und Literatur
4 Soziolinguistische Situation: Kontaktsprachen, Sprachform(en) des Deutschen und der Minderheitensprache, sprachliche Charakteristika, Code-Switching und Sprachmischung
4.1 Kontaktsprachen
4.2 Die einzelnen Sprachformen des Dänischen
4.3 Sprachenwahl: Code-Switching, Sprachmischung
5 Spracheinstellungen gegenüber dem Südschleswigdänischen als Schriftsprache
6 Linguistic Landscapes
7 Zusammenfassung
8 Literatur

1 Geographische Lage, Demographie und Bevölkerungsstatistik
1.1 Geographische Lage

Die dänische Minderheit in Deutschland entstand als Folge der Zuordnungsgeschichte des Herzogtums Schleswig. Sie befindet sich auf der deutschen Seite des deutsch-dänischen Grenzraums, in dem Gebiet zwischen der deutschen Staatsgrenze im Norden und dem Nordostsee-Kanal und der Eider im Süden. Dieses Gebiet gehört zum nördlichsten Bundesland innerhalb der Bundesrepublik Deutschland, Schleswig-Holstein.

Das Gebiet wird von der dänischen Volksgruppe Sydslesvig (,Südschleswig‘) genannt – eine Bezeichnung, die daran erinnert, dass das Gebiet ursprünglich den südlichen Teil des Herzogtums Schleswig bildete.


Abb. 1: Nordschleswig und Südschleswig1

In der deutschen Mehrheit wird der Landesteil als Schleswig bezeichnet, eine Benennung, die im Wesentlichen eine geschichtliche Reminiszenz ist. Südschleswig ist offiziell einsprachig (deutsch),2 was u.a. in den deutschen Orts- und Straßennamen zum Ausdruck kommt. Einige Städte haben aber seit 2000 eine zweisprachige Beschilderung wie Flensborg/Flensburg.

Intern verwendet die dänische Minderheit ihre eigenen dänischen Bezeichnungen, und es besteht ein großer Wunsch nach einer weiterreichenden zweisprachig deutsch-dänischen Beschilderung.3 In Bezug auf die dänische Minderheit wird im Folgenden von Sydslesvig/Südschleswig gesprochen, und die Ortsnamen werden dänisch-deutsch angegeben.

1.2 Demographie und Statistik

Das Gebiet Sydslesvig/Südschleswig umfasst rund 4.000 km2 und hat ungefähr 400.000 Einwohner. Nach eigenen Angaben gehören der dänischen Minderheit zirka 50.000 Personen an, d.h. gut 12,5 Prozent der Gesamtbevölkerung des Gebietes.

Sydslesvig/Südschleswig ist als Gebiet historisch definiert (mit der Eider als südliche Grenze) und bildet innerhalb von Schleswig-Holstein keine selbstständige Verwaltungseinheit. Administrativ ist es in die Kreise Nordfriesland und Schleswig-Flensburg, die kreisfreie Stadt Flensburg und den nördlichen Teil des Kreises Rendsburg-Eckernförde gegliedert. Die dänische Minderheit lebt nicht geschlossen in diesem Gebiet, sondern gemischt mit der Mehrheitsbevölkerung. Da keine offizielle Registrierung der Angehörigen der Minderheit stattfindet, ist es schwierig, sie demographisch genau zu erfassen. Die kulturelle Hauptorganisation der Minderheit, der Sydslesvigsk Forening (SSF; ‚Südschleswigscher Verein‘; vgl. Kap. 3.4), ist in 72 Ortsverbänden (distrikter) und sieben Kreisen (amter) (Stand: Oktober 2019) organisiert und vermittelt einen recht guten Eindruck der Gebiete, in denen die Minderheit vertreten ist (s. Abb. 2). Der SSF umfasst die folgenden Struktureinheiten: die Stadt Flensborg/Flensburg; die Kreise Flensborg/Flensburg Land, Sydtønder/Südtondern, Husum, Gottorp/Gottorf, Ejdersted/Eiderstedt sowie Rendsborg/Rendsburg in einer Einheit mit Egernførde/Eckernförde.


Abb. 2: Sydslesvigsk Forenings amter/Kreise des Südschleswigschen Vereins1

2 Geschichte
2.1 Die historische Entwicklung bis ins frühe 20. Jahrhundert

Ursprünglich ein fester Bestandteil des dänischen Königreiches, wurde Schleswig im Laufe des 13. Jahrhunderts zu einem selbstständigen Herzogtum. Als Lehen war es bis 1864 mit Dänemark verbunden. Schleswig war ein mehrsprachiges Herzogtum, in dem Dänen, Deutsche und Friesen lebten. Als sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch die ideologische Entwicklung des Nationalgedankens auszuwirken begann, führte dies zu Konflikten darüber, ob Reichsdänisch oder Deutsch Kirchensprache, Rechtssprache und Schulsprache in Teilen Südschleswigs sein sollte. In Verbindung mit weiteren Faktoren führte die Entwicklung schließlich zu den Schleswigschen bzw. Dänisch-Deutschen Kriegen von 1848–50 und 1864, die mit der Niederlage Dänemarks endeten; in der Folge fielen 1864 die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an Preußen. Hochdeutsch wurde als Schul- und Verwaltungssprache in ganz Schleswig eingeführt. Kirchensprache war Deutsch in den Gebieten südlich der heutigen Staatsgrenze und teilweise nördlich davon; 22 Gemeinden behielten jedoch Dänisch als Kirchensprache bei.

An Sønderjysk/Südjütisch und Niederdeutsch, die Alltagssprachen im privaten und lokalen Bereich, war jedoch keinerlei nationale Zugehörigkeit geknüpft, und daher unterlagen diese Sprachen keinen nationalideologischen Zuweisungen. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts hatte sich ihre relative Ausbreitung jedoch verändert. Gegenüber Sønderjysk/Südjütisch hatte Niederdeutsch an Verbreitung gewonnen. Die Gründe dafür waren der intensive Handel mit den norddeutschen Städten sowie die Vorbildfunktion der holsteinischen Landwirtschaft, die beide mit der Verwendung von Niederdeutsch einhergingen, aber auch der Umstand, dass Deutsch als Bildungssprache in Schleswig (wie z.T. übrigens auch in Dänemark) eine wichtige Rolle spielte. Südlich der heutigen Staatsgrenze war Sønderjysk/Südjütisch Ende des 19. Jahrhunderts nur noch in einem begrenzten Gebiet in regelmäßigem Gebrauch; nördlich davon war es demgegenüber die dominierende Alltagssprache, und dort fand Niederdeutsch keine Verwendung.

2.2 1920–1945

Nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg wurde im Jahr 1920 die Grenzfrage auf der Grundlage der Prinzipien des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch Volksabstimmung (Artikel V des Prager Friedens von 1866) entschieden. Durch das Abstimmungsergebnis wurde Schleswig geteilt. Der nördliche Teil fiel an Dänemark, der südliche verblieb bei Deutschland.

Bereits vor der Volksabstimmung stellten die Dänen im südlichen Teil Schleswigs eine Minderheit dar. Doch erst nach 1920 begannen sie, sich als Minderheit zu organisieren und das Gebiet als Sydslesvig/Südschleswig zu bezeichnen. Es handelt sich hier um eine nationale Minderheit, d.h. die Angehörigen der Minderheit besitzen eine andere Nationalität als die der umgebenden Mehrheit, und ihre Nationalität stimmt nicht mit ihrer Staatsangehörigkeit überein. Als nationale dänische Minderheit identifizieren sie sich mit Dänemark als Land und mit seiner Sprache und Kultur. Über die Zugehörigkeit zur Minderheit entscheidet jede Person selbst; es findet keine offizielle Erfassung statt; ebenso bestehen keine Zugangsbedingungen.

Dem Status als nationale Minderheit entspricht, dass Dänemark sich bereiterklärte, die dänische Minderheit als zu Dänemark zugehörig anzuerkennen. Die offizielle Anerkennung findet ihren Ausdruck u.a. darin, dass der dänische Staat der dänischen Minderheit in Sydslesvig/Südschleswig seit 1920 eine jährliche Kulturbewilligung für solche Einrichtungen zur Verfügung stellt, in denen der Gebrauch der dänischen Sprache eine zentrale Rolle einnimmt: das dänische Schulwesen, die dänische Kirche, dänische Bibliotheken und verwandte Bereiche. Politische Aktivitäten sollen demgegenüber in privaten Vereinigungen stattfinden, da in diesen Kontexten Deutsch verwendet wird. Diese Aufteilung reflektiert, dass aus der Sicht Dänemarks die Übereinstimmung von Sprache und nationaler Einstellung zentral ist. Die Kulturbewilligung trug wesentlich zum Ausbau des dänischsprachigen Schul- und Vereinswesens bei, was wiederum den Gebrauch der dänischen Sprache unterstützte und verstärkte.

Die Verfassung der Weimarer Republik gab der dänischen Minderheit die Möglichkeit, die dänische Sprache und Kultur zu bewahren; der Besuch einer dänischen Schule setzte allerdings voraus, dass Dänisch die Muttersprache war und dass die Eltern im Gebiet der Minderheit geboren waren. Da jedoch die Muttersprache vieler Angehöriger der Minderheit inzwischen Deutsch war, wurden nur wenige Kinder in die beiden dänischen Kommunalschulen (1.–7. Klasse) in Flensborg/Flensburg aufgenommen. Um dem Bedürfnis der dänischgesinnten, doch deutschsprechenden Eltern, ihre Kinder auf Dänisch beschulen zu lassen, entsprechen zu können, richteten die dänischen Flensburger 1920 den Dansk Skoleforening for Flensborg og Omegn (‚Dänischer Schulverein für Flensburg und Umgebung‘) ein, der die Bewahrung der dänischen Sprache und Kultur zum Ziel hatte. Mit Unterstützung durch Dänemark eröffnete der Schulverein eine Anzahl dänischer Schulen und beteiligte sich an der Einrichtung dänischer Kindergärten. In der Zeit bis 1940 befanden sich in den dänischen Schulen bis zu 915 Schülerinnen und Schüler, und in den Kindergärten wurden bis zu 212 Kinder betreut.

Daneben fand die dänische Sprache seit 1920 Verbreitung durch die Vermittlung dänischer Kultur in Den slesvigske Forening (‚Schleswigscher Verein‘), der sich auch sozial und politisch engagierte. Kulturvermittlung geschah darüber hinaus in verschiedenen anderen Vereinen und Vereinigungen, u.a. in Sportvereinen, die sich als Sydslesvigs danske Ungdomsforeninger (SdU; ‚Südschleswigs dänische Jugendvereine‘) zusammenschlossen.

Die sprachpädagogische Arbeit auf dem Land, außerhalb der Reichweite der städtischen Schulen und Vereine, wurde von Wanderlehrern wahrgenommen. Eine neu eingerichtete Bibliothek in Flensborg/Flensburg spielte eine unterstützende Rolle, und als mobile Bibliotheken, Nebenstellen und Schulbibliotheken folgten, wurden dänische Bücher für alle zugänglich. Die dänischgesinnte Bevölkerung im grenznahen Gebiet hatte zudem die Möglichkeit, den Sender Danmarks Radio zu empfangen und Dänisch zu hören.

Darüber hinaus bestand der Wunsch, Dänisch auch im Gottesdienst zu verwenden, um eine Übereinstimmung zwischen nationaler Zugehörigkeit und Kirchensprache zu erlangen.

In der Zeit des Nationalsozialismus (1933–45) wurden die dänischen Vereine und Schulen zunächst fortgeführt, doch dem Ausdruck dänischer Identität wurde mit politischer Aggression begegnet. Die Mitgliederzahlen der Minderheiten sanken deutlich, und im Zweiten Weltkrieg wurden die Kulturbewilligungen aus Dänemark eingestellt.

2.3 Nach 1945

Nach der deutschen Kapitulation 1945 führte die Suche nach neuen Orientierungen u.a. dazu, dass viele Schleswiger sich der dänischen Minderheit anschlossen; deren Mitgliederzahlen stiegen in dieser Phase etwa um das Zehnfache auf zirka 100.000 Mitglieder. Von ihnen wurde auch die Beherrschung der dänischen Sprache erwartet, um als Dänen akzeptiert zu werden; es sollte eine Übereinstimmung zwischen Gesinnung und Sprache bestehen. Diese Forderung betraf sowohl Erwachsene als auch Kinder. Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen folgte dieser Erwartung mit großem Engagement. Zu diesem Zeitpunkt begann Dänemark auch, die Kulturbewilligungen wieder bereitzustellen.

Nach der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 wurde die dänische Minderheit in der Kieler Erklärung als gleichberechtigt anerkannt.

Die Mitgliederzahl der dänischen Minderheit stieg weiter an. Mit der dänischen Sprache und Kultur waren Erwartungen an eine neue und bessere Zukunft verknüpft, und die Zahl der dänischen Schulen und Kindergärten stieg, um die Nachfrage zu decken. 1950 bestanden 80 Schulen mit insgesamt 13.239 Schülerinnen und Schülern; 1955 waren es 89 Schulen, jedoch war die Schülerzahl auf 7.722 gesunken. Die Zahl der dänischen Kindergärten stieg von 1950 bis 1955 von 13 (446 Kinder) auf 30 (924 Kinder), und eine größere Zahl einsprachig dänischer Lehrkräfte kam nach Südschleswig. Sie waren für den Unterricht monolingual dänischer Kinder ausgebildet; in Südschleswig, wo viele der Schülerinnen und Schüler Dänisch als neue Zweitsprache erwarben, war diese Unterrichtsform gleichbedeutend mit einer standarddänischen Immersion der Zielgruppe.

Im Laufe der 1950er Jahre fiel die Zahl der Minderheitsangehörigen auf zirka 50.000. Als politische Abmachungen traten die Bonn-Kopenhagener-Erklärungen 1955 in Kraft; vier Monate danach wurde die Kieler Erklärung, die damit überflüssig geworden war, außer Kraft gesetzt (vgl. Kap. 3.3).

Wie der Name andeutet, handelt es sich bei den Bonn-Kopenhagener-Erklärungen um eine Erklärung einerseits der Regierung des Königreichs Dänemark in Kopenhagen und andererseits der Regierung der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

In der Bonner Erklärung (1955), welche sich auf die dänische Minderheit in Deutschland bezieht, wird festgesetzt, dass es jeder Person freisteht, sich als zur dänischen Minderheit zugehörig zu erklären, und dass diese Entscheidung keiner amtlichen Einmischung unterliegt.

In Artikel 5 der schleswig-holsteinischen Verfassung von 1990 ist weiterhin festgelegt, dass nationale Minderheiten und Volksgruppen ein Anrecht darauf haben, geschützt und in ihren Anliegen unterstützt zu werden. Die Zusicherung hat jedoch nicht dazu geführt, dass Dänisch und Friesisch in Schleswig-Holstein als offizielle Sprachen anerkannt wurden; diesen Status hat aktuell nur Deutsch, das nach §82a Landesverwaltungsgesetz Schleswig-Holstein (LVwG SH) Amtssprache in Schleswig-Holstein ist.1 2016 wurde das LVwG SH um §82b ergänzt, der die Verwendung von Regional- und Minderheitensprachen vor Behörden regelt (vgl. auch Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein 2017: 9; 59). Seitdem können im Gebiet der dänischen Minderheit Schriftstücke jeglicher Art auf Dänisch vorgelegt werden; sollte eine Übersetzung ins Deutsche notwendig werden, trägt die Behörde die Kosten (§82b Abs. 4 LVwG SH). Zum mündlichen Gebrauch des Dänischen heißt es:

Verwendet eine Bürgerin oder ein Bürger im Verkehr mit den Behörden eine der Sprachen gemäß Satz 1 oder Satz 2 [d.h., Niederdeutsch, Friesisch oder Dänisch (Erg. d. Verf.)], können diese Behörden gegenüber dieser Bürgerin oder diesem Bürger ebenfalls die gleiche Sprache verwenden, sofern durch das Verwaltungshandeln nicht die Rechte Dritter oder die Handlungsfähigkeit von anderen Trägern der öffentlichen Verwaltung beeinträchtigt wird. (Auszug aus §82b LVwG SH, in dieser Fassung gültig seit 26.10.2018)2

Die Kann-Regelung bringt zum Ausdruck, dass kein Anspruch darauf besteht, in der entsprechenden Minderheitensprache auch angesprochen zu werden (vgl. Kap. 3.3).

Deutsch, die offizielle Sprache, ist größtenteils auch die Muttersprache bzw. Erstsprache der dänischen Minderheit. Diese Entwicklung ist Folge eines bereits langandauernden Sprachwechsels von Dänisch zu Deutsch als dominanter Sprache in der gesamten südschleswigschen Bevölkerung. Ausgehend von den städtischen Gebieten setzte sich dieser Sprachwechsel auch in der ländlichen Bevölkerung durch. Eine deutsche Sprachzählung in Flensborg/Flensburg von 1905 zeigte, dass zu diesem Zeitpunkt nur (noch) 6,6 Prozent der dortigen Bevölkerung dänischsprachig war. Obgleich viele Kinder und Jugendliche mit Deutsch als Erstsprache nach 1920 zweisprachig wurden, da sie Dänisch in Schulen und Vereinen erwarben, hatte das keinen Einfluss darauf, dass Deutsch weiterhin die Familiensprache war. Eine Volkszählung von 1933 ergab, dass in Flensburg und Mittelschleswig 2.826 Personen dänischsprachig und 1.301 Personen bilingual Dänisch-Deutsch waren. Hinzu kamen vermutlich zirka 600 dänischsprachige Ausländer, so dass von etwa 5.000 Personen mit Dänisch als Muttersprache ausgegangen werden kann.3

Während zur Zeit der Weimarer Republik dänische Sprachkenntnisse als ein wesentliches Merkmal der Zugehörigkeit zur Minderheit gesehen wurden (Rasmussen 2011: 91f.), muss Dänisch spätestens seit der Bonner Erklärung nicht mehr Familien- oder Erstsprache sein, damit man der dänischen Minderheit angehören kann. Auch die Mitgliedschaft in einer dänischen Vereinigung ist nicht notwendig. Die Zugehörigkeit zur dänischen Minderheit ist ausschließlich eine Frage der eigenen Entscheidung. Wer sich als zugehörig wahrnimmt, ist Mitglied; wer sich gegen die Zugehörigkeit entscheidet, ist Teil der Mehrheitsgesellschaft.

Nach Kühl (1994: 56ff.) lässt sich die Minderheit mithilfe von konzentrischen Kreisen beschreiben, in deren Mitte sich Dänisch befindet. Im innersten Kreis sind Angehörige der Minderheit anzusetzen, deren Wurzeln in die Zeit vor den Weltkriegen zurückreichen. Im zweiten Kreis befinden sich Dänen, die im 20. Jahrhundert von Dänemark nach Südschleswig zugezogen sind, und ihre Nachkommen. Der dritte Kreis umfasst Familien, die nach dem Zweiten Weltkrieg per Erklärung ihre nationale Zugehörigkeit wechselten und Angehörige der Minderheit wurden. Der vierte und äußerste Kreis bildet den Rahmen um diejenigen, deren Zugehörigkeit zur Minderheit als lose und vor allem als situationsbezogen beschrieben werden kann, zum Beispiel durch die mehrjährige Mitgliedschaft in einem dänischen Sportverein oder durch die Inanspruchnahme dänischer Beschulung oder Kindergartenbetreuung.

3 Rolle und Präsenz der Minderheitensprache in Bezug auf Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung

Die sprachbezogenen Rechte, welche bereits die Bonner Erklärung von 1955 der Minderheit zusichert, finden sich in der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen von 1992 wieder; Deutschland ratifizierte diese Charta 1998. Daran anschließend legte die Landesregierung in Kiel 2003 fest, auf welche Weise die Sprachencharta umgesetzt werden sollte. Von amtlicher Seite aus wurden seit 2008 zweisprachige Ortsschilder installiert, und in öffentlichen Verwaltungsräumen und Büros wurden Kennzeichnungen eingeführt, welche auf die sprachlichen Kompetenzen der Mitarbeitenden hinweisen, wie zum Beispiel Dänisch (vgl. oben und Kap. 3.3).1 Desweiteren wurden in verschiedenen Gemeinden Hinweise (Wegweiser u.ä.) zu dänischen Institutionen angebracht (vgl. auch Kap. 7).

Die Rahmenkonvention des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten von 1995 wurde 1997 von Deutschland ratifiziert; sie hat ebenfalls Gültigkeit für die dänische Minderheit.

Diese beiden internationalen Garantien wurden 2010 aktiv von der dänischen Minderheit genutzt. Zu diesem Zeitpunkt wollte die schleswig-holsteinische Landesregierung die Förderung der Schülerinnen und Schüler der Minderheit von 100 Prozent auf 85 Prozent der durchschnittlichen Landesschülerkostensätze kürzen. Nach zahlreichen Verhandlungen von dänischer Seite mit Land und Bund beschloss das Bundesinnenministerium für 2011 und 2012 eine Sonderzuwendung an den Dansk Skoleforening for Sydslesvig als Kompensation für die gekürzten 15 Prozent. Nach den Landtagswahlen von 2012 erkannte die Landesregierung in einer Koalitionsabsprache zwischen der SPD, den Grünen/Bündnis90 und der Minderheitenpartei SSW an, dass die Schulen der Dansk Skoleforening die öffentlichen Schulen der dänischen Minderheit sind; daher wurden die Kostensätze ab 2013 wieder auf 100 Prozent angehoben.

Ein Expertenkommittee der deutschen UNESCO-Kommission setzte 2018 das Zusammenleben zwischen Minderheit und Mehrheit im dänisch-deutschen Grenzgebiet auf die Liste zur Anerkennung als immaterielles Kulturerbe, nachdem vom SSF und dem Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) gemeinsam ein entsprechender Antrag gestellt worden war.2 Im nächsten Schritt wurde am 31. März 2020 ein Nominierungsdossier der dänischen und der deutschen Regierung an die UNESCO weitergeleitet, mit dem die Aufnahme in das internationale UNESCO-Register beantragt wird. Eine ensprechende Entscheidung des Zwischenstaatlichen Ausschusses zum Immateriellen Kulturerbe wird Ende 2021 erwartet.3

3.1 Wirtschaftliche Situation

Die Minderheit verfügt über keine ausgebaute wirtschaftliche Infrastruktur. Sie hat ihren eigenen Dienstleistungssektor in Verbindung mit der Verwaltung und dem Betrieb ihrer Vereine und Organisationen. Die dort Beschäftigten umfassen Verwaltungsangestellte, Lehrkräfte, Erzieher und Erzieherinnen, Pfarrerinnen und Pfarrer, Bibliothekare und Bibliothekarinnen, Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenpflegekräfte. Dazu kommt eine Reihe von Freiwilligen innerhalb der Vereine, die ehrenamtlich arbeiten.

3.1.1 Finanzielle Ausstattung

Dänemark bewilligt der dänischen Minderheit, vertreten durch eine Reihe von Vereinen und Einrichtungen 1 eine staatliche Förderung von jährlich zirka 650 Millionen Kronen (ca. 87 Mio. Euro)2. Etwa zwei Drittel des Haushalts der Minderheit sind damit abgedeckt. Die übrigen Mittel bestehen aus Zuschüssen des deutschen Staates und aus Mitgliederbeiträgen zu den Vereinen. Die staatlichen Zuschüsse aus Dänemark für die Minderheit südlich der Grenze werden vom Sydslesvigudvalget (‚Südschleswig-Ausschuss‘) verwaltet und verteilt. Dieser Ausschuss besteht aus fünf Mitgliedern; er wird vom Folketing (dem dänischen Parlament) ernannt, und seine Zusammensetzung richtet sich nach den Zahlenverhältnissen des Folketing.

3.2 Politische Situation

Die politische Partei der dänischen Minderheit ist der Sydslesvigs Vælgerforening/Südschleswigsche Wählerverband (SSW), der auch die Minderheit der Friesen vertritt. Der SSW wurde 1948 als politischer Repräsentant für die dänische Minderheit gegründet und ist seitdem im schleswig-holsteinischen Landtag vertreten, mit Ausnahme der Wahlperiode 1954–1958.1 Der SSW ist von der Fünf-Prozent-Hürde ausgenommen.

Zur Finanzierung des SSW leistet der dänische Staat mit zirka 80 Prozent den größten Beitrag, während der öffentliche Zuschuss aus Deutschland etwa 13 Prozent ausmacht.2

Seit den 1970er Jahren übt der SSW erfolgreich seinen Einfluss als regionale Minderheitspartei aus und prägt die politische Entwicklung in Schleswig-Holstein mit, besonders in der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Bildungspolitik sowie der dänisch-deutschen Zusammenarbeit. Zentrales Anliegen des SSW ist es, im Sinne der Minderheiten zugunsten der dänischen und friesischen Sprache und Kultur zu arbeiten.

Der SSW ist in Ortsverbänden, Kreisverbänden und dem Landesverband organisiert.3

An höchster Stelle in der Parteiorganisation steht der Landesvorstand (mit sieben Mitgliedern). Er wird vom Landesparteitag gewählt, dem obersten Organ des Landesverbandes und der Partei. Der Landesparteitag tritt i.d.R. einmal jährlich zusammen. Er setzt sich zusammen aus Delegierten der Orts- und Kreisverbände, den Landtagsabgeordneten, dem SSW-Landesvorstand und Mitgliedern des Landesverbandes Jugend sowie ggf. Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Holstein-Hamburg. Der Landesverband besteht aus dem Zusammenschluss der vier Kreisverbände Flensborg by/Flensburg-Stadt, Slesvig-Flensborg amt/Kreis Schleswig-Flensburg, Nordfrisland amt/Kreis Nordfriesland (mit Helgoland) und Rendsborg-Egernførde amt/Kreis Rendsburg-Eckernförde (mit Kiel). Die Kreisverbände wiederum konstituieren sich aus den insgesamt 70 Ortsverbänden.

Bei der Landtagswahl 2012 erhielt der SSW 4,6 Prozent der Stimmen, das höchste Ergebnis seit 1950. Dadurch gewann er drei Landtagsmandate und kam zusammen mit der SPD und dem Bündnis90/Die Grünen mit einem Ministerposten in die Regierung. 2017 erhielt der SSW 3,3 Prozent der Stimmen und drei Mandate,4 kam jedoch nicht in die Regierung, die nun aus der CDU, dem Bündnis90/Die Grünen und der FDP bestand.

Bei der Kommunalwahl 2018 erhielt der SSW 25.954 Stimmen, d.h. 2,3 Prozent im gesamten Schleswig-Holstein.5 Dabei ist zu beachten, dass der SSW nur im Landesteil Schleswig zur Wahl antrat. Das Ergebnis entsprach einem geringfügigen Rückgang im Vergleich zu dem Ergebnis der Wahl im Jahr 2013, das bei 2,9 Prozent lag. Besonders in Flensborg/Flensburg erhielt der SSW 2018 einen hohen Stimmenanteil von knapp 18 Prozent.6

Auf seiner Homepage weist der SSW darauf hin, dass er „[a]uf die Zahl der Mitglieder bezogen […] mit seinen rund 3.600 Mitgliedern die drittstärkste Partei in Scheswig-Holstein [ist]“.7

3.3 Rechtliche Stellung
3.3.1 Kieler Erklärung 1949

1949 stimmte der Landtag in Kiel einstimmig einer Erklärung zu, die festlegte, dass das Bekenntnis zum dänischen Volkstum und zur dänischen Kultur frei ist. Wesentliches Element war, dass die dänische Minderheit alle demokratischen Rechte des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland genießt.

3.3.2 Bonner Erklärung 1955

Die Bonner Erklärung für die dänische Minderheit von 1955 ist eine parallele Erklärung zur Kopenhagener Erklärung für die deutsche Minderheit in Dänemark. Mit den fast gleichlautenden, jeweils unilateralen Bonn-Kopenhagener-Erklärungen wurden beide Minderheiten in gleicher Weise anerkannt. Die Erklärungen garantieren den Minderheiten ihre allgemeinen Rechte und die formelle Gleichberechtigung, eine subjektive Definition des Nationalitätsprinzips wurde festgestellt, und der Gebrauch der dänischen Sprache von den Angehörigen der dänischen Minderheit ist in der Bonner Erklärung garantiert. Wörtlich heißt es:

Artikel II Absatz 1: Das Bekenntnis zum dänischen Volkstum und zur dänischen Kultur ist frei und darf von Amts wegen nicht bestritten oder nachgeprüft werden.

Artikel II Absatz 2: Angehörige der dänischen Minderheit und ihre Organisationen dürfen im Gebrauch der gewünschten Sprache in Wort und Schrift nicht behindert werden.

Der Gebrauch der dänischen Sprache vor den Gerichten und Verwaltungsbehörden bestimmt sich nach den diesbezüglichen gesetzlichen Vorschriften.1

Die Erklärung macht keine Aussage darüber, ob die Minderheitensprache die Muttersprache der Mitglieder oder Ausdruck der Zugehörigkeit zu dem Staat ist, dem sich die Minderheit verbunden fühlt. Es heißt dort lediglich, dass die Mitglieder der dänischen Minderheit und ihre Organisationen nicht daran gehindert werden dürfen, die Sprache ihrer Wahl zu sprechen und zu schreiben. Es wird jedoch hinzugefügt, dass die Verwendung der Minderheitensprache „vor den Gerichten und Verwaltungsbehörden […] sich nach den diesbezüglichen gesetzlichen Vorschriften [bestimmt]“ (Art. II. Abs. 2, s.o.). Das bedeutet, dass die Sprachwahl und der Sprachgebrauch frei bestimmt werden können, dass jedoch die Gesetzgebung Deutsch als Amtssprache in bestimmten Situationen vorschreiben kann.

Die Verwendung der Formulierung „die gewünschte Sprache“ anstelle von „die Minderheitensprache“ macht den Absatz interpretierbar. Aus heutiger Sicht bestand jedoch 1955 kein Zweifel daran, dass die Absicht der Erklärung zur Sprachverwendung darin bestand, den Mitgliedern der Minderheit die Wahl der Minderheitensprache zu gewähren. Zu dieser Zeit waren Sprachpolitik und Sprachplanung in den meisten europäischen Nationalstaaten von der Idee des Sprachnationalismus dominiert. Ihr zufolge sind nationale Identität und nationale Sprache naturgemäß und untrennbar miteinander verbunden. Die Nationalsprache gilt in diesem Konzept als Ausdruck der Solidarität des Volkes sowie der Einheit der Nation und ist das Bindeglied zwischen den nationalen Minderheiten und dem Staat, dem sie sich verbunden fühlen. Demgegenüber beinhaltet die Idee des Sprachpluralismus ein Konzept von Mehrsprachigkeit und sprachlicher Vielfalt und akzeptiert, dass jede Sprache oder jeder Dialekt eine Reihe von Bereichen hat, in denen ihr bzw. ihm ein hoher Stellenwert zukommt. Wenn der Wortlaut der Kopenhagener Erklärung, „die gewünschte Sprache“, sprachpluralistisch interpretiert wird, könnten die dänischen Minderheitsmitglieder – bis auf wenige Ausnahmen – Dänisch bzw. Sydslesvigdansk oder den dänischen Dialekt Sønderjysk oder Deutsch und Niederdeutsch verwenden. Im täglichen Leben zeigt sich ein Sprachverhalten, das diesen Sprachpluralismus widerspiegelt. Einige ältere Mitglieder der Minderheit interpretieren den Wortlaut jedoch eher sprachnationalistisch und plädieren für die alleinige Verwendung der Minderheitensprache Dänisch. Das Nebeneinander dieser beiden Konzepte führt zu einer anhaltenden Sprachdebatte.

3.3.3 Der Minderheitenartikel in der Landesverfassung von 1990

Die Landesverfassung von 1990 baute in Artikel 5 die Kieler Erklärung von 1949 aus und legte fest, dass die nationale dänische Minderheit und die friesische Volksgruppe Anspruch auf Schutz und Förderung haben.

3.3.4 Der Minderheitenschutz des Europarates

Die Bonner Erklärung ist kein völkerrechtlich bindendes Dokument. Erst einige Jahrzehnte später hat Deutschland zwei Abkommen ratifiziert, die völkerrechtliche Bindung haben und die dänische Minderheit erfassen: das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten (Rahmenkonvention) im Jahre 1992 (ratifiziert 1998)1 und die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (Sprachencharta) von 1995 (ratifiziert 1997). Die Rahmenkonvention bestätigt die Rechte, die der dänischen Minderheit in der Bonner Erklärung bereits zugesichert worden waren: die Zugehörigkeit zur Minderheit ist frei; Angehörige einer nationalen Minderheit haben das Recht, sich zu versammeln und sich frei zusammenzuschließen; sie haben Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit sowie Zugang zu den Medien.

Diese generellen Rechte werden in der dänischen Minderheit nicht so oft diskutiert wie die Sprachencharta, welche die Regionalsprachen oder Minderheitensprachen schützt und fördert. Die Charta bestätigt die bereits in der Bonner Erklärung verankerten Rechte.

Sie enthält Pflichten für die Staaten, aber keine Rechte für Einzelpersonen oder Personengruppen. Daher können die Mitglieder der Minderheit nicht das Recht geltend machen, innerhalb der Behörden der Mehrheitsgesellschaft und vor Gericht in dänischer Sprache verstanden und angesprochen zu werden. Der Staat hat jedoch die Pflicht, sich darum zu bemühen, Wünschen zur Verwendung der dänischen Sprache nachzukommen.

3.3.5 Offizielle Sprachregelungen

2016 erließ der Landtag auf Initiative des SSW eine Ergänzung zum LVwG SH, das festlegte, dass Dänisch in Südschleswig (in den Kreisen Nordfriesland und Schleswig-Flensburg, in den kreisfreien Städten Flensburg und Kiel sowie im Kreis Rendsburg-Eckernförde) im Kontakt mit den Behörden verwendet werden darf (s. 2.3). Dieser Schritt geht über die Bonner Erklärung hinaus; er reflektiert die Wünsche der Minderheit an den Sachverständigenausschuss der Sprachencharta, der die Sprachsituation der Minderheit ausgestaltet.

3.4 Kulturelle Institutionen, Medien und Literatur

Die kulturellen Institutionen und Organisationen der dänischen Minderheit sind gemeinnützige Vereine; sie sind im deutschen Vereinsregister eingetragen und daher von der Steuerpflicht in Bezug auf zum Beispiel Zuwendungen aus Dänemark befreit. Die kulturellen Hauptorganisationen der Minderheit sind der SSF und der SdU, der als Zusammenschluss diverser sport- und freizeitorientierter Vereine für Kinder und Jugendliche die Dachorganisation der dänischen Sport- und Jugendvereine in Südschleswig bildet. Kindergärten, Grund- und Gesamtschulen sowie Gymnasien sind dem Dansk Skoleforening for Sydslesvig (‚Dänischer Schulverein Südschleswig‘) untergeordnet, und die Dansk Kirke i Sydslesvig (‚Dänische Kirche in Südschleswig‘) gilt organisatorisch ebenfalls als ein Verein. Das trifft auch auf den Dansk Sundhedstjeneste (‚Dänischer Gesundheitsdienst‘) zu, der das Sozial- und Gesundheitswesen der Minderheit konstitutiert, und die Dansk Centralbibliotek for Sydslevig (‚Dänische Zentralbibliothek Südschleswig‘). Hinzu kommt der SSW, die politische Partei der Minderheit, die bereits in Kapitel 3.2 behandelt wurde. Die Minderheit als Ganzes besitzt keine Dachorganisation, doch die genannten Vereine sind in Det sydslesvigske Samråd (gemeinsamer Rat der dänischen und friesischen Minderheitenorganisationen) repräsentiert, dessen Aufgabe es ist, die Aktivitäten der Vereine zu koordinieren und ein Diskussionsforum für Fragen, die von allgemeinem Interesse für die Minderheit sind, zu bieten. Er hat jedoch keine selbstständigen Entscheidungsbefugnisse, sondern ist nur beratendes Gremium (vgl. Ewer 2006).

3.4.1 Sydslesvigsk Forening (SSF; ,Südschleswigscher Verein‘)

Der SSF ist die kulturelle Hauptorganisation der dänischen Minderheit. Ziel des SSF ist es, die dänische Sprache zu fördern, die dänische und nordische Kultur zu bewahren und zu unterstützen, das Verständnis für die schleswigsche Heimat und deren Eigenart zu vertiefen sowie die Verbindung mit Dänemark, dem Norden und den dänischen Schleswigern außerhalb Südschleswigs zu pflegen. Auf der einen Seite ist der SSF als Kulturträger verantwortlich für Kulturangebote, zum Beispiel in Form von klassischer und moderner Musik, zeitgemäßem Theater, Kindertheater und Ballett, sowie auch für kulturelle Kontakte zwischen Südschleswig und Dänemark. Andererseits betreibt der SSF kultur- und minderheitenpolitische Interessenwahrnehmung. Er arbeitet im Koordinationsausschuss DialogForumNorden (DFN) mit, ist Mitglied in der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV), dem European Bureau for Lesser Used Languages (EBLUL)1 und ist Förderer des Nordisk Informationskontor i Sønderjylland/Sydslesvig (‚Nordisches Informationsbüro in Südjütland/Südschleswig‘).

Obwohl die Förderung der dänische Sprache zu den Zielen des SSF gehört, handelt es sich bei dem Verein nicht um eine Sprachbewegung, sondern um eine allgemein kulturelle Vereinigung. Eine dezidierte Sprachbewegung stellt dagegen Sprogforeningen i Sydslesvig (‚Sprachverein in Südschleswig‘) dar, einer der gut 20 Vereine, die dem SSF angeschlossen sind. Dessen vorrangiges Ziel ist es, die dänische Sprache und ihre Verwendung zu fördern. Seit seinem Bestehen ist der Sprogforeningen in laufenden Sprachdebatten zwar nicht mit Artikeln und Leserbriefen in Erscheinung getreten, veranstaltet jedoch Vortragsabende für seine Mitglieder und publiziert, neben Büchern und Liedern, Plakate mit der Aufforderung, Dänisch zu verwenden. Im Januar 2019 hatte der Verein 667 Mitglieder in Deutschland und weitere 920 Mitglieder in Dänemark.2

Neben der Bereitstellung eines breiten Spektrums an kulturellen Angeboten in den 72 Ortsverbänden (Stand: Oktober 2019) betätigt sich der SSF – zusammen mit der politischen Partei der Minderheit, dem SSW – aktiv im Bereich der Minderheitenpolitik. Der SSF betreibt 40 Versammlungshäuser, das Danevirke-Museum (bei Schleswig) und das Schullandheim Skipperhuset in Tønning/Tönning.

Der SSF betrachtet die Mitarbeit und Zusammenarbeit mit anderen europäischen Minderheiten als einen unverzichtbaren Aufgabenbereich. In Zusammenarbeit mit den anderen drei autochthonen nationalen Minderheiten in der Bundesrepublik, den Friesen, den deutschen Sinti und Roma und den Lausitzer Sorben, verfügen die vier Minderheiten seit 2003 über ein Minderheitensekretariat in Berlin mit einer Halbtagsstelle. Das Sekretariat wird vom Bundesministerium des Innern finanziert und trägt mit dazu bei, die Kontakte zum Deutschen Bundestag zu pflegen. 2019 war der Vorsitzende des SSF, Jon Hardon Hansen, Vorsitzender des Minderheitenrates im Sekretariat.3 In Dänemark hat der SSF ein Außenreferat mit Büro im Folketing, dem dänischen Parlament und Sitz der dänischen Regierung.4

Zusammenfassend stellt der SSF folgende Strukturen zu Verfügung:

Verbandsstruktur:

 16.000 Mitglieder in zirka 70 Ortsverbänden (distrikter), zusätzlich zirka 23 angeschlossene Vereine mit 13.000 Mitgliedern

 sieben Kreisverbände (amter) inkl. Friisk Foriining (Nordfriesischer Verein, 600 Mitglieder) mit jeweils eigenen Sekretariaten, zusätzlich ein dänisches Generalsekretariat im Kreisverband Flensborg amt/Kreisverband Flensburg-Stadt

 Außenreferat (mit Büro im Folketing in Kopenhagen)

Kulturelle und soziale Einrichtungen:

 40 Versammlungshäuser plus Seniorenwohnanlagen; Danevirke Museum (Museum am Dannewerk); das Schullandheim Skipperhuset in Tønning/Tönning.

