Czytaj książkę: «Gamer»

Czcionka:

fantastic episodes XIII

Gamer

© 2016 Begedia Verlag für diese Ausgabe

© der Geschichten bei den Autoren

Titelgrafik – Tim Eckhorst

Covergestaltung – Frank Hebben

Korrektur und Lektorat – Armin Rößler

Radaktion – Armin Rößler, Frank Hebben, André Skora

Satz und ebook-Bearbeitung – Harald Giersche

ISBN – 978-3-95777-071-4 (epub)

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Vorwort

Wir! Wir machen das mit dem Balken! Mama, guck mal! Unglaublich. Wenn man hier am Rädchen dreht, geht der weiße Balken im Fernseher hoch und runter. Einfach so. Wir machen unser eigenes Programm! Nicht Kulenkampff, Lembke, Carrell – wir! Und dieser flache graue Kasten da auf dem Teppich, der mit UNIVERSUM drauf. Der muss echt aus einem anderen Universum kommen. Von der Mondbasis Alpha 1 oder so.

Heiligabend in der alten BRD, kurz vor der geistig-moralischen Wende. Ein Reihenhaus in der Satellitenstadt, ein Kokon aus orangeroten Polstermöbeln. Alles ist warm, beige, sozial-liberal kuschelig, als ob man den Mutterleib nie verlassen hätte. Noch zwei Jahre, dann würden die Achtziger kommen und alles plattmachen. Die Korkdecken würden rausfliegen, die schwarzweißen Kacheln kämen rein, die Neonsonne würde aufgehen. Doch noch regieren die schwülen Siebziger.

Telespiele. Klar hatten wir davon gehört. So ein neumodischer Kram aus Amerika, wie diese Rollbretter. Doch plötzlich steht so ein Zukunftsding bei uns, in der Vorstadt. Papa streicht sich grinsend durch den Schnäuzer. Unsere Augäpfel sind an die Mattscheibe genagelt. Ein kleines Viereck flitzt an unseren weißen Balken vorbei, verschwindet aus dem Bild. Bieeep! Das gibt‘s ja nicht! Die Kiste macht sogar Töne. Unsere verschwitzten Hände umklammern die weißen Plastikstangen mit den Rädchen. Noch mal vorsichtig drehen … Da! Der weiße Balken bewegt sich! Und das Viereck prallt davon ab. Es ist wie Tennis.

Es ist ein Spiel.

Wir robben uns zur Nordmende-Röhre vor. Plötzlich ist die Ehrfurcht weg. Wir hämmern auf allen Knöpfen rum. Okay, wenn man die Taste mit dem Pfeil drückt, rast das Viereck doppelt so schnell. Nein, mach das wieder weg, brüllt die Schwester. Besser schnell gehorchen, bloß nicht auffallen, sonst merkt Mama, was hier gerade passiert, und kommt auf die Idee, es könnte »gewalttätig« sein. So wie »Bonanza«. Das wäre das Ende vom Spaß.

Wir rasen durch unser neues Universum. Und lernen. Alle Lektionen, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten überlebenswichtig sein werden. Zum Beispiel, dass zwei Controller nie total gleich sind. Bei meiner Schwester wackelt der weiße Balken immer so rum. Sie flennt deshalb fast los, weil sie nur jeden zweiten Ball trifft. Also tauschen, Reset, und wieder von vorne. Papa legt die Platte mit diesem schrecklichen Kinderchor auf. Bestimmt sind es Rotbäckchen-Wangen-Streber, die niemals ein Telespiel angefasst haben. Doch von der Musik kriegen wir nichts mit, eigentlich nichts von unserer Umwelt. Wir stecken im Tunnel, bis uns Mama ins Bett steckt. Papa drückt mir einen nach Pfeifentabak riechenden Kuss auf die Stirn. Jetzt schlaf mal schön, Kleiner. Alles klar. Was er wirklich meint ist: Jetzt bin ich dran. Wir liegen noch lange mit offenen Augen in unseren Etagenbetten und hören aus dem fernen Wohnzimmer im Sekundentakt das »Bieeep« des Telespiels. Wie das Signal eines Sputniks, der sich aus einem fernen Universum meldet.

Die Basis für eine vor dem Bildschirm verschwendete Jugend ist gelegt.

Das erste Mal digital. Bei uns war es das UNIVERSUM, bei anderen vielleicht der Commodore 64, ein Gameboy oder – dank Gnade der späten Geburt – ein NES. Doch egal, ob Donkey Kong auf dem endcoolen Nintendo Game & Watch mit Doppelbildschirm oder Doom auf dem Steinzeit PC mit Turbo-Taste: Das erste Game war wie ein Erdbeben. Es war – frei nach Obi-Wan Kenobi – »der erste Schritt in eine neue Welt«.

Doch die war böse, zumindest für alle Erwachsenen. Für Mama und die alten Säcke in der Bundesprüfstelle. Die wussten sofort: Videospiele machen die Kinder süchtig, gewalttätig, sozial inkompatibel. Und krank. Wer ständig den Joystick rührt, kriegt eine Sehnenscheidenentzündung (später hieß das Angst-Szenario »Nintendo-Daumen«). Nur US-Präsident Ronald Reagan sah die Sache positiv: Games seien doch das beste Ausbildung für die Kampfpiloten von morgen. Da lerne Amerikas Jugend, ihre Auge-Hand-Koordination zu verbessern. Irgendwie sollte der Cowboy im Weißen Haus sogar recht behalten. Heute diskutiert seine Luftwaffe, ob sie eine Medaille für besonders mutige Dronen-Piloten einführen soll. Interne Bezeichnung: Nintendo Medal.

Bis Games nicht mehr böse waren, sollten viele Prozessorgenerationen vergehen. Erst Ende der Neunziger passiert etwas: Die Generation Commodore 64 hat ihren Gang durch die Institutionen absolviert, das Internet ist da. Und plötzlich dämmert es vielen: Hey, die Jugend vorm Bildschirm war doch nicht total verschwendet. In einer Welt, die von Nerds regiert wird, hilft es, wenn man den Rechner nicht als feindliches Elektronenhirn kennengelernt hat, sondern als Spaßmaschine, als Freund.

Seltsame Dinge passieren: Sich als Gamer zu outen, ist nicht mehr ein Karrierekiller, sondern fast ein Pluspunkt im Lebenslauf. Manager lesen Ratgeber, die ihnen erklären, wie sie mit diesen merkwürdigen Wesen umgehen sollen, die ihre Freizeit vor der Playsi verbringen. Gleichzeitig rollt die erste Welle digitaler Nostalgie an. Auf einmal stehen Konsolen im Museum. Games sind Geschichte, Games sind Kultur.

Und Inspiration.

Wie sehr, zeigt diese Anthologie. Frank Hebben und seine Truppe sozial deformierter Bildschirmsportler tritt den Beweis an, dass die Geschichte manchmal weitergeht, wenn der Endboss besiegt ist. Sie wagen den literarischen Respawn – mit einer Sammlung von Kurzgeschichten, die von Games inspiriert sind. Von alten Games, von pixeligen Sprites, ruckeligen Animationen, lächerlich kleinen Farbpaletten.

Retro ist das Leitmotiv. Doch hier wird nicht platte Digitalnostalgie serviert, nach dem Motto »Weißte noch? Pac-Man? Wacka Wacka …«. Es geht um Sex, Tod, Liebe, Abgründe, Zukunftsvisionen. So wie bei Andreas Winterer, der den Hobbykeller der Achtziger zur Tentakelhölle macht. World of Warcraft? Wohl eher World of Lovecraft … In »Start New Game?« entwirft Melanie Junge eine Zukunft, in der das Zocken alter Spieler der letzte verbliebene Thrill in einer hoffnungslosen Welt ist. Und Christian Lange greift in »War Games« den gleichnamigen Filmklassiker der Achtziger auf. Allerdings hat sein Held David den steinzeitlichen Imsai-Rechner gegen eine Gedankensteuerung ausgetauscht, er kämpft sich als Profi-Gamer durch perfekt simulierte Realitäten. Ähnlich wie der Protagonist in Peter Hohmanns »Cornstalk wird ewig leben« lebt er in einer Zukunft, in der das wahr geworden ist, was die Electronic Sports League seit Jahren propagiert: Zocken als medienwirksamer Massensport.

Auch Autor Hebben dosiert die Digitalnostalgie bewusst homöopathisch. Mit »Kaleidoskop« liefert er eine klassische Cyberpunk-Dystopie, in der Arcade-Automaten nur als Requisiten in der Ecke vorkommen. Träumen Roboter von breitschultrigen Pixelmutanten? Michael K. Iwoleit erforscht in »Das Netz der Geächteten” den Horror vacui eines jeden Gamers: eine Leben ohne Spiele. Schlimmer noch: eine Welt, in der Computerspielen als gefährliche Sucht geächtet ist, in der sich quasi Mutters Einschätzung durchgesetzt hat.

Klar, mit Mainstream hat das nichts zu tun. Die Autoren huldigen ohne Kompromisse dem »was wäre, wenn«. Was wäre, wenn das Computerspiel zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in der Form eines Text-Adventures erscheint, fragt Armin Rößler in »Katar 2022«? Wie sieht die Apokalypse in einem fiktionalen deutschen Wiedervereinigungs-Setting aus? In »Beschluss 4/7/90« von Uwe Post jedenfalls fahren die Zombies Wartburg. Und Sven Klöpping lässt es zünftig bladerunnern, wenn er in »50 % Shootout – jeder Zweite wird gelöscht!« die Abenteuer eines bayrischen Dreiviertel-Androiden erzählt.

Muss man die Achtziger oder Neunziger erlebt haben, um das gut zu finden? Sicher nicht. Aber es hilft. Weil es Spaß macht, den Autoren dabei zuzusehen, wie sie ihr Referenz-Feuerwerk abbrennen. Wenn zum Beispiel die Protagonistin mit Nachnamen Wozniak heißt, wie in »Butterfly« von Christian Günther, eine wunderbare Suche nach der verlorenen Internet-Zeit. Oder wenn die Helden in ein (reales) Uridium-Raumschiff steigen, wie in »Emukalypse« von Niklas Peinecke. Wer nur HD-Flatscreens kennt, wird kaum verstehen, wie bizarr die Idee ist, Floppy-Laufwerk und Datasette direkt mit einem menschlichen Hirn zu verbinden. Doch genau solche Details machen »Die Dritte Stadt« von Mike Kryzwik-Groß so lesenswert.

Den berühmten gemeinsamen, meistens viel zu kleinen, Nenner gibt es nicht. Alles verschwimmt, alles ist im Fluss, von der Genregrenze bis zur Erzählperspektive. »Friedensleere« von Jan-Tobias Kitzel zum Beispiel liest sich, als ob man sich durch eine Box mit alten Games zockt. Mal blickt man durch die Augen eines Wachmanns, mal durch die eines archaischen Kriegers oder Familienvaters. Das Einzige, was alle Autoren vereint, beschreibt ein Satz aus »MetaGamer« ganz gut, den Thorsten Küper seinem gebrochenen Helden in den Mund legt: »Sie ist eine von uns. Nerd.« Was hier – und eigentlich überall – als Kompliment zu verstehen ist.

Darf man am Ende eines Vorworts im Jahr 2016 wirklich noch schreiben SPIELER EINS BEREIT? Man darf, wenn das, was folgt, wirklich ein neues Spiel ist. Und das ist hier der Fall.

RUN

Constantin Gillies

Köln, Januar 2016

LEVEL 1

LEVEL 1

Start New Game?

Melanie Junge

Wie eine undurchdringliche Grenze baut sich die rote Metalltür vor mir auf, die Farbe bereits abgeblättert, nur der Schriftzug Private party ist noch deutlich erkennbar, aufgesprüht von irgendeinem Amateur, wahrscheinlich von Croc persönlich: der Chef der Spiele, der einem Krokodil ähnelt, mit seinem riesigen Maul aus spitzen Zähnen und den tiefsitzenden Augen, und sich deswegen den Spitznamen gegeben hat. Damit sich niemand über sein Aussehen lustig machen kann, heißt es. Ich persönlich glaube eher, dass er seine gefährliche Ausstrahlung unterstreichen will. Nicht umsonst sagen die Leute, er könne einen Menschen mit einem einzigen Bissen verschlingen.

Trotzdem klopfe ich drei Mal. Das Geräusch hallt im Untergrund wieder. Von weiter unten ist das Rattern der U-Bahn zu hören. Die neue Anlage gleich unter der alten: Die alten Tunnel und Bahnhofsstationen wurden an den Meistbietenden verhökert.

Hinter der Tür regt sich nichts, ich schlage noch mal dagegen, diesmal lauter. Wobei man es eigentlich nicht müsste, ist eine alte Gewohnheit. Die Sensoren vor der Tür schicken Croc sofort eine Meldung aufs Handy, von dem er auch Zugriff auf die unauffällig versteckten Kameras hat.

Es ist halb sieben. Die Spiele beginnen erst um acht. Aber eigentlich ist immer einer da.

»Komm schon, ich bin’s, Cat. Mach auf«, sage ich, mehr aus Trotz als an ihn gerichtet. Er weiß genau, dass ich es bin. Das mit dem Spitznamen habe ich mir von Croc abgeschaut. Ich weiß, Cat ist jetzt nicht unbedingt besonders originell, aber als ich damals in die Retro-Battles eingestiegen bin, fiel mir nichts Passenderes ein. Besser als Miriam, das klingt einfach zu normal. Noch schlimmer: Mimi. Viel zu lieb, zu brav. Ich brauchte was Kurzes, Prägnantes, um bekannt zu werden. Je mehr Leute dich kennen, desto mehr Leute laden dich ein, ergo: mehr Spieler, mehr Einsätze, mehr Geld – oder mehr Verluste, je nachdem. Ich war mal ganz gut.

Von innen sind jetzt Bewegungen zu hören, Schritte. Dann ein Rattern, die automatischen Türsperren werden abgefahren. Kurz darauf springt die Tür auf, nur einen Spalt. Croc verzieht die Nase. »Was willst du hier, Cat? Hast du nicht bereits genug Schulden?«

»Gib mir nur noch eine Chance. Ich bekomm’s wieder rein.«

»Das hast du die letzten Male auch gesagt.«

»Komm schon, du kennst mich. Was geht denn heute Abend so?«

Er mustert mich. Ich schaue ihn mit flehendem Blick an.

»So schlimm?« Er grinst, zeigt die gelben Zähne.

»Ich brauch das mal wieder.«

»Okay«, meint er, lässt mich eintreten und aktiviert die automatische Verriegelung. Die Balken schieben sich wieder vor die Tür. »Heute sind ein paar Anfänger mit dabei.«

»Und wie komm ich an die ran?«

»Ich regle das, pack dich in die richtige Liste. Lass sie erst gewinnen und dann mach sie fertig.«

»Ich soll sie also abzocken?«

»Deine Entscheidung.«

Ich nicke. So fängt man Junkies. Gib ihnen das Gefühl, ganz oben zu sein, alles unter Kontrolle zu haben, und dann saug ihnen das Geld aus. Wenn sie einmal den Kick gespürt haben, werden sie wieder kommen. Immer wieder. So wie ich. Egal, ob sie gerade flüssig sind oder nicht.

Croc geht voran, durch einen schmalen Gang, der auf der einen Seite aus rustikalen Holzbrettern besteht und auf der anderen aus einer dicken Steinmauer, von der aus einige schwere Metalltüren abgehen. Diverse Privaträume, die nur mit elektronischen Erkennungsmarken zu öffnen sind.

Und dann führt der Gang weiter in den Hauptraum: eine riesige Halle, auch hier rundherum die dicken Steinmauern, zugeklebt mit Plakaten, und an den Seiten hängen riesige Monitore. Mitten in der Halle die Liegen, alle neben- und hintereinander geordnet, mit VR-Helmen, Tastatur, Joystick, Maus und weißen Anzügen ausgestattet, für ein besseres Spielgefühl. Letztere sind keine Pflicht, helfen aber enorm bei der Körperregulierung. Kleine Sensoren messen Puls und Temperatur. Sinkt der Wärmegrad, heizt sich die Kleidung auf; steigt er, fällt sie in eine kühlende Wirkung. So auch beim Herzschlag. Am Handgelenk sitzt eine kleine Drüse, die bei Bedarf Mittel gegen Herzrasen direkt in die Blutbahn spritzt. Passiert öfter, als man glaubt.

Seitlich in der Halle ist eine Bar, in der es von alkoholhaltigen Drinks bis zu Tee alles gibt, und vorne eine kleine Bühne, aus ebenso alten Holzbrettern zusammengeschraubt wie die Grenze zwischen Haupthalle und Gang. Darüber hängt eine Leinwand, jetzt noch weiß und nichtssagend. Später werden vereinzelte Spiele darauf zu sehen sein, zum Anfixen für andere Spieler. Zuschauer gibt es nicht. Leute, die sagen, sie wollen sich das nur mal anschauen, sitzen früher oder später auf einem der Liegestühle und zocken ebenfalls um ihre Points, digitales Geld. Hier läuft nichts bar. Jeder besitzt einen Account mit einem eigenen Konto. Ein Spieler zahlt so viel ein, wie er will. Es gibt auch die Möglichkeit, zusätzlich sein normales Konto mit dem Spieleraccount zu verbinden. So habe ich es getan. Dann bekommst du deinen Gewinn sofortüberwiesen. Und verlierst im Pechfall leider auch alles, bis hin zu dem Geld, das eigentlich für die Miete gedacht ist. Weil du weiter zockst, auch wenn du nichts mehr hast, und überziehst. Im Endeffekt macht es zwar keinen Unterschied, denn der Wert ändert sich nicht. Aber echtes Geld bleibt auch in diesen Zeiten sicherer als digitales.

