Czytaj książkę: «Frei - Land - Haltung»
Projektgruppe „Landeier“
FREI – LAND – HALTUNG
Jugend auf dem Land
Die Autor*innen:
Dieses Buch entstand im Zusammenhang mit einem von Prof. Dr. Kurt Möller geleiteten zweisemestrigen Lehrforschungsprojekt an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen.
Die Autor*innen sind: Stephania Athanassiadou, Inna Bauknecht, Laura Bieler, Jana Bodmer, Andreas Borchert, Fabienne Gurau, Christopher Krasel, Celine Lebherz, Mathis Maurer, Erik Miersch, Iris Möck, Kurt Möller, Tatiana Ovechkina, Nadine Sauter, Viktoriia Snida, Henry M. Ulrich, Swetlana Ziebart.
© 2020 Hirnkost KG, Lahnstraße 25, 12055 Berlin; prverlag@hirnkost.de; http://www.hirnkost.de/
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage August 2020
ISBN: 978-3-948675-00-4
eISBN: 978-3-948675-01-1
Privatkunden und Mailorder: https://shop.hirnkost.de/
Vertrieb für den Buchhandel: Runge Verlagsauslieferung; msr@rungeva.de
Layout: Yunus Kleff
Lektorat: Gabriele Vogel
Front- und Backcover: Carmen Bodmer
Dieses Buch gibt es auch als E-Book – bei allen Anbietern und für alle Formate.
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INHALT
FREI-LAND-HALTUNG
Frei-Land-Haltung? Hä?
Schwäbisch für Möchtegern–Käpsele
Heimat – Land. Aufwachsen, wo der Hahn noch kräht
WAS GEHT!?
„Eigentlich ischs subber hier, aber leider ischs halt net erlaubt.“
Rock & Rollinger – „Schwabenhymne“
„Da standst dann oben und hast nach unten geguckt, zwei Meter, und da hat dann alles gewackelt.“
Lustige Ortsnamen
„Hier auf dem Land muss man aufpassen, dass man nicht von einer Wildsau überrannt wird.“
„In der Stadt … gibt es zu viele Menschen auf einem Fleck, und die leben alle an einem vorbei.“
Witzige Sprüche zum Landleben
„Es ist ja auch nicht so, dass wir uns nur zum Trinken treffen. Da ist ja immer noch viel mehr mit verbunden.“
Rätsel: Was eine echtes Landei wissen sollte
„Landwirtschaft ist Leidenschaft!“
„Einige schütteln da vielleicht den Kopf, dass man so weit fährt für ’nen Trecker, aber das ist halt mein Ding.“
„Man sieht Natur, wie man ’se eigentlich sonst net sieht.“
Dorfrocker – „Dorfkind“
„Dann hat mein Vater auf den Fingern gepfiffen, das habe ich gehört, und dann sind wir heimgegangen.“
Wie viel Dorfkind steckt in dir? – Das ultimative Landei-Spiel
„Die, die in ’nem Dorf in koinem Verein sind, die händ dann au meischdens net so viel mit’m Dorf zum doa.“
WAS BEWEGEN!?
Man muss in der Feuerwehr sein, sein Holz machen oder seine Scheune haben
„Ich glaube, man schätzt viel zu selten, dass man auf dem Dorf wohnt …“
Brauchtum – nur von gestern?
„Gerade als Jugendlicher ist es wichtig, zu schauen, was will ich, wie soll die Welt, in der ich lebe, aussehen und was kann ich jetzt schon dafür tun.“
„… er ist anders, und was anders ist, wird hier oben einfach nicht akzeptiert.“
To-visit: Festkalender
„Ja, wir komm’n ausm Osten, deswegen sind wir aber noch längst keine Leute, die irgendwelche Hetzkrawalle anzetteln …“
„Das Dorf zusammenbringen ist ja auch ’ne Art Politik.“
„He, do goht mol wieder was, da müssa mer hin!“
„I würd dohana it wegganga, i kennts mr zum Beispiel niemols vorstella, in d’ Stadt zum ganga, weil’s eifach zu viel Trubel isch.“
Eine Variante des Trinkspiels „Nageln“
WAS WERDEN!?
„In Berlin sind alle stylisch angezogen. Und hier? Hier tragen alle noch Wanderschuhe!“
„Und wenn jemand über den Durst getrunken hat, wird er heimgeschafft … bis ins Bette …“
Tua –„Vorstadt“
„Eigentlich wollte ich ja nie Artist werden, das kam irgendwie einfach so dazwischen …“
„… weil das Internet bei uns auf dem Land noch nicht gut ausgebaut ist.“
Redewendungen
„… wo der eine malen kann, und der andere sitzt gerne nackt davor.“
Bauernkalender
„Die Gemeinschaft vom Land in der Stadt zu haben und trotzdem die Vorteile von der Stadt auch aufm Land nutzen zu können, das wär die perfekte Lösung.“
Querbeat –„Heimatkaff“
„’n paar Jugendliche, … die … nicht unbedingt ihre Oma stolz machen“
Ich würde … gerne zeigen, wie es hier wirklich ist“
Dorfrocker – „Engelbert Strauss“
WAS ANDERES!?
„Am Anfang wars sehr schwer. Wir haben versucht, von hier wegzugehen“
„Wir sind fast Nachbarn, da ist bloß ein Kuhstall im Weg.“
„Also hier auf dem Land wissen die Menschen, dass du ein Ausländer bist … “
„Händchen halten als Schwuler gehört nicht zur Norm.“
„Ich fühle mich in Deutschland nicht so, als wäre das mein Heimatland.“
„Oh, mein Gott! Sie kann Deutsch!“
WAS FERNES!?
„Wenn jemand sich von der Gemeinschaft unterscheidet, erfahren es alle.“
„… früher wurden die Kinder und Jugendlichen noch nicht so von den Medien beeinflusst …“
„… einfach mega der Familienmensch.“
„Auf dem Land, da reden die Menschen noch miteinander und pflegen Beziehungen.“
„Die Uhren gehen hier vielleicht noch ein bisschen anders.“
O-Töne
VORWORT
FREI-LAND-HALTUNG — HÄ?
Die schreiben ein Buch über Eier? Aber nein, liebe Leserinnen und Leser. Obwohl: Völlig falsch ist das gar nicht mal. Um genau zu sein: Wir schreiben ein Buch über „Landeier“ – Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene auf dem Land.
„Ist ja öde. Bauerntrampel als Thema – wie spannend ist das denn?!“, so murrt jetzt vielleicht der eine oder die andere. Aber stimmt das? Sind Gummistiefel, Gülle und Gartenarbeit wirklich alles, was das Land und die jungen Menschen dort zu bieten haben? Oder erleben die jungen Leute auf dem Land womöglich etwas, von dem Stadtmenschen nur träumen können?
Ist das Leben auf dem Land wirklich frei – vielleicht sogar freier als in der Stadt? Oder gleicht es doch eher dem trostlosen Dasein von Hühnern in einer Legebatterie: Fühlen sich Jugendliche hier nur gehalten wie das Federvieh, das seinem Stall nicht entfliehen kann? Richtet sich ihr Freiheitsdrang nur auf Landflucht aus? Oder ist das Landleben in einem ganz anderen Sinne eine Frage der Haltung? Kommt es darauf an, welche Einstellung man dazu hat? Und darauf, welche Erfahrungen diese Einstellung bewirkt haben?
Wir sind dem Ganzen auf die Spur gegangen und haben uns Fragen gestellt wie: Was ist Landleben überhaupt? Was machen Jugendliche heutzutage auf dem Land? Und vor allem: Wie fühlen sie sich dabei? Was ist ihnen wichtig? Was finden sie toll? Gibt es Dinge am Landleben, die sie so richtig nerven? Können sie sich vorstellen, ihr ganzes Leben auf dem Land zu verbringen?
FALLS IHR JETZT WISSEN WOLLT, WAS DIE LANDEIER ZU ERZÄHLEN HABEN, SCHAUT IN DIESES BUCH!
Es lohnt sich, denn das moderne Leben findet nicht nur in den Metropolen statt. Der Puls der Zeit pocht nicht nur in Berlin, Hamburg oder München: Ob im Schwabenländle, in Baden, im Allgäu, im hohen Norden oder wo auch immer: Überall gibt es ländliche Regionen und Dörfer. Und auch hier leben Menschen. Die meisten sogar. Und es handelt sich um Menschen, die nicht aus der Zeit gefallen sind. Kinder und Jugendliche, die hier aufwachsen, unternehmen mehr als Kühe melken, Misthaufen umschichten und sonntags in Festtagstracht die Kirche besuchen.
„Ich bin a Dorfkind, was kann’s Schönres geb’n / Als aufm Land zu leben?“ – Die Dorfrocker singen über die Gelassenheit auf dem Land und die geilen Partys. Mehr als das: Sie provozieren sogar mit der Liedzeile: „Manche denken, wir vom Dorf sind a bissl doof. Trotzdem machen’s Urlaub aufm Bauernhof.“ Wie sehen das die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen heute auf dem Land? Gibt es Unterschiede zwischen dem Leben auf dem Land früher und heute? Sind vielleicht die weithin kursierenden Vorstellungsbilder vom Landleben veraltet? Oder ticken Städterinnen und Städter doch völlig anders?
„Hinter dem Ortsschild […] die große Welt“? Was Querbeat in ihrem Lied „Heimatkaff“ so sieht, beschreibt das tatsächlich die Realität? Geht im Dorf, im eigenen Heimatkaff, nichts? Müssen die jungen Menschen raus aus ihrem Dorf, um was erleben zu können?
„Hochhäuser an 'nem Feld, Vorstadt. Dann noch mehr Dorf als Großstadt.“ Was ist Land? Wo fängt es an und wo hört es auf? Was bedeutet Heimat für junge Leute? Der Rapper Tua verdeutlicht mit seinem Song „Vorstadt“, wie subjektiv die Definition des ländlichen Raums und damit die Vorstellung von der eigenen Heimat ist.
„Wenn I durch mei Ländle wandre, dann brauch i überhauptsch nix mehr.“ So singen die Rock & Rollinger in ihrer Schwabenhymne. Aber trifft die Aussage auf die jungen Menschen zu, die auf dem Land leben? Sind sie wunschlos glücklich wie die Werbungs-Kühe auf der saftigen Weide? Ist alles super heimelig? Was fehlt ihnen? Sind sie nicht total angeödet von der ländlichen Stille, beschweren sie sich nicht darüber, dass permanent nichts los ist und abends die Bürgersteige hochgeklappt werden? Geile Partys oder tote Hose? Wer hat denn nun recht: die Meckertaschen oder die Rock & Rollinger?

© Jana Lorenz
Wir laden unsere Leserinnen und Leser ein, dieser Frage selbst auf den Grund zu gehen, sich den Erfahrungen von Jugendlichen auf dem Land zu öffnen und dabei neue Eindrücke zu sammeln.
Wir, das sind Studierende der Sozialen Arbeit und der frühkindlichen Bildung und Erziehung an der Hochschule Esslingen, verstärkt durch einige Studierende aus Sachsen. Ein ganzes Jahr lang haben wir uns mit dem Thema „Jugend auf dem Land“ auseinandergesetzt. Dies vor allem praktisch: Wir haben uns in die Dörfer und auf die Höfe begeben, teils lange Anfahrten in Bussen und Zügen in Kauf genommen, Jugendeinrichtungen und informelle Jugendtreffs aufgesucht, hier geschaut und da einen mitgetrunken, vor allem aber: Gespräche mit Jugendlichen geführt. Das Ergebnis unserer Recherchen ist dieses Buch. Die Offenheit und Erzählbereitschaft unserer jugendlichen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner hat es erst möglich gemacht. Dafür danken wir allen Beteiligten ganz herzlich, insbesondere auch Pia Dahlinger und Manuela Hagmeier, die uns Zugänge in die Jugendarbeit verschafft haben.
Ohne allzu viel der Lektüre vorzugreifen – uns scheint: Hinterwäldlerisch war vielleicht gestern mal. Das Land hat viel mehr zu bieten als Wiesen und Wälder, Äcker und Seen, stattliche Bauernhöfe und schnuckelige Dorfansichten. Auf dem Land geht was. Die Jugendlichen dort bewegen was. Sie wollen was werden. Und auch das, was auf den ersten Blick anders und fern erscheint, bleibt ihnen nicht fremd.
Also schau ins Buch! Lies seine Geschichten! Und vielleicht können wir uns dann ja auf dem ein oder anderen Dorffest bei ein, zwei Kaltgetränken darüber austauschen. 
ESSLINGEN, IM FRÜHJAHR 2020 PROJEKTGRUPPE „LANDEIER“

ACHTUNG: ALLE INTERVIEWS MIT DIESEM SYMBOL SIND AUF SCHWÄBISCH GEFÜHRT WORDEN. BEI VERSTÄNDNISPROBLEMEN HILFT DIE FOLGENDE SEITE – SCHWÄBISCH FÜR MÖCHTEGERN-KÄPSELE.
SCHWÄBISCH FÜR MÖCHTEGERN–KÄPSELE
a: ein
äbbert: jemand
ällaweil/emmr: immer
älles: alles
ämmal: manchmal
amol: einmal
andersch: anders
andra: andere
au: auch
auszoga: ausgezogen
be: bin
blieba: geblieben
bsoffa: betrunken
butza: putzen
d’/dia: die
Daf/dafat/därfa:
darf/dürfen
Däg: Tage
dahanne/da hanna/
dohanna: hier oder dort
dahoim: daheim/zu Hause
danna: drüben
dät: würde /täte
dau: getan
doa: tun/getan
Dorfhock/Hock/Hocketse:
Beisammensitzen mit Musik, Essen und Getränken
dr: der
dra: dran
drussa/drusse: draußen
ebbes/äbbes: etwas
en/oine: ein/e
erinnra: erinnern
ersch: erst
et, net oder it: nicht
gäba: gegeben
Gam: gehen
ganga: gegangen
gau: gehen oder gleich
ge: nach oder zum
gheißa: geheißen
ghet: gehabt
gholat/gholt: geholt
gjuckt: gesprungen
glangat: gereicht
glei: gleich
gloffa: gelaufen
gmachet: gemacht
Gmoid: Gemeinde
Gosch: Mund
gsässa/ghöckt: gesessen
gschwind: schnell
gsei: war
gseit: gesagt
guat: gut
gwea/gsei/gwesa: gewesen
häm/ham mer: haben wir
han: hab
händ/hend: haben
Häs: Narrenkostüm
hasch: hast
hau/haut: hat
haut wella: wollten
Hennschtall: Hühnerstall
het: hätte
hot: hat
ins Gschäft: zur Arbeit
jengere: jüngere
Käpsele: Schlaumeier, kluger Kopf
kei: kein
kei: keine
kenna/kem: können
kenntat: könnten
kerig: arg
kriega: bekommen
läba: leben
Latsch: Treffpunkt
Leit: Leute
ma: man
mei Leud: die Eltern
miassa: müssen
mir/mr/mer: Gebrauch als „mir“ oder als „wir“
na: dann
näna: nirgends
neba: neben
nei: rein
nemme: nicht mehr
nia: nie
no: noch
(no) neit: (noch) nicht
noi: nein
nom: rüber
nommal: nochmal
nunter: runter
oifach: einfach
Olag: Anlage
s: das/es
schaffa: arbeiten
schälla: klingeln/schellen
schdandad: standen
scho: schon
schwätzen/schwätza: reden
se: sie
sem: sind
simmer: sind wir
sotsch: solltest
umanandgschprunga: herumgerannt
usm: aus dem
wara mer: waren wir
waret/warat: waren
warsch: warst
weggschaicht: weggeschickt
wore/gworde: geworden
wundersche: wunderschön
zamma: zusammen
zu dera: zu dieser
EINLEITUNG
HEIMAT – LAND AUFWACHSEN, WO DER HAHN NOCH KRÄHT
„Stadt“ – „Land“ – Was ist das überhaupt?
von KURT MÖLLER
So weit das Auge reicht nichts als bestellte Äcker, grüne Wiesen und rauschende Wälder, schmucke Bauernhöfe und blühende Bauerngärten, Misthaufen vor fast jedem Haus, Güllegeruch, Hühner gackern, Kühe muhen, Glockengeläut, fröhlich krakeelende Kinder beim Planschen im Mühlenbach, Mädchen in Tracht auf dem Weg zur Kirche und ein Leiterwagen rumpelt über das Kopfsteinpflaster – das ist Land, oder? Nein? Eher doch nicht? Das war vielleicht mal so? Höchstens bis in die 1950er Jahre hinein, meinen Sie? Oder nicht mal das? Sie vermuten hinter dem Bild eher eine Szenerie aus einem Heimatfilm oder aus einer Wilhelm-Busch-Illustration? Nun gut, aber was ist dann Land heute? Massentierhaltung in Großställen mit Solaranlagen auf dem Dach, Verbundsteinpflaster in jeder Hof- und Hauseinfahrt, innerorts alles zugeparkt, Sparkassengebäude aus Waschbetonplatten, blinde Fensterscheiben in der ehemaligen Metzgerei, ausladende Supermärkte und Neubaugebiete mit geraniengeschmückten Einfamilienhäusern hinter Thuja-Hecken am Dorfrand, Lastwagen, die ohrenbetäubend dicht an dicht durch den halb sanierten Fachwerk-Ortskern rattern, von Abgas geschwängerte Luft und Straßenlärm weht von der neuen Umgehungsstraße herüber? Und die Leute auf der Straße? Bauernklamotten und Sonntagsnachmittags-Ausgehanzüge Fehlanzeige? Fast alle in Casual-Dresscode? Sehen aus wie Städter?
JA, WAS DENN NUN? WAS IST LAND?
„Ich bin ja auf dem Land groß geworden.“ – Täuscht es oder hört man einen solchen Satz heute seltener als früher? Es dürfte sich um keinen Irrtum handeln, denn die deutsche Bevölkerung verlagert sich tendenziell hinein in städtische Zentren. Nur noch weniger als ein Viertel der Bevölkerung lebt in gering besiedelten Gebieten (vgl. Statistisches Jahrbuch 2018: 29). Und laut Prognosen werden in rund 30 Jahren nur noch 18 % dort leben (vgl. United Nation World Population Programme UN/WPP 2011). Fragt sich nur noch, was überhaupt ein gering besiedeltes Gebiet ist. Nach neueren Einteilungsverfahren versteht man unter ländlichen Gebieten jene Regionen, die nach dem sogenannten EU-Rasterzellenverfahren nicht als städtisch eingestuft werden. Und eben danach sind städtische Regionen Gebiete, in denen a) pro Rasterzelle von 1 km2 mehr als 300 Einwohner*innen leben und zugleich b) in den benachbarten Rasterzellen mehr als 5.000 Einwohner*innen zu Hause sind. Als gering besiedelt gelten ländliche Gebiete, in denen mehr als die Hälfte der Bevölkerung in ländlichen Rasterzellen lebt (vgl. Statistisches Bundesamt 2018: 29).
Solche Berechnungen nach dem Verdichtungsgrad mögen für statistische Zwecke und die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen für Infrastrukturpolitik vorteilhaft sein. Was in sie nicht eingeht, sind die subjektiven Wahrnehmungen und die sozialräumlichen Erfahrungen der Menschen. Wie Subjekte ihre Umwelt und sich selbst erleben, prägt aber letztlich ihre Haltung dazu. Vor allem aber: Welche Bedeutung und welchen Sinn sie dieser Umwelt und der eigenen Platzierung darin zuweisen, entscheidet letztlich über ihren Umgang damit. Denn wie schon der griechische Philosoph Epikur (50–138 n. Chr.) wusste, bestimmen nicht Tatsachen an sich, sondern Meinungen über Tatsachen das Zusammenleben. Subjektive Sichtweisen wiederum sind zwar nicht gänzlich unabhängig von gesamtgesellschaftlichen Vorstellungen und kollektiven Vorlagen für sie, letztendlich aber sind es die individuellen Haltungen, die den Orientierungen und Aktivitäten einzelner Menschen ihren jeweils einzigartigen Stempel aufdrücken.
In diesem Buch wird daher anders vorgegangen als bei der Statistik: Hier werden die Erlebensweisen der Befragten in den Mittelpunkt gerückt. Wie sehen sie sich und die Welt, in der sie leben? Dies ist hier die Kernfrage. Insofern gelten die befragten Kinder und Jugendlichen dann als in ländlichen Gebieten Wohnende, wenn sie nach ihrem eigenen Empfindungen „auf dem Lande“ leben – auch wenn es sich rechtlich betrachtet beim jeweiligen Wohnort nicht unbedingt um ein Dorf, sondern vielleicht um einen (im Zuge der Gebietsreform eingemeindeten) Stadtteil oder ein Städtchen „auf dem flachen Lande“ handelt. Dass sie dafür keinen landwirtschaftlichen Bezug haben müssen, versteht sich wohl von selbst, obwohl der Begriff der „Landjugend“ dies für viele noch nahelegt.