 Dansk Generalsekretariat (Dänisches Generalsekretariat) u.a. mit Kulturabteilung (ca. 100 öffentliche Veranstaltungen jährlich mit weit über 15.000 Teilnehmern, jeweils im Mai/Juni traditionelle Jahrestreffen (Årsmøder) mit über 40 Veranstaltungen und zirka 20.000 Teilnehmern)

Medien:

 Pressedienst, Mitgliedszeitung KONTAKT als wöchentliche Beilage der Tageszeitung Flensborg Avis (zusätzliche Auflage: 10.000 Exemplare), Layoutabteilung, Zentralkartei (mit 36.000 Adressen).

3.4.2 Sydslesvigs danske Ungdomsforeninger (SdU; ‚Südschleswigs dänische Jugendvereine’)

Der SdU ist ein Dachverband für 69 Vereine mit 12.000 Mitgliedern im Bereich des Sports und der kulturellen und institutionellen Kinder- und Jugendarbeit. Angeschlossen sind drei Landesverbände: Dansk Spejderkorps for Sydslesvig (DSS; ‚dänische Pfadfinder für Südschleswig‘), Frivilligt Drenge- og Pige-Forbund Sydslesvig (FDF Sydslesvig; christliche Pfadfinder) und Menighedernes Børne- og Ungdomsarbejde (MBU; Kinder- und Jugendarbeit der dänischen Kirchen in Südschleswig). Der SdU betreibt zwölf Freizeitheime mit Jugendclubs, das Aktivitetshuset in Flensborg/Flensburg (ein Projekt- und Kulturhaus zur Förderung der dänischen Kunst- und Kulturentwicklung in der Grenzregion) und das Tagungszentrum und Schullandheim Christianslyst (bei Slesvig/Schleswig). Hinzu kommen Sporthallen, Sportplätze, Bootshäuser und Clubheime.

Ziel des SdU ist es, die dänische Jugendarbeit in Südschleswig zu fördern. Seine Werte basieren auf einem humanistischen Menschenbild und demokratischer Verantwortlichkeit. Besonderes Gewicht wird auf die dänische Sprache und Kultur, auf Gemeinschaft und Entwicklung gelegt. Die Organisation verfolgt eine explizite Sprachpolitik, die jedoch nur als Orientierung dienen kann, da die einzelnen Vereine selbstständig sind. Der SdU befürwortet die Verwendung des Dänischen auf allen administrativen und Leitungsebenen, sowohl mündlich als auch schriftlich, in Training und Unterricht ebenso wie in den Vereinsmitteilungen; es ist erwünscht, dass die einzelnen Vereine die dänische Sprache und ihre Verwendung aktiv unterstützen. Zum SdU gehört u.a. der größte Sportverein der dänischen Minderheit, der Dansk Gymnastikforening Flensborg (DGF; ‚Dänischer Gymnastikverein Flensburg‘). Sein Vorsitzender sprach sich ebenfalls dafür aus, dass die Vereine eine konkrete Sprachpolitik verfolgen sollten; so wies er 2017 explizit auf die Initiativen des DGF hin:

Vi har blandt andet lavet en brochure på dansk og på tysk. Den giver vi til de nye medlemmer. Vi har forsøgt at finde trænere fra de danske skoler, og vi har gjort meget ud af, at vores spillested omtales som Idrætsparken – og ikke som DGF-Sportpark. Lige nu er vi i gang med at lave vores hjemmeside tosproget.1

Diese Positionierung zeigt das Bemühen des DGF, die Minderheitssprache Dänisch durch Zweisprachigkeit zu verankern, nachdem der Verein in den vergangenen Jahren für seine extensive Verwendung des Deutschen kritisiert worden war. Diese ergab sich durch einen hohen Anteil deutscher Mitglieder im Mannschaftssport, wo die Zahl der Minderheitsmitglieder nicht ausreichte, um die erforderlichen Mannschaftsgrößen zu erreichen.

Intern verfolgen der SSF, der SdU und der Dansk Skoleforening eine gemeinsame Sprachpolitik, jedoch gibt es keine offiziell übereinstimmende Sprachregelung in der Minderheit. Bei einem Treffen des Sydslesvigske Samråd (gemeinsamer Rat der dänischen und friesischen Minderheitenorganisationen) im Jahr 2018 wurde der Vorschlag des SSF, eine gemeinsame Sprachpolitik einzuführen, abgelehnt.

3.4.3 Dansk Skoleforening for Sydslesvig (‚Dänischer Schulverein für Südschleswig’)

Der Dansk Skoleforening for Sydslesvig (‚Dänische Schulverein für Südschleswig‘) betreibt ein staatlich anerkanntes Schulsystem in freier Trägerschaft und nimmt eine öffentliche Aufgabe wahr. Die Finanzierung erfolgt aus Mitteln des Landes Schleswig-Holstein, der Landkreise und Gemeinden, des dänischen Staates und aus Elternbeiträgen in Kindertagesstätten. Für den Schulbesuch werden keine separaten Kosten erhoben.

Die Schulen unterliegen dem deutschen Schulrecht, d.h. konkret dem schleswig-holsteinischen Schulgesetz; es besteht eine Vollzeitschulpflicht von neun Jahren.1 Die Schulen folgen der schleswig-holsteinischen Schulstruktur mit Grundschule (1.–4. Klasse), Gemeinschaftsschule (5.–9./10. Klasse) und der anschließenden Möglichkeit, ein Gymnasium zu besuchen (11.–13. Klasse).2

Der Schulverein unterhält 57 Betreuungsangebote und 43 Schulen, die über ganz Südschleswig verteilt liegen. Zwei der Schulen haben eine gymnasiale Oberstufe (Duborg-Skolen in Flensborg/Flensburg und A.P. Møller Skolen in Slesvig/Schleswig). Weiterhin betreibt er das Center for Undervisningsmidler (die Lehrmittelzentrale), Pædagogisk-Psykologisk Rådgivning (eine pädagogisch-psychologische Beratungsstelle) und den Voksenundervisningsnævnet (‚Ausschuss für die dänische Erwachsenenbildung in Südschleswig‘). Hinzu kommen die Jaruplund Højskole (eine Einrichtung der Erwachsenenbildung) und das Ungdomskollegiet (ein dänisches Schülerwohnheim) in Flensborg/Flensburg sowie in Dänemark eine Ferieneinrichtung und zwei Schullandheime.

Im Jahr 2018 hatte der Schulverein mehr als 1.500 Beschäftigte und verfügte über einen Etat von zirka 120 Millionen Euro. Davon trug Dänemark einen Anteil von 55,3 Millionen Euro, 37,5 Millionen Euro wurden vom Land Schleswig-Holstein gezahlt, und 17,2 Millionen Euro kamen von den Landkreisen und Gemeinden. Hinzu kommen die Elternbeiträge für Kinderbetreuung.

Im selben Jahr wurden in den Tageseinrichtungen 2.487 Kinder betreut. Der Schulbesuch war 2018 wie folgt: 5.010 Kinder besuchten die Klassen eins bis zehn, 647 Kinder besuchten das Gymnasium (11.–13. Klasse), und 837 Kinder nutzten die Hortbetreuung.3

Die Gremien des Dansk Skoleforening umfassen die Gesamtvertretung, den Vorstand, die Direktion und die Schul- und Kindertagesstättenkonferenzen. Gesamtvertretung und Vorstand sind die leitenden Gremien des Dansk Skoleforening; sie werden von den Mitgliedern gewählt, und die Gesamtvertretung entscheidet über die Satzung, die Ziele und den Betriebshaushalt des Vereins. Der Vorstand bildet die politische Leitung und vertritt die Interessen des Schulvereins; er kontrolliert auch die Arbeit der Direktion. Die Direktion ist verantwortlich für die Verwaltungsleitung und die Geschäftsführung sowie für die Umsetzung der Beschlüsse der Gesamtvertretung. Schul- und Kindertagesstättenkonferenzen stellen die lokalen Entscheidungsgremien an den einzelnen Institutionen dar.4

Die Aufnahme eines Kindes in eine der Kindertagesstätten oder Schulen des Dansk Skoleforening setzt die Mitgliedschaft mindestens eines Elternteils oder Erziehungsberechtigten im Verein voraus. Diese Mitgliedschaft beinhaltet das Bekenntnis zur dänischen Minderheit; die Mitglieder erklären sich damit einverstanden, dass die Sprache im Verein und in seinen Einrichtungen Dänisch ist und dass sie sich bemühen werden, die dänische Sprache verstehen und sprechen zu lernen, sofern sie es nicht bereits können. Erwartet wird auch, dass für alle Kinder der Mitglieder eine dänische Kindertagesstätte bzw. eine dänische Schule gewählt wird.5

Der Kernauftrag des Dansk Skoleforening ist es, nach den Grundsätzen dänischer Pädagogik Kindern und Jugendlichen der dänischen Minderheit Lernen und Bildung sowie Entfaltung und Entwicklung zu ermöglichen. Die Kindertagesstätten und Schulen unterrichten und fördern dänische Sprache und Kultur, wobei Dänisch als Unterrichts- und Kommunikationssprache dient. Sie vermitteln das Bewusstsein, Teil einer dänischen Gemeinschaft zu sein, doch sie bereiten die Kinder dabei gleichzeitig auf ein Leben in einem deutschen Alltag vor. Dabei wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Minderheit keine wertneutralen Sprachschulen betreibt.6 Die Schulabschlüsse sind sowohl in Dänemark als auch in Deutschland voll anerkannt.7

3.4.4 Dansk Kirke i Sydslesvig/Die dänische Kirche in Südschleswig

Das dänische evangelisch-lutherische Kirchenleben in Südschleswig findet innerhalb des Rahmens der Dansk Kirke i Sydslesvig (‚Dänische Kirche in Südschleswig‘) statt. Organisatorisch ist die Dansk Kirke i Sydslesvig ein Verein; die 6.000 Mitglieder zahlen einen Vereinsbeitrag von 14 Euro pro Jahr (Stand: 2019) und können in den Gemeinderat gewählt werden. In Sydslesvig/Südschleswig gibt es 27 Gemeinden mit 22 Pastoraten und zirka 60 Filialgemeinden (prædikesteder).1 Der Kirkedagen (‚Kirchentag‘), bestehend aus Gemeinderatsmitgliedern und PfarrerInnen, ist das oberste Aufsichtsorgan, während ein Kirkeråd (‚Kirchenrat‘) die Arbeit begleitet. Er besteht aus zehn Mitgliedern und dem Probst. Die administrative Leitung liegt beim Kirchenbüro und seinem/r Geschäftsführer/in. Die Kirche wird vom dänischen Staat, der deutschen Nordkirche und den Mitgliedern finanziert, die Pfarrerinnen und Pfarrer werden in Dänemark ausgebildet. Für einen Amtsantritt in Südschleswig wird im Bedarfsfall ein Intensivsprachkurs für Deutsch angeboten.2

Wie bei anderen Vereinigungen in Südschleswig sind Dänischkenntnisse auch hier keine Voraussetzung für die Aufnahme als Gemeindemitglied. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer verwenden daher im Gottesdienst sowohl Dänisch als auch Deutsch in dem Umfang, in dem es ihnen in Bezug auf ihre Gemeinde sinnvoll und passend erscheint. Ein zweisprachiges dänisch-deutsches Gesangbuch steht ebenfalls zur Verfügung.3

3.4.5 Dansk Sundhedstjeneste (‚Dänischer Gesundheitsdienst‘)

Der Dansk Sundhedstjeneste (‚Dänischer Gesundheitsdienst‘) ist mit rund 150 MitarbeiterInnen in verschiedenen Bereichen für die Minderheit tätig: in der Vorsorge und gesundheitsbezogenen Beratung für Kinder, Jugendliche und Familien im Schulgesundheitsdienst; in der häuslichen Pflege; im Sozialdienst bzw. der Sozialberatung; in Pflegeheimen und Seniorenwohnheimen. Hinzu kommt ein Sekretariat, das u.a. für die Verwaltung der Immobilien des Gesundheits- und Sozialdienstes zuständig ist.

Der Mitarbeiterstab umfasst GesundheitsberaterInnen, Schulkrankenschwestern/-pfleger, (Schul-)ÄrztInnen, ZahnärztInnen, Zahnpflegepersonal, pädagogische Fachkräfte, Gemeindeschwestern, Fußpflegepersonal und SozialarbeiterInnen, die auf die vier Sozial- und Gesundheitszentren Flensborg/Flensburg, Slesvig/Schleswig, Husum/Husum und Læk/Leck verteilt sind. Desweiteren verfügt der Gesundheits- und Sozialdienst über ein Küstensanatorium für Kinder und ein Erholungsheim für Erwachsene in Dänemark.

Jedes Mitglied eines der Minderheitenvereine kann die angebotenen Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Die Angebote erstrecken sich über den gesamten Lebenslauf, vom ersten bis zum letzten Herzschlag, wie der Dansk Sundhedstjeneste auf seiner Homepage schreibt.1 Häufig findet die erste Begegnung mit diesem Dienst schon im Säuglingsalter durch die Besuche einer Gesundheitsberaterin statt. Die Verbindung wird während der Kindergarten- und Schulzeit durch den Schulgesundheitsdienst aufrechterhalten. Danach liegt es an den Mitgliedern der Minderheit selbst, sich bei Bedarf an den Dansk Sundhedstjeneste zu wenden.

Der Sundhedsrådet (‚Gesundheitsrat‘) ist das oberste Beschlussorgan des Dansk Sundhedstjeneste. Er besteht aus 29 Mitgliedern, die von den anderen dänischen Vereinen benannt werden. Von diesen sind sieben Mitglieder des Dansk Skoleforening und sieben Mitglieder des SSF. Zu der Organisation gehören weiterhin eine Geschäftsstelle, die Leitung und der Betriebsrat. Die Einnahmen des Gesundheits- und Sozialdienstes liegen bei zirka acht Millionen Euro, deren Hauptanteil von Dänemark zur Verfügung gestellt wird. Des Weiteren übernehmen die deutschen Krankenkassen und die Kranken- und Pflegeversicherungen einen Teil der entstehenden Kosten, und die Patienten und Bewohner leisten einen Eigenanteil. In geringerem Umfang stehen weitere öffentliche Zuschüsse zur Verfügung, so u.a. 55.000 Euro pro Jahr von der Stadt Flensborg/Flensburg.

3.4.6 Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig (‚Dänische Zentralbibliothek für Südschleswig’)

Die Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig (‚Dänische Zentralbibliothek für Südschleswig‘) hat ihren Hauptstandort in Flensborg/Flensburg und Filialbibliotheken in Slesvig/Schleswig und Husum/Husum sowie eine Gemeinschaftsbibliothek in der Jes-Kruse-Schule in Egernførde/Eckernförde. Bücherbusse bedienen darüber hinaus das gesamte übrige Südschleswig, und die Bibliothek stellt Bücher für die in allen Schulen vorhandenen Schulbibliotheken zur Verfügung.

In der Hauptbibliothek befindet sich u.a. Den Slesvigske Samling/Schleswigsche Sammlung mit einem Schwerpunkt in Literatur, Film und Musik aus der Region, vieles davon in digitalisierter Form. Die Bücher- und Materialsammlung deckt rund achthundert Jahre Kultur und Geschichte im Gebiet zwischen dem Kongeå/der Königsau im Norden und der Ejderen/Eider im Süden ab. Weiterhin gehört zur Bibliothek die Forskningsafdelingen (eine selbstständige Forschungs- und Archivabteilung); der Forschungsschwerpunkt liegt auf der Geschichte der Grenzregion und der Sammlung und Bereitstellung von einschlägigen Archivalien der Minderheit (vgl. Stadt Flensburg – Fachbereich Entwicklung & Innovation 2017: 11).

Die Dansk Centralbibliotek erhält vom dänischen Staat einen Zuschuss in Höhe von 85 Prozent der laufenden Kosten, das entspricht zirka 3,7 Millionen Euro. Die öffentlichen Zuschüsse von deutscher Seite machen 11 Prozent bzw. zirka 0,5 Millionen Euro aus. Das oberste Steuerungsorgan der Bibliothek ist der Verwaltungsrat, der neben einer Mitarbeiterrepräsentation auch Mitglieder des SSF, des Sprogforeningen, des SdU, des Dansk Skoleforening und des Grænseforeningen umfasst.1

3.4.7 Medien

Flensborg Avis

Die Zeitung Flensborg Avis (FLA; ‚Flensburg-Zeitung‘) mit dem Slogan ”Vi gør Danmark lidt større” (‚Wir machen Dänemark etwas größer‘) ist eine Tageszeitung, die als Papierausgabe und seit 2009 auch elektronisch erscheint. 2017 richtete die Zeitung außerdem FLA TV ein, einen digitalen TV-Kanal, der sowohl auf Dänisch als auch auf Deutsch sendet und alle Sendungen Dänisch untertitelt. Im Jahr 2017 hatte die Papierausgabe 4.807 Abonnenten und eine Auflage von 5.246 Exemplaren. Die Zeitung ist überwiegend auf Dänisch verfasst; jeder Artikel enthält jedoch eine Zusammenfassung auf Deutsch. Diese Zusammenfassungen traten an die Stelle des deutschen Teils, der bis 2013 Bestandteil der Zeitung war.

Jeden Donnerstag erscheint als Beilage in der Flensborg Avis die Infozeitung KONTAKT für die SSF-Mitglieder; an diesem Tag erhalten alle Mitglieder die Zeitung. Insgesamt zehnmal im Jahr versendet der Dansk Skoleforening die Schulzeitung Fokus, davon achtmal als Sonnabendbeilage zur Flensborg Avis und zweimal digital; die entsprechenden Ausgaben der FLA gehen an alle Mitglieder des Dansk Skoleforening.

Die Flensborg Avis ist in Det sydslesvigske Samråd vertreten. Die Zeitung ist eine Aktiengesellschaft, die über den Südschleswig-Ausschuss hauptsächlich durch Zuschüsse des dänischen Staates finanziert wird. Im Jahr 2017 belief sich der Zuschuss auf 3,45 Millionen Euro.1

Fernsehen und Radio

Die Minderheit hat keine eigenen Radio- und Fernsehkanäle, doch ihre Mitglieder können dänisches Radio und Fernsehen via Streaming und lokal begrenzt auch über Sender empfangen. Die dänischen Regionalsender DR P4 Syd und TV Syd in Kolding sind verpflichtet, Südschleswig abzudecken, senden jedoch nur wenige Programme, die einen Bezug zu dieser Region und zur dänischen Minderheit in Deutschland haben.

Die Untersuchung Dansk Sprog i Sydslesvig (‚Dänische Sprache in Südschleswig‘) zeigt, dass mindestens drei Viertel der Kinder und Jugendlichen im Schulalter überwiegend oder ausschließlich deutsches Radio und Fernsehen hören und sehen (Pedersen 2000/I: 123). In Bezug auf die Medien sind daher die deutschen Angebote als die dominante Sprachquelle der Schüler anzusehen.

3.4.8 Literatur

Die südschleswigschen SchriftstellerInnen haben ihre Wurzeln in der dänischen Minderheit in Südschleswig, wo manche von ihnen ihr ganzes Leben lang gewohnt haben. Das gilt vor allem für die älteren unter ihnen, und die Schrecken der beiden Weltkriege sind häufig ein Hauptthema für diejenigen, die diese Kriege miterlebt haben. Wer in den Nachkriegsjahren aufwuchs, schreibt Erinnerungen, in denen die kulturelle Begegnung zwischen dem Deutschen und dem Dänischen zentral ist, während die Jüngeren sich anderen Themen als Krieg und Nationalität zuwenden. Verschiedentlich verlegen sie jedoch die Handlung ihrer Werke nach Südschleswig.

Im Jahr 2015 erschien die Sydslesvig Antologi (Andersen et al. 2015), eine Anthologie mit Lyrik und Prosa aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die auf Dänisch geschriebene Werke von 22 Verfasserinnen und Verfassern aus Südschleswig enthält. Gedichte und Novellen werden vollständig wiedergegeben, Romane auszugsweise. Aufgenommen wurden Werke folgender SchriftstellerInnen: Ole Andersen, Sigfred Andresen, Ernst Christiansen, Johannes Christiansen, Walter Christiansen, Kirstin Deckert, Gerhard Ernst, Annegret Friedrichsen, Bernhard Hansen, Inga Henken, Karin Johannsen-Bojsen, Jacob Kronika, Helmut Leckband, Rolf Lehfeldt, Aksel Lieb, Hermann Liebers, Willy-August Linnemann, Meta Lorenzen, Martha Ottosen, Finn Egeris Petersen, Fidde Schulz, Frank Titze.

Zu den jüngeren südschleswigschen VerfasserInnen gehört Tine Enger (geb. 1965), die Lyrik verfasst, zum Beispiel in Brystbærer (2004) und Mens jeg passer min have (2016), aber auch als Prosaautorin in Erscheinung tritt, zum Beispiel mit Fjern (2005) und Land under (2013), wo die Handlung im nordfriesischen Wattenmeer südwestlich der dänischen Grenze auf der fiktiven Hallig Graf angesiedelt ist. Alle Publikationen wurden 2018 als elektronische Bücher neu herausgegeben. Von Annegret Friedrichsen (geb.1961) erschien zunächst Lyrik (Atemrisse: Gedichte [1990], Meer im Ohr: Gedichte [2017]), und 2012 publizierte sie ihren Roman Porcelænskvinden. Auch Kinderbücher sind von ihr erschienen (Trolden Trøst [2006], Alfrida og Alfekatten [2007] und Maya, jeg Maya [2009]). Finn Egeris Petersen (geb. 1958) verfasste u.a. Romane (Broderskab [2012] und De faderløse [2016]), die in Tønning/Tönning und Slesvig/Schleswig spielen.

Unter den älteren noch lebenden1 VerfasserInnen ist an zentraler Stelle Karin Johannsen-Bojsen (geb. 1936) zu nennen. Sie debütierte 1977 mit der Gedichtsammlung Sindelag – Barn i Flensborg 1939–49; später erschienen ihre Romane Regnbuelandet (1987) und Himmel med mange stjerner – En roman fra Sydslesvig (1997), letzterer über das Bemühen einer Frau, in Südschleswig ein dänisches Kulturzentrum zu etablieren. Es folgten Erinnerungen: Sydslesvigpige – en opvækst mellem to kulturer i årene 1936–1954 (2004) über die Kindheit in Flensborg/Flensburg und den dänischen Schulbesuch, die Begegnung mit der dänischen Lebensweise, Sprache und Kultur und Sydslesvigkvinde – et voksenliv mellem to kulturer i årene 1954–2004 (2008) über das Studium der Autorin in Dänemark, Deutschland und England und ihre Zeit als Lehrerin an der dänischen Duborg Skolen (‚Duburg-Schule‘) in Flensborg/Flensburg, als SSW-Politikerin und als Rednerin. Den Erinnerungen von Karin Johannsen-Bojsen folgte eine Reihe anderer Erinnerungen aus Südschleswig, u.a. von Kirstin Deckert (geb.1939), in deren Jugendbuch Børnene dernedefra (2012) es um das Leben in zwei Kulturen nach dem Zweiten Weltkrieg in Lyksborg/Glücksburg geht, und Vidnet (2014), das die Berichte ihres Vaters aus dem Ersten Weltkrieg zum Thema hat. Auch Rolf Erbst (geb. 1946) schreibt in Barakkerne (2012) über eine dänisch-deutsche Kindheit, diesmal im Flensborg/Flensburg der Nachkriegszeit, und Harald Dirks (geb. 1936) beschreibt in Over stregen – en Flensborg-krønike (2017) das Leben einer Flensburger Familie zwischen 1912 und 1945.

Auch bei den älteren und bereits verstorbenen südschleswigschen VerfasserInnen spielen Familien- und Erinnerungsromane eine große Rolle, so zum Beispiel im Hauptwerk von Willy-August Linnemann (1914–1985), dem fünfbändigen Werk Europafortællinger (1958–66), das die Entwicklung einer südjütischen Familie in Südschleswig über mehrere Jahrhunderte hinweg schildert. Niels Bøgh Andersen (1908–1991) beschreibt sein Leben in den vier Büchern En fiskersøn fra Aventoft (1974), Feltdegn fra Harreslev Mark (1978), Forstander på Jaruplund (1975) und Krigsdagbog (1981). Die beiden Weltkriege, an denen die südschleswigschen Männer teilnahmen, spiegeln sich in diesen und einer Reihe von Werken anderer Verfasser. Ernst Christiansens (1877–1941) Du kan, du maa og skal! (1923) handelt von Kriegserlebnissen im Ersten Weltkrieg, und Gretes Kamp (1927), in dem es um die Bedingungen und Umstände des Kampfes um die Grenze geht, stellt einen Schlüsselroman um Grete, die Schwester des Redakteurs und Verfassers Jacob Kronika, dar. Der Titel von Jacob Kronikas (1885–1953) Roman Berlins Undergang – Dagbog fra Det Tredje Riges fald (1945, als E-Book 2015) benennt sein Thema bereits. Die beiden Romane von Helmut Leckband (1916–2003) handeln von deutschen Soldaten in russischer Kriegsgefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, zu denen auch der südschleswigsche Verfasser selbst gehörte (Krigsfangelazarettet i Tamanskajagaden (1973) und Krigsfange (1977)).

Hans Peter Jacobsen (1892–1973) schildert in Peter Nogensen (1948, 2017 erschienen als E-Book) eingehend die Erlebnisse der dänischen Minderheit unter den Bedingungen von Ästhetik und Gedankengängen des Nationalsozialismus.

Sigfred Andresen (1925–1993) unterscheidet sich von den übrigen südschleswigschen AutorInnen darin, dass er im Sønderjysk/südjütischen Dialekt von Sydtønder/Südtondern (Südschleswig) über das Leben auf dem Land schreibt. Am bekanntesten sind seine Novellensammlungen Æ gahmands bænk (1976) und Jørn Bommands enghø (1986).

Die bereits verstorbenen südschleswigschen LyrikerInnen teilen eine Reihe von Themen mit den RomanautorInnen, so zum Beispiel Aksel Lieb (1912–1984), dessen Digte 1985 erschienen ist und das Grenzgebiet und die Ostfront im Zweiten Weltkrieg, in dem der Verfasser selbst Soldat war, zum Thema hat. Gerhard Ernst (1931–2009) gab 1955, 1961, 1989 sowie 2009 Gedichtsammlungen (Livssplinter) heraus, in denen sich das tiefe Verständnis des Verfassers für die menschliche Vielfältigkeit spiegelt. Die Gedichtsammlung (Ucensurerede) Avisdigte (1988) von Hermann Liebers (1935–1989) enthält humoristische und nachdenkliche Gedichte und weist Ähnlichkeit mit dem Band von Rolf Lehfeldt (1928–2002) auf (Lyriske tegn, 1998), der Gedichte und Gelegenheitspoesie aus rund 40 Jahren umfasst.

Die Literatur der dänisch-südschleswigschen VerfasserInnen wird rezipiert, nicht zuletzt auch aus literaturwissenschaftlicher Perspektive (vgl. z.B. Wischmann 2016), jedoch offenbar nicht in dem Umfang, in dem es sich die Minderheit wünscht. So wird im Vorwort der Sydslesvig Antologi (Andersen et al. 2015) festgestellt, dass sowohl das Wissen über als auch das Bewusstsein für die südschleswigsche Minderheit und ihre Literaturprodukte in Dänemark gering ist.

4 Soziolinguistische Situation: Kontaktsprachen, Sprachform(en) des Deutschen und der Minderheitensprache, sprachliche Charakteristika, Code-Switching und Sprachmischung
4.1 Kontaktsprachen

In Schleswig-Holstein, wie in der übrigen Bundesrepublik Deutschland, ist Deutsch die einzige offizielle Sprache. Darüber hinaus ist Dänisch in den drei Varianten Standarddansk (Standarddänisch), Sydslesvigdansk (Südschleswigdänisch) und Sønderjysk (Südjütisch) sowie Nordfriesisch als Minderheitensprachen und Niederdeutsch als Regionalsprache in der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats anerkannt.

Das Dänisch, das von der Mehrheitsbevölkerung als Fremdsprache gelernt wird, weist keine Merkmale des Südschleswigdänischen auf.

Sønderjysk ist eine Varietät, die früher sowohl unter der dänisch- als auch der deutsch-orientierten Bevölkerung Nord- und Südschleswigs die meistverbreitete Variante des Dänischen war. In den vergangenen gut 100 Jahren ist seine Verwendung sehr stark zurückgegangen, wie auch schon Untersuchungen aus Agtrup/Achtrup (Petersen 1973) und Rødenæs/Rodenäs (Spenter 1977, Larsen 1984, 1986) gezeigt haben. Heute wachsen nur wenige Kinder der dänischen Minderheit mit Sønderjysk als Muttersprache auf; häufig sind ihre Eltern aus Dänemark zugezogen.

Nordfriesisch als Minderheitensprache ist auch innerhalb der dänischen Minderheit repräsentiert, da eine der dänischen Minderheitenschulen eine friesisch-dänische Schule ist. Der Friisk Foriining (‚Friesischer Verein‘)1 ist dem dänischen SSF angeschlossen.

In Bezug auf Niederdeutsch ist die Situation ähnlich wie für Sønderjysk. Es handelt sich auch hier um eine Varietät, die im Rückgang begriffen ist, und nur noch von wenigen Kindern muttersprachlich erworben wird. Häufiger wird es in ländlichen Regionen verwendet. Als Regionalsprache wird Niederdeutsch vor allem von älteren Mitgliedern der dänischen Minderheit gesprochen. Es spielt außerdem im (lokalen) Theater eine Rolle, und gelegentlich enthält die Flensborg Avis einen niederdeutschen Beitrag.

4.2 Die einzelnen Sprachformen des Dänischen
4.2.1 Standarddansk/Standarddänisch – Rigsdansk/Reichsdänisch

Standarddänisch ist die heutige Bezeichnung für eine Standardform des Dänischen, das mit kleineren Variationen gesprochen wird. Die Bezeichnung entspricht im Wesentlichen dem, was mit Rigsdansk (‚Reichsdänisch‘) gemeint ist, doch Rigsdansk wird häufig als Dachbezeichnung für eine einheitliche gesprochene und geschriebene Sprachform verwendet, die ihren Ursprung in Kopenhagen als historischem Machtzentrum hat. In Bezug auf die Schriftsprache gibt es ein offizielles orthographisches Regelwerk, das vom Dansk Sprognævn (‚Dänischer Sprachrat‘) festgelegt wurde, doch es gibt keine offiziellen Richtlinien für eine Standardaussprache des Dänischen.

4.2.2 Sydslesvigdansk/Südschleswigdänisch

Südschleswigdänisch wird von den zweisprachigen Sprecherinnen und Sprechern gesprochen bzw. geschrieben, die in Südschleswig geboren und aufgewachsen sind und sich der dänischen Minderheit zugehörig fühlen. Es wird in der Mehrzahl der Fälle als Minderheitenzweitsprache in Kindergarten und Schule der Minderheit oder in ihren Dänischkursen und Vereinen erworben. Es kann auch als Erstsprache von Minderheitsangehörigen zweisprachiger Eltern erworben werden. Südschleswigdänisch ist durch ein linguistisches Variationsmuster charakterisiert, das sich von dem Gepräge dänischer Varietäten, die in Dänemark erworben werden, unterscheidet. Es ist gekennzeichnet durch spezifische Merkmale in Phonologie, Grammatik und Semantik, die primär auf den Einfluss des Deutschen zurückgehen und die weder auf der individuellen noch auf der kollektiven Ebene ein festes Muster aufweisen. Diese Kontaktsprache ist sowohl eine gesprochene als auch eine geschriebene Sprache. Die Sprechergruppe beherrscht außerdem Deutsch (zumeist als Erstsprache) und zum Teil zusätzlich Niederdeutsch, Friesisch oder/und Sønderjysk.

Phonologie

In der Segmentalphonologie unterscheidet sich Südschleswigdänisch vom Standarddänischen besonders in den Vokalen a, æ, ø und å.

Das ist auf einen Transfer des deutschen Vokalsystems in das dänische zurückzuführen. Da es im Deutschen 14 Vokale gibt (sieben lange und sieben kurze), auf Dänisch jedoch 25 (zwölf lange und 13 kurze), lassen sich deutsche Aussprachemuster nicht problemlos auf das Dänische übertragen. Daneben ist ein Einfluss der deutschen Laut-Buchstaben-Zuordnung der Schriftsprache auf die Aussprache festzustellen, wenn Grapheme nach der deutschen Zuordnung realisiert werden statt nach der dänischen. Dies ist zum Beispiel der Fall in dem dänischen Wort brugt (‚gebraucht‘), das häufig mit /u/ und nicht mit /å/ ausgesprochen wird.

In der Prosodie gibt es Unterschiede zum Standarddänischen innerhalb der Realisierung des Stoßtons (Glottalverschluss), der Betonung und der Satzprosodie. Der Stoßton des Standarddänischen wird im Südschleswigdänischen selten realisiert (wie auch in einigen Regionen in Süddänemark ohne direkten Kontakt zum Deutschen). Er kann jedoch in einzelnen Wörtern, die mit Stoßton gelernt wurden, auftreten.

Innerhalb der Betonung werden schwachbetonte Silben oft kräftiger als im Standarddänischen artikuliert, eine Betonungsverteilung, die vermutlich auf Transfer aus dem Deutschen zurückzuführen ist.

Satzprosodie

Südschleswigdänisch ist prosodisch dadurch charakterisiert, dass am Ende von vorangestellten Gliedsätzen wie im Deutschen eine lokal steigende Intonation erfolgt; dieses Muster steht im Kontrast zum Dänischen, wo die Intonation auf gleicher Höhe fortgesetzt wird. In fortführenden Sätzen tritt, ebenfalls wie im Deutschen, innerhalb der letzten Wörter eine fallende Intonationskontur auf. Auch hier besteht ein Kontrast zu Standarddänisch, wo die Intonationskurve über mehrere Wörter zum Satzende graduell abfällt.

Aussprache von Eigennamen

Im Südschleswigdänischen werden die Personennamen der Minderheitsangehörigen häufig auf Deutsch ausgesprochen, da der Name eng mit der Erstsprache verknüpft ist, die hier in der Regel Deutsch ist. Im Namen Gudrun zum Beispiel können Unterschiede in Vokal- und Konsonantenqualität auftreten; so enthält zum Beispiel die erste Silbe in der deutschen Aussprache ein langes u [u:] und den (stimmhaften) Verschlusslaut d, während in der dänischen Aussprache das u kurz ist und tiefer liegt als das deutsche und ihm ein stimmhafter Frikativ folgt (sog. blødt d [ð] ‚weiches d‘). Die Variation kann sich auch auf die Vokalqualität beschränken, zum Beispiel in dem Namen Anna, in dem sich die Aussprache des a zwischen Deutsch und der hochsprachlichen Form des Standarddänischen unterscheiden.

Wenn zweisprachige Minderheitsangehörige über eine öffentliche Person (z.B. aus den Medien) aus Dänemark sprechen, deren Name i.d.R. dänisch ausgesprochen wird, sie diesen Namen jedoch deutsch artikulieren, kann die deutsche Aussprache darauf hindeuten, dass akustische Medien auf Deutsch und nicht auf Dänisch rezipiert werden und dass über die betreffende Person i.d.R. auf Deutsch gesprochen wird. Beispielsweise berichtete ein Mitglied der Minderheit mit Begeisterung vom Besuch des dänischen Prinzen Joachim; dabei wurde der Name deutsch ([jo'achim]) und nicht dänisch (['joakim]) ausgesprochen. Der Unterschied in der Aussprache dieses Namens bezieht sich auf den Wortakzent, die Vokalqualität und die Aussprache des <ch> (auf Deutsch als ach-Laut, auf Dänisch als /k/) und ist deutlich wahrnehmbar.

Unterschiede in der Schreibung von Ortsnamen können ebenfalls zu Ausspracheunterschieden zwischen Deutsch und Dänisch führen. Eine Reihe von Ortsnamen in Südschleswig hat eine dänische Schreibung, die teilweise original ist (z.B. Fjolde, dt. Viöl) und teilweise nachträglich konstruiert wurde (z.B. Lyksborg, dt. Glücksburg). Innerhalb der Minderheit gibt es große Schwankungen in Bezug darauf, ob die dänische oder die deutsche Aussprache gewählt wird. Wird jedoch Bezug auf Ortsnamen in Dänemark genommen, so ist deren Aussprache, im Gegensatz zu den Personennamen, so gut wie immer dänisch (obwohl auch hier abweichende, am Deutschen orientierte Aussprachen möglich wären, z.B. Aabenraa, dt. Apenrade oder Haderslev, dt. Hadersleben).

Grammatik (Genus, Tempus, Wortstellung)

Standarddänisch hat zwei Genera (Utrum, Neutrum). Unter dem Einfluss der drei Genera des Deutschen gibt es im Südschleswigdänischen, verglichen mit Standarddänisch, Unregelmäßigkeiten in der Zuordnung des Genus.

Die deutsche Tempusauffassung wird auch ins Südschleswigdänische überführt. Ein Geschehen, das in der Vergangenheit begann und noch andauert, wird im Deutschen im Präsens beschrieben, zum Beispiel Ich wohne hier seit 2011. Standarddänisch verwendet an dieser Stelle das Perfekt: Jeg har boet her siden 2011 (‚Ich habe hier seit 2011 gewohnt.‘), Südschleswigdänisch dagegen das Präsens: Jeg bor her siden 2011 (‚Ich wohne hier seit 2011.‘).

Abweichungen von der standarddänischen Syntax bzw. Wortstellung, die im Minderheitendänisch zu beobachten sind, treten primär in Verbindung mit Adverbien auf. Charakteristisch ist, dass adverbielle Elemente, die als Erweiterung des Verbs zu verstehen sind, am Ende des Hauptsatzes stehen (z.B. Das Wetter ist heute sehr trüb). Im Standarddänischen werden sie direkt hinter das finite Verb gestellt (Vejret er meget kedeligt i dag. ‚Das Wetter ist sehr trüb heute.‘), während sie im Südschleswigdänischen, wie im Deutschen, am Satzende auftreten (Vejret er i dag meget kedeligt. ‚Das Wetter ist heute sehr trüb.‘).

In Gliedsätzen kommt es im Südschleswigdänischen häufig vor, dass das verbmodifizierende Adverbial, zum Beispiel ikke (‚nicht‘) oder snart (‚bald‘), hinter das finite Verb gestellt wird; im Standarddänischen tritt es dagegen in untergeordneten Gliedsätzen vor dem finiten Verb auf, zum Beispiel fordi han kommer ikke ‚weil er kommt nicht‘,vgl. Standarddänisch fordi han ikke kommer ‚weil er nicht kommt‘.

Semantik

Die Unterschiede zwischen Standarddänisch und Südschleswigdänisch werden in der Semantik besonders dort deutlich, wo es zwei Formen von Lehnübersetzungen aus dem Deutschen ins Dänische gibt: Südschleswigismen und dänische Südschleswigwörter.