»Startkapital hast du?«

Ich zucke mit den Schultern, versuche, es beiläufig klingen zu lassen: »Nun ja, wäre nett, wenn du mir was leihen könntest.«

»Ich überweis dir was. Im Gegenzug, dass du mir Spieler anlockst.«

Ich nicke, sage nicht »Danke«, weil es nur ein Deal ist. Er macht es nicht, um mir zu helfen, sondern um mich bei der Stange zu halten. Eigentlich unnötig. Außerdem wird er es sowieso von den Neuen zurückbekommen, hat seine ganz eigenen Profis in der Halle sitzen, die Bares eintreiben. Vielleicht werde ich eine von denen. Es gibt miesere Jobs.

Croc schaut auf sein Handy, nickt mir zu und verschwindet dann wieder Richtung Gang, tippt gleichzeitig etwas.

Ich setze mich kurz an die Bar und checke meinen Account: Er hat bereits dreihundert Points überwiesen. Ich bestell mir ein Bier und halte dem Barkeeper den Strichcode auf dem kleinen Bildschirm hin, er scannt ihn und sofort werden drei Points abgebucht. Heute mal kein Wasser. Ich hab gerade zum zweiten Mal die Flasche angesetzt, da kehrt Croc schon wieder zurück. Zwei bekannte Gesichter dackeln ihm hinterher, die Gier in den Augen, das Streben nach dem Kick und der Gedanke, dass es heute endlich mal wieder klappt. Sie kommen zur Bar, sehen mich wie mitleidige Hunde an. Croc winkt mir mit dem Kopf zu, ich stehe vom Barhocker auf und gehe zu ihm.

»Du spielst in einem der Privatzimmer.«

»Warum?«

»Stell keine Fragen, komm mit«, faucht er mich an.

Ich laufe ihm hinterher und hake trotzdem ein weiteres Mal nach.

»Stimmen wurden laut, ich würde betrügen, die Leute ausnehmen.«

»Was du auch tust«, werfe ich ein.

»Nur so, dass sie es nicht merken.«

»Scheinbar ja schon.«

»Die meisten kennen dich. Wenn jemand mitkriegt, dass du gegen Neulinge spielst ...«

»Kann dir das nicht egal sein?«

»Damit die Leute einem anderen ihren Kies schenken?« Er öffnet eine der Metalltüren im Gang, dahinter ein kleines Kabuff mit einer einzelnen Liege. Ich trete ein, und bevor ich noch etwas erwidern kann, fällt die Tür hinter mir zu. Ich atme aus. Merke erst jetzt, dass ich die ganze Zeit viel zu flach geatmet habe. Ich verliere keine Zeit, ziehe mich aus und den Anzug an, der mit der Liege verbunden ist, und setze mich. Danach den VR-Helm. Das Programm startet, ich werde in die virtuelle Welt gezogen, merke einzig und allein meine Hand auf der Maus, die Tastatur vor mir. Der Joystick direkt daneben. Battles immer erst ab acht. Sein Geld alleine verzocken kann man aber bereits vorher. Ich sollte es nicht vor den eigentlichen Spielen einsetzen, kann es aber nicht lassen. Zu groß die Versuchung. Und es ist ja nur zum Warmzocken. Dann starte ich mein Lieblingsspiel. Mit Greifarmautomaten. Eine reine Glückssache, dabei zu gewinnen. Ich setze einen Point: lieber nicht zu viel riskieren. Nur je geringer der Einsatz, desto geringer auch die Gewinne. Ich lege meine Hand auf den Joystick, wie auf die Schaltung im Auto, wenn du die ganze Kraft des Motors spürst. Die Kuscheltiere liegen direkt vor mir, keine Plastikwand, die mich von ihnen trennt. Ich kann die schlechte Verarbeitung in den Nähten sehen, einen Faden, der herausschaut, und den Staub an den Seiten: die Realität in der Virtualität.

Ich visiere ein Zehn-Point-Kuscheltier an: ein kleiner lilafarbener Hund. »Bereit, wenn Sie es sind«, zitiere ich einen meiner Lieblingsfilme, und drücke meine Hand sachte noch vorne, bis sie auf gleicher Höhe mit dem Hund ist. Einatmen, ausatmen – und nach links weiter. Der Haken stoppt, öffnet sich, fährt langsam hinunter, legt seine metallenen Arme um das Kuscheltier und schließt sich. Er ist drin! Ich juble innerlich. Mein ganzer Körper tobt vor Glücksgefühlen. Als könnte ich fliegen. Und nur der Himmel ist die Grenze. Der Greifarm fährt nach vorne zum Ausgabefach, öffnet sich wieder, das Kuscheltier fällt hinunter und verhakt sich an einem vorstehenden Affen, liegt nun knapp auf der Kante. Ich fluche. Aber mein Ehrgeiz ist geweckt, noch mal diesen Kick zu spüren. Und ich weiß ganz genau, dass es beim nächsten Mal klappen wird. Also setze ich erneut einen Point. Visiere diesmal einen blauen Elefanten an, mit einem Wert von vier Points. Danach einen Sieben-Point-Elefanten. Beide verfehlt! »Nur noch einmal«, sage ich zu mir. Versuche es mit dem Zwei-Point-Hund. Der Greifarm nimmt das Kuscheltier auf, zieht es hoch, fährt zum Schacht, und lässt es fallen. Mitten auf den lilafarbenen Hund von zuvor. Das Gewicht drückt beide hinunter und ich höre ein »Ping«. Zwölf Points wandern auf mein Konto. Ich lächle selig.

Dann reißt mich plötzlich ein scharfes Klingeln aus der virtuellen Umgebung. »Scheiße«, fluche ich, nehme den Helm ab und greife nach meinem Handy. Schon wieder vergessen, lautlos zu machen.

»Ja?«

»Ich warte immer noch auf die Miete.« Die wöchentliche Warnung vom Vermieter. Ich seufze.

»Ich hab das Geld fast zusammen. Wirklich.«

»Nächste Woche. Sonst fliegst du.«

Und schon wieder aufgelegt. Diesmal meint er es ernst, daran hege ich keine Zweifel mehr. Oder er hetzt mir seine Geldeintreiber auf den Hals. Kommt davon, wenn man in irgendeiner Absteige ein kleines Apartment nimmt. Obwohl die Wohnung den Begriff nicht wert ist: nur ein winziger Raum mit Kochnische und angrenzendem Bad. Barzahlung. Dafür stellt niemand Fragen. Nicht mal die Nachbarn, die haben ihre eigenen Probleme. Kein Small Talk in den Gängen, nur die Hoffnungslosigkeit der Verlorenen trieft von den Wänden.

Ich stelle mein Handy lautlos, lege es beiseite und kehre zurück: Sofort schiebt sich die schillernde Welt vor meine Augen, so viel bunter als die Wirklichkeit. Nicht so trist, so grau, keine Wolken, die nicht mal die Sonne vertreiben kann. Ich seufze erneut. Schalte den Greifarmautomaten weg und rufe die Liste der Spielernamen auf. Die Halle scheint voll zu sein. Es ist kurz vor acht. Die Kategorien kann niemand einsehen, aber bei meiner ersten Einladung erkenne ich bereits, dass es sich um einen Neuen handelt. Pong. Jeder Anfänger denkt, bei diesem einfachen Spiel könne man nichts falsch machen. Mein Gegner wettet einen Point, ich tue es ihm gleich. Dann beginnt es. Der quadratische Ball setzt sich in Bewegung, und lange Zeit hört man nur das Aufprallen auf die Paddel. Dann lasse ich den Ball einige Male durch. Mein Gegner wird sich freuen, hat er doch gerade einen Point gewonnen. Bei der nächsten Runde setzt er fünf Points, fühlt sich sicherer. Und ich setze drei, um ihn nicht zu verstören. Denn jetzt lasse ich den Ball nur zweimal durch und setze dann zum Gegenschlag an. Bewege die Paddel schneller, sodass auch der Ball rast. Er kommt nicht mit. Kurz darauf hab ich seine fünf Points. Und er fordert mich ein weiteres Mal heraus. Ich achte auf die Zahlen, aber irgendwann wird es mir zu langweilig. Und ich gewinne einige Male hintereinander, bis mein Gegner die Lust verliert und sich wahrscheinlich einem anderen Spiel widmet.

Dann lade ich einen Spieler zu Pacman ein. Es gibt zwei Pacmans und nur zwei Gespenster, vor denen wir ausweichen müssen. Wir jagen uns gegenseitig. Wenn alle Punkte im Labyrinth weg sind und beide noch leben, gewinnt der, der die meisten Punkte eingesammelt hat. Ich spiele fünf, sechs Runden, und auch das wird mir dann langweilig. Versuche es mit weiteren Spielen, erst Froggy, dann Bomberman. Man spielt wieder gegeneinander. Es gibt aber auch generell die Möglichkeit, alle Spiele allein zu spielen, nur stehen bei Battles die Gewinnchancen höher. Wenn du gut bist – und dein Gegner schlecht.

Mein Konto zeigt schließlich fünfhundertdreiundsechzig Points an, aber es war zu einfach. Mir fehlt der Kick, den ich bei den Greifarmautomaten habe. Und ich strebe nach etwas, das neuer und riskanter ist. Lebendiger. Um mich selbst lebendig zu fühlen. Ich beobachte die Spielerliste: Es werden wieder weniger. Die Uhr zeigt nach Mitternacht. Ich überweise das Geld auf mein richtiges Konto und logge mich aus. Kurz überlege ich, noch etwas am Greifarmautomaten zu verprassen. Aber die Vernunft siegt. Oder die letzte Warnung vom Vermieter.

»Hast dich gut geschlagen.« Croc kommt in den Raum, als ich gerade meinen VR-Helm abnehme. Er grinst. »Die Jünglinge sind ganz wild darauf, wieder zu kommen.« Ich lege den Helm beiseite und steige aus dem Anzug. Im vollen Bewusstsein, dass ich dann in Unterwäsche vor ihm stehe. Ziehe extra langsam meine Jeans über und lasse ihn dabei nicht aus den Augen. Alles nur ein Spiel. Croc mustert mich, meinen Körper. »Sag mal, wie alt bist du eigentlich?«

Sofort fühle ich mich unwohl, sehe zwar mit meinen vierunddreißig Jahren noch viel jünger aus und bin recht gut in Form geblieben, trotzdem falle ich bei der Frage sofort in mich zusammen und schlüpfe schneller als gewollt in mein Oberteil.

»Bleib locker«, meint er und grinst anzüglich, wird dann ernst: »Hast du damals auch schon gezockt?«

»Als Kind? Klar.«

»Bock auf einen richtigen Retro-Battle?«

Ich schaue ihn fragend an.

»So ähnlich wie jetzt auch. Man wettet, wie weit man kommt. Nur mit alten Konsolen und so. Ich werfe einen Jackpot von viertausend Points ein.«

»Bin dabei!« Und denke sofort daran, meine Schulden abbezahlen zu können, mein Zimmer zu behalten. Endlich wieder vernünftig essen. Mal wieder mehr als eine Platte für Industriedosen zu verwenden. Richtig kochen, mit frischem Gemüse, das immer teurer wird.

»Und du brauchst einen Partner. Dann noch der Vertrag.«

Ich winke ab. »Bekomm ich hin.«

»Nächsten Freitag, 16 Uhr.« Er schaut mich kurz von oben bis unten an, bleibt an meiner Oberweite hängen, grinst, dreht sich dann um. »Dirk lässt dich raus.« Dann verschwindet er, grinst immer noch, und in meinem Bauch macht sich ein unwohles Gefühl breit. Aber ich schiebe es beiseite.

Ich laufe durch den Gang hinaus, die Tür steht offen, und ich nicke Dirk zum Abschied zu, dränge mich an den anderen vorbei und schleiche aus dem Untergrund, die Treppen hinauf zur Oberfläche, nicht weiter hinunter zur U-Bahn. Ich wähle den Weg zu Fuß, auch wenn es länger dauert. Vorbei an Leuten, die sich gerade zu Partys aufmachen oder spät noch aus dem Büro kommen, Überstunden sind in. Aufgehübschte Hühner auf der einen Seite, Arbeitszombies auf der anderen. Und ich dazwischen, wische mir die verschwommene Wimperntusche von den Augenrändern, als ich mich in einem der Schaufenster spiegle, und würde am liebsten gleich noch die Falten mit wegwischen. Ich gehe weiter, langsam. Kein Wecker, der morgen klingelt. Wenn du zu risikobereit bist, hast du im Bankengeschäft nichts mehr verloren. Sowieso ein Wunder, dass ich es dort so lange ausgehalten habe. Mein Weg sollte ein anderer werden. Aber wo ist der Kick, jeden Morgen aufzustehen, sich aus dem Bett zu quälen, zur Arbeit zu gehen und abends wieder ins Bett zu fallen? Ich brauche einen Partner, ist alles, an das ich denke.

*

»Komm schon. Du hast doch früher auch immer rauf und runter gezockt.«

Meine Schwester sieht mich kopfschüttelnd an. Bei ihrem vorwurfsvollen Blick merke ich erst, wie sehr sie unserer Mutter ähnelt. »Vergiss es, Miriam. Ich mach bei deinen komischen Sachen nicht mit.«

»Das sind keine komischen Sachen.«

Sarah schüttelt wieder den Kopf, sieht mich traurig an, fast schon mitleidig, und ich ertrage es kaum. Aber an wen soll ich mich sonst wenden? Meine Freunde habe ich aus den Augen verloren, mit der Zeit wurden es immer weniger Anrufe, weniger Nachrichten, ab und zu mal ein Like, ein Kommentar unter einem Bild, und dann nur noch virtuelle Leichen, die man nicht löschen will, weil man mal eine Verbindung zueinander hatte. Und eigentlich ist es nur ein Warten darauf, dass sie einen zuerst aus der Liste löschen, aber niemand traut sich, weil die scheinbare Verpflichtung siegt. Schließlich war es mal Freundschaft, auch wenn man sich schon lange nichts mehr zu sagen hat.

»Hast du eigentlich endlich wieder mit Mama und Papa geredet?«

Diesmal bin ich es, die den Kopf schüttelt. Sarah spricht ein Thema an, das ich auf keinen Fall weiter vertiefen will. Ich trau mich auch nicht, zu fragen, wie es ihnen geht.

»Miriam.« Ihr Vorwurf hängt im Raum und würde sich nicht mal durch einen Turboventilator vertreiben lassen.

»Bist du jetzt dabei oder nicht?«

»Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder, keine Zeit für deine Spielchen.«

»Das ist deine Ausrede für alles.« Ich stehe auf. Warum noch länger meine Zeit vergeuden?

»Jetzt warte.« Ich zögere. »Wie läuft es denn gerade so bei dir? Schon einen neuen Job in Aussicht? Du wolltest doch gerne noch im zweiten Anlauf studieren. Was ist damit?«

»Das war vor sieben Jahren.« Oder noch länger her, füge ich in Gedanken hinzu. »Grüß die Kinder.« Ich gehe zur Tür und erwarte nicht, dass sie mir folgt. Erwarte nicht, dass sie den Kindern von dem nächtlichen Besuch erzählt, geschweige denn sie von der unbekannten Tante grüßt, die nur alle paar Monate mal vorbeikommt.

Ich laufe an den kleinen Häuschen mit ihren perfekten Gärten vorbei, in denen das Spielzeug vom Tage liegt, bis es irgendwann verfault, der Rasen welkt und es nur noch eine einsame Erinnerung an eine längst vergangene Zeit ist. Vorbei an dunklen Fenstern, weil hier alle schon schlafen. Oder mit matten Lichtern ganz leise im Wohnzimmer sitzen oder in den Schlafzimmern und lesen, damit die Kinder nicht aufwachen. Vielleicht hier und da noch eine liegen gelassene Arbeit am Schreibtisch nacharbeiten, bis das schlechte Gewissen ruft, man sich zum Partner ins Bett legt und trotzdem an die Arbeit denkt. Sex als Ausgleich. Wilder, wenn die Kinder nicht da sind, und irgendwann nur noch als Routine. Leidenschaft vorgaukeln, Lebendigkeit. Was unterscheidet mich von ihnen, wenn wir alle nur nach dem Falschen streben, das gar nicht wirklich existiert?

*

Croc sieht an mir vorbei, als ich die Woche darauf wieder vor ihm stehe. »Du brauchst einen Partner, sagte ich doch.«

»Aber wofür denn unbedingt?« So langsam verliere ich die Nerven, bei all diesen Regeln. Wenigstens hier will ich nicht nachdenken, sondern einfach machen.

»Als Joker. Als zweites Leben.«

»Ich zieh das allein durch.« Lasse mich von Croc nicht beirren, trete geradewegs an ihm vorbei und gehe in die Halle. Bin erstaunt, wie sie sich verändert hat. Statt der Liegen stehen dort nun alte Sofas und Sessel in allen möglichen Variationen. Mal aus braunem Leder, mal aus rotem Stoff. Auch einfache Holzbänke an den Seiten.

Ich steuere ein blaues Sofa an, mit bunten Blümchenmustern. So eins hatten wir damals auch. Ich stelle meinen Rucksack auf dem Fußboden vor mir ab und klemme ihn mit den Beinen fest. Das Geld vom letzten Mal bar in der Tasche, habe direkt alles vom Konto geräumt. Damit keine Behörde oder sonst eine Institution auf die Idee kommen kann es abzubuchen und die Schulden damit auszugleichen. Beim Vermieter war ich noch nicht, hab vorerst meine wichtigsten Sachen, die noch übrig geblieben sind in meinen Rucksack gepackt und bin weg.

