Czytaj książkę: «Globale Lösungen, internationale Partnerschaften»

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GLOBALE LÖSUNGEN, INTERNATIONALE PARTNERSCHAFTEN

ENTWICKLUNGSBERICHT 2021

DER EUROPÄISCHEN INVESTITIONSBANK



Die Europäische Investitionsbank

Die Europäische Investitionsbank (EIB) ist der größte multilaterale Kreditgeber der Welt. Sie ist die einzige Bank, die den EU-Ländern gehört und deren Interessen vertritt. Die EIB fördert mit ihren Finanzierungen das Wirtschaftswachstum in Europa. Seit sechzig Jahren unterstützt sie Start-ups wie Skype und Großprojekte wie die Öresundbrücke, die Schweden und Dänemark verbindet. Zur in Luxemburg ansässigen EIB-Gruppe gehört auch der Europäische Investitionsfonds (EIF). Der EIF bietet Finanzierungen für kleine und mittlere Unternehmen an.

INHALT

VORWORT DES PRÄSIDENTEN

DATEN ZU PROJEKTEN AUF DER GANZEN WELT

LÖSUNGEN UND PARTNERSCHAFTEN

PANDEMIE UND ENTWICKLUNGSFINANZIERUNG: WAS COVID-19 FÜR DIE ENTWICKLUNG BEDEUTET

COVAX: IMPFSTOFF-SOLIDARITÄT

MAROKKOS KRANKENHÄUSER UND COVID-19: SOFORTHILFE

BILDUNG UND ENTWICKLUNG: MAROKKO UND TUNESIEN KÄMPFEN GEGEN DIE CORONAFOLGEN

KLIMAWANDEL UND ENTWICKLUNGSFINANZIERUNG: SO LÄSST SICH DAS KLIMARISIKO FÜR ENTWICKLUNGSLÄNDER BERECHNEN

KLIMAWANDEL UND GLEICHSTELLUNG: GENDERGERECHT GEGEN DEN KLIMAWANDEL

KLIMAFINANZIERUNGSPLATTFORM LUXEMBURG-EIB: GETEILTES RISIKO FÜR MEHR KLIMASCHUTZ

KAKAO UND NACHHALTIGE WÄLDER IN CÔTE D’IVOIRE: AUFFORSTEN FÜR UNSERE SCHOKOLADE

WASSERTECHNIK IN OSTAFRIKA: KREATIVITÄT IM ÜBERFLUSS

WASSER UND WISSENSAUSTAUSCH: TEILEN BRINGT UNS WEITER

PLASTIKMÜLL IM OZEAN: ALLE WASSERWEGE FÜHREN INS MEER

WASSERLÖSUNGEN IN NIGER: MIT SAUBEREM WASSER GEGEN GEWALT

NACHHALTIGER VERKEHR UND GENDER: ALLE AN BORD

GENDERINVESTITIONEN: ENDLICH KAPITAL FÜR FRAUEN

FRAGILE UND KONFLIKTBETROFFENE LÄNDER: SENSIBILITÄT IST GEFRAGT

DIALOG MIT INDIGENEN VÖLKERN IN HONDURAS: EIN OFFENES OHR IST WICHTIG

STADTPLANUNG IN AFRIKA: FLORIERENDE STÄDTE

DIGITALISIERUNG: JE GRÖSSER DAS RISIKO, DESTO GRÖSSER DER LOHN

RISIKOKAPITAL: EIGENKAPITAL FÜR INNOVATIVE GESCHÄFTSMODELLE

MIKROKREDITE IN AFRIKA: EINE CHANCE FÜR CHANCENLOSE

KLEINE UNTERNEHMEN IN GEORGIEN: ERDBEEREN MIT GARANTIE

LANDWIRTSCHAFT IN MOLDAU: CHANCEN SÄEN, ERFOLG ERNTEN

WIRKUNG UNTER DER LUPE

UNSER ANSATZ FÜR DIE PRÜFUNG DER ERGEBNISSE UND WIRKUNG

ERWARTETE ERGEBNISSE NEUER PROJEKTE

BEITRAG DER EIB ZU NEUEN PROJEKTEN

ERMITTLUNG DER CO2-BILANZ

MAKROÖKONOMISCHE WIRKUNGSMODELLIERUNG

ERGEBNISSE ABGESCHLOSSENER PROJEKTE

DETAILLIERTE WIRKUNGSSTUDIEN

FINANZIERUNGSVOLUMINA

NACHWORT DER VIZEPRÄSIDENTEN MIT AUFSICHT ÜBER ENTWICKLUNGSFINANZIERUNGEN

VORWORT DES PRÄSIDENTEN

Klimakrise, Massenvertreibung und die internationale Dimension der Covid-19-Pandemie zeigen: Wir können die Herausforderungen unserer Zeit nicht alleine bewältigen – wir brauchen globale Lösungen. Die Europäische Investitionsbank ist ein Schrittmacher dafür, dass aus europäischen Initiativen echte Entwicklungslösungen hervorgehen. Der Entwicklungsbericht bietet spannende Einblicke in unsere Projekte und Initiativen und deren Wirkung. Er nimmt uns mit in die Regionen der Welt, in denen die Europäische Union aktiv ist, enthält Daten zur Wirkung der Projekte vor Ort und Ideen, wie die EIB zu einer gestärkten europäischen Entwicklungsarchitektur beitragen kann.

Wir sind die Bank der Europäischen Union und die einzige Entwicklungsbank, die ausschließlich den EU-Mitgliedstaaten gehört. Durch uns erhält die Europäische Union die strategische Autonomie, um schnell und umfassend handeln zu können.

Das hat unser massiver und schneller Beitrag zur Covid-19-Antwort der Europäischen Union gezeigt, die unter Federführung der Europäischen Kommission über Team Europe organisiert wurde. Inzwischen gibt es wirksame, sichere Impfstoffe – ein von uns gefördertes Vakzin war das erste, das zugelassen wurde. Jetzt kommt es darauf an, ärmere Länder mitzunehmen. Zusammen mit der Europäischen Kommission haben wir deshalb 600 Millionen Euro für COVAX bereitgestellt – unser bislang höchster Finanzierungsbetrag für die öffentliche Gesundheit.

Der Wiederaufbau nach der Coronapandemie kann aus unserer Sicht nur grün sein. Ob bei Investitionen oder neuen Finanzinstrumenten, wir haben immer die langfristige Herausforderung des Klimawandels im Blick. Als wir vor über zehn Jahren die grünen Anleihen erfanden, war uns klar, dass sie nur der erste Schritt auf einem langen Weg sein würden. Wir arbeiten gerade an noch mehr Transparenz und Rechenschaft bei grünen Investitionen weltweit und bauen gleichzeitig schon einen neuen Markt für Nachhaltigkeitsanleihen auf.

Die Europäische Investitionsbank ist in über 140 Ländern aktiv und traditionell ein Eckpfeiler der europäischen Architektur für Entwicklungsfinanzierung. 2020 markierte die Bank in Afrika einen Rekord: Sie unterzeichnete Finanzierungen von fünf Milliarden Euro, die Hälfte davon mit dem Privatsektor. Über 70 Prozent der Investitionen in Subsahara-Afrika kamen am wenigsten entwickelten Ländern und fragilen Staaten zugute.

Die Prioritäten der EU-Politik entwickeln sich ständig weiter, und daran orientieren wir uns, um unsere Wirkung, Effizienz und Effektivität zu steigern. Davon erzählen die Expertinnen und Experten hier eindrücklich. In diesem Sinn arbeiten wir zurzeit an einer stärkeren Spezialisierung unseres Geschäfts außerhalb der Europäischen Union. Wir wollen den EU-Delegationen mehr Banker und Ingenieurinnen aus unserem Haus zur Seite stellen, um den Mehrwert der Europäischen Union vor Ort zu stärken, ihre Sichtbarkeit zu erhöhen und letztlich einen stärkeren Entwicklungseffekt zu erreichen. Mit der Neuorganisation wollen wir der Sache der Europäischen Union dienen – als ein Entwicklungsfinanzierungspartner mit technischem Fachwissen, der die Prioritäten der EU und ihrer Partnerländer von Klima über Gesundheit, Migration und Gender bis Digitalisierung vorantreibt.


“ Wir sind die Bank der Europäischen Union und die einzige Entwicklungsbank, die ausschließlich den EU-Mitgliedstaaten gehört. Durch uns erhält die Europäische Union die strategische Autonomie, um schnell und umfassend handeln zu können. ”

Die Europäische Investitionsbank schlägt mit ihren Investitionen eine Brücke zwischen den Zielen der Europäischen Union und den Projekten vor Ort. Wir sind in fast allen Ländern Afrikas tätig, in den westlichen Balkanländern, die einen EU-Beitritt anstreben, in der südlichen und östlichen Nachbarschaft und weltweit. Mit einer Sektorexpertise, die ihresgleichen sucht, bekämpfen wir Armut, Krankheiten und Umweltzerstörung.

Die Forderung nach einer intensiveren Partnerschaft zwischen Europa und der Welt wächst. Unsere Pläne sind eine Antwort darauf – denn wir wollen das Leben der Menschen verbessern, gemeinsam.

Werner Hoyer

DATEN ZU PROJEKTEN AUF DER GANZEN WELT

GESAMTFINANZIERUNGEN AUSSERHALB DER EU 9,3 MRD. €


Die Europäische Investitionsbank befürwortet, akzeptiert oder bewertet keinen rechtlichen Status von Gebieten, Grenzen, Farben, Bezeichnungen oder Informationen auf Karten in diesem Abschnitt. An einer Operation sind drei Finanzintermediäre aus Kamerun, Tschad und der Republik Kongo beteiligt – sie wird in jedem Land einmal gezählt.


Kosovo*: Diese Bezeichnung berührt nicht die Standpunkte der EU-Mitgliedstaaten zum Status und steht im Einklang mit der Resolution 1244 (1999) des VN-Sicherheitsrates und dem Gutachten des Internationalen Gerichtshofs vom 22. Juli 2010 zur Unabhängigkeitserklärung des Kosovos.

Palästina**: Diese Bezeichnung ist nicht als Anerkennung eines Staates Palästina auszulegen und lässt die Standpunkte der einzelnen Mitgliedstaaten zu dieser Frage unberührt.

Die Europäische Investitionsbank befürwortet, akzeptiert oder bewertet keinen rechtlichen Status von Gebieten, Grenzen, Farben, Bezeichnungen oder Informationen auf dieser Karte.


Die Europäische Investitionsbank befürwortet, akzeptiert oder bewertet keinen rechtlichen Status von Gebieten, Grenzen, Farben, Bezeichnungen oder Informationen auf Karten in diesem Abschnitt.


LÖSUNGEN UND PARTNERSCHAFTEN
WAS BEDEUTET COVID-19 FÜR DIE ENTWICKLUNG?

Von Bildungsverlusten bis zu den Schäden für die Wirtschaft: Es wird dauern, bis die Wunden der Pandemie heilen. Covid-19 macht die Entwicklungsfinanzierung der Europäischen Union wichtiger denn je

Von Tessa Bending, Colin Bermingham und Emily Sinnott

Schon vor der Pandemie hat die Welt nicht genug für eine nachhaltige Entwicklung getan. Die Finanzierungslücke für die UN-Entwicklungsziele wird auf rund 2,5 Billionen US-Dollar geschätzt.[1] Gleichwohl sorgte das Wachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern dafür, dass die Zahl der extrem armen Menschen stetig zurückging. Die coronabedingte Rezession hat diese Fortschritte zunichtegemacht und schon jetzt etwa 120 Millionen Menschen wieder in bittere Armut gedrängt.[2]

Gemessen an den nachgewiesenen Infektionen scheinen vor allem in Afrika viele Entwicklungsländer bislang ganz gut durch die Pandemie zu kommen. Aber das ist kein Grund, sich zurückzulehnen. Vergleicht man die Sterblichkeitsraten seit Anfang 2020 mit den Vorjahren, ergibt sich allein für Südafrika eine Übersterblichkeit von 130 000. Ägypten, wo die Infektionsraten vergleichsweise niedrig sind, verzeichnet 75 000 Todesfälle mehr als sonst.[3] Wir müssen das Virus also weltweit stoppen – das ist unsere moralische Pflicht.

Auch wenn manche Länder weniger stark betroffen sind, ist zu bedenken: Nicht alle können gleich gut auf die Krise reagieren und deren soziale und wirtschaftliche Folgen abfedern. Die Pandemie deckt auf, wo wir in die öffentliche Gesundheit und digitale Infrastruktur investieren müssen, und wie anfällig fehlende Haushaltspielräume und geringe wirtschaftliche Diversifizierung machen. Menschen in prekärer oder informeller Beschäftigung, Wirtschaftsmigranten und Frauen leiden besonders unter der Krise, die Ungleichheiten verschärft.

Schlimmer noch als die direkten wirtschaftlichen Pandemiefolgen könnte der sogenannte „Scarring-Effekt“ sein – der Schaden, der auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus Chancen mindert.

1,5 Milliarden Kinder gehen nicht zur Schule

UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete die Auswirkungen von Covid-19 auf Kinder und ihre Bildung als „Generationenkatastrophe“.[4] Auf dem ersten Höhepunkt der Pandemie im Jahr 2020 hatten etwa 1,5 Milliarden Kinder keinen Unterricht, weil die Schulen geschlossen waren.[5] Im Durchschnitt hatten die Kinder nur halb so viel Kontakt zu ihren Lehrkräften wie in normalen Jahren. Nach Schätzungen der UNESCO könnte die Zahl der Kinder, die kein altersgemäßes Lesevermögen erreichen, um fast 100 Millionen auf 581 Millionen steigen.[6]

“ Schlimmer noch als die direkten wirtschaftlichen Pandemiefolgen könnte der sogenannte „Scarring-Effekt“ sein – der Schaden, der auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus Chancen mindert. ”

Die Folgen dieser Lernverluste werden über Jahrzehnte spürbar sein. Es wird wohl nicht nur Jahre dauern, bis die Kinder den Lernstoff aufholen, die Defizite könnten auch langfristig ihre Einkommenschancen schmälern und die wirtschaftliche Entwicklung bremsen. Ungleichheiten dürften sich verschärfen. Denn ärmere Kinder haben oft keinen Zugang zum Internet, um dem Online-Unterricht zu folgen, sofern er stattfindet. Hinzu kommt, dass durch die pandemiebedingte Zunahme von Armut wahrscheinlich mehr Kinder aus einkommensschwachen Familien die Schule verlassen. Dabei werden Mädchen oft eher von der Schule genommen als Jungen, sodass der Bildungsschaden bei ihnen noch größer ausfällt. Deshalb ist es höchste Zeit, dass der Unterricht weitergeht.

Unternehmen in Schwierigkeiten

Die meisten Jobs bietet in Entwicklungsländern der Privatsektor, von informellen Marktständen über kleine Betriebe bis hin zu Großkonzernen. Also müssen vor allem dort mehr und bessere Arbeitsplätze entstehen, um die Armut zu bekämpfen. Unternehmen müssen investieren, expandieren und die Produktivität steigern, aber die Pandemie erschwert dies. Es könnte Jahre dauern, bis sich der Privatsektor erholt.

Die Hoffnung auf eine rasche Konjunkturerholung weicht der Skepsis, wenn wir sehen, wie die Pandemie viele Unternehmen in finanzielle Bedrängnis bringt – vor allem kleinere Firmen, die schwerer Zugang zu Kapital haben. Zusammen mit der Weltbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung befragte die Europäische Investitionsbank im Jahr 2020 Unternehmen in Ländern der südlichen und östlichen Nachbarschaft Europas und im Westbalkan. Die Ergebnisse zeigen, was die Unternehmen belastet.

Zunächst einmal war schon die Ausgangslage für viele Firmen schwierig: In manchen Ländern investierte nur ein Fünftel von ihnen jedes Jahr, was auch an der restriktiven Kreditvergabe lag. Mehr als die Hälfte der Unternehmen in den östlichen und südlichen Nachbarländern und 38 Prozent im Westbalkan klagen über Finanzierungsengpässe. Die meisten haben schon gar nicht mehr versucht, einen Kredit zu beantragen.

Eine gesonderte Umfrage zu den Auswirkungen der Pandemie ergab, dass die meisten Firmen in diesen Regionen vorübergehend schließen mussten. Drei Viertel haben an Liquidität oder Finanzkraft verloren, 19 Prozent sind bereits mit ihren Krediten im Verzug. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zahlen den Preis dafür, dass sie kaum digitale Technologien nutzen. Im Vergleich zu Großunternehmen konnten nur halb so viele auf Telearbeit umstellen. Noch weniger schafften es, einen Teil ihres Geschäfts ins Internet zu verlagern. Einige Firmen werden die Pandemie nicht überleben, viele andere müssen erst finanziell gesunden, bevor sie wieder langfristig investieren und gute Arbeitsplätze schaffen können.

In anderen Regionen sieht es noch schlechter aus: Eine Umfrage zur Coronakrise in sieben afrikanischen Ländern ergab, dass rund 90 Prozent der Unternehmen Umsatz- und Cashflow-Rückgänge verzeichnen. 24 Prozent sind mit Krediten im Rückstand. 38 Prozent gaben an, der Zugang zu Kapital sei ein großes Problem, und nur 17 Prozent nahmen Bankkredite auf, um Liquiditätsengpässe zu überwinden.

Auch hier hat die schleppende Digitalisierung die Anfälligkeit erhöht: Nur 18 Prozent der Unternehmen konnten ihr Onlinegeschäft ausbauen und nur 17 Prozent auf Telearbeit umstellen. Lediglich sieben Prozent erhielten oder erwarten staatliche Hilfen, sodass neun Prozent bereits Insolvenz oder Konkurs anmelden mussten.

Finanzströme in Gefahr

Unternehmen in Finanznot können Banken in Bedrängnis bringen. Bislang zeigen sich die Banken robust. Oft geraten sie aber im Gefolge von Wirtschaftskrisen in Schieflage, weil sich faule Kredite in ihren Büchern ansammeln, selbst wenn es im Rest der Wirtschaft schon wieder aufwärtsgeht. Die Gefahr ist groß, dass die Banken wegen einer Zunahme von Problemkrediten bald weniger Kredite an gesunde Unternehmen vergeben können. Aus den vorläufigen Ergebnissen einer Umfrage unter Banken in Afrika, die die Abteilung Volkswirtschaftliche Analysen der EIB Anfang 2021 durchgeführt hat, lässt sich ablesen, was bislang die Hauptfolgen der Pandemie waren: eine sinkende Aktivaqualität (z. B. mehr faule Kredite) und eine geringere Nachfrage nach Krediten. Das entspricht dem, was wir auch in den Umfragen unter Unternehmen sehen.

Wie gravierend die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie letztlich ausfallen, wird stark davon abhängen, welche Hilfe die Staaten leisten können, um die Krise abzufedern, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, Unternehmen zu stützen und die Menschen in Arbeit zu halten. Neben den Hilfen für Unternehmen sind weitere Ausgaben notwendig, für öffentliche Dienstleistungen, Sozialsysteme und Infrastruktur – damit es wieder aufwärtsgeht und sich die Schäden der Pandemie nicht noch weiter vergrößern. Das alles muss finanziert werden. Zusätzlich zu den jährlich 2,5 Billionen US-Dollar, die für die UN-Entwicklungsziele fehlen, sieht die OECD eine jährliche Lücke von einer Billion US-Dollar bei den Ausgaben der Entwicklungsländer für die Erholung von Covid-19.

Die meisten Schwellen- und Entwicklungsländer können sich jedoch Wirtschaftshilfen wie in den reicheren Ländern kaum leisten. Stattdessen wächst die Sorge über die Schuldentragfähigkeit, vor allem in Ländern, die schon vor der Pandemie hoch verschuldet waren. Derzeit haben 36 der 70 untersuchten Länder mit niedrigem Einkommen ein hohes Überschuldungsrisiko oder können ihre Kredite schon jetzt kaum bedienen.[7] Die Aussicht auf eine höhere Inflation und steigende Zinsen in den Vereinigten Staaten könnte die Risikobereitschaft zügeln und Schwellen- und Entwicklungsländern den Zugang zu Kapital aus dem Ausland weiter erschweren. Die privaten Geldflüsse aus dem Ausland in Entwicklungsländer brachen bereits 2020 um geschätzte 700 Milliarden US-Dollar ein. Die Heimatüberweisungen nahmen um etwa 20 Prozent ab, die ausländischen Direktinvestitionen um 35 Prozent und die Nettoportfoliozuflüsse (in Finanzanlagen wie Staatsanleihen investiertes Geld) um 80 Prozent.[8]

Das Virus stoppen

Oberste Priorität hat natürlich, dass wir die Pandemie überwinden und der weltweiten medizinischen Notlage ein Ende bereiten. Das geht nur mit globaler Zusammenarbeit und Solidarität. Die Europäische Investitionsbank hat zusammen mit der Europäischen Kommission das COVAX Advance Market Commitment finanziert, damit COVAX eine Milliarde Impfstoffdosen für Menschen in 92 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen beschaffen und verteilen kann. Darüber hinaus finanziert die EIB dringend benötigten medizinischen Bedarf und Einrichtungen zur Behandlung von Covid-19-Patienten. In Afrika fördert sie außerdem den Ausbau von Kapazitäten zur Herstellung pharmazeutischer Wirkstoffe.

Im Kampf gegen die Coronakrise legt die EIB auch bei den Hilfen für kleine und Kleinstunternehmen kräftig nach. Wir müssen so gut es geht verhindern, dass die Gesundheitskrise in eine Wirtschaftskrise mündet.

“ Im Kampf gegen die Coronakrise legt die EIB auch bei den Hilfen für kleine und Kleinstunternehmen kräftig nach. Wir müssen so gut es geht verhindern, dass die Gesundheitskrise in eine Wirtschaftskrise mündet. ”

Deshalb hat die Bank im Jahr 2020 ihre Mittel für Kleinstunternehmen und KMU außerhalb der EU um 83 Prozent auf 4,2 Milliarden Euro erhöht. Gleichzeitig müssen wir zusehen, dass die Belastung der öffentlichen Finanzen durch Covid-19 nicht auf Kosten der Infrastruktur geht. Deshalb schieben wir weiter Investitionen in soziale und wirtschaftliche Infrastruktur an, denn das ist der beste Schutz vor einem Dominoeffekt der Pandemie.

Grün, inklusiv und widerstandsfähig

Wenn diese Pandemie vorbei ist, können wir dann wieder zur Tagesordnung übergehen? Sicher nicht! Schon vor der Krise sind wir im Kampf gegen Armut und auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung nur langsam vorangekommen. Es war bereits absehbar, dass wir die UN-Ziele verfehlen, und Covid-19 hat uns weiter gebremst. Angesichts der Herausforderungen, vor denen die Welt in den kommenden Jahrzehnten steht, sind die Entwicklungsfinanzierungen der EIB wichtiger denn je.

Die Schwellen- und Entwicklungsländer müssen wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren. Nur dann finden sie schneller einen Weg aus der Armut und zu einem höheren Lebensstandard. Aber dieses Wachstum muss grün sein, um unser aller willen. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass diese Länder das nötige Kapital und technische Hilfe erhalten, damit sich saubere neue Technologien durchsetzen und eine nachhaltige Entwicklung ermöglichen.

Dieses grüne Wachstum muss inklusiv sein, also allen zugutekommen. Es muss allen Menschen Zugang verschaffen zu Gütern wie saubere Energie, Wasser, Mobilität, Bildung und Gesundheitsfürsorge – und es muss Chancengleichheit für alle gewährleisten. Unternehmen und Kleinstbetriebe brauchen das nötige Kapital, um menschenwürdige Arbeitsplätze zu schaffen, denn der Bedarf dafür ist riesengroß. Die Entwicklungshilfe muss hohe Standards setzen, was die Gendergerechtigkeit, Menschen- und Arbeitsrechte betrifft. Sie muss außerdem Transparenz fordern, um die Korruption in den Griff zu bekommen.

Und schließlich müssen die Länder widerstandsfähiger werden – das ist eine Lehre aus der Pandemie. In den nächsten Jahrzehnten werden die Risiken durch den Klimawandel und extreme Wetterereignisse steigen. Hinzu kommen anhaltende Konflikte und die Gefahr, dass erneut Pandemien ausbrechen. Für mehr Resilienz in den Bereichen Energie, Ernährung, Bildung, Gesundheit und Wirtschaft bedarf es dringender Investitionen, nicht zuletzt in eine robuste Infrastruktur. Das bedeutet Investitionen für einen besseren Zugang zu einer guten Gesundheitsversorgung und digitalen Dienstleistungen, aber auch eine Diversifizierung der Wirtschaft und den Abbau von Schwachstellen, die sich aus hohen Schulden und fragilen Finanzsystemen ergeben.

Tessa Bending, Colin Bermingham und Emily Sinnott arbeiten in der Abteilung Volkswirtschaftliche Analysen der Europäischen Investitionsbank.

IMPFSTOFF-SOLIDARITÄT

Eine wegweisende internationale Initiative soll armen Ländern in Afrika den Impfstoffzugang sichern, um gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen der Coronapandemie abzufedern

Niemand ist sicher, bis alle sicher sind. Denn Infektionskrankheiten machen nicht an Grenzen halt. Deshalb müssen alle Länder, egal wie reich oder arm sie sind, Zugang zu einem Impfstoff gegen Covid-19 haben.

Das ist das Ziel von COVAX, einer globalen Initiative der Impfallianz Gavi, der Weltgesundheitsorganisation und der Koalition für Innovationen in der Epidemievorsorge. Mit Unterstützung der Europäischen Investitionsbank und der Europäischen Kommission will COVAX allen Ländern einen gerechten Zugang zu einem sicheren, wirksamen Impfstoff gegen Corona verschaffen.