Südschleswigismen

Südschleswigismen lassen sich in drei Gruppen unterteilen:

1 Lehnübersetzungen, die an die Stelle von existierenden dänischen Wörtern oder Wendungen treten, zum Beispiel:husmester als Übersetzung des deutschen Wortes Hausmeister (standarddän. pedél);aftenkassen nach deutsch Abendkasse in der Bedeutung, dass die Eintrittskarten am Eingang verkauft werden.In diese Kategorie gehören auch bestimmte Präpositionen, die aus dem dänischen Standardgebrauch verschwinden oder deren Verwendungsweise unidiomatisch ist, zum Beispiel: med ‚mit‘+ Altersangabe, zum Beispiel valgret med 16 års alderen ‚Wahlrecht mit 16 Jahren‘ (standarddän.: valgret som 16-årig ‚Wahlrecht als 16-Jährige/r‘); ebenso med 12 måneder ‚mit 12 Monaten‘ (standarddän.: i 12 måneders alderen ‚im 12-Monats-Alter‘).

1 Lehnübersetzungen, die daduch motiviert sind, dass das Wort im dänischen Wortschatz nicht vorhanden ist, zum Beispiel:ordmelding, deutsch Wortmeldung in der Bedeutung ‚zu erkennen geben, dass man einen Wortbeitrag leisten möchte‘.

2 Lehnübersetzungen, die in standarddänischen Wörtern resultieren, jedoch im südschleswigschen Kontext eine andere Bedeutung haben, zum Beispiel:podiumsdiskussion (von dt. Podium) in der Bedeutung paneldiskussion. udvendig (standarddänische Bedeutung: ‚äußerlich‘) für standarddän. udenad als Übersetzung von dt. auswendig, in Beispielen wie den sang kan vi udvendig (‚dieses Lied können wir auswendig‘). lave en uddannelse, von dt. eine Ausbildung machen, standarddän. tage en uddannelse (standarddän. lave ‚machen [i.S.v.] herstellen, fertigstellen‘ gegenüber tage ‚nehmen, teilnehmen‘). besøge en skole (standarddän. Bedeutung: ‚einer Schule einen Besuch abstatten‘), von dt. eine Schule besuchen, standarddän. gå i skole ‚in die Schule gehen‘ (standarddän. besøge ‚besuchen [i.S.v.] einen Besuch abstatten‘).

Der letztgenannte Südschleswigismus, at besøge en skole in der Bedeutung at gå i skole, ist in der Minderheitssprache so etabliert, dass er in öffentlichen Texten verwendet wird. Er findet sich u.a. in den autorisierten Übersetzungen (Deutsch – Dänisch) der Kieler Erklärung von 1949, Artikel II Absatz 3 und in der Bonner Erklärung von 1955, Artikel III Absatz 4.

Dass dieser Südschleswigismus in der Minderheitssprache fest verankert ist, zeigt sich auch in der Sprache der Journalisten in der Flensborg Avis. Wenn berichtet wird, dass eine bekannte Person einer Schule in Südschleswig einen Besuch abgestattet hat, wird eine Umformulierung gewählt (har været på visit i den og den skole ‚war zu Besuch in der und der Schule‘), damit nicht der Eindruck entsteht, dass die betreffende Person Schüler oder Schülerin dieser Schule war. Ein einzelnes Beispiel dafür ist: da hun aflagde visit i Nibøl tekniske Skole (‚als sie der Technischen Schule Niebüll einen Besuch abstattete‘) (Flensborg Avis 31.10.1997).

Dänische Südschleswigwörter

„Dänische Südschleswigwörter“ (danske sydslesvigord, Pedersen 2000/I: 220 u. passim) bezeichnet Übersetzungsentlehnungen (Calques) aus dem Deutschen, die Institutionen, Verhältnisse, Phänomene oder Gegenstände in Südschleswig benennen, zu denen sich in Dänemark keine Parallelen finden oder die sich in Dänemark nicht auf das Gleiche beziehen wie in Deutschland. Es sind Wörter, die im Dänemark-Dänischen nicht vorkommen, da es keinen Bedarf gibt, sie zu verwenden oder zu bilden. Unter den älteren Angehörigen der Minderheit wird zum Beispiel das Wort socialstation verwendet, das eine Übersetzungsentlehnung aus dem deutschen Wort Sozialstation darstellt. Damit wird eine öffentliche Einrichtung unter deutscher Leitung bezeichnet, die Beratung und Unterstützung durch Sozialarbeiter und Krankenpfleger anbietet. Das entsprechende Sozial- und Gesundheitswesen der Minderheit ist unter dem Dänischen Gesundheitsdienst zusammengefasst. In diesem Rahmen gab es früher socialstationer, die ähnliche Leistungen anboten wie die deutschen Sozialstationen. Ebenso gab es dort eine rådgivningsstation (‚Beratungsstation‘) und eine børneplejestation (‚Kinderpflegestation‘). Nach der Jahrtausendwende wurden diese Südschleswigwörter durch die standarddänische Bezeichnung Social- og Sundhedscenter (‚Sozial- und Gesundheitszentrum‘) ersetzt (vgl. Abb. 3).


Abb. 3: Social- og Sundhedscenter (‚Sozial- und Gesundheitszentrum‘)1

Wenn über südschleswigsche Verhältnisse gesprochen wird, findet man häufig kommuneråd für die deutsche Bezeichnung Kommunalrat und borgerforstander für Bürgervorsteher. Diese Wörter sind, wenn nicht in jedem Fall eine bewusste Wahl, so doch ein fester Bestandteil der Sprache, der ausdrückt, dass hier Bezug auf Dinge genommen wird, die spezifisch für Südschleswig sind.

Die verhältnismäßig hohe Anzahl deutscher Zitatwörter im Südschleswigdänischen stellt ein besonderes Charakteristikum der Varietät dar. Bei diesen Wörtern handelt es sich in erster Linie um Substantive, und sie werden unübersetzt im dänischen Kontext verwendet. Solche Einzelwörter können auch Fälle von Code-Switching (Einzelwort-Switch) darstellen; in diesem Fall beinhaltet ihre Verwendung jedoch eine zusätzliche Bedeutung, zum Beispiel die Markierung einer veränderten Gesprächssituation.

Beispiele für Zitatwörter:

 Aflønningen sker fortsat efter BAT (Bundesangestelltentarifvertrag) (‚Die Bezahlung geschieht weiterhin nach BAT‘),

 med interesseorganisationer som Mieterbund (= lejerforbund) (‚mit Interessentenorganisationen wie [dem] Mieterbund‘),

 Vi skal med bilen til TÜV (‚Wir müssen mit dem Auto zu[m] TÜV‘).

Form und Umfang dänisch-deutschen Sprachkontakts

Es bestehen deutliche interindividuelle Unterschiede in Bezug auf die Anzahl von Südschleswigismen und dänischen Südschleswigwörtern im Südschleswigdänischen. Kinder, die sich im täglichen Kontakt mit der dänischen Sprache befinden, u.a. in Gesprächen mit dänischen ErzieherInnen und LehrerInnen, von denen viele in Dänemark aufgewachsen sind und Dänisch als Erstsprache sprechen, weisen im Verlauf ihrer Schulzeit einen sinkenden Anteil an Südschleswigismen auf, besonders im Bereich der Semantik. Die Begriffswelt, aus denen sich die Unterrichtsinhalte konstituieren, und die Themen, mit denen sich die Kinder in der Schule beschäftigen, stammen üblicherweise aus Dänemark und werden auf Dänisch ausgedrückt. Beide Umstände tragen dazu bei, dass die Kinder oft Dinge auf Dänisch ausdrücken sollen, mit denen sie aus dänischsprachigen Kontexten vertraut sind oder über die in ihrer Gegenwart üblicherweise auf Dänisch gesprochen wird. Eine dänischsprachige Unterrichtsumgebung übt so einen gleichermaßen großen Einfluss auf die Aussprache, den Satzbau und den Wortschatzumfang in der Verwendung des Dänischen im Alltag aus. Der Einfluss aus dem Deutschen ist jedoch auch groß, da die Kinder häufig Deutsch als Erstsprache, Familiensprache und Freundeskreissprache sprechen sowie rezeptiv in den Medien, zum Beispiel dem Fernsehen, damit in Berührung kommen. Dennoch ist der Kontakt der Kinder mit Deutsch insgesamt gesehen geringer als derjenige der Erwachsenen, da sie sich einen Teil des Tages in der dänischen Institutionswelt befinden, wo mit ihnen Dänisch gesprochen wird.

In Bezug auf die Erwachsenen, die Deutsch als Familiensprache und Dänisch als Minderheitszweitsprache sprechen und in einem deutschsprachigen Alltag leben, ist die Lage anders. Auch außerhalb ihres privaten Umfelds haben sie in der deutschsprachigen Mehrheitsgesellschaft engen Kontakt zu Deutsch in Verbindung mit ihrer Arbeit oder der Kommunikation mit deutschen Institutionen, zum Beispiel dem Finanzamt oder Krankenhäusern, und auch das minderheitspolitische Gebiet stellt sich überwiegend deutschsprachig dar. Daher haben diese Erwachsenen u.U. überhaupt keinen täglichen Kontakt mit der dänischen Sprache. Wenn sie die Gelegenheit haben, Dänisch zu hören oder zu sprechen, so geschieht das am ehesten in einer Umgebung, die sprachlich und konzeptuell deutsch geprägt ist und zu der es keine unmittelbaren Parallelen in Dänemark oder der dänischen Sprache gibt. Als Resultat ist mit einer größeren Anzahl von Südschleswigismen zu rechnen, nicht nur lexikalisch, sondern auch in der Phonologie, der Syntax und der Aussprache, denn ein regelmäßiger (standard-)dänischer Input ist selten vorhanden.

4.3 Sprachenwahl: Code-Switching, Sprachmischung

Code-Switching ist charakteristisch für den mündlichen Sprachgebrauch in der Minderheit, kommt jedoch auch im schriftlichen Gebrauch vor. Es kann sowohl auf Satzebene als auch auf Wortebene stattfinden. Auf Satzebene können auf einen oder mehrere Sätze der einen Sprache ein oder mehrere Sätze der anderen Sprache folgen, worauf in der Regel wieder die erstverwendete Sprache folgt (intersententiales Code-Switching). Auf Wortebene können die bilingualen SprecherInnen für ein oder mehrere Wörter innerhalb desselben Satzes die Sprache wechseln (intrasententiales Code-Switching). Weiterhin kann zwischen der Äußerung selbst und einer angehängten Bestätigungsfrage (tag-question, z.B. ne? / ikke også?) bzw. einer mit der Äußerung verknüpften Interjektion (z.B. ja) ein Sprachwechsel stattfinden.

Unter den erwachsenen Mitgliedern der Minderheit ist Code-Switching sowohl von Dänisch nach Deutsch als auch von Deutsch nach Dänisch ein weit verbreitetes Phänomen. Beide Sprachen können dementsprechend Ausgangssprache sein, von der aus in die andere Sprache gewechselt wird. Zusätzlich kann es zwischen den dänischen Varietäten Südschleswigdänisch und Standarddänisch zu Code-Switching kommen.

4.3.1 Gesprochene Sprache

Situationelles Code-Switching in der gesprochenen Sprache

Innerhalb der Minderheit wird situationelles Code-Switching sowohl durch die Personenkonstellationen als auch durch den äußeren Rahmen bedingt. Das betrifft zum einen die Frage, welche Sprachen die Beteiligten beherrschen und welche Sprache(n) sie üblicherweise wählen; zum anderen spielt es eine Rolle, an welchem Ort oder in welcher Umgebung der Dialog oder Monolog stattfindet. Dabei ist es nicht der Ort als solches, der den Ausschlag gibt, sondern die Sprachwahlnormen, die im betreffenden Zusammenhang dominieren. Im Umfeld der Minderheit gibt es einige Orte, an denen erwartet wird, dass man Dänisch spricht, während an anderen Orten die Sprachwahl eine untergeordnete Rolle spielt.

Sind in einem Gespräch sowohl dänisch-deutsch Bilinguale als auch monolingual Deutschsprechende anwesend, kann die Sprache der Monolingualen gewählt werden. Wenn diese Sprachwahl jedoch einen Konflikt mit den situations- und ortsbezogen geltenden sprachlichen Normen verursacht, können die Bilingualen im Gespräch miteinander die verlangte Sprache wählen und für das Gespräch mit den Monolingualen die Sprache wechseln. Dies kann in Form einer Übersetzung geschehen, so dass den Monolingualen die Möglichkeit gegeben wird, dem Gespräch zu folgen, oder in Form eines unmittelbaren Dialogs mit ihnen. Sofern keine Übersetzung angeboten wird, führt dies zum Ausschluss der Monolingualen aus der Gesprächsteilnahme, doch das kommt nur dort vor, wo die Normideale hinsichtlich der Sprachwahl größeres Gewicht haben als die Berücksichtigung der monolingualen Gesprächsteilnehmer. D.h., dass in diesem Fall eine Sprachwahl vorgenommen wird, die die Bedürfnisse der Gesprächsteilnehmer nicht berücksichtigt; damit wird eine Entscheidung gegen das ethische Prinzip getroffen.

Ebenso wie auf individueller Ebene findet auch auf kollektiver Ebene eine Abwägung statt, welche Sprache die jeweils angemessene ist. Dies betrifft Besprechungen, Versammlungen u.Ä. im Kontext der Minderheit, bei denen eine größere Gruppe angesprochen wird. Für solche Situationen existieren keine festen Regeln in Bezug darauf, ob mehr Rücksicht auf die Normideale oder auf die anwesenden TeilnehmerInnen genommen wird. Die Entscheidung wird offenbar meistens von den Einflussreichsten unter den Anwesenden getroffen; das entspricht dem, was Boyd (1985) als das Machtprinzip der Sprachwahl bezeichnet. Die Wahl kann auf eine der Sprachen oder auch auf den Wechsel zwischen den Sprachen fallen.

Sind jedoch eingeladene Gäste anwesend, die nicht der Minderheit angehören und kein Dänisch sprechen, ist es unter allen Umständen legitim, von Dänisch in die Sprache der Gäste zu wechseln. D. h., in diesen Kontexten gilt nicht das Dänische als einzige Norm; hier herrscht das ethische Prinzip vor.

Gibt es TeilnehmerInnen, die der Minderheit angehören, jedoch kein Dänisch beherrschen, kann es dennoch vorkommen, dass Dänisch als Normideal im Vordergrund steht, ohne dass in die andere Sprache gewechselt wird. Das kann bei Elternabenden u.ä. Veranstaltungen im schulischen Zusammenhang der Fall sein, während bei gleichen Gelegenheiten an anderen Orten (z.B. bei einem Elternabend an einer anderen Schule) der Sprachwechsel legitim ist. Die gleiche Bandbreite an Sprachwahlentscheidungen findet sich im Zusammenhang mit dem Sport. Bei einer Vereinsversammlung kann zum Beispiel 65-mal zwischen Dänisch und Deutsch gewechselt werden, während in einem anderen Sportverein nur Dänisch gesprochen wird. Dies kann zur Folge haben, dass die monolingual deutschsprechenden Mitglieder aus dem Verein austreten.

Situationelles Code-Switching tritt auch auf, wenn der Dialog sich von einer formellen Situation mit öffentlichem Charakter in eine informelle und stärker privat geprägte Situation verlagert. In einem Minderheitskontext können zum Beispiel zwei KollegInnen während der Arbeit im Büro Dänisch miteinander sprechen; das ist die Norm. Sie sprechen auch auf dem Weg zur Kantine oder Cafeteria miteinander Dänisch, doch wenn sie dort sind, wechseln sie zu Deutsch; nun ist das Gespräch privat. Dieser Wechsel findet nicht aufgrund eines Themenwechsels statt, sondern weil sich der Rahmen geändert hat. Er wird nun als privat wahrgenommen. Beide sprechen Deutsch als Erst- und Familiensprache und verwenden daher im privaten Umfeld Deutsch. Wenn weitere Gesprächsteilnehmer hinzukommen, wechseln sie ggf. wieder zu Dänisch, da sich der Gesprächsraum dadurch von privat zu öffentlich ändert und von einer vollständig informellen zu einer stärker formellen Situation wechselt.

Wenn die Teilnehmer einer Besprechung oder Sitzung von den offiziellen Tagesordnungspunkten zum Kaffee übergehen und dabei evtl. auch den Ort wechseln, kann man in gleicher Weise eine Reihe von Sprachwechseln von Dänisch zu Deutsch beobachten, die als situationelles Code-Switching zu kategorisieren sind.

Code-Switching und Sprachwechsel in der Schule

Code-Switching und Sprachwechsel unter Kindern in der Schule ist von einer Reihe äußerer Faktoren abhängig. Wenn der lehrergesteuerte dänischsprachige Unterricht den Rahmen bildet, tritt weniger Code-Switching auf als während einer Gruppenarbeit mit Dänisch als Zielsprache, wenn Dänisch die Minderheitszweitsprache der beteiligten Kinder ist. Hier bestehen jedoch deutliche Unterschiede zwischen großen und kleinen Schulen (s.u.). In den Pausen ist die gemeinsame Sprache der SchülerInnen in der Regel Deutsch, ohne dass zum Dänischen gewechselt wird.

In zahlreichen kleinen Schulen wird in der Theorie und mehr noch in der Praxis Wert darauf gelegt, dass die Kinder frühzeitig ein Sprachbewusstsein dafür entwickeln, welche Funktionen Dänisch und Deutsch in der Minderheit und in der deutschen Gesellschaft übernehmen. Dabei wird hervorgehoben, dass beide Sprachen gleichwertig sind, jedoch jeweils ihren Platz bzw. ihre Funktion haben. Die SchülerInnen sprechen in den Pausen untereinander ausschließlich Deutsch, doch in Gruppenarbeiten, die per se als „dänischsprachig“ definiert sind, sprechen sie in der Regel Dänisch, ohne zu wechseln. Die Klassen sind klein, die SchülerInnen sprechen immer Dänisch mit den Lehrkräften, und während des gesamten Schultages besteht ein enger dänischsprachiger Kontakt zwischen den Lehrkräften und den SchülerInnen, so dass die dänischsprachige Kommunikation zwischen diesen beiden Gruppen sowohl die professionelle Unterrichtsprache als auch eine stärker emotionale Alltagssprache umfasst. Darüber hinaus interagieren die SchülerInnen häufig mit den Schulbusfahrern und dem Reinigungspersonal, und diese Kommunikation findet ebenfalls auf Dänisch statt. Hinzu kommt, dass die Eltern Interesse am Dänischerwerb ihrer Kinder haben. Sie nehmen aktiv am Schulleben teil und sprechen selbst so viel Dänisch, wie es ihnen möglich ist.

In großen Schulen ist die Verwendung von Dänisch in erster Linie auf den professionellen Kontakt zwischen den SchülerInnen und den Lehrkräften, den dänischsprechenden Erwachsenen, während der Unterrrichtsstunden beschränkt, während Deutsch, als Familiensprache der SchülerInnen, im Laufe des Schultages einen größeren Anteil hat. Der Kontakt zwischen Schule und Zuhause gestaltet sich selten so eng wie bei den kleinen Schulen, und das Bewusstsein für die funktionale Verteilung der Sprachen ist daher nicht immer so hoch. Das kann eine Rolle dabei spielen, dass Code-Switching und Sprachwechsel in den großen Schulen mit einer hohen Schülerzahl pro Klasse in der schülerzentrierten Gruppenarbeit deutlich häufiger auftritt als in den kleinen Schulen (vgl. Kühl 2008, Pedersen 2000).

Konversationelles Code-Switching in der gesprochenen Sprache

Unter den erwachsenen Zweisprachigen, die von Dänisch zu Deutsch wechseln, umfasst der deutsche Teil häufig Zitate und Zitatwörter, die mit dem Leben in der deutschen Gesellschaft in Zusammenhang stehen, zum Beispiel mit der Krankenversicherung oder dem Steuerwesen. Ist dagegen Deutsch die Ausgangssprache, können dänische Zitate und Zitatwörter zum Beispiel mit Bezug auf die dänische Schule auftreten. Auch Interjektionen aus dem Deutschen sind häufig, obwohl die Entscheidung schwierig sein kann, ob es sich tatsächlich um Code-Switching oder um eine sprachliche Variation handelt, zum Beispiel im Fall der Interjektion ja. Bestätigungsfragen (tag questions), zum Beispiel ne? (dän. ikke også?), sind ebenfalls oft mit einem Sprachwechsel von Dänisch zu Deutsch verbunden, ebenso wie Adverbien, zum Beispiel so, das als Diskursmarker fungiert, oder gut in einer abschließend-zusammenfassenden Funktion.

Code-Switching im mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch von Schülerinnen und Schülern an dänischen Schulen in Südschleswig wird u.a. in den Untersuchungen von Pedersen (2000) und Kühl (2008) analysiert. Kühl (2008) betrachtet sowohl Code-Switching als auch Lehnbildungen und Konvergenzen, d.h. eine Annäherung zwischen den Sprachen, als Sprachkontaktphänomene. Die Ergebnisse einer quantitativen Analyse zeigen, dass „das Deutsche die Ursache von wesentlich mehr Sprachkontaktphänomenen im Dänischen ist als umgekehrt“ (Kühl 2008: 208). Sie kommt zu der Schlussfolgerung, dass

nicht alle Kodewechsel und jedes Sprachkontaktphänomen Kontextualisierungshinweise darstellen und Teil einer pragmatischen Intention sind. Viele Kodewechsel und Sprachkontaktphänomene entstehen vor dem Hintergrund der individuell divergierenden sprachlichen Kompetenz sowie des divergierenden sprachlichen Repertoires des Informanten. (Kühl 2008: 217)

Pedersen (2000) kommt zu dem Schluss, dass das Code-Switching von Dänisch zu Deutsch in Gruppengesprächen teils bewusst eingesetzt wird, um die Meinungen oder Handlungen anderer zu ändern bzw. zu beeinflussen oder um mit der Sprache zu spielen; teils kann Code-Switching aber auch dafür verwendet werden, semantische Lücken in einer der Sprachen zu füllen. Die Zweisprachigkeit wird in beiden Fällen als Ressource genutzt; und nur Defizittheorien, welche die Einsprachigkeit als Norm setzen, werden solche Strategien als negatives Code-Switching interpretieren.

Ein Beispiel aus Pedersen (2000/I: 278) sind Aufnahmen aus einer Gruppenarbeit, in der die SchülerInnen die Aufgabe hatten, gemeinsam aus Legosteinen eine Figur zu bauen.1 Die (durch den Kontext der dänischen Schule) vorgegebene Interaktionssprache ist Dänisch. Gruppenmitglied I ist mit Dänisch und Deutsch als doppelten Erstsprachen aufgewachsen, und Gruppenmitglied M spricht Deutsch als Erstsprache und Dänisch als Minderheitszweitsprache.

 (1) M: du må ikke tale tysk.‚du darfst nicht deutsch sprechen.‘I: gør jeg heller ikke. ich doch nicht.‚mache ich auch nicht. […].‘M: så må vi bare tage nogle gule og røde og blå sten eller sådan noget. hilft mir denn mal jemand?‚Dann müssen wir bloß ein paar gelbe und rote und blaue Steine oder so nehmen. […]?‘I: altså den hest den skal være ungefähr så bred her.‚also das Pferd das muss ungefähr so breit sein.‘

I setzt Code-Switching ein, um die vorherige Aussage zu unterstreichen, und M hebt durch den Sprachwechsel einen Unterstützungsbedarf und einen Wechsel der Diskursebene hervor. Das Code-Switching auf Satzebene hat dementsprechend hier eine emphatische Funktion oder fungiert als Machtmittel. Dieser Typus des Code-Switching wird von den Schülerinnen und Schülern häufig verwendet. Sie wechseln entweder in eine Sprache, die im Kontrast zur Sprachwahl des Gegenübers in der vorhergehenden Äußerung steht, oder sie wiederholen eine Aufforderung mithilfe von Code-Switching, also in der jeweils anderen Sprache, und verstärken sie dadurch. Die Verwendung von ungefähr durch I deutet kaum auf eine semantische Lücke hin, sondern soll eher eine Hervorhebung signalisieren.

Wenn Schülerinnen und Schüler zwischen den Sprachen hin- und herwechseln, ohne dass damit eine bestimmte Absicht verbunden ist, kann das Ausdruck von einer spielerischen Sprachverwendung sein, oder es kann genutzt werden, um die Minderheitsidentität zum Ausdruck zu bringen: „Ich kann beide Sprachen, sowohl die der Minderheit als auch die der Mehrheit, und außerdem auch die internationale Sprache Englisch.“ Diese Form des Sprachgebrauchs kann als globalisierte Jugendsprache bezeichnet werden; Hinweise darauf finden sich auch bei vielen Jugendlichen der deutschen Mehrheit in Südschleswig, die Deutsch und Englisch verwenden.

Im folgenden Beispiel sprachen die SchülerInnen2 unmittelbar vorher dänisch. Deshalb ist hier Deutsch markiert, da es die Sprache ist, in die gewechselt wird.

 (2) M: lass mal julesange singen. lad os synge julesange. ‚lass mal Weihnachtslieder singen. Lass(t)3 uns Weihnachtslieder singen.‘I: er der wird interviewt.

 ALLE [singen]: regn og slud i sne og frost. ‚Regen und Graupel in Schnee und Frost.‘B: hier euer Hund.I: ja das ist gut. das ist gut. det er godt. det er godt B. det er meget godt.‚[…]. das ist gut. das ist gut B. das ist sehr gut.‘M: sving dig med omkring.‚dreh dich mit rum.‘I: sving dig. the dog is4 genauso big wie the baby‚dreh dich. der Hund ist genauso groß wie das Baby.‘

Das Code-Switching der zweisprachigen Sprecherinnen und Sprecher ist nicht als Ausdruck dessen zu sehen, dass Deutsch und Dänisch nicht unvermischt gesprochen werden können. Wenn die Schülerinnen und Schüler mit fremden, einsprachig dänischen InterviewpartnerInnen interagieren, wechseln sie die Sprache so gut wie gar nicht. Auch beim Erzählen von Bildergeschichten auf Dänisch, die Bestandteil des Dänischunterrichts sind, ist Code-Switching nur vereinzelt zu beobachten und betrifft vorzugsweise Einzelwörter.

4.3.2 Schriftsprache

Dort, wo schriftliche Code-Wechsel zum Ausdruck bringen, dass beide Sprachen ihre jeweilige Funktion im Sprachgebrauchsmuster innehaben, sind sie analog zum situationellen Code-Switching zu sehen. Wo sie an eine Norm anknüpfen, die das Code-Switching bereits integriert und wo von einer (mehr oder weniger) übereinstimmenden Kompetenz zwischen Sender und primärem Empfänger auszugehen ist, besteht eine Parallele zum konversationellen Code-Switching.

Situationelles Code-Switching

Texte der Minderheiten-Partei SSW enthalten gelegentlich Beispiele für situationelles Code-Switching (Pedersen 2000/II: 205f.). Je nach Art der Mitteilung wird in diesen Fällen zwischen Dänisch und Deutsch gewechselt. Für zentrale Aussagen wird i.d.R. Deutsch gewählt, während der übrige Text auf Dänisch geschrieben ist. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die wichtigsten Inhalte allen zugänglich sind, sowohl den potentiellen monolingual deutschen Wählern und der deutschsprachigen Presse als auch den bilingualen Wählern. In Leserbriefen der Flensborg Avis findet man ebenfalls Sprachwechsel, die diesem Muster folgen. Als strukturbedingt und damit in gewisser Weise situationell lassen sich auch die Sprachwechsel interpretieren, die auf Internetseiten mit dänischem Text und deutschen Metadaten auftreten (vgl. Kap. 6 unten).

Konversationelles Code-Switching

Eine Parallele zum konversationellen Code-Switching sieht man in den Briefen der jugendlichen Zweisprachigen, wo sich Dänisch und Deutsch zeilenweise abwechseln. Auch in den sog. Gelegenheitsliedern (lejlighedssange, Lieder oder Gedichte, die für einen konkreten persönlichen Anlass geschrieben werden) findet man sowohl in privater Umgebung als auch in Vereinen ein entsprechendes Code-Switching.

An der Duborg Skolen geben die Abiturienten ein Blå Bog (‚Blaues Buch‘) heraus, in dem sie sich selbst und ihre Lehrer charakterisieren. Dieses Buch ist ein Beispiel für freie und spontane schriftliche Ausdrucksweise von Jugendlichen und für Jugendliche an einem dänischen Minderheitengymnasium, bei dem es sich offiziell um eine monolinguale (dänische) Bildungseinrichtung handelt, an der jedoch sowohl die Lehrkräfte als auch die Schülerinnen und Schüler bilingual (Dänisch-Deutsch) sind. Die monolinguale Norm der Schule spiegelt sich im Sprachgebrauch der Lehrkräfte wider, in dem so gut wie kein Code-Switching zu beobachten ist. Die Texte der Schülerinnen und Schüler weisen jedoch häufiges Code-Switching auf, zum Beispiel in der Ausgabe von 1995. Das Code-Switching hat in diesen Abschiedstexten an die Schule und füreinander mindestens drei verschiedene Funktionen. Es soll zum einen zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler zweisprachig sind, wobei Deutsch die dominierende gemeinsame Sprache ist; weiterhin reflektiert es, dass sie nicht länger Rücksicht darauf nehmen, dass die Schule nur eine einsprachig dänische und eine einsprachig deutsche Schriftsprachnorm verfolgt. Die Schülerinnen und Schüler orientieren sich an einer mehrsprachigen Norm, und ganz gewiss wollen sie auch demonstrieren, dass Code-Switching ihnen Spaß macht und zu einer bunteren Form von Kommunikation beiträgt. Es wird als ein positives Sprachkontaktphänomen wahrgenommen.

Die Sprachgebrauchsmuster im Blå Bog lassen sich daher als ein Losreißen von den Normen interpretieren, als eine Abrechnung mit der monolingualen Norm und als Ausdruck der Solidarität innerhalb der Gruppe. Damit können die Jugendlichen eine kollektive Identität zum Ausdruck bringen, die eine regionale wie globale Mehrsprachigkeit beinhaltet (Deutsch, Dänisch, Englisch) und eine von Humor geprägte Einstellung zum Leben widerspiegelt.

Dementsprechend ist hier von einem „We-Code“ und einem „They-Code“ auszugehen (Gumperz 1982). Doch die Trennlinie liegt nicht, wie bei Gumperz, darin, dass der Minderheiten-Code, Dänisch, mit Solidarität verknüpft ist und daher automatisch den „We-Code“ ausmacht, der dem Mehrheits-Code (oder „They-Code“) Deutsch gegenübersteht. Bei den Abiturienten ist davon auszugehen, dass der bilinguale Code mit Code-Switching den „We-Code“ ausmacht. Demgegenüber steht als „They-Code” die monolinguale Norm sowohl der Minderheitsschule und des zugehörigen Landes Dänemark als auch die monolinguale Norm der Umgebungsgesellschaft, Deutsch.

Beispiele für Code-Switching aus dem Blå Bog aus dem Jahr 1995 (im Original keine typographische Unterscheidung):1

1 Intersententiales Code-SwitchingFester har der også tidligere været – vi husker tydeligt en fest hos A.M. i 10. klasse. Mensch P., es gibt doch elegantere Weisen, wie man seine Kleidung versauen kann. (S. 86)‚Feste hat es auch früher gegeben – wir erinnern uns deutlich an ein Fest bei A.M. in der 10. Klasse. […].‘

2 Intrasententiales Code-Switching (umfasst mehrere Wörter innerhalb eines Satzes)Bei Wind und Wetter står hun nede på Holm og sælger is – Janny’s Eisschnitte! (S. 60)‚Bei Wind und Wetter steht sie unten am Holm und verkauft Eis […]!‘

3 Code-Switching eines EinzelwortesMen for Literaturgeschichte gælder det samme. (S. 51)‚Aber für Literaturgeschichte gilt dasselbe.‘

Den Abschluss sollen drei Beispiele bilden, in denen Code-Switches aller drei genannten Arten auftreten und in denen alle drei Sprachen – Dänisch, Deutsch, Englisch – Verwendung finden. Die Jugendsprache spiegelt so eine globale und kreative Vielfältigkeit wider. In Bezug auf die Syntax der beteiligten Sprachen liegt hier eine Parallelität der jeweiligen grammatischen Systeme vor. Man kann den Zusammenhang andererseits auch als Ausdruck einer gegenseitigen Übereinstimmung der Grammatiken beschreiben. Aus dieser Perspektive existieren keine grammatischen Barrieren für das Ineinanderübergehen von einer Sprache in die andere oder in die dritte (und umgekehrt) innerhalb eines Satzes. Neben der grammatischen Seite des Code-Switching gibt es dabei auch die psychologische Seite, die mit der Kompetenz in Zusammenhang steht. Sowohl Sender als auch Empfänger muss über eine linguistische und kommunikative Kompetenz in beiden bzw. allen drei Sprachen verfügen. Die Botschaft hat keine Bedeutung und kann nicht verstanden werden, wenn man diese linguistische Kompetenz nicht miteinander teilt, produktiv oder rezeptiv. Das Code-Switching setzt auch eine soziale und kulturelle Kompetenz voraus, die weiter greift als nur in Bezug auf das Gesellschaftssystem. Zusammengenommen kann man von einer semantisch-referentiellen Kompetenz in den beteiligten Sprachen sprechen (im Original keine typographische Unterscheidung).2

 (3) Vi (du brauchst keine Feinde, du hast ja uns) ønsker dig et „muntert“ år som Bunde (Schlammrobben) og derefter good luck mht. uddannelse til Realschullehrer ved Uni-Flensburg – Mach die Sutties fertig, sie haben es verdient. (S. 52)‚Wir […] wünschen dir ein munteres Jahr als Bundi3 […] und danach viel Glück hinsichtlich der Ausbildung zum Realschullehrer an der Uni Flensburg […].‘

 (4) Dette gælder på flere områder, denn „wenn jemand mit Alkohol umgehen kann, dann B.“ tror vi, remember Wallsbüll '93, denn wer hoch fliegt, kann tief stürzen, sogar bis ins Krankenhaus, aber was soll’s, inden vi kunne nå at besøge hende, mødte vi hende på festivals-pladsen igen. (S. 58)‚Das betrifft mehrere Bereiche, […] glauben wir, erinnere dich an Wallsbüll ’93 […] bevor wir es schafften, sie zu besuchen, trafen wir sie schon wieder auf dem Festival-Platz.‘

 (5) Også i 12. årg. lå han på knæ for en af årgangens skønheder „I would do anything for love….!“. Aber leider wieder abgeblitzt! Da S. har fransk på linje (was kann er denn dafür) bliver han ofte klandret af en speciel lærer for ikke at være en rigtig mand. (S. 77)‚Auch im 12. Jahrgang lag er auf den Knien für eine der Jahrgangsschönheiten „Ich würde alles für die Liebe tun …!“ […] Weil S. Französisch hat […], wird er oft von einer speziellen Lehrkraft kritisiert, kein richtiger Mann zu sein.‘

Globalisiertes Cross-Switching

Wenn das konversationelle Code-Switching Dänisch, Deutsch und Englisch zugleich umfasst, kann es als globalisiertes Cross-Switching bezeichnet werden. Es geht über Nationalsprachgrenzen hinweg und fügt dem Code-Switching-Repertoire Englisch als internationale Sprache, als Lingua franca, hinzu. Dieser Typ des Code-Switchings ist unter Kindern und Jugendlichen sowohl in der mündlichen als auch der schriftlichen Kommunikation weit verbreitet, kommt jedoch bei Erwachsenen, insbesondere in der Schriftsprache, bisher nur selten vor.

Sofern die Kinder und Jugendlichen diesen Sprachgebrauch des globalisierten Cross-Switchings weiterentwickeln und bis ins Erwachsenenalter hinein fortsetzen, bedeutet das, dass sich unter ihrem Einfluss in der Minderheit wahrscheinlich neue Sprachgebrauchsnormen entwickeln werden. So, wie Südschleswigdänisch mit der Zeit akzeptiert wurde und im mündlichen Gebrauch ein Identitätsfaktor geworden ist, kann auch das globalisierte Cross-Switching diese Entwicklung durchlaufen. Das wird jedoch nicht allein die Minderheit betreffen, denn die Sprachentwicklung in den europäischen Nationalstaaten deutet darauf hin, dass nicht nur diejenigen Bevölkerungsgruppen, die sich als Minderheit definieren, sondern auch der mehrheitliche Bevölkerungsteil im Prozess ist, zwei- oder mehrsprachig zu werden. Das kann zu einer Zweisprachigkeitsnorm führen, die das Code-Switching als integralen Teil des Sprachgebrauchs einschließt (Pedersen 2000/I: 290).

5 Spracheinstellungen gegenüber dem Südschleswigdänischen als Schriftsprache

Systematische Untersuchungen zu Spracheinstellungen gegenüber dem Südschleswigdänischen stellen bislang ein Desiderat dar. Im Folgenden gehen wir darauf ein, welche Reaktionen auf die Verwendung von Südschleswigdänisch als Literatursprache zu beobachten sind.

Sofern südschleswigsche Verfasser und Verfasserinnen Literatur auf Dänisch schreiben, benutzen sie hauptsächlich Standarddänisch. Einige der älteren Autorinnen und Autoren, u.a. Sigfred Andresen, verwenden jedoch auch Sønderjysk. Südschleswigsche Literatur umfasst sowohl Lyrik als auch Romane und Theaterstücke.

Südschleswigdänisch wird von verschiedenen südschleswigschen Verfasserinnen und Verfassern bewusst als Literatursprache gewählt. Daran wird deutlich, dass es zumindest von dieser Gruppe als eigenständige Varietät des Dänischen angesehen wird, zudem mit einem hohen Identifikationsfaktor. Die Stellungnahmen dieser Autorinnen und Autoren reflektieren eine Einordnung des Südschleswigdänischen als eine dänische Varietät, die von Standarddänisch zu unterscheiden ist. Sein Gebrauch als Literatursprache kann als Hinweis auf seine Eigenständigkeit als Identitätsmerkmal interpretiert werden.

Aus standarddänischer Perspektive wurde diese Sprachverwendung in der Vergangenheit wiederholt auf eine Weise kritisiert, die widerspiegelt, dass Südschleswigdänisch demgegenüber als eine defektive Variante des Schriftdänischen wahrgenommen wird.