© Jana Lorenz
Diese Ausrichtung, also danach zu fragen, wie junge Menschen in ländlichen Räumen eigentlich „ticken“, ist auch eine Orientierung, die durch die Befunde der neueren Forschungen über Kinder und Jugendliche auf dem Lande nahegelegt wird.
KINDHEIT UND JUGEND AUF DEM LAND: WAS DIE FORSCHUNG WEIß
Die großen Kinder- und Jugendstudien in Deutschland verschaffen in Hinsicht auf regionale Unterschiede nur wenig verallgemeinerbare Erkenntnisse. Und wenn solche Differenzierungen gemacht werden, dann geht es meist um Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, weniger um Stadt-Land-Vergleiche. Insgesamt muss man eher eine Schieflage der Jugendforschung zugunsten der Analyse der Lebenssituationen und -stile in urbanen Räumen ausmachen, wenn man nicht sogar den Eindruck gewinnt, die Untersuchung ländlicher Lebenslagen und Lebenswelten von Minderjährigen sei „zu einer bloßen Fußnote“ einschlägiger Studien „verkommen“ (Herrenknecht o. J.: 3).
Zwar lässt sich seit Mitte der 1950er Jahre bis heute eine Reihe von Untersuchungen über Jugendliche und Jugendarbeit auf dem Lande finden (vgl. im Überblick Stein 2013: 44 f.; aktueller auch z. B. Becker/Moser 2013; Faulde/Grünhauser/Schulte-Döinghaus 2019), allerdings zeichnen sie ein Bild, das nicht selten klischeehaft wirkt und lange zwischen dem Bild einer im Stadt-Land-Vergleich benachteiligten und marginalisierten Jugend auf dem Land und dem Bild einer idyllisierten, unbelasteten, sicheren und geborgenen (Dorf-) Kindheit und Jugend auf dem Land hin und her gependelt ist (vgl. Herrenknecht o. J.). Seit den 1980er und 1990er Jahren mehren sich Studien, die das „Bild einer ländlichen Jugend zwischen Tradition und Moderne“ (Grund 2002: 41; so auch noch Vogelgesang/Kersch 2016: v. a. 206) zeichnen. In den letzten 20 Jahren herrschen Ansätze vor, die Skizzen einer „pluralisierten Jugend im regionalen Dorf“ (ebd.: 57) entwerfen, also die Heterogenität von in ländlichen Gebieten Aufwachsenden und ihre vermehrten regionalen, das heißt nicht (mehr) nur vornehmlich lokalen sozialen Bezugnahmen betonen.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, wenn die „Nebeneinanderexistenz“ verschiedener ländlich geprägter Kindheits-(und Jugend-)muster konstatiert wird (Herrenknecht o. J.): Obwohl quantitativ deutlich auf dem Rückzug, hält sich in Nischen noch eine „alt-dörfliche“ Kindheit und Jugend, die noch stark von der bäuerlichen Arbeitswelt, der Mithilfe im Haushalt, auf dem Feld und bei der Betreuung von Geschwistern sowie vom Spielen im Freien geprägt ist. Zugleich wird eine seit den 1960er Jahren zunehmend auftretende „lokal-dörfliche“ Kindheit und Jugend registriert, die der Bedeutungsverlust bäuerlicher Landwirtschaft, das Anwachsen von Neubaugebieten mit (oft zugezogenen) Berufspendler*innen, der Rückgang von tradierten Strukturen dörflicher Kontrolle, die „Zonierung der Kindheit in feste Spiel-, Aufenthalts- und Bewegungsräume“ bei durchaus noch verbreitet vorhandener Nutzung naturnaher und unbeaufsichtigter Flächen kennzeichnet. Das jüngste Muster der „regional-dörflichen“ Lebensweise hat diese beiden Zeitkulturen zwar in den Hintergrund treten lassen, aber nicht völlig verdrängt. Ihre Merkmale sind vor allem die Privatisierung, Verhäuslichung und umfassendere (sowie im Vergleich zu früher stärker altersgetrennte) Institutionalisierung des Aufwachsens, die durch Mobilitätszuwächse und -erfordernisse, Mediatisierung und das Hereinbrechen regionaler, ja globaler Einflüsse in die lokale Kultur ergänzt werden (ebd.: 6–10). So konstatieren dann auch Becker und Moser (2013) in ihrer Online-Befragung von 2.600 14- bis 18-Jährigen in drei westlichen und drei östlichen Bundesländern für das Thünen-Institut, dass es „die“ Jugend in ländlichen Räumen nicht gibt und sich der Kommunikations- und Aktionsradius vor allem durch neue Beschulungstendenzen vom Lokalen ins Regionale, nicht zuletzt aufgrund verbesserter Mobilität und Mediatisierung, aber auch darüber hinaus auf Großstädte, das Ausland und Internetaktivitäten ausgeweitet hat.
So entsteht für viele ein Lebenszusammenhang, der gleichermaßen ländliche wie städtische Prägungen aufweist, einerseits im Lokalen und in regionalen Besonderheiten verhaftet ist, andererseits Aspekte jener Welt integriert, die (z. T. weit) über diese Rahmungen hinausreicht (vgl. auch Vogelgesang 2013). Eben diese Doppelexistenz geben auch viele Interviews im vorliegenden Buch zu erkennen.
Aber was wissen wir genauer über diese recht großrahmig zugeschnittenen Entwicklungen hinaus in Hinsicht auf die konkreten Lebensumstände und Lebenswelten von in ländlichen Strukturen aufwachsenden Kindern und Jugendlichen heute? Was lässt sich über die Beschaffenheit von Wohnformen, Familienkonstellationen, Arbeit, (Aus-) Bildung, Freundschaften, Vereinsbindungen etc. herausbekommen? Und: Wie wohl oder unwohl fühlen sich junge Menschen mit ihrem Leben auf dem Land? Fühlen sie sich tatsächlich benachteiligt durch ein Leben „am Arsch der Welt“? Leiden sie also unter Landfrust? Oder verspüren sie im Gegenteil so etwas wie Landlust? Zieht es sie weg oder wollen sie bleiben?
Einige Antworten auf solche Fragen lassen sich bei einer Durchforstung der mehr oder minder aktuellen Fachliteratur zum Thema gewinnen.
WOHN- UND FAMILIENFORMEN
Kinder auf dem Lande sind im Vergleich zu Stadtkindern seltener Einzelkind, haben – vor allem in Westdeutschland – eher Eltern, die miteinander verheiratet sind, leben seltener in Alleinerziehenden-Konstellationen, besitzen weniger häufig Migrationshintergrund und wohnen mit ihrer Familie eher im eigenen Haus (das dann auch häufig einen Garten hat). Ihre Eltern verfügen zudem eher über einen oder mehrere Pkw, um damit die höheren Herausforderungen an Mobilität bewältigen zu können (vgl. Haumann 2013).
Auch nach der jüngsten der alle zehn Jahre in ähnlicher Weise durchgeführten Studie (hier: unter gut 400 Mitgliedern) der Niedersächsischen Landjugend (Stein 2013) wachsen Landjugendliche deutlich häufiger als Kinder und Jugendliche in städtischen Gebieten mit beiden Elternteilen auf, und Alleinerziehenden-Haushalte sind unter ihnen viel seltener anzutreffen als in Deutschland insgesamt. Mit 30,4 %, die in Dreigenerationenhaushalten zu Hause sind, wird unter den hier Befragten der deutsche Durchschnittswert um das 34-Fache übertroffen. Auch die Geschwisterzahl ist deutlich höher. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass mehr als 35 % der Proband*innen unmittelbar landwirtschaftlich eingebunden sind und in diesen Kontexten Multi-Generationenfamilien traditionell besonders stark verbreitet sind. Mit dem Rückgang der bäuerlichen Lebensweise ist zukünftig auch eine Abnahme solcher Familien- und Wohnformen wahrscheinlich.
SCHULE, AUSBILDUNG UND ARBEIT
Nach dem Thünen-Report 12 (Becker/Moser 2013) sind Jugendliche auf dem Lande in erstaunlichem Maße mit dem jeweiligen regionalen Schulangebot überwiegend oder völlig zufrieden (63 % bzw. 53 %). Auch die Schulwege sind danach weniger lang als vielfach angenommen. Je nach Untersuchungsregionen unterschiedlich geben zwischen 69 % und 89 % an, weniger als 30 Minuten zu benötigen. Eine Regionalstudie in Brandenburg kommt freilich zu anderen Ergebnissen: 16,4 % der Schüler*innen brauchen demnach mehr als eine Stunde, um von daheim zur Schule zu gelangen (vgl. Hoffmann/Sturzbecher 2012: 191), und im Gegensatz zu den Befunden des Thünen-Reports, der diesbezüglich keine Unterschiede feststellt, müssen nach einer Studie im Westerwald dort junge Menschen aus kleinen Dörfern besonders zeitintensive Schulwege zurücklegen (AWO Kreisverband Westerwald 2001: 27). Offenbar gibt es also deutliche regionale und lokale Unterschiede.
Die Beurteilung der wirtschaftlichen Situation fällt nach den schon 2009 (!) erhobenen Daten des Thünen-Reports ebenso unterschiedlich aus, besonders deutlich zwischen ost- und westdeutschen Regionen. Zwar geht eine Mehrheit in allen Untersuchungsregionen davon aus, in der Region, in der man zurzeit lebt, „sicher“ eine Arbeit finden zu können, aber auch hier gibt es deutliche Unterschiede zwischen Ost und West bzw. prosperierenden und eher abgehängten Regionen (vgl. Becker/Moser 2013: 77). Je nach Region zweifeln 25 % bis zu 44 % daran, dass sich die eigenen Zukunftspläne in der Region verwirklichen lassen. Danach gefragt, wo sich Lebensziele vermutlich am ehesten realisieren lassen, wird „Karriere machen“ von 95 % als eher in der Stadt umsetzbar angenommen.
FREUNDE, FREIZEIT, MEDIEN UND MOBILITÄT
Freunde erschließen (auch) Jugendliche auf dem Lande vorrangig über den gemeinsamen Schulbesuch. Insofern dieser ab dem Nach-Grundschulalter vielfach nicht mehr vor Ort stattfindet, hat sich im Vergleich zu früher das Freundschaftsnetz junger Menschen geografisch in die Region hinein ausgeweitet. Höchstens (noch) jede*r Fünfte gibt in der Thünen-Studie an, im eigenen Wohnort einen „besten Freund“ bzw. eine „beste Freundin“ zu haben. Mehrheitlich haben die Jugendlichen Freund*innen (auch) in einer Großstadt oder über Internetkontakt (regional unterschiedlich zwischen 58 % und 89 %). Nur zwischen 11 % und 20 % sind mit ihrem Internetzugang „wenig“ oder „gar nicht“ „zufrieden“, wobei unklar bleibt, inwieweit diese Prozentzahlen mit den regional bzw. örtlich vorhandenen Internetempfangsmöglichkeiten, Fragen der Versorgung des Haushalts mit entsprechenden Anschlüssen oder elterlichen Regelungen zusammenhängen (zu den Daten vgl. Becker/Moser 2013: 32–35).
Internetaktivitäten stellen wie für Jugendliche in Deutschland im Allgemeinen nach „sich treffen mit Freunden“ und noch vor Musik hören dieser Studie zufolge wichtige Freizeitbeschäftigungen dar, wobei die tägliche Nutzungsdauer des Internets bei Landjugendlichen sogar höher ist als bei Gleichaltrigen in der Stadt; einen Jugendclub besucht nicht einmal jede*r Zehnte. Konkrete Freizeitinteressen fallen aber sehr unterschiedlich aus. So sind zum Beispiel die Dorf- und Gemeindefeste je nach Region mal für 29 %, mal für fast doppelt so viele Befragte, nämlich 53 % „wichtig“ oder „sehr wichtig“, wohingegen sich – wiederum regional unterschiedlich – zwischen 22 % und 37 % für solche Formen der Ortsverbundenheit nicht interessieren. Etwa 3/4 bis 4/5 der Befragten sind in Vereinen aktiv, meist in Sportvereinen – hier vor allem die Jungen. In Kultur- und Musikvereinen bzw. Einrichtungen der Jugendarbeit engagiert sich – wiederum mit erheblichen regionalen Differenzen – ein Zehntel bis ein Drittel der jungen Menschen. Das kirchliche Engagement schwankt noch stärker, nicht zuletzt je nach religiösen Traditionsbezügen der Gegenden (7 % bis 28 %) (vgl. Becker/Moser 2013: 35–43). Insgesamt ist wohl trotz sinkender Mitgliedszahlen und erheblichen Nachwuchsproblemen der meisten Vereine noch immer davon auszugehen, dass derartig institutionalisierte Formen der Freizeitbeschäftigung mehr auf dem Lande als in städtischen Räumen verbreitet sind.
Mangelnde Mobilität ist trotz objektiv vergleichsweise ungünstiger Ausgangssituationen in dünn besiedelten Gebieten nur für eine Minderheit von 1 % bis 8 % ein schwerwiegendes Problem. Da der ÖPNV allerdings meist nicht befriedigend ausgebaut ist, wird, um eine eigenständige Mobilität zu sichern, die Bedeutung von Fahrerlaubnissen für Krafträder und Autos dementsprechend hoch eingeschätzt. Bevor altersgemäß Führerscheine erworben werden können, heißt es angesichts nur dünnmaschig vernetzter und selten verkehrender Bus- und Zugverbindungen, zu Fuß zu gehen, sich aufs Fahrrad zu schwingen oder elterliche Fahrdienste zu erbitten (vgl. Becker/Moser 2013: 43–48; zur Illustration des Mobilitätsalltags auch die zahlreichen Beispiele dafür in den Interviews dieses Bandes).
WERTE, POLITISCHE HALTUNGEN UND SOZIALES ENGAGEMENT
Über die regionalspezifische Verteilung von Werthaltungen, also von Kriterien, nach denen Verhaltensweisen anderer Personen beurteilt werden und eigene Lebensorientierungen erfolgen, ist mangels entsprechender Forschungsanlagen wenig bekannt. Zwar stimmen insgesamt auch Landjugendliche demokratischen Einstellungen deutlich mehrheitlich zu, allerdings kann – auch bei einer Minderheit der verbandlich in der Landjugend Organisierten – die Befürwortung von „autokratischen und undemokratischen Meinungen“ als „bedenklich“ gelten (Stein 2013: 139). Bemerkenswert, wenn nicht besorgniserregend, ist darüber hinaus die im Vergleich zu städtischen Gebieten breitere Akzeptanz, die gegen Ausländer*innen gerichtete und extrem rechte politische Einstellungen erhalten. Nach der repräsentativen Studie von Baier u. a. (2009) sind dabei männliche Jugendliche, ostdeutsche Landstriche und niedrigere Bildungsniveaus besonders belastet. Vermutlich dürfte die geringere Wahrscheinlichkeit, zu Migrant*innen Kontakt schließen zu können, für die Stadt-Land-Unterschiede der Belastung mit Rechtsextremismus und Rechtspopulismus wesentliche Erklärungskraft besitzen. Hinzu kommen Abwanderungstendenzen der Jüngeren verbunden mit einer Überalterung (Salomo 2019) unter den Zurückgebliebenen sowie die auf dem Lande überproportional verbreitete „lokalistische“ Orientierung, die das Entstehen einer „Nahmoral“ und einen „höheren Konformitätsdruck“ begünstigt (Simon u. a. 2017: 50). Sie kann an „Fragmenten traditioneller Werthaltungen“, „die in ländlich strukturierten Sozialräumen stärker präsent sind“, wie „Konventionalismus, Autoritarismus, Homophobie bis hin zum Rassismus“ „anknüpfen“ und dabei Skepsis, wenn nicht gar Ablehnung und Hass gegenüber dem und den „Fremden“ mit sich bringen (ebd.: 48).
Das soziale Engagement scheint unter Landjugendlichen vergleichsweise hoch zu sein. Bei den in der Niedersächsischen Landjugend Organisierten liegt es deutlich über dem Engagementniveau, das für Jugendliche allgemein in Deutschland registriert wird – auch in Bereichen, die nicht unmittelbar mit der Landjugendmitgliedschaft zu tun haben (vgl. Stein 2013: bes. 124). Obwohl dafür sicher auch der Umstand verantwortlich ist, dass Engagierte sich erfahrungsgemäß häufig nicht nur auf ein Betätigungsfeld beschränken, sondern gleich in mehreren Bereichen Aktivitäten entfalten, tragen offenbar die weiterhin noch stärker erhaltenen Vereins- und Feiertraditionen, die größere soziale Nähe der Einwohner*innen untereinander und die vorrangig in westdeutschen Landstrichen verbreitete intergenerationelle Überlieferung religiöser Aktivitäten und Mitgliedschaften zu diesem hohen Level bei. Allerdings führt ganz offensichtlich der Ausbau der Ganztagsschule zu deutlichen Rückgängen von Engagementmöglichkeiten und -bereitschaften – vor allem außerhalb schulischer Zusammenhänge (vgl. auch Simon u. a. 2017).
WEGZIEHEN ODER BLEIBEN?
Schametat, Schenk und Engel (2017) haben quantitativ mittels Fragebogen 444 Neuntklässler*innen verschiedener Schulformen in den Kreisen Höxter und Holzminden im Hinblick auf ihre regionalen Bindungen befragt. Die schon aufgrund ihrer regionalen Beschränkung nicht für Deutschland insgesamt repräsentative Studie kommt zu dem Schluss, dass 71,6 % gern in ihrem jetzigen Wohnort leben, nur für 13,9 % gilt das nicht, und 14,4 % wissen sich weder für die eine noch die andere Antwortmöglichkeit zu entscheiden (vgl. ebd.: 70). 9 % aller Befragten wollen „auf jeden Fall“ und 28,4 % „eher“ „hier bleiben“; 26,5 % wollen „eher“, 13,1 % „unbedingt“ „wegziehen“; dem Rest ist es „egal“ (ebd.: 81). Bemerkenswert dabei ist, dass auch ein gutes Fünftel derjenigen, die gern in ihrem Wohnort leben, eine Abwanderungstendenz hat. Was also entscheidet darüber, ob man einen Wegzug aus der Region plant oder nicht? Nach dieser Untersuchung hängt die Bindungsneigung am stärksten von der Einschätzung und positiven Bewertung der Region selber ab, für die wiederum – in dieser Reihenfolge – Landschaft, Natur, Freizeitmöglichkeiten und die Erreichbarkeit für attraktiv gehaltener Räume und Orte von vorrangiger Bedeutsamkeit sind. Einen zweiten Bindungsfaktor bildet die Familie, einen dritten die Wertschätzung von Freizeit, wobei hier Sportaktivitäten bzw. -kontakte und auch freundschaftliche Bindungen, wenn sie im gleichen Maße wie familiäre Bindungen geschätzt werden, sowie starke Paarbeziehungen besondere Rollen zu spielen scheinen. Wer hingegen „Einzelgänger“ ist, sich deutlich stärker an der Peergroup als an der Familie orientiert, shoppen gehen wichtig findet und/oder vor allem eine berufliche Karriere ansteuert, hat eher Abwanderungstendenzen (vgl. ebd.: v. a. 104–113). Während Wochnik (2014) feststellt, dass die Entscheidung über Gehen oder Bleiben der Berufswahlentscheidung vorausgeht und eher ein alternativer Berufswunsch verfolgt wird, als die Region zu verlassen, gibt die Mehrheit der Proband*innen in der Studie von Schametat u. a. zu erkennen, die Region verlassen zu wollen (oder zu müssen?), um den primären Berufswunsch in die Tat umsetzen zu können. Abwanderungsintentionen steigen auch mit der Ortsgröße. Interessanterweise ist in größeren Ortschaften die Zufriedenheit mit der Freizeitsituation und den Einkaufsgelegenheiten trotz tatsächlich größeren Angebots geringer (vgl. ebd.: 116 f.) – ein erneuter Hinweis darauf, dass sich subjektive Bewertungen nicht mit objektiven Lagen decken müssen.
Deutlich stärkere Bleibetendenzen stellt die niedersächsische Landjugendstudie 2010 fest (vgl. Stein 2013), in der allerdings bis auf 3 Befragte alle Proband*innen Mitglieder der Niedersächsischen Landjugend und auch im Durchschnitt mit fast 21 Jahren deutlich älter sind, weshalb auch die von ihr produzierten Ergebnisse nicht verallgemeinerbar sind. Hiernach würden 99,5 % am liebsten weiterhin innerhalb der nächsten fünf Jahre in der Region bleiben (vgl. ebd.: 142). Dabei ist zusätzlich anzumerken, dass kaum Migrant*innen einbezogen wurden (5 % der Stichprobe), viele bereits altersbedingt die Ausbildung und damit auch – anders als die o. e. Neuntklässler – ihre Berufsorientierung hinter sich haben und – wie schon oben erwähnt – mehr als ein Drittel der Proband*innen in der Landwirtschaft tätig ist, gewachsene Freundeskreise stark für die Wohnortwahl zu Buche schlagen und 77,3 % sich „stark familienorientiert“ zeigen. Fast ein Fünftel gibt auch die Landschaft als Grund für die Wohnortpräferenz an, immerhin 13,1 % benennen auch „Tradition/Kultur“ als mit ausschlaggebend (ebd.: 113, 142 f. und 162).
Resümierend ist festzuhalten: Umso positiver die regionale Verankerung ausfällt, umso stärker die sozialen Kontakte sich darstellen, umso höherer Stellenwert der Freizeit zugemessen wird und umso kleiner der Ort ist, an dem man*frau wohnt, desto größer ist die Bindungsneigung.
FAZIT UND PERSPEKTIVEN
Das Dorf ist offenbar nicht mehr das, was es einmal war – jedenfalls nach den weithin verbreiteten nostalgisch-schönfärberischen Zeichnungen ländlicher Idylle: ein Ort der Heimat, der durch Homogenität, Nestwärme und Sesshaftigkeit gekennzeichnet ist. Im Ausmaß regional und auch geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlich denkt heutzutage immerhin die Hälfte bis 3/4 der Landjugendlichen über einen (womöglich auch nur temporären) Wegzug nach (ebd.: 106/107), um Selbstverwirklichungs-, Ausbildungs- und Berufschancen zu verbessern und Chancen auf den Erwerb von Wohlstand zu nutzen. In einigen strukturschwachen Landstrichen bestehen deutlich spürbare Unzufriedenheiten mit den infrastrukturellen Gegebenheiten, und gerade die besser (aus)gebildeten, vor allem weiblichen jungen Menschen haben hier verstärkt Abwanderungstendenzen. Heimatgefühle und lokale sowie familiäre Verwurzelungen können Letzteren auf Dauer bei den meisten nichts entgegensetzen. Auch wenn konventionalistische Werthaltungen mit zum Teil problematischen Auswirkungen auf die politische Kultur des ländlichen Raums noch vergleichsweise stark verhaftet bleiben, weichen sich dennoch traditionelle Bindungen und kulturelle Praktiken mehr oder weniger rapide auf, erleiden über Jahrhunderte und Jahrzehnte gewachsene örtliche Vereinigungen Attraktivitätsverluste innerhalb der nachwachsenden Generationen und häufen sich bei ihnen dementsprechend fast durchweg die Klagen über Rekrutierungsschwierigkeiten neuer Mitglieder. Bleibt wenigstens die Kirche im Dorf? Auch ihre Rolle wird – nicht nur im weitflächig konfessionslosen Osten der Republik – erheblich in den Hintergrund geschoben. Gesellschaftliche Treiber wie Ökonomisierung, Mediatisierung, Anonymisierung, Individualisierung, Pluralisierung, Entschleunigung, Globalisierung und Mobilitätszuwächse haben längst auch ländliche Strukturen ergriffen.
Und dennoch oder gerade deshalb: Von regionalen Ausnahmen einmal abgesehen zeigen sich rund 90 % der Landjugendlichen mit ihren Lebenssituationen insgesamt und den Gestaltungsmöglichkeiten in ihren Lebensumfeldern zufrieden, die meisten von ihnen sogar „überwiegend“ bzw. „völlig“ (vgl. Becker/Moser 2013: 58). Sie weisen damit für sich eine hohe Lebensqualität aus und sehen zumeist zuversichtlich in die Zukunft. Das lange vorherrschende Bild von Landjugend als benachteiligter Jugend erweist sich vor diesem Hintergrund eher als Zerrbild. Am Dorfleben wird besonders geschätzt, seine Ruhe zu haben, in einer sicheren Umwelt leben zu können und dabei viele Freiheiten zu besitzen (vgl. Becker/Moser 2013: 87).
Was diese Vorzüge neben allen empfundenen Widrigkeiten und Unzulänglichkeiten, aber auch den Strategien des Arrangements mit ihnen konkret für die jungen Menschen bedeuten und welche weiteren Vorteile Landleben aus ihrer Sicht mit sich bringt, lassen die in diesem Buch folgenden Gesprächsauszüge zutage treten. Ihre Vielfalt macht dreierlei deutlich: Erstens gibt sie zu erkennen: Die Landjugend gibt es nicht. Zweitens offenbart die Pluralität der Sichtweisen: Eine geografisch und kulturell statische Heimat lässt sich nicht (mehr) denken. Heimatverluste, die in dieser Weise verspürt werden, gleichen tatsächlich Phantomschmerzen (vgl. Schüle 2017), die auf einer Verklärung der Vergangenheit beruhen und die Möglichkeiten neuer Erfahrungsformen von Vertrautheit, Gemeinschaft und Geborgenheit ungenutzt lassen. Drittens nährt sie gerade mit Blick auf diese neuen Optionen von Beheimatung die Vermutung: Es kann kein Zufall sein, wenn der urbane Zeitgeist alte Dorfqualitäten in die Stadt holt: selbst gärtnern als Urban Gardening, das Backhaus als Backvollautomat, Nachbarschaftstratsch und Hocketse als Quartiersfest, alte Handwerkstugenden als aktueller Do-It-Yourself-Trend, unbekümmerte Freiflächennutzung als innerstädtisches Brachenrecycling, Hausmusik im kleinen Kreis als Wohnzimmer-Konzert einer Indie-Band, internetverbreitete Jugendkultur aus der Provinz als chart- und metropolentauglichen Hype, Fahrzeug ausborgen als Sharing-Kultur, Tante Emma als Bioladen, die Eckkneipe als hippen veganen Imbiss, Holzfällerhemden und Strickmützen kombiniert mit schweren Lederboots und Hosenträgern als Lumbersexual-Style für den urbanen wilden Mann, Marmelade selbst einkochen als ultimativen Nachhaltigkeits-Ausweis … 
LITERATUR
Arbeiterwohlfahrt (AWO) Kreisverband Westerwald: Jung sein im Westerwald. Lebens- und Freizeitsituation junger Menschen im Westerwaldkreis. Eine Studie der Arbeiterwohlfahrt Westerwald e. V. in Zusammenarbeit mit der Universität Koblenz-Landau. Koblenz 2001.
Baier, Dirk/Pfeiffer, Christian/Simonson, Julia/Rabold, Susann: Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN. Forschungsbericht Nr. 107. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Hannover 2009.
Becker, Heinrich/Moser, Andrea: Jugend in ländlichen Räumen zwischen Bleiben und Abwandern. Lebenssituation und Zukunftspläne von Jugendlichen in sechs Regionen in Deutschland. Thünen Report 12. Thünen-Institut, Braunschweig 2013. Online verfügbar unter: https://www.thuenen.de/de/infothek/publikationen/thuenen-report/thuenen-report-alle-ausgaben/ [Zugriff am 12.09.2019].
Faulde, Joachim/Grünhäuser, Florian/Schulte-Döinghaus, Sarah (Hrsg.): Jugendarbeit in ländlichen Regionen. Beltz, Weinheim 2019.
Grund, Timo: Ländliche Jugendwelten im Wandel – Jugendbilder in der Landjugendforschung und ihre Wirkungen auf die Landjugendarbeit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Norderstedt 2002.
Haumann, Walter: „Lebenswelten und -wünsche“, in: LandInForm – Magazin für ländliche Räume 1/2013: 16/17.
Hoffmann, Lars/Sturzbecher, Dieter: „Soziale Schulqualität, Schülerbeförderung und Schulschwänzen“, in: Sturzbecher, Dietmar/Kleeberg-Niepage, Andrea/Hoffmann, Lars (Hrsg.): Aufschwung Ost? Lebenssituation und Wertorientierungen ostdeutscher Jugendlicher. VS, Wiesbaden2012: 189–214.
Herrenknecht, Albert: Land-Kindheit im Wandel. Sozialräumliche Veränderungen im Lebensalltag von Kindern und Jugendlichen auf dem Lande. Deutsches Kinderhilfswerk (o. J.). Online verfügbar unter: https://www.kinderpolitik.de/bausteine/aktionsfelder/dorferneuerung/164-beteiligungsbaustein-c-5-1 [Zugriff: 12.09.2019].
Salomo, Katja (2019): „The residential context as source of deprivation: Impacts on the local political culture. Evidence from the East German state Thuringia“, in: Political Geography 69, 3/2019, 103-117.
Schametat, Jan/Schenk, Sascha/Engel, Alexandra: Was sie hält. Regionale Bindung von Jugendlichen im ländlichen Raum. Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2017.
Schüle, Christian: Heimat. Ein Phantomschmerz. Droemer Knaur, München 2017.
Simon, Titus u. a.: Schweigen heißt Zustimmung. Rechtsextremismus in den ländlichen Räumen. Bund der Deutschen Landjugend e. V., Berlin 2017.
Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2018. Deutschland und Internationales. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2018.
Stein, Margit: Jugend in ländlichen Räumen. Die Landjugendstudie 2010. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2013.
United Nations World Population Programme (UN/WPP): The 2011 Revision. United Nations, New York 2011.
Vogelgesang, Waldemar: „Warum ziehen Jugendliche weg?“, in: LandInForm – Magazin für ländliche Räume 3/2013: 34–35.
Vogelgesang, Waldemar/Kersch, Luisa: „Jung sein! Und das auf dem Land?“, in: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumplanung (Hrsg.): Landflucht? Gesellschaft in Bewegung. Franz Steiner, Stuttgart 2016: 201–218.
Wochnik, Markus: „Jugendliche im ländlichen Raum – Heimatbezug und Berufswahl“, in: Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen (Hrsg.): Die berufsbildende Schule Bd. 66 (6) 2014: 215–218.
WAS GEHT!?