„Nur durch eine faire und gerechte Verteilung der erfolgreichen Covid-19-Impfstoffe können wir die Pandemie überwinden und die schlimme Lage in den Entwicklungsländern verbessern“, erklärt Raffaele Cordiner von der Europäischen Investitionsbank, der an dem Projekt mitarbeitet. „Die gemeinsamen Anstrengungen der Europäischen Investitionsbank und der Europäischen Kommission als Team Europe unterstreichen, wie wichtig der multilaterale Ansatz für die Lösung weltweiter Gesundheitsprobleme ist. Europa setzt ein Zeichen der Solidarität mit unseren Mitmenschen, das in dieser schwierigen Zeit Hoffnung macht.“

Die Europäische Investitionsbank stellt 600 Millionen Euro für eine innovative COVAX-Abnahmegarantie für Impfstoffe (Advance Market Commitment, AMC) bereit. So sollen 92 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen Zugang zu 1,8 Milliarden sicheren und wirksamen Impfdosen erhalten, finanziert aus Spendengeldern. Gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation und UNICEF hilft Gavi den Ländern außerdem bei der Vorbereitung und Durchführung der Impfkampagne. Durch diese Kombination stellt COVAX sicher, dass die Schwächsten in allen Ländern, auch in armen, geimpft werden können. Das ist der bislang höchste Beitrag der EIB für die weltweite öffentliche Gesundheit.

Doch COVAX gewährleistet nicht nur den fairen Zugang. Die Initiative beschleunigt auch die Entwicklung und Herstellung der Vakzine. Außerdem hilft sie bei den Impfkampagnen und sorgt etwa für eine geschlossene Kühlkette bei der Verteilung der Impfdosen.

An der COVAX-Initiative beteiligen sich fast 100 finanzstarke Länder. Mit Geld und Know-how fördern sie gemeinsam die Entwicklung und den Kauf von Impfstoffen. Der Anteil der Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, darunter Länder südlich der Sahara und in der südlichen Nachbarschaft der EU, die sich die Impfstoffe sonst nicht leisten könnten, wird über Geberbeiträge finanziert. „Die Initiative ist ein echtes Zeichen der Solidarität“, meint Anna Lynch, die als Expertin für Biowissenschaften bei der Europäischen Investitionsbank an der COVAX-Finanzierung mitwirkte. „Europa hat zwar zunächst die Grenzen dicht gemacht, um die Pandemie einzudämmen, war dann aber auch bereit, für einen gerechten Zugang zu Impfstoffen zu sorgen.“

Die Hälfte aller Länder mit niedrigem und ein Viertel der Länder mit mittlerem Einkommen müssen wegen der Coronakrise mit massiven Schäden für die Wirtschaft rechnen. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge könnte die Zahl der Menschen, die weltweit hungern, durch die Pandemie um 132 Millionen wachsen. „Diese Krise ist beispiellos, weil sie weltweit und überall zeitgleich auftritt“, erklärt Debora Revoltella, Chefvolkswirtin der EIB. „Sie trifft nahezu alle Länder und Regionen der Welt. In den meisten, wenn nicht allen, hat Corona eine der schwersten Wirtschaftskrisen aller Zeiten ausgelöst.“

“ Wir haben unglaublich schnell und gut zusammengearbeitet, um die akute Phase der Pandemie zu beenden und die Wirtschaft wieder anzukurbeln. ”

Gleicher Zugang zu Impfstoffen für alle

Impfstoffe bieten mit die beste Chance, die Pandemie mit allen ihren Folgen für Gesundheit und Wirtschaft zu überwinden.

COVAX finanziert die Entwicklung mehrerer potenzieller Impfstoffe. Die Initiative unterstützt die Massenherstellung und handelt die Preise aus. Mit dem Geld von COVAX können die Hersteller sofort Produktionskapazitäten aufbauen und den Impfstoff produzieren, auch wenn die klinischen Studien noch laufen. Sobald der Impfstoff zugelassen ist, stehen die Dosen direkt bereit.

Durch COVAX soll sichergestellt werden, dass alle Länder rasch und in etwa zeitgleich Zugang zu sicheren und wirksamen Impfstoffen haben. Nur so lässt sich die Pandemie unter Kontrolle bringen und nur so können wir letztlich ihre Auswirkungen auf uns und auf Wirtschaft, Gemeinwesen, Handel und Reisen eindämmen.

In der akuten Phase der Pandemie soll COVAX vor allem gewährleisten, dass alle Länder ausreichende Lieferungen und Ressourcen erhalten, um die am stärksten gefährdeten Personen zu impfen – Angehörige der Gesundheits- und Sozialdienste, Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Die Impfstoffe werden nach dem Fair Allocation Framework der WHO gerecht zwischen finanzstarken Volkswirtschaften und Ländern verteilt, die im Rahmen der Impfstoff-Abnahmegarantie förderfähig sind.

Gemeinsam stark

Die Europäische Investitionsbank hat alles Menschenmögliche getan, um das COVAX-Paket so rasch wie möglich zu schnüren und auf den Weg zu bringen, versichert Raffaele Cordiner von der Bank der EU. „Wir haben unglaublich schnell und gut zusammengearbeitet, um die akute Phase der Pandemie zu beenden und die Wirtschaft wieder anzukurbeln.“

Das Darlehen der Europäischen Investitionsbank ist durch eine Garantie des Europäischen Fonds für nachhaltige Entwicklung besichert. Mit dem Fonds fördert die Europäische Kommission eine proaktive Entwicklungspolitik und unterstützt in erster Linie Investitionen in der Nachbarschaft der EU und in Afrika. Außerdem gibt die Europäische Union selbst noch 100 Millionen Euro für die COVAX-Initiative.

Durch dieses globale Handeln wird es für Wirtschaft und Gesellschaft hoffentlich bald wieder bergauf gehen, und ein erneutes Aufflammen der Pandemie sollte unwahrscheinlicher werden. COVAX zeigt: Gemeinsam sind wir stark.

SOFORTHILFE

Covid-19 stellt Marokkos Gesundheitssystem vor gewaltige Heraus­forderungen. Mit Soforthilfen der EIB kann das Land der Krise begegnen, medizinisches Personal schulen und die Lebensqualität verbessern

Im Universitätskrankenhaus Ibn Rochd in Casablanca sind mehr und mehr Betten mit Covid-19-Erkrankten belegt. Das Krankenhaus habe den Zustrom zwar soweit im Griff, sagt Professor Kamal Marhoum El Filali, der die Abteilung für Infektionskrankheiten leitet. Doch wenn noch mehr Patienten kommen, könnten die Intensiv- und Beatmungsbetten schnell knapp werden. „Die Lage spitzt sich zu“, mahnt Marhoum.

Im Frühjahr 2020 fuhr Marokko das ganze Land konsequent herunter, um die Pandemie einzudämmen. Touristische und andere Reisen wurden unterbunden. Doch dann kam wie in vielen anderen Ländern die zweite Infektionswelle. Im November 2020 hatten sich landesweit schon über 320 000 der 37 Millionen Einwohner mit dem Virus infiziert, etwa 5 000 waren daran gestorben. Das Gesundheitssystem stieß allmählich an seine Grenzen.

Das Universitätskrankenhaus nimmt nur noch schwere Covid-19-Fälle auf, die einen Intensiv- oder Beatmungsplatz brauchen. Außerdem eigenes Personal, das sich mit dem Virus infiziert hat. Eines der größten Probleme ist laut Infektionsexperte Marhoum, dass immer mehr Beschäftigte selbst erkranken oder mit dem Virus in Kontakt waren und sich deshalb bis zu 14 Tage isolieren müssen. „Wir haben sowieso schon zu wenig Personal. Das ist ein enormes organisatorisches Problem.“

Der Pandemie die Stirn bieten

Als Marokko im Frühjahr 2020 in den Lockdown ging, waren nur 77 Coronafälle bekannt. Die Regierung sah jedoch, wie das Virus in Teilen Spaniens wütete. Den Verantwortlichen war klar, dass das marokkanische Gesundheitssystem einer ähnlichen Welle nicht standhalten würde. „Wenn uns die Pandemie so schwer getroffen hätte wie Europa, hätten wir keine Chance gehabt“, räumt Marhoum ein.

Mit den drastischen Maßnahmen konnte Marokko die Todesfälle niedrig halten. Die Sterblichkeit – also der Anteil derer, die an der Infektion versterben – war in der ersten Welle im weltweiten Vergleich mit am niedrigsten. Wie in anderen Teilen Afrikas ist die niedrige Sterberate auch in Marokko auf die junge Bevölkerung zurückzuführen.

Durch den Lockdown gewann die Regierung auch wertvolle Zeit, um Testzentren, Websites und Hotlines einzurichten. Gemeinsam mit internationalen Einrichtungen wie der Weltgesundheitsorganisation entwickelte die Regierung einen Pandemieplan und nahm bei der Europäischen Investitionsbank und anderen internationalen Kreditgebern dringend benötigte Mittel auf. Von der EIB bekam Marokko ein Darlehen über 200 Millionen Euro für medizinisches Material, Schulungen und weitere Maßnahmen. Damit konnte das Land sein fragiles Gesundheitswesen stärken und die 9 200 Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Sektor entlasten.

Immer in Kontakt

In Marokko kam der Lockdown nur eine Woche nachdem EIB-Kreditreferent Hervé Guenassia von Casablanca nach Luxemburg zurückgekehrt war. Guenassia, der das Finanzierungsgeschäft der EIB in Marokko leitet, blieb auch nach Ausbruch der Pandemie ständig mit den marokkanischen Behörden in Kontakt. Und als das Land im März Hilfe beantragte, reagierte die Bank der EU sofort. Mit dem EIB-Kredit von 200 Millionen Euro werden medizinische Geräte, Verbrauchsmaterial und Ausrüstung finanziert. Durch die flexiblen Konditionen kann Marokko das Geld für alle coronabedingten Beschaffungen verwenden, die seit dem 1. Februar 2020 im Gesundheitswesen angefallen sind. Die Kaufbelege dafür können nachgereicht werden. Außerdem kann die EIB bis zu 90 Prozent der Projektkosten finanzieren, also weit mehr als die üblichen 50 Prozent.

“ Alles lief unter Hochdruck, schließlich ging es um Menschenleben. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. ”

Marokko bekam das Geld in Rekordzeit: 100 Millionen Euro in nur einem Monat. „Alles lief unter Hochdruck, schließlich ging es um Menschenleben“, so Guenassia. „Es war ein Wettlauf gegen die Zeit.“

Guenassia nutzte das Darlehen an Marokko als Ausgangspunkt für eine übergreifende Fazilität – das Programmdarlehen Neighbouring Countries COVID-19 Public Health Care, das EU-Nachbarländer in Osteuropa, dem Nahen Osten und Nordafrika bei der Bewältigung der Krise unterstützen soll. Der Verwaltungsrat der EIB gab dafür binnen eines Monats grünes Licht. Möglich wurde das Darlehen durch Team Europe, eine Initiative, die den EU-Partnerländern in der Pandemie helfen soll. Das Geld dafür stammt von der Europäischen Kommission, den Mitgliedstaaten, der Europäischen Investitionsbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

Langjährige Partnerschaft

Seit 2006 finanziert die Europäische Investitionsbank mit einem Darlehen von 70 Millionen Euro und einem Zuschuss von 13 Millionen Euro ein umfangreiches Programm für den Wiederaufbau, die Sanierung und die Ausstattung von 16 Krankenhäusern. Bei diesem ambitionierten Projekt setzte sie neue Methoden und Instrumente ein, die in vielen Fällen auf die Beteiligung der Europäischen Kommission zurückgingen. Das Prince Moulay Abdellah Hospital in Salé zeigt exemplarisch, wie sich die langfristige Finanzierung der EIB konkret auf den Gesundheitssektor auswirkt. Auf dem Höhepunkt der Pandemie wurde das Krankenhaus durch eine Aufstockung von 159 auf 250 Betten zum regionalen Zentrum für die Patientenversorgung.

Marokko gehört zu den afrikanischen Ländern, die am stärksten von Corona betroffen sind. Wie Anna Barone, die Leiterin des EIB-Büros in Marokko, berichtet, hat die Pandemie eklatante Lücken im Gesundheitswesen des Landes aufgedeckt: unzureichende Krankenhausinfrastruktur, Mangel an geschultem medizinischen Personal und große Ungleichheiten in der Versorgung. Zu Beginn der Krise hatte Marokko eine der niedrigsten Bettendichten in der Region – nur 1,1 Bett pro 1 000 Einwohner. Auch die öffentlichen Gesamtausgaben für die Gesundheitsversorgung sind mit jährlich etwa 160 US-Dollar pro Person vergleichsweise niedrig.

Die mangelnde Infrastruktur bleibt zwar ein großes Problem, aber kurzfristig hat Marokko mit Geld und Know-how der internationalen Gemeinschaft die Krise erfolgreich in den Griff bekommen. Inzwischen konnte die Zahl der Krankenhausbetten auf rund 3 000 verdoppelt werden. Die Kredite der EIB und anderer Geldgeber haben geholfen, dringend benötigtes medizinisches Material, Ausrüstung und Medikamente sowie Schulungen für Fachkräfte zu finanzieren. Marokko hat relativ betrachtet nur rund ein Drittel so viele Ärztinnen und Ärzte wie das benachbarte Tunesien – 0,54 pro 1 000 Einwohner. Ein Teil des EIB-Darlehens wird für immaterielle Investitionen verwendet, wie die Ausbildung von Ärzteschaft, Fachpersonal und Verwaltungskräften in Krankenhäusern.

Der steinige Weg zur medizinischen Grundversorgung

2002 machte sich Marokko daran, eine allgemeine Gesundheitsversorgung aufzubauen. Heute steht das Land deutlich besser da. Die Lebenserwartung in Marokko ist hoch, und wichtige Indikatoren verbessern sich stetig. So halbierte sich die Säuglingssterblichkeit von 42 Todesfällen je 1 000 Lebendgeburten im Jahr 2000 auf 20 im Jahr 2017.

Die jüngste Initiative zur Ausweitung der Gesundheitsversorgung besteht in einer Fünfjahresstrategie (2017–2021): Die Kapazitäten in Krankenhäusern sollen ausgebaut, der Versicherungsschutz auf Selbstständige und Angehörige der freien Berufe ausgeweitet, mehr Personal im Gesundheitssektor beschäftigt und das Medizinstudium in Marokko standardisiert werden.

In der Praxis haben jedoch nach wie vor viele Menschen in Marokko keinen Zugang zum Gesundheitswesen, vor allem nicht zur Grundversorgung. Obwohl die Vereinten Nationen in ihrem Entwicklungsziel Nr. 3 zumindest einen allgemeinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung fordern, bleibt er in Marokko vielen Menschen verwehrt, weil sie entweder in ländlichen Gebieten leben oder nicht unter die öffentliche Krankenversicherung fallen.

Die Krise als Chance für Reformen

Laut Barone könnte die internationale Pandemiehilfe Marokko den nötigen Schwung geben, um die noch übrigen Hürden auf dem Weg zu einer besseren Versorgung anzugehen: „Wir müssen die Krise für Reformen nutzen, die normalerweise viel länger dauern.“

Auch hier will die Europäische Investitionsbank mitziehen. Sie könne mit ihrem Fachwissen und technischer Hilfe die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren des marokkanischen Gesundheitswesens stärken, so Barone. Außerdem kann die Bank der EU finanziell helfen, damit vor allem in ländlichen Gebieten mehr Krankenhäuser gebaut und saniert werden.

Die Europäische Union und Marokko arbeiten derzeit an einer neuen Agenda für ihre Zusammenarbeit zwischen 2021 und 2027, die ebenfalls neue Impulse für Reformen geben könnte. Barone ist sich sicher: „Jetzt haben wir die Chance, Prioritäten zu setzen, um Marokkos Wirtschaft wieder anzukurbeln, die Gesellschaft zu stärken und insbesondere die Gesundheitsversorgung zu verbessern.”

SOFORTHILFE FÜR TRÄUME

Im Corona-Lockdown kommt Bildung leicht zu kurz, aber Marokko und Tunesien haben schnell gehandelt

Über 1,6 Milliarden junge Menschen weltweit konnten aufgrund der Pandemie nicht mehr in ihren Klassenzimmern lernen. Schulen mussten auf Digitalunterricht umstellen, was bestehende Ungleichheiten im Bildungssystem verschärfte. Und danach wartete ein hartes Stück Arbeit auf die Lehrkräfte: Es galt, den verpassten Stoff von Monaten aufzuholen.

Als Tunesiens Regierung die Schulen für die Abschlussexamina im Sommer 2020 wieder öffnete, widmete die Europäische Investitionsbank kurzerhand einen Teil eines ihrer Darlehen um. So konnten Masken und Handdesinfektionsmittel für eine sichere Rückkehr von 220 000 Schülerinnen und Schülern und 160 000 Lehrkräften gekauft werden.

Das 220-Millionen-Euro-Projekt zur Modernisierung von knapp einem Drittel aller weiterführenden Schulen des Landes wird von der Europäischen Investitionsbank, dem tunesischen Staat, der Kreditanstalt für Wiederaufbau und der Europäischen Union finanziert. 317 Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule von Azmour, einem Dorf im Nordosten Tunesiens, verdanken dem Großprojekt ein frisch renoviertes, top ausgestattetes Schulgebäude.

Weder Laptop noch Internet

Als Marokkos Schulen und Unis wegen der Pandemie schließen mussten, begann für viele Studierende der Euromed-Universität in Fez eine schwierige Zeit.

Sie hatten oft weder einen Laptop noch einen zuverlässigen Internetanschluss. Die Universität wandte sich an die Europäische Investitionsbank, die mit der Europäischen Union bereits ihre Gebäude finanziert hatte. Daraufhin spendeten die Bank und die EU-Delegation in Marokko 500 000 Euro von der Europäischen Kommission, damit Studierende von zu Hause aus lernen können.

Nur wenige Wochen später wurden 420 Laptops verteilt – an Studierende, die ohne Computer in abgelegenen Gebieten mit schlechter Internetanbindung leben. Ein Jahr unbegrenzter Internetzugang inbegriffen. Nouhayla Chahm darf den Laptop dank ausgezeichneter Noten mindestens drei Jahre behalten. „Die Universität und die Europäische Union haben mir Mut und Energie gegeben, um weiterzumachen. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt sie.

Die Universität kaufte mit dem Geld außerdem 3-D-Drucker, um Hunderte wiederverwendbare Masken und Einwegfilter für Studierende und das Universitätspersonal zu drucken. Mit dem effizienten Technologieeinsatz verbessert die Euromed-Universität gleichzeitig die Chancen ihrer Absolventinnen und Absolventen am Arbeitsmarkt. Die Pandemie hat die digitale Bildungsrevolution beschleunigt, und die Europäische Investitionsbank ist vorne dabei.

DIE VERMESSUNG DES KLIMARISIKOS

Wer Armut bekämpft, schützt das Klima. Denn einkommensschwache Länder sind nicht nur mit am stärksten von der Erderwärmung bedroht, ihnen fällt auch die Anpassung am schwersten. Die Bewertung des Klimarisikos zeigt, wo Hilfe am dringendsten benötigt wird

Von Matteo Ferrazzi, Fotios Kalantzis, Sanne Zwart und Tessa Bending

Die EIB ist die Klimabank der EU und ein wichtiger globaler Akteur in der Entwicklungsfinanzierung. Das Klimarisiko zu verstehen ist also ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Wir überwachen den CO2-Fußabdruck unserer Projekte, wir forcieren die Bemühungen zur Emissionsminderung, und wir prüfen alle unsere Investitionen auf ihre Vereinbarkeit mit den Zielen des Pariser Abkommens. Vor allem stellen wir sicher, dass Klimarisiken schon bei der Projektplanung berücksichtigt werden. Dabei ermitteln wir auch gleich, welche Schutz- und Anpassungsmaßnahmen nötig sind. Anders ausgedrückt: Wir nutzen jede Gelegenheit, um die Klimaresilienz zu erhöhen.

Die Dimensionen des Klimarisikos

Für uns ist es wichtig zu wissen, was Klimawandel und Klimawende im Gesamtbild für Volkswirtschaften und Gesellschaften bedeuten. Daher haben wir neben wirtschaftlichen Analysen zum Klimawandel den

EIB-Klimarisikoindex erarbeitet. Der Index nutzt vorhandene Daten und neueste Studien zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Länderebene.[9] Mit seiner Hilfe können wir durch Länder­vergleiche ermitteln, wo die Risiken insgesamt am größten sind und wo Entwicklungsinterventionen für Klimaschutz und Klimaanpassung am meisten bewirken.

Wir untersuchen für jedes Land zwei Arten von Risiken: physische Risiken und Transitionsrisiken. Das physische Risiko umfasst alle Folgen des Klimawandels durch Naturkatastrophen („akutes Risiko“) sowie allmählichere Veränderungen („chronisches Risiko“). Transitionsrisiken entstehen aus politischen und regulatorischen Maßnahmen, etwa der Einführung strenger Klimaschutzvorschriften, mit denen Länder Paris-konform CO2-neutral werden sollen. Diese Vorschriften wirken sich auf die Unternehmenskosten und die Erträge nationaler Vermögenswerte aus. Sie erhöhen die Gefahr, dass CO2-intensive Assets zu „gestrandeten“ Vermögenswerten werden.

Die physischen Risiken des Klimawandels

Der Indexwert für das physische Risiko ergibt sich aus der geschätzten jährlichen Gesamtbelastung eines Landes durch klimabedingte Schäden, Kosten und Verluste. Er berücksichtigt die folgenden Elemente:

• akute Risiken extremer Wetterereignisse (Stürme, Hitzewellen, Nebel usw.) und anderer klimabedingter Katastrophen (Überschwemmungen, Erdrutsche, Dürren, Flächenbrände usw.)

• chronische Risiken als Folge langfristiger, allmählicher Änderungen der Klimamuster, nämlich:

• die Beeinträchtigung von Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung

• die Folgen steigender Meeresspiegel, die das Ergebnis schmelzender Gletscher und Eisschilde sind

• die Folgen für die Qualität der erforderlichen Infrastruktur. Infrastruktur ist nicht nur akut durch Naturkatastrophen gefährdet, sondern auch durch allmähliche Klimaveränderungen. Letztere erhöhen die Belastung von Straßen, Häfen, Telekommunikationssystemen etc. und machen Nachbesserungen erforderlich, was zu höheren Investitions- und Wartungskosten führt

• die Auswirkungen höherer Temperaturen auf die Arbeitsproduktivität, vor allem für Tätigkeiten im Freien

Diese Klimafolgen berechnen wir anhand empirischer Studien und anderer wissenschaftlicher Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Kosten von Klimaereignissen und -veränderungen. Dabei stehen normalerweise die monetären Kosten oder die prozentualen Einbußen beim Bruttoinlandsprodukt im Mittelpunkt.

Außerdem bewerten wir bei der Ermittlung des physischen Risikos, inwieweit die einzelnen Länder in der Lage sind, sich auf den Klimawandel einzustellen. Je mehr sich Länder an den Klimawandel anpassen und damit ihre Anfälligkeit reduzieren, desto geringer dürften die Auswirkungen sein. Inwieweit ein Land finanziell in der Lage ist, sich an den Klimawandel anzupassen, wird anhand der Staatseinnahmen und des Länderratings gemessen. Auf institutioneller Ebene bewerten wir dies anhand von Governance-Faktoren und des Stands der menschlichen Entwicklung.

Die Risiken der Klimawende

Die Indexwerte für das Transitionsrisiko werden ähnlich ermittelt. Hier bewerten wir, wie anfällig ein Land für die wirtschaftlichen Folgen der globalen Klimawende ist, und inwieweit es diese Folgen zu mindern vermag (Minderungskapazität). Länder können Transitionsrisiken mindern, indem sie ihre Treibhausgasemissionen begrenzen oder reduzieren. Dort, wo schnell auf ein kohlenstoffärmeres Entwicklungsmodell umgestellt wird, sind die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen der Klimawende geringer.

Die folgenden Faktoren beeinflussen das Transitionsrisiko:

• die Erträge aus dem Geschäft mit fossilen Brennstoffen. Diese dürften aufgrund strengerer Klimaschutz­vorschriften und veränderter Verbraucherpräferenzen künftig sinken

• der aktuelle Treibhausgasausstoß. Hohe Emissionen dürften in Zukunft höhere Kosten bedeuten, Stichwort: CO2-Preis

Die Minderungskapazität basiert auf drei Größen:

• Erfolg beim Einsatz erneuerbarer Energieträger

• Erfolg bei der Verbesserung der Energieeffizienz

• Umfang des Engagements gegen den Klimawandel (gemessen an den nationalen Klimabeiträgen der Länder gemäß dem Pariser Abkommen)

Auf Basis wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur und ökonometrischer Analysen haben wir diese Faktoren entsprechend gewichtet und daraus einen zusammengesetzten Indikator für das Transitionsrisiko der Länder gebildet.

Einkommensschwache Länder sind am anfälligsten für die physischen Risiken des Klimawandels

Kein Land ist immun gegen die Folgen des Klimawandels. Einige Länder und Regionen sind jedoch deutlich anfälliger für die direkten physischen Folgen der Klimaveränderungen als andere. Der EIB-Länderindex für das physische Risiko zeigt klar auf, welche Regionen am stärksten bedroht sind: Subsahara-Afrika (vor allem die Sahelzone), Süd- und Südostasien (hier insbesondere Länder mit viel Landwirtschaft und niedrig gelegenen Küstengebieten) sowie kleine Inselstaaten in der Karibik und im Pazifischen Ozean.


Die Anfälligkeit so vieler Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen ergibt sich teilweise aus ihrer geografischen und klimatischen Lage. Kleinen karibischen und pazifischen Inselstaaten droht besonders Gefahr von Hurrikans und Zyklonen sowie steigenden Meeresspiegeln. Viele asiatische und afrikanische Länder sind vor allem wegen der langfristigen Auswirkungen auf die Landwirtschaft und der Folgen exzessiver Temperaturen für die Arbeitsproduktivität gefährdet. In Asien und Südostasien droht die Gefahr meist durch steigende Meeresspiegel. Das gilt auch für einige afrikanische Küstenstaaten.

Auch die Fähigkeit, sich auf den Klimawandel einzustellen und sich besser dagegen zu wappnen, ist wichtig. Viele der Länder, die den direkten physischen Folgen der Klimaveränderungen am stärksten ausgesetzt sind, sind zugleich am wenigsten in der Lage, sich anzupassen. Hier ist vor allem Subsahara-Afrika zu erwähnen. Im Karibik- und Pazifikraum ist das Bild dagegen uneinheitlich. Viele weniger entwickelte Länder sind gerade wegen ihres geringeren Entwicklungsstands besonders anfällig für den Klimawandel. Die schlechte Qualität von Infrastruktur und Wohnraum verschärft die menschlichen und wirtschaftlichen Folgen von Naturkatastrophen wie Wirbelstürmen noch. Auch die zu starke Abhängigkeit von der Landwirtschaft macht Menschen und Volkswirtschaften verwundbar. Hinzu kommen eine hohe Staatsverschuldung und geringe Staatseinnahmen, die schnellen Investitionen in Anpassungsmaßnahmen im Weg stehen. Menschen mit geringem Einkommen, wenig Ersparnissen und schwacher Kreditwürdigkeit sind für jede Art von Krise anfällig.