In dem Roman Regnbuelandet (‚Regenbogenland‘) (1987) thematisiert Karin Johannsen-Bojsen die Probleme, die Verfassern begegnen können, wenn sie in ihrer Minderheitssprache schreiben. Im selben Jahr gab sie ihrer Sicht auf dieses Thema in einem Interview mit der Flensborg Avis Ausdruck:

Det kan være meget vanskeligt at skulle skrive på et sprog, der ikke er ens modersmål, så det hæmmer en del. Det, der gør det vanskeligt, er at skulle hente nuancerne ud af det danske sprog, og min erfaring er den, at der mange steder i Danmark ikke er en særlig bred tolerance over for os sydslesvigere. Det hævdes, at vi ikke taler ordentlig dansk, og at vort sprog i den skrevne form er forkert, for ikke at sige halvtysk. (Flensborg Avis 21.2.1987).1

Im selben Artikel gab ihr ein anderer südschleswigscher Verfasser, Helmuth Leckband, recht:

Man møder en intolerance, men for mig at se kan der ikke være noget galt i, at sproget formuleres som vi nu gør det. Når alt kommer til alt er det også et spørgsmål om den stilistiske linje. Det må være tilladt for en forfatter at formulere sig i det sprog han kender, ligesom en maler også har sin særlige måde at føre penslen på. (Flensborg Avis 21.2.1987).2

Herman Liebers nimmt in seinem Vorwort zu seiner zweiten Gedichtsammlung, Ucensurerede avisdigte (‚Unzensierte Zeitungsgedichte‘) (1988), eine ähnliche Haltung ein. Er merkt an, dass manche die südschleswigschen Merkmale positiv bewerten, während andere sie kritisieren. Das begrüßt er:

Medens nogle i Sydslesvig glæder sig over, at jeg leger med det danske sprog, støder det til gengæld andre, at sproget i mine digte tydeligt rø­ber sydslesvigeren. Det er jeg kun glad for.3

Mangelnde Akzeptanz gegenüber Südschleswigdänisch zeigte sich selbst noch Ende der 1990er Jahre, als ein Rezensent über Karin Johannsen-Bojsens Roman Himmel med mange stjerner (‚Himmel mit vielen Sternen‘) (1997) schrieb:

Den sproglige instrumentering i romanen er den flydende og let læste danske gangart, men som splinter af grænselandets sproglige troldspejl supplerer og karakteriserer tyske sentenser den danskskrevne sydslesvigske samtidshistorie. Og selv om mit måske for sarte sprogøre ind­imellem hører de valgte tyske markeringer som brud på romanens sprogligt episke flow, medgiver jeg gerne forfatteren, at den valgte sprogdragt forbilledligt understøtter romanens anliggende – den ærlige, vildt engagerede og klartskuende beskrivelse af mindretallets brogede mangfoldighed. (Flensborg Avis 19.3.1998)4

Rolf Lehfeldts Gedichtsammlung Lyriske tegn (‚Lyrische Zeichen‘) (1998) trifft ein halbes Jahr später bei einem anderen Rezensenten auf ein härteres Urteil:

Hvad angår det slebne, må det for øvrigt noteres, at Lehfeldt trods sin sproglige begavelse snubler i et par fælder undervejs som i hyldest­digtet til Jan Kasprzak, om hvem det et sted hedder: Da blev du ens med vort land. Nej – man er enten et med eller lig med noget, men det skal også med, at sådanne fodfejl i en vis forstand accentuerer den sydslesvigske baggrund disse digte er skrevet på. (Flensborg Avis 31.12.1998)5

Dieses sprachliche Kritisieren und Korrigieren verweist darauf, dass Südschleswigdänisch in Bezug auf die Schriftsprache vor dem Millenniumswechsel nicht als Normideal akzeptiert war, und auch in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist in dieser Hinsicht noch keine große Änderung festzustellen.

In jüngerer Zeit gibt es jedoch zunehmend aktive Bemühungen darum, südschleswigspezifische Literatur bekannt zu machen und ihr zu größerer Akzeptanz zu verhelfen. Ein Beispiel dafür ist die Sichtbarkeit dieser Literatur auf dem Literaturfestival, das seit 2010 jährlich im dänisch-deutschen Grenzgebiet (mit einem besonderen Fokus auf Flensborg/Flensburg) stattfindet.6 Die zugehörigen Veranstaltungen finden in Südjütland und Südschleswig statt. Auch wenn es bei diesem Festival um nordische Literatur im Allgemeineren geht, wird damit doch ein besonderes Forum für VerfasserInnen aus dem Grenzgebiet und ihre Literatur geschaffen.

6 Linguistic Landscapes

Dänisch ist in Deutschland eine anerkannte Minderheitssprache und darf im Gebiet der dänischen Minderheit auch in der Kommunikation mit Behörden verwendet werden.1 Es hat jedoch, im Gegensatz etwa zu Sorbisch, nicht den Status einer regionalen Amtssprache. Diese Tatsache hat Auswirkungen auf die Zweisprachigkeit von Beschilderungen, zum Beispiel bei Ortsschildern oder überregionalen Verkehrsschildern. Der Ständige Ausschuss für geographische Namen (StAGN) empfiehlt, auf Verkehrshinweisschildern alle Namen eines Zielortes zu nennen, sofern dieser Zielort mehrere amtliche Namen hat (StAGN 2009, Abs. 2). Dieses Kriterium trifft jedoch auf die Orte im dänischen Minderheitengebiet aufgrund der rechtlichen Stellung des Dänischen nicht zu.

Hinzu kommt, dass die dänische Minderheit ein benachbartes Bezugsland hat, in dem Dänisch offizielle und Amtssprache ist. Diese beiden Aspekte scheinen sich auch auf die Linguistic Landscape in Bezug auf Dänisch auszuwirken, und zwar auf zweierlei Weise. Zum einen ist Dänisch, als Sprache der Minderheit, vergleichsweise wenig im öffentlichen Raum sichtbar. Zum anderen entsteht ein gewisser Anteil dieser Sichtbarkeit aufgrund der Nähe des Nachbarlandes, aus dem regelmäßig dänischsprachige Besucher und Touristen nach Südschleswig kommen. Es gibt also Informationsschilder und Hinweise auf Dänisch als Nachbarsprache und „Touristensprache“ (neben Englisch), die der Orientierung ortsfremder Gäste dienen. Konzeptuell lässt sich diese Sichtbarkeit des Dänischen von der Verwendung als Minderheitensprache unterscheiden; in der Praxis ist eine klare Trennung bzw. Zuordnung allerdings schwierig, so zum Beispiel im Fall von dänischen Supermärkten in Flensborg/Flensburg. Auch zweisprachige Verkehrsleitungsbeschilderungen (vgl. Abb. 4, aber auch überregionale Hinweise z.B. auf Autobahnen, auf denen Orts- und Städtenamen als Orientierungspunkte genannt werden) können sowohl als Ausdruck der Minderheitensprache wie auch als Information für Touristen interpretiert werden.


Abb. 4: Flensborg/Flensburg: Verkehrsleitungsbeschilderung2

Die politische Diskussion um eine zweisprachige Beschilderung von Orten und Städten wird in Südschleswig seit den frühen 2000er Jahren aktiv geführt. Bereits 2004 wurde in Flensborg/Flensburg eine entsprechende Initiative angeregt. Seit Mitte 2007 ist es möglich, Ortstafeln in Schleswig-Holstein mehrsprachig zu gestalten,3 wobei die Entscheidung der jeweiligen Kommune überlassen bleibt (vgl. Stadt Flensburg – Fachbereich Entwicklung & Innovation 2017: 30).4 Von politischer Seite der Minderheit wie der Mehrheit wurde dieser Erlass positiv bewertet und als „Ausdruck des gegenseitigen Respekts und der Anerkennung der kulturellen Vielfalt unserer Region“ eingeschätzt (A. Spoorendonk/SSW).5 Im Jahr 2015 folgte ein ähnlicher Beschluss für Lyksborg/Glücksburg, wo die Beschilderung der Zugangswege nun den deutschen und den dänischen Namen der Stadt enthält.6 Trotz der positiven Bewertung der Maßnahmen besteht in der Minderheit jedoch der Wunsch nach einer weitergehenden Sichtbarkeit des Dänischen und dänischer Einrichtungen als nur in Bezug auf Ortsbeschilderungen (Stadt Flensburg – Fachbereich Entwicklung & Innovation 2017: 38).

Diese Entscheidungen zur Sichtbarmachung der Minderheitssprache Dänisch sind Instrumente der politischen und gesellschaftlichen Positionierung in Bezug auf die dänischsprachige Minderheit, sowohl seitens der Minderheit als auch der Mehrheitsgesellschaft. Dass es sich hier um den Ausdruck minderheitsrelevanter Sprachentscheidungen handelt und nicht in erster Linie um eine Internationalisierung von geographischen Orientierungshinweisen, lässt sich u.a. daran ablesen, dass vergleichbare Entscheidungen in Nordschleswig mit Bezug auf die deutschsprachige Minderheit und eine entsprechend zweisprachige deutsch-dänische Beschilderung wiederholt auf Widerstand und Protestaktionen (Entfernung zweisprachiger Schilder, Vandalismus) gestoßen sind (Pedersen/Wung-Sung 2019: 41). Entscheidungen dieser Art werden von den Akteuren ganz offensichtlich als politisches Handeln gedeutet und nicht im Zusammenhang mit einer besseren Zugänglichkeit für touristische Besucher aus dem Nachbarland kontextualisiert.

Ein weniger umstrittener Bereich der sprachlichen Sichtbarmachung der dänischen Minderheit ist die Markierung von Minderheiteninstitutionen, zum Beispiel von Kirchen, Schulen und ganz allgemein Bildungs- und Kultureinrichtungen, aber auch von Einrichtungen der sozialen und pflegerischen Versorgung (siehe z.B. Abb. 3 Social- og Sundhedscenter).

Hinweis- und Namensschilder dieser Institutionen finden sich im gesamten Minderheitsgebiet. Hier lassen sich zwei Typen unterscheiden: (a) Hinweisschilder und Wegweiser zu dänischen Institutionen und Gebäuden (Abb. 5) und (b) die Beschriftung von Gebäuden mit Angabe ihres Namens oder ihrer Funktion (Abb. 6, 7 und 8). In beiden Fällen wird in der Regel nur die dänischsprachige Benennung bzw. Bezeichnung verwendet, es handelt sich also nicht um zweisprachige Schilder. Bei dieser Form von Beschriftung bzw. Beschilderung wird die Minderheit auf doppelte Weise sprachlich sichtbar gemacht, einerseits durch die Wahl der Sprache, andererseits durch das Referenzobjekt, auf das verwiesen wird und das als repräsentativer Ausdruck der gesellschaftlichen Struktur der Minderheit verstanden werden kann.


Abb. 5: Jaruplund/Jarplund: Wegweiser zu dänischer Kirche, Schule und Kindergarten7


Abb. 6: Lyksborg/Glücksburg: dänische Kirche8


Abb. 7: Flensborg/Flensburg: Dansk Skoleforening9


Abb. 8: Flensborg/Flensburg: Dansk Centralbibliotek10

Schließlich ist noch auf die Internetpräsenz der dänischen Minderheit hinzuweisen, die eine Sonderform der Verwendung der Minderheitssprache im öffentlichen Raum der Mehrheitsgesellschaft darstellt (als virtuelle Linguistic Landscape, vgl. Ivkovic/Lotherington 2009). Die Minderheitsinstitutionen verfügen häufig über einen Internetauftritt in dänischer sowie in deutscher Sprache (s. z.B. https://www.ssw.de/, hier zusätzlich auf Friesisch und Englisch). Es gibt jedoch auch Fälle, in denen nur eine dänische Form angeboten wird (https://www.dcbib.dk/, https://www.dks-folkekirken.dk/) oder die dänische Form umfangreicher oder informativer ist als die deutsche Variante (www.skoleforeningen.org/). Bei Internetauftritten, die in einem deutschen Kontext gestaltet sind, erscheinen Rahmen- und Metainformationen (Hinweise auf Datenschutz oder Impressum) auch auf den dänischen Seiten häufig auf Deutsch (z.B. www.stjernen.de/da/hjem-2/), das dadurch visuell die Rolle der (gesellschaftlich) rahmengebenden Sprache erhält. D.h., auf diesen Internetseiten der dänischen Minderheit bleibt ihre Einbettung in die deutschsprachige Mehrheitsgesellschaft sprachlich sichtbar: Selbst wenn die Internetauftritte dänischsprachig sind, unterscheiden sie sich von jenen, die im Bezugsland Dänemark erstellt wurden.

7 Zusammenfassung

Bei der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein handelt es sich um eine historisch-autochthone Minderheit, deren gesellschaftliche Strukturen v.a. seit Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gut etabliert sind. Die Rechte der Minderheit sind völkerrechtlich bindend fixiert. Die Mitglieder der Minderheit sind gut in die Mehrheitsgesellschaft integriert, dennoch ist die Minderheit als Gruppe präsent. Die Förderung und Verwendung des Dänischen erfolgt institutionell in monolingual dänischen Schulen, aber auch im Freizeit-, Vereins- und Kulturleben.

In der Minderheit, insbesondere in der mündlichen Kommunikation, besitzt die dänische Sprache jedoch einen variablen Status. Für die Mitglieder der Minderheit ist es weitestgehend die Zweitsprache, die sie in Kindergarten oder Schule erworben haben. Einen hohen Status hat Dänisch in erster Linie in Arbeitsbereichen, die einen direkten Bezug zur Minderheit aufweisen, sowie im Bereich des Schulunterrichts, der Hort- und generellen Betreuungsstruktur und auf den obersten Führungsebenen der Minderheitsorganisationen. Um in diesen Bereichen Einfluss ausüben zu können, ist Dänisch unerlässlich. Die dänischsprechenden Mitglieder der Minderheit spielen hier die maßgebende Rolle und stellen die Entscheidungsträger.

Im öffentlichen Raum der Minderheit erhält Dänisch demgegenüber weder Funktionsbereiche noch Status in nennenswertem Ausmaß, und zwar weder innerhalb der Privatsphäre noch in der Kommunikation im kleinen Kreis zwischen nicht-professionellen Dänischsprechenden. Dadurch, dass Dänisch in der Regel als Zweitsprache in Schule und Betreuungseinrichtungen erworben wurde, ist es für die Mitglieder der Minderheit mit diesen Institutionen (und weniger mit privater Kommunikation) verknüpft. Sich dänisch zu fühlen ist daher nicht gleichbedeutend damit, in allen minderheitsrelevanten Situationen Dänisch zu sprechen: Man kann gleichzeitig dänisch gesinnt sein und Deutsch sprechen. Diese Realität steht jedoch in deutlichem Gegensatz zum traditionellen nationalen Ideal der Minderheit. Dieses umfasst die Verwendung der dänischen Sprache in allen Funktionsbereichen, einer dänischen Nationalkultur und einer dänischen nationalen Identität, die eng miteinander verbunden sind und in Einklang stehen. Der Widerspruch zwischen der alltäglichen Realität und diesem Ideal gibt seit über hundert Jahren Anlass für Diskussionen in der Tageszeitung der Minderheit, der Flensborg Avis.

Heute lässt sich sowohl in der Minderheit als auch in Dänemark eine steigende Erkenntnis und Akzeptanz dafür wahrnehmen, dass die sprachliche Wirklichkeit von einem variablen Status des Dänischen und einer Vielfalt an Identifikationsmöglichkeiten geprägt ist. Nationalkonservative Kreise in Dänemark warnen die Minderheit jedoch davor, Dänisch als Sprache aufzugeben, und sie drohen mit Konsequenzen in Bezug auf die ökonomische Unterstützung durch den dänischen Staat, sollte die dänische Sprache in der Minderheit ihre Bedeutung verlieren. Möglicherweise ist das der Grund dafür, dass eine Reihe von dänischen Minderheitseinrichtungen und -vereinigungen keine deutsche oder deutsch beeinflusste Beschilderung mehr vornimmt (z.B. die Dänische Zentralbibliothek, der Dänische Gesundheitsdienst oder die Sportvereine). Die Warnungen können auch Ursache dafür sein, dass 2018 vom SSF ein Vorschlag für eine gemeinsame Sprachpolitik der Minderheit vorgelegt wurde, den die übrigen Organisationen der Minderheit allerdings ablehnten.

Die Tatsache, dass die Flensborg Avis ihre deutschsprachige Sektion einstellte (auch wenn Deutsch nicht völlig aus der Zeitung verschwunden ist), lässt sich in gleicher Weise damit in Verbindung bringen, dass die Zeitung ihr dänisches Profil stärken und hervorheben möchte.

Die besondere Fokussierung auf die dänische Sprache findet auch ihren Ausdruck in der Sprachpolitik des SdU und darin, dass einige der zugehörigen Vereine ausschließlich dänische Internetseiten betreiben, wodurch sie zudem deutlich machen, dass Dänisch die Vereinssprache ist. In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob sich auch in der mündlichen Kommunikation innerhalb der Minderheit der Status des Dänischen geändert hat. Umfassende teilnehmende Beobachtungen in der Minderheit lassen jedoch den Schluss zu, dass in dieser Hinsicht zwischen 2000 und 2020 keine Veränderung eingetreten ist. Der Status des Dänischen in der mündlichen Kommunikation, üblicherweise in Form von Südschleswigdänisch, ist in der Minderheit nach wie vor variabel.

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Die Friesen und das Friesische in Nordfriesland

Alastair Walker


1 Geographische Lage
2 Statistik und Demographie
3 Geschichte
3.1 Die Entwicklung der nordfriesischen Mehrsprachigkeit
3.2 Auswanderung nach Amerika
4 Wirtschaft und Wanderbewegungen
5 Politische Aspekte
5.1 Symbolische und instrumentale Politik
5.2 Sprachenpolitik
5.3 Politische Entwicklungen auf unterschiedlichen Ebenen
5.4 Die finanzielle Förderung der friesischen Volksgruppe
6 Die rechtliche Stellung des Friesischen
6.1 Die regionale Ebene (Land)
6.2 Die nationale Ebene (Staat)
6.3 Die übernationale Ebene
7 Kulturelle Aspekte
7.1 Die nordfriesischen Vereine und Verbände
7.2 Kulturelle Einrichtungen
7.3 Friesisch im Bildungssystem
7.4 Friesisch in der Kirche
7.5 Friesisch in den Medien
7.6 Literatur, Theater, Musik und weitere kulturelle Felder
8 Die soziolinguistische Situation
8.1 Das Friesische
8.2 Sprache in Nordfriesland
8.3 Sprache in der Statistik
8.4 Sprache in der Familie
8.5 Sprachnorm und Sprachwandel
9 Spracheinstellungen: Friesisch als Ausdruck kultureller Identität
10 Linguistic Landscapes
10.1 Streetscape – Die Widerspiegelung der Mehrsprachigkeit in den Straßen Nordfrieslands
10.2 Gebäudenamen
10.3 Informationsschilder
10.4 Churchscape – Mehrsprachige Inschriften im Zusammenhang mit der Kirche
10.5 Unvermitteltes Auftreten von Inschriften
10.6 Symbole
10.7 Linguistic Soundscapes
11 Zusammenfassung
12 Literatur

1 Geographische Lage

Der Kreis Nordfriesland liegt an der Westküste Schleswig-Holsteins, des nördlichsten Bundeslandes der Bundesrepublik Deutschland. Als der Kreis im April 1970 im Zusammenhang mit der Gebietsreform in Schleswig-Holstein gebildet wurde, entstand zum ersten Male in der Geschichte Schleswig-Holsteins eine fast den ganzen nordfriesischen Raum umschließende politische Einheit, die dem Namen der Friesen Rechnung trug.1

Der Kreis hat eine Fläche von 2.048 km2 und umfasst ein Gebiet, das sich von der deutsch-dänischen Staatsgrenze im Norden über rund 90 km bis zur Eider im Süden erstreckt und die vorgelagerten Inseln Sylt, Föhr, Amrum, Pellworm und Nordstrand sowie die Halligen2 einschließt.3 Im Osten liegt die Kreisgrenze 58 km von der Nordsee entfernt. Die der nordfriesischen Nordseeküste vorgelagerte Wattfläche ist etwa 1.763 km2 groß.


Abb. 1: Das heutige nordfriesische Sprachgebiet

2 Statistik und Demographie

Am 30.6.2013 betrug die Einwohnerzahl Nordfrieslands 162.391 (27.5.1970 = 156.415), von denen 80,12 Prozent auf dem Festland, 19,73 Prozent auf den Inseln und 0,15 Prozent auf den Halligen leben. Die Bevölkerungsdichte beträgt 78 Einwohner per km2.1 Die Bevölkerungszahlen unterliegen jedoch Schwankungen auf Grund von Ab- und Zuwanderungsbewegungen (vgl. Kap. 4). Es wird geschätzt, dass zirka 50.000 Personen (31 %) sich als Friesen bezeichnen und dass zirka 8.000 Personen (4,9 % der Einwohner Nordfrieslands) Friesisch sprechen (Walker 2015a: 7),2 während die Zahl der Personen mit Passivkenntnissen etwa 20.000 betragen dürfte (Sjölin 1997). Die Zahl der „new speakers“, etwa durch Schule, Hochschule oder Volkshochschule, ist unbekannt.3 Damit bilden die Friesen eine Minderheit innerhalb Nordfrieslands und die Friesischsprecher wiederum eine Minderheit innerhalb der friesischen Volksgruppe.

Große Siedlungszentren gibt es in Nordfriesland nicht. Die größten Ortschaften sind (mit Einwohnerzahl): Kreisstadt Husum (23.169), Niebüll (9.964), Westerland auf Sylt (9.325), Leck (7.773), Bredstedt (5.424), Tönning (5.004), Wyk auf Föhr (4.178), St. Peter-Ording (4.042), Risum-Lindholm (3.787), Mildstedt (3.786), Langenhorn (3.194), Garding (2.644), Hattstedt (2.587) und Friedrichstadt (2.511) (Stand 31.3.2017).

3 Geschichte
3.1 Die Entwicklung der nordfriesischen Mehrsprachigkeit

Schleswig-Holstein war am Ende der Völkerwanderungszeit von seinen ursprünglichen Bewohnern weitgehend verlassen worden. In das bevölkerungsleere Gebiet drangen von Norden die Jüten, von Osten die Slawen und von Süden die Sachsen ein. Um zirka 700 besiedelten die Friesen, die aus dem ursprünglichen friesischen Siedlungsgebiet zwischen Ijsselmeer und Weserwurden kamen, die nordfriesischen Inseln Sylt, Föhr, Amrum und vermutlich auch Helgoland, den westlichen Teil Eiderstedts und Teile des Marschgebiets. Im 11. Jahrhundert wurde das Marschgebiet in einer zweiten Einwanderungswelle stärker in Besitz genommen.1

Südlich des friesischen Sprachgebietes entwickelte sich das Niederdeutsche allmählich zu einer expandierenden Sprache. Im Osten Schleswig-Holsteins wurde das Slawische im Mittelalter verdrängt. An der niederdeutsch-friesischen Grenze vollzog sich der erste Sprachwechsel im 17. Jahrhundert, indem Eiderstedt als der südlichste Teil des friesischen Sprachgebietes das Friesische zugunsten des Niederdeutschen aufgab. Außerdem wurde 1634 die Insel Strand, aus der die jetzigen Inseln Nordstrand und Pellworm hervorgegangen sind, durch eine große Sturmflut weitgehend zerstört und von den friesischen Einwohnern zum Teil verlassen. Die im Zuge des Wiederaufbaus eingewanderten Siedler führten das Niederdeutsche und teilweise auch das Niederländische ein, das aber inzwischen wieder verschwunden ist.

Die niederdeutsch-jütische Grenze entlang der Linie Husum-Schleswig scheint lange Zeit fest gewesen zu sein. Erst zwischen 1800 und 1850 ging die jütischsprachige Landschaft Angeln im Osten Schleswigs zum Niederdeutschen über. Im ärmeren schleswigschen Mittelrücken vollzog sich dagegen der Sprachwechsel viel langsamer. An der Westküste gewann das Niederdeutsche weiter an Boden, bis die Expansion des Niederdeutschen durch die des Hochdeutschen abgelöst wurde. Heute lässt sich im gesamten Gebiet ein Sprachwechsel vom Jütischen, Friesischen und Niederdeutschen zum Hochdeutschen hin beobachten.

Die friesisch-jütische Sprachgrenze scheint sich über die Jahrhunderte kaum bewegt zu haben, wenn man von der geringfügigen Expansion des Friesischen auf der Geest absieht.2 Das Jütische scheint jedoch das Friesische lange Zeit vor dem Einfluss des Niederdeutschen abgeschirmt zu haben.

Heute sieht die Sprachverteilung im Kreis Nordfriesland etwa so aus: Im gesamten Gebiet wird Hochdeutsch gesprochen. Niederdeutsch wird ebenfalls weitgehend im gesamten Gebiet gesprochen. Auf Amrum, Westerland-Föhr und dem östlichen Teil von Sylt ist das Niederdeutsche jedoch schwach vertreten. Südlich der deutsch-dänischen Staatsgrenze gilt das Jütische inzwischen als weitgehend ausgestorben. Friesisch wird auf dem Festland von der Staatsgrenze im Norden bis kurz vor Bredstedt, etwa Langenhorn, im Süden sowie auf den Inseln Sylt, Föhr, Amrum und vereinzelt auf den Halligen gesprochen.

Die meisten Friesischsprecher befinden sich auf Westerland-Föhr, Amrum, Helgoland, im östlichen Teil von Sylt, und auf dem Festland in der Gemeinde Risum-Lindholm. Diese Gebiete dürfen jedoch nicht mehr, vielleicht mit Ausnahme von Westerland-Föhr, als geschlossene Sprachräume betrachtet werden, da die Zahl der Nicht-Friesischsprecher die der Friesischsprecher übersteigt. In den übrigen Dörfern des friesischen Sprachgebietes ist die Zahl der Friesischsprecher teilweise gering.

3.2 Auswanderung nach Amerika

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts setzte eine Auswanderungswelle vor allem der Inselfriesen von Föhr und Amrum nach Amerika ein. Hauptsiedlungsgebiete waren Kalifornien und New York. In Kalifornien war die Haupterwerbstätigkeit der Betrieb von Hühnerfarmen, während die Friesen in New York Kolonialwarenhändler und später Inhaber von Delicatessen-Stores wurden (Götz/Greve 2011). Gründe für die Auswanderung waren etwa die Flucht vor der Militärdienstpflicht in der preußischen Zeit, die Suche nach besseren Arbeitsmöglichkeiten und die nicht ausreichende wirtschaftliche Basis auf den heimischen Bauernhöfen (Pauseback 1995). Heute besteht ein reger Kontakt zwischen den Insel- und den Amerika-Friesen.

4 Wirtschaft und Wanderbewegungen

Die Wirtschaftsstruktur Nordfrieslands ist primär durch den Dienstleistungssektor (besonders durch den Fremdenverkehr) gekennzeichnet. Etwa 73 Prozent der Brutto-Wertschöpfung kam 2016 aus diesem Bereich.1 Die Landwirtschaft ist ebenfalls von Bedeutung, da die 2.003 landwirtschaftlichen Betriebe eine Flächennutzung von insgesamt 160.248 ha (= 76,9 % der Gesamtnutzfläche Nordfrieslands) haben (Regionale Kooperation Westküste 2016: 14). Allerdings betrug 2016 die Landwirtschaft nur zirka zwei Prozent der Brutto-Wertschöpfung,2 und nur 2,3 Prozent der versicherungspflichtigen Beschäftigten sind im Wirtschaftszweig Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei tätig (Regionale Kooperation Westküste 2016: 64). Die Krise in der Landwirtschaft zwingt seit längerem Landwirte dazu, einen neuen Beruf aufzunehmen.

Die einzelnen Teile Nordfrieslands weisen eine unterschiedliche Wirtschaftsstruktur auf. Auf den Inseln dominiert der Fremdenverkehr, der aber inzwischen auch auf dem Festland mit dem Schwerpunkt in St. Peter-Ording an Bedeutung gewonnen hat. Andere Wirtschaftszweige auf dem Festland befinden sich zum Beispiel im Medizinbereich und in der regenerativen Energie. Es besteht dennoch eine ungleichmäßige Wirtschaftsstruktur, die zu Wanderbewegungen innerhalb des Gebietes führt. Täglich pendeln zum Beispiel zirka 4.000 bis 5.000 Personen vom Festland nach Sylt, um im Baugewerbe, Fremdenverkehr usw. tätig zu sein.

Infolge von Schwierigkeiten im Gesundheitssystem in Nordfriesland können Kinder jetzt in der Regel nicht mehr auf den Inseln Amrum, Föhr und Sylt geboren werden. Angehende Mütter müssen sich rechtzeitig vor der Niederkunft in eine Unterkunft in der Nähe der Kliniken in Flensburg, Husum oder Heide begeben.

Auf Grund des Fremdenverkehrs, der Attraktivität der Insel und der Zinspolitik der EZB sind die Immobilienpreise auf Sylt stark gestiegen, so dass ein beträchtlicher Teil der Immobilien inzwischen in den Händen von Auswärtigen liegt. Dieser Ausverkauf der Insel, genannt „Versyltung“, hat inzwischen auch die Inseln Föhr und Amrum erreicht, so dass auch hier die Immobilienpreise stark steigen.

Diese Entwicklung führt zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen auf den Inseln. Während junge Insulaner es sich oft kaum leisten können, auf den Inseln zu bleiben, liegt ein hoher Anteil an Häusern und Wohnungen im Besitz Auswärtiger, die als Ferien- und Wochenenddomizile oder als Investitionsobjekte benutzt werden.

Die hohen Immobilienpreise auf den Inseln, eine verhältnismäßig hohe Arbeitslosigkeit, die allerdings saisonbedingten Schwankungen unterliegt, die Notwendigkeit für junge Leute, den Kreis zu verlassen, um sich weiter zu qualifizieren, und ein geringes Arbeitsangebot für qualifizierte Fachkräfte und Akademiker in Nordfriesland führen zu einer Abwanderung der Einheimischen (Speth 2009, Walker 2019a). Im Jahre 2017 wanderten 7.165 Personen aus Nordfriesland ab. Eine Zuwanderung Nicht-Einheimischer findet ebenfalls statt, u.a. wegen des Bedarfs an Saisonkräften im Fremdenverkehr, insbesondere auf den Inseln. Ruheständler kommen ebenfalls gerne nach Nordfriesland, um hier in einer gesunden Umgebung ihren Lebensabend zu verbringen. Im Jahre 2017 wanderten 8.328 Personen nach Nordfriesland ein. Es sind m.a.W. mehr Personen zu- als abgewandert.3

Das einst nur schwer erreichbare Gebiet Nordfriesland ist heute verkehrstechnisch gut erschlossen. IC-Züge fahren über Husum nach Westerland auf Sylt mit der Möglichkeit, in Niebüll umzusteigen, um mit der Kleinbahn und Fähre zu den Inseln Föhr und Amrum weiterzufahren. Es gibt allerdings seit längerem erhebliche Schwierigkeiten mit der Marschbahn, die zu Protesten und zehn Monate in Folge zu einer Bestrafung der Bahn durch das Wirtschaftsministerium in Kiel geführt haben.4 Gefordert wird u.a. der Ausbau der eingleisigen Strecke zwischen Niebüll und Sylt. Es gibt auch eine Fährverbindung zwischen der dänischen Insel Röm und List auf Sylt. Direkte Flugverbindungen bestehen zwischen Sylt und Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Kassel, Mannheim, München, Stuttgart und Zürich. In St. Peter-Ording sowie auf den Inseln Föhr, Pellworm und Helgoland befinden sich ebenfalls Flugplätze. Gut ausgebaute Bundesstraßen verbinden die Bundesautobahn von Hamburg nach Flensburg mit Husum und Leck bzw. Niebüll. Der Bau der Westküstenautobahn von Hamburg hat bislang Heide erreicht.

5 Politische Aspekte
5.1 Symbolische und instrumentale Politik

Im Spannungsfeld zwischen Deutsch und Dänisch konnten die Friesen lange Zeit politisch wenig erreichen. Eine politische Partei oder eine politische Vertretung haben die Nordfriesen nie gehabt; allerdings vertritt die Partei der dänischen Minderheit, der Südschleswigsche Wählerverband (SSW), auch die Interessen der mit der dänischen Minderheit zusammenarbeitenden Friisk Foriining.

Infolge u.a. der stark gefährdeten Situation des Friesischen (vgl. Kap 8.1) sowie eines neuen „Einstieg[s] in eine offensive und operative Minderheitenpolitik“ (Fischer 1998: 313) sind seit den 1980er Jahren verschiedene Maßnahmen zur Förderung der friesischen Sprache und Kultur getroffen worden, die sich auf einem Kontinuum zwischen symbolischer und instrumentaler Bedeutung befinden. Eine symbolische Maßnahme kann spektakulär aussehen, hat aber nur geringe Bedeutung für das Fortbestehen der Sprachgemeinschaft, während eine instrumentale Maßnahme durch ihre Effektivität von grundlegender Bedeutung sein kann. Diese zwei Begriffe bilden ein Kontinuum, das mit zwei Beispielen illustriert werden kann:

2014 ist das Biikebrennen in Nordfriesland in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen worden. Es gab angeblich eine alte Tradition, dass am 21. Februar ein großes Feuer, die Biike, angezündet wurde, um zum Beispiel die Walfischfänger auf den Inseln zu verabschieden. Tatsächlich stellte sich heraus, dass diese Tradition etwa um 1830 vom Sylter Chronisten C.P. Hansen erfunden worden ist (Panten/Jessel 2004). Dennoch gilt das Biikebrennen heute als ein wichtiger Bestandteil friesischer Kultur, der jedes Jahr viele Touristen anlockt.1 Die Friesen haben viel Zeit und Energie investiert, um das Biikebrennen als Teil des immateriellen Kulturerbes anerkennen zu lassen, was auch gelungen ist. Der Nachweis muss aber noch erbracht werden, welchen Nutzen diese Anerkennung – als Beispiel einer symbolischen Maßnahme – der friesischen Sprachgemeinschaft tatsächlich bringt.

Am anderen Ende des Kontinuums wäre zum Beispiel der Ausbau eines friesischen Schulsystems eine instrumentale Maßnahme, etwa analog zu dem Schulsystem der dänischen Minderheit, die sich aber kaum realisieren lassen wird (vgl. Kap. 7.3.2).

Es wäre wünschenswert, eine Diskussion über die verschiedenen Strukturen zu führen, über die die friesische Volksgruppe inzwischen verfügt, um deren Bedeutung und Effektivität zu analysieren und ggf. zu reformieren. Es scheint erste Ansätze zu geben,2 aber bislang fehlt ein geeignetes Forum für eine solche Diskussion.3

5.2 Sprachenpolitik

Der deutsche Begriff „Sprachenpolitik“ umfasst die beiden englischen Konzepte „language policy“ und „language politics“. Da eine inhaltliche Differenzierung im Deutschen sinnvoll wäre, gibt es in der deutschsprachigen Literatur entsprechende Ansätze, zum Beispiel, dass „Sprachpolitik“ dem englischen Begriff „language politics“ entsprechen könnte, während „Sprachenpolitik“ mit dem Begriff „language policy“ gleichzusetzen wäre (Walker 2011a).

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Sprachenpolitik in Schleswig-Holstein, aber nicht nur dort, weitgehend zu einer Politik der Diskriminierung bzw. Unterdrückung.1 Dies manifestierte sich u.a. darin, dass von schulischer Seite Eltern empfohlen wurde, nur Hochdeutsch mit ihren Kindern und nicht Friesisch oder Niederdeutsch zu sprechen, um Schwierigkeiten in der Schule zu vermeiden. Dies hat in vielen Fällen zum Bruch in der Weitergabe dieser beiden Sprachen in der Familie geführt. Es wird auch berichtet, dass Kinder mit Friesisch oder Niederdeutsch als Muttersprache vom Englischunterricht ausgeschlossen wurden, weil sie erst einmal Hochdeutsch lernen müssten.2

In den 1970er Jahren begann sich diese Einstellung im Zuge der so genannten „Renaissance der Regional- oder Minderheitensprachen“ langsam zugunsten der kleinen Sprachen zu ändern, was u.a. zu einer verstärkten strukturellen, politischen und rechtlichen Förderung der friesischen Volksgruppe führte.

Schleswig-Holstein rühmt sich gerne wegen seiner Minderheitenpolitik, die ein Vorbild für Europa sein soll. Dies mag für die beiden nationalen Minderheiten, nämlich die dänische Minderheit im Landesteil Schleswig sowie die deutsche Minderheit in Nordschleswig gelten, trifft aber weder für die friesische Volksgruppe noch für die deutschen Sinti und Roma zu. Dies wird oft in Erklärungen übersehen. Jüngstes Beispiel ist die Aufnahme des „Zusammenlebens von Minderheiten und Mehrheiten im deutsch-dänischen Grenzland“ ins nationale Register Guter Praxisbeispiele der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes, wobei die Nordfriesen und die deutschen Sinti und Roma übersehen werden (Kühl 2019).

5.2.1 Sprachenpolitik als language policy

Dem ersten Grenzlandbeauftragten Kurt Hamer schwebte ein Projekt „Modell Nordfriesland“ vor, das er so beschrieb:

Es müsste langfristig angelegt sein, alle Maßnahmen zur Förderung der friesischen Sprache und Kultur umfassen, und es müsste ökonomisch und ökologisch untermauert sein, damit Friesen tatsächlich in ihrer Heimat Nordfriesland sein und bleiben können. (Hamer 1990: 71)

Leider starb Hamer zu früh, als dass er das Modell noch hätte ausarbeiten können.

Fast der einzige Politiker, der sich ernsthaft mit der Theorie der Sprachenpolitik in Bezug auf Schleswig-Holstein beschäftigt hat, ist der frühere Landtagsabgeordnete und spätere Staatssekretär Rolf Fischer (Fischer 1998, Fischer/Schulz 1998, Fischer/Pauls 2011, Fischer 2013). Er verweist auf die erfolgreiche Minderheitenpolitik Schleswig-Holsteins, macht aber gleichzeitig auf die Gefahr des „Klammergriff[s] der Routine“ und der „Erstarrung durch ‚Bürokratisierung‘“ aufmerksam (2013: 40). Da seines Erachtens „[d]ie Wissenschaft […] heute ein Interesse am Entwurf einer zukunftsorientierten deutschen Minderheitenpolitik vermissen [lässt]“ (2013: 44), plädiert er in acht Thesen für einen „Neustart“ in der Minderheitenpolitik. Dies wird als eigenständiges Politikfeld, als politische Querschnittsaufgabe verstanden, die eine enge Zusammenarbeit von Minderheiten, Politik und Wissenschaft voraussetzt. Minderheitenpolitik gilt als „eine stetige Aufgabe“, die „nicht statisch, sondern dynamisch“ und „ebenso vielschichtig wie komplex“ ist (2013: 47).

Den ersten Versuch, ein umfassenderes sprachplanerisches Konzept für das Friesische zu entwickeln, brachte der Friesenrat 2004 in der Broschüre „Modell Nordfriesland/Modäl Nordfriislon“ heraus, das 2006 in einer überarbeiteten Fassung neu herausgegeben wurde. Dieser erste gute Ansatz ist bis heute nicht weiter in Anlehnung an die internationale Literatur auf dem Gebiet der Minderheiten- und Sprachenpolitik entwickelt worden. Es hat zwar 2013 (Pingel 2013: 12–21), 2017 (Riecken 2017: 8) und 2018 Konferenzen zur allgemeinen Thematik gegeben, die aber den ersten Ansatz kaum weitergebracht haben. Auf einzelnen Gebieten, neuerdings etwa in der Frage von Friesisch in der Schule, gibt es positive Entwicklungen, aber sie finden sich in keinem Gesamtkonzept wieder. Problematisch ist die Frage, wer oder welche Einrichtung von der fachlichen Qualifikation her ein solches modernes sprachplanerisches Konzept entwickeln könnte und vom Aufgabenbereich her entwickeln sollte.

2015 hat die Minderheitenbeauftragte Renate Schmack einen „Handlungsplan Sprachenpolitik“ herausgegeben, dessen Leitbild ein geschlossener Bildungsgang für die einzelnen Regional- oder Minderheitensprachen ist (Schnack 2015). Der Handlungsplan soll unter dem neuen, seit 2017 amtierenden Minderheitenbeauftragten Johannes Callsen fortgeführt werden.

5.2.2 Sprachpolitik als language politics

Trotz guter Ansätze seitens der Grenzland- und Minderheitenbeauftragten und vieler Sonntagsreden lässt sich die vage formulierte „policy“ nur schwer umsetzen, da die Besonderheiten einer Minderheitenpolitik in den normalen politischen Strukturen und Abläufen kaum Berücksichtigung finden. Die Umsetzung scheint u.a. durch Unwissenheit, manchmal durch eine fehlende Priorisierung seitens der teilweise überarbeiteten Behörden vernachlässigt zu werden. Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Es ist nicht auszuschließen, dass es seitens der friesischen Volksgruppe manchmal an einem hartnäckigen Durchsetzungsvermögen und entsprechendem politischen Geschick fehlt.