„EIGENTLICH ISCHS SUBBER HIER, ABER LEIDER ISCHS HALT NET ERLAUBT.“

Florian (17) – Schüler an einem wirtschaftlichen Berufskolleg –, Dennis (18) – macht eine Ausbildung als Grafikdesigner –, Maxi (16) – Schüler –, Moritz (17) – macht eine Ausbildung als Zimmermann – und Tim (16) – macht eine Ausbildung als Mechatroniker – haben gemeinsam einen Bauwagen und einen Wohnwagen als Treffpunkt.
Also ihr habt ja hier den Bauwagen. Wollt ihr einfach mal erzählen, wie es dazu gekommen ist?
Florian: Wir waren mal sechs Personen. Damals fings mit einem Bauwagen an, des is der da drüben, wo wir später reingehen. Wir haben angefangen den zu richten. Wir haben ja hier handwerklich Begabte, dann ham mer da auch schon kleine Feiern gemacht und dann haben sich welche unserem Team angeschlossen und dann kam der alte Wohnwagen hier dazu.
Du hast gesagt „handwerklich Begabte“ – das heißt, ihr macht alle in die Richtung ’ne Ausbildung oder wie meintest du das?
Florian: Nee, ’s hat jeder so seine Stärken. Ich zum Beispiel, das kann ich ja offen zugeben, bin net so handwerklich begabt. [alle lachen]
Dennis: Ich mach ’ne Ausbildung zum Grafikdesigner und bin halt au net handwerklich begabt. Also ich will jetzt net sagen, dass ich nix check. Ma kann scho helfen, aber …
Florian: … aber er macht zum Beispiel dann die Werbung und ich bin auf dem wirtschaftlichen Berufskolleg, ich kümmer mich dann um die Finanzen.
Moritz: Ich mach ’ne Ausbildung als Zimmerer.
Tim: Und ich mach Mechatroniker.
Hier ist man ja, wie’s aussieht, so ’n bisschen weg vom Schuss, es ist einfach ’n bisschen ländlicher – inwieweit hat euch des dazu gebracht, hier ’n Bauwagen und ’nen Wohnwagen aufzubauen?
Tim: Ach, geht schon noch härter. [alle lachen]
Florian: Wir sind eigentlich noch gut dabei.
Dennis: Gaildorf geht echt sogar noch relativ klar.
Moritz: Als erschdes warns eigentlich wir drei und ham halt mal so ’ne Gruppe gmacht und ham über ’n Jahr lang nach ’nem Bauwagen gsucht, weil halt alles so teuer war. Dann ham mer noch drei andere aufgnomme, also Flo und die zwei Mädchen, und dann hat von dem einen Mädchen der Vater noch jemand gwusst, der ’n Bauwagen hat, und den ham mer dann ziemlich günschdig kriegt.
Wo sind überhaupt die Mädels?
Dennis: Die waren nur zum Putzen da. [alle lachen] Wir sind heute nicht komplett, wir sind eigentlich noch ’n größeres Team.
Aber wie kamt ihr überhaupt auf die Idee, ’nen Bauwagen zu wollen?
Tim: Na ja, Bauwägen gabs halt früher au immer scho.
Florian: Ja, einfach ’n Treffpunkt für uns.
Tim: Ich war früher au mal irgendwo in ’nem Bauwagen und fand des halt cool.
Moritz: Mein Bruder hatte au scho einen. Der stand au scho hier.
Dennis: Wenn man in die andren Dörfer guckt …
Moritz: Eutendorf hat au zwei Stück …
Dennis: Deswegen will mer halt au so einen haben. Des isch ja auch so bissle: „Hey, guck mal, wir ham ’n Bauwagen, ihr könnt gern vorbeikommen und mit uns feiern.“
Tim: Weil bei uns hier aufm Land gibts et so viele Feiermöglichkeiten.
Dennis: So Club isch halt hier bissle Mangelware, der nägschde isch in Schwäbisch Hall.
Tim: Und da immer hinzukommen …
Florian: Und da dürfen auch nicht alle rein. [alle lachen]
Dennis: Und hier kannsch halt mal gschwind nach Hause laufen, vor allem wenn man hier in Großaltdorf wohnt.
Also habt ihr den Bauwagen dann quasi gekauft?
Florian: Ja, jeder hat Startkapital gegeben.
Dennis: Wir haben au ’ne Einstiegsgebühr.
Dennis: Ja, kann man so sage, aber unser Team isch jetzt au voll. Wir nehmen jetzt grad keine mehr auf, aber ich musste au ’nen Beitrag zahle, damit ich ins Bauwagenteam kommen konnte – ich bin ja nachträglich gekommen.
Florian: Aber zum Feiern darf jeder kommen. Da kommt wirklich jeder. Da kommen selbst Leute, die wir gar net kennen.
Dennis: Man kennt se halt, weil Dorf halt. Man kennt da voll viele und’s spricht sich halt rum und dann: „Ey, da isch Bauwagenparty“, und dann tauchen da auf einmal irgendwelche Leute auf, die man halt mal gsehen hat in der Stadt.
Florian: Also was man vielleicht noch dazusagen kann, hier findet au der Großteil der Partys statt. Also hier sitzt man dann, trinkt was und drüben im Bauwagen ist dann die Bar.
Dennis: Wir ham hier auch Lichter, Stroboskop und alles.
Florian: Viele sind auch draußen drum herum, Feuertonne, einfach entspannt.
Tim: Also draußa isch eigentlich am meischde, weil hier ischs ja net so groß.
Und ihr seid dann das „Bauwagenteam“, also die, die hier dann am Bauwagen arbeiten, oder?
Dennis: Genau, einfach die, die für des, was hier steht, stehen.
Florian: Wir organisieren. Wir haben sogar eigene Pullis. Sogar gesponsert.

„HIER ISCH EIGENTLICH NATURSCHUTZGEBIET UND DA DARF EIGENTLICH GAR NIX HIN.“
Ich sehe auch grad an der Wand steht „BOV“.
Dennis: Ja, des steht für „Big Old Village“, also Großaltdorf, der Ort hier.
Florian: Des isch wie so ’ne Marke sozusagen.
Wie so ’ne Eigenmarke, okay. Und vorhin habt ihr gesagt, dass der Platz hier auch was Besonderes wäre.
Dennis: Ja, weil der Bauwagen isch ja da halber in der Hecke drin.
Tim: Ja, eigentlich ischs subber hier, aber leider ischs halt net erlaubt.
Dennis: Also wir haben Probleme mit der Stadt.
Tim: Hier isch eigentlich Naturschutzgebiet und da darf eigentlich gar nix hin. Ham mer aber au erscht im Nachhinein erfahren. [Gelächter] Wir ham den Bauer wegen der Wiese gfragt, der die pachtet hat, und der hat gsagt: „Ja klar, machet!“, und dann ham mer’s hier hingschdellt, und dann ham mer schnell bemerkt, dass der Bauwagen arg klein isch. Dann sim mer halt auf die Idee komme, draußen noch ’ne Terrasse, so wie ’ne Veranda hinzubaue. Wir ham Holz besorgt, hat alles subber klappt, dann ham mer halt des Ding da hinbaut und kurz bevor mer fertig waren, hing dann ’n Zettel dran, dass mer ’ne Anzeige bekommen haben und dass des alles bis in einer Woche wieder weg sein muss.
Die Veranda oder alles?
Zusammen: Alles!
Tim: Komplett weg. Und dann hat mein Vadder damals mit dem Typ vom Amt telefoniert. Und dann meinte er, bis wir ’n neuen Platz gfunden haben, köm mer den Bauwagen hier stehe lasse.
Maxi: Aber eigentlich ohne Partys. [Gelächter]
Tim: Da wir erschd letztens ’ne Party gmacht ham, steht der Wohnwagen jetzt au hier. Normalerweise fahrn wir den dann immer weg, auf ’ne Wiese von uns, stellen den da hin, und wenn wir Party machen, fahrn wir den dann wieder her.
Dennis: Ja, die isch au bissl zum Umbauen, die Wiese. Wir ham da angefangen, den umzubauen. Immer wenn irgendwas kaputt war, wird er umbaut.
Florian: Aber so ’ne Dauerlösung isch des au nicht, immer alles hin und her zu fahren.
Dennis: Vor allem, der überlebt den Weg hier hoch eh net. Man sieht des ja au, dass der au nemme so im neuschden Zustand isch und au hier und dort mal bissle was quietscht. Des isch immer ’ne Tortur, den einmal im Monat hier hochzufahren.
Wie kriegt ihr den dann immer hoch und runter?
Dennis: Der hat vorne ’ne Anhängerkupplung. Und dann mit’m Auto.
Moritz: Oder Bulldogger.
Dennis: Isch halt bissle kritisch wegen der Wiese. ’s Auto rutscht manchmal bissle rum, wenn’s nass ist.
Florian: Die Stadt hat uns ja Ende Dezember oder so versichert, dass die mal nachm Platz für uns gucken. Jetzt wart mer halt noch auf ’ne Antwort.
Tim: Ja, des klappt net so wirklich.
Dennis: Die sagen viel, aber machen halt nix.
Tim: Dann stehen sie ja in der Verantwortung. Des funktioniert eigentlich gar net.
Florian: Die wollens au net so. Aber wir haben Namen.
Tim: Auf WhatsApp hab ich’s.
Dennis: Ja, wir sind mit’m Ortsvorsteher hier gut. Also d’ Stadt weiß auf jeden Fall Bescheid, dass des hier so steht und wie unsre Situation grad isch. Des isch alles abgsprocha. ’s isch nix irgendwie unterschrieben worden nach dem Motto: „Ja, des isch jetzt geduldet.“
Tim: Ich geh ungefähr alle zwei Wochen oder jede Woche zu dem runter und frag mal, wie’s ausschaut. Des geht ihm, glaub, scho ziemlich aufn Sack …
Wie lange macht ihr hier denn schon mit dem Bauwagen rum?
Moritz: Letztes Jahr im März ham mer den Bauwagen kauft. Dann ham mer den umbaut, also die Bodenplatten rein, dann die Bar.
Maxi: ’s hat ’n Ofen drin, Decke ham mer.
Moritz: Wir ham halt ziemlich viel umsonscht kriegt. Dann ham mer des glei in ’ner Zimmerei machen können. Die Tochter isch ja au bei uns im Bauwagenteam.
Und ihr Vater hat euch das dann alles besorgt?
Moritz: Ja, des waren alles Reschde von dem und hat hier perfekt reinpasst.
Florian: Der hat uns des au schön zugesägt.
Dennis: Des Sofa isch deins, oder?
Moritz: Ja.
Dennis: Oder die Matratzen grad, wo ihr drauf hockt, die ham mer au zammagschnitten. Auf jeden Fall isch des au immer ’n bissle so ’n Problem, des ganze Zeug zu besorgen. Des dauert halt au immer, also man hat ja net immer direkt alles da, und dann muschs au wieder abholen. Und des Problem war ja au, dass net alle 18 sind. Und dann immer Mama oder Papa fragen und dann Anhängerkupplung … dies und das … Hat halt scho seine Zeit braucht.
Haben euch eure Eltern dann dabei unterstützt?
Alle: Ja, voll und ganz.
Fanden sie das auch ’ne gute Idee von euch?
Tim: Ja, dann sim mer wenigstens net die ganze Zeit daheim. Man muss auch dazusagen, unsere Väter hatten früher au ’nen Bauwagen hier.
Also quasi Tradition bei euch?
Moritz: Des isch jetzt der Dritte, wo hier steht.
Florian: Allgemein kriegen wir au positive Rückmeldung, weil viele des einfach cool finden, dass wir hier was machen.

Tim: Wenn hier irgend was stattfindet, dann isch hier echt voll.
Dennis: Vor allem nach der letzschden Party ham mir au irgendwelche Leude, die ich kenn, so gsagt: „Ey, hab gehört, da war voll die geile Bauwagenparty, köm mer da vielleicht au komme?“ Dadurch wächst halt au die Gruppe. Des isch zwar gut, aber au net so prickelnd, wenn da halt nachher 200 Leude vor der Haustür stehen und halt au bissle randaliert wird. Des kann man au net kontrollieren.
Ist denn auch schon mal irgendwas kaputtgegangen hier nach ’ner Party?
Dennis: Ja, halt Flaschen lagen dahinten überall.
Moritz: Der komplette Boden isch scho rausbrochen gwesen …
Dennis: Ich hab mal meine Anlage da ghabt, die isch au bissle draufgangen.
Tim: Aber im Großen und Ganzen hält sich’s in Grenzen.
Dennis: Und den Müll am Tag danach räumen wir immer auf. Da sind alle wieder vom Bauwagenteam da, und dann räum mer alle zammen auf.
Florian: Also es gibt hier immer was zu tun.
Dennis: Des isch ja jetzt au net nur so zum Party machen. Wir treffen uns auch immer privat, grillen hier zum Beispiel und machen abends was zammen. Einfach zum Abhängen.
Wie oft ungefähr in der Woche?
Dennis: [lacht] Also wir haben letzte Woche zweimal grillt.
Zusammen: Wir sind faschd jeden Tag da.
Dennis: Vor allem, weil’s hier glei ums Eck isch.
Florian: Des ischs Gute.
Was macht ihr hier so außer grillen?
Maxi: Party.
Dennis: Einfach abends treffen, hier hocken, weil du halt einfach so ’n Platz hasch, wo du rumgammeln kannst. Wir ham hier ja au Musik und alles. Wir ham ’n Heizstrahler. Dann wirds hier auch echt ganz gemütlich, ich hab hier auch scho pennt.
Moritz: Oder wir ham Strom, und ham au scho so Fifa-Turnier oder so gmacht. Fernseh hochtragen und die PS4.
Florian: Da machts sich bezahlt, dass wir ’n Elektriker dabeihaben.
Tim: Ja, ich hab ’n Solar aufs Dach baut. Und mit der Autobatterie funktionierts Licht und die Musik.
Dennis: Ja, Solarbatterie isch halt grad gut hier aufm Land, weil dem sein Onkel isch Bauer …
Tim: … ja, wenn die kaputtgehen, wechselt der die, also versicherungstechnisch, aber die gehn trotzdem noch …
Moritz: … und dann köm mer die ham, für umsonst.
Dennis: Und da geht ordentlich Strom rein, also wir können den ganzen Bauwagen zwei Tage, zwei Nächte betreiben … also geht scho.
Florian: Was au immer wieder ’n Vorteil is: Manchmal kommen die andern mit ihrem eigenen Freundeskreis, wenn die andern ausm Bauwagenteam jetzt net da warn.
Aber es sollte schon immer einer von euch dabei sein?
Zusammen: Ja ja, klar.
Florian: Des isch die Regel, ist ja auch alles abgeschlossen.
Ihr habt alle ’n Schlüssel?
Tim: Genau.
Florian: Isch au nötig, weil wir hatten au schon mal ’n Einbruch, vor ’nem viertel bis halben Jahr.
Dennis: Des seh mer, wenn wir nachher in Bauwagen gehen. Die Tür hängt komplett schräg, weil die des irgendwie aufbrochen ham, und dann ham se unsren ganzen Alkohol klaut. Natürlich waren des net so ganz die cleveren Füchse und ham noch ’n Golfschläger mitgehen lassen und ham dann irgendjemand von unsren Freunden ’n Snap davon geschickt.
Also wisst ihr quasi, wer das war?
Dennis: Ja, wir ham au den Alkohol wieder bekommen, sogar noch ’ne extra Flasche.
Moritz: Als Entschuldigung sozusagen. Die hatten Respekt.
Maxi: Auf Partys halt, wenn’s richtig abgeht.
Dennis: Hier laufen ja die ganze Zeit Leude mit Hunden rum.
Florian: Was au net so cool isch, da tun welche ihre Hundescheiße in die Tüte und dann tun ’se die uns in d’ Feuertonne werfen.
Dennis: … da kann mer aber halt au nix machen. [alle lachen] Wir hatten aber au scho die Idee, dass wir ’ne Wildkamera aufhängen, nach dem Einbruch.
Tim: Die liegt scho daheim.
Florian: Also ein Jahr wird der Bauwagen ja jetzt schon …
Dennis: … dann brauch mer ’ne Einjahresparty. Aber net so wie letztes Mal. [alle lachen] Also letztes Mal ging des bissle in die Hose, was Finanzen anging, weil da halt wild einkauft und net wirklich drüber nachgedacht wurde. Aber sonst haben wir ’ne WhatsApp-Gruppe. Da wird halt checkt, was wir noch alles da haben, was wir brauchen und was gut verkauft wurde …
Florian: Wir ham auch so ’ne Lischde. Wir schreiben jede, wirklich jede Ausgabe auf und dann kann mer immer nachschauen …
Dennis: Und dann wird halt einkauft. Wir müssen aber halt au gucken, dass wir no’ genug Geld ham, um dann den Wohnwagen noch zu richten, falls was passiert.
Tim: Aber des mit dem Verkaufen …
Dennis: … was reinkommt isch halt ’ne Spende.
Also wie bei ’ner Geburtstagsparty, wo man dann zum Geburtstag was spendet bzw. schenkt?
Tim: Genau.
Dennis: Na ja gut, wir geben ja eigentlich nur Bier und das nur an 16-Jährige raus, aber wir müssen ja au irgendwie gucken, dass des hier erhalten bleibt. Und wir sind ja nicht die einzigen, die so Partys mit „Verkauf“ machen.
Tim: Ja, wer hat des denn noch net gmacht? Wenn jemand kommen würde, dann ham mer halt ’ne Spendenkasse.
Florian: Es hängt keine Preisliste aus.
Moritz: Es war au nur einmal Polizei da.
Dennis: Des war zum Glück nur, wo wir hier zu viert rumgegammelt haben. Wir ham gegrillt und Shisha geraucht. Da warn wir no alle minderjährig. Da hat die Polizei halt die Feuertonne gsehen, da ham se au erst mal rumgstresst, weil da brauchsch Sicherheitvorkehrungen, dass da net irgendwie der Wald abfackelt. Des war komplett sicher, wir ham au Wasser immer da und alles …
Maxi: Wir ham ’nen ganzen Kanischder …
Moritz: Wir ham sogar Feuerlöscher da …
Dennis: Die ham halt dann die Feuertonne durchguckt und Tim wollt dann noch die Shisha wegbringen, des hat d’ Polizei natürlich gsehen und isch halt direkt hinterhergschprintet.
Tim: Ja, was wollet se machen?
Dennis: Die ham halt Personalien aufgnommen und des wars …
Moritz: Des war aber alles nur, weil’s zu laut war hier und der Hausmeister d’ Polizei grufen hat …
Dennis: Der von der Schule, der wohnt da …
Florian: Des isch unser größter Feind …
Tim: Wir besprechen jetzt immer vorher mit dem, wenn wir uns hier treffen, bissle größer halt, dass er des dann weiß, und zurzeit gibt er eigentlich immer sein okay.
Maxi: Damals, wo die Anzeige kam, warns, glaub, zwei Leute, die uns anzeigt ham, und es war einmal der Hausmeister und die andre Person wiss mer net.
Dennis: Des war doch der wegen Naturschutz, ein ökologischer Vertreter.
Florian: Ja, irgendjemand, dem’s einfach nicht gepasst hat. Der so bissle Langeweile hat. Soll mer mal rübergehen Richtung Bauwagen?
Klar, gerne. [im Bauwagen]
Dennis: Also wir haben hier ’n Ofen … Der heizt [betont] richtig gut ein. Zu gut. Wir hatten hier scho teilweise 45 Grad.
Dennis: Wir ham ’nen CO2-Melder, falls hier einfach zu wenig Luft drin isch.
Moritz: Weil Sicherheit. [lacht]
Dennis: Wenn hier die Tür zu isch und wir hier einheizen, dann … merksch ja net … da unten ham mer noch ’nen Kühlschrank. Man sieht auch, des isch ’n alter Schrank, einfach umfunktioniert, dass wir ’ne Ablage ham, Schublade ham, da kommen immer die Anzünder für ’n Ofen rein. Mülleimer. Aber hier ist auch alles echt brandgeschützt, weil der Ofen heizt echt gut ein. Wir ham auch vorher hier unser Holz glagert, aber des hat net so ganz funktioniert, weil des Holz dann echt heiß gworden isch.
Florian: Der Bauwagen sah aber net immer so aus, sondern wo des angefangen hat, war die Bar nur links und dann war hier noch so ’n Bereich, wo man sich aufhalten konnte.
Maxi: War halt bissle mehr Platz, aber seit wir jetzt den Wohnwagen ham, ham mer gsagt, wir machets so, dann könnet zwei oder drei hier hinstehen und ausgeben, des isch dann besser.
Also man merkt, dass ihr euch richtig Mühe gegeben habt.
Dennis: Des macht ja au Spaß.
Florian: Auch im Sommer, wenn dann da draußen die Leude so stehen, des isch einfach entspannt und macht Spaß. Hier hat sich noch jemand künstlerisch verewigt.
Dennis: Ach so, ja. Wir ham hier jetzt au a Anlage, die ham mer erst vor Kurzem hier reinbaut, dass wir hier au Musik ham.
Maxi: Die geht ganz schön ab.
Dennis: Kann man hören und sehen lassen. Da war in Gaildorf Flohmarkt, und da ham wir die JBL-Boxen für fünf Euro ergattert.
Moritz: Und den Reschd ham wir eigentlich umsonschd kriegt.
Und den Wohnwagen, woher habt ihr den eigentlich?
Moritz: Ich hab mit’m Noah, der wo au im Bauwagenteam isch, übern Bauwagen geredet, und dann isch mein Klassenkamerad zu uns komme und hat gsagt, er hat noch ’n alten Wohnwagen daheim stehn, den wir für 30 Euro kriegen könne, und dann ham mer den gholt und grichtet.
Moritz: Wir ham eh schon nach was Zweitem gsucht. Irgendwas, wo fahrbar isch.
Tim: Nachdem des mit’m Bauen net so ganz klappt hat … [Gelächter] Ja, es gab hier so ’ne schöne Terrasse.
Dennis: Wir ham die au in d’ Boden reinbaut. Also mit Betonsteine. Aber dann musst mer halt alles wieder rausreißen. Des war aber ’n Haufen Arbeit, des aufzubauen.
Das ist echt mega ärgerlich.
Dennis: … hat aber au Spaß gmacht. So nebenher hier ’n schönes Bierchen zischen, dann geht des scho gut. [lacht]
Florian: Hat des Holz nix koschtet?
Tim: Ja, wir ham dann zum Beispiel bei der Firma angfragt, ob wir Holz habe könne, des war Reschdholz.
Maxi: Die kennen uns …
Also haben die euch unterstützt, weil’s hier nicht so viel gibt, oder?
Tim: Ja, da ham mer au echt viel Holz bekomme, einfach so. Aber dafür muss mer die Leut halt au kenne …
Ich hab gesehen, dass ihr auch so ’ne Instagram-Seite habt, oder?
Florian: Ja, ham wir.
Und da ladet ihr auch zu Partys ein, oder gibts die einfach nur so?
Zusammen: Bis jetzt noch net.
Dennis: Bis jetzt sim mer zu klein, oder haben zu wenig Geld. Zwei Jahre, dann ham mer ’ne Facebook-Party.
Florian: Es war aber trotzdem eigentlich immer gut besucht.
Tim: Ja gut, ihr müsst euch vorstellen: Hier ist alles voll, draußen ist alles voll und der Wohnwagen isch au komplett voll.
Dennis: Hier isch echt immer richtig voll. Wenn du da hinten stehsch und rausgucksch, des isch krass …
Tim: So 50 bis 60 Leude kommen da schon.
Maxi: Also für uns isch des scho viel.
Dennis: Köm mer denen vielleicht auch noch die Bar zeige?
Florian: Genau, kommt mal hintre.
Gerne. Sogar mit Klappe und allem.
Dennis: Wir müssen erschd mal ’n Lob an Timmi gebe, der hat den Aschenbecher selbst gemacht. So richtig mit Bierkästen.
Moritz: Leider d’ falsche Marke.
Welche Marke wär dir lieber?
Zusammen: Gaildorfer.
Also so ’ne richtige Heimatliebe?
Dennis: Ja, doch. Nee, aber isch gutes Bier.
Florian: Schmeckt au besser. [lacht]
Dennis: Des mit der Elektrik, des isch alles unten an ’ner Batterie angeschlossen. Wir ham da drei Autobatterien drin. Wir ham da auch so ’ne wunderschöne Markise aufbaut letschdens. Des isch gut, wenns dann halt mal n bisschen arg sonnig wird, im Sommer.
Tim: Also des hab i baut, des isch der Verstärker, dann da noch die Solaranlage.
Dennis: Des Problem isch, des isch hier halt net so ganz einbruchgeschützt. So teuer isch des jetzt au alles net, aber des isch halt Arbeit. Problem isch halt außerdem, dass wir da au so ’n kleines Bächle ham, was da durchläuft. Des isch halt immer bissle kritisch, wenn man dann sehr alkoholisiert durch die Gegend wandert. Da isch so der ein oder andere hier oder da unten reinplumst. [alle lachen] Wir ham jetzt extra die Hackschnitzel hier verteilt, weil des einfach echt extrem isch, wenns matschig isch.