Daher gehen die Reduzierung von Armut und die Bekämpfung der Folgen des Klimawandels Hand in Hand. Gefährdete Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen brauchen Hilfe für konkrete Anpassungsmaßnahmen, etwa für den Küstenschutz oder eine robustere Infrastruktur. Sie brauchen darüber hinaus Unterstützung in Entwicklungsfragen, um ihre Infrastruktur auszubauen, ihre Wirtschaft zu diversifizieren und die Einkommen zu erhöhen – Maßnahmen, mit denen sich die Klimafolgen oft besser in den Griff bekommen ließen.

Länder mit hohem Einkommen haben das größte Transitionsrisiko, einkommensschwache Länder mehr Probleme mit dem Klimaschutz

Verglichen mit dem physischen Risiko ergibt sich beim EIB-Index für das Transitionsrisiko ein anderes Bild. Hier sind vor allem Exporteure fossiler Brennstoffe am stärksten gefährdet. Für einkommensstarke Länder, die einen Großteil der weltweiten Ressourcen verbrauchen und erhebliche Emissionen verursachen, sind die Risiken aus der Umstellung auf eine emissionsarme Wirtschaft allgemein höher. Aber auch in Entwicklungsländern dürften die Transitionsrisiken in naher Zukunft steigen, weil sie versuchen, zu den Industriestaaten aufzuschließen und Wirtschaftswachstum und Treibhausgasemissionen bei ihnen nicht entkoppelt sind.


Doch auch für viele Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist das Transitionsrisiko insgesamt hoch – vor allem aufgrund ihrer geringeren Minderungskapazitäten. Einige afrikanische Staaten wie Tschad, Demokratische Republik Kongo oder Nigeria sind stärker gefährdet als einige europäische Länder. In bestimmten Fällen ist dies auf die hohe Abhängigkeit von Einnahmen aus fossilen Brennstoffen zurückzuführen. Hauptgrund ist jedoch die geringe Minderungskapazität: Erneuerbare Energiequellen sind bisher kaum vorhanden, ebenso wie der Wille zur Veränderung. Hinzu kommen fehlende Mittel. Und auch in den Entwicklungsländern mit niedrigem Transitionsrisiko sind grüne Investitionen immer noch dringend erforderlich. Hier besteht massiver Investitionsbedarf, um die Lücken in der Infrastruktur zu schließen, die Armut zu verringern und ordentliche Arbeitsplätze zu schaffen – und zwar so, dass die Treibhausgasemissionen in einem nachhaltigen Rahmen bleiben. Dieses Umdenken in der Entwicklungszusammenarbeit muss Teil der globalen Klimawende sein.

Grüne Entwicklungsfinanzierung wird dem Bedarf noch nicht gerecht

Die Klimarisiken der Entwicklungs- und Schwellenländer zeigen, wie wichtig es ist, ausreichend Klimafinanzierungen zu mobilisieren. Hier sind multilaterale Entwicklungsbanken wie die EIB gefragt. Im Jahr 2020 entfielen 30 Prozent der EIB-Finanzierungen außerhalb der Europäischen Union auf Klimaschutz und Klimaanpassung. Als Klimabank der EU werden wir spätestens ab 2025 50 Prozent unseres Finanzie­rungsvolumens für diese Ziele vergeben. Dies ist elementar wichtig. Denn in den Entwicklungsländern wird immer noch viel zu wenig Klimaschutz finanziert. Vor etwas mehr als zehn Jahren versprachen die Industriestaaten, ihre Mittel dafür bis 2020 auf jährlich 100 Milliarden US-Dollar zu erhöhen. Aktuellen Schätzungen zufolge wurde dieses Ziel verfehlt.[10]

Darüber hinaus kann das jährliche Ziel von 100 Milliarden US-Dollar nur ein Minimalziel sein. Jetzt, da das Jahr 2020 schon vorbei ist, muss die Latte noch höher gelegt werden: Dringlichkeit und Ausmaß der Klimarisiken für die Schwellenländer – und für die ganze Welt – lassen uns keine andere Wahl.

Matteo Ferrazzi, Fotios Kalantzis, Sanne Zwart und Tessa Bending arbeiten in der Abteilung Volkswirtschaftliche Analysen der Europäischen Investitionsbank.

GENDERGERECHT GEGEN DEN KLIMAWANDEL

Entwicklungsinvestitionen sind wirksamer und nachhaltiger, wenn Frauen beteiligt sind und deren Belange berücksichtigt werden

Von Moa Westman

Wenn es um mehr Klimaschutz geht, sind Frauen oft ganz vorne dabei, sei es als Leaderin, Entrepreneurin oder Aktivistin: Von der 17-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg aus Schweden über die mexikanische Diplomatin Patricia Espinosa, die die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen leitet, bis zu den zahlreichen Frauen in Führungspositionen, die sich für Klimainitiativen engagieren.

In Gremien, die Klimamaßnahmen und -strategien beschließen, bleiben Frauen im öffentlichen wie im privaten Sektor jedoch stark unterrepräsentiert. Laut UN sind Klimaprojekte und -strategien, an denen Frauen beteiligt sind, indessen wirksamer und führen zu besseren ökologischen Ergebnissen.

Der Klimawandel kann für alle Menschen verheerende Folgen haben, vor allem für die, die ihr Einkommen mit natürlichen Ressourcen erwirtschaften. Doch Frauen sind anders betroffen als Männer. Denn Geschlecht und soziale Rolle entscheiden über den Zugang zu produktiven, natürlichen und finanziellen Ressourcen – mit Folgen für die persönliche Resilienz gegen den Klimawandel. Projekte und Investitionen, die ohne substanzielle Beteiligung von Frauen umgesetzt werden, sind weniger wirksam und verstärken häufig das Geschlechtergefälle.

Frauen als Teil der Gleichung

In einem historischen Schritt hat die Europäische Investitionsbank beschlossen, ihre gesamten Finanzierungen bis Ende 2020 auf die Ziele des Pariser Abkommens abzustimmen und spätestens ab 2025 mindestens 50 Prozent für Klima und ökologische Nachhaltigkeit zu vergeben. Dazu haben wir den Klimabank-Fahrplan auf den Weg gebracht. Er zeigt, wie zielgerichtete Investitionen nicht nur einen Beitrag zur grünen Wende leisten können, sondern auch zu sozialer Entwicklung und Gendergerechtigkeit. Geschlechtergerechte Klimamaßnahmen stärken den Nutzen für Klima und Umwelt und sind häufig ein starker Business Case für Investments. Investitionen, die die Belange von Frauen berücksichtigen, vergrößern den Kundenkreis von Unternehmen, steigern die Kundenzufriedenheit und bilden die Basis für ein besseres Finanz- und Geschäftsergebnis. Außerdem locken sie weitere Geldgeber an, die verantwortlich investieren wollen.

Wir fördern die Einbeziehung von Frauen auf verschiedenen Wegen:

1: Kredite für Entrepreneurinnen und Klimafonds von Frauen

Unternehmen und Fonds, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, werden eher von Frauen als Männern gegründet. Oft fehlt ihnen aber das Geld für die Scale-up-Phase. Sie brauchen Kredite, um die Größe zu erreichen, ab der sie etwas bewirken können. Zum Beispiel der EcoEnterprises Fund: Das Managementteam des wegweisenden Umweltfonds aus Lateinamerika wird von Frauen geleitet. Er investiert in Unternehmen mit Schwerpunkt Biodiversität, etwa nachhaltige Forstwirtschaft oder Landwirtschaft. Zusammen mit den Portfoliounternehmen arbeitet der EcoEnterprises Fund aktiv daran, die Beschäftigungssituation von Frauen und indigenen Gemeinschaften sowie deren Zugang zu Führungspositionen zu verbessern. Die Europäische Investitionsbank und FinDev Canada unterstützen den EcoEnterprises Fund – er ist FinDev Canadas erste Investition unter der 2X Challenge. Diese weltweite Initiative fördert den Kreditzugang von Unternehmen, die von Frauen geleitet werden, Frauen beschäftigen und Frauen zugutekommen. Auch die EIB beteiligt sich an der 2X Challenge.

“ Geschlechtergerechte Klimamaßnahmen stärken den Nutzen für Klima und Umwelt und sind häufig ein starker Business Case für Investments. ”

2: Projekte gegen tief verwurzelte Ungleichheiten

Unser Genderfokus bedeutet, dass wir Projekte unterstützen, die über Generationen gefestigte Ungleichheiten aufbrechen. Ungleichheiten, die Frauen und Mädchen Chancen vorenthalten und verhindern, dass sie sich an große Herausforderungen unserer Zeit wie den Klimawandel anpassen können.

In der Landwirtschaft sind Familienbetriebe, die von Frauen geführt werden, beispielsweise tendenziell kleiner als von Männern geführte. Aufgrund der geringeren Betriebsgröße und des begrenzten Zugangs zu Krediten und Produktionsfaktoren fehlen Frauen meist die Mittel, um witterungsbedingte Verluste abzufedern oder Technologien einzuführen, durch die ihr Betrieb effizienter und klimaresilienter werden könnte. Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation schätzt, dass Landwirtinnen ihre Erträge um 20 bis 30 Prozent steigern, die Bodenfruchtbarkeit verbessern und Ökosysteme schützen könnten, wenn sie denselben Zugang zu Ressourcen hätten wie Männer.

Der von BlueOrchard verwaltete InsuResilience Investment Fund arbeitet mit Mikrofinanzinstituten zusammen, um Kredite mit Versicherungen gegen extreme Wetterereignisse und Naturkatastrophen zu kombinieren. Die EIB unterstützt BlueOrchard mit 25 Millionen US-Dollar. Im Gegenzug hat sich der Fonds verpflichtet, 40 Prozent seiner Investitionen nach den Kriterien der 2X Challenge zu vergeben, damit Frauen einen besseren Zugang zu Krediten und Klimaversicherungen erhalten.

3: Hilfe bei der Festlegung von Genderzielen

Im Rahmen der Beratung und technischen Hilfe unterstützen wir unsere Kunden dabei, Ziele für die Beschäftigung von Frauen und für Frauen in Führungspositionen festzulegen.

Zusammen mit der niederländischen Entwicklungsbank FMO begleiten wir beispielsweise responsAbility Investments. Ein Klimafonds dieses Asset Managers konnte sich 2020 für die 2X Challenge qualifizieren. Seine Zusage: Mindestens 50 Prozent der Unternehmen, in die er investiert, bieten hochwertige Arbeitsplätze für Frauen, und er berücksichtigt Genderaspekte bei seinen Investitionen.

Der Energiesektor zählt mit einem Frauenanteil von 32 Prozent unter den Beschäftigten zu den Sektoren, die in puncto Diversität Aufholbedarf haben. Die Investitionen des Fonds in netzunabhängige Erneuerbare-Energien-Systeme verbessern auch den Alltag von Frauen. Nach Angaben von Oxfam erbringen Frauen in ländlichen Gemeinden täglich bis zu 14 Stunden unbezahlte Care-Arbeit. Vor allem Brennholz sammeln und Wasser holen kosten viel Zeit, die den Frauen und Mädchen für Schul- und Berufsausbildung sowie andere produktive Tätigkeiten fehlt. Zu den Investments des Fonds gehört d.light. Das ostafrikanische Unternehmen hilft ärmeren Familien mit einem Pay-as-you-go-Modell, Solarlampen und Solarsysteme für zu Hause zu kaufen. Damit müssen Ladeninhaberinnen nicht mehr bei Einbruch der Dunkelheit schließen.

Klimainvestoren müssen Wege suchen, wie sie Gendergerechtigkeit bei Projekten für Klimaschutz und ökologische Nachhaltigkeit am besten fördern und gleichzeitig Frauen stärken sowie neue Märkte aufbauen können. Integrierte Investitionen helfen, die miteinander verzahnten Krisen – von Klimawandel über Umweltzerstörung bis zur sozialen Ungleichheit – so zu lösen, dass niemand zurückbleibt.

Moa Westman ist Genderexpertin bei der Europäischen Investitionsbank.

GEHEN SIE INS RISIKO

Eine innovative Finanzierungspartnerschaft mit Luxemburg fördert Klimafonds in Entwicklungsländern, indem sie privaten Investoren Risiken abnimmt

In manchen Ländern fehlt es an den Finanzierungsstrukturen und Kompetenzen, um Starthilfe für Unternehmen zu leisten, die sich auf alternative Energien, Energieeffizienz oder nachhaltige Landnutzung spezialisieren. Um die Finanzierungslücke zu schließen, müssen wir privates Kapital mobilisieren und den Investoren in Entwicklungsländern Risiken abnehmen.

Die Klimafinanzierungsplattform Luxemburg-EIB ist ein innovatives Modell, das private Investitionen parallel zu EIB-Finanzierungen in Klimaprojekte leitet. Sie wurde 2017 von der Europäischen Investitionsbank zusammen mit Luxemburg gegründet und bietet schnelle Entscheidungsprozesse und klare Kriterien für Klimafinanzierungen. Diese Kriterien basieren auf den Prioritäten der Geber und Investoren, den weltweiten Erfahrungen der EIB in der Klimafinanzierung, unserem internen Know-how von über 300 Ingenieurinnen und Volkswirten, der Abstimmung mit anderen internationalen Finanzinstitutionen, höchsten Investitions-standards und strengen Umwelt- und Sozialstandards, Monitoring und Berichterstattung. Im Fokus stehen geringere Emissionen, Energieeinsparungen, Bodensanierungen und neue Technologien.

Über Eigenkapitalinvestitionen in Junior-Tranchen strukturierter Fonds verringert die Plattform das Risiko privater Investoren, die Senior-Tranchen übernehmen. Die Fonds investieren ihrerseits in Unternehmen aus Schwellenländern, die an Projekten für den Klimaschutz und die Klimaanpassung arbeiten. Das Verhältnis zwischen den Gesamtinvestitionen der Endprojekte und der ursprünglichen Zusage der Plattform wird als Multiplikatoreffekt bezeichnet: Aus den 20 Millionen Euro, die die Plattform investiert hat, und 166 Millionen Euro der EIB ergeben sich Projektinvestitionen von 3,4 Milliarden Euro.

Zurzeit arbeitet die Klimafinanzierungsplattform Luxemburg-EIB mit vier Fonds:

Der Green for Growth Fund ist ein Impact-Investment-Fonds, der sich auf die Bekämpfung des Klimawandels und nachhaltiges Wirtschaftswachstum konzentriert. Dazu investiert er vor allem in Maßnahmen zur Senkung des Energie- und Ressourcenverbrauchs und der CO2-Emissionen.

Der Land Degradation Neutrality Fund unterstützt Projekte des Privatsektors für eine nachhaltige Landbewirtschaftung, vor allem durch nachhaltige Land- und Forstwirtschaft.

Der Access to Clean Power Fund unterstützt kleine Unternehmen, die Lösungen für erneuerbare Energien anbieten. Er will einen positiven wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Impakt erzielen. Dazu vergibt er Fremdkapital für Projektfinanzierungen und Betriebskapital, mit dem Unternehmen Lagerbestände und Forderungen finanzieren können.

Der Climate Resilience Solutions Fund ist der erste Investmentfonds mit Fokus auf Klimaanpassung. Gleichzeitig konzentriert er sich als erstes kommerzielles Anlagevehikel auf kleine Unternehmen im Bereich Klimaintelligenz und Lösungen für Entwicklungsländer (z. B. landwirtschaftliche Analytik).

AUFFORSTEN FÜR UNSERE SCHOKOLADE

Die Kakaonachfrage steigt und bedroht die Wälder in den Anbauländern. Neue EU-Vorschriften sollen die „importierte Entwaldung“ stoppen, während die Bank der EU gemeinsam mit Côte d’Ivoire gerodete Flächen wieder aufforstet

Von Jane Feehan

Côte d’Ivoire ist der größte Kakaoproduzent weltweit. Als ich 2019 in das westafrikanische Land zog, sah ich mit eigenen Augen, dass die in Südamerika heimische Theobroma cacao dort ein wichtiges Standbein der Wirtschaft geworden ist. Kakao steht für über 40 Prozent des Exportumsatzes, seine Wertschöpfungskette gibt rund sechs Millionen Menschen im Land Arbeit.

Das Tragische ist nur: Durch den Kakaoboom hat Côte d’Ivoire in den letzten 25 Jahren alarmierende 60 Prozent seiner Waldflächen verloren. Wälder gibt es eigentlich nur noch in Nationalparks und Waldschutzgebieten, und selbst dort wurden bereits große Flächen dem Kakao geopfert. Dabei bestimmen Naturkapital und Naturerbe ganz wesentlich die nationale Identität des Landes: So ist der Elefant symbolisch allgegenwärtig, nur in der Wildnis trifft man das Wappentier heute kaum noch an. Die Entwaldung ist ein noch schlimmerer Umweltverlust, der weitreichende Auswirkungen auf alles hat – auf Bodenfruchtbarkeit, Bewirtschaftung von Wassereinzugsgebieten und Wasserqualität, Biodiversität, Kohlenstoffspeicher und vielfältige Güter und Dienstleistungen, die wir dem Wald verdanken und auf die viele arme Menschen in ländlichen Gegenden angewiesen sind.

Aber das könnte sich jetzt ändern. Wir stehen am Anfang eines Jahrzehnts, das die Wende bringen soll. Die Europäische Union hat zwei neue Rechtvorschriften vorgelegt, die Mitte des Jahres verabschiedet werden könnten. Den Anstoß dafür gaben der grüne Deal, die Dekade der Vereinten Nationen für die Wiederherstellung von Ökosystemen, besonders aber wachsende Sorgen über die Auswirkungen des Kakaoanbaus auf die Wälder und das Wohlergehen der Menschen, die entlang der Wertschöpfungskette arbeiten. Gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank wird das westafrikanische Land außerdem ein Aufforstungsprojekt finanzieren.

Kakao ist auf dem Vormarsch

Côte d’Ivoire zählt zu den am wenigsten entwickelten Ländern und liegt im UN-Index der menschlichen Entwicklung auf Platz 162 von 189; fast ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Kakao ist neben Cashews, Bananen und Kaffee heute die wichtigste Einnahmequelle des Landes.

Und der Kakaokonsum steigt – trotz der Pandemie und ihrer Folgen, wie einer geringeren Nachfrage nach Craft- und Luxusschokoladen sowie Störungen der Lieferketten durch die coronabedingten Einschränkungen. Längerfristig dürfte der globale Kakaobohnenmarkt von 2019 bis 2025 im Durchschnitt um jährlich 7,3 Prozent auf 16,32 Milliarden US-Dollar wachsen. Der Schokoladenmarkt hatte 2017 ein Einzelhandelsvolumen von 106,19 Milliarden US-Dollar, bis 2026 wird ein Anstieg auf 189,89 Milliarden US-Dollar erwartet. Rein wirtschaftlich gesehen ist das gut für Côte d’Ivoire, wo 42 Prozent des weltweit produzierten Kakaos herkommen. Aber für die Wälder des Landes ist es hochgefährlich. Denn wenn es so weitergeht, sind in 20 Jahren alle natürlichen Wälder von Côte d’Ivoire verschwunden.

“ Die EU kann mit ihren Plänen viel bewirken. Schließlich ist sie der größte Kakaoabnehmer von Côte d’Ivoire. ”

Neue EIB-Finanzierung und neue EU-Gesetze

Deshalb ist das erste der beiden EU-Gesetze so wichtig. Es betrifft die importierte Entwaldung. Mit der Einfuhr von Erzeugnissen wie Kakao, Palmöl, Fleisch, Mais und Soja trägt die Europäische Union indirekt etwa zehn Prozent zur weltweiten Entwaldung bei. Um zu verhindern, dass ihre beträchtliche Marktmacht weiterhin die Zerstörung von Wäldern in anderen Teilen der Welt vorantreibt, plant die EU neue Vorschriften zur Herkunft und Rückverfolgbarkeit von Rohstoffen wie Kakao. Mit dem zweiten neuen Gesetz verankert die EU Nachhaltigkeit in ihrem Regelungsrahmen zur Corporate Governance. Dadurch sollen die Vorschriften zur sozialen und ökologischen Verantwortung von Unternehmen mehr Biss bekommen.

Die Europäische Union kann damit viel bewirken. Schließlich ist sie der größte Kakaoabnehmer von Côte d’Ivoire und importiert 67 Prozent der dort angebauten Kakaobohnen. Die Europäische Investitionsbank, Mitgliedstaaten und Entwicklungsagenturen bündeln nun ihre Kräfte in einer Initiative von Team Europe für nachhaltigen Kakao in Côte d’Ivoire.

Auch die Regierung des Landes hat eine Zehn-Jahres-Strategie entwickelt, um die Wälder zu schützen, zu sanieren und wiederaufzuforsten.

Nach ersten Sondierungsgesprächen prüft ein Team von Forst- und Finanzfachleuten der Europäischen Investitionsbank, wie die Bank die ivorische Regierung bestmöglich bei der Finanzierung und Umsetzung ihres ehrgeizigen Plans unterstützen kann. Wir haben bereits technische Hilfe für seine Vorprüfung und Prüfung mobilisiert. Unsere Finanzierung würde sich dann auf kapitalintensive Strukturinvestitionen wie Baumschulen, Infrastruktur, Ausrüstung, Aufforstung und Wiederaufforstung konzentrieren, aber auch Gelder für Studien, Bestandsaufnahmen und Waldbewirtschaftungspläne bereitstellen.

Die Europäische Investitionsbank geht das Projekt langfristig an, wie es dem Zeitplan von Côte d’Ivoire entspricht. Wir stellen die Kakao-Wertschöpfungskette auf den Prüfstand und helfen dem Land mit unseren Investitionen, sich seine Absatzmärkte in der EU zu sichern. Außerdem unterstützen wir Côte d’Ivoire bei der Wiederherstellung seines Naturerbes. Einige Baumarten werden angepflanzt, um kurz- und mittelfristig lokalen Bedarf an Wald- und Holzprodukten zu decken und damit die übrigen Wälder zu entlasten. Andere kommen künftigen Generationen zugute: die spektakulären Giganten der dortigen Wälder, wie der mächtige Kapokbaum mit seinen massiven Brettwurzeln und weit ausladenden Ästen oder symbolträchtige Arten wie der Tiama und der Limbabaum, die hochwertiges Holz liefern, in der Wildnis aber selten geworden sind. Solche Bäume brauchen viele Jahrzehnte, bis sie ihre volle Größe erreichen, und stehen sinnbildlich für die Transformation, die nun im Gange ist. Die Wälder, die jetzt neu wachsen, sind ein Vermächtnis der Entwicklung, das uns alle überdauern wird.

Jane Feehan leitet das Regionalbüro der EIB für Westafrika in Abidjan.

KREATIVITÄT IM ÜBERFLUSS

Wassertechnik in Afrika stellt uns jedes Mal vor kniffelige Aufgaben. Nur mit kreativen Konzepten kann der Kontinent seinen Wasserbedarf decken und langfristig unabhängig werden

Von Caroline Ogutu

Ingenieure können logisch denken, sind aber nicht innovativ – so die landläufige Meinung. Der Klimawandel stellt mich als Bauingenieurin bei Entwicklungsprojekten vor große Probleme. Sie zu lösen, verlangt Kreativität, und zwar nicht weniger als in einem klassischen Kreativberuf.

Kreativität ist ein menschliches Bedürfnis, ein zentraler Bestandteil unserer Evolution. Gewiss, sie ist kein Grundbedürfnis wie Wasser, aber Entwicklung ist eine Art Evolution von Gesellschaften und Volkswirtschaften. Jedes Mal muss ich eine neue, maßgeschneiderte Lösung finden, wie wir die Menschen mit Wasser und Sanitäreinrichtungen versorgen.

In Afrika ist jedes Wasserprojekt einzigartig. Damit alle Projekte nachhaltig und bedarfsgerecht sind, müssen wir immer wieder unterschiedliche Wege einschlagen.

Kreative Lösungen in Tansania

Das Wasser- und Abwasserprojekt für Mwanza und die umliegenden Städte Lamadi, Misungwi und Magu sowie Bukoba und Musoma am tansanischen Ufer des Viktoriasees zum Beispiel erforderte eine gute Portion kreatives Denken – und sorgfältige Planung vor Ort.

Das Projekt, das die Europäische Investitionsbank 2013 begann, soll die Wasser- und Sanitärversorgung in diesen tansanischen Städten verbessern, um das Ökosystem des Sees zu schützen. Denn die Verschmutzung aus diesen Städten ist ein Grund, warum sich der Zustand des Süßwassersees insgesamt verschlechtert.

Dass rund eine Million Menschen damit sauberes Trinkwasser erhalten und bis zu 100 000 Menschen eine bessere Sanitärversorgung, ist natürlich mehr als nur ein Nebeneffekt.

Aber was war an diesem Projekt kreativ?

Zum einen machten wir uns die örtlichen Gegebenheiten zunutze. In Lamadi, wo eine Trinkwasser­aufbereitungsanlage direkt am See geplant war, fanden wir einen innovativen Weg für die Wasserentnahme. Wir schlugen Versickerungskanäle vor, über die das Wasser aus dem See zunächst durch das Sandbett gefiltert wird, bevor es in die Aufbereitungsanlage abseits vom Ufer fließt. Versickerungskanäle sind durchlässige, horizontal oder abfallend verlaufende Leitungen, in die Wasser aus einer darüber- oder danebenliegenden Quelle einsickern kann – in diesem Fall aus dem See. Der Sand filtert Schmutzpartikel, also Sediment und Schwebstoffe, wie ein Sieb heraus. Danach kann das gereinigte Wasser gechlort oder anderweitig aufbereitet werden. Die Filtration schützt vor wasserbürtigen Krankheiten und basiert ganz auf den natürlichen Gegebenheiten.

“ In Afrika ist jedes Wasserprojekt einzigartig. Damit alle Projekte nachhaltig und bedarfsgerecht sind, müssen wir immer wieder unterschiedliche Wege einschlagen. ”

Das funktioniert natürlich nicht überall so, und deshalb müssen wir kreativ sein.