Im o.g. Handlungsplan von 2015 ist u.a. ein durchgehendes Unterrichtsangebot auf Friesisch an den Schulen in der Bökingharde mit einem Schwerpunktzentrum für die Sekundarstufe in Niebüll vorgesehen. Als eine im Fach Friesisch qualifizierte Gymnasiallehrerin sich um eine Stelle am Gymnasium in Niebüll bewarb, wurde sie jedoch abgelehnt, da ihre Hauptfächer an der Schule bereits belegt waren. Die Qualifizierung im Fach Friesisch spielte keine Rolle. Trotz des gut gemeinten Ansatzes der Minderheitenbeauftragten gibt es heute an den weiterführenden Schulen in Niebüll einschließlich des Gymnasiums keinen Friesischunterricht.

5.3 Politische Entwicklungen auf unterschiedlichen Ebenen

Die Maßnahmen zur Förderung der friesischen Volksgruppe umfassen politische Entwicklungen sowie die Einführung und den Ausbau von Strukturen, die zum Teil bereits bestehende Strukturen ergänzen. Sie befinden sich auf unterschiedlichen Ebenen, zum Beispiel auf der lokalen, regionalen, nationalen und europäischen Ebene. Einige Strukturen teilt die friesische Volksgruppe mit den anderen autochthonen Sprachminderheiten, zum Teil auch mit der niederdeutschen Sprachgemeinschaft.1

5.3.1 Die lokale Ebene (Kreis)

In der 2005 verabschiedeten bzw. ab 29. Juni 2018 geltenden neuen Hauptsatzung des Kreises Nordfriesland steht in § 3 Absatz 2 folgender Satz: „Der Kreis schützt und fördert die kulturelle Eigenständigkeit der dänischen Minderheit und der friesischen Volksgruppe“.1 In der Nachtragssatzung 2013 werden in § 4 Absatz 1, Punkt c) die Aufgaben des Kultur- und Bildungsausschusses dargestellt. Diese enthalten u.a. die „Vorbereitung von Beschlüssen des Kreistages in den Gebieten […] Heimat- und Sprachenpflege, […] Kulturarbeit der dänischen Minderheit und der friesischen Volksgruppe, […] [den] Erhalt[ ] der kulturellen Vielfalt in Nordfriesland.“

2011 erschien der erste und bis jetzt einzige Minderheitenbericht des Kreises Nordfriesland. Am 19. November 2013 fand eine Anhörung zur aktuellen Situation der Minderheiten in Nordfriesland im Husumer Kreishaus statt.

5.3.2 Die regionale Ebene (Land)

Im Land Schleswig-Holstein begann in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre eine neue Ära der Minderheitenpolitik, die durch die Einführung neuer Strukturen gekennzeichnet war.1

Der/Die Minderheitenbeauftragte

Als 1988 das Amt des Grenzlandbeauftragten (2000 erfolgte eine Umbenennung in das Amt der Minderheitenbeauftragten2) eingerichtet wurde, bekamen die Minderheiten in Schleswig-Holstein, und später auch die niederdeutsche Sprachgemeinschaft, einen Ansprechpartner bzw. eine Ansprechpartnerin auf Landesebene.

Die bisherigen Grenz- und Minderheitenbeauftragten sind Kurt Hamer (SPD; 1988–1991),3 Kurt Schulz (SPD; 1991–2000),4 Renate Schnack (SPD; 2000–2005), Caroline Schwarz (CDU; 2005–2012), Renate Schnack (SPD; 2012–2017)5 und seit 2017 Johannes Callsen (CDU). Während Kurt Hamer, Kurt Schulz und Renate Schnack das Amt ehrenamtlich ausübten, nahm Caroline Schwarz ab 2008 das Amt hauptamtlich wahr. Bei Johannes Callsen ist neu, dass der Minderheitenbeauftragte gleichzeitig Landtagsabgeordneter ist. Die einzelnen Amtsinhaber und Amtsinhaberinnen haben unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt und eine unterschiedliche Arbeitsintensität gezeigt.

Im Rahmen des Friesischstudiums an der Universität Kiel finden Exkursionen in den Schleswig-Holsteinischen Landtag statt, um mit dem/der Minderheitenbeauftragten sowie mit den minderheitenpolitischen Sprechern und Sprecherinnen der einzelnen Landtagsfraktionen über die Minderheitenpolitik im Lande zu diskutieren. Bei einem solchen Besuch wurde die Minderheitenbeauftragte Caroline Schwarz gefragt, ob es zu ihren Aufgaben gehöre, Gesetzesentwürfe in Bezug auf ihre Bedeutung für die Minderheitenpolitik zu überprüfen. Dies hat sie verneint. Im Falle des Schulgesetzes 2007 hätte eine solche Überprüfung hilfreich sein können (vgl. Abschnitt 7.3.2).

Die Minderheitenberichte des Landtages

Seit 1986 soll in jeder Legislaturperiode ein Minderheitenbericht erstellt werden. 1986 erschien der erste Bericht über die dänische Minderheit in Deutschland und die deutsche Minderheit in Dänemark (Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages 1986). 1987 folgte ein Bericht über den friesischen Bevölkerungsteil (Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages 1987). 1990 fand ein Arbeitstreffen im Landeshaus Kiel statt, das in der Broschüre „Berichte zur Lage der Minderheiten“ dokumentiert ist (Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages 1991). Der anschließende Bericht 1992 umfasste sowohl die friesische Volksgruppe als auch die beiden nationalen Minderheiten (Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages 1992). 1996 wurden auch die deutschen Sinti und Roma in den Bericht aufgenommen (Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages 1996). Seitdem sind Berichte 1999, 2003, 2008, 2012 und 2017 erschienen (Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages 1999, 2003, Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein 2008, 2012, 2017).6 Die Berichte geben immer Anlass zu einer Debatte im Landtag.

Da die Berichte in der Regel nur den aktuellen Stand in den einzelnen Bereichen (z.B. Bildung) wiedergeben, ist es erforderlich, alle Berichte zu studieren, um Entwicklungen festzustellen.

Die Berichte zur Europäischen Charta

Im Jahre 2000 hat der Schleswig-Holsteinische Landtag die Landesregierung aufgefordert, jeweils in der Mitte der Legislaturperiode, einen Bericht über die Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in Schleswig-Holstein vorzulegen. Solche Berichte sind 2003, 2007, 2016 und 2019 erschienen.

Das Friesengremium

1988 wurde das Gremium für Fragen der friesischen Bevölkerungsgruppe im Lande Schleswig-Holstein gegründet. In der Regel trifft sich das Gremium zweimal im Jahr. Dem Gremium gehören Vertreter und Vertreterinnen der Landtagsfraktionen, Bundestagsabgeordnete aus Schleswig-Holstein, der/die Minderheitenbeauftragte sowie Vertreter und Vertreterinnen der friesischen Verbände an.

Das Gremium gibt den friesischen Vertretern und Vertreterinnen die Möglichkeit, sich über Probleme und Entwicklungen mit den politischen Ansprechpartnern und -partnerinnen auszutauschen.

Der Schleswig-Holsteinische Heimatbund (SHHB) 7

Der SHHB unterhält einen Ausschuss für Niederdeutsch und Friesisch. Hier informieren sich die Mitglieder über aktuelle Themen und Entwicklungen in Bezug auf diese Sprachen und beobachten ferner, inwiefern das Land seinen übernommenen Verpflichtungen aus der Europäischen Charta nachkommt.

5.3.3 Die nationale Ebene

Der parlamentarische Arbeitskreis

Seit 2005 gibt es beim Deutschen Bundestag einen parlamentarischen Arbeitskreis zu Fragen der nationalen Minderheiten, in dem sich mit Unterstützung des Vorsitzenden des Innenausschusses Abgeordnete mit den Vertretern der Dachorganisationen der nationalen Minderheiten ein- bis zweimal im Jahr beraten (Boysen 2012: 202ff.). Im Bundestag finden auch Debatten zur Minderheitenpolitik statt.

Der Beauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten

Das 1988 eingerichtete und am Bundesministerium des Innern angesiedelte Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen wurde im November 2002 erweitert, um ebenfalls die Belange der nationalen Minderheiten wahrzunehmen.1 Dieser ist der zentrale Ansprechpartner für die nationalen Minderheiten auf der Bundesebene. Seit März 2018 ist Prof. Dr. Bernd Fabritius (CSU) Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (Nordfriisk Instituut 2018c). Die bisherigen Amtsinhaber waren Jochen Welt (SPD; Dez. 1998–Okt. 2004), Hans-Peter Kemper (SPD; Nov. 2004–Feb. 2006), Dr. Christoph Bergner (CDU; Feb. 2006–Dez. 2013) und Hartmut Koschyk (CSU; Jan. 2014–Okt. 2017).

Im November 2014 haben der Beauftragte und die Minderheiten das Grundsatzpapier „Charta-Sprachen in Deutschland – Gemeinsame Verantwortung“ vorgestellt, das „den Startpunkt für eine von Bund, Ländern, Minderheiten und Niederdeutsch-Sprechern gemeinsam zu entwickelnde sprachenpolitische Ausrichtung für die Charta-Sprachen in Deutschland [setzt]“ (Minderheitenrat/Der Beauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten 2014: 2). Es ist jedoch unklar, inwiefern dieser Ansatz sich bislang überhaupt bemerkbar gemacht hat.

Öffentlichkeitsarbeit

Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit zur Frage der nationalen Minderheiten hat das Bundesministerium des Innern diverse Broschüren herausgebracht: 2004 „Nationale Minderheiten in Deutschland“, 2008 „Regional- und Minderheitensprachen in Deutschland“ (mit Niederdeutsch) und 2015 in der 3. Auflage „Nationale Minderheiten. Minderheiten- und Regionalsprachen in Deutschland“. Im Jahre 2000 ist ebenfalls eine vom Schleswig-Holsteinischen Landtag unterstützte Broschüre „Kulturen-Sprachen-Minderheiten. Ein Streifzug durch die dänisch-deutsche Grenzregion“ erschienen.

Der Minderheitenrat

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands hat sich ein loser Verband von Vertretern der vier autochthonen nationalen Minderheiten und Volksgruppen Deutschlands gebildet, der sich regelmäßig traf. 2002 schlossen sich die Minderheiten zu einem Minderheitenrat zusammen (Boysen 2012: 200f.), dessen Konstituierung am 9.9.2004 erfolgte. Der Minderheitenrat setzt sich für die Förderung und Schutz der vier Minderheiten ein und vertritt gemeinsam deren Interessen gegenüber der Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag.2

Das Minderheitensekretariat

Das Minderheitensekretariat in Berlin wurde 2005 gegründet.3 Es versteht sich als Verbindungsstelle der Verbände der anerkannten Minderheiten zu den Bundesorganen Bundestag, Bundesregierung sowie Bundesrat. Zu seinen Aufgaben gehören u.a. die Kontaktpflege und Darstellung der Positionen der vier anerkannten Minderheiten gegenüber Bundestagsausschüssen, Bundestagsabgeordneten, Fraktionen, Regierung und Ministerien.

Der Beratende Ausschuss für Fragen der friesischen Volksgruppe

Der Beratende Ausschuss für Fragen der friesischen Volksgruppe wurde am 1. Juni 2005 konstituiert. Er sichert den Kontakt der friesischen Volksgruppe zu der Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag. Im Ausschuss sitzen Vertreter und Vertreterinnen der friesischen Verbände, von Ministerien, der Politik sowie der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein (Bundesministerium des Innern 2015: 59f.).

5.3.4 Die europäische Ebene

Die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen

Die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) wurde 1949 gegründet (Kühl 2000). FUEV ist eine unabhängige Dachvereinigung von Organisationen nationaler Minderheiten in Europa und hat ihren Sitz in Flensburg. Sie versteht sich als Nachfolgeorganisation des von 1925 bis 1938 bestehenden Europäischen Nationalitätenkongresses und hat als Ziel die Erhaltung und Förderung der nationalen Identität, der Sprache, der Kultur und der Geschichte von nationalen Minderheiten.1

Ein Vertreter der Foriining for nationale Frashe (heute Friisk Foriining) wurde 1949 zum Kongress in Versailles eingeladen, der als die Gründungsversammlung von FUEV gilt. Der Nordfriesische Verein für Heimatkunde und Heimatliebe trat 1954 FUEV bei. Die unterschiedliche Haltung der beiden friesischen Vereine gegenüber der FUEV spiegelt den langen Streit bezüglich des Status der Nordfriesen wider. Der Nordfriesische Verein hat den Status der Nordfriesen als „nationale Minderheit“ lange abgelehnt. Als Kompromiss gelten die Friesen heute als „Volksgruppe“. 2010 hat der Nordfriesische Verein seine Mitgliedschaft auf Grund fehlenden Interesses wieder gekündigt.2

Die Jugend Europäischer Volksgruppen

Die Jugend Europäischer Volksgruppen (JEV) wurde 1984 als unabhängige, internationale, nichtstaatliche Jugendorganisation gegründet.3 Ihr Hauptziel ist die Erhaltung und Entwicklung von Minderheiten- und Volksgruppenrechten. Traditionell spielen junge Nordfriesen und insbesondere Nordfriesinnen hier eine bedeutsame Rolle.

Das Europäische Büro für Sprachminderheiten

Das Europäische Büro für Sprachminderheiten (European Bureau for Lesser Used Languages – EBLUL) wurde 1982 auf Initiative des Europäischen Parlamentes gegründet und hatte seinen Sitz in Dublin, später Brüssel. 2010 wurde das Büro aufgelöst.4

Ziel des Büros war es, die europäische Sprachenvielfalt in Form der Regional- und Minderheitensprachen zu fördern sowie die Zusammenarbeit zwischen kleinen Sprachgemeinschaften zu stärken.

Das Büro hatte in sämtlichen EU-Mitgliedsstaaten nationale Komitees, in denen alle im betreffenden Staat anerkannten Regional- und Minderheitensprachen vertreten waren. Mitglieder des Komitees für die Bundesrepublik Deutschland5 waren die dänische Minderheit, die deutschen Sinti und Roma, die Nord- und Saterfriesen, die Sorben sowie die niederdeutsche Sprachgemeinschaft.

Die wichtigste Veranstaltung des Komitees für die Bundesrepublik Deutschland war der Kongress „Sprachenvielfalt und Demokratie in Deutschland“, der 2001 in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium des Innern und dem Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt in Berlin stattfand (European Bureau for Lesser Used Languages 2002). Ein gewisser zeitlicher Zusammenhang mit der Ergänzung des Amtes des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen durch die Aufnahme der nationalen Minderheiten (2002), der Gründung des Minderheitenrates (2002 bzw. 2004) sowie des Minderheitensekretariats (2005) lässt sich feststellen, ein kausaler Zusammenhang nur vermuten.

Obwohl EBLUL sich aufgelöst hat, haben sich einige nationale Komitees gehalten, u. a. in Deutschland. Das Komitee hat in der Vergangenheit eine wichtige Rolle gespielt und zum Beispiel regelmäßig Vertreter der Friesen zu den „Euroschulen“6 sowie zu den von der Europäischen Kommission organisierten “Study Visits” geschickt. Derzeit sucht sie nach einer geeigneten Rolle für die Zukunft. Problematisch ist die von Minderheitenfunktionären geforderte Trennung von Minderheiten- und sprachlichen Angelegenheiten. Die Forderung, dass EBLUL sich nur mit sprachlichen Fragen beschäftigen darf, ignoriert den Zusammenhang zwischen Sprache und Sprachgemeinschaft bzw. Minderheit. Dies verdeutlicht auch das manchmal schwierige Verhältnis zwischen Wissenschaftlern und Funktionären (Walker 2011b: 182ff.).

Es gibt zwei mögliche Nachfolgeorganisationen von EBLUL, nämlich das Network to Promote Linguistic Diversity (NPLD)7 und das European Language Equality Network (ELEN).8 Beide scheinen den Friesen unbekannt zu sein.

Gesellschaft für Bedrohte Völker

Seit 2017 ist die Friisk Foriining Mitglied der Gesellschaft für Bedrohte Völker in Göttingen.9

Zusammenfassung

Es wird deutlich, dass inzwischen eine ganze Reihe von Maßnahmen, Institutionen und Gremien existiert, die der friesischen Volksgruppe in ihren Bemühungen um die Förderung des Friesischen behilflich sein soll. Nur ist es nicht immer klar, welche Funktion diese Maßnahmen, Institutionen und Gremien tatsächlich haben und wie bzw. ob sie den Friesen in Wirklichkeit helfen. Hier wäre mehr Transparenz wünschenswert.

5.4 Die finanzielle Förderung der friesischen Volksgruppe
5.4.1 Die Fördermittel

Eine Folge der 1990 in Kraft getretenen Landesverfassung war 1991 die Aufnahme eines gesonderten Titels im schleswig-holsteinischen Landeshaushalt für die „Kulturarbeit der friesischen Volksgruppe“, der zunächst 150.000 DM betrug. Bezweckt waren die institutionelle Förderung des Nordfriesischen Vereins und der Foriining for nationale Friiske sowie die Förderung friesischer Publikationen. Außerdem gab es einen besonderen Titel für die Bezuschussung des Nordfriesischen Instituts in Bredstedt, der 1991 380.000 DM (= 194.300 EUR) betrug.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands trugen 1992 Vertreter und Vertreterinnen der Nordfriesen den Wunsch vor, analog der Stiftung für das sorbische Volk ebenfalls eine Stiftung für das friesische Volk zu bekommen. Die Landesregierung hat 1995 diese Initiative unterstützt und der Kulturstiftung 1 Mio. DM treuhänderisch übergeben in der Hoffnung, dass die Bundesregierung diesem Beispiel folgen würde (Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages 1996: 48f.). Die jährlichen Zinserträge in Höhe von 45.000 DM (= 23.000 EUR) stehen den Friesen zur Verfügung. 1998 wurden alle bis zum 15.12.1997 aufgelaufenen Zinsen ausgezahlt (Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages 1999: 97). Nach vielen Jahren des Stillstands regelt jetzt ein Gesetz vom 13.1.2020 die Errichtung der „Stiftung für die Friesische Volksgruppe im Lande Schleswig-Holstein (Friesenstiftung)“.1

Obwohl die Bundesregierung sich mit dem Gedanken einer Stiftung für das friesische Volk zurückgehalten hat, hat sie 2000 mit einer Projektförderung begonnen. Diese Förderung betrug zunächst 51.100 EUR, im darauffolgenden Jahr 2001 255.600 EUR, und ist inzwischen auf jährlich 300.000 EUR gestiegen (Stand 2017). Da der Friesenrat die Verwaltung der Projektförderung in Nordfriesland übernommen hat, erhält er seit 2002 einen Personalkostenzuschuss in Höhe von 15.000 EUR.


1992 1997 2002 2007 2012 2016
43,5 35,9 20,2 20,2 12,2 20,2
11,0 8,2 5,8 0 k.A. 0
Kulturstiftung 0 0 23,0 17,2 28,0 18,3
Projektförderung durch den Bund 0 0 255,6 280,0 320,0 300,0

Tab. 1: Übersicht über die Entwicklung der Projektförderung der friesischen Volksgruppe gemäß den Minderheitenberichten 1996–2017 (in TEUR)

Ein Vergleich der Unterstützung der einzelnen Vereine und Institutionen zeigt, dass im Zeitraum 1992–2016 die Zuschüsse für den Nordfriesischen Verein und die Friisk Foriining im Wesentlichen konstant geblieben sind mit respektiv 25.600 EUR und 7.700 EUR. 2014 ist der Zuschuss für die Friisk Foriining ebenfalls auf 25.600 EUR erhöht worden. Auf der anderen Seite sind die Zuschüsse für das Nordfriesische Institut von 194.300 EUR im Jahr 1992 auf 456.700 EUR im Jahre 2016 gestiegen.


1992 1997 2002 2007 2012 2016
194,3 194,3 245,7 254,7 456,7
Nordfriesischer Verein 25,6 25,6 25,6 25,6 25,6 25,6
Friisk Foriining 7,7 7,7 7,7 7,7 7,7 25,6
Friesenrat Geschäftsstelle 0 0 15,0 15,0 15,0 15,0

Tab. 2: Übersicht über die Entwicklung der institutionellen Förderung der friesischen Volksgruppe gemäß den Minderheitenberichten 1996–2000, 2000–2005, 2005–2010, 2009–2012, 2012–2017 (in TEUR)

In der Bundesrepublik Deutschland, wie auch in anderen Ländern, existiert eine Hierarchie unter den autochthonen Minderheiten bzw. Sprachgemeinschaften (Oeter/Walker 2006: 235ff.). Während die zirka 50.000 Personen umfassende friesische Volksgruppe 2016 603.400 EUR an Zuschüssen aus Schleswig-Holstein und 300.000 EUR vom Bund (also insgesamt 903.400 EUR) erhielt, bekam die etwa gleich große dänische Minderheit im selben Jahr 65.214.000 EUR aus Dänemark und 42.481.800 EUR aus Schleswig-Holstein (also insgesamt 107.695.800 EUR) an Zuschüssen (Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein 2017: 43f. bzw. 217 und 219).6

5.4.2 Die vom Bund finanzierten Projekte

Eine vorläufige Analyse der Verteilung der Projekte ergibt folgendes Bild:


Jahr Projekte
2000 3
2001 10
2002 13
2003 16
2004 15
2005 20
2006 16
2007 11
2008 10
2009 14
2010 7
2011 17
2012 14
2013 14
2014 13
2015 17
2016 13
2017 17

Tab. 3: Zahl der Projekte pro Jahr 2000–2017 (Gesamtzahl 240)1


Zuschussempfänger Anzahl der Projekte
Ferian för en nuurdfresk radio (ffnr) 7
Fering Ferian 15
Ferring Stiftung 11
Frasche Feriin for e Ååstermååre 9
Friesenrat 41
Friisk Foriining 54
Frisia Historica 1
Gemeinde Helgoland 1
Heimatverein Nordstrand 1
Medienbüro Riecken 1
Museumsverein Insel Föhr – Dr.-Carl-Häberlin-Friesenmuseum 2
Nordfriesische Wörterbuchstelle der Universität Kiel 14
Nordfriesischer Verein Dagebüll 8
Nordfriesischer Verein 26
Nordfriesisches Institut 40
Öömrang Ferian 14
Rökefloose 7
Söl’ring Foriining 30

Tab. 4: Zahl der Projekte pro Zuschussempfänger 2000–2017

Da manchmal unterschiedliche Institutionen ein gemeinsames Projekt durchführen, ergibt eine Zusammenzählung der Projekte in dieser Liste mehr als 240 Projekte. Die Nordfriesische Wörterbuchstelle der Universität Kiel arbeitet zum Beispiel öfters mit dem Öömrang Ferian, dem Fering Ferian und der Ferring Stiftung zusammen, so dass hier ein Projekt mit vier Projektträgern vorliegt.

Zahlen zur Höhe der Bezuschussung der einzelnen Projekte sind für die Jahre 2000–2002 im Minderheitenbericht 2000–2005 veröffentlicht worden. Für die Jahre 2004 und 2005 sind Zahlen in der Zeitschrift Nordfriesland Nr. 154 (Juni 2006) und für das Jahr 2006 in Nordfriesland Nr. 158 (Juni 2007) abgedruckt. Weitere Zahlen sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Ein Vergleich der zusätzlichen Förderung bei den einzelnen Institutionen und Vereinen durch Projektförderung aus Bundesmitteln wäre damit nur für die ersten Jahre möglich.

2001 hat der Friesenrat grobe Richtlinien für die Priorisierung von Projekt­anträgen aufgestellt.2

6 Die rechtliche Stellung des Friesischen
6.1 Die regionale Ebene (Land)
6.1.1 Die Landesverfassung

Nachdem der friesischen Volksgruppe durch die sogenannte „Kieler Erklärung“ 1949 bestimmte Rechte eingeräumt worden waren, gingen diese 1955 infolge der sogenannten „Bonn-Kopenhagener Erklärungen“ wieder verloren (Walker 1996: 19f.). Erst mit der Umarbeitung der Landessatzung Schleswig-Holsteins zu einer Landesverfassung wurde 1990 die friesische Volksgruppe wieder in ein Rechtsdokument aufgenommen. Hier heißt es in Artikel 5 „Nationale Minderheiten“, Absatz 2:

Die kulturelle Eigenständigkeit und die politische Mitwirkung nationaler Minderheiten und Volksgruppen stehen unter dem Schutz des Landes, der Gemeinden und der Gemeindeverbände. Die nationale dänische Minderheit und die friesische Volksgruppe haben Anspruch auf Schutz und Förderung.1

In der weiter entwickelten Fassung vom 2. Dezember 2014 befasst sich jetzt Artikel 6 mit „Nationalen Minderheiten und Volksgruppen“. Hier lautet der zweite Satz im Absatz 2:

Die nationale dänische Minderheit, die Minderheit der deutschen Sinti und Roma und die friesische Volksgruppe haben Anspruch auf Schutz und Förderung.2

Die Freude über die Aufnahme der friesischen Volksgruppe in die Landesverfassung wurde 1996 gedämpft, als die Professur für Friesisch an der Bildungswissenschaftlichen Hochschule (Universität) Flensburg gestrichen wurde. Trotz der Proteste und einer Debatte im Landtag stellte es sich heraus, dass der Artikel 5 zu den Staatszielen gehörte,

die zwar den Staat bei seinem Handeln verpflichten und verbindliche Orientierung erlauben, sie gewähren aber dem einzelnen keine subjektiv einklagbaren Rechte. (Fischer 1998: 315)

Es war also nicht möglich, den Rektor der Bildungswissenschaftlichen Hochschule dazu zu bewegen, die Friesisch-Professur wieder einzurichten (vgl. Kap. 7.3.3).

In der Neufassung der Landesverfassung von Dezember 2014 wurde im Artikel 12 „Schulwesen“ der Absatz 6 neu aufgenommen. Hier heißt es: „Das Land schützt und fördert die Erteilung von Friesischunterricht und Niederdeutschunterricht in öffentlichen Schulen“.3

6.1.2. Das Friesisch-Gesetz

Am 13. Dezember 2004 wurde das in deutscher und friesischer Sprache formulierte „Gesetz zur Förderung des Friesischen im öffentlichen Raum“ (Friesisch-Gesetz) beschlossen.1 Das Gesetz sieht vor, dass in Nordfriesland sowie auf der Insel Helgoland Bürger und Bürgerinnen sich an Behörden in friesischer Sprache wenden können, dass friesische Sprachkenntnisse bei der Einstellung im öffentlichen Dienst berücksichtigt werden, dass an öffentlichen Gebäuden eine zweisprachige Beschilderung in deutscher und friesischer Sprache angebracht wird bzw. angebracht werden kann, und dass die vorderseitige Beschriftung von Ortstafeln ebenfalls zweisprachig in deutscher und friesischer Sprache erfolgen kann (vgl. dazu unten Kap. 10).

Das Friesisch-Gesetz kann im Hinblick auf die Ortstafeln als Ergänzung zum Erlass des schleswig-holsteinischen Verkehrsministers vom 20. August 1997 gesehen werden, der erstmalig zweisprachige Ortstafeln zuließ.

Am 29. Juli 2016 trat eine überarbeitete Fassung des Friesisch-Gesetzes in Kraft, die die bereits erwähnten Bestimmungen zum Teil ergänzte oder ausbaute.2 Hier wird zum Beispiel gefordert, dass in Behörden usw. friesischsprachige Mitarbeiter zur Verfügung stehen sollen, dass der Erwerb friesischer Sprachkenntnisse im Fortbildungsangebot für Beschäftige Berücksichtigung finden soll und dass auf Wunsch Beschäftigte in dem Gebiet eingesetzt werden sollen, in dem ihre jeweilige friesische Sprachform gesprochen wird.

Der Bereich der Verkehrsschilder wird stärker ausgebaut. Jetzt kann die vorderseitige Beschilderung von Ortstafeln, Ortshinweistafeln, Hinweistafeln zu besonderen touristischen Zielen und Routen, Hinweistafeln zu Gewässern sowie die wegweisende Beschilderung an Straßen zweisprachig in deutscher und friesischer Sprache erfolgen. Die Kosten für die erstmalige zweisprachige wegweisende Beschilderung in Nordfriesland übernimmt das Land. In den Haushaltsjahren 2016 und 2017 standen 300.000 EUR zur Verfügung. Dies hat zum unter Kap. 10.1.3 erwähnten verstärkten Ausbau der zweisprachigen Ortsschilder und Wegweiser in Nordfriesland geführt.

6.1.3. Friesisch in der Schule

Friesisch wurde erstmals 1909 auf der Insel Sylt im regulären Schulunterricht berücksichtigt. Kurz darauf erließ der Preußische Kultusminister ein Verbot des Friesischunterrichts an der Schule in Westerland. Hintergrund dieses Verbots war die vom Kultusminister vertretene Ansicht, dass das Ziel eines Staates seine nationale und sprachliche Einheitlichkeit sein müsse, die keinen Platz für regionale Besonderheiten zuließe.1

Aufgeschlossener zeigte sich die Preußische Regierung mit einem Erlass über friesischen Schulunterricht vom 19.2.1925. Am 19.5.1928 folgte ein zweiter, weitergehender Erlass.

Nach 1933 wurde der Friesischunterricht nur halbherzig betrieben, und er kam im Zweiten Weltkrieg fast ganz zum Erliegen. Nach dem Kriege wurde er mit Erlass der Landesregierung Schleswig-Holstein, Ministerium für Volksbildung, vom 17.10.1947 wiederaufgenommen. Danach ist lange Zeit nichts passiert. Die Lehrpläne für die Grund-, Haupt- und Realschulen in der Fassung von 1968 boten die Möglichkeit, Friesisch im Rahmen des Faches Deutsch zu berücksichtigen. Auf dem Gymnasium wurde Friesisch im Rahmen von freiwilligen Arbeitsgemeinschaften angeboten, und in der Oberstufe war Friesisch in den Oberstufenrichtlinien des Landes Schleswig-Holstein im Wahlbereich ausgewiesen.

Im neuen Jahrtausend kam wieder Bewegung in die Frage zu Friesisch in der Schule. Nachdem sich das Schleswig-Holsteinische Schulgesetz vom 24. Januar 2007 negativ auf die Entwicklung von Friesisch in der Schule ausgewirkt hatte (vgl. Kap. 7.3.2), steht in der Änderung vom 31.07.2014 in § 4 Absatz 5 unter „Pädagogische Ziele“: „Die Schule schützt und fördert die Sprache der friesischen Volksgruppe und vermittelt Kenntnisse über deren Kultur und Geschichte“.

In Absatz 6 steht u.a.:

Die Schule fördert das Verständnis für die Bedeutung der Heimat, den Beitrag der nationalen Minderheiten und Volksgruppen zur kulturellen Vielfalt des Landes sowie den Respekt vor der Minderheit der Sinti und Roma.2

Am 2.10.2008 kam auf der Grundlage der Verpflichtungen, die Deutschland als Vertragsstaat und das Land Schleswig-Holstein im Rahmen von Artikel 8 (Bildung) der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen für das Nordfriesische eingegangen waren, der neue Schulerlass „Friesisch an Schulen im Kreis Nordfriesland und auf Helgoland“.3 Dieser wurde am 15.7.2013 und am 1.8.2018 mit demselben Wortlaut erneuert. Der derzeitige Erlass tritt mit Ablauf des 31. Juli 2023 außer Kraft.4

Im Erlass steht u.a., dass die Teilnahme am Friesischunterricht freiwillig ist und dass die Schulen im Kreis und auf Helgoland verpflichtet sind, die Eltern darüber zu informieren, dass sie für ihre Kinder die Teilnahme am Friesischunterricht beantragen können. Auf der anderen Seite heißt es aber auch, dass

Schulen, in deren Schulprogramm das Lernen der friesischen Sprache und die Auseinandersetzung mit der friesischen Kultur einen Schwerpunkt bilden, […] Friesischunterricht auch ohne das Vorliegen von Anträgen anbieten [können].

Diese beiden letzten Punkte zeigen einerseits, dass die Verantwortung bei den Lehrkräften liegt, die Eltern für den Friesischunterricht zu gewinnen, dass aber auf der anderen Seite Schulen, die Friesischunterricht für alle Kinder durchführen, dies weiterhin tun können, ohne auf Anträge warten zu müssen.5 Friesischunterricht wird angeboten,

wenn die personellen Voraussetzungen vorhanden sind und eine angemessene Lerngruppe mit in der Regel mindestens zwölf Schülerinnen und Schülern eingerichtet werden kann.

6.2 Die nationale Ebene (Staat)

Im Zusammenhang mit der Reform des Grundgesetzes nach der Wiedervereinigung entstanden Bemühungen um die Aufnahme eines Minderheitenartikels im Grundgesetz, die aber bislang ohne Erfolg geblieben sind (Fischer 1998: 315).

6.3 Die übernationale Ebene
6.3.1 Das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten

Das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten wurde am 10.9.1997 von der Bundesrepublik Deutschland ratifiziert und trat am 1.2.1998 in Kraft. Im Ratifizierungsdokument heißt es (Oeter/Walker 2006: 259):

The Framework Convention contains no definition of the notion of national minorities. It is therefore up to the individual Contracting Parties to determine the groups to which it shall apply after ratification. National Minorities in the Federal Republic of Germany are the Danes of German citizenship and the members of the Sorbian people with German citizenship. The Framework Convention will also be applied to members of the ethnic groups traditionally resident in Germany, the Frisians of German citizenship and the Sinti and Roma of German citizenship.1

Hier wird also zwischen „national minorities“ (nationalen Minderheiten) und „ethnic groups“ (Volksgruppen) unterschieden.

Die Berichte zur Anwendung des Rahmenübereinkommens sind 2000, 2005, 2009, 2014 und 2019 eingereicht worden. Im Bericht des Beratenden Ausschusses 2002 zum Staatenbericht 20002 steht in § 93 Folgendes:

Der Beratende Ausschuss stellt fest, dass noch Spielraum für Verbesserungen im Medienbereich besteht, insbesondere hinsichtlich der Entwicklung von Hörfunk- und Fernsehprogrammen für die dänische wie auch die friesische Minderheit.

In § 95 ist zu lesen:

Die derzeitige Lage bezüglich der friesischen Sprache innerhalb des Bildungssystems verdient im Hinblick auf ihre Stärkung ebenfalls eine Überprüfung.

13 Jahre später, also im Jahre 2015 lässt sich feststellen, dass sich im Medien- und Bildungsbereich nicht viel geändert hat. Im Bericht des Beratenden Ausschusses 20153 liest man in § 83 Folgendes:4

It recommends that the authorities increase public support in the development of Frisian-language programmes, in order to respond adequately to the needs expressed by persons belonging to this minority.5

Zum Bildungsbereich heißt es in § 124: „The Advisory Committee calls on the authorities to step up the support provided to teaching in and of North Frisian in Schleswig-Holstein“.6 Ferner heißt es in § 125: „It recommends in addition that the authorities remove administrative obstacles to the provision of teaching in and of Frisian“.7

6.3.2. Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen

Nordfriesisch ist in Teil III der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen aufgenommen worden. Im Vorfeld der Ratifizierung der Charta sind in Schleswig-Holstein die einzelnen Sprachgemeinschaften aufgefordert worden, Vorschläge für die Auswahl der Paragraphen in Teil III einzureichen, die anschließend von den zuständigen Ministerien überprüft wurden (Schulz 2005). Als Einführung in die Thematik hat die Minderheitenbeauftragte Renate Schnack eine Broschüre herausgegeben, die den Text der Charta sowie Anwendungsmöglichkeiten aufzeichnet (Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein 2001).

Die Bundesrepublik hat 35 Paragraphen für das Nordfriesische angemeldet, neun unter Artikel 8 „Bildung“ und sechs unter Artikel 11 „Medien“. Nach Abgabe der Staatenberichte werden diese durch einen Sachverständigenausschuss überprüft, der festgestellt hat, dass einige der angemeldeten Paragraphen nicht oder nur partiell erfüllt worden sind. Diese liegen größtenteils in den Bereichen „Bildung“ und „Medien“. Auf diese Problematik wies 2018 ein Vertreter des Europarates anlässlich einer Feier zum 20-jährigen Jubiläum der Europäischen Charta hin.1


partiell erfüllt davon in Bildung/ Medien nicht erfüllt davon in Bildung/ Medien
2000 6 3/1 7 3/3
2004 6 5/0 4 1/3
2007 3 2/0 8 3/4
2010 5 3/1 6 2/2
2013 4 3/0 7 2/3
2018 4 2/0 5 2/3

Tab. 5: Die Zahl der partiell bzw. nicht erfüllten Paragraphen der Europäischen Charta

Zusammenfassung

Auch hier lässt sich feststellen, dass es inzwischen eine Reihe von rechtlichen Maßnahmen gibt, die der Förderung der friesischen Volksgruppe und des Friesischen dienen sollen. In Anbetracht der Streichung der Friesisch-Professur 1996 an der Universität Flensburg, der problematischen Situation von Friesisch im Bildungswesen und in den Medien sowie der fortwährenden kritischen Berichte der Sachverständigenausschüsse bezüglich der Umsetzung der Konventionen des Europarates (Europäische Charta und Rahmenübereinkommen) scheinen diese rechtlichen Maßnahmen jedoch eher symbolischen Charakter zu haben. Es wäre wünschenswert, die tatsächliche Bedeutung und Effektivität der einzelnen Maßnahmen zu überprüfen.

7 Kulturelle Aspekte
7.1 Die nordfriesischen Vereine und Verbände
7.1.1 Der Friesenrat Sektion Nord

Der Friesenrat Sektion Nord ist die Dachorganisation aller für das Friesische arbeitenden Institutionen und Einrichtungen in Nordfriesland und auf Helgoland. In seiner täglichen Arbeit versteht er sich als Kontakt- und Koordinierungsstelle, welche die gemeinsamen Interessen der Friesen nach außen vertritt.1

Gemäß der Satzung vom 17.11.20162 hat der Friesenrat die Aufgabe, a) die friesische Sprache und Kultur zu erhalten, zu fördern und zu vermitteln, b) den Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen den drei Frieslanden zu pflegen und zu stärken, insbesondere durch Mitwirkung seiner Mitglieder im Interfriesischen Rat, c) gemeinsame Vorhaben und Maßnahmen der friesischen Vereinigungen und Organisationen zu fördern und zu koordinieren, und d) Verbindungen zu europäischen Einrichtungen sowie zu Friesen außerhalb der Frieslande und anderen ethnischen Minderheiten in Europa herzustellen, zu erhalten und zu pflegen.

Diese Aufgaben werden wahrgenommen, indem der Friesenrat a) für die Verwaltung, Betreuung und Verteilung der Landes-, Bundes- und Stiftungsmittel zuständig ist, und b) in Zusammenarbeit mit dem Interfriesischen Rat regelmäßige Zusammenkünfte wie die interfriesischen Bauern-, Frauen- und Kommunalpolitikertreffen sowie das Treffen der drei Frieslande auf Helgoland und den interfriesischen Kongress organisiert. Der Friesenrat lädt auch zum jährlichen BIIKE-Empfang ein. Ferner arbeitet er mit den staatlichen Einrichtungen auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene zusammen und nimmt repräsentative Aufgaben wahr.