Auf einem kleinen Tisch neben dem Sofa liegt ein Gameboy erster Generation.

»Du hast wieder meine Batterien leergespielt«, höre ich das Quäken meiner Schwester im inneren Ohr. Sollte sie doch froh sein, dass ich endlich ihre Super-Mario-Land-Level geschafft hab, an denen sie schon seit Tagen dran war. Und ein Jahr später das überhebliche »Du kannst ihn haben. Ich bin jetzt eh zu alt dafür«, als sie mir den Gameboy aufs Bett geschmissen hat, und ich ihn wie einen kostbaren Schatz aufhob, die gespeicherten Spielstände löschte und alle von vorn anfing. Bis er dann auch bei mir irgendwann in der untersten Schublade verschwand.

Vor mir auf dem Boden eine Playstation. Bekamen wir damals zu Weihnachten. Sozusagen ein Familiengeschenk. Meine Mutter, meine Schwester und ich selig zusammen auf der Couch: erst Tetris, dann Herkules, Autorennen, die Demo-DVD. Und mein Vater wohlwollend daneben. Ohne zu wissen, dass das alles in ein paar Jahren vorbei sein würde. Aber vorher sollten wir uns noch hunderte Male um den ersten Controller streiten. Und gegen die Mutter im Tetriswahn verlieren.

Auf einem anderen Tisch entdecke ich das Sega Master System, das ich als Kind immer wenig erfolgreich gegen die Nintendospieler in meiner Nachbarschaft verteidigte. Ihr hattet vielleicht Super Mario, aber wir hatten dagegen Super Boy.

Nur Erinnerungen. Gestorbene Zeit. Ich logge mich mit dem Handy ein, ändere die Kontonummer in meinem Account, keine Zeit für Sentimentalitäten. Rufe kurz darauf die Seite erneut auf und ändere die Kontonummer, zurück zu meiner.

Dann sehe ich mich um, wie sich die Halle nach und nach füllt. Die unterschiedlichsten Leute. Aber alle fasziniert von der Leinwand vorne, wo geprangert steht: viertausend Euro Jackpot. Der Schriftzug spiegelt sich in ihren Pupillen wieder. Heute mal nicht in Points, klingt mehr in richtiger Währung. Und ist doch nur eine Zahl wie jede andere auch. Als Hintergrund ein bewegliches Bild vom Meer, einzelne Wellen bewegen sich, spülen zum Strand und wieder zurück. Rechts unten Pixelfehler: Eine Welle vermischt sich mit einer zweiten, als rechteckige Einheiten, die sich übereinander schieben und wieder zurück.

»Krasse Idee, oder? Dass man überhaupt mal so gezockt hat, irgendwie kaum vorstellbar.«

Ein Typ Mitte zwanzig setzt sich neben mich. Schwarze Sturmfrisur, Dreitagebart. Ich schüttle den Kopf und fühle mich schrecklich alt. Die Halle füllt sich langsam. Mit neuen Gesichtern und denen, die man schon Jahre kennt, vom Sehen, mit denen man gealtert ist und doch nie miteinander gesprochen hat, außer das Nötigste. Und Croc mittendrin, der mir immer wieder zugrinst, sich dann umdreht und das macht, was er immer macht: Leute manipulieren.

Wenig später füllt sich die Halle immer mehr – und dann geht es los. Croc steht vorne auf der Bühne, begrüßt kurz die Leute. Es handle sich zwar um originale Konsolen, aber alle seien miteinander verbunden, sodass man auch jederzeit auf den großen Monitoren die einzelnen Spiele übertragen könne. »Wer stirbt, fliegt. Dann kann nur noch euer Partner weitermachen. Falls ihr einen habt.« Er wirft einen Blick zu mir, und ich sehe ihm direkt in die Augen, schaue nicht weg. »Und wenn auch seine Leben aufgebraucht sind, ist es für euch vorbei. Wenn am Ende zwei übrig bleiben, machen wir hier vorne weiter. Wie normal, ohne die Retrokonsolen.«

Zwei sollen am Ende übrig bleiben? Ich sehe mich um, die Halle ist noch voller als sonst. Wie lange sollen wir denn durchzocken? Egal. Ich nehme mir den Gameboy direkt neben mir, schalte ihn ein. Keine einzelnen Spiele, die ich einstecken muss, nur eins als Stellvertreter, mit dem ich direkt auf alle zugreifen kann. Doch nicht so old school wie angekündigt. Auch hier kann ich mich mit meinen Daten einloggen. Meine Hände umgreifen den Gameboy, wie damals: Fühlt sich gut an. Ein Stück Kindheit. Doch so viel älter; die Finger stumpf geworden, könnte die Nägel mal wieder lackieren, aber warum noch? Viertausend Euro Jackpot ist alles, an das ich denke. Was ich damit wieder gutmachen könnte.

Als ich Super Mario Land 2 wähle, bin ich ganz im Früher versunken. Diesmal ohne die genervten Zwischenrufe meiner Schwester, blende auch die Halle um mich herum aus. Bekomme nur noch kurz mit, wie der Typ neben mir die PS2 startet, Kopfhörer überstülpt und den kleinen Monitor vor sich fixiert.

Die Fingergriffe sind erst vorsichtig, dann geübt. Ich weiß genau, wann ich springen muss, was ich bei welchem Endgegner tun muss, um ihn sofort besiegen zu können. Kann genug Extraleben sammeln, um zwischendurch ein paar Mal draufzugehen. Die Unterwasserlevel waren schon immer am schwierigsten, den Fischen auszuweichen und nicht sofort zu schrumpfen. Aber ich komme gut durch. Und die Zeit verfliegt. Einmal schaue ich mich in der Halle um und sehe einige, die nur noch die großen Bildschirme am Rand und vorne beobachten, weil sie selbst schon raus sind. Mit Super Mario Land 2 habe ich ein gutes Spiel gewählt.

Plötzlich werde ich mittendrin von einer Sirene gestört. Ich schalte auf Pause und sehe auf: Mein Name steht auf dem großen Bildschirm, mit sechs anderen. Wir sind die letzten. Ich spiele weiter, sterbe vor lauter Druck sofort, danach ein zweites Mal. »Reiß dich zusammen«, flüstere ich mir zu, bevor ich einen neuen Versuch starte. Nur noch fünf Namen. Und ausgerechnet jetzt habe ich alle Welten durch und mache in Marios Schloss weiter. Aber es läuft. Dann folgt der Endboss, sitzt dort auf seinem Thron, genauso wie damals. Noch vier Namen. Ich springe auf meinen Gegner, er hält inne, blinkt, trifft mich danach, und ich schrumpfe. Jetzt alles oder nichts. Kann ausweichen. Springe und treffe ihn ein zweites Mal. Dann ein drittes Mal. Er läuft weg, ich bekomme eine Möhre, Flügel, und renne hinterher. Auch er kann nun fliegen. Diesmal springe ich fast dreimal hintereinander auf ihn, ohne Schaden zu nehmen. Ein letztes Mal, er kann nun schießen. Ich schiele kurz auf die Anzeigetafel vorne: Noch drei Namen. Drücke kurz auf Pause, um erneut durchzuatmen. Dann geht es los, erst springe ich auf ihn, wieder blinkt er auf, laufe auf die andere Seite und weiche zu spät aus. Werde kleiner. Dann treffe ich ihn erneut auf dem Kopf. Einmal noch, die Sirene geht los, ich erschrecke, sterbe: Egal. Mein Name steht dort oben, der andere ist in seinem Spiel vor mir gestorben.

Crocs Stimme dröhnt durch die Halle. »Cat und Boy231 stehen im Finale. Kommt nach vorne.« Ich stehe langsam auf, suche meinen Gegner: Ein Mann um die vierzig steht auf, sieht mich an, grinst und schlendert gemächlich zur Bühne. Ich folge ihm, versuche, genauso locker zu wirken, dabei zerreißt es mich innerlich. Ich fühle mich alt und müde und will eigentlich nur noch schlafen.

Boy231 und ich verschwinden kurz hinter der Bühne, um unsere Anzüge anzuziehen, setzen uns dann auf die Liegen. Die Zuschauer stimmen ab, welches Spiel wir spielen: Bomberman. Im ersten Moment freue ich mich, da ich das selbst oft genug gezockt habe, aber als ich das Grinsen meines Gegners sehe, verschwindet meine Freude. Das wird ein harter Battle.

Setzen unsere Helme auf und die Realität verschwimmt. Crocs Stimme nur noch über Kopfhörer. Dann beginnt die erste Runde. In 3D renne ich vor die viereckigen Steine, lege meine Bomben und verstecke mich, bevor ich die nächsten zünden kann. Das Labyrinth wird freier, ich kann die Schritte meines Gegners hören, lege eine Bombe und renne. Kurz bevor sie hochgeht, verschwinde ich um die Ecke. Eine zweite Bombe geht hoch, direkt neben mir. Dann noch eine: Sein erster »Win«. Mein Herz rast, eine kleine Anzeige in der Ecke zeigt mir, dass sie Mittel in mein Blut spritzen. Jetzt nicht, denke ich, reiße das Kabel raus, das meinen Anzug mit der Liege verbindet. Will keine Beruhigungsmittel, nichts, was mich vernebeln könnte. Ein paar Bomben und Tode später liegen wir im Gleichstand. So geht es hin und her, bis Croc durch die Kopfhörer ruft: »Letzte Runde. Jetzt entscheidet sich, wer gewinnt.« Ich werde unruhig, die Angst wird größer.

Ich fluche, ein bisschen blöd, dieses Spiel für einen Battle zu nehmen, wenn es immer gleich abläuft. Trotzdem konzentriere ich mich auf die Bomben, auf Boy231. Kalter Schweiß fließt mir an den Schläfen und zwischen den Brüsten hinunter, mein Herz pocht so laut, dass ich glaube, alle in der Halle könnten es hören. Mein Blick verschwimmt, ich blinzle, um das Labyrinth richtig sehen zu können. Mir wird übel, und in meiner Brust schmerzt es, doch ich lege weiter Bomben. Mein Gegner stirbt. Danach ich. Der nächste Tod entscheidet. Ich lege eine Bombe, der Schmerz wird unerträglich. Ich greife mit der Hand auf Herzhöhe, verstecke mich gleichzeitig hinter einer Mauer. Höre noch, wie die Bombe hochgeht – und mein Gegner mit ihr: sich einfach ins Nichts auflöst. Jemand reißt mir den Helm vom Kopf, Leute applaudieren von weit her. Ich starre weiter in die virtuelle Welt, die schon nicht mehr da ist, sehe nur die drei Buchstaben meines Nicknames riesig auf allen Monitoren, aber kann sie nicht mehr deuten. Eine Hand nimmt meine, zieht mich von der Liege, die andere ruht immer noch auf meiner Brust. Ein Geräusch, als ob etwas reißt. Ich kann es nicht hören, nur spüren. Der Boden unter mir gibt nach – oder bin ich es, die nachgibt? Alles wird leicht, ich falle.

*

»Hallo Mama. Ich bin’s.«

»Miriam. Dass du anrufst!« Kann mir lebhaft vorstellen, wie meine Mutter jetzt ins Wohnzimmer läuft, meinem Vater mit Fuchtelbewegungen deutlich zu machen versucht, wer am anderen Ende der Leitung ist – und kläglich scheitert.

»Also erzähl, wie geht’s dir?« Kein rauer Ton, keine Frage, warum ich so lange nicht angerufen hab, mich nicht gemeldet hab. Keine Vorwürfe. Nur ehrliches Interesse. Ich antworte nicht, schlucke, muss mich kurz fangen. »Ich wollte euch besuchen kommen.«

»Ja, gern. Wann kommst du?«

»Jetzt?«

»Ich setz schon mal Kaffee auf.«

»Und sag mal, steht die alte Konsole noch auf dem Dachboden?«

Nur noch das Tuten im Hörer. Und ich nehme die nächste Bahn. Und danach vielleicht weiter hoch zur Küste. Oder gen Süden. Oder mal wieder zu den echten Greifarmautomaten, bei denen der Rost nicht nur virtuell ist.

Start New Game?


Butterfly

Christian Günther

Level 1

Ein Rudel Wölfe fegt durchs Unterholz, wirbelt eine Wolke aus grauem Laub auf. Ihm folgt ein Krieger mit Haar so schwarz wie Pech, zwei Schwerter auf dem Rücken, purpurne Bänder an Armen und Beinen. Die Augen blutrot und orange, leuchtend im Aschewald.

Butterfly Wozniak war ein ganz normales Mädchen. Mit zerbrochenen Träumen in einer dunklen Stadt. Ein Engel mit gestutzten Flügeln. Cinderella, die auch den zweiten Schuh verloren hat und nun barfuß durch ihr Leben geht. Zumindest sah sie sich selbst so.

Hätte sie an diesem Morgen gewusst, dass Danny tot war, wäre sie gar nicht zur Arbeit gegangen. So aber schlich sie durch Dunstschwaden, neben sich den Lärm des Verkehrs. Ihr Gesicht kränklich blass im surrenden Schein der Leuchtfassaden. Pfützen, aufgeplatzte Müllsäcke. Mechanisch blieb sie vor dem abgenutzten Automaten stehen, der ihr jeden Morgen ihren kochend heißen Crema in einen Plastikbecher spuckte. Dazu fiel ein in Folie verpackter Glückskeks aus dem Ausgabeschacht, den sie in die Tasche ihrer Jacke stopfte, ohne darüber nachzudenken. Ein dröhnender Müllwagen näherte sich, sprühte einen Nebel aus Reinigungsmitteln über den Gehweg, der sich sofort in weißen Schlieren auf den Boden legte und mit den öligen Pfützen mischte. Butterfly rief dem automatischen Wagen einen halbherzigen Fluch hinterher und wischte über ihr lilafarbenes Regencape. Zum Glück war sie vorbereitet. Und um sich aufzuregen, war sie sowieso zu müde.

Die trübe Sonne versteckte sich hinter den Wolken, als wollte sie nicht mehr auf diese hässliche Stadt scheinen, die sich täglich dreckiger und kaputter aus der Dunkelheit schälte. Butterflys Nacht war kurz gewesen, der frühe Morgen war kalt. Frühschicht. Wahrscheinlich die Spätschicht als Bonusrunde dazu, schließlich hatte Danny alle anderen Bedienungen schon gefeuert. Ein blauhaariger Typ saß auf einem Plastikstuhl mitten auf dem Bürgersteig, das Gesicht rot im Widerschein des Screens, den seine bunt tätowierte Hand umklammerte. Die Augen zuckten unruhig umher, während sein linker Daumen hektisch den Touchscreen bearbeitete.

Butterfly ging an ihm vorbei, kickte eine Pappschachtel beiseite, sah auf die Uhr. Spät dran. Sie eilte zum Diner. Nicht, weil sie die Laune ihres Chefs fürchtete oder weil sie Angst hatte, ihren Job zu verlieren. Nein, das hatte sich geändert. In den letzten Wochen hatte sie den Laden schleichend übernommen, während ihr Boss nur noch körperlich anwesend war, seinen fetten Körper kaum mehr hinter dem Tisch in der Ecke hervorhievte. Seit einer Woche fand sie ihn jeden Morgen dort vor, ohne dass er das Diner in der Nacht verlassen hätte. Eingeklemmt hinter dem Kunststofftisch, umrahmt von zerknüllten Verpackungen und verkrusteten Tellern. Wenn er die Einnahmen sah, die die Tageskasse hergab, zuckte er mit den Schultern, grunzte, holte sich einen Kaffee und verzog sich an seinen Tisch mit dem eingebauten Schirm, um wieder online zu gehen. Dass immer weniger Geld hereinkam, bemerkte er gar nicht, es schien ihn auch überhaupt nicht zu kümmern. Dafür wuchs das Bündel an Scheinen, das Butterfly zu Hause, hinter der Plast-Wand ihrer winzigen Küche, versteckte. Jeden Tag ein bisschen. Sie musste aufpassen, durfte nicht übertreiben. Wenn der Boss etwas mitkriegte, war es vorbei. Oder wenn ihr Freund Zed das Versteck fand. Auch wusste sie nicht, wie lange sich ihr Boss noch so seltsam verhielt – jeden Tag konnte er aus seinem Zustand aufwachen. Jeden Morgen, wenn sie das Diner betrat, fürchtete Butterfly, er wäre wieder der Alte, mürrisch, jähzornig und nur darauf konzentriert, ihr an den Arsch zu fassen. Doch ständig war er online, vertieft in seine neue Leidenschaft. Das ging nicht nur ihm so, immer mehr Verlierer hingen vor Bildschirmen und waren auf der Jagd nach Schätzen. Der neuste Scheiß. Satellitenverbindung, mobiles Terminal, et voilà, willkommen in den Ruinen des alten Internets. Seit Jahren lebte die Welt ohne, nachdem die Menschen es mit all der Macht, mit der sie es aufgebaut hatten, wieder zerstörten. Kein großer Knall, sondern ein leiser, digitaler Tod. Daneben hatten Kriege getobt, wahrscheinlich brauchten die Leute ein Ventil, mussten Blut und Zerstörung sehen können, statt nur gelöschten Daten nachzuweinen.