Kreative Höhen und Niederungen

Am meisten forderten uns in Mwanza die informellen Siedlungen, in denen bislang jede Abwasserentsorgung fehlte. Es gab nicht viel mehr als Behelfsanlagen vor Ort, wie Grubenlatrinen. Normalerweise findet man geplante Siedlungen eher in höheren Lagen und die informellen Siedlungen hauptsächlich in den Niederungen. Nur in Mwanza ist das anders. Da liegen die armseligen Behausungen weitgehend dicht an dicht in den Hügeln oberhalb der Stadt, ohne jede Infrastruktur und angelegte Straßen. Das macht die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung schwierig.

Zum einen fließen die Abwässer von den informellen Siedlungen ohne jeden Anschluss an einen Abwasserkanal die Hügel hinab. Und zum anderen haben die Siedlungen kein fließend Wasser, weil Anschlüsse fehlen und die Bewohner sich die Gebühren nicht leisten können.

Unsere Idee: vereinfachte Abwasserentsorgung.

Und so funktioniert es: Die vereinfachte Abwasserentsorgung beruht in hohem Maße auf der Sensibilisierung und Mobilisierung der Bevölkerung. Zusammen mit UN-Habitat gründeten wir sogenannte Multi-Stakeholder-Foren in den einzelnen informellen Siedlungen. Ihnen gehören neben Vertretern der Verwaltung und Gesundheitsbeauftragten auch Anwohner an, die freiwillig mitmachen. Die Hauptaufgabe der Foren besteht darin, den Menschen bewusst zu machen, wie wichtig eine umweltgerechte Abwasserentsorgung ist. Genauer gesagt: Sie sollen dazu gebracht werden, ihre Toiletten an die Kanalisation anzuschließen. Die Foren vermitteln auch bei Streitigkeiten in der Bauphase.

Wie läuft das konkret ab? Das Forum ordnet die Anwohner Gruppen von etwa zehn Häusern zu, die für ihre eigene Abwasserentsorgung verantwortlich sind. Jede Gruppe muss ihre Toiletten und Behausungen an eine Sammelstelle anschließen. Ab da verlegt der örtliche Versorger MWAUWASA eine Hauptleitung und Nebenleitungen, die die Abwässer von den Sammelstellen in die schon vorhandene Kanalisation leiten.

Wir lassen die Leute mit der Aufgabe auch nicht allein. Die vereinfachte Abwasserentsorgung beruht wirklich auf dem Engagement vor Ort. Das Forum und unsere Beraterinnen und Berater klären in regelmäßigen Zusammenkünften über die Bedeutung der Sanitäranlagen auf. Sie erklären den Menschen, warum sie bessere Toiletten brauchen und wie sie die Anschlüsse in Schuss halten. Wir finanzieren auch den Bau und die Instandhaltung. Und der Versorger liefert das Material für die Anschlüsse, die von einem beauftragten Unternehmen gelegt werden. Ein Mitglied pro Anwohnergruppe übernimmt jeweils die Leitung und sorgt dafür, dass die Anschlüsse intakt bleiben.

So binden wir die Menschen vor Ort mit ein. Sie stehen hinter dem Projekt, weil wir bei all den Treffen zusammen mit UN-Habitat viel Aufklärungsarbeit leisten. Die Anwohner sind an Baubeschlüssen beteiligt und überwachen das Ganze. Natürlich sind sie nicht die Einzigen, die davon profitieren. Der Versorger erhält Zugang zu den informellen Siedlungen und erzielt mit den Anschlüssen zusätzliche Einnahmen. Für die Stadt insgesamt ist es gut, dass die Abwässer von den Hügeln nicht mehr in die weiter unten liegenden Gebiete fließen.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der gerade jetzt besonders wichtig ist: Die Wasserstellen, die Handwaschstationen und die Hygieneaufklärung in Schulen und in der Gemeinde haben das Bewusstsein der Menschen geschärft, sodass sie besser auf die Bedrohung durch Covid-19 vorbereitet sind.

Das 104-Millionen-Euro-Projekt wurde mit 45 Millionen Euro von der Europäischen Investitionsbank und 45 Millionen von der Agence française de développement finanziert. Die restlichen 14,5 Millionen Euro steuerte der tansanische Staat bei. Die Europäische Investitionsbank leistete außerdem technische Hilfe, die aus Zuschüssen der Europäischen Union finanziert wurde.

“ So binden wir die Menschen vor Ort mit ein. Sie stehen hinter dem Projekt. ”

Diese technische Hilfe war sehr wichtig. Noch bevor das Projekt begann, finanzierten wir einen Entwicklungsplan, um den aktuellen und künftigen Wasserbedarf zu ermitteln. Einen ebensolchen Plan erstellten wir für die Sanitärversorgung. Als es dann um die Finanzierung ging, wussten wir, was zu tun war, und konnten dabei schon die künftigen Bedürfnisse einplanen. Das macht die Lösung nachhaltig.

Kreativität in Kampala

Ein anderes Projekt am Viktoriasee, bei dem wir kreativ sein mussten, betraf die Wasserversorgung in der ugandischen Hauptstadt Kampala.

Das Wassernetz in Kampala hatte eine spaghettiartige Struktur. Es war nicht planmäßig angelegt und sein Ausbau war Flickwerk, da die einzelnen Haushalte aus vielen verschiedenen Richtungen angeschlossen waren. Das brachte viele Ineffizienzen mit sich – beispielsweise Wasserverluste durch Lecks an mangelhaften Verbindungen zwischen Netzabschnitten oder weil Rohre in der falschen Größe verlegt waren. Fast die Hälfte des Wassers ging auf dem Weg von der Wasseraufbereitungsanlage bis zum Wasserhahn verloren. Also wurde auch der Versorger nur für die Hälfte des Wassers bezahlt, das er aufbereitete.

Um die Versorgung zu verbessern, wollten wir die Wasserinfrastruktur modernisieren. Allein dadurch, dass wir die Leitungen sanierten, würde die vorhandene Aufbereitungsanlage mehr Wasser liefern. Dadurch konnten wir das Wasser, das zuvor versickerte, zu Menschen bringen, die noch keines hatten. Gemeinsam mit der Agence française de développement und der deutschen KfW rüstete die Europäische Investitionsbank auch die Aufbereitungsanlage nach. Statt 150 000 Kubikmeter liefert die Anlage jetzt 240 000 Kubikmeter pro Tag. Im Osten Kampalas haben wir außerdem mit dem Bau einer neuen Wasseraufbereitungsanlage begonnen. Damit können Stadtgebiete mit Wasser versorgt werden, die bis heute nicht angeschlossen sind.

Versorgung informeller Siedlungen in Kampala

Unser Gesamtkonzept für Kampala war nicht das gleiche wie für Mwanza. Ebenso brauchten wir für die informellen Siedlungen dort eine andere Lösung als in Mwanza.

“ Die Menschen in Afrika müssen ihre eigenen Konzepte entwickeln und sie selbst umsetzen, damit die Lösungen wirklich von Dauer sind. ”

Ein Grund war, dass sich die Behausungen in Kampala in tiefen Lagen befinden und nicht auf Hügeln, wie in Mwanza. Gleichwohl ging es auch hier darum, weniger verunreinigtes Wasser in diesen Siedlungen zu haben, um Krankheiten zurückzudrängen, und 200 000 Menschen an eine Sanitärversorgung anzuschließen.

Unsere Idee: Waschblocks.

Und so funktioniert es: Auf einem öffentlichen Gelände errichten wir eine Sanitäranlage. Daneben könnte man beispielsweise ein Restaurant oder einen Laden ansiedeln. Ein privater Betreiber kümmert sich um die Sanitäranlage und hält sie sauber. Den Anwohnern, die sie nutzen, berechnet er dafür eine geringe Gebühr. Außerdem kann er mit den Einnahmen aus dem benachbarten Geschäft den Betrieb der Anlage mitfinanzieren. Der Betreiber hat so einen Anreiz, die Anlage in Schuss und die Nutzungsgebühr niedrig zu halten. Dann kommen mehr Kunden in seinen Laden und er verdient dort mehr Geld. Um die Lizenz für sein Geschäft zu behalten, muss der Betreiber außerdem bei der behördlichen Prüfung zeigen, dass er sich gut um die Sanitäranlage kümmert. So bleibt sie auf Dauer in einem guten Zustand.

Das löst ein Problem, das häufig auftritt, wenn mit fremden Mitteln Sanitäranlagen gebaut werden: Sie verrotten, weil niemand sie instand hält. Nach wenigen Jahren sind die Anlagen defekt oder mutwillig zerstört. Mit den Waschblocks in Kampala haben wir einen kreativen Weg gefunden, langfristig funktionsfähige Sanitäreinrichtungen bereitzustellen, ohne sie danach mit viel Geld instand halten zu müssen.

In der Entwicklung kommt es auf Kreativität an

Diese Projekte sind wichtig, damit Afrika wirklich Fortschritte in der Entwicklung macht. Wenn wir nur eine Standardlösung importieren, wird das niemals nachhaltig sein. Wichtig ist, dass die Infrastruktur gepflegt und gewartet wird und dass das Material dafür vor Ort erhältlich ist. Die Menschen in Afrika müssen ihre eigenen Konzepte entwickeln und sie selbst umsetzen, damit die Lösungen wirklich von Dauer sind.

Caroline Ogutu ist Wassertechnikerin in der Abteilung Wassersicherheit und Resilienz der Europäischen Investitionsbank. Sie arbeitet im Außenbüro der Bank in Nairobi.

TEILEN BRINGT UNS WEITER

Die Wasserkrise in den Entwicklungsländern lässt sich nur mit Wissenstausch und Kompetenzaufbau bewältigen

Von Thomas van Gilst und Marco Beroš

Wissen und Erfahrung teilen – das ist harte Arbeit. Wer verstehen möchte, was ein Kunde braucht, und dann die richtigen Fachleute zusammenbringen will, muss viel Zeit und Recherche investieren.

Die Wasser- und Sanitärkrise beeinträchtigt das Leben von Milliarden Menschen überall auf der Erde. Wir müssen also handeln, und ein zentraler Mosaikstein heißt Wissensaustausch. Das Grundwissen, um Wasser fürs Überleben zu finden, haben die Menschen seit jeher. Die Herausforderungen von heute erfordern jedoch Fachwissen, das nicht überall vorhanden ist. Damit auch Menschen in armen, abgelegenen Gegenden sauberes Wasser und eine adäquate Sanitärversorgung erhalten, müssen wir eine immense Wissens- und Erfahrungslücke füllen.

Die Weltbevölkerung und die Verstädterung nehmen rapide zu. Mit unserem Verbrauch können die natürlichen Ressourcen nicht mehr mithalten. In ärmeren Ländern müssen Wasserbehörden ihre Projekte ohne große Budgets und Schulungen stemmen. Weniger entwickelte Länder brauchen mehr Investitionen und Beratung für gute Wasser- und Sanitärprojekte.

Innerhalb und außerhalb Europas

Die Europäische Investitionsbank ist insofern einzigartig, als sie innerhalb und außerhalb der Europäischen Union aktiv ist. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir in Europa zu hohen Standards in der öffentlichen Versorgung beigetragen und dabei einen großen Schatz an Erfahrungen und Expertise gewonnen. Unsere Expertinnen und Experten verfügen über das Rüstzeug, um allen Projektträgern zu helfen, das Know-how zu mobilisieren, das Städte und Gemeinden brauchen, um bedarfsgerechte Projekte vorzubereiten und umzusetzen. All dies selbstverständlich nach unseren Standards für die Auftragsvergabe sowie ökologische und soziale Aspekte.

Als einer der größten Geldgeber des Wassersektors stellte die Europäische Investitionsbank in den vergangenen zehn Jahren 33 Milliarden Euro als Darlehen, Zuschüsse und technische Hilfe für über 300 Projekte weltweit bereit. In Afrika vergab die Bank in diesem Zeitraum knapp zwei Milliarden Euro für Wasser- und Abwasservorhaben. 29,6 Millionen Menschen dürften allein durch die im Jahr 2020 unterzeichneten Projekte sicheres Trinkwasser erhalten und 15,5 Millionen eine bessere Sanitärversorgung.

Fähigkeiten, Wissen, Tools

Bei den meisten Projekten außerhalb der Europäischen Union müssen wir vor allem technische Hilfe und Kompetenzaufbau planen und mobilisieren. Bevor wir Finanzierungsverträge abschließen, schauen wir genau hin: Hat der Kunde die Fähigkeiten und das Wissen, die Tools und die Ausrüstung und auch sonst alle Ressourcen, um das Projekt fertigzustellen und langfristig zu betreiben?

Im Wassersektor ist öfter Land unter. Von der Leistung der Kläranlagen über Versorgungsunterbrechungen, Leckagen, Verunreinigungen bis hin zur Gebührenabrechnung – Probleme gehören zur Tagesordnung. Und Wasser von A nach B zu bringen, kostet. Ein Kubikmeter wiegt 1 000 Kilo. Weite Entfernungen und Höhenunterschiede zwischen Quelle und Kran lassen sich nur mit teuren Pumpen überwinden, die jede Menge Energie verbrauchen. Keine Frage: Eine schwache Leistung treibt die Kosten in die Höhe.

“ Wissensaustausch stellt sicher, dass gleich am Anfang die richtigen Entscheidungen getroffen werden. ”

Neue Stadt, neuer Plan

Ob Fluss, See oder Quelle – wo das Wasser herkommt und welche Infrastruktur besteht, ist in jeder Stadt und Region anders. Nationale Netze wie bei Strom oder Telekommunikation sucht man vergebens. In der Regel sind Wasserversorgung und Abwasserentsorgung lokal oder auch regional organisiert. Manchmal werden dafür einfach eine Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt abgestellt. Entsprechend spärlich ist das vorhandene Know-how, vor allem in ärmeren Ländern, und die Erfahrung mit großen Investitionsprojekten fehlt weitgehend. Gute Ingenieure suchen ihr Glück zudem eher in Ministerien oder im Privatsektor. Deshalb sind technische Hilfe und lokaler Kompetenzaufbau das A und O, um gute Projekte vorbereiten und durchführen zu können. Durch den Wissenstransfer sparen die Versorger bares Geld. Über formale Weiterbildung oder On-the-Job-Training lernen Mitarbeiter der Versorgungsunternehmen und Ingenieurinnen, wie Projekte geplant und umgesetzt werden, wie sie mit neuer Software umgehen und bessere Verfahren anwenden. Mit diesem Know-how können sie die betriebliche Effizienz und finanzielle Nachhaltigkeit ganz erheblich steigern.

Eines der besten aktuellen Beispiele für technische Hilfe, die ein Land auf sehr lange Sicht stärken soll, ist der erste Hochwasserplan für Moldau. Es ging vor allem um Krisenbereitschaft. Sollte die Region nochmals von einer Flutkatastrophe heimgesucht werden wie vor gut zehn Jahren, will man besser gewappnet sein. Wir halfen, eine Vorabbewertung der Hochwasserrisiken und Gefahrenkarten auszuarbeiten, Hochrisikogebiete zu identifizieren, Ziele für den Umgang mit Flutgefahren zu definieren und einen Investitionsplan zu erstellen. Das hieß auch, dass 3 000 Kilometer Hochwasserschutz und 5 000 Dämme und Reservoirs auf den Prüfstand kamen.

Wissensaustausch stellt sicher, dass gleich am Anfang die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Dadurch blicken wir in die richtige Richtung, denken bei der Planung an alle Optionen und bauen am Ende nachhaltig und bedarfsgerecht. So sorgt der Wissensaustausch dafür, dass wir das Leben der Menschen heute und auf lange Sicht schützen und ihren Alltag verbessern.

Thomas van Gilst ist Leiter der Abteilung Wassersicherheit und Resilienz bei der Europäischen Investitionsbank, Marco Beroš Lead Engineer für Wasser.

ALLE WASSERWEGE FÜHREN INS MEER

Den Meeren drohen viele Gefahren, aber zumindest gegen den Plastikmüll können wir etwas tun

Von Juan Bofill

Jahr für Jahr gelangt mehr Plastik in die Meere – in vielen Ländern mangels geeigneter Abfallsysteme fast unkontrolliert. Covid-19 hat das Problem noch verschärft, weil Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken nicht ordnungsgemäß entsorgt wird.

Die Europäische Investitionsbank arbeitet an verschiedenen Finanzierungslösungen, um die Plastikbedrohung zu stoppen. Als einer der größten multilateralen Geldgeber für den Wassersektor haben wir Milliarden Euro bereitgestellt, damit Millionen Menschen weltweit Zugang zu sauberem Wasser und Abwasserdiensten erhalten.

Rund zehn Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr im Meer. Mittlerweile könnten 150 Millionen Tonnen in den Meeren und Wasserwegen schwimmen. Das Gros der Corona-Schutzausrüstung für die Allgemeinheit und Gesundheitskräfte, wie Handschuhe, Gesichtsmasken und Kittel, sind Einwegprodukte auf Kunststoff­basis. Weil viele der achtlos weggeworfenen Masken in den Meeren enden, verschärft die Pandemie das Problem zusätzlich.

Ein Großteil des Plastiks in den Meeren hat einen Durchmesser von weniger als fünf Millimetern. Diese Partikel stellen eine Gefahr für das Leben im Wasser dar – und, wenn wir Meerestiere essen, auch für den Menschen. Schätzungen zufolge verzehren Menschen jede Woche im Schnitt ungefähr das Gewicht einer Kreditkarte an Mikroplastik.

Die Verschmutzung nimmt zu

Hauptquelle der Meeresverschmutzung durch Mikroplastik sind Textilien, Reifen und Stadtstaub. Die Einträge dürften weiter zunehmen, vor allem in einkommensschwächeren Ländern, in denen die Wirtschaft wächst. Gute Kläranlagen können bis zu 99 Prozent des Plastiks aus dem Abwasser herausfiltern.

Der Privatsektor verzichtet oft auf entsprechende Investitionen, weil Unternehmen die Mehrkosten nicht vollständig über höhere Preise wieder hereinholen können. Deshalb ist der öffentliche Sektor gefordert, Mikroplastik zu regulieren, Emissionsstandards zu verschärfen und günstige Finanzierungen anzubieten, um Investitionen in Innovation und moderne Kläranlagen zu fördern.

2017 beschloss die Europäische Investitionsbank eine Neuausrichtung ihrer Finanzierungen für den Wassersektor, um mehr Unterstützung und zinsgünstige, langfristige Kredite für Wasserversorger, Bewirtschafter von Wasserressourcen und Unternehmen bereitzustellen, in denen Industrieabwässer anfallen. 2018 brachte die Bank gemeinsam mit anderen öffentlichen Banken die Clean Oceans Initiative auf den Weg, um bis zu zwei Milliarden Euro für Projekte bereitzustellen, die Plastik und andere Verunreinigungen aus Wasserwegen entfernen.

Die EIB ist stets auf der Suche nach öffentlichen und privaten Institutionen, die gemeinsam mit ihr neue Initiativen schaffen, Innovationen unterstützen und die Öffentlichkeit für das Plastikproblem sensibilisieren.

Juan Bofill ist Senior Water Engineer bei der Europäischen Investitionsbank.

MIT SAUBEREM WASSER GEGEN GEWALT

Ein Fonds der EU und der Niederlande finanziert Wasserprojekte in Niger, die die Gesundheit verbessern und auch der Radikalisierung vorbeugen

Von Yusuf Yassin

Die Wasserversorgung in der westlichen Grenzregion von Niger zu verbessern, ist ein gefährliches Unterfangen. Militante Kräfte machen seit Jahren die Gegend unsicher – an der Grenze zu Mali und Burkina Faso ist Gewalt an der Tagesordnung. Wasserexperten können die Lage vor Ort nur unter dem Schutz der Armee begutachten. Aber Niger muss seine Infrastruktur verbessern und braucht dabei Hilfe. Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser ist im weltweiten Vergleich schlecht, obgleich es große Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten gibt. Niger rangiert auf dem UN-Index der menschlichen Entwicklung weit unten. Viele Gebiete sind von Dürre und Wüstenbildung bedroht. In der Region Tillabéri leben 92 Prozent der Bevölkerung in ländlichen Gebieten. Dort mangelt es ständig an sauberem Wasser – vor allem in der heißen Jahreszeit, wenn die Temperaturen oft über 40 Grad steigen. Gemeinsam mit der nigrischen Wasserbehörde sucht die Europäische Investitionsbank jetzt nach Lösungen. Ein Geberfonds, an dem sich die Niederlande beteiligen, unterstützt sie dabei.

Niger ist eines der 18 Länder in Subsahara-Afrika, die auf der Weltbank-Liste der fragilen Regionen stehen. „Diese fragilen Länder brauchen dringend Investitionen in die grundlegendste Versorgungsinfrastruktur“, sagt Cristina Mejia García, die als Kreditreferentin bei der EIB Projekte in Niger betreut. „Sauberes Wasser macht die Gesellschaft sicherer und die Wirtschaft widerstandsfähiger.“

Niger leidet unter akuter Wassernot, und die Lage wird immer schlimmer. In Téra, nordwestlich der Hauptstadt Niamey, sind nur 40 Prozent der 30 000 Einwohner an ein funktionierendes öffentliches Wassernetz angeschlossen. Allein um mit dem raschen Bevölkerungswachstum von Téra Schritt zu halten, muss die Wasserbehörde Société de Patrimoine des Eaux du Niger ihre Versorgungsleistung über die nächsten 20 Jahre verzehnfachen.

Wasser betrifft indes nicht nur die Gesundheit. Es bedeutet auch weniger Gewalt. „Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in der Region Tillabéri soll der Radikalisierung in einem Gebiet vorbeugen, das hohe Priorität für die nigrische Regierung und die Europäische Union hat“, so Mejia García.

In einer Studie soll nun die technisch nachhaltigste Lösung für Téra ermittelt werden. Das Projekt wird vom Fonds der EIB für den Wassersektor finanziert. Karin Roelofs, Leiterin der Wasserabteilung im niederländischen Außenministerium, bekräftigt, dass für ihr Team die Trinkwasserversorgung in Ländern wie Niger eine sehr wichtige Aufgabe ist. „Weil wir über den Fonds für den Wassersektor mit der EIB zusammenarbeiten, können wir die finanzielle und technische Kompetenz der Bank nutzen.“

Der Fonds zählt zu den „Geberpartnerschaften“ der EIB. Partner beteiligen sich finanziell an Fonds, die von der Europäischen Investitionsbank verwaltet werden. Mit diesem Geld hilft die Bank bedürftigen Regionen auf der ganzen Welt über Zuschüsse, Darlehensgarantien und technische Hilfe. Wir verwalten neun Treuhandfonds, die von EU-Ländern, der Europäischen Kommission und dem Vereinigten Königreich finanziert werden. Diese Fonds möchten wir ausbauen und weitere Länder, Philanthropen und Stiftungen dafür gewinnen.

Yusuf Yassin arbeitet bei der Europäischen Investitionsbank in der Mandatsverwaltung.

ALLE AN BORD

Frauen haben andere Verkehrsgewohnheiten – mit diesem Wissen können wir die Barrierefreiheit und Sicherheit des öffentlichen Personenverkehrs verbessern

Von Maja Roginska und Moa Westman

Im Verkehr könnten die Bedürfnisse von Frauen und Männern nicht unterschiedlicher sein. Weltweit verbringen Frauen bis zu viermal mehr Zeit im Verkehr – Männer legen dafür größere Entfernungen zurück. Frauen nutzen langsamere Verkehrsmittel und legen mehr Zwischenstopps ein. Insgesamt sind die Mobilitätsmuster von Frauen komplexer. Bei Männern sind sie eher dreipolig – Zuhause, Arbeit, Aktivitäten –, bei Frauen dagegen netzartig mit vielen Haltepausen. Frauen – und Sorgende generell – legen über den ganzen Tag verteilt kürzere und häufigere Fahrten zurück. Sie sind auch häufiger außerhalb der Stoßzeiten unterwegs.

Hauptgrund ist die unbezahlte Arbeit von Frauen, die sich um Kinder, Familienangehörige und ältere Menschen kümmern. Weltweit leisten Frauen und Mädchen jeden Tag 12,5 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit. Das wirkt sich auf ihre Mobilität aus. Die Verkehrsnetze tragen dem aber nicht Rechnung. Viele beruhen auf einem linearen Modell, das den Wohnort direkt mit dem Arbeitsort verbindet. Für Frauen bedeutet das: Ihre täglichen Pendelfahrten mit den vielen Zwischenstopps sind unnötig zeitraubend, und sie haben es schwerer, am Wirtschaftsleben teilzunehmen.

Ein schnellerer und effizienterer Verkehr könnte die Bürde unbezahlter Arbeit erleichtern und mehr Frauen eine bezahlte Beschäftigung ermöglichen. Die Weltwirtschaft könnte bis 2025 um 28 Billionen US-Dollar reicher sein, wenn Frauen und Männer am Arbeitsmarkt gleich behandelt würden. In der Europäischen Union könnten dadurch bis 2050 schätzungsweise 10,5 Millionen Arbeitsplätze entstehen.

Gendergerechtigkeit schon bei der Planung

Wie kann die Stadtplanung die Bedürfnisse von Frauen einbeziehen? Die Verantwortlichen sollten zunächst die Betroffenen befragen und Daten darüber erheben, wie Frauen und Männer Verkehr unterschiedlich nutzen. Sie sollten Fragen stellen wie „Sind die aktuellen Verkehrsangebote ausreichend und bezahlbar?“, „Sind sie sicher?“ oder „Sorgen sich Frauen um ihre persönliche Sicherheit?“.

Wenn sie Projekte entwickeln, sollten Stadtplanerinnen und Stadtplaner

• ein radiales Ringverkehrsnetz entwerfen, mit dem die Innenstadt und Einrichtungen wie Supermärkte, Tagesstätten und Schulen leicht erreichbar sind

• Bahnhöfe und Haltestellen linear anordnen und dabei besonders auf die „letzte Meile“ zwischen Bahnhof oder Haltestelle und Endziel achten

• an praktische Details denken, die den Zugang für alle erleichtern, wie niedrigere Trittstufen an öffentlichen Bussen oder genug Platz für Kinderwagen und Einkaufsroller

Sicherheit ist das Zauberwort

Belästigung, sexuelle Übergriffe und generell Gewalt sind für viele Frauen eine reale Gefahr in öffentlichen Verkehrsmitteln, die ihre Mobilität einschränkt, besonders zu bestimmten Uhrzeiten. Wie weitverbreitet das Problem ist, zeigen Erhebungen aus verschiedenen Teilen der Welt:

“ Ein schnellerer und effizienterer Verkehr könnte die Bürde unbezahlter Arbeit erleichtern. ”

• In lateinamerikanischen Großstädten berichten sechs von zehn Frauen von tätlichen Angriffen in Bus oder Zug.