Problematisch ist die Frage, inwiefern der Friesenrat als Dachorganisation auch eine Führungsrolle übernehmen kann. Auf der einen Seite lässt die Struktur des Friesenrates, die aus zehn ehrenamtlich tätigen Mitgliedern und zwei bezahlten Kräften in der Geschäftsstelle besteht, die kräftezehrende Entwicklung von neuen sprach- oder minderheitenpolitischen Konzepten kaum zu,3 auf der anderen Seite hängt es auch von der fachlichen Qualifikation der einzelnen Personen ab. Der Friesenrat hat Erklärungen und Resolutionen abgegeben und Konferenzen organisiert,4 aber den Gedanken eines sprachplanerischen Konzepts seit dem ersten positiven Ansatz mit der Veröffentlichung des „Modells Nordfriesland“ 2004 kaum vorangetrieben. Es gibt kein Forum, in dem sich die vielfältigen Talente innerhalb der friesischen Volksgruppe treffen können, um die Thematik sachlich zu bearbeiten und weiter zu entwickeln. Insofern bleibt die Frage ebenfalls offen, inwiefern die Projektmittel im Sinne eines durchdachten Konzeptes gezielt eingesetzt werden.

2010 bezogen die Sekretariate des Friesenrates, des Nordfriesischen Vereins und der Friisk Foriining das Friisk Hüs in Bredstedt.5 Damit befinden sich die drei Sekretariate sowie das Nordfriesische Institut in Bredstedt, also außerhalb des friesischen Sprachgebietes. Ursprünglich war geplant, die Organisationszentrale für den Friesenrat und die Vereine in Niebüll anzusiedeln, d.h. im Sprachgebiet.6 Das Nordfriesische Institut wäre auch bereit gewesen, nach Niebüll umzuziehen,7 ein Gedanke, der durch den Bezug des Friisk Hüs hinfällig wurde.

7.1.2 Der Nordfriesische Verein e.V.

Der Nordfriesische Verein (bis 1993 Nordfriesischer Verein für Heimatkunde und Heimatliebe) wurde 1902 gegründet. Er will

Kultur, Natur und Landschaft Nordfrieslands [bewahren und pflegen]. Er fördert insbesondere die Erhaltung, Pflege und Entwicklung der bedrohten friesischen Sprache. Er tritt für die Belange der Nordfriesen in ihrem Lebensraum ein und unterstützt friesische Vereine und Organisationen mit gleicher Zielsetzung.1

Die wesentlichen Aufgaben sind u.a.

die friesische und plattdeutsche Sprache in Wort und Schrift zu pflegen, friesische Bräuche und Sitten lebendig zu erhalten durch Förderung von Theater-, Musik-, Tanz- und Trachtengruppen, […] Jugendliche für die Ziele des Vereins durch eigenständige Jugendarbeit zu gewinnen […] [und] Kontakte mit den Ostfriesen in Niedersachsen und mit den Westfriesen in den Niederlanden zu pflegen.2

Zu den Aktivitäten des Vereins gehören friesische und plattdeutsche3 Jugendfreizeiten, Näh- und Trachtenseminare sowie die Ausrichtung eines Theaterworkshops und eines Friesentages.

Einschließlich der 24 angeschlossenen Ortsvereine wie zum Beispiel der Söl’ring Foriining (‚Sylter Verein‘, 2100 Mitglieder), des Fering Ferian (‚Föhrer Verein‘, 260 Mitglieder), des Frasche Feriin for Naibel-Deesbel än trinambai (‚Friesischer Verein für Niebüll-Deezbüll und Umgebung‘, 161 Mitglieder) und des Frasche Feriin for e Ååstermååre (‚Friesischer Verein für das Ostermoor‘, 710 Mitglieder) hat der Verein insgesamt 4.930 Mitglieder (Stand 1.3.2019).4 Er gibt zusammen mit dem Heimatbund Landschaft Eiderstedt jährlich den Heimatkalender Zwischen Eider und Wiedau heraus und ist an der Herausgabe des Nordfriesischen Jahrbuchs beteiligt. Umgangssprache ist von Ortsverein zu Ortsverein unterschiedlich. Beim Fering Ferian sowie dem Frasche Feriin for e Ååstermååre finden zum Beispiel alle Versammlungen in friesischer Sprache statt.

7.1.3 Die Friisk Foriining (‚Die Friesische Vereinigung‘)

Die Friisk Foriining (bis 1975 Foriining for nationale Frashe, anschließend bis 2003 Foriining for nationale Friiske) wurde im Jahre 1948 gegründet in der Nachfolge des 1923 gegründeten Friesisch-schleswigschen Vereins.1 Die Vereinigung versteht sich als überregionaler Verein in Nordfriesland, der sich für die friesische Sprache und Kultur einsetzt.2 Der Verein hat 609 Mitglieder (Stand Januar 2019).

Seit 1951 brachte der Verein die friesische Zeitschrift Üüsen äine wäi (‚Unser eigener Weg‘) heraus. Diese wurde 1995 durch die Zeitschrift Nais aw frasch (‚Neues auf Friesisch‘) abgelöst, die wiederum 2009 durch den Newsletter Friisk Tising (‚Friesische Nachrichten‘) abgelöst wurde.

Der Verein arbeitet eng mit der dänischen Minderheit sowie mit dem Verein Rökefloose (‚Rabenschar‘) zusammen. Zu den Aktivitäten der Vereine gehören Jugendarbeit einschließlich der Durchführung von Sprach- und Jugendreisen sowie der alljährlichen Harfsthuuchschölj (‚Herbsthochschule‘), die Durchführung friesischer Sprachkurse, die Herausgabe friesischer und Nordfriesland betreffender Publikationen und Filme, die Unterstützung friesischen Theaters und des friesischen Radios sowie der Aufbau von Netzwerken mit anderen europäischen Sprachminderheiten. Alle Versammlungen finden in friesischer Sprache statt.

7.1.4 Die Rökefloose e.V.

Die 1983 gegründete Rökefloose (‚Rabenschar‘) besteht vorwiegend aus jungen Leuten. Die Schwerpunkte bei der Pflege der friesischen Sprache und Kultur liegen in der Betreuung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie im Breitensport, in der Abhaltung kultureller Veranstaltungen wie Theater und der Durchführung von Kinderreisen. Umgangssprache ist Friesisch.1

7.1.5 Der Öömrang Ferian i.f. (‚Amrumer Verein e.V.‘)

Der 1974 gegründete Öömrang Ferian ist der unabhängige friesische Verein für die Insel Amrum und hat zirka 380 Mitglieder (Stand 2015).1 Er fördert die „Pflege von Kulturwerten, des Umwelt-, Landschafts- und Denkmalschutzes sowie des Heimatgedankens auf der Insel Amrum“. Im Verein soll die „Versammlungssprache […] möglichst friesisch sein. Der Schriftverkehr wird in friesisch geführt.“2

Zu den Aktivitäten des Vereins gehören die Herausgabe friesischsprachiger und Amrum betreffender Literatur, die Betreuung eines Archivs des historischen Friesenhauses Öömrang Hüs (‚ֹAmrumer Haus‘),3 der historischen und naturkundlichen Ausstellung „Maritur“, eines Naturschutzzentrums, eines eisenzeitlichen Hauses sowie neuerdings einer Ausstellung zur Biologie der Wale und der Beteiligung von Nordfriesen am Walfischfang des 17. und 18. Jahrhunderts. Seit 1983 betreut der Verein das Naturschutzgebiet Amrumer Dünen sowie das Landschaftsschutzgebiet Amrum und seit 2001 gemeinsam mit der Schutzstation Wattenmeer auch einen Teil des Nationalparks „Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer“.

7.1.6 Der Verein Nordfriesisches Institut

Der 1948 gegründete Verein Nordfriesisches Institut ist Träger des 1965 eingerichteten Nordfriesischen Instituts in Bredstedt (vgl. 7.2.2).1 Zweck des Vereins ist die „Förderung wissenschaftlicher und pädagogischer Arbeit für Nordfriesland zur friesischen Sprache, Kultur und Geschichte“.2 Am 31.12.2018 hatte der Verein 914 Mitglieder.

7.2 Kulturelle Einrichtungen
7.2.1 Die Ferring Stiftung

Die Ferring Stiftung wurde 1988 von Dr. med. Frederik Paulsen in Alkersum/Föhr gegründet.1 Ziele der Stiftung sind a) die Erforschung der Lebensbedingungen in Küstengewässern, insbesondere im Nordfriesischen Wattenmeer und auf dessen Inseln, b) die Erforschung und die Förderung der friesischen Sprache und Kultur, insbesondere der Inseln Föhr und Amrum, und c) die Erforschung der Geschichte sowie der Früh- und Vorgeschichte der Bevölkerung Nordfrieslands, insbesondere der Inseln Föhr und Amrum.

Die Stiftung organisiert Vortragsveranstaltungen und wissenschaftliche Symposien und verleiht verschiedene Preise. Ferner bringt sie zahlreiche Veröffentlichungen heraus. In den Räumen der Ferring Stiftung befindet sich seit 2012 das Inselarchiv Föhr (Jannen 2016).

7.2.2 Das Nordfriesische Institut (Nordfriisk Instituut)

Das 1964/65 gegründete Nordfriesische Institut ist eine vom Verein Nordfriesisches Institut getragene unabhängige, staatlich geförderte Einrichtung.1 Es versteht sich als die zentrale wissenschaftliche Einrichtung für die Förderung, Dokumentation und Erforschung der friesischen Sprache, Geschichte und Kultur in Nordfriesland.2

Das Institut hat eine bewegte Geschichte hinter sich (Nordfriisk Instituut 2015a). Eine Zeitlang wusste das Institut nicht, welche Prioritäten es in seinen Aufgaben setzen sollte, was teilweise mit finanziellen Schwierigkeiten zusammenhing.3 Dennoch wurde betont, dass die Spracharbeit „[o]berste Priorität“ haben sollte.4 Im November 2013 wurde eine Ziel- und Leistungsvereinbarung mit dem Land Schleswig-Holstein getroffen,5 die die Ziele des Vereins Nordfriesisches Institut e.V. und die Leistungen des Nordfriesischen Instituts definierte und gleichzeitig dem Institut eine Planungssicherheit gab. Während die Ziele durchaus sprachliche Themen enthalten, spielt Sprache in den zu erbringenden Leistungen, so zum Beispiel unter 5. „Information von Presse, Funk und Fernsehen zur friesischen Sprache, Kultur und Geschichte und Unterstützung bei der Verbreitung von Sendungen und Artikeln in friesischer Sprache“ und unter 7. „Entwicklung von Lehr- und Lernmaterialien für den Friesischunterricht und für Lesewettbewerbe in friesischer Sprache“, nur eine relativ untergeordnete Rolle. Geschichte als der tatsächliche Schwerpunkt des Instituts wird in der Auflistung der zu erbringenden Leistungen unter 2. aufgegriffen, wo es heißt: „Systematische Erforschung und Darstellung der Geschichte Nordfrieslands, insbesondere die der friesischen Volksgruppe“. Von einer Erforschung und Dokumentation der friesischen Sprache ist hier keine Rede. Eine Durchsicht der regelmäßig in der Zeitschrift Nordfriesland erscheinenden Arbeitsberichte des Instituts zeigt auch, dass seit dem Eintritt in den Ruhestand des Frisisten Nils Århammar 1996 kaum nennenswerte sprachwissenschaftliche Forschung oder Dokumentation und erst recht keine empirische Sprachforschung am Institut geleistet worden ist. Allerdings schreibt das Institut im Arbeitsbericht 1997:

Gegenüber diesen als vordringlich angesehenen [praktischen, zum Beispiel Herausgabe friesischsprachiger Veröffentlichungen der unterschiedlichsten Art] Tätigkeitsfeldern musste die eigentliche Sprachforschung auch im Berichtsjahr zurückstehen. (S. IV)

Über die Jahre hat sich an dieser Feststellung nichts geändert.

In diesem Zusammenhang lässt sich die Auffassung von Köster in ihrer 2009 vom Nordfriesischen Institut herausgegebenen Doktorarbeit nicht nachvollziehen, dass die Frisistik-Professur an der Universität Kiel gestrichen werden könnte, da das Nordfriesische Institut sich als „Einrichtung zur Pflege, Förderung und wissenschaftlichen Erforschung der friesischen Sprache“ etabliert hat (2009: 176). Hier hat sich eine in friesischen Angelegenheiten unerfahrene Juristin ein potentiell weitreichendes Urteil erlaubt, ohne sich ausreichend mit der Materie beschäftigt zu haben.6

Am 3.4.2018 wurde die deutsche Fassung und am 11.1.2019 die friesische Fassung einer neuen Ziel- und Leistungsvereinbarung zwischen dem Institut und der Landesregierung unterschrieben, die der erste Vertrag zwischen einer staatlichen und einer privaten Institution in beiden Sprachen sein dürfte (Schmidt 2019a). Im Falle eines Rechtstreites dürfte die deutsche Fassung maßgeblich sein (Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein 2001: 23). Der neue Vertrag ist nicht öffentlich zugänglich.

Trotz der o.g. Kritik spielt das Institut in Nordfriesland eine bedeutende Rolle. Es unterhält eine Spezialbibliothek für Nordfriesland, ein Auswanderer-Archiv und einen eigenen Verlag. Es hat vier eigene Reihen und gibt das Nordfriesische Jahrbuch (zusammen mit dem Nordfriesischen Verein), die Vierteljahresschrift Nordfriesland sowie die Zeitschrift Maueranker der Interessengemeinschaft Baupflege Nordfriesland & Dithmarschen heraus. Ferner veranstaltet es Vorträge, Workshops, Seminare und Konferenzen sowie Vorlese-, Schreib- und Musikwettbewerbe und die Aktion „Sprachenfreundliche Gemeinde“. Es entwickelt friesische Sprachkurse, auch fürs Internet, bringt meist übersetzte friesische Schulmaterialien heraus und leistet allerlei Übersetzungstätigkeiten, zum Beispiel in Zusammenhang mit der zweisprachigen Beschilderung öffentlicher Gebäude infolge des „Friesisch-Gesetzes“. Seit 2015 verfügt es über die Ausstellung „Nordfriisk Futuur“, die einen Einblick in die Geschichte, Kultur und Sprachen Nordfrieslands gewährt.

Diverse Aktivitäten des Instituts eignen sich als wichtige Bestandteile eines sprachplanerischen Konzepts, nur müssten sie in solch ein Konzept eingebettet werden.

Im Jahre 2017 wurde das Institut u.a. durch institutionelle Zuschüsse a) vom Land Schleswig-Holstein (438.800,00 EUR), b) vom Kreis Nordfriesland (56.300,00 EUR), c) von der Sydslesvigsk Forening bzw. der Friisk Foriining (25.560,00 EUR), d) von der Stadt Bredstedt (1.800,00 EUR) und e) durch die Ausgleichsmittel der Universität Flensburg (30.677,84 EUR) finanziert. Hinzu kamen Einnahmen von Projektmitteln in Höhe von 438.175,31 Euro, so dass das Institut insgesamt Einnahmen in Höhe von 1.081.188,00 Euro hatte.7

7.2.3 Das Andersen-Haus

1989 erwarb der 1911 gegründete Frasche Feriin for e Ååstermååre (‚Friesischer Verein für das Ostermoor‘) das Andersen-Haus in Klockries, das sich seitdem zu einem bedeutenden Kulturzentrum entwickelt hat, das der wirksamen Entfaltung der heimischen Kultur sowie der Stützung der friesischen und niederdeutschen Sprache dient.1

7.2.4 Weitere kulturelle Einrichtungen und Museen

Es gibt eine Reihe weiterer kultureller Einrichtungen und Museen, die sich mit der friesischen Sprache und Kultur beschäftigen, zum Beispiel das Nordfriesland Museum Nissenhaus in Husum1, das Sylt Museum und das Altfriesische Haus in Keitum/Sylt2, das Dr.-Carl-Häberlin-Friesen-Museum in Wyk/Föhr3, das Öömrang-Hüs in Nebel/Amrum4, das Friesische Museum in Niebüll5 und das Hans-Momsen-Haus in Fahretoft6.

7.3 Friesisch im Bildungssystem

Friesisch im Bildungssystem umfasst die Bereiche Kindergarten, Schule, Hochschule und Volkshochschule (vgl. Walker 2015a).

7.3.1 Friesisch im Kindergarten

Von einigen privaten Initiativen abgesehen, hat es lange keine friesischsprachigen Kindergärten gegeben. 1991 startete auf Initiative des Friesenrates der Versuch, Friesisch stärker in Kindergarten und Schule zu etablieren. Auf der Grundlage eines von einem Mitarbeiter der Nordfriesischen Wörterbuchstelle der Universität Kiel ausgearbeiteten wissenschaftlichen Konzeptes konnte 1993 der BLK-Modellversuch „Erwerb friesischer Sprachkompetenz innerhalb und außerhalb der Schule“ beginnen, der zur Einführung und zum Ausbau von Friesisch in Kindergärten führte (Corinth/Martinen 1996).

Mangels eines zusammenfassenden Überblicks zur Entwicklung von Friesisch im Kindergarten werden hier die Minderheitenberichte zu Rate gezogen.


Minderheitenbericht Jahr der Statistik Zahl der Kindergärten Zahl der Kinder
1996–2000 1999 keine Angabe
2000–2005 17 keine Angabe
2005–2010 16 ca. 660
2009–2012 2010/11 16 ca. 660
2012–2017 17 ca. 660

Tab. 6: Friesisch im Kindergarten

7.3.2 Friesisch in der Schule

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nur wenige Schulen mit Friesischunterricht. 1957 erhielten 300 bis 350 Kinder Friesischunterricht an 17 Schulen, aber in den 1960er Jahren sank die Zahl weiter (Petersen 1979). Erst 1976 begann auf Sylt eine neue Initiative für Friesisch in der Schule, die sich schnell ausbreitete und bald ganz Nordfriesland erfasste. Im Schuljahr 1982/83 hat die Frisistik der Universität Kiel begonnen, Statistiken über den friesischen Schulunterricht zu führen, eine Aufgabe, die später vom Schulamt in Husum bzw. von dem Landesfachberater/der Landesfachberaterin für Friesisch übernommen wurde.

Die Statistiken zeigen, dass die Zahl der Schulen, Lehrer, Schüler und Unterrichtsstunden zunächst stetig stieg. Bei den Schulen wurde 1989/90 der Gipfel erreicht, bei den Schülern 2002/03, obwohl in beiden Fällen die Zahlen anschließend einigermaßen konstant blieben. Der Einbruch im Schuljahr 2007/08 hatte wahrscheinlich zwei Ursachen: a) die Einführung des obligatorischen Englischunterrichts in den Grundschulen im Jahr 2006, so dass Eltern befürchteten, dass ihre Kinder mit zwei Fremdsprachen überfordert wären, und b) das Schulgesetz von 2007, das zur Schließung und Zusammenlegung verschiedener Schulen führte (Holm et al. 2011).


Schuljahr Lehrer Schulen Schüler Stunden
1982/83 14 18 574 74
1987/88 18 35 740 129
1992/93 23 37 1003 149
1997/98 23 26 1133 143
2002/03 29 25 1473 154
2008/09 24 24 925 106
2012/13 24 22 802 92
2015/16 26 21 979 104
2017/18 25 17 819 86,5
2018/19 25 18 760 81

Tab. 7: Entwicklung des friesischen Schulunterrichts in Nordfriesland seit dem Schuljahr 1982/83

Im Schuljahr 2018/19 erteilten 25 Lehrer 760 Schülern 81 Stunden Friesischunterricht an 13 deutschen und fünf dänischen Schulen. Der Unterricht fand an elf Grundschulen, einer Gemeinschaftsschule,1 zwei Gymnasien und fünf dänischen Schulen statt. In der Regel findet der Friesischunterricht als Fachunterricht eine oder zwei Stunden die Woche statt. Nur vereinzelt werden auch andere Fächer auf Friesisch unterrichtet (CLIL).2

Seit 1962 wird am Gymnasium in Wyk auf Föhr Friesisch unterrichtet, seit 2008 als mündliches Abiturprüfungsfach mit Lehrplan. 2012 war Friesisch zum ersten Mal Teil einer Abiturprüfung (Roeloffs 2012b). Im Unterricht werden von den Schülern und Schülerinnen u.a. Schulbücher selbst produziert, von denen inzwischen zwölf erschienen sind (Faltings 2017).

1981 wurde die Stelle eines „Beauftragten für den friesischen Schulunterricht“ eingerichtet (Steensen 2002), heute heißt die Amtsinhaberin „Landesfachberaterin für Friesisch“. In dieser Funktion ist sie dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) in Kiel zugeordnet und organisiert zwei- bis dreimal im Jahr Treffen mit den friesischen Lehrkräften. Zugleich verbunden mit dieser Funktion ist die Studienleitung Friesisch, die für die zweite Phase der Ausbildung von Friesischlehrkräften am IQSH zuständig ist. Seit 2019 gibt es auch an den dänischen Schulen eine Fachbeauftragte für Friesischunterricht.

2015 ist ein „Leitfaden für den Friesischunterricht an Schulen in Schleswig-Holstein (Primarstufe)“ (Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein) erschienen, der Ziele für die Jahrgangsstufen definiert, Unterrichtsinhalte und Themen beschreibt und eine Literaturliste enthält, die u.a. vorhandenes Schulmaterial und Kinderbücher in den einzelnen Mundarten auflistet. Auf Grund der fehlenden Anerkennung des Friesischen als Grundschulfach stellt der Leitfaden jedoch keinen verbindlichen Lehrplan dar. Für die Sekundarstufe I und II wird dagegen derzeit an der Erstellung von Fachanforderungen Friesisch gearbeitet.

Obwohl die Friesischlehrer und -lehrerinnen ihren Unterricht mit großem Engagement und Enthusiasmus vorbereiten und durchführen und regelmäßig mit ihren Schülern und Schülerinnen auf öffentlichen Veranstaltungen auftreten, erschwert eine Reihe von Problemen die Arbeit. Oft sind diese Probleme längst bekannt (Walker/Wilts 1979, Walker 1986, Martinen/Walker 1988, Wilts 1989, Martinen 1990 und 1991, Nommensen 1993), werden aber nicht behoben. Im Einzelnen sind dies:

 Status des Faches Friesisch: Mit Ausnahme des Oberstufenunterrichts am Gymnasium Föhr hat Friesisch keinen Status als Fach.3 Allgemein gilt Friesisch als Zusatzangebot (Kultusministerkonferenz 2013: 62). Am IQSH gilt Friesisch als Fach, aber ein Referendariat ist in diesem Fach nicht möglich.Die Nicht-Anerkennung des Faches hat Konsequenzen für die Vergabe von Stellen, da Friesisch hier nur eine untergeordnete Rolle spielt. Dies hat zum Beispiel zur Folge, dass es zurzeit, entgegen dem ausdrücklichen Wunsch des Handlungsplans, kein Friesischangebot an den weiterführenden Schulen in Niebüll gibt (vgl. Kap. 5.2.2).

 Lehrerausbildung: Die Lehrerausbildung findet in erster Linie an der Europa-Universität Flensburg statt (vgl. Kap. 7.3.3). Friesisch kann in der Regel nur als Teil des Germanistik-Studiums studiert werden. Angehende Friesischlehrer müssen einen Zertifikatkurs in Flensburg absolvieren. Es ist derzeit unklar, inwiefern anschließend ein weiterer Zertifikatkurs bei der Landesfachberaterin für Friesisch abgelegt werden muss. Problematisch ist, dass Studierende eines friesischen Zertifikatkurses keine Bonuspunkte bei der Bewerbung auf einen Referendariatsplatz bekommen, im Gegensatz etwa zum Zertifikat Deutsch als Zweitsprache/Fremdsprache. Friesisch gehört auch nicht zu den Fächern des besonderen Bedarfs, obwohl dies faktisch der Fall ist.4 Die Nicht-Anerkennung des Friesischen als Fach bereitet ferner Probleme bei der Suche nach einem geeigneten Referendariatsplatz.

 Zahl der friesischen Lehrkräfte: Es gibt bereits einen Mangel an friesischen Lehrkräften, der durch die absehbare Pensionierung derzeit aktiver Lehrkräfte verstärkt werden wird. Die Zahl der Absolventen und Absolventinnen an den Universitäten reicht nicht aus, um den Bedarf an qualifizierten Lehrkräften zu decken. Auf Grund u.a. von fehlendem Personal findet in der Wiedingharde seit geraumer Zeit kein Friesischunterricht mehr statt.Ein weiteres Problem ist die Nicht-Beschäftigung von qualifizierten Friesischlehrkräften im friesischen Sprachgebiet. Im sechsten Prüfbericht des Sachverständigenausschusses 2018 zur Überwachung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen steht: „Providing a sufficient number of teachers is increasingly difficult also because many of those with the necessary language skills and training are in fact not assigned to schools in the area where North Frisian is spoken.“5 (Chapter 1.2.34)

 Formen des Unterrichts: Da die Teilnahme am Unterricht freiwillig ist, haben sich verschiedene Formen des Unterrichts entwickelt, zum Beispiel als Arbeitsgemeinschaft, als Projektunterricht oder als Angebot im Wahlpflichtbereich.

 Unterrichtsstunden: In der Regel findet der Friesischunterricht nur eine oder zwei Stunden die Woche statt. Dies reicht keineswegs aus, um den im Handlungsplan vorgesehenen „systematischen Spracherwerb“ zu gewährleisten (vgl. Kap. 5.2.1). Friesisch wird kaum als Medium benutzt, um andere Fächer zu unterrichten. Ferner wird Friesisch oft nur in den Randstunden oder nachmittags als Arbeitsgemeinschaft angeboten.

 Kontinuität des Unterrichts: Friesischunterricht ist weitgehend auf die Grundschule beschränkt. Nur an der Gemeinschaftsschule Amrum, auf dem Gymnasium Föhr und zum Teil in den dänischen Schulen findet der Unterricht an einer weiterführenden Schule statt. Die Diskontinuität frustriert Schüler, die gerne in der Grundschule am Unterricht teilgenommen haben und beeinträchtigt die Motivation mancher Schüler und Eltern.

 Schulmaterialien: Die friesische Dialektvielfalt wirft wirtschaftliche Probleme auf, auch wenn inzwischen die Zahl der verwendeten Mundarten faktisch auf fünf reduziert worden ist. Bei den meist geringen Sprecher- und Schülerzahlen ist eine wirtschaftliche Finanzierung von verschiedenen Auflagen kaum möglich.Die friesischen Lehrkräfte müssen oft ihre eigenen Materialien ohne Gegenleistung erstellen. Es gibt wohl inzwischen Materialien, die aber manchmal vergriffen, nicht mehr zeitgemäß oder nicht didaktisiert sind. Die Grundschule Lindholm hat eine „Lernwerkstatt“ mit einer Sammlung friesischer Schulmaterialien eingerichtet (Vahder 2001), aber es ist unbekannt, wie die Sammlung nach der Pensionierung des ehemaligen Friesischlehrers und Schulleiters fortgesetzt werden soll. Eine Instanz, die insgesamt für die Frage der Schulmaterialien zuständig wäre, existiert nicht.Abgeordnete Lehrkräfte waren eine Zeitlang am Nordfriesischen Institut mit der Erstellung von Schulmaterialien beauftragt, aber dieses Modell wurde eingestellt.Nach der Fertigstellung von Schulmaterialien müssen oft Sponsoren gesucht werden, da die Finanzierung fehlt. Es gibt keinen Fonds für friesische Schulmaterialien. Die Bundesmittel können nicht für Unterrichtsmaterial verwendet werden.

 Forschung: Die zum Teil schulbezogene Forschung der letzten Jahre ist oft von Auswärtigen im Rahmen einer Prüfungsarbeit geleistet worden (Petersen-Seppälä 1994, Wanke 2008, Hendricks 2014), manchmal im Zusammenhang mit einem Vergleich mit anderen Sprachgemeinschaften (Dinkelaker 2002, Pech 2012, Gaidukevič o.J.). Infolge der Streichung der Friesisch-Professur an der Universität Flensburg (vgl. Kap. 7.3.3) hat an dieser eigentlich für die Schulforschung zuständigen Universität in den letzten gut 20 Jahren die diesbezügliche Forschung weitgehend brach gelegen. Obwohl der Bedarf an Forschung bekannt war (Steensen 2002: 110), liegen nur zwei kleine Projekte vor (Steensen 2003 und 2004). Eine gründliche Untersuchung zum Stand des Friesischunterrichts, worauf eine systematische Weiterentwicklung hätte aufgebaut werden können, hat nicht stattgefunden. Der einzige qualitative Forschungsansatz der letzten Zeit besteht in einer an der Universität Kiel durchgeführten Untersuchung zur Frage der Attitüden von Schülern und Schülerinnen sowie deren Eltern zum Friesischunterricht an der Grundschule in Lindholm (Grützmacher 2012). Unter dem neuen Professor für Nordfriesisch in Flensburg, Nils Langer, läuft ein Projekt über die Bedeutung u.a. des Schulunterrichts für den Gebrauch des Friesischen.

 Diskussionsforum: Ein Hauptproblem liegt im Mangel an einem geeigneten Forum mit sachkundigen Vertretern und Vertreterinnen der friesischen Volksgruppe sowie mit Befugnissen ausgestatteten sachkundigen Politikern und Politikerinnen und Verwaltungsbeamten und -beamtinnen, um die bekannten Probleme zu lösen und um Modelle für den Friesischunterricht weiter zu entwickeln.6 Sachverstand ist in der friesischen Volksgruppe vorhanden, er kommt aber im Augenblick nicht genügend zur Geltung. Bei den derzeitigen Bedingungen bleibt der gut gemeinte Handlungsplan „Sprachenpolitik“ eine Illusion.

7.3.3 Friesisch an der Hochschule

Das Institut für Skandinavistik, Frisistik und Allgemeine Sprachwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Fachbereich Frisistik

Obwohl es bereits seit dem Wintersemester 1879/80 Lehrveranstaltungen über das Friesische an der Universität Kiel gegeben hat (Walker 2004), erfolgte die institutionelle Verankerung des Friesischen an der Universität erst 1950 mit der Gründung der Nordfriesischen Wörterbuchstelle (Walker 2017b). 1972 wurde das Fach Friesische Philologie gegründet, 1978 wurde eine eigene Professur für Friesisch eingerichtet, die von Bo Sjölin1 besetzt wurde. Die Frisistik war von Anfang an Teil des Nordischen Instituts, das 2006 mit dem Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft zusammengelegt wurde, um das neue Institut für Skandinavistik, Frisistik und Allgemeine Sprachwissenschaft (ISFAS) zu bilden. Seit dem Wintersemester 2017/18 heißt das Fach „Fachbereich Frisistik“.2

Das Personal des Fachbereiches besteht aus einem Professor, einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin in Vollzeit, einem Stipendiaten, zwei Lehrbeauftragten für Sprachkurse, einer Sekretärin (halbtags) und einer Schreibkraft. Integriert in den Fachbereich ist die Nordfriesische Wörterbuchstelle, zu deren Aufgaben die Dokumentation des Nordfriesischen in Text und Ton sowie die Lexikographie des Nordfriesischen gehören.

Kiel ist die einzige Universität in Deutschland, die im Rahmen eines ZweiFächer-Studienganges einen vollständigen Studiengang BA und MA im Fach Friesisch anbietet. Eine Promotion ist ebenfalls möglich. Außerdem kann Friesisch als Fachergänzung beim Bachelorstudium oder als Ergänzungsfach im Lehramt für Gymnasien und Gemeinschaftsschulen studiert werden. In erster Linie wird in Kiel der wissenschaftliche Nachwuchs für die Frisistik ausgebildet. Viele Personen, die heute in Nordfriesland in der Sprach- und Kulturarbeit tätig sind, haben Friesisch in Kiel studiert.

An den frisistischen Lehrveranstaltungen nehmen meist zirka 25 bis 30 Studierende teil, von denen etwa 15 das Fach studieren.3 Als Teil des Studiums werden Exkursionen angeboten, die nach Nord- und Westfriesland sowie in das Saterland führen (Walker 2010).

Schwerpunkte in der Forschung sind neben der Lexikographie die Grammatikforschung und neuerdings die Literaturwissenschaft, die die Dialektologie und Sprachsoziologie ersetzt hat. Ferner werden unbekannte friesische Texte herausgegeben und alte Texte orthographisch modernisiert, übersetzt und kommentiert. Der Thesaurus des Nordfriesischen ist eine elektronische Datenbank, in der Glossare, Bibliographien, Grammatiken, literarische und sonstige Texte zur Verfügung stehen (Hoekstra 2019).

Die Kieler Frisistik arbeitet mit dem Frysk Ynstitút der Universität Groningen, Niederlande zusammen, mit der sie eine gemeinsame Reihe Estrikken/Ålstråke herausgibt. Inzwischen sind 110 Bände in der Reihe erschienen.

Unter dem Dach der Nordfriesischen Wörterbuchstelle sind seit 1988 16 Wörterbücher der nordfriesischen Mundarten erschienen (Walker 2015b: 164f.). Zwei weitere befinden sich derzeit in Arbeit.

Das Friesische Seminar der Europa-Universität Flensburg

Traditionell hat die 1946 gegründete Hochschule in Flensburg4 ein ambivalentes Verhältnis zum Friesischen. Der Friesischunterricht fand 1963, 1967–1970 und 1971/72–1988 im Rahmen von Lehraufträgen statt. Erst im Jahre 1988 wurde eine C4-Professur für Friesisch eingerichtet, deren Inhaber, der Frisist Nils Århammar5, gleichzeitig Direktor des Nordfriesischen Instituts in Bredstedt wurde. Als Århammar 1996 in den Ruhestand trat, strich der Rektor der Universität die Professur. Dies führte zu Protesten, die in eine Landtagsdebatte mündeten. Trotz Verweisen auf die Landesverfassung, auf internationale Vereinbarungen, die die Bundesregierung eingegangen war, auf einen Beschluss des Landtages sowie auf die minderheitenpolitische Bedeutung dieser Frage6 ließ sich der Rektor mit Hinweis auf die Hochschulautonomie nicht umstimmen. Es kam schließlich zum „Hochschulkompromiss“, wobei ein bereits tätiger oder noch einzustellender Mitarbeiter des Nordfriesischen Instituts in Bredstedt neben seiner Tätigkeit am Institut auch die Frisistik an der Hochschule vertreten sollte. Als Ausgleich für diese Tätigkeit, die aus sechs Semesterwochenstunden bestand, sollte das Institut jährlich 60.000 DM erhalten. Mit der Wahl des zu entsendenden Mitarbeiters wurde der Vorstand des Vereins Nordfriesisches Institut beauftragt, der sich für den Leiter des Instituts entschied. Dies bedeutete, dass jetzt ein Regionalhistoriker für die Ausbildung der Friesischlehrer zuständig war. Später erhielt dieser eine Honorarprofessur für die „Geschichte und geschichtliche Landeskunde Nordfrieslands“.7 2014 wurde an der Universität eine Professur für „Nordfriesisch, Minderheitenforschung und Minderheitenpädagogik“ ausgeschrieben, die seit August 2016 von dem Linguisten Nils Langer wahrgenommen wird (Nordfriisk Instituut 2016).8

Obwohl die Hochschule für die allgemeine Ausbildung der Friesischlehrer für Grund- und Gemeinschaftsschulen zuständig ist, kann Friesisch nur im Rahmen des Germanistikstudiums studiert werden. Alle Lehramtskandidaten im Fach Germanistik sind, wie auch in Kiel, verpflichtet, im 3. und 4. Semester des Bachelor-Studiums ein Modul Friesisch oder Niederdeutsch zu belegen. Diejenigen, die das Modul Friesisch gewählt haben, können im 5. und 6. Semester Friesisch als Schwerpunkt studieren. Im Anschluss daran haben diese Studierenden die Möglichkeit, eine Zusatzqualifikation für die Tätigkeit als Friesisch-Lehrkraft zu erlangen. Dafür wird ein Zertifikatsstudium auf Masterniveau angeboten, das auch weiteren Interessenten mit entsprechenden Vorkenntnissen sowie aktiven Lehrkräften offensteht.9

Etwa 100 Studierende haben im Wintersemester 2018/19 das Friesischmodul im 3. und 4. Semester und 15 Friesisch als Schwerpunkt im 5. und 6. Semester gewählt. Den Zertifikatskurs haben fünf Studierende belegt.

Das Personal des Friesischen Seminars besteht aus einem Professor, einem Honorarprofessor, zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern mit jeweils einer halben Qualifikationsstelle, einem Stipendiaten sowie drei Lehrbeauftragten (Sprachkurse).

Schwerpunkte der Forschung sind die Sprachenpolitik, Minderheitensprachen und Identität in der Diaspora, Historische Dialektologie und Soziolinguistik, Soziale Medien und der Gebrauch des Nordfriesischen sowie die Sprachengeschichte Schleswig-Holsteins.

Eine Zusammenarbeit zwischen dem Friesischen Seminar der Universität Flensburg und dem Nordfriesischen Institut war durch eine Personalunion gewährleistet, da der Leiter des Nordfriesischen Instituts gleichzeitig Honorarprofessor in Flensburg war (s.o.). Das Nordfriesische Institut ist auch ein „An-Institut“ der Universität Flensburg. Dagegen hat es in den letzten gut 20 Jahren nur eine begrenzte Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Institutionen und dem Fachbereich Frisistik der Universität Kiel gegeben.10 Bei der Bewältigung sprachwissenschaftlicher Probleme, etwa bei der Erstellung von Sprachkursen, hat das Institut allerdings wohl Hilfe von der Kieler Frisistik erhalten.11 Eine gute Zusammenarbeit besteht seit langem zwischen der Frisistik in Kiel, der Ferring Stiftung auf Föhr, dem Quedens Verlag auf Amrum und dem Ruheständler Nils Århammar.

7.3.4 Friesisch in der Volkshochschule

1983 und 1986 hat die Nordfriesische Wörterbuchstelle der Universität Kiel in der Publikation Nordfriesische Sprachpflege Statistiken über die Zahl der im Rahmen der Erwachsenenbildung in Nordfriesland durchgeführten friesischen Sprach- und Heimatkundekurse veröffentlicht. Nach der Einstellung dieser Publikation 1988 übernahm 1997 das Nordfriesische Institut diese Aufgabe.1 Seitdem erscheint einmal im Jahr eine entsprechende Statistik in der Zeitschrift Nordfriesland. Die letzte Statistik bezieht sich auf den Winter 2015/16. Hier haben 105 Personen an elf Kursen teilgenommen.

7.4 Friesisch in der Kirche

Gemäß dem derzeitigen Stand der Forschung fand vermutlich der erste Gottesdienst in friesischer Sprache 1924 in Klanxbüll statt (Steensen 1986: 360).1 Ansonsten war die Amtssprache auch Kirchensprache. In der Folgezeit wurden verschiedentlich die Jahresversammlungen des Nordfriesischen Vereins mit friesischen Gottesdiensten eingeleitet. Seit dem Zweiten Weltkrieg finden friesische Gottesdienste im Rahmen von friesischen Festen, Kongressen u.ä. statt. Unterstützung fanden die örtlichen Pastoren nach 1950 durch einen westfriesischen Geistlichen, der im Rahmen der Wiederaufnahme und Fortsetzung interfriesischer Beziehungen aktiv war (Dahl 2012).

Problematisch ist der Mangel an muttersprachlichen Friesischkenntnissen bei den meisten Pastoren. Ein von der Insel Föhr stammender, aber in Niedersachsen wohnender Pastor hält gelegentlich friesische Gottesdienste ab. 2003 hat er ein Treffen mit allen Pastoren organisiert, die Friesisch im Gottesdienst gebrauchen (können), um Möglichkeiten für Friesisch in der Kirche auszuloten (Dahl 2003).

Teile der Bibel sind in einzelne friesische Mundarten übersetzt worden. Das Neue Testament und die Psalmen wurden zum Beispiel 1870 ins Sylterfriesische übersetzt, aber erst 2008 veröffentlicht (Clemens 2008). Lange Zeit galt, dass nur die Matthäus- und Markusevangelien in der Mooringer Mundart, neben vereinzelten verstreuten Texten, veröffentlicht worden waren. 2006 erschien eine weitere Übersetzung des Neuen Testaments in Sylterfriesischer Sprache (Frank 2006, 2008 und 2010).