Jetzt hoffte jeder auf den großen Wurf, auf sensationelle Funde, die er dann zu Geld machen konnte. Die meisten brachten nur Müll zutage, Fragmente alter Pornos, Chat-Protokolle oder völlig uninteressante Log-Dateien, die schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung niemanden interessiert hatten. Die wertvollen Funde wie noch funktionierende Kreditkartendaten oder vergessene Kontoinformationen waren wohl äußerst selten, wenn es sie überhaupt gab. Butterfly wollte ihre Zukunft nicht auf einer so vagen Hoffnung aufbauen. Sie musste zäh sein, um sich aus ihrer üblen Lage zu befreien und wieder fliegen zu können. Aber die Legenden, die sich um solche Funde rankten, um die Millionen, die manch einer mit ihnen gemacht hatte, die waren es, die die Leute an die Schirme fesselten. Auch Zed war auf den Zug aufgesprungen. Hatte sich einen alten Rechner besorgt und hing jetzt den ganzen Tag in der Bude. Faselte davon, dass er wie ein Schatztaucher durch Fragmente einer verlorenen Zeit glitt und ihre Geheimnisse ans Tageslicht holte. Dass er sie reich machen würde, ganz einfach. Aber das lag wohl eher an dem Sniff, den er sich reinzog. Immerhin schlug er sie nicht, solange er damit beschäftigt war.

Als sie heute die Tür zum Diner aufschloss, war irgendwas anders. Sie trat ein, die Glocke an der Tür klingelte leise. So weit alles normal, die schlecht gewischten Tische mit Fetträndern, die Bänke mit zerschlissenen und bekritzelten roten Polstern. Der Tresen, dahinter die Küche. Ihre Schuhe klackerten laut über den Fliesenboden, als Butterfly den Raum durchquerte. Dann fiel ihr auf, was anders war: der Geruch. Unangenehm. Faulig. War die Kühlung ausgefallen? Sie schaltete das Licht ein. Strom war da.

Flackernd erwachten auch die Terminals an den Tischen zum Leben, ihre Schirme bekritzelt und verkratzt, darunter die übergroßen und knallbunten Icons, die zum Surfen im Newnet einluden. Eine saubere, staatlich kontrollierte und grenzenlos uninteressante Cyberwelt. Ignoriert und vergessen.

Dann sah sie Danny. Nach vorn auf den Tisch gesunken, auf dem Screen liegend, als wolle er seine Wange an ihn pressen, eine Liebkosung erzwingen. Doch das Auge, das zur Seite starrte, war tot. Kleine Fliegen schwirrten um ihn herum. Als Butterflys Gehirn den Geruch und seine Ursache begriff und in Zusammenhang brachte, kotzte sie ihren Takeaway-Kaffee auf die Fliesen.

Kurz darauf saß sie in der Küche, während vorne zwei Sanitäter und ein Polizist die Leiche bargen. Ob der Kerl wirklich ein Bulle war? Für Butterfly sah er eher aus wie ein Organhändler, Facetattoo, bulgarischer Imitat-Goldschmuck. Aber egal, Hauptsache, sie schafften Dannys Kadaver fort.

Sie war verunsichert, ihre Hand zitterte leicht, als sie ihren Kaffeebecher zur Hand nahm. Tee, sie sollte doch Tee trinken, wegen ihrem Magen. Und dem Kind. Sie spürte keine Trauer, kein Mitgefühl. Für sie war er immer nur der Fettsack gewesen, der sie bezahlte und ihr dafür ab und zu mal an den Arsch packen durfte. Egal. Wie sollte es jetzt weitergehen? Sie war sicher, dass das Diner nicht Danny gehört hatte, es musste also irgendwo einen Besitzer geben, der nun womöglich hier aufräumen wollte. Butterfly beschloss, erst einmal so weiterzumachen wie bisher. Jetzt konnte sie sich noch gründlicher an den Einnahmen bedienen. Umso schneller kam sie hier raus. Sie schnappte sich einen Lappen. Frühschicht.

»Wo ist Danny?« José kam kurz vor Mittag in den Laden.

»Tot.«

»Mhmm.« Er hörte gar nicht zu, schaute auf das Display seines Smartphones, während er sich die Jacke auszog. Akrobatisch, um nicht den Sichtkontakt zum Bildschirm zu verlieren.

Butterfly seufzte. »Hast dir jetzt auch diesen Scheiß besorgt?«

José löste seinen Blick von dem Gerät in seiner Hand und schaute sie unter seinem blondierten Schopf kritisch an. »Was?«

»Bist du jetzt auch so ein Spinner geworden?«, antwortete sie und deutete auf sein Phone.

»Ach so. Ja, haben jetzt alle. Ist aber scheiße, werd’s wieder löschen. Davon kackt mein altes Teil immer ab. Obwohl ich mir geile Zugänge besorgt hab.«

Butterfly nickte. »Will ich hier auch nich sehen. Du sollst kochen, sonst nix.«

José runzelte die Stirn. »Machst du jetzt auf Boss, oder was? Was is’n mit Danny?«

»Tot. War kein Witz.«

José schluckte. »Echt? Puh. Das ist schräg.«

»Schräg?«

»Ja, erst gestern sind zwei Leute in meinem Block draufgegangen.«

»Und?«

»Beim Surfen. Echt unheimlich. Die Kontaktnetze hingen ihnen noch am Schädel. Hirn gegrillt.«

»Und du hast das gesehen, oder hat dir das einer von deinen schlauen Freunden erzählt?«

Er beugte sich näher zu Butterfly. »Die hatten sich richtig krasse TLDs besorgt. .hk und .tw. Da gibt’s eine Menge zu holen. Nicht nur so zerfledderte Fragmente wie auf .de und so.«

»Du spinnst.«

»Ey, was weißt du denn schon? Kennst du dich aus? Wohl nicht, oder?«

Butterfly hielt ihm den ausgestreckten Mittelfinger ins Gesicht.

»Schon gut. Ey, sag mal – was is’n jetzt? Ich mein, wenn Danny tot ist? Wie geht das hier weiter?«

»Ich übernehm den Laden.«

»Ach du Scheiße.«

Level 2

Der Krieger trifft auf ein Tor, davor eine steinerne Brücke, grün von Moos. Das Tor wirkt winzig in der endlos hohen Mauer, deren grauer Fels irgendwo in den Wolken den Himmel durchbricht.

Das Fell der Wölfe dampft, sie keuchen und legen sich ins Laub, während der Krieger nur kurz verharrt, die Brücke und den Eingang in Augenschein nimmt und dann mit weiten Schritten im Dämmerlicht dahinter verschwindet. Als er den Torbogen durchschreitet, blitzen die Klingen der Schwerter auf, die er aus ihren Scheiden zieht.

Am Abend kamen die ersten Gläubiger. Eher so Mafiatypen, Schutzgeld kassieren. Sie waren zu zweit, ein bulliger Riese, sah aus wie ein russischer Boxer. Der andere war klein, trug einen Anzug, nach hinten gegeltes Haar. Einen fiesen Ausdruck in den Augen. José hatte sich nicht blicken lassen, seit sie mit Putzen angefangen hatte. Die Küche sah aus wie Sau, er war weg. Wahrscheinlich für immer.

»Wo ist Danny?«, fragte der Kleinere, während der andere sich hinter ihm in Position brachte. Wohl die Frage des Tages. Butterfly zuckte mit den Schultern.

»Hey Kleine, wo dein Boss ist, will ich wissen.«

Wo kamen diese Typen her? Was hatten sie mit Danny zu schaffen? Damit es mit dem Laden weiter gehen konnte, musste Butterfly sie loswerden. Irgendwie. Stoisch wischte sie weiter. Immer die gleiche Stelle. Ihre Hände zitterten schon wieder, sie umklammerte den Stiel des Wischmops, als hinge sie daran über einem Abgrund. Was wollten die? Schutzgeld? Butterfly wusste nicht, ob Danny welches zahlen musste. Aber sie wusste vieles nicht. Eigentlich hatte sie gar keine Ahnung, wie sie den Laden führen sollte, sie konnte nur Geld aus der Kasse greifen. Zum Lernen blieb ihr nur leider keine Zeit. Ein schmerzhafter Klumpen bildete sich in ihrem Magen, als der Kerl von hinten an sie herantrat. Eine Wolke von Zigarettenqualm und zu viel Moschus umgab ihn. Grob griff er in ihr Haar, riss es nach hinten. Ihre Augen wurden vom grellen Deckenlicht geblendet. Sie kreischte auf, versuchte, von ihm wegzukommen, doch er hielt ihren Kopf fest. Noch mehr Schmerzen. »Hör auf!«, rief sie. »Was wollt ihr? Danny ist nicht da.« Das war jetzt ihr Laden. Diese Arschlöcher würden ihn ihr nicht sofort wieder wegnehmen.

»Und wieso waren heute die Bullen hier? Verkauf mich nicht für blöd. Ihr Schlampen wisst doch immer am besten Bescheid, habt eure neugierigen Ohren überall.«

Butterfly überlegte, ob sie den Kerl schon mal gesehen hatte, konnte sich aber nicht erinnern.

»Na los, jetzt red schon.« Grob fasste er an ihre linke Brust, sein Mund war nun ganz dicht an ihrem Ohr. »Oder muss ich dafür netter zu dir sein?« Seine Zungenspitze berührte ihr Ohrläppchen. Butterfly zuckte zusammen. Bilder zuckten durch ihren Verstand, löschten alle Überlegungen aus. Übelkeit breitete sich in ihr aus. Mit voller Kraft stieß sie den Wischmop nach hinten. Nie wieder würde jemand sie so anfassen Der Kerl gab ein überraschtes Stöhnen von sich, als ihn der Stiel voll erwischte. Er lockerte den Griff in ihren Haaren, zog die Hand dann ganz weg und klappte zusammen. Er riss ein paar Haarsträhnen mit sich, Tränen schossen Butterfly in die Augen. Sie ließ den Mop fallen, stürmte am Tresen vorbei in die Küche. Hämmerte die Tür zu und legte den metallenen Riegel um. Durch das Fenster in der Tür konnte sie das dümmliche Gesicht des Muskelbergs sehen, das rot anlief. Er donnerte gegen die Tür, konnte aber nichts ausrichten. Butterfly rannte durch die Küche, riss Pfannen und Töpfe zu Boden. Griff instinktiv ihre Jacke mit Schlüsseln und Taser drin, zur Hintertür hinaus, nur weg.

Im Hof, nach rechts. An Müllcontainern vorbei, in die Nebenstraße. Sie rutschte aus, ruinierte ihre Strumpfhose am linken Knie. Dann hörte sie schon Schritte hinter sich. Wie schnell war denn dieser Kerl? Der Muskelberg raste um die Ecke, ihr schien es, als materialisiere er aus dem Nichts. Dem würde sie nicht entkommen. Entmutigt rannte sie noch einige Schritte, dann packte er sie und riss sie von den Füßen. Trug sie zurück nach drinnen.

Der Kerl im Anzug lehnte an einem der Tische. »Da ist sie ja wieder.« Ein schiefes, kaltes Grinsen. »Nun, wenn Danny nicht da ist, nehmen wir sie eben als Pfand mit. Ganz einfach.« Er trat auf sie zu, während der andere ihr die Hände hinter dem Rücken zusammendrückte. »Vielleicht kannst du dich ja in der Zwischenzeit nützlich machen.« Er presste sich an sie, rieb mit seiner Hand über ihren Schritt. Butterfly wurde wieder übel. Der Schmerz von damals, die Erinnerungen, die sie in ein dunkles Loch tief in ihrem Inneren vergraben hatte, brachen wieder hervor. Ihr Körper wurde hart wie Stein, sie konnte sich nicht rühren. Bitte nicht. Bitte nicht.

Sie musste die Tränen zurückhalten, presste die Lippen aufeinander. Der Riese zog sie zum Vordereingang. In diesem Moment flog die Tür auf, José kam hereingestürmt. »Hey Butterfly, immer noch hier? Hab noch was …« Weiter kam er nicht. Er verstummte, als er vom Display seines Telefons aufblickte und in das Gesicht des Riesen starrte. »Scheiße«, rief er noch, dann drehte er sich um und sprang zur Tür zurück. Der Muskelmann war irritiert, Butterfly spürte, wie sich sein Griff lockerte. Er wusste offenbar nicht, ob er sie weiter festhalten oder den unerwarteten Zeugen verfolgen sollte. Ein Schauer überlief sie, löste ihre Erstarrung. Sie trat nach hinten, traf mit dem Absatz sein Schienbein. Trat nochmal und nochmal zu, bis seine Hände sich ganz gelöst hatten. Dann stürzte sie vorwärts, folgte José in die Nacht. Dann bestand alles nur noch aus vorbeirasenden Lichtern, dem Brennen in ihrer Lunge und dem Knoten der Angst in ihrem Bauch.

Keuchend hockte Butterfly sich an eine Hauswand, als sie sicher war, dass die Typen ihr nicht weiter gefolgt waren. Sie hustete. Über ihr hing eine zerlumpte China-Laterne, der Geruch von gebratenem Hühnchen fettig in der Luft. Wie Pixel umschwirrten Mücken den Lampenschirm.

Butterfly weinte, ihre Tränen zeichneten schwarze Spuren aus Kajal auf die Wangen. Sie fror, steckte die Hände in die Taschen. Stieß auf etwas Knisterndes, zog den verpackten Glückskeks hervor, den sie am Morgen aus dem Kaffeeautomaten bekommen hatte. Sie wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht, schwarze Spuren blieben an der Regenjacke kleben.

Ihr Magen knurrte. Sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Ungeduldig riss sie die Verpackung auf und zerbrach den Keks. Sie stopfte die nach nichts schmeckenden Hälften in den Mund. Zurück blieb der kleine Zettel aus dem Inneren des Kekses. Na, du kleiner Bastard, was willst du mir über meine Zukunft sagen? Sie rollte ihn auseinander und las.

Nun ist es an DIR, lieber Leser, zu entscheiden – welche Nachricht findet Butterfly in ihrem Glückskeks?

»Folge dem Weg der Ratte« – dann lies beim gleichnamigen Abschnitt weiter.

»Betritt den Pfad des Schafs« – gehe zum Abschnitt mit diesem Titel.

Der Weg der Ratte

Level 3

Ein Labyrinth aus Dächern und Balken. Treppen aus Holz und Stein führen auf zugige Türme und in feuchte Keller. Knöcheltiefer Schlamm wechselt sich ab mit edlen Teppichen, die jeden Schritt verschlucken.

Überall in den Schatten und Winkeln scheinen Augen zu starren, dem Krieger mit Blicken zu folgen. Seine Miene bleibt unbewegt, seine Klingen teilen Vorhänge oder brechen Holzstützen, um ihm einen Weg zu bahnen. Tiefer hinein ins Dunkel, zum Herzen der Stadt.

Das einzige Licht in der winzigen Wohnung ging von dem Bildschirm aus, auf dem flackernde Videofragmente tanzten. Zed schlief im Sessel davor, leere Sniff-Packungen und Getränkedosen lagen herum. Butterfly nahm sich einen Augenblick, sah ihn an. Ein Bluterguss an ihrer Schulter pulsierte schmerzhaft, als wolle er sie daran erinnern, was Zed ihr angetan hatte. Ihr antat, immer wieder. Warum sie nicht längst gegangen war, konnte sie sich selbst nicht erklären. Doch ihre lähmende Angst war fort, sie hatte sie auf der Flucht vor den Geldeintreibern verloren.

Schnell packte sie ein paar Sachen in ihren Rucksack, riss die türkisfarbene Abdeckplatte von der Küchenwand und holte das Geld aus dem Versteck. Eilig stopfte sie es in eine Seitentasche, als sich eine Hand um ihre Schulter schloss. »Was soll das denn werden?« Zed starrte sie an, blickte zu der Öffnung in der Küchenwand, dann wieder zu ihr.

Sie wich ihm aus, packte weiter.

»Ich rede mit dir!« Er wurde laut. Gleich würde es losgehen. Butterfly nahm einen Pullover von der Sessellehne, packte ihn ein, zog den Reißverschluss zu und wandte sich zum Gehen. Zed holte aus und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Weiße Sterne tanzten vor ihren Augen. Sie biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Dann griff sie in die Jackentasche, holte den Taser hervor, drückte ihn dem wutschnaubenden Zed vor den Bauch und drückte ab. Er gurgelte, taumelte unkontrolliert zurück und sackte stöhnend in sich zusammen.

Ohne einen Blick zurück verließ Butterfly die Wohnung. Sie bemerkte nicht, wie sich mehrere Männer von der anderen Treppe aus näherten. Männer, die Zed suchten.

Level 4

Ein Teich unter steinernem Himmel, Moos leuchtet, das Wasser tanzt. Seerosen blühen in zahllosen Farben. Acht Brücken, die hinüberführen, auf die Insel im Inneren. Darauf, leuchtend, wirbelnd und zu schön, um direkt hineinzusehen – das Herz der Stadt. Sein Pulsieren so grausam, ehrfurchtgebietend, alles unterwerfend, aber auch warm, empfangend, wie der Schoß einer Mutter.

Zum ersten Mal zögert der Krieger, bevor sein Schritt wieder an Entschluss gewinnt und ihn hinüberträgt, über eine der Brücken und hinein ins rot lodernde Herz.

Ständig musste sie fliehen, nirgends konnte sie länger als ein paar Tage Unterschlupf finden. Sicher, sie hätte das Terminal abschalten können oder es ganz loswerden. Teure Tarnsoftware besorgen, um ungesehen im Internet unterwegs zu sein. Aber zu nichts davon war sie in der Lage. Das billige Gerät, für das sie auf dem Schwarzmarkt den Großteil ihres Geldes ausgegeben hatte, war träge und auffällig. Trotzdem brauchte sie es – es war das, was ihr einen Weg hier raus ebnen konnte. Sie tat es für die kleine Future, die in ihrem Bauch heranwuchs. Butterfly hatte das System verstanden. Das System, mit dem die meisten der Sucher ins Internet gingen, wurde überwacht. Und wenn tatsächlich jemand etwas Bemerkenswertes fand, kamen sie und holten es sich. Meist überlebten die Sucher dieses Treffen nicht. Deshalb musste sie flink sein, kleine Funde sofort zu Geld machen, ständig unterwegs sein. Flucht in ihr neues Leben. Im Moment bestand es nur aus Bahnstationen, Plastikschalensitzen und Essen aus Automaten. Genaugenommen war sie obdachlos, aber sie hatte ein Ziel. Einen Ort zu finden, an dem sie ihre Tochter zur Welt bringen konnte. An dem die kleine Future aufwachsen und gedeihen konnte. An dem sie es besser hätte als ihre Mutter. Eine Hoffnung, so alt wie die Menschheit. Ein paar Monate hatte sie noch Zeit. Diese Zeit galt es zu nutzen. Schnell loggte sie sich wieder ein.