• In Indien macht sich mehr als die Hälfte der Frauen große Sorgen über die Sicherheit im Pendelverkehr.

• Auch Männer sind Opfer von Belästigung und Gewalt. In Jakarta geben zwei Drittel der Frauen und ein Drittel der Männer an, sie seien in öffentlichen Verkehrsmitteln sexuell belästigt worden.

Die Folge: Frauen treten eine Fahrt oft gar nicht erst an oder umgehen die Gefahr durch eine andere Route oder ein anderes Verkehrsmittel, auch wenn dies unpraktischer, unbequemer und teurer ist. Familien schränken die Mobilität ihrer Töchter ein – damit aber auch ihre Bildungs- und Beschäftigungschancen. So wird geschlechtsspezifische Ungleichheit von Generation zu Generation weitergetragen.

Dabei gibt es konkrete Lösungen für einen frauenfreundlicheren öffentlichen Verkehr:

• Mehr Sicherheit an Haltestellen und Endstationen. Bessere Beleuchtung in Warte- und Durchgangsbereichen. Rund um die Uhr überwachte Sicherheitskameras. Überführungen und Brücken statt Unterführungen und Tunnels

• Sicherheitspersonal einschließlich weiblicher Sicherheitsbeauftragter an neuralgischen Stellen

• Ausreichende Zahl sicherer Toiletten für Frauen in Bahnhöfen und Endstationen

• Notfall-Panikknöpfe in Bussen, Zügen und Verkehrs-Apps

• Bedarfshalte bei Nacht, um Frauen den Weg von der Haltestelle zum Endziel zu verkürzen

• Schulung von Fahrzeug- und Bahnhofspersonal im Umgang mit sexueller Belästigung

Stellt Frauen ein!

Mit mehr weiblichen Beschäftigten würde der öffentliche Verkehr ganz sicher frauenfreundlicher. Ist das Personal ausgewogener zusammengesetzt, werden auch die Bedürfnisse von Frauen besser berücksichtigt. In Indien wird ein bestimmter Prozentsatz offener Stellen für Frauen frei gehalten. Bei einem EIB-Projekt zur Modernisierung der U-Bahn in Bengaluru waren 33 Prozent der Arbeitsplätze für Frauen reserviert. Von den 282 weiblichen Beschäftigten sind 118 Fahrerinnen oder Stationsleiterinnen.

In Verkehrsprojekten muss auch das Thema der unbezahlten Arbeit mitgedacht werden, eine der Hauptursachen für die Ungleichbehandlung der Geschlechter. Das hartnäckige Gefälle bei Erwerbsbeteiligung, Erwerbsquote und Löhnen geht auf den höheren Anteil von Frauen bei unbezahlter Arbeit zurück. Die Geschlechterrollen und die Verteilung der Sorgearbeit ändern sich langsam, doch selbst in den Ländern mit der höchsten Gleichberechtigung geht der Großteil der unbezahlten Arbeit weiter zulasten der Frauen.

Der Verkehr allein kann diese Probleme nicht lösen, bessere Mobilität erleichtert aber Frauen das Leben, hilft ihnen, wirtschaftliche Chancen zu nutzen und trägt zu einer gerechteren Gesellschaft bei.

Maja Roginska ist Senior Transport Economist, Moa Westman Gender-Expertin bei der Europäischen Investitionsbank.

ENDLICH KAPITAL FÜR FRAUEN

SheInvest mobilisiert im Rahmen der 2X Challenge Kredite für frauenge­führte Unternehmen, denen es oft am nötigen Geld fehlt

Von Moa Westman und Sabine Kayser

Frauen sind das Herz der ugandischen Wirtschaft: Fast 40 Prozent aller Unternehmen sind auf sie eingetragen. Und doch bekommen Uganderinnen oft nicht die notwendige Unterstützung. Nur neun Prozent der im Land vergebenen Geschäftskredite gehen an sie.

Zwei Initiativen, die 2X Challenge und SheInvest, wollen das ändern. Die globale Initiative 2X Challenge, 2019 gestartet, hat 4,5 Milliarden US-Dollar für die Stärkung von Frauen in der Wirtschaft zugesagt und mobilisiert. Mit SheInvest mobilisiert die Europäische Investitionsbank geschlechtergerechte Investitionen von zwei Milliarden Euro in Afrika. Sie wendet dabei die 2X Challenge-Kriterien an. Im Dezember 2019 vergaben wir das erste SheInvest-Darlehen an die Ugandische Entwicklungsbank. Fast ein Drittel der 15 Millionen Euro fließen in Unternehmen in Frauenhand.

Ungedeckter Kreditbedarf

Initiativen wie SheInvest und die 2X Challenge sollen eine globale Finanzierungslücke von geschätzten 1,7 Billionen US-Dollar bei Kleinst-, kleinen und mittleren Unternehmen schließen, die Frauen gehören oder von ihnen geführt werden. Laut International Finance Corporation sind etwa ein Drittel aller Unternehmen weltweit in Frauenhand, rund 68 Prozent von ihnen haben einen ungedeckten Kreditbedarf. „Entrepreneurinnen haben weltweit noch immer schlechtere Karten“, sagt Jessica Espinoza Trujano, Vorsitzende der 2X Challenge.

Sie erhalten, so Espinoza, nur halb so viele Kreditmittel wie Unternehmen, die von Männern gegründet werden. Dabei erwirtschaften sie doppelt so hohe Erträge pro investierten Dollar. Untersuchungen zeigen, dass Unternehmen, in denen mindestens die Hälfte der Führungskräfte Frauen sind, schneller wachsen und mehr Gewinn und eine höhere Rendite erzielen. Und in Krisenzeiten entwickeln sich auch ihre Aktienkurse besser.

Entwicklungsbanken wie die EIB haben deshalb die Genderkriterien und Finanzierungsziele der 2X Challenge für Firmen übernommen, die von Frauen geführt werden, Frauen gehören und Frauen zugutekommen. Die folgenden Fonds und Finanzunternehmen haben mit Unterstützung der EIB neue Maßstäbe in Afrika gesetzt:

Die panafrikanische Private-Equity-Gruppe Development Partners International (DPI) investiert in einige der bekanntesten Marken des Kontinents, darunter die nigerianische Restaurantkette Food Concepts, die Chicken Republic betreibt – eine der wachstumsstärksten Ketten Westafrikas. DPI wirft sein Gewicht in die Waagschale, um Veränderungen in den Führungsetagen und Managementteams anzustoßen. Bei Food Concepts brachte DPI eine Initiative zur Frauenförderung in Gang. Jetzt sind 51 Prozent der Beschäftigten Frauen, 49 Prozent Männer. Laut David Butler, Geschäftsführer von Food Concepts, setzt das Unternehmen auch bei seinen Zulieferern vermehrt auf Frauenpower. „Wir achten bewusst auf die Geschlechterbalance in unserer Lieferkette“, erzählt er. „Dabei konzentrieren wir uns besonders auf strategisch wichtige Bereiche wie Bau und Logistik.“ DPI geht selbst mit gutem Beispiel voran. So besetzt die Mitbegründerin Runa Alam die CEO-Position. Auch die Hälfte der Partner des Unternehmens und des Investitionsausschusses sind weiblich. Ebenso sind fast die Hälfte der Beschäftigten Frauen. DPI wurde 2007 gegründet und verwaltet ein Vermögen von 1,6 Milliarden US-Dollar. In den afrikanischen Firmen in seinem Portfolio arbeiten über 40 000 Beschäftigte. Die Europäische Investitionsbank hat 50 Millionen US-Dollar für den jüngsten DPI-Fonds zugesagt, einen 2X Challenge-Flaggschiff-Fonds.

“ In Frauen investieren bringt eine soziale und finanzielle Rendite. ”

Baobab Senegal vergibt Mikrokredite an kleine Betriebe im Handwerk, Marktverkauf oder auch Gastgewerbe. Von Frauen geführte Betriebe sind oft so klein, dass sich normale Banken nicht für sie interessieren. Außerdem können Frauen häufig keine Sicherheiten bieten, weil der Familienbesitz nicht auf ihren Namen läuft, oder sie können nur mit Zustimmung ihrer Ehemänner Kredite aufnehmen. Mikrofinanzverbände umschiffen diese Hürden, indem sie Gruppen von Frauen Kredite gewähren, die später auf Einzelpersonen aufgeteilt werden, erzählt Mamadou Cissé, CEO von Baobab Senegal. In Afrika vertrauen Frauen diesen Gruppen oft ihre Ersparnisse an. So können sie auf Konten, die klassischen Bankkonten ähneln, für Hochzeiten, Beerdigungen und die Ausbildung ihrer Kinder sparen. Die Mikrokredite helfen Frauen und ihren Familien auch durch schwierige Zeiten wie die Coronapandemie. „Das liegt uns sehr am Herzen“, sagt Cissé. Die Europäische Investitionsbank unterstützt Baobab mit sieben Millionen Euro. Vier Fünftel davon fließen an Frauen. Mithilfe des Darlehens kann Baobab Senegal rund 17 200 Kredite ausreichen. 2021 haben wir weitere vier Millionen Euro vergeben.

Der Women’s World Banking Capital Partners II Fund geht Minderheitsbeteiligungen an Finanzdienstleistern ein, die Frauen als Entrepreneurinnen, Managerinnen und Mitarbeiterinnen fördern, vor allem in Subsahara-Afrika. Über eine Milliarde Frauen weltweit haben keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen, schätzt Women’s World Banking Capital. Mit einem neuen Fonds will die Gruppe das ändern. Die Rechnung ist einfach: In Frauen investieren bringt eine soziale und finanzielle Rendite. Dank des Fonds können Finanzdienstleister Frauen helfen, Hindernisse im Geschäftsleben zu überwinden. In vielen Ländern verwenden Frauen viel Zeit auf Kindererziehung und Altenpflege. Bei der Bank in der nächsten Stadt ein Konto zu eröffnen oder einen Kreditantrag auszufüllen, gestaltet sich da schwierig, zumal die Warteschlangen oft lang sind. Die Europäische Investitionsbank beteiligt sich mit 11,5 Millionen US-Dollar an dem Fonds, der 100 Millionen US-Dollar einwerben will.

Moa Westman ist Gender-Expertin bei der Europäischen Investitionsbank. Sabine Kayser ist Senior Policy Officer.

SENSIBILITÄT IST GEFRAGT

Die Hälfte der Armen auf der Welt lebt in fragilen oder konfliktbetroffenen Ländern. Um Armut zu beenden, müssen wir zuerst den Kreislauf der Fragilität durchbrechen

Von Mariella Ciuffreda, Sladjana Cosic und Harald Schölzel

Im Gazastreifen ist Wasser ein knappes Gut. Nur drei Prozent des Süßwassers entsprechen den Qualitätsstandards der Weltgesundheitsorganisation. Somit hat der Gazastreifen, einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt, die schlechtesten Trinkwasserbedingungen in der Region. Unsere Lösung: eine Entsalzungsanlage, die zum Teil mit Solarenergie betrieben wird und jährlich 55 Millionen Kubikmeter Trinkwasser liefert. An einem anderen Ort wäre es sicher leichter gewesen. Bevor Material und Menschen nach Gaza dürfen, muss Israel eine Genehmigung erteilen, und aus Sicherheitsgründen interessiert sich das Land dabei besonders für Güter mit doppeltem Verwendungszweck. Das Projekt geriet deshalb ins Stocken – wie so viele Entwicklungsprojekte in fragilen Regionen.

Fragilität und Konflikte sind kritische Entwicklungshindernisse. Seit 2010 ist die Zahl der gewaltsamen Konflikte drastisch gestiegen[11] – von internationalen Konflikten wie dem Krieg in Syrien bis hin zu lokalen Konflikten in der Ostukraine, im Norden Malis und auf der philippinischen Insel Mindanao. Wann aber gilt ein Land als fragil? Fragilität bedeutet instabile Institutionen und eine schlechte Regierungsführung. Dies wiederum führt zu gravierenden Mängeln im politischen System, bei der Verwaltung der Staatsfinanzen, bei der Sicherheit und bei der staatlichen Daseinsvorsorge. Fragile Staaten können oder wollen diese Kernaufgaben für die Mehrheit oder für bestimmte Teile der Gesellschaft nicht erfüllen. In diesen Staaten ist auch die Wahrscheinlichkeit gewaltsamer Konflikte größer.

Bei der Beurteilung, wie fragil ein Land ist, stützt sich die Europäische Investitionsbank auf Quellen wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Für 2020 listet die OECD in einem Bericht 57 fragile Staaten auf. In 39 davon finanziert die Europäische Investitionsbank derzeit Projekte oder hat dies vor.

Die Hälfte der armen Menschen weltweit lebt heute in fragilen oder konfliktbetroffenen Ländern.[12] 2030 werden bis zu 80 Prozent der in extremer Armut lebenden Menschen voraussichtlich ein fragiles Umfeld haben.[13] Das ist auch das Jahr, in dem die Armut komplett beseitigt sein soll – zumindest laut dem ersten der UN-Entwicklungsziele („Keine Armut“).

Um Fragilität zu bekämpfen, sind Investitionen notwendig, die die Institutionen der Länder stärken und Wirtschaft und Gesellschaft widerstandsfähiger machen. Die Europäische Investitionsbank vergibt deshalb seit Langem Finanzierungen in fragilen Kontexten innerhalb und außerhalb Europas.

Nach den Konflikten der 1990er-Jahre wurde die Bank zum führenden internationalen Geldgeber für den Wiederaufbau auf dem Westbalkan. 2016 riefen wir die Initiative zur Stärkung der wirtschaftlichen Resilienz ins Leben. Sie unterstützt den Westbalkan und die südliche Nachbarschaft der EU mit Gebermitteln und Finanzierungen der EIB, um Widerstandsfähigkeit gegen unvorhergesehene Schocks wie Flüchtlingsströme, politische Instabilität und Naturkatastrophen aufzubauen. Bisher haben wir bereits 60 Projekte und damit Investitionen von 5,83 Milliarden Euro auf den Weg gebracht.

Zusammen mit der Europäischen Kommission haben wir ein 200 Millionen Euro schweres Programm zur Unterstützung der Konfliktgebiete in der Ukraine entwickelt (Ukraine Early Recovery). In Mali ermöglichten wir mehr als einer halben Million Menschen den Zugang zu sauberem Wasser. Wir tragen auch zum Friedensprozess in Kolumbien bei; seit 2006 haben wir dort mehr als 600 Millionen Euro für Infrastrukturprojekte vergeben.

“ Für 2020 listet die OECD in einem Bericht 57 fragile Staaten auf. In 39 davon finanziert die Europäische Investitionsbank derzeit Projekte oder hat dies vor. ”

Was wirklich hilft

Um den Effekt ihrer Entwicklungsbemühungen zu steigern und so sinnvoll wie möglich zum Frieden beizutragen, verfolgt die Bank den Ansatz der Konfliktsensitivität. So will die Bank

• das Risiko verringern, dass ein Projekt wegen Konflikten und Fragilität scheitert

• das Risiko umgehen, dass ein Projekt Konflikte verschärft

• zur Konfliktvermeidung und zum Friedensaufbau beitragen

Um unseren Beschäftigten dabei zu helfen, die Grundsätze der Konfliktsensitivität in die Praxis umzusetzen, haben wir einen Helpdesk eingerichtet. Dieser wird in Zusammenarbeit mit international renommierten Fachleuten aus zwei spezialisierten Organisationen betrieben – Saferworld und Swisspeace. Sie unterstützen uns, indem sie die Risiken und Chancen von Projekten bewerten und Empfehlungen aussprechen, um Konflikte stärker zu berücksichtigen. Ein Beispiel ist die Entsalzungsanlage im Gazastreifen.

Dort stehen wir nach einem Jahrzehnt Arbeit endlich kurz davor, zwei Millionen Menschen mit sauberem Wasser zu versorgen. Das Gaza-Projekt ist ein internationales Gemeinschaftsprojekt unter der Leitung der Europäischen Investitionsbank. Die Kosten von 580 Millionen Euro werden zu gleichen Teilen zwischen westlichen und arabischen Partnern aufgeteilt. Die Idee einer Entsalzungsanlage gab es bereits Jahre, bevor wir uns einschalteten. Wie so viele Entwicklungsprojekte in fragilen Regionen brauchte es jedoch besonders viel Engagement und Einfallsreichtum.

Ein roter Faden

Die Fragilität von Staaten ist ein komplexes Phänomen. Sie ist eng mit anderen Entwicklungsthemen wie vor allem Klimawandel, Gendergerechtigkeit und Migration und Vertreibung verknüpft. Wir leisten in jedem dieser Bereiche wichtige Beiträge. Die Bank prüft derzeit, wie sie auf den Erfahrungen ihrer Resilienzinitiative aufbauen kann, um krisenfeste Infrastrukturen, Städte, Volkswirtschaften und Gesellschaften zu fördern und Klimawandel und Fragilität zu trotzen. Klimaschutz verringert Fragilität, weil ein Land besser auf den Klimawandel reagieren und sich anpassen kann. Dasselbe gilt für die Gleichstellung der Geschlechter: In einer globalen Studie aus dem Jahr 2015 wurde sie sogar als wichtigster Indikator für Frieden genannt. Beiträge zur Geschlechtergleichstellung sind also gleichzeitig auch Beiträge zur Konfliktvermeidung in fragilen Kontexten.

2019 gab es auf der Welt 54 akute Konflikte.[14] Um den Kreislauf von Fragilität und Konflikten zu durchbrechen, müssen wir diesen Gesellschaften und ihren Institutionen helfen, sich zu erholen – vor allem jetzt, wo die Coronapandemie die Probleme fragiler Staaten noch verschärft. Wir müssen in diesen Ländern investieren, aber so, dass die Menschen selbst aktiv werden und sich eine Existenz aufbauen.

Mariella Ciuffreda ist Policy Officer bei der Europäischen Investitionsbank. Sladjana Cosic ist Expertin für soziale Entwicklung und Harald Schölzel Wasseringenieur.

EIN OFFENES OHR IST WICHTIG

Verkehrsprojekte sind gut für die Wirtschaft. Damit auch Umwelt und Gesellschaft davon profitieren, müssen alle Beteiligten in einen Dialog treten. Ein Projekt in Honduras illustriert dies am Beispiel eines indigenen Volkes

Von Ana Dilaverakis

Die Regierung von Honduras erstellte für zwei Jahrzehnte ein Entwicklungsprogramm, das vorrangig die Qualität und Sicherheit des Straßennetzes verbessern soll. Besondere Bedeutung hat dabei die Modernisierung und Sanierung des Westkorridors, der San Pedro Sula – zweitgrößte Stadt und industrielles Zentrum des Landes – mit Guatemala und El Salvador verbindet. Die Straße soll den Tourismus fördern, die Wirtschaft ankurbeln und die Lebensbedingungen der Menschen in einer der ärmsten und am stärksten benachteiligten Regionen von Honduras verbessern. Deshalb stellte die Europäische Investitionsbank für das Projekt ein Darlehen von 79,5 Millionen Euro und 3 Millionen Euro für technische Hilfe bereit. (Wir unterstützen die honduranische Regierung auch dabei, die Straßenschäden durch die schweren Wirbelstürme Ende 2020 zu reparieren.)

Aber: Durch das Projekt drohten etwa 740 Haushalten, darunter rund 180 Familien, Umsiedlungen oder wirtschaftliche Nachteile. Außerdem waren in dem Projektgebiet rund 40 000 Angehörige des indigenen Volkes der Chortí beheimatet. Die Chortí leben in erster Linie von der Landwirtschaft und sind als Saisonarbeitskräfte auf Kaffeeplantagen und im Tourismus tätig. Auch Chortí-Frauen nehmen durch den Verkauf handwerklicher Produkte am Wirtschaftsgeschehen teil. Die Chortí leben zum Großteil in extremer Armut; ihr Alphabetisierungsgrad liegt unter dem nationalen Durchschnitt, und nahezu 50 Prozent sind arbeitslos. Zudem haben sie generell kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung.

Die Situation der Chortí zeigt anschaulich, wie wichtig der Dialog mit den Betroffenen ist.

Nicht alle Personen oder Gruppen kommen mit den negativen Folgen eines Projekts gleich gut zurecht – besonders wenn sie finanziell, kulturell, geschlechtsbedingt und/oder anderweitig diskriminiert werden oder nur begrenzten Zugang zu Justiz und Entscheidungsprozessen haben. Zu ihnen zählen oft indigene Völker, die sich in ihren Identitäten und Zielen von der Mainstream-Gesellschaft ihres Heimatlandes unterscheiden und durch traditionelle Entwicklungsmodelle häufig benachteiligt werden. Der Dialog mit den Betroffenen ist erfolgreich, wenn auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird und ein Projekt keine negativen ökologischen oder sozialen Auswirkungen hat.

Die Chortí sind Nachkommen der alten Maya-Kultur von Copán und gelten gemäß der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker als gefährdetes Volk. Obwohl das Straßenbauprojekt vergleichsweise wenige Chortí betraf, wurde das Projektgebiet als gefährdete sozioökonomische Region eingestuft. Die Chortí befürchteten, durch die neuen Straßen von ihrem Land vertrieben zu werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine indigene Bevölkerung nicht konsultiert worden wäre.

Gemäß der UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker müssen deren Rechte geachtet und gefördert werden. Laut Artikel 26 der Erklärung haben indigene Völker das Recht auf das Land, die Gebiete und die Ressourcen, die sie traditionell besessen oder auf andere Weise genutzt oder erworben haben. Darüber hinaus legen die Umwelt- und Sozialstandards der EIB fest, dass Darlehensnehmer einen offenen und transparenten Dialog mit allen von einem Projekt betroffenen Gemeinschaften führen und darüber Rechenschaft ablegen müssen. Und sie müssen die Rechte und Interessen vulnerabler Gruppen schützen.

“ Beim öffentlichen Dialog geht es um mehr als nur Transparenzpflichten. ”

Die Europäische Investitionsbank einigte sich mit der honduranischen Regierung auf strenge Schutzmaßnahmen – sie waren die Voraussetzung für die finanzielle Beteiligung an dem Projekt. „Bevor EIB-Mittel vergeben werden konnten, musste ein zufriedenstellender Plan zur Einbindung der betroffenen Gruppen entworfen und umgesetzt werden“, erklärt David López, der das Projekt als leitender Ingenieur der EIB betreute.

„Wegen der gefährdeten Chortí-Siedlungen forderte die Bank die honduranischen Behörden auf, die Rechte und Interessen der indigenen Völker stärker zu schützen“, so Joana Pedro, die als Expertin der EIB für soziale Entwicklung am Projekt mitarbeitete.

Die EU stellte einen Zuschuss für technische Hilfe zur Verfügung. Außerdem wurde ein erfahrener Berater für den Dialog mit der indigenen Bevölkerung rekrutiert. Mit seiner Hilfe wurden die Chortí über die Einzelheiten des Projekts informiert. Die Chortí äußerten sich bald positiv dazu und erkannten die Vorteile. So entstand ein Entwicklungsprogramm mit klaren Schutzmaßnahmen und einem Vorteilsausgleich. Es sah den Ausbau von 56 Kilometern Landstraße vor, damit für die Chortí-Gemeinschaften öffentliche Dienstleistungen und Wirtschaftszentren besser erreichbar wurden. Viele Chortí wurden zu einem guten Lohn auf den Baustellen beschäftigt, was ihnen ein höheres Durchschnittseinkommen und damit eine bessere Lebensqualität bescherte. Die zuständige Behörde stand den Chortí zudem in der Landwirtschaft beratend zur Seite und versorgte sie mit Saatgut. In Workshops erhielten Chortí-Frauen praktische Tipps für ihr Geschäft mit Kunsthandwerk und den Zugang zu Märkten. Und weil die Chortí durch diese Maßnahmen mehr Geld zur Verfügung hatten, konnten ihre Kinder häufiger die Schule besuchen. Dank der verbesserten Anbindung der Siedlungen war die Schule nun ganzjährig erreichbar. In Abstimmung mit allen betroffenen Bevölkerungsgruppen wurde ein Umsiedlungsplan erstellt. Dieser Plan sah 4,1 Millionen US-Dollar für Umsiedlungen und finanzielle Entschädigungen vor sowie begleitende Maßnahmen zur Unterstützung der schwächsten Bevölkerungsgruppen.

Beim öffentlichen Dialog geht es um mehr als nur Transparenzpflichten. Er bezieht die Zivilgesellschaft und andere interessierte Gruppen ein und ermöglicht es ihnen, Projekte, Governance-Strukturen und Entscheidungsprozesse zu durchleuchten. Entwicklung ist für alle da – öffentlicher Dialog schafft das Vertrauen dafür.

Ana Dilaverakis arbeitet in der Abteilung Strategische Straßen bei der Europäischen Investitionsbank.

FLORIERENDE STÄDTE

Weltweit zieht es immer mehr Menschen in die Städte. Sie erhoffen sich Arbeit, Gesundheitsversorgung, Bildung und sauberes Wasser. Wie können Städte diesen Zustrom bewältigen?

Von Jean-Philippe Stijns und David Morgant

Heute lebt etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten. 2050 könnten es bereits 70 Prozent sein. Am stärksten werden afrikanische Städte wachsen. Auf dem Kontinent leben derzeit rund 470 Millionen Menschen in Städten, bis zum Ende des Jahrzehnts dürften es mehr als 820 Millionen sein. In Afrika leben 1,3 Milliarden Menschen, 40 Prozent davon sind unter 16 Jahren. Bis 2030 erreichen 29 Millionen junge Menschen in Afrika das Erwerbsalter. Dies wird die Nachfrage nach Arbeitsplätzen, Wohnraum und öffentlicher Infrastruktur noch weiter erhöhen. Besonders akut ist dieses Problem in den stark wachsenden Sekundärstädten mit weniger als 500 000 Einwohnern.