Danke für die Führung. Aber so ’n paar kleine Fragen hätte ich noch. Zum Beispiel, wie’s allgemein für euch ist, aufm Land zu leben.
Dennis: Geil! Also ich geh ja jeden Tag nach Stuttgart, weil ich ja in Stuttgart auf der Grafikdesignschule bin. Es isch cool so in der Großstadt: Die Leude, es geht überall was … Aber ich komm echt gern hierher zurück, weil erstens meine Freunde halt hier sind. Und zweitens: Man hat hier echt seine Ruhe, man kann au mal mit ’nem Kumpel da hochlaufen, einfach Musik hörn und bisschen quatschen. Man kann Cross rumbrettern im Wald und was weiß ich was …
Moritz: Ganz legal.
Dennis: [lacht] Ganz legal natürlich. Des kannsch halt in der Großstadt net macha. Ja, oder, keine Ahnung, Trecker fahren, des isch au ganz witzig. Des isch halt was anderes. Ich kenn die Hälfte aus Großaltdorf, in Gaildorf kenn ich voll viele Leude. Man hats Carty in Gaildorf.
Das ist was?
Dennis: Des isch so ’ne kleine Kneipe. Und des isch so Treffpunkt von alle.
Tim: Ja, da isch eigentlich jeder.
Dennis: Also da isch jeden Abend volles Haus.
Und du würdest nicht nach Stuttgart ziehen wollen?
Dennis: War eigentlich mein Plan, halt nur wegen der Schule. Aber’s scho schön hier. Vor allem hat man hier au mega viel Natur. Des isch au echt schön, hier spazieren zu gehen.
Florian: Was vielleicht auch noch ’n Vorteil am Bauwagen isch: Man hat richtig viele neue Leude kennengelernt.
Moritz: Du meinsch, du hasch Freunde gefunden. [Gelächter]
Florian: Ich hatte noch ’nen andern Freundeskreis, aber ich hab dann halt die andern auch noch alle kennengelernt. Gut, es gibt au hier manchmal Krach, es gab auch schon Streit, aber dann trifft man sich halt aufn Bier, und dann isch des schon wieder gut. Heimat is halt da, wo die Freunde sind.
Apropos Freunde. Wie ist das?
Darf jeder zu euch kommen?
Maxi: Ja, die, was wir halt net mögen, eher weniger. So jeder hat so eine Person, die darf net kommen.
Tim: Im Grunde darf wirklich jeder kommen. Euch ist egal, welche Schulbildung, welche Herkunft …?
Maxi: Herkunft vielleicht eher weniger.
Tim: Es isch zwar so, dass wir jetzt vielleicht, sag mer mal …
Moritz: Es kommen au Ausländer, aber es is scho eher deutsch …
Maxi: Es gibt nette Ausländer und es gibt au andere Ausländer, und die anderen Ausländer, die kommen eher net.
Moritz: Es isch au net so, dass die Ausländer so was feiern.
Dennis: Wir ham ’n paar Probleme mit dene, weil …
Tim: Wenn se halt nur auf Randale aus sind, dann brauchen se au net auftauchen.
Moritz: Wir ham au ’nen Schwarzen im Team. [Gelächter]
Tim: Ja, in unsrer Clique is au ’n Schwarzer dabei. Also wir sind net rassistisch.
Dennis: Jetzt mal ohne Witz: Ich hab echt gar kein Problem mit anderen, egal von welcher Herkunft. Ich geh auf die Person zu, schau wie die drauf ist und wenn ich die halt net mag, dann kommt die au net. Dann sag ich: „Hey, wir wolln dich net hier“, und dann sind die anderen manchmal au meiner Meinung, dass die den halt au net mögen, dann kommt der halt au einfach net. Wenn einer Stress macht, des war letzschdens des Problem, der hat halt rumgestresst und wollt ’ne Schlägerei anfangen, und dann ham wir gesagt: „Entweder du bisch jetzt ruhig und gehsch jetzt, oder es gibt Hausverbot.“ 

ROCK & ROLLINGER – „SCHWABENHYMNE“
Schwobaland du bisch mei Heimat,
Auf de ganze Welt bekannt.
Wenn mir schaffet wie die Blede
und nemmet alles selbscht in d’ Hand.
Auf de Alb sind unsre Berge
und de Bodesee ischs Meer.
Wenn I durch mei Ländle wandre,
dann brauch i überhauptsch nix mehr.
…
und mir sparet unser Geld
und mir bauet die beschte Audos auf de Welt!
Schwobaland du bisch mei Herzbluat,
I hob mi in di verknallt.
Jo dahanne will i lebe
und mir werdet zamme alt.
Wenn i weg bin, krieg i Hoimweh
und dann gohts mir nemme guat.
Dann pack i meine siebe Sache
und mein greene Wanderhuat.
Dann gang i hoim, i gang jetzt hoim,
in mei Schwobaland, mei Schwobalaaand
„DA STANDST DANN OBEN UND HAST NACH UNTEN GEGUCKT, ZWEI METER, UND DA HAT DANN ALLES GEWACKELT.“

Vivien, 20 – Närrin aus Kirchentellinsfurt
Hi, Vivien. Heute gehts ja um das Landleben. Was ist für dich denn typisch ländlich?
Typisch ländlich? Da muss ich erst mal an Tiere denken, einen Bauernhof mit Kühen, Pferden, Hühnern, Katzen und Katzenbabys. Dann denk ich an viel Freiraum, Freiheit, viele Felder, viel Sonne, viel Licht, viel Grün, viele Bäume.
Und inwieweit ist Kirchentellinsfurt für dich ländlich?
Ich leb schon immer in K’furt. Das ist einfach so meine Heimat. Das Ländliche hier ist einfach: Wir haben Bauernhöfe und zwei, drei Pferdeställe. Wir haben eine Dorfmitte, eine wunderschöne, mit ’nem Bäcker, ’nem Metzger, ’nem Naturkostladen, unten haben wir im Tal einen Real und so was. Alles hier ist ländlich. Wir haben viel Platz hier. Wir können schön laufen gehen, in Degerschlacht auf die Höhe zum Beispiel. Da sind viele Felder, wo man die Sonne genießen kann, gerad so in den kalten Tagen ist das schön.
Was genau macht K’furt für dich schön?
Ich finde es perfekt, dass wir hier alles haben, obwohl K’furt ein Dorf ist. Wir haben eine Tankstelle, die 24 Stunden offen hat, Einkaufsmöglichkeiten, einen Real, den Aldi, den Penny. Hier im Dorf oben haben wir den Bäcker und den Metzger, das haben ja viele kleinere Dörfer nicht. Das finde ich, obwohl wir ein Dorf sind, total gut, weil wir so viele Möglichkeiten haben und nicht von der Welt abgeschottet sind. Und schön ist einfach, dass man die Vögel zwitschern hört. Oder man die Alb sieht. Man hat einfach ’ne weite Sicht, weil keine Wohnhäuser dazwischen sind und einfach viel Wiese, viel Grün. Schön einfach, hier zu leben.
Du lebst ja schon immer hier. Wie war es, deine Kindheit hier zu verbringen?
Total schön. Ich bin in einer Sackgasse aufgewachsen. Da sind dann natürlich fast gar keine Autos gefahren. Wir konnten immer auf der Straße spielen, ich hab da das Einradfahren gelernt, wir haben mit Kreide gemalt, mit allen Nachbarskindern auf der Wiese Fußball gespielt, und jeder kannte jeden. Man ist einfach schnell vorbeigelaufen und hat geklingelt, hat gefragt: „He, kommsch kurz raus?“ Also man hat so im ganzen Ort verteilt Freunde, auch heute noch.
Und wie war es dann, im Jugendalter hier zu leben?
Schwer, vor allem wegen der weiterführenden Schule. Ich war zuerst in Tübingen auf der Schule. Da musste man mit dem Bus erst runter ins Tal, mit dem Zug dann nach Tübingen, dann von Tübingen vom Bahnhof wieder hoch auf die Wanne. Man war schon lange unterwegs. Das hat lang gebraucht, weil die Verbindungen auch nicht so gut waren. Aber dadurch, dass ich in Tübingen auf der Schule war, habe ich auch viele Freundinnen und Freunde kennengelernt, die nicht aus K’furt kamen. Eine meiner besten Freundinnen wohnt bis heute noch in Mähringen. Und zum Beispiel von K’furt nach Mähringen, da fährt nie ein Bus, niemals. Da musste ich dann immer runter zum Bahnhof, mit dem Zug nach Tübingen und vom Tübinger Bahnhof nach Mähringen mit dem Bus. Und dann hat der noch Verspätung. Das war dann oft ’ne halbe Weltreise, was eigentlich mit dem Auto zehn oder allerhöchstens 15 Minuten gewesen wären. Ja, war dann schon nervig. Es war dann nicht kurz: Ich lauf vorbei und sag: „He, kommsch raus?“, sondern halt stressig.
Also ist man schon eher auf ein Auto angewiesen?
Jein. Klar, so die größeren Städte Tübingen, Reutlingen, da kommt, glaub, jede halbe Stunde ein Zug, auch am Wochenende. Und mit den Bussen, das passt dann schon. Aber zum Beispiel nach Altenburg, das ist direkt unser Nachbarsdorf, da kommt auch kein Bus. Also es ist schon geschickt, ein Auto zu haben auf dem Land. Ist man einfach viel flexibler. Es ist halt nicht so wie in der Stadt, dass jede fünf Minuten eine S-Bahn kommt.
Und wie ist es nun, als junge Erwachsene hier zu leben?
Ich finde es total schön, gerade auch wenn man dann zusammenzieht mit dem Freund. Oder mit dem Hund kann man schön Gassi laufen gehen. Dadurch, dass ich jetzt auch ein Auto hab, komm ich perfekt zur Arbeit, bin schnell auf der B27, schnell in Stuttgart, schnell in Tübingen. Also ich liebe es einfach, ich würde hier nicht mehr wegwollen.
Es gäbe also keinen Grund, bei dem du erwägen würdest, hier wegzuziehen?
Hm, hm. [verneinend] Nee. Ich würde auch für nichts auf der Welt in die Stadt ziehen oder in ein anderes Dorf. Selbst Wannweil oder so was könnte ich mir nicht vorstellen. Ich weiß nicht warum, irgendwie komisch, ja.
„ICH WÜRDE AUCH FÜR NICHTS AUF DER WELT IN DIE STADT ZIEHEN ODER IN EIN ANDERES DORF.“
Wie sah und sieht es hier aus mit Schule, Ausbildung und Beruf?
Wir haben im Tal total viele Dinge, die ich selbst nicht mal kenne: Firmen, Geschäfte, ich weiß gar nicht, was das alles ist. Also es hat viele Möglichkeiten hier.
Aber das, was du machst, ist hier nicht möglich?
Könnte ich schon. Ich bin Medizinische Fachangestellte, mach da gerad meine Ausbildung und einen Arzt haben wir auch hier. Hätte ich eigentlich auch hier machen können. Ich bin hier aber selber Patientin und dann ist das irgendwie immer so … na ja. [lacht]
Was fehlt deiner Meinung nach in K’furt?
Gerade was für die Jüngeren, die Jugendlichen, die zum Beispiel im Alter meiner Schwester sind. Die ist jetzt 15. Ein Aufenthaltsort, also mehr oder weniger Jugendhaus oder so was in der Art … Ich sehs so oft: Sie ist total krank, will dann aber trotzdem mit ihren Freunden raus, weil sich alle halt draußen treffen. Und dann wär halt so ein Raum oder ein Haus, wo alle hinkönnten und sich treffen und es einfach warm ist, schon gut. Das gabs bei uns auch nicht, uns hats auch nicht gestört, ich denk, die störts jetzt zwar auch nicht so, aber wäre vielleicht mal eine Überlegung, so was hier in K’furt zu machen.
Merkst du bei deiner Schwester einen Unterschied gegenüber dem, wie sie aufwächst, und wie du hier aufgewachsen bist?
Ja, total. Also bei uns damals hat das ja so gerade angefangen mit den Handys und den Smartphones. Und bei denen ist es jetzt ja total in. Also jeder muss das neueste Smartphone haben und Touch hier und Kamera da und Bilder und Marken. Es ist voll der Hype. Und dadurch, finde ich auch, verändert sich voll viel. Wir waren halt mehr oder weniger die Landeier, haben immer nur auf dem Land gechillt und waren da. Und bei ihr merkt man schon, sie will eher in die Stadt. Sie ist nicht so oft draußen, weil sie häufig am Handy hängt oder versucht, irgendwelche Bilder zu bearbeiten oder irgendwelche YouTube-Videos schaut. Also wir waren bei Wind und Wetter immer draußen, haben irgendwo gechillt, und sie ist halt: „Nee, lieber mein Handy!“

Dann kommen wir mal zur Fasnet. Wie lange bist du denn schon im Narrenverein?
Insgesamt seit circa zehn Jahren. Ich war sieben Jahre lang in Betzingen in der Narrenzunft. Bei den Betzinger Krautskrägen, Mühlenkatzen. Der Freund von meiner Mutter spielt hier in K’furt in der Lumpenkapelle, und dann haben wir uns dafür entschieden, hier nach Kirchentellinsfurt in den Verein zu wechseln. Sind jetzt hier seit zwei Jahren. Das ist die Narrenzunft Ranzenpuffer mit der Kirchheimer Sau und den Madebachbäbeln, und wir sind die Bäbeln.
Und wie kamst du dazu?
Durch meine Schwester. Die war damals klein und wollte unbedingt Garde tanzen. Und in Betzingen war das damals möglich. Und da sie noch so klein war, musste meine Mutter mit eintreten und ich wollt natürlich auch total gern ins Häs. [siehe Rubrik „Schwäbisch für Möchtegern-Käpsele“] Das war schon immer cool, Fasching und so. Und ich war damals zehn oder elf, und das war mein größter Traum. Und dann haben wir gesagt: „Ja, okay, weil du eh Garde tanzen willst und du kannst das und du machst das und so was, gehen wir mit ins Häs“, und so kam das. Und auch durch ihre Freundin damals.
Also sind deine Familie und deine Freunde auch im Narrenverein?
Ja. Mein Freundeskreis größtenteils, fast alle mittlerweile. Mein Freund ist auch bei uns im Verein in Kirchentellinsfurt und alle anderen zum Beispiel in Kusterdingen oder in Tübingen bei den Stadthexen oder in anderen Narrenzünften. Also sind echt viele, die man kennt, und man kennt jetzt mittlerweile auch unter den Narrenzünften alle.
Was für eine Tradition steckt denn dahinter?
Die Narrenzeit ist die Zeit vor dem Fasten. Also es kam irgendwie durch die katholische Kirche, mehr oder weniger, ich weiß nicht genau. Auf jeden Fall ist es die Zeit vorm Fasten, weil beim Fasten tust du ja auf alles verzichten und da tust du dann noch mal alles ausprobieren und dir gönnen, sozusagen.
Und was spricht dich bei der Fasnet besonders an?
Jaaa, also …. [lacht] Die Fasnet ist nur einmal im Jahr und es ist ja kurz vorm Fasten, deswegen trinkt man dann ordentlich und isst gut und macht einfach Party und tanzt und feiert und trifft die Freunde. Und dann ist es cool, wenn man zusammen auf einer Veranstaltung ist und man sich dann da sieht und Brauchtumsabende mit Tänzen, Showtänzen. Wir haben auch ’ne Aktionsgruppe, wir tanzen dann auch und haben unseren Maskentanz, unseren Brauchtumstanz.
Kennst du den Hintergrund von deinem Narrenverein?
Also die Ranzenpuffer waren am Anfang Schweine. Seit sechs Jahren gibts auch die Madenbachbäbeln dazu. Der Ranzenpuffer hat immer in der Faschingszeit, also in der Vorfastenzeit, seinen Schabernack getrieben und tralala und, ja, was auch immer alles gemacht. Und bei den Bäbeln – die kommen aus Maden – zwischen K’furt und Altenburg gibts das: Maden – da hieß es früher immer: „Ja, die Madebachbäbel, da musch aufpassen, da darfsch nicht hin, die isch gefährlich.“ Die ist wie so ’ne Art Hexe, ’ne alte Frau.
Was bedeutet es denn für dich persönlich, im Verein zu sein?
Man sieht viel, man hat Unterhaltung, am Wochenende hat man quasi immer was zu tun, weil Freitag, Samstag, Sonntag immer Veranstaltungen sind. Sonntags sind meistens Umzüge, in denen man läuft. Ich finde es einfach immer schön, am Wochenende mit dem Partner, mit dem Verein zusammen zu sein. Wenn man dann coole Leute dabeihat und dann mit’m Bus irgendwo zwei Stunden hinfährt und dann geht schon im Bus die Party und wird rumgefeiert, macht Spaß.
Wie vereinbarst du denn dieses zeitintensive Hobby mit deinem Privatleben und deinem beruflichen Leben?
Die Fasnet ist ja meistens am Wochenende, bis auf die Hauptfasnet, die fängt dann immer am schmotzigen Donnerschtag an und geht dann bis zum Aschermittwoch. Da nimmt man sich am besten Urlaub. Da sind dann immer die Abendveranstaltungen und auch die Umzüge oder so was. An dem Fasnetsdienstagabend oder Veilchendienstagabend ist dann immer unsere Häs-Verbrenne. Ich krieg das insgesamt eigentlich ziemlich gut geregelt. Nur meistens ist man dann am Montag flach, kaputt von dem Wochenende, weil’s halt durchgehend Party ist.
Gibt es eine Verpflichtung, zu so und so vielen Veranstaltungen kommen zu müssen?
Nee, das nicht wirklich. Aber zum Beispiel sind wir heut Abend um 19 Uhr zum Aufbau in der Richard-Wolf-Halle verabredet, und da bauen wir unsere Hallenfasnet komplett auf, die morgen ist. Um 13 Uhr ist die Kinderfasnet, die geht bis circa 17 Uhr, dann müssen wir kurz alles aufräumen, umbauen und um 19 Uhr ist Einlass für unsere Hallenfasnet. Das sind Pflichtveranstaltungen, also wir müssen auch zum Aufbau und Abbau kommen und sind dann auch eingeteilt. Bei den Veranstaltungen müssen wir natürlich arbeiten, an der Bar, in der Küche und Drum und Dran. Und wo wir zum Beispiel auch tanzen mit der Showtanzgruppe, da müssen wir dann klar auch kommen.
Was tanzt ihr da?
Es gibt unseren Brauchtumstanz. Das ist jedes Jahr der gleiche, seit 22 oder 23 Jahren. Und dann gibts unseren Showtanz, der ist jedes Jahr anders. Der geht drei, vier Lieder lang, und da tanzen wir mit der Maske, mit’m Häs. Die Männer dieses Jahr im Tütü, dann haben die Männer erst ihre Showtime und dann kommen wir noch dazu, die Frauen mit der Maske, und dann tanzen wir alle zusammen. Pyramiden machen wir jetzt eher nicht, das haben wir immer in Betzingen gemacht. Als ich da noch in der Narrenzunft war, haben wir echt ’ne siebenstöckige Pyramide oder so gemacht. Da standst dann oben und hast nach unten geguckt, zwei Meter, und da hat dann alles gewackelt.
Sind das dann die Tänze, die ihr beim Umzug auf der Straße tanzt?
Nee, die machst du nur bei Abendveranstaltungen. Auf dem Umzug tanzen wir auch, aber jeder das Gleiche. Wie andere Pyramiden bauen, kurz beim Umzug, machen wir kurz unseren Tanz und laufen dann weiter.
Verkleidungen, Partys, zu Umzügen fahren – das ist ein ziemlich kostspieliges Hobby, oder?
Ja, total. Schon allein das Häs. Das kommt immer auf den Verein an. Aber bei uns kostet das Häs, würde ich jetzt mal ganz grob sagen, 800 Euro. Mit Maske. Und die Haare dazu und allem. Das muss man aber fast überall so rechnen. Man muss zum Glück keinen Eintritt zahlen bei den Veranstaltungen oder beim Umzug oder sonst irgendwo, aber dann ist man halt doch den ganzen Abend weg, dann kriegst Hunger, dann hast du Durst. Also es läppert sich auf jeden Fall, auch weil die Fasnet drei Monate lang geht.
„ICH WOHN HIER SCHON IMMER, ICH FINDS EINFACH SCHÖN. ICH FÜHL DAS WIE SO EINE ART MITTELPUNKT, MEHR ODER WENIGER.“
Bist du lieber auf Fasnetsumzügen in den Dörfern oder in den Städten?
Lieber in den Dörfern. Da ist einfach nicht so viel los. Es ist ja einerseits gut, wenn viel los ist, aber zum Beispiel in Reutlingen beim Umzug ist es immer so, dass da manche in der sechsten Reihe stehen und von hinten zugucken müssen. Und dann ist es auch zum Laufen einfach nicht schön. Durch Reutlingen läufst du grad durch die Stadtmitte. Manche finden das total schön. Aber ich finde es einfach auf dem Land schöner. Wo du dann grad irgendwie durch die kleine Altstadt und durch die kleinen Gassen und Winkelchen gehst und vielleicht an ’nem Feld noch vorbeikommst oder so. Ist auch besser mit dem Parken, wenn man mit’m Auto fahren muss. [lacht]
Gibt es sonst noch etwas, was du abschließend gerne sagen würdest?
Ich würd jedem raten, nach K’furt zu ziehen. [lacht] K’furt ist schön. Weil ich hier schon immer leb. Das sagen vielleicht manche auch, wo woanders leben in ’nem Dorf und sagen: „Ihr müsst alle nach …“, keine Ahnung wo, „ziehen, da ist es wunderschön“, aber ich wohn hier schon immer, ich finds einfach schön. Ich fühl das wie so eine Art Mittelpunkt, mehr oder weniger. 
LUSTIGE ORTSNAMEN
Verbinde jeweils ein Wort aus beiden Spalten miteinander. Finde die richtigen Wörter und du erhältst lustige Ortsnamen.