E N D E

Der Pfad des Schafs

Level 3

Ein Labyrinth aus Dächern und Balken. Treppen aus Holz und Stein führen auf zugige Türme und in feuchte Keller. Knöcheltiefer Schlamm wechselt sich ab mit edlen Teppichen, die jeden Schritt verschlucken.

Der Krieger stolpert zum ersten Mal, verfängt sich in dornigem Gestrüpp. Bedrohliches Knurren aus den Schatten, dann hat er sich befreit, wirbelt die Klingen, verjagt die Dämonen und schreitet voran. Tiefer hinein ins Dunkel, zum Herzen der Stadt.

Das einzige Licht in der winzigen Wohnung ging von dem Bildschirm aus, auf dem flackernde Videofragmente tanzten. In der Fensterscheibe spiegelten sich die Umrisse von mehreren Männern. Butterfly wich zurück, als sie die Schläger im Wohnzimmer erblickte. Doch zu spät, einer hatte sie bemerkt, griff sie am Arm und zerrte sie hinein.

Auf dem Boden lag Zed, im fast dunklen Raum kaum zu erkennen, sein Gesicht erschien grau im Licht des Screens. Alles wirkte uralt, dunkle Flecken bedeckten Zeds Gesicht an den falschen Stellen. Jemand schaltete eine Lampe an, die Flecken färbten sich rot, alles gewann an Farbe. Zed zitterte, seine Augen flackerten unruhig. Butterfly konnte die Pisse riechen, die seine Hose durchnässte. Sie selbst spürte kaum Angst, sie war wie betäubt. Ihr Blick huschte zum Versteck in der Küche – niemand hatte es bislang entdeckt.

Zwei der Männer schrien auf Zed ein, nannten irgendwelche Geldbeträge, schlugen ihn. Kraftlos hob er die Arme, versuchte, die Angriffe abzuwehren. Immer wieder fiel sein Kopf von einer Seite zu anderen. Der Kerl, der Butterfly mit eisernem Griff festhielt, fing jetzt an, an ihr rumzufummeln, während er mit breitem Grinsen die Prügelei anstarrte. Der war sicher auf Sniff. Zed hoffentlich auch, das würde zumindest seine Schmerzen lindern.

Es ging immer weiter, sie ließen nicht von ihm ab. Mit der Faust ins Gesicht, dass Blut aus der Nase schoss, mit den Füßen in den Bauch. Bis Butterfly es nicht mehr aushielt.

»Hört auf!«, schrie sie. Tu es nicht, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Doch Butterfly riss sich von dem Kerl los, der sie betatschte, und ging in die Küche. Tränen strömten jetzt unkontrolliert über ihr Gesicht. Sie zerrte an der Wandverkleidung, brach sie ab. Zwei Finger bluteten, als sie das Geld aus dem Fach zog und es den Schlägern vor die Füße warf. »Nehmt das und dann verpisst euch!« Schrie sie. Halb vor Zorn, halb vor Fassungslosigkeit über das, was sie gerade getan hatte.

Einer der Männer bückte sich und hob das Geld auf, ließ es im Inneren seiner Jacke verschwinden. Dann nickte er dem anderen kurz zu, musterte Butterfly noch einmal mit einem abschätzigen Blick. Endlich setzten sie sich in Bewegung und verließen die Wohnung.

Butterfly hockte sich neben Zed und weinte, boxte ihn, sprang auf, suchte Verbandszeug, nahm sein Terminal und warf es aus dem Fenster, verband ihn, weinte wieder, bis sie schließlich entkräftet auf dem Teppich neben ihm einschlief.

Level 4

Ein Teich unter steinernem Himmel, Moos leuchtet, das Wasser liegt still da. Acht Brücken, die hinüberführen, auf die Insel im Inneren. Einige zerfallen. Auf der Insel ein Wald, schlanke Stämme, dicht an dicht, die Äste eng miteinander verschlungen. Blasses Licht dringt aus dem Inneren des Waldes, kühl und starr.

Der Krieger zögert, bevor er vorsichtig die Brücke vor sich überquert. Steinbrocken fallen heraus und versinken im Wasser. Der Wald zeichnet verwirrende Muster mit seinen Schatten auf den Boden. Der Krieger lässt die Klingen wieder an ihren Platz auf seinem Rücken gleiten und tritt zwischen die Bäume, dem Licht entgegen.

Die Trennung von Zed fiel ihr plötzlich nicht mehr schwer. Ein paar Sachen packen und dann los. Die Angst, dass er sie suchen, finden und zurückschleppen würde, war weg. Eine neue, noch kleinere Wohnung, ein neues Versteck hinter den Küchenfliesen.

Mit den Suchern, die ihr Glück in den Trümmern des alten Netzes suchten, wollte sie nichts mehr zu tun haben. Immer mehr von ihnen starben dabei. Danny war nur einer von vielen gewesen. Schnell hatten sich Banden gebildet, die ein Überwachungsnetz eingerichtet hatten. Hacker, die aufspürten, wenn jemandem tatsächlich einmal etwas Wertvolles in die Hände fiel. Und Schläger, die es ihm schnell wieder abnahmen. Doch Butterfly kannte all das nur noch vom Hörensagen. Sie hielt den Kopf unten, suchte sich einen neuen Job und trainierte ihre Geduld. Niemand würde sie mehr schlagen, das hatte sie sich geschworen. Sie fügte sich in ihren Platz in der Welt, wartete ab und sparte eisern. Die kleine Future sollte es einmal besser haben als ihre Mutter. Dafür kämpfte sie, und dieser Kampf ging leise vonstatten. Schritt für Schritt.

E N D E


Friedensleere

Jan-Tobias Kitzel

Frank unterdrückte ein Gähnen und streckte sich. Die Metallstreben des Stuhls drückten in seine Seite. Klar, warum sollte er auch eine bequeme Sitzmöglichkeit gestellt bekommen? Schließlich wurde von ihm erwartet, die meiste Zeit die Gänge entlangzustreifen. Fürs Sitzen wurde er nicht bezahlt.

Eine Wartungsdrohne flog wenige Zentimeter über Franks Kopf hinweg und verschwand im Halbdunkel der riesigen Lagerhalle. Das elektrische Surren tausender Drohnen war neben dem beständigen Trommelfeuer des Regens auf dem Metalldach das einzige Geräusch, das Franks Nachtwache begleitete. Er nahm die Füße vom abgewetzten Tisch und legte stattdessen das zerfledderte Taschenbuch dort ab. Wie gerne hätte er sich eine neue Folge »Paradise 24« reingezogen. Aber die Überwachungstechnik bekam mit, wenn er in die VR ging. Für altmodische Bücher auf Papier hingegen war sie blind. Frank rieb sich schmunzelnd den schmerzenden Rücken. Dieser Job machte ihn zu einem der wenigen Menschen auf Erden, der noch Bücher auf echtem Papier las.

Langsam stand er auf, nahm noch einen Schluck Kaffee aus seinem Thermobecher, stellte ihn wieder auf den Tisch zu unzähligen Kaffeeflecken, die aus dem uralten Möbel ein modernes Kunstwerk machten. Dann zog er die Taschenlampe aus dem Gürtel und ging langsam den Hauptgang der Lagerhalle entlang. Zwei Putzdrohnen saugten fast lautlos Staub von einer der Aufbewahrungseinheiten. Ohne ihre emsige Arbeit wäre hier alles voller Dreck gewesen.

Er wusste noch, wie es hier vor dem Gesetz ausgesehen hatte, bevor die Regierung so gut wie jedes freie Depot für ihre Zwecke übernommen hatte. Er war schon früher Wachmann in dieser Einrichtung gewesen. Eine schöne Zeit. Die ganze Schicht über hatte er seine Serien in der VR erleben können. Für die hier damals gelagerten Trockennahrungsmittel in riesigen Kanistern hatte sich kaum einer interessiert. Ab und zu mal ein paar Lausbuben, die einen auf Mutprobe machen wollten. Und einmal am Tag Lieferung und Abholung. Das war es schon gewesen. Aber jetzt war richtig Betrieb! Frank schnaufte wehmütig und lief den Gang weiter herunter.

Der Strahl der Taschenlampe fiel auf die Aufbewahrungseinheiten. Ihre heruntergedimmten Displays waren die einzigen Lichtquellen und ließen das Lagerhaus wirken, als ob sich tausende Glühwürmer ordentlich in Reih und Glied niedergelassen hätten. Am Anfang – kurz nach dem Gesetz – hatte sich Frank noch geschworen, seine Arbeit hier bald zu beenden. Er hatte sie nicht mehr gemocht. Die Ruhe war weg gewesen. Die neuen Herren hatten ständiges Patrouillieren gewünscht. Dabei machten die Drohnen ihre Sache so gut – wenn Frank einmal im Monat einen Techniker rufen musste, war das schon viel. Die Perimeterdrohnen hielten außerdem alle Neugierigen fern. Nur die Lieferungen kamen viel häufiger als früher. Jeden Tag mindestens drei, manchmal bis zu zehn. Das Gesetz funktionierte gut. Aber selbst dafür wurde er nicht benötigt, die Anlieferung erfolgte vollautomatisch, die Drohnen übernahmen alle Arbeiten. Es war sterbenslangweilig.

Dann hatte er herausgefunden, wo die neu installierte Überwachungstechnik ihre Lücken hatte. Sie konnte zwar feststellen, wenn er nicht regelmäßig seinen Rundgang machte. Aber nicht, was er dazwischen tat, solange keine Technik im Spiel war. Also hatte er sich eine altertümliche Leselampe auf dem Flohmarkt besorgt, die man sich mit einem Band vor die Stirn binden konnte. Eigentlich war sie wohl mal unter Tage im Einsatz gewesen. Aber ihr früherer Besitzer hatte wohl nichts dagegen, dass ihr Schein mittlerweile auf Reihen von Wörtern fiel. Er hatte mit billigen Groschenromanen begonnen, die es auf den Flohmärkten kiloweise gab. Doch seit einigen Monaten war er, was Papierbücher anging, zum Feinschmecker geworden. Derzeit las er »Die Straße«, eine gut hundert Jahre alte Endzeitgeschichte, die damals einige Preise abgeräumt hatte. Gutes Buch, für seinen Geschmack fast etwas zu düster. Da lebte er doch lieber im Hier und Jetzt, wo alles seine Ordnung hatte. Insbesondere nach dem Gesetz.

Frank beobachtete eine Reinigungsdrohne, die in stoischer Ruhe eine Aufbewahrungseinheit wienerte. Im Schein seiner Taschenlampe konnte sich Frank darin spiegeln sehen. Tausende der Einheiten stapelten sich neben- und übereinander in der Lagerhalle mit den Ausmaßen eines Flugplatzes. Man konnte sich hier drin sehr klein vorkommen. Frank ging weiter. Seine Schritte hallten durch die Leere.

Toldo duckte sich in den Busch. Blätter kratzten auf seinen Wangen, ein aufgeschrecktes Insekt schwirrte davon. Der Duft nach Moos und Erde lag in der Frühlingsluft. Tobias sog sie ein, füllte seine Lungen. So sollte ein Mann sich fühlen. Lebendig. Bereit, sein Schicksal anzunehmen. Der Sommer war gut zu ihnen gewesen. Die Bäuche stets gefüllt, die Jäger hatten reiche Beute gemacht. Und nun war es an ihm, eine Trophäe nach Hause zu bringen, die dem Häuptling gefallen würde. Die ihm zeigte, dass aus Toldo in den letzten Monaten ein echter Mann geworden war. Einer, der es wert war, die Häuptlingstochter zur Frau zu nehmen. Allein der Gedanke an Sira genügte, um ihn mit einem Gefühl des Glücks zu erfüllen.

Toldo verharrte im Busch. Die Lichtung lag vor ihm. Er hatte sie in den letzten Tagen ausgekundschaftet. Eine Quelle entsprang an einem großen Stein mitten auf der Fläche und breitete sich als schmaler Fluss in Richtung der Ebenen aus. Die Koljaks kamen jeden Mittag her, kurz bevor die Sonne ihren höchsten Punkt erreichte und die Luft in flüssiges Feuer verwandelte. Sie tranken sich ihre drei Mägen voll, bevor sie sich in den kühlen Schatten des Waldes verkrochen, um die nächsten Stunden in der Dämmerung ihrer Träume zu verbringen.

Toldo merkte, wie die Nackenmuskeln ob der Hocke zu krampfen begannen. Er ignorierte es ebenso wie das wachsende Gewicht des Speers in seiner Hand. So, wie die Alten es ihm gezeigt hatten in den Jahren der Jagd. Die Sinne nur auf das Ziel, der Körper weit weg. Er war nur eine Waffe aus Fleisch und Blut.

Die Zeit verstrich. Ein Pelzwurm kroch über seinen nackten Fußrücken. Toldo schaute zu ihm herunter und schenkte dem Kleinen ein Lächeln. Pelzwürmer galten als Glücksbringer, wenn sie von sich aus die Nähe des Menschen suchten. Sollte heute sein Traum in Erfüllung gehen? Das Jahr war gut zu ihm gewesen.

Ein Knacksen. Dann noch eins. Toldo schaute hoch. Ein Koljak verließ auf der gegenüberliegenden Seite den Wald. Das silberne Geweih war klein. Ein Jung-Koljak, vielleicht drei Jahre alt. Ein älteres Weibchen kam hinter ihm aus dem Dickicht, streckte den Kopf in die Höhe und prüfte die Luft. Toldo wagte keine Bewegung. Aber sein Versteck war gut gewählt. Die Koljaks witterten ihn nicht. Langsam trotteten sie auf die offene Fläche, näherten sich dem kühlen Nass. Wo blieb der Alpha? Toldo atmete so flach wie möglich, verschmolz mit dem Blätterwerk um ihn herum. Ein Schwarm Vögel flog über sie hinweg. Sie waren zu hoch, um sie zu erkennen, aber ihr vielstimmiger Singsang klang bis zu ihnen hinunter. Toldo hörte es und musste automatisch an Siras wunderschöne Stimme denken. Wenn sie lachte, war er mit ihr in einer eigenen Welt, nichts anderes existierte dann mehr.

Plötzlich eine Erschütterung direkt hinter ihm. Toldo fuhr herum, glitt auf dem moosigen Untergrund aus und fiel aus dem Busch heraus, auf den Rücken. Ein Koljak. Nein, nicht irgendeiner. Der Koljak. Der Alpha! Die Sonnenstrahlen spiegelten sich im Silber seines Geweihs. Selbst die dunkelste Nacht war hell gegen das Schwarz seines Fells. Doch nichts davon war so imposant wie die strahlend grünen Augen. Die leider direkt auf Toldo gerichtet waren. Die Reflexe gewannen Oberhand, die Welt verblasste. Mit einem Sprung war Toldo auf den Füßen. Der Alpha folgte ihm mit seinem Blick. Selbst im Stehen kam ihm das Tier riesig vor, Toldos Kopf war kaum auf Brusthöhe.

Mit einem einzigen Hieb der Hufe konnte ein ausgewachsener Koljak einen Mann schwer verletzen. Aber das hier war nicht irgendein Koljak. Es war der Koljak. Der Alpha. Er hatte Toldo bemerkt. Dieser ihn leider zu spät. Ein Kampf war unausweichlich. Tod oder Sira. Es gab nichts dazwischen. Toldo schaltete das bewusste Denken ab, wie er es gelernt hatte. Er sprang, ehe der Alpha ihn endgültig als Gefahr einordnen konnte. Toldo stieß den Speer im Sprung vorwärts. Doch dieser Koljak war alt. Älter als der weiseste Mann seines Stammes. Er hatte Zeiten kommen und gehen gesehen. Winter war auf Sommer gefolgt, ein nicht enden wollender Strom.

Der Alpha machte nur eine einzige, kleine Bewegung zur Seite, doch sie ließ Toldos Speerangriff ins Leere stoßen, sein Sprung ging direkt an ihm vorbei. Der Jäger rollte ab, drehte sich wieder zum Tier, wollte gerade wieder angreifen, da übernahm der Koljak die Initiative. Der Alpha warf den Kopf in den Nacken, sein Röhren vibrierte in Toldos Brustkorb. Innerhalb eines Wimpernschlags hatte der Alpha seinen Platz in dieser Welt klargemacht. Er war immer hier gewesen. Und wollte es bleiben. Toldo kämpfte nicht gegen ein Tier. Er kämpfte gegen die Zeit an sich. Er hatte sich noch nie so lebendig gefühlt. Der Alpha senkte das Geweih, stürmte vorwärts. Toldo rammte seinen Fuß in die Erde, nahm alle Kraft zusammen, ließ die Muskeln explodieren und sprang vorwärts. Hölzerner Speer. Silbernes Geweih. Eines von beiden würde gleich Leben nehmen.

Ruth rutschte auf ihrem Sitz hin und her. Emily müsste gleich dran sein. Der in der Schulaula-Atmosphäre beständig vor sich hin schwitzende Mann neben ihr hielt seine Kamera ein Stück höher, damit sie die Bühne besser erfasste. Die noch etwas dickere Frau neben ihm klopfte aufgeregt auf seine Schulter.