Ungeplante Urbanisierung behindert seit Jahren den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt in Afrika. Urbanisierung kann, wenn man es richtig macht, Wachstum beschleunigen, innovativere Städte hervorbringen und die Wirtschaft stärker diversifizieren. Doch das erfordert Zeit und gute Planung. Wenn sich nicht schnell etwas ändert, könnte sich die Slumbevölkerung in vielen afrikanischen Städten bis 2050 verdreifachen.

Vielerorts fehlen gute Arbeitsplätze, bezahlbarer Wohnraum, ein gutes öffentliches Verkehrsnetz und eine moderne Sanitärversorgung – hier müssen wir ansetzen und besser planen. Zwei Drittel der Infrastruktur in Afrika muss in den nächsten 30 Jahren ersetzt oder neu gebaut werden. Jedes Jahr fehlen zwischen 68 und 108 Milliarden US-Dollar für Infrastrukturprojekte.

Schlecht geplantes Wachstum schadet Afrika in vielen Bereichen. Die Städte verschlingen durch den Zuzug mehr Land, aber die Bevölkerungsdichte bleibt gleich. Dies führt zur Zersiedelung und zur Entstehung von Slums. Die Infrastruktur kann mit der wachsenden Bevölkerung nicht Schritt halten, ob im Verkehr oder bei Wasser und Sanitärversorgung. Der Privatsektor investiert in vielen Städten nicht genug, weil es an finanziell soliden Projekten mangelt. Die Verantwortlichen in den Verwaltungen und Unternehmen haben oft nicht das notwendige Wissen oder die technische Ausrüstung für große Infrastrukturprojekte.

Den Verkehrsinfarkt verhindern

Afrikanische Städte müssen zunächst etwas gegen Verkehrsüberlastung und Zersiedelung tun. Das unstrukturierte Wachstum verschärft die Probleme mit der Wasser- und Sanitärversorgung. Sind die Straßen schlecht, ist es schwerer, eine Schule oder einen Arzt aufzusuchen. Es ist schwerer, zu pendeln oder einen besseren Arbeitsplatz zu finden.

In mehr als 20 afrikanischen Ländern verbessern wir den Verkehr, bauen erneuerbare Energien aus und machen sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen verfügbar. Unternehmerinnen und kleine Landbesitzer erhalten von uns Kredite. Und besonders jungen Menschen und Frauen wollen wir eine bessere Bildung ermöglichen. Wir tragen zu den UN-Zielen für eine nachhaltige Entwicklung bei, wonach Armut bekämpft und nachhaltige Städte gewährleistet werden sollen.

Wir haben bezahlbare Wohnungen in Namibia gebaut, Mikrofinanzinstituten in Burkina Faso die Kreditvergabe an Gründerinnen ermöglicht und in vielen Regionen die Mobilfunkverbindungen verbessert. In der Hauptstadt von Burkina Faso können Neuankömmlinge mit einem Handy und einer Internetverbindung ganz einfach ein Bankkonto eröffnen, Kredite beantragen und Rechnungen bezahlen. In Uganda haben wir Flüchtlingen geholfen, einen Kredit zu bekommen und ein Geschäft zu gründen. In Senegals Hauptstadt Dakar haben wir ein modernes Bussystem finanziert und im ganzen Land Gesundheitszentren für Frauen und Kinder gefördert.

“ In mehr als 20 afrikanischen Ländern verbessern wir den Verkehr, bauen erneuerbare Energien aus und machen sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen verfügbar. Unternehmerinnen und kleine Landbesitzer erhalten von uns Kredite. ”

Nicht genug Geld für gute Projekte

Wir müssen die Behörden, die Zivilgesellschaft, Entwicklungspartner und den Privatsektor dazu ermutigen, in Bereichen wie Infrastruktur, öffentlicher Verkehr, Stromversorgung und digitale Kommunikation zusammenzuarbeiten. Die Menschen in Afrika sind äußerst innovativ und flexibel. An neuen Ideen für erneuerbare Energien, Solaranlagen oder Windparks mangelt es nicht.

Die Europäische Investitionsbank bietet schon jetzt mehr Beratung in Afrika an. Wir helfen Projektleiterinnen, mehr Einblick in ihre Märkte zu bekommen, Umwelttests durchzuführen und sich auf Klimarisiken wie Überschwemmungen, Dürren oder Wetterextreme vorzubereiten. Wir helfen den Verantwortlichen in Verwaltungen und Unternehmen, ihr Projektmanagement zu verbessern, strengere Bauvorschriften zu verabschieden und korrekte Abläufe für die Durchführung vorzugeben. Seit Jahrzehnten wird nicht genug in gute Projekte investiert. Abhilfe soll die Global Climate City Challenge schaffen, die 2018 von der Europäischen Investitionsbank und dem Globalen Konvent der Bürgermeister ins Leben gerufen wurde. Städte, die in das Programm aufgenommen werden, erhalten fachkundige Anleitung und Zuschüsse, damit ihre Projekte ausreichend finanziert werden.

Mehr Auslandsinvestitionen

Bessere Arbeitsplätze und neue Ideen versprechen auch die Industriecluster, die überall aus dem Boden schießen. Unternehmen, die in die Sonderwirtschaftszone im ruandischen Kigali umziehen, berichten von großen Umsatzsteigerungen und einem Anstieg der Beschäftigung. Im äthiopischen Hawassa-Industriepark sind 60 000 Menschen in der Textil- und Lederindustrie, der Verarbeitung von Agrarlebensmitteln, der pharmazeutischen Entwicklung und anderen Bereichen tätig. Ein Automobil- und Luftfahrt-Cluster im Hafengebiet von Tanger-Med in Marokko beliefert viele europäische Hersteller. Mithilfe von Auslandsinvestitionen können wir mehr Industrieparks einrichten und Innovation fördern. Mehr als 40 afrikanische Städte zogen von 2013 bis 2016 insgesamt 583 Milliarden US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen an. In den vergangenen zehn Jahren hat die Europäische Investitionsbank in Afrika fast 22 Milliarden Euro vergeben. Diese Finanzierungen haben private Investitionen in Milliardenhöhe ausgelöst. In den kommenden sieben Jahren wollen wir 100 Milliarden Euro für den Kontinent mobilisieren, indem wir den öffentlichen und den privaten Sektor zur Zusammenarbeit ermuntern.

So schaffen wir nachhaltig wachsende Städte und ein besseres Leben für alle.

Jean-Philippe Stijns ist Senior Economist, David Morgant Experte für Stadtentwicklung bei der Europäischen Investitionsbank.

JE GRÖSSER DAS RISIKO, DESTO GRÖSSER DER LOHN

Von der guten Idee zum erfolgreichen Start-up – auch ein Bauer in Subsahara-Afrika braucht dafür nur einen Computer, IT-Grundkenntnisse und eine Internetverbindung. Werfen wir einen Blick in Afrikas digitale Zukunft

Von Benoit Denis

Digitalisierung ist der große Gleichmacher der Arbeitswelt. In einer digitalen Gesellschaft können alle – ob jung oder alt, arm oder reich, Frau oder Mann – erfolgreich sein, wenn mobile digitale Technologien verfügbar und leicht zugänglich sind. Noch nie war es so günstig, eine Existenz zu gründen.

Die Europäische Investitionsbank kann in Afrika digitale Chancen verbessern, besonders für die vielen jungen Menschen. Wir müssen in Bildung investieren, damit die Jugend mehr digitale Kompetenzen erwirbt, und vor allem in digitale Infrastruktur für Mobilfunk und Internet. Wir müssen auf den Bedarf vor Ort eingehen und mehr große und kleine Finanzierungen anbieten, damit Menschen Wissen erwerben und Start-up-Firmen loslegen können.

Afrikanerinnen und Afrikaner haben einen starken Unternehmergeist. 22 Prozent aller Erwerbsfähigen in Afrika gründen ein neues Geschäft – das ist die höchste Quote weltweit. Die schwierigen Bedingungen auf dem Kontinent haben Generationen von Menschen hervorgebracht, die mehr Risiken eingehen. Wir müssen ihnen die Mittel geben. Damit sie ihre Ideen und ihre Kreativität erfolgreich und wertschaffend verwirklichen können.

Ein Jahrzehnt des Fortschritts

Afrika wird digitaler. In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der Menschen mit Internetzugang auf keinem anderen Kontinent so stark gewachsen: von 2,1 Prozent 2005 auf 24,4 Prozent 2018. Auch bei Mobilfunkverträgen und Internetanschlüssen für private Haushalte mit Computer hat sich viel getan. Trotzdem geht diese Entwicklung immer noch an vielen Menschen ohne Internetverbindung vorbei.

Die „mobile Wirtschaft“ machte 2016 6,7 Prozent des gesamtafrikanischen Bruttoinlandsprodukts oder 153 Milliarden US-Dollar aus. 2020 dürften es 7,6 Prozent und 214 Milliarden US-Dollar sein. Prognosen zufolge werden die technologiebezogenen Produktivitätszuwächse in den Schlüsselsektoren Finanzdienstleistungen, Bildung, Gesundheit, Einzelhandel, Landwirtschaft und Staat bis 2025 zwischen 148 und 318 Milliarden US-Dollar betragen. Mit der richtigen Unterstützung können diese Sektoren exponentiell wachsen und alle afrikanischen Volkswirtschaften mitziehen.

In vielen Teilen des Kontinents ist die digitale Infrastruktur noch dürftig. Umso wichtiger ist es, die Finanzierungen und die technische Hilfe für diesen Bereich aufzustocken. Digitale Technologien sind für viele Marktteilnehmer ein Segen. Wenn Fischer und Bäuerinnen im Internet surfen oder digital erreichbar sind, erfahren sie schneller, in welchem Hafen oder auf welchem Markt sie ihre Ware am besten verkaufen. Damit sparen sie Zeit und müssen nicht auf schlechten Straßen unnötig lange Wege zurücklegen. Mobile Banking auf dem Handy oder Computer verbessert dramatisch die Chancen, sich den Lebensunterhalt zu verdienen – besonders wenn eine Bankfiliale Hunderte von Kilometern entfernt ist.

“ Investitionen in neue digitale Firmen, Infrastrukturen und Dienstleistungen bringen oft unerwartete Vorteile. ”

In Europa fördern wir schon seit Langem die Kommunikation zwischen den Menschen. Die EIB finanziert Telekommunikationsprojekte seit Anfang der 1970er-Jahre. Vor fast 20 Jahren wurde klar, dass Telekommunikationsnetze die Innovation in Europa vorantreiben. Diese Erkenntnis übertragen wir jetzt auf Afrika. Dafür müssen wir uns neue Ziele für bezahlbare digitale Konnektivität auf dem Kontinent setzen. Mit anderen Worten: Wir müssen in den Netzausbau investieren und mehr technische Hilfe leisten, um finanziell solide Projekte auf den Weg zu bringen. Wir brauchen auch mehr digitale Dienste wie Mobile Banking, E-Commerce-Plattformen und Onlineangebote von Behörden. Nur so kann eine digitale Wirtschaft sprießen und gedeihen. Ein wichtiger Motor ist dabei die Förderung von Start-ups.

Nehmen wir das französische Unternehmen Famoco, dessen mobile Technologie digitale Zahlungen schnell und sicher abwickelt. Die Firma ist in Afrika und vielen anderen Ländern der Welt tätig. Von der Europäischen Investitionsbank hat sie 20 Millionen Euro erhalten. Soziale Sicherungsprogramme helfen benachteiligten Menschen in Afrika im Kampf gegen Armut, Ernährungsunsicherheit, Ausgrenzung und Ungleichheit. Wenn jedoch Bargeld oder Bezugsscheine auf Papier ausgegeben werden, ist mit Betrug und Diebstahl zu rechnen. Verwendet jemand ein Famoco-Gerät mit Nahfeld-Kommunikationskarte, ist die Transaktion weniger riskant und kann besser zurückverfolgt werden. Das Unternehmen arbeitet mit NGOs zusammen, um mit derselben Technik die Verteilung von Lebensmitteln und die humanitäre Hilfe zu verbessern.

Vorteile für alle

Investitionen in neue digitale Firmen, Infrastrukturen und Dienstleistungen bringen oft unerwartete Vorteile. Digitalisierung erhöht die Energieeffizienz, weil sie Echtzeitdaten über Angebot und Nachfrage liefert. Wenn weniger Verkehr anfällt oder durch Onlinekommunikation ersetzt wird, schützt sie die Umwelt. Auf Digitalisierung basiert eine intelligentere Landwirtschaft, bei der digitale Sensoren den Bauern sagen, wann sie keine Pestizide benötigen. Digitalisierung verbessert durch Onlinerezepte und mobile Sprechstunden die Gesundheitsversorgung. Onlinekurse verbessern das Bildungswesen. Bürger und Staat kommunizieren besser miteinander. Digitale Technologien fördern die Integration der afrikanischen Gesellschaft. Der universelle Zugang zu bezahlbaren Mobil- und Internetdiensten bringt Lösungen hervor, bei denen Grenzen keine Rolle mehr spielen. Digitalisierung fördert auch die Gendergerechtigkeit. Ein gutes Beispiel ist SheInvest. Diese Initiative der EIB wurde 2019 ins Leben gerufen und dürfte in Kürze zwei Milliarden Euro mobilisiert haben, damit Frauen in Afrika den Schritt in die Wirtschaft schaffen.

Die Europäische Investitionsbank hat weltweit über 15 Milliarden Euro für die digitale Wirtschaft zugesagt. Wir werden diesen Sektor weiter unterstützen und mit mehr Partnern, mehr Städten und mehr Betroffenen zusammenarbeiten. Den Nutzen haben alle Menschen auf dem Globus.

Benoit Denis ist Senior Economist für digitale Infrastruktur bei der Europäischen Investitionsbank.

EIGENKAPITAL FÜR INNOVATIVE GESCHÄFTSMODELLE IN AFRIKA

Private Equity und Risikokapital sind auf Erfolgskurs in Entwicklungs­ländern – vor allem in Afrika. In Ergänzung zu traditionellen Finanzie­rungen fördern sie Unternehmen, die das Leben der Menschen verbessern

Komaza sucht einen Ausweg aus der Holzknappheit in Afrika: Kleinbauern sollen Bäume pflanzen. Twiga Foods bringt Nahrungsmittelerzeuger, Großhändler und Zulieferer zusammen. POA Internet versorgt benachteiligte Gruppen in Kenia mit ultragünstigem WLAN. Und Andela schult und vermittelt qualifizierte Programmiererinnen und Programmierer, die von zu Hause für Unternehmen weltweit arbeiten. Was aber verbindet einen nachhaltigen Forstbetrieb, eine Nahrungsmittel-Vertriebsplattform und einen WLAN-Anbieter mit einer panafrikanischen Initiative zur Ausbildung der nächsten Programmierer-Generation? Die Antwort: Alle diese genialen, bankfähigen und skalierbaren Ideen wurden mit Unterstützung der Europäischen Investitionsbank von Risikokapitalfonds finanziert.

Wegweisende, wirkungsorientierte Geschäftsideen und traditionelle Finanzierungen passen nicht zusammen und kommen deshalb in Afrika nur schwer an Startkapital. Risikoscheue Geschäftsbanken bremsen den ganzen Kontinent. Besonders trifft es wachstumsstarke Unternehmen und innovative Geschäftsmodelle. Häufig ist der Finanzsektor noch zu schwach entwickelt, und vor allem Eigenkapital ist Mangelware. Hier kommen Private-Equity- und Risikokapitalfonds ins Spiel. Durch ihre Investitionen in solche Fonds hilft die EIB Fondsmanagern in vielen Ländern und Marktsegmenten, ihr Zielvolumen zu erreichen und die Beteiligungsunternehmen mit den nötigen Geldspritzen zu versorgen. (Der East Africa Fund von Novastar Venture beteiligte sich an Poa Internet und Komaza. Hinter Andela und Twiga steht der Tide Africa Fund. Er wird von TLCom verwaltet und durch Boost Africa unterstützt, die Private-Equity-Initiative, die die EIB mit Unterstützung der Europäischen Union gemeinsam mit der Afrikanischen Entwicklungsbank gestartet hat.) Für die Unternehmen lohnt sich das schnell: So ist Komaza heute ein führender Arbeitgeber in ländlichen Gebieten Kenias.

Nur über Digitalisierung wird Afrika vorankommen. Dazu sind in den vergangenen Jahren mehrere neue Risikokapitalfonds entstanden. Die EIB war Vorreiter und beteiligte sich als einer der ersten Investoren am Tide Africa Fund, East Africa Fund oder Partech Africa.

An guten Ideen für innovative und nachhaltige Unternehmen mangelt es in Afrika nicht. Wir haben vor über 25 Jahren erstmals Private-Equity-Fonds außerhalb der Europäischen Union unterstützt und seitdem über 900 Millionen Euro für mehr als 60 solcher Fonds in Subsahara-Afrika zugesagt. Mehr als 900 afrikanische Unternehmen wurden so mit Eigenkapital versorgt.

Diese Fonds finanzieren die Jobmaschinen von morgen – gerade für Entwicklungsländer sind sie deshalb so wichtig.

EINE CHANCE FÜR CHANCENLOSE

Kleinkredite einheimischer Banken verbessern das Leben afrikanischer Bäuerinnen und Bauern

Von Hannah Siedek und Enrico Pini

In Afrika leben etwa 450 Millionen Kleinbauern. Mikrofinanzierungen und Mobile Banking sind eine große Hilfe für sie, Kredite und gute Finanzberatung machen ihnen das Leben leichter. Wenn die Hausbank sie abweist, ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange. Mikrofinanzierungen helfen ihnen, für Notlagen zu sparen oder sich eine Existenz aufzubauen. Oft folgt daraus noch mehr: Die Menschen bauen ertragreichere Pflanzen an, wohnen komfortabler, und sie verdienen mehr Geld, mit dem sie ihren Kleinkredit zurückzahlen.

Handys sind in ländlichen Gebieten Afrikas weitverbreitet, ganz im Gegensatz zu Bankfilialen. In landwirtschaftlich geprägten Regionen kann Mobile Banking gute Lösungen bringen. Leider haben viele Bauern Angst vor einem elektronischen Bankkonto oder Bankgeschäften auf dem Handy. Deshalb erklären Mikrofinanz- und Kreditberater die Vertragsbedingungen und führen vor, wie einfach Onlinebanking ist.

Weil Kleinbauern in der Regel nicht über ihre Ernten und Finanzen Buch führen, fehlen den Beratern detaillierte Unterlagen für ihre Entscheidung, wer für einen Kredit infrage kommt. Sie müssen den landwirtschaftlichen Betrieb genau kennen und darauf vertrauen, dass er profitabel ist. Eine weitere Herausforderung sind fehlende Sicherheiten. Da müssen auch mal ein Sofa, Fernseher, Küchenmöbel, eine Kuh oder sogar Holz herhalten. In Regionen, in denen Vieh der wichtigste Wertgegenstand ist, sind geeignete Sicherheiten eine große Hürde.

PRIDE Microfinance mit Sitz in Kampala hat eine Banklizenz der Bank of Uganda und umschifft das Problem durch Schulung und Beratung. PRIDE bietet Mikrofinanzierungen seit 1995 an und hat Millionen Euro an Krediten an Tausende von Uganderinnen und Ugandern ausgereicht. Neben Mobile Banking und Mikrokrediten schult die Firma Existenzgründende darin, ein Unternehmen zu führen und Saatgut, Pestizide, Dünger und andere Agrarprodukte zu kaufen. Die Kreditberater trainieren Bauern in grüner und effizienter Landwirtschaft und leihen ihnen sogar Geld für den Schulbesuch ihrer Kinder. PRIDE arbeitet mit der Uganda Coffee Development Authority zusammen, um Gruppenkredite im wichtigen Kaffeesektor zu fördern. 2019 vergab die Europäische Investitionsbank fünf Millionen Euro an PRIDE. Die Firma will damit ihr Mikrofinanzprogramm ausbauen. In den vergangenen zehn Jahren sind über unsere Mikrofinanzinitiativen 300 Millionen Euro an 1,5 Millionen Empfänger geflossen, unter ihnen Kleinstbetriebe, kleine Unternehmen und Kleinbauern.

Hannah Siedek und Enrico Pini sind auf Mikrofinanzierung bei der Europäischen Investitionsbank spezialisiert.

ERDBEEREN MIT GARANTIE

Zwei georgische Agrarunternehmer bereiten sich auf die Ernte vor. Und die Europäische Union greift ihnen ein bisschen unter die Arme

Vor fünf Jahren gründeten Levan Shanava und Tornike Mzhavanadze in Toki den Agrarbetrieb Green Republic. In der abgelegenen Ortschaft leben nur zehn Familien. Die Arbeitslosigkeit in der Region ist hoch, doch Shanava und Mzhavanadze wollen Toki neues Leben einhauchen – mit dem Anbau von Erdbeeren. Green Republic ist der einzige Produzent, der Erdbeeren in großem Stil in dieser Bergregion anbaut. Das Unternehmen mit vier festen Beschäftigten und über 30 Saisonarbeitskräften will bald noch weitere Jobs schaffen. Mittlerweile ist auch der Agrotourismus auf das Unternehmen aufmerksam geworden, das Exportpläne schmiedet und 2021 weiter expandieren möchte. Neben Erdbeeren verkauft Green Republic auch wilden Spargel mit Bio-Zertifizierung. Der Betrieb produziert Gemüse aus traditioneller und ökologischer Landwirtschaft. Seine Bioprodukte werden nach europäischen Standards von einer georgischen Akkreditierungsstelle geprüft.

Zu Beginn nahmen Shanava und Mzhavanadze einen Kredit bei der TBC Bank auf, einer der führenden Banken des Landes. Kleine und mittlere Unternehmen werden von den Banken oft als riskant angesehen, weil sie noch keine messbaren Erfolge und keine Sicherheiten vorweisen können. Im Fall von Green Republic wird das Risiko von einer Garantie des Europäischen Investitionsfonds abgesichert, der auf kleine Unternehmen spezialisierten Tochtergesellschaft der EIB-Gruppe. Die Garantie dient der TBC Bank als Sicherheit. Maia Kacharava, Finanzmanagerin bei der TBC Bank: „Weil uns die Garantie einen Teil des Risikos abnimmt, müssen unsere Kunden weniger Zinsen zahlen. Durch die Garantie wird die Kreditvergabe vereinfacht, und wir können interessante Projekte unterstützen, die wir sonst ablehnen müssten.“

Die Garantie ist eines der drei Instrumente der DCFTA-Initiative Ost (Deep and Comprehensive Free Trade Area), die das Wirtschaftswachstum in Partnerländern wie Georgien stärken soll. „Die DCFTA-Garantie deckt 70 Prozent der Verluste ab“, erklärt Martins Jansons, Leiter des Kompetenzzentrums für Regionalentwicklung beim Europäischen Investitionsfonds. „Sie ist ein echtes Asset für den georgischen Markt und für uns, denn wir finden es wichtig, die Länder an den Grenzen der Europäischen Union zu unterstützen.“

Der Europäische Investitionsfonds verwaltet außerdem das InnovFin-Garantieprogramm, zu dessen Empfängerbanken die TBC Bank gehört. Diese Garantie ermöglicht flexible Finanzierungsbedingungen für KMU und etwas größere Midcap-Unternehmen, die sich auf Forschung und Innovation spezialisiert haben.

Die TBC Bank hat auch Kredite mit der Europäischen Investitionsbank unterzeichnet. Auf 81 Millionen Euro beläuft sich das Volumen seit 2018. Darunter fällt etwa die jüngste Aufstockung der Covid-19-Soforthilfen für KMU im Rahmen der EU-Initiativen Team Europe und EU4Business. 25 Millionen Euro wurden im Dezember 2020 unterzeichnet. Finanziert werden diese Kredite und Garantien durch die Europäische Kommission im Rahmen des EU-Außenmandats – eine Rahmenvereinbarung, die die meisten Finanzierungen der EIB-Gruppe in Georgien abdeckt.

CHANCEN SÄEN, ERFOLG ERNTEN

Moldaus Landwirtschaft besteht fast ausschließlich aus kleinen und mittleren Betrieben. Dank unseres Projekts sind sie wettbewerbsfähiger im eigenen Land und vielseitiger im Export

Die beiden moldauischen Betriebe Sandunelu und Europlant erkannten eine Marktlücke für heimisches Gemüse. Was ihnen fehlte, war die Finanzierung. Produktionserweiterungen und Maschinen, um große Mengen von Gemüse zu waschen, zu sortieren, zu verpacken, zu etikettieren und zu lagern, kosten viel Geld. Für einen Kredit fehlen kleinen Betrieben aber die Sicherheiten. Den beiden landwirtschaftlichen Kleinerzeugern griff das Programm „Fruit Garden of Moldova“ unter die Arme. Es fördert Unternehmen über Partnerbanken. Mit der Finanzierung der EIB konnten sie expandieren – und kommen jetzt besser aus der Coronakrise.

Für Landwirtinnen und Landwirte in Moldau war 2020 ein schwieriges Jahr: Zu einer Dürre kam die Covid-19-Pandemie hinzu. Normalerweise fallen 552 Millimeter Niederschläge im Jahr, zwischen September 2019 und August 2020 waren es nur 218 Millimeter. Aufgrund der Pandemie hatten die Bauern große Schwierigkeiten, ihre Produkte frisch auf den Markt zu bringen, und der Export war eingeschränkt. „Covid-19 hat gravierende Folgen für Landwirtschaft und Gartenbau in Moldau“, erklärt Sebastien Collot, EIB-Ingenieur in der Abteilung Bioökonomie. „Die Teilnehmer des Programms konnten schneller liefern und auf neue Produkte umstellen.“

Mit ihren neuen, modernen Verarbeitungsanlagen waren Sandunelu und Europlant gut gegen Corona gewappnet. Da die Straßenmärkte landesweit geschlossen waren, griffen die Verbraucher eher zu abgepacktem Gemüse. Die beiden Firmen konnten dank moderner Sortier- und Verpackungstechnik und genug Lagerkapazitäten die Nachfrage decken – ihr Umsatz zog deutlich an. Und die Arbeiterinnen und Arbeiter konnten den Sicherheitsabstand einhalten.

Die technische Hilfe der EIB geht sogar noch weiter: Projektberater begleiten die Bauern und anderen Akteure in der Wertschöpfungskette des Gartenbaus durch das gesamte Kreditantragsverfahren. Das Projekt „Fruit Garden of Moldova“ hat neue Investitionen kleiner Betriebe in Lebensmittel und Landwirtschaft angeschoben. Dieses Jahr wurden deutlich mehr Obst und Gemüse in die Europäische Union verkauft, trotz Pandemie und Dürre.