„HIER AUF DEM LAND MUSS MAN AUFPASSEN, DASS MAN NICHT VON EINER WILDSAU ÜBERRANNT WIRD.“

Luisa (19) – Abiturientin – und Roman (21) – Elektriker. Paar, aktiv in der Feuerwehr, im Musikverein und in Bauwägen
Roman, du hast da einen Pieper bei dir an der Hose hängen, was hat es mit dem auf sich?
Roman: Das ist mein Feuerwehr-Pieper. Der geht ab und zu mal los. Das ist das Schlimmste für Luisa.
Luisa: Wenn das Ding noch einmal losgeht, wenn ich dabei bin, dann werfe ich es aus dem Fenster! Ich kann den Ton echt nicht ab.
Wie lange bist du denn schon bei der Feuerwehr und welche Beweggründe hattest du, beizutreten?
Roman: Jetzt bin ich seit zwei Jahren bei der Feuerwehr. Man lernt dort viele Leute kennen. Ich bin dort auch wegen Kollegen und den ganzen Festen. Wir waren auf einem Fest und da haben ein paar Kollegen gemeint, wir sollten dazukommen. Wir kannten uns schon vorher als Gruppe vom Bauwagen her, und dort hatte mal einer die Idee, mal dahin zu gehen und es auszuprobieren. Dann sind wir ein Jahr lang hingegangen, und es hat Spaß gemacht. Wir sind jetzt 56 Leute aus Eggingen. Ab und zu haben wir auch mal Einsätze, gerad auch auf Dorffesten, zum Beispiel bald beim Bezirksmusikfest.
Du hast vorhin einen Bauwagen erwähnt. Magst du mir davon erzählen?
Roman: Das ist ein Wagen für uns Jugendliche hier im Dorf. Wir fanden es immer langweilig, dass, wenn wir uns getroffen haben, wir immer bei jemandem im Zimmer oder in der Garage sitzen mussten. Daher haben wir uns überlegt, so ’nen Bauwagen zu kaufen. Er hat 500 Euro gekostet.
Luisa: Wir haben bei uns im Dorf auch Bauwägen. Da gibts von den ganz alten Leuten einen Bauwagen, dann einen von unseren Eltern, den Bauwagen von uns und noch den von den ganz kleinen Kindern. Die sind im ganzen Dorf verteilt.
Roman: Es gibt schon in jedem Dorf einen Bauwagen. Und die von Luisas Bauwagen organisieren auch richtige Feste. Die haben einen echt schönen Bauwagen! Wir dagegen sitzen nur oben, reden und rauchen Shicha, machen aber leider keine Feste. Zum einen keine Feste, damit die Wiese von den Nachbarn nicht zerstört wird, und zum anderen deswegen, weil man nach Festen auch aufräumen muss.
Luisa: Bei uns gibts auch Mädle im Bauwagen, nicht nur Kerle, und die halten alles sauber. Normalerweise heißt es, Mädels tun ’nem Bauwagen nicht gut, weil’s dann immer Zickenkrieg gibt. Wir sind auch der einzige Bauwagen mit Mädchen drin. Sind insgesamt so zwölf Leute.
Was macht ihr denn, wenn ihr euch trefft?
Luisa: Grillen. Wir haben zum Beispiel gestern gegrillt, Rasen gemäht. Dann baust halt ein bisschen noch. Wir haben jetzt einen Anbau vor der Terrasse. Drin haben wir eine Bar, und weil’s im Sommer drin immer so heiß ist, haben wir eine Terrasse außen drangebaut. Und im Sommer, das darf man eigentlich nicht, kochen wir alle auf dem Dach. Das ist immer schön.
Woher bekommt ihr das Material zum Bauen?
Luisa: Das holen wir von irgendwoher. Wir haben einen da, der lernt gerad Zimmermann, und er bringt die Reststücke mit und so Zeugs. Und die Alten machen auch was beim Bauwagen. Die grillen auch viel und machen an Fastnacht mit beim Umzug. Das ist dann der sogenannte „alte Bauwagen“.
Roman: Die haben richtig Geld wegen ihrer Feste. Die haben an Festen einen Gewinn von 900 Euro.
Luisa: Das ist auch nicht alles so legal. Den Hauptgewinn machen wir mit den jungen Leuten, den unter 18-Jährigen, die sonst nirgendwo was zum Trinken bekommen. Aber es ist jetzt nicht so, dass wir das total übertreiben. Wenn du merkst, dass die nicht mehr trinken sollten, dann gibst auch nichts mehr. Ich lad dich mal ein auf so ein Fest. Du fühlst dich bestimmt steinalt, aber es macht schon Spaß. Es kommen auch 30-Jährige, es kommen dann alle aus den Dörfern. Manchmal kommen auch die Eltern von den Bauwagen-Leuten, das ist dann richtig witzig.
Woher erfährt man von den Partys?
Roman: Es spricht sich im Dorf rum oder halt über Facebook.
Luisa: Es wurde mal eine Veranstaltung in Facebook öffentlich reingestellt. Das ist nicht gut gegangen. Es ist sogar vollkommen eskaliert! Normalerweise lädst du nur Leute ein, die du kennst und willst. Wenn, du es aber über Facebook bekannt gibst, kommen viel mehr Leute. Doch das kannst nicht verantworten, wenn da mehr als hundert Leute sind. Man muss ja auch Getränke und so einschätzen und wissen, was am meisten getrunken wird. Wenn man weiß, wer da kommt, dann ist es einfacher. Aber man kauft eh auf Kommission und den Rest bringt man zurück.
Wie oft im Jahr macht ihr solche Feste oder Veranstaltungen?
Roman: Dreimal im Jahr oder auch weniger. Der Bauwagen in Schwerzen hat früher alle zwei Wochen ein Fest gemacht, und die waren auch richtig cool. Aber es ist echt anstrengend. Deshalb machen die es auch nicht mehr so oft. Auch wegen dem Bauernhof nebenan. Das stört halt schon, wenn’s laut ist bis nachts um drei.
Luisa: So ein Fest fängt auch schon früher an und geht dann halt nur so bis um zwei, drei. Dann hat man auch oft keine Lust mehr.
Roman: Ich gehe erst um 22 Uhr hin. Aber klar, für einen Städter ist es auch zu früh, die gehen ja erst um 1 Uhr nachts in den Club.
Luisa: Im Sommer kannst du auch mal länger bleiben. Da ist es ja nicht so kalt wie im Winter. Wir haben zwar eine Heizung, aber die machen wir nicht an, weil unser Stromaggregat nicht so groß ist. Wenn wir die Heizung anmachen, geht alles andere nicht mehr. Das Aggregat haben wir als Bauwagengruppe mal gekauft, da hat jeder 20 Euro dazugegeben. Und den Rest der Bauwagenausstattung haben wir so zusammengesammelt. Jeder hat ja zu Hause mal was rumliegen, was man nicht braucht.
Habt ihr ’ne Idee: Weshalb gibt es auf dem Dorf so viele Bauwägen?
Roman: Weil’s halt cool ist! Einer hat damit angefangen …
Luisa: Du kannst dich einfach treffen und musst nicht zu jemandem nach Hause. Denn im Normalfall hat niemand sturmfrei, und so kannst dich einfach im Sommer draußen treffen. Das fängt ja schon im Alter von 14 Jahren an. Bei uns gibts auch einen ganz kleinen, der hat schon mit zwölf Jahren angefangen.
Roman: Aber so richtig geht man in den Bauwagen erst mit 16 Jahren. Es gibt ja auch Bauwägen für Ältere, da sind auch 30- bis 40-jährige Leute. Die treffen sich zum Grillen und bringen alle ihre Familien mit. Das ist wie ein Stammtisch.
Luisa: Unser Bauwagen hat leider nicht sooo einen guten Ruf im Dorf. Scheinbar machen wir alles kaputt, aber das stimmt echt nicht. Da kommen manchmal Dorfleute und beschweren sich: „Ihr habt da oben dies und das kaputtgemacht!“ Aber wenn man zu Weihnachten den Dorfleuten einen Geschenkkorb bringt, dann motzen sie nicht mehr.
Würdet ihr jedem so einen Bauwagen empfehlen?
Luisa: Ja, auf jeden Fall. Ich würde es jedem empfehlen, auch Leuten in deinem Alter. Es ist halt was für Menschen, die gerne was mit Freunden machen.
Roman: Und man lernt neue Leute kennen, denn man wird auch zu den Festen von anderen Bauwägen eingeladen. Aber die im Nachbardorf sind eher eine geschlossene Gruppe.
Luisa: Aber das ist normal auf dem Land: Man mag nur seinen Ort, die anderen mag man nicht. Das ist jetzt nicht so, dass man sich hasst, aber der eigene Ort ist einfach der beste.
Roman: Ja, das ist so! Sie mag Eggingen nicht, ich hasse Wutöschingen. Und die denken halt, die sind die Besten, wir denken: Wir sind die Besten, und Schwerzen denkt, dass sie die Besten sind. Aber Schwerzen ist wirklich ein Loch! Das einzige, was cool ist, ist ihr Fastnachtsumzug.
Was bedeutet für euch Party machen?
Louisa: [ironisches Lachen] In die Disko gehen.
Roman: Nee, das ist eher so ein Städterding. Okay, wir gehen zwar auch mal nach Stuttgart, aber das ist eher die Ausnahme. Das ist dann allerdings schon cool. Wir finden es lustig, wie die Städter immer rumlaufen. Ich finde, die sehen alle ein bisschen schwul aus mit ihren Socken bis zu den Knien und Jogginghose mit rosa T-Shirt. Das finden wir lächerlich und lachen die ein bisschen dafür aus. Aber feiern ist für uns eher so was wie Bauwagenfeste oder Dorffeste. Das finde ich schon richtig cool! Da kennst auch viele Leute, kriegst oft was gezahlt von Nachbarn. Ich kenne auch extrem viele von der Feuerwehr, die auch auf die Dorffeste gehen, und da gibt man sich gegenseitig was aus. Städte sind jedoch auch mal cool, grad paar Diskotheken sind schon geil.
Luisa: Ich war noch nie in der Stadt in einem Club. Aber von meinen Kollegen hat auch noch nie jemand gesagt: „Kommt, wir gehen jetzt irgendwohin!“ Wir bleiben halt immer im Dorf und machen da Party. Bei uns sind die Jungs auch eher, auf dem Land würde man sagen, „Bauerntrampel“. Sonst geht man eher auf Feste, also Oktoberfest, Bezirksmusikfest. Aber es ist auch nicht zu wenig Party. Denn wenn man zu Festen geht, dann kennt man auch alle, und das ist das Schöne. Jedes Wochenende feiern gehen zu können, das wäre zu viel und kann man sich auch nicht leisten. Die Lust verfliegt auch irgendwann.
Roman: Genauso wie das Bezirksmusikfest, das nur alle vier Jahre ist. Da freut man sich dann auch drauf und weiß, dass es gut wird. Ich bin dieses Mal auch an der Bar und schenke aus. Die haben Leute gesucht, und ich hab mich von der Feuerwehr aus freiwillig gemeldet. Da hilft man sich schon gegenseitig aus. Es machen auch viele Vereine mit und helfen aus. Ich und noch paar aus der Feuerwehr übernehmen noch den Verkehrsdienst am Freitag. Wir lotsen die Autos zu den Parkplätzen und schauen, dass die Straßen frei sind. Eigentlich stellen wir uns da mit einem Kasten Bier auf die Straße und lotsen bisschen. Man kann im ganzen Dorf parken, da sind ja genug Flächen im Gegensatz zur Stadt. Wir haben da auch unsere Feuerwehruniform an.
Luisa: Ich bin ja auch im Musikverein. Ist halt Dorfleben, da muss man in ’nen Verein. Wir spielen am 1. Mai um 11 Uhr beim Bezirksmusikverein. Wir haben überlegt, dass wir um 7 Uhr zulaufen und langsam eine Maiwanderung bis zum Fest machen. Eigentlich müssen wir nur eine Stunde lang laufen, aber wer weiß … [lacht] Und wir laufen von der Bude in Gießlingen los. Das ist so was wie ein Bauwagen, da trifft man sich, redet und trinkt zusammen. Bei denen wirds von Generation zu Generation weitergegeben. Die sind eher eine geschlossene Gesellschaft, zu denen kommst nur, wenn die dich kennen und du eingeladen wirst.
Bauwägen, Feste, Vereine … Welche Aktivitäten gibt es noch bei euch im Dorf?
Luisa: Es gibt bei uns den Fischerverein und den Siedlerbund für die älteren Leute, und meine Mama ist im Kirchenchor. Wir haben auch noch viele Ministranten. Das ist so was Typisches, was jedes Kind im Dorf macht. Ich bin seit zehn Jahren Ministrant. Das hat man gemacht, weil Oma gesagt hat: „Komm, das machst du jetzt mal!“
Roman: Meine Brüder waren lange bei den Ministranten, vor allem auch wegen den ganzen Zeltlagern und Ausflügen. Das ist recht cool! Ministranten, das ist eine Gruppe, die immer was zusammen macht. Und es hat mal nichts mit Alkohol zu tun. Da geht man mal zusammen in den Europa-Park oder zelten. Da sind dann auch die kleinen Kinder dabei.
Luisa: Wenn man jünger ist, dann ist man bei den Minis, weil die ganze Altersgruppe dort ist. Meine ganzen Freunde sind auch von den Minis. Wir sind in einem Ort aufgewachsen und bis jetzt noch befreundet, das passiert in der Stadt nicht so schnell. Ministrant wird man auch nur, wenn man im Dorf ist. Das ist auch weniger wegen der Religion, sondern eher so ein Freunde-Ding. In die Kirche geht man dann an den großen Festen, wie Ostern und Weihnachten, mal auch am Sonntag, damit die Oma glücklich ist.
Roman: Ich bin auch immer nur in die Kirche gegangen, wenn ich ministrieren musste. So in die Kirche hocke ich mich nicht! Es ist auch echt langweilig: Man sitzt da und schläft fast ein. Und sonst haben wir noch einen Turnverein, da war ich auch früher drin.
Hört sich so an, als fühltet ihr euch auf dem Lande richtig wohl. Möchtet ihr später mal auch auf dem Land leben?
Roman: Ja, auf jeden Fall. Es ist viel schöner als in der Stadt. Man hat viel mehr Grün. Man sieht es an unserem Haus: Es ist alles grün drum herum.
Luisa: Ich bin auch schon ans Grüne gewöhnt. Wenn man ’ne Klassenfahrt nach Berlin hat, dann fühlt man sich wie ein Landei. Du hast keine Ahnung, es ist alles so groß und viel. Man rafft die U-Bahnen nicht. Das ist einfach viel zu viel! Auf dem Land ist es echt ein bisschen gemütlicher.
Roman: Die Leute aufm Dorf sind auch viel freundlicher. Die in der Stadt sagen einem nicht mal Hallo beim Vorbeigehen. Das ist unfair. Denn wenn man durchs Dorf läuft, sagt man allen Hallo. Zumindest zu alten Leuten musst du auf jeden Fall Hallo sagen! Es gibt hier auch ein paar, die neu dazu gezogen sind, die schauen einfach stur auf den Boden und grüßen einen nicht. Außerdem stinkt es im Dorf nicht so wie in der Stadt, die ganzen Abgase. Und die Wärme dort macht einen auch fertig.
Luisa: Als wir von Berlin zurückkamen, hab ich in meinem Zimmer das Fenster aufgemacht zum Lüften. Dann kann durchs Fenster Güllegeruch rein, da musste ich erst mal richtig durchatmen und dachte: Ah, du bist wieder daheim! [lacht] Aber wenn man zum Beispiel studiert, ist es schon geil, in der Stadt zu leben. Jedoch wirklich für immer in der Stadt leben, das möchte ich nicht. Wenn man Kinder hat, ist es auch besser. Ich glaube, wenn man in der Stadt aufgewachsen ist und daran gewöhnt ist, findet man Stadt super. Wenn man aufm Land aufgewachsen ist, willst du auch, dass deine Kinder auf dem Land groß werden. Es ist einfach besser: Wenn man abends irgendwo grillen möchte, kann man das auf dem Land einfach überall machen. In der Stadt geht das nicht so spontan.
Was denkt ihr, wie lernt man Leute in der Stadt kennen?
Luisa: Genauso wie auf hier auf dem Land. Normalerweise auf der Arbeit, in der Schule. Hier auf dem Land lernst du auch deine Freunde, also die richtigen Freunde, in der Schule kennen. Ich kenne meine Freunde seit dem Kindergarten. Es sind immer die gleichen Leute, und ich hoffe, die bleiben auch. Denn die meisten bleiben auch hier, sie schaffen hier, machen ihre Ausbildung, eine studiert in Weingarten, aber die ist trotzdem immer in der Heimat. Keiner von meinen Freunden will auch wirklich weg ausm Dorf.
Roman: In der Stadt hast du auch eine scheißkleine Wohnung, außer du hast Geld, und ich brauch Platz. Im Dorf kannst du schlussendlich ein Haus bauen, in der Stadt nicht. Du hast da eher eine Wohnung, die recht klein ist, und man hat auch kein Grundstück, keinen Garten. Als ich mit Kollegen in Ulm war, haben wir uns eine Wohnung gemietet. Es hat mich sehr gestört, dass allein schon im Gang alles mit Fahrrädern vollgestellt war, es gestunken hat und alles vollgekritzelt war mit hässlichen Wandgraffitis. Im Dorf hast du so was nirgends in einem Hausgang.
Luisa: Wenn man hier ein Haus ansprüht, dann wird man vom ganzen Dorf ausgegrenzt.
Roman: Der einzige Vorteil an Stadt ist, du hast nachts um 0 Uhr immer irgendwo eine Pizzeria offen.
Luisa: Das ist das Geile an einer Stadt! Das ist im Dorf kacke: Du kannst nicht einfach sagen: „Wir gehen jetzt irgendwohin.“ In der Stadt hat am Wochenende immer ein Club offen. Bei uns weiß ich nicht mal, wo der nächste Club ist. Das ist das Geile an der Stadt. Da kriegst du auch alles zu essen. Bei uns gibt es nur einen Italiener und das Landhaus. Wenn man zum Beispiel mexikanisch essen möchte, dann muss man ewig in die nächste Stadt fahren. Wir fahren meistens mit dem Auto irgendwohin, denn auf dem Land bist du verloren ohne ein Auto. Aber wir haben fürs Land hier auch super Busverbindungen: Die Busse fahren normalerweise alle Dreiviertelstunde. Dennoch hat man hier ohne Auto keine Chance. Das ist auch das Erste, was man sich anschafft, wenn man bisschen Geld verdient hat.
Meint ihr, es ist auf dem Land auch sicherer als in der Stadt?
Luisa: Ich würd schon sagen. Ich würde mich nicht trauen, in der Stadt alleine abends zu laufen. Gerad an den Bahnhöfen sind auch megaviele Asis. Hier auf dem Land herrschen eher andere Gefahren: Da muss man aufpassen, dass man nicht von einer Wildsau überrannt wird. Ich bin letztens vom Hüttle in Weizen nach Hause gelaufen, und da sind mir Wildsauen mit Kleinen entgegengekommen. Das ist viel gefährlicher! Oder wenn man am Grillen ist, hört man an jedem Waldrand überall Tiergeräusche. Die wahre Kriminalität, das ist bei uns weniger. In der Großstadt wird viel mehr geklaut und so was. Bei uns wird im Laden nichts geklaut, da sagt man eher: „Du, ich nimms mit und zahle es morgen.“ Das macht meine Mama beim Metzger zum Beispiel manchmal. Sie hat das Geld vergessen und der Metzger sagt: „Macht nichts, zahlst es beim nächsten Mal!“ Man kennt sich halt.
Roman: Ich bin auch voll oft oben im Lädle und habe meinen Geldbeutel vergessen und bringe das Geld später vorbei. Das ist gar kein Thema, weil dich alle kennen. Da ist das Vertrauen viel größer. Wenn dich jemand mit dem Auto mitnehmen will, steigt man auch eher ein als in der Stadt. Man nimmt auch selbst Leute mit. Wenn man jemanden kennt, dann hält man an und nimmt die Person mit. Ich bin sogar auch mal von Grafenhausen gefahren mit drei Leuten im Kofferraum, vier Stück hinten und zwei vorne.
Luisa: Wenn wir von Festen heimfahren, wird das Auto auch vollgepackt. Als wir von Ühlingen von der Halloween-Party heimgefahren sind, sind wir zu zehnt in dem Auto zurückgefahren. Der Fahrer und noch zwei vorne, hinten dann ich auf Romans Schoß, neben mir noch ’n Kerle mit ’nem Mädle auf dem Schoß, dann noch zwei und im Kofferraum noch paar. Da hatten wir wirklich Angst, dass uns die Polizei anhält. Aber da hat man mehr Vertrauen und kann so was machen.
Roman: Wir waren an einem 18ten Geburtstag auf der Hütte am Feiern, da ist die Polizei so gegen 22 Uhr gekommen. Dann erst mal so: „Achtung Kontrolle!“ Aber wir kannten die Polizisten zum Glück und es war dann doch nur Spaß. Die haben noch ein Bier mit uns getrunken und sind dann gegangen. Das geht auf dem Land halt schon.
Fallen ausländische oder anders aussehende Menschen auf dem Land mehr auf?
Roman: Ja, natürlich. Bei uns sind es eher die Kanaken.
Luisa: Nee, ich kenne auch viele nette Ausländer. Schweizer sind auch Ausländer und von denen gibt es bei uns ja viele. Schweizer werden bei uns eher gehasst, weil sie können sich bei uns nicht so gut benehmen. Es sind auch die Türken, die bei uns auffallen, weil die sich mit jedem anlegen. In der Stadt fallen die nicht auf, weil eine Stadt viel vielfältiger ist. Bei uns gibt es auch Straßen, da wohnen nur Ausländer. In der einen Straße in Wutöschingen, da wohnen zum Beispiel nur Russen, so was ist im Dorf viel auffälliger.
Wie sieht es mit Homosexuellen oder Transgender auf dem Land aus?
Roman: Wir haben einen im Dorf, der schwul ist, und das wissen alle.
Luisa: Ah stimmt, er ist mit einem aus Wutöschingen zusammen. Aber bei uns gibt es brutal viele Lesben. Die sind alle in einer Altersklasse. Mit denen kommt man super klar. Heute kommen schon alle damit klar. Vielleicht die Älteren, also meine Oma und deine Oma, verkraften es nicht, wenn ich sage: „Ich bin lesbisch.“ Bei der alten Generation ist es noch nicht so angekommen. Für die Eltern ist es immer ein Schock, denke ich. Aber wir …, für uns ist das normal. Ob auf dem Land oder in der Stadt, das ist bei allen langsam angekommen. 
„IN DER STADT … GIBT ES ZU VIELE MENSCHEN AUF EINEM FLECK, UND DIE LEBEN ALLE AN EINEM VORBEI.“

Aaron (23) – Zimmermann Melanie (17) – Schülerin Paar, das sich im Musikverein kennengelernt hat
Hallo, Aaron und Melanie, ihr seid ein Paar?
Aaron: Ja, wir haben uns im Musikverein kennengelernt.
Und wie genau, wenn ich fragen darf?
Melanie: Also ich war im Musikverein, und dann ist er irgendwann dazugekommen. Da haben wir uns zum ersten Mal gesehen. Und … [lacht] ja, dann haben wir im Musikverein Ausflüge gemacht und so und haben uns dabei ein bisschen kennengelernt. Dann haben wir angefangen zu schreiben, dann haben wir uns getroffen. Und ja. [lacht]
Was glaubt ihr: Wärt ihr irgendwo in der Stadt auch im Verein zusammengekommen?
Aaron: Wenn, dann auch nur in so einem Musikverein. In der Stadt gibts auf jeden Fall auch Vereine, aber nicht so was Örtliches. Ich glaube, in der Stadt wäre ich auch in keinem einzigen Verein.
Immer nur Musikverein? Oder geht ihr auch schon mal zusammen feiern?
Aaron und Melanie: Ja, klar.
Aaron: Ja, nicht im Club, sondern eher bei Dorfpartys.
Melanie: Fastnacht halt.
Aaron: Aber diese Partys sind ja auch besser als im Club.
Wie kommt ihr denn auf die Partys?
Aaron: Da ist halt immer eine Gruppe, und einer muss fahren. Das gibts in der Stadt auch nicht, da fahren alle mit der U-Bahn und Straßenbahn und glühen dann auf dem Weg vor. Bei uns ist das halt anders. Da fahren alle zum Einen und glühen da vor, und dann fahren alle mit dem einen Fahrer. Und der sagt dann auch, wenn Schicht im Schacht ist.
Melanie: Oder man ruft dann halt die Eltern an, und die müssen dann nachts um halb drei aufstehen.
Machen das denn deine Eltern?
Melanie: Ja, meine Mama macht das schon: Also bevor ich irgendwo bei fremden Leuten mitfahre, steht sie auf jeden Fall auf.
Ihr habt ja vorhin erzählt, dass ihr euch im Musikverein kennengelernt habt. Welche Aufgaben übernehmt ihr denn im Verein, und was spielt ihr?
Melanie: Wir sind jetzt gar nicht mehr drin.
Aaron: Wir haben uns gefunden, und dann sind wir raus.
Der Verein als Dating-App?
Melanie: [lacht] Genau. Aber ansonsten waren wir bei Auftritten dabei. Wenn Jahreskonzert ist, da hilft man bei Auf- und Abbau. Wir machen auch bald wieder beim Maihock [geselliges Beisammensitzen] mit.
Aaron: Und beim Bezirksmusikfest. Maihock ist halt so ein Traditionstreff. Da sind Gastmusiker da. Und die Egginger Musiker bedienen beim Essen.
Habt ihr auch mit anderen Musikvereinen aus anderen Dörfern was zu tun gehabt?
Aaron: Ja, früher schon. Ich hatte ganz viele Klassenkollegen im Stühlinger Musikverein. Und dann haben wir noch Brasslufthammers – ein eigener kleiner Guggemusikverein [alemannische Musik bei Fastnachtsumzügen] und für Partymusik. Die sind hier auf allen Dorffesten.
Aber das sind nur die aus Stühlingen?
Aaron: Nee, Stühlinger, Eberfinger, Egginger.
Und weshalb seid ihr nicht dabei?
Aaron: Hatten keine Lust mehr. Zu viele Termine. Wenn du im Musikverein einen hast, für den der Musikverein Ein und Alles ist, dann wird er sauer auf einen, wenn man mal keine Zeit hat, weißt. Und dann regt er sich auf, und das muss ich mir nicht geben.
Melanie: Manche nehmen das halt schon extrem ernst.
Aaron, bei dir ist ja dein Opa auch schon immer im Musikverein gewesen. Wie war das, ist er einer der Gründe, weshalb du dem Verein beigetreten bist?
Aaron: Er ist heute nicht mehr dabei, er ist jetzt in so einem Alte-Leute-Verein. Ich war in der Grundschule, und da war der Marius, der auch im Verein war. Und ich wollte deshalb dann auch rein. Das hat mein Opa mitgekriegt und hat gesagt: „De Kerle kommt in de Verein!“ Dann bin ich in den Verein, weil Opa das auch gewollt hat. Ja, und dann war ich drin, bis ich 16 war. Weil ich dann meine Ausbildung in der Schweiz angefangen habe, hab ich im Musikverein aufgehört.
Wenn ihr später Kinder habt, wo würdet ihr …
Aaron: Auf dem Land. Auf jeden Fall zusammen Kinder. [lacht]
Melanie: Auf jeden Fall ziemlich hier in der Gegend, also in oder bei Eggingen.
Aaron: Weil man hier auf dem Land alles machen kann. Also zum einen ganz grundlegend wegen der Preise. In der Stadt kaufst du dir vielleicht eine kleine Wohnung. Aber hier bekommst du dafür schon ein Einfamilienhaus. Aber ich kann mir auch ein Haus selber bauen, und dann auch ein schönes, großes Haus, und hab dann noch mehr Geld für bisschen Land drum herum, wo man Zeug anbauen kann. Ja, das zum Ersten, und dann noch, dass man hier viel machen kann. Man hat einen Wald nebendran. Man muss nicht einmal im Sommer ins Sommerlager. In der Stadt kann man einfach nicht sooo viel anfangen. Da gibt es zu viele Menschen auf einem Fleck, und die leben alle an einem vorbei. Dann lebst du lieber im Dorf, wo du mal auch einen Alten siehst, der dich aber auch kennt. Und noch was anderes: Zum Beispiel als ich in Berlin war, wars so: Du hattest ein gutes Mountainbike, konntest damit aber niemals zum Schaffen fahren und es anketten. Das wird geklaut. Dagegen hier daheim: Wenn die Nachbarn sehen, da geht bei dir irgendjemand schmierig um die Garage rum, dann sagen sie was. In der Stadt dagegen können 100.000 vorbeilaufen, da sieht keiner was, und es interessiert auch niemanden.
Melanie: Gerade die Nachbarn und so, man kennt sie ja alle persönlich. Und wenn man da ’nen Gefallen haben will, dann bringt man am nächsten Tag einen Kuchen vorbei, und dann ist es gut. In der Stadt geht das nicht so. Gehst halt zum Beispiel mal rüber und fragst, ob die eine Packung Milch haben, das haben wir auch schon gemacht.
Aaron: Ich wohne ja in einem Haus, in dem unten Mieter sind. Die kochen da immer viel, und da steht auch abends mal eine Schüssel Spaghetti vor unserer Tür.
Bei dir, Melanie, wohnen die Eltern und Großeltern auch schon immer hier in Eggingen, oder?
Melanie: Also meine Mam kommt aus Freiburg, aber die war am Wochenende oft hier in der Gegend. Und da hat sie eines Tages meinen Dad kennengelernt. Der kommt vom letzten Kaff. Beide fanden es hier viel schöner als in der Stadt. Sie hat immer erzählt, dass sie zu Hause immer nur eine kleine Wohnung hatten und nur ’nen kleinen Balkon. Deshalb mussten sie immer 20 Minuten in den Park laufen, bis sie mal Sonne tanken konnten. Das fand sie immer richtig schrecklich, deswegen hat sie auch sofort gesagt, dass sie lieber hierherzieht.
Habt ihr schon mal Kommentare zu eurem Dialekt gehört, gerad du Aaron, in Berlin?
Aaron: Also ich hatte eigentlich nie einen richtigen Dialekt. Ich bin dann aber in die Schweiz umgezogen, und da hän sie immer denkt, ich wär Baseler oder ein Badener oder Züricher. Dann hat ich aweng Berner Dialekt angenommen. Irgendwann haben sie es akzeptiert, dass du Schwyzer bist, wussten aber auch, du kommst nicht aus dene ihrem Kanton. Die hän gar nicht mehr gedenkt, dass ich dütsch bi. Und dann bin ich zurückgekommen ins Dütsche und hab de Schwyzer Akzent nimma wegkriegt, und denn hän alle immer gdacht, ich wär ä Schwyzer. Immer wenn ich einkaufen war, hän sie gfragt, ob ich ä Ausfuhrschein brauch. [lacht] Als ich dann auf Berlin gegangen bin, wars extrem kompliziert, da musste ich mir langsam Dialekt abgewöhnen. Danach sind auf einmal so Schwyzer Schüler gekommen und dann hab ich wieder geswitcht in de Schwyzer Dialekt. Ich hab gleichzeitig versucht, hochdeutsch zu schwätzen, aber es war ein Kuddelmuddel.
Hast du nicht berlinerisch geredet?
Aaron: Nee. Icke nisch. [lacht]
Melanie: Also bei mir ist es in der Schule ganz schlimm. Denn da gibts welche, die schwätzen noch mehr wie ich Dialekt. Und die werden von den Lehrern dauernd verbessert. Gerad in Deutsch ist es richtig schlimm. Keine Ahnung, man versteht es dann auch nicht so, das Hochdeutsche. Das sind so viele Fremdwörter für uns.
Was denkt ihr allgemein, was die Menschen vom Leben auf dem Land denken?
Aaron: … dass bei uns tote Hose ist und dass man ewig lange Strecken zurücklegen muss, um zum Kollegen zu kommen oder um ins Kino zu kommen.
Melanie: Ist halt teilweise schon so …
Aaron: … ist halt gar nicht so. In Berlin habe ich außerhalb gelebt, und wenn ich ins Kino gegangen bin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, dann hab ich mit der U-Bahn 35 Minuten gebraucht. Hier brauche ich 40 Minuten mit dem Auto. Da bin ich gleich schnell und habe noch vier Kollegen mitgenommen. Aber was schade ist, dass es nicht so viele Bars gibt. Wogegen es in Berlin fast an jeder Ecke was gibt, auch wenn’s nur eine Studentenbar ist, wo es zwei, drei gute Cocktails gibt und wo du dann immer ein paar junge Leute siehst. Da gibts bei uns nur das eine, wie heißt es?
Melanie: Live. Ja, dann musste halt nach Wutöchingen fahren.
Gibts hier nicht auch einen Jugendtreff?
Melanie: Ja schon, da war ich aber nicht. Jugendtreff, das ist halt in Lauchringen und da kenne ich jetzt niemanden wie hier in der Umgebung. Und, keine Ahnung, da waren eher so ausländische Leute, die immer unter sich waren. Mein Bruder war da mal und er hat gesagt, er geht da nie wieder hin.
Aaron: Hier gabs früher so einen Bauwagen, den die Älteren ihren jüngeren Geschwistern sozusagen übergeben haben. Der heißt B(l)auwagen. Das haben immer die zwei älteren Klassenstufen geführt, und da hatten Jüngere gar nichts zu suchen. Aber sobald da einer von ihnen rausgegangen ist und einer hatte ein jüngeres Geschwister, dann haben die Jüngeren den Blauwagen übernommen.
Wie sieht es mit der Beziehungsakzeptanz auf dem Dorf aus?
Aaron: Im Gegensatz zu einer Stadt ist es so, wenn man auf dem Dorf eine Beziehung hat und es noch niemandem erzählt hat, dann weiß es das ganze Dorf trotzdem. In der Stadt passiert so was nicht, weil da kennt man nur ein paar Leute, und die anderen interessiert es nicht. Aber auf dem Dorf ist manchen Menschen langweilig, und dann sind sie froh, wenn sie mal was Neues zum Erzählen haben. Aber das ist nicht unbedingt etwas Negatives.