Der o.g. Pastor von der Insel Föhr brachte ein friesisches Kirchen-Gesangbuch in mehreren Mundarten (Dahl 2000) sowie ein Heft mit fünf Predigten in der Mooringer Mundart heraus (Dahl 1994). Ferner hat er Texte von Gottesdiensten in Föhrer und Amrumer Mundart 1926–2001 (Dahl 2001a), in Sylter Mundart 1995–2001 und in Helgoländer Mundart 1991–2001 zusammengestellt (Dahl 2001b).

7.5 Friesisch in den Medien
7.5.1 Friesisch in Radio und Fernsehen

Das Thema Friesisch in Radio (und Fernsehen) lässt sich bis in das Jahr 1976 zurückverfolgen (Friedrichsen et al. 1999: 18) und hat zu einer Reihe von Publikationen und Kommentaren geführt (z.B. Alcock/O’Brien 1980, Nordfriisk Instituut 1987, Hingst 1990, Riecken 1991 und 1999, Funck 2013, Haug 2013 und Ketels 2013).

Das wichtigste Anliegen der friesischen Volksgruppe ist die Aufnahme regelmäßiger Sendungen in nordfriesischer Sprache im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (NDR). Diese Forderung wurde stets seitens des NDR mit Argumenten wie der friesischen Dialektvielfalt und der geringen Sprecherzahl abgewiesen. Es wurde darauf hingewiesen, dass der Rundfunk ein Massenmedium sei, während die friesische Volksgruppe keine Masse darstelle. Ferner dürfte eine friesische Sendung eine „Abschaltfunktion“ haben. Nach langen Diskussionen kam am 4.4.1989 ein bescheidener Durchbruch mit dem Beginn der dreiminütigen Sendung Friisk for enarken (‚Friesisch für jedermann‘), die einmal wöchentlich mittwochs gegen 20.30 in NDR 1 Welle Nord ausgestrahlt wird. Gesendet wird das Programm von Flensburg aus und wird im Regionalbereich Flensburg empfangen (etwa bis zu einer Linie Husum-Schleswig). Ansonsten lässt es sich im Internet abrufen.1 Das ist bis heute (2019) der Stand.

Um den Bedarf an friesischsprachigen Journalisten zu decken, die die Sendung erst ermöglichen, besucht der Fachbereich Frisistik der Universität Kiel regelmäßig das NDR-Studio in Kiel, wo Studierende kostenlos eine Zusatzqualifikation als Rundfunk-Journalist erhalten können. Seit langem sorgt außerdem eine Journalistin aus Flensburg regelmäßig für Beiträge (Haug 2013).

Im Versuche, das Defizit an Radiosendungen auszugleichen, unterstützt der NDR friesische Organisationen bei der Austragung der Veranstaltung Ferteel iinjsen! (‚Erzähl mal!‘) (vgl. Kap. 7.6.5).

Da die friesische Volksgruppe sich mit diesem Zustand nicht zufriedengeben wollte, sind mehrere Privatinitiativen entstanden (Pingel/Steensen 2011, Funck 2013). In den 1990er Jahren entstand unter dem Namen Radio Friislon eine Reihe einstündiger Sendungen im Radio, wo Friesen zum ersten Mal mit dem Offenen Kanal Westküste zusammenarbeiteten. Enttäuscht über das fehlende Interesse seitens des NDR wurden die Sendungen nach zirka zwei Jahren eingestellt.

1999 wurde der ferian for en nuurdfresk radio – ffnr (‚Verein für ein nordfriesisches Radio‘) in Kiel gegründet, dessen Ziel die Einrichtung eines eigenen friesischen Senders war (Riecken 2010). Unter dem Namen Radio Redbad wurden friesische Sendungen fürs Internet produziert. Der Verein ging einen Schritt weiter und setzte sich für die Produktion von Dokumentarfilmen ein, die anschließend beim Medienbüro Riecken realisiert wurde (vgl. Kap. 7.5.3).

Ein weiteres Projekt des ffnr waren 2001 vier Sendungen unter dem Namen Friiske Perspäktiiwe (‚Friesische Perspektiven‘) im kommerziellen Sender Radio Schleswig-Holstein (RSH).

Das nächste Projekt war Nordfriisk Radio (NFR), das am 1.4.2004 auf Sendung ging. Der Sender befand sich im Versammlungshaus der Foriining for nationale Friiske in Stedesand und arbeitete mit dem modernen Gedanken eines Webradios. Auf Grund technischer Schwierigkeiten und der Überlastung der wenigen Aktiven wurde der Sender nach drei Jahren eingestellt. Die hier gemachten Erfahrungen ebneten aber den Weg für weitere Entwicklungen.

Im März 2009 ging in Leck ein neues Webradio Radio Magic Music auf Sendung, wo von montags bis freitags mehrere Male am Tag friesische Nachrichten unter dem Namen Nais foon diling (‚Neues von heute‘) ausgestrahlt wurden (Funck 2012). Als auch dieser Sender Ende 2010 seine Arbeit einstellen musste, übernahm der neue Sender Friisk Funk den Nachrichtendienst.

2010 löste sich der Verein ffnr auf, als der Friesenrat die Unterstützung der Produktion von Dokumentarfilmen einstellte. Ein weiterer Grund war die Inbetriebnahme des neuen Senders Friisk Funk am 25.9.2010 in den Räumlichkeiten der Ferring Stiftung auf Föhr. Dieser geht montags bis freitags von 8 bis 10 Uhr im Offenen Kanal sowie im Internet auf Sendung.2 Finanziert wird der Sender durch die Ferring Stiftung, öffentliche Projektmittel und den Offenen Kanal Schleswig-Holstein. Der Sender kann auf den Inseln und zum Teil auf dem Festland sowie übers Internet empfangen werden (Ketels 2013).

Auch nach Einrichtung von Friisk Funk ging die Entwicklung weiter. Im Jahre 2011 entstanden 18 kurze Komödien als Hörspiele unter dem Namen E krouf bai e Wiidou (‚Das Wirtshaus an der Wiedau‘), in denen alle fünf in der Region gesprochenen Sprachen zur Geltung kamen. Diese wurden in Friisk Funk ausgestrahlt und sind inzwischen bei Youtube zu finden (Funck 2013: 186f.).

Auf der Insel Sylt begann 2009 der private Radiosender Syltfunk – Söl’ring Radio friesische Beiträge im Internet, ab dem 31.5.2015 auf UKW zu senden. Nach Anmeldung der Insolvenz wurde der Sender im Februar 2019 vom kommerziellen Sender Antenne Sylt übernommen, der seit 2011 ebenfalls Sendungen in friesischer Sprache ausstrahlt (Nordfriisk Instituut 2011a), inzwischen über UKW, Kabel, Internet und Dab Plus.3

Der jüngste friesische Sender tjabelstünj (‚Klönstunde‘) wird von Studierenden der Universität Kiel im Offenen Kanal betrieben. Seit Februar 2016 sendet er mittwochs und freitags in verschiedenen Mundarten (Böhmer 2018). Viele Aktivisten auf dem Gebiet der Medien sind ehemalige Studierende des Fachbereichs Frisistik der Universität Kiel.

Im Fernsehen ist Friesisch nur sehr selten zu sehen. Gelegentlich werden Filme mit friesischen Beiträgen und deutschen Untertiteln ausgestrahlt. Die vom Medienbüro Riecken produzierten Dokumentarfilme finden im öffentlichen Fernsehen keine Berücksichtigung.

Oft wurde beklagt, dass kein Vertreter der Regional- und Minderheitensprachen in einem Fernsehrat säße. Seit dem 1.6.2016 ist Karin Haug Mitglied im ZDF-Fernsehrat, wo deutlich wird, dass viel Arbeit zu leisten ist. Ein Anfang ist aber gemacht (Haug 2017).

Obwohl sich der NDR bis heute weigert, auf die Forderungen der friesischen Volksgruppe einzugehen, was immer wieder von den Sachverständigenausschüssen des Europarates beanstandet wird, hat eine kleine Gruppe von Enthusiasten mehrfach die Möglichkeiten eines friesischen Senders unter Beweis gestellt. Inzwischen sieht der NDR ein, dass es „besser“ sein könnte (Nordfriisk Instituut 2017a).

7.5.2 Friesisch in Zeitung und Zeitschrift

Es gibt nur ein spärliches Angebot an Friesisch in Zeitungen und in Zeitschriften.

Die im Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag erscheinenden Zeitungen Sylter Rundschau, Insel-Bote, Nordfriesland Tageblatt und Husumer Nachrichten bringen etwa einmal im Monat eine Seite mit friesischen und niederdeutschen Beiträgen. Außerdem erscheinen hier gelegentlich Familienanzeigen wie Hochzeitstags-, Geburtstags- und Todesanzeigen in friesischer und niederdeutscher Sprache. Diese Zeitungen haben eine tägliche Auflage in Höhe von 29.393 Exemplaren. Die Zeitung der dänischen Minderheit Flensborg Avis bringt ebenfalls gelegentlich kleine Artikel auf Friesisch, meist in der wöchentlichen Beilage Kontakt (Auflage ca. 13.000).

An Zeitschriften bringen der Heimatkalender des Nordfriesischen Vereins Zwischen Eider und Wiedau (Auflage 3.000) sowie die Quartal-Zeitschrift Nordfriesland des Nordfriesischen Instituts (Auflage 1.800) regelmäßig Beiträge auf Friesisch. Die auf Helgoland erscheinende Monatszeitschrift Der Helgoländer enthält gelegentlich helgoländische Beiträge.

Verschiedene nordfriesische Vereine bringen ebenfalls eine Zeitschrift heraus: Seit 1989 erscheint zweimal im Jahr Di Mooringer Krädjer (‚Der Mooringer Hahn‘) des Frasche Feriin for e Ååstermååre. Die Mitglieder der Friisk Foriining erhalten dreimal im Jahr das Mitteilungsblatt Friisk Tising (‚Friesische Nachrichten‘). Auf Sylt erscheint der Jahresbericht des Sylter Vereins mit Beiträgen auf Sylterfriesisch. Hier erscheint auch der Sylter Spiegel, ein Informations- und Werbeblatt für die Insel Sylt, ebenfalls mit friesischen Beiträgen. Auch in der Monatszeitschrift Schleswig-Holstein des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes ist gelegentlich ein Artikel auf Friesisch zu finden. Im Zusammenhang mit der lexikographischen Arbeitsgruppe in der Wiedingharde begann 1992 der örtliche Nordfriesische Verein das Heft En krumpen üt e Wiringhiird (‚Ein bisschen aus der Wiedingharde‘) herauszubringen. Auf Grund des Ablebens der meisten Mitglieder der Arbeitsgruppe ist das Heft inzwischen eingestellt worden.

2002 wurde auf Initiative von drei Frisisten die friesische Literaturzeitschrift Noost (‚steinerner Tränktrog‘) ins Leben gerufen. 2005 wurde sie wieder eingestellt. Insgesamt sind sechs Hefte erschienen.

Im vom Nordfriesischen Institut herausgegebenen Nordfriesischen Jahrbuch (Auflage 700) erscheint eine Bibliographie der im abgelaufenen Jahr in Zeitungen und Zeitschriften erschienenen nordfriesischen Texte.

7.5.3 Friesisch im Film

Der vermutlich erste Film auf Friesisch Klaar Kiming ist 1991 in Dänemark erschienen. Auf Grund des Bedarfs an weiteren Dokumentarfilmen über das Friesische entstand das Medienbüro Riecken, das sich ab 2002 auf friesische Filme spezialisierte. Auftraggeber waren der nordfriesische Radio-Verein ferian för en nuurdfresk radio – ffnr sowie verschiedene friesische Vereine. 21 friesische Dokumentarfilme, zwei friesisch-plattdeutsche Dokumentarfilme, drei friesische Kinderfilme und neun friesische Kurzbeiträge wurden produziert. Veröffentlicht wurden die Filme u.a. durch Aufführungen in Kinos und in Versammlungen. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wurden sie nie gesendet. Ende 2015 hat das Medienbüro seine Arbeit eingestellt.1 Eine Fortführung der filmischen Arbeit für das Friesische in Nordfriesland ist nicht in Sicht.

Die von Föhr gebürtige Journalistin Elin Hinrichsen hat ebenfalls vier Dokumentarfilme gedreht, in denen das Friesische eine Rolle spielt (Riecken 2018b).

Seit 2006 zeichnet sich die Friisk Foriining für das „European Minority Film Festival“ zuständig, das alle zwei Jahre im Kino Center Husum stattfindet und Filme in unterschiedlichen Minderheitensprachen zeigt. Das siebte Festival fand 2018 statt (Nordfriisk Instituut 2018d).

7.5.4 Friesisch in den sozialen Medien

Bislang liegt erst eine Untersuchung zur Frage von Nordfriesisch in den sozialen Medien vor (Heyen 2020).1 Hier wird zwischen sichtbarer und unsichtbarer Sprache unterschieden. Mit sichtbarer Sprache sind öffentlich zugängliche Webseiten gemeint, die Friesisch anwenden. Das Friesische hat hier teilweise eine Symbolfunktion, kann sich aber auch in der Darstellung eines vollwertigen Angebotes wiederfinden. Da die Sprache bei privaten Internetnutzern meist unsichtbar ist, weil sie größtenteils nur in privaten Unterhaltungen genutzt wird, wurden erste Erkenntnisse durch eine Fragebogenaktion gewonnen.

Die Studie zeigt, dass viele Friesischsprecher in ihrer alltäglichen, digitalen, internetbasierten Kommunikation Friesisch gebrauchen. Die am häufigsten verwendeten Dialekte sind Föhrerfriesisch, Amrumerfriesisch und Mooring vom Festland. Das Kommunikationsverhalten aus der Offline-Welt spiegelt sich weitgehend in der Online-Welt wider. In beiden Fällen hindert die Reichweitebegrenzung den Gebrauch des Friesischen, so dass in einer nicht-privaten Situation das Deutsche eher zum Zuge kommt. Dies führt dazu, dass Nordfriesisch insbesondere in privaten Nachrichten über Messenger-Dienste wie WhatsApp gebraucht wird. Eine Hemmschwelle für den Gebrauch des Friesischen ist die Unsicherheit in der friesischen Orthographie.

7.5.5 Friesisch in Wikipedia

Seit 2010 existiert eine nordfriesische Wikipedia, die mit zirka 8.500 Einträgen unter der Adresse frr.wikipedia.org zu finden ist (Jessen 2015).

7.6 Literatur, Theater, Musik und weitere kulturelle Felder
7.6.1 Friesische Literatur

Die literarische Produktion im Friesischen ist seit ihrem Anfang im Jahre 1809 spärlich geblieben, auch wenn es in den letzten Jahren Bemühungen gegeben hat, dies zu steigern (vgl. Kap. 7.6.5).1 Wegen des Ausbaus des friesischen Schulunterrichts besteht ein Teil der heutigen Produktion aus Kinderbüchern. Bei der Erwachsenenliteratur handelt es sich meist um Erinnerungen aus alten Zeiten, Kurzgeschichten, Gedichte und Theaterstücke. Eine Festlandfriesin (Jahrgang 1924) bildet eine rühmliche Ausnahme, da sie heute noch größere Werke auf Festlandfriesisch schreibt (Tholund 2014). Die häufigen Übersetzungen bergen ihre eigene Problematik, da der fremdsprachige kulturelle Hintergrund und die fremdsprachliche Struktur noch durchschimmern können.

Der Mangel an Literatur ist oft darauf zurückgeführt worden, dass man in Nordfriesland nicht auf Friesisch schreiben kann oder will. Inzwischen haben jedoch verschiedene Schreibwettbewerbe gezeigt, dass es in Nordfriesland (und auch außerhalb) durchaus potentielle Schriftsteller gibt, die es zu mobilisieren gilt. Probleme bereitet nach wie vor die Orthographie, so dass alle Schriften vor einer eventuellen Veröffentlichung von kompetenten Kräften durchgesehen werden müssen.

Aufgrund der Dialektvielfalt und des Fehlens einer überdialektalen Norm erscheinen Bücher entweder in einem Dialekt oder sie müssen gleichzeitig in mehrere Dialekte übersetzt werden. Das hat unmittelbare wirtschaftliche Rückwirkungen, da dadurch nur niedrige Auflagen möglich sind, die sich für keinen Verlag rentieren.

Problematisch ist auch die Finanzierung friesischer Bücher. Obwohl sich die finanzielle Unterstützung der friesischen Volksgruppe über die Jahre verbessert hat, müssen häufig Sponsoren für die Publikation von Büchern gesucht werden. Die Herausgabe des Kinderbuches Paul an Emma snaake fering (‚Paul und Emma sprechen Föhrerfriesisch‘) im Jahr 2018 wurde zum Beispiel durch die Unterstützung von vier Sponsoren ermöglicht.

7.6.2 Verlage mit friesischen Büchern

Es gibt verschiedene Verlage in Nordfriesland, die friesische Bücher in ihrem Sortiment haben. Im Folgenden werden die wichtigsten aufgeführt:

 Der in Husum ansässige Verlag „Husum Druck- und Verlagsgesellschaft“ hat einige Bücher auf Friesisch publiziert, insbesondere in Zusammenarbeit mit der Ferring Stiftung auf Föhr.1

 Auf der Insel Amrum befindet sich der Verlag „Jens Quedens“ mit einem breiten Sortiment an Nordfriesland – insbesondere die Insel Amrum – betreffenden sowie friesischsprachigen Büchern (Quedens 2019).2

 Die Ferring Stiftung auf der Insel Föhr fungiert auch als Verlag.3 Zwei Spezialitäten sind die Produktion von föhrerfriesischer Literatur in Zusammenarbeit mit den Friesischkursen am Gymnasium in Wyk sowie die Dokumentation der inselfriesischen Sprachkultur (Redewendungen, Kinderreime) in Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Muttersprachlerinnen.

 Der nordfriesische Verein Frasche Feriin for e Ååstermååre verfügt über einen kleinen Verlag im Andersen-Haus in Risum-Lindholm.4

 Die Nordfriesische Wörterbuchstelle bzw. das Fach Friesische Philologie der Universität Kiel hatte früher in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Amsterdam die Reihe Co-Frisica. Als 1992 die Frisistik in Amsterdam eingestellt wurde, begann eine Kooperation mit der Frysk Ynstitút der Universität Groningen mit der Reihe Estrikken/Ålstråke (Walker 2015b). Hier sind inzwischen 110 Bände erschienen.5

 Das Nordfriesische Institut in Bredstedt fungiert auch als Verlag mit Büchern über Nordfrieslands Sprache, Geschichte und Kultur.6 Von Zeit zu Zeit erscheinen Verzeichnisse mit dem Verlagsangebot.

Die Friisk Foriining, der Verlag „Jens Quedens“ und das Nordfriesische Institut haben nicht nur Bücher, sondern auch Grußkarten in verschiedenen friesischen Mundarten im Sortiment.

7.6.3 Friesisch im Theater

Das friesische Theater kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Den Beginn der friesischen Literatur markiert 1809 die Komödie „Der Geitzhals oder der Silter Petritag“ des Küsters und Navigationslehrers Jap. P. Hansen auf der Insel Sylt. Nachdem Laienspielgruppen viele Jahre sowohl auf den Inseln als auch auf dem Festland aktiv waren, finden Theatervorstellungen heute häufiger auf dem Festland statt. Im Andersen-Haus in Risum-Lindholm wird zum Beispiel alljährlich eine friesische Komödie von der sehr beliebten Theatergruppe Frasch Klüüs (‚Friesischer Vorhang‘) mehrmals aufgeführt.1

Um die friesische Theater-Arbeit zu modernisieren und zu professionalisieren, wurden 2004 erstmalig Seminare für Laienspieler und -spielerinnen abgehalten (Arfsten 2004). Ein Jahr später trat bei der Friisk Foriining erstmalig die Jugend-Theatergruppe Dolores auf. 2014 fand als Novum ein friesisches Musical in Niebüll statt, und 2016 wurde der Verein Et Nordfriisk Teooter (‚Das Nordfriesische Theater‘) gegründet, der „das Potenzial besitzt, eine Schlüsselrolle in der nordfriesischen Kulturarbeit einzunehmen“ (Bosse 2017) und der 2017 ein modernes Theaterstück in Leck aufführte. Im selben Jahr folgten zwei weitere Stücke (Hoop 2017) und 2018 das zweite Musical (Nommensen 2018). Interessant ist hier nicht nur die neue, moderne Ausrichtung des Theatervereins, sondern auch die Tatsache, dass die Initiatoren und Schauspieler und -spielerinnen zu einem guten Teil „new speakers“ der friesischen Sprache sind. Theater gilt jedenfalls als geeignetes pädagogisches Instrument für den Spracherwerb (Hilpert 2005).

Auch in der Schule wird oft Theater in Form von Sketchen bei festlichen Anlässen aufgeführt und auf Sylt findet am Ende der winterlichen Volkshochschulkurse ein Abschlussabend mit friesischem Puppenspiel statt (Jessen 2016).

7.6.4 Friesisch in der Musik

Obwohl der Satz „Frisia non cantat“ oft zitiert wird, spielt Musik in Nordfriesland eine wichtige Rolle. Es gibt eine Vielfalt an Chören, die friesische, nieder- und hochdeutsche Lieder singen und die an mehrsprachigen Sängerfesten teilnehmen (Nordfriisk Instituut 2006, Hahn 2018). Ferner haben einzelne Vereine ihre eigenen Gesangsgruppen, zum Beispiel Da Frasche Loosche (‚Die friesischen Lerchen‘) und Da Latje Loosche (‚Die kleinen Lerchen‘) vom Frasche Feriin for e Ååstermååre in Risum-Lindholm, oder Da Säkstante1 (‚Die Sextanten‘) von der Friisk Foriining. Auf Festen tragen oft Schulkinder in Begleitung ihrer Lehrer und Lehrerinnen mehrsprachige Lieder vor, und schließlich ergreift auch das Publikum manchmal gerne die Initiative zum Singen.

Eine ungewöhnlich hohe Zahl von Liederbüchern weist das Lied als die populärste Literaturgattung des Nordfriesischen aus. Von besonderer identitätsstiftender Bedeutung sind die Lieder, die quasi den Rang von Nationalhymnen angenommen haben, zum Beispiel „Üüs Sölring Lön“ (‚Unser Sylt‘) für Sylt, „Frinjer, Leet’s Bewaare Üsens Fering Spriik“ (‚Freunde, Lasst Uns Bewahren Unsere Friesische Sprache‘) auf Föhr, und „Min Öömrang Lun“ (‚Mein Amrum‘) auf Amrum (Wilts 2001c: 407). Inzwischen ist das auf dem Festland besonders beliebte Lied „Gölj, Rüüdj, Ween“ (‚Gold, Rot, Blau‘) als Kreishymne angenommen und in andere Sprachen übersetzt worden (Nordfriisk Instituut 2015b).

Von den Musikgruppen mit friesischen Liedern im Repertoire dürften Kalüün2 von Föhr sowie das Dragseth Duo (Johannsen 2020)3 und die 30 Personen umfassende Gruppe Klångspal vom Festland am bekanntesten sein.4 Weitere Gruppen sind die Band Lembeck5 und neuerdings die Gruppe Frisia non cantat.

Inzwischen gibt es ein gewisses Angebot an friesischer Musik und Erzählungen auf diversen Tonträgern, zum Beispiel Schallplatten, Kassetten, CDs und DVDs. Die ersten Schallplatten mit friesischen Liedern dürften „Ihr solltet mich nicht vergessen“ (1973) und „Leeder vun mien Freesenhof“ (1976) vom Liedermacher Knut Kiesewetter sein, die ersten Schallplatten mit ausschließlich friesischen Liedern dürfte Anke Moritzen aus dem Herrenkoog 1980 und einige Jahre davor aufgenommen haben (Holander 1980). 1986 ist auf Initiative der Schule in Fahretoft die Schallplatte „Bai üs tu hüs“ (‚Bei uns zu Hause‘) mit friesischen Liedern und Erzählungen erschienen (Johannsen 1987a). In den letzten Jahren sind mehrere CDs mit friesischen Liedern veröffentlicht worden, zum Beispiel „Hiimstoun“ (‚Heimat‘) vom Dragseth Duo zusammen mit Drones & Bellows (2004) und „Spöören“ (‚Spuren‘) von der Gruppe Kalüün (2014).6

7.6.5 Friesische Wettbewerbe

Im Laufe der Jahre sind mehrere Wettbewerbe entstanden, die der Förderung des Friesischen dienen.

Um die spärliche Literaturproduktion in friesischer Sprache zu fördern, wurde 1989 ein friesischer Schreibwettbewerb vom Nordfriesischen Institut und der Ferring Stiftung initiiert (Johannsen 1989). Diesen Gedanken griffen 2001 der NDR 1 Welle Nord und das Nordfriesische Institut in Bredstedt mit dem Schreibwettbewerb Ferteel iinjsen! (‚Erzähl mal!‘) wieder auf (Pingel 2001a). Die gesammelten Geschichten werden entweder in Buchform herausgegeben oder erscheinen als einzelne Erzählungen in der Zeitschrift Nordfriesland. Im Jahre 2018 erfolgte bereits der 10. Schreibwettbewerb.

2004 fand ein ähnlicher Schreibwettbewerb in den Sprachen Friesisch, Jütisch und Niederdeutsch statt. Der Wettbewerb hieß Schriw et ap! Schriev dat op! Skryv de op! (‚Schreib es auf!‘). Hier ging es darum, eine Zeitungsreportage über eine Person mit einem ungewöhnlichen Hobby zu schreiben. Die besten Artikel wurden prämiert und in den örtlichen Zeitungen veröffentlicht (Nordfriisk Instituut 2004).

In Anlehnung an den niederdeutschen Lesewettbewerb „Schüler lesen Platt“ wurde 1987 der erste friesische Lesewettbewerb für Kinder von der 2. bis zur 13. Klasse durchgeführt (Johannsen 1987b). Für diesen und die folgenden Wettbewerbe wurden Hefte mit friesischen Texten in mehreren Mundarten herausgegeben. Der achte und scheinbar letzte Lesewettbewerb fand 2009 statt.

Im Rahmen der Aktion „Sprachenland Nordfriesland“ (Peters-Bruhn/Bies 1998, Tadsen 2000) entstand 2001 der Wettbewerb „Sprachenfreundliche Gemeinde“. Hier werden in unregelmäßigen Abständen Gemeinden ausgezeichnet, die die regionalen Sprachen Nordfrieslands im öffentlichen Leben besonders fördern (Pingel 2002).

2009 hat die Arbeitsgruppe „Sprache und Literatur“ des Nordfriesischen Instituts zwei Wettbewerbe ausgeschrieben. Beim ersten ging es darum, das schönste Wort des Jahres zu finden (Vanselow 2009). Beim zweiten handelte es sich um die erste „Tams-Jörgensen-Preisaufgabe“, die nach dem ersten Leiter des Instituts benannt ist. Hier sollte ein Rätsel gelöst werden (Laabs 2009). Bislang hat es vier solche Preisaufgaben gegeben.

2010 wurde ein Musikwettbewerb ins Leben gerufen, dessen Ziel es war, mehr Menschen Mut zu machen, auf Friesisch zu singen. Der dritte Wettbewerb fand 2017 statt (Nordfriisk Instituut 2017b).

2011 folgte ein Wettbewerb, in dem es um die Frage ging, wer der größte Nordfriese aller Zeiten wäre. Vorsorglich wurde darauf hingewiesen, dass lebende Personen nicht genannt werden durften (Kunz 2011, Steensen 2011b).

7.6.6 Preise, die in Nordfriesland vergeben werden

Der bedeutendste Preis im Kreis Nordfriesland ist der Hans-Momsen-Preis, der seit 1986 jährlich vom Kreis Nordfriesland an Persönlichkeiten verliehen wird, die sich in besonderer Weise um das kulturelle Leben in Nordfriesland einschließlich der Sprachenvielfalt verdient gemacht haben.1

In Erinnerung an die Verdienste des Chronisten Christian Peter Hansen wird auf der Insel Sylt seit 1960 der C.-P.-Hansen-Preis für besondere Leistungen in Bezug auf die Bewahrung der friesischen Sprache, der Kultur, des Brauchtums und der Natur vergeben.2

Der Frasche Feriin for e Ååstermååre verleiht seit 2001 einen Kulturpreis für Einsatz und Engagement für die friesische Kultur und Sprache.

Seit 2001 wird in unregelmäßigen Abständen der Christian-Feddersen-Preis für nordfriesische Schüler und Schülerinnen verliehen, die sich besonders mit der friesischen Sprache, Geschichte und Kultur befasst haben (Pingel 2001b). 2016 wurde der Preis das letzte Mal verliehen.

Die Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft an der Universität Kiel vergibt jedes Jahr den Professor-Miethke-Förderpreis. In den Jahren 2015/16 hieß das Thema „Schleswig-Holstein: Ein Land mit vielen Sprachen“. 2015 erhielt die Nis-Albrecht-Johannsen-Schule in Lindholm den 2. Preis für das langjährige Projekt Friesisch in der Schule.

7.6.7 Friesisch im Krankenhaus

2008 erschien eine Schrift zum Thema Niederdeutsch und Friesisch im Krankenhaus und in der Pflege, die darauf aufmerksam machte, dass dieser Aspekt der Sprachenpolitik bei der friesischen Volksgruppe bislang kaum beachtet worden war (Bundesraat för Nedderdüütsch).

8 Die soziolinguistische Situation
8.1 Das Friesische

Das Friesische ist eine westgermanische Sprache, die am nächsten mit dem Englischen verwandt ist. Sie besteht aus drei Zweigen: dem Westfriesischen in der niederländischen Provinz Fryslân/Friesland (ca. 400.000 Sprecher) (Gorter 2001), dem Ostfriesischen (Saterfriesischen) im Saterland in der Nähe von Oldenburg i.O. (ca. 2.000 Sprecher) (Fort 2001; vgl. Peters in diesem Band) und dem Nordfriesischen im Kreis Nordfriesland sowie auf der Insel Helgoland. Friesisch gehört zu den Minderheitensprachen, die keinen Nationalstaat haben.1

Das Nordfriesische gilt als eine der am stärksten gefährdeten Sprachen Europas und landet in einer Untersuchung zur Vitalität von 48 Minderheitensprachen in Europa mit sechs von 28 möglichen Punkten auf Platz 35 (Nelde et al. 1996: 65). Auch im UNESCO Red Book on Endangered Languages: Europe wird die Sprache als eine „seriously endangered language“ eingestuft (Salminen 1999).2

Heute besteht das Nordfriesische aus neun Hauptmundarten (s. Abb. 2).3 Diese unterscheiden sich teilweise so stark, dass eine Verständigung auf Friesisch häufig nur schwer möglich ist. Daher neigen Sprecher unterschiedlicher Mundarten vielfach dazu, für Kommunikationszwecke auf eine Lingua franca auszuweichen. Dies war früher das Niederdeutsche, heute ist es weitgehend das Hochdeutsche. Es hat sich jedoch gezeigt, dass durch eine verstärkte interdialektale Zusammenarbeit Sprecher unterschiedlicher Dialekte lernen können, sich auf Friesisch zu verständigen.


Abb. 2: Gliederung der nordfriesischen Mundarten4

Die durch den unterschiedlichen Zeitpunkt der Besiedlung bedingte wichtigste Mundartgrenze liegt zwischen den inselfriesischen Mundarten von Sylt, Föhr, Amrum und Helgoland einerseits und den festlandfriesischen Mundarten einschließlich der Halligmundarten andererseits. Andere Gründe für die Entstehung der Dialektzersplitterung waren die Abgeschiedenheit der einzelnen Dörfer und die relative Unzugänglichkeit (Sumpf- und Moorgebiete sowie im Winter kaum passierbare Kleiwege) sowie der unterschiedliche Einfluss der benachbarten Sprachen Dänisch (Jütisch) und Niederdeutsch. In den nördlichen festland- und inselfriesischen Mundarten ist der dänische Einfluss stärker spürbar, während die südlichen festlandfriesischen Mundarten und das Helgoländische eher vom Niederdeutschen beeinflusst sind. Ferner hat es nie einen zentralen Ort gegeben, der dialektausgleichend gewirkt hätte.

Im Gegensatz etwa zum Rätoromanischen mit der übergeordneten Schriftnorm „Rumantsch Grischun“ gibt es im Nordfriesischen keine einheitliche friesische Schriftsprache. Jede einzelne Mundart hat ihre eigene Orthographie (Wilts 2001a). Wörterbücher und Formenlehren sind inzwischen für die meisten Mundarten erstellt worden (Walker/Wilts 2001, Wilts 2001b).

8.2 Sprache in Nordfriesland

Jedes Dorf in Nordfriesland ist sprachlich heterogen, da die einzelnen Einwohner über unterschiedliche Sprachkenntnisse verfügen. Die in Kap. 3.1 vorgenommene grobe Einteilung der Sprachen bedeutet nur, dass in den jeweiligen Gebieten ein gewisser Prozentsatz der autochthonen Bevölkerung die einzelnen Sprachen beherrscht. Dieser Prozentsatz variiert von Dorf zu Dorf.

Bei den Sprachen existiert eine gewisse Hierarchie: Friesisch/Jütisch → Niederdeutsch → Hochdeutsch. Dies bedeutet, dass Sprecher des Friesischen und/oder des Jütischen oft auch Kenntnisse des Niederdeutschen und auf jeden Fall des Hochdeutschen haben. Verhältnismäßig wenige Niederdeutschsprecher verfügen über Kenntnisse des Friesischen und/oder des Jütischen, sprechen aber alle Hochdeutsch. Nicht alle Hochdeutschsprecher sprechen Niederdeutsch, und noch weniger können Friesisch und/oder Jütisch. Dänischkenntnisse (Rigsdansk) haben Mitglieder der dänischen Minderheit, die verstreut über das ganze Gebiet leben, sowie Personen, die in Verbindung zur Minderheit stehen, ohne selbst Mitglieder zu sein. Sprachkenntnisse entstehen auch auf Grund eines wirtschaftlichen Interesses, etwa im Handel und Fremdenverkehr, oder durch Kontakt zu Dänemark zum Beispiel durch Verwandtschaft, Freunde oder wirtschaftliche Verbindungen.

Die indviduelle Sprachkompetenz reicht von hochdeutscher Einsprachigkeit bis hin zur Fünfsprachigkeit mit Hochdeutsch, Niederdeutsch, Friesisch, Dänisch und Jütisch. Bei der individuellen Mehrsprachigkeit sind verschiedene Konfigurationen möglich. Infolge eines Umzuges oder familienbedingt – zum Beispiel Mutter Inselfriesin, Vater Festlandfriese – beherrschen Friesen manchmal zwei friesische Mundarten.1 Durch die engen Beziehungen zu den USA verfügen viele Föhrer und Amrumer außerdem über gute Englischkenntnisse. Die gestiegene Mobilität, insbesondere der jüngeren Generation, führt ebenfalls zunehmend zur Verbreitung von Englischkenntnissen.

Der Gebrauch der Sprachen hängt von verschiedenen Faktoren ab (Walker 2009). In der Regel weiß jede Person in Nordfriesland, welche Sprache sie mit jeder anderen ihr bekannten Person sprechen kann. Dies ist der primäre Faktor bei der Sprachwahl im Gespräch. In der Domäne „Laden“ hängt zum Beispiel die zu verwendende Sprache von der üblichen zwischen Verkäufer und Kunde benutzten Sprachvarietät ab, nicht von der Domäne an sich. Wer üblicherweise miteinander Friesisch spricht, tut es auch hier. Das Thema kann allerdings die Sprachwahl beeinflussen. Bei einem Gespräch zum Beispiel in der Bank kann das informelle Gespräch auf Friesisch oder Niederdeutsch erfolgen, wenn es aber um eine finanzielle Transaktion geht, kann dies zu einem Code-Wechsel, nämlich zum Hochdeutschen führen. Dies kann damit zusammenhängen, dass der in hochdeutscher Sprache ausgebildete Bankangestellte ein formelles Gespräch mit Fachvokabeln nur auf Hochdeutsch führen kann oder will. Dieser Gedanke kann wiederum durch einen weiteren Faktor, das Sprachbewusstsein, außer Kraft gesetzt werden. Der sprachbewusste Kunde könnte darauf bestehen, das Gespräch auf Friesisch oder Niederdeutsch fortzusetzen, allerdings unter Verwendung vieler Ad-hoc-Entlehnungen.

In einem weiteren Beispiel kann die Sprache im Zwiegespräch ebenfalls gemäß dem Thema wechseln. Der Sprechende kann sich nach der Sprache der Person richten, über die gerade gesprochen wird. Im auf Friesisch geführten Gespräch wechselt er ins Niederdeutsche, wenn er von den niederdeutschsprechenden Nachbarn erzählt. Auf Hochdeutsch geht es weiter, wenn über die Politiker in Kiel gesprochen wird, auf Dänisch, wenn der dänische Schulverein Gegenstand des Gesprächs ist. Das setzt natürlich voraus, dass der Gesprächspartner ebenfalls Kenntnisse in diesen Sprachen besitzt.

Im Gespräch in geselliger Runde kann die Sprachwahl ständig wechseln. Ein Sprechender richtet sich nach seinem momentanen Gesprächspartner. Wenn er gerade jemandem in die Augen schaut, mit dem er normalerweise Friesisch spricht, wird diese Sprache auch benutzt. Wenn er aber dann einer anderen Person in die Augen schaut, mit der er Niederdeutsch spricht, ist ein sofortiger Code-Wechsel zum Niederdeutschen hin nicht unüblich.

8.3 Sprache in der Statistik

Die Tradition der sprachstatistischen Erhebungen reicht in Nordfriesland bis ins 19. Jahrhundert zurück (Walker 2016). Die Erhebungen können großflächige Areale umfassen oder sich nur mit einem Dorf befassen. Unterschiedlich ist auch die Motivation für die Erhebungen: Sie kann zum Beispiel politischer (der Siegeszug des Deutschen über das Dänische), sprachpflegerischer (wo Friesischunterricht sinnvoll wäre), wissenschaftlicher (Verteilung der Sprachen in einem bestimmten Gebiet), oder pädagogischer Natur sein (Einführung von Friesischstudenten in die praktische Spracharbeit).

Im Laufe der Zeit hat sich der thematische Umfang vergrößert. Während es anfangs nur um die Feststellung der Verteilung von Sprachkenntnissen ging, kamen später auch Fragen zum Gebrauch der Sprachen und zu Attitüden gegenüber den Sprachen hinzu. Auch die untersuchte Zielgruppe hat sich im Laufe der Zeit geändert. Am Anfang galt das Interesse der/den Sprache(n) der Familie oder des Haushaltes,1 später stand das Individuum, auch das Kind, mehr im Mittelpunkt.

Die Erhebungsmethoden weisen auch Unterschiede auf. Die Befragungen wurden mit einer direkten oder indirekten Fragebogenaktion durch den Explorator selbst, durch Ortskundige, Lehrer, Studenten, Schüler oder Wissenschaftler durchgeführt. Die Ergebnisse wurden tabellarisch, manchmal auch kartographisch dargestellt und dokumentieren die Verbreitung und Entwicklung der gesellschaftlichen sowie der individuellen Mehrsprachigkeit. Der Sprachgebrauch in der Familie und Haushaltung scheint eher einsprachig zu sein, während das Individuum meist mehrsprachig ist. Allerdings ist ein zunehmender Verlust von Sprachkenntnissen in den Regional- und Minderheitensprachen erkennbar.