»Da ist sie!«

Offenbar war ein Kind gemeint, dass gerade als Erbse verkleidet am Rand der Schulaufführung seinen Part hatte. Die dazu passende Kindermusik kratzte aus altersschwachen Lautsprechern durch die stickige Luft.

Ruth hätte dennoch an keinem anderen Ort der Erde sein wollen. Die Musik verklang, und Dutzende standen auf, spendeten ihren Kindern Beifall, die teilweise unbeholfen in ihren Gemüse-Kostümen die Bühne verließen.

Der Direktor im schlecht sitzenden Anzug trat auf die Bühne, nahm das Mikrofon und kündigte als Abschluss dieses laut seinen Worten gelungenen Abends den Auftritt des Schulorchesters an.

Ruth lächelte.

Das Orchester betrat die Bühne, stellte Notenständer auf, trug Instrumente herein. Die drei Sänger stellten sich vor die Musiker. Ruth hatte nur Augen für das blonde Mädchen in der Mitte. In ihrem weißen Kleid wirkte Emily ein paar Zentimeter größer, fast schon wie elf und nicht mehr »nur« zehn Jahre alt, wie sie nicht müde wurde zu betonen.

Ruths Herz machte einen Sprung, und sie musste eine Träne unterdrücken, als die Musik begann. Mehr schlecht als recht fügten sich die einzelnen Instrumente zu einem Lied zusammen. Doch es war ihr völlig egal, ihr Blick war allein auf das kleine Mädchen gerichtet. Auch die beiden Jungs neben ihr, die Emily um gut einen Kopf überragten und auf ihre Gesangseinlage warteten, ignorierte sie.

Das Lied hatte die Einleitung hinter sich gelassen, die Sänger stimmten ein. Irgendetwas Patriotisches rund um ihr Fleckchen Erde, was Ruth kaum gleichgültiger hätte sein können. Seitdem die Ärzte ihr vor einem Jahr gesagt hatten, dass sie noch rund achtzehn Monate leben würde, galt alle Kraft ihrer Enkelin. Ihrer einzigen Enkelin. Die letzten elf Monate hatte sie so intensiv er- und gelebt, wie nie zuvor. Sie sog jeden Moment auf, presste ihn in ihre Seele, sodass sie sich selbst in der Unendlichkeit daran erinnern konnte.

Emilys Solo! Die beiden Jungs verstummten, und Emilys helle Kinderstimme erfüllte den Saal. Der Gesang war gut, die meisten Töne traf sie. Ruth konnte nicht mehr. Tränen liefen ihr die Wange hinunter, und sie schämte sich nicht dafür. Die letzten Wochen hatten sie jeden Tag für diesen Abend geübt. Es war eine wundervolle Zeit gewesen. Die Ouvertüre ihres Endes. Ein altes Leben ging glückserfüllt zu Ende. Und ein junges machte sich gerade erst daran, die nächsten Schritte zu gehen.

Das Lied war vorbei. Ruth stand auf, applaudierte so fest, dass ihre Hände schmerzten. Sie jubelte, rief Emilys Namen. Ihre Enkelin sah sie und winkte zurück. Der Abend hätte besser nicht sein können. Wie so viele in den letzten Monaten. Dieser Moment war der lebendigste seit der Diagnose. Im nunmehr fast verstrichenen Jahr hatte sie mehr Glück erfahren dürfen, als sie zu träumen gewagt hätte.

Mark gab der vor ihm aufstöhnenden Rothaarigen einen Klaps auf den nackten Arsch. Sie drehte sich um und warf ihm einen Blick zu, der ihn noch fester zustoßen ließ. Die Frau zuckte lustvoll und ging in seinem Rhythmus mit. Schneller, immer schneller. Schweiß tropfte von seiner Stirn auf den wunderschönen Rücken der Endzwanzigerin. Die Frau kreischte genau in dem Moment im Höhepunkt auf, als auch er kam. Sekunden dehnten sich zu einer Ewigkeit der Lust, dann sanken sie auf das zerwühlte Bett in der Luxuskabine des Kreuzfahrtschiffs. Die Rothaarige – Melissa? Melinda? Irgendwie so was – gab ihm einen Kuss auf die Wange und lächelte ihn anerkennend an, bevor sie aufstand und ins unanständig große Bad hüpfte. Durch die Glasscheibe konnte er sehen, wie sie unter die Dusche ging. Das Wasser floss über ihren makellosen Körper. Mark schaute an sich herunter. Man mochte ihn kaum für Anfang vierzig halten, dem Geld sei Dank.

Sein Blick schweifte durch die Kabine. Er hörte das Meer durch die geöffnete Schiebetür seines Außenbalkons, roch die salzige Luft, unterlegt mit dem Duft nach Sex. Mark streckte sich im Bett aus, wodurch eine leere Champagnerflasche von der Matratze rollte. Was ein Lottogewinn so alles verändern konnte. Vor ein paar Monaten war er noch dabei abzustürzen. Job weg. Freundin ebenfalls. Die Wohnung würde bald folgen. Dann kam das große Glück. Ein nebenher ausgefüllter Lottoschein an einer Tankstelle war der Schlüssel gewesen. Seitdem ähnelte sein Leben einem einzigen Traum. Dank Personal Trainer und ein paar Operationen hätte ihn keiner seiner alten Freunde mehr wiedererkannt – falls er den Kontakt gehalten hätte. Aber dazu hatte er gar keine Lust gehabt. Mit dem Geld kamen neue Menschen in sein Leben. Dass sie es größtenteils nur darauf abgesehen hatten, war ihm egal. Das machte es ihm leichter, sie im schnellen Rhythmus wieder auszutauschen. Mark stand auf, nahm eine Champagnerflasche aus einem Kühler, legte sie an den Mund und nahm einen Schluck. Das teure Nass kribbelte in der Nase. Eigentlich machte er sich nichts aus dem Zeug. Aber es passte einfach so gut zu seinem neuen Leben! Er stellte sich an die geöffnete Schiebetür, ließ die Meeresbrise über seinen nackten Körper streichen. Die Duschgeräusche hinter ihm verstummten, zwei Atemzüge später klopfte es an der Tür. Seine Lebens-sehr-kurz-Abschnittsgefährtin verließ das Bad und öffnete im Bademantel die Tür. Eine Frau trat ein, ebenfalls nur mit einem Bademantel bekleidet, den sie sofort nach Verschließen der Tür von ihrem Körper gleiten ließ. Unter ihrer rassig schwarzen Mähne offenbarte sich ein Körper, wie ihn ein Bildhauer nicht besser hinbekommen hätte. Perfekte Proportionen.

Die frisch Geduschte ging an dem Neuankömmling vorbei, stellte sich neben Mark und hauchte ihm ins Ohr: »Das ist Mia. Ich hab sie heute an der Bar getroffen. Du hattest doch gesagt, du wolltest mal einen Dreier ausprobieren?« Sie gab ihm einen Kuss auf den Hals und ließ ihre Hand in Richtung seines Schwanzes gleiten.

»Sieh es als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk!«

Mark stöhnte auf, als ihre Hand das Ziel erreichte. Die Schwarzhaarige kam näher und ging ohne irgendein Wort der Begrüßung gleich vor ihm auf die Knie.

Was war er doch für ein glücklicher Mann!

Dereks Herz pumpte bis zum Anschlag. Seine Beine flogen nur so über den rissigen Asphalt des Hinterhofs. Das Gewicht der Dienstpistole in der Rechten verdoppelte sich alle paar Sekunden, doch er gab nicht auf.

»Stehen bleiben!«, rief er dem flüchtenden Kerl im Kapuzenpulli zu, der den Hinterhof hinter sich ließ und mit einem viel zu einfach aussehenden Wandsprung über den Maschendrahtzaun zum Parkplatz sprang. Keine Reaktion auf die Aufforderung, stattdessen vergrößerte der Mistkerl den Abstand.

Derek fluchte, zog eine Mülltonne heran und kletterte mit ihrer Hilfe ebenfalls über den Zaun. Sein Trenchcoat verfing sich, und Derek fluchte, als er bei der Landung das reißende Geräusch hörte. Sein Mantel! Ein Lieblingsstück, das er vor ein paar Jahren auf dem Trödel erspäht hatte und ihm treue Dienste in den Jahren beim Department geleistet hatte. Er würde den Kerl fertigmachen!

Der Flüchtige jagte gerade zwischen geparkten Autos hindurch. Eine alte Dame auf der Suche nach einem freien Platz musste in die Eisen steigen, um ihn nicht zu überfahren. Der Kerl schlug wütend auf die Motorhaube und rannte weiter. Derek schaute sich um. Wenn er außenrum lief, konnte er den Mann vielleicht am Ausgang des Parkplatzes abfangen. Bis dahin mochte auch die Verstärkung endlich da sein. Solange die ihm nicht in die Quere kam! Er hatte den Gesuchten auf der Straße erkannt. Eine hässliche Doppelmordgeschichte aus Eifersucht, Freundin und bester Freund. Beide mit so vielen Einschusslöchern, dass der Kerl dabei wohl nachgeladen hatte. Das war eine Hinrichtung gewesen! Und der spazierte ihm, Derek, am helllichten Tag vor die Flinte. Das wäre seine dritte Sensationsverhaftung in kürzester Zeit. Die letzten Monate häuften sich seine Erfolge. Dabei machte er nichts anders als früher. Trotzdem war er die Karriereleiter zuletzt nur so emporgestürmt!

Derek rannte außen am Parkplatz entlang. Er konnte den Kopf des Flüchtigen immer mal wieder zwischen geparkten Fahrzeugen sehen. Der würde ihm nicht entgehen! Derek war am Ausgang angelangt. Zeitgleich hielten zwei Fahrzeuge des Departments mit Blaulicht und quietschenden Reifen auf der Straße und blockierten sie in beide Richtungen. Derek gab den Kollegen von der Streife die Anweisung, sich rund um den Zaun zu positionieren. Jetzt saß der Kerl in der Falle!

Derek fasste seine Dienstpistole noch fester und ging durch die Ausfahrt wieder auf den Parkplatz. Der Gesuchte musste irgendwo in der Mitte sein. Derek nutzte die geparkten Fahrzeuge als Deckung und arbeitete sich langsam vor. Plötzlich eine Bewegung zu seiner Rechten. Derek duckte sich, und im selben Moment zerbarst die Scheibe eines Jeeps hinter ihm unter mehreren Kugeln.

»Gib endlich auf, du sitzt in der Falle!« Derek glaubte nicht, dass der Idiot sich davon überzeugen ließ. Aber es machte sich immer gut, falls irgendein Amateur auf der Straße seine Kamera auf die Szene richtete. In den Nachrichten musste man gut aussehen!

Statt einer Antwort schlugen weitere Kugeln in das Fahrzeug hinter Derek ein. Ein Querschläger traf auf den Asphalt und ließ Splitter gegen Dereks Hose prallen.

Derek lugte hinter der Deckung vor und zog sofort den Kopf ein. Der Flüchtige hatte sich hinter einem Van verkrochen. Dereks Gedanken rasten. Da fiel sein Blick auf eine zertretene Limo-Dose am Boden und ein Detail aus der Akte des Gesuchten kam hoch. Militärhintergrund. Mal schauen, was er daraus machen konnte. Derek nahm die klebrige Dose in die Linke, holte aus und schleuderte sie im hohen Bogen über seine Deckung und den Van hinweg.

»Granate!«, rief er aus vollem Hals.

Die in Monaten der Ausbildung gestählten Reflexe des ehemaligen Soldaten reagierten blind, und er warf sich zur Seite. Sofort sprang Derek aus der Deckung, überbrückte die Entfernung mit mehreren Schritten. Da riss der Kerl seine Waffe hoch. Derek trat im Lauf zu, der Schuh traf die Waffenhand, die Pistole flog in hohem Bogen davon, und zufrieden hörte er das Geräusch brechender Knochen. Der Mann jaulte auf und zog die Hand schützend an sich. Derek packte ihn an der Schulter, drehte den Arm mit einem Griff auf den Rücken, und die Handschellen klickten. Er achtete darauf, das gebrochene Handgelenk so fest zu schnüren, wie er konnte. Das Jaulen des Mörders war Musik in den Ohren. Das war für den Trenchcoat!

Mehrere Polizisten näherten sich. Der Polizeipräsident samt Eskorte? Was machte der denn hier? Derek nahm Haltung an, während zwei Jungs von der Streife den vor Schmerzen Schreienden hochhievten und zu ihrem Fahrzeug führten.

Der Polizeipräsident kam näher, und Derek konnte die Zufriedenheit in den faltigen Zügen sehen.

»Ich war gerade in der Gegend, als die Nachricht Ihrer geglückten Verfolgungsjagd über den Funk kam. Da wollte ich es mir nicht entgehen lassen, Sie persönlich zu beglückwünschen. Ich hab in den letzten Monaten so viel über Sie gehört, da war es überfällig, Ihnen mal persönlich zu begegnen.«

Derek ergriff die ausgestreckte Hand und schüttelte sie. Der Polizeipräsident berührte ihn mit einer väterlichen Geste an der Schulter.

»Melden Sie sich Montag früh in meinem Büro. Ich plane, eine neue Abteilung aufzubauen, und mit Ihnen hab ich genau den Richtigen für den Job des Leiters gefunden!«

Derek strahlte über das ganze Gesicht. Er war noch nie so glücklich gewesen.

Frank richtete die Taschenlampe nach oben. Der Strahl strich über ein Dutzend Versorgungsdrohnen, die mehrere Aufbewahrungseinheiten befüllten. Sie umschwirrten einander in perfekter Harmonie, ihre metallenen Körper wirkten, als ob sie tanzen würden. Frank mochte ihr Treiben. Es war in sich stimmig. Und dabei so effizient wie leise. Das Gesetz hatte ihnen allen diese Harmonie verschafft. Es hatte Chaos durch Ordnung ersetzt und jedem eine Perspektive gegeben.

Bei einer Aufbewahrungseinheit im Parallelgang wechselte das Display am Kopfteil von Hellgrün zu Rot. Frank schauderte, aber er machte sich trotzdem auf den Weg. Es gehörte zu seinem Job. Wenn er auf einer Patrouille ein rotes Licht sah, sollte er nachschauen, ob die Drohnen ihre notwendige Arbeit richtig taten. Also weiterhin sauber und effizient. Aber auch mit so viel Würde und Pietät, wie ihnen einprogrammiert worden war. Das Gesetz war in der Wahrnehmung der Gesellschaft seit seiner Einführung vor mehr als zwanzig Jahren ein stetig wachsender Erfolg. Nichtsdestotrotz konnten Restzweifel bleiben. Und die wenigen menschlichen Wächter im Programm sollten ein Auge darauf haben, dass es zu keinen Ereignissen kam, die diesen Zweifeln Futter geben konnten.

Frank erreichte die Aufbewahrungseinheit. Bodenebene. Wenigstens etwas, er musste keine Leiter hochklettern. Die Einheiten reichten bis zur Decke. Und er war nicht sonderlich schwindelfrei.

Zwei Drohnen kamen bereits herangeflogen, eine dritte folgte Sekunden später. Alle hielten etwas Abstand von der gut zweieinhalb Meter langen Einheit, deren Display langsam zu pulsieren begann. Es stand kurz bevor. Frank sah den Timer auf dem Bildschirm und zählte unterbewusst mit. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. Bei null beendete die Aufbewahrungseinheit zischend ihre Versiegelung. Die Seite klappte auf und die Liege wurde zum Gang hin auf Schienen ausgefahren. Erleichtert sah Frank, dass die Frau alt war. Bei den Jungen fiel es ihm immer etwas schwer, das Ende ihres gesetzlichen Glücksjahrs mit anzusehen. Aber bei einer Alten. Das war fast ... perfekt. Die Drohnen hielten weiter Abstand. Die Schläuche, die an mehreren Stellen im nackten Körper der Frau verschwanden, hoben und senkten sich im Rhythmus ihres schwächer werdenden Atmens. Frank achtete auf die Zeichen ihres früheren Lebens, bevor sie das Gesetz in Anspruch genommen hatte. War sie eine Obdachlose gewesen? Drogenabhängig? Zu lange arbeitslos? Oder einfach nur alt und alleine, ohne Kinder oder andere Verwandte, die sich um sie kümmerten? Der Körper sah gut in Schuss aus. Etwas eingefallen, aber es gab keine Anzeichen früherer Probleme. Keine Deformationen wie bei den zum Glücksjahr gezwungenen Behinderten. Auch keine Einstichlöcher an allen denkbaren Stellen wie bei den Drogenopfern. Sie waren die Ersten gewesen, die sich erst zu Tausenden, dann Zehntausenden freiwillig meldeten, um ihr Glücksjahr in Anspruch zu nehmen.

Letztlich war es nur ein Spiel. Ein Virtual-Reality-Spiel. Völlig kostenlos. Aber seine drei Bedingungen oder Regeln waren in ihrer Perfektion einzigartig. Erstens: Du weißt nicht, dass du spielst. Die VR mitsamt den Drogen überzeugte dich davon, dass alles real war.

Zweitens: Es ist dein Spiel. Dein persönlicher Weg zum Glück. Und du definierst die Einsätze, sprich, was dieses simple Wort »Glück« für dich bedeutet. Liebe. Geld. Sex. Das Nacherleben deines Lieblingsmärchens. Völlig egal, die Programmierer bekamen es hin.