Sandunelu baut Karotten, Zwiebeln und Rote Bete an. Der Betrieb erhielt von der Mobiasbanca 492 000 Euro, hinter denen die Europäische Investitionsbank steht, sowie Beratung der EIB bei der Vorbereitung des Kreditantrags. Bei Europlant wachsen Zwiebeln und Kartoffeln. Für den Bau eines Lagers nahe der moldauischen Hauptstadt Chișinău bekam der Betrieb über die ProCredit Bank nicht nur 720 000 Euro von der EIB, sondern auch eine Garantie für 50 Prozent des Betrags, und das ohne Extrakosten für den Kreditnehmer.

Im Mittelpunkt des Programms „Fruit Garden of Moldova“ steht der Gartenbau: Es soll die Qualität von frischem und verarbeitetem Obst und Gemüse verbessern, vom Feld bis zum Verbraucher. Die Europäische Union will damit den Handel und das Wirtschaftswachstum des Landes ankurbeln. Schwerpunkte sind Landwirtschaft und ländliche Entwicklung.

WIRKUNG UNTER DER LUPE

Die Europäische Investitionsbank unterstützt weltweit Projekte, die das Leben der Menschen verbessern. Wir verbessern dabei auch die Projekte selbst. Um das zu messen, bewerten wir die Ergebnisse im gesamten Projektzyklus. Und wir schauen uns an, welchen Beitrag wir im Sinne der finanziellen Vorteile, des Katalysatoreffekts und unserer technischen Hilfe leisten.

Für ein möglichst vollständiges Bild kombinieren wir drei Methoden: Wir erfassen bei jedem Projekt die Ergebnisse und unseren Beitrag. Bei ausgewählten Projekten und Instrumenten untersuchen wir die Wirkung im Detail. Und mit makroökonomischen Modellen bilden wir die volkswirtschaftliche Wirkung unserer Finanzierungen ab.

AUF DEN FOLGENDEN SEITEN ERFAHREN SIE MEHR ÜBER DEN BEITRAG DER EIB UND DIE ERGEBNISSE UND WIRKUNG UNSERER PROJEKTE:

55 WIE WIR ERGEBNISSE UND WIRKUNG ERFASSEN

57 ERWARTETE ERGEBNISSE NEUER PROJEKTE

60 BEITRAG DER EIB ZU NEUEN PROJEKTEN

62 ERMITTLUNG DER CO2-BILANZ

63 MAKROÖKONOMISCHE WIRKUNGSMODELLIERUNG

64 ERGEBNISSE ABGESCHLOSSENER PROJEKTE

67 DETAILLIERTE WIRKUNGSSTUDIEN

69 FINANZIERUNGSVOLUMINA

WIE WIR ERGEBNISSE UND WIRKUNG ERFASSEN

Wir bewerten unsere Wirkung und unseren Beitrag mit größter Sorgfalt. Daraus lernen wir, welche Projekte besonders wirkungsvoll sind – Projekte, bei denen die EIB viel erreichen kann, die in Einklang mit den EU-Zielen stehen und die dem Investitionsbedarf und den Investitionsprioritäten des jeweiligen Landes entsprechen. Wir werden effektiver und können unsere Unterstützung weiter optimieren. Und wir legen gegenüber allen unseren Stakeholdern Rechenschaft über den Nutzen ab, den wir weltweit erzielen.

Die Erfassung und Bewertung der Ergebnisse ist über unseren Rahmen zur Messung von Zusätzlichkeit und Wirkung (AIM) in die Projektprüfung und Nachverfolgung bei der Bank integriert. Sie ist Kernfunktion eines Entwicklungsfinanzierungsinstituts. Das ist aber noch nicht alles: In detaillierten Studien untersuchen wir unseren Langzeiteffekt und gehen dabei weit über jedes Einzelprojekt hinaus. Mit makroökonomischen Modellen bilden wir die indirekten volkswirtschaftlichen Auswirkungen unserer Finanzierungen auf Arbeitsplätze und Wachstum ab.

Ergebniserfassung über den gesamten Projektzyklus: der AIM-Rahmen

2020 führten wir den AIM-Rahmen ein, der den Rahmen für die Ergebnismessung (REM) und das 3-Säulen-Bewertungssystem für Projekte innerhalb und außerhalb der Europäischen Union zusammenführt. Gleichzeitig lässt er Raum für eine Projektüberprüfung und -überwachung, die auf das jeweilige Entwicklungsumfeld zugeschnitten ist.

Jedes EIB-Projekt wird in Einklang mit internationalen Best Practices auf seine Ergebnisse und das sogenannte Zusätzlichkeitskriterium (inwieweit es Marktversagen ausgleicht) überprüft. Der Rahmen ruht auf drei Säulen: Warum muss die EIB tätig werden, was soll damit erreicht werden, und wie kann die EIB etwas bewirken? Die drei Säulen sind konzeptuell mit den Gliedern der Ergebniskette verknüpft:

AIM-Rahmen und Ergebniskette


Der Rahmen spielt eine wichtige Rolle für Entwicklungseffektivität und ergebnisorientiertes Management (Steuern, Planen, Umsetzen, Berichten und Lernen). Für alle drei Säulen wird bewertet, welchen Zusatznutzen die Finanzierung bringt. Auf diesen Bewertungen beruhen die anschließenden Beratungen. Die in der Projektprüfung festgelegten Ergebnisindikatoren bilden die Grundlage für die Überwachung über den Projektzyklus hinweg. Bei der Prüfung eines Projekts schätzt die EIB die voraussichtlichen Ergebnisse ab. Anhand dieser Indikatoren wird dann der letztliche Projekterfolg bewertet. Die Erkenntnisse aus der Ergebnisüberwachung fließen in die Projektdurchführung zurück. Unabhängige Evaluierungen liefern außerdem Erkenntnisse für künftige Projekte und Verfahren.

Der AIM-Rahmen orientiert sich an den Zielen der Europäischen Union für die Länder und Regionen, in denen die Bank tätig ist, und an den UN-Entwicklungszielen. Da er flexibel gestaltet ist, können bei Bedarf neue Indikatoren aufgenommen werden.

Weitere Wirkungsuntersuchungen

Auf dem AIM-Rahmen basiert unsere gesamte Wirkungsmessung. Unsere Evaluierungs- und Research-Teams verfolgen aber die Wirkung der von uns geförderten Projekte noch weiter.

Detaillierte Wirkungsstudien prüfen eingehender, was unsere Projekte erreicht haben – und gehen dabei weit über die gewöhnliche Ergebnisbewertung hinaus. Wir setzen dafür eine Vielzahl von Methoden ein, mit denen wir die Wirkung bestimmter Projekte oder Projektarten der EIB-Gruppe genauer unter die Lupe nehmen.

Mithilfe makroökonomischer Modelle untersuchen wir, wie und wie stark sich unsere Finanzierungen in volkswirtschaftlichem Maßstab wahrscheinlich auf Arbeitsplätze und Bruttoinlandsprodukt auswirken. Wir wollen genau verstehen, welche Wirkung einzelne Projekte auf das Leben der Menschen haben.

ERWARTETE ERGEBNISSE NEUER PROJEKTE

Im Jahr 2020 unterzeichnete die Europäische Investitionsbank Verträge für 99 neue Projekte außerhalb der Europäischen Union, des Vereinigten Königreichs und der Europäischen Freihandelsassoziation. Das genehmigte Finanzierungsvolumen dieser Projekte (ausgenommen Verträge, die für ältere Projekte unterzeichnet wurden) betrug insgesamt 10,52 Milliarden Euro. In diesem Abschnitt sind die unmittelbaren Leistungen (Outputs) und die direkte Wirkung (Outcomes) zusammengefasst, die wir für die neuen Projekte erwarten.

Erwartete Ergebnisse neuer Infrastrukturprojekte


Erwartete OutputsErwartete Outcomes
Energie – 11 Projekte, 506 Mio. EUR
RisikokapitalErzeugungskapazität (100 % erneuerbare Energien)245 MWStromproduktion (GWh/Jahr)647
Neue/modernisierte Stromleitungen13 600 kmPotenziell mit dem produzierten Strom versorgte Haushalte1 070 000
Kapazität neuer oder modernisierter Umspannwerke (MVA)593Zusätzliche an das Stromnetz angeschlossene Haushalte336 000
Jährliche Einsparungen durch EnergieeffizienzmaßnahmenGWh
Verkehr – 8 Projekte, 2 634 Mio. EUR
Städtischer VerkehrNeue oder modernisierte Straßenbahn- und U-Bahn-Linien32,4 kmZusätzliche Fahrgäste pro Jahr116 000 000
Neue oder modernisierte Bahnhöfe oder Haltestellen (innerstädtisch)30Verkürzte innerstädtische Fahrtzeiten (Stunden/Jahr)37 500 000
Neues Rollmaterial oder neue Fahrzeuge (innerstädtisch)378
StraßenGebaute oder modernisierte Fahrspuren120 kmZusätzliche Verkehrsteilnehmer (Fahrzeuge) pro Tag3 910
Verkürzte außerstädtische Fahrzeiten (Stunden/Jahr)4 060 000
Einsparungen bei Fahrzeugbetriebskosten pro Jahr16,2 Mio. EUR
Rückgang der Verkehrstoten pro Jahr5
Wasser- und Sanitärversorgung – 15 Projekte, 963 Mio. EUR
WasserversorgungNeue/modernisierte Hauswasseranschlüsse60 100Anzahl der Menschen mit besserer Wasserversorgung6 200 000
Neue/modernisierte Wasserhaupt- und -verteilungsleitungen1 030 kmAnzahl der Menschen, die weniger Dürrerisiken ausgesetzt sind5 380 000
Neue/modernisierte Wasseraufbereitungskapazität (m3/Tag)1 140 000
SanitärversorgungNeue/modernisierte Abwasserbehandlungskapazität (Einwohnergleichwerte)546 000Anzahl der Menschen mit besserer Sanitärversorgung201 000
Neue/modernisierte Haussanitäranschlüsse8 600Nach akzeptablen Standards behandeltes Abwasser (Einwohnergleichwerte)214 000
Neue/modernisierte Abwasser- / Regenwasserkanäle184 km
HochwasserschutzAnzahl der Hochwasservorsorge- und -schutzstrukturen43Durch Hochwasserschutz-Infrastruktur abgedecktes Gebiet51 300 ha
Anzahl der Menschen, die einem niedrigeren Hochwasserrisiko ausgesetzt sind843 000
Stadtentwicklung und Wohnungsbau – 3 Projekte, 574 Mio. EUR
Länge der gebauten oder modernisierten städtischen Straßen und der damit verbundenen Infrastruktur104 kmAnzahl der Menschen, die von neuem bezahlbarem Wohnraum profitieren13 600
Neue oder renovierte soziale oder bezahlbare Wohneinheiten4 140Jährliche Einsparungen durch Energieeffizienzmaßnahmen257 GWh
Anzahl der renovierten öffentlichen Gebäude1 000
Telekommunikation – 2 Projekte, 275 Mio. EUR
Installierte Telekommunikationskabel600 km
Installierte Kapazität (GB/Sek.)6 000
Landwirtschaft und Wälder – 2 Projekte, 380 Mio. EUR
Besser bewirtschaftete landwirtschaftliche Flächen51 000 haErhöhte Reisproduktion pro Hektar46%
Zusätzliche durch Bewässerungsnetze abgedeckte Flächen26 500 haWassereinsparung durch modernisierte Bewässerungssysteme (m3/Jahr)213 000 000
Anzahl der Bauern, die profitieren45 000
Neu gepflanzte Waldflächen141 000 haWald-/Biomassewachstum (m3/ha/Jahr)2,2
Bildung – 2 Projekte, 120 Mio. EUR
In digitaler Kompetenz geschulte Lehrkräfte50 000
Schulen mit besserem Internetanschluss1 800
Tertiäre Bildung: geschaffene Plätze1 000
Gesundheit – 7 Projekte, 778 Mio. EUR
Neue oder sanierte Gesundheitseinrichtungen58Anzahl behandelter Covid-19-Patienten55 700
An Gesundheitseinrichtungen gelieferte Geräte und Informations- und Kommunikationstechnologie19,8 Mio. EURAnzahl der Geimpften280 000 000


Direkter Beschäftigungseffekt von InfrastrukturprojektenBeschäftigungseffekt in der Bauzeit (Personenjahre)Beschäftigungseffekt nach Inbetriebnahme (Vollzeitäquivalente)
Land- und Forstwirtschaft85 9404 240
Bildung3 100549
Energie5 898477
Gesundheit400150
Telekommunikation21 455540
Verkehr115 8921 175
Stadtentwicklung40 6000
Wasser- und Sanitärversorgung75 164601
Insgesamt348 4497 732

Erwartete Ergebnisse neuer Entwicklungsprojekte des Privatsektors


Durchleitungsdarlehen für KMU und Midcap-Unternehmen – 34 Projekte, 3 888 Mio. EUR
KMUAlle
Kredite insgesamt (Mio. EUR)2 9268543 780
Kredite insgesamt (Anzahl)227 797296228 093
Durchschnittlicher Kreditbetrag (EUR)12 8432 886 37016 572
Durchschnittliche Kreditlaufzeit (Jahre)6,47,46,6
In Zielunternehmen gesicherte Arbeitsplätze800 39098 217898 607

* Einschließlich zehn Kredite an andere Begünstigte wie öffentliche Versorgungs- oder große Unternehmen.


Erwartete OutputsErwartete Outcomes
Durchleitungsdarlehen für Mikrofinanzierungen – 8 Projekte, 246 Mio. EUR
Kredite insgesamt (Mio. EUR)1 263In Zielunternehmen gesicherte Arbeitsplätze1 088 420
Kredite insgesamt (Anzahl)2 519 127Gesicherte Arbeitsplätze von Frauen697 310
Durchschnittlicher Kreditbetrag (EUR)501Gesicherte Arbeitsplätze von jungen Menschen49 533
Anteil von Frauen an den Endbegünstigten (%)59
Mikrofinanzfonds – 2 Projekte, 13,8 Mio. EUR
Gesamtfondsvolumen (Mio. EUR)184Kredite unterstützter Mikrofinanzinstitute an Endbegünstigte (Anzahl)67 189
Durchschnittlicher Hebeleffekt9,5Anteil von Frauen an den Endbegünstigten (%)76
Unterstützte Mikrofinanzinstitute77
Eigenkapitalfonds – 6 Projekte, 130 Mio. EUR
Gesamtfondsvolumen (Mio. EUR)784Unterstützte Arbeitsplätze in Beteiligungsunternehmen10 249
Beteiligungsunternehmen (Anzahl)92In Beteiligungsunternehmen geschaffene Nettoarbeitsplätze7 468
Durchschnittliche Beteiligung (Mio. EUR)8,5

Nicht in den Tabellen enthalten sind fünf Projekte, mit denen die Mitgliederbeiträge mehrerer afrikanischer Länder zum Kapital der African Trade Insurance (ATI) finanziert werden. Durch die Mitgliedschaft können diese Länder die Garantien der ATI in Anspruch nehmen und so dank Investitions- und Handelsschutz die Entwicklung verschiedener Branchen fördern. Zwei Projekte in den Tabellen tragen zu mehr als einem Sektor bei.

BEITRAG DER EIB ZU NEUEN PROJEKTEN

Die EIB finanziert solide Projekte. In der Angebotspalette enthalten sind günstige Finanzierungs­bedingungen, technische Beratung und Hilfe bei der Mobilisierung weiterer Mittel. All dies fassen wir unter dem „Beitrag der EIB“ zusammen. Dieser geht weit über das hinaus, was Projektträgern auf ihrem Markt geboten würde.

Dass die EIB diesen substanziellen Beitrag außerhalb der Europäischen Union leisten kann, ist nicht nur ihrer Stellung als internationaler Geldgeber mit Spitzenrating zu verdanken, sondern auch den EU-Garantien und der Kombination ihrer Darlehen mit Zuschüssen der Europäischen Union und der Mitgliedstaaten. Damit kann die EIB mehr besonders entwicklungswirksame Projekte finanzieren und technische Hilfe anbieten, um den Projekterfolg auch langfristig zu sichern.

Bei der Projektprüfung bewerten wir den „finanziellen Beitrag“, den „Mobilisierungseffekt“ und die „Beratung“.[15] Anhand dieser Komponenten wird die Gesamtbewertung errechnet. Bei 82 der 99 neuen Projekte des Jahres 2020 wurde der Gesamtbeitrag der EIB als „signifikant“ oder „hoch“ bewertet. Weiter unten sind die durchschnittlichen Bewertungen des EIB-Beitrags und die Indikatoren nach Art des Instruments aufgeschlüsselt.

Finanzieller Beitrag: Wir decken Finanzierungsbedarf

Unter den „finanziellen Beitrag“ fallen Finanzierungen in Landeswährung, die Kombination von Darlehen und Zuschüssen und die Vergabe von Darlehen mit langer Laufzeit (im Verhältnis zur Nutzungsdauer der finanzierten Anlagen oder zu den marktüblichen Laufzeiten). Dass die EIB Finanzierungen in Landeswährung vergeben kann, wurde 2019 als signifikantester Vorteil bei Mikrofinanzierungen bewertet; generell wurde ihr Beitrag bei allen Instrumenten als „hoch“ eingestuft. Die Bewertung zeigte also: Die Darlehenslaufzeiten übertrafen deutlich die am Markt üblichen, und die EIB konnte Laufzeiten anbieten, die der wirtschaftlichen Nutzungsdauer der Projekte entsprechen.

Mobilisierungseffekt: Unsere Katalysatorwirkung

Die EIB fördert höhere Standards und unterstützt Projektträger bei der Anwendung innovativerer Finanzierungsmodelle. Sie mobilisiert damit weitere Finanzierungsquellen für sinnvolle Projekte. Für die Covid-19-Impfstoff-Initiative COVAX entwickelte die Bank zum Beispiel auf Bitte der Europäischen Kommission eine Fazilität für den Team Europe-Beitrag gegen die Coronapandemie. Um den Zufluss öffentlicher Zuschüsse für COVAX zu unterstützen, dachte sich die Bank ein bisher einmaliges Finanzierungsinstrument aus, hinter dem eine Garantie der Europäischen Kommission steht.

Die EIB setzt oft neue Maßstäbe, indem sie in Bereichen wie Auftragsvergabe, soziale Wirkung und Umweltschutz die Einhaltung von EU-Standards verlangt. Häufig leistet sie technische Hilfe, damit die Standards erreicht werden können. Das Rahmendarlehen „Urban Transport Infrastructure“ fördert etwa die Modernisierung der Straßenbahn- und U-Bahn-Netze in den ägyptischen Städten Alexandria und Kairo. Die EIB ist federführender Geldgeber und Anbieter von technischer Hilfe, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und die französische Entwicklungsagentur AFD sind Kofinanzierer. Das Programm bietet dem Projektträger dringend benötigte Flexibilität und fördert den Dialog im Sektor. Die Beteiligung der EIB und anderer internationaler Finanzierungsinstitute sorgt dafür, dass hohe Umwelt-, Sozial-, Governance- und Beschaffungsstandards eingehalten werden.

Beratung: Wir leisten technische Hilfe

Dank der Beratung der EIB verbessern Projektträger oft technische Aspekte des Projektdesigns, sie strukturieren Projekte und Finanzierungsinstrumente sinnvoll, und sie erhöhen den langfristigen Nutzen und die Effektivität ihrer Investitionen. In der Ukraine bereitete die EIB zum Beispiel zwei Jahre lang das Programm „Public Buildings Energy Efficiency“ mit vor. Dafür gibt es einen Zuschuss für technische Hilfe. Hilfreich ist natürlich auch, dass sich die EIB bestens mit Energieeffizienz auskennt und einer ihrer Ingenieure die Projektdurchführung begleitet. Das Projekt „Connected Schools“ in Serbien verbessert mit Wi-Fi-Netzen und IT-Ausrüstung die digitale Anbindung von Schulen. Aus Geldern für technische Hilfe werden 50 000 Lehrkräfte in der Vermittlung digitaler Kompetenzen geschult, und es wird eine effektive Projektdurchführung gewährleistet.

Technischer und finanzieller Beitrag der EIB zu Projekten – Durchschnittswerte für verschiedene Instrumente


Anmerkung: Bewertung des EIB-Beitrags für die einzelnen Projekte: 4 = hoch; 3 = signifikant; 2 = moderat; 1 = gering. Die Tabelle weist die einfachen durchschnittlichen Bewertungen oder Prozentsätze für die Projekte aus. „Eigenkapitalfonds“ umfasst drei Mikrofinanzierungsfonds. Ein Infrastrukturprojekt (Ruzizi III Regional Hydropower PPP & Transmission), für das nur ein Zuschuss gewährt wurde, ist nicht berücksichtigt.

ERMITTLUNG DER CO2-BILANZ

Die EIB schätzt die Treibhausgasemissionen, die ihre Projekte (nicht nur Klimaprojekte) verursachen, wenn sie einen oder beide der folgenden Schwellenwerte überschreiten:

• absolute Emissionen (tatsächliche Emissionen durch das Projekt) über 20 000 Tonnen CO2-Äquivalente/Jahr

• relative Emissionen (geschätzte Zunahme oder Verringerung der Emissionen verglichen mit der erwarteten Alternative) über 20 000 Tonnen CO2-Äquivalente/Jahr

Die absoluten Emissionen beziehen sich auf die direkten Emissionen des Projekts selbst (Scope-1-Emissionen) zuzüglich der Emissionen durch die Erzeugung der von dem Projekt genutzten Energie (Scope-2-Emissionen). Die Scope-3-Emissionen (sonstige indirekte Emissionen) werden in der Regel nicht in die Projektdaten einbezogen, ausgenommen physische Infrastrukturverbindungen wie Straßen, Eisenbahn und U-Bahnen. Die relativen Emissionen werden durch Vergleich der absoluten Emissionen mit den vom Status quo verursachten Emissionen geschätzt.

Anhand der relativen Emissionen lassen sich zwar Technologien und Projekte vergleichen, im Mittelpunkt der CO2-Bilanz der EIB stehen jedoch die absoluten Emissionen durch ein Projekt – schließlich beeinflussen sie unsere Klimaauswirkungen. Die Treibhausgasdaten eines Projekts werden bei der Projektprüfung bewertet und im Formblatt „Ökologische und soziale Aspekte“ ausgewiesen. Für die aggregierte jährliche Berichterstattung werden die Projektemissionen anteilig zum EIB-Finanzierungsvolumen für jedes Projekt im jeweiligen Jahr berechnet. Damit vermeiden wir eine mögliche Doppelerfassung mit von anderen internationalen Finanzierungsinstituten gemeldeten Daten.

Die CO2-Bilanz 2020 umfasste 17 Projekte außerhalb der Europäischen Union (einschließlich unterzeichneter Verträge und im Jahresverlauf genehmigter hoher Zuteilungen) mit einem Finanzierungsvolumen von insgesamt 2,1 Milliarden Euro. Die Treibhausgasemissionen durch die finanzierten Projekte wurden auf 0,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente/Jahr, die Kohlenstoffbindung durch Forstprojekte auf -0,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente/Jahr geschätzt. Die geschätzten Einsparungen durch die finanzierten Projekte betragen 0,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente/Jahr.

Nach der Überarbeitung der Bewertungsschwellen im Rahmen unserer Klimastrategie wurde die Ermittlung der CO2-Bilanz seit Anfang 2019 auf mehr Projekte ausgeweitet. Die Umstellung ist in „EIB Project Carbon Footprint Methodologies“ beschrieben (Dezember 2018).[16]

MAKROÖKONOMISCHE WIRKUNGSMODELLIERUNG

Die ökonomische Modellierung ist eine wichtige Ergänzung unseres Standardsystems zur Messung von Outputs und Outcomes, das wir bei jedem Projekt anwenden. Sie veranschaulicht die breiteren, indirekten volkswirtschaftlichen Effekte der von uns unterstützten Investitionen.

Ein Beispiel: Ein U-Bahn-Bauprojekt wirkt sich unmittelbar auf das Verkehrsangebot und die Zahl der beim Bau Beschäftigten aus. Es hat aber auch indirekte Auswirkungen, die auf Projektebene schwerer zu verfolgen und zu messen sind:

• indirekte Auswirkungen auf die Beschäftigung entlang der Lieferkette, zum Beispiel durch die steigende Nachfrage nach Produkten wie Beton oder Stahl für den Bau oder nach neuen U-Bahn-Wagen. Diese Nachfrage schafft zusätzliche Arbeitsplätze.

• induzierte weitere Nachfrage und Beschäftigung durch steigende Einkommen. Ob direkt aufgrund der Beschäftigung bei der Projektdurchführung oder indirekt aufgrund einer unterstützten Beschäftigung entlang der Lieferkette, die Arbeitnehmer haben mehr Geld in der Tasche und lösen damit einen Dominoeffekt auf Nachfrage und Arbeitsplätze aus.

• indirekte Auswirkungen auf Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit; weniger Staus und kürzere Fahrtzeiten, was möglicherweise die Effizienz in anderen Sektoren erhöht und weitere wirtschaftliche Effekte hat.

Indirekte wirtschaftliche Auswirkungen lassen sich auf unterschiedliche Weise modellieren. In vielen Entwicklungsländern setzen dem jedoch die verfügbaren Daten enge Grenzen. Deshalb wendet die EIB ihr Rhomolo-Modell, das mit der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission entwickelt wurde, nur bei Projekten innerhalb der Europäischen Union an. Bei Projekten außerhalb der Europäischen Union arbeitet die EIB an der Entwicklung und Verbesserung makroökonomischer Modelle mit, die auf die Bedingungen in Entwicklungsländern abgestimmt sind. Aus unserer Sicht ist derzeit das Joint Impact Model am besten geeignet.[17]

Wir haben mit diesem Modell die möglichen indirekten Auswirkungen untersucht, die von der EIB unterstützte Investitionen außerhalb der Europäischen Union auf die Beschäftigung haben. Danach schaffen oder sichern die im Jahr 2020 unterstützten Investitionen rund 590 000 indirekte Arbeitsplätze entlang der Lieferkette (etwa in der Lieferung von Material und Geräten für ein Projekt). Weitere 380 000 Arbeitsplätze werden wahrscheinlich durch das entlang der Lieferkette generierte zusätzliche Einkommen induziert. Derzeit enthält das Modell als einzigen strukturellen Effekt die Auswirkungen einer besseren Stromversorgung, die weitere 6 000 Arbeitsplätze schaffen oder sichern dürfte.