Melanie: Es macht voll schnell die Runde! Es kriegt gleich jeder mit, weil jeder jeden kennt.
Aaron: Im Musikverein zum Beispiel ist es auf jeden Fall so, wenn zwei Musiker was miteinender haben, dann wird direkt wegen Hochzeit gefragt. Aber an sich gibt es im Dorf keine Heiratserwartungen. Melanies Eltern und meine Eltern, die sind keine Altbackenen und sagen nicht: „Ihr müsst jetzt heiraten und schnell Kinder bekommen!“ Man spürt da keinen Druck, außer ich mach ihn mir selber. 
WITZIGE SPRÜCHE ZUM LANDLEBEN
Wenn du abends in der Stadt fünf Bier trinkst, bist du Alkoholiker.
Auf dem Dorf bist du der Fahrer.
Erste Fahrstunde in der Stadt:
„Das ist das Gas, das die Bremse und das die Kupplung.“
Erste Fahrstunde auf dem Land: „Du weißt ja sowieso schon,
wie das geht. Fahr uns mal zum Dönerladen, ich hab Hunger.“
Wenn man Dorfmenschen in Panik versetzen will,
einfach außer der Reihe eine Mülltonne auf die Straße stellen.
Dieser Dorfmoment, wenn du zu spät für den Bus bist, der Busfahrer aber weiß,
dass du immer kommst, und einfach mal auf dich wartet.
Wenn du gefragt wirst, wo du herkommst, und du eine 40 km entfernte
Stadt nennen musst, weil keiner dein Dorf kennt.
Du weißt, dass du in einem Dorf lebst, wenn jemand einfach
17 Baumstämme in den Hof kippt und dir beim Wegfahren zuruft:
„Dein Vater weiß Bescheid, den Kasten Bier hol ich mir morgen ab.“
Ich mag diese Lebenseinstellung auf dem Land. Egal, welches Tier
ich niedlich finde, als Antwort kommt immer: „Schmeckt auch lecker.“
Wenn du Wege kennst, die es nicht mal bei Google Maps gibt.
Geh’n Bauern blau aus Kneipen fort, dann nennt man so was Breitensport.
Fährt der Bauer raus zum Jauchen, wird er nachts ein Deo brauchen.
„ES IST JA AUCH NICHT SO, DASS WIR UNS NUR ZUM TRINKEN TREFFEN. DA IST JA IMMER NOCH VIEL MEHR MIT VERBUNDEN.“

Lewe (23) – macht seine Fachhochschulreife in Flensburg – und Christopher „Chrischi“ (21) – studiert Maschinenbau in Flensburg – haben in einem alten Wohnwagen in ihrem schleswigholsteinischen Heimatort ihre eigene Partyhütte
Hallo, ihr zwei, ich will mit euch über eure Partyhütte sprechen. Aber vorher interessiert mich ganz allgemein: Wie sieht es denn aus, wenn ihr feiern geht? Fangt mal mit der Klamottenwahl an.
Lewe: Da werden einfach gute Klamotten angezogen. Die ganzen Oberlandwirte und die richtigen Landkinder tragen meistens Hemd. Weiß nicht, was das für ein Trend ist. Ich bin persönlich eher so der Pullover- oder T-Shirt-Träger. Kommt jetzt auch drauf an, was wir machen. Also wenn wir bei uns unten ganz normal Feuer machen oder so, dann braucht man natürlich nicht ganz so gute Klamotten. Da ziehen wir zum Beispiel nicht unbedingt weiße Schuhe an, weil die ja sonst schietig [norddt.: schmutzig] werden. Aber ansonsten ziehen wir uns schon ordentlich an, wenn wir rausgehen. Und wenn wir irgendwo feiern gehen, muss man noch einen Fahrer regeln. Meistens haben wir vorher schon ’n Fahrer, oder wir gehen spontan feiern und dann wird einfach mal die ganze Telefonkontaktliste angerufen, wenn wir nach Hause wollen. Irgendeiner geht dann meistens ran. Irgendwie kommt man schon nach Hause. Und zur Not dann halt mit ’nem Taxi. Ist zwar ’n bisschen teurer, aber was muss, das muss. Ich bin eher so der spontane Typ, ich entscheide das immer ganz spontan, ob ich in die Stadt fahr, zum Feiern oder ob ich irgendwo hingehe. Und ja, natürlich dann Getränke. Hauptsächlich trinken wir Korn, ich trink auch gerne mal ’n Bacardi Oakheart oder ’n schönen Bombay auf die gute Ernte. So wird sich dann auch mal ordentlich belohnt. [lacht]
Und wie ist das bei dir, Chrischi?
Chrischi: Über Klamotten mach ich mir jetzt nicht so die Gedanken. Eher schnackt [norddt.: redet] man meistens mit den Leuten, mit denen man losgehen will, wo man hingehen möchte, regelt vorher schon, wie man hinkommt auf jeden Fall. Wie man zurückkommt … kann auch sein, dass das dann spontan nachts geregelt wird. Wenn man dann in die Stadt geht oder auf irgendein Fest, dann trifft man sich bei irgendeinem von den Leuten, trinkt da vor. Also kauft sich erst mal Getränke, jeder seinen Schnaps, dann trinkt man zusammen vor, fährt mit dem Fahrer hin, ja und dann wird da, wo wir feiern, weitergefeiert. Und irgendwann rufen wir halt den Fahrer an, wann er uns abholen soll. Wenn wir keinen Fahrer geregelt haben, dann rufen wir so lange Kollegen an, bis uns einer abholen kann. Oder zur Not fahren wir dann halt mit dem Taxi.
Wie häufig geht ihr denn ungefähr feiern?
Lewe: Eigentlich schon jedes Wochenende. In den Ferien kann es schon mal sein, dass wir auch häufiger feiern oder zusammensitzen und trinken. Manchmal sind halt auch ’n paar dann nicht da oder haben keine Lust, dann trifft man sich auch nur mal zu dritt oder so und schaut gemütlich einen Film oder sitzt zusammen und trinkt dabei was.
Chrischi: Also in die Stadt gehen wir jetzt nicht ganz so häufig. Meistens feiern wir hier bei jemandem zu Hause oder im Sommer dann auch auf Zeltfesten und so.
Was bedeutet das Feiemgehen an sich so für euch?
Lewe: Ja, was bedeutet das? Ordentlich einen bechern mit Freunden. [lacht] Einfach in ’ner kleinen Runde zusammensitzen in unserem Wohnwagen und ganz genüsslich mal ’n paar Schnappes trinken. Vor allem das Treffen mit den Freunden steht da im Mittelpunkt.
Chrischi: Ja, bei mir ist es eigentlich genau das Gleiche, also auf jeden Fall steht im Vordergrund, Freunde zu treffen.
Auch vielleicht mal neue Leute kennenlernen?
Chrischi: Ja, das schon auch mal, das zählt auch dazu. Aber wenn man im Wohnwagen sitzt, in der kleinen Runde, da kennen sich halt alle. Hier kennt jeder jeden, da lernt man nicht viele neue Leute kennen. [lacht]
Lewe: Da müsste man schon mal in die Stadt fahren, nach Flensburg. Wobei es auch schon ab und zu im Wohnwagen so war, dass irgendjemand jemand anderen mitgenommen hat, also irgend ’n Kumpel oder ’ne Freundin, die die anderen nicht kannten. Oder wenn wir irgendwelche Feriengäste haben, die in unserem Alter sind, dann fragen wir die auch mal, ob sie an ’nem Abend dazukommen wollen. Aber häufig passiert das auch nicht. Ich sag mal so: Hier auf dem Land kennt man halt jeden Dritten. Gerade auf so größeren Zeltfesten kann man sich dann schon viel unterhalten. Aber in der Stadt lernt man halt einfach auch mal neue Leute kennen. Also hat beides immer so seine Vor- und Nachteile.
Ihr wohnt ja mitten auf dem Dorf. Welche Partymöglichkeiten gibts denn hier in der Nähe, was zum Beispiel an Diskotheken?
Chrischi: Direkt bei uns im Umkreis ist eigentlich gar nichts. Außer ab und zu mal Zeltfeste. Koppelheck [Zeltfest in Niesgrau] zum Beispiel ist so ’n Zeltfest, was bekannt ist.
Wie sieht so ’n Zeltfest aus, wie kann ich mir das vorstellen?
Lewe: Das ist dann zum Beispiel in ’ner großen Maschinenhalle und meistens steht noch ’n Zelt davor. Die Maschinen sind natürlich draußen und dann wird da halt ’ne große Bühne oder ’n DJ-Pult aufgestellt, es gibt ’ne Bar oder auch zwei, alles ist schön dekoriert, meistens mit Tarnnetzen. Und dann wird da halt ordentlich Party gemacht.
Wie viele Leute kommen da dann so?
Lewe: Da sind schon immer so 2.000 bis 2.500 Leute drin. Da kommen irgendwie aus allen Dörfern aus der Gegend die Leute, auch aus Kappeln oder Flensburg teilweise.
Und wenn ihr jetzt in so ’ne Diskothek gehen wollt, wo geht ihr dann hin?
Lewe: Nach Schleswig oder dann natürlich nach Flensburg. Wir fahren dann zum Beispiel ins Ela [Diskothek in Schleswig] oder an die Küste.
Chrischi: Wobei ich sagen muss, dass ich Flensburg bevorzuge. Ist halt näher dran, Ela ist dann schon fast ’ne Weltreise. [alle lachen]
Was gibt es denn sonst so für Möglichkeiten für euch zum Feiern, und wie organisiert ihr das?
Chrischi: Da gucken wir dann, dass wir entweder hier im Wohnwagen was organisieren oder bei jemandem zu Hause. Im Sommer machen wir auch mal ’n Feuer. Wir haben auch ’n Kumpel, der direkt am Strand wohnt. Man fährt auch mal zu dem und macht da am Strand ’n Feuer, sitzt da und trinkt ’n bisschen was.
Lewe: Wir haben unsere WhatsApp-Gruppe „Hollehitter Knabenchor“. Da schreiben wir regelmäßig rein, wenn was ist am Wochenende. Meistens ist es ja dann bei uns im Wohnwagen. Den haben wir damals von ’nem Kumpel geschenkt bekommen, und der ist schon ziemlich groß. Den haben wir ’n bisschen umgebaut. Wir haben die Küche und alles rausgerissen und da halt zwei große Sitzecken hingebaut, Anlage, Notstromaggregat, damit wir auch Strom haben. Der steht unten bei uns auf der Pferdekoppel. Einen Perserteppich haben wir zerschnitten, den guten von Opa, vom Boden. Den hatten wir da noch liegen. Soll ja auch ’n bisschen schick aussehen da drin, ne? [alle lachen]
Chrischi: Wir hatten noch ’ne Zeit lang ’ne Spielekonsole drinne, ’ne Wii, wo man dann auch sitzen konnte, ohne direkt zu feiern, aber sich trotzdem mit Freunden treffen konnte. Aber meistens ist es doch ausgeartet und man hat doch einen getrunken. [lacht] Vor allem am Anfang war das echt geil da drinne. Da waren dann schon legendäre Partys. Ein Kollege von uns, der feiert zum Beispiel das Lied „In the Air tonight“ von Phil Collins, und dann hat er zum Schlagzeugsolo sein T-Shirt zerrissen und das haben wir dann später verbrannt. Das fällt mir jetzt so spontan als Beispiel ein. [alle lachen]
Wer kommt da dann zusammen? Eher nur Leute hier aus dem Dorf oder habt ihr auch Kontakte zu Leuten aus anderen Dörfern, die da dann alle dazukommen?
Lewe: Meistens sind das immer dieselben Leute, aber wir haben ’n Ferienhof hier und dann sind halt auch mal ’n paar Feriengäste dabei.
Chrischi: Man ist ja dann auch froh, wenn man auf dem Land mal die Möglichkeit hat, neue Leute kennenzulernen.
Wer bestimmt denn darüber, welche Leute in den Wohnwagen reinkommen und welche nicht?
Lewe: Chrischi und ich haben als „erste Vorsitzende“ das Sagen. Wenn dann Leute kommen, auf die wir nicht so Bock haben, gucken wir uns das an, und dann fliegen die zur Not halt wieder raus. Ich mein, das Gute ist ja, dass der Wagen bei mir hier aufm Grundstück steht. Deswegen ist das eigentlich auch klar, dass ich und auch meine Brüder oder halt auch Chrischi da das Sagen haben.
Und wie ist das dann: Habt ihr ’n Schlüssel oder kann da jeder zu jeder Zeit rein?
Lewe: Nee, der steht immer offen. Da kann jeder reingehen. Das ist auf jeden Fall ’ne Touri-Attraktion! [alle lachen]
Chrischi: Es ist ja auch so, dass der wirklich uns gehört. Deshalb kann nicht einfach jemand Fremdes rein. Wenn wir da feiern wollen, dann wird das vorher ausgemacht. Deswegen gibts da eigentlich auch eher selten Stress, weil das dann eigentlich immer unsere Leute sind, die wir ja auch schon lange kennen. Deswegen brauchen wir auch keinen Schlüssel. Man könnte den, glaub ich, eh nicht mehr abschließen. [lacht]

Wie ist das mit euren Eltern, wenn ihr zu Hause feiert oder auch hier bei euch auf dem Grundstück mit dem Wohnwagen? Haben die da keine Probleme damit?
Lewe: Nee, wir stehen ja ziemlich weit unten auf der Koppel. Daher kriegen die das nicht wirklich mit.
Gut: Ab und zu haben sich Feriengäste beschwert, aber ganz selten. Dann haben wir die Musik ’n bisschen leiser gemacht, und dann lief das auch wieder.
Chrischi: Meine Mutter hat da auch nicht so das Problem mit, wenn wir bei mir zu Hause mal feiern. Wenn das jetzt jedes Wochenende wäre, dann vielleicht schon, aber so ab und zu ist das schon für sie in Ordnung. Manchmal sitzt sie dann auch mit uns, und das ist eigentlich immer ganz witzig.
Was sind denn so die Vorteile vom Feiern auf dem Land?
Chrischi: Auf jeden Fall, dass es halt keinen interessiert, ob du da laut Musik hörst. Kannst einfach mal ganz spontan so ’ne Party starten. Du kannst hier eigentlich sowieso machen, was du möchtest. Da kommt niemand und möchte dir an die Karre pissen. [lacht] Das ist eigentlich ganz gut so.
Lewe: Das Geile bei solchen Partys hier ist, dass man halt einfach spontan auch mal ’n Feuer machen und da dann sitzen kann. Haben wir auch schon häufiger gemacht, wenn wir im Wohnwagen waren. ’n bisschen Stockbrot essen nebenher. Du hast deine Ruhe, kannst machen, was du willst.
Was sind denn eurer Meinung nach die Vorteile vom Feiern in der Stadt?
Chrischi: Wenn du hier auf dem Land bist und du hast ’n Zeltfest und das ist scheiße da, dann gibts halt nichts anderes. In der Stadt sagst du dann halt: „Ok, geh ich halt in den nächsten Club.“
Lewe: Oder auch im Winter, da sind dann hier natürlich keine Zeltfeste. Dann muss man in die Stadt, wenn man feiern will, weil die Diskos haben ja immer auf.
Wie ist das, wenn dann Leute aus anderen Dörfern zu euch kommen, wie kommen die von A nach B?
Lewe: Fremdes Leid! [alle lachen] Nein, da findet sich eigentlich jedes Wochenende ein Döschi [plattdt.: Dummkopf], der die andern durch die Gegend fährt. Es gibt immer einen, der keine Lust hat, dieses Wochenende zu trinken. Braucht man hier auch. Wir wechseln dann natürlich auch mal durch. Wir haben jetzt keine feste Regelung, aber jeder ist mal dran mit fahren.
Chrischi: Das ist gegenüber der Stadt dann doch auch noch ein Nachteil, weil du halt immer einen brauchst, der nüchtern bleiben muss. Hier fährt halt einfach dann kein Bus oder ’ne S-Bahn.
Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen: Wenn ihr in der Stadt feiern geht, habt ihr von dort noch irgendwie nachts ’ne Busanbindung in euer Dorf?
Chrischi: Zur Not wird der erste Zug morgens nach Sörup genommen, und dann muss man halt schauen, wie man von dort anschließend nach Hause kommt. Das sind noch mal so um die fünf Kilometer. Und hier bei uns im Dorf direkt hält eigentlich nur der Schulbus. Also wir haben hier nicht mal ’n Linienbus, deswegen müssen wir uns über ’nen Nachtbus gar nicht unterhalten. [alle lachen]
Wenn ihr irgendwas ändern könntet, was wäre das?
Chrischi: Mobilität auf jeden Fall. Das wäre halt das Beste. Wenn man immer ’n Bus hätte, der hier überall hinfährt, das wär top. Aber eigentlich ist das auch so top, auf dem Land zu feiern, muss ich sagen, weil ’n Fahrer hat man immer, und die Partys sind eigentlich auch immer gut. Also deshalb würd ich jetzt nichts ändern.
Lewe: Ja, so sehe ich das auch. Es ist ja auch so: Der Wohnwagen ist vom Platz ja beschränkt, und wenn wir mal mit mehr feiern wollen, dann gehen wir bei uns in die Scheune. Wir haben hier so ’n Resthof mit unserer Scheune. Dann wird da ’n Tarnnetz aufgehängt und ’ne Anlage aufgebaut und Tische und Bänke rein, und dann kann man da auch mal so mit 50 bis 60 Leuten ’ne größere Party machen.
Wo kommen die Leute alle her?
Lewe: Auch alle aus dem Umkreis hier. Da werden dann mehr Leute eingeladen. Da nimmt dann jeder noch mal ein, zwei Leute mehr mit. Im Wohnwagen sitzen wir dann eher so mit zwölf Leuten.
Habt ihr im Dorf oder in der Umgebung auch Leute, mit denen ihr euch nicht so gut versteht, die auch vielleicht schon mal zu so ’ner Party kamen?
Lewe: Wir sind ja nicht so ’n großes Dorf. Hier kann eigentlich jeder mit jedem. Klar, es gibt immer so ’n paar Ausnahmen, aber hier will niemand niemandem was Böses.
Chrischi: Das ist dann eher, wenn Leute von außerhalb kommen. Dann gibts schon mal Probleme.
Was heißt von außerhalb?
Chrischi: Es gibt halt gewisse Ecken hier, da sind die Leute nicht so gut gesehen, sagen wir mal so.
Lewe: Die ziehen falsche Luft. [alle lachen]
Chrischi: Mit Leuten von hier – im Umkreis von fünf bis zehn Kilometern, da kennt man eigentlich fast alle jungen Leute – gibts eigentlich keine Probleme, weil sich alle gut verstehen. Leute, die so 30 Kilometer weiter weg wohnen, auch aufm Land, die sind dann meistens anders drauf als die Leute, die hier wohnen. Mit denen kanns schon mal zu Problemen kommen.
Hattet ihr denn selber auch schon mal Stress?
Lewe: Ja, da gabs dann auch schon mal ’n paar gebrochene Nasen und so, aber na ja.
Chrischi: Alles schon erlebt. Aber das ist dann eher so bei Zeltfesten. Die kommen ja nicht zu uns in den Wohnwagen, die würden wir ja gar nicht erst einladen. Im Wohnwagen läuft eigentlich immer alles ganz friedlich ab. Das ist dann halt eher auf den Zeltfesten, wenn die Leute aus anderen Gegenden auch da sind.
Also werden Probleme dann schon mal mit Fäusten geregelt?
Lewe: Ja … Die sind nur neidisch auf unseren Acker hier, die haben weniger Bodenpunkte als wir. [lacht]
Chrischi: Du bist so ’n Schnacker! [alle lachen]
Es gibt ja häufig auch das Klischee, dass Leute auf dem Land deutlich mehr Alkohol trinken als Leute in der Stadt …
Chrischi: Dem würde ich schon zustimmen. Wenn man mit Leuten aus der Stadt loszieht, merkt man echt ’n Unterschied. Es gibt auch bei uns auf dem Land echte Härtefälle. Da kommen teilweise Leute mit zwei Flaschen Korn zum Vorglühen, aber das sind seltenere Fälle. Aber man merkt schon, dass die Leute vom Land mehr trinken als die aus der Stadt.
Könnt ihr euch irgendwie erklären, woran das liegt?
Lewe: Vielleicht liegt es daran, dass man in der Stadt nicht so die Möglichkeit hat, sich bei jemandem auf dem Grundstück zu treffen. Deswegen müssen die zum Trinken gleich in ’ne Bar oder so. Da ist das ja gleich viel teurer. Wir kommen da immer günstig davon. Wir kaufen unser Zeug in Flaschen im Supermarkt und dann kann das losgehen.
Chrischi: In der Stadt sind ja auch viele Sachen erst ab 18, und hier auf dem Land fängt man schon früher an zu trinken, so mit 13, 14. In der Stadt ist es dann, glaub ich, einfach so, dass viele erst mit 16 anfangen können zu trinken, weil sie da erst in den Bars was bekommen. Hier schickt man halt mal ’nen älteren Kumpel los oder die große Schwester zum Einkaufen und betrinkt sich dann im Garten von jemandem zu Hause. Man kommt hier auch auf die Zeltfeste schon mit 16 rein und kann dann mit ’nem „Mutti-Zettel“ auch so lange bleiben, wie man möchte, und auch alles an Alkohol dort kaufen.
Könnt ihr euch vorstellen, dass die Langeweile auf dem Land mit eine Rolle spielt, dass man auf dem Land mehr trinkt?
Lewe: Langeweile? Nee, das gibts hier nicht. Kannst ja hier alles machen. Fußball spielen, hier ’n bisschen angeln, ausreiten. Früher haben wir auch immer mit unseren Softair-Pistolen gespielt, als wir noch kleiner waren. Das hat auch immer echt Spaß gemacht. Da waren wir dann so sechs bis acht Leute, und dann war die Hälfte hier im alten Kuhstall und die anderen mussten dann stürmen. Durch den Platz hier findest du immer irgendwas, was du machen kannst. Dir wird nicht langweilig, auf jeden Fall.
Chrischi: Bei manchen kann ich mir das schon vorstellen. Ich hab da jemanden im Kopf, bei dem ich mir das vorstellen kann, dass er auch aus Langeweile einfach trinkt. Aber bei uns und auch bei unseren Freunden ist das eigentlich nicht so, dass wir jetzt nur so viel trinken, weil es hier nichts gibt. Lewe hat schon gesagt, was man hier alles machen kann, aber da gibts ja noch deutlich mehr. Zum Beispiel Boot fahren. ’n Kumpel hat ’n Boot und damit fahren wir dann auch ab und zu raus. Und es ist ja auch nicht so, dass wir uns nur zum Trinken treffen. Da ist ja immer noch viel mehr mit verbunden. Wenn wir jetzt zum Beispiel am Wohnwagen was ausbessern, dann treffen wir uns ja dafür und verbringen so wieder Zeit mit unseren Freunden. Wir laufen auch am Herrentag immer in ’ner Runde. Wie so ’ne Maiwanderung. Und da haben wir uns letztes Jahr auch so ’n richtigen Wagen für gebaut: zwei Anhänger, auf einem ’ne Bar eingerichtet und der andere mit Anlage und Grill, und dann haben wir den Rasenmähertrecker davorgespannt und sind damit losgezogen. Den mussten wir ja auch bauen. Und da haben wir uns dann mehrere Tage hintereinander getroffen und haben zusammen daran gearbeitet. Also Langeweile kennen wir echt gar nicht. Wir finden hier eigentlich immer was zu tun.
Glaubt ihr denn, dass bei manchen ein gewisser Gruppenzwang vorhanden ist und die deswegen so viel trinken?
Chrischi: An sich ist es bei uns schon so, dass jedem freigestellt ist, ob er trinken will oder nicht, auf jeden Fall. Aber gut, das ist halt immer so, dass dann einer sagt: „Komm, jetzt trink doch mal einen!“ Ich glaub schon, dass man ’n bisschen auch dazu getrieben wird. Aber man wird jetzt nicht gezwungen, also man wird motiviert, dass man trinkt [lacht], aber es wird nicht gesagt: „Wenn du jetzt nicht die Flasche austrinkst, brauchst du nicht wiederkommen.“
Lewe: Es ist ja auch nicht so, dass wir uns jedes Wochenende komplett aus dem Leben schießen. Ab und zu sitzen wir auch ganz gemütlich mal bei ’n paar Bier im Wohnwagen.