Die Überlegung, zusammen mit der letzten Volkszählung auch eine Spracherhebung im Kreis Nordfriesland durchzuführen, wurde von friesischer Seite mit dem Argument abgewiesen, dass man lieber an einen bestimmten Sprachstand glauben als die Wahrheit wissen wolle (Steensen 1996).

8.4 Sprache in der Familie

Um die Sprachverhältnisse und Sprachentwicklungen in der Familie genauer zu eruieren, läuft ein Projekt zu Sprecherbiographien (Walker 2017c). Als Grundthese wird angenommen, dass Spracherwerb und Sprachgebrauch von Generation zu Generation und von Ort zu Ort variieren. Untersucht wird zunächst der Erwerb in den Lebensabschnitten a) vor der institutionellen Bildung, b) in der institutionellen Bildung, c) in der Ausbildung und d) im Beruf, wobei eine weitere Binnendifferenzierung möglich ist. Ein möglicher, aber noch nicht eingeführter Abschnitt wäre das Rentenalter. Ein Beispiel: Ein Mann wurde 1942 auf Sylt geboren, wo die Familie Hochdeutsch sprach. Als er vier Jahre alt war, zog die Familie aufs Festland, wo sie bei der friesischsprachigen Urgroßmutter wohnte. Nebenan wohnten die friesischsprachigen Großeltern. Die Familiensprache wechselte zu Friesisch. Auf der Straße lernte der Knabe Niederdeutsch. Mit sechs Jahren ging er auf die dänische Schule, wo er Dänisch und Englisch lernte. Im Beruf lernte er später Jütisch.

In der Untersuchung spiegelt sich zunächst der starke gesellschaftliche Wandel wider. Während zum Beispiel die Groß- und Urgroßelterngeneration zur Volksschule im Dorf gingen, besuchen die Kinder heute häufig eine große, zentral gelegene Schule. Während die älteren Generationen wenig mobil waren, ist die Mobilität ein Zeichen der modernen Zeit usw.

Auf Grund des gesellschaftlichen Wandels befinden sich die Spracherwerbsprozesse ebenfalls im Wandel. Allgemein gilt, dass die Großeltern- und Urgroßelterngenerationen zu einem großen Teil in friesischer und/oder niederdeutscher Sprache sozialisiert wurden. Hochdeutsch hat man erst in der Schule gelernt. Die heutige Kindergeneration wird weitgehend hochdeutsch sozialisiert. Gewisse Kenntnisse des Friesischen oder des Niederdeutschen werden, wenn überhaupt, oft erst im Kindergarten oder in der Schule erworben.

In diesem Zusammenhang wird auch der Frage nachgegangen, welche Sprache mit den unterschiedlichen Familienmitgliedern gesprochen wird, etwa Eltern, Großeltern, Kindern, Enkelkindern, Tante, Onkel, Kusinen, Mann/Frau, Schwiegereltern, -sohn oder -tochter. Die Gründe für die jeweilige Sprachwahl werden analysiert. Es lässt sich beobachten, dass die dem Erwerb sowie dem Gebrauch der jeweiligen Sprachen zugrunde liegenden Faktoren komplex sein können. Ein Beispiel: Ingeborg wurde 1941 auf Amrum geboren. Sie sprach Hochdeutsch mit ihrer vom Festland stammenden Mutter, da die Hebamme bei der Geburt mit ihr Hochdeutsch gesprochen hatte. Als der Vater später aus dem Krieg kam, hat er auch mit ihr Hochdeutsch gesprochen, da sich dies als Eltern-Kind-Sprache etabliert hatte. Mit Ingeborgs Bruder (*1933) sprachen Mutter und Vater Niederdeutsch, die Geschwistersprache ist jedoch Hochdeutsch. Friesisch hat Ingeborg in erster Linie von einem monolingualen Spielfreund (*1946) sowie später von ihrem Mann Erk (*1939) gelernt. Die Ehesprache war Friesisch. Dänischkenntnisse erwarb sie mit etwa elf Jahren von einem friesischen Wanderlehrer auf Amrum, der Dänischkurse in privaten Häusern anbot und Ferien in Dänemark organisierte. Erk hat Hochdeutsch erst auf der Schule sowie von den Flüchtlingen nach dem Krieg gelernt. Als er später als Zimmermann auf Wanderschaft war, hat er in Hamburg Niederdeutsch- und in Kopenhagen Dänischkenntnisse erworben. 1962 sind Ingeborg und Erk nach Amerika ausgewandert, wo Englisch dazu kam. Dies war auch die Sprache, die sie mit ihren beiden dort geborenen Töchtern sprachen. Als sie 1974 nach Amrum zurückkamen, wechselte die Eltern-Kinder-Sprache zu Hochdeutsch, da die Töchter ohne Deutschkenntnisse hier eingeschult wurden. Im Laufe der Zeit begannen Ingeborg und Erk zunehmend Friesisch mit ihren Töchtern zu sprechen, die beide hochdeutschsprechende Männer von der Insel geheiratet haben. In beiden Fällen sprechen die Töchter Hochdeutsch mit ihrem jeweiligen Ehemann und Friesisch mit den Kindern. Bei der ältesten Tochter scheint dies daran zu liegen, dass die Hebamme, eine Föhrerfriesin, Friesisch mit den Kindern bei der Geburt gesprochen hatte. Ingeborg und Erk sprechen Friesisch mit den Enkelkindern, die auch untereinander diese Sprache verwenden (Walker 2017c: 116f.).

Ein weiterer Aspekt der Untersuchung ist die mit Tieren sowie beim Zählen, Beten, Fluchen usw. verwendete Sprache. In der Tierwelt spielt der Hund sprachlich oft eine Sonderrolle, indem er als Schoßhund mit der Nähesprache (Friesisch), als Befehlsempfänger dagegen mit der Distanzsprache (Hochdeutsch) angesprochen wird. Die Wahl der Sprache beim Zählen kann mit dem Numeralisierungsprozess, die Wahl beim Gebet mit dem formellen/informellen Charakter des Gebetes zusammenhängen.

8.5 Sprachnorm und Sprachwandel

Auf Grund der Dialektvielfalt im Nordfriesischen kann nicht von einer Norm die Rede sein, sondern fast jede Hauptmundart hat ihre eigene orthographische, grammatische und lexikalische Norm (Wilts 2001a, 2001b). Die sylterfriesische Mundart verfügt über die älteste Norm, die mit Boy P. Möllers Lesebuch (1909) und dem Wörterbuch von 1916 festgelegt worden ist. Für die Inseln Föhr und Amrum wurde die orthographische Norm mit dem „Alkersumer Protokoll“ 1971 festgelegt. Eine leichte Korrektur erfolgte 1980 bei der Herausgabe eines Wörterbuchs, die auch zu einer größeren orthographischen Differenzierung zwischen den Mundarten von Föhr und Amrum führte. Eine grammatische Norm existiert ansatzweise in Form von Formenlehren, eine lexikalische Norm mit diversen Wörterbüchern. Auf dem Festland wurde 1955 mit dem Wörterbuch von Tams Jörgensen eine orthographische Norm für die Mooringer Mundart kodifiziert, die auf der Westermooringer Mundart basierte. Diese wurde 1988 durch das Mooringer Wörterbuch ersetzt, dem die größere Ostermooringer Mundart zugrunde liegt. Für die Wiedingharde wurde 1994, in Abweichung von Peter Jensens orthographischer Norm, die er 1927 in seinem Wörterbuch und vielen Prosatexten etabliert hatte, eine neue orthographische Norm eingeführt. Auch für die Mooringer und Wiedingharder Mundarten gibt es Formenlehren, die Ansätze einer grammatischen Norm enthalten. Von Bendsens Ansatz aus dem Jahr 1860 abgesehen existiert keine ausführliche Grammatik über eine nordfriesische Mundart, obwohl viele Schriften sich mit grammatikalischen Fragen befassen.1

Der Sprachwandel im Friesischen ist Gegenstand verschiedener Untersuchungen gewesen, in denen die Anpassung der friesischen Grammatik an die dominante hochdeutsche Grammatik sowie der Verlust von Regeln, die vom Hochdeutschen abweichen, festgestellt wird (siehe z.B. Parker 1993). Ebert (1994) beklagt sich über den Verlust der von ihr entdeckten Regeln zum Gebrauch des bestimmten Artikels im Friesischen. Ein grundlegender Aufsatz zu dieser Thematik befindet sich bei Århammar (2001), in dem Kontakterscheinungen mit den benachbarten Sprachen Dänisch/Niederdeutsch/Niederländisch/Hochdeutsch/Englisch analysiert werden.

Die im Rahmen des Schreibwettbewerbs Ferteel iinjsen! veröffentlichten Texte (vgl. Kap. 7.6.5) geben oft beredtes Zeugnis über den Sprachwandel, und es kann für einen Herausgeber friesischer Texte ein Problem sein, in welchem Maße er in einen „neufriesischen“ Text eingreift. Da die wenigsten Friesen auf Grund des fehlenden oder unzureichenden Friesischunterrichts Schriftlichkeit im Friesischen beherrschen, müssen friesische Texte vor der Veröffentlichung fast immer überarbeitet werden.

Auf Grund des Sprachwandels wird darüber diskutiert, was „gutes“ und „schlechtes“ Friesisch sei. Für „new speakers“ scheint die und + Infinitiv-Konstruktion, etwa dåt as ai lacht än schriw frasch (‚das ist nicht leicht und schreiben Friesisch‘) von Echtheit zu zeugen, obwohl sie ursprünglich auf dänisches Substrat zurückzuführen sein dürfte (Hoekstra 2011). Das Reflexivpronomen 3. Pers. sik statt etwa ham/har bzw. jam scheint sich zu einem Shibboleth für schlechtes Friesisch entwickelt zu haben (Faltings 2020). In der letzten Zeit hat eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Normgedankens für die friesischen Mundarten die Gemüter bewegt.2

9 Spracheinstellungen: Friesisch als Ausdruck kultureller Identität

Die Frage der friesischen Identität bedarf einer differenzierten Betrachtung.

Ein wichtiger Aspekt der friesischen Identität ist die Ortsgebundenheit. Man ist primär Mitglied einer Dorfgemeinschaft und eventuell darüber hinaus einer Insel- oder Hardengemeinschaft. Dieser stark ausgeprägte Regionalismus spiegelte sich in der Einstellung zur friesischen Sprache wider, indem man die eigene Ortsmundart als das richtige Friesisch schlechthin empfand. Diese Einstellung scheint sich jedoch, zumindest auf dem Festland, inzwischen in einem gewissen Wandel zu befinden, wo sich die Mooringer Mundart, teilweise durch den Schulunterricht bedingt, langsam als die übergeordnete Mundart etabliert.

Ein zweiter Aspekt ist die lange Tradition eines friesischen Stammesbewusstseins (Nickelsen 1982: 41).1 1652 schrieb zum Beispiel der Husumer Bürgermeister Caspar Dankwerth, dass die Einwohner dieser Gegend „[f]riesischen Herkommens und Geblütes“ seien (Nickelsen 1982: 40). Im Laufe der Jahrhunderte haben allerdings ganz unterschiedliche Vorstellungen bezüglich des Umfangs des friesischen Gebietes und Stammes existiert. Dieses Bewusstsein hat sich zudem nie über einige Ansätze im 19. Jahrhundert hinaus zu einer nationalen Bewegung entwickeln können.

Der nationalpolitische Aspekt der friesischen Identität ergab sich erst im Zusammenhang mit der „friesischen Bewegung“.2 Da die Friesen immer offen für alle europäischen geistigen und kulturellen Strömungen waren, erfasste das im Zuge der Romantik verstärkte Interesse für die Sprachen und die Geschichte der Völker Europas auch Nordfriesland. Werke zur nordfriesischen Geschichte erschienen, und andere zur nordfriesischen Sprache wurden in Angriff genommen. In den Jahren nach 1840 entwarf Pastor Christian Feddersen aus Wester-Schnatebüll ein Programm für eine friesische Sprach- und Nationalbewegung. Hierin kam er zu der Überzeugung, weder Deutscher noch Däne zu sein, sondern Nordfriese. Dieser Ansatz kam jedoch zu spät. Der nationale Gegensatz zwischen Deutsch und Dänisch, der etwa 1840 aufbrach, hatte inzwischen auch Nordfriesland erreicht. Für eine friesische Sonderentwicklung blieb kein Raum.3

Nach einem ersten, gescheiterten Versuch im Jahre 1879, einen nordfriesischen Verein zu gründen, wurde 1902 der Nordfriesische Verein für Heimatkunde und Heimatliebe ins Leben gerufen. Das Interesse des Vereins galt am Anfang hauptsächlich der nordfriesischen Geschichte, Natur- und Volkskunde.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zwischen dem Nordfriesischen Verein und dem 1923 gegründeten Friesisch-schleswigschen Verein zum Streit über den Status der Nordfriesen. Während der Friesisch-schleswigsche Verein die Friesen als eine nationale Minderheit innerhalb Deutschlands sah, der eine rechtliche Sicherung für die Erhaltung und Förderung der friesischen Sprache und Kultur zugebilligt werden sollte, vertrat der Nordfriesische Verein die Ansicht, dass die Friesen aufgrund der jahrhundertelangen Bindung an die deutsche Hochsprache und Kultur letztlich Deutsche geworden wären. Der Status einer nationalen Minderheit wurde abgelehnt, auch wenn man sich für eine Förderung friesischer Sprache und Kultur einsetzte.

Trotz des Streites entwickelten sich die folgenden Jahre zu einer Blütezeit der friesischen Sprachpflege. 1928 wurde wöchentlich in allen Schulen des Sprachgebietes eine Friesischstunde erteilt. Ab 1933 ließ diese Arbeit aber allmählich nach und kam nach 1939 weitgehend zum Erliegen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg flammte die deutsch-dänische Auseinandersetzung wieder auf und beeinträchtigte noch einige Jahrzehnte die Bemühungen um das Friesische. Heute hat der Konflikt stark nachgelassen. Die einzelnen friesischen Vereine respektieren gegenseitig die unterschiedlichen nationalpolitischen Standpunkte und arbeiten jetzt im Interesse der gemeinsamen Sache zusammen.4

Infolge der deutsch-dänischen Auseinandersetzung galt zum Teil die Maxime, dass es keine „friesischen“ Friesen, sondern nur deutsche oder dänische Friesen geben könne. Der deutsche Staatsbürger friesischer Herkunft musste sich also zum Deutschtum oder zum Dänentum bekennen. Für ein eigenes Friesentum blieb kein Platz. Damit wurde der Friese gezwungen, eine zusätzliche nationalpolitische Komponente in seine Identität aufzunehmen, obwohl einige dies ablehnten.5 Trotz der nationalpolitischen Uneinigkeit blieb der Grundgedanke eines friesischen Stammes erhalten, und die sich befehdenden Seiten verfolgten in Bezug auf die Sprach- und Kulturarbeit weitgehend dieselben Ziele.

Um die Bemühungen um die friesische Sprache und Kultur nicht länger unnötig zu belasten, haben sich die unterschiedlichen friesischen Fraktionen auf die Bezeichnung „friesische Volksgruppe“ geeinigt, um sich von der nationalen dänischen Minderheit zu unterscheiden, die eine Nation bzw. einen Staat im Hintergrund hat. Dieser Kompromiss scheint allgemein akzeptiert zu sein.

Der pan-friesische Gedanke ist ein weiterer Aspekt der friesischen Identität. Das Bewusstsein einer Zusammengehörigkeit von West-, Ost- und Nordfriesland ist bereits im 17. Jahrhundert belegt. Eine tatsächliche Kontaktaufnahme zwischen Nord- und Westfriesen scheint erst ab etwa 1850 erfolgt zu sein.6 Hier ging man von dem Grundgedanken einer einstigen großfriesischen Einheit aus. Zu Ostfriesland wurden erst später Verbindungen geknüpft. Der erste Friesenkongress, an dem Vertreter aller drei Frieslande teilnahmen, fand 1925 in Jever statt. 1930 wurde nach vielen Verhandlungen der Friesenrat gegründet. Nach Wiederaufnahme der interfriesischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1952 erneut ein Friesenkongress durchgeführt. Seitdem findet er alle drei Jahre abwechselnd in den drei Frieslanden statt. Beim Kongress 1955 in Aurich wurde das „friesische Manifest“ verkündet, das erstmalig eine gemeinsame Grundsatzerklärung aller drei Friesenstämme darstellt. 1956 wurde der Friesenrat, inzwischen auch Interfriesischer Rat genannt, neu gebildet, der heute aus den Sektionen Nord, Ost und West besteht.7 2006 wurde eine „Interfriesische Erklärung“ auf der Mitgliederversammlung des Interfriesischen Rates in Leck angenommen. Anlässlich des Friesenkongresses in Leer 2009 ist eine interfriesische Fahne eingeweiht worden (Rickmers 2011).

Die Beziehungen zwischen den drei Frieslanden werden durch verschiedene Veranstaltungen – wie Treffen friesischer Bauern, Kommunalpolitiker, Frauen usw. – gefördert.8 Ferner findet alle drei Jahre die Sternfahrt der Friesen nach Helgoland statt. Der seit 1956 ebenfalls alle drei Jahre stattfindende Philologenkongress in Ljouwert/Leeuwarden, Westfriesland wurde 2018 durch die „First Conference on Frisian Humanities“ abgelöst.

Im Versuche, die wichtigsten Identitätsmerkmale der Nordfriesen herauszufinden, wurde 2004/05 eine Untersuchung zum Thema „Heimat“ durchgeführt, die zu einem „Kanon friesischer Kultur“ führte. Hier werden als wichtige identitätsbestimmende Faktoren die Herkunft, der maritime Charakter von Landschaft und Klima, kulturelle und historische Besonderheiten sowie die Sprachenlandschaft postuliert (Kunz/Steensen 2005, Steensen 2011a).

10 Linguistic Landscapes

Die Mehrsprachigkeit Nordfrieslands spiegelt sich in der linguistic landscape wider, da Namen und Inschriften auf Friesisch, Hoch- und Niederdeutsch in unterschiedlichen Kontexten vorkommen. Namen und Inschriften auf Dänisch beschränken sich weitgehend auf Institutionen der dänischen Minderheit oder auf Institutionen, zum Beispiel Geschäfte und Wirtshäuser, die ein Interesse an Besuchern aus Dänemark haben.

10.1 Streetscape – Die Widerspiegelung der Mehrsprachigkeit in den Straßen Nordfrieslands
10.1.1 Ortsschilder

Nach langjährigen Bemühungen wurden 1997 zweisprachige Ortsschilder zugelassen. Bedingung war die Gestaltung des Schildes mit dem hochdeutschen Ortsnamen oben in großen Buchstaben und dem friesischen Namen darunter in kleineren Buchstaben. Den Gemeinden wurde freigestellt, zweisprachige Ortsschilder aufzustellen, die sie allerdings selbst finanzieren mussten (Petersen et al. 1997, Rinio 1997, Steensen 2017).

Heute gibt es folgende zweisprachige Ortsschilder (friesisch/hochdeutsch): auf Sylt in den Ortschaften Ārichsem/Archsum, Kaamp/Kampen, Kairem/Keitum, Muasem/Morsum, Munkmeesk/Munkmarsch, Raantem/Rantum, Tinem/Tinnum und Weesterlön/Westerland; auf Föhr in Aalkersem/Alkersum, Borigsem/Borgsum, Dunsem/Dunsum, Hedehüsem/Hedehusum, Klantem/Klintum, Madlem/Midlum, Ödersem/Utersum, Olersem/Oldsum, Ööwenem/Oevenum, Söleraanj/Süderende, Taftem/Toftum, Wiisem/Witsum und Wraksem/Wrixum; auf Amrum in Neebel/Nebel, Noorsaarep/Norddorf, Sössaarep/Süddorf und Stianood/Steenodde; auf der Hallig de Huuge/Hallig Hooge und auf dem Festland in e Aasterhoorne/Ost-Langenhorn, Bräist/Bredstedt, Doogebel/Dagebüll, Doogebel Huuven/Dagebüll Hafen, Doogebel Schörk/Dagebüll Kirche, Foortuft/Fahretoft, Lonham bzw. Lunham/Lindholm, Mönkebel/Mönkebüll, Moosbel/Maasbüll, Naibel/Niebüll, Risem/Risum, Risem-Lonham/Risum-Lindholm, Waiguurd/Waygaard, Waiguurddik/Waygaarddeich und e Westerhoorne/West-Langenhorn.

10.1.2 Begrüßungsschilder

Eine besondere Art der Ortsschilder sind die Begrüßungsschilder. Manche Ortschaften begrüßen und verabschieden den Gast mit einem friesischen oder mehrsprachigen Begrüßungsschild, zum Beispiel in Niebüll. Hier wird man auf hochdeutsch, friesisch, dänisch und niederdeutsch begrüßt: „Willkommen in Niebüll! Schön, dass Sie bei uns sind! Nat, dåt dü bai üs bast. Skønt at se dig her! Schöön, da du bi us büst.“ Zum Abschied liest man: „Schön, dass Sie bei uns waren. Nat, dåt dü bai üs wään bast. Tak for besøget! Schöön, dat du bi us weerst.“

An den Häfen auf Föhr und Amrum sowie am Bahnhof in Westerland/Sylt sind die Begrüßungsschilder auf Hochdeutsch. Nur die Insel Helgoland hat ein Begrüßungsschild auf Friesisch: WELKOAM IIP LUNN (‚Willkommen auf Helgoland‘). Beim Verlassen der Insel ist das Schild KUMM WEER (‚Komme wieder‘) zu sehen.

Seit 2013 stehen auf den Einfahrtsstraßen des Kreises Nordfriesland zweisprachige Begrüßungsschilder „Nordfriesland/Nordfriislon“. Auch in Geschäften befinden sich manchmal zweisprachige Begrüßungsschilder, zum Beispiel „Herzlich willkommen! Hertelk welkimen!“ im Edeka-Markt in Norddorf/Amrum.

10.1.3 Verkehrsschilder

Nach einer Novellierung des Friesisch-Gesetzes im Jahre 2016 sind auf zahlreichen Straßen Nordfrieslands Straßenschilder mit bilingualen Hinweisen auf Ortschaften aufgestellt worden. Problematisch dabei ist, dass es a) in vielen genannten Ortschaften keine bilingualen Ortsschilder gibt, die den angezeigten friesischen Namen aufgreifen, b) in vielen mit friesischen Namen genannten Ortschaften seit geraumer Zeit kein Friesisch mehr gesprochen wird, und c) selbst in Eiderstedt solche Straßenschilder aufgestellt werden, wo Friesisch bereits im 17. Jahrhundert ausgestorben ist (Harms/Heitmann 2018).1

Interessant ist die Frage nach der Form der friesischen Ortsnamen. Der 1970 vom Nordfriesischen Institut herausgegebenen zweisprachigen Landkarte von Nordfriesland liegt ein Register bei, das eine Reihe friesischer Ortsnamen enthält. Hier sind die friesischen Ortsnamen

in dem jeweiligen örtlichen Dialekt entsprechend der neuen Orthographie [wiedergegeben]. Dabei sind nur diejenigen Namen aufgenommen worden, die heute noch gebräuchlich bzw. bekannt sind.

Es sind jedoch auch

die friesischen Bezeichnungen für eine Reihe von Orten außerhalb des Sprachgebietes aufgenommen worden […]. Sie kommen im Allgemeinen aus dem nächstgelegenen Dialektgebiet, in einzelnen Fällen auch aus zwei benachbarten Dialekten. (Holander/Jörgensen 1970: 4)

In einer 2011 vom Nordfriesischen Institut herausgegebenen dreisprachigen „Nordfriesland Karte“ (Nordfriisk Instituut 2011b) sowie im Minderheitenbericht von 2017 (177–191) befinden sich erweiterte Listen mit friesischen Orts- und Inselnamen, auch außerhalb des friesischen Sprachgebietes. Unklar ist, auf welcher Grundlage die Listen zusammengestellt worden sind, insbesondere a) bei den Namen außerhalb des friesischen Sprachgebietes, b) bei Namensformen, die sich in den Karten von 1970 und 2011 unterscheiden und c) bei der Bevorzugung einer von mehreren Varianten. In Lindholm findet man zum Beispiel die drei friesischen Formen Loonham, Lonham und Lunham. In der Karte von 1970 heißt der Ort Loonham, in der Karte von 2011 Lunham.

An der Autobahn A7 Hamburg – Flensburg stehen zwischen Schleswig und Flensburg zwei zweisprachige Verkehrsschilder (hochdeutsch/friesisch), die auf Nordfriesland hinweisen: „Nordfriesland/Nordfriislon“. Auf der anderen Seite hat die Bundesregierung jüngst zweisprachige Beschilderungen mit Ortsnamen an Autobahnen abgelehnt, da diese „zur Überforderung der Autofahrer führen und so die Sicherheit gefährden“ würden (Schmidt 2019b).2

In der Bökingharde stehen manchmal in der Nähe von Schulen und Kindergärten Schilder mit der hochdeutsch-friesischen Aufschrift „Achtet auf Kinder! Jeew åcht aw e bjarne!“

10.1.4 Straßennamen

Straßennamen sind friesisch, hoch- oder niederdeutsch. Einige Ortschaften haben ausschließlich friesische Straßennamen, andere haben Straßennamen in unterschiedlichen Konstellationen: Friesisch und Hochdeutsch, Nieder- und Hochdeutsch oder nur auf Hochdeutsch.

Straßennamen sind in vielen Dörfern Nordfrieslands relativ neu. Beim Wiederaufbau der Insel Helgoland in den 1950er Jahren wurden alte Straßennamen offiziell übernommen. Risum-Lindholm war 1967 die erste und bis jetzt einzige Gemeinde auf dem Festland, die friesische Straßennamen einführte. Auf Sylt kamen die ersten friesischen Straßennamen Anfang der 1970er Jahre, und auf Föhr und Amrum erst Ende der 1980er Jahre (Nordfriisk Instituut 2010b). Oft richteten sich die Straßennamen nach alten Flurnamen (Quedens 2016). Beispiele sind auf Sylt Dikwai (‚Deichweg‘), Hiirlön (‚Heideland‘), auf Föhr Ban Taarep (‚Innerhalb des Dorfes‘), Strunwai (‚Strandweg‘), auf Amrum Smeswai (‚Schmiedeweg‘), Düüwdääl (‚Taubental‘), auf Helgoland Lung Wai (‚Langer Weg‘) und Iip de Suaat (‚Auf dem Brunnen‘), sowie in Risum-Lindholm Fascherwäi (‚Fischerweg‘) und Küfeen (‚Kuhfenne‘). Auf den Inseln findet man friesische Straßennamen in allen Ortschaften sofern Straßennamen vorhanden sind, außer in List auf Sylt, in Midlum und Oevenum auf Föhr und in Wittdün auf Amrum.

10.2 Gebäudenamen

Infolge des Friesisch-Gesetzes 2004 sind an einer Reihe von offiziellen Gebäuden deutsch-friesische Schilder angebracht worden (Harms 2015: 21f.). Das Finanzamt Nordfriesland heißt nun auch „Stüüråmt Nordfriislon“. Möglichkeiten der zweisprachigen Beschilderung hat die Friisk Foriining 2007 in einem Heft dargestellt.

Auch der Schleswig-Holsteinische Landtag in Kiel weist innerhalb des Gebäudes eine mehrsprachige Beschilderung auf. Am Eingang hängt eine mehrsprachige Informationstafel auf Hoch- und Niederdeutsch, Friesisch und Dänisch. Die Namenschilder in der SSW-Fraktion sind dreisprachig dänisch, friesisch und hochdeutsch. Eine dreisprachige (dänisch, friesisch und niederdeutsch) Broschüre über den Landtag „Daten und Fakten“ steht Besuchern zur Verfügung. Im friesischen Teil der Broschüre sind die einzelnen Abschnitte in unterschiedlichen friesischen Mundarten verfasst.

Analog dem Beispiel der friesischen Ortsnamen stellt sich die Frage, wie die friesischen Gebäudebezeichnungen und die friesische Terminologie in den parlamentarischen Broschüren zustande kommen. Anscheinend hat es im Nordfriesischen Institut eine informelle Arbeitsgruppe gegeben, die ad hoc nach dem Vorbild des Dänischen, des Westfriesischen oder des Niederländischen Neologismen gebildet hat.1

Bei manchen Gebäuden kann man das nordfriesische Wappen mit dem dazugehörigen Spruch „Lieber tot als Sklave“ in der betreffenden Mundart finden, zum Beispiel auf Föhr und Amrum Leewer duad üüs slaaw.

10.2.1 Hausnamen

Hausnamen kommen häufiger auf den Inseln als auf dem Festland vor und können auf Friesisch, Hoch- oder Niederdeutsch sein. Ein friesischer Hausname bedeutet allerdings nicht notwendigerweise, dass der Hausbesitzer des Friesischen mächtig ist. Beispiele sind auf Amrum Öömrang Hüs (‚Amrumer Haus‘), auf Föhr Min Eilun (‚Meine Insel‘) und auf Sylt Takerhüs (‚Dachdeckerhaus‘).

10.2.2 Laden-, Wirtshausnamen usw.

Läden, Betriebe, Wirtshäuser, Restaurants und Kulturzentren können ebenfalls friesische, nieder- oder hochdeutsche Namen führen. Friesische Beispiele für Wirtshäuser/Restaurants sind Dechters Hüs (‚Dichters Haus‘) auf Sylt, Dörnsk an Köögem (‚Stube und Küche‘) auf Amrum und Ual Fering Wiartshüs (‚Altes Föhrer Wirtshaus‘) auf Föhr. Beispiele für niederdeutsche Namen eines Lokals und eines Geschäftes bzw. Betriebes sind auf Amrum Op de Bön (‚Auf dem Bodenraum‘) und Pütt un Pann (‚Topf und Pfanne‘), auf Föhr Bi de Pump (‚Bei der Pumpe‘) und Binnen un Buten (‚Drinnen und Draußen‘).

10.2.3 Schul- und Kindergartennamen

Nur selten haben Schulen oder Kindergärten friesische Namen. Beispiele sind der Kindergarten Jongensguard St. Laurentii in Süderende/Föhr, das Gymnasium Eilun Feer Skuul (‚Insel Föhr Schule‘) in Wyk/Föhr sowie die Grund- und Gemeinschaftsschule Öömrang Skuul (‚Amrumer Schule‘) in Nebel/Amrum. Die dänisch-friesische Schule in Risum trägt den dänisch-friesischen Namen Risum Skole/Risem Schölj.

Auch innerhalb der Schulen mit Friesischunterricht ist die Sichtbarkeit des Friesischen im Sinne von „schoolscape“ (Gorter 2018) ausbaufähig.

10.2.4 Bahnhofsnamen

Seit 2005 befinden sich auf den Bahnhöfen der Marschbahn Husum, Bredstedt, Langenhorn, Risum-Lindholm, Niebüll, Klanxbüll sowie auf der Insel Sylt in Morsum, Keitum und Westerland Namensschilder auf Hochdeutsch und Friesisch (Steensen 2005). Dies gilt ebenfalls für den Bahnhof Dagebüll auf der Strecke Niebüll – Dagebüll.

10.3 Informationsschilder

Seit 2006 sind im Friesenmuseum in Wyk/Föhr die Beschreibungen im Raum über die historische Naturnutzung auf der Insel auf Friesisch und Hochdeutsch. Diese werden durch Hörstationen ergänzt, ebenfalls auf Friesisch und Hochdeutsch (Kollbaum-Weber 2007, 2009). Im Sylt Museum (Keitum) befinden sich fünf Sprachsäulen, die über verschiedene Themen auf Sylterfriesisch berichten. Als Unterstützung werden an der jeweiligen Station das Friesische und eine Übersetzung ins Deutsche in Textform abgedruckt.1 Auf Amrum stehen Informationsschilder neben Wanderwegen oder am Meeresufer, die auf Dänisch, Englisch, Friesisch und Hochdeutsch verfasst sind.

10.4 Churchscape – Mehrsprachige Inschriften im Zusammenhang mit der Kirche
10.4.1 Inschriften in der Kirche

In den Kirchen Nordfrieslands befinden sich lateinische, niederdeutsche und hochdeutsche Inschriften. Eine genaue zeitliche Gliederung ist noch nicht erfolgt, aber Latein scheint bis etwa Anfang des 17. Jahrhunderts gebräuchlich gewesen zu sein, bis dies infolge der Reformation vom Niederdeutschen abgelöst wurde. Auf Grund des allgemeinen Sprachwechsels von Niederdeutsch zu Hochdeutsch im späten 17. Jahrhundert existieren seitdem fast nur noch hochdeutsche Inschriften. Friesische Inschriften hat es bis ins 20. Jahrhundert nicht gegeben (Nickelsen 1982). Die erste bisher bekannte friesische Inschrift in einer Kirche stammt aus dem Jahre 1908 und befindet sich auf der Kirchenglocke der St.-Clemens-Kirche in Nebel/Amrum (Pörksen 2002). Sie lautet: Tu God’s Iar, Man klang jam hiar, Maaren an Inj (‚Zu Gottes Ehren, meinen Klang ihr hört, morgens und abends‘). Ansonsten ist das „Vater Unser“ an der Decke der „Friesenkapelle“ in Wenningstedt/Sylt auf Sylterfriesisch zu sehen, das aus der Zeit im oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg stammt (Hartung o.J.: 26f.). In der Kirche in Morsum/Sylt hängt das Glaubensbekenntnis auf Sylterfriesisch, vermutlich aus dem Jahre 1984. Die vermutlich erste Kirche auf dem Festland mit einer friesischen Inschrift befindet sich in Neukirchen. Hier wurde 2006 eine neue Glocke in der Kirche eingeweiht, die den friesischen Spruch Luin, luin, luin, hiir dat uurd fuon üüsen Hiire (‚O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!‘) trägt (Petersen 2006).

10.4.2 Inschriften auf Grabsteinen

Im Rahmen einer Untersuchung wurden auf Grabsteinen auf den Friedhöfen Nordfrieslands Inschriften in 16 unterschiedlichen Sprachen gefunden. 76 Grabsteine enthielten Inschriften in den friesischen Mundarten. Der älteste Grabstein mit einer friesischen Inschrift stammt vermutlich aus dem Jahre 1881 und befindet sich auf der Hallig Langeness. Seit etwa den 1970er Jahren scheint es eine Zunahme an friesischen Inschriften zu geben, aber diese These lässt sich für frühere Zeiten schwer überprüfen, da Grabsteine nach einer gewissen Zeit abmontiert werden. Die Inschriften auf den Grabsteinen enthalten manchmal bis zu drei Sprachen und zwei friesische Mundarten (Walker 2019b).

10.5 Unvermitteltes Auftreten von Inschriften

Manchmal befinden sich in der Landschaft unvermittelt Steine, Sitzbänke, Baumstämme u.ä. mit friesischen oder niederdeutschen Inschriften, zum Beispiel vier Steine auf Amrum mit den Strophen der Amrumer „Nationalhymne“ Min Öömrang Lun (‚Mein Amrum‘). Auf einem Baumstamm in der Nähe des Hafens auf Amrum befindet sich der niederdeutsche Spruch Sett die Dool un snak die ut! Sto ob un hol de Snut! (‚Setze dich hin und sprich dich aus! Steh auf und halte die Schnauze!‘). Ähnliches gilt für Häuser, die manchmal Inschriften beherbergen wie auf Föhr Letj, man dach min (‚Klein, aber doch meins‘).

10.6 Symbole

Im Zuge der friesischen Sprachbewegung sind Symbole und Sticker entwickelt worden, die den Sprachgebrauch fördern sollen. Man gibt sich zum Beispiel als Friesischsprecher zu erkennen, indem man eine kleine friesische Fahne, eine kleine Filigrannadel oder einen Button mit dem Spruch Ik snååk frasch (‚Ich spreche friesisch‘) trägt. Es gibt Sticker mit demselben Spruch. Ein amtlich aussehendes Nationalkennzeichen „FRL“ (Friesland) für das Auto wird manchmal von der Polizei beanstandet.

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Friesenrats im Jahr 2006 gab die Deutsche Post eine friesische Briefmarke mit dem Namen des Friesenrats auf Sater-, Nord- und Westfriesisch heraus: „Fräiske Räid/Frasche Rädj/Fryske Rie“.

10.7 Linguistic Soundscapes

Auf dem Weg von Hamburg nach Westerland auf Sylt wird in der Nord-Ostsee-Bahn der Name der einzelnen Bahnhöfe zwischen Husum und Westerland auf Deutsch und Friesisch angesagt.

Wenn man bei einem Anruf bei der Verwaltung des Kreises Nordfriesland in Husum in die Warteschleife gerät, hört man die Durchsage „Bitte warten Sie!“ auf Dänisch, Friesisch, Hochdeutsch und Niederdeutsch.

Der Anrufbeantworter der Friisk Foriining in Bredstedt antwortet auf Friesisch und Hochdeutsch. Ähnliches gilt für mehrere Privatanschlüsse in Nordfriesland.

Im Friesenmuseum in Wyk/Föhr sowie im Sylt Museum, Keitum befinden sich Hörstationen bzw. Sprachsäulen, die Exponate auf Friesisch beschreiben (vgl. Abschnitt 10.3). Das Sylt Museum stellt ebenfalls im Rahmen eines Kunstprojekts Sjüün (,Erscheinung‘) eine App zur Verfügung, in der die einzelnen Werke auf Deutsch, Englisch und Sylterfriesisch beschrieben werden.1

11 Zusammenfassung

Das Nordfriesische gilt als eine stark gefährdete Sprache. Dennoch ist in den letzten Jahren eine Fülle von Aktivitäten zur Förderung des Friesischen entstanden, die mit viel Enthusiasmus und Talent von relativ kleinen, aber engagierten Gruppen in den Vereinen und Verbänden sowie bei den Friesischlehrern und -lehrerinnen umgesetzt werden. Außerdem sind seit den 1980er Jahren eine Reihe von Strukturen sowie diverse Rechtsinstrumente zur Förderung des Friesischen geschaffen worden. Die Frage stellt sich jetzt, inwiefern diese Maßnahmen, insbesondere die Strukturen, effektiv sind. Es existiert kein schlüssiges, über gute, verheißungsvolle Ansätze hinaus führendes Konzept für die Spracharbeit. Obwohl die friesische Volksgruppe über Sachverstand verfügt, gibt es kein Forum, das diesen Sachverstand bündelt. Die Frage ist offen, welche Person oder welche Instanz von der fachlichen Qualifikation bzw. von der Aufgabenteilung her ein solches Forum einberufen und leiten könnte. Beim Friesenrat muss zwischen dem Repräsentationsanspruch bei feierlichen Anlässen und dem Führungsanspruch in sprachpolitischen Angelegenheiten unterschieden werden. Auf Grund der in der letzten Zeit veränderten Personalsituation in einigen für das Friesische wichtigen Institutionen hat sich die Ausgangssituation geändert. Es ist an der Zeit, die derzeitigen Strukturen und Maßnahmen zur Förderung des Friesischen kritisch zu durchleuchten und dabei den Unterschied zwischen symbolischer und instrumentaler Politik sowie sich das dazwischen liegende Kontinuum vor Augen zu halten, um schließlich ein sprachplanerisches Konzept zu entwickeln, das systematisch umgesetzt wird. Die Sachverständigenausschüsse des Europarates für die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen sowie für das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten könnten hier durch ihren länder- und minderheitenübergreifenden Sachverstand behilflich sein.

12 Literatur

Alcock, Antony/O’Brien, Terence (1980): Policies to Support Radio and Television Broadcasting in the Lesser Used Languages of the European Community. Coleraine: New University of Ulster.

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Ograniczenie wiekowe:
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Objętość:
911 str. 70 ilustracji
ISBN:
9783823302346
Właściciel praw:
Bookwire
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