Da es sich um eine Modellierung handelt, ist eine gewisse Vorsicht geboten. Die Ergebnisse beziehen sich auf alle Projekte der EIB zusammengenommen und können für einzelne Länder und Sektoren erheblich abweichen.

Indirekte Beschäftigungseffekte der Finanzierungen 2020: Ergebnisse des Joint Impact Model


ERGEBNISSE ABGESCHLOSSENER PROJEKTE

Bei Projektabschluss untersuchen wir die Ergebnisse, um herauszufinden, ob die Bewertung in der Prüfungsphase korrekt war, und daraus Lehren für die Bewertung und Planung künftiger Projekte zu ziehen. Diese Abschlussbewertung betrifft Projekte, die ursprünglich nach 2012 geprüft wurden.[18] Im Folgenden werden die wichtigsten Output- und Outcome-Indikatoren für 2020 abgeschlossene Projekte zusammengefasst.

Durchleitungsdarlehen für kleine und mittlere Unternehmen und Midcap-Unternehmen

2020 wurden etwa 20 Projekte im Finanzsektor außerhalb der Europäischen Union abgeschlossen, die ursprünglich in den Vorjahren nach dem Rahmen für die Ergebnismessung geprüft wurden.[19] Es handelt sich dabei um fünf Durchleitungsdarlehen in der Türkei, zwei in Ägypten, zwei in Ruanda und jeweils eines in Argentinien, Armenien, der Demokratischen Republik Kongo, den Föderierten Staaten von Mikronesien, Montenegro, Nordmazedonien, Paraguay, Serbien, Südafrika, Tunesien und Sambia.

Erzielte Ergebnisse für 20 abgeschlossene Durchleitungsdarlehen


Bei Durchleitungsdarlehen für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und Midcap-Unternehmen lassen sich die Ergebnisse oft schwer im Voraus schätzen, weil sie davon abhängen, wie erfolgreich der Finanzintermediär in einem wandelbaren, unvorhersehbaren Umfeld Kunden wirbt. Bei den 2020 abgeschlossenen Projekten lag der insgesamt an Endbegünstigte ausgezahlte Betrag unter dem genehmigten Betrag (3,027 Milliarden Euro), weil einige Gelder nach Unterzeichnung annulliert oder nicht abgerufen wurden. Ein Darlehen wurde in der Türkei in Landeswährung vergeben. Durch den dramatischen Kursverfall der türkischen Lira während der Projektlaufzeit wurden umgerechnet fast 50 Millionen Euro weniger an Endbegünstigte ausgereicht.

Insgesamt waren die unterstützten Investitionen kapitalintensiver, als aufgrund der Erfahrungen in der Vergangenheit zu erwarten war. Die Folge: ein größerer durchschnittlicher Kreditbetrag und insgesamt weniger Kredite. Der Schwerpunkt lag jedoch weiter auf Kleinst- und Kleinbetrieben. Rund 95 Prozent der Kredite gingen an KMU, 72 Prozent davon an Kleinst- (mit weniger als zehn Beschäftigten) und Kleinbetriebe. Die Kreditlaufzeiten für die Endbegünstigten waren etwas kürzer als erwartet, weil in Ägypten umfangreiche Kredite an Kleinstunternehmen vergeben wurden, denen eher kürzere Laufzeiten angeboten werden. Trotz der geringeren Zahl von Krediten entsprach die Zahl der unterstützten Arbeitsplätze weitgehend den Schätzungen in der Prüfungsphase.

Erwartete Ergebnisse für 20 abgeschlossene Durchleitungsdarlehen


Erwartete ErgebnisseAlle KMUMidcapsSonstigeAlle
Kredite insgesamt (Mio. EUR)1 874614152 503
Kredite insgesamt (Anzahl)7 999762308 791
Durchschnittlicher Kreditbetrag (Tsd. EUR)234806500285
Durchschnittlicher Investitionsbetrag (Tsd. EUR)5132 1511 000657
Durchschnittliche Kreditlaufzeit (Jahre)5,45,67,05,5
Gesicherte Arbeitsplätze126 017219 040700345 758

Infrastrukturprojekte

Von den seit 2012 geprüften Projekten für soziale und wirtschaftliche Infrastruktur außerhalb der Europäischen Union wurden 2020 zwölf abgeschlossen, davon zehn im Energie-, eines im Verkehrs- und eines im Telekommunikationssektor. Bei einem Energieprojekt handelte es sich um einen großen Finanzierungsbeitrag (Einzelprojekt) innerhalb eines Rahmendarlehens, bei einem weiteren um eine Eigenkapitalinvestition. Da bei der Prüfung für das Einzelprojekt keine erwarteten Ergebnisse ausgewiesen wurden, werden die erzielten Ergebnisse für den Energiesektor zur besseren Vergleichbarkeit mit und ohne dieses Einzelprojekt angegeben.

Ergebnisse für 2020 abgeschlossene Infrastrukturprojekte


ErwartetErzielt (Projekte mit Daten zu den erwarteten Ergebnissen)Erzielt (alle)
Energie (9 Projekte)
Stromerzeugungskapazität aus konventionellen Energieträgern (MW)181818
Erzeugter Strom aus konventionellen Energieträgern (GWh/Jahr)6767113
Stromerzeugungskapazität aus erneuerbaren Energieträgern (MW)1 9171 9112 217
Erzeugter Strom aus erneuerbaren Energieträgern (GWh/Jahr)5 4574 9976 032
Anzahl der Haushalte, die mit dem erzeugten Strom versorgt werden können980 663801 4001 715 619
Durchschnittliche Kosten des erzeugten Stroms, mit externen Umwelteffekten (EUR/MWh)98117113
Verlegte Stromleitungen/-kabel für die Einbindung erneuerbarer Energieträger (km)221111
Beschäftigungseffekt in der Bauzeit – befristete Arbeitsplätze (Personenjahre)7 63313 84032 340
Beschäftigungseffekt nach Inbetriebnahme – neue Dauerarbeitsplätze383725788
Energie: GEEREF (Eigenkapital-Dachfonds)
Stromerzeugungskapazität aus erneuerbaren Energieträgern (MW)4001 200
Erzeugter Strom aus erneuerbaren Energieträgern (GWh/Jahr)3448
Anzahl der Haushalte, die mit dem erzeugten Strom versorgt werden können1 600 000
Verkehr (1 Projekt)
Länge der gebauten oder modernisierten Straßen (Fahrspur x km)142142
Verkehrsteilnehmer (Fahrzeuge pro Tag – durchschnittliches jährliches Tagesverkehrsaufkommen)3 2003 227
Zeitersparnis (Mio. Stunden/Jahr)24,845,2
Einsparungen bei Fahrzeugbetriebskosten (Mio. EUR/Jahr)0,50,8
Rückgang der Anzahl der Verkehrstoten pro Jahr134
Beschäftigungseffekt in der Bauzeit – befristete Arbeitsplätze (Personenjahre)15 00019 400
Beschäftigungseffekt nach Inbetriebnahme – neue Dauerarbeitsplätze200124
Telekommunikation (1 Projekt)
Zusätzliche Haushalte mit Breitband-Glasfaseranschluss83 40083 562
Zusätzliche Haushalte mit Breitbandanschluss45 33383 676
Zusätzliche aktive Abonnenten26 94725 874
Erwirtschaftete Steuereinnahmen (Mio. EUR)15942,7
Beschäftigungseffekt in der Bauzeit – befristete Arbeitsplätze (Personenjahre)247297
Beschäftigungseffekt nach Inbetriebnahme – neue Dauerarbeitsplätze13755

Alle Projekte im Energiesektor hatten ihren Schwerpunkt in der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energieträgern (zwei Solarwärmekraftwerke nutzten auch Erdgas als Reserveenergiequelle). Die Ergebnisse für neun dieser Projekte sind in der Tabelle zusammengefasst. Zusammen erzeugen sie bereits genug Strom für 1,7 Millionen Haushalte. Zu erwähnen ist insbesondere der Wiederaufbau des Wasserkraftwerks Mount Coffee in Liberia. Das Projekt hat die Stromerzeugungskapazität des Landes, in dem die Energieinfrastruktur größtenteils im Bürgerkrieg zerstört wurde, deutlich erhöht. Trotz Kosten- und Terminüberschreitungen aufgrund der Ebola-Epidemie spart das Land damit schätzungsweise 37 Millionen Euro im Jahr durch geringere Heizölimporte ein.

Die Beteiligung am Globalen Dachfonds für Energieeffizienz und erneuerbare Energien (GEEREF) wurde separat behandelt, weil sich die Ergebnisse aufgrund der hohen Hebelwirkung kaum vergleichen lassen. Die vom GEEREF unterstützten Fonds haben in 160 Projekte investiert, die bereits genug grüne Energie für 1,6 Millionen Haushalte erzeugen.

Das einzige Verkehrsprojekt, die Autobahn zwischen El Jadida und Safi in Marokko, verringerte die Fahrtzeiten um rund 45 Millionen Stunden im Jahr und generierte Einsparungen von 0,8 Millionen Euro bei den Fahrzeugbetriebskosten.

Im Telekommunikationssektor schloss ein Projekt in Angola 84 000 Haushalte an das Breitbandnetz an. Bei Projektende waren trotz der Finanzkrise des Landes, die sich bisher negativ auf die Einnahmen ausgewirkt hat, 26 000 zusätzliche aktive Abonnements zu verzeichnen.

Die Projekte unterstützten zusammen direkt mehr als 52 000 Personenjahre Beschäftigung in der Bauzeit und 967 Arbeitsplätze (Vollzeitäquivalente) nach der Inbetriebnahme der errichteten Infrastruktur oder Anlagen.

In den Fällen, in denen die erwarteten Ergebnisse bei der Projektprüfung geschätzt werden konnten, waren die meisten Schätzungen hinreichend genau. Bei den meisten Energieprojekten war die im ersten Betriebsjahr erzeugte Energie etwas niedriger als erwartet, die Erzeugungskapazität lag dagegen im Rahmen der Erwartungen. Da die Produktion nach Inbetriebnahme erst hochgefahren werden muss und in den nationalen Netzen zum Teil die Nachfrage beschränkt ist, ist dies bei Energieprojekten normal, wirkt sich aber auf die berechneten wirtschaftlichen Kosten der im ersten Jahr erzeugten Energie aus. Wie die Daten außerdem zeigen, waren die in der Bauzeit geschaffenen Arbeitsplätze im Vergleich zu den tatsächlichen Zahlen, die die Projektträger nach Abschluss berichteten, oft zu konservativ veranschlagt.

DETAILLIERTE WIRKUNGSSTUDIEN

Wirkungsstudien durchleuchten eingehender die Entwicklungswirkung ausgewählter Projekte und Finanzierungsinstrumente oder -produkte. Sie gehen über den Ergebnisrahmen hinaus, der Daten für alle Projekte sammelt, und vertiefen unser Verständnis davon, wie sich die Outputs und Outcomes eines Projekts oder Instruments auf die Endbegünstigten und auf die Menschen und die Erde im Allgemeinen auswirken könnten.

Die Hauptabteilung Volkswirtschaftliche Analysen der EIB arbeitet bei diesen Studien häufig mit externen Forscherinnen und Forschern zusammen – von führenden Wissenschaftlerinnen bis Forschungsberatern. Dies gilt auch für die Zusammenarbeit der EIB mit dem Global Development Network (GDN).[20] Dieses Programm schult junge Forschende aus afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten in der Wirkungsevaluierung ausgewählter Projekte in diesen Regionen und unterstützt sie bei der Durchführung. Die Forscherinnen und Forscher arbeiten unter der Aufsicht von Fachberatern der EIB und führender Institutionen wie Paris School of Economics, Weltbank und International Initiative on Impact Evaluation. 2020 veröffentlichten wir Studien aus dem zweiten Zyklus des Programms.[21]

Wirkungsstudien aus dem zweiten Zyklus des EIB-GDN-Programms

Das EIB-GDN-Programm hat gezeigt, wie sich mit Expertise in der Wirkungsmessung besser erfassen lässt, was die EIB und ihre Kunden erreicht haben. Es hat mit seinen stringenten Evaluierungstechniken privaten Unternehmen und der EIB ermöglicht, die sozialen Auswirkungen ihrer Aktivitäten genauer unter die Lupe nehmen. Und es hat bewiesen, dass sich diese Techniken auch sinnvoll auf private Investitionen anwenden lassen. Die Mitwirkung einheimischer Forscherinnen und Forscher erhöht zudem die Akzeptanz und Wertschätzung der Studien bei den Stakeholdern und eröffnet der EIB neue Wege der künftigen Zusammenarbeit mit Netzen und Organisationen vor Ort. So schwer es ist, einen gesicherten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang herzustellen, Mikrowirkungsstudien erweitern unser Wissen über die Endbegünstigten der EIB und die Veränderungen, die sie erleben.

UNTERSUCHUNG DER ARMUTSMINDERNDEN WIRKUNG VON MIKROFINANZIERUNGEN

Baobab ist ein Mikrofinanzinstitut mit rund 22 000 Kundinnen im ländlichen Norden Ghanas. In einer Studie über Baobab befragten Forschende 411 Kundinnen und 541 weitere Frauen, die noch nie einen Kredit bei einem herkömmlichen Institut aufgenommen haben. Wie statistische Analysen zeigen, erreicht Baobab erfolgreich Frauen unterhalb der Armutsgrenze und verringert die Armut seiner Kundinnen. Die Studie untersuchte auch Messgrößen zur wirtschaftlichen Selbstbestimmung von Frauen wie ihre Teilhabe an Entscheidungen in Unternehmen und zu Hause. Danach sind die Kundinnen besser in der Lage, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. In Fokusgruppen berichteten die Frauen, dass sie durch die Mikrofinanzierungen finanziell weniger von Männern abhängig seien, was häusliche Konflikte und Gewalt verringere.

HEBAMMEN ALS ALTERNATIVE

Die eigenverantwortliche Betreuung durch eine Hebamme, die das kleine Unternehmen NEST in Senegal anbietet, ist eine bezahlbare Option bei Niedrigrisiko-Schwangerschaften und unkomplizierten Entbindungen. Einer größeren Akzeptanz stand am Anfang jedoch das negative Image dieser Art der Betreuung entgegen. Die Forschenden erprobten mit einem randomisierten Studienkonzept, wie sich unterschiedliche Arten der Informationsvermittlung auswirken, etwa Visualisierungen mit Geschichten und Szenarios. Sie stellten fest, dass Frauen mit einer innovativeren Informationskampagne wahrscheinlicher eine solche Betreuung erwägen und NEST damit bei einkommensschwächeren Zielgruppen erfolgreicher sein könnte. Das Unternehmen prüft, wie es auf diesen Ergebnissen aufbauen kann.

MEHR CHANCEN FÜR JUNGE HANDWERKENDE

Die ethische Schmuckmarke SOKO arbeitet mit Handwerkerinnen und Handwerkern in Nairobis Stadtteil Kibera zusammen, einem der größten Slums in Subsahara-Afrika. SOKO hat eine Plattform geschaffen, die lokale Anbieter an globale Wertschöpfungsketten anbindet. Dafür nutzt das Unternehmen neue Technologien und soziale Medien. Wie die Studie ergab, eröffnet SOKO jungen Handwerkenden neue Chancen. Viele von ihnen verfügen nur über eine geringe formale Ausbildung, und gerade Frauen können Chancen im Handwerk kaum nutzen. Vergleichende Analysen deuten darauf hin, dass SOKO die Erwerbsgrundlage gestärkt hat, auch wenn sich ein kausaler Zusammenhang nicht endgültig nachweisen lässt. Außerdem hat SOKO das Wissen der Handwerkerinnen und Handwerker über Umwelt- und Arbeitsrisiken verbessert, und sie sind besser in der Lage, Einnahmen aus anderen Quellen zu erwirtschaften.

FINANZIERUNGSVOLUMINA

Sofern nicht anders angegeben, beziehen sich die Finanzierungsvolumina in diesem Bericht auf alle 2020 unterzeichneten Verträge für Projekte außerhalb der Europäischen Union. Darunter fallen auch Verträge für neue Projekte, deren erster Finanzierungsvertrag 2020 unterzeichnet wurde, und eine kleine Zahl von Folgeverträgen für ältere Projekte, auf die in früheren Berichten eingegangen wurde (da die früheren Finanzierungsverträge für diese Projekte in den Vorjahren unterzeichnet wurden). Dies ist Standard der EIB bei der Berichterstattung über Finanzierungsvolumina.

Im Abschnitt „Wirkung unter der Lupe“ wird für die Berichterstattung über die Projektergebnisse ein etwas anderer Bezugsrahmen verwendet. Um Doppelerfassungen zu vermeiden, weisen wir nur die Ergebnisse neuer Projekte aus (das heißt, wenn der erste Finanzierungsvertrag 2020 unterzeichnet wurde). Folgeverträge, deren erwartete Ergebnisse in früheren Berichten erscheinen, sind nicht erfasst. Auch im Abschnitt „Erwartete Ergebnisse neuer Finanzierungen“ sind die Finanzierungsvolumina nur für neue Projekte nach Sektor und Instrument aufgeschlüsselt. Hier weisen wir die vollständigen Zusagen der EIB (genehmigte Finanzierungen) aus. Dies gilt für den 2020 „unterzeichneten“ Betrag und für jeden voraussichtlichen genehmigten Restbetrag, der in künftigen Verträgen unterzeichnet wird. In der Tabelle sind die Finanzierungsvolumina 2020 für neue und ältere Projekte aufgeschlüsselt.

Finanzierungsvolumina 2020 im Überblick (Mio. EUR)


Hinweis: Zwei Projekte in der Republik Südafrika sind unter „Afrikanische, karibische und pazifische Staaten“ (AKP) erfasst, Zentralasien unter Asien und Lateinamerika. Die Finanzierung für ein Projekt kann mehr als ein Ziel fördern.

NACHWORT

Alles ist miteinander verbunden. Die Coronapandemie hat eine kurzfristige Krise ausgelöst, aber darüber dürfen wir die langfristige Klimakrise nicht vergessen. Selbst das mächtigste Land oder die mächtigste Region kann diese globalen Probleme nicht alleine lösen – wir alle, weltweit, sind gefragt. Wenn also alles miteinander verbunden ist, müssen auch wir uns stärker verbinden. Wozu sind unsere Diplomatie, Werte, Innovationen und Investitionen nütze, wenn nicht dazu, die Probleme der Menschen auf der Welt zu lösen?

Entwicklungsarbeit, wie wir sie in diesem Bericht beschreiben, ist Teil dieser Lösung.

Die Europäische Investitionsbank trägt die Ziele der EU mit jeder Finanzierung hinaus in die Realwirtschaft. 2020 haben wir außerhalb der Europäischen Union über zehn Milliarden Euro vergeben, die Hälfte davon in Afrika. Wir haben Mittel schneller ausgezahlt und unsere Hilfe für laufende Projekte aufgestockt. Ob mit Mikrokrediten oder öffentlichen Großkrediten, wir haben schnell auf Covid-19 reagiert. Im Fokus dabei: eine grüne Erholung, die die Wirtschaft neu ausrichtet und Entwicklungsländern eine nachhaltige und krisenfeste Zukunft sichert.

Wir haben uns mit Team Europe und der Europäischen Kommission für die COVAX-Initiative starkgemacht und viele weitere Investitionen im Gesundheitsbereich unterstützt. Partnerschaften wie Team Europe sind enorm wichtig, um über Organisationen und sogar Kontinente hinweg schnell und entschlossen zu handeln. Damit steigern wir die Effektivität und Wirkung vor Ort, wir verbessern und retten Leben. Weil die Pandemie an Grenzen nicht haltmacht, dürfen wir Impfstoffe nicht nur für Industrieländer herstellen – das spiegelt sich in unseren Projekten wider. Ja, auch bei der Gesundheit sind wir alle miteinander verbunden. In Afrika sind andere Krankheiten oft gefährlicher als Covid-19. Gemeinsam mit der kENUP Foundation haben wir deshalb ein Projekt aufgelegt, um die Arzneimittelherstellung auf dem Kontinent zu fördern.

Auch in der Pandemie hat die Klimakrise nichts von ihrer Aktualität für Entwicklungsländer verloren, etwa in den kleinen Inselstaaten im Pazifik, die am stärksten vom steigenden Meeresspiegel betroffen sind. Afrika verursacht am wenigsten Treibhausgasemissionen und leidet trotzdem besonders unter dem Klimawandel. Die wachsende Bevölkerung und der wirtschaftliche Fortschritt verlangen mehr Strom – doch nur nachhaltige Energiequellen und Energieeffizienz sichern langfristigen Wohlstand. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa so wichtig. Europa ist weltweit führend in erneuerbaren Energien. Europäische Akteure sind somit ideale Begleiter Afrikas auf seinem Weg von fossilen Brennstoffen zu den Zielen des Pariser Abkommens. Unsere Investitionen leisten nicht nur einen Beitrag zur grünen Wende, sondern auch zur sozialen Entwicklung. Sie stärken die Anpassungsfähigkeit der Menschen und Regionen, die am stärksten vom Klimawandel bedroht sind.

Wir wollen mehr für Biodiversität und Klimaanpassung in Entwicklungsländern tun. Wir wollen die Stromnetze emissionsfrei machen, etwa mit Projekten, die erneuerbare Energien mit aufstrebenden digitalen Branchen verknüpfen. So arbeiten wir in Guinea mit Orange zusammen, um Dieselgeneratoren für Mobilfunkmasten durch Solarmodule zu ersetzen. Wir werden weiter Investitionen für Gründerinnen und Unternehmerinnen anschieben. Unsere Initiative SheInvest fördert durch Mikrokredite erfolgreich Frauen und ihre Teilhabe in der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Wir wenden Gleichstellungskriterien auf Projekte an, bei denen Frauen früher vergessen wurden. Unsere Finanzierungen für den städtischen Verkehr in Indien sind ein Beispiel dafür: Fahrerinnen und Fahrzeuge nur für Frauen geben weiblichen Fahrgästen dort ein Gefühl der Sicherheit.


“ Die Europäische Investitionsbank trägt die Ziele der EU mit jeder Finanzierung hinaus in die Realwirtschaft. ”

Unsere Instrumente reichen von Kreditgarantien über direktes Eigenkapital und vorrangige Darlehen bis hin zu technischer Hilfe bei der Projektvorbereitung. Wir beteiligen uns an Fonds, die kleinen Betrieben in Afrika auf die Beine helfen, und wir fördern innovative Erneuerbare-Energien-Projekte in Entwicklungsländern. Für jeden Sektor bieten wir vielfältige Werkzeuge an. Weil alle miteinander verbunden, aber nicht alle gleich sind. Daran denken wir bei allem, was wir tun.

Die Entwicklungsländer sind fester Bestandteil der Klimaziele, die wir uns vergangenes Jahr gesetzt haben. Für den Schutz vor dem Klimawandel gilt wie für unsere sonstigen Ziele, vom wirtschaftlichen Wohlstand über bessere Gesundheit zu einer offeneren Gesellschaft: Solange sie nicht überall verwirklicht sind, leben wir alle schlechter. Wir bei der Europäischen Investitionsbank wollen viel erreichen – für Europa und für die ganze Welt.

Ambroise Fayolle und Thomas Östros Vizepräsidenten mit Aufsicht über Entwicklungsfinanzierungen

WEITERE INFORMATIONEN ÜBER DIE EIB UND DIE ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT

www.eib.org/development

[1]OECD (2020), Global Outlook on Financing for Sustainable Development 2021

[2]Lakner et al. https://blogs.worldbank.org/opendata/updated-estimates-impact-covid-19-global-poverty-looking-back-2020-and-outlook-2021

[3]https://github.com/dkobak/excess-mortality#excess-mortality-during-the-covid-19-pandemic

[4]https://www.un.org/en/coronavirus/future-education-here

[5]https://en.unesco.org/covid19/educationresponse

[6]http://uis.unesco.org/sites/default/files/documents/covid-19_interruptions_to_learning_-_final.pdf

[7]https://www.imf.org/external/Pubs/ft/dsa/DSAlist.pdf

[8]OECD (2020), Global Outlook on Financing for Sustainable Development 2021

[9]Siehe M. Ferrazzi, F. Kalantzis und S. Zwart, „Assessing climate risks at the country level: The EIB Climate Risk Country Scores“, EIB Economics Working Papers, Mai 2021.

[10]https://www.un.org/sites/un2.un.org/files/100_billion_climate_finance_report.pdf

[11]Weltbank.

[12]Weltbank.

[13]OECD.

[14]Strand, Håvard; Siri Aas Rustad; Håvard Mokleiv Nygård & Håvard Hegre (2020) Trends in Armed Conflict, 1946–2019, Conflict Trends, 8. Oslo: PRIO.

[15]Ab 2021 werden die Bewertungen nach dem neuen AIM-Rahmen unter „Finanzieller Beitrag“ und „Nichtfinanzieller Beitrag“ ausgewiesen.

[16]https://www.eib.org/attachments/strategies/eib_project_carbon_footprint_methodologies_en.pdf

[17]Das Joint Impact Model wurde von der Consulting-Firma Steward Redqueen (Niederlande), Proparco (Frankreich), der CDC Group (Vereinigtes Königreich), der Afrikanischen Entwicklungsbank, der Belgian Investment Company for Developing Countries (Belgien), FinDev (Kanada) und der Financierings-Maatschappij voor Ontwikkelingslanden (Niederlande) gemeinsam entwickelt.

[18]Der EIB-Rahmen für die Ergebnismessung, der Vorgänger des AIM-Rahmens, wurde 2012 eingeführt.

[19]Projekte gelten als abgeschlossen, wenn die Mittel vollständig zugeteilt wurden. Wenn sich die offizielle Zuteilungsperiode auf das folgende Jahr erstreckt, können allerdings Annullierungen oder Änderungen der Zuteilungsdaten nicht ausgeschlossen werden.

[20]https://www.eib.org/en/publications-research/economics/impact/eib-gdn/index.htm

[21]https://www.eib.org/en/publications/the-impact-of-private-sector-projects-in-africa-cycle-2.htm

Globale Lösungen, internationale Partnerschaften

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
129 str. 16 ilustracji
ISBN:
9789286150517
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Bookwire
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