Ihr habt ja erzählt, dass ihr den Wohnwagen hergerichtet habt. Wie viele Leute waren daran denn beteiligt?
Lewe: Also im Schnitt waren wir immer so mit vier Leuten dran beteiligt, weil mit mehr stehst du dir ja dann auch irgendwann nur im Weg. Wir haben dann auch bewusst immer nur ’n paar Bescheid gegeben, dass sie zum Helfen kommen sollen. Dann haben wir so ’n kleinen Tresen eingebaut, ’n Sofa rein, so ’n kleinen Raucherbereich bisschen hingebastelt, mit so ’ner Gardine aus ’ner alten Decke.
Wie viel Zeit habt ihr da investiert?
Chrischi: Also wir haben immer etappenweise daran gearbeitet. Insgesamt gesehen so 20, 30 Stunden.
Lewe: Da wird ja immer zwischendurch auch mal wieder was Neues gemacht. Da hat der eine ’ne Idee und dann der andere ’ne Idee, und dann wird das umgesetzt. Oder manchmal muss man auch mal was ausbessern, weil was kaputtgeht.
Wie macht ihr das mit den Getränken oder auch mit dem Benzin für das Notstromaggregat? Wer bezahlt das?
Lewe: Bei den Getränken ist es schon so, dass jeder sein eigenes Zeug mitbringt. Aber wir haben auch immer hier was auf Reserve stehen. Da kann man sich zur Not auch mal dran bedienen. Wenn mal jemand nichts mitnehmen kann, dann ist da trotzdem genug.
Chrischi: Eigentlich ist immer genug da. Und beim Benzin ist es schon so, dass es die Gleichen immer sind. Wir sammeln da jetzt nicht von jemandem Geld ein, der nur einmal da war oder nur ganz selten mal kommt. Oft wird dann das Pfand gesammelt, was so zusammengekommen ist, und davon werden dann neue Sachen gekauft, wie Benzin und, wenn was über ist, Schnaps oder neue Glühbirnen für die Lichterkette.
Habt ihr im Wohnwagen Regeln? Zum Beispiel bezogen auf den Umgang mit Alkohol oder auch Drogen? Oder auch Regeln im Umgang mit Mädels?
Lewe: Regeln gibt es schon. Zum Beispiel dass jeder seinen eigenen Alkohol mitbringen sollte. Und sonst: ganz normale Sozialkompetenzen, dass man ordentlich miteinander umgeht. Aber das sagt ja der normale Menschenverstand eigentlich schon aus. Umgang mit Mädels? Also ich hab immer Vorrecht, das ist meine Regel Nummer eins. [lacht] Nein, war ’n Scherz! Ganz normal. Mädels sind auch eigentlich immer dabei, und da gibts bei uns auch keinen, der sich gegenüber denen irgendwie scheiße benimmt. Die gehören ja auch zu unserer festen Gruppe. Ansonsten würde das schon Stress mit uns geben. [lacht] Drogen gibts bei uns eigentlich nicht. Und rauchen? Ja, wir rauchen halt meistens im Wohnwagen, wir haben uns da ja extra so einen kleinen Raucherbereich hergerichtet. Es kommt aber auch drauf an, wie viel los ist und ob das jemand stört. Wenn das jemand stört, dann wird halt rausgegangen. Da draußen haben wir unseren Stehtisch und dann ist das ja auch gut. Wenn sich jemand danebenbenimmt, dann wird der nach Hause geschickt, wenn das jemand ist, den wir nicht so gut kennen. Wenn das einer von uns ist, dann wird das unter uns geklärt. Und wenn der sich dann immer noch nicht benehmen kann, dann wird er halt doch auch nach Hause geschickt. Aber das kommt eigentlich nie vor. Einmal hatten wir für kurze Zeit die Regel, dass man seine Schuhe ausziehen muss, wenn man in den Wohnwagen geht, weil wir da den Perserteppich gerade neu verlegt hatten und nicht wollten, dass der so schnell dreckig wird. Aber das hat dann auch nicht lange gehalten, denn wenn man dann feiert und ordentlich einen sitzen hat, will man auch nicht immer die Schuhe an- und ausziehen.
Wie regelt ihr das mit dem Aufräumen nach Partys?
Lewe: Wir sagen in der Gruppe einfach Bescheid, wann aufgeräumt wird, und dann sind immer reichlich Leute da. Das geht immer ratzfatz. Das denkt man gar nicht, man denkt ja, es liegen immer alle verkatert im Bett, aber da kommen schon immer einige.
Chrischi: Deswegen macht das einfach auch immer Spaß, wieder was Neues zu organisieren. Man weiß einfach, dass sich dann doch jeder irgendwie dran beteiligt und auch hilft. Wenn das jetzt immer die Gleichen wären und es welche geben würde, die nur zum Feiern kommen würden, ich glaub, das würde dann nicht so viel Spaß machen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass das wieder ’n Unterschied zur Stadt ist. Das haben wir tatsächlich auch schon erlebt. Wenn Leute aus der Stadt dabei waren, dass die dann eben nicht zum Aufräumen gekommen sind. Die kennen das so wahrscheinlich gar nicht, weil, wenn die in ’nen Club zum Feiern gehen, dann müssen die da nicht am nächsten Tag aufräumen.
Habt ihr denn auch irgendwelche Trinksprüche?
Lewe: „Nicht lang schnacken, Kopp in Nacken!“ [alle lachen]
Chrischi: Ja, es gibt noch einen auf Plattdeutsch, aber den benutzen wir eigentlich nicht: „Prost, Prost, Prost, nu geiht dat wedder los, wenn ji al een hebbt, will ik ok een hebben, dat ik gor keen mag, kann ik ok nich seggen, Prost, Prost, Prost, nu geiht dat wedder los.“
Lewe: Ja, aber der ist zu lang für uns! Da bist du ja schon verdurstet, bis du den zu Ende gesprochen hast! [alle lachen]
Wenn ihr schon so gut drauf seid, dann hab ich zum Schluss nur noch eine Frage: Was fällt euch spontan zu den Begriffen „Wohnwagenparty“, „Edeldisko“ und „Zeltfest“ ein?
Lewe: Wohnwagen ist viel Spaß in ’ner kleineren Runde, günstig auf jeden Fall und man hat es nicht so weit nach Hause. „Edeldisko“, ja, da gibt man auf jeden Fall mehr Geld aus, mehr Leute, die man nicht kennt. „Zeltfeste“, auf jeden Fall größer, aber man kennt trotzdem viele, und das macht zwischendurch auf jeden Fall auch mal Spaß.
Chrischi: Mir fällt zu „Wohnwagenparty“ direkt ein: Freunde treffen und ordentlich einen heben. Zu „Edeldisko“ fällt mir direkt das Deutsche Haus in Flensburg ein. Und zu „Zeltfest“ fällt mir direkt Koppelheck ein und Leute in Latzhosen, die Stress machen. 
WAS EIN ECHTES LANDEI WISSEN SOLLTE …
1. Was wächst auf dem Land?

2. Wann werden im Laufe des Jahres diese Landmaschinen gebraucht?
Ordne nach der richtigen Reihenfolge und verbinde mit der richtigen Erklärung.
| 1) Walze | a) Oberste Schicht des Feldbogens umdrehen |
| 2) Pflug | b) Feldboden verfeinern und säen |
| 3) Kunstdüngerstreuer | c) Bei konventioneller Landwirtschaft: spritzen gegen Schädlinge |
| 4) Kreiselegge | d) Feldboden umdrehen |
| 5) Mähdrescher/Maishäcksler | e) Presst das abgeerntete Stroh zusammen |
| 6) Ballenpresse | f) Feldboden fest andrücken |
| 7) Saatbettkombination | g) Abernten des Felds |
| 8) Grubber | h) Feldboden verfeinern |
| 9) Spritze | i) Bei konventioneller Landwirtschaft: Feld düngen |
3. Welche sind Traktorenmarken?
Unterstreiche wahre Traktorenmarken und ordne sie der richtigen Markenfarbe zu.
| 1) John Deere | a) Lila |
| 2) Calipso | b) Grün |
| 3) Fendt | c) Purpur |
| 4) Roby Bubble | d) Silber |
| 5) Case | e) Blau |
| 6) Black Forest | f) Schwarz |
| 7) Deutz | g) Rot |
| 8) Claas | h) Gelb |
4. Welche Kuhrassen gibt es und welche typischen Eigenschaften haben sie?
Unterstreiche wahre Kuhrassen und ordne sie den richtigen Eigenschaften zu.
| 1) Fleckvieh | a) Ich kann meine Fellfarbe ändern. |
| 2) Milka-Milchkuh | b) Ich bin entweder ganz schwarz oder rot. |
| 3) Braunvieh | c) Auf mir kann man super reiten. |
| 4) Schwarzbunte | d) Ich bin lila. |
| 5) Angus | e) Ich gebe besonders viel Milch. |
| 6) Reitervieh | f) Aus meiner Milch wird lecker Schweizer-Käse gemacht. |
| 7) Chamäleon-Vieh | g) Ich bin besonders groß und kräftig. |

„LANDWIRTSCHAFT IST LEIDENSCHAFT!“

Lars (16) macht gerade seinen Realschulabschluss und arbeitet auf einem Bauernhof
Deine Schwester hat mir erzählt, dass du auf einem Bauernhof mithilfst. Wie kamst du dazu?
Landwirtschaft hat mich schon immer sehr interessiert. Schon seit ich drei Jahre alt war, war ich immer mit meinem Opa beim Landmaschinenhandel dabei. Dort haben wir uns Traktoren angeschaut. Auf einer Jugendfreizeit bei uns in der Nähe war ich Betreuer und hab mich da eben mit einem Kumpel drüber unterhalten. Dann kam eine Mutter von einem Kind und hat gemeint, dass sie einen Hof haben. Ich habe sie dann gefragt, ob ich mal kommen kann und mithelfen darf. Sie hat sofort Ja gesagt. Ich helfe da jetzt seit einem Jahr mit. Davor hab ich schon drei, vier Jahre im Schweinestall bei einem meiner Kumpels geholfen. Jetzt helfe ich vor allem im Kuhstall.
Verdienst du etwas oder hilfst du unentgeltlich?
Ich bekomme Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Das ist eher familiär: Du kommst dahin, wirst zum Geburtstag und auf Feste eingeladen, und wenn du sie sonst wo siehst, ist es immer schön und du unterhältst dich. Ich geh da jetzt nicht hin, weil ich Geld verdienen will, sondern weil es mir Spaß macht. Ich verdiene zwar kein Geld, aber dafür sammle ich viel Erfahrung und lerne sehr viel. Wenn mich was interessiert oder ich eine Frage habe, bekomme ich immer eine Antwort. Das ist mir persönlich viel mehr wert als Geld. Das ist einfach meine große Leidenschaft, und deshalb freut es mich, wenn ich an Wissen dazugewinne.
Wie oft hilfst du in der Woche?
Siebenmal die Woche, eigentlich wirklich jeden Tag. Heute war ich zum Beispiel nur zwei Stunden, weil ich danach noch Fahrschule hatte. Sonst bin ich jede freie Minute auf dem Hof und helfe mit. Aber schulische Dinge gehen schon vor, das sieht auch der Bauer so. Ich hab halt dann auch wegen den Prüfungen mit ihm geredet und da war er total verständnisvoll. Der sagt mir auch immer, wo es langgeht. Eigentlich wollte ich heute nicht gehen wegen der Fahrschule, aber er hat mich heute angerufen, dass er auf den Acker muss und dann gefragt, ob ich die Kühe in den Stall holen kann und alles zumachen kann, weil er weiß, dass ich das schon alleine kann. Dann war ich halt für zwei Stunden dort.
Was sind deine Aufgaben auf dem Hof?
Ich darf ab und zu Traktor fahren, das ist natürlich immer cool. Wir haben einen Melkroboter, also die Kühe werden automatisch gemolken. Dafür muss man dann die Kühe suchen, eintreiben und in den Stall holen. Die Kühe festbinden, wenn sie mal eine Spritze bekommen, gehört auch ab und an dazu. Bei den Kalbungen bin ich meistens dabei. Es sind so zwischen 80 und 120 Kalbungen im Jahr, je nachdem wie viele Kühe wir gerade im Stall stehen haben. Eine Kuh muss ja schwanger werden und ein Kälbchen bekommen, um Milch zu produzieren.
Wie viele Kühe habt ihr?
Circa 70 Melkkühe haben wir gerade. Das ist so ein Mittelmaß von der Größe her. Es gibt auch Betriebe, die haben 600, 800 oder sogar 1.000 Milchkühe. Wenn man auf die Alb fährt, ist das normal mit den 600 Kühen, da sind wir dann schon im Verhältnis relativ klein. Die Milchproduktion und der Verkauf ist das Hauptgeschäft des Hofes.
Achtet ihr auf ausreichend Platz für die Tiere?
Es ist schon so, dass bei uns nicht jede Kuh einen Liegeplatz hat. Das liegt daran, dass, wenn man alle Kühe gleichzeitig melkt ohne diesen Roboter, dann wäre es so, dass gleichzeitig alle Kühe fressen würden. Das ist vom Platz einfach nicht möglich. Bei der Milchmaschine ist das wie so ein Rundgang: Die fressen und werden dann gemolken. Die Tiere haben genügend Platz und genügend zu essen. Denen gehts super, die können alle rumspringen.
Du machst gerade deinen Realschulabschluss. Ist dir das Mithelfen auf dem Hof nicht allein schon deshalb manchmal zu viel?
Im Prinzip ist es mein Hobby. Landwirtschaft ist Leidenschaft. Bauer wird man nicht, Bauer ist man. Ich hab das halt schon immer sehr gemocht. Manche gehen ins Fitnessstudio und ich geh halt auf den Bauernhof. Andere spielen Tennis und haben da ihren Spaß dran, und ich hab halt meinen Spaß aufm Bauernhof. Schon früher habe ich meinen Nachbarn stundenlang beim Rasenmähen zugeschaut. Man hat mich dann zwei bis drei Stunden nicht gesehen und ich hab den Rasenmäher beobachtet. Da hat das schon ein bisschen angefangen mit der Begeisterung für die Maschinen und so.
Was genau fasziniert dich so am Bauernhof?
Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht so genau. Manche interessieren sich für Formel Eins und ich eben für die Landmaschinen und den Bauernhof.
Dann frag ich mal anders: Was war denn dein bisher schönstes Erlebnis auf dem Bauernhof?
Das schönste Erlebnis war, als ich das erste Mal bei einer Kalbsgeburt dabei war und es dem Kalb und der Mutter gut ging. Eine Kalbsgeburt, bei der alles gut verläuft und keine Komplikationen auftreten, macht mich und auch den Bauer im Allgemeinen sehr glücklich und froh.
Und dein schlimmstes Erlebnis?
Das war, als ich das erste Mal bei einer Totgeburt dabei war. Das war echt schlimm!
Könntest du dir vorstellen, nach deinem Schulabschluss einen landwirtschaftlichen Beruf zu erlernen?
Ich fange nach der Schule eine Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechatroniker an. Das heißt, ich repariere Land- und Baumaschinen, erst mal im Fachbereich Baumaschinen. Allerdings hat mein Auftraggeber Biogasanlangen. Jetzt direkt nach der Schule, wenn andere ihre Freizeit genießen, fange ich bei meinem zukünftigen Arbeitgeber an und werde wahrscheinlich bei der Ernte helfen und selbst fahren. Die Ausbildung geht dreieinhalb Jahre. Der Beruf ist sogar relativ weit verbreitet. Man lernt einfach alles: Elektronik, Hydraulik, Pneumatik. Man hat später gute Voraussetzungen und kann in jeden Bereich gehen, weil man echt alles draufhat und beigebracht bekommt.
Eine Ausbildung als Landwirt kommt für dich nicht infrage?
Das Interesse für die Maschinen, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden, überwiegt bei mir. Ich finde es spannend zu lernen, wie die Maschinen funktionieren und wie ich sie reparieren kann. Ich finde auch, dass man sich durch die Ausbildung zum Land- und Baumaschinenmechatroniker seine Zukunft noch mehr offenhalten kann. Man hat später viel mehr Möglichkeiten, als – in Anführungszeichen gesprochen – nur als Landwirt zu arbeiten. Trotzdem möchte ich das Arbeiten mit den Tieren nicht ganz aufgeben, auch das macht mir Spaß. Ich denke, ich werde in Zukunft genug Möglichkeiten haben, auf befreundeten Höfen mitzuhelfen.
Hast du manchmal, zum Beispiel in der Schule, auch schon mal mit Hänseleien zu kämpfen, weil du – wenigstens hobbymäßig – Bauer bist?
Ja, oft genug. Im Prinzip bin ich ja kein Bauer, es wird immer nur so dargestellt. Okay, wenn man siebenmal die Woche auf dem Bauernhof verbringt, sagen manche Leute, du bist einer … Wie man’s nimmt. [lacht] Wenn man seine Meinung zu irgendwas sagt, wird halt dann oft gesagt: „Halts Maul, du Bauer!“ Aber das kann man wegstecken: ins eine Ohr rein, aus dem anderen raus.
Könntest du dir vorstellen, später mal in eine Stadt zu ziehen?
Nein, kann ich mir nicht. Wir haben hier einen Rewe und eine Tankstelle vor der Haustüre. Also ich muss jetzt keine halbe Stunde fahren, um in eine Stadt mit Zivilisation zu kommen. Hier kannst du mit dem Fahrrad in das nächste Dorf fahren und deinen Kumpel besuchen. Du kannst zum Nachbarn gehen und wenn du was brauchst, zum Beispiel einen Kanister Sprit für den Rasenmäher, kann man immer fragen. In der Stadt würde dich jeder dumm anschauen. In der Stadt hat man erstens keinen Rasen und zweitens erst recht keinen Kanister Sprit. Man kennt die Nachbarn nicht wirklich. Hier ist alles viel vertrauter und heimischer.
Hast du denn die Erfahrung gemacht, dass einige deiner Kumpels in die Stadt ziehen wollen, weg vom Dorf?
Ich hab halt eher was mit den Landwirten zu tun, und bei denen ist das nicht so. Die verdienen ja hier auf dem Land ihren Lebensunterhalt, in der Stadt ist das etwas schwierig. Ich höre schon von manchen, dass die in die Stadt ziehen wollen. Das verstehe ich aber nicht, da ist doch alles so eng und groß. Es gibt doch nichts Besseres, als mit dem Traktor auf Umzug zu fahren. Ich meine, dass ich und meine Freunde mit Traktoren durch die Gegend fahren und halt chillen. Nichts Besonderes, machen wir einfach aus Spaß.
Kannst du mir den Hof ein bisschen beschreiben? Habt ihr noch andere Tiere?
Spinnen, Mäuse, Kälbchen [lacht], Hühner … Hab ich mir immer gewünscht. Schau auf Google Maps! Nein, Spaß! [lacht] Zu Weihnachten wünsch ich mir Hühner. [schmunzelt] Wir haben einen Frischmilchautomaten. Da können die Dorfleute kommen, einen Euro einwerfen und sich dann einen Liter Milch abfüllen. Daneben steht ein Eierautomat von einem Biobauern aus der Region. Kaum zu übersehen sind der Kuhstall und die Güllegrube. Die Wege sind sehr eng, und man muss deshalb immer aufpassen, dass man sich die Spiegel nicht abfährt. Der Hof ist nicht so groß, ist halt mitten im Dorf drin. Wir haben so schätzungsweise zwischen 70 und 120 Hektar. Die Bauernfamilie hat auch YouTube-Interviews auf der Braunviehschau gemacht, wo auch Kühe bewertet werden: das Becken der Kühe und die Euter. Also auf den Schauen geht es immer echt ab, da sind immer ein Haufen Leute. Da kommen alle mit ihren Kühen und irgend so ein Schweizer bewertet die Tiere. [lacht] Ich hab auch noch zwei Videos auf YouTube, „Agrarvideos Oberschwaben“, so nennt sich der Kanal. [https://www.youtube.com/watch?v=pcISkM7PeLU]
Was bedeutet Heimat für dich?
Wenn ich vom Urlaub komme und merk: Ach, jetzt bin ich wieder zu Hause. Wenn dir deine Leute entgegenkommen und dich grüßen: Freunde, Familie und die Kühe. Ich habe auch meiner Schwester geschrieben, dass ich meine Kühe vermisse, als wir auf dem Rückweg von einer Woche Gardasee-Urlaub waren. Da bekomm ich schon echt Entzugserscheinungen. Es fehlt der normale Tagesablauf: Abends gehts in den Stall, dann gibts Essen und man geht dann heim. Das fehlt halt schon. 
„EINIGE SCHÜTTELN DA VIELLEICHT DEN KOPF, DASS MAN SO WEIT FÄHRT FÜR ’NEN TRECKER, ABER DAS IST HALT MEIN DING.“

Gonne (21) – Auszubildender und hobbymäßiger Schrauber – wohnt sein ganzes Leben schon in Hollehitt bei Flensburg
Hallo, Gonne, ich weiß von dir schon, dass du in deiner Freizeit an verschiedenen Fahrzeugen schraubst. Seit wann machst du das denn?
Ich glaub, das Schrauben fing irgendwann mal in der Kindheit an. Hab mal angefangen, meinen eigenen Trettrecker auseinanderzubauen. Und irgendwie musste der ja dann auch wieder zusammengebaut werden. Dann hat man sich da so ’n büschen [bisschen] mit beschäftigt, hab manchmal das Werkzeug von Papa geklaut. Wir hatten früher Kettcars. Da hat man ja auch mal einen Platten reingefahren [lacht] und das musste ja dann auch wieder heile gemacht werden, sag ich mal. Papa hatte schnell ’n neuen Schlauch eingebaut oder beim alten einen Flicken drübergemacht. So fing das an. Und dann nachher beim Rasenmäher. Jetzt halt auch Trecker, Autos und so was. Mofa gabs dann auch und dann das Moped. Ach ja, und die Koppelautos gabs ja auch noch! [lacht]
Koppelautos? Was ist denn das?
Das sind ganz normale alte Autos, die keinen TÜV mehr bekommen haben. Und weil wir so ’ne Strecke auf der Pferdekoppel hatten, haben wir denn [dann] unsere kleine Rennbahn gehabt. Irgendwas ging dabei ja auch immer mal kaputt. Deswegen konnte man ja nicht das ganze Auto wegschmeißen und sich denn ein neues holen, sondern da musste man ja dann vielleicht auch mal so ein paar Kleinigkeiten auswechseln.
Wie alt warst du, als ihr das erste bekommen habt?
Ich glaub, mit acht oder so bin ich das erste Mal mit’m Koppelauto gefahren. Später mit zehn konnte ich dann auch selber richtig fahren. Der Vorteil war, wenn man nachher in die Fahrschule kam, hatte keiner wirklich Schwierigkeiten, mit dem Auto zu fahren. [lacht]
Inwieweit kennst du dich inzwischen mit der Technik von solchen Fahrzeugen aus?
Na ja, ich bin jetzt immer noch kein Profi. Bei bestimmten Sachen, die man auseinanderbaut, fragt man vielleicht auch einige Leute, die so was schon mal gemacht haben. Aber eigentlich mach ich das nur, um mal zu fragen, wie das und das jetzt genau geht. Aber sonst kenne ich mich bei meinen eigenen Fahrzeugen schon aus.
Also kannst du dann einfach vieles selber machen und musst das Auto nicht in die Werkstatt bringen?
Genau. Mittlerweile bin ich allerdings auch ’n büschen fauler geworden. [lacht] Aber sonst mach ich eigentlich viel selber, auch Rasenmäher und bei meinen Treckern. Na ja, und was ich früher mit meinem Mofa gemacht habe, dazu möchte ich jetzt lieber nichts sagen. [lacht]
Machst du das im Regelfall allein oder mit wem übst du das Hobby aus?
Eigentlich bin ich schon eher für mich. Ich bin schon immer so ein kleiner Einzelgänger gewesen, das wollte ich auch. Ich hab meine Werkstatt in der Scheune, und es kommt immer mal irgendjemand rein, aber das stört mich auch gar nicht. Aber wenn ich wirklich schraub, bin ich meistens froh, wenn ich meine Ruhe hab. [lacht]
Du hast jetzt gerade kurz die Scheune erwähnt … Denkst du, dass es für dein Hobby von Vorteil ist, auf dem Land zu leben?
Der Vorteil ist, wir haben ja diesen alten kleinen Hof hier noch. Wär ich in ‘ner Stadt aufgewachsen, ich weiß nicht, ob ich das mit dem ganzen Schrauben irgendwann angefangen hätte. Weil man halt diese Möglichkeit hatte, konnte man ja auch schon viel machen. Auch so ein Trecker, dass der erst mal irgendwo stehen konnte. Du hast halt einfach diesen Platz. Ein weiterer Vorteil ist halt auch die Scheune. Da ist meine Werkstatt. Das wär jetzt in der Stadt, denk ich mal, nicht so möglich.
Vermisst du denn hier auf dem Land irgendwas in Bezug auf dein Hobby?
Wenn man selber kein Auto hätte, denn hättest du in der Stadt vielleicht schon Vorteile, weil du da mal schnell mit der Busverbindung zur Not irgendwo hinfahren könntest und da denn irgendwas, ein Ersatzteil oder so, holen könntest. Aber eigentlich vermissen tu ich nichts. Ich hab ja auch ein Auto, Gott sei Dank. Oder auch mehrere. [lacht] Hat sich irgendwie so ergeben, dass man jetzt drei Autos hat. [lacht] Ich glaub, wenn man kein Auto hätte, dann wäre man auf dem Land schon büschen aufgeschmissen. Ich glaub, ein Auto ist einfach ein Muss.
Wie war das dann früher, als du noch kein Auto hattest?
In Schwensby, das ist ein Dorf weiter, da haben wir jemanden, der so Gokarts verkauft und Roller und Mopeds so ‘n büschen hat. Da konnte man eigentlich immer gut mit’m Fahrrad hinfahren und sich da denn irgendwas holen, was man brauchte. Oder die Eltern fahren da mal mit einem hin.
Kannst du vielleicht kurz erklären, was dich an der Schrauberei und an den Fahrzeugen so fasziniert?
Eigentlich hat mich schon immer alles interessiert, was sich dreht, so wie ein Rad. Irgendwas steckt ja auch dahinter. Beim Fahrrad tritt man halt selbst und beim Fahrzeug ist es halt entweder der Motor oder ’n Getriebe. Es ist einfach mal interessant zu wissen, wie so was funktioniert. Eigentlich so dieses Maschineninteresse: Warum ist das jetzt so, dass, wenn ich da auf dieses Pedal drücke, das Auto sich in Bewegung setzt.
Wie bist du denn zu dem Wissen über die Technik gekommen?
Es gibt halt vieles, wo man nachschlagen kann, wenn man wirklich mal Hilfe braucht bei gewissen Sachen. Man macht ja auch mal Sachen, die man vorher noch nie auseinandergebaut hat, und da ist man ja eigentlich doch erst mal sehr vorsichtig. Opa ist ja auch ’n alter Schrauber und Opa kann man immer noch wirklich gut fragen. Oftmals hat Opa ja auch geholfen, so bei den Koppelautos. Er ist ehemaliger KFZ-Mechaniker. Ich glaub, man muss einfach austesten, und wenn man dann wirklich auch Bock drauf hat, dann klappt das irgendwann auch. Man braucht halt das Interesse. Und das kommt auch, wenn da Fahrzeuge rumstehen wie Trecker oder wenn man ’nen Opa hat, der einem beim Umgang damit hilft.
Wie viel Zeit verbringst du denn in der Woche ungefähr mit deinem Hobby?
Meistens abends. Ich bin ja noch in der Ausbildung. Irgendwann um fünf hab ich Feierabend. Dann komm ich nach Hause und bin eigentlich erst mal fertig. Dann macht man noch seine Tiere noch ’n büschen, guckt nach den Gänsen, und dann hat man so ’ne Stunde oder zwei, die man vielleicht noch schraubt. Das macht man aber auch nicht immer. Es hängt halt auch davon ab, ob jetzt grade ein Projekt ansteht oder nicht.
„WÄR ICH IN ‘NER STADT AUFGEWACHSEN, ICH WEISS NICHT, OB ICH DAS MIT DEM GANZEN SCHRAUBEN IRGENDWANN ANGEFANGEN HÄTTE.“
Dein Opa hat ja zu Hause auch eine Hebebühne.
Ja. Er hat halt immer noch die Möglichkeit, in seiner kleinen Werkstatt zu schrauben. Da sieht man einfach auch wieder diesen Platzvorteil auf dem Land. Ich glaub, das kriegst du in der Stadt einfach nicht, auch so Unterstellmöglichkeiten für ’nen Trecker oder so. Wenn ich jetzt in die Stadt ziehen müsste, ich weiß gar nicht, ob ich mich da wohlfühlen würde. Nee. [lacht] Ich bin einfach ’n Landei, ne. Ich kenn halt einfach nur das. Und eigentlich will ich hier auch gar nicht mehr weg.
Was hast du denn sonst noch für Hobbys, die du vielleicht auch in der Stadt ausleben könntest?
Ich hab zu Hause noch Gänse. Also mit Tieren kann ich eigentlich auch gut, außer mit Hunden. Man kann das halt einfach gar nicht vergleichen. Du hast aufm Land halt einfach ganz andere Möglichkeiten als in der Stadt. Ich hab ja eigentlich schon, seit ich klein bin, Gänse. Gerade jetzt auch mit den Gänsen – ich glaub, das wäre halt in ’ner Stadt nicht ganz so möglich.
Gibt es denn allgemein irgendwas, was du auf dem Land vermisst und was es in der Stadt gibt?
Nee, eigentlich nichts. Ich mein, das Geile in der Stadt ist: Du hast vieles einfach da, weil du mittendrin wohnst. Aber wir wohnen jetzt eigentlich auch nur 20 Minuten von Flensburg weg, und das ist eigentlich auch nicht schlimm. Man kann super entspannt hinfahren, das ist gar kein Problem, und vermissen tu ich gar nichts.
Was ist denn für dich typisch ländlich?
Gülle zum Beispiel! [lacht] Weil das riechst du eigentlich auch nur aufm Land. Trecker und all so was, Erntemaschinen und einfach diese Freiheit. Du hast Platz ohne Ende. Du musst nicht in so ’ner Stadt wohnen, wo du vielleicht nur ’n kleinen Minigarten hast. Ich glaub, wenn man es nicht anders gewohnt ist, dann ist das in Ordnung, aber für mich wär das nichts.
Schraubst du nur an eigenen Fahrzeugen?
Ich hab auch so ’n kleines Umfeld, für das ich schon mal was mache. Aber ganz wenig. Eigentlich schraub ich hauptsächlich nur an eigenen Sachen rum. Wir haben auch noch einen Trecker, und ich hab mir jetzt auch noch einen Oldtimertrecker gekauft, wo man noch ein paar Sachen ausbessern könnte.
Hast du deinen Ausbildungsweg auch in die Richtung gewählt?
Ja, ich mach ’ne Ausbildung als Land- und Baumaschinenmechatroniker. Im Großen und Ganzen schraub ich da eigentlich nur an Rasenmähern, Kleinmotoren, Kettensägen. Heute hast du mal einen Freischneider, also so ’n Fadenkopfmäher zum Beispiel, denn morgen mal ’n Rasenmähertrecker, ’n Handrasenmäher, ’ne Heckenschere oder ’ne Kettensäge. Ich denke mal, das werde ich nach der Ausbildung auch noch weitermachen. Ob ich denn noch mal was anderes machen möchte, weiß ich noch nicht genau.
Also machst du quasi dein Hobby zum Beruf?
Ja. Gut, manchmal hat man auch Tage, wo es keinen Spaß macht. Aber ich glaub, das gibts überall. Dann ist man mal ganz kurz ’n büschen angepisst, weil das einfach so scheiße ist, aber das ändert sich dann eigentlich wieder. Es gibt halt immer gute Tage und schlechte.
Wie kommst du denn an die ganzen Ersatzteile? Gerade auch für die Oldtimer.
So schwierig ist das eigentlich gar nicht. Bei meinem Ausbildungsbetrieb kann man eigentlich ziemlich alles bestellen. Eigentlich kriegst du immer noch alles, genauso wie damals. Es kostet halt einfach nur ziemlich viel Geld, weil Oldtimer-Teile sind teuer. Da muss man vielleicht erst mal ’n büschen länger sparen, für gewisse Sachen, aber die Hauptsache ist, man kriegt die. Das ist eigentlich ganz gut, weil ich bin ja eh da, und dann kann ich abends nach dem Feierabend ein paar Teile bestellen, die ich brauch. Einiges haben wir sogar da. Also für ’nen Trecker jetzt vielleicht nicht, aber zum Beispiel für ’nen Rasenmäher, auch wenn mal mein eigener Rasenmäher kaputtgeht.

Bezahlst du das dann von deinem eigenen Gehalt?
Unser Hof ist mal ’n landwirtschaftlicher Betrieb gewesen. Das ist er jetzt eigentlich in gewissem Sinne nicht mehr, aber er ist immer noch angemeldet als landwirtschaftlicher Betrieb. Und denn schicken wir uns das als Rechnung zu, und dann kann man das halt noch ’n büschen absetzen. Ich mein, wir haben ja immer noch Pferde, Gänse, Hunde, Katzen, Hühner und so was. Wir haben also da immer noch unseren kleinen Bauernhof.
Was machst du denn mit den Treckern, wenn ihr eigentlich kein landwirtschaftlicher Betrieb mehr seid?
Wie gesagt: Pferde haben wir ja immer noch. Meine Schwestern haben ziemlich viel mit Pferden am Hut. Das ist halt deren Hobby. Und dann gibts da ja Strohballen und Heuballen. Und da muss ja einmal in der Woche gerne ’n Ballen reingefahren werden. Dafür braucht man halt auch ’n Trecker. Da ist man doch froh, dass man den als Hilfe hat, weil, wenn man die da selber irgendwie reinrollen soll … ich denk mal, das wäre nicht so schön. [lacht] Also ist mit’m Trecker einfach wesentlich leichter. Eigentlich macht man so ziemlich alles selber noch so mit’m Trecker. Wie mit diesem Strohfahren. Wenn geerntet wird, dann kriegen wir immer unsere Strohballen. Und der ganze Mist, den die Pferde so produzieren, sag ich mal [lacht], das muss ja dann auch mal gerne ausgestreut werden. Wir haben halt auch immer noch so ’n kleinen Miststreuer, und damit machen wir auch die ganzen Sachen selber. Klar, da spart man dann auch noch ’ne kleine Menge Geld, weil, wenn man da dann noch jemand anheuern sollte, der das dann macht, kostet das denn auch noch ’n büschen Geld.
Du hast ja vorhin auch von den Koppelautos erzählt. Wie viele hattet ihr da in der Zeit, wo ihr noch nicht selber Auto fahren durftet?
Das fing alles mit so ’nem alten Opel Kadett an. Dann kam irgendwann noch so ’n kleiner Peugeot dazu, und denn kriegte ich meinen eigenen Mercedes. Den hab ich ja immer noch in der Garage stehen. Das ist der, den Papa immer gefahren hat. Das Ding ist ja damals einfach schon alt gewesen, und jetzt ist er noch älter. Deswegen hatte ich eigentlich immer mein eigenes Auto.
Was ist jetzt mit den Koppelautos?
Na ja, die anderen Dinger haben wir weggeschmissen, die wurden irgendwann verschrottet. Meinen hab ich in die Garage gestellt, weil ich mit dem eigentlich immer vorsichtig gefahren bin. Weil’s einfach auch ’n Auto ist, das ich mag. Also irgendwo ist da so ’ne emotionale Bindung auch dabei, weil ich das Auto halt einfach mein Leben lang schon kenne. Ich will den eigentlich gerne noch mal irgendwann auf der Straße fahren.
Hast du das schon gemacht?
Ja, vielleicht mal illegal. [lacht] Kurz ’n Stück bewegt. Aber da müsste man noch mal viel für machen. Aber ich hab das immer noch vor.
Also wird das mal ein großes Projekt?
Das wird dann mal ein Riesenprojekt, den noch mal so richtig herzurichten, und da geht auch ’ne Menge Geld rein, wo viele vielleicht sagen würden: „Das lohnt sich doch gar nicht“, aber ich mein, jetzt ist er auch schon Oldtimer, und na ja, wenn ich jetzt noch ’n büschen warte, dann, … ich mein, irgendwann wird er ja auch mehr wert, und dann lohnt es sich halt schon, wenn man den dann wieder zurechtmacht.
„ICH BIN EINFACH ’N LANDEI, NE. ICH KENN HALT EINFACH NUR DAS. UND EIGENTLICH WILL ICH HIER AUCH GAR NICHT MEHR WEG.“
Okay, und wenn einer jetzt fragen würde: Warum macht er das eigentlich?
Na ja, ich erzähl dir mal ’ne kleine Geschichte: Meinen letzten Trecker hab ich aus der Nähe von Köln geholt. Ich komme halt aus der Nähe von Flensburg und das heißt ja so schon mit’m Auto ’n paar Stunden Fahrt, und dann musste der Trecker ja auch irgendwie hier hoch. Das war halt ’ne relativ spontane Sache: Das eine Wochenende bin ich losgefahren und hab ihn mir angeguckt. Ich wusste halt noch gar nicht, ob ich ihn kaufen möchte. Und denn gefiel er mir halt echt gut, und weil ich ja genau den gleichen zu Hause schon stehen hab, wo wir auch schon mal das Getriebe gemacht hatten und so ein paar Sachen, wollte ich gerne ’n zweiten haben. Und dann war ich ja da unten und denn hab ich den gekauft und denn musste er ja irgendwie hier hoch. Und meine Schwester hatte sich ein Auto geholt, womit man auch viel ziehen kann, so ’n Pick-up. Und damit sind wir dann das Wochenende darauf losgefahren, mit Hänger, und haben den dann geholt. Ich mein, es war zwar ’ne lange, anstrengende Fahrt, aber … Man muss da Bock drauf haben. [lacht] Einige schütteln vielleicht sogar den Kopf, dass man so weit fährt für ’nen Trecker, aber das ist halt mein Ding.
Du hast eben von Projekten gesprochen, die du noch vor dir hast. Kannst du vielleicht kurz erzählen, was dein letztes Projekt war?
Na ja, mein Projekt, wo ich jetzt immer noch bei bin, ist der alte Trecker von Opa. Damals hatten wir das Getriebe gemacht und jetzt soll der eigentlich noch mal überlackiert werden. So ’n paar Sachen geb ich weg, das wird gemacht. Geschweißt zum Beispiel. Ich mach eigentlich ziemlich viel selbst, aber weil ich den ja auch echt gut zurechthaben will. Nachher soll der ja auch gut aussehen. [lacht] Also Schweißen hab ich schon mit zu tun, aber so richtig geile Blecharbeiten, da bin ich dann doch froh, wenn mir das jemand anderes machen kann. Und da hat man halt einfach auch gute Beziehungen, wo der den kennt und so. Beziehungen sind da halt schon wichtig. Und die hat man am ehesten aufm Land.
Was, würdest du denn sagen, ist das allerliebste Projekt, das du jemals durchgezogen hast?
Eigentlich schon das mit dem Trecker. Da hat man halt erst mal einfach angefangen, das Ding auseinanderzubauen. Man hat irgendwo auch ’n büschen Angst gehabt, weil man dachte: Oh, hoffentlich kriegt man das wieder zusammen nachher. Na ja, nachher fuhr er ja doch wieder und das war halt gut. [lacht] Also das war schon so das Anspruchsvollste, was ich bis jetzt gemacht hab. Nachher war nur noch das vordere Teil vom Trecker fast zu sehen. Hinten war alles raus, auseinander, da gabs gar nichts mehr. Und Papa hat auch mal ’n büschen Angst gehabt [lacht], weil der Trecker halt einfach auch schon lange bei uns in der Familie ist. Opa hatte den damals gekauft, 1967. Jetzt müssen halt einfach mal so ein paar Sachen gemacht werden, aber nachher hat man eigentlich wieder ’n echt geilen Trecker.
Zum Schluss noch: Was fällt dir denn spontan zu den Begriffen „Schrauber sein“, „Motoröl“ und „Landleben“ ein?
Du willst Sachen wissen! [lacht] Na gut: Also ich würde schon sagen, dass ich damit Kindheit verbinde, also mit allem. Weil es ist halt einfach so, dass ich schon in meiner Kindheit, wie gesagt, mit den Trettreckern und den Gokarts angefangen hab rumzuschrauben. Und ich war halt als Kind auch schon oft bei Opa oder bei Papa dabei, wenn die irgendwas an Autos oder so gemacht haben. Ja, und den Geruch von Motoröl verbinde ich halt schon irgendwie auch damit. [lacht] Ja, und Landleben? Ich mein, ich bin ja hier aufgewachsen und hatte eigentlich auch ’ne ganz schöne Kindheit hier aufm Land – vor allem auch wegen der Möglichkeit, hier aufm Hof rumschrauben zu können.

„MAN SIEHT NATUR, WIE MAN ’SE EIGENTLICH SONST NET SIEHT.“

Moritz (22) – gelernter Zimmermann – ist im Flößerverein Gaildorf aktiv
Hallo, Moritz, wir stehen ja hier vor dem Festwagen von euch Flößern. Was ist das denn und wozu habt ihr das?
Der Pferdemarkt isch traditionell Anfang Februar bei uns und da stellet meischdens gerad Vereine von hier in der Gegend ihre Sache in Wägen dar, oder au politische Statements werden da zeigt. Guggemusik isch und d’ Schlossgarde kommt. Da sim mer dabei. Und Floßfeschd ham mer einmal im Jahr, oder alle zwei Jahre, des wiss mer no net ganz. Gerad ischs alle zwei Jahre angsetzt, aber eigentlich versuch mer’s scho jedes Jahr zu macha. Letzschdes Jahr hatt mer’s erschde Mal. Des gabs früher scho mal, ’s Floßfeschd, des war aber net von uns Flößern veranstaltet, sondern vom Fischerverein, und des kam relativ gut an.

Waren viele Leute dort?
Genau, da ham mer dann au ’n Showfloß baut, wo wir dann Leude rumgefloßt hend flussaufwärts. Unser richtiges Floß steht da drüben.
Flößer ist ja schon ein recht außergewöhnliches Hobby. Kannst du erklären, was man darunter verstehen kann und was ihr so macht?
Den Verein, den gibts jetzt no net so lang. Erst seit fünf Jahren. Der isch gründet worde von ’nem guten Kumpel von mir. Und der hat mich halt damals gfragt, ob ich mal aushelfa könnt, und dadurch bin ich au dort in den Verein reinkomme. Bin glernter Zimmerer, deswegen hab i au immer scho relativ viel mit Holz zu tun ghabt, weil mir des Spaß macht. Wo ich dann au ’s erschde Mal dabei war, ham wir damals gegen die Haller Salzsieder ’n Flößerrennen gmacht, und des hat mir so Spaß gmacht, dass ich halt weiterhin im Verein tätig war. Dadurch, dass des aufm Gaildorfer Stadtwappen vorhanda isch, hat des au bissle mit der Gschichte der Stadt zu tun. Da isch der Flößerhaken und ’n Teil vom Floß mit drauf. Deswegen macht mir des au so Spaß, da mitzumacha.
Und was macht ihr da so?
Wir veranstalta ’s Floßfeschd. Wir treffet uns, und man versucht monatlich zu flößen, aber des isch halt au immer wetterbedingt. Und Putzete [gemeinsames Putzen des öffentlichen Raums] ham mer scho gmacht. Grad bei dem Pferdemarkt macha mir mit und sonschd ham mer uns bei dene Salztage in Schwäbisch Hall präsentiert.
Was ist das denn?
Schwäbisch Hall war früher ’ne Reichsstadt, und die hatte ihre eigenen Rechte. Die ham damals mit Salz ghandelt, ham Salz gsiedet in große Salzöfen, und des Holz für die Salzöfen wurde von Gaildorf über den Kocher runtergflößt. Gaildorf hat damit sein Geld gmacht. Die Gaildorfer hend des Holz verzollt, was in Gaildorf vorbeigflößt worden isch, und des dann weiter gflößt bis nach Schwäbisch Hall runter. Da gibts dann diese Salzsiedertage in Schwäbisch Hall, wo des gfeiert wird. Da präsentiera wir uns dann, und da gabs dann bisher au des Flößerrennen. Seit mir ’se aber’s letzschde Mal vernichtend gschlage hend, wollet se des nemme macha.
Schlechte Verlierer, was? [Gelächter] Wie kann man sich denn so Wettbewerbe bzw. Rennen vorstellen?
Ja, sie hend damals zwei Flöße gstellt ghabt und dann isch einer mit ’nem Seil im Kocher gschdanda und hat quasi die Startlinie gzoga. Dann isch irgendwann des Seil runtergange und dann bisch du mit sechs Mann auf dem Floß gschdanda und hasch versucht, vorwärtszukomme. Zeitlich kann ich euch leider net viel saga, wie lang’s die Flößerei scho in Gaildorf gibt. ’s gibt sie auf jeden Fall schon sehr lang, deswegen au aufm Stadtwappen vertreten. Sonschd wurde hier in der Gegend eigentlich nur aufm Neckar gflößt. Aber jetzt ’s nägschtgrößere, wo so richtig gfloßt wurde, war eigentlich der Rhein. Und des Holz da wurde dann teilweise sogar bis nach Koblenz runtergefloßt und bis nach Stuttgart hoch.
Und dann gab es das Flößen eine Zeitlang nicht mehr?
Damals, wo des dann abgestellt wurde, isch des au in Gaildorf bissle in Vergessenheit geraten. Es gab zwar des Floßfeschd, des wurde aber net von unsrem Verein veranstaltet.
Und wie lange bist du da jetzt genau dabei?
Seit zweieinhalb, drei Jahren ungefähr.
Du bist durchs Aushelfen dazugekommen, was meinst du damit?
Er hat mich einfach mal gfragt, weil Not am Mann war, ob ich da Luschd drauf hab, bei dem Wettbewerb mitzumachen. Ich hab dann mitgmacht, und des hat mir dann Spaß gmacht, weil i au relativ viele scho kannte. Gerad den Vorstand kenn ich scho, seit ich drei, vier, fünf Jahre alt bin. Mein alter Meischder von meinem Ausbildungsbetrieb isch au dabei. So kennt man halt relativ viele und des isch au ’ne gute Truppe. Deswegen machts au Spaß, wenn man sich dann trifft, flößt, grillt und ab und zu mal ’n Bierle trinkt.
Und was reizt bzw. fasziniert dich am Flößen?
Des Holz isch ja damals net nur zu dene Brennöfen runtergflößt worden, sondern au für die Zimmerer über den Fluss transportiert worden, und dadurch, dass ich Handwerker bin, interessiert mich auch die Gschichte daran. Und mir machts Spaß.
Wie findet ihr neue Mitglieder für euren Verein?
Des isch sehr schwierig. Grad wenn man so Veranstaltungen macht, versucht man Leude anzuwerben. Man versuchts im Sommer über d’ Sommerferienprogramm für d’ Kinder, wo mer dann mit Kindern und Jugendlichen gflößt isch, die dazu zu animieren, au in den Verein zu kommen. Aber Ältere und auch Fremde in den Verein reinzuholen und au aktive Mitglieder zu suchen, isch echt schwierig. Über die Jahre hat sich da et viel getan, also isch au recht übersichtlich, wie groß der Verein isch.
Wie viele seid ihr ungefähr?
I glaub um die 30 bis 40. Des merkt man dann halt au, wenn wir ’n Wettbewerb ham, sinds dann halt doch relativ wenig aktive Mitglieder. Sind halt doch immer die Gleichen, wo dann helfen beim Flößen.
Macht ihr durch Wettbewerbe und Feste auf euch aufmerksam?
Genau. Also Wettbewerbe weniger, des war jetzt eigentlich so der einzigschde. Durch de Pferdemarkt, durch andere Umzüge und d’ Weihnachtsmarkt versucht mer halt au irgendwie durch Stände, wo dann zum Beispiel kleine Flöße baut worden sind, auf uns aufmerksam zu machen. Oder „Gaildorf chillt“ [jährliche Naturerlebnisveranstaltung in Gaildorf, hauptsächlich für junge Leute, mit verschiedenen naturnahen Aktionen zu den Themen Freizeit, Ausruhen und Spaß haben].
Können euch auch Leute beim Flößen zuschauen?
I weiß jetzt et direkt, ob’s jedes Mal in der Zeitung steht, wenn wir sagen: Wir flößen. Aber meischdens sind dann scho Familien da und dann mach mer’s au am Wochenende. Dadurch, dass mer am Kocher flößt, wo der berühmte Kocher-Jagst-Radweg entlanggeht, spazieren viele Leude und sehen uns dadurch au.
Und ihr versucht, einmal im Monat zu flößen?
Irgendwie aktiv zu sein auf jeden Fall. Grad irgendwie durch ’ne Putzete oder so. Wir kommen relativ viel in der Zeitung, weil unser Vorstand da scho danach guckt. Im Fernseh warn wir jetzt, glaub, scho zum zweiten oder dritten Mal.

Da wird dann über eure Tradition und das Flößen berichtet?
Genau. Da wars Thema „Kocher im Herbscht“, und da sind wir zum Schluss komma mit de Flößer. Au „Gaildorf chillt“ und ’s Flößchenfeschd.
Ist das Flößen ein zeitintensives Hobby?
Ja, wenn man dann mal wieder ’n neues Floß baut, wie für des Floßfeschd. Da ham mer ’n großes Floß baut, um die Leude zu transportieren, weil mer des mit dem kleinen Floß ja gar et kann. Des waren dann mal drei bis vier Samstage, die’s in Anspruch gnomma hat, aber sonschd isch des eigentlich et zeitintensiv, aber man machts ja gern.
Bereichert dich dein Hobby auch persönlich?
Dadurch, dass mer halt mit coole und nette Leude zamma isch. Man sieht Natur, wie mer se eigentlich sonst net sieht, wenn man übern Weg läuft. Des isch halt au scho schön.
Glaubst du, dass das Flößen auch was typisch Ländliches ist?
Net unbedingt. Grad weil au aufm Rhein in großen Massen gflößt worde isch. Aber hier in der Gegend sind wir heute eigentlich scho der einzigschde Verein, wo des so betreibt.
Gibt es denn auf den großen Flüssen noch die Traditionspflege?
’s gibt scho noch, in Untergröningen gibts noch mal ’n Flößerverein. Aber die veranstalten kein Floßfeschd, und ich wüsst au net, dass die ’n Floß ham. Und beim Rhein – des weiß i jetzt net.
Wie reagieren andere Leute, wenn sie hören, du flößt oder dass es hier so was gibt?
Selbschd bei mir im Freundeskreis kommt des au immer wieder so: „Wie? Was isch des überhaupt?“ Man merkt, dass des einfach net so bekannt isch, au hier in der Gegend. Aber grad des versuchen wir als Verein au wieder aufleben zu lassen, dass die Leude au wissen, dass des früher mal ’n Teil von Gaildorf war. Der Flößerverein in Gaildorf hat sogar dafür gesorgt, dass die Flößereipflege seit letztem Jahr geistiges Kulturerbe isch.
Was genau ist „Flößereipflege“?
Dass man die Tradition noch ausführt, auslebt und sich zeigt. Und des muss au gschützt werden.
Was, glaubst du, würden Gleichaltrige aus der Stadt sagen, wenn sie hören würden, dass du Flößer bist?
Weiß i net, wahrscheinlich würden ’se lachen, könnten sich drunter halt nix vorstellen. Aber ich bin relativ oft in Stuttgart und red au oft mit Leude aus Stuttgart, und da merkt man scho, dass Stuttgart eigentlich gar net so städtisch isch, wie man eigentlich denkt.
Darmowy fragment się skończył.