Drittens: Du musst dein Spiel nicht bezahlen, jeder kann es sich leisten. Du bezahlst es damit, dass du dich aus der Gesellschaft verabschiedest. Deinen kranken, arbeitslosen, deformierten oder sonstwie nutzlosen Körper aus der nun perfekten Gesellschaft entfernst. Dafür hast du ein Jahr Glück verdient. Jede Sekunde pures Glück. Dann ein zwar plötzliches, aber völlig schmerzloses Ende.

Frank sah, wie der Atem der Spielerin immer weiter abflachte. Das Gift wirkte.

Es kam der Moment, den ein Wächterkollege mal »Den Blick hinter den Vorhang« genannt hatte. Das Gift hatte eine unbeabsichtigte Nebenwirkung, von der die Massen nichts wussten. In den letzten Sekunden hob es die Muskellähmung auf, in denen die Spieler sonst das Jahr über gehalten wurden, damit die VR ihr Hirn vom selbstgewählten Glück überzeugen konnte. In diesen Sekunden tat der Körper das, was auch im Spiel gerade passierte.

Der Moment war gekommen. Ein letzter Atemzug, dann kam auch in die restlichen Gliedmaßen Bewegung. Während die Beine still blieben, hob die Frau die Arme. Die Kabel und Schläuche flogen nach links und rechts, als sie plötzlich zu applaudieren begann. Der Applaus eines einzelnen Händepaars echote durch die riesige Lagerhalle. Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht der Spielerin aus. Eine Träne lief die Wange hinunter. Frank war sich sicher: Es konnte nur eine Glücksträne sein.

Dann erstarb ihr Körper von einer Sekunde auf die andere. Das Gift hatte seine volle Wirkung erzielt. Die Arme fielen herunter. Frank achtete nicht darauf. Vielmehr sah er das Lächeln. Das Lächeln blieb immer. Eingefrorenes Glück. Auch im Tod. Was für ein Spiel!


Galactic Tentacles

Andreas Winterer

Nick hatte alles klitzeklein geschnitten und mindestens einen halben Liter Ketchup über Pommes- und Schnitzelfetzen gespritzt. Dazu schüttete er sich reichlich Schwip Schwap rein. Ich hingegen schob das Mittagessen auf dem Teller hin und her, weil ich vorhin schon zwei Nuts verdrückt hatte und mir schlecht war.

Jetzt langweilte ich mich zu Tode und schickte Nick einen auffordernden, fragenden, wartenden Blick. Er antwortete mit einem verneinenden, entnervten Gesichtsausdruck und zuckenden Schultern. Also wie immer: Die Erwachsenen waren nicht bereit für Missionsfreigaben, solange sie sich weitere Schweinebratenscheiben und Kartoffel- und Semmelknödel auf die Teller legen und mit Glibbersoße übergießen konnten.

Nick und ich taten also noch eine Zeit lang interessiert. Wir aßen schafsbrav den fiesen Beilagensalat. Wir ließen die üblichen Achdubistabergroßgewordens über uns ergehen. Wir behaupteten, dass Schule wahnsinnig toll sei. Und wir warteten auf die Freigabe vom Tower.

Die kam natürlich Zilliarden Jahre lang nicht, und dann, endlich, hielt Nick wohl die Zeit für reif und flüsterte seiner Mama was ins Ohr. Sie nickte, wo sie vorher noch den Kopf geschüttelt hatte, und nachdem Nick ihr noch ein paar Schmatzer reingedrückt hatte, steckte sie ihm Geld zu und sagte was zu meiner Mama. Die nickte finster in meine Richtung, hob eine allgemein warnende Augenbraue und machte eine desinteressierte Dann-schwirr-halt-ab-Kopfbewegung.

Tower-Freigabe! Mission CTH begann.

*

Wir erhoben uns wie ein Mann und machten uns auf den Weg. Einige der anderen großen Alten warfen uns missbilligende Blicke nach, besonders Nicks fieser Papa. Als hätten sie alle was davon, wenn wir brav am Tisch säßen und zu ihrem Blabla nicken würden. Doch schnell waren ihre blöden, schmutzigen Witze wieder interessanter und wir verdufteten Richtung Erdgeschoss, vorbei an der Treppe und am traurigen Eck. Das hieß so, weil der Süßwarenautomat immer traurig leer war, zumindest wenn wir mit ihm fertig waren. Den hatten wir schon vor dem Essen klar gemacht: drei Nuts bezahlt, zwei Extra-Nuts durch diverses Kippen des Automaten herausgekitzelt. Bonus-Points!

Bei der Treppe saßen vor Spielautomaten faltige Männer, neben ihnen Biergläser ohne Schaum und qualmende Zigaretten, vor ihnen diese unfassbar dämlichen Apparate mit den drei rotierenden Scheiben. Die Scheiben drehten sich, dann leuchteten die Knöpfe unter dem Automaten, dann machte es Klack, Klack, Klack und die rotierenden Scheiben blieben stehen und zeigten irgendwelche Zahlen oder eine bescheuerte Krone. Es bimmelte, und der Automat schluckte dreißig Pfennige, sofern man nicht drei Kronen hatte.

Der Wirt sah uns, und wir wollten ihn angrinsen, weil er ja wusste, was wir da unten machten, aber er schaute schnell weg, und wir sahen zu, dass wir leise runterkamen, die drei Mal acht Stufen hinunter zum Raumhafen.

»Dreißig Pfennige für zwei Knöpfe drücken!«, gluckste ich auf der Treppe.

»Solche Trottel!« Nick tippte sich an die Schläfe, als zeige er jemandem den Vogel. »Ich werde nie verstehen, warum man so was spielt!«

»Wie viele Münzen hast du?«, frage ich.

»Wird schon hinhauen«, meinte Nick knapp. »Der CTH ist heute jedenfalls fällig.«

*

Der Raumhafen bestand aus drei schäbigen, braunen Ledersesseln, zwischen denen zwei orangefarbene, kugelförmige Aschenbecher auf langen Eisenständern standen. Ihre Deckel gingen nie zu, weil wir hier fast jeden Sonntag unsere Kaugummis reindrückten, ehe wir wieder nach oben gingen.

Auf einer schweren Tür aus Holz stand ein großes, dunkles D, an einer anderen ein H. Das Spannendste an der Herrentoilette war der Automat neben dem heulenden Handtrockner, wo SEX draufstand und Bilder von Frauen im Bikini zu sehen waren. Was da rauskam, blieb aber geheimnisvoll, und ich hatte noch nie Lust gehabt, dafür ganze zwei Mark auszugeben.

Eine Tür aus Glas führte in den düsteren Innenhof des Landgasthofs. Da konnte man durchgucken, sah aber nicht viel, bloß parkende Autos und riesige Mülltonnen. Die Aussicht hatte man oben, deswegen hieß das Restaurant ja auch Panorama. Dabei setzten sich eh alle mit dem Rücken zum Ausblick und fraßen Knödel und tranken Bier, später noch Kaffee und Kuchen und Sahne und Schnäpse (letztere leider ohne uns), und das alles endete jedes Mal nie oder jedenfalls viel zu spät.

Deswegen war es gut, dass wir unseren Raumhafen hatten. Der war schön dunkel und irgendwie auch gruselig, weil er nicht vier Wände hatte, sondern fünf. Die waren auch noch alle schief und krumm und auch die Decke hing ein bisschen schräg runter. Als ob die hier voll gepfuscht hätten. Und wenn man genau hinschaute, hatte man irgendwie ein ungutes Gefühl, aber man musste ja nicht. Die eigentlichen Hingucker waren eh die Spielautomaten.

*

Dabei war Kometen Kracher leider so fade wie der Beilagensalat vom Obergeschoss. Schwarzweiß, bestimmt eine Kopie von einem anderen Spiel von vor hundert Jahren oder so. Sicher ein Automat aus dem Osten, mit dem die Diktatoren dort ihre Leute deprimierten. Denn man verlor immer. Tat man am Automaten sowieso, aber halt erst irgendwann. Doch bei Kometen Kracher, wo man mit billigen Linien angedeutete »Kometen« in Trümmer schießen musste (was auf die immer gleiche Weise öde krachte), war man spätestens nach drei Minuten tot, egal, was man anstellte. Und wir hatten es echt oft ausprobiert: Letzten Sonntag hatten wir es wieder versucht, zwei Mark reingeballert, für nichts, für drei Minuten öde Linien in Schwarzweiß, dann GAME OVER.

JumPiranha war scheißdoof, aber saulustig: Man war ein Fisch namens »Jumpy Piranha« und hatte eine spiralförmige Sprungfeder am Bauch. Darauf hüpfte man auf und ab, und das machte einen total geilen Sound. Mit dem Joystick konnte man nach links, rechts, höher und flacher hüpfen, Hindernisse überwinden oder gegen Hebel an der Decke springen. Feuer-Knöpfe gab es keine, man schnappte sich einfach Geld, Bonuspunkte, Hüpf-Energie und so weiter. Geil waren die Kühe, die man richtig abkahlen konnte und wo nur Skelette übrig blieben. Und wenn der Hai kam, setzte sich Jumpy in ein umgedrehtes Goldfischglas; das hielt für einige Sekunden den Hai davon ab, ihn zu fressen. Untersee-Labyrinth, Muscheln, winkende Meerjungfrauen, gesunkene Piratenschiffe (mit neuen Goldfischgläsern) – alles war saugut animiert und hatte einfach die krassesten Sounds überhaupt.

Alles super also, bloß hatten wir den schon durch. Auf jedem einzelnen Highscore-Platz standen entweder Nick (NCK), ich (KRL) oder wir beide (NUK).

*

Ganz anders als bei Galactic Tentacles. Dort hatten wir uns wochenlang fast bis zur Spitze gearbeitet, sogar Rang drei erreicht. Dann plötzlich war der Automat verschwunden. Reparatur, sagte der Wirt. Was voll Mist war, weil auf den Plätzen eins und zwei ja immer noch ein Typ namens CTH vor uns lag.

»Wer auch immer dieser CTH ist, er ist verdammt gut«, sagte ich und ging zum dritten Automaten. Er steckte noch halb in Knallfolie, unter der sich aufgemalte Sterne und Explosionen und Saugnapf-Tentakel abzeichneten.

»Verdammt scheiße richtig gut«, sagte Nick, und dann: »Das ist jetzt nicht wahr, oder?«

Der Galactic Tentacles stand mit dem Monitor zur Wand. Ein mit Tesafilm aufgeklebtes Papier verkündete: DEFEKT!

»Von wegen repariert!«, maulte ich. Dabei hatte der miese Wirt versprochen, das Galactic Tentacles bald wieder funktionieren würde. Wahrscheinlich hatte er ihn noch gar nicht abholen lassen und hoffte, dass wir alles Geld an JumPiranha verfüttern würden. Was wahrscheinlich stimmte.

Jemand kam von oben die Treppe herunter. Wir huschten schnell zu Jumpy und taten, als würden wir da irgendwas angucken. Der Erwachsene latschte quer durch unseren Raumhafen und auf die Herrentoilette.

»Was machen wir denn jetzt?«

Nick zog ein weiteres Nuts aus der Tasche.

»Erst mal ein Power-up. Willst du die Hälfte?«

»Da sag ich nicht Nein«, sagte ich, obwohl mir noch schlecht war von den letzten Nuts.

Nick brach den Schokoriegel in zwei Teile und gab mir das kleinere Stück.

Entrüstet hielt ich das halbe Nuts hoch.

»Scheiße, sag mal, wieso gibst du mir denn das Kleinere?«

Nick kratzte jetzt mit den Schneidezähnen das Karamell ab, bis nur noch das Weiße übrig war.

»Na, wie hättest du es denn gemacht?«

Ich zeigte auf sein Nuts.

»Ich hätte dir natürlich das größere Stück gegeben, du Egoist!«

»Hättest du? Und dir das kleinere Stück genommen?«

»Klar«, behauptete ich, und war auch ziemlich überzeugt davon.

»Na, dann ist es jetzt doch genau so, wie wenn du es gemacht hättest.« Nick grinste. »Wo ist der Unterschied?«

Er stand auf, schob sich grinsend den Rest rein und ich wusste, dass ich verloren hatte. Er war einfach cleverer als ich. Aber er hatte sein Nuts mit mir geteilt. Hätte er nicht müssen. Insofern: patt.

Die Klospülung rauschte, als sich die Tür der Herrentoilette öffnete. Während der Mann zur Treppe ging, taten wir wieder, als ob wir nur sinnlos rumlungern würden. Was ja irgendwie auch stimmte.

Dann war die Luft rein.

*

»Die blöden Dorftrottel kriegen das doch bloß nicht hin«, sagte Nick, schob den Automaten ein Stück von der Wand weg und suchte den Stecker.

»Nick! Wenn da was kaputt geht!«

»Kaputter kann ich‘s ja wohl kaum machen, oder?«

Er steckte ein. Irgendwas flackerte auf dem Monitor hässlich verpixelt. Es tat sich nicht wirklich was. Dann Buchstabensalat. Dann wieder Flackern. Nick trat gegen den Automaten, erst zaghaft, dann fester, ich steckte ihn aus und wieder an. Irgendwann hämmerten wir gegen die Seitenteile, traten auch mal dagegen. Zwischendurch warfen wir prüfende Blicke die Treppe hoch, doch niemand kam.

»Du Drecksteil!«, fauchte Nick, und – oh Wunder! – da fuhr der Automat dann endlich hoch und zeigte nach wenigen Minuten das vertraute Sternenfeld mit dem Schriftzug

INSERT COIN

Galactic Tentacles wartete auf uns.

»Machen wir heute CTH platt?«, fragte ich Nick und zerdrückte im Sekundentakt Bläschen der Knallfolie an der Seite des Automaten.

»Aber so was von!«, flüsterte Nick und ließ die Fünfzig-Pfennig-Stücke in seiner Tasche rasseln. Dann schnippte er die erste Münze in den Schlitz.

*

Eine halbe Stunde später oder so hatte mein NASA Space Shuttle einen dicken Booster unter sich und zwei an der Seite – Vollausbau!

Vier gefährliche Sirenen schwebten von oben ins Bild, helle Engel, und ich konnte hören, wie sie himmlisch sangen, ein geiler Soundeffekt, wegen dem ich fast zu feuern vergaß, dabei zerrte das fiese Gesinge an unseren Schilden.

Nick war genauso hypnotisiert, und ich merkte das endlich und brüllte »Feuer!«, und er ließ Ringfinger, Mittelfinger und Zeigefinger beider Hände zuckend über die Knöpfe aus nagelneuem, merkwürdig fleischfarbenem Plastik huschen. Die Flügel des Shuttles, inzwischen mit zwei Mal vier Impuls-Blastern ausgestattet, spien Tod und Verderben ins All vor uns. Drei der Sirenen verglühten in Feuerbällen, deren Krachen seitlich aus den Lautsprechern von GALACTIC TENTACLES wummerte, jetzt endlich auch aus beiden Seiten.

»Die haben sogar die Boxen repariert!«, jubelte ich.

»Links! Nach links ausweichen!«, schrie Nick, als die verbliebende Sirene wie üblich zu einem dunkelbraunen Schleimbatzen mutierte.

Der Schleimbatzen fuhr seine Tentakel aus, an denen irgendwas grünes Flüssiges klebte. Ich zerrte mit beiden Händen am klobigen Joystick und versuchte, das Ruder noch mal rumzureißen. Der Steuerhebel fühlte sich besser an als früher, irgendwie weich und warm, und ich zerrte und riss ihn heftig nach links und gleichzeitig vor und wieder zurück, aber es reichte nicht.

»Hyperschilde!«, japste ich noch und hörte da schon, wie Nicks Mittelfinger auf den HYPERSHIELD-Knopf hämmerte. Der Schleimbatzen hatte seine Tentakel jetzt voll ausgefahren, doch die grünlich leuchtenden Dinger wurden einfach von unseren überladenen Schilden wegrasiert, starker Effekt mit rot glimmenden Rändern.

Ich gab Gas aus den beiden Boostern, solange die Schilde noch hielten, und rammte den Schleimball, der mit einem heftigem

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explodierte und ins All geschleudert wurde.

*

»Yeah«, jubilierte ich, während der Zähler Bonuspunkte aufs Konto bliepte. Dann flogen wir mal wieder einige Sekunden über das leere Starfield, das ein bisschen zu beschleunigen schien, und warteten auf den nächsten Level.

»Na, die werden ja ganz schön warm, die Tasten«, sagte Nick und wischte sich die Hände am Shirt ab.

»Ja, der Joystick ist schon richtig heiß in meinen Händen. Hoffentlich geht der Automat nicht wieder kaputt.«

»Das wär richtiger Mist.«

»Vor allem, wenn wir gleich das Mutterschiff knacken!«

»Ich glaub ja eh nicht, dass danach noch was kommt«, meinte Nick. »Da geht‘s bestimmt von vorne los und alles wird nur wieder schneller, wie damals bei Stellar Struggle, voll der Witz.«

»Wär aber doch komisch, wenn das Spiel bei Level 95 endet«, gab ich zu bedenken.

»Und warum?«

»Mann, weil das halt komisch wär. Da stellt man sich doch 100 vor, oder eine coole Zahl wie 111 oder 666 oder so. Selbst dieser CTH führt den Highscore mit den Levels 96 und 97 an. Diese Level gibt‘s also!«

Nick sah, dass sich am Bildschirm wieder was tat, und packte den Joystick an.

»Na, wenn das so ist, dann schaffen wir die auch.«

Und dann flogen wir weiter in Welten, die nie zuvor ein Mensch gesehen hatte – außer dieser verdammte CTH.

*

Wir hatten sicher schon zehn Mark in Level 95 verballert, als das bislang stets unknackbare Mutterschiff auftauchte. Es war ein Koloss voll Röhren und Kabeln, der fast den halben Bildschirm füllte. Nach seinem üblichen Schema ließ es erst mal glühende Black Holes auf uns stürzen, kleine Schwarze Löcher, die irgendwie das Raum-Zeit-Kontinuum verzerrten. Das war furchtbar geil animiert, mit sich krümmenden grünen Gitternetzlinien. Aber auch wahnsinnig nervend, weil das nämlich sogar unsere Laserstrahlen ablenkte, und wenn sich die Black Holes im Halbkreis anordneten, konnten sie unsere eigenen Schüsse auf uns zurücklenken!

Doch Nick und ich wussten, was von uns abhing. Die Ehre der NASA! Die Freiheit der Galaxis! Das Leben unserer Eltern, die sich da oben ihr sonntägliches Mammut-Mahl reinschlauchten und uns hoffentlich den restlichen Tag in Ruhe ließen, wonach es bislang ja ausschaute, selbst zum Pinkeln kam keiner mehr runter.

Und natürlich ging es um den größten Highscore, der je auf einem Galactic Tentacles erzielt wurde, zumindest auf diesem. Später würden wir unsere drei Buchstaben eingeben: NUK für Nick Und Karl, und wir würden CTH, wer auch immer das war und wann der hier spielte, auf seinen Platz im Universum verweisen, also mindestens auf den zweiten, und das auch nur, wenn wir gnädig waren.

Darum gaben wir alles, schlugen erbarmungslos Schneisen in den wuchtigen Schild … Doch die immer neuen Armadas, die sich in Überzahl auf uns stürzten, ließen die Zahl unser Bomben wegschmelzen und die verdammten Wesen aus dem Kosmos saugten unsere Schilde und Blaster leer und behandelten uns, als wären wir bloß ein paar Kekskrümel auf einem schwarzen Teppich.

Doch wir schafften es irgendwie, jedes verdammte Power-up mitzunehmen. Und immer, wenn wir in Fetzen geschossen wurden, hatten wir kurz zuvor noch ein Extraleben ergattert.

Der Schweiß stand uns auf der Stirn und unsere Hände glühten, als wir den verdammten Schild des Mutterschiff-Kernreaktors endlich so weit weg-gephasert hatten, dass wir nur noch diesen einen, letzten Torpedo brauchten, genau wie Luke Skywalker. Dann piepte endlich die schneckenlahme Target-Lock-Zielerfassung, und der Torpedo raste durchs All, während wir Breaker, Screamer, Black Holes, Sirenen, Tentacler, Shogotthen, Suicider und anderes Sternengezücht vom Himmel pusteten und einen Korridor für ihn freiballerten, und dann machte es

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und wir hatten es geschafft: Das Mutterschiff zerbarst in Dutzende von Cyan- und Magenta-Pixeln! Die Level-Anzeige schaltete hoch auf »96«! Nick brach neben mir in Jubel aus und ich auch und wir machten High five ...

... als ein verbliebener Suicider, so ein mieses kleines Ding mit stacheligem Bombengürtel, schräg über den Screen pulsierte und unser letztes Shuttle rammte und mit donnernder Detonation in den Tod riss.

Irritiert stierten wir auf den Bildschirm, auf dem die Pixel auseinanderstieben und glitzernd vergingen. Und dann erschien auch noch diese verdammte Schrift, die wir inzwischen auswendig und rückwärts konnten:

INSERT NEW COIN TO CONTINUE

OR PRESS FIRE TO RESTART

Sie zählte dazu einen Countdown von hundertachtzig Sekunden herunter.

»So ein Mist!«, fluchte ich. »Aber wir geben nicht auf. Hast du noch Münzen?«

Nick starrte mit leerem Blick auf den Screen und konnte es wohl nicht fassen.

»Was?«

»Münzen! Asche! Coins!«, schrie ich. »Wir sind erst explodiert, als wir Level 96 erreicht haben! Wenn wir jetzt einen Coin nachschieben, müssen wir nicht noch mal am Mutterschiff vorbei, capito? Wir können von hier aus weitermachen! Ab Level 96!«

Nick zog das Futter aus den Hosentaschen.

»Ich hab nichts mehr.«

»So‘n Mist!«

»Ja. Aber was ist eigentlich mit dir? Ich zahl schon den ganzen Nachmittag, du Schnorrer!«

Er wusste zwar, dass ich nie Geld hatte, woher auch? Aber ich checkte sicherheitshalber meine Hosen und förderte ein einziges, armseliges Fünfzig-Pfennig-Stück zutage.

»Na also«, befand Nick, »Geht doch.«

»Aber das reicht doch nie und nimmer!«

»Warum denn nicht?«

»Wir crashen mindestens noch ein paar Mal. So kriegen wir CTH niemals von Platz eins runter! Kapierst du?«

»Versteh schon.« Nick rieb sich die Nase, während der Countdown der hundertsiebzig entgegenzählte. »Hier ist der Plan: Du wartest hier, bis der Countdown bei eins ist, dann wirfst du nach und spielst zur Not alleine weiter. Ich geh derweil nach oben und koche Mutti weich für Nachschub.«

»Meinst du, du kriegst noch was? Wir haben doch sicher schon zwanzig Mark verschussert?!«

Nick ließ seine Wimpern klimpern und kämmte sich mit etwas Spucke die Haare glatt.

»Dreißig. Die hat trotzdem keine Chance gegen mich. Ich bin Captain Charme, und sie ist Prinzessin ...«

Der Automat fiepte. Auf dem vorbeifliegenden Sternenfeld gleißten die Worte Insert New Coin und so weiter.

Nick sah es und rannte los, die Treppe hoch. Ich sah ihm nach, checkte den Countdown. Noch hundertsechzig Sekunden.

*

Bei Sekunde hundertvierundvierzig tauchte Nick wieder auf, blieb aber auf halber Treppe stehen.

»Du fasst es nicht«, keuchte er.

»Was ist denn?«

»Komm hoch, ich zeig‘s dir.«

»Spinnst du? Wir haben nur noch ein paar Minuten oder so!«

Nick zog ein weiteres Nuts aus der Tasche, noch weicher als das erste, riss es umständlich auf und lutschte einen Teil davon aus der Folie.

»Wir haben echt andere Probleme, Mann«, murmelte er düster am Schokoriegel vorbei und verschwand wieder nach oben. Ich rannte ihm hinterher.

Wir hatten sie ja noch, die zwei Minuten.

*

Und tatsächlich: Wir hatten andere Sorgen. Das traurige Eck war leer: keine Männer mehr vor rotierenden Scheiben. Auch das restliche Restaurant war leer. Einfach keiner da. Alle Erwachsenen: weg. Nur ihre halbvollen Teller lagen noch herum, allerdings sah das Essen voll eklig aus, überall schauten seltsame Röhren und Augen und Stiele heraus, und das Radio dudelte irgendwas, was wie rückwärts klang.

Im Panoramafenster null Berge. Es war dunkel draußen, einfach nur schwarz. Scheißabgrundtiefdunkel.

»Wie spät ist es eigentlich?«, fragte ich. »Sind die Alten etwa ohne uns heim?«

Nick zuckte mit den Schultern.

»Was weiß denn ich? Und wo sind die Kellner und so?«

Ich presste meine Nase gegen die Scheibe und schirmte meine Augen gegen das Licht der Lampen. Half aber nichts, draußen war es immer noch finsterste Nacht. Bloß irgendwie anders.

»Was ist denn das?«

»Na, bin ich Jesus? Hab ich Latschen an?«

Nick stürmte zu Eingangstür des Restaurants, öffnete sie, schaute hinaus.

»Scheiße, Mann.«

Ich folgte ihm, sah mich um. Draußen war einfach nichts. Nichts, nichts, nichts. Irgendwas Schwarzes waberte formlos, es wurde mir richtiggehend schwindlig. Aber zu sehen war da einfach gar nichts.

Ich zog Nick am Ärmel und hielt ihm die Münze hin.

»Komm, wir gehen wieder runter und machen den Level klar.«

Er riss sich los.

»Hä? Was soll denn das bringen?«

»Das ist vielleicht die Apokalypse oder so.« In den Filmen zeigten sie die ja viel zu selten. Aber so wie das, was ich sah, hatte ich sie mir immer vorgestellt. »Willst du hier oben auf das Ende warten? Oder da etwa rausgehen? Ich sage dir: Wir gamen!«

Nick sah mich an, als hätte ich ihm vorgeschlagen, einen Mistkäfer zu schlucken. Dann nahm er die Münze.

»Auch wahr. Tun wir‘s.«

*

Als wir die Treppe zum Raumhafen runterstürmten, rutschten wir beide aus und schlidderten quer durch den Raum. Das lag am leuchtenden Schleim, der jede der seltsam krummen Steinfliesen etwa knöchelhoch bedeckte und an der Oberfläche giftgrün waberte.

»Raaahhh!«

»Was zum Geier ...«

Unser Raumhafen hatte sich verändert. Feucht glitschende Geräusche füllten den inzwischen irgendwie noch viel schieferen Raum. Es stank furchtbar nach altem Fisch. Unsere drei Sessel hatten sich in riesige, violett leuchtende Mega-Pilze verwandelt. Die Aschenbecher dazwischen und auch die Klotüren waren noch, was sie immer gewesen waren. Doch wo früher die Glastür zum Innenhof gelegen hatte, klaffte jetzt ein lila-feucht glänzendes, pulsierendes Loch, durch das sich eine Reihe verkrümmter, verschleimter und zuckender Röhren und Kabel wand.

»Ach du Schei...«

»Na, nichts wie weg ...«

Mit den Augen folgten wir den komischen Schläuchen. Wie Nabelschnüre führten sie zu einem gigantischen, blau-gelb leuchtenden Oktopus, der sich vor Galactic Tentacles aufgebaut hatte. Ein monströser Neon-Space-Tintenfisch, der nun mit einem von zwei enormen Glubschaugen zu uns herüberglotzte, wobei er laufend seine Farben änderte und hypnotisch schillerte.

Nick und ich wollten den Rückwärtsgang einlegen und die Treppe hochkrabbeln. Doch aus dem grünlichen Brei am Boden schnellten weitere Tentakel, die uns am Kragen packten und durch die Luft wirbelten. Ich betete, nicht ausgerechnet an einer Klotür zerschmettert zu werden, doch die Fangarme zerrten Nick und mich vor den Arcade-Automaten. Wie auf Bügeln aufgehängt lasen wir:

INSERT NEW COIN TO CONTINUE

OR PRESS FIRE TO RESTART

Der Countdown zeigte dreiundzwanzig Sekunden.

»Irgendwie passend, dass das die letzten Worte sind, die wir lebend zu lesen kriegen«, fand Nick, an seinem Fangarm hin und her schwingend. Er packte seelenruhig ein weiteres Nuts aus und wollte schon reinbeißen. Dann schaute er das Nuts an – und hielt es dem Kraken hin, der uns mit seinen riesigen Augen beäugte.

»Sag mal: Spinnst du?«, rief ich. »Willst du ihm vor der Hauptspeise erst noch mal Appetit machen oder was?«

»Vor dem Essen nichts Süßes, Kinder!«, sirrte Nick, seine Mama imitierend, schwenkte das Nuts vor den blutunterlaufenden Krakenaugen und machte laute Hmm-Geräusche. »Sonst habt ihr nachher keinen Hunger …«

Und tatsächlich fuhr der Space-Tintenfisch eine saugnapfbewehrte, halbdurchsichtig leuchtende, heftig verschleimte, mit kleinen gelben Bläschen besetzte Zunge aus, die sich vorsichtig dem Nuts näherte. Dann poppte ein Dutzend Saugnäpfe an Mini-Tentakeln aus der Zunge heraus, zerfetzte den Schokoriegel und schlürfte ihn gleichzeitig weg wie nichts, und das ganze stinkende Gekröse schnellte zurück in das, was vermutlich der Kopf war von dem Ding.

»Kein intelligentes Wesen im Universum kann zu Nuts Nein sagen«, gluckste Nick.

»Nur noch drei Sekunden …«, sagte ich mit Blick auf den Countdown.

»Mglw‘nafhg!«, machte der Tintenfisch ungeduldig, und dann drängender: »Iä! Schlch‘prmpf ftagn!«

Warmer Schleim mit Schokofetzen spritzte uns seitlich ins Gesicht. Es roch wie letzte Woche erbrochene Fischstäbchen. Dabei schüttelte der Krake Nick, der noch immer die Fünfzig-Pfennig-Münze umklammert hielt – als wäre es das Rettungsseil zurück in unsere Dimension, zu unseren Alten, heim zu Kaffee und Kuchen.

Nick streckte den Arm mit der Münze Richtung Schlitz aus. Noch eine Sekunde. Klacke-di-klacker rollte unser letzter Fünfziger in den Automaten.

Und es ging weiter.

*

Level 96! Unser Raumschiff sah seltsam anders aus, hatte nun dreizehn Schleimkanonen, sieben lila Booster, drei schwenkbare Terror-Türme und einen Schwarzloch-Werfer.

Nick feuerte aus allen Rohren kreuz und quer nur so um sich und kümmerte sich um die ElderBombs, die der Krake einsammelte, indem er immer wieder Bonus-Asteroiden rammte. Ich aktivierte Schilde und Hyperspace, bediente Singularitäts-Werfer, ballerte mit den drehbaren Raketen-Geschütztürmen um mich, verbreitete kosmischen Schrecken gegen ein gegnerisches Mutterschiff, das ein bisschen wie die ISS aussah.

Der Space-Krake, vermutlich unser Highscore-Wizard CTH, riss mit zwei längeren Fangarmen den Joystick hin und her und schlug ab und zu mit anderen Tentakeln von der Seite gegen den Automaten, dessen Bild dann gefährlich flimmerte und mal unser normales NASA-Shuttle, mal das fremde Alien-Schiff zeigte.

War ja auch Wurst, Hauptsache ballern! Gut daher, dass der Automat bei fast jedem zweiten Tentakelschlag ein Extraschiff ausspuckte.

*

Plötzlich wurde es noch dunkler als ohnehin schon. Wie aus dem Nichts spritzte von allen Seiten eimerweise Schleim in den Raum, als stünden wir mitten in einer kosmischen Dusche. Es stank, wie wenn im Ziegenstall Fische verfaulen. Hinter uns erklang so was wie diese Walgesänge, bloß viel, viel lauter.

Durch die Achsel sah ich hinter mich. Beim pulsierenden Durchgang der früheren Tür zum Innenhof schob sich ein atemberaubend riesiger, rot glimmender Fangarm herein und packte CTH dort, wo vermutlich sein »Kragen« war. Der arme CTH schrie wie am Spieß, saugnapfte sich mit seinen Tentakeln am Joystick und am restlichen Automaten fest und kreischte so laut wie ganze Vogelschwärme. Seine Tentakel dehnten sich, als der Mega-Fangarm ihn vom Automaten wegzerren wollte, aber sie lösten sich nicht – nur Nick und mich ließen sie los, und wir fielen auf den glitschigen Boden.

Um uns tobte der spritzende Glibber und verbreitete einen Gestank, der sogar verschnupfte Kläranlagentaucher aus dem Taucheranzug gehauen hätte. Ich spürte, wir mir die eklig warme Soße in Hosen und Schuhe floss.

»Scheiße, was ist denn das?«, schrie Nick durch die schrecklich kreischenden Laute, die entweder CTH oder der Fangarm oder beide von sich gaben.

»CTHs Daddy?«, riet ich.

»Und so wie‘s aussieht, gibt‘s heut mal wieder eine Tracht Prügel …«, sagte Nick, und ich wusste, dass er wusste, von was er da sprach.

Durch den leuchtenden Schlamm watete ich geduckt zur Tür und versuchte, das Ende des Fangarms zu sichten, der CTH vom Automaten wegreißen wollte. Er endete irgendwo da draußen, im formlosen Nichts, das nun seltsam flimmerte und ein bisschen so wirkte, als bestünde das ganze Schwarz aus zuckenden Tentakeln, Zilliarden davon, unendlich fern.

Hinter mir knirschte etwas Metallisches.

»Na warte!«, rief Nick und schraubte die Kugel von einem der Aschenbecher, nahm den verbleibenden Ständer wie ein Schwert in beide Hände. Dann ging er auf den Fangarm los, der so riesig war, dass Nicks Kopf in praktisch jeden Saugnapf komplett reingepasst hätte, schrie »Nimm das!« und hackte auf den Mega-Kraken ein.

»Spinnst du?«, kreischte ich hinter dem Pilz hervor, bei dem ich soeben Deckung gesucht hatte.

»Nimm dir lieber den anderen, oder muss ich alles alleine …«

In diesem Augenblick passierte mehreres gleichzeitig: CTHs überdehnte Tentakel konnten ihn nicht mehr halten, und er ließ den Automaten los und wirbelte zur widerwärtig pochenden Ausgangsöffnung des Raumes. Dabei riss er auch Nick von den Beinen, der durch die Luft geschleudert wurde, noch ein letztes Mal »Kaaarl!« rief – und dann von einem zuckenden Riesen-Tentakel aus dem Raum gelutscht wurde wie Eigelb aus einem Ei.

»Niiick!«

Mit ausgestrecktem Arm rannte ich ihm hinterher, dass mir der grünliche Schlabber um die Beine schäumte, doch als ich ihm durch das pulsende Loch ins formlose Nichts folgen wollte …

… knallte ich bloß gegen eine Glasscheibe, flog mit dem Kopf nach hinten und ging zu Boden. Während ich mir die blutige Nase rieb, starrte ich auf Autos im Innenhof des Restaurants Panorama.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
23 grudnia 2023
Objętość:
358 str. 15 ilustracji
ISBN:
9783957770714
Właściciel praw:
Автор
Format pobierania